
        
                                  Karl Gutzkow
                              Der Zauberer von Rom
                                   Erster Band
 Auf seiner Harzesfeste jubelte Heinrich der Löwe, als Friedrich Barbarossa, wie
schon einmal vor ihm selbst in Chiavenna, so in Venedig vor Alexander dem
Dritten die Kniee beugte und der Stellvertreter Christi die Worte der Schrift
über den gedemütigten Kaiser sprechen durfte: »Ueber Nattern und Vipern will
ich deine Schritte führen!«
    Jetzt freilich, und in diesem Jahre erst, sah der Verfasser einen erlauchten
ritterlichen Prinzen des österreichischen Kaiserhauses unter demselben
Baldachin, der des Patriarchen Haupt bedeckte, in Venedig friedlich
dahinschreiten am Tage des Fronleichnam. Die schmetternden Klänge der Hörner,
Posaunen und Ophiklëiden der deutschen Regimenter hallten an den Wänden des
Marcusplatzes wider. Schlachtengebräunte Generale, den Hut unterm Arm, folgten
dem Zuge, den ein weisses, vor wenig Tagen geworfenes Lamm, mit roten und blauen
Bändern geschmückt, eröffnet hatte. Ein blonder Knabe in weissen,
schleifenbesetzten Atlasschuhen, angetan wie einer jener spanischen Infanten,
die auf fürstlichen Familienbildern Tizian malte, führte das Symbol der Kirche
an einem roten Gängelbande.
    Und dennoch ist der Streit der Welfen und Ghibellinen noch unbeendet!
    Unausgefüllt die Kluft der deutschen Einheit und der lateinischen und
germanischen Welt überhaupt!
    Diejenigen Cabinete kennen wir, denen wenig damit gedient gewesen, als die
»Schlacht von Bronzell« nur eine traurige Caricatur wurde!
    Wir haben die Liga, haben die Union! Was verbürgt uns, dass nicht das
Vaterland eine zweite Schlacht von Mühlberg erlebt, die einst gefahrvollste
Stunde unserer Geschichte ... Nur selbstverständlich wird der Kaiser, der
beruhigend den knieenden Fürsten zuruft: »Nicht Kopf abe!« kein Spanier sein.
    Das alte blut- und tränenreiche deutsche Vermächtnis, die Spaltung in Süd
und Nord, kann noch immer die Bresche werden, über welche hinweg unsere
Heiligtümer, Sprache, Bildung, Nationalität, Volkswohl, im Völkersturm genommen
werden, und früher oder später ist die Stunde da, wo entschieden wird, ob die
Welt den Slawen, Celto-Romanen oder Germanen gehört.
    Die nachfolgende Dichtung will, soweit dem Worte eine Wirkung zukommen kann,
beitragen helfen die vaterländische Einheit zu fördern. Sie will warnen, will
ermuntern. Sie will die Gefahren aufdecken einer trügerischen Lockung. Sie will
den »lieblichen Ton der Pfeife des Vogelstellers« nachweisen selbst in dem
Busch, wo Tannenzapfen, nicht Orangen reifen. Sie will einem grossen,
sehnsüchtigen, auch von ihr heilig gehaltenen Hang und Drang der christlichen
Völker würdigere Ziele zeigen, als sie sich bisher in der fernen Fata-Morgana
spiegelten. Sie will für jene heraufziehende Entscheidung den germanischen
Kampfesmut schüren, tausendjährigen Siegerstolz nähren helfen, will den
Verrätern unsers eigenen Heerlagers auf ihren geheimsten und nächtlichsten
Pfaden folgen. Sie will -
    Doch spreche die Absicht des Buches aus ihm selbst!
    Der Verfasser widmet es seinem Volke und seiner Zeit.
    Er stellt diese Widmung mit ruhiger Ergebung in die Aufnahme, die von einer
Seite aus nur die feindseligste werden kann. Häufe sie Schimpf und Schmach - ein
Teil der angestrebten Wirkung wird dann erreicht sein.
    Wohlwollenden aber, Uebereinstimmenden, Gerechten den innigsten Gruss zuvor!
Der Verfasser kennt aus schöner Erfahrung das Glück, für Gemüter zu schreiben,
die den Autor gleichsam nur bevollmächtigten das zu sagen, was schon lange ihnen
selbst auf dem Herzen brennt. Eine der seligsten Wonnen - Uebereinstimmung! Ein
nur leise angeschlagener Ton und die Hingebung und Liebe führen ihn weiter!
Wissen: hier lächelt der Leser wie du: hier feuchtet sich sein Auge wie dir:
hier errät er dein Rätsel, noch ehe du zu Ende warst es zu stellen: hier
könnte er deiner einfachen Andeutung eine Fülle eigener Erfahrung an die Hand
geben: welche Kraft entströmt diesem sichern Bewusstsein! Findet ihr zu viel
grelles Licht, ihr seid gewiss, der Schatten wird nachkommen; dunkelt es zu
lange, ihr vertraut, dass es bald am Licht nicht fehlen wird! Was ist hier Gutes,
was Böses? rufen wohl schon im Beginn die, die gewohnt sind nur sich selbst zu
hören. Ihr ermüdet nicht, die Anklage oder Verteidigung der Charaktere
allmählich erst sich aufsummen zu sehen. Nur schwarze oder weisse Menschen haben
wir Engverbundene in unserm Erfahrungsbuche nie finden können und ... stelle
doch, du gefallenes Titanengeschlecht, Menschheit genannt, dem Weltenrichter
einst grosse Aufgaben! Sprüche urtiefer Weisheit fallen am Jüngsten Tage, nicht
Schulcensuren ...
    Das erste der neun Bücher ist nur ein Vorspiel, der erste, schwere
Jugendtraum eines in solcher Art »gemischten« Charakters. Der Roman selbst,
sowol in Form wie Bedeutung nach den Anforderungen an einen Roman des
neunzehnten Jahrhunderts, wie ihn der Verfasser in seinen »Rittern vom Geist« zu
definiren wagte, beginnt erst mit dem zweiten Buche. Die kleinen Funken, die
dort erst zu zünden bestimmt sind und die in den Vorgängen des ersten Bandes,
dem jungen Dämmerleben einer weiblichen Seele, nur spielend auf- und
niederhüpfen konnten, wird des Kenners Auge leicht herausfinden. Sei ihre
Irrlichtsnatur auch dafür Bürge, dass jetzt wie früher der Verfasser nichts um
der nächsten Deutung willen schrieb oder mit grober Absichtlichkeit dem freien
Schwebegang der Muse Zwang antun wollte! Wie sonst wird auch hier das Gesetz
des Lebens walten und jede freie Lust am Dasein, jede Regung der natürlichen
Empfindung den Keim ihrer höhern Deutung in sich selbst oft völlig unbewusst
tragen. Denn in solchem Humor leben wir. All unser Denken und Handeln ahnt die
Schatten nicht, die es im Licht der Wahrheit wirft.
                             Dresden, im Juli 1858.
 
                                  Erstes Buch
                                        1.
Langen-Nauenheim ist eines jener nordhessischen Dörfer, die mitten im Herzen
Deutschlands liegen und denen dennoch nicht so warm gebettet ist, wie es an der
Brust einer so grossen Mutter, wie das Vaterland, sein sollte.
    Sieht man die verfallenen Hütten mit ihren Stroh-und Schindeldächern, die
dünngesäeten wie frierenden Halme auf den Feldern, das spätreifende Steinobst an
den wenigen Bäumen oberhalb eines der vielen Bäche, die da- und dorter von den
roten Felsen des Gebirges so behend niedereilen, als suchten auch sie, wie
andere Murmelquellen, blumengeschmückte grüne Matten, so begreift man nicht, wie
noch all der Kummer und das Elend es hergeben, dass in der Landeshauptstadt jeden
Mittag Schlag zwölf Uhr eine so prächtige Wachparade mit goldgestickten
Uniformen und stolzberittenen Husaren aufziehen kann.
    Aber Langen-Nauenheim ist darum auch so gut regiert wie Klein-Bockenheim und
Ober-Heddersheim, und hat am Eingang und Ausgang seinen bunten Pfahl mit den
Landesfarben und den Namen des Regierungs- und Steueramtsbezirks, zu dem es auf
Gottes Erdboden gehört, hat sein Amtaus, seine Spritzenordnung, seinen
Feuerversicherungszwang, seinen Büttel, seinen Nachtwächter und seinen sogar
landesherrlich salarirten Schulmeister.
    Letzterer heisst Gottlieb Schwarz.
    Gerade jedoch sein Häuschen ist keines von den schmuckern.
    Es lehnt sich fast an die Kirche an, die selbst so grau und geflickt
zwischen zwei kleinen Hügeln liegt wie ein grosses Storchennest zwischen den
Hörnern eines Strohdachgiebels. Es hat sogar Fenster, wo die Scheiben mit alten
Schulheften geflickt sind; der Regen corrigirte die Schreibfehler und falschen
Grundstriche der bildungsbeflissenen Jugend. Ein Gärtchen liegt dicht in der
Nähe mit einem Staket von dürrem Reisig, zwischen dem im Juni manchmal einige
Erbsen blühen, falls man im April sie zu säen nicht vergessen hat, was auch
schon vorgekommen ist.
    Vor Jahren ... ja, damals war es noch anders.
    Damals war Gottlieb Schwarz selbstverständlich noch jung, noch mit rosigen
Hoffnungen aus einem hochlöblichen Landes-Schullehrerseminar hervorgegangen. Wie
herrlich hatte sich das ausgenommen, wenn die jungen Volks-Lehramtscandidaten im
Seminargarten Rosenstöcke veredelten und süsse Birnen auf sauere Quitten
pfropften! Auch Seidenzucht trieb man, versandte auch - wenigstens im Geiste -
den köstlichsten Honig an die Lebküchler von Frankfurt am Main und Nürnberg! In
der Teorie bewährte sich alles prächtig und vielleicht auch einige Jahre in der
Praxis, wenigstens zu Langen-Nauenheim, am Diemel-, Demel-, Donners- und
Dustersbach ... die Geographen haben unter vier Bächen, an denen sie
Langen-Nauenheim können liegen lassen, die Auswahl ... dann aber ... ja dann
folgte vorzugsweise ein Weib, das nicht richtig gewählt war, folgten Kinder,
sieben »lebendige«, nächstdem keine Beförderung, keine »Aufbesserung«, immer die
aschgraue Zukunft und das vielbesprochene Leid eines deutschen Schullehrers,
eines Berufes, den plötzlich eines schönen Morgens in Deutschland, dem
Vaterlande des Gedankens, der Buchdrucker- und Buchmacherkunst, niemand mehr
gewählt haben wird, weil allerdings bei der Locomotive den Ofen heizen
einträglicher ist.
    Gottlieb Schwarz erntete, vollends als Witwer, Brennesseln, wo er einst von
oculirten Rosen geträumt hatte ... von jenen saftigen, länglichen, so schön, so
schön rötlich angesprenkelten Birnen, die man beim Dessert eines frankfurter
Bankiers Tafelbirnen nennt und die selbst die eingeladenen Diplomaten nicht
verschmähen in die Tasche zu stecken und sie ihren Kindern vom Diner mit
heimzubringen ...
    Doch um von Kindern zu reden ...
    Gottlieb Schwarz wird soeben von seinen sieben »Lebendigen« eines »los«.
    Das ist die Lucinde, die Aelteste! Dies mit der damals noch nachschimmernden
Romantik des Seminars getaufte Kind Maria Ludovica Lucinda ist eben dreizehn
Jahre alt und im Begriff die »Kinderlehre« zu absolviren. Ein nach dem
unpoetischen Vergleich eines Fuhrmanns wie eine »langhalsige Flasche«
aufgeschossenes Mädchen steigt in eine Kutsche zu einer vornehmen alten Dame,
die sie nach der Residenz entführen will.
    Maria Ludovica Lucinda, die mit solchem Staatsnamen Getaufte, die hätte der
Vater eigentlich lieber behalten sollen. Sie war in seiner spät geschlossenen
Ehe das erste spätgekommene Kind gewesen (als eines den Anfang gemacht, ging das
Niederkommen rascher, die Natur hat ihre wunderlichen Gesetze); sie war noch,
wie ihr Name zeigte, von leuchtenden Hoffnungen begrüsst gewesen, und Ida, Clara,
Estrella, Balduin, Hugo, Achilles, Patroklus, was sollte nicht noch alles ihr
nachfolgen! Doch blieb der hoffnungsvolle symbolische Aufschwung nur bei der
Erstgeborenen, und die Spätern hingen schon alle von den Namen derer ab, die
ihnen ein Patengeschenk ins Tauftuch binden konnten. Lucinde, die Romantische,
ein Nachhall verklungener Jugend-Zaubertöne, - goldenes Morgenrot des Lebens,
dass wir dein Bild einst nur noch einmal wiedersehen, im Abendrot! - Lucinde
verwertete sich dem Witwer noch am besten von seinem reichen Kindersegen. Die
»Lange« hatte Neigung zum Schulmeistern. Sie konnte zwar keinen Eierkuchen
backen ohne ihn anzubrennen, aber sie stand dem Vater in seiner schon
sogenannten »Schulfuchserei« bei. Sie sprach gerade nicht englisch, nicht
französisch, aber an einer alten Wandlandkarte, die sich staatsinventariumsmässig
im Langen-Nauenheimer Schulhause erhalten hatte aus einer Zeit, wo man noch
einige Inseln der Südsee und das Innere Afrikas nicht entdeckt hatte, konnte sie
stundenlang stehen und ihrer Zuhörerschaft Wunder vortragen von den Pyramiden,
die sie nach Amerika, von den Porzellantürmen, die sie nach Afrika versetzte.
Alle die Gegenden, wo es noch Bären und Wölfe gab, wurden der Langen-Nauenheimer
Jugend von ihr im hintersten Indien gezeigt, womit freilich im Widerspruch
stand, dass der Revierförster der zwei Dörfer weiter wohnenden Herrschaft dann
und wann noch einen von »da drüben herüber«, dem Rhöngebirge, kommenden Wolf
gegen Weihnachten geschossen hatte.
    Gottlieb Schwarz war schon lange in der Stimmung, zu allem, was ihm das
Leben bescherte, nur zu lächeln. Die wilden Verzweiflungen, wo der Mensch sich
in die Haare fährt und »Gott! Gott! Gott! ist's denn möglich!« oder dergleichen
dumme Redensarten ausstösst, hatte er hinter sich. Er lächelte zu dem Abschied
seiner Lucinde. Mussten die Kinder einmal »versorgt« werden, so fängt man ja von
oben mit der »Latte« an. Die Nächste nach der »Latte«, ein Kind, das schon mit
irdischerm Namen nach der Frau jenes Revierförsters Luise hiess, verstand sich
zwar nicht so gut auf Geographie wie Lucinde, aber sie rechnete besser und ihre
Eierkuchen brannten nicht an; Hannchen vollends, die Dritte - wieder nichts
Mytologisches - war erst zehn Jahre alt, hatte aber mehr Sinn für die
Wirtschaft als die beiden Aeltesten zusammengenommen; sie liess sich nie die
Mühe verdriessen, nach den geheimen Orten zu suchen, wohin die Hühner ihre Eier
legten, sie pflanzte gern und hielt ihre kleinern Geschwister zum Kleiderschonen
und Nasenputzen an. Endlich bestand der Rest der Nachkommenschaft des früh
gealterten Männleins aus Knaben, und von denen konnten sich erst zwei die Hosen
zuknöpfen.
    Das Ratsame, warum erst Lucinde weggegeben werden musste, lag besonders
darin, dass sie sehr hübsch und etwas hoch hinaus war. Sie hatte kostspielige
Liebhabereien. Schwarz von Namen und von Haar und Augen, pflegte sie sich gerade
gern mit irgendeinem zinnober- oder purpurroten Stück Zeug zu putzen, mit
Bändern und Lappen, und hätten diese ringsum die Pachterstöchter oder die Frau
Pfarrerin selbst schon nahe am Wegwerfen gehabt; die flocht sie in das dunkle,
schwere und etwas rauhe, ja rossmatratzenmässige, weil ungepflegte Haar. Sie hatte
ferner die Liebhaberei, unendlich träge, gerade herausgesagt faul zu sein, sich
den Sonnenschein so in den offenen kleinen, rotlippigen Mund scheinen zu
lassen, dass dabei die weissen Zähne wie Perlen blitzten. Sie hatte die
Liebhaberei, sich in einer Luke des verwitterten Hausdaches einen Taubenschlag
zu halten. Kurz, der Vater liess die Lucinde ziehen, und sie ging gern: ihre
Leidenschaft war die Geographie und ihre Träume spielten »jenseit der Berge«.
    Das halbe Dorf umsteht den Wagen, mit dem Lucinde in die Residenz fährt.
    Man sieht, was ihr auf ihre Lebensbahn mitgegeben wird ... Zwar nicht die
vier Hemden, die sechs Taschentücher, das Dutzend Strümpfe, ihr Sonntagskleid,
die ein zugeknöpftes Bündel machen; aber den selbstgefertigten Seidenhut, für
dessen Form ein urweltliches Modell von der Frau Pfarrerin, für dessen Besatz
Bänder und Lappen von allen Honoratioren, die hier im Bereich der vier Bäche
wohnten, entlehnt worden waren. Ihre Toilettegerätschaften waren in einem
wunderlichen Korbe beherbergt, dessen Erscheinen ein allgemeines Gelächter
hervorruft. Es ist ein drahtgeflochtener Bienenhelm, in dem Gottlieb Schwarz,
ehe er sich verheiratet hatte, in seinem damals erfreulichern Gartenwesen noch
nach dem Leben und Weben in seinen Bienenkörben geschaut und Verwirklichung
seminaristischer Ideale getrieben hatte. Manche von den Aeltern, die
herumstehen, wissen noch, dass das »Klima« bald äusserlich bald innerlich für
Bienenzucht hier zu Lande zu rauh wurde. Dann hatte Lucinde oft diesen Helm
benutzt, um der Schuljugend poetische Schauer und Schrecken einzujagen. Als
praktische Erläuterung ihres Geschichtsunterrichts über das Mittelalter rannte
sie mit vermummtem Kopfe den Kindern nach und veranlasste Turnierschauspiele, bei
welchen mancher Ente der Fuss verrenkt wurde. In diesen dorfbekannten Helm hat
Lucinde alle ihre Geheimnisse verpackt, auch ihre Näh-, Strick- und
Stickapparate, die ihr leider in jeder Beziehung zu sehr Geheimnisse geblieben
waren. Dann kommt ein Sack mit gedörrten Zwetschen von jener Langen-Nauenheimer
Art, die erst sechs Stunden im Wasser quellen muss, bis sie ans Feuer kommen
darf, und auch dann noch wie ein Gericht Kieselsteine schmeckt; ferner ein Kober
voll Eier, die sehr behutsam im Innern des Wagens untergebracht werden, und
zuletzt auf die Höhe des Gefährts, über dem Verdeck, ein grosser Waschkorb, den
Lucinde sehr feierlich zurückzuschicken versprechen muss. In ihm gurrt, gluckst
und gurgelt es durcheinander. Es ist ihr Taubenschlag. Ohne ihre Tauben mochte
Lucinde nicht mit in die Stadt, und die vornehme Dame hatte gerade für diese die
bequemste und passendste Unterkunft versprochen.
    Die Abreise Lucindens war gewiss etwas Merkwürdiges und Seltsames. Sie
erregte Staunen genug, jedoch nur Staunen. Keine Träne floss, beim Vater nicht,
bei den ältern Geschwistern nicht; die jüngsten weinten nur, weil sie nicht
»mitgenommen« wurden. Die Hauptsorge des Vaters war das baldige Zurückschicken
des Waschkorbes; er schlug den Nacht-Eilwagen, die Fahrpost, die Briefpost, die
Diligence und mehrere landeskundige Hauderer als auszuwählende beste
Retourgelegenheit vor. Die Tauben gab er leichter hin; die kosteten ihm ein
»Schreckliches« an Erbsen und dem ganzen Hause an Zeit. »Wer sich Tauben hält,
ist immer ein verdorbener Millionär«, war einer von den Sätzen, wie er
dergleichen vor dreissig Jahren in sein Tagebuch zu schreiben pflegte.
    Die Kutsche fährt ab; die Leute sehen ihr nach wie der Turn und Taxis'schen
Post. Das Fremde kommt, das Fremde geht ... Gottlieb Schwarz steht vielleicht am
längsten. Dann nimmt aber auch er erst nachdenklich noch eine Prise, die er sich
»auch noch zu seinem Verderben« angewöhnt hat, und geht nun - es ist Sonnabend
Nachmittag, die seligste Zeit des Schullehrerlebens - in die am Ende des Dorfes,
vor dem grossen Berge liegende Fuhrmannsausspannung. Da pflegten die Fuhrleute
und mehrere Conducteure der Turn und Taxis'schen Postcurse Vorspann, geistigen
und leiblichen, zu nehmen. Es war immer eine muntere Welt dort; auch eine
frankfurter Zeitung lag auf, die Lucindens Vater eifrig studirte, um auf den
Ausbruch besserer Zeiten gerüstet zu sein. Die Zeiten, wo er im »Beiwagen«
derselben gesucht hatte, ob nicht endlich seine letzten Einsendungen, die
»Ferienphantasieen eines deutschen Dorfschullehrers«, seine »Jubel-Vorschläge
zur Verbesserung der Volkserziehung«, seine »Beobachtungen über die merkwürdige
Entwickelung eines Hagebuttenpfropfreises zur Erzielung veredelter Dornröschen«,
sein »Aufruf an die deutsche Nation zur Abschaffung des überflüssigen
Dehnbuchstabens H«, zum Abdruck gekommen waren, die lagen weit schon, weit, weit
... hinter ihm ... Um die Erinnerungen zu stopfen und sich gleichsam über die
Versorgung seines Kindes zu freuen, trinkt er wohl heute einen Schoppen mehr von
dem etwas schweren Bier, das die Fuhrleute lieben, ehe sie über den grossen Berg
machen ... Wol war es bedenklich, dass Gottlieb Schwarz unter ihnen mehr
verkehrte, als seiner Stellung und besonders dem späten Heimwanken gut war, wenn
Nachts die lieben Sterne blinkten und die vielen Brücklein von vier Bächen
beachtet werden mussten, die da alle so still und kühl mit dem Leid der Menschen
dahinfliessen.
 
                                       2.
Und nun, da sitzt sie denn, die »lange Latte«, die »Aufgespillerte«, die
»Dreege« (Magere), mit ihren um den kleinen Kopf gewundenen schwarzen Zöpfen,
ganz das Abbild ihrer Mutter, einer Feldwebeltochter, deren Vater in der
Residenz ein silbernes Porteépée hatte tragen dürfen und der sich unter dem
»dummen Bauernvolk« als civilversorgter
Kreissteueramtscontrolschreibereiassistent einen Steuerrat selbst gedünkt
hatte. Trotzig und scheu, ängstlich und fest, nicht mit Absicht, sondern von
Natur so gemischt, hockte das halbreife Mädchen in einem verwaschenen ehemals
rötlich gewesenen Kattunkleide, das ihr schon lange zu kurz und zu eng geworden
war, in der Ecke der Kalesche, die langsam die Anhöhen hinaufschleicht, geführt
von einem halbwüchsigen Burschen, der die Gäule - sie waren gemietete, wie der
Wagen - schonen soll.
    Die alte Dame, die ihr zuspricht sich nicht zu fürchten, sondern der
glänzendsten und besten Schicksale gewiss zu sein, ist einem »Nachtmahr« nicht
unähnlich. Wenigstens hat sie eine Nase, die in einer beständigen Neigung
scheint auf das vorgestreckte Kinn einen zärtlichen Kuss zu drücken.
Zwischendurch ist nach den allgemeinen Gesetzen der Natur, insoweit sie sich auf
die Bildung eines menschlichen Antlitzes erstrecken, bei dieser edeln Frau ein
Mund anzunehmen; doch suchte man vergebens nach etwas, was wie zwei Lippen
ausgesehen hätte. Sind wirklich die Versinnlichungen solcher Begriffe zwischen
der liebevollen Nasen- und Kinnbegegnung der fremden Dame vorhanden, so presst
sie doch die glückliche Inhaberin derselben so zusammen, dass sie nach oben in
der Nase, nach unten im Kinn gleichsam mit aufgegangen scheinen. Versucht die
Dame ferner, was sie oft tut, über die Öffnung, die man Mund nennt, ein
Lächeln zu zaubern, so sieht man einige Zähne, die wie die einsamen, geköpften
Weidenstumpfe an den Bächlein standen, die man hier zu passiren hatte. Die
Sprache der Dame ist hochdeutsch, soweit ein gewisses Röcheln und Schnurren
unartikulirter Zwischentöne es erkennen lässt, sonst sogar was man gewählt nennt
und »nicht frei von Bildung«. Leider kommt diese Sprache aber so seltsam zu
Gehör, als wenn jeder Satz sich in den innern Gängen der Brust verliert. Wie die
herabgelassene Eimerkette eines grossen Ziehbrunnens verrollten die hübschesten
Anfänge ihrer Reden für das aufmerksame Ohr des sie zuweilen ebenso unheimlich
anschielenden Kindes in dunkle und unverständliche Abgründe.
    Den Namen ihrer Wohltäterin und ihren Stand kannte Lucinde, die bereits
hinter Langen-Nauenheim der Bequemlichkeit wegen kurzweg in Henriette und hinter
dem ersten Nachbardorfe schon noch kürzer in Jette umgetauft wurde. Sie fuhr mit
der verwitweten Frau »Hauptmännin« von Buschbeck. Die Dame behauptete in der
Nähe auf irgendeinem Rittergute Kapitalien liegen zu haben, welches »Liegen«
sich Lucinde (oder müssen wir nun auch sagen Henriette?) ganz figürlich
vorstellte. Beim Vorbeifahren an Langen-Nauenheim wollte die Frau Hauptmännin
sich über den Dorfsegen ergötzt haben, der gerade aus dem Schulhause strömte, an
den lachenden, fröhlichen Kindern, und am meisten hätte ihr »Lieb-Jettchens«
Erscheinung gefallen, die die Kinder gerade aus der Tür entliess und jedem, der
nicht Ordre parirte, tüchtig - sie erzählte das soeben lebendig und mit manchem
wohlwollenden, leider im Husten erstickenden Hi! Hi! wieder, - einen
»Starnicksel« mit auf den Weg gab. Denn Ordnung muss sein! röchelte die
Hauptmännin, als der Eimer ihrer Stimme wieder aus dem Brunnen herauskam, und
fügte dann nach und nach hinzu:
    Sitz aber gerade, Kind! Schlag nicht die Beine so übereinander, du langes
Ding! Ja, sauge doch nicht an den Nägeln, Kerl! Guck mir doch nicht zum Schlag
hinaus, wenn ich dir's nicht befohlen habe, du -! Ach was, ach was! Nenne mich
meine liebe gnädige Frau! Hm, Hm! Lieb-Jettchen! Zieh mir einmal die Schuhe aus,
ich glaube, es ist mir ein Stein hineingekommen! Kind, kratz mir ein bissel den
Rücken, ich glaube, ich habe was aufgegriffen unter euch verfluch - oder s'ist
mein gewöhnlicher Rhevmatismus! So, Jette! So! Ha! ha! Ein solcher Name!
Lucinde! Wer soll das aussprechen! Solche Schullehrermucken! Halt dich gerade!
Sitz nicht so krumm! So! Brav! Wir werden schon einig werden!
    Lucinde tat mit Ergebung alles, was ihr befohlen wurde.
    Die gnädige Frau von Buschbeck hatte bei ihrer letzten Bewunderung des
Langen-Nauenheimer Kindersegens dem Vater den Vorschlag gemacht, diese unter
allen hervorragende Erscheinung in die grosse Stadt mitzunehmen, sie wie ihr Kind
zu behandeln, sie ausbilden, erziehen, in Musik und Sprachen, schönen Künsten
und Wissenschaften unterrichten zu lassen.
    Lucinde hatte dem überraschten und geschmeichelten Vater gelobt, dieser
wunderbaren Frau, die auf den Feldern hier Kapitalien »liegen« hatte, unbedingt
zu folgen und sich zu fügen, in allem, in jedem, und so ihr Glück zu machen,
»was man in Langen-Nauenheim bekanntlich nicht machen könne«, wie er dann selbst
hinzusetzte. Lucinde hatte dabei gedacht: »Wie weit Amerika ist (wo manche
Langen-Nauenheimer schon versucht hatten ihr Glück zu machen) weiss ich!« Sie
dankte daher auch, nach dem Ausdruck ihres Vaters, »ihrem Schöpfer«, dass eine
solche Frau sich gefunden, die sie so ohne weiteres und geradezu innerhalb fünf
Stunden aus dem Nest mit sich heraus und in die Welt nahm. Um elf Uhr hatte die
fremde Dame den oft bewunderten »Kindersegen« wieder bewundert, um ein Viertel
auf zwölf Uhr die Vorschläge gemacht, um vier Uhr kam sie von den Gütern zurück,
auf denen sie Kapitalien »liegen« hatte, die Bedenkzeit, die sie gelassen, war
verstrichen, der erste Widerstand Lucindens nicht hartnäckig, ausgenommen was
ihre Tauben anbelangte. Diese, wie gesagt und wie wir auf dem Verdeck hören
können, nahm sie mit, und so hatte Lucinde nicht einmal vorher noch dem Pfarrer,
bei dem sie in »Kinderlehre« ging, oder der Frau Pfarrerin Abschied gesagt, ja
nicht einmal gegessen und getrunken. Das Letztere war vorläufig das Schlimmste.
Sie suchte der gnädigen Frau den Stein aus dem Schuh, sie kratzte ihr den
Rücken, sie hörte nicht bloss auf Jettchen, sondern sogar schon auf Jette, nun
aber bekannte sie auch, dass sie nichts gegessen und getrunken hätte. Na, das war
ja gerade das, wonach die Frau Hauptmännin schon lange hatte fragen wollen, denn
ihrerseits behauptete sie auch, zwar nicht Hunger, aber Durst zu haben, doch im
nächsten Orte gäbe es ein vortreffliches Wirtshaus, und daselbst ein
vortreffliches Bier; und als sie näher kamen, entdeckte sie, dass sie einen
andern Ort gemeint hatte ... das Wirtshaus da, das kenne sie, - da wäre alles
schlecht, das Bier, die Milch, und da ihr selbst der Durst inzwischen vergangen
war, so schickte sie die Jette bloss an den Brunnen. Die hatte nun wieder kein
Gefäss und trank aus der hohlen Hand. Dass sie auch Hunger hatte, war in der
liebevollen und gründlichen Erörterung über ihren Durst vergessen worden.
    Es war schon Abend, als die Kutsche endlich in der Residenz anlangte. Die
Laternen brannten schon; nach Ansicht mancher Opponenten der Communalverwaltung
düster und sparsam; für Lucinden war es Feenbeleuchtung. Der arme Tropf sah sich
wirklich an den himmelhohen Gebäuden, an den Lichtern, an den Carrossen und
vielen Menschen »satt«, wenn auch die Frau Hauptmännin, als die müde Kalesche so
schlaftrunken über das Strassenpflaster hintaumelte, jetzt ein Nachtessen, das
sie sogar ins Französische übersetzte und Souper nannte, in glänzende Aussicht
stellte.
    Die Passagiere hielten dann in einer der lebhaftesten Strassen an. Lucinde
und der junge Wagenlenker luden das Gepäck ab, auch die Eier, auch die
Zwetschen, auch den Bienenhelm, und vor allem den Taubenschlag. Alles kam durch
gemeinschaftliche Anstrengung drei Treppen hinauf. Niemand oben empfing sie.
Lucinde musste vor einer verschlossenen Tür die Herrlichkeiten hüten, bis die
Frau Hauptmännin nachgekommen war. Sie kam mit den heftigsten Verwünschungen
über die Höhe des Trinkgeldes, das der kleine Knirps von Kutscher gefordert
hatte. Dazu die drei Treppen; sie brauchte Zeit, bis sie sich sammeln und das
Vorlegeschloss ihrer Wohnung prüfen konnte. Nachdem dies geschehen, genug
gerüttelt und gerasselt war, schloss sie auf. Lucinde trat in einen kleinen Gang,
zu dessen Rechten die Küche lag. Hier machte die vornehme Dame Licht und
beaufsichtigte den weitern Transport des Mitgebrachten. Beim Verschliessen der
Eier im Küchenschrank beleuchtete sie einen steinhart gewordenen Laib Brot. Ja
so! sagte sie. Unser Souper! Da, Jettchen, rasch! Flink! Drüben im Laden! Wo ist
denn meine Börse! Hole - hier!
    Lucinde sollte rasch hinunterspringen und gegenüber in einem Laden frisches
Brot holen, auch von nebenan Butter und von noch weiter nebenan aus einem Keller
Rettiche, die sehr delicat schmeckten, wenn man, sagte Frau von Buschbeck, einen
Salat draus machte mit Essig und Oel ...
    Wie das alles so wonnig mundete!
    Als aber Lucinde schon im Gehen war und noch einmal zurückkam, weil sie ja
das Geld vergessen hatte, sagte die freundliche, liebevolle Dame:
    Kindchen, bist doch wohl zu müde, auch zu fremd, und wirst es nicht finden!
    Und nun schnitt sie schon von dem alten Brote vor und holte aus einem andern
Schranke mit kostbarem Porzellan von buntgemaltem meissener Rococo ein
allerliebst geformtes Näpfchen, freilich nur mit Salz gefüllt. Aber »Salz und
Brot macht die Wangen rot!« sagte sie, und - Lucinde ass Salz und Brot.
    Aber da purren und gurren ja noch die Tauben in dem Waschkorbe! Den armen
Dingern muss drinnen recht bang geworden sein und verschmachtet sind sie gewiss
auch. Morgen sollte der Tischler kommen, hatte es auf der Landstrasse geheissen,
und sollte auf dem Dache eine wundervolle Vorrichtung treffen, einen
Taubenschlag, der nie einen Marder zulassen würde. Einstweilen aber wurde jetzt
die Höhlung unter dem Feuerherde ausgeräumt und eins nach dem andern von
vierzehn der trefflichsten veredelten Feldflüchter in diese unbequeme Wohnung
eingelassen. Einen Vorbau machte man aus umgekehrten Schemeln, Besen,
ausgebreiteten Scheuerlappen. Die »gnädige Frau« lachte ganz vergnüglich über
die lieben Tierchen, nahm den Sack mit Zwetschen und ging erst jetzt in ihre
vordern Zimmer. Auch hier die Prüfung der vorgelegten Schlösser. Auch hier ein
behutsames Aufschliessen und ebenso sorgfältiges Wiederanziehen der geöffneten
Tür. Lucinde wurde nicht aufgefordert zu folgen.
    Da stand sie nun, todmüde, in der linken Hand ihr hartes Brot, in der
rechten eine Küchenlampe. Sie durfte nicht näher kommen, weil erst gestern
gescheuert worden war, und die Decken lagen noch nicht wieder, die kostbaren,
zusammengerollten, über die Lucinde einigemal im Vorsaal schon gestolpert war.
Es verging wohl eine Viertelstunde, bis die Frau Hauptmännin zurückkehrte und
Licht gemacht hatte. Wie sie sah, dass Lucinde so im Vorsaal stand und
unnützerweise den leeren Wänden leuchtete, sagte sie:
    Donnerwetter, das Oel ist teuer! Du kannst jetzt zur Ruhe gehen!
    In der Küche gab es noch einen gemütlichen Verschlag in die Mauer hinein.
Dort öffnete die gnädige Frau und zeigte Lucinden etwas, was wie ein Bett
aussah. »Jettchen« allerdings war so müde, dass sie nicht einmal ihre Bewunderung
vor diesem Bette, das man wieder unsichtbar machen konnte durch zwei Türflügel,
aussprach. Sie war nur froh, den mitgenommenen Vorrat von Erbsen, den sie
vorhin ausgeschüttet hatte, unterm Feuerherde verknuspert zu hören; ein paar ihr
sehr liebe Kropftauben gurgelten ihre Atzung ganz hörbar hinunter.
    Na, und nun kleide dich aus! Gute Nacht! Schlaf nicht zu lange! Träume gut!
Sage: Ich wünsche Ihnen wohl zu schlafen, meine liebe gnädige Frau! Na, wird's?
Nein, ordentlich! Ich - wünsche - Ihnen - wohl - zu - schlafen, - meine - liebe
- gnädige - Frau! So! Das war recht! O, wir verstehen uns schon! Wir passen
zusammen! Um fünf Uhr aber Reveille! Verstanden? Gute Nacht!
    Ahnend, was Reveille sagen wollte, und etwas ungewiss, ob sie wirklich am
Ziel der verheissenen Seligkeiten war, ging Lucinde, sich reckend und dehnend,
barfuss und im Hemde noch einmal nach vorn und sah durch die Glastür. Der
Vorhang liess ein Ritzchen offen, durch das sie hindurchschielte. Ei, kaut nicht
die gnädige Frau gerade ihre Zwetschen frisch aus dem Sack heraus? Es muss doch
wohl sein, wenn's auch ein Anblick war, als wenn zwei concentrische Mühlräder
sich umeinander drehten, nur jedes nach entgegengesetzter Richtung hin ... Und
wie die Zwetschen auch schwierig zu schroten waren, so mundeten sie der gnädigen
Frau doch vortrefflich, sodass sie schon einen Haufen Steine vor sich hin und
zwar sehr sauber auf ein Papier gelegt hatte. Sie hielt offenbar ihr »Souper«
und blinzelte dabei so listig mit den Augen ringsum wie eine Katze, die sich auf
ihre nächtliche Wanderung nach Mäusen freut, und sonderbar - auch mit den
Steinen liebäugelte sie, als wenn sie der lockendste Speck wären, an den jemand
anderes noch anbeissen sollte. Und endlich gar noch sonderbarer! Wenn die
schwarzen Augen der gnädigen Frau einen recht stechenden Glanz bekamen, dann
schien sie ganz blind zu werden. Lucinde wusste das schon aus Vorkommnissen der
Reise; auch sie beobachtete scharf. Jetzt bewegte sich der Vorhang. Rasch
schlich sie zur Küche zurück, wo sie sich ihren Bettkasten heraustappte und
zusammengekrümmt auf einen Strohsack sich niederwarf. Die Lade war zu kurz für
ihren aufgeschossenen Wuchs. Doch entschlummerte sie und hatte sogar die
angenehme Ahnung - morgen in der Frühe doch noch Wonnen des Paradieses zu
entdecken.
 
                                       3.
Von dem Morgen an, wo Lucinde erwachte und im Auffahren fast lebensgefährlich an
die spitze Nase der Frau von Buschbeck stiess, die sie ein für allemal bedeutete:
So lange dürfe sie niemals schlafen! (es schlug eben eine Uhr mit heiserm Tone,
nicht unähnlich dem Bellen eines alten astmatischen Mopses, fünf!) - von diesem
Morgen an blieb Lucinde ein Jahr, neun Monate, funfzehn Tage und drei Stunden
bei der Frau »Hauptmännin« von Buschbeck und in den seltsamsten Verhältnissen.
    Schon von der Frau, die fünfeinviertel Uhr die Milch brachte, hörte Lucinde
ein lautes Lachen:
    Wieder einmal eine in die Falle gegangen!
    Weiter war die Milchfrau nicht gekommen, denn schon schlorrte die Frau
Hauptmännin im »Nachtjoppel« und mit einer Haube, deren Spitzen sich in die uns
schon bekannte liebende Umarmung von Kinn und Nase als Drittes im Bunde
einzumischen suchten, aus der vordern Stube heraus und verwies Lucinden jeden
unnützen Aufentalt mit den Leuten, die »ins Haus kämen«. »Ins Haus« nannte sie
ihre Wohnung, bestehend, wie Lucinde sah, aus der Küche, einem dunkeln Entrée
mit Guckloch durch die Tür zur Hausflur, einer Schlaf-, einer Wohn- und
Putzstube. Ueberladen aber war die Möblirung der kleinen Etage allerdings. Für
ein zweistöckiges Haus würde sie ausgereicht haben. Was am ersten Abend Lucinde
schon beim Beobachten des Zwetschenmahles befremdet hatte, waren eine Menge
ausgestopfter grosser Vögel, einige aus Steinen gemeisselte hässliche Köpfe, die
Götzen vorstellten, ein Porzellan-Chinese mit einem grossen Pfauenwedel, auch
eine Lanze, die quer an der Wand hing, mit einem Köcher voll Pfeile, die, wie
sie später erfuhr, vergiftet sein sollten. Alle diese Dinge hatte der Herr von
Buschbeck aus Indien mitgebracht. Er war Hauptmann in niederländischen Diensten
gewesen, und seine Witwe lebte von einer Pension, die sie, wie sie sagte, aus
dem Haag bezog ... die Gelder ausgenommen, die sie auf dem Lande »liegen« hatte.
    Diese vergifteten Pfeile beschäftigten Lucinden so sehr, dass sie gleich in
der zweiten Nacht von der gnädigen Frau träumte, die ihr im Schlaf erschien und
einen dieser Pfeile gerade aufs Herz setzte. Sie schrie im Schlaf auf, und wie
sie aus ihrer Bettlade in die Küche blickte, huschte auch etwas dahin und
klappte nach der Entréetür zu. Sie horchte länger, entdeckte aber nichts. Als
sie am Morgen erwachte und nach ihren Tauben sah, - der Tischler war noch nicht
bestellt worden, weil Lucinde nicht früher ausgehen sollte, als bis ihre
»Garderobe« ganz in Ordnung war; sie hatte daran den ganzen Tag nähen müssen -
da lag ja eine von ihnen todt! Das Opfer war glücklicherweise keiner ihrer
Lieblinge. Frau von Buschbeck bedauerte den Unfall, fand es aber angemessen, dass
man die Taube nicht ganz »umkommen« liess. Sie wurde zu Mittag von ihr selbst,
wie sie's nannte, au gratin zubereitet. Dass Lucinde von einem ihrer Täubchen
selbst nichts essen mochte, tat ihr leid, denn sie sagte, sie hätte darauf
gerechnet. Lucinde musste sich deshalb mit einer einfachen Milchsuppe begnügen.
    Schwerlich würde Lucinde von der Milchfrau ein ferneres überraschendes Wort,
das wir gleich berichten wollen, vernommen haben, wenn sie nicht die Schlauheit
gehabt hätte, schon durch das Guckloch zu beobachten, wann diese kam. Denn kaum
hatte im glücklich erspähten Moment, als sie ohne zu klingeln geöffnet bekam,
die Milchfrau gesagt: Was? Sie sind noch da? und dies Noch höchst scharf betont,
als auch schon wieder Frau von Buschbeck in Halbnégligé, Joppel und Spitzenhaube
erschien und eine weitere »Conversation« unterbrach. Lucinde war eine Gefangene.
Die gnädige Frau besorgte die inzwischen notwendig gewordenen Ausgänge selbst
und schloss ihren Pflegling ein. Glücklicherweise glaubte dieser, solche Vorsicht
wäre in der Ordnung, da ihr die Stadt als eine Höhle aller Laster und Verbrechen
geschildert worden war. Nur dass sie ausschliesslich in der Küche und auf dem
Entrée verbleiben musste, wurde ihr zu schwierig. Sie rüttelte wenigstens an dem
Eingang zur Wohntür, aber die vordere Herrlichkeit mit den Erinnerungen an die
Wilden fand sie immer verschlossen.
    Der Taubenschlag, der auf dem Boden hergerichtet werden sollte, kam nicht.
Die Tischler wären viel zu teuer, hiess es, und vor Mardern blieben die
Tierchen unterm Küchenherde gesicherter. Es war ein trauriger Anblick, die
armen Luftbewohner in dem engen Raume sich drängen und einer dem andern auf die
ohnehin bei Tauben schon so schwerfälligen Füsse treten zu sehen. Lucindens
liebste Freude war sonst gewesen, an der Dachluke zu sitzen und die kreisenden
Bewegungen ihrer Pflegebefohlenen mit ihren scharfen Augen, die sie bis in die
weiteste Ferne verfolgen konnten, zu beobachten. Sie verbrachte eben damit die
Zeit, die besser für die Erlernung des Eierkuchenbackens wäre angewendet
gewesen. Einzig den paar Kröpfern, die sich Lucinde aufgezogen, tat die Ruhe
wohl. Die hässlichen Tiere sassen wie die Puterhähne und vergruben die Schnäbel
in ihre Kröpfe. Leider aber mussten sie hungern, was diese vornehmen Prälaten am
wenigsten vertragen können. Es starben aber - fast konnte man sagen
»glücklicherweise« - in nächster Nacht noch zwei von den armen Gefangenen. Es
war eine Taube darunter, deren Verlust Lucinden unendlich nahe ging; eine halb
braun und weisse Taube von ganz besonderer Zierlichkeit, mit einem Halse, dessen
Federn auf die wunderbarste Art in sämmtlichen Farben des Regenbogens spielten,
ohne dass man eigentlich unterscheiden konnte, wo die grünen und die blauen
Schattirungen anfingen; es sind die Farbenspiele der Taubenhälse eben Wunder,
die noch kein Chemiker hat erklären können. Lucinde wusste wohl, dass zu ihrer
Wirkung das Licht des blauen Himmels gehörte, von dem in die nach einer
Brandmauer hinausgehende Küche leider sehr wenig hereinfiel.
    Auf dem Boden, das entdeckte sie dann allmählich auch, war gar kein Platz,
um daselbst einen richtigen Taubenschlag bauen zu können. Sie entdeckte das,
wenn sie von dorter Holz holen musste. Es war das für sie immer eine grosse
Entdeckungsreise, auf der sie vielerlei Neues sah. Es schmerzte sie daher auch
nicht zu sehr, als eines Tages die Alte mit einem ganz besonders
charakteristischen Tone sagte:
    Sackerlot! Die Tauben fressen einem ja das Hemd vom Leibe weg! Das sind
teure Kostgänger! Wir wollen sie verkaufen! Was sie einbringen, leg' ich zu
deiner Toilette an für den Winter, Jettchen!
    Lucinde hatte aus dem Fenster, wenn sie vorn rein machte und nähte -
letzteres musste sie jeden freien Augenblick - und wenn es in der Küche zu
finster wurde, in der Vorderstube, schon manche wunderschöne Frau auf der Strasse
gesehen und träumte dann, wenigstens einen neuen Hut tragen zu können, wenn auch
ohne Federn. Sie gab also ihre Einwilligung zum Verkaufe. Die Alte brachte einen
Koch aus einem der vornehmen Gastäuser mit, der sämmtliche Tauben an sich nahm.
Wie viel sie dafür löste und wie viel für ihren Winterstaat verbraucht werden
konnte, erfuhr Lucinde nicht; denn der Koch kam gerade in dem Augenblick, als
ihr die gnädige Frau befohlen hatte auf dem Boden zu bleiben und zwei Trachten
Kleinholz zu machen.
    Dass sie nur eine »Magd« bei der gnädigen Frau war, das hörte sie dort oben
denn endlich auch. Auf dem Boden trafen sich die Mägde aus dem ganzen Hause
zusammen, und da erfuhr sie desgleichen, dass Frau von Buschbeck in der ganzen
Stadt den Namen hatte, keinen Dienstboten mehr, aber absolut auch keinen mehr,
bekommen zu können. Sie plage und quäle ihre Leute so sehr, dass niemand länger
als einige Tage bliebe. Die »Mietweiber« schickten niemand mehr, vor der
Polizei bekäme sie gegen keine Anklage mehr recht; sie wäre verurteilt gewesen
sich selber zu bedienen, wenn sie nicht auf den Einfall gekommen wäre -
    Bei dieser Eröffnung musste Lucinde schon wieder hinunter. Frau von Buschbeck
rief sie selbst ab und fuhr die Magd an, die in einem Nebenboden Holz spaltete
und wohl »ihre Dienstboten verführen« wolle? Vor ihren Augen musste Lucinde zwei
Trachten Holz aufpacken und in die Küche tragen. Jetzt war Platz wieder unterm
Feuerherd. Die Tauben waren fort. Die gnädige Frau behauptete, schlecht bezahlt
worden zu sein; sie gab von dem, was sie von dem Koch empfangen, nur die Hälfte
an, und Lucinde hörte es kaum; sie überlegte sich nur, was sie gehört: Frau von
Buschbeck hatte in der Stadt keine Magd mehr bekommen können und holte sich
deshalb - eine doch wohl vom Lande? Ihr Rätsel war gelöst.
    Ehe sie dabei mechanisch das Holz verpackte, wollte sie doch erst die vielen
kleinen Federchen wegnehmen, die von ihren Tauben zurückgeblieben waren. Sie
waren so blau, so weiss, so goldbräunlich, und jede Feder erinnerte sie gerade an
die Verschwundene, der sie angehörte ...
    Das gibt ein schönes Nadelkissen! sagte die Frau Hauptmännin. Es war eine
dieser Frau eigene Kunst, dass sie die Phantasie ihrer Pflegebefohlenen immer
anzuregen wusste. Erst der Winterstaat, nun das Nadelkissen! Was sind dem
Kinderherzen nicht alles Eingänge zu den herrlichsten Feenschlössern!
    Allmählich aber kam Lucinden das Vollgefühl ihres traurigen Looses. Da hatte
sie schon in einer Nacht vor dem letzten Braten, den sie gehabt (Taubenbraten),
selbst gesehen, dass die gnädige Frau, die an Schlaflosigkeit zu leiden schien,
an ihre Bettlade kam, sie überleuchtete, das Licht auf den Feuerherd stellte und
eine der Tauben nahm und ihr mit raschem Griff eigenhändig den Hals umdrehte.
Dann legte sie sie wieder ruhig zu den übrigen und stellte, als wäre nichts
geschehen, die Zuber vor. Lucinde glaubte zu träumen. Aber es war ganz wirklich
so gewesen. Der Augenschein des Morgens bestätigte es. So gingen anfangs die
Tauben fort, so gingen die Eier, so die Zwetschen. Auch den Korb schickte sie
nicht an den Vater zurück, worüber Lucinde sie zum ersten mal etwas trotzig zur
Rede stellte. Aber die Alte wusste zu zähmen; vorzugsweise durch Hunger. Abends,
als auch Lucinde zum ersten mal ihre Krallen gezeigt, brachte die Hauptmännin
einen Haufen trockener Zwetschensteine. Lucinde bekam die Anweisung, sie mit
einem alten Ziegelsteine, der vom Feuerherd losgegangen war, aufzuschlagen und
sich die »kostbare« Mahlzeit der Kerne für den Abend munden zu lassen. Ein Trunk
Wasser dazu würde die Kerne besser aufquellen lassen ...
    Lucinde gehorchte wohl, doch in den schwarzen Augen der Schulmeisterstochter
brannte mehr als nur Gehorsam. Sie mussten sich nur immer erst orientirt haben,
und dann gerieten diese Augen in eine Glut, die von seltsamen Gedanken geschürt
werden konnte. List weckt Gegenlist, Tyrannei Widerstand. Und wer weiss, ob
Lucinde ein Wesen ist, das sich überhaupt nach sanfter Rede, Güte des Herzens,
Liebe und schonender Obhut sehnt! Schon können wir sagen, dass ihr nie die Zähne
weh taten, dass ihr nie ein Schnupfen Fieber machte, nie eine Zurücksetzung
Tränen kostete. Sie half sich immer gerade so weit durchs Leben, als sie das
Leben verstand, und ihre Waffen waren in frühester Zeit schon die geballte
Faust, dann die spitze Rede, jetzt die Verschlagenheit ... Sie fängt mit der
gnädigen Frau, die sie nun »bald weg hat«, wie sie den Mägden des Hauses, die
sie aufhetzten, eingesteht, einen Kampf an, nicht etwa auf Leben und Tod,
sondern einen Guerrillakrieg innerhalb der von der gnädigen Frau selbst
gezogenen Schranken. Sie hat allmählich dabei die schöne Stadt sich
»herausgeluchst«, die herrlichen Gärten, die grossen denkmalgeschmückten Plätze,
die Soldaten, die Offiziere, die schönen Umgebungen und die bezaubernden
Fernblicke in sonnenbeschienene Ebenen und nach neuen blauen Hügelrändern hin;
sie erwischt aus dem Bücherschranke des, wie sie gehört hatte, noch gar nicht
verstorbenen niederländischen Hauptmanns Bücher; sie dringt darauf, dass sie,
noch immer nicht eingesegnet, wenigstens in die Kirche gehen darf; sie schreibt
seitenlange Briefe nach Langen-Nauenheim, worin sie freilich das Ausbleiben des
Korbes entschuldigen und eine Menge Erfindungen mitteilen muss, weil die gnädige
Frau die Briefe erst liest, ehe sie sie abgehen lässt. Und nun macht es ihr
gerade Spass, die komischsten Erdichtungen zu schreiben, nur damit die »Alte«
sich ärgert oder in jene Blindheit verfällt, die sie überkommt, wenn ihre
unruhigen und gespenstischen Gedanken ganz nach innen gehen. Lucinde schreibt
von Bällen und Gastereien, und die Alte liest es, als hörte sie die Geigen
rauschen und die Schüsseln klappern. Sie lässt den Brief abgehen und ist sogar
milder als sonst, weil sie dann stundenlang nicht aus einem wie somnambulen
Zustande herauskommt.
    Um so grässlicher ihr Erwachen! Dann war's doch, als beschuldigte sie
Lucinden, der »schwarze Teufel«, wie sie sie nannte, wolle sie erwürgen. Dann
hatte die menschenfeindliche, geizige Frau Blicke so voll Gift wie ihre
javanischen Pfeilspitzen. Wie der Taubenfalk schoss sie hinter Lucinden her, wenn
diese nur einmal gelacht hatte; sie krallte mit ihren dürren Fingern in sie ein
wie jener, wenn er aus Himmelshöhen niederschiesst. Die böse Frau hatte keinen
Schlaf. Sie fürchtete entweder Gespenster oder sich selbst. Sie leuchtete um
Mitternacht in die Winkel. Kam sie an die Bettlade Lucindens, so hielt sie das
Licht über die Halbschlummernde und schrie sie an: Das kann schlafen! Das kann
die Augen zutun! Oft musste Lucinde aufstehen und ihr um zwei Uhr Morgens
vorlesen, Reisebeschreibungen, Erzählungen von den Wilden, zuweilen auch
Legenden. Frau von Buschbeck ging jährlich einmal zur Kirche; sie war
katolisch. Wenn aber Lucinde um ihre Einsegnung drängte, nahm sie alle Bücher
fort und sagte: Unser Herrgott ist der Satan! Sie war so geizig, dass sie sich
eine alte Guitarre, auf der sie in den Abendstunden klimperte, nicht einmal neu
mit Saiten beziehen liess. Auf zwei Saiten spielte sie alte sentimentale Lieder
und pfiff dazu. Da sie dies ohne Lippen tun musste, so klang es wie leiser
klagender Nebelwind auf der Heide. Der Anblick dieser grotesken Scene war
Lucinden nicht vergönnt, denn Frau von Buschbeck schloss sich ein, wie sie fast
immer tat, besonders nach jedem Ersten im Monat, wo der Postbote eine
ansehnliche Summe in einem mit adeligem Petschaft versiegelten Briefe brachte.
Da mochte sie zählen, was ihr Geiz aufhäufte. Oft lauschte Lucinde und hatte die
listigen Augen an die Fensterscheiben der Stubentür gedrückt. Sie unterliess
aber auch das, als eines Tages auf der entgegengesetzten Fläche der Scheibe das
volle Antlitz der plötzlich hinter dem Vorhang auftauchenden Hauptmännin sie
angrinste. Sie war von dem Anblick so entsetzt, als hätte ihr eine Fledermaus
auf der Nase gesessen. Sie bebte so, dass sie nicht einmal entfliehen konnte,
sondern ruhig geschehen liess, dass die Tür sich öffnete und sie zur Strafe ihre
gewöhnliche körperliche Züchtigung erhielt.
    dabei liefen Tag und Nacht zusammen. Hatte Lucinde bis drei Uhr nach
Mitternacht vorgelesen, so meinte die Hauptmännin, bis vier wäre nur noch eine
Stunde und man könnte gleich aufbleiben und ans Tagewerk gehen, worunter sie
Nähen und Stricken verstand. Die Hemden und Strümpfe, die Lucinde lieferte,
gingen und kamen: sie behauptete, für eine Anstalt, die gut zahle; sie spare
alles für Lucindens Zukunft. Oft wurde sie, wenn gar zu böse Stunden kamen, so
tückisch, dass Lucinde manche Arbeit dreimal tun musste, nur damit ihre
Peinigerin über dies und jenes ihren Willen hatte.
    Eines Tages klingelte ein Polizeiagent und verlangte Einlass.
    Er erklärte rundweg, Frau von Buschbeck sollte auf dem Amte erscheinen und
sich wiederum rechtfertigen wegen unmenschlicher Behandlung ihrer Dienstboten,
wie schon öfters.
    Eine Menge Menschen aus dem Hause und der Nachbarschaft drängte nach.
Beinahe wäre ein Act der Volksjustiz ausgeführt worden, denn man fand wirklich
Lucinden an Händen und Füssen gebunden in einer dunkeln Seitenkammer der Küche,
in welcher Frau von Buschbeck ihr altes Gerät aufbewahrte. Dort lag sie schon
seit zweimal vierundzwanzig Stunden und bekam nur Wasser und Brot, weil sie, wie
sie beschuldigt wurde, aus »Bosheit« zwei chinesische Tassen zerschlagen hätte
mit der Drohung, alles Zerbrechliche auf der Servante zu zertrümmern, wenn sie
noch ferner jedes kleine Misgeschick, das sie beim Abstäuben oder Putzen
beträfe, mit »künftigem Abzug von ihren Ersparnissen« büssen müsse ... Im Hause
hatte man das Jettchen der Frau Hauptmännin zwei Tage lang nicht bemerkt,
Anzeige gemacht, und so kam es zum Durchbruch.
    Lucinde machte auf dem Amte dem Polizeirichter, Stadtamtmann genannt, einen
wunderlichen Eindruck.
    Sie war trotz Kasteiung und Entbehrung jeder Art fast vollkommen entwickelt.
List und Verschlagenheit waren unverkennbar der Ausdruck ihres Wesens, der ihr
aber schön stand, wenn ihre dunkelbeschatteten Augen glühten, ihre Lippen
trotzig sich aufwarfen und dabei ein ständiges scheues und ironisches Lächeln um
den kleinen zierlichen Mund spielte. Das schwarze Haar war in Flechten geordnet,
die voll und schwer um die Stirn gingen. Selbst die Hände, die doch soviel
schaffen und »schanzen« mussten, waren nicht eben rauh. Sie sagte, da die in
einem Fiaker folgende Frau von Buschbeck sich auf die Feinheit und Schonung
derselben berief, dass sie es bei ihrem Vater »nicht nötig gehabt hätte«. Nur
ihre Haltung entsprach nicht dem schlanken Wuchse. Sie senkte den Kopf ... so
aber, wie wenn eine schwere Aehre sich an einem langen Halme wiegt.
    Der Stadtamtmann sprach von ihrer Familie .... Erst jetzt erfuhr sie ein
schreckliches Unglück aus Langen-Nauenheim.
    Drei ihrer Geschwister, und das liebe Hannchen darunter, waren schon seit
Jahresfrist todt! Im Zeitraume von drei Tagen hatte sie das Scharlachfieber, das
in der Gegend wütete, hinweggerafft ... Die Alte hatte den Brief des Vaters
aufgefangen und den Inhalt verschwiegen, weil sie die Wirkung des Kummers auf
den Fleiss und die Arbeit fürchtete!
    Wie Lucinde diese Nachricht hörte, stürzten ihr seltsamerweise keine Tränen
aus den Augen ... Nur schrecklich erblasste sie ... Der Stadtamtmann liess das
wankende Mädchen sich auf einen Stuhl setzen; man konnte eine Ohnmacht
befürchten ... Der Blick, den Lucinde bei dieser Nachricht auf die böse Frau
warf, war furchtbar ... Ihre sonst so dunkeln Augen sahen in diesem Moment weiss
aus, und die böse Zunge der stadtberüchtigten Frau, die der Verzweiflung nahe
war, kein Mädchen bekommen zu können, und in diesem Fluche fast mit wirklichem
Schmerz eine angezettelte Verschwörung sah, war gegen sie völlig verstummt.
    Als der Stadtamtmann Lucinden erstens einen Lohn und die Auszahlung ihrer
Ersparnisse gesichert, dann die Frau Hauptmännin, die er indessen
sonderbarerweise immer nur Fräulein von Gülpen nannte, aufs entschiedenste
ermahnt hatte, die Langmut der »überhaupt gegen sie so duldsamen« städtischen
Behörden nicht zu erschöpfen, wurde Lucinde von ihm befragt, ob sie nicht zu
ihrem Vater und zu ihren Geschwistern zurück wolle?
    Sie sass starr und antwortete nicht.
    Dann erwähnte der Stadtamtmann unter den Unterlassungssünden, die sich
»Fräulein von Gülpen« gegen sie hatte zu Schulden kommen lassen, auch die
unterbliebene und doch von ihr versprochene anständige Confirmation. Gleichsam
aber, als wenn sich Lucinde fürchtete, nun in Langen-Nauenheim noch erst
confirmirt und dort unter die ihr wohlbekannten Buben und Mädchen gesetzt zu
werden, antwortete sie auf die wiederholte Frage, ob sie mit der immerhin
beträchtlichen Summe von nahezu funfzig Talern, die ihr zuerkannt wurde, nach
Langen-Nauenheim zu ihrem Vater und ihren auf drei zusammengeschmolzenen
Geschwistern zurückkehren wolle, mit einem ernsten, bedachtsamen und fast kalten
Kopfschütteln: Nein!
    Das ist's ja! brach die zitternde Tyrannin aus. Das Leben auf der Strasse,
die Promenaden, die Offiziere, das Schlendern, das Gaffen ...
    Ruhe, Fräulein! unterbrach der Stadtamtmann.
    Frau von Buschbeck oder Fräulein von Gülpen musste sich entfernen, nachdem
sie mit zitternden Händen einen Revers zur Zahlung von funfzig Talern und
Auslieferung aller Sachen Lucindens unterschrieben hatte. Sie ging mit
krampfhaftem Zusammenschlagen ihrer Ober- und Unterkiefern, doch nicht ohne eine
Art von Würde und Vornehmheit. Man hatte ihr da, wo man ihre Lebensverhältnisse
näher zu kennen schien, zwar den Titel einer Frau geraubt, den einer Adeligen
aber lassen müssen.
    Draussen empfing sie das Hohngeschrei zusammengelaufener Menschen. Sie war
die Bekannte, Stadtkundige, die Frau: bei der niemand dienen wollte!
    Sie stürzte in ihren Fiaker, doppelt schwer aufseufzend; denn ihr Geiz sagte
ihr wieder: Himmel, du hast den Fiaker vorher zu bezahlen vergessen! Nun rechnet
dir der auch noch die halbe Stunde an, die er vor dem Stadtause hat warten
müssen!
 
                                       4.
Der Stadtamtmann war in der Lage, gerade ein Mädchen zu bedürfen.
    Er bot Lucinden an, zu seiner Frau zu ziehen. Für die Confirmation versprach
er unverzüglich Sorge zu tragen.
    Sie nickte einfach: Ja! sass bis auf weiteres im Nebenzimmer des Amtssaales
eine halbe Stunde allein, setzte im Geiste einen Brief auf, den sie an ihren
Vater schreiben wollte, und folgte dann dem Stadtamtmann, als er sein
Vormittagsgeschäft hinter sich hatte, in einiger Entfernung in seine Wohnung.
    Die Polizeidiener ersparten ihr die Gefahr, noch einmal zur gnädigen Frau,
wie sie lachend titulirt wurde, zurückzukehren, und versprachen ihr alles Ihrige
abzuholen und nachzubringen.
    Lucinde schaute und hörte hinein wie in eine fremde Welt. Dass sie einer
schrecklichen, abscheuerregenden, wie es hiess und auch später im Wochenblatt
unter der Rubrik Polizeibericht zu lesen war, »zuchtauswürdigen« Behandlung
entronnen war, ... das fühlte sie eigentlich selbst nicht so lebendig. Sie liess
sich's von den Leuten nur sagen und nahm's dann hin, wie die es wollten.
    Die Frau Stadtamtmann hatte nichts gegen die Anordnungen ihres Gatten
einzuwenden. Nur schien ihr die Zumutung, das neue Mädchen erst confirmiren
lassen zu müssen, umständlich. Indessen sagte sie zu. »Henriettens« Anblick -
dieser veränderte Name blieb auch hier - tat ihr wohl. Die Frau Stadtamtmann
war gerade in der Hoffnung und sorgte dafür schönen Formen zu begegnen. Der
Anblick des anziehenden, schlanken und gesunden Mädchens tat ihr wohl.
    Es kommt oft vor, junge Confirmandinnen zu sehen, die nur gleich am Altar
stehen bleiben sollten, um sich den Ehesegen geben zu lassen. Auch Lucinde war
auf besondere Bitte des Amtmanns schon nach vier Wochen ein solcher Spätling
unter den lieblichen weissgekleideten Kindern mit ihren Rosaschärpen und
Myrtensträusschen. Der Superintendent gestattete die schnelle Beförderung, da er
von der Schulmeisterstochter religiöse Bildung voraussetzte. Er wusste wohl nicht,
dass man sich nirgends mit dem lieben Gott weniger Sorge macht als in Pfarr- und
Schulhäusern. Da steht man mit dem Himmel auf dem Fuss des Empfangens im Négligé.
Gebetet hatte Lucinde ausser vor und nach der Schule nur beim Eierkochen.
Pflaumenweich liebte der Vater die Eier und dafür genügten zwei Vaterunser.
    Der Wildling stand nach vier Wochen unter den Confirmandinnen.
    An Wuchs ragte sie hier nicht mehr vor allen hervor; es gab ebenso
aufgeschossene Blondinen und Brünetten wie sie, zu denen sich der Herr
Superintendent nicht gar zu sehr zu bücken brauchte, wenn er ihnen Sonntags
darauf den Kelch reichte; aber Lucinde war schon voll, kräftig in den Schultern,
stark in den Hüften, und wenn auch im allgemeinen ihr scharfgeformter Kopf
selbst noch nichtssagend war, so reizte sie das kindliche Wesen ihrer Umgebungen
doch zu einem Umblick in der Kirche, der ihr ganz vorwitzig und weltlich stand.
Manchem musste sie auffallen. Sie stand wie ein Heidenkind, zerstreut und ohne
Andacht, obgleich ihre schwarzen Bänder auf Trauer deuteten. Zugegen war
niemand, den sie kannte, ausser einer alten Magd aus dem Hause, das der
Stadtamtmann bewohnte. Diese hatte ihr ein vergoldetes Gesangbuch geliehen und
sie auf ihrer Kammer geschmückt, sodass sie hernach zur Frau Stadtamtmann
hintreten konnte und deren ganzen Beifall erntete. Diese neue »gnädige Frau«
schenkte ihr ein schwarzes Halsband von Sammt mit einer Stahlschnalle, die auf
dem brünetten Halse funkelte wie eine Broche von Diamanten. Ja, als sie aus der
Kirche zurückkam, wurde sie sogar mit Chocolade empfangen. Man war gut und
freundlich gegen sie.
    Es war eine sonderbare Welt, in die das nun fast funfzehnjährige Mädchen
hier stündlich einblicken konnte. Die Gensdarmen gingen ab und zu, und der
Stadtamtmann, der zwar ein für allemal im Hause und wenigstens bei Tisch mit den
Vorkommnissen seines Berufes verschont sein wollte, konnte es nicht dahin
bringen, dass er ohne Behelligung bis zum Dessert kam. Lucinde bediente; auch
wenn Gäste geladen waren. Sie besass zwar nicht viel Geschick und machte vieles
verkehrt, doch wurde das alles nicht mehr mit der früher erlebten Strenge
gerügt. Zerstreut musste sie schon dies ewige Rapportiren machen von dieser
Dieberei und jener Gewalttat. Ihre Phantasie, die sehr lebhaft war, sah ringsum
- sie brauchte schon nur an die doppelten Namen der ihr vorerst entschwindenden
»Frau Hauptmännin« zu denken - die Welt voll Lug und Trug, und da sich's dabei
doch so behaglich essen und trinken liess, so erschreckte sie keine Tatsache,
selbst kein Diebstahl, kein Mord mehr; sie schüttelte den Kopf darüber, dass die
Dinge des Lebens alle so glatt, so höflich und vergnüglich vorwärts gingen,
während tausend Hände daran arbeiteten sie zu verwirren, man sah's nur so nicht
auf den Promenaden, wenn sie mit den Kindern des Stadtamtmanns ausging und die
Leute stillstanden und die Kinder bewunderten, d.h. sie selbst und ihre
auffallende Erscheinung.
    Eines Tages erlebte sie aber auch auf der Promenade, dass ein junges Mädchen,
das halb bäuerisch, halb städtisch, aber schwarz gekleidet war, auf sie
zustürzte.
    Es war ja ihre nächstälteste Schwester Luise!
    Sie trauerte. Um die Geschwister noch?
    Um den Vater! Das liebe, freundliche, immer lächelnde Männlein war nicht
mehr ... Luise weinte so laut, dass es ihr Lucinde verbot, »weil ja die Leute
still stünden« ... Sie selbst war wieder nur erblasst wie damals, als sie
plötzlich nicht mehr ihre drei Geschwister hatte. Indem kamen noch zwei andere
beflorte Kinder von der andern Seite. Es waren August und Gustav, ihre Brüder.
Die hatten das Haus des Stadtamtmanns aufgesucht, dort gehört, ihre Schwester
wäre auf der Promenade mit zwei Kindern; nun hatten sie sich verteilt, und eins
hatte von hier, das andere von dort gesucht. Der Vater war todt ... Und wie
schmerzlich hatte er geendet! ... Er war in einen der vier kleinen Bäche
gefallen, mit denen Langen-Nauenheim gesegnet ist ... Spät von dem Vorspann war
er heimgekommen ... Kein Stern blinkte ... es war ein grosser Nebel gewesen, und
da hatte er eine von den Brücken verfehlt. Erst Morgens hatten sie ihn gefunden,
wie er dalag im kühlen Grunde, aufgehalten von den Wurzeln eines alten
Weidenstamms.
    Lucinde schüttelte düster den Kopf. Dann rief sie mechanisch des
Stadtamtmanns Kindern, die sie führte, ein scheltendes Wort; darauf fragte sie,
ob die Geschwister schon gegessen hätten. Luise versicherte es und kam auf das
schmerzliche Ende des Vaters zurück. Lucinde fragte, was aus dem Hause, aus dem
Garten, aus dem Gerät, den Hühnern, der Ziege, der grossen Wandkarte geworden
wäre! Sie erfuhr, dass alles das teils dem Staate, teils dem Dorfe, teils dem
Wirt zum Vorspann und einer alten Frau gehörte, bei der sie schon lange oft
ihre Betten in Versatz gegeben hatten, wenn sie auf ein paar zusammengerückten
Schulbänken hatten schlafen müssen. Luise die wollte nun auch dienen, und die
Kinder brächte man vielleicht in einer Fabrik unter. So hatte es der
Gemeindevorstand in Langen-Nauenheim gesagt; sie sollten's einmal so versuchen,
und »ging' es nicht, so würde wohl anders gesorgt werden«. Gustav war acht Jahre.
In einer Spinnerei vorm Tore suchte man Kinder schon von acht Jahren an; es
hatte das in der Zeitung gestanden, in derselben Zeitung, die der Vater immer
auf bessere Zukunft zu studiren pflegte, und in deren Beiblatt einst seine
Phantasieen über den Beruf eines deutschen Volksschullehrers gestanden hatten.
    Nec impavidum ferient ruinae ...
    Latein konnte Lucinde nicht, aber der Stadtamtmann übersetzte so etwas
einmal bei Tische, und sie glaubte, es hiess: »Was schadt's!«
    Es war ein Wahlspruch gewesen, den ein alter Ritter gehabt. Sie nahm ihn
schon oft an, und heute nun musste sie schon. Sie nahm die Kinder, die alle
zunächst doch noch Hunger und Durst genug hatten, mit sich; der Schwester sagte
sie gleich die Mietsfrau, wo die wohnte, und wie sie mit der sprechen müsse.
Die Frau Stadtamtmann war noch nicht am Ende ihrer Hoffnung, die zwei kleinen
Buben vom Lande waren prächtige Jungen, sie gefielen ihr. August und Gustav
blieben einen Tag und kamen dann nicht in die Fabrik. Der Stadtamtmann sorgte
dafür, dass sie ins Waisenhaus aufgenommen und »gut erzogen« wurden.
    Und nun sind kaum drei Jahre von dem Langen-Nauenheimer Auszug vergangen,
und welche Veränderungen haben wir!
    Lucinde fand sich in alles. Sie hatte etwas Wühlendes, Unruhiges und
beherrschte jede Situation. Bei Tische wartete sie nicht mehr auf. Der
Stadtamtmann fand, dass es kaum noch schicklich war. In die Höhe wuchs sie nicht
mehr, dafür tat es ihr Geist, und sie regierte eigentlich das Haus, das sie
aufgenommen. Selbstverständlich da, als die Frau Stadtamtmann eines Jungen
genesen war, aber auch später. Durch ihre sichere, herausfordernde Ruhe, ihr
spöttisches Lächeln, ihren Flunkergeist nur verdarb sie sich zuweilen ihre
Autorität. Lange Ruhe um sie her ertrug sie nicht, und übermässiges Glück oder
allzu frohe Selbstzufriedenheit verdarb sie gern, indem sie Schicksal spielte.
Der Amme gegenüber lobte sie das schöne Aussehen anderer Kinder, eine Handlung,
für die man bekanntlich von jeder Amme vergiftet werden kann. Einem Bedienten,
der etwas schwach von Begriffen war und seine Bestimmung verfehlt zu haben
glaubte, weil er eine leserliche Hand schrieb, gaukelte sie bald diese, bald
jene glänzende Aussicht vor. Hager! rief sie, wenn sie die Zeitung gelesen
hatte, in Amerika ist ein Vetter Ihres Namens gestorben, man fordert alle Hagers
auf sich zu melden! Musste Hager gerade die Schuhe oder Messer putzen, so hatte
sie, wenn er frei war, die Zeitung verlegt und jagte den beschränkten Menschen
wochenlang mit seinen Vermutungen, welcher von seinen Anverwandten jener in
Amerika verstorbene Hager gewesen sein konnte, im Kreise umher. Von ihrem
Koboldgeist blieben dann selbst die bei einem Kaufmann dienende Schwester und
ihre Geschwister im Waisenhause nicht verschont. Ihr bei aller äussern Ruhe
innerlich unruhiger Sinn wuchs mit dem Besuch des Teaters, das sie durch den
Stadtamtmann frei hatte, jedoch nur im dunkeln Hintergrunde einer Loge dritten
Ranges, während die Herrschaft im zweiten sass. Immer mit leuchtenden Augen kam
sie vom Teater heim. Man glaubte natürlich, dass es die Stumme von Portici
gewesen, die sie so ausserordentlich aufgeregt hatte; aber es waren die
Zuschauer, die Logen, die glänzenden Toiletten, die fürstlichen Herrschaften.
Die Tischgespräche berichteten dann nach wie vor von vornehmen Spielern, von
zanksüchtigen vornehmen Herrschaften, von allem, was sich nur zur Kenntnissnahme
des Polizeirichters einer so ansehnlichen Stadt drängte, und dergleichen Leute
sah sie dann wieder fröhlich und wohlgemut und mit Lorgnetten spielend in den
elegantesten Logen.
    Eines Tages tat sie einen tiefen Einblick in das innerste Lebensgetriebe
...
    Das glänzendste Waarenmagazin der Stadt war ein sogenannter Bazar, in
welchem alle Modeartikel und Bedürfnisse einer eleganten oder auch nur
comfortablen häuslichen Einrichtung, soweit sie Stoffe betraf, verkauft wurden.
Ein unternehmender Kaufmann im Anfang der mittlern Jahre leitete dies Geschäft,
wie man sagte, nicht ganz mit seinem eigenen Gelde. Sein Savoirfaire kam ihm
jedoch zu statten, um die ganze höchste, hohe und mittlere Gesellschaft an sich
zu ziehen. So gefällig die Formen des Mannes waren, der in seinem schwarzen
Frack mit weisser Halsbinde die Honneurs seines mit mindestens einem Dutzend
Commis ausgestatteten Geschäftes machte, so entschieden wusste er doch ebenfalls
in geeigneten Fällen aufzutreten. Schon oft war in seinem grossen und schwer zu
beaufsichtigenden Geschäft gestohlen worden, sogar während des Verkaufs, und oft
schon hatte er, wenn entweder der Stadtamtmann bei ihm oder er bei jenem zu
Tische war, erklärt, er würde niemand schonen, wenn er einen jener eleganten
Diebe beim Handverkauf entdeckte, und sollte es der Vornehmste sein. Schicken
Sie nur sofort zu mir, hatte der Polizeirichter erwidert. In solchen Fällen muss
man der Schlange gleich auf den Kopf treten!
    Und eines Tages schickte der Kaufmann; der Stadtamtmann möchte eiligst, aber
selbst kommen, hiess es, er möchte einen seiner Gehilfen, aber vorläufig nur in
der Ferne, bereit halten ...
    Der Stadtamtmann war nicht gegenwärtig. Und da auch Hager, der Diener, nicht
zugegen war, so musste Lucinde die Mantille umwerfen und auf das Amtaus laufen.
    Aber auch dort fand sie ihren Herrn nicht.
    Da sie ihn auf dem Casino vermutete, so eilte sie ins Casino und nahm
sofort einen der Polizeidiener mit.
    Ihr Weg führte sie aber an dem grossen Magazin des Kaufmanns selbst vorüber,
in dessen obern Räumen dieser auch wohnte. Da ihre Herrschaft in die letztern
beschieden war, so glaubte sie sehr vernünftig zu handeln, wenn sie die Stiege
hinaufging und dem Kaufmann wenigstens den Polizeidiener anbot, der ja so lange
unten, wie zufällig, bei einer glänzenden Carrosse, die am Hause stand, warten
konnte ...
    Da das ganze Haus nur allein von dem Kaufmann bewohnt wurde und oft der
Verkehr in den obern Räumen mit dem Magazin, das zwei Stockwerke einnahm, der
lebhafteste war, so konnte es Lucinden nicht wunder nehmen, den Eingang der
Wohnung offen zu finden. Auch stand auf der Treppe ein Bedienter in Livree, der
auf seine Herrschaft zu warten schien und nicht unmöglich der unten harrenden
Carrosse, die ein Wappenschild schmückte, angehörte.
    Aber noch mehr Türen standen offen, und augenscheinlich herrschte in der
Wohnung die grösste Verwirrung, wie sie wohl nach aufregenden Entdeckungen
stattzufinden pflegt.
    In dem hintern Zimmer glaubte Lucinde einen Wortwechsel zu hören. Niemand
war zugegen, ausser einigen Kindern des Kaufmanns, die sorglos umherrannten. Ist
der Vater da? fragte Lucinde. In seinem Bureau! hiess es. Die Bedienung schien
ausgeschickt zu sein; auch die Mutter war nicht anwesend.
    Lucinde kommt näher; die Teppiche dämpfen ihren Tritt, und schon übersieht
sie im Geist, was drinnen vor sich geht. Sie zieht die Türen hinter sich zu und
steht unentschlossen, ob sie klopfen soll oder nicht ...
    Nein! ruft der Kaufmann. Sie wieder, Frau Baronin! Sie sind es jetzt fünfmal
gewesen! Ich schwöre Ihnen, dass ich keine Rücksicht mehr kenne! Eine Dame Ihres
Standes! Schämen Sie sich! Aber ich schone Sie nicht mehr, mögen Sie auf ewig
gebrandmarkt sein! Nicht fünf Minuten noch, so werden Sie vor dem Richter
stehen! Einen Kaufmann systematisch zu bestehlen, wie Sie es jetzt schon seit
Jahren tun! Pfui der Schande!
    Inzwischen hört man eine weibliche Stimme Beschwörungen und Beteuerungen
ausrufen, die von Tränen erstickt werden ...
    Lassen Sie! Ich habe kein Mitleid mehr! ruft der Kaufmann. Seit Monaten
beobachte ich Sie! Seit Monaten bemerk' ich, dass jedesmal nach Ihrem Besuch im
Magazin ein Packet Spitzen, eine Lage gestickter Taschentücher oder Seidenzeuge
oder Foulards fehlen. Ich habe die Discretion gehabt, den Verdacht meiner Leute
von Ihnen abzuwenden! Nur allein ich habe mit Ihnen verkehren wollen, so oft Sie
das Magazin betraten! Heute endlich seh' ich die rasche Handbewegung, als Sie
eben einen Ihrer maskirten Käufe abschliessen! Ich folge Ihnen, Sie verlassen den
Laden, ich begleite Sie und am Wagen entdeck' ich, was Sie inzwischen unter
Ihrem Mantel verbargen! Pfui der Schände! Aber ich kenne keine Schonung mehr!
    Lucinde hörte, dass der ungeduldige Kaufmann sich näherte, um zu sehen, ob
nicht endlich der requirirte Stadtamtmann kam. Jetzt aber auch vernahm sie
plötzlich ein heftiges Fallen und die herzzerreissende Klage einer Schluchzenden:
    Auf meinen Knieen beschwör' ich Sie, Herr Gutmann! Ich werde alles
erstatten! Machen Sie mich nicht unglücklich!
    Es währte der Auftritt noch eine Weile fort, bis sich die Vorwürfe und
Drohungen milderten, das laute Schluchzen der Dame sich legte, zuletzt alles
still wurde ... Es wurde sogar so still, so unheimlich still, dass es Lucinden
vor Schreck kalt überrieselte. Sie konnte nicht ganz den Vorgängen mehr folgen
und dachte sich irgendeine Gewalttat. Leise, atemlos, unsicher auftretend
zieht sie sich an die Tür, klinkt sie wieder leise auf und schleicht sich durch
die Zimmer nach vorn auf den Vorplatz zurück, wo der galonirte Bediente wartet.
    Eine so anziehende Erscheinung wie Lucinde brauchte hier nicht zweimal zu
fragen, um den Namen seiner Herrschaft zu erfahren. Der Diener nannte eine der
ersten Damen der Stadt.
    Nicht lange dann währte es, so kam der Kaufmann mit der Herrschaft des
Bedienten aus seinem Bureau zurück. Es war eine schlanke, magere, noch junge
Dame, die Lucinde schon oft im Teater gesehen hatte, eine Frau, noch von
Jugendreiz und Anmut überstrahlt. Sie lächelte verlegen ... Auch der Kaufmann
lächelte ... Sie schienen etwas verabredet zu haben, etwas besprochen, was
vielleicht nicht ganz erledigt war. Die Dame zögert ... Der Kaufmann beruhigt
sie mit einem süssen Bitte! Bitte! ... Dann steigt die Dame die Stufen nieder.
Lucinde wird jetzt kurz und barsch befragt, was sie wolle? Der Kaufmann kennt
sie doch sonst, sah sie oft, war immer sehr artig gegen sie ... in diesem
Augenblicke ist er wie abwesend.
    Als Lucinde in stotternder Unsicherheit die Meldung macht, dass der
Stadtamtmann nicht zugegen gewesen wäre, dass sie aber vom Amte jemand
mitgebracht hätte, der unten warte, entschuldigte sich Herr Gutmann mit sich
findender Artigkeit wegen »vergeblicher Bemühung«. Mit einem auszurichtenden
Grusse an ihre Herrschaft und dem Auftrag, einen stattgehabten »Irrtum«
anzudeuten, steigt Lucinde die Treppe nieder. Unten rollt eben die prächtige
Carrosse ab. Den mitgebrachten Gensdarmen muss Lucinde gehen heissen.
    Diese Scene veranlasste in ihr Aufregungen, die sie kaum beherrschen konnte.
So hatte ihr noch nie das Herz geschlagen, so war ihr noch nie das Blut durch
die Adern gerollt!
    Sie verschloss das Erlebte in sich. Nicht Schonung oder vielleicht eine
angeborene Discretion war es, was sie zu dieser Verschwiegenheit bestimmte.
Entweder fürchtete sie, zu verraten, dass sie schon trotz ihrer Jugend eine
solche Scene verstanden hatte, oder man darf glauben, dass sie einen Genuss darin
fand, ein so wunderbares Erlebnis ganz allein für sich zu besitzen, ganz allein
für sich zu geniessen und überhaupt Dinge zu kennen, die die Nacht mit Grauen
bedeckt.
 
                                       5.
In jedem Leben ist der Augenblick entscheidend, wo uns die Dinge anfangen
objectiv zu werden.
    Unsere Kraft fängt von dem Augenblick an, wo wir etwas wissen, was endlich
einmal feststeht, endlich einmal fixirt ist wie der Schmetterling unter der
Nadel, nicht mehr auffliegen, nicht mehr wieder lebendig werden, uns widerlegen,
irren, wieder zu Anfängern machen und in alle Weiten treiben kann.
    Die Leute nannten Lucinden allmählich stolz. Ihr Stolz bestand darin, dass
sie sich selber emporhob, es versuchte mit ihrer mangelhaften Bildung ihrer
immer reichern Erfahrung gleichzukommen. Sie wusste so vieles mehr und besser als
viele andere, und da sie doch an formeller Bildung zurückstand, auch zu träge
und zu unstet war, vielerlei noch zu lernen und nachzuholen - ihre Herrschaft
würde ihr dazu, wenn sie's begehrt hätte, die Mittel geboten haben -, so trug
sie geistig den Kopf mit Bewusstsein ihrer Lücken hoch und erfand sich allerlei
Ersatzmittel und Beschönigungen für das, was ihr fehlte.
    In diesen Erfindungen war sie so glücklich, dass man sie bald das poetische
»Hessenmädchen« nannte und sie bewunderte. Sie war naiv mit Bewusstsein. Sie
konnte den Blick so senken, wie die Andacht selbst. Sie konnte ihn aber auch
wieder aufschlagen, wie jene Medusen, die gerade darum so grausam mit ihren
Blicken tödten, weil sie so anziehend sind, so regelrecht in ihrem Antlitz alle
Linien der Anmut haben. Lucindens Kopf wurde immer mehr ein Gemmenkopf, den
ebenso der blumendurchflochtene Aehrenkranz der Ceres wie das Schlangengeringel
einer Phorkyde schmücken kann. Der Stadtamtmann, der zu den eigentümlichen
Naturen gehörte, die eine wahre Cerberusbissigkeit im Amte mit einer häuslichen
träumerisch weichen und fast lyrischen Art verbinden können, erklärte es für
einen »radicalen Unsinn«, als auf dem Casino davon die Rede war, sein
vielbesprochenes schönes Kindermädchen sollte er die Tracht annehmen lassen, in
der Van Embden seine berühmten blumenzupfenden Dorfmädchen gemalt hat. Er hätte
sie, wenn's nach ihm gegangen wäre, in eine Pension schicken mögen, soviel
Respect hatte er vor ihren Gaben. Nur seine Frau teilte den Entusiasmus nicht.
Sie hörte seit lange nur auf die vielen Klagen, die über Lucinden einliefen.
Alle jungen Mädchen der Bekanntschaft oder Verwandtschaft des Stadtamtmanns
waren eine Zeit lang von ihr entzückt; kaum aber hatten sie einen Vertrauensbund
mit ihr geschlossen, so nannte man sie treulos, verräterisch und warnte vor ihr
die, die sie empfohlen hatten, und die, die sie noch beschützten. Die einen
hoben sie zwar dann in den Himmel, die andern verwünschten sie aber schon. Sie
war oft in dem Grade der Gegenstand der allgemeinen Discussion, dass sich der
Stadtamtmann die Ohren zuhielt, seine Gattin aber, »um dem Dinge ein Ende zu
machen«, ihre Entlassung beantragte.
    Nichts ist so verderblich für die Jugend, als ungestraft böses Beispiel
hingehen sehen.
    Lucinde sah die vornehme Dame, die eine Diebin war, sehr oft wieder. Sie sah
sie auf der Promenade, im offenen Wagen, sie sah sie, von Cavalieren umgeben, im
Teater; ja, eines Tages, eine halbe Meile von der Stadt entfernt, sah sie in
einem öffentlichen Lustgarten des Fürsten, nach dem man Partieen zu machen
pflegt, die schöne Frau in der Begleitung eben desselben Kaufmanns, der sie
hätte vernichten können. Sie bedauerte damals, das seltsame, die dunkeln Alleen
suchende Paar nicht genauer beobachten zu können, denn der, der sie selbst
begleitete, war gerade ein junger Mann aus dem Geschäftspersonal des Herrn
Gutmann und schien gerade seinen Principal hier am meisten vermeiden zu wollen.
Kaum hatte der junge Mann die vornehme Dame mit dem in den Formen höchst
gewandten Herrn Gutmann durch die grünen Laubgänge des Parkes daherkommen
sehen, als er auch Lucinden sofort in eine Nebenallee zog und den Tag über
vermied, sich draussen im Freien zu zeigen. Oskar Binder wusste nichts von den
Ursachen dieser so auffallend intimen Annäherung, und Lucinde errötete noch,
wenn sie darüber nachdachte, wie sie es anstellen sollte, zu verraten, was sie
belauscht hatte, und den Preis zu nennen, um den die Baronin ihre äussere Ehre
gerettet hatte ...
    Der schöne Oskar Binder selbst aber gehörte einer achtbaren Familie an und
war, wie man behauptete, der zuverlässigste und anstelligste unter sämmtlichen
Commis im Bazar Gutmann. Das Vertrauen seines Principals überliess ihm die
Verwaltung der Kasse. Durch sein Äußeres ebenso empfohlen wie durch Namen und
Herkunft, kam er in die Kreise des Stadtamtmanns, und viele der jungen Mädchen,
Töchter von Räten und angesehenen Beamten, zeichneten ihn aus. Dennoch warf er
sein Auge nur auf die halb schon als Pflegekind im Hause des Stadtamtmanns
befindliche »Henriette«. Dass sie eine Schwester hatte, die noch diente, hatte
schon aufgehört; Lucinde verschafte ihrer Schwester eine Stelle in einer
grossen, von einem Verein unterstützten Nähanstalt; ihre Geschwister im
Waisenhause sollten zum Militär gebildet werden. So den Uebrigen fast schon
ebenbürtig, ergänzte sie, was ihrer Stellung mangelte, durch die Geltendmachung
ihrer Persönlichkeit. Der junge Buchhalter hörte, was allmählich alle jungen
Männer von den andern Mädchen über Lucinden hörten, dass sie die Störerin des
allgemeinen Friedens, eine gefährliche, zu jedem Mittel greifende Kokette wäre.
Da sie aber den Reiz des Eindrucks für sich hatte und überdies im Gegenteil
kein Wasser zu trüben schien, zog sie alle an. Sie hatte eine Art, bei
gemeinschaftlichen Spaziergängen allein zu bleiben, irgend nach einer Blume zu
suchen, einen Kranz zu winden, die jeden, den sie mochte, in ihre Kreise zog.
Wenn sie den Schein des Dienens annahm, so half man ihr; wünschte sie selbst
etwas, so vollzog man es. Die noch ländliche Betonung ihrer Worte stand ihr
besonders naiv; sie war anziehend in ihren Äusserungen, und wenn sie lachte, so
konnte sie, wenn sie gerade nicht zu weit darin ging, alles mit sich fortreissen.
Nur zu weit durfte sie nicht gehen. Schüttete sie sich vor Lachen, wie man zu
sagen pflegt, so hatte es den Ausdruck böser Schadenfreude, und all die jungen
Mädchen schienen dann recht zu haben, die zuweilen wünschten ihr geradezu »die
Augen auskratzen« zu können.
    Der junge Buchhalter folgte an jenem Tage, der ein auf die Woche fallender
Feiertag war und ihm wie dem sonst sehr fleissigen Principal Urlaub gegeben
hatte, lieber Lucinden als den übrigen Teilnehmern und Teilnehmerinnen einer
grossen Partie, die einige Verwandte des Hauses, in dem sich Lucinde befand,
veranstaltet hatten.
    Ihre Gegnerinnen behaupteten, dass sie die Kunst, sich in einem Parke
plötzlich zu verirren, weidlich verstünde; aber die, die für sie als Naturkind
und »Hessenmädchen« schwärmten, nannten sie einen Elfen, ein romantisches Wesen,
das die gewöhnlichen Gleise des Alltäglichen nicht zu wandeln brauche.
    Heute hatte sie es auf Eichkätzchen abgesehen, deren sie mehrere schon
aufgehuscht hatte. Die jungen Männer folgten fast zu stürmisch, fast zu
auffallend. Lucinde hatte ebenso das Talent, die Männer für sich allein zu
haben, wie das andere, wenn sie wollte, niemand aus der grossen Ringkette des
gemeinschaftlichen Vergnügens herausfallen zu lassen; sie sagte dann jedem
etwas, was ihn zur Anknüpfung eines Gesprächs ermutigen konnte. Schon war der
junge Buchhalter darüber eifersüchtig, und eben, als er seinen Principal
entdeckte, hatte er es wirklich durchgesetzt sie zu isoliren. Als er nun doch zu
den andern zurückkehren musste, fragte sie:
    Warum fliehen Sie denn nur vor dem Herrn Gutmann?
    Der junge Buchhalter blieb die Antwort schuldig, worüber sie teils aus
Neugier, teils aus Laune in Verdruss geriet. Aber rings gab es nun Augen, die
wussten, dass Lucinde zu den Naturen gehörte, die ihr Gefühl da, wo sie zanken und
Vorwürfe machen, mehr offenbaren als da, wo sie schmeicheln und gut scheinen.
Jetzt sah man aus ihrem Schmollen, dass Oskar Binder, der schöne Buchhalter, der
Bevorzugte war. Als Lucinde sechzehn Jahre geworden, sprach man von ihrer
Verlobung mit ihm.
    Der junge Mann schien eine glänzende Situation zu besitzen. Er überhäufte
Lucinden mit Geschenken, und dennoch versicherte er seinen nächsten Freunden
(auf Dinge, die ihm und ihnen sehr heilig waren, in der Form, z.B. »auf Taille«
oder »Ich will hier nicht gesund stehen!«) dass er von Lucinde noch nie auch nur
die Hand gedrückt bekommen hätte. Auch der Stadtamtmann erfuhr diese
Versicherungen und rüstete sich alles Ernstes auf eine Aussteuer seines
geliebten Findlings, auf den er einen Teil der Sympatieen für Glaube, Liebe
und Hoffnung übertrug, die er sich in einem Beruf voll Mistrauen und Verfolgung
als seine geheimste Lebenspoesie doch zu erhalten suchte. Da aber kam eines
Tages seine Gattin und war über die »teuflische« Natur eines Mädchens im Reinen,
das die Neigung ihrer Nichte, der Hofrats-Eveline, zu irgendeinem andern jungen
Manne, dem Lieutenant Wallbach, durchkreuzen konnte und mit diesem einen ganzen
Abend lang in der Schützengesellschaft in einem Winkel gelacht haben sollte. Die
Hofrätin kam, der Hofrat kam, Eveline wurde krank, der Lieutenant fühlte sich
über die vom Hofrat für ihn zur Verheiratung zu stellende Caution und durch
die Erwähnung derselben in einem Wortwechsel beleidigt und nahm seine Werbung
zurück; kurz, der Stadtamtmann, Evelinens Onkel, musste diesem »Familienunglück«
eine Satisfaction bieten: sie bestand in der endlichen Verabschiedung Lucindens.
    Lucinde, die sich, wie man bitter genug gesagt hatte, »einen andern Dienst
suchen« sollte, machte einige Versuche, den Ernst in Humor zu verwandeln. Sie
gelangen nicht. Der Stadtamtmann musste den Schein vermeiden, selbst von ihr
bezaubert zu sein. Seine Gattin sagte, »ihr Mass wäre voll«.
    So zog Lucinde zu ihrer Schwester, der Nähterin ...
    In dem Behagen ihrer eigenen Interessen tat es ihnen allen nichts, ob da
ein Leben in seiner Entwickelung unterbrochen wurde oder nicht.
    Acht Tage darauf war aber Lucinde für die ganze Stadt verschwunden.
 
                                       6.
Wir finden sie in einer Extrapostchaise wieder, die eines frühen Morgens in jene
zaubervolle, sonnenglanzverklärte Ebene niederfährt, die man von einer grossen
Terrasse der Stadt aus nur mit dem Hochgefühl der Sehnsucht und des Entzückens
betrachten kann.
    Berge ringsum; aber nichts mehr, was bedrückt oder beengt, wie daheim, wo
die vier verhängnisvollen Bächlein niedergingen. Ein grosser freundlicher Strom
schlängelt sich durch Wiesen und Felder hin, und erst die äussersten Ränder
desselben sind mit waldigen Höhen umkränzt. Ueber das ganze grosse Panorama hin
die bunteste Abwechselung. Hier grüne junge Saaten, dort die gelben grossen
Tücher der nordischen Oelpflanze; dann ein dunkler Eichenforst, hinter dem
wieder die blauen Wogen des Stromes aufbljetzten; die Häuser so schmuck mit
roten Ziegeldächern, die Herrschaftssitze mit langen Pappelalleen, die in
mässiger Verwendung jeder Gegend einen ganz besonders vornehmen Ausdruck geben,
und so auf Stunden und auf Meilen hin.
    Die Berge da, sagte Lucindens Begleiter, sind die Weserberge! Dahinter
geht's nach Bremen und dann - nach Amerika!
    Es war ein wunderschöner Junimorgen. Die Sonne brannte, und gern hätte
Lucinde die Glasfenster des Wagens geöffnet.
    Ihr Begleiter wollte erst die nächste Station abwarten. Auch dort noch bat
er, die Schwüle des engen Raumes lieber noch eine Weile zu ertragen.
    Erst gegen zehn Uhr, als sie wohl schon fünf Meilen von der von ihnen
verlassenen Stadt entfernt waren und es eine waldige Anhöhe hinaufging, öffnete
er und liess das Fenster ganz zurückschlagen.
    Viel lieber hätte Lucinde die Aussicht genossen, die sich früher dargeboten
hatte, Fernblicke auf die rotgedachten Meiereien, altersgraue, aus Busch und
Baum hervorblickende Türme alter Edelsitze und Abteien, Mühlenwerke und
Fabriken, deren hohe Schornsteine die blaue Luft mit kräuselnden Nebelwolken
erfüllten, wunderliche Kirchtürme, die bald den Minarets der Moscheen glichen,
bald aber auch ganz verbuttet aussahen, wie alte Büchsen und Flaschen für
Pferdemedicamente ... Jetzt lag nur zur Rechten ein fast undurchdringlicher
Tannenwald, zur Linken ging es eine kleine Anhöhe mit niederm Gehölz hinauf, an
das sich zuletzt eine Buchenwaldung lehnte. Belebt war's ringsum. Fink, Drossel
und Pirol liessen ihren frischen Waldruf ertönen. Aus dem Tannendickicht zur
Rechten hörte man dann und wann ein hallendes Geräusch, das die Nähe von
Holzschlägern verriet. Zur Linken fiel die Sonne so günstig über die grünen
Baumkronen, dass sich ganz jene lieblich magischen Lichtwirkungen erzeugten, die
eben auch nur den Buchenwäldern eigen sind.
    Nach Amerika!
    Das war weit von diesen summenden Käfern, diesen um die Rosse des Postillons
schwärmenden Brummfliegen, weit von diesem selbst, der die Anhöhe zu Fuss
nebenher ging und mit einem aus dem Vorholz zur Linken gebrochenen Birkenzweige
über das lichtbraune Glanzhaar seiner schweissgebadeten Tiere hinfächelte!
    Bei so fernem Reiseziel mochte wohl gerechtfertigt sein, dass der junge
Buchhalter - denn Oskar Binder ist Lucindens Begleiter - schon seit fünf Uhr
Morgens, wo sie ausgefahren, so ausserordentlich nachdenklich ist und immer nur
eine kleine Kassette betrachtet, die er auf dem Schoose hält.
    An und für sich war er fast gekleidet als ging' es zum Balle ...
    Als Lucinde vorm Tore, wo sie seiner Weisung zufolge ohne irgendein anderes
Gepäck, als das sie selbst in der Hand tragen konnte, an zwei einsam am Wege
stehenden Pappeln erscheinen sollte, seiner in einem harrenden Wagen ansichtig
wurde, erkannte sie ihn kaum. Er blickte hinaus und winkte heftig, dass sie rasch
auf den Tritt der Chaise und durch die von ihm gehaltene Tür einsteigen möchte.
Er hatte sich von gestern, wo sie kurz und rasch erklärt hatte, es wäre sicher
am besten, wenn sie sich ihm zur Reise nach Amerika anschlösse, bis heute früh
seinen schönen Bart sowol um Mund wie Kinn und Wange abnehmen lassen, und hatte
eine ganz curiose Physiognomie bekommen, die früher aus der Bartwaldung heraus
kaum erkennbar gewesen war.
    Hätte sie nicht ihr Wort gegeben und wäre des »nun doch verpfuschten« Lebens
in der Residenz überdrüssig gewesen, so hätte sie umkehren mögen, so wenig
gefielen ihr jetzt die Nase, der Mund und die Ohren des jungen Buchhalters, denn
auch diese hatten früher nicht so grell hervorgestanden, als seit heute früh, wo
auch seine schönen langen, zierlich über den Hemdkragen in einem einzigen Strich
herabfallenden dunkelbraunen Haare von der Schere vertilgt worden waren. Die
gelben Glacéhandschuhe trug er wie immer. Für den schwarzen trug er einen grünen
Reitfrack mit goldenen Knöpfen, dazu elegante carrirte Beinkleider, eine hohe
Mütze von schottischem Zeuge mit einer Troddel, und einen Plaid, den er sofort,
als fröstelte ihn in allen Gliedern, über seinen ganzen Körper ausbreitete,
sorgfältig aber dabei der Knöpfe seiner Glacéhandschuhe achtend und diese selbst
ab und zu ungeduldig niederstreifend wie beim Anprobiren ...
    Dafür, dass auch Lucinde sich, nach seinem ausdrücklichen Wunsche, ja Befehl,
gänzlich metamorphosirt hatte, schien er im ersten Augenblick kaum ein Auge zu
haben, und doch bot sie eine phantastische Erscheinung dar.
    Ein kleines kurzes Strohhütchen nahm sie ab, und da fielen ihr die vollen
Haare, die sie sonst nur in Flechten getragen, in langen dunkeln Locken über die
Schulter bis in den Nacken herab. Von gestern Abend sieben bis neun Uhr hatte
sie von ihrer Schwester, die in diese Reise eingeweiht war, sich ihr Haar so
ordnen lassen, hatte die Nacht geschlafen mit funfzig Papilloten um den Kopf,
die von Luisen mit einer grossen, über zwei Talglichtern glühend gemachten
Ofenzange gebrannt worden waren. Alle Liebesbriefe, die beim Ausrangiren der so
»leicht wie möglich« herzustellenden Bagage auf dem Boden der kleinen Dachstube
ausgebreitet lagen, waren zu diesen Papilloten benutzt worden.
    Zu dem reizenden Kopfschmuck gesellte sich fast eine Balltoilette, ein
luftiges, bauschiges, weisses Kleid, das schönste, das sie hatte, bestehend aus
einem geblümten Musselinstoff. Die vor Eile fast atemlos klopfende Brust
bedeckte eine rote Florecharpe mit langhängenden seidenen Fransen. Dazu zwar
hohe Schnürstiefel aus Seidenzeug, keine Schuhe, wohl aber helle Handschuhe und
Manschetten von langen weissen Spitzen. Es hätte zu dieser Erscheinung ein mit
Seide ausgeschlagener offener Landau, nicht die auf jeder Station gewechselte
schmuzige Postchaise gehört.
    Aber sowol für diese Toilette wie für das dagegen auffallend genug
abstechende Bündel, das Lucinden beim Tragen bis zum Tor fast zu schwer
geworden war, hatte der junge Mann stundenlang keine Augen. Ueber seine eigene
Metamorphose lächelte er mit gezwungener Leichtigkeit, und befahl dann immer nur
mit einer seine Begleiterin mehr erschreckenden als ihr imponirenden Barschheit
dem Postillon die grösste Eile.
    Jetzt erst, um zehn Uhr, als Lucinde doch auch einmal aussteigen und sich
etwas dehnen und recken wollte, bemerkte er, wie sie seine Weisung, sich vornehm
und anders als gewöhnlich zu kleiden, bis zum »Auffallenden« misverstanden
hatte; er bat sie, lieber im Wagen zu bleiben. Sie hatte gedacht, er würde
endlich sagen: Nein aber wie schön! Wie entsprechend der gegebenen Anweisung!
Und vollends waren jetzt sogar die Locken aufgegangen und hingen ihr, wie einer
Genoveva, lang über den Nacken herab, ein wildromantisches Aussehen gebend ...
Aber Oskar Binder zankte sogar.
    Die Vögel werden nicht vor mir erschrecken! sagte sie spitzig, als er sich
dabei ängstlich umsah. Sie liess sich nicht abhalten und stieg aus.
    Wie wohl tat ihr's, endlich im Walde die beklommene Brust ausdehnen zu
können!
    Oskar Binder gefiel ihr heute nicht. Sie wusste nicht, wie sie so schnell und
unüberlegt in diese »Gelegenheit nach Amerika« hatte einwilligen können. Sah
diese Reise doch einer Erhörung seiner Huldigungen nicht unähnlich, und doch
hatte sie Oskar'n bisjetzt keine Zärtlichkeit gestattet. Wäre er ihr heute früh
fünf Uhr bei den beiden Pappeln gleich um den Hals gefallen, dann hätte es mit
ihrer Zukunft seine Richtigkeit gehabt, der Augenblick hätte sie überwunden, sie
hätte sich liebkosen lassen und nach Gefühl erwidert; jetzt aber war der
Augenblick verfehlt, und wenn bei den beiden Stationen, die sie hinter sich
hatten, jedesmal beim Weiterfahren der junge Mann einen Anflug von
Zutraulichkeit bekam und ihre Hand ergreifen wollte, zog sie sie zurück. In dem
zornigen Temperament, das ihrem Blute eigen schien, bei dem schwachen »Talent
zur Treue«, wie sie es selbst nannte, überlegte sie schon bei den ersten
ahnungsvollen Blicken in die nächste Ferne, ob denn in der Tat nicht Amerika
auch zu weit liegen möchte; denn nach ihrem Princip mochte sie hier in jedem
Dorfe gleich halten und in jedem Schloss gleich die Leute kennen lernen.
    Den Bitten des nur mit seiner Kassette beschäftigten Oskar, im Wagen zu
bleiben, gab sie kein Gehör. Der Weg ging bergauf, der Postillon schritt auch zu
Fuss und sie wollte sogar noch weiter links in den Buchenwald hinein. Das dort
noch gehäufte Laub vom vorigen Jahre lockte sie. Das raschelte so gleichförmig
zu ihren Füssen hin, und sie wollte dabei an Amerika und das grosse Weltmeer
denken, das sie mit dem jungen Manne und seiner törichten Liebe zu ihr zu
durchschiffen hatte. Und wie gebieterisch er schon wurde! Er rief einmal über
das andere in englischer Betonung: Mary! Mary! Als wenn auch er ihren Namen
Lucinde zu verleugnen hätte! Sie staunte dabei, dass Oskar, wie sie bei den
zurückgelegten Stationen schon bemerkt zu haben glaubte, sich mit den
Postaltern und Wagenmeistern in gebrochenem Deutsch unterhielt. Mehr aus
gereiztem Spott als aus guter Laune war es, dass sie von ihrem Laubmeer, das ihr
bis an die Knöchel ging, zur Landstrasse hinüber antwortete:
    Yes, my dear! Yes, my dear!
    Die englische Conversation tat Oskar'n wohl und schien zu seiner Beruhigung
zu dienen. Während der Postillon horchend mit seinem Birkenzweig die Gäule
kitzelte, fing jener laut einen englischen Discurs an, der im Walde hüben und
drüben nachschallte.
    Lucinde verstand ihn freilich nicht mehr als der Postillon; sie sagte immer
nur: Yes, my dear! Yes, my dear! Ihr Augenmerk war auf Eichkatzen gerichtet,
deren sie nicht wenige aus dem Laube, unter dem noch manche vorjährige Buchecker
lag, aufschreckte.
    Wie sie so hin- und herrannte und die Tierchen die Stämme hinaufschossen,
musste sie sonderbarerweise der längst vergessenen und aus der Stadt
entschwundenen Frau Hauptmännin von Buschbeck gedenken. Diese stand ihr
plötzlich in dem Nachtkamisol mit der grossen Haube über der Nase und dem
aufgebundenen Unterrock vor Augen und vergegenwärtigte ihr besonders den Moment,
wenn sie auf den Mäusefang ging. Fand nämlich Frau von Buschbeck auf ihrem Boden
der Kartoffeln zu viele zernagt, so hatte die seltene Frau auch das Talent,
Mäuse aus freier Hand zu fangen. Lucinde war ihr oft nachgeschlichen, wie sie
auf der Hühnersteige, die zum Dache führte, auf der Lauer lag, listig um sich
blickte und mit raschem Griff sich eines ihrer Opfer bemächtigte. Hing dann am
Morgen in der Küche immer ein halb Dutzend Mäuse an den Schwänzen aufgereiht und
hätte die Jägerin gesagt, es wäre ein Vorurteil, so reinliche und leider von
den besten Dingen sich nährende Tierchen nicht zu speisen, in den ersten
Wochen, wo Lucinde von Langen-Nauenheim zu ihr gekommen war, hätte sie voll
staunender Bewunderung und in ihrer »damaligen Dummheit« nicht widersprochen,
sondern sie auf Befehl gegessen, gesotten oder gebraten, wie die Frau
Hauptmännin nur gewollt. Warum ihr aber das gerade jetzt so entgegenkam? Hier im
Walde? In dieser Einsamkeit? Sie sah die Alte deutlich, sie sah sie zwischen den
Bäumen hinhuschen und Mäuse fangen; sie musste sich schütteln; sie kannte sich
noch darauf nicht, was es ist, vom Fieber durchschauert zu werden. Sie war vor
Aufregung seit gestern Abend mit dem Lockenbrennen und Frühaufstehen und »nach
Amerika Reisen« nicht zur Ruhe gekommen und eine Krankheit drohte.
    Der junge Anglo-Amerikaner merkte nicht, wie gespenstisch blass sie sah, als
sie mit hängenden Locken über das raschelnde Buchenlaub zu ihm zurückkehrte und
in den Wagen stieg, der jetzt bergab und schneller fuhr. Nur wieder seine
Kassette, sein gedrucktes Reisehandbuch und die Entfernung bis zur nächsten
Station hatte er im Kopfe.
    Eine wundervolle Gegend! sagte er dann einmal ganz gedankenlos und bemerkte
kaum, wie sich Lucinde in die Ecke des Wagens drückte, seinen Plaid um sich zog,
den er ihr schon nach der zweiten Station übergelegt hatte, als es sie dort
schon trotz der Schwüle des geschlossenen Wagens fröstelte.
    Ich will schlafen! sagte sie jetzt und zog den Plaid bis über die Stirn.
    Hätte der Entführer eines den wunderlichen Widerspruch von Gescheidt und in
vielem noch völlig Beschränkt verbindenden Mädchens Gefühl gehabt für
irgendetwas anderes als die Sorge, für seine Reise einen grossen Vorsprung zu
gewinnen, so hätte er bemerken müssen, wie ihr Antlitz in Wachs sich verwandelt
hatte, ihre Lippen bebten, ihre Hände schlaff hingen, das Kleid sich verschob
und die Schultern marmorkalt hervorsahn. Es war auch wohl ein solches Fieber,
wie man es nach geistigen wie leiblichen Geburten hat. Sie begriff allmählich,
wie es doch mit dieser schnellen Reise zusammenhängen mochte. Oskar Binder hatte
Ursache zur Eile. Lucinde war, einfach in die Sprache der täglichen Welt
übersetzt, erstens von ihm entführt, und zweitens war sie es von einem Diebe.
    Dass sie in ihrem Zustande keine Erquickung, keine Mittagsrast begehrte, kam
dem Flüchtling ganz genehm. Er eilte nur und wetterte auf allen Stationen im
geläufigsten Englisch oder gebrochenen Deutsch. Gegen Mittag kaufte er kalte
Küche, sie im Wagen zu verzehren.
    Lucinde wollte nur einen Trunk Wasser.
    Jetzt bemerkte er erst ihren Zustand ...
    Ich bin das Fahren nicht gewohnt, hauchte sie.
    Ihre Zunge war trocken. Wenige Tropfen Wassers löschten den Durst nur auf
einen Augenblick; und doch schauderte sie, mehr zu trinken. Sie drückte sich
wieder in ihre Ecke.
    Da sie die Versicherung gab, dass ihr nichts fehle, beruhigte sich der
Flüchtling.
    Es war zwei Uhr, und man hatte wohl schon acht Meilen zurückgelegt. Die
Gegend nahm einen neuen Charakter an. Oskar Binder fing an zu trällern; er pfiff
sich einige Arien, die er sonst wohl auch mit einer schönen Tenorstimme zu singen
verstand. Er bekam die unternehmende Haltung wieder, die ihm sonst geläufig war,
strich sich das Gesicht an den Stellen, wo sonst sein Bart gestanden hatte, und
lachte einmal über das andere laut auf.
    Jetzt interessirten ihn kleine Dinge am Wege, ein Dorf, ein bellender Hund,
dem er nachahmte und ihn damit nur noch heftiger reizte, die Landestracht. Auch
den falschen Engländer hielt er nicht mehr so consequent fest und gegen Lucinden
wurde er aufmerksamer. Er setzte sich rücklings und lehnte die Halbschlummernde
über den Rücksitz bequemer aus, schlug ihre Füsse in seinen ausgebreiteten Plaid,
strich die langen Haare von der kalten feuchten Stirn zurück, küsste die Hände,
deren Handschuhe schon abgezogen waren, und kniete sogar nieder, um von dem
Glück seiner Eroberung, von der Zukunft, von der baldigen Ruhe in einem guten
Hotel und den Bequemlichkeiten eines ersten Kajütenplatzes auf einem
deutsch-amerikanischen Dampfer zu sprechen.
    Lucinde hörte allem in träumerischer Abwesenheit zu. Die Küsse, die ihr
Begleiter auf ihre Hände drückte, schien sie nicht zu fühlen. Ruhig liess sie ihn
auch ihre Locken streicheln. Zu lange auch verweilte er bei seinen
Zärtlichkeiten nicht; immer wieder fuhr er auf, das kleinste Geräusch konnte ihn
erschrecken. Kehrte er dann von einem Blicke aus dem Wagenschlage zurück, so
griff er erst nach seinem Reisehandbuche und verglich das, was er las, mit dem
was er eben draussen gesehen.
    Seltsam genug mochte ihm sein, in seinem »Guide« vielleicht zu lesen: Nun
öffnet sich das grosse Becken, wo einst die Römerwelt mit den Germanen
zusammenstiess, Varus seine Schlachten verlor, Arminius das Schwert des Rächers
über die vernichteten Legionen schwang, bis dann um achtundert Jahre später die
Römer wiederkehrten, mit dem Kreuze voran, dem Schwerte Karl's des Grossen
hintennach. Hier an diesen Strömen vollzogen sie an den Sachsen die Bluttaufe
...
    Von den Wonnen des Geschichtskundigen, der hier zwischen diesen Bergketten
und Längentälern die ersten deutschen Klöster errichtet weiss, die damaligen
ersten Pflanzstätten der Bildung, der das Auge dort nach einem sagenreichen
Hügel, hier nach einer waldverlorenen Kapelle richtet und sieht, wie zwischen
Katolicismus und Protestantismus das Land geteilt wellenartig dem grünen
Landmeere, Westfalen genannt, und von dort den grossen geschichtsmassgebenden
Strömen und Meeren zu sich windet ... davon hatte nach Bildung und Gefühl das
starre Auge des jungen Verbrechers keine Ahnung.
    Um drei Uhr war es wieder eine Waldung, in die die Reisenden einfuhren ...
    Diesmal eine von Birken. Geisterhaft standen die blendendweissen schlanken
Stämme, die Zweige hingen nieder wie an den Trauerweiden. Kein Herbstlaub war
von den dürftig geschmückten Kronen mehr auf dem Boden sichtbar, Moos und
Flechtengewächse zogen sich, von blauen Blumen unterbrochen, weitin zwischen
den sonnenbeschienenen, feenhaft winkenden Stämmen. Hielt der Wagen, so
flüsterte es von den Espen, die zwischen den Birken standen, wie ein Säuseln der
Allnatur, und Wässerchen sickerten da und dort aus dem Moose hervor und
benetzten die ihrem Laufe schon folgenden Vergissmeinnicht wie in der Idylle
eines Traumes.
    Lucinde lag in Betäubung ... Ihr Auge war geschlossen, doch schlief sie
nicht. Sie fühlte wohl, dass die immer gewecktere Laune, immer fröhlichere
Stimmung ihres Begleiters angefangen hatte nur ihr allein sich zu widmen; sie
duldete es, um nur Ruhe zu haben. Sie wusste und fühlte wohl etwas von der
Berührung ihrer Lippen. Sie war machtlos, geistig und körperlich ohne Willen.
    So ging es eine Weile wie im Traume fort ...
    Da plötzlich springt sie auf, wie von einer Natter gestochen. Der Mut des
jungen Mannes hatte mehr gewagt. Krampfhaft stösst sie ihn zurück und sieht ihn
mit starren, weit aufgerissenen Augen an ...
    Aber auch ihm war gerade in demselben Augenblicke mehr geschehen als nur der
Widerstand eines ihm zu hülflos geschienenen Opfers.
    Die fünf Finger jeder Hand streckte er krampfhast vor sich ihn, wie einer,
der eine Scene unterbricht mit plötzlicher Anstrengung seines Gehörs, und kaum
hatte diese Bewegung eine Secunde gedauert, kaum Lucinde ihr eigenes Entsetzen
vor dem starren Schreck des Frevlers vergessen, als dieser nach einem Griff auf
seine immer zur Hand stehende Kassette den Schlag geöffnet hatte, Halt!
donnerte, ohne Mütze aus dem Wagen sprang und für sie verschwunden war.
    Lucinde sank vor dem plötzlich haltenden Wagen in den Sitz zurück, erhob
sich aber wieder, wickelte sich aus dem Plaid heraus und machte Miene,
instinctmässig dem Flüchtling zu folgen.
    Indem schlug ein Geräusch an ihr Ohr wie von Pferdehufen.
    Sie blickte zum Schlag hinaus, den der Postillon voll Erstaunen über das
Benehmen seines Passagiers auch auf seiner Seite, der linken, geöffnet. Man sah
zwei Gensdarmen mit klapperndem Seitengewehr in noch ziemlicher Entfernung
daherjagen. Lucinde, wie in der Ansteckung des Augenblicks, springt hinunter,
die Pferde halten aber nicht recht, scheuen und wollen auf den Fussweg. Dadurch
gibt ihr der Instinct des Moments den Gedanken, nicht zur Rechten, wo Binder
verschwunden war, zu entfliehen, sondern nach der linken Seite. Ein Fluch der
Verwunderung von seiten des Postillons folgt ihr. Sie rennt das niedrige
Gestrüpp quer hindurch. Haselgesträuche und Brombeerhecken biegt sie zurück,
läuft, wie von Furien verfolgt, in der ganzen atemlosen Hast der
fieberhaftesten Erregung, mit Kräften ausgerüstet, die sie im Augenblick
hernimmt, sie weiss nicht woher, läuft durch Heck' und Moos, durch weiche,
versinkende Stellen, Sträuche zurückbiegend und keinem Verstecke, der sich
darbietet, vertrauend. Wie von der Luft getragen, fliegt sie dahin, und erst,
als sie nicht mehr kann, reicht das Entsetzen über Gefahren, die sie sicher
nicht zu gross sich ausgemalt, nur noch so weit aus, auf die Zweigstämme eines
rings von hohen Büschen umgebenen Baumes zu klettern, die Zweige des Umwuchses
zurückzudrängen, die höhern Wipfel an sich zu ziehen, sich fest an sie
anzuklammern und mit einem einzigen kühnen Sprunge auf die Astgabel des Baumes
zu springen, wo sie dann leichtere Mühe hat höher zu klimmen und atem- und
kraftlos, mit herabhängenden Händen und niedergebeugten Hauptes
zusammenzusinken.
    
    So lugt der Luchs mit starren Augen aus grünen Zweigen und harrt des
nahenden Jägers.
 
                                       7.
In dieser Stellung blieb Lucinde wohl eine Stunde.
    Sie hatte oft schon auf Bäumen gesessen, aber so in Angst und Kraftlosigkeit
noch nie. Mit den über einen gewaltigen Ast ausgelegten Armen hing sie mehr, als
sie auf einem untern mit den Füssen stand. Der Schweiss, der ihr von der Stirn
troff, musste ihr gut tun; sie behielt wenigstens die Besinnung, und diese lieh
dem Körper Kraft.
    Lang hingen die Haare, das weisse Kleid war zerfetzt, ihr roter Shawl war
irgendwo hängen geblieben. Ihr ganzer Sinn spitzte sich nur auf das Gehör zu.
Wenn ihr Auge über etwas funkelte, war es ein Blatt, das rauschte, ein Käfer,
der summte.
    Sie besann sich sogleich darauf, dass sie ungewiss sein konnte, ob sie mehr
vor den Häschern als vor ihrem Begleiter so geflohen war.
    Als sie nichts hörte, keine Menschentritte, kein Geräusch von Waffen, konnte
sie endlich die Miene so verziehen, dass die weissen Zähne eine Weile
hervorstanden, wie immer, wenn sie spöttisch lachte ... Es war ein Lachen, das
allmählich in ihrem Innern so platzgriff, dass es sich auch äusserlich geltend
machte. Sie lachte, wie die Verzweiflung pflegt, wenn sie nicht mehr aus noch
ein kann. Sie überlegte, was nun alles kommen konnte! Wenn sie aus dieser Lage
nichts Neues und Unerwartetes erlöste, sah sie Demütigungen entgegen, die
grauenhaft waren.
    Alles blieb still ...
    Sie traute sich die Kraft zu, niederzusteigen ...
    Der Gedanke: Wie, wenn sie durch die Nacht so hinwandern könnte, durch die
Wälder, die Berge, über die Meere - bis Amerika! der stand ihr so lange bei, bis
sie wieder auf ebenem Boden war und dann freilich vor Erschöpfung bald
zusammensank. Sie hatte seit dem gestrigen Tage keine Nahrung genommen. Nun lag
sie kraftlos und griff nach den Zweigen der Sträucher über sich und beugte sie
zu sich nieder, hoffend auf Erquickung. Nirgends eine Frucht. Erdbeerbüsche sah
sie etwas weiter, aber die Früchte waren abgestreift. Dies bewies ihr wenigstens
Menschennähe. So lag sie lange; sie legte den Kopf über die gekreuzten Arme und
schmachtete so hin ...
    Seit lange hatte sie solche Einsamkeit auch ihres Innern nicht gefühlt.
    Doch mit Tränen konnte ihre Natur sich nicht helfen. Vor acht Tagen - da
hätte sie »beinahe« geweint, als sie das Haus des edeln Mannes, des
Stadtamtmanns, verliess. Sie weinte auch wirklich, als die alte Köchin über ihr
tröstend und doch kopfschüttelnd gesagt hatte: Jettchen, Jettchen, Sie werden
noch Traurigeres in der Welt erleben, als das ist! Sie hatte schon seit lange
nicht mit der Alten gesprochen, weil sie zu stolz geworden war. Aber lange hatte
die Rührung nicht gedauert. Sie wühlte schon damals nach einer Genugtuung. Da
sich keine fand, da ihr überall der Weg versperrt war nach der Seite hin, wo
allein ihrem Stolze genügt werden konnte, so war sie bereit gewesen, das Netz,
das sie überspann, zu zerreissen und mit Oskar Binder in die weite Welt zu gehen.
Wie das so war und werden konnte, hatte sie nicht viel überlegt. Nun sah sie's
und neu genug waren die Folgen ... Jetzt blickte sie in einem Walde einsam
hinein in Moos, Farrnkräuter, Sträuche mit Blüten und Beeren, die zum Herbste
reiften ... Was dieser ihr wohl bringen wird!
    Die kleinen Käfer und Insekten um sie her konnte sie noch verfolgen, wie sie
sprangen und sich kugelten und auf Halme kletterten, die am Gewichte derselben
zusammenknickten ...
    Es regt sich doch alles, es nährt sich doch alles! Das zu denken, auch jetzt
zu denken, war längst ihre Art, und so elend ihr zu Mute blieb, aufstehen würde
sie doch, wenn nicht gleich jetzt, doch noch vor Abend; und zurückdenken mochte
sie am wenigsten; aufrichtig beklagen, sich etwas vorwerfen, bereuen, das hatte
sie nie vermocht, und wenn sie sonst gestraft worden war, Tränen kannte sie
auch da nicht. Ihr Vater weinte wohl dann statt ihrer und seufzte: Die Mutter!
    Nach einer halbstündigen Ruhe raffte sie sich wieder in die Höhe. Sie
ordnete ihr Haar, soweit es ging, erschrak zwar über den Zustand ihres Kleides,
versuchte aber weiter zu kommen.
    Sie hielt sich an die Zweige und Stämme. Einen Weg fand sie nicht. Sie war
gauz im Dickicht, und doch war ihr's manchmal, als läutete von irgendwoher eine
Glocke. Dann war's bloss wieder ein Summen im Grase oder im Ohre. Einige hundert
Schritte brachte sie so vorwärts; weiter trug sie ihre Kraft nicht mehr ...
    Es war an einem wunderschönen Platze, wo sie zusammensank. Der Wald wurde
lichter, die Birken ragten wieder, Erlen, auch Weiden kamen. Sie sah sogar in
der Ferne Schilf, dicht verwachsen; nun musste doch ein Wasser kommen. Sogar
Schwalben schossen daher, die sonst im Walde nicht wohnen. Auch eine Lerche
wirbelte ein Abendlied in der Luft. Aus dem Schilfe blickte manche dunkelblaue
Blume ihr entgegen. Weisse Nymphäen sah sie auf kleinen Wässerchen. Das Gras um
sie herum war von Vergissmeinnicht gezeichnet ...
    Immer müder und müder wurde ihr. Rings der grosse schweigende Kranz des
Waldes, hier ein kleines Wassereiland, drüber der blaue Himmel mit einigen wie
durchsichtigen Rosawölkchen in allerhöchster Höhe. Sie blickte noch einmal
empor, dann fasste sie, wie um sich zu halten, einen Büschel blauer
Glockenblumen, und lag dann so, diese in der Hand haltend, ohne Bewusstsein. Eine
grüne, behend dahinschlängelnde Eidechse, die sie im Sinken unter einem
feuchten, moosbewachsenen Steine aufscheuchte, sah sie wohl noch, aber fürchtete
sie nicht mehr.
    Als Lucinde erwachte, war es dunkler Abend.
    Ihre Ohnmacht war in Schlummer übergegangen. Sie erwachte an derselben
Stelle.
    Obgleich sie schwer geträumt hatte und im Traume weit entrückt gewesen war
in ferne Lande, so erkannte sie doch sogleich den Ort wieder trotz der
Dunkelheit.
    Nur Gesellschaft hatte sich eingefunden. Es sass ein Mann neben ihr.
    Es war ein ihr völlig Fremder, und doch erfüllte er sie nicht im mindesten
mit Schrecken.
    Seine Geberde war auch zu sprechend für die Gefahrlosigkeit seiner Nähe und
seiner Absicht. Er lag auf den Knieen, faltete die Hände, die er lässig
niedergleiten liess, und betrachtete die Erwachende, wie wenn er eine
überirdische Erscheinung angebetet hätte.
    Ihr Erwachen schien den Fremden mit grosser Freude zu erfüllen.
    Er war hoch und stark, ein Mann eher noch in jungen als in mittlern Jahren.
    Sein Antlitz, soweit es der schon nächtlich gedunkelte Abend erkennen liess,
war voll, gerötet, beides fast im Übermass.
    Die Art und Farbe der Augen liess sich vor dem Schirm einer leichten
Sommermütze, die er trug, nicht erkennen.
    Auch seine übrige Tracht war von leichtem, hellem Sommerstoffe, bis zu
Gamaschen hinunter, die er trug.
    Das Halstuch war mit einem Ring zusammengebunden, dessen weisse Steine
wunderbar funkelten. Eine schwere goldene Kette hing über die offene Brust
hinweg über ein sauber gefälteltes Hemd. Von der grünen Waldeseinsamkeit stachen
die weissen Glacéhandschuhe ab, die auch dieser Fremde wie Oskar Binder trug und
trotz seines Knieens und seiner wie anbetenden Geberde nicht ausgezogen hatte.
    Noch ehe Lucinde sich in diesen seltsamen Anblick gefunden, wurde sie von
dem fremden Manne angeredet. Es war in einer fremden Sprache, die aber einige
deutsche Laute untermischt hatte, und das so richtige und volltönende, wie wenn
ihm jene doch nicht recht geläufig war.
    Die sich gleichbleibende Stellung und ehrfurchtsvolle Anrede des Fremden
überraschte Lucinden jetzt so, dass sie sich erhob und einige Worte sprach:
    Wer sind Sie? Wo bin ich?
    In diesem Augenblicke kamen aber auch schon aus dem Walde einige Leute und
brachten einen grossen Tragsessel.
    Ein älterer, schwarzgekleideter Mann führte sie und näherte sich mit
Anweisung der Stelle, wohin sie ihm mit dem Sessel folgen sollten. Da er
Lucinden schon aufgestanden und jetzt wie auf der Flucht fand, rief er ihr
entgegen:
    Mein junges Kind! Fürchten Sie sich nicht! Sie sehen hier nur die Sorge des
Herrn Kammerherrn! Wir waren im Begriff, Sie auf diesem Stuhl in meine Wohnung
zu bringen!
    Lucinde war sich ihrer eigenen Abenteuerlichkeit zu gut bewusst; wie hätte
sie von den Männern, statt Aufklärungen zu geben, welche verlangen können!
    Sie müssen ermüdet sein! Setzen Sie sich! Diese Leute sind stark genug, Sie
den Weg, der nicht zu kurz ist, in meine Wohnung zu tragen!
    So sprach wiederholt der Neuhinzugekommene, ein hagerer, langer Mann, von
gelassenem Wesen. Sie musste nach Tracht und Haltung in ihm einen Dorfgeistlichen
vermuten.
    Der als Kammerherr Bezeichnete war aufgestanden und hielt sich immer nur in
einiger Entfernung, faltete die Hände und betrachtete Lucinden wie ein Wunder,
das sie in dieser Umgebung, in ihrem wilden und doch eleganten Aufzuge
allerdings auch war.
    Ermüdet und schwach bis zum Umsinken, liess sie sich die Dienstleistungen der
Leute gefallen, duldete, dass man sie auf den Sessel hob, diesen dann kräftig
erfasste und sie so aus dem jetzt schon vom Monde beschienenen und von
Leuchtkäfern und schwärmenden Phalänen belebten Schilfmoor in den dunkeln Wald
zurücktrug.
    Die Träger sprachen nichts als was zur Verständigung des bessern Handhabens
des Stuhles gehörte; auch die beiden andern, der Kammerherr und der, den sie für
einen Geistlichen hielt, folgten schweigend.
    Lucinde, so dahingetragen den schmalen düstern Waldweg, glaubte noch immer
zu träumen, und doch war alles Wirklichkeit. Diese geisterhaften Lichter, die
der Mond zwischen die hohen Stämme warf, waren zu natürliche.
    Aber das Gefühl, einer Gefahr entgegenzugehen, konnte hier nicht aufkommen.
Die beiden Männer blieben zwar in lebhaftem, wie sie hörte, jetzt in
vollkommenem Deutsch geführten Gespräch zurück, aber die gutmütigen Mienen
ihrer Träger liessen auf ehrliche Dorfbewohner schliessen.
    Lucinde war so angegriffen, dass sie mit sich geschehen liess, was man tun
wollte. Sie lehnte den Kopf an die Rückenlehne des Sessels und hörte nur.
Endlich vernahm sie das Schlagen einer Turmuhr und Hundegebell. Sich ein wenig
aufrichtend, sah sie einige Lichter blinken, auf die man in gleichmässiger
Bewegung zuschritt.
    Der kleine Zug kam in ein stilles, schon in nächtlicher Ruhe sich wiegendes
Dorf. Die hintern Begleiter hatten eine Strasse abgeschnitten und waren den
Trägern voraus. An der Kirche lag ein stattliches Haus, dem letztere durch ein
zur Seite liegendes grosses Hoftor schneller beikommen wollten; doch der
Kammerherr sprang heran und rief ein gellendes: Nein! indem er auf den
Haupteingang des Hauses selber zeigte. Seine Gestalt und Stimme bot in diesem
Augenblicke einen ängstlichen Eindruck. Lucinde hätte gewünscht, von ihm minder
geräuschvoll geehrt zu werden.
    Dass sie sich in einem evangelischen Pfarrhause befand, bemerkte sie bald an
der Umgebung, die immer lebhafter und zahlreicher wurde. Eine freundliche Frau
beklagte sie, erklärte sie ohne Zweifel für verirrt, für krank, und rühmte den
Kammerherrn, der die Unglückliche entdeckt hätte, die an jener Stelle im Walde
unfehlbar die Nacht würde haben verbleiben und sich vollends verderben müssen.
    Man trug Lucinden eine Treppe hinauf, in ein zwar niedriges, aber
freundliches und sehr geräumiges Zimmer, neben welchem ein Cabinet mit Bett sich
befand. Alles war schon hergerichtet zu ihrem Empfang. Jeder griff zu, jeder bot
ihr Hülfleistung; nur der Kammerherr stand unausgesetzt von fern und
betrachtete, was er sah, wie eine Märchenerscheinung. Jetzt übersah Lucinde die
ganze lange, starke, breitschulterige Persönlichkeit, deren zartes, fast süsses
Benehmen mit diesem Äußern in einem fast komischen Contraste stand.
    Ihre Erklärung, dass sie sich verirrt hätte, genügte vorläufig und
verhinderte alle weitere Nachforschung. Man war bedacht, sie mit Speise und
Trank zu versorgen und ihr die Ruhe eines weichen Lagers zu gönnen. Sie
unterwarf sich auch jedem, was man zu ihrer Stärkung und Bequemlichkeit ersann.
Sie war nur das willenlose Echo jedes gesprochenen Wortes bis auf das: Gute
Nacht! das man ihr zurückliess und das sie ebenso erwiderte. Sie hörte noch etwas
wie den gezogenen Ton eines Wächterhorns und entschlief.
    Die weniger kräftige als zähe Natur Lucindens hatte sich am folgenden Morgen
vollständig wieder erholt. Von einem wohltätig über Nacht ausgebrochenen
Schweisse merkte sie jetzt kaum noch etwas, als die gewonnene Stärkung. Sie
richtete sich, wie die Sonne hell in die sehr niedrigen, aber wohnlichen Zimmer
schien, hoch auf und lachte schon wieder über die Situation, in der sie sich
befand. Man war schon um sie her beschäftigt gewesen. Sie fand schon Kleider,
Wäsche, Hülfsmittel ihre Toilette zu machen, erfrischendes kaltes Wasser. Sie
konnte annehmen, dass sie mit Oskar Binder in den von ihm so hochgerühmten Hotels
der Seestadt Bremen angekommen und eine Gräfin war, als welche er sie überall
behandeln zu wollen versprochen hatte. Bei dem Gedanken, ob der junge Mann nicht
schon auf dem Wege ins Zuchtaus war, überlief sie eine peinliche Furcht. Sie
erwog indessen ihren Anteil an seiner Schuld und durfte sich freisprechen bis
auf den verlorenen Ruf. Letztere Betrachtung störte sie nicht zu lange: ihrer
Natur widersprach es, sich um irgendetwas allzu viel Sorge zu machen.
    Die Kleider, die sie vorfand, entsprachen freilich der Vorstellung von einer
reisenden Gräfin sehr wenig.
    Es waren leichte, vielfach gewaschene und von der Sonne ausgebleichte
Kleider der Frau Pfarrerin.
    Sie zog einen der Röcke an und lachte über sich selbst, als sie in den
Spiegel geblickt, von dem sie erst zwei sich kreuzende Pfauenfedern und eine
Anzahl Visitenkarten und geschriebene Einladungen zu Mittagessen und
Kaffeegesellschaften in der Umgegend wegnehmen musste.
    Wie eine Grossmutter! sagte sie, von diesen Familienbezügen angeregt, zu sich
selbst. Sie sann hin und her, wie sie sich helfen konnte, denn vollkommen
gegenwärtig war ihr die Anwesenheit eines Mannes, den man Kammerherr genannt und
der ja vor ihr anbetend auf den Knieen gelegen und sie wahrscheinlich spanisch
oder arabisch begrüsst hatte. Leise hatte sie auch schon die an den Fenstern
dicht herabfallenden gemusterten und rot umsäumten Musselingardinen gelüftet
und richtig schon ihren Verehrer in dem kleinen Garten vor dem Hause auf- und
abwandelnd erblickt.
    Lucinde war eitel genug, die glänzende Toilette, in der er erschien, auf
ihre Veranlassung zu setzen. Er trug eine hellblaue Uniform mit goldgesticktem
Kragen, mehrere Orden auf der Brust und einen dreieckigen Tressenhut auf dem
schon wieder sehr roten Antlitz. In gravitätischer Würde ging der Kammerherr
durch die zierlichen Wege des kleinen Blumengärtchens auf und nieder und brach
nur dann und wann zu einem Bouquet, das er schon in Händen hielt, noch eine Rose
oder aus den Einfassungen der Beete eine Federnelke.
    Zunächst ordnete sie ihr verwildertes Haar. Sie legte es wie sonst wieder in
Scheitel und Flechten. Um Locken zu machen, fehlte die Feuerzange ihrer
Schwester.
    Diese Umwandlung dauerte lange. Sie wurde ihr aber angenehm durch eine ganz
wunderbare Unterhaltung, die plötzlich durch das Haus ertönte. Eine Musik
erfüllte die nicht unansehnlichen Räume desselben, und zwar mit einem Wohllaut,
der höhern Sphären angehörte. Jedes Glas auf dem Tische, die Fensterscheiben,
die Bilder an der Wand, ja, die klappernde Tür eines gusseisernen Ofens, alles
schien von dieser Musik mit ergriffen, so mächtig brausten die Accorde
durcheinander, ob sie gleich nur von einem einzigen Instrumente, etwa von einer
riesigen Flötenuhr, zu kommen schienen.
    Was ist das? fragte Lucinde die Magd, die sie in seltsam fremder, ihr nicht
geläufiger, plattdeutscher Sprache um das Frühstück anging, das sie zu haben
wünschte.
    Der Herr Pfarrer spielt! hiess es.
    Ja, aber was? worauf?
    Die Magd lächelte verlegen; ihr guter Wille, Aufklärung zu geben, scheiterte
an einem schweren fremdartigen Namen.
    Die Töne schwollen indes und lösten sich ab mit einer Weihe und Erhabenheit,
die der feierlichsten Kirchenmusik gleichkam. Bald waren es Flöten, bald Oboen,
bald die Töne eines Violoncells. Nur einmal hatte Lucinde ähnliche Eindrücke
gehabt, damals, als sie zur Osterzeit gelegentlich die kleine katolische Kirche
der Residenz betreten, um zu belauschen, wie sich die Frau Hauptmännin
anstellte, im Beichtstuhl zu sitzen. Sie erfuhr später, dass die geizige Frau,
die den Satan ohnehin für den wahren Herrgott hielt, nur deshalb alle Jahre
einmal zur Beichte ging, um ein monatliches gänzliches Fasten zu motiviren, das
sie darauf als eine ihrem Hause für ihre Sünden dictirte Strafe einführte.
Lucinde dachte auch bei dieser Musik an jene Zeit der bittersten Entbehrungen.
    Da ihr schönes Kleid einer gründlichen Ausbesserung bedurfte, wenn es nicht
gar ganz verdorben war, so blieb ihr nichts übrig, als für ihr Costüm sich den
Umständen zu ergeben. Sie bat um eine Haube und erhielt sie. An dem Schnitt
ihres Antlitzes, an dem Reiz ihrer Formen war nichts zu entstellen, sie konnte
den Eindruck einer eben verheirateten jungen Frau machen. Sie nahm dann ein
leichtes Frühstück von Milch und eilte an die Quelle der berauschenden Töne, die
das ganze Haus verzauberten.
    Man empfing sie unten sehr freundlich und wünschte ihr Glück zu ihrer
schnellen Erholung. Ihre Toilette fand man erfindungsreich und entschuldigte
sich, ihr nicht mehr bieten zu können. Die Musik hatte denselben Augenblick
aufgehört. Auf ihr Befragen, welchem Instrument man verstanden hätte diese
wunderbaren Töne zu entlocken, zeigte der Pfarrer auf einen Kasten, in welchem
eine Reihe von Gläsern, eins ins andere gesteckt, an einem Bande in der Schwebe
gehalten lagen. Durch eine mechanische Vorrichtung bewegten sie sich, gerieten
durch ständiges Drehen in Schwingungen und wurden nun mit den Fingerspitzen je
nach ihrer Stimmung berührt. Diese Art des Spielens schien anstrengend. Man
musste die Gläser durch Friction in Umschwung erhalten. Der Anblick selbst war
lange nicht so poetisch wie die Wirkung. Es war eine, jedenfalls verbesserte,
jener alten und echten Harmoniken, die Benjamin Franklin erfunden haben soll,
und die schon lange aus dem Gebrauch des Virtuosentums gekommen sind und nur
hier und da noch von einem Freunde ernster und weihevoller Musik gespielt
werden. Der Pfarrer und die Pfarrerin, beide waren gleich geschickt darin.
    Das nächste Gespräch, an welchem in bescheidener Zurückhaltung einige
freundliche Kinder, zwei Mädchen und zwei Knaben, teilnahmen, betraf natürlich
das gestrige Finden der Verirrten.
    Der Pfarrer hatte mit dem Kammerherrn, der immer noch im Garten, harrend und
seinen Strauss vervollständigend, auf- und niederging, kurz vor Sonnenuntergang
noch einen Spaziergang gemacht. An dem Riedbruch, wie die bezeichnete Gegend
benannt wurde, hatte man Lucinden überraschend genug und im Schlummer
hingestreckt gefunden. Ihr zerrissenes Kleid, die aufgelösten Haare hatten
keinen Zweifel gelassen, dass es sich um eine Kranke handelte, und schnell war
der Pfarrer zum Dorfe geeilt, während der Kammerherr zur Aufsicht
zurückgeblieben war.
    Zwei fast gleichzeitige Fragen, die ihrerseits nach der wunderlichen Art des
letztern, und die Frage der Pfarrersleute, wie und woher sie denn in diese
misliche Lage gekommen, durchkreuzten sich eben, als man vorm Hause einen
fürchterlichen Lärm hörte, Schimpfreden und Drohungen wildester Art.
    Ja, was ist wieder? sagte ruhig der Pfarrer und ging hinaus.
    Lucinde sah, dass sich der Kammerherr wie ein Tobsüchtiger geberdete und in
einige Entfernung hinausschrie:
    Schlingel, nichtswürdiger Schurke, Tagedieb! Wo bleibt mein Degen? Wie lange
soll ich nach meinem Degen rufen? Bin ich der Kammerherr von Wittekind oder
nicht?
    Da auch die Pfarrerin auffallenderweise sehr ruhig in den Garten ging, so
nahm Lucinde keinen Anstand zu folgen. Sie hatte schon die Tür in der Hand, als
ihr auffiel, wie schnell das älteste der Mädchen an die Harmonica sprang und
einige der Gläser mit dem mühsam ausgebreiteten Spann ihres kleinen Händchens zu
reiben sich mühte.
    Was ist das alles? fragte sie sich und war um so mehr betroffen, weil der
Name Wittekind sie an die monatlichen Geldsendungen der Frau von Buschbeck oder
des Fräuleins von Gülpen erinnerte. Auf den fünf Siegeln hatte sie einmal die
Worte: »Freiherrlich Wittekind'sche Kameralverwaltung« gelesen ...
    Die Kleine spielte wohlgeordnet einen Choral. Der Kammerherr riss dazwischen
sein Blumenbouquet auseinander, rannte über die Beete, zertrat alles und schlug
sogar gegen den Pfarrer, der ihm zuzureden und ihn ins Haus zurückzuführen sich
bemühte, mit geballter Faust. Leuten, die draussen am Staket gaffend stehen
blieben, winkte der Pfarrer zu gehen.
    Meinen Degen! Meinen Degen will ich haben! rief der Ungeberdige unausgesetzt
und drohte nach einer Seite hin, wo sich jemand zu befinden schien, der diesen
zu bringen von ihm beauftragt war.
    Aber den Degen? rief die Pfarrerin, jetzt doch auch erregter ins Haus
zurückkehrend. Wie kann man ihm einen Degen lassen!
    Lucinde begriff nun, dass der Kammerherr geisteskrank war. Nie hatte sie
Menschen in diesem Zustande gesehen und fürchtete sich, trotzdem dass man
versicherte, die Musik würde allmählich seine Tobsucht mildern. In wunderbaren
Tönen spielte auch jetzt die Frau Pfarrerin, eine kleine, zarte, aber geistig
durchleuchtete und willensstarke Frau.
    Wie Lucinde nun auch auf dem Sprunge war auf die Treppe zu eilen und sich in
den obern Stock zu flüchten, traf sie durch die noch geöffnet gebliebene
Haustür der Blick des Tobenden. Kaum war er ihrer ansichtig geworden, als er
augenblicklich in seinen Schimpfreden innehielt, die Hände nach ihr ausstreckte
und halb die Knie beugte.
    Diese Aenderung der Scene war das Werk eines Augenblicks. Die zaubervollen
Accorde, die die Pfarrerin dem Instrument entlockte, hoben eine Situation, deren
Feierlichkeit von dem Schrecken und Staunen der Näherstehenden unterstützt
wurde; die entfernter Lauschenden freilich lachten.
    Lucinde blieb eine Weile unbeweglich.
    Dann aber fasste sie sich Mut und ging auf den Kammerherrn zu, ihm einen
freundlichen: Guten Morgen! wünschend.
    Er erhob sich, sprach nichts und lächelte voll Ehrfurcht.
    Dass Sie mich noch wiedererkennen! fuhr Lucinde wie in unbefangenster Laune
fort. Ich habe mich seit gestern verändert, nicht wahr?
    Sie gehören jetzt der Erde an! sprach der wie in einem Bann Befindliche
feierlich, langsam, mit sonderbar hochliegender, fast weiblicher Stimme.
    Nicht wahr, fuhr Lucinde scherzend fort, Sie glaubten gestern, ich wäre vom
Himmel gefallen?
    Und nun suchte sie die zerstreuten Blumen auf, wobei ihr der Kammerherr
behülflich sein wollte.
    Aber diese steife Uniform! fuhr sie fort. Pfui! Pfui! Wie garstig dieser
hohe Kragen! Das mag sich wohl bei Hofe schön ausnehmen, aber hier ... Die armen
Rosen und Nelken! Nein, kommen Sie, Herr Kammerherr von Wittekind! Ziehen Sie
Ihre gestrige leichte Kleidung an, und wir richten den Garten wieder in Ordnung!
    Ich wollte Ihnen meine Ehrfurcht bezeugen! sagte der Kranke und verbeugte
sich wie vor einer Fürstin.
    Nun gut! So denken Sie nur, dass ich auch ganz incognito hier lebe und wir
uns eines dem andern nichts vorwerfen wollen!
    Der Kammerherr verbeugte sich und ging, ohne weiter nach dem Degen zu
fragen, ins Haus, um sich umzukleiden. Er bewohnte die andere Seite des
Erdgeschosses.
    Alle standen in Verwunderung vor diesem unerwarteten Besänftigungsmittel.
Der Pfarrer besonders schien sehr erfreut und sagte leise:
    Die Musik war bisjetzt das Einzige, was die zuweilen ausbrechende Tobsucht
des geistesschwachen Mannes mildern konnte. Nun kommen Sie und schon Ihr Anblick
entwaffnet seine Wut! Sie sind uns ja wie ein Geschenk von Gott gegeben!
    Lucinde erfuhr, dass der Pfarrer von Eibendorf, dem das trauliche Nest von
Kindern sich füllte, vom Ertrag seiner Pfarre aber kaum die Scheuer, sich
erboten hatte, einen geisteskranken vornehmen, sehr reichen Mann in Obhut zu
nehmen. Es war, er gestand es aufrichtig, eine ganz einfache Speculation auf die
Besserung seiner eigenen Existenz. Er wollte diese Ersparnisse anlegen für die
künftige Ausbildung seiner Kinder. Offen sagte er das; aber man sah wohl, sein
eigener redlicher Wille und die Herzensgüte seiner Frau konnten sich nicht
entschliessen, diese Pflege wie das Amt eines Mietlings auszuführen. Sie
unterzogen sich ihrer schweren Aufgabe, die sie in diesem mislichen Umfange, wie
sich bald herausstellte, kaum geahnt hatten, mit aufrichtiger Hingebung, wachten
Tag und Nacht über den launischen, oft bösartigen und in der grossen Welt in
vielen Dingen gründlich verdorbenen Mann, der schon an die Vierzig gerückt
schien und doch kaum dreissig zählte.
    Freiherr Jérôme von Wittekind entstammte dem Geschlechte, das sich für die
Nachkommen jenes edeln und tapfern Wittekind hielt, der in diesen Gegenden,
tiefer abwärts nach Westen zu, lange Jahre Karl dem Grossen die Spitze geboten.
Einem Geschlechte der Hünen schien auch noch immer dieser entartete Enkel
anzugehören. Der Kammerherr war der jüngere Sohn des grossen Landbesitzers und
eines der ersten Glieder hierländischer Ritterschaft, des Kronsyndikus von
Wittekind; der ältere stand in Diensten des nordwärts liegenden grossen Staats.
Dieser jüngere, von früh beschränkt und schwachsinnig, hatte sich den
Kammerherrnschlüssel eines der kleinen Höfe geben lassen, die in der Gegend der
Externsteine liegen. Seine Reisen und Aufentalte in grossen Städten waren die
Veranlassung zu so vielen Torheiten und Verschwendungen geworden, dass der Vater
seinem Wesen Einhalt tun musste. Die Beschränkung, die er erfuhr, reizte seine
Wildheit noch mehr, und als der Vater, der selbst ein determinirter Mann war und
im Notfall, wie Lucinde später kennen lernte, mit geschwungener Hetzpeitsche
dreinfahren konnte, ihn vollends einengte und, um den Geisteszustand seines
Sohnes nicht zu verraten, ihn gar wie einen zweiten Kaspar Hauser einschloss,
liess die Elasticität dieser schwachen Geisteskräfte immer mehr nach und ein oft
bösartiger Blödsinn war die Folge, die nur noch die gewohnte Art der Haltung und
der hochgetragene Nacken des adeligen Stolzes in der stattlichen Erscheinung des
Kammerherrn verdeckte.
    Obgleich Katolik, hatte man ihn, um seinen Zustand ganz aus dem Bereich der
Controle der ihm ebenbürtigen Adelsgeschlechter zu bannen, zu einem
protestantischen Geistlichen, zehn bis zwölf Meilen von den grossen Gütern des
Vaters entfernt, gegeben. Den Vorwand dafür gab seine Liebe zur Malerei. Er
besass ein wirkliches Talent zum Copiren und streifte durch die Gegend meist mit
der Zeichenmappe. Sein Diener sagte dann jedem, sein Herr halte sich deshalb
beim Pfarrer auf, weil nichts der Umgegend von Eibendorf gleichkäme. Wald, Berg,
Wiese und Grund schmückten das Tal allerdings mit den reichsten Farben; die
Malerei und Musik wurden zu Hülfsmitteln, den Zustand des Kranken zu mildern.
    Von dem Augenblick an, wo der Kammerherr in seinen Sommerkleidern
zurückkehrte und mit Lucinden, die sich einen Strohhut gegen die Sonne entliehen
hatte, die Beete zu ordnen und die Pflanzen wiederherzustellen begann, entspann
sich ein Verhältnis, das ein Jahr dauerte und mehr als Lucindens sechzehntes
Lebensjahr füllte.
 
                                       8.
Lucinde blieb auf der Pfarrei, hier »Pastorat« genannt.
    Man fragte sie allerdings nach ihrer Herkunft, ihrem Namen und dem Stande
ihrer Aeltern. Sie gab auch dem Pfarrer und dem Schulzen (dem »Meyer« des
Dorfes) einen Namen an. Erst war sie Johanna Stegmann, aus dem Türingischen
gebürtig. Kam der Pfarrer und drohte lächelnd mit dem Finger und sagte, er hätte
nach Vacha, das sie als Wohnort angegeben, geschrieben und die Nachricht
bekommen, dass man dort nichts von einer Johanna Stegmann wisse, so nannte sie
sich Luise Starkin, aus der Gegend von Fulda über die Rhön hinaus, wo ihr Vater
ein Oberförster des Königs von Baiern wäre. Schüttelte man nach vier Wochen
wieder den Kopf, so erwiderte sie:
    Will man, dass ich bleibe, so quält mich doch nicht so!
    Man musste nämlich wirklich wünschen, dass sie blieb. Sie war dem Frieden des
Hauses fast notwendig geworden. Was zur Besänftigung des Kammerherrn die
Harmonica nur annähernd erreicht hatte, das löste Lucinde vollständig. Der
Kammerherr wurde durch sie ein Kind, das an ihrem Leitseile unter Blumen
spielte; er zeichnete, malte, sprach leidlich vernünftig und verhiess eine
wirkliche Heilung.
    Ohne phantastisches Übermass und manche Wunderlichkeit ging es dabei
freilich nicht ab.
    Es blieb dem Kranken von Lucinden die Vorstellung wie von einer in der Tat
feenhaften Erscheinung. Er liess sich den Wahn nicht nehmen, dass Lucinde eine
Tochter der Waldeskönigin, vielleicht sie selbst wäre, und Lucinde tat nichts,
ihm diesen Glauben zu nehmen. Sie liess sich von ihm ganz so schmücken, wie er
sie sehen wollte, wenn er sie malte. Es waren dies diese wunderlichen Malereien
der Geisteskranken, die durch ihre technische Vollendung oft überraschen und
doch immer etwas nur mechanisch Wiedergegebenes und Seelenloses darstellen. Es
waren in seinen Landschaften immer derselbe Eichbaum, immer derselbe
Felsengrund, immer dasselbe Haus, derselbe Kirchturm, derselbe Bach und
dieselbe Mühle wiederzufinden, nur wechselte die Vermischung und die
Beleuchtung. Auch seine Porträts drückten, er mochte den Pfarrer oder den Meyer
im Dorf oder den einzigen Bekannten, der ihn zuweilen besuchte, einen Grafen
Hans von Zeesen wählen, immer denselben Charakter aus, eigentlich ihn selbst.
Nur für Lucinden suchte er Abwechselung, bald in dieser Situation, bald in
jener. Er verschwendete Summen Geldes, um sie bald als Griechin, bald als
Zigeunerin, bald als Salondame oder Amazone malen zu können. Von jenem
Residenzstädtchen, wo er sich einst den Kammerherrnschlüssel gekauft hatte,
waren beständig Cartons mit kostbaren Stoffen unterwegs. Selbst teuere
Schmucksachen wurden angekauft. Und der Kronsyndikus, der Vater, der zuletzt
doch auch von diesem Treiben hören musste, widersprach diesmal nicht. Einmal
drückte ihn der geheime Vorwurf, das Uebel des Sohnes selbst durch seine
Erziehung gemehrt zu haben, dann nährte er die Hoffnung, ihn wieder in die
Gesellschaft zurückzuführen. Es wurde sogar eine Adelige genannt, die nach einem
Familienstatut mit ihm vermählt werden sollte, nachdem eine Verbindung mit einem
Fräulein Monica von Ubbelohde vor geraumen Jahren gescheitert war.
    Lucinde genoss diese Lage eine Zeit lang mit der ganzen Behaglichkeit ebenso
eines sichern und geschützten Aufentalts wie geschmeichelten Selbstgefühls ...
Eibendorf lag dem Winkel zu, wo sich das Eggegebirge mit dem Teutoburger Walde
kreuzt; es war umgeben von jenen Waldzügen, die so dichtbelaubt, so frei und
urstämmig sich sonst nur im Süden Deutschlands wiederfinden. Von mancher
aufsteigenden Anhöhe aus sah man in das ganze Tieftal der Weser hinab. Ein
entzückender Anblick! Jeder Hügel bewaldet und umgeben von unabsehbaren Feldern
und Wiesen, denen sich in frischen Farben Dörfer, weiterhin ansehnliche Städte
entwinden. Die schroffern und die Seele mit mächtigen Ahnungen erfüllenden
Partieen musste man im Gebirge suchen; diese Ebene hier bot den Charakter der
Milde und Lieblichkeit. Nach Osten hin sah man an besonders lichtellen Tagen in
dunkler Färbung die Nadelholzcontouren des Harzes. dabei waren die Volkssitten
lebhaft, ja keck und herausfordernd. Es gab Aufzüge und Feste aller Art, sogar
ein Schützenfest für Frauen. Morgens in erster Herbstfrühe ziehen die Ehefrauen
der Gemeinde, unter ihnen manche Anmutige, von irgendeinem Hofe aus, in
goldenen landüblichen Häubchen und Stirnbinden, mit Bändern und Blumensträussen
geschmückt, mit den Gewehren ihrer Männer in den Händen. Der Kammerherr hatte
verlangt, dass Lucinde die Schützenkönigin spielte, die mit dem Zeichen ihrer
Würde, den Säbel an der Seite, vorausmarschirte. Da sie nicht verheiratet war,
so setzte man die äusserste Anstrengung daran, ihn von diesem Verlangen
abzubringen. Sie begnügte sich dann auch mit der Rolle des Fähnrichs. Die Fahne
aber, die er sie tragen liess, war eine wunderliche Curiosität, die er selber
erfunden hatte. Er beschäftigte sich nämlich mit der hier landesüblichen
gelehrten Spielerei, in den Nachrichten der Alten über den Aufentalt der Römer
in Deutschland Tatsachen und Namen aufzufinden, die mit den Sitten und Namen
der Gegenwart noch in irgendeinem Zusammenhange stehen. Der Kammerherr wusste
genau, wo Varus von Hermann dem Cherusker geschlagen war, er behauptete, dicht
bei Neuhof, dem Schloss seines Vaters. Er war auch selbst in Rom gewesen und
vermeinte, dort in den Altertumsschätzen des Vatican Dinge gesehen zu haben,
die die Römer nur auf der heiligen roten Erde Westfalens gefunden haben
konnten. Dortige alte Trinkgefässe wären nur aus Glashütte gekommen, einem
Vorwerk seines Vaters, alte Wurfgeschosse nur aus einem ganz bestimmten Holze,
dem Düsternbrook hinter Neuhof, geschnitzt, alte Waffen aus einer uralten
Schmiede hervorgegangen, die seit Jahrhunderten die Hufe der Rosse seines Hauses
beschlug. Nur in einem wich er von dem Urteil seines Vaters ab. Er las den
Tacitus ziemlich geläufig und hatte die besondere Ueberzeugung, dass der Tempel
der Tanfana, wo die alten Deutschen angebetet haben sollten, nicht etwa die
grosse Dämpfpfanne der Saline Hallenstein seines Vaters war, wie dieser selbst
und alle Pastoren der Umgegend glaubten, sondern nur eine Tannenfahne, nämlich
der alte deutsche, weiland heidnische, dann so gründlich getaufte, bekehrte und
christlich gewordene liebe Weihnachtsbaum, den in der Tat Lucinde mit bunten
Bändern geschmückt und mit allerlei zierlichen Vergoldungen bei jenem
Schützenfeste als Fähnrich tragen musste. Da auch in diesem Weihnachtsbaume,
Tanfana, Tannenfahne, dem Palladium der alten Deutschen, goldene Ringe, Ketten,
Schaumünzen hingen, die die Siegerinnen im Schiessen gewinnen sollten, so liess
man sich diese Verbindung des alten heidnischen Rom mit Deutschland und dem
überwiegend protestantischen Eibendorf (katolische Einwohner waren in einem
Nachbardorfe eingepfarrt) gefallen. Es waren Geschenke von dem sogenannten
»tollen Kammerherrn«.
    Auf die Länge musste freilich den Pfarrer die unsichere Herkunft und das
längere Verweilen Lucindens beunruhigen. Er hatte dem Kronsyndikus nach Neuhof,
dem Stammsitze der Wittekinds jenseit des Gebirges, wiederholt seine Bedenken
mitgeteilt. Da aber die Wirkung der Abenteurerin eine so vorteilhafte für den
Kammerherrn war, so befahl der Vater, an diesem Erziehungsplane, den der Zufall
an die Hand gegeben, vorläufig nichts zu ändern. Seine Briefe waren kurz und
bestimmt, wie die Art des Mannes überhaupt sein sollte. So duldete man das, was
nach und nach anfing auch seine Mislichkeiten nach sich zu ziehen. Denn weder
die vom Gewöhnlichen abweichende Situation des Geisteskranken, seine einsamen
Wanderungen mit der Fremden, seine Ausbrüche von Eifersucht, noch Lucindens mehr
zum Zerstören als zum Schaffen geneigte Natur blieben lange unverborgen ...
Schon fing sie an, als es zum Winter ging, sich an dieser sich gleichbleibenden
Lage nicht zu genügen: selbst der Bann einer solchen Huldigung, wie sie sie
hier, allerdings ohne die geringste intimere Belästigung fand, wurde ihr zu
enge, der Gang der Tage wurde zu gleichförmig, die Welt, in der man hier seine
Befriedigung gefunden hatte, brachte selten eine andere Unterhaltung als eine
Torheit des Kammerherrn mehr. Die Menschen, die es da und dort noch zu gewinnen
gegeben hätte, hielten sich in scheuer Ferne, selbst Graf Zeesen, der alle zwei
Monate einmal von seinen nahe liegenden Gütern kam, um einige Stunden lang die
sonderbarsten Gespräche mit dem Kammerherrn zu pflegen. Wäre Graf Zeesen nicht
ausgesprochen katolisch gewesen und im Pfarrhause dieser Punkt des Kammerherrn
wegen mit grosser Zurückhaltung behandelt worden, die Familie hätte vielleicht
auch den Grafen mindestens tiefsinnig genannt.
    Dieser noch junge Cavalier war nach den Äusserungen des Kammerherrn zu
Lucinden, die von ihm alle seine Familienbeziehungen erfuhr (nur nie etwas über
die Frau »Hauptmännin« von Buschbeck oder das Fräulein von Gülpen, eine
Persönlichkeit, die er nicht zu kennen behauptete), sein zweitbester Freund. Der
erstbeste hiess Doctor Heinrich Klingsohr. Doch fügte er regelmässig mit einem
Kreuze, das er dabei in die Luft malte, hinzu: Klingsohr ist mein bester Freund,
aber er hat mich verraten! Vom Grafen Zeesen, mit dem er studirt hatte und in
Rom gewesen war, liess er eine aufrichtige Hingebung gelten, beklagte aber ein
unglückseliges Geschick desselben, das er nie genauer angab. Die Pfarrerin
verriet es eines Tages Lucinden, indem sie erzählte:
    Der Graf hat sich mit einem Freifräulein von Seefelden verlobt, leidet aber
darüber an Gewissensscrupeln, seitdem er ein altes Familienstatut in Erfahrung
gebracht hat. Vor hundert Jahren hat nämlich ein Ahn seines Hauses die
Bestimmung gemacht, dass, wenn ein ältester Sohn der Nachkommenschaft sich
entschliessen sollte, nicht zu heiraten, die von ihm und seiner später
geisteskrank gewordenen Frau reich vermehrten Güter der Zeesen dazu angewendet
werden sollten, ein grosses Landes-Irrenhaus zu begründen. Hundert Jahre lang
haben die Nachkommen vorgezogen zu heiraten. Erst dieser Hans von Zeesen, der
viel Frömmigkeit besitzt, wurde über jene nun hundertjährige Unterlassung eines
guten Werkes stutzig, und sonderbarerweise ist seine Braut, die ihn ebenso heiss
liebt wie er sie, von gleicher Seelenstimmung. Ich zweifle gar nicht, dass der
Graf seinen kranken alten Freund nur deshalb so oft besucht, um sich in dem
heroischen Vorsatze des Entsagens zu bestärken.
    Lucinde horchte hoch auf. Hier kamen Ideen, die sie an sich vollkommen
verstand, in eine Verbindung oder in Conflicte, die sie noch nicht fassen
konnte. Doch hörte sie aufmerksamer zu, wenn der kleine blasse, schmächtige
Mann, der Graf, in schlichter, fast priesterlicher Tracht kam und sich mit dem
Kammerherrn unterhielt. Nie hatte sie so viel von Gedanken, Meinungen, ideellen
Beziehungen gehört wie in den Gesprächen eines Halbirren mit einem Manne, der so
fromm war, dass er selbst unter der protestantischen Pflege seines Freundes zu
leiden schien.
    Wie eigentümlich nach dem Wunderbaren und Fremdartigen hier zu Lande fast
überall ausgegangen wird, erfuhr Lucinde bei vielen Gelegenheiten, unter andern
bei einer Erinnerung an den alten Bienenhelm ihres Vaters, den dieser nie
zurückbekommen hatte; die Hauptmännin hatte ihn, scheinbar zu Gunsten Lucindens,
an einen Trödler verkauft. Sie besuchte nämlich aus alter Neigung oft die
Dorfschule und gab in ihr Unterricht auf ihre Weise. Beim Schulmeister fand sie
ein geregelteres Hauswesen als bei ihrem Vater, und in der Gartenwirtschaft
auch einen Bienenhelm, den gerade ein Knecht aus dem Orte vom Schulmeister
borgte, um den Bienen das Leid vom eben verstorbenen Herrn anzusagen. Ueber den
sonderbaren hierländischen Gebrauch, dass man mitten in die Bienenstöcke hinein
den Tod des Hausvaters anzeigen und den Knecht den Bienen melden lässt: »Einen
schönen Gruss von der Frau und der Herr wäre todt!« konnten sich der Kammerherr
und der gerade anwesende Graf in Mitteilungen verlieren, die alle Seiten der
Geschichte und der Philosophie berührten. Lucinde staunte über den Glauben, der
annahm, dass ohne diese Leid-Ansage die Bienenstöcke in Jahresfrist ausgehen
würden; aber der Kammerherr und der Graf, beide warfen verklärt ihre Blicke
empor und sprachen jetzt sogar anerkennend von dem früher gemeinschaftlichen
verräterischen Freunde, Heinrich Klingsohr, der auf die Darstellung des
Zusammenhangs der Bienen mit den Staats- und Rechtsbegriffen der Menschheit in
Göttingen Doctor geworden war.
    Und so dunkel es nun auch in des Kammerherrn Begriffen aussah, so wurde er
doch auf diese Art Lucinden ein Lehrer. Auf Partieen, die er in einem von seinem
Diener geführten Einspänner machte, sprach er mit Lucinden, ob sie es nun
verstand oder nicht, nur französisch, ein andermal nur englisch, ein drittesmal,
wenn er gerade auf Tacitus und die alten Germanen oder auf eine Sammlung alter
Marienlieder, die Graf Zeesen zum Druck vorbereitete, kam, nur lateinisch. Sie
erwiderte mit dem Wenigen, was sie früher von Englisch und Französisch
aufgegriffen hatte, und bewundernswert war die Geduld, mit der der Kammerherr
sich mühte, einer der Erde nicht angehörenden Erscheinung allmählich die
Sprachen derselben beizubringen. Die Sprache, die er an dem Riedbruch damals im
Walde beim ersten Finden an sie gerichtet hatte, war ein Gemisch von Lateinisch
und Plattdeutsch gewesen.
    Diesen Gewinn an Kenntnissen liess sich Lucinde, die unter all dem Düster
ihre Heiterkeit nicht verlor, wohl gefallen. Der Gewinn mehrte sich, als die
langen Abende kamen und der Pfarrer sich gleichfalls geneigt erklärte, die
Civilisation des Wildlings zu unterstützen. Auch im Klavier, dessen Grundlagen
Lucinde schon im Hause des Stadtamtmanns gelegt hatte, vervollkommnete sie sich
unter Leitung des musikalischen Mannes, der seine Kinder, ja selbst noch seine
an sich hierin geringer talentirte Frau unterrichtete. Der Herbst und ein
langer, schnee- und frostreicher Winter wurde auf diese Art für Lucinden eine
Studienzeit, die bei der Leichtigkeit ihrer Auffassung und der geringen
Zerstreuung dieses Aufentalts reiche Früchte trug. Der Kammerherr selbst, dem
es an wissenschaftlichem Material nicht mangelte und dessen liebstes Tema sich
immer an die Erinnerungen von Rom oder Göttingen hielt, docirte ihr oft
Geschichte und Philosophie, die er mit der Matematik und, sonderbar und für die
Schrullen jener Provinz unsers Vaterlandes kennzeichnend genug, auch mit der
Kunst des Drechselns verband.
    Wie die Adeligen Westfalens in ihrer Erziehung und ländlichen Beschäftigung
an den Hofbällen von Berlin und in Münster nicht zu erkennen sind, so wird man
seltsam finden, dass es berühmte Geschlechter unter ihnen gibt, die neben ihrem
angeblichen Berufe, die unerschütterlichen Erben Karl's des Grossen zu sein und
in Demut vor Gott, dem Papst und dem Landesherrn ihre Renten zu verzehren, auch
ein Handwerk lernen. Manche, die nicht gut schreiben können, aber schon in
Potsdam ein Porteépée führen und in Verlegenheit kommen zu bekennen, dass sie
nicht viel mehr wüssten, als was auf ihren düstern, einsamen Kampen der
»Hauspape« ihnen zu lernen zugemutet, verstehen sich vortrefflich auf den
Hufbeschlag der Pferde oder arbeiten sich das Sattel- und Riemzeug derselben
selbst aus. Das Drechseln aber in grobem und seinem Holze ist eine so weit
verbreitete Kunstfertigkeit des westfälischen Adels, dass Lucinde sich nicht
hätte zu verwundern brauchen, neben dem Maleratelier ihres Freundes auch eine
Kammer anzutreffen, die zu einer vollständigen Drechslerwerkstatt eingerichtet
war. Ihr aus Kirschbaumholz allerhand Büchsen und Ringe zu drehen, war
selbstverständlich seine liebste Aufgabe; aber er drehte auch Bälle, Kegel,
Pyramiden, konische Ausschnitte und Figuren aller Art, von denen er nicht nur
matematische Auslegungen gab, sondern auch philosophische und religiöse. Oft
sprach er dabei von einem in der Nähe seiner väterlichen Güter wohnenden
Philosophen, der aus den einfachsten Grundbegriffen unserer matematischen
Anschauungen die tiefsten Wahrheiten der Religion hergeleitet hätte.
    Je geheimer diese Gespräche vor dem Pfarrer geführt wurden, desto reizvoller
wurden sie für einen Verstand, der sich aus den verworrenen Begriffen eines
Narren manches Körnlein Vernunft entnehmen konnte. Dennoch wünschte Lucinde
diese Lage geändert. Das Aufsehen, das sie in der ganzen Gegend mit dem »tollen«
Kammerherrn machte, war nicht gering. Auch hatte der Pfarrer erleben müssen, dass
ein Brief, den Lucinde an ihre Schwester geschrieben und eine Meile weit erst
von ihr auf die Post gegeben war, zurückkam, mit der vollständigen und wahren
Adresse seines Schützlings, ja, dass der Meyer von Eibendorf ihm Mitteilungen
machte, die jetzt den Zustand, wie man Lucinden im Riedbruch gefunden,
vollkommen erklärten.
    Eine scheue Besorgnis des ganzen Hauses vor Lucinden hatte sich schon längst
gesteigert, sie wurde zur Abneigung, als man sie bei Ueberreichung des von der
Post geöffnet gewesenen und wieder von der Post verschlossenen Briefes wohl aufs
äusserste über die offene Angabe ihres Namens erschrocken fand, weniger aber über
den von einer ungebildeten Hand gekritzelten Zusatz: »Ist vor vier Wochen am
Nervenfieber gestorben.«
    Der Tod ihrer Schwester Luise, einer einzigen, wie sie öfter gesagt hatte,
erschütterte sie weniger als die richtige Angabe ihres Namens! Dass mit so viel
Schönheit, jeweiliger Liebenswürdigkeit, immer mehr sich herausstellendem Geist
und zunehmenden Kenntnissen so viel Gefühllosigkeit verbunden sein konnte, als
sich jetzt erst offenbarte, nahm vorzugsweise die Pfarrerin gegen den längern
Aufentalt Lucindens ein, und offen wurde dem Kronsyndikus von Wittekind nach
Neuhof die Anzeige gemacht, dass sie ohne Lucinden den Kammerherrn nicht mehr bei
sich behalten könnten, mit ihr aber länger nicht mehr mochten.
    Lucinde übersah das alles. Ihrem wühlerischen Umblick entging selten etwas,
während sie alles an sich zu verbergen wusste, selbst den Schreck und ihr
wirkliches geheimstes Erschüttertsein durch den Tod der Schwester. Trotzig warf
sie die Lippen auf und erklärte, sie ginge jeden Augenblick, wenn man's
wünschte. Man irrte sich keineswegs, wenn man voraussetzte, dass sie auch vom
Kammerherrn sich trennen wollte, wenn nicht eine andere Festsetzung ihres
Verhältnisses zu ihm stattfände. Die Aussicht sogar, die Gattin desselben zu
werden, schien ihr keineswegs zu hoch. Sie besass einmal die Formel, die diesen
verdunkelten Geist einigermassen zu erhellen vermochte. Sie sagte sich, dass der
vornehmen und stolzen Familie wenig daran liegen könnte, sich bei einer doch
schon aufzugebenden Persönlichkeit auch noch gegen diese Ausnahme von der Regel
zu stemmen.
    Darin irrte sie sich aber, wie sie von der hierin entscheidenden
Persönlichkeit selbst erfuhr.
    In den ersten Tagen des April erschien der Kronsyndikus, der Vater des
Kammerherrn.
 
                                       9.
Freiherr von Wittekind-Neuhof, Kronsyndikus des ehemaligen Königreichs
Westfalen, setzte durch seinen Namen schon das ganze Pfarrhaus in Furcht und
Schrecken.
    Als der Kammerherr den am Wirtshause haltenden väterlichen Reisewagen
gesehen, der über und über bespritzt, langsam durch die morastigen Strassen des
Oertchens zog, fuhr er wie ein wildes Tier auf, das seinen Wärter am Käfig
vorüberstreifen hört. Er rannte im Hause hin und her, rollte die Augen, hielt
den Mund geöffnet, wie in seinen Wutanfällen, packte, als wollte er sich mit
seinem Teuersten schützen, seine Farben, seine Pinsel, seine philosophischen
Kugeln, Kegel, Dreiecke zusammen, griff nach einem Kruzifix, das er sich selbst
geschnitzt und nach vielen kunstgeschichtlichen Controversen mit dem Grafen
Zeesen und einem eingeholten Gutachten der Verlobten desselben, des
Freifräuleins von Seefelden, selbst bemalt hatte, rief den Diener und schien
sogar Lucinden vergessen zu haben.
    Die Kinder im Hause liefen ebenfalls auf und ab. Die Pfarrerin suchte nach
Lucinden, die sich versteckt auf ihrem Zimmer hielt, zugeriegelt hatte und keine
Antwort gab.
    Der Pfarrer griff in die Gläser der Harmonica. Der ganze alte Zustand der
Wildheit schien beim Kammerherrn wieder zurückgekehrt, dieser Zustand, der seit
fast einem Jahre, so oft er sich während dessen gezeigt hatte, durch einen
einzigen Ruf, durch ein geträllertes Liedchen der von der Treppe
herabspringenden Lucinde schon aus der Ferne sich besänftigen liess.
    Die ängstlichen Kinder riefen vom Garten aus zum Fenster: Fräulein!
Fräulein! Sie klopften, als keine Antwort kam, an die Tür. Lucinde liess nichts
von sich hören. Mit ängstlicher Unruhe blieb sie in ihrem Versteck, trat leise
mit den Zehen auf und hörte mit listig aus Fenster gehaltenem Ohr das Toben des
Kammerherrn. Dieser entfaltete seine sonst gewohnte Art, die die eines wilden,
auf der Universität alt gewordenen Burschen war, die Natur eines nie anders als
mit einem riesigen Neufundländer das Trottoir der Strasse beherrschenden
Pauk-Senioren alten Stils - er konnte stundenlang von seinen Suiten und den
Paukereien auf der Mensur und dem besten, aber verräterischen Freunde Klingsohr
erzählen -; johlend rief er über den Garten, schlug die Türen, rüttelte am
Fensterkreuz und redete die Rosse und die Kutsche seines Vaters höhnend und
herausfordernd an.
    Bald erschien der Kronsyndikus selbst. Es war eine Gestalt von gleichem
Wuchse wie der Sohn, hünenhafter Höhe und trotzigfesten Schrittes, so weiss auch
schon sein Haar schimmerte.
    Er trug einen grünen Jagdrock, hohe Stiefel mit Sporen und liess eine
Reitgerte schon in der Ferne bedenklich in der Hand hin- und hertänzeln. Doch
lachte er, am Gartenzaun schon vom Pfarrer empfangen, zum Fenster empor und
schien besserer Laune als sein Sohn, den er schon draussen, zum Parterrefenster
zu, mit folgenden Anreden seiner väterlichen Huld versicherte:
    Pinselheld! Ha! ha! ha! Stubenhocker! Trifft man dich endlich einmal?
Farbenkleckser! Schäm' er sich! Treibt sich in der Welt herum! Muss ihn 'mal
wieder mit Gewalt holen!
    So tändelte er mit fingirter Ueberraschung, den Sohn hier zu finden, und als
wenn der Kammerherr hier aus freien Stücken lebte. Dieser ging auch auf den Spass
ein. Der Vater tändelte mit dem Sohn, wie mit einem Hunde, den man zum Wedeln
und Springen reizen will. Und im Hause wurde es nun ängstlich stiller; die
Furcht des Sohnes vor dem Vater war die des Tieres. Man behauptete, dass der
Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof trotz seiner Jahre noch im Stande war, den
baumstarken, jüngern Mann niederzuwerfen und ihn auch schon oft mit beiden
Händen eine Viertelstunde lang auf der Erde gehalten hatte Auge in Auge, Mund
gegen Mund den Trotz desselben bändigend.
    Mit einem kurz zusammengeschleiften, liebkosenden Hui-hu! Hui-hu! Hui-hu!
trat der Kronsyndikus ins Haus.
    Die Verständigung im Erdgeschoss, die Begrüssungen und Auseinandersetzungen
hörte Lucinde nicht. Aber das vernahm sie, dass es nicht sanft herging, dass die
Kinder, der Pfarrer, die mutige Frau Pfarrerin wie immer tätig sein mussten,
die Vermittler und Beruhiger zu machen. Zuletzt kam der Diener des Kammerherrn,
mit dem Lucinde schon lange conspirirte, auf den Zehen zu ihr geschlichen und
teilte ihr flüsternd mit, dass es sich um die Abreise des Kammerherrn, seine
alte doch noch beschlossene Vermählung mit einem Freifräulein handelte, aber
auch von seiner Weigerung und dem unwiderruflichen Entschluss, nur Lucinden zu
seiner Gemahlin zu erheben ...
    An dem wilden Lachen des Vaters, das dann und wann heraufschallte, merkte
man den Eindruck dieser Eröffnungen des Kammerherrn, der immer stiller wurde und
zuletzt sogar in das gewöhnliche Schlussstadium seiner Wutanfälle fiel, in ein
an diesem starken und mächtigen Manne ganz besonders schreckhaftes feiges
Verzagen, das sich bis zum Weinen und lauten Wehklagen steigern konnte.
    Wie dies stossweise Schluchzen schon vernehmbar wurde, hörte man von unten
heraufkommen.
    Fort! rief Lucinde dem Diener zu und stand auf dem Sprunge, die Tür zu
schliessen.
    Der Diener ging und tat, als wär' er im Begriff gewesen eben auf den Boden
zu steigen.
    Die Pfarrerin aber war's, die kam. Sie klopfte leise an und bat Lucinden mit
weicher Stimme herunterzukommen, der Vater wünschte sie zu sehen.
    Er kann heraufkommen! antwortete sie in beklommener Angst.
    Ich bitte Sie, Fräulein Schwarz! sagte die Frau und drängte.
    Nein! Nein! Ich komme nicht!
    Damit verschloss sie auch noch ihre Tür. Verriegelt hatte sie sie gleich
beim ersten Hineinschlüpfen.
    Nach einer Weile, während die Pfarrerin seufzend gegangen war, hörte Lucinde
den schweren, sporenklirrenden Tritt eines Mannes auf der Stiege.
    Eines der Kinder zeigte ihm den Weg; und bald hörte sie ein Klopfen, das
unfehlbar mit keinem menschlichen Finger, sondern mit dem Knopfe der
Reitpeitsche erfolgte.
    Zitternd stand sie und wagte nicht zu öffnen.
    Als das Klopfen mit einigen freundlichen Worten wiederholt wurde, öffnete
sie und musste staunen, den Kronsyndikus ohne Stock oder Reitpeitsche zu sehen;
wirklich waren es nur seine Finger gewesen, die geklopft hatten.
    Die grosse Gestalt trat ein.
    Auffallend war die Aehnlichkeit mit dem Sohne, nur hatten Wuchs und Kopf
nichts Gedunsenes wie bei diesem. Wettergebräunt, mit leisen Pockennarben
überlaufen und hier und da mit Warzen besetzt war das Antlitz; rote Flecken um
die stumpfe Nase und die knochigen Wangen verrieten die Liebe zum Wein; die
dicken Augenbrauen waren gelbweiss, die Haare noch stark und von gleicher
gelbweisser Farbe. Man sah das Bild eines auf seinen Namen, seinen Rang, seine
Verbindungen, vielleicht auch auf seine eigenen Meinungen und Entschliessungen
sich mit unerschrockener Festigkeit stützenden Adeligen, das Bild eines Mannes,
den Widerspruch erbitterte.
    Lucinde hatte aber kaum einige Worte von ihm gehört, so bemerkte ihre
Klugheit auch sogleich, dass diese Art Menschen dann ungefährlich, ja sogar
zuvorkommend und liebenswürdig werden kann, wenn man allen ihren Gedanken
nachgiebig folgt und sie ganz für etwas ebenso Grosses und Vorzügliches nimmt,
als wofür sie gehalten sein will ...
    Auf die ersten von ihm statt drohend sogar im Gegenteil schmeichelnd
ausgesprochenen Begrüssungen des schönen Mädchens, auf seine Versuche zur
Courtoisie und sogar eine Befangenheit, die von Lucindens Erscheinung geblendet
war, gewann sie bald den Mut, seinen Worten Stand zu halten.
    Sie war in der gewählten Tracht, die der Kammerherr, der sie noch nie unzart
berührt hatte, und sie nur anschauend und bewundernd liebte, an ihr besonders
gern hatte. Sie trug ein schwarzseidenes Kleid, hatte in ihr geflochtenes,
offenes Haar einige bunte Bandschleifen gesteckt, die ihr weit bis in den Nacken
hingen, und benahm sich mit der ihr eigenen und, wie alle, die sie näher
kannten, es nannten, ihr siegreich zu Gebote stehenden träumerischen
Kindlichkeit, die den Eindruck eines Wesens sogar voll Poesie und Unschuld
machte.
    Der wilde Freiherr war sogleich gewonnen und rühmte den Geschmack seines
Sohnes mit vielen humoristischen Donnerwettern, Sackerlots und zudringliche à la
bonne heures.
    Ohne viel Umschweife zu machen, erklärte er, dass der Kammerherr eine
Baronesse von Tüngel heiraten müsse; er wisse sehr wohl, und auch seiner
künftigen Gemahlin würde es nicht verborgen bleiben, dass der Junge seine tollen
Stunden hätte, doch lasse er sich leiten, wie ja dieser Aufentalt hier in
Eibendorf bewiesen hätte. Ferner: Er wisse auch, dass ihm selbst die Kunst
abginge, mit einem Menschen, der ganz aus der Art geschlagen, richtig zu
verkehren; dass Jérôme das Pulver nicht erfunden, sei bekannt; der Titel eines
Kammerherrn wäre die Gnade eines benachbarten Fürsten gewesen, in dessen Gebiete
einige seiner Güter lägen; sein älterer Sohn, der Regierungsrat, hätte dafür
des Verstandes nur zu viel; die Natur gliche gern aus, und ein Unglück wär' es
nicht, wenn der Bund mit den Tüngels zur Ausführung käme; Kinder würde es
schwerlich geben; wie viel eine richtige weibliche Behandlung zu tun vermöchte,
hätte ja Lucinde bewiesen, und er wäre ihr von Herzen dankbar dafür. Dass er
seinen Dank, wie er gleich aufrichtig hier bekennen wollte, bis zur Adoption
einer solchen Schwiegertochter, wie sie wäre, steigerte, davon könnte natürlich
keine Rede sein. Der grosse Narr weine zwar und wolle nicht von ihr lassen; es
würde sich aber auch das bei ihm geben. Einstweilen möchte er selbst nicht allzu
lange in dem Hause hier verweilen: er müsse bekennen, weder allzu viel
Weihrauchduft noch lutersche Pfarrhausluft wäre sein besonderer Geschmack;
leider hätte er einen katolischen Pfarrer nicht wählen können, da es ja den
»armen Käuzen« an einer Pflegerin und zerstreuenden Kindern fehle. Das Beste
wäre, sie folgten ihm einmal vorläufig alle beide, der Kammerherr und Lucinde.
Schloss Neuhof wäre sehr gross, hätte nicht nur zwei Seitenflügel, sondern im Park
auch noch ein paar Pavillons, von denen sie den einen ganz allein beziehen könne
und zwar so lange, bis das Arrangement mit den Tüngels getroffen wäre und sie
sich dann in aller Stille eines Tages entfernen oder sonstwo auf seinen Gütern
etabliren könne. Für ihre Existenz »so oder so« solle schon gesorgt werden; denn
die Undankbarkeit wäre einer der letzten von den alten Fehlern der Wittekinds
...
    Und nun schloss er, auch von der Bündigkeit seiner eigenen Darstellung
geschmeichelt, mit einem Gelächter, dass die ganze Stube schütterte. Er zog dabei
Lucinden an sich, um sie zu küssen, was auch erfolgt wäre, wenn ihn in seinem
gewaltigen, selbstzufriedenen Lachen und dem Versuch, seinen rauhen Backenbart
an der Sammtwange des Mädchens zu reiben, nicht ein Husten überkommen wäre, den
er auf die verdammte Witterung, das heurige zu späte Eintreffen des Frühlings
und »allerlei sonstigen niederträchtigen Aerger« schob ...
    Lucinde hatte keine Veranlassung, diesen Anordnungen Widerstand zu leisten.
Sie selbst sehnte sich aus einem Hause hinweg, in dem sie die frühere
Wertschätzung vermisste. Die Schraube mit dem Kammerherrn und der Möglichkeit,
sich in eine glänzende Lebensstellung zu versetzen, ging ja noch fort. Vorläufig
standen die neuen Verhältnisse, die der Kronsyndikus in Aussicht stellte, schon
so lebhaft vor ihrer Phantasie, dass sie den Gedanken, in einem grossen schönen
Park einen eigens für sie eingerichteten Pavillon zu bewohnen, sich schon ganz
mit allen möglichen Farben, ausmalte.
    Ihre ängstliche Schüchternheit aber legte sie nicht ab. Diese war auch
vielleicht nicht ganz gemacht. Noch hatte überhaupt das Leben die wirren Stoffe,
die in ihrem Innern lagen, nicht verarbeitet bis zur klaren Unterscheidung von
Gut und Böse. Ihr Instinct sagte ihr jetzt, dass sie sehr anspruchslos und
ungefährlich erscheinen müsse, wenn sie die gute Meinung, die der Kronsyndikus
von ihr gefasst zu haben schien, behaupten wollte. Dass sie sich mit dem, was er
in Aussicht stellte, nicht ganz zufrieden geben würde, wusste sie schon. Damit
sie aber dahin gelangte, mehr zu gewinnen, war es notwendig, alles mit sich
geschehen zu lassen, was der Kronsyndikus vorschlug. Sie erkannte gleich seine
Art, als sie ihm wegen dieser weisen Anordnung ganz besonders innig gedankt und
ihn damit noch wohlwollender gestimmt hatte. Sein ganzes Leben war, nach der
gewöhnlichen Vorstellung solcher Charaktere, eine einzige grosse Erfahrung von
Undank. Lucinde gefiel ihm immer mehr, und er sagte auch unten, dass in ihren
schwarzen Augen etwas läge, was ihn, so alt er wäre, selbst noch töricht machen
könnte.
    Der unruhige und stürmische Geist des Mannes verlangte die allgemeine
Abreise schon vor Ende des Tages.
    Der Kammerherr liess alles geschehen, was man anordnete, blieb ihm doch sein
Liebstes auf Erden, das Ideal seiner Träume, die ewig gleiche Belebung seiner
Bilder, seine Schülerin, seine Heilige.
    Wie ein Kind nahm er Abschied von dem Hause des Pfarrers und den nächsten
Umgebungen. Noch an den Riedbruch in dem Walde war er, bis an die Knöchel
versinkend, gegangen und hatte an derselben Stelle, wo er einst Lucinden
gefunden, einige schon sprossende Gräser und Schneeglöckchen gepflückt. Schon
lange verkündete hier ein Würfel aus Sandstein mit einigen Emblemen des
Philosophen jener kleinen Stadt, dessen System er an der Drechselbank und auch
aus einigen bei demselben persönlich nachgeschriebenen Heften so bewunderte, und
auf diesem Würfel das eingegrabene griechische Wort: »Heureka!« (Ich habe
gefunden!) allen Blumen und Vögeln und Schmetterlingen und Käfern sein Glück -
diesen wohl allein, denn Menschen verirrten sich des sumpfigen Weges nicht.
    Der Pfarrer selbst, dem eine bedeutende Einnahmequelle versiegte, sah den
oft so unholden Gast mit Rührung scheiden. Die Pfarrerin meinte: Man gewöhnt
sich so bald an das, was tägliche Pflicht geworden, selbst wenn Plage und Qual
damit verbunden ist. Den Verlust der Einnahme musste man zu verschmerzen suchen,
mischte sich doch auch das angenehme Gefühl in den Scheideaugenblick, erlöst zu
sein von einem Alp wie Lucinde. Einen Misbrauch ihrer Schönheit, ein übles
Beispiel, das sie den Kindern im Genuss ihrer Triumphe gegeben, konnte man ihr
nicht nachsagen. Da sie aber die gewohnten und allgemeinen Wege in keinem Dinge
gehen mochte und an kleinen Verwirrungen, die sie schon genug in den nächsten
Beziehungen des Hauses angerichtet hatte, förmlich Freude zu empfinden schien,
so sah man sie mit erleichtertem Herzen ziehen. Lucinde wusste das und machte von
ihrem Gehen keine Umstände. Nur den Kindern im Hause und manchem Fleissigern in
der Schule liess sie zurück von ihrem Überfluss an Kleinigkeiten und hunderterlei
Bagatellen, die ihr der Kammerherr verehrt hatte.
    Die Reise ging über das Eggegebirge der westfälischen Abdachung zu.
    Obgleich der Kronsyndikus mit der Mehrzahl seiner Güter der grossen
norddeutschen Monarchie angehörte, schien sein Herz doch mehr an Hannover, an
Braunschweig, an Lippe, Bückeburg, Detmold zu hängen, in deren Gebieten er
gleichfalls angesessen war. Ja, bis in den höhern Norden hinauf, bis Hamburg,
bis Kiel hin besass er einzelne, durch Verschwägerungen und alte
Familienbeziehungen ihm zugefallene Güter.
    Der Kammerherr schien dabei trotz alledem sein Lieblingssohn. Des ältern,
des Regierungsrats, wurde nur mit Gereizteit gedacht, ja, in den Spott, in den
er zuweilen über die Welt, in welcher jener lebte, ausbrach, stimmte der
Kammerherr mit ein, sodass man beide dann in ein mit ganz gleicher Tonart
gesetztes Lachen sich ausschütten hören konnte.
    Die freie, ungebundene, ja zügellose Art des Vaters fiel Lucinden bald genug
auf. Der Kammerherr war viel sittsamer. Sein Vater gab ihm das Zeugnis, dass der
»alte Schafskopf«, wie er ihn nannte, immer nur Hunde und seine sogenannten
guten Freunde geliebt, immer nur vor den Damen wie ein Duckmäuser gestanden
hätte und zu seinem höchlichsten Erstaunen nun doch noch in den Apfel der
Erkenntnis beissen wollte ... Wenn er eine solche Vergleichung brauchte, lachte
er sich selbst Beifall, und Lucinde wusste schon, wie gern er sah, wenn sie
darüber auch den Mund in Lächeln verzog. Sie erntete dafür über ihren Verstand
und ihre Zähne Schmeicheleien so derber Art, wie sie der Kammerherr nie
auszusprechen gewagt hatte.
    Diese Reise währte eine halbe Nacht und einen halben Tag. Man fuhr mit vier
Pferden Extrapost. Am Wege sah man dann und wann Kruzifixe und Heiligenbilder.
Die an historischen Erinnerungen so ahnungsreiche Gegend war jetzt gemischter
Confession. Bei der Frage nach Lucindens Herkunft, sonderbarem Vornamen,
religiösem Bekenntnis kam es zu einigen Erörterungen über die Stadt, aus der sie
entflohen war. Und nun fragte der Kronsyndikus von Wittekind selbst, ob Lucinde
dort nichts von einer gewissen Gülpen oder Buschbeck, wie sie sich nenne, gehört
hätte. Und trotzdem, dass sie ja auch dem Kammerherrn schon diese Namen
ausgesprochen hatte, antwortete sie: Nein! Sie fürchtete weitere Fragen über
ihre Herkunft und die Ursache der Bekanntschaft mit jener unheimlichen Frau.
    Der Kammerherr hätte sich der frühern Frage Lucindens nicht erinnert, aber
er war auch in dem Augenblick gerade beschäftigt, mit einem Perspectiv die
Fenster eines Herrensitzes zu fixiren, an dem sie in einiger Entfernung
vorüberfuhren. Er entdeckte dort seinen zweitbesten Freund, den Grafen Zeesen,
der trotzdem, dass es erst April war, schon Fliegen zu jagen schien. Lucinde
brauchte das Glas nicht, um zu sehen, dass der Graf alle Fenster im ersten Stock
seines »Hofes« offen hatte und mit der Fliegenklatsche die dort demnach ganz
unglaublich frühzeitigen Störenfriede hinausjagte ...
    Der Kronsyndikus war offenbar über seine eigene Frage nach der »Hauptmännin«
in Gedanken verloren, sonst hätte er um einige Meilen weiter nicht so unbefangen
von einer jungen Dame gesprochen, die sie auf den Wiesenwegen, die einen kleinen
Edelhof umgaben, einsam und, wie es schien, tief nachdenklich spazieren gehen
sahen. Es war dies Terese von Seefelden, die Verlobte jenes Grafen Zeesen ...
    Kaum begann der Kammerherr von den vortrefflichen Eigenschaften seines
Freundes, des Grafen, und hatte eine Parallele zwischen ihm und dem »Verräter«,
dem Doctor Klingsohr, zu ziehen angefangen, als der Kronsyndikus mit dem Fuss
aufstampfend rief:
    Schweig! Nenne mir den hundsföttischen Namen nicht!
    Man erfuhr jetzt, dass der leidenschaftliche Mann in diesem Augenblick nicht
nur von der Zukunft seines Sohnes, sondern von vielen andern Dingen,
vorzugsweise aber von seinen Beziehungen zu dem Vater jenes Klingsohr, seinem
Generalpachter, auf das heftigste gereizt war.
 
                                      10.
Immer und immer schon war ein gewisser »Deichgraf« genannt worden, ein Titel,
nach dessen Bedeutung Lucinde nicht fragen mochte.
    Wie sicher sie zwar in allem, was zur Bildung gehörte, jetzt schon Stand
hielt und einen über Geldangelegenheiten vom Vater in französischer Sprache
begonnenen Discurs mit der endlos belachten Bemerkung unterbrach, ob sie nicht
lieber polnisch sprechen wollten, was sie weniger verstünde als französisch, so
hütete sie sich doch, auf Gebiete einzugehen, wo sie in keiner Weise heimisch
war. Sie bildete sich da jenes bekannte aufmerkende und geheimnisvolle Schweigen
aus, das bei Leuten, denen Bildung überhaupt zugestanden werden muss, immer
annehmen lässt, dass sie über jeden vorliegenden Fall, und beträfe er die
Inschrift einer ägyptischen Pyramide, vollkommen au fait sind.
    Bald merkte Lucinde aus den Drohworten, die der Kronsyndikus ausstiess, dass
es mit dem Deichgrafen eine besondere Bewandtnis hatte. Dieser »Graf« schien nur
ein Bürgerlicher zu sein. Es war der erste Pachter des Freiherrn von Wittekind.
Der Kronsyndikus nannte ihn unausgesetzt bald einen Hund, bald einen Schurken;
ja, er erklärte, dass er ihm bei erster Gelegenheit und, wie er sagte, »stanta pe
« eine Kugel vor den Kopf brennen würde. Der Kammerherr wünschte neue
Vorkommnisse des Zwistes zu wissen, aber der Vater schien von denselben so
ergriffen zu sein, dass er zuweilen die an ihn gerichteten Fragen ganz überhörte
...
    Das Terrain war eine Zeit lang nur eben gewesen. Auf den Gütern des
Freiherrn, die von der Strasse ostwärts lagen, wurde es wieder von Anhöhen
unterbrochen, und auf der höchsten Höhe lag Schloss Neuhof wie eine leuchtende
Krone der ganzen in Saatengrün, Wald und Wiese prangenden Gegend. Diesem Schloss,
diesen reichen Fluren nach zu schliessen, musste der Kronsyndikus fürstliche
Einnahmen beziehen, womit freilich sein Dingen und Zanken mit den Postillonen
und Wirten in Widerspruch stand. Lucinde hatte den Mut, ihn seines Geizes
wegen aufzuziehen, wozu er ganz beistimmend schmunzelte und ihr in die Wangen
kniff mit den Worten, dass er von solchen hübschen Kindern wie sie in seinem
Leben leider nur zu oft solche Wahrheiten hätte hören müssen.
    Ehe man auf die bedeutende, aber sanft aufsteigende Anhöhe gelangte, von
welcher das im vorigen Jahrhundert gebaute Schloss herniederleuchtete, hatte sich
in die jeweiligen Auseinandersetzungen des Kronsyndikus über die Ernte, die
neuen Wegebauten, die Kirchen und Klöster, die man in der Ferne aufragen sah,
über einen oft citirten Landrat von Enckefuss, den sein Auge da und dort zu
erspähen glaubte, dann wieder über den Reichtum und die hohe gesellschaftliche
Stellung der Tüngels und über die Vorzüge der freilich nicht mehr ganz jungen
Baronesse Portiuncula, die Jérôme heiraten sollte, wieder der Zorn gemischt auf
jenen »Deichgrafen«. Man sah, aus den heftigen Rügen über diesen Acker, jene
Hecke oder Anpflanzung, überall die Schöpfungen dieses Mannes, der seit einer
langen Reihe von Jahren mit dem Freiherrn aufs innigste befreundet gewesen,
jetzt aber, wie sein Sohn mit dem Kammerherrn, in Bruch gekommen war. Der
Kammerherr suchte die Neigung seines Vaters zu gewinnen durch beständiges
Schüren dieses Hasses, durch Uebertreibungen und Flüche, die die des Vaters
zuweilen noch an Kraft und Umfang übertrafen. Zwei verwöhnte, durch ihren Namen
und Besitz sich für unantastbar haltende Männer scheuten sich nicht, dem
Deichgrafen im Geiste bald die Peitsche zu geben, bald sämmtliche Hunde ihrer
Förster auf ihn zu hetzen.
    Lucinde erfuhr jetzt, dass der Generalpachter Klingsohr den altüblichen Namen
eines Deichgrafen von einer frühern Anstellung bei den Deichen der
hannoverischen Niederelbe führte, dort die Bekanntschaft des zuweilen nach
seinen mecklenburgischen und holsteinischen Gütern durchreisenden Freiherrn
machte und von diesem bereits vor beinahe dreissig Jahren in diese Gegend als
sein Pachter berufen worden war. Lange hätten sie in dieser Lage
freundschaftlich verkehrt, sogar die Söhne des Freiherrn und des Deichgrafen
wären zusammen aufgewachsen und erzogen worden, der Kammerherr hätte mit
Heinrich Klingsohr, dem jetzigen Doctor, in Göttingen studirt und bei alledem
war eine Feindschaft ausgebrochen, wo einer denn doch noch, wie der Kronsyndikus
sagte, »dran glauben« würde.
    Die Ursache dieser Feindschaft lag in einer neuern Ernennung des
Deichgrafen. Der alte Klingsohr, der sich als grosser Pachter im
landwirtschaftlichen Verein, ja als Kenner der Volkszustände auf dem
Provinziallandtage einen Namen gemacht hatte, war Commissar der Regulirung
bäuerlicher und grundherrlicher Verhältnisse geworden. Erst jetzt wurden in
dieser Gegend die letzten Reste der Leibeigenschaft aufgehoben. Die Regierung
bestimmte Teilungscommissare, denen sie ihr Vertrauen schenkte, um jedes
streitige Recht zwischen Bauern und Grundherren, zwischen den Gemeinden und
Einzelpersonen zu prüfen und schliesslich nach bester Ueberzeugung die Ablösungen
zu schätzen. Man konnte nicht bemessen, dass ein Macchiavellismus darin lag, zu
einem unter Umständen so unpopulären, ja gefährlichen, der Bestechung wie der
Anfeindung ausgesetzten Posten einen Oppositionsmann zu wählen. Im Gegenteil
liess sich annehmen, dass gerade in der gesunden, offenen und ehrlichen Politik
des Deichgrafen, die der Regierung schon viel zu schaffen gemacht hatte, eine
Bürgschaft gefunden wurde für die Gerechtigkeit, mit der er sich seinem
schwierigen Amt unterziehen würde. Er kannte die Gegend seit beinahe dreissig
Jahren, hatte die Interessen derselben mannichfach studirt und war unstreitig
der geeignetste, der die Unparteilichkeit einer so wichtigen Procedur verbürgte.
Lucinde gewann diese Einsicht in ihr keineswegs fremde Verhältnisse vollständig
erst von ihrem Pavillon im Schlosspark zu Neuhof aus. Jetzt war es nach des
Kronsyndikus Meinung eine teuflische, höllenmässige und bis an die Trone
diesseits und jenseits zu verfolgende Undankbarkeit des Deichgrafen, auf seinem
neuen Posten fortwährend seinem Pachtgeber, langjährigen alten Freunde, ja
Wohltäter, wie er sagte, in fast allen streitigen Fragen Unrecht zu geben, ihm
Rechte zu entziehen auf Wald und Flur, die er seit Urgedenken besessen haben
wollte, die Summen, die er von seinen frühern Lehnsassen zu empfangen, gering,
die aber, die er selbst an die Gemeinden zu zahlen hätte, hoch anzuschlagen.
Durch diese nun schon seit zwei Jahren dauernde Ablösung, die den Deichgrafen
zum Wohltäter des ganzen Kreises machte, waren beide in Streitigkeiten
geraten, die leicht auf Tätlichkeiten übergehen konnten, denn auch der alte
Klingsohr war, wie Lucinden aus dem plattdeutschen Examen, das der Kronsyndikus
bald mit Postillonen, bald mit Gensdarmen über »etwa Vorgefallenes« oder
Vorkommnisse des Feldbaues anstellte, vernehmlich wurde, eine heftige Natur, zäh
und eigensinnig in seinen Ueberzeugungen. Der Pacht, der nur noch einige Jahre
lief, war ihm vom Freiherrn gekündigt worden ... Und gib Acht, Jérôme, schloss
der Vater in seinen Anklagen, wir werden erleben, dass er uns noch allen als
Zuchtrute gesetzt wird, denn Enckefuss will und muss versetzt werden! Geschieht
das, so kauft sich Klingsohr ein Eigentum, lässt sich wählen, und unter den drei
Candidaten angesessener Bewohner des Kreises, die wir vorzuschlagen das Recht
haben, wird von oben her kein anderer zum Landrat gewählt werden als der
erprobte Herr Teilungscommissar!
    Lucinde hörte allen diesen Gesprächen mit der Erwartung zu, im Verlauf
derselben würde vielleicht der Name der Schreckgestalt, der Mäusefängerin und
Giftpfeilbesitzerin genannt werden. Doch war der Umfang an Lebensbezügen und
Erinnerungen des Kronsyndikus so ausserordentlich gross, dass er unausgesetzt Neues
aufs Tapet brachte und zum Alten, wo es nicht den Deichgrafen betraf, selten
zurückkehrte. Der Kammerherr setzte dabei seinen gewohnten Unterricht Lucindens
durch Erklärungen fort. Auseinandersetzen, erläutern, dociren war sein
Steckenpferd. Fürsten, Grafen, Bischöfe und Erzbischöfe wurden dabei wie die
gewöhnlichsten Menschen sogar einfach mit Vornamen genannt. Alles, was Lucinden
bisher hoch und unerreichbar geschienen, zeigte sich ihr hier ganz menschlich
und von den allgemeinen Leidenschaften aller beherrscht. Für ihre Bildung und
Lebensauffassung musste daraus, wie durch die Erfahrungen im Hause des
Stadtamtmanns, sich mancherlei ergeben. Wer den ersten Blendzauber, den die
Grossen der Erde verbreiten, auszuhalten oder ihn allmählich in nächster Nähe
erblinden zu sehen Gelegenheit gehabt hat, wird leicht für alle
Lebensverhältnisse eine Entschlossenheit und Tatkraft bekommen, die vor keinem
Ziel des Ehrgeizes mehr zurückschreckt.
    Schon lange, ehe man, langsam die sanft aufsteigenden Anhöhen zum Schloss
emporfahrend, an diesem angekommen war, hatte man zur Rechten den zwar noch
laublosen, aber schon von Spatzen, Amseln, Goldammern belebten grossen Park neben
sich liegen. Die Umwandelung eines Waldes in diese regelrechte und kunstmässige
Zierlichkeit, mit zuweilen durchschimmernden Erlenbrückchen, kleinen von
Hängeweiden bestandenen Inseln, künstlichen Felsgrotten, Wasserfällen, stammte
schon aus dem vorigen Jahrhundert. Auch die erwähnten Pavillons mit Galerieen
und chinesischen Dächern wurden sichtbar. Ein solcher, der auf der andern Seite
lag und im untern Geschoss von einem alten Schlossdiener bewohnt wurde, sollte
ganz für Lucinden eingerichtet werden, falls sie nicht vorn bei Vater und Sohn
im Schloss wohnte. Die sittlichen Vorstellungen des Kronsyndikus schienen von
sogenannten Vorurteilen völlig frei zu sein. Selbst wenn sein Sohn zu Lucinden
in Verhältnissen gestanden hätte, in denen dieser nicht stand, würde er darüber
mit Unbefangenheit gescherzt haben.
    Schloss Neuhof bot in seinem Hofe und in den Seitenbauten ein grosses
Oekonomiewesen. Den einen Teil seiner Besitzungen verwaltete der Freiherr
selbst. Da gab es Ställe voll Rinder und Schafe, in der Ferne Ziegelöfen, eine
Branntweinbrennerei, eine Brauerei, deren Grundstoffe und Erträge im beständigen
Verkehr um das Schloss herum kamen und gingen und die nächsten Räumlichkeiten
desselben so unschön wie möglich erscheinen liessen. Menschen umgaben den
Besitzer von allerlei, aber durchgehends untergeordneter Art. Ihm musste man nur
dienen, nur gehorchen; Weisungen von andern anzunehmen war seine Sache nicht.
Von jeher hatte er auch deshalb Frauen lieber um sich leiden mögen als Männer.
Gleiches, Ebenbürtiges, Höheres, zu dem er aufblicken musste, duldete seine hohe
Meinung von sich selbst nicht. Seine tyrannische Art schlug mit einer
Handbewegung um sich und scherzte mit der andern. Ihm kam nichts auch nur, wie
er's zu nennen pflegte, »bis an den Nabel«. Er hatte immer recht, ob nun eine
andere Fütterung für verkommene Schafe oder der Bau eines neuen Ofens für die
Ziegelei beantragt wurde. Die Mägde, die Knechte, die Verwalter der vielen
Zweige, in denen gearbeitet und Gewinn angestrebt wurde, alle standen in der
Regel in den Fällen, wo's, wie er sagte, »auf Grütze im Kopf« ankam, »wie die
Heuochsen« und waren die Dummköpfe selbst. Er nur wusste alles und entschied
alles. Und dann, wenn Er den »rechten Zapfen« eingeschlagen hatte, Er »den Nagel
auf den Kopf getroffen«, Er irgendeinmal »den Karren wieder aus dem D.
geschoben« hatte, musste alles den Kopf schütteln und ohne viel Worte gleichsam
nur ein: »Aber man muss sagen, unser gnädigster Herr -« mit den Augen andeuten.
Wer das verstand, traf den Ton, in dem er die Menschen mit sich verkehren haben
wollte. Es war dann schon vorgekommen, dass er in solchen Fällen, wo Er allein
»dem Ding auf die Beine geholfen«, die Börse zog und einen Taler austeilte,
nur damit sich die Ochsen, die Esel, die Rindviecher dafür, dass sie sich ihm
gegenüber als solche bewährt und bekannt hatten, einen guten Tag machten.
    Lucinde wurde unter zahlreichen neuen Menschen eingeführt als eine durch
Familienbekanntschaft Empfohlene, der das Land nützen und die wiederum auch dem
Lande nützen sollte. Da der Kammerherr nicht aufhörte, seine Liebe mit einer
niemand an sie heranlassenden Eifersucht zu schützen und seine Sorgfalt, Obhut
und Zarteit gegen sie die gleiche blieb, so durchkreuzte er die Plane des
Vaters, der nicht wenig Lust bezeugte, der Rival seines Sohnes zu werden.
Lucinde wohnte im Schloss selbst nur bis zu dem Tage, wo mit dem mächtig
hereinbrechenden Frühling eine Menge benachbarter Adelsfamilien erschienen und
sie in den für sie bestimmten Pavillon des Parks zog. In dieser Zeit der Besuche
musste sie sich vom Schloss sogar ausdrücklich fern halten.
    Vom Pavillon aus beobachtete sie die vornehmen Gäste, die kamen und gingen.
Liebliche junge Mädchen, auch Kinder umschwärmten einige Stunden lang, während
der Hof sich mit Livreen füllte, einen Weiher im Park. Besonders anmutig war
eine Comtesse Paula von Dorste-Camphausen, eine zarte, schlank aufgewachsene
und, wie es schien, kränkelnde Blondine mit langem goldenen Haar, kaum zwölf
Jahre alt und schon zur Reife entwickelt. Ihre treueste Begleiterin war ein
kleiner schwarzer Lockenkopf, den man Armgart von Hülleshoven nannte. Auch
flüchtig sah Lucinde jene Portiuncula von Tüngel, aus dem Geschlecht der
Tüngel-Appelhülsen, die in diesen Tagen und bei diesen Beratungen und
Bewillkommnungen durchaus die Kammerherrin von Wittekind, die Gattin eines
Geistesschwachen, werden sollte. Sie sah sie eines Tages wieder, als sich der
Park plötzlich mit Menschen gefüllt hatte. Sie war nicht auf diese Ueberraschung
gefasst gewesen. Sie hatte sich in träumender und verdriesslicher Langeweile für
sich allein in ihrem Pavillon geschmückt und musste an den Parkweiher, weil der
Kammerherr, wie sie von den alten Leuten, bei denen sie wohnte, erfuhr, ihr im
Vogelhause alle ihre Nähapparate versteckt hatte. Dortin wagte sie sich. Sie
hatte sich in einem vom Kammerherrn mit Goldlackfarbe bemalten schöngeformten
Kahn, zu dem ein zierliches mit Goldfarbe gleichfalls überzogenes Ruder gehörte,
an das in der Mitte befindliche Haus voll türkischer Enten, Tauben und Schwäne,
die in drei Stockwerke verteilt waren, hinrudern wollen, indem gerade die ganze
Gesellschaft vom Schloss kam. Alles eilte voll Staunen näher. Es war die
phantastischste Ueberraschung, die man sehen konnte. Der Teich, der goldene
Kahn, die schöne Schifferin ... Und der Kammerherr selbst konnte, da der Vater
nicht sogleich in der Nähe war, dem Drange nicht widerstehen, der Welt seine
wahre Liebe genauer zu zeigen. Lucinde erschrak und flüchtete sich in das
Vogelhäuschen. Es bestätigte dieser Anblick die Sage, dass sich der Kammerherr
Jérôme auf Schloss Neuhof ein Elfenkind hütete.
    Es folgte aber eine heftige Scene mit dem hinzukommenden Kronsyndikus. Die
phantastische Schifferin stieg über den Lärmen in die Pagode hoch hinauf und
kletterte bis an die obere Spitze, die in einem buntgemalten Taubenschlage
endigte. Da flatterte es, als sie dort richtig ihr Nähzeug entdeckte, von allen
Oeffnungen heraus, während der Kahn, den sie nicht befestigt hatte, inzwischen
ans Ufer schwamm. Nun wollten die Herren der Gefangenen zu Hülfe eilen; aber der
Kronsyndikus machte dem Vorfall durch kurze und entschiedene Befehle ein Ende.
Er kündigte auch die eben erfolgte Ankunft seines ältesten Sohnes an.
    Alles musste jetzt den Park verlassen und den Regierungsrat von Wittekind
begrüssen ...
    Lucinde bekam so die Freiheit.
    Bis die Bediente den Kahn zurückgerudert hatten zur Insel, sass sie unter den
Tauben, die allmählich wiederkehrten, und konnte Betrachtungen anstellen über
alles, was zwischen ihrem Taubenschlag auf dem geflickten Schindeldach in
Langen-Nauenheim, dem Taubenschlag unter dem Küchenherd der Frau Hauptmännin und
dem hier auf der chinesischen Pagode im Park von Schloss Neuhof für sie an
Erlebnissen in der Mitte lag.
 
                                      11.
Schon war für Lucindens Ehrgeiz eine Zurücksetzung, wie sie sie jetzt erlebte,
wenig geeignet. Manchmal, wenn sie bei offenem Fenster in ihrem Pavillon sass,
war es ihr, als wenn sie sich in der Tat doch nur eine aufs Land hin
vermietete Nähterin erschien. Sie sass und besserte wirklich nur Wäsche aus. Es
war allerdings ihre eigene. Sie hatte um ihre Schwester fortgesetzt noch Trauer
anlegen wollen und begehrte neue schwarze Kleider; der Kronsyndikus hatte sie
ihr abgeschlagen, da der Anblick seinen Augen nicht wohltäte, eine Äusserung,
die sie den alten Leuten wiederholte, bei denen sie wohnte, und die von diesen
mit einem tiefen Seufzer aufgenommen wurde ... Ueberhaupt fiel ihr der Druck,
unter dem hier auf dem Schloss und in seiner nächsten Umgebung alles lebte,
immermehr auf. Ja, sie selbst empfand ihn schon. Als sie wegen der verweigerten
Garderobe wollte zu schmollen anfangen, rief der Kronsyndikus ein so starkes und
drohendes Halloh! dass sie erbebte und diesen Ruf, dies Zusammenziehen der
gelbweissen buschigen Augenbrauen nie wieder heraufbeschwören mochte.
    Während auf dem Schloss eines Tages wieder eine glänzende Gasterei
stattfand, trieb es Lucindens Ungeduld und verletzte Eitelkeit ins Freie.
    Hinter dem Park gab es erst ein Feld und eine Reihe von Obstbäumen zu
durchstreifen, dann öffnete sich ein grüner Grund, und tief hinab ging in
allmählicher Abdachung eine enge Bergspalte, die sich erweiterte zum
schattenreichsten Waldesgrün, wieder dann enger wurde und sich so in gleicher
Abwechselung fortzog bis zur Ebene hin, aus der zunächst die Türme eines
Franciscanerklosters, Himmelpfort genannt, herübersahn, dann die des Stifts
Heiligenkreuz und der Dom der uralten Stadt Witoborn.
    In diesem Einschnitt zwischen zwei oben ganz wie in der Ebene liegen
bleibenden Saatfeldern wucherte die Pracht des Waldes. Im Winter musste diese
Spalte mit Schnee überfüllt sein. Auch jetzt im Frühjahr, wo überall der Boden
schon trocken, glänzte hier noch alles feucht. Von den Felswänden tropfte es
zwischen Moos und Farrnkräutern hin. Ein Bächlein bildete sich unversehens. Es
rieselte unter Haselnussbusch und Schlehdorn über ein verworren steiniges Bett.
Mancher Felsblock schien den Lauf des Bächleins ganz zu versperren, doch
plötzlich brach es irgendwo mit stiller, sich gleichbleibender Stärke wieder
hervor. Dann aber wurde die Spalte weiter, die Bäume wurden höher und höher,
Tannen ragten mit geradlinigem Wuchse, tiefer ab kamen Eichen, die von einer
kurzen Strecke des weissesten Sandes, dann Buchen, die von kurzem Grase umgeben
waren. Querdurch gingen Fusswege von da und dorter und zuletzt ein schmaler
Reitweg dicht vor dem Eintritt in eine riesige Gruppe uralter Eichenstämme, die
man den »Düstern Bruch« oder den Düsternbrook nannte. Von hier aus konnte man
bequem wieder die Seitenwände des Grundes emporklimmen und kam dann wieder in
der Hochebene an, wo über grünen Saaten die Lerchen stiegen und die Gegend sich
hinzog, so gleichförmig, so eben als wenn dieser Grund gar nicht vorhanden war.
Und doch führte er allein, wie die grosse Hauptstrasse, die vorm Schloss
vorbeiging, auf das allgemeine Niveau des Landes zurück. Ueber dem fernen
Tiefland lag das Schloss wohl gegen tausend Fuss hoch. Fünf Regierungen besassen
hier Enclaven; nur nach Westen zu gehörte alles ausschliesslich jener Krone, in
deren Diensten der älteste Sohn des Freiherrn, der Regierungsrat, stand und
sein, wie es schien, einziger nächster Freund, der Landrat, ehemalige
Husarenrittmeister von Enckefuss, gewöhnlich »der schöne Enckefuss« genannt.
    Vor der stechenden Nachmittagssonne boten die Schatten des Düsternbrook
heute den erquickendsten Schutz. Es rieselten zwar noch die kaum geschmolzenen
Schneereste, die sich in den Felsspalten festgefroren hatten, jeder Schritt war
glatt und gefahrvoll; aber Lucinde hielt sich an den schon allmählich ihr Laub
treibenden Büschen und suchte das von würzigen Kräutern duftende niedere Tal zu
gewinnen. Belebt war es von allem, was nur in den ersten Frühlingstagen auf den
Bäumen mit Gurgeln, Zwitschern, Schnabelwetzen der allernärrischsten Art wieder
die Wonne erprobt, sich von dem Nochvorhandensein seiner alten Stimmittel
überzeugen zu können.
    Lucindens Sinn ging dabei brütend auf irgendeinen zu fassenden Entschluss. So
wie sie jetzt da war, den runden Strohhut mit schwarzem Band in der Hand, in die
Weite zu gehen und gar nicht zurückzukehren, war noch das Leichteste, was sich
ausführen liess gegen eine Lage, in deren Erwartungen und Aussichten sie sich
betrogen hatte. Dass ihr Sinn Gedanken der Rache nicht unzugänglich war, wissen
wir. Düster zogen sich ihr die dunkeln Augenbrauen zusammen, manche rasch
gebrochene Blüte zerriss, ja zerbiss sie, manches junge, kaum ganz entrollte Blatt
zerkaute sie, so bitter es schmeckte ... Immermehr geriet sie in einen Zorn, wo
die bei dunkeln Augen eigentümlich schon vorhandene leichte Entzündlichkeit der
obern Wangen sich immermehr steigerte und den heissen Lichtern noch dunklere
Schatten gab.
    Vom Düsternbrook her störte sie jetzt Geräusch. Bald waren es Axtschläge,
bald der gleichmässig klingende Ton einer Säge.
    Als sie näher kam, bemerkte sie einen Arbeiter vom Schlosshof. Sie neckte
sich zuweilen mit ihm. Es war ein fremder Arbeiter vom Westen her, ein gelernter
Küfer, der auch für die Brauerei, Brennerei und die Milchwirtschaft des
Kronsyndikus mit Fleiss und Geschick grosse Gefässe baute, Bottiche von gewaltigem
Umfang, Tonnen in allen Grössen. Rüstig arbeitete er vom Morgen bis zum Abend und
zog sich seine Hülfsgesellen selbst; er hiess Stephan Lengenich und war
landeinwärts einer der eifrigsten Kirchenbesucher. Auf dem Schloss selbst gab
es eine Kapelle, doch wurde in ihr nie die Messe gelesen, obgleich der
Kronsyndikus von sieben Pfarreien und dem Kloster Himmelpfort selbst
Patronatsherr war. Seit Jahren stand er mit seiner Kirche auf gespanntem Fuss und
duldete auch z.B. nie, dass die Franciscaner Schloss Neuhof betraten, eine
Massregel, die durch die Auslegung der Polizeigesetze über das Terminiren der
Bettelorden von seinem Freunde, dem Landrat, dem »schönen Enckefuss«, nach
Kräften unterstützt wurde.
    Ei, Herr Lengenich! rief Lucinde mit ihrer etwas tiefliegenden, nicht
starken Stimme; schon wieder eine von den heiligen Eichen des Bonifacius
umgehauen? Wenn Ihnen nur nicht einmal so ein alter Heidengott dabei erscheint
und Ihnen was antut!
    Stephan Lengenich sah auf und meinte in der Tat:
    Machen Sie keine Scherze, Mamsell Schwarz! Aber es muss ja sein! Die alten
Fässer faulen und es geht mit dem Brennen der Kartoffeln ins Weite ...
    'S ist recht, sagte Lucinde in der treuherzig derben und ruhig sichern Art,
die den ihr geläufigen Volkston jetzt schon mit Bewusstsein festalten konnte, s'
ist recht! Man soll nicht neuen Most giessen auf alte Schläuche!
    Stephan Lengenich horchte ...
    Lucinde zeigte, dass sie eine Schulmeisterstochter war, auch ein Jahr bei
einem Pfarrer gelebt hatte, und fuhr weiterschreitend mit künstlichem Patos
fort:
    Niemand flicket auch ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuche, denn
der Lappen reisst doch wieder vom Kleide und der Riss wird ärger. Adjes, Stephan!
Betet ihr einmal ein Ave Maria für eine andere arme Seele als die der Lisabet,
so schliesst auch unsereins ein!
    Damit ging sie, ohne die Antwort des Arbeiters abzuwarten, den sie an ein
allbekanntes Verhältnis mit der ersten Beschliesserin des Hofes erinnert hatte.
    Lucinde schlug den kürzern Weg jetzt wieder zur Anhöhe ein. Es war ein
steilerer, aber von Steinen unterstützter Pfad, der zur obern Anhöhe der
Schlucht führte.
    Sie war auf der Hälfte dieses etwas mühseligen Weges, als sie hinter sich
laut reden hörte.
    Sie wandte sich und sah, dass Stephan Lengenich mit einem nach ihr Gekommenen
in einem lebhaften Gespräch begriffen war. Widerhallte so schon in dieser Stille
an den Bergwänden jedes gesprochene Wort, wie viel mehr noch ein Zank, der
allmählich heftiger geführt wurde.
    Eine schlanke Gestalt in schwarzem Sammetkittel, weiten Sommerbeinkleidern
und einem grauen, mit einem Zweig geschmückten Hut konnte von ihr nicht im
Gesicht betrachtet werden, da der Sprecher rückwärts stand. Aber der Stimme nach
war es ein junger Mann, nicht, wie sie im ersten Schreck über den Lärm vermutet
hatte, der Deichgraf selbst, der als Teilungscommissar, wie sie wusste, über den
Düsternbrook und die dortige Baumfällberechtigung mit dem Kronsyndikus in Streit
war.
    Hat es der Freiherr befohlen? Ausdrücklich befohlen? fragte der
Hinzugekommene mit heftiger Entrüstung.
    Guten Morgen! war Stephan Lengenich's Antwort, während er weiter sägte.
    Gestern noch stand die Eiche! Das muss erst die Nacht geschehen sein! Sie
haben keinen Auftrag dazu gehabt!
    Guten Morgen! sagte der Küfer und sägte weiter.
    Will man uns mit Gewalt aufs Äusserste bringen? Antwort! Red' Er!
    Herr! richtete sich jetzt der Arbeiter zornfunkelnd auf und deutete auf den
roten Strich einer Mütze, die er trug, womit er andeuten wollte, dass man einen
noch in der Landwehr befindlichen Soldaten nicht mit Er anredete. Sich aber
beruhigend, fügte er dann weiter arbeitend spöttisch hinzu:
    Guten Morgen!
    Vom Düsternbrook gehört nicht eine Eichel der Herrschaft! Es ist
Gemeindewald und seine Privatnutzung ein Misbrauch, der nicht fortbestehen kann!
    Nicht eine Eichel? Suchen Sie hier Eicheln?
    Stephan Lengenich sprach diese Anzüglichkeit auf Tiere, die man mit Eicheln
füttert, ganz im boshaften Geiste seiner Herrschaft.
    Im ersten Augenblick trat der junge Mann einige Schritte vor und rief: Kerl!
Dann besann er sich wohl auf den ungleichen Kampf und sagte sich langsam
entfernend:
    Nehmt euch vor meinem Vater in Acht! Er legt nächstens den Grenzstein und
dann werden ihn die Gensdarmen zu bewachen wissen!
    Damit schritt er, verfolgt von einem Hohnlachen des Arbeiters, langsam
weiter.
    Bei der Gewissheit, endlich des mehrfach besprochenen frühern Freundes und
Studiengenossen des Kammerherrn, der durch eine Abhandlung über das sogenannte
Bienenrecht Doctor der Rechte geworden war, ansichtig zu werden, wandte sich
Lucinde, ihn doch nun auch deutlicher zu sehen.
    dabei glitt einer der Steine aus, die sonst das Aufsteigen erleichterten.
    Der Fall weckte die Aufmerksamkeit des Doctors, wie er gewöhnlich im
Gespräch auf Neuhof genannt wurde. Auch er wandte sich und bemerkte die Nähe
eines jungen, in dieser einsamen Umgebung überraschend auftauchenden Mädchens.
    Er zog den breiten Krempenhut und grüsste.
    Beide schritten weiter, er den Weg, den sie eben zurückgelegt, den Grund
hinauf, sie den parallelen, aber oben auf der Hochebene.
    Sie hatte den Eindruck keines schönen Mannes empfangen. Der Doctor mochte
wenig über einige Zwanzig zählen, hatte aber schon das Ansehen eines Dreissigers.
Der Kopf war ausdrucksvoll, aber das kurzlockige, etwas rötliche Haar war an
den Schläfen und der Stirn schon ausgegangen. Der Bart war gepflegter, aber noch
röter als das Haar. Er hing über Lippe und Kinn herab wie bei einem Soldaten;
und an entstellenden Schmarren fehlte es auch nicht auf Wange und Stirn, ja
sogar auf der Nase, Schmarren, deren Ursprung sie gleich hinzubringen wusste.
Nach den Erzählungen des Kammerherrn waren es Duellnarben.
    Die Tracht des Doctors war die leichteste; kaum dass um den magern Hals ein
dünnes Tuch gelegt war. Die Brust stand fast offen. Handschuhe fehlten ganz.
    Lucinde hatte seit den Erinnerungen an Oskar Binder und dessen Freunde in
der Residenz einen Abscheu vor allen Stutzern und geschniegelten Männern. Viel
Aeusserlichkeit war überhaupt bei den Herren nicht Sitte, die auf Schloss Neuhof
kamen; die Gewohnheiten der reichsten Leute hier waren in diesem Punkte einfach.
Grafen gingen wie Bauern. Nur der Landrat, der »schöne Enckefuss«, hielt die
Erinnerung an die Zeiten, wo er wirklich schön gewesen sein mochte, durch eine
gesuchte Toilette, festgeschnürte Taille, gefärbte Haare, Bart, Augenbrauen, ja,
wie man behauptete, gemalte Wangen und Schläfe aufrecht ... er konnte seine
Triumphe als Rittmeister der Husaren nicht vergessen und blieb, ob er gleich
schon einen grossen Sohn hatte, der Beau der Gegend, der Petit-maître von der
Stadt Witoborn an bis auf Schloss Neuhof.
    Die studentische Art der Erscheinung des Doctors passte vollkommen in den
Rahmen der verworrenen Erzählungen, die der Kammerherr, wenn er in seinen
renommirenden Erinnerungen kramte, von dem akademischen Leben desselben zu geben
pflegte.
    Bald gingen Lucinde und der Doctor in ganz gleicher Linie.
    Lucinde konnte sich oben nur am schmalen Rande des Grundes halten, denn zu
ihrer Linken hin gab es kaum einen Weg; die junge Getreidesaat ging bis dicht an
den Rand des Abhangs.
    Es entspann sich trotz der ansehnlichen Distanz ein Gespräch über das
Misverhältniss der Ansprüche, die sich bei der Regulirung der bäuerlichen und
grundherrlichen Verhältnisse ergeben hatten. Der Doctor fragte, als Lucinde
darüber sich ganz unterrichtet zeigte, ob sie denn zu den auf Neuhof oben
versammelten Herrschaften gehöre?
    Nicht zu den Herrschaften! Zu den Dienern! antwortete sie und balancirte auf
dem schmalen Pfade hin, wohl wissend, dass sie nicht wie eine Dienerin aussah.
    Sie sind doch nicht etwa gar das Elfenkind, das mein alter Freund, der
Kammerherr, jenseit der Wälder an einem Schilfteich gefunden hat?
    Ja freilich! Das bin ich! sagte sie und sprang nun mehr als sie ging.
    So werden Sie, sagte der Doctor, trotz der Tüngel'schen Familie, deren
Appelhülsener Linie zurückgekommen ist, Frau von Wittekind werden! Ich
gratulire! Einen bessern Mann kann sich eine Frau nicht wünschen! Dann müssen
Sie aber zu uns nach Göttingen ziehen! Lernen Sie reiten! Oder können Sie's wohl
gar schon? Um so besser! Wir machen Sie zur Conventsseniorin, falls Ihr Mann
nicht aus Rücksicht auf die göttinger Fensterscheiben sofort wieder relegirt
wird! Denn er bekannte Ihnen doch wahrscheinlich seine alte Leidenschaft, in
Göttingen keine ganzen Fensterscheiben und Laternen sehen zu können? »Nacht muss
es sein, wo Wittekind's Sterne strahlen!« Die göttinger Laternen, ohnehin nicht
die hellsten, kosteten ihm einen Teil seiner glücklicherweise guten Wechsel.
    Diese Liebhaberei, erwiderte Lucinde, ist noch immer nicht so schlimm
gewesen wie die einiger seiner Ahnen, die keinen Dachdecker auf einem Turm
sehen konnten, ohne nicht das Gelüst zu haben, ihn herunterzuschiessen.
    Aha! rief der Doctor. Sie sind eingeweiht! In deutsche Staats- und
Rechtsgeschichte!
    Lucinde verschwieg, dass es der Kammerherr mit Vögeln noch so machte. Man
liess ihm deshalb nur eine Windbüchse; in schlimmen Anfällen richtete er auch mit
dieser die grausamsten Verheerungen an.
    Der Doctor schien aufmerksamer geworden und suchte Lucinden näher zu kommen,
was ohnehin durch seinen aufsteigenden Weg von selbst geschah ...
    'S wäre ganz gut, sagte er, wenn einmal in diese Menschenrasse frisches Blut
käme! Ich bin an und für sich ganz für diese alten Geschlechter und mag sie
leiden, aber sie sollten sich nicht untereinander kreuzen, sondern zur
Inoculation des Volks benutzen; das gäbe einen Nachwuchs wie der der alten
Angelsachsen und Normannen, der jenseit des Kanals noch immer so stattlich ist.
Wenn wir Deutsche ein Princip haben, das vernünftig ist, wie die Adelsidee, so
reiten wir's leider auch immer gleich zu Tode!
    Lucinde erwähnte ganz dreist seine Abhandlung über die Bienen.
    Was? Wie? Wissen Sie davon? rief der Doctor. Nun ja! Im Bienenstaat liegt
mehr Weisheit als in Dahlmann's »Politik«, zu der er keinen zweiten Teil
schreiben kann. Auch die Bienen pflanzen sich mit vernünftiger Aristokratie
fort. Ein Ei, aus einer schlechten Arbeitszelle in eine Königinzelle gebracht,
gibt eine Königin. Wir werden erst die Probleme der Geschichte dann lösen, wenn
wir ein Mikroskop erfunden haben, gross genug, das Leben und Weben eines
durchsichtigen Bienenkorbs zu gleicher Zeit zu beobachten. In China, in Indien
ist es mir manchmal als wenn man das Bienenleben schon seit Jahrtausenden besser
kennt als bei uns.
    Da Lucinde von dem schmalen Rasen immer ausglitt, rief ihr der jetzt ganz
Nahegekommene:
    Sie gehen schlecht da oben! Ich biege hier die Zweige zurück, so kommen Sie
herunter!
    Dann müsst' ich wieder wie Sie steigen! sagte sie und blieb.
    Bei dem Versuch, den der Doctor machte, ihr zum Niedersteigen das Gestrüpp
der Büsche wegzubiegen, fiel von oben her das Licht auf ihn günstiger. Der Hut
wurde ihm gerade von einem zurückgehenden Zweige weggenommen; so sah sie einen
scharfen, durchgeistigten Kopf. Dass in ihm Leidenschaften zuckten, dass in dem
grossen wie luftblauen Auge eine Unbestimmteit schwamm, so gross und weit, wie
eben die Luft und das Meer selbst, konnte sie mit ihren jungen Jahren noch nicht
unterscheiden, aber das Gefühl einer ausserordentlichen Kraft strömte ihr aus
diesem an sich harten und unschönen Antlitz, aus diesen unabsehbar weiten,
hellen und wie schwimmenden Glaskugelaugen entgegen.
    Warum sind Sie aus Göttingen hier? fragte sie. Stehen Sie Ihrem Vater in
seiner undankbaren Arbeit bei?
    Schon dass Lucinde fragen konnte, schien ihren Begleiter hoch zu erfreuen.
Mit den meisten Mädchen dieser jungen Jahre kann man ja stundenlang gehen, und
sie wissen nichts als ein empfindsames Ja! oder Nein! Sie lächeln
halberschrocken zu allem und jedem und nennen auch späterhin noch die eigentlich
eitelste Versunkenheit in sich selbst ihr schweigsames Gemüt.
    Der Doctor erzählte, dass sein Vater aus dem Pachtverhältniss zu dem
Kronsyndikus sich zu lösen und ein eigenes Gut zu kaufen beabsichtigte. Zu dem
Ende glaubte er des einzigen Sohnes Beistand nötig. Leider, fügte dieser hinzu,
bin ich kein so fermer Advocat geworden, wie er hoffte. »Grau, Freund, ist alle
Teorie, und grün des Lebens goldener Baum«, nämlich der, auf dem die
vollwichtigen Pistolen wachsen!
    Lucinde wusste schon von Eibendorf und Neuhof her, dass man hier zu Lande die
Goldstücke Pistolen nennt. Jeder Gegenstand, den der Kammerherr taxirte, wurde
nach Pistolen berechnet.
    Vielleicht könnten Sie den Streit zwischen dem Kronsyndikus und dem
Deichgrafen beilegen? sagte sie.
    Unmöglich, mein Fräulein! erwiderte der Doctor. Das sind Gegensätze, die
uralt sind. Schon an dem öden Strand der Elbe, wo sich beide kennen lernten,
soll mein Vater sich durch das Abzählen der hannoverischen Sandkörner gegen die
holsteinischen als Deichgraf unmöglich gemacht haben. Es gibt solche grosse
Charaktere, die gerade zwei Minuten vor halb sieben und zu keiner Secunde anders
einen Gegenstand abgemacht sehen wollen. Sie halten die Hand aufs helle, lichte
Feuer wie Mucius Scävola, nur um ihren Mut zu beweisen. Versöhnung? Mein Vater
konnte sehr leicht von Napoleon eine Kugel vor den Kopf bekommen, denn er fing
die Befreiungskriege nach seiner Uhr an. Gerade zwei Minuten vor halb sieben!
Der Tugendbund hatte gesagt: Zwei Minuten vor halb sieben steht jeder Patriot an
der Spritze, und mein Vater hielt sich an die Ordre. Ob nun die Umstände
bewiesen, dass die Schlacht bei Dresden ganz unzweifelhaft für Napoleon gewonnen
war, ob es noch ganz im Unklaren blieb, ob die Oesterreicher in die Allianz
treten würden - mein Vater nahm die Schlacht bei Leipzig schon für geschlagen
und gewonnen an. Der Deichgraf sammelte Mannschaften, bewaffnete sie und stürmte
die Zollhäuser der westfälischen Regierung. Zwei Tage lang war Deutschland frei
vom Tyrannenjoch; dann aber eine Gewehrsalve von bückeburg-westfälischen
Grenadieren, die Napoleon's Arrièregarde bildeten, und die Patrioten waren
auseinander gesprengt. Mein Vater hinkte mit verwundetem Fuss in den Teutoburger
Wald, wo er jede Stelle kennt, an der einst Arminius bivouakirt hat und sich an
dem Met erquickte, den ihm Tusnelde bereitete. Da irrte er proscribirt umher.
Auf hundert Taler hatte man seinen pünktlichen Kopf angeschlagen.
Glücklicherweise half ihm aber der Geist des alten Arminius und Mutter
Tusnelde. In den Schluchten blieb er unentdeckt und war dann wieder der Erste,
der nach der Schlacht bei Leipzig auf die Externsteine zum Aufruf des ganzen
westlichen Deutschland eine blutrote Fahne steckte. Mein Vater machte trotz
Weib und Kind den Krieg mit und soll die Lieder von Max Schenkendorf in unserm
alten burschenschaftlichen Commersbuch auswendig gewusst und überall vorgesungen
haben, wie auch ich, als ich noch etwas grün zuerst in Erlangen studirte. Später
hat er nicht mehr viel davon wissen mögen und von Versöhnung ist bei ihm in
principiellen Gegensätzen nie die Rede!
    Ueber diese Mitteilungen waren beide Wanderer oben zusammengekommen. Sie
gingen unter den blühenden Obstbäumen hin dem Park zu.
    Da Lucinde durch die akademischen Reminiscenzen des Kammerherrn in vielen
der von ihrem Begleiter angeregten Verhältnissen heimisch war, so konnte dieser
auf ihren wiederholten Vorschlag, eine Vermittelung zu versuchen, in der
Charakteristik seines Vaters fortfahren.
    Nein, mein Fräulein! sagte er. Mein Vater ist trotzdem, dass er nicht mehr
den Schenkendorf singt und wir jetzt 1832 schreiben, in der Exaltation von 1813
stehen geblieben. Schwarzrotgold kam er aus Frankreich zurück und musste 1817
wieder etwas anzetteln da drüben im Teutoburger Walde bei dem grossen Christoph,
den sie jetzt dort auf die Höhe stellen wollen, das germanische Rächerschwert in
Händen. Für den deutschen Kaiser und dessen Wiederherstellung sass er drei Jahre
in Magdeburg. In dieser Zeit war der frühere westfälische Kronsyndikus, d.h.
Vertreter der Krone des ehemaligen Weinreisenden und spätern Königs Hieronymus
bei der westfälischen Landschaft, d.h. den Ständen und Deputirten der ihm
unterwerfenen Provinzen, Freiherr von Wittekind-Neuhof, immerhin so zu sagen
unser Wohltäter. Das Pachtverhältniss ging fort, ohne dass der Vater damals die
vollständigen Summen auftreiben konnte. Der rüstige Grundherr trieb sie sich
eben selber ein. Meine Mutter starb darüber, der Vater kam aus Magdeburg zurück
und warf sich jetzt in die ergrimmteste Provinzialopposition. So hat Demostenes
nicht über Philipp von Macedonien gedonnert wie mein Vater - lieber Gott, noch
dazu bei verschlossenen Türen! - über Brücken und Vicinalstrassen. Harry Heine
spricht von einem Mirabeau der Lüneburger Heide. Mein Alter war einer von der
witoborner. Und wirklich, er allein mit seinen zwei Minuten vor halb sieben
war's, der hier Grosses durchsetzte in Ermangelung von Grösserm. Ueberall, wo Sie
hier einen Hemmschuh an einen Pfahl gemalt sehen und einen Finger darüber mit
dem Avis: Bei einem Taler Strafe! überall, wo an einem Kreuzweg ein Pfahl mit
vier Armen steht: Hier geht's nach Mölln, nach Schöppenstedt, Schilda oder
Krähwinkel! bei jeder Verbesserung in Luft, Feuer, Wasser und Erde ringsum kann
er mit stolzem Bewusstsein wie ein »Sattelmeier« aus Karl's des Grossen Zeit
vorübergehen. Und nun ist er denen, an welchen er sich eigentlich für Magdeburg
rächen wollte, der Regierung selbst, zum Bedürfnis geworden! Der vielbefähigte
unruhige Mann, dem sein nächster Beruf schwer genug aufliegt, übernimmt die
Regulirung der grundherrlichen Verhältnisse und führt diese richtig wieder nach
dem Massstabe: Zwei Minuten vor halb sieben! durch. Nichts schont sein Zollstock.
Er zerstört den schönsten Ameisenbau, wenn die eine Seite an Hinz, die andere an
Kunz gehört. Er steckt den Spaten gerade mitten durch, er trennt die Blüte vom
Ast, den Schwanz der Kuh vom Kopf, es ist und bleibt der alte Deichgraf, der
Matematik und Wasserbaukunst studirte, bei Stade die Sandkörner zählte, die
sich ins hannoverische Fahrwasser verloren und Holstein gehörten, und der jetzt
noch Landrat werden wird, ja, zu alledem vielleicht einen Orden bekommt und zur
Anerkennung für den friedlichen Verlauf aller seiner patriotischen Landstürme
und schwarzrotgoldenen Revolutionen eines Tages in Sanssouci zu Mittag speist!
    Lucinde wusste nicht, wie sie dazu kam, auf diese im Grunde unkindliche, aber
offenbar gleichfalls aus einem Ueberzeugungseifer (nur für andere, ihr
unbekannte Auffassungen) herzuleitende Auslassung fragend zu erwidern:
    Sind Sie katolisch?
    Der Doctor schwieg erst erstaunt und sagte dann:
    »Du sprichst ein grosses Wort gelassen aus!« Nein, wir sind es nicht, mein
Fräulein!
    Am Ende des Parks durchkreuzten sich einige Wege und ein steinernes
Christusbild hing über einer Ruhebank.
    Lucinde war ermüdet. Sie setzte sich.
    Der Doctor lehnte sich an einen Baumstamm ihr gegenüber.
    Sie nahm den inzwischen wieder aufgesetzten Hut ab. Schon lange trug sie
wieder ihr Haar in Flechten. Eine davon war losgegangen. Es machte ihr gar
nichts, so vor einem Fremden ihre Toilette zu machen, ja sogar eine Haarnadel im
Munde, zwischendurch zu sprechen:
    Nein, Sie schüren nur noch den Hass! Das ist aber unrecht! Sie sollten
Versöhnung stiften!
    Heinrich Klingsohr war jetzt verstummt und weidete sich an dem Anblick.
Lucinde sah nicht älter aus als sie war. Sechzehn Jahre und eine solche Reife
des Urteils! Fast kindische Bewegungen, die Beine übereinander geschlagen, im
Schoose den Hut, die Nadel im Munde, ein Kamm aus der Kleidestasche zu Hülfe
genommen, um losgegangene und verworrene Härchen im Nacken hinten zu einer
kleinen Welle zu runden, und, als der Strohhut dabei zur Erde fiel und Klingsohr
hinzusprang ihn aufzunehmen, den Hut ruhig auf die Füsse des Steinbildes über
sich gehängt ... Alles das allerdings mit bestimmtem und bewusstem Wohlgefallen
an der immermehr erglühenden Teilnahme der neuen Bekanntschaft und doch ganz
wie zufällig und absichtslos.
    Klingsohr hatte sich jetzt gleichfalls auf die Bank gesetzt, so aber, dass
er, bald das Steinbild, bald sie betrachtend, elegisch improvisiren konnte:
Am Fusse des Erlösers
Hängt ihr pariser Hut -
Und ihre dunkeln Locken
Netzt heil'ger Wunden Blut ...
Kennen Sie Heine? unterbrach er seine Parodie ...
    Gewiss! sagte sie. Der Kammerherr kann ihn auswendig!
    Der Kammerherr! fuhr Klingsohr, jetzt hingerissen von der Schönheit und
Lieblichkeit der Erscheinung, auf: Ist es denn möglich! Jérôme -
    Er stockte in seiner Rede, ergriff Lucindens Hand, zog sie an sich und sah
ihr mit seinen jetzt weit geöffneten grossen Augen ins errötete, von der
Wanderung und dem Schreck über sein Benehmen doppelt erglühende Antlitz ...
    Und nun ein ganz kokett strafendes, kindisch mädchenhaftes: Aber Herr
Doctor! womit sie aufsprang und in rascher Handbewegung den Hut ergreifend
weiterging.
    Klingsohr folgte wie bebend. Er konnte annehmen, dass Lucinde ihm entfloh und
die Nähe des Parks benutzte, vor den Gefahren einer Fortsetzung dieser einsamen
Begegnung sich zu sichern ...
    Wie aber, als wenn nichts geschehen wäre, wandte sie sich plötzlich und
lenkte auf das frühere Gespräch zurück mit den Worten:
    Ja! Lassen Sie uns beide Frieden stiften zwischen Neuhof und - wohnen Sie
auch auf der Buschmühle?
    Klingsohr, über dies Vergeben und Vergessen selig und von den Künsten, die
eben auch so nur Lucinde kannte, schon umstrickt, wie alle, die ihr bisher
begegneten, wiederholte, wie wenn er sich auf nichts besinnen konnte:
    Frieden? Was? Buschmühle?
    Ja, half sie nach, zwischen Ihrem Vater und ...
    Unmöglich! fuhr er sich besinnend und wild auf. Die Welt muss in Flammen
stehen! Krieg! Krieg! Aller Dinge Vater ist der Krieg! singt Pindaros. Und ich
respectire sogar diese alte Hünennatur des Kronsyndikus! Dies Geschlecht ist
schon seit dem Tage, da Karl der Grosse seine Vorfahren gebunden in die Weser
jagte und mit Gewalt taufte, Hadern und Streiten gewohnt und hat eine Natur
dafür, auch den alten reichsunmittelbaren und kaiserebenbürtigen Dünkel, der
immer hoch zu Ross sitzt und sich in seinen Rüstkammern sogar noch die Schwerter
aufbewahrt, mit denen ihre Ahnen gelegentlich in Regensburg, Gota oder Soest
drüben als Landfriedensbrecher hingerichtet wurden! Die haben solche Aufregungen
nötig! Nur wir Plebejervolk verlieren immer gleich den Atem, sind zu kurz, zu
dick, zu untersetzt stämmig für solche Fehden ... Kennen Sie meinen Alten?
    Lucinde hatte den Deichgrafen oft reiten und fahren sehen und erkannte aus
des Doctors Schilderung die kleine, corpulente Persönlichkeit eines Charakters,
der, wie sie sah, vom Sohne selber aufgegeben wurde ...
    Aber dürfen Sie denn drüben überhaupt sagen, dass Sie mit mir gesprochen?
fragte er.
    Sein Ton war wieder so zärtlich, dass Lucinde sich seiner Annäherung entzog.
Und jetzt hatte er zwei Blütenzweige von einem Obstbaum über sich abgebrochen
und legte den einen stumm in ihre Hand, den andern senkte er ohne ein Wort zu
sagen in die Erde. Er bezeichnete damit eine Stelle, wo Lucinde seitwärts vom
Wege eine Weile gestanden hatte. So redete er fast die Sprache seines Freundes,
des Kammerherrn.
    An dergleichen demnach gewöhnt, widersprach sie gar nicht, sondern liess
ihrer neuen Eroberung ruhig lächelnd auch diese Huldigungsform. Der Doctor
pflanzte den Zweig und schwieg bewunderungsvoll.
    Als die Procedur vorüber war, kamen sie an die kleine Pforte des Parkes, zu
der Lucinde den Schlüssel hatte.
    Ringsum war alles still, niemand kam des Weges ...
    »Das Schweigen ist der Gott der Glücklichen!« flüsterte Klingsohr rings um
sich blickend, und dann wieder seufzend rief er:
    Jérôme! Jérôme! Wie ist es nur möglich, Jérôme!
    Verdriesslich über die Anspielung auf ihr Verhältnis zum Kammerherrn
erwiderte sie kurz:
    Ich verstehe Sie gar nicht! Adieu!
    Klingsohr folgte, blieb dann plötzlich stehen und sprach laut:
Die Linde blühte, die Nachtigall sang,
Sie Sonne lachte mit freundlicher Lust;
Da küsstest du mich und dein Arm mich umschlang,
Da presstest du mich an die schwellende Brust!
Die Blätter fielen, der Rabe schrie hohl,
Die Sonne grüsste verdriesslichen Blicks;
Da sagten wir frostig einander: Lebwohl!
Da knixtest du höflich den höflichsten Knix!
    Lucinde erwiderte lachend:
    Ein so gelehrter Mann und fremde Citate?
    Hüten Sie sich, mein Fräulein, rief Klingsohr, wenn ich Original werde!
    dabei streckte er wild die Arme aus. Es war eine Geberde, wie wenn er den
Himmel auf die Erde herabziehen könnte.
    Sie erschrak und entschlüpfte.
    Am Gitter, wo sie aufschloss, wendete sie sich noch einmal ...
    Ihr Begleiter war nicht mehr weiter gefolgt. Auf sechs oder sieben Schritte
blieb er zurück, wie wenn er seiner Kraft nicht traute weiter zu gehen. Nur
leise lispelte er ihr nach:
    Engel! Seh' ich Dich wieder?
    dabei hob er die Hände empor, wie anbetend, gerade so wie der Kammerherr
einst getan.
    Sie winkte, dass er gehen möchte ...
    Aber es war ja ihre Sache, zu gehen ...
    Klingsohr rief wieder:
    Heilige!
    Dann sprach er leise und innig:
    Bitt' für mich! ...
    Erlöse mich! setzte er dringender und fast feierlich hinzu.
    Das die Umzäunung bildende geschnittene Zwergholz des Parkes verbarg sie
jetzt. Sie schritt unter den hohen, noch fast durchsichtigen Ulmen, die sich
über sie mit ihren halbbelaubten Zweigen wölbten, hin gleichsam wie in Lüften.
Auf so ergreifende Worte, wie ihr da eben nachklangen, Erwiderungen zu geben
hatte sie noch keine Schätze des Geistes, des Herzens und der Phantasie in sich.
    Es war die erste Begegnung ihres Lebens mit einem Manne, die sie
vernichtete.
 
                                      12.
In ihrem Pavillon fand Lucinde den schon ängstlich auf sie harrenden Jérôme.
    Er hatte ihr Wunderdinge zu erzählen und sie blieb aus!
    Nun aber auch bestürmte er sie mit seinem Lachen, das er in der Gewohnheit
hatte, wenn ihm irgendetwas nach seiner Voraussetzung besonders Kluges gelungen
war.
    Der Versuch, ihn bei dem grossen Familien- und Nachbarsessen, das um vier Uhr
begonnen hatte, und in Gegenwart des Regierungsrats, seines ältern Bruders, der
Welt als einen zurechnungsfähigen Menschen vorzustellen, war vollständig
gescheitert.
    Nach der Mitteilung, die er von dem übeln Verlauf eines seiner gewohnten
Streiche erzählte, merkte man wohl, dass sein eigener Bruder, der Regierungsrat,
ihm die Gelegenheit erleichtert hatte, aus der erzwungenen Rolle zu fallen, die
er unter den stechenden Augen und der zusammengezogenen Stirn seines Vaters
spielen musste.
    Für Lucinden, die kaum die Besinnung hatte zuzuhören, war auch noch die
Ueberraschung aufgespart, dass, wie es schien, in fröhlicher Weinlaune und im
Triumph eines eroberten Sieges der Regierungsrat selbst erschien und zum ersten
mal sie zu sehen verlangte.
    Der von der Tafel angeregte Mann, der mit dem Vater und Bruder wenig
Aehnlichkeit hatte, kam in Begleitung des »schönen Enckefuss«, der in weinseliger
Laune den Arm um den Regierungsrat geschlungen hielt und der Verwilderung
seiner künstlichen Verjüngungen nicht mehr zu achten schien.
    Beide kamen die schmale Stiege des Pavillons herauf und reizten die
Eifersucht des Kammerherrn nicht wenig durch ihre verfänglichen Grüsse und Reden.
    Ihren Pass, mein - Fräulein -, lallte der Landrat mit galanten Verbeugungen,
die das Mobiliar des kleinen Zimmers in Gefahr brachten. Ihre Legitimation -!
Carte du séjour! Ich bin -
    Der Regierungsrat analysirte schon die Bestandteile des fehlenden Passes,
der für Lucinden bereits einige male lästig genug zur Sprache gekommen war ...
    Augen schwarz, unterbrach er selbst den Landrat und mit staunender
Ueberraschung - Nase mittel - Mund klein - Zähne - allerliebst -.
    Der Landrat wollte die Beschaffenheit der Zähne untersuchen und griff nach
den Lippen des ängstlich sich in eine Ecke drückenden Mädchens ...
    Der Kammerherr stimmte zwar scheinbar in diese Lucinden dargebrachte
Huldigung ein, wehrte aber denn doch die Hand des Rittmeisters jetzt mit einer
Entschiedenheit zurück, die diesen zu dem Ausruf veranlasste:
    Sacre bleu! Herr, das ist grob!
    Der Regierungsrat kam in diesem Augenblick zur Besinnung. Der Landrat war
in jungen Jahren einer der wildesten Offiziere gewesen und hatte namentlich den
Stolz des Landes, einen jungen Grafen von Truchsess-Gallenberg, kurz nach der
Besitznahme dieser Provinzen durch die jetzt über sie herrschende Krone im Duell
erschossen. Zum Landrat hatten ihn die Umstände, sein bei aller alten
Husarenwildheit höchst leutseliges Wesen gemacht; sein Ehrgeiz war aber gerade
jetzt um so empfindlicher gereizt, je mehr seine hervorragende Stellung durch
seine Neigung zur Galanterie, seine geringen Kenntnisse von administrativen
Dingen, seine Schulden und vorzugsweise die zunehmende Abschliessung des
Provinzialgeistes in der adeligen Sphäre auf Schwierigkeit über Schwierigkeit
stiess ...
    Kommen Sie, Rittmeister! sagte der Regierungsrat ablenkend. Mein Bruder ist
zu beneiden! Aber er hat sein Glück verdient! Seine Genie hat sich heute die
Krone aufgesetzt! Kein Trauring, Jérôme, nein, für Türck ein goldenes Halsband!
    Ha, ha, ha! brach der Landrat beschwichtigt aus und konnte sich vor Lachen
kaum fest auf der Treppe erhalten, die man wieder niederstieg. Während er auf
Lucinden fortwährend Kussfinger und schmachtende Blicke warf, wie sie auch nur
ihm, dem ewigen Jeune homme und sechzigjährigen Adonis zu Gebote standen,
verhütete der Regierungsrat durch kräftige Haltung der andern Hand des
Schwankenden ein Unglück, wie es beim »schönen Enckefuss« oft schon vorgekommen.
Er war für seine Jahre immer noch so unternehmend, sein Reiten war von solcher
Kühnheit, dass der Effect seiner stundenlangen Toiletten ihm alle Augenblicke
einmal durch ein schwarzes Pflaster auf Nase oder Stirn verdorben wurde.
    Die Lust und Freude im Kammerherrn war zu gross, um nicht nach Entfernung der
beiden Neugierigen ganz zu ihr zurückzukehren. Er hatte während der Tafel einen
Bindfaden aus der Tasche genommen gehabt, diesen heimlich um einige in seiner
Nähe befindliche Flaschen geschlungen, dann Türck, einen der Hunde des Vaters,
die immer in der Nähe des Mittagessens schnupperten, an sich gelockt, an den
Faden ein Stückchen Fleisch befestigt und dies dann dem Tiere heimlich
zugesteckt. Türck würgte daran, blieb aber noch ruhig auf seinem Platze, in
Hoffnung auf mehr. Endlich aber vom Kronsyndikus aufgejagt, riss er alle Flaschen
und Gläser um, übergoss das elegante neue Seidenkleid Portiuncula's von
Tüngel-Appelhülsen mit Rotwein und machte, dass ihre Mutter, die hineingriff, um
das teuere Kleid zu retten, sich mit den Scherben einer zertrümmerten Flasche
empfindlich in die Hand schnitt. Die Verwirrung war so gross, dass nicht viel
gefehlt hätte, der Kronsyndikus wäre seinerseits aus der Rolle gefallen und
hätte nach dem ihm der Hunde wegen immer nahe liegenden Kantschu gegriffen und
den Sohn vor allen Leuten durchgebläut. Denn dass dieser der Anstifter, war
sogleich erkannt ... Die Tafel war zu Ende. Die Tüngel-Appelhülsens reisten ab,
die Tüngel-Aus-dem-Winkel folgten, dann die Hülleshoven, die Ubbelohdes, Graf
Münnich, die vornehmsten von allen, die Dorste-Camphausens, eines nach dem
andern ...
    Lucinde, die von ganz andern Gedankenreihen bewegt war, hatte zu alledem
noch die lästige Aufgabe, die Furcht des Kammerherrn, der sich nun nicht
getraute ins Schloss zurückzukehren, zu beschwichtigen. Der Vater liess sich nicht
sehen, ein Omen, worüber der Schuldbewusste in Angst geriet. Zuletzt musste sie
sich selbst entschliessen, in der schon eingebrochenen Dunkelheit den weiten Weg
nach dem Schlosshof ihn zurückzubegleiten und ihn unter vielen Umständlichkeiten
und gewagten Scherzen ihrerseits mit dem Alten auszusöhnen.
    Glücklicherweise war aber der Kronsyndikus nicht allzu heftig ergrimmt. Bei
solchen Familienconventen gab es immer Zank; ihm kam jede Lebensäusserung der ihm
doch Gleichgestellten anmassend vor. Da wurden Erinnerungen durchgesprochen, die
ihn verstimmten; alte Wunden riss man auf, die kaum nach einer Generation ganz
vernarbt waren; wieder sah er, wie alles ihn hasste und fürchtete. Dann
beschäftigte ihn mit Meldungen aller Art die »Regulirung«, die schon zu einem
Schreckgespenst für ihn und das ganze Schloss geworden war, da sie ihn in Sinnen
und Brüten bis zur Abwesenheit mehr treiben konnte als die Narrheit seines
Sohnes.
    Die gute Stunde, von dem Doctor Klingsohr zu sprechen, war noch nicht
gekommen, wenn auch der Abend leidlich vorüberging und die Äusserungen des
Kronsyndikus: »Ja, Lucinde, mit Portiuncula ist's nun nichts!« öfter wiederholt
wurden und ganz harmlos herauskamen.
    Klingsohr jedoch erschien wieder und wieder ...
    Noch mehr, er machte seine Drohung wahr, sich »auch als Original« zu zeigen.
    Welches die geistige Verwandtschaft zwischen ihm und dem Kammerherrn war,
begriff Lucinde nicht: aber seltsam genug, dass auch bei dieser ihr dargebrachten
neuen Verehrung ein Bedürfnis zu Grunde zu liegen schien, in ihr mehr zu sehen,
als sie sich selbst erscheinen konnte. Auch Klingsohr schmückte sie phantastisch
aus und überhäufte sie mit dem Reize von Schönheiten, die sie trotz ihrer
Eitelkeit als reine Erdichtung erkennen musste. Auch ihm wurde sie zur
Erscheinung, die bald dem Reiche der Luft, bald dem Wasser angehörte. Bald war
sie Sylphe, bald Undine. Sie sollte wohl glauben, dass es ihr eigener Wert war,
der sie den Männern so erscheinen liess.
    Es brach die Zeit eines wunderbaren Rausches für sie an, eines Zustandes,
den sie in dieser Art noch nicht gekannt hatte. Sie hatte die üble Wirkung
beobachtet, die schon die Nennung des Namens Heinrich Klingsohr im Schloss
hervorbrachte. Der Kammerherr lohte in Eifersucht auf, der Kronsyndikus sprach
nur von der »undankbaren Bande« und bestätigte nicht nur alles, was Heinrich ihr
von der Vergangenheit über ihn und den Vater gleich beim ersten Zusammentreffen
erzählt hatte, sondern was sie auch aus dunkeln Andeutungen des verschwiegenen
alten Paares, bei dem sie wohnte, von vergangenen und vielbewegt gewesenen Tagen
entnehmen konnte.
    Ja! ich habe den Schlingel auf meinen Knien geschaukelt! sagte der
Kronsyndikus, als vom Doctor die Rede war. Ich habe auch die Frau erhalten, als
der Elende in die Wälder lief und Aufruhr predigte. Ich habe den Pacht mir durch
meinen Eifer selber verdienen müssen. Und dieser Hund will jetzt Herr über das
ganze Land werden? - Fritz - er meinte den Regierungsrat - Fritz nimmt ihn auch
noch in Schutz! Alle die Leute hier! Mein eigener Schwager, Graf Joseph! Aber im
Düsternbrook, das sag' ich, lass' ich mich nicht um eine Hand breit aus dem
alten Nutzen bringen, das schwör' ich, oder ich will in alle Ewigkeit nicht aus
dem Lutterberg bei Witoborn herauskommen!
    Er meinte damit: aus dem Fegfeuer; denn man glaubt in jener Gegend, dass in
diesem Berge für den westfälischen Adel der Eingang zum Fegfeuer liegt.
    Die Begegnung mit Stephan Lengenich war ihm natürlich auch sogleich bekannt
geworden. Dieser arbeitete aber täglich frisch unten fort, fällte Stämme nach
wie vor und hatte in dem Düsternbrook eine ganze Werkstatt eingerichtet. Planken
und Bodeneinsätze lagen ringsum, frisch erst aus dem Walde herausgehauen und
gesägt.
    Da Lucinden, die einige Geständnisse gemacht hatte, jede fernere Begegnung
mit dem Doctor, der »zu allem nun auch noch seinen gelehrten Senf hinzugäbe«,
verboten wurde, so konnte sie mit ihm nur geheim zusammenkommen. Leider fand sie
unter der Aufsicht der Alten, die mit ihr den Pavillon bewohnten und im
allgemeinen mürrische und strenge Leute waren, Schwierigkeiten. Diese wuchsen
so, dass sie ihren Entschluss, von allen diesen Fesseln, möchten sie für die
Zukunft versprechen welches Glück sie wollten, sich frei zu machen, immermehr
reifen liessen.
    Ist denn das nicht die eigentliche und wahre Natur des Mannes? sagte sie
sich, wenn sie sich im Geiste Klingsohr's Bild entgegenhielt. Sind denn die
Männer, die das Leben zu bezwingen verstehen, wirklich solche, wie sie uns in
schönen Bildern begegnen?
    Klingsohr war nicht schön; er vernachlässigte sich in seiner Kleidung, er
hatte etwas Sorgloses, sogar Verwildertes. Sie erfuhr, dass sein Gang durchs
Leben unregelmässig gewesen, kometenartig; sie erfuhr, dass er die Hoffnungen des
immer rührsamen Vaters täuschte und sich der Uebereinstimmung mit demselben und
seines Beifalls nicht rühmen konnte. Aber, was sie sogleich bei der äussern
Unähnlichkeit dieser Natur mit der eines Oskar Binder gefühlt hatte, dass das
Auge hier geistige Schönheiten finden würde und diese dann auch allmählich das
Äussere heben, traf immermehr zu. Wenn dieser seltsame junge Mann im
Mondenschein an der Parkpforte mit ihr auch nur einige Minuten verweilte - die
Eifersucht des Kammerherrn war jetzt aufgeregt und sein heimtückischer Sinn
gefiel sich in den hinterlistigsten Anschlägen -, das Bild, das sie von ihm
empfangen, verklärte sich immermehr zu der Vorstellung von dem Mute, der
Tatkraft der Männer überhaupt und der auch die Frauen hebenden heroischen
Bestimmung derselben. Und wie verstand auch Klingsohr sein ganzes Sein mit einem
poetischen Nimbus zu umgeben! Mitten in den kurzen Begegnungen, die sich allein
möglich machten, brach er in Verse aus und verband dann mit der Wildheit eines
Titanen, der noch die ganze Welt zusammenzurütteln gedachte, etwas Naives,
Träumerisches, Kindliches wieder. Manches, was die gemessene Zeit zu sagen
verbot, sprach er in geschriebenen Blättern aus, die er ihr in die Hand drückte,
und schon häufte sich ihr durch Bauerknaben, Bettler und fahrende Musikanten ein
geheim besorgter Briefwechsel. Dass sie auf seine Hülfe und Befreiung aus ihrer
gegenwärtigen peinlichen und unbestimmten Lage rechnete, das stand damals fest,
als er ihr das unwürdige und schimpfliche Loos schilderte, welches zuletzt denn
doch noch ihrer im Schloss Neuhof warten würde; Vater und Sohn, sagte er,
würden zuletzt um ihren Besitz streiten und der Alte würde siegen. Sie
schauderte. Klingsohr versprach, sie mit nach Göttingen zu nehmen, um sich dort,
wenn der Vater die Mittel gäbe, als Docent zu habilitiren. Sie sollte sein Weib
sein.
    Es war gegen Ende Juni. Schon lange war die erwünschte Regenzeit angebrochen
und dauerte anhaltender, als sie der Landmann nun wieder haben wollte. Die auch
durch strömenden Regen nicht zu tilgenden Reize des Landlebens, der Anblick der
grünen und gelb gefärbten Fluren und der berauschende Duft der Linden und Tannen
blieben sich gleich; besonders von dem Schloss Neuhof selbst aus; nach vorn bot
der volle Anblick in eine Landschaft voll Mannichfaltigkeit und Schönheit
malerische Fernsichten, in nächster Nähe dufteten der Park und die nahe
liegenden Wälder. An dem offenen Fenster, in der linken Eckspitze des Schlosses,
im ersten Stock, sass Lucinde des Tages jetzt fast ununterbrochen und suchte sich
in ihrer wunderlichen Lage, die der der »Sklavin in goldenen Fesseln« nicht
unähnlich war, zu beschäftigen, so gut es bei ihrem geringen Arbeitstriebe und
den aufgewühlten Stimmungen ihres Innern gehen wollte. Wieder war sie ganz auf
die Unterhaltung des Kammerherrn, auf seine Pflege angewiesen, denn der geistig
Leidende kränkelte auch körperlich. Er gehörte dabei ganz zu den Kindern, die
eine Tasse Milch nur von dieser Schwester, einen Teller Suppe nur von jener Magd
wollen gereicht erhalten. Er nahm nichts als nur von Lucinden. Sonst trieb er
sein altes Wesen. Er zeichnete, malte, porträtirte Köpfe, die ersten besten vom
Oekonomiehofe oder aus der Brennerei, sogar Hunde und vor allen jetzt Türck, den
nun von ihm besonders bevorzugten. Mishandelte er nicht die schönen Künste, so
drechselte er, und wiederum verband er damit die stereometrische Philosophie des
Sehers und Zukunftsphilosophen Laurenz Püttmeier zu Eschede, einem kleinen
Städtchen nördlich von Witoborn, rechtsab vom dem sogenannten grossen nach dem
Westen führenden »Hellwege«, der auch in der Tat in manchen Dingen der einzige
helle Weg, die Strasse des Lichts, durch eine grosse ägyptische Finsternis genannt
werden kann.
    Das Eckzimmer gehörte zu einer Suite von Zimmern, die dem Reichtum und den
gesellschaftlichen Ansprüchen der Wittekinds entsprachen. Das Schloss war
geräumig, aber nicht eben luxuriös gebaut. Die nüchterne Stimmung des vorigen
Jahrhunderts hatte in baulichen Dingen nur das Nützlichkeitsprincip im Auge.
Desto gewählter war aber teilweise die Ausstattung. Einige dieser Zimmer waren
geradezu fürstlich, sowol in der Tapezirung wie in der übrigen Ausschmückung
durch Marmor, Bronze und Glas. Nicht nur die Spiegel, auch die Tische, die auf
geschweiften Füssen standen, boten die reichste Vergoldung; die Platten waren von
köstlichen Marmorarten und spiegelblank. In den Ecken standen Spieltische mit
getäfelter und ausgelegter Arbeit von seltenem Geschmack und hohem Werte. Das
Schnitzen in Holz und Elfenbein ist von jeher in diesen Gegenden mit
Meisterschaft getrieben worden. Die alten Bilder, wie die gelbsammtenen
Ueberzüge der Möbel waren mit Staubvorhängen bedeckt. Diese Zimmer, wohl fünf bis
sechs an der Zahl, jedes in einem andern Geschmack, verzweigten sich nach den
Seitenflügeln und nach der Hinterfronte mit Corridoren, die an den Wänden in
ganzer Höhe, von der Erde bis an die Decke, mit Spiegeln bekleidet waren. An den
Plafonds waren Malereien angebracht von einem keineswegs nazarenischen
Geschmack. Einzelne Vasen, die auf Marmorgestellen die Einförmigkeit dieser
Corridore unterbrachen, zeigten vortreffliche Malereien aus der Schule Albano's.
Dass diese Corridore an den Wänden von rings hinlaufenden Divans, die gleichfalls
mit gelbem, blumenartig gepresstem Plüschsammt überzogen waren, begrenzt wurden,
bewies, wie sie einst zu grossen Gesellschaften gedient hatten. Auch fehlten alte
Kronleuchter von langhängenden Krystalltropfen und Glasberlocquen nicht. An den
Wänden waren Vorrichtungen angebracht zu Girandolen, immer zu fünf und fünf
Flammen. Man sah es, dass hier einst ein regierender Minister eines der nahe
gelegenen Fürstentümer, dann ein quiescirter österreichischer Feldzeugmeister
gewohnt hatten, dann und wann ein Erzbischof zu längerm Besuch gekommen war,
alles Vorvordere, Angehörige und Verwandte des Hauses, zunächst bis auf die
Mitte des vorigen Jahrhunderts zurück. Der jetzige Stammhalter liebte nicht mehr
den Luxus. Doch hatte es auch bei ihm einst Zeiten gegeben, wo alles im
Lichterglanz schwamm. Es waren nicht die Zeiten gewesen, wo noch die
frühverstorbene Mutter des Regierungsrats und des Kammerherrn lebte, wohl aber
unmittelbar darauf, wo es zuweilen hiess, die Damen, die eine Zeit lang hier
hausten, wären Cousinen des regierenden Stammherrn oder Tanten und Nichten
desselben. Meist aber waren es über Kassel gekommene Französinnen oder
Italienerinnen, die eine Zeit lang blieben, mit Freudenfeuern empfangen wurden
und plötzlich über Nacht verschwanden, ohne dass man je wieder von ihnen erfuhr.
Gewöhnlich hörte man kurz vor diesen Abreisen in den eleganten Zimmern oben eine
Scene, deren Charakter, um ihn volkstümlich zu bezeichnen, Mord und Todtschlag
war. Dann wurde es plötzlich still; aber auch so plötzlich, wie mit Geistern im
Bunde. Zuweilen zuckte noch irgendein Laut auf, irgendwo in einem der düstern
Pavillons des Parks, in irgendeinem der tiefgelegenen Keller des Schlosses; dann
war's für immer still. Verschlossene Wagen entfernten Nachts die von ihrem Glanz
Herabgestürzten. Mit diesen Vorgängen stand, wie Lucinde im Pavillon erfahren
hatte, der Name des Fräuleins von Gülpen oder der Frau von Buschbeck in
Verbindung. Diese Rätselhafte war unverheiratet geblieben, war allerdings die
Verlobte eines in Java dienenden Kriegers gewesen, lebte aber von keiner
niederländischen Pension, sondern von einer Rente des Kronsyndikus, bei dem sie
vor vielen Jahren mindestens ebenso viel gewesen war wie jetzt die Lisabet, die
von allen mit Respect behandelt wurde, obgleich sie nur eine Bäuerin war und
vollkommen für Stephan Lengenich passte. Der Kronsyndikus hatte sich nach den
erinnerungsreichen Verirrungen der Vergangenheit ganz den Kreisen zugewandt, die
nur unter ihm standen.
    Was Lucinde von allen diesen Dingen allmählich herausbekam, verdankte sie
teils Klingsohr'n, teils den alten Stammers, bei denen sie wohnte,
vorzugsweise aber, da auch diese von der Vergangenheit bitter berührt zu werden
schienen, dem selbst schon grauhaarigen Sohne derselben, einem buckeligen
Musikanten, der im Lande herumstrich und der vorzüglichste Bote war, dessen sich
Klingsohr für seinen Briefwechsel bediente.
    Der Kronsyndikus wohnte im Parterre, wo sein unruhiger Sinn gleich ins Freie
konnte, wenn er bei den vielen Ratschlägen und Hülfen, die er leisten musste und
die auch Er nur allein leisten konnte, rasch zur Hand sein wollte. Manchmal
blieb er des Nachts ganz aus. Seine Güter erstreckten sich weit, und obgleich
bei einem Teil derselben die unmittelbaren Beziehungen durch das
Pachtverhältniss des Deichgrafen unterbrochen waren, so liess er doch als
eigentlicher Herr sich seine Laune, da und dort hineinzureden, nicht nehmen;
bald kehrte er dann hier, bald dort ein, auf eigenem oder fremdem Gebiet.
    Eines Tages war er wieder einen weiten Weg ausgeritten. Es handelte sich
darum, gegen den Deichgrafen, der, um vielleicht wirklich Landrat zu werden,
schon einen kleinen Gutskauf abzuschliessen suchte, zwei maskirte Gegengebote zu
veranlassen. Die Regierung unausgesetzt um Beförderung oder Versetzung
anzugehen, drängte den »schönen Enckefuss« eine von Jahr zu Jahr sich mehrende
Schuldenlast. Nun gab's Hin- und Herritte, Verhandlungen mit der Geistlichkeit,
den Advocaten im nahen zum Kreis gehörenden Städtchen Lüdicke, Umtriebe, um,
wenn es zum Wählen eines neuen Landrats kommen sollte, den Wahlmodus durch
Zusammenlegung dieser oder jener heterogenen Districte zu paralysiren, und was
sonst dergleichen Künste des Regierens und Politisirens jetzt geworden sind, von
der Wahl eines Gemeindeschulzen auf dem Dorfe an bis zum Landstand und Mitglied
eines Herrenhauses. Zunächst den Gutskauf des Deichgrafen rückgängig zu machen,
war ein Ziel »des Schweisses der Edeln wert«. Der Hass des Kronsyndikus gegen
seinen alten Freund kannte keine Grenzen, und die Vorfälle im Düsternbrook, wo
der Deichgraf inzwischen mit Gensdarmen einen Grenzstein aufgestellt hatte, den
jedoch der Kronsyndikus schon wieder hatte wegnehmen lassen (wofür ihm eine
Citation in die Kreishauptstadt geworden), hatten das Feuer immer noch mehr
geschürt.
    Es war vier Uhr. Der Kammerherr sass und porträtirte seinen Hund, seinen
Retter von der wie der Tod gefürchteten Ehe. Türck war von den vielen Hunden,
die auf dem Schloss knurrten und bellten, gerade derjenige, den Lucinde nicht
leiden mochte. Sie nannte ihn gerade so, wie der Kronsyndikus zuweilen den
Deichgrafen nannte, einen »Calfacter«, ein Wort, dessen Ursprung ihr der
Kammerherr im Begriff war mit dem ganzen ihm eigenen Aufwand seiner noch haften
gebliebenen Schulkenntnisse zu erklären.
    Calefacio, calefeci, calefactum, calefacere, wiederholte er und fing an,
indem er malte, mit sich selbst, wie er sagte, zu »certiren« und sich gleichsam
von diesem oder jenem seiner alten Mitschüler übertreffen zu lassen.
    Imperfectum zweite Person Singularis! rief er mit befehlender Stimme.
    Dann mit lispelnder und schüchterner: Calefixis!
    Falsch! donnerte er. Klingsohr, Sie!
    Calefaxisti!
    Falsch! Plüddemann, Sie!
    Calefeceritis!
    Falsch! Wer kommt! Der Folgende! Der Folgende! Herr von Wittekind, Sie!
    Calefaciebas!
    Bravo, Herr von Wittekind! Setzen Sie sich über Plüddemann, Klingsohr,
Katerkamp und Vincke!
    Diese Selbstgespräche und Selbstlobeserhebungen war Lucinde schon lange
gewohnt. Oft musste sie Zumpt's Grammatik nehmen und ihm überhören. Sie lernte
selbst dabei. Früher tat sie es sogar ganz gern. Jetzt aber, seit Klingsohr in
ihrem Herzen lebte, unterhielt es sie wenig. Da auch Klingsohr zu den
Mitschülern gehört haben sollte, die ein wie es schien doch geborener Dümmling
immer übertraf, so sprach sie heute ihre Verwunderung darüber aus, erntete
jedoch für die Anerkennung des Doctors eine Flut von Beschuldigungen gegen den
alten Kameraden; er wisse gar nichts, er hätte auf der Universität nachholen
wollen und sich nun erst recht lächerrlich gemacht, da die Andern schon ihre
Freiheit genossen hätten; dann hätte ihm der Deichgraf kein Geld mehr geschickt,
allen wäre er verschuldet gewesen und hätte sich, wenn er nicht bezahlen konnte,
nicht anders loskaufen können als durch Wetten, zum Beispiel: Zwölf Mass Goslarer
Bier an einem Abend zu trinken und dann doch noch in eine Gesellschaft zum
Justizrat Bauer oder zum Pandektisten Hugo zu gehen und mit den elegantesten
Damen dort über den Begriff des Romantischen oder »Die bezauberte Rose« von
Ernst Schulze zu streiten.
    Das Bild einer wüsten Vergangenheit war Lucinden schon lange an Klingsohr
nicht fremd; aber er klagte sich ja selbst an! Und zu hell leuchteten seine
klugen Augen im letzten Mondenschein, zu süss war seine Rede in dem flüchtigen
Augenblicke gewesen neulich, wo er zum ersten mal leise ihre Stirn geküsst hatte,
zu tief und anregend war alles, was sie schriftlich von ihm durch den
verschmitzten Musikanten besass und auf dem Herzen trug, um es in jeder
unbelauschten Minute zu durchfliegen. Heute hatte Klingsohr versprochen, Abends
gegen sieben Uhr einen solchen Umweg zur Wohnung seines Vaters zu nehmen, dass
er, heimkehrend von der Kreisstadt, wo er den Gutsankauf zu betreiben helfen
sollte, am Schloss vorüberreiten musste. Einige Blumen, die sie in demselben
Augenblick, wo er an ihrem Fenster vorüber musste, ihm entweder zuwerfen oder,
wenn dies nicht möglich wäre, wenigstens an die Lippen drücken wollte, standen
schon, frisch aus den Beeten des Vorparks genommen, in einem Glase bereit vor
ihr.
    Ihre sich kreuzenden Gedanken nicht zu verraten, unterbrach sie den immer
noch fortcertirenden Kammerherrn mit der Frage, wie denn nur sein Vater einen
doch immerhin so rüstigen, tätigen, energischen und charaktervollen Mann wie
seinen Pachter, den Deichgrafen, so oft »Calfacter« nennen könnte?
    Plüddemann! Was ist ein Calfactor? fiel der Kammerherr zur Antwort ein.
    Mit veränderter Stimme antwortete er:
    Calefactor, Warmmacher, ist ein Pedell -
    Pudel! unterbrach er sich selbst ...
    Pudel? Wer sagt das? Klingsohr! Wer nannte hier den Pedell einen Pudel?
    Grosse Untersuchung ... (immer spricht der Kammerherr). Kein Resultat ...
    Ein Calefactor ist ein Ofenheizer, ein Mann, der's statt cale, welches
bekanntermassen nicht kalt, sondern warm heisst, warm macht, id est im Ofen ...
    Katerkamp flüstert: Auch an andern Orten ...
    Allgemeines Gelächter. Auch der Conrector lacht. Sintemalen vor kurzem erst
sieben Quartaner übergelegt worden sind und ab calefactore warm gemacht bekamen
cum Bim-Bam-Bam-Bum-Baculo!
    Nun sang der Geistesschwache Studentenlieder ... mit dem Refrain des
Crambambuli ...
    Wie passt das aber alles auf den Deichgrafen? fragte Lucinde, an dergleichen
gewöhnt und durch das offene Fenster forschend.
    Calfactor, sagte der Kammerherr, am Türck wieder fortmalend, Calfactor ist
ein Subject, ein dienendes Instrument, ein Farbenreiber, ein Pinsel, eine
Drechselbank, ein Pudel, der apportirt ...
    Nein, nein, nein! unterbrach Lucinde. Einen Calfacter nennt man bei uns zu
Hause einen Hund, ganz wie Ihren Türck, den man jeden Augenblick daran erinnern
muss, wer sein Herr ist, der an jedem Stein stillsteht und schnuppert, was unter
ihm stecken mag, der, wenn man ihn freundlich anredet, den Schweif zwischen die
Beine klemmt und wie mit bösem Gewissen davonläuft, einen elenden Ueberläufer,
der im Stande ist, nach einem halben Jahre seinen eigenen Herrn nicht mehr zu
erkennen und ihn anzufallen ...
    Bravissima! rief der Kammerherr. Recht, meine Heilige! So handelte der
Deichgraf am Vater! So vergalt er seine Wohltaten! Heinrich muss mir mindestens
noch hundert Pistolen schuldig sein oder er hat sie wenigstens nur mit einer
ausgetrunkenen Tonne Goslarer Bier bezahlt, die ich dann auch wieder auf meine
Rechnung habe nehmen müssen! Sind das keine Calfacters? Der Alte war sonst ein
Demagog und nun will er Landrat werden. Sind das keine Calfacters?
    Lucinde erwiderte Partei nehmend:
    Die Regierung ist aufgeklärter geworden; sie braucht die Unterstützung der
Vernünftigen gegen die Unvernünftigen. Die Gensdarmen machen es dabei nicht
allein, und wie ich gehört habe, Ihr eigener Bruder, der Regierungsrat, soll ja
ganz ebenso denken und dem Deichgrafen einen Besuch gemacht haben ...
    Was? Wie? Mein Bruder? schrie der Kammerherr und sprang auf.
    Ich höre es wenigstens, lenkte Lucinde ein.
    Man hätte erwarten sollen, der Kammerherr würde nach einer Flinte,
mindestens nach seiner Windbüchse gesucht haben. Jetzt zeigte sich der
schwachwillige Charakter des Kranken in dem blossen Verweilen bei der Tatsache,
in der blossen Freude, dies dem Vater - anzeigen zu können! Lachend rief er:
    Schöne Zeiten das! Ein Wittekind unter den Gensdarmen! Aber - Roma nondum
locuta est setzte er feierlich hinzu.
    Was heisst das? fragte Lucinde ärgerlich.
    Der Kammerherr wollte wieder Plüddemann und Vincke und seine andern
detmolder Schüler diese Phrase übersetzen lassen, als er vom Hufschlag eines in
galopirender Eile dahersprengenden Pferdes unterbrochen wurde. Lucinde sah
schnell zu dem nach der Fronte des Schlosses führenden Fenster hinaus, denn von
daher kam das Geräusch. So verwegen durfte von den Leuten des Schlosses niemand
in dessen Nähe reiten!
    Es war aber Klingsohr nicht, sondern der Kronsyndikus selbst.
    Wie kam der heute schon so früh heim? Wie kam er von einer Gegend heim, die
keinen andern Zugang bot als den nach dem Düsternbrook? War er wohl gar den Grund
selber hinaufgeritten?
    Das Pferd schäumte, und fast flog dem Reiter die grüne Mütze ab, als er mit
einem gewaltigen Ruck in das offene Seitentor des Schlosses schwenkte.
    Nach dem ersten Augenblicke des Erstaunens, wie der Kronsyndikus diesen
beschwerlichen Weg hatte wählen können, wollte man zur Arbeit und Uebersetzung
der Worte: Roma nondum locuta est! übergehen, als Türck voll Unruhe an die
geschlossene Tür sprang, die Schwelle bekratzte und hinaus wollte.
    Der Calfacter! murrte Lucinde, während ihm der Kammerherr schmeichelte, um
ihn zum Bleiben zu bringen.
    Man musste aber öffnen; das Tier heulte vor Ungeduld, hinauszukommen.
    Bald vernahm man ein Rennen und Laufen im Hause, ein Rufen durcheinander.
    Man erfuhr, dass der Kronsyndikus befohlen hatte, einen Wagen anzuspannen.
    Darin lag an und für sich nichts Auffallendes, es kam oft vor. Aber die Eile
war nie so dringend wie eben. Lucinde ging in ein Zimmer, das in den Hof führte.
Sie sah den Kronsyndikus, bis an den Hals zugeknöpft, in seinem grünen Reitrock
und in den hohen, schweren Stiefeln im Hofe stehen und mit stummen Geberden zur
Eile winken. Sonst pflegte er solche Befehle mit einer Flut nicht eben gewählter
Commandowörter zu unterstützen; heute ging alles still, mit Winken und nur
zuweilen mit einem ungeduldig aufgestossenen Fusse zu. Er wandte, im Hofe stehend,
dem Schloss den Rücken. Den Hirschfänger, ohne den er nie ausritt, selbst in
Zeiten, wo es keine Jagd gab, musste er schon abgeschnallt haben, und doch
tastete er immer nach demselben hin und schüttelte den Kopf, wie wenn er
erstaunte, vergessen zu haben, dass er schon abgelegt war.
    Nun wandte er sich und schritt wie taumelnd wieder zum Schloss zurück, wo
er in seinen Zimmern schon gewesen zu sein schien.
    Lucinde erschrak. Das sonst so gerötete Antlitz des Greises war so
auffallend bleich, dass die roten Flecke, die es immer hatte, wie Wunden
aussahen. Die Mütze war ihm entweder bei dem Schwenken in den Torhof wirklich
noch entfallen oder auch schon abgelegt worden. Grell stachen die weissen Haare
von der Luft ab; sie schienen sich zu bäumen; der weisse Backenbart ging
grauenhaft auf und nieder, wie wenn die Kinnladen fröstelnd aneinanderschlugen.
Das weibliche Personal der Bedienung und ganz besonders die Lisabet, immer voll
Umsicht und grosser Rührigkeit, war ängstlich um ihn her beschäftigt. Wie er
wieder auf die wenigen Stufen, die zum Schlosseingang führten, treten wollte,
glitt er fast aus; er hatte, da die Hände immer an der obern Klappe seines
Frackes knöpften, vergessen sich am Geländer zu halten.
    Lucinde eilte jetzt selbst hinunter.
    Als sie ankam, hiess es, der Kronsyndikus hätte sich in seinem Zimmer
eingeschlossen.
    Was ihm wäre? fragte sie.
    Er ist mit dem Pferde gestürzt!
    Ist er den Grund hinaufgeritten?
    Man wusste keine Antwort. Manche sagten:
    Das doch wohl nicht!
    Inzwischen donnerte die gewohnte Stimme gleichsam wie mit jetzt erst
hervorgelassener, bisher zurückgehaltener Kraft:
    Wird's mit dem Wagen?
    Schon zog man die Kalesche heraus. Und wie er ihrer ansichtig wurde, befahl
dieselbe Stimme:
    Der Kammerherr soll mitfahren! Nach Eggena!
    Es war eines seiner Vorwerke, auf dem er gern in der Jagdzeit verweilte.
    Damit schlug er die Fenster so heftig zu, dass eine Scheibe zerklirrte.
    Alles das konnte allerdings an sich nicht anders als Lucinden sehr erwünscht
kommen. Es war über sechs Uhr; gegen sieben Uhr sollte sie Klingsohr'n erwarten,
mit dem sie nun vielleicht sprechen, ihn eine Strecke begleiten konnte, so sehr
auch jeder ihrer Schritte von den Spionen des Schlosshofs oder des Parks bewacht
wurde ...
    Dem Kammerherrn kam der Befehl höchst ungelegen. Da dieser Befehl jedoch von
einer der Mägde wiederholt wurde - die sogenannte Dienerschaft, auch der Diener
des Kammerherrn, arbeitete in den verschiedenen Branchen der Wirtschaft und
legte nur bei besonderer Veranlassung Livree an -, so half kein Widerstand. Am
Hufschlag des Rosses hatte der Furchtsame schon vernommen, wie sein Vater in
einer Stimmung war, bei welcher ihm Stock oder Peitsche nicht zu entfernt lagen.
Er sah ängstlich nach dem Wetter. Es hatte sich leidlich mit dem Regen beruhigt,
aber düster hingen die grauen Wolken und weit, weit über der ganzen Gegend hin.
    Während der Kammerherr sich nun im Nebenzimmer ankleiden musste und Lucinde
ganz schon nur dem Wunsche lebte, dass die Minuten doch lieber langsamer
verrinnen möchten, nur damit Vater und Sohn erst auf dem Zweispänner sässen und
weiter auf dem Wege nach Eggena voraus wären, hörte man plötzlich den allgemein
ausgestossenen entsetzlichen Schrei:
    Feuer! Feuer! Feuer!
    Lucinde stürzte wieder hinunter und fand den ganzen Hof in Verwirrung.
    Die Ursache des Rufes musste ihr beim Herabspringen von der steinernen Treppe
selbst sogleich begreiflich werden an einem brandigen Geruch, der sich im Hofe
verbreitete und verbunden war mit einem leise aus der zerbrochenen Scheibe des
Wohnzimmers des Kronsyndikus hervordringenden Rauche ...
    Man schlug heftig an die von innen verschlossene Tür des Parterre und
wiederholte den Ruf:
    Excellenz! Es brennt ja!
    Keine Antwort.
    Er ist erstickt! hiess es.
    Die Beschliesserin war ausser sich und rief nach den Knechten. Ihr erster Ruf
galt dem Stephan Lengenich, jenem Küfer, der von ihr begünstigt wurde. Von
diesem aber hiess es, er arbeite irgendwo im Walde, vielleicht im Düsternbrook.
    Nach einer Weile machte der Kronsyndikus das Fenster auf und sagte mit
matter Stimme, sie sollten sich alle - alle zum Teufel und an ihre Arbeit
scheren. Er hätte ja nur - er hätte Papiere verbrannt ... Wo der Kammerherr
wäre? ... Es ginge nach Eggena! ... Ob der Wagen bereit stünde? ... Wo das
Fräulein Schwarz wäre?
    Lucinde meldete sich, indem sie von den Stufen des Eingangs sich vorbeugte
...
    Ein erzwungenes Lächeln begrüsste sie von einem Kopfe, den man kaum
wiedererkannte.
    Vom Verbrennen der Papiere im Ofen musste ihm der Russ ins Gesicht geschlagen
sein.
    Der Contrast des geschwärzten Antlitzes, der weissen Haare, des Bartes, der
Augenbrauen und des Hauptes mit einem vornehmen Staatskleide, das der Aufgeregte
plötzlich wie in der Zerstreuung angezogen, mit einem Kleide, auf dem beständig
das goldene, achtspitzige Kreuz des Welfenordens haftete, wäre burlesk gewesen,
wenn nicht die Situation selbst etwas Schreckhaftes gehabt hätte.
    Ich komme noch hinauf, sagte er. Gehen Sie, Liebe! Gehen Sie! Ich bitte!
    So artig hatte der Tyrann nie mit ihr gesprochen. Durch seinen Paroxysmus
war er wie umgewandelt.
    Lucinde hatte nur die siebente Stunde im Kopfe ...
    Der Kammerherr, der an Ordrepariren gewöhnt war, kam schon mit Regenschirm,
Hutschachtel und sogar einem Pelze ...
    Lucinde fragte ihn lachend, ob er nach Sibirien reisen wollte?
    Sie holte dem Halbweinenden einen Ueberzieher und behielt den Pelz zurück.
    Der Brandgeruch zog sich inzwischen durchs ganze Haus. Es war ein Geruch
weit mehr von verbrannten Haaren oder Tuch als von Papier. Dass der Dampf so gross
sein konnte, um durch alle Oefen zu dringen, musste aus dem Verschütten von
Wasser auf die Flammen entstanden sein.
    Zuletzt kam der Kronsyndikus wirklich in den ersten Stock und schloss, wie
sie erstaunend bemerkte, alle Staatszimmer auf.
    Welches Bedürfnis konnte er haben, eine gestickte Uniform, seinen liebsten
Orden zu tragen und seine Staatszimmer zu öffnen und hin und her zu
durchschreiten?
    Alle Läden riss er auf. Er lüftete vielleicht nur. So kam er in das
Eckzimmer, wo Lucinde schon am Nähtisch stand, so stand, als müsste sie ihre
Blumen bewachen. Der Greis bot den seltsamsten Anblick. Das Gesicht war jetzt
gereinigt. Aber zu seiner Landstandsuniform mit dem hannoverischen Orden der
Welfen stand im sonderbarsten Contrast der Hirschfänger, den er wieder
umgeschnallt hatte. Die Hände waren mit den weissesten Handschuhen geschmückt,
als wenn er zu Hofe gehen wollte. Voll Unruhe blickte er um sich und stotterte:
    Lüftet doch! Lüftet doch! Wie erstickend! Wie dumpf! Wie rauchen die Oefen!
Verbrenne nur ein bisschen Papier und es riecht gleich wie der lebendige Satan!
    dabei zuckten ihm seine ohnehin schon unheimlichen Augenbrauen krampfhaft
auf und nieder ...
    Der grosse, baumstarke Mann stand wie von einer Ohnmacht bedroht. Und indem
er mit den Fingern der linken Hand immer in seinen Bart, bald da, bald dort, wie
in einer kreisenden Bewegung griff, sagte er, als wollt' er Gleichgültigkeit
zeigen:
    Hab' mich wieder 'n mal geärgert! Ueber den verd - Landrat; nein - ja - den
- Rittmeister! Und diese Briefe vom Fritz ... In den Ofen damit! ... Immer
Aerger! Immer Aerger! ...
    Lucinde, die kaum merkte, dass er die Gründe seines Aergers offenbar
fingirte, war ihm, um ihn nur zu beruhigen, so zutunlich, wie er sonst
wünschte. Sie bewunderte die prächtige Uniform, besah das wunderschöne
Comturkreuz mit seinen goldenen Kugeln, seinem welfischen Löwen, seinem weissen
Ross und seinen Eichenzweigen; sie wusste schon, was die alte deutsche Geschichte
zu erzählen hatte von dem Löwen des mächtigen braunschweiger Herzogs Heinrich
Welf und dem Kniefall des Hohenstaufen vor dem Löwenherzog und von den
Römerzügen und der gespaltenen Einheit des deutschen Vaterlandes ...
    Der Alte lächelte jetzt zu all diesem »Kram«, wie er's eben nannte, und
suchte über das zu scherzen, was ihm in seinen jeweiligen Wutanfällen auf die
Regierung und den Deichgrafen sonst ein »blutiger Ernst« war. Welfen und
Ghibellinen! rief er oft. Ihr Ghibellinen mit euern Kaisern, wir Welfen mit
unserm Rom! ... Heute aber hielt er das Nächste fest. Wieder und wieder rief er
mit äusserster Ungeduld: Ob nun bald gepackt wäre, der Koffer auch, Kleider für
ihn und den Kammerherrn? dabei sah er nach der Uhr, brummte vom »Landrat heute
in Lüdicke«, »Eggena nach Lüdicke drei Stunden« und ähnliche Berechnungen. Dann
starrte er in die Gegend hinaus, nahm ein Fernglas, dessen sich sein Sohn zu
bedienen pflegte und das auf dem Nähtisch Lucindens lag, und zog es auf und
nieder.
    Dies tat er eine Weile wie gedankenlos, wie mechanisch. In dem mehrfach
hervorgestossenen Namen Enckefuss schien eine grosse Beruhigung für ihn zu liegen.
    Plötzlich aber rief er:
    Was? Wie? Wer kommt denn da?
    Er deutete auf einen leichten Wagen, den man bei einiger Aufmerksamkeit auch
mit blossem Auge sehen konnte.
    Lucinde blickte erschreckend hinaus.
    Es war erst wenig vor halb sieben, ja gerade die Stunde, die der Deichgraf
nach dem Urteil seines Sohnes im Handeln immer einzuhalten pflegte, zwei
Minuten vor halb sieben. Der Wagen ging bergan, und die Strecke von unten herauf
war lang und steil, der Wagen fuhr langsam; gegen sieben konnt' es sein, wenn er
endlich auf der Höhe war. Sollte Heinrich, statt zu Ross, im Einspänner kommen?
Und durch den kleinen Taschen-Frauenhofer hatte der Kronsyndikus schon erkannt,
dass es wirklich der »Doctor« war.
    Die Wirkung dieser Entdeckung war bei dem Greise die allerauffallendste.
    Lucinde hätte noch deutlicher bemerken können, wie der Kronsyndikus
krampfhaft sich am Nähtisch hielt und, da dieser leicht war, fast mit ihm
umstürzte. Um ihre eigene Unruhe und Verlegenheit zu verbergen, hatte sie sich
nur in diesem Augenblicke selbst zum Seitenfenster gewandt.
    Was will denn der Doctor? sprach der Kronsyndikus immer tonloser und kürzer
atmend ... Der Junge - der Junge - der - was will denn der? Was soll denn der?
Wozu kommt denn schon der?
    Es schienen ihm Gedanken durch den Kopf zu schiessen ganz anderer Art, als
die er gewöhnlich über das »Volk da unten in der Buschmühle« aussprach.
    Der Wagen kam näher. Es war ein Einspänner, den wirklich der junge Klingsohr
führte.
    Was will er denn? Was hat er denn? fuhr der Alte auf und wandte sich dabei
nicht an Lucinden, die ganz nur mit ihrer eigenen Besorgnis beschäftigt war und
sich abwandte, um ihr Erröten zu verbergen.
    So nur konnte es geschehen, dass sie die zunehmende Unruhe des Greises nicht
bemerkte, nicht sein Hin-und Wiederrennen, nicht sein Oeffnen des nach der
Seitenfronte gehenden Fensters, nicht sein erneutes Blicken durch das Fernrohr,
das er zitternd aus- und einzog.
    Endlich, als er in das Pfeifen eines Liedes ausgebrochen war und in den
geöffneten Prachtzimmern die Decken von den gelben Sammtmöbeln riss und wieder
kam und wieder ging, lachte er plötzlich laut auf, rief Lucinden in die
Staatszimmer und sagte mit der ihm eigenen faunischen Miene:
    Lucinde! Lucinde! Höre, Kind! Ich sag' dir etwas!
    Herr Kronsyndikus! rief diese und eilte näher.
    Satan, schwarzer -!
    Excellenz -
    Engel! Schlechte Person - liebst den Kerl, den Doctor!
    Er lachte dabei convulsivisch.
    Hast recht! liess er sie kaum zu Worte kommen und umarmte sie. Hast recht! Er
kann's einem schon antun!
    Aber Excellenz -
    Weiss alles, verdammte Hexe! Ihr saht euch in dem gottverfluchten Grunde,
saht euch im Park ... hinterm letzten Pavillon ... am Fasanennetz ... im
Mondschein ... Glaubst du, der buckelige Stammer geigt mir nicht auch um
funfzehn Silbergroschen oder eine Tracht Hiebe die Wahrheit? ... Aber ... aber
hast recht ... sollst recht haben, Kind ... Wie kann man einen Narren lieben? Da
... den ... Und ... einen ... Greis dann noch dazu? Halt ihn fest ... den Doctor
mein' ich ... Gleich auf der Stelle! Hier ist der Schlüssel zum Keller! Esst,
trinkt! Lass deine Künste los, Zigeunerin! Ich gönne ihn dir ... Sieh, Kind, wie
er das Ross zügelt! Dass dich ... Seine Mutter war schön ... Lucinde, höre - aber
leise - sag' ihm was ... hier, da ... auf dem Sopha ... sag' ihm was ... Hol'
ihn dir ... halt' ihn dir fest und plausch' ihm ins Ohr ... hörst du ... ob er's
denn noch nicht weiss ... nie gehört hat ... nie erfahren ... dass ... dass ... Na,
was? ... Ha, ha, ha! ... Wer ihm den Riegel aufschob ... als er in die Welt
gekommen ... Hm? Verstehst du ... Lucinde, sag's ihm beim fünften, sechsten Glas
Champagner ... Lisabet! Lisabet! Küche, Keller, alles geöffnet! ... Sag's ihm
... drei Söhne hatte der alte Wittekind, einer ist Candidat zum Premierminister,
einer Candidat zum Tollhaus ... und der da? ... »Der Gott, der Eisen wachsen
liess« sangen sie damals - ha, ha! - als sie den Tugendbund schlossen und in den
Teutoburger Wald geheime Reisen machten und die Weibsen zurückliessen ... ha, ha,
ha! ... Verstehst du, kleine schwarze unschuldige Schlange?
    Ein tolles Lachen, ja, das ihr bekannte Lachen der Selbstzufriedenheit über
seine plötzlichen Lichtblitze der Klugheit und Verschmitzheit, erstickte die
Rede des wie wahnsinnigen Greises.
    Lucinde stand sprachlos und konnte um so weniger zu Worte kommen, als der
Kammerherr, der seiter unten gewartet hatte, jetzt zurückkehrte und eine
Aenderung der ihm gegebenen Befehle zu hoffen schien.
    Lucinde verstand vollkommen das schreckliche Geständnis, das der
Kronsyndikus gemacht hatte.
    Die Dazwischenkunft des Kammerherrn hinderte eine weitere Erörterung. Der
Vater zog Lucinden mit sich hinunter. Wie er auf der Treppe sich auf sie
stützte, raunte er ihr immer heimlich und mit emporgestreckten, zitternden
Fingern Worte der frivolsten Entüllungen zu ... Auf der Treppe noch, wo er sich
am Geländer festielt, sagte er der Beschliesserin:
    Lucinde kriegt die Schlüssel! Was die von jetzt an befiehlt, geschieht!
Verstanden! Was hab' ich gesagt?
    Lisabet, mit einem überraschten Blick voll Gift und Zorn, musste wörtlich
wiederholen, was ihr Herr gesagt hatte; erst wollte sie's nicht und betrachtete
Lucinden erstaunend, dann musste sie ihr Verstandenhaben der Verfügung laut
wiederholen und feierlich Unterwerfung geloben. Hierauf sah er fast mit Mitleid
auf den wartenden Kammerherrn, drehte den Hirschfänger vor sich hin und stieg in
die Kalesche. Lucinden flüsterte er noch aus dem Schlage ans Ohr:
    Sag' es ihm! ... Aber schweigt beide ... so wahr ein Gott im Himmel lebt!
    Zur Lisabet sich wendend, wiederholte er:
    Zeig' auch du, was ich dich lernen liess bei Wessel in Hannover! Brate,
koche! Haltet ihn fest! Trinkt auf mein Wohl! »Um acht Uhr ist Verlobung oder
sieben Schüsseln!« 's war ein altes Stück zu meiner Zeit! Lustig! Ich will die
Augen zudrücken ... über alles ... will Frieden haben mit dem - Deichgrafen ..,
Frieden ... Jesus aber, jetzt fort, Hannes!
    Der letzte, fast tonlose Ruf galt dem Kutscher.
    Die Pferde zogen schon an, und nach der entgegengesetzten Seite hin, wo
Heinrich Klingsohr herkam, rollte der Kronsyndikus aus dem Seitentor und den
Berg hinunter.
    Sein Sohn ahnte glücklicherweise Klingsohr's Nähe, die entscheidende Gefahr
für seine Neigung nicht. Nur die äussere hatte er jetzt im Auge - den Hemmschuh,
den der Kutscher anlegen sollte! Von allen Schrecken war ihm der des
Bergabfahrens einer der haarsträubendsten. Türck, der Calfacter, lief nicht, wie
er sonst pflegte, dem ankommenden Wagen bellend und wedelnd entgegen, sondern
schloss sich der Kalesche an, der er mit eingezogenem Schweife nachlief. Betrübt
und zaghaft waren die Mienen, die der Kammerherr Lucinden noch beim Abschied
zuwarf. Morgen! sagte er kleinlaut; aber der grosse Kasten fiel ihm auf, den noch
der Kronsyndikus wie für eine längere Reise hatte in der Vache unterm
Kutscherbock einschliessen lassen. Nur dass sein Bedienter zurückblieb, schien ihm
einige Hoffnung zu geben.
    Zum Besinnen über die Wahrheit dessen, was der Kronsyndikus ihr zugeraunt
hatte, blieb Lucinden keine Zeit ... Heinrich Klingsohr, der natürliche Sohn des
mächtigen Mannes, grüsste schon, da er zu seinem Jubel die davonfahren sah, denen
er hier zu begegnen fürchten musste.
    Bei einer plötzlichen Lebensgefahr, sagt man, schösse wie an einem
elektrischen Leiter blitzesschnell die ganze Vergangenheit eines Menschen an
seinem letzten Bewusstsein vorüber ...
    Umgekehrt übte die Fülle von Vorstellungen, die sich für Lucinden auf wenig
Augenblicke jetzt zusammenzudrängen hatte, die Wirkung, dass sie ihr das
Bewusstsein völlig nahm, ja, sie in einen traumähnlichen, bacchantischen, von
höchster Freude, von Lust und Schmerz ebenso gehobenen wie wieder vernichteten
Zustand versetzte.
    Diese rätselhaften Vorgänge mit dem Kronsyndikus, diese Feuersgefahr, sein
Benehmen am Fenster, der verzweiflungsvolle Humor und die Furcht vor Heinrich
Klingsohr, dann sein mit den dunkeln Gerüchten über ihn und eine grosse Anzahl
illegitimer Kinder übereinstimmendes Geheimnis, die plötzliche Versöhnungslust,
die sich beim Besteigen des Wagens auch noch in dem ausdrücklichen Befehl
gezeigt hatte, dass die Lisabet die Diener in Livree stecken und augenblicklich
die ganze Grösse des Wittekind'schen Hauses entfalten sollte ... dann der
heranrollende Wagen des wiederum seinerseits mit den unglaublichsten
Ueberraschungen Erwarteten, alles das verursachte in seiner schnellen
Aufeinanderfolge ihr einen fast physischen Schmerz, wie wenn sie wirklich den
Tod des Ertrinkens erleiden sollte.
    Und doch rief auch wieder zu gleicher Zeit alles in ihr - wie die ersten
rauschenden Accorde einer Ballmusik - zu Lust und Freude.
 
                                      13.
Während Lucinde das Staunen der Lisabet auf die natürliche Voraussetzung einer
Versöhnung mit dem Deichgrafen verwies, lief sie schon über den marmorgetäfelten
Estrich des untern Schlosses an die hohe, schwere Tür, schloss diese mit dem
immer von innen steckenden Schlüssel auf und trat auf den Perron hinaus, um
Klingsohr'n anzurufen.
    Dieser hatte auch seinerseits einen Blumenstrauss in der Hand und suchte sie,
langsam fahrend, am Fenster. Wie erstaunte er, als sie selbst erschien, ihn
anredete und aufforderte auszusteigen!
    Sie werden alles erfahren, kommen Sie nur! sagte sie. Der Kronsyndikus ist
eben abgereist, der Kammerherr mit ihm, ich bin allein und ausdrücklich
beauftragt, Sie zum Bleiben einzuladen!
    Da geht ja die Welt unter! sagte der Doctor, sprang vom Wagen und übergab
sein Gefährt einem schon in Livree, die er eben noch zuzuknöpfen im Begriff war,
herbeispringenden Gehilfen der Branntweinbrennerei.
    Es war auch inzwischen Feierabend. Der Hof war in voller Bewegung. Die
Inspectoren und Arbeiter aller der verschiedenen hier zu beaufsichtigenden
Branchen begriffen nicht, wie sie den Sohn des Deichgrafen konnten auf Schloss
Neuhof einkehren sehen. Aber Lucinde zog den verwunderlichen Gast die grosse
steinerne Stiege hinauf in die Staatszimmer, wo man bereits anfangen wollte
einen Tisch zu decken, Lucinde sollte nur bestimmen welchen. Sie wählte einen
der glänzendsten mit einer Decke von Lapis Lazuli, achteckig, mit geschweiften,
vergoldeten Füssen, dicht vor einem Kanapee, das in der Nähe eines Kamins stand
...
    Dazu läuteten von allen Tiefen her die Glocken das Ave Maria ... der trübe
Regenhimmel liess im Westen vom Sonnenlicht einige rote und blaue Streifen
hindurch ...
    Klingsohr kannte aus seiner Knabenzeit alle diese Zimmer ...
    Wie konnte es geschehen, dass er seit Jahren und bei der jetzigen Lage der
Dinge hier wieder so wie einst aufgenommen, ja, gerade von Lucinden, dem
Wettpreis zwischen Vater und Sohn, ohne alles Hindernis so empfangen wurde!
    Er ahnte einen Hinterhalt und sprach sich auch dahin aus, dass er der bösen
Tücke des Kronsyndikus alles zutraue. Ich wäre der Erste nicht, sagte er, den er
wie ein Ritter des Faustrechts behandelt hat! In seinen Kellern sassen schon
Männer und Frauen aus aller Herren Ländern, und ich wette, dass es da unten
aussieht wie in der Blaubartskammer!
    Wie es in seinen Kellern aussieht, erwiderte Lucinde, werden Sie bald
erfahren! Sie sollen bewirtet werden wie ... wie ein Sohn des Hauses.
    Behandelt ihr mich hier, parodirte Klingsohr mit Stellen aus Shakspeare,
nach »Verdienst«, so bin ich vor Schlägen nicht sicher! Aber bitte, keine
Unarten! Das Mittelalter hat einige Schattenseiten, die ich nicht verteidigen
werde!
    Lucinde suchte ihm die Furcht zu nehmen und zog ihn in ein Zimmer, wo sie
unbelauschter waren. Wie im Traume folgte Klingsohr. Zum ersten male sah er auch
seine Liebe in so prächtigem Rahmen. Sie trug ein leichtes dunkelblaues Kleid;
seidene Bänder von gleicher Farbe senkten sich in den braunen Nacken. Schwarze
Florspitzen zierten das Haar und bedeckten ebenfalls, zu halben Handschuhen
geformt, die jetzt sehr gepflegten Hände. Auf der Brust hatte sie sich den
Rosenstrauss befestigt, den Klingsohr mitgebracht, während sie ihre eigenen
Blumen teilte, seinen Rock, seinen Hut damit schmückte und noch für den Tisch
übrig behielt, um eine kostbare Vase damit zu füllen.
    Sie erzählte ihm auf sein staunendes Schweigen alle soeben erlebten Vorgänge
bis auf die letzte Entüllung, die sie sich, weil sie ihr noch schwer zu
formuliren war, vorbehielt. Sie kamen überein, dass der Kronsyndikus in dem
Doctor einen Verbündeten gegen den Vater gewinnen wollte, einen Vermittler und
Beileger des Streites. Lucinde unterstützte vorzugsweise diese Annahme und hatte
die Freude zu hören, dass Klingsohr versicherte:
    Nun, was ich tun kann, dieser Voraussetzung zu entsprechen, soll geschehen!
Sie kennen meine Abneigung gegen meines Vaters Lehre vom Zollstock und der
geraden Schnur, Lucinde! Das Leben wird schon ohnehin täglich immer mehr so
regelmässig wie die manchmal recht monotone Natur! Ihm Freiheit abzugewinnen, die
Tyrannei des Gesetzes abzuschütteln, das ist unser schönes Ziel, und wenn ich
ganz sicher wäre, dass nicht diese Türen plötzlich aufgingen und einige
Geharnischte hereinträten und mich als Geisel festielten, so würde ich meine
Sympatieen für den wilden Freiherrn ganz offen aussprechen. Darauf hin und
vorausgesetzt, dass es bald alles, nur nicht Prügel gibt, will ich auf sein Wohl
trinken und geloben, den Alten von der Buschmühle soweit es irgend möglich zur
Raison zu bringen.
    Sie standen jetzt beim Durchschreiten der prächtigen Zimmer gerade an der
Stelle, wo der Kammerherr den Türck gemalt hatte. Noch hing das Bild an der
Staffelei und Klingsohr brach in komische Bewunderung des neuen »Hondekoeters«
aus, wie er ihn nannte.
    Der ist mit verreist? rief er aufs neue kopfschüttelnd. Und man weiss, dass
Sie mich aufnehmen? Was ist hier nur vorgefallen!
    Der Kammerherr weiss nichts! Nur der Vater! Machen Sie sich's bequem! Sie
werden noch mehr, erleben ...
    Noch mehr?
    Lucinde antwortete nur dadurch, dass sie hin und wieder rannte, ordnete und
befahl. Nicht umsonst hatte der Kronsyndikus von einem Festgelage gesprochen.
Sie liess nun ein solches für den Doctor mindestens ebenso herrichten wie für die
adeligen Gäste. Der Kronsyndikus selbst war im Essen mässig, aber die häufigen
Besuche des »schönen Enckefuss« hatten das Haus mit den Notwendigkeiten eines
schnellen und einladenden »Tischlein deck' dich« eingerichtet.
    Geliebte Lucinde, sagte Klingsohr, wie er sie dann wieder plötzlich still
stehen und über ihre eigentliche Aufgabe grübeln sah, es gibt eine Erbsünde und
es gibt eine Erbtugend! Man spricht davon, dass jene uns um unser Seelenheil
gebracht hat und verketzert die vernünftigen Unvernunftslehrer, die diese
tiefste und humanste aller Lehren verteidigen!
    Welche Sünde? fragte Lucinde und dachte nur an das Ordnen des Tisches, über
dessen acht Ecken längst ein blendend weisses Damasttuch gebreitet war, das sich
schon mit Tellern, Gedecken, Gläsern, Flaschen, einem Champagnerkühler und
Dessertaufsätzen füllte.
    Die Erbsünde, die mit dem ersten nicht verschmähten schönen rotwangigen
Apfel in die Welt gekommen! sagte Klingsohr. Wir können ja die Nichtigkeit
dieser Erde gar nicht schöner erklären als durch unsere eigene Schuld! Ihr
jammert, dass der Frühling seine Blüten verwehen sieht, dass Blüte, Frucht und
alle Schönheit der Erde, der Schmetterling und der Mensch, zu Staub verwehen!
Ist nur unsere Sünde schuld daran, so hat ja die Vergänglichkeit dieser Erde
ihren erklärlichsten Grund in uns und nicht in der Schöpfung selbst! Man kann ja
dann immer noch hoffen auf die Sonne, auf die Gestirne, auf etwas, was jenseit
dieser Bezirke, »von wannen niemand wiederkehrt«, liegen wird, Lucinde, und
wären es nur Ihre Augen, die als Sterne an den Himmel versetzt werden sollen!
    Lucinde sagte zu allem: Ja! Ja! Ja! Ja!
    Sie hörte kaum; zu schön wollte sie alles machen. Der Doctor sollte
wenigstens hinter dem Landrat nicht zurückstehen.
    Klingsohr musterte die nach französischer Auffassung in Alabaster
ausgeführten griechischen Statuen des Zimmers, die Landschaften aus der Schule
Claude Lorrain's und Berghem's ...
    Kein anderes Gnadenbild hier, sagte er, als Sie selbst, Lucinde!
    Lucinde bestätigte, dass auf Schloss Neuhof die Religion nur in den
Wirtschaftsgebäuden und den hintern Wohnungen vertreten sei, den Kammerherrn
ausgenommen, der noch immer mit dem schwermütigen und gewissenskranken Grafen
Zeesen in Briefwechsel stand ...
    Beide reisten in Italien! sagte Klingsohr. Jérôme hoffte schon lange durch
Beten ein grosser Maler zu werden wie Frâ Fiesole!
    Nun waren alle Vorrichtungen des Abendimbisses aufs prächtigste getroffen.
    Klingsohr streckte sich mit Behagen in einem Fauteuil, vor dem eben von zwei
über alles wie verblüfften Dienern angerichtet werden sollte. Bei jeder
Gelegenheit, wo diese Zeugen fehlten, ergriff er Lucindens Hand, diese an sich
ziehend, mit Küssen bedeckend und seine Unmöglichkeit, sich in die Märchenwelt
zu finden, aufs neue versichernd.
    Eben kamen die Diener zurück, lauschend, horchend ...
    Lucinde fragte, nur um zu sprechen:
    Jetzt aber Ihre Erbtugend? Was ist das?
    Erbtugend, sagte Klingsohr in einem ihm beim Aussprechen von Gedanken und
Versen eigenen singenden Tone; Erbtugend! Die ist der ewige Rückschlag des
Geistes gegen die Natur! Sie ist die Flut, wenn die Sünde die Ebbe! Sie ist
vielleicht auch nur das ewige Philisterium, an dem selbst die Titanen litten,
wenn sie zu viel Kaukasuswein getrunken hatten! Möglich, dass dieser Erbtugend
jene eingeimpfte Furcht vor der Hölle zum Grunde liegt oder die Furcht vor einer
Tracht Prügel, jene Furcht, von der bekanntlich die romantischsten Liebhaber
Boccaccio's und Bandello's nicht frei sein konnten ... Ja! Lucinde! Ich weiss
doch, dass ich hier ein Romeo bin, auf den plötzlich »zehntausend Tybalts«
eindringen werden mit einigen Doubletten der allbekannten neuhofer
Hundepeitsche!
    Lucinde widerlegte jetzt ungeduldig werdend seine erneuerte Furcht und
erklärte das festere Schliessen aller Türen durch das Wetter, da es unheimlich
dunkel wurde. Der Abend schien ein Gewitter zu bringen. Dunkelbraune und rote
Wolken zogen immer dichter von Westen her. Zwischen dem Läuten der Abendglocken
hörte man schon die fernher rollenden Donner.
    Klingsohr ergriff Lucindens Hand und sprach, da sie jetzt allein waren und
nur noch das zu servirende Mahl fehlte, mit dem eigenen Aufschlag seiner grossen,
wenn er wollte, festen und bestimmten Augen:
Wer in der romantischen Zeit nicht Frau Venus mied,
Wol gar einem Eheweib sein Herz verschenkte,
Dem geschah's, dass man ihn manchmal briet
Oder an einen neuen Galgen henkte!
So hört sich noch jetzt, minnt man ein schönes Weib,
Besonders vom Nachbarn Herrn Philister,
Selbst im holdseligsten Zeitvertreib
Ein feurig Geknatter, ein flammend Geknister.
Gibt sie ein Löcklein zum Liebespfand,
Und steckst du's zu bergen zur Tasche,
Fühlst du doch dabei was wie Henkershand
Und um den Hals die vergeltende Masche!
    Das ist das Gewissen! sagte Lucinde scharf betonend. Da er sie küssen
wollte, hielt sie ihn zurück.
    Nein, Erbtugend - wollte Klingsohr in seiner gewohnten Phantastik fortfahren
-
    Aber indem wurde das Nachtmahl hereingetragen. In dem noch allgemein
nachdauernden Schreck vor dem Benehmen des Kronsyndikus geschah dies mit
denselben Förmlichkeiten wie bei dem vornehmsten Besuche.
    Was ist das nur alles? rief Klingsohr aufs neue, wie irr sich an die Stirn
greifend ...
    Lucinde versicherte, dass allerdings irgendetwas Grosses geschehen sein müsse,
um den Kronsyndikus so für ihn einzunehmen. Nicht nur, dass er diesen Empfang
angeordnet hätte, auch für die Entdeckung, dass beide schon lange sich sähen und
sprächen - der buckelige Stammer hätte geplaudert - wäre seine Milde
bewundernswert gewesen. Er dächte daran, setzte sie hinzu, sie ganz so
glücklich zu machen, wie er ... wie sie ... selbst es zu werden wünschte.
    Lucinde! rief Klingsohr voll Entzücken und warf Gabel und Messer fort. Wann
wirst du mein? Bald! Bald! »Balde auch du!« singt Goete. Warum kommt mir das
traurige »Ueber allen Wipfeln ist Ruh« in diesem Augenblick! Nicht wahr? Die
Speisen - sind vergiftet?
    Als Lucinde ein Ja! nickte und dabei auffuhr, um nach der Fortsetzung des
Mahles zu klingeln, verfolgte er sie.
    Hexen, sagte er, Giftmischerinnen gab es von je auf Neuhof! Du selbst bist
eine von diesen alten Alraunen, diesen Zauberweibern ... gerade so eine Hexe,
wie meine Mutter von einer erzählte, die sie das Fräulein Gülpen nannte ...
    Au! unterbrach er sich selbst mit einem leisen Schrei.
    Was ist? fuhr sie doppelt betroffen zurück. Klingsohr hatte den Namen der
Hauptmännin in dem Augenblick ausgesprochen, wo er seine rötlichen kurzen
Locken an ihr Brusttuch drückte ... Er antwortete:
Wenn ich dich küssen soll, mein Kind, was soll es taugen,
Dass du mit Nadeln dir besteckst die Brust!
Den Liebenden war immer nur bewusst:
Gott Amor sticht ins Herz und keinem in die Augen!
    O! rief Lucinde und sah ihr Vergehen ... An der Wange, dicht neben einer
seiner vielfach schon zwischen ihnen besprochenen Narben, hatte eine Nadel ihm
eine leichte Schramme gerissen.
    Lucinde riss die Nadel vom Tuche, griff nach der Krystallflasche voll Wasser
auf dem Tische, goss Wasser in die hohle Hand, tauchte ihr Taschentuch ein und
drückte es ihm auf die wunde Stelle.
    dabei war ihr das Brusttuch entfallen und ihr langer dunkler Nacken
schimmerte unbedeckt bis zu den Schultern, ihr bräunlicher Hals bis zu den hohen
Wölbungen ihrer Brust.
    Eben brachte man zwei Leuchter, je drei brennende Kerzen.
    Als dann Klingsohr und Lucinde wieder allein waren und sich, auch um ruhiger
zu werden, aufs neue zum Mahle gesetzt hatten, richtete sie eine Frage an ihn
über Klingsohr's Mutter, über die Gülpen, ob er diese gekannt hätte und was er
von ihr wisse ...
    Er beantwortete sie mit einer Apostrophe an die Speisen:
    Fräulein von Gülpen? Ich kannte sie nicht. Aber sie nennen und fragen: Was
mag in dieser Spargelsauce entalten sein, ist eins! Recht so, Lucinde! Nehmen
Sie nichts davon! Diese jungen Erbsen haben eine grünliche Farbe, die über das
Pflanzenreich hinaus sich in das Mineralreich verliert; ich wette, man kochte
sie in derjenigen kupfernen Pfanne, die seit dem letzten der unerklärten
Todesfälle auf Schloss Neuhof noch immer nicht verzinnt worden ist. Diese Hühner
hört' ich noch vor einer halben Stunde im Hofe gackern! Sie erwecken
unwillkürliche Mordgedanken, und nur der Champagner weckt mir kein Jugendmärchen
auf von der alten westfälischen und Tugendbundzeit, in der ich 1809 geboren
wurde. Da gab es hier, während mein Alter im Walde geheim mit den Rächern
dingte, Corinnen in griechischen Gewändern, die über Kassel aus den Spielhöllen
Venedigs und Neapels kamen, Spanierinnen, die wie Amazonen ritten, Creolinnen,
deren Männer ihren Kopf auf den Schaffoten der Französischen Revolution gelassen
hatten und mit dem ihrigen doch noch den Bruder Bonaparte's, was sag' ich, ihn
selbst verrückt machten ...
    Aber die Gülpen?
    Die soll an diesem Minnehof nur die Ceremonienmeisterin gewesen sein! Der
buckelige Landstreicher mit der Geige hat geplaudert? Lass dir von dem erzählen
oder von seinen Alten hinten ... nein, die sind seit den grauen Tagen stumm
geworden ...
    Worüber?
    Die Gülpen, oder wie sie sich von einem Jäger, der sie heiraten wollte,
nannte, Buschbeck -
    Einem Jäger?
    Jetzt einem Mönche! Drüben im Franciscanerkloster Himmelpfort! Hast du nie
vom Bruder Hubertus gehört?
    Die Mönche dürfen nicht auf Neuhof ...
    Der Jäger war ein Soldat in holländischen Diensten ...
    Hauptmann ...
    Feldwebel, Kind! Vielleicht als Lieutenant entlassen! Er ist Laienbruder
drüben ...
    Und war nie verheiratet ...
    Mit wem?
    Der Hauptmännin - Was sag' ich ...
    Der Bruder Hubertus kam von den Wilden und ging zu den Wilden! Hier galt
keine Ordnung und kein Gesetz und kein Priester! Hast du nicht gehört, dass der
Kronsyndikus noch eine Frau am Leben hat?
    Wie? Wer? Noch eine Frau? Der Kronsyndikus?
    In Italien! Man sagt es ... Kinder gibt es aller Orten genug von ihm ...
oder er spielte wenigstens ohne zu wissen den Landesherrn, in dessen Bildnis auf
den Groschen sich alle Frauen in gewissen Umständen versehen müssen!
    Sie essen ja nicht, Doctor! lenkte Lucinde errötend ein.
    Ich trinke! antwortete Klingsohr. Stoss' an, sagte er, wie immer je nach der
Stimmung abwechselnd mit Du und Sie; stoss an, Lucinde! In Italien schickte er an
Jérôme plötzlich einen Kurier, dass er nach Hause kommen sollte ... Graf Zeesen,
sagte man, hätte ihn bereden wollen, in ein Kloster zu gehen ... Der Musikant
meint, seine Alten hätten als Grund des Zurückmüssens immer etwas von der
zweiten gnädigen Frau gemunkelt!
    Die noch lebe? Nein, der Freiherr ist nur einmal verheiratet gewesen!
    Ganz recht! unterbrach Klingsohr. Die Schwester vom Grafen Joseph drüben,
dem Letzten des Hauses Dorste-Camphausen auf Westerhof! Sie starb früh, nachdem
sie zwei Söhne geboren; sie starb, sagt man aus Gram über die Aufnahme jener
Gülpen ins Haus. Diese regierte. Als die Baronin starb, genoss der Witwer seine
Freiheit, bis plötzlich Ruhe kam mit dem Sturz Napoleon's. Doch bei alledem ist
landbekannt, dass die Klöster und Beichtstühle hier ringsum über den Kronsyndikus
die tiefsten Geheimnisse verschliessen ... Auch mein Vater weiss manches, hält
sich aber stumm drüber wie die alten Stammers hinten über die Gülpen.
    Lucinde wagte nicht, über letztere weiter zu forschen. Sie fürchtete, dass
sie hätte sagen müssen, woher und aus welcher Situation sie die »Hauptmännin«
kannte. Aber mit spähendem Blick stellte sie jetzt die Frage:
    Und Ihre Mutter?
    Klingsohr erwiderte:
    Ich kannte sie wenig! Sie starb, als ich sieben Jahre alt war. Nur dass sie
ein Bild des Leidens gewesen sein soll, weiss ich. Als der Vater in Magdeburg
sass, wurd' ich in dies Schloss genommen und mit Jérôme erzogen.
    Lucindens Unruhe mehrte sich, je näher sie ihrer Eröffnung kam. Sie wusste
nicht, was sie tat, als sie fortwährend den Champagner trank, den ihr Klingsohr
einschenkte.
    Unsere Zukunft, Lucinde! Der Traum einer Sommernacht! rief er.
    Die Gegend war inzwischen nachtdunkel geworden. Rabenschwarze Schatten
hatten sich niedergesenkt, ein immer näher rückendes Gewitter entlud sich ...
    Das Nachtmahl war bald zu Ende. Nur dem schäumenden Weine sprach noch
Klingsohr immer erregter zu. Er weckte dadurch in Lucinden die Erzählungen des
Kammerherrn von seiner Unmässigkeit und den Trinkwetten.
    Erzählen Sie von Ihren Knabenjahren! sprach Lucinde.
    Klingsohr betrachtete lange die aufsteigenden Perlen des Schaumweins und
erwiderte mit dem ihm eigenen halb künstlich, halb natürlich elegischen Tone:
Wo seid ihr hin, ihr heilig hehren Tage,
Wo mir ein Stern noch wie ein Engel sprach!
Wo ich geglaubt, ein Regenbogen sage,
Dass immer noch des Himmels Langmut wach!
Wo in dem Blitze, in der Donner Rollen
Nur eines Vaters Zürnen lag, - der Liebe Grollen!
    Der Regen schlug an die Scheiben. Der Sturm tobte ... Fenster und Türen,
die nicht geschlossen gewesen, schlugen klirrend und krachend an ...
    Aber Lucinde drängte:
    Nein! Beginnen Sie anders! Ihre Mutter ...
    Ha, ich weiss, sagte er, du willst von meiner ersten Liebe hören, Lucinde!
Ja,
Wenn sie leicht und zierlich
Mir vorüberflog -
Und ich hübsch manierlich
Meine Mütze zog -
    Nichts, nichts von dem - sagte Lucinde ...
    Das Lied ist nicht lang, Lucinde! unterbrach er sie. Nur den Schluss will ich
dir sagen. Diese Liebe endete, als Amanda eines Tages keine Hosen mehr trug; das
hübsche Ding war in dem Augenblick fünf Jahre älter geworden und kannte mich
nicht mehr. Schülerliebe!
    Gut! Gut! Aber wo sind Sie geboren?
    In der Buschmühle!
    Und Ihre Mutter? Erzählen Sie von ihr!
    Ein Donnerschlag erschütterte in diesem Augenblicke das Schloss, dass es bis
auf den Grund erbebte. Die Diener kamen nicht mehr ... Klingsohr rückte seinen
Sessel dem Divan näher und zog Lucinden an sich und streichelte ihr Haar und sah
ihr in die scheu und ängstlich umblickenden Augen und hielt die Hand über ihre
dunkeln Brauen, gleichsam als wenn er das Rollen der schwarzen Sterne in dem
weissen Emailgrunde beruhigen, das Zucken der Wimpern beschwichtigen wollte.
    Jetzt begann er von seiner Mutter ...
    In einem langen weissen reinen Gewande, sagte er, muss diese Edelste ihres
Geschlechts aus der Welt emporgestiegen sein! Ringsum lag die Sünde - sie allein
erhob sich aus ihr, sie, die einzig Reine! Eine Natter klammerte sich noch an
ihren Fuss, die zertrat sie! Wie ich geboren wurde, verlor jene Gülpen die
Herrschaft im Schloss -
    Schon 1809? unterbrach Lucinde ... Sie sah, wie viel Jahre es gebraucht
hatte, ihre Peinigerin so geistig und körperlich zu zerstören, wie sie sie
gefunden hatte!
    Wie das alles zusammenhängt, fuhr Klingsohr fort, weiss ich nicht ...
    Lucinde fasste sich jetzt Mut und sprach:
    Ich will es Ihnen sagen!
    Klingsohr horchte auf. Lucinde erzählte noch umständlicher den Vorfall, den
man heute mit dem Kronsyndikus erlebt hatte. Sie erzählte das Verbrennen von
Papieren, seine Unruhe, seine eilige Abreise, den Eindruck, den ihm die Ankunft
des Doctors gemacht, seine Eröffnung über die Art, wie sie ihn aufnehmen sollte
...
    Eben zuckte durch das Zimmer ein Blitzstrahl.
    Klingsohr erhob sich und wurde aufgeregter ...
    Wie Lucinde fortfuhr und das Ziel ihrer Eröffnungen immer leiser sprechend
schon völlig verständlich angedeutet hatte, ergriff er ein Glas, schleuderte es
wild zu Boden, dass es zersplitterte, rieb sich die Stirn und rannte zum Fenster,
als müsste er mit dem Kopfe durch die Scheiben hindurch in die tobende Nacht und
die Donner hinaus.
    Ihr seid wahnsinnig! schrie er. Alle, alle hier seid ihr's!
    Lucinde nahte sich, bat ihn, sich zu mässigen; sie sagte ihm, er möchte sich
fassen, möchte ruhig hören ...
    Nein! rief er und schleuderte nun auch sie zurück mit den Worten:
    Circe! Machst du Menschen zu Eseln? Zu Mauleseln? Bin ich verrückt?
    Jetzt riss er das Fenster auf, dass der Regen nur so hereinströmte.
    Lucinde liess ihn erschreckt erst gewähren.
    Ich liebe meinen Vater! rief er, und sog die Tropfen ein und bestrich sich
mit dem Regen Stirn und Wange. Ich liebte ihn von jeher dann, wenn ich mich
hassen musste. Und nun vollends ... meine Mutter!
    Lucinde schloss das Fenster.
    Klingsohr rannte auf und nieder ...
    O ich weiss jetzt, wozu ich hergelockt bin! Zur Rache gegen meinen Vater!
Geistigen Rache! Zur Demütigung unsers Namens! Schändung einer Asche unter der
Erde!
    Ihr Vater ist der Kronsyndikus! sagte Lucinde mit einer Festigkeit, als
spräche sie von Dingen, die ihrer Jugend völlig angemessen waren.
    Ein convulsivisches Gelächter erstickte den ersten Aufschrei des zu seiner
übrigen Erregung nun auch noch halb Berauschten.
    Ruhig fuhr Lucinde fort:
    Darum sorgt er für unsere Zukunft!
    Ha, ha! Und nun sprach Klingsohr plötzlich, wie sich und die ganze Situation
parodirend, plattdeutsch, dem ohnehin schon eine komische Wirkung beiwohnt. Er
parodirte ihren feierlichen Ernst. Sie wandte sich zum Schmollen ab und liess ihn
stehen.
    Klingsohr warf sich in seinen Sessel und blickte geisterhaft vor sich hin
...
    Das in der Natur tobende Wetter hatte sich etwas gemildert. Man hörte nur
den gewaltig strömenden Regen. Dann setzte er sich ruhiger zu Lucindens Füssen
auf eine Fussbank und das Haupt auf beide Hände stützend sprach er dumpf:
    Bastard! Glaube das nicht, du innerer, allzu eitler Dämon! Ja eitel! Wir
werden die Ursachen dieses tollen Spukes erfahren! Nur allzu sehr fühl' ich in
mir - das dienende Blut! Altes Sachsenblut? Auch ich? Wie wurden die grossen
atletischen Gestalten mit den hängenden roten Haaren unter dem Bärenkopf in
die Weser getrieben, um von ihrem Odin und von ihrer Freija zu lassen! Wie sassen
sie hoch zu Ross, als sie dem Banner ihrer Herzoge folgten! Wie dingten sie mit
dem Kaiser und den Bischöfen um ihr Recht und loderten auf um einen »Strohhalm«,
der ihrer Ehre im Wege lag! Und selbst noch im brocatenen Kleide mit der Perrüke
und dem steifen Degen an der Seite, wie sie da unten den Westfälischen Frieden
schlossen, schritten sie gravitätisch einher, langsamer, schwerfälliger, aber
fester auch auf ihre grüne Hufe vertrauend als irgendwer im übrigen Deutschland!
Dem englischen Lande gaben sie die rechte Volksmischung und tausend Jahre später
einen König. Und wie haben sie diese vier- und sechsspännig fahrende Weise
bewahrt bis auf den heutigen Tag! Ob sie platt- oder hochdeutsch reden, sie
lispeln nur und jedes Wort ist Schiesspulver, wie Heinrich Percy's! Schlank ist
ihr Wuchs, behend ihre Haltung! Wenn auf der Universität alle andern deutschen
Stämme durcheinander fahren, der Bayer phlegmatisch, der Franke windig, der
Schwabe der andern Stichblatt, der Türinger von ewiger Wehmut durchdrungen ist
trotz des allerdünnsten Biers, der Obersachse schwätzt, der Märker aus
Blödigkeit, die er nicht eingestehen will, grob und maliciös wird, ... stehen
wir Niedersachsen und Westfalen da wie die schlanken Tannen am Bergesrand, fest
und sicher wurzelnd; ein Wort ein Mann, von einer Vornehmheit, der kein
deutscher Stamm sich gleichstellen kann! Man muss uns handeln sehen um ein Ross!
Kurz und bündig! Sechzig Pistolen ohne Halftergeld! Spitz, scharf, weich der
Ton! Fest die Tat! Ach, vergib mir, Geist meiner guten, vielgeprüften Mutter,
dass ich dich Arme, die Witwe eines mit dem Geist der Zeit Vermählten, der dich
einsam daheim liess am Spinnrocken, lästere! Lorelei, nein! Hörtest du's? Ich
würde mir leider, leider nichts draus machen! Mag ich immerhin um eine Minute
vor halb sieben statt zwei zu früh auf die Welt gekommen sein, aber es ist ein
schlechter, elender, gemeiner Spass deines frevelmutigen Alten, und du tust
recht, arme Gläubige, dass du entschlummerst. Die Bürde dieser Lüge war zu schwer
für dich!
    Ermüdet vor Aufregung, eingelullt durch den Wein und die gespenstische Weise
des wie immer dergleichen im Prophetenton vor sich Hinsprechenden, liess Lucinde
es geschehen, dass der düstere Träumer, in dessen Seele es gleichfalls schon
lange mehr zur Nacht als zum Lichte sich zu wenden schien, ihre Hände ergriff,
diese küsste, näher und näher seine Wange an die ihrige schmiegte und sie in
ganzer Länge auf den schwellenden Divan ausstreckte.
    Eine Weile betrachtete er sie mit gefaltenen Händen ...
    Dies sah sie noch ... ihr Auge blieb offen oder blinzelte doch ... Ihre
Mienen waren in ein Lachen wie erstarrt ...
    Jetzt ein Ephenkranz um dein Haupt, flüsterte Klingsohr, der Tyrsusstab mit
Weinlaub in deiner Hand, ein Pardelfell unter dir, und die Bacchantin erwartet
ihren Praxiteles!
    Lucinde verstand nichts. Sie hauchte nur:
    Doch! Doch! Doch!
    Doch hat der Kronsyndikus recht! war ihre Meinung.
    Klingsohr verstand, was sie sagen wollte, und geriet in Sinnen. Seine
Phantasie malte sich die Möglichkeit aus - und wie bei solchen Naturen dann
geschieht, sah er allmählich die Wirklichkeit. Jetzt als wenn ihn Furien
peitschten, er müsste und sollte glauben, erhob er sich und sprach unausgesetzt,
wohl ein halb Dutzend mal, vor sich hin:
    Wär' es denn möglich? Wär' es denn möglich?
    Indem meldeten die Diener das Nachlassen des Regens ... ...
    Spannt ein! rief Klingsohr wild und erhob die Flasche.
    Und wieder schenkte er voll und nicht mehr in die kleinen spitzen Gläser,
sondern in Wassergläser. Er credenzte ebenso Lucinden, die trank, weil sie
Wasser zu nehmen glaubte ...
    Drei Späne aus dem Tor der kleinen Buschmühle! lallte Klingsohr und zog den
Ton wie durch die Zähne, sodass es schneidend hämisch und bitter erklang. Ich
wette, dass ich sie unten finde, du alter Freigraf der Feme! Am nächsten besten
Baum kann der Freirichter Wittekind keinen jetzt mehr henken, so hat er dem
Vater einen andern Streich spielen wollen! Ist nicht eine Schlange das Wappen
der Wittekinds? Nein, ein Lindwurm! Aber ich will Feindschaft säen unter den
Samen der Schlange, spricht der Herr! Ich werde mich nach diesem Schurkenstreich
mir meinem Alten aussöhnen. An der Mühle wollen wir sitzen und wenn das Rad
klappert, nehmen wir das Gesangbuch zur Hand, wo die Mutter deutlich
eingeschrieben: Den 13. August 1809 geboren mein Heinrich Otto Alexander!
Alexander! Mein Alter hoffte auf Russland damals! Heil von Moskau! Und warum
nicht auch! Nur - »Gott ist gross und der Zar ist weit!!«
    Seufzend wankte er zu Lucinden, beugte sich über sie und sprach jetzt leise
und wie singend:
    Träume! O träumtest du:
Es rauschen die Blätter, es flüstert der Wald,
Wer regt sie der Winde so mannichfalt?
Nur Einer!
Es blitzen die Farben im hellen Krystall,
Sind's tausend der Strahlen vom Sonnenball?
Nur Einer!
    Ich, ich, ich erwidere dir, Mädchen:
Es klopfen viel tausend Schläge der Brust,
Wer führt sie, die Hämmer in Schmerz und in Lust?
Nur Eine!
Was hebt dir die Seele, was sprengt dir das Sein?
Ist's Himmel? Ist's Erde? ... Allein, allein
Nur Eine!
    So sprach Klingsohr.
    Fiebernd, im Taumel der entfesselten Sinne hatte er sich über die
Halbschlummernde gebeugt ... zurückgesunken und halb auf dem Divan ausgestreckt,
hielt sie den linken Arm rückwärts unter das Haupt gelehnt ... mit dem rechten
wehrte sie kraftlos stürmischere Zärtlichkeiten ab ... das Bewusstsein verging
ihr ... die Augen schlossen sich, müde wie damals im Walde mit Oskar Binder.
    Sie träumte schon, ehe sie ganz entschlummert war.
    Selbst eine heftige Erschütterung, die sie annehmen lassen musste, dass
Klingsohr plötzlich aufsprang, erweckte sie diesmal nicht.
    Sie hörte ein fernes Brausen wie an einem Wasser. Es konnten Türen,
Schritte, Stimmen durcheinander sein ... sie träumte von bunten Wolkenwagen, von
Farben des Regenbogens ... sie sah ihre Tauben wieder, die den Wolkenwagen
zogen, sie sah alle die glänzenden Shawls, Teppiche, Kleiderstoffe aus dem
Magazin des Herrn Gutmann rings drapirt über dem Regenbogen und kleine Gnomen
trugen alles ab und zu, und wieder waren es doch die lächerlichen Modegecken im
Bazar Gutmann, und ein langes Mass von Papier zog der eine und dem andern wurde
unter der Hand eine Reihe von Sternen daraus ... und dann waren es die
Blumenbüschel und blauen Glocken, die sie im Walde am Fusse des Eggegebirges
einst im Sinken am Riedbruch in der Hand gehalten, und alles um sie her wurde
dann grün und immer grüner und mit zwei funkelnden Augen lag plötzlich jene
Eidechse auf ihrer Brust, die damals unter dem moosbewachsenen Steine
aufschlüpfte ...
    Nun erwachte sie.
    Um sie her war es still. Die Lichter waren ausgelöscht bis auf eines, das
fast niedergebrannt war.
    Sie musste so schlummernd, erst heiter, dann angstvoll träumend, mindestens
schon eine Stunde gelegen haben.
    Sie richtete sich empor. Was war geschehen? Hatte sie Klingsohr verlassen,
ohne sie zu wecken?
    Nichts war zu hören als das Klappern einer fernen nicht geschlossenen Tür.
    Die Reste der Mahlzeit, die leeren Flaschen und halbgefüllten Gläser standen
unabgeräumt, wirr durcheinander. Sie boten jenen Anblick, der nach einer Orgie
die Sinne so ernüchtert, die Empfindung so beschämt und empört ...
    Unendlich müde, wie zerschlagen an allen Gliedern, durchfröstelt von der
kühlen Luft des Zimmers, das geöffnet gewesen sein musste, suchte sie nach
Menschen, die noch wach waren. Alles war wie ausgestorben ... Von Klingsohr war
ihr doch gewesen, als hätte sie im Traum gehört, wie er laut über sie
hinweggerufen, an ihr gerüttelt hätte, und Menschen mussten im Zimmer gewesen
sein, alle Stühle standen ja in Unordnung, der getäfelte Fussboden knirschte
sogar von förmlichem Schmuz ... Sie sah zum Fenster hinaus ... Es war tiefe,
stille Nacht ... Die grosse Wölbung der fast unermesslichen Fernsicht über Wiese,
Wald und Feld hin eine einzige schwarze Finsternis, die kein Stern erleuchtete
... Die Regenwolken hingen trüb und schwer. Sie öffnete, streckte die Hand
hinaus; sie fühlte, dass die Luft kühl war, doch nicht mehr tropfte ...
    Sie gedachte jetzt deutlicher Klingsohr's, gedachte erschreckend seiner
letzten Zärtlichkeiten, die sie mit schon geschwundenem Bewusstsein hingenommen,
seiner wilden, vermessenen, wie ein schneidender Luftzug noch durch ihre Seele
gehenden Reden. Ihr war nur am Mute des Mannes gelegen, an seinem Trotz, an
seiner Herausforderung gegen Menschen und Geschick, und in dem, was sie heute
und schon oft von Klingsohrn gehört, lag doch eher eine Tatkraft, die sich nur
künstlich aufstachelte ... Sie gedachte schreckhaft des Kammerherrn; sie glaubte
die Tür sich öffnen zu sehen und das kratzende Scharren eines Hundes zu hören.
Nun fasste sie den Gedanken, ob sie noch zu dem Pavillon in den Park könnte, wo
sie doch eigentlich wohnte. Hatte man sie vergessen? Sie nahm das Licht, um auf
die Treppe und dann über den Hof zu schreiben.
    Erst musste sie durch die langen Corridore, wo rings an den Wänden die
Spiegel ihre eigene Gestalt wiedergaben. Wie sah sie aus! Wie aufgelöst hing das
Haar! Wie lag das Kleid von den Schultern herab! An die Spiegel mit dem Lichte
tretend, bebte sie zurück, weil sie plötzlich der Sage gedachte, dass es mit dem
Glockenschlage zwölf unheimlich wäre mit einem Licht sich im Spiegel zu sehen
...
    Doch bis zum Hofe kam sie nicht, nicht einmal bis zur Treppe; die offen
stehende Tür machte einen Zugwind, der ihr das Licht ausblies.
    Nun stand, sie vollends erschreckt. Sie rief:
    Lisabet! Lisabet!
    Keine Antwort, als das Echo des langen Corridors ...
    Sie tastete sich zurück zu den vordern Zimmern. Hier aus dem Fenster zu
rufen war den Sternen gesprochen ...
    Nun wankte sie dem Divan wieder zu und hielt sich an der kalten
Marmorbekleidung des Kamins ... verwünschend die Rücksichtslosigkeit, die sie
hier so preisgeben konnte.
    Als sie sich aber niederlassen musste, weil es sie fieberisch fröstelte,
fühlte sie etwas wie einen Mantel. Erschreckt fuhr sie zurück. Es war eine
Decke, eine der gesteppten, die unter die Federbetten gebreitet werden.
    Man hatte also doch an ihre Ruhe gedacht und vorausgesetzt, dass sie hier und
auf dem Divan die Nacht, zubringen würde.
    Ihr Fuss stiess auch an ein Federkissen, das hinuntergeglitten war. Sie konnte
es unter ihren Kopf legen und tat es.
    Sich in ihr Loos ergebend, streckte sie sich, um zu schlafen, drückte den
Kopf in das untergelegte Kissen und zog die Decke über sich.
    Es wurde ihr wärmer; aber die Bilder der erregten Phantasie wichen noch
lange nicht ... Immer sah sie Leben und Bewegung um sich her. Jede zufällige
Berührung weckte eine Vorstellung. Klingsohr's Gestalt konnte sie nicht sehen,
aber hörbar blieb ihr seine Stimme. Immer noch glaubte sie ihn reden zu hören
und zwischendurch öffnete der Kronsyndikus die Tür und fragte: Schläfst du? ...
Auch den Deichgrafen sah sie durchs Zimmer schreiten und die Ahnenbilder in den
goldenen Rahmen stumm betrachten ... dann wurde die Reihe der Gestalten immer
ferner, nebelhafter wurden ihre Umrisse ... Sie sah die Frau Hauptmännin Tauben
morden und Mäuse fangen aus freier Hand und vor schönen Prinzessinnen knixen und
sie dann in den Keller sperren, wohin sie ihnen in der Nacht Besuche machte, mit
der Lampe über ihnen hinwegleuchtend und lachend, wenn eine Ratte an ihnen nagte
... gerade wie sie ihr einst getan ... Die eine Schlummernde war ihre todte
Schwester; die erhob sich aber und setzte sich an ihren eigenen Nähtisch, kleine
Hemden zu nähen, die wohl den beiden noch lebenden Geschwistern im Waisenhause
gehören sollten ... auch diese erschienen und winkten so seltsam und so abwärts
... und die drei andern kleinen Geschwister, die am Scharlach gestorben, sah sie
mit Blumen bekränzt und eine wundervolle Musik begann ... es waren die
Flötentöne der Harmonica ... es war die Kirche in Eibendorf ... die Kirche der
Residenz dann wieder ... das Gesangbuch der Magd im Hause des Stadtamtmanns
blitzte in seinem Goldschnitt und schlug sich hell auf ... sie las Warnungen,
Mahnungen, unterdrückte und hier offen ausgesprochene Vorwürfe ihres Gewissens
... bis sie daran fester einschlief, aber doch immer noch in der Vorstellung,
den Vater zu führen, alle die schmalen Brückenstege von Langen-Nauenheim
entlang, und dem schwer dahintaumelnden kleinen Mann, der seinen Hut verloren
und, mit den weissen Haaren im Winde, immer nach dem Kopfe griff, zuzurufen:
Vater hier! Vater hier!
    So war ihre letzte Erinnerung ...
    Am folgenden Morgen weckte sie die Lisabet und brachte die schreckliche
Kunde, dass man gestern Nacht im Düsternbrook den Deichgrafen in seinem Blute
schwimmend und - ermordet gefunden hätte.
 
                                      14.
Als Lucinde dies grauenvolle Wort hörte, sprang sie empor.
    Sie verstand nicht einmal gleich, was sie hörte.
    Sie wusste anfangs kaum, wo sie war.
    Die Mägde hatten schon aufgeräumt und über dem gelben Plüschsammt hingen
schon wieder die grauen Ueberzüge. Nur sie hatte man den erquickenden Schlaf
noch geniessen lassen.
    Die Lisabet wiederholte die grauenvolle Mitteilung:
    Der Deichgraf ist todtgestochen! Gestern! Im Düsternbrook!
    Aber der Doctor? fragte Lucinde erblassend und sich auf alles Gestrige jetzt
erst besinnend.
    Sie schliefen gerade, hiess es, als die Leute, die auf der Buschmühle
arbeiten und den Weg über Neuhof nehmen, wenn sie nach Hause wollen, die
Nachricht brachten. Es war um neun Uhr.
    Ermordet! wiederholte Lucinde schaudernd und sich auf das, was damit
zusammenhängen konnte, besinnend ...
    Abgestochen mit einem Messer, gerade wie man einen Karpfen absticht, dicht
am Kiemen! fuhr die Lisabet fort. Im Regen lag er hart am Grenzstein bei der
grossen Eiche. Mit dem Menschen, der's getan hat, muss er gerungen haben auf
Leben und Tod!
    Aber wer war es denn?
    Die Lisabet wusste niemand zu nennen, erzählte aber von der Bewegung auf dem
Hofe und in der ganzen Gegend ...
    Und der Doctor?
    Dem hätte man's gestern Abend sogleich gesagt. Er hätte wie versteinert
gestanden, sie erst wecken wollen, dann wäre er hinuntergeschlichen in seinen
Wagen, wie ein Schatten. An den Glaswänden hätte er sich wie ohnmächtig gehalten
und wie er sein Antlitz drin gesehen, hätt' er sich an den Kopf geschlagen und
einigemal gelacht, gelacht nämlich vor Schmerz ...
    Die Lisabet erzählte, wie es auch ihr immer ginge, dass sie vor Schmerz
lachen müsste und dass sie schon einmal drum einen Doctor gefragt hätte. Die
Aerzte wissen, was sie alles dem Volke leisten sollen! Sie werden gefragt, ob
sie nicht Tränke hätten, dass man gerade nur dies oder das träume, und zu manchem
Arzt schon kam eine Mutter und verlangte ihrem Kinde etwas verschrieben, weil es
so leicht »schrecke«.
    Von den Nerven Lucindens wissen wir schon, dass sie gegen den Schreck
gestählt sind.
    Was aber sagte denn nur der - Doctor? fragte sie.
    Der wollte Sie nur wecken, hiess es weiter, und als Sie nicht hörten, schlich
er davon und in den Wagen war er und sein Gaul zog ihn fort, wir wussten selbst
nicht wie. Hernach sagte Stephan, der spät aus dem Wirtshaus kam, es wäre
besser gewesen, es hätte ihm eins sein Ross geführt: er hätte auf die Nacht ein
Unglück haben können ... es geht schroff ab bis zur Buschmühle.
    Dort fand er schon den todten Vater? fragte Lucinde kopfschüttelnd.
    Stephan, fuhr die Lisabet fort, war der erste, der den Deichgrafen gefunden
hat. Es fehlte ihm ein Stemmeisen. Da war's ihm doch, als ob er's im Grund hätte
liegen lassen an der grossen Eiche. Nun ging er hinunter und im Schummer schon.
Gleich sah er, wie da alles durcheinander lag an seinem Werkplatz. Der Stein mit
dem Adler war weggeschoben, rundum alles zertreten, und wie wenn es Streit
gegeben. Und nun, Marie Joseph! da fand er denn auch den Deichgrafen gerad' auf
dem Gesichte liegend. Hier, sehen Sie, hier am Hals, da wo schon manche ein
neugeboren Kind mit einer Stecknadel umgebracht hat, gerade da hatt' er's
weggekriegt; nicht drei Zoll tief war der Nickfänger hineingefahren, sagte
Stephan.
    Der Nickfänger? fragte Lucinde. Woher weiss man denn von ...? Was wird der
Kronsyndikus sagen? fügte sie jetzt noch ganz harmlos hinzu.
    Die Lisabet sah Lucinden gross an. Sie schien zu erstaunen über eine Frage,
die geringe Menschenkenntnis verriet. Lucinde war in der Tat von den sonstigen
Dingen, die in ihr lebten, so erfüllt, dass sie kaum noch an die auffallende
gestrige Rückkehr des Kronsyndikus dachte.
    Die Lisabet erklärte zunächst das späte Ausbleiben Stephan Lengenich's. Er
hätte im Wirtshaus den Vorfall wohl zehnmal wiederholen müssen. Die Leiche war
in die Buschmühle getragen worden und jetzt sässe schon ein Actuar aus dem Amte
Lüdicke unten und im Düsternbrook würde alles nach Befund aufgenommen. Dass es in
dem ganzen Kreis eine nicht geringe Zahl von Menschen gab, die mir dem
Teilungscommissar in Streit lagen, und dass man ihm gerade an dem einsamen
Düsternbrook hatte aufpassen können, stand fest. Ein Verdacht auf diesen oder
jenen, der der Täter hätte sein können, wurde nicht ausgesprochen; die Lisabet
selbst war zu klug, die Gedanken, die der ganze Hof schon über den Kronsyndikus
teilte, Lucinden mitzuteilen.
    Es war eine dumpfe Schwüle, die den Vormittag über Schloss Neuhof und allen
seinen Bewohnern lag. Die Arbeiten gingen lässig. Jeder hatte die
schreckensvolle Tatsache zu wiederholen und zu erörtern. Lucinde begriff dann
allmählich, dass die sonderbare, allen ersichtlich gewesene Aussöhnung des
Kronsyndikus mit dem Sohn des Deichgrafen allgemein in einen Zusammenhang mit
dem Vorgefallenen gebracht wurde. Die Unruhe und das Geheimnisvolle wuchs, als
Stephan Lengenich, der allerdings im offenen Kriege mit dem Deichgrafen gelebt
hatte, auf gerichtliche Requisition abgerufen wurde und am Abend nicht
wiederkam. Die Vorstellung, die schon auf dem ganzen Schloss feststand, dass der
Kronsyndikus der Mörder gewesen, teilte sich endlich auch Lucinden mit, und als
erst der Inspector der Brennerei, die wichtigste Person auf der Oekonomie,
erklärte, es würde doch wohl notwendig sein, dass der Kronsyndikus auf Eggena
durch einen Expressen von dem Vorgefallenen in Kenntnis gesetzt würde, und dabei
die Miene eines Mannes machte, der wie von etwas an sich ganz Ueberflüssigem
sprach, wandte sie sich erblassend ab und ging dem Parke zu, überlegend, ob sie
nun nicht selbst zur Buschmühle sollte. Die Wege dortin waren aber übermässig
vom Regen aufgeweicht und Beistand mochte sie nicht begehren. Schon war ihr, als
wäre sie eine Mitschuldige, die vor allem den Kronsyndikus zu schonen hätte! ...
Darum war Heinrich sein Sohn! Darum wollte er ihm gleichsam die Hände binden! So
sprach sie mit sich im Pavillon und blickte gedankenvoll in den düstern Park.
Der Sturmwind peitschte wieder die Zweige der hohen Ulmen und bog selbst die
Stämme. In ihrem Innern sah es nicht anders aus.
    Einer Nachricht von dem Doctor harrte sie mit jeder Minute entgegen. Diese
kam aber nicht. Der Tag ging über das grauenvolle Ereignis hinweg, auch eine
aufgeregte, halb schlaflose Nacht. Von dem Doctor war nichts zu hören und zu
sehen; selbst dem gewöhnlichen Boten, dem buckeligen, grauhaarigen Sohn der
Alten, bei denen sie wohnte, dem Musikanten, hätte sie seinen Verrat verziehen,
wenn er nur eine Mitteilung gebracht hätte. Als dieser aber kam, den Vorfall
wiederholte und obenein noch hämisch lachte und seinen nun auch wie aus ihrer
Letargie erwachenden und grinsenden Alten von einem Schaffot sprach, über das
erst ein Sammttuch gebreitet werden müsste mit einem geflügelten und gekrönten
Lindwurm - dem Wappen der Wittekinds - da ergrimmte sie aufs heftigste, verbot
ihm im Pavillon zu bleiben, riss, da er nicht gehen wollte, das Fenster auf, warf
seine Geige weit in die Nacht hinaus, zwang ihn, seinem Instrumente, das er auf
allen Kirchweihen und an jedem Sonntage in den Schenken um Witoborn strich,
nachzulaufen und schloss indessen, mit einigen Sätzen von der Treppe ihm
nachspringend, die Tür des Pavillons. Die Alten vergegenwärtigten sich
inzwischen, welchen »Stein im Brete« Lucinde vorn im Schloss hatte, und liessen
sie aus Furcht gewähren.
    Auf dem Hofe fehlte das Auge des Herrn. Der Bote hatte vom Vorwerk Eggena
die Nachricht gebracht, der Kronsyndikus würde in der Frühe zurückkommen. Er kam
aber noch am Mittag nicht. Am Abend traf er dann endlich ein. Er allein, ohne
den Kammerherrn. Lucinde hörte das von den Alten, die beim Hofkehren ihn hatten
aussteigen und vom Landrat, der ihn begleitete, Abschied nehmen sehen ... noch
immer war er in seiner glänzenden Uniform. Jetzt drängte sie's, zu ihm zu eilen,
und doch fürchtete sie sich, dem Entsetzlichen entgegenzutreten. Auch musste sie
nach dem Vorgefallenen, nach dem Beweise des höchsten Vertrauens, das er ihr
geschenkt, glauben, er würde bald aus eigenem Antriebe entweder selbst kommen
oder um sie schicken.
    Da es endlich dunkel wurde und sich niemand bei ihr sehen liess, auch vom
Doctor immer noch keine Kunde kam und nur erzählt wurde, am folgenden Morgen
würde auf einem der nächsten Kirchhöfe, der zu einer kleinen evangelischen
Gemeinde gehörte, der Deichgraf bestattet werden, und als dann auch Abends von
dorter klagend und fast wimmernd zwei kleine Glöcklein aus dem Tale
heraufklangen, hielt sie es so nicht länger aus. Sie wagte sich über den grossen
Weiher des Parkes, dessen gefiederte Bewohner schon längst die Stockwerke ihres
Turms bezogen hatten, hinaus, sie wollte sich in den Zimmern des Kammerherrn zu
schaffen machen und so den Vater an ihre Gegenwart erinnern.
    Wie erstaunte sie aber, als sie dasselbe Gefährt, in welchem vor zweimal
vierundzwanzig Stunden Heinrich Klingsohr angekommen gewesen, an der hintern
Aufgangstreppe des Schlosses stehen sah und erfuhr, der Sohn des Deichgrafen
wäre oben mit dem Kronsyndikus allein und niemand dürfte sie stören!
    Sie traute ihrem Ohre kaum. Jetzt sah sie jedenfalls die Bestätigung erst
der Unschuld des Kronsyndikus überhaupt, dann aber auch wieder, aufs neue
grübelnd und die Vorgänge vergleichend, die so nahe Verwandtschaft zwischen
beiden.
    Von den Leuten erfuhr sie, dass die Aussichten auf Entdeckung des Mörders
sich gemehrt hatten. Teils behauptete man, dass von einem Morde überhaupt nicht
die Rede sein konnte, sondern nur von den Folgen eines Wortwechsels. Hatte der
Deichgraf beim Streite sich gewandt und war ein gezücktes Messer (ein gezogener
Hirschfänger, wagte schon niemand mehr hinzuzusetzen) so unglücklich gewesen,
gerade im selben Augenblick in den Nacken zwischen die Halswirbel zu fahren, so
drehte er sich noch einen Augenblick ein wenig um und »weg war er«, wie Kenner
versicherten. Man erzählte, dass so die Jäger mit dem Nickfänger dem Todeskampfe
eines erlegten Hirsches im Nu ein Ende machen. Alle aber wussten, dass sich die
Umstände, wie es hergegangen, immer mehr lichteten, seit man einem Fetzen Tuch,
den sicher im Ringen das Opfer seinem Mörder vom Kleide gerissen, diese
einstimmige Erklärung gab. Man wusste auch, dass der Tuchfetzen von Farbe grün
gewesen. Allen stand freilich, ohne dass eine Silbe laut wurde, dabei der
Kronsyndikus vor Augen, der so ängstlich vorgestern seinen grünen Jagdrock bis
oben hin zugeknöpft gehabt hatte, allen war begreiflich, dass der Geruch, der
sich so pestilenzialisch im Schloss nach seiner Rückkehr aus der Gegend des
Grundes her verbreitet hatte, nur von einem verbrannten Kleide herrühren konnte
... aber niemand verweilte dabei ersichtlich, die einzige Lisabet ausgenommen,
die wie sinnlos hin- und herrannte, seitdem Stephan Lengenich aus Lüdicke nicht
wiederkam.
    Indem klingelte es beim Kronsyndikus aufs heftigste ... jeder glaubte, dort
wäre Hülfe nötig ... Lucinde bebte ... die Lisabet suchte nach Fassung ... sie
schickte einen Diener, um die Befehle des gnädigen Herrn zu holen.
    Nach wenig Augenblicken kam der Diener zurück ... Das Ross sollte
ausgeschirrt werden!
    Ausgeschirrt? war nur ein Ton, den alle zugleich sprachen. Man zerstreute
sich kopfschüttelnd. Auch Lucinde zog sich zurück, dem Vorpark zu.
    Wieder aber klingelte es ...
    Der Diener kam aufs neue und brachte die Nachricht, man hätte Licht verlangt
und - zwei Flaschen Burgunder!
    Jetzt wusste Lucinde nicht mehr, woran sich halten. Sie fragte nach dem
Kammerherrn, von dem niemand etwas wusste, dann schwankte sie, da nach ihr nicht
begehrt wurde und sie auch nicht wusste, wie sie in eine so geheime Zwiesprache
eintreten sollte, ihrem Häuschen zu, jetzt sich selbst mit ihrer Jugend und
Lebensunerfahrenheit bescheidend. Sie sagte sich, dass sie bei ihren Jahren alles
das schon zu verstehen - »zu dumm« wäre.
    Im Pavillon war es düster und gespenstisch. Der Sturm tobte, Zweige brachen.
Die Mitbewohner schliefen schon. Sie glaubte immer noch, man würde sie nun wohl
nach vorne rufen. Es geschah aber nicht. Es verging die zehnte Stunde. Endlich
suchte sie fiebernd das Lager ...
    Das Leid der Prinzessin Ilse aus dem »Liederbuch von Heine«, in dem sie eine
Weile gelesen, rauschte ihr noch lange im Ohr:
Es bleiben todt die Todten,
Und nur das Lebendige lebt;
Und ich bin schön und blühend,
Mein lachendes Herze bebt.
Und bebt mein Herz dort unten,
So klingt mein krystallenes Schloss,
Dort tanzen die Fräulein und Ritter
Und jubelt der Knappentross.
    Bilder wie vom Hause im einsamen Tannenwald, Bilder vom ledernen
Grossvaterstuhl und der am schnurrenden Spinnrad sitzenden Grossmutter, Bilder vom
wilden Jäger und seinem Liebchen, vom Mondschein, vom Galgen, von Gretchen in
ihrem Wahnsinn gaukelten um so mehr um sie her, als die Lebensschicksale der
alten Stammers und einer ihnen frühgestorbenen Tochter sich trotz der
Dunkelheit, die für sie auf ihnen lag, gespenstisch einmischten. Der Refrain
»Dort oben auf dem Schloss« blieb sich immer gleich und dazu geigte der
buckelige »junge« Stammer unter ihrem Fenster und wisperten die Alten nebenan.
Es war ihr, wie wenn irgendwo Hochzeit gefeiert wurde mit Gästen aus der
Unterwelt.
Blanke Ritter, Frau'n und Knappen
Schwangen sich im Fackeltanz ....
    Am folgenden Morgen klagten dann wieder die ihr wohl bekannten, sonst aber
selten von ihr beachteten kleinen Glöcklein, die evangelischen; die grossen, die
katolischen schwiegen.
    Vom Doctor erfuhr Lucinde, dass er Nachts zwölf Uhr erst vom Schloss
abgefahren, und vom Kronsyndikus, dass er schon um fünf Uhr in der Frühe wieder
vom »schönen Enckefuss« abgeholt und nach Eggena zurückgekehrt war. Nach ihr war
nicht gefragt worden, und sie hörte dies gern, weil es ihr anzudeuten schien,
dass zwischen den Menschen, die ihr wert waren, Friede herrschte.
    Auch auf Schloss Neuhof war grosse Bewegung, denn um acht Uhr sollte der
Deichgraf begraben werden.
    Aus der Nähe und Ferne, zu Fuss, zu Ross, zu Wagen strömten Teilnehmende
herbei.
    »Es war ein Mann! Nehmt alles nur in allem!« klang seine Nachrede - erst am
Grabe von der aufgeschütteten Erde aus, dann aber selbst bis in die fernsten
Gauen des Vaterlandes.
    Man legte Eichenkränze auf seinen Hügel. Sie wurden auch im bildlichen Sinne
ihm gewunden, in Nachrufen aller Art, in Versen, in ungebundener Rede ... Man
pflückte die Blätter zu diesen Kränzen auch bildlich aus den Schluchten des
Teutoburger Waldes, durch die der Edle damals als Flüchtling geirrt, wie er sich
in der Befreiungsstunde des Vaterlandes so gefahrvoll verrechnet hatte. Auch
seine Tage von Magdeburg wurden gerühmt. Schon war ja die Zeit angebrochen, wo
auf den Tronen Herrscher sassen, die die Blütenträume auch ihrer Jugend wollten
reifen sehen. Und so wie jetzt bei diesem vielbesprochenen Ende eines Patrioten,
gehen ja noch zuweilen durch das Vaterland segnende Geister und schwingen die
Fahnen unsers wahren Ruhmes ... Zu den Posaunen, über welche die weissen
Ehrentücher des Friedens, nicht die blutigen des Streites festlich niederhängen,
horchen wir dann noch einmal wieder empor, wie zu den Herolden unserer wahren
vergangenen und künftigen Grösse. O dass es so oft nur die Todten sind, um die wir
uns die Hände reichen! Dass es fast immer nur eine Erinnerung, ein Lied, ein
Gedicht ist, um das eine kurze Weile das vielstimmige Durcheinander der Parteien
verstummt, eine Weile der grosse Riss, der durch das deutsche Herz geht, nicht im
eigenen empfunden wird! ... Man pries des Geschiedenen Mut, seine
Charakterstärke und Rechtlichkeit. Sein letzter Uebergang in die Formen der
Bureaukratie war ein so natürlicher gewesen. Er war von denen, die die antike
Tugend hatten, den Staat bis in die innersten Fingerspitzen zu fühlen. Man
verurteilt so oft schon wieder diese Tugend! Ja wie habt ihr sie gefährlich
gemacht! Nach dem, was wir schaudernd alle erlebten, welch ein Verbrechen ist es
nicht geworden, auf den Ruf der Lärmtrommel zu hören, die durch die Strassen
wirbelt! Wer nur hinaussieht, wer nur je ein Wort in eine freie Luftwelle gab,
dem wurde die Zeichnung vor den Mächtigen gewiss! Nun müssen wir uns schon so
erziehen, dass wir in einem allgemeinen Brande auf keinen noch so starken
Hülferuf mehr hören, sondern kalt nur unsere eigene Habe bergen. »Was geht euch
das Andere an!« Wehe, wehe euch, wenn einst die Stunde der grossen Gefahr
schlägt, die dem Vaterlande immer näher rückt! Dann werden wir in die Strassen
und Plätze hinaussprechen sollen und niemand wird es können oder wagen! Dann
werden wir gerufen werden von den Signalen, die uns trügerische erscheinen
müssen, seit ihr die, welche ihnen schon einmal gefolgt sind, so unerbittlich
straftet! Wehe dann euch - und auch uns!
    Klingsohr, der Alte von den Externsteinen, hatte diese Selbstbeherrschung
nicht und sein lebendiges Ergriffensein von der Zeit rühmte man damals an ihm.
Man nahm die Lieder von Arndt und Schenkendorf zu Eingangs- und
Schluss-Blumenpforten seiner Nekrologe, die sich bis in die fernsten kleinen
Volksblätter verloren. Auch sein Bild verbreitete man. Es war nur ein kleiner,
kurzer, dicker, untersetzter Mann, gar kein Gracchus oder Timoleon der Phantasie
gewesen. Die Stirn war sogar so gross, wie man sie bei Narren zeichnet, die Augen
blinzelnd klein, die Backenknochen vorstehend, wie bei Baschkiren, der ganze
Mann einem modernen Bacchus nicht unähnlich, und doch trank der Mann nur das
klare Wasser des Buschmühlbaches, so oft er auch den »Vater Rhein« beim
jährlichen Erinnerungsfest der Freiwilligen und der Gründung der Städteordnung
leben liess. Er war entzündet vom Feuer nur seiner freien und überzeugungsreinen
Seele. Er hatte die Schönheit des Gedankens. Einige Spötter rügten, dass er nicht
nur kein Vermögen hinterliess, sondern das, was er besass, sogar in Zerrüttung.
Doch hatte er Gläubiger, die ihm dennoch auch noch den Gutsankauf hatten möglich
machen wollen. In einigen Städten sammelten die Liederkränze für sein Grab und
zu einem Denkstein.
    Um den Anlass seines Todes loderte erst über jeder Bergspitze und nach allen
Richtungen des Vaterlandes hin eine grosse Flamme des Zornes und gedrohter Rache.
Dann aber kamen in den Zeitungen wieder die berühmten Sänger, die Tänzer,
Tänzerinnen, Festlichkeiten in Paris und London, man hatte einige
Mammutsknochen ausgegraben, die neuen Eisenbahnen erfüllten alles mit
Bewunderung und Speculationseifer; eine Flamme nach der andern erlosch und
zuletzt blieb kein anderer Rächer übrig als das langsame und geheime
Gerichtsverfahren jenes mehreren Dynastieen angehörenden Städtchens Lüdicke und
der über die Buschmühle verhängte Sequester.
    Stephan Lengenich, der Küfer und Arbeiter im Düsternbrook, blieb indessen
eingezogen. Er galt bereits in wenig Tagen für den mutmasslichen Mörder.
 
                                      15.
Zwei Tage nach dem Begräbnis seines Vaters sah man den Doctor Heinrich Klingsohr
mit dem Kronsyndikus nach der Buschmühle fahren und daselbst das versiegelte
Inventarium besichtigen.
    Zwei stattliche Mecklenburger, die besten des Stalles und herübergekommen
erst kürzlich aus den norddeutschen Besitzungen der Wittekinds, waren dem
leichten, eleganten Wagen vorgespannt.
    Wieder einige Tage, und der Freiherr von Wittekind-Neuhof und Doctor
Heinrich Klingsohr reisten gemeinschaftlich nach der grossen Stadt, in welcher
der Regierungsrat Friedrich von Wittekind eben zum Oberregierungsrat ernannt
worden war ... Auch ihm waren düstere Gerüchte zu Ohr gekommen über den Tod des
Deichgrafen. Um so freudiger überrascht musste er sein durch den Besuch des mit
seinem Vater so traulich verbundenen Sohns desselben.
    Man sprach mit Unbefangenheit von dem Vorgefallenen. Als jenes grünen
Tuchkragens Erwähnung geschah, der an der Mordstätte wäre gefunden worden, hiess
es, dass durch eine Nachlässigkeit unbegreiflicher Art so wichtige Hülfsmittel
der Entdeckung plötzlich wären abhanden gekommen.
    Alle diese Gespräche fanden in Gegenwart der neuen Frau von Wittekind statt.
Es war eine Heirat, die erst jetzt die Billigung des Kronsyndikus erhalten.
Eine nicht mehr junge, unvermögende, aber dem Sohne durch Gewohnheit und manche,
wie man sagte, schmerzliche Erinnerung wert gewordene Witwe eines geliebten
Freundes und Amtscollegen, eines Herrn von Asselyn ...
    Der Oberregierungsrat fand einen Vorschlag, den sein Vater machte, sehr
annehmlich. Doctor Klingsohr sollte die mecklenburgischen und holsteinischen
Güter der Familie bereisen und sich in Altona nach der Lage von Processen
erkundigen, deren die Familie über diese Besitztümer mehrere zu führen hatte.
    Der Doctor kannte Hamburg und freute sich auf einen ihm bekannten
zerstreuenden und anregenden Aufentalt, dessen Kosten der Kronsyndikus trug.
    Den Kammerherrn hatte der Kronsyndikus zum Grafen Zeesen geschickt und zwar
schon am Tage nach seiner stürmischen Abreise auf das Vorwerk Eggena. Dass der
Unglückliche Widerstand leisten wollte, verschwieg der Vater nicht, ebenso wenig
wie den Zwang, den man anwendete, den Widerstand zu brechen. Er hatte ihn
kurzweg binden lassen. Der später nachgeschickte Diener des Kammerherrn meldete,
Graf Zeesen böte alles auf, seinen Herrn zu zerstreuen und zu fesseln. Er sänge
ihm geistliche Lieder und bespräche die Visionen, die der Kammerherr zu haben
glaubte. Inzwischen wäre der Kammerherr freilich bettlägerig geworden, aber die
Verlobte des Grafen, das Freifräulein von Seefelden, sorgte für seine
Verpflegung.
    Alle diese Veränderungen gingen auch an Lucinden nicht spurlos vorüber. Sie
erschütterten sie nicht minder wie den Doctor und den Kronsyndikus. Der Doctor,
der ihr unter allen Umständen jetzt wirklich als des letztern natürlicher Sohn
erschien, wiederholte mit scheuem Niederblicks ernst und verstört, wie er jetzt
fast immer war, Beteuerung seiner Liebe über Beteuerung; der Kronsyndikus
hatte Ursache, die Vertraute eines Geheimnisses, das beide im stillen Verkehr
wiederaufnahmen, mit Aufmerksamkeit und Schonung zu behandeln. Sie erhielt
Beweise einer Freigebigkeit, die an dem sonst so geizigen Manne auffallend genug
war. Da nicht gezweifelt werden konnte, dass sie das Ziel ihrer Herzenswünsche in
einer Vereinigung mit Heinrich Klingsohr finden musste, so wurden die Aenderungen
ihrer Lebensstellung dahin getroffen, dass sie ihm nahe bleiben, aber vorläufig
doch noch so weit von ihm getrennt sein sollte, um keinen Anstoss zu erregen.
    Vor allem fehlte ihr noch manche Vervollständigung ihrer Bildung. Es war
hohe Zeit, das Chaos ihrer Fähigkeiten und Kenntnisse zu lichten. Diese
Anordnung wurde mit Fürsorge getroffen. Man hatte eine Familie ausfindig
gemacht, bei der sie, nicht sogleich in Hamburg selbst, wohl aber dicht in der
Nähe auf dem Lande wohnen sollte.
    Da Heinrich Klingsohr erst nach Göttingen zurück musste und bei allen diesen
Anordnungen von seiten des wie verwandelten und ganz ausserordentlich milde, zahm
und nachgiebig gewordenen Kronsyndikus eine Zarteit und Schonung der Sitte und
des Anstandes beobachtet wurde, wie wenn es sich wirklich um eine künftige
Schwiegertochter desselben handelte, so gab man Lucinden sogar bis nach Hamburg
eine Begleiterin mit, die in der vom Oberregierungsrat bewohnten Stadt gewählt
wurde und ihr auf halbem Wege entgegenkam, an dem Tage, wo der Kronsyndikus und
Klingsohr sie auf ihrer Abreise vom Schloss begleiteten.
    Die Abreise fiel mancherlei Umstände wegen auf einen Tag, wo der
Kronsyndikus und Klingsohr in Lüdicke einen Termin abhalten mussten in
Angelegenheiten des, wie es schien, sehr gravirten Stephan Lengenich, an dem
selbst die Lisabet irre geworden war, seitdem der Kronsyndikus von seiner Reise
zum ältesten Sohn zurückgekommen war und ihr eine funkelnde, schwere goldene
Kette mitgebracht hatte, zu der, wie der Alte hinzufügte, »jetzt nur noch die
Uhr fehle«. Sie tat das Ihrige, sich auch diese zu verdienen ...
    Diesen Termin in Lüdicke hatte man für kurz gehalten, aber es dauerte fast
eine Stunde, dass Lucinde auf dem Marktplatze der kleinen Stadt in ihrem vorn und
hinten bepackten Wagen harren musste. Sie konnte bei dem immer gleichrinnenden
Strom eines schön geformten alten Rolandsbrunnen, an dem sie hielt, bei seinem
nicht endenden, immer gleichmässigen Wasserstrahl recht der Zeit gedenken. Was
hatte ihr diese nicht alles gebracht! Was hatte sie nicht schon alles
ausgelöscht! Auch das Bild eines auf schaumbedecktem Rosse den steinigen Grund
hinterm Park vom Düsternbrook Emporstürmenden, auch das Bild von der Waldhütte,
den Tannen, dem Monde, der Grossmutter, ihrer selbst am Spinnrade, dem durch die
kleinen bleigefugten Scheiben hereinlugenden wilden Jäger mit der roten Feder
am Hute, der dann wieder der Franciscanerbruder Herr von Buschbeck aus Java war
... Alles hatte sich ihr schon gebleicht. Denn zu oft hatte ja auch der Doctor
bestimmt und fest wiederholt und dann der zu Gnaden wieder angenommene buckelige
Musikant, vorzugsweise aber der seit einigen Wochen ganz besonders elastische
»schöne Enckefuss« bestätigt: der Kronsyndikus war allerdings am Platze der
grauenvollen Tat gewesen und hatte gesehen, wie der Deichgraf dort getödtet
lag; das Entsetzen, man könnte ihn, der ihn in Gedanken allerdings auch
tausendmal erschlagen hatte, für den Mörder nehmen, hatte ihn von dannen gejagt,
und wenn es geschienen, als jagten ihn selbst die Furien, so wäre es die alte
Freundschaft für den Deichgrafen gewesen, die in seinem Herzen trotz des spätern
Zerwürfnisses doch in der Tat unerstickt geblieben wäre ...
    Und wenn Lucinde den Doctor dann selbst fragte: Bist du wirklich der dritte
Sohn? so sagte dieser geheimnisvoll: Störe die Ruhe der Todten nicht! ...
    In seiner Liebe war der Ausdruck stärker und leidenschaftlicher noch als
sonst geworden, wenn auch mit einer mehr unheimlichen als beglückenden Wirkung
für sie.
    Vom Amte kamen damals beide Männer sehr bleich zurück. Sie behaupteten, der
Querfragen doch endlich müde geworden zu sein und liessen den Wagen einem
Gastause zurollen, um sich zu erfrischen. Lucinde stieg nicht aus. Sie musterte
vom Wagen aus das Wirtshaus, den Garten desselben und eine gewisse
kleinstädtische Zierlichkeit in den bemalten Staketen, in einer mit grotesken
Wandgemälden geschmückten Kegelbahn, in einem ausgestopften Uhu innerhalb einer
von Singvögeln belebten Volière. Bei einer grossen schwarzlackirten Kugel, die im
Garten als Reverbère für die »schöne Aussicht« gelten sollte, gedachte sie des
armen um sie betrogenen philosophischen Drechslers, der den Grafen Zeesen recht
eindringlich jetzt an sein Familienstatut, die Stiftung eines Irrenhauses,
erinnern mochte! Im Hinblick auf diese beiden Männer atmete sie wahrhaft auf,
endlich jetzt in gesundere Lebensluft zu kommen. Ja es tat ihr sogar wohl, im
Saale des Gastauses durch die geöffneten Fenster, unter ausgestopften Vögeln,
Käfern, gespiessten Schmetterlingen, Kupferstichen von englischen Pferden und
ähnlichen Herrlichkeiten eleganter Wirtsstuben jener Gegend, da so traulich
hinterm Champagnerglase zwei feste, kraftvoll verbundene Männer zu sehen. Sie
liebte Trotz und Kühnheit. Auch ihr war Stephan Lengenich längst der Schuldige.
Seinen bösen Sinn hatte sie ja selbst gekannt, sein Drohen ja selbst gehört. Sie
hatte alles das gerichtlich hier in Lüdicke in einem frühern Termine bezeugt und
beschworen.
    Trotz des Champagners stiegen ihre beiden Begleiter zu ihr schweigsam und
ernst ein. Sie blieben noch einige Stunden an ihrer Seite bis zu einer Station,
wo sie Extrapost nahmen und zurückreisten. Von der grossen Stadt, wo der jetzige
Oberregierungsrat wohnte, sollte ihr auf einige Meilen schon eine Begleiterin
entgegenkommen, die sich ihr anschliessen würde bis Hamburg, wo sie unter
Klingsohr's Augen ihre Ausbildung vollenden sollte.
    Der Abschied des Kronsyndikus von Lucinden war inniger fast als der des
Doctors. Dieser gab nur die Hand und sprach, wie wenn Abschiede nicht zu seinem
System gehörten, vom baldigen Wiedersehen. Jener hatte Tränen im Auge. Der
Kronsyndikus weinte! Er war seit Wochen um Jahre älter geworden. Seine
Augenbrauen sahen nicht mehr so gelblichweiss aus wie sonst, sie hatten sich ganz
gebleicht. Die hohe Gestalt schien, wenn sie sich unbemerkt glaubte, kaum Kraft
zu haben, sich so zu halten, wie dem Wappen des gekrönten und aufgebäumten
Lindwurms geziemte. An Geld und Gut war Lucinde so ausgestattet, dass sie sorglos
in die grüne Weite fahren konnte. Nach acht Tagen schon versprach Klingsohr in
Hamburg bei ihr zu sein.
    War das alles, wie es so kam, ging und was es bedeutete, rätselhaft genug,
so konnte sie durch ihre Begleiterin, die nach einigen Meilen Alleinfahrens ihr
entgegenkam, erinnert werden, dass alles im Leben nur Bild und Gleichniss ist. Sie
war, wie Klingsohr und der Kronsyndikus ihr schon gesagt hatten, die Braut des
»Sehers von Eschede«, jenes Dr. Laurenz Püttmeier, der auf die Philosophie des
Pytagoras zurückgekehrt war und aus matematischen Figuren das Weltall
erklärte. Sie hiess Angelika Müller, war eine hohe, schmächtige, blasse Blondine
am Ende der zwanziger Jahre. Bei jeder Anrede errötete sie. Sie schien ein
Gemüt von Weihe und Innigkeit. In Hamburg war sie von einer dort wohnenden
katolischen Familie als Erzieherin berufen worden und gestand sogleich mit
grösster Sicherheit, dass sie den Dr. Laurenz Püttmeier von Eschede für den
einzigen berufenen Denker unserer Zeit halte und dass sie gelobt hätte, nicht
früher seine Hand anzunehmen, bis er nicht in Berlin den erledigten Lehrstuhl
Hegel's erhalten hätte. Lucinde glaubte sehr an diesen hohen Geist. Auch der
Kronsyndikus hatte oft erklärt, dass die Drechselbank für den Kammerherrn eine
Quelle lehrreicher Unterhaltung geworden, seitdem er auf ihr die Würfel und
Pyramiden Laurenz Püttmeier's herstellte.
    Mit dieser Begegnung auf mancherlei neue Eindrücke angewiesen, fuhr Lucinde
in ihrem schwer bepackten Mietwagen die schon wieder staubig gewordene
Landstrasse hinunter. Die Lerchen wirbelten zwar, aber von Westen kamen düstere,
den Atem benehmende Wolken, der jenen Gegenden eigene Haar-oder Höhenrauch.
Doch schienen die Menschen der Ebene diese Dünste gewohnt. Sie arbeiteten im
Felde. Lucinde glich selbst diesen Fluren, auf denen schon so voll geerntet war
und über welche schon wieder die Pflugschar ging, um noch in diesem Jahr der
Natur neue Triebkraft abzugewinnen.
    Noch völlig war sie sich unklar. Man hätte sie in Hamburg in die Schule
schicken können, sie würde gegangen sein und mit der Mappe unterm Arm.
 
                                      16.
Von jenem Uferrande aus, an welchem der Deichgraf in seinen jüngern Jahren, nach
dem Ausdruck seines Sohnes, die Sandkörner zu zählen pflegte, gewährt Hamburg
einen grossartigen Eindruck.
    Eine zweite nicht unansehnliche Stadt, Altona, ist ihr eng verbunden.
Türme, hohe Giebel, Dampfessen, Krahnen und zahllose Schiffsmasten ragen
fernhin im wirren Durcheinander empor. Auf der Woge kreuzen sich mit roten
Segeln die kleinen Ever, die, von kraftvollen Ruderern geführt, die
Kauffahrteischiffe behend umschlüpfen.
    Beim Landen tritt man in eine Welt, die sich ihrer Geschichte und Bedeutung
bewusst ist. Diese Strassen und Plätze, diese Vorstädte und Hafenkais sind Lungen,
die ihre Luft nicht aus dem kleinen Binnenleben der Nachbarschaft, sondern aus
dem unermesslichen Ocean schöpfen, aus den Verbindungen mit England und Amerika
und mit diesem im Norden und im Süden.
    Bringe niemand die Anschauungen einer deutschen Residenz oder
Provinzialstadt mit! Der Matrose, der Everführer, der Schiffsabläder, der
Packknecht, der Hausirer, der Karrenschieber nehmen die nächste Bequemlichkeit
der Strasse für sich in Anspruch und schleudern mit eingestemmten Armen den, der
etwa auf sein Spazierstöckchen mit goldenem Knopf oder seine Glacéhandschuhe als
Berechtigung zu Ausnahmezuständen verweisen möchte, in souveräner
Machtvollkommenheit auf die Seite; glücklich, wer noch dabei in einen Kram
getrockneter Feigen oder frischer Orangen fällt, nicht in eine der englischen
Gesundheitsgeschirr- und Wedgewoods-Niederlagen, die man an den offenen
Strassenecken oder auf ambulanten Karren feil hält.
    Vor dem Brande lag die Börse in dem jetzt verschwundenen engen Gewühl jener
alten Strassen am Burstah und Rödingsmarkt, deren Häuser manches Menschenalter
gesehen hatten. Die Naivetät Hamburgs, die sich so gut mit londoner
Civilisationszuständen verträgt, eine Naivetät, die in dem unendlich
unschuldigen, sozusagen schämigen Dialekt, auch selbst beim Blasé, sich wie die
Unbefangenheit einer champagnertrinkenden Gurli anhört, war durch manchen
verwitterten und nur noch an einigen Aesten zum Blühen und Grünen kommenden
alten Lindenknorren ausgedrückt, der mitten unter Import und Export, unter
Lotteriecomptoiren, Galanterieläden und Austernkellern wie ein Symbol der
Unschuld stehen geblieben war. Dieselbe Idylle wiederholte sich beim Anblick der
Gemüsekörbe der Vierlanderinnen und des verschwenderischen Ueberflusses, mit dem
aus roten Blechkübeln die Milch durch die Strassen zu fliessen scheint. Auch
dicht an der alten Börse säuselten noch einige Linden- und Akazienbäume in die
»Ueberschreibungen« von Mark Banco hinein, und mancher gefühlvolle Wechselsensal
nahm nach vollbrachter Feststellung der Tagescurse seiner Gattin noch einen
Canarienvogel oder Dompfaffen mit heim, den vaterstädtische Gemütlichkeit am
Eingange der alten Börse zu verkaufen gestattete. Es sah ringsum eng, alt,
holländisch aus. Nicht des stark vertretenen jüdischen Elements, sondern der
Bauart einer vor dem Regen schützenden Halle und des im Freien liegenden
Parquets wegen glaubte man in den Vorhof einer alten Synagoge zu treten.
    Zu den Gemütlichkeiten Hamburgs oder den hamburger »Ironieen des Satan«,
wie Dr. Heinrich Klingsohr gesagt haben würde - an dergleichen Kraft- und
Schlagworte waren auch dort seine Freunde gewöhnt - gehört im Sommer das
idyllische Wohnen der Geldleute unter Gras und Blumen vor den Toren der Stadt.
    Es ist wahr, die Atmosphäre Hamburgs bekommt im Sommer etwas Mephitisches.
Aehnelt sie auch nicht ganz dem Dufte der pariser innern Stadt, wo die Gewürze,
Kaffeebohnen, Pfeffersorten, Zimmetarten aller Zonen zusammenzukommen scheinen
und die Kehle zum Ersticken zusammenschnüren würden, wenn die penetrante und vom
pulverisirten Teriak erfüllte Luft nicht mit den Gerüchen von ranziger Butter
und altem Käse wieder gemildert und gefeuchtet würde, so gesellen sich zu den
ganzen und zerstossenen Gewürzen in Hamburg noch die Ausatmungen der Kanäle oder
Fleete, vorzugsweise aber jene sonderbaren Oelgerüche, in die vom 52. Grad
nördlicher Breite an alles in Europa eingehüllt scheint, was da lebt und webt.
Das ist von diesem Breitengrade an ein Malen und Klecksen mit Oelfarbe an jede
Wand, jedes Holz, jeden Stein! Der Nordländer liebt die grelle Farbe mehr als
der Südländer. Wir glauben wunder, welche Farbenreize der Spanier für seine
Kleidung sucht. Die andalusische Tänzerin kleidet sich in Gelb und Schwarz. Der
Nordländer aber will rote Halstücher, malt sich grüne Häuser, bestreicht seine
Windmühlflügel, seine Segel, seine Milchkannen, seine Gartenzäune, schläft in
gold- und grünlackirten Bettstellen, hat überall den Farbentopf und den Oelkrug
in der Hand, bepinselt und beglänzt Diele und Treppe und Fussboden und
Fensterrahmen. Kein Wunder, dass die beengte Lunge sich in jenem frischen
Wiesengrün ausatmen will, das dem Hamburger glücklicherweise bis dicht unter
die Torsperre wächst.
    Die grossen Kaufleute fahren um drei Uhr in ihre prächtigen Villen, die an
der Elbe liegen; aber ein solcher kleiner Exporteur in Kleesaat, wie Herr
Carstens, geht nach vollbrachtem Tagwerk erst eine Stunde in die Börsenhalle, wo
er in die Schiffslisten Australiens blickt, um sich nach »Susanna Maria«, einer
gesunden, vollwangigen, frischen Bark, zu erkundigen, die nach Adelaide einige
hübsche Dosen jener Panacee der Ackerwirtschaft bringen soll. Sie ist noch
nicht angekommen am Orte ihrer Bestimmung, die Susanna Maria, aber ein anderes -
wir reden in der Naivetät dieser oft so unschuldig verkannten Geldseelen -
»nettes und schoines« Ding, die »Meta Carstens«, ist sehr guter Dinge in
Baltimore eingelaufen und bringt den dortigen Farmern das, was ihnen auf ihren
Acres jetzt lieber ist als etwa eine Kunde von der endlich errungenen Freiheit
Germaniens. Kleesaat ist ein specifisch europäischer Artikel, ohne den es keine
ausführbare Brache und keine Hebung des Viehstandes gibt; denn wie am Neckar, so
am Missouri: die Kühe werden, wenn sie frisches Heu im Stall bekommen, schöner,
als wenn sie draussen im Freien sich das beste Gras zerzupfen und nebenbei immer
etwas dabei verschlucken, was ihnen nicht bekommt, wenn es auch nicht der
übelberufene Duwock ist, über den sich eben noch bis halb vier Uhr Herr Carstens
in eine noch nicht aufgeschnittene und bei Hoffmann und Campe erschienene
Broschüre vertieft.
    Die Kleesaat ist eine der ergiebigsten Branchen des europäischen und
namentlich des deutsch-böhmischen Exports, eine Entdeckung, die nur leider von
Herrn Carstens nicht allein gemacht wurde.
    Er würde die Broschüre über den Duwock sicher lieber Sonntag Vormittag
zugleich mit einer verbotenen Schrift von »Harry« Heine, letztere natürlich mit
entschiedener Indignation, doch teilnehmend, bei sich zu Hause gelesen haben,
wenn ihn nicht eine Reihe verfehlter anderweitiger Branchen, Leder, Tran,
Gerbstoffe, Talg, zuletzt auf die Kleesaat geführt hätte, einen Artikel, dessen
grosse Erfolge schon andere voraus hatten, diejenigen nämlich, von welchen
bereits einige in zierlichen Cabriolets zu ihren Villen am schönen Ufer der Elbe
dies- und jenseits Teufelsbrück gefahren sind.
    Indessen eine Sommerwohnung zu besitzen, erlaubte Herrn Carstens doch sein
jährlicher Umschlag. Sogar sich an Tagen, die, wie der heutige, sich auch gar zu
heisser Strahlen des Sonnengotts zu erfreuen haben, einer Droschke zu bedienen,
um wenigstens durch die schwülen Strassen bis zum Dammtor zu kommen, gestatteten
ihm seine Verhältnisse, die gar nicht so ganz »unrespectabel« sind. Herr
Carstens hat nur die unglückliche Manie, alle zwei Jahre, wenn die Kleesaaten
ringsum im Vaterlande in schönster Blüte stehen, sich und seinen beiden
Schwestern, die ihn in Ermangelung einer Gattin die Wirtschaft führten und »dass
Leben versüssten«, eine Erholungsreise von sechs Wochen zu gönnen, bei welcher
er, wie weiland die im December mit ihren Herren wechselnden römischen Sklaven
Saturnalien feierten, so die ersten Gastöfe besuchte und sogar täglich Cliquot
nicht verschmähte, den er an den Ufern der Elbe des nebeligen Klimas wegen dem
Portwein entschieden unterordnete. Ausserdem sparten seine liebevollen Schwestern
an einer Mitgift, die sonderbarerweise mit den Jahren zwar zunahm, aber an Wert
und Reiz für Männer, die etwa danach heiraten wollten, zu verlieren schien; es
scheint leichter, 18 Jahre mit 20000 Mark an den Mann zu bringen, als 45 mit
50000.
    Herrn Carstens unendliche Liebe für seine Schwestern, welche ihm diese
jährlich in der Jahreszeit, in der wir uns befinden, mit Erdbeerkaltschale oder
seinem täglich aufgesetzten Leibgerichte, jungen Erbsen mit »Swesern«, ein für
allemal vergolten haben wollten, unterliess nicht, diese Mitgift seiner
Schwestern - er hatte ja nur diese beiden - bis auf eine Höhe zu steigern, die
ihnen allenfalls auch nach seinem Tode erlaubt hätte, die Erträgnisse des
Kleesaatexports entbehren zu können. Es war immerhin ein ganz »respectabler«
Mann von 100000 Mark Banco jährlichen Umschwungs, von welchem schon ca. 6-7000
Nettoniederschlag übrig blieben.
    Dennoch musste er vorziehen, interessante Broschüren lieber auf der
Börsenhalle zu lesen, als sich deren zu Hause aufzuschneiden. Er musste
vorziehen, nur alle zwei Jahre von Celle bis Wien und von Wien zurück,
vielleicht der Abwechselung wegen, diesmal bis Lüneburg, für einen »hamburger
Kaufmann« zu gelten, sich in seiner Privatliebhaberei, dem Sammeln alter, auf
die hamburgische Geschichte bezüglicher Münzen, zu mässigen, ja er musste sich
sogar die Unbequemlichkeit aufbürden, seinen Schwestern eine Gesellschafterin zu
halten, die jedoch für Kost und Logis und den von Meta Carstens erteilten
classischen Pianoforteunterricht ein Supplement hinzu zahlte ... Alles das, um
nur zwei geliebte Wesen nicht mit Sorgen und schrecklichen Aussichten auf
Entbehrungen, z.B. eines Sommerlogis und der winterlichen Anwesenheit bei jeder
zehnten oder elften Vorstellung eines neuen Stücks im Stadtteater (das Stück
musste sich »erst bewährt« haben) zu hinterlassen, sintemalen sein Unterleib von
früherer leichter Auffassung des Lebens geschwächt war und sein Muskel- und
Knochenbau - eine natürliche Folge des hamburger Winterklimas - an Rheumatismus
litt, zwei Krankheitsbedingungen, die, wenn sie sich begegneten und den
Rheumatismus auf einen der edlern Teile des Herrn Carstens - und die edelsten
waren sein Herz und sein Magen - werfen sollten, allerdings seinem Leben
plötzlich ein Ende machen konnten.
    Hier nun, in der vor dem Dammtore in Hamburg gelegenen Sommerwohnung des
Herrn Nikolaus Carstens treffen wir »Fräulein Lucinde Schwarz« wieder,
herausgenommen aus Lebensverhältnissen völlig anderer Art, in neuen Umgebungen,
neuen Anschauungen, neuen Empfindungsweisen.
    Lucinde verdankte diese Uebereinkunft jenen Gütern des Kronsyndikus, von
denen das eine in Holstein, das andere in Mecklenburg verpachtet war. Die
Kleesaat war auch hier die grüne Spur, die von dem Teutoburger Wald, über den
Haarrauch und die Heidschnucken hinweg, mit einem Umwege über die Marschen und
Geeste des rechten Elbufers, nach einem noch volle zwanzig Minuten vom Dammtor
gelegenen Landsitze führte, der unter ähnlichen Landsitzen mit Nr. 33 kenntlich
gemacht war und aus einem Vorgarten von etwa auch dreiunddreissig Schritten,
jedoch keineswegs in quadrater Potenz, sondern nur etwa zwanzig Schritten der
Breite nach, einem Hause von andertalb Stockwerken ohne Keller und einem
Hinterhofe und Hintergarten bestand, der seinerseits nur zehn Fuss lang und fünf
Fuss breit war, einen Holzschuppen entielt mit einer Hundehütte und die Grube
zur Inempfangnahme alles überflüssigen Niederschlags irdischen Daseins. Nach
hinten war alles das von einem schon abgeblühten Hollunderbusch umzäunt und
trennte auch dies Gebüsch diesen Tummelplatz ländlicher Erholung von einem
ditto, der mit gleichen luxuriösen Bequemlichkeiten seine Fronte in einer andern
Strasse hatte und vielleicht dort an einer Nr. 76 oder 77 bemerklich war, wo
wiederum in gleicher Weise auch nach vorn dreiunddreissig Schritte bis zum
Strassenstaket Raum geboten wurde dem »Flügelschlage einer freien Seele«.
    Der Vorgarten in Nr. 33 war zum grössten Teile grüner Rasen, an dessen
Frische und Ueppigkeit es bei einem landwirtschaftlichen Samenhändler nicht
fehlen konnte.
    Dicht an dem Hause, dessen Fenster so niedrig gingen, dass man sich bequem
auf ihrem Simse hätte niederlassen können, wenn nicht die hanseatische
Gewohnheit die Fenster statt nach innen nach aussen öffenbar angebracht hätte,
war eine, wie sich von selbst versteht, grünlackirte hölzerne Laube befindlich,
durchzogen von einer einzigen, bereits von unten her in emporschlängelnder
Entwickelung begriffenen Weinranke, deren bisjetzt noch mangelnde Ausdehnung und
Blätterfülle einstweilen ein in der Höhe von andertalb Fuss üppig wuchernder
Wald von türkischen Bohnen und Kresse ersetzte.
    Vorn und am Rande der Breterwand links und der Breterwand rechts lief eine
grüne Wand von spanischem Flieder hin, einigen Weidenstumpfen mit keck
ausschiessenden Zweigen und vorn am Eingang zwei duftenden, weil noch in der
Nachblüte befindlichen kleinen Akazienbäumen.
    Mangelte es an Schatten, so liess sich von zwei Drittel Höhe des Häuschens
eine grossartige Markise von rot- und weissgestreiftem Segeltuche niederlassen,
die auch über die allzu jugendliche Entwickelung der Laube den Mantel der Liebe
breitete.
    Im Erdgeschoss gab es drei Zimmer: eins zum Speisen, eins zum Wohnen, eins
zum Schlafen. Dazu eine Küche. Oben wohnte Herr Carstens. Seine Statur war
glücklicherweise nicht zu hoch. Er konnte in der zweiten Etage vollkommen sicher
sein, die Decke so unbeschädigt zu lassen, wie §. 7 des Mietcontracts es
bedingte.
    Die Hauptsache an einer solchen Hamburger Sommerwohnung ist nur, dass ein
Raum vorhanden ist, wo der Kohlencomfort stehen und der Teetopf sieden kann.
Die grünen Erbsen und gebackenen »Sweser« mochte man im Hause verzehren,
Speisegeruch ist überhaupt der Nachbarschaft wegen »nicht genteel«; aber der
Teetopf hat sein unbestrittenes Recht. Auch in Nr. 33 stand er um 7 Uhr Abends
auf dem eisernen Kohlengerüst; das Tischtuch wird in der Laube ausgebreitet, die
Markise in die Höhe gezogen und das altsächsische »Ich bin Herr in meinem Hause«
in einer Weise geltend gemacht, dass man sich vor den Augen der Welt weder im
Nähen, noch Stricken, noch Sticken, noch Lesen, noch Schlafen, noch Rauchen,
noch Wiegen m einem amerikanischen Wiegestuhl, noch Erscheinen in einer
glänzenden Hausjacke von Pferdehaartuche irgendwie stören lässt. Den
Vorübergehenden fällt nichts auf, weder eine grüne Brille noch eine graue Katze,
weder ein schwarzer Hund noch ein roter Papagai, weder ein gelber Strohhut von
vier Ellen Umfang noch eine schlangenartig gewundene Cigarrenspitze von
schönster hellroter genueser Korallenarbeit ... Letztere war eine Neigung zur
Koketterie des Herrn Carstens, wie jene sogenannten Nizzahüte eine der mehreren,
doch erlaubten seiner beiden Schwestern.
    Wir finden Lucinden wieder, wie sie sich schon am Millerntor von Angelika
Müller, die zu einer hier etablirten reichen Handelsfamilie aus Antwerpen zog,
um dort im Hause Lesen, Schreiben und Rechnen nach confessionellen Bedingungen
zu lehren, getrennt hatte. Die Braut Dr. Püttmeier's, des Hegelstuhl-Aspiranten,
wurde von einem eleganten Wagen im Hafen in Empfang genommen. Lucinde aber fuhr
in einem Fiaker ins Comptoir des Herrn Nikolaus Carstens am Rödingsmarkt, einer
düstern, mit Bäumen besetzten holländischen Gracht. Hier im Lärmen der sich
durch den Kanal fluchenden Schiffer, der Krahnenwinder, der Führer von
schwerstampfenden, schellenbeladenen Lastrossen wohnen bleiben zu sollen, hätte
ihr die Sinne benommen. Sie wurde sofort in die »schöne Natur« vor's Dammtor
dirigirt und fuhr dortin, erwartungsvoll, was ihr das Schicksal an neuen
Prüfungen und läuternden Vorbereitungen fürs Leben bescheren würde.
    Anfangs kam sie sich in ihrer neuen Lage wie eine Gefangene vor.
    Man hatte ihr gesagt, ein älterer Herr, Junggesell mit zwei Schwestern,
pflegte, obgleich alle drei in sehr »respectablen« Verhältnissen lebten, doch
zur Zerstreuung und Belebung des »Hauses« bald eine junge Baronesse vom Lande,
die sich in Sprachen und Musik vervollkommnen sollte, bald eine Engländerin, die
an der besten Quelle deutsch zu lernen beabsichtigte, bald eine Binnenländerin,
die zu viel Tee und Zwieback und zu wenig Rostbeef genossen und der überdies
Wasserluft, Milch und Wiesengeruch gut tun sollte, liebevoll in die
Gemeinschaft einer stillen Familie aufzunehmen.
    Mit jenem hamburger Schein der urweltlich angeborenen Solidität und einer
Gemütlichkeit, die selbst in Geldsachen nicht aufhört, mit jenem kindlichen sich
wie von selbst verstehenden Fallenlassen des Tons, werden dabei auch einige
hunderttausend Mark Banco genannt, mit jenem gewissermassen weiter nicht zur
Sprache kommenden zufälligen Schlussschnörkel eines gleichfalls nur der Form
wegen aufgesetzten Contracts war eine Pension von 1500 Mark Courant für sie
bewilligt worden. Diese leichte und graciöse Behandlung des Geldes, das nur vor
dem Wechselgericht oder bei der ersten und zweiten Prätur eine ernste und dann
zuweilen recht grobe Bedeutung annehmen kann, imponirte Lucinden ebenso sehr,
wie die schnell eroberte Freundschaft, die ihr zwei Damen entgegentrugen, die
das »süsse Mädchen« behandelten, als hätten sie sie schon aus Langen-Nauenheim
gekannt, wie sie noch barfuss unter den Enten in den Bächen herumkrebste, an
welchen gerade auch solche Weiden standen, wie sich zwei hier hinter das Staket
her verirrt hatten, zum Beweise, wie feucht die Luft und der Boden war. Ja, es
war im Verkehr gleich alles hier so sicher, so fest, so unbeschreiblich
gediegen, solid, leidenschaftslos, gewiegt, so ganz in ihr neuer Art und
unendlich imponirend. Selbst die grossen Nizzahüte, die einem Schattengeber, den
auf Schloss Neuhof auch die Lisabet trug, fast gleichkamen, machten Lucinden
eine Weile sprachlos. Doch ängstigte sie es bald, dass beide Schwestern, Sophia
sowol wie Meta, mit ihren Hutkrempen fast die ganze Sommerwohnung unter Schatten
setzen konnten.
    Lucinde wusste einige Tage lang im wörtlichen Sinne weder aus noch ein. Schon
gleich, als sie den Winkel sah, in dem sie schlafen sollte, kamen ihr die Tage
bei der alten Buschbeck in Erinnerung. Das Erwachen, Ankleiden hinter
Bettschirmen, die erste Anlage und spätere Vollendung der Toilette zu dreien in
demselben Zimmer, und das alles verbunden mit dem im ländlichen Negligé
eingenommenen ersten Frühstück nebst Fleisch und Eiern, dazu Herr Carstens im
Sommerrock, mit der gewundenen Korallenspitze im Munde, dann das Rühmen des
rings von den allerdings vorhandenen Wiesen in die »Gärten« hereinwachsenden
grünen Gras-Gottessegens, das unleugbare Klingeln wirklich vorhandener Kühe und
die allgemeine Bewunderung dann beim »gebildeten Gespräch«, das überhaupt in
Aussicht gestellt wurde, vor drei alten hamburger Kupfermünzen, die Herr
Carstens als Perspective künftiger geistiger Genüsse gestern mitgebracht hatte,
dann der umständliche, zärtliche Abschied des Bruders, wenn er ins Geschäft
ging, und alle diese täglichen Vorgänge in einer sich immer gleichbleibenden
Cadenz des Gemütlichen, des Sichvonselbstverstehenden und gleichsam Uraltewigen
und auch noch nach Jahrtausenden Sosichgleichbleibenden ... das machte ihr einen
Eindruck, als hätte sie müssen in die eingehegten Wiesen hinüberspringen und
zunächst gleich bei den Melkerinnen drüben, die vor den grossen
rotangestrichenen Kübeln sassen, Hülfe und Unterhaltung suchen.
    Allmählich aber fand sie sich dann, besonders als die jüngere Schwester -
mit welcher Bezeichnung indessen ihr Alter nicht etwa aus dem Beginn der
Vierziger zurückverlegt werden soll - ihre Hauptforce entwickelte, das Spiel am
Piano.
    Das stand im Wohnzimmer, dicht in der Nähe der in der Entwickelung
begriffenen Laube.
    Man konnte die »Sonate patétique« nicht schmelzender, die »Eroica« nicht
feierlicher vortragen als dies Meta Carstens tat. Lucinde fühlte, was sie hier
lernen konnte. Sophie handelte wohl unterdessen mit einem jungen bäuerlich
gekleideten und an einem Schulterquerbalken ein Dutzend Gemüsekörbe tragenden
Burschen um junge Erbsen und ein fliegender Metzger brachte die vielbesprochenen
»Sweser«. Das Plattdeutsche, dem Lucinde auf Schloss Neuhof kaum entronnen zu
sein glaubte, tauchte dabei aufs entschiedenste wieder auf. Es stand indessen
den Schwestern, besonders wenn sie mit den Vierländern verkehrten, ganz zierlich
und erhöhte den Eindruck des Gelassenen, Soliden, Leidenschaftslosen und
»Respectabeln«, welches letztere Wort immer das dritte war. Die kalte Ruhe aber
wieder, mit der die Schwestern - Meta stand dann zur Unterstützung der Debatte
mitten aus dem dritten Satz der »Eroica« auf - die grünen Erbsen auf die Hälfte
hinunterbieten und mit einem: »Ne, Ne, Ne, min Jong! Hol di jo nich op, min
Jong!« den Handel abbrechen konnten, stand in so seltsamem Widerspruch mit der
Süsse des Tons, dass sie immer nur schwieg und horchte und über so seltsamer
Gegenwart fast die Vergangenheit vergass.
    Klingsohr kam dann endlich auch aus Göttingen an. Dass sie die Verlobte eines
Doctors der Rechte war und dieser selbst ein mit der Durchführung wichtiger
adeliger Processe betrauter Advocat, der eine Zeit lang in hiesiger Stadt wohnen
wollte, wurde schon in der Correspondenz über die Marschen und Geeste hinweg von
Schloss Neuhof aus nach dem Rödingsmarkt berichtet.
    Klingsohr besass selbst etwas von der eigentümlichen Art der Studirten, die
in hanseatischen Städten den Ton angeben. Er hatte meist seine Ferien bei
hamburger Freunden verlebt und verkehrte in Göttingen überhaupt nur mit
Studenten, die unter ich plattdeutsch sprachen. »Selbst ist der Mann!« scheint
die Devise aller dieser jungen hamburger Aerzte und Advocaten zu sein. Klingsohr
fand hier die liebsten Genossen seiner Studienzeit wieder. Gleich den ersten
Abend, wo er zum Tee in der hoffnungsvollen Laube blieb, fand er auch bei den
Damen und Herrn Carstens einen ausserordentlichen Anklang. Bei Herrn Carstens
besonders, seitdem er mit ihm über den alten Seeräuber, den Störtebeker,
gesprochen. Als die Hinrichtung desselben erzählt werden sollte, brach zwar
Klingsohr ab, versprach aber Herrn Carstens einige Münzen über die Einführung
des soester Stadtrechts in Hamburg zu bringen, die er noch von seinem Vater aus
der Deichgrafenzeit her besass. Eben schwamm Herr Carstens darüber in Entzücken
und notirte sich den Gegenstand zum Nachschlagen in den reichen Bücherschätzen
der Börsenhalle, und schon hatte er auch Meta gewonnen durch eine Parallele
zwischen Mozart und Beetoven, indem er jenen mit Rafael, diesen mit Correggio
verglich und dadurch bei den Schwestern die Schleusen wegzog von verhaltenen
seligsten Erinnerungen an die dresdener Galerie, Terrasse und Sächsische Schweiz
... Ein Wort gibt dann eben das andere. Sophia Carstens bewunderte des Doctors
Kunst, sich plattdeutsch auszudrücken. Man merkte dies bei der Plage der
Sommerwohnungen, den Bettlern, die er plattdeutsch über ihre Herkunft und
sonstige »Poesie des Zigeunertums« examinirte. Sophie fand, indem sie trotz
dieser Poesie doch lieber die Tür des »Gartens« abschloss und mit wenigen
Schritten wieder hinterm Teetopf sass, eine Bürgschaft seines Gemüts darin, dass
er die lieblichste und sanfteste Sprache von der Welt über seinen Reisen und
gelehrten Studien nicht vergessen hätte.
    Mein guter Vater, sagte der Doctor mit melancholischem Ausdruck der Mienen
und eine Weile die Cigarre aus dem Munde nehmend, mein Vater hasste die
plattdeutsche Sprache. Er duldete schon nicht, dass sie drüben in Stade, wo er
wohnte und meine Mutter geheiratet hatte, in seinem Hause gesprochen wurde.
Auch auf der Buschmühle, wo alles plattdeutsch spricht, mochte er sie nicht
hören. Er nannte sie eine faule und bequeme Bauernsprache, nur gemacht für das
Ideal des zufriedenen feudalen Schlaraffentums. Wenn er über irgendeine
Trägheit in seiner Nähe in Zorn geraten konnte, über ein Gehenlassen wichtiger
Dinge, über Gesinnungslosigkeit in grossen patriotischen Fragen, so rief er:
»Sitt ick in gooder Roh', rook min Piep Toback datô!« Er glaubte damit das ganze
Wesen des Plattdeutschen getroffen zu haben.
    Die drei Geschwister Carstens kannten das unglückliche Ende des berühmten
Mannes und verrieten nur durch Achselzucken ihr Bedauern über diesen Mangel bei
soviel anderweitigen Vorzügen.
    Lucinde aber konnte nicht umhin, die gleiche Abneigung auszusprechen.
    Das ist ja eine Sprache, sagte sie, die eines Mannes gar nicht würdig ist!
Man glaubt sie nur im Winter hinterm warmen Ofen oder aus einem grossen Backtroge
heraus hören zu können, in den man sich mit der gestreiften Schlafzipfelmütze
gelegt hat, um noch die Wärme nachzugeniessen. Plattdeutsch ist eine Sprache, mit
der man nur über saure Milch und ob die Gurken schon blühen, reden kann. Will
man einen Gedanken aussprechen, so lässt sie uns gleich im Stich. Jeden
Buchstaben, der Kraft und Energie erfordert, lässt sie aus ihrem Alphabet
herausfallen; alles schlorrt darin wie in niedergetretenen alten Pantoffeln.
Schleppt das und schlendert und ist dabei so kalt, so eingebildet! Der Buchstabe
S wird T, Ch wird K, das A vernergelt sich in E. Ganze Buchstaben und Silben
fallen weg, um nur schnell wieder zum Ofen zu kommen. »Geschlagen« ist »Slân«,
»aufgestanden« ist »upstân«. Von den erhabensten Dingen spricht diese Sprache
wie von Kinderspielzeug, und dabei liegt doch wieder eine Malice, eine
Gereizteit, in ihr, die uns z.B. vor den Mägden, wenn diese hier plötzlich
hochdeutsch zu sprechen anfangen, einen blanken Schrecken einjagen kann.
    Das war freilich eine entsetzliche Anklage! Um so mehr, als die
Schulmeisterstochter in solchen Dingen ganz auf ihrem Felde war! Die Schwestern
sahen sich nur um, dass sie weder Nr. 32 noch Nr. 34 belauschten, dort eine
Maklerfamilie, die unter sich immer nur plattdeutsch sprach - man konnte die
Erwachsenen dann allerdings von den Kindern kaum unterscheiden - hier ein
Professor vom Johanneum, der diese Mundart wissenschaftlich behandelt hatte und
für den Störtebeker und das soester Stadtrecht dem Kleesaatändler von grosser
Wichtigkeit war, da er die vaterstädtische Neigung desselben wissenschaftlich
unterstützte.
    Man blickte schweigend und um Widerlegung mit flehentlichen Blicken bittend
auf den Doctor, der seinerseits die grossen Wasserseen seiner Augen wie
übertreten liess und geschmeichelt über Lucinden staunte, die den Vorteil genoss,
den die Verpflanzung aus einem alten in neuen Boden mit sich bringt. Nichts hebt
die geistige Kraft so sehr, als sich in Vergleichung bringen können mit neuen
Eindrücken, sich abheben von einer gründlich veränderten Folie.
    Wie Lucinde auch so gar bitter und fest sprach, merkte der Doctor erst, dass
sie sich auch äusserlich verändert hatte. Er musterte sie, immer noch schweigend,
mit staunender Bewunderung. Ihr Körper hatte sich wie zum Abschluss entwickelt
unter dem Einflüsse des Erlebten. Immermehr gewann vielleicht der
charakteristische Ausdruck über den ideal-schönen die Oberhand. Ihre Züge
glichen jetzt jenen seltsamen Köpfen, die uns aus irgendeiner hervorspringenden
Besonderheit sogleich unvergesslich sind, die aber auch Gefahr laufen können, dass
sie mit der schwindenden Jugend die Anmut verlieren. Hier, wie sie eben noch zu
gleicher Zeit eine Fliegenjagd eröffnet hatte, dabei einen gleichfalls runden
Hut, der jedoch um einen Fuss weniger Umfang hatte als bei den Fräulein Carstens,
abriss und ihn zum grossen Schrecken derselben sogar auf eine Wespe warf, blieb
der Eindruck einer Amazone, die Kraft mit Verschmitzheit verbindet. Der leise
geöffnete Mund zeigte die Zähne; das Haar war, weil eine Toilette in dem engen
Raum nicht mehr möglich wurde, fast um die Hälfte von ihr gekürzt worden; sie
trug es nun in grossen und cylinderförmigen Wellen zusammengebunden um Scheitel
und im Nacken. Um den Hals lag ein Collier antiker Form, das ihr der
Kronsyndikus von den Schätzen mitgegeben, die angeblich seiner Frau, vielleicht
einer seiner Italienerinnen gehört hatten, und den halbentblössten Arm schmückten
zwei gleiche reich mit Perlen und Rubinen besetzte altertümliche Armbänder. Sie
besass eine ziemliche Auswahl solcher alter Schmuckgegenstände, und jenes
Fräulein Angelika Müller, mit dem sie gereist war, hatte beim zufälligen Anblick
des geöffneten Kastens, der sie entielt, gesagt: Alles alt, aber gerade jetzt
sehr modern!
    Das Unvergessliche an Lucindens Aeusserm waren vorzugsweise ihre schwarzen und
wie von einer Entzündung aller feinsten Aederchen bis in die Wangen rings
umschatteten Augen, ein plastisch gleichmässiges Oval des Kinns, dann ein stetes
Lächeln am kleinen Munde und in der Haltung ein fortwährend grübelndes
Niederblicken, wie wenn sie auf dem Boden etwas suchte, was sie verloren. An
diese Einzelzüge dachte man, wenn sie genannt wurde, ebenso schnell wie bei den
Fräulein Carstens an die Nasen derselben. Man hätte allerdings glauben können,
diese Damen stammten aus dem urweltlichen Geschlecht der Saurier, von welchem
bekanntlich nur noch das Krokodil, das Chamäleon und die Eidechse als Reste
übrig geblieben sind.
    Klingsohr sah zwar auf die Uhr und sprach von einem Spaziergang an dem Rande
der Alster, des nahe gelegenen Flüsschens, an dessen Ufern sich zwar nur Sand
aufwellt, aber auch alte, schöne, sturmerprobte Eichen stehen in einer Pracht
und Fülle, als hätten sie schon den hier einst lebenden Klopstock zu seinen
Bardengesängen begeistert ... Aber die Familie hatte die Freude, dass er doch
noch erst den schwebenden Kampf aufnahm und im Plattdeutschen gerade statt
Schläfrigkeit und Trägheit Energie und Tatkraft fand.
    Wenn, liebe Freundin, sagte er, diese Ihre Holzpantoffeln und gestrickten
blauweissen Nachtmützen rasch zum Ziel kommen wollen und die Sprache kurz nehmen,
so ist damit nicht der Ofen gemeint, sondern die Sache selbst, um die es sich in
der Gemeinde, auf dem Acker oder auf dem Schlachtfelde handelt. Man nimmt bei
uns die deutsche Sprache gerade so, wie sie so auch der Engländer nur brauchen
konnte, der allerdings das, was noch für die Ideenwelt meines Vaters fehlte, aus
der Bretagne herübernahm. Gibt es schlagfertigere Volksstämme, als es die
Ditmarsen und Friesen waren und es noch sind? Hat diese rasche und behende
Sprache, die sich mit keinem weitläufigen und unbeholfenen »Aufgestanden«
aufhält, sondern rasch und flink vom »Upstân« spricht, nicht die schöne
Eigenschaft, Bauer und Edelmann fast gleichzustellen? Sie macht aus den
Bekennern dieser Mundart fast eine einzige Familie. Wenn sie vielem
Philisterhaften einen Vorschub zu leisten scheint, so leistet sie ihn in
Wahrheit doch nur der Einwurzelung des persönlichen Stolzes auf eigenen Besitz,
eigenen Grund und Boden. Die Neuerung, deren Ideen sich freilich nicht nach
plattdeutschen Lauten ausdrücken lassen und, wollte man von Verfassungen und
Aehnlichem darin sprechen, eher wie Spott klingen würden, ist diesen Stämmen
fremd; aber hat es nicht sein Gutes, dass wir noch im Vaterlande Schanzen und
Wälle der frei bewahrten Selbständigkeit gegeneinander aufwerfen können? Die
Einheit ist ein schöner Klang; aber sie gewinnen auf Kosten unserer bessern
Natur? Wer möchte das befürworten um solchen Preis! Der Deutsche bildet nur ein
geistiges Volk. Seine Kraft liegt auf der Scholle, die er verteidigt, seiner
Sitte, seiner Sprache, seinen Ueberlieferungen. Mit dem überall aufgepflanzten
einheitlichen Banner, einem schwarzweissen oder schwarzgelben oder
schwarzrotgoldenen sogar, würden wir unsern besten Gehalt verlieren, und so ist
auch die plattdeutsche Sprache nur Hemmschuh zu desto sichererer Fahrt.
Nivellirenden Staatsmännern gegenüber schützt gerade sie Person und Gemeinde.
    
    Wenn die Damen Carstens Romane lasen, so suchten sie glücklicherweise immer
gerade das, was andere überschlugen. Sie strichen sich gern sogenannte schöne
Gedanken an und schrieben sie hernach in ihre Sammlungen über zur erhebenden
Lectüre in Augenblicken der Sehnsucht und des Sichnichtverstandenfühlens oder
zur Stammbücherbenutzung. Diese Erörterung, die der Doctor ihnen anzuhören
zumutete, nahmen sie für eine ihrem Geiste dargebrachte grosse Huldigung. Schon
weckte dieselbe die überraschte Aufmerksamkeit der Nachbarschaft. Fernerhin war
der Uebergang in die gerade schwebende Frage des Zollvereinsanschlusses die
leichteste Folge dieser Meinungsäusserung, für welche freilich Lucinde keinen
Widerspruch hatte. Sie liess den beiden Damen den Triumph, durch die Festaltung
ihrer heimischen Sprache auch den Kaffee, den Zucker und den Wein vor den
Gefahren des Untergehens in deutscher Allgemeinheit gerettet zu sehen. Lauschte
nebenan der Professor vom Johanneum, so musste er seine Freude gehabt haben an
Klingsohr's Rede. Er würde nicht Anstand genommen haben, ihn zu einem Bekenner
der Schule Justus Möser's zu machen, einer Schule, die bekanntlich keine
Wiedergeburt Deutschlands zulassen würde, wenn nicht auch in ihr Rechnung
getragen würde dem Ewig-Osnabrückischen.
    Der Abend wurde kühl, wie es die vielen Wiesen nach Untergang der Sonne mit
sich bringen.
    Klingsohr wollte an die Alster und bat um Lucindens Begleitung ...
    Diese warf ihre Mantille um, einen Hut über und begleitete ihren Freund,
wohin er sie zu führen gedachte.
    Es gab trotz der volkreichen Stadt, die zu einer bestimmten Stunde auch wie
im Nu durch die teuere Torsperre die Bevölkerung in ihre Wälle und Mauern
zurückdrängt, hier draussen einsame und stille Wege. Sie waren ländlicher Art,
führten durch Weidenalleen über Wiesen an Bächlein entlang, führten durch kleine
Birkengehölze und endeten in parkähnlichen Vergnügungsorten, die jetzt von
Menschen ganz entleert waren.
    Der Himmel wurde dunkler und dunkler und liess schon einzelne Sterne blicken.
Die Sichel des Mondes stand schon länger, aber sie war noch matt und füllte sich
mit vollerm Lichtglanz erst gegen Mitternacht.
    Das stille, heimliche Käferleben in Büschen, an Hecken und Zäunen regte
sich; es war kurz nach Johannis. Die Phosphorfunken, die man haschte, wurden auf
der Hand zu kleinen Käfern mit punktirten Flügeldecken. Der sumpfigen Natur
konnten die Frösche nicht fehlen, diese Kukuks der Wasserwelt, die ihr Einerlei
zum besten zu geben nicht müde wurden. Friedlich ernst rauschten, von einem
leisen Luftzug erregt, die berühmten Eichen der Alster. Fernher brauste das
Gewühl der grossen, in der Abendstunde die durch die Arbeit gebunden gewesenen
Sinne entfesselnden Stadt; Musik tönte herüber von einem Kranze von Lichtern,
der um das Bassin des Jungfernstiegs immer reicher und voller sich hinzog.
    Gerade hierher nun nach soviel Erlebtem versetzt zu sein, war für beide
wunderbar genug. Klingsohr legte den Arm um Lucinden und wiederholte die
Beteuerung seiner Liebe.
    Er hätte, sagte er, ein reiches Feld von Tätigkeit in den verwahrlosten
Processen der Wittekind'schen Familie gefunden, es könnte sich bis zum Winter
hinziehen, dass er hier bliebe ...
    Und dann? fragte Lucinde, die eine gleiche Wärme wie damals auf Schloss
Neuhof für den Freund nicht mehr fühlte.
    Was wir erlebten, erwiderte dieser, kam so unglückselig störend, kam so die
nächste Besinnung raubend, dass ich noch keinen Plan für die Dauer gefasst habe.
Ach, und wie oft ist mir's wieder, als sollt' ich dich umfangen und dich mit mir
hinabziehen in Tod und Vernichtung! Sieh den geisterhaften Schein der Wellen!
Wie still und geheimnisvoll sie dahinfliessen!
    Lucinde wandte den Kopf zu dem Sprecher empor. Er hatte ihr den Hut
abgenommen, weil der Rand desselben ihn hinderte, sich fester an sie zu
schmiegen. Letzteres tat er mehr als sie dessen erwiderte. Sie fand ihn
schwankender, haltloser, als sie von Männern seiner Art geglaubt hatte. Und bei
dem »geisterhaften Schein« der Wellen auch ihres unglücklichen Vaters gedenkend,
schüttelte sie's fast wie Frost. Sie sagte fast wie mit bewusstester Prosa:
    Warum denn sterben!
    Ein Seufzer entrang sich seiner Brust ...
    Wie drüben in der Stadt die Wagen rollen! fuhr sie fort. Wie die Musik so
lustig klingt! Das alles ruft und will genossen sein!
    Klingsohr lüftete den Sommerhut und fuhr sich erregt durch sein krauses
rötlich schimmerndes Haar. Die Narben an Stirn und Wangen zuckten.
    Lass uns von dem Schilf da fort! sagte er und zog Lucinden vom Ufer mehr der
Baumallee zu ...
    Blicke auf Vergangenheit und Zukunft mussten sich jetzt von selbst ergeben.
    Klingsohr sprach viel und schnell durcheinander vom Tode seines Vaters, von
der Schuld des Stephan Lengenich, die sich immer erwiesener herausstellte. Er
wiederholte wie schon oft:
    Der Schrecken über den einsamen Anblick des Erschlagenen, das Entsetzen, dass
man ihm hätte die Tat zuschreiben können, hatten den Kronsyndikus in Verwirrung
gebracht, und, was mehr ist, hinter dem Hasse gegen meinen Vater barg sich
Freundschaft. Vom Schicksal desselben erschüttert, unfähig, der Erste zu sein,
der es anzeigte, sprengte er nach Neuhof zurück, konnte die Todesnachricht nicht
über seine Lippen bringen, verbrannte in einem Anfall von Grossmut, was er von
Schuldforderungen noch in der Buschmühle geltend machen konnte und bot mir
seinen Schutz und sogar den Vaternamen an und mein ganzes Glück in dir! ...
Stephan Lengenich ist der Mörder ... Die Feinde meines Vaters waren ja zahllos.
Auf jedem Waldwege begegneten ihm Männer, die ihm den Gruss verweigerten. Ich
hörte ihn einmal klagen, dass man auf der Buschmühle Feuer angelegt gefunden. Man
verschwieg es, weil gerade ihn der Verlust der Popularität schmerzte. Hoch immer
auf dem Schilde aller wollte er getragen sein. Er konnte keine Gegner dulden,
ohne sie nicht von der Nichtigkeit ihres Hasses überzeugen zu wollen. Tat er's
dann, so verwirrte sich der Hader nur erst recht. Feindschaft, die auf
Antipatie beruht, vermittelt sich schon bei einer günstigen Gelegenheit zum
leidlichen Auskommen; tauscht man aber mit ruhiger Ueberlegung Warum gegen Warum
aus, so treten erst recht Verletzungen ein, die unheilbar sind. Diese Tage sind
düster, aber sie liegen hinter uns. Vor uns winkt die Zukunft. Kehr' ich nach
Göttingen zurück, so sollst du die Muse meiner Studien sein. Lass' ich mich von
Freunden, deren ich hier nur zu viele fand, bereden, hier zu bleiben, so findest
du dich in diese neuen Anschauungen. Komme, was kommen mag,
Wenn ich dich nur habe,
Wenn du mein nur bist!
    Nun war Klingsohr im gewohnten Zuge und drückte sie, dichtend und
phantasirend, wilder an sich, als ihr, der nur Horchenden, wohltat.
    So gingen sie bald wieder am Schilf des Ufers oder suchten, um nicht im
Sande zu versinken, grüne Stellen. Weiter kam ein Weidengebüsch. Da blieben sie
stehen und Klingsohr ergab sich mit neuen Beteuerungen seinem ganzen Gefühl,
das jetzt ein keckes und herausforderndes wurde.
    Lucinde schwieg nur. Es war ihr nicht als wäre sie die Mitschuldige eines
Mitschuldigen; aber irgendetwas blieb im Dunkeln ... Eine gewisse Kluft zwischen
Klingsohr und ihr konnte sie nicht mehr ausfüllen. Sie wusste nicht, woran es
lag, dass sie sich ihm plötzlich gewachsen fühlte, ja ihn übersah. Die Zauber des
Fesselnden waren ihm plötzlich für sie abgestreift, und so bedeutsam seine Rede
blieb, seine Tatkraft vermisste sie, und selbst seiner Rede, seinem Humor,
seinen Versen, hörte sie Gebundenes, Unfreies ab, ja, eine Gefallsucht, für die
sie nur keinen Ausdruck hatte.
    Und doch gerade in ihm hatte sie Ausdehnung und Raum zu finden gehofft wie
im Universum, das er sonst auf seinen Schultern zu tragen schien! Nun gefiel ihm
sogar diese enge, begrenzte Welt, in die man sie versetzt hatte. Es war eine
Freiheit, die ihr Zwang erschien. Und die Zumutung, dass sie ihm Stab, sie ihm
Stütze sein sollte!
    Er begleitete sie an das kleine Haus zurück, in die Mausefalle, wie sie es
nannte. Sein Abschied war stürmisch; sie sagte ihm kühl eine Gute Nacht!
    Zehn Uhr Abends war's. Dennoch sieht man Klingsohrn noch nicht in seine
Wohnung gehen, sondern in einen der Pavillons eintreten, die sich am
Alsterbassin befinden.
    Musikklänge, Tabackrauch, die Düfte von Grog und Punsch wirbeln in allen ...
    Hier begegnen sich der Einheimische und Fremde ...
    Draussen vor der Tür stehen Sessel, auf welchen man, wenn die des Nachts
sich zuweilen sanft wieder mildernde Wasserluft es gestattet, die wogenden
Menschenmassen an sich vorüberziehen lässt, wohl auch die auf dem Wasser noch mit
chinesischen Lampen dahinrudernden Gondeln verfolgt und ein Bild voll Leben und
Bewegung in sich aufnimmt, das nur in der Ferne eine einzige grosse Windmühle
unschön, aber doch charakteristisch begrenzt.
    Diese Pavillons sind so bequem gelegen, dass man sich ihrer kleinen Ecksitze
im engern innern Raum gern als Stelldicheins für Freunde bedient. Manche Tische
werden immer von derselben Gesellschaft in Beschlag genommen, entweder bei
schönem Wetter draussen oder bei unfreundlichem drinnen. Im Winter ist man
jedenfalls sicher, immer eine Gruppe von Bekannten an einer und derselben Stelle
zu finden.
    Der Kreis, in dem sich Klingsohr hier bewegte, ist ein den Hansestädten ganz
eigentümlich angehörender.
    Der Kaufmann ist dort der bestimmende und massgebende Teil der Bevölkerung,
aber zu seinen Ergänzungen gehört der Arzt, der Advocat, auch der Schriftsteller
und Gelehrte überhaupt, denn an dem Bedürfnis des gedruckten Buchstabens fehlt
es durchaus nicht, und eine diesen Städten ganz ausschliesslich angehörende
Literatur beeifert sich es zu befriedigen. Die Achtung vor der Wissenschaft ist
nicht gering. Man kann aber auch sagen, dass die, welche zu ihren Bekennern
gehören, nichts unterlassen, was ihre Geltung mehren kann.
    Nirgends äussert sich der Arzt, der Advocat und Schulmann mit solcher
Bestimmteit wie unter Kaufleuten, und niemand unterwirft sich ihnen auch so
unbedingt wie diese. Englands Parlament ist ein Beweis, wie der Nimbus der
gemachten Studien sich vorzugsweise in einer grossen geschäftlichen Welt erhält.
Diese Aerzte und Advocaten sind es vorzugsweise, die den öffentlichen Geist
bestimmen und das Endurteil auch in den Familien abgeben, denn, wie jene die
Frauen regieren, so werden diese zu jeder Beratung von grösserer Wichtigkeit
hinzugezogen. Die einen von ihnen folgen dem allgemeinen Geiste des Erwerbs und
nehmen früh eine praktische Richtung an, streifen den Idealismus ab, reden mit
dem gemeinen Mann in seiner Sprache und nehmen die materielle Welt ganz wie sie
ist; die Wissenschaft wird ihnen eine melkende Kuh; sie verschmähen selbst die
Intrigue nicht, und werden in der oft bis zum Lieblosen gehenden Entfaltung des
schroffsten und einseitigsten juristischen Verstandes unterstützt von denen, die
ihre Spitzfindigkeit in Anspruch nehmen, bewundern, rühmen, reichlich belohnen.
Die andern sind, wie die menschlichen Entwickelungen einmal durch ihre
angeborenen Anlagen bestimmt werden, von einer idealen Haltung. Sie scheinen das
Alltägliche zu verachten, vertreten die Gedankenwelt, hüllen sich in einen
heiligen Nebel mystischen Eingeweihtseins, sind entweder Freimaurer oder
Pietisten oder Poeten oder alles zu gleicher Zeit und in verschiedenen Lagen,
nur benehmen sie sich überall wie ein Besonderes, Vornehmes und ewig
Akademisches, und man darf hinzufügen, dass auch diesen Männern der Erfolg nicht
fehlt. Jetzt, wo die materielle Richtung überwiegt, mag das Häuflein dieser
vorzugsweise mit dem Rufe des Geistreichen ausgezeichneten Adepten der
Wissenschaft geschmolzen sein. Noch in den dreissiger Jahren aber war der
Zusammenhang Hamburgs mit den edelsten Richtungen des Vaterlandes ein sehr
inniger, und die schöne, masshaltende, sich selbst beschränkende Weise manches
dort gefeiert gewesenen Namens wird noch jetzt bei den Nachlebenden nicht
verklungen sein.
    So scheiden sich beide Richtungen im Alter. In der Jugend aber gehen sie
noch mehr zusammen. Der Scharfsinn des einen findet seinen Widerpart am Wissen
des andern, der Rabulist der spätern juristischen Praxis streitet sich noch mit
Hartnäckigkeit für Schelling oder Hegel, denen er die Schärfe seiner
Unterscheidungen zugute kommen lässt. Allen aber gemeinsam ist auf lange Zeit,
oft bis in die ersten Jahre der Verheiratung hinein, das lebendige Festalten
des akademischen Lebens. Die von Göttingen oder Heidelberg mitgebrachten
Anschauungen werden nicht nur in den Kaffeehäusern festgehalten, sondern oft
auch noch in dem Wäldchen hinter Wandsbeck, in den Hohlwegen hinter Eppendorf.
Man setzt die Feindschaften, die man von der Hirschgasse in Heidelberg, von
Ulrici in Göttingen mitbrachte, in der Vaterstadt fort und wechselt auch oft
noch im nahen holsteinischen Sachsenwalde Kugeln um dieselben Bagatellen, um
welche man am Neckar und an der Leine »auf krumme Säbel losgegangen« war.
    In diesen Kreis seiner Freunde kehrte Heinrich Klingsohr, mit Entusiasmus
empfangen, zurück. Die grüngelbweisse Farbe hatte mit der rotweissen immer
harmonirt; gehörten doch beide dem grossen Bunde des Plattdeutschen an.
    Klingsohr traf junge Advocaten und Aerzte, Assistenten am Krankenhause,
gelehrte Speculanten, die sich durch irgendein Organ, das Ohr, das Auge, oder
als Juristen durch Wechsel- oder Staatspapiergeschäft eine Specialität zu
schaffen suchten, andere, Juristen, die auf eine Anstellung in der Verwaltung
rechneten und sich mit Statistik der Ein- und Ausfuhr beschäftigten,
Schulmänner, die vor drei Herren und siebzehn Damen Vorträge über Spinoza
hielten, andere, die eine alte Neigung zum Schriftstellertum nicht länger zu
verbergen brauchten, sondern durch irgendein Angebot der vielen hier
erscheinenden Zeitungen Redactoren wurden, sie wussten nicht wie, Candidaten, die
noch nicht nötig hatten, das Haar zu scheiteln und den Blick zu Boden zu
schlagen, da die Aussicht zu einem Pfarramt in der Stadt erst über eine lange
Probezeit auf dem Lande oder ein mühseliges Lehramt geht ... kurz, in diesen,
natürlich unausgesetzt von Cigarrenwolken eingehüllten Kreis trat Klingsohr ganz
so wieder ein, wie er ihn von seinen frühern Besuchen her kannte. Selbst in
Göttingen als Privatdocent hatte er den Zug zum ewig Studentischen nicht
aufgeben können. Er fand hier alle alten Anekdoten wieder, alle alten
Stichwörter und Stichblätter des Witzes, alle alten Spitznamen; man lachte
ebenso auf gegenseitige Kosten wie bei Betmann in Göttingen, mit der gleichen
oft sehr nahen maliciösen Anstreifung an die »touchirende« Grenze und mit
derselben Empfindlichkeit, wenn diese wirklich überschritten und eines jener
Worte gesprochen wurde, in deren Entgegennahme der »Mann von Ehre« sich in
Deutschland vom »Philister« unterscheiden soll. Zwischendurch galten die
Gespräche der aufgeregten Zeit, den Streitigkeiten des Tages, den Vorkommnissen
der innern städtischen Verwaltung, den Persönlichkeiten der einzelnen
Teilnehmer des Kreises und vorzugsweise den Frauen.
    Letztern widmete man ganz den Anteil, der ihnen überhaupt gebührt; erhöhen
aber musste er sich im Munde junger Männer, von denen selbst die, welche den Reiz
des Frauentums mehr als sich gebührt hätte schon auf sich hatten wirken lassen,
nicht in eine souveräne Verachtung desselben, die den Blasirten eigen ist,
versunken waren, sondern aus dem Wüsten und Wilden sich ganz so wie Heinrich
Klingsohr selbst zu einem Bedürfnis aufschwangen, in den Frauen das
Madonnenhafteste, von der Welt zu finden und sie anzubeten wie die eigene
verlorene Unschuld und Jugend. Die dem Fremden fast unglaubliche Möglichkeit,
dass sich in Hamburg überhaupt Sitte und Unsitte in strengster Geschiedenheit
erhalten können, war auch in diesem Kreise bewiesen. Man konnte der tollsten
Phantasie und einer grauenerregenden Kenntnis aller Nachtseiten im Frauenleben
den Zügel schiessen lassen und war wiederum, wenn der Name einer Unbescholtenen
genannt wurde, einig in dem Preise ihrer seidenen, dem Bilde einer Katarina von
Siena entsprechenden Augenwimpern, dem Preise ihrer Hände, deren
Durchsichtigkeit und Weisse nicht anders als mit der Zierlichkeit der Hände eines
van Eyck und Memling verglichen wurde, dem Preise ihrer Augen, die wegen ihrer
etwaigen träumerischen Unbewussteit und gläubigen Zuversicht geradezu
katolische genannt oder ihrer irrenden, rein nur innerhalb des instinctiven
Lebens bleibenden Unschuld wegen mit den sanften Augen einer Gazelle verglichen
wurden. Ein Drängen aus dem zu reich genossenen, in seinen Untiefen zu sehr
erkannten Alltäglichen zum reinern Licht empor besassen alle, und die Art, sich
ihre läuternden Flammen zu entzünden, war seltsam genug. Mancher betete in
diesem Sinne die Tochter eines Millionärs der Gröninger Strasse an, mancher aber
auch nur die eines armen Handwerkers an den »Vorsetzen« oder »Raboisen«.
    Auch jenes »hehre Gnadenbild«, zu dem Klingsohr aufblickte, war gleich nach
seiner Ankunft allen bekannt geworden.
    Dass es sich um die Pensionärin einer »respectabeln« Familie handelte, wusste
man.
    Man machte an der Sommerwohnung des Herrn Carstens Fensterpromenade, um den
Schatz zu sehen, der einem »Abadonna« noch vor seinem gänzlichen Fall oder
seiner Läuterung vom Himmel beschert werden konnte; denn in diesem Kreise galt
Klingsohr für einen jener gefesselten Titanen, die früher oder später den ewigen
Göttern des Olymp den Garaus machen konnten. Er hiess einer von denen, die eine
unberechenbare »Zukunft« besässen. Ein einziges Publikum hatte er in Göttingen
gelesen, das aber von einigen Hundert Studenten besucht wurde, während er eine
Vorlesung über Privatrecht nicht zu Stande bringen konnte. Aber in jener
Vorlesung über »Dante's Zeit-und Weltanschauung« elektrisirte er seine Zuhörer
in einem Grade, dass man an Klingsohr nicht anders dachte als wie an einen
Evangelisten, der immer ein wildes Tier neben sich sitzen hat. Die Drachen und
Greife Dante's zogen seinen Ruhmeswagen, sein Schweigen war so bedeutungsvoll
wie die Geheimnisse der Apokalypse, sein Reden war Prophetentum. Dass er
arbeitete, stand fest. Wenn er um zwölf Uhr von der »Kneipe« gekommen war, sah
man bis drei und vier Uhr noch Licht bei ihm. Seine Versicherung, er würde ein
neues System des Staats-, des Natur-, des Völkerrechts, eine neue Philosophie
der Geschichte, eine neue Geschichte der Literatur, eine neue Ausgabe des
»Sachsenspiegel«, eine Zusammenstellung der Fragmente des Ciceronischen Buchs »
De Republica« bringen, eine Geschichte der italienischen Städtebünde, eine
Abhandlung über die Verjährungsfristen, eine neue Begründung des Steuerwesens
und eine Kritik Adam Smit's nach dem System der Bienenkörbe, alle diese
Verheissungen fanden den vollständigsten Glauben. Für jedes dieser
epochemachenden Werke hatte er die leitenden Gesichtspunkte schon fertig und
wusste sie an geeigneter Stelle so anzubringen, dass man jahrelang von dem
Gedanken sprach, den Sie, wissen Sie, Klingsohr, damals auf dem Ritt nach
Münden, am Zusammenfluss der Werra mit der Fulda, auf der reizenden kleinen Insel
(dem »Taufkissen der neu entstandenen Weser«, konnte er einwerfen) aussprachen?
Klingsohr strich sich die kurzen rötlichen Locken und lächelte dann nur. Er
lächelte nicht etwa geschmeichelt - die Wertschätzung verstand sich schon von
selbst - er lächelte voll Wehmut, wie ein Träumer, dem man von einem »Märchen
aus alten Zeiten« sprach. In solchen Wehmutsaugenblicken konnte er, war es
Abend und sass man im Freien, stundenlang auf ein einziges Sternbild blicken, die
Kassiopeia, und ohne eine Miene zu verziehen so viel Bier oder Wein oder Grog
»vertilgen«, wie ihm auf ein Klappern mit dem Zinndeckel, oder das Rütteln einer
leeren Flasche, oder das Anklingen mit dem Stahlbügel der Cigarrentasche an ein
leeres Glas von einem kundigen »Gleich-Gleich-Herr!« nur hingestellt wurde.
Begann er dann endlich nach solchen Pausen zu reden, so war es gewöhnlich eine
neue Lesart im Tacitus, die er solange überdacht hatte, oder ein Irrtum in
Vega's Logaritmischen Tafeln. Je seltsamer, je abstruser seine Äusserung, desto
mehr imponirte sie.
    Jetzt wieder sass Klingsohr im Alsterpavillon bis zwölf Uhr Nachts mit
derselben Beharrlichkeit und in demselben Wechselverkehr mit den
»Gleich-Gleich-Herr!«'s wie sonst. Aber »zerrissener« und wüster als sonst war
seine Art, bitterer sein Humor; die Scherze, die er oft bis zur Ausgelassenheit
über einen und denselben Gegenstand »zusammenjeanpaulisiren« konnte, flossen
nicht mehr von seinen zuweilen krampfhaft zuckenden Lippen. Man brachte bei
Beobachtung dieser Veränderung den ihn betrübenden Tod des hochgefeierten Vaters
in Rechnung, dann die Liebe zu dem Elfenkinde vor dem Dammtor, das alle gesehen
und wegen ihrer fremdartigen, der hier zu Lande üblichen Weise nicht
entsprechenden Art des Aussehens und Benehmens bewunderten. Einige »schlechte
Witze«, die dieser oder jener sich erlaubt hatte, waren fast bis an die
»touchirende« Grenze gegangen und ein für allemal beseitigt worden. Klingsohr
hatte sich, als man von einem bei dem Kleesaatmakler Carstens in »Correction«
gegebenen »Röslein auf der Heiden« sprach und das Rauhe Haus erwähnte, vom
Tische erhoben, wie wenn ein jeder Zoll an ihm auf zwei hinauswüchse und er
geradezu bis zu seiner Kassiopeia hinauf wollte; er sprach kein Wort, aber sein
sonst ausdrucksloses Auge starrte und von Stund' an war das Gespräch über diese
Liebe rein und unentweiht, wenn man auch nicht begriff, wie sie den von einem
solchen Besitz Beglückten nicht mehr beleben und erheitern konnte.
    Des Geldes, das allerdings sonst, wenn es mangelte, dem »Weltschmerz«
Vorschub zu leisten pflegte, besass Klingsohr genug. Wie kam er zu dieser
verstimmten Laune, diesem schlendernden, dicht an den Häusern entlang gehenden
Gang, diesem Niederblicken, diesem heftigen Aufschlagen der Gläser, dass sie oft
in Scherben zersplitterten, diesem erbitterten Angriff auf Richtungen, denen man
ihn verwandt glaubte, dieser gehässigen Verfolgung alles dessen, was lebensvoll
und fröhlich sich um ihn her tummelte?
    Einige Aufsätze schrieb er damals für Blätter, die seine Freunde redigirten.
Die doctrinären Behauptungen darin gingen selbst diesen zu weit. In einer
Republik von Bürgern rühmte er den Adel, nannte ihn von Gott eingesetzt, stellte
ihn wie Leuchten hin, die das Dunkel der Zeiten erhellen sollten, pries ihn
seiner Einseitigkeit wegen, in der die Bürgschaft seiner Kraft läge, ja schloss
damit, dass kein Denker besser die Zeit erfasst hätte als jener Ludwig von Haller
zu Wintertur in der Schweiz, derselbe, der Lutern einen sittenlosen,
entlaufenen Mönch genannt hat.
    Diese Artikel erregten Widerspruch. Sie würden in dem Kreise, der Klingsohrn
bewundernd umgab, eine Spaltung hervorgerufen haben, wenn nicht seiner
Vergötterung des Adels eine Nemesis der schneidendsten Ironie gefolgt wäre.
    Sie erregte das Aufsehen der ganzen Stadt.
 
                                      17.
Eines Tages, an einem schönen Nachmittage, sass Klingsohr am Alsterpavillon
wieder unter seinen Freunden.
    Sie waren heute zahlreicher denn je vertreten, da man auf dem wallenden
blauen Bassin ein Wettrudern veranstalten wollte, zu welchem einige von ihnen
als Comitémitglieder gehörten und sich über mancherlei dabei zu beobachtende
Vorschriften vor der entscheidenden Sitzung zu verständigen wünschten. Schon
baute man ein Gerüst auf einigen Kähnen, das in bunter Ausschmückung in der
Mitte des Bassins als Festtribüne vor Anker liegen sollte. Die Massen der
Bevölkerung wogten hin und her. Klingsohr war vorm Tore gewesen und hatte, wie
schon oft, Lucinden nicht gefunden.
    Diese konnte das Einerlei der Beetoven'schen Sonaten, der grünen Erbsen und
vaterstädtischen Münzen nicht länger ertragen und hatte nach rechts und links
ihr Terrain erweitert. Menschen, die von einer frischen und lebenskecken Kraft
sich bestimmen lassen, finden sich überall. Lucinde hatte die ganze Reihe der
Sommerwohnungen von Nr. 25 bis 40 diesseit der abgeblühten Hollunderhecke und
jenseit von Nr. 45 bis 60 durchbrochen und dort durch Vermittelung von Kindern,
hier durch einen entflogenen Papagai, da durch ein am Buschwerk des Gitters beim
Vorüberstreifen hängen gebliebenes Tuch, dem man von innen Abhülfe spendete,
eine Bekanntschaft nach der andern geknüpft. Zum Schrecken der beiden Damen
Carstens war sie überall einheimisch geworden, sowol bei Menschen, die jährlich
10000 Mark einnahmen, als bei solchen, die vielleicht nur auf 4000 kamen und
sogar den Winter über die Sommerwohnung nicht verliessen; »ja bei Juden sogar«,
bei Lotteriecollecteuren und Hausmaklern sprach sie ein und wusste alle
Geheimnisse der jungen Mädchen und jungen Frauen, der Matronen, sogar der
Ehemänner und Greise. Ihre Zutraulichkeit befremdete erst, dann entzückte sie.
Die fremdartige, halb süddeutsche Aussprache, der geringe Wert, den sie auf
ihre Anmut legte, ihre Neigung zum Necken gefielen so ausnehmend, dass
Eifersuchtsscenen ausbrachen, und schon darüber, wer sie am längsten und am
öftersten besitzen konnte. Lucinde erkannte sich kaum selbst wieder in diesen
Erfolgen. Die alte Erfahrung, dass in ein steifes, allzu geregeltes Treiben ein
glücklich organisirter Geist mit den leichtesten Mitteln Leben und Bewegung
bringen kann, bestätigte sich aufs neue. Sie staunte über das, was sie zu Stande
brachte. Alle Herzensgeheimnisse von einem Dutzend junger Mädchen kannte sie,
und Männer, die sonst auf Spaziergängen kalt vorübergingen, wurden ihr jetzt in
ihrem geheimsten Charakter enträtselt. Sie half, wo sie konnte. Ja, sie selbst
erntete Huldigungen in solchem Überfluss, dass sie nicht wusste, was damit
anfangen. Noch entdeckte sie alles Klingsohrn und nahm dessen Warnungen auf.
Bald aber stellte sie Vergleiche an und geriet in Neckereien und
Versteckspiele, ganz in der ihr eigenen Weise, die allen und keinem gehörte.
Bald folgte dann freilich auch die Reaction. Hier war eine Eitelkeit verletzt,
dort ein Verdacht übertrieben worden; schon gab es Vorwürfe, schon
Verfeindungen; Freundschaften lösten sich im Lauf eines einzigen
Abendspazierganges durch die taufeuchten Wiesen in entsetzliche Entüllungen,
Racheplane und Warnungen auf. Hütet euch vor der! riefen die einen, während die
andern noch das treueste und edelste Herz liebkosten und nur ein Kind der Natur
in Lucinden sahen, dem niemand gram sein könne, selbst wenn es unüberlegte
Streiche machte ... Kein Wunder, dass in diesen immermehr zunehmenden Wirren
Klingsohr oft stundenlang bei der Erbsen lernenden Sophia oder der »Lieder ohne
Worte« spielenden Meta oder dem in der Geschichte der hamburger Bürgermeister
verlorenen Nikolaus verweilte alten und sich von seiner in Feld und Wald
verflogenen Liebe nichts finden wollte.
    In der durch eine solche Nachricht von einer wieder in die Sumpf-, Moor-,
Wald- und Sandsteppenwelt hinter Eppendorf hinausgegangenen Wanderung erzeugten
Missstimmung war Klingsohr an jenem Nachmittage zur Stadt zurückgekehrt. Da das
auf der Alster vorbereitete Vergnügen ein aristokratisches war, so fanden sich
in dem Kreise, den er betrat, gerade diejenigen anwesend, die ihr Patricierblut
in denselben Wallungen kund zu geben pflegten, wie wenn sie zu den »Granden der
Ukermark« oder zu Mecklenburgs Vollblut gehörten. Zu den Hofschlittenfahrten
unter den berliner Linden können die Farben, die die Vorreiter tragen, die
Farben der Federn, die auf den Köpfen der Rosse wehen sollen, nicht sorgfältiger
nach den heraldischen Tatsachen der Familienwappen bestimmt werden, als hier
die jungen Doctoren aus den Familien der Millionäre und die künftigen Senatoren
und Gesandten der Republik von den Emblemen ihrer Wimpel, den gestreiften Farben
ihrer Ruderboote und Ruderer sprachen. Die »Ehre« war in ihrer ganzen, so
empfindlichen und bekanntlich nur geringen Elasticität angespannt, und Heinrich
Klingsohr gab seine Ratschläge in einem Tone, als wenn er in der Tat ein
rechtmässiger Sohn jenes Freiherrn von Wittekind war, dessen Processe er nur
führte.
    In diesem Augenblick geschah ihm aber etwas Entsetzliches.
    Eine schlanke, hohe Gestalt in schwarzem Frack, mit einem hierorts
auffallenden Ordensbande im Knopfloch, drängte sich durch die dichten und dem
Alsterspiegel zugewandten Menschenmassen an den von den geachtetsten jungen
Männern der Stadt besetzten Tisch, rief ein lautes, fast kreischendes: Hab' ich
dich, Schurke! einem derselben, dem er den Hut vom Kopfe schlug, entgegen und
schlug mit einer Reitpeitsche auf Schultern, Kopf, Hände desselben so
unbarmherzig zu, dass im Nu blutige Striemen auf Stirn und Wangen sichtbar
wurden. Man hätte noch Aergeres befürchten müssen, wenn dem Rasenden, der Stühle
und Tische umwarf, um noch ärger über sein Opfer herzufallen, andere nicht im
Augenblick in die Arme gesprungen wären und mit der äussersten Anstrengung seinem
Beginnen ein Ende gemacht hätten.
    Der so Getroffene war Klingsohr. Den Angreifer erkannten sowol dieser
selbst, soweit er die Besinnung behielt, wie mehrere in der Gesellschaft
sogleich wieder. Es war kein anderer als ein älterer göttinger Studiengenosse,
der Freiherr Jérôme von Wittekind.
    Der Kammerherr nannte auch sogleich seinen Namen und warf zum Überfluss eine
Karte auf den Tisch. Andere rissen ihn fort. Das rege Rechtsgefühl und das
schnell entschlossene Naturell der Bevölkerung machte sich in der Beihülfe
geltend, die der Mishandelte erfuhr; man riss den Störer des Stadtfriedens fast
nieder. Die Mitglieder der Gesellschaft aber, die sein Ueberfall so urplötzlich
gestört hatte, hinderten sowol die Volksjustiz wie die Arrestation. Alle
erkannten, dass hier ein Vorfall stattfand, der einem Ehrengericht angehörte,
nicht der Polizei. Klingsohr blutete. Sowie er zum Bewusstsein gekommen, wollte
er sich entfernen. Kein Wort sprach er, ja er schien dem Ueberfall eine
Bedeutung zu geben, die diesen gänzlich dem Bereich fremder Einmischung entzog.
Um den Angreifer, dessen stattliche Gestalt imponirte, ja der sofort eine
Erfrischung bestellte und die Börse zog, hatte sich sofort eine Gruppe gebildet.
Es stand bald fest, dass eine solche Selbsthilfe hier nur die Folge eines
äussersten Zwanges gebotener Umstände gewesen war, und wenn auch Männer und
Frauen riefen: Er ist toll! wenn auch einige der Herren am Tische es überdies
auch schon gesagt hatten: Es ist der tolle Wittekind! so erblickte man doch
zunächst in seiner Handlungsweise nur das Mass, wie weit Rache und langgeschürte
Wut vielleicht begründetermassen einen Menschen fortreissen können. Den Angreifer
begleiteten über die Strasse einige seiner alten Commilitonen auf einige Zimmer,
die er, vor einer Stunde angekommen, im ersten Stock der auf zwanzig Schritte
nahe gelegenen Alten Stadt London genommen und auf Befehl der Polizei nicht mehr
verlassen durfte. Man erfuhr von dem ohne alle Begleitung Angekommenen, dass ihm
Klingsohr »seine Braut« entführt hätte.
    Wirr genug waren die nähern Angaben des Racheschnaubenden; aber kannte nicht
jeder das Rätselhafte der Persönlichkeit, mit der Klingsohr in Hamburg
aufgetreten war? Der Kammerherr konnte, wenn er einen tobsüchtigen und bösen
Gedanken unausgesetzt verfolgte, mit Consequenz verfahren wie ein Vernünftiger.
Jetzt war er ganz heiter, lachte, liess Champagner kommen, behielt seine alten
Freunde zurück und widersetzte sich der Anordnung eines Ehrengerichts
keineswegs. Die Satisfaction, die als dem so Gezüchtigten gebührend sogleich
genannt wurde, versprach er ohne weiteres geben zu wollen, drang aber auf Eile,
wobei er sich benahm, als drohten der Verzögerung Gefahren für ihn und andere.
Niemand begriff dabei aus seinem Benehmen, wie der längst als schwachsinnig
Bekannte mit einer gewissen lachenden Geberde immer auch die Freude über seine
Flucht aus einer, wie es schien, gewaltsamen Absperrung kund gab.
    Klingsohr wurde sofort in seine Wohnung gefahren. Ihn begleitete der andere
Teil der gemeinschaftlichen Freunde. Als man von der Entscheidung durch die
Kugel sprach, sprang er auf, stiess das Gefäss mit kaltem Wasser, aus welchem man
die Umschläge anfeuchtete, die die Striemen seines Antlitzes kühlen sollten,
zurück und blickte starr ins Leere, wie schaudernd vor einer grässlichen
Gedankenverbindung. Dann sank er in einen Sessel zurück, dumpf vor sich
hinbrütend, das Haupt aufgestützt und den Kopf schüttelnd wie über das
Unerklärlichste der Welt. Die Beschimpfung, die er vor einer ganzen Stadt
erlitten, war so gross, dass man diesen starren Ausdruck, der sich bis zum
Ausbruch eines jeweiligen bittern Lachens steigerte, nur allein seinem
Schamgefühl zuzuschreiben brauchte. Nannte man jedoch den Kammerherrn verrückt,
so schüttelte er den Kopf und tat, als wäre sein Beleidiger der Weisesten einer
und von Gott selbst gesandt.
    Dass Jérôme von Wittekind in dem Grade schwachsinnig war, wie es Lucinde
kannte, wusste man in diesem Kreise noch nicht; man hatte vor Jahren in Göttingen
des Verkehrten genug von ihm erlebt, aber selbst Klingsohr kannte ihn nicht in
seinem ganzen Zustande. Einem der Freunde, einem Arzt, der lange bei dem Tema
der Narrheit des Beleidigers verweilte, unterbrach er die Rede. Man musste es
seiner Aufregung und dem Mismut, zur Herstellung seiner misshandelten Ehre - wie
einmal die Logik des Duells mit sich bringt - nun noch sein Leben preiszugeben,
zuschreiben, wenn seine Äusserungen herauskamen wie ein Schauder vor den
Fügungen des Geschicks. Dumpf sprach er in Stellen aus den Tragikern aus, dass
das Schicksal seine Verhängnisse durch unsere eigene Torheit und Leidenschaft
vollziehen lasse.
    Ebenso wichtig, wie die Vorbereitung eines Duells, die Klingsohr als den
Abschluss des die ganze Stadt erfüllenden Vorfalls ruhig geschehen liess, war die
Fürsorge, die man zu treffen hatte, um Lucinden vor dem Kammerherrn zu sichern.
    Sofort wurde eine Mitteilung nach der Sommerwohnung des Herrn Carstens
gemacht mit der Warnung, Fräulein Schwarz nicht einem Ueberfall blosszustellen,
der bei dem Charakter einer solchen Leidenschaft, wie sie der Kammerherr zur
Schau trug, leicht in einer gewaltsamen Entführung bestehen konnte.
    Die Damen des Hauses erschraken nicht wenig, teils über den Vorfall an
sich, teils über die in Aussicht gestellten Folgen. Sie beklagten, eine Person
aufgenommen zu haben, die nun in der ganzen Stadt ein solches Gerede veranlasste.
Hatte sich Lucinde bereits unter einem Dutzend Familien die verschiedenartigsten
Beurteilungen zugezogen, so gab sie denen, die ihrem Charakter mistrauten, sie
der Koketterie und Intrigue beschuldigten, jetzt eine Tatsache an die Hand, die
ihr Urteil rechtfertigte. Sie war die Geliebte eines vornehmen Adeligen und
diesem von Klingsohr entführt ... Schreckensworte für das Ohr der Damen
Carstens, die von Lucindens spät dauernden Spaziergängen und Landpartieen und
ihrem Abends spät bis zum Dunkelbraunwerden ziehenden Tee genug indignirt
waren.
    Als Lucinde die Kunde von dem Vorfall am Alsterpavillon vernahm, überfiel
auch sie ein Grauen bei dem Gedanken, dem Kammerherrn zu begegnen. Nimmermehr!
rief sie und sah um sich, wie einst ihre Tauben, wenn sie den Stossvogel
erblickten. In dem engen Raum dieses Hauses, selbst wenn man Herrn Carstens
hätte veranlassen wollen unten zu schlafen, war kein Versteck zu finden. Auf dem
Rödingsmarkt gab es nur herabgelassene Vorhänge, jetzt keine Betten, keine
Bequemlichkeit, und doch erklärte sie, gern auf der Erde schlafen zu wollen, nur
nicht sich der Gefahr auszusetzen, diesem Verfolger zu begegnen. Aber jedem der
drei Geschwister fiel irgendeine Bagatelle ein, die in seinem Nichtbeisein in
der Stadt beschädigt werden konnte. Sie erklärten, dann lieber auf einige Zeit
alle mit in die Stadt zurückgehen zu wollen, wodurch natürlich der Versteck
wieder aufgehoben wurde. Endlich bot sich ein anderes Auskunftsmittel. Die rasch
geschlossenen und rasch wieder abgebrochenen Freundschaften mit der
Nachbarschaft hatten bei zwei Interessen Stand gehalten, einem materiellen und
einem geistigen. Ein Modehändler vom Neuenwall hatte in der jetzigen Saison
morte keinen bessern Kunden als die junge Pensionärin des Kleesaatmaklers
Carstens. Lucinde war reichlich vom Kronsyndikus und Klingsohr mit Geld
ausgestattet. Zu ihren Liebhabereien gehörte es nicht nur, sich zu schmücken,
sondern mehr noch, in der Stadt von Laden zu Laden zu gehen und Einkäufe zu
machen. Sie hatte die Liebhaberei des Schenkens. Manche von denen, die nichts
mehr von ihr annehmen wollten, behaupteten, sie wollte sich damit nur das Recht
erkaufen, die Menschen dann auch verletzen und ärgern zu können. Die Damen
Carstens nannten sie eine Verschwenderin und begriffen nicht, wie sie bei einer
Beschwerde darüber von Klingsohrn die Antwort bekommen konnten: »Feen schenken
gern!« Er wusste, dass Lucinde darben, auf Stroh liegen konnte ebenso wie in
goldenen Palästen wohnen. Sie hatte bis jetzt mit dem Leben nur gespielt; fast
schien sie zu wollen, dass auch das Leben nur mit ihr spiele. Etwas selbst und
lange zu erwarten und zu erhoffen, wäre ihr das Drückendste gewesen. Hätte sie
damals die Volksjustiz nicht von der Frau Hauptmännin von Buschbeck erlöst, sie
würde vielleicht noch bei ihr gedient, noch die Zwetschenkerne sich zerschlagen
und sie für eine Delicatesse verspeist haben, glücklich, dass es nicht die
gefangenen Mäuse waren.
    Es gibt einen grossen Bund in der Gesellschaft, der seine eigenen Mysterien
hat. Es ist dies der Bund der Notenkundigen, der einer Verschwörung gegen die
musikunkundige Welt nicht unähnlich sieht. Dieser Eifer, sich zu Duetten und
Trios zu verbinden, bei welchem Madame Möller und Fräulein Wulff sangen, Lucinde
spielte - der Gesang war ihr völlig versagt -, dann einmal Herr Möller mit der
Violine, Herr Wulff mit der Flöte begleitete, dieser Fanatismus, bei keinem
Streichquartett der Dilettantenwelt, bei keinem Concert durchreisender
Berühmteiten zu fehlen, dies ewige geheimnisvolle Verbundensein mit Felix
Mendelssohn-Bartoldy auf dem Wege der Tonschlüssel in A-dur und C-Moll ... das
ist ein ganz eigener Cultus, der, wie es die Dissonanz des Lebens und der Genuss
an etwas mehr oder minder rein gestimmter Harmonie einmal mit sich bringt, bis
zur souveränen Verachtung aller Uneingeweihten führt und aus Notenkundigen schon
die grössten Aristokraten und Tyrannen gemacht hat. Madame Möller hatte bei einer
zufälligen Anwesenheit in Leipzig von einer Schülerin Mendelssohn's singen
gelernt, was so viel war als von ihm selbst. In den Räumen der Sommerwohnung
Möller und Wulff hatte man Musikaufführungen gehalten, deren Wichtigkeit zwar
nicht ganz, aber doch annähernd den Sitzungen des deutschen Bundestags gleich
erachtet wurde, auch Meta Carstens schloss sich an, einige junge Buchhalter oder
Gelehrte spielten Bratsche, Cello oder entwickelten guttreffende Stimmen. In
diesem Kreise war es, wo sich Lucinde am längsten hielt. Sie begleitete nur,
spielte nur zweite Stimmen und lachte dabei innerlich sowol über die langen
Hälse der Singenden wie über die allgemeine menschliche Eitelkeit.
    In das dieser Familie gehörende Haus auf dem Neuenwall flüchtete sich
Lucinde. Madame Möller und Fräulein Wulff schliefen zu ihrem Schutze in der
Stadt. Aus dieser verschwiegenen Einsamkeit entstand freilich eine Frequenz,
welche die des im Parterre befindlichen Sommergeschäfts übertraf. Herr Noodt
hatte den Aufentalt bald erkundschaftet und gönnte Herrn Wulff nicht die
beständige Nähe Lucindens und machte Besuch und Fräulein Smidt fürchtete das und
machte sich selbst bei Madame Möller zu schaffen und Fräulein Jansen fürchtete
wieder, Herr Gensler würde demselben Triebe folgen, und suchte die Fährte auf,
die auch endlich nicht nur Herr Gensler, sondern auch Herr Burmester, Herr
Johannsen und Herr Wilckens gefunden hatten. So verstrichen drei Tage in einem
nicht endenden Klingeln der Dielentür und einer Aufregung der an der
Verborgenheit beteiligten Personen, die sich nur durch Musik beschwichtigen
liess; man sang, man stritt über Noten und Tonarten und da der Flügel fehlte,
sang man Scalen und Solfeggien und stritt über den grössern Wert der
Schumann'schen oder der Mendelssohn'schen Lieder.
    Um ein Wesen, das sich in dieser Lage so benehmen konnte und nur auf das
dringendste Verlangen der Damen Carstens zu bewegen gewesen war, einige Zeilen
des Bedauerns an Klingsohr zu schreiben, ihm ihre Flucht, ihre Sicherheit, ihren
Anteil an seinem schmerzlichen Erlebnis auszudrücken, schoss sich dann zwei Tage
nach der erhaltenen öffentlichen Beschimpfung Klingsohr mit seinem Jugendfreunde
hinter Ottensen auf zehn Schritt Barrière.
    Man hatte vieles erwogen gehabt. Klingsohr hatte sich mit den Secundanten
vorher eingeschlossen, hatte von seinen Verpflichtungen gegen den Kronsyndikus
gesprochen; immer aber trat allen Abmahnungen das Bild entgegen: Vor einer
ganzen Stadt mit der Reitpeitsche durchgehauen! Die Satisfaction konnte nur in
einem Duell bestehen.
    Man hatte die Formen des Duells so leicht wie möglich gemacht, die Distanzen
nach den grössten Massen genommen und dennoch schoss Klingsohr seinen Beleidiger,
nachdem dieser, ohnehin abgekühlt und von der Gefahr erschreckt, einen
verfrühten Schuss ohne zu avanciren blindlings abgefeuert hatte, mit dem seinigen
auf einen einzigen Anschlag nieder.
    Die Kugel drang zwischen die untern Rippen in Blutgefässe, die sich
augenblicklich zu entleeren begannen. Eine Secunde stand noch Jérôme, entfärbte
sich, suchte sich zu wenden und sank entseelt zu Boden.
    Nach vollbrachter Tat wurde Klingsohr von seinen Freunden dringend
aufgefordert, den im Gehölz befindlichen Wagen zu besteigen.
    In dieser menschenbesäeten und gutbewachten Gegend mussten zwei Schüsse
selbst in der ersten Morgenfrühe auffallen.
    Der mitgenommene Arzt erklärte, jeder Versuch, den Gefallenen ins Leben zu
rufen, wäre vergeblich.
    Klingsohr zeigte einen dumpfen Schmerz. Er stand wie erstarrt und mochte
sich von der Leiche nicht trennen.
    Lasst mich! rief er und schleuderte die, die ihn fortziehen wollten, zurück.
    Wir beschwören dich! rief man. Klingsohr! Die Flurschützen kommen!
    Klingsohr blieb starr und schauderte ...
    Der Frevel ist bestraft, wie er's verdiente! rief man. Komm!
    Klingsohr beugte sich mit einem Knie, stemmte das Haupt auf das andere und
fasste die erkaltete Hand des schon Verblichenen. Die lange herculische Gestalt
lag marmorblass, die Lippen waren krampfhaft geöffnet, wie wenn ein Wort noch von
ihnen hätte kommen sollen, das der plötzliche Tod abschnitt.
    Da jeder Lebenshauch geschwunden war, so nahmen die Secundanten die
wichtigsten Dinge aus den Taschen der Leiche, um sie selbst bis auf weiteres
liegen zu lassen, gerichtliche Rencontres zu vermeiden und vorläufig nur sich
selbst zu flüchten.
    Mit Widerstreben wurde Klingsohr in den Wagen gezogen.
    Man sah Menschen dem Gehölz zueilen, glaubte aber den Vorsprung noch frei.
Die Rosse zogen an, der tiefe Sand gestattete kein schnelles Ansprengen. Kaum
aber hatte man das Gehölz hinter sich, als der Flurschütz mit einigen schnell
herbeigerufenen Landleuten ihnen schon in die Zügel fiel.
    Jetzt, wie zur Besinnung kommend, springt Klingsohr auf, reisst die eine der
noch geladenen Pistolen an sich und erschreckt dadurch seine Freunde so, dass sie
sich nur beschäftigen können, ihm die gefährliche Waffe zu entwinden. Darüber
verlieren sie den Vorteil entweder zu entkommen oder, wie wohl in solchen Fällen
geschieht, sich durch Bestechung loszukaufen.
    Sie mussten ihre Namen nennen und versprechen, mit dem Wagen dem Flurschütz
zu folgen.
    Auf dem Stadtause in Altona wurde ein Protokoll aufgesetzt. Klingsohr, dem
nur zunächst an der würdigen Bestattung seines Opfers lag, musste zurückbleiben.
Die andern entfernten sich auf Ehrenwort.
    Nach einer so ernsten Wendung war für niemand der Boden unter den Füssen mehr
hinweggenommen als für Lucinden.
    Sie kehrte auf die erste Schreckenskunde zur Carstens'schen Familie zurück,
aber der Fall wurde so vielfach erörtert, mindestens so allgemein besprochen,
dass sie der Gegenstand der allgemeinen Neugier und keines ihr günstigen Urteils
wurde.
    Der Schimpf, der Klingsohrn angetan gewesen, war bestraft; ihn erwartete
ein Spruch der Richter; nur sie, die Veranlassung dieser blutigen Scenen, ging
frei aus, und jetzt konnte selbst die Musik nicht mehr ihren klingenden Schild
über sie legen. Sie fühlte ihre Lage und zum ersten mal war ihr Nr. 33 gerade
recht; die zwei Bettschirme, die sie von den Schwestern trennten, liessen ihr
gerade so viel Raum, wie sie auf einige Tage bedurfte.
    Dass in solchen Lagen Naturen, wie die ihrige, allein stehen, aber auch ganz
allein, das erfüllte sie mit Bitterkeit. Sie machte sich Geständnisse über sich
selbst, ihre Umgebungen und über ihre Grausamkeit gegen Klingsohrn. Sie liebte
ihn nicht mehr. Was traf sie da nach ihrer Meinung weiter für eine Schuld! Diese
ganze Umgebung war ihr peinlich geworden, da schon lange alles das es wurde, was
von ihr durchschaut werden konnte. Sie hatte angefangen, sich fortgesetzt
einzureden, dass diese Welt eine ganz nichtige, nur dem Schein huldigende, dass
diese Menschen alle, die sie bevölkern, nur Puppen wären, die an den Drahtseilen
einiger kluger Matadore tanzten. Welche Narrheiten rechts und links! Diese
Schwestern, die einen Bruder tyrannisirten, nur um ein gesichertes Alter zu
haben! Pedantinnen in jedem Worte, das sie sprachen, in jedem Schritt, den sie
taten, immer nach dem Wetter lugend, auch in geistigen Dingen, immer bedacht:
Was werden die Leute dazu sagen! Und Herr Carstens selbst, eitel auf eine
Liebhaberei, zu der er nur die Geduld, nicht die Kenntnisse besass, sonst
stundenlang beschäftigt mit dem Selbstrasiren seines Bartes, dem Knüpfen seiner
Halsbinde! Dieser Professor links, bei jedem Worte, das er sprach, sich
umsehend, wie wohl dessen Wirkung wäre, die Silben zählend, als wenn er die
deutsche Sprache erfunden hätte und sie schonen und nicht allzu gemein machen
müsse! Diese Frauen überall von Haus zu Haus; jede versunken in ihr eigenes
Interesse, in ihre Kinder, ihre Möbel, ihre Tassen, ihre Kleider, ihre etwaige
Schönheit! Des Prahlens mit Gefühlen da, mit Gedanken dort kein Ende! Die
Musiknärrinnen vollends schon die lächerlichsten von allen! Nun entdeckte sie,
dass sie ja viel mehr wusste als sie alle, dass sie Gesichtspunkte hatte, während
alle im Nebel tasteten; denn keines wusste vom Leben selbst so viel, als wie sie
doch schon erkannt hatte oder wie sie Klingsohrn verdankte, der so viel Ahnungen
und Lichtblicke in ihr entzündet hatte. Doch auch für diesen ergriff sie kein
reines Mitgefühl mehr. Sie hatte die Vorstellung von sich, dass ihr im Leben
irgendein weit grösseres Ziel beschieden wäre und dass alle diese Begegnungen, die
sie bisjetzt erlebt hätte, nur dazu dienten, ihre Entwickelung zu fördern. Nur
Schlangenhäute waren es, die sie abstreifte. Seit dem Tode Jérôme's rechnete sie
tiefinnerlich auch schon Klingsohrn zu dem, was für sie abgetan war.
    Was aber beginnen? Zurück mochte sie in nichts! Das Verhältnis zum
Kronsyndikus musste nun doch wohl aufhören! Ihr Verlobter war ja der Mörder seines
Sohnes geworden! Jetzt erkannte sie wohl, dass Klingsohr nicht des Kammerherrn
Bruder sein konnte! Die Rolle, die sie in jener Schreckensnacht auf Schloss
Neuhof angefangen zu spielen, war zu Ende! ... Diese unbestimmte Gegenwart
konnte indessen nicht bleiben. Und sollte sie mit ihren seidenen Kleidern und
Hüten betteln gehen, sie dachte an Flucht. Sie schrieb einige Briefe. Einen an
ihre Geschwister, die aus dem Waisenhause zu Meistern gegeben worden waren, um
Handwerke zu erlernen, einen sogar nach Eibendorf an den Pfarrer, einen wagte
sie auch an den Kronsyndikus. Die Empfindungen, die die Situation der Anzeige
des erlebten Schrecklichen mit sich brachte, waren ihr geläufig, sie schrieb sie
mit der grössten Gewandteit nieder. Auch dachte sie an jene Angelika Müller, mit
der sie nach Hamburg gereist war. Irgendwo hoffte sie auf Rat, nur nicht in
ihrer nächsten Umgebung oder von Klingsohr.
    Von diesem bekam sie aber täglich einen Brief. Die Sprache darin war
besonnen. Er sagte, dass seine jetzige Lage ihm wohltäte; es läge ein
unendlicher Trost darin, sich einmal so recht von dem Gesetz des Lebens, wie es
ist, von den eisernen Armen der natürlichen Folgen unserer Handlungen gehalten
zu sehen und keinen freien Willen mehr zu haben. Er bat sie, eine Weile
auszuharren, bald würde sein Geschick entschieden sein; ein Jahr Festung würde
nicht ausbleiben; er würde diese Strafe in einer schönen Stadt am Busen der
Ostsee zu verbüssen haben; wenn er wüsste - und er wisse es ja! - dass ihm in sein
dunkles Leben nur der Glanz ihrer Liebe schiene, so könnte er sein Loos nur
preisen. »Es liegt«, schrieb er, »ein Zauber im Dulden und Gehorchen; es liegt
ein Zauber im Müssen, die wahre Freiheit im Sichgefangengeben! Schon mit dem
entströmenden Blut meines unglücklichen Opfers wurde mir leichter! Ich hätte mit
seinen rinnenden Tropfen selbst sterben können! Dass ich diese Tat auf dem
Gewissen habe, drückt mich nicht zu sehr. Die Beschimpfung, der ich vor
hunderten von Zeugen ausgesetzt war, überschritt jedes Mass. Der Kammerherr war
nicht in dem Grade geistesschwach, dass er nicht mit kluger Berechnung einen so
boshaften Plan ausführen konnte. Alle meine Richter sind voll Teilnahme und
schon meine Freunde geworden. Der Greis auf Schloss Neuhof wird seinen Sohn von
mir nicht fordern, ... von mir nicht, Lucinde! ... Ich schrieb ihm nicht. Teile
Du mir mit, was er Dir antworten wird, falls Du ihm den Vorfall anzeigst, wie
schon andere taten. Sag' ihm, dass ich ihm das Vaterherz, das er mir einst
schenken wollte, jetzt zurückgegeben hätte und meinen Weg auch über die Wälle
einer Festung hinweg finden würde; irgendwohin komm' ich schon, wo ich mit Dir,
Lucinde, meine Hütte bauen kann! Lies Bernardin de St.-Pierre! Und lerne dann
englisch! Diese britische Literatur hat Freude an den Dingen, wie sie sind! Es
geht nichts über die Ergebung, nichts über die Geduld, die sich mit einer Blume
und einem einzigen Sonnenstrahl beschäftigen kann! Sieh, hier hab' ich ein
Zimmer, angenehm, geräumig, aber das Licht fällt von oben, die untern
Fensterladen sind geschlossen und nicht zu öffnen. Zwischen den Ritzen stiehlt
sich ein Sonnenstrahl hindurch. Ich beobachte ihn stundenlang. Er geht wie der
Schatten eines Sonnenuhrzeigers im Kreise. Es ist ein Nichts, ein Schein und
doch wie wesenhaft! Die Atome zittern und tanzen in ihm! Ohne diesen Strahl
würden die Atome sinken und nicht, für mich wenigstens, dasein, aber in ihm
wirbeln und erhalten sie sich und immer rundum. So halten sich die Welten! In
einem höhern Sonnenstrahl werden wir einst das selber sehen, selber fühlen! Wie
überflüssig alles Wissen, wenn man das weiss! Ich brauche kein Buch mehr. Man hat
mir Bücher und Schreibpapier angeboten. Ich will nicht mehr haben als ich
brauche, um an Dich zu schreiben. Lesen ist mir verhasst. Jeder Buchstabe, der
nicht aus der Welt jenes meines einzigen Sonnenstrahls kommt, tut mir weh.
Menschen! Menschen! Ihr dünkt euch so viel! Ich könnte alles hingeben wie ein
Mönch, wenn nur im Klostergarten ihm sein kleines Blumenbeet bleibt!«
    Für Lucinden waren diese Klagen nicht im mindesten rührend. Sie schrieb,
aber sie beantwortete gerade diese Klagen nicht. Sie überliess sich scheinbar
Klingsohr's Anordnungen, besprach aber eine Reise nach England mit Herrn
Carstens, der schon, um sie zu entfernen, in Correspondenz mit jenem Pachter
stand, dessen Bekanntschaft er die Pensionärin verdankte. Nach dem Glauben der
Nachbarn war Lucinde schon fort und manchem ihrer Nekrologe oder ägyptischen
Todtengerichte, die ihr vor dem Fenster und hinter herabgelassenen Vorhängen
draussen in der Laube von einem Einsprechenden gehalten wurden, konnte sie selber
zuhören.
    Am Tage nach dem Begräbnis des Kammerherrn war ihrer Ungeduld kaum noch
einzuhalten. Die Verantwortlichkeit des Hauses für sie hatte sich aufs höchste
gesteigert. Die Damen Carstens schliefen nicht mehr. Sie schlossen Lucinden am
Tage ein, sie versagten sich selbst den Genuss der Natur, gingen nicht aus,
verschlossen sogar das Piano, nur damit sich Lucinde nicht durch Spielen
verriet.
    Noch den dritten, vierten Tag liess sie sich durch eine Reisebeschreibung
über England beschwichtigen. Am fünften aber drohte sie mit einem Sprunge aus
dem Fenster. Sie hatte gerade beide Schwestern, die sie verzweiflungsvoll an den
Kleidern zurückhielten, hinter sich, als ein eleganter Wagen draussen am Staket
vorgefahren kam mit zwei Bedienten, von denen einer die Livree des Schlosses
Neuhof trug.
    Der Schlag öffnete sich und ganz in Schwarz gekleidet trat, unterstützt von
dem andern Diener, eine lange, hagere Gestalt aus dem niedergelassenen Schlage.
    Excellenz, der Kronsyndikus! rief Lucinde und wäre fast aus dem Fenster und
dem Ankommenden an den Hals gesprungen.
    Um alles in der Welt von den Schwestern um Anstand und »sittliches Betragen«
ersucht, hielt sich Lucinde zurück und bedeutete die Wächterinnen, dass sie denn
doch eilends selber Seiner Excellenz entgegengehen möchten.
    Die Schwestern, »zwei Seelen und Ein Gedanke«, drängten sich schon vor einem
Spiegel, um ihre Frisur, ihre Kleider zu ordnen. Dies währte lange. Der
Kronsyndikus war inzwischen im Garten und pochte schon an die seiter immer
verschlossen gewesene Haustür.
 
                                      18.
Hätte Lucinde den Ankommenden nicht schon beim ersten Schritt aus dem Wagen
erkannt, aus diesem leisen und zurückhaltenden Pochen würde sie es nicht gekonnt
haben. So pflegte sonst der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof nicht zu pochen.
    Er nahm, da nicht geöffnet wurde, den Stab, auf den er sich im Gehen
gestützt hatte, und pochte wiederholt an die Tür, doch aber auch mit dem Stabe
ebenso zurückhaltend wie zuvor mit der Hand.
    Als die Fräulein Carstens in ihrer Toilette so weit vorgeschritten waren,
sich einem solchen Besuche vorstellen zu können, öffneten sie und baten wegen
der Verzögerung um Entschuldigung.
    Das Auge des Greises, der leise irgendetwas Verbindliches brummend
erwiderte, suchte nur Lucinden.
    Als sie vortrat, umarmte er sie mit Innigkeit. Eine Träne stand ihm in den
weissen Wimpern; er bedurfte iniger Erholung, bis er sprechen konnte.
    Tränen kannten Lucindens Augen in dieser Situation nicht, aber sie sprach
mit Innigkeit zu dem gebeugten Greise, der jetzt einen Stuhl suchte, sich zu
sammeln. Lucinde würde mit noch grösserer Herzlichkeit seinen Gruss erwidert
haben, wenn die Redseligkeit der Fräulein sich nicht in einen Wettstreit von
Beileidsbezeigungen ergangen hätte. Da so vier Stühle jetzt zusammengerückt zu
sehen zum ceremoniellen Erörtern des »Unglücks« und des »bejammernswerten
Vaterschmerzes« u.s.w., das benahm ihr jede Lust, sich ihrerseits an dem Beileid
zu beteiligen.
    Der Kronsyndikus schien die gleichen Gefühle zu hegen.
    Nach einigen Klagen über sein schmerzliches Geschick, einigen
Berichterstattungen über die nach Schloss Neuhof bereits von einem andern der
mitgebrachten Diener abgesandte Leiche seines Sohnes erhob er sich und forderte
Lucinden auf, in den Wagen zu steigen und mit ihm in den Umgebungen der Stadt
spazieren zu fahren.
    Diese Veranlassung, die Gefangene wieder in die Öffentlichkeit zurückkehren
zu lassen, war zu gebieterisch. Die Fräulein trugen selbst Hut, Sonnenschirm,
einen Ueberwurf herbei und erschöpften sich in Zärtlichkeiten und Schmeicheleien
für Lucinden, als wäre nie etwas zwischen ihnen vorgefallen.
    Der Kronsyndikus bot Lucinden den Arm. Es war eine Artigkeit; aber eher
hätte sie sich veranlasst fühlen können, ihm den ihrigen anzubieten. Denn wie
schritt er langsam und hinfällig! Seine Augen lagen tief in den Höhlen! Das
Antlitz war so wachsbleich und mit einem Netz von Runzeln und Furchen nach allen
Richtungen hin überzogen, wie ein Kopf von jenem Denner, der in dieser Stadt
gemalt hat. Die weissen Bartaare standen auf den hohlen Wangen wie zum Zählen.
    Der in der grossen Livree der Wittekinds harrende Diener war noch zu dem
Commissionär des Hotels, der durch die Stadt den Führer machte, hinzugesprungen,
um seinen Herrn beim Einsteigen in den Wagen zu unterstützen. Lucinde erkannte
ihn wohl. Es war der gewöhnliche Diener des Kammerherrn ... Jérôme war dem
Grafen Zeesen plötzlich entsprungen gewesen. Wer ihn mit den Vorgängen auf
Schloss Neuhof bekannt gemacht, ihm Lucindens und Klingsohr's Aufentalt
verraten, die Mittel zur Flucht verschafft hatte, war unbekannt. Erst zwei Tage
darauf, nachdem man ihn vergebens in Eibendorf beim Pfarrer gesucht, entdeckte
man die Spur, die nach Hamburg führte, und die schnell nachgeschickten beiden
Diener kamen zu spät. Diese waren es gewesen, die noch früher als Lucinde und
die Behörden an den Kronsyndikus das traurige Ende seines Sohnes berichtet
hatten.
    Nach vollständiger und so auf alles Erlebte wiederholt zurückkommender
Erörterung sagte der Kronsyndikus:
    Lucinde! Du kennst meine Anhänglichkeit an den Doctor! Du weisst, wie mich
der Tod seines Vaters erschütterte! Ich trug ihm, wie du weisst, gleich denselben
Abend meine Hand zum Schutz und Beistand an, ja, bot ihm sogar den Vaternamen!
So schmerzhaft er mir diese Gesinnung vergolten hat, so will ich sie ihm darum
doch nicht entziehen. Die ihm von Jérôme angetane Mishandlung war die
schimpflichste, die ein Mann erleben kann. Eine Genugtuung musste ihm werden.
Dass freilich seine Hand dazu bestimmt war ...
    Nun stockte der Greis; die leise zitternden Kinnladen schienen die Kraft
nicht zu haben, seinen Gedanken zu folgen. Er veränderte seine Rede und sagte:
    Dass seine Hand so unglücklich war, Jérôme bis auf den Tod zu treffen! Es ist
aber einmal Gottes Fügung so gewesen, nun muss es verschmerzt werden! In unserm
Kloster Himmelpfort werden wir Jérôme beisetzen und im Park will ich ihm an der
Stelle, wo er dir damals, als die Verwandten dich entdeckten, zum Pavillon
hinaufrief - da will ich ihm noch eine kleine Pyramide setzen lassen, so eine,
wie er zu drechseln pflegte, das Bild der jenseitigen Sehnsucht - nach Püttmeier
... Jérôme ist ohne Beistand seiner Kirche gestorben. Das Fräulein Angelika
Müller sprach ich schon. Du hast sie arg vernachlässigt!
    Lucinde schützte Mangel an Zeit und Interesse vor. Das Verweilen bei
religiösen Erwägungen war ihr am Kronsyndikus neu ...
    Der Wagen fuhr, wie befohlen worden war, langsam über die Wälle der Stadt
... Manche Spaziergänger in den Alleen erkannten Lucinden und diese hielt sich
denn auch gerade so, als sollte alle Welt die Genugtuung bemerken, die ihr
soeben wurde ...
    Der Kronsyndikus fuhr fort:
    Auch Klingsohrn sah ich schon! Er hat nur den einen Schmerz, nicht in deiner
Nähe zu sein. Die grosse Stadt hat dich zerstreut, Lucinde! Ich hoffe nicht, dass
du mir den Schmerz antust und deinen Freund vernachlässigst! Ich habe
versprochen, euer beiderseitiges Glück im Auge zu behalten, werde aber meine
Hand unerbittlich von dir abziehen, wenn du Heinrich täuschen könntest! Es ist
einer von den Männern, die des weiblichen Umgangs bedürfen, die aber nicht die
Geduld haben, sich einen würdigen Gegenstand ihrer Liebe langsam zu erobern. Mit
Geist und Charakter wollen die Frauen selten einen Mann. Sie wollen fast immer
nur, wer ihnen schmeichelt oder amüsant ist oder im besten Falle Gemüt verrät,
worunter sie etwas verstehen, was so viel wie unbedeutend ist. Klingsohr würde
in der Wahl seiner Liebe immer nur fehlgreifen. Er ist tief gebeugt. Du wirst
ihn durch deine Heiterkeit und Unbefangenheit wiederaufrichten. Also? Ich rechne
auf deine Beständigkeit!
    Nicht aus Schonung für den wie verwandelten Greis, sondern aus Furcht vor
seiner, wie es schien, sehr ernst gemeinten Drohung gab Lucinde Versicherungen,
von denen ihr Herz nichts wusste.
    Man wird deinen Freund, fuhr der Kronsyndikus fort, zu einer Festungshaft
verurteilen. Er wird sie abzubüssen haben in einer Stadt, die ich in meinen
jüngern Jahren wohl gesehen habe. Sie liegt an einem schönen Busen der Ostsee.
Ja, der liegt mir so blau vor Augen, als wäre ich erst gestern dagewesen! Der
Menschenkreis dort ist klein, aber traulich. Eine Universität, eine Besatzung
beleben den kleinen Ort. Familien, die dich in ihre Obhut nehmen, werden sich
finden lassen wie hier. Heinrich sitzt dabei auf der Festung. Anfangs wirst du
ihn wohl in der Festung sehen können, später wird er, denk' ich, auf Stunden sie
verlassen und in der Stadt sich aufhalten dürfen. Man ist gegen Gefangene dieser
Art nachsichtig; nach einem Jahre schon ist die Strafe, wenn sie auch vielleicht
auf drei Jahre verhängt würde, abgebüsst. Ich, als Vater des Erschossenen, werde
in Kopenhagen selbst um Gnade bitten, das wird die Haft kürzen. Dann bin ich
dafür, dass Heinrich seinen Schatz von Gelehrsamkeit in Göttingen zur Anerkennung
bringt und dort um eine Professur wirbt; du hast all die Fähigkeiten, die ihm
für die strenge Verfolgung solcher Plane mangeln. Du wirst ihm durch die Ehe
überhaupt erst die Erziehung geben, die er eigentlich nie bekommen hat. Seine
Mutter starb früh ... Was ich dir einst von ihr sagte, war ... Eingebung - des
Augenblicks! Nichts weiter! Er hat dir davon erzählt?
    Lucinde nickte. Sie versprach alles, was der Kronsyndikus nur zu hören
wünschte. Sie war schon glücklich, aus der Gesellschaft der Fräulein Carstens
erlöst zu sein. Sah sie doch jetzt, auf einer Spazierfahrt, wie sie sie nie
gemacht, zum ersten mal erst das schöne Hamburg! Und nun schon wieder das neue
Bild der See, einer Universität, einer Besatzung - Vorstellungen, die ihre
Phantasie ganz in Beschlag nahmen. Nur mit Widerstreben kehrte sie in ihre
Klause zurück, an welcher der Kronsyndikus nach einer Stunde vorfuhr. Von den
Fräulein am Staket empfangen, gab sie sich unbehindert den staunenden Blicken
aller Nachbarn preis. Der vornehme Herr, der sie so ehrte, war ja der Vater
ihres erschossenen »ersten Verlobten«.
    Am folgenden Tage sah sie, wieder in Begleitung des Greises, auch Klingsohrn
im altonaer Stadtause. In der Sehnsucht, ihre gegenwärtige Lage geändert zu
bekommen, ging sie auf alles ein, was man von ihr voraussetzte. Sie war, vom
Kronsyndikus, der indessen eine Weile am Ufer der Elbe auf- und abfuhr, mit
Klingsohrn allein gelassen, ganz so hingebend, ganz so vertrauend, wie der
Gefangene nur verlangte. Sie konnte ihn in der Voraussetzung zurücklassen, dass
er auf die Treue »seines Mädchens« wie auf Felsen würde bauen können. Vor ihrer
Kunst, sich in die Umstände zu schicken, auf eine Erinnerung an den Kammerherrn
den Blick zu umfloren, auf ein stürmisches: Sieh mir ins Auge! fest und sicher
die schwarzen Sterne Klingsohrn entgegenzuhalten, erschrak sie selbst. Klingsohr
geriet in einen Ausbruch von Wonne, wie damals in der verhängnisvollen
Abendstunde auf Schloss Neuhof. Sprang er auch wohl mitten aus einer Liebkosung
auf, trat vor sie hin, streckte die Hand aus wie um sie zu erwürgen und sagte:
Schlange! Bist doch falsch! Falsch! Ich weiss es! ... so entwand sie sich ihm
leise, wendete ihm ihren Nacken zu, versteckte den Kopf wie schmollend in die
Ecke des Sophas, und erst dann, wenn er sie dennoch in dieser Lage umfing, mit
den Armen gewaltig ihren schlanken Leib umspannte, den Kuss seiner Lippen auf
ihre Schultern drückte, zog sie diese wie furchtsam ganz in die Höhe und wandte
sich leise und allmählich erst mit dem Kopfe herum, allmählich die brennenden
Augen erhebend, dann sprang sie auf und warf ihn scherzend zurück, gerade so,
wie im Käfige die Panter zu spielen pflegen.
    Vierzehn Tage brachte Lucinde dann noch mit dem Kronsyndikus zu, um mit ihm
allem die Güter desselben zu bereisen.
    Der Abschied von den Damen Carstens war ein einziger Jubel ihrer endlich
befreiten Seele. Da sie den trauernden Greis, wie es auch dieser ihr
ausdrücklich dankte, mit ihrer Heiterkeit erfreute, so liess sie ihrem Humor ganz
den Zügel schiessen ... Sie parodirte alle Erinnerungen an Schloss Neuhof, an die
Lisabet, an alle Inspectoren, an die Arbeiter, und nur vor Stephan Lengenich
musste sie Halt machen. Der Arme sass noch immer und kämpfte gegen die
Verdachtsgründe, die ihn gravirten, vergebens. Seine wichtigste Entlastung,
jenes grüne Stück Tuch, das man gleich anfangs bei der Leiche des Deichgrafen
gefunden hatte, war, rätselhaft genug, abhanden gekommen. Auch von ihren neuern
Erfahrungen erzählte Lucinde und stellte so viel Caricaturen auf, dass sie den
Greis zu der aufrichtigen Versicherung veranlasste, nur mit schwerem Herzen träte
er sie an Klingsohrn ab, sie wäre wie geschaffen, ihm den Rest seiner Tage zu
vertändeln. Auch von seinem jetzt alleinigen Erben, dem Oberregierungsrate,
sprach er wieder mit der alten Erbitterung. Dieser war ein Anhänger des
Gouvernements in einem Grade, dass er ihn, nach einer in seiner heimatlichen
Gegend geläufigen Erinnerung an Hermann den Cherusker, immer nur den neuen
Segest nannte; Lucinde besass Kenntnisse genug, darunter einen Verräter zu
verstehen.
    Die holsteinische Reise bot Natureindrücke und Abwechselungen, wie sie sich
von diesen Flachländern kaum erwarten liessen. Sanfte Hügel und Täler wechselten
mit Seen, letztere von prachtvollen Buchenwäldern eingerahmt, fischreich und
überflattert von wildem Geflügel. Die Glocken von stattlichen Rinderheerden
läuteten auf Wiesen, die sich hinzogen wie Alpenmatten. Jede Blume, die auf den
Stoppelfeldern noch zurückgeblieben, musste mitreisen. Lucinde stieg aus und wand
Kränze, den Greis zu schmücken, der sich's gefallen liess, wenn ihn sein
Rundblick über die landwirtschaftlichen Eindrücke zu ernst stimmte. Die
Besitzungen, an denen man vorüberfuhr, waren schlossähnlich, von grossen, massiven
Wirtschaftsgebäuden umgeben, mit Gärten und Parks geschmückt. Die Bauernhäuser
standen denen ihrer Herrschaften nicht nach. Alles zeugte von Wohlhabenheit und
bestritt die Ansichten, die Lucinde vom Plattdeutschen als dem Ausdruck der
Lässigkeit und Trägheit hatte. Die Krone aller dieser Eindrücke, die noch über
den Eindruck der in sonnenglänzenden Wäldern still verborgenen Seen ging, war
das letzte Ziel der Reise, die Hafenstadt am Busen der Ostsee selbst.
    Wo kamen in diesen Flachländern plötzlich diese dunkelgrünen hohen Ufer her!
Diese bewaldeten Höhen, von deren Fuss sich die grellroten Dächer der
Fischerdörfer abhoben, wie wenn im gleichen Landschaftsgefühl Natur und Kunst
sich begegneten! Auf dunkelblauer Fläche weisse Segel, Möven im flatternden
Neckspiel, der Spiegel des Wassers so blau, so krystallen, wie eine riesige
Schale von Saphir, und darüber her der Himmel, so durchsichtig und ahnungsschwer
die nahe gerückte Ferne verratend, Ufer so vieler Inseln, Skandinaviens wie
gesehene Küste! ... Auch die Festung mit dem hochragenden Danebrog, auch die
Stadt mit ihren Promenaden und Alleen trug den Charakter, als beträte man einen
einzigen üppigen grossen Garten.
    Hier in Kiel, wo man später noch jahrelang von Lucinden sprach, wurde sie
einer Professorenfamilie übergeben. Als die Bedingungen geschlossen waren und
ihr Einzug gehalten werden konnte, rüstete sich der Kronsyndikus, von ihr
Abschied zu nehmen. Er hatte seine Bereitwilligkeit, ihren Wünschen zu genügen,
auch noch darin bewährt, dass er in dem Hause des Professors seiner
Pflegetochter, wie sie beinahe genannt wurde, eine grössere Freiheit erwirkte,
als sie in Hamburg genoss. Sie hatte ihre eigenen Zimmer. Die Nachricht, dass sie
die Braut eines Festungsgefangenen war, hatte sich bald verbreitet. Der seltsame
Umstand, dass der eigene Vater des vom Dr. Klingsohr erschossenen Herrn von
Wittekind es war, der seine Hand schützend über sie ausgestreckt hielt, wurde
romantisch genug ausgeschmückt.
    Am Abend vor der Abreise des Kronsyndikus hatte sie mit ihm noch eine
herzbeklemmende Scene ... Sie hatte, da er ganz in der Frühe reisen wollte, die
Nacht über wieder in dem Gastofe bleiben wollen, wo sie gleich anfangs mit ihm
abgestiegen war. Sie konnte ihn erst in später Abendstunde erwarten, wo er
zurückkehrte von einer Unterredung mit einigen österreichischen Offizieren, die
sich in dieser »rossprangenden«, an Gestüten reichen Gegend zum Ankauf von
Pferden befanden. Schon oft hatte sie auf Schloss Neuhof von jener kindlichen
Blondine, der Gräfin Paula von Dorste-Camphausen, einer Nichte des Kronsyndikus,
gehört, dass ihr unermesslicher Reichtum nach dem Tode ihres kränkelnden Vaters,
des Grafen Joseph (Schwagers des Freiherrn), Anlass zu einer grossen Veränderung
geben würde auf Antrieb einer in Oesterreich ansässigen zweiten Linie des alten
Grafengeschlechts der Camphausen. Der Kronsyndikus, der Oheim, vielleicht der
künftige Vormund der beiden letzten Augen, auf welche die eine Linie stand, der
schönen sanften Augen jener Kleinen, die einst Zeuge gewesen war, wie sich
Lucinde in die Pagode des Wassergeflügels auf Schloss Neuhof geflüchtet hatte,
war mit dem Vertreter der österreichischen Linie, Grafen Salem-Camphausen, hier
zusammengetroffen zu Besprechungen, in die Lucinde, wie in die vielen andern
Beziehungen, in deren Chaos der Kronsyndikus lebte, keine nähern Einblicke
erhielt. Diese Besprechungen fanden in einem Badeort bei Kiel statt, dessen Name
dem Kronsyndikus Erinnerungen wecken musste, unheimlich genug - Düsternbrook.
    Gegen neun Uhr kam der Kronsyndikus von einem Diner heim, bei welchem wider
Vermuten eine Anzahl von Offizieren der Garnison zu Ehren der fremden Gäste
zugegen gewesen war. Graf Hugo von Salem-Camphausen, ein stattlicher junger
Cavalier, begleitet von seinem Freunde, einem Baron Wenzel von Terschka, wie
Lucinde schon wusste, führte den Kronsyndikus die Stiegen des Hotels hinauf. Sie
sprang in ihr früher schon innegehabtes Neben- und Schlafzimmer, merkte aber
wohl, dass der Greis in der Gesellschaft fröhlicher Lebemenschen sein Leid
vergessen und dem Weine zugesprochen hatte in altgewohnter Art. Dennoch blieb er
still und verabschiedete sich von dem Grafen mit einem Tone, der seiner
gedrückten Situation angemessen war.
    Als die Cavaliere sich entfernt hatten und zu einigen Wagen voll Offizieren
(unter ihnen ein Prinz von einer Seitenlinie des regierenden Hauses)
zurückgekehrt waren, um, wie Lucinde später erfuhr, noch in die heute
stattgefundene Eröffnung der Teatersaison zu fahren und dort die Kritik der
neuen Truppe mit einigen Demonstrationen zu verbinden, die das aufgeführte Stück
unterbrachen und einen Conflict mit der im Parterre befindlichen Studentenschaft
herbeiführten, klopfte sie an und trat zum Kronsyndikus ein. Dieser sass bereits
am geöffneten Schreibbureau. Er hatte ein Kästchen geöffnet, aus dem er
Schmuckgegenstände hervorgenommen hatte ...
    Wie er Geräusch hörte, sprang er auf und rief:
    Wer da?
    Es währte einige Augenblicke, bis sich der heftig erschrockene Mann in die
Nähe Lucindens gefunden hatte.
    Der Diener brachte noch einige Lichter mehr, da sich der Kronsyndikus beim
Herauskommen, trotzdem, dass zwei schon brannten, über die grosse Dunkelheit
beklagt hatte.
    Lucinde erklärte den Grund ihrer Anwesenheit: Die Abreise ihres Wohltäters
in erster Morgenfrühe und ihr Bedürfnis, den Abschied noch bis dahin zu
verschieben.
    Auffallend langsam fand sich der Greis in dem, was sie sagte, zurecht und
erwiderte wie abwesend:
    Gut! Gut!
    Jetzt winkte er dem Bedienten und sagte, dass er zu Bett gehen wollte.
    Lucinden einfach zunickend, ging er ins Nebencabinet und drückte die Tür
desselben zu.
    Nach einer Weile kehrte der Diener zurück und flüsterte Lucinden zu, die mit
Spannung gewartet hatte:
    Es muss ihm was in die Quere gekommen sein ...
    Wo aber? fragte sie ebenso leise.
    Bei den Offizieren!
    Diese wussten doch, dass er trauerte, und dennoch -
    Lucinde wollte sagen, wie unrecht man getan hätte, ihn in den Zustand zu
bringen, wie sie ihn gefunden ...
    Der Diener erzählte aber, dass die Offiziere im Gegenteil in grösster Ruhe zu
Tisch gesessen hätten, dass von dem Grafen Salem-Camphausen ein Glas ergriffen
und gesagt worden wäre, sie wollten es leeren ohne anzuklingen und dabei eines
unglücklichen Vaterherzens gedenken. Feierlich hätten da alle die Gläser
ausgetrunken und sie niedergestellt wie »aufs Tempo«. Es hätte einen
schauerlichen Eindruck gemacht. Da nun aber wäre der Kronsyndikus selbst
gesprächig geworden und hätte, aus Dankbarkeit und wohl auch Rührung über die
Schonung, die Herren ermuntert, es nicht so ernst zu nehmen. Nun wäre die Rede
auf Lucinden gekommen -
    Auf mich? fragte sie erstaunt.
    Der Diener konnte auf ihr Drängen, was man von ihr gesagt hätte, nichts
erwidern; denn da er beim Aufwarten geholfen, hätte er sich gerade entfernen
müssen.
    Wie ich aber zurückkomme, fuhr er flüsternd fort, lachen sie alle, sprechen
aber französisch und der Alte zieht aus der Tasche eine von den Kostbarkeiten,
deren er Ihnen schon viele geschenkt hat ...
    Warum aber das?
    Er hat noch eine Menge für sie auf morgen zum Abschied ausgesucht! Da
drinnen im Secretär!
    Das wird er doch den Offizieren nicht gesagt haben?
    Verstanden hab' ich bloss, wie er das Armband - ein Armband war's -
herumzeigte ... da sagten sie alle: Superb! Charmant! Nämlich auf französisch!
    Aber warum nur zeigt' er's denn?
    Ich meine gar ... und ganz gewiss ... sie stritten über Ihre ... Ihre Nase,
Fräulein!
    Dummer Schnack!
    Mein Seel', wirklich! Ob die spanisch oder italienisch wäre ... oder ... Da
sagte der eine, der den Grafen aus Wien mit hierher begleitet hat ...
    Herr von Terschka ...
    Der sagte, das Bild auf dem Armband - das nämlich auch ganz Ihre Nase haben
sollte - wäre eine Italienerin, die er kenne ... aus Rom ... und genannt hat er
sie auch ... Jetzt fiel der Graf ein und sagte auf deutsch: Ja, Terschka, das
ist ja halt die leibhaftige ... Nun nannte der wieder einen Namen ... aber einen
deutschen, den ich nicht behalten konnte ... aber eine Kunstreiterin war's ...
das schönste Mädchen in Wien ... und während nun wieder die Offiziere zwar in
Lachen ausbrechen wollten, aber sich zurückhielten und doch nicht zu lebendig
werden wollten ... wegen der Trauer ... hielt sich der Alte gerade am wenigsten,
redete allerlei durcheinander, schenkte die Gläser rings um sich her voll,
schnackte vom Hundertsten ins Tausendste, und wenn er nun die Nacht nicht
ordentlich schlafen kann, so ist's seine eigene Schuld. Um vier Uhr soll ich ihn
wecken.
    Der Diener ging.
    Lucinde schüttelte den Kopf, dachte aber bald nur noch an das schöne
Armband, an den Streit der Offiziere, ging ins Nebenzimmer, sah sich beim
Entkleiden im Spiegel, forschte nach der Nationalität ihrer Nase und ging zu
Bett.
    Kaum mochte sie, müde vom Warten, eine Stunde geschlafen haben, als sie
erwachte. Der Mond schien hell ins Zimmer, sie hatte vergessen die Laden zu
schliessen ... Der Wächter rief die elfte Stunde ... einige vereinzelte Rufe und
Liederintonationen kamen von den vom Wirtshaus heimkehrenden Studenten, in
deren Leben sie sich durch Jérôme's und Klingsohr's Erzählungen schon längst zu
versetzen gewusst hatte. Der Teaterlärm hatte die Köpfe vollends erhitzt ...
    Wie es dann wieder still wurde und sie eben im Begriff war, auch wieder
einzuschlafen, hörte sie im Nebenzimmer Geräusch.
    Ein harter Gegenstand fiel nieder und rollte auf dem Fussboden hin.
    Sie erhob sich ...
    Jetzt hörte sie Schritte und laut reden ...
    Sie sprang auf ... sie hatte vergessen, die Verbindungstür zuzuriegeln ...
    Es war aber der Kronsyndikus selbst, der ohne Zweifel mit seinem Bedienten
sprach, den er durch eine Klingel wecken und vom Corridor zu sich herüberrufen
konnte.
    Als sie aber die Riegel leise zugeschoben hatte, hörte sie, dass der
Kronsyndikus allein sein musste. Er ächzte und stöhnte und sprach mit sich selbst
...
    Jetzt durfte sie annehmen, dass ihm etwas zugestossen war ...
    Rasch warf sie sich einen Rock über, hielt einen grossen roten Shawl in
Bereitschaft und trat wieder an die Tür ...
    Der Greis war allein und, wie sie hörte, in grosser Aufregung ...
    Sie unterschied Worte, die er sprach ...
    Jetzt war es ihr, als wenn er um Hülfe rief ...
    Nun hielt sie sich nicht länger, sondern drückte die Tür auf und trat, so
wie sie war, vom Shawl verhüllt, in ihrem von einem Häubchen zusammengehaltenen
Haar, im weissen Unterkleide ein.
    Wie entsetzte sie sich aber, als der Kronsyndikus mit einem Stockdegen in
der Hand aufrecht im Zimmer stand, bei ihrem Anblick auslegte und sie mit
aufgerissenen Augen anstarrend anfuhr:
    Gespenst! Zurück! Was sagst du, dass du mein Weib bist! Römische Schlange!
Ich -
    Lucinde stiess einen Schrei aus, denn mit dem gezückten Degen kam der
Fieberkranke, Halbnackte dicht auf sie zu. Den Irrtum seiner Phantasie
erkennend, liess er in demselben Augenblicke den Degen fallen. Dieser klirrte auf
ein Glas nieder, das vom Nachttisch des Nebenzimmers gefallen sein musste, seines
starken Bodens wegen aber nicht zerbrochen, sondern bis in das Wohnzimmer
gerollt war, als dessen Tür von dem Aufgeregten geöffnet wurde.
    Lucinde, sagte der Greis, sie erkennend und seiner Erscheinung in einem
Nachtkamisol und mit nackten Füssen nicht achtend, Lucinde, komm her! Steh mir
bei, ich sehe nichts als Blut - ich habe mich verwundet -
    Nein, Nein! beruhigte ihn Lucinde, die sich im Mondenschein leicht
orientiren konnte und einer Nacht gedachte, wo sie ebenso ihren Vater einmal,
als er spät aus dem »Vorspann« gekommen war, zur Ruhe bringen half, während alle
Geschwister um den Wahnsinnigscheinenden herumstanden und schrieen ... Sie
achtete seines Aufzugs nicht.
    Der Fieberkranke liess sich nicht bedeuten und sagte:
    Doch, Kind! Sieh doch nur! Da! Und nun huschen diese Kerle alle um mich
herum und stehen mir nicht bei! Hunde, was schnuppert ihr denn nur an meinen
Beinen! Jesus Marie, lasst doch die Menschen aus der Stube! Lisabet, was soll
denn der Mönch da in der Kutte? ... Fort mit dem Buschbeck! Sind Sie des
Teufels, Herr! Und schiessen ihre giftigen Pfeile auf mich ab, Mensch? Halt!
Halt! Fort, brauner Teufel! - Hier, - ha, was liegt denn da im Wege? Worüber
fall' ich denn ewig? Wieder der Dicke? Jesus! Bringt ihn mir doch fort! Was
liegt denn der Dicke mir ewig im Weg und lässt so die Menschen über sich fallen!
    Lucinde tat das Möglichste, den mit herzzerreissendem Jammer Phantasirenden
zu beruhigen ...
    Zu wild aber jagten die Bilder vergangener Tage an dem Verzagten vorüber.
Kaum hatte er Lucinden erkannt, war sie ihm doch schon wieder eine andere und
vorzugsweise jene Schreckgestalt, die er erst zu sehen geglaubt hatte. Den
roten Shawl nannte er einen Königsmantel, die Haube die Krone der Semiramis -
Mitten in seine Angstrufe mischten sich italienische Laute, die Lucinde nicht
verstand ... Auch die Kunstreiterin schien vor seiner Phantasie auf- und
abzugaukeln.
    Endlich hatte Lucinde den Klingelzug erreicht und zog diesen aufs heftigste
...
    Vor dem Ton fuhr der Greis zurück. Es musste ihm sein, als hätte ihm mit
diesem schrillen Laut jemand einen Schlag gegeben, so taumelte er und blieb eine
Weile starr. Die Besinnung kehrte wieder. Lucinde klingelte zum zweiten mal. Er
sah um sich, verglich den Ort, wo er war, sah rückwärts auf sein dunkles
Cabinet, und wie Lucinde unerschrocken zum dritten mal geklingelt hatte, winkte
er ihr zu mit vollkommenem Bewusstsein, sie sollte das nur lassen und jetzt
gehen.
    Da sie zögerte, schüttelte er den Kopf, besah seinen Aufzug und sprach
wiederholt und aufs bestimmteste:
    Geh, geh, Kind! Ich habe schwer geträumt ... Das Mahl mit den Herren ... ich
hätte nicht dabei sein sollen ... geh, geh!
    Indem hörte man schon eilende Schritte auf dem Corridor, schon das Einsetzen
des Schlüssels, den der Diener, um früh den Herrn wecken zu können, mit sich
genommen hatte.
    Als der Diener eintrat, fand er seinen Herrn schon allein und bekam in
ruhiger, wie Lucinde noch zitternd und bebenden Herzens belauschte, klar
zusammenhängender Rede die Erklärung, dass er sich unwohl gefühlt und selbst
geklingelt hätte, jetzt war' es vorüber. Der Diener machte Licht, deutete auf
die Splitter des Glases, auf den Degen. Es war gefährlich, den Kronsyndikus noch
länger so im Zimmer in blossen Füssen zu lassen; er ging zu Bett, nachdem er dem
Diener die Weisung gegeben, die Verbindungstür des Cabinets anzulehnen und
nebenan im Wohnzimmer auf dem Sopha zu schlafen.
    Jetzt erst verriegelte Lucinde.
    Sie hörte Zurüstungen, wie sich der Diener einiges Bettzeug holte und auf
dem Sopha Platz nahm. Gepressten Herzens ging sie auf ihr Lager zurück, wo sie
bei ihrer Jugend und noch von der Reise nachhaltenden Ermüdung bald wieder in
den Armen des Schlafes lag.
    Um vier Uhr weckte man sie. Schon war der Kronsyndikus nebenan hörbar.
    Als sie sich angekleidet hatte, hörte sie schon das Blasen des Postillons.
    In aller Freundlichkeit klopfte ihr Wohltäter an die Tür und steckte den
Kopf herein ...
    Lucinde fand ihn vollkommen beruhigt und zur Abreise gerüstet ...
    Des nächtlichen Vorfalls wurde keine Erwähnung getan.
    Noch übergab ihr der Abreisende Geld, wirklich auch einige Schmucksachen und
ermahnte sie, den »nun bald eintreffenden Doctor« so zu empfangen, wie sie es
ihm, versprochen hätte.
    Mit einem Kuss auf ihre Stirn, einem langen Blick auf ihre ganze Erscheinung,
als wollte er sagen: Seh' ich dich wieder? Und was wird wohl aus dir alles noch
werden? ging er ...
    Sie folgte bis in den Corridor und wollte weiter; an der Treppe aber hielt
er sie schweigend zurück ...
    Unter den Kleinodien, die kostbar, aber wiederum von alter Facon waren,
befand sich keines, auf welches die Erzählung des Bedienten gepasst hätte.
    Er wird es zurückbehalten haben ... das Bild seiner - zweiten Frau! sagte
sie sich, legte einige der Brochen und Armbänder an, nahm sie dann wieder ab und
ging noch einmal zu Bett.
    Sie schlief bis gegen neun Uhr. Dann begab sie sich in ihre neue Wohnung.
 
                                      19.
Hass und Bewunderung, Fluch und Segen setzte sich auch auf dem neuen Schauplatz
seines Lebens an die Fersen eines Mädchens, das durch stetes Verpflanzen aus
einer Lebenssituation in die andere eine seltene geistige Kraft gewinnt.
    Jetzt achtzehnjährig, entwickelte sich Lucinde nicht mehr in ihrer
Aeusserlichkeit. Im Gegenteil nahmen die sanften und runden Formen, die dem
halben Kinde schön gestanden hatten, einen scharfen Charakter an. Schultern und
Hüften gewannen eine hervorspringende Bestimmteit; ja, sie fing an zu magern,
wodurch das Feuer ihrer Augen um so brennender wurde.
    Die ganze Stadt war mit ihrem Erscheinen beschäftigt. Man definirte ihren
Reiz nicht, man nahm ihn als den einer aparten Natur hin. In den
Offizierskreisen sagte man: Sie hat Rasse! Das deutsche Pferde-Arabien,
Mecklenburg, lag nahe genug und entschuldigte einen Ausdruck, der vom Stalle
kam. Für eine Spanierin besass sie zu wenig Schwärmerei im Aufblick der Augen.
Für eine Italienerin hatte sie das Phlegma und die äussere Kälte nicht. Einer
Griechin entsprachen, wie es bei den Frauen allgemein hiess, die falschen Augen.
Ein Wort wurde eine Zeit lang entscheidend. Ein dänischer Offizier, Dichter und
Freund jenes Prinzen, hatte sie eine künftige Sibylle genannt. Ihre Feindinnen
machten sogleich eine Hexe, Indifferente, eine Zigeunerin daraus. Sie trug sich
in grellen Farben, liebte schwere Stoffe, bunten Schmuck. Bald zeigte sie sich
zu Wagen, bald zu Ross. Als Amazone durch die Alleen des Schlossgartens
hinsprengend, begleitet von den Männern, die sich um eine weibliche Erscheinung,
die sich fühlt und zu geben weiss, von selbst finden, ohne gesucht zu werden,
machte sie einen Eindruck der fesselndsten Art. Ein runder Herrenhut sass ihr
tief im Nacken. Ein langes silbergraues Tuchkleid hing fast bis zu den Hufen des
Rosses herab.
    Endlich kam Klingsohr.
    Dass er bald nach dem Wiedersehen innerhalb der Festung in Verzweiflung
geriet, lässt sich denken bei einem solchen Genuss ihrer Freiheit, wie ihn
Lucinde sich gestattete. Die Eifersucht verzehrte ihn. Obgleich auf die Festung
beschränkt, hatte er die volle Freiheit bekommen, Besuche zu empfangen. Auch
stellte sich Lucinde anfangs fast täglich bei ihm ein, wandelte mit ihm auf dem
Glacis Arm in Arm, bald aber verdross sie die Beobachtung und der auf den Mienen
der Offiziere sichtbare Spott.
    Als Klingsohr nach einigen Wochen schon die Erlaubnis bekommen hatte, einige
Stunden des Tags auf Ehrenwort in der Stadt zu verweilen, gab es, wenn er in
ihrer Wohnung vergebens auf sie wartete, bald die aufgeregtesten Scenen. Musste
er mit dem Glockenschlag Neun seine Rückwanderung antreten und sie war von
irgendeiner Zerstreuung noch nicht wieder da, wie ergrimmte er in Zorn und
Verzweiflung! Jener Prinz war es vorzugsweise, der Lucinden mit Leidenschaft
auszuzeichnen angefangen hatte. Sie liess sich seine Huldigung wie die der andern
gefallen. Aus dem angenommenen System, keinem zu gehören, trat sie um so weniger
heraus, als sie den Ruf des Hauses, in dem sie wohnte, zu schonen, die bereits
begonnene Empfindlichkeit ihrer nächsten Beschützer zu versöhnen hatte.
    Klingsohr wollte sie in Anfällen seiner Eifersucht oft einschliessen, wie
nach seinem Ausdruck jener Ritter seiner Melusine tat. Er nannte sie in
wütenden Zornausbrüchen ein Weib ohne menschliches Blut, ein Halbgeschöpf von
Feuer und von Wasser, eine Fischnatur; er hätte sie täglich in einen Kasten
schliessen mögen, dessen Schlüssel er zurückbehielt und mit sich in die Festung
nahm. Die Verzweiflung, sich nach allen Seiten hin gebunden zu fühlen, trieb
ihn, wenn sie im Teater war, wo er nicht erscheinen sollte, wieder zu der alten
akademischen Lebensweise zurück. Wieder gab es auch hier, in der Stadt und in
der Festung, Bewunderer, die seinen Orakelsprüchen lauschten. Wieder schrieb er
zwanzig Bücher zu gleicher Zeit. Wieder hatte er Systeme erfunden, die noch um
einige Jahre zu früh gekommen wären, wenn er sie jetzt schon hätte
veröffentlichen wollen. Ost musste ihn die Ronde aus der Festung noch in der
Stadt aufsuchen und fand ihn schon wieder da, wo die Staaten beim Klopfen der
zinnernen Deckel erschüttert werden. Wie hasste sie ihn, wenn sie davon erfuhr
oder er selbst noch kam, sie in den Folgen solcher Geselligkeit zu grüssen! Gab
sie ihre Fischnatur vollkommen zu, so war es, weil sie sagen konnte: Ich mache
mich anheischig, vierzehn Tage lang nur von Wasser zu leben!
    Der Winter brachte Gesellschaften, Bälle ...
    Allgemein erzählte man sich von einer Geschichte, die anfangs nur zu lachen
gab ...
    Lucinde hatte jenen Prinzen so sicher gemacht, dass sie ihm sogar die Zusage
zu einem von ihm aufs dringendste erbetenen Stelldichein gab. Der Prinz bewohnte
eine Villa, eine halbe Stunde von der Stadt entfernt. Briefe, mündliche
Botschaften, Vermittelungen von Beauftragten sollten an einem bestimmten Abend
an dem Tor, das nach Bellevue, von dort nach der Villa des Prinzen führte,
einen Wagen harren lassen, welchem eine Verschleierte zur bestimmten Stunde sich
nähern würde. Der Wagen würde dann dem in der Villa harrenden Prinzen die so
dringend und heiss ersehnte Eroberung zuführen ... Schon seit einigen Wochen
hatte dieser Kampf gegenseitiger Bitten und Ablehnungen gedauert. Lucinde, die
keine Uebereilung der Sinne kannte, legte eine Intrigue an, die ihrer Lust an
Spuk und Schadenfreude entsprach. Eine grosse Vorliebe, die sie für das nicht
ganz schlechte Teater der Stadt gefasst, hatte sie mit einigen Mitgliedern
desselben bekannt gemacht. Unter dem weiblichen Personal befand sich eine
Sängerin für jugendliche Partieen, eine Erscheinung vom allerkleinsten Wuchse,
aber um so grösserer Gefallsucht. Sie hiess Henriette und wurde von den Studenten
spottweise in Beziehung auf die berühmte Henriette Sontag Henriette Montag
genannt. Dieser teilte sie unter veränderter Adresse schon lange jene Briefe
des Prinzen mit, die an sie selbst gerichtet waren. Am Schluss schrieb sie
regelmässig mit nachgeahmter Handschrift einen Ort, an welchem der Prinz seine
Antworten zu erhalten wünschte. Wie vorauszusehen war, kamen die
geschmeicheltsten von der Welt. Diese stellte sie wieder dem Prinzen als die
ihrigen zu. So gingen diese Briefe hin und her. Immer näher durfte der Prinz
sich seinem Ziele gekommen glauben, und so war der Briefwechsel zwischen ihm und
Lucinden eines Tages so weit, dass jenes Rendezvous vorzuschlagen gewagt wurde.
Auch dieser Brief ging an die Sängerin ... Um die siebente Abendstunde stieg
eines Tages an dem genannten Tore eine verschleierte Dame in den bewussten dort
harrenden Wagen und fuhr ohne Zweifel einem demütigenden Schicksal entgegen zur
Villa.
    »Demütigend« hatte Lucinde gedacht ...
    Was erlebte sie aber?
    Der gespielte Streich kam zwar zur allgemeinen und belustigenden Kunde; der
Prinz jedoch, dem Spott sich entziehend, verschwand auf einige Zeit, nahm auch
zuletzt seinen Abschied, liess aber auch die kleine Henriette Montag von der
Bühne zurücktreten, kaufte ihr in entlegener Gegend des Landes eine Besitzung,
verschafte ihr einen adeligen Namen und heiratete sie zuletzt in der
legitimsten Form.
    Der Eindruck, den Lucinden diese unerwartete und schnell aufeinander
folgende Wendung machte, war ausserordentlich genug. Er steigerte sich bis zum
offenbaren Verdruss. Der Neid, der sie erfüllte, legte sich mit der Zeit. Sie
verweilte weit länger bei der Ueberlegung, worin das Fesselnde hier hatte liegen
können, in welchem weiblichen Reize, in welcher Kunst des Gefallens, in welcher
Macht, die Frauen auf Männer, allerdings hier von nur wenig Geist, auszuüben im
Stande sind? Dann aber wurde denn doch das allgemeine Aufsehen, das dieser
Vorfall nach sich zog, und das ungünstige Licht, in dem sie dabei schon durch
die gespielte Intrigue selbst erschien, Veranlassung zu Mismut jeder Art. Sie
erhielt den längern Aufentalt in der achtbaren Familie, die sie aufgenommen
hatte, gekündigt. Sie konnte froh sein, dass wenigstens Klingsohr über den Scherz
mit dem Prinzen lachte. Ihm tat der Vorfall als Beweis ihrer »Treue« wohl.
    Klingsohr's Haft, die in der Tat auf Gnadenwege bis zu einem Jahre gekürzt
wurde, nahete sich ihrem Ende - aber auch in Lucindens Leben trat eine
entscheidende Krisis ein.
    Gefahrvoll ist es einer geradezu auf die Wollin zugehenden Lebensbahn, wenn
sie in den Motiven ihrer Handlungen einmal wechselt. Wer immer mit dem Verstande
vorauswühlt, wohin er mit Hand und Fuss zur Tat nachschreiten soll, der
verschüttet sich den Weg, wenn er plötzlich den Einfall bekommt, nicht dem
Verstande, sondern dem Herzen folgen zu wollen. Eins darf man nur festalten,
entweder den Ruhm oder die Ueberzeugung. Alles zugleich erstreben, verdirbt eins
das andere. Wer den Ruhm will, soll - die Weltphilosophie lehrt es - das
Gewissen nicht hören; wer das Glück will, muss auf die Ueberzeugung verzichten.
So ist das Dasein. Die Menschen, die wie auf den Rennbahnen des Altertums mit
vier Rossen zu gleicher Zeit dahinsprengen können, von denen eins die
Begeisterung, das andere die Mässigung, das dritte die Tapferkeit, das vierte die
Tugend ist, und die, so verschiedenartig auch die Rosse anziehen, doch zu einem
grossen Ziele kommen, gibt es nicht, ausser sie wurden auf Tronen geboren.
Geborene Herrscher können alle Kränze des edelsten Strebens zu gleicher Zeit
gewinnen. Wie beklagenswert, wenn sie den grossen Vorsprung, den ihnen die
Ordnung der Dinge für das Grosse, Gute und Ideale zu gleicher Zeit gelassen,
nicht zu benutzen wissen und sie entweder nur beim Beschränkten stehen bleiben
oder beim Gewalttätigen! ... Die Vorteile aber einer Lebensstellung, die
Lucinden schon bis zur Gattin eines Prinzen erheben konnte, verlor sie, als sie
einmal statt aus dem Verstande - aus dem Herzen handelte.
    In jener Schauspielertruppe, der die zur Gemahlin eines Prinzen erhobene
»Zwergin« angehörte, zeichnete sich eine nicht mehr junge Schauspielerin aus,
die sich Madame Serlo nannte, obgleich sie, wie man sagte, mit dem Helden und
Liebhaber der Truppe dieses Namens nicht verheiratet war.
    Madame Serlo war gross, von majestätischer, fast zu imposanter Haltung; denn
nicht jede Rolle stand ihr und für die majestätischen fehlte ihr doch wieder die
Grösse der Empfindung, der Phantasie, des Schwunges. So blieben ihr nur die
kalten Salondamen, in denen sie teilweise wirklich bewundert wurde ... Und in
der Tat hatte das ehemalige Fräulein Leonhardi oder Madame Serlo eine Art, im
Lustspiel mit einfachen Mitteln Wirkungen hervorzubringen, die ihr das Ansehen
einer Künstlerin gaben. Mit zwei oder drei Rollen des Conversationsstücks
blendete sie alles und manches grosse Hofteater war schon in die Falle gegangen
und hatte diese unübertreffliche Frau von Waldhüll im »Letzten Mittel«, diese
Baronin von Wiburg in »Stille Wasser sind tief« engagirt, bis sich nach der
vierten oder fünften Rolle die gänzliche Unbrauchbarkeit einer Semiramis ohne
Leidenschaft herausstellte. Zu ihrer Figur passte schon ein zu kleiner Kopf
nicht. Die etwas stumpfe Nase, das gespaltene Kinn, die blauen Augen, alles war
ausdruckslos. Bei alledem machte das Ensemble ihrer Erscheinung sich noch immer
im Salonstück interessant und war für jeden eine Weile in dieser Sphäre
einnehmend. Man rühmte überall ihre Formen, man verglich sie mit den Gestalten,
die Tizian als Venus malte. Ihr Haar war blond, ihre Haut hatte eine
Incarnation, auf die der Ausdruck Mischung von Milch und Blut im vollkommenen
Sinne passte.
    Gezwungen, niederzusteigen in die Sphäre, wo man sich kalt und
empfindungslos dargestellt auch eine Jungfrau von Orleans, eine Julia, eine
Luise Millerin gefallen lassen muss, wenn nur die Gestalt genügt und Costüme
sowol wie eine gewisse Tournure die andern Mängel vergessen lassen, hatte Madame
Serlo einen jungen Mann mit sich in ihre Sphäre hinuntergezogen, der einen
kurzen Augenblick zu glänzenden Hoffnungen berechtigt schien.
    Serlo war aus einer der ehemaligen geistlichen Residenzstädte Deutschlands
gebürtig und zum Priester bestimmt gewesen. Aus dem Seminar war er kurz vor der
letzten Vorbereitung zum Empfang der Weihen entflohen und hatte teils aus
Abneigung gegen den Stand überhaupt, für welchen ihn seine armen Aeltern
bestimmt hatten, teils aus Unvermögen, irgendwie einen andern Beruf zu wählen,
der ihn erhielt, teils endlich aus wirklicher Neigung die Laufbahn der Bühne
eingeschlagen.
    Serlo's Wege waren anfangs die allerdornenvollsten. Nur um ein Mittagbrot zu
gewinnen, schloss er sich reisenden Gesellschaften an, die in Scheunen
Vorstellungen gaben; selbst bei Gauklern und Taschenspielern leistete er auf
Tage und Wochen Beihülfe, nur um nicht zu verhungern. Von Hause mit dem
väterlichen Fluch und mit Steckbriefen verfolgt, musste er schon deshalb bald in
dieses, bald in jenes Verhältnis treten, nur um den Verfolgern seine Fährte
abzuschneiden. Mit der Zeit milderte sich dann der Hass der Seinigen, die
Vexation der Behörden. Er fand einige Gesellschaften, die in etwas anständigern
Formen auf Rechnung der »dramatischen Kunst« das Leben ihrer Mitglieder
fristeten.
    Serlo's schöne Mittel gewannen ihm allmählich ein Vertrauen, das er freilich
durch sein Talent noch nicht rechtfertigte. Er war schlank gebaut, hatte dunkle,
feurige Augen, schwarzes Haar, eine frische Farbe, die sich nur leider bald,
auch infolge der Entbehrungen und Anstrengungen, als trügerisch erwies und der
lachende Widerschein einer kranken Brust war. Schon in diesen ersten Anfängen
seiner Laufbahn geschah es ihm zweimal, dass er auf der hessischen Bergstrasse,
ein andermal in der Gegend zwischen dem badischen Freiburg und Basel - wo
wandern nicht diese armen Heloten der dramatischen Muse! - von einem Blutsturz
befallen wurde und hülflos und verlassen in kleinen Städtchen liegen bleiben
musste. Die vornehmste Bühne, auf der er, leidlich genesen, im Fache der
Liebhaber zum ersten mal wieder auftreten konnte, war St.-Gallen gewesen.
    Serlo spielte in St.-Gallen den Mortimer. Er erlebte dabei, dass selbst eine
so kleine Stadt wie diese schweizerische ihn auslachte. In Lindau am Bodensee
ging es ihm nicht besser. In den kleinsten Städten werden jetzt schon
Recensionen und nach auswärts Correspondenzen geschrieben. Um diese seine beiden
Niederlagen zu decken, wählte er statt seines eigentlichen Namens Firmian
Neumeister den Namen Serlo und gerade Serlo mit Bewusstsein aus Göte's Wilhelm
Meister. Gebildet durch Schulunterricht und die Vorbereitungen zum
Priesterstande, hatte er vorzugsweise die beiden male, wo nach seinen
Blutstürzen Schonung ihm anempfohlen wurde und die Pflege guter Menschen ihm
eine Zeit lang Musse gewährte, sein Wissen zu erweitern und zu vervollkommnen
gesucht. Er ragte durch seine geistige Bedeutung unter seinen Standesgenossen
bei weitem hervor und konnte sich endlich mit dem Namen Serlo in Passau,
Regensburg, ja selbst mit der Zeit in Nürnberg behaupten.
    Hatte Serlo einen Erfolg errungen, so warf ihn leider immer wieder sein
körperliches Befinden zurück, nahm ihm feste Stellungen, zwang ihn, monatelang
zu pausiren und in den Bädern wieder Erholung und Stärkung zu suchen. Seine
Gemütsstimmung erfüllte sich dabei mit grosser Bitterkeit. Er konnte dieser
Bitterkeit einen geistigen Ausdruck geben. Er sah überall die Erfolge der
Talentlosigkeit, der Intrigue, des schlechten Geschmacks. Er, mit ungleich
grössern Ansprüchen auf die Gunst der Musen, musste zurückstehen. Schon war ihm
geschehen, dass er an irgendeinem glücklichen Abend irgendeinem durchreisenden
Kunstkenner in kleinen Städten aufgefallen war und einen Ruf nach einem grossen
Hofteater bekommen hatte; kaum dort angelangt, überfiel ihn eine Heiserkeit,
die ihm entweder das Auftreten ganz untersagte oder ihn, wenn er spielen konnte,
ausser Benutzung seiner Mittel setzte. Und doch hatte sich darauf etwa fünf Jahre
lang seine Lage ziemlich günstig gestaltet. Er bekleidete erste Fächer an grossen
Stadtteatern und hatte Erfolge, Erfolge sowol auf der Bühne wie in der
Gesellschaft. Es umgab ihn ein eigener Reiz des Geheimnisvollen, den seine
liebenswürdige und angenehme Persönlichkeit unterstützte. Serlo gehörte
keineswegs zu denen, die sich der bösen Welt gegenüber unbewaffnet betreffen
liessen. Das Unglück hatte ihn längst mehr scharf als schartig gemacht und im
Glück gab er seine Weise keineswegs auf und verwundete wohl auch zuerst, da ihm
Urteil und Ueberzeugungseifer nicht fehlten. Die Macht, die er überall durch
Intrigue erstrebt und wirklich auch durch sie erobert sah, reizte ihn sogar,
auch seinerseits nicht die Hände in den Schoos zu legen oder unter Gaunern, wie
er zu sagen pflegte, der einzige ehrliche Mann zu bleiben. Serlo schien sogar
vielen gefährlich; er rührte sich nach Kräften, zerriss hier eine Fessel, um dort
eine andere zu vorteilhafterm Dienst sich anzulegen, stiess fort, was ihm im
Wege stand, und unterdrückte mit Gewalt Gemüt und Reue, zwei Begriffe, die für
diese »elende und erbärmliche Welt« nicht passten und »die Krähen da einliessen,
wo die Adler wohnen sollten«, wie er oft mit Shakspeare sprach. Geist, Bildung,
Intrigue, Talent und ein bei alledem nicht zu verwindender gemütlicher Zug
gaben in Serlo eine Erscheinung, die zum Höchsten berufen schien, wenn nur die
Natur und das Glück gewollt hätten.
    Die Natur hatte Firmian Neumeister, genannt Serlo, zu einem frühen Tode
bestimmt. Er war glücklich zu einem der ersten Hofteater emporgeklommen, hatte
sich drei Jahre behauptet, begehrte einen Contract, der ihn nach fernern fünf
Jahren hätte pensionsfähig machen müssen; man wollte ihm nur einen kürzern
geben, der diese Pensionsfähigkeit ausschloss. Bei dem Streite, der darüber
entstand, vergass sich Serlo in den Formen, in denen sein Chef sich behandelt zu
sehen berechtigt war. Serlo erhielt seine augenblickliche Entlassung. Damals
traf er in gleicher Stimmung jenes Fräulein Leonhardi. Man hatte an demselben
Hofteater geglaubt, nach einer von ihr gespielten Donna Diana in ihr eine der
ersten Künstlerinnen zu gewinnen, und fand bald, dass sie eine Rolle wie die
andere gab, die Lady Macbet von demselben zuckersüssen Lächeln begleitet, wie
sie Bauernfeld'sche junge Witwen spielte. So verliessen beide zu gleicher Zeit
dieselbe Stadt mit denselben Empfindungen, den Empfindungen der Bitterkeit, und
auch mit demselben Übermut, der die Verzweiflung wegzulügen sucht. Serlo
sprach später oft von dieser Verbindung mit Lionel's Worten: »Glück zu dem
Frieden, den die Furie stiftet!«
    Nach einem halben Jahre, wo beide zusammen Gastrollen gaben, musste Serlo
schon für seine Begleiterin sorgen, als wäre sie seine Gattin. War sie dies oder
war sie es nicht, sie konnte kein Engagement annehmen. Serlo musste sie und ein
erwartetes Kind ernähren.
    
    So nahm er die erste beste Stellung, die nur etwas Brot gab. Er nahm sie in
einer Form, die sich später nur zu oft wiederholte ... Es ging zum Herbst. Die
Entbehrungen, die von einem Gastspielreisen ohne Ruf und Resultat unzertrennlich
sind, hatten ihn aufs Krankenlager geworfen. In einer Mittelstadt
Norddeutschlands, wo Fräulein Leonhardi noch Verehrer von sonst besass, traf sie,
ihren Zustand möglichst verbergend, bei einem derselben mit einem durchreisenden
Director einer Bühne zusammen, der einen Liebhaber zu engagiren wünschte. In
einem Augenblick, wo der Director nach irgendeinem Gegenstand auf der Strasse zu
sehen ans Fenster trat, besass sie die Geistesgegenwart, dem alten Freunde rasch
zuzuflüstern: Schicken Sie in unser Hotel! Serlo soll sich ankleiden! ... Wie?
fragte der Director und wandte sich. Sie sprachen ja eben von Serlo? Ist Serlo
hier? ... Im Goldenen Adler! hiess es ... Schade, dass er kränkelt! antwortete der
Director ... Kränkelt? erwiderte die Leonhardi. Serlo ist so gesund wie ein
Fisch! ... Ich möchte ihn wohl sprechen; ich könnte ihn brauchen ... liess
überlegend der Director fallen. Der alte Verehrer des Fräuleins, ein
wohlhabender Teaterliebhaber, der sich darin gefiel, im Orte die seltensten
Weine zu haben, hielt ihn zurück: Nein, nein, nein! Sie bleiben! Ein Glas
Tokayer! Der Director schützte Eile vor, blieb jedoch, um wenigstens auf
baldiges Wiedersehen anzustossen. Damit fand der Kunstfreund einen Moment,
hinauszuspringen und seinem Bedienten zu sagen: Lauf in den Goldenen Adler! Herr
Serlo soll sich ins Zeug werfen, ein Director kommt ihn zu engagiren! Nachdem
bietet er der Künstlerin und dem Director ein improvisirtes Frühstück. Dem
Director, der fürchtete, mit Fräulein Leonhardi, die er schon einmal sechs
Wochen im Engagement gehabt, auf neue Erörterungen zu stossen, ergab sich bald,
wie Serlo zu Fräulein Leonhardi stand. »Madame Serlo? Ei der Tausend!« - »Ja
Madame Serlo! Doch nimmt mein Mann auch Engagement allein an.« Eine halbe Stunde
verfliesst. Zuletzt begleitet der Director Madame Serlo in den Goldenen Adler.
Dort, wo noch eben im abgetragenen Schlafrock, mit einem grossen wollenen Tuch um
den leidenden Hals, ein armer Kranker, leichenblass, auf dem Bett gelegen hatte;
dort, wo alles ringsum in der grössten Unordnung gewesen war, wo Arzneigläser am
kühlenden Fenster standen, Wäsche am Ofen hing, um erwärmt zu werden; dort, wo
ein hinfälliger Kranker, einem Greise ähnlich, das dunstige Zimmer mit Seufzern
und Verwünschungen über sein Geschick erfüllt hatte, hatte nach der Meldung des
Dieners im Nu eine Verwandlung stattgefunden. Die Gläser waren entfernt, das
Bett durch einen Schirm verdeckt worden, die Wäsche hinweggenommen, die grösste
Ordnung herrschte. Der Kranke, der Lebensüberdrüssige, Hinfällige, Hustende
stand in dem einzigen Frack, den er besass, mit eng anschliessenden Beinkleidern,
gefirnissten Stiefeln, weisser Weste, über welche eine Lorgnette niederhing,
buntem, lose umgeschlungenen Halstuche, eben den Hut aufsetzend, eben helle
Handschuhe anziehend, eben noch die Cigarre im Munde, um sie rasch gleichsam
auszurauchen, ein Liedchen trällernd und die Tür öffnend. Wohl hatte er das
Gefühl, als wenn ihm die Füsse versagten, die Hände flogen noch vor Fieberfrost,
die Lippen zuckten, der ganze Körper zitterte ... dann aber hört er kommen,
jetzt eine Arie geträllert, laut eine Tirade gesprochen und nun: Was zum Henker,
Sie Herr Director? Was führt Sie in dies verdammte Nest, wo ich einen alten
Freund besuchen musste? Bravaden folgten auf seine Kraft, Bravaden über den
langweiligen Aufentalt, die baldige Abreise ... man plaudert, man scherzt, man
bietet Cigarren ... Der Director engagirt den unverwüstlichen, interessanten
Serlo für die Wintersaison. Die Contracte waren, wie gewöhnlich, gleich zur Hand
in der Rocktasche; noch einige Debatten über die Gage, dann Unterschrift ...
Beim Scheiden sagte der Director scherzend, mit einem feinen Blick auf Madame
Serlo: Serlo! Serlo! Die grauen Härchen an den Schläfen! Schonung! Schonung! ...
Diese grauen Härchen hatte der Leidende in der Eile zu färben vergessen. Madame
Serlo versprach zu sorgen, dass die Härchen nicht um sich griffen. Das Uebrige
ist Ihre Sache! sagte sie mit der Süssigkeit jenes Conversationstons, mit dem sie
ihre Eroberungen machte. Als der Director fort ist, sinkt Serlo, der eine Stunde
lang mit der äussersten Anstrengung die Rolle eines Gesunden und Frohgemuten
durchgeführt, ohnmächtig zusammen. Die Gefährtin seines Lebens sprach den ganzen
Tag nur - von dem Glück, solche Freunde zu besitzen wie sie in jenem
Kunstfreund! Es war, sagte Serlo, als er diese Scene eines Abends, als seine
Gattin spielte, Lucinden erzählte, nicht das erste mal, dass ich gut gespielt
hatte und - ohne Beifall blieb.
    In eine Verbindung mit diesen Schauspielern trat Lucinde durch Zufall.
    Voller Unmut über die ihr gewordene Kündigung hatte sie eine Wohnung
gesucht. Sie erhielt das Anerbieten derjenigen, die Serlo verlassen wollte; die
Saison war zu Ende, mit ihr das Engagement.
    Es machte ihr damals einen wunderlichen Eindruck, die Menschen, die sie in
dem von ihr immer heiss geliebten Teater nur im bunten Flitter, geschminkt und
in wallenden Locken gesehen hatte, hier unter lärmenden Kindern, trotz artiger
Formen verdriesslich und aller Hülfsmittel zu täuschen entkleidet,
wiederzufinden.
    Die stadtkundige Geschichte des Prinzen und der Soubrette hatte eine
Anknüpfung nähern Gesprächs gegeben. Serlo sagte, dass sich daraus ein Lustspiel
machen liesse und Madame Serlo verteilte schon die Rollen. Lucinde hörte. Der
Einblick in diese neue und, wie sie sogleich sah, leidenschaftlich bewegte Welt
reizte sie. Sie mietete zwar die Wohnung nicht, kam aber wieder und machte
sich, wie dies in ihrer Art war, mit den Kindern zu schaffen. Diese waren hübsch
und von viel aufgeregterer Natur, als Kinder in solchem Alter zu sein Pflegen.
Sie waren selbst schon Schauspieler.
    Auch Klingsohr hatte anfangs Gefallen an dieser Bekanntschaft, die ihm
Lucinde mitteilte und in die sie ihn einführte. Ihm hatte diese Sphäre ganz
bewusst und in poetischer Wahrheit den Reiz, der im Wilhelm Meister nur zu
künstlich um sie gebreitet ist. Lucinde fühlte sich tastend, doch desto
verhängnissvoller hinein. Bedrängt und verurteilt von der öffentlichen Meinung,
hatte sie bei Madame Serlo ein Asyl gefunden, wo sie sich aussprechen und in
ihrer Art ganz gehen lassen konnte. Ihr Scharfsinn entdeckte bald den geheimen
Schaden dieser unglücklichen Künstlerverbindung. Serlo litt unter der Kälte und
Herzlosigkeit seiner Lebensgefährtin bis zur Verzweiflung. Das ganze Leben
dieser Frau war nur ein einziger Vorwurf gegen den Vater ihrer Kinder. Sie
behauptete, um ihn die glänzendste Laufbahn verfehlt zu haben, während Serlo
doch nur ein Opfer seiner Begegnung mit ihr geworden war. Lucinde wurde, wie das
geschieht, die Vertraute, die Ratgeberin beider, die Vermittlerin zweier
Gegensätze, die mit höchst ungleichen Waffen kämpften. Dort die kalte frischeste
Gesundheit, hier ein Siechtum, das Schonung und Liebe bedurfte.
    Lucindens Empfindungen über Klingsohr wurden von der listigen Madame Serlo
bald erraten. Sie verurteilte den Doctor, wie sie ihrerseits alle Männer
verurteilte, ausgenommen die, die ihr huldigten. Lucinde fand für alles das,
was sie an Klingsohrn nicht mochte, den weltgewandtesten Ausdruck. Kaum stand es
fest, dass sie Klingsohrn nicht mehr liebte, so hatte Madame Serlo auch schon den
Plan fertig, das rätselhafte, schöne und aus unbekannten Hülfsquellen reich mit
Mitteln ausgestattete Mädchen an sich zu ziehen. Sie schmeichelte ihr zunächst
mit dem unverkennbaren Urteil, das sie über die Bühne hätte, dann sogar mit
einem Berufe für sie. Sie löste Lucinden immer mehr von den Beziehungen ab, die
sie noch hier und da in der Gesellschaft hatte. Als der Augenblick der Auflösung
des Teaters heranrückte und von einem kleinen Seebade gesprochen wurde, in dem
die Trümmer der Gesellschaft im Sommer Vorstellungen geben wollten, bedurfte es
bei Lucinden keiner langen Ueberredung. Sie entschloss sich eine Stadt zu
verlassen, die ihr durch Klingsohrn sowol wie durch die stete Erörterung ihrer
Intrigue mit dem Prinzen unerträglich geworden war.
    Ueber Klingsohrn hatte ihr Madame Serlo, die das Leben kannte, ein Bild
entworfen, dessen Wahrheit sich nicht widerlegen liess. In voller Gewissheit ging
ihr auf, dass die Ueberschwenglichkeit dieses zu so Edelm berufenen und
bedeutsamen Mannes eine Folge der Aufregung war, die ihren Ursprung in der
Gewohnheit unmässigen Trinkens hatte. Die Trunksucht war bei Klingsohrn
entstanden wie im Traume, wie bewusstlos, wie die natürliche Begleiterin genialer
Ueberspannung. Wie sie auch gekommen, sie war da, und Madame Serlo schonte die
Farben nicht, diesen Zustand auszumalen. Sie kannte die Nachtseiten des Lebens
und sparte keinen Zug an dem Bilde der Zukunft, das sie für Klingsohrn
aufrollte. Sie behauptete, schon gehört zu haben, dass er Opium nähme; sie
schilderte die Folgen dieser Neigung in einer Weise, die die zum ersten male von
solchen Dingen Hörende nicht an der Wahrheit des Gerüchts zweifeln liessen. Sie
hatte ja Klingsohrn oft genug schon gesehen, wie er, wenn er mit ihr ging, sie
starr betrachtete und sie ihn unmutig anrufen musste, um ihn nur zur Besinnung
zu bringen. Die Abneigung, die sie immer tiefer gegen ihn empfand, bekam jetzt
Grund und Ausdruck. Da sie wusste, wie er nach ihr verlangen, sie verfolgen
würde, so hüllte sie die Entfernung von Kiel, die sie in der Tat drei Monate
vor Ende der Gefangenschaft Klingsohr's ausführte, gerade so weit in Dunkel, als
ihr mit Beistand jener verschmitzten Frau nur irgend möglich wurde.
    Mit ihren noch ausreichenden Mitteln, mit dem reichen Schatze ihrer Kleider
und Schmucksachen war sie Madame Serlo willkommen wie ein Engel des Lichts. Die
andern Schauspieler reisten ab, geradeswegs nach jenem Bade. Nach einigem Hin-
und Herreisen, um ihre Spur zu verbergen, erschien auch Lucinde in jenem noch
menschenleeren Strandorte. Sie war nun in diesen neuen Kreis, eben aus Furcht
vor Klingsohrn, wie gebannt. Von ihrer eigenen Vergangenheit deckte sie nicht
viel auf, wie überhaupt Verschwiegenheit zu ihren Tugenden gehörte. Dass sie aber
schon ein bewegtes Leben geführt, wurde sogleich erkannt, wie auch der Name des
Kronsyndikus haften blieb als desjenigen, vor dem sich Lucinde zu rechtfertigen
hätte und auf dessen Gunst und Unterstützung hier alles ankam. Die sich
mehrenden Spuren der Nachforschungen, die um sie angestellt wurden, veranlassten
das engste Zusammenwohnen Lucindens mit der Serlo'schen Familie. Sie gab dabei
uneigennützig, was sie besass. Madame Serlo war eine Meisterin in der Kunst des
Schmeichelns. Sie hatte jetzt das sehnsüchtigste Ziel wieder eines Engagements
an solchen Plätzen, wo sie den reichen Schmuck und die kostbaren Kleiderstoffe,
die ihr Lucinde gern zu Gebote stellte, verwerten konnte.
    Die eigentliche Fessel aber, die diese Eroberung festielt, war in der Tat
der von Lucinden gepflegte und gegen die Kälte der Frau geschützte Mann. Serlo
hatte etwas Vergeistigtes. Er besass ganz jene verklärte Schönheit, die bei
Brustleidenden bis an das Ende ihrer Tage sich noch zu steigern pflegt. Sein
Auge blickte voll sanfter Glut, wenn er am wenigsten beobachtet wurde. Die
Formen seines Antlitzes waren so edel, dass sie den Meissel des Bildhauers
herausfordern konnten. Das Haar hing in den Nacken mit seinem grauen Schimmer,
wenn es nicht gefärbt wurde der »Komödie« wegen. Alles, was Serlo sprach, war
der Brust wie mit Anstrengung abgerungen, darum aber auch gewichtvoll und fest
und nie unnütz. Einen Überfluss an Worten, wie ihn seine Gattin sich
wohlbekommen liess, kannte er nicht. Die Bitterkeit seiner Äusserungen zog
Lucinden tief an; sie war in ähnlicher Stimmung. Dazu die Furcht, sich von
Klingsohrn entdeckt zu sehen oder dem Kronsyndikus sich verantworten zu müssen.
Da Madame Serlo sie darum drängte, hatte sie an letztern geschrieben und um neue
Geldmittel gebeten. Dieser Brief war aber entweder nicht an seine Adresse
gekommen oder wurde absichtlich unbeantwortet gelassen.
    In der unendlich elegischen Stimmung, die Serlo täglich beherrschte,
ironisirte er sich und sogar die Anhänglichkeit der Familie an Lucinden. Wenn
sie ihm dankte für alles, was er in stillen Stunden von seiner Jugend ihr
erzählen musste, von Menschen, Gegenden, die er gesehen, sagte er bitter
lächelnd: Kind, wir ziehen uns gegenseitig aus! Darüber hatte sie die ganz klare
Vorstellung, dass Madame Serlo die Klugheit alternder Teaterdamen befolgte, sich
an ein frisches, aufblühendes Talent anzuklammern, stets es zu bewundern und
solange als nur irgendmöglich die Erträgnisse desselben für sich zu behalten.
Aber es irrte sie darum nicht. Sie durchschaute alles, nur zu wenig die
Schmeichelei über ihr Talent. Sie wollte wirklich noch die Bühne betreten.
Madame Serlo begann eine Art Unterricht; sie glaubte vielleicht aufrichtig, der
Geistesschärfe ihres Zöglings, dem Wagemut, dem noch zuweilen aufsprudelnden
Humor desselben entspräche das gleiche Vermögen auch auf der Bühne. Selbst Serlo
glaubte dies und ergänzte in geistvoller Rede die Anleitungen, die seine
routinirte Gattin gab.
    Von Klingsohrn unbehelligt, ging dies plötzlich veränderte Leben einige
Monate hin. Von ihrer Höhe war Lucinde völlig herabgestiegen. Wo war die Amazone
hin, die auf den Rossen des Universitätsstallmeisters geprangt hatte! Serlo
fühlte dies und sagte zu ihr:
    Bestes Fräulein, wie beklage ich Sie! Wie hat das alles möglich werden
können! Du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas!
    Napoleon sagte das! erwiderte sie, stolz den gesenkten Kopf erhebend.
    Das ist wahr, entgegnete Serlo erglühend. Die grossen Geister wandeln
regellos!
    Bitter lächelnd setzte er hinzu:
    Nur die Hofräte fallen nie aus der Rolle! Die sind ewig erhaben!
    Die Familie reiste mit ihrer Eroberung hierhin und dortin. Die Seebadsaison
war des schlechten Wetters wegen nicht eingeschlagen. Der Kronsyndikus
antwortete nicht. Madame Serlo schrieb zuletzt selbst. Sie tat sich auf ihr
Talent, mit den Grossen zu verkehren, etwas zugute. Es erfolgte aber auch für sie
keine Antwort. Man wollte in Neuhof entweder ganz abbrechen oder strafen ...
durch Schweigen vielleicht auf Besserung hoffend.
    Eines Tages erschien aber Klingsohr. Es war in Lüneburg auf der Heide. Man
hatte gehofft, für den Winter dort eine Unterkunft zu finden.
    Von dem Versiegen ihrer Hülfsmittel, den Anstrengungen der Reise und den
Erlebnissen innerhalb der Familie Serlo war Lucinde schon so mutlos geworden,
dass sie Klingsohrn in das kleine Gastofzimmer, das sie bewohnte, mit einem
leisen und furchtsamen Aufschrei eintreten sah. In früherer Zeit wäre sie
ruhiger gewesen und hätte ihn entweder mit Verstellung oder mit einer offenen
Kündigung begrüsst.
    Klingsohr trat auf sie zu, gleichsam um sich zu überzeugen, ob sie es denn
wirklich wäre ...
    Dann fragte er, während sie langsam aus der Sophaecke sich erhob:
    Warum hast du mir das getan?
    Sie begann keine Erörterungen, sondern erwiderte kleinlaut und durch die
Schule des Lebens gedemütigt:
    Wann bist du angekommen?
    Auf einem Felde gleichgültiger Gespräche fand man sich zuletzt so leidlich
wieder zurecht. Ja auch aus der Teatersphäre und Verstellungskunst heraus war
dieser scheinbare und so schnell geschlossene Friede zu erklären. Wenn Madame
Serlo eben noch jemand im Geiste vergiftet hatte, konnte sie, wenn er zufällig
selbst erschien, ihm den Stuhl hinrücken, diesen abstäuben und das ganze Arsenal
ihrer Liebenswürdigkeiten spielen lassen ... Und das Beste, sagte Serlo oft, ist
dann die wirkliche Freundschaft für diese vergiftete Person, wenn sie zuletzt
geht! Die Judasküsse wurden echte, wenigstens auf so lange, als der
Nachgeschmack des dabei genossenen Kaffees und das gemeinschaftliche Interesse
einer bei dieser Gelegenheit geschlossenen gemütlichen Intrigue dauert!
    Für solche von dem Kranken, der dabei lang auf dem Sopha ausgestreckt lag
und das schöne bleiche Antlitz aufstützte, immer mit schneidender Bitterkeit
hingeworfene Äusserungen erntete er von seiner Lebensgefährtin Schmähungen, von
Lucinden ein vertrauliches Zunicken der Uebereinstimmung.
    Klingsohr kam ohne Geld.
    Die kluge Madame Serlo bekam bald heraus, dass er in einem Briefe, in welchen
der Kronsyndikus endlich auch einen und diesen voller Mahnungen an Lucinden
eingelegt hatte, dessen übergenug empfangen. Das Suchen nach Ihnen, liebe
Lucinde, sagte sie spitz, muss viel Ausgaben verursacht haben!
    Klingsohr hatte schon immer eine Zuneigung für die Familie gehabt und hatte
ihr Leben oft genug romantisch genannt. Man verständigte sich, vergab sich
einander, was etwa gegenseitig gefehlt war, und bald entspann sich auf einige
Tage ein Zusammenleben, in dessen Hintergrunde der Entschluss Lucindens zu stehen
schien, dass sie Klingsohrn wieder nach Schloss Neuhof begleiten wollte. Es
bekümmerte sie, dass der Kronsyndikus so kalt geantwortet hatte.
    Schloss Neuhof betret' ich mit keinem Fusse mehr! sagte Klingsohr. Doch will
ich dich bis Lüdicke begleiten!
    Madame Serlo horchte nur immer. Sie sollte ihre Eroberung aufgeben? Lucinde
besass noch Kleider und Schmuck genug, um davon ein ganzes Jahr lang sie alle
erhalten zu können ... Die Frau blinzelte ihr Standhaftigkeit zu.
    Drei Tage war Klingsohr in Lüneburg, als er auch dort sein gewohntes Leben
begann ...
    Er fand göttinger Freunde, er entzückte durch den Dämmer der Poesie, mit dem
er sich teils durch Reminiscenzen aus den beliebtesten Dichtern, teils durch
die Gabe der eigenen Improvisation zu umgeben wusste, er erntete, wenn er sprach
oder schwieg, die gewohnte Bewunderung, er streifte die Aermel seines Rockes
wieder im heiss gewordenen Gespräch empor wie einer, der auf die Mensur zu treten
bereit ist, und war der Titane, dessen Zukunft noch niemand berechnen konnte.
    Madame Serlo beobachtete scharf. Am Nachmittag des vierten Tages öffnete sie
leise das Zimmer, in dem Lucinde eben an den Kronsyndikus schreiben wollte,
winkte bedeutungsvoll und rief wispernd Lucinden auf die Nummer, die Klingsohr
bewohnte.
    Das Zimmer fanden sie unverschlossen.
    Madame Serlo hatte es aufgedrückt und zeigte auf Klingsohrn, der über sein
Bett auf den Rücken ausgestreckt lag, eine kleine Cigarrenpfeife in der Hand
hielt und zu schlafen schien.
    Er hat Opium geraucht! sagte Madame Serlo. Sehen Sie nur! Nun träumt er! Er
ist im siebenten Paradiese!
    
    Lucinde beobachtete den Unglücklichen, der mit offenen Augen lag, aber
völlig abwesend war. Er hatte den rechten Arm unter den Kopf gelegt, der linke
hing schlaff vom Bette nieder mit der kleinen Pfeife, aus der er leicht ein
Opiat geraucht haben konnte. Auf dem Fussboden lagen die Gedichte Coleridge's,
jenes englischen Dichters, der am Opium zu Grunde gegangen ist.
    Lucinde war vollkommen berechtigt, an diese Deutung zu glauben. Diese
offenen Augen, diese blassen und krampfhaften Gesichtszüge, verbunden mit einem
zuckenden Hüpfen der Nerven, bestätigten, was sie von beiden Serlos über die
Wirkungen dieser Betäubung schon vernommen hatte. Sie wurde darüber von einem
Grade von Abneigung gegen Klingsohrn ergriffen, dass sie bat, den Ort, der
ohnehin keine Hoffnungen für die Bühne bot, sofort, aber auch augenblicklich,
ohne sein Erwachen abzuwarten, zu verlassen.
    Madame Serlo hatte erreicht, was sie wollte.
    Serlo, den man hinzurief, sprach mitleidiger und riet zur Versöhnung, zur
Heilung des Unglücklichen. Er hatte dem Klosterleben, dem Leben der Entsagung
nahe gestanden, er kannte die Verirrungen der Phantasie ...
    Lucinde nahm keine Beruhigungen an. Sie forderte die Rechnungen ein, gab
einen wertvollen Ring von den Geschenken, die ihr der Kronsyndikus noch beim
letzten Abschied in Kiel gegeben, zur Ausgleichung der Zeche und wollte schon
fort in einer Stunde.
    Von Madame Serlo wurde sie aufmerksam gemacht, dass man Klingsohrn
einschliessen sollte ... er könnte bestohlen werden. Damit zeigte sie auf ein
Portefeuille, das ihm aus der Brusttasche entglitten war und neben ihm auf dem
Bette lag.
    Es war ein Geschenk, das Lucinde ihm selbst gefertigt; eine Stickerei von
ihrer Hand zierte die beiden Deckel. Nichts vom Inhalt, nur das Portefeuille
selbst wollte sie an sich nehmen. Sie öffnete, warf einiges Geld, einige kleine
Schlüssel, Bleistifte, sogar zerknitterte Briefe, alles, was darinnen lag,
hinaus, warf es ungeprüft und ungelesen auf die Bettdecke, behielt ihr Geschenk,
das Portefeuille, schloss die Tür zu und liess, wie sie bitter wiederholte,
Klingsohrn im siebenten Paradiese. Es wird schöner sein als das Dante'sche!
setzte sie zu Serlo hinzu. Sie wussten beide, dass Klingsohr über Dante gelesen
und des Florentiners Hölle fesselnder und anziehender genannt hatte als dessen
Himmel.
    Serlo hatte seiner Gattin gegenüber aus physischer Schwäche keinen Willen.
Er sorgte nur immer, auch beim Reisen, Ankommen und Abgehen, für die Kinder. Der
Handel mit dem Wirte wurde abgeschlossen. Man hatte noch einen guten Überschuss
und accordirte einen Wagen. Er sollte sie der obern Elbe zuführen.
    Schon war man im Packen begriffen, als sich in Klingsohr's Zimmer ein
entsetzliches Pochen vernehmen liess.
    Man gab dem Kellner den Schlüssel, mit dem geöffnet werden konnte.
    Zugleich sprang Lucinde in ihr Zimmer, Madame Serlo folgte, beide
verriegelten sich.
    Auf dem Corridor hörte man Klingsohrn jetzt nach seinem Portefeuille rufen.
Da er den Inhalt gefunden hatte, konnte er von keinem Diebstahl sprechen. Er
rief Serlo; dieser wies ihn von seinem Zimmer aus an die Frauen.
    Am Schlüsselloch des Nebenzimmers lauschte Madame Serlo.
    Lucinde betrachtete ruhig ihre Stickerei auf dem Portefeuille. Es war
Winter; sie sah sich nach dem Ofen um, um das Portefeuille zu verbrennen.
    Madame Serlo hinderte sie und öffnete wenigstens noch einmal das schöne
Geschenk.
    Alles das geschah, während Klingsohr an der Tür rüttelte, pochte und im
wildesten Ungestüm sein Eigentum zurückverlangte.
    Serlo erklärte ihm das Vorgefallene und machte ihm in lateinischer Sprache
Vorwürfe über seine Verirrung, die Klingsohr nicht in Abrede stellte. Ihr habt
gut sprechen! entgegnete er. Wer das Bedürfnis des Glückes hat, sucht es, wo
er's findet! Ich wünsche Euch nicht meine Nächte oder die Träume, die mir mein
kurzer Schlaf schenkt!
    In mildern Worten bat er Lucinden jetzt um die Rückgabe des Portefeuille.
    Klingsohr! sprach diese mit fester Stimme dicht an der Tür nebenan, wo
Klingsohr im Zimmer war, wandeln Sie Ihre Bahn! Wir sind geschieden! Auf ewig!
    Lucinde! lautete sein Flehen.
    Das Portefeuille wird auf Ihrer Brust entweiht! Ich behalte es!
    Nimmermehr! rief Klingsohr und schlug gegen die Tür.
    Was ist denn nur ein so besonderer Wert daran? flüsterte Madame Serlo und
betrachtete es wiederholt näher.
    Sie las auf dem inwendigen und befestigten Pergament eine Menge kurzer
Bemerkungen, Namen, abgerissene Titel von Schriften, Citate, gelehrte Dinge, die
ihren Horizont überstiegen.
    Dennoch hielt sie diese Blätter nicht für unwichtig. Wer weiss, flüsterte
sie, welche Geheimnisse sie entalten!
    Als Klingsohr nicht endete und behauptete, er würde das Haus in Brand
stecken, wenn er das Portefeuille nicht zurückbekäme - schon wurde durch den
Lärm der Wirt herbeigezogen -, las ihm Madame Serlo höhnend einige Worte vor,
die vielleicht die Seite des Pergaments bezeichneten, an der ihm vorzugsweise
gelegen wäre.
    Weib, schweige! rief er und schien nur aus Rücksicht auf Serlo, der mit den
ängstlichen Kindern hinter ihm stand, weitere Bezeichnungen zu unterdrücken.
    Bitter höhnend klang es, als Madame Serlo buchstabirte:
    »Weltordnung - Dante's Hölle - Buschbeck - siebentes Paradies - Johannes von
Zeesen - Regina Coeli - neun Zeitalter - Schön Hedwig - Hubertus - Rom - die
Katakomben - -«
    Tod und Teufel! schrie Klingsohr und schlug jetzt mit einem Stuhl gegen die
Tür.
    Er zeigte sich in der ganzen Wildheit, in der ihn Lucinde kannte. Serlo bat,
der Wirt befahl Ruhe, Lucinde selbst riet zum Nachgeben.
    Was ist ihm nur so gelegen an dem Ding? wiederholte Madame Serlo. Sie
untersuchte, während Lucinde die herausgenommenen Blätter überflog, den übrigen
Inhalt. Da fand sie denn, dass eins der kleinen Täschchen verschlossen war. Sie
bog das Leder etwas zurück und fühlte, da man nichts sehen konnte, hinein. Hin-
und herstreifend mit dem kleinen Finger, der allein Platz hatte, entdeckte sie,
dass drinnen etwas lag, was sich rauh anfühlte ... vielleicht ein Stück Tuch ...
    Seltsam! sagte Madame Serlo zu Lucinden. Was kann ihm an einem Fetzen Tuch
gelegen sein?
    An Lucinden lief jetzt eine Erinnerung hin wie das Wort am elektrischen
Drahte. Der Gedanke, dass sich hier der Tuchstreifen vorfand, der einst an der
Leiche des Deichgrafen gefunden wurde und später durch sein plötzliches
Verschwinden den erst vor kurzem, wie sie gehört, wegen mangelnden Beweises
freigesprochenen Stephan Lengenich ins Gefängnis gebracht hatte, zuckte in ihr
auf. Die Farbe des Tuches liess sich nicht erkennen, nur der Stoff fühlen ...
    Sie stand träumerisch und auch Madame Serlo merkte die jähe Flucht der
Gedanken, die ihr eben durch den Kopf schossen.
    Klingsohr hatte inzwischen sein Benehmen geändert. So war er immer. Eben
noch ein Ungetüm, vor dem man alles entfernen musste, was sich etwa zertrümmern
liess, wurde er plötzlich weich wie ein Kind, ja sogar feig und liess sich auf
Nachgiebigkeiten betreffen, die mit seinem sonst so reizbaren Ehrgefühl im
vollsten Widerspruche standen.
    Lucinde! sprach er mit weicher Stimme und durch's Schlüsselloch. Gib mir
mein Portefeuille zurück! Es hängt daran die Ruhe meines Lebens!
    Gut, Klingsohr! sagte Lucinde, die die Gedanken an die Schreckensscenen von
Schloss Neuhof nicht festalten mochte, weil sie zu ihren quälendsten
Erinnerungen gehörten; wenn das ist, so geb' ich dir's unter der Bedingung
zurück, dass ich's behalte, bis wir in dem unten befindlichen Wagen sitzen und
abfahren! Du versprichst mir aber auf deine Ehre, mich von diesem Augenblicke an
nicht mehr zu kennen, nie und nirgends, hörst du, nie und nirgends, und mich
meine Lebensbahn ziehen zu lassen, wie und wo ich will! Leiste mir diesen
Schwur! Tust du es nicht, so ist hier noch so viel Glut im Ofen nebenan, dass
dein Portefeuille im Augenblick von den Flammen verzehrt ist!
    Um Gottes willen nein! rief Klingsohr.
    Dann schwieg er eine Weile. Er schien nicht zu bezweifeln, dass Lucinde wahr
gesprochen, und überlegte, welchen Wert für ihn die beiden Gegensätze der
gestellten Alternative hatten.
    Lucinde wiederholte mit fester Stimme, was sie eben gesprochen, während
Madame Serlo's listiges Auge vergebens in so wunderbare und unglaubliche
Geheimnisse des Täschchens zu dringen suchte ...
    Serlo antwortete jetzt statt Klingsohr's. Man hörte das leise und
schmerzlich ausgestossene Wort des letztern:
    Ich gebe - mein Ehrenwort!
    Nun verlangte Lucinde, dass sich Klingsohr bis zur Abreise, die sogleich
erfolgen würde, entfernte. In die Brieftasche liess sie die Neugier der Madame
Serlo nicht weiter einblicken.
    Die Anstalten der Abreise waren zu Ende. Klingsohr stand am Wagenschlag und
nahm sein Portefeuille mit einer Hast zurück, als hinge die Ruhe seines Lebens
daran. Dies musste sein, wenn er um einen solchen Preis Lucinden entsagen konnte.
    Er wollte noch mit der Geliebten reden, reichte ihr die Hand in den
Rücksitz, den sie so lange einnahm, bis sie die Stadt verlassen - später duldete
sie nicht, dass Serlo irgendeine Bequemlichkeit entbehrte -, aber sie lehnte
diese Hand ab.
    Klingsohr bat wiederholt um die Hand und zog die seine nicht zurück.
    Damit seine dargereichte Rechte nicht ohne Erwiderung blieb, nahm sie die
Hände des einen der Kinder und legte diese beide in die seinige.
    So wurde diese von ihr so heiss ersehnte Trennung wirklich vollzogen.
 
                                      20.
Zu dem Fluche, der mehr auf dem Teaterleben ruht als Segen, gehört die
Unmöglichkeit, sich ein Leben lang aus dem Banne desselben zu befreien, wenn in
ihm auch nur einige wenige Augenblicke genossen wurden, die glückliche waren.
    Man hat es gesehen und sieht es täglich, wie derjenige, dem ein kurzes Glück
in diesem Wirkungskreise lächelte, ewig von demselben zehrt, immer hofft, dass es
wiederkehren müsse, immer glaubt, dass es nur durch zufällige Umstände, die sich
beseitigen lassen würden, am Wiedererscheinen verhindert wäre. Ein Leben voller
Entbehrung und Enttäuschung, ja ein Leben voller Schmach und Entwürdigung kann
an diese trügerische Hoffnung verloren gehen.
    Lucinde betrat noch die Bühne nicht und blieb dem Verkehr der übrigen
Teaterwelt schon um deswillen fern, weil Madame Serlo sich bei allen
Entbehrungen für zu erhaben dünkte über die niedere collegialische Sphäre, der
sie jetzt immer mehr und mehr angehören musste. Um so enger war Lucindens
Verbindung mit den Serlos selbst. Manche Gelegenheit, manche Huldigung bot sich,
diesen Bann zu brechen. Sie konnte nichts mehr mutig ergreifen. Sie schleppte
sich mit den kummervollen Zuständen dieser Familie so hin und Serlo bedurfte
ihrer. Sie hätte nie von sich selbst geglaubt, dass sie einer solchen
Anhänglichkeit fähig war.
    Zwischen ihr und Madame Serlo musste zuletzt offene Feindschaft ausbrechen.
Der Kronsyndikus antwortete auf keinen Brief; die Kleinodien und wertvollen
Kleider waren verkauft; jetzt musste schon Lucinde das Brot der Armut teilen.
Sie nahm es in Anspruch mit dem Versprechen, alles gut zu machen, wenn sie einst
als Schauspielerin auftreten würde; einstweilen unterrichtete sie die Kinder,
sie besorgte die Wirtschaft, sie pflegte Serlo.
    Gerade aber in diesem letztern immer nötiger werdenden Amte begegneten sich
beide Frauen, die Alternde, die die Jugend log, und die Jugendliche, die mit
neunzehn Jahren schon die Stirn wie eine Matrone runzeln konnte, mit Hass und
Eifersucht.
    Lucinde hatte vom Arzt gehört, dass Serlo's hinfällige Gesundheit noch länger
gefristet werden könnte bei sorgsamer Pflege. Madame Serlo war selbst davon
überzeugt, besass aber jene schroffe Weisheit der ewig Gesunden, die in jeder
Klage eines Kranken Uebertreibung sieht. Sie selbst war kaum jemals krank
gewesen, sie erklärte das Kranksein für eine »dumme Angewöhnung«. War sie selbst
wie ein Fisch im Wasser, so sollte alles um sie her ihr Element teilen. Hatte
sie sich gebadet, mit Staubregen überrieseln lassen, kam sie trotz ihrer Vierzig
frisch und strahlend zum Frühstück, so sollte die ganze Welt nur ihrem Beispiel
folgen und es würden alle Husten, Kopfwehe, Katarrhe, besonders aber die
eingewurzelten, aus denen doch wohl Serlo's ganzer Zustand allein herzuleiten
wäre, für immer verschwinden.
    Serlo lächelte dazu und Lucinde sagte:
    Wenn aber gerade die eingewurzelte Einbildung schon den ganzen Menschen
regiert und ihm nur noch manchmal wohl wird in der Gewissheit, dass man diese
seine Schwäche schont?
    Das eben darf man nicht! erwiderte Madame Serlo. Man darf keine Irrtümer
bestärken, darf keinen übeln Gewohnheiten Vorschub leisten! Wenn sich Serlo nur
herausreissen könnte, nur wollte, es würde ihm und uns allen geholfen sein!
    Dies kalte Wort vom »Herausreissen«, vom Emporraffen war das grausam ewig
wiederholte, das in Serlo's Ohr schon seit sechs Jahren mit bohrendem Schmerz
wühlte.
    Er liebte glücklicherweise das Leben selbst und versuchte es, ihm
Wohlbefinden und Kraft abzugewinnen, abzutrotzen. Brach er nach einer solchen
Anstrengung, in der er sogar spielte und sich zu Feuer und Begeisterung zu
entflammen suchte, wieder zusammen, untersuchten Aerzte das Geräusch seiner
Lungen und entfernten sich mit ernsten Mahnungen an die Gattin, an die
»Erzieherin« der Kinder, wie Lucinde genannt wurde, so traten Augenblicke einer
völligen Mutlosigkeit ein und Serlo ergriff dann oft, wenn er mit Lucinden
allein war, ihre Hand und sagte fast weinend:
    Wenn ich nur nicht noch in meiner letzten Stunde hören muss, dass ich mir zu
viel nachgäbe! Das Wort: Reiss' dich heraus! wird mein Grablied werden!
    Lucinde versicherte:
    Ich werde bei Ihnen bleiben!
    Was sie an diesen bemitleidenswerten Mann fesselte, war sein Unglück und
seine Bitterkeit. Sie befand sich in einer Stimmung, die der seinen nicht
unähnlich war. Ihr ganzes Leben war ja gleichsam in einen plötzlichen Stillstand
geraten, in einen jähen Sturz, wie in eine Versandung. Wo war sie hingeraten?
Aus solcher Höhe des Glücks! Auch die ersten Reize desjenigen Eindrucks, den man
an ihr den elfenartigen genannt, waren geschwunden; sie war jungfräulich
geblieben, aber nicht mehr so gefällig, so naiv, so lacertenhaft wie einst. Sie
legte keinen Wert mehr auf ihr Äußeres, sie schmückte sich nicht mehr; die
Abneigung gegen die Wasserteorie der mit Fischblut, wie sie sagte, belebten
Madame Serlo liess sie die Vorschriften der Ordnung sogar mehr vernachlässigen
als billig. Ihre Gestalt bekam etwas Lässiges. Wochenlang verliess sie das Haus
nicht oder sah nur zu dm Kindern nieder, wenn sie diese beim Spazierengehen
führte. Sie war mutlos geworden und so vergrämelt wie ein Mädchen, das jeden
Augenblick den Stundenschlag erwartet, an welchem es dreissig Jahre zählt.
    Zwanzig zählte sie schon; denn zwei Jahre führte sie das herumziehende
Leben, das sogar Reiz für sie bekam in den täglichen kleinen Abwechselungen der
Bühnenchronik, in der lebhaften und feurigen Anwaltschaft für das äussere
Interesse der Familie, der sie sich angeschlossen hatte, endlich innerlich in
der Parteinahme für Serlo gegen seine Frau. Es gab Scenen der Erbitterung. Ost
genug wurde das Wort gesprochen, dass entweder die »Gattin« oder Lucinde gehen
müsste. Serlo, der auf liebevolle Hingebung keine Ansprüche mehr gemacht hatte,
der glücklich war, dass noch einmal ein Blick, der Handdruck eines teilnehmenden
Wesens ihn lohnen konnte für sein Dulden, Serlo vermittelte diesen Zwiespalt, so
gut es immer ging. Um den Frieden wiederherzustellen, hatte er gewisse
Hülfsmittel, die nicht fehlschlugen. Er rühmte, was die Kinder in der Musik für
Fortschritte machten; Lucinde unterrichtete sie. Er liess Lucinden Scenen aus den
classischen Stücken recitiren. Sie sprach sie mit Verständnis, wenn auch kalt
und schwunglos. Die Begeisterung wird der Abend und der Anblick der Zuschauer
geben! sagte der Kranke. Er deutete auf die grossen Vorteile hin, die ihnen
allen würden geboten werden, wenn endlich Lucinde sich entschliessen könnte, in
das so verwaiste und so teuer bezahlte Fach der »Liebhaberinnen« von Gestalt
und Schönheit einzutreten.
    War der Friede auf diese Weise wiederhergestellt, so erzählte er mit
Gemütlichkeit von seinem vergangenen Leben. Die Schärfe, die er früher
besessen, hatte ihn in der Schule der Leiden immer mehr verlassen, nur die
bittere Ironie war ihm geblieben, das Salomonische: Alles ist eitel! Er wollte
seine Philosophie des Lebens, dass alles Wahn, alles Verkehrteit und Narrheit
wäre, von seinen frühesten Anfängen her beweisen. Besonders lange verweilte er
in der Schilderung seiner ersten Anläufe zur geistlichen Laufbahn ... Serlo
schilderte Menschen mit derselben Lebhaftigkeit wie Gegenden. Seit Jahren führte
er Tagebücher und las daraus Stellen vor, über deren Bitterkeit und Satire er
oft den Kopf schüttelte, gleichsam als wenn er nicht begreifen konnte, wie er
einst so hätte denken und fühlen können. Er nannte dann das, was er las,
abgeschmackt, wahnbetört, oft aber auch wieder, offen von sich selbst
gestanden, klug und treffend. Manchmal, wenn er beim Blättern auf Torheiten
stiess, auf Racheplane, Anfeindungen, die er selbst erlitten oder angezettelt
hatte, sagte er mit vollem Ernst: Ich war damals verrückt! Wir alle sind
verrückt! Jeder ist's innerhalb seines eigenen Interesses! Und wir wissen es
sogar selbst sehr gut! Mindestens, wenn wir zurückblicken und uns
vergegenwärtigen, wie wir damals waren, damals das sagen, das tun konnten! Bei
anderm, was er erzählte oder las, sagte er dann wieder ganz offen von sich
selbst: Wie gut das von mir war, wie edel! Ja, darf man sich denn nicht selber
lieb haben? ... Wenn Madame Serlo zuhörte, was selten geschah - sie hatte zu
jeder Zeit, nicht bloss Abends, einen Schlaf, der nur: Ich will! zu sagen
brauchte und sie schon schnarchen liess - sagte diese: Nein, lies lieber aus dem
allen heraus, dass du einst mehr Courage hattest! Und die könntest du noch haben,
wolltest du dich nur herausreissen!
    Herausreissen! ... Es war das ewige Wort ... Es schnitt dann wieder alles
entzwei.
    Einige betrügerische Directionen hatten die Familie bis an den Rand des
Elends gebracht. Lucinde musste das Opfer, das sie immer in Aussicht gestellt
hatte, jetzt endlich vollziehen und einen Schritt tun, der ihr innerlich
widerstrebte. Man unterhandelte mit einem ansehnlichen Teater über ihr erstes
Auftreten. Die Umstände hatten es gefügt, dass sie den ersten Schritt an die
Lampen gerade in jener Stadt tun sollte, in welcher sie einst von der Frau
Hauptmännin von Buschbeck in diese wirre Welt war eingeführt worden.
    Diese Stadt wiederzusehen, flösste ihr Schauder ein.
    Jahre waren vergangen, seit sie dort gelebt. Wie mancher konnte ihrer
eingedenk geblieben sein! Ein dunkles Gerücht hatte ihr von ihren beiden letzten
Geschwistern kein glückliches Wiedersehen in Aussicht gestellt. Beide Knaben
sollten aus dem Waisenhause zu Lehrherren gekommen sein, dann aber sich schlecht
bewährt und sogar schon den Gerichten Gelegenheit gegeben haben, sich mit ihnen
zu beschäftigen. In der Schweigsamkeit über ihre Angelegenheiten, die ihr eigen
war, sprach sie Serlo nur obenhin vom Vergangenen, kein klares Wort von ihren
Besorgnissen, sonst würde dieser sie entweder widerlegt oder die Anknüpfung mit
der Bühne gerade dieser Stadt widerraten haben. Die Verhandlung mit dem
Vorstande war schriftlich erfolgt; die persönliche Vorstellung fiel nicht
ungünstig aus; Lucinde hatte sich Gewalt angetan und machte einen Eindruck, der
etwas versprach. Nach Madame Serlo's kecker Aussage hatte sie sogar bereits auf
kleinen Bühnen »sechs bis sieben mal mit glänzendem Erfolg« gespielt. Sie bekam
die Zusage, dass sie als Jungfrau von Orleans auftreten durfte. Auch die Bitte um
einen veränderten Namen wurde gewährt.
    Madame Serlo konnte diese Entscheidung, die sich noch vierzehn Tage
hinziehen konnte, im Orte selbst nicht abwarten. Einmal hätte man des bessern
Eindrucks wegen eine gute Wohnung nehmen müssen, deren grössere und für alle
ausreichende Ausdehnung die vorrätigen Mittel überschritten haben würde; dann
aber auch war ihr eine Stellung angeboten worden bei einem jungen Fürsten, der
erst vor kurzem sein Regiment angetreten hatte und für sein Land eine neue Aera
beginnen wollte durch Verbesserung des Ballets seines Hofteaters. Schon war
diese unglückliche Familie so weit gekommen, dass sie auf den Erwerb durch ihre
Kinder sehen musste. Diese entschloss sich die Mutter jenem jungen Fürsten für
sein Ballet anzubieten. Lucinde verstand genug von der Welt, um den Seufzer und
das bittere Lächeln sich deuten zu können, als Serlo dies hinter seinem Rücken
gemachte Arrangement erfuhr. Zu krank, um die Reise schon jetzt weiter
fortzusetzen, nahm er Abschied von den Seinigen. Als er die Kinder küsste,
standen ihm Tränen in den Augen. Er schien die Ahnung zu haben, entweder dass er
sie nicht mehr wiedersähe oder welcher Zukunft sie entgegengingen.
    In dieser Stadt nun musste über Lucinden alles, was an ihrem Lebenshimmel
sich düster und unheildrohend zusammengezogen hatte, zu gleicher Zeit
ausbrechen.
    Sie suchte erst niemand auf, verbarg sich auf ihrem Zimmer, studirte mit
ängstlicher Spannung ihre Rolle. Ob sie nach der alten Magd sich erkundigen
sollte, die ihr zur Einsegnung einst das Gesangbuch geliehen? Ob sie suchen
sollte von ihr manches in Erfahrung zu bringen, was sie und die Ihrigen betraf?
Es war gefahrvoll für die Stellung, die sie jetzt in der Gesellschaft einnehmen
musste, und doch hätte sie gern von diesem gehört und von jenem, vom
Stadtamtmann, von Herrn Gutmann, von der bewussten Dame aus der Gesellschaft,
von der bösen Buschbeck, von Oskar Binder, von der Heimat, vor allem von ihren
beiden Brüdern. Sie wurde letzteres endlich Serlo schuldig, der ihr die Pflicht,
sich um diese erst jetzt von ihm in Erfahrung gebrachten Geschwister zu
bekümmern, als unerlässlich vorschrieb. Sie erwiderte: Warum gerade diesen Kelch,
Serlo? Wir sind ein Nest wilder Wasservögel gewesen! Wir flogen aus und hatten
keinen Trieb, zusammenzugehören! An unserer Mutter lag's! Wir liebten den Vater,
hassten die Mutter, aber unserer aller Art war und ist dennoch nach ihr! ...
Wenigstens zu jener Frau versprach sie zu gehen, bei welcher ihre Schwester
gestorben war.
    Hier erfuhr sie vielerlei. Der Stadtamtmann war aus politischen Gründen in
den Zeiten einer ewigen Gährung beungnadet und versetzt worden; die Frau
Hauptmännin war aus der Stadt verschwunden und vielleicht an den Rhein gezogen,
wo sie eine Schwester gehabt haben sollte. Der junge Commis, mit dem sie vor
fünf Jahren in die Welt gegangen, verbüsste noch sein Verbrechen des
Kassendiebstahls und der Wechselfälschung im Zuchtause; der Kaufmann Gutmann
hatte fallirt und war mit der bewussten vornehmen Dame, da er sich von seiner
Frau, sie aber von ihrem Gatten hatten scheiden lassen, in die weite Welt
gezogen ... Ihre eigenen Geschwister? Die hatten nicht gutgetan. Von ihren
Meistern kamen sie in eine neu errichtete Besserungsanstalt im Innern des Landes
... Bei allen diesen herzzerreissenden Mitteilungen trommelte es in den Strassen
wie sonst und die Querpfeife schrillte und die Commandos der Wachparade hallten
wider und die Brunnen gingen wie sonst und auf dem grössten Platze der Stadt
riefen die Kinder wie sonst ein berühmtes Echo wach und glänzende Carrossen
rasselten aus den Gastöfen heraus, weil in dem Lustparke des Fürsten, dem
Schauplatze der ersten Triumphe des »Hessenmädchens«, heute, wie sonst, die
berühmten Wasser sprangen.
    Lucinde kam zu Serlo und sagte:
    Ich bringe trockenes Reisig zum Einheizen! Winterholz! Ganz wie die alte
Lene, die im Langen-Nauenheimer Forst frei sammeln durfte!
    Sie erzählte dann. Serlo erwiderte:
    Das ist die Welt!
    Der Tag kam heran, wo an den Strassenecken zu lesen war: »Die Jungfrau von
Orleans. Romantische Tragödie von Schiller. Jeanne d'Arc: Fräulein Konstanze
Huber, als Gast.« Sie hatte, sie wusste selbst nicht warum, den Namen des
Pfarrers von Eibendorf angenommen.
    Ihre Befangenheit steigerte sich am Morgen vor dem verhängnisvollen Tage bis
zur zaghaftesten Furcht.
    Man hatte sie im Bureau und auf der Probe mit einer scheinbar
zuvorkommenden, dem Erfolg aber jedenfalls mistrauenden Artigkeit behandelt.
    Dass man den Versuch überhaupt wagte, war eine Gefälligkeit gegen Serlo, der
aus frühern bessern Verhältnissen unter dem Personal einige teilnehmende
Freunde hatte.
    Lucinde brachte von der Probe keine erfreuliche Stimmung heim und erzählte,
was sie aus dem Benehmen der Mitspielenden herausgefühlt.
    Serlo lag auf dem Sopha ausgestreckt; gerade von Tag zu Tag wurde sein
Befinden bedenklicher, - er sprach mit einer eigentümlich peinlichen Aufregung:
    Nehmen Sie's doch, liebe Freundin, ganz so wie es ist! Gerade da, wo man aus
der Verstellung eine Kunst gemacht hat, lässt man sich im gewöhnlichen Leben ganz
so gehen, wie man ist! Es gönnt Ihnen eben niemand einen Erfolg, selbst die
nicht, die Sie um meinetwillen protegiren! Höchstens eine alte gutmütige
Person, die Sie ankleidet und dabei an ihr Trinkgeld denkt! In dieser Laufbahn
muss man sich eben alles selbst erobern!
    Lucinde, sprach die Befürchtung aus, dass ihre frühern Verhältnisse hier
bekannt geworden sein dürften und gegen sie sprechen würden ...
    Sie werden selber für sich sprechen, erwiderte Serlo, wenn Sie nur in Ihrer
ersten Scene gefallen haben! Man braucht ja in dieser Rolle nur laut und
deutlich das zu sagen, was vorgeschrieben steht!
    Lucinde war am Tage der Vorstellung in der Stimmung, die sie selbst mit der
Erwartung verglich, hingerichtet zu werden. Hätte sie nicht den unabweislichen
Zwang gehabt, schon auf die kleine Summe rechnen zu müssen, die sie für diesen
Abend als Ehrensold zu erwarten hatte - Serlo bedurfte gerade jetzt wieder der
sorgsamern ärztlichen Pflege und mancher bessern Auswahl in seiner Kost -, sie
würde, wie sie sagte, diesen Kelch an sich haben vorübergehen lassen.
    Wie sie um vier Uhr sich rüstete, ihre Wäsche durch ein gemietetes Mädchen
ins Teater schickte und sich dann halb zögernd selbst auf den Weg machen
wollte, war Serlo ein wenig eingeschlummert. Sie blickte aufs Sopha. Seine Augen
waren geschlossen. Er atmete schwer. Der Husten, dem nachzugeben die Brust kaum
noch Kraft hatte, machte sich nur in stossweisen Krämpfen bemerkbar, wie bei den
intermittirenden Atemzügen eines Sterbenden. Dieser Zustand beunruhigte sie
nicht ... Sie hatte ihn schon oft erlebt, schon oft hatte man das Erlöschen der
Lebensflamme ganz nahe geglaubt. Sie legte dem Schlafenden ein Kissen unter den
Kopf, rückte einige Stühle dem Sopha näher und wollte jetzt gehen, so sehr ihr
auch fast die Sinne schwanden.
    Da blickte der Kranke empor.
    Ich habe Sie ganz wohl gehört, gute Freundin! hauchte er leise. Ich werde
Sie doch so nicht gehen lassen - ohne meinen Segen?
    Nun richtete er sich ein wenig auf und sprach mit erhöhter Stimme:
    Lucinde, wenn Sie spielen, denken Sie nur nicht an die paar Menschen, die
Sie vor sich sehen, sondern allein an die Menschheit im grossen und ganzen!
Verachten Sie die, die Sie sehen, und lieben Sie die, die Sie nicht sehen!
Lassen Sie die Hörer fühlen, dass Sie eine Prophetin sind, die in diesem
Augenblick jeden beschämen will, der im Gemeinen und Geringen lebt! Das Auge
sieht den Himmel offen - und hört keine Dissonanz dieses elenden Lebens mehr!
Dort oben, so glauben Sie wenigstens, wird alles Harmonie werden! Dort werden
wir erfahren, warum wir hienieden die volle schöne Ahnung des Glückes haben
durften und doch so viel leiden mussten! So hab' ich als Kind immer den Märtyrern
nachgefühlt, wenn die um ihren Glauben so Grauenvolles erfahren mussten. Knien
musst' ich dann in der Einsamkeit und denken: Nun kommt nur heran, ihr römischen
Landpfleger und Proconsuln alle! Gebt mir nur die tödtliche Wunde! Das wird mich
gleich in die Freuden des Paradieses versetzen! Dieser Glaube ist hin ... aber
wenn er uns irgend noch einmal aufleben kann, ist es in der Poesie. Blicken Sie
nur immer empor und tun Sie sich nichts auf den schönen Harnisch zugute! »Mein
ist der Helm und mir gehört er zu!« Wer da auf Bertrand zuspringt und sich wie
eine Amazone geberdet, hat schon verloren! Für diese Seherin, die ihre Zukunft
kennt, ist das Ueberbringen dieses alten kriegerischen Schmuckes eine ganz
einfache, sich von selbst verstehende Bestätigung ihrer Vision der Gottesmutter.
Von da an beginnt in ihr die festeste Zuversicht und eine einfache, demütige
Unterordnung unter den Rat des Verhängnisses! Mit dem Himmel spricht sie, wie
andere mit sich selbst. Vergleicht sie dann ihre schwache Menschenkraft mit der
Grösse der ihr gestellten Aufgabe, dann darf sie einen elegischen Ton anschlagen,
zu dem jedoch die Musik der Verse nicht zu viel verleiten darf. Mitleid mit sich
selber fühlt sie, sie spricht es aus, wenn sie Lionel sieht. Warum sie gerade
den liebt, nachdem sie Tausende von Männern gesehen, ... ich weiss es nicht,
beste Freundin! Ist es, weil Lionel einmal vom ersten Helden und Liebhaber
gespielt werden muss - obgleich die Rolle undankbar ist - der Dichter wollt' es
einmal so. Es ist kein Werk des Genius, dies Drama; es lag dem Schöpfer im
Gemüt, nicht im Verstande; es will einfache kindliche Hingebung bei allen -
beim Publikum und beim Spieler. Aus diesem Geist heraus sprechen Sie! Dann:
»Leichte Wolken heben mich!« und geben Sie Acht,
Der schwere Panzer wird zum Flügelkleide!
Hinauf - hinauf - die Erde flieht zurück -
Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!
    Jetzt küsste er ihr noch, da Lucinde sich zu ihm niederbeugte, die Stirn,
lächelte, neckte sogar, sprach von der Art, wie sie beim Hervorruf sich zu
verneigen hätte, riet ihr Vorsicht an im Gefecht mit Lionel ... dann winkte er
mit stummer Handbewegung ... so ging sie.
    In der Garderobe war man freundlich. Darsteller geringerer Rollen machten
ihr Lobsprüche über ihr Aussehen als Hirtin; aber schon war es ihr bedenklich,
dass sie irgendwo zwischen den Coulissen hörte, sie wusste nicht von wem: »Ganz
das Hessenmädchen!«
    Sie sass dann, ehe noch der Vorhang aufging, schon unterm Drudenbaume. Aus
den Coulissen wurde sie lorgnettirt. Gestalt, Kopf, Auge, alles war
bedeutungsvoll, wenn nicht zu scharf, zu stechend, auch zu widersprechend der
äussern Befangenheit.
    Der Director ermunterte sie.
    Als der Vorhang aufgezogen und der Dialog im Beginn war, durfte sie
schweigen. Sie konnte sich Mut fassen, die zahlreich versammelte Menge zu
übersehen.
    Statt jedoch jetzt nach Serlo's Anweisung mit aller Gewalt an die Abwesenden
zu denken, in die Höhe und gen Himmel zu blicken, unterschied sie gerade die
Anwesenden. Ihr scharfes Auge zeigte ihr diese Persönlichkeit und jene, sie sah
die Plätze, wo sie früher selbst gesessen. Ihr Sinn wurde zerstreut und der
erste wohltuende Eindruck, den sie machte, hielt sich nicht. Man fand sie
hager, eckig, unsicher, man sah Verstand, wo man Gefühl erwartete. Die
begeisterte Kraft eines hohen Willens schien ganz zu fehlen ...
    Das Vorspiel ging wohl ohne Störung vorüber, der Ton hinter der Scene wurde
jedoch schon spöttisch. Um ihr gleichsam zu schmeicheln und sie für den
ausgebliebenen Beifall zu trösten, sprach man luat von der Indolenz des
Publikums. Hier und da hörte sie Worte aus der bekannten Parodie des Abschieds
Johannens von ihrer Heerde. Auch die Schlussworte wiederholte jemand: »Johanna
geht und nimmer kehrt sie wieder!«
    In Harnisch und Helm sah Lucinde imposant genug aus. Dies schöne natürliche
Haar in schwarzen Locken, diese dunkeln Augen, dieser schlanke, jetzt für die
Kriegerin nicht mehr zu hohe Wuchs ... Sie hätte sich nur zu ermannen, die
Stimme zur Kraft und Entschiedenheit zu erheben brauchen und würde sich vor
Demütigung gerettet haben. Aber sie blieb zerstreut, mutlos, ausserhalb der
Situation, versäumte die Stichwörter, sah und hörte nur auf das, was sie umgab.
Von allem, was Serlo ihr angeraten, tat sie das Gegenteil. Sie liebte auch
die Menschheit nicht, sie hasste sie ja! So schleppte sie sich durch den ersten
Act, schwunglos, und bei aller Schärfe ihres äussern Ausdrucks, ihres Verstandes,
bei allem Reichtum ihrer Lebenserfahrung erschien sie ein grosses, unreifes
Kind.
    Der Schluss des Actes blieb ohne Beifall, ja er erweckte im ganzen Teater
das laute Ausbrechen einer Verwunderung ...
    Hatte sich ihre erste Jugendgeschichte verbreitet, ihr Ursprung von einem
Dorfe der Nachbarschaft, ihr Dienstverhältniss im Hause des frühern, exilirten
Stadtamtmanns, oder war das Publikum durch eine Darstellerin der Isabeau zur
Heiterkeit gestimmt ... im zweiten Acte wurde die Aufnahme bedenklich. Das Lager
der Engländer wird vorgeführt, der Streit der Heerführer folgt, ihre Aussöhnung.
Nun muss dem Darsteller des Lionel einfallen, zu betonen: »Glück zu dem Frieden,
den die Furie stiftet!« Es war dies eine von den feinen Nuancen, die entstehen,
wenn unsere »Künstler« zu »denken« anfangen. Alles lachte hellauf. Jeder sah die
Erscheinung der corpulenten und so grimmigen Isabeau im Geiste als Furie vor
sich. Nun kam die Verwandlung. Johanna sollte Burgund und Frankreich versöhnen.
Kein Ton war jedoch Lucinden fremder als der, Streitende zu versöhnen. Bei den
schwach gehauchten Worten: »Und einen Donnerkeil führ' ich im Munde« klatschte
jemand ironisch. Man lachte aufs neue, sie verliert die Besinnung und kann sich
zu den letzten Worten nicht mehr sammeln. Der Vorhang fällt, ehe sie die Scene
ganz beendet hatte. Sie taumelte in die Garderobe zurück ... Der Gaukeltraum
ihres Lebens war zu Ende.
    Als der Vorhang wieder aufgehen soll und alles um sie her grauenhaft still
ist, kommt der Vorstand der Bühne, ein freundlicher, wohlwollender alter Herr,
dem die jüngere Generation den Ruf verschaffen wollte, dass er »einen Misgriff
nach dem andern« beging, und liess die Frauen aus der Garderobe treten. Er sagte
Lucinden mit mildem, aber entschiedenem Tone:
    Liebes Kind! Sie werden nicht weiter spielen! Auf den Proben konnt' ich
diese Unsicherheit nicht erwarten! Sie sind entweder nicht bei der Sache oder
talentlos! Unsere gewöhnliche Darstellerin hat sich bereits angekleidet und wird
die Rolle zu Ende führen!
    In dem Augenblick hörte man auch schon den stürmischen Beifall, mit dem die
»echte Johanna« empfangen wurde.
    An Selbstbeherrschung fehlte es Lucinden nicht. Nun bekam sie Haltung! Doch
wenn sie auch hätte in Vorwürfe oder Klagen ausbrechen wollen, der Director
würde sie nicht angehört haben. Er wurde in die fürstliche Loge gerufen.
    Hohn verfolgte die Unglückliche nicht, als sie sich umgekleidet hatte, ihrem
Mädchen ihre Sachen gab und in Begleitung desselben nach Hause ging. Sie musste
die ganze Länge der hintern Bühnenwand passiren und vor allen denen, die zu dem
kommenden Krönungszuge gehörten, vor mehr als hundert Menschen, vorübergehen.
Der Spott schwieg: massenhaft verhöhnt der Mensch den Unglücklichen nicht.
Einzelne lassen sich zwar den Hufschlag des Esels auch dann nicht nehmen, und so
sagte einer: Gute Nacht! Da lachten denn freilich alle, aber nur über den Mut,
jetzt einen solchen »Witz« zu machen ... man sah, als sie durch die Leute ging,
auf den Sprecher, nicht auf sie.
    Lucinde war auf der Strasse, in der Dunkelheit der Gassen. Die Menschen, die
ihr begegneten, wussten nichts von ihrem Geschick und darin fand ihre starke
Natur schon wieder Kraft, schon wieder Anhalt. Nur Serlo wiederzusehen, zu dem
so zurückkommen zu müssen ... das benahm ihr den Atem. Sie fühlte, dass sie, die
sich der Zeit nicht mehr entsinnen konnte, seitdem sie geweint, jetzt in
Tränenströmen sich baden müsste, wenn sie in sein Zimmer träte, der Schein der
kleinen Lampe, bei dem er zu schlafen pflegte, auf sein Antlitz fallen würde und
sie ihm berichten müsste, wie es ihr ergangen!
    Mühsam stieg sie, keuchend, an der Lehne der Treppe sich haltend und die
erstaunten Fragen der Dienerin, die aufrichtig gemeinten Trostgründe derselben,
die von einer angelegten Kabale sprach, nur mit Stillschweigen aufnehmend, in
ihre Wohnung hinauf. Je näher sie dem dritten Stocke kam, desto schneller ging
sie. So hatte sie noch nie das Bedürfnis nach einer Stelle, um niederzusinken,
so noch nie nach einem Menschen, dem sich auszuweinen, so noch nie die Wonnen
des Trostes geahnt, der in einer einzigen rein, aber auch ganz rein und
selbstlos mitfühlenden Seele liegen kann ...
    Niemand von den Wirtsleuten, bei denen sie wohnte, hörte sie kommen. Alles
war im Teater! Sie drückt die Tür auf, sie stürzt auf das Sopha zu, sie hat
ihre ganze Kraft in dem Hülferuf: »Serlo!« gesammelt ...
    Der aber lag, von der kleinen Lampe beschienen, auf dem Sopha ... Er schlief
nicht mehr ... Stirne, Wange, Hand waren kalt ...
    Er war todt.
 
                                      21.
Die Schauspieler haben die schöne Art, in äussersten Lebenskrisen sich von der
herzlichsten Seite zu zeigen.
    Es ist dann fast, als gedächten sie der alten Zeit, wo sie noch zu den
Verfemten gehörten, gedächten ihres eigenen, meist so schwankenden Looses.
    Serlo war freilich schon so verbittert gewesen, dass er auch diese Erfahrung
anders erklärte.
    Er hatte zu Lucinden schon vor längerer Zeit einmal gesagt:
    Wir Komödianten kennen die Wirkung, die auf der Bühne Edelmut macht! Immer
Schlangen im Herzen haben, erstickt uns auch zuletzt selbst. Wir atmen ja auf,
einmal für unsere bessere Empfindung ein Zeugnis aufstellen zu können. Dass uns
dann aber auch der Beifall, nicht nur des Gewissens in aller Stille, sondern
auch der öffentliche und der Hervorruf nicht fehle, dafür sorgen wir schon! Gilt
es ein bewiesenes Herz, gilt es unser Mitleid, unsere Aufopferung, dann wird
sogar ein College einmal zum Claqueur des Collegen und das - will viel sagen!
    Dieser bittern und menschenfeindlichen Äusserung erinnerte sich Lucinde, als
sie den Eifer sah, mit dem man Serlo bestattete, seine Angelegenheiten ordnete,
für seine Anerkennung sogar durch die Presse sorgte. Jetzt hatte jeder das
Ringen des Armen beobachtet, jetzt hatte jeder gefunden, dass er eines bessern
Looses würdig gewesen war. O diese Grabredner! sprach Serlo einst schon früher
einmal wie in Vorahnung. Man möchte diese Kerle immer fragen, warum sie nicht
früher das Maul auftaten?
    Für alle diese Liebesdienste wurde ein Comité niedergesetzt und Lucinden
selbst der Überschuss einer Subscription angeboten.
    Sie nahm für sich nur, was für das »unterbrochene Opferfest«, wie ein
bewunderter Witzbold und beliebter Zeitungsreferent von der Vorstellung der
Jungfrau gesagt hatte, von der Direction gezahlt wurde. Sie wohnte dann noch dem
Begräbnis und der teilweisen Versiegelung der Verlassenschaft bei, schrieb an
Madame Serlo und die Kinder, liess, was sie noch entbehren konnte, dem
Todtengräber zurück, um einige Jahre lang Serlo's Grab zu schmücken, und reiste
ohne Plan, ohne Ziel blindlings in die weite Welt hinaus.
    Zunächst nur über die düstern Berge hinweg, die waldigen, dunkeln
Fichtennadelhöhen ... Nur in freundlichere, sonnigere Täler! Sie wollte
womöglich die Stadt sehen, in der Serlo geboren war und noch Anverwandte hatte.
Dann hoffte sie irgendwie und wo weiter zu kommen ...
    Was das Leben zur Schule machen kann, glaubte sie hinter sich zu haben. Eine
Schülerin im grossen Lehrgange des Schicksals erschien sie sich nicht mehr. Sie
musste schon wieder bitter lachen, als sie so im Eilwagen über die Schluchten des
Rhöngebirges fuhr, dabei an die Wölfe des Revierförsters, an ihre
Langen-Nauenheimer Wandlandkarte dachte und ihr immer die Klänge ihrer Rolle im
Ohre summten. Auch andere Rollen wurden lebendig. Wie viel hatte sie nicht
auswendig gelernt und studirt!
Fahr' hin, lammherzige Gelassenheit!
Zum Himmel fliehe, leidende Geduld!
    Diese Worte wiederholte sie am öftersten. Verirrung schien ihr alles, was
sie bisher erlebt. Sie sah neue Ströme, neue Täler, neue Ebenen; sie fühlte
wieder die Kraft, ihr Schicksal sich selbst zu gestalten.
    Wie aber und womit? Wo den Handschuh hinschleudern zur Fehde gegen Natur,
Menschen, Erde, Himmel? Nach Schloss Neuhof zurückkehren? Dort dem Kronsyndikus,
wenn er noch lebte, ein Wachtauf! Wachtauf! rufen? Tatsachen geltend machen,
die nicht ganz aus ihrem umflorten Gedächtnis entschwunden waren? Dann hätte sie
freilich nach Norden zurück müssen und schon hatte sie's unwiderstehlich nach
dem Süden gezogen.
    Als man Serlo auf dem Friedhofe, dem katolischen, begraben hatte, war sie
zugegen gewesen und hatte von fern gestanden. Sie gehörte dem Dahingegangenen
zwar am meisten an, aber das auf der Bühne Erlebte zwang sie, an den Grabeshügel
erst dann heranzutreten, als alle sich entfernt hatten, der Weihrauch verduftet,
die schönen Gesänge des Teaterchors verklungen waren. Da hatte sie noch eine
Träne in ihrem brennendheissen Auge gehabt. Dann warf auch sie drei Hände voll
Erde auf das Grab, nahm jene Rücksprache mit dem Todtengräber und war nur noch
eine Weile unter den Gräbern gewandelt. In der Nähe lag der Kirchhof, auf dem
ihre Schwester begraben sein musste ... Er stand offen ... Sollte sie
hineingehen? ... Ueberall las sie: »Friede und Glück« ... Wo es so viel Gräber
gibt, so viel müde, gequälte, betrogene Herzen, Glück? Ja, Glück, unter der Erde
im Nichts sich ausruhen! Im Nichts! So glaubte sie schon. Alles schien ihr Traum
und Wahn. Verwirrung, Krieg, fester Wille nur, und den Fuss gesetzt auf jeden
Nacken, der sich nicht beugen will! Das schien ihr eine Aufgabe, allein des
Lebens würdig ... Sie ging nicht auf den Friedhof.
    In eine altberühmte Stadt kam sie und fand Verwandte Serlo's. Diese fragten
nach seinem Nachlass.
    Sie sagte, sie hätte nichts, ging und belächelte ihre Anwandlung von Gefühl.
    Mit sich kämpfend, ob sie an den Kronsyndikus, vielleicht an seinen Sohn,
den Oberregierungsrat, schreiben, bitten, vielleicht drohen sollte, las sie in
der Zeitung des Orts folgende Aufforderung:
    »Man sucht im ortopädischen Institut ein gebildetes junges Frauenzimmer
katolischer Confession, das der Sprachen und Musik vollkommen kundig sein muss.
Näheres bei dem Director.«
    Ein ortopädisches Institut! Eine Erziehungsanstalt für die Unarten des
Körpers; eine Correctionsanstalt der Natur! Die hier gemeinte war weit berühmt.
Sie war eine der ersten gewesen, die man in Deutschland überhaupt anlegte; sie
wurde vom Landesfürsten königlich unterstützt. Es strömten ihr aus allen
Gegenden, selbst aus England und Amerika Pfleglinge, grösstenteils junge Mädchen
zu, von denen nicht einmal alle an ganz auffallenden, durch das Streckbett zu
heilenden Fehlern litten; die Neigung, dem Körper seinen natürlichen Wuchs zu
entziehen, ist ja leider tief in die erste Erziehungs- und Bekleidungssitte
unserer Zeit eingerissen, so tief, dass bei einer Untersuchung, die jener Fürst
einmal in einem adeligen Töchterinstitut anstellen liess, fast die Hälfte von
hundertachtzig jungen Mädchen keinen richtigen Wuchs oder Gang hatte!
    Lucinde stellte sich dem Director vor und gab allerlei Auskunft über ihr
vergangenes Leben. Da sie sich gewandt französisch ausdrückte, etwas Englisch
verstand, vollkommen fertig Klavier spielte, war die Prüfung bald geendigt. Auch
ihr bestimmtes Wesen gefiel. Man wurde über die Bedingungen einig. Von den
Kennzeichen, die ihr sonst noch etwa mangelten, hatte man nicht gesprochen; dass
sie katolisch war, schien sich von selbst zu verstehen.
    Gleich schon am Tage darauf sollte sie beim Institut eintreten.
    Da der Vorstand und Besitzer der Anstalt Arzt war, der seine Zeit geregelt
hielt, so wurde die genaue Stunde angegeben, wo er Lucinden in die Säle
einführen wollte. Morgen in der Frühe »um punkt neun Uhr« wurde sie erwartet.
    Es war um die Osterzeit. Der morgende Tag war, wie sie im Gastause hörte,
ein Quatembertag. Schon früh wurde sie vom Geläut der Glocken geweckt und als
sie sich angekleidet hatte, hörte sie, dass in der Katedrale vom Bischof heute
eine Priesterweihe vorgenommen wurde. Drei junge Diakonen sollten die letzten
Weihen erhalten.
    Nach acht Uhr stieg auch sie, von Unruhe und Ungeduld getrieben, die Anhöhe
empor, auf welcher die Katedrale lag, umgeben von Resten alter Bauwerke. Hier
sollten deutsche Kaiser einst eine Pfalz, einen Palast gehabt haben, an
derselben Stelle, wo jetzt nur eine Schwadron Chevauxlegers einkasernirt lag in
allerlei Anbauten, die mit Galerieen hinausgingen auf einen Platz, den man den
Schlosshof nannte und wo allerdings an einer Stelle ein alter Turm mit
Wendeltreppe und ein steinernes Portal, über welchem der Tierkreis abgebildet
war, unmittelbar um tausend Jahre aus der Gegenwart hinausversetzten.
    Die Katedrale selbst war in byzantinischer Form angelegt, aber von dem
Geschmack späterer Jahrhunderte mannichfach ergänzt durch Neubauten, Rundkränze
und Türme allerlei Stils. An den obern Stockwerken der Türme sah man Säulen
und Statuen, die Türen waren nicht eben hochgewölbt, aber reich geschmückt mit
Bildwerken. Die Nähe der kaiserlichen Burg chien Einfluss gehabt zu haben auf die
Gegenstände dieser Reliefs; man sah Allegorieen mit den Attributen der
Gerechtigkeit, Salomo, den Richtenden, eine verhüllte Gestalt mit der Wage in
der einen Hand und dem Schwert in der andern ihm zur Seite. Dazu gesellte sich
in noch nicht allzu kirchlicher Ausdrücklichkeit der wunderlichste Schmuck von
Tieren und manche humoristische Ausgelassenheit, die man am Eingang so heiliger
Stätte am wenigsten gesucht haben würde ... Ein Silen reitet auf einem
Ziegenbock, ein Affe schreitet gravitätisch in Gewändern daher, ein Löwe spielt
mit jungen Hasen ... Es ist als wenn sich das alte Leben der Zeit in Markt und
Wald nur in Stein verwandelt hätte und sich seinerseits der trauten Nähe des
Allerheiligsten auch erfreuen, vielleicht aber auch an der Pforte andeuten
wollte, wessen man alles, die heiligen Räume betretend, vom Ungeistlichen
draussen uneingedenk werden sollte.
    Ostern war spät gefallen, aber die reichen Blumenspenden, die Lucinde in den
Strassen getragen fand, waren doch zu kostbar für die Jahreszeit. Hier mussten
ganz besondere Opfer der Liebe stattfinden, wenn man diese Kränze und Kronen
sah, die, aus den schönsten Blumen gewunden, noch wie verspätet eilends in die
Katedrale nachgetragen wurden. Die Menschen drängten sich, vorzugsweise eilten
die Frauen. Eine Priesterweihe ist einer der anregendsten Vorgänge des
kirchlichen katolischen Lebens, gleichsam eine geistliche Hochzeit, fehlt doch
bei Erteilung der ersten Grade selbst eine sichtbare Braut nicht, ein kleines
Mädchen, dem der entsagende Priester angetraut wird, als dem Symbol der reinen,
unentweihten, jungfräulichen Kirche. Hier handelte es sich um drei junge
Diakonen, die schon die letzten Weihen erhielten und sozusagen nicht »ein-«,
sondern, wie Lucinde auf Erkundigung vom Volke erfuhr, »ausgeweiht« wurden.
    Lucinde machte erst einige Gänge durch die alte Pfalz, betrachtete die
geheimnisvolle Wohnung des Bischofs, hinter der ein Garten mit schon Blüten
ansetzenden edeln Bäumen sich erhob, und umschritt die Katedrale, die wie ein
Sinnbild des Lebens selbst, abwechselungsreich und fast in ihrem ursprünglichen
Zweck überladen und erdrückt erschien ... fehlte doch selbst an einem Ausbau ein
Schalter mit frischem Backwerk nicht, in der Kirche ein Bäckerladen! Einer alten
Sitte zufolge musste hier jeder neu gewählte Domherr weisses Brot kaufen und an
die Schuljugend, die ihm Glück wünschte, selbst verteilen ... So bot die Kirche
Brot des Lebens, geistiges und leibliches.
    Lucinde, gedenkend, dass sie in ihrer neuen Lage die ihr mangelnde und von
ihr als unwesentlich vorausgesetzte Bedingung ganz verschwiegen hatte, wollte
das geistige wenigstens am Geschmack versuchen und trat in die Katedrale ein.
    Das Innere derselben war trotz der Sonne von Kerzen erhellt, mit
Blumenkränzen durchzogen, von Orgelklängen durchbraust; Stimmen redeten laut und
so voller neugierig sich drängender, auf den Zehen stehender Menschen war der
Raum, dass Lucinde nur auch sogleich von dem, was vorging, angezogen wurde und
der Betrachtung des Baues selbst, seiner hohen Gewölbe, seiner bunten Fenster,
seiner Kapellen und Grabmäler sich jetzt nicht widmen konnte.
    Die heilige Handlung war schon in vollem Gange. Der Bischof stand am
Hochaltar in prächtigen Gewändern. Rings um ihn her eine Reihe junger Priester
niederkniend, vor ihm drei andere, die, welche eben die letzten Weihen
empfingen.
    Eben redete der Archidiakon den Bischof mit den Worten an:
    Die heilige Mutter Kirche verlangt, dass die gegenwärtigen Diakonen zur Würde
des Priestertums geweiht werden!
    Der Bischof sprach:
    Weisst du, dass sie würdig sind?
    Der Archidiakon erwiderte:
    Soweit es die menschliche Gebrechlichkeit zu erkennen vermag, weiss ich es
und bezeug' es!
    Nun wurden die Namen der drei zu Weihenden genannt, die mit Kerzen in der
Hand vor dem Bischofe standen:
    Joseph Niggl, Beda Hunnius, Bonaventura von Asselyn.
    Der letzte Name machte die Hörerin lebhafter aufblicken. Dieser Name Asselyn
war auf Schloss Neuhof nicht selten genannt worden. Der Sohn des Kronsyndikus,
der Oberregierungsrat, hatte die Witwe eines Herrn von Asselyn geheiratet. Sie
erinnerte sich, dass sein mitübernommener Stiefsohn Bonaventura von Asselyn
genannt wurde, doch war er für den Militärstand bestimmt gewesen und hätte jetzt
Offizier sein müssen.
    Sie blickte näher ...
    Jetzt überfiel sie ein Schauer ...
    Alle ihre Umgebungen wandten sich, als sie einen zwar unterdrückten, aber
doch genugsam hörbaren ängstlichen Schrei ausstiess ...
    Das ist ... hatte sie erst ganz laut gesagt, ... leiser aber und schon
verklingend auf ihren plötzlich erbleichenden Lippen hinzugefügt: ja - Serlo!
    Der Bischof sprach soeben von der Bürde und Würde des geistlichen Amtes ...
    Lucinde hielt sich an einen der dicht besetzten Kirchenstühle im Innern des
Schiffes. Sie starrte auf den jungen Priester, den man Bonaventura von Asselyn
genannt hatte. Er war wie Serlo! Serlo, wie er vor zehn Jahren hier hätte können
gestanden haben! Derselbe schlanke Wuchs, dieselbe würdige Haltung, dieselben,
als er sich wandte, ganz sichtbaren edeln Gesichtszüge, derselbe feine Schwung
des Profils, dieselben dunkeln Augen, das Haar, das schon die Tonsur empfangen
und ringsum rabenschwarz war ...
    Aller Augen teilten das Interesse für diesen jungen Novizen des
Priestertums. Wäre dies nicht gewesen, die Unruhe, die Lucinde verriet, hätte
noch störender auffallen müssen.
    In der Litanei der Heiligen, die jetzt vom Bischof vor den niederknienden
Priestern und während er selbst kniete, begonnen wurde und deren wiederholtes:
Bitte für uns! die dichte Menschenmasse volltönend und durch die nicht endende
Gleichmässigkeit fast die Sinne verwirrend nachmurmelte, fand Lucinde Zeit sich
zu sammeln und die krankhafte Aufregung ihrer Gefühle zu beschwichtigen.
    Als sich endlich die Betenden erhoben und wieder die lange schlanke Gestalt
Serlo's wie aus dem Grabe erstanden vor ihre fieberhaft erregte Phantasie
getreten war, hätte sie sich den mit Blumen bestreuten Aufgängen zum Hochaltar
noch mehr genähert, wenn nicht einige das Gewölbe mächtig durchdröhnende Schläge
der Turmuhr sie zur Besinnung gebracht hätten. Neun schlug es, die Stunde, wo
sie schon im Institut erschienen sein sollte.
    Noch einmal sah sie an den Hochaltar, dann ringsum ... es waren Hunderte von
jugendlich erblühenden Mädchen anwesend, ganze Schulen, ganze Pensionate, ...
konnte nicht auch jenes Institut ... nein, sie besann sich, die künftigen
Pfleglinge, zu denen sie eilen musste, führten ein Leben, das dem der andern
nicht glich ... sie lagen auf Betten, bewegten sich in Bändern und Maschinen ...
diese arme Kinder fehlten.
    Nun riss sie sich los. Noch im Gehen war sie nur zu dem Priester hingewandt,
der ihr Serlo schien ... Serlo, wie er einst gewesen sein konnte, sein musste!
    Eben streckte der Bischof die Hand über die zu Weihenden aus, sprach Worte
des Segens, begann die Ceremonieen an dem ersten der drei, indem er die Stola,
die er als Diakon von der linken Schulter zur rechten trug, ihm kreuzweise über
die Brust hängte und dann sprach:
    Nimm auf dich das Joch des Herrn! Denn sein Joch ist süss und seine Bürde ist
leicht!
    Wie sie, mit dem Nachklang dieser Rede, der Anstalt zuflog und dort
glücklicherweise noch nicht verspätet ankam, wusste sie kaum ...
    Das grosse Gebäude des ortopädischen Instituts nahm sie auf. Es war
geschmackvoll und sogar luxuriös eingerichtet. Hinterwärts hatte man den Blick
in einen Garten, wo der Rasen schon in üppigem Grün stand. Durch eine geöffnete
Glastür trat man in einen grossen Saal, den zierliche Treibhauspflanzen
schmückten ... Dann freilich kamen die trübern Eindrücke ... Saal an Saal ...
Bett an Bett. Kinder darunter, die die Hoffnung ihrer Mütter auf Schönheit ganz
betrogen hatten; aber doch viele auch, die sie wohl noch einst erfüllen werden
... Ein Jahr, und eine Neigung der Hüfte oder der kaum sichtbare ungleiche Wuchs
einer Schulter ist geheilt! Einige dieser jungen ringsum liegenden Mädchen
werden vielleicht ein wenig, ganz leise nur und unscheinbar mit dem einen Fusse
weniger behend durchs Leben schweben; aber was tut das ihrem rosigen Lächeln?
Was tut das ihrer neckischen Lust, die einen ganzen Kreis in gleicher Lage
Befindlicher ringsum auf den Prokrustesbetten eben zum Lachen bringt! Diese
schelmischen Augen dort, diese sinnigen hier, diese Rosen auf den Wangen, diese
Lilien auf Arm und Nacken, jede eine Knospe voller Hoffnung für die Zukunft,
jede so ganz das schöne, liebevolle, reiche Geheimnis eines jungen
Mädchenlebens! ... Wer kann sonst schon solche junge Mädchen im traulichen
Verein spielend, harmlos dem Augenblick dahingegeben sehen, ohne nicht zu
gedenken: Was wird euch allen noch einst beschieden sein? Welche Flammen werden
in euren Herzen lodern? Wo waltet jetzt wohl die Hand, die liebend einst die
eurige erfässt? Vor welchem Munde, der von Liebe spricht, wird euer Jugendmut
verstummen, und ach! welcher von euch allen sind noch die grössten Leiden
aufgespart? Der vielleicht, die jetzt die Glücklichste scheint? Der vielleicht,
die ihr alle wie eure Schwester liebt, mit der ihr eure Freuden, eure kleinen
Geheimnisse teilt und der ihr, so oft ihr unter den Blumen des Feldes sein
dürft, sein könnt, die schönsten bringen müsst, die ihr am Wege gefunden? -
bringen selbst dann, wenn der Geliebten ein Fuss nicht so schnell gehorcht wie
der andere?
    Eine solche Königin unter dem jungen Volke, eine schon emporragende Lilie
unter Maiblumen und Veilchen, ein Wesen schon voll Seele, während ringsum nur
noch Gemüt, Verstand und Phantasie sich entwickelten, war die junge, zu früh
emporgeschossene und deshalb in ihrem Wuchse ängstlich überwachte
Sechzehnjährige, welche vorzugsweise der Obhut, der Gesellschaft, der
Unterhaltung Lucindens angewiesen werden sollte.
    Der Vorstand des Instituts hatte die neue Lehrerin und Gesellschafterin des
Hauses im Wandeln durch die Säle laut eingeführt. Erst hatte er sie allen
flüchtig vorgestellt, dann aber mit besonderm Vorzug einer unter ihnen, die in
einem abgesonderten Zimmer lag und von ihm Comtesse Paula von Dorste-Camphausen
genannt wurde.
    Wie Lucinde auch diesen Namen hörte, erschrak sie. Auch diesen kannte sie ja
schon! Es war ja jene Grössere von den Mädchen gewesen, die sie am Weiher im Park
von Neuhof beobachtet, jene Gräfin Paula, die reiche Erbin, die Nichte des
Kronsyndikus, die vielleicht einst mit jenem österreichischen Offizier vermählt
werden konnte, den sie vor zwei Jahren in Kiel gesehen ... Kam das alles hier so
wieder zusammen? Wie fügte sich Ring an Ring? Sollte sie die Kette festalten,
sich binden, aufs neue sich in das grosse, bewegte, tatsachenreiche Leben um
Schloss Neuhof und die uralte Stadt Witoborn hinüberziehen lassen?
    Auf einem schrägliegenden Ruhebett, von einigen Gurten und Bandriemen,
einigen eisernen Klammern in fester Lage gehalten, lag, weissgekleidet, das
schlanke junge Mädchen, eine Gestalt zart, wie durchsichtig, ganz von jenen
länglichen Formen, sowol im Oval des edeln griechischen Profils, wie des
Oberkörpers und der Hände, die wir gelernt haben als Ausdruck des Seelischen zu
nehmen.
    Die Comtesse, die ihr eigenes Zimmer hatte, schien zu schlummern.
    Der Director sagte leise:
    Sie ist krank und mir ganz besonders empfohlen! Sehen Sie nur! ... Sie neigt
zum Traumschlafe ... Sie spricht! Ganz deutlich! Und doch schläft sie!
    Lucinde trat näher ... Ihr Herz pochte ...
    Murmelnd sprach das junge Mädchen Worte, die einem Gebet gleichkamen.
    Der Director schloss die Tür, die zu den lauten Sälen führte ...
    Nimm hin, sprach das junge Mädchen, leise und langsam betonend, nimm hin -
das - priesterliche - Kleid - welches - die Liebe bedeutet! - Gott ist mächtig -
genug in dir - die Liebe zu vermehren und sein Werk - zu - vollenden -!
    Der Director horchte hoch auf; so zusammenhängend hatte die Kranke noch nie
gesprochen.
    Lucinde träumte noch von Neuhof, von der Katedrale ...
    Die Schläferin schwieg eine Weile, dann fuhr sie deutlich fort:
    Du willst, o Herr - diese Hände - weihen und heiligen - - durch die Salbung
- damit alles, was sie weihen - geweiht und geheiligt sei im Namen unsers Herrn!
    Dann setzte sie mit einer andern, fast männlichen Stimme hinzu:
    Amen!
    Was mag sie beschäftigen? fragte der Director erstaunt.
    Lucinden aber war es, als wäre sie an den Hochaltar zurückversetzt, wo sie
Serlo gesehen zu haben glaubte, wie er von den Todten erstand.
    Der Director winkte, dass sie nicht spräche; eben wollte sie an die
Priesterweihe erinnern.
    Die Schlafende fuhr fort:
    Nimm hin - den Heiligen Geist! Welchen - du die Sünden - erlassen wirst,
denen - sind sie erlassen! Welchen - du sie - behalten - wirst, denen - sind -
sie - behalten!
    Sie spricht dem Bischof nach, der in diesem Augenblick in der Katedrale die
Priesterweihe hält! ... flüsterte Lucinde.
    Sieh! Sieh! bemerkte jetzt der Director kopfschüttelnd und setzte dann leise
und fast lächelnd hinzu: Es ist ein Verwandter ihrer Familie darunter, Zögling
des hiesigen Convicts, ein junger ehemaliger Offizier, ... er wird in diesem
Augenblick ausgeweiht ...
    Ein Herr von Asselyn!
    Ganz recht!
    Der Director flüsterte nach einer Weile:
    Sie hat eine grosse Verehrung vor diesem ihrem Landsmann ... sie leidet
entweder darunter, der Feierlichkeit nicht beiwohnen zu können, sieht sie aber
im Geiste vor sich ... oder ... sie wünscht wohl gar ...
    Auf dieses bedeutungsvoll gezogene: »Wol gar«, in dem Lucinde die Vermutung
erkannte, die Kranke litte darunter, dass der ihr Teuere überhaupt Priester
wurde und Frauenliebe nun ein ganzes Leben lang nicht mehr erwidern durfte,
schienen plötzlich die Empfindungen der Schlummernden Inhalt und Ausdruck zu
verändern. Die Mienen verdüsterten sich, die Hände hoben sich als wollten sie
irgendetwas Störendes verhindern. Der Rücken, den sie nicht bewegen konnte,
schien sich erheben zu wollen. Zurückgehalten von dem Mechanismus des Bettes,
mehrte sich ihre Angst. Seufzer entrangen sich der Brust, die sich mächtig hob.
Der Mund blieb starr geöffnet als wollte er: Nein! Nein! Nein! rufen ...
    Da fuhr der Director sanft über ihr Antlitz und weckte sie.
    Befremdet sah sie um sich, als hätte sie hier zu erwachen nicht
vorausgesetzt.
    Als dann der Director ihr die neue Pflegerin vorgestellt hatte, veränderten
sich ihre Züge allmählich zur frühern Milde. Sie schien Lucinden nicht von
früher zu erkennen. Sie lächelte gelassen, ergeben, sanft, ja dies Lächeln war
wie jener lichte Hauch, jener sanfte rötliche Schimmer im Innern einer weissen
Rose. Tief andachtsvoll, gläubig der Gruss ihres schönen Antlitzes. Sie bewegte
sich nicht, aber in den Augenwimpern lag etwas, wie wenn sie sich im Geiste
verneigte. Sie verneigte sich wie einem Engel der Verkündigung.
    Kommt aber wohl der Engel, der sich in freundlicher Anrede jetzt über Paula
von Dorste-Camphausen niederbeugt, aus den reinen Regionen des Lichtes?
    Ihr Kinderseelen ringsum! Mögen lichtgeborene gute Engel über euch wachen,
Hüter und Schirmer vor dem nachtdunkeln Gefieder, das an Lucindens Haupte, wie
einer Tochter Lucifer's, dämonisch aufzurauschen scheint!
    Nachdem sie ihr Zimmer angewiesen erhalten und ihren Einzug geordnet hatte,
machte sie einen ihrer ersten Ausgänge zum Bischof.
    Sechs Wochen später holte sie für ihre neue Stellung die Bedingung nach, der
katolischen Kirche anzugehören.
                             Ende des ersten Buchs.
 
                                  Zweiter Band
                                   Zweites Buch
                                        1.
Den Strom zu nennen, auf dem ein in erster Morgenfrühe ausgefahrener Dampfer
soeben seine schäumenden Furchen zieht, drängt es unser ganzes Herz.
    Doch sei von ihm nur gesagt, dass er von den Frage- und Ausrufungszeichen
seiner ersten Alpen-Jugend an bis zu den letzten versandenden Gedankenstrichen
und Stirnrunzeln des Alters gross und bedeutsam ist wie das Menschenleben selbst
... Wie grüssen uns die Zinnen der Türme, die rings auf deinen Felsenufern
ragen, du bei Sonnenschein und Nebel gleich Geliebter! Wie schlägt die Welle an
deine Wehre und Buchten! Wie kräuselt sich über gesprengtem Felsenriff in deinem
offenen Bett jetzt spielend die Woge, wo sonst die Strömung tödtliche Opfer
forderte! ... Und in diese grüne Gegenwart ringsum, diese blaue über uns, in
dies Singen und Rufen von den Gestaden, in dies Läuten von uralten Türmen in
grauen Städten und Weilern spricht Sage und Geschichte herein so lebendig, so
gegenwärtig, als wenn auf den Kanten der Felsen immer noch die verlockenden
Geisterjungfrauen sässen und ihre goldenen Locken im Mondlicht strählten, auf den
Söllern immer noch die Ritterfräulein mit ihren Schärpen winkten, die sie dem
Kämpen zum Lohne gestickt, immer noch der schwere Tritt der schellenbehangenen
Rosse, der vom Felsen drüben zum Felsen hüben das Echo weckt, kommen könnte von
einem Banner Geharnischter, nicht von den Fuhrleuten mit ihren zweirädrigen
Karren und den an den Stirnen mit einer grossen roten wollenen Agraffe
geschmückten, über den Hufen so langzottig behaarten Tieren, die in unsere
Keller nur den Wein verführen! »Nur« den Wein! »Nur« deinen goldensten Hort! ...
Wir Undankbaren und so schon durch deinen Reichtum Verwöhnten!
    Bunt und lustig drängen sich die Passagiere des Dampfboots ... Nennt ihr den
Gehalt der Gegenwart leer und flüchtig, so ist gewiss das Leben auf Eisenbahnen
und Dampfschiffen dem kurzen Moussiren zu vergleichen, das die Weinperlen oben
zum flüchtigen Kranze vereinigt. Närrische Blasen, die da aufgeworfen werden von
Ost und West! Moden, ihr tollen, wer hat euch erfunden! Trägt man die Mützen
jetzt so flach, die Burnusse, die Plaids, die Abd-el-Kaders mit dieser kühnen
Schwenkung um die Schulter? Was welscht und radebrecht der Zeitgeist im Gespräch
zusammen, nicht nur äusserlich barock dem. Ohre nach, auch innerlich dem Geiste?
Sind wir schon auf dem Hudson oder Delaware, dass uns so yankeehaft, zu Mute
wird? Und müssen wir wirklich der Versuchung widerstehen, diese Kellner mit
ihren carrirten Halsbinden und grotesk gestreiften Inexpressibles nicht für
Affen zu halten? Grosser Saturn, verspeise deine eigenen Kinder und nimm uns alle
hin zu deinen urewigen Frühstücken, wenn diese Reisewelt der Dampfschiffe,
Eisenbahnen und Hotels mehr sein wollte, sein dürfte als der kurze Schaum, den
unser Zeitalter aufwirft, wenn sein hoffentlich tieferer innerer Gehalt im
ersten Anschuss an die Atmosphäre tritt!
    Auch auf der »Prinzessin Marianne« - Albums, Panoramas, Plaids, blaue,
grüne, rote Schleier, Firnissstiefel, Cotteletts, Beefsteaks ... Schooshündchen
... hinterpommersche Welt- und Zeitansichten ... Dünste und Nebel über
Baumwolle, Bundestag, Whigs und Tories, Louis Philippe's neueste bombenfeste
Kutschen, Talberg und Liszt ... alles was sich nur dem Streit des Zeitalters
der Revolutionen mit dem Horror vacui des immer siegreichern Systems der
materiellen Interessen entbinden und entwinden kann ...
    Dann aber von Station zu Station scheidet sich von diesem kosmopolitischen
Durcheinander doch Sonderleben um Sonderleben ... Die ausgesteckte Fahne auf
einem Häuschen am Ufer bringt neue Passagiere, ein Zeichen vom Schiffe kündigt
den Nachenführern Abgehende an. Ja, es gibt noch einzelne in der Welt! Man
schwimmt und schwatzt oder schweigt nur so eine Weile im Allgemeinen mit.
Abseits sich wendend bleibt jedem wieder sein eigenes Herz, sein eigenes
Schicksal, sein eigenes angstvolles Mühen, im allgemeinen Drängen sein Ziel
nicht zu verlieren.
    Schon seit der in den engern Umgebungen des Stromes abgehaltenen
Mittagsmahlzeit hatte eine Dame zu öfterm den Steuermann nach der baldigen Nähe
eines Ortes gefragt, wo sie abzusteigen gedachte.
    Schon lange stand sie an der kleinen Tür, an welcher die Stiege aufgezogen
hängt, über welche die Abgehenden in Kähne steigen müssen, die von den kleinern
Stationen dem Dampfschiff entgegenkommen.
    Manchem schon mochte die Dame wegen des unausgesetzten Vorbehaltens ihres
blauen Schleiers aufgefallen sein. Ein einfacher gelber Strohhut schützte sie
gegen die senkrecht fallenden Strahlen der Augustsonne. Den trotz der Hitze
zuweilen heftig aus den Biegungen des Stromes hervorbrechenden Windstössen hielt
ein schottischer Mantel Stand von grün und rot carrirtem Muster und leichtem
Baumwollzeuge. Neben der schlanken Gestalt stand schon in Bereitschaft ein
Koffer von ganz neuem hellbraunen Leder, ein Koffer, der so klein und handlich
war, dass er nur auf die notwendigsten Bekleidungsgegenstände schliessen liess;
selbst eine Hutschachtel fehlte; man musste annehmen, dass der gelbe Strohhut, den
die Dame trug, der einzige war, den sie für ihre Reise nötig hielt. In der Hand
hielt sie noch eine kleine buntgewirkte Bügeltasche ...
    Frauen und Männer, denen solche indiscrete Prüfungen ebenso nahe lagen wie
uns, gab es schon seit einige Stunden genug. Die Dame ass nichts, trank nichts,
sah nur starr und stumm in die Abwechselungen der Gegend, setzte sich zuweilen
mit grosser Sicherheit auf diejenige Seite des Schiffs, die vor der Sonne Schutz
bot, und brütete unter ihrem blauen Schleier und schottischem Mantel und
Sonnenschirm über Dinge, die schon mancher gern erraten gehabt hätte.
    Entgehen konnte niemand, dass die Reisende jung war. Durch den dichten
Schleier funkelten sogar zwei brennende Augen von halb scheuer, halb klug
prüfender Unruhe. Richtete man dann plötzlich auf sie selber entweder zu lange
den Blick oder ein Glas, das scheinbar die alten Burgen und Städte, in der Tat
aber nur die Züge der seltsamen Unbekannten musterte, so entzog sie sich der
Neugier durch eine rasche Wendung, die zugleich verriet, dass sie niemals
gänzlich in die Abwesenheit ihrer Gedanken versank, die sie scheinbar zeigte,
sondern gegenwärtig blieb allem, was sie rings umgab, vorzugsweise dem
Interesse, das sie einflösste.
    Die Ungeduld, die die verschleierte Dame bei alledem zu beherrschen schien,
war offenbar auf den Augenblick gerichtet, wo sie das Schiff zu verlassen hatte.
    Der grösste Teil der Passagiere, sass noch an der auf dem Verdeck
aufgeschlagenen Tafel und bewunderte gerade beim Dessert - Stachelbeeren, die in
dieser himmlisch üppigen Gegend so gross wie Zwetschen gereift waren, als man
endlich jene Station erreicht hatte, nach der die Verschleierte schon mehreremal
den Steuermann reglementswidrig angeredet und gefragt hatte.
    Eine neugebaute Kirche, die auf einem Vorsprung des linken Ufers stand, war
schon lange als Merkziel derselben in Sicht. Hier erweiterte sich der Strom und
nahm die mildern Linien der Umgebungen eines Sees an.
    Endlich hielten die Schaufelräder in ihrem gleichmässigen Takt, das Schiff
kam in eine schwebende Bewegung, der Kahn vom jenseitigen Ufer tanzte schon in
den aufgeregten Wogen näher, das Seil wurde vom Bord den Schiffern zugeworfen,
die Brücke herabgelassen und mit sicherer Haltung, den Sonnenschirm einlegend,
stieg die Dame in den Kahn. Ein kurzes Brausen der Räder, ein geschicktes
Auffangen des nachgeworfenen Koffers, ein Augenblick des bedenklichen Schwankens
des noch gleichgewichtlosen Kahns und der Dampfer schoss weiter, der Kahn dem
Ufer zu.
    Die neugebaute St.-Maximinuskapelle wurde sonst vom Dampfschiff aus stark
besucht. Heute traf es sich, dass die Schiffer nur diesen einzigen Passagier ans
Ufer setzten.
    Wie weit ist es bis St.-Wolfgang? fragte die Reisende, den Sonnenschirm
wieder ausspannend und mit einem bestimmten und sichern Tone.
    Zwei Stunden!
    Bekomm' ich einen Einspänner dortin?
    Gewiss!
    Wo?
    Im Weissen Ross!
    Wollen Sie mich ins Weisse Ross führen?
    Da liegt's am Wasser!
    Die kurz angebundene Sprecherin blickte hinüber und sah das Hotel »Au Cheval
Blanc« in grossen Buchstaben angekündigt.
    Den Schleier hatte sie jetzt zurückgeworfen, den Mantel abgenommen, den ein
Schiffer beim Aussteigen über den Arm behielt, während der andere das Kofferchen
auf die Schulter lud. Die über ein ausgelegtes Bret behend das Ufer Betretende
zeigte sich zu Land und Wasser von gleicher Sicherheit.
    Der Garten des Weissen Rosses geht fast bis dicht an das Ufer des hier mit
besonderer Schönheit sich erweiternden, im Sonnenlicht glänzenden Stromes. Mit
wenig Schritten durch den Sand war er erreicht.
    Als alle drei in den Garten getreten waren, warteten die Schiffer weiterer
Befehle ...
    Ein dicht an der Tür auf einer geebneten Terrasse unter einem anmutigen,
schattenreichen Baume gelegener Tisch schien diese zu entscheiden.
    Die Dame bezahlte, liess den Koffer neben sich hinstellen, befahl aber wegen
eines Wagens den Wirt zu rufen. Noch rief sie dem einen der Schiffer, der
deshalb ins Haus ging, nach, er möchte ihr auch »eine Kleinigkeit« zu essen
bestellen. Sie hatte an der Table d'hôte des Dampfschiffs nicht teilgenommen.
    Einige Augenblicke war sie allein. Vor der steinernen Balustrade über die
Terrasse auf- und abgehend und jetzt auch den Hut sich freier bindend, um wie
von einer langen Gefangenschaft in der himmlischen Luft aufzuatmen, musterte
sie die Gegend, die sie ohne Zweifel zum ersten mal sah und vom Lande aus noch
viel entzückender finden musste als vom Dampfschiff, das immer nur Panoramen
gibt, in denen man sich, weil man eben zu viel sieht, meist ohne Befriedigung
verliert ... Nur die Gegend ist ja schön, die Eines gibt und das Andere ahnen
lässt.
    Die Schiffer kamen zurück mit dem Wirt.
    Es wurde ein Einspänner behandelt, der die Dame nach dem zwei Meilen tiefer
ins Innere hinein gelegenen Orte St.-Wolfgang führen sollte.
    Bis zum Anspannen wünschte die Reisende ein mässiges Mahl zu nehmen, dann die
St.-Maximinuskapelle zu besuchen und von dort mit dem Wägelchen abgeholt zu
werden. Sie erkundigte sich genau nach den üblichen Preisen, bedingte sich das,
was sie zahlen wollte, mit grosser Bestimmteit und erklärte, das kleine Mahl,
das sie in allen Einzelheiten specificirte, unter dem »schönen fruchtbeladenen
Apfelbaum da« und »an jenem Tisch« einnehmen zu wollen.
    Der Wirt ging. Die Reisende nahm jetzt den Hut vollends ab und warf ihn auf
den ehemals weiss angestrichen gewesenen Tisch. Ihr Antlitz glühte. Mantel und
Hut und Schleier hatten ihr heiss gemacht. Mit der ganzen Behaglichkeit, sich
allein zu wissen, warf sie sich auf die harte Bank. Einem auf schwellender
Ottomane Ruhenden konnte es nicht bequemer sein.
    An die Reize der Natur schien sie sich bald gewöhnt zu haben, von einem
langen Erstaunen überhaupt nicht viel zu halten. Nur zur Maximinuskapelle warf
sie zuweilen einen prüfenden Blick. Dazu las sie, doch ohne besondern Eifer,
dasjenige aus einem Führer, den sie aus ihrer kleinen, jetzt aufgeschlossenen
Handtasche nahm, was über die Oertlichkeit, auf der sie sich befand, dort gesagt
sein mochte.
    Das Haupt aufstützend, zuweilen umblätternd, zuweilen nach einem Gegenstande
auf dem Flusse, zuweilen rückwärtsblickend, wo ein Tellergeklapper die Anstalten
zu ihrem Mahle verriet, erkennen wir sie. Es ist Lucinde ... Drei Jahre älter,
als wir sie verlassen haben.
    Sie trägt das dunkle Haar in Flechten wie sonst, aber mit einem hohen Turm,
wie eine Krone; ihr Wuchs ist hoch wie sonst, aber elastischer in der Haltung;
ihre Augen sind glühdunkel, doch etwas spitz und stechend; ihr Lächeln verschönt
noch immer die frühern plastischen Formen der Nase, der Lippen, des Kinns, aber
zuletzt verliert es sich in eine Bitterkeit um die Mundwinkel; ihr
Unternehmungsgeist scheint wiedergekehrt, wie in der Zeit, wo sie zu Pferde sass;
das ganze Wesen hat die alte Unreife und Unfertigkeit verloren, womit freilich
auch der Reiz des Mädchenhaften abgestreift ist. Lucinde ist eine Dame geworden,
zu deren Erscheinung unzertrennbar die Glacéhandschuhe zu gehören scheinen, die
sie selbst während des Essens nicht abzieht.
    Mit einer an ihr uns ganz neuen Versunkenheit in sich selbst, die auf eine
mächtige innere Gedankenarbeit schliessen lässt, hat sie bald das bestellte und
von Kellnern gebrachte Mahl mechanisch eingenommen.
    Zur letzten Schüssel war der Wirt zurückgekehrt und hatte auch den
verlangten Wagen in Aussicht gestellt.
    Kennen Sie den Pfarrer von St.-Wolfgang? fragte sie.
    Von St.-Wolfgang? Gewiss!
    Es ist ein Herr von Asselyn?
    Von Asselyn!
    Was wissen Sie von ihm?
    Man nennt ihn einen Heiligen ...
    Ist er's nicht?
    Einen jungen Mann kann noch keiner einen Heiligen nennen!
    Warum nicht? Wer heilig genannt werden will, muss sich's in der Jugend
verdienen; im Alter sind wir alle Heilige!
    Ein curioses Gespräch, das den Wirt lachen machte.
    Der Wirt sprach fort, nur um zu sprechen oder die Fremde ferner so spasshaft
antworten zu machen. Er erzählte, dass die Dame in St.-Wolfgang zu einem
Leichenbegängnisse ankommen würde.
    Kein gutes Omen! Wer ist gestorben? fragte sie.
    Ein Häusler, den die Leute in der Gegend für reich hielten, ohne dass er
einen Pfennig mehr hinterlassen hat, als zu seinem Begräbnis nötig sein wird.
    So werden an seinem Grabe keine lachenden Erben stehen!
    Lucinde war mit ihren Speisen schon fertig und wählte sich bereits von dem
schönen Obst aus, das ihr auf einigen Tellern zum Dessert gebracht worden war.
    In der kurzen, ihr jetzt eigenen inquisitorischen Art fragte sie, eine Birne
schälend:
    Wie konnte man einen Häusler für reich halten?
    Man schickte ihm, erzählte der Wirt, was er brauchte, aus Welschland oder
der Schweiz. Das übertrieben dann die Leute! Er hinterliess nichts als einen
Sarg, den er sich selbst gezimmert hat. Er war nur in die Sechzig gekommen.
    Seinen eigenen Sarg? fragte Lucinde und biss in die Birne.
    Man erzählt's, berichtete der Wirt. Den Sarg hat der alte Mevissen, so hiess
er, in St.-Wolfgang in seiner eigenen Stube gehabt, hat auch drinnen schon seit
Jahren geschlafen. Der Pfarrer hat ihm feierlich versprechen müssen, ihn auch in
diesem Sarge zu begraben und zu weihen. Er hat ihn wirklich sich selbst
gezimmert! Da nichts Unheiliges dabei sein soll, so wird er wohl heute gegen
Abend in die Erde kommen in diesem seinem selbstgezimmerten Sarge.
    Hm! Hm! Ei! Ei! sagte Lucinde.
    Der Wirt bemerkte, dass sie ein scharfes Lächeln durch ihre Mienen spielen
liess.
    Warum lachen Sie? fragte er.
    Wenn der Mann vermögend war und sich um keine Erben kümmern wollte, so würd'
ich die Wände des Sarges untersuchen lassen. Es gab schon manchen Geizhals, der
seinen Mammon in die andere Welt auf diese Art mit hinübergenommen hat!
    Damit wählte sie zum Schälen eine zweite Birne. Sie warf sie weg, weil sie
darin einen Wurm fand. Als sie von Würmern murmelte, konnte es ebenso sein als
sagte sie: Die andere Welt ... ich meine die Würmer!
    Der Wirt musste seine Teller, die er eben wegnehmen wollte, niedersetzen vor
Befremden über diese Erklärung wegen des Sarges. Der Einfall der so kurz
angebundenen Dame kam ihm nicht unwahrscheinlich vor und schon hatte er eine
weitere Ausführung der Vermutung begonnen, als er durch einen langgezogenen Ruf
dicht in der Nähe unterbrochen wurde.
    Man hörte die Worte rufen:
    Figuri kauf! Figuri kauf!
    Ein italienischer Gipsverkäufer ging mit einem Knaben unten an der
Balustrade vorüber und bot hinaufgrüssend seine Waare an, die er und sein
Begleiter auf den Köpfen trugen. Diese Leute setzen bekanntlich voraus, dass man
in einem Postwagen selbtsechs reisen kann und doch noch Platz findet, sich die
Gruppe des Laokoon mitzunehmen. In Venedig rennen die Fischer den Fremden nach
und bieten ihnen Frutti di Mare an, Seespinnen, Quallen und Krebse, die man,
frisch wie sie vom Lido kommen, in ein Taschentuch binden und in seinem Hotel
sich kochen lassen soll.
    Miracolo! rief Lucinde den ältern Italiener an, ihres Gesprächs über den
Sarg und die Wirkung auf den Wirt vom Weissen Ross nicht weiter achtend,
Miracolo! Si vede che venite direttamente dalle Santa Casa di Loretto!
    Sie deutete auf die nur mit Gegenständen religiöser Verehrung geschmückten
beiden Tragbreter der Verkäufer.
    Und noch ehe der Italiener erwiderte, fuhr sie fort:
    Nessuna Minerva! Ne Amore col arco! Tutti santi del Cielo!
    Nach der keine Antwort schuldig bleibenden Weise seines Volks erwiderte der
Figurenhändler bejahend und lächelnd:
    Si! Si, Signora! Siamo in un mondo pieno di peccati!
    Sein Kleiner rief dazwischen:
    Figuri kauf!
    Lucinde erhob sich und betrachtete die Heiligen und Muttergottesbilder, die
teils von geringem künstlerischen Wert und bunt bemalt waren, teils aber auch
schönere Leistungen darboten, unter anderm die heilige Agnese aus der Kirche
Santa-Agnese vor den Toren Roms, den Moses Michel Angelo's, auch den
altberühmten fast schon um seine Zehen geküssten Apostel Petrus aus der
Peterskirche in Rom, der indessen leicht ein alter Janus sein kann mit dem
Schlüssel nicht des Himmels, sondern des Tempels zu Krieg und Frieden.
    Lucinde machte ihn gar zu einem Jupiter, worauf der Italiener in seiner
Sprache erwiderte:
    Mag sein, Signora! Aber jetzt ist er getauft und ein so guter Christ wie
wir!
    Inzwischen gingen beide schon einem Trupp Engländer entgegen, der soeben von
der Maximinuskapelle herunterkam.
    Der Wirt hörte allen diesen kurzen, aphoristischen Äusserungen mit erhöhtem
Interesse zu. Als er Lucinden einige bessere Birnen ausgesucht hatte und anbot,
fragte sie:
    Gibt es heuer ein gutes Jahr?
    Schon setzte sie sich den Hut auf.
    Die Frucht war leidlich! hiess es. Aber der Wein misrät! Die Leute
erwarteten nichts Besseres!
    Wie so? fragte sie und band sich die blauen Bänder in eine Schleife.
    Wir haben hier einen Aberglauben, antwortete der Wirt. Am Himmelfahrtstage
wird ein Kruzifix vom Grunde der Kirche mit einer eisernen Kette in die Höhe
gezogen. So viel mal die Kette dabei knackt, so viel Taler wird der Malter
Weizen kosten. Heuer knackte es achtzig mal. Es wird eine teuere Zeit!
    In welcher Kirche geschieht dergleichen?
    Aufrichtig, in keiner! Aber immer in jeder benachbarten! Ueberall nennt man
eine andere Kirche und geschehen ist's in keiner!
    Brav! sagte Lucinde lachend. Das ist ja das ganze Wesen der Offenbarung und
des Wunders auch!
    Ohne aber diesen Satz weiter auszuführen, fragte sie nach ihrer Zeche, ihrem
Fuhrwerk und dem Wege auf St.-Wolfgang.
    Der Wirt wäre gern auf alle diese ihre sprungweisen Andeutungen,
vorzugsweise aber auf das Begräbnis in einem mit Tresorscheinen und
Staatspapieren gefüllten Sarge zurückgekommen ...
    Jetzt gab es aber wieder eine neue Störung.
    Es schlich ein Knabe die Stufen des Gartens herauf und veranlasste nun ihn
selbst zu dem Anruf:
    Scher' er sich weg mit seiner Fuchserei!
    Der barfüssige Knabe zog sich eine Stufe zurück.
    dabei hielt er einen kleinen, nicht sogleich erkennbaren Gegenstand hin und
suchte die Fremde dafür zu interessiren.
    Was hat er denn? fragte Lucinde. Fuchserei? Armer Junge! Was kann er für
seine roten Haare!
    Da sitzt ihm der Fuchs nicht! fiel der Wirt ein, dem selbst die Röte
seines Antlitzes und der gute Wein, wie in jener Gegend vielen, bis in den Bart
und in die Spitzen seines nur noch dünnen Hauptaars gedrungen zu sein schien.
    Die Dame ist keine Engländerin! Mach' er nur fort! fügte er hinzu.
    Was hat er denn? fragte Lucinde.
    Der Wirt wollte verhindern, dass Lucinde von dem Knaben in einem
projectirten Handel betrogen wurde.
    Der Spitzbube, sagte er, während der Knabe noch immer stand, verkauft alte
römische Münzen, wie sie die Leute hier finden wollen. Sie sind aber nicht echt!
    Lucinde, sogleich voll Heiterkeit der Nikolaus Carstens'schen Liebhaberei in
Hamburg gedenkend, rief den Knaben zurück Schon hatte sie einige wie uralt
erscheinende mit grünem Rost beschlagene Kupfermünzen in der Hand und fand sie
von einem so unbezweifelbaren Schein der Echteit, dass sie für den Knaben Partei
nahm und dem Wirt die Münzen entgegenhielt mit den Worten:
    Die wären nicht echt? ...
    Woher sind die Münzen? wandte sie sich an den Knaben zurück.
    Der Knabe zeigte in die Berge, die sich mit dem grünen Schmuck des Rebstocks
bekleideten ...
    Da hast du sie gefunden?
    Mein Vater! hiess es leise und unsicher.
    Der Wirt drohte und meinte:
    Wenn Sie's glauben wollen, mir recht! Für zehn Groschen lässt er ihnen das
ganze Münzcabinet seines Alten!
    Der Knabe hatte fünf Münzen. Lucinde betrachtete sie und fand sie sämmtlich
täuschend antik. Sie hatte ja eben gelesen, wie in diesen Gegenden sich auf
Tritt und Schritt noch die Spuren der alten Römerzeit verraten. Kirchen sind ja
hier aus den Trümmern alter Castelle gebaut; Türme, aus denen jetzt der Krahnen
der Zollwage und das Wappenschild des städtischen Octrois hervorragt, waren
einst die Brustwehren der Besatzungen, die die Legionen des Drusus in den
neubegründeten Niederlassungen zurückliessen; Aschenkrüge zertrümmert täglich der
Spaten des Weingärtners, der seinen Berieselungen in den Bergen ein neues Bett
graben will; Münzen, die Augustus und Constantinus schlagen liessen, werden das
Spielzeug der Kinder, denen es ganz gleichst ist, ob sie »Fasseln« mit Kieseln
spielen oder mit Erinnerungen, die den Geschichtsforscher in Entzücken
versetzen.
    Der Wirt berichtete jedoch, dass es hier jetzt ganz schon wie in Italien
wäre. Die Arbeiter im Felde entdeckten mehr Münzen, als zu den Zeiten der
Legionen in Umsatz gewesen wären. Eiserne Töpfe voll könnte man in einer grossen
Stadt, auf deren Lage er hinunterzeigte, bei einem Juden finden, dem sie die
Verschmitzheit der Bettler wieder abkaufte und, als eben aufgefunden und vom
Pflug, dem Spaten, der Egge entdeckt, bei den Reisenden in Umlauf brächte.
    Lucinde hielt die zerbröckelten, halb erdfahlen, halb grünen Münzen gegen
das Licht, buchstabirte DRUS.. und AUGUS.. und DIV. und verglich die fast allein
nur noch hervortretenden gewaltigen Nasen der Brustbilder mit den Vorstellungen,
die man über Römerköpfe hat. Sie fand alles so ähnlich, so zutreffend, dass sie
erstaunt erklärte, nicht an Verfälschung glauben zu können.
    Und doch! setzte der Wirt hinzu. Die Münzen da können gestern noch ganz neu
gewesen sein!
    Gestern noch? rief Lucinde erstaunt.
    Gestern! bestätigte der Wirt. Man drückt eine solche von dem Juden
geschlagene Münze in einen Teig und nudelt damit die Gänse!
    Was? Wie? Die Gänse?
    Ich sage Ihnen, die Gänse! Und heute früh können die Dinger da den Gänsen
erst abgegangen sein! So, wie sie jetzt da sind, kommen sie dann zum Vorschein!
Grün und rostig und halb zerschmolzen!
    Der Wirt schilderte, ohne weitern Anstand den chemischen Prozess, nach
welchem diese Münzen durch einen Gänsedarm hindurch binnen vierundzwanzig
Stunden achtzehnhundert Jahre alt wurden.
    Lucinde war aber schon in ein solches Gelächter ausgebrochen, dass er eine
noch ausführlichere Erklärung nicht nötig hatte.
    Sie gab dem auf dem Sprunge stehenden Knaben ein Geschenk, nahm seine Münzen
und rief:
    Das muss ja der Ahasverus selber sein, der in der Stadt da drüben so die
Jahrhunderte machen kann! Sie kennen doch die Sage von dem bösen Schuster, der
einst dem Heiland die Erquickung des Ausruhens abschlug, als er sein Kreuz auf
Golgata tragen musste? War das ein Herren- oder Damenschuster, ich kann es nicht
sagen; aber in der Stadt da unten wohnt er jetzt und macht Münzen, die von
gestern auf heute tausend Jahre alt sind! Und mit Hülfe des Vogels der Dummheit!
Sehen Sie, wieder, wie schon einmal auf dem Capitol! Die Gänse sollen leben! Die
Gänse! Es ist nicht ohne, dass der Doctor Martin Luter an dem Tage geboren
wurde, wo man die erste Gans auf den Tisch bringt!
    Dem Wirte mochte der Ausbruch dieses Humors unverständlich, ja an einer
Dame, der sich auf der Brust, wie sich eben beim Lachen gezeigt hatte, ein
grosses goldenes Kreuz an einem Bande aus der Chemisette losnestelte, fast
unheimlich erscheinen. Dennoch machte er keine auffallend betroffene oder etwa
den Vermittlerinnen des chemischen Processes, wodurch Neuestes zu Aeltestem
werden kann, verwandte Miene, sondern bemerkte, dass er selbst ein Freund alter
Münzen wäre, eine schöne Sammlung echter hätte und sie der jungen Dame, wenn sie
es wünschte, vorlegen könnte.
    Nein, nein, nein! rief sie in ihrem alten, wie wir wissen, die Grenze
überschreitenden Humor. Wer bürgt mir für die Unschuld Ihrer Gänse? Sie nudeln
sie auch mit Jahrhunderten! Sie sind unecht! Gewiss, gewiss!
    Bitte! bemerkte der Wirt ... Ich fand den grössten Teil selbst.
    Man hat sie Ihnen hingelegt, frisch aus dem Gänsestall!
    Ich fand sie an ganz unzugänglichen Orten!
    Sie irren sich! Was entscheidet denn an diesen fünf alten römischen
Kupferdreiern, die ich hier in der Hand halte und mir zum Andenken in meine
Tasche schliesse, dass sie nicht echt sind! Ihre Münzen, Herr Wirt, haben alle
denselben Weg gemacht! Ob der Rost von der Magensäure einer Gans kommt oder von
den allerdings längern Gedärmen wirklicher Jahrhunderte, ist all eins! Lassen
Sie's nur so und - glauben wir's!
    Jetzt setzte sie ihren Hut auf und band den Schleier darüber.
    Beim Bezahlen ihrer Zeche erscholl plötzlich aus der Ferne ein lieblicher
Gesang. Sanfte Accorde wallten durch die sonnige Luft. Es war ein Kirchengesang
von jener getragenen Einfachheit, die etwas Kindliches und in den kurzen,
zwischen den Strophen liegenden Pausen etwas Ländliches hat, nach Art der
Schifferlieder auf den italienischen Seen.
    Woher kommt denn das? fragte Lucinde.
    Es sind die jungen Mädchen aus dem Englischen Fräuleinstift auf der Insel
Lindenwert drüben! sagte der Wirt und zeigte auf einen weit über den Spiegel
des Stroms hinweg aufragenden Kirchturm. Die Englischen Fräulein, setzte er
erklärend hinzu, halten das Stift seit ein paar Jahren. Sie kommen oft mit den
Kindern herüber in die neue Kapelle oben!
    Lucinde blickte auf den schönen Bau, erinnerte an ihren Einspänner und
wollte gehen.
    Das Erbieten des, wie sie sah, nicht ungebildeten Wirtes, sie zu führen,
lehnte sie mit der ihr wiederkehrenden Bestimmteit ab. Der freundliche, von
seinem Gaste, wie selten von einem solchen flüchtigen Ankömmling unterhaltene
Mann hätte sie gern hätte gern, wie er selbst sagte, noch vom Sarg des alten
Mevissen mit ihr gesprochen; aber sie hatte gezahlt, übergab zur Verladung vorn
auf das Gefährt ihren Koffer, sah sich noch um, ob sie nichts vergessen hatte,
und verliess, ohne weitere gemütliche Anknüpfung mit der neuen Bekanntschaft,
den Garten. Sie begab sich zwischen einer Reihe kleiner Sträucher und dem mit
ruhigem Sonnenglanz überwobenen, von berg- und talwärts gehenden Schiffen
belebten Strom auf den am Ende des Ortes liegenden Hügel zur Kapelle des
heiligen Maximinus. Fast war's, als hätte der fromme Gesang sie gemahnt, ihrem
bizarren und skeptischen Humor endlich Einhalt zu tun.
    Vor einem am Aufgang zur Kapelle am Kreuz hängenden Erlöser wollte sie sich
auch in Andacht verneigen, sah aber auf der unter ihm befindlichen Bank den
Gipsfigurenhändler und seinen Sohn sich ausruhen.
    Jener rief ihr freundlich winkend und die Stirn trocknend zu:
    Fa caldo!
    Kommt Ihr nicht ins Land hinein? fragte sie und zeigte über die Berge.
    Si, Signora!
    Nach Kocher am Fall?
    Si! Si!
    Kennt Ihr dort die Dechanei? An der Katedrale St.-Zeno?
    Der Italiener schien aufs angenehmste an einen seiner besten Kunden
erinnert, den Dechanten von Asselyn.
    Un compratore dei Santi? fragte sie scherzend.
    Der Italiener schüttelte den Kopf und machte eine schlaue Miene, als wenn
der Dechant einen völlig andern Geschmack hätte.
    Lucinde horchte der Charakteristik des Dechanten von Kocher am Fall, sagte
aber jetzt fast wie eine Fromme:
    Kommt zu Lucinde Schwarz in Kocher am Fall! Ich wohne in der Dechanei des
heiligen Zeno! Ich will Euch den Moses da des Michel Angelo abkaufen!
    Der Italiener nickte befriedigt.
    Lucinde stieg zur Kapelle empor.
 
                                       2.
Wie sie den wiederbeginnenden Klängen des Marianischen Lobgesangs folgend an
noch einigen Leidensstationen vorüberging, musste sie den schönen und malerisch
gelegenen neuen Bau bewundern.
    Alles, was nur die gotische Architektur zugleich an bedeutungsvollen wie
lieblichen Elementen besitzt, war hier in einer reizenden Gesammtwirkung
vereinigt. Wie hingehaucht stand das halb rötliche, halb hellgrüne
Sandsteingebilde und verlor sich mit vier schlanken Türmen, als wäre es
befiedert, in die blaue Luft. Spitzbogenfenster, Spitzgiebel, Spitzdächer, alles
war verziert mit steinernen Blumen und Blättern. Grosse durchbrochene Steinrosen
schmückten die Türen und Seitenwände. Ein terrassenförmiger kleiner Garten
umgab die obere Spitze des Kreuzes, in dessen Form auch der ganze Bau sich
erhob. Dieser Garten lud den müden Wanderer ein in den Schatten breitästiger
Linden. Bienen summten, Käfer schwirrten. Einem Schmetterlinge nur brauchte
Lucinde nachzugehen, der sie mit seinem Flatterfluge an die Pforte des
festgegründeten schönen Gottestempels, des Asyls des Unsterblichkeitsglaubens,
fast ausdrücklich zu geleiten schien.
    Die kleinen Sängerinnen waren verstummt. Sie befanden sich in der Kirche,
die auch Lucinde betrat. Der Raum war drinnen eng. Zusammengedrückt schien das
Ganze noch mehr zu werden durch eine fast zu reiche Verschwendung von Gold und
Farbe. Lucinde fühlte sogleich, dass alles hier fast zu sinnlich, zu laut, zu
unmittelbar auf den Eintretenden eindrängte; sie schlug indes die Augen nieder,
besprengte sich mit dem geweihten Wasser und kniete, fast geräuschvoll, an den
Marmorstufen des Altars nieder.
    Nachdem sie, wie andachtversunken, ihr Gebet verrichtet, erhob sie sich und
musterte die Malereien. Auch zu einer Krypte stieg sie nieder, die ihr nicht
minder beengend, fast furchterregend vorkam. Eine besondere Aufforderung zur
Gottesandacht lag nicht in dem Eindruck dieses Innern eines so gefälligen
Äußern. Doch senkte sie die Wimpern und verriet keine Kritik.
    Die kleinen Mädchen der Pension von Lindenwert, wohl ihrer zwölf bis
sechzehn an der Zahl, liessen den engen Raum des Gotteshauses von ihrer Neugier
und Zerstreuteit nicht wenig widerhallen. Eine dem Orden der Englischen
Fräulein angehörende Nonne und eine weltliche Lehrerin waren ihre Führer.
Zuletzt verloren sich alle in eine Seitennische, in der sich noch das Gerüst
eines Malers befand, dessen Pensum in der Ausschmückung der Wände hinter dem der
andern Künstler zurückgeblieben war. Auch er malte um die Heiligen grosse goldene
Teller in jenem Geschmack der sich in seiner Absicht allzu sehr verrät. Will
man durch die Vorgänge der heiligen Geschichte das Gefühl der Andacht wecken, so
müssen sie uns nicht als Wunder, sondern mit dem Zauber der Natürlichkeit und
noch heute täglich möglichen Wirklichkeit entgegentreten.
    Bei näherm Hinblick auf das Pensionat, das sich neugierig an den arbeitenden
Maler wie verlor, schrak Lucinde zusammen. So nahe schon hatte sie sich ihren
nächsten Zielen nicht geglaubt! Diese führten sie, wie sie ausdrücklich gewollt
hatte, mitten in alles wieder zurück, was sie in ihren ersten Jugendtagen, vor
dem Sinken ihres Sternes und dem neuen Aufgang in der ortopädischen Anstalt
halb bewusstlos erlebt hatte. Nun erkannte sie schon in der weltlichen Lehrerin
jene Angelika Müller, mit der sie einst vor sechs bis sieben Jahre ihre Reise
nach Hamburg gemacht hatte. War also der Prophet von Eschede, Dr. Laurenz
Püttmeier; noch immer ohne Hegel's Lehrstuhl für seine matematische
Philosophie? Beim Anblick dieser damals schon nicht mehr jungen, jetzt vollends
verblühten, armen geistigen Tagelöhnerin trat ihr der todte Jérôme vor die
Augen, wie er sitzen konnte und Würfel und Dreiecke schnitzelte und über jenes
bekannte Pentagramm, das wir als Bierzeichen adoptirt haben, sich in die alten
Wälder verlor, in denen einst dem Wodan Menschenopfer gebracht wurden ... Die
Lehrerin schien auch auf Veranlassung der obenerwähnten goldenen Teller eben mit
dem Erläutern der Symbolik des Kreises beschäftigt und sah Lucinden nicht.
    Diese fühlte sich vielleicht noch nicht stark genug, das volle Antlitz ihrer
Vergangenheit wieder zu ertragen .. sie verliess die Kapelle und flüchtete sich
fast in die warme und erquickende Luft zurück.
    Ihr Wagen war noch nicht zu erblicken. So wandte sie sich der Altane der
Kirche zu und nahm Platz auf einer der steinernen Bänke, die die schönste
Aussicht boten. Sinnend über den Mut, den sie haben wollte, dicht so wieder an
alles anzustreifen, was schon einmal für sie verhängnisvoll geworden war, sah
sie kaum, wie nah unter ihr der belebte Strom mit seinen malerischen Ortschaften
sich schlängelte, wie in der Ferne die Berge in ansehnliche Höhen stiegen und
links und rechts zwei schroff emporgetürmte Felsen mit den Trümmerresten zweier
alten Burgen wunderherrlich aufragten.
    Nach einer Weile und während die Schülerinnen des Pensionats in der Kirche
wieder einen neuen Gesang angestimmt hatten, bemerkte sie, dass sie auf der
Altane nicht allein war.
    Dicht an der von Epheu beschatteten Mauer der Kapelle standen in eifrigem
Gespräch ein Soldat und ein ohne Zweifel zu dem lindenwerter Pensionat
gehöriges junges Mädchen. In einiger Entfernung hielt sich ein Aelterer, nicht
gerade ein Diener, auch kein Erzieher, aber jemand, der gleichsam zu wachen
schien, dass das Zwiegespräch der beiden andern weder gestört noch vielleicht zu
vertraulich wurde.
    Das junge Mädchen trug die Kleidung des Pensionats, einen dunkelblauen
leichten Sommerstoff, einen runden italienischen Strohhut und eine Tasche zur
Aufbewahrung wahrscheinlich der Dinge, die das Englische Fräulein unterwegs
nicht zum Unterhalt kaufen mochte; überm Arm hing noch ein leichter Sommershawl.
Sie war eine von den ältern der kleinen Karavane, deren Mitglieder, sah man sie
einzeln, gereifter erschienen als in der Gesammteit. Das Gute haben ja richtig
geleitete weibliche Pensionate, dass die jungen Mädchen durch ihr Beisammensein
sich länger kindlich erhalten und jene gefährliche Krisis der ersten erwachenden
Temperamentsvorgänge glücklicher überwinden als in der die Frühreife
zeitigenden, wenn auch traulichern Wärme des älterlichen Hauses.
    Auch das junge Mädchen, das vielleicht sechzehn Jahre schon zählte, machte
Lucinden einen Eindruck, als müsste sie es schon gesehen haben. Es war eine
Erscheinung von eigentümlichem Reiz; nicht zu gross, aber wohlgebaut und von
einer Lebhaftigkeit im Auseinandersetzen, einer Innigkeit im Genuss dieser
vertraulichen Zwiesprache mit dem jungen Krieger, die Lucinden sogleich so
bitter lächeln machte, als hätte sie sagen mögen: Du kleiner Fratz, dergleichen
erlebten wir einst ja auch! ... Sie mochte jedoch die Glücklichen, die sich
vielleicht vor dem Englischen Fräulein und Angelika Müller sicher glaubten,
nicht stören ... auch kamen ihr die Züge des Mädchens bekannt vor. Auf dem
Streckbett konnte sie sie nicht gesehen haben und doch fiel ihr sogleich Paula
von Dorste-Camphausen ein.
    Der Soldat war kein Offizier, sondern ein gewöhnlicher Gemeiner; aber
Lucinde wusste schon, dass es hier zu Lande sogenannte Freiwillige gab, die nur
eine kurze Zeit der allgemeinen Militärpflicht genügten. Ihnen schien der junge
Mann mit seinem schwarzen Bärtchen auf der Oberlippe und dem kurzgeschnittenen,
aber vollen Haarwuchs anzugehören. Er war gross, hatte etwas Festes und
Bestimmtes und erinnerte Lucinden an den seiter verschollenen Klingsohr, nur
hatte er nicht das Wüste und Unschöne desselben. Etwas Studentisches schien ihr
noch das grüngelbweisse Band, das er trotz der Montur, die offen stand, über
seiner weissen Piquéweste hinweg trug; doch konnte er wohl kaum noch der
Universität angehören, falls überhaupt die Voraussetzung der sogenannten
Freiwilligkeit die richtige war.
    Der Wächter in der Ferne schien jedenfalls ein Stück vom echten Soldaten,
aber auch zugleich ein Stück vom Jäger, ein Stück vom Landwirt, vom Bauer,
selbst vom Bedienten, von allem etwas. Mit einem zusammengerollten
Militärmantel, an dem ein Säbel befestigt war, ohne Zweifel Requisiten des
jungen Kriegers, stand er an dem Eingange zum kleinen Garten, rechts und links
lugend auf die Landstrasse und nur im geheimen auf das plaudernde Paar. Im Regen
und Sturm scheint er noch besser an seinem Platze zu sein; sein gerötetes
Antlitz hat das Viereckige der Kopfform eines mit Ohrringen geschmückten
Steuermannes auf hoher See. Wer weiss, ob diese Unruhe, die sich bald auf das
eine, bald auf das andere Bein stellen muss, nicht von der Gewöhnung an die
Schwankungen eines Schiffs kommt! Der Blick, den der Wächter, so eigentümlich
prüfend und den Mund in Falten ziehend, über den Strom auf einem neuen Dampfer
wirft, der gerade anhält, um mehr Besucher der Maximinuskapelle auszusetzen, als
heute die »Prinzessin Marianne« gebracht hatte, ist gerade wie der eines Mannes,
der die vollkommene Berechtigung gehabt hätte, ebenso gut wie der geschniegelte
Kapitän drüben, der Salzwasser vielleicht nie gekostet hat, »Stop« zu rufen.
    Lucinde suchte auch diese Gestalt irgendwo in ihrem Jugendwahntraume, wie
sie ihr vergangenes Leben nannte, unterzubringen. Wie musste sie erstaunen, als
sie bemerkte, dass sie selbst es werden sollte, durch die plötzlich das stille
harmonische Concert dieser drei Menschen unterbrochen wurde! Sie erblickte eben
in der Ferne ihren Einspänner, erhob sich von der Bank, auf der sie ausgeruht
hatte, und streifte an dem durch die kleinen Gartenanlagen daherkommenden Paare
vorüber. Noch fielen einige der Worte des Gesprächs, das sich von seiten des
Mädchens in einer kindlich harmlosen Welt zu bewegen, schien, in ihr Ohr, als
sie nicht wenig überrascht wurde von dem plötzlich innehaltenden Fluss der
kleinen Sprecherin, die, die schönen dunkelbraunen Augen aufgerissen, auf sie
zutrat und sie mit einem nur durch Verlegenheit abgebrochenen lauten und
erschreckten: Ach! fast anredete.
    Der Mut weiter zu sprechen fehlte zwar, die Verlegenheit etwas Ungehöriges
getan zu haben überwog, aber die Kleine wandte sich im Weitergehen dem Soldaten
so vertraulich und schnell zu, dass Lucinde wohl sah, wie sie entweder mit jemand
anderm eine auffallende Aehnlichkeit hatte oder auch dieser Kleinen wirklich
bekannt sein musste.
    Indem kamen die übrigen Pensionsmitglieder zurück. Lucinde mochte zunächst
dem an sich für sie selbst interesselosen Fräulein Müller nicht begegnen. Sie
zog vor, sich zu entfernen. Das junge Mädchen aber, das sich denn also doch, wie
man nun sah, in keiner verbotenen Zwiesprache befunden hatte, sprang in die
Reihen ihrer Gefährtinnen zurück und steckte so den Kopf mit den Köpfen der
andern zusammen, dass sie nun sämmtlich neugierig auf Lucinden hinblickten; alle
taten, als müssten sie in ihr eine ihnen längst bekannte Erscheinung
wiederfinden.
    Das war Lucinden jetzt zu viel. Während die Führerinnen mit dem eleganten
Soldaten sprachen, der mit Zuvorkommenheit und Lebhaftigkeit Auskunft über die
Kapelle und die Gegend gab, suchte sie, von Fräulein Müller unbemerkt, den
Ausgang.
    Dem draussen harrenden Wächter sagte sie:
    Geschwister waren das doch wohl nicht?
    Nein! war die einfache, kurze Antwort.
    Der Kleinen scheint an mir etwas aufzufallen. Wer ist sie?
    Ein Fräulein von Hülleshoven ...
    Hülleshoven? Armgart von Hülleshoven?
    Armgart von Hülleshoven! bestätigte der Gefragte.
    Dann ist der junge Mann Benno von Asselyn?
    Zu Befehl!
    Ich denke, Herr von Asselyn ist Advocat?
    Allerdings.
    Wie kommt er zur Uniform?
    Herbstübung ...
    Damit brach der Mann ab. Man hatte ihn entweder gerufen oder er glaubte
vielleicht nur, dass man dies getan. Von dem jungen Paar schien er kein Auge zu
verlieren.
    Lucinde war wie in einer Betäubung. Ihr Entschluss war allerdings: Du wagst
dich noch einmal in dein altes Leben zurück, siehst heller, was dir früher
dunkel erschien, erschrickst vor keiner Begegnung mehr und wär' es vor der der
alten Hauptmännin von Buschbeck, ja vor der Oskar Binder's nicht - in ihrem
neuen religiösen Bekenntnis lag die ausserordentlichste Kraft dieses
Sichsicherfühlens - und dennoch wälzte sich ihr schon centnerschwer aufs Herz,
sich zu sagen: Armgart von Hülleshoven gehörte dem Kreisen von Schloss Neuhof an!
Sie war eine der innigsten Beziehungen der Comtesse Paula! Sie kann noch den
Kindeseindruck bewahrt haben von jener Pagode im Schlossteich, in die ich damals
zu dem Federvieh aufgestiegen bin! ... Benno von Asselyn war ein Cousin des
Pfarrers zu St.-Wolfgang, jenes Bonaventura, bei dessen verhängnissvoller
Priesterweihe sie vor einigen Jahren mit einer Entscheidung für ihr ganzes Leben
zugegen gewesen war.
    Am Fusse des Hügels fand sie ihr Wägelchen. Es war leichtester Art, nur für
zwei Personen, die sich im Fall eines Regens vorn durch ein aufgeschlagenes
Halbverdeck schützen konnten. Indes behielt das Wetter seine gleiche Anmut. Nur
die Sonne senkte sich allmählich. Schon mochte es inzwischen über fünf Uhr
geworden sein.
    Ein Knecht aus dem Weissen Ross führte das leichte Gespann. Erst ging es um
den Ort herum und die Anfänge der landeinwärts gehenden Strasse rasch hinaus. Den
vollen Genuss der üppigen, wie ein Garten ausgebreiteten Gegend konnte nur der
Staub hindern. Die Bäume am Wege trugen schwer an ihrer Aepfellast. In den
Gärten prangten jene Blumen, die im Spätsommer durch Glut der Farbe ersetzen,
was ihnen schon an Duft fehlt. Bienenstöcke standen unter Bedachungen mit jener
geheimnisvollen Bienenkorbstille, die nicht ahnen lässt, was alles, und vollends
nach Klingsohr's Teorie, in ihnen vorgeht. Wonnig war der Rückblick auf das
verlassene Oertchen, den im Luftäter blauglänzenden Strom, der sich in immer
anmutigern Windungen dem Auge darbot, je mehr sich die Strasse emporzog.
    Jetzt wurde die Strasse steiler. Die Berge, die zwischen dem Strom und
St.-Wolfgang lagen, waren höher, als sie das Ansehen gehabt hatten. Der Knecht
stieg aus und zuletzt auch Lucinde, so sehr der Knecht versicherte, dass es nicht
nötig wäre. Doch war im Gehen und Stillstehen der Rückblick auf den immer noch
sichtbaren Strom besser zu geniessen.
    Inzwischen bemerkte Lucinde, dass zwei der Bekanntschaften, die sie an der
Maximinuskapelle gemacht hatte, ihr folgten. Auf kürzerm, die Landstrasse
durchschneidenden Fusswege waren ihr Benno von Asselyn und sein Begleiter schon
ziemlich nahe gekommen.
    Sie unterhielten sich mit einer Reisegesellschaft, in der Lucinde den
Gipsfigurenhändler, seinen Sohn und ein junges, schlank aufgeschossenes Mädchen
erkannte, das Armgart von Hülleshoven nicht sein konnte. Ihre Vorräte hatten
die Verkäufer nicht mehr bei sich und fast schien es, als wenn ein langsam vor
ihrem eigenen Wagen hinziehender Einspänner den Italienern gehörte. Dieser Wagen
war so weiss gepudert wie die kurze graue Jacke und die Manchesterhose, die der
Alte und sein Knabe trugen. Das junge Mädchen aber war geschützt von einem
grossen breitrandigen Strohhute und schien die Frau oder die Tochter des
Italieners zu sein, der seine lebhafte Rede mit Gesticulationen unterstützte.
    Ueber das kahle Gestein hinweg, das mit dünnem Heidekraut und spärlichem,
von weidenden Ziegen ausgerupften Grase bedeckt war, gab es für die fünf
Fusswanderer leicht zu erklimmende Nebenwege, auf denen in kurzer Zeit wenigstens
Lucindens Gefährt erreicht sein konnte; ja, wenn die Wanderer die in die Felsen
rundum gehauene Landstrasse jetzt ganz vermeiden wollten, konnten sie bei der
Unabsehbarkeit des immer bergan gehenden Weges quer über eine grosse, hier von
kleinen Wasserrinnen, dort von Felsblöcken bedeckte Wiese Lucinden ganz den Weg
abschneiden und ihr zuvorkommen.
    Sie schlugen auch diesen Weg ein, scheinbar unbekümmert um die bald
überholte Wandererin auf der staubigen Landstrasse. Lucinde pflückte vor
Aufregung am Wege Kreuzkräuter und Rispengräser zu ihrem gewohnten Zerzupfen,
das ihre Natur immer als Ableiter zu bedürfen schien, um die in ihr arbeitende
Unruhe zu dämpfen. Sie zog die Gräser und ihre Samenkolben durch die Finger, biss
sogar ihre Spitzen ab, warf sie weg und pflückte dann wieder neue. Der
Sonnenschirm, der ihr zur Stütze diente, schleuderte manchen Stein aus dem Wege;
manchen andern, wenn er ein hübsches Geäder zeigte, hob sie auf, betrachtete ihn
eine Weile und liess ihn gedankenlos wieder fallen.
    Mit dem Knecht war sie schon lange in einem Gespräch. Menschen neben sich zu
haben, ohne zu wissen, was sie sind, treiben, wollen, denken, war nie ihre Art
gewesen. Allem Stummen musste sie irgendwie eine Sprache abgewinnen. Und der
Knecht nahm an ihr ein gleiches Interesse. Auch ihm schien diese junge
energische Dame eine Merkwürdigkeit. Wie Lucinde zerstörte aus Kraftgefühl und
ungeduldiger Spannung auf ihr nächstes Schicksal, jetzt auf die schon hoch über
ihr hinwegschreitenden Wanderer, so auch dieser. Blatt um Blatt zerzupfte er
einen Zweig, den er in der Hand hatte, machte erst eine Rute daraus und warf
sie zuletzt weg, auch sich, wie es schien, aus grübelnden Gedanken aufraffend
und wieder dann zur Peitsche greifend ...
    Die Umgebungen wurden waldig. Die Höhen endeten nicht; sie umkränzten mit
dunklern und hellern grünen Schattirungen den des Stromes jetzt plötzlich
beraubten Blick. Die Tannen waren vorherrschend und einzelne Ausläufer der
Waldungen gingen quer über den Weg und durchschnitten ihn.
    Das ist der St.-Wolfgangberg! sagte der Kutscher, klatschte mit der Peitsche
und grüsste ein Marienbild, das am Wege stand. Dann lud er das Fräulein zum
Sitzen ein. Sie würde ermüden und es ginge so wie eben noch viel zu lange fort.
    Lucinde entdeckte aber gerade jetzt in ziemlicher Nähe die Wanderer, deren
Mittelpunkt das junge, schlank aufgeschossene Mädchen geworden war. Schon wusste
sie vom Kutscher, dass der Italiener mit zwei Söhnen und einer Tochter reiste;
der zweite Sohn führte den Wagen, in dessen Kisten und Kasten die »Figuren«
verpackt waren. Ihre kürzern Wege hatten sich an den Waldecken verfangen; sie
mussten Schwenkungen machen, die sie aufhielten, und bald zwang sie die
Landstrasse, mit ihr auf gleicher Linie zu bleiben. Endlich stiessen sie mit
Lucinden zusammen und grüssten.
    Sie haben gar keinen Vorteil von Ihrem Wagen, Signora! sagte der Italiener
in gebrochenem Deutsch und hielt eine Zeit lang, die Wanderlustige grüssend, die
Mütze in die Höhe.
    Aber da seht, mein Gepäck hat Vorteil! erwiderte Lucinde zurückzeigend. Ist
das Ihre Tochter?
    Meine Tochter, Porzia Biancchi!
    Porzia Biancchi? Ein stolzer Name! Freilich, sie wird in Rom geboren sein!
    Nein, Signora! und sich an die Tochter wendend, fragte er italienisch:
    War das schon in Castellungo?
    Castellungo! erwiderte das junge Mädchen und errötete unter dem braunen
Incarnat ihres nicht schönen, aber gefälligen Antlitzes.
    Wie? nahm, Lucinden grüssend, der junge Soldat, Benno von Asselyn, das Wort.
Ihr wisst nicht einmal, Meister Biancchi, wo Eure Tochter geboren wurde?
    Nein, Signore! sagte der Italiener in gebrochenem Deutsch. Als sie zur Welt
kam, waren die Zeiten schlecht für mich! Ich lebte nicht in Italien!
    Aha! Ihr wart auf der Flucht! sagte der Fragende, der etwas Festes, Sicheres
und bei aller Lebendigkeit des Auges wieder Gelassenes hatte. Ich merke schon,
dass Signor Biancchi ein alter Carbonaro ist! Trotzdem, dass er auf deutsch Weiss
heisst und so weisse Pierrotkleider trägt, dass mein Königsrock ganz an ihnen
abfärbt, gehörte er doch ohne Zweifel zu der schwärzesten Carbonarosorte, zu der
Loge der sogenannten Kesselschmiede! Nicht wahr?
    Der zwischen Freund und Diener noch gänzlich unbestimmt schwankende Träger
des mit dem Säbel, wie ein Portefeuille mit dem Bleistift, zusammengehaltenen
Mantels putzte die Gipsflecken ab, die der Sprecher allerdings schon auf seiner
Uniform trug.
    Biancchi aber sah diesen über seinen ihm imputirten Carbonarismus gross an,
schien davon betroffen und half sich mit dem dem Italiener eigenen klugen und
pfiffigen Ausdruck der Mienen und einem Gestus, der nicht mehr und nicht weniger
sagen wollte als: Das ist einer! Der hat eine scharfe Nase!
    In der Tat verdiente Benno von Asselyn eine Würdigung, die, sozusagen, über
seine Uniform hinausging. Es ist ein Nachteil des Soldaten, dass auf ihn zu sehr
das Horazische Nos numerus sumus (»Wir zählen nur«) angewandt wird. Das Auge
haftet an dem bunten Rock; der Mensch, das Individuum, das in ihm steckt, der
Charakter, wird übersehen. Die Entwicklung des letztern, das ist wahr, ist beim
Krieger gehemmt, aber darum fehlt sie nicht. Dieser Freiwillige und Gemeine sass
vielleicht erst heute unter der Schere des Friseurs, der ihm die Haare so kurz
aus dem Nacken schnitt; sein Barbier rasirte ihm einen Kinnbart fort, den er
ebenso wenig nach Kocher am Fall zum »Stabe« mitbringen durfte wie seine weisse
Weste; aber einer im Dutzend ist dieser junge Mann nicht. Die Ironie, die in der
Betonung seiner Worte liegt, ist das Zeichen eines geistigen Überschusses. Er
spricht aus der Fülle, nicht aus der Armut. Sein dunkelblaues Auge spricht
statt seiner, auch wenn er schweigt. Es spiegelt die ruhige Herrschaft über
einen schon angesammelten Erfahrungsschatz. Fein, vornehm und doch natürlich ist
sein Benehmen. Die Art, wie er jetzt seine Cigarrentasche zieht und um die
Erlaubnis zum Rauchen bittet, hat einen so weltmännischen Schliff, dass sein
Begleiter unversehens zu seinem Bedienten wird, obgleich er ihn wie einen
intimsten Freund behandelt.
    Da auch Benno von Asselyn bei der Erörterung über die Gegend, wo Castellungo
läge, sich italienisch auszudrücken anfing, so wurde Biancchi sicherer und
gestand allmählich, dass es ganz so im Ernst wäre, wie der Herr es im Scherze
vermutet hätte. Er selbst wäre ein Römer, seines Zeichens ein Bildhauer und der
älteste von drei Brüdern, die allerdings alle mit ihm in die Gefahren geraten
gewesen wären, die plötzlich den Carbonaris gedroht hätten. Er hatte sich
anfangs nach Piemont geflüchtet, in die Täler, die sich vom Col de Tende
nordwärts bis nach Turin und Aosta an den Fuss der Alpen ziehen.
    Die Waldensertäler! warf zu Lucindens Erstaunen der Begleiter Benno's von
Asselyn mit halber Stimme hinein.
    Si! Si! sagte Biancchi mit schnellem Ton und erstaunend, dies Wort hier und
aus solchem Munde zu vernehmen. In Castellungo bei Coni! Ganz recht, in einem
Dorfe, wo nur Ketzer wohnen? Bis 1821 ging's soso ... (er hielt die Hand vor die
Augen und blinzelte durch die Finger, wie wenn er das Zeichen der Toleranz
machte), aber Madre de Dio! Da Donner und Blitz in unsere »Baracca«! Die
»Vendita« geschlossen - Napoleone Biancchi reissaus! ...
    Ihr heisst Napoleone? fragte Benno von Asselyn und trat in Rücksicht auf
seine der Heiligen Allianz angehörende Uniform zurück, als wollt' er ihm den
Kampf anbieten.
    Und mit derselben schlagenden Geberde, gleichsam die Kriegserklärung
aufnehmend, wiederholte der alte Biancchi mit Nachdruck:
    Napoleone Biancchi!
    Als der Friede zwischen dem Kaiserreich und den hohen Verbündeten durch das
Lachen der Frauen wiederhergestellt war, erzählte der Alte, dass er seine Frau
und Kinder hätte in Italien zurücklassen müssen. Er wäre erst nach der Schweiz
geflüchtet, hätte sich dort zu ernähren gesucht, so gut es gegangen; seiner Frau
hätte er nach Castellungo geschickt, was er erübrigte; dann, nach der
Julirevolution, hätte er nach Italien zurückzukehren gewagt; er hätte sich zwar
nicht aufs neue compromittirt, hätte aber doch, »da es auch in Italien nur Ein
Rom gäbe«, vorgezogen, wieder sein Wanderleben anzutreten. Nach Rom hätte er
nicht gedurft: so wäre er nach Deutschland gekommen, wohne bei Frankfurt am Main
und verdiene sich so viel, dass er sich ein solches Pferd halten könne wie das,
das da eben seine Vorräte bergan ins rechtgläubige Land zöge.
    Euere Frau kam Euch nicht nach? fragte Lucinde.
    Signora, nein! antwortete Biancchi. Sie ist in Castellungo, hat einen Garten
mit Oliven- und Maulbeerbäumen und einen Weinberg. Das Haus ist nicht gross genug
für alle ihre Seidenwürmer. Sie verdient und spart für die Kinder. Frankfurt am
Main hat ein schönes Klima, aber keine Seidenwürmer. Giuseppina schickt mir alle
zwei Jahre einen Sohn herüber, erst den Camillo, der in Frankfurt das Geschäft
führt, dann den Hortensio, der da die Peitsche in der Hand hält, jetzt den
Catone, der hier mit mir geht und sich die Schuhe so schief tritt - Ecco,
padrone, fa attentione! - und jetzt vor einigen Tagen erst die Porzia, die noch
wenig Deutsch kann, ob sie's gleich von einem Einsiedler in Castellungo hätte
lernen können. Wie heisst der Heilige unter den alten Eichen von Castellungo?
wandte er sich an seine Tochter.
    Signore Federigo! antwortete diese. Sie hatte die den Italienern eigene
tiefe, fast rauhe Stimme.
    Benno von Asselyn bemerkte lächelnd und halblaut, aber für Lucinden
hinlänglich vernehmbar:
    Ja, Freund Biancchi, zähltet Ihr denn auch die Kinder richtig, dass Euch die
Giuseppina nicht einmal mehr aus Italien herausschickt, als Ihr bei ihr
zurückgelassen habt?
    Biancchi versicherte, dass er ein vortreffliches Weib hätte, aber ihrer
Seidenwürmer wegen müssten sie getrennt leben.
    Nein, nein, Napoleone! fuhr Benno von Asselyn in seinem Scherze fort. Ich
bewundere Euere Ruhe! Könnt Ihr zufriedene Nächte haben? Dieser Federigo! Wer
ist das? Ein Deutscher, der unter den heiligen Eichen von Castellungo wohnt?
    Sein Auge suchte dabei Porzia. Diese verständigte sich in dem wenigen
Deutsch, das sie von jenem Einsiedler gelernt hatte, gerade mit dem Manne, der
ein Diener schien und doch etwas von den piemontesischen Waldensern gewusst
hatte.
    Der seine Stiefel schief laufende Catone schien dem Alten für etwaige
väterliche Besorgnisse nicht ausreichender Wächter genug. Er suchte seiner
Tochter näher zu kommen. So hörten diese kleinen scherzhaften Reibungen auf.
    Benno von Asselyn wandte sich jetzt verbindlicher zu Lucinden. Er begann von
der Maximinuskapelle und bald war Armgart von Hülleshoven erwähnt.
    Ein liebliches Kind! Wie alt mag sie sein?
    Ich denke, vierzehn ... fünfzehn Jahre ...
    Von einem Mädchen, das man liebt, weiss man die Minute, wann sie geboren ist!
    Das man liebt? In meiner Heimat drüben gibt es gar keine Liebe, Fräulein!
Man hat sich gern und bleibt hübsch vernünftig!
    Sie sind also auch aus dem Land des Plattdeutschen?
    Kennen Sie das?
    Lucinde schwieg. Sie merkte, dass man sie an der Maximinuskapelle entweder
für eine andere gehalten haben musste oder wenigstens an Benno von Asselyn nicht
mitgeteilt hatte, was allenfalls Angelika Müller von ihr wusste. Hatte doch
Paula von Dorste-Camphausen ein Jahr lang, wo sie auf dem Streckbett lag, nie in
ihr die ehemalige Bewohnerin von Schloss Neuhof erkannt. Wie hätte dies Armgart
tun können, die um fünf bis sechs Jahre jünger war?
    Wenn Sie, sagte Benno, Armgart's Heimat kennen, so werden Sie überall, wo
der Himmel graublau, die Luft von einem ewigen brandigen Nebel erfüllt ist,
einem Nebel ...
    Ha! Was ist das? unterbrach er sich plötzlich und rief:
    Hedemann! Hedemann! Man möchte ja glauben, wir wären hier auf der roten
Erde?
    Er deutete auf die Landschaft hinaus.
    Linker Hand drang den Wanderern aus einer Abdachung des Berges ein brandiger
Geruch entgegen. Hinter den Bäumen sah man den Himmel weiter von einem grauen
Nebel überzogen.
    Hedemann! wiederholte Benno, sich seinem wandernden Begleiter zuwendend. Wo
kommt hier Haarrauch her?
    Der angerufene Hedemann erläuterte, dass die Leute hier das verkrüppelte
Knieholz der Eichen abbrechen, abrinden, die Rinde den Gerbern als Lohmaterial
verkaufen; die Wurzeln der Stämme, diese selbst, die Abfälle, das Gras und das
rings wachsende Kraut würden dann verbrannt und die Asche als Dünger
ausgestreut, sodass wenigstens für Gerste und Hafer ein künftiger Anbau auf
solchen mit doppeltem Nutzen ausgerodeten Walddistricten sich ermöglichen liess.
    Also kein Haarrauch! sagte auf diese Erläuterung hin Benno fast elegisch.
    Man sah die Feuerstellen, von denen aus sich der Rauch verbreitete.
    Mein Fräulein! nahm er darauf seine Rede wieder auf; Sie wissen vielleicht
nicht, dass bei uns drüben die Sümpfe nicht austrocknen können, ohne nicht oft in
Brand zu geraten. Die Flammen sieht man nicht, aber die Erde dampft und brennt
immer fort von diesem unterirdisch glühenden Torf. Ihnen würde es drüben sein,
als wenn Sie verurteilt wären, Ihr Leben lang in einer Stube mit einem
rauchenden Ofen zu leben. Uns aber ist dieser Rauch ein Arom wie Patschouli. Wir
ziehen ihn schon mit der Geburt ein und wenn wir in der Ferne stürben, würden
wir glauben Paradiesesluft zu atmen, wenn plötzlich neben uns ein Kohlenbecken
hingestellt würde und man darauf etwa ein Stück alten Pappendeckels langsam und
feierlich anzündete. Wenn unsere Landsmannschaft auf der Universität jährlich
ihren grossen Commers abhielt, bestand das Bouquet des Abends, nachdem der
Landesvater gesungen, darin, dass wir die Fenster aufrissen und den Qualm eines
draussen angezündeten Haufens Torf einatmeten. Dann fielen wir uns in die Arme
und stiessen zwischen Tränen und Schluchzen Ausrufungen und Freudengeschreie
aus, als wenn die Römer sich dem Teutoburger Walde nahten und wir unsere Aexte
und Streitkolben um die langen blonden Locken schwängen, weil es zum Kampfe ging
für Freiheit, Vaterland und Buchweizengrütze! Das ist nämlich unser
Nationalessen, Fräulein! Schon Tusnelde soll es gekocht haben, wenn sie
wünschte, dass Arminius guter Laune war.
    Lucinde glaubte Klingsohrn zu hören; selbst Jérôme stand vor ihr ... Dennoch
war Benno von Asselyn ein völlig anderer. Auch die Erwähnung der blonden Locken
passte gar nicht auf ihn, da sein Haar schwarz war und sein ganzes Wesen eher
südländisch als nordisch schien.
    Sie wollte dies auch aussprechen, aber der Rauch, der von dem verwüsteten
Felde herüberdrang, erstickte ihr fast die Stimme. Auch setzten sich eben die
Italiener sämmtlich in ihren Wagen und auch Lucindens Kutscher hielt, weil der
Weg nun bergab ging, sein Ross an und öffnete den Schlag. Ihre Einladung an Benno
und Hedemann, sich mit einzusetzen - soweit es neben ihr und auf dem Bocke Platz
gab - wurde von diesen artig abgelehnt.
    So rollte sie von dannen.
    All ihr Denken schien jetzt tief innenwärts gewandt. Sie schlug den Schleier
über ihren Hut, weniger um sich gegen den vom raschen Herabrollen des Wagens
aufwirbelnden Staub zu schützen, als um ungestörter denken und träumen zu
können.
    Ja, es war ihr doch, als begann sie jetzt zum zweiten mal zu leben,
aufzuwachen im Grabe, eine Auferstehung von den Todten!
    Drei Jahre einer nicht etwa erfahrungsarmen, aber doch sehr in sich selbst
bedingten Zeit lagen hinter ihr. Sie hatte sie an den Streckbetten der Jugend
zugebracht. Eine Dulderin war sie nicht; sich beugen, sich gefangen geben hätte
sie nur da gekonnt, wo ein stärkerer Arm sie fasste, wenn auch nur ein Serlo, der
sie regiert hatte, obgleich er ein Sterbender gewesen ... Eine Zeit lang reichte
aus den Wolken ein solcher Arm; sie suchte ihn zu fassen, sich an ihm zu halten;
es war das erste leidenschaftlich bewegte Jahr ihres Wirkens im
»Correctionshause der Natur« gewesen. Diese Hoffnung schlug fehl und die
Getäuschte brauchte zwei Jahre, sich zu sammeln und ins Leben zurückzufinden.
Man hatte sie unter den Kindern gewähren lassen, nachdem sie über die Krisis, um
Paula's von Dorste-Camphausen willen entfernt zu werden, durch den plötzlichen
Tod des Vaters derselben, des Grafen Joseph auf Westerhof, glücklich
hinweggekommen war. Denn Paula, die die Menschen in zwei Klassen schied, in
solche, die ihre Nerven gleichsam mit der Hand von oben nach unten strichen und
sanft auf sie wirkten, und solche, die sie von unten nach oben strichen und sie
aufregten und beunruhigten, Paula erkannte in Lucinden zuletzt ein Wesen, das
sie, wenn sie länger vereint blieben, zum Steine hätte umwandeln, ja tödten
müssen ... Sie sagte dies selbst niemals, nur die Beobachtenden fühlten dies,
und vor allem entschied Bonaventura von Asselyn, der junge Priester, die
Trennung, entschied sie in demselben Augenblicke, wo sie sich durch die Rückkehr
Paula's zu den Ihrigen und unter die Vormundschaft des Kronsyndikus von
Wittekind, ihres Oheims, von selbst vollzog ... Zwei Jahre brauchte Lucinde, um
diese Kämpfe zu verwinden, und es war vielleicht ihre beste Zeit, die Zeit
wenigstens, wo man ihr Wesen ertragen konnte; sie war die eifrigste
Kirchengängerin, wurde von den Geistlichen in Schutz genommen und hatte sogar
Gönnerinnen, was ihr von Frauen bisher im Leben noch nicht geschehen war. Da
schlug eines Tages der Name einer Frau von Gülpen an ihr Ohr. Fräulein! rief sie
berichtigend in ihrer Erstarrung auf. Aber: Frau von Gülpen! hiess es. Sie war
die langjährige Freundin eines Dechanten von Asselyn zu Kocher am Fall, einem
Städtchen ältesten Ursprungs und zwanzig Meilen weit von dem Ort ihres
gegenwärtigen Wirkens ... Asselyn! war der zweite elektrische Schlag. Der Onkel
jenes erstandenen Serlo? ... Frau von Gülpen suchte für Kocher am Fall eine
Gesellschafterin ... Die Gesellschafterin der Gesellschafterin eines Geistlichen
... Er hiess Asselyn! Sie Gülpen! ... So entschied sie sich und alle ihre Pulse
schlugen und tausend wilde Stimmen riefen in ihr: Ja, rauschet noch einmal auf,
ihr Pforten der Vergangenheit! Jetzt will ich unter euch hintreten wie eine
Königin! Will Trotz bieten jedem Auge, das verwundert mich anstarrt! Dies Kreuz
hier auf der Brust entsühnt jede Schuld! Das geweihte Wasser an jeder
Kirchentür reinigt meinen Ruf von jedem Flecken! Wiedergeboren bin ich und
gesetzt durch das Blut des Erlösers und der Martyrer! Wer mich anschuldigt, der
sehe, ich breche zuerst den Stab über mich! Nichts berührt mich vom Vergangenen
auch nur bis zum Saum meines Kleides! Wo ist eine Anklage wider mich? Ich will
sie hören! Dann aber habe ich Anklagen wider euch! Entlarven kann ich Mörder,
aufstöbern aus Schlupfwinkeln Heuchler ... Eine Siegerin komm' ich, nachdem ich
so tiefe Niederlagen erlitten ... Und die letzte Niederlage, an die sie dabei
dachte, war nicht etwa jener Tag, wo sie die Jungfrau von Orleans gespielt.
    So gestimmt trat sie noch heute vom Dampfboot.
    Klopfte ihr aber schon das Herz, als sie hörte, St.-Wolfgang läge zwei
Meilen ins Land hinein, erschreckte sie der blosse Anruf eines Kindes, das sie
wiederzuerkennen schien, wogte und stürmte es in ihr bei der Begegnung mit
Benno, beugte sie alles, was ihr fremd, neu war und doch mit dem, was sie
wiedersehen wollte, im Zusammenhange stand, so kam sie sich jetzt schon wieder
als eine Magd, nicht als Königin vor, jetzt, wo sie sich dem Orte näherte, von
dem man ihr aus Kocher am Fall geschrieben hatte:
        Sie werden, meine Liebe, nur nötig haben, vom Dampfboot aus einen
        Einspänner bis S.t-Wolfgang zu nehmen. Dort ist schon unser Neveu, Herr
        Pfarrer von Asselyn, unterrichtet und hält einen Wagen in Bereitschaft,
        Sie in unsern Kreis zu führen! Gewisse Bedingungen gleich anfangs
        mündlich! In der Hauptfrage sind wir einverstanden.
                                                          Petronella von Gülpen.
    Die Gülpen, die sie kannte, hatte Brigitte geheissen ...
    Jetzt blickte sie auf. Die Gegend hatte sich verändert. Vor ihr lag, von den
Abendsonnenstrahlen nur noch in seinen obern Rändern erhellt, ein schönes tiefes
Tal, das wie eine Muschel mit grünen Streifen in die rings sich verlierenden
Berge auslief. Aus dem tiefsten grünen Kern des freundlichen Anblicks ragte die
Spitze eines Kirchturms, von dem ein Läuten ertönte. Je mehr, vom Hemmschuh
aufgehalten, der Wagen niederwärts rollte, desto reicher wurde wieder die
Vegetation, desto voller und edler der Baumschlag, desto weiter die Fläche, von
der schon längst das in gleichmässigem Anbau gewonnene Getreide geerntet war. Die
Landschaft trug nicht den fast italienischen Charakter derjenigen, die sich um
den grossen poetischen Strom ausgebreitet; aber auch der betrübende Anblick eines
rings von Bergen umschlossenen Gebirgsdorfes, den man fast auf der Herfahrt
hätte erwarten dürfen, bestätigte sich nicht. Gärten kamen wieder und
Bienenstöcke, mit ihnen Blume und selbst die Rebe schmiegte sich nicht nur an
einem Spalier den Häusern an, sondern wuchs an sonnigen Abdachungen selbst noch
in mancher gefälligen Einzelpflanzung.
    Das Läuten bedeutete ohne Zweifel, dass jenes schon im Weissen Ross besprochene
Begräbnis in vollem Gange war. Auch Stimmen singender Kinder drangen aus dem
Tal empor, zuweilen unterbrochen von einem Klingeln, das den Moment der wohl
gerade vor dem Altar bei geöffneten Kirchtüren stattfindenden Einsegnung der
Leiche bezeichnete.
    Indem riefen ihr die nachrollenden Italiener hinterwärts ein Lebewohl zu.
Sie deuteten auf ein Wirtshaus am Wege, wo sie ihren schwerer ziehenden Gaul
füttern wollten.
    Vergessen Sie nicht - Il Michelangelo! rief Napoleone als guter Kaufmann ihr
nach.
    Beim Dechanten! antwortete sie, aber schon unvernehmbar.
    Catone zog seine kalkige Mütze, Porzia verneigte sich und machte eine
Handbewegung. Sie jedoch sah nichts mehr. Ihr schwindelten die Sinne ...
    An dem Wirtshause standen Handwerksbursche, Bauern in Kitteln und Blousen,
manche mit Militärmützen, die sich wie Benno von Asselyn zu den Uebungen
einstellten; ein Gensdarm revidirte von seinem Gaule aus Wanderbücher und
Passirscheine. Die Italiener zogen schon ihre Papiere in der Ferne ...
    Beim Anblick der Fuhrleute, die wohl hier, um über den Wolfgangsberg zu
kommen, Vorspann nahmen, kam ihr eine Erinnerung an die Bäche von
Langen-Nauenheim ...
    Sie nahm ihre Handtasche, öffnete und zog ein schwarzes Buch mit Goldschnitt
hervor, schlug es auf und schickte sich an zu lesen.
    Die Worte des heiligen Bernhard las sie:
    »Unsere Gedanken an selig Entschlafene sind Funken, durch welche unsere
eigenen Seelen gehoben und entzündet werden« ... Worte, die den Anfang einer
Betrachtung über die Todten bildeten.
    Sie ganz zu lesen war sie zu erregt.
    Die Litaneien wurden in dem Ausdruck ihrer Sätze immer deutlicher.
    Schon war der Leichenzug aus der Kirche auf dem Gottesacker angekommen,
schon war eine zahlreiche Bevölkerung um den aufgeworfenen Grabeshügel
versammelt ...
    Lucinde befahl mit stockender Stimme, dass während der heiligen Handlung sie
still hielten ...
    Jetzt trennte sie nur noch eine niedrige Mauer von dem Friedhofe ...
    Der Wagen hielt unter dem bergenden Schatten eines breitastigen Nussbaums ...
    Vor ihr stand im weissen Messgewande, unter Knaben im Chorrock, die brennende
Kerzen trugen und das dampfende Weihrauchfass schwangen, Bonaventura von Asselyn.
    Seit drei Jahren sah sie, an ihn gedenkend, nicht mehr Serlo.
    Längst war er - Er selbst!
 
                                       3.
Nach den Segnungen, die dem Sarge schon in der Wohnung des Verstorbenen zu Teil
geworden, nach den Weihen vor dem Altar spricht soeben eine sanfte wohllautende
Stimme noch vor der Einsenkung in die Grube Worte, die zu dem Ceremoniel der
Kirche die eigenen Empfindungen des Redners bringen.
    Man konnte die Rede, die der am Fussende des Sarges stehende, von dem letzten
Abendsonnenglanz beleuchtete Priester sprach - der Entschlafene selbst musste dem
Brauche der Kirche gemäss gen Osten blicken -, deutlich vernehmen.
    Sein Äußeres hatte sich wenig verändert. Es waren dieselben, nur
gefestigtern Züge, die Lucinden vor drei Jahren an eine Geistererscheinung, an
Serlo's Tod als Traum oder an dessen Auferstehung, glauben liessen.
    Es war dieser mildeste aller Priester, den sie selbst hatte weihen sehen mit
Joseph Niggl und Beda Hunnius - sie hatte diese Namen so fest behalten wie die
Unterscheidungslehren der Confessionen, in denen sie sechs Wochen später geprüft
wurde zu ihrem Uebertritt.
    Heute standen keine jungen Kleriker, sondern weissgekleidete Kinder, Knaben
und Mädchen, um Bonaventura.
    Er war es wieder, Er, ein Jahr lang die Liebe und das Entzücken der ganzen
Stadt, aus der sie nun erst kam, kommen durfte!
    Selten lag auch wohl auf dem Antlitz eines Jünglings so viel Adel, so viel
Glanz und Glorienschein schon in jungen Jahren ...
    Bonaventura von Asselyn, der einst angesehenen, weitverbreiteten und aus dem
Friesischen stammenden Familie dieses Namens angehörend, hatte aus einer durch
Familienverhältnisse, vorzugsweise ein unglückliches Ende seines Vaters und die
Neuvermählung seiner Mutter, deren einziger Sohn er war (mit dem
Oberregierungsrat Friedrich von Wittekind-Neuhof), genährten Schwärmerei den
Offizierstand, in den er, bisher Zögling der nahe gelegenen Universität, eben
eintreten sollte, mit dem geistlichen Seminar vertauscht und war nach dem
südlichen Deutschland gegangen, um in Kreisen strengerer und ungehinderterer
Katolicität seine Bildung zu vollenden. In der Stadt, wo ihm der Bischof die
Weihe gab, hätte er am Altar und im Beichtstuhl die grössten Erfolge gewinnen
können, aber er zog erst die Kaplanei bei seinem edeln Wohltäter, dem Dechanten
von St.-Zeno im nahen Kocher am Fall, dem Bruder seines Vaters, dann eine kleine
bescheidene idyllisch gelegene Landpfarre vor.
    Lucinde fand dieselbe Erscheinung wie sonst, nur männlicher, fester,
ernster. Sein Wuchs war schlank wie die Tanne, das Haupt leise übergebeugt, doch
edel und freiblickend und auch jetzt in die mit rosigen Wolken sich säumende
Ferne wie in das Jenseits schauend. Wie weich und weiss mussten diese Hände sein,
die in massvoller Bewegung die bedeutendern Gedanken seiner Rede unterstützten!
Wie schön stand dem leise geröteten Antlitz der milde Schwärmerblick, der aus
dem tiefsten Innern der Seele zu kommen schien! Wie schien er in gläubiger
Zuversicht das Ewige leibhaftig vor sich zu sehen!
Ein sinnend Haupt! Ein edel Angesicht!
Ein Auge, das sogleich zum Herzen spricht!
Das Haar wie Rabenfedern! Unbeschnitten
So weit es strenge Priesterregeln litten!
Ein Leiden in der Miene, still entsagend!
Ein Bitteblick wie des Erlösers Flehn,
Da er zum Vater sprach im Garten klagend:
Lass' diesen Kelch an mir vorübergehn!
Die Stirne rund, die Wange ein Oval!
Bald blass, bald von der Seele Glutenstrahl
Mild überhaucht mit frischen Rosenlichtern!
So leuchtend nur bei Denkern und bei Dichtern!
    So stand Bonaventura einst vor des Erzählers Auge, als er sein Leben in
Versen schildern wollte und, übermannt vom Stoffe, die Feder niederlegte ...
    Bonaventura von Asselyn sprach von dem Verstorbenen wie von einem
heimgegangenen Freunde. Er nannte den alten Joseph Mevissen, dem zu Liebe, weil
gerade der hier wohnte, er diese Pfarrei besonders gern gewählt, einen Führer
seiner Jugend, nannte ihn den Diener seines verstorbenen und, wie alle Welt um
ihn her wusste, auf einer Alpenreise so furchtbar unglücklich verkommenen Vaters.
Jene Tatsächlichkeit, die in den Reden katolischer Geistlichen oft masslos die
Grenzen des Schicklichen überschreitet, die aber auch, richtig angewandt, ebenso
das oft nur allzu Allgemeine der protestantischen Predigtweise vermeidet, war
hier begründet durch den allgemeinen Anteil und die eigene dankverpflichtete
Stellung des Redners zu dem Abgeschiedenen.
    Mevissen war ein armer Häusler gewesen, lebte von kleinen Arbeiten der
Tischlerei, die er in jungen Jahren gelernt hatte, ehe er dem Vater
Bonaventura's auf jener Reise folgte, von der Friedrich von Asselyn nicht wieder
zurückkehrte. In leiser Andeutung und nicht etwa sein eigenes Leid zu sehr
hervorstellend, kam der junge Redner auf diese allen ihn Umstehenden bekannten
Vorgänge. Er pries den Anteil, die Hingebung, die Treue des Verstorbenen, die
er dem Vater und dann ihm selbst bewiesen. Er sprach, angeregt von der
Erinnerung an jene Zeit, wo ihm als Knaben zum ersten mal das Bild seines in
einem Schneeabgrunde des grossen St.-Bernhard todtgefundenen Vaters entgegentrat
und seine Neigung für den geistlichen Beruf entschied, über die dunkeln
Kerkerwände des Todes, über die stille Gemeinsamkeit, in der die Leiber ruhen
und einst schon so in alter römischer Zeit, in den Katakomben, die Gebeine der
heimlich begrabenen Märtyrer ruhten ... über den Sarg, den sich der alte Freund
seiner Jugend und des ganzen Dorfes selbst gezimmert und in dem er wie in einem
Bett nächtlich schon gleich manchem Heiligen geschlafen hätte; - er verglich den
Tod mit dem Schlummer, seiner Erquickung, seinen Träumen, seinem Erwachen. All
diese Gedankenreihen folgten sich natürlich, ohne Prunk, mit einfachen Bildern,
in jener sich auf Sprüche der Bibel und der Kirchenväter stützenden Redeweise,
die den Zusammenhang des eigenen Ichs, das sich nicht vordrängen soll, mit der
Lehre und den Beispielen des kirchlich Gebotenen nicht vergisst und allem
Abschweifen persönlicher Einfälle durch bestimmt vorgezeichnete Formeln und
Gebete ein Ende macht.
    Dreimal besprengte dann der Priester den Sarg mit Weihwasser, schwang über
ihm das Rauchfass, warf drei Händen voll Erde auf ihn und endete mit den Worten:
    Aus der Erde hast du mich gebildet; mit Fleisch hast du mich umkleidet;.
erwecke mich wieder, mein Erlöser!
    Nach dem »Amen!« war die Handlung vorüber; die Menge zerstreute sich; der
von Bonaventura unter den niederhängenden, weitschattenden Wallnussästen kaum
bemerkte Wagen rollte weiter; Lucinde wusste nicht, wie sie unter den Eindrücken,
die ihr Inneres bestürmten, in dem Wirtshause des Ortes ankam.
    Aus Blech geschnitten, hing über der Tür desselben neben der grossen
Einfahrt des bescheidenen Hauses ein Stern ...
    Das Verlangen nach einem Zimmer war bald befriedigt, der Kutscher wurde
bezahlt und Lucinde war mit ihren Reiseeffecten, aber auch mit der schweren
Aufgabe allein, dem Priester, der sie kannte, aber auch ganz kannte, wie sie
war, wie sie sich selber vielleicht nicht kannte, nach zwei Jahren wieder
entgegenzutreten.
    In dem kleinen Raume, hinter dem Fenster mit den zerkritzelten grünblauen
Scheiben, in der Umgebung an den Wänden hängender Schildereien, die in
Litographieen und mit Wasserfarben jene überschwenglichen mystischen
Anschauungen eines durch alle Himmel ausgebreiteten Rosenkranzes als einer
Welterrschaft der über der Erdkugel und dem Monde tronenden Mutter Gottes, mit
der Sonne selbst als Strahlenkrone, darstellten, lange zu verweilen, wäre ihrem
unruhigen Charakter nicht möglich gewesen.
    St.-Wolfgang war ein freundliches, angenehmes, jetzt sogar durch die sich
zerstreuende Menge belebtes Dorf.
    Das war in allen Winkeln und den vor dem Wirtshause zum Stern ausmündenden
Gässchen des Ortes eine Rückkehr zur Freude am Dasein! Doch verwunderte sie diese
nicht. Auch diese Eigenschaft ihres neuen Glaubens kannte die Convertitin schon,
dass in ihm nach dem Tribut, den man den himmlischen Pflichten gezollt, eine
muntere Rückkehr zur Freude am Irdischen gestattet sein sollte.
    In einem an das Wirtshaus sich lehnenden Obstgarten mit Bänken und Tischen
bemerkte sie schon manche Gruppe, die sich gebildet hatte, um an dem trefflichen
Wein der Gegend sich zu erquicken. Auch der Knecht, der erst am andern Morgen
zurückkehren zu wollen erklärt hatte, da er behauptete, sein Gaul hätte sich
unterwegs einen Stein eingetreten und bedürfte der Ruhe, stand schon mit
angezündeter Pfeife unter den Gästen, zu denen sich, in leichter gelüfteter
Kleidung, wie wenn er entweder hier wohnte oder doch übernachtete, und
gleichfalls mit brennender kurzer Pfeife, der Gensdarm gesellte, der oben am
Berge die Passirscheine revidirt hatte.
    Die Sonne vergoldete nur noch die Zifferblätter des Kirchturms und zeigte
die Abendstunde, die bald auch von der Glocke zur Abhaltung der Vespergebete
gemeldet wurde. Lucinde hatte gelernt, dass in diesem Augenblick des
Angelusgebets ringsum die ganze Erde, so weit katolische Christen wohnen,
gleichsam ein Gürtel von Gebeten walle, dem sich kein Gläubiger entziehen
dürfte. Sie kannte das Angelus sogar in lateinischer Sprache. Doch folgte sie,
da sie sich allein wusste, dem Beispiel des zuweilen zu ihr hinaufschielenden
Gensdarmen unten, der seinerseits, der Landeskirche angehörend, mit seiner
Pfeife ruhig an die Salatbeete schritt, die den Obstgarten begrenzten, während
die Männer an den Tischen die Häupter neigten. Auch sie betete nicht, sondern
ordnete vor dem in jedenfalls unabsichtlicher Satire wie vor Jahren in Eibendorf
mit einer kleinen Pfauenfeder geschmückten matten Spiegel ihre Toilette, band
die Flechten ihres Haares fester, glättete einen grossen, weitängenden
Spitzenkragen, unter dessen Fall die zierlichste Taille sich verbarg, legte ihr
goldenes Kreuz in passende Ordnung, wählte ein weniger zerknittertes Taschentuch
aus dem geöffneten Koffer, entnahm ihm einige gesiegelte Briefe, steckte diese
zu sich, setzte den Hut auf und schickte sich zu einem unendlich seligen und
doch ebenso wieder schweren, vielleicht tief demütigenden Gange an.
    Beim Pfarrer konnte inzwischen vielleicht auch schon durchs Bonaventura's
Vetter und seinen Begleiter Hedemann ihr Kommen angezeigt worden sein; denn die
Ceremonie, ihre Toilette, ihr Kampf mit sich selbst hatten lange gedauert.
    Das Pfarrhaus lag dicht an der Kirche und dem Gottesacker.
    Von letzterm trennte es nur ein bescheidener Gemüse- und Obstgarten.
    Die Grenze, eine Mauer von grünen Hecken, war unverschlossen.
    Nicht gering war die Neugier, mit der Lucinden Jung und Alt betrachtete.
    Nur eine alte Frau, die im Pfarrgarten Kerbel und Salat zum Nachtessen
sammelte, erhob sich von ihrem Bücken nicht. Ihr schienen vielleicht die Besuche
elegant gekleideter Frauen bei ihrem Herrn weniger auffallend.
    Und doch konnte Lucinde vor Bangen nicht zur Haustür hinein.
    Der Eingang zum Garten stand offen.
    Ungesehen betrat sie einen Teil desselben, einen gewähltern, wo abgeblühter
Jasmin und wilde Geisblattbüsche sich fast zu einem Laubengange einten ...
    Hier war ein Sitz, auf dem noch Bücher lagen ...
    In Bienenstöcken, an denen sie vorüber musste, schien es still, wenn auch
ihrem scharfen Ohr nichts von dem Summen entging, von dem sie drinnen belebt
waren ...
    Im fast verstohlenen Vorüberhuschen wagte sie die Bücher, die Bonaventura
vergessen zu haben schien, anzusehen ...
    Sie schlug sie auf, neugierig auf die jetzige Geistesfährte des innern
Lebens dieses ihres - Feindes? War das Asselyn? Er liebte, wenn er liebte,
Paula! Er hasste, wenn er hasste, Lucinden!
    Sie fand einen Band von Goete's Gedichten. Dann eine ältere Liedersammlung:
»Trutz-Nachtigall«, von dem alten edeln Dichter Friedrich von Spee, einem
Jesuiten.
    Sie kannte einige der Weisen dieses letztern Sängers, der sich durch seinen
geistlichen Stand nicht hatte beirren lassen, die Sprache der Blumen, der
Farben, der Töne und des eigenen Herzens als die gemeinsame Muttersprache aller
geschaffenen Kreatur mit den Weltlichen mitzureden und unter den Huldigungen,
die seine inbrünstige Phantasie der überirdischen Liebe brachte, auch ein gut
Teil der Wonnen mitzufühlen, die die irdische gewährt.
    Ertappt! lag in dem fast listigen Blick ausgesprochen, mit welchem Lucinde
beide Bücher an sich nahm und, um sich Mut zu fassen, beschloss, sie dem Pfarrer
beim ersten Gruss einzuhändigen.
    Im Hause vorn, das nur aus einem, aber hochgelegenen Stockwerk und vielen
bewohnbaren Dachkammern bestand, kündigte sich in der Küche schon die grösste
Regsamkeit an.
    Die eigentliche Führerin des Haushalts war wohl die über dem Salatbeete
gebückte Matrone. Aber hier in der Küche stand, vom prasselnden Feuer
beschienen, ein jüngeres dienendes Wesen und gab, angeredet um den Herrn
Pfarrer, aus der Ferne kaum verständliche Antwort; Eierspeisen, um die es sich
allein bei einem improvisirten Abendimbiss handeln konnte, gebieten
Aufmerksamkeit auf Pfanne und Löffel; das wusste Lucinde wohl von ihren frühern
missglückten Versuchen in diesem Fache.
    Nun folgte sie der eigenen Führung und verliess sich auf ihr Ohr, das durch
die Tür zur Rechten auch schon Männerstimmen hörte. Lauschen konnte sie nicht,
wenn sie auch wollte, denn im gleichen Augenblick öffnete sich die Tür und
Hedemann trat ihr entgegen, mit Schüsseln in der Hand und mit Gedecken. Er half
an den Zurüstungen zum Nachtimbiss.
    Wie staunte er, als ihm Lucinde alles ohne weiteres aus der Hand nahm und
damit in die Küche ging!
    Hedemann blieb stehen, hielt die Tür auf und sagte, zugleich bestätigend,
dass man eben von ihr gesprochen:
    Da ist ja jetzt das Fräulein!
    Bonaventura hatte Lucinden nach der Mitteilung der Frau von Gülpen zu
Kocher am Fall schon in der Frühe erwarten dürfen.
    Und wie ein Priester, der nach der Beichte einer noch so grossen Sünde dem
Sünder begegnen kann als hätte er nicht ein Wort von ihm vernommen, schritt er
jetzt hinaus, begrüsste freundlich lächelnd Lucinden in der Küche, beschwichtigte
das Erstaunen der alten, aus dem Garten zurückgekehrten Frau und führte sie dann
wie eine unverfängliche, ihm willkommene alte Bekanntschaft mit Wohlwollen an
der Hand in das Wohnzimmer zurück.
    Ihre Hand zitterte in der ruhigen seinen.
    Sie wollen zu meinem Onkel! begann er mit dem milden und weichen Tone, den
Lucinde eben auf dem Friedhof gehört, dem Tone, den sie aus frühern Zeiten
kannte, ja aus Zeiten schon, wo sie ihn selbst noch gar nicht gesehen; denn so
konnte Serlo sprechen, wenn er auf dem Sopha lag, unbehelligt von seiner Frau
und wehmütig auf die Vergangenheit und Zukunft blickend. Aber diese sanfte
Stimme kam hier vom Leben, von der Gesundheit, von einer Zukunft, die eine
sichere und verbürgte war.
    So wissen Sie -? erwiderte sie und schlug die Augen nieder, als wäre sie
sich der Glut derselben bewusst ...
    Sie reichte die Bücher dar und erzählte ihren Einfall in den Garten.
    Dann gab sie Briefe ab, die sie von Priestern und Freunden Bonaventura's
mitbrachte.
    Dieser erbrach die Briefe, las sie und überliess Lucinden den weitern
Erkennungen und Ueberraschungen und Verständigungen zwischen ihr und Benno.
    Ob Bonaventura mit ganzer Teilnahme las? ... Ob er dies mit dem Gefühl
tat: Da ist sie die Abgesandtin des Himmels oder - der Hölle?
    Man rüstete das Mahl. Benno plauderte über Armgart, über das Erstaunen
derselben, dass sie Lucinden bloss aus den Schilderungen ihrer Freundin Paula
erkannt und dann von Angelika Müller, der Lehrerin, die Richtigkeit ihrer
Vermutungen bestätigt erhalten hatte, über diese Lehrerin, die wenig mehr über
Lucinden gewusst zu haben schien, als dass sie einst auf einer Reise sie begleitet
hätte - wusste sie mehr, so passte es schwerlich für die jungen Mädchen - über den
Doctor Laurenz Püttmeier, über Hegel's Lehrstuhl, über die metaphysische
Drechselbank ...
    Bonaventura behielt Zeit, beim Lesen auch sich zu sammeln und vielleicht
jenes Bildes in seinem Gedächtnis zu gedenken ...
    Er war seit acht Wochen Priester und sass zum ersten mal im Beichtstuhl ...
    Es war ein uralter, von Eichenholz kunstvoll gearbeiteter. Ein alter
Holzschnitzer hatte die Zieraten dieses Stuhles aus der Geschichte des
Sündenfalls entnommen. Der Stuhl drückte die Versuchung aus und die Erlösung.
Adam und Eva standen links und rechts an den beiden Eingängen; der Priester sass
wie im Baume der Erkenntnis; ringsum ihn windet sich die Schlange. Ueber ihm
erhebt sich die Erlösung, der siegende Christus mit dem Kreuz und jene Maria,
von der Friedrich von Spee, der Sänger der »Trutz-Nachtigall«, erzählt hat, dass
sie einst zu ihrem Sohne gesagt haben soll: »Musst du so leiden, so bitte den
Vater, dass er mich früher hingehen lässt«; aber der Heiland erwiderte: »Zwei
haben im Paradiese gesündigt, Adam und Eva! Zwei müssen auch die Marter leiden,
ich und du!« ...
    Und in diesem Beichtstuhl war es gewesen, dass beim ersten Beichtören die
erste Stimme, die zu Bonaventura gesprochen, ohne dass er die Beichtende sah,
nach dem ersten Anmelden ihn anredete: Ehrwürdiger Priester! Ist es wahr, dass
alles in Erfüllung geht, was wir, während ein Priester geweiht wird, von Gott
erbitten? ... Bonaventura, ohne der Stimme zu achten, die er hörte, versenkt in
die ihm so heilige Bedeutung des Amtes, Mitwisser fremder Fehle und Mitträger
fremder Schuld, Mitträger fremder Reue und Busse zu sein, hatte erwidert: So Sie
um ein ewiges Gut gebeten haben, gewiss; doch würde es Ihnen Gott auch erfüllen
in jeder andern Lage, wo Sie in Andacht zu ihm beten! Darauf hatte die Stimme
erwidert: Ich bat um ein Unmögliches, die Wiedererweckung eines Todten, oder
darf man annehmen, dass der Geist sich auch auf Erden schon unsterblich erneuert
und in wechselnden äussern Gestalten doch derselbe bleibt, dieselben Wunder
wirkt, dieselbe Liebe entzündet? ... Bonaventura hatte erwidert: Der Geist, der
heilig ist, ist ausgesandt in alle Welt und ist nur einer! ... Wodurch heiligen
wir eine Liebe? hatte die Stimme noch scheuer gefragt; aber deutlicher kannte er
die Sprecherin schon, als er das Wort gesprochen: Durch Entsagung! ... Er hatte
diese Stimme schon oft gehört, wenn er die ihm so dringend empfohlene Gräfin
Paula besuchte. Er hatte ihr Interesse beobachtet, ihr Erglühen, wenn er nahte,
ihre Eifersucht auf Paula. Er hatte sich in den Beichtstuhl gesetzt, ausgerüstet
auf die schwierigsten Fälle, die die Moralteologie für das wichtigste und
schwerste Amt des Priesters vorhergesehen, ausgerüstet auf alle Vorkommnisse der
Herzenserleichterung, auf Ausreden und Ausweichungen aller Art, auch auf jene
Zudringlichkeit der Mitteilung, die eine der lästigsten Erfahrungen gesuchter
Seelsorger ist, auf die Plaudersucht, auf die Geheimnisskrämerei, auf ein sich
mit der Wollust des Schmerzes selbst Preisgeben und die sich selbst geiselnde
Vertraulichkeitssucht, ja auf die Eitelkeit auf die Sünde - er kannte alles, was
sich schaudervoll Menschliches im Beichtstuhl zu entüllen pflegt; - aber dass
ein zitternder, ihm bekannter und mit fühlbarem Atem sprechender weiblicher
Mund so jetzt ihm in unverkennbarer Andeutung von einer ihn doch nur selbst
betreffenden Liebe und mit einem fast herausfordernden Spott wieder, der ihn
erbeben machte, davon in dieser Lage reden konnte, das war sogleich die stärkste
Prüfung gewesen, die ihn traf ... Lehren Sie mich entsagen! war die Aufforderung
Lucindens gewesen. Er hatte sie ermahnt zum innern Gebet. Kennen Sie das innere
Gebet? ... Nein! hatte die ermattende Antwort gelautet ... Es ist die Sammlung
aller Ihrer Gedanken auf Einen Punkt, die Ausmalung Ihrer Betrachtungen, als
wären Sie bei dem, was Sie lesen, gegenwärtig! Wählen Sie dazu das Gebet des
Herrn im Garten von Getsemane und nehmen Sie Veranlassung zur steten Wiederkehr
Ihrer Betrachtungen bei dieser Stelle selbst bis zur Vergleichung der
Darstellung, wie sie sich bei den verschiedenen vier Evangelisten findet! Setzen
Sie diese innern Betrachtungen über diese eine Stelle der Leidensgeschichte so
lange fort, bis eine kleine Altarkerze niedergebrannt ist, die Sie an der
Kirchentür draussen kaufen mögen! ... Dann sprach er sein Absolvo und die
Gestalt, die er nicht gesehen, war verschwunden. Zur Mehrung aber seiner harten
Prüfungen, und doch ihn unendlich beglückend, kniete auf der andern Seite dann
als zweite seiner ersten Beichteroberungen Paula Camphausen ... Sie hatte einen
ihrer freien Tage nützend, sein erstes Beichtkind sein wollen! ... Lucinde war
ihr zuvorgekommen ... Paula klagte sich des Stolzes an auf die Bilder, die ihr
zuweilen im Traum erschienen. Ich habe verboten, liebe Comtesse, erwiderte er,
dass man Ihnen wiedererzählt, was Sie infolge einer krankhaften Verstimmung Ihrer
Nerven im Schlafe sprechen! ... Es geschieht doch! erwiderte sie, und ich hör'
es zu gern und es ängstigt mich! ... Auch hier verliessen Bonaventura gleich im
Beginn dieser Wirksamkeit alle Vorgänger in der Kunst der Erteilung geistlicher
Ratschläge ... und seltsam genug nimmt sich die Kirche auch aus in den Lücken,
die ihre reiche Vergangenheit für die reichere Gegenwart offen lassen muss! Was
soll sie sagen, wenn nicht die grossen Männer der alten Kirchengeschichte, ein
Gregor, ein Bernhard von Clairvaux in Dingen, die diese begreifen konnten, zu
ihr sprechen, sondern solche neueste Erlasse der päpstlichen Curie, bei denen
man immer fürchten muss, Galileo Galilei und die Bibel fallen sich wiederum an
und ringen im Kampfe! Der Magnetismus als Heilmittel war damals vor der heiligen
Pönitentiarie noch Streitfrage; jetzt hat ihn ein Erlass derselben verworfen.
Bonaventura half sich damals in seiner Erwiderung an Paula mit der Erinnerung an
das Hochgefühl der Märtyrer und sagte, wie einst der arme verbitterte
Schauspieler Serlo gesagt hatte, dass man Freude empfinden dürfe an sich selbst,
setzte aber hinzu, nur müsse man über jedes Verdienst die Ehre Gott geben. Um
die ihm unendlich werte junge Freundin von der gefährlichen Sehergabe, deren
Ruf schon die ganze Stadt erfüllte, ja die ihn selbst zum Spott der Neider und
Feinde, die er schon hatte, sogar mit dem Bischofshut geschmückt hatte, zu
heilen, riet er ihr an, kein einziges geistliches Werk mehr zu lesen, auch kein
einziges Werk der nur den religiösen Sinn exaltirenden barmherzigen Liebe zu
üben, sondern weltliche Schriften und weltliche Beschäftigungen - - So hatte er
in wahrhafter Versuchung und wie zwischen »Himmel und Hölle« damals in der Mitte
das wichtigste Werk seines Berufs begonnen, sich selbst darauf eine schwere
innere geistliche Strafe für etwa dabei obwaltende eigene Schuld auferlegt ...
und in diesem Augenblick fuhr diese Erinnerung und die an das ganze Jahr
überhaupt, das er noch in jener Stadt verleben musste, wie mit einem einziges
schrillen Septimenaccord durch seine Seele.
    Und zwischen alledem klapperten im Nebenzimmer Teller, kam die alte Renate,
die Wirtschafterin, und liess ihre Gebäcke duften - sie hatte für beiderlei
Geschmack gesorgt: Eierkuchen mit und ohne Schnittlauch - wurden die Stühle
herangerückt und die Plätze verteilt und auch schon der Kork einer Weinflasche
wurde von Hedemann gezogen ... Das Leben fasst oft das Unscheinbarste in Gold und
Silber und wie oft die wahren Glanzgeschmeide unsers Innern in Kupfer und Blei!
    Beim ersten Zuspruch zum bescheidenen Mahle ergab sich, dass Lucinde einen
Wagen finden würde, der sie morgen früh nach Kocher am Fall bringen sollte.
    Benno und Hedemann erklärten sie begleiten zu wollen.
    Benno hatte sich nur bei dem Stabe des Truppenteils, zu dem er gehörte,
einige Tage zu stellen; lange Uebungen fanden in diesem Jahre der Teuerung und
einer in der ganzen Provinz herrschenden Aufregung wegen nicht statt. Er
erklärte sich davon um so befriedigter, als er bei einem der ersten Advocaten
der Gegend, in der Residenz des Kirchenfürsten der Provinz, arbeitete und seine
juristische Laufbahn mit Eifer zu verfolgen schien.
    Bonaventura kam auf die ihm von Lucinden mitgebrachten Schreiben zurück und
auf deren Verfasser. Entweder nahmen sie seine Aufmerksamkeit wirklich in
Anspruch oder sie gaben ihm nur willkommene Gelegenheit, sich über die
Wiederbegegnung mit Lucinden zu sammeln. Lucinde hatte, noch ehe sie sich zu
Tisch gesetzt, schon mit Renaten einen Strauss angebunden über einen Spiegel, von
dem sie einige Fliegenflecke mit dem Taschentuch abwischte. Frau Renate bemerkte
diese Einmischung in ihre eigene Lebensaufgabe ohne besonderes Wohlgefallen ...
Morgen wäre Putztag und das Fräulein brauchte sich nicht zu incommodiren, sagte
sie spitz ... Lucinde replicirte, sie möchte sich beruhigen, ein Spiegel könne
ja in einer Pastorei nur ein wenig beachteter Gegenstand sein ... Worauf
wiederum Renate: Ei sie möchte doch nicht glauben, dass sie die einzige Dame
wäre, die hier schon vorgesprochen! ...
    Benno, dessen scharfes Auge das Interesse Lucindens für seinen Cousin bald
übersah, flüsterte Renaten das schwerlich von der Matrone verstandene Wort
Mephisto's zu: »Du ahnungsvoller Engel du!«
    Man hatte auf den Tisch noch eine kleine Studirlampe gesetzt. Ihr Deckel
warf einen dunkeln Schattenring über die Mienen der dem bescheidenen Mahle
Zusprechenden.
    Renate sass nicht darunter, wohl aber Hedemann. Dieser war, wie der Knecht
beim Bauer, wie der Edelknappe beim Ritter, Diener und Freund zugleich, ganz im
Charakter jenes Landes, das nach Benno's Erzählung im Höhenrauch seinen ewig
blauen ionischen Himmel findet. Hedemann durfte ebenso das Wort führen, wie er
auch das Brot vorschnitt. Von den Italienern, die durch den Ort durchgefahren
waren, sagte er:
    Sie sind aus Frankfurt eigens mit ihren Waaren verschrieben worden!
    Hedemann! rief Benno. Mit ihren Waaren! Gegenstände heiliger Verehrung
Waaren! Man sieht, wie lange Sie sich im ketzerischen Amerika umgetrieben haben!
Hoffentlich kehren Sie an Porzia's Hand zur Rechtgläubigkeit zurück! Bona, hast
du nicht noch eine alte italienische Grammatik übrig? Ich glaube, Hedemann
verlegt sich auf Lingua Toscana in Bocca Romana. Porzia Biancchi scheint es ihm
angetan zu haben!
    Lucinde schürte den Scherz und erbot sich, da Hedemann in Kocher am Fall
wohnte, wenn er wollte, zum förmlichen Unterricht.
    Hedemann erwiderte seufzend:
    Ein Schüler von fünfundvierzig Jahren!
    Wer mit fünfundvierzig Jahren noch lieben kann, ist zu allen Dingen
gelehrig! erwiderte Lucinde, die ein sittsames Verschleiern und nur leises
Berühren zarter Gegenstände nicht in ihrer Art hatte.
    Hedemann verweilte in der Tat mit Anteil bei den Lebensverhältnissen
dieser Italiener, bei ihrer leichten Art, das Leben aufzufassen, ihrer Kunst, wo
und wie nur irgendmöglich, dem Leben Gewinn zu entlehnen, und wieder kam er bei
der Tatsache an, dass sie eigens wären aufgefordert worden, gerade jetzt ins
Land zu wandern und überall die Erzeugnisse ihrer Industrie zu den wohlfeilsten
Preisen anzubieten.
    Nun ja, sagte Bonaventura, gerade jetzt, wo man wieder beweisen muss, dass es
in unserer Kirche eine unsterbliche Ehre ist, die Märtyrerkrone gewonnen zu
haben!
    Durch eine Ideenverbindung, die nicht ausgesprochen zu werden brauchte, weil
jeder sie für sich selbst ergänzte, kam man auf Vorkommnisse des kirchlichen
Lebens überhaupt. Hedemann fragte, ob nicht Bonaventura der morgenden, zu Kocher
am Fall stattfindenden Besprechung einer grossen Anzahl von Geistlichen beiwohnen
würde?
    Bonaventura erwiderte zögernd mit der einfachen Frage:
    Bei Beda Hunnius?
    Sein Vetter verstand, was er sagen wollte, und unterbrach die Angabe der
Gründe, warum sich der Pfarrer solchen Verschwörungen gegen die Regierung
entzöge, mit den parodirten Worten des Tell:
Doch, was ihr tut, lasst ihn aus eurem Rat!
Er kann nicht lange prüfen oder wählen;
Bedürft ihr seiner zur bestimmten Tat,
Dann ruft den Tell, es soll an ihm nicht fehlen!
    Diese Worte erheiterten die etwas gedrückte Stimmung.
    Auch Bonaventura sagte mit einem Lächeln, das seinen Zügen einen
unwiderstehlichen Ausdruck vertrauenerweckender Güte gab:
    Hätt' ich gedacht, dass ich heute noch bei Erwähnung der Schweiz lachen
würde! Den ganzen Tag über war ich in die Erinnerungen verloren, die sich an
unsern alten braven Mevissen knüpfen!
    Das bereits gleich nach erster Begrüssung von Benno und Hedemann berührte
Tema wurde aufs neue aufgenommen. Man sah, dass es sich um den Tod eines Mannes
handelte, der einer ganzen, weitverzweigten Familie wert gewesen war. Da er
aber auch an den Tod Friedrich's von Asselyn, des Vaters Bonaventura's, Gemahls
der jetzigen Frau von Wittekind-Neuhof, erinnerte, so konnte sich niemand
gedrungen fühlen, bei dem Gegenstande allzu lange zu verweilen. Nur Lucinde ...
diese hatte schon seit lange das System, keine Wunde zu schonen, keinen Schmerz
zu umgehen, alles gerade so zu nehmen, wie es ist. So sprach sie auch hier, ohne
die geringste Besorgnis, ihre Umgebungen zu verwunden oder aufzuregen.
    Ich höre ja auch, dass dieser Mann in einem Sarge begraben ist, den er sich
selbst gezimmert hat?
    Ja, sagte Bonaventura, er fing diese Arbeit an nach einer Predigt, die ich
am letzten Allerseelentage hielt! »Wir leben den Tod!« - diesen Spruch eines
Weisen behandelte ich und ich mag es wohl in zu lebhaften Bildern getan haben!
Unser ganzes Dasein verwandelte meine leider oft noch gar schulmässige Rhetorik
in ein grosses Leichentuch. Die Sterne waren die silbernen Verzierungen
desselben, der Mond die Krone auf dem Grabe, ja alle Blumen, selbst die Rosen
und Lilien, verwandelten sich in Palmenzweige und Todtenkränze. Von da an traf
ich ihn in seinem Höfchen beim Hobeln von Bretern und wie ich ihn einmal über
den Zaun fragte, was es geben sollte, war's erst ein Bett; am Tage darauf sah
ich, dass es ein Sarg wurde. Nun musste man ihn in seiner Grille gehen lassen. Das
Alter lässt sich nicht viel mehr von seinen Vorsätzen ausreden, am wenigsten den
Ausdruck seines Kummers.
    Unwillkürlich musste Lucinde bei diesen Worten ihres Pavillons in Schloss
Neuhof gedenken und der alten Stammers, bei denen sie gewohnt hatte.
    Auch Hedemann nickte Beifall ...
    Benno wandte sich, nach dessen Aeltern zu fragen ... den Aeltern eines
Fünfundvierzigjährigen ...
    Um die aus ihr unbekannten Ursachen nach wenig ausweichenden Worten
entstehende drückende Stimmung freier zu machen, erwähnte Lucinde das im Weissen
Ross vernommene Gerücht von Schätzen, die wohl gar der alte Mevissen könnte mit
sich genommen haben.
    Dafür erntete sie aber eine strafende Erwiderung der gerade im Abräumen
begriffenen Renate.
    Ei was, sagte diese, wer spricht denn solche Lästerungen nach! Schätze mit
ins Grab nehmen! Wer nur das gottlose Gerücht aufgebracht hat! Sein ganzer
Schatz ist sein gutes Herz gewesen! Mit dem ruht er in Gottes Schoos und Schutz
... und wenn man in den Wirtshäusern anders spricht, sollt' es wenigstens hier
bei einem geweihten Priester nicht wiederholt werden und über einen solchen
Schimpf so still bleiben wie drüben - im Grabe!
    Mit der peinlichen Stille, die auf diese entrüsteten Worte Renatens, die
gleichfalls eine alte Dienerin des Hauses Asselyn gewesen war wie der
Verstorbene, folgte und von Bonaventura eben unterbrochen werden sollte, um der
so abgetrumpften Lucinde eine Genugtuung wenigstens des Anstandes zu geben,
stand in fast gespenstischem Widerspruch ein Klopfen, das plötzlich vernommen
wurde.
    Frau Renate, die am ehesten gegen die Voraussetzung einer unheimlichen
Tatsache hätte gerüstet sein sollen, liess vor Schreck fast einen ihrer Teller
fallen.
    Hedemann und Benno waren schon aufgestanden.
    Sie gingen ans Fenster, wo sich das Pochen erneuert hatte.
 
                                       4.
Der am Fenster Pochende war aus dem Stern der Gensdarm gewesen.
    Der Wachtmeister! hiess es schon beruhigter. Der ganze kleine Kreis kannte
ihn.
    Was bringen Sie uns, Herr Grützmacher? fragte Bonaventura, während man schon
die Haustür öffnete.
    Der eintretende Gensdarmenwachtmeister Grützmacher bildete in seiner
wohlgenährten breitschulterigen Gestalt, seinem blondgrauen Knebelbart, glänzend
gebräuntem Antlitz, seinem klirrenden Sarras und seinem Helm zu dem stillen
Abendimbiss eines katolischen Priesters einen schroffen Gegensatz.
    Dass Herr Grützmacher sich auf einem Standpunkte wusste, der selbst bei gering
nachhaltender Kraft seiner Katechismuserinnerungen, bei etwas gründlich
vergessener Geometrie aus seiner, als er noch bei der Artillerie stand, weiland
besuchten Compagnieschule, bei einem dunkeln Gefühl verklungener Sagen über die
Lehre von den Brüchen benannter und unbenannter Zahlen, dennoch unendlich
erhaben war über die Sphäre, in welche er Schlag neun Uhr Abends in irgendeiner
wichtigen Function hier eintrat, lag auf der Hand.
    War doch allen denen, die z.B. auch zu Kocher am Fall auf dem Amtause wie
einst die ghibellinischen Landsknechte in Italien unter den conspirirenden
Welfen sassen, ein gewisser Zug des Antlitzes gemeinsam, den man den einer
stereotyp gewordenen Ironie nennen darf.
    Dieser Zug, der dem Gefühl der Toleranz gegen ein absolut sich
Ueberlebtabendes entsprach, milderte sich hier und dort schattirte sich, ja
mischte sich z.B. bei dem Chef des Herrn Grützmacher, bei dem Gensdarmeriemajor
Schulzendorf, der die Tafel des Dechanten zu St.-Zeno mit einer ausserordentlich
feinen Zunge zu würdigen verstand, sogar mit einer Ergebenheit, die bis zu einer
offenbaren Unterwürfigkeit gegen Römisches ging ... Denn wiederum ist es eine
ganz eigentümlich bestätigte Tatsache, dass jener aufgeklärte blonde, urewig
beamtische Menschenschlag zwischen Elbe und Oder auf fremdem Boden seine Kraft
nicht immer mit besonderm Geschick zu behaupten versteht. Im Glück leicht
übermütig, in Schwierigkeiten vor Übermass entweder des Mutes oder der
Einsicht nicht selten unentschlossen bis zum Zaghaften oder klug bis zum
Ueberklugen, lässt sich diese angeborene, alles wissende und alles könnende Art
oft von dem Fremdartigen imponiren, ja hat bei aller Hitze des Anlaufs und aller
Sicherheit des steten Gutsagens für sich selbst oft schon in ältern und neuern
Geschichten vollständig den Kopf verloren. Aber Grützmacher gehörte nicht zu
diesem überläuferischen Geschlecht. Ihm war es nicht so ergangen wie hier
manchem schon der aus dem Lande des absolut Blonden kam, in grösserm oder
kleinerm Umfange diese Länder, die mit Rom noch etwas enger verwachsen sind als
durch die Gipsfiguren Napoleone Biancchi's, regieren sollte und die Festigkeit
des Willens allmählich verlor, indem er seine rauhe Art an dem schönsten aller
Ströme, an den sanftesten Tälern, fröhlichsten Menschen, an Burgen und
Nebengeländen, und vor allem an dem »Chrisam«, zu dem alle Menschen geschworen
haben, selbst die Türken und Heiden, der Blume des köstlichsten Weines,
abmilderte. Aus vielen Gründen sollte ja gerade jetzt dem unverbesserlichen
Geiste dieser Provinzen nicht geschmeichelt werden, sollte keine
Widersetzlichkeit gegen die Anordnungen der Behörden ungerügt bleiben. Der
Wachtmeister von Kocher am Fall, ohnehin ein geborener Jüterbogker, aus dem
Lande, wo Tezel einst seinen Ablasshandel so empfindlich abgebrochen bekam, hielt
unter allen römischen Verführungen einen festen protestantischen Widerstand,
obgleich er nur auskommen musste mit monatlich 20 Talern Löhnung, etwas
Montirungsgeld und einem jährlich durch 80 Taler »gutgetanen«, d.h. selbst zu
stellenden Pferde.
    Sich umsehend und die für einen ehelos lebenden Geistlichen immerhin
anmutig gemischte Gesellschaft mit jüterbogker Anti-Ablassironie würdigend,
sagte er, es fiele ihm doch sehr auf, dass im Wirtshause die Leute beisammen
sässen und von dem Begräbnis des alten Mevissen in einer Weise munkelten ...
    Ob er denn hier laut sprechen dürfte? unterbrach er sich selbst.
    Herr Wachtmeister! sagte der Geistliche, Sie brauchen hier auf niemand
Rücksicht zu nehmen!
    Herr Grützmacher wiederholte nun die Vermutung, die bereits am Fusse der
Maximinuskapelle Lucinde ausgesprochen. Dieselbe Vermutung war entweder durch
den Knecht aus dem Weissen Ross hierher verpflanzt worden oder war aus den Köpfen
der Bewohner von St.-Wolfgang selbst entstanden.
    Ist es mit dem Sarge, schloss Grützmacher, nicht richtig, Herr Pfarrer, na,
so erleben wir die Nacht Unrat!
    Wie so? Was erleben wir? fragte Bonaventura.
    Na! Na! lautete des Wachtmeisters vieldeutige Antwort.
    Sie glauben, dass der Sarg erbrochen wird? hiess es allgemein.
    Na natürlich! war die Antwort jüterbogker Logik.
    Und es würde doch schade »sind«, fuhr Grützmacher, sich den Knebelbart
streichelnd, fort, wenn man »det olle Männiken« da unten in der ewigen Ruhe
stören wollte!
    Gewiss! sagte Bonaventura ernst, bestritt aber sowol die Annahme, dass der
alte Diener seines Vaters mehr besessen hätte, als was ihm von den Seinigen
zufloss, wie die Möglichkeit einer Entweihung des Friedhofes von irgendwem in
seiner Gemeinde.
    Hören Sie mal, Herr Pfarrer, bestritt Grützmacher mit grösserer
Entschiedenheit, det alte Männiken soll oft was aus Italien 'rausgekriegt haben!
Der Wirt vom Stern als Postalter tut auch so und druckst als wenn er manchmal
gar von Papstens - bitte um Entschuldigung, Herr Pfarrer - eine Anweisung auf
hundert Zecchinen, heisst es ja wohl in Rinaldo Rinaldini, herausgekriegt hat ...
    Und was wünschen Sie denn nun, Herr Wachtmeister! fragte der Pfarrer, wider
Willen lächelnd.
    Eine förmliche Räubergeschichte! flüsterte Lucinde und Benno fiel ironisch
ein:
    Was kann er wünschen als Kant's »Kritik der reinen Vernunft«!
    Der Wachtmeister betrachtete beide Sprecher von oben bis unten.
    Lucinde, die jetzt in dem Wachtmeister fast einen alten Bekannten von Schloss
Neuhof zu erkennen glaubte, beugte sich ins Dunkel nieder.
    Aber Benno betrachtend, musterte der Wachtmeister das militärische Kleid
desselben und sagte nicht ohne Schärfe:
    Herr Musketier! Wie meinen Sie das?
    Herr Wachtmeister! erwiderte Benno einlenkend und sich besinnend, dass er,
wenn er zehnmal auch den Justinian studirt haben mochte, hier als Gemeiner einem
Manne gegenübersass, der ein silbernes Porteépée trug.
    Er griff wie zum Salutiren an die Stirn ...
    Ich meine, sagte er, Sie wünschen sowol den klaren Beweis, dass die Leute
sich geirrt haben, wie die Vorbeugung eines polizeilichen Frevels! Sie
beantragen ganz einfach die Ausgrabung der Leiche!
    Nimmermehr! rief Bonaventura mit geröteter Wange. Der Greis ist in allen
Formen der Kirche und mit Ehren in die Grube gefahren! Er hatte den Sarg sich
selbst gezimmert, hat darin aus einer Grille, die in seiner Frömmigkeit ihren
Grund hatte, geschlafen ... Als er verblichen war, nahmen freundliche Hände -
Da! Ich brauche nur auf Frau Renate zu verweisen! - ihn von seinem gewohnten
Lager, ordneten die rohe Polsterung ... alle senkten wir ihn in die Grube mit
dem Segen und den Weihen der Kirche ... wie kann ich jetzt um eines törichten
Wirtshausgeredes willen einen heiligen Vorgang gleichsam wieder rückgängig
machen wollen!
    Na! Na! Na! Na! beschwichtigte Grützmacher gutmütig den Eifer des
Geistlichen und die allzu düstere Auffassung.
    Warten Sie es doch ab! vermittelte Hedemann.
    Abwarten, Hedemann? Die Polizei soll vorbeugen! sagte Grützmacher zu
Hedemann fast vertraulich.
    Dann aber, um den Pfarrer nicht zu erzürnen und sich selbst beherrschend,
fuhr er fort:
    Herr Pfarrer, überlegen Sie sich, was da am Ende das Beste sein wird!
Entweder Sie buddeln den »ollen Jungen« selber heraus oder es tun's hernach
andere ... Und geschieht dieses, na dann, dann sehen Sie, krieg' ich wieder 'ne
Nase - so lang, wie neulich von wegen Mittwoch nach Jubilate!
    Sie sind ein vortrefflicher Staatsdiener, Herr Wachtmeister! sagte Benno.
    Ja, Herr Musketier, erwiderte der Wachtmeister, der Ironie nicht achtend,
sagen Sie lieber, ich habe bloss Nachsicht mit dem Herrn Pfarrer, weil er früher
selber doppeltes Tuch getragen hat als Lieutenant!
    Fähnrich! Fähnrich! verbesserte Bonaventura. Weiter bracht' ich es nicht,
Wachtmeister! Jetzt bin ich noch immer Fähnrich! Ich trage die Fahne meiner
Kirche!
    Den scherzhaften Ton der Erwiderungen festaltend, trat Grützmacher dem
Pfarrer näher, klopfte ihm auf die Schulter und sagte wie in intimster
Vertraulichkeit;
    
    Lassen Sie ihn ausbuddeln! Was?
    Nein, lieber Wachtmeister!
    Ich bekomme eine Nase wie wegen Jubilate -
    Ich teile sie dann ...
    Sie haben gut teilen! Ihnen gibt der Heilige Vater in Rom Zulage! Je mehr
Sie von uns Nasen kriegen, desto schöner stehen Sie auf dem seiner
Conduitenliste! Aber unsereins! Fünf lebendige Kinder! Eine kränkliche Frau!
Zwei hintereinander gefallene Pferde! Das bringt einen Gensdarmen Mattäus am
letzten! ... Buddeln Sie ihn aus!
    Wachtmeister! Sie hätten ruhig den Vorfall von Mittwoch nach Jubilate melden
sollen! sagte Bonaventura.
    Ne, Herr Pfarrer! Warum ewig die Stänkereien machen!
    Man hätte dann oben gesehen, wie die Leute es aufnehmen, wenn wir Feiertage
bekommen, die gar nicht in unserm Kalender stehen!
    Also danken Sie mir's nicht einmal? Machen Rebellion und ich zeige Sie nicht
an, Herr von Asselyn? Sie wissen, wie gut wir in Kocher standen, als Sie bei uns
Kaplan waren! Neulich sagte noch Frau Lei - lieber Gott, das arme Twall1 wird
nicht mehr lange machen! - als die Rede davon war, dass sie schon ein Dutzend mal
getan hat als wenn sie sterben wollte: Ich wache auch nur darum immer wieder
»uf«, weil mir 's ist als müsst' ich die letzte Zehrung (so heisst's ja wohl?) vom
Herrn von Asselyn, d.h. junior ... bekommen! Senior - dem wünsch' ich's nicht,
dass Mutter Lei sich in der Nacht empfiehlt oder gar Morgens, wo die Federn am
wärmsten sind!
    Ihre freundliche Gesinnung tut mir und uns allen sehr wohl, lieber Herr
Wachtmeister! sagte der Pfarrer und gab Grützmachern die Hand. Aber melden Sie
nur ruhig meine Fehler! Es ist trostlos genug, dass alle Schwächen, alle
Gebrechen, die, da wir alle Menschen sind, bei den Geistlichen von sieben
Millionen Katoliken nicht ausbleiben können, an den Centralsitz eines
andersgläubigen Regiments gemeldet und dort in den Archiven aufbewahrt werden
zum Amusement Ihrer Consistorialräte! Können wir etwas dafür, dass die Leute
jeden Mittwoch nach Jubilate an den Kirchtüren stehen und lärmen und sich
weigern dem Rufe der Glocken zu folgen, und Drohungen ausstossen, die ich diesmal
erst beschwichtigte, als ich im Ornat unter sie trat und ihnen sagte: Ein
Hochamt ist zu jeder Zeit dem Herrn genehm und wir werden unsere Knie dann gewiss
beugen, wenn wir Gott um eine gute Ernte und um die Abwendung von Unwetter und
Hagel bitten wollen!
    Da kam aber, fuhr Grützmacher fort, mein Kamerad Müller von Stockhofen
drüben und hörte, wie geschrieen und gelärmt wurde und wie sie riefen, dass die
richtige Hagelschadenmesse erst in ein paar Wochen stattfände und wie sie sich
von Ketzern keine Feiertage vorschreiben liessen! Ich ritt gerade auf Inspection
durch, bekomm's von Müllern brühwarm, soll's »pläng carrière« Landratn anzeigen
und hab' das nun nicht getan! Wie gesagt, die Nase war so lang! Und deshalb ...
buddeln Sie den Alten heute lieber noch als morgen 'raus! Tun Sie mir's zu
Liebe!
    Bonaventura bot Grützmachern wiederholt die Hand, dann auch ein Glas Wein,
blieb aber bei seiner Weigerung.
    Grützmacher hatte schon lange Lucinden fixirt.
    Und noch mehr, als diese mit einer fast herausfordernden Miene sagte:
    Was ist denn aber das? Ein neuer Feiertag?
    Benno erklärte:
    Es ist merkwürdig mit unserm allergnädigsten König und Herrn! Es ist gewiss
ein ganz vortrefflicher Monarch und man muss ihm nachsagen, dass er für sein
tragisches Schicksal von 1806 bis 1813 die gegenwärtige Heilige Allianz-Ruhe
verdient hat! Aber wenn er sie doch nur mit seinem herrlichen Kriegsheer, seinen
schönen Bauten und seinem vortrefflichen Teater allein geniessen wollte!
Metternich sorgt ja für Schlummer in der ganzen Welt! Was muss denn nun ewig
unsern König so der Geist Gottes drängen, wie ein byzantinischer Kaiser, den
Teologen zu machen! Dass er in seinem ehrenwerten Glauben die Gegensätze, die
dreihundert Jahre alt sind, beim Läuten der Reformationsglocken 1817 versöhnt zu
haben meinte und auch einige versöhnte, ist an sich ganz brav von ihm; nun aber
glaubt er, wenn man nur schön gebunden die neue Agende auf die Altäre legt, so
wäre sie auch deshalb ins Leben getreten und überall eine Wahrheit geworden!
Meinetwegen drüben! Aber hüben? Ausgleichungen auch mit uns? Sein Gemüt gefällt
sich in dem Gedanken, neue Festtage zu erfinden, die in seinen sämmtlichen
Staaten mit derselben Gesinnung zu gleicher Zeit gefeiert werden, z.B. einen
Buss- und Bettag! In seiner ganzen Monarchie soll zu einer einzigen gewissen
Stunde, wie bei uns das Angelus gebetet wird bei Sonnenuntergang, so in allen
seinen Staaten Kirche sein, sowol in den Garnisonskirchen, bei den Feld- und
Divisionspredigern wie in unsern alten Domen und neuen Kapellen. Schmuggeln sie
uns durch einfachen Gubernialerlass einen Hagelschadenfeiertag in unser
Kirchenjahr, nur damit der liebe sentimentale Herr in seinem Schlossgarten
spazieren gehen und sagen kann: Heute zieht die ganze Natur und alle Menschheit
in meinen Landen ihren alten Winterrock aus und legt sich äusserlich und
innerlich neue Sommerbeinkleider an! ... Und nach zehn Jahren werden wir wieder
weiter kommen, glaubt er, und nach wieder zehn Jahren noch weiter ... und wenn
alles gut geht, geben die Consistorialräte ein bisschen heraus und der Papst
gibt ein bisschen heraus und die schönen Unionstage, die einst Leibniz in
Charlottenburg geträumt hat, gehen in Erfüllung!
    Hören Sie mal, Herr Freiwilliger! Herr Freiwilliger! drohte Grützmacher mit
künstlicher Entrüstung, indem er von seinem Portefeuille aufblickte, wo er in
Papieren blätterte und mit scharfem Blick wiederholt auf Lucinden, diese
musternd, gesehen hatte. Das ist ja gerade als wenn man einen langhaarigen
Demagogen reden hörte von Anno Köpenick, Herr von Asselyn!
    Das Gemüt regiert die Welt nicht! warf Lucinde ein.
    Drei Monarchen stiften eine Heilige Allianz! fuhr Benno fort. Schon ihre
Minister standen damals hinter ihnen und putzten sich nur die Nase, während jene
Tränen vergossen!
    Grützmacher opponirte nicht länger. Er war die gutmütigste Seele von der
Welt und ohnehin zerstreut durch einige Notizen seines Portefeuilles.
    Endlich erschreckte er Lucinden nicht wenig, als er sie anredete:
    Na, Fräulein Schwarz! Jetzt haben Sie doch wohl endlich Ruhe vor uns von
wegen dem Pass, den ich Ihnen, ich glaube schon vor sieben Jahren, immer bei
Witoborn vergebens abverlangte! Wissen Sie denn noch, auf Schloss Neuhof! Na, was
macht denn Excellenz der Kronsyndikus? Und mein »oller« Landrat, der »schöne
Enckefuss«! Gerade vor der dustern Geschichte dazumal mit dem Deichgrafen bin ich
hierher versetzt geworden! Meine Nachfolger sollen keine Seide dabei gesponnen
haben, dass sie nichts merken wollten, wer den dicken Mann, den
Teilungscommissarius, dazumal, freilich auf Nachbargebiet, todt geschlagen hat!
Einer von meinen Collegen, der ritt so lange um den Düsternbrook und Schloss
Neuhof herum, bis er sich einmal den Hals dabei gebrochen hatte - wirklich den
Hals ... das kommt so, wenn der Gensdarm immer bloss geradeaus sieht, während
sein vernünftigerer Gaul links und rechts in die Büsche will. Der andere war
noch zu grün und fand sich erst ins Geschäft, als es mit der rechten Spur nach
dem rechten Hirschfänger zu spät war. Jetzt ist ja wohl der Freiherr von
Wittekind auch ganz verdreht und dummelig geworden wie dazumal sein Herr Sohn,
der - ja so, bitte um Entschuldigung, Herr Pfarrer von Asselyn!
    Grützmacher besann sich erst jetzt auf die Verwandtschaft des Pfarrers mit
dem Freiherrn von Wittekind-Neuhof. Er war ja dessen Stiefenkel.
    Das Wiedersehen der jungen schönen Dame, fuhr der Wachtmeister mit
ironischem Nachdruck fort, hätte ihm diese Erinnerungen zurückgerufen. Er hoffe
sie aber bald in Kocher am Fall zu sehen, wohin sie ja, wie er gehört, als
Nichte der Frau von Gülpen reise und um ihren Pass woll' er sie diesmal gar nicht
quälen! Er wäre vollkommen über sie »ins Klare« ...
    Bonaventura, Benno und Hedemann richteten während aller dieser Reden
überrascht ihre Augen fast zu gleicher Zeit auf Lucinden. Sich auf diese
unerwartete Art im Zusammenhang mit Vorgängen genannt zu hören, die sie um
vieler Gründe willen hier von sich fern zu halten wünschen musste, durfte sie
nicht wenig erschrecken. Selbst Bonaventura erfuhr zum ersten mal diese
Beziehungen und fragte erstaunt:
    Schon vor sieben Jahren kannten Sie Schloss Neuhof und waren somit schon
damals in der Nähe der Gräfin Paula?
    Sich sammelnd erwiderte sie:
    Die Erinnerungen des Herrn Wachtmeisters treffen teilweise zu! Nur die
Ehre, mich eine Nichte der Frau von Gülpen nennen zu dürfen ...
    Werden Sie doch wahrhaftig nicht ablehnen? unterbrach sie Benno mit
Entschiedenheit. Ihre Tante sollte das hören!
    Diese Worte wurden so fest, so bestimmt gesprochen, von Benno mit einem so
ausdrucksvollen Blick begleitet, dass Lucinde verstummte und ihn nur fragend und
gross ansah.
    Grützmacher schloss sein Portefeuille und nahm wieder die lächelnde Miene
jener aufgeklärten Überlegenheit an, die gewissermassen hier als landesüblicher
Regierungsausdruck gelten konnte und geradezu so viel sagte als: Wir dulden euch
und die wunderlichen Schwächen eurer Kirche und tun dies, weil ihr ja eben
nichts dafür könnt!
    Da auch Hedemann, der erst den lebhaftesten Anteil verraten hatte, jetzt
an die dunkeln Fenster getreten war und an die Scheiben trommelte, stand
Grützmacher gewissermassen als Sieger über allen.
    Meine Meldung, sagte er denn auch vollkommen befriedigt, meine Meldung ist
Ihnen zu rasch gekommen, Herr Pfarrer! Beschlafen Sie's noch! Morgen reden wir
weiter davon! Ich wünsche ja selbst, dass die Leute Vernunft annehmen! Ich will
noch 'mal ins Wirtshaus hinüber und sagen, was Sie über den Sarg des alten
Mannes denken! Vielleicht nehmen die Menschen auf Ihr Wort Raison an, Herr
Pfarrer! Also, gute Nacht denn allerseits! ... Gute Nacht, Hedemann! warf er
noch hintennach hinein wie zum Zeichen besonderer Vertraulichkeit mit einem ihm
gewissermassen Gleichgestellten.
    Renate leuchtete und fragte ihn wahrscheinlich draussen um Näheres über »die
Nichte der Frau von Gülpen«.
    Als sein Säbel- und Sporenschritt verklungen waren, hörte man nur, dass
Renate von aussen die Fensterladen anlegte. Hedemann schloss sie von innen.
    Die drückende Schwüle, die in dem kleinen Zimmer in der Luft wie geistig
herrschte, veranlasste Benno zu dem Ausruf:
    Ich stecke mir eine Cigarre an und wache die Nacht draussen auf dem Grabe!
    Dass wir so töricht wären! sagte Bonaventura. Dass wir durch unser Beispiel
einen solchen Glauben bestärkten!
    Dennoch traten sie alle hinaus in den Hof und dann in den Garten, von wo aus
man zum Friedhof gelangen konnte.
    Die Spätsommernacht war mild und geheimnisvoll. Ringsum war es still
geworden; nur irgendein schlafgestörtes Kind machte ein Nachbarhaus lebendig
oder von den Bergen her ächzte der Hemmschuh eines verspäteten Fuhrwerks. Im
Bienenhause schlief alles wie in den Gebüschen ringsum; nur die kleine Welt der
auf Raub gehenden Insekten huschte vor den Fusstritten der Vorübergehenden scheu
am Boden hin.
    Auf dem Friedhofe lagen die Gräber mit ihren überdachten weissen und
schwarzen, von welk gewordenen Blumen geschmückten Kreuzen und vergoldeten
Glorienstrahlen schweigsam und feierlich. Seitab lag der im ersten Aufwurf
begriffene neue Hügel, bewacht nur vom flimmernden Sternenheer, dem wir die
Todten so nahe gerückt glauben.
    Bonaventura, Benno, Hedemann, Lucinde fanden alles, wie sich erwarten liess,
ungestört.
    Die Eingangspforte war geschlossen.
    Ihre Empfindungen mussten die verschiedenartigsten sein; nur darin einigten
sich alle, dass diese stille Welt um sie her sicher für immer mit dem Leben
abgeschlossen hatte.
    Unter diesen Schläfern sollte noch einer etwas vergessen oder mitgenommen
haben, was zu den Sorgen und Mühen dieser Erde gehörte?
    Bonaventura sagte:
    Im ersten Augenblick der sich nahenden Todesgewalt mag die Verzweiflung, dass
man noch mit dem Leben so tausendfach sich verwickelt weiss, mit äusserster
Anstrengung gegen den kalten Engel ringen, der uns dem Dasein entreissen will;
hat er aber einmal die gewaltige Rechte um uns geschlungen und fühlen wir, dass
wir keinen Widerstand mehr leisten können, so erscheint uns gewiss jeder Besitz
und jedes Entbehren gering! Der alte Mevissen erwartete schon seit sechs Wochen
mit Bestimmteit seinen Heimgang!
    Die feierliche Stimmung gab Lucinden Zeit, sich in Benno's Worte zu finden,
dass sie eine Nichte der Frau von Gülpen wäre. Sie war erfahren genug, bald
einzusehen, dass damit nur ein Deckmantel gemeint sein konnte, unter dem sie
unter dem Dache eines Geistlichen wohnen durfte. Sie hielt jetzt diese
Angelegenheit keiner Frage mehr wert.
    Hätten wir die Gräfin Paula bei uns! sagte sie, als sie sich von dem Grabe
entfernten und Bonaventura Benno's Vorhaben, die Nacht über wirklich das Grab zu
hüten, entschieden ablehnte.
    Warum? hiess es.
    Dann sässe der alte Mevissen vielleicht leibhaftig auf dem Hügel dort und man
könnte ihn fragen, ob er dem wirklich in seinem Stroh soviel Geld versteckt
hätte!
    Die ekstatischen Zustände der Gräfin Paula waren allen bekannt genug und
auch Bonaventura bestätigte die Fähigkeit derselben, über Gräbern Schatten zu
sehen, die andere Augen nicht sähen.
    dabei überraschte den Pfarrer keineswegs die Möglichkeit, dass Lucinde nach
allem Vorangegangenen so kurzweg den verhängnisvollen Namen aussprechen und, wie
wenn nichts mit ihm wäre, ihn ins Gespräch ziehen konnte. Er wusste, wie weit
Lucindens Verstellungskunst ging. Er war auch nach Empfang der überraschenden
Anzeige aus der Dechanei zu Kocher am Fall in der Tat von ihr wieder auf alles
gerüstet.
    Wissen Sie nicht, wie es der Gräfin geht? fragte er Lucinden, als man sich
nach einigem Staunen über eine so weit gehende Sehergabe der Gräfin in der
Annahme einer Täuschung und der Unmöglichkeit, überhaupt Geister in sichtbarer
Gestalt anzunehmen, bald geeinigt hatte.
    Stehen denn Sie in keiner Verbindung mit ihr? fragte Lucinde erstaunt und
mit schneidender Schärfe.
    Wie sollte ich? erwiderte Bonaventura gelassen.
    Seit zwei Jahren erfuhr ich nichts mehr von ihr! fuhr er fort. Sie wird auf
Westerhof wohnen und sich vorbereiten, die Gattin des Grafen Hugo von
Salem-Camphausen zu werden!
    Alle schwiegen wie zur Bestätigung.
    Lucinde entgegnete:
    Also eine Altarkerze im Dome der Heiligen, eine Rose von Jericho will dem
Glauben ihrer Väter verloren gehen! Wie? Der kalte Luftzug des Verstandes, der
Frost des Zweifels soll sie tödten! Ich hörte, dass man alles aufbietet, diese
Verbindung mit einem Luteraner unmöglich zu machen!
    Bonaventura verharrte im Schweigen und blickte fragend auf Hedemann, der
soeben von jener östlichen gemeinsamen Heimat herübergekommen war.
    Auch Benno verstand diesen Blick und antwortete statt des achselzuckenden
Hedemann:
    Aus dem bringt niemand etwas heraus! Die Mühle, die er sich in Witoborn
gekauft hat, muss ihn taub gemacht haben für alles, was uns sonst von dort hätte
interessiren müssen! Er war nicht auf Schloss Neuhof, womit er jetzt vielleicht
dem Fräulein gedient haben würde, er war vielleicht nicht einmal in Westerhof,
nicht im Kloster Himmelpfort, nicht im Stift Heiligenkreuz - nirgends! So
verschlossen ist er wie die Offenbarung Johannis, in die er sich, glaub' ich, in
Amerika ganz verlesen hat!
    Hedemann legte hie und da einen herabgefallenen welken Kranz auf eines der
Kreuze, lächelte und sagte mit gelassener Ruhe:
    Wie hätt' ich nicht Westerhof besuchen sollen nach den Erfahrungen und
Aufträgen des Obersten!
    Je schlagender diese Antwort schien und je genügender sie die beiden
Asselyns aufklärte, desto unsicherer und dunkler tastete Lucindens aufgeregte
Combination. Wer war der Oberst? Welche Erfahrungen desselben hätten Hedemann,
der nun wieder plötzlich ein Müller wurde, von dem Schloss Westerhof entfernt
halten können?
    Sie kennen Schloss Neuhof, Fräulein, fragte Benno, und wissen von dem
Interesse, das das ganze Land an den Vorgängen in der Camphausen'schen Familie
nimmt?
    Lucinde kannte auf Schloss Neuhof jeden Winkel im Schloss, im Park jeden
Baum, auf dem Plateau, das zum Düsternbrook führte, die Stelle, wo Klingsohr
einst zwei Blütenzweige in die Erde senkte, die freilich der nächste Sturm schon
verweht hatte, sie war auch eines Tages zum Fronleichnamsfest in Witoborn
gewesen und hatte dort eine Mühle gesehen, die die reissende Witobach mit einer
Gewalt trieb, dass man allerdings an ihr taub werden konnte; aber von den Dingen,
die um sie her lebten, hatte sie nichts als das durchschaut, was mit dem Cultus
ihrer eigenen Person zusammenhing.
    Was ich von den Verhältnissen Paula's weiss, sagte sie, kenne ich nur aus den
Tagen her, wo sie meiner Pflege anvertraut war. Die Zeit, wo ich auf Schloss
Neuhof war und die Wissbegierde der Gensdarmen durch meinen Pass nicht befriedigen
konnte, war kurz und gehört meiner frühesten Kindheit an!
    Ein Eingehen auf den Tod des Deichgrafen und die dunkle Gestalt des
Kronsyndikus schien in diesem Kreise vermieden zu werden. Man verblieb bei den
nachbarlichen Beziehungen.
    Benno schilderte als nicht gering die Gefahr, die sich der engern Heimat aus
dem Uebergange der reichen Besitztümer der Linie Dorste-Camphausen in die Linie
Salem-Camphausen ergeben würde.
    De Kirchenfürst unserer Provinz selbst, sagte er, nimmt den lebhaftesten
Anteil an einer Entscheidung, für welche sogar mein gewiegter Principal, der
Procurator Dominicus Nück, keine andere Hülfe hat als die des Aufschubs. Die
Gräfin ist neunzehn Jahre. Sie hat noch zwei Jahre Zeit, sich zu erklären, ob
sie vielleicht den geistlichen Stand wählt oder mit Entsagung ihrer grossen
Besitztümer irgendeine andere Wahl trifft. Auf alle Fälle gehen mit dem
Aussterben der männlichen Erben die Güter dieser ältern Linie an jene jüngere
über, die in den Zeiten der Wiedertäufer den alten Glauben abschwur, dann nach
Ungarn auswanderte und seiter nicht wie die andere Linie, die ihrem Beispiele
gefolgt gewesen war, wieder zur Kirche zurückgekehrt ist.
    Bonaventura, der alle diese Erinnerungen und Beziehungen seit einigen Jahren
nicht mehr genährt und gepflegt hatte, durfte Benno nach Paula's jetziger
Leitung und Führung fragen.
    Dieser fuhr fort:
    Der Kronsyndikus von Wittekind, den Sie nach seinem schlimmen Rufe kennen
werden, Fräulein, hat die Vormundschaft vor zwei Jahren nur formell antreten
können; sie war einmal vom Grafen Joseph, dem letzten der Dorste-Camphausen, so,
ehrenhalber, für seinen Schwager bestimmt und konnte, ohne diesen vor aller Welt
zu compromittiren, nicht zurückgenommen werden. Alt und schwach an Geist und
Körper, hat er sie jedoch factisch seinem Sohne überlassen müssen, dem
Präsidenten - deinem Stiefvater! Ein so loyaler Untertan wie dieser bietet
natürlich alles auf, sowol etwaige Ideen vom Kloster zu unterdrücken, wie den
der ganzen Anzweiflung an dem Rechtsbestande dieser Familienanordnungen
gewidmeten Scharfsinn meines Principals zu Schanden zu machen. Einstweilen wohnt
Paula auf ihrem Sitze Westerhof und wird von dem Onkel und der Tante Armgart's
so gehegt und gepflegt und geliebt, wie man bei uns zu lieben pflegt, Fräulein!
Alles nur durch ein unendlich seelenvolles Schweigen und das gemütvollst
Bloserratenlassen! Wenn die Leute bei uns achtzig Jahre alt geworden sind und
bald in die Grube gesenkt werden, rufen sie sich noch erst vom Todtenbett aus
die vergessene Liebeserklärung nach. Gelebt haben sie nach der Liebe, gesprochen
davon nie. Nicht wahr, Hedemann? Als Sie noch für meinen seligen Vater
Borkenhagen bewirtschafteten, ich glaube nicht, dass er Ihnen je ein: Ich danke!
gesagt hat.
    Er hatte nicht Ursache dazu! erwiderte Hedemann. Unsere Abschlüsse waren
schlecht genug!
    Ein kühler Luftauch fuhr durch die Bäume, die den Friedhof begrenzten, und
mahnte, dem Rufe des Wächters zu folgen, der die zehnte Stunde rief.
    Bonaventura stellte der so in alte und neue Verhältnisse mit der grössten
Spannung einblickenden Lucinde zur morgenden zeitigen Abfahrt das bereits im
»Stern« bestellte Gefährt nochmals in Aussicht und bat sie den Onkel zu grüssen;
in einigen Tagen würden Geschäfte auch ihn vielleicht nach Kocher hinaufführen.
    Benno begleitete Lucinden bis zum Stern. Er versprach, sich mit Hedemann
derselben Fahrgelegenheit zu bedienen und in der Frühe sich bei ihr einzufinden.
    Dann kehrte er ins Pfarrhaus zurück, wo er übernachtete.
    Während Lucinde auf ihrem Zimmer allein war und wieder die Pfauenfeder am
Spiegel sah und die kleinen Heiligenbilder, die über dem Bette hingen, in das
sie, wie sie war, sich legte; während sie fast übermütig die Wonne genoss,
wieder in der Nähe von Menschen zu sein, auf welche der Stempel des
Ungewöhnlichen gedrückt war; während in ihr die einzige Aufgabe, der zu Liebe
sie noch überhaupt leben mochte, mit tausend Stimmen rief: Bonaventura, sammle
dich in deiner Kraft! Werde mehr als nur der Pflegling dieser alten Renate!
Gedenke eines Zieles, das dir höher hinaus liegen sollte als der Kirchturm
dieses armseligen Dorfes! Wie find' ich dich wieder! Im Beginn der
Grämlichkeiten alle, an denen ihr armen Entsagenden allmählich zu Grunde geht!
Noch wallst du auf wie Petrus, der dem Malchus ein Ohr abhieb! Wie lange wird
diese Tapferkeit dauern! Frau Renate wird dich vor jeder Abendluft schützen!
Ihre Mädchen werden so viel braten und kochen und backen, bis du ihre köstlichen
Speisen nicht mehr verdauen kannst! Welche Torheit, hier nur unter den Bauern,
Fuhrleuten, Steinklopfern ein Heiliger zu sein, hier nur vor einem Gensdarmen
den Bonifacius und Ambrosius zu spielen! ... Und während sie sich dann vorkam,
als müsste sie einem neuen Gregor dem Siebenten seine Gräfin Matilde von Toscana
werden, seine Feuerseele, sein Cherubswächter mit dem flammenden Schwerte ...
währenddem rief Benno, vom Stern zurückkehrend, Hedemann und seinem Vetter, die
zum Abschiednehmen vor dem Schlafengehen noch auf ihn gewartet hatten, die kurze
Charakteristik entgegen:
    Ja, das ist ja wahrhaftig der lebendige Satan! Die wird in der Dechanei und
in Kocher am Fall eine schöne Revolution anstiften!
    Frau Renate schlief schon, sonst hätte sie für das Wegputzen der
Fliegenflecke und das Bedienenwollen in der Küche sicher eine Revanche genommen,
die kräftiglich mit eingestimmt hätte.
    Und doch, sagte Bonaventura, indem er Hedemann ein Licht reichte, das beim
aufgegangenen Mondschein kaum noch nötig war, um ihnen beiden in den obern
Stock den Weg zum Fremdenstübchen zu leuchten; doch glaub' ich, dass sie für den,
den sie liebt, ins Feuer geht!
    Kein Wunder! rief Benno. Ihr Element ist die Hölle!
    Armer Vetter! setzte er leiser hinzu. Welchen Versuchungen seid ihr Pfaffen
doch ausgesetzt! Das seh' ich ja schon - hier kommt ein alter Roman zu Tage!
    Bonaventura gab nur zur Antwort:
    Ich bin begierig, wie sie mit dem Onkel fertig wird!
    Mit dem gewiss! erwiderte Benno. Ich glaube, dem gefällt sie! Aber Tante
Gülpen! Die gewöhnliche Probezeit besteht sie nicht vierundzwanzig Stunden!
    Alle drei Männer mussten lachen ...
    Man trennte sich in behaglicher Uebereinstimmung.
    Benno und Hedemann sollten zusammenschlafen oben in dem Fremdenstübchen,
dessen saubere Betten schon aufgedeckt waren ...
    Während sie hinaufstiegen, sagte Benno, aber so, dass Bonaventura, der ihr
Verschwinden abwartete, es teilweise unten noch hören konnte:
    Nun glaub' ich an die sieben Schwerter, die Armgart beim blossen Begegnen an
der Kapelle oben sogleich aus ihr herausgehend gefühlt haben wollte, ganz wie
Paula gesagt haben soll, als die Arme auf dem Streckbett liegen und den
fürchterlichen vollen Feuerstrahl fühlen musste, der von der Person über sie
ausging! Und das alles muss man nun ruhig hinnehmen, bloss weil sie, hör' ich,
eine Convertitin ist, ein goldenes Kreuz auf der Brust trägt und wahrscheinlich
zu irgendeiner Erzschwesterschaft gehört! Wozu sich unsere Kirche nicht alles
hergeben muss! Wenn sie nicht in der Lage wäre, schlaffe Gemütlichkeit, die
alles geduldig hinnimmt und geschehen lässt, aufrühren zu müssen durch solche
Weckhähne ... Hedemann, dass wir morgen früh nur die Zeit nicht verschlafen!
    Hedemann nahm, da sie inzwischen oben angekommen waren, die Uniform, die
Benno ausgezogen hatte, legte Brieftasche und Geld heraus und versicherte dem
sich Entkleidenden, mit dem Aufwachen zur rechten Zeit wäre keine Gefahr; ihm
rauschten die Räder seiner neuen Mühle und die Sorgen, die er sich aufbürdete,
genug im Kopfe ...
    Und dabei verwechseln Sie wirklich schon unsere Stiefel und stellen zwei
Paare zusammen, wie wenn jeder von uns immer halb mit den Beinen des andern
liefe!
    Hedemann, der in der Nebenkammer schlief, hatte die Stiefel und Kleider vor
die Tür gestellt, damit die Magd in der Frühe alles fand und reinigte.
    Benno, schon auf den Strümpfen, stellte die Paare in Ordnung, nahm noch
einen von Hedemann vergessenen Brief aus der Tasche seiner Uniform, schloss die
Tür, legte den Brief auf den Nachttisch neben sich zu Uhr, Geld und
Portefeuille und sagte mit herzlichem Tone:
    Freilich, so ist's ja auch immer gewesen! Was wär' ich ohne Ihre Arme und
Beine, Hedemann! Ich glaube, ich hätte alle schon gebrochen und auf mein kühles
Grab setzten Sie ein Denkmal, das ich mir in Gestalt eines Fragezeichens
ausbitte, Hedemann, wenn Sie mich überleben sollten, hören Sie? Der Friedhof hat
mich ganz melancholisch gemacht!
    Warum ein Fragezeichen? fragte Hedemann, löschte das Licht und wollte die
Tür anlehnen.
    Lassen Sie doch auf, Hedemann! Es ist so dumpf und stickig in der kleinen
Stube! Warum ein Fragezeichen? Bin ich nicht ein verkörpertes Fragezeichen? Was
sagt das Kirchenbuch von Borkenhagen über mich? Haben Sie denn nachgeschlagen,
wie ich Sie gebeten?
    Ich sagte gleich, dass da nichts zu finden ist! Sie waren schon fast ein Jahr
alt, als Sie Ihr Vater aus Spanien mitbrachte!
    Aus Sevilla! Aus Sevilla! Wo die letzten Häuser stehen ... sang Benno mit
elegischem Humor.
    Dann fuhr er fort:
    Ich wundere mich nur, wie ein Zigeunerkind sich so acclimatisiren konnte!
Sprach ich heute nicht von Buchweizen, Haarrauch und dem Landesvater, wie wenn
ich wirklich ein Asselyn wäre, kein Pseudo-Asselyn, kein unberufener
Eindringling in die Wallhecken und Moore und Kampe eurer Ahnen!
    Sie sind der rechtmässige Sohn des weiland Erb-und Gerichtsherrn zu
Borkenhagen!
    Und sein Erbe! Hedemann, dass ich doch nur den kleinen Tümpel geerbt hätte,
der um unsere Hundehütte ging, Burg genannt, jene majestätische See, wo Sie mir
die kleinen bewimpelten Schiffchen schnjetzten, die ich durch die grünen
Wasserlinsen fahren liess!
    Ich ahnte damals meine Reise nach Amerika!
    Und den Finkenfang, Hedemann, im Schlehdornbusch, wo Sie die prächtigen
Schlagnetze legten! Ach, ich habe als Student später nie mehr aus einem
Weichselrohr rauchen können, ohne nicht daran zu reiben und zu reiben und aus
dem köstlichen Geruch des Rohrs mir unsern Finkenfang wieder zu
vergegenwärtigen!
    Graf Münnich hat ihn niederhauen lassen ...
    Und hätten uns die Gläubiger nur den einen grossen Ebereschenbaum gelassen,
auf der Wolfshöhe! Wenn wir sonst dahin wallfahrteten, war's mir immer nur um
die roten Beeren zu tun und die Bank darunter war mir nur eine blosse Hülfe, um
die schönsten Büschel herunterzukriegen und an die Mütze zu stecken! Später als
Student, kam ich einmal wieder in die Gegend und wollte Freunde und sogenannte
Verwandte begrüssen. Da merkt' ich fast, dass die Wolfshöhe mir nur eigentlich
deshalb gefallen haben musste, weil der künftige Herr von Asselyn-Borkenhagen
sein ganzes kleines Königreich dort am schönsten hätte übersehen können. Die
herrliche Aussiht! In weiter Ferne die Wälder! Aus ihnen herausblickend Schloss
Neuhof, golden wie die Landeskrone, Kloster Himmelpfort, Witoborn mit seinem
ewigen Armensündergeläut ... Werden Sie das denn aushalten, Hedemann?
    Meine Mühle überrauscht es ...
    Und rechts hinüber Westerhof mit Paula und Armgart, die damals Kinder waren
und mich Vetter nannten, den armen, abgebljetzten Herrn von Borkenhagen ... Es
war gerade Kirchweih im Ort ... Eine Spielbande zog von den Bergen herunter; ein
buckeliger Geiger voran ...
    Stammer! Der lebt noch!
    Bänder und Fahnen flatterten ... alles war lustig ... im Wittekind'schen
hatt' es ein grosses Erntebier gegeben ... es war damals kaum ein paar Wochen
über die grauenvolle Geschichte mit dem erschlagenen Teilungscommissar hinaus
...
    Der Alte vom Berge, der Kronsyndikus, lässt noch jetzt draufgehen, hör' ich
... früher war er geizig genug ...
    Gerade des Weges ritt der Landrat! Ich fragt' ihn nach dem Vorfall. Der
wies mich schön zurecht! Wie ich den Herrn auf dem hellen Schloss da oben zu
nennen wagen könnte ...
    Das wollt' ich meinen, der »schöne Enckefuss«! ...
    Nun aber ging ich in den vielgrünen Wald, an meinen Vogelherd - damals,
Hedemann, standen noch all die lieben hellen Buchen - am Ende der Wildschonung
lag der kleine Hof Ihrer Aeltern ... Sie erzählten mir ja noch nichts von denen
... Sie leben doch noch? ...
    Hedemann antwortete nicht.
    Benno sprach vor sich hin:
    Er schläft wohl schon!
    Nach einer Weile des Schweigens hörte Benno seinen Nachbar laut aufseufzen
...
    Was seufzen Sie denn, Hedemann? fragte Benno, den inzwischen selbst der
Schlaf überkam.
    Als Hedemann nicht antwortete, sagte er gähnend:
    Sie waren - damals in England -
    Amerika! verbesserte Hedemann.
    Amerika! antwortete Benno und legte sich, um nun wirklich fest
einzuschlafen.
    Doch sprach er noch vor sich hin, aber in einzelnen, unterbrochenen Worten:
    Sie sind im Stande - und heiraten ... als Müller Hedemann ... die weisse
Gipsitalienerin ... natürliche Ideenassociation ... Müllerin Biancchi ...
Hedemann ... nicht wahr? ...
    Ja, gute Nacht! erwiderte Hedemann, der ihn nicht mehr verstanden ...
    Benno's Empfindungen mussten noch eine lange Zeit gegen den Schlummer
kämpfen. Seine Phantasie verweilte auf den lachenden Bildern seiner Jugend, auf
dem grünen Wolfshügel, unter dem Ebereschenbaum und bei dem Rundblick in der
Ebene von Witoborn. Sie hielt dann Stand bei Paula und bei Armgart. Armgart von
Hülleshoven hatte er damals vor sieben Jahren zum ersten mal gesehen. Sie war
die Tochter des kürzlich aus England als pensionirter englischer Oberst
zurückgekehrten Herrn Ulrich von Hülleshoven. Ihre Mutter war jene Monika von
Ubbelohde, die die erste gewesen, die einst dem Kammerherrn Jérôme von
Wittekind-Neuhof einen Korb gegeben. Die hatte keines Hundes, des Calfacters
Türck, bedurft, der ihr erst ein seidenes Kleid verderben musste, wie Portiuncula
von Tüngel-Appelhülsen, um von den Wünschen der Familie sich zu befreien. Aber
da man es ihr, einer armen und völlig güterlosen Adeligen, mit den Anträgen und
Vorschlägen und Zwangsmassregeln zu bunt und zu gefährlich gemacht hatte, nahm
sie gleichsam »aus Desperation«, wie damals die Leute sagten, die die Rache des
Kronsyndikus und seinen Einfluss auf zehn Meilen in der Runde und, wenn er
wollte, noch etwas weiter hinaus, kannten, den jungen Offizier Ulrich von
Hülleshoven, der gerade in der Stadt, wo Bonaventura's Aeltern lebten, in
Garnison stand und ihr den Hof machte, wie ihre Schönheit und ihr Geist
verdienten. Diese Naturen erkannten sich aber erst nach geschlossener Ehe. Sie
stiessen sich unheilvoll ab und als Monika eines Kindes, jener Armgart, genesen
und Ulrich gerade versetzt worden war, erklärte die Gattin, ihm nicht folgen zu
wollen. Sie selbst hatte eine Schwester, ihr Gatte einen Bruder. Jene hiess
Benigna, dieser Levinus. Auch diese gaben ein Paar, eines vielleicht mit klügerm
Instincte. Sie liebten sich schon lange, schon zehn Jahre vor dem Zeitpunkt, wo
sie Schwäger wurden durch die Verheiratung Monika's mit Ulrich, heirateten
sich aber nicht. Levinus, ohne Vermögen, verwaltete die grossen Güter des Grafen
Joseph, des letzten der Dorste-Camphausen, während Benigna, die Schwester
Monika's, die intimste Freundin der verstorbenen Gräfin und Mutter Paula's, der
Schwester des Kronsyndikus, und die zehnjährige Verlobte des Onkel Levinus in
dem Stift Heiligenkreuz, dicht bei Westerhof und Witoborn, lebte. Beide
Schwäger, empört über das Benehmen des jungen Ehepaars, rissen wie nach einem
Spruch des Femgerichts der roten Erde das Kind desselben, ihre Nichte, an sich
und straften mit der Vorentaltung desselben den »unwürdigen« Vater wie die
»unwürdige« Mutter. Sie versteckten die kleine Armgart in Wälder und Schluchten,
in Keller und auf Heuböden und vorentielten sie den beiden Ehegatten, denen sie
es nur zurückzugeben erklärten, wenn sie beide kämen Arm in Arm, in Liebe und
Treue und Einigkeit, frei von der Schmach einer ganzen Familie, frei von der
Verletzung der Sitte des ehrbarsten Landes und tugendhaftesten Volksstammes.
Diese standesmässige, gleichsam altsächsische Bedingung erfüllten die Ehegatten
nicht. Beseelt von gleichem Trotze, suchten sie einer dem andern Armgart
abzugewinnen, offen zu erobern, geheim zu stehlen sogar ... vergebens, Onkel
Levinus und Tante Benigna hatten das ganze Furioso, den ganzen Sturm, der über
diese sonst so stillen, ruhigen, massvollen Menschen kommen kann, wenn eine
Ueberzeugung sie ergreift. Ihre Massregeln waren so sicher, dass sie in der Jagd
auf Armgart Sieger blieben und der Mutter, die nicht zu ihrem Manne wollte, dem
Vater, der sich der Gattin verschloss, ein Kind vorentielten, mit dem sie »nicht
in die weite Welt gehen sollten«. Levinus und Benigna gedachten sich jetzt noch
weniger zu verheiraten. In der Liebe zu dem Geschwisterkinde, das sie erzogen,
waren sie bereits wie ehelich verbunden. Ulrich und Monika gingen verdüstert und
verbittert ohne das ihnen vorentaltene Kind wirklich in die weite Welt. Zwölf
Jahre war Ulrich von Hülleshoven teils in England, teils in Britisch-Canada
Soldat gewesen, ihm zur Seite Remigius Hedemann, einst in dem Regiment, in dem
Ulrich exerciren gelernt, sein Unteroffizier, dann ein tüchtiger Landwirt, der
einen Versuch machte, die letzten Besitztümer der verarmten Familie derer von
Asselyn, die sich vor mehr als hundert Jahren aus dem Friesischen ins Land
geheiratet, zu heben und dem dritten von drei Brüdern (die ältern waren Franz
von Asselyn, der Dechant, Friedrich von Asselyn, der Vater Bonaventura's), Max
von Asselyn, Benno's Adoptivvater, in der Bewirtschaftung derselben
beizustehen. Letzter Versuch war nicht geglückt. Max von Asselyn starb bald nach
dem unglücklichen Ende, das Friedrich von Asselyn auf einer Schweizerreise in
den Alpen fand. Hedemann, geschätzt in allen diesen so eng verbündeten Familien,
folgte seinem militärischen Zögling, Ulrich von Hülleshoven, der als
Premierlieutenant seinen Abschied nahm, trug zwar nicht selbst die englische
Uniform in Quebec und am Lorenzostrom, war aber dem bis zum Obersten
Emporsteigenden immer zur Seite und kehrte, mehr als sein Freund, denn als sein
Diener, mit ihm nach Europa zurück. Zu Kocher am Fall, in der Nähe des
gutmütigen, alle schroffen Gegensätze dieser Familie mit unendlicher Güte und
Milde ausgleichenden Dechanten zu St.-Zeno, einem alten, reich dotirten Stifte,
einem der wenigen, die in ihrem alten Glanze durch die neuen Zeitläufe deshalb
unberührt geblieben waren, weil der Kaiser von Oesterreich einen Teil der
Patronatsrechte besass, siedelte sich der Oberst Ulrich von Hülleshoven zunächst
an und man versuchte nun von dort aus, soweit es der schroffe, düstere und der
Aussöhnung wenig geneigte Sinn desselben gestattete, die so gewaltsam
zerrissenen Familienbande wieder anzuknüpfen. Hedemann war nach Westerhof und
dem Institut der Englischen Fräulein entsendet gewesen, um den Onkel Levinus und
die Tante Benigna zur Aussöhnung, Armgart aber zu einem Besuch des Vaters, den
sie nie gesehen und der seinerseits aufgesucht sein wollte, zu bewegen. Statt
der Aussöhnung und statt Armgart's brachte Hedemann, der mit Benno von Asselyn,
dem von ihm fast erzogenen Adoptivsohn des verstorbenen Max von Asselyn, in der
Residenz des Kirchenfürsten zusammengetroffen und von diesem nach Kocher am Fall
auf dem Dampfboot und zu Fuss begleitet worden war, einen Brief der Lehrerin
Angelika Müller an den Dechanten. Was er entielt, wussten Hedemann und Benno
nicht, der ihn für die Dechanei an sich nahm. Als jener dem jungen Kinde gesagt
hatte, der Vater nähme Anstand, sie in Lindenwert selbst zu besuchen, so
sehnsüchtig er nach ihr verlangte, er wünsche und hoffe aber, dass sie, wenn
nicht ihn, doch den Onkel Dechanten, wie Franz von Asselyn in allen diesen
Familien hiess, besuche; da hatte Armgart nichts erwidert als dass sie zwar von
namenlosester Sehnsucht zu ihrem nie gesehenen Vater erfüllt wäre, jedoch erst
mit dem Pfarrer zu Drusenheim in dem der Insel Lindenwert gegenüberliegenden
Enneper Tale, dann mit den beiden Englischen Fräulein, dann mit Angelika
Müller, dann vor allem mit ihren wahren Aeltern, Tante Benigna und Onkel
Levinus, über einen so wichtigen Schritt Rücksprache nehmen müsste. Mit
schwärmerisch andachtsvollem Emporblick hatte Armgart hinzugefügt: Auch meine
arme Mutter hat Rechte auf meine Liebe und ich glaube nicht, dass meine Bitte für
sie zur seligsten Jungfrau unerhört an der Gnadenreichen vorübergeht! ... Ihre
Mutter, Monika von Hülleshoven, lebte zu Wien noch vor kurzem in einem Kloster,
in das sie sich, aus Unmut, ermüdet vom Kampf mit ihrer Familie, entsagend
selbst auf das eigene, aus Strafe ihr geraubte Kind, vor zwölf Jahren zu einer
Freundin geflüchtet hatte ... Armgart begleitete bis an die Maximinuskapelle mit
dem ganzen Institute den guten Hedemann (der Wunderdinge von den Wilden und den
Wäldern und Wasserfällen Canadas, auch bei der Hinreise nicht oft genug eine
grosse Rettungstat des Vaters, die einem jungen, im Institut durch Verwandte
bekannt genug gewordenen Kaufmann aus der nahe gelegenen handelsreichen Residenz
des Kirchenfürsten gegolten, wiederholen konnte - auf der Rückreise war er
schweigsamer geworden -); dort aber war sie freilich von ihrer löblichen
Absicht, ganz und allein nur den Fragen nach Vater und Mutter zu leben,
abgekommen; denn am Ufer und schon am vielbesungenen Hüneneck sah sie Benno und
den noch dazu zum ersten mal in Uniform! Benno war erst als Student dem Kinde
bekannt geworden. Sieben Jahre später wurde er von Westerhof aus gebeten, sich
um die nach Lindenwert zu den Englischen Fräulein gegebene Armgart in sorgsamer
Obhut zu bekümmern; er wohnte dafür nahe genug in der Stadt, wo er bei Dominicus
Nück, dem grossen Rechtsgelehrten, arbeitete. Seit sechs Monaten sah er sie fast
jeden Sonntag; heute aber zum ersten mal im bunten Rock, der alle
Mitpensionärinnen an ihre Brüder und Vettern erinnerte. Da gab es Vergleiche,
Erkundigungen, Erinnerungen für diese glückliche junge Welt und so viel wurde
nach dem 40., 36., 22. Linieninfanterieregiment, nach den Jägern, Husaren,
Premier-, Secondelieutenants und Fähnrichen und der Dauer der diesmaligen
Uebungen und den in einfachen Gemeinenuniformen steckenden Assessoren,
Referendaren, Doctoren und Kaufleuten gefragt, dass das eine der beiden
Englischen Fräulein, die das Institut dirigirten, den Verlust der Sammlung zur
Andacht in der Kapelle befürchtete und dann nur noch Armgart gestattete, über
ihre Familienangelegenheiten, dans ses affaires, wie sie sagte - sie war eine
Strasburgerin -, mit dem so ehrbaren oder doch seinen Humor unter Ernst
versteckenden Freiwilligen sich zu necken und auszuscherzen. Diese Freiheit war
dann auch vollständig von Armgart benutzt worden bis zum Abschiede, den Lucinde
gestört hatte. Benno brauchte sich nicht zu stolz zu dünken auf Armgart's
Vertraulichkeit. Sie liebte im Grunde nur ein Wesen, ihre für sie ganz
seraphische, immer nur wie in Marienkränzen, die durch weisse und rote Wolken
gingen, eingerahmte Paula. Benno sah das aufs neue an der augenblicklichen
Erkennung eines Wesens, von dem ihr Paula nur erzählt hatte! Von ihrer eigenen
Anwesenheit auf Schloss Neuhof wusste sie nichts mehr - Hühner und Tauben und
Schwäne und türkische Enten konnten in Armgart's Seele nicht haften bleiben, das
mochte geringere Naturen fesseln. Armgart hatte im Stift Heiligenkreuz eine fast
klösterliche Erziehung genossen. Frühzeitig hatte diese auch sie zur
Traumwandlerin gemacht; nicht so, wie man bei Gräfin Paula in Wirklichkeit
gefürchtet, dass sie's bis zum Wandeln im Schlafe bringen könnte - seitdem sie
das Streckbett verlassen, waren der Hochschlaf und die Sehergabe entschwunden -
nein, nur figürlich; Armgart sah auf jeder Wolke einen Heiligen ruhen, sah in
jeder Blume einen Elfen schlummern, sprach mit dem Monde, mit der Welle, mit dem
Steine, womit nicht alles, ohne doch darum dem Lachen und Necken abgeschworen zu
haben! Es war ein Duft um Armgart her, soviel Unwiderstehlichkeit, dass Benno sie
auch bis zum Erobernmüssen geliebt und angebetet haben würde, wenn ihn nicht
zwei Mächte zurückgehalten hätten. Einmal die Freundschaft für den jungen
reichen Kaufmann Tiebold de Jonge, dem in Canada Armgart's Vater und Hedemann
das Leben gerettet hatten und der, jetzt in seine Vaterstadt, die Residenz des
Kirchenfürsten, zurückgekehrt, zu Armgart von einer wahrhaft leidenschaftlichen
Liebe verzehrt wurde. Dann aber zweitens die tiefste Verstimmung über sein
eigenes Lebensschicksal selbst, die dunkeln Anfänge seines Daseins, mancherlei
Erfahrungen von frühester Jugend her, das bittere Gefühl, immer nur durch Andere
und Fremde erhalten worden zu sein und eine darauf sich gründende Welt- und
Lebensauffassung, die eine völlig negative und alles, was bestand, in Nichts
auflösende war. Auch die Religion war ihm Menschenwerk. Wenn Benno gegen
Grützmachern opponirt zu haben schien und von den Vorkommnissen innerhalb seiner
Kirche mit warmer Teilnahme sprach, so war es nur aus politischen Gründen und
um der Abneigung gegen das ganze damals herrschende Regierungssystem willen.
    Während Benno schon von der lieblichen Armgart träumte, noch ehe er
entschlief, glaubte Hedemann nach ihm rufen zu hören.
    Er richtete sich auf und sagte:
    Hedemann! Wünschen Sie noch etwas?
    Hedemann murmelte nur ...
    Wieder drückte Benno seinen militärisch kurzgeschorenen, »ihm selbst wie
nicht angehörenden« Kopf in die Kissen. Waren aber auch seine Augen bald
geschlossen, so gaukelte doch Armgart vor ihnen, wie wenn sie wachten. Armgart
hatte die Elasticität des Rehes und schelmisch standen ihr vorzugsweise drei
Dinge. Am Kinn ein Grübchen; zwei wunderlich ein wenig hervorstehende Zähne, die
man nur dann nicht sah, wenn der Mund ganz fest geschlossen war, die aber sonst
immer ein klein wenig mit ihrem blendenden Email hervorbljetzten; drittens die
weder römische noch griechische, sondern weit eher stumpfe, aber höchst
schelmisch geschwungene Nase. Ihre Augenbrauen waren so dunkel wie das Haar,
auch die Augensterne dunkelbraun mit schwarzen Punkten ... Und nun tönten
immerfort die dummen Worte, wie: »Hören Sie doch, Benno!« oder »Was meinen Sie,
Asselyn?« oder »Sie Vaterlandsverteidiger, was glauben Sie, gibt es Krieg?«
oder »Warum wollen Sie denn nicht General werden?« oder »Was? In unserer Armee
gibt es keinen einzigen katolischen Obersten?« oder »Wie sieht mein Vater aus?«
oder »Ich sticke ihm einen Cigarrenbecher, aber sagen Sie ihm nichts, Benno!«
geradezu wie Musik in sein Ohr, bis er jetzt wirklich eingeschlafen wäre, wenn
er nicht den wunderlichen Hedemann nun allerdings noch ganz laut hätte reden
hören.
    Hedemann hielt sein Nachtgebet. Doch wusste er dabei schwerlich, dass es Benno
hören konnte.
    Hedemann sprach:
    O du mein Herr und Heiland! Erleuchte meinen Sinn und lass mich wandeln, wie
dir wohlgefällig ist! Tu abe von mir die Werke der Finsternis und lass mich
kämpfen den guten Kampf des Glaubens!
    Benno sagte sich:
    Den haben die Engländer schön in der Mache gehabt!
    Nun entschlief auch er ...
    Die Sonne schien schon hell auf sein Lager, als er erwachte.
    Er sprang auf und fand das Lager seines Mitschläfers in der Kammer bereits
leer.
    Seine Kleider hingen schon gereinigt vor ihm über einem Stuhl ...
    Rasch schlüpfte er in sie hinein und staunte beim Waschen und Haarbürsten
über die Unruhe im Orte ...
    Er kannte doch die tägliche Lebensordnung in St.-Wolfgang und erkundigte
sich durch ein Hinabrufen im Hause nach der Ursache der Bewegung.
    Von Hedemann, der schon fertig angezogen eintrat, von Renaten, die hinter
diesem her ihn schon lange mit dem Frühstück zu erwarten erklärte, erfuhr er,
dass wirklich in der Nacht der Friedhof entweiht worden war.
    Grützmacher hatte Recht gehabt! Man hatte das Grab aufgegraben, den Sarg
heraufgezogen, ihn erbrochen, die Leiche geradezu hinausgeworfen und gierig das
Stroh durchwühlt, auf dem sie gebettet gewesen.
    Von einer ganzen Bande sprach man und von gefundenen Schätzen und
Grützmacher war dem Knechte nachgeritten, der Lucinden gestern geführt hatte,
und andere waren den Italienern nach, die die Nacht in einem Orte eine halbe
Stunde weiter campirt hatten, und der Ortsgensdarm Müller war von Stockhofen
drüben bereits requirirt worden und alles, hiess es, forsche und jage und suche
und renne ...
    St.-Wolfgang war in wildester Bewegung und wie im Aufruhr.
 
                                    Fussnoten
1 Märkisches Mitleidswort für »armes Ding«.
 
                                       5.
Wo ist mein Vetter? rief Benno von Asselyn, eilends die Stiege
hinunterspringend, und vergegenwärtigte sich den Schmerz, den Bonaventura über
ein solches Ereignis auf dem Friedhofe seiner Kirche empfinden musste.
    Er erfuhr sogleich, dass Bonaventura auf dem Friedhofe die Ordnung schon
wieder äusserlich hergestellt hatte und mit dem Schulzen des Ortes eine genaue
Darstellung der Vorgänge, wie sie auf dem Friedhofe gefunden worden waren, eben
schriftlich aufsetzte.
    Gern hätte ihm Benno beigestanden, aber Hedemann, ein alter Soldat,
erinnerte ihn, dass er heute Nachmittag Schlag fünf Uhr in Kocher am Fall zum
Appell auf dem Marktplatze stehen müsste.
    Der bestellte Wagen fuhr auch schon aus dem Stern vor.
    Von Lucinden hiess es, sie würde sogleich zur Hand sein; sie hätte gesagt,
man sollte nur erst die Herren abholen.
    Benno entsann sich seiner militärischen Pflichten. Hatte er doch heute schon
die weisse Weste ausgelassen. Aber Bonaventura musste er wenigstens einen
Augenblick sprechen!
    Er eilte auf den Friedhof und fand den Vetter in der Sakristei der Kirche
beschäftigt mit den Anordnungen einer noch im Laufe des Vormittags von ihm
bezweckten neuen Einsegnung der entweihten Begräbnissstätte.
    Bonaventura war nicht nur von dem Fall an sich aufs heftigste erschüttert
und von der Hoffnung, der Täter würde nicht zu seiner Gemeinde gehören, in der
grössten Aufregung, sondern er war es noch mehr von einigen Gegenständen, die
man, als dem freventlich erbrochenen Sarge in der Tat entfallen, ringsumher
zerstreut gefunden hatte ....
    Mit dem allen fand ihn Benno so beschäftigt, dass er von seinem Freunde
gebeten wurde, sich in der Fortsetzung seiner Reise nicht stören zu lassen.
Bonaventura setzte mit der ganzen Erregung einer Natur, die in nervöser
Anspannung zu leben nicht gewohnt ist, hinzu, dass er nach der vollzogenen Sühne
der heiligen Stätte und einer Predigt, die er zur Erschütterung der Herzen,
vielleicht zur Entdeckung des Täters halten müsse, wahrscheinlich den Abend
noch selbst in der Dechanei eintreffen würde. Einmal, sagte er, handelte es sich
um eine Anzeige beim Amte in Kocher, dann aber vorzugsweise - um einige Andenken
an seinen unvergesslichen Vater, die sich denn also wirklich in dem Sarge
vorgefunden hätten ... Andenken, über welche er mit dem Onkel, dem Dechanten, zu
sprechen die Zeit nicht erwarten könne.
    Freund, dich macht der Vorfall krank! Beruhig dich! rief Benno.
    Erzähle nichts dem Onkel! erwiderte der Pfarrer. Du kennst seine Abneigung
gegen alles, was aufregt ...
    Benno mochte nicht länger forschen, worin die gefundenen Andenken an den
Vater bestanden. Er wusste, dass diese Gedankenverbindung um so mehr Trübsinn in
dem reinen und kindlichen Gemüte Bonaventura's wecken musste, als sich dieser
seit einiger Zeit die Meinung gebildet hatte, sein Vater lebe noch. Bonaventura
hatte sich diese Meinung mit um so ängstlicherer Ungeduld gebildet, als er sogar
voraussetzte, der Vater wäre freiwillig aus der Reihe der Lebenden geschieden,
nur um seiner Mutter möglich zu machen, seinen jetzigen Stiefvater, Herrn von
Wittekind-Neuhof zu heiraten. Wenn er dann gedachte, dass die Kirche die Ehe,
auch die unglücklichste, auch die seit Jahren auf einer gegenseitigen
Unfähigkeit, die Leidenschaften zu unterdrücken, beruhende und unmöglich
gewordene in keiner Weise freigäbe und löste, so hatte schon Bonaventura
geglaubt, sein Vater hätte sich den Schein des Todes gegeben, nur um zwei
Menschen glücklich zu machen, die auf eigentümliche Art und, wie er aus den
Erzählungen der alten Renate sich entnehmen zu müssen glaubte, keine mehr zu
vermeidende Weise in die engste Beziehung gekommen waren. Sieben Jahre waren
seitdem vergangen. Jetzt erst kamen ihm diese Zweifel, jetzt in verstärkterer
Gewalt. Benno kannte sie und mochte sie um so weniger wecken, als sie mit den
wichtigsten und zartesten Lebensfragen im Gemüt des seinem Berufe so begeistert
hingegebenen Priesters zusammenhingen und schon oft Gegenstand von Differenzen
zwischen ihnen beiden gewesen waren. In der sichern Hoffnung, ihn vielleicht
schon am Abend beruhigter in der Dechanei wiederzusehen, nahm er Abschied,
setzte sich in den Wagen, mit dem Hedemann auf den Friedhof nachgekommen war,
und fuhr, um Lucinden abzuholen, nach dem Stern.
    Auch diese war von der Meldung des in der Nacht Vorgefallenen nicht wenig
überrascht gewesen.
    Sogleich fragte sie nach dem Gensdarmenwachtmeister. Dieser war schon
unmittelbar nach dem Lärm, der beim ersten Morgendienst des Messners entstanden
war und das Frühläuten zum Sturmläuten gemacht hatte, auf die Landstrasse
hinausgesprengt, dem Knechte nach, der sie gestern gefahren hatte. Man
behauptete, dass der Knecht die Nacht im Stall geschlafen, lange Licht gehabt
hätte und sich eines Spatens aus dem Garten des Wirtshauses bedient haben
müsste, den man nicht finden konnte. Die herkulische Kraft, die zu der Ausführung
des Frevels gehörte, liess sich ihm zutrauen.
    Nun gab das einen Schwung der Spannung und Erregung! Lucinde wusch und
erfrischte sich so schnell, als könnte sie einen Auflauf versäumen. Ehe noch die
Mägde ihre Oberkleider, Hut und Schleier gelüftet und entstäubt hatten, war sie
schon mit dem schnell geordneten Kopfe aus dem Fenster. Der Zweispänner, eine
stattliche Chaise, stand schon vor dem Hause, ein Kutscher klatschte, Hedemann
und der Freiwillige grüssten.
    So zeitig schon? rief sie zum Fenster hinaus und zog ihre stehen gebliebene
kleine Taschenuhr auf, stellte sie nach dem glänzenden Zifferblatt des
Kirchturms, hing ihr Kreuz um und drängte zur Eile. Nur Milch trank sie, etwas
schwarzes Brot ass sie dazu und nach einigen Minuten, obgleich Benno von Asselyn
einmal um das andere hinaufrief: Uebereilen Sie sich nicht! stand sie unten am
Wagen.
    Nachdem sie vor der Haustür ihre Zeche berichtigt hatte, stieg sie an der
Hand Benno's ein. Hedemann sass auf dem Bock neben dem Kutscher, der dem Stern
angehörte. Für fremde Herrschaften war er ein Postillon, für diejenigen, die
unter der Taxe reisten, blieb er in seinen gewöhnlichen Kleidern; heute aber
hatte er sein Horn zu sich gesteckt und blies lustig mit hinein in das
allgemeine Juchhe. Es kostete das Strafe, hörten es die Gensdarmen. Grützmacher
aber und Müller jagten dem Leichenräuber nach.
    Nein! rief jetzt Lucinde, an die Erzählung der Vorfälle sogleich anknüpfend.
Mein Kutscher wär' es gewesen! Ich glaub' es nicht! Ich wette, der Täter war
Herr Grützmacher selbst! Er hat dem Pfarrer zeigen wollen, dass die Polizei nicht
an Phantasieen leidet!
    So gefällig auch Benno war, ihr den Vorfall in aller Ausführlichkeit
mitzuteilen, verschwieg er doch seines Vetters persönliche Aufregung durch die
gefundenen Erinnerungen an dessen Vater.
    Lucinde warf dem Dorfe und dem Pfarrhause einen langen hoffnungsvoll seligen
Abschiedsblick zu ...
    Hedemann schaute unverwandt in die Ferne. Wie wenig er auch glauben konnte,
dass die Italiener an dem Frevel beteiligt waren, bekümmerte ihn doch die
Belästigung, der die friedlichen Passagiere ausgesetzt sein konnten.
    Allmählich gab sich auch der Postillon sowol mit dem Blasen zufrieden, wie
mit seinen Mitteilungen über den neu erst im Weissen Ross eingetretenen Knecht,
den Vorfall mit der Stallaterne und dem Spaten, der fehlte ...
    Lucinde schlug, da der Staub zunahm, ihren Schleier über und forderte Benno
auf, seinen Cigarren zuzusprechen. Sie war in ihrem Leben von Jérôme, vom
Kronsyndikus, Klingsohrn, Serlo genug »eingeräuchert« worden.
    Benno folgte ihrer Erlaubnis, indem er sagte:
    Mein Onkel, der Dechant, ist galanter! Sie werden bei ihm von Tabackrauch
nie belästigt werden!
    Wie alt ist der Dechant? fing sie nach einer Weile an.
    Ah, ah! erwiderte Benno. Wie alt! Fragen Sie das nie in der Dechanei! So alt
wie Metusalem ist er nicht, aber so jung auch nicht, wie - von der guten Frau
von Gülpen, die nun schon dreissig Jahre seine Wirtschaft führt, seine
Geburtstage numerirt werden!
    Dreissig Jahre? unterbrach Lucinde.
    Eher mehr als weniger! erwiderte Benno.
    Und zu Hedemann hinaufrufend, fuhr er fort:
    Nicht wahr, Hedemann, als Sie vor zehn Jahren nach Amerika gingen, schwankte
der Onkel um das Ende der Sechziger herum? Er müsste demzufolge jetzt siebzig
sein! Aber ich will nicht gut dafür sagen, dass nicht Frau von Gülpen seine
nächste Geburts-oder Namenstagstorte nur mit sechzig kleinen Wachsendchen
besteckt!
    Lucinden machte der Name »Gülpen« in Verbindung mit einer Geburtstagstorte
einen fast märchenhaften und in der Wirklichkeit kaum möglichen Eindruck.
    Hat Frau von Gülpen, fragte sie, nicht eine Verwandte, die sich Frau von
Buschbeck nennt?
    Benno versicherte, diesen Namen nie gehört zu haben.
    Hedemann! rief er; hat die Tante eine Verwandte, die sich Frau von Buschbeck
nennt?
    Lucinde ergänzte: Eine Schwester vielleicht?
    Hedemann oben zuckte die Achseln.
    Das Jahr 1809, wo ihre ehemalige Peinigerin von ihrer Lebenshöhe gestürzt
sein sollte, lag über die Erinnerungen der sie umgebenden Generation hinaus.
    Benno drückte am Wagenschlag die Asche seiner Cigarre ab und sagte ironisch:
    Wir sind vielleicht an eine zu grosse Anzahl von Verwandten unserer verehrten
Frau von Gülpen gewöhnt! ... Ihre Nichten wenigstens ... Nicht wahr, Hedemann,
die Nichten der Tante -
    Erstes Kennzeichen Ihres Onkels, schnitt Lucinde die zweideutige Anspielung
auf den Deckmantel für die weibliche Bewohnerschaft einer geistlichen Wohnung ab
- Erstes Kennzeichen also Eitelkeit!
    Eitelkeit? sagte Benno. Vielleicht auf seine weissen Hände! Und doch nicht!
Diese Selbsttäuschung über den Geburtstag gehört zu des Onkels Philosophie!
    Zweites Kennzeichen: Philosophie! Welche Philosophie? Die, welche dem Dr.
Laurenz Püttmeier zu Eschede noch immer nicht den Hegel'schen Lehrstuhl und
Fräulein Angelika Müller einen Mann verschafft hat?
    Sie sind unterrichtet! lachte Benno. Nein, keine von unsern
Haarrauch-Philosophieen, die die Dogmatik trigonometrisch beweisen wollen und
zuletzt doch an einem Breve des Papstes zu Grunde gehen, wie die da, die seit
ein Paar Tagen auf unserer Universität drüben zu leben aufgehört hat!
Allerliebst, wie in unsere schöne deutsche Kunst und Wissenschaft hinein ein
solches römisches Kapitel sein »Kannichverstan« hineinsprechen und sogleich so
in ihr herumwühlen und aufräumen darf, wie hoffentlich jetzt die Bauern von
St.-Wolfgang nicht unter den Götterbildern des guten Napoleone aufräumen ...
Sehen Sie nichts, Hedemann?
    Nichts! ... war die Antwort des zuweilen seine zusammengelegte Hand wie ein
Perspectiv gebrauchenden Gefährten.
    Napoleone erzählte mir, der Dechant liebe die Antike! fuhr Lucinde fort. Ein
Sohn Ihrer Heimat und ein Liebhaber der Kunst? ...
    Indem rief Hedemann einige Bauern an, die eilends des Weges kamen.
    Sie waren aus St.-Wolfgang und sagten aus, dass bei den Italienern nichts
gefunden wurde, was auf ihren Anteil an dem nächtlichen Verbrechen hätte
schliessen lassen können.
    Wie mag man die Armen belästigt haben! sagte Lucinde nach einer Weile und
summte, da Benno über die von ihr angedeutete Unvereinbarkeit seiner zweiten
Heimat mit dem Schönen in Nachdenken verfiel, vor sich hin die Worte Mignon's:
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan!
    Für den da oben scheint allerdings Porzia zur Mignon geworden! flüsterte
Benno und deutete auf Hedemann, der über die Unschuld der Italiener Zeichen der
grössten Genugtuung gab.
    Die Gegend gewann inzwischen einen bestimmter ausgeprägten Charakter. Man
befand sich auf der Absenkung eines grossen Talbeckens, das viele Meilen weit
sich in wellenförmigen Senkungen und Erhöhungen hinzog bis zu den Gebirgen, die
Deutschland von Frankreich trennen. Der Naturforscher kennt diese Gegend als
eine, die ihre urweltlichen Bildungsformen nicht verleugnet. Graue Basaltkegel
stehen oft in der Mitte dieses Hügellandes als Reste vulkanischer Ausbrüche.
Einsam ragen die abgestumpften Felsgestalten, von dünnem Zwergholz überwachsen.
Oft steigen sie schroff bis zu den schärfsten und dann und wann mit einem Kreuz
gezierten Spitzen hinan. Von einem höhern Punkte gesehen ist der Fernblick
meilenweit, aber er ist nicht mehr wohltuend durch Saatengrün und lichtelle
Waldungen, das Land wird unfruchtbar und wie von Steinen überstreut. Vulkane
müssen hier einst einen feurigen Hagelregen aus dem glühenden Innern der Erde
geschleudert haben. Bei einzelnen etwas grünen Stellen, aus denen ein Kirchturm
hervorragt, kann man immer annehmen, dass sich dort das stete unterirdische
Sieden und Kochen auch an einer wohltätigen Quelle verkündigt, deren Wasser an
Ort und Stelle zum Baden dient, erkaltet in Krügen weiter ins Land geführt wird.
Kleine Seen finden sich viele; desto weniger Bäche. Der einzige grössere ist
jener »Fall«, an welchem Kocher liegt, eine von jenen uralten, schon in die
Römerzeit zurückreichenden Städten der sagen- und erinnerungsreichen Gegend.
    Hatte man weniger den zuletzt vom Hundsrück und den Ardennen begrenzten
düstern Höhenblick, so fehlte es abwärts in den Kesseltälern nicht an
Abwechselung. Die Cultur hatte dem steinigen Boden abgerungen, was diese nur an
Fruchtbarkeit, wenn auch nur für Gerste und Hafer, irgend hergeben wollte. Und
belebt war bei alledem die Gegend doch. Selbst auf der Landstrasse begegnete man,
ausser Landbewohnern, Soldaten, die wie Benno sich beim Stabe einstellen mussten,
manchem Geistlichen zu Fuss, manchem im Wagen; des Verbeugens vor Heiligenbildern
und vor offenen Kirchtüren wurde fast kein Ende und selbst vor einer Procession
musste der Wagen halten. Jetzt nach der Ernte begannen die Wallfahrten zu manchem
wundertätigen Gottes- oder Heiligenbilde. Auch war man ziemlich nahe schon
jener hochbegnadeten Stadt, die den heiligen Rock des Herrn selbst besitzen will
und allerdings die ältesten Märtyrer und Heiligen aufzuweisen hat, ja die den
heiligen Atanasius einst beherbergte, als er aus Aegypten vor den Arianern
floh. Die Zeit war herangekommen, wo gerade des Atanasius' Andenken lebhaft
erneuert werden sollte; mancher hohe Würdenträger, ja der Kirchenfürst der
Provinz selbst eiferte ihm nach.
    In einem Dörfchen wurde gefüttert.
    Als man gegen zehn Uhr weiter fuhr, fiel es auf, dass die Reisewagen mit
höhern Geistlichen sich mehrten ...
    Benno erinnerte wiederholt daran, dass in Kocher eine geheime Verabredung
sollte getroffen werden, der selbst Dominicus Nück, sein Principal, nicht fremd
war.
    Er meinte jenes Rütli, auf dem Bonaventura als Tell fehlen durfte, ob
Lucinde gleich, zur Mehrung ihrer Erregung, allmählich vernommen hatte, dass der
Pfarrer vielleicht doch noch diesen Abend gleichfalls in der Dechanei eintreffen
und so sich schon sobald ihr seliges Hoffen erfüllen könnte, wie oft - wie oft
Ihm nahe zu sein! ...
    Mit dem Steigen der Sonne wurde es schwüler und schwüler. Gegen elf Uhr
kündigte sich ein Gewitter an. In der Gegend von Kocher her lagerten sich schon
dunkle, tief graublaue Wolken ...
    Benno fing allmählich an in seiner schroffen Beurteilung Lucindens
nachzulassen. Einzelne ihrer Redewendungen, das Mitleid mit den Italienern, die
vor einigen Stunden fast mit Rührung gesprochenen Goete'schen Verse hoben ihm
immermehr ihre Erscheinung. Da sie die schwüle Luft bestimmte, den Schleier
zurückzulegen, so musterte er mit geringerer Abneigung auch ihren heute fast
vornehm sich gebenden äussern Eindruck. Lässig und wie hingegossen lag sie in der
Ecke des Wagens. Der schottische Mantel war ihr von den Schultern geglitten und
so krampfhaft auch der jetzt eingeschlagene kleine Sonnenschirm von ihr auf die
grauen Zeugstiefelchen, die den kleinen Fuss bedeckten, gestemmt wurde, der
Eindruck war der der Ruhe und fast einer höhern Ergebung. Gestern hatte sie von
der Anstrengung und Ermüdung der Reise älter ausgesehen als sie war. Heute gab
ihr eine geringere Röte des Antlitzes, ja ein wachsbleicher Teint etwas
Vergeistigtes. Die langen schwarzen Wimpern bedeckten die unruhigen Augen. Die
Atemzüge wurden ersichtlich aus der hoch sich hebenden Brust. Es war wie ein
Hauch über ihr ganzes Wesen gekommen, der ihre Formen anschwellen und sie in
plastischerer Vollkommenheit erscheinen liess.
    Benno spielte mit seiner Cigarre den Gleichgültigen und war es schon lange
nicht mehr. Er sah hierhin und dortin und gab sich, wie absichtlich, den Schein
der Gewöhnlichkeit und prosaischsten Nüchternheit; dennoch hielt er bei alledem
den Gedanken fest: Wenn sie sich nur nicht rührt! Wenn sie nur in dieser
Stellung verharrt, die Augen, die kalten, nicht aufschlägt, nicht redet, ganz so
bleibt, wie sie dasitzt, fast liegt, träumerisch, ohne Berechnung, ohne
Koketterie und Bewusstsein von ihrem sich mehrenden Reize!
    Lucinde merkte aber schon das Interesse, das sie einflösste. Leise blitzte
unter den Wimpern ihr Auge. Fast seitwärts schielend sah sie auf. Die Magie des
Eindrucks war zerstört.
    Woran dachten Sie eben, Fräulein? fragte Benno erschreckend vor einem so
immer in Tätigkeit verbleibenden Verstande.
    Lucinde blieb in ihrer hingegossenen Stellung, rückte und rührte sich nicht,
senkte die Augen und sagte:
    Ich sehe Bilder vor mir, die mir Mignon und der Harfner weckten ...
katolische Bilder ...
    Malen Sie sie aus!
    Benno blies den Dampf seiner Cigarre fort.
    Ich sehe ein Schloss und sehe Menschen ... die ganz wie in Mondschein
getaucht sind ... Ein schöner Park umgibt das altmodische Gebäude ... Es hat
epheubewachsene Türme und Galerieen ... Kleine Buchsbaum- und Taxushecken
ziehen sich unter den Fenstern hin ... Springbrunnen rieseln ... Pfauen schlagen
ihre schönen Räder .... Bildsäulen lauschen versteckt aus Jasmin- und
Geisblattbüschen ... Dazu ertönt vom Söller die Mandoline ... Ein Pilger schlägt
sie ... Auf der Altane werden von einer Dame Lieder gesungen aus einem alten
Pergamentbuch ... ein Mönch, der Liebling und Erzieher des Hauses, steht hinter
ihr und schlägt die Noten um ... Und wenn dann fernher die Glocken klingen oder
ein Jäger im Walde ein Ritornell verhallen lässt, geht alles zur Ruhe ... Nun
steigen die lieben Englein nieder ... Die kleinen bausbackigen Jungen schleppen
Violinen und grosse Contrabässe herbei ... sie musiciren und das so, dass die
Frösche mit Jubel einfallen, die Heimchen mitschrillen ... Alles neckt sich ...
Blume und Käfer ... bis endlich die Sonne am fernen Horizont mit rosigen
Streifen sich ankündigt ... Willkommen o seliger Morgen ... Alles blitzt im Tau
... es läutet zur Messe ... dann Wagengerassel ... es kommen vornehme Abbates
und Prälaten ... die Kinder des Hauses spielen mit ihnen nach der Andacht,
spielen selbst mit dem Strick des Franciscaners, der am Abend die Noten
umschlug, und lassen ihn Pferdchens springen ... dazu summen die Bienen,
schwirren die Käfer ... und wenn bei Tisch auch noch soviel Wein aus schönen
hochgespjetzten bunten Gläsern getrunken wird und braunglänzende Braten hoch
aufgetragen werden, wie in den Bildern des Paul Veronese ... es geht doch heilig
und weltlich immer in eins ... die Reste des Mahls und Wein, diesen in einer
hohen strohumwundenen Flasche, schickt man dem frommen Eremiten Federigo unter
den Eichen von Castellungo, der dafür die Kinder mit Bildchen beschenkt, die er
in seiner einsamen Hütte malt ... oder sie das schwere, wie Steine rasselnde
Deutsch lehrt, wenn es zufällig Kinder eines italienischen Conte sind ... oder
ihnen in seinen hohlen Eichen Rendezvous vermittelt, wenn sie grösser werden und
verliebt sind ... Doch sehen Sie nur, unterbrach sie sich in ihrer Schilderung
plötzlich selbst; es gibt wirklich ein Wetter!
    Sie Glückliche, lachte Benno, Sie können Ihre Phantasie zu Hülfe nehmen,
wenn nicht alles auf der Dechanei so zutrifft, wie Sie's sich gedacht und
ausgemalt haben!
    Ganz recht, bestätigte Lucinde, eben die Dechanei, die dacht' ich mir so ...
mutatis mutandis -
    Mutatis mutandis? wiederholte Benno und sah sie, erstaunend über ihr Latein,
an.
    Ich meine die Kinder ...
    Verstehe! Verstehe!
    Es trat eine Pause ein, in der Lucinde den Triumph geniessen konnte, sich
sagen zu dürfen: Du kalter, eingebildeter junger Mensch, glaubtest mich so über
die Schultern ansehen und nach den Aussagen der alten Renate, Grützmacher's und
wer weiss, ob nicht auch deines so grausamen, so tugendkalten und mich
glücklichunglücklich machenden Bonaventura beurteilen zu können!
    Und auch Benno fühlte vollkommen, was sie dachte. Nach einer Weile sagte er:
    In der Hauptsache werden Sie es wirklich so in der schönen Dechanei finden!
Sie könnte allerdings ganz in ein Gedicht von Clemens Brentano passen! Selbst
die Pfauen fehlen nicht! Noch mehr, der Onkel hat einen alten Diener, dem er
gestattet in den Sternen zu lesen ...
    Das ist schlimm für seine Teller! unterbrach sie. Aber?
    Frau von Gülpen ...
    Frau von Gülpen?
    Benno zuckte die Achseln und deutete an, dass mit diesem Namen die in Kocher
am Fall zu erwartende Poesie ein Ende hätte.
    Lucinde verstand diese Geberde. Mit tiefschneidender Ironie sagte sie:
    Also Frau Renate die Zweite!
    Und wie sie dann hinzufügte: O Männer! Männer! ... so war dies doch ein Ton,
als hätte Benno aufspringen müssen, ihre Arme zu fassen und sie niederzudrücken
mit den Worten: Schwaches Weib, glaubst du denn allmächtig zu sein? ... Es war
der Glutenstrom, den Armgart gestern aus ihr herausgehen gefühlt hatte, der
Glutenstrom, unter dessen Gewalt vielleicht die Gräfin Paula vergangen wäre,
wenn sie nicht Bonaventura durch ihre Entfernung gerettet hätte; aber auch der
Glutenstrom wieder, der ihm sympatische Naturen heben und zum Gefühl der
Unsterblichkeit hätte beleben können und von dem sich trennen zu müssen einst
Klingsohrn zur Verzweiflung brachte.
    Zum Glück für Benno's sich mehrende Aufregung gab es Zerstreuungen am Wege
und bald auch kühlte er sich ab durch Lucindens rückkehrende Koketterie. Sie
sprach von Armgart und verriet ihre Absicht, ihren Begleiter zu Vergleichungen
zu veranlassen. Nun war es aber doch wie eine sanfte Musik, die über Benno sich
ergoss, als er Armgart so nennen hörte. Mit jener ironischen Schärfe, die seinen
Zügen nicht bitter oder gar faunisch wie Klingsohrn, nicht elegisch wie Serlo
stand, sondern die eine grosse Anmut in dem männlichen, edelgeformten Antlitz
verbreitete, die schönsten Zähne zeigte und den Augen eine schelmische
Gutmütigkeit lieh, sagte er:
    Lieber Himmel, mein Fräulein! Sind Sie denn wirklich schon so alt, dass Sie
sich an Armgart's Jugend ewig rächen zu müssen glauben! Lassen Sie doch die
Kleine noch so kindisch sein wie sie ist! Hedemann, wie oft haben Sie ihr die
Rettungstat aus Canada erzählen müssen?
    Hedemann wandte sich und sagte, er selbst hätte das nur einmal getan, aber
Herr de Jonge wohl ein Dutzend mal.
    Herr de Jonge! fuhr Lucinde, die Vennon über seine Äusserung nicht zürnte,
fort. Wer ist Herr de Jonge? Ein Reisegefährte des Herrn Hedemann? Erzählen Sie!
Wir geniessen das Gefühl, noch im Trockenen zu sitzen! Sehen Sie nur dort drüben,
oberhalb der schwarzen Berge, wie es da schon niedergiesst!
    In Kocher am Fall! bestätigte Benno mit nachdenklichem und zerstreutem Tone.
    Also, Herr Hedemann! Die Rettung aus Canada! Wer ist Herr de Jonge?
    Sie werden ihn vielleicht in der Dechanei finden! erwiderte Hedemann und um
gleichsam auf diese Art der Erzählung überhoben zu sein.
    In der Dechanei? Um so mehr müssen wir auf ihn vorbereitet sein! Wer ist
gerettet worden? Wer hat gerettet? Erzählen! Erzählen!
    Diesem Humor liess sich nicht widerstehen ...
    Benno zündete sich eine neue Cigarre an und begann:
    Das beste Schiffsbauholz -
    Hedemann hielt sich auf dem Bock die Ohren zu, als wollte er sagen: Diese
tausendmal wiederholte Geschichte! Ich kann sie nicht wieder hören!
    Das beste Schiffsbauholz, fuhr Benno mit um so grösserm Nachdruck fort ...
    Die Cigarre war noch nicht im Gange ...
    Das beste Schiffsbauholz - wiederholte Lucinde, um gleichsam den Faden
festzuhalten ...
    Bieten die Urwälder Canadas! Sie wissen doch, Fräulein, wo Canada liegt?
    Lucinde dachte an ihre Langen-Nauenheimer Wandlandkarte und zeigte mit dem
Sonnenschirm fest und sicher nach Westen hinaus.
    Mutatis mutandis! bemerkte Benno ... Es konnte heissen: Wer Latein kann, weiss
auch das! Oder: Da so herum ist allerdings richtig, aber Amerika besteht nicht
aus Canada allein!
    Das beste Schiffsbauholz, fuhr er fort, bieten die Urwälder Canadas, und die
bequemste Gelegenheit, es auf dem Lorenzostrom und von da ins Weltmeer und nach
England und Holland zu transportiren, findet man bei den vielen Nebenströmen des
Lorenzo durch die furchtbaren Fälle derselben. Ich weiss nicht, ob sich unser
Freund Tiebold de Jonge, Sohn der grossen Handels- und Holzfirma »De Jonge's
Erben« drüben in der Residenz des Kirchenfürsten, auf dem St.-Moritzstrome quer
über die tausendjährigen Eichen setzte und mit ihnen die drei- bis fünfhundert
Fuss stürzenden Fälle hinunterschwamm in seinen carrirten schottischen
Inexpressibles; nur so viel ist geschichtlich bekannt geworden und in
Lindenwert der abendliche Geisterspuk, wenn die Englischen Fräulein über die
Lectüre des »Telemaque« einnicken, dass eines Tages, Sonntags, nicht wahr,
Hedemann? ...
    Sonntags ... antwortete dieser kopfschüttelnd ...
    Eines englischen Sonntags also, wo die Engländer auch in Canada daheimsitzen
und keine Landpartieen aus Quebec oder Tree Rivers in jene Gebirge hinauf
machen, aus denen der St.-Moritz mit den tausendjährigen Eichen der Firma »De
Jonge's Erben« niederstürzt - zwei so melancholische Hypochonder wie der Oberst
von Hülleshoven und sein Freund und Ratgeber da, Remigius Hedemann aus
Borkenhagen bei Witoborn, nach Montreal wollten oder nach Isle de Jesus, wo man
noch eine gute und richtige römische Messe zu hören bekommen kann in dem
abtrünnigen ketzerischen Amerika ...
    Hedemann schüttelte den Kopf ...
    Nicht? fuhr Benno fort. Sieh! Sieh! Euch denuncir' ich doch noch der
Inquisition! Ihr kommt mir beide schon lange so vor, als wenn Ihr in den alten
Wäldern, wo die Indianer dem »grossen Gotte« scalpirte Menschenköpfe zum Opfer
bringen, heiligere Schauer verspürt haben wollt als in unserer alten
borkenhagener Dorfkirche! Schämt Euch! Steigen die beide da nun herum über die
Felswände in der Nähe des kleinen Patersonsees und träumen von vergangenen Tagen
und künftigen englischen Halbsoldpensionen. Da scheu sie plötzlich einen jungen
lustigen Dandy gerade unter dem letzten Sturz des St.-Moritz herumhüpfen, wie
wenn er hätte eine von den Töchtern der hochmögenden Frau Walpurgis Kattendyk
zum Tanze führen wollen! Die reichste Familie drüben in der Residenz des
Kirchenfürsten, Fräulein!
    Keine Ausschmückungen! sagte Lucinde.
    Der Oberst, fuhr Benno fort, zeichnet gerade den malerischen Sturz, Hedemann
raucht eine transatlantische Originalcigarre, da verschwindet plötzlich der
Tänzer und beide wissen nicht, war es ein absichtlicher oder unabsichtlicher
Entrechat, nach dem die beiden Firnissstiefel plötzlich aufhörten in der Sonne zu
glitzern. Von einem Hülferuf konnte nicht gut die Rede sein, denn der St.-Moritz
donnert dort zwar nicht wie der Niagara, spricht aber doch immer noch
vernehmlicher als unser immer zahmer und kleinlauter werdender Rheinfall bei
Schaffhausen ... (ob man sich gleich auch noch jetzt bei dem in der Taxe für die
Ueberfahrt verhören und drüben einen Franken zahlen kann, wenn man hüben nur auf
einen halben bedungen zu haben glaubt). Ringsum, wie gesagt, englischer Sonntag!
Man wusste, dass in einem Orte Namens Forges eine Colonie von Flössern wohnt, die
jedoch auf keine sonntägliche Wasserpartieen begierig schien und daheim trotz
der Hitze vielleicht irgendeinen soliden Gin-Punch braute. Nur jenen einen
Tänzer hatte man bemerkt. Da er nicht wieder zum Vorschein kam, wurden unsere
Menschenfeinde denn doch ein wenig unruhig, und der ärgste aller Timone, dort
unser Hedemann, beliebte zu äussern: Wenn nur das Bürschchen nicht in den Sturz
gefallen ist! In den Sturz nämlich, von dem man die ganze Ausdehnung von dem
Orte, wo sie sich befanden, nicht übersehen konnte! Man macht sich nun
allmählich auf, klimmt empor, erreicht den Rand der Felsen, durch die der
St.-Moritz sich hindurchdrängend in einen Kessel niederstürzt, aus dem hochauf
eine riesige Schaumkrone sich erhebt und dann pfeilgeschwind weiter gleitet dem
Lorenzo zu. Sie entdecken da nichts. Alles still; nur wilde Vögel fliegen quer
über den Sturz, dessen Schaumtropfen hoch hinaufspritzen, dass die Dinger wie
taumelnd mit benetzten Flügeln das Weite suchen ... Da plötzlich entdeckt
Hedemann's scharfes Auge unten an einem Felsenvorsprung eine Mütze, eine so
elegante, wie sie nur Herr Tiebold de Jonge getragen haben konnte. Nun stand es
fest, dass der Tänzer verunglückt war. Zu sehen war nichts. Man rief englisch,
deutsch, französisch. Keine Antwort. Aber die Mütze lag da auf der Felsenkante
und erst von dieser an konnte man senkrecht in die Tiefe blicken. Nun wuchs die
Besorgnis. Sie steigerte sich mit dem immer gleichen Donnern und Zischen der
aufspritzenden weissen Strudel, die ihr Opfer verschlungen hatten, wenn der
Gestürzte nur einen Fuss breit von der Felswand weiter entfernt lag und sich im
Niedergleiten nicht an der Wand irgendwie noch hatte halten können. Wer stieg
die Wand zuerst hinunter, Hedemann?
    Der Oberst!
    Erzählen Sie selbst, Herr Hedemann! unterbrach jetzt Lucinde. Herr von
Asselyn, scheint es, brodirt die Geschichte, wie wenn sie in den Exercices des
strasburger Englischen Fräuleins gestanden hätte zum Uebersetzen ins Deutsche!
    Da Benno es des drohenden Näherkommens der aus zwei Richtungen
heraufziehenden Gewitter wegen für geraten halten musste, vorläufig das
Hinterdeck der Chaise aufzuschlagen, wobei ihn der Quasi-Postillon
hinunterspringend unterstützte, so nahm Hedemann nach Benno's Ausdruck nicht nur
die Leine, sondern auch den Faden der Erzählung auf und berichtete schmuckloser.
    Er erzählte, dass anfangs der Oberst und er, beide zu gleicher Zeit, den
Entschluss gefasst gehabt hätten, sich gegenseitig unterstützend bis zu dem
Vorsprunge niederzusteigen, wo die Mütze lag. Freilich war damit schon
Lebensgefahr verbunden, doch rollte kein Steinchen von der fast senkrecht
niedergehenden Felsmauer. Bedenklich wäre schon das Wagnis gewesen, sich nur
überzubeugen und weiter in die Tiefe zu sehen. Der Oberst hätte das aber getan,
während Hedemann, sich mit den Fingern in die Wand einbohrend, ihn krampfhaft
gehalten. Lautlos hätte er nach erstem Bekämpfen des Schwindels sich wieder
zurückgelehnt und nur mit dem Kopfe genickt, als könnte schon der Schall der
Worte die Kraft haben, die schmalen Steine, auf denen sie sich hielten,
loszubröckeln. Mit Lebensgefahr wäre man emporgeklommen und nun hätte der Oberst
berichtet, dass ein junger Mann dicht am Rande des tosenden Sturzes anscheinend
todt läge. Er wäre dann gerettet worden ...
    Was? Wie? fuhr Benno auf. Wer erzählt so!
    Zerschmettert vom Niedersturz, fuhr er mit patetischer Stimme fort;
zerschmettert vom Niedersturz konnte der Verunglückte nicht gewesen sein, denn
der Fall war dicht an der Felswand entlang; ein Beweis, dass der Gefallene
anfangs die Besinnung behalten hatte und an der Felswand niedergeglitten war.
Unten aber konnte die Erschöpfung, ja schon der Luftdruck des niederstürzenden
Flusses, der bereits an dem kleinen Pavillon zu Lauffen beim Rheinfall den Atem
benehmen kann, ihn vielleicht nicht mehr zur Besinnung kommen lassen -
    Sie mussten wohl, fragte Lucinde zu Hedemann, wie zu einer autentischem
Quelle hinauf, nach jener Colonie, wo die Holzschläger wohnten?
    Sehr richtig, mein Fräulein! sagte Benno. Eine halbe Meile, und des
beschwerlichsten Weges! Es vergingen drei Stunden, bis man an der einzigen
Stelle, wo die Rettung möglich war, mit Stricken, Leitern und Stangen ankam. Der
Schrecken war nicht gering in der Colonie. Der junge respectable Herr Tiebold
de Jonge hatte diesen Spaziergang auf eigene Hand gemacht, während zwei Commis,
ein Diener und einer der besten Holzmesser des Geschäfts, der die jungen Leute
auf dieser Gewinn versprechenden Unternehmung begleitet hatte, in der
Niederlassung zum Studium canadischen Gin-Punsches zurückgeblieben waren. Die
Verzweiflung derselben verdreifachte die Anstrengungen, die man zur Rettung
machte, und doch würde sie nicht gelungen sein, wenn das schwierige Anbringen
der Leitern, der Stricke und Stangen nicht von den beiden tapfern Soldaten
geleitet worden wäre. Der Oberst war der erste unten. Der Verunglückte lebte
noch. Er war allmählich von einer Betäubung erwacht, um mit Schaudern zu
gedenken, dass er, wenn ihn niemand hier aufsuchte, des elendesten Todes hätte
sterben müssen. Eine Stunde verging in dieser grauenvollen Vorstellung. Sein
Rufen verhallte im Wassersturze. Endlich kam Rettung. Sie war schwierig, aber
sie gelang, wie Sie heute noch an meinem Freund de Jonge sehen werden. Sie
gelang auf folgende Art. Erstens...
    Genug! Genug! sagte Lucinde und wandte sich an Hedemann: Das gab gewiss eine
glückliche Scene!
    Des Dankes? Der Rührung? Im Gegenteil! antwortete patetisch für diesen
Benno. Unsere zwei Söhne der Moorheide entüllten nur oberflächlich ihr
Incognito, nahmen vor zwei Jahren den gleichgültigsten Abschied von ihrem ewigen
Schuldner, nicht einmal einen schönen Gruss bestellten sie durch ihn nach
Borkenhagen oder Westerhof oder Kocher am Fall. In Quebec erfuhr der Gerettete
die Namen des deutschen Obersten und seines nicht im activen Dienste stehenden
Gefährten; er wollte ihre Rückkehr in Garnison abwarten, aber sein Schiff war
»klar«, er reiste ab mit Hinterlassung einer Menge von Danksagungen und
Geschenken. Erst hier in Europa sahen sie sich zufällig in der Residenz des
Kirchenfürsten wieder. Heute in Kocher am Fall bei diesem Wolkenbruch werden sie
sich an die Strudel des St.-Moritzflusses zurückversetzt fühlen!
    In der Tat brach jetzt das Wetter auch über die Reisenden mit furchtbarer
Gewalt aus.
    Man bot Hedemann an, dass auch das Vorderverdeck aufgeschlagen würde und er
schleunigst hereinkäme.
    Hedemann öffnete aber nur den Soldatenmantel Benno's und lehnte einen
Aufentalt um so mehr ab, als ein in der Nähe liegendes Wirtshaus bei schnellem
Zufahren sofort erreicht sein konnte. Dort wollte man Rast halten und den Wagen
vollends verschliessen.
    Das Wirtshaus lag an einem Kreuzpunkte mehrerer Landstrassen.
    Immer grösser wurde die Zahl der sich eilenden soldatischen Kameraden, die in
Blusen und Kitteln gen Kocher zogen. Manche Bekanntschaft gab es in der jähen
Flucht der sich Bergenden mit winkender Hand zu grüssen. Auch der Major der
Gensdarmen, unter dem Grützmacher stand, wurde auf einem Gaule dahinjagend
ersichtlich... Von der nördlichen Strasse kam ein geschmackvolles Reisecoupé
herangesprengt... Zwei Uniformen sassen darin, die aus dem Wagen sich vorbeugten,
eine, die einem Offizier, eine andere, die, wie Benno, einem Gemeinen
angehörte....
    Letzterer sprang in dem Gedräng an dem Wirtshause noch vor dem Offizier
heraus.... Und wie fast zu gleicher Zeit auch das Gefährt aus St.-Wolfgang
anhielt und der Soldat den im triefenden Mantel sitzenden Hedemann erkannt
hatte, kam er zu diesem herangesprungen, ihm die Hand zu schütteln und ihn fast
zu umarmen. Jetzt hielt ein Diener in Livree einen Regenschirm über dem Soldaten
- ein wunderlicher Contrast zu seiner Jacke als Gemeiner. In dem Durcheinander
des Erkennens, dessen Reihe nun auch an Benno kam, des Verfahrens, der
Begrüssungen da und dort, des aus dem herabgelassenen Schlage Hinausspringens und
unter das schützende niedere Dach Eilens auch von Seiten Lucindens war ihr
vernehmbar und ersichtlich geworden, dass der neue Ankömmling Herr Tiebold de
Jonge war.
    So eilig sie in die dumpfe, von Menschen überfüllte Wirtsstube lief, sah
sie doch, dass der am Wasserfall von St.-Moritz Gerettete eine schlanke Gestalt
von lebhafter Beweglichkeit und dreisten und gefälligen Formen war. Er trug
helle Glacéhandschuhe, Firnissstiefel, eine Piquéweste unter der nur am obern
Knopf geschlossenen Uniform vom feinsten Tuche und eine carrirte Reisemütze, wie
sie mehr einem reisenden Engländer als einem Landwehrmann angehören konnte.
    In der Wirtsstube sah man Soldaten, Bauern, Viehtreiber, Hausirer,
Geistliche, alles was der Regen nur hereinfegte. Lucinde hörte bald, dass der
Vorfall mit dem Grabe in St.-Wolfgang schon allgemein bekannt geworden war ...
Major Schulzendorf erörterte ihn draussen mit den eben Angekommenen und dem
Landwehroffizier, dem Begleiter Tiebold's ... Hedemann war inzwischen
verschwunden. Ohne Zweifel suchte er die nicht sichtbaren Italiener auf. Dass sie
zugegen waren, sah Lucinde an ihrem ausgespannten Wagen vorm Hause.
    Angegriffen von der Fahrt, erregt von allen neuen Mitteilungen und
Eindrücken, fast erstickend von der Schwüle des kleinen Saales und betäubt von
den lärmenden Stimmen der vielen Menschen, stand sie am Fenster. Die Blitze
warfen über die ganze Ebene hin ein magisches Licht. Seltsam glänzte und
strahlte das graue Gestein der vulkanisch zerrissenen Gegend.
    Ihre Begleiter kamen nicht in den Saal und sie selbst mochte sie nicht
aufsuchen. Sie erfuhr, dass es bis Kocher nur noch eine halbe Stunde zu fahren
war.
    Schon nach kurzer Zeit hatte im Regen der Kutscher den Wagen draussen ganz
geschlossen, wie sie am Fenster stehend beobachtete. Die Pferde wurden nicht
ausgespannt und Lucinde konnte annehmen, dass ihre Begleiter sofort weiter zu
fahren wünschten.
    Doch kamen sie lange nicht zurück ...
    Sie wartete und wartete ...
    Es verging fast eine halbe Stunde.
    Endlich liessen sich draussen schon die Italiener sehen.
    Auch der Regen hörte auf. Die Wolken teilten sich. Die Italiener schienen
an ihre Weiterreise zu denken.
    Lucinde trat jetzt aus dem Saale hinaus, wo sie so lange am Fenster sinnend
und träumend gestanden hatte.
    Sie suchte nach ihren Reisegefährten, die sie so auffallend vernachlässigten
...
    Eben war sie im Begriff, den Alten, Napoleone Biancchi, zu grüssen, als sie,
unter dem Torwege stehend, nach dem Hofe und Garten zu einen lauten Wortwechsel
und plötzlich aufs allerheftigste eine Stimme: Hedemann! rufen hörte.
    Sie wandte sich. Mehrere andere folgten ihrem Beispiel. Einige der Hausirer
sprangen hinzu nach der Gegend hin, wo der Ruf hergekommen war.
    Das war ja Benno's Stimme! sagte sich Lucinde.
    Wie sie dem Beispiel der andern folgend sich wandte, um dem Hofe zuzueilen,
kreuzte ihre Schritte, wie auf der Flucht, leichenblass und mit furchtentstellten
Zügen, Porzia ... Ihr jüngerer Bruder Catone lief hinter ihr her und trug ihren
Hut, der ihr entfallen gewesen schien.
    Trug diese Begegnung schon den Charakter eines Moments - denn ebenso schnell
war Porzia verschwunden und auf dem Wagen bei ihrem staunenden Vater und ihrem
ältern Bruder, der schon die Peitsche in der Hand hielt -, so war der Anblick,
der sich allen nun schnell herbeigekommenen Beobachtern im Hofe darbot, wie die
plötzliche Versteinerung der lebendigsten Scene.
    Der Hof und Garten gingen in Eins ... Unter der Kegelbahn schienen die
Italiener ein einfaches Mahl gehalten zu haben ... Auch vom Hause aus konnte man
in die Kegelbahn eintreten, wo man einen gedeckten Tisch sah ... Hedemann,
Benno, Tiebold de Jonge und der Landwehroffizier bildeten eine
charakteristische Gruppe ... Hedemann's breitkrämpiger Sommerhut lag auf dem
nassen Boden im Garten draussen, er selbst stand wie wutschnaubend und wie zum
Angriff ... Benno vor ihm, ohne ihn zu berühren, doch in der Geberde, die den
gewaltigen Ruf: Hedemann! begleitet haben musste ... Tiebold de Jonge stand
schützend vor dem Offizier, dem seinerseits die Mütze gleichfalls entfallen war
und ein plötzlicher Schreck alle Farbe geraubt hatte ...
    Wie die Menschen neugierig herzugelaufen kamen, riss Benno den in jeder Ader
zu einem Angriff gerüsteten Hedemann in den hintern Garten. Er folgte gelassen
jetzt wie ein Kind und willenlos und nur noch das eine Wort kam allen hörbar von
seinen bebenden Lippen:
    Herr - von - Enckefuss!
    Jede Silbe war betont ... in jeder Schwingung der wenigen Worte lag die
Andeutung, als wollte er sagen: Wir beide kennen uns doch wohl?
    Ein Aufentalt in der Beurteilung und Vermutung über alles das war nicht
möglich, denn Tiebold de Jonge trällerte soeben laut eine Arie und zog den
Lieutenant, wie wenn nichts vorgefallen wäre, gleichsam tänzelnd fort. Er führte
den Erschrockenen, der seine Mütze aufhob, auf einem andern Wege gleichfalls in
die grünen Gebüsche hinaus ...
    Bald kam Benno, der Lucindens ansichtig geworden war, aus einem, wie man
sah, mit den lebhaftesten Demonstrationen geführten Gespräch mit Hedemann nach
vorn und sagte zu Lucinden:
    Bestes Fräulein! Sie werden guttun, lieber allein vorauszufahren! In der
Dechanei kommen Sie gerade noch zu einem Mahle an, das heute zu Ehren der
fremden Geistlichen stattfindet! Eilen Sie! Sie finden den Onkel und die Tante
dann im besten Humor! Wir andern - wir bleiben noch eine Weile zurück -
Gelegenheit, sehen Sie, gibt es genug nach Kocher am Fall und mein
Absteigequartier ist ohnehin nicht in der Dechanei, sondern seitwärts in einem
kleinen Weinberge, den der Oberst bewohnt!
    Aber Hedemann? ... fragte Lucinde forschend und um so teilnehmender, da sie
der Name »von Enckefuss« an die alten düstern Begegnungen ihres Lebens, an den
Rittmeister, den »schönen Enckefuss«, erinnerte ...
    Fährt mit uns oder geht nach dem Regen lieber zu Fuss ... Sehen Sie nur,
dieser Tonboden saugt eine Ueberschwemmung ein, so durstig ist er! Adieu,
Fräulein! Heut Abend oder morgen in der Dechanei! Viel, viel Glück!
    Diese Willennsäusserung und Verabschiedung waren zu bestimmend.
    Benno begleitete schon Lucinden an den Wagenschlag und half ihr mit
Artigkeit einsteigen.
    Ehe sie sich noch gesammelt hatte, ehe sie nur ihre Frage: Aber was ist denn
nur vorgefallen? ausgesprochen, fuhr sie schon von dannen.
    Eine Aufklärung konnten die Italiener geben. Diese aber hatten schon eine
andere der vielen hier sich kreuzenden Strassen eingeschlagen, nicht die, auf
welcher sie nun selbst nach Kocher fuhr.
    Vom Kutscher konnte sie nichts Anderes über den Vorfall erfahren, als dass
jener Herr von Enckefuss aus der Residenz des Kirchenfürsten und zu den
Landwehrübungen kam wie alle andern.
    Bald aber glaubte sie den Vorfall so zu verstehen: Der Offizier verfolgte
Porzia, Hedemann trat dazwischen, ein Wortwechsel entstand, ein Streit, Benno
aber hielt Hedemann zurück, einem Offizier in Uniform eine Beschimpfung
anzutun, die diesen hätte zwingen müssen, vielleicht Hedemann zu - durchbohren
...
    In dem Ton, wie Hedemann den Namen: Herr von Enckefuss! gerufen, lag eine
Andeutung, dass sie sich kennen mussten. Was hinderte sie, anzunehmen, dass sie dem
Sohne des »schönen Enckefuss« begegnet war, desselben Landrats und Freundes des
Kronsyndikus, vor dem sie selbst oft genug ebenso, wie jetzt Porzia, entflohen
war?
    Nach einer halben Stunde, gegen halb zwei Uhr, sah sie am Rande eines
eigentümlich geformten, schroffen, fast sargähnlichen, dunkeln Bergrückens das
Städtchen Kocher am Fall.
    Eine hohe Kuppel mit vier Türmen ringsum gehörte ohne Zweifel dem Dom von
St.-Zeno an ...
    Auf ihrer Brust wurde es schwerer und schwerer, je mehr sie hinüberblickte
zu der Katedrale, die mässig hoch auf einer terrassenförmig sich erhebenden
Anhöhe lag. Diese kleine Anhöhe beherrschte auf dieser Seite die Stadt, während
auf der andern der düstere Sarg des Gebirges lag.
    Jetzt fuhr sie auf gekieselten Wegen durch smaragdgrüne, vom Regen funkelnde
Wiesen; dann lenkte der Wagen in Baumalleen ein, die von geschnittenen Hecken
durchbrochen wurden ...
    Unmittelbar um ein im Quadrat liegendes kleines Schloss zwar nicht so
phantastischen, wie sie in ihrer Vision gesehen, doch gefälligen alten
Geschmacks zogen sich Blumen- und Gemüsegärten ... alles hatte einen vornehmen,
sehr gepflegten Anstrich ...
    Das Schloss war mit mancher Bildhauerarbeit geziert.
    An der Pforte, wo zwei gewaltige Karyatiden einen Balcon mit einst vergoldet
gewesenem Eisengitter trugen, fuhr der Wagen an, ohne sogleich empfangen zu
werden.
    Der Kutscher musste absteigen und klingeln.
    Es scholl weitin wie mit doppelten Zügen, die den Klang der ersten Glocke
nach einer zweiten übertrugen.
    Ein alter freundlicher Diener in weissen langen Haaren - wahrscheinlich der
in Aussicht gestellte Sternseher - erschien, spitzte klug die Augen, orientirte
sich, lächelte wohlwollend und fein und öffnete den Schlag.
    Er hatte eine Serviette über dem Arm, zum Beweise, dass man im Hause mit dem
Diner beschäftigt war.
 
                                       6.
Am Nachmittag desselben Tages stehen weit geöffnet die Flügel eines an der
andern und gerade der Pforte entgegengesetzten Seite der Dechanei befindlichen
hohen Fensters.
    Dicht beschattet sind sie von den Zweigen einer Linde, die sich von den fast
mühsam durch das Laub hindurchdringenden Strahlen der wieder am blauenden Himmel
hervorgetretenen Sonne die nassen Zweige und Blätter trocknen lässt.
    Die Vögel zwitschern, Käfer, die an den Simsen und in den Cannelirungen des
Hauses vor dem Regen ihre Zuflucht gesucht hatten, summen wieder, und wirklich
trottet ein Pfau unterm Fenster über die unten rings hinlaufenden feuchten
Sandsteinvliesen und wiegt und hebt den bunten Schweif, fast wie um ihn nicht
nass werden zu lassen und ganz wie eine Dame ihre Kleider schont.
    Sähe man nicht da und dort ein heiliges Emblem, am Eingang des engern Parks
ein Marienbild, am Ausgang zur Katedrale hin ein Kruzifix, unter den
Stuccaturen an dem Hause eine ehemals vergoldet gewesene Strahlenkrone, ein
Kreuz, ein Dornenhaupt; man würde den Eindruck haben, als müsste man sich hier
umschauen nach einem Marmorbilde der Flora, nach einer Gruppe versteckter Satyrn
oder Nymphen entführender Centauren.
    Am offenen Fenster gibt es einen traulichen grünen Winkel zwischen den fast
hineinlangenden Zweigen der Linde und einem Studirtische, dessen Vorsprung den
Vögeln ebenso zugänglich scheint wie eine Anzahl aus Fenster gerückter Sessel,
auf deren Lehnen sie sich wagen.
    Der Greis, den die Vögel schon kennen und den sie sogar auf seinem
Schreibtisch besuchen - er lockte sie durch seinen Morgenzwieback und sein
Mittagsdessert - nennt diesen Winkel seine liebste Sakristei und seinen
segensreichsten Beichtstuhl.
    Man sieht auch Bücher in glänzenden Einbänden mit geöffneten
Kupfersticheinlagen in der Mitte des Zimmers auf einem runden Tische. Man sieht
einen in Guache gemalten Christuskopf von Guido Reni über dem Schreibtisch. Die
bunten Litophanieen, die die Fensterscheiben verdecken, sind jetzt, da die
Fenster offen, an die Wand gelehnt. Man sieht in Alabaster das Abbild der
speerbewaffneten Göttin der Weisheit vom Partenon auf einem kleinen weissen
Porzellanofen. Auf dem eleganten Mahagonischreibtisch mit Fächern und kleinen
durchbrochenen Galerieen aller Art liegen und stehen in Bronze
bunterleigestaltete Nippsachen, Briefbeschwerer, Streusandschalen,
Federgestelle, Federwischer von bunten Farben, ein gewaltiges Tintenfass in
Gestalt eines sein schwarzes Gift ausspritzenden Drachen, zierliche silberne
Leuchter, ein Lichtschirm von grüner Seide ...
    Der ehrwürdige Bewohner lehnt den einen Arm auf ein grünsammtenes
Fensterkissen und atmet den köstlichen Duft der Linde ein. Er lockt einen der
Vögel, die sich in seinem stillen und dunkeln Zimmer unter ihren Zweigen zu sein
träumen ... und am liebsten beschied er ebenso von seinen Beichtkindern alle
die, die ihm gar zu oft kamen oder zu umständlich sich ausplauderten oder die in
ihrer »Sündhaftigkeit sich so ausserordentlich wichtig machten«, hierher an diese
stille Stätte ... In neuerer Zeit freilich kamen wenige. Die Dechanei stand nie
im Geruch der Heiligkeit, jetzt vollends nicht, seitdem Beda Hunnius,
Bonaventura's damaliger Mitgeweihter, nach mancherlei anderweitiger Verpflanzung
in Kocher Stadtpfarrer geworden war und überhaupt in vielen Kirchen rings in der
Provinz täglich die Posaune Zions mächtiglicher geblasen wurde, als »zu seiner
Zeit« hier Sitte war. Manche jetzt predigten doch, als wollten sie die Trommeln
übertönen, die da eben jetzt auf dem Marktplatz drinnen zu Kocher am Fall
gerührt wurden zum Appell des 35. Landwehrregiments. Sie lärmten, als sollt' es
an eine neue Bartolomäusnacht gehen, an ein Pour l'amour de dieu mit
geschwungenem Schwerte, falls nur der Herr Kirchenfürst im Kampf mit der
Regierung, mit der Philosophie und den gemischten Ehen die Parole dazu geben
wollte ... Der gute Onkel Bonaventura's und Benno's von Asselyn nahm die Sache
der Religion von einer milden Seite. Auch hier an seinem Lindenbaum Pflegte er
jedesmal schnell mit dem selbstgeschilderten tiefen Verderben seiner
Beichtkinder fertig zu werden, zog dann gern sein goldnes Döschen, ging auf
Krieg und Frieden in der Türkei, auf Kunst, Natur, Menschenleben in Rom,
Griechenland und Kocher am Fall über und endete gewöhnlich mit den besten
Zusprüchen zum Entschluss, auf Gottes Gnade zu vertrauen, und mit den
zuversichtlichsten Hoffnungen auf das nach Leibniz ja prästabilirte Glück und
die Heiterkeit des ganzen Universums.
    dabei entbehrt jedoch der Greis, der, zurückgelehnt in einen bequemen
saffianenen Voltaire, ein violettes Sammtkäppchen auf dem mit weissen Löckchen
umwallten Haupte trägt, keineswegs einer gewissen Schärfe. Etwas Schlaues sogar,
wenigstens Markirtes, fehlte dem Dechanten keineswegs. Seine Nase war lang und
habichtartig, das Auge dunkel und sogar listig. Und stochert er sich eben die
wenigen Zähne, die ihm noch geblieben sind, so ist es mit jener feinen Miene,
die mehr einem Diplomaten hätte angehören können, allerdings einem Diplomaten
aus der alten Schule, jener, die noch am Wiener Congress um ein Bonmot vom
Fürsten de Ligne sich ebenso exaltiren konnte, wie unsere jetzige Diplomatie
sich nur um eine neuconstruirte Jagdflinte exaltirt. Auch des Dechanten Kinn war
ausdrucksvoll schön geschweift und länglich, die ganze Erscheinung, auch in den
weissen wohlgepflegten Händen, entschieden vornehm und aristokratisch; ja, statt
des kleinen weissen Streifens unter der schwarzen Halsbinde hätte ebenso gut ein
blaues oder rotes Band irgendeines Comturkreuzes hervorschimmern können. An
den schöngeformten Schläfen, an der Stirn und dem Scheitel konnte man Geist und
Phantasie erkennen. Nur ein etwas zu weicher, ja schlaffer Zug am Munde verriet
Bequemlichkeitsliebe, ein bekanntes Erbübel alter Garçons, vornehmlich derer von
der langen Robe.
    Seiner geistigen Richtung nach gehörte Franz von Asselyn zu den wenigen noch
Ueberlebenden aus der Zeit Wessenberg's, der sich damals, als das gesammte
Vaterland für alle seine Lebensbezüge eine Vereinigung träumte und sich diese
ehrlich verdient hatte durch die Jahre der Napoleonischen Knechtschaft, verdient
durch den Aufschwung der Befreiungsjahre, auch für die katolische Kirche
»Reformen« möglich gedacht hatte. In jener Zeit hätte Franz von Asselyn rasch
emporsteigen können zu einem Bistum; er hätte jetzt Erzbischof sein können;
denn waren auch die drei Brüder von Asselyn, Franz, Friedrich und Max, an Gütern
nicht gesegnet, hatte jener den Priesterstand, Friedrich die Beamtencarrière und
Max die Bewirtschaftung der wenigen und nach seinem frühen Tode ganz
veräusserten Besitztümer der Familie gewählt und traten sie dabei ohne andere
Ausstattung als die ihres Herzens und ihrer Bildung in die Welt, so fehlte es
doch an Verbindungen nicht. Franz liess sich, nach einer lebhaften Anteilnahme
an der »westfälischen« Zeit und einem damals häufigen Einspruch auch auf Schloss
Neuhof, wo er in der Tat Frau von Gülpen kennen gelernt hatte, in der
Friedenszeit eine gute Pfründe genügen, das Dechanat zu St.-Zeno. Obgleich in
einer wenig freundlichen Gegend gelegen, war sie doch die einträglichste und
reichstdotirte auf fünfzig Meilen im Umkreise. Man würde sie, wie alle diese
Stifter, wenn nicht nach dem Wiener Congress säcularisirt, doch in ihren
Einkünften beschnitten haben, wenn nicht von alten Tagen her die deutschen
Kaiser auf die alte Katedrale ein Patronatsrecht gehabt hätten, das infolge
eines damals von Franz von Asselyn entwickelten ausserordentlichen Eifers auf das
Haus Oesterreich übertragen wurde. So erhielt sich die Dechanei zu Kocher am
Fall in ihren alten Einkünften, während die Amtsverpflichtungen sich nur auf den
Kirchendienst beschränkten; denn zum wirklichen, der Bureaukratie
verantwortlichen Dechanten machte man später den Stadtpfarrer eines benachbarten
Ortes, nachdem eine kurze Zeit hindurch Franz von Asselyn die wirkliche
Superintendentur verwaltet und über Geburten, Hochzeiten, Sterbefälle,
Disciplinarvergehen, Kirchenbauten und Reparaturen, Verbrauch von Wein, Brot,
Oel, Wachs u.s.w. an die Regierung seine Berichte gemacht hatte. Es war freilich
nur ein kurzer hitziger Anlauf gewesen. Franz von Asselyn war seiner Unfähigkeit
zu solchen Relationen schon damals inne geworden, als ihn der kurze, befehlende
Ton der Regierungsbescheide verletzte. Sowol sein »freiherrlicher« Sinn wie der
dem Priester mit der ersten Weihe eingepflanzte Stolz, der bei manchem
bekanntlich in Hochmut übergehen kann, konnte sich in diese Erlasse, in die
Form dieser Fragen und Antworten nicht finden. Als er im Unmut über den
officiellen Regierungsstil einmal fast gegen ein Viertelhundert Briefe im
Zeitraum von zwei Monaten gar nicht geöffnet hatte und ihm doch über die Dinge,
die er nun versäumte, über die Menschen, die er durch die Nichtbeachtung ihrer
Angelegenheiten in die peinlichste Not versetzte, zuletzt so himmelangst wurde,
dass ihm die Briefe in Gestalt händeringender Weiber und Kinder Nachts am Bette
erschienen und er nicht mehr schlafen konnte, da schickte er sämmtliches
aufgehäufte Material an den damaligen Kirchenfürsten der Provinz mit der Bitte,
ihn vor dem hohen Gubernium zu entschuldigen oder ihm wenigstens für sein
kurzgefasstes Mittel, sich nicht ärgern zu wollen, die möglichst lindeste Strafe
zu erwirken. Der damalige Kirchenfürst war im Sinne der Regierung gestimmt, doch
nicht ohne Wohlwollen für seine Angehörigen; so erfolgte eine friedliche
Vermittelung. Die Dechanatsgeschäfte wurden dem Freiherrn Franz von Asselyn
einfach abgenommen gegen eine Vergütung an seinen Stellvertreter.
    Der nominelle Dechant war indessen bei alledem doch feinen freiern
Anschauungen über die Stellung der Kirche zur Religion, Wissenschaft und zum
Vaterlande nicht untreu geworden. Für die jetzt angebahnte mittelalterliche
Reaction fehlte ihm alle verwandte Gemütsstimmung. Er sah sogar etwas in ihr,
dem der Stolz und die dynastische Treue des deutschen Adels sich fern halten
sollte. Er mochte nicht den Protestantismus, hätte aber gern eine katolische
Kirche gehabt, in der Licht und Aufklärung, alle Künste und Wissenschaften, die
den Menschengeist, vorzugsweise den deutschen, ehren, Platz behalten hätten.
Diese Gesinnung mit Eifer zu verfolgen, für sie zu kämpfen, zu leiden, dazu
fehlte ihm leider der Aufschwung. Er begnügte sich, seinerseits das zu sein und
auch zu scheinen, was er war. Er liess sich die Minerva nicht von seinem Ofen
wegnehmen, bis des Winters, wenn geheizt wurde. Dass es darüber Anfeindungen gab,
verstand sich bei der zunehmenden Liebe zur Dunkelheit und Angeberei von selbst.
Einstweilen versöhnte er die Gegner durch sein edles Herz. Seine Wohltätigkeit
war grenzenlos und wenn man an seiner Rechtgläubigkeit zweifelte, konnte er
sagen: Ich erzog euch ja einen Heiligen und wer weiss ob nicht ausserdem noch
einen St.-Georg, wenigstens einen vorm Appell- und Cassationsgerichtshofe! Er
meinte Bonaventura und Benno, die er beide hatte ausbilden lassen und wie seine
Söhne liebte.
    Diese Äusserung hatte der Dechant auch noch heute wiederholt getan, als er
bei seinem immer gewählten, heute sogar festlich gewesenen Tische mitten unter
Donner, Blitz und Regen mehrere der tonangebenden Geistlichen der Umgegend zu
Gaste hatte. Mit Einschluss der Frau von Gülpen, seiner nunmehr schon fast der
»goldenen Hochzeit«, wie er oft scherzte, sich nähernden Wirtschaftsführerin,
hätte die Tafel beinahe aus dreizehn Personen bestanden. Sein alter Diener, der
Sternseher - er hiess Joseph Windhack und hatte einst bei einem tüchtigen Lehrer
der Astronomie, einem österreichischen Exjesuiten in Wien, seine Carrière im
Dienen und im Sternsehen begonnen -, hätte diese Herausforderung der
Schicksalsmächte ebenso wenig geduldet wie Frau von Gülpen. Es waren an die
immer offene Tafel des Gastfreiesten der Gastfreien heute statt neun elf
geistliche Herren gekommen, unter ihnen sogar ein Mönch. Jetzt blieb der Oberst
von Hülleshoven, der mürrische Sonderling, aus. Nun half nichts, Frau von Gülpen
musste die zwölf Herren allein lassen und sich von der Tafel ganz zurückziehen,
wodurch sie insofern einen Vorteil gewann, als sie desto umsichtiger erstens
die Ordnung der verschiedenen Gänge dirigiren und zweitens die gerade zwischen
einem pikanten Hors d'oeuvre und dem Rindfleisch ankommende Lucinde empfangen
konnte.
    Auf eine kurze Vorbereitung und erst einleitende Anweisung für ihre Stellung
war Lucinde gleich in dem oben citirten Briefchen angewiesen gewesen. Dass diese
so kurz ausfallen würde, hätte vielleicht Petronella von Gülpen selbst nicht
geglaubt; denn Lucinde war über die Aehnlichkeit der Gesellschafterin des
Dechanten mit ihrer alten verschollenen »Frau Hauptmännin« sogleich wie
sprachlos geworden, hatte allem zugestimmt und sich nur erst auf ihrem Zimmer zu
sammeln gesucht ...
    Das Diner war vorüber. Der Dechant erschöpft von Tischgesprächen, wie er sie
nicht liebte. Hatten diese Collegen sich heute nicht gerüstet zu der Conferenz,
die Nachmittags beim Stadtpfarrer stattfinden sollte, als gält' es einen
Wettkampf mit den Kriegsmanövern! Es waren nicht einmal die Zeloten, die der
Dechant bei sich sah, aber alle standen unter dem Druck der Eiferer ... und der
Mönch, ein Franciscaner, den einer der Herren mitgebracht hatte, war einer der
berühmtesten unter den Drängern und Stürmern und ein geistvoller Mann dazu. Wie
griff das alles den Dechanten an, ihn, der die Gewohnheit des alten
Exjesuitenschülers, seines einst aus Wien mitgebrachten Dieners, Joseph
Windhack, Abends auf einer Plateforme des Schlösschens sich um den Lauf und die
Stellung der Gestirne zu bekümmern, so gern zum Anlass nahm, von ihnen beiden zu
sagen, dass sie ja überhaupt mehr im Sirius lebten als auf dieser kleinen Erde,
dieser Tellus, die nicht einmal ein eigenes Licht hätte, sondern das ihrige von
der Sonne und dem armseligen Monde borgen müsste, ja dass die Sonne wieder ein
Fixstern untergeordneten Ranges wäre und mit dem Sirius in gar keine
Vergleichung kommen könnte, welcher Sirius wiederum seinerseits ... Weiter ging
er wenigstens in seinen Ketzereien heute an der Tafel nicht, wo das Gespräch auf
den Sirius gekommen war und den Mönch veranlasst hatte, über die Kassiopeia und
die Farbe der Sterne überhaupt zu sprechen, worüber sich Windhack beinahe
vergessen und beim Serviren ins Gespräch gemischt hätte.
    Bis zur Conferenz beim Stadtpfarrer, wo der Dechant nicht fehlen durfte,
hatte es noch einige Zeit ... Nach dem Diner waren die Gäste entlassen worden,
weil sie den Kaffee beim Stadtpfarrer nehmen sollten. Der Dechant hatte ein
wenig in seinem Voltaire geschlummert, hatte den süssen, weichen Lindenduft
eingeatmet, hatte das Zwitschern der Vögel belauscht und den Pfau vom Simse
oben auf die untern Vliesen gejagt, diesen Lolo, den er nur Frau von Gülpen zu
Liebe duldete; denn Lolo war ein gar böser Vogel, wie alle Pfauen. Eitel von der
hohen Büschelkrone bis zu den bunten Augen seines Schweifes hinunter, fuhr er
herzlos auf alles Lebendige zu, dem er nur irgend mit seinem krummen Schnabel
beikommen konnte. Ein unsteter Nachtunhold, hielt er nie sein Nest im geräumigen
Hofe inne, sondern hatte Lagerstätten überall, oben auf Windhack's Sternwarte,
beim Hühnerstall, in der Nische eines steinernen Marienbildes, an den
Eingangssäulen des Portals, auf einem Zweige da, in einer Hecke dort. Lolo war
ein Nachtschwärmer, über den der Dechant in mancher schlaflosen Nacht oft bitter
seufzen musste, mehr noch als über das allgemeine Weh der Welt, bis er regelmässig
bei solchen Störungen doch zuletzt ärgerlichst an die spanische Wand klopfte und
der in Sorge um den Lolo nebenan noch wachen Petronella von Gülpen zurief: Aber
liebste, beste, teuerste Freundin! Was hat denn nur Ihr verfluchter hoffärtiger
Satan heute Nacht schon wieder vor? Gewiss wieder nichts als Zorn und Aerger auf
die Hennen, die still und sanft über ihren Jungen sitzen! ... Dann pflegte Frau
von Gülpen seufzend zu erwidern, der Lolo gräme sich, weil er im grünen Parke
allein leben müsse ... Der Dechant entgegnete aber: Ei, der niederträchtige Kerl
mordet uns ja jedes Weibchen, das wir ihm schon bei allen Gutsbesitzern der
Umgegend bald erbettelt, bald mit schwerem Gelde erkauft haben! Glauben Sie
mir's, beste Freundin, um das Glück der Ehe würdigen zu können, ist der Mensch,
wollt' ich sagen der Vogel zu lange Cölibatär gewesen! Gerade wie bei uns! Heben
Sie heute das Cölibat auf, ich glaube, wir heiraten gar nicht einmal! ... Frau
von Gülpen war dann, statt auf solche Blasphemieen schlafloser Verzweiflung zu
antworten, gewöhnlich schon in ihrer Kontusche, hatte die Fenster geöffnet und
sprach in die finstere Nacht hinaus mit dem auf einem Baumzweige wach sitzenden
und vielleicht, wie der Heine'sche Fichtenbaum, von seiner eigentlichen
Gangesheimat, wo eben allerdings die Mittagssonne hellglänzend in die Kelche der
Lotosblumen schien, träumenden Vogel sanfte und still begütigende Worte.
    Trotz solch schrecklicher Nachtreden war aber der Dechant die Sanftmut und
Herzensgüte selbst und am Tage von den gewähltesten Ausdrücken.
    Zur Bestätigung dessen hätte man nur seine zierlichen Billetchen zu lesen
brauchen, z.B. die Zeilen, die er schon heute früh geschrieben hatte, um vom
eigengezogenen Obst des heutigen Desserts ein Körbchen voll an Frau Majorin
Schulzendorf (die Gattin des Chefs unsers braven Wachtmeisters Grützmacher) zu
übersenden. Unter einem Briefbeschwerer von Achat lagen die beantworteten, unter
einem andern von Marmor die noch zu beantwortenden Briefe. Das waren allerdings
keine »Regierungsschinken«, wie sie gewöhnlich genannt und früher zum Räuchern
gleichsam in den Schornstein gehängt wurden: zierliche, duftende Billetchen
waren es, und manche darunter weit her und hin, besonders aus und nach Wien, das
er alle drei Jahre zu besuchen verpflichtet war.
    Heute fesselte ihn ein Brief, den er lange in der Hand behielt ...
    Es war eine vor Tisch erst empfangene Antwort ...
    Er hatte an einen geistlichen Freund geschrieben, der sich mit dem Ausdeuten
von Handschriften beschäftigte und darin ebenso viel Vergnügen fand, wie
seinerseits der Dechant in seiner Kupferstichsammlung, seinen Gemmen und den
Altertümern von Herculanum, Pompeji, Babylon, Ninive, die er alle um sich
breitete und in Dutzenden von Mappen sammelte.
    Diesem Freunde hatte er einige Zeilen einer Handschrift vorgelegt, die ihm
vor einigen Wochen in einem anonymen Briefe mit mehreren Poststempeln aus dem
Canton Tessin in der Schweiz, aus Chur in Graubündten, aus Lindau am Bodensee
zugekommen war ...
    Der Chirogrammatist schrieb ihm, die bezeichnete Handschrift wäre eine
verstellte und gehöre einem Manne an, der mindestens fünfzig Jahre zählte, einen
melancholisch-phantastischen Charakter hätte, niemals Börsengeschäfte zu machen
im Stande wäre, im Jahrhundert des Yankeetums sich unheimisch fühlte, am
liebsten in einer kleinen verschwiegenen Villa am Lago di Lugano, am Fusse der
Alpen oder in einem düstern Eichenwalde in den Tälern Piemonts wohnen könnte,
einem Manne endlich, der, wenn er ein Feldherr gewesen wäre, wie Cincinnatus
hinterm Pfluge die Gesandten würde empfangen haben, die ihm das Consulat bringen
wollten, einem Manne, der, wenn er ein Fürst wäre, doch wie Dionysius nach
seinem Sturze in Korint einen Schulmeister hätte spielen können, einem Manne,
der Staaten lenkte und dabei junge Mädchen unterrichtete im Griechischen,
Hebräischen, auch wohl Abends beim Tee mit einer Schere zierlich ausschneiden
könnte ... wie dergleichen Tatsachen die Handschriftdeuter bis zur Beantwortung
der Frage, ob der betreffende Schreiber gern auch Sauerkraut ässe und die
unlöbliche, doch vielen grossen Geistern eigene Gewohnheit hätte, sich die Nägel
zu kauen, herauszubringen wissen.
    Ja, der Correspondent trieb seinen Scherz noch weiter. Der Dechant las, dass
der anonyme Briefschreiber »Werter's Leiden« auswendig wüsste, keinen Monat bis
zum Dreissigsten mit seiner Gage auskäme und sich in jeder Stadt gefallen würde,
nur in keiner, die zu gleicher Zeit Festung wäre oder an einem schiffbaren
Flusse läge ...
    Und nun zog der Dechant, lächelnd und kopfschüttelnd, aus einem der
Schubkästen seines Mahagoni-Schreibbureau einen Brief, an dessen vielfach
gestempeltem Couvert man die Veranlassung dieser chiro-und einfach romantischen
Deutungen und Ahnungen erkannte.
    In anonymen Briefen liegt, wenn sie uns nicht aus feigem Versteck mit
Grobheiten regaliren oder die Ansicht eines einzelnen Dummkopfs zu einem »Es
geht das Gerücht« aufblasen, ein eigener Reiz, zumal wenn sie, wie dieser, ein
verschwiegenes Abenteuer provociren, ein Stelldichein, das freilich in dem
vorliegenden Briefe aus dem Canton Tessin in der Schweiz (so gern der Dechant
alle drei Jahre an die Ufer der Donau reiste und sich in seinen
»St.-Zeno-Angelegenheiten« einige Monate lang von den Wirbeln und Strudeln des
wiener Lebens wie der Jüngsten einer und dann ohne alles Uebergewicht treiben
liess - Frau von Gülden blieb daheim -) etwas beschwerlich war und über das
ohnehin im Dunkeln gehaltene Alter des Dechanten hinauslag.
    Der anonyme Brief hatte gelautet und lautete immer noch, wie er ihn auch
kopfschüttelnd betrachtete:
                           Sub sigillo confessionis.
    Fiat lux in perpetuis! Quando quis tibi occurrit fidei romanae sacerdos, qui
...
Oder geben wir die Uebertragung:
        Unter dem Siegel der Beichte. Es werde Licht in Ewigkeit! Sollte Ihnen
        ein römischer Priester bekannt sein, der nicht den Tod eines Huss,
        Savonarola, Arnold von Brescia scheuen würde, um unsere Kirche von ihren
        Fehlern zu reinigen, so teilen Sie ihm unter dem Siegel der Beichte
        mit, dass sich am 20. August 18** unter den sogenannten Eichen von
        Castellungo zwischen Coni und Robillante am Fuss des Col de Tende aus
        allen Teilen der Welt eine Versammlung gleichgesinnter Freunde und
        Wetteiferer um die Ehre unsers neuen Martyriums einzufinden gedenkt. Es
        werde Licht in Ewigkeit!
    Als schon vor längerer Zeit der Dechant diese rätselhaften Zeilen erhalten
hatte, war seine erste Regung keine wie über einen Scherz gewesen. Er hatte
wirklich eine Religion, den Aberglauben. Es gab ganz wichtige Dinge, deren
Ausführung er von der geraden oder ungeraden Zahl seiner Rockknöpfe abhängen
liess. Die Ferne, die Zumutung an sich, ein mit so vielen Stempeln versehener
Brief, alles das machte ihm einen geheimnisvollen Eindruck, ja in dem Briefe lag
etwas, was ihn im ersten Augenblick erschreckte. Nicht gerade die Züge der
Handschrift erinnerten ihn an seinen teuren Bruder Friedrich, doch der
schwärmerische Geist des Inhalts. Später legte sich der erste Reiz dieser
Zuschrift. Die gewohnte Bequemlichkeit sagte ihm: Dieser Briefschreiber ist
entweder ein Narr oder es liegt dem Ganzen eine Fopperei zum Grunde! Man weiss
sehr gut, dass ich am wenigsten Lust habe, einen Scheiterhaufen zu besteigen,
selbst wenn ich bis zu dem Versammlungstage neunzig Jahre zählen würde, wo ich
mir vielleicht aus der Krankheit nichts mehr machen würde, an der ich stürbe!
»Aus allen Teilen der Welt!« Auch aus dem Sirius? ... Der Dechant besass von
allen irdischen Dingen die Meinung, dass sie sich ganz von selbst machen müssten,
wie die Gletscher, die sich seit Jahrtausenden aus kleinen Zufälligkeiten der
Lokalität und Atmosphäre bilden und still und unhörbar von Jahrhundert zu
Jahrhundert fortschieben und die Gestalt verändern ... Er nahm dann später an,
dass sich's, der Briefschreiber ein schreckliches Geld hatte kosten lassen,
diesen oder ähnlich abgefasste Briefe an hundert andere zu schicken ... Er
schonte das Geheimnis, er nahm an, dass es ihm in der Beichte mitgeteilt war,
und horchte, hierhin und dortin, ob nicht aus den Gesprächen seiner Amtsbrüder
Anklänge an diese auch an sie ergangene Einladung sich heraushören liessen;
indessen war ihm nichts aufgestossen. Das hatte ihn dann wieder aufs neue
erschreckt und zu der Nachforschung bei dem Freunde veranlasst, den er die
Handschrift aus einigen auf dünnem Papier nachgepausten Worten beurteilen liess
... Erst heute war ihm aber doch wieder die Ahnung gekommen, als wüssten wohl auch
andere um den Brief. Zufällig war der 20. August erwähnt worden, der Tag des
heiligen Bernhard von Clairvaux, - einige Fanatiker, unter ihnen der
Franciscanermönch, tadelten an diesem gelehrten und gottseligen Teologen sein
gegen das unbefleckte Geborenwordensein auch der Mutter Gottes abgegebenes
Votum, - er sah bedeutungsvoll im Kreise um, er forschte auf den Mienen; aber
selbst als während des Gewitters und vor dem Essen der Speisesaal zu dunkel
wurde und der alte Windhack an den Fenstern die Vorhänge höher hinaufzog mit den
harmlosen Worten: Fiat lux in perpetuis! achtete von den Anwesenden niemand der
von Windhack's Seite nur zufällig gegebenen Anspielung weiter, als die
Anerkennung der übrigens schon bekannten Bildung des alten Bedienten mit sich
brachte. So fiel denn wieder die Frage schwer auf sein Inneres: Wer hat nun
gerade dich erkoren, einen solchen Märtyrer aufzusuchen? Kennt man die
Hoffnungen, die wir alle auf Bonaventura setzen? ... Dann musste er sich freilich
sagen, dass Bonaventura zu einer Richtung gehörte, die an Rom irgendetwas ändern
zu wollen für leere Freigeisterei hielt.
    Wie der Greis so sann und sann, gesellte sich allmählich zu dem Zwitschern
der Vögel noch das Geräusch eines über die Teppiche des Fussbodens im Zimmer
selbst still hin und wieder Wandelnden.
    Es war Windhack, der vor einigen Stunden das Fräulein Lucinde Schwarz
empfangen hatte.
    Wollte das kleine graue Männlein, dem eine spitze Nase und eine stark
gewölbte Stirn das unverkennbare Gepräge eines ins Detail gehenden Forschers
gaben, sich lieber mit der Tatsache beschäftigen, dass in diesen gegenwärtigen
Augustnächten die reichste Ausbeute von Sternschnuppen zu erwarten war, oder
unterstützten sein stark gerötetes Antlitz und gewisse klare, glückselige
Augen, die auf einen gründlichen Verwahrer der übrig gebliebenen Weinreste des
Diners schliessen liessen (dass die dem Keller des Dechanten zu übergebenden Weine
vorher gründlichst durchkostet und kennerhaft geprüft waren, gehörte nächst der
Haarwuchsbehandlung des Hauses und aller Freunde desselben zu den unbestrittenen
langjährigen Vorrechten des alten Exjesuitenzöglings), wir sagen, unterstützten
diese äussern Merkmale seine Kritik des, wie das ungeduldige Männlein sich
äusserte, »überstandenen« Diners oder schmunzelte und lächelte er darum so
behaglich, weil ja nun Frau von Gülpen's neueste »Nichte« angekommen wäre ...
Genug, er begann sich bemerklich zu machen und wie ein guter Diener ganz leise,
ganz nur zufällig, nicht etwa hereinplatzend und die Stille der Betrachtung
seiner Herrschaft störend. Er brachte eine Zeitung, griff dann nach einem an dem
Porzellanofen hängenden eleganten roten Staubwischer und wedelte sanft über die
Minerva hin, über den Guido Reni, über die Kupferstichmappen, mehrere nach
hinten versteckte und jetzt erst sichtbare Carlo Dolces und einige noch etwas
mehr versteckte und von freistehenden Bücherrepositorien verborgene Torsis alter
heidnischer Erinnerungen, zu denen selbst die Venus von Milo gehörte.
    Der Dechant wusste nun, dass Windhack etwas zu melden hatte.
    Hm! sagte er. Schon fünf? Zeit zur Conferenz?
    Noch eine Viertelstunde, Herr Dechant!
    Das Getrommel in der Stadt wird die ganze Nacht dauern ...
    Hier hören Sie's ja nicht!
    Benno angekommen?
    Doch wohl ...
    Hedemann?
    Gesund und munter! Auch der junge Tiebold de Jonge -
    Und -?
    Assessor von Enckefuss ...
    Armgart nicht?
    Nein, aber das Fräulein ...
    Welches Fräulein? Ah! besann sich der Dechant. Und?
    In diesem Und lag viel, sehr viel, und wenn man will lag in dem lächelnd
wiedergegebenen: Je nun! des alten Dieners fast noch mehr. Es lagen zwei
Lebensgänge in diesen Worten. Einer durch die schönen Tage auf Schloss Neuhof
unter den Tänzerinnen, Sängerinnen, Marquisinnen und Vicomtessen des
Kronsyndikus bis nach Wien und Paris ... Der andere Lebensgang von da zurück in
diese stille Klause hier zu Kocher am Fall, einer Stadt an einem Bergstrome, der
wie von einem ungeheuern Sarge hierniederzugleiten schien.
    Und eben wollten beide ihr Und? und ihr Je nun! auf die ihnen geläufige
Weise erläutern und ausführen, als eine leichte, unsichtbare und auch fast
unhörbare Rollentür in der Tapete aufschnurrte und Frau von Gülpen eintrat.
    Auch Frau von Gülpen machte die Anzeige, dass Fräulein Schwarz angekommen
wäre und dem Dechanten ihre Aufwartung machen könnte ...
    Petronella von Gülpen war allerdings die jüngere Schwester Brigittens von
Gülpen, der bereits im Jahre 1809 auf Schloss Neuhof enttronten Beherrscherin
des Kronsyndikus. Beide Schwestern gehörten einem Familiensystem an, das sich
durch Jahrhunderte in der Nähe geistlicher Sitze in einer Weise fortgepflanzt
hat, die, wie man von einem Fahnenadel spricht, ebenso von einem Krummstabadel
sprechen liesse. Es ist immer eine und dieselbe Familie, wenn auch die Namen
wechseln. Die weiblichen Bestandteile dieser Familie sind diejenigen, auf
welche es am meisten ankommt; die dazu nötigen Männer sind mehr zufällig und
die Verbindungen schliessen sich oft geheimnisvoll und unerklärlich. Die Mutter
der beiden Schwestern von Gülpen war die Wirtschafterin eines Fürstabts; ihr
Vater war ein Unteroffizier Friedrich's des Grossen gewesen, der in der aus
hundertzwanzig Mann bestehenden Armee des Fürstabts eine Stellung als Lieutenant
gefunden hatte. Ueber Witoborn, eine Priesterstadt, hinweg waren sie auf Schloss
Neuhof gekommen, Brigitte als die Aelteste und eine ganz in der Schule eines
ehemaligen Unteroffiziers Erzogene, Petronella um zehn Jahre jünger und
allmählich zur Freundin des Dechanten erkoren und demzufolge von einem höhern
Aufschwunge der Bildung, ja mit den Jahren sogar teilhaftig geworden aller
Feinheiten eines in solchem Grade gewinnreichen Umgangs. Tyrannisirt von ihrer
Schwester, war sie früh ebenso zum leidlich Guten geartet, wie es jene zum
Schlechten war. Der schon 1803 säcularisirte Fürstabt, ihr Vater, wir meinen ihr
Landesvater, hatte nichts für sie tun können und den ehemaligen Unteroffizier
Friedrich's des Grossen hatte schon in der Reichsarmee, die 1793 gegen die
Sansculotten zog, noch vor der Kugel eine zu volle Ladung jungen Weines in
irgendeinem geistlichen oder weltlichen, jedenfalls neutralen Keller getödtet
... Seit Jahren waren beide Schwestern voneinander getrennt. Obgleich sie sich
hassten und nichts voneinander wissen mochten und jetzt wohl auch kaum noch etwas
wussten, hatten sie doch manches gemein. Petronella musste man nur in jenen
nächtlichen Augenblicken sehen, wo sie, in der Kontusche, mit einer
spitzenverzierten Dormeuse über die ganze Stirn und einer das Kinn fast
einhüllenden weissen Tüllbandschleife, dem unsteten Lolo Worte der Liebe und'
Beruhigung sprach; man musste sie sehen bei den vielen andern tagscheuen
Gelegenheiten, z.B. da, wo sie, allerdings höchst liebevoll, den Schwächen aller
geschaffenen Kreatur zu Hülfe kam ... Frau von Gülpen würde, das ist wahr, keine
Barmherzige Schwester abgegeben haben für ein grosses Spital von allerlei
wildfremden Schneidergesellen oder vom Gerüst gefallenen Maurern und
Zimmerleuten; dazu hätte es ihrem jetzt so vornehmen Sinn und ihrer Neigung für
Exclusives durchaus an Stimmung gefehlt ... sie begriff nie - und sagte das auch
-, wie es jetzt wieder Gräfinnen und Personen von Distinction geben könnte, die
ganz so wie im »Altertum« unter die Barmherzigen Schwestern träten und für
allerlei »fremden, unsaubern Pövel« Kamillentee und Haferumschläge machten und,
wenn »dergleichen Bagage« gestorben wäre, sogar deren Leichen wüschen ... aber -
bei einem einzelnen Herrn, bei einer geliebten Persönlichkeit, und wäre diese an
Bedürfnissen selber ein ganzes Spital, ein Sàcré Coeur oder eine lebendige
Charité gewesen, da konnte sie sich den schwierigsten Pflegen des menschlichen
Leichnams unterziehen. Da gab es kein Seitenstechen, für das sie nicht eine
passende Flanellreibung gehabt hätte, kein Magendrücken, dem sie nicht
Erleichterung durch irgendeinen Tee verschafte, keinen Frostballen, dem sie
bei verschlossener Tür und die Brille auf der Nase nicht sogar eigenhändig mit
einem scharfen Messer, wenigstens an der sterblichen Hülle des Dechanten, zu
Leibe gegangen wäre. Nur mussten die Menschen, denen sie die edeln
Liebesratschläge widmete - die Liebeswerke gehörten lediglich nur dem Dechanten
- zu dem Kreise ihrer nächsten Beziehungen gehören. Sie mussten durch Distinction
und Namen in der Gesellschaft eine Stellung einnehmen. Es war das schöne
Lebensprincip der Frau von Gülpen, dass Natürliches niemanden schände und um so
weniger schände, als es einmal im Plane der Schöpfung gelegen hat, den Menschen
aus einem höchst erbärmiglichen Stoffe zu bilden, einem Stoffe, der bei jedem
schönen Abendspaziergang sich eine Erkältung und von der wohlschmeckendsten
Trutahnpastete eine Indigestion zuziehen kann. Den Lebensberuf der Frauen fand
diese Dame darin, dass sie für die Männer, die sie lieben, in einem ewigen Kampfe
gegen die Unzulänglichkeit von »Kraft und Stoff« liegen sollten. Ihre Waffen
waren dabei ein Arsenal von Leibbinden, Wärmsteinen, Fusssäcken, Kräuterkissen,
Senfteigen, Teevorräten aller Art, sowol schweisstreibender, wie beruhigender,
luftfördernder und luftemmender Art, nicht eingerechnet die vielen Pillen,
Pulver, Tropfen und noch unausgeführten Recepte, die sie zu häuslichen
Vorkommnissen sich aus guten gemeinnützigen Schriften oder aus bewährten
klösterlichen oder Familientraditionen niederzuschreiben pflegte, selbst für
Fälle, die nur in der Möglichkeit lagen, z.B. die Hundswut. Aber die
erschaffene Kreatur auch in ihrem behaglichen Befinden hatte in Frau von Gülpen
ihre treueste Beförderin. Man musste sie sehen an jedem Montag bei der grossen
Revision der alten und neuen Wäsche; an jedem Dienstag unter den Nähterinnen,
die sie, ein liebes Mädchen, Treudchen Lei, an der Spitze, flicken und stopfen
liess; an jedem Mittwoch auf dem wichtigen Mittwochmarkte zu Kocher, wo sie mit
der prüfenden Uebersicht eines Feldherrn die vorhandenen Vorräte an Wild und
Geflügel musterte; an jedem Donnerstag, wo es regelmässig in der Dechanei ein
Diner gab; an jedem Freitag, wo die heilige Fastenordnung und ihre specielle
intimste Vertrauteit mit der Kunst des Backens und der höhern Fischsaucen sie
fast selbst zur Köchin machte; an jedem Sonnabend, wo sie dafür zu sorgen hatte,
dass sie nur selbst obenauf blieb und nicht krank wurde, aus Angst, dass es der
Dechant werden könnte, der an diesem Tage früh die Schulen zu inspiciren hatte
und dann oft von drei Uhr Nachmittags bis spät Abends im Beichtstuhl
festgehalten wurde und trotz aller Vorsichtsmassregeln, trotz Fusssack, Pelz und
Kohlentopf im Winter, nach Hause immer so ermüdet kam, so geistig
durchschüttert, so von der hochwichtigen Function des Anhörens fremder
Seelenbekenntnisse um alle eigene Lebensstärke gebracht, dass er erklärte, nur
die schönste, seelenvollste Musik in einem Nebenzimmer, eine Musik wie von
Seraphshänden gespielt, könnte ihn wieder in den Zusammenhang mit Gottes
harmonischer Weltordnung bringen! Essen konnte der Dechant Sonnabend Abends
nichts. Denn, sagte er, von dem, was ein katolischer Priester alles in der
Beichte zu Gehör bekommen muss, würde wenigstens ihm immer so weh und schlecht
ums Herz, so tief jämmerlich um Seele und Magen herum, so vollständig und
unendlich satt zu Mute, dass er dann nur Appetit nach Himmelsspeise haben
könnte, nach Eliaskost, von Raben oder geradezu Engeln oder sonstigen Boten
Gottes credenzt ... Glücklicherweise kam darauf immer der stolze, feierliche,
hochherrliche katolische Sonntag mit seinen brennenden Lichtern, mit seinen
gestickten Messgewändern, mit seinem duftenden Weihrauch, mit seinem erhebenden
Orgelton, seiner sichern jahrtausendjährigen Regelmässigkeit ... Der hob, der
tröstete, der erquickte ihn dann wieder ... Wenn er auch durch vierzigjährige
Gewohnheit das Heiligste verrichtete, ohne davon eine andere Vorstellung zu
haben, als die eines Traumes, geträumt mit wachem Auge, so fing er denn doch am
Sonntag Abend wieder an sich Mensch und von dem Ernst des Lebens minder
schmerzhaft berührt zu fühlen.
    Jene Sphärenmusik aber, jene Lücke am sonnabendlichen Tee, die die gute
Frau von Gülpen nicht ausfüllen konnte, jenes Bedürfnis nach Eliaskost war die
Veranlassung, dass seine treue Freundin in fernen Gegenden eine so weit
verbreitete Verwandtschaft hatte. Seit dreissig Jahren sagte man zu Kocher am
Fall, dass die nie schöne, aber immer wohlgesinnt gewesene »Seitenverwandte der
Asselyns« für die Ihrigen doch auch das mildeste Herz von der Welt hätte. Eine
Nichte nach der andern zog sie an sich, sorgte, wenn sie nicht gleich beim
ersten Eindruck misfiel und oft schon nach vierundzwanzig Stunden abreiste, für
deren Ausbildung, liess sie in der Dechanei wohnen und verschafte ihr den Schutz
und den Beistand des wohlwollenden und gütigen Herrn, dessen Pflege sie ohne
höhere Ansprüche für sich selbst und mit einer in der Tat klösterlichen
Entsagung seit so langen Jahren schon übernommen hatte. Nur böse Zungen waren
es, die da behaupteten, dass die Familie der Frau von Gülpen merkwürdigerweise
einen höchst unbestimmten Typus hätte. Denn bald wären die Nichten aus einer
blonden, bald aus einer braunen Seitenlinie, bald hätten sie schwarze, bald
blaue Augen, bald gehörten die Nasen dem griechischen Profil an, bald sässen sie
mit zierlichem Trotz stumpf auf Gesichtern, die indessen alle, das blieb
unbestritten, hübsch waren. Mesalliancen gab es in dieser weitverbreiteten
Familie der Gülpens leider sehr viele, denn einige »Nichten« trugen adelige,
andere nur bürgerliche Namen. Darin aber waren sich alle gleich, dass sie
erstens, wenn sie länger als einige Wochen blieben, sämmtlich anmutig, zweitens
gebildet, drittens musikalisch sein mussten, viertens dass keine länger bei der
Tante blieb als zwei Jahre. Ueber letztern Umstand gingen verschiedene Gerüchte
... Die einen behaupteten, für ein geistliches Haus hätte ein längeres
Verweilen, da alle ohnehin mit der Absicht kamen, nur die Tante auf einige Zeit
zu besuchen, anstössig erscheinen müssen. Die andern sagten, Frau von Gülpen
hätte mit dem Dechanten die feierliche Abrede getroffen, dass sich keine von
ihren Nichten jemals dürfte einfallen lassen, irgendwie in ihre Rechte
einzutreten, was allerdings bei einem zu langen Verweilen in der Nähe des für
alles Schöne so lebhaft empfindenden Mannes zu besorgen war. Man sagte ferner,
dass diese Trennungen oft schmerzliche Scenen herbeigeführt hätten, deren
Nachklänge der Dechant nur durch seine jeweiligen wiener Reisen vergessen zu
können vermochte ... Lucinde war etwa die zwanzigste Nichte, die schon nach
Kocher am Fall gekommen war. Ihre Vorgängerin war Angelika Müller gewesen, jene
Lehrerin, in deren Persönlichkeit entweder eine arge Verwechselung stattgefunden
hatte oder die dem, der sie empfohlen - es war nicht der Philosoph Doctor
Laurenz Püttmeier selbst gewesen -, zu sehr verklärt erschienen gewesen sein
mochte durch die Schönheit ihres Geistes und Herzens. Dennoch war Angelika
Müller bei der »Tante« sechs Wochen gewesen.
    Der Dechant verstand den eigentümlich aufgeregten und freudvoll-leidvoll
gemischten Blick seiner langjährigen Freundin, mit dem auch sie jetzt, aber tief
aufseufzend, die »neue Acquisition« ankündigte. Geschah dies doch regelmässig mit
demselben unheilverheissenden Tone, demselben Unkenruf des Mistrauens und der
Furcht vor einer solchen »wildfremden Person« wieder, der »niemand ins Herz
blicken könne«, und die sogleich bei erster Begrüssung für das scharfe Auge der
Kennerin gewöhnlich irgendeinen bedenklichen Fehler hatte. Die eine sprach ihr
gleich zu rasch, die andere zu rauh, die dritte hatte keine Lebensart, die
vierte zu viel, die fünfte war naseweis, die sechste simpel ... und schon an der
Toilette, an der Wäsche, an der Frisur konnte sie unterscheiden, wess Geistes
Kind die von aussenher, durch allerhand Vermittelungen empfohlene »Person« war
... und wenn auch eine allen Kennzeichen, die nur der Dechant verlangte, noch so
vollkommen entsprach, für Frau von Gülpen konnte sie irgendetwas, vielleicht
einen »Odeur« haben, der ihr einen »Horreur« verursachte ... kurz, der Dechant
und Windhack, beide waren die erste Verurteilung schon gewohnt.
    Regelmässig aber fanden beide hintennach bei eigener Anschauung, dass die so
verfehlt geschilderte Acquisition im Grunde »gar nicht so übel war« ... Nur
heute bedauerte der Dechant, dass er jetzt sich eilen müsste in die Conferenz zu
kommen. Ja da der neue Ankömmling nicht sogleich mit Frau von Gülpen schon
eintrat, da man erst nach Lucinde Schwarz klingeln musste, da des gefallenen
Regens wegen Frau von Gülpen auch noch auf eine warme Fussbekleidung für den
Dechanten drängte, so wurde beschlossen, die Vorstellung zu lassen bis zur
Zurückkunft. Fand sie dann auch, da sich zum Tee jeden Abend Gesellschaft auf
der Dechanei einstellte, vielleicht vor Zeugen statt, so konnte man ja dann
gerade am ehesten beweisen, dass der Besuch nur der Gesellschafterin des
Dechanten galt, nicht ihm selbst.
    Indem Windhack seinem Herrn jetzt behülflich wurde, sich zum Ausgange wärmer
anzukleiden, begleitete er die Äusserung der Frau von Gülpen, Windhack hätte sie
ja auch schon gesehen! in seinem sanften Redeton, der ihn dem Dechanten
besonders wert machte, mit den Worten:
    Ja, halt ganz wie die Berenice!
    Der Dechant wusste, dass Windhack mit dieser Vergleichung nur die Figur eines
Sternbildes meinen konnte.
    Wie so? Berenice? fragte er, eine weisse Halsbinde unter die schwarze legend,
während Frau von Gülpen aufhorchte.
    Wenn Sie sich die fünf Sterne der Berenice durch Linien verbunden denken und
den obern sozusagen als den Kopf, so kommt halt ungefähr das neue Fräulein
heraus!
    Hoffentlich, bemerkte der an solche Schilderungen gewöhnte Dechant, heisst
das nicht, dass die Dame einen Buckel hat?
    Frau von Gülpen meinte schon.
    Sie geht etwas sehr übergebeugt!
    Frau von Gülpen dachte an ihren eigenen geraden Wuchs und dass man bei etwas
Tournure selbst als Sechzigerin immer noch etwas vor der Jugend voraushaben,
könne ... Sie wusste nicht, dass die Vergleichungen mit ihrer alten Hauptmännin
Lucinden sogleich mehr als sonst in Furcht und Nachdenken versetzt hatten.
    Sonst sehr anmutig! fuhr Windhack fort. Sehr freundlich! Mit jedem schon
so, als wenn sie jahrelang mit ihm bekannt wäre! Mich hat sie gleich gefragt,
was es für Menschen im Monde gäbe? Sie arrangirt sich jetzt halt oben ihre
Kammer!
    Der Dechant verfolgte diese Andeutungen nach der Richtung hin, wie ein
derartiges neues Wesen in dem nicht immer ganz stillen Frieden der Dechanei sich
künftig wieder bewähren würde. Er erschrak, als Frau von Gülpen bereits daran
erinnerte, die Nichte wisse, dass sie nur vorläufig auf drei Tage »zum Besuch«,
d.h. zur Probe da wäre.
    Hm! Hm! sagte er, Menschen im Monde! Sie kennt also schon unsere Schwächen -
wollt' ich sagen - ja - ei - Windhack, eine Nichte, die Astronomie verstand, die
hatten wir ja wohl noch nicht? Richtig! Die Müller'n! Aber die trieb mehr
Matematik! Lieber Gott, sie war selbst wie 'ne gerade Linie! Hm! Berenice!
Hatte die Berenice nicht ein schönes, berühmtes Haar? Das Haar der Berenice!
Blond, lichtblond, wie der Name andeutet, Lucinde? Nicht?
    Mit diesen Worten schritt der Dechant schon die steinernen Treppen hinunter.
    Windhack begleitete ihn und sagte:
    Im Gegenteil, Herr Dechant! Schwarz wie die Novembernacht! ... Ein
Regenschirm ist nicht nötig, Frau von Gülpen!
    Frau von Gülpen war bis zur Hälfte der Treppe mit hinuntergegangen. Sie
blieb da stehen, wo sich eine Tür zu einem Wirtschaftsentresol befand. Dort
wollte sie noch einen Regenschirm mitgeben, den der Dechant auch ruhig genommen
haben würde. Er hätte auch einen Sonnenschirm genommen, wenn man ihm einen in
die Hand gesteckt hätte; er würde höchstens gefragt haben: Sind jetzt so kleine
Regenschirme Mode?
    Windhack begleitete ihn bis an das hohe Hausportal.
    Als er zurückkehrte, rief ihn Frau von Gülpen in die Wäschkammer und wollte
wissen, was da die zweideutigen Anspielungen mit »Berenice« hätten sagen wollen?
Die Vertraulichkeiten des Dechanten mit seinem alten Diener gingen zuweilen auf
ihre Kosten. Beim »Haar der Berenice« hatte der Dechant einen so scharfen Blick
auf ihre Frisur geworfen ... behauptete sie wenigstens ...
    Windhack erzählte mit Harmlosigkeit, dass es einst einen berühmten alten
Astronomen, Namens Kanon, und eine ägyptische Königin, Namens Berenice, gegeben
hätte und letztere hätte ihren Mann in die Schlacht schicken müssen, hätte aber
gelobt, käme er gesund heim, so würde sie den Göttern - der Venus, Frau von
Gülpen, sagte Windhack - ihre Haare opfern, d.h. in ihren Tempel stiften, wie
wir Wachskerzen stiften oder silberne Herzchen; und nun, fuhr Windhack fort,
hatte der Astronom Kanon das Haar der Berenice zwar vielleicht abgeschnitten,
aber nicht in den Venustempel abgeliefert, sondern gleich gesagt: die Götter
hätten es in die Sterne versetzt, dicht an die Mähne des Löwen - auch halt ein
Sternbild, Frau von Gülpen! - Nun wisse man nicht recht, mit wem der Kanon unter
einer Decke gesteckt hätte, vielleicht mit der Königin selbst, die ihr schönes
Haar, zuletzt nicht gern hergegeben hätte und dann so lange vielleicht die
Hauben erfand, bis es ihr wieder hätte gewachsen erscheinen können, oder mit den
Venuspriestern, die diese Haare vielleicht zu ihren Perrüken verwandten und
keine Rechenschaft hätten darüber ablegen wollen ... Kurz, wenn man den Kanon
nach dem Haar der Berenice fragte, Frau von Gülpen, so zeigte er halt immer auf
die Sterne, woher auch vielleicht mit der Zeit die Redensart: »Mondschein«
entstanden sein mag für einen ausgegangenen oder dünnen oder halt sehr kahlen -
    Genug! Genug! unterbrach Frau von Gülpen mit Entschiedenheit.
    Windhack verstand sich aufs Frisiren wohl noch sicherer als auf das Angeben
bevorstehender Mondfinsternisse. Er besorgte nicht nur die matematisch richtige
Form der Tonsur des Dechanten, sondern auch die gewellten künstlichen und so
schön kastanienbraunen Scheitel der Frau von Gülpen; jedoch so umständlich
überhaupt von Haaren zu sprechen, widersprach aller Conduite und »feinen
Lebensart« ...
    Sie suchte für Lucinden, deren grösserer Koffer erst mit Fuhrgelegenheit
nachkommen sollte und die sich etwas von dem Regen durchnässt gefühlt hatte und
von der Wäsche der Frau von Gülpen einiges bis auf weiteres in Anspruch nahm,
allerlei Frauenzimmerliches aus, von dem sie dann gleichfalls sagte, dass auch
das ihn nichts anginge ...
    Gehen Sie! Gehen Sie! sagte sie, Sie mit Ihrem Kanon! Heute bei Tische ist
so viel von Kanonen gesprochen worden, dass ich jeden Augenblick erschrecke, von
der Stadt schiessen zu hören!
    Das rauschendste Trommeln hörte man jetzt allerdings ...
    Windhack liess Frau von Gülpen zu der in der Weisszeugkammer arbeitenden
Nähterin, Treudchen Lei, eintreten, er selbst verfügte sich, um für die
Auguststernschnuppen seine Gläser zu prüfen, auf die Sternwarte.
    Der Dechant schritt inzwischen zur Stadt ...
    Er hatte die Gewohnheit, auf den gekieselten Wegen, die unmittelbar um die
Dechanei her durch den kleinen Park sich schlängelten, und auch noch auf den
Stufen, die zum Dom emporführten, ganz besonders freundlich zu grüssen. Ernster
aber wurde er schon oben um den Dom selbst herum. Vollends vornehm und etwas
kalt sogar war seine Art, wenn er die Stufen niederwärts zu Kocher am Fall
selbst hinunterschritt.
    Man sagte, er entblösste nicht gern sein Haupt. Die einen meinten, weil er
die Schwäche besass, seine Tonsur zu verbergen, andere, weil er die Zugluft
fürchtete, und wieder andere, weil ihn ein ewiges Grüssenmüssen von Kreti und
Pleti bei aller Freundlichkeit des Herzens verdross.
    Heute aber wurde er kaum beachtet; denn es wimmelte von Soldaten und vor
Aufregung in der ganzen Stadt ...
    Unter den einfachsten bunten Röcken steckten aus der Gegend ringsum achtbare
Bürger, Hausbesitzer, Handwerker, junge Oekonomen, Förster, Studirte ... Und nun
rannten die Frauen und die Kinder und wollten auf dem Marktplatz die »Parade«
sehen und die Handwerker hatten ihre Arbeit eingestellt und standen in den
Haustüren, viele gewärtig auch der Einquartierung, die sie auf drei Tage
bekommen konnten; auf dem Marktplatz nach dem Appell und der Revue wurden dazu
die Billets ausgeteilt ... Und an Ausspannungen und Gastäusern waren
Laubpforten errichtet, Fahnen wehten aus den Fenstern ... Teppiche hingen sogar
nieder, wie bei einem Kirchenfest ... Und dazwischen spielten selbst die Kinder
Soldaten, rasselten mit Trommeln, kokettirten mit Dreimastern aus Zeitungspapier
... Und die Kühe mussten denn doch auch noch durch die engen Gassen hindurch und
sogar eine ganze Hammelheerde über den Brückensteg am Fall ... ja, des Ho! Ha!
He! 's war kein Ende ... bis auf den Marktplatz schallte es, wo schon die
Glieder antraten und auf allen Budendächern die Strassenjugend sass, künftige
Rekruten des grossen Militärstaats auch ... und Bataillon schwenkt! commandirte
jetzt der Major vom Stabe, der glückseligst wieder die Seinigen »beisammen
hatte«, »seine Jungen«, »seine Kinder« - er zog das doppelte Tuch nicht aus -
und nun hätte einer über diese kerzengeraden Colonnen sagen sollen: Das sind
Handwerker, Bauern, Oekonomen, Förster, Studenten, Referendare? Nein! Es waren
Krieger so gut, wie die bei Leipzig und Waterloo gefochten haben!
    Und auch der Dechant nickte höchst befriedigt, als es so ein donnerndes
Halt! galt. Er suchte und suchte ... richtig! da fand er den schlanken, heute so
extra-brünetten, sonnenverbrannten, »wohl zu spät gekommenen« Herrn Neveu mit dem
gestutzten Bart- und Kopfhaar, der jetzt nicht einmal lächeln, nur mit den Augen
blinzeln durfte, um ihn zu grüssen, und fünf Mann weiter stand der Blonde ... der
Tiebold de Jonge, dem Hedemann und Ulrich von Hülleshoven das Leben gerettet
hatten ... und des Dechanten Herz schlug doch freudiglichst, da so unter der
Masse die herauszuerkennen, die ihm bekannt, lieb und unendlich wert waren.
    Auch er respectirte die militärische Ordnung und grüsste nur mit einem
holdseligen Lächeln und einem höchst ironischen Zuge um die Lippen, als wollte
er sagen: Na, da werdet ihr denn jetzt gedrillt, ihr jungen Weltstürmer und müsst
wie die Gliedermänner zappeln und Fuss und Hand heben, nicht wie eure
hochherrliche, freie, beneidenswerte Jugendlust es will, sondern wie der alte
Major da von Pritzelwitz es commandirt und ihm der Polizeiassessor, heute
Lieutenant von Enckefuss, euer Zugführer, nachdonnerwettert! Euch schon recht,
euch schon recht!
    Und in seinen Spott und seine Freude rasselten nun die Trommeln ... die
Pickelpfeifen schrillten ... die Ladestöcke klingelten ... Schulzendorf, der
Gensdarmenmajor, jagte mit einer Suite Gensdarmen hinter den Marktbuden weg, um
Platz zu machen ... auch Grützmacher war schon wieder da, vielleicht ohne den
Leichenräuber; jetzt aber fegte er die Strassen rein von allem, was die
Entwickelung der Kraft und Grösse seines Vaterlandes hemmen konnte.
    So aus dem Lager der Ghibellinen trat der Dechant in das der Welfen.
    In einem engen Gässchen ging es zur Stadtschule und zur Stadtpfarrei.
 
                                       7.
Die Strassen zu Kocher am Fall sind ganz so gebaut, wie das »gemütliche«
Mittelalter überall baute.
    Häuserzeilen, die nicht geradeaus laufen, sondern die den Wind überzwerg
durch Winkel und Einbiegungen behaglich abfangen ...
    Da ein kleiner schiefer Platz mit einem Brunnen ... dort eine Sackgasse, die
in einer in Sandstein gehauenen alten Kreuzesabnahme endet ...
    Zwischendurch stürzt und wogt und wallt der »Fall«, ein wilder Bergstrom von
mässiger Breite, der das Städtchen in zwei Teile schneidet, ohne dass man
zuweilen die Brücken bemerkt, auf denen man steht. Der Fall ist hier und da ganz
überbaut und schiesst durch Färbereien oder unter einer donnernden Mühle hin, man
sieht ihn nicht.
    Am untersten Ende der Stadt liegt an ihm ein Judenviertel. In Kocher am Fall
gibt es eine starke Judengemeinde, die schwunghaften Handel treibt, vorzugsweise
mit Vieh und dessen Abfällen. Aber auch Hausirer gab es genug in ihr und
Fruchtmakler, die Geschäfte auf zwanzig Meilen Weges und weit über die Residenz
des Kirchenfürsten hinaus machten. Herr Löb Seligmann von Kocher am Fall war
sogar einer der berühmtesten Gütermakler.
    Zwei so stattliche Kirchen, wie der uralte Dom von St.-Zeno und die
Stadtkirche, reichten vollkommen für die christliche Bewohnerschaft aus. Es
waren aber noch fünf bis sechs andere Kirchen vorhanden. Sie wurden zu
Vorratshäusern für Militär- und Verwaltungszwecke benutzt. Eine der kleinern,
die Minoritenkirche, gehörte den Protestanten, die nur in geringer Zahl in
Kocher am Fall wohnten, in geringerer noch als die Juden ...
    Auf der Conferenz sprach eben jemand, als der Dechant eintrat, die Worte:
    Und dennoch, dennoch hat die hiesige kleine Gemeinde von noch nicht hundert
Luterseelen einen Geistlichen, der besser dotirt ist als der Kaplan in der
Stadtkirche, der neben seinem schweren Amte auch noch den Kirchendienst in den
Dörfern der Umgegend zu versehen hat!
    Abwechselnd mit den Pfarrern von Blick, Hilkum und den Mönchen zu
Gottestal! hätte der Dechant gleich hinzusetzen mögen, um eine der von jenen
Tagen an immermehr in Umlauf kommenden Tendenzunwahrheiten zu berichtigen.
    Doch fürchtete er, seinen Amtsbrüdern die Phantasiegebilde zu zerstören, die
jetzt vor ihnen im Qualm ihrer Tabackspfeifen bunt und wirr genug auf und
niederzogen.
    Immer traf ihn beim Eintreten in den grossen Schulsaal - - die glückliche
Jugend hatte heute »frei« - sogleich der ihm besonders unangenehme Blick des an
der Spitze der zusammengerückten Schultische sitzenden Beda Hunnius, dieser
doppelsichtige Blick, der der wahren Gesinnung des Mannes gegen ihn entsprach.
Der kurze, gedrungene, breitschulterige Herr Stadtpfarrer schriftstellerte. Er
redigirte den »Kirchenboten«, teologisch und poetisch. Der Dechant konnte den
Mann nie sehen, ohne noch an einen andern Beda Hunnius zu denken, der im
Augenblick nur nicht gegenwärtig war. Beda Hunnius, den er vor sich sah, und
der, den er gedruckt kannte, der, auf den er, wie er sagte, abonnirt war, waren
zwei ganz unvereinbare Gegensätze. Der Dechant wusste, dass bei seinen Amtsbrüdern
das Schriftstellern sowol überhaupt aus der Leichtigkeit entsteht,
Erbauungsbücher zu schreiben, die immer gut verkauft werden, wie im Besondern
aus einer heftigen Mitteilungslust, die durch den polemischen Eifer geschürt
wird. Auch das Gefühl der Einsamkeit liess Franz von Asselyn als die Muse des
katolischen Geistlichen gelten. Obgleich ihn sein Amt mehr in Anspruch nimmt
als den protestantischen Pfarrer, fehlt doch die Familie, ihre Zerstreuung, ihre
Sorge. Einsamkeit ertragen können ist eine hohe Lebenskunst! Sie ist der
wonnevollste Genuss, ja der Luxus des Denkers! Eine Qual ist sie für den mässigen
Kopf. In diesen trüben Winterabenden, wo der katolische Geistliche auf dem
Dorfe niemand zum nähern Umgang hat, unterhält ihn die Feder, die
Druckerschwärze, die Beziehung zur Literatur, der Anteil an ihren Händeln.
Schreiben darf er nichts, was nicht im Sinne seines grossen Ganzen ist, und so
hilft sich die trübe Laune durch Abfassung von Predigten, Gebeten, polemischen
Ausfällen; sie schreibt und eifert sich in allerlei mehr oder minder
wohltuenden Lärm hinein. Der Dechant wusste, dass, wenn die niedere Geistlichkeit
aus dem Bauernstande hervorgeht, das geistliche Convict ihm eine abschleifende
Berührung mit der Welt nicht gewährt. Beda Hunnius, von Geburt ein Bauernsohn,
unterstützt durch Stipendien, auf besondere Empfehlung in dem Convict jener
Stadt gebildet, wo er mit Bonaventura die Weihen empfing, hätte immerhin nach
seiner Meinung stürmen und lärmen mögen, soviel er wollte; aber er dichtete
auch! Er dichtete in einer überschwenglichen Manier, die dem Schauspielerstande
gleicht, der eben hinter den Coulissen ein Seidel Bier getrunken haben kann und
dann hinaustritt und von dem Duft der Palmen spricht, von der »Götter altem
Heiligtum«, »der ewigen Roma Majestät und Capitole« ... »Jerichorosen« hiessen
Beda Hunnius' poetische Erstlinge, »Lacrymae Christi« seine zweite Sammlung. Es
folgte eine dritte und vierte und immer wurde der Dechant an sich selbst irre,
wenn er seinen Collegen sah, wie der mit pfundschweren Stiefeln durch die
Strassen von Kocher schritt, oder ihn hörte, wie er mit der gewaltigen Hand auf
das Kanzelpult schlug, sich an seine Zuhörer z.B. mit den Worten wendend: »Um
ein für allemal euer Nasenschneuzen während meiner Worte abzuschaffen, behaltet
ihr euer Sacktuch so lange in der Tasche, bis ich sage: Putzt jetzt eure Nasen!«
... und dann von derselben Hand, von demselben Munde eine zarte »Purpurviole«
auf das Grab eines Märtyrers niedergelegt in Tönen und in Weisen der
Ueberschwenglichkeit! Beda Hunnius waren ihm zwei Menschen.
    Dennoch würde der Dechant, eingedenk seiner Siriusreligion, auch das
ertragen und gelächelt haben, selbst über die unablässige geheime Polemik im
»Kirchenboten« gegen ihn selbst, gegen seine gesinnungslose und weltverdorbene
Richtung - vor allzu bösen Umtrieben schützten ihn die reichen Geldspenden, die
man in der Dechanei für alles und jedes, selbst »zum Ankauf von Kohlen zu
Scheiterhaufen«, wie er sagte, zu jeder Zeit erhalten konnte - aber bei den
Conferenzen, die Hunnius eingeführt hatte, konnte er oft gar verdriesslich werden
über die vielen Erdenschlacken des Himmlischen, über den Sauerkrautsduft auch
sogar der Seraphskost und noch auf der letzten Conferenz vor sechs Wochen hatte
er wie ein Zelot gesprochen:
    Wo ist euch je das Rauchen gestattet worden? Auf welchem Concil? Durch
welchen Apostel, Märtyrer oder Bekenner?
    Es war nicht Scherz, wenn er auch heute wieder beim Eintreten in die schon
mit dichten Dünsten und Nebeln gefüllte Schulstube den sich teilweise
Erhebenden entgegenrief:
    Meine Herren! Der Geist heisst doch, wie Sie wissen, auf hebräisch Ruach und
Sie machen regelmässig, wenn Sie zusammensitzen, Rauch daraus!
    Auf den Schulbänken und die Schulsitze entlang lächelten zwar über zwanzig
Geistliche, aber sie blieben bei ihren langen und kurzen Pfeifen und die jüngern
sogar bei ihren Cigarren ...
    Völker und Geistliche, die den Wein geniessen dürfen, fuhr der Dechant sich
setzend und brummend fort, sollten den Taback den türkischen Derwischen
überlassen!
    Er suchte sich einen Platz am Fenster und lehnte den Wein ab. Jeder der
Herren hatte vor sich ein Glas mit funkelndem Rebengolde stehen.
    Beda Hunnius nahm die schon im vollen Gange befindliche Debatte des Tages
wieder auf.
    Er billigte eines Redners Vorsicht, die eben angeraten hatte, nicht blind
in das Messer der Bureaukratie zu laufen. Aber, setzte er auf den Tisch
schlagend hinzu, die Zeit rückt immer näher, wo wir mit allem, und wär's mit
Freiheit und Leben, für unsere Mutter, die Kirche, werden einstehen müssen! Da -
er zeigte auf den Franciscaner -, der ehrwürdige Pater Sebastus dort berichtet
uns, dass in der Residenz des hochwürdigsten Kirchenfürsten die Dinge immermehr
auf die Spitze getrieben werden - auf die Spitze der Bajonnete!
    Von draussen hörte man das Klingeln der Ladestöcke; der Dechant öffnete sich
das Fenster, an dem er sass.
    Ihr junges Volk! sprach er murmelnd vor sich hin und drückte ein
Sammetkäppchen auf sein Silberhaar. Wer in Zeiten gelebt hat, wo wirklich die
Bajonnete herrschten -!
    Beda Hunnius liess sich nicht stören. Er gab die damals allbeliebte
Schilderung der geistlichen Zustände des unter protestantischen Sceptern
schmachtenden katolischen Deutschland. Er sah das Volk Gottes in der
babylonischen Gefangenschaft. Er sah vollends auf dem Trone, unter dessen
Gewalt sie durch eine »Laune der Geschichte« hier leben müssten, einen
assyrischen König.
    Ist es nicht, rief er und sah dabei zuweilen auf ein Papier, als wenn wir
die Worte Actorum 7,43 hörten: »Ich will euch wegwerfen jenseit Babylonien!«
Meine Freunde, noch über Babylonien hinaus! Ist das nicht das schwerste Elend
unsers Fluches! Noch über Babylonien hinaus! Denkt das Herz nicht mit Schaudern
an Russland? Wie in Russland steht es schon mit unserm Glauben, mit unserm Cultus,
unserer Selbstregierung! Nicht genug, dass die Kirche ihres jahrtausendjährigen
Schmuckes beraubt worden ist, dass man die Pfründen und Stifte einzog, die
Bistümer plünderte, die Klöster aufhob, den Schulen, unsern niedern und höhern,
die alte Form nicht nur, sondern die ganze Existenz nahm: selbst bis in das
innerste Leben unsers Glaubens dringt die Tyrannei des weltlichen Armes! Wo ist
noch irgend, ausser im Beichtstuhl, ein freier Verkehr des Seelenhirten mit
seiner Gemeinde! Wo ein ungehinderter Verkehr des Unterhirten mit dem
Oberhirten! Wo kann sich ein Wunsch, eine Bitte, eine Mahnung aussprechen
innerhalb unserer eigenen Angelegenheiten, ohne dass nicht die weltlichen Räte,
deren Mehrzahl unserer Kirche nicht angehört, ihr Ohr hinhalten und die letzte
Entscheidung geben! Wir sind Fremdlinge im eigenen Lande, Parias, die der
Botmässigkeit herrschender Rajahs unterworfen sind! Und womit herrschen sie? Mit
unserm eigenen Gut und Blut, mit den Besjetztümern der Kirche, die sie
säcularisirten, mit dem Schweiss unserer Arbeit, mit dem Erwerb unserer Hände,
mit den Steuern, die wir reichlicher zu zahlen haben als die Provinzen, die man
im Osten bevorzugt! Darf es mitten in unsern Landen eine Universität geben, in
der nicht alle Wissenschaften, die sie lehrt, in unserm Glauben wurzeln? Darf
eine Philosophie gelehrt werden, die Rom verworfen hat? Darf noch länger ein
hundert Meilen von uns entlegenes Ministerium, in dem nur ein einziger, mit
Titeln und Orden verführter Rat unsers Glaubens sitzt, unsere Lebensfragen
ordnen und entscheiden? Soll für die Besetzung der Stellen der Bischof kaum ein
Vorschlagsrecht ausüben und die Bureaukratie den Ausschlag geben? Soll jedes
schadhafte Dach, das über dem Hochheiligsten auszubessern ist, jedes notwendige
neue Messgewand, jeder aussergewöhnliche Schmuck eines mit besonderer Vorliebe
gerade an diesem Orte und gerade auf jene heilige Erinnerung gerichteten Festes
einer weltlichen Bewilligung bedürfen? Soll sich keine Fahne mehr mit dem
hochheiligsten Bilde der gnadenreichen Gottgebärerin zu einer Procession
entfalten dürfen, ohne dass diese Gensdarmen dem Priester, der mit seinen frommen
Seelen über die tauigen Wiesen dahin zu einem Gnadenorte wallfahrtet, seinen
Erlaubnissschein abverlangen, wie einem reisenden Handwerksburschen sein
Wanderbuch? Sollen diese ehernen Zungen, die in den Lüften die Lebenden rufen,
die Todten beklagen, den Blitzen Halt gebieten, nicht reden dürfen, wenn die
Lust und Wonne unsers hochheiligsten Kirchenjahrs, die weihevolle
Erinnerungsfreude, der heilige Bussdrang, die Märtyrerandacht und das Bittgebet
gläubiger Seelen Gleichgestimmte in die heiligen Kirchenhallen ruft? Soll uns
der Wein zugemessen werden und geaicht die heilige Kanne, soll das Brot des
ewigen Lebens halbirt und zerschnitten werden wie das Brot in den Kasernen? Soll
das von dem Hochheiligsten tröpfelnde Wachs gesammelt werden, wie von den
Bedienten geiziger Herrschaften das Wachs gesammelt werden muss nach den Orgien,
die sie mit Tanz und Musik feiern? O dass das Mass unserer Leiden noch immer nicht
voll ist zum Ueberfliessen für die Feigheit und Mutlosigkeit dieser Zeiten! Wir
haben als Kirchenfürsten einen Geharnischten des Herrn, einen Michael im
Panzerkleide unter dem Pallium der höchsten Kirchenwürde, einen Streiter, der
die Mitra trägt wie den dreimal umbuschten Helm eines Gottfried von Bouillon!
Und mehr! Rom, das endlich den Mut wiedergewonnen, sich von einer langen
Ohnmacht und aus dem Stande der Erniedrigung aufzuringen zu seiner grossen
Stellung, wieder mitzureden im Rat der Grossen mit blitzendem Bannstrahl und
donnernder Bulle, Rom hat ihn gesegnet, diesen Streiter des Herrn, hat ihm das
rote Kreuz des Gotteskampfes auf die Schulter geheftet ... Und doch -! Wie
zaghaft ist bei alledem der Beistand, den er sogar unter uns selbst findet! Wie
angstvoll noch unser Umblick auf diesen Heerbann der Hof- und Land- und Steuer-
und Kriegs- und Staats-und Regierungs- und Kirchenräte! O dass die Stunde uns
gerüstet finden möge, die Stunde der Entscheidung! Sie wird hereinbrechen wie
ein Dieb in der Nacht, wie ein Weib die Wehmutter ruft, wie die zum Tod
Erkrankte den Priester, ungeahnt, unerwartet! Unser frommer Bruder da berichtet,
dass die Frage der gemischten Ehen für unsern gottseligen Kirchenfürsten an
Ketten und Banden streift!
    Die brennende Frage des Tages war ausgesprochen.
    Mehrere der Pfeifen gingen aus, andere wurden beiseite gelegt. Der
Gegenstand wurde zu ernst. Eine drückende allgemeine Stille war die Folge dieser
zuletzt ganz abgelesenen Anrede. Der Sprecher, der sich somit offen als
Mitverfasser so vieler damals in Würzburg und Augsburg zuerst auftauchender
Schriften entüllte, sah sich im Kreise rundum. Seine Augen funkelten, die
starken Züge des Antlitzes waren gerötet; die rechte Hand, zur Faust geballt,
hatte mehrmals auf den Tisch gedonnert ...
    Man kann wirklich nichts sehnlicher wünschen, als dass dieser schwierige
Gegenstand seine endliche Erledigung finden möge ... sprach eine schüchterne
Stimme ...
    Rom hat gesprochen! riefen andere ...
    Aber das Breve muss uns erst durch die Regierung zukommen! erwiderte der
factische Verwalter der Dechanatsgeschäfte von St.-Zeno.
    Das ist es eben! ertönte von mehr als einem Drittel der Anwesenden.
    Auch Ruhigere klagten, dass die Seelsorge in der bittersten Bedrängnis wäre.
Der Staat verböte die Weigerung der Einsegnung ohne Vorbehalt der Religion der
Kinder und Rom wolle doch diese Weigerung ...
    Schon erhoben sich einzelne und drückten in ihren Mienen den Schmerz aus,
dass man nicht zweien Herren zugleich dienen könne.
    Hunnius ermahnte zum Sitzenbleiben.
    Dass diese Protestanten, sprach und las er weiter, nicht einsehen, was es
denn eigentlich mit unserm Glauben ist! Herr Gott im Himmel! Es ist ja nicht die
Unduldsamkeit, es ist ja nicht die Proselytenmacherei, die uns gebietet, eine
Ehe zwischen Rechtgläubigen und Heterodoxen nur dann einzusegnen, wenn ein
Versprechen vorangegangen ist, dass die Kinder, gleichviel welchen Geschlechts,
katolisch werden! Fühlt ihr uns denn die tiefe Verpflichtung nicht nach, die
wir haben, gleichsam aus dem katolischen Dasein erst das wirkliche menschliche
Leben überhaupt zu machen und das bloss natürliche, tierische, irdische,
unerlöste, durch Christi und der Märtyrer Blut nicht erkaufte Leben aufzuheben!
Menschen, was ist denn die Weihe! Fühlt ihr denn nicht, dass in unsern heiligen
Handlungen Consequenzen liegen, die, gleichviel ob berechtigt oder nicht,
matematische Beweiskraft für uns haben! Für uns! Gerade für uns! ... Da unser
College Bennrat, unterbrach er sich, hat einem Protestanten das Begräbnis auf
dem Friedhof von Nennhofen verweigert und ihn hierher auf den protestantischen
schaffen lassen ...
    Zu meinem äussersten Entsetzen! warf der Dechanatsverweser dazwischen.
    Es war aber eine Tat! rief Hunnius. Eine Tat, die Bennrat von Nennhofen
in das Buch der Bekenner schreibt! Wo ist gesagt, dass eine Ausweisung von der
geweihten Erde unserer Kirche nur vom Standpunkte des reinen Menschentums zu
fassen ist? Menschentum! Seid ihr Christen? Nicht einmal Juden sprechen vom
Menschentum! Mensch ist dem Juden Goim, Heide! Auch die Juden leben nur in der
Ordnung und Harmonie geoffenbarter Zustände! Ein Gottesacker hat nach unserer
Lehre eine Segnung empfangen, die ihn zu einer Gemeinde macht, wo sogar die
Todten den Herrn lobpreisen, sogar die Todten im Chore stehen und, wenn nicht
früher, doch am Auferstehungstage um einen dann errichteten Altar wandeln
werden, an dem ein anderes Bekenntnis nicht teilhaben kann und mag es selbst
ein solches sein, dem nicht die ewige Verdammnis zuzusprechen ist. Wie ist das
so leicht gesagt: Intoleranz! Werdet ihr auf euern Bällen Gäste haben wollen,
die ihr nicht einludet? Werdet ihr an euern eigenen Altartischen Andersgläubige
dulden? Die katolische Kirche will ja nur bei den Todten wie bei den Lebenden
»unter sich« sein! Oder hört euch die Religion mit dem Begräbnis auf?
    Sprecht! donnerte Hunnius hinterher, gerade wie in seiner Kirche, wo er
natürlich Schweigen voraussetzte.
    Bennrat von Nennhofen griff den Faden auf und führte ihn weiter.
    Was erleben wir nicht alles in unserer nächsten Nähe! sagte er mit
gemässigterm Tone, aber nicht minder sicher und spitz und scharf. Ich will davon
nicht sprechen, dass nun draussen wieder unsere eigenen Landeskinder und Mitbrüder
mit dem bunten Rock, den sie eben tragen, ganz das Kleid ihrer Heimat, ihrer
Familie, ihres Glaubens ausziehen und in die Gemeinschaft des grossen
protestantischen Ganzen treten müssen, ich möchte sagen, wie die Polen, die
russisch commandirt werden! Ich sehe diese Offiziere wieder, diese Enckefuss und
andere uns wohlbekannte Söhne von Beamten oder Offizieren! Es wird noch die Zeit
kommen, wo diese armen Seelen in die ketzerischen Garnisonskirchen commandirt
werden, zunächst nur anstandshalber, weil ein Austreten aus Reih und Glied
militärisch zu auffallend wäre! Ich sehe sie auf den Bänken, wo ihnen die
Divisionsprediger das Licht ihres sogenannten Evangeliums aufstecken werden,
dies Lichtstümpfchen, das die in Goldschnitt gebundene neue Agende des
Landesvaters beleuchtet! Wo man hinblickt, irgendein Schmerz für unsere
liebevolle Mutter, die Kirche! In unserer ganzen Armee gibt es keinen einzigen
General unsers Glaubens; ich kenne nur einen einzigen katolischen Obersten, es
ist ein englischer hier in unserer, Nähe! Zu höhern militärischen Graden
gelangen unsere Brüder und Verwandte nicht! Nicht minder in der Bureaukratie!
Und welche Macchiavellismen! Weil sie auf unsere menschliche Schwäche rechnen,
werden überall gleichsam Preise ausgestellt für die, welche sich gefügig zeigen!
Ist eine Pfründe einträglicherer Art erledigt, so lässt man ihre Besetzung
monate-, ja jahrelang anstehen, um den Wetteifer dafür zu entzünden, dass man sie
sich durch die Gesinnung erobere! Ist es dann wohl ein Wunder, dass wir ganz
durchwühlt sind von der wie die bunten Adern durch ein Marmelgestein sich
hinziehenden Protestantisirung? Die Beamten heiraten unsere Schwestern,
Nichten, die Töchter unserer Angehörigen! Wo eine reiche Hand zu vergeben ist,
gewinnt sie sich einer von drüben. Selbst in der Residenz des Kirchenfürsten ist
der Schwager unsers hochherzigen, scharfsinnigen kanonischen Streiters, des
Herrn Dominicus Nück, ein Protestant und wird, wie Pater Sebastus dort uns
berichtet, infolge seiner gemischten Ehe demnächst eine Tochter im hochmögenden
Piter Kattendyk'schen Hause bestimmen, protestantisch taufen zu lassen! Ja
selbst von dem heiligen Lande Oesterreich, einem Lande, das mehr als Würtemberg
verdient sich Gottes Augapfel zu nennen, muss unserer rechtgläubigsten Provinz
drüben das Geschick drohen, die reichsten Länder, die Besitzungen der
Dorste-Camphausen, an die protestantische Linie der Salem-Camphausen übergehen
zu sehen! Was bleibt uns übrig? Gewalt gegen Gewalt!
    Dies Wort lehnte man ab.
    Ein Kaplan warf ein:
    Unsere Gewalt ist nur das Wort!
    Das Wort war bei Gott und Gott ist das Wort! rief Hunnius. Es ist der Geist,
die Gesinnung und deren öffentliche Bewähr! Erheben wir uns aus unserer
Schlaffheit! Ziehen wir den Harnisch des Glaubens an! Seien wir gerüstet und
verschmähen wir selbst die kleinere Waffe nicht! Bedrängte Belagerte greifen zu
allem, was helfen kann! Ich empfehle Ihnen jetzt die Vorschläge, die Pater
Sebastus uns aus den nähern Umgebungen des Kirchenfürsten bringt!
    Nur diejenigen beobachteten unausgesetzt den schweigsamen Franciscanermönch,
die mit ihm heute noch nicht an der Tafel des Dechanten zusammengetroffen waren.
Er ergriff auch jetzt noch nicht das Wort, sondern hielt den geschorenen
rötlichen, wunderlich geformten, mit Schrammen und Narben bedeckten Kopf in die
Hand gestützt und liess statt seiner seine eigentümlich hellen, fast
schwimmenden Augen, dann einige Zettel sprechen, die herumgingen und die Mittel
entielten, die man anwenden sollte, um den kirchlichen Oppositionsgeist zu
mehren. Vorzugsweise wurde die schon vor Ankunft des Dechanten besprochene
Stiftung einer neuen Bruder- und Schwesterschaft des Atanasiusvereins und
gerade zur Erinnerung an einen um den Glauben bedrängten, flüchtigen,
verfolgten, hier zu Lande liebevoll aufgenommenen Kirchenlehrer wieder
aufgenommen ... Die Regierung hatte schon lange ein mistrauisches und
abgeneigtes Auge gerichtet auf die grosse Zahl geistlicher Vereine, die scheinbar
nur dem gottseligen Leben und einer gegenseitigen sittlichen Aufsicht gewidmet
waren, mehr aber noch eine Organisation des Zusammenhangs auch für
oppositionelle Zwecke wurden. Es liess sich voraussehen, dass dieser neue
Atanasiusverein von obenher den entschiedensten Anstand finden musste.
    Der Dechant hörte allem, was zur Durchsetzung dieser wichtigen Angelegenheit
in hiesiger Gegend nun beschlossen werden sollte, nur seufzend zu und war um so
mehr zerstreut, als er nur immer offen vor sich ausgebreitet seine Brieftasche
liegen hatte, die er an solchen Conferenztagen schon frühmorgens mit Fünf- und
Zehntalerscheinen zu füllen pflegte, um nur immer schnell durch seine Spenden
zu den Gemeinzwecken sich vom Reden oder ausdrücklichen Beistimmen loszukaufen.
Er hatte diese Klagen schon so oft gehört! Er hatte sie so oft gelesen! Er war
auf zehn Exemplare des »Kirchenboten« abonnirt! Er kannte diese immer gleiche
Rhetorik der Römlinge! Er kannte den Inhalt dieser verbotenen Broschüren und las
sie nicht mehr. Von allem, was man an Tatsachen vorbrachte, gab er die Hälfte
zu, aber die Erledigung der andern schien ihm ganz an einer andern Stelle zu
liegen als im fernen Rom. Heute, wie man nun sogar von fehlenden katolischen
Obersten sprach, musste er gar auflachen und sagen:
    Aber ihr wunderlichen Leute! Ihr überlegt gar nicht, ob in unsern
katolischen Adels- oder Bürgerfamilien überhaupt das Bedürfnis da ist nach
einer öffentlichen Bewähr, das Bedürfnis des Emporsteigens nach Ehrenstellen und
Auszeichnungen! Wo ich noch hinsah und ich habe die Jahre, hingesehen zu haben,
haben wir hier zu Lande und drüben unsere eigene Art, uns das Leben zu
gestalten! Am liebsten hocken wir auf unserer Hufe und suchen das nicht, was wir
demgemäss auch nicht finden können.
    Wenn ihn Hunnius widerlegen wollte, so störte diesen jetzt das allgemeine
Aufstehen aller, um die Zeichnung zu sehen, nach der zehntausend zinnerne
Medaillen gegossen werden sollten. Der Mönch hatte die Zeichnung mitgebracht:
Maria mit dem Kinde öffnet ein Gitter, hinter welchem ein Bischof, es sollte
Atanasius sein, gefangen sitzt ... Der Mönch war dabei aufgestanden und zeigte
sich von einem langen, magern Wuchse. Die braune Kutte, von der weissen
Gürtelschnur festgehalten, ging bis zu den nackten, nur von einer Sandale
geschützten Füssen. Es war viel, dass der Mönch sich jetzt zu einigen
Erläuterungen herbeiliess. Er hatte bisher ab und zu nur seinem Glase
zugesprochen, hatte eine Cigarre nach der andern von einem vor ihm stehenden
Teller, der deren eine Anzahl entielt, weggeraucht und immer geschwiegen. Sein
Schweigen war gebieterisch. Es sagte zu denen, die da sprachen, fast soviel als:
Entwickelt euch! Steckt getrost eure kleinen Lichter auf, bis Ich kommen werde!
    Pater Sebastus mochte etwas mehr oder weniger als dreissig Jahre zählen. Je
länger er sass, rauchte oder trank, desto blasser wurde er. Alle wussten, dass der
Gast ein Convertit war, eine hohe Bildung genossen hatte, mit Feuer und Geist
schriftstellerte und in der Residenz des Kirchenfürsten seit kurzem zu hoher
Anerkennung gekommen war. Wenn die weissen länglichen Finger der magern, doch
hübschen Hand zuweilen auf dem Tische leise trommelten, so war es, wie im Takt
zu einem inwendigen Rhytmus seiner Gedanken, die laut gesprochen ohne Zweifel
bedeutsam gewesen wären. Als er jetzt mit einer eigentümlich leisen, fast
heisern, aber ausserordentlich sichern Stimme zu sprechen anfing, bot Hunnius
allgemeine Ruhe. Jeder setzte sich, und selbst der Dechant war gefesselt von
einer Weise, die ihm heute an seiner Tafel bei der Redseligkeit seiner übrigen
Gäste weniger aufgefallen war.
    Einige Mitglieder unsers hochwürdigsten Domcapitels, begann fast
silbenzählend Pater Sebastus, wohnten kürzlich einer Vorlesung bei, die von
einem der auf der nahe gelegenen Universität angestellten und zu diesem Zweck
herübergekommenen jüngern Professoren vor einem gemischten Kreise der Residenz
des Kirchenfürsten gehalten wurde ...
    Der Mönch pausirte. Er zerdrückte die Asche seiner Cigarre und legte diese
fort.
    Der Gegenstand derselben - fuhr er fort -
    Das zufällige Rücken eines Stuhls schien ihn zu stören. Er sah nach der
Gegend des Geräusches und wiederholte, während Hunnius ein scharfes St! wie auf
seiner Kanzel beim zu frühen Nasenputzen ertönen liess:
    Der Gegenstand derselben war an sich ein unverfänglicher, liess aber einen
historischen Rückblick auf die Kämpfe der Welfen und Ghibellinen zu.
    Pater Sebastus stockte von neuem. Aber ein Blick rundum bewies ihm, dass
alles jetzt in einer Weise an seinen Lippen hing, wie er dergleichen noch
vielleicht von Göttingen, wo er docirt haben sollte, gewohnt war ...
    Der Redner, fuhr er mit immer gleicher Gelassenheit, doch pointirt und fest
fort, sprach in einer Stadt, die fast ausschliesslich nur unsern Glauben bekennt;
und doch hatte er jenen Standpunkt, den die protestantische Wissenschaft mit der
ihr eigenen Einseitigkeit für die Würdigung des Mittelalters aufgebracht hat.
Alles, was in einem Zusammenhange mit Rom steht, ist nach dieser Lehre Tyrannei
und Finsternis; alles, was dagegen die deutschen Kaiser wollten, ist Vernunft
oder Freiheit. Dem anwesenden überwiegenden Teil der Gesellschaft, den Damen,
war der von dem Professor entwickelte Gegensatz völlig unbekannt; so dämmern
jetzt die Gemüter in ihren wichtigsten Lebensfragen hin! Sie nahmen die Welfen
für den unheiligen, teuflischen Gegensatz der Ghibellinen, diese für die
lichtreine, sonnenhelle Partei; dort herrschte nur der finstere Ahriman, hier
der lichtstrahlende Ormuzd. Mönchtum, Pfafferei, Sonderbündlerei, Hierarchie
sind die Kennzeichen der Welfen; Aufklärung, Ordnung, nationale Hoheit und Grösse
die der Ghibellinen. Rom soll die natürliche Residenz nur der Nachfolger Karl's
des Grossen und des Julius Cäsar sein. Die Hohenstaufen sollen nichts als nur die
Befreiung der Welt von den Anmassungen der Hierarchie bezweckt haben. Dass die
Welfen in Italien vor allem ihr Vaterland verteidigten, dass sie sich in
einzelne Städte und Genossenschaften trennten, um nicht durch die Unterwerfung
unter Einen die eigentümlich bedingte, jahrtausendjährige Freiheit des
väterlichen Bodens zu verlieren, dass dabei der Priester, wie immer, der Freund
und Beistand des einzelnen gegen den Druck der Masse blieb, der Priester der
Freund und Beistand der bangen Seele gegen die Anfechtungen der Welt, der
Priester derjenige, der noch auf dem letzten Gange zum Schaffot den Verbrecher
begleitet und wenigstens noch vor Gott, nachdem die bürgerliche Genossenschaft
ihn längst ausgestossen hat, sein Anwalt bleibt, ja dass diese geistliche Hülfe
den Bedrängten auch in den politischen Nöten beisprang und sich Vaterland,
Freiheit und Glaube gegen die Anmassungen der fremden Eindringlinge hochherzig
verbunden hatten - dafür, ich sage dafür hatte der Redner keine andere
Ausdrucksform als die bei der jenseitigen Wissenschaft übliche geringschätzende
und verdächtigende ...
    Der Mönch hielt einen Augenblick wieder inne, alles horchte gespannt, selbst
der Dechant.
    Ruhig und mit immer sich gleichbleibender Stimme fuhr der Franciscaner fort:
    Gut! Die Vorlesung lenkte wieder ein, kam auf Unverfängliches, war vorüber.
Die Offiziere, Beamten, Damen waren entzückt. Doch zugleich entstand um die
Herren vom Kapitel, die sich sogleich entfernt hatten, ein von Vorwürfen und
Ausbrüchen des Unwillens gemischtes Murmeln. Die Veranstalter dieser Vorlesung
wurden von gesinnungsvollen Personen zur Rede gestellt und ohne Zweifel wär' es,
wie billig, zu Erörterungen gekommen, die die gedankenlose Nachahmung solcher
inhaltleeren nordischen Residenzgenüsse verdient hätte, wäre nicht der
Gegendruck der Anwesenheit unserer weltlichen Oberbehörden und der hohen
Militärs zu stark gewesen. In einigen Abendcirkeln, zu denen ich zugelassen zu
werden mir zur besondern Ehre rechnen darf, kam die strenge Unterscheidung, die
die Geschichte zwischen Welfen und Ghibellinen aufgestellt hat, zur Sprache und
es stellte sich heraus, dass wir uns eigentlich alle noch auf dem Standpunkte
jener wilden und blutigen Tage befinden. Ist nicht jede Erfahrung, die wir in
unsern täglichen Conflicten machen, eine Bestätigung, dass dieser unselige Kampf
immer noch nicht ausgekämpft ist? Das Ghibellinentum ist der Herrscher des
Tages. Die Gewalt nicht der Fürsten und Herren etwa allein, sondern des
bureaukratischen Staats ist der siegreiche Hohenstaufe, der überall in
unzugänglichen Felsenburgen tront. Verwaltung, Unterricht, Erziehung,
Wissenschaft, Gewerbe, Börse, Handel, alles hat die ghibellinische Färbung
angenommen, die Färbung der Centralisation, des Aufsaugens aller Säfte und
Kräfte der Gesellschaft. Was ist diesem Mechanismus noch der Mensch? Der hat nur
noch Wert, soweit er Bürger ist! Und um ihm das Gefühl nicht ganz zu rauben,
dass sein Dasein auf diese Art seinem wahren Zusammenhange mit Gott und der Natur
entrückt wird, hat man ihm auch zur Not noch einige religiöse Veranstaltungen
gelassen, eine Kirche, einen Geistlichen, die Formen eines alten Cultus; man
gibt sich die Miene, diese Veranstaltungen, ob man sie gleich im geheimsten
Einverständnis für überlebt erklären müsse, doch heilig halten zu wollen und
sogar vor Anfechtung zu schützen; und doch, bei jeder Frage, die nur irgendeine
des Lebens ist, bei jedem Zusammenstoss zwischen dem Ewigen und dem Irdischen hat
die Gewalt des Irdischen die Oberhand. Wir sind, wo wir hinblicken, in gröberer
wie in feinerer Form, durch und durch ghibellinisirt ... So ist denn erklärlich
die von keiner äussern Veranstaltung, sondern aus einem natürlichen Drange der
Gläubigen aller Zonen ausgehende Bewegung unserer Zeit, innerhalb nicht nur
unserer, sondern aller Kirchen, die unter Staatsbevormundung stehen, sich ihr
eigenes, selbstbestimmtes und selbstbestimmendes Leben wieder zurückzugewinnen.
Das neue Welfentum ist es in den Abendcirkeln Sr. Eminenz offen und ehrlich
genannt worden. Wie sogar die protestantische Kirche, wenn sie diesen Namen
verdient, sich täglich mehr ablöst und ablösen wird von dem Staate, dem sie
freilich dafür in seinen übrigen Nöten und Bedürfnissen hülfreiche Hand zu
leisten verspricht, so hat vor allem die katolische ihren innigsten
Zusammenhang wiederherzustellen mit Rom. Törichter Wahn, der in dieser
Forderung nur Botmässigkeit unter ein herrschsüchtiges Priestertum und eine
fremde Autorität sieht! Rom ist und war und bleibt zu allen Zeiten der Ausdruck
des Ewigen, Unvergänglichen und im Wandel Wandellosen. Es ist die Warte der drei
in sich verbundenen grossen Festlandsweltteile. Es war die Königin der alten und
mittlern Welt, es muss die Königin der neuen bleiben. Worauf gründet sich Roms
Herrschaft? Auf Schlauheit italienischer Ränke? Auf Verdummung der Geister?
Törichte Anklage, die an den Grundfesten unserer Kirche gerüttelt zu haben
glaubt, wenn sie die Schwäche der Menschennatur aufdeckte, die auch unter dem
geweihten Kleide des Priesters sündige! Als wenn irgendeine Menschenseele ein
ganz reines Gefäss für die Göttlichkeit der Ideen sein könnte! Als wenn die Ideen
selbst etwa darunter leiden könnten, dass ihre Träger dem allgemeinen
Menschenloose erliegen müssen! Dass ein Bekenner strauchelt, entwürdigt das sein
Bekenntnis? Dass Priester unvollkommen sind, entwürdigt das das Sakrament, dem
sie administriren? Rom ist das Ewige in der Geschichte! Rom ist die Zunge an der
Wagschale der Welt! Rom ist, gerade als wenn es auch nur deshalb die Bewegung
der Erde geleugnet hätte, ihr fester Grund, ihre granitene Wurzel, ihr Compass,
ihr Steuer auf dem schwankenden Meere steter Neuerungen und Revolutionen! Was
vertritt denn seine Anmassung? Was gewährt denn die heilige Roma den Völkern? Das
ewige Heil im zeitlichen Unheil! Die Blösse und Hülfsbedürftigkeit des
natürlichen Menschen allen Purpurgekleideten der Erde gegenüber! Die Schöpfung
des Menschen, das Paradies, die diesseitige und jenseitige Hoffnung aller
Erdgeborenen gegenüber der millionenfachen Verdrehung unsers Erdenberufs durch
millionenfache zu dringenden Notwendigkeiten gewordene Zufälligkeiten! O du
heilige unteilbare, ewige Kirche! Stehe fest in deinem gegliederten Bau! Bist
du nicht selbst wie der hohen gotischen Dome einer? Gegründet bis an die Tiefen
der Hölle, mächtig dich erhebend auf der Form des Kreuzes, himmelanstrebend in
ewiger, wolkenverlorener Sehnsucht! Musik ist das Zusammenspiel deiner schönen
Formen! Einheit das majestätische Bekenntnis deiner Teile!
Sie strebt empor durch Drang und Zeit,
Muss himmelan sich ringen,
Und schafft ein Werk der Ewigkeit
Und lässt sich nicht bezwingen!
    In deinem Sinne, heilige Roma, wollen wir wahr sein, aber der Lüge gegenüber
auch eure Waffen führen! Im Schatze der Gnaden ruht Entsühnung! Krieg! Krieg!
ruft die Posaune des Erzengels. Im Kriege kennt die Not kein Gebot! Jede Waffe
ist gerecht, die den Gegner abwehrt! Dass der Zweck die Mittel heilige, ist nicht
für den Kampf mit den Guten, sondern für den Kampf mit den Bösen gesagt! Ahmen
wir vor allem die Ordnung eines Kriegsheeres nach: Gehorsam dem Obern; Achtung
vor jeder Waffe, auch wenn sie eine geringere scheint, als die wir selbst
führen; Achtung vor jedem Ruhme, auch wenn er unsere eigenen Verdienste
überschattet! Bekämpfen wir in uns selbst die Abneigung gegen die Vorkämpfer der
kirchlichen Freiheit, gegen die Mitglieder der Gesellschaft Jesu! Bieten wir
denen, die in ihnen ihre unerbittlichsten Feinde sehen, dadurch keinen Beistand,
dass wir die alte Eifersucht der Orden, der Kloster-und Weltgeistlichen auflodern
lassen! Wo uns die Hände gebunden sind, sind sie jenen, den letzten Rittern vom
Kreuze, frei! Die streifen noch ungefesselt über die Länder hin, gebunden durch
kein Amt, kein Klostergelübde; sie sind die berittene Schar, die angreift und
flieht zu gleicher Zeit, wie einst der Parter kämpfte! Bieten wir alles auf,
dass den Jesuiten die Tore des Eingangs geöffnet werden! Sie ertragen alles, sie
gehen, sie gehen noch einmal und kommen wieder! Wo ein Amt leer ist, eine Kanzel
frei, ein Beichtstuhl geöffnet, lassen wir den Vätern der Gesellschaft den
Vortritt! Ob alle diese Dinge reifen sollen bis zu offener Gewalt, darüber sind
die Meinungen geteilt. Die einen fürchten und suchen die Erhebung der Massen zu
verhüten, die andern fürchten sie nicht und wollen sie. In den Umgebungen des
Kirchenfürsten herrscht die Meinung, dass offene Gewalt bisjetzt alles verderben
würde. Denn auch darin spräche sich die durch und durch ghibellinisirte Welt
aus, dass Handel und Gewerbe, sogenannte Volkswohlfahrt und geregelte Ordnung dem
Jahrhunderte, wie es jetzt einmal ist, über alles gehe; denn von den
Fleischtöpfen Aegyptens wollen sie nicht lassen und sollten sie auch ewig nur
die Ziegel streichen zu den Ruhmessäulen ihrer Pharaonen! Im Gegenteil wünscht
die Umgebung des Kirchenfürsten, dass wir alles, was nicht ein Mit-Uns ist, auch
als ein Fürsten-Wider darstellen, d.h. eine Förderung der Revolution nennen. Das
ist das schlagende Argumentum ad hominem der Zeit! Kämpfen wir gegen die
Neuerungen des sich souverän dünkenden Menschenverstandes, so öffnen sich uns
die Pforten der Tronsäle auch im jenseitigen Lager, wir werden eingeholt werden
mit Triumphpforten als die Retter des Gesetzes und der Ordnung! Dieser Feldzug
geht langsam, aber sicher. Halten wir am Geiste fest, fördern wir den vor allem!
Denn »wer auf den Geist säet, wird von dem Geiste das ewige Leben ernten«!
    Der Redner war schon bei seinem Gebet an die Kirche aufgestanden und alles,
selbst den Dechanten nicht ausgenommen, seinem Beispiel gefolgt ...
    Man schüttelte ihm die Hand, erteilte ihm die grössten Lobsprüche und raunte
sich zu, dass nun wohl erklärlich wäre, wie dieser einfache Mönch plötzlich in
der Residenz des Kirchenfürsten hätte zu so hohem Ansehen gelangen können. Man
erklärte sich bereit, den Atanasiusverein zu verbreiten und dies zu wagen auch
ohne Genehmigung der Behörden. Man versprach die Medaillen in reichster Anzahl
auszuteilen und bestellte die Zahl, die jeder davon in Vorrat zu haben
wünschte.
    Auf dem Teller, von dem die Cigarren weggestrichen wurden, sammelte man die
zur Herstellung nötigen Beiträge.
    Jeder gab nach Vermögen, der Dechant, wie immer, die Hälfte soviel wie alle
andern. Der Ertrag wurde dem Pater Sebastus übergeben. Ein Zinngiesser der
kirchlichen Residenz hatte Verschwiegenheit gelobt und versprochen, die
Medaillen zu einer bestimmten Zeit abzuliefern. So trennte man sich ...
    Es war Abend geworden ...
    Beim Durchschreiten eines langen Corridors, der an die Haustür zurück und
zu den inzwischen immer noch lebendig gebliebenen, ja wie vom Jahrmarktsgewühl
durchwogten Strassen führte, erfuhr der Dechant, dass der, wie es schien, als
Wegbereiter kommender Jesuiten wirkende Pater Sebastus dem Kloster Himmelpfort
bei Witoborn angehörte. Seines frühern Namens hiess er Heinrich Klingsohr.
    Er dachte an seinen anonymen Brief -
    Huss, Savonarola, Arnold von Brescia -
    Als er, magisch umwoben vom abendlichen Dämmerlicht, zur Dechanei
zurückkehrte, läuteten ihm die Glocken seines Domes wie zur Andacht in einer
unsichtbaren Kirche droben über den Sternen. Wie er in die schon erleuchteten
Fenster seiner Wohnung hinaufsah, rang sich ihm mit Schmerz der Seufzer von der
Brust:
    Fiat lux in perpetuis!
 
                                       8.
Die Beraubung des Grabes auf dem Friedhof zu St.-Wolfgang war inzwischen in der
Dechanei, wie in ganz Kocher am Fall bekannt geworden.
    Grützmacher war auf schweissgebadetem Ross zurückgekehrt, hatte aber den
mutmasslichen Täter nicht ergriffen.
    Auch dass Bonaventura vielleicht noch den Abend in der Dechanei eintreffen
würde, war durch Hedemann bekannt geworden, der auf einen Augenblick daselbst
vorsprach und die von Angelika Müller erhaltenen, von Benno, dem zu sehr in
Anspruch Genommenen, wieder zurückempfangenen Briefe für den Dechanten an
Windhack übergeben hatte.
    Kein Oberst, kein Benno, kein Tiebold, niemand sonst liess sich vor Anteil
an den Vorgängen in der Stadt sehen, sodass Lucinde der Frau von Gülpen die
rätselhaften Vorgänge allein erzählen musste, ja wiederholen, mehrfach
wiederholen, da die Teestunde geschlagen hatte und einige Freundinnen der
gastfreien Frau schon im lebendigsten Mitteilungsgenuss um den siedenden Kessel
versammelt sassen.
    Zur Justizrätin von Nietnagel, zum Stiftsfräulein von Minnerich und wie sie
alle hiessen, die entweder in Kocher selbst wohnhaft waren oder zu jener
Landeswohltat (nach andern Landesplage) gehörten, die die Reihe herum immer auf
der Wanderschaft bei ihren Lieben und Guten begriffen sind und das schöne Talent
des Sich-Einwohnens und Notwendigmachens des Jahres bei einem halb Dutzend
Familien schon seit dreissig Jahren besitzen, gesellte sich zuletzt auch der
tieferschütterte Dechant.
    Auch er erfuhr nun die unheimliche Kunde und gab dadurch Lucinden
Gelegenheit, ihren Bericht zum fünften oder sechsten mal zu wiederholen, sich
aber auch zugleich in lebhafter Weise ihm selbst zu empfehlen. Lucinde, die das
Wohlgefallen des Greises an seinem wiederholt prüfenden Blick sogleich bemerkte
- sie war zwar noch in ihren Reisekleidern, hatte aber manches Krägelchen,
manchen Spitzenschmuck zur Hebung ihrer Erscheinung zu benutzen verstanden und
besonders schön stand ihr die eigentümliche turmartige Krone ihres stattlichen
Haares -, suchte sich den Schein der grössten Ungefährlichkeit zu geben. Sie
wollte sich nur nützlich machen. Sie servirte den Tee wie eine Dienende. Schon
erntete sie manchen heimlichen Wink des Beifalls, den Frau von Borchardt an Frau
von Nietnagel, diese wieder an Fräulein von Minnerich und Fräulein von Minnerich
an die »treue Freundin«, Frau von Gülpen selbst weiter gab. Windhack erinnerte
an die Briefe, die Hedemann gebracht; der Dechant wollte jetzt nichts davon
wissen, er wollte ruhig »seine Tasse Tee« trinken, d.h. die Gestalt und den
ausdrucksvollen, den Kenner der Antike fesselnden Kopf derjenigen bewundern, die
den Tee credenzte.
    Windhack konnte, da er Grützmachern gesprochen hatte, von der vergeblichen
Verfolgung des Knechtes aus dem Weissen Ross berichten.
    Oben auf der Höhe des St.-Wolfgangsberges, erzählte er, hatte ihn
Grützmacher und seinen Wagen fast erreicht. Da aber springt der Mensch herunter
vom Wagen, lässt alles im Stich, flüchtet in den unwegsamen Wald und Grützmacher
hat halt mit seinem Gaul vorläufig das Nachsehen ...
    Nun kam die Majorin Schulzendorf. Auch sie kam in der ganzen Eile und
Aufregung, die nichts zu versäumen wünschte und vor Tatsachen, die sie so lange
zurückgehalten hätten, sich nicht zu lassen wusste ...
    Erst der Leichenräuber und - ei - ei, dass sie fast vergessen hätte, dem
liebenswürdigen Dechanten für das wunderschöne, prächtige Obst zu danken - -
    Bitte! Bitte!
    Köstliche Birnen ... Na heute Abend, der grosse Zapfenstreich ...
    Der Leichenräuber? ...
    Nun, nicht wahr? Aber mein Mann vermutet schon einen gewissen Bickert,
einen Menschen, der jahrelang in Frankreich im Zuchtause gesessen hat, dann
über die Ardennen herübergekommen ist, bald da, bald dort herumstreift, mit
einer ganzen Bande zusammen im Hundsrück die Rosstäuscherei getrieben hat,
rotzkranke Pferde für gesunde aufputzt ... danke, danke, meine Liebe! der Tee
macht mir noch zu heiss! Ein Stückchen von Ihrem Kuchen - Delicat!
    Auf dem Lande und in kleinen Städten gewöhnen sich die Menschen an alles
Natürliche und Tatsächliche. Sie können von Krankheiten der Tiere mit
demselben Interesse reden hören, wie man in grossen Städten nicht einmal von den
Krankheiten der Menschen spricht. Der Major war selbst Pferdehändler. Seine
Gattin spann seine Vermutung über die Gefährlichkeit dieses Bickert selbst bis
auf eine Schilderung der Künste aus, wie man den sogenannten Rotz auf einige
Tage scheinbar beseitigen kann.
    Mitten in diesem Fragen, Berichten, Wundern kam auch der Major ...
    Es war eine hagere, mehr bureaukratische als militärische Erscheinung. Er
trug Uniform, doch sass sie ihm nicht so stramm und geschlossen, wie man hier in
den militärischen Kreisen sich zu zeigen gewohnt ist. Als Candidat der Teologie
war er 1815 unter die Fahnen seines Königs getreten und hatte eine Carrière
gemacht, die jetzt gewissermassen wieder in ihre frühere moralische, wenigstens
civile Bestimmung zurücklenkte. Als Lieutenant von der Armee abgegangen, war er
bei den Gensdarmen allmählich bis zum Major gestiegen und griff nun in Gesetz
und Ordnung als Chef eines rings zerstreuten, den Landräten und
Regierungsämtern zur Verfügung gestellten Gensdarmeriecorps ein. Man sollte kaum
glauben, dass ein ehemaliger Lateiner so ganz im Berittenen, namentlich im
Pferdehandel, aufgehen konnte, wie Schulzendorf, obgleich er immer noch etwas
Gelehrsamkeit in Bereitschaft hielt. Seine grauen Augen bekamen oft ein
lebhaftes Feuer; um die spitze Nase legten sich aufs blasse Antlitz zwei lange
mephistophelische Furchen; der Bart auf der Oberlippe zuckte in allen seinen
dünnen grauen Härchen; das Kinn, das in der Mitte gespalten war, streckte sich
mit einer Entschiedenheit, die ganz in seinen Charakter des Schlauen und
Gekniffenen passte.
    Sogleich warf er einen scharfen und prüfenden Blick auf die ihm als Nichte
der Frau von Gülpen vorgestellte Lucinde.
    Waren Sie schon früher in unserm Kocher hier? fragte er sie, als sie ihm den
Tee credenzen musste.
    'S ist das erste mal! antwortete sie, den Blick niederschlagend.
    Sie finden eine kleine Stadt, in der leben zu sollen Ihnen sehr langweilig
vorkommen wird! warf artig der Dechant ein.
    O! bemerkte Frau von Gülpen, acht Tage lässt es sich schon in Kocher
aushalten!
    Lucinde wusste bereits, dass alle Nichten anfangs sogar nur auf drei Tage
kamen.
    Die Majorin verzog ein wenig spöttisch die Miene. Der Major aber, in jener
beflissenen Weise, die den Ghibellinen im Lande der Welfen nur zu oft ihre
Schreckhaftigkeit nimmt, ging ganz auf die Äusserung der Frau von Gülpen ein und
sagte, wenn auch mit einer etwas anzüglichen Betonung:
    Die Kirchen hier sind uralt; noch älter ist aber die Synagoge, die Sie sich
einmal ansehen müssen! Die Stadt Kocher ist schon vor Pontius Pilatus angelegt
gewesen und gewiss eine jüdische Colonie! Ursprünglich hiess sie ohne Zweifel
Koscher, die Reine!
    Hielt der Major Lucinden für eine Jüdin?
    Alle Anwesenden fixirten Lucindens Erscheinung ...
    Indessen lenkte der Major auf andere Fährte. Er kam auf das Interesse, das
nach solchem Ursprung gleich die ersten Christen für Kocher gehabt haben müssten
und führte die kirchliche Bedeutung der Stadt bis auf die neuesten Erscheinungen
herab.
    Lucinde hatte ihr goldenes Kreuz nicht angelegt. Sie begriff sehr wohl, dass
der Major auf ihren Uebertritt anspielen wollte und senkte den Blick wie eine
Fromme.
    Sie ist fromm! war nun das einstimmige Gefühl aller Anwesenben und, seltsam
genug für die Wohnung eines Geistlichen, Lucinde verlor plötzlich bei Frau von
Gülpen sowol wie bei Windhack. Nur dem Dechanten gewährte diese Entdeckung einen
neuen Reiz. Eine Fromme hatte ihm die langjährige alte Freundin noch niemals
vorgestellt.
    Man verlor sich indessen in Klagen über Wilddieberei, Unsicherheit der
Gegend, Aufsätzigkeit der Landbewohner und, wie das dann geht bei einem
Damentee, man fand das Uebel lediglich in den Dienstboten.
    Die gleichfalls dann in ihrem Einfluss auf das Volk angeschuldigten Juden
rechtfertigte der Dechant mit den Worten:
    Warum lässt unser Leben so viel Lücken offen, dass ein Verschmjetzter überall
hineinschlüpfen kann! Die Juden sind durch uns selbst ein Volk geworden, das
seine Tugenden darin finden muss, unsere Fehler zu benutzen! Wir sind, soweit man
die Geschichte überblickt, die Opfer ihrer subtilen Rache geworden und werden es
noch immer mehr werden!
    Sie sprechen fast wie Grützmacher! sagte der Major. Der kann nie entdecken,
wo die Hasen-Jette ihre Rebhühner und Hasen herbekommt!
    Indem bekam Frau von Gülpen von dem immer nur leise und behutsam auf den
trotz des Sommers ausgebreiteten Teppichen hin und wieder gehenden Windhack eine
Meldung ins Ohr geflüstert.
    Sie flösste ihr einen ersichtlichen Schrecken ein.
    Was ist? fragte man allgemein und voll Teilnahme und Spannung.
    Frau von Gülpen stockte, sagte dann aber mit einem Blick der Besorgnis auf
den Dechanten:
    Treudchen Lei will nach Hause ... der Mutter wäre es schon wieder ... Chère
nièce ... gehen Sie doch zu Treudchen und erkundigen Sie sich in der
Gerätkammer - oder ich will doch lieber selbst gehen ...
    Treudchen Lei schien alle zu interessiren und wohl vermutete man: Windhack
hatte eigentlich gemeldet, Treudchens Mutter läge im Sterben. Der Dechant war
der Beichtvater der Kranken. Die Arme schleppte sich schon lange mit der
Zehrung; ihr Ende stand ihr näher bevor, als sie es selbst und die Ihren ahnen
mochten. Jetzt sah Frau von Gülpen, wie angegriffen der Dechant schon war von
dem unruhigen Tage und seinen wechselnden Eindrücken - sie gönnte ihm die
Erquickung eines ungestörten Abends - nun sollte er noch -
    Aber schon erhob sich der Dechant. Wenn ihm auch die Bequemlichkeit über
alles ging, so kannte er doch die Schicklichkeiten seines Amtes.
    Ich werde zu der Armen gehen! sagte er.
    Allgemein aber musste man der Frau von Gülpen, die in die Gerätkammer
gegangen war, Recht geben, dass sie noch geäussert hatte, diese
Schreckensbotschaft von der guten Frau Lei wäre ja schon so oft gekommen und
immer hätte die Dulderin sich wieder erholt, ja sogar es bereut, als sie in
einem ähnlichen Anfall schon einmal die Wegzehrung erhalten und dann doch nicht
gestorben wäre. Spendet auch die Kirche diese letzte Wohltat gern in der
Voraussetzung, dass sie nicht den Tod, sondern die Genesung erleichtre, so sparen
sich die Sterbenden doch gern die hülfreiche Rüstung zum Eintritt in den
peinvollen Vorhof des Himmels zu dem Augenblick, wo sie deren wirklich bedürftig
sind.
    Also riet man dem Dechanten zu bleiben und Windhack, der der Frau von
Gülpen in die Weissgerätkammer, wo ein liebes zartes Kind, Treudchen Lei, den
ganzen Tag über an neuen feinen Hemden gesteppt hatte, nachgegangen war, kam
schon mit der Beruhigung zurück, Treudchen wäre zwar gegangen, hätte aber
hinterlassen, sie würde sogleich schicken, wenn es nötig würde.
    Geschwister hat sie genug dafür! sagte Frau von Gülpen, die schon zurückkam
... Sie sagte dies ganz voll Mitleid, aber scheinbar ohne die mindeste Erregung.
    Der Dechant beruhigte sich also.
    Wissen Sie wohl, lenkte er in ein inzwischen vom Major begonnenes Gespräch
über Wilddieberei ein, wissen Sie wohl, das Schmerzenslager unserer guten Frau
Lei ist eine Folge der Wilddieberei?
    Man wusste nur Einzelheiten davon. Während Lucinde den fortgesetzt forschend
auf ihr ruhenden Blick des Majors bald fragend suchte, bald erschreckend
vermied, erzählte der Dechant:
    Ehe noch die Juden in Kocher am Fall den Mut gehabt hätten, an Christen von
ihrer eigenen Metzgerkunst mehr zu verkaufen als Gänseblut ...
    Allen Bewohnern von Kocher war gegenwärtig, dass die Hasen-Jette, Frau
Henriette Lippschütz, die jetzige Wildpretändlerin, die Witwe eines einst auch
von Christen stark in Nahrung gesetzt gewesenen jüdischen Metzgers war ...
    Und ehe noch, fuhr der Dechant fort, die Blume der ganzen Judenschaft in
Kocher am Fall, mein unvergesslicher teuerster Busenfreund Dr. Leo Perl, zu
unserer Kirche übergetreten war - er hat einst in Borkenhagen unsern guten
Bonaventura getauft ... Sieh, sieh! unterbrach sich der Dechant selbst, - käme
Bona noch, der Wunsch der Frau wenn sie stürbe wäre erfüllt; von ihm hätte sie
am liebsten die letzte Zehrung empfangen ...
    Frau von Gülpen stellte die Notwendigkeit einer schon so nahen Gefahr und
die Erfüllung jenes Wunsches, den Lucinde schon vorgestern aus dem Munde
Grützmacher's kannte, wiederholt in Abrede ...
    Kurz, vor langer Zeit schon, nahm der Dechant seine Erzählung auf, war der
angesehenste Metzger hier im ganzen Orte Treudchens Grossvater, der alte Petrus
Lei. Als ich hierher an den Dom kam - auf Veranlassung hauptsächlich jenes, so
früh dahingegangenen Seltensten der Menschen Leo Perl -, stand niemand unter
seinesgleichen höher im Ansehen als Herr Petrus Lei. Eine Freude war's, den Mann
in seinem stattlichen Hause unten am Fall zu sehen, wie er, über der Brust die
weisse Schürze und mit dem Messer im Brustlatz, an seiner Schranne stand! Den
Mann plagte aber plötzlich das Wohlleben, der Müssiggang und mit ihm, wie es auf
dem Lande geht, die Jagdlust. Hatten entweder, wenn er über Land zum Einkauf von
Schlachtvieh reiste, seine Hunde die Neckerei, Hasen aufzustöbern, die sie ihm
zuschleppten - so erzählte er später selbst den Ursprung seiner Jagdlust - oder
reizte ihn sein bürgerliches Wohlbefinden, er pachtete eine Jagd und wurde ein
so leidenschaftlicher Jäger, dass ihm sein eigenes Gebiet nicht mehr genügte. Die
Kugel, einmal im Lauf, sagt unser grosser Schiller, ist verhängnisvoll! Sie fuhr
auch für Petrus Lei heraus, wenn die Grenzmarke seines Geheges längst
überschritten war. Ich mag nicht leiden, wenn ein Bäcker, der für tägliches
Brot, meinetwegen Sonntags für Kuchen zu sorgen hat, sich zu feinern Näschereien
versteigt. Ein Metzger, der dem Wild nachstellt und das dann zwar nicht aufhängt
unter seine Rindsviertel und gespaltenen Lämmer, aber unter der Hand doch auch
verkaufen muss, begeht fast eine Untreue an seinem Beruf. Ich will nicht sagen,
dass sich sein Beruf rächte, aber Petrus Lei erlebte das Unglück, nach einer
heissen Jagd, die ihn nicht wenig mitgenommen hatte, auf freiem Felde von einem
Unwetter überfallen zu werden. Der Regen goss in Strömen. Kein Baum, kein
schützendes Gestein. Das Wetter endete nicht. Darüber brach die Nacht an; die
Nebel umspannen vollends die Gegend. Voll Unmut wirft sich der reizbare, zum
Jähzorn geneigte Mann auf die Erde und bleibt liegen bis zur
Besinnungslosigkeit. Das Winseln seines gleichfalls halbtodten Hundes machte
einen vorüberfahrenden Bauer aufmerksam; Petrus Lei wurde mit seinem Hunde vor
dem immer fortströmenden Regen unter dem Stroh des Wagens geborgen. Herr und
Hund kamen nach Hause, Lei aber wurde todtkrank und behielt von dem Tage an die
Gicht in einem Grade, der sich aufs höchste steigerte und ganz unheilbar wurde.
Der vermögliche Mann reiste in die Bäder und kam immer kränker zurück. Fast
gelähmt an allen Gliedern, hatte er Schmerzen, die den Unglücklichen zum
Gegenstand des allgemeinsten Mitleids machten. Wie oft hab' ich für ihn die
Fürbitte gehalten! Fast immer im Bett liegend, musste er die Führung seines
Gewerbes seinem Sohn überlassen, der in keiner Hinsicht ihm ähnlich war. Ein
träger und bequemer Mensch, hatte Joseph Lei die Früchte der Anstrengungen
seines Vaters geerbt, liebte aber die Gesellschaft, das Kartenspiel, den Wein
und vernachlässigte so sehr die ihm nun ganz allein übertragenen Geschäfte, dass
sie zurückgingen und der zusammengekrümmte, auf seinem Lager stöhnende alte
Vater Verwünschungen über Verwünschungen über den Buben, wie er ihn nannte,
ausstossen musste. Joseph hatte selbst schon lange ein einst vermögendes Mädchen
geheiratet, die Tochter eines angesehenen, nur mit zu viel Kindern gesegneten
Landwirts. Das immerhin beträchtliche Eingebrachte derselben war bei dem
Zurückgehen des Geschäfts bald verbraucht; die Kundschaft verminderte sich, die
Concurrenten machten bessere Einkäufe. Alledem sah der von der Gicht
krummgezogene Alte, der inzwischen Grossvater geworden war, von seinem Lager mit
Verzweiflung zu. Innerer und äusserer Schmerz folterten den Greis, der nicht mehr
gehen und stehen konnte. Hörte man wilde und laute Verwünschungen aus dem einst
so stattlich gewesenen, jetzt die Spuren des Verfalls tragenden Hause, so wusste
man schon nicht mehr, waren es die Ausbrüche des Zankes mit seinem Sohn oder die
Klagerufe des von seinen Schmerzen Gepeinigten. Dieser Zustand dauerte einige
Jahre. Die Verlegenheiten wuchsen; das Haus gehörte schon nur den Gläubigern;
Pfändungen folgten auf Pfändungen, und wie es zu gehen pflegt, das Verderben
wird unaufhaltsam und wird es auch innerlich für den Charakter des davon
Betroffenen. Joseph Lei verkaufte und versetzte ein Stück nach dem andern; die
Frau, eine redliche, brave, treue Seele, mühte sich mit der Befriedigung des
letzten Restes von Kundschaft, um nur die Kinder erhalten und erziehen zu
können. Die Vergünstigungen der Armutspenden in Empfang zu nehmen, war man
noch, schien es, zu stolz. In der Nebenstube des Wohnzimmers, aus dem hinaus man
in die jetzt fast immer leere Verkaufsflur trat, stand ein Bett mit
Kattunvorhängen; rings von diesen eingeschlossen, um das Licht abzuhalten, das
die trüben, roten Augen des Alten blendete, lag der Alte. Da rückte man ihm
eine Fleischbank hin, auf der er Speck und geräuchertes Fleisch schneiden half
und Wurst hackte. Eines Tages fand man die Vorhänge sorgsam zugezogen; man
öffnete; Petrus Lei hatte sich mit dem grossen Messer, das immer in seiner Nähe
lag, erstochen. Nun vollends war der Segen des Hauses dahin! Die blutige Gestalt
des Grossvaters verscheuchte jeden der letzten Kunden, auch die, die aus Mitleid
noch gekommen wären. Mit Grauen und Ekel ging man an dem Hause eines Metzgers,
der sich selbst erstochen hatte, vorüber, und sah man auch manchmal an der Tür
noch ein einziges junges Lämmchen hängen mit ausgebreiteten, an Stecken
befestigten Füssen, - die gute unglückliche Frau Lei putzte und scheuerte
hellgelb die Haken, an denen einst die schweren Rinderviertel gehangen, die
Wagschale blinkte so sauber durch die Fensterscheiben der Hausflurtür wie
sonst, - drinnen sah es doch öde und leer aus. Joseph sass dann bald nur noch im
Wirtshaus, trank und spielte. Die geistlichen Vermahnungen halfen nichts; es
lag wie ein Fluch auf dem Hause, dessen gänzliche Verödung nur das Mitleid um
die rechtschaffene Frau abwandte. Das haben wir ja alle erlebt, wie diese
unheilvolle Kette an verderblichen Ringen immer reicher wurde! Die kleinen
Kinder wuchsen herauf, halfen da und dort; der Vater hatte Augenblicke, wo er
sich zusammenraffen wollte. War dann einmal ein Tier gekauft worden, war das
ein Jubel von Frau und Kindern! Sie liefen in die ganze Nachbarschaft ringsum
und verkündeten die frohe Mär: Der Vater hat ein Schwein geschlachtet! Was liess
sich dann tun? Man musste den jüdischen Metzger Lippschütz, an den man sich
unten am Fall schon gewöhnt hatte und zu dessen Praxis ohnehin diese eine
Tiergattung nicht gehörte, übergehen und die arme Frau Lei glücklich machen,
die dann freilich erleben musste, dass der Mann, gleichsam um sich von einer
einzigen grossen Tat, dem Schlachten und Zurichten und Verputzen eines einzigen
Tieres, auszuruhen, dann wieder im Wirtshause sass und durch erkünstelte
Bravaden seine innere Zerfallenheit zu übertrotzen suchte. Sein Blick wurde
wilder und scheuer, man mied ihn und je mehr die Teilnahme für die Mutter und
die Kinder zunahm, desto vereinsamter fühlte sich ihr Mann, der Joseph. Die arme
Frau lief oft sechs Stunden Weges zu Fuss über Land, um irgendeinen Ankauf zu
machen; die Kinder folgten, und zu rührend war der Anblick, wenn sie dann ein
Lämmlein oder ein taumelndes Kälblein die Landstrasse dahertrieben und den Vater
aus dem Wirtshause abriefen, damit er an dem auf Borg oder für ein Geringes
Eroberten seine Kunst zeigte. Wir wissen alle, dass eines Tages am Pfosten des
Schlachtauses nicht ein solches kunstgerecht ausgeweidetes Lämmlein, sondern
der Joseph selber hing! Wie sein Vater war auch er aus der Welt gegangen; jener
Selbstmord war aus Ungeduld und Stolz, dieser aus Furcht und Scham entstanden;
sein Trotzen war eben nur, wie es geht, ein falsches Spiel gewesen. Dann wurde
Meister Lippschütz Herr der ganzen Kundschaft bei den Gerbern und Färbern unten
am Fall, bis auch der starb und seine Frau die Metzgerei nicht fortführen
konnte. Das, Fräulein Schwarz, ist nun unsere Hasen-Jette, die Sie sehr oft auf
unserer Dechanei sehen werden! Sie ist eine vortreffliche Frau, wenn auch der
Major ihren geheimen Lieferanten nicht traut ... Nun stirbt die gute Frau Lei!
Ich muss doch hinunter in die Stadt! Man kommt nicht wieder ... Gute Nacht!
    Der Dechant erhob sich allen Ernstes. Sein gutes Herz hatte über die
Bequemlichkeit den Sieg davongetragen.
    Sein Entschluss wurde aber von einem heranrollenden Wagen unterbrochen.
    Der Pfarrer von St.-Wolfgang! rief alles und Frau von Gülpen trat ans
Fenster.
    Es war aber nicht diese heiss von ihr ersehnte Ablösung für den Dechanten,
sondern es waren die geistlichen Herren vom Diner und von der Conferenz.
Windhack kam schon und berichtete: Sie hätten ihre Ueberkleider, Bücher,
Regenschirme noch in der Dechanei zurückgelassen und wollten sich, da sie jetzt
erst abreisten - bis um acht Uhr hatten sie Gelegenheit genug gefunden sich in
Kocher am Fall zu zerstreuen -, alles in den Wagen nachreichen lassen.
    Frau von Gülpen fürchtete, dass man nicht jedes da, wo sie es hingelegt
hatte, finden würde und schickte auch noch Lucinden mit den nötigen Anweisungen
hinunter.
    Windhack war schon vorangegangen. Ohnehin war er im Aufdecken begriffen.
Nach dem Tee pflegte man in der Dechanei immer noch ein Nachtessen einzunehmen,
das bereits aufgetragen wurde ... Man drängte inzwischen den Dechanten, die
Botschaft Treudchens erst abzuwarten und sich zu beruhigen.
    Bald hörte man, dass nach wenigen Augenblicken auch schon der Wagen unten
wieder abgefahren war.
    Eben machte der Major einige Glossen über die Anhäufung geistlicher
Versammlungen, über die Unbesonnenheit, mit der man Zwecke zur Schau trüge, die
böses Blut nach oben setzen müssten, über die fanatischen Schwärmereien des
Stadtpfarrers, der sogar allerlei Abenteurer ins Land riefe, jetzt die
Italiener, die diesmal Heiligenbilder verkaufen müssten zu Spottpreisen, wie
ihnen durch einen Verein ermöglicht würde; ja, auch den »Kirchenboten« hätte er
heute wieder so scharf geschrieben gehabt, dass man ihn in der Censur von Anfang
bis zu Ende gestrichen hätte ...
    Er kannte die Spannung zwischen der Dechanei und dem Stadtpfarrhause und
sagte ganz offen:
    Man möchte fast glauben, der fanatische Mann hat die Herbstmanöver
abgewartet, um seine bekannten Anschuldigungen der Regierung besser unter die
Leute zu bringen!
    Schon sprach man dem Mahle zu, schon füllten sich die Gläser ... Man
erörterte die heutige Conferenz. Der Dechant zuckte die Achseln und schwieg zu
des Majors Besorgnissen ... Man sprach von dem ausbleibenden Benno, der
wahrscheinlich durch seine Kameraden gefesselt war, und bemerkte endlich die
auffallende Nichtwiederkehr der Nichte der Frau von Gülpen.
    Der Dechant war der erste, den ihr Aussenbleiben störte.
    Eine Erörterung über sie, eine Kritik über ihren Eindruck liess sich noch
nicht anknüpfen; man konnte annehmen, dass sie eben eintreten würde.
    Ihr Couvert blieb aber leer. Sie kam nicht ...
    Jetzt fragte man Windhack, der servirte ...
    Windhack wusste keine andere Auskunft, als dass »Fräulein von Schwarz« ihm
noch vor einer halben Stunde draussen geholfen hätte, den Herren in ihren Wagen
die verlangten Sachen nachzureichen. Da hätte sie ein Licht gehalten und
plötzlich wäre ihr das Licht aus der Hand entfallen und dann, als der Wagen fort
war, hätte er sie gar nicht mehr gesehen ...
    Frau von Gülpen fand das Fallenlassen des Lichtes »doch auch sonderbar« und
nun öffnete sich manche verhaltene Schleuse ...
    Die Freundinnen schickten zuerst das grösste Lob voraus - nach dem System der
Sheridan'schen Lästerschule war dies gleichsam das Einkaufungsrecht, hinterher
desto schärfer tadeln zu können.
    Flüsternd nur und sehr discret fand man die junge Dame ausserordentlich
interessant, mit andern Worten höchst unheimlich und kein Vertrauen erweckend;
man fand sie wunderbar schön und majestätisch, mit andern Worten zum Dienen
nicht im mindesten geschaffen; man bewunderte ihre Augen und fand sie
ausserordentlich klug, d.h. gefährlich und Vorläufer mancher Beunruhigungen der
Dechanei und der Stadt.
    Die Frau Majorin schwieg vollends - was bei ihrer Zungenfertigkeit das am
meisten Sagende war - und der Major knöchelte nur ein kaltes Huhn aus und legte
die Reste so hieroglyphisch vor sich auf den Tellerrand, als wollte er damit das
bekannte Rätselspiel einer verwundenen Bandschnur lösen ...
    Jetzt fragte ihn Frau von Gülpen geradezu, worüber er denn heute eine so
ganz extrafeine Miene machte ... und der Majorin sagte sie schon:
    Unsere Familie ist so gross, dass ich oft erschrecke, ihre nähere
Bekanntschaft zu machen!
    Und als nun gar Fräulein von Minnerich die Anspielungen des Majors auf den
jüdischen Ursprung der Stadt Kocher in Verbindung brachte mit einem gewissen
orientalischen Air der Nichte und die Tante darüber in Verlegenheit geriet,
konnte der Major nicht mehr umhin zu sagen:
    O Beste, nein! Ich wollte nur auf ihre hohe Religiosität anspielen ... sie
ist ja eine Convertitin ...
    Feierliches Schweigen ...
    Man sah sich um, ob Lucinde kam.
    Da sie ausblieb, ermunterte Frau von Gülpen, die diese Eigenschaft ihrer
Nichte nicht gekannt hatte, den Major, ganz offen sich auszusprechen.
    Sie wissen, sagte sie, ich bin schon so oft von meinen Angehörigen getäuscht
worden! Noch unser letzter Besuch, Fräulein Angelika Müller -
    Ich habe einen Brief von ihr auf meinem Zimmer liegen, sagte der Dechant und
wünschte offenbar damit das Gespräch abzubrechen ... ihm gefiel Lucinde ... er
wäre gern auf einen andern Gegenstand übergegangen.
    Grützmacher, sagte aber der Major, sah sie schon gestern beim Pfarrer von
St.-Wolfgang ...
    Wir hatten sie dortin empfohlen, bemerkte Frau von Gülpen, um ihre
Sicherheit zu beweisen.
    Sie kannte Herrn von Asselyn schon seit Jahren ...
    Sie kommt aus der Stadt, wo er geweiht wurde ...
    Nun, wir werden ja sehen ...
    Sehen? hiess es allgemein.
    Ich verschweige Ihnen nicht, gestand jetzt der Major ganz offen, die Dame
ist uns zur Aufsicht anempfohlen worden ...
    Zur Aufsicht?
    Als Emissarin! Ihre fanatische religiöse Gesinnung ...
    Bei dem Worte »Emissarin« verschüttete fast Frau von Gülpen den Inhalt der
goldenen Dose, die der Dechant suchte und die sie ihm, selbst in grösster
Aufregung jede seiner Mienen, jedes seiner Bedürfnisse beobachtend, hinreichte
und öffnete ...
    Dem alten Windhack schien es geradezu Spass zu machen, Frau von Gülpen so
gleichsam immer mehr in die Lüfte gehoben zu sehen. Er schenkte dem Major sein
Glas mit 24er Mosel-Auslese ebenso oft voll, wie dieser es leerte. Dadurch kam
die Mitteilungslust desselben in Gang und nicht zwanzig Minuten währte es, so
wussten, natürlich nur in gemütlichster Andeutung, alle, dass Lucinde Schwarz
kaum viel mehr als eine Abenteurerin war, schon einen sehr verwickelten
Lebenslauf gehabt hätte, ja auf Schloss Neuhof beim Kronsyndikus von Wittekind
gewesen war, damals namentlich als vor sechs bis sieben Jahren jener
Teilungscommissar so rätselhaft getödtet wurde, der Vater eben jenes Mönches,
der jetzt Pater Sebastus hiess und vielleicht in diesem Augenblick unter den
unten angefahren gewesenen Geistlichen sich befunden haben konnte ... Ja, bis zu
Lucindens erstem Anfang gingen die Mitteilungen zurück, bis zum Hause des
Stadtamtmanns und sogar bis zu ihren ersten Abenteuern mit einer alten Frau
Hauptmännin von Buschbeck ...
    Längst hatte von Kocher her der Zapfenstreich sich vernehmen lassen ...
    Der Dechant stand schon bei dem Namen »Schloss Neuhof« auf ...
    Frau von Gülpen folgte seinem Beispiel bei dem Worte »Buschbeck«.
    Lucinde war nicht wiedergekehrt ...
    Die Freundinnen besassen Takt genug, nachzufühlen, dass dieser Abend gestört
war, und den Zapfenstreich hatte eigentlich niemand versäumen wollen ...
    Major Schulzendorf hatte Lucinden keineswegs anklagen wollen. Er hatte nur
das Interesse, das sie vollkommen einflössen durfte, genauer motivirt. Nicht im
mindesten durften er oder seine Gattin annehmen, dass seine immer den Rücksichten
des Hauses und den vortrefflichen Speisen und Weinen desselben Rechnung tragende
Mitteilung irgendjemanden hier verletzte.
    Man trennte sich wie mit dem Gefühl allgemeinster Befriedigung ...
    Frau von Gülpen aber fiel, als sie mit dem Dechanten allein war und ihr
scharfes Ohr die letzten Schritte der Gäste verklingen gehört hatte, geradezu in
eine Ohnmacht ...
    Der sanfte Mann tat alles Mögliche, sie zu beruhigen.
    Nicht vierundzwanzig Stunden länger bleibt sie im Hause! hauchte die
Freundin mit einer ihr fast vergangenen Stimme.
    Die Haube löste sich, die schönen kastanienbraunen Scheitel kamen in
Unordnung ...
    Und plötzlich raffte sie sich auf und klingelte.
    Was tun Sie? Was soll das? fragte der Greis.
    Windhack, der die Gäste hinausbegleitet, kam zurück.
    Das Fräulein -
    Die Stimme versagte ... versagte um so mehr, als der Dechant sich einer
sofortigen Citation Lucindens entschieden widersetzte.
    Windhack berichtete, er hätte oben geklopft und die Antwort bekommen, sie
wäre müde und wünschte allein bleiben zu dürfen ...
    »Wünschte! Allein bleiben zu -«! lachte Frau von Gülpen förmlich auf, wie
über eine Prätension der höchsten Anmassung ...
    Beruhigen Sie sich, liebe Freundin! unterbrach der Dechant wiederholt und
mit Entschiedenheit. Verurteilen Sie nicht wieder zu schnell! Morgen wird sich
alles finden! Ich bitte sehr darum! Windhack, leuchte! Ich habe noch Briefe zu
lesen. Keine Störung! Keinen Tumult! Ruhe und Friede! Ich bitte darum! Gute
Nacht, liebe Freundin!
    Damit ging der Greis erregt, wie seit lange nicht, auf sein Zimmer.
    Die Schnurrentüren nebenan bei Frau von Gülpen beruhigten sich aber noch
bis tief in die Nacht nicht, so oft gingen sie auf und zu und so oft zu und auf
...
    Nie noch konnte eine Tante über eine Nichte in grösserer Aufregung gewesen
sein.
 
                                       9.
Inzwischen sass Lucinde in einem Mansardenstübchen unter dem Eindruck, den ihr
das Wiedersehen Heinrich Klingsohr's verursacht haben musste!
    Dass es dieser gewesen, dass er wie sie den Glauben gewechselt, ja dass er
weiter noch gegangen und ein Mönch geworden, bestätigte Windhack, als er das ihr
aus der Hand gefallene Licht erhob und in aller Harmlosigkeit sagte, der Mönch
käme mit den geistlichen Herren vom Stadtpfarrer ... hiesse Dr. Klingsohr, und in
der Stadtpfarrei - da müsste man mehr von ihm wissen, als halt er selbst oder der
Dechant wüsste ...
    Windhack ahnte nicht, wie seine Antwort einer fast bebend gesprochenen Frage
gegeben wurde.
    Und doch wusste selbst auch noch in diesem Augenblicke sich Lucinde schon
wieder zu beherrschen.
    Aber sie mochte nicht in die Gesellschaft zurückkehren ober, wie Windhack
sie aufforderte, am Mahle teilnehmen. Die strenge Kälte der Frau von Gülpen,
der prüfende Blick des Majors, der so lässige und nur oberflächlich verratene
Anteil des Dechanten benahmen ihr allen Mut, allen Aufschwung ... und doch war
sie sorglos und ahnte für ihr Bleiben keine Gefahr.
    Sie hatte Treudchen Lei schon davongeeilt gefunden, hatte die
zurückgelassenen Sachen der geistlichen Herren helfen wollen an den Wagen
nachtragen, hatte kaum einen Blick durch das vergitterte Fenster des untern
Estrichs geworfen, während Windhack vor der grossen Hauptpforte stand ... als sie
vor dem geschorenen Haupte eines Mönches, der aus dem Wagenschlage sich
vorbeugte, zurückfuhr. Die Beleuchtung durch Lichter, den aufgegangenen Mond und
die noch nicht ganz entschwundene Tageshelle war zu sicher, der markirte,
scharfe Kopf Klingsohr's war mit keinem andern zu verwechseln und die
Bestätigung, dass sie sich nicht geirrt, folgte durch Windhack auf dem Fusse ...
    Wollen Sie nicht zum Souper kommen? fragte der Alte nach einer Viertelstunde
noch einmal.
    Durch die geschlossene Tür ihres Mansardenzimmers hatte sie gebeten, allein
bleiben zu dürfen und sie wegen ihrer Ermüdung zu entschuldigen.
    Ihr Zimmer war klein, sehr niedrig, - fast stiess sie mit dem Kopf an die
Decke -
    Sie machte sich Licht - sie hätte alle Fenster des Hauses aufreissen mögen,
um Luft zu schöpfen, - ihr Stübchen hatte nur ein Fenster - sie fürchtete zu
ersticken -
    »Beim Stadtpfarrer würde sie mehr erfahren«- Dies Wort hallte ihr
unaufhörlich wider ...
    Sie hatte Briefe an diesen Beda Hunnius - die dringendsten Empfehlungen -
Empfehlungen, die sogar mit »pressant« überschrieben waren -
    Sie suchte nach diesen Briefen -
    dabei blieben ihr die Hände wie gelähmt ... und fast wie im Gelächter klang
es schon und hallte ihr im Ohr:
    Klingsohr ein Mönch!
    »Sind Sie katolisch?« hatte sie einst zu ihm gesagt, als er einen
Blütenzweig da in die Erde pflanzen wollte, wo sie gestanden, damals, als sie
von ihm auf dem Wege vom Düsternbrook so seltsame und ihr fremde Gedanken
vernommen ...
    »Du sprichst ein grosses Wort gelassen aus!« hatte er erwidert ...
    Sie ging auf und nieder in dem engen Zimmer.
    Dann suchte sie in ihrem kleinen Koffer nach den Briefen ...
    Sie fand sie in ein Convolut alter Papiere versteckt, die sie seit drei
Jahren besass. Es waren die nach Serlo's Tode aus dessen Nachlass an sich
genommenen Aufzeichnungen desselben ... seine oft von ihm vorgelesenen
Tagebücher.
    Sie kannte jede Stelle darin und nicht eine Secunde brauchte es, dass sie
eine Seite aufgeschlagen hatte, die jenen Beda Hunnius betraf. Firmian
Neumeister, genannt Serlo, war, obgleich älter, mit ihm im geistlichen Convict
gewesen ... Bei diesem Hunnius konnte sie von Klingsohr mehr erfahren ... von
Klingsohr, der jetzt ...
    Sie wusste selbst nicht, was sie tat, als sie, um den überwallenden Strom
ihrer Empfindungen zu dämmen, die Schilderung wieder las:
    »Wir ältern Schüler hatten die Aufsicht über die jüngern. Schon ganz kleine
Knaben kamen ins Convict und mit den glücklichsten Anlagen für ihren künftigen
Beruf ...
    Die Lehrer hatten die Erziehungsgrundsätze der Jesuiten angenommen. Wir
wurden von allem zurückgehalten, was nur irgendein eigenes und selbständiges
Leben in uns und aus uns hätte entwickeln können. Jede Stunde, ja jede Minute
hatte ihre Beschäftigung, ihre eigene Aufgabe. Nur die Ruhe der Nacht, wenn man
aus einem Traum erwachte, bot die Gelegenheit eines stillen Selbstgesprächs. Nur
in solchen Nächten ermöglichten sich meine Betrachtungen über Menschen und
Dinge. Mit dem Glockenschlage fünf begann die gewohnte Ordnung matematisch
genau abgegrenzter Beschäftigungen. Einer der Schüler belauschte den andern. Man
wurde angezeigt, wenn man Runzeln auf der Stirn hatte! Ich weiss es noch wie
heute, dass ein Schüler, ein kleiner Bauernknabe, mindestens sieben Jahre jünger
als ich, den ich zu beaufsichtigen hatte, ein gewisser Hunnius, mich anzeigte,
wenn ich die Stirn in Runzeln gelegt hatte! Diese Nachlässigkeit wurde vom
Rector scheinbar nur aus Schönheitsrücksichten getadelt und abgestraft. Man
sagte: Du sollst dein Äußeres pflegen! Dein Leib ist ein Tempel Gottes! Wie
kann eine Seele zu dir Vertrauen fassen, wenn du mit düsterer, gefurchter Stirn
sie anblickst! Die Wahrheit war aber keine andere als die, dass gerunzelte
Stirnen Denker verraten, mindestens Träumer, die in sich selbst versunken
Betrachtungen anstellen, die ihnen nicht von aussenher veranlasst und geheissen
wurden.
    Dieser boshafte kleine Verfolger meiner Stirnrunzeln war auch schon der
eifrigste und gewandteste Escamoteur des sogenannten Signums.
    Dies war eine Art Denkzettel von Blech, den derjenige umhängen musste, der
irgendein Versehen sich hatte zu Schulden kommen lassen. Man trug das Signum so
lange, bis man an irgendeinem andern eine Unregelmässigkeit entdeckt hatte, der
dann es statt seiner tragen musste. Da derjenige, welcher das Signum Abends neun
Uhr umhatte und der letzte gewesen war auf der nun folgenden Jagd der Angeberei,
dann auch wirklich gleichsam für alle bestraft wurde, - Opus operatum auch hier!
- ein verhältnissmässiges Fastengebot erhielt oder irgendeine Arbeit verrichten
musste, so kann man sich denken, wie aufgelauert wurde, um das Signum von sich
weg anzugeben auf einen andern! Ich alter, achtzehnjährige Knabe war gewöhnlich
der Unglückliche, der für die Vergehen von einem Dutzend anderer Abends neun Uhr
zu büssen hatte.
    Und ich sage nur, wie die menschliche Natur früh auf alles, was sie geistig
verkrüppeln kann, vergnüglichst eingeht!
    Niemals kam der jüngste von allen, der kleine Hunnius an die Reihe, der
letzte zu sein! So verschmitzt war hier schon ein Kind, so listig, dass es noch
Abends um neun Uhr einen Frevel an einem seiner Kameraden entdecken konnte, dem
es das Signum kurz vor Toresschluss zuzuschanzen wusste.
    Gab es keinen Verstoss, der anzuzeigen war, so lockte man einen hervor. Dazu
bedurfte es bloss doppelter Verschmitzheit; denn der Reiz zur Sünde ist immer
da. Von Freundschaft und Liebe konnte bei so durcheinander gehetzten jungen
Seelen keine Rede sein. Wir wurden zur Predigt der Liebe angeleitet und in
unserm Innern kochten Hass und Rache. Alles zur grössern Ehre Gottes!«
    Eigentlich war Lucinde auf dem Standpunkte, bei solchen Mitteilungen eher
Partei gegen als für Serlo zu nehmen. Sie hatte mit der Denkweise, die sie
Klingsohrn, ja Serlon selbst verdankte, eine resolute Entschlossenheit der
Menschen für die Abwehr ihrer gegenseitigen Schlechtigkeiten für vollkommen
gerechtfertigt zu halten gelernt. Sie lachte schon oft über den kleinen Hunnius
und nahm ihn für einen Erzschelm, der mit der Menschheit gerade so verfuhr, wie
man mit derselben verfahren müsse und wie sie einst selbst sich gegen die Tücke
der Frau von Buschbeck half. Selbst Bonaventura, dem sie einst diese Art der
Erziehung vorhielt und unter der gewöhnlichen Beichtstuhlfirma, »sie würde von
Zweifeln gequält« - ihr Verhalten zum neuen Glauben war, den wirklichen Hass
gegen die hinter ihr liegende protestantische Welt ausgenommen, nur ein
äusserliches und eine Benutzung desselben als Mittels zum Zweck - diese
Signum-Anekdote erzählte, hatte gesagt: Man glaubt das Fundament unserer Kirche
erschüttert zu haben, wenn man allen Aberwitz aufdeckt, auf den die Einsamkeit
der Geistlichen und die Furcht vor der Anfechtung verfallen ist! Die künftige
Lebensstellung des Priesterstandes ist eine so schwierige, dass die Angst, es
möchten sich keine Menschen finden, die ihm Genüge leisten könnten, seit
Jahrhunderten bei uns auf solche Auskunftsmittel der Erziehung zur innern
Heiligung verfallen ist!
    Die Gäste unten hatten das Haus verlassen - alles wurde still - der Mond
trat immer heller und heller hervor und verklärte den Park mit einem magischen
Lichte ...
    Von Benno, von Hedemann, Tiebold de Jonge, Bonaventura, von den Italienern
keine Spur - auch die kleine Gertrud Lei brachte - wenigstens hörte sie nichts -
keine Botschaft von ihrer sterbenden Mutter ...
    Die Erzählung des Dechanten hatte Lucinden in ihr eigenes Jugendleben
zurückversetzt - in das Leben ihrer Geschwister - in den Tod derselben - auch
den Tod ihrer beiden letzten Brüder ... Gustav und August lebten nicht mehr -
sie hatten aus dem Besserungshause entfliehen, hatten an einem Seil aus einem
hochgelegenen Fenster sich niederlassen wollen - ein Geräusch treibt den zweiten
Flüchtling, sich aus dem Fenster dem ersten nachzuschwingen, während dieser noch
nicht am Boden ist - das Seil reisst, beide verunglücken - - vor einem Leben, das
doch gewiss nur das des Verbrechens hätte werden können! tröstete sich schon
damals Lucinde. Es war dies fast drei Jahre her; die Kunde traf sie gleich nach
ihrem Eintritt in die ortopädische Anstalt. Dass sie diesen Tod getrost auf ihre
Rechnung schreiben konnte, hatte ihr das Gewissen schon oft gesagt und ebenso
oft auch schon wieder hatte ihre Philosophie der Selbsthilfe und des erlaubten
Widerstandes gegen das feindliche Leben sie von allem Vorwurf freigesprochen.
    Zur Ruhe gehen konnte sie nicht. So in ihrer Aufregung den Tag schliessen, so
sich mit tausend quälenden Gedanken aufs Lager werfen? ... Unmöglich für eine
Phantasie so voll wühlender Ungeduld! ...
    Die Kleinheit des Zimmers machte sie jetzt verzweifeln. Sie riss die Tür auf
... Unten hörte sie noch reden ... Frau von Gülpen war es, die sich bei den
Mägden sicher stellte, dass niemand sich etwa einfallen liess, vom Lärm der Stadt
und der Neugier auf die Einquartierten sich aus dem Hause ziehen zu lassen.
    Lucinde lächelte und sagte kopfschüttelnd:
    Ganz wie meine Alte!
    Zuletzt regte sich nichts mehr im Hause ...
    Sie griff nach Hut und Mantel ...
    Wenigstens in den Park wollte sie gehen und mit einer Wanderung durch die
Baumgänge die stürmenden Gefühle ihrer Brust beschwichtigen ...
    Wie auch hatte ihr das Leben dieses Parks poetisch vor Augen gestanden!
Sollte sich denn auch nichts davon, keine einzige ihrer Ahnungen erfüllen?
    Sie musste hinaus. Nur das eine Bild des Mönches Klingsohr schon wuchs so
riesengross vor ihren Augen, dass es die Decke des kleinen Zimmers sprengte. Es
zog sie, wie wenn sie über Länder und Ströme, über Heiden und Moore fliegen
müsste zu dem fernen Meere hin, an dessen Ufern sie einst gelebt hatte, zu dem
Strande der Alster, wo Klingsohr im Schilfrohr das blutige Haupt seines Vaters
zu sehen sich gefürchtet.
    Und wollte nicht zuletzt noch Bonaventura kommen? Wollte er sie gleich schon
heute die Wonne nicht fühlen lassen, doch irgendwie berechtigt in seiner Nähe
weilen und an seinen Lebensschicksalen beteiligt scheinen zu dürfen?
    Mit diesen Empfindungen war sie schon auf der Stiege.
    Sie hatte leise ihr Zimmer zugedrückt.
    Behutsam ging sie hinunter. Nichts hörte sie als das Knistern ihrer Schuhe
auf der steinernen Treppe.
    Unten steckte der Schlüssel in der Hauspforte ...
    Sie schloss auf, öffnete und trat hinaus ...
    Sollte sie den Schlüssel mitnehmen? ... Mitnehmen? Wohin? ... Wusste sie
schon, dass es im Park sie doch nicht halten würde, dass sie sich weiter wagen
müsste, wenigstens bis an die Katedrale hinauf? ...
    Sie liess den Schlüssel stecken und drückte nur leise die Tür wieder zu.
    So trat sie auf die steinernen Vliesen, die rings das Schlösschen umgaben.
Dann kam ein kleiner Rasen mit einem kaum einige Fuss hohen spielend tröpfelnden
Springbrünnchen ... dann kam eine Baumallee ...
    Auf einer Steinbank liess sie sich nieder ...
    Wie blickte sie zagend auf das Haus, in dem ein Licht jetzt nach dem andern
erlosch! ... Das Piano, auf dem sie sich leidlich geltend zu machen wusste, hatte
man sie gar nicht aufgefordert anzurühren! Sie hatte ihre eigenen bizarren
Weisen, in denen sie sich in solchen Abendstunden und solchen Stimmungen
anziehend zu ergehen verstand ... Wie hätte sie jetzt auf ihm dahinstürmen
mögen! Und nun sass sie hier »auf Probe«, so gebunden, so Bettlerin, so
Ausgestossene und Geduldete nur. Sie durfte kaum ein Liedchen trällern, um das
tausendstimmige Concert in ihrer Brust, ein Hämmern und Klopfen wie auf tausend
verborgenen Tasten, irgendwie zu verraten - ein Hüsteln sogar musste sie schon
zwingen aufzustehen und sich mehr zum Park zu entfernen.
    Sie lauschte dem Plätschern des Quellchens, dem Rauschen der Blätter, dem
Geräusch der Stadt ... Erst jetzt fühlte sie, dass sie ja die Briefe für Hunnius
zu sich gesteckt hatte! Einer von ihnen war »pressant« ... Wenn sie ihn noch
abgäbe? Jetzt, nachdem die neunte Stunde schon geschlagen?
    Klingeln an der Stadtpfarrei? Das war das Wenigste ... Zu dem Reiz, der das
katolische Priestertum umgibt, gehört seine freistehende, durch kein
Familienleben gebundene Allen-Angehörigkeit. Da fragt kein Eheweib: Was wollen
Sie von meinem Manne? Da sind keine Kinder, an deren Bettchen, wenn sie krank
sind, ein Vater der Mutter wachen hilft! Diese katolischen Priester sind wie
die Aerzte. Man darf sie des Nachts aus ihrer Ruhe klingeln. Man darf sie am
Tage in ihrem Studirzimmer überraschen. Man braucht nur um einen Schemel zu
bitten, um zu knieen und mit ihnen zu beten. Katolische Priester verlangen auch
keine Einführung, keine Empfehlungsschreiben, sie sind sofort mit dem
Menschlichsten im Menschen vertraut und einer ist dann wie alle; die Frage, die
ihr ganzes Leben vertritt, ist unter ihnen und bei jedem dieselbe ... Wie viel
Tausende von Frauen, die im Leben keinen Freund und Vertrauten zu gewinnen
wussten, gehen ihnen betört auch nur um deswillen nach! ...
    Ohne dass sich Lucinde an die übrigen Wege des Parkes hielt, schoss sie quer
durch die vom Mondlicht beschienenen Bäume an die steinernen Stufen hin, die zum
Dome hinauf und von dort wieder abwärts der Stadt zuführten.
    Trotz der späten Abendstunde war das sonst so stille Städtchen heute wie im
ganzen Jahre nicht lebendig.
    Die zu den Uebungen Berufenen zogen truppweise durch die mondscheinhellen
kleinen Gassen, andere sassen in den Wirtshäusern und fangen. Da Musik, dort der
Lärm fallender Kegel ... Von ihren gestern und heute gemachten Bekannten konnte
Lucinde annehmen, dass sie sich bei dem Obersten von Hülleshoven befanden,
Hedemann vielleicht ausgenommen, der sicher den Leutenant von Enckefuss vermied
... Die Italiener schienen noch in Kocher nicht angekommen zu sein ...
    Lucinde ging und ging und fragte die Leute nach der Stadtpfarrei ... es war
ihr, als müsste sie doch vielleicht irgendwo Benno sehen ... Den hätte sie nicht
lieben können, den schroffen Humoristen ... er gab sich absichtlich so
unpoetisch, - er kehrte so oft die Seiten nur seines Verstandes heraus - er
schien ihr zu sicher, klar und zu bewusst in sich selbst - Tiebold de Jonge
erinnerte sie fast an Oskar Binder - aber beide Männer waren zuvorkommend, man
konnte mit ihnen scherzen, ausgelassen sein - jetzt hätte sie sich an Benno's
Erstaunen weiden mögen, wenn er sie Abends fast gegen halb zehn Uhr im
Mondenschein so durch die Strassen wandern sah in der allgemeinen Aufregung ...
sie würde seinen Arm aufgegriffen und ihn fortgezogen haben ... Entdeckte man
ihren Ausgang in der Dechanei, so sann sie, was sie vorschützen würde, die
dringenden Briefe an den Stadtpfarrer, die sie vergessen gehabt hätte am Tage
abzugeben. Und wenn dieser wirklich noch zu sprechen war - sie hatte sich schon
bis zum Marktplatz durchgefragt - wenn sie von ihm allzu lange aufgehalten
werden sollte, konnte sie nicht das Interesse für die Erzählung des Dechanten
von der sterbenden Frau Lei und den wirklichen Drang, den sie hatte, Treudchen
beizustehen, zu ihrer Entschuldigung benutzen? Lucinde gehörte zu den Naturen,
die bei grossen Schwierigkeiten sich durch das Wort zu helfen wissen: Ans Leben
wird mir's doch nicht gehen! Das hatte sie schon in Langen-Nauenheim so
gehalten, wenn andere Teilnehmer einer gemeinschaftlichen Schuld sich der
Strafe entgegenängstigten. Für die Dechanei freilich lag ihr alles daran, an der
Lage, in der sie sich bisjetzt dort befand, nichts zu ihren Ungunsten zu ändern.
Sie ahnte ihre Gefahren nicht ...
    Endlich war sie an der Stadtpfarrei. Im ersten Stock war noch Licht. Eine
Klingel hing am Hause ...
    Sie zog daran und unerschrocken.
    Viel schneller, als sie in geistlichen Häusern gewohnt war, ging die Tür
auf.
    Lucinde war schon auf der Treppe und von einer Magd empfangen und forschend
angeleuchtet.
    Das späte Klingeln brachte Hunnius mit einer Aufregung in Verbindung, in der
er sich seit einigen Stunden mehr noch als in der Conferenz befand. Man hatte in
der Tat die letzte, eben zum Druck bestimmte Nummer seines Kirchenboten auf der
Polizei von Anfang bis zu Ende gestrichen. Der Fall war schon oft vorgekommen;
immer aber regte er ihn so auf, dass er die halbe Nacht darüber verlor.
    In jeder Minute, da er Aenderungen vorschlug, dann neue Botschaft erwartend,
konnte das Ziehen der Klingel ihn veranlassen, sogleich selbst auf die Treppe zu
eilen, die Brille auf die vor Aufregung gerötete breite Stirn zu ziehen, im
Schlafrock, in Pantoffeln, mit der brennenden Pfeife in der Linken, mit der
Studirlampe in der markigen Rechten ... und forschend, fragend, eher einem
aufgeregten, nach Ordnung sehenden Wirte ähnlich, als einem Gelehrten, jedem
entgegenzurennen.
    So auch heute. Er kam, wie nur ein Mann seines Temperamentes, dann aber auch
freilich ein Schriftsteller kommen konnte, der sich in jener traurigen Zeit jede
geschriebene Zeile vom Censor begutachten lassen musste ...
    Hunnius, ungestüm und überreizt, fand eine Dame ... eine elegante noch dazu
...
    Rasch bedeckte er mit den Flügeln des Schlafrocks sein Négligé, zog die
Pfeife aus dem Munde, überliess Lucinden der Dienerin und entfernte sich mit
einigen Worten der Entschuldigung.
    Lucinde wurde in ein Empfangszimmer geführt. Die Magd stellte ihr die Lampe
hin und entfernte sich.
    Nach einer Weile öffnete wieder der Stadtpfarrer und bat Lucinden näher zu
treten in sein eigenes Zimmer. Er hatte inzwischen schnell seinen schwarzen Rock
und seine Stiefel angezogen und bot seinem Besuche einen Platz auf dem Kanapee,
während er selbst mit grosser Beweglichkeit in gespannter Verlegenheit einen
Stuhl ergriff ...
    Das Zimmer bot die oft etwas gesuchte Einfachheit geistlicher Wohnungen. Auf
dem Tische vor dem harten Kanapee lag eine fast wie in absichtlichem Ungeschmack
gewählte baumwollene Decke; in der Mitte stand ein Kruzifix von wurmstichigem
alten Holze. Schildereien, Bücherschränke, Sessel, alles war von der grössten
Einfachheit. Im Volke setzt man solche Entbehrungen beim geistlichen Stande
voraus, beurteilt ihn und dieser selbst richtet sich danach.
    Hochwürdiger Herr Pfarrer! begann Lucinde. Ich bin eine Nichte der Frau von
Gülpen in der Dechanei und heute erst angekommen! Ich nahe mich Ihnen,
verlangend, die erste Nacht, die ich in einem neuen Wirkungskreise zubringe, mit
einem Gebete unter geistlichem Beistand anzutreten. Beim Herrn Dechanten fürcht'
ich eine Misdeutung dieser Absicht durch meine gütige Tante und wage mich
deshalb zu Ihnen. Auch hab' ich Briefe und einen dringenden vom Herrn Curatus
Joseph Niggl an Sie abzugeben!
    Ein Wunder die erste Anrede - und leider so schnell natürlich erklärt! Eine
Nichte aus der Dechanei, die mit dem Stadtpfarrer beten wollte? Eine religiöse
Schwärmerin? Jetzt nur eine einfach an ihn Empfohlene - die zwei Briefe abgibt,
auf deren einem »pressant« zu lesen ist!
    Der letztere kam allerdings von einem seiner vertrautesten Freunde und
Hunnius fand sich zurecht.
    Doch las er den Brief nicht sogleich, sondern fragte Lucinden nach ihrer
Reise, ihrem frühern Aufentalt.
    Was eine Nichte in der Dechanei bedeutete, wusste Hunnius, doch behandelte er
das Verhältnis mit Schonung, ja er war sogar höchst überrascht, als Lucinde
wirklich den Kopf mit dem nicht abgenommenen Hute auf die gefalteten Hände
beugte und nicht eher aufblickte, bis er nicht ein Confiteor, das er in Versen
übersetzt sogleich zur Hand hatte, laut vorgesprochen und sie gesegnet hatte.
    Ohnehin erregt und nun vollends von einer so ihm noch nicht oft
vorgekommenen Scene, erbrach er erst jetzt den wichtigern der beiden Briefe.
Lucinde bat ihn darum.
    War Hunnius bereits von seines befremdenden Besuchs hoher, fast stolzer
Gestalt, von der Schönheit der Gesichtszüge, dem geistvollen Ausdruck der Augen
und dem ganzen rätselhaften Dufte, der sie umgab, im höchsten Grade belebt, so
steigerte sich sein Interesse vollends beim Lesen. Von Zeile zu Zeile wuchs der
Ausdruck seiner Ueberraschung. Er zog die dunkeln buschigen Augenbrauen in die
Höhe und unterbrach sich fortwährend selbst mit einem Hm! Hm! O das ist ja
herrlich! bis er zu Ende war. Nun überflog er noch einmal und förmlich wie
zweifelnd die an ihn gerichtete Adresse, überzeugte sich von der Unterschrift,
zog sein Portefeuille, legte den Brief vorsichtig hinein und reichte Lucinden in
verklärtester Miene die Hand mit den Worten:
    Das muss ich mir ja zu seltenstem Glücke deuten, mein Fräulein, eine solche
Bekanntschaft in Ihnen zu machen! Sie sind zu unserer Kirche zurückgekehrt! Und
mehr! Mehr! Sie haben den Mut, Ihre neue Gesinnung auch zu bewähren! Sie kennen
die Welt genug, um mit Vorteil die geistlichen und weltlichen Waffen zu führen
in dem Kampfe, den wir alle jetzt zu kämpfen haben! O und das jetzt in diesem
Augenblicke, wo -
    Er horchte auf. Es schien ihm als wenn der Druckerbursche die gerettete
Nummer brachte.
    So gut bin ich Ihnen empfohlen worden? fragte Lucinde, die den Grund seiner
Selbstunterbrechung und plötzlichen Wie-Abwesenheit nicht kannte.
    Lesen Sie es selbst! erwiderte Hunnius, griff in sein Portefeuille und
reichte ihr den Brief Joseph Niggl's zurück.
    Der gute Herr Curatus! sagte sie und lehnte das Lesen ihrer eigenen
Lobeserhebungen ab.
    Nein! Nein! erwiderte Hunnius halb zerstreut. Sich gerühmt zu sehen, ist
manchmal eine Ermunterung!
    Und nun las er, seufzend über den nicht gekommenen Druckerburschen, selbst:
    »Hochwürdiger, hochzuverehrender -«
    Ja so! unterbrach er sich. Ich habe mich vergriffen! Das ist nicht der
rechte Brief! Indessen - Sieh! Sieh! Wenn - Entschuldigen Sie mich nur, dass Sie
mich in solcher Zerstreuung finden! Schon wieder ist meine harmlose
schriftstellerische Tätigkeit Gegenstand der rücksichtslosesten Verkürzung
geworden - der Luft, des Lichtes, der Freiheit, des Atems - denn alles das
rauben sie uns! Meine ganze morgen fällige Nummer ist mir von Anfang bis zu Ende
gestrichen worden! Jeden Augenblick erwart' ich Antwort auf einen Vorschlag, den
ich wenigstens zu Aenderungen machte! Kommt kein Bote aus der Druckerei, so
bleibt es bei diesen Leichensteinen - diesem Mord durch persönliche Willkür ...
Blau ist die Tinte, die diesen Menschen statt Blut unter den Händen fliesst!
Sehen Sie nur!
    Damit zeigte er den Censurbogen eines kleinen Blattes, das mit blauer Tinte
durchstrichen war ...
    Lucinde drückte ihr Bedauern aus und suchte eine Gelegenheit auf Klingsohrn
überzugehen, durch den sie mit solchen Vorgängen des literarischen Lebens schon
früh bekannt geworden war ...
    Beim Zusammenfalten seines Blattes kam dem Stadtpfarrer wieder der
verwechselte Brief von vorhin zu Handen.
    Ja, sagte er, im Portefeuille suchend, wo ist denn Niggl's Empfehlung? -
Aber - ja, ja - Sie sollten auch diesen Brief hier lesen! Ich nehme keinen
Anstand, Sie damit bekannt zu machen. Da ich Ihre Gesinnung kenne, da Sie eine
streitbare Jungfrau sind, die ihre Fahne zum heiligen Kampfe mittragen will,
mein Fräulein, so hören Sie in Gottes Namen, wie wir denn doch nicht so ganz
verlassen sind in unserer Not! Lesen Sie selbst! Da wir uns über vieles werden
zu verständigen haben, so lernen Sie sogleich Ziel, Metode, Absicht,
Zusammenhang unserer schwierigen Aufgaben und Kämpfe kennen!
    Bei alledem horchte Hunnius stets, ob es nicht klingelte ...
    Von wem ist der Brief? fragte Lucinde, als sie keinen Namen fand.
    Das sei noch eine Weile mein Geheimnis! Er ist von einem höchst
einflussreichen Manne ...! Lesen Sie getrost!
    Zugleich ging Hunnius an die Tür und überzeugte sich, dass seine aufgeregte
Phantasie sich wieder geirrt hatte. Die Kinder seines Geistes ruhten sanft auf
dem Friedhofe der Censur! Nichts rief sie ins Leben zurück! Nichts rettete
wenigstens denjenigen unter ihnen, die diesmal wieder das schöne Kleid seines
Stiles getragen hatten, das für Zeitschriften ohnehin so kurze bunte
Schmetterlingsdasein!
    Er ging auf und nieder und bat Lucinden, wie mit einer Art innerer
Genugtuung, laut zu lesen ...
    Im Vertrauen auf die Wunderdinge, die der Curatus Niggl von ihr geschrieben
haben musste, tat sie es:
    »Hochwürdiger, hochzuverehrender Herr! Die Antwort auf Ihren so angenehmen
Brief nächstens! Jetzt zwei Bitten! Erstens: Wissen Sie mir nicht eine kurze
Charakteristik aller Dechanten unserer Kirchenprovinz anzugeben? a) Wie gesinnt
gegen Rom? b) Gegen Cölibat? c) In Wissenschaften und Fähigkeiten? Zweitens:
Wüssten Sie mir nicht einige junge in den drei Beziehungen gute Leute zu nennen,
namentlich aus Belgien? ... Es wäre (sed tantum inter nos!) ...«
    Nur unter uns! übersetzte Hunnius schnell und fast gedankenlos.
    »Sed tantum inter nos!« wiederholte Lucinde ohne Anstoss. »Es wäre uns eine
grosse Freude, einige Jesuiten hereinzubringen! Wüssten Sie einige, die geläufig
deutsch sprechen? Aus der Schweiz oder aus Rom würde zu auffallend sein ... Mich
Ihrem Gebet empfehlend, verbleibe ich Ihr ergebenster Freund M. Alles zur
grössern Ehre Gottes!«1
    Die Empfehlung solcher Freunde, wie sie Ihnen zu Teil wurde, sagte Hunnius,
gestattet, dass ich Sie tiefer in unsere Interessen einblicken lasse!
    Aus demselben Portefeuille zog er einen zweiten Brief und liess auch diesen
Lucinden lesen, indem er auf- und niederging, bald zum Fenster blickte und auf
jedes Geräusch achtete, bald sich aber auch an dem Anblick Lucindens, dem Ton
ihrer Stimme, dem erneuten Ueberblick des ganzen, so wunderbar überraschend ihm
gekommenen Verhältnisses weidete.
    »Die Zeit ist reif!« las Lucinde. »Man muss mit Gewalt alles ergreifen! Der
Herr Kirchenfürst gibt zu allem seinen Segen, tut aber einstweilen bei allem
noch die Augen zu, sodass unsere Unternehmungen nur Privatunternehmungen sind!
... Ich will kurz nacheinander in unserer Kirchenresidenz vier Jesuiten, in der
nahe gelegenen Universität einen unterbringen! Diese werden schon einen
Wirkungskreis erhalten ... Ich ziehe einige talentvolle Knaben ganz zu diesem
Zwecke heran und an der Universität sind mehrere der talentvollsten Teologen,
die in den Orden treten wollen. Mit diesen errichten wir einen Glaubensbund und
bringen sie dann mit den hiesigen Jesuiten in Verbindung ... Von Rom werden zwei
Jesuiten erwartet. Sie bringen scheinbar ärztliche Atteste mit, welche ihnen nur
vorschreiben, in unserer Gegend zu verweilen ... Die Missionen treten da und
dort ins Leben; bei uns ist es noch schwer. Der Herr Kirchenfürst wünschen sehr,
dass alle Wallfahrten wieder ins Leben treten! Ich bitte, arbeiten Sie wie Sie
können, dass alles Abgeschafte wieder aufgenommen werde. Mit aller Verehrung Ihr
ergebenster M. Alles zur grössern Ehre Gottes! Der Sicherheit wegen nicht
frankirt. Tun Sie es ebenso.«2
    Und einen dritten Brief las Hunnius dann noch selbst.
    Sie taten ihm als Ableiter seines Zornes wohl. Triumphirend betonte er:
    »Die gute Wendung der Wallfahrtsangelegenheit macht mir erstaunliche Freude.
Wie gerne macht' ich selbst einmal die Springprocession mit, wenn es meine
Geschäfte erlaubten! Sorgen Sie für Ihre Gegend: nur dass man es mit der
Regierung nicht unrecht angreift, dann ist alles verloren! In all der Drangsal,
die wir leiden, habe ich doch auch manche Freude. Mehrere Pfarrer sind verklagt.
Je mehr, desto besser!... Geben Sie dem Kirchenboten mehr Nahrung! Man muss immer
hervorheben, wie jede Beschränkung und Hemmung der Kirche und jede Auflösung des
Gehorsams gegen Bischöfe und Rom auch die Grundfesten des Staates untergrabe!
Das ist für die Fürsten ein Argumentum ad hominem!...«
    Hunnius unterbrach sich, um diese Worte zu übersetzen ...
    Das greift den Fürsten an ihre eigene Krone! fiel Lucinde schon ein.
    Wie? erwiderte er staunend. Aber kein Wunder, mein im Heiland geliebtes
Fräulein! Niggl schreibt mir ja von Ihnen, dass Sie ein Wunder nicht nur in -
    Bitte! unterbrach sie und ermahnte den sich ihr Nähernden zum Lesen.
    »Die guten Folgen der Mission freuen uns!« fuhr Hunnius fort. »Es muss uns
glücken, über ganz Deutschland die Jesuiten als Prediger auszubreiten. Ich
erwarte mit jedem Tage 2000 Missionszettelchen. Es wird alles gut gehen! Ihr
ergebener M. Alles zur grössern Ehre Gottes!«3
    Lucinde dankte für das ihr geschenkte Vertrauen und wollte sich entfernen.
    Es schlug von den Türmen der Stadt schon ein Viertel elf Uhr ...
    Fräulein, sagte Hunnius, ich begleite Sie selbst zurück ... ich stehe,
obgleich geistig auf völlig anderm Boden, doch gesellschaftlich sehr gut mit der
Dechanei ... Bitte! Lesen Sie aber noch, was Niggl von Ihnen selbst geschrieben
hat!
    Da sie es wiederholt ablehnte, liess Hunnius nicht nach ... Es wird uns enger
verbinden! sagte er mit Salbung. Es wird das Symbol unserer von ihm gewünschten
Vereinigung werden! Wir haben dann ein gleichsam ausgesprochenes Bekenntnis, das
sichere Fundament unsers Verständnisses, den geschriebenen Pact unsers
Seelenbündnisses!
    Der gute Curatus! sagte Lucinde sich zurückziehend und liess die Vorlesung
geschehen ... teils um ihren neuen so schnell gewonnenen Freund zu zerstreuen,
teils aber auch, weil sie auf diese Art allerdings erfahren konnte, warum
Grützmacher hatte sagen können, er wäre über sie »ins Klare« und Schulzendorf
sie so scharf und wie eine mit Steckbriefen Verfolgte beobachtete.
    »Mein innigstgeliebter und gefeierter Seelenfreund!« las Hunnius (und diese
Worte nicht ohne beschämt niederblickende Genugtuung), »Sie lernen mit diesem
herzinniglichen Grusse nach langem, unverzeihlichstem Schweigen ein Fräulein
Lucinde Schwarz kennen, wie man sagt, die Tochter eines einfachen
protestantischen Dorfschullehrers. Vor drei Jahren kam diese Seltenste ihres
Geschlechts als Gehülfin in die Ihnen bekannte ortopädische Heilanstalt und
wurde an demselben Tage, wo wir drei, Sie, mein innigstgeliebter Freund, Asselyn
und meine Unwürdigkeit, die letzten Weihen empfingen, in plötzlicher Erleuchtung
vom Geiste der Wahrheit ergriffen. In unserer ehrwürdigsten Katedrale wurde sie
von unserm hochwürdigsten Bischof selbst dem Schoose unserer gnadenreichsten
Mutter einverleibt ... Ja Ihnen, Ihnen, Hunnius, der Sie so ganz der Musik der
menschlichen Seele in ihren tiefsten Accorden nachzulauschen verstehen - Ihr
letztes Gedicht: Myrrhe und Aloe -«
    Eine kleine Pause und Auslassung im Lesen war hier natürlich ...
    »Ihnen schreib' ich«, fuhr Hunnius nach einigem Murmeln fort; »das Leben
dieser Neugeborenen muss ein ausserordentlich bewegtes gewesen sein! Da sie bald
durch Anmut und Geist hervorragte, so bildete sich, wie in solchen Fällen zu
geschehen pflegt, in kurzem gegen sie eine Anfeindung, die eine Beschuldigung
nach der andern gegen sie aufbrachte. Aber allen diesen Angriffen stellte
Fräulein Schwarz ihre aufrichtige Wiedergeburt entgegen. Diese wurde ihr reiner,
heller, metallener Schild, der sie gegen alles Ungebührliche schützte! Ihre
Andacht wurde jene glühende Hingebung an die ewige Liebe, die auch nach dem
Rauschen Ihrer Harfe, Hunnius, die Seele von allen Schlacken reinigt! Sie sah
und sie hörte auf nichts, was sie umgab. Sie lebte nur ihrem Berufe, ihrem neuen
Glauben. Ihre Augen, von denen sie behauptet hatte, dass sie nie geweint hätten,
obgleich sie Vater, Mutter, Geschwister, Freunde, Glück und alles, nur die Ehre
nicht, verlor, waren stets umflort von dem feuchten Schimmer frommer, wie
vergessen gewesener Tränen. Führen Sie das einst aus, Hunnius, in einem
Gedichte! Vergessene, verstockte, sitzen gebliebene Tränen! Wenn die einst zu
strömen und zu rinnen anfangen! Diese Flut, dieser heilende Betesdateich dann!
... Diese Seele gestand mir oft, dass ihr alles Leid, was ihr je widerfahren,
erst jetzt den Zoll der Tränen abforderte, dass sie über alles, worüber sonst
ihr Auge trocken geblieben, nun erst nachträglich weinen müsse und - das ist der
Triumph der Wiedergeburt! - weinen könne! Hunnius, ich sage Ihnen nur, Fräulein
Schwarz blieb im genannten Institute einige Jahre. Sie hatte die besondere Obhut
zu führen über Comtesse Paula von Dorste-Camphausen, jene Erbin, deren
Lebensverhältnisse unsere Aufmerksamkeit jetzt so dringend in Anspruch nehmen!
Der Vater derselben war gestorben; Vormund und Verwandte riefen sie zurück: es
war in jenen Tagen, als uns auch Asselyn verliess, diese emporwachsende Ceder,
diese edle Palme ...«
    Hunnius stockte wieder und überschlug auch jetzt einige Stellen ...
    »Um«, fuhr er, den Zusammenhang suchend, fort, »um bei Ihnen die Kaplanei zu
St.-Zeno anzutreten. Lasst aber diese Seele nur anklagen! Lasst die Stimmen über
sie geteilt sein! Lasst -«
    Hunnius schien Anstand zu nehmen, der ganzen, hier den Tadel wiederholenden
Wortfülle des Freundes zu folgen ...
    Lesen Sie alles, sagte Lucinde.
    Es sind Anschuldigungen -!
    O, auch das ist manchmal gut, erwiderte sie, zu wissen, was man von uns
Uebles denkt!
    »Die Stimmen sind geteilt, fuhr Hunnius fast mit Lucinden über die Parodie
seiner frühern Worte liebäugelnd fort. Die einen sehen in ihr ein Wesen, das
seiner persönlichen Eitelkeit alles opfert, ein herzloses, undankbares -«
    Lucinde, die Arme übereinandergeschlagen, stand in einer Stellung wie ein
furchtloser, unerschrockener Feldherr ...
    »Doch«, überschlug Hunnius beruhigt diese ominöse Partie, »unsere Stadt,
Sitz einer Universität, einer starken Garnison, weiss nichts von einer irgend
unpassenden Beziehung zu erzählen: grösstenteils nur in unsern geistlichen
Kreisen verkehrte sie. Aber sie kennen ja unsere Mit-Leviten! Sie kennen die
Lauheit der Zeit, kennen die Bequemlichkeit unsers Standes, dem nichts störender
ist als mitgearbeitet zu sehen an seinem Beruf auch von der Laienwelt aus!
Niemand soll da reden, ohne gefragt zu sein! Niemand soll das Entzücken, das ihm
der Glaube macht, in Bildern und Anschauungen wiedergeben, die über das Mass
einer gewöhnlichen Erbaulichkeit hinausgehen! Da irrt nun eine glühende Seele
von Beichtstuhl zu Beichtstuhl! Niemand weiss ihr ein Herz, ein Verständnis, eine
Hingebung entgegenzutragen! Ihr Verstand ist diesen Menschen lästig und selbst
unsere Collegen - brauche ich Ihnen die Namen zu nennen! - verkehren lieber mit
der Gewöhnlichkeit, wenn sie nur Whist spielt! Hunnius! Wenn diese Feuerseele in
der Dechanei so verbraucht würde! ... Sie tritt dort als Gesellschafterin ein
... Ich dachte an Sie, Freund, an Ihre Verbindungen, Ihre Beziehungen zu Ihrem
Kirchenfürsten, an die ernsten und wichtigen Dinge, die von Ihrer hohen Warte
aus das Zeichen geben werden für das übrige Deutschland! O, diese Convertitin
hat für die Flammen, die in ihr lodern, noch keine Nahrung gefunden! Wer einen
Schritt tut, wie sie, will ihn doch anerkannt sehen, will doch wissen,
bezeugen, täglich bezeugen, warum er ihn tat ... Was tut man aber hier? Man
fordert sie auf zum Vergessen, zur Ergebung! Immer diese Abneigung gegen
Neugewonnene! Immer diese Kälte gegen den Entusiasmus, der sich bewähren will!
Convertiten, gehegt und gepflegt, sind ein Segen unserer Kirche; Convertiten,
vernachlässigt, zurückgestossen, einsam gelassen und wohl gar zur Reue gedrängt,
können ihr zur fürchterlichsten Geisel werden! Das Schicksal Lucindens ist in
Ihrer Hand! Sie Schöpfer, Gestalter, Dichter! Vollenden Sie den Triumph dieser
gottberufenen Bekennerin!«
    Der gute Niggl! sagte Lucinde, als Hunnius diesen entusiastischen Brief
vollendet hatte. Er war seinerseits gerührt von den Schmeicheleien für seinen
Genius; sie ihrerseits erstaunte, wie sie sagte, »über den langen Schatten, den
sie würfe« ...
    Ich lernte Niggl kennen, erzählte sie, als ich von ihm eines Tages erfuhr,
dass er jeden Sonntag Nachmittag einen Kaffee für Damen gibt. Ich wurde neugierig
auf einen so gemütlichen Priester, erkundigte mich näher und liess mich eines
Sonntags Nachmittags an sein Haus bei der Barfüsserkirche führen, wo er Curatus
ist. Ich wollte, aufrichtig gesagt, die Damen belauschen, die bei ihn zum Kaffee
kamen. Ich stand im Schatten der alten Kirche. Es schlug vier Uhr. Der
Nachmittagsgottesdienst war vorüber. Der Kaffee begann nach vier. Wie ward ich
beschämt! Welche Damen kamen! Erst eine Blinde, die von einem Kinde geführt
wurde; dann kam eine kleine Buckelige, die stolz auf ihre Begleiterin hinaufsah,
denn diese durfte nicht mit zum Kaffee, sie aber stieg zum Herrn Curatus hinauf!
Nun kam eine Lahme an einem Krückstock! Jetzt fuhr ein Rollwägelchen vor und
siehe, der Herr Curatus kam lachend und freudigst selbst die Stiege herunter und
hob eine Person aus den Betten im Wägelchen, die nur dem Kopfe nach der
Menschheit angehörte! Nach unten zu hing ein Körper, der völlig schlaff, ja nur
eine einzige unförmliche und unausgebildete Masse war. Es war ein Mädchen von
vielleicht dreissig Jahren und ein halbes Kind! Der Curatus trug sie auf seinen
Armen in seine Wohnung und in seinen Kaffee. Nun band ich mir, wie eine
Augenleidende, mein Taschentuch über die Stirn und tastete mich auch hinauf. Da
war denn eine Damengesellschaft beisammen aus lauter Blinden, Tauben und
Gichtbrüchigen, und sie war so lustig, so vergnügt wie jeder andere Damenkaffee
auch, wenn es nur etwas zu lästern gibt! Unser kindlicher Niggl hatte nur immer
zu dämpfen, dass wir die gesunden und schönen Menschen nicht auch zu schlecht
machten!
    Ja, wo gibt es solche Entsagungen wie in unserer Kirche! rief Hunnius. Wo
solche mutvollen Bewährungen! Solche Triumphe dann auch und solche Belohnungen
wieder!
    Er erörterte dann die Situation, in der sich Lucinde in der Dechanei
befinden würde. Er wiederholte öfter seine Bitte um Discretion wegen der von ihm
vorgelesenen Briefe. Er warnte vor der Erwähnung der Jesuiten, die man von
obenher noch verfolge wie Verbrecher, und doch wären sie die Sehnsucht aller
Gläubigen! Schon wenn einmal ein einzelner Mönch ausser Clausur leben sollte,
kostete das die grösste Anstrengung ...
    Wer ist dieser Pater Sebastus? warf Lucinde erbebend ein.
    Pater Sebastus, sagte Hunnius, ist erst seit kurzem aus der Dunkelheit eines
Klosters bei Witoborn in der Residenz des Kirchenfürsten erschienen. Seine
ausserordentlichen Geistesgaben wurden die Veranlassung, dass man ihm gestattete,
auf einige Zeit seine Zelle zu verlassen. Man weiss nicht, soll man seine
Begeisterung für das Interesse der Kirche höher anschlagen oder seinen
Lebenswandel. Sie sollten doch schon, mein' ich, von diesem Mönch gehört haben,
der den Gelübden seines Ordens gemäss sich die grössten Entbehrungen auferlegt!
Sebastus lebt nur von dem, was er sich erbettelt hat! Er geht auf die Dörfer in
der Umgegend der Residenz mit einem alten Topf in der Hand, um sich selbst die
Mahlzeit von den Türen zu holen; er geht gerade vor die Türen, wo er in
Erfahrung gebracht hat, dass hier die geizigsten Herzen wohnen! Zum ersten male
nach Jahren wieder gestattete er sich heute bei mir eine Cigarre und kaum ein
halbes Glas Wein!
    Lucinde war von einem Schauer durchrieselt. Diese Entbehrungen passten für
das Bild nicht, das von Klingsohrn noch in ihr lebte, und doch war er es!
Klingsohr mit einem Topf vor Bauerhäusern! Klingsohr nicht rauchend, nicht
trinkend! Und doch war er es - der Stadtpfarrer nannte ihn Heinrich Klingsohr
und erzählte den Tod seines Vaters - vor ihren Augen stand das Christusbild, an
das er einst ihren Hut gehängt hatte mit den Worten:
Am Bilde des Erlösers
Hängt ihr pariser Hut ...
Und ihre dunkeln Locken
Netzt heil'ger Wunden Blut ...
    Da Hunnius sie in die Dechanei zurückzubegleiten versprach, störte beide der
Schlag der elften Stunde nicht.
    Er machte der sinnend Träumenden die lebhafteste Schilderung von dem Leben
in der Residenz des Kirchenfürsten. Er gab Lucinden den Einblick in eine
geheimnisvolle geistige Werkstatt, von der sie die Ahnung gehabt hatte, ohne die
Tür zu finden, die ihren Eingang bildete. Sie sah, was sie in Bonaventura's
Nähe schon oft zu erblicken geglaubt hatte, nahe und entfernte Ziele, sah
Zusammenhänge von Zuständen und Personen, erblickte ein harmonisches
Vereintwirken, ein lautloses, geräuschloses und dennoch von ersichtlichen
Wirkungen begleitetes. Ob auch kein deutscher Staat mehr vom Krummstab regiert
wird, gibt es doch geistliche Höfe, gibt es geheime Sitzungen in geheimen
Cabineten und Anekdoten und geheime Verkehre aller Art. Auch, das erfuhr sie:
Einflussreiche Frauen stehen diesen geistlichen Höfen nahe. Der Reiz des
Verschwiegenen verbindet die Geister und die Gemüter. Stürmisch und fest ist
der Wille, aber zurückhaltend die Form, ihn zu äussern; unhörbar geht, wie auf
unsichtbaren Teppichen, der Schritt, und dabei keine wilde Zumutung, nichts
Rohes, nichts Begehrliches. Das Streben nach Läuterung und Religion ist
äusserlich die Oriflamme und das heilige Feldzeichen dieser ganzen geisterhaften
Bewegung und doch bringt man duldsamst dabei die menschliche Natur in Rechnung.
Man setzt das wahre Verdienst eben immer nur in den Kampf mit der Sünde, nicht
in den Sieg über sie. Und wie gering auch die innere Treue Lucindens für
Religion überhaupt war, Hass für alles Norddeutsche und Protestantische hatte
sie. Ihre ganze Vergangenheit hatte sich in das verwandelt, was ihr neuer Glaube
bekämpfte. Und von diesem Gesichtspunkte aus war sie den Gesinnungen ihrer
jetzigen Freunde verwandt. Galt es Kampf, so empfand sie die dämmernden Schauer
ihres neuen Bekenntnisses, ja empfand sogar den Reiz, dass in alle diese
Intriguen die langen Schatten der Kirchen fielen, die Glocken der Dome läuteten,
die Farben der priesterlichen Gewänder blitzten. Bis in die unabsehbare Ferne
war die wühlende Ahnung freigegeben: in die Ferne des Raumes sowol wie in die
der Zeit. Vor allem prangte Rom durch die Nebel hindurch wie die Stadt des
ewigen Sonnenscheins! Dort fand der müdeste Fuss auf den Trümmern der
Jahrhunderte einen schattigen Ruheplatz, das wundeste Herz Heilung in den
Melodieen der Sixtinischen Kapelle; der Blinde wurde dort sehend, der Taube
hörend; alles lief aus und vereinigte sich in dem Centralnervensitz des
historischen Europa ... Dies Bild war es, das Lucinden aus halben und
träumerischen Zuständen, aus bitterer Lebenserfahrung und nicht immer
selbstverschuldeten Kränkungen einst in den Schoos jener Kirche geführt hatte
und darin festielt und ermunterte und bestärkte, alles zu unternehmen, alles zu
wagen, was die Umstände von ihr verlangt hätten, wenn sie damit nur den Beifall
und die Liebe Bonaventura's hätte gewinnen können!
    Nun brach sie auf.
    Der Stadtpfarrer, glücklich über diese Eroberung, fast getröstet über die
Censurstriche, holte seinen Hut.
    Schon hatte er auf ein Bücherbret gelangt und gab ihr ein Buch zum Andenken
an die eben erlebte Stunde.
    Es war eine neueste Sammlung seiner Gedichte, die »Saronsrosen«.
    Er ergriff eine Feder, zeichnete auf das Blatt vor dem Titel ein Kreuz und
in dies hinein ein flammendes Herz und seinen Namen.
    So gab er's Lucinden und vergass vor Aufregung den Streusand.
    Lucinde trug das Blatt offen und versprach, mit Aufmerksamkeit in den
Gedichten zu lesen.
    Hunnius nahm die Lampe und rief seiner Wärterin ... Er wollte mitgehen ...
    Indem aber klingelte es heftig.
    Der Druckerbursche! rief es in allen seinen Nerven.
    Und in der Tat - ein Knabe kam - kam mit einem hoch emporgehaltenen Blatte!
    Von Instanz zu Instanz kehrten erst jetzt die von Hunnius gemachten
Aenderungsvorschläge zurück ... einige waren angenommen worden ... bei andern
verlangte man am Rande noch diese und jene Milderung ... einige Bilder waren
gerettet ... Hunnius konnte vor Freude sogar jetzt Lucinden vergessen.
    Der Bursche erklärte, dass die Censur noch warte, ebenso wie die Presse
seines Herrn. Wenn der Herr Stadtpfarrer noch sofort die Aenderungen machte,
konnte die Nummer in der ersten Morgenfrühe noch gedruckt werden ...
    Schon rief Hunnius, sich nun mit seinen Redactionspflichten entschuldigend,
seiner Magd. Aber Lucinde sagte:
    Lassen Sie, Herr Pfarrer! Ich finde den Weg! Es ist Mondschein! Wirklich,
wirklich! Bitte, bleiben Sie!
    Hunnius musste den Burschen, der allenfalls auch noch Lucinden hätte führen
können, zurückbehalten ... seine Magd war nicht die flinkste ... er zögerte
noch, als Lucinde schon mit den Worten: Beruhigen Sie sich, Herr Stadtpfarrer!
Ich finde den Weg! - unten schon vor der Haustür und verschwunden war.
    Lucinde war allein.
    Sie schritt durch die still gewordene Stadt über den mondhellen, jetzt
menschenleeren Marktplatz dahin ...
    Ach, sie kannte solche Nachtbilder kleiner Städte aus der Zeit her, wo sie
mit der unglücklichen Gauklerfamilie über die norddeutschen Heiden gezogen ...
Sie kannte diese Brunnen, die da rauschten, diese Linden, die da so klein und
verkrüppelt an einer Strassenecke stehen. Hier in einem Giebelfenster erlischt
ein Licht, dort geht eins auf ... Hier jammert ein Kind, das von seinen Träumen
geängstigt wird und eine Mutter spricht liebe, beruhigende Worte ... dort bellen
zwei Hunde wachsam um die Wette ... Sie hatte das alles so oft erlebt, mit
demselben Mondlicht, derselben Stille, immer in einer andern geistigen
Beleuchtung ... Heute?! ... Sie liest noch die Schilder der armen Schuhflicker
und Schneider ... sie sieht den schwarzen Mohrenkönig an einem Laden, durch
dessen geschlossene Tür ein Schiebfensterchen erleuchtet ist, eine Apoteke, wo
vielleicht für Frau Lei der letzte Linderungstrank bereitet wird ... Dort ein
Gastof: Zum Riesen! Der Goliat steht über dem Torweg, der noch offen ist ...
Sie sieht das stattliche Reisecoupé Tiebold's de Jonge unter ihm ... Oben vier
Fenster erleuchtet ... Zechen dort oben vielleicht noch Benno von Asselyn und
seine Gefährten und erzählen sich Anekdoten und verhöhnen die Würde der Frauen
und lachen über das, was andern Schmerzen bereitet, über Porzia, über Hedemann?
... Gerade so wie sie einst Klingsohrn so unter seinen Freunden wusste, den
Weltenstürmer, den jetzt mit dem Topfe Bettelnden!
    Sie konnte über Hunnius nicht lachen. Es lag selbst in den »Saronsrosen«, wo
endlich das Kreuz mit dem Herzen getrocknet war, nach ihrer gegenwärtigen
Stimmung etwas vom allgemeinen Schmerz des Lebens und vom bittersten Weh der
Welt ... Denn ist nicht das grösste Weh Blindheit, Torheit, Anmassung, Kampf und
Wahn und leidenschaftliches Ringen und das Ganze ein so tief entmutigendes
Durcheinander?
    Nun überfiel sie auch noch die Furcht vor der Rückkehr in die Dechanei ...
    Wenn die Pforte geschlossen war! Wenn sie klingeln musste!
    Immer zaghafter wurde ihr ums Herz ...
    Langsamer und langsamer trat der müde Fuss ...
    Sie kam bei den Stufen an, die zur Katedrale von St.-Zeno hinaufführten ...
    Hier war es dunkel ...
    Hier mochte sie sich niederlassen, sich ausweinen ... vor Schmerz über die
Welt und über sich selbst ... Nur die Todten die Ihrigen! Auf der Erde nur die -
die sie nicht mochten, oder die - die sie nicht mochte! Und sie musste sich
sagen: Ihr, die ihr mich hasst und fürchtet, gewiss, ihr habt ja Recht!
    Mühsam, bangend und zagend stieg sie die Stufen empor ...
    Ringsum die kleinen Häuserchen ...
    Sonst war sie in solchen Lagen so oft versucht gewesen, den Leuten Nachts
von den Fensterbretern ihre Blumen aus den Töpfen zu stehlen! Sonst langte sie
im Springen nach einem Hanfbüschel hinauf, das als Wahrzeichen eines
Zwirnverkäufers vor einer Tür hing! Sonst jagte sie, wie die alte Hauptmännin,
Ratten und Mäuse auf und lief ihnen nach, die Katze spielend ... und wenn etwa
dann Männer sie verfolgten, so blieb sie stehen, liess diese an sich vorübergehen
und erwiderte ihre Anreden auf englisch oder italienisch fest und bestimmt: Ich
kenne den Weg!
    Langsam zählt sie heute dreissig Stufen, die zur Katedrale hinaufführen ...
    An jeder fünften steht, wie auf einem Calvarienberg, eine steinerne Gruppe
der Leidensgeschichte ... frisch übertüncht mit grünlichweisser Oelfarbe ...
frisch vergoldet an den Heiligenscheinen und Gewändern ...
    Wie sie eben an der letzten Gruppe der Grablegung vorüber ist, wie sie quer
über den den Dom umgebenden freien Platz zu der zweiten, niederwärts zu dem Park
der Dechanei führenden Treppe kraftlos schreiten will, strahlt ihr plötzlich an
dem im Schatten liegenden altehrwürdigen St.-Zenotempel ein magischer Lichtglanz
entgegen.
    Von dem übrigen Mondschein weicht er völlig ab.
    Sie blickt noch einmal hin und wiederholt sich das Wunder von Damascus?
    Lichtumflossen tritt ein Priester im Ornat auf sie zu ...
    Es ist Bonaventura, ihr Heiliger ...
    Lucinde verbirgt sich hinter der Grablegung ...
    Bonaventura kommt aus der Sakristeitür, die im Dunkel liegt und beim
Geöffnetwerden den von der entgegengesetzten Seite, wo der Mond steht, durch ein
buntes Fenster hereinfallenden Lichteffect verursachte.
    
    Es ist Bonaventura in Priestertracht, begleitet von einem weissgekleideten
Knaben und einem Messdiener.
    Alle drei kommen, nachdem der Messdiener die Sakristeitür wieder
verschlossen, still und schweigsam näher. Sich unbemerkt glaubend, schreiten sie
die Stufen zur Stadt hinunter ...
    Bonaventura hält das Hochheiligste, der Messdiener trägt Brevier und
Rauchfass, der Knabe klingelt ...
    Wer etwa in den Strassen noch verspätet ging, neigte sich. Wer es auf seinem
Lager hörte, sagte: Das ist der Dechant! Er geht unten an den Fall zur
sterbenden Frau Lei!
    Lucinden war es, als wenn sie jetzt Schutz gefunden hätte. Bonaventura musste
in die Dechanei zurück! Konnte sie es nicht unter seinem Beistande tun?
    Aber auch so und war dies alles auch nicht, doch zog es sie unwiderstehlich
...
    Sie musste folgen.
    Es klingelte ... und klingelte ... Dahin ... dahin ... immer voraus schritt
das Sakrament ...
    Endlich hörte man ein rauschendes Gewässer daherstürzen. Es war der Fall.
Ueber ein Brücklein musste man noch gehen, auf dem ein St.-Nepomuk den Gruss der
Vorübergehenden empfing ... Die Zahl derselben mehrte sich ... Wol ein Dutzend
Menschen aus dem Volke schloss sich dem klingelnden Knaben an, so spät auch die
Stunde schon vorgerückt war ... Es kam ein ganz vertrockneter Lindenbaum und ein
Haus, in das sie eintraten ...
    An der Wand neben dem Torweg fand Lucinde die verrosteten Haken, von denen
der Dechant erzählt hatte ...
    Noch stand der Hackeklotz im Gange ...
    Auf dem steinernen Estrich der Vorflur ging eine Rinne, durch welche sonst
das Blut floss aus dem im Hofe befindlichen Schlachtause.
    Unter den Anwesenden, die der Hostie gefolgt waren, fiel Lucinde noch nicht
auf. Meist waren es Frauen. Sie hielten sich in der Vorflur, während eine Tür
geöffnet wurde, durch die man in ein hinteres Zimmer sah, wo die Sterbende lag.
    Bonaventura schritt durch einige Betten hindurch, wo ruhig die kleinern
Kinder der sterbenden Mutter schliefen ... Treudchen Lei und ein Bruder, der den
Dechanten nun doch noch gerufen hatte, lagen über dem Bette der Mutter
ausgestreckt und schluchzten ...
    Der so überraschend statt des Dechanten gekommene geliebte Priester nahm von
dem Ministranten das heilige Oel, um damit seine Finger zu netzen. Mit diesen
berührte er die einzelnen Teile des Antlitzes der Sterbenden ...
    Für Bonaventura konnten Menschen zugegen sein, die noch heftigere Wallungen
in ihm hervorgerufen hätten als Lucinde, er würde nicht auf sie geachtet haben.
Er liess die Sterbende, die ihn noch erkannte, mit einem matten Aufblick die
ganze letzte Freude empfinden, an seiner Hand aus dem Irdischen hinausgeleitet
zu werden. Mit gross und geisterhaft aufgeschlagenen Augen sah sie auf seine hohe
Gestalt und zupfte mit den unruhigen Fingerspitzen an der Decke, bis ihre
Tochter, wie wenn sie Wünsche hätte, sich ihr näher beugen musste. Ihr Wunsch war
nur, noch so viel Schärfe des Gehörs zu besitzen, die milde Stimme des geliebten
Priesters zu hören.
    Bonaventura salbte die Sterbende mit leise begleitenden Worten an den von
der Kirche vorgeschriebenen Teilen, an denen, welche die Organe unserer Sinne,
unsers Willens und unserer Sünden sind. Mit Auge, Ohr, Geruch, Mund, Hand und
Fuss sind wir an die Sinnenwelt gebunden: die Lösung von ihr, den Abschied und
die Trennung bezeichnet die Berührung mit dem, wie man sagt, schmerzenstillenden
Oel ...
    Bonaventura's Gebet übertönte das laute Weinen ...
    Herr, unser aller Gott, sprach er, erquicke die Seele, die du geschaffen
hast! Reinige sie von allen Sünden und Makeln, damit sie würdig werde, durch die
Hände der Engel dir dargestellt zu werden! Durch Jesum, unsern Herrn!
    Die Seele der armen Metzgersfrau war schon vor dem Amen! zu der ihr nun
gelinderteren Pein des Fegfeuers entflohen.
    Treudchen benahm sich mit grosser Standhaftigkeit. Dass auffallend schöne Kind
war blass, zart, tief verhärmt, tief erschüttert und doch blieb sie umsichtig ...
    Als die Sterbende geendet hatte, drückte der Leiche jemand von den
Nähergekommenen die Augen zu. Es war eine hohe, kräftige weibliche Gestalt. Sie
trug ein gelbrotes Tuch um den Kopf gewunden und musste eine Jüdin sein ...
    Und dicht hinter ihr stand ein Protestant, Nachbar Grützmacher, der würdige
Wachtmeister ...
    Er begrüsste Lucinden, die nun vortrat und jetzt erst von Bonaventura bemerkt
und erkannt wurde ...
    Muss man erleben den Gegenstand! sprach inzwischen mit lauter alles
übertönender Stimme die Jüdin ... Eine Frau so sanft wie ein Lamm! Ein Engel!
Muss ich sie noch sehen, wie sie ist gelaufen über Land und hat die Bauern
gebitt't und gebettelt, dass sie bringen sollten ihren Mann wieder auf die Füsse!
Wie hat sie die paar Tälerchen, die sie hatte gespart oder geborgt gekriegt,
gezeigt und damit geklimpert, als wenn die Leute machten das rarste Geschäft um
ein Ferkelchen, das sie dann haben mitgenommen und nach und nach aufgezogen mit
Glückseligkeit, wie, Gott verzeih' mir's, 'nen polnischen Ochsen! Und das
Treudchen da! Hat sich das Kind nicht die Augen ausgenäht und ausgestichelt und
hat sie nicht gekriegt an die Fingerspitzen ganz 'ne rauhe Hand! Ein Mädchen so
rar! Schön genug für 'ne Prinzessin! Und die guten Kinder! Gott soll sie segnen!
    Während Grützmacher mit Bonaventura und dem Arzte flüsterte, küsste Treudchen
Lei Lucinden die Hand und dankte für die »Ehre« ihres Anteils. Sie nannte die
Sprecherin Frau Henriette Lippschütz. Es war die Hasen-Jette, die
Wildpretändlerin, die Witwe des jüdischen Metzgers, der die Kundschaft der Leis
geerbt und der nun auch schon wieder andern Platz gemacht hatte.
    Fräulein, wenn sie jetzt hier haben was zu nähen - fuhr, Lucinben richtig
unterbringend und sich ihr zuwendend, die Hasen-Jette fort - feine, feinste
Spitzen: geben Sie's nicht anders als an das Treudchen! Weine nicht, Kind! Du
bist nicht verlassen! Dein Toni, dein Edi ... alle kommen sie in die grosse
Stadt, ins neue Waisenhaus, wo die Kinder leben wie die Prinzen! Sag' ich dir,
Treudchen, Betten! Staatsbetten! Kauft die Stadt alle Federn von mir und die
Decken hat mein Bruder geliefert! Gott! Was wird der Löb sagen, wenn er nach
Hause kommt und findet Frau Lei nicht mehr - der Löb mit seinem gefühlvollen
Herzen!
    Bonaventura kannte auch den Löb, den Bruder der Frau Lippschütz, den
berühmten Gütermakler und Handelsmann Löb Seligmann. Er durfte diesen
Empfindungen einer einzelnen einen gemeinsamen Ausdruck geben. Noch sprach er,
nicht als Geistlicher, sondern als Bekannter und Freund der Bewohner von Kocher,
laut einen herzlichen Nachruf, tröstete die Kinder und ging zuletzt mit
Grützmachern und dem Arzte.
    Als er sich mit ersterm über die vergebliche Verfolgung des Leichenräubers
verständigt zu haben schien, bildete sich wieder jener Zug, der die Monstranz in
die Katedrale zurücktrug.
    Lucinde folgte ... Wie musste sie ihrer eigenen Jugend und ihrer Geschwister
gedenken! ... Das neue Waisenhaus!
    Es schlug zwölf, als Lucinde übermüdet wieder die Stufen zum Dome hinanstieg
und wartete, bis Bonaventura aus der Sakristei zurückkehren würde.
    Endlich kam er ... in seinen gewöhnlichen Kleidern.
    Ich muss mich Ihnen anschliessen! sagte sie. Ich hatte Briefe an den
Stadtpfarrer zu überbringen, deren Eile ich ganz vergessen hatte! Ich hielt mich
zu lange im Gespräch mit ihm auf, folgte dann Ihrem Zuge zum Sterbebette und muss
nun unter Ihrem Schutze in die Dechanei zurückkehren! Kann ich es tun, als wenn
ich überhaupt nicht abwesend gewesen wäre, desto lieber! Ich fürchte Frau von
Gülpen und ihre üble Auslegung!
    Bonaventura, der Frau von Gülpen's strenge Auffassungen kannte, erbot sich
gern zu dem gewünschten Beistand. Er war so menschlich in allem und kein
Haarspalter und kein Mückenseiger ...
    So gingen beide in den Park hinunter.
    Wie tobte es jetzt in Lucinden, wie stockte ihr Atem! Und doch dies ruhige
Gespräch über die Vorgänge der letzten Nacht, über Grützmacher's Nachrichten,
über Benno, Hedemann, die Herbstübungen, den kürzern Weg da oder dort, die
Leidensfamilie, die eben verlassene, wieder dann die Baumalleen, die Boskete,
Windhack's Sternwarte ...
    Darauf hin kannten sich beide schon ... So konnte sie neben ihm gehen, wie
eine Nachtwandlerin auf haushoher Zinne, jeden Augenblick den Niedersturz
drohend - so er, gleichsam den Arm schützend und schon zum Auffangen
ausgebreitet über sie gehalten und doch vom Gleichgültigsten plaudernd und
scherzend sogar ...
    Wie der Geliebte dann den Hausschlüssel zog, öffnete, sie zuerst in das
stille Vorhaus liess, erklärte, zwar unten zu wohnen, aber sie doch bis hinauf
begleiten zu wollen, wie sie dann ihn zum leisern Sprechen ermahnte, seine
Begleitung ablehnte und er doch noch eine Stiege lang folgte - sollte es ihr da
nicht wieder sein, wie schon oft, als müsste sie vor ihm niedersinken und ihn
anflehen: Tritt lieber mit deinem Fuss auf mich, du Entsetzlicher, Kalter,
Unerbittlicher! ... An seiner Brust hätte sie jetzt ruhen, jetzt sich ausweinen,
auslachen mögen ... und er sagte nichts als: Gute Nacht, Fräulein! Sagte das
ihr, die noch jung, noch schön war, die Huldigungen erlebt hatte, wo sie nur
irgend erschienen war, eine Siegerin über so viel Männer von Reichtum, Ansehen,
Geist ... Gute Nacht, Fräulein ... Und das in tiefster Stille ... im nächtlichen
Dunkel ...
    Die zweite Stiege in ihren Entresol glaubte sie allein gehen zu können ...
Sie hauchte ihm das in stammelnden Worten so hin ...
    Sie ging langsam ... halb ohnmächtig vor Schmerz über das eine »Gute Nacht,
Fräulein!« ...
    Alles ringsum war dabei still ... niemand bemerkte ihre Rückkehr ...
vielleicht hatte auch niemand ihr Weggehen bemerkt ...
    Sie musste sich an dem eisernen Gitter der Treppe halten, als sie langsam
hinaufstieg ...
    Bonaventura war nicht mehr hörbar ...
    Auf dem Corridor der zweiten Etage blieb sie stehen und holte einen tiefen,
tiefen Atemzug ... Dann erschreckte sie plötzlich ein Geräusch wie von einem
auffliegenden Vogel ...
    Es war der Pfau, der ihr neugierig, hoch aufgerichteten Hauptes
entgegenschritt.
    Sie entlief ihm fast bis an die Tür ihres Wohnzimmers ... ... Das Tier sah
so gespenstisch aus ...
    Ihr Wohnzimmer lag am Aufgang zu einer dritten Treppe, die schon ins Dach
und zu Windhack's Sternen führte.
    Wie sie in Eile rasch nur und um unbemerkt in ihr Zimmer zu kommen den
Schlüssel drehte, wandte sie sich um, sah eine Weile ins Leere, schrie dann aber
fast auf ... sie glaubte im ersten Augenblicke ein Gespenst zu sehen ...
    Es war, mit einem Lichte in der Hand aus einem der Corridore des Geviertes,
in dem die Dechanei gebaut war, tretend, die leibhaftige Frau Hauptmännin von
Buschbeck ...
    Dieselben funkelnden Augen aus dunkeln Höhlen, dieselbe aus Haube und
Schleife hervorschiessende spitze Nase, dasselbe Drehen und mühlsteinartige
Schroten der zahnlosen Kinnladen ...
    Aber es war kein Gespenst ... Es war die Schwester ihres alten Nachtunholdes
... es war Frau Petronella von Gülpen - ohne die Verschönerungen ihrer Toilette
...
    Auf die aber auch von Seiten der Frau von Gülpen wie zum Tod erschrockenen
Worte: Aber, mein Fräulein! Wo kommen denn Sie noch so spät her? Wo denn - um
Jesu Wunden willen - waren - Sie - denn die - ganze Nacht - über -? verschwand
Lucinde ...
    Frau von Gülpen, die nur in diesem ihrem äussersten Négligé und sogar ohne
ihre Zähne ihren unruhigen Lolo aufgesucht hatte, war noch mehr erschrocken
gewesen als Lucinde ...
    Lucinde hätte in diesem Augenblick den Pfau erwürgen können.
    Ohne eine Antwort gegeben zu haben, war sie in ihrem Zimmer verschwunden.
    Immer noch hörte sie den knirschenden Sand auf dem steinernen Estrich
draussen, immer noch hörte sie das Huschen des Pfaus, der neben der wie eine Juno
keinesweges schönen, aber wie Juno mindestens ebenso zornigen Frau stand und sie
mit seinem hoffärtigen kronengeschmückten Kopfe angestarrt hatte ...
    Es ahnte ihr für den folgenden Tag nichts Gutes ...
    Freilich so bitter, wie ihr wieder der Kelch des Lebens geschenkt wurde,
ahnte sie die Folge nicht ...
    Als sie nach einer ganz sanft verschlummerten, ganz ausserordentlich
erquickend gewesenen Nacht erwachte und die Sonne wundergolden in ihr Stübchen
schien und das sogar verschönerte und das sogar behaglich machte, als sie dann
das Fenster öffnete, den erquickendsten Lindenduft einsog; als sie in der Ferne
schon den zweiten Tag der militärischen Uebungen durch Trommeln und Pfeifen
angekündigt hörte, erhielt sie von Windhack das Frühstück überbracht ...
    Er stellte es hin, während sie gerade an ihrem Haar kämmend vor dem Spiegel
sass und sich in einem weiten Toilettenmantel verstecken musste, und ging ...
    Wie sie aufgestanden war, bemerkte sie beim Frühstück ein Billet.
    Es war mit Geld beschwert ...
    Sie öffnete, las - ein Moment entschied alles ...
    Sie las die kurzen Worte:
    »Ich ersuche Sie, mein Fräulein, noch im Laufe des heutigen Tages
unwiderruflich die Dechanei und für immer zu verlassen. Petronella von Gülpen.«
    Sie griff an ihr Herz. Im ersten Augenblick hatte es aufgehört zu schlagen.
 
                                    Fussnoten
1 Ein aus der geschilderten Zeit herrührender und später mit Beschlag belegter
actenmässiger Brief.
2 Auch dieser actenmässige Brief wurde im Jahre 1837 mit Beschlag belegt.
3 Gleichfalls actenmässig.
 
                                      10.
Zur selbigen goldenen Morgenfrühe sassen der Dechant und Bonaventura in des
erstern traulichem, dufterfülltem Studirzimmer zum Frühstück ...
    Nach der löblichen Sitte katolischer Geistlichen wandelten sie nicht etwa
noch in Schlafröcken und Pantoffeln, sondern waren schon ganz in ihren üblichen
schwarzen Kleidern.
    Nun erst, an der Morgensonne, nahmen sich die grünen Decken und seidenen
Vorhänge über den Büchergestellen, Bildern und Alabasterstatuetten, die schön
eingebundenen Kupferstichsammlungen, französischen Ganzfranzbände mit dem Wappen
der Asselyns besonders freundlich und vornehm aus. Nichts sah vergilbt, verblasst
aus. Die vielen Bekanntschaften, die der Dechant in der Nähe und Ferne
sorglichst pflegte, hielten alles jung und angehörig der heitersten Gegenwart
...
    Schon längst war zwischen Oheim und Neffen über ihr verschiedenartiges
Verhalten zu ihrem gemeinschaftlichen Beruf ein Abkommen getroffen. Bonaventura
liebte den Oheim wie seinen Vater ... Er konnte noch jetzt, wie einst als Kind,
die weisse, wohlgepflegte Hand des Greises an seine Lippen ziehen: so zärtlich
empfand er für ihn ... Sammelt sich doch ohnehin der zurückgestaute Schatz von
Liebe im Herzen eines katolischen Priesters und muss irgendwie und irgendwo
hinausströmen, um das übervolle Herz nicht zu zersprengen!
    In Bonaventura war dieses Bett seiner Empfindungen die Kirche, sein Beruf,
seine Heerde ... und doch konnte er den Dechanten seinen weisen,
menschenfreundlichen, lieben Philosophen nennen und der Dechant wieder nannte
ihn seinen Heiligen, seinen künftigen Franz von Sales oder Carlo Borromeo und
decretirte ihm, wie Paula, die Seherin, noch einst die Mitra eines Erzbischofs,
den Purpur eines Cardinals.
    Von dem Liebesdienste, den ihm gestern in so später Stunde gleich nach
seiner nicht mehr erwarteten Ankunft Bonaventura abgenommen, wurde nicht viel
gesprochen. Das Kommen und Gehen der Menschen, Geburt, Leben und Tod ist die
tägliche Erfahrung dieser Männer, wie beim Arzte das Befinden ihrer Patienten
...
    Dennoch blickte der Dechant düster und mit schmerzlicher Miene in den
sonnenhellen Morgen, in die geöffneten Fenster, die grüne Linde und das Hüpfen
der gezähmten und an die Brosamen des Frühstücks gewöhnten Vögel.
    Diese wagten sich vor zwei Bewohnern heute nicht ins Zimmer. Bonaventura war
eben im Begriff, mit einem Körnchen weissen Brotes einen der Spatzen zu
überzeugen, dass sich durch ihn hier nichts geändert hätte, dass jeder Hungerige
getrost kommen könnte auf den Frühstückstisch, wo in altem geschnörkelten
Porzellan Chocolade servirt wurde, die dem Dechanten, wie er behauptete, das
Blut erwärmte und ihm mehr Lebensstimmung gäbe, als der nach ihm die Melancholie
nährende Kaffee ...
    Er bereitete sich diese Chocolade, auch nachdem er die Messe gelesen - das
Messelesen selbst musste nüchtern geschehen - mit eigener Hand ... Windhack
brachte dann siedendes Wasser, das auf einer Teemaschine im Kochen erhalten
wurde. In ein kleines Gefäss wurde das Wasser durch einen Hahn abgelassen und
während es langsam strömte, mussten die dünnen Scheibchen der Chocolade, die der
Dechant dem Strahl entgegenhielt, schmelzen. Nach jedem geschmolzenen Stücke
quirlte er die gewonnene Auflösung, die er so oft mit neuen Täfelchen
wiederholte, bis sein Geschmack getroffen war. Er behauptete, diese Art der
Chocoladebereitung wäre die einzig richtige. Er hätte sie einst von seinem
Bruder Max, Benno's Adoptivvater, gelernt, als dieser aus Napoleon's in Spanien
kämpfender Armee verwundet zurückkehrte und damals ein Knäblein von wenigen
Monaten mitbrachte gen Borkenhagen, wo er zum besten der ganzen Familie
Landwirt werden wollte, unsern Benno, der indessen dem Haarrauch acclimatisirt
und der Familie längst wie ein geborener Angehöriger war.
    Die heute so düstere Miene des Dechanten galt zuvörderst dem Mismut über
die abendlichen Entüllungen wegen Lucinden. Noch wusste er nichts von dem
nächtlichen Vorfall und der bereits schon definitiv erfolgten Kündigung.
Bonaventura gab Lucinden sogar das Zeugnis, dass sie dem Onkel eine anregende,
originelle, wenn auch die Menschen etwas wirr durcheinander hetzende
Unterhaltung werden könnte. Da wird nichts helfen! sagte der Dechant. Ihre
Erscheinung ruft bei uns Erinnerungen wach, die wir fern halten müssen! ...
Bonaventura wusste, wie wenig gern der Dechant an Schloss Neuhof erinnert wurde
... doch hielt er Lucindens Bleiben für so entschieden noch nicht gefährdet, als
es war.
    Dann hatten die Briefe sehr aufregend auf den Onkel gewirkt, die Angelika
Müller durch Benno und Hedemann geschickt hatte und die letzterer schon gestern
Nachmittag abgegeben ... Von Benno sah und hörte man nichts.
    Endlich aber und vorzugsweise galt die düstere Stimmung einigen auf einem
Nebentische ausgebreiteten wunderlichen Gegenständen, die im ersten Augenblick
vielleicht einem Eintretenden nicht einmal wären aufgefallen, da sie den
allgemeinen Nippcharakter des ganzen Mobiliars trugen.
    Auf dem Tischchen, einem jener zierlichen von Mahagoni, die zu den kleinen
Spielpartieen in der Dechanei gebraucht wurden, lagen eine zerbrochene goldene
Uhr, ein Gemshorn, ein grüner Schleier, eine Spielhahnfeder, ein Klappmesser mit
vielen eingeschlagenen Klingen und ähnliche Gegenstände von verwittertem und
verrostetem Aussehen.
    Dies waren die Sachen, die man in dem Sarg des alten Mevissen gefunden
hatte.
    Warum hatte der Alte diese Dinge so gehütet? Warum hatte Mevissen, der in
seinem eigengezimmerten Sarge schlief, eine so grosse Furcht vor ihrer Entdeckung
gehabt? Wie hing, da Bonaventura sehr bald aus der Uhr und einem Namenszuge des
Messers erkannte, dass diese Gegenstände einst seinem Vater gehört hatten, ein
dem Werte nach so unbedeutender Besitz zusammen mit der Furcht des alten
Begleiters seines Vaters, sie durch den Tod in andere Hände gelangen zu wissen?
Warum hatte er, wenn er diese Gegenstände der Welt und ihrem Verkehr entziehen
wollte, sie nicht vernichtet? Die Uhr, das Gemshorn, das Messer liessen sich
vielleicht nicht so leicht zerstören; was aber sollte noch die Aufbewahrung des
grünen Schleiers und der Spielhahnfeder?
    Die Unfähigkeit, sich alle diese Fragen zu beantworten, beunruhigte auch
Bonaventura so sehr, dass er wegen dieser teuren Reliquien zu seinem Oheim
gereist war.
    Der Dechant freilich sagte, als er soeben mit Rührung diese Erinnerungen an
seinen Bruder Fritz gemustert hatte, er wisse wohl, wie diese Gegenstände mit
dem unglücklichen Ende desselben in Verbindung zu bringen wären. Er könne nur
nicht erklären, warum der Diener, dessen Anhänglichkeit und Treue eine seltene
und erprobte war, auf diese Andenken einen so ganz unbegreiflichen Wert gelegt
hätte.
    Ja, fuhr Bonaventura fort, wie konnten diese Dinge damals bei dem teuren
Todten selbst fehlen, da Sie doch, wie ich hörte, so manche andere Andenken bei
ihm fanden, den Trauring meiner Mutter, das Portefeuille mit seinem letzten
Willen, die Wäsche, die er in einem Reisesack trug, als er durch das Val de
Bagne über den St.-Bernhard nach Aosta wollte, sogar die Schaumünzen, die er in
der sogenannten Jupitersebene noch gefunden? Wie ist überhaupt der Tod meines
Vaters verbürgt! Begruben Sie ihn selbst? Ich zweifle jetzt an allem!
    Bona! rief der Dechant verweisend.
    Stand Ihnen denn Mevissen zur Seite, als Sie doch wohl eine Untersuchung über
den Tod des Vaters anstellten?
    Mevissen war ja mein Führer bis St.-Remy, wo der Verunglückte zur Ruhe
bestattet liegt!
    Liessen Sie denn nicht den Sarg öffnen? Nie haben Sie mir, nie der Mutter,
nie dem Stiefvater erzählen mögen, wie alles beim Ableben des Vaters zuging!
    Was sollt' ich vor eure Seelen diese Bilder des Schreckens führen!
    Meine Aeltern liebten sich nicht!
    Doch! Doch! ... Ich war in Wien, lieber Sohn, und recht wie um mich zu
strafen für meinen heitern Genuss der Stadt, erhielt ich dort die Mitteilung,
von deinem Vater hätte man seit Wochen keine Nachricht und fürchte ein Unglück.
Im ersten Augenblicke glaubte man ...
    An Selbstmord?
    Es liess sich daran denken ...
    Um meine Mutter!
    Bona, gib diesen Vorstellungen nicht ohne prüfende Gerechtigkeit Raum! Deine
Mutter lebt und liebt dich! ...
    Mevissen hatte bereits nach dem Orte geschrieben, wo deine Mutter während
der Reise deines Vaters weilte! Von dort erhielt ich die Nachricht, dass man
seine Spur verloren. Er hatte von Genf Abschied genommen, um durch die Walliser
Alpen eine Fusswanderung anzutreten, die er ohne Begleitung seines Dieners machen
wollte. Wochen waren vergangen, bis Mevissen etwas von ihm erfuhr. Endlich
währte dem Diener das Ausbleiben seines Herrn zu lange. Er stellte Erkundigungen
bis auf den Weg zum Simplon an und bis nach Martigny. Leider vergebens. Jede
Spur schien nach diesen Richtungen hin verloren. Als ich dann mit einer Eile,
wie sie nur irgend in der damaligen langsamen Communication möglich war, in Genf
ankam, hört' ich schon, dass seine Spur auf dem andern Uebergange nach Italien,
der von Martigny über den grossen St.-Bernhard führt, entdeckt worden war, aber
auch das, dass sie zu dem sichern Ergebniss seines Todes geführt hatte. Mevissen
befand sich auf dem Hospiz der Augustinermönche; ich reiste ihm nach. Dein
Vater, mein edler Bruder, war von einem Schneewetter überfallen, verschüttet, in
einen Abgrund gesunken und elend erfroren. So oft der Gleichschritt im
gewöhnlichen Dasein mir die Bequemlichkeit als eine zu unverdiente Gnade des
Himmels erscheinen lässt, muss ich dieser Tage gedenken und des Anblicks, wie ich
meinen teuren Bruder wiedersah!
    Wiedersah? Doch sahen Sie ihn wieder?
    Allerdings!
    Sie fanden ihn nicht schon bestattet?
    Ich hatte den Genfersee hinter mir und fuhr an den immer mehr sich
verengenden Ufern der Rhone nach Martigny, wo mir Mevissen, selbst ein Bild des
Todes, entsetzt entgegenkam. Von dort nimmt man Saumrosse; aber mein Gemüt war
zu erschüttert, ich legte mir die Wanderung zu Fuss auf. Sie führte durch
gesprengte Felsen, an uralten, noch aus der Römerzeit herausblickenden Mauern
vorüber, durch das Geröll der Betten wilder Berggewässer, armselige Dörfer,
immer höher empor zu jenem Pass, auf dem Napoleon 1800 die Fusstapfen der alten
Cäsaren im ewigen Schnee wiederfinden wollte. Tief in den Schluchten, in die der
Blick mit grausendem Schwindel sich verliert, weiden die Heerden der Rinder
zwischen den Ausläufern der Gletscher. Hier schon befindet man sich auf einer
Höhe von 7-9000 Fuss und erblickt dicht neben und über sich in den Felsenriffen
die Spuren des sprengenden Frostes und der wenigen im Frühjahr schmelzenden
langen Schneegehänge. Ich reiste im Juni und doch wurden die weissen Todtenfelder
immer unabsehbarer, die Ausblicke öder und kahler. Die Führer erzählten von
einem Fremden, der vor zwei Monaten allein und ohne Warnung anzunehmen den Pass
hätte ersteigen wollen. Da hätte plötzlich niederfallender Schnee die Wege
verschüttet und den Wanderer auf eine falsche Fährte geführt. Den Unglücklichen,
den ich eben sehen sollte, hätte man auf einem vom Wege abgelegenen Felsenzacken
gefunden, dicht an einem unermesslichen Niedersturz ...
    Sie sahen den Vater!
    Ich sah ihn! Ich sah ihn in jener grauenvollen Morgue, die oft auf viele
Jahre die Leichen der auf dem St.-Bernhard gefundenen Verunglückten zur
Wiedererkennung durch ihre Angehörigen aufbewahrt! Grässliche Erinnerung! Eine
Stunde vom Hospiz entfernt liegt ein kleines Gebäude, ausgesetzt dem schärfsten
Zuge der Eisesluft, die das Défilé de Marengo durchstreift. Einer der Augustiner
stand schon mit dem Schlüssel an der Pforte des Todtengewölbes und begrüsste
mich. Ein und derselbe Glaube, ein und derselbe Beruf, und doch wie
verschiedenartig unsere Pflichten! Ich kam aus Wien mit goldenen Ringen an den
Fingern, mit zierlichen Billets in der Brieftasche, die mich zu einem Diner,
dort zu einer Soirée eingeladen hatten, noch schwirrten die Opern der Italiener
mir im Ohre, die im Kärntnertor ihre Stagione hielten, und vor mir stand trotz
der Kälte im leichten Chorherrenrock ein Priester von nicht viel über dreissig
Jahren mit seinem Begleiter, einem ihm mit dem Kopf bis an die Hüfte reichenden
Hunde, dessen gewaltige Muskeln, aufmerkende hohe Ohren, fürchterliche Lefzen
und Tatzen in einem rührenden Contrast zu dem Körbchen mit Lebensmitteln und dem
ledernen weingefüllten Schlauche standen, die an seinem zottigen Halse befestigt
waren. In französischer Sprache begrüsste mich der Chorherr und bedauerte die
Veranlassung, bei welcher zwei Priester so ihre Bekanntschaft machten. Eine nach
niederwärts führende Tür schloss er auf und wir standen in einem Gewölbe, das
die erhjetzteste Phantasie nicht grauenvoller sich ausmalen kann. Rings an den
Wänden Gerippe an Gerippe, und nicht etwa nur völlig versehrte, nicht etwa nur
Reste, sondern wohlerhaltene Körper, die die Eisesluft, die durch die offenen,
correspondirenden Fenster zieht, an gänzlicher Verwesung verhindert. Niemand
wird hier begraben, dessen Identität nicht im Laufe der Jahre hergestellt wird.
So standen dort Gestalten schon zwanzig Jahre an die Wand gelehnt! Vor ihnen
lagen auf einem Tische ihre Kleider und die sonstigen Gegenstände, die sie bei
sich trugen. Der letzte in der Reihe war ... ja! es war mein unglücklicher
Bruder, dein teurer Vater ... Ich sah ihn stehen! Vor mir! Todt! Von einem
Sturz von der Felsenkante, wo man ihn fand, war das Haupt zerschmettert und
hing, schon fast nur noch in Knochen, hernieder! Im übrigen war es sein lieber,
edler Eindruck! Da lagen die Kleider, die ich nur zu gut kannte, da lag das
Portefeuille, das ich an mich nahm, da lag noch sein Geldbeutel mit dreissig
Napoleons und etwas kleiner Münze und einigen römischen, wie man sie in diesen
Gegenden oft findet, ein Plan der Schweiz, ein Fernrohr, Billets zur Ueberfahrt
über den Genfersee, einiges weisses Brot, eben noch wie davon abgebrochen, eine
Korbflasche mit Kirschengeist, Handschuhe, Tragbänder, der Trauring deiner
Mutter ... alles ... alles ... Die Träger bürdeten es sich dann mit der Leiche
auf. Ich stieg mit dem Mönch zum Hospiz empor. Die Leiche blieb da so lange in
der Kapelle, bis man sie auf meinen Wunsch nach der südlichen, italienischen
Seite zu, über dem Orte St.-Remy beerdigte!
    Der Dechant schwieg ... Nie hatte er diese Schilderung so genau gegeben. Nur
einmal vor den Gerichten und einmal - vor dem jetzigen Kirchenfürsten, als
dieser noch die Geschäfte eines Generalvicars verwaltete und die Heirat der
Witwe beanstanden wollte.
    Der Trauring meiner Mutter! wiederholte Bonaventura schmerzlich. In ihm
liegt - die ganze Lebensfrage unserer Kirche!
    Das ist ein Abgrund, mein Sohn, wie auch unsere Ehelosigkeit ... sagte der
Greis. Lass es ruhen!
    Beide Priester schwiegen ...
    In diesem Schweigen lag der Schauer zweier Jahrtausende.
    Eine Weile verging - -
    So also war es! begann Bonaventura wieder voll Schmerz. Und doch wie ist es
möglich, dass diese Gegenstände vor uns auf dem St.-Bernhard damals fehlten?
Warum hat sie Mevissen ohne Ihr Wissen an sich genommen? Warum nahm er sie mit
ins Grab?
    Der Dechant schwieg ...
    Ich weiss es nicht! sagte er dann nachdenklich.
    Mevissen wohnte allen diesen Vorgängen bei, die Sie schilderten?
    In aufrichtigster Trauer! Wir legten oben auf dem Hospiz alles zusammen, was
deiner Mutter zu übersenden war. Diese Gegenstände dort fehlten, das weiss ich
genau. Da das Geld unangerührt war, gedachten wir nicht der Uhr. Die
Spielhahnfeder ist ein Hutschmuck der Alpengegenden. Das Gemshorn sass ohne
Zweifel als Griff an einem Alpenstock. Der grüne Schleier ist eine Schutzwehr
des Auges gegen die blendende Wirkung des Schnees. Gewiss! Ich sah damals diese
Dinge nicht und begreife den Wert nicht, den Mevissen so weit darauf legte, sie
so heimlich zu bewahren! Er war so ehrlich und so treu ... Ich erkundigte mich
später in Genf; ich hatte die sichersten Beweise, dass diese einsame
Alpenwanderung deines Vaters, während Mevissen allein im Gastofe zur Balance
zurückbleiben musste, ihn mit einer durch den Erfolg nur zu sehr gerechtfertigten
Unruhe erfüllte. Die Beerdigung in St.-Remy vollzog er mit all der
Standhaftigkeit, zu der ich mich nicht aufschwingen konnte. Ich sass erschöpft im
Refectorium des Hospizes und schilderte den kindlichen Mönchen die Tugenden des
Verblichenen. Wie hätt' ich sie erfreut, wenn ich ihnen schon damals hätte sagen
können, dass der Sohn des Unglücklichen in den geistlichen Stand treten würde!
Ich musste diese Männer bewundern, die über siebentausend Fuss über dem Meere
wohnen, fünfzehn Jahre hier zu verweilen verpflichtet sind und selten, wenn sie
auch mit zwanzig Jahren schon vom Bischof zu Sitten hierher entsendet werden,
ihr fünfunddreissigstes Jahr erreichen. So wüten die Stürme, so dorrt der Frost
die Glieder aus, so verbraucht die tägliche Anstrengung, die es kostet, nur
allein die nächsten Bedürfnisse auf diese Höhe zu bringen, nur Holz und Wasser!
So oft ich jene vermessenen Reden unserer Geistlichkeit höre, Reden, wie ich sie
noch gestern wieder vernahm, möcht' ich doch aufstehen und eine Schilderung des
Lebens der Augustinerchorherren auf dem St.-Bernhard geben und rufen: Hic
Rhodus! Hic salta! Da zeigt euern Heldenmut!
    Bonaventura schüttelte sein Haupt, hob sein braunes Auge wie verklärt und
erwiderte:
    Nein, Oheim! Was ist es denn, was diesen Menschen dort oben selbst den
Schnee so rosig erglühen lässt, dass sie ihn auch ohne die Sonne wie nur in Purpur
getaucht zu erblicken glauben! Es ist die himmlische Sonne, die sie bescheint,
die moralische, dass sie sich fühlen in einer grossen Gemeinschaft, der zu Liebe
diese und alle Opfer dargebracht werden! Lasst diese Priester der Ebene doch
vermessen reden und sich ihrer Rechte und Pflichten rühmen! Würde nicht schon in
der Ebene dieser Geist der Hingebung gepflegt, allmählich aufgezogen, allmählich
herangebildet, wie könnte er in die Berge steigen! Nein! Aus einer einzelnen
zufälligen Entschliessung des edeln Herzens hier und dort ist es nicht möglich
jene jungen Männer dort oben wohnen, wirken, früh dahinwelken zu lassen! Sie
würden vielleicht zuweilen in grösserer Anzahl sich einstellen, als sie nötig
sind; öfter aber auch würden sie ganz fehlen. So muss es eine Pflanzschule dieses
Geistes der Aufopferung geben, irgendeine magische Zauberformel muss sie alle
halten und regieren. An dem Mut, dort unter den Gerippen und dem Schnee des
St.-Bernhard auszuhalten, arbeitet der streitende Geist derer hier unten mit!
Das ist ja das Geheimnisvolle in unserer Kirche, dass sie ein Zusammenwirken
tausendfacher Kräfte ist, wo sie wunderbar durch die Formen ersetzt, was an den
Personen sich heute findet, morgen fehlt. Unsere Kirche befreit den Geist von
den Launen des Zufalls, der Natur! O dass das so wenig verstanden wird!
    Unsere Metode ist gross! räumte der Dechant ein; seufzend aber setzte er
hinzu:
    Soviel Schönes, soviel Erhabenes in unserer Kirche, so vieles, was den
poetischen Menschen in uns mit den tiefsten Ahnungen und Schauern durchrieselt -
wenn nur so vieles andere, was dem Menschengeiste von unsterblichem und
göttlichem Werte sein darf und muss, nicht in ihr verloren ginge!
    Dies Tema trennte beide wie immer ...
    Ein rätselhaftes Gefühl drängte den Dechanten, während der entstehenden
Pause seinem Schreibtisch zuzulangen, als müsste er jenen Brief von unbekannter
Hand Bonaventura mitteilen, jene Aufforderung im Jahre 18** am Tage des
heiligen Bernhard von Clairvaux unter den Eichen von Castellungo sich zu einem
Concil der Befreiung einzufinden!
    Doch erblickte er unter den Papieren zunächst nur den Brief Angelika
Müller's mit den Einlagen ...
    Auch dessen Inhalt erlaubte es, bei dem Gegenstande zu verweilen, den
Bonaventura die Grundlage der katolischen Kirche genannt hatte.
    Der Dechant war der Meinung, dass die katolische Kirche nicht zu ihrem
Vorteil die Ehe zu einem Sakrament erhoben hat. Wo die persönliche Freiheit so
beschränkt wäre, dass man sein Lebtag im Joche einer einmal verfehlten Wahl
hinsiechen müsse ... da könne der Segen Gottes nimmermehr weilen! Er sprach dies
auch jetzt wieder aus mit Rücksicht auf die Briefe, die er entfaltete ...
    Bonaventura unterbrach ihn aber schon ...
    Nein, Onkel, sagte er, es gibt keine Religion, die nicht bindet! Schon im
Namen liegt's ja! Haben die Völker nicht in diesem ein höheres Gesetz, so haben
sie es in jenem! Was ist nicht alles den Juden, was nicht den Türken untersagt!
Ja, die katolische Kirche hat sich das Schwerste auferlegt! Das ist wahr - aber
darin liegt gerade ihr Mut, liegt -
    Ihre Verwegenheit! warf der Dechant dazwischen und fuhr in der Tat
aufgeregter als sonst fort:
    Gelten lass' ich Reinigungen und Fasten! Es ist gut, dass der Mensch sich oft
und regelmässig die Schranke vorführe, die ihn von der Tierwelt ebenso wie von
einem übermässigen Gebrauche seiner Freiheit trennt! Aber die Ehe! Eine
Verklärung der Schöpfung mag sie sein, eine Stütze der Civilisation; aber die
Ehe an Gesetze zu binden, die wenn nicht die Natur - die man schon leider ganz
aufgeben muss! - doch die Liebe ausschliesslich vorgeschrieben hat, das rächt sich
an der Sitte und - Sittlichkeit! Es wird sich an der Kirche rächen!
    In solchen Augenblicken der Erregung des Greises widersprach Bonaventura
nicht.
    Es lag auch dann ein so stolzer, hoher Ausdruck in des Dechanten Blicken,
die schlanke, noch ungebeugte Gestalt wuchs vollends in die Höhe, die gewohnte
Indolenz schwand so ganz, dass der Oheim dann etwas von einem Staatsmann oder
einem weisen Gesetzgeber zu bekommen schien und den, der ihm widersprach,
geradezu unreif erscheinen liess.
    Habe nur meine Erfahrung! sagte er. Man sieht nur nicht diese Nachteile
einer scheinbaren Wahrheit und einer so grossen Lüge! Sie liegen - dank der
furchtbaren Organisation, die in unserer Welt die polizeiliche Ordnung hat! -
nicht so offen! O sie liegen so verborgen, dass es mir oft, wenn ich mich in
unserer katolischen Welt umsehe, vorkommt, als sähe man die alten Verliesse der
Burgen wieder, wo die Gebeine der Geopferten modern, sähe in die Kerker der
alten Klöster, die die Folgen der Zuchtlosigkeit vergruben ... Doch - lass es
jetzt genug sein!
    Und gleichsam als wenn die Erinnerung einer ganzen schweren Vergangenheit
über ihn käme, so zitterte er und brach nun ab.
    Wie um sich zu besänftigen, nahm er dann die Briefe und sagte:
    Gehst du zum Weinberg des Obersten von Hülleshoven hinüber, so weiss ich
nicht, sollst du dem Obersten diese Briefe da mitnehmen oder nicht?
    Er erzählte, dass sie ihm von Armgart von Hülleshoven zugekommen wären ...
    Bonaventura wollte schnell in seine Pfarre zurück. Er konnte nicht hoffen
Benno's habhaft zu werden; nur auf dem Amte galt es noch seine Anzeige über den
Leichenraub zu machen. Dem Obersten stand er ferne. Der Oberst war ein
Sonderling, der gegen die ganze Welt etwas Schroffes, ja Ablehnendes hatte ...
    Die Briefe beziehen sich, sagte der Dechant, auf Dinge, die ich nicht gern
mit dem Obersten erörtere ...
    Bonaventura kannte die Personen und Verhältnisse ... er wusste, dass Armgart
von Hülleshoven in dem Glauben erzogen war, eine Waise zu sein ... er wusste, dass
sie seit noch nicht lange erst erfahren hatte, dass ihre beiden Aeltern lebten
und getrennt lebten.
    Als Bonaventura die beiden zierlich zusammengelegten Briefe sah, auf welchen
mit sauberer Hand geschrieben stand: »An meinen Vater!« Auf dem andern: »An
meine Mutter!« sagte er:
    Sie spricht doch wohl ihr Glück aus, jetzt plötzlich diese Schätze gefunden
zu haben?
    Im Gegenteil! erwiderte der Dechant. Als ich die Briefe empfing, wusst' ich
nicht, ob ich über sie lachen oder mich ärgern sollte. In Wahrheit war ich von
ihnen gerührt, um so mehr, da auch die Mutter mir aus Wien geschrieben hat, wo
sie endlich das Kloster, in dem sie zeiter meistenteils lebte, verliess. Beide
Aeltern machen Ansprüche auf ihr Kind und jetzt um so lebhafter, seitdem sie um
diesen Besitz wieder in den alten eifersüchtigen Streit geraten sind. Die
Mutter will sogar binnen kurzem in die Gegend kommen, was ich dich bitte, um
Aufreizungen zu vermeiden, dem Obersten zu verschweigen ...
    Bonaventura hätte sich gern dem Auftrage entzogen. Doch las er, da der
Dechant es wünschte, den einen der offenen Briefe Armgart's.
    »Mein Vater!« schrieb Armgart von Hülleshoven. »Wie die heilige Margarita
betete, so wiederhole ich: Mein Herr und Gott, bewahre unser Herz in Reinigkeit,
unser Leben in Unschuld und jede Begierde, jede Meinung, jede Handlung unsers
Lebens in reinster Wahrheit! Dass ich dich einst nennen werde: Mein
einziggeliebter Vater! wird die Folge der Erkenntnis deiner hohen Tugenden sein.
Die Heiligen mögen mir bezeugen, ich habe ein Herz, so voll der himmlischen
Liebesflammen, dass ich dich mit Innigkeit umarmen könnte, wenn ich nicht wüsste,
dass ich eine Mutter habe. Auch sie darf ich, wenn ich wahr sein will, nicht
begrüssen, wie es Kindern ziemt, ihre Aeltern nach langer Trennung zu begrüssen.
Würd' ich aber, wenn ich zu dir mit ausgebreiteten Armen flöge, nicht die Mutter
betrüben? Würd' ich nicht den Schein annehmen, als bevorzugte mein Herz eines
von euch? Würd' ich nicht ein Urteil zu sprechen scheinen, das ferne von mir
liegt? Ach, ich beschwöre euch! Kommt, liebevereint, beide - und ruft mich an
euer ausgesöhntes Herz! Lasst mich zu euch beiden zu gleicher Stunde
emporblicken! Lasst mich reuevoll und in ewiger Liebe vor euch beiden
niedersinken und mit einem einzigen glückseligen Worte mich nennen euer einziges
und treues Kind, Armgart von Hülleshoven.«
    Und der Mutter?
    Schreibt sie wörtlich dasselbe!
    Bonaventura überflog den Brief, den der Dechant nach Wien schicken sollte.
In dem einen Briefe waren nicht mehr Worte und Buchstaben als im andern.
    An den Pünktchen da, sagte der Dechant, seh' ich, wie sie gezählt hat, ob
auch keiner mehr Buchstaben bekommen hat als der andere!
    Oder weniger! sagte Bonaventura gerührt. Sieh, ein Kind will sich zum Preis
der Aussöhnung seiner Aeltern setzen! Sollten diese beide nun nicht wirklich, um
vor ihrem Kinde nicht beschämt zu stehen, ihren Hass und Groll fahren lassen?
Bleibt der kleine Genius des Friedens nur fest in seiner Weigerung, so mein'
ich, müsste eine Eifersucht entbrennen zwischen Vater und Mutter, die zum Guten
führt! Nennen Sie das Sakrament der Ehe noch den grossen wunden Schaden unserer
Kirche, wenn es solche Opfer möglich macht? Die kleine Armgart handelt - ich muss
es so nennen - katolisch!
    »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dein Lob zugerichtet!«
sagte der Dechant ironisch und erhob sich, um Bonaventura das Geleit zu geben
und nach Windhack zu klingeln.
    Nachdem sie beide die Reliquien aus dem Sarge zusammengelegt und in einer
Tasche, die zu Bonaventura's Reiseeffecten gehörte, geborgen hatten; nachdem der
Dechant auf die von ihm ausgesprochene Erwartung, der Neffe würde doch
wenigstens zum Mittagessen noch dasein, eine ablehnende Antwort erhalten hatte -
den Pfarrer zog es mächtig in seine Gemeinde zurück und - Lucinde verscheuchte
ihn -; standen beide schon an der Tür, Bonaventura, um auf den Weinberg des
Obersten zu gehen, der Dechant, um in der Stadt die diese Nacht mutterlos
gewordenen Waisen mit Geldmitteln zu versehen.
    Eben sagte er:
    Tröste Witwen und Waisen, wie du heute Nacht getan hast, teile, wenn du
ihnen nichts Besseres geben kannst, Heiligenbilder an sie aus: nur um Eines
bitt' ich dich, Bona, um Eines ...
    Zwei Türen gingen in diesem Augenblicke zu gleicher Zeit auf.
    Windhack trat ein und wollte eine Meldung an Bonaventura bringen.
    Herr Pfarrer! sagte er eilends ...
    Aber auch Frau von Gülpen war von nebenan erschienen und machte einen
Eindruck, der jedem, der sie nur ansah, die Sprache rauben konnte ...
    Zwar war ihre Toilette schon in schönster Ordnung, Windhack's gewellter
Scheitel sass schon kunstvoll unter der buntbebänderten Spitzenhaube und doch kam
sie wie eine halb Bewusstlose. Ihr eines Auge war Entrüstung, ihr anderes
Schrecken, die Nase Zorn, die Oberlippe Staunen, die Unterlippe Abscheu. Sie
glich einem eben von einem Traum Erwachten, der geträumt hatte, eine Maus wär'
ihm quer über das Gesicht gesprungen, und dem es in dem Augenblick, wo er
erwachte, auch wirklich so vorgekommen, als hätte ihm etwas Kaltes auf der Nase
gesessen.
    Gott, was ist Ihnen, Liebe? fragte der Dechant.
    Sie wollte sprechen, aber sie konnte nicht ...
    Sie winkte nur Windhack, zu sagen, was der wolle ...
    Ein Wägelchen ist halt eben vorgefahren -! sagte Windhack, stockte aber,
weil dem so sichtbaren Schmerz der Frau von Gülpen offenbar die Vorhand gebührte
...
    Ein Wägelchen - ist - eben - vorgefahren! wiederholte Frau von Gülpen mit
hauchender Stimme. Sie tat dies, um ihm gleichsam seine Mitteilung zu
erleichtern. Es war ein Ton der leidendsten Geduld, ja der eines förmlichen
Abgeschlossenhabens mit dieser ganzen höchst unvollkommenen Welt ...
    Schon ahnte der Dechant die Ursache dieses Anblicks - die neue Nichte -
    Was ist denn, Windhack? fragte er, um nur bald wenigstens über dessen
Störung hinwegzukommen -
    Der Wagen unten ...
    Nun ja, nun ja -
    Herr Maria!
    Wer?
    Herr Maria!
    Frau von Gülpen war so grossmütig, so tief edelgesinnt, so gewohntermassen
aufopferungsfreudig, auch noch jetzt die Verständigung zu unterstützen.
    Herr Schnuphase! sagte sie.
    Herr Schnuphase? ...
    Eine dringende Meldung an den Herrn Pfarrer ... fuhr Windhack fort.
    An mich? fragte Bonaventura ...
    Herr Maria hat Sie halt schon in St.-Wolfgang aufgesucht ... ein sehr
wichtiger Auftrag ...
    Und schon hörte man auf dem Corridor draussen das Husten und Räuspern eines
Mannes, der nicht gewohnt schien, lange ohne das freudigste Bewillkommtwerden zu
verharren ...
    Ist denn schon die Zeit der Wachsernte, fragte der Dechant lächelnd und
verdriesslich zugleich ...
    Aber Herr Jean Baptiste Maria Schnuphase, Lebküchler, Wachslichterfabrikant
und Messgewandsticker aus der Residenz des Kirchenfürsten, schien absichtlich
zwei oder drei Prisen genommen zu haben, um nur dicht am Schlüsselloch draussen
niesen zu können ...
    Und mit jener Selbstaufopferung, die für sich selbst im Leben ja auch
nichts, auch gar nichts beansprucht, sondern die nur allein andere glücklich zu
machen wünscht, winkte Frau von Gülpen, dass Herr Schnuphase eintreten möchte!
    Der Dechant war im äussersten Grade gerührt, zu sehen, wie sich jetzt die
gute Frau erschöpft auf ein Eckkanapee im Dunkeln niederliess, ganz nur
Resignation, ganz nur ein Bild der Ergebung, sich selbst eklipsirend, wie
Windhack hätte sagen können ... Gern hätte er tröstend ihr zugeflüstert: Nun,
»die Person« ist doch schon fort? Lassen Sie sie in Gottes Namen reisen! Und
gleich! Den Augenblick! ... Aber der Eintretende nahm die Aufmerksamkeit aller
Anwesenden allein in Anspruch.
    Herr Jean Baptiste Maria Schnuphase ist ein kleiner Mann von unendlichster
Devotion. Sein Frack ist grün, die Knöpfe daran sind weiss und von Metall, die
Weste ist von Kameelgarn und gelb und die Beinkleider sind von Nanking. Er trägt
weissgewaschene Lederhandschuhe, wie zu einer Kindtaufe. Aber statt eines Hutes
hat er doch nur eine Reisemütze in der Hand und das genirt ihn und das bringt
ihn ausserordentlich in Verlegenheit und er muss lächeln und um Entschuldigung
bitten und muss alles aufbieten, um das Négligé dieser Reisekappe zu verbergen
und muss sein: Hochwürdigste Hochwürden - gnädigste Frau - hochehrwürdiger Herr
Pfarrer - sehr geehrter Herr Windhack ... mit so vielen Verbeugungen
unterbrechen, dass wir -
    Doch nein! Um Jean Baptiste Maria Schnuphase ganz zu charakterisiren und
nichts zu unterlassen, was zu seinem »ganz ergebensten« und »hochachtungsvoll
ergebensten« Eindruck gehört, müssen wir ihn eigentlich in seiner eigenen
Sprache reden lassen ... Es ist das jene Sprache von der Abdachung des Harzes
her in die kleine römische Enclave, das einzig rechtgläubig dorterum gebliebene
Hildesheim. Es ist die Sprache der braunschweigischen Umlaute »uö« statt a oder
au oder o, die Sprache des lispelnden S vor St und Sp ... Alle diese feinen
Nuancen gehören zu dem Duft des »Vörnöhmen« und »Erhöbenen«, das den Lebküchler,
Wachslichterfabrikanten und Messgewands-ticker schon seit dreissig »Jöhren«
umgibt.
    Schnuphase, oder nach seiner eigenen Aussprache »Schnuphöse«, besitzt eine
nie »ermöngelnde« Ergebenheit. Er ist das Factotum aller menschlichen
Bedürfnisse des höhern und niedern »christkötölischen« Klerus. Er ist der
Beichtvater der Beichtväter. Herr Maria, von Hildesheim durch eine glückliche
Gesellenschaft und darauffolgende Verheiratung gen Westen verpflanzt, ist
wohlangesehener Bürger und Hausbesitzer in der stolzen Königin des grossen
»S-trömes«, die wir kennen lernen werden. Er ist der »Figaro hier«, der »Figaro
dort« des Domstifts und aller derer, die sein Vertrauen suchen und nicht suchen!
Dienen, dienen um jeden Preis, dienen und wär's auch nur um die regelmässige
Abnahme seiner weltberühmten Wachskerzen für Haus und Altar, seiner Lebkuchen
für den Weihnachtsbaum, seiner Stickereien, deren Anfertigung seine beiden
Töchter Eva und Apollonia zu den Garderobièren aller Gottesmütter des Landes und
aller sonstigen heiligen Toiletten gemacht hat ... dienen war »Herrn Maria's«
Lebensaufgabe! Wo ereignete sich das Weihen einer Kirche auf zwanzig Meilen in
der Runde, stromauf, stromab, ins Frankenland hinein und hinüber auf die rote
Erde, dass Herr Maria fehlte? Oder eine Priesterweihe oder ein Zweckessen oder
ein grosses Leichenbegängnis oder eine Glockenweihe oder eine Wallfahrt oder eine
Schaustellung wundertätiger Bilder oder Reliquien ... Herr Maria sollte fehlen?
Herr Maria, der kleine, immer vom Feuer der Ueberzeugung sowol wie vom edelsten
Ahrbleichert Gerötete? Er war einer der Cherubs, flammend von der Nase bis zum
Schwert, die an der Katedrale in der Residenz des Kirchenfürsten die
Eingangsportale hüteten! dabei durft er auch wandeln auf Erden wie ein Cherub
auf Urlaub, ein Cherub der Legende, zu Wagen, zu Ross, per Dampf auf der kühlen
Welle oder der hie und da schon sich streckenden Schiene! .. Herr Maria wohnte
in einem der altertümlichsten, massivsten Häuser, die man sich durch
hochwürdigste Protection nur erwerben kann. Er war in seiner Art ein Napoleon.
Wenigstens war die Biene sein Symbol. Er hätte eigentlich in einem Bienenmantel
bei jeder Procession voranschreiten müssen, wie er oft voranschritt, dann
freilich im schwärzesten der schwarzen unter seinen vielen Fräcken, mit
entblösstem Haupte und eine seiner eigenen Kerzen tragend ... Die Bienen hatten
ihn gelehrt, Honig früh von Wachs zu unterscheiden, aus jenem die lieblichsten
nürnberger Leb- und torner Pfefferkuchen und baseler Leckerlis zu gestalten,
aus diesem aber Kerzen, reine, weissgelbe edle Wachskerzen zur heiligsten Weihe.
Und diese Bienen hatten ihn auch die Emsigkeit gelehrt, den rastlosen Fleiss, das
Sammeln auf allen Fluren und Wegen und Stegen für seinen eigenen Schatz und den
des Reiches Gottes. So erlebte er freilich die Berufung zu den höchsten
Steuersätzen durch diesen kalten protestantischen, keine Exemtionen duldenden
»S-töt«, aber auch die Mittel, sie quartaliter pünktlichst zu berichtigen. Herr
Maria galt für wohlhabend, aber er war reich. Das wussten Domherren und
Capitulare und Officiale und Curaten bis zu Psalteristen und Calcanten hinunter.
Dominicus Nück, der mächtige Procurator, Benno's Principal, wusste es
gleichfalls. Der hatte ihn auf der Liste aller derer, die in grossen
Erbschaftsfragen, wie z.B. jetzt in der der Dorste-Camphausen, Mündel- und
Pupillengelder auf die rechten Plätze anzulegen wissen. Und was gab es nicht
allein schon auf dem geistlichen Gebiete zu rechnen und zu zählen! Was hatten
die Herren von Sancta-Columba und Den Aposteln und Den sieben Schmerzen und
allen Kirchen diesseit und jenseit des Stromes nicht für einen Neffen dort, für
eine Nichte da liebevollst zu sorgen, aufzunehmen und abzutragen! Was gab es
nicht Kapitalien unterzubringen! »Schicket euch in die Zeit, denn es ist böse
Zeit!« Herr Maria kannte das ganze Land, kannte alles, was neben Bienen auch
Korn und Gerste zieht und Hypoteken braucht. Freilich war er nicht in dieser
Gegend geboren, aber er war geboren in dem Lande der Höflichkeit, der feinsten
deutschen Aussprache, der gewähltesten Umgangsformen. Er wurde überall gut
aufgenommen und nie übermütig. Er hatte von den Bienen die schöne Harmonie
gelernt, die Unterordnung unter einen gekrönten Weisel, unter die
selbstbeschauliche Trägheit vornehmer Drohnen; selbst jener poetische Schwung
fehlte Herrn Maria nicht, den die Alten mit den Bienen bezeichnen wollten, wenn
sie im Munde eines göttlichen Redners die Biene abbildeten oder einen Sophokles
an ihr sterben liessen ... nein, Sophokles starb an einer verschluckten
Weinbeere! Aber schon die attischen Bienen ruhten vielleicht am liebsten auf
solchen Weinbeeren, die von Chios und Tenedos an den Ilissus verpflanzt wurden!
Schnuphase bestätigte den Naturforschern, dass die Bienen am liebsten sich den
Honig vom Safte der Weinbeeren saugen. Oder verurteilt ihr ihn deshalb? Lebte
der schwungvolle Mann nicht im Lande der köstlichsten Reben? Er, der nur
»brauns-weiger« Mumme oder goslarer »Göse« als die höchsten Errungenschaften der
dürstenden Menschheit bei seiner Geburt kennen gelernt hatte, er bekam sein
rotes Näschen, seine roten Wänglein, die dem weissen Lockenköpfchen allerliebst
standen, nur auf den schönen Rebenhügeln seines neuen Vaterlandes, unter den
epheuumwundenen Burgruinen, da, wo man ringsumher dicht neben dem Anblick des
Grossen und Schönen auch überall einen Guten schenkt. So zu stehen auf
»erhöbenstem« Standpunkte, so mit dem grünen »Römerglöse« allen »Köpöllen« und
Kirchen und »Dömen« und »S-tiften« und »Kötödrölen«, die er erleuchtete, allen
Tannenbäumen ringsumher, die er zur Weihnachtszeit mit Lichtern und Lebkuchen
schmückte, allen Kaplanen und Pfarrern, die er mit wundervollen Messgewändern
bekleidete, ein Hoch nach dem andern auszubringen - wer konnte ihm das
verdenken! Blieb er nicht immer fein, nicht immer nobel, immer Herr seiner
weissen Wäsche, Hüter seiner Manschetten, Meister im Knoten seiner weissen Binde,
zierlich und manierlich? Einem Weihbischof die Hand zu küssen, hätte ihn von
allen Schäden der Patologie geheilt! Glücklicherweise war er gesund und fühlte
sich im Ahrbleichert und seinem Berufe wie der Fisch im Wasser! Oder er war
selbst wie eine seiner Kerzen! Erst Product einer von tausend Enden und Ecken
her gesammelten Betriebsamkeit - und dann so sanft sich selbst verzehrend im
Lichte, in aufwärtsstrebender reiner, heiliger Flamme und fanatischster
Hingegebenheit an alles, was sich nur für sein römisches Ideal unternehmen,
betreiben, wühlen liess! Betriebsamkeit liess ihn, wie Löb Seligmann, der Bruder
der Hasen-Jette, vom Felde die Früchte »auf den Halm« kaufte, den Reps »auf die
Blüte«, den Taback, die Runkelrübe »auf Stengel und Knollen«, so den Honig und
Wachs kaufen »auf die Blume«, auf die Blume, wenn über dem duftenden Kelche noch
die grünen Weberinnen wetteifernd mit den Schmetterlingen summten und
schwelgten! Und fast alle Stöcke der Bauern und Schullehrer waren so dem
tendenziösesten aller Tendenz-Tendenzer verpfändet, noch ehe die Zellen sich
füllten. »Die Blume« - darauf war er Kenner! Und er drückte niemanden. Er
handelte wie ein Mann, der die heilige Ehre genoss, mit Stolen, Alben, Manipeln,
Fahnen, Standarten, Demonstrationen, selbst Intriguen die Glorie des
katolischen Lebens zu mehren, die Hochämter bis nach Lüttich und Antwerpen hin
und die grossen Dome - o wär' es bis an die Peterskuppel von Rom gewesen! - mit
Licht-, Gold- und Silberglanz zu füllen!
    Herr Schnuphase überbrachte vom Herrn Kaplan Michahelles, dem Secretär des
Kirchenfürsten, einen Brief, der für St.-Wolfgang bestimmt war.
    Ein Auftrag Sr. Eminenz? fragte der Dechant erstaunt, als Bonaventura den
Brief erbrach.
    Frau von Gülpen zitterte bei diesem Worte jetzt auch noch zu alledem vor -
Devotion ...
    Zu dienen, Höchwürden! sprach Herr Maria.
    Ohne weitern Aufentalt? sagte Bonaventura betroffen im Lesen halb für sich.
    Ohne allen weitern Aufentölt, Höchwürden!
    In die Residenz sollst du kommen? fragte der Dechant hocherstaunt.
    Zu dienen, Höchwürden! bestätigte Schnuphase.
    Des Dechanten Herz klopfte fast hörbar von einer Ahnung, die mit der vorhin
unterbrochenen Warnung im innigsten Zusammenhange stand. Gerade das hatte er
sagen wollen, gerade vor der Gefahr warnen, die jetzt für Bonaventura heraufzog!
    Zu all den Foltern, die Frau von Gülpen zu überstehen hatte, kam nun noch
die, sehen zu müssen, wie der Dechant förmlich erblasste und sich an seinem
Tische halten musste ... Alle ihre Gedanken gingen nun wieder bloss auf die
Hausapoteke, auf ihre niederschlagenden Pulver - und dabei sah der geliebte
Mann offenbar doch nur mit der Absicht so scharf jetzt auf sie hinüber, um sie
zu entfernen, sich allein zu wissen mit Bona und über den empfangenen Brief mit
ihm eine Scene zu haben ... eine Scene!
    Herr Maria, nichts ahnend als nur Gutes, äusserte:
    Hochwürden werden gewögentlichst in meinem Hause abs-teigen! Ich bitte! Ich
bitte! Es ist der Befehl - wöllt' ich sögen der Wunsch Sr. Eminenz, dass Ew.
Hochehrwürden bei mir wöhnen! Im sogenannten s-teinernen Hause, dicht an der
Kötödröle!
    Der Dechant beherrschte sich nicht länger. Windhack bekam Befehl, Herrn
Schnuphase, der es einräumte, sich noch »im ungefrühstückten Zustande« zu
befinden, ein Déjeûner à la fourchette vorzusetzen ... Frau von Gülpen durfte
dem entscheidenden Blick, dem Wunsche, der sie in diesem Moment aus den Augen
des Dechanten machtgebietend traf, sich nicht widersetzen ... Sie ging ... sie
ging auf Bonaventura mit einem Blick, der ihn um aller Heiligen willen, die im
und nicht im Kalender stehen, bat, den Dechanten zu schonen! ... Sie? Sie
selbst? Ach sie war ja gewohnt alles zu tragen! ... Als sie noch Herrn
Schnuphase's Diener und »gehorsamsten Befehle« und »untertänigsten
Bereitwilligkeiten«, auch »die Absicht, den nähern Bescheid abwörten zu wollen«,
unterbrechen musste und die Tür öffnete, die zum Corridor führte, und nun wieder
mit Herrn Schnupphase zu complimentiren hatte, wer zuerst ginge, da warf sie
noch einen Blick gen Himmel ... Er war gemischt aus Kummer und schon wieder doch
- aus der seligsten Freude: Diese Bürden - wie sind sie so schwer und dennoch -
wie wär' ich unglücklich, wollte sich jemand unterstehen, sie mir abzunehmen!
    Bonaventura und der Dechant waren allein.
    Mein Sohn! rief der Greis jetzt ausbrechend und mit der ganzen
zurückgehaltenen Kraft seiner Furcht und Aufregung, mein Sohn! Was ist das?
    Er warf sich dem jungen Priester mit einer Leidenschaft, die dieser an ihm
nie gekannt, an die Brust.
    Was kann, was soll dir beschieden sein! fuhr er fort. Auch dich wollen sie
haben! Auch dich wollen sie in ihre Strudel ziehen! Wir gehen den trostlosesten
Verwirrungen entgegen - o mein Sohn! Mein Sohn! Folge diesem Briefe nicht! Ich
beschwöre dich! Widerstehe!
    Wie kann ich? erwiderte Bonaventura und erinnerte den Greis an die
allbekannte Stellung des Kaplans Michahelles.
    Dieser hatte einfach und kurz geschrieben:
    »Hochwürdigster Herr! Im Auftrage Sr. Eminenz soll ich Sie ersuchen, ihm
binnen acht Tagen persönlich Ihre Aufwartung zu machen. Ihr hochachtend
ergebenster Eduard Michahelles. Alles zur grössern Ehre Gottes.«
    Das Losungswort der Jesuiten! sagte der Dechant mit tiefster Erbitterung.
Bona! Bona! - es würde den Rest meiner Tage kürzen ...
    Teurer Onkel! unterbrach der Pfarrer und umarmte den Dechanten. Warum diese
Sorgen! Man beruft mich zu irgendeinem harmlosen Auftrage! Der Kirchenfürst ist
aus unserer Heimat gebürtig! Er kannte den Vater ...
    Sein Arm ist gewaltig, sein Wille stark - Bona! Es ist mir, als säh' ich
dich von mir geschieden! Geistig geschieden!
    Ich werde prüfen und nur das Gute behalten!
    Sie werden deine Liebe zur Religion mit einem neuen, dir fremdartigen,
verfälschten Stoffe schüren! Sie werden dich in ihre Bahnen reissen, die Bahnen
der Zerstörung, des Kampfes, der Auflehnung gegen Gesetz und Obrigkeit, des
Kampfes gegen das teuere Vaterland! ... Priesterberuf! Die Kirche! Rom! Das
werden die Formeln werden, die deine Ueberzeugungen binden, deinen Willen
gefangen nehmen - Bona!
    Der junge Priester zuckte die Achseln und deutete auf den Brief ...
    Du - musst - folgen! sagte der Dechant endlich wie tonlos. Sicut cadaver
estote! Ihr sollt sein wie die Leichname! ... Lebe wohl
    Beide gingen ... sie gingen erst noch zusammen. Der Dechant nahm schon jetzt
Abschied von dem jungen Priester, den, wenn er wahr sein wollte, der Ruf des
Kirchenfürsten in die ausserordentlichste Aufregung versetzte, ja bis zur
Begeisterung erhob.
    Um den Greis zu trösten, sagte er:
    Fiat lux in perpetuis!
    Wie? blickte der Dechant auf und sah ihn auf dies Wort betroffen an. Es war
die Losung der aus Italien gekommenen Aufforderung ...
    Doch ruhig und harmlos hielt Bonaventura des Greises Frage aus. Der Dechant
sah, dass diese Worte nur durch einen Zufall gesprochen wurden.
    Am Hause unten trennten sie sich ...
    Herrn Maria fesselten Windhack und das Frühstück ...
    Den Dechanten hielt eine Weile noch der nun angekommene froh scherzende und
grüssende Napoleone Biancchi auf. Catone trug ein Bret voll Gipsabgüsse, frisch
gefüllt, und unter den Heiligen stand ein Apollino, stand der Knabe mit dem
Schwan, stand Dannecker's Ariadne ... Alle Jahre brachte Napoleone dem Dechanten
irgendetwas, was seinen Geldbeutel in Contribution setzte und Frau von Gülpen
für die Unterbringung in den schon überfüllten Räumlichkeiten neue Sorgen machte
...
    Der Dechant beschied den alten Bekannten, gezwungen freundlich, auf den
Nachmittag und wandte sich zum Dome von St.-Zeno, während Bonaventura auf dem
Wege zu dem Weinberg des Obersten bereits hinter den Bäumen verschwunden war.
 
                                      11.
Inzwischen war Lucinde nicht müssig gewesen.
    Eine Weile hatte es gedauert, dass das Billet der Frau von Gülpen sie so
niederschmetterte, wie vor Jahren einst der Tod Serlo's an jenem Abend, als sie
in ihm den einzigen Menschen zu finden hoffte, der für sie noch auf der Welt
tröstend leben konnte.
    Eine Weile hatte sie sich gesagt:
    Du gehörst denn also wirklich zu den Unglücklichen, die keine Ruhe im Leben
finden werden! Zu den Gezeichneten, vor denen alles flieht! Zu denen, die gehasst
werden, wo sie lieben, falsch erscheinen, wo sie voll Vertrauen sich hingeben!
Zu den Unglücklichen, vor denen die Mütter ihre Kinder wegziehen, weil sie
glauben, schon ihre freundliche Anrede täte ihnen Leids, ihr Auge schon hätte
den bösen Blick, der Verderben bringt! Zu den Unglücklichen, die, was sie auch
im Leben beginnen, nie und keinem etwas recht machen können, immer eine andere
Absicht haben sollen, als sie aussprechen oder zeigen, ... ach und denen die
Natur selbst schon, grausam genug, wirklich auch die Hand des Ungeschicks
gegeben hat, die alles fallen lässt, was sie angreifen, alles nur noch mehr
verwirrt, was sie lösen möchten!
    Sie kämpfte zwischen zwei Ratgebern und Beiständen jetzt ... Bonaventura
oder Beda Hunnius ...
    Jener war gestern, auch vorgestern, so freundlich und so gut gewesen ... Ihr
einziges Lebensziel, in dieses Priesters Nähe und Vertrauen, im Abglanz seines
Lichts zu leben, und wär' es als Magd ... es war ihr wieder in so unmittelbare
Nähe gerückt ... Und doch auch er! Wie ablehnend war bei alledem diese seine
Freundlichkeit, wie kalt seine Höflichkeit! Es schien ihr so seltsam, dass auch
Bonaventura sich vor ihr fürchten konnte, fürchten als Verführerin zum Bruch
seiner Gelübde! Bitter sagte sie sich: Dass doch diese Männer ewig nur dies Eine
in uns finden können -! Nur dies Eine -! Nie und nirgends etwas Anderes!
    Nach einigen Stunden der Verzweiflung, des Zornes, der Hoffnung auf einen
versöhnlichen Schritt vielleicht von Seiten des Dechanten oder von Seiten
Bonaventura's, entschloss sie sich - da sie Bonaventura und den Dechanten nun
auch noch das Haus verlassen sah und nichts kam, sie zu befreien von ihrem
Jammer, von ihrer Demütigung, - die Hülfe Beda Hunnius' in Anspruch zu nehmen.
    Ihr Zimmer zu verlassen wagte sie nicht - aus Scham, etwa Benno oder
Hedemann zu begegnen, jeder Stein schien sie zu verhöhnen - jedes Baumblatt
schien ihr ein sie verletzendes Mitleid mit ihr zu haben.
    Sie wollte an Hunnius schreiben ... Gerätschaften dazu gab es in ihrem
Koffer ... Sie öffnete und legte alles Nötige heraus ...
    Als sie geschrieben, hatte sie zwei Gelegenheiten, deren sie sich zur Abgabe
des Briefes bedienen konnte ...
    Die eine war Napoleons Biancchi, der sich vom Dechanten nicht ganz hatte
abweisen lassen, sondern die Treppe hinaufstieg und nach Signora Schwarz fragte
...
    Auch das musste Frau von Gülpen hören und sehen!
    Der Ankauf schon einer Kunstsammlung im Hause! sagte sie, als sie den
Italiener an die Tür verwies, wo man den Moses Michel Angelo's hatte kaufen
wollen.
    Lucinde begrüsste den Italiener gefasst, lehnte den Ankauf nicht ab, gab für
die Statue, was Napoleone verlangte.
    Sie liess dann Porzia grüssen. Sie erfuhr, dass Hedemann seiner Tochter gestern
ganz den Dienst erwiesen hatte, den sie vorausgesetzt.
    Auf ihren Glückwunsch zur »schönen Müllerin von Witoborn« machte Napoleons
eines der charakteristischen Zeichen, mit denen der Italiener dreierlei Gedanken
zu gleicher Zeit ausdrücken kann, sagte aber doch:
    Herr Hedemann wollte von Ihnen italienisch lernen!
    Bitter lächelnd über die Zerstörung aller dieser schönen, so traulich
gewesenen Hoffnungen, überlegte sie, ob sie ihren Brief für die Stadtpfarrei
durch Napoleone besorgen lassen sollte.
    dabei fiel aber ihr Blick vom Fenster aus auf einen andern Ankömmling, der
in den Wegen des Parkes sichtbar wurde, eine hohe, kräftige weibliche Gestalt,
die unverkennbar die Jüdin von gestern war. Sie trug auf dem einen Arm ein Kind,
auf dem andern einen grossen verdeckten Korb.
    Rufen Sie mir jene Frau mit dem Korb und dem Kinde herauf! sagte sie zu dem
Italiener, der sich entfernend der aus ihrem Erstaunen nicht mehr
herauskommenden und wie auf Wachtposten befindlichen Frau von Gülpen in der Tat
die Mitteilung machen konnte, dass Lucinde ihm einen seiner wertvollsten
Abgüsse abgekauft hatte.
    Sinnend stand Lucinde vor dem Gesetzgeber der Juden, dessen kolossale und
markige Formen eher einem Hercules angehörten, wenn man nicht an den Propheter
des »starken und eifrigen« Gottes denken wollte ...
    Ist doch nicht jeder Priester nur ein Schatten! sagte sie sich. Nicht jeder
nur ein kalter todter Begriff! Nicht jeder nur die Drohne im Bienenstock! Nicht
jeder nur ein Mann in langem Frauengewande!
    Es passte auf Moses und auf Beda Hunnius ...
    Sie hatte den Brief noch einmal überlesen. Sie schilderte dem neuen Freunde
ihr Misgeschick in der Dechanei und bat um seinen Beistand ...
    Als sie gesiegelt, klopfte es ...
    Die Hasen-Jette trat ein ...
    Auch ihr hatte Frau von Gülpen mit den Worten den Weg zur Mansardenstube
gewiesen:
    Ich sehe, dort oben bekommt noch heute die ganze Stadt Audienz!
    Frau Henriette Lippschütz trat in gewählterer und minder phantastischer
Kleidung ein, als sie diese Nacht getragen hatte. Am rechten Arme hielt sie
einen mächtigen Korb voll frischgeschossenen wilden Geflügels, das auf einer
Unterlage von zusammengerollten und gleichfalls verkäuflichen groben
Scheuertüchern, Zwirngebinden, Bandrollen, Schwefelfäden, Feuerzeugen und
dergleichen ruhte; auf der Linken trug sie einen Knaben von mindestens schon
zwölf bis dreizehn Jahren.
    Tragen Sie einen so grossen Jungen noch auf dem Arme? fragte Lucinde.
    Mein Davidchen! antwortete die Jüdin. Das Kind ist so schwach auf die Beine!
Und weil die Tante Lei nun gestorben ist, fürchtet sich das Kind zu Hause! Wir
wohnen gerade gegenüber dem Unglück! Komm, Davidchen, ich setze dich auf das
schöne Sopha da! Das Fräulein erlaubt es! Womit kann ich dienen?
    Lucinde nahm Kleider und Wäsche vom Sopha fort. Aber der schon so grosse
Knabe protestirte mit langgezogenem, weinerlichem Tone und hielt sich fest am
Halse seiner Mutter.
    Fürchtest dich doch nicht, Davidchen? Eine so schöne Dame! Hände wie Seide!
Komm, Davidchen! Lass dich sitzen!
    Nein! war die Antwort, weinerlich langgezogen und entschieden.
    Und voll unendlichster Milde und Nachgiebigkeit sagte die grosse Frau:
    Willst du nicht, Davidchen? Nun, so gib dich nur! Ich will den Korb
niederstellen! Womit kann ich dienen, Fräulein?
    dabei hielt die Frau unverwandt den schweren Knaben.
    Ich hätte gern einen Brief von Ihnen in die Stadt besorgt - sagte Lucinde
...
    Die Frau nahm den Brief; aber David sagte:
    Ich - ich will ihn haben!
    Willst ihn haben, mein Sohn? sagte die schwächste aller Mütter. Er kann
nichts sehen Geschriebenes, er will's haben! Gelt, David, du gibst einen
Gelehrten?
    So schmeichelte sie dem David, nur damit er nicht den Brief zu tragen
begehrte. Die kluge Frau sah wohl, dass das Fräulein nicht den Brief offen
getragen wünschte.
    Zum Glück war David eitel und wollte noch gründlicher seine Kenntnisse
leuchten lassen.
    Er zeigte auf den Korb und sagte:
    Achetez quelque chôse Mademoiselle! Nous avons des jolis objets à vendre!
    Was hat er gesagt? Was hat er gesagt? rief die entzückte Mutter.
    Lucinde übersetzte es und rühmte aufrichtig des Knaben Genie.
    Der Onkel lasst ihn lernen alles zu Hause durch Maîtres! Das Kind ist so
klug! Aber es kann nicht gehen in die Schule! Gleich ist es müde, wenn es ist
gegangen eine halbe Stunde - es ist so schwach auf die Beine!
    Also David kann gehen! sagte Lucinde voll Entrüstung über den grossen Jungen,
der sich tragen liess ...
    Er studirt soviel! wiederholte die gute Mutter.
    Aber wieder wollte David den Brief haben und die Adresse lesen.
    Er bekam ihn auch und übersetzte die Adresse gleich ins Französische ...
    Das Kind! sagte Frau Lippschütz. Nicht wahr, Fräulein, der Brief ist auf die
Post?
    Auf die Post? wiederholte Lucinde. Sagt' ich's denn noch nicht? Nein, liebe
Frau! (Sie gab ihr ein Geldstück.) Bringen Sie den Brief in die Stadtpfarrei -
    Wohin? fiel die Frau mit einer sich verdüsternden Miene ein.
    Zu Herrn Hunnius!
    Hunnius -? sagte die Jüdin und während sie immer mehr in Verlegenheit
geriet, betrachtete David das der Mutter sogleich aus der Hand genommene
Geldstück.
    Ein Frédéric d'argent! sagte er.
    Was hat er gesagt?
    Ich hätte Ihnen einen silbernen Friedrichsdor gegeben!
    Ein Viergroschenstück ein silberner Friedrichsdor!
    Doch erhob sich die Freude der Mutter nicht mehr zu dem frühern strahlenden
Glanze über die Kenntnisse und den Witz ihres Kindes, sie zögerte und nahm
Anstand, das Billet in die Stadtpfarrei selbst zu tragen ...
    Fräulein! sagte sie. Ich muss Ihnen etwas sagen! Ich will schicken eines von
den Kindern der armen Frau Lei! Es will auch kommen ein Herr, der Treudchen Lei
möchte mitnehmen in die Stadt und will sich erkundigen nach ihr beim Herrn
Stadtpfarrer! Ein Kind wie eine Prinzessin! dabei die Arbeitsamkeit selbst!
    Warum wollen Sie denn nicht selber gehen?
    Ich kann nicht gehen in die Klostergasse -
    Liegt dort die Stadtpfarrei?
    Ich kann nicht gehen über die Schwelle der Stadtpfarrei -
    Sind Sie so rechtgläubig?
    Die Jüdin lehnte diese Auslegung ab -
    Auch die Dechanei ist die Wohnung eines christlichen Geistlichen ... sagte
Lucinde.
    Die Jüdin sah sich um, mit einer Miene, die offenbar so viel sagen wollte
als: Hier, in diesem toleranten Hause empfind' ich nicht das, was mich in der
Stadtpfarrei stören würde ...
    dabei fiel ihr Auge, das sie unverwandt nur auf ihren David gerichtet gehabt
hatte, jetzt erst auf das ansehnliche Gipsbild, das Lucinde auf eine Kommode
gestellt.
    Gott! rief sie plötzlich. Wer ist der Mann?
    Hercules, der Gott der Stärke! sagte David ...
    Nein - warf in steigender Aufregung seine Mutter ein -
    Es ist Moses, euer Gesetzgeber! berichtigte Lucinde.
    Hätte mir eins gesagt: Henriette, es ist dein Onkel, der Doctor Leo Perl -
ich würde gesagt haben: Der Kopf! Der Blick! Das Auge, ja! Gott im Himmel, es
war ein Mann - man hätte geglaubt, er zerschmeisst die Welt - und muss sich
taufen! Tauft sich in der Stadtpfarrei! Hier in Kocher vor seiner ganzen
Familie! Es war meiner Mutter Bruder! Und der Mann, gewesen wie ein Löwe, ist
zusammengegangen wie ein Kind, wie wenn ich sagen wollte, der Moses da auf der
Kommode geht zusammen wie hier mein David auf dem Arm!
    In diese lebhafte Anschauung einer Phantasie, die auch das kleine Gipsbild
gleich nur im vollen Bilde des Propheten sah, den es bedeutete, wiederholte
mehrmals David mit kritischer Schärfe:
    Warum sitzt Moses?
    Die Mutter, die wieder leicht im Stande gewesen wäre, zu erwidern: Auch er
war schwach auf die Beine! hatte vor Trübheit ihrer Erinnerungen keinen Ausdruck
der Bewunderung mehr über diese Frage, die schon Winckelmann beschäftigt hat,
sondern hob den Korb in die Höhe, bat Lucinden, ihr die Tür zu öffnen und
versprach, das Billet so pünktlich besorgen zu lassen, als wenn sie es dem
Stadtpfarrer selbst überbracht hätte.
    Lucinde entsann sich aus des Dechanten gestriger Erzählung, dass Leo Perl von
ihm sein Freund genannt worden war und sogar der Geistliche gewesen sein sollte,
der Bonaventura getauft hatte.
    Es vergingen ihr jetzt zwei der peinlichsten Stunden ihres Lebens.
    Ungeduldig schritt sie auf und nieder, las eine Weile, schrieb, schloss und
öffnete das Fenster, sah bald nach dem kleinsten Geräusch, bald verschmähte sie
es, dies nach einem grössern zu tun ...
    Wagen rollten an und ab ... Aus der Ferne hörte sie die militärischen
Uebungen - Trommeln und Schiessen ... Sie las in Serlo's Erinnerungen - in
Hunnius' Saronsrosen - sie schrieb an Joseph Niggl ... an den Vorsteher des
ortopädischen Instituts ... sie wusste noch nicht, ob sie dortin zurückkehren
sollte ... Sie zeichnete sich mit der Feder auf ein leeres Blatt Papier als
Pilgerin mit dem Muschelhut und dem Wanderstabe - sie dachte allen Ernstes
daran, vielleicht so hinauszuwandern in die weite Welt und die zu ärgern, die
für ihre katolische Wiedergeburt so wenig Anerkennung hatten ... Sie sagte
sich: An der Schwelle der Peterskirche will ich sterben!
    Die Hoffnung, dass plötzlich Bonaventura eintrat oder der Dechant oder Benno
oder irgendwer, der eine Vermittelung versuchte, erfüllte sich nicht.
    Gegen Mittag erschien Windhack und bot ihr zu essen.
    Er wollte ihr, was sie nur begehrte, auf ihr Zimmer bringen ...
    Sie schüttelte den Kopf und wandte ihm den Rücken ...
    Im Spiegel sah sie, dass sich der Alte zu verwundern schien über die
gemütliche und noch so wohnliche Ordnung des Zimmers, die keine Spur einer
Zurüstung zur Abreise trug.
    Das Gipsbild wird halt ein bissel schwer zu verpacken sein! sagte er, mit
Erwartung, was auf diese ironische Andeutung erwidert würde.
    Statt aller Antwort trat Lucinde an die Kommode, fuhr einfach mit der Hand
über sie hinweg und warf die Figur hinunter, sodass sie in hundert Scherben im
Zimmer lag.
    Windhack schien sein Gefallen an dieser Kraftäusserung zu haben ... Lächelnd
sagte er:
    Wenn Ihnen das Zimmer zu dumpf ist, Fräulein, und Sie frische Luft schöpfen
wollen, hier geht gleich die Treppe zu meiner Sternwarte hinauf!
    Lucinde sah nicht hin, dankte aber mit einer stummen Kopfverbeugung.
    Der Dechant drückt Ihnen sein Bedauern aus! Er hat es eben erst jetzt nach
seinem Ausgang erfahren! Er lässt Sie fragen, ob Sie noch etwas zu wünschen
hätten?
    Lucinde schüttelte den Kopf.
    Herr von Asselyn, der Pfarrer, ist schon nach St.-Wolfgang zurück ...
    Lucinde hielt mit beiden Händen krampfhaft das Bret am Fenster fest und sah
zitternd in den Park und gen Himmel.
    Ein Bote hat ihn nach der Residenz des Kirchenfürsten berufen ... Man sagt,
er wird dort in eine offene Stelle an den Dom kommen ...
    Sie lächelte bitter. Ihre Gedanken sprachen:
    Empor zu Paula's Prophezeiung!
    Fräulein! näherte sich Windhack vertraulicher ...
    Sie erwarten einen Brief? sagte er.
    Nun wandte sich Lucinde ...
    Frau von Gülpen, flüsterte er, lässt niemanden mehr zu Ihnen! Hier den Brief
da ... den hab' ich halt dem Treudchen Lei abgenommen ... aber heimlich ... Sie
wollte Ihnen für Ihre Teilnahme danken, sagte sie. Ich merkte gleich etwas.
Frau von Gülpen meinte, des Nachts wäre noch keine ihrer Nichten so aus dem
Hause gelaufen und wenn noch soviel Menschen in der Stadt im Sterben gelegen
hätten ... Sie würden abreisen! sagte sie. Und während mir das arme Kind dann
vom Begräbnis der Mutter erzählte und von einem prächtigen Dienst, den sie
bekommen soll, liess ich mir heimlich von ihr halt den Brief zustecken ...
    Dann sich umsehend, wie wenn Frau von Gülpen an der Tür lauschen könnte,
gab ihr Windhack das Billet.
    Er entfernte sich, um dem Verdacht zu entgehen, als wenn auch er sich »mit
der Person auf Gesprächen betreffen liesse«.
    Es war die Antwort des Stadtpfarrers.
    Lucinde erbrach und las:
    »Meine Hochverehrteste! Ich bin aufs tiefschmerzlichste berührt von der
Ihnen widerfahrenen Behandlung! Kaum eine Freundschaft gewonnen, wie die Ihrige,
und schon die persönliche Nähe preisgeben müssen! Aber zu erwarten war dieses
schnelle Ende! Ihr Geist, Ihr Feuer, Ihre Bekenntnisstreue und - die Dechanei!«
...
    Sie nickte, jetzt ganz übereinstimmend.
    »Hier an Ort und Stelle!« fuhr sie zu lesen fort, »wüsst' ich im Augenblick
leider keine Gelegenheit, Sie zu fesseln! Ohnehin ist vor Ihnen als vor einer
Emissärin gewarnt worden! Auch meines Bleibens ist hier ja wohl schwerlich noch
allzu lange! An dem Dom in der Residenz des Kirchenfürsten ist eine Stelle
offen, für welche ich gegründete Aussicht habe, dass ich durch den Ihnen bekannt
gewordenen Freund und Briefsteller designirt bin ...«
    Lucinde unterbrach sich mit einem bittern Lächeln, als wollte sie sagen:
    Du armer Tor! Diese Stelle ist schon für Bonaventura von Asselyn bestimmt
und wird die Staffel werden zu seinem künftigen Bischofssitz!
    Und nun schon im Übermass ihrer Eifersucht und Liebe zerstreut durch den
Gedanken, die alte Renate in St.-Wolfgang packen und aufbrechen und mitreisen,
auch durch die Furcht, jetzt wohl gar Klingsohrn und Bonaventura zusammentreffen
zu sehen - fuhr sie fort:
    »Eine Anknüpfung ist vielleicht für Sie durch einen Mann möglich, den ich
stündlich von der Residenz des Kirchenfürsten erwarte, einen vielvermögenden
Herrn Schnuphase. Er hat, wie er hieher geschrieben, den Auftrag, für ein
vornehmes, überaus reiches und einflussreiches Haus daselbst eine
Gesellschafterin zu suchen, die gewisser Conflicte wegen mit besonderer Vorsicht
gewählt werden muss ...«
    Lucinde las diese Stelle noch einmal ...
    Der plötzliche Gedanke, in die Nähe Bonaventura's und Klingsohr's verpflanzt
werden zu können, liess sie vor Aufregung den übrigen Inhalt dann fast nur noch
überfliegen ...
    »Das erste christliche Handelshaus daselbst ist das Piter Kattendyk'sche,
und wenn Sie vielleicht geneigt wären, bei Frau Commerzienrätin Walpurgis
Kattendyk -«
    »Postscriptum. Soeben kommt Herr Schnuphase bei mir vorgefahren! Der
Vorschlag ist gemacht, erwogen, angenommen! Sie können, wenn Sie wollen, Herrn
Schnuphase sofort begleiten und noch heute mit ihm in die Residenz des
Kirchenfürsten reisen, wo Sie nach dem, was ich von Ihnen erzählt habe, im
Kattendyk'schen Hause zu einer der glänzendsten Stellungen mit offenen Armen
werden aufgenommen werden!«
    Lucinde musste jetzt vor Aufregung, Glückseligkeit und dem triumphirenden
Gefühl der Genugtuung und doch wieder auch vor Furcht, alles das - und was
mehr, als die Hoffnung, in Bonaventura's Nähe weilen zu dürfen! - könne doch
wieder scheitern, den Brief eine Weile aus der Hand legen.
    Dann aber las sie den Schluss:
    »Sie können sich aber auch, wenn Sie vielleicht - und zu meiner höchsten
Freude - noch einige Tage hier im Riesen wohnen bleiben wollen, einer spätern
Gelegenheit bedienen! Derselbe vortrefflichste Herr Schnuphase kehrt in einigen
Tagen wieder zurück, um vielleicht dann die ihm von mir empfohlene
bedauernswerte Waise, Gertrud Lei, abzuholen, die er in einer nicht minder
respectabeln Stellung unterzubringen hofft, wie er sagt, bei einer verwitweten
Frau Hauptmännin von Buschbeck ...«
    Das Papier entfiel Lucindens Händen.
    Wie? rief sie laut vor sich hin und nahm den Brief wieder auf und las die
Worte noch einmal.
    Es war der wirkliche Name, wirklich war es Treudchen Lei, die diese ihr so
wohlbekannte Stellung antreten sollte ...
    »Das Mädchen«, las sie zitternd weiter, »niedergebeugt von ihrem Verlust,
überbringt Ihnen diese Zeilen selbst, zugleich auch, um ihre Freude
auszudrücken, mit Ihnen vielleicht gemeinschaftlich die Reise machen zu können.
Wäre nicht das Begräbnis ihrer Mutter noch abzuwarten, sie ginge schon heute.«
    Zur Hauptmännin von Buschbeck? ... Die noch lebt? ... In der Residenz des
Kirchenfürsten lebt? ... Die Schwester meiner zweiten Peinigerin? ... Hat diese
wohl schon den Namen ihrer Herrschaft von Treudchen Lei vernommen? ... Ist sie
wohl gar verbündet mit dieser Schwester, die jetzt von Frommen protegirt wird,
sie, der zufolge nicht Gott, sondern Satan die Welt regiert? ...
    So schossen ihre Gedanken dahin ...
    Lucinde konnte sich nicht denken, dass die gemeinte Frau Hauptmännin von
Buschbeck die ihrige war.
    Dennoch überflog sie nur noch kurz die fast zärtlichen Schlussversicherungen
der Hochachtung und Ergebenheit, mit denen Beda Hunnius seinen Brief geschlossen
hatte, warf ihren Shawl um, setzte den Hut auf und eilte die Stiege hinunter,
um, unbemerkt über das, was sie im Hause etwa aufhalten, etwa anstaunen, etwa
anreden konnte, hinüber in die Stadt zu eilen, wo sie im Übermass ihrer neuen
und glücklichsten Hoffnungen in der Pfarrei erwartete, entweder Aufklärungen zu
vernehmen oder, wenn ein ihr lieb gewordenes junges Mädchen in Gefahren geraten
sollte, die sie kannte, deren die vorsorglichsten dann selbst zu geben.
    Ihr Herz war vielleicht nicht mehr gut, aber auch noch nicht böse ...
    Sie war das, was ein starker Bildner, aus ihr hätte formen können.
 
                                      12.
Benno aber, Hedemann, Tiebold de Jonge ... wo weilen die, die uns hoffentlich
ein wenig lieb geworden sind oder die es mit der Zeit vielleicht noch zu werden
hoffen?
    Ihrer habhaft zu werden ist nicht möglich.
    Wol aber tauchen sie mit dem, was uns an ihnen vielleicht interessirt, bei
einem ersten Blicke auf, den wir noch zuletzt - acht Tage mögen freilich
verstrichen sein - auf die vielgerühmte Residenz des Kirchenfürsten selbst
werfen wollen.
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Da liegt sie denn also vor uns! ... Eine königliche Stadt! ... Die gewaltige
Jungfrau, die bei festlichen Gelegenheiten, gemalt oder aus Gips und Draperieen
geformt, den Genius derselben vorstellt, ziert mit Recht die majestätische
Mauerkrone! ...
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Kein gebietender Herrscherwille schuf dies Chaos von Türmen, Kirchen,
Kapellen, Klöstern, Giebeldächern, Rat- und Kaufhäusern, Waarenhallen,
Hafenspeichern, Schiffsmasten, jetzt auch von dampfenden und funkensprühenden
Feuerschloten!
    Was da im Abendglühen von den letzten Strahlen der scheidenden Sonne des
ersten Septembertags erleuchtet und von der matten Scheibe ihres Stellvertreters
an der Wächterzinne des Himmels sanft bläulich schon angedämmert vor uns liegt,
schuf sich im Laufe zweier Jahrtausende durch die Umstände selbst!
    Hier stiess der Römer seine Lanze in den Boden und baute statt windbewegter
Zelte Castelle, wie uralte Cyklopenarbeit ... Hier stampften die Rosse Karl's
des Grossen, wenn sie rasteten vom Marsch aus den Tälern von Roncesvall und
entgegenschnaubten den Wittekindsschlachten auf jenseitigem Ufer ... Hier fing
sich, Schiffssegel blähend und den Handel der Welt belebend, Nordsturm, vom
eisigen Island brausend, Ostwind, der aus der Levante wehte und den Weg an den
Ufern Spaniens, Frankreichs und Hollands entlang die Waaren nehmen liess, die
sonst über Venedig kommend nur Augsburg und Frankfurt bereichert hatten ... Hier
drängte und trieb und stiess die Zeit die Zeit, die Sitte die Sitte, die Meinung
die Meinung ... Was übrig geblieben von Zeit und Sitte und Meinung, das ergänzt
die Ordnung und Civilisation der Gegenwart ... ja sie ergänzt sogar die Ruinen
und baut das mit künstlichem Glauben aus, was der natürliche unvollendet liess.
    Es ist neun Uhr Abends ...
    Noch einmal schlagen all diese Kirchturmglocken zusammen, wie wetteifernd
mit den Trommeln in den Kasernen, mit dem Signalhorn vor den Wächtäusern! Es
ist die Stunde, wo die Müden zur Ruhe gehen sollten - eine arbeitende, fleissige
und gewinnsüchtige Stadt wird früher müde als eine Stadt nur des Luxus und
Genusses ...
    Und doch gibt auch diese sinnlichbewegte und lebenssichere Stadt nicht nach
... noch wogen die Menschent auf und ab ... noch lustwandeln sie auf der die
Ufer des grossen Stromes verbindenden grossen Schiffbrücke, die wie von Fischbein
sich biegt unter jedem Ross und Wagen ... noch stehen Liebende in träumerischem
Plaudern über die Brüstung gelehnt und sprechen von zukünftigem Glück, das nur
zu oft dem Golde gleicht, das eben der Mond auf den Fluten schwimmen lässt ... in
den Schenken kämpft die Rebe und der Saft der Gerste um den Sieg ... das
christliche Opium, die Cigarre, secundirt beiden Parteien, bis die Kämpfer -
vorläufig auf beiden Seiten unterliegen ...
    Hat sich denn, du alte Römerstadt, endlich im Zechen und Reden und Singen
dein deutsches Gemüt genug getan? Hat es sich endlich ausdebattirt und
auspolitisirt? Sattgetrunken an ungegorenem Zeitungsmost und zu Essig gewordenen
oder schon mit Schimmel bestandenen alten Gemeinplätzen? Hat ausgeklingelt und
ausgeklüngelt die Schellenkappe? Verdampfen die lebendigen Rauchmaschinen in den
Strassen und erklingen endlich nur noch die letzten guten oder schlechten
Geckenwitze? Eine Gute Nacht! hüben und drüben ... Alles endlich still, falls
nicht noch irgendwo ein Mitglied der mehreren hochberühmten Gesangvereine der
Stadt ein Tenorsolo probirt bei offenem Fenster ... die musikliebende Stadt ist
stolz auf ihre Leistungen im Quartett; niemand, ausser vielleicht einer Katze,
wird den Sänger parodiren.
    Halten wir aber am sogenannten Heiligenpütz still, überschreiten links den
Aschenkötter, lassen rechts den Treckkamp liegen und bleiben wir endlich vor
einem mit zwei hellen Gaslaternen geschmückten, jüngst erst mit graugrüner
Oelfarbe bestrichenen stattlichen Gebäude ...
    Das untere Stockwerk ist mit Eisengittern geschützt.
    Steinerne Kegel, die mit Ketten verbunden sind, halten das profanum vulgus,
das ohne Wechsel oder Anweisung nur etwa aus purer Neugier in die Comptoire
blicken könnte, zurück ...
    Irgendein Schild, irgendeine Firma ist nicht ersichtlich ...
    Wer hier die blitzende Messingklingel zieht, weiss, dass in diesem mächtigen
Hause mit seinen weit hinaus sich erstreckenden Hintergebäuden, die alle auf den
Heiligenpütz, den Aschenkötter und den Treckkamp noch ihre eigenen Torwege
hinaus haben, das erste »christliche« Geschäft der Stadt, die Firma »Kattendyk
und Söhne« waltet.
    Oeffnet man uns dann, so steckt ein Portier den Kopf aus einem Kellerfenster
des Torwegs ...
    Man kennt uns? Passirt! Wir finden uns zurecht ...
    Ein Glasverschlag trennt das Treppenhaus von der Region der untern
Stockwerke; unten waltet nur das Geschäft ...
    Man lässt die mit Blech belegten Eichentüren und mit Eisenstangen
verschlossenen untern Comptoire liegen und steigt erst drei kleine Stufen höher
...
    Hier wieder eine Klingel. Die Glastür öffnet sich. Jetzt erst schreitet man
auf Teppichen in den ersten Stock hinauf ...
    Gewiss ist es ein behagliches Gefühl, sich Abends gegen zehn Uhr in einem
Haufen todter Steine, während ringsum alles schon zu schlummern scheint, einen
kleinen stillen Winkel denken zu können, wo im Winter und selbst in den ersten
Herbsttagen schon die Flamme des Kamins noch nicht erloschen ist, ein gelblicher
Schein von der durch einen bunten Schirm gedämpften Glaskugel der Lampe die
Teppiche auf dem Fussboden und auf dem Tische erhellt, einen Winkel, wo noch ein
kleiner Kreis von Menschen sich um ein Piano versammelt hat oder um ein Buch,
das vorgelesen wird, oder um einen geistvollen Redner oder eine gemütvolle
Frau, die jeden heiter anzuregen versteht. Einem Einzigen, Unverbesserlichen
vielleicht ist gegen zehn Uhr von der Hausfrau noch gestattet worden, dicht am
Kaminrande mit Discretion eine Cigarre zu rauchen; zwei junge Damen schneiden
eine Zeichnung aus; einige junge Herren sind über eine neue Oper in Streit
geraten; gelöst wird der Kampf von einem nicht fehlenden, den Abend
beschliessenden kleinen Stegreif-Souper. Geht man dann gegen elf Uhr von dannen,
so trägt jedes mit sich hinaus das Gefühl, das uns zuweilen wohl noch erstens in
eine geöffnete Restauration ziehen kann, um auf magenverderbende Majonaisen ein
gutes Beefsteak und ein Seidel Bier zu setzen, aber auch zweitens jenes Gefühl,
dass wir denn doch im Grunde ein Dasein leben, unabhängig von Holz und Stein und
Stundenschlag und Nachtwächterhorn, und dass wir mit schönen Seelen noch schön
empfinden können und unsere Leidenschaften zügeln oder anständig verbergen und
aufgehen können in einer schönen harmonischen Weltordnung, aus der wir uns nur
langsam zurückfinden in diese »schnöde Welt« - vielleicht erst durch die Mahnung
eines vergessenen Hausschlüssels.
    Bis elf Uhr mag diese behagliche Erinnerung im allgemeinen auch auf eine
Gesellschaft gepasst haben, an der wir diesmal im ersten Stock des Kattendykschen
Hauses vorübergehen. Um diese Zeit sassen bei Frau Commerzienrätin Walpurgis
Kattendyk gewiss noch ihre Töchter, die verheirateten und die unverheirateten,
zusammen, ihre Schwiegersöhne, der berühmte Procurator Dominicus Nück, Benno's
Principal, der »Vordenker« und Agitator der Lande hüben und drüben, soweit zu
Gott in lateinischer Zunge gebetet wird, vielleicht auch noch ein anderer
Procurator, der Procuraführer des Hauses, Ernst Delring, der zweite
Schwiegersohn; vielleicht auch der Beichtvater der Commerzienrätin, Domherr
Martinus Taube; auch ihr Ratgeber in leiblichen Angelegenheiten, Medicinalrat
Goldfinger; vielleicht sogar, da die nahe gelegene, bedenklich bedrohte
Universität Ferien hat, dessen Sohn, der Professor extraordinarius Guido
Goldfinger, der um die jüngste Tochter des Hauses freit; auf alle Fälle fehlt
der dritte und sogar lustige Ratgeber des Hauses, Ignaz Pötzl nicht, ein
ehemaliger Schauspieler und Sänger, der das Gnadenbrot im Hause mit Anekdoten
und stillertragenem Gehänseltwerden lohnt ... und was sich sonst an Parasiten
und Hausfreunden und allerlei menschlichen Schooshündchen um eine reiche,
anregungsbedürftige Kaufmannsfrau, die unter der Last, sich und andern
wohlzutun, oft zusammenbricht, täglich zu versammeln pflegte ... auch eine neue
Mehrung der Gesellschaft fehlte ohne Zweifel nicht - - - Lucinde Schwarz.
    Belauschen wir heute keinen der hier ausgestossenen Seufzer über die Zeit,
die neuen pariser Moden und die Leiden der Kirche, keine Klagen über den
Aufschwung der jüdischen Häuser, keine Vermutungen über die Besetzung des
erledigten Domvicariats, keine Bewunderung vor einem neuen Zeitungsartikel oder
einer neuen Selbstdemütigung des Pater Sebastus, auch keine stille Vergleichung
der glänzenden Berichte Jean Baptist Maria Schnuphase's über die seit einigen
Tagen aus Kocher am Fall angekommene neue Gesellschafterin mit ihrem wirklichen
Benehmen ... ihrer so sittsamen, fast stummen Haltung, ihrem täglich zweimaligen
Kirchgang und einem so tief, tief demutsvoll niedergeschlagenen Blick, dass man
schon anfängt, über eine so unerwartete Einfachheit und fast zu weit gehende
Anspruchslosigkeit einer doch äusserlich so auffallenden und überraschend schönen
Erscheinung staunend - den Kopf zu schütteln ...
    Steigen wir einen Stock höher ...
    Im zweiten Stock wohnen der Procuraführer Ernst Delring und seine Gattin
Hendrika geborene Kattendyk; nach hinten hinaus aber Piter Kattendyk, ihr
Bruder, der einzige Sohn der verwitweten Frau Commerzienrätin.
    Piter hat nach hinten auch noch den ersten Stock in Beschlag ... beide waren
durch eine niedliche Wendeltreppe verbunden ...
    Wir finden auch bei Herrn Delring schon alles dunkel.
    Dagegen sind bei Piter noch der erste Stock, der zweite und die Wendeltreppe
prächtig erleuchtet.
    Piter Kattendyk hatte einen seiner glücklichsten Momente ...
    Umgeben ist er nicht nur von seinen »guten«, sondern heute sogar von seinen
»besten« Freunden und sie zechen und sie schmausen und sie jubeln - ganz im
üblichen Tone der alten frommen Römerstadt.
    Die Bowle steht auf dem Tisch, die kunstvoll geschliffene, rosenrote
Krystallbowle ...
    Sie ist gefüllt mit einem nach allen trinkwissenschaftlichen Gesetzen der
Vereinigten Staaten Nordamerikas gebrauten Sherry-Punsch ...
    An den drei vor Cigarrendampf etwas matt brennenden Glaskugeln, an den
Anekdoten, deren zwei Dritteile aus dem »Humoristen in der Westentasche«
entlehnt sind, an der Fülle von bei alledem wiehernd belachten »Witzen«, an
gewissen Tatsachen, die man vorher immer als etwas »auf Ehre zu Verbürgendes«
und mit einem Schnedderedeng der glaubwürdigsten Versicherung Anzupreisendes
verkündigte und nachher dann doch allen noch so touchirenden Zweifeln preisgab,
merkt man, dass man sich hier unter den Jünglingen mit den malerischsten Bärten
und den halbgelösten bunten Halsbinden unter der kaufmännischen Aristokratie der
Stadt befand ... Alle führen sie Namen, vor denen Tausende ihrer Mitbürger
selbst im Traume den Hut abziehen.
    Wie hängt auch hier alles am Wink ihrer Augen! Zwar trennt eine grosse
Glastür diese höchst respectabeln jungen Herren der Schöpfung von einem im
Vorgemach eingeschlummerten Diener in Livree; die alte Katrine jedoch unten in
der Küche der Mutter wacht noch, hat sie auch sowol einer heute erst neu
zugezogenen Kammerjungfer der Frau Hendrika Delring wie dem Kutscher und dem
ersten Hausknecht gesagt:
    Na, ich denke wohl, um ein Uhr kann ich zur Ruhe gehen! Der junge Herr
Tiebold de Jonge sind zugegen! Da blasen sie bloss Trompete! Zur Trompete
brauchen sie bloss manchmal ein bisschen mehr Arak und die Arakflasche hat Herr
Piter immer selbst zur Hand!
    Tiebold de Jonge war erst gestern von seinem kurzen Kriegsfeldzuge zu
Kocher am Fall und einer damit verknüpft gewesenen kleinen Reise zurückgekehrt.
Mit drei Tagen hatte man die Uebungen zur allgemeinen Wehrtüchtigkeit bewenden
lassen. Das »Blasen der Trompete« war jedoch von Seiten Katrinens keine
Anspielung auf die Montur Tiebold's, in der dieser Abschied genommen hatte von
Freund Piter, als er mit von Enckefuss Extrapost abreiste - Freund Benno von
Asselyn wollte in »einem Anfall seines gewöhnlichen todtschlägerischen Humors«
zu Fuss gehen. Die andern Genossen waren noch militärfrei und hatten sich
vorläufig allenfalls durch »zu schwache Brust« von dem Waffendienst ledig
gemacht, was jedoch nicht hinderte, dass sie soeben die Arie: »Von Romeo's
Rächerarmen« - die Schröder-Devrient hatte vor kurzem erst in der Stadt gastirt
- mit einem Effect sangen, ja die Worte: »Soll sich kein Gott erbarmen!« so
hervorhoben, dass das ganze Haus bis in die hintersten Waarenmagazine erzitterte.
    Die Trompete entsprach einer andern Ideenverbindung.
    Clemens Timpe (Timpe's sel. Erben, Commission und Spedition) war auch in der
Union gewesen, hatte »Seewasser gekostet« wie Tiebold de Jonge ... wenn auch
nicht wie dieser sogar das Nass amerikanischer Wasserfälle ... Clemens Timpe
sprach nie von einem Whip oder Brandygrog oder sonst einer pikanten höhern
Alkoholvergiftung, die er in Boston oder Neu-Orleans kennen gelernt hatte, ohne
die »Sherrypunschbrauerei« des canadischen Holzflössers Tiebold de Jonge zum
Gegenstand einer Discussion zu machen, wobei der vom Wasserfall zu St.-Moritz
Gerettete und leidenschaftliche Schwärmer für Armgart von Hülleshoven, die
Tochter »seines zweiten Vaters«, wie er sagte, meist, wie sonst nicht seine Art
war, unterlag. Heute sassen Piter und die Freunde um die Arakflasche, wie
tätowirte Indianer, nicht jedoch »gierig nach flüssigen Feuerfluten«. Sie sassen,
nach einer lebhaften Discussion, ob Whip - ob Brandygrog - ob kalten
Sherrypunsch! bei letzterm und nun waren sie gereiht um einen glänzenden
Mahagonitisch, die Linke cigarrenbewaffnet, in der Rechten mit langen
Maccaronistengeln, durch die sie den Sherrypunsch einschlürften ... eine
Trinkmetode, die Tiebold de Jonge hier zu Lande eingeführt hatte. Man durfte
sie allerdings dann adoptiren, wenn, wie z.B. heute, es galt, einen von Rostbeef
à l'Anglaise, Salmen à la Hollandaise, Rebhühnerpastete à la Katrine
Fenchelmeier - Katrine unten in der Küche der Mutter Commerzienrätin hiess
Fenchelmeier und war nicht bloss in Rebhuhnpastete, sondern auch in Fischsaucen
Original - und von dem dazu nötigen Rhein-, Mosel-, Bordeaux-, Burgunder- und
Portwein überhjetzten Gaumen allmählich linde und leise und lieblich wieder
abzukühlen.
    Der »junge Herr« (zu Ehren der uralten Firma und bei der Tendenz der Neuzeit
zur alten Zeit Piter genannt), Piter Kattendyk war einer der »famosesten« jungen
Gentlemen der stolzen Handels-, Gewerbs-und Kirchenstadt. Er hatte heute die
Absicht, um vier Uhr Morgens, wenn die von Paris kommende Briefpost sich eines
Stückchens Eisenbahn bediente, das schon am jenseitigen Ufer einige Meilen
hinein ins Land ging, sich mit dieser Reisebeförderung in die Gegend von
Witoborn zu begeben, wo ihn Dominicus Nück, sein Schwager, zu einem schleunigst
arrangirten Güterankauf benutzen wollte ... Benutzen! Ihn! Himmel, wenn Piter
dies von Nück wirklich zu mehreren Domherren und besonders dem Secretär des
Kirchenfürsten, Eduard Michahelles, gebrauchte Wort in Erfahrung gebracht hätte!
Ihn »benutzen«! »Vorschieben« schon hätte ihn beleidigt! Pitern, dem jetzt alles
daran lag zu beweisen, dass sein Schwager Ernst Delring, der Procuraführer und
bisherige Chef, vor seinem Genie sich in Acht zu nehmen hätte, seitdem er, der
»junge Herr«, von Reisen zurückgekommen war! Pitern lag, als er die Zustimmung
zu dieser Reise nach Witoborn gab, nur an einem Beweise seiner seltenen
Einsichten und seines Geschmacks für eine neue Reisetoilette, in der er sich
bereits fertig befand, teils ganz schottisch, teils halb schottisch. Piter
wollte in diesem malerischen Costüme Wälder und Felder und Mühlen kaufen, für
welche Dominicus Nück dann vielleicht wieder einen Abkäufer wusste, vielleicht
das Domkapitel selbst - eine Differenzsumme erstens für das Haus Kattendyk und
Söhne und zweitens für Dominicus Nück blieb schon übrig - kurz einen irgend
ähnlichen Zweck gab es zu einer Reise, um derentwillen die zu einem letzten
»Satz« von Pitern entbotenen Freunde so spät noch bei ihm blieben, ja sogar
gewillt waren, im Anfall einer beim Sherrypunsch zu allem fähigen Romantik, ihm
gegen vier Uhr Morgens das Geleit auf den provisorischen Bahnhof zu geben.
    Auf den Untergang aller Schnell-, Fahr-, Malle-, ja Extraposten nicht
ausgenommen! rief Joseph Moppes (Joseph Moppes sen., Weingeschäft) und
begleitete diese eigentümlich betonten Worte mit einem anzüglichen Blicke auf
Tiebold de Jonge, der heute der einzige nicht recht in die allgemeine
»ungeheure Heiterkeit« Miteinstimmende war.
    Tiebold liess es ruhig geschehen, dass Gebhard Schmitz (A. und G. Schmitz,
Stahl-, Eisenwaaren und Hüttenbetrieb) auf seine Kosten denen, die noch nichts
davon wussten, die »kolossale Idee« des Hausknechts im Riesen zu Kocher am Fall
erzählte, der die sich selber ölenden neuen englischen Patentachsen am
väterlicherseits geborgt gewesenen Landau Tiebold de Jonge's abgedreht und mit
Wagenschmiere verdorben hatte ...
    Gerade so wie Henneschen, rief nachträglich in den lachenden Chorus Gebhard
Schmitz hinein, wenn er die Lackstiefeln seines Herrn mit Wichse tractirt!
    Tiebold sass ruhig mit aufgestemmten Armen und senkte den Kopf auf seine
Trompete, den Maccaronistengel herab, den er mit aller Ruhe wie zu einer
»stillen Musik« der Seele, ja, wie ein Schäfer Arkadiens seine Flöte blies und
dabei vielleicht über die Teorie des Stechhebers oder des Luftdrucks oder sonst
etwas Höheres nachgrübelte ...
    Tiebold war eine etwas zum Embonpoint neigende, aber hoch und schön
aufgeschossene blonde Natur; frisch und rund in seinen angenehmen Gesichtszügen,
von einem schöngepflegten, ins Goldgelbliche spielenden Barte, in allem zu
männlichstem Effect bestimmt, nur zu lebhaft, zu sehr oft ein Vorsprecher,
Anekdotenerzähler, heute jedoch fast »tiefsinnig«, wie ihm Piter vorwarf, und
sogar bei Tische, wo er sich das Tranchiren - Aufschneiden, wie seine Freunde
sagten - niemals nehmen liess, von einer Apatie, die einige - freilich
spottweise - für die Nachwehen seines hier schon zum Amusement gewordenen
Sturzes in den St.-Moritz, andere für den untrüglichen Beweis hielten, dass
Tiebold »einmal wieder« verliebt wäre ... Letzteres war eine Verleumdung, da er
seit dem ersten Besuch des Pensionats der Englischen Fräulein von Lindenwert
für keine weibliche Erscheinung der Welt, die nicht Armgart hiess, mehr Sinn
hatte.
»Schwing dich auf, Frau Nachtigall!«
intonirte Joseph Moppes, der einen klangvollen ersten Tenor für die berühmten
Quartette der Vaterstadt commandirte, und er tat dies schon zum zweiten mal, um
Tiebold de Jonge mehr in die allgemeine Heiterkeit mit hinüberzuziehen.
    Die Eisenbahnen waren noch so neu und die sämmtlichen »Häuser« dieses jungen
mercantilischen Vollbluts so an den Actien derselben interessirt, dass das
Gespräch von den Patentachsen des vom Hausknecht im Riesen fast verdorbenen
Landau sogleich auf diese selbst überging und einstimmig vereinigte man sich mit
einem hohen und ausserordentlichen Ernste in dem sehr paradoxen Satze, dass die
Eisenbahnen wirklich eine merkwürdige Erfindung des menschlichen Verstandes und
jedenfalls ein Fortschritt wären.
    Tiebold, der sonst niemals lange schweigen konnte und heute wirklich wie
von einem entschiedenen »Weltschmerz« beherrscht schien, liess sogar die ganz aus
der Tiefe wie ein Unkenton aus dem Sherrypunschglase hervortönende Bemerkung
fallen:
    Der Generalpostmeister hat erklärt, mit den Eisenbahnen hörte die
Ueberwachung der demagogischen Umtriebe auf!
    Gewisse englische Groans oder ironische Beifallsspenden hatten die Freunde
schon für mehrere heute Abend gefallene Äusserungen, in Bereitschaft gehabt. Sie
brachen auch jetzt über diese de Jonge'sche Äusserung und sogar mit einem
Trommeln auf Tisch und Fussboden aus ...
    Im Staatsrat, fuhr Clemens Timpe allen Ernstes fort, ist wahrhaftig die
Majorität - nein wirklich hört doch! - die Majorität noch schwankend, ob die
Eisenbahnen überhaupt weiter zugelassen werden sollen ...
    Und Joseph Moppes fiel ein:
    Weiter, als wir uns hier schon wieder infolge unserer unverbesserlichen
Nachäffungssucht herausgenommen haben!
    Wie hierauf die Worte: »Eine jute jebratene Jans ist eine jute Jabe Jottes!«
passen und von der ganzen Gesellschaft mit einer jener jubelnden Zustimmungen,
die man gewöhnlich »Hohngelächter der Hölle« nannte, aufgenommen werden konnten,
wird niemand begreifen.
    Und dennoch hatte damit Weigenand Maus (Maus & Compagnie, Droguerie- und
Farbwaaren) nur sagen wollen: »Was lässt sich von den Ghibellinen anderes
erwarten!«
    Man setzte nun vom socialen Standpunkte aus die Anklagen fort, die Bennrat
von Nennhofen auf der Conferenz des Beda Hunnius vom kirchlichen erhoben hatte.
Man begann durcheinander Mir und Mich zu verwechseln, schilderte den Appetit der
Offiziere und Beamten bei dem letzten Diner ihrer Väter, machte dem immer
schweigsamer werdenden und in völligem Nichtverteidigungszustande befindlichen
Tiebold de Jonge Vorwürfe über seine Reise mit Herrn von Enckefuss und
bestätigte den separatistischen Geist, auf den damals und noch jetzt die Tiers,
Odilon-Barrots und Bonapartes rechnen, wenn sie von einem ganz ohne
Schwertstreich zu erobernden linken Rheinufer sprechen.
    Man durfte erwarten, dass Tiebold jetzt endlich auffahren konnte und
gewohnterweise sich vielleicht die Freundschaft mit von Enckefuss verbat. Er
schwieg aber und zuckte nur mitleidig die Achseln. Die ganze Reise in seinem
Landau nach Kocher am Fall schien von ihm vergessen worden zu sein und Joseph
Moppes hatte sehr Recht oder bekam es wenigstens durch die allgemeine
Zustimmung, als er Tiebold vorwarf, erst mit so grossem Jubel zu den Uebungen
abgegangen zu sein und jetzt in solcher Laune zurückzukehren. Und als Tiebold
brummend diese Uebungen für das Langweiligste von der Welt erklärt hatte, sagte
Joseph Moppes zu allgemeiner Billigung:
    Merkwürdig, de Jonge! Bei Ihnen ist immer alles entweder gleich »Supra« oder
»unterm Nachtwächter«!
    Letzterer hatte inzwischen schon längst die zwölfte Stunde gerufen und die
zahllosen Turmuhren der frommen Stadt hatten diese Angabe in allen Tonarten
bestätigt ...
    Die Elasticität der sieben Freunde liess jedoch nicht nach. Auch Tiebold
bekam eine erhöhtere Stimmung, d.h. negativ, bis zum offenbaren »Sein oder
Nichtsein« a la Hamlet. Er fuhr sich in seinen schönen blonden Scheitel, zupfte
am Barte, schlug zuweilen das Glas auf den Tisch und hatte eine Welt voll Zorn
und Aufregung und Schmerz und doch dabei wieder auch, schien es bei alledem, von
Lust und Freude in der Brust. Er hätte sich jetzt offenbar ganz gern, wie es bei
Goete heisst, »mit einem Poeten associirt«, um seine Empfindungen so ganz con
amore auszusprechen, wie sein volles, wirklich gutes und der reinsten Liebe und
Dankbarkeit fähiges Herz sie fühlte, nicht wie sie Joseph Moppes, der heute, da
Tiebold pausirte, die Oberhand hatte, parodirte.
    Merkwürdig aber bei alledem die Glückseligkeit Piter's! Piter braute nur
bald mit Sherry, bald mit Arak an der Bowle, schenkte die Gläser voll, lächelte
nur und genoss das Glück, sechs solche Freunde zu haben ... Piter schwieg! Piter,
der nicht ertragen konnte, dass sein Schwager Ernst Delring fünf Worte sprach,
die er nicht sofort durchkreuzte mit seinem täglichen, ja stündlichen »Hören Sie
'mal, Delring, ich bin nicht mehr derjenige, welcher -«
    Nämlich auch Piter war blond, aber nicht von der Fülle und Kraft seines
Freundes Tiebold de Jonge. Er war auch schlank, freilich viel schmächtiger.
Sein Kinn und seine Lippen waren weniger ganz bartlos, als nur etwas stark
dünnbärtig. Kaum dreiundzwanzig Jahre alt, hatte Piter schon das Leben gleichsam
hinter sich, ohne darüber die Energie des Willens und einen seltenen Ehrgeiz
verloren zu haben. Seit einiger Zeit war er von »Bildungsreisen« nach dem
Auslande zurückgekehrt und nahm nun, als einziger Sohn der verwitweten Frau
Commerzienrätin, an dem grossen Geschäfte teil in einem Grade, der ihn mit
seiner ganzen Familie in die heftigsten Conflicte brachte. Piter glaubte die
vollkommenste Berechtigung zu haben, sich keine gewöhnliche Natur zu dünken.
Vorurteilsvolle Menschen mochten vielleicht sagen: Dieser einzige Sohn wurde
nach dem frühen Tode Piter Noë Kattendyk's von der Mutter wie ein Prinz erzogen!
Während sie in die Bäder und nach Rom und Paris reiste, wurde Piter durch
Beispiel und Erziehung zu einer unglaublichen Meinung von sich selbst
gesteigert! Aber Piter sah nicht ein, warum er von sich gering denken sollte. Er
schwieg nur unter Freunden, wie sie jetzt bei ihm Sherrypunsch tranken; sonst
nie; immer führte er das Wort und schon als neunzehnjähriger junger Mann, der
eben von der Handelsschule kam, hatte er wie ein Principal die Hände in den
Beinkleidertaschen und wusste über jeden Gegenstand in Oper, Ballet, Freihandel
und Statistik der Ein- und Ausfuhr eine Meinung zu behaupten. Widerspruch
duldete er sonst, jetzt nicht mehr, am wenigsten aber von Menschen, die ihm
durch Bande des Bluts verbunden waren und etwa dadurch ihrerseits die
Berechtigung zu haben glauben durften, ihn als grossen Charakter nicht im
mindesten anzuerkennen. Nur die Mutter schonte den einzigen Sohn. Er glich so
ganz ihrem Seligen, für den sie jetzt noch nach zehn Jahren so viel Messen lesen
liess, als wenn dieser Gute durch seinen Titel als Commerzienrat und seinen
Orden, die ihm beide freilich Protestanten gegeben hatten, immer noch an der
Pforte des Paradieses uneingelassen umherirren müsste ... Merkwürdig dabei, dass
Piter mit seinen blauen Augen, seinem fast unsichtbaren Bärtchen um Lippe und
Kinn und Wange eigentlich ein herzensguter Junge war. Er hatte Anfälle von
Gemüt. Für einen sogenannten »guten Freund« konnte er sich im wörtlichsten
Sinne todt schlagen lassen; wie oft hatte es nicht schon einen nächtlichen
Zusammenstoss mit den Spiessen der Strassenwächter, ja sogar den Gewehrkolben der
Schildwachen gegeben! So streng er im Comptoir war und sich die Miene geben
konnte, als müssten Bücher, die dreissig Jahre gestimmt hatten, jetzt einmal von
einer Commission geschworener Buchhalter oder von ihm allein in einer »stillen
Abendstunde« gründlichst revidirt werden, so nachlässig behandelte er die
Contocorrenten etwaiger Anleihen der Freunde, die mit ihm Sherrypunsch tranken.
Wer Piter's Verstand anerkannte, konnte bei ihm über alles gebieten. Wer aber
zuweilen an seinem Verstande zweifelte, was seine Schwäger, seine Schwestern und
die ältern Buchhalter nicht mehr wie gern taten, hatte einen geschworenen Feind
in ihm. Wie Piter von sich selbst dachte, bewies er eines Abends in einem Cirkel
seiner Mutter, wo er bei Gelegenheit der damals eben wieder neu aufgekommenen
Phrenologie sagte: »Die Phrenologie hat an mir die Zeichen des
sanguinisch-nervösen Temperaments entdeckt! In erschreckendem Grade findet sich
an meinem Schädel (er sah dabei auf seinen Schwager Delring) die Anlage der
gegenständlichen Auffassung! Sehr gross ist (er blickte auf seine drei
Schwestern) mein Zerstörungssinn! Selbstachtung aber und (nun sah er, doch etwas
liebevoller, auf seine hochgespannte und fromme Mutter) ein bisschen Neigung zum
Wunderbaren mildert diese gefährliche Anlage! Gering ist indessen (die Mutter
zuckte schon wieder zusammen und entsetzte sich über den Blick, den Piter auf
einige der Domherren warf), gering ist mein Verehrungssinn! Schwach, ganz
schwach ist meine Anhänglichkeit (die Mutter, ausser sich über ihre Täuschung,
protestirte fast mit Tränen) und am wenigsten ausgebildet ist mein sogenannter
Ingenieursinn! Aus letzterm muss ich schliessen, dass ich nie eine Vorliebe für
grosse Bauten haben werde!«
    Diese Bemerkung war die allerbitterste. Sie ging auf eine Summe von 10000
Talern, die die Mutter zum Ausbau eines gewissen berühmten grossen Domes
verwilligt hatte. Denn an sich hatte Piter im Gegenteil das ganze altbewährte
Haus seiner Aeltern neuerdings fast umgerissen, Treppen gebaut, wo früher keine
waren, Alkoven zerstört, Säle geschaffen und vorzugsweise seine Schwester
Hendrika Delring so in der langgewohnten Existenz ihres zweiten Stockes
beeinträchtigt, dass diese Aermste, wie sie sagte, sich vor dem Bruder kaum
rücken und rühren konnte, von dem Lärm seiner nächtlichen Orgien ganz zu
schweigen. Nur die Besonnenheit ihres Gatten hielt sie von äussersten Schritten
zurück, die niemanden hätten wunder nehmen dürfen, da die vortrefflichste Frau
nach zehnjähriger kinderloser (gemischter) Ehe Mutter zu werden in nächster
Hoffnung hatte ...
    In Piter's Freundeskreise aber schlug es jetzt im Durcheinander der
Debatten, vorzugsweise jetzt über Westen und Cigarren und durchreisende
Sängerinnen bereits halb zwei Uhr ... und wer hätte nun nicht schon in einem
Sylvesterkreise das neue Jahr abgewartet und die Entdeckung gemacht, dass dreissig
Minuten vor »des Jahres letzter Stunde« der lebendigste Humor zu der Erkenntnis
kommen kann, ob er sich im Abwarten des neuen Jahres auch nicht vielleicht zu
viel zugemutet? Der Punsch ist in der Terrine kalt geworden, der Witz erschöpft
sich schon in Leberreimen und zwei- und dreisilbigen Charaden; immer müder
werden die Augen, immer langsamer schleichen die Minuten, die noch bis zur
allgemeinen Umarmung und kussbesiegelten Beglückwünschung hin zu verleben sind.
Wer da nicht im Stande ist ans Klavier zu springen und einen elektrisirenden
Tanz zu spielen, der kann erleben, dass einer um den andern das grosse
Unternehmen, den letzten Stundenschlag des Jahres abzuwarten, völlig aufgibt und
in aller Stille davonschleicht mit einem das ganze Jahr zusammenfassenden
Trinkgeld an die gratulirende Bedienung.
    Um ein Viertel auf vier Uhr hatten die Freunde zwei Wagen zu erwarten, die
im Hofe unten auf die Minute sollten angespannt erscheinen. Es war auch ganz
bestimmt vorauszusehen, dass sie alle noch etwa eine Stunde auf den Divans
ringsum schlafen und tüchtig schnarchen würden, aber zwischen ein und zwei Uhr
zeigte sich davon noch keine Spur ...
    Fehlte auch die lebhafte Mitteilung des auf Spott jetzt sogar verdriesslich
werdenden und den Kopf aufstützenden Tiebold de Jonge, stockten die Zungen
schon und mussten sogar die sonst ganz ungentilen Anspielungen auf die einzelnen
Geschäftsbranchen, wie: »Sie sind auf dem Holzwege!« zu dem Holzhändler
Tiebold, oder »Schenken Sie reinen Wein ein!« zu dem Weinhändler Moppes, durch
die Vermittelung der andern gütlich beigelegt werden, so fehlte es doch immer
noch an Stoff der Unterhaltung nicht; denn es gab zwei Temata, die in diesem
Kreise endlos variirt werden konnten. Das waren die Juden und die Frauen.
    Erstere hatten sich in kurzer Zeit hier sehr emporgeschwungen. Eine nicht zu
entfernte Verwandtschaft der Hasen-Jette, die Fulds, rechnete man zu den
dreifachen Millionären und wenigstens im Wechselgeschäft hatten die Brüder
Moritz Fuld und Bernhard Fuld alle überflügelt. Sie hatten Comptoire in Paris,
Brüssel und Amsterdam, machten ein grosses Haus, hatten eine Besitzung im Eneper
Tal gekauft, dort eine Villa, sogar eine Kirche gebaut. Es konnte zunächst
keinen anziehendern Stoff geben, der hier besprochen wurde, als da Haus Fuld und
Söhne, und im Verlauf dieser Mitteilungen, die indessen eine Kette nur von
Spott und Misgunst waren, wurde auch Tiebold lebendiger und erregter.
    Gebhard Schmitz und Joseph Moppes hatten zwei Kunstfertigkeiten, die
miteinander wetteiferten. Dieser intonirte die anziehendsten Lieder, jener war
ein Dialektkünstler. Ob sächsisch oder berlinisch oder frankfurtisch oder im
Volkston der eigenen Vaterstadt, war ihm gleich. Er ahmte jede Mundart nach, so
weit die deutsche Zunge reicht. Vorzugsweise aber war ihm das Jüdeln geläufig.
Er erzählte von Juden nie anders als im rauhsten Kehlkopftone. Und wenn er von
Spinoza hätte sprechen können, Gebhard Schmitz würde dessen Philosophie
vorgetragen haben wie die eines Hausirers, der von seinen Masematten spricht.
    Von einem der Fulds, zwei in den pariser Börsencoulissen und Salons
gebildeten, höchst eleganten und weltgeschliffenen jungen Männern, die auf einer
Jagd in Homburg oder Baden-Baden sich neben jedem deutschen Standesherrn sehen
lassen konnten, erzählte er:
    Bin ich doch gekommen heute Abend auf den Domplatz und habe gesehen ...
Gottswunder ... Was hab' ich gesehen! Ist gekommen Herr Fuld und Söhne junior
der Moritz! Ist er gekommen mit dem neuen roten Bändchen im Knopfloch! Hat er
doch gekriegt den Orden von der ehrlichen Legion in Paris!
    Die Unterbrechungen der Zustimmung verstanden sich an den schlagenden
Stellen von selbst ...
    Sieht der Ritter Moritz sich um und wird fragen: Wo ist hier die Fabrik von
die Wachslichter und Lebkuchen und heiligen Oblaten? Herr Schmitz! Können Sie
mir nicht sagen: Wo ist wohnhaft Herr Jean Baptiste Maria »Schnuphöse« aus
Hildesheim mit die elegönte s-pitze Vatermörders?
    Diese Variation gestattete eine neue Zustimmung. Sie war eine andere Tonart
der Gebhard Schmitz'schen Redekunst, die ein Unisono von ähnlich betonten Worten
hervorrief ...
    Gebhard Schmitz fuhr fort:
    Gut! Hab' ich ihm gezeigt den Laden von Herrn »Möriö« und hab' mir gemacht
doch auch ein Geschäft bei die Fräuleins, um zu hören, was der Ritter von Louis
Philipp's ehrliche Leute hat für neue Masematte! ... Gut! Wie wir eintreten,
frag' ich die Fräuleins ...
    Unisono des Chorus:
    Evö! Apöllönia!
    Ob sie nicht hätten ein schönes ges-ticktes Tauftüchelchen mit bröbönter
S-pitzen, das ich wollte schenken nach Bilk uf die Hütte von meinem Tate, wo
zwei bilkener Jüden sind gekommen auf den Einfall sich zu taufen! Sagt der Herr
Ritter von die französische Ehrlichkeit zu mir: Main, Herr Schmitz! Sie wollen
kaufen so feinen »Böttist«, um zu waschen zwei bilkener Juden rein von's
Judentum? Da will ich Sie recommandiren die geistliche Stickerei da oben in dem
fünften Carton rechts seh' ich Litera B, wo angeschrieben steht mit lateinische
Buchstaben: »Tauftügelchen« - Tügelchen mit 'nem G, Herr Schmitz!
    Neue Unterbrechung über die Ortographie Eva's und Apollonia's Schnuphase
...
    Aber der Ritter der ehrlichen Legion ... wird er doch sagen: Hat mein Bruder
nicht gestern gekauft hier ein Altarbecken und drei neue Messgewandkleider ...
meine Damen? ... Ja, Herr Fuld! ... Nun, so werden die Fräulein haben die Güte
mir noch zu geben zwei Dutzend von die stärksten Wachslichter fürs heilige
Hochamt! ... Sag' ich: Herr Fuld: Wie heisst Hochamt? ... Alles, Herr Schmitz,
für die neue Kirche zum Geschenk, wo mein Bruder hat bauen lassen oben bei
Lindenwert und Drusenheim im Enneper Tale! Und zu die Fräuleins sagt er:
Wissen Sie, Fräulein, die Kerzen, wo Herr Levi, der Gemeindevorstand, hat
gekauft neulich fürs Tabernakel in unsre Synagoge ... Die aufgeklärte? frag'
ich. Die neue, Herr Fuld, wo soviel Licht in die schönen Fenster fällt? ...
Nein, Herr Schmitz, sagt er, in die dunkle! Gerade so wie wir gebaut haben unsre
Kirche in Drusenheim auch ins Byzantinische!
    Durch den Jubel der Freunde hindurch fuhr mit gesteigerter Stimme Gebhard
Schmitz fort:
    Herr Schmitz! Sie wird eingeweiht am neunten October, dem Tag vom heiligen
Dionysius, wissen Sie dem, den die Römer haben abgehauen den Kopf und der noch
ist gegangen ich weiss nicht wie viel Meilen zu Fuss und mit dem Kopf unterm Arm!
... Ist es denn wahr, Herr Ritter, frug ich, dass Ihr Herr Bruder in Paris von
seinem Freund Louis Philipp und aus dem seiner Kapelle von St.-Denis um 10000
Francs hat angekauft einen heiligen Zehen von St.-Denis und will ihn lassen
einmauern in dem Altar, wo Sie haben gebaut in Drusenheim die neue Kirche im
Basiliskenstil?
    Basiliskenstil ... wiederholte der Chorus.
    In dem Augenblick ist aber gekommen eine Chaise vorm Wachslichterlöden und
Fräulein Apollönia hat gerufen: Ach, Herr Fuld! Ach Herr Schmitz! - bitte um
Entschuldigung, wir bekommen soeben -! und ein schöner schlanker Herr Köplön ist
eingetreten in den Löden, frisch von der Reise angekommen und soll wohnen bei
Herrn Schnuphöse ... Und was wird mein Ritter tun von der ehrlichen Legion?
Gleich als wollt' er haben Ablass auf hundert Jahre für die byzantinische Kirche
hat er Hochwürden eingeladen, auch zu sehen, was gebaut hat sein Bruder Bernhard
Fuld zu Drusenheim neben die neue Villa und zog sein Portefeuille und hat
gegeben dem fremden Priester gleich die Visitenkarte: Monsieur Monsieur Moritz
Fuld ...
    Der ganze Chorus fiel hier mit den donnernd betonten Worten ein:
    A Paris! à Paris! Man weiss schon!
    Diese für unsere Leser gänzlich unverständliche und doch allgemein bejubelte
Pointe der Erzählung krönte sie für die jungen Männer wie das letzte Schlagwort
eines Epigramms ... Die Worte: »Man weiss schon!« knüpften sich nämlich an die
allbekannte Anekdote, der zufolge der ganz arm aus Kocher am Fall einst
gekommene und durch Kriegslieferungen emporgestiegene alte Vater der Gebrüder
Fuld jemanden, der ihn bei seinen öftern Reisen nach Paris um seine dortige
genauere Adresse gefragt, mit schmunzelndem Stolz geantwortet haben sollte:
»Schreiben Sie nur ganz getrost und einfach bloss meinen Namen à Musje Musje Fuld
à Paris! Man weiss schon!«
    Die Wirkung dieser Erzählung auf Tiebold de Jonge war eine in der
Hauptsache, doch im andern Sinne als bei den Freunden, auch aufregende.
    Nicht dass er Gebhard Schmitz gesagt hätte: Aber Sie lügen ja ganz
entsetzlich, Schmitz! Moritz und Bernhard Fuld sind ja zwei höchst gebildete und
sehr taktvolle Männer, über die wir uns deshalb ärgern, weil sie geradezu einen
Auffschwung nehmen, der uns alle verdunkelt - auch er stand unter den
Vorurteilen seiner Geburt und seines Standes - aber sowol die Tatsache, dass
wahrscheinlich den Abend Bonaventura von Asselyn angekommen war, wie die
Erwähnung Drusenheims, das dem Aufentalte Armgart's auf einen Büchsenschuss
gegenüberlag, liessen ihm kaum zur Besinnung kommen. Er sprang auf, lief im
Zimmer hin und her und überhörte dabei gänzlich, dass Weigenand Maus unter
allgemeinster Zustimmung beantragte, eine Caricatur anfertigen zu lassen, um
»auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege« das zeitgemäss-modernste Tema: Juden
bauen den Christen ihre Gotteshäuser! zu verspotten. Ein stillerer und sanfterer
unter den Freunden, Alois Effingh (Effingh & Cie., Bankgeschäft), übernahm
die Ausführung durch einen vertrauten Freund, der das Talent besass mit der Feder
gleich auf Stein zu zeichnen.
    Hiess der Geistliche nicht Herr von Asselyn? fragte Tiebold de Jonge.
    Ich glaube, ja ... antwortete Gebhard Schmitz, ganz verloren in die
Caricatur und noch weitere Details gebend.
    Ein Vetter Benno's von Asselyn ... sagte Tiebold und erwähnte einen Namen,
den alle kannten, der aber nicht zu diesem Kreise gehörte ...
    Nächsten Sonntag nach Drusenheim! rief Clemens Timpe ...
    Bewunderung der Villa ...
    Der Kirche ...
    Der Tauftügelchen ...
    Wir laden Eva und Apollonia ein ...
    Nein! unterbrach Joseph Moppes. Achtung vor Tiebold de Jonge! Auf
Lindenwert
»Da blüht eine Blume so hold, so hold«...
    Auf Lindenwert? rief der Chorus.
    Ja, de Jonge! unterbrach den Singenden Gebhard Schmitz. Ich war im Stifte
bei meiner Schwester! Wahrhaftig! ... Ich bin sonst in Geschmackssachen - auf
Ehre - aber die Tochter Ihres Lebensretters -
    Die Lebensretterstochter ... rief der Chorus.
    Kapitaler Geschmack! Auf Taille! näselte Schmitz im ghibellinischen
Leutenantston ...
    Moppes sang:
»Und schöner als in dieser Rose«...
    A la bonne heure! Eigentlich noch ein Backfisch, aber künftige »Jöttin«!
fuhr Schmitz fort und -
»Hebe stieg in sanfter Feier« ...
sang Moppes.
    Schwarz und braun sind ihre Augen ...
»Maikäferlein, was fliegst du auf?«
    Zähne, - reizend! Zwei Zähne -, man sieht sie immer -
    Man sieht sie immer? rief der Chorus ...
»Um das Rhinoceros zu sehen« -
declamirte jetzt sogar Weigenand Maus.
    Tiebold erwachte aber aus seinem Brüten wie ein Löwe und schüttelte seine
goldene Mähne.
    Genug! Rief er mit donnernder Stimme ...
    Aber
Singvögelein singet,
Singvögelein schwinget
Stolz sich in den Himmel hinein!
antwortete Moppes.
    Der Streit wurde durch Gebhard Schmitz beigelegt. Letzterer blieb bei seiner
Bewunerung Armgart's, nannte sie das Entzücken des ganzen Pensionats und liess
jetzt wirklich etwas Höheres gelten als seine Dialektkunst und seinen pariser
»Gibus« zum Einklappen, den er suchte.
    Es blieb bei der Caricatur und bei der sonntäglichen Partie ...
    Gruppen bildeten sich ... der eine lag von der Caricatur sprechend da, der
andere von der Liebe überhaupt dort ... man flüsterte ... man hatte jetzt
Geheimnisse ... ja es senkte sich über die wüste Atmosphäre mancher reinere
Sonnenstrahl ... Selbst Piter liess endlich von der Arakflasche und erzählte mit
gedämpfter Stimme von einigen wunderbaren neuen weiblichen Bekannschaften,
besonders einer ... er sprach ganz leise nur ins Ohr zu Gebhard Schmitz ...
Joseph Moppes, der hören wollte und nichts verstand, parodirte:
Mir auch war eine Leben aufgegangen!
    Folgen können wir diesen Gesprächen nicht. Sie entielten zu viel von dem,
was, wenn die Männer zwischen zwei und drei Uhr Morgens von Frauen sprechen -
die Nacht »bedeckt mit Grauen«.
    Endlich aber wurde alles still ... die am lautesten gesprochen haben,
schnarchten schon ... auch Piter im schottischen Reisecostüm schlummerte und
lächelte und sein etwas stumpfes Näschen schien im Traume eine ganze
Jakobsleiter voll Seligkeiten zu balanciren ... nur Tiebold de Jonge lag auf
einem Sopha ausgestreckt, das Haupt aufgestützt, sah nach der Uhr und war in
wenig Minuten der einzige, der wach geblieben.
    Er gedachte seines Freundes Benno ... Benno's, der, wie dieser sich einmal
ausgedrückt hatte, den »lateinischen Stolz« besass, sich in einer Soll und
Haben-Sphäre von dieser Art nicht heimisch zu fühlen, ja die geschilderte
geradezu verachtete.
    Tiebold, in seiner Art ein Schwärmer, betete bei alledem Benno an. Nur
hatte er sich wieder einmal mit ihm gezankt und zwar empfindlich ... er hatte
sogar den ersten bedeutenden Zwiespalt mit ihm ... Nicht um Armgart's willen ...
Von Benno's Empfindungen für Armgart hatte Tiebold bei dessen in allen Dingen
bewahrter kalter Aussenseite keine entfernteste Ahnung ... Wohl aber war der
Vorfall an dem Tage, wo Hedemann die Begegnung mit Herrn von Enckefuss im
Wirtshause an der Landstrasse gehabt hatte, für beide zum Gegenstand des ersten
längern Misverständnisses geworden.
    Benno und Tiebold waren Schulfreunde, die sich in spätern Jahren aus dem
Auge verloren hatten. Sie fanden sich wieder, als Benno sich bei einer
zufälligen Begegnung über das gerade besprochene Abenteuer in Canada dahin
äussern konnte, dass ihm wenn auch nicht Ulrich von Hülleshoven, doch Hedemann
seit frühester Kindheit wohlbekannt, ja sozusagen sein Nährvater und Erzieher
gewesen wäre, solange bis der Dechant ihn ganz in seine Nähe nahm und ihn in der
Residenz des Kirchenfürsten nahe gelegenen Universität auf Schulen schickte ...
Das Band der Freundschaft musste sich enger und enger um beide schlingen, da
Tiebold's Charakter die Hingebung selbst war. Nach wenig Monaten schon konnte
er nicht mehr ohne Benno sein, nichts mehr ohne ihn unternehmen. Alles, was
dieser sagte oder tat, war für ihn, sogar in Gegenwart anderer, ein Evangelium.
Seine entusiastische Natur umschlang Benno, trotz allerdings mancher und fast
stündlicher Reibung, doch wie der Epheu den festen Stamm.
    Die Reise nach Kocher mit Extrapost entsprach Tiebold's Verhältnissen und
galt eigentlich der Huldigung Benno's und den Verwandten desselben in Kocher. Da
Benno aber allein und über Lindenwert und St.-Wolfgang und sogar zu Fuss gehen
zu wollen erklärt hatte (in seinem Charakter lagen diese schroffen Ablehnungen
des liebevollsten Entgegenkommens), so hatte von dieser bequemen
Reisegelegenheit der Assessor von Enckefuss den Gewinn. Dies war nur eine
oberflächliche Bekanntschaft beider Freunde. Sie hätte sich jetzt fester knüpfen
können. Gab das Zusammenreisen dazu die beste Gelegenheit, so wurde doch jede
weitere Beziehung wenigstens für Tiebold durch die Scene mit Hedemann und
Porzia Biancchi unmöglich.
    Lucinde hatte sich an jenem Abend, als sie im »Riesen« ein Gelag in dem
Geschmack, wie eben geschildert, voraussetzte, wenigstens in Betreff einiger
Teilnehmer vollständig geirrt. Benno fehlte und Tiebold. Beide sassen beim
Obersten auf seinem Weinberge. Sie sassen mürrisch und ohne Entschluss, auch nur
auf die Dechanei zu gehen. Benno hatte an einem Souper im Riesen teilnehmen
wollen; Tiebold erklärte, mit Herrn von Enckefuss nichts mehr gemein zu haben.
Hedemann ist ein Narr! hatte benno in seiner kurzen Weise erwidert und darüber
entspannen sich dann Wortgefechte, die bald einen ernstern Charakter annahmen.
Sie endeten damit, dass Tiebold das ganze, eigentlich ihm doch so unendlich süsse
und notwendige Joch seiner Abhängigkeit von Benno einmal abschüttelte und ihm
Dinge sagte, die sich selbst unter den besten Freunden nach vierundzwanzig
Stunden nicht wieder zurücknehmen lassen.
    Asselyn, hatte er gesagt, Sie sind ein Mensch, dem seine Philosophie noch
das Herz im Leibe ausdörren wird! Ich bemitleide Sie, wenn Sie sich Ihren
Dominicus Nück zum Muster genommen haben, diesen armseligen menschen, der einen
Million besitzt und Sonntags die Sackträger beneidet, die vorm Tore bei einem
Glase des schandbarsten Krätzers Kegel schieben! Schämen Sie sich mit Ihrer
sündhaften Gleichgültigkeit für Gott und die Welt! Sie erzählen von einem
Zauberweib, mit dem Sie hierher gereist sind, und wollen nicht in die Dechanei
zurück, nur um sie nicht wiederzusehen! Von einem Engel in Menschengestalt,
einem Mondscheinelfen, unserer Armgart, wissen Sie nichts, als dass sie ihrem
Vater ein paar Hosenträger stickt! Diese Porzia Biancchi ist Ihnen nicht viel
mehr als eine Landstreicherin, und Hedemann's Neigung finden Sie geradezu
lächerrlich, da Sie doch wissen, dass er, wie der Oberst, eine Natur ist, die die
die Spreu vom Weizen zu unterscheiden weiss! ... Als Müller! wird Ihre ewige
Ironie einwerfen; aber nach Ihnen müsste der Friede in dem Hause der Hülleshoven
und Ubbelohdes einfach nur durch die Polizei vermittelt werden! Sehen Sie zu,
wie weit Sie mit diesem Sibirien in Ihrem Herzen kommen werden! Gerade solchen
Naturen, denen alles gleichgültig ist, solchen, die in der ganzen Welt nichts,
aber auch nichts als Schein und Dummheit sehen, wird zuletzt so heiss unter den
Sohlen, so fegefeuermässig schwül schon hier auf Erden zu Mute, dass sie sich wie
der Skorpion, den man auf Kohlen setzt, zuletzt selbst umbringen!
    Sie haben wahrscheinlich in der letzten Nacht, wo Sie nicht schlafen
konnten, Seume's »Spaziergang nach Syrakus« gelesen? war alles, was Benno
geantwortet.
    Dennoch trafen die Worte Tiebold's ihn tiefer, als er sich den Schein gab.
    Dazu war er zu stolz, zu entgegnen: Sage mir, wie ich in die Welt gekommen
bin, und du wirst sehen, ich kann die Welt lieb haben! Er vertändelte den Ernst
seines Unmutes überhaupt und auch jetzt den Ernst seiner innerlichsten
Zustimmung zu diesem ungewohnt starken Ausbruch allerdings schon vielfach
benutzter Freundschaftsrechte. Gerade dadurch, dass er dennoch zu Enckefuss hielt,
bewies er, wie sehr er sich getroffen fühlte.
    Vor Hedemann rechtfertigte er sich im Vertrauen:
    Lieber Alter, mögen Sie mit dem Enckefuss haben, was Sie wollen, der Sohn hat
mir gestanden, dass sein Vater in Verzweiflung ist - wie kann ich ihm meinen
Beistand entziehen!
    Hedemann hatte dieser Antwort auch zugestimmt und sie natürlich gefunden ...
Seitdem die Italiener im Orte angekommen waren und ihren gewohnten stark
aufdringlichen Handel trieben, schien er von der ersten Hitze seines Anteils
etwas zurückgekommen.
    Eine weitere Erörterung und gründliche Aussöhnung zwischen Tiebold und
Benno hatte in Kocher selbst nicht mehr stattgefunden. Major von Pritzelwitz
benutzte die ihm nur verwilligten drei Tage, um seine kleine Armee in einen
jeden Augenblick schlagfertigen Zustand zu versetzen und ihr durch tüchtigstes
Sporengeben auch dergleichen »Mucken« der Gesinnung zu vertreiben, wie sie hier
zu Lande üblich waren, wo man an Carnevalstagen den Kaiser Napoleon, seine
Marschälle und seine alte Garde in öffentlichen Aufzügen copirte. Moppes, Timpe,
Schmitz und selbst Weigenand Maus waren nicht selten schon zu Pferde mit
Mamluken einhergeritten und hatten sich mit allem Pomp so in Orden und
Stickereien gefallen, als wenn sie die Schlachten bei Jena und Eylau gewonnen
hätten.
    Auch Benno's bester Absicht, den Streit in der Dechanei beizulegen und
Lucinden in sie zurückzuführen, liess sich nicht der Nachdruck seiner gewohnten
Handlungsweise geben. Diese fuhr mit Herrn Schnuphase schon am andern Tage in
ihre neue Lebensstellung.
    Und auch Tiebold war dann am Morgen des vierten Tages in Kocher plötzlich
verschwunden. Er hatte an Benno ein einfaches Billet zurückgelassen, worin er
sagte, es würde ihm Vergnügen machen, wenn er mit dem Assessor von Enckefuss
seinen Landau benutzen wollte; er selbst wäre in Flössereigeschäften erst mit der
Post, dann mit dem Dampfboot auf einige Tage nach Mainz gegangen.
    Seit heute Abend erst war er, und jetzt bedeutend abgekühlt, von dorter
zurück. In Lindenwert hatte er Halt gemacht und sich mit den Empfindungen eines
Toggenburg einige Stunden am vielberühmten Hüneneck aufgehalten. Nach dem
Fenster des Saales, in dem Armgart wohnte, hatte er das Angesicht gerichtet,
solange die letzten Strahlen der Sonne es vergoldeten. Da er keine Verwandte im
Pensionat hatte, wurden ihm die Besuche von den gestrengen Englischen Fräulein
nicht mehr gestattet.
    Nun lag er hier, im Ohr die wüsten Scherze seiner »Freunde« ... vorgeniessend
schon die von ihm mit leidenschaftlicher Zustimmung ergriffene Sonntagspartie
nach Drusenheim, wo eine Begegnung mit Armgart nicht unmöglich war ... sonst
aber aufgelöst in Reue und Scham und unendlichster - Sehnsucht nach Benno.
    Und vielleicht wäre dennoch auch über ihn der Schlummer gekommen, wenn nicht
plötzlich im Hofe Wagenrasseln und das mahnende Knallen zweier Peitschen hörbar
geworden wäre ... Er sprang auf, fiel fast, da die Lampen ausgegangen waren,
orientirte sich und weckte Pitern, der im Concert der ringsum Schnarchenden
jetzt eine Solostimme übernommen hatte ... Piter war eingeschlummert gewesen mit
den vertraulichsten Geständnissen, die er in das Ohr seines Freundes Gebhard
Schmitz geflüstert hatte über zwei wunderbare Frauenerscheinungen, die plötzlich
durch »einen höllisch vernünftigen« Gedanken seiner Angehörigen ganz dicht in
seine Nähe verpflanzt waren ... weniger von Mamsell Lucinden Schwarz war er
entzückt - »obgleich auch diese« ... Und in diesen Haarspaltungen seines
Geschmacks war er selig eingeschlummert ...
    Nun, von Tiebold de Jonge aufgerüttelt, fuhr er empor ... So gross auch
immer sein Vertrauen zu sich selbst war und so sehr er sich vorgenommen hatte,
sich in seiner ganzen künftigen Haltung im Leben einen wenn nicht grossen, doch
eigentümlichen und merkwürdigen Charakter zu geben, so geschah ihm doch immer,
dass sein erstes Erwachen von irgendeiner der vielen, nicht bloss durch den
natürlichen Schlaf verursachten Besinnungslosigkeiten regelmässig eine
geringfügige Vorstellung über die gerade obwaltende Situation begleitete, der
dann die völlig decontenancirte Miene entsprach ... So auch heute ... Der erste
Gedanke, als ihn Tiebold aufrüttelte, war an das Fünfuhraufstehen in der
Handelsschule gerichtet ... Bald aber besann er sich auf sein gegenwärtiges
Alter und seine Stellung im Leben und in diesem Hause und rief donnernd den
Joseph im Vorzimmer wach, ihn in den Hof jagend, und taumelte, seliger
Rückerinnerungen voll, eine niedergebrannte Kerze in der Hand, das Product
seines ihm nur für den Ausbau des Domes seiner Vaterstadt mangelnden
Ingineursinnes, die luftige, zierliche neue Wendeltreppe, empor.
    Er musste ja, während Tiebold die andern Schläfer weckte, noch einmal in
sein Garderobezimmer ... Um ganz dem Bilde der Modenzeitung, nach der er sich
kürzlich erst für die Morgentoilette, für die Jagd und für Reisen equipirt
hatte, zu entsprechen, fehlte noch sein Plaid und seine Tragtasche an
juchtenledernen Riemen. Piter war in solchen Dingen exact. Für die Jagd besass er
eine rote Jacke mit kurzen Schössen, goldenen Knöpfen, grauledernen Hosen und
hohe gefirnisste Stulpstiefel. Für die Reise trug er einen kurzen Phantasierock
mit zwei Brusttäschchen, schottische Beinkleider ohne Sprungriemen, Lackstiefel,
die, wenn die Beinkleider in die Höhe gingen, Schäfte von rotem Saffian
zeigten.
    Wie Piter etwas mühsam hinaufsteigt, wird ihm eine Ueberaschung zu Teil.
Kaum hatte sein etwas schwerer Fuss auf der leichten Treppe die ersten Stufen
betreten, kaum hatte sich sein etwas unsicheres Auge überzeugt, dass es auch oben
dunkel geworden war, kaum war die mit besonderm Nachdruck an die Lehne sich
krampfende rechte Hand im Begriff mit der linken zu wechseln, wobei die
Uebergabe des Lichtes in die andere Hand mit Schwierigkeiten verbunden schien
und, da er sie doch zu überwinden versuchte, das Licht auch richtig ausgehen
liess - als von oben her eine Türe aufging und der Schimmer eines Lichtes dem im
Dunkeln Emportastenden zu Hülfe kam.
    Und kaum hatte Piter, staunend über dieses ungewohnte nächtliche
Lebendigsein über ihm, aufgeblickt, so musste er sich um so betroffener fühlen,
als ihm über das kleine bronzirte Gitter hinweg ein holdes Frauenantlitz
entgegenleuchtete; in Wirklichkeit leuchtete mit einem Lichte und figürlich
durch holdesten Liebreiz und eine seltene Anmut; dabei dasselbe zarte
Mädchenangesicht, in dessen Schilderung er soeben zu Gebhard Schmitz beinahe
hätte poetisch werden können, wenn ihn nicht der Schlummer übermannte ...
    Ja aber, um Gottes willen! Sie noch auf? sprach er mit nicht leichter Zunge
...
    Das junge Kind zitterte und trat mit dem Leuchter in der Hand zurück ...
denn nun stand Piter schon schwer und krampfhaft und mit einem entsetzlichen
Dunst von Taback und Wein dicht vor ihr ... Er weidete sich an einem Anblick,
der ihm ein »Bild aus Himmelshöhen« schien. Diese zwar nur kleine, aber zierlich
behende Gestalt, dies goldblonde Haar, das einen Trauerkrepp in seine dichten
Flechten eingewunden hatte, diese aus einem gleichfalls trauernden schwarzen
Kleide hervorblendende weisse Haut und der Schnitt des Gesichtes von einer
wunderbar lieblichen Rundung und Regelmässigkeit übten wieder die ganze Wirkung
auf ihn aus, die er schon seit gestern früh um zehn Uhr empfpunden hatte, als er
dieses neu hinzugezogene Mädchen seiner Schwester Hendrika Delring zum ersten
mal gesehen hatte.
    Aber zum Donnerwetter ... wie kommen Sie denn dazu, so - so lange
aufzubleiben oder vielmehr -?
    So hab' ich Frau Commerzienrätin - vielleicht - nicht richtig verstanden -
sie befahl - mir, da ich hier oben doch - bei Madame Delring bin - immer auch
auf Ihre Wünsche zu hören - und wenn Sie reisten - hätten Sie manchmal noch
etwas nötig - und da - wartete ich so lange -
    Die Stimme des armen überwachten, verweinten und erschreckten Mädchens
zitterte ...
    Na, das ist ja aber wahrhaftig noch besser ...
    Piter lachte wie über eine grenzenlose Beschränkteit und doch tat ihm die
Naivetät wohl, die so auf seine allerhöchste Befriedigung bis gegen vier Uhr
Morgens aufbleiben konnte.
    Hahaha, lachte er und taumelte, um sein ausgegangenes Licht auf eine
Fenstersims zu setzen. Das ist ja einzig! Sie bleiben 'ne ganze Nacht um
unsereinen - und nun reis' ich - jetzt, wo ich solche - Nachbarschaft - - habe -
Meine Schwester - na, wird einen schönen Lärm machen, wenn sie hört, dass Sie
Muttern so unsinnig - wollt' ich sagen allerliebst - verstanden haben! Herr Gott
- kleiner Engel! Die Zeiten sind vorüber, wo man - Nachts aufblieb - wenn
unsereins bloss nur noch Elberfeld reiste - Jetzt heisst's: Reise glücklich! und
das Uebrige - macht Wecker an der Uhr - und - und Hausknechts Stalllaterne -
    Diese blitzte auch unten im dunkeln Hofe hochauf an die Hauswand gegenüber
...
    Piter wollte von dem überaschenden Misverständniss noch Vorteile ziehen,
aber das schöne Mädchen hatte schon die Tür ihres Zimmers zum Rückzug in der
Hand -
    Piter wollte nach und trat einstweilen mit den Füssen zwischen die Öffnung,
die die Fliehende schliessen wollte.
    Warum sind Sie denn schwarz - an - angezogen - Donnerwetter und wie heissen
Sie denn -?
    Gertrud Lei -
    Gertrud! Also Treudchen? Sieh! Du bist schön, Treudchen, straf mich Gott,
wie ein Engel - aber - aber warum denn der schwarze Flor da in - deinen
allerliebsten -
    Wenn Treudchen Lei jetzt in ein fast krampfhaftes Weinen ausbrach, so war es
nicht so sehr die Erinnerung an die Leiden, die sie seit einigen Wochen und
vollends den letzten Tagen durchgemacht hatte, als auch das Gefühl der tieffsten
Beschämung über den Irrtum, der sie so bis früh Morgens hier oben aufsitzen und
wachen lassen, auch vielleicht der Schmerz, dafür so belohnt zu werden, wie
jetzt von Pitern geschah ... und auch ihr Vater fiel ihr ein, wie der so des
Morgens aus den Wirtshäusern kommen konnte.
    Ihr Weinen war so convulsivisch, dass Piter darüber an Besinnung verlor und
gewann - je nachdem. Den Versuch sich ihr noch zu nähern gab er auf und zog sich
scheu und seit langer Zeit zum ersten mal in einer Art Verlegenheit auf seine
Zimmer zurück.
    Als er dann wiederkam mit Plaid und Tasche, war Treudchen verschwunden. Die
zu den Zimmern seiner Schwester führende Tür war verriegelt.
    Er klopfte und klopfte. Er war in einer Begeisterung, in einem Sturm, in
einem Drange der Liebesbeteuerung, in einem Vergessen ganz seiner selbst -
    Treudchen Lei antwortete aber nicht mehr.
    Piter musste den schon mahnenden Freunden folgen.
    Unten schob einer den andern in die harrenden beiden Wägen. Im Abfahren
waren alle sieben noch leidlich wach. Piter war sogar ganz, als hätte er die
»seiner Natur durchaus notwendigen« zehn Stunden vollständig geschlafen, er
lachte und trällerte, und sagen wir nur, wie unsinnig. Seine eben erlebte
Geschichte hätte jedoch niemand hören können, wollte er sie auch erzählen, so
rasselte man über die öden und schon vom kommenden Tageslicht angedämmerten
Strassen, über die grosse Brücke, durch die Festungswerke; auch kam die pariser
Mallepost, nicht unhörbar, hinter ihnen her ...
    Im Bahnhof angekommen, schliefen alle ausser Pitern und Tiebold.
    Nun aber raffte man sich noch einmal auf und nahm Abschied. Kutscher und
Bediente besorgten Piter's Effecten und die Freunde gewannen auf einen
Augenblick ihren alten Humor wieder. Allein fiel ihr erstes Reisen zur Messe
nach Frankfurt oder Leipzig ein und nun brach Gebhard Schmitz, der
Dialektkünstler, wieder das Eis und entfaltete neue Talente. »Sie, mein kutes
Härrchen! Eine kute Messe!« variirte er und der einfallenden Chorus sächselte
mit, bis auf den Pfiff der Locomotive der Zug davonbrauste und ein donnerndes
Hurrah den Zweck und die Bedeutung dieser Nacht krönte.
    Die Chaisen fuhren jetzt in die Stadt zurück und setzten alle jungen
Herrschaften vor den Pforten ihrer hochmögenden Väter ab, wo dann ein jedes froh
war, sich in bequemen Sprungfedermatratzen auszuruhen von soviel Witz, soviel
Bildung, soviel Kenntnis der Welt und der Menschen, soviel bewusstem Wert für
die Welt im allgemeinen und diese höchst ehrwürdige und in so vielen Dingen
entschieden und selbstbertrauend den vaterländischen Ton angeben wollende Stadt
im besondern.
    Während Piter vielleicht entschlummernd Treudchen im hochzeitlichen Kleide
und von ihm selbst an den Altar geführt sah - es wäre das die kapitalste Idee
gewesen, die sein ihm mangelnder »Verehrungssinn« für die Familie hätte
ausführen können - war Tiebold, der jeden der Genossen noch an sein Haus
gebracht und sich das Festalten an der Drusenheimer Sonntagspartie bedungen
hatte, in der Mitte der Stadt ausgestiegen.
    Schon war es halb fünf Uhr ... die Strassen wurden lebendiger ... die
Tageshelle mehrte sich ...
    Seine Schritte führten ihn an einen kleinen winkeligen Platz, wo Benno
wohnte.
    Mit der Schwärmerei eines Verliebten stellte er sich an einen schon von den
Mägden mancher fleissiger Handwerker belebten Brunnen und sah zu den
geschlossenen Fenstern seines Freundes im ersten Stock eines schmalen Häuschens
empor.
    Es hing ein Blumenbret vor dem Wohnzimmerfenster ... alle drei Läden waren
geschlossen.
    Der Morgentau, die herbstlich frische Luft kühlte die Augen des stillen
Beobachters, der gewiss sein konnte, draussen auf den Holzöfen seines Vaters auch
schon das lebendigste Tagwerk begonnen zu finden.
    Wie er einige Minuten so gestanden hatte, nicht achtend der Neugier um ihn
her, nicht achtend der Fuhrwercke, die schon im Gang waren, der Ausrufungen, die
schon von Verkäufern ertönten, öffneten sich im ersten Stock die Jalousieen an
Benno's Wohnzimmer.
    Benno war schon aufgestanden und öffnete, wie er war, im rotgestreiften
Nachtemde, mit der einen Hand durch sein dunkles Haar fahrend, mit der andern
einen kleinen Vogelbauer unter die Blumen setzend.
    Guten Morgen, Asselyn! rief Tiebold voll bebender Freude und fast
schüchtern hinauf.
    Guten Morgen, de Jonge! war die ruhige und erstaunte Antwort.
    Schon so zeitig auf?
    Und Sie noch so spät wach?
    Haben Sie schon gefrühstückt?
    Das nicht! Aber Reste aufzuarbeiten ... Doch kommen Sie nur herauf, falls
Sie mir nicht wieder über meine alte Kaffeemaschine die Ohren voll lamentiren
wollen!
    Tiebold wusste schon, dass das alles von Benno nur Redensarten waren, die
wenigstens die halbe Freude der Ueberraschung verdeckten, die er selbst so
überströmend voll und vom tiefsten Herzensgrunde ganz empfand.
    Da ist der Hausschlüssel! sagte Benno nach einer Secunde und warf ihn
hinunter.
    Tiebold hob den Schlüssel auf, schloss die Hauspforte und stieg die schmale
Stiege zu seinem Freunde und zum gemeinschaftlichen Frühstück hinauf.
    Er wusste, dass er seinem bewunderten und angebeteten Asselyn nicht um den
Hals fallen durfte; er wusste, dass ihm jede weitere Erörterung des
Misverständnisses mit den Worten würde abgeschnitten werden: Sie sind ein
närrischer Kerl! ... Er wusste, dass seine ganze zu einer Scene der innigsten
Zärtlichkeit geneigte Stimmung sofort die kalte Douche der Ironie bekommen
würde. Aber wie er so Stufe um Stufe hinaufstieg, fühlte er doch, er kam aus
einem Chaos voll Nacht, voll Kampf, voll Wahn, voll Torheit zu einem Menschen,
der sein überwallendes Herz beruhigen, die dunkeln Stimmungen seiner Seele
erleuchten, ihn im Straucheln halten, im Irren führen konnte, zu einem Freunde,
zu dem, so jung er war, er und mancher andere hätten sprechen dürfen:
    Bei dir - ist Licht und Ruhe!
    Darin glichen sich Bonaventura und Benno, dass jeder von ihnen umstrickt und
umsponnen war von einem durch Schicksalshand angelegten Lebensrätsel. Aber auch
darin glichen sie sich, dass von einer zu hoffenden Lösung desselben ihnen andern
mehr abhängen musste als nur - ihr eigenes Glück.
                            Ende des zweiten Buchs.
                                  Dritter Band
                                   Drittes Buch
                                        1.
Von einer Handwerkerfamilie, die nach einem dunkeln Hofe hinaus arbeitete, hatte
Benno drei auf einen kleinen, von einem belebten Brunnen geschmückten
Winkelplatz hinausgehende Vorderzimmer gemietet.
    Eines davon, einfenstrig, war sein Schlaf-, die andern, zweifenstrig, waren
Wohn-, Arbeits-, Empfangszimmer, je nachdem.
    In einem derselben stand ein Repositorium mit einer Anzahl von Schubfächern,
in denen sich teils die Acten der ihm von Dominicus Nück zugewiesenen Processe
aufhäuften, teils schon manches Fascikelchen lag der auch ihm schon
aufblühenden, freilich noch an den schützenden Namen und die Unterschrift seines
Principals gebundenen ersten Frühlingskeime einer eigenen Praxis ... Im
unbestreitbaren Wohnzimmer liess Benno schon zuweilen in den Früh- und
Nachmittagsstunden manche Partei warten, die über ein paar empfangene Ohrfeigen
oder ein paar unbezahlt gebliebene Beinkleider seinen Rat begehrte und von ihm
nach Abfertigung eines »pressantern« Clienten mit staatsmännisch bedeutsamer
Miene gebeten wurde, sich auf einem Sopha von ehrwürdig altem schwarzen
»geflammten« Merino (zu diesen Flammen war hier und da schon der entschiedenere
Brand einer etwas vergesslich gerauchten Cigarre gekommen) oder einem wirklich
prachtvoll glänzenden rotsaffianen Sessel auszuruhen, welchen Phönix seines ihm
teilweise persönlich angehörenden Mobiliars ihm Tiebold de Jonge verehrt
hatte. Oder man könnte, da dieser Sessel klein, zierlich, auf einer Rolle gehend
und wie luftig war, ihn unter dem bescheidenen Hausrat, der altmodischen
Kommode von Nussbaumholz, dem Schreibsecretär von Birken-, den lackirten Stühlen
von Tannenholz, auch einen prächtigen Kolibri nennen in einem solchen
gewöhnlichen Drahtbauer, wie der war, in dem Benno bereits eine Art Familie zu
ernähren hatte, zwei Canarienvögel seiner Wirtsleute, die er von ihnen in
Pflege genommen zur Erzielung einer Hecke, bis sich freilich herausstellte, dass
die frisch aus dem Nest genommenen kleinen Tierchen »Sieen« waren, was Benno
leider erst entdeckte, als er sich an beide Geschwister so gewöhnt hatte, dass er
sie auch ohne Gesang und Hecke vor seiner Wirtin rettete, die von einem
pflichtschuldigen Tode derselben durch irgendeine nachbarliche Katze sprach.
Jetzt prangte dieser Lehnsessel vollends, seitdem Benno bei seiner Zurückkunft
von Kocher am Fall wieder zu seinem höchsten Verdrusse eine neue Gabe seines
manchmal unerträglich aufmerksamen, Freundes vorfand, einen in sämmtlichen drei
Zimmern gelegten bunten prachtvollen Teppich für den Winter ... ... Gegen diese
Zuvorkommenheiten des jungen Halb-Millionärs liess sich gar nicht angehen.
Tiebold zerbrach, statt des Gottes der Zeit, lieber zufällig selbst einen Stuhl
und erklärte dann mit gemachtem Schreck, seinem Freunde oder den Wirtsleuten
einen Ersatz dafür schuldig zu sein, als dass er sich die Gelegenheit hätte
nehmen lassen, Benno statt nur durch Zank auch einmal auf diese Art seine
Freundschaft zu beweisen. Den alten in Ruhestand versetzten Lehnsessel, der mit
dem Sopha, in Rücksicht auf geflammtes Muster und Ehrwürdigkeit des Ueberzugs,
harmonirte, hatte er schon vor längerer Zeit einmal, wie er entschuldigend
sagte, in Gedanken mit dem Federmesser, das er wie zufällig von dem Tische
Benno's genommen, in der Armlehne zerschnitten und den neuen Teppich motivirte
er auf Benno's Vorwürfe, die ihn deshalb heute in der Frühe gleich beim
Eintreten und in medias res gehend empfingen, mit folgenden Worten:
    Bester Freund, das bitt' ich mir denn doch aus! Seitdem ich einmal das
Unglück gehabt habe, beinahe in den St.-Moritz zu fallen, bin ich gegen alles
Kalte von einer merkwürdigen Empfindlichkeit! Im Winter hier bei Ihnen zu sitzen
und über den offenherzigen Dielen Ihrer Baracke mich zu erkälten - das werden
Sie nicht verlangen können!
    Und bei alledem, erwiderte Benno, sieht es nun erst recht bei mir aus wie
bei Bagage, die gern möchte und kann nicht! Der Teppich und der Sessel führen
jetzt das grosse Wort und haben die Oberhand! Jedermann wird jetzt glauben, dass
ich statt heraufzukommen ein Heruntergekommener bin!
    Himmel! unterbrach Tiebold, zog seine Cigarrentasche und betrachtete ein
auf dem Tische neben dem Terminkalender liegendes kleines Octavbüchelchen,
worüber Benno zierlichst »Verläge« geschrieben hatte; Asselyn, ist das Ihr
Einnahmebuch? Sie haben ja einen Bogen mehr hinten angeheftet? Sind das die
Einnahmen von dem grossen Prozess der Dorste-Camphausen, in dem Sie auch, hör'
ich, zu tun bekommen werden?
    Und schon las er, eine Seite aufschlagend:
    »7 Groschen 6 Pfennige Concept - 2 Groschen 6 Pfennige Copiatur -«
    Wahrscheinlich, erwiderte Benno, ihm trotz des Spottes das Büchelchen sanft
aus der Hand nehmend, wahrscheinlich haben Sie in Mainz einen ganzen
schwäbischen Urwald in Empfang genommen, dass Sie heute schon frühmorgens so
übermütig Geldseele sind! Kommen Sie jetzt erst mit Ihrem Holzfloss
angeschwommen? Oder hatten Sie die Nacht Geschäfte mit einer vaterländischen
Tabacksfabrik? Ich versichere Sie, Ihre Atmosphäre versetzt die Phantasie
keineswegs in die Havanna!
    Merkwürdig, gab Tiebold zu und hatte bereits die Büchse mit gemahlenem
Kaffee aus Benno's Schreibsecretär von verblasstem Birkenmaser genommen, indem er
leicht und leise den Besitzer, der dabei eine vorwitzige Untersuchung seiner
Kasse befürchtete, bei Seite drängte, ihm auch die auf dem Secretär stehende
Maschine aus und unter der Hand wegescamotirte und das heute, der noch nicht
»bei Wege« befindlichen Wirtin wegen eigne Sieden des Wassers zum Kaffee sich
allein aneignete; merkwürdig, wie geistesabwesend ich gestern gewesen sein muss!
Die ganze Nacht hab' ich von Piter's vermaledeiten Cigarren geraucht! Der Mensch
will jetzt in der Stadt den Ton angeben!
    So! So! sagte Benno. Waren Sie also wieder auf Ihrer amerikanischen
Akademie! Dann nehmen Sie den Kaffee allerdings, bitt' ich, ein Lot stärker!
Welche grosse Tat ist denn diese Nacht an der wahrscheinlich für permanent
erklärten Bowle beschlossen worden?
    Die Caricatur auf die Gebrüder Fuld und die Drusenheimer Sonntagspartie
jetzt so ohne weiteres zu nennen, nahm Tiebold de Jonge, der, wie es schien, im
Crescendo begriffenen Satire seines Freundes gegenüber Anstand. Gab es doch auch
zunächst Dinge, die ohne zu spassen mit bitterm Ernste verdienten abgemacht zu
werden! Die Versöhnungen machte zwar Benno immer nur so scheinbar und ohne
Gefühl und »links um die Ecke herum«, wie Tiebold sagte, der, »wenn er einmal
gefühlvoll wurde« - er wurde dies viel öfter als er zugab - dann auch gern von
allen Kirchtürmen mit Zinken und Posaunen wie zur Weihnacht dazu geblasen und
mit allen Glocken geläutet haben wollte. Auch heute, war es der entbehrte Schlaf
oder welche sonstige »lyrische« Stimmung, auch heute hätte er gern die
Versöhnung etwas feierlicher gewünscht ...
    Er liess deshalb zunächst Benno, der sich vollständiger ankleidete, allein
reden, was sonst in seiner Gegenwart selten geschah.
    Ohne Zweifel, liess sich Benno von der Schlafkammer aus vernehmen, ohne
Zweifel haben Sie Ihren Freunden Bericht erstattet von unserm Manöver! Von dem
Sturm auf die grosse Lehmschanze, wo der alte Pritzelwitz leibhaftig die
Franzosen vor sich sah, bis es von uns allen hiess: »Und Ross und Reiter sah man
niemals wieder!«
    Tiebold schwieg ... Er braute Kaffee und Versöhnung.
    Ein Glück, fuhr Benno fort, dass drüben nicht wirkliche Augereaus oder Dürocs
commandirten! General Klebern hatten wir diesmal auf unserer Seite!
    Tiebold schwieg, selbst in Erinnerung auf ein ganzes Bataillon, das im Lehm
stecken geblieben war.
    Meine Stiefeln gingen am dritten Tage vollständig aus der Naht! fuhr Benno
fort; und die Reserve, die Hedemann in meinem Mantel trug, passte nicht, denn von
dem siebenmaligen Sturm auf die Lehmschanze hatt' ich Elefantenfüsse bekommen,
dass mir die Stiefel zu eng wurden! Und nun reisen Sie mir mit Ihrem
Stiefelmagazin ab! Ich glaube, Sie hatten in Rücksicht auf das Trottoir in
Kocher und Ihre Hühneraugen sechs Paar mit! So schnell waren Sie über alle
Berge, dass man glauben konnte, Sie hätten sie alle auf einmal angezogen! Haben
Sie denn Ihren Freunden heute Nacht auch erzählt, wie Sie mich auf dem Weinberg
beim Obersten von Hülleshoven abschilderten?
    Nun verzog Tiebold ein wenig die Miene ... er merkte eine Geneigteit des
Freundes, auf seine »lyrische« Stimmung einzugehen.
    Unsereins ist freilich zu unbedeutend, fuhr Benno, immer von der Kammer aus,
fort, Gegenstand so hochmögender Discussionen zu werden. Was wurde denn
erörtert? Das nächste Fastnachtsprogramm? Ich wäre für Mercur's Triumphzug! Alle
neun Musen müssten hinter dem Handelsgott hergehen und ihm die
schmeichelhaftesten Opfer bringen! In der Mitte ein grosser Wagen ganz mit
Rosinen gefüllt und Alexander von Humboldt davor als ein ganz gewöhnlicher
Kutscher in eurer Livree! Dann eine Heringstonne, Schelling und Hegel dahinter
mit Löschpapier in der Hand, Fichte im grauen Rock mit der Ladenschürze! Dann
eure heiligen drei Könige hier als Importeurs von Tee, Taback und Indigo -
Melchior, der schwarze, noch mit einem Zuckerhut in der Hand - oder sind Sie für
Runkelrübe?
    Ohne im mindesten sich reizen zu lassen von Benno's »lateinischem Stolze«,
unterbrach Tiebold nur mit den einfachen und höchst gelassen geseufzten Worten:
    Nicht einmal kleinen Zucker im Vorrat!
    Damit holte er tief wehmutsvoll einen Stiefelknecht aus dem Zimmer, in dem
Benno's jugendlich knospende Praxis in dem Repositorium lag und wo er des Abends
nach Hause kommend immer zuerst musterte, was etwa neu eingetroffen von seinem
Schreiber in die kleine Baumschule künftiger fruchttragender Prozess-Obstgärten
gelegt war, während er sich dabei die Stiefeln auszog.
    Tiebold zerklopfte ein grosses Stück Zucker, das er gleichfalls aus Benno's
offenem Schreibsecretär, Kassa und Speisekammer zu gleicher Zeit entaltend,
genommen hatte ...
    Nun, erzählen Sie doch von Ihrer Reise! sagte Benno und setzte, dies jedoch
etwas kleinlauter, hinzu:
    Waren Sie denn auch in Lindenwert?
    Tiebold klopfte am Fenstersims Zucker; Benno trat im Hauskleide an den
Kaffeetisch ... Sein geschornes Militär-Haar war schon wieder voller gewachsen
und setzte auch seine gewohnte natürliche Kräuselung an. Sein Teint, immer etwas
bleich, war heute von einer milden Röte angehaucht. Sein Hals lag offen, wie
die Brust, die die ganze bräunliche Schönheit hatte, die von den Alten am Manne
so gerühmt wird. Beide Freunde hätten sich ganz wohl zu einem Modell der
Dioskuren stellen können; vorausgesetzt dass der Künstler sowol eine kleine
Neigung Tiebold's, mit seinen lichten Milchblutformen und dem sozusagen blonden
Habitus seiner ganzen Constitution etwas ins Allzuvolle überzugehen, und bei
Benno im Gegenteil eine gewisse brennende und an die mit phrygischer Mütze
geschmückten Gestalten neapolitanischer Fischer erinnernde Magerkeit weise
gemildert hätte.
    Auf die Frage: Waren Sie denn auch in Lindenwert? war die Tiebold'sche
Gegenfrage: Gestern ist ja wohl Ihr Vetter angekommen? gewissermassen Blödsinn und
doch lag eine Antwort darin.
    Beide nämlich, Benno und Tiebold, waren von dem Zwiespalt in Armgart's
Familie unterrichtet; beide wussten, dass Armgart's Lehrerin, Angelika Müller, an
den Dechanten etwas Entscheidendes in dieser Angelegenheit geschrieben hatte;
doch kannten sie den nähern Inhalt der Erklärungen Armgart's nicht und mochten
den Obersten am wenigsten drängen, ihnen mitzuteilen, was Bonaventura in der
Morgenstunde, wo sie noch nicht die Lehmschanze erstürmt hatten, doch schon früh
genug aus waren, um einen forcirten Marsch zu unternehmen, bei ihm gewollt
hatte. In Armgart's Angelegenheiten war etwas vorgefallen, das hatten sie, als
sie Abends spät todmüde zurückkamen, schon gemerkt; aber selbst Benno wusste von
der Wanderung vom Hüneneck an bis zur Maximinuskapelle aus Armgart's eigenem
Munde über ihre heimlichen Gesinnungen gegen den Vater nichts weiter, als dass
sie vor Sehnsucht brannte, ihm ein paar selbstgefertigte Tragbänder zu schenken
... Nun liess sich fast annehmen, dass Bonaventura auch mit Aufträgen des Obersten
und Dechanten für Lindenwert erschienen war und darin lag denn doch eine
gewisse Logik der Tiebold'schen Gegenfrage.
    Was soll ihm denn hier werden? fragte dann Tiebold und klopfte Zucker in
Hoffnung, von Armgart zu hören.
    Er ist auf heute früh zum Kirchenfürsten bestellt ... sagte Benno und hob
den Deckel der Maschine auf, die stark genug war, Wasser zum Sieden zu bringen.
Man vermutet eine Berufung an den Dom ...
    Sieh! Sieh! ... Blieben Sie denn noch in Kocher lange nach mir?
    Ein paar Stunden! steuerte Benno auf die feierlichere Beilegung der
Differenz zu. Ich hatte Eile zu meinen Arbeiten zurück! Und Nück schrieb mir
Aufträge für die Reise noch bei einigen Gutsbesitzern und Bauern ... ich kann
alle Stunden gewärtig sein, wieder auf ein paar Commissionen hinaus zu müssen
...
    Ich hoffe, dass Sie Ihren Vetter bei uns einführen! liess Tiebold fallen.
Wann wollen Sie mit ihm bei uns speisen?
    Mein Vetter ist höchst einfach und liebt die Gesellschaft nicht ... Auch
will er schnell nach St.-Wolfgang zurück, obgleich ich höre, dass der
Kirchenfürst unpässlich ist und ihn vielleicht gar noch nicht einmal empfangen
kann ... Die reizbare Eminenz ist, wie mir Enckefuss erzählte, in einer
gewaltigen Aufregung, die ihn um so mehr erschüttern mag, als er sie äusserlich
nicht verrät.
    Nun war der verhängnisvolle Name Enckefuss gefallen ... Tiebold wich aber
noch aus und sagte:
    Dass ich von der Dechanei so kurzen Abschied nahm! ... Ich bereu' es fast ...
Hat sich das Verhältnis mit der Dame nicht ausgeglichen?
    Wissen Sie denn nicht? fiel Benno ein.
    Was soll ich wissen?
    Während ich noch mit Frau von Gülpen zu ihren Gunsten parlamentirte, war sie
ja abgereist ... Aber erfuhren Sie denn nicht, im Kattendyk'schen Hause -?
    Was?
    Mit Ihrem Zauberweibe haben Sie Ihre schlechten Cigarren unter Einem Dache
geraucht!
    Ich weiss kein Wort ...
    »Zauberweib« war ein Ausdruck gewesen in Tiebold's grosser Apostrophe an
Benno's Herzlosigkeit. Dies Wort wirkte jetzt auf ihn wie die beschämende
Erinnerung an einen Rausch ...
    Er wollte etwas erwidern, verschluckte es jedoch wegen nicht ausreichender
Stimmmittel ...
    Himmel! fuhr Benno fort. Wenn diese scharfen Augen und Ohren das Négligé
Ihres tapfern Herzens und besonders Ihrer Zunge belauscht hätten!
    Welche denn?
    Diese neue Bewohnerin des Kattendyk'schen Hauses! Lucinde Schwarz!
    Gott sei Dank! Ich schwieg den ganzen Abend -
    Schnuphase vermittelte das Engagement! Auf die Folgen bin ich begierig!
    Deshalb war Piter so geheimnisvoll - Noch im Bahnhofe -
    Wo -?
    Wir brachten Pitern vor einer Stunde auf den Bahnhof! Er ist nach Witoborn,
um eine Liegenschaft anzukaufen ...
    Aus der Enckefuss'schen Schuldenmasse? Sieh! Sieh! Das nenn' ich rasch bei
der Hand!
    Wie so, Enckefuss'sche -? Ich habe am Ende Pitern noch das Geleit gegeben,
ein Angebot auf die Grundstücke zu machen, die der Oberst und Hedemann kaufen
wollten?
    Beruhigen Sie sich! ... Indessen -
    Eben wollte Benno seinem Freunde auseinandersetzen, dass sich der Assessor
von Enckefuss auf seine, Benno's, Verwendung an den Procurator Nück gewandt
hätte, ihm in der Befreiung seines überschuldeten Vaters von den bittersten
Verlegenheiten behülflich zu sein ... Eben gab er eine Schilderung der
Verhältnisse des Rittmeisters, die ganz den Erinnerungen, die von diesem Lucinde
haben musste, entsprach ... Eben musste er zugleich sein Erstaunen ausdrücken,
dass, wenn Piter Kattendyk wirklich die Enckefuss'sche Masse erstehen wollte, dies
nur im Auftrage seines Schwagers geschehen sein könnte, jedoch in einer Eile,
die ihn wahrhaft überrasche - als Tiebold vom Fenster aus eine ungewöhnliche
Aufregung auf dem kleinen Platze bemerkte.
    Was gibt es denn da? unterbrach Tiebold in plötzlichem Ausruf Benno's und
seine eigene Besorgnis, die er für Hedemann's Mühle aussprechen wollte, die
einen Teil der überschuldeten Enckefuss'schen Besitztümer bildete ...
    Auch Benno hatte schon lange ein ungewohntes Treppenlaufen in seinem kleinen
Hause bemerkt, war auch ans andere Fenster getreten und bestätigte schon, dass an
einem ganz in einen Winkel des kleinen Platzes gedrückten Hause ein starker
Zusammenlauf von Menschen stattfand, ja eben bestieg sogar ein Polizeicommissar
eine nach der Strasse offen liegende Treppe des von den Menschen aufgeregt
umstandenen Hauses ... Die Menschen drängten nach ... Der Commissar wandte sich
und verbot jedem, nur auch einen Schritt weiter zu folgen ... Damit schloss er
die Treppentür hinter sich zu und verschwand.
    Tiebold hatte in seiner raschen Art schon zum Fenster hinausgesprochen, was
denn da wäre?
    Es ist die Nacht einer ermordet worden! hiess es.
    Wie? Wer? riefen beide Freunde zugleich.
    Eine Frau!
    Die sanguinische Natur Tiebold's hatte schon den Hut in der Hand und
stürzte die Stiege hinunter, um wenn nicht für sich, doch für seinen Freund
Benno eine für so nahe Nachbarschaft beunruhigende Tatsache festzustellen.
    Indem kamen bereits die Wirtsleute Benno's und berichteten ihm, dass in dem
Hause drüben eine alte stadtbekannte geizige und nach allgemeiner Vermutung
reiche Frau diese Nacht wäre ermordet worden ... Die Milchfrau hätte die Tür
ihrer Wohnung offen gefunden ... wäre hineingegangen und hätte die alte Dame mit
einer Schlinge um den Hals erwürgt gefunden, dicht am Küchenherde.
    Eine Frau Hauptmännin - hiess es; der Name ging Benno verloren, zumal in der
Eile, mit der man auf jeden aussein musste, der neue Mitteilungen brachte.
    Benno, inzwischen vollends angekleidet, wollte gleichfalls seinen Hut holen.
Ohnehin bekümmerte ihn, da ihn gestern Nachmittag ausschliesslich Bonaventura in
Anspruch genommen und er Nück nicht gesprochen hatte, die plötzliche Ahnung
einer Gefahr, in die sowol Hedemann's und des Obersten Ankauf als selbst die
momentane Schuldenbefreiung des Landrats und Rittmeisters von Enckefuss geriet.
Der »schöne Enckefuss« besass daheim, soweit Benno wusste, keinen einzigen
Beistand, keine einzige Hülfsquelle mehr. Die Gläubiger konnten sein Eigentum,
ein grösseres Anwesen vor und in Witoborn, in Anspruch nehmen und schon hatte
Hedemann davon eine Mühle und deren Gerechtsame für sich erstehen wollen von
einem der Witoborner Juden, der darauf eine Hypotek hatte, die dem ganzen
Werte des Grundstücks fast gleichkam ... Kaufte Hedemann sie von dem Gläubiger,
so erstand er sie zu geringerem Preise. Trat aber ein Gesammtkäufer ein, der die
Schuldner befriedigte und - wie der Assessor für seinen Vater hoffte - sich mit
diesem, der ohne Besitztum nicht mehr Landrat sein konnte, arrangirte, so
fielen vielleicht Hedemann's Hoffnungen nicht nur auf einen wohlfeilen Preis,
sondern vielleicht überhaupt die für den Ankauf und eine neue Begründung seiner
Existenz vorhandene Möglichkeit dieser Erwerbung fort. Liess Nück, ohne seinem
Hülfsarbeiter davon etwas zu sagen, diesen Ankauf in solcher Eile und hinter
seinem Rücken vollziehen - noch gestern früh war kaum die allgemeine
Bereitwilligkeit des oft gar seltsamen Procurators gewonnen gewesen -, so fiel
zwar die Hoffnung gerade nicht fort, dass Hedemann seine Mühle bekam, doch
jedenfalls wurde der Preis grösser, als durch den Ankauf von jenem Einzelnen, der
seine Hypoteken retten wollte. Und noch war seiner schnellen Combination
sogleich etwas Anderes rätselhaft gewesen. Nück's Neigung, dem bedrängten
Enckefuss zu helfen, schien ihm keine aufrichtige. Er hatte es sogar anfangs ganz
unbedingt abgelehnt. Und sogar von Hedemann und dem Obersten hatte er die Worte
fallen lassen: Bester, was ist denn nur das? Ich höre ja, diese beiden Leute
sind aus Amerika zurückgekommen und noch nicht ein einziges mal hat einer von
ihnen hier oder in Kocher am Fall oder in Witoborn einer Messe beigewohnt? ...
Benno wollte aufs schleunigste zu Nück oder Enckefuss.
    Ein Glück aber zunächst für den Kaffee, dass eben auch Tiebold wieder
zurückkam ...
    Rasch zuspringend auf das übersiedende Wasser und ohne die Bereitung des
Frühstücks aus dem Auge zu verlieren, erzählte er:
    Ja das ist schön! Ein richtiger completer Mord! Ich bin von der Wache
hinaufgelassen worden und habe mir die Geschichte angesehen! Hinter den
Vorhängen im zweiten Stock drüben ... Schauerlich! ... Braun und blau ... In der
Küche dicht am Feuerherd liegt eine alte Person ... mit 'nem grässlich
entstellten Angesicht ... und gerade als wollte sie in Todesangst
hinunterkriechen unter den Verschlag, wo das Holz liegt ... Der Mörder fasste sie
dabei von hinten ... erwürgt ist sie ... darüber kann kein Zweifel sein ... alle
Schränke und Kommoden in den Vorzimmern sind erbrochen ... ringsum liegen
Papiere zerstreut und durchwühlt ... und wie bei einer completten Hexe sieht's
aus ... ausgestopfte fürchterliche Vögel und Fussdecken von wilden Tierfellen
und lange indianische Lanzen mit Pfeilspitzen und Köchern .... Die Milchfrau
klingelte und klopfte heute früh, findet die Tür offen, geht hinein und sieht
die alte Person auf dem Pflaster der Küche liegen, wie gesagt, gerade am
Feuerherd.
    Keine Vermutung auf den Mörder? rief ein Chor von Hausbewohnern, der sich
die Resultate der Tiebold'schen Erkundigungen nicht entgehen lassen wollte und
das Vorrecht der Wirtsleute, einzutreten, durch Nachdrängen mitbenutzt hatte.
    Ich hörte nichts! ... sagte Tiebold.
    War sie denn ohne Bedienung -? stotterte ein alter zum Tod erblasster Garçon
aus der Dachstube, der sich im Nachtkamisol sein Frühstück eben selbst geholt
und die Milchkanne zitternd in der Hand hielt.
    Ihr letztes Mädchen, erzählte man, war schon vor Wochen abgezogen - sie
wartete auf ein neues - die Person war berüchtigt, dass kein Dienstbote bei ihr
länger als vier Wochen aushielt ... Erst in neuerer Zeit blieben manche etwas
länger ... Das waren Mädchen, die aus den Klöstern oder von Vereinen geschickt
wurden ...
    Da bei alledem dennoch die Frau Wirtin frisches Weissbrot, Milch und die im
Keller aufbewahrte Butter brachte, so kam der Name der Hauptmännin von Buschbeck
noch einmal an Benno's Ohr und jetzt erst war es ihm, als hätte er diesen doch
kürzlich von jemand nennen hören ...
    Erst, wie die Wirtsfrau erzählte, die Frau wohnte dort oben schon seit
sieben oder acht Jahren, wäre steinalt gewesen, nie mehr ausgegangen und schon
von andern Städten wäre sie um ihrer Bosheit willen hierher gekommen ... und
der, der sie umgebracht hätte, der müsste Bescheid gewusst haben ... erst wie das
alles allmählich auf Benno einwirkte und ihm plötzlich die Erinnerung kam, dass
er einen übel berüchtigten, leider mit seinem Principal, dem Procurator Nück,
vertrauten Mann, einen gewissen Jodocus Hammaker, einen verdorbenen Advocaten,
Winkelagenten und Makler verdächtiger Geschäfte zuweilen Abends von jener Stiege
herabkommen gesehen hatte ... erst da fiel ihm ein: Auf jener Fahrt von
St.-Wolfgang fragte ja Lucinde Schwarz nach einem solchen Namen und nannte ihn
geradezu eine Schwester der Frau von Gülpen!
    Benno stand so in Nachsinnen vertieft, dass er Tiebold's Bemerkung, eben
käme der Assessor von Enckefuss mit einem Schreiber daher und ginge auf das Haus
des Frevels zu und nähme wahrscheinlich das Protokoll auf, überhörte ... Die
Grauengestalt jenes Hammaker verliess ihn nicht ... Und Frau von Gülpen! ...
Seine Empfindungen für die Freundin seines Adoptivonkels waren die dankbarsten!
... Seine frühesten Knabenerinnerungen bewahrten der wunderlichen, an sich
respectabeln Frau ein mannichfach verpflichtetes Andenken! ... Seine frühesten
Lebenseindrücke ... welche waren es denn? ... Das lächelnde Antlitz einer
schönen vornehmen Frau, die einst wie unter Harfenklängen und Engelstimmen und
gerade wie selbst bei der grimmigsten Nordlandskälte sich die Kindheit in der
geweihten Nacht um der duftenden Aepfel, Nüsse und Wachskerzen willen die
sternenhellen, eisigen Lüfte draussen nur vom Lobgesang der Hirten und dem
Flügelrauschen himmlischer Heerscharen erfüllt denkt, aus einer glänzenden
Kutsche stieg, sich über ihn beugte und ihn küsste ... eine weite Reise dann, die
sich ihm unter dem Bilde einer endlosen Reihe von Bäumen eingeprägt hatte,
solchen, wie sie bei nürnberger Schäfereien krausköpfig von Holz geschnitten
sind und ebenso rasch umfallen, wie die langen Schwadronen bleierner Soldaten
... das Blitzen dann der Epaulettes des französischen Offiziers Max von Asselyn,
der ihn adoptirt hatte ... nicht, dass diese Epaulettes noch auf des
Adoptivvaters Schultern sassen, sondern er spielte mit ihnen, mit den abgelegten,
ausgedienten ... dann klangen ihm im Gedächtnis die dumpfen Glocken, die das
Begräbnis Maxens von Asselyn bedeuteten; den Sarg hatte er nicht gesehen, nur
den vom Kirchhof zurückkehrenden Geistlichen, eine hohe mächtige Figur in weissem
Ornat mit goldstarrendem Besatz, den Pfarrer Perl zu Borkenhagen ... dann
tummelte er sich mit Hedemann auf dem Gehöft der Aeltern desselben, ritt nach
Witoborn, Westerkamp und sah im Geiste immer die Leute aus der alten
Ludgeri-Kapelle bei Stift Heiligenkreuz kommen mit Gesangbüchern, von denen
sich, wie das so ist in unserm wunderlichen Vorratshause, dem Gedächtnisse,
gerade vorzugsweise der blitzende goldene Schnitt eingeprägt hatte ... auch die
vierspännige Kutsche des Grafen Joseph von Dorste-Camphausen, des letzten seines
Stammes, Vaters der Gräfin Paula, sah er oft ... dann wurde er in Pensionen
gegeben, hierher an den schönen Strom, erst in die Residenz des Kirchenfürsten,
dann unter Bonaventura's, des schon etwas Aelteren Aufsicht nach der nahe
gelegenen Universität, wo er die Vorbereitungsschulen und dann die Hochschule
selbst besuchte - alles das hatte der Dechant möglich gemacht und Frau von
Gülpen spielte bei diesen Phantasmagorieen der Erinnerung die freundlichste und
mütterlichste Rolle ... er wie Bonaventura wurden versorgt von ihr mit allem,
was nur zu des Leibes Pflege und Notdurft gehörte, Ausstattung an Wäsche und
wohlwollenden Ratschlägen aus ihrem bekannten reichen Schatz medicinischer und
diätetischer Erfahrungen ... Zwischen alles das aber hindurch hatte er nie von
einer Schwester der Freundin seines Oheims gehört, nie nur den Namen früher
nennen hören als zum ersten male durch Lucinden ... Und jetzt sollte dieser sich
so grauenvoll in Erinnerung bringen? Sollte in eine Verbindung treten mit dem
stillen Frieden der Dechanei? Sollte in jene leidenschaftslose, nur der Ruhe und
dem Behagen gewidmete Welt die düstersten Schatten werfen?
    Die Schonung und die Scheu vor Menschen, denen Benno so dankbar verpflichtet
war, hinderte ihn selbst gegen Tiebold sein Erstaunen und seine
tieferschütterte Ueberraschung auszusprechen.
    Unruhig und bewegt stand er auf und schritt in seinem Zimmer, deren Türen
er öffnete, auf und nieder ...
    Tiebold nahm, während sie dann von den Leuten frei wurden, die Tür
schlossen und frühstückten, seine Bemerkung, dass der Assessor von Enckefuss
drüben im Hause der Ermordeten wäre, dann Piter's Reise und die Gefahr des
Hedemann'schen Ankaufes wieder auf. Letztere stellte jedoch Benno entschieden in
Abrede.
    Nur staun' ich, sagte er, wie das seit gestern so rasch gegangen! Schon in
Kocher am Fall teilte ich Hedemann und dem Obersten mit, dass ich, wenn etwa
Nück der Gesammtgläubiger des Herrn von Enckefuss würde, dafür Sorge tragen
wollte, dass Hedemann die Mühle um den Preis bekäme, den er an den auf sie
angewiesenen Hypotekengläubiger zahlen wollte. Alle diese Gläubiger lassen mit
Freuden ihre Hypoteken mit einem Verluste ab, wenn sie nur überhaupt die
Subhastation vermeiden können, bei der sie verlieren; denn auf diese Besitzungen
wurde mehr Geld aufgenommen, als sie jetzt Wert haben. Kauft Nück durch seinen
Schwager die Hypoteken auf, so wird er der alleinige Gläubiger des
Verschuldeten und ich hoffe - indessen wünscht' ich doch zu wissen, ob der
Assessor lange drüben verweilt und ob er vielleicht -
    Herüber kommt? unterbrach Tiebold, sehr befriedigt von der dann
notwendigerweise eintretenden vollständigen Aussöhnung. Und dieser Aussöhnung
schon gewiss sagte er: Es ist einzig, welchen Nachdruck der Oberst und Hedemann
auf diese Erwerbung bei Witoborn legen!
    Beide haben, erklärte Benno und fixirte die Fenster, wo die Ermordung
stattgefunden - die Küche selbst lag nach hinten auf eine düstere und einsame
Brandmauer hinaus - beide haben den Stolz, da, wo sie zu Hause sind, mit dem
gebührenden Nachdruck ihrer ganzen alten Lebensstellung wieder auftreten zu
wollen!
    Hm! grübelte Tiebold und setzte kleinlaut hinzu: Wie viel anders könnte das
alles sein - wenn - Glauben Sie wohl, Asselyn, unterbrach er sich, dass ich
einmal, ich will nicht sagen jetzt, aber in einem Jahre oder zwei, einen - Korb
bekomme, falls ich als Bürgerlicher -
    Benno verstand vollkommen, dass Tiebold von einer Werbung um Armgart und den
Vorteilen einer Verbindung des Vaters mit seinem Vermögen sprechen wollte.
    Bürgerlicher? De Jonge! sagte er scheinbar ironisch, während ihm alle Nerven
zuckten und Tiebold's auch nur angedeutete Werbung einen Stich durchs Herz gab.
    De - de -? Ach so, Sie meinen - sagte Tiebold verlegen ...
    De Jonge -! Wer wird Ihnen einen alten niederländischen Adel abstreiten
können!
    Einen Adel, der viel Mesalliancen durchgemacht hat! Wir handeln jetzt mit
Brenn- und Nutzholz, aber kein Baum hat uns je so morsch auf Lager gelegen wie
unser Stammbaum!
    Das De sagt immer etwas -
    Hören Sie 'mal, meine sel'ge Mutter war sogar eine geborne Tor - Tor Möhlen!
    Zur Mühlen! Sie sehen, wie alles zusammenkommt, um das Wasser auf Ihre Mühle
zu treiben!
    Aber Joseph Tor Möhlen - Twist und Baumwolle -
    Haben Sie denn nicht gehört, dass der Oberst von Hülleshoven nicht übel Lust
hat, mit Hedemann die Mühle ganz einfach in eine Papierfabrik zu verwandeln?
    Nach dem Dechanten, als die Rede davon war, ein blosser Scherz ...
    Scherz, den der Oberst ernst zu nehmen der Mann ist! Oder haben Sie nicht
bemerkt, dass in diesem Sonderling ein Gelüsten lebt, dem ganzen Geiste seiner
Provinz gleichsam einen Fehdehandschuh hinzuwerfen?
    St! unterbrach Tiebold, der bei alledem so in Gedanken verloren war, dass er
seine Absicht ganz vergessen hatte, die Rückkehr des Herrn von Enckefuss aufs
Fenster blickend abzupassen und ihn gemütlich, als wäre nichts zwischen seinem
geliebten Hedemann und dem Assessor im Garten des Wirtshauses am Kreuzwege
vorgefallen, anzurufen. Aufhorchend fuhr er fort: Sie bekommen Besuch!
    Man hörte auch das gleichmässige und sichere Ersteigen der Treppe durch einen
festen Schritt, der an der Tür Benno's Halt machte ... Es klopfte und ohne erst
lange ein Herein! abzuwarten trat der Assessor von Enckefuss ins Zimmer.
    Vom Schauplatz eines Mordes zu kommen wird den Ruhigsten in Aufregung
bringen. Der Assessor war sonst ein Mann von einer seltenen Bestimmteit und
Fassung; heute, in aller Frühe schon vom Lager gerufen, um den Tatbestand eines
seltenen Verbrechens aufzunehmen und den Eifer und Scharfsinn seiner
Beigeordneten zur Entdeckung des Urhebers in Bewegung zu setzen, fehlte ihm fast
jene Selbstbeherrschung, die ihn nie und nur dann verliess, wenn er sich einmal
von einem im Grunde heftigen Temperamente fortreissen liess. Aus dem Scherze, den
er sich im Behagen, von seinem täglichen Amtsverdruss auf einige Tage einmal
ausgespannt zu sein, gegen Porzia Biancchi erlaubt hatte, würde ohne Benno's
Dazwischenkunft leicht gegen Hedemann eine rasche und schwer zu bereuende Tat
geworden sein.
    Die gewohnte Kaltblütigkeit des etwa im Anfang der Dreissiger befindlichen,
wohlgewachsenen und imponirenden Mannes kehrte zurück, als er Tiebold de Jonge
sah, der ihn seit dem Zusammenstoss mit Hedemann vermieden und in Kocher ganz an
Benno überlassen hatte. In jeder Lage, wo ein anderer durch eine unerwartete
Störung in Verlegenheit gebracht wird, knöpft ein Charakter wie der Assessor
sozusagen einen Knopf noch mehr zu und wird noch kühler werden, als ohnehin
schon in seinem Wesen und Benehmen liegt. Nun also schon wieder in dem gewohnten
Tone einer vor nichts erstaunenden Ruhe und Kälte sagte der in seinem Amte
gewiegte, in seinen Unternehmungen von guten Erfolgen begleitete Beamte:
    Herr von Asselyn! Ich suchte Sie gestern Abend überall vergebens - mein
Vater ist angekommen - in dem Drang seiner Angelegenheiten begaben wir uns
sofort zu Nück - eine Viertelstunde und die Verständigung war gemacht - ich
danke das ohne Zweifel Ihrer Vorbereitung! Machen Sie meinem Vater das
Vergnügen, heute im Englischen Hofe mit uns ein Frühstück einzunehmen - Auch
Sie, Herr de Jonge, sind vielleicht zugegen - obgleich Sie die Nacht nicht
geschlafen haben! setzte er nach einer leichten Verbeugung lächelnd hinzu.
    Woher wissen Sie das? fragte Tiebold mit nicht erkünstelter Kälte.
    Benno, um Reibungen zu vermeiden, hielt sich an die Ueberraschung, die ihm
die Ankunft des Rittmeisters und Landrats von Enckefuss verursachte. Er
wiederholte einigemal: Ich war bei meinem Vetter - im Schnuphase'schen Hause -
sieh, sieh - nun ist mir das schnelle Arrangement erklärlich!
    Tiebold bereute indes seine Aufwallung ...
    Um eine Coalition der Hypotekengläubiger zu sprengen, fuhr der Assessor
fort, reiste Herr Kattendyk noch in dieser Nacht nach Witoborn ab - man hat Sie
in aller Frühe im Bahnhof gesehen, Herr de Jonge - also vermut' ich, dass ich
richtig erriet - indessen bis zwölf Uhr, wo uns mein guter Alter erwartet,
könnten Sie noch ausgeschlafen haben und es wird Sie freuen, Herr de Jonge, ich
habe ausdrücklich die Käuflichkeit der Mühle für meinen intimen Feind, Herrn
Remigius Hedemann, beim Vater und bei Nück ausbedungen - auch zu dem Preise, für
den sie der Gläubiger ablassen wollte! Dass diese Sorgen hinter mir liegen, dank'
ich Ihnen, Herr von Asselyn! Also ich hoffe, Sie kommen!
    Benno schützte, wenn er ausbleiben sollte, die Abhängigkeit von Bonaventura
vor.
    Tiebold, rasch jetzt erwärmt und versöhnt, rückte mit seinem Stuhle dem
Assessor näher, zeigte ihm das auf dem Platz so zunehmende Gewühl, dass schon
Militärwache berufen wurde, die Leute vom Eindringen in das Haus, wo die Tat
begangen war, zurückzuhalten, und fragte nach seiner Ansicht über den Vorfall.
    Das ist eine traurige Affaire! sagte der Assessor. Die Alte wurde mit einer
Schlinge erwürgt, gerade wie man einem Stier den Hals zuschnürt und ihn dann
niederzieht! Sie muss von ihrer Stube bis hinten in die Küche geflüchtet sein, wo
der Mörder sie am Feuerherd festielt und so vollends -
    Und keine Vermutung? fragten beide Hörer zu gleicher Zeit.
    Gesindel haben wir genug in der Stadt! sagte der Assessor und lehnte die
angebotene Teilnahme am bescheidenen Frühstück nicht ab. Sie wissen ja von dem
Knecht aus dem Weissen Ross, der in St.-Wolfgang den Sarg erbrochen! Der Mensch
soll hier in der Stadt gesehen worden sein! Uebrigens war diese Frau berüchtigt
durch ihren Geiz. Seit Jahren ging sie nicht mehr aus. Dennoch fehlte es um sie
her nicht an Verkehr. Sie nannte sich eine Frau Hauptmann von Buschbeck, während
ihr nur ein anderer Name gebührt - er steht in den Acten. Geldmittel erhielt sie
mit grosser Regelmässigkeit von unserer Freiherrlich Wittekind-Neuhof'schen
Kameral-Verwaltung bei Witoborn. Vor vielen Jahren war sie in Diensten des alten
Freiherrn von Wittekind!
    Benno hörte mit beklommenem Herzen die Bestätigung der Beziehungen der
Ermordeten zu Schloss Neuhof ...
    Die Alte, fuhr der Assessor fort, kam vor sieben oder acht Jahren hieher und
brachte bald die Polizei mit sich in Berührung. Kein Dienstbote blieb länger als
einige Wochen bei ihr, mancher kaum einige Tage. Sie quälte und mishandelte sie
so lange, bis niemand mehr zu ihr ziehen wollte. Bei dem Geiz ihrer Lebensweise
hätte sie für sich allein auskommen können, ohne Bedienung, aber wahrscheinlich
hatte sie das Bedürfnis der Gesellschaft. Sie half sich zuletzt, wie ich gehört
habe, durch einen Rat Ihres in allem kundigen Procurators!
    Nück's? fragte Benno sinnend und keineswegs erstaunt ... Die Klugheit
desselben war ihm geläufig.
    Sie deponirte ein Testament mit Nück's Hülfe und bekam von ihm oder von
seinem damaligen Gehülfen Hammaker -
    Benno bemerkte ein momentan aufblitzendes, wenn auch nur ganz kurzes
Leuchten in den Augen des Assessors -
    Von Hammaker, glaub' ich, den Rat, einer geistlichen Schwesterschaft ein
Legat auszusetzen und sich von dieser dann die Dienstboten besorgen zu lassen.
Der Vermittler ist Schnuphase - Sie kennen ihn ja -! Dass unser gefälliger und so
zartfühlender Herr Maria die Auszahlung des Legats durch eine am Halse der Alten
angebrachte Schlinge hat befördern wollen, ist nicht anzunehmen ...
    Ebenso wenig wie von einer der durch die Schwesterschaft zugeführten Mägde
... ergänzte Tiebold mit jener aufwallenden Empfindlichkeit, die hier zu Lande
bei der geringsten Reizung religiöser Beziehungen üblich ist.
    Meine Herren, sagte der Assessor lächelnd, ich werde Sie schonen und Ihr Ohr
auch nicht mit der Ansicht beleidigen, dass die bekannte Schwesterschaft zu den
Nothelfern die Alte hat umbringen lassen ...
    Und fast verdriesslich lehnte er eine zweite Tasse Kaffee ab und wollte sich
entfernen. Ihm genügte, die Einladung gemacht zu haben zum Frühstück mit seinem
lebensfrohen und jetzt, wie es schien, ganz sorglos gewordenen Vater.
    Benno versicherte, dass Tiebold ohne Vorurteile und vollkommen neugierig
genug wäre zu vernehmen, welche Rolle bei diesem tragischen Vorgang die
Schwesterschaft zu den Nothelfern spielte.
    Meine Herren, sagte der Assessor, ich gehöre Ihrer Kirche nicht an, aber
wenn Sie es hören wollen, so versichere ich Sie, dass Hamlet's Wort zu Horatio:
»Es gibt Dinge unter dem Monde, die unsere Schulweisheit sich nicht träumen
lässt!« hier am Platze ist. Diese Frau bekam vor drei Jahren keinen Dienstboten
mehr; seitdem sie aber mit Hammaker, wollt' ich sagen mit Nück gesprochen, geht
alles. Die Schwesterschaft beauftragt Schnuphase, die Mädchen vom Lande zu
holen. Lebensfrohe passen natürlich für diese Stellung nicht und solche, die
zuletzt in ein Kloster gehen, entdeckt schon ein so kundiger Blick wie der des
Herrn Wachslichterfabrikanten. Die Aufgabe, die Klöster, zu bevölkern, ist von
Rom gestellt. Wir haben der Klöster noch immer mehr, als mit der Richtung und
dem Geschmack des neunzehnten Jahrhunderts im Einklang steht. Was ist zu tun?
Man muss ihnen einen Zuwachs künstlich erwerben. So werden die Wallfahrten in
Aufnahme gebracht, so fangen die wundertätigen Heiligenbilder an Blut zu
schwitzen und Tränen zu weinen, so werden Vereine gestiftet, Gesellen-,
Meister-, Lehrlingsvereine, Vereine für Erkrankung und Beerdigung, Vereine für
Bildung und Unterhaltung, Nähvereine für die Mädchen, alles unter kirchlichen
Formen und mit geistlicher Assistenz und vor allem hat Rom den Beweis zu führen,
dass wirklich für die Klöster eine nicht mehr zu hemmende Sehnsucht im Volke
vorhanden wäre. So lockt man die Gemüter in die Bahn der Entsagung, fesselt sie
durch entsprechende Vorbereitungen, macht sie mit den auch dem Klosterleben
nicht fehlenden Annehmlichkeiten vertraut und die Folge ist, dass -
    Doch nicht etwa, fiel ungeduldig Tiebold ein, die Person da drüben von
Jesuiten oder sonst einem Eurer Gespenster umgebracht ist?
    Der Assessor erhob sich und nahm zwar nur die Miene an, als wenn ihn der
zunehmende Lärm auf dem Platze zwänge zu seinen Amtsgeschäften zurückzukehren,
aber es vertrieb ihn eine unverkennbare Aufwallung und Entrüstung.
    Rasch abbrechend und aufs neue an die Hoffnung erinnernd, beide Freunde um
zwölf Uhr im Englischen Hof bei seinem Vater zu finden, verliess er ohne viel
Förmlichkeit das Zimmer.
    Und mit einem Ausdruck, als wollte er sagen: Freund, wenn Sie sich doch
nicht in Dinge mischten, die Sie nicht verstehen! begann nun Benno:
    Da haben Sie jetzt die Antwort auf Ihren Witz und Ihren gewohnten
Scharfsinn!
    Nein aber auch unglaublich, was diese Menschen herausspioniren! polterte
Tiebold.
    Seien Sie versichert, mein Bester, sagte Benno, dass der Assessor von
Enckefuss die Jesuiten für keine Gespenster zu halten vollkommen berechtigt ist!
Die Bewegung auf diesem Gebiete ist für den, der im Dunkeln sehen kann, die
eines Ameisenhaufens! Ich habe, wie Sie wissen, an und für sich meine Freude
daran. Nicht weil ich dieser Pfafferei und dem römischen Wesen den Sieg gönne,
sondern weil in die dumpfe Stille unserer Zustände, in die Stagnation jedes
politischen Lebens, in die niedergehaltene patriotische Kraft und nationale
Gesinnung denn doch irgendetwas hereinbricht und der geistigen Sklaverei, der
Bureaukratie, dem in allen Massnahmen vorausgesetzten »beschränkten
Untertanenverstande« ein Ende macht! Ich gehe nicht so weit wie Nück, dem die
Religion Bagatelle ist und der sich nur vergnüglichst die Hände reibt, weil die
Minister, die z.B. so erbittert seine Assisen und seinen Rechtscodex hassen und
verfolgen, nun doch einmal von der sonst loyalsten Seite aus und innerhalb einer
gar nicht zu bestreitenden Berechtigung jetzt in die ärgsten Verlegenheiten
geraten - diesen Cynismus der Gesinnung besitz' ich nicht - wie Sie denn
überhaupt in Kocher am Fall, bester Freund, meine Verehrung vor dem verbitterten
und die Sackträger um ihr Kegelschieben beneidenden Mann unerlaubt übertrieben
haben! Von Ihrer ganzen Auffassung meines Herzens und meiner Lebensansichten
werd' ich überdies die Ehre haben, Ihnen einfach zu sagen, dass Sie sich irren,
lieber alter Freund! Ich habe einen unverwüstlichen Trieb zur Gerechtigkeit und
wer den hat der wird andern immer kalt erscheinen! Seine Prüfung, niemanden
Unrecht zu tun, wird immer länger dauern als der flackernde Entusiasmus der
minder Bedenklichen. Von meiner persönlichen und Privat-Lebensstimmung will ich
gar nicht reden, aber die Zeit selbst wird so ernst, lieber Freund, die
Umstände, die uns umgeben, wachsen zu solcher Bedeutung heran, dass wir mit
unserm bloss so dreinfahrenden natürlichen Instinct die grössten Torheiten und
sogar Sünden gegen den Heiligen Geist begehen können! Lassen Sie mir nur mein
Sibirien im Herzen, lieber Freund! Es ist so kalt nicht, dass ich nur mit
Pelzhandschuhen zu tractiren wäre! Aber auch wenn es drin Sommer werden sollte,
wird eine gemildertere Temperatur immer gut sein Ihren Extremen gegenüber, Ihren
Aufwallungen, Ihren unbedachten, frevelhaften, höchst maliciösen -
    Benno musste sich schon zurückziehen ...
    Denn Tiebold war so vollkommen aufgelöst vor Zerknirschung, Reue,
Seligkeit, Stolz, einen solchen Freund zu haben, vor so merkwürdiger
Ueberraschung, »dergleichen zu hören«, vor so aufrichtiger Dankbarkeit,
»dergleichen zu lernen«, dass ihm schon mit beiden zur Versöhnung ausgestreckten
Händen das Schrecklichste der Schrecken, eine Umarmung, drohte ...
    Benno fuhr sich retirirend fort:
    Ihre Extreme sind immer das Echo des letzten energischen Eindrucks, den Sie
irgendwo empfangen haben! Wettert der Oberst gegen die Misbräuche unserer
Kirche, so sind Sie zum Ketzer reif! Hier dem Assessor gegenüber sehen Sie keine
Jesuiten und rennen vielleicht heute noch vor Ekstase in einen Beichtstuhl!
    Nie! Nie! Seit neun Jahren nicht! Auf Ehre! versicherte Tiebold, nun wieder
wie ein zweiter Huss und Wiclef.
    Dann schämen Sie sich, fuhr Benno fort, dass Sie dem vernünftigen Mann seine
Fährte durchkreuzten, die gerade doch auf einen Menschen hinauszukommen scheint,
der sich dem bösen Weibe unter gewissen religiösen Vorspiegelungen und Intriguen
zu nähern wusste ...
    Indem trat Benno's Schreiber ein, ganz erfüllt von dem Vorfall, dem die
Bewegung schon der halben Stadt galt ...
    Benno nahm von Tiebold's sich selbst anklagenden lyrisch-sentimentalen
Vorwürfen Abstand und sagte:
    Ich will arbeiten, wenn der verdammte Lärm mich dazu kommen lässt! Sie aber,
de Jonge, gehen Sie nach Hause und schlafen Sie aus und lassen Sie sich Punkt
halb zwölf Uhr wecken! Ich bin begierig, den alten Haudegen, den Rittmeister von
Enckefuss, kennen zu lernen! Ja Sie müssen schon deshalb dabei sein, um sogleich
an Hedemann schreiben zu können! Vielleicht erzählt uns auch des Assessors
Vater, was Hedemann gegen ihn so speciell auf dem Herzen hat!
    Damit wurde denn Tiebold fast gewaltsam von Benno zur Tür hinausgedrückt,
und er ging; im Hochgefühl, seinen starken und festen Freund wieder ganz so zu
haben, wie er seiner bedurfte. Zwar knirschte er an seiner Kette, lag aber doch
mit solcher Wonne an ihr, dass er jetzt jedem, der ihm etwa auf der Strasse und
bis zu den Holzhöfen seines Vaters hinauf von Bekannten begegnete, die »Ideen«
(freilich als die seinigen) wiederholt haben würde, die er soeben von Benno
gehört hatte. Ja er würde jetzt keinen Anstand genommen haben, anzudeuten, dass
die Frau Hauptmännin von Buschbeck ein »nächtliches Opfer der Jesuiten« war.
    Für Benno, der sich zur sofortigen Abfassung erst eines discret
vorbereitenden Briefes an den Onkel in der Dechanei und dann zum Arbeiten setzen
wollte und von dem Schreiber die wirren Gerüchte, die er teilweise schon
kannte, wiederholt erhielt, war es ein seltsamer Eindruck, beim nochmaligen
Hinunterblicken auf die Strasse, wo jetzt der Zudrang der Menschen von einem
Piket Soldaten abgesperrt wurde, den Assessor von Enckefuss über die
leergewordene Mitte des Platzes, allgemein sichtlich, dahinschreiten zu sehen
mit jenem Manne, den er einige male in nächtlicher Weile von der Treppe des
Hauses gegenüber hatte herniedersteigen sehen, Jodocus Hammaker ...
    Er kämpfte mit sich, nicht den Verdacht auf diesen Mann irgend jemanden
schon auszusprechen ... Denn Hammaker war der Vertraute seines Principals in
einem Grade, der schon seit einer Reihe von Jahren um so mehr das Erstaunen der
Stadt war, als sich gegen die Rechtlichkeit des vielbewunderten, vielgesuchten
und so ausserordentlich reichen, deshalb auf Umtriebe nicht im mindesten
angewiesenen Schwagers Piter Kattendyk's, Dominicus Nück, nicht das Mindeste
einwenden liess.
 
                                       2.
Zur selben Stunde klopfte es im Kattendyk'schen Hause auf das allerheftigste an
jene Tür, hinter welcher Treudchen Lei heute nur zwei Stunden hatte schlafen
können.
    Denn schon um sechs Uhr glaubte sie aufstehen zu müssen. Gut und gern hätte
sie sich bei dem Befinden ihrer Herrschaft und der Freiheit ihrer Mitdienenden
noch eine Stunde gönnen dürfen, um die durch ein Misverständniss verlorene
Nachtruhe wenigstens um einen Traum mehr nachholen zu können.
    Freilich war sie mit einem Traum erwacht, nach dem sie nie mehr wieder
anders hätte träumen mögen.
    Sie hatte geträumt leibhaftig ihre Mutter zu sehen ... nicht etwa als
Lebende, wie sonst, sondern als Todte, Erstandene, als seliger Geist und
wirklich vom Jenseits her sie anredend und begrüssend ...
    Eben, wie sie der Turmschlag der sechsten Stunde, wie sonst die Turmuhr
der alten braunen Stadtkirche in Kocher am Fall weckte, sprach doch gerade die
Mutter mit ihr wie aus einer sie verklärenden Wolke heraus, streckte förmlich
ihr die Arme dar und lachte fast, unter Tränen und vor Wonne, sie nun gleich
mit einer einzigen nur noch ein wenig weiter auszudehnenden Bewegung umfangen zu
können ...
    Und sie selbst hatte das Wort: Mutter! wie einen Jubelton gerade auf den
Lippen ... wollte gerade in dem ganzen Ueberschwall des Herzens mit den Armen
die geliebte, seltsamerweise nur im Oberkörper sichtbare Gestalt umfangen, den
freundlichen, lebenswarmen Mund an ihre Lippen drücken, da gerade erwachte sie
und sie erwachte auch vielleicht nicht ... sie war vielleicht vorher schon wach
und dieser Traum war die ganz wirkliche Erscheinung eines seligen Geistes
gewesen.
    Glücklich durch diese immer mehr sich befestigende Ueberzeugung, glaubte
Treudchen nun, dass die Mutter in irgendeiner Form leben könnte und wach sein und
ganz dicht um sie und über sie und ihre Geschwister, die im Waisenhause der
Stadt waren, schweben ... Die Pein des Fegfeuers musste sie also glücklich und
schnell überstanden haben, dank der gründlichen Versehung mit den letzten
Heilsmitteln durch den geliebten Priester, der täglich und stündlich von ihr und
ihrer hochverehrten Freundin und Beschützerin Lucinde Schwarz erwartet wurde.
Nachdem sie sich eben aus ihrem Danae-Zustande - Danae muss blond gewesen sein,
weil ihre Schönheit Jupitern auf den Gedanken brachte, sie gerade in ihrer
eigenen Gestalt zu überraschen - in die erste notwendigste Kleidung geworfen
und ihr auch Jupiter-Piter's Zudringlichkeit dabei nicht mit allzu grellem
Schrecken eingefallen war, fuhr sie nur zusammen bei dem schnellen Ersteigen der
Treppe draussen, das sie hörte, und bei dem Klopfen an ihre Tür.
    Sie öffnete ...
    Es war das so liebe gute herzige Fräulein Lucinde! Sie kam in ihrer täglich
jetzt an ihr gewohnten schwarzseidenen vornehmen Tracht, die ihr doch gerade
stand als wollte und könnte sie alle Tage Aebtissin werden.
    Kind! rief Lucinde, heute in einem ganz weltlichen Tone, den sie noch gar
nicht an ihr vernommen hatte; das Aller-Allerneueste ... ich komme schon aus der
Frühmette ...
    Treudchen konnte nichts Schlimmes erwarten; denn Lucinde war zwar erglüht
vor Aufregung, aber nicht gerade wie über einen Unglücksfall ...
    Die ganze Stadt ist in Bewegung - fuhr jedoch Lucinde, sich erst etwas
erholend, fort; diese Nacht ist ja die Frau, Kind, bei der du dienen solltest,
ermordet worden!
    Nun stand sie freilich starr ... Dass das ein ängstlicher Dienst gewesen
wäre, wusste Treudchen schon von dem Stadtpfarrer Hunnius, der unbedingt auf
Lucindens Verlangen die Aenderung des Schnuphase'schen Engagements getroffen
hatte .... Schnuphase hatte auf dem Lande ein anderes Opfer suchen müssen, ein
Opfer, bei dem immer sozusagen zwei Fliegen, ja oft drei mit Einer Klappe
getroffen wurden: Eine Magd für die gottselige Testatorin, die Frau Hauptmännin
von Buschbeck; eine Nähterin entweder für die Schwesterschaft zu den Nothelfern
oder für seine eigenen heiligen Gewand-Stickereien oder für einen mysteriösen
Weisswäsch-Handel seiner Töchter; und zuletzt drittens, da alle diese Institute
ohnehin schon über die Sprachgitter der Klöster hinausführten, manchmal auch
noch eine der von Rom so dringend verlangten Bräute des Himmels für diese
Klöster selbst ... Aber die Freude, die Genugtuung, die Lucinde über dies
traurige Ende zu empfinden schien, konnte sie ihr denn doch nicht nachfühlen.
    Ich komme die Strasse daher, erzählte Lucinde und raffte sich aus ihren wie
jetzt ganz lebendig gewordenen und um sie her just wie in einem Krebskorb
drängenden Kindheitserinnerungen, den Zwetschenkernen, den Tauben, den Mäusen
auf; ich komme die Strasse daher und will zur Katedrale! Da hör' ich ja das
lebhafte Reden der Menschen, das Rennen nach einer bestimmten Gegend hin, und an
einem Platz, wo ich, seitdem ich hier bin, täglich zu den Fenstern habe
aufschauen müssen, weil ich wusste, da wohnt der schlimme Drache, erfahr' ich,
was ihm begegnet ist! Es hat sie einer umgebracht! Hinauf durft' ich nicht, aber
ich höre, sie liegt - kalt in der Küche am Feuerherd ...
    Lucinde erzählte das mit sichtlichem Behagen. Aber jetzt bekam sie doch
einen Schauer, als überliefe sie Eisesluft ... Da, wo sie einst meinen Tauben
den Hals umdrehte! rief ein ganzer Chor von schadenfrohen Dämonen in ihrer Brust
und die schüttelten sie.
    Wer es gewesen ist, fuhr sie fort, weiss man noch nicht! Schildwache und
Polizei stehen am Hause! Treudchen! Treudchen! Wenn du bei ihr gedient hättest!
    All ihr Heiligen! So würd' es vielleicht nicht geschehen sein! sagte die
Kleine und klagte sich nun gar selber an ...
    Was? Es hätte dich mittreffen können! berichtigte Lucinde und streichelte
die Fülle des goldenen Haares, die Treudchen sich bei alledem ihr Anziehen nicht
vergessend mit einer kühnen Schwenkung um den weissen Nacken warf.
    Treudchen fand sich in die Auffassung ihrer Gönnerin.
    Und was wirst du nun heute beginnen? Wie war die Nacht? Ist dein Nachbar
fort, der junge Herr? fragte Lucinde in Eile und den Tod der Buschbeck gleichsam
wie ein fertiges und bereits eingebundenes Buch in die Bibliotek ihres Lebens
stellend.
    Ich will sehen, dass ich meine Geschwister im Waisenhause besuchen kann -!
erwiderte Treudchen, die über die Erwähnung der Nacht und des Nachbars über und
über errötete ...
    Lucinde bemerkte aus den hervorgestotterten Antworten nichts Besonderes und
es drängte sie ja auch mit Macht, jetzt zu sagen:
    Der Pfarrer von St.-Wolfgang ist angekommen!
    Auf den freudigen Ausruf Treudchens fuhr sie fort:
    Ich erfuhr es schon gestern Abend bei der Commerzienrätin ... die Domherren
sprachen davon ... Wirst du hingehen, ihn zu begrüssen? ... Ich dächte doch! ...
Tu' es ja!
    Ich hoffe, Madame Delring lässt mich ein Stündchen ausgehen!
    Indem klingelte es einige Zimmer weiter und sogar zweimal ...
    Lucinde war schon auf dem Sprunge zu gehen ...
    Aber Treudchen sagte:
    Nein, das gilt dem Bedienten! Einmal geklingelt das bin ich! Dreimal ist
unten die Katrine, die Köchin! Die Herrschaft will jedoch von jetzt an allein
zu Mittag speisen! Das Treppensteigen wird der Madame zu beschwerlich!
    Lucinde schüttelte den Kopf, als wollte sie sagen: Nein, das ist nicht der
Grund! ...
    Sie hielt aber an sich und liess dadurch Treudchen Zeit aufs neue zu dem
Erlebnis mit der ermordeten alten Frau zurückzukommen. Ihrem grössten Triumphe
konnte Lucinde gar nicht einmal Worte geben; denn wem gönnte sie mehr diese
Demütigung als der Herrin der Dechanei zu Kocher am Fall, Petronella von
Gülpen? Hätte sie nur die Verwandtschaft noch ein wenig bestimmter gewusst! Der
Name »Fräulein von Gülpen« für die Hauptmännin von Buschbeck schien hier
niemanden geläufig wie einst ihrem Stadtamtmann damals in der Stadt, wo sie bei
ihr gedient hatte. Selbst Schnuphase, durch den doch die gewiss erst von der
äussersten Not und Verzweiflung abgerungenen frommen Spenden der Ermordeten
gingen und den die Schwesterschaft zu den Nothelfern in Bewegung setzte, um
mitzuhelfen das ausgesetzte Legat zu erwerben, selbst Herr Maria hatte nichts
gewusst von dieser ursprünglichen Herkunft und so nahen Verwandtschaft seiner
Schutzbefohlenen mit der hochverehrten Dame in der Dechanei.
    Doch selbst wenn Lucinde über die Verwandtschaft ganz sicher gewesen wäre,
hätte sie vielleicht ihren innern Jubel, der jede Leidenschaft natürlich, Liebe
wie Liebe und Rache wie Rache nahm, gemässigt. War doch ihr fester Vorsatz, in
diesem Hause, das ohnehin so wirr und geräuschvoll auf sie einstürmte, und
überhaupt in ihrem ganzen Benehmen sich auf ein Nichts zu stellen ... Dein
bisschen Verstand willst du an die Kette legen! Das hatte sie sich schon gesagt,
als ihr Schnuphase zur Seite sass und in seinem von ihm selbst gefahrenen
Wägelchen genugsam ihre Satire herausforderte. Du willst nicht lachen über die
Devotion des Mannes, nicht über seine Sprechweise, nicht über den Durst seines
Gaules, der immer auch den seinigen involvirte, wenn er auf ihrer fast einen Tag
dauernden Reise abstieg! Sie liess ihn erzählen von den Bienen, von seinen
Töchtern, von allen offenen und geheimen Schwester- und Brüderschaften, von
Gespenstern und Geistern und Wundern, von Rückkehrenden aus dem Jenseits, die
berichteten, welchen Vorzug dort oben die Rechtgläubigen genössen, von den
Nonnen, die wieder die blutenden Male des Erlösers zu zeigen anfingen, von allem
liess sie ihn reden und staunen und hütete sich wohl ihrer Art so den Zügel
schiessen zu lassen, wie etwa an der Maximinuskapelle über die Heiligenbilder
Napoleone Biancchi's oder die alten Münzen und die seltsame Production der
Jahrhunderte beim Wirte zum Weissen Ross. Sie glaubte alles, selbst an die
Frömmigkeit der Frau Hauptmännin und an die andächtigen Lieder, die diese zu
ihrer Guitarre mit zwei Saiten abendlich singen sollte. Sie glaubte an das Glück
aller der Mädchen und jungen Männer, die Herr Maria schon überredet hatte in die
Klöster zu gehen. Sie glaubte an einen Krieg, den Oesterreich erklären würde,
wenn dem Kirchenfürsten nur irgendein Härchen gekrümmt würde ... Immer nur hörte
sie und blinzelte mit den Augen und nahm sich vor, durch Denken, Urteilen,
Aufblicken niemanden in der Welt mehr aufzureizen. Auch im Hause der Kattendyks,
vor der unruhigen, ewig agitirten Frau Commerzienrätin, vor der anspruchsvollen
noch ledigen Tochter, vor der eiteln Frau Procurator Nück, vor den Hausfreunden
blieb sie sich in dem System, ungefährlich zu erscheinen, gleich. Sie antwortete
nur, wenn sie gefragt wurde. Und gewiss war das ein eigener Eindruck, die hoch
aufgeschossene Gestalt mit dem so ausdrucksvollen schwarzäugigen Kopfe, der
vorgeneigten Stirn, den behenden ebenmässigen Gliedern, weltkundiger Art des
Benehmens, doch in dem Hause so an den Wänden entlang schleichen zu sehen, jedem
ausweichend, niemanden ansehend. Und diese Rolle war nicht einmal ganz
Verstellung. Sie hatte wirklich in tiefster Ueberzeugung die Ansicht gewonnen,
dass in ihr besonders für die Frauen etwas Herausforderndes und Verletzendes läge
und dass sie es jetzt ganz gut, ganz klug treffen würde, wenn sie sich um jeden
nur irgendwie auffallenden Effect lieber gleich selbst brächte.
    Ihr Bangen dabei war Bonaventura's Ankunft und - seine mögliche Begegnung
mit dem Mönche Sebastus! ... Diese Furcht mehrte nicht wenig die Angst und Sorge
ihres in der Tat eingeschüchterten und bitter vergrämelten Gemüts.
    Den Mönch hatte sie noch nicht entdecken können, aber täglich hörte sie von
ihm reden und seine Flugschriften und die Aufsätze bewundern, die er in die Welt
streute. Mit dem Wandeln, den Topf in der Hand, wie Beda Hunnius geschildert,
mag es doch wohl nicht so weit her sein! hatte sie sich schon spottend gesagt;
aber kaum entdeckte sie, dass sie am Abendtisch der Commerzienrätin, vor dem
silbernen Teeservice, bei einem solchen Einfall über des Mönches Heiligkeit die
Miene verzog, unterdrückte sie auch schon den Zweifel und horchte und lauschte
nur und schien überhaupt immer nur still vor sich hin zu beten ... Die
Gesellschaft der Commerzienrätin staunte über so viel Frömmigkeit. So oft von
dem Domvicariate, das zu besetzen war (von Bonaventura's möglicher Designation
schien man noch keine Ahnung zu haben), die Rede ging, ergoss sich über ihr
ganzes Sein ein warmer Strom, in ihren Adern fing es an zu rinnen und merkte das
denn doch z.B. der alte Ex-Schauspieler Pötzl, der eigentlich nur die Aufsicht
über zwei Bologneserhündchen der Commerzienrätin zur einzigen Lebensaufgabe
hatte, und sagte dergleichen, so war es nur ihre Teilnahme für den neuen
Glauben gewesen. Ach, ihr neuer Glaube war: Hier in dieser grossen Stadt erhört
dich Bonaventura doch noch und nennt dich seine einzige und wahre Liebe! Als sie
den Domherrn Taube und sogar zweifelnd berichten hörte, die Gräfin Paula von
Dorste-Camphausen zu Westerhof bei Witoborn hätte neuerdings wieder Visionen
gehabt und verrichtete sozusagen Wunder und als im Gegenteil der Medicinalrat
Goldfinger vom Standpunkte einer gotterleuchteten Naturwissenschaft an dieser
Möglichkeit gar nicht im mindesten zweifelte und auch die Commerzienrätin schon
die Hände faltete und alle Schäden ihres Leibes und ihrer Seele überlegte, die
sie vielleicht der »Seherin von Westerhof«, wie man sogleich den Titel
feststellte, zur Begutachtung und Heilung vortragen könnte (von Piter's Reise
gerade dortin auf Witoborn zu konnte nicht gesprochen werden, da Piter nicht
mehr »der Mann« war über seine Schritte im Hause irgendjemanden Rechenschaft zu
geben), da erwachte schon wieder die alte glühende Eifersucht in Lucinden und
ihr, der Aufgeklärten, ihr, die z.B. zu Treudchen's Erzählung, sie hätte eben
ihre Mutter gesehen und ordentlich mit ihr gesprochen, tief überzeugt entgegnen
konnte: Kind, die Todten sind todt! stand fest, dass Paula bereits die Annäherung
Bonaventura's in ihren Lebenskreis merkte und in Ekstase gerate nur durch das
von ihr geahnte Näherkommen dessen, mit dem sie im magnetischen Rapporte stand.
    Auch Treudchen gegenüber blieb Lucinde bei den Schleiern, die sie über ihr
ganzes Wesen deshalb ziehen zu müssen glaubte, um nicht neue Dolche in ein Herz
gestossen zu bekommen, das ihr für neue Täuschungen keine Kraft mehr zu haben
schien.
    Und als es nun unten im ersten Stocke lebendiger zu werden anfing und sie
leise auf den Corridor hinaustrat, um lieber gleich über Piter's luftige Treppe
auf den Schauplatz ihres Wirkens zurückzukehren, sagte sie noch:
    Kind! Die Commerzienrätin möchte gern manches wissen, was Madame Delring
tut! In welchen Büchern sie läse? Ob sie betete? Ob sie lange mit ihrem Mann
allein spräche? Die Frau will ihr Kind im Glauben ihres Mannes, der Protestant
ist, taufen lassen! Das ist ein grosser Kummer für die ganze Familie! Gib darauf
Acht, was dir etwa ketzerisch erscheint! Sag' es immer erst mir, damit ich sehe,
ob man es wieder berichten muss! Auch verlange fest und bestimmt, dass du alle
drei Tage in die Messe gehen müsstest! Die Commerzienrätin will das! Sage nur,
du wärst's einmal so gewohnt und hättest sonst keine Ruhe! Hörst du? Ich soll es
dir sagen!
    Treudchen, die diese Anleitung zur Rechtgläubigkeit ganz in der Ordnung
fand, hätte gern auch einige Winke gehabt für ihr Verhältnis zu ihrer so nahen
Nachbarschaft, zu Pitern und seinen Freunden, und sie hätte, wenn Lucinde ihre
schüchterne Andeutung hätte nicht verstehen wollen, das Erlebte selbst erzählt;
aber Lucinde huschte schon davon und flüsterte nur noch, indem sie Treudchen
über das Geländer etwas Geld in die Hand steckte:
    Da! Wenn du den Pfarrer besuchst, kauf' ihm Blumen! Hörst du? Am Dom stehen
so wunderschöne! Ist er nicht zu Hause, so stelle sie selbst ins Zimmer! Hörst
du? Nicht etwa durch die Damen Schnuphase - verlang' es, dass du es selbst tust!
Sie gönnen dir's nicht und geben sie ihm nicht! Einen grossen vollen mächtigen
Strauss kaufe und mit Orangenblüten - hörst du? Man verkauft sie so! Vergiss es
nicht! Aber um Himmels willen, sprich nicht von mir!
    Treudchen war nun schon allein und beeilte sich, die Windungen ihres Haares
zu befestigen - ihr schwarzes Merinokleid hatte ihr schon vorher Lucinde hinten
geschlossen - und die selbstgestickten Pantoffeln vertauschte sie mit Schuhen
vom besten, freilich etwas derben kockerer Leder.
    So beim Ueberbeugen zur Erde - was machte da nicht alles die Brust eines so
jungen Lebens schon so schwer! Die gestrige Scene mit dem »jungen Herrn«! Nun
der Mord der Frau, bei der sie hatte dienen sollen! Die Ankunft des Pfarrers und
die Blumenspende! Die Aufsicht über die ketzerischen Gesinnungen ihrer
Herrschaft! Ihre Geschwister unter den Waisen! ... Wäre nicht der volle Nachhall
der Erscheinung ihrer Mutter gewesen und es noch so in ihr lebendig, als hörte
sie deutlich das Jubelwort: Treudchen! das die Mutter sprach, und ihr eigenes
angstvoll seliges Mutter! sie würde jetzt nicht so ruhig hier am Spiegel haben
stehen und ihren übergelegten Kragen ordnen können ... In Lucindens Blumengruss
an den Pfarrer konnte sie nichts Auffallendes finden. Gute katolische Seelen
wissen es, dass sie nichts zu verabsäumen suchen sollen, was nur irgend dazu
dienen kann, einem Geistlichen Freude zu machen. Sind die Geistlichen
ausgeschlossen von den gewöhnlichen Freuden des Lebens, haben sie das zu
entbehren, was andern Trost und Erhebung gewähren kann, eine Familie, Gattin,
Kinder, Liebe und Hingebung, so ist es Pflicht aller derer, für welche sie
diesen heiligen Lebenswandel führen, ihnen eine stete Aufmerksamkeit zu widmen
und ihnen den vollen Genuss alles dessen zu gewähren, was es ausserhalb des Glücks
der Hingebung, besonders eines weiblichen Herzens, sonst noch Wohltuendes in
der Welt geben kann. Dies Lieben mit der Seele, dies Umwerben und Umschmeicheln
eines Geistlichen mit steter Huldigung soll, sagt man, zu den besondern
Glückseligkeiten derselben gehören.
    Und Treudchen war so aufgeregt, dass es ihr jetzt vorm Spiegel war, als
spräche die Hasen-Jette hinter ihr: Nun, was ist, Treudchen! Bist alle halbe
Jahre einmal hübscher geworden! Wirst auch jetzt um die Trauer nicht
zurückgehen! Kinder von Metzgern, Treudchen, sind immer schön! ... Eine Ansicht,
die die Hasen-Jette am wenigsten um ihren David zurücknahm ... Und auch Nachbar
Grützmacher's Stimme hörte sie: Ei, potz Blitz! Hätt' ich nicht schon mein
Bündel da - (er bekam dabei von diesem Bündel, seiner Ehehälfte, einen
vertraulichen Schlag auf den breiten Rücken), so würdest du noch die Frau
Wachtmeisterin werden können, Treudchen!
    Treudchen wartete auf das einmalige Klingeln ...
    Es erfolgte nicht ...
    Sie trank ihren Kaffee ... Er war so stark, dass ihre ganze Familie an der
Verdünnung ein Sonntagsfrühstück gehabt hätte.
    Die Mitmägde, die Bediente musterten sie ... Es gibt zweierlei Blondinen ...
Solche, die wie eine Maiblume blühen und duften können, aber auch ebenso schnell
mit einem einzigen wunderholden Mai wieder verwelken; und solche gibt es, die
man Kern- oder Dauerblondinen nennen sollte, weil sie noch als Greisinnen so
anmutig sind wie herbstlich gerötete Aepfel. Treudchen gehörte zu letztern.
Wie schön stand ihr das schwarze Merinokleid zu der hellen Farbe ihrer Haut!
Fast zu schmuck machte sich der Florbesatz in den goldgelben Windungen ihres
Haares! Und nun lag gar zum Ausgehen schon da der von ihr selbst zum Begräbnis
gefertigt gewesene schwarze Sammtut, in den sich ihr Kopf zurücklehnte, wie auf
eine Folie, die den Glanz noch erhöht! Und die kostbare schwarzseidene Mantille,
die ihr schon gestern gleich bei der Ankunft Madame Delring als eine »abgelegte«
geschenkt hatte! Eine abgelegte und noch so neu und glanzvoll! ... Madame
Delring war eine eigene, vielleicht sehr reizbare, vielleicht höchst wunderliche
Frau; sehr vornehm, sehr stolz ... aber gegen Treudchen war sie weich und milde.
Lucinde hatte das Treudchen gleich vorausgesagt. »Die Frau Delring wird dich in
ihr Herz schliessen!« Nach zehnjähriger kinderloser Ehe war Frau Delring
plötzlich in die Hoffnung gekommen. Wenn Treudchen die Augen ihrer Herrin so
eigentümlich umflort sah, so wusste sie erst jetzt, dass vielleicht die ernste
blasse Dame, die in Glück und Glanz zu leben schien, an die Kämpfe dachte, die
mit dem teuren Keime ihres Herzens ihr würden mitgeboren werden. Es handelte
sich schon seit Monden im täglichen Gespräche nicht nur ihres Hauses, sondern
der ganzen Gesellschaft um die »Religion« des erwarteten Kindes ...
    Nun, da nicht geklingelt wurde, ging Treudchen von selbst an ihre Aufgabe,
die vordern Zimmer zu putzen und in ihnen aufzuräumen und abzustäuben.
    Da gab es so viel des Kostbaren und Zerbrechlichen zu schonen, dass sie ihre
Gedanken zusammennehmen musste!
    Inzwischen vermisste sie etwas ... In dem kleinsten, fast wohnlichsten der
reich ausgestatteten Gemächer hatte doch gestern Abend noch, wie sie flüchtig
vorübergehend und sich doch dabei tief verneigend gesehen, mitten in einer
kleinen Laube von Epheu ein kleiner Altar mit einer Mutter Gottes von Gold,
Silber und Edelsteinen gestanden. Heute fand sie das Bild nicht an der Stelle,
wo sie es suchte, um in aller Stille und noch von niemanden belauscht, zu ihm
ein Gebet zu verrichten.
    Sie suchte und suchte - das Bild war nicht zu finden. Vielleicht war es so
kostbar, dass es des Nachts verschlossen wurde, dachte sie erst. Sie stand am
Eingang der Laube, in der Hand den Staubwedel. Der kleine Altar mit einem
Weihbecken, das aber völlig wasserleer und sogar ein Stecknadelbehälter geworden
war, war derselbe, wie gestern; die Gottesmutter aber fehlte ...
    Nun sah sie sich darauf um im Gemach. Da stand ein schwellender Divan, mit
grünem und in Streifen gesticktem Sammt bezogen, darüber her wie zu einem Trone
erhob sich ein Baldachin von demselben kostbaren Stoffe mit schweren goldenen
Fransen besetzt. Da standen kleine Fussschemel von demselben Aussehen. Auf einem
Tische mit langer grüner golddurchwirkter Decke lagen Bücher und Musikalien,
Näharbeiten, ein angefangenes kleines Kinderhemd mit köstlichen Spitzen besetzt
...
    Sie sollte sich nach den Büchern erkundigen, hatte sie soeben von Lucinden
vernommen ... sie konnte aber nicht glauben, dass es ketzerische waren. Noch
gestern Abend hatte ja Madame Delring hier mit ihrem Gatten so traulich, so lieb
gesessen ... er hatte ihr vorgelesen ... sie horchte zu und nähte dabei ... und
darüber her gab ein bronzener Kronleuchter von drei gedämpften Flammen in
Glasglocken ein so eigentümlich schönes Licht ... und in einem Winkel, mehr dem
von Vorhängen ganz verdeckten einzigen Fenster des Zimmerchens zu, stand
aufgeschlagen ein Pianino ... noch lagen die Noten auf dem Pulte und seltsam
genug erschien ihr schon gestern dies Instrument, das mit dem in der Dechanei
keine Aehnlichkeit hatte, denn hier gingen die Saiten in die Höhe ... und so
klein das Instrument war, doch hatte Frau Delring, kurz vor dem dass sie zu Bette
ging, gestern noch einige Minuten lang darauf so sanft, so zart, so volltönend
gespielt ... nirgends fand sie aber das Muttergottesbild.
    Endlich - da entdeckte sie es beim Abstäuben - auf dem Fussboden! In einem
Winkel stand es, das kostbare Heiligtum! Wie enttront und von seinem Altar
gestürzt! Es stand in einem Winkel, an einer kleinen Etagère, die mit bunterlei
Dingen besetzt war, kleinen Spinnrädchen von Elfenbein, kleinen Bauerhäuschen
von Holz, kleinen goldenen Papagaien in Ringen und mit Edelsteinaugen, ja mit
einem niedlichen ausgestopften bunten Vögelchen, das sie vollkommen für einen
Kolibri erkannte ... da stand die Mutter Gottes mit dem Kinde auf dem Teppich
des Fussbodens! Gerade, als gehörte auch sie zu dem Spielzeug auf diesen
Mahagonibretchen!
    Letztern Gedanken fasste ihre bescheidene, von ihrer Herrschaft nur das Beste
voraussetzende Seele gar nicht in voller Klarheit ... Sie wusste nun aber doch
nicht, sollte sie das Bild jetzt erheben und wieder auf den Altar setzen oder
durfte sie das nicht ... Es war ganz still um sie her ... nur auf der Strasse
lärmten und rasselten die Wagen ... Kirchenglocken läuteten ... sie beugte sich
still zu dem Bilde nieder, kniete und betete zu ihm.
    So manche Anrufung kannte sie, so manche Umschreibung des Englischen Grusses
... was sie aber auch leise jetzt so vor sich hinmurmelte, alles sollte Dank,
Bitte, Hoffnung für sich und ihre kleinen Geschwister sein.
    Wie sie einige Minuten so gelegen und geflüstert hatte, ganz unbekümmert die
Hände sogar mit dem gar nicht fortgelegten Staubwischer faltend, da hörte sie
ein leises Geräusch hinter sich ...
    Erschrocken wandte sie den Kopf und liess vor Ueberraschung den Staubwischer
fallen, als sie im Morgenkleide und grosser spitzenreicher Haube mit fliegend
hängenden Rosabändern Madame Delring hinter sich sah.
    Auf den Teppichen, die durch alle Zimmer gingen, war die Herrin eingetreten,
während sie sich in ihrem Gebete verloren hatte.
    Statt aber, dass sich Treudchen jetzt rasch erheben wollte, hielt sie Madame
Delring nieder und bedeutete sie fortzufahren ... Ja als Treudchen verlegen
zögerte und dennoch aufstehen wollte, rückte Madame Delring mit dem Fusse selbst
eines der kleinen Bänkchen näher, fuhr mit der Hand über ihre weiten und
bauschigen schönen gestreiften Musselinkleider, die ehre Gestalt einhüllten, und
versuchte, sich nun auch selbst niederzulassen. Diese Bewegung war so schwer, so
ängstlich, dass sich Treudchen nicht hielt, sondern aufsprang und ihre Herrin
unterstützte ...
    Langsam ging es, aber doch ganz bequem. Madame Delring kniete auf dem
niedrigen Fussschemel. Mit stummer, leidverklärter, durchgeistigter Miene
bedeutete sie Treudchen, in ihre frühere Stellung zurückzukehren, neben ihr zu
knieen und im Gebete fortzufahren.
    Als dies Treudchen mit klopfendem Herzen und voll Verlegenheit nicht wagte,
sagte ihre Herrschaft leise und fast unhörbar:
    So bete doch!
    Treudchen begann nun aufs neue den Englischen Gruss, aber für sich.
    Laut! sprach Madame Delring sanft ...
    Treudchen betete lauter, aber noch mit zitternder Stimme.
    Recht, recht laut! ... sagte Madame Delring und hatte die Hände gefaltet und
schien der Vorbetenden wörtlich zu folgen.
    Als Treudchen zu Ende war und schwieg, sagte die tief in Gedanken Verlorene
und wie von einem unendlichen Leid Gedrückte und als wenn sie noch wenig von all
den Worten gehört hätte:
    Bete!
    Nun wandte sich Treudchen erstaunt und bemerkte, dass die Augen ihrer Herrin
feucht waren. Eine grosse und schwere Träne rollte eben von den Wangen der nicht
schönen, aber höchst würdevollen und durch Haltung und Wuchs einnehmenden Frau.
    Da ergriff es denn Treudchen wie mit geisterhafter Ermutigung. Alles, was
ihr von ihrer Firmelung und ersten Beichte und ersten Communion her an
wohlgefügten Sprüchen und Versen in Erinnerung geblieben war, sprach sie jetzt
ungeordnet durcheinander und mit lauter Stimme. Sah sie sich um und fand, dass
die Mitbetende ganz mit Entäusserung ihres Standes wie eine Schwester, wie eine
Mutter ihr folgte, so begann sie aufs neue und betete inbrünstig den Himmel auf
die Erde herab. Alle nur möglichen Sünden, Eitelkeit, Hoffart, Unglaube, Geiz,
Falschheit, wurden, weil die einmal in den Gebeten so formulirt sind, von ihr
auch bekannt. Auch die einzelnen Fürsprecher unter den Heiligen wurden
namentlich aufgerufen, sodass jeder auch gerade den Fehler dargebracht bekam, auf
den er gleichsam das Vorrecht hatte, dass ihn Gott gerade nur durch seine
Vermittelung vergab ... der Gottesmutter dabei ganz zu geschweigen, die zuletzt
wie mit ihrer Zauberhand Schloss und Riegel am Schatz der Gnaden sprengte und das
Kind Jesu auf ihrem Arm nur immer so hineinlangen liess und Juwelen und Blumen
und alle himmlischen Freuden der Vergebung auf die vor ihnen Knieenden
niederwerfen.
    Erschöpft schwieg endlich Treudchen in ihrem sie wunderbar überkommenen
Priesteramte, das sie vollzog, als hätte sie eine Ahnung von dem Streit der
»gemischten Ehen« ...
    Madame Delring erhob sich, indem das junge Mädchen aufsprang und ihr dabei
behülflich war.
    Dass Treudchen das kostbare und schwere Metallbild wieder auf den Altar unter
die Epheulaube setzte, schien sich ihr jetzt von selbst zu verstehen. Es wurde
auch von Madame Delring nichts dagegen eingewandt, als was die Schwere betraf
... Treudchen brachte es vollkommen und wie triumphirend zu Stande.
    Madame Delring sammelte sich jetzt von ihrer Aufregung. Sie verbarg ihr
feuchtes Taschentuch von köstlich duftenden Spitzen. Sie sah sich um, klingelte
zweimal und bestellte mit gelassener Stimme ihr Frühstück ... Sie wusste, dass ihr
Gatte schon unten im Comptoir war.
    Mein Bruder ist ja verreist? fragte sie dann beklommen, sich auf den Divan
zum Frühstück setzend ...
    Treudchen sprach ein verlegenes: Ja! Sie kehrte dabei zum Ordnen der
Nebenzimmer in diese zurück ... Die Türen standen offen.
    Du wirst zu deinen Geschwistern gehen wollen! sagte Madame Delring.
    Ich wollte darum bitten ...
    Und in die Messe! Wie oft hörst du sie? Ausser Sonntags!
    Treudchen sollte sagen: Alle drei Tage! Aber sie konnte jetzt nicht,
vielleicht niemals lügen ... Nur Sonntags! sagte sie.
    Immer, wenn du ausgehst, komm' erst zu mir und frage, ob ich Bestellungen
habe!
    Ja, gnädige Frau!
    Was ist die Uhr?
    Halb neun!
    Um neun kannst du gehen! ...
    Die Empfindungen Treudchens, als sie dann ging und bis neun in ihrem Zimmer
allein blieb, liessen sich nur mit denen einer freudig sich dahingebenden und
sieggekrönten Aufopferung vergleichen. Sie fühlte, wie man für jemanden sterben
könnte, nur um ihn vom Uebel zu erlösen. Die Gottesmutter war die Siegerin
geblieben! Es war ihr so leicht, so himmlisch beschwingt, dass sie dem ganzen
Hause hätte zurufen mögen: Ich habe eine abtrünnige Seele gewonnen!
    Um neun Uhr kehrte sie dann zurück, um sich, wie sie sollte, ihrer
Herrschaft noch einmal vorzustellen ...
    Sie hatte nachgedacht, ob sie die so wieder in Gedanken verlorene und noch
tief betrübt scheinende Frau nicht durch die Mitteilung des in der Nacht
geschehenen Mordes unterhalten sollte und von dem Glück sprechen, dass sie nicht
in diesem grauenhaften Hause, sondern hier bei ihr leben könnte; doch überlegte
sie, und mit Zustimmung der andern Dienstboten, die Trepp auf Trepp ab liefen,
dass Eröffnungen dieser Art bei dem Zustande der Gebieterin nur von ihrer Familie
kommen müssten.
    Wie Treudchen wieder in die vordern Zimmer eintrat, lag Madame Delring auf
dem Kanapee ihres kleinen Boudoirs ... von rechts und links waren noch die
Türen offen und brachten das Licht, das durch das noch immer verhangene Fenster
nicht einfallen konnte ...
    Sie stützte träumerisch das Haupt und hatte in der andern Hand ihr kleines
Kinderhemdchen ...
    Willst du ausgehen? sagte sie gelassen, als hätte sie das Besprochene schon
vergessen ...
    Treudchen trat näher ... sie hatte ihren schwarzen Hut auf und fürchtete
fast, nicht genug einem Dienstboten ähnlich zu sehen.
    Freundlich aber zog Madame Delring sie näher ...
    Sie lobte den Hut, band ihn jedoch dem hocherrötenden Mädchen ab, weil sie
meinte, er sässe nicht genug im Nacken ...
    Nun deutete sie auf den Fussschemel von vorhin und liess Treudchen vor ihr
niederknieen, um ihr selbst den Hut aufzusetzen ...
    Dann begann sie noch an Treudchen's Haar zu ordnen ...
    Wie schön dein Haar ist! sagte sie sanft und löste einige der Flechten und
hielt sie lange in der Hand, fast ihre Schwere wiegend und dann gegen das Licht
haltend ...
    Wie Gold glänzt es! ... fuhr sie fort.
    Nun band sie die Flechten anders ...
    Halt nur still! sagte sie. Ich selbst darf mir ja nicht das Haar machen, -
wenn du zurückkommst, ist es Zeit genug dafür - aber dir darf ich's schon ...
Geh' doch an den Dom! In das Gewölbe von Schnuphase! Ich lasse die Damen bitten
- meine Aussteuer nicht zu vergessen ... es währt eine Ewigkeit -
    Treudchen wusste, dass die Aussteuer für das erwartete Kind gemeint war, und
auch das wusste sie, dass sich ihre Mutter, als sie mit dem jüngsten ihrer
Geschwister ging, sich beim Haarmachen und sonst vor allem Binden und Verknüpfen
in Acht nahm -
    Weisst du denn auch das Gewölbe? fragte Madame Delring.
    Ich finde es schon ... ich suche das Haus ohnehin, weil ich den Pfarrer von
St.-Wolfgang, Herrn von Asselyn, begrüssen will ... er hat meine Mutter
»versehen« und wohnt dort ...
    Möglich, Kind, fuhr Madame Delring fort, dass dich die Schnuphases in die
Klostergasse schicken, wo die Schwesterschaft zu den Nothelfern eine Nähanstalt
hat! Sage da nicht, dass du so gut beten kannst! ... Oder könntest du in ein
Kloster gehen?
    Treudchen warf ihre grossen blauen Augen zu der seltsamen Fragerin empor und
blieb die Antwort schuldig.
    Madame Delring kam von ihrer Frage wieder ab, wie sie diese lichten, hellen,
reinen Augen sah, die allerdings denen einer Heiligen glichen ... Sie fuhr mit
den Fingern über Treudchens nicht zu volle, etwas rötliche Augenbrauen und
zeichnete sie gleichsam in ihrer Länge über die Stirne hinweg nach ...
    Dann kam sie auf die Schwestern zu den Nothelfern zurück und sagte:
    Es ist ein Verein, der junge Mädchen zum Nähen anhält und Gutes tun soll!
Ich weiss nicht - manche von den Mädchen, die dort arbeiteten, gingen ins Kloster
... Lass dich nur in keines verlocken, Kind! Sie wissen es so geschickt zu machen
und so prächtig erst drin einzurichten, dass manche Novize anfangs glaubte, in
Ewigkeit keinen Mann nötig zu haben, und um alles in der Welt lieber den
Schleier nahm - hernach aber ... Besonders wissen die Damen da von der Gasse -
wie heisst sie?
    Doch schon unterbrach sich Madame Delring selbst und zog aus dem
nächststehenden Tisch ein Kästchen hervor, das über und über mit
Schmuckgegenständen gefüllt war, und nahm nach kurzem Suchen eine Rosette von
schwarzem Stein an einer goldenen Nadel hervor, um sie in Treudchens Haar zu
stecken ...
    Wie Treudchen diese Freundlichkeit, die sie noch kaum für ein Geschenk
halten konnte, bemerkte, wollte sie sie ablehnen; Madame Delring sagte aber:
    Kind, da schenk' ich dir einen ganz wertlosen Stein! Es ist geschnittene
Lava!
    Aber die Nadel - sagte Treudchen hocherglüht ...
    Die ist gut! Lass aber nur - es steht dir ja! ... So! ... Jetzt - und sieh -
du trägst Ohrringe -! Weisst du wohl, dass man keine Ohrringe mehr trägt? Und doch
hab' ich dafür auch noch die Löcher und weiss wie heute, wie mich's schmerzte,
als sie gestochen wurden - ich war schon fünf Jahre - das sind jetzt
fünfundzwanzig! ... ... Eigentlich aber lieb' ich Ohrringe und mag sie leiden!
Weisst du, warum? Man sagt, es sähe unnatürlich aus; lieber Himmel, was ist an
unserer Tracht natürlich? Im Ohr ist noch lange nicht in der Nase, wie die
Wilden die Ringe tragen ...
    Nun lachten beide Frauen ganz herzlich um die Wette ...
    Madame Delring nahm die kleinen allerdings echten, aber unscheinbar und dünn
gewordenen Ringelchen aus Treudchen's Ohren und suchte, ob sie nicht zwei andere
kleine, nicht zu auffallende und mit einem Stein geschmückte Berlocquen fände.
    Die Frauen, sagte sie, wollen gar nicht mehr Sklavinnen sein, was diese
Ohrringe bedeutet haben mögen! Aber ich denke mir das gerade schön, seinem Manne
zu - dienen! Warum denn ihm ganz gleich sein wollen! Wenn man die Sorgen und
Not bedenkt, die die Männer haben! Wär' ich hübscher, ich würde mich ganz gern
schmücken, um meinem Mann recht als seine Sklavin zu erscheinen! Die meisten
Frauen haben genug Zeit, das Gefallen zu bedenken, das ihr Mann an ihnen haben
sollte! Lieber Himmel, die Männer in der Türkei dürfen immer jung bleiben und
sich so viel Frauen nehmen, wie sie wollen! Wir sagen freilich: Wir gehören dir
auch mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele! Kind, wie oft tun wir's auch
nicht!
    Treudchen hätte von der Geduld sprechen mögen, die auch umgekehrt die Frau
wieder mit dem Manne haben müsse; doch verlor sie die Besinnung über die
Freundlichkeit ihrer Herrschaft, die jetzt in der Tat zwei kleine goldene Ringe
gefunden hatte, die sie Treudchen einhängte. Sie gehörten zu einem grössern alten
Ohrschmuck, den sie als zu auffallend in zwei Teile zerlegte.
    Deine alten Ringe, sagte sie dabei ganz gemütlich, ei, die kann man noch
angeben!
    Treudchen's vornehmste Bekanntschaften waren bisjetzt Frau von Gülpen in der
Dechanei und die Majorin Schulzendorf gewesen. Wenn diese Frauen je nur so mit
ihr geredet hätten! Von den Geschenken zu schweigen, die nur von einer reichern
Frau kommen konnten ... Sie verstummte ganz vor Glückseligkeit und konnte nur
der freundlichen, immer leidend gelassenen Frau die Hände küssen.
    Diese wickelte die alten Ringe in ein zerrissenes Briefcouvert und sagte:
    Auf der Mühlenstrasse wohnt unser Juwelier - Modes heisst er - geh' bei ihm
vor - oder besser, ich lass' es sagen, er soll ein paar einfache Brochen
schicken, da such' ich dir eine aus -
    Gnäd'ge Frau! rief Treudchen und schlug die Hände wie ablehnend und bittend
zusammen ...
    Nein, nein, sagte Madame Delring, wir geben ja deine alten Ohrringe an! Herr
Modes gibt schon etwas dafür! Solche kleine Handelsgeschäfte müssen Frauen immer
machen!
    Sie griff nun nach dem kostbar gestickten Schellenzuge dicht neben ihr und
zog zweimal.
    Der Bediente kam und erhielt in Gegenwart des vor Erstaunen fast bewusstlosen
Mädchens den Auftrag, der Juwelier Modes möchte eine Anzahl einfacher Brochen
zur Auswahl schicken.
    Der Diener liess Morgenblätter und den heutigen Teaterzettel zurück und
meldete schon einen Besuch:
    Herr Medicinalrat Goldfinger!
    Ich bin ganz wohl! sagte Madame Delring plötzlich streng ...
    Sie lehnte den Empfang des Arztes ab.
    Während Treudchen sich erhoben und kaum den Mut hatte, in einen gerade
dicht vor ihr hängenden viereckigen Spiegel mit goldenem Rahmen zu blicken und
von Madame Delring gewinkt bekam, sie wollte ihr auch noch den Hut aufsetzen,
sah die Herrin zugleich in den vor ihr aufgeschlagenen Teaterzettel und las
halblaut und ganz nur wie mechanisch:
    »Gastvorstellung von Madame Serlo-Leonhardi. Das letzte Mittel. Madame
Serlo-Leonhardi: Frau von Waldhüll. Im Zwischenacte Tanz: Cracovienne von Emmy
und Flora Serlo« ...
    Kinderballet! sagte sie. Ich mag die kleinen Affenkomödien nicht leiden ...
    Und dabei band sie die Schleife an Treudchen's Hut, strich ihr noch einmal
die Wange, zog und drückte den Hut ihr recht in den Nacken und gab, als sie sich
überzeugt hatte, dass die schwarzen Trauerhandschuhe Treudchen's noch ganz neue
waren, ihr die Hand, die diese mit überströmender Innigkeit an ihr Herz drückte
und wiederholt küsste.
    Inzwischen kam der Bediente zurück und meldete:
    Herr Pötzl!
    Madame Delring schüttelte den Kopf und sagte:
    Nein!
    Herr Kanonikus Taube!
    Finster blickend liess sie für alle Erkundigungen danken.
    Auch diesen Besuch nahm sie nicht an.
    Wol aber war ihr, als hörte sie einige Secunden später die Stimme ihres
Gatten -
    Der war es denn auch. Herr Delring kam, weil der Medicinalrat und jetzt
auch der Schauspieler und der Kanonikus nicht waren angenommen worden - alle
drei hatten ihre Meldung von dem Zimmer der Mutter aus, wo er selbst den
Morgengruss gebracht, nach oben ankündigen lassen -; er besorgte, dass seine
Gattin vielleicht nicht wohl, nicht guter Laune wäre ... Schon hörte man draussen
seine Fragen nach dem Befinden seiner Gattin ...
    Da aber, ehe er noch dasein konnte, erhob sich Madame Delring plötzlich und
fuhr auf wie aus einem Traume. Ihre weitgeöffneten Augen schauten ringsum. Ihr
Blick suchte irgendetwas, was sie beängstigte ... da - auf dem wieder
hergerichteten Hausaltar unter der Epheulaube stand die Störung. Schnell deutete
sie auf einen in den Zweigen und Holzverzierungen der Laube hängenden Gegenstand
und winkte Treudchen, diesen ihr zu reichen ...
    Treudchen, die so an den Mienen der freundlichen Herrin hing und sich in
ihre Art schon gefunden hatte, dass sie jeden ihrer Winke verstand, reichte ihr
das Bedeutete dar -
    Es war ein durchsichtiger grosser, langer Silberflor, wie man ihn über
wertvolle Gegenstände zu breiten pflegt, um sie vorm Staube zu schützen ...
    Schnell! rief Madame Delring ...
    Diesen Silberflor liess sie Treudchen jetzt anfassen und bedeckte rasch damit
die Madonna auf dem Altare.
    Inzwischen trat Herr Delring ein ...
    Er war, wie immer, schon in weisser Halsbinde und schwarzem Frack, gleichsam
als Repräsentant des grossen Hauses, der er früher auch gewesen war, ehe ihn
Piter enttront hatte, - ein ernster, fast vornehmer Mann.
    Nun die plötzlich ausbrechenden zärtlichen Grüsse, den Kuss, die liebevollen
Wechselreden der beiden Gatten hörte Treudchen nicht.
    Sie eilte mit klopfendem Herzen von dannen.
    Hinter ihr blieb ein Weib zurück, das ihren Himmel im Manne ihrer Liebe
fand.
 
                                       3.
Im Hause unten, an dem Treppengeländer fand Treudchen Lucinden stehen, die ein
Papier in der Hand hielt und ganz in ihm versunken schien.
    Es war ein grosser grauer Zettel.
    Treudchen erkannte, dass es derselbe Teaterzettel war, der heute wie jeden
Morgen oben wie unten abgegeben wurde ...
    Es war schon spät geworden, aber gern hätte Treudchen sich in dem
überströmenden Gefühl ihres Glückes und ihrer Dankbarkeit noch zu Lucinden
ausgesprochen ...
    Sie trat auch zu ihr heran ...
    Lucinde aber stand, als weilte sie gar nicht auf dieser Erde ... Sie
bemerkte Treudchen nicht, so versunken war sie in die Angabe der heutigen
Teatervorstellung ...
    Treudchen wollte keine Zeit verlieren, störte Lucinden nicht länger und
sprang die Stiege hinunter.
    Unten in der Hausflur sah man recht, dass »der junge Herr« auf Reisen war!
    Es war schon neun Uhr, alle Räume unten waren vom Geschäftsverkehr belebt,
Makler kamen und gingen, in den auf den Treckkamp, Aschenkötter und Heiligenpütz
hinausgehenden Hinterhöfen war das rührigste Leben hörbar, aber der Portier
grüsste noch aus seiner unterirdischen Loge, stand noch nicht mit Dreimaster,
Stab und Bandelier, wie Piter seit einem halben Jahre eingeführt und im Modell
mit Aquarell selbst vorgemalt hatte, in der Hausflur und wies die Ankommenden
mit Inquisitormiene zurecht.
    Aber auch aus dem Keller heraus liess sich Treudchen die beste Richtung
beschreiben, in der sie zum Waisenhause und von dort zur Katedrale kommen
konnte.
    Es war ein Markttag.
    Das Gewühl in den Strassen kaum zum Ausweichen. Die Strassen dabei so eng; die
Lastwagen drängten sich ... zu ihnen kamen heute noch die Bauerwagen mit ihrem
Stroh, ihrem Heu, Holz, Kartoffeln für den Winter ... alles, wie Treudchen das
ganz wie aus Kocher am Fall wiedererkannte.
    Sie war nie in einer grossen Stadt gewesen und übertrug jetzt fast auf den
stehenden Charakter einer solchen die Möglichkeit, jedes Gesicht auf die
Vermutung hin betrachten zu müssen, dass es dem Mörder der Frau Hauptmännin von
Buschbeck angehören könnte. An Trotz, Verwegenheit und Rücksichtslosigkeit jeder
Art fehlte es auch nirgends und bald hatte sie in dem beengenden Eindruck des
Ganzen ihre so genau angegeben gewesene Spur verloren.
    Sie stand ratlos an einer Ecke, wo mehrere Strassen einmündeten ...
    Da sah sie sich plötzlich von jemand gegrüsst und angeredet!
    Es war ja ein alter Bekannter aus Kocher am Fall!
    Herr Löb Seligmann, der vielgeliebte Bruder der Hasen-Jette!
    Er, der seiter noch immer nicht daheim gewesen war, der noch immer in
Gütern schlachtete, noch immer bei Grafen und Baronen hüben und drüben die
Vorteile des ihm geschenkten intimsten Vertrauens derselben genoss!
    Den Todesfall der Frau Lei wusste Löb Seligmann durch die Briefe David
Lippschützens, seines Neveus und Augapfels, für dessen Fortkommen durchs Leben
bei »so schwachen Beinen« gerade er sparte, gerade er sich kein Geschäft
verdriessen liess, selbst die Lieferungen der Bettfedern und Decken für Kasernen
und andere öffentliche Anstalten nicht ...
    Treudchen konnte im Augenblick gar kein besseres Geschick haben als diese
Begegnung mit dem so artigen, so gefälligen kleinen Herrn Löb Seligmann, der
vollkommen vergessen hatte, dass die böse kocherer Jugend einst hinter ihm her
gesungen wie sie noch jetzt hinter seinem geliebten Adoptivsohn in übermütig
christlich-germanischer Nichtanerkennung orientalischer Schönheit sang:
Hast nicht gesehen Schmulche?
Mit dem scheppe Muulche?
En Aagelche zu,
En schlockrig Händelche dazu,
En wacklig Beinche dazu ...?
    Löb Seligmann war edle, erhabene und schöne Seele. Seine Gefühle glichen
seinen Vatermördern, die wie bei Herrn Schnuphase immer in die höchste Höhe
gingen. Sein Blick auf Treudchen, seine Rührung über ihre Freude, sein Andeuten:
»er wisse alles« - er meinte den Tod der Mutter - sein Ausweis über die Lage des
Waisenhauses - alles das war von einer so stummberedten Teilnahme, von einer so
erdenleidverklärten Tröstung und allessagenden Prophezeiung für jedes, was die
kleine Landsmännin, vielleicht Geld ausgenommen, von ihm begehren konnte, dass es
nur an der Unruhe und dem Lärm der Strasse lag, wenn Gertrud Lei nicht wieder
alle ihre Wunden aufs neue aus Seligmann's und ihren eigenen Augen aufbrechen
und fliessen fühlte ... »Treudchen!« ... Das eine Wort nur ... Löb Seligmann
sprach es aber aus, wie den ganzen fünften Act eines Trauerspiels.
    Und bei alledem hatte doch jedermann, der nur in Kocher vom Wasser des Fall
getauft oder nicht getauft war, einen Anflug von Heiterkeit, so oft er nur den
Herrn Löb Seligmann sah. Er hatte wunderliche Eigenschaften. Ein nicht zu
entfernter Verwandter der reichen Fulds, ob er gleich nur unten für das Comptoir
derselben existirte und dort wie jeder andere Sensal vierten oder fünften Ranges
betrachtet wurde, besass er eine gewisse Vornehmheit. Von seinem Verkehr mit der
grossen Welt hatte er sogar die Manieren der Adeligen angenommen, soweit sie
niemanden beleidigten; wenigstens glaubte er selbst an eine höchst ersichtliche
Vornehmheit seines Wesens. Im Oberkleide war er zwar einfach, aber desto
gewählter in der Wäsche und vorzugsweise in der Weste. Aus dem manchmal etwas
hohem Kragen der letztern und den zu steifen Vatermördern sah der kleine Kopf
mit der niedern, breiten Stirn und dem kurzgeschnittenen krausen Negerhaar etwa
heraus wie eine Kirche, deren Dach höher ist als der Turm. Löb Seligmann,
bereits weitaus vierzigjährig und Garçon, war zudem durch Schmeicheleien
verwöhnt, die zwar nur von Wenigen, aber von diesen desto entusiastischer
kamen, vorzugsweise von seiner Schwester, deren Einzigster sein Erbe sein
sollte. Zu Kocher am Fall wohnte er im obern Stock des Hauses, in welchem einst
der Mann der Hasen-Jette die Kundschaft der Leis ohne alle Böswilligkeit an sich
gezogen hatte, sie leider nicht lange geniessend. Löb Seligmann arbeitete nur für
David. Er liess ihn bilden, liess ihn fein erziehen. Nur in der Musik schlug David
noch nicht ganz nach dem Wunsch des Onkels ein, der in diesem Fache ein Kenner
war. Löb Seligmann glaubte eine schöne Stimme zu besitzen. Wenn er in Kocher am
Fall Toilette machte, sang er dazu am offenen Fenster. Wenn er sich an einem
kleinen Spiegel der Lichtung des Fensters selbst rasirte, intonirte er mit einem
schönen Tenor, der nur auf eine vielleicht etwas zu leichte und bequeme Weise in
die Fistel überging, eine Opernarie nach der andern. Die Schwester stand
indessen unten in der Haustür und machte die Leute aufmerksam auf die
wunderschönen Melodieen, die ihr Löb wieder aus den grossen Städten mitgebracht
hatte. Nie hat sich auch jemand mit mehr Behagen selbst rasirt, als Löb
Seligmann. »So kannst du mich betrüben, Otello kannst du lieben?« Jetzt die
Seife eingestrichen. »Treibt der Champagner das Blut in die Kreise, da ist's ein
Leben herrlich und frei!« Das Messer wird geschärft. »Auf, singt die Barcarole!«
Erster Strich über die Oberlippe, während die linke Hand die Nase festgeklemmt
hält ... jetzt lässt sie die Nase los und »Gnade, Gnade für die arme Seele!«
Zweiter Strich, die Nase wird wiederum festgeklemmt; Luft und - »Mein Hüon, mein
Gatte, Geliebter, wo weilst du?« Jetzt ein grosses Orchestersolo mit Pauken, mit
Trompeten, mit Summen und Brummen, Pruhsten, Gurgeln, Zungenschnalzen oder -
Lied ohne Worte ... sanft die Seife wieder aufgestrichen - Adagio -
Schlummerarie - erneuter Ansatz zum Rasiren - und so fort mit dem auf der Reise
arg verwilderten Barte eine Stunde lang. Immer dazwischen das kunstvollste
Talent der musikalischen Reproduction und Paraphrase, das Messer am
Streichriemen und in der Kehle die Arien sanft hinübergeschliffen. Ist dann die
Bartabnahme vollendet, dann fällt eine Arie wild in die andere, Desdemona in die
Klagen Rodrigo's, die Nachtwandlerin in die Verzweiflung Elwino's, »O welches
Glück, Soldat zu sein!« jodelt sich in »Gold ist nur Chimäre!« hinüber - und
alles das empfindet Löb Seligmann ebenso musikalisch wie moralisch nach, soweit
der Text und die Situation es vorschreiben. Auch kritisch ist er mit ergriffen,
soweit ihm nämlich alle grösseren und kleineren Talente einfallen, die er schon
in allen diesen Opern auf verschiedenen Stadtteatern hatte debutiren sehen.
    Löb's seelenvolle Erörterungen über die Vortrefflichkeit der
Dahingeschiedenen, über die Bettdecken des Waisenhauses, das erstaunliche Glück,
bei den Kattendyks zu dienen, unterbrach Treudchen mit der Erzählung von der
Mordtat und dem nahen Zusammenhang derselben mit ihrem eigenen Lebensschicksal.
Löb Seligmann wusste schon den Vorfall, konnte schon weitere Details über den
Geiz der Ermordeten, nur über den Täter nicht, geben, erstaunte über die
unschuldige Beteiligung Treudchens und bat sie, zwei Minuten - »hier an diesem
prächtigen Palais« - zu warten ... er käme sofort wieder zurück - er würde
jedenfalls, das liesse er sich nicht nehmen, sie bis ans Waisenhaus begleiten -
    Da Treudchen einen Band- und Zwirnladen bemerkte und bei all ihrem Herzeleid
doch ihrer Nadeln und ihres Fingerhutes eingedenk blieb, so nahm sie auf zwei
Minuten um so lieber Abschied, als sie hier gelegentlich nützliche Einkäufe
machen konnte.
    Statt nach zwei, nach zehn Minuten war sie mit ihrem Geschäft fertig und
nach zwanzig kam Löb Seligmann wieder ...
    Er hatte hier in dem Comptoir seiner, wie er sagte, Vettern Moritz und
Bernhard Fuld zwar keinen Zutritt zu den innern Gemächern, wo die Ritter der
Ehrenlegion sassen, aber einige alte Buchhalter aus den Zeiten des seligen »Man
weiss schon!« hielten ihm denn doch Stand, wenn er sie um eine Prise bat und
ihnen mitteilte, dass merkwürdigerweise ein Mädchen aus Kocher am Fall bei der
heute Nacht ermordeten alten Dame »beinahe hätte können im Dienst gestanden
haben« ...
    Es sind Vettern zu uns! wiederholte er mehrmals von den Fulds und auf das
Palais deutend ...
    Indem Löb Seligmann seine Vatermörder jetzt stolz über die durch beständige
Reibung von ihnen geröteten Ohrläppchen hinauszog, ergab sich seltsamerweise,
dass ein riesengrosser, wunderbarer, schöner Bau, in dessen Nähe sie waren, schon
die Katedrale war und dass Treudchen ihre Commissionen im »steinernen Hause«
jetzt hätte schon ausführen können, wenn nicht gerade nur um zehn Uhr die
Sprechstunde im Waisenhause gewesen wäre. Aber nun war auch der Blumenmarkt ganz
nahe ... derselbe Markt, der Löb Seligmann mit ähnlichen Empfindungen zu
erfüllen schien, wie sie jetzt auf Treudchen's von allen diesen mächtigen
Eindrücken bestürmtes Herz zuschossen ...
    Einen Augenblick, Mamsell Treudchen! rief er und berechnete schon mit einer
Gärtnersfrau, wie viel von Orangenblüten und Myrten in einen grossen Blumenstrauss
hineinkonnten, den er mit 71/2 Silbergroschen bezahlen wollte. Treudchen
wunderte sich nicht über seine poetische Regung, da sie selbst von dieser Fülle
von Eriken, Fuchsien, hochragenden Gummibäumen, buschigen Rhododendren und
blühenden Myrten wie berauscht war. Auch sie würde sich sofort in ihren Einkauf
eingelassen haben, wenn nicht von der Katedrale herab drei mächtige Schläge den
ganzen Domplatz, vorzugsweise aber sie selbst, erschüttert hätten.
    Schon drei Viertel auf zehn! rief sie. Herr Seligmann, um Gottes willen,
bitte! Kommen Sie!
    Ein einziger Rundblick rings auf die Häuser, wo Herr Maria Schnuphase wohnen
konnte, der sie in einen so schlimmen Dienst hatte empfehlen wollen, eine
blitzschnelle Musterung der Blumen, die sie wohl hernach zu ihrem Bouquet für den
Pfarrer von Asselyn wählen konnte, und nun fort nach der Richtung hin, die sie
Herrn Löb Seligmann dringend bat, durch nichts mehr zu unterbrechen. Ich bitte
Sie! sagte sie. Ich habe noch so viel Commissionen! Aber jetzt muss ich wissen,
wie meine Geschwister die erste Nacht hier zugebracht haben!
    Dann setzte sie, und fast neckend im Ton der kocherer Christenjugend, hinzu:
    Für wen ist denn aber der schöne Blumenstrauss, Herr Seligmann?
    Wenn Sie im Waisenhause sind, - sagte Seligmann, hielt aber sinnend inne und
wickelte sein Bouquet in eine Anzahl Teaterzettel, die er aus der Tasche zog,
und summte dazu einige Noten aus dem im Spohr'schen »Faust« irgendwo an einem
Stadttater eingelegt gewesenen »Liede an die Rose« - wenn Sie im Waisenhause
sind, geh' ich solange in die Nachbarschaft, auf die Rumpelgasse, wo mein Bruder
Natan Seligmann wohnt - Sie müssen sich sein Geschäft ansehen - alte Kleider,
Möbel, Glaswaaren, Bilder, Masken, Teateranzüge - was Ihr Herz begehrt - die
ganze Welt hat Natan zum Verkauf oder zum Verleihen - nur muss sie alt und
abgelegt sein!
    Ist das die Judengasse? sagte Treudchen unbefangen und eilends
dahinschreitend und so laufend, dass Löb fast nicht mitkonnte.
    Was? Denken Sie, dass wir hier noch in einer einzigen Gasse wohnen? Haben Sie
nicht das Palais von unsern Vettern gesehen?
    Sind das die Vettern, um die der David immer sagt, er würde nur eine
Prinzessin heiraten?
    Das Kind! betonte Seligmann ganz wie seine Schwester und vergass vor
Entzücken über David's naive Erklärung eine Antwort auf Treudchen's Frage.
    Diesen Blumenstrauss, fuhr er dann nach dem glückseligsten Sinnen über
David's Geist und grosse Zukunft fort, will ich in seinem Namen an Tante Veilchen
abgeben, an die er schon seit drei Jahren alle Vierteljahre einen französischen
Brief schreibt. Sie werden bei Herrn Delring und bei Madame Kattendyk viele
vornehme Damen kennen lernen, aber ich versichere Sie, wenn Sie wollen gebildet
werden, liebes Kind, gehen Sie nur in die Rumpelgasse zu Veilchen Igelsheimer,
die meinem Bruder Natan Seligmann, der ein Witwer und ohne Kinder ist, seit
dreissig Jahren das Geschäft und die Wirtschaft führt. Sie ist schon fünfzig
Jahre alt, aber ich könnte heute um ihre Hand freien, - so viel Schönheit hat
sie - im Geist - und wenn ich nicht versprochen hätte, für den David zu sorgen.
Ja, Treudchen, Sie sollten Veilchen Igelsheimer sehen! Sie können viel Bücher
lesen und Sie finden drin nicht gedruckt, was in Veilchen steht!
    Treudchen liess ihn so forterzählen und folgte nur immer seinen stumm
gegebenen Winken über die Richtung, die sie einzuschlagen hatten ...
    Veilchen, fuhr der von seinen Familienbeziehungen nicht weniger wie seine
Schwester bezauberte Mann fort, Veilchen hätte in einem Palais wohnen können,
wie die jungen Fulds, wo der eine sich kürzlich verheiratet hat mit einer
reichen und wunderschönen Dame aus Wien - ja Veilchen hätte Barone haben können
und einen Grafen - aber da sie den nicht bekommen konnte, den sie allein gemocht
- es war ihr Vetter - unser Onkel Doctor Leo Perl - da hat sie für ihr ganzes
Leben gesagt: Ich entsage!
    Und wäre Herr Löb Seligmann jetzt allein gewesen und etwa daheim, auf seiner
Stube in Kocher am Fall und im Rasiren begriffen, so hätte er sich jetzt
unfehlbar durch die wehmuterweckende Ideenverbindung dieser Mitteilungen
bestimmen lassen, aus Bellini's »Unbekannter« oder dessen »Nachtwandlerin« ein
schmelzendes Adagio zu intoniren ...
    Treudchen sah nur immer auf die Strassennamen an den Ecken, auf die Menschen,
die Soldaten, die Fuhrwerke, die hohen Häuser, alten Kirchen und hörte um so
mehr nur halb auf den freundlichen Begleiter, als er seine Mitteilungen auch
seinerseits bald durch das Lesen eines Anschlagzettels, bald einer Firma, bald
durch ein Stillstehen und Erklären einer städtischen Merkwürdigkeit unterbrach.
    Den heutigen Teaterzettel liess er nach kurzem Anblick unbeachtet ... »Das
letzte Mittel« ... »Tanz« ... Das war nichts für den Schmelz seiner Gefühle und
seine nur im Meer der Töne sich wohlbefindende Seele.
    Auf Veilchen Igelsheimer, die Entsagende und jetzt in der Rumpelgasse das
Geschäft seines Bruders Führende, kam er wieder zurück, als er vor einem
Zinngiesserladen still stand und behauptete, bei Herrn Xaver Klingelpeter eine
Minute zu tun zu haben ...
    Nein, nein! nein! rief Treudchen ...
    Eine Minute, Treudchen!
    Adieu, Herr Seligmann!
    Zwei Worte! Sehen Sie die wunderschönen Arbeiten am Fenster -
    Treudchen zog ihn von dem Schaufenster des Zinngiessers weiter ...
    Herr Xaver Klingelpeter, sagte er dann, sich ergebend und nachstolpernd, ist
ein ansehnlicher Mann, der sich ein Gütchen kaufen will, das ich ihm empfohlen
habe! Haben Sie wohl die Herrlichkeiten in seinem Laden gesehen? Alles nur von
Zinn, aber so kunstvoll, wie von Gold und Silber!
    Treudchen hatte den Eindruck der silbernen Monstranzen für arme Dorfkirchen,
Patenen, Kelche, Kruzifixe wohl empfangen, auch durch das Fenster einen Mönch
erblickt, der drinnen im Laden mit dem Meister Zinngiesser in lebhafter
Demonstration begriffen schien, aber sie zog es vorwärts, vorwärts, und
Seligmann musste folgen ...
    Auch solche heilige Gefässe, fuhr er bei alledem fort, kommen im Geschäft
meines Bruders vor! Sie werden eingeschmolzen und manchmal mit sehr unheiligen
Dingen zusammen! Veilchen macht das alles wie ein Professor der Chemie. Ja, mein
Bruder lässt sogar Münzen schlagen, aus Kupfer - es ist ein Artikel zum Spass -
Sie sollten sehen, wie Veilchen lateinische Inschriften macht und die Bilder
dazu zeichnet - römische Könige und türkische Kaiser! Veilchen könnte Bücher
schreiben!
    Ihr also bringen Sie den Blumenstrauss? warf Treudchen in der Eile und nur so
zerstreut dazwischen ...
    Sie macht sich aus nichts mehr im Leben was! Sie liest bloss, sie schreibt
bloss, sie führt bloss das Geschäft ... Ach, ihr Kummer war zu gross! Es war das
schönste Mädchen - ein Bild - sie ist noch jetzt wie eine Wachskerze so weiss -
aber der, den sie liebte, den bekam sie nicht - es war unser Oheim - ihr eigener
Vetter - er taufte sich - katolisch - mehr - er wurde ein Priester ...
    Treudchen hörte nur halb. Aber sie kannte ja schon diese Klagen aus so
vielen stillen Abendgesprächen der redseligen Hasen-Jette mit ihrer Mutter! Leo
Perl war für diese ganze Familie der verheissene Messias gewesen! Als es aber
dazu kam, sich als der Löwe vom Stamm Juda zu offenbaren, täuschte er alle,
wurde zum Verräter, ging zum Feinde über und schien von alledem doch keinen
Segen gehabt zu haben. Treudchen wusste sogar, dass regelmässig zwei Männer genannt
wurden, die Leo Perl's Seelenruhe auf dem Gewissen haben sollten, der gute
Dechant zu Kocher am Fall und ein anderer vornehmer und grossmächtiger Herr auf
einem fernen Schloss bei Witoborn. Ihnen sollte der Doctor Leo Perl mit seinem
Uebertritt, ja mit dem Entschluss, Priester zu werden - wider Willen sogar - ein
geheimnisvolles und bis zur Stunde wenigstens selbst der Hasen-Jette noch
unenträtseltes Opfer gebracht haben ...
    Endlich standen beide vor einem freundlichen, mit einer Inschrift gezierten
Hause.
    Löb Seligmann versprach mit dem holdseligsten Nicken aus den Palissaden
seiner Vatermörder und dem schwarzwolligen Wulst seines üppigen Haarwuchses und
einem seit einigen Tagen nicht besonders gründlich rasirten Barte heraus, in
spätestens einer Viertelstunde hier wieder an der Tür zu stehen und auf
Treudchen's Rückkehr zu warten ...
    Er selbst zog die Klingel. Einem öffnenden Knaben trug er das Anliegen
Treudchens vor. Er traf den Ton für alles, was sich hier schickte; er kannte
jeden Weg, wie er betreten werden und jede Tür, wie man an sie klopfen musste.
Selbst die deutsche Sprache handhabte er seiner Meinung nach in diesem
Augenblick vollkommener als Treudchen, deren Rede er unterbrach und ihre
Berechtigung, hier eingelassen zu werden, gleichsam in die Sprache übersetzte,
die derjenige nicht kennen konnte, der noch nie aus Kocher am Fall so
herausgekommen war, wie er.
    Der Knabe führte Treudchen zum Inspector ... der Inspector führte sie zu
ihren drei Geschwistern, zwei Knaben und einem Mädchen ...
    Alle drei sprangen ihr herzlich und heiter entgegen ... Wie rasch entflieht
dem Kindersinn ein herbes Leid! Weckten wir es nicht durch unser eigenes
Bedauern und fragten einen solchen kleinen Nachlass: Weisst du auch, was du
verloren hast und denkst daran und weisst wo deine Mutter ist? solche nach Luft
und Licht und Wachstum strebenden Keime vergässen bald nach unserm Gefühl zu
antworten ... Wie tummelte sich das schon im Hof und lärmte und regierte schon
die Welt im Soldatenspiel ... Und drüben bei den Mädchen war das ein Murmeln und
Summen und Plaudern beim Stricken ... und wie bewährten sich die angebornen
Gattungstriebe! Liebe und Abneigung schon nach vierundzwanzig Stunden,
Verschwörungen schon und Bundesgenossenschaften ... neckte die, so hatte sie an
jener einen Widerpart und diese wieder eine Gegnerin an einer andern ... Nichts
blieb ohne Angriff, nichts ohne Beistand ... Ja, Treudchen fand, dass die
Geschwister in ihr neues Dasein schon wie eingeboren waren ... Läutete es, dann
wusste jedes, was es bedeutete ... bald rief die Glocke zum Frühstück, bald zum
Mittagessen, bald in die Kapelle, bald auf die Schulbank ... ein geregeltes und
in sich begnügtes Leben das! Lucinde sagte Treudchen und den Kindern gleich:
»Bliebe es euch nur immer so, ihr Armen! Und läge der Nachteil der
Waisenhauserziehung nicht gerade in der Unmöglichkeit, im Leben künftig dieselbe
Regelmässigkeit zu haben! Dem Dasein gegenüber, wie es ist, ist sogar schon
solche Ordnung eurer Jugend - ein vollständiger Luxus! Wer auch nur alle Tage
das hat, was er begehrt und bedarf, wird selbst bei Wasser und Brot wie ein
Prinz erzogen! ...« Lucinde gedachte ihrer verkommenen Brüder.
    Schon wollte Treudchen, da die Freistunde vorüber war, nach herzlichen
Mahnungen und Danksagungen an den Herrn Inspector wieder gehen ...
    Da kam auf sie zu eine der Nonnen, die hier die Erziehung leiten helfen. Es
war eine Karmeliterin in braunem Rock und schwarzem Ledergürtel. Sie war in
mittlern Jahren, sehr sauber, sehr rührsam. Dass ihr Treudchen die Hand küsste,
lehnte sie fast ab und ergriff teilnehmend die ihrige.
    Sahen Sie denn auch alles? fragte sie und führte Treudchen in den Räumen auf
und nieder und zeigte ihr die Plätze, wo die Kinder ihre mitgebrachten
Habseligkeiten untergebracht hatten. Sie versicherte, dass diese Geschwister ihr
schon fast die Liebsten wären und dass auch sie Mutter Beaten schon in ihre
Herzen eingeschlossen hätten.
    »Mutter Beate« war der Name der Schwester ...
    Treudchen's Herz klopfte hörbar. Nach den Reden der Frau Delring überkam sie
fast eine Furcht, sich offen auszusprechen oder zu lange im Gespräch zu
verharren mit dieser so zutulichen Klosterjungfrau ... Und wahrhaft überrascht
war sie, als Schwester Beate von ihrem Dienst bei den Kattendyks und ihrer
frühern Bestimmung für die Frau Hauptmännin von Buschbeck schon wusste.
    Diese Unglückliche, sagte sie, ist auf so ruchlose Weise ums Leben gekommen!
Aber die ewige Gerechtigkeit wird den Mörder gewiss schon der zeitlichen
überliefern! Sie wird den Elenden auffinden lassen, der auch den Armen und
Notleidenden eine Freundin raubte! Ei! Wie können Sie sagen, Kind, dass es ein
Glück war, dass der Himmel Ihnen eine andere Bestimmung gab! Vielleicht hätte
Ihre Anwesenheit die Tat ungeschehen gemacht! Verlassen von aller Welt, musste
die Aermste wohl ein Opfer der Habsucht und Mordlust werden! Kind, Kind, fürchten
Sie sich denn vor einer Gefahr, die im Gefolge einer Pflicht liegt?
    Treudchen sah verwirrt zur Erde. Ihre Wangen erglühten. Sie, die schon im
Leben so viel erduldet, stand jetzt, wie sie gleich heute früh geahnt hatte, wie
ein Wesen da, das nur an ihre eigene Sicherheit zu denken vermochte. Es war ein
Feuerbrand in ihr Herz geworfen, sich sagen zu müssen: Wärst du weniger
furchtsam gewesen, weniger gläubig den Versicherungen deiner Gönnerin Lucinde
gefolgt, diese unglückliche Frau lebte vielleicht noch!
    Freundlicher jedoch geworden, als sie die Wirkung ihrer harten Worte
bemerkte, unterhielt sich Schwester Beate jetzt wieder im Wandeln mit Treudchen,
fragte nach ihren sonstigen Lebensverhältnissen und vervollständigte das, was
sie alles sonderbarerweise bereits wusste.
    Als Treudchen schon gehen wollte und die Hand der Nonne ergriff, sie aufs
neue zu küssen, forderte Schwester Beate sie auf, in ihrem Kloster sie zu
besuchen ... es läge dicht am Waisenhaus nebenan und wäre mit ihm durch einen
geschlossenen Gang verbunden und sähe mit der Vorderfronte der zum Kloster
gehörigen Kirche auf den Römerweg hinaus.
    Treudchen gedachte an ihre Herrin, wie sie vorhin den Namen einer gewissen
Strasse gesucht hatte ...
    Wir haben gerade morgen einen Geburtstag! sagte die Nonne. Kommen Sie doch
morgen Nachmittag!
    Ich weiss nicht ...
    Ihre Herrin erlaubt es ... In ein Kloster lässt eine gläubige Seele jeden
gehen!
    Einen Geburtstag? ... fragte Treudchen bebend und ausweichend ...
    Ein Geburtstag ist ein Einkleidungstag!
    Die Nonne blickte auf das Ende eines Corridors, in welchem eine zweite Nonne
erschien. Sie schwieg, bis diese herangekommen und mit einem freundlichen Grusse
vorübergegangen war. Dies war eine fast vornehme Erscheinung gewesen ...
    Das war das Geburtstagkind! sagte Schwester Beate mit einem Lächeln, bei
welchem eine ihr Antlitz entstellende Zahnlücke zum Vorschein kam. Schwester
Terese ist heute sozusagen drei Jahre alt! Vor drei Jahren nahm sie den
Schleier und wurde eine Braut des Himmels! Sie ist sehr vornehmer Abkunft! Ein
Freifräulein Terese von Seefelden! Schon hatte sie einen Grafen zum Verlobten,
der aber sein ganzes Vermögen lieber zu einem wohltätigen Zwecke bestimmte und
ins Kloster gehen wollte! Er ist im Franciscaner-Kloster Himmelpfort bei
Witoborn; leider wurde er krank und hat, der Aermste, seinen Verstand verloren!
Fräulein von Seefelden nahm nun auch den Schleier und wurde Karmeliterin! Ich
bin nicht so hoher Abkunft. Mir ging es wie Ihnen, Kind! Hat man keine Aeltern
und Verwandte mehr, keine Freunde und muss sich mühsam durchs Leben schlagen und
immer in Gefahr leben, an seiner Seele beschädigt zu werden, so ist das Kloster
die beste Versorgung! Niemand hat da noch eine Entbehrung, als nur für anderer
Wohl! Wir kümmern uns nicht: Was wird aus uns? Was essen, was trinken wir?
Unsere Kleidung, unser Unterhalt sind da - so leben wir nur mit unserm Innern
beschäftigt. Kommen Sie morgen, liebes Kind! Wir feiern unsere Geburtstage immer
so froh, wie nur irgend erlaubt ist! Es fehlt an Gebacknem nicht, nicht an
Blumen, Sie sollen sehen, wir sind sogar ganz guter Dinge und können lachen wie
andere auch!
    Der Schall einer Glocke rief die Schwester Beate ab in die Säle, wo sie die
weiblichen Handarbeiten leitete.
    Treudchen fühlte, dass sie morgen an dem Geburtstag der Schwester Terese
nicht fehlen durfte. Ja es war ihr fast, als würden es ihre Geschwister zu
entgelten haben, wenn sie einer so ausdrücklichen Einladung nicht Folge leistete
...
    Dennoch überfiel sie ein unaussprechliches Bangen ... Sie verliess das
Waisenhaus zitternd, wie wenn sie in Lüften schwebte. Ihre Pulse flogen. Es war
ihr, als sähe sie immer die Augen der Nonne sie anlächeln, sie durchbohren mit
einer Freundlichkeit, die keine natürliche war, sondern dem Blicke der Schlange
glich, die ihr Opfer erst erstarren macht ... Ach und dazu läuteten Glocken
draussen und in ihrem Innern! Allen ihren Leiden, zu denen Beängstigungen kamen,
wie sogar solche, die in der Erinnerung an Piter lagen, bot sich eine himmlische
Tröstung und ein Ausweg. Auch zu einem Geistlichen flog sie ja jetzt, der ewig
entsagen musste, der nur sich grüssen lassen durfte mit Blumen, die die Verehrung
brachte und die nichts dafür begehrende Liebe ... Auf der Strasse, wo sie sich
wieder befand, hätte sie unter allen Menschen wie über eine Ahnung laut
aufweinen mögen ...
    Wenn nur Löb Seligmann da war - sein Plaudern hoffte sie, würde ihr
Beruhigung geben!
    Sie fand ihn aber nicht und sie konnte kaum auf ihn warten. Auch konnte er
vielleicht schon fort sein, denn sie war fast eine halbe Stunde geblieben.
Dennoch suchte sie und suchte und stand und ging und ging und stand - Eins
konnte ihr Auge nicht fortbannen: Die beiden Nonnen - und Schwester Terese und
ihr feierlich ernstes Dahinwandeln und das braune wollene Kleid, das beide
trugen und den groben Ledergürtel - und ihr Geliebter wurde Mönch, angetan wie
der, den sie vorhin gesehen in dem Laden des Meisters Zinngiesser!
    Fast war sie im Auf- und Niedergehen schon dicht an diesem Laden angekommen.
Sie sah ihn in der Ferne, sie sah, dass sie sich auf dem Rückwege zur Katedrale
leicht zurecht finden würde. Doch kehrte sie wieder zum Waisenhause um ...
    Nirgends fand sich aber Löb Seligmann ...
    Jetzt schlug es von den Türmen halb elf Uhr ...
    Wie durfte sie länger zögern! Frau Delring wird ihre Toilette machen wollen!
sagte sie sich. Sie eilte von dannen und geradeswegs der Katedrale zu.
    Nach einer Viertelstunde war auch diese erreicht und mit ihr der
Blumenmarkt. Rasch erhandelte sie zwei grosse Bouquets von Georginen, Levkoien,
Nelken. Seligmann's Beispiel ermutigte sie, sich einbinden zu lassen, was ihr
nur irgend noch von den andern Vorräten gefiel, vor allem Orangenblüten. Damit
eilte sie dann zu dem Laden des Herrn Maria hinüber.
    Ein Schaufenster mit den auch nach aussen sichtbaren innern Herrlichkeiten,
die hier verkauft wurden, fehlte. Ja selbst im innern Laden, so gross und
geräumig er war, hatte alles ein Ansehen, wie wenn diese Schränke und Kisten und
Kasten nur zum Privatgebrauche einer hier für immer wohnenden Familie bestimmt
waren. Herrn Maria's feiner Takt bewährte sich in diesem Geheimnisvollen des
Verkehrs mit heiligen Dingen. Selbst die Lebkuchen ziemte sich nicht so offen
neben den Messgewändern liegen zu lassen ...
    Treudchen sah sich aber kaum um. In Eile sagte sie zu einer von einem
versteckten Stehpult fragend aufblickenden nicht mehr in erster Jugendblüte
befindlichen, aber doch durch Haltung und eine gewählte Toilette wohl noch
Jugendlichkeit in Anspruch nehmenden Dame:
    Eine Empfehlung von Madame Delring! Ob nicht bald ihre Ausstattung fertig
wäre?
    Madame Delring -? Ah -!
    Die gestrenge Miene der schlanken, dunkeläugigen Dame verklärte sich ...
    Sie sind -? fragte sie und hocherrötend und nachfühlend, dass dies Mädchen
ihr allenfalls auch hätte sagen dürfen: Ja, ich bin die von Ihrem Vater für den
Dienst bei der diese Nacht Ermordeten Bestimmte!
    Aber Treudchen war so in der Hast ihres Auftrags, so im Drang ihrer
Rückkehr, so im Bangen, jetzt nach dem Pfarrer von St.-Wolfgang fragen zu
müssen, dass Demoiselle Schnuphase (es war die Aelteste - Eva) über Vorwürfe
nicht viel Besorgnisse zu hegen brauchte.
    Ihre Freundlichkeit, ihr Verweisen auf das Nähinstitut der Schwesterschaft
zu den Nothelfern waren für ihre Verlegenheit bezeichnend genug ...
    Diese wunderschönen Bouquets -! sagte Demoiselle Schnuphase dann holdseligst
...
    Ich wollte sie Herrn von Asselyn bringen -
    Wem?
    Dem Herrn Pfarrer von St.-Wolfgang -
    Der wohnt bei uns -
    Treff' ich ihn zu Hause?
    Sie kennen ihn -?
    Aus meiner Vaterstadt -
    Ganz recht! Er ist nicht gegenwärtig!
    O -
    Er ist im Palais Sr. Eminenz des Kirchenfürsten -
    Könnt' ich ihm nicht die Blumen auf sein Zimmer stellen?
    Gewiss! Kommen Sie!
    Fräulein Schnuphase nahm lächelnd einen Schlüssel, der über ihrem Stehpult
hing, entfernte sich in ein Nebenzimmer, kehrte zurück, liess Treudchen
vorantreten und öffnete eine andere nach hinten gehende Tür.
    Wie Treudchen den Laden mit ihren Blumen verliess, sah ihr aus der geöffneten
Nebentür eine zweite, elegante und wie es schien jüngere Dame nach, ohne
Zweifel Demoiselle Apollonia ...
    In dem altertümlichen Hause ging es eine dunkle steinerne Treppe hinauf.
Die Führerin öffnete im ersten Stock ein geräumiges Zimmer und liess Treudchen
eintreten.
    Hier wohnt der Herr Pfarrer von St.-Wolfgang! sagte sie.
    Aber schon schlug es elf Uhr ... Treudchen hörte und sah kaum noch etwas ...
Sie rief nur:
    Elf! O Gott -!
    Demoiselle Schnuphase verstand vollkommen, wie ein gutes Kammermädchen sich
nicht beim ersten Ausgange verspäten durfte ...
    Und doch fehlten für die Blumen die Gläser und sie erbot sich, diese erst zu
holen -
    Treudchen machte es anders.
    Sie löste beide Sträusse auseinander und verteilte die Blumen ...
    Einen Teil warf sie auf ein offen auf dem Tische liegendes grosses Buch -
vielleicht die lateinische Bibel - einen andern streute sie auf ein grosses
Schreibzeug, mochten auch einige Nelken in die Dinte fallen. Eine andere
Handvoll drückte sie bei einem Kruzifix, das im Schatten des Spiegelpfeilers
stand, zwischen die Arme des Erlösers, die eine Lücke an dem obern Querholz des
Balkens offen liessen. Den Rest streute sie geradezu hierhin und dortin, sodass
das Zimmer dem Wege des Herrn nach Jerusalem glich, ihre Huldigung einem
jubelnden Hosianna.
    Demoiselle Schnuphase lachte. Treudchen aber, über die der Geist Lucindens
gekommen schien, sprach weiter kein Wort, sondern sah sich nur noch einmal um
und lief rasch von dannen.
    Auf dem Platze suchte sie eben die Strasse, in die sie wusste einbiegen zu
müssen, als sie gerade auf Löb Seligmann und wie Kopf an Kopf und Nase an Nase
gegen ihn stiess. Er war ihrer Spur gefolgt, hatte sich ihr nacherkundigt und
nachgefragt und entschuldigte sein Ausbleiben durch ein Abenteuer, das ihn
bestimmte sie sogleich zu fragen, ob er nicht so blass und so weiss aussähe wie
Kreide? ...
    Sie fand ihn aber im Gegenteil sehr errötet. Doch hielt sie sich mit
näherer Beweisführung nicht auf, sondern drängte nur ihres sprachlosen Führers
Fingerzeigen auf die Strasse nach, die sie einschlagen mussten.
    Ich bin in meinem Leben ein einziges mal herausgeschmissen worden, keuchte
Seligmann, endlich zu einigem Atem gekommen, hinter ihr her und bürstete an
seinem Hute, der offenbar eine gewaltsame Beschädigung erlitten hatte;
herausgeschmissen aus blossem Scherz - und jetzt -
    Wer hat Ihnen denn etwas getan? fragte Treudchen in hastiger Eile den noch
ganz Ungesammelten ...
    Jetzt, wo kein Gensdarm mehr zu einem mosaischen Glaubensgenossen: Zaruck!
sagt, wenn bloss die andern gedrängelt haben ...
    Aber was geschah Ihnen denn?
    Ein Mönch, der ein Mann Gottes sein will ...!
    Treudchen konnte trotz ihrer Eile nicht umhin, eine Secunde still zu stehen
und auf ihren kaum nachkommenden Begleiter einen staunenden Blick zu werfen ...
    Der mich einmal herausgeschmissen hat - das ist ein Student gewesen, fuhr
Seligmann fort; in kurzen Pausen, Herr Benno von Asselyn war's - den Sie kennen
müssen - Neveu vom Herrn Dechanten -
    Ja wohl! Ja wohl! Der hat Sie jetzt -
    Nein! Vor fünf Jahren! Und bloss aus Spass schmiss mich Herr von Asselyn 'mal
heraus im Roland am Hüneneck, eine Stunde von der Universität, wo ich eine
Verhandlung mit einer Partie Bauern hatte, die ihre Güter wollten parcelliren!
Kam der damalige Student Herr von Asselyn dazu mit fünf andern, machte die Stube
auf und hörte, was wir discourirten, und fing an: Seligmann - er kannte mich von
Kocher - sind Sie denn das Verderben des Landes! Schlachten Sie Rinder und
Kälber mit Ihrem Schwager Lippschütz, aber ruiniren Sie uns hier den Wohlstand
der Bauern nicht durch diese verfluchte Parcellirung! ... Und so fasst mich Herr
von Asselyn an dem Rockkragen und führt mich volens nolens in die Nebenstube und
alle Bauern lachten dazu. Es war aber bloss ein Scherz, die Studenten wollten nur
unsere Stube haben, um besser ihren Wein zu trinken wegen der Aussicht! Aber
heute - straf' mich Gott! bin ich wirklich herausgeschmissen worden mit einer
Grobheit wie von Joseph Zapf, dem Wirt im Roland selbst! Und das von einem
Mönch - einem Priester Gottes! »Jüd«! So hab' ich das Wort seit zwanzig Jahren
nicht gehört, seitdem die Buben dazumal, wie das deutsche Vaterland vorm
Napoleon ist gerettet gewesen, überall »Hepp, Hepp!« geschrieen!
    Noch mochte Treudchen bis zu ihrer Ankunft an dem in der innern Stadt
liegenden Kattendyk'schen Hause fünf Minuten Zeit haben ...
    Herr Seligmann erzählte ein Zusammentreffen, das er im Laden des Herrn Xaver
Klingelpeter mit einem Mönche gehabt hätte. Und trotz seiner Aufregung und trotz
Treudchen's Eile nahm er sich die Zeit, noch eine Huldigung für Veilchen
Igelsheimer einzuflechten und Treudchen zu ermuntern, die Weiseste ihres
Geschlechts zu besuchen ...
    Als ich ihr den Blumenstrauss in die Rumpelgasse brachte, sagte er, wollt'
ich fort, um Sie nicht warten zu lassen! Ich erzählte Ihre Leiden, Treudchen!
Ich erzählte auch Ihre Liebe und Ihre Anhänglichkeit! Wissen Sie, was es gesagt
hat, das Veilchen? Was dankbar! Kinder dankbar! hat es gesagt. Die besten Kinder
sind gegen ihre Aeltern nur Lumpen! Sie zahlen! Womit zahlen sie? Gerade von dem
zahlen sie, was sie schuldig sind! Frag' ich sie: Veilchen wie so schuldig? ...
Sind die Kinder, antwortete das Mädchen, ihren Aeltern nicht das Leben schuldig?
Und zahlen sie nun wieder mit ihrem Leben, was tun sie? Sie machen's wie die
Fürsten mit ihren Völkern und mit ihren Schulden und wie alle, die bankrott
sind! Sie zahlen ihre Gläubiger gerade von dem, was sie eben ihnen schuldig
sind!
    Weder Treudchen's Gemütsstimmung noch ihre Bildung gestattete ihr, diese
talmudische Dialektik so überraschend geistvoll zu finden, wie sie Löb Seligmann
fand ...
    Aber trotz seiner Bewunderung vor dem scharfen Geiste Veilchen's verlor er
den Faden seiner Erzählung nicht. Er berichtete, dass er beim vergeblichen Warten
auf Treudchen, die noch im Waisenhause war, einen Sprung zu dem Zinngiesser hätte
machen wollen. Dort hätte er den Laden verschlossen gefunden und wäre nun als
alter Bekannter von hinterwärts durch die Werkstatt und in ein Nebenzimmerchen
gegangen. Dieses wäre leer gewesen. Wohl aber hätte er durch ein
Schiebfensterchen in die Stube des Meisters sehen und mit Staunen auf dem Tische
an die Tausende von kleinen zinnernen Münzen erblicken können. Es wäre ihm doch
gewesen, als hätte er in eine Falschmünzerei gesehen. Ein Mönch hätte über die
Münzen mit dem Meister disputirt und wie ein Advocat wäre er dabei
herumgesprungen und hätte dies getadelt und jenes und die Münzen geworfen, dass
sie auf den Tisch hinrollten ... und als er dann geklopft und den Kopf durch die
Tür gesteckt hätte und hereintreten wollen, da hätte ihn der Mann Gottes in
einer Art wieder hinausgeführt, die über alle Zweideutigkeit erhaben gewesen
wäre ... Zwar müsse er bekennen, dass er, noch von Veilchen's Geiste angesteckt,
den Scherz gemacht: »Sind das Wundermedaillen?« - aber so dicht heran an den
Scheiterhaufen und an die heilige Inquisition hätt' er sich in seinem Leben
nicht gefühlt, wie bei dieser Behandlung an einem Orte, wo ihm Meister
Klingelpeter doch auch schon mit manchem Scherze gesagt hätte, es wäre ihm ganz
egal, wo sein Bruder Natan Seligmann das Zinn herbekäme, das er ihm geschmolzen
zum Verkauf bringe, ob von alten Kelchen oder -
    Die Blasphemie, die auf Löb Seligmann's zornesbleichen Lippen schwebte,
hörte Treudchen nicht.
    Sie war jetzt am Portal des Kattendyk'schen Hauses.
    Nun stand der Portier in voller Gala unter den, während der Geschäftszeit,
seit Piter befehligte, weitgeöffneten Torflügeln.
    Löb Seligmann warf ihr noch einen letzten Ausdruck der Teilnahme zu auf die
herzlichen Dankesbezeugungen für seine Begleitung und heute bewiesene
Freundlichkeit.
    Im Verdruss seines gekränkten Stolzes, im Verdruss seiner nur mit Zerstreuung
und halber Teilnahme aufgenommenen Erzählung und doch unfähig, sich zu rächen
(und hätte er alle Mittel dazu gehabt, sein Gemüt war doch nur geneigt zum
Dulden), auch unfähig, Treudchen Vorwürfe zu machen und überhaupt anders als
gefühlvoll von ihr Abschied zu nehmen, sagte er:
    Leben Sie glücklich, mein Kind!
    Er sprach diese Worte langsam und melodisch betonend. Er sprach sie, wie
wenn einmal jemand: Leben Sie glücklich, mein Kind! zu David Lippschütz hätte
sagen können, falls diesem plötzlich auch so seine Mutter oder gar der Onkel
selbst mit Tode abgegangen wäre ... Wir Menschen sind ja so ... Eine Mutter
liebkost dann am herzigsten ein fremdes Kind, wenn sie aus dessen Zügen ihr
eigenes herausfindet.
    Treudchen war längst in dem stattlichen Hause verschwunden, als Löb
Seligmann noch im Gemisch von Zorn und Wehmut dastand, dann in die
Kattendyk'schen Comptoire schaute, eine Weile den Gedanken fasste: Wer hier
Geschäfte machen könnte! darauf seinen Hut, der eine unvertilgbare Beule
bekommen hatte, aufsetzte und sich im Geist auf die Scene mit dem Mönche
zurückversetzte, der ohne Zweifel Pater Sebastus gewesen war ...
    Aus diesen Träumen weckte aber, »den Störer der Passage«, glücklicherweise
noch vor dem Portier ein freundlicherer Anruf:
    Guten Morgen, Seligmann!
    Diese Worte kamen von einem Manne, dessen Anblick dem Gütermakler im Nu den
Hut vom Kopfe riss ...
    Herr Fuld! Ihr gehorsamster Diener, sprach er fast tonlos ...
    Es war sein vornehmer leiblicher Vetter - es war der Enkel eines Cousins
seiner Mutter, der Löb Seligmann gegrüsst hatte, Herr Bernhard Fuld, der Besitzer
der Villa zu Drusenheim im Enneper Tale.
    Und was geschah? Alle Stämme Israels gaben ihre Rangunterschiede auf!
    Bernhard Fuld blieb zwar nicht stehen, aber er forderte Löb Seligmann auf,
ihn zu begleiten ...
    Setzen Sie nur den Hut auf, Seligmann! bedeutete ihn der Vetter, den
Weigenand Maus und Alois Effingh heute zum Gegenstand einer Caricatur machten,
die vielleicht schon in Arbeit war. Wird es denn nichts mit dem Weinberg hinter
meiner Villa?
    Er fragte dies im Gehen und den Vetter in Bewegung setzend, der vor
Verehrung immer zum Stillstand tendirte.
    Leider nein, Herr Fuld! ...
    Aber ich bot doch siebenhundert Taler!
    Ich machte die Offerte ...
    Das ist ein Heidengeld!
    Unerbittlich ist der Mensch ...
    Versuchen Sie es doch noch einmal -
    Sie befehlen ...
    Meine Frau vermisst diesen Besitz, der in der Tat meine Villa erst
arrondirt! Neunhundert Taler, wenn Sie's machen!
    Bei Gott! Eine ansehnliche Summe! Ich will es noch einmal -
    Und kommen Sie dann nächsten Sonntag nach Drusenheim und berichten mir's -
    Ganz wohl!
    Sie können ja bei uns speisen, Seligmann!
    Mit diesem Worte, das Löb Seligmann geradezu versteinerte, war Herr Bernhard
Fuld kurzweg um eine Ecke verschwunden und liess den Vetter stehen.
    Sie können ja bei uns speisen, Seligmann!
    War das Wort wirklich gesprochen worden?
    War es von Bernhard Fuld gesprochen worden, dem Mann, den dort der vierte,
fünfte Vorübergehende grüsst? Dem Mann mit dem schwarzen Frack und dem roten
Bändchen im Knopfloche? Dem Mann in dem herbstlich gelben Ueberzieher, mit dem
Bart à la mécontent, im weissen Castorhute, dem vornehmen Gange, der fast die
Steine, auf die er trat, erst auswählte und des Gehens auf gemeiner Erde gar
nicht gewohnt schien?
    Es war von ihm gesprochen worden!
    Und so obenhin war es gesprochen worden, wie wenn alle Tage Sabbat wäre und
die Erde nie den Winter kennte sondern ein ewiger Frühling in der Natur und dem
Herzen ihrer Bewohner blühte und wie wenn die gebratenen Gänse mit duftender
Aepfelfüllung nur so mit den Tranchirmessern durch die Lüfte flögen und die
Menschen am Tage geputzt gingen mit Veilchen Igelsheimer's Garderobe oder wie
die Ballgäste in der neuen Oper »Gustav oder der Maskenball« ...
    Löb Seligmann wuchs in diesem Augenblicke bis an die Kuppel einer nahe
liegenden wirklich alt byzantinischen Kirche.
    Er vergass die vorahnende Erinnerung an die Todesanzeige: »Gestern starb mein
geliebter Onkel -!«
    Er vergass die Erinnerung an die Scheiterhaufen der Inquisition und die
bürgerliche Gleichstellung der Glaubensbekenntnisse wenigstens vor dem
Bagatellhofe wegen Injurien ...
    Sie können ja Sonntag bei uns speisen, Seligmann!
    Ja es gibt noch Wunder und liebliche Märchen und was wird Veilchen sagen und
was Henriette und was David?
    Mit diesen, bis in die höchsten Bergeskuppen gipfelnden Empfindungen musste
Löb Seligmann freilich jetzt in einen Keller steigen.
    Der Besitzer des um keinen Preis käuflichen Weinberges hinter Drusenheim
hiess Stephan Lengenich.
    Es war dies der aus hiesiger Gegend gebürtige Küfer und ehemalige Freund der
Beschliesserin Lisabet auf Schloss Neuhof, der um den Tod des Deichgrafen ein
Jahr hatte sitzen müssen, bis ihn die Gerichte aus Mangel an Beweis
freisprachen.
    Stephan Lengenich war in seine Heimat zurückgekehrt und stand als erster
Küfer dem grossen Weingeschäfte von Joseph Moppes vor.
    In diese berühmten, mit unterirdischen Gängen weit sich hinziehenden Keller
ging es zwanzig Stufen hinunter.
    Löb Seligmann stieg sie nieder, als führten sie um das Dreidoppelte empor.
    Nächsten Sonntag! - In Drusenheim! - Speisen bei Bernhard Fuld!
    Die heitersten Melodieen aus »Fra Diavolo«, mehr aber noch das lustige
»Kommt fröhliche Gäste!« aus den »Wienern in Berlin« fielen in sein überraschtes
und bereits versöhntes Gemüt wie mit rauschenden Orchesterklängen.
    Selbst Tiebold de Jonge und die Freunde Piter's konnten mit soviel Wonne
nicht an die von ihnen beschlossene drusenheimer Partie des nächsten Sonntags
denken.
 
                                       4.
Seit jenem verhängnisvollen Augenblick, wo die wenigen Zeilen, welche Eduard
Michahelles, der Secretär des Kirchenfürsten Grafen Truchsess-Gallenberg, an
Bonaventura geschrieben, in den Händen desselben wie glühende Kohlen brannten,
sprach es mahnend und zur Eile drängend aus jedem Baumeswipfel, aus jedem
Windeswehen, aus jedem Menschenauge um ihn her mit den Worten des Herrn: »Siehe,
ich habe dich gerufen und du hast dein Ohr verstopfet!«
    Von dem Dechanten, den Bonaventura für einen verlorenen Sohn der Kirche
halten musste, hatte er sich losgerissen wie von einer jener Versuchungen, die zu
unterdrücken nun schon fast neun Jahre seine tägliche Uebung war. Er hatte die
Aufträge an den Obersten überbracht, ohne diesen strengen und ernsten Mann
vermögen zu können, Armgart's Wünschen zu folgen und sich sofort mit seiner
Gattin Monika auszusöhnen. Wie er als Bote des Dechanten Gründe der Billigkeit
geltend machte, wie er sagte: Die meisten Ehen haben ihren wahren Grund erst
dann noch zu legen, wenn sie schon längst geschlossen sind! wie er die Tugenden
der Gattin des Obersten schilderte, den starren Sinn der gemeinschaftlichen
Heimat, die Härte der Verwandten, die ihr das einzige geliebte Kind rauben
konnten, wie er rühmte, dass sich die verbitterte, ermüdete junge Frau, um allen
Schein einer weltlichen und eitlen Gesinnung zu vermeiden, in ein Kloster
geflüchtet hatte, wurde seine Beredsamkeit wieder gelähmt durch das soeben noch
schmerzlich lebendig heraufbeschworen gewesene Andenken an seine eigenen
Aeltern. Er schied vom Obersten unverrichteter Sache und reiste nach
St.-Wolfgang zurück, ohne auch von Lucindens Bruch mit der Dechanei vernommen zu
haben. Die Freundin des Dechanten, der in der Stadt war, verbot förmlich, ihn
damit bekannt zu machen; sie fürchtete einen Versuch der Vermittelung und
Aussöhnung.
    Erst in seinem Pfarrhause, wo die alte Dienerin seiner Aeltern, die wie
Joseph Mevissen zu ihm gehalten hatte, vor der Mitteilung, ihr Pflegling müsste
sofort in die Residenz des Kirchenfürsten, nicht wenig erschrocken und doch auch
wieder darob geistig hoch erhoben war, erfuhr er gelegentlich von dem
durchreitenden und immer noch vergebens nach dem Knecht aus dem Weissen Ross
suchenden, in seinem damaligen Verdacht so glänzend gerechtfertigten
Grützmacher, wie die Dinge in der Dechanei Hals über Kopf gegangen. Bonaventura
hörte sie voll Mitleid, er verteidigte sogar Lucinden gegen die Anklagen
Renatens und nur die Besorgnis, dieser peinlichen Neigung nun gar in der
Residenz des Kirchenfürsten wieder zu begegnen, liess ihn verstummen in seiner
aufrichtig teilnehmenden Anwaltschaft.
    Der Kirchenfürst hatte ihn innerhalb so kurzer Frist zu sprechen begehrt!
Und doch fesselte ihn in seiner Gemeinde so vieles, was zu erledigen war. Es kam
ihm vor, als gliche er denen, die im Evangelium zur Hochzeit geladen werden und
die dem göttlichen Gastgeber soviel geringfügige und alltägliche Dinge
vorzuschützen wissen ...
    Und es bildet sich auch im katolischen Leben eine Gemeinsamkeit des
Geistlichen mit dem Leben seiner Gemeinde, die eine ganz persönliche und dies in
der Liebe sowol wie im Hasse werden kann. Denn auch der Hass findet seine
Nahrung. Zu eng ist fast der Verkehr der Kirchenaufsicht, Kirchenbusse und
Kirchenzucht. Und eben deshalb, weil der Geistliche sich selbst in alles mischen
darf, unterliegt auch er einer strengen Kritik. Vom Gutsherrn bis zur untersten
Magd herab wird seine Art beurteilt. Dem einen sieht der Pfarrer zu traurig,
dem andern zu heiter aus; den grüsst er zu stolz, jenen zu herablassend; diese
alte Frau wirft ihm vor, dass er den Kindern nicht oft genug die Hand gebe und
Heiligenbilder an sie austeile; jenem Bauer ist er zu freigebig und spendet aus
dem kleinen ledernen Beutel, den er immer bei sich tragen soll, zu viel an die
Bettler, die sich so durch ihn in den Ort gezogen fühlen. Ganz altmodisch mögen
sie auch keinen haben und doch beurteilen sie den Schnitt des Rockes, ob der
auch nicht zu kurz, der Stiefeln, ob die auch geziemendermassen bis an die
Schäfte hinauf nach aussen sichtbar sind, den Hut, ob dieser, wenn er auch
billigerweise die Form des Dreiecks bei uns abgelegt hat, doch nicht zu modern
und stadtmässig wäre. Die Beurteilung der Gemeinde sieht ihrem Seelsorger bis in
das Innerste des Hauses, bis in den Topf, der für ihn am Feuer siedet, bis in
das Polster seines Sitzes, ob es nicht zu weich ist, bis auf die Farbe der
Decken, die auf seinem Tische liegen, ob sie nicht zu bunt. Und daran gewöhnt
sich denn auch der Geistliche selbst. Die Beaufsichtigung wird ihm Bedürfnis.
Die Gemeinde ersetzt ihm die Familie. Er lebt mit allen, lebt für alle. Jedes
Vorkommniss des innern und äussern Lebens seiner Ortsangehörigen will er kennen
und was er nicht sieht mit eigenen Augen, erfährt dann doch sein Ohr im
Beichtstuhl. Da, in diesem rätselhaften Flüsterstübchen, wandeln diese Menschen
dann alle um ihn her fast wie aufgedeckt und durchsichtig und wie mit gläsernen
Fenstern vor ihren Herzen. Niemand kann nun noch an ihm vorübergehen und
unbefangen grüssen. So mancher schlägt die Augen nieder, so mancher Knecht, der
allen trotzig ist, ist ihm demütig, so manche Magd errötet und atmet erst
auf, wenn sie an ihm wieder vorüber ist. Wären es nur immer die rechten Warner
und Richter, wer hätte Bonaventura nicht recht gegeben, wenn er auf die
Feindschaft des Dechanten gegen die Beichte gewöhnlich erwiderte: Unsere Kirche
ist eben eine Heilsanstalt!
    Denn nicht eben alle wissen den Beichtstuhl so zu behandeln, wie Bonaventura
seit seiner ersten Sitzung in dem »Holz der Busse«. Nur zu sehr nimmt die meist
aus dem Bauernstande hervorgegangene niedere Geistlichkeit die Art und Bildung
der Scholle an, von der sie herstammt und auf die sie zurückkehrt. Heftige
Naturen toben sich selbst im Messgewande aus und will man wahr sein, so gefällt
es sogar dem Landmann, wenn sein geistlicher Führer Fleisch von seinem Fleisch,
Bein von seinem Bein ist. Der Dechant, in seiner Gletscherbildungsteorie, sagte
oft: »Darin etwas ändern ist auf teoretischem und discutirendem oder
befehlendem Wege nicht möglich! Nur grosse Geschichtsepochen, die den ganzen
Menschen ergreifen, die allein reformiren! Geschichtsepochen, denen wir hoffen
auf irgendeine Art wieder entgegenzugehen und ganz nahe zu sein,
Geschichtsepochen, die wir 1815, als das deutsche Vaterland in seiner Einheit
wiederhergestellt wurde, leider so unbenutzt vorüberziehen liessen!«
    Bonaventura kannte vollkommen den Landmann und seine Bedürfnisse. Sein
unglücklicher Vater hatte allerdings dem höhern Beamtenstande, zuletzt als
Regierungsrat, angehört; aber seine beiden Oheime lebten auf dem Lande, der
Dechant wenigstens in einer kleinen Stadt; er selbst war in Borkenhagen geboren,
einem kleinen Gute, das der ganzen Familie gehörte und vor der Rückkehr des
Onkels Max aus dem spanischen Kriege verpachtet gewesen war, ohne dass seine
junge Mutter sich behindern liess, dann und wann das kleine, der Familie
gebliebene Herrenhaus zu besuchen und auf dem Lande die Sommerfrische zu halten.
Bonaventura war keine zerflossene Natur oder von übermässiger Milde; er konnte
streng und in manchem vielleicht zu entschieden sein. Aber immer umgab ihn eine
gewisse Vornehmheit, eine edle, ja adelige Besonderheit. Der längliche Schnitt
seines Antlitzes, die braunen Augen in dunkelschattigen Höhlen, die Feinheit
derjenigen Organe, die die Kennzeichen einer höhern geistigen Natur tragen,
Mund, Nase, weisse längliche Hände, alles das hob seine Erscheinung. Dazu kam der
schlanke Wuchs, das schwarze Haar, dessen Tonsur nur wie die natürliche Folge
der Anstrengung des Denkers aussah und vollkommen mit dem lichtern Haarwuchse an
den Schläfen und Stirnecken zusammenzugehören schien. Beseelt war all dies
Aeusserliche von einer weichen, in der mittlern Tonlage sich haltenden und zur
Höhe und Tiefe gleich klangvoll sich erhebenden und senkenden Stimme.
    Bonaventura besass den ganzen Eifer, den wir immer finden bei einem
selbstgewählten Berufe. Damals, als ihn der schauervolle Tod des Vaters und die
Verheiratung seiner Mutter in eine tiefe Betrübnis, die an Schwermut grenzte,
versetzte, ging ihm die Mahnung zum geistlichen Beruf wie eine Vision auf. Schon
studirte er auf der Universität, um nach einiger Zeit und mit dem gesetzlichen
Alter als Freiwilliger in die Armee zu treten und bei ihr auf Avancement zu
dienen. Der Fall trat ein; er verblieb in den Reihen des Militärs bis zur
Vollendung seines Offizierexamens. Dann trat er als Fähnrich aus. Es ergriff ihn
ein solcher Überdruss an weltlichen Dingen, dass er nicht fassen konnte, wie er
dem Waffendienste sich mit ganzer Hingebung hätte weihen können. Das Vaterland
lag im tiefsten Frieden, eine Lockung des Ehrgeizes oder des Pflichtgefühls, dem
Allgemeinen sich zu opfern, sprach nirgends aus der todten oder träumerisch
schlummernden Zeit; was hätte ihn hindern können, dem Zuge zu folgen, der ihn so
mächtig ergriff und der ihn aus einer Art geistiger Vernichtung wieder
emporzuheben versprach?
    Es gibt eine Schwarmzeit im Gemüte des Jünglings, eine heilige Zeit der
Dämmerung und des sehnsüchtigen Träumens. Nicht immer hin an das Herz eines
weiblichen Wesens, das man dann allerdings in den meisten Fällen unter
Atemzügen wie von Feuergluten lieben muss, oft auch an einen Freund zieht es in
dieser Zeit des Jünglings Seele. Diese Stunden sind die der Geburt unsers
geistigen Menschen. In diesen Stunden werden die Bücher unsers Schicksals
angelegt. In ihnen öffnen sich feierlich und schwer diese grossen leeren Blätter,
auf welche unser Schutzgeist das Grösste, Erhabenste, Glücklichste schreiben
möchte, wenn nur nicht die stärkern Dämonen der Weltregierung und die noch
stärkern unserer eigenen Leidenschaft ihn von dem Buche hinwegdrängten, ihm die
Feder aus der Hand rissen, törichte Hieroglyphen, Fratzen oft hineinzeichneten,
von denen wir in unsern spätern Tagen mit verhülltem Angesicht uns abwenden,
mögen sie auch in einem einzigen grossen, uns unbekannten, allmächtigen
Weltenplane irgendwie auch ihre Schönheit haben und diese Schönheit schon durch
die Leiden, mit denen wir sie büssen mussten! In einer solchen Dämmerstunde, wo
wir nichts sind als Gefühl, nichts wollen als die liebende Umarmung des Alls,
nichts fürchten und wär' es die eigene Vernichtung, da ergriff es auch den
zwanzigjährigen Jüngling, der über ein Jahr schon auf der Hochschule gewesen,
dann schon die Liebe militärischer Kameraden, die Achtung der Vorgesetzten
gewonnen hatte, sich loszureissen ganz von der Welt, von dem Staat, von der
Gesellschaft und ein Priester zu werden. Das Bild des im Alpenschnee versunkenen
Vaters winkte ihm, gleichsam ein Dankopfer darzubringen an die Augustinermönche,
die ihn gefunden und begraben hatten. Die plötzliche Heirat der Mutter mit
einem Manne, über dessen Stellung zu seinem väterlichen Hause er erst nach und
nach die volle Wahrheit ahnte, diese vollends erfüllte ihn so mit Wehmut und
Schmerz und Opferfreudigkeit an das Höchste, dass er ein Kloster aufgesucht haben
würde, wenn er nicht vom Dechanten mit der ernstesten Rüge davon wäre abgehalten
worden. Drei Jahre verbrachte Bonaventura im Convict einer mitteldeutschen
Universität. Er erhielt nach und nach die mehreren Weihen des Priesters. Er war
ein Jahr Kaplan zu Kocher am Fall gewesen; dann seit zwei Jahren Pfarrer zu
St.-Wolfgang, Nachfolger eines wenig rühmenswerten Priesters, Cajetanus Roter.
Bonaventura fühlte und füllte die Lücken seines Wissens. Die Ausdehnung auf dem
Gebiet aller der je gehegten Meinungen und Irrtümer über jenseitige Dinge ist
so gross, die Zahl der Schriften, die gelesen zu haben zur Beruhigung wenn nicht
des Herzens, doch der Bildung gereicht, mehrte ihm sich von Tage zu Tage, wie
sie sich dem grössten Gelehrten mehrt, je länger er forscht ... Da hatte er denn
daheim so viel Angefangenes, so viel zog ihn in seine kleine Bibliotek und an
seinen Studirtisch zurück, dass er nicht sofort zum Aufbruch kam, als er jetzt in
die grosse Stadt hinunterkommen sollte ... zu dem Kirchenfürsten, mit dem er
schon einmal in seinem Leben unter schmerzlichen Umständen zusammengetroffen
war.
    Diese Stadt selbst hatte für Bonaventura immer etwas Beklemmendes gehabt,
teils weil sie so unschön, wirr und wild in der Anlage, hier und da sogar wüst
im Zurückgebliebensein gegen frühere Macht und Bildung war, teils weil sie
neugeboren wurde aus einem ihm nicht sympatischen Geiste, dem protestantischen;
aber am unheimlichsten erschien sie Bonaventura durch die Erinnerung an eine
Abschiedsscene, die er vor sieben Jahren hier erlebt, die Trennung von seiner
Mutter. Schon seit seinem zwölften Jahre lebte er von ihr entfernt, teils in
Kocher, teils auf der lateinischen Schule der Universität. Von seiner Mutter
hatte er immer nur die Erinnerung einer Frau gehabt, die er wohl mit seinem Vater
in ruhiger Einigkeit gesehen und doch nie ganz mit ihm und in ihm aufgegangen.
Es war eine grosse Regierungsstadt mehr nach dem Westen zu, in der Vater und
Mutter gelebt hatten. Der Vater hatte einen Freund, der erst der Assessor, dann
der Rat von Wittekind-Neuhof hiess, jetzt schon seit lange der Präsident. Dieser
war der unzertrennliche Gefährte aller Erinnerungen, die ihm aus seiner ersten
Knabenzeit geblieben. Herr von Wittekind-Neuhof war ein lebhafter, feuriger
Weltmann, beweglich, anschlägig, geistvoll, selbst vor dem Tode seines Bruders
Jérôme doch schon der Erbe grosser Güter, die Seele der Gesellschaft und,
sonderbar genug, der Freund seines Vaters. Bonaventura kannte jetzt das Leben
genug, um sich zu erklären, wie drei Menschen, von denen einer, sein Vater, ein
edler, aber unpraktischer, in seiner bürgerlichen Existenz wenig geordneter
Charakter war, der Freund dag gen ein an allen Gütern gesegneter Weltmann, und
dazwischen ein junges Weib, seine Mutter, in Conflicte kommen konnten, unter
denen alle drei litten und alle drei scheiterten. Er sah seinen Vater immer noch
im Geiste langsam dahinschreiten, das Haupt nachdenklich gesenkt, - er erinnerte
sich der abgeschlossenen Türen - der verweinten Augen - vieles Murmelns und
Flüsterns - dann der väterlichen Todesnachricht - mit ihren seltsam besprochenen
Folgerungen - damals schon lebte er nicht mehr im Hause - zum Bruder hatte ihn
der Vater entfernt, als sollte er nicht Zeuge der Vorgänge des älterlichen
Hauses sein - nicht einmal Abschied hatte er, als er nach der Schweiz reiste,
von ihm genommen, - alles traf ihn wie aus wolkenloser Höhe. Die Bewilligung zur
neuen Heirat der Mutter hing von dem damaligen Generalvicar, dem jetzigen
Kirchenfürsten ab. Ein Zusammentreffen wurde veranstaltet in dieser Stadt. Sein
Stiefvater war zugegen. Die Freundlichkeit desselben war Bonaventura noch jetzt
in der Erinnerung beklemmend. Die Mutter und der Präsident kamen erhitzt und
erregt von dem Generalvicar. Man hatte lange Anstand genommen, eine Ehe zu
gestatten, die zwar gleiche Religionsverwandte schlossen, aber wer durfte die
Todesnachrichten über den Regierungsrat Friedrich von Asselyn nicht anzweifeln?
Wer musste nicht von der Schweiz und vom St.-Bernhard aus erst die gründlichsten
Ausweise der Register und der Erkennungsprotokolle verlangen? Auch das erfuhr
Bonaventura später, dass Graf Truchsess seinen neuen Vater nicht mochte, ihn hasste
als einen ganz in das jenseitige Lager Uebergegangenen, als eine
»Bureaukratenseele«, einen Abtrünnigen vom alten Adel des Landes und das aus
einem Geschlechte, aus dessen Vorfahren mancher schon hohe geistliche Würden
bekleidet hatte ... Der Kronsyndikus hatte seinen Sohn ja schon Lucinden einen
neuen Segestes genannt ... Damals wiederkehrend aus dem Domkapitel, warf sich
die Mutter dem Sohne an die Brust und schilderte ihm den Charakter seines neuen
Vaters als eines der edelsten und besten Menschen, eines Mannes, der dem Sohne
schon um deswillen lieb und wert sein müsse, weil er der innigste, wärmste und
wahrste Freund seines Vaters gewesen. Die Tränen einer Mutter hätten vielleicht
jeden in dieser Lage gerührt, aber Bonaventura's Augen feuchteten sich nicht.
Das Wort des Erlösers, das schroffe, unenträtselte Wort: »Weib, was hab' ich
mit dir zu schaffen?« kam ihm wie mit einem plötzlichen Begreifen zu Gemüte.
Hatte er je eine wie weltstürmende Regung in seinem Innern empfunden, so war es
in diesem Augenblicke. Eine prophetische, apostolische Glut war es, die ihn
durchloderte. Die Mutter hätte er von sich drängen mögen, sprechend: »Weib, was
hab' ich mit dir zu schaffen?« Und dabei gedachte er in der Tat des
Sündenfalls, gedachte Eva's, der Schlange, des Apfels, der geistigen
Wiedergeburt, der Erlösung, auch der Erlösung aus den Banden des Natürlichen,
Sinnlichen, Angeborenen, wenn auch noch so Teuern. Erstarken fühlte er sich zum
Helden. Als ihm keine Träne über diese weinende Mutter kam, fühlte er sich zum
ersten mal - als Priester.
    Seine Hand zitterte wohl, als er die der Mutter hielt, aber nur aus Mitleid.
Die Mutter hatte eine Confrontation mit dem Sohne noch vor dem Generalvicar
haben sollen mit dem künftigen Stiefvater; es handelte sich schon um dessen
Zustimmung zu dem Entschlusse Bonaventura's, in den geistlichen Stand zu treten,
die natürlich sogleich von Friedrich von Wittekind gegeben wurde. Die Dauer des
Namens Asselyn wurde durch die frühe Adoption Benno's verbürgt. Nun stand die
Mutter wie eine Schuldige gar schon vor dem künftigen Geistlichen. Sie bat ihn,
ihrer oft im künftigen Altargebet zu gedenken; sie bat ihn, auch dem neuen Vater
Heil zu erflehen. Sie konnte versichern, dass auch den neuen Gatten genugsam
geheimer Kummer drückte ... obgleich die Zeit, wo sein Vater für den Mörder des
Deichgrafen gelten durfte, noch nicht da war und nur die ältere trübe
Vergangenheit des Kronsyndikus schwer auch auf den Lebensbeziehungen des Sohnes
lag. Dennoch liess Herr von Wittekind damals nach den Tränen der Mutter im Hotel
beim Diner Champagner bringen, fuhr in bequemer Equipage in scheinbar heiterstem
Gespräche mit ihnen beiden spazieren, bis sie freilich, nach dem Hotel
zurückgekehrt, eine Botschaft von Schloss Neuhof empfingen, der Bruder des Herrn
von Wittekind würde demnächst zu einer Heirat schreiten mit einem Fräulein
Portiuncula von Tüngel-Appelhülsen. Sofort reisten die nun unzertrennlich
Verbundenen ab und seiter lebten jene in ihren durch den Tod des Deichgrafen,
Jérôme's und die über den Kronsyndikus ausgesprochene Curatel sich immer mehr
verwirrenden Verhältnissen und Bonaventura in den seinigen ... Oft schon hatte
er sich bei spätern Kunden über die nur äusserlich glänzenden Lebensverhältnisse
seiner Mutter Vorwürfe gemacht, dass sein Herz damals so lieblos gewesen. Dann
aber durfte er sich sagen: Ist nicht dein ganzes Leben ein Kampf gegen dein
Herz? Die Kirche ist deine Mutter, der Glaube deine Liebe ... »Weib, was hab'
ich mit dir zu schaffen!«
    Von St.-Wolfgang nahm Bonaventura endlich in einer Morgenfrühe Abschied. Er
ging über die Maximinuskapelle auf eines der vielen vorüberrauschenden
Dampfboote. Im Weissen Ross besuchte er den Wirt, der sich und »eine
durchreisende Fremde« als Ursache des an dem Kirchhof zu St.-Wolfgang begangenen
Frevels angab, indem er von der Vermutung jener Dame seinem Knechte gesprochen,
einem ihm als pferdekundig gut Empfohlengewesenen, von dem er keine Ahnung
gehabt, dass er ein schon bestrafter Verbrecher und Angehöriger der noch immer
nicht ganz ausgerotteten hierländischen alten Gaunerfamilien der Picard, Bosbeck
und der Schinderhannes wäre ... Noch war der Flüchtling, der sich statt Picard
Bickert genannt und mit falschen Zeugnissen versehen gewesen war, nirgends
wieder aufgefunden.
    Bonaventura's erste Regung war, sich zu sagen:
    Also alles Unheil wieder von Lucinden!
    Er veränderte mit der Zeit diese Vorstellung dahin, ob nicht hier das erste
Unheil in seinem Schoose eine Reihe guter Folgen tragen könnte?
    Auf dem Dampfschiff erfreute ihn, dann nichts Besonderes mehr, selbst
Lindenwert nicht, bei der festgehaltenen Vorstellung: Wie wirst du dem
Kirchenfürsten begegnen? Jetzt nach der Warnung des Oheims? Jetzt, wo in der
Tat das Vorschreiten des vielleicht bald mit dem Purpur eines Cardinals
bekleideten Priesters das ganze deutsche Vaterland in Erregung gebracht hat?
    Sind die katolischen Priester entweder Söhne von Landleuten oder Söhne von
Adeligen, so vertrat Graf Truchsess von Gallenberg gleichsam beide Ursprünge zu
gleicher Zeit. Die Tage der grossen geistlichen Pfründen sind in den Staaten,
über welche die eiserne Pflugschar der grossen Revolutionskriege ging, vorüber;
nur wenige solcher Stellen mag es auf diesem Boden noch geben, in denen man sich
wie zu St.-Zeno in Kocher am Fall die »feisten« Aebte und »Pfaffen« alter Zeit
auch auf unsere Tage überkommen denken darf; die Mittel sind geringer, die
Verpflichtungen ernstere geworden. Graf Truchsess war ein Angehöriger jenes Adels
auf dem jenseitigen Ufer, den man einen Bauernadel nennen möchte. Wenn er nicht
in pontificalibus sich zeigte, trug er grobe Stiefeln mit starken Absätzen,
waschlederne Handschuhe, die ein halbes Jahr lang vorhalten mussten, eine hoch
hinaufgehende grobe Tuchweste mit grossen Knöpfen, einen Hut, der nur deshalb
nicht zu sehr abgegriffen war, weil er beim Spazierengehen um die Alleen der
Stadt und am Ufer des Stromes niemanden mit ihm grüsste, sondern kurzweg nur
nickte. Seine Wäsche war von Hausleinen und nicht besonders reinlich, denn er
rauchte und schnupfte. Er schnupfte nicht etwa wie ein Abbé mit zierlicher
Fingerhaltung; er schnupfte wie ein ungeduldiger Advocat, der seinen Eifer, zu
Worte zu kommen, durch ein häufiges Handhaben seiner goldenen Dose unterdrücken
muss, nur dass der Graf eine gewöhnliche Holzdose führte, ganz wie ein alter
Waldhüter, der sich aus herbstlichen, duftenden Buchenblättern seinen eigenen
Lotzbeck schrotet. Des Grafen Mittagsmahl bestand aus Linsen, Bohnen, Erbsen,
gelben Rüben; seine Erholung war das Billardspiel. Denke man sich dazu seine
starkknochigen Züge ... diese hellblauen, tiefliegenden Augen ... dies jetzt
noch gelblich rote, bei fünfundfünfzig Jahren nirgends gebleichte Haar ...
diese markigen Schultern auf einer ebenso lang hagern, wie wieder doch stämmigen
Gestalt ... dieses wuchtige Auftreten ... diese kurze, befehlende Sprechweise
aus einem an sich wohlgeformten Munde, dessen Lippen aber nie in unbedachter
Ruhe, sondern immer wie ein Geheimnis bewahrend fest zusammengepresst lagen ...
Die Farbe des Antlitzes war fast grau, konnte aber bei der geringsten Erregung
sich röten bis in die Zipfel des Ohres. Das Geistliche am Grafen lag nur in dem
schwarzen langen Oberrock, in der von einem Sammtkäppchen bedeckten Tonsur und
in einem gewissen Etwas von Unstetigkeit und allzu sichtlich beherrschter
Reserve, diesem allgemeinen katolischen Priestertypus mangelnder Ruhe und
Harmlosigkeit, einem Typus, den auch Graf Truchsess, ein so fester Charakter er
sonst war, nie ganz hatte überwinden können.
    Schon dämmerte der Abend, als das Dampfschiff landete. Bonaventura fuhr mit
seinem kleinen Koffer bei Herrn Maria vor und trat in den Laden desselben ganz
unter den von Gebhard Schmitz geschilderten Umständen ein, nur dass er von Moritz
Fuld weder eine Visitenkarte noch eine Einladung nach Drusenheim erhielt. Eva
Schnuphase zeigte ihm das schon vorgerichtete Zimmer und entschuldigte den
Vater, der in Geschäften schon wieder auf dem Lande reiste.
    Sofort begab sich Bonaventura in das Palais des Kirchenfürsten und meldete
feine Ankunft.
    Er erfuhr, dass Se. Eminenz unpässlich waren und ihn auf morgen bescheiden
liessen. Auch sein Secretär war im Augenblick nicht anwesend.
    Nun suchte Bonaventura Benno auf und fand den lieben Freund hinterm
Schreibtisch. Er hatte die durch seine Militärübung entstandenen Rückstände
aufzuarbeiten.
    Bonaventura's Herbescheidung hatte er schon in der Dechanei vernommen.
    Der Kirchenfürst unpässlich? sagte Benno. Ein seltener Fall, dass dieser
Hünennatur einmal etwas vom allgemeinen Menschenloose ankommen kann!
    Die Spannung, welche Veranlassung es sein konnte, die Bonaventura von einer
Landpfarre unmittelbar und persönlich zum Kirchenfürsten beschied, war bei Benno
ebenso gross wie bei Bonaventura. Benno konnte ohnehin die lebhafteste
Schilderung von der gegenwärtigen Lage des Kirchenfürsten geben, von seinem
Kampfe gegen die gemischten Ehen, gegen die auf der benachbarten Universität
gelehrte Philosophie, gegen die Einrichtung der Priesterseminare. Er
versicherte, dass alles das zu einem gewaltigen Conflicte führen müsse, weil sich
der Kirchenfürst bei seiner Intronisation auf dem hohen Erzstuhle gegen die
Regierung sollte verpflichtet haben, keinen Erlass von Rom unmittelbar
entgegenzunehmen, sondern in so hochwichtigen, mit den Einrichtungen des
Staates, mit den Lebensformen der Gesellschaft, mit den Bedingungen der Zeit und
der Sitte in Berührung kommenden Verhältnissen erst das Placet oder Transeat der
landesherrlichen Genehmigung abzuwarten. Die Mahnung, dass man »Gott mehr
gehorchen müsse als den Menschen«, wäre aber dem Kirchenfürsten jetzt mit einer
so flammenden Ueberredung, ob nun von aussen oder von innen liess Benno
unentschieden, gekommen, dass, wenn nicht ein offener Bruch seiner
Versprechungen, doch eine gefährliche Deutung derselben seinerseits zu erwarten
stünde und man zunächst nur hoffen müsste, dass der in Aussicht gestellte
Vermittler dieser Streitigkeiten, der in ausserordentlicher Sendung angekündigte
Gubernialpräsident von Wittekind-Neuhof durch seine Gewandteit und seinen Takt
den Frieden wiederherstellte.
    Wie! Mein - Vater? rief Bonaventura heftig erschreckend.
    Benno wiederholte, davon gehört zu haben. Ja, er vermutete, dass
Bonaventura's Berufung mit dem Wunsche des Kirchenfürsten zusammenhängen könnte,
in seiner schwierigen Lage einen zur jenseitigen Partei in näherer Beziehung
stehenden Beistand zu haben.
    Das wäre ein bitterer Kelch! sagte Bonaventura und bezweifelte diese
Deutung.
    Der Kirchenfürst, sagte er, wird handeln wie sein Gewissen ihm rät!
    In den streitigen Punkten des Tages empfanden beide Freunde ziemlich gleich,
nur dass Benno mehr die politischen Gesichtspunkte seines Principals, des
Procurators Nück, teilte, ohne jedoch diesem in der Anhänglichkeit an das alte
Napoleonische Regiment zu folgen. Benno hasste das herrschende Regierungssystem,
das sich damals dem Geiste der Zeit völlig abgewandt und feindlich zeigte. Wo
die von demselben vertreten sein wollende Vernunft und Aufklärung in Formen sich
ankündigte, die selbst schon wieder etwas Verbindliches hatten, wo, wie damals,
ein grosser, den besten Kern des deutschen Volkes einschliessender Staat unter dem
Aushängeschilde der patriarchalischen Beglückung die Erfüllung aller
Verheissungen entbehren musste, die erst mit dem Jahre 1840 in langsamem
Fortschritt und wie versuchsweise gewährt wurden, da erlebte man die für alle
Zeiten lehrreich bleibende und immer wiederkehrende Erfahrung, dass man dem
Besten mistraut, wenn es nicht in dem Geist gegeben wird, der unser ganzes
Vertrauen für sich hat. Friedrich's II. Aufklärung, die anzunehmen
möglichenfalls der Stock gebot, Kaiser Joseph's Reformen, die aus dem Hörsaal
der Teorieen kamen und scharf wie eine blanke Pflugschar in ein Erdreich
schnitten, in welchem eine schonende Hand zuvor das Unkraut der Vorurteile
nicht ausgejätet hatte, die Schulverbesserungen späterer Regierungen, die
Unionsversuche auf kirchlichem Gebiete, ja die geordnetste Verwaltung, die
musterhafteste Gerechtigkeitspflege, nichts, nichts entschädigt für die
Misachtung der persönlichen Freiheit, für die Unterdrückung des unerschrockenen
Wortes, für die Ablehnung derjenigen Institutionen, die zuletzt jeder
Individualität Gelegenheit geben müssen, mit ihrer Meinung, auch der
verkehrtesten, mit ihren Interessen, auch den einseitigsten, mit ihren
Ansprüchen auf Kraft und tatsächliche Bewährung, auch den haltlosesten, sich in
der einmal uns zur Freiheit des Denkens und Handelns geschenkten Gotteswelt
gesund und mannhaft auszuleben.
    Der schöne Abend lockte beide Freunde noch zu einem Spaziergange. Sie gingen
in den Hafen, wo jetzt Dampfschiff auf Dampfschiff vor Anker legte und wohl auch
das, auf welchem Tiebold de Jonge später angekommen. Sie beide zog es in eine
stillere Gegend. Seit dem Morgen auf dem Friedhof von St.-Wolfgang hatten sie
sich nicht ausgesprochen. Bonaventura erzählte Benno alles, was zwischen ihm und
dem Onkel war besprochen worden über die im Sarge vorgefundenen Reliquien und
Benno benutzte die ihm von seinem Freunde gegebene volle Erlaubnis, ja erfüllte
den ausdrücklichen Wunsch desselben, wenn er offen sagte:
    Sicher lebt noch dein Vater! Die Recognition des Onkels in dem Leichenhause
des St.-Bernhard genügt mir nicht. Ihm kam bei seiner Weichlichkeit schon beim
Betreten der grauenhaften Schwelle ein Schrecken; er sah in einer fremden Leiche
seinen Bruder und untersuchte nichts mehr! Mevissen war mit deinem Vater im
Einverständnis. Dein Vater wollte annehmen lassen, als wäre er in den Alpen
umgekommen. Einen zerschmetterten Leichnam, den man mit seinen Kleidern und
Habseligkeiten behängen konnte, die sich später im Leichenhause fanden, erwarb
man sich durch Zufall oder durch Bestechung ... das, was allenfalls noch nicht
geborgen war, bewahrte Mevissen und nahm das mit in sein Grab ... Dass er es
nicht zerstörte, ist überraschend ... Vielleicht, dass dein Vater es so wollte
und dabei an dich dachte ... Er verliess dich ohne Abschied - er hoffte
vielleicht auf eine Zeit, wo deine Mutter nicht mehr lebte und er dir sich
vielleicht noch einmal entdecken konnte - wer weiss, ob nicht in dem Sarg viel
mehr gelegen, als du gefunden!
    Diese Gedanken unterwühlen die Ruhe meines Lebens! sagte Bonaventura auf
diese aufrichtige Deutung und blickte in den Strom, an dessen Ufer sie hingingen
...
    Benno's Empfindungen waren fast die nämlichen. Auch ihm floss ja das Leben
dahin wie die Welle, von fernher kommend, in die Ferne gehend, einmal gesehen,
verschwunden dann für immer, rätselhaft und wie ein Traum ...
    Bonaventura verstand diese Stimmung und fragte nach des Freundes Leben,
seiner Tätigkeit, seinen Hoffnungen für die Zukunft.
    Ich bin, erwiderte Benno, in Verhältnissen, die mir wie der sausende
Webstuhl der Zeit erscheinen! Ich höre täglich in zehn Zimmern dreissig Federn
kritzeln! Allen dictirt Dominicus Nück seine Finten, seine Quarten, seine
Terzen! Das ist bei St.-Peter und Paul ein ganzer Kerl! Wenn man ihn sieht, im
schlechten grauen Ueberrock, schmuzig, falls nicht einmal seine Frau
Generalrevision mit ihm gehalten hat, oder wenn er in der Beichte sich schämt,
zu viel Schnupftaback auf dem Vorhemd liegen zu haben oder das Beichttuch des
Priesters zu verunreinigen - wer möchte dann glauben, dass hier diesseit und
jenseit des Wassers alle Ritterbürtigen mit ihm verkehren, alle Domstifte, alle
Ordensgesellschaften und Gotteskastenpfleger! Er hat gelobt, nicht früher wieder
einen schwarzen Frack anzuziehen, bis er nicht den Orden vom goldenen Sporen,
den er vor Jahren aus Rom erhielt, wirklich im Knopfloch befestigen kann! Sie
haben's ihm abgeschlagen, ihn tragen zu dürfen! Nun liegt ein ganz neuer
schwarzer Frack, im Knopfloch ein rotes Band mit einem goldenen, weiss
emaillirten Malteserkreuz, an dessen beiden Spitzen des untern Flügels ein
kleiner goldener Sporen hängt, immer an seinem Pulte auf der Sophalehne neben
ihm ausgebreitet, sodass jeder Graf, jeder Bischof, jeder Regierungspräsident,
mit dem er Conferenz hält, die Geschichte zu hören bekommt und Entschuldigung
gewähren muss, dass er Se. Excellenz oder Se. Erlaucht nicht würdiger empfangen
könnte, er hätte zwar allerdings einen neuen schönen Frack, da läge er, aber da
er ihn so, wie er ihm und dem Stellvertreter Christi gefalle, nicht tragen
dürfe, so müsse er sich schon hier in diesem grauen Alltagskittel zeigen. Und
diese Komödie spielt er mit einer Gewandteit, dass sie Ludwig Devrient nicht
besser getroffen haben könnte! Nück ist ein seltener Mensch, dem man nur leider
nicht so nahe kommen kann, wie man möchte, um von ihm alles zu lernen. Nicht
nur, dass er sich mit einem eigenen, fast mystischen Dunkel umgibt, sich öfters
einschliesst und auf seine nächsten Vertrauten beschränkt - auch wir alle, die
wir mit ihm arbeiten, bekommen immer nur einen kleinen Teil des grossen Ganzen
zu sehen, in dem er die belebende Seele ist. Es scheint, mir schenkt er
Vertrauen. Fast hätte er mich schon bei meinem ersten Eintritt in seine Praxis
beauftragt, an der Camphausen'schen Verlassenschaft zu arbeiten und nach Schloss
Westerhof zu reisen ...
    Zu Paula! sprach es still im Herzen des Priesters und Benno fühlte dies Wort
nach und hielt zurück, etwa von Lucinden zu beginnen, von ihrem Eindruck an
jenem Abend im Pfarrhause, von dem völlig andern und günstigern auf der Reise
nach Kocher und von ihrer jetzigen Nähe in dieser Stadt, wo Benno schon seit
einigen Tagen wünschte, ihr irgendwie und wo gelegentlich zu begegnen. Denn sie
aufzusuchen hielt ihn die Rücksicht auf die Dechanei und sein stiller Cultus für
Armgart zurück.
    Bonaventura erkundigte sich nach der Lage der immer mehr sich verwickelnden
Erbschaftsangelegenheiten der Dorstes.
    Das gibt einen neuen spanischen Erbfolgekrieg! sagte Benno. Zwei Grafen von
Camphausen sind im sechzehnten Jahrhundert, wie damals so viele andere Städte
und Herren um Münster und Osnabrück, luterisch geworden; ja als die Greuel der
Wiedertäufer mit gleichen Greueln ausgerottet, bestraft und die Bedingungen des
dortigen Lebens wieder katolische geworden waren, blieben einige ihrer neuen
Ueberzeugung treu und die Bischöfe sogar, die die Wiedertäufer bändigten, waren
teilweise halb und halb selbst Luteraner. Der jüngere der beiden Brüder
Camphausen, vom ältern, der schon damals ein grosses Besitztum verwaltete, nicht
rechtlich abgefunden, sondern nach gerade vorhandenen Mitteln unterstützt, zog
abenteuerlustig, wie damals die ganze Welt war, gen Oesterreich, um, wie so
viele jener Geschlechter damals getan, in dem an der Donau, in Italien und
Ungarn nicht ruhenden Waffentanz dem fehdelustigen Sinne aufspielen zu lassen
und vielleicht sogar manche in der Hoffnung, Maximilian II. würde auch
Oesterreich vom Papste trennen. Viele der ersten Geschlechter der
österreichischen Monarchie entstammen diesen Einwanderungen von einfachen
Reitern wie Martin Spork an bis zu Grafen und Fürstensöhnen. Die meisten wurden
indessen mit der Zeit wieder katolisch, entweder aus Ueberzeugung oder
zwangsweise. Martin Camphausen blieb bei seinem Patrone Martin Luter und erwarb
ausser ungarischen Besitzungen das Schloss Salem bei Wien. Seine Nachkommen
bewährten die Tapferkeit ihres Ahnen und zu glänzend waren die Verdienste der
Camphausen im Türkenkriege und auf dem italienischen Boden, ihr Glaube stand
ihrem Glück nicht hindernd im Wege. Die ältere Linie aber, die des Grafen
Philipp, wurde ihrem Patrone Philipp Melanchton mit der Zeit untreu. In jenen
Zeiten, wo bis in das Herz Sachsens hinein katolische Neigung sich wieder
geregt hatte und kein Fürst Italien bereisen konnte, ohne mit dem Verdacht,
seine Confession geändert zu haben, in seine Lande zurückzukehren, war auch die
Linie der Dorste-Camphausen - die Dorstes fügten dem Reichtum Philipp
Camphausen's durch Verheiratung neuen Besitz hinzu - in den Schoos der
katolischen Kirche zurückgekehrt. Ueber hundert Jahre bestand aber damals ein
Statut, das einst Philipp und Martin dahin lautend geschlossen hatten, dass nach
Aussterben des Mannsstammes einer Linie die andere in die Besitztümer derselben
eintreten sollte, vorausgesetzt, dass die Erben von gleicher Religion mit der der
Stifter des Fideicommisses wären ... eine etwa vorhandene weibliche Nachfolge
sollte entweder nur durch Verheiratung mit der andern Linie im Besitz bleiben
oder standesmässig abgefunden werden. Nach fast drei Jahrhunderten tritt nun der
vorhergesehene Fall ein und unter Umständen, die die Ausführung des Statuts zum
Gegenstande eines Streites machen. Paula's Vater kanntest du?
    Bonaventura verneinte es.
    Ich entsinne mich nur des vornehmen Herrn, sagte Benno, von seiner
vierspännigen Kutsche bei feierlichen Gelegenheiten her. Graf Joseph, der letzte
des ältern Stammes, war früh Witwer geworden. Da er von einer Wittekind, der
Tante deines Stiefvaters, einer Schwester des Kronsyndikus von Wittekind auf
Neuhof, nur eine Tochter besass, so bestürmte ihn das ganze Land wieder zu
heiraten. So fromm sein Inneres, so gern er die Gefahr, fünfzehn Quadratmeilen
Landes mit 60000 katolischen Seelen luterischen Gebietigern übergeben zu
sollen, abgewandt hätte, so konnte er sich doch nicht entschliessen, seine
Erinnerung an eine Frau zu trüben, die unter der Herrschaft ihres Bruders, des
Kronsyndikus, qualvoll gelitten haben muss, ja von diesem eigentlich ums Leben
gebracht wurde.
    Bonaventura kannte den schauerlichen Ruf des Kronsyndikus. Er kannte auch
Paula's Geburtsstunde. Man schrieb derselben die Folgen ihres gestörten
Nervenlebens zu. Jakobe von Wittekind wurde von ihrem leidenschaftlichen ältern
Bruder bis zum zwanzigsten Jahre erzogen. Als sie dann den Grafen Joseph
heiratete, zerfiel dieser mit dem Bruder, was jedoch letztern nie hinderte,
dann und wann, begleitet von zwei gewaltigen Jagdhunden, in hohen Stiefeln und
Sporen, die Reitpeitsche in der Hand, auf Schloss Westerhof zu erscheinen und in
irgendeinem Anlass, wie er ja sonst auch sagte, »Ordnung zu stiften« oder »den
Nagel auf den Kopf zu treffen«. An den Folgen einer der dann entstandenen Scenen
erkrankte die hochschwangere Frau, kam zu früh nieder und starb. Oft schon hatte
Bonaventura erklärt, dass auf dem Hause der Wittekinds der Geist des Unsegens
ruhe ...
    Nun aber eure wunderliche Heimat! fuhr Benno, die trüben Gedanken
vermeidend, fort und zeigte über den breiten Strom hinüber in die dunkelnde
Ferne. Liegt es nicht fast wie ein Geheimnis über allem, was die Sitte und der
Sinn der Menschen dort hervorbringt? Nicht fester sitzt das Horn an der Stirn
des Pflugstiers, als ein Vorurteil oder eine Uebereinkunft in diesen Köpfen!
Graf Joseph heiratete nicht, sah nicht den Kronsyndikus, seinen Schwager mehr;
seine Güter verwaltete Onkel Levinus, der Bruder des Obersten von Hülleshoven,
die Wirtschaft die Tante Benigna, die Schwester der Gemahlin desselben,
Monika's von Ubbelohde, der Mutter Armgart's in Lindenwert dort oben; aber dass
der Kronsyndikus als Oheim Paula's gewisse Rechte auf sie behielt, dass er nach
des Grafen Joseph Tode ihr rechtmässiger Vormund werden musste, daran änderten die
Jagdhunde, die Sporen und die Reitpeitsche des gewalttätigen Mannes nichts.
Ebenso wenig, wie die Frömmigkeit des Grafen Joseph diesen hinderte, das
Familienstatut in Ehren zu halten.
    Nun? sagte Bonaventura und lenkte damit auf manchen Streit zwischen den
Freunden hinüber. Ist es denn also nicht schön, wenn sich die Zeiten einander so
Wort halten? Ist es denn nicht erhebend, wenn so durch die Jahrhunderte hindurch
die Hände sich ergreifen, festalten und in allem, was da welken und vergehen
muss, doch ein ewig Bleibendes sich erhält und wär' es nur das Gemeingefühl
wenigstens eines Stammes, wenigstens einer Familie und besässe sie kein anderes
Wappen und keinen andern Stammbaum, als nur ein altes Gebetbuch, das vom
Grossvater auf den Enkel erbt und in dem die Geburten der Söhne und Enkel, die
Paten und die Priester verzeichnet sind, die sie tauften?
    Bonaventura sprach diese Worte in seiner Begeisterung so hin und überlegte
erst, als sie gesprochen waren und Benno schwieg, dass sie gerade an das
streiften, was Benno tief unmutig an seinem dunkeln Dasein sein Zigeunertum
nannte.
    Beide schwiegen ... An einer einsamen Stelle, schon ziemlich entlegen von
den Toren der Stadt, auf einer Bank am Ufer des Stromes hatten sie sich
niedergelassen ... Ein stilles nächtliches Landschaftsbild lag vor ihnen ... Der
Mond stand an der fernen Bergkette, an deren Fuss Lindenwert wie in den Wellen
schwamm ... Die mächtigen Holzflösse, die wie kleine Niederlassungen so wohnlich
angetan sind und hinuntergleiten zum Niederlande, lagen still jetzt am Ufer ...
Im blauen Mondlicht, das wie Phosphor um die alten Eichenstämme leuchtete,
glühte das Feuer einer Küche, rings sassen im Kreise die Passagiere,
Handwerksbursche, Auswanderer, ihr Nachtmahl haltend, ehe sie sich auf der
mittlern Diele, den Ranzen als Kopfkissen benutzend, unterm freien Himmel
streckten; ein Hund bellte auf dem Floss, wie nur daheim ein Nachbarhund in
St.-Wolfgang bellen mochte, wo eben jetzt Frau Renate schon zur Ruhe ging ... Es
war ein Stillleben von den Sternen an bis zu den im Grase auffliegenden
Insekten, von dem fernen Brausen einer sich zur Ruhe begebenden Dampfesse bis zu
den Knaben, die hochaufgeschürzt leise am Ufer noch im Schilfe schlichen und im
Abenddunkel den Fischen mit der Angelrute sicherer beizukommen hofften als am
Tage ... Und einer Welle gleich, die gerade der Mond in seinen ganzen Goldglanz
taucht, blitzte ein gefangener weissleuchtender Fisch auf, den die Knaben vom
Hamen lösten und in ihren Sack warfen, sich umschauend, ob dem verbotenen Fange
ein anderer lauschte, als da oben unter der einsamen Pappel am Muttergottesbilde
ein junger Priester und sein plaudernder Freund .... Nun huschte mit
schaukelndem, schnellem Fluge auch eine Fledermaus dem Lichte eines einsamen
Häuschens zu ... In der leichten, weichen Luft war alles wie verklärt und jeder
Schatten barg Ahnungsvolleres, als vielleicht die Wirklichkeit wahr gemacht
hätte ...
    Wie die Wellen so ruhig ziehen! hatte Benno gesagt. Möchte man nicht
glauben, eine solche Abendstille spottete aller menschlichen Entwürfe, aller
Anstrengungen, alles ohnmächtigen Verstandes!
    Bonaventura erwiderte lächelnd:
    Denkst du an die Weisheit deines Sporenritters in partibus? Welches sind
denn nun die Anschläge, um unserm Glauben 60000 Seelen zu erhalten?
    Paula, sagte Benno, steht wie Helena da, um die sich die Parteien bekämpfen!
Und es sind ihrer mehr, als nur die der Griechen und Trojaner. Der Kronsyndikus
sammelte seit Jahren Kämpfer um die Parole: Eine Heirat zwischen beiden Linien!
Onkel Levinus und Tante Benigna, die Paula regieren, wie sie Armgart regierten,
wollen Paula's Freiheit, die standesmässige Abfindung, stören aber sonst den
Antritt der Erbschaft nicht - das alte Fiat justitia der roten Erde! Eine
dritte Partei ist die Regierung. Sie liesse am liebsten den fremden, wenn auch
protestantischen Grafen in seiner fernen Heimat, kaufte ihm vielleicht die
Verlassenschaft ab und zerschlüge sie, wie sie schon oft getan, in einzelne
Teile an diejenigen Adeligen, die der Centralisation geneigt sind. Die vierte
Partei ist die der Landschaft. Sie bestreitet die Gültigkeit des Familienstatuts
und will der Gräfin Paula die volle Freiheit erhalten, ihre Hand zu vergeben,
wem sie wolle, und ihm ausserdem auch noch die guten 60000 Seelen ganz so
zuzubringen, wie diese dermaleinst in Abraham's Schoose zu sitzen hoffen. Denn -
nun kommen die Spitzfindigkeiten unsers Sporenritters - die in dem
Familienstatut vorgesehene Bedingung erfülle sich nicht; die ältere Linie hätte,
als sie katolisch wurde, die Bedingung dahin abgeändert, dass die verlangte
Religion auch der andern Linie die katolische sein müsste. Obgleich nun erstens
der Beweis für diese Aenderung schwer zu führen ist, im Gegenteil von der
jüngern Linie nur ein den Verhältnissen sich fügendes stilles Geschehenlassen
und Dulden des Religionswechsels behauptet wird, zweitens der Staat
Religionsbedingungen überhaupt bei Testamentsvollstreckungen für unzulässig
erklärt, so will die fünfte Partei, die der Geistlichkeit, noch weiter gehen.
Sie will nicht nur jene 60000 Seelen, sondern auch noch Paula dazu gewinnen. Sie
hofft, Paula würde den Schleier nehmen, vielleicht ein Kloster stiften und den
Rest ihrer Güter der Kirche vermachen ...
    Wie kommt man zu dieser Voraussetzung? loderte Bonaventura fast unwillig auf
...
    Benno, ohne auf die Parteinahme des Priesters für seine Mitleviten zu hören,
fuhr fort:
    Ja auch der Kirchenfürst ist beteiligt! Die Erzdiöcese hat in ihrer
geistlichen Obhut hier und da versprengte Stifte; zu ihnen gehört in jener
Gegend das Stift Heiligenkreuz, ursprünglich eine Jesuitenbesitzung. Als die
Jesuiten aufgehoben wurden, verblieb Heiligenkreuz dem Staate zu provinziellen
Zwecken. Er begründete ein adeliges Fräuleinstift, das dem Lande als solches
sehr willkommen wäre, wenn nur die Verleihung der Stellen in den Händen des
Adels geblieben wäre. Es ist aber nicht so gekommen. Die Confessionen werden
nicht mehr berücksichtigt und die Schwester eines Erzbischofs kann dort ruhig
neben der Tochter eines luterischen Pfarrers sitzen, wenn dieser, wie jetzt
schon drüben in den Fabrikgegenden vorkommt, zufällig von Adel ist. Rings um
Heiligenkreuz ist Feld und Wald camphausisch. Um diese Einfriedigung von
Heiligenkreuz wird der Kampf entbrennen und wer weiss, ob ich nicht nächstens
dort mit Nück'schen Vollmachten auf dem Schauplatze erscheinen muss! Um sein
Recht zu zeigen, hat Graf Hugo von Salem-Camphausen vorläufig schon den Verkauf
der Güter um Heiligenkreuz angeordnet; der Kronsyndikus und dessen Sohn, dein
Stiefvater, haben die Berechtigung dazu ebenso wenig beanstandet wie die
Regierung, die selbst darauf bietet zum Wiederverkauf an ihre Angehörigen oder
zu Staatszwecken. Graf Hugo hat einen gewissen Wenzel von Terschka angekündigt,
seinen Chargé d'affaires. Paula erklärt er schon um deswillen für
erbunberechtigt, weil sie - katolisch wäre, und Nück wieder bekämpft den
Grafen, weil er Luteraner ist. Eine Urkunde, nach welcher der katolisch
gewordene Graf Franz Dorste-Camphausen Anno 1648 die Urkunde des Familienstatuts
zu Gunsten nur der katolischen Religion geändert haben soll, fehlt bisjetzt,
doch behauptet Nück, dass sie sich finden würde. Auf Schloss Westerhof ist sie
nicht, Nück versichert aber, sie wäre auf Schloss Salem bei Wien oder auf Schloss
Castellungo im Piemontesischen. Ich wünschte einigen Italienern zu begegnen, die
aus letzterer Gegend gebürtig sind und mir vielleicht die Gelegenheit angeben,
wie wir jene Urkunde dort ins gräfliche Archiv - einschmuggeln - Ja, ja! Lache
nicht! Die Kunst, in alten Lettern auf Pergament zu schreiben, ist in unserer
Stadt vortrefflich im Gange!
    Welch feindseliges Chaos! rief Bonaventura aus nach dieser scherzenden
Wendung, die wieder doch so viel Ernst entielt, dass Benno tief aufseufzend
hinzufügen konnte:
    Es ist wahr, dass man am Guten keine reine Freude haben kann, wenn die
Vermittler und Förderer desselben mehr List als Kraft einsetzen müssen, um ihm
den Sieg zu verschaffen! Und doch - geht's allen menschlichen Bestrebungen nicht
so? Auch eurer Kirche?
    Eurer? sprach Bonaventura fast vorwurfsvoll.
    Der Hierarchie mein' ich! verbesserte Benno. Ist sie nicht recht eigentlich
ein reiner Gedanke in oft - wie unreiner Form!
    Nein! unterbrach Bonaventura. Die grosse Torheit unserer Gegner besteht nur
darin, unser schwaches Streben verantwortlich zu machen für unser Ziel. Dass wir
der Priester unwürdige genug haben, sollten wir getrost täglich bekennen dürfen.
Schon dass ein Frommer wieder zuweilen in die Sünde zurückfällt, entscheidet ja
an und für sich nichts gegen seinen bessern Sinn. Wie wir die Begriffe von der
Erscheinung trennen müssen, sah ich recht, als ich in St.-Wolfgang mein Amt
antrat. In dem Patron meiner Kirche, dem heiligen Wolfgang, hatt' ich einen
Spiegel der Nacheiferung für die Kraft und Würde des Priestertums. Der heilige
Wolfgang ist ein Deutscher, ein Graf von Pfullingen-Waltenburg gewesen. Mit
einem innig geliebten Freunde, dem Bruder des Bischofs von Würzburg, studirte er
in Würzburg, schlug alle geistlichen Aemter aus, folgte immer nur diesem
Freunde, ward Mönch und wurde zuletzt fast nur gewaltsam gezwungen, das
Erzbistum Regensburg zu übernehmen. Wie aber hat er dann den Tempel von den
Wechslern rein gefegt! Ihm sonst in allem unähnlich, hatte ich einen Vorgänger,
der noch jetzt, hieher in diese Gegend versetzt, mehr dem Spiel und Vergnügen,
als seinem Berufe ergeben sein mag. Wie der Herr, so der Diener. Den Messner fand
ich bei meinem Antritt von derselben Vernachlässigung. Als ich zum ersten male
die Messe lesen will und gewöhnt war, die schöne Ordnung der St.-Zenokirche zu
Kocher am Fall vorauszusetzen und mich auf die Gerätschaften des Sakraments
verlasse, entsetze ich mich über die Unsauberkeit der Corporalien, Pallen,
Purificatorien. Nicht nur, dass sie, dem Gebot zuwider, von Baumwolle statt von
Leinen waren, auch seit lange gewaschen waren sie nicht. Die Ciborien, Patenen
völlig ungeputzt und der Vergoldung beraubt, ja das Entsetzlichste - ich öffne
die Monstranz und finde den Leib des Herrn geschändet, finde das Brot zernagt
von Würmern! Dies Bild: Das heilige Brot in Würmern! wurde mir zum Symbol meines
ganzen Lebens! Seitdem ich damals die heilige Handlung unterbrechen und das
Opfer unvollzogen lassen musste, muss ich im Geist und in der äussern Erscheinung
alles ursprünglich als göttlich Gedachten und in der Wirklichkeit doch nur
Menschlichen, immer vor mir jenes Brot in Würmern sehen! Immer muss ich eingedenk
bleiben, dass selbst das Grauenvollste des Misverstandes uns doch an sich nichts
von dem entweihen kann, was seinem Ursprunge nach von Gott stammt!
    Cajetan Roter lebt hier in der Stadt?
    An der Kirche vom Berge Karmel und als Beichtvater der Karmeliterinnen!
    Da verdank' ich dem allwissenden Nück noch eine andere Bekanntschaft mit der
irdischen Schale eines heiligen Kernes und eine, die dich näher angeht! Du hast
von dem hier ausser Clausur lebenden Pater Sebastus gehört?
    Ein Convertit! Er schreibt eine Feder, die wie in Feuergluten getaucht ist!
    Mit der Fackel der Eumeniden schreibt er!
    Bonaventura kannte das frühere Leben des Mönches Sebastus teilweise aus den
Mitteilungen Grützmacher's, der ihm Aufklärungen über Lucinden gegeben ...
Aufklärungen, die ihn für diese mehr mit Mitleid, als mit Abscheu erfüllten ...
    In der Erörterung dieser Lebensbeziehungen fuhr Benno fort:
    Als damals Jérôme von Wittekind, von Klingsohr's Kugel getroffen,
zusammenbrach, minderte sich vielleicht in der Wagschale des ewigen Gerichts
eines der schweren Gewichte, die gegen diesen Mönch, den Verräter seines
Vaters, einst zeugen müssen! Ich sehe ihn zuweilen in unsern Strassen
daherrennen! Wie der Derwische einer, wie ein Schamane des Orients hat er den
stieren Blick des Auges, die krampfhafte Beweglichkeit der Glieder, den Trotz
und die Sicherheit des Benehmens, verbunden wieder mit der gemachten Demut, die
sich an jeder Kirchentür verbeugt! O wie oft ich doch erbeben muss vor den
nächtlichen Schauern, die über unserm Geistesleben wie mit dem Gefieder des
Fürsten der Unterwelt dahinrauschen! An meinem eigenen Leben erfahr' ich es ja!
Mich bringt in einer Zeit, die keine Nachforschung hat lichten können, dein
Oheim Max von Asselyn aus Spanien mit sich, wie man sagte, als die Frucht einer
Verbindung mit einer Spanierin, die er geliebt haben sollte und die ihm
gestorben. Ein Märchen, das wissen wir alle! Aber irgendeinen Kern hat diese
Erfindung! Nie jedoch konnte dieser von einer Menge Einhüllungen befreit werden,
die mit den uns teuersten Personen auf eine Weise zusammenhängen, deren
oberflächliche Besprechung schon Mismut und düstere Erinnerungen bei ihnen
allen heraufbeschwört. Nun hab' ich für ganz gewiss die Ueberzeugung, dass das,
was mir allein so dunkel ist, in den Beichtstühlen licht und hell und deutlich
aufgedeckt lebt! Priester, Klostergeistliche kannten meinen Ursprung und nahmen
ihn mit sich ins Grab. Jener Geistliche in Borkenhagen, Leo Perl, ein getaufter
Jude, soll eine Schrift hinterlassen haben, die er in seinen letzten Lebenstagen
an die bischöfliche Curie von Witoborn schickte. Sie ist so spurlos verschwunden
wie jene andere, die Dominicus Nück sucht. Schliess' ich von dem einzelnen Fall,
der mich selbst betrifft und der vielleicht nur von meinem unerlaubten Stolz so
empfindlich geschürt wird, schliess' ich von jenem Mönche, wie ist nicht unser
ganzes Leben innerhalb unserer Kirche durch den Beichtstuhl so vermessen
geheimnisvoll! Wir suchen einen Mörder, einen Dieb - der Priester kennt ihn
schon und lässt die Gerechtigkeit ihr Haupt verhüllen und beutet das Geheimnis
nur aus - zum Besten seiner persönlichen Würde!
    Zum Besten des Gottesreiches! unterbrach Bonaventura.
    Ich will den alten Streit nicht erneuern, sprach Benno, ich will heute nur
von den Schauern sprechen, die die Schritte dieses Mönches begleiten. Ihm
ermordet der Kronsyndikus seinen Vater! Es war ein Todtschlag nach unserer
Definition, kein berechneter Mord. Einem langgenährten Hasse bietet sich die
Gelegenheit einsamer Begegnung, es entsteht ein Wortwechsel, es kommt zu einem
Angriff, zu einer Gegenwehr, der gezogene Hirschfänger fährt aus und trifft eine
Stelle, die sogleich tödlich ist. Schrecken und Reue jagen den Täter von
dannen. Die Gerichte, in jener Gegend auf verschiedene Souveränetäten verteilt,
halten sich an einen mutmasslichen Schuldigen, der Prozess verschleppt sich, der
Kronsyndikus findet, wie man sagt, mit Hülfe eines ihm nahe stehenden Freundes,
der die Beweisaufnahme in Händen hatte, Mittel, die Gerüchte zu zerstreuen, das
Verfahren stockt, der Kronsyndikus, unmittelbar darauf seinen Sohn verlierend,
bricht in der Rolle eines Gewalttätigen, die er bis in sein siebzigstes Jahr
durchführte, zusammen, wird nach langem Geiz als plötzlicher Verschwender unter
Curatel gestellt und wer möchte den hinfälligen Schatten aus der Nacht noch
aufstören, die ihn seit der Reise zum Begräbnis seines Sohnes umgeben soll!
Einer aber hätte es tun müssen, nach allen Gesetzen alter und ewiger Zeit!
Einer hätte das Blut eines Vaters nicht in den Sand sollen rinnen sehen, ohne
durch alle Lande um Vergeltung zu rufen! Ein Sohn, ein Sohn opfert seinen Vater!
Bestochen von dem Mörder, nimmt er dessen Wohltaten an, unterschlägt ein vom
Jagdrock des Kronsyndikus gerissenes Stück, das diesen hätte überführen müssen,
reitet, fährt, bechert mit ihm, feiert Bacchanale mit einem jungen Mädchen, das
durch einen Zufall auf Schloss Neuhof lebt und mit dessen Liebe ihn der Mörder
wie umstrickt und bezaubert ... und so umgaukelt der Wahn die verlorne Seele
dieses Mannes, dass er den Kammerherrn mit allen Anzeichen der tiefsten
Verzweiflung eines schuldbedeckten Gewissens niederschiesst, von Tage zu Tage
dahintaumelt im wüsten Ersticken seiner mahnenden innern Stimmen, bis ihn nur
noch der Becher, zuletzt das Opium heilen! Dann brach er ganz zusammen!
    Er erhebt sich wunderbar! fiel Bonaventura ein. Wie kannst du den Lebensgang
dieses Mannes beurteilen, ohne die Geheimnisse seiner physischen und geistigen
Wiedergeburt zu kennen?
    Ihm kann nur wohl sein in der Flamme! entgegnete Benno ablehnend. Frieden
und Betäubung kann er nur finden im Kriege! Wenn ich ihn sehe, wie er auf den
Strassen dahinschreitet mit dem Korbe oder dem Topf oder einem Buch in der Hand,
dann ist's mir doch, als sollt' ich das Leben seines Vaters von ihm fordern!
Denn der Kronsyndikus ist längst entlastet. Wer eine solche Schuld auf die
Schultern eines Sohnes werfen kann, der geht selbst vor Gott frei aus. In jeder
Zeile, die ich vom Pater Sebastus lese, find' ich - ich bin ein Fremdling eurem
Volke und doch wurde mir Deutschland zur Mutter - Muttermord - Rom segnet die
Taten - so liebevoller Söhne!
    Beide waren erregt schon lange aufgestanden, wandelten schon lange den
Toren zu ...
    Bonaventura, in den Abschied vom Dechanten zurückversetzt, verfiel in ein
ernstes Schweigen ... Selbst sein gewöhnliches Wort zu Benno: Was ist denn dir
das alles, dir, dem jede Offenbarung Täuschung, jeder Glaube, das Wissen selbst
eine blosse Befangenheit der Sinne, eine Tradition ist von den Blinden an die
Blinden über die Farbe, von den Tauben an die Tauben über den Ton? selbst das
behielt er heute zurück ...
    In dem engen Gewirr der Strassen wurde es dunkler und dunkler.
    Die Menschen strömten heimwärts von manchem Ausflug, zu dem der schöne Abend
verlockt hatte.
    Schon lange wollte Bonaventura, der aus seinen Träumen früher erwachte als
der seltsam ergriffene Benno, diesen aufmerksam machen, dass ihn seit dem
einsamen Häuschen oben am Strome jemand umkreiste, der offenbar darauf aus
schien ihn anzureden und schon mehrere male gegrüsst hatte, ohne dass Benno davon
Notiz nahm.
    Wie der Zudringliche sich immer wieder hinter ihnen hielt, dann wieder etwas
schneller ging, um nur grüssen und sich bemerkbar machen zu können, machte
Bonaventura den Freund zuletzt auf eine vielleicht ihm willkommene Bekanntschaft
aufmerksam.
    Ich sah ihn schon! sagte Benno halblaut. Ich mag ihn nicht grüssen! ...
    Jetzt aber war der Begleiter zu dicht herangekommen und seinem tiefgezogenen
Hute und der Anrede: Guten Abend, Herr von Asselyn! musste ein Wort der
Berücksichtigung folgen.
    Guten Abend, Herr Hammaker! sagte Benno kalt.
    Nach dem Gedräng an einer der innern Torpforten kam eine ruhigere Strasse.
    Gerade hier schritt der durch Ton und Geberde von Benno kurz Abgewiesene vor
ihnen noch lange her.
    Es war eine kurze, dicke, breitschulterige Gestalt mit einem weissen
Sommerhut und grauem kurzen Rocke. Jetzt, wo er endlich bemerkt worden war, ging
er schlotternden, langsamen Ganges und die Hände hinten in den Rocktaschen
zusammengehalten, während sie zugleich wie von der Tasche heraus einen zu seiner
nicht ungewählten Kleidung fast im Widerspruch stehenden Knotenstock auf dem
Pflaster nachklappern liessen. Das ganze Wesen des vielleicht den Fünfzigen nahen
Mannes war eine gemachte Festigkeit und bewusste Sicherheit, die an Frechheit
streifte. Noch einige male grüsste er - dahin und dortin - gewöhnlich ohne eine
besonders freundliche Erwiderung zu erhalten ... Mancher dankte gar nicht, wie
fast auch Benno getan.
    Am falben Scheine des Mondlichts und dem fortwährenden Umblick nach Benno
hin wurde ersichtlich, dass breite wulstige Gesichtsformen dem Wuchse
entsprachen; des Mannes Haar war weisser, als mit seinen scheinbar noch nicht zu
weit vorgeschrittenen Jahren im Einklang stand.
    Als diese Persönlichkeit endlich in eine enge Gasse eingebogen, sagte Benno:
    Wieder einer von deinen Würmern, die man in heiligen Dingen ertragen und
nicht sehen soll! Wenigstens, wenn ich mir die Unbefangenheit der Beurteilung
meines Procurators über ihn erhalten soll!
    Benno schilderte jetzt den Mann, den er Jodocus Hammaker genannt, als einen
Agenten, der, wie man sagte, mit Nück in engster Verbindung stand. Was Nück
nicht auf eigene Hand vollführe, übernähme Hammaker. Früher, in seiner Heimat,
drüben in der Kette der Sieben Berge, selbst Advocat, hätte er Wuchergeschäfte
getrieben. Diese hätten ihn zum Verbot der eigenen Praxis geführt und doch hätte
er sich nach mancherlei Irrfahrten wieder aufschwingen können, da ihn Nück,
jedenfalls anfangs nur aus Mitleid, hier in der Stadt beschäftigte. Allmählich
wäre er Nück's Vertrauter geworden in solchem Grade, dass sie selbst noch jetzt,
wo sie sich offenbar hassten, zusammenhalten müssten. Ihr Hass sollte auf dunkeln
Dingen beruhen. Ja man spräche von einem Mordanfall Hammaker's auf Nück. Eines
Tages, erzählte Benno, hatte Nück sich eingeschlossen ... Das wäre sonst bei ihm
nichts Seltenes gewesen, sagt man, kam aber immer nur vor, wenn Hammaker in der
Nähe war. Nachdem Hammaker im Garten, in den das Arbeitszimmer des Procurators
hinausgeht, an jenem Tage eilenden Schrittes war gesehen worden, pochte man an
Nück's von innen verschlossene Tür. Dass er sich drinnen befinden musste, wusste
man durch seinen Hut und Stock, die im Vorzimmer lagen. Man pochte, niemand
öffnete. Nun liess man einen Schlosser kommen, öffnete mit Mühe und fand den
erschreckendsten Anblick. Nück lag halb bewusstlos am Boden - in einiger
Entfernung von ihm - das ist die Streitfrage - ein Klingelzug oder ein Strick,
sonderbarerweise ein elegantester, grünseidener, aus dreissig kleinen Schnuren
verfertigter. An dem einen Ende soll ein vergoldeter Haken angebracht gewesen
sein, mit welchem die Hängemaschine oben am Haken eines nicht anwesenden
Kronleuchters befestigt gewesen sein musste; am andern Ende befand sich eine
reichwattirte seidene Binde über einem halsbreiten Gurte. Anfangs musste man von
dieser eleganten Form des Mordmaterials annehmen, Nück hätte sich, mit Grazie,
selbst erdrosseln wollen. An den ringsum aufgeschlossenen Geld-und
Documentenschränken aber sah man den Diebstahl. Das Fenster stand auf. Ein
ungeheures Schlüsselbund, das zu allen unter Nück's Verschluss befindlichen
Repositorien gehörte, lag auf einem beweglichen eleganten Rollsopha von rotem
Saffian. Nück kam langsam zum Bewusstsein zurück, blieb jedoch jede nähere
Bezeichnung über den Vorfall schuldig. Die einen glauben, dass Nück von Hammaker
erst gehängt, dann beraubt worden; andere sagen wieder: Wozu die grünseidene
Schnur, die Halsbinde, der vergoldete Haken? Noch mehr: Wie konnte Nück ins
Leben zurückkehren, wenn er so lange hing, bis der Mörder die Schränke
aufgeschlossen, sie beraubt hatte und dann entflohen war? Man schloss auf einen
Ueberfall im Schlafe. Hammaker wurde verhaftet, als er eben im Begriff war mit
Extrapost und dreissigtausend Talern in Wertpapieren zu entfliehen; aber Nück
lachte und fragte, ob die Welt toll wäre? Hammaker wäre von ihm selbst in
Commissionen versandt, ihn selbst hätte nur eine Ohnmacht angewandelt, er hätte
nach dem Klingelzuge gegriffen, ihn abgerissen und gab ähnliche Erläuterungen
mehr ... Was konnte man einwenden? Ein Kläger, ein Beschädigter, ein Gehängter
fehlte. Hammaker wurde frei und machte plötzlich Geschäfte, die bewiesen, dass er
sogar einen Teil der 30000 Taler wirklich hatte behalten dürfen! Eines Tages
kam er zu Nück zurück, beide schlossen sich ein, schlossen sogar die Vortüren
ab, hielten eine lange Conferenz und seitdem sind beide zwar auf einem kältern
Fusse und ceremoniell gegeneinander, aber sie machen dieselben Geschäfte wie
sonst. Die Gesichtszüge dieses Menschen lassen sich nur mit einer Blumenlese von
Physiognomieen einer ganzen Bande von Spitzbuben vergleichen und doch hab' ich
schon manche Beweisaufnahme oder Terminabhaltung in der Umgegend, besonders in
den gründlich von ihm gekannten Sieben Bergen drüben, in seinem Beisein machen
müssen.
    Unter diesen Mitteilungen waren Bonaventura und Benno an dem kleinen
Häuschen angekommen, in dessen Gegenüber in der Nacht eine Tat vollbracht
werden sollte, die Benno's erste Ahnung sofort, wie wir wissen, mit diesem
übelberufenen Hammaker in Verbindung brachte; denn noch vor wenig Tagen hatte er
ihn, wie schon öfter, in später Abendstunde aus dem Hause der Ermordeten kommen
sehen und während Tiebold und Enckefuss bei ihm frühstückten, kam ihm auch
sofort der Gedanke: War der aufdringliche gestrige Gruss nicht wie ein: Betrachte
mich und überzeuge dich von meinem - Alibi?
    Als Bonaventura dann im »steinernen Hause« zur Ruhe gehen wollte und bei
seiner Rückkehr nicht wenig Not hatte, sich der allzu grossen Sorgfalt der Damen
Schnuphase und ihrer Mägde zu erwehren, erhielt er noch ein kleines Billet von
der Hand des Kaplans Eduard Michahelles.
    Es lautete:
    »Mein hochwürdiger Herr Pfarrer! Obgleich das Befinden Seiner Eminenz auf
dem Wege der Besserung ist, so nehmen ihn doch die dringendsten Geschäfte für
den Augenblick so in Anspruch, dass er sich auch wahrscheinlich morgen noch das
Vergnügen versagen muss, sich Ihnen so ausführlich, wie er wünscht, mitzuteilen.
Ich bin daher beauftragt Sie aufzufordern, noch einige Tage länger zu verweilen.
Bis dahin ist der Wunsch Seiner Eminenz, dass Sie sich zu Erholungen oder bei
etwaiger Absicht, sich über die kirchlichen Einrichtungen der Stadt durch den
Augenschein unterrichten zu wollen, des Paters Sebastus, eines Franciscaners,
als Gesellschafters und Begleiters bedienen mögen. Der Ruf des ebenso
geistvollen wie frommen Convertiten, der von seinem Provinzial die Erlaubnis
hat, eine Zeit lang ausser Clausur zu leben, wird Ihnen bekannt sein. Ich habe
die Ehre mich zu nennen Eurer Hochwürden ganz gehorsamster Michahelles. Alles
zur grössern Ehre Gottes.«
    Die Empfindungen, von denen Bonaventura beim Lesen dieser Zeilen bestürmt
werden musste, raubten ihm fast die Nachtruhe. Wie vorteilhaft er auch von dem
Mönche, dem Lucinde ohne Zweifel ihre erste Bildung verdankte, und von seiner
gegenwärtigen glorreichen Erhebung aus einem tiefen Jammer der Seele dachte, er
wurde vor Erwartung über dies Zusammentreffen von den aufregendsten Träumen
erschreckt.
 
                                       5.
Die Messe, die ein Priester jeden Morgen entweder lesen oder hören soll, mochte
Bonaventura mit einem bangen Vorgefühl nicht in einer der vielen Kapellen der
grossen Katedrale besuchen, die vielleicht bald von seiner eigenen Stimme
widerhallen sollten ...
    In eine kleine abseits gelegene dunkle Kirche ging er und verfehlte auf
diese Art die sonst leicht möglich, gewesene und von ihr gesuchte Begegnung mit
Lucinden.
    Dann begab er sich zu Benno, der, von Tiebold und Enckefuss eben verlassen,
zu seinen Arbeiten zurückgekehrt war und mit Hindeutung auf einen bereits fertig
liegenden Brief an den Onkel Dechanten ihm den grauenhaften Vorfall der Nacht
erzählte und auf die geöffneten Fenster des Hauses gegenüber zeigte, aus welchem
man inzwischen in einem verdeckten Korbe die Leiche der Ermordeten
hinweggetragen hatte.
    Eine Schwester der Frau von Gülpen! rief auch Bonaventura erstaunend aus.
    Auch er wusste nichts von dieser Verwandtschaft. Doch musste er Benno Recht
geben, als dieser an seine gestrigen Äusserungen über die so dunkeln Anfänge im
Leben des Dechanten und den Zusammenhang derselben sogar mit dem Kronsyndikus
erinnerte. Und trotz seines gleichfalls gestern wie schon oft geäusserten
Gefühls, dass ihm die geheime Welt des Beichtstuhls, mit besonderer Rücksicht auf
sein eigenes Leben, eine gefährliche Ueberhebung der Kirche erschien, hätte
Benno dennoch fast mit dem Zusatz: Unter dem Siegel der Beichte! von dem Agenten
Hammaker sprechen mögen und von seiner gestrigen so aufdringlichen Begegnung. Er
tat es nicht. Er nahm sich vor, ehe er zu irgendjemand seinen Verdacht äusserte,
sich genauer nach den Beziehungen zu erkundigen, die zwischen diesem und der
alten geizigen, fast der ganzen Welt sich verschliessenden Frau hätten
stattfinden können.
    Das durch diese Eröffnung gemehrte Unbehagen der Stimmung Bonaventura's
verminderte sich nicht, als er nun auch bei einer von dem Freunde gestellten
Aufforderung, er sollte sich dem geselligen Kreise bei dem Rittmeister von
Enckefuss anschliessen, die Worte hören musste: Von diesem leichten und fröhlichen
Lebemenschen kann ich mir denken, wie er damals bei dem Tode des Deichgrafen
voll Schauder und Mitleid die Augen zudrückte und nur die gemeinschaftliche
Standesehre zu wahren suchte! Nicht einmal glaub' ich, dass den Rittmeister dabei
die Rücksicht auf seine Verschuldung beim Kronsyndikus bestimmte. Seitdem
freilich diesem eine Curatel gestellt ist, seitdem dein Stiefvater die
Oberaufsicht über sein künftiges Erbe bereits factisch besitzt, hätten diese
Rücksichtsnahmen wohl auch aufgehört. Und dennoch bin ich überzeugt, dass der
Landrat eher seinem Pferde die Sporen gibt und in einen Abgrund jagt, als dass
er sich auf einer gegen befreundet gewesene Familien gerichteten Drohung
betreffen liesse ...
    Bonaventura musste von dem Begleiter sprechen, der ihn vielleicht schon in
seiner Wohnung erwartete ...
    Pater Sebastus! rief Benno staunend. Nun siehst du die Läuterung bis - zum
Aufpasser!
    Eile, eile, fuhr der Zweifelnde dann fort, dir von den Damen Schnuphase dein
Frühstück credenzen zu lassen! Rüste dich aber mit allen deinen Gelübden, ihrer
Liebenswürdigkeit Widerstand zu leisten, besonders ihrer Frömmigkeit!
    Bonaventura fand, als er gegangen war und sein Zimmer betrat, beide Töchter
des Herrn Maria in grosser Aufregung ... Benno von Asselyn, den sie sehr wohl
kannten, wohnte ja dem Morde so nahe - Bonaventura erzählte ihnen, was er wusste.
    Da der Pater Sebastus nicht kam, hielt es der so gezwungen in ihm verhasste
Untätigkeit Versetzte für seine Pflicht, sich im Palais des Kirchenfürsten
teils nach dem Befinden desselben, teils nach der Wohnung des Paters zu
erkundigen.
    Im Palais erfuhr er, der Kirchenfürst wäre zwar wieder wohlauf, doch mit
Geschäften ausserordentlich überhäuft und eben arbeite sein Secretär mit ihm. Bei
der Lebhaftigkeit des Verkehrs in den Vorgemächern musste Bonaventura natürlich
finden, dass er nicht die Aufforderung zum Warten erhielt. Vom Pater Sebastus
hiess es, dieser würde ihn in seiner Wohnung in Herrn Maria's steinernem Hause
unfehlbar selbst aufsuchen.
    Hieher zurückgekehrt fand Bonaventura die Blumen der kleinen Gertrud Lei und
hatte seine innigste Freude daran ...
    Und doch bei alledem wie ein Gefangener sich fühlend ging er an eine
Lectüre, die er sich aus St.-Wolfgang mitgebracht hatte. Das grosse, von
Treudchen mit Blumen bestreute Buch, das sie aufgeschlagen gefunden hatte auf
dem Schreibtisch, war eine Sammlung alter lateinischer geistlicher Gedichte
gewesen, ein Erholungsstudium, zu dem Bonaventura zurückkehrte.
    Nach einer Weile klopfte es.
    Ein Franciscaner trat herein ... blass, lang, hager, blossen Halses, nackt an
den nur durch Sandalen geschützten Füssen, das Haupt geschoren, der Blick eine
Weile scharf, dann sogleich unstet, wie auch das ganze Wesen erst eine kurze
elastische Spannung bot, dann sogleich sich wie träumerisch nachlässig gleichsam
gehen liess. Der Kopf war scharf geschnitten und sah sozusagen eher chinesisch
aus als germanisch ... beim Sprechen öffneten sich kaum die Lippen, die Worte
kamen flüsternd zu Gehör, aber mit ausserordentlicher Bestimmteit und
Sicherheit.
    Der Mönch nannte sich kurzweg den Pater Sebastus aus dem Kloster
Himmelpfort, auf Urlaub befindlich, »einen Mönch in partibus infidelium«.
    Bei diesem einen Worte schon, das er nur so in erster Anrede an Bonaventura
hinwarf, schien es fast, als wollte er sich damit aus der Sphäre herausheben, in
die ihn seine Tracht drückte. Er glich so fast jenen Zurückgekommenen, die der
Zufall in untergeordnete Lebensstellungen drängte und die dann nie unterlassen
werden, in Gegenwart der Stände, denen sie früher angehörten, sich durch ein
hingeworfenes gewählteres Wort, eine französische Phrase in ihrem eigentlichen
Werte kenntlicher zu machen oder auch jenen lateinischen alten Studenten, die
mit einem: Vir doctissime, illustrissime! auf dem Lande hospitiren und sich bei
dem, der studirt hat, durch ein romantisches Anklingenlassen schönerer
Jugendzeit ein Viaticum erbitten.
    Und hätte der Pater nun nicht wünschen sollen, dass Bonaventura aufsprang und
in ihm den berühmten Convertiten, den Streiter in den Zeitschriften, den Redner
auf den Conferenztagen, den Sendboten des Kirchenfürsten begrüsste?
    Bonaventura war befangen. Den Pater konnte diese Zögerung nicht die Folge
einer Bekanntschaft dünken mit seinen Beziehungen zu Schloss Neuhof. Bei dem
Geiste der Selbstvernichtung und gänzlichen Ertödtung jeder Beziehung zur
Aussenwelt, ausser der kirchlichen, wusste Sebastus nichts von des Pfarrers
Verwandtschaft mit dem Kronsyndikus. Es gibt Naturen von einer solchen
Spontaneität, von einer solchen Unfähigkeit, sich durch andere bestimmen zu
lassen, dass sie wenn auch nicht ganz das Gehör, doch fast die Fähigkeit verloren
zu haben scheinen, an andere Menschen über irgendetwas auch nur eine Frage zu
stellen.
    Sie haben hier schon Bekannte! sagte der Pater gleich für fest und bestimmt,
lehnte den Sitz auf einem der Polstersessel ab und blätterte in Bonaventura's
Brevier, so fast als wenn dieser gar nicht anwesend war.
    Alles das musste dieser seltsam finden und erwiderte nichts ...
    Gestern ging ich an diesem Hause vorüber, fuhr der Mönch fort, und sah Sie
im Laden unten im Gespräch mit Herrn Moritz Fuld, dem Bruder eines Mannes, der
im Enneper Tale eine byzantinische Kirche gebaut hat. Ja, also dahin musste es
kommen! Oft mache ich mir Vorwürfe, dass ich mich noch immer praktisch in die
Juden nicht finden kann, während ich sie teoretisch schätzen muss!
    Und auch jetzt noch fand Bonaventura keine Möglichkeit, im Gespräch mit
irgendeiner Bemerkung einzuspringen.
    Eine Art Reue über die Behandlung, die soeben Löb Seligmann wahrscheinlich
doch nur von ihm erfahren, schien sich in diesen seinen Worten auszusprechen:
    Die Juden gleichen dem Speer des Achilles! Der verwundete, wie Sie wissen,
und heilte! Die Juden, von Spinoza bis Heine und Börne herab, untergraben den
Glauben und doch sind sie im Grossen und Ganzen wieder dessen Sauerteig, die
Bürgschaft des Festaltens am Einen Gott, die Wächter der Lehre von der
Selbsteiligung, ja sogar vom Schatz der guten Werke und jedenfalls der Lehre
vom Opfer und den Reinigungen! Unser alter Rector in Detmold mühte sich mit
Horazens Credat Judaeus Apella! »Das glaube der Jude Apella!« War der Jude
Apella in Rom so bekannt für seine Leichtgläubigkeit? Zupften die jungen
Adeligen des neuen Augusteischen Zeitalters ihm vielleicht am Bart und
creditirte er ihnen vielleicht allzu gläubig auf ihre langfichtigen Wechsel als
römischer Bankier und Vorläufer des Fürsten Torlonia in Rom? ... Oder wie war
das mit dem Juden Apella?
    Bonaventura stand diesem scurrilen Durcheinander nur staunend und lauschend
und fast angezogen.
    Apella, fuhr der Pater fort und nahm jetzt eine von Treudchen's Blumen auf,
sie allmählich langsam mit einem elegischen Blicke vorn an dem seine Kutte
zusammenhaltenden Strick befestigend, Apella war ein jüdischer Philosoph mit
griechischem Bildungszuschnitt, der in Rom Vorlesungen hielt über Kirche, Staat,
Religion, Glauben und Wissen und zwar mit dem für einen Juden unerlasslichen
Systeme: Es gibt nur Einen Gott und keine andern Götter neben ihm! Dem römischen
gelehrten Pöbel, den Denkern und Sophisten, erschien der vielleicht ein wenig
ins Lächerliche gräcisirende Rabbiner ein Narr, ein Diogenes, der am hellen Tage
mit der Laterne ging! Nur Ein Gott! Kein belvederischer Apoll, keine mediceische
Venus, kein farnesischer Hercules neben ihm! Armer, armer jüdischer
Credo-Lehrer! Was glaubte wohl dieser erste verspottete Märtyrer des Glaubens? Er
glaubte jedenfalls Jehovah, den Herrn des Himmels und der Erden, aber vielleicht
auch schon den Messias vom Stamme David's. Apella ist mir der dreizehnte
Prophet! Er war nicht so gross wie Elias, dessen Grösse besonders darin bestand,
dass er nur sprach und nichts hat drucken lassen, aber auch nicht der Kleinste
unter den Kleinen! Da lachten die Römer denn: Ein Glaubender! Ein
Glaubensvirtuose! Ein Denker, der den Glauben in Vorrat und wie auf Lager
liegen hat! O, ein seltsamer Gast dieser Apella und ich möchte ein Buch
schreiben: »Apella oder der Rotschild im Glauben. Eine Kritik der deutschen
Philosophie von Kant bis Hegel.«
    Die Wirkung dieser Weise auf Bonaventura war gar nicht abstossend. Er musste
sogar der Vorstellung nachhängen: Findest du nicht aus dem, was du da zu hören
bekommst, etwas von Lucinden heraus?
    Da der Mönch sich nicht setzte und von einem Gelübde sprach, das ihm
Polstersessel verbot, forderte ihn Bonaventura zu einem Spaziergang auf und
hatte schon den Hut in der Hand ... Es beeinträchtigt aber unsere Kraft, auf
anderer Fragen zu hören, wie nach Shakspeare der Vornehmseinwollende anderer
Namen nicht behält. Nichts »duckt« einen andern mehr, als wenn man ihn in die
Lage bringt, eine Bemerkung wiederholen zu müssen ... Und so hörte der Pater
nichts vom Ausgehenwollen. Er sprach nur zu den Blumen, die ringsum fast so, wie
sie Bonaventura gefunden, noch geblieben waren:
Wie müsst ihr so verbleichen
Im funkelnden Farbenschein!
Ihr jungen Blumenleichen,
Wer segnet und senkt euch ein!
    Da waren Sie ja, fuhr er plötzlich gleichgültig abspringend fort und auf die
Sammlung, in der Bonaventura gelesen hatte, deutend, bei Dante's Vorbild in der
Architektur der Welten, dem Aurelius Prudentius! Nicht wahr, die schöne bunte
Rose, die Dante im Himmel sah von unermesslicher Grösse und die dort aus dem
Strahlenglanz der Märtyrer und Heiligen aller Zeiten zusammengesetzt war, ist
hier auf Erden schon die aus den Blüten und Perlen der heiligen Poesie
zusammengesetzte?
    Gewiss! fand Bonaventura endlich eine Gelegenheit einzufallen. Sie schmückt
den unsichtbaren Dom unserer Kirche!
    Das heisst, die »Purpurviolen« und »Saaronsrosen« aus Kocher am Fall
ausgenommen!
    Mit diesem Spott auf Beda Hunnius war das Gespräch abgebrochen ...
    Der Pater folgte dem Pfarrer, der ihn an der Tür vergebens bat
voranzutreten ... Plötzlich zog sich Sebastus in Demut zurück, verbeugte sich
und liess Bonaventura vorausgehen.
    Sie verliessen das Zimmer und das Haus.
    Wie sie so dahinschritten, sahen ihnen die Menschen nach ... die Fremden
blieben stehen ... der Pater schlug die Augen nieder ...
    Sie betraten Kirchen und Kapellen ...
    Viele fanden sie leer ...
    Der Pater verurteilte die Lauheit der Gemüter und wiederholte einiges von
seiner in Kocher am Fall gehaltenen Rede.
    Sehen Sie denn aber nicht, erwiderte gelassen Bonaventura in einer dieser
Kirchen, die beiden Kerzen da am Altare? Ist das nicht so schön an unserer
Kirche, dass Sie, wenn Sie in unsere Gotteshäuser treten, immer finden werden,
dass irgendetwas in ihnen vorgeht? Ist es auch nur eine einzige Seele, die
irgendwo in einem Stuhl knieet und gegen die Hoheit des Gebäudes, gegen die
Macht der Wölbungen und Säulen mit ihrem armen schwachen Aufseufzen wie ein
Sandkorn am Meer verschwindet, doch belebt es einen ganzen Bau! Und brennen auch
nur zwei kleine Kerzen an einem irgendwo versteckten Seitenaltar, immer sagt
das, es ist da irgendein Gebet im Werke, eines, das schon gehalten worden ist,
oder eines, das erst gehalten werden soll; irgendeine Seele, die vielleicht in
der Ferne auf dem Krankenlager liegt, hat diese Lichter anzünden lassen und bald
wird ein Priester nur mit einem einzigen Knaben kommen und, ohne Rücksicht auf
Zuhörer, unhörbar nur und still hinmurmelnd die Messe lesen. Dann wieder findet
man an einem Tage, wo alles werkeltägig in der Stadt und in den Gemütern
hergeht, doch in der Kirche den Hochaltar geschmückt, Blumen liegen an seinen
Stufen, das Wort des Priesters schallt fast wie ein einsames Selbstgespräch und
kaum bis über die Brüstung des Chores hinaus; ein Erinnerungstag ist's an einen
Heiligen, irgendein Vorgang aus der Geschichte der Kirche wird gefeiert, ohne
Geräusch, ohne allgemein verständlichen Ausdruck; nur einzelne Seelen, die
gerade diesen Heiligen zu ihrem Schutzpatron wählten, sind gleichsam mit in das
stille Geheimnis gezogen und geben dies einfach zu erkennen durch ihre Spenden,
durch ihre Anwesenheit in den Kirchenstühlen, durch das Nachlesen in ihren
Brevieren.
    Der Mönch schlug die Augen hellauf und erwiderte nach einer langen Pause des
Schweigens mit fast unhörbarer Stimme:
    Wäre das nicht, wie sähen Sie mich in dieser Tracht!
    Beide waren jetzt in einer fast sich schon annähernden, wärmern
Uebereinstimmung in die Katedrale getreten, die einem grossen heiligen Walde
glich von vielen tausendjährigen Eichenstämmen. Die Ueberfülle mit neugierigen
Fremden vertrieb sie jedoch. Sie traten in einen stillern, schön erhaltenen
Kreuzgang, der zur Seite lag. In der Mitte desselben sprudelte über grünem Rasen
ein Springquell - es war still ringsum, friedlich, »poetisch«, wie der Mönch
sagte ...
    Der Reiz sich persönlicher zu ergründen, nahm zu und Bonaventura hatte sogar
das Bedürfnis, einem Convertiten und einem Mönche vollends sein schweres
Lebensgefühl zu erleichtern, und suchte dafür nach Anknüpfungen.
    Der Pater gab sie bald selbst, indem er dem Priester, der ihm fast zu
imponiren anfing, die Worte sprach:
    Lieber doch noch die herumlorgnettirenden Engländer und um Trinkgelder
handelnden Lohnbediente in unsern Katedralen, als sich Kirchen nur erfüllt zu
denken von Superintendenten- und Consistorialratsweisheit! Gott! Gott! Darum
zerriss man 1517 die zarten Verbindungsfäden des Ueberlieferten mit dem Gemüte,
nur damit in den Kirchen ewig geredet und das Echo der alten zum Redewiderhall
gar nicht geschaffenen Wände mit tausendfach persönlich bedingter Weisheit
gequält werde! Man spricht von dem Protestantismus als dem Bundesgenossen der
Freiheit!
    Nichts will die Freiheit des Volkes mehr, als die katolische Kirche! fiel
Bonaventura ein.
    Der Mönch stand still und betrachtete eigentlich jetzt erst zum ersten mal
den Sprecher ...
    Aber die Fortsetzung dieser Gedankenreihen unterbrach plötzlich ein Geräusch
in einer Kapelle, die den zuletzt dunkler gewordenen Kreuzgang schloss ... Diese
Kapelle lag völlig einsam und diente zur Aushülfe für die Winterszeit, wenn
allzu schneidende Kälte die vorgeschriebenen Gebete und Messen in der Katedrale
besonders den ältern Priestern, den oft kränklichen und hinfälligen Domherren
unmöglich machte.
    Beim Verharren in der Kühle dieses entlegenen Winkels, über den
Leichensteinen und Wappen der hier seit Jahrhunderten begrabenen Priester wollte
eben der Pater beginnen: Der Stab Aaron's ist ein mächtiger, ein grünender und
blühender in unserer Hand - als ihn jenes Geräusch unterbrach ...
    Bonaventura ging näher, sah in die offene Tür, stieg einige dunkle Stufen
nieder und zeigte dem Nachfolgenden, der von einer Eule oder einer Fledermaus
sprach, einen grossen Vogel, der aus den hundert Nestern an den Spitzgiebeln und
Türmen der Katedrale sich hierher verirrt hatte, scheu in dem dunkeln Innern
hin- und herflog und den Ausgang nach den hochliegenden kleinen Fenstern suchte,
die auf der andern Langseite der Kapelle in die Strasse gingen. Der Vogel umflog
den Altar, riss die Leuchter um, verschob die Altardecke und warf einige Schalen
nieder ...
    Der Anblick hatte etwas Düsteres, ja bei der Dunkelheit und Einsamkeit des
Ortes etwas Schauerliches. Zuletzt sah man den Vogel sich zwischen zwei der
kleinern Säulen an der sogenannten Evangelienseite des Altars festklammern und
wild und starr die Augen auf die Ankommenden richten ...
    Greifen Sie das Tier! sagte Bonaventura. Ich will den Altar wieder
herrichten ...
    Der Pater stand in der Ferne und erbot sich zu der umgekehrten
Hülfsleistung. Er ordnete den Altar und so langte Bonaventura den grossen Vogel
nieder, einen Habicht mit gekrümmtem Schnabel und spitzen Krallen.
    Die Unheimlichkeit der Scene mehrte sich durch das Erscheinen eines rasch
draussen auf dem einsamen dunkeln Kreuzgange daherkommenden Priesters, der kaum
in die Kapelle geblickt hatte, auch schon zurückkehrte, fast erschreckend, sie
nicht leer zu finden ...
    Noch mehr ... Bonaventura erkannte den hier plötzlich Auftauchenden und
wieder Verschwindenden auf den ersten Blick ... Es war Cajetanus Roter gewesen,
sein Vorgänger im Amte zu St.-Wolfgang ...
    Da lag das Ordnen des verstörten Altars seltsam nahe ...
    Bonaventura betrachtete den Vogel, den er an beiden zurückgebogenen Flügeln
rückwärts auf die Hand gebreitet hielt und der ihn wild und trotzig und wieder
doch furchtsam und scheu ansah, fast wie die unbekehrte Seele eines Menschen,
sprach er ...
    Der Pater war bereits wieder voraus auf den sonnigen Rasenplatz des innern
Geviertes der Gänge zurück und Cajetanus Roter war gleichfalls verschwunden.
Dass er nicht zum Gebete gekommen, ersah man alsbald aus einer ihm begegnenden,
ihn anredenden und mit ihm zurückkehrenden Dame. Und in dieser erkannte
Bonaventura trotz des von ihr, als sie hier Beobachter sah, plötzlich
übergeworfenen Schleiers zu seinem Erstaunen sogar eine der Töchter des Herrn
Schnuphase.
    Alles das währte nur einige Minuten, hinterliess aber auf lange und tief
einschneidend einen Eindruck, dem der Mönch, als ihm das freiere und leichtere
Aufatmen selbst Bedürfnis wurde, das Wort der Erklärung gab:
    Lassen Sie den Vogel fliegen! Das Tier ist ein Bote des Satans! Nur deshalb
scheint es so grimmig auf uns, weil wir ihm ein Rendezvous gestört haben!
    Bonaventura warf den Vogel in die Höhe. Dieser schoss auf und verschwand auf
dem grauen Schieferdache des Langhauses der Katedrale.
    Schweigend verliessen beide den Kreuzgang und das Gebiet überhaupt. Man
wollte noch einige andere Kirchen besuchen ...
    Es konnte Bonaventura nicht entgehen, dass der Mönch in seltsame Aufregung
versetzt war, die ihn seine bisherige bewusste und selbstgefällige Weise fast
aufgeben liess. Wie über irgendetwas Gespenstisches hatte sich sein Auge
vergrössert, die Runzeln, die schon über der Stirn des kaum Dreissigjährigen
lagen, zogen sich in die Höhe, er zupfte an dem Strick, der ihn umgürtete, um
die Kutte höher zu ziehen; so fast, als fröre ihn ...
    Endlich, an einem grossen altertümlichen Hause, schien sich der Mönch wieder
erholt zu haben von dem Eindruck, den ihm die Scene in der Kapelle gemacht
hatte. Am Sonnenlichte atmete er wieder auf und liess halb mit einem, wie es
schien vom tiefsten Innern kommenden Seufzer, halb aber auch wieder hinblinzelnd
auf Bonaventura, die Worte der Schrift fallen:
    »Wo ihr aber durch den Geist des Fleisches Geschäfte tödtet, da werdet ihr
leben!«
    Bonaventura kannte, schwer genug (wie er sich zu gestehen nie schämte),
diese allein erst wahrhaft lebendig machende Kraft des Geistes und nickte
Beifall.
    Der Pater fühlte sich nun ermutigt, zur frühern Schärfe seiner Äusserungen
zurückzukehren. Er klagte die Priester an, denen er vorzugsweise den Verfall des
grossen Kirchengebäudes schuld gab.
    Kennen Sie dies Haus hier? fragte er und ohne die Antwort abzuwarten, fuhr
er schon fort: Der Sitz des Capitels ist's! In dem Hause hier mit seinen
zahllosen Fenstern, langen Gängen und auf die Ewigkeit angelegten Oefen kommen
aus vierundzwanzig Gegenden auf ihre alten Tage vierundzwanzig Menschen
zusammen, zwei auf jeden Jünger Christi, und - ja, das ist ihr Unterschied -
einer spricht und geht und raucht und schnupft anders als der andere. Und noch
sind Greise darunter, die einst auch unsern Herrgott abgesetzt haben in der
Französischen Revolution! Domherren, die mit Honteim von Trier eine
deutschbischöfliche Kirche gründen wollten, frei vom Papst, eine
constitutionelle, die in den emser Punktationen schon ihre Charte-Vérité hatte
... Alle haben sie noch über Voltaire gelacht und davon sind ihnen die Runzeln
nun so stehen geblieben wie lachenden Porzellanmännern; denn sie lachen auch bei
Erlebnissen, die ihnen das Weinen nahe bringen sollten, ja sie wissen nichts von
diesen stehen gebliebenen Mienen, sie weinen wirklich mit diesem alten
Voltairelächeln! Und gerade, als wenn sie wüssten, dass sie den Feuertod verwirkt
haben, so heizen sie ihre Oefen ein in ihren grossen kaltgründigen Stuben! Wälder
stecken sie in die Flammen und doch erwärmen sie nicht den innerlich schauernden
Frost! Furchtsam verrichten sie ihre Aemter am Hochaltar, wo sie kaum noch die
Stufen des Chores ersteigen können, und bei den grossen römischen Missalen, die
neben ihnen aufgeschlagen liegen, bei den durchgestrichenen Noten des
Antiphonales werden sie gespenstisch nur an die Todtenköpfe des Beinhauses
erinnert. Ach, aus Angst der Seele wirft sich dann einer oder der andere auf das
Studium eines alten Kirchenvaters! Da drüben, wo Sie die grünen Vorhänge am
Fenster zugezogen sehen, wohnt einer, der sein ganzes erspartes Vermögen an eine
Herausgabe des Origenes hingegeben und hinterher bedeutet worden ist, dass
Origenes nicht zu unsern Heiligen gehört und den Protestanten zu überlassen ist.
Der Arme wird dieser Tage sterben, ist vielleicht schon todt, und seine aus
teuer erstandenen Manuscripten gesammelten verschiedenen Lesarten werden ihm
ins Grab folgen! Dort - da wohnt der Kanonikus Martinus Taube! Krank kann er
werden, wenn im Kattendyk'schen Hause jemand dreimal hintereinander zum Diner
eingeladen wurde und Frau Commerzienrätin ihn einen angenehmen Gesellschafter
genannt hat, an den sie sich gewöhnen könnte! Nebenan - da wohnt einer, der mit
dem Hause Kattendyk selbst Geldgeschäfte macht ... Dort dem andern da ist das
Dasein ganz in Whist und Boston aufgegangen! Und fragen Sie ihn, ob Sanct-Goar
in Trier seine Einsiedlerkutte wirklich an einem Sonnenstrahl aufhängen konnte,
er wird es mit einem lauten und deutlichen: Ja! versichern, nur um nicht
aufgehalten zu werden, ein glückliches à tout zu machen. Ha diese Priester! Sie
können wie junge Mädchen eifersüchtig sein auf die Cirkel, wo nur ihre Hände
geküsst werden, nur ihre Scherze belacht! Entschuldigen Sie nichts! Es ist gut,
dass es einen grossen Geistessturm gibt! Die faule Ruhe des Friedens hat
Ungeziefer selbst im Rock des Herrn nisten lassen! Ausgeklopft muss auch der
werden, nicht bloss der Wams der Kriegsknechte! Tüchtig! Tüchtig! Und von uns
selbst! Hören Sie, unsere Trommel wirbelt -
    Der Pater wurde in seiner wilden Rede unterbrochen. Eben zog eine
Militärcolonne mit kriegerischem Spiel über den Platz, wo sie einsam gestanden
...
    Als es stiller geworden, sprach Bonaventura:
    Pater! Ich meine, je höher ein Priester steht, desto mehr wachsen seine
Sorgen, die Ansprüche seiner Verwandten, die Zumutungen seiner Bedürftigen!
Werden wir alt, so suchen ja gerade wir nach Augen, von denen uns doch ein klein
wenig Liebe und Sehnsucht bewahrt werden möchte, auch wenn wir todt sind! Keine
Familie zu haben, es bewahrt uns lange vor Sorge und Kummer, und doch wird
Familie zuletzt unsers Herzens ganze Sehnsucht! Nun sparen wir für andere,
schenken, opfern, wollen Menschen haben, die irgendwie die unserigen sind! Das
wird zuletzt eine Krankheit, die ebenso ihre Symptome, den Geiz, die
Geldbegierde hat, wie unser schon in jungen Jahren sich meldendes Verlangen nach
- Bequemlichkeit!
    Bonaventura sprach das so hin, wie wenn er es ebenso auf der Kanzel hätte
sagen können, ohne Menschenfurcht. Sein Auge glänzte, sein Stirn umzog sich mit
dem lichten Schein der edelsten Unbefangenheit.
    Sie sind ein milder Versöhner! sprach der Mönch ... Wissen Sie denn, warum
Sie herberufen sind?
    Ich hoffe es zu erfahren, erwiderte Bonaventura.
    Ich will es Ihnen sagen! Irgendeiner dieser Priester alten Stils hat Sie
irgendwo gesehen, hat Sie predigen hören, und da geht es wie in Göttingen, wo
ich die Rechte studirte. Die alten Professoren wehren jede Neuerung ab, lassen
kein neues System, keinen jungen Docenten oder Ausserordentlichen aufkommen.
Plötzlich merken sie, dass die Frequenz der Universität abnimmt. Des Goldes, das
von der Quästur kommen soll, wird immer weniger, die Doctorhüte bleiben auf dem
Lager liegen, die gelehrte Jugend Deutschlands, die Gott sei Dank! doch noch
nicht ganz aus Freitischseelen besteht, drängt sich in jene Städte, wo die
Lehrstühle der in Göttingen verurteilten Systeme stehen. Nun wird den
Geheimenräten Angst! Jetzt halten sie einen grossen Ratschlag, und siehe da!
Sie senden eine Deputation gen Hannover und erklären, die Facultät böte eine
Lücke, man müsste die Vertreter eines neuen Systems berufen. Ministerielles
Erstaunen - Stühle, auf die sich die Excellenz vor Ueberraschung niederlassen
muss ... Sie meinen, meine Herren? Sie befürworten -? In den »Gelehrten-Anzeigen«
hackten Sie ja regelmässig die Vertreter dieses Systems zu göttinger Wurst
zusammen? - Tut nichts, Excellenz! Mangel an doppelläufigen Pistolen - Und nun
errichtet man einen neuen Lehrstuhl, beruft denselben jungen früher verfemten
Irrlehrer und die akademische Jugend des heiligen römischen Reichs findet wieder
den alten Weg an - die »Leine«, die Honorare kommen in Gang, die Doctorhüte
fabricirt wieder »Vater Betmann« nach wie vor, die alten Herren frischen sich
mit dem jungen Blute wieder auf, wie in Arnim's »Kronenwächtern« die Transfusion
des Blutes in praxi ausgeführt wird und ebenso denk' ich mir: Wenn in Städten,
wie diese, die Gesinnungen zu weltlich werden, die Beichtstühle zu leer stehen,
die Büchsen und Becken beim Opfern zu viel Kupfer abwerfen, die zweischlächtigen
Bastarde der gemischten Ehen nur in den Taufbecken der Protestanten Stolgebühren
zurücklassen, dann müssen frische, fromme, freudige Gemüter -
    Wiederum aber konnte diese dem Eindruck, den Bonaventura dem Mönche machte,
dargebrachte Huldigung nicht weiter kommen. Eine Volksmenge brauste daher,
Vorläufer eines neuen Soldatentrupps, diesmal der grossen Wachparade. Es war
schon die Mittagszeit. Wie eine rauschende Flut stürzten sich die Accorde einer
Janitscharenmusik über die Worte des Sprechers ...
    Der Mönch schwieg; beide Wanderer standen still und liessen die Truppen an
sich vorüberziehen ...
    Kennen Sie den Kirchenfürsten? verstand sich der Mönch wiederholt zu einer -
Frage, als es ruhiger geworden.
    Aus der Zeit, als er noch Generalvicar war!
    Reden Sie mit ihm, so bitt' ich, sprechen Sie Gutes von mir!
    Bonaventura sah den Mönch erstaunend an.
    Ich habe die Weihen nicht! Ich bin nicht Priester! sagte der Pater.
    Auf Bonaventura machte dies Geständnis einen tiefen Eindruck. Es war ihm,
als fiele ihm eine Last vom Herzen. Pater Sebastus war kein Priester! Diese
Hand, die Jérôme von Wittekind erschoss, die einen Vater ungerächt gelassen, war
so nicht entsühnt, dass sie Segen austeilen, das Brot des Lebens spenden konnte
- und jetzt verstand Bonaventura die Widersprüche in dem Wesen seines Begleiters
- die Demut schien ihm noch nicht zur neuen Natur geworden - sie erstrebte
vielleicht nur das letzte Ziel des neuen Ehrgeizes - die Weihen - und Stolz und
Leidenschaft schienen die alten geblieben ... In seltsamen Wirbeln ging sein
schwankendes Urteil.
    Da kamen jetzt vier Männer daher ... Sie grüssten, standen still und es
fanden gegenseitige Vorstellungen statt.
    Benno war es mit seinem Freunde Tiebold, mit dem Assessor von Enckefuss und
einer seltsamen Erscheinung, die sich zwischen dem Arm des letztern und dem Arme
Tiebold's hielt ... ein jugendlich aufgefrischter Greis, von jenen selbst beim
Weinen lachenden Gesichtszügen, wie sie der Mönch eben bei den alten gezähmten
Voltairianern stereotypirt fand, den Bart, die Haare gefärbt, ein seltsames Bild
unter drei jungen Männern, von denen wenigstens Benno und Tiebold die
Lebensfrische selbst waren ...
    Herr Rittmeister von Enckefuss! ... Herr Pfarrer von Asselyn! ... hiess es.
    Der Mönch stand starr ...
    Die Gruppe wagte ihn nicht ganz in ihren Kreis zu ziehen ...
    Herr Doctor! sagte ihn erkennend der Rittmeister - in leichter und
fröhlicher Anrede ... Es gab eine Zeit, wo Sie's gar nicht abgeschlagen hätten,
mit uns auf den Hahnenkamp zu gehen und ein Glas Champagner zu trinken! Wir
haben ihn da besser als im Englischen Hof! Jetzt freilich -
    Der Mönch sah den Sprecher an, als irrte er sich in der Person. Ja es war
ein Blick voll Grösse und als wollte er sagen: Ich spreche armenisch und komme
vom Libanon!
    Benno fixirte den Pater von oben bis unten und würde den vor Verlegenheit
verstummenden Rittmeister in der Erkennung unterstützt haben, wenn nicht
Tiebold Bonaventura's Bekanntschaft zum ersten mal gemacht hätte. Da gab es
denn ein Bestürmen mit dem ganzen Feuer des Anteils, ein Aufrufen zur
Vergleichung der Aehnlichkeit mit dem Onkel Dechanten, ein lärmendes Erörtern
der unangenehmen Nachrichten für Frau von Gülpen, dass nun eine andere
Conversation gar nicht mehr aufkommen konnte.
    Der Mönch, wie nicht im mindesten berührt von der Begegnung mit einem Manne,
der ihm die trübsten Erinnerungen des Lebens zurückrief, wandte sich inzwischen
und richtete, wie wenn nichts wäre, den Blick auf die Strassenecke, die mit
Anschlagzetteln bedeckt war ... Man befand sich auf einem der vielen kleinen
Plätze der Stadt, in der Nähe eines Gastofs mittlern Ranges.
    In Bonaventura's Klagen über die Verzögerung seines Aufentalts musste sich
sein Bedauern mischen, von Benno hören zu müssen, dass diesen jede Stunde eine
Weisung seines Principals über Land zu schicken drohte und, wie er sagte, sein
halb schon immer gepackter Koffer ihn vielleicht heute Abend bereits wieder aufs
Dampfboot begleiten könnte.
    Ich hoffe morgen empfangen und verabschiedet zu werden! sagte Bonaventura
und drückte damit für Benno eine Bürde aus, die er an dem lesend der Mauer
zugewandten Begleiter zu tragen hätte ... Und in dem Rittmeister von Enckefuss
sah denn nun Bonaventura eine Persönlichkeit, die vielfach genannt wurde, sprach
man von den Zerwürfnissen des Kirchenfürsten mit der Regierung und einer schon
uralten Verfeindung des Domherrn Grafen von Truchsess-Gallenberg mit dem
herrschenden Systeme ... In seiner Heimat drüben erfolgte nach geistlicher, dann
westfälischer Herrschaft die Uebernahme der Zügel des Regiments 1815 schroff und
im Geiste solcher Sieger, die von der Demütigung des Corsen triumphirend
heimkehrten und in den neugewonnenen Ländern und Städten als Wächter die wilden
Söhne des Heerlagers zurückliessen. Kurze Zeit hatte der Corse auch die Söhne
dieser Länder in Waffen den übrigen deutschen Brüdern gegenübergestellt und nun
trat unter Verhältnisse, wo aus jedem nur erdenklichen Grunde der Politik die
Versöhnung hätte herrschen sollen, doch, wie einmal die menschliche Natur ist,
die Vergeltung. Ein tüchtiger Heerführer befehligte in der Hauptstadt des
neuerworbenen Landes. Milderte an ihm sein Verdienst die Wildheit und konnte
eine gewisse barsche Treuherzigkeit, der man im rechten Augenblicke sogar
Gemütvolles abgewinnen konnte, ihm manche gute Wirkung sichern, so verdarben
das, was seine Oberleitung noch allenfalls gut machte, die Untergebenen. Sein
eigener Sohn war es, ein junger Offizier, der auf dem so gänzlich
verschiedenartigen Boden die Sitten der Heimat einführen wollte. Der
Husarensäbel des Rittmeisters von Enckefuss zerhieb alle Schwierigkeiten, deren
sich für den alten General, seinen Vater, immer zahlreichere fanden.
Verhältnisse, Vorurteile, Meinungen, Gewohnheiten wurden verletzt, mit ihnen
die Personen. Die Reizbarkeit erhöhte sich. Zu Kränkungen kam es, die niemand
mehr mit der dem dortigen Menschenschlage eigenen Selbstbeherrschung, die man
auch Trägheit nennen mag, verwinden mochte; bald standen sich die höhern Stände
gegenüber. Einige der jüngern Domherren, Geistliche aus den ersten Geschlechtern
des Landes, wurden von dem Militärgeist, der seinen Säbel auf dem
Strassenpflaster nachschleppen liess, auch auf dem neutralen Boden der
Geselligkeit, vorzugsweise im Casino der Stadt, geneckt und, als sie es ihrem
Amte gemäss schweigend hinnehmen mussten, mit spottenden Worten bezeichnet. Es kam
zu einem Ehrenstreite, an dem die Stadt, die ganze Provinz teilnahmen. Zwei
junge Domherren waren durch wiederholte Beleidigung in der Notwendigkeit, sich
von den Offizieren Genugtuung zu erwirken. Welche konnten sie erlangen? Als
Priester durften sie die Waffe nicht führen. Ihren Stand zu verlassen
verhinderte eigene Neigung und der durch Familienstatut gebundene Wille. Sie
klagten vor Gericht. Dies konnten sie nur da tun, wo der Rechtsspruch vom
jenseitigen Feldlager kam. Nach langem Processiren kam es zu einem Austrag, der
ihrer Ehre allerdings einen dürftigen Strohhalm bot. Vor den Gegnern hatten sie
einen zweifelhaften Sieg gewonnen. Neue Verwickelung, neuer Hader. Da tritt der
einzige Bruder des Domherrn, der Träger des Geschlechts, in die Schranken und
wird, sowie später in unedlerer Veranlassung Jérôme von Wittekind, im Duell von
jenem Rittmeister der Husaren erschossen ... An des Bruders Grabe soll Priester
Immanuel, der Domherr Graf von Truchsess-Gallenberg, damals einen nur stillen
Schwur gesprochen haben, vollkommen aber vernehmbar den Geistern Innocenz' III.
und Gregor's VII.
    Nun der Anlass dieser Irrung, der alte Husar da, sorglos, seinen gefärbten
Schnurrbart drehend und unterhaltend sein »junges Volk« von der »Witwe Clicquot«
- und das sogar in einer Weise, der Bonaventura, um seine eigene ehemalige
Fähnrichschaft von ihm angegangen, gar nicht gram sein konnte ... Ihm waren
diese ghibellinischen adeligen Landsknechte geläufig, die mit unendlichstem
Leichtsinn Hab' und Gut im Würfelspiel in einer Nacht verknöcheln konnten und
dennoch, wenn die Drommete gerufen hätte zur Schlacht, sich aufs Ross geschwungen
haben würden und Leib und Leben nicht minder leicht aufs Spiel gesetzt.
    Die fröhliche Gesellschaft wollte weiter gehen und sah auf den unter fast
ähnlichen Lebensbedingungen, wie der fröhliche Rittmeister, stehenden Mönch, um
Abschied zu nehmen.
    Dieser stand abgewandt und las ...
    Die Männer gingen ...
    Bonaventura wartete, bis sich Pater Sebastus wenden würde ...
    Endlich tat er es ...
    Leichenblass ...
    Bonaventura redete ihn um die Bekanntschaft mit dem Rittmeister an.
    Der Mönch erwiderte nichts ...
    Bonaventura sprach von einer Fortsetzung des Spaziergangs am Nachmittage ...
    Kein Wort der Entgegnung ...
    Nur mit seinen magern Händen zeigte er jetzt über den Platz hin ...
    Bonaventura sah einen Gastof, an dessen Einfahrt ein Schwarm von Krüppeln
und Bettlern sich drängte. Barfüssige Kinder, Greise, Blinde und Lahme, Frauen
mit verbundenem Kopf, Hexen nicht unähnlich, eine Zunft von Menschen, die den
Spruch, wir wären nach Gottes Ebenbild geschaffen, zur Satire machten, alles das
drängte sich mit halbzerbrochenen Scherben am Eingang - ein Kellner hielt alle
noch zurück -
    In dem Blicke des Mönches auf jenes Gewühl erkannte Bonaventura, dass er sich
den Armen anzuschliessen im Begriff war ...
    Mein Donnerstagstisch! sagte er und brach ebenso rasch ab, wie er vor
einigen Stunden zu Bonaventura gekommen war.
    Bonaventura sah ihm lange - lange - und mit Rührung nach ...
    Sein Herz sagte ihm: Warum sollen es nicht die Kranken und die Armen sehen,
dass ein Genius in den Fragen des Lebens vor ihnen nichts voraushaben will? Warum
soll nicht ein einzelner unter sie treten und ihnen zeigen dürfen, dass
Entbehrung jedem wehetut und dass Hunger, Durst und Frost nicht das Lebensloos
der Armen allein sind, ja dass es eine Glorie höherer Genüsse gibt, die selbst
ein Gebildeter allem vorzieht, wonach die Entbehrenden mit neidischem Herzen
schielen! ... Und selbst der Einwand, der sich ihm aufdrängte, dass ein Mönch
nicht arbeite und darum mit seinen Entbehrungen denen nicht gleichstehe, die in
geringen Verhältnissen leben trotz ihres Fleisses, widerlegte sich seine noch
unerschütterte Begeisterung für die Kirche durch eine eigene Auslegung der
Schrift. Wenn wir nicht vom Brote allein leben, sondern auch vom Geiste Gottes,
so darf zu diesem lebendigen Odem, der uns erfüllt und erhebt, auch ein
festgehaltener äusserer Ausdruck des Uebersinnlichen gehören. Wie man die Kirchen
schmückt, statt dass auch in schmucklosen derselbe Gott erkannt und gepredigt
werden könnte, wie man seine Liebe durch ein Symbol ausdrückt, eine Blume, einen
Ring, statt dass Worte ganz dieselbe Bedeutung haben könnten, so sollte nicht
auch die äusserlich ersichtliche und vor der Welt festgehaltene Demut, das Kleid
und die Entbehrung des Klostergelübdes die immer bereite Vergegenwärtigung der
Begriffe sein, die sie dem weltlichen Leben vorhalten und ihm gleichsam
einbilden möchten? Edler, als der Spartaner sich Heloten hielt, um seinem Sohne
die Niedrigkeit dienender Seelen zu zeigen, schien dem sinnend Nachblickenden
der Christ sich Mönche und Nonnen halten zu dürfen, um in der Fülle der
Ungebundenheit und des leidenschaftlichen Lebensgenusses auch die reinen Typen
zu bewahren der Selbstbeschränkung und Nur-Auf-Gottbezogenheit.
    Bonaventura speiste dann auf seinem Zimmer, bedient von einem ungeschickten
Mädchen, durch dessen Unerfahrenheit hätte entschuldigt sein können, dass lieber,
wie heute in der Frühe, eines der Fräulein Schnuphase mit schweigsamer
Ehrerbietung, einer Marta gleich, erschienen wäre und das Serviren unterstützt
hätte. Doch die seltsame Begegnung im Kreuzgange hielt wohl die beschämten
Heuchlerinnen fern. Dass Bonaventura nicht zu lange bei dieser Erfahrung
verweilte, lag in der traurigen Gewöhnung seines Standes, derartige Eindrücke an
Priestern wie an Laien fast täglich bedenken und in sich verwischen zu müssen.
    Um einen katolischen Priester ist es einsam. Friede soll über sein Gemüt
hinwehen, die Leidenschaften sollen schweigen, immer soll er innerlich
beschäftigt sein. So wollte es Hildebrand, als er, um aus ihnen die Gnomen der
römischen Zauberkunst zu schaffen, ihnen die Ehe verbot, die Verbindung mit der
Welt und mit dem gemeinen Leben.
    Von der Begegnung mit dem Mönche Sebastus war Bonaventura tief aufgeregt;
doch wusste er den Gefühlen, die ihn bestürmten, keinen Namen zu geben. Er
forschte ihnen auch nicht zu lange nach ...
    Mahnen dann aber zuletzt die Geister zu gewaltig, stürmt es doch in der
Brust, so haben die Lehrer der Kirche, unter ihnen tiefe Kenner des menschlichen
Gemüts, dafür gesorgt, den Sinn zu heiligen, das Herz zu stillen, es zu
bewahren - vor der Phantasie. Denn die Phantasie ist die gefährlichste Feindin
des Einsamen ...
    Mannichfaltige Ratschläge gaben die Seelenmeister, ihren Lockungen zu
widerstehen ...
    Bonaventura floh die Phantasie nicht, aber er dachte sich nie Zukünftiges,
sondern nur Vergangenes ... Im Vergangenen - da konnte er schwelgen! Aber wie
rang er auch, nur allein das Einst festzuhalten! Nur die Grenze zu wahren, wo
nicht plötzlich ein rosiger Zukunftsschimmer in die Seele einbrechen konnte! Mit
Zukunftsträumen beginnen die Irrpfade der Einbildungskraft. Ihrem goldenen
Glanze verschliesse das geistige Auge! Erwache aus jedem Traume, den es dich
gelüsten könnte dir auf Zukünftiges zu deuten! Mögliches, Gehofftes ist ein Arom
der Geister, das die Sinne betäubt, ein Zaubertrank, der in Paradiese versetzen
kann, selbst unter den Schrecken der Wüste ... Schreit dann die Seele inbrünstig
»wie der Hirsch nach frischem Wasser«, so gibt ihm die römische Magie eine vom
Munde man möchte glauben der schäumenden Wut des leidenschaftlichsten
Seelenschmerzes gesammelte Aqua toffana ... Auch Bonaventura kannte sie ...
    Wurde dem jungen Priester das Blut von einer plötzlichen Wallung durchglüht,
rang er in der Not des Aufschreis seiner gesunden Lebensgeister, so griff auch
er nach jenen mechanischen Hülfsmitteln, die im Rosenkranzgebet den ersten
Wassersturz, der Besinnungslosigkeit zu suchen lehrten ... Auch er zählte dann
die Buchstaben der Evangelien und Episteln ... auch er rechnete, wie oft ein
Wort sich auf einer Seite wiederholte ... Und wenn Paula's Name und ihre
liebliche Erscheinung über seinen Geist wie eine sanfte Sphärenmusik sich
senkte, so konnte auch er, um sich vor dem Vergehen in einem Meer von Sehnsucht
zu retten, das liebliche Gedicht in Spee's Trutznachtigall:
Wenn Morgenröt' sich zieret
Mit zartem Rosenglanz -
statt vorwärts - rückwärts lesen. Half auch das nicht und klangen die Sphären zu
berauschend, die Lockungen zu süss, so konnte er zählen, wie oft in einem solchen
Gedichte ein einziger Buchstabe vorkam - und vielleicht nicht einmal der
Buchstabe P!
    Lacht nicht, ihr Feinde des Christentums! Ihr am wenigsten, die besten
Freunde desselben nach dem Mönch Sebastus, ihr Juden! Das eben brachte
vielleicht schon Apella nach Rom. Mit solchen Glaubensspielen erfüllten schon am
Jordan die Rabbinen das Wort des Psalmisten:
    »Wie hab' ich dein Gesetz so lieb, o Herr! Den ganzen Tag ist es meine
Betrachtung!«
    Jeden Augenblick horchte dann Bonaventura voll Bangen, ob es klopfen würde
und der Mönch zum zweiten mal einträte, ihn zu einem Nachmittagsgange abzuholen.
 
                                       6.
Die Wirtin zum »Goldenen Lamm« war eine der rührigsten Frauen der Stadt.
    Und wäre sie nicht auch die guterzigste und wohltätigste ihres Geschlechts
schon von Natur gewesen, die kleine dicke, rundliche, noch immer hübsche Frau,
die Beichtväter hätten sie dazu gemacht. Sie hätten ihr diese Lust am Spenden
schon als Strafe auferlegt, da die gute Frau das gesundeste Leben liebte und ein
leicht in den Adern rollendes Blut hatte ... Ja, sie wechselte viel mit ihren
Oberkellnern - sie wechselte auch viel mit den Vertrauten ihres Herzens ... sie
betrachtete aber dann die »Religion« wie ein Bad, mit dem man allen schlimmen
Staub der Seele wieder wegspült und immer wieder frisch und gefallsam in die
Abwechselungen der schönen Erde, in Landpartieen, kleine Badereisen, Teater und
Concerte zurückkehrt.
    »Die Tochter aus dem goldenen Lamm« einst genannt, hatte sie einen Sänger
geheiratet, der sich bei ihren Aeltern, wie man zu sagen pflegt, »festgekneipt«
hatte. Sie hatte dann diesen zum Wirt gemacht. Nachmals war er gestorben. Dann
folgte unter gleichen Umständen ein Schauspieler. Auch von diesem wurde sie
Witwe. Nun nahm sie das Leben ganz wie Semiramis, gross und frei, vom luftigsten
Standpunkte. Aber gut war sie, unendlich gut, mildtätig bis zum Exzess, und
dabei so stark und wohlgenährt, dass die Juweliere das Doppelte verdienten an den
Ketten, die sie kaufte, dann ihren Verehrern heimlich zusteckte und sie sich,
zur Genugtuung vor dem ganzen Dienstpersonal und den Stammgästen der
Table-d'hôte und des abendlichen Schoppens, scheinbar wieder von diesen
zurückschenken liess ... Und niemand hatte dies Manöver mit grösserer Gewandteit
ausgeführt als seinerzeit Jodocus Hammaker, der einige Jahre lang, vor der
ominösen Hängegeschichte mit Dominicus Nück, auch der Vertraute ihres Herzens
und ihrer Kasse gewesen war.
    Mundet's euch heute nicht? rief die Frau aus einem Fenster, das in die
Einfahrt ihres grossen und geräumigen Gastauses ging. Denkt Ihr an die
Karmeliterinnen, wo morgen Nachmittag gross Tractament sein soll, wie bei einer
Kindtaufe! Wird ja bei Euer Gnaden eingeladen, als käm' eine Prinzessin ins
Spital und wollte die Suppe kosten, die dann auch einmal aus Fleisch gekocht
wird!
    Damit reichte sie dem »gnädigen« Bettelvolk aus der mit ihrem Fenster in
Verbindung stehenden Küche in die dargereichten Scherben Gemüse und Fleisch und
füllte selbst die Gefässe, die oft so defect waren, dass sie ihr unter der Hand
zerbrachen. Jeden Montag und Donnerstag fand diese Austeilung statt, die Tage
ausgenommen, die noch etwaige Vergehen und die Gebote des Beichtstuhls
hinzufügten.
    Diese »Abfütterung«, wie der Herr Oberkellner mit goldenem Siegelringe
apatisch und seiner Stellung bewusst, sie benannte, musste rasch geschehen, damit
die Ordnung des frequenten Gastauses nicht gestört wurde. Die Lahmen und die
Blinden, die alten Frauen und barfüssigen Kinder durften sich nicht zu lange
aufhalten und etwa die Gabe unter der Einfahrt oder im Hofe schon verspeisen,
manche gar ohne Messer und Gabel wie die Wilden.
    Die Wirtin schöpfte dabei immer aus, warf zuweilen ein schlechtes Stück mit
einem derben Kraftworte an die Köchinnen hinter sich zurück und ruhte nicht
einen Augenblick im Nutzen ihres Mundwerks.
    Das Stück geb' ich ja keinem Hund, viel weniger einem Menschen! ... O die
Metzger! ... Die bringen's aus! ... »Kaufe keinen Ochsen ohne Knochen, Madame!«
sagte der neulich am Rotenturm ... Nun? Steht mir nicht so lange! Marsch! ...
Jesus Marie, was ist das für ein Topf? Ein halber Henkel kaum! ... Ich glaube,
erst vorige Woche gab ich einen neuen! ... Riekeschen! ... hörst du! Mach' mir
mal den Rock hinten ein bissel loser! Zwei Haken! ... So! ... s'ist mir heut
ganz schlecht, denk' ich an die Frau, die sie die Nacht umgebracht haben! ...
Weiss man denn immer noch nicht, Leute, wer's getan hat? ... Wozu ist nun die
wohllöbliche Polizei! ... Jeden vergessenen Nachtzettel straft sie, von jedem
Fremden, der von auswärts kommt, will sie wissen, was er für eine Nase hat, aber
was drinnen in der Stadt vorgeht unter den Spitzbuben und Räubern und Mördern -
    Der Oberkellner rief den Aufhorchenden, die auf diese Art auch noch die
Zukost publicistischer Neuigkeiten und über Welt und Zeit allerlei freisinnige
Ansichten erhielten:
    Marsch! Fort! Es kommen Fremde!
    Nun, nun! rief nun wieder den Oberkellner verweisend die Wirtin. Geduldige
Schafe gehen viel in einen Stall! Dann aber polterte sie doch wieder dem
Oberkellner zu Liebe: Riekeschen, mach' fort, dass die Bagag' hinauskommt! Ihr
Trampeltiere! Lasst doch erst die Kinder vor!
    Vom Lärm des Bettlervolks und der Strasse wurde die Rede der guten
Lammwirtin übertäubt. Wagen kamen und gingen, Omnibus rollten, die Glockenzüge,
die den Hausknechten schellten, wurden gezogen und jetzt bekam auch die Lachlust
ein Schauspiel durch ein komisches Intermezzo.
    Zwei Italiener begrüssten sich, wie es schien, nach jahrelanger Trennung ...
    Der eine kam eben mit dem Omnibus, der andere empfing den Aussteigenden
unter der Haustür. Neben letzterm standen zwei jüngere, die auf ihren Häuptern
Breter mit Gipsfiguren hielten und in dem Augenblick, als die beiden ältern die
Zeichen der höchsten Freude austauschten, das Gleichgewicht verloren. Eine mit
Strahlenkronen geschmückte Madonna fiel und zerbrach. Der ältere in grauem
Kittel und Manchesterbeinkleidern, unser Napoleone, hatte jetzt mindestens fünf
Dinge zu gleicher Zeit zu erledigen ... Einmal seinen aus London kommenden
Bruder zu begrüssen, Marco Biancchi, einen scharfblickenden, schon graubehaarten
Italienerkopf, dann ihm seine Söhne vorzustellen, dann wieder diesen ihre
Unachtsamkeit vorzuhalten, nun wieder auf ein Fenster im fünften Stock zu
zeigen, wo ein weiblicher Kopf herausschaute, ohne Zweifel Porzia, und dann doch
wieder staunend auf die grosse Bagage seines Bruders Marco zu zeigen, die nun
abgeladen wurde, und bei alledem auch noch die Umstehenden zum Kaufen zu
ermuntern!
    E questo possibile! rief er. Dopo quindici anni rivedersi encora! ... Asino,
dove ai gli occhi! ... Questo e mio figlio! Il mio segundo! Questo il terzo! La
sopra mia figlia ... Fa attenzione, asino! Di non dimenticare, quello che tu ai
sopra la testa! ... Fratello! Caro fratello! ... Ma tu mi sembre un cavaliere!
Cielo! Quel gran baulo! Attenzione cocchieri! ... Buon albergo! Proprio et buon
mercato! ... Figuri kauf!
    Alles das ging bunt durcheinander.
    Bei allen diesen Vorgängen sitzt auf der dritten oder vierten Stufe der
Treppe des Hotels Pater Sebastus und verzehrt mit Gabel und Messer, die ihm zur
besondern Auszeichnung die Wirtin dargereicht, sein Gemüse und sein Fleisch ...
    Er tut es sonst so hell umschauend, heute aber wie ein völlig Abwesender
...
    Erbebend schon von der Begegnung mit dem Rittmeister und Landrat von
Enckefuss, dem dritten in dem unheimlichen Bunde von damals, als man sich das
Wort gegeben zu haben schien, einen Mann wie den Kronsyndikus, Sprossen der
alten Sachsenherzoge, nicht die Folgen einer Uebereilung erleiden zu lassen -
war sein Auge, irrend auf der mit Zetteln beklebten Wand, zu der er sich
abgewendet, - auf Serlo's Weib und seine Kinder gefallen ...
    Wenn man sonst von ihm sagte: Da ist ein Mönch, der sich wie die Heiligen in
Dornen wälzen könnte! so hätte man es heute wohl glauben mögen. Das Reden der
Wirtin, das Durcheinander der Bettler, die Begrüssungen und die Ankunft der
Italiener hörte er nicht ... Mechanisch verzehrte er seine karge Mahlzeit ...
Schon war er mit ihr zu Ende, sass ermüdet, versunken und starr vor sich
niederblickend, die leere Schüssel in der Hand, dicht an die Mauer gedrückt, um
niemanden auf der lebhaften Passage der Treppe zu stören ...
    Da kommt eine schon bejahrte, aber stattlich aufgeputzte Dame mit zwei
leicht und behend die Stufen hinaufhüpfenden halbwüchsigen Mädchen ...
    Plötzlich hielt die Frau inne, betrachtete ihn und redete ihn mit dem Grusse
an:
    Aber, Herr Doctor! Sind Sie es denn wirklich? Ja, kennen Sie mich denn nicht
mehr, Herr Doctor Klingsohr?
    Der Bruder Sebastus springt auf, stellt seine Schüssel zur Seite, betrachtet
Madame Serlo-Leonhardi und Serlo's herangewachsene Kinder wie ein Irrsinniger,
den jemand auf seine frühere Vernunft anredet und der sich darauf von ihm wie
taub abwendet, während doch ein gewisser trauriger Blick der Befremdung
auszudrücken scheint, dass ihm eine Ahnung nicht ganz fern läge von dem, was der
Anredende meinen möchte und was er einst wirklich gewesen sein könnte ... Er
sieht die erhitzt aus der zu ihrer abendlichen Vorstellung abgehaltenen Probe
Zurückgekommenen mit zusammengedrückten Augen wie zweifelnd und in Furcht an und
geht von dannen, ohne ein einziges Wort gesprochen zu haben.
    Wer die Scene beobachtete und der in Erstaunen und in den lauten Ausruf
ihrer Ueberraschung ausbrechenden Schauspielerin den vollen Glauben schenkte,
dass dieser Mönch ein ehemaliger Bekannter von ihr, ein Doctor Klingsohr wäre,
konnte in der Tat hinzufügen: Jetzt aber ist es ein Heiliger! Denn Pater
Sebastus war vor ihr zurückgewichen, wie vor einer Bewohnerin einer ihm völlig
fremden Welt; er hatte ihrer Annäherung sich entzogen, wie einer Unreinen ...
Der Schein der völligen Entfremdung von seiner Vergangenheit hob und verklärte
ihn fast.
    Dennoch schoss er an den Häusern dahin wie ein Besinnungsloser ... Erst, als
ihm jener Dämon, der im menschlichen Innern hockt und der selbst unserm tiefsten
Schmerze höhnende Geberden machen kann, sagte: Siehst ja aus, als gehörtest du
auch zum Mummenschanz! merkte er auf sich ... In dem kleinen Schatten der
Mittagssonne sah er sich wie einen verhutzelten Gnomen durch die schattenlosen
Gassen schreiten, in einer ihm wie jetzt erst auffallenden Kutte, barhaupt,
barfuss ... Das ist deine Angst, mit Komödianten verwechselt zu werden, dass du so
entliefst! sagten ihm jene innern Stimmen, die er schon sonst »Ironieen des
Satan« genannt hatte und schon damals, noch ehe er an den Satan glaubte ...
Irrend wankte er dahin ... Kindern hätte er sich anschmiegen mögen mit einem:
Nehmt mich mit! ... In seine Wohnung wollt' er und fand sie nicht - es war eine
kleine Zelle in einem ehemaligen Professhause der Jesuiten - dort gab es lange
Gänge, selbst unterirdische aus den Zeiten her, wo die Kirchenfürsten diese
Stadt als Regenten beherrschten und oft vor dem Trotz und dem Freiheitssinn der
Bürger sich flüchten mussten - in eines dieser Verliesse wieder, wo er schon öfter
dahingetastet, dort mochte er sich verbergen, nur um die innern Stimmen, diese
quälenden, zum Schweigen zu bringen ... An jeder Kirchtür verbeugt er sich ...
an jedem steinernen Kreuze schlägt er eines auch auf seiner Brust ... die
Momente der klarsten Anschauungen, des Witzes, der Unbefangenheit, der
schärfsten Kritik über sich und andere, die er heute gehabt, weichen dem
Paroxysmus, der schon damals im Mondenschein im Park von Schloss Neuhof die
Gespenster Heinrich Heine's leibhaftig sehen konnte und von den alten Stammers
redete, wie wenn sie sässen und Schön Hedwig beweinten, ihr Kind, das ihnen der
wilde Jäger geraubt ... oder wie er seine Mutter sehen konnte, eine
verschleierte Nachtwandlerin, mit der Lampe in der Hand und durch die Ahnensäle
der Wittekinds schreiten ... oder wie er oft ganz deutlich am Strande der Ostsee
Lucinden im nächtlichen Nebel den Klabautermann auf einem Schiffe zeigte ...
oder wie er später, als er den Saft der Mohnblume wie alles erproben wollte,
sich dem Gangesgott im Kelche der Lotosblume verglich ... Wie hätte ihn noch der
Mord der Buschbeck schütteln müssen, wenn er den in Erfahrung gebracht! Nur war
er nicht der Mann des Hörens, sonst hätte er längst davon vernehmen müssen ...
Der Geist, der jetzt ihn jagte, war - die Erinnerung an Lucinden.
    Immer tiefer kommt er in das Labyrint der engsten Gassen ... Nichts will er
sehen von den lichteren Strassen, selbst die nicht, wo die Zeitungsexpeditionen
liegen, die seine neuesten Artikel verkaufen - dem Laden Klingelpeter's, wo eben
die zinnernen Atanasiusmedaillen in die Welt gehen, schiesst er vorüber ... Alte
Frauen plötzlich, in seltsamen Trachten, den Kopf mit grellfarbigen Tüchern
umwunden, sitzen vor verfallenen Häusern und zupfen Werg aus alten Matratzen ...
Der Staub wirbelt auf ... Fremdartig gesprochene Laute wecken ihn ... Nichts von
den Heiligen, nichts mehr von der Gottesmutter ... Bei den Juden ist er ... in
der Rumpelgasse ... Hier wohnen ihrer Hunderte dicht beisammen, Kleider hängen
an den Häusern, alte Möbel, versperren die Wege, Flaschen und Gläser stehen an
den Fenstern und nun erst findet sich der Taumelnde zurecht.
    Vor einem der rotbraunen Häuser, gebaut aus Steinen, die vielleicht übrig
geblieben von damals, als die Vorvordern der Einwohner dieser Gasse sich einst
selbst verbrannten, um der zu Zeiten im Mittelalter epidemischen Verfolgungswut
zu entgehen, stand der wie im Kreise Getriebene plötzlich still und betrachtete
den Geschäftsreichtum einer Trödelfirma, die sich »Natan Seligmann« nannte ...
    Hinter ihm aber steht ein Mann, der ihn beobachtet. Es ist nicht unser Löb,
der von ihm trotz des Judaeus Apella so altburschikos behandelte Anbeter der
heute mit einem Blumenstrauss gefeierten jüdischen Druide Veilchen Igelsheimer,
die dem Geschäfte ihres Verwandten vorsteht mit einer Kenntnis des Altertums
und des Gerümpels der Jahrhunderte, die Lucinde an der Maximinuskapelle geahnt
zu haben schien, als sie dem Wirt zum »Weissen Ross« als den eigentlichen Wardein
der von dem Knaben verkauften alten römischen Münzen den Ahasver selbst genannt
hatte.
    Eine andere Persönlichkeit war es, die den Mönch daherkommen und vor dem
Trödelhause Natan Seligmann's sinnend halten sah ...
    Den Rücken auf einen Stock stemmend, der fast zusammenbricht von der weniger
schweren, als vielleicht ermüdeten Last, denkt das etwa vorhandene
Menschenstudium desselben beim Anblick eines in den Trödelkram verlorenen
Franciscanerpaters: Pater Sebastus? Der Franciscaner? Will der Juden bekehren?
Mit Veilchen Igelsheimer den Anfang machen? Fehlt ihm in seiner Klause ein
Luxusgegenstand, den er dort einzuschmuggeln gedenkt unter der Kutte? Eine
Lichtputze, eine Lampe zum Studiren, eine Laterne für die unterirdischen Gänge,
wenn er die geheimnisvolle alte Pforte im Gewölbe des Professhauses finden
sollte? ... Wie er die Kleider betrachtet! ... Doch nicht etwa den alten
rostigen Ritterhelm? ... Doch nicht den Dreimaster und den Galanteriedegen dazu?
... Oder den Frack mit ellenlangen Schösen und die carrirten engen Beinkleider,
die ihm vor Jahren ganz gut mögen gepasst haben?
    Der Späher, der selbst wie ein Irrender bald da, bald dort still gestanden
und fast die Spalten der Türen, die Risse der alten Häuser betrachtet hatte,
als könnte er sich in sie verkriechen, ja als suchte er nur allein dem
Sonnenstrahl auszuweichen, wie weiland der allein in der Nacht lebende Held
Trojan, ein Vampyr der serbischen Sage - der Späher tritt in ein Haus zurück ...
Der Mönch macht eine Bewegung, als wollte er weiter gehen ...
    Bald aber erkennt der Späher, dass dies Weitergehen nur die bekannte Bewegung
ist, die einen andern Entschluss maskirt. Einigemal wendet sich der Mönch, als
hätte er sich im Wege geirrt, wäre unschlüssig, sich links oder rechts zu
wenden, und ehe er noch darüber von jemand beobachtet zu sein glaubt, ist er
verschwunden. Selbst für den Späher ist er es, der in eines der alten Häuser
getreten ... Scheint dieser doch selber zu fürchten, belauscht zu werden.
    Nach einer Weile tritt der Späher wieder hervor und sieht sich vorsichtig
um. Die heisse Mittagszeit macht die Gasse menschenleerer als sonst. Dann an den
niedrigen Fenstern Natan Seligmann's vorüberstreifend, erkennt er den Pater
durch die Trödelvorräte hindurch ... Er befindet sich unter ihnen ... Was kann
der Mönch dort wollen? Er scheint zu handeln? Um was? Er zeigt auf seine Kutte
... sieht er dich? Vorübergleitend entschlüpft der Lauscher.
    Sein sonst so elastischer Spürsinn ist heute frei von aller
Unternehmungslust.
    Wankend schreitet auch er dahin ... nimmt einen Weg, er weiss es selbst nicht
wohin ... an den Strassenecken wird ein Anschlag der Polizei angeheftet ...
Hundert Taler dem, der eine Spur zur Entdeckung des Mörders der Frau Hauptmann
von Buschbeck angibt ... Sonst war er so flink, solche Summen zu verdienen, er,
der alle Spelunken der Stadt, die Herbergen der Freude und des Raubes kennt ...
Weiter wankt er, grüsst und achtet nicht des ausbleibenden Gegengrusses ...
Gewohnt scheint er das ... Sonst studirt er jedem, den er grüsst, eine Frage nach
seiner Lage, nach seinem Tun und Treiben und eine selbstgegebene Antwort an ...
Auch heute hätte er Gelegenheit gehabt, seine gewohnten Glossen zu machen.
    Da fährt Herr Bernhard Fuld in einem eleganten Coupé mit seinem jungen
Weibchen neben sich in ihre Villa hinaus nach Drusenheim ...
    Der Späher scheint zu denken: Sie fahren wie mit Extrapost! Man glaubt wegen
des europäischen Gleichgewichts und vielleicht ist nur eine neue Toilette aus
Paris gekommen, die sich vor Ungeduld Madame selber abgeholt hat!
    In einem Gig fuhr sich hinter ihm her der Freund der Fulds, Herr Gebhard
Schmitz; ein Groom sitzt neben ihm, die Hände ineinander geschlagen, wie wenn er
der Herr wäre ...
    Der Späher sieht ihm nach und weiss vielleicht schon: Ist die bestellte
Caricatur am nächsten Sonntag fertig, wenn ihr eure Landpartie macht?
    Ein offen zurückgeschlagener grosser Wagen mit zwei Damen und einem Herrn
biegt um eine Strassenecke ...
    Der Späher erschrickt im ersten Augenblick, zieht tief den Hut und blickt
dem Wagen nach: Madame Hendrika Delring! Sie fährt vor dem Fünfuhr-Diner noch
mit ihrem Mann aufs Land, weil sie von einer Gelegenheit gehört haben, für den
ersten - gemischten - Enkel des Hauses Kattendyk eine vortreffliche Amme zu
bekommen ... Die neue Gesellschafterin wohl bei ihr? ... Nein! Die schreibt an
ihren Freund Hunnius, dass im Domstift immermehr Platz wird ... Oder ist es die
Kleine -
    Aufschreckend wankt der Beobachter dahin ... immer weiter und weiter ...
allmählich ermannt er sich und tritt in eine Weinschenke, sich in der Hitze
eines Nachsommertages zu stärken ...
    Doch des Redens über den Mord auch hier kein Ende ...
    Man klagt die Frau Hauptmännin an und sagt fast, ihr wäre recht geschehen,
und schon setzt er an, sie zu verteidigen und eine ganze Rede wickelt sich in
ihm auf: Sehr wohl kannt' ich die Aermste, aber glauben Sie mir, meine
verehrtesten Herrschaften, sie war mehr krank als böse! Die Vortrefflichste
glaubte an die Seelenwanderung und war in Fledermäuse verliebt, weil sie hoffte,
die würden sie einst durch die Lüfte ins Jenseits tragen! ... Für den König der
Fledermäuse sparte sie gefangene Mäuse und Batzen und Coupons ... O wie oft habe
ich sie gebeten, ihre Guitarre neu beziehen zu lassen! Aber nur zwei Saiten
wollte sie auf ihr dulden; die eine war sie, die andere Bruder Hubertus im
Kloster Himmelpfort, genannt der »Abtödter« ... Wie oft pfiff sie mir sein
Leiblied, als er noch schmuck und grün durch die Wälder daherkam aus Holland und
Java, wo ihn die Indier gelehrt hatten, wie man Menschen so weit bringen kann,
nur noch dreissig Pfund zu wiegen, die Hälfte vom Nettogewichte meines Bauches
vor dem Mittagessen! .. O ihr hättet sie sehen sollen, die Frau »Baronin«, wenn
sie die Tür verschlossen hatte und durch das Schlüsselloch mit mir über den
Stand der Zinsen und die Leiden der westfälischen Domänenkäufer sprach, deren
Obligationen so wertloses Papier geworden sind! ... Das Schluchzen dann hinterm
Schlüsselloch hätte euch gerührt und ihr hättet ein Gemüt bewundert, das
dreissig giftige Pfeilspitzen liegen hatte und doch allen denen vergab, die sie
beschuldigten, ihre Dienstboten nur aus bösem Herzen zu quälen, während es nur
ihr unglückseliges Loos war, dass sie in der Nacht Mitgefühl bedurfte, zufällig
zu einer Stunde, wo frische und gesunde junge Mädchen zu schlafen pflegen! ...
Eine, ja Eine, die ist ihr einmal zu Dank gewesen! Das hat sie mir oft erzählt!
Die blieb ein Jahr, neun Monate, funfzehn Tage, drei Stunden bei ihr! Die hat
sie dann aber auch, so sagte sie oft, ausgestattet wie eine Prinzessin! Auf ein
vornehmes Schloss hat sie sie gegeben, wo sie wie eine Prinzessin gehalten wurde;
nur seidene Kleider und goldene Spangen mit Juwelen durfte sie da tragen; aber
sie war ja selber schuld, kicherte die gute Baronin hinterher, dass sie's nicht
lange genoss ... der Nickel wollte auch die Krone haben! sagte sie. Und dann
hustete die Edle wie aus feuchten Kellern heraus die liebreichen Worte: Na aber,
da haben wir sie schön abgeführt!
    Möglich, dass der wirkliche Vortrag dieser Erzählung durch die Erinnerung an
das grelle Lachen gehindert wurde, in welches die Hingeopferte nach solchen und
ähnlichen vertrauten Mitteilungen sich in Gegenwart ihres guten Freundes und
Ratgebers zu verlieren pflegte ... Oder was ist es, dass er die Weinschenke
verlässt? .. Es ist drei Uhr ... Am Hahnenkamp begegnen ihm vier fröhliche
Menschen, unter ihnen sein wärmster Beschützer nächst Dominicus Nück, der
Assessor von Enckefuss ... Aber ha! Auch Benno von Asselyn, dem er noch gestern
Abend so dicht unter die Augen getreten, als wollte er sagen: Sieh mich genau
an! Ich bin's! Unglücksmensch, du, du, den ich möchte - warum sahest du mich so
oft Abends von Rendezvous kommen, wo eine siebzigjährige Eule, getrennt von mir
durch eine verschlossene Tür, mir ihre Gefühle und ihre stolzesten Hoffnungen
auf die Beschämung eines gewissen Ungetreuen, des grünen Jägers, erzählte ...
Warum blickst du mich so forschend an? Mensch! Was wendest du so den Kopf zum
Assessor? Dich, dich möcht' ich -
    Ganz gehorsamster Diener! ... Tief verbeugt er sich bei alledem und lächelt
...
    In fröhlichster Champagnerlaune grüsst Tiebold de Jonge und macht sich den
gewohnten »Witz« mit ihm, im Gespräche Anspielungen zu machen auf das
unenträtselt gebliebene Hängen des Sporenritters in partibus, diesen »Witz«,
der ihn seit Jahren verfolgt, der ihn so martert, so quält, dass er im Begriff
ist, nach Amerika auszuwandern - für immer ...
    Aber bei alledem zieht der Erbebende seine weisse Halsbinde in die Höhe und
sagt, im Stil eines Belesenen, zu Tiebold de Jonge:
    Herr de Jonge! Ein Wald! Ein Wald! Ein Königreich für diesen Wald! Bei
Witoborn! Wann kann ich aufwarten?
    Ihre Eichenwälder sind zu jung! Nicht ein Ast, an dem sich eine
rechtschaffene Seele aufhängen kann! Hahahaha! ...
    So lachte der Spötter und die andern gingen gleichfalls lachend oder fragend
und die Köpfe zusammensteckend an ihm vorüber ...
    Dass aber auch der Assessor lachen konnte! knirscht es in seiner Seele ...
    Er überlegt sich aber alles ... Er wohnt in dieser Stadt mit dem
Damoklesschwert überm Haupte und sollt' es eigentlich gern haben, wenn ihn zwar
nicht heimlich, doch offen die Polizei fallen lässt. Er muss sich's ja sauer
verdienen, dass man ihn schont und damals auf Nück's Lachen Rücksicht nahm, als
er nach Aachen wollte, nach »Spaa«, wo er später sein »ihm gehörendes« Geld
wirklich verspielt hatte ... er musste sich's verdienen durch die doppelte
Tragfähigkeit seiner Schultern, die linke geistlich, die rechte weltlich ... und
in der Mitte ein Herz voll Ehrgeiz sogar und ein Mensch, der studirt hat! Sieh!
Dieser Herr von Asselyn ... Ausser Nück und Schnuphase weiss niemand in der Welt
als er, dass er in Abendstunden mit Hexen schwärmen kann ... Wie er sich vorbeugt
zum Ohr der andern und wie sie auf mich zurückschielen! Mensch - dich schleudr'
ich aus dem Wege!
    Ein Kieselstein flog vor seinem Knotenstock, dass davon beinahe Herr Joseph
Moppes getroffen wurde ...
    Dieser kam wie immer mit Noten unterm Arm und probirte im Gehen seine
Quartette ...
    Selbst Joseph Moppes, der als halber Virtuose doch Beifall und Popularität
nötig hatte, dankte nur halb dem schnell gebotenen Grusse ...
    Nun wankt der fast zusammenbrechende Fuss durch die Marcebillenstrasse ...
dicht vor dem Hause des Mannes, den er sollte aufgehängt haben, vorüber ... Es
ist dasselbe neue stattliche Haus, in dem jetzt bis vier Uhr Nachmittags die
Arbeit des Procurators ruhte ... nebenan säuselnd sind's die schönen Linden des
Gartens, der zum Hause gehörte, Bäume, die noch gerade so grün und stillbewegt
standen wie damals, als er um die Mittagszeit aus dem Fenster gesprungen und das
in Gedanken mitgenommene Schlüsselbund zurückgeworfen haben sollte, die Tasche
mit 30000 Talern beschwert ... In diesen Garten blickte niemand, als die
Zöglinge des daranstossenden Convicts, die gerade eine Freistunde hatten und an
dem Gartengrün die müdegearbeiteten Augen stärkten und ihn nun sehen, ihn
verraten mussten ... Fünf Jahre war es her, Hammaker war durch Nück's Zeugnis
von jedem Verdacht freigesprochen, er durfte zu jeder Zeit in das Haus des
Mannes eintreten, den er aufgehängt haben sollte; aber wer erträgt die Qual des
Verdachts, den Spott, die Anspielungen auf die Procedur des Hängens, wenn die
Menschen mit ihm redeten und vom Binden, Schnüren sprachen, ja auch nur von
einer »verwickelten« oder »kurzabzuschneidenden« Verhandlung ... Konnte Er nicht
den Kopf erheben? .. Noch heute früh nach der Aufnahme des Tatbestandes und der
Rückkehr des Assessors vom Frühstück bei Benno von Asselyn ... was war nicht
alles, als er zitternd unter den Menschen weilte und, zum Tode erblassend, den
Assessor auf sich zukommen sah, zwischen ihnen besprochen worden! Die drohende
Zunahme der Aufregung, die Stiftung von Gesellen- und Meisterbündnissen, manche
Verbrüderung zu Rat und Tat, die man nicht hemmen konnte und die doch
auszuarten drohte im Hinblick auf die Zeit und die schlimmen Ausbeuter der
Leidenschaften ... Die Gemüter auf dem Lande und in der Stadt von den
kirchlichen Fragen aufgeregt ... zwei Richtungen sich kreuzend, die politische
und die hierarchische, eine der andern zur Seite gehend, solange das nächste
Ziel dasselbe ... Schon Beratungen hier, Versammlungen dort ... Stürmer und
Dränger, wie sie in Kocher am Fall geredet, überall ... unter dem Landvolk
Wortführer, die schon anfangen bei verschlossenen Türen zu sprechen ... Die
Regierung von anonymen Warnungen aufgeregt ... Winke von den Gutgesinnten,
Drohungen von den Feigen ... Namen genannt, die die Häupter einer Erhebung
werden sollen, wenn es dem Lande an die Kränkung seines Teuersten gehen sollte
... Sogar Schnuphase auf den gefahrvollsten Bahnen; denn darin, dass er nur hin-
und herreiste zur »Beruhigung«, gerade darin lag die Aufregung ... Im Hüneneck,
an der Insel Lindenwert, war der Herd des Ganzen bei einem grosssprecherischen
Wirte Namens Joseph Zapf ... und der neue John Hampden, der neue Bürger
Lafayette, der Sohn des Volkes, der einer möglichen Bewegung zum Haupte dienen
konnte ... eben kommt er daher ...
    Ein Mann mit kühnen Schultern und von freier Rede, ein Fürsprech im
neubegründeten Severinus-oder Handwerkerverein ... Eine grosse, stattliche Figur
von herculischem Körperbau, über die Vierzig hinaus, geröteten Antlitzes, mit
dem Ausdruck gutmütiger, aber reizbarer Beschränkteit ... An dem unter einem
langen Oberrock getragenen Schurzfell erkennt man den Küfer ...
    Wie geht es Ihnen, mein lieber Herr Lengenich?
    Ei, Herr Hammaker!
    Endlich ein Mann, der sich über die Begegnung mit ihm zu freuen schien ...
    Haben Sie endlich den Prozess gewonnen?
    Welchen?
    Den Drusenheimer! Schlagen Sie den Blutacker los? Sechshundert Taler ja
wohl?
    Neunhundert, Herr Hammaker! Ich schlag' ihn nicht los!
    Eigensinniger Mann! Neunhundert Taler! Viel Moos!
    Die Ehre, Herr Hammaker! Die Ehre! Die Ehre! Was ist der Mensch ohne Ehre!
    Ein wahres Wort!
    Wir, denk' ich, wir beide wissen es!
    Braver Mann! Aber was nützt Ihnen die drusenheimer Ehre?
    Wo ich geboren bin, Herr! Bin in die Welt mit Ehren hinausgezogen! Der Acker
soll wüst und leer bleiben, bis die Gemeinde und mein Bruder nicht mehr hinter
mir rufen: Ab instantia!
    Erhaben! Aber -
    Verkannt, Herr Hammaker!
    Aber -
    Ein Ehrgefühl muss der Mensch haben, wo ein Nadelstich aus Leben geht!
    Wie fühl' ich mit Ihnen!
    Ab instantia - Wegen Mangel an Beweis! Alle glauben und wissen meine
Unschuld! Nur ein Bruder und die drusenheimer Gemeinde sagen: Lass hier deinen
Acker! Sagen's so zweideutig, als wenn ich -
    Ruchlos! Ruchlos!
    Dornen und Disteln und Steine sollen drauf wachsen - ich bin Bürger in
Drusenheim und bleib' es!
    Wenn nur - Seligmann nicht Auftrag hätte - Ihnen zu bieten, was Sie wollen!
Fuld's junges Weibchen will einen Pavillon hinter ihrer Villa haben! Es ist so
prächtig draussen! Waren Sie lange nicht dort? Ach, meine Heimat! ... Ach, meine
alte Mutter! ...
    Guter Herr Hammaker! Auch Sie verkannt! Um diesen Acker hab' ich Tränen
vergossen, mehr, als in Drusenheim Wasser fliesst!
    Das ist kein Wort, Herr Lengenich! In Drusenheim ist der Bach das ganze Jahr
trocken und nur der Saft der Rebe fliesst ... Eine Prise?
    Zitternd wird sie dargereicht ... freudig angenommen. Lengenich und
Hammaker, wie dieser ihm aufgeredet, sind die Opfer des Ab instantia
-Absolvirens. Lengenich lebte in der Dunkelheit der Moppes'schen Weinkeller,
wusste nichts von der Oberwelt, nicht einmal etwas von dem Mönche Sebastus,
dessen Vater er beschuldigt worden ermordet zu haben, er sah nur immer, wenn es
Licht um ihn wurde und er im Severinusverein präsidirte, den Himmel offen und
die heilige Jungfrau mit der Wagschale der Temis in der Hand, wie sie ihm
zuwinkte und alle Kronen der jenseitigen Gerechtigkeit an ihn austeilte. Seine
Stimmung war die des geblendeten Simson, der zuletzt die Säulen der Paläste
zusammenreisst ... Einen Prozess gegen den Kronsyndikus zu beginnen hatten ihm
Nück und Hammaker entschieden widerraten - fehlte doch vor allem jenes im
ersten Augenblick von ihm an der Leiche gefundene Stück eines grünen Tuches, das
so plötzlich damals abhanden gekommen ...
    Glauben Sie Gespenster, Herr Hammaker? fragte Lengenich jetzt und wie
heimlich.
    Entschieden! sagte Hammaker und zitterte, obgleich er nur scherzen wollte
...
    Ich sah den Mann, den ich soll erschlagen haben, neulich deutlich und als
Mönch sah ich ihn, aber hager und lang - das Gesicht war es -
    Der Deichgraf?
    Stephan Lengenich erzählte, dass er kürzlich in den grossen Weinkellern seines
Principals, des Herrn Moppes, einsam gearbeitet hätte. Düster hätte die Lampe
neben ihm gebrannt, mehrmals wäre sie ihm ausgegangen, wie zuweilen geschähe,
wenn er gerade an den Fässern arbeitete, die an einem der kleinen vergitterten
Fenster stünden, die in einen alten unterirdischen Gang einigen Lichtschimmer
fallen liessen. Seit Jahren galt dieser Gang für verschüttet oder zum
Aufbewahrungsort für Gerätschaften dienend, die zu den noch in der Nähe
befindlichen geistlichen Häusern gehörten. Von seiner Arbeit aufblickend,
erzählte Stephan Lengenich, hätte er durch das Gitter das volle Gesicht des
Deichgrafen erblickt ...
    Ich glaube Gespenster, Herr Lengenich! Aber manchmal ist es auch bloss der
Dunst von altem Nierensteiner!
    Meinen Sie? In dem Gang steht ein altes Marienbild, nicht weit von einem der
Fenster ... Halt' ich die Lampe drüberher oder tun's die Grubenräumer, die
zuweilen durchziehen -
    So lebendig geht's da unten her?
    Das meiste Leben geben die Ratten, Herr! ... Aber das uralte Marienbild, das
muss ich mir alle Tage betrachten, obgleich ich eigentlich - die Gnadenreiche
vergeb' es mir -
    Ihre alte verräterische Geliebte in ihr erkennen?
    Die nicht! Die andere! Die Geliebte von dem Doctor!
    Die gegen Sie aussagte!
    Wie aus den Augen geschnitten! Obgleich das Bild schwarz ist - sie hiess auch
Schwarz -
    Wer? fragte Hammaker zerstreut folgend ...
    Lucinde Schwarz -!
    Lucinde Schwarz! ... Hammaker wusste doch sonst alles in seinem Gedächtnis
unterzubringen, er hatte auch ein Schubfach für diesen Namen, er wusste das, er
konnte es jetzt nicht sogleich wiederfinden, obgleich er erst vor einer Stunde
sie zu sehen geglaubt hatte ... er grübelte auch: Sollte der Küfer nichts von
dem Mönche Sebastus wissen?
    Gerne hätte er alles das gesagt, aber Wichtigeres wälzte sein Inneres ...
    Sie sind zu fromm! sagte er ...
    Statt aller Antwort greift Lengenich in sein Schurzfell, zieht zwei
blinkende zinnerne Medaillen hervor und will eine davon dem Manne darreichen ...
Dann zieht er sie wieder zurück und sagt: Sie sind ein Studirter!
    Herr Lengenich! Ich bin ein Studirter, aber ich habe eine alte Mutter!
Drüben in den Sieben Bergen wohnt sie! Ich besuche sie oft! ... Ihr zu Liebe
lieb' ich - Gott - und ich - ich kann Ihnen zeigen - was ich auf dem Leib trage
...
    Er deutete auf seine Brust und lüftete ein wenig das Oberhemd, um einige
Amulete zu zeigen ...
    Dann nehmen und behalten Sie! sagte Lengenich. Es ist die - wie heisst der
Name?
    Hammaker, aufhorchend, liest die Umschrift und spricht das schwierige Wort
aus:
    Atanasiusmedaille!
    Kommt von Rom! ... Was ist der Mensch ohne diesen Beistand! Da, Herr, konnt'
ich beichten! Da, Herr, glaubte man mir! Wenn hier etwas an unsern Rechten, an
unsern Gesetzen gerüttelt würde -
    St!
    Vor wem sollen wir uns fürchten?
    Nächsten Sonntag - hm! - auch in Drusenheim?
    Jeden Sonntag bin ich in Drusenheim!
    Ich meine - am Abend - am andern Ufer - am Hüneneck?
    Sie wissen -?
    Zu Joseph Zapf?
    Ich sollte fehlen?
    Würdiger Mann!
    Lengenich sah, dass Hammaker über alles unterrichtet war, was vom
Rolandswirt Joseph Zapf in dem Drang der Umstände zum Besten der grossen Sache
des Landes vorbereitet wurde.
    Stumm schütteln sich beide die Hände - der Küfer die weiche und zarte des
Agenten, dieser die rauhe des, wie es schien, von den geheimen Leitern für die
Stunde der Gefahr ausersehenen Vorkämpfers.
    Stephan Lengenich ging jetzt ...
    Esel! - lag zwar in dem ihm nachschauenden Blicke Hammaker's, als der Küfer
mit dem an die mächtigen Lenden schlagenden Schurzfell von dannen schritt ...
aber sein Mut zum Humor verlässt ihn ... er sieht die Menschen an den
Strassenecken ... Hundert Taler! ... Er liest es jetzt selbst: »Besonders ist es
wünschenswert Auskunft zu erhalten über einen Unbekannten, der an einigen
Abenden in der Dunkelheit die Ermordete besucht haben soll« ...
    Nun hält er sich an einem Mitleser, um nicht umzusinken ...
    Die Zähne klappern ... die Lippen beben und rechnen:
    Freitag, Sonnabend, Sonntag! ... Dreimal vierundzwanzig Stunden noch bis zu
dem Augenblick, wo - Einer am Hüneneck sich den Hals brechen muss! »Unbekannter«!
... Einer muss ausgehoben werden aus dem Neste - mit allen! ... Ein Bote Nück's -
ist er! Ein Vorredner - ist er! Ein Freisinniger - ist er! Diese tödlichen drei
Tage ... wenn nur Sonntags neun Uhr alles beisammen! ... Wer kann das wissen?
... Hier! Dort drüben! Jean Baptiste Maria Schnuphase ...
    Man fürchtet sich zwar drüben auch vor ihm, wie überall ... Er greift aber
zu einem Mittel der Demut ...
    Weg mit dem Blick von den hundert Talern an der Strassenecke - da ist ein
elegantes Aushängefenster eines Schusters - die glänzenden Schuhe und Stiefel
gestatten ihm, in ihrem Spiegel Toilette zu machen ... Sein Rock ist gewöhnlich,
wenn auch nicht so diogenesartig, wie der bei seinem Gönner Nück ... aber seine
Wäsche ist sauber, der Hut von derselben grauen Farbe wie der Sommerrock, aber
vom feinsten Velpel ... Eine weisse Halsbinde legt sich leicht und lose um sein
wohlgenährtes Kinn ... Nicht nur ist er so sauber rasirt, dass man fast hätte
annehmen mögen, Jodocus Hammaker hätte überhaupt keinen Bart, sondern die ganze
Hautfarbe des Gesichts ist von einer Weiche, die nur durch die seiner Hände
übertroffen wird ... Die dunkelblauen Augen haben einen schielenden Glanz, die
Nase ist stumpf, dem Munde fehlen einige Zähne ... schweigt aber Jodocus oder
blinzelt und lächelt süss oder affectirt eine treuherzige Sicherheit, die wieder
mit geschäftlichem Eifer verbunden scheint, so liegt nichts Abstossendes in dem
nächsten Eindruck, dem sogar der des Schmachtenden nicht fehlt ... dabei ist die
Stimme leise, flüstert und lispelt und steht mit der Höflichkeit des Benehmens
in Einklang ... Tiefauf seufzt er, sich Mut zu holen ... Denn dass sogleich von
der gemeinschaftlichen Freundin, dem Opfer dieser Nacht, würde gesprochen
werden, weiss er schon ... er überlegt, dass er sein Gespräch beginnen will mit
einer Verlegenheit für ihn, für die Damen ... er weiss, dass dem Anlass zum
Eintreten, den er nehmen will, auch der fünfjährige Spott auf Binden und Knüpfen
nahe liegt - dieser Spott, der ihn in acht Tagen nach Amerika führen wird - er
wagt aber dies Mittel der Einführung und gibt sich eine Haltung.
    Hammaker findet das hohe lichtelle »Gewölbe« des steinernen Hauses wie
immer in seinem saubersten Glanz.
    Er findet, umflossen von Weihrauchduft, beide Schwestern zugleich anwesend.
Die Nebentür eines etwas dunkeln Zimmers, das einen Ausgang zum Vorplatz des
Hauses hat, ist offen. Vor Hammaker hat Eva nicht nötig die Tür zu schliessen.
Vollkommen weiss er, was drinnen zu sehen ist ... Die Schwestern haben dort noch
ein Extrageschäft von Herrenhemden ... Diese Geschäftstätigkeit des »Herrn
Maria« war eine willkürliche Ausdehnung seiner Privilegien und brachte ihn mit
den Schneidern der Stadt in Collision; allein er nahm nur die Aufträge
verschwiegener Herren an und diese gleichsam nur als Vertrauens-und
Freundschaftsaufträge.
    Auf einem Drehsessel, hochtronend, sitzt da aber auch Herr Maria. Erst vor
wenig Stunden ist er angekommen von einer seiner vielen Ausfahrten und schon
wieder schreibt er, eine bläulich angelaufene Brille auf der Nase,
hochachtungsvollst und tiefergebenst Worte der Mitteilung, die mit allen
Feinheiten des Stils und der Interpunktion gerade jetzt - es war für Beda
Hunnius - an folgender Stelle angekommen waren:
    - - »ohne Zweifel keine andere Bestimmung haben dürfte als, in des
hochbetagten, eben verschiedenen Greises Stelle, einzurücken, derowegen eine
Verzögerung der Audienz, nicht unwahrscheinlich eingetreten sein möchte, nun
aber auch kein Zweifel sein dürfte, dass das Vicariat an einen Candidaten,
verliehen werden könnte, welcher, lediglich die kleineren Aemter zu versehen
hätte, mittlerweilen die grossen dürften, dem jungen Domherrn zugeschlagen
werden, worüber, indessen nicht zu zweifeln sein dürfte, dass Ew. Hochwürden zwar
keine Berufung dürften zu gewärtigen haben, ohne jedoch nicht unwahrscheinlich
sein zu lassen eine schmeichelhafte Erhebung zum Ehren-Kanonikus, falls nämlich,
die bevorstehende Visitation durch den Gubernial-Präsidenten von
Wittekind-Neuhof, Excellenz, die Hände dem hohen Kirchenfürsten, Eminenz, so
ungebunden lassen dürften, als Hochdessen feste Willensmeinung und Geneigteit
für Ew. Hochwürden Wirken über allen Zweifel erhaben sein lassen dürfen und,
wenn ich gewogentlichst um Entschuldigung bitten dürfte, dass ich die laufende
Mitteilung an Wohldieselben für heute abzubrechen wage, so muss ich die
schaudervoll ergebenste Anzeige auch noch eines Mordes anfügen, welcher diese
Nacht unbekannterweise einer Dame zugestossen ist, welche« -
    »Vöter!« lautete eben an dieser Stelle durch Unisono die Mahnung der
Töchter, auf den eben eingetretenen Besuch zu achten ...
    Aus den tiefsten Labyrinten des Periodenbaues, aus den Geheimnissen der
Curie und einer sich eben in die Reproduction einer Mordscene verlierenden
Phantasie erwacht Schnuphase und wendet die blaue Brille nach der Rechten und zu
gleicher Zeit auch dem Drehsessel einen nur ganz harmlos gedachten Ruck gebend
...
    Da aber des Agenten Hammaker ansichtig werdend bekommt sein Schrecken eine
Elasticität, die ihn im Nu um die Achse des Drehsessels herumwirbelt, sodass er
gerade mit dem verfänglichen Nacken einem Manne gegenübersjetzt, von dem bekannt
war, dass er die Menschen an Kronleuchterhaken aufhängte.
    Was - »verschöfft« - uns - die Ehre? stammelt er und windet seine
glücklicherweise leichten Beine aus der Umklammerung der Drehschraube des
Sessels los und sucht aus seiner schwebenden Lage auf ebenen Boden zu kommen.
    Die Töchter stehen minder erschrocken. Herr Hammaker war von jeher gegen sie
die Huldigung und Süssigkeit selbst.
    Er nähert sich ihnen und äussert mit Artigkeit und einem sich tief
unterwerfenden Tone seinen gerührtesten Dank für die ihm gewordene Aufforderung
der Fräulein, sich der Erzbruder- und Schwesterschaft zum schwarzledernen Gürtel
einverleiben zu wollen, deren Embleme sie verteilten ...
    Beide junonische Gestalten sehen sich mit erstaunten Blicken an. Ihre
dunkeln Augen rollen, die Augenbrauen senken sich tief niederwärts und ein
ersichtlicher Aerger macht sie in dem Augenblicke jede um zehn Jahre älter, d.h.
gerade so alt, als sie waren.
    »Schwörzlöderner« Gürtel? fragt Schnuphase zur Besinnung gekommen und
ergreift den Brief, den ihm Hammaker als Ausweis entgegenhält ...
    Es war ein litographirter und demnach eine an viele Einwohner der Stadt
abgesandte Einladung der Fräulein Eva und Apollonia Schnuphase, sich der Gnaden
und Ablässe teilhaftig zu machen, die jeden erwarteten, der in die Erzbruder-
oder Erzschwesterschaft vom schwarzledernen Gürtel des heiligen Nikolaus von
Tolentino eintreten würde.
    Sofort erkannte man, dass hier ein Falsum vorlag ...
    Die Aufregung, die diese Entdeckung hervorbrachte, war nicht gering. Die
Damen betrachteten den Brief von allen Seiten, der Vater bat um die Erlaubnis,
ihn sämmtlichen geistlichen Herren zeigen zu dürfen, was jedoch entschieden von
seinen Töchtern abgelehnt wurde.
    Ein »Extrös-tückchen« der »Pörtei«, rief er, die nicht genug hat, die Kirche
zu hindern, nach ihren Gesetzen zu leben, »söndern« die auch noch -
    Ein vollkommen gerechtfertigter Zorn erstickte seine Stimme.
    Die Schwestern traten mit dem Briefe bei Seite und flüsterten, von welchem
Lieutenant oder Referendar wohl dieser ghibellinische Spott herrühren konnte ...
    Der jetzt aber vertraulichst Eingeführte erhielt alle die Mitteilungen, die
er nur über die Versammlung beim Rolandswirt zu hören wünschte.
    Das Einverständnis war vollständig ... Hammaker seufzte tief auf und zog die
eben empfangene zinnerne Medaille, um sie mit Verklärung zu zeigen ...
    Wie auf ebenso viel Legionen des Himmels hoffend, öffnete Schnuphase eine
Schublade des Schreibepults, in der einige Hundert dieser Medaillen lagen.
    Dann noch ein Austausch des gemeinschaftlichen Schmerzes über die
hingeopferte Dame ...
    Noch keine »S - pur«? war die dreifache Frage im Unisono.
    Mit einem Blick gen Himmel, als wenn allen diesen Leiden nur von oben
geholfen werden könnte, empfahl sich Hammaker ...
    Eine Stunde darauf fand Benno beim Eintreten in Nück's »Schreibstube« unter
einem Dutzend Pulten auf dem seinigen einen Zettel mit den eben erst rasch
hingekritzelten, frisch mit Sand bestreuten Worten:
    »Die Erben des Riedbauern Kipp in Euskirchen wünschen über ihres Erblassers
Passiva, ehe sie das Beneficium inventarii antreten, eine vertrauliche Recherche
- citissime! - Freitag früh Termin in Overladen Fasc. 1310a. - Sonnabend in
Sachen ca Fiscum bei Zapf am Hüneneck die Vermessung der Ufergrenze - Ich
spreche Sie aber noch um sechs - das Dampfboot geht, glaub' ich, um acht.«
    Es war die Hand des Procurators.
    Der Name des Hünenecks war für Benno ein Klang, der ihm auf Augenblicke die
Besinnung nahm ...
    Eine so schnelle Trennung von Bonaventura! Aber drei - drei volle - selige
Tage in Armgart's Nähe - vielleicht eine Begegnung mit ihr!
    Zum Arbeiten fehlte ihm alle Sammlung. Er zählte nur die Minuten, bis es
sechs schlug. An sein Ohr tönte nur die Glocke im Hafen und das Brausen und
Rauschen im Dampfrohr, die mahnenden Zeichen zur Abfahrt.
 
                                       7.
Bis sechs Uhr hatte Bonaventura auf die Rückkehr des Mönchs gewartet und er
hätte dann lieber wünschen mögen, er wäre nicht gekommen ...
    Der Pater kam in einer Aufregung, die ihm wahrhaft beängstigend wurde.
    Gleich die Art, wie er von den mit ins Grab genommenen Lesarten des
Origines, dem wirklich erfolgten Tode des bewussten Domherrn, dann von
Bonaventura's Aussichten auf dessen Stelle sprach, war für sein Gefühl
verletzend ...
    Dann führte er ihn wie in blinder Wahl einem Tore zu ... Er versprach ihm
den angenehmsten Eindruck von einer Promenade um die alten Wälle der Stadt.
Einige der letztern waren zu öffentlichen Vergnügungen bestimmt. In mässiger
Entfernung von einem solchen, den man den Apostelgarten nannte, beredete er
Bonaventura, sich mit ihm auf eine im Gebüsch versteckte Bank zu setzen und
durch eine Öffnung der Gesträuche dem Treiben in dem überfüllten Lokale
zuzusehen. Da und dort standen Tische und Lauben, die immermehr sich besetzten
und füllten; Kellner und Kellnerinnen schritten hin und wieder von einem nach
aussen angebrachten Büffet eines einstöckigen langen Hauses. Rings hatte das Auge
die Aussicht auf Häuser und Gärten, auf alte zerklüftete Mauerreste, hier auf
einen wohlerhaltenen epheuumwundenen Turm, dort auf eine baumbeschattete
Kapelle, in weiterer Entfernung auf eine neue Ringmauer, Teile neuer
Befestigungen, dann über sie hinweg auf die Kette der Sieben Berge - alles das
vermochte auf einige Zeit zu fesseln ... Sogar eine Nachtigall schlug plötzlich
und der Mönch lachte über seinen Begleiter, der nicht sogleich entdeckte, dass
dieser nach der Jahreszeit völlig unmögliche Ruf von einem Künstler kam, der
drüben die Vogelstimmen nachahmte.
    Hören Sie nur! rief der Pater, als Bonaventura die Kunst des Mannes
bewundern musste, der bald auch die Lerche steigen und die Amsel singen liess, die
halbe, nicht fertig gewordene Nachtigall, wie Sebastus sie nannte. Sehen Sie nur
den Menschen! fuhr er fort. Ist es nicht ganz ein Affe! Und doch hat er so sein
Ohr erzogen! Wie er den kleinen Nachschleifer trifft, wenn Hans Kanarienvogel
mit der Roulade fertig ist und ganz armselig hintennach noch ein kindisch
Tönchen gibt, als wäre der grosse, mächtige Triller vorher gar nicht so
majestätisch gemeint gewesen! Wie dumm sieht der Mensch aus und alles das hat er
belauscht im Walde und auf dem Vogelmarkt! Auf Noten steht das nirgends
geschrieben! Ich wünschte, dass Sie ihm für diesen Blick in die Natur einen
Groschen schenkten; ich habe kein Geld ...
    Der Vogelmensch kam jedoch nicht. Er sah die beiden Geistlichen, verbeugte
sich in der Ferne und ging ...
    Nun spielten drei Mädchen zugleich mit einem Alten ein Concert. Eins spielte
die Harfe, zwei die Geige, der Alte strich das Violoncell ...
    Bonaventura wollte gehen; aber der Mönch, der sein geistlich Kleid ganz
vergessen zu haben schien, sagte:
    Wie das toll ist, wenn Mädchen die Geige streichen!
    Die Spielerinnen waren keine Kinder mehr. Aufgenestelten Haares, mit
versilberten Pfeilen in den Flechten, in blauen Kleidern mit roten Shawls, die
sie vor ihrer Production abgelegt hatten, strichen sie die Geige,
herausfordernd, sicher und trotzig. Vorher hatten sie Handschuhe ausgezogen ...
    In alten Tagen, sagte der Mönch, konnt' ich nun einer solchen
Vagabunden-Romantik nicht widerstehen! An solches Volk musst' ich herantreten,
musst' es nach seiner Heimat fragen und aus ihm heraus mir Poesie des Lebens
locken ... Nur hölzerne und lackirte Sirenenköpfe sind's! Ganz, wie sie auf der
hamburger Rhede auf die Brust der Dreidecker gestellt werden!
    Und als weilte des Mönches Phantasie jetzt auf dem Hamburger Berge, so
fummte er für sich hin und sinnend im Heine'schen Tone:
Es kichern und lachen die Geigen
Wie Mädchen, trunken vom Wein,
Die Clarinetten meckern
Wie Böcke und Satyrn hinein;
Die Flöte schluchzt, wie wenn dem Monde
Des Schneiders Herz klagt, was es litt!
Der Bass und die Pauke, die Alten,
Die reiten zum Blocksberg mit!
    Bonaventura erhob sich. Der Mönch folgte wie in taumelndem Schritte ...
    Wol eine halbe Stunde gingen beide völlig lautlos nebeneinander ...
Bonaventura, erschreckt von der noch so offenbaren Unfertigkeit des neuen
Gebäudes im Innern seines Begleiters, dessen Gerüst Pater Sebastus doch mit
soviel weitin in die Welt hinausschallenden Axtschlägen gezimmert hatte ...
Dieser selbst mit ersichtlich sich hebender Brust, kämpfend und ringend mit
Dämonen der Erinnerung ...
    Ja, Sie Glücklicher! sagte er nach einer Weile zu Bonaventura, obgleich kein
Wort des Vorwurfs von dessen Lippen gekommen ...
    Wieder ein langes Schweigen ... Dann blieb in einer Strasse, auf dem
Römerwege, der Mönch stehen und sagte:
    Das da ist das Karmeliterinnenkloster! Ich kann es nicht sehen, ohne zu
ahnen, dass auch mein Lebensloos einst ... Du guter Pater Ivo! ... Lang und hager
schreitet unser Pater Ivo dahin, grüsst niemanden, ist immer nur mit sich selbst
beschäftigt ... Morgens, Mittags, Abends vollführt er das Amt unseres
Tafeldeckers ... Er hütet streng seinen alten Wandschrank, in dem unsere
hölzernen Teller, unsere Krüge, unsere Brotmesser liegen ... Sorgsam deckt er
den Tisch ... Nie wird er den Teller des einen mit dem des andern vertauschen
... redet man ihn aber an, so hört er nicht ... Tief ist er mit sich, mit seinen
Tellern und mit seinen Geistern beschäftigt ... Früher waren es Fliegen, die er
so in Gedanken haschte ... Ivo hatte ein schönes Schloss, in unsern Bergen ... er
erklärte es verkaufen zu müssen, weil es von Fliegen wimmelte ... Niemand sah
diese Fliegen; nur Er war Tag und Nacht hinter ihnen her und jagte sie sogar im
Winter und im Frühjahr ... Bald bekamen die Fliegen eine andere Gestalt ... Sie
verwandelten sich in schöne Frauen ... Alle die Bilder, gemalte und lebendige,
die mein Freund - Jérôme von Wittekind - (Sebastus hielt eine Weile inne) und
Graf Johannes von Zeesen auf ihren Reisen in Frankreich und Italien gesehen,
umschweben wieder den Pater Ivo, aber er betrachtet sie wie ein unschuldiges
Kind ... Er kennt die ganze Gefahr dieser Erscheinungen ... Es sind schlimme
Meerweiber, Melusinen, Helenen, um die Paris wirklich und Faust nur gespenstisch
freite - ihm selbst sind sie längst unschädlich geworden, schon seitdem er
Terese von Seefelden kennen lernte und sich mit ihr verlobte, leider nur auch
diese zu bald verwechselnd mit der einzigen Frau, die ihm von allen persönlich
bekannt geblieben, dem »Ewig Weiblichen« genannt Maria ... Dem Dienste der
Gottgebärerin widmete er sich, sammelte alle Lieder, die je auf sie gedichtet
und gesungen wurden, gab sein Vermögen für eine Stiftung der Krankenpflege, die
seine Familie schon seit einem Jahrhundert begründen sollte - der Irre einem
Irrenhause! - und verjagt nun in unserm Kloster, das er in noch zuweilen lichten
Momenten betrat, die Bilder, die - nur zu lebhaft noch vor anderer Augen
schweben! ... Husch! Husch! ist sein stetes, leise vor sich hingesprochenes Wort
und sein Singen im Gehen das Lob Mariä ... Diesen Gesängen, die er vor sich
hinmurmelt, schreibt er eine grosse Kraft zu; selbst am Hochaltar flüstert er:
Husch! Nicht für sich, sondern für uns verjagt er die Melusinen ... Ich sehne
mich nach seinem Husch! ... Hier in dem Kloster betet Schwester Terese für ihn
- und um die Verzeihung der Gottesmutter, dass sie eine Zeit lang eifersüchtig
auf sie war.
    Wenn auch diese Erzählung wie etwa das Adagio einer auf einer Strasse
spielenden Musikantentruppe vom Wagengerassel übertönt wurde, klang sie doch in
Bonaventura's Innern tief schmerzvoll nach. Die Fülle sah er jener krankhaften
Erscheinungen, die von ihm nicht geahnt wurden, so oft man von Wiedererweckung
des alten kirchlichen Lebens sprach. Oder sollte er der Stimme seines Innern
Gehör geben, die ihm mit seltsamer Erregung zuflüsterte: Ist dem Mönche -
Lucinde begegnet?
    Es war Abend geworden ... Das Angelus läutete ... Arbeiter drängten sich in
den staubigen Strassen ... Das Gewühl nahm so zu, dass Bonaventura von des wie
träumenden Mönches Seite abkam und dieser ihn entweder plötzlich verlassen oder
aus den Augen verloren hatte ... Den Eindruck des fast Gespenstischen, den ihm
der Mönch machte, nährte auch der Umstand, dass er so harmlos Jérôme's als seines
Freundes erwähnen konnte, gar nicht wissend, wie es schien, dass Bonaventura mit
Jérôme verwandt war ... Wie ein Lebendigbegrabener erschien ihm der Mönch, wie
ein Todter, der anfing sich seinen Leichentüchern zu entwinden.
    Bonaventura suchte Benno auf und fand ihn in seiner Wohnung mit dem
Vervollständigen seines Koffers beschäftigt.
    Ich muss abreisen, sagte Benno aufgeregt; noch heute, guter Freund! Morgen,
früh schon hab' ich am Hüneneck einen Termin abzuhalten! Das Dampfschiff geht in
einer halben Stunde!
    Wie gern hätte sich Bonaventura ihm angeschlossen! Morgen sprech' ich wohl
den Kirchenfürsten! sagte er.
    In drei Tagen seh' ich dich wieder als designirten Domherrn, den jüngsten
aller Kirchenprovinzen germanischer Zunge!
    So hohe Erwartungen ablehnend, half Bonaventura dem Freunde und begleitete
ihn in einem Wagen in den Hafen, in kurzer Erzählung alles zusammenfassend, was
ihm der Tag an Erlebnissen und schmerzlichen Bereicherungen seiner Seelenkunde
eingetragen.
    Benno empfahl dem Freunde aufs dringendste eine Anknüpfung mit dem »guten
Kerl«, dem Tiebold de Jonge, von dem er keinen Abschied hatte nehmen können.
    In die Beziehungen beider Freunde zu Armgart war Bonaventura nicht
eingeweiht.
    Auch blieb kaum noch die Zeit, der Meldungen an den Oheim in der Dechanei zu
gedenken und Benno's Worte zu vernehmen:
    Bei Nück erfuhr ich's, es ist kein Zweifel, die Ermordete ist eine Schwester
unserer guten Tante! Seit Jahren sind sie getrennt! Was ihr Geiz
zusammenscharrte, hat sie dem Bruder Hubertus im Kloster Himmelpfort vermacht!
Das Meiste davon fehlt aber, da der Mörder die Gelegenheit kannte und die
wertvollsten Papiere und Gold und Silber an sich raffte! Wer die Tat
vollbracht hat - ich glaube die teuflische Hand zu kennen! Noch aber hab' ich
meinen Verdacht gegen niemand auszusprechen gewagt, denn ich fürchte den
Zusammenhang mit Personen, die zu schonen sind. Komm' ich zurück, so soll mich
nichts hindern, meine Vermutungen auszusprechen, wo die rechte Stelle ist.
    So, fast nur von Einem Gedanken beherrscht, fuhr Benno von dannen.
Bonaventura musste eilen, das Dampfboot zu verlassen ...
    Ein banger, erwartungsvoller Abend dann ... er fand die Berufung zum
Kirchenfürsten für morgen vor.
    Der Mönch kehrte nicht wieder und Bonaventura war dessen froh ... Er sann
und sann:
    Ist hier Christus oder Belial?
    Er mochte nicht richten ... ja er gestand zu, Gott schenkt jedem Menschen
besondere und nur für ihn berechnete Offenbarungen. Diese stehen in keiner
Bibel, in keinem Buche, sind überhaupt nicht mit Worten zu fassen und zu
bezeichnen. Sie sind ein einziger Klang, den wir aus dem Sphärenall wie
herausgefallen zu vernehmen glauben, ein Glanz wie von einer Sternschnuppe, wenn
diese eine Störung genannt werden kann in der ewig gleichen Harmonie der
Weltbewegung ... Solche Offenbarungen gibt der stille Wald, das Murmeln der
Quelle, auch der leise Schlag einer Uhr, die wir auf dem Tische vor uns liegen
haben. Da sickert so Tropfen an Tropfen hinunter, in den grossen Zeitenstrom und
macht uns sorgloser durch das Gefühl, dass alle Dinge irgend an einer Grenze
ankommen müssen ... Er mochte nicht richten.
    Eine starke Waffe in allem Leid und aller Anfechtung der Seele ist dann
reine Liebe. Die reicht einen ehernen Schild dem Arm zum Kampfe gegen
Leidenschaft und Ungeduld. Ihr Visir schützt das Auge, nichts zu sehen von den
Lockungen der Welt. Reine Liebe hütet selbst die Träume. Ohne Kampf entwaffnet
sie die Gedanken und verklärt sie mit himmlischem Lichte, dass nur das Gute und
Edle in uns lebt ... Pflanze, Jüngling, reine Liebe schon auf den ersten
Ringplatz deiner Berührung mit der Welt! Reine Liebe im Herzen, wirst du im
Alltäglichsten dich vom Duft des Schönen, vom Palmenfächeln des Grossen, vom
Hosianna innerer Siege, umweht fühlen!
    So lebte in Bonaventura ein Name, der alles Chaos in ihm ordnete ... Paula
... und ein ferner Männergesangchor sang dazu durch die stille Nacht: Das ist
der Tag des Herrn!
    Am folgenden Morgen mit dem Schlage Zehn trat er in den kirchenfürstlichen
Palast.
    Sein Herz klopfte, als er durch die langen Corridore des Hauses
dahinschritt.
    Verblasste Malereien zierten zuweilen das Stuckgetäfel der Decken; an den
Wänden hing hier und da eine alte Schilderei in schwarzem, wurmstichigem
Holzrahmen, ein alter Städteprospect von Merian, eine alte Landkarte von Homann;
in vereinzelten Nischen standen Heiligenbilder, mit frischer, lichter Oelfarbe
überzogen, im dürftigen und selbst beim Heiligen weltlichen und koketten
Geschmack der Zopfzeit, Engel auf Stellungen berechnet, Marieen auf Faltenwurf
...
    In einem düstern Eckwinkel lagen die Wohnzimmer des Kirchenfürsten. Im
Gegensatz zu den auf den frivolen Luxus des vorigen Jahrhunderts deutenden
Corridoren waren diese Zimmer so dürftig ausgestattet, wie Actenstuben oder
Sessionssäle.
    An der Unruhe eines zuerst kommenden grossen Wartezimmers hätte man eher
glauben mögen, sich bei einem Minister, als bei einem hohen Geistlichen zu
befinden ...
    Eine der hohen Türen führte in das General-Vicariat ...
    Hier klirrten sogar die Sporen der Gensdarmen, die Säbel der Ordonnanzen.
Man brachte vom Gouvernement und von der Militärverwaltung Fragen und Antworten,
holte und gab Bescheide. Kanzleiboten trugen Acten ab und zu. Dazwischen gingen
und kamen Geistliche und Ordensfrauen. Wer nicht beim Generalvicariat oder beim
Kirchenfürsten sofort Einlass bekommen konnte, sass harrend und musste nach
neukirchlicher Sitte jeden unbeschäftigten Augenblick zum Heile seiner Seele
nutzen. Man grüsste mit neugierig aufblitzenden Augen und warf den Blick sogleich
wieder in das Brevier, das man aufgeschlagen auf dem Schoose liegen hatte. Ein
schwerer Druck lag auf allen, nur auf denen nicht, die als Sendboten oder
Vertreter der weltlichen Gewalt kamen.
    Der junge von Enckefuss fehlte nicht. Er setzte einem jungen, hagern,
lächelnd, doch aufmerksam zuhörenden Geistlichen mit lauter Stimme auseinander,
dass die einen nahen Wallfahrtsort besuchenden Züge nicht durch die Stadt gehen
dürften; er beschrieb die Route, die sie zu machen hätten, und wünschte, da er
eine Auswahl anbot, in Kürze die Wege zu wissen, die der Kirchenfürst gewählt
wünschte, da es an Aufsicht dabei nicht fehlen sollte. Des jungen Beamten
Haltung und Rede war fest und bestimmt, scharf und kalt, wie dies der
Ghibellinen Weise.
    Auch Civilpersonen aus dem Volke sah man. Es mochten Dorfvorstände und
städtische Abgeordnete sein. Ihnen setzte der junge schlanke Priester, meist mit
Achselzucken und einer gewissen Duldermiene, auseinander, dass die von ihnen
erwarteten höhern Bescheide immer noch nicht eingetroffen. Es galt dies ohne
Zweifel jenen Pfarrstellen, die allein besetzen zu dürfen die Kirche so dringend
begehrte und die sie die weltliche Gewalt beschuldigte, wenn die Stellen gut
waren, so lange offen zu halten, bis nur diejenigen damit belohnt würden, die
darauf hin eine entsprechende Gesinnung zeigten.
    Der schlanke etwas niedergebeugt gehende junge Geistliche trat auf
Bonaventura zu und sprach, als er dessen Namen vernommen, ein freudiges:
    Ah, Herr von Asselyn!
    Sogleich fügte er hinzu, er würde alles versuchen, den Herrn Pfarrer von
St.-Wolfgang sobald als möglich an die Reihe der Vorgelassenen zu bringen.
    Bonaventura sah, dass er mit dem vielgenannten Secretär, Kaplan Michahelles
gesprochen.
    Dieser war in die innern Räume eiligst wieder zurückgekehrt ...
    Das Wesen des jungen Mannes zeigte sich charakteristisch genug. Seine
Gesichtszüge waren scharf, geistvoll und von einer eigentümlich lächelnden
Ironie, die auf ein zwar zurückgehaltenes, aber doch sich ganz so stark, ganz so
berechtigt, mindestens so mutig fühlendes Bewusstsein schliessen liess, wie es
allen katolischen Priestern, von Seiner Heiligkeit, dem »Knechte der Knechte«
an bis zum untersten Dorfpfarrer, eigen ist.
    Auch Bonaventura zog sein Brevier und setzte sich an ein Fenster des grossen
Zimmers, das auf die jenseitige Strasse ging.
    Wenn hohe Würdenträger kamen, standen die Geistlichen und Klosterfrauen auf
...
    So vor dem Generalvicar, der eben aufgeregt und verstimmt von dem
Kirchenfürsten zurückkehrte ...
    Man wusste, dass mit jenem sowol der Letztere, wie der Syndikus der Curie und
diejenigen einflussreichen Glieder des Kapitels, die sein »gewaltiges
Vorschreiten« misbilligten, im Streite lebten.
    Auch vor dem Regens des Seminars erhob man sich, der gleichfalls wie nach
einem Wortwechsel vom Kirchenfürsten zurückkam ...
    Bonaventura erfuhr die Namen. Einige der streitigen Punkte kannte er. Die
Seminaristen, angesteckt von dem neuen Geiste der römischen Opposition, hatten
an dem Kirchenfürsten Vorschub gefunden in gewissen Auflehnungen gegen die vom
Staat beliebte und vom Regens vertretene Ordnung des Seminars.
    Einige Professoren der Universität, die eine von Rom verurteilte Dogmatik
gelehrt hatten, kamen in besonders gedrückter Stimmung und stellten die Bitte,
den Kirchenfürsten sprechen zu dürfen. Bonaventura kannte sie und war fast der
einzige, der sie grüsste. Einige von ihnen waren zugleich Lehrer eines Seminars
und ihnen war es geschehen, dass sie plötzlich keine Schüler mehr hatten. Im
Beichtstuhl hatten alle Alumnen auf Befehl des Kirchenfürsten geloben müssen,
ihre Vorträge nicht mehr zu besuchen.
    Michahelles kam zurück, trat verbindlichst zu Bonaventura und zog ihn zu
sich an eine Fensterbrüstung ...
    Sie werden sogleich vorkommen! flüsterte er und setzte mit leiserer Stimme
hinzu: Ich freue mich, von Eminenz schon die Erlaubnis zu haben, Sie mit seinem
Vorhaben bekannt zu machen! Wenn Sie die angenehme Erinnerung, die er seit lange
an Sie nährt, wieder erneuern und Sie noch einige Tage der nähern Prüfung und
Verständigung werden zu Ihren Gunsten überstanden haben, so ist es seine
Absicht, Sie ganz und mit wichtigen Aufgaben an uns zu fesseln!
    So stand das Gefürchtete wirklich in Aussicht ...
    Ein Diakonat an der Katedrale und eine Domherrenstelle sind offen; fuhr
Michahelles fort und setzte mit noch gedämpfterer Stimme hinzu: So könnten Sie
auch Hoffnung gewinnen, sich wieder Ihrer Heimat zu nähern, denn das wechselnde
Besetzungsrecht des Archipresbyteriums St.-Ludgeri bei Witoborn, das mit dem
erledigten Vicariate eine jeweilige Visitation der dortigen Pfarrei verbindet,
fällt diesmal an uns, d.h. an unsern Vorschlag. Die Luteraner haben, wie immer,
die Entscheidung ...
    Diese mit einer seltsamen Schärfe vorgetragene Mitteilung erschütterte
Bonaventura.
    Er musste nach dem angedeuteten, ihm unbekannten Verhältnis noch einmal
fragen ...
    Michahelles erklärte es:
    In die alte Kirche St.-Ludgeri bei Witoborn sind fast sämmtliche
Dorste'schen Besitzungen eingepfarrt. Seit urdenklichen Zeiten steht über dem
Pfarrer derselben ein Archipresbyter, der bald von der diesseitigen, bald von
der jenseitigen Kirchenprovinz bestimmt wird. Sie würden sicher zuweilen gern
bei Westerhof leben, wo gegenwärtig die Gräfin Paula in so schwierige
Verhältnisse verwickelt wird! Dass sie auch seit kurzem wieder von ekstatischen
Zuständen begnadet ist, wird Ihnen bekannt sein! Es würde zu den erfreulichsten
Zeichen unserer Tage gehören, wenn sich das Beispiel der gottseligen Emmerich
wiederholte und auch uns wieder eine Seherin und Prophetin erstünde!
    Und mit einer nicht mehr zu bewältigenden Macht drängten sich auf
Bonaventura's Herz die Gedanken: Deshalb beruft man dich! Du, du sollst es sein,
der wieder eine »Nonne von Dülmen« ins Leben rufen hilft! In deiner Nähe sieht
Paula den Himmel offen, in deiner Nähe heilt sie Kranke und sagt die Zukunft
voraus! ...
    Und noch ehe der lächelnde, aber die wohlwollendste Ermutigung sprechende
Blick des Kaplans diese Ahnung bestätigt hatte, musste er abbrechen und zu einem
eben Eintretenden eilen ...
    Dies war die oberste Persönlichkeit der weltlichen Behörden der Stadt
selbst, ein mit Orden bedeckter Präsident. Er kam feierlich, in erregter Haltung
und, wie es schien, mit einem officiellen Auftrage.
    Von einem Wartenlassen war da keine Rede. Sogleich öffneten sich zum
Kirchenfürsten alle Türen ...
    Michahelles flüsterte im Vorübergehen in Bonaventura's Ohr:
    Der längst angekündigte eigenhändige Brief des Königs!
    Michahelles folgte erwartungsvoll ...
    Alles war vor dem Präsidenten aufgestanden. Auch aus dem Generalvicariate
waren Geistliche und Weltliche getreten, die ohne Zweifel die feierliche
Auffahrt des Präsidenten beobachtet hatten. Alles schien in höchster Spannung.
Bonaventura wusste, dass es eine Entscheidung über die gemischten Ehen galt. Sein
Sinn war geteilt, sein Herz im Kampfe ... Ihn hatte man ausersehen, den Kampf
um Paula's Erbe mitzukämpfen! Ihn wollte man in die Nähe eines Wesens senden,
das ihm unendlich teuer war, wie ohne Zweifel von früher her Manche wussten ...
Dem Kloster, der Kirche, dem Kampfe der Parteien sollte er eine grosse Eroberung
gewinnen!
    Die Gedankenreihe auszuführen in allen ihren Folgerungen - in ihren seligen,
in ihren tiefschmerzlichen - behielt er nicht Zeit ...
    Der Präsident kehrte nach kurzer Weile zurück, ebenso feierlich und
bestimmt, wie er gekommen ...
    Er grüsste die sämmtlich sich Verneigenden. Dem Generalvicar drückte er die
Hand ...
    Diesem entschlüpfte ein bedeutungsvoll aufgeschlagener Frageblick - jenem
ein Achselzucken ...
    Alles das war ein Moment ...
    Bonaventura musste voraussetzen, dass der Brief des Königs kurz und bündig
übergeben und ebenso von dem Priester Immanuel entgegengenommen war und dass der
täglich erörterte Streit heute von beiden Seiten ohne weitere Wiederaufnahme
blieb.
    Wie sehr musste er annehmen, den Empfänger in einer Aufregung zu finden, die
seine kleine Sache in den Hintergrund drängte!
    Michahelles kam, fertigte die Professoren ab, sagte laut und fast
verletzend, dass sie Seine Eminenz vor völliger Unterwerfung unter das Breve
Roms, das ihre Lehre verwarf, nie empfangen würde, winkte Bonaventura und liess
diesen eintreten.
    Bonaventura musste zwei Zimmer durchschreiten ...
    An einer kleinen Tür stand ein greiser Diener in alter verschossener grau
und grüner Livree ...
    Er öffnete ...
    Bonaventura stand vor dem Kirchenfürsten.
    Nicht mit einer leisesten Bewegung verriet der Priester Immanuel, wie es
ihn aufregte, eben von seinem Landesherrn ein eigenhändiges Schreiben empfangen
zu haben. Ja, auf einem grünen Tische lag dies Schreiben noch ... Es trug die
blaue Farbe der Cabinetsbriefe ... Mehr noch! Das Siegel war uneröffnet.
    Priester Immanuel war derselbe, der als Graf Truchsess-Gallenberg, als
Generalvicar und Domherr in Bonaventura's Erinnerung lebte ... Mager,
starkknochig, länglichen Antlitzes, hart, ernst. Kein Strahl einer besondern
Freude, den jungen Mann, den er als Studenten und Soldaten gesehen, nun als
Priester des vorzüglichsten Rufes zu begrüssen, brach aus seinen Augen. In
einfachen Worten erinnerte er sich der Scenen von früher. Er freute sich zu
hören, dass Bonaventura von seiner Mutter wenig wusste und über die
Lebensverhältnisse des Stiefvaters nur ganz oberflächlich unterrichtet war.
Bonaventura sah, dass Benno's Voraussetzung, er sollte zur Vermittlung bei der
erwarteten ausserordentlichen Mission seines Stiefvaters gebraucht werden, eine
unbegründete war.
    Der Kirchenfürst rauchte aus einer kurzen Meerschaumpfeife. Er machte den
Eindruck eines Oberjägermeisters alten Stils oder, wenn man erwog, dass er den
Brief eines Königs unerbrochen lassen konnte, eines jener Fürsten, die wenn auch
nur über wenig Quadratmeilen gebietend doch um Kaiser und Reich sich wenig
kümmern, wenn sie auf irgendeinem in ihrer Souveränetät begründeten Rechte
glauben verharren zu dürfen.
    Wir müssen aus dem Geiste leben! sagte er im Anknüpfen der ersten Begrüssung
an die frühere Begegnung und in den Intervallen des Rauchens. Jede Geburt und
Wiedergeburt bringt Schmerzen! Ist eine Mutter ein grosses Wort, ist der Geist
ein grösseres! Unsere Mutter ist die Kirche!
    Und dann, als wäre die ganze Welt in Frieden mit ihm und keine andere Wolke
für ihn zu zerstreuen, als die aus seiner Meerschaumpfeife, erkundigte er sich
nach Bonaventura's Bildungsgang.
    Auf- und abgehend, wünschte er von den Ergebnissen seiner Seelsorge zu
hören, kam auf das nahe gelegene Kocher am Fall, vermied des Dechanten zu
erwähnen, rühmte aber den dortigen Aufschwung der Gemüter und deutete offenbar
die Bestrebungen des Stadtpfarrers an, wenn er sagte:
    Nur ist es unsere Pflicht, bei solchem Festalten an dem Felsen, auf dem der
Herr seine Kirche gegründet wissen wollte, Seltsames und Auffallendes zu
vermeiden! Es sind mancherlei Gaben und mancherlei Aemter. Nur pflege und warte
man jener ebenso im Geiste der Mässigung, wie dieser nur im apostolischen Sinne!
Die Grenzlinie erlaubter Bewährung eines Talentes, wo sie plötzlich Ruhmsucht
wird, ist bald überschritten. Ich sag' es nicht zuerst: Selig sind die Armen am
Geist!
    Mit diesem Seitenblick auf Hunnius' schriftstellerische Tätigkeit forderte
er Bonaventura auf, sich zu setzen.
    Da er es selbst nicht tat, verhielt sich Bonaventura zögernd ...
    Der Kirchenfürst eröffnete ihm jetzt, dass er ihn an die Katedrale zunächst
als ersten Vicar berufen, demnächst aber auch für die erledigte Domherrenstelle
vorschlagen wolle.
    Von Widerspruch konnte nicht die Rede sein.
    Er hoffe, fuhr der Kirchenfürst fort, dass Herr von Asselyn den Geist besässe,
den jetzt die Kirche brauche, nicht Hirten allein, auch Reisige ...
    Wir haben schon Grosses errungen und werden mehr erringen! sagte er und
blickte dabei ruhig auf das rote Siegel des uneröffneten Königsbriefs.
    Bald bemerkte Bonaventura, dass der Kirchenfürst noch mehr auf dem Herzen zu
haben schien, irgendetwas, das er noch Anstand nahm sofort auszusprechen.
Offenbar wollte er erst den Geist ergründen oder bestärken, der seine weitern
Aufträge vernehmen und ausführen sollte.
    Wenn ich zurückdenke an meine Jugend! begann er, ruhig fortrauchend und
dabei auf- und abgehend, während Bonaventura stehen blieb und nur auf die Lehne
des von ihm ergriffenen Sessels sich stützte ... Als ich in Ihrem Alter war,
Herr von Asselyn, welche Zeit, welche Welt damals! Bonaparte hasste die Kirche!
Er hasste sie mit dem Ingrimm eines tückischen Italieners, für den das Heilige
seinen Zauber verloren hat, da er diesem Zauber zu nahe steht! Bonaparte trug
alle Merkmale des Antichrists! Aus der Revolution und dem Ateismus
hervorgegangen, hatte er den ganzen Hochmut der Vernunft gegen die Lehren des
Christentums geerbt! Hervorgegangen aus der Schule Robespierre's besass er dann
auch wieder die tolle Neigung dieses Scheusals, aus dem Zerstörten etwas Neues
aufbauen zu wollen! Das Fest des höchsten Wesens, das man wieder einsetzte mit
Fahnen und Trommelpyramiden, Janitscharenmusik und Kanonensalven, das war so
ganz schon im Charakter seines Schülers Bonaparte! Beide besassen diesen
gefährlichen Aberglauben des Ateismus, der zuletzt, weil der Mangel aller
Religion im Menschenherzen eine Unmöglichkeit ist, irgend wieder doch etwas zum
Halte haben, zum Gott machen muss, seinen eigenen Schatten, ein goldenes Kalb,
ein geschmücktes Nichts, ein Philosophem. Diese Ironieen des Satan, wie sie
neulich eine schriftstellernde Feder nicht unpassend nannte, sind deshalb
gefährlich, weil sie sich wie der erhabene Ernst Gottes geberden. Wäre dem
babylonischen Tyrannen zuletzt nicht das Bedürfnis nach Ruhe gekommen, noch
hätte er den ganzen Voltaire, der in ihm lebte, ausgetobt in seinen mit den
Waffen gestützten Institutionen. Bonaparte war das im Grossen, was Friedrich der
sogenannte Grosse nur auf kleinem Gebiete, mit Bonmots und Epigrammen war.
Bonaparte würde, hätte er sich zuletzt nicht elend und krank gefühlt und den
Bruch mit den Franzosen, die ihr Blut und ihr Vermögen nicht länger opfern
konnten und mochten, klug gewittert, den Krieg mit Rom viel länger und lieber
geführt haben als den mit den Königen. Er brauchte Verbündete und so schloss er
mit heuchlerischer Freundschaft Frieden mit einer Religion, die er erst mit
Füssen getreten und dann in armselige, vom Teater erborgte Lumpen kleiden
wollte! Das aber, mein lieber Herr von Asselyn, das war nun das Beispiel, das
damals der Gewaltigste seiner Zeit den andern Gewaltigen gab! Diese Spässchen
ahmten diese Menschen ihm nach! Die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts
hatte ja die Kirchen entvölkert; der Beichtstuhl stand ja leer; die äussere
Veranstaltung, die noch vom kirchlichen Leben vorhanden war, war so auf den
Schein gerichtet, dass selbst die Priester mit dem Geiste der Verneinung buhlten,
selbst die sich schämten, den ewigen Gott und die grosse Veranstaltung des
Erlösungswerkes in schuldiger Ehrfurcht zu bekennen. Auf der Kanzel und in ihren
Schriften schmückten sie sich mit dem dem Protestantismus und der Philosophie
abgeborgten Schaugepränge. Und vorzugsweise war es unser Deutschland, wo die
Kirche am Abgrunde des Verderbens stand! Eine Literatur, die man zur classischen
gestempelt noch bei Lebzeiten jener masslos vergötterten Herren von Goete und
Schiller, drang bis tief in die untersten Volksschichten und erzeugte dies noch
immer andauernde Doppelleben unserer Nation, politisch und kirchlich sowol wie
moralisch, letzteres in einer mühsam behaupteten positiven Welt und einem
sogenannten idealen Weltbürgertum: Ueberall sah man auf diese Art unsere
Entwürdigung! Und der Staat, mit Verzweiflung kaum sich selbst behauptend in dem
grossen Revolutionssturm Bonaparte's, der rächte sich dann auch wieder
seinerseits bis zur Schamlosigkeit gegen die schwachen Untergebenen, zunächst
die Diener Gottes. Die kleinen Fürstentümer, die entweder selbst unter
geistlicher Obhut standen oder nur unsern Glauben bekannten, waren an sich schon
leider dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen. Wilde, zerstörende, neuernde
Gedanken, die von Aufbau sprachen und den Riss ihrer Pläne nach Modellen der
Phantasie entwarfen, blieben damals ohne alle Rücksicht auf das Gegebene. Nichts
galt für geistvoll, nichts für schön, nichts für gross, was nicht dem Wesen des
Freimaurertums entsprach. Ich will von dem Elend nicht sprechen, das
bekenntnisstreue französische Bischöfe in der Verbannung auf englischem Boden zu
Bettlern machte; im eigenen Vaterland konnte man erleben, dass die Mittel
fehlten, dem äussern Gottesdienst den letzten Rest seiner erhabenen Würde zu
erhalten. Ja, aber wie ist das nun alles mit Gottes Beistand so wunderbar anders
geworden! So gross, so herrlich, mein lieber Herr von Asselyn, und kaum nach
einem einzigen Menschenalter! Lediglich durch die gewaltige Widerstandskraft und
firmamentfeste Vis inertiae des zuwartenden und seine rechte Zeit erkennenden
römischen Princips!
    Bonaventura wagte auf die herablassende Vertraulichkeit des Sprechers zu
erwidern ... Er wagte den in die Tiefe gehenden deutschen Geist selbst zu nennen
als den, der hier dem römischen Princip die stärkste Hülfe gebracht hätte. Ja er
wagte, da der Kirchenfürst schwieg und ruhig seine Pfeife ausklopfte und sie aus
einer gewöhnlichen, mit grüner Schnur besetzten Tabacksblase neu füllte, die
Literatur und die Kunst zu nennen und liess die Namen einiger Geister fallen, die
man in dieser Verbindung zu nennen pflegt ...
    Der Graf hörte ruhig zu, rauchte wieder und ermunterte durch sein Schweigen
fortzufahren. Ob vielleicht im Vorzimmer noch jemand wartete, ob ein Brief
seines Königs unerbrochen lag, alles das schien ihm jetzt völlig unwesentlich
...
    Das gedemütigte deutsche Vaterland, sagte Bonaventura, musste sich aus
seiner Gegenwart flüchten und neue Kraft sammeln in der Erinnerung an seine
Vergangenheit! Fehlende deutsche Treue, Tapferkeit und Mut lagen nur noch in
den Beispielen unserer alten deutschen Tage! Aus den gebrochenen Burgen auf
unsern Bergesspitzen erhoben sich im Dämmerschein der Dichtung die Geister der
abgeschiedenen Zeiten, aber zur glücklichsten Vorbedeutung; die Nebel fielen
dann, und die Welt, die wir vergessen wollten, ja die wir vergessen mussten,
diese lag nun nicht mehr vor uns; eine neue hatte sich aufgetan, es war die
Welt, die uns die Forschung errungen hatte. Die Rosen in den bunten
Domesfenstern fingen wieder an zu glühen; die steinernen Bilder an den
Kreuzwegen sprachen wieder dem ermüdeten Wanderer mit lebendigem Munde; eine
Pilgerschar, die mit einer Fahne voraus und dem Bilde des geopferten Lamms durch
goldene Saatfluren auf einen Berg mit einer wundertätigen Erinnerung zog, war
kein Zug von Narren mehr, die man verspottete. Künstler folgten und setzten sich
auf einen Vorsprung dieses Berges und zeichneten die Scene voll Andacht und
Hingebung. Kunst und Poesie verjüngten den abgestorbenen Glauben. Die Zeit war
es, wo man um jene Marieen, die mit dem Lilienstengel in der Hand, mit Myrte und
Masslieb im Haar der Verkündigung sich neigen, um Bilder alter Meister, die man
früher verlacht hatte, jetzt goldene Rahmen zog, grössere und prachtvollere, als
die einfachen kleinen Bilder selbst waren!
    Der Kirchenfürst ging auf und nieder und liess eine Pause beiderseitigen
Stillschweigens ...
    Dann erwiderte er:
    Sie waren gestern in Begleitung des Franciscanermönchs, Pater Sebastus?
    Ein: Ja, Eminenz! erstarb auf Bonaventura's Lippen, der diese Erwiderung
nicht erwartet hatte, aber ahnte, was sie als Antwort sagen konnte.
    Ich liess den Pater durch Michahelles rufen! fuhr der Graf fort. Er wird
jetzt, denk' ich, da sein! Ja, ich wünschte, dass Ihr berühmter Name, Ihr edler
Geist, Ihre grossen Talente sich zum Heil der Kirche bewährten, Herr von Asselyn!
Aber das Gebiet auch Ihrer Anschauungen muss sich erweitern oder vielleicht
verengern, je nachdem. Das Leben des Volkes ist der wahre Tummelplatz eines
Priesters, der dem Reiche Gottes dienen will. In dem gesunden Gefühl der Völker
- Doch treten Sie dort hinüber! Hören Sie eine notwendige Verhandlung mit dem
Pater! Eine Scene wird uns mehr verständigen, als eine Debatte, und Sie wissen,
die Zucht des Priesters beruht auf Gegenseitigkeit.
    Bonaventura begriff nicht, was der Kirchenfürst beginnen konnte ...
    Priester Immanuel aber hob einen Vorhang, der sich in dem Winkel befand, auf
den er gedeutet hatte, und sagte:
    Ich mache Sie nicht zum Lauscher! Der Mönch wird später selbst erfahren, dass
Sie zugegen waren und gehört haben, was ich mit ihm verhandelte! Es sei ein
Exercitium! Und eines für uns - alle drei!
    Perinde ac cadaver essetis! Gehorsam, als wenn ihr Leichname wäret! sagte
eine Stimme in Bonaventura's Innern und sie klang wie aus dem Munde des Onkel
Dechanten.
    Er trat hinter den Vorhang.
 
                                       8.
Ein kleines Gemach war es, in dem sich Bonaventura befand, das Schlafcabinet des
Kirchenfürsten.
    Einfach wie eine Klosterzelle entielt es einen hohen, altertümlichen
Kleiderschrank; das Bett war einer Pritsche ähnlich, schmal und hart. Ringsum
standen einige Stühle, die Vorrichtung eines Tropfbades hing an der Decke. An
der Wand über dem Bett hing ein einfaches Kruzifix von schwarzem Holze, darauf
ein Christus von einer metallenen Composition.
    Der einzige Schmuck des Gemaches war ein Brustbild, einen jungen Mann
darstellend, dessen Aehnlichkeit mit dem Kirchenfürsten wohl darauf schliessen
liess, dass es seinen durch des Rittmeisters von Enckefuss Hand im Duell gefallenen
Bruder darstellte.
    Nebenan hing noch eine Wandkarte Europas und ein grosser Stammbaum der
Truchsess, der zurückführte in die Zeiten Karl's des Grossen. Am äussersten Ende,
da, wo alle Zweige einander näher sich rückten und das Ende des einst so reich
entfalteten Geschlechts andeuteten, verlief er sich in welken Blättern. Die
Spitze bildete der Name des Kirchenfürsten selbst. Auf dem dazu gehörenden
Blatte sass ein Käfer, auf dessen goldener Flügeldecke ein schwarzer und ein
weisser Todtenkopf abgebildet waren.
    Bonaventura konnte, ehe er mit beklommenem Herzen unter diesen Stammbaum
sich setzte, die Umschau ruhig anstellen, denn es währte einige Zeit, bis der
Kirchenfürst den Mönch einliess. Er schien entweder erst in seinem Bureau unter
Papieren gesucht oder endlich den Brief seines Monarchen gelesen zu haben.
    Jetzt hörte man das leise Rauschen eines auf dem Fussboden anstreifenden
Gewandes ...
    Mit lauter und deutlicher Stimme, sodass dem gezwungenen Hörer kein Wort
verloren gehen konnte, begann der Kirchenfürst:
    Setzen Sie sich, Pater!
    Als dies geschehen sein konnte, hörte Bonaventura die Anrede:
    Ich habe Sie rufen lassen, um einige Worte mit Ihnen zu sprechen, Pater;
Worte, die sowol das Ihnen geschenkte Vertrauen betreffen, wie Ihr Seelenheil!
Ihr Provinzial hat mir Vollmacht dazu gegeben ...
    Keine Antwort ...
    Haben Sie hier einen Beichtvater? begann der Kirchenfürst mit erhöhter
Stimme ...
    Sebastus nannte jenen Domherrn, der sich in der Herausgabe des Origenes so
vergriffen hatte und »mit seinen gesammelten Lesarten« in diesen Tagen beerdigt
wurde ...
    Bei dem Rauschen eines Papieres durfte sich Bonaventura vorstellen, dass dem
Mönche vom Kirchenfürsten ein Brief überreicht wurde ...
    Sie haben Unglück mit denen, denen Sie Ihr Vertrauen schenken! sagte der
Kirchenfürst. Auch der Provinzial Henricus, der Ihnen so innig zugetan war,
lebt nicht mehr ... Vor einem Jahre, kurz vor seinem Ende, erhielt ich einen
Brief von ihm, den Sie lesen sollen! Zur Ermutigung! Ich hör' ihn gern zum
zweiten male!
    Der Mönch las leise ... Seine Stimme lag hoch und hatte die norddeutsche
Schärfe. Sie war für Bonaventura vollkommen vernehmlich. Er hörte:
    »Seit lange bin ich nicht in der Lage gewesen, Eurer Eminenz ausser den
Berichten, die über den Stand unseres Klosters an unsern P. General in Rom
abgehen, auch eine gelegentliche Mitteilung über die Erlebnisse zu machen, die
Ihrer hohen Fürsorge für die vaterländische Kirche in Erfahrung zu bringen von
Wert sein könnte. Mein Wirken für die Ausbreitung der Mässigkeitsvereine, die
der Heilige Stuhl mit so besondern Gnaden gewürdigt hat, greift immer
segensreicher um sich. Ist auch unsere Bevölkerung nicht so verkommen wie die
Irlands, wo Pater Mattew den Geist der Mässigung predigt, so stehen wir doch
hinter dem, was Pastor Schläger auf dem protestantischen Gebiete leistet, nicht
zurück. Ja, wir reichen uns auf diesem Gebiete die Hände ...«
    Hatte der Mönch schon bei Erwähnung einer bekannten Wirksamkeit des
verstorbenen Provinzials Henricus, Verbreitung der Mässigkeitsvereine, gestockt,
so konnte der Kirchenfürst jetzt Zeit gewinnen, einzuschalten:
    Obgleich auch hier der Geist, aus dem beide Bekenntnisse zu wirken haben,
ein völlig verschiedener sein sollte ... Der gute Henricus gehörte noch zu sehr
den Freimaurern an und starb sogar, seltsam genug für einen Mönch, mit einem
weltlichen und protestantischen Orden auf der Brust! Was man früher nicht alles
erlebt hat! ... Lesen Sie aber!
    Mit jenem Gehorsam, der zu seinen Gelübden gehörte und den von ihm zu
fordern der jetzige Provinzial, auch Guardian, des Klosters Himmelpfort, des
Pater Henricus Nachfolger, für die Zeit seines Verweilens ausser Clausur auf die
Curie dieser Stadt und den Kirchenfürsten übertragen hatte, las der Mönch
weiter:
    »Heute möcht' ich eine Bitte erheben zu Gunsten eines unserer Brüder, des
Paters Sebastus! Unser General hat mir gestattet, ihm eine Weile die Freiheit
des ausserklösterlichen Lebens zu gewähren. Aber dass sie die Regierung, die in
diesem Punkte so streng ist, auch genehmigt, dafür kann nur Eurer Eminenz hohe
Bürgschaft eintreten.«
    Ich schlug damals sein Anliegen ab! ergänzte der Kirchenfürst.
    Der Mönch fuhr fort:
    »Freiherr von Wittekind-Neuhof war es, der uns diesen Novizen, einen
ehemaligen Docenten der Rechte in Göttingen, zuführte, aufs dringendste
anempfahl, ja väterlich beschützte, obgleich der zweite Sohn des Freiherrn im
Duell von ihm erschossen war ... Nach einer Reihe von Unglücksfällen, innern und
äussern Erschütterungen wandte sich der greise Freiherr mit besonderm Verlangen
den Gnadenmitteln der Kirche zu, besuchte uns oft, schenkte Kirchen und unsern
verschiedenen Stationen höchst wertvolle Gaben und überraschte uns eines Tages
durch diesen jungen Mann, der an seiner Hand mit heiserer Stimme, hinfälligen
Ganges, zerrüttet an Seele und Leib, an mein Kämmerlein pochte und vor
Entkräftung auf meinem Lager zusammensank ...«
    Bonaventura hörte voll Schmerz die lauten Atemzüge des Gefolterten. Er kam
sich vor, als stünde er vor einem Käfig, in dem die ruhige Gefassteit eines
Wärters den Fuss auf einen Panter setzt, den er abrichtete. Kam ihm der Gedanke,
dass es Frevel wäre, wenn Menschen so an Menschen ihre innersten Seelenzustände
durchwühlen? Oder erschien es ihm gross, um eines Gedankens willen, schon wenn
dieser Gedanke ein Irrtum wäre, wie der Gedanke des Dalai-Lama oder der
Sonnenanbetung, wie viel mehr dem des Dreieinigen Gottes, das Geheimste der
menschlichen Ichwelt zu opfern? Doch wich er, wie er das gelernt hatte, dem
Urteilen aus und hörte, weil er hören musste ...
    Mit gedämpfter Stimme las der Mönch:
    »Der Freiherr führte uns den jungen Mann als Bewerber um das Noviziat zu. Er
verschwieg nichts von dem, was wir selber sahen. Heinrich Klingsohr's
Sittenzeugnisse fehlten. Er wollte und musste in allem und jedem von neuem
geboren werden. Allererst zeugte gegen ihn der Todtschlag in einem Duell« ...
    Der Kirchenfürst schaltete ein:
    Von Ihrer rätselhaften Beziehung zu einem Manne, der in seltsamer
Verbindung mit dem Tode Ihres Vaters, genannt wird, schreibt der Provinzial
nichts ...
    Er war nicht mein Beichtvater! sagte der Mönch mit der ihm eigenen kalten,
fast verletzenden Bestimmteit. Kurz schnitt er damit die Rede des
Kirchenfürsten ab, der nicht abgeneigt schien, von dem Mönche eine Aufhellung
dieser Widersprüche um so mehr zu verlangen, als auch Bonaventura auf diese Art
in die geheimern Beziehungen seiner dem Kirchenfürsten verhassten und wie dieser
wusste, auch ihm wenig willkommenen Verwandtschaft eingeweiht wurde.
    »Die Gewohnheiten des Bruders« - setzte der Mönch aufs neue an zu lesen,
aber seine Kraft verliess ihn ... Die Erinnerung an seinen Vater schien ihn mehr
erschüttert zu haben, als das Bild seiner Vergangenheit, das er selbst hier
aufzurollen hatte.
    In schmerzlicher Folter, ungewiss, welches das endliche Ziel dieser Strenge
sein sollte, seufzte Bonaventura tiefauf und fast hörbar ...
    »Die Gewohnheiten des Bruders« - wiederholte der Kirchenfürst ....
    »Waren so eingerissen, dass sie so plötzlich und so schnell nicht gebrochen
werden konnten. Das Beschwören der Mässigung vor dem Altare, das in Irland Wunder
wirken soll, genügt nicht bei uns« -
    Weil wir nicht nach unsern eigenen Gesetzen leben! schaltete der
Kirchenfürst ein; weil eine offene und freie Schaustellung unserer
seelsorglichen Handlungen und Strafen vor einer gemischten Bevölkerung nicht
möglich ist!
    »Auch fehlt uns ein O'Connell«, schrieb der Provinzial Henricus, »der zu der
Entaltsamkeit von jenem Gifte, das in Irland die Verzweiflung zu nehmen
scheint, um ihr Elend zu vergessen, die geistige Nahrung der Erhebung im
Staatsleben gibt. Das Gefühl errungener Freiheiten wird dort ein edler Ersatz
für das Gift, das bisher durch das Land der Armut und Entwürdigung geflossen.
Denn es ist nicht genug hervorzuheben - und auch mein Nachbar in gleichem
Wirken, Pastor Schläger, bezeugt es - dass zugleich zum Ersatz die geistliche
Quelle der Aufklärung geboten werden muss, wie bereits Ephes. 5, 18 die Schrift
sagt: ...«
    Ueberschlagen Sie das! unterbrach der Kirchenfürst.
    Bonaventura gedachte des Onkel Dechanten ... Es war ihm, als spräche dieser:
Die Römlinge wollen nichts Deutsches, nichts Nationales, nichts aus unserm
Schoose Geborenes, nichts die Brüderstämme und die Confessionen durch die
gemeinsamen Bedürfnisse des natürlichen Volkslebens und des Geistes Versöhnendes
-
    »Unserm Zögling hatte sich mit seinen Untugenden der Genius verbündet« ...
las der Mönch und nun sein Lob vernehmend in dem pflichtschuldigen Tone der
Demut, die eines der ersten Erfordernisse seiner Wiedergeburt sein musste. »Er
kam aus einer Welt, wo man ihn um seiner Sünden willen angestaunt hatte. Er kam
aus dem trotzigen Leben einer Universität, aus einer grossen reichen
Handelsstadt, in die ihn das Geschick verschlagen, er war der Matador des
akademischen Wort-Fechtsaales, man bewunderte ihn um seiner Vorzüge willen und
seine Schwächen gereichten jenen nur zu verschönernden Schattenlinien. Tief
hülfsbedürftig war der zerknirschte, des Lebens, der ganzen Welt, seiner selbst,
glücklicherweise noch nicht Gottes überdrüssige Sinn des Zöglings. Eure Eminenz
kennen unsern Laienbruder, den Bruder Hubertus ... Mindestens ist in vielen
Klöstern Deutschlands der Bruder Abtödter bekannt, wie die Brüder ihn nennen in
Anerkennung seiner wunderbaren Gabe, es den ersten Heiligen unserer Kirche, den
Säulenstehern, den Eremiten der tebaischen Wüste gleichzutun, wenn nicht im
gleichen gottergebenen Sinn, doch in der seltsamsten Kunst, sein Fleisch zu
tödten -«
    Wie schaudernd vor Erinnerungen stockte der Mönch ...
    Aufs neue setzte er an:
    »Bruder Hubertus war einst der erste Jäger des wilden Nimrod Wittekind,
damals ein unternehmender Bursch, der sein ganzes Vertrauen genoss. Aus
holländischen Diensten und aus Java zurückgekommen, umgab ihn auf dem Schloss
Neuhof der Reiz der Fremde. Alle Herzen flogen ihm zu und keines mehr als das
eines Fräuleins von Gülpen ...«
    Der Mönch kannte alles, was sich auf diesen Namen und die Verbindung bezog,
und hielt im Lesen inne, sicher voll Erstaunen, weil der Kirchenfürst ihn mit
den Worten unterbrach:
    Sie nannte sich später nach diesem Hubertus, früher einem Buschbeck, die
Frau Hauptmännin von Buschbeck und wurde nur deshalb siebzig Jahre, um in
voriger Nacht in dieser Stadt hier ermordet zu werden!
    
    In dem Innern des Mönchs konnte eine so überraschende Mitteilung nur Töne
seltsamster Musik wecken ... Des Abends gedachte er auf dem Schloss Neuhof, wo
er Lucindens Frage nach jener Gülpen beantwortete und die Speisen, die ihm der
Kronsyndikus vorsetzen liess, für vergiftete erklärte, wie solche, von denen aus
den jungen Zeiten des Fräuleins die Sage berichtete ...
    Bruder Hubertus, fuhr der Kirchenfürst fort, ist mir wohl bekannt! Doch muss
man die Ruhmsucht tadeln, die mir in seiner Kunst, sich tagelang der Speise zu
entalten, zu liegen scheint ...
    Der Mönch kannte das Leben seines Zähmers und Bändigers ... Ohne Zweifel
antwortete er dem Tadler mit dem Nachhall eines seiner alten Lieder:
Frage im Walde die Raben,
Wenn Sturm durch die Tannen weht,
Wer unter ihnen begraben,
Da, wo das Kreuzlein steht! ...
    Doch auch Bonaventura fühlte sich wie in einen Wald versetzt, wo Hörnerklang
zu einem erlegten Hirsche rief ... Wild sprengen die Herren und Damen zu Ross
heran; der erste der Jäger tritt auf das verendende Tier, weidet es aus und die
schnobernden Hunde, die ihren rauchenden Anteil begehren und gierig zufahren
wollen, müssen zurück und - entbehren ... So nur konnte ein Jäger das
menschliche Abtödten gelernt und gelehrt haben ... Wie mehrte sich sein Bangen,
das schöne Bild zu verlieren - von seinen Augustinerchorherren im Schnee des
St.-Bernhard!
    Der Mönch las:
    »Die Besserung des Novizen gelang durch Hubertus vollständig. Selbst die
Art, wie sich die Malaien von den Zerstörungen des Opiumrauchens heilen,
verfehlte ihre Wirkung nicht. Freilich mussten wir gestatten, dass in einer
Klosterzelle ein Noviz auf dem Lager lag und statt des Mohnsamens den Samen erst
des Hanfes, dann aus langem Rohr entzündetes Naphta, zuletzt nur das glühende
Bernstein rauchte. Die starke Natur, schmeichelnd zurückgelockt, blieb Siegerin.
Die unreinen Geister wichen, die Phantasie verlor ihre Bilder, sie wurden reiner
und blieben ganz aus. Hubertus übergab uns einen Geretteten. Aber noch galt es,
ihn sanft und linde einzuführen in die Erfüllung seiner Absicht, für immer der
Welt zu entsagen. Aufrichtig war diese Absicht. Er liebte die Religion. Er fand
seinen Trost und seine Erhebung in ausschliesslicher Contemplation. Da ihm keine
Wissenschaft unbekannt geblieben, so wusste er bei Tisch stets etwas
vorzubringen, was uns fesselte. Doch verblendete uns ein zuweilen noch
aufschimmernder falscher Glanz seines Geistes keineswegs. Wir verharrten in
einem strengen und ernsten Erziehungsplan. Nichts wurde unterlassen, was seinen
Willen, die Gelübde abzulegen, brechen konnte. Die Gebete, die Wachen, die
untergeordneten Dienste, mühevolle Arbeiten aller Art, Betteln, das seinen Stolz
prüfte, scheinbare Willkürlichkeiten, die seine Ergebung auf die Probe stellten,
die Züchtigungen mit der Geissel und dem Cilicium, alles das waren nur geringere
Grade der Hülfsmittel, ihm die Rauheit und Härte unsers Gewandes fühlbar zu
machen. Die Ergebung, die er zeigte, war keine Stumpfsinnigkeit. Er ertrug, was
ihm aufgebürdet wurde, um seiner neuen Geburt willen, ja wir mussten seinen Eifer
zurückhalten, denn er begehrte zu zeigen, dass der Mensch den Schlaf ganz
entbehren, von Wasser allein leben könne und Aehnliches, was wider die Natur
geht, wenn es auch vom Bruder Hubertus fast zu ertragen gelehrt wird. Nach zwei
Jahren endlich legte Sebastus sein Bekenntnis ab und erhielt die Tonsur. Die
Priesterweihe ihm zu geben, wagte ich dem P. General nicht ans Herz zu legen.
Immer ist noch ein dunkler Grund in seinem Innern, ja es war mir, als gäb' es
Proben, in denen Pater Sebastus nicht bestehen könnte. Eure Eminenz mögen selbst
entscheiden. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich von den Stätten des
Friedens, an denen wir leben, den Vorwurf der Untätigkeit entfernen möchte. Wie
der heilige Basilius die Nähe der Städte suchte, um sein Einsiedlerleben dem
Ausbreiten des Glaubens nützlich zu machen, wie die Söhne des heiligen Benedict
unser deutsches Vaterland von düstern Wäldern gelichtet haben und auf unsere
Hügel die Traube pflanzten, während auch das Feuer des geistigen Lebens aus
ihrer Pflege der Wissenschaft und der Schreibekunst flammte, so wird ein jeder
Bekenner des heiligen Franciscus auch noch jetzt darauf bedacht sein müssen, in
einer sittenverderbten Zeit Hand anzulegen im Kampfe gegen den Uebergenuss des
Lebens. Dann dacht' ich: Wie kann die letzte Prüfung des Gewonnenen besser
stattfinden, als wenn er noch einmal ins Leben zurückkehrt? Wie heilt man ein
Heimweh gründlicher, als wenn man dem Verlangen der Seele nach der geliebten
Muttererde einmal noch folgt, dem Herzen einen starken, vollen, sättigenden
Trunk des Wiedersehens gönnt und damit dann meistenteils gerade das andere
Verlangen weckt, dahin wieder zurückzukehren, von wo uns zwar die Sehnsucht
vertrieb, inzwischen aber doch sich die Gewohnheit, sie wusste es nur selbst
nicht, bereits wieder eine liebliche Traulichkeit schuf. Und so erbat ich von
meinem Obern in Rom die Erlaubnis, den jungen Pater, dessen heissersehntes Ziel
die Weihen sind, zurückzulassen auf kurze Zeit in die Welt. Da kam die
Aufforderung des Secretärs Eurer Eminenz. Freilich auf den Grund, weshalb sein
Brief Klosterbrüder zu haben wünscht: weil sie ihm nicht nur als Sendboten
dienen könnten, sondern weil sie auch in einer Zeit, wo wir nur zu sehr beklagen
müssten, uns auf der grossen Strasse des Weltverkehrs so wenig zeigen zu dürfen,
gerade ebendaselbst, wo es nur irgend möglich zu machen, aufzutreten hätten, ...
ferner auf den Rat ärztlichen Befehl vorzuschützen für kranke Brüder ... darauf
hin mocht' ich es nicht wagen -«
    Genug! unterbrach der Kirchenfürst, machte eine Pause, die ohne Zweifel die
Rücknahme des hier gegen die Lehre vom Zweck, der die Mittel heilige,
protestirenden Briefs ausfüllte und sagte:
    Als ich vor einem Jahr diesen Brief erhielt, verweigerte ich die
Unterstützung der Bitte des Provinzials. Seitdem erschienen aus dem Kloster
einige Ihrer polemischen Artikel. Der Geist und Ton derselben überraschte mich.
Ich wünschte Sie kennen zu lernen. Ihre Hieherreise erfolgte. Als ich Sie sah,
war ich angezogen. Ich behielt Sie bei mir zu dem grossen Kampfe, den die Kirche
zu kämpfen hat. So manches Ziel unserer Mühen haben wir erreicht; aber die
Streiter können sich nicht dicht genug scharen. Ich erkenne an, was Sie
geleistet haben. Ich lese Ihre Aufsätze mit Befriedigung. Ich wünschte jedoch
mehr - viel mehr! Ich finde in dem, was Pater Henricus von Ihrer Erziehung sagt,
nicht den Geist wahrer Heiligung. Der Grund, aus dem Sie wirken, ist gefahrvoll
für Sie, ist es auch für uns! Für Sie - ich will es Ihnen aufrichtig sagen - für
Sie und für wie viele Ihres Gleichen! - ist die Kirche nur der Schlussstein Ihrer
irrenden Abenteuerlust auf dem Felde der Philosopheme! Sie ist nur der Ruhepunkt
Ihres von allerlei Donquixoterieen ermüdeten Denkens! Sie streiten jetzt für die
Kirche, weil Ihre angeborene Streitsucht hier endlich einen festen Gegenstand
und eine sichere Anlehnung findet! Das scheint leider unser trauriges Loos mit
euch Uebergetretenen allen! Aller Zorn, der in euch wurmte, alles Gefallen am
Besondern und Seltsamen, alle Ungeduld, dass man auf euch bisher nicht achtete
oder euch wiederum zu rasch vergass, diese unreinen Geister der Rache, der
Vergeltung, der nie zu sättigenden Gier nach dem Reiz der Neuheit treiben Euch
auf den Kampfplatz! Was es auch sein möge, das Sie dem Vater eines
Unglücklichen, den Ihre Hand tödtete, so nahe verbinden konnte, ich glaube es
gern, dass Sie ermattet an der Pforte des Klosters Himmelpfort niedergesunken
sind. In dieser Stimmung verlangten Sie nach dem Trost der Religion und rühmten
die Einfalt derselben. In alles aber, was man Ihnen bot, legten Sie, als Sie es
empfingen, Ihren eigenen Sinn, nahmen es nicht in dem unsrigen. In diesem immer
nur Ihr Ich verherrlichenden Geiste vollzogen Sie die Liebesopfer, die Ihnen Ihr
Guardian und Provinzial übertrug. Sie duldeten, entbehrten und was Sie zu den
harten Proben des Bruder Hubertus ermutigte, war nur der geistige Hochmut auf
Menschenkraft. Weder Ihr Verstand noch Ihr Herz liebt das Christentum, nur Ihre
Phantasie liebt es! Die Dienste, die Ihr Poeten und Künstler dem römischen
Glauben geleistet habt, verkenn' ich nicht, doch waren und bleiben sie
gefahrvoll! Sie entbehren nachhaltiger Wirkung. Oder glauben Sie, dass alle die
Fortschritte, die wir in diesen Tagen in Frankreich, Deutschland, Spanien
gemacht haben, gemacht haben mitten unter den Stürmen der politischen
Bewegungen, nur die Folgen der wiedergeborenen schönen Künste sind? Diese
Fortschritte verdanken wir nur dem bei so vielem Flitter der Bildung gerade zum
wahrhaften Herzensbedürfniss gewordenen Bekenntnis der geistigen Armut! Armut,
Armut! Nüchternheit, Entbehrung, Gefangengabe unserer Ueberzeugungen an ein
Gegebenes, Wiedererweckung der Würde des Beichtstuhls, der geregelte Kirchgang,
die Wiederherstellung alles dessen, was über religiöse und politische Dinge in
dem gesundesten Teile des Volks, im Bauernstande, diesem plötzlich nun ja auch
von eurer Poesie verklärten, lebte, Ascese, Wallfahrten, wiederhergestellte
Bruder-und Schwesterschaften, das ist der Geist der Stetigkeit, der allein die
Kraft zum Glauben wecken und darin die Ausdauer bestärken kann ...
    Der Kirchenfürst schwieg eine Weile, dann fuhr er fort:
    Jetzt, Pater, ein ernstes Wort! Ich liess Sie beobachten, Pater! Wissen Sie,
dass ich Sie monatelang in Ihr Strafkloster zu Altenbüren verweisen könnte? Sie
wurden gestern Mittag im Hause eines jüdischen Trödlers gesehen, wo Sie mit
Ihrem Ordensgewand eintraten und es auch Mittags im Ordensgewand verliessen.
Abends jedoch um acht Uhr - Unglücklicher! - kehrten Sie wiederum unter dem
Dache des Juden ein -
    Bonaventura, ahnend, entsetzte sich, mehr noch erschütterte ihn der
unfehlbare Schrecken des Mönches ...
    Mitleidenswerter, bejammernswürdiger Mann! fuhr der Kirchenfürst fort. In
dem von jenem Juden geborgten Kleide, mit einem Hut, der Ihre Tonsur verbarg,
sah man Sie, Sie, den Pater Sebastus, den Michael mit der zweischneidigen Feder,
den Mönch, der ein Gefallen darin findet, einen Sack zu tragen mit den Eiern,
die ihm die Bauern der Umgegend schenken, Sie, Sie, einen Sohn des heiligen
Franciscus - auf der Galerie des Teaters!
    Bonaventura stand auf, des dadurch entstehenden Geräusches nicht achtend ...
    Dumpfe Stille nebenan ...
    Und noch nicht genug! fuhr der Kirchenfürst fort. In dieser falschen Tracht
gingen Sie die Nacht in einen Gastof der Stadt, in »das goldene Lamm«! Was
taten Sie dort?
    Bonaventura gedachte der Geigenspielerinnen, der ganzen Aufregung des
gestrigen Abends ...
    Kein Laut der Erwiderung von dem Mönche ...
    Was können Sie auf Ihrem frevelhaften Pfade dort gewollt haben? In einem der
Zimmer waren Sie zwei Stunden bis um Mitternacht, wo Sie dann von dem Juden Ihr
Kleid zurückgeholt haben! Pater! Pater! Ich beschwöre Sie, um der Wunden unsers
Heilands willen! Fühlen Sie denn nicht, dass Sie den Erlöser, den Sie in diesem
Kleide bekennen, zum zweiten male verkauft haben? Die Nachricht von Ihrem
Judasverrat kam uns glücklicherweise von einem Beobachter, der unsere Kirche
liebt und unsere heilige Sache bewahren wird vor Bekanntmachung solches
Aergernisses! Weitere Nachforschung hinderte ich, um nur Ihr Unglück nicht zu
mehren und nicht die Schande Ihres Fehltritts zu grell für uns alle aufzudecken!
Pater! Was würde aus Ihnen werden, wenn mich keine Rücksicht auf Ihr Talent,
keine Rücksicht auf die nützliche Bewährung desselben in unsern gegenwärtigen
Kämpfen abhielte, Sie nach Altenbüren zu verweisen, wo Sie in Gesellschaft
anderer meineidiger Priester für immer, für immer, Unglücklicher, Ihren Ruf im
weiten Reiche unserer Kirche verloren haben würden!
    Dumpfes Schweigen auf diese fast weich gesprochenen Worte ...
    Eingetreten sind Sie in eine grosse Heilsanstalt gegenseitiger Erziehung!
fuhr Priester Immanuel fort. Ich möchte Sie nicht aufgeben; ich möchte Sie dem
Wirken erhalten, für welches Sie so rühmenswerte Proben Ihrer Befähigung
abgelegt haben! Pater! Dass sich der Geist, in dem Sie allein ausserhalb der Zelle
leben dürfen, heilige, dass Sie sicher sind vor den Anfechtungen und dem Rückfall
in die Reize dieses Lebens, denen Sie abgeschworen haben, muss ich Ihrem Wandel
von jetzt an die bestimmtesten Grenzen ziehen! Sie verlassen nie mehr diese
Stadt ohne eine hier von meinem Kaplan eingeholte Erlaubnis! Sie meiden jeden
öffentlichen Versammlungsort! Sie rüsten sich, dass Sie jeden Abend von sieben
Uhr an in Ihrer Wohnung, dem Professhause, angetroffen werden! In jeder Stunde,
wo vom Kloster Himmelpfort Ihnen bekannt ist, dass Ihr würdiger Guardian eben die
Tür seiner Zelle öffnet, Miserere ruft und die Patres, seinem Beispiele
folgend, sämmtlich sich mit der Disciplin dreimal den Rücken geisseln, sollen
auch Sie das Confiteor sprechen, wo Sie sich irgend befinden. Und dass Sie es
tun, wirklich tun, Pater, erinnere ich Sie an das Wort jenes Mönches, zu dem
ein Zweifler sagte: Geisseln Sie sich denn auch wirklich in Ihrer geschlossenen
Zelle, wenn der Guardian in der seinigen Miserere! ruft? »Herr! Man hat Ehre!«
sprach er.
    Der Kirchenfürst stand eine Weile und schwieg ...
    Bonaventura erwartete eine Entgegnung des Mönches ...
    Nur die lauten Atemzüge desselben hörte er ...
    Was führte Sie auf, die Galerie des Teaters? begann der Kirchenfürst aufs
neue. Was suchten Sie in der Nacht in jenem Gastause?
    Nach einer langen Pause hörte Bonaventura die Worte.
    Nichts so Unedles, als Sie denken, Eminenz ... Doch ... ich verlor meinen
Beichtvater -
    Diese Worte wurden mit grosser Schärfe betont.
    Wen wollen Sie wählen?
    Wenn Herr von Asselyn hierher versetzt würde und ich dann noch - hier weile
-
    Der Mönch stockte ...
    Wohlan! sagte der Kirchenfürst und wie aufs angenehmste überrascht. Es war
Ihnen von mir aufgegeben worden, den edeln und gotterleuchteten Pfarrer von
St.-Wolfgang, Bonaventura von Asselyn, auf die kurze Zeit hier zu begleiten, bis
ich im Stande sein würde, mich so ausführlich wie ich musste, mit diesem Werkzeug
Gottes zu verständigen. Im Umgang mit demselben, den Sie von Stund' an
fortsetzen sollen, verbiet' ich Ihnen kraft der mir übertragenen Ordensgewalt
Ihres Provinzials, jemals aus eigenem Triebe irgendein Wort mit ihm zu reden!
Nie sollen Sie selbst das Wort ergreifen! Nie sollen Sie anders als nur ein Ja
und ein Nein für ihn haben! Der Priester Bonaventura weiss es, dass ihm die Rede
gestattet ist, ihm die Unterhaltung, er weiss aber auch, dass er Ihnen keine
einzige Frage stellen darf, als eine solche, der die kurze Antwort: Ja oder Nein
gebührt! Denn warum verhäng' ich gerade Ihnen diese Strafe? Weil Ihre grösste
Aufgabe die sein soll, den Drang zu tödten Ihrer geistaschenden Mitteilung!
Absterben muss Ihre Neigung, durch Ihre Vergangenheit Ihre Gegenwart Lügen
strafen oder über Ihr Kleid hinaus sich immer noch verklären zu wollen. Durch
Ihren Geist, Ihre Kenntnisse wollen Sie das Vorurteil Ihres Standes widerlegen.
Aber wenn Sie das Gelübde der Armut ablegten, stand an der Spitze der
Entbehrungen, die Sie sich vorzuschreiben hatten, die Armut am Geiste! Diese
bekennen Sie und dann wird Ihr Sinn sich läutern! Nichts hat die Verführung zum
Laster mehr im Gefolge als jene Gedanken, die schimmernde Ausdrücke suchen,
jener Reiz, der Sie verführt, sich in der Vielseitigkeit Ihrer Auffassungen, in
der Fülle von Gesichtspunkten, auf dem schwindelnden Wege der Contraste und
Paradoxen zu ergehen; derselbe Reiz stumpft das Gefallen an dem Einfachen und
Charaktervollen ab. Ihnen, Pater, Ihnen ist, wie der ganzen Richtung des
Jahrhunderts, vor allem das »Wort zur unrechten Stunde« zu nehmen! Rancé - der
kannte diese Gefahr, als er nach einem Leben geistreicher Frivolität den Orden
der Trappisten stiftete! Ich verlange keinen Dank für meine Schonung - ich werde
mir selber ein Gebet um die Vergebung Gottes auferlegen, dass ich so milde war -
ich strafe Sie, wie mir scheint, dass es Ihnen heilsam ist! Und die in dieser
Form meiner Verzeihung liegende gegenseitige Erziehung wird auch andern gut
tun! Treten Sie näher, mein Herr von Asselyn!
    Damit trat der Kirchenfürst an den Vorhang, zog diesen zurück und
Bonaventura stand mit dargereichter Rechten, wie um Verzeihung bittend, vor dem
in Staunen und tiefster Scham halb aufwallenden, halb vernichteten Mönche ...
    Mit unerschrockener Miene sprach Priester Immanuel:
    Deshalb hab' ich Bonaventura von Asselyn zum Zeugen dieser Scene gemacht,
weil ich auch ihn in den Ernst unsers geistlichen Lebens und in unsere wahre
kirchliche Schule einführen wollte! Schon Ihre Ungeduld zu bekämpfen, dass Sie
noch einige Tage hier zu warten hatten und ferner warten sollen, Herr von
Asselyn, musste Ihnen nützlich sein! Nützlich wird Ihnen auch werden, das
aufgedeckte Leben des Paters zu sehen und es doch so nur zu berühren, als wenn
Sie es nicht kennten! Ja und nein, nein und ja! Bis zu dem Tage, wo Ihnen
Sebastus vielleicht - die Beichte spricht ... Lasset euch beide das, was ihr
heute erlebtet, eine Uebung sein, die Gefahren - des Geistes kennen zu lernen!
Helfen Sie sich einander redlich beim Straucheln! Bestärken Sie sich in der
Geringschätzung des Gedankenaustausches! Da liegt der Tomas a Kempis; das
goldene Buch der bewussten, ja mit Stolz bekannten Geisteseinfalt! Oder lesen wir
eine Stelle des heiligen Gregor ...
    Der Kirchenfürst nahm ein Gebetbuch und las mit lauter Stimme:
    »Wenn ich mir die Büsserin Magdalena vergegenwärtige, so möcht' ich eher
weinen, als reden und bekennen! ... Denn sind nicht die Tränen dieser Sünderin
mächtig genug, auch ein steinern Herz zur Busse zu erweichen? Sie bedachte ihren
vergangenen Lebenswandel und konnte sich in ihrem reuevollen Tränenbekenntniss
kein Mass vorschreiben. In das Gastzimmer trat sie zur Zeit des Mahls, sie kam
ungerufen, und während des Mahls brachte sie ein Tränenopfer. Lernet, von
welchem Schmerz sie gefoltert ward, dass sie auch während der Zeit des fröhlichen
Mahls der Tränen sich nicht schämte! Siehe! Weil dies Weib ihre Befleckungen
und Laster erkannte, eilte sie in glühender Sehnsucht nach Reinigung zum Urquell
der Barmherzigkeit und scheute nicht die Gegenwart der Gäste. Da sie vor ihrer
eigenen Hässlichkeit errötete, konnte die Scham von aussen, sie nicht
entmutigen. Was, meine Brüder, sollen wir nun mehr bewundern, die im Gastzimmer
erscheinende Magdalena oder den Herrn, der sie gnädig aufnahm? Soll ich sagen:
aufnahm? - nicht vielmehr: durch seine Gnade an sich zog? Ich will am liebsten
beides sagen. Es ist derselbe, der sie innerlich anzog durch seine
Barmherzigkeit und derselbe, der sie äusserlich mit aller Sanftmut aufnahm.«
    Jetzt legte der Kirchenfürst das Buch zur Seite, neben sein inzwischen
erkaltetes Tabacksrohr, neben den noch unerbrochenen Brief seines Königs, dann
entliess er beide mit einer Handbewegung, die ausdrückte, dass er ihnen den Segen
erteilte und den Gewinn zweier Seelen für sein Gottesreich höher hielt, als
alles Reden und Handeln und Drohen der Mächtigsten der Erde.
    Im Vorzimmer war es still geworden ... Der Kaplan begleitete den Mönch und
den Pfarrer bis an die Ausgangstür. In seinem demütigen Grusse lagen die Worte:
    Was auch zwischen euch dreien soeben drinnen geschehen ist - Alles - zur
grössern Ehre Gottes! ...
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Wohl hätte Heinrich Klingsohr draussen in freier Luft aufschreien mögen wie
mit wiedererwachtem Titanentrotz.
    
    Seine Brust hob sich, seine Augen standen starr aus den Höhlen, er hatte auf
der Zunge Worte nicht der Verwünschung seines Geschickes, nicht der Anklage
seines Berufes, nicht der Anklage des Kirchenfürsten, - nur dem Jammer seines
Innern hätte er Worte leihen mögen, sich vergleichen mit dem gefangenen, an
seinen Flügeln niedergehaltenen, auf dem Rücken liegenden Vogel vom gestrigen
Morgen, sich rechtfertigen gegen den falschen Schein, der sich um ihn breitete
in Gegenwart eines Mannes, den er zu schätzen anfing, er, der niemanden
anerkannte ausser dem, der ihm durch etwas imponirte, etwa - die Kunst, eine
Nachtigall nachzuahmen!
    Aber nicht einmal zu der Auseinandersetzung war ihm Gelegenheit gegeben, zu
sagen: Warum bleiben Sie nicht sogleich in dieser Stadt? Warum haben Sie nicht
schon jetzt die Erlaubnis des Beichtstuhls! Alles, alles möcht' ich Ihnen
bekennen! ...
    Fiebernd lief es durch seine Seele:
    Ich möchte sagen, wie mich gestern die unwiderstehlichste Sehnsucht ergriff,
nach dem Leben und den Schicksalen eines Mädchens zu fragen, das einst mir das
Leben und dann den Tod gegeben! Ich wechselte mein Kleid, ich wurde ermuntert
dazu von einer Jüdin, die mir unser ganzes Dasein als einen einzigen grossen
Mummenschanz darstellte, wurde ermuntert dazu durch einen Schwur »bei dem Gotte
Spinoza's« und durch die Versicherung, ich dürfte auf die Verschwiegenheit
dieses Mädchens bauen ... Wer war der Verräter! ... Wer war es, der des Nachts,
so ruhelos wie ich, dahin irren konnte? ... Ja, ich war auf der obersten Galerie
des Teaters! Dort, in eine Ecke gedrückt sah ich jene Frau spielen, die einen
edeln Menschen auf ihrer Seele hat - sah die Kinder springen, die ich oft auf
dem Schoose gehalten und für welche Lucinde arbeitete, sich mühte und entbehrte,
wie eine zum Magddienst sich verurteilende Königin ... Das Haus war
menschenleer ... aber nicht so öde war es, als das Gefühl meines Daseins ... ich
irrte in den Strassen, sah nicht die Spione, die mich verfolgten, vergass die
Ordnung des Hauses, das ich mit vielen andern bewohne, bestieg die Stufen des
Gastauses zum Lamm, kehre schaudernd um, aber um mich her sah ich nichts als
Lucinden, sah sie mit phantastischen Blumen bekränzt, sah sie im langen Kleide
hoch zu Ross - mir winken - Himmel und Erde! Ich wage Ehre und Freiheit und mein
ganzes Leben, um nur fragen zu können: Wo ist Sie? Was wurde aus Ihr? ...
Zitternd steig' ich zu der Frau empor, an deren Herz zu glauben ich nicht die
mindeste Berechtigung hatte, aber ich zwinge mich dazu ... Aber auch sie
verriet mich nicht! Sie schwur's mir bei dem Andenken Serlo's, obgleich der,
wie sie sonst und jetzt sagte, schuld gewesen wäre an ihrem ganzen verfehlten
Dasein ... Ich finde diese Menschen, klein wie immer, geringfühlend wie immer,
voll Zorn über die Leere des Teaters, voll Hohn über das Ausbleiben des
Beifalls ... aber vor ihnen steht dennoch ein köstliches Mahl, liegt eine Rolle
Geld ... eine Sendung war es von Lucinden ... Sie ist hier! Hier in dieser
selben Stadt .... Und da sollt' ich nun auf und davon? Sollte nicht verweilen,
lauschen, horchen - aus meiner begrabenen Welt! ... Sollte nicht vertrauen, dass
Menschen, die durch die Schule des Geschicks so tief gedemütigt waren, dass sie
sogar Konstanzen Huber, wie sich Lucinde genannt, das Wort gaben, sie nirgends
zu kennen und sofort diese Stadt zu verlassen und auf die Woge des Lebens
zurückzukehren (was sie hätte und erwürbe und teilen könnte, hatte sie
geschrieben, sollte ihnen, wenn sie wollten und wo sie wollten, gehören) ...
sollte nicht vertrauen, dass durch Geld und Mitleid gewonnen, diese Menschen mich
nicht verrieten ... Ich wäre geblieben bis zum Hahnenschrei! Ich hätte geredet
und geträumt, wenn mich nicht die Erzählung von unserm Abschied einst in
Lüneburg zur Besinnung gebracht und an das Portefeuille erinnert hätte, das ich
plötzlich mich erinnere, in meinem Ordenskleide gelassen zu haben ... Nun, wie
zerschmettert schon von einer Strafe des Himmels, wank' ich davon ... Rings die
stille Nacht - bis ich zurückkäme versprach mir die jüdische Sibylle zu wachen
... ich finde sie ... lesend - im Spinoza, einem Geschenk eines Priesters Namens
Leo Perl ... wir suchen und suchen das Portefeuille - es findet sich nicht ...
Mitternacht ist vorüber ... die Jüdin gibt mir Geld, um den Wächter des
Professhauses bestechen zu können ... einen neuen, noch willfährigen Knecht ...
Wie sie das Geld klingen lässt und sagt: Pater, Ihr wisst nicht, welche Freude ich
habe, der Kirche einen Heiligen zu stehlen und Gott einen Menschen zu schenken!
da wank' ich dahin, komme in meine Wohnung, glaube unbemerkt geblieben zu sein,
werde in der Frühe zum Kirchenfürsten gerufen, ahne die Kunde von meinem
Vergehen und kam, bereit zu sagen: Tödtet mich, wenn ihr wollt! Ich konnte nicht
anders!
    Wie beide Leviten so dahinschritten, näherten sie sich der Katedrale. Sie
traten in den majestätischen Bau, unter Menschen, die nichts von ihrem
Seelenleid ahnten, nichts von der Gebundenheit ihres Willens und ihrer Sinne ...
    Da entdeckte Bonaventura in einiger Entfernung, in einer Nische, die vom
hellsten Sonnenlicht, das durch die bunten Fenster brach, beschienen war, in
einer Gruppe, die sich laut und wie es schien in fremder Sprache unterhielt,
eine Gestalt, die ihn jetzt im erhöhten Grade erschrecken musste ...
    Nur ihren Rücken sah er. Sie stand in schwarzseidenem Kleide, dunkelm Hute,
sprach mit den Fremden, die dem Volk anzugehören schienen; es war ihm, als
könnte es nur Lucinde sein ...
    Der Mönch las mechanisch die Inschriften der Leichensteine ...
    Bonaventura hätte ihn aus dem Wege zu jener Fensternische fortziehen mögen
...
    Der Mönch schritt in sich versunken und lesend an den Leichensteinen weiter
und zu jener Gegend hin, ohne auf ihn zu hören ...
    Schon waren sie der Nische so nahe, dass die drinnen geführte Unterhaltung
gehört werden konnte ...
    Sie wurde in italienischer Sprache geführt ...
    Zwei Männer, der eine in kurzer Jacke, der andere wohlangetan, mit einigen
jungen Leuten, einem Mädchen darunter, sprachen bald zu den Bildern des Fensters
gewandt, bald zu jener Dame in dem schwarzen Kleide ...
    Es war Lucinde ...
    Bonaventura hörte es an ihrer Stimme ... er hatte auch neulich von den
Italienern, von dem Gipsfigurenhändler und seinen Kindern gehört ...
    Der Mönch schreitet näher, hält einen Augenblick inne, horcht den
italienischen Lauten und saugt sie voll Begierde ein, wie Duft aus dem Lande der
Palmen ...
    Jetzt wendet sich Lucinde und wird auch seiner ansichtig ...
    Wir wissen, dass sie zum Tod erschrecken kann ohne das mindeste Zucken der
Augenwimpern ...
    Blass und marmorkalt mustert sie die beiden Daherkommenden: den Mönch, den
sie schon um der Seltsamkeit seiner Tracht willen erkennen musste; Bonaventura,
vor dem sie in diesem Augenblick durch die Entüllung ihrer Beziehung zu seinem
Begleiter glauben durfte, alles zu verlieren ...
    Der Mönch hört seinen Anruf nicht und liest nur die Inschriften der
Leichensteine ...
    Auf den jetzt ihn treffenden Blick und den sich verneigenden Gruss Lucindens
hatte sich Bonaventura sammeln können. Sonderbar, auch die Tochter des
Italieners schien ihn zu kennen, die ihm doch fremd war ... Mit einer hastigen
Geberde deutete sie auf ihn und flüsterte mit dem Vater und mit den Brüdern ...
    Bei alledem hatte Lucinde den Pfarrer gegrüsst, ganz ehrerbietig zu ihm
aufblickend. Vor dem Mönche aber schlug sie die Wimpern nieder ...
    Eine Italienerin vermutet dieser ... ohnehin mühsam dahinschreitend, hält
er einen Augenblick inne ... und jetzt wie festgewurzelt steht er und sicher
hätte er durch einen lauten Ruf sein Erschrecken kund gegeben, wenn nicht
Bonaventura, die Wirkung dieser Wiederbegegnung vorahnend, seinen Arm ergriffen
und ihn von dannen geführt hätte.
    Mühsam folgt Klingsohr. Das lange weite Gewand schleift an der Erde nach.
Die Knie brechen dem Gefolterten. Glücklicherweise sind beide einer Kapelle
nahe, in der eben Messe gelesen wird.
    Beide knieen und mögen schwerlich beten können ... falls nicht das Gebet ein
Zwiegespräch der Seele mit sich selber ist.
    Als sie sich erhoben und Bonaventura draussen im Freien fragt: Sie kannten
jene Dame? darf der Mönch nur erwidern: Nein oder ja! Er erwidert: Ja! - Es war
ein Wort wie ein Menschenleben.
    Auf seinem Zimmer fand dann Bonaventura, als er nach dem seltsamsten
Selbander von der Welt gegen Mittag nach Hause gekommen, gleich beim Eintreten
auf seinem Schreibtisch einen Brief, den ihm Renate aus St.-Wolfgang
nachgesandt.
    Er hatte ihr wohl das Ansehen einer grossen Wichtigkeit gehabt, denn er war
mit Poststempeln über und über bedeckt.
    Bonaventura erbrach und las:
                           Sub sigillo confessionis.
    Quando quis tibi occurrit sidei romanae sacerdos ...
    Wir kennen die rätselhafte Einladung, die auch an den Dechanten ergangen
war.
    Wer weiss, ob dieser jetzt, wie er über die Berufung des geliebten Neffen
durch die Römlinge zitterte, nicht ebenso von Bangen wäre ergriffen gewesen,
hätte er das leuchtende Auge gesehen, mit dem Bonaventura diese Zeilen las und
wieder las und sich nicht trennen konnte von den Worten: »Der nicht den Tod
eines Huss, Savonarola, Arnold von Brescia scheuen würde, um die Kirche von ihren
Fehlern zu reinigen!«
    Freiheit! Freiheit! riefen tausend Stimmen in seiner Brust. Alle Kreatur
schien ihm zu schmachten nach Erlösung. Die gefesselte Zunge der ganzen
Menschheit schien ihm nach Sprache zu ringen ...
    Er bewunderte den Kirchenfürsten; aber seine Ideale wankten. Er verzweifelte
an der Kraft, in den grossen Vorstellungen von seinem Beruf, die ihn sonst wie
mit Cherubsflügeln emporgehalten, ein ganzes Leben lang noch mit seinem
innersten Menschen aufzugehen.
 
                                       9.
Düster brannte die Lampe in einem kleinen, engen, doch behaglich eingerichteten
Zimmer.
    Die weissen Vorhänge zweier Fenster waren niedergelassen ... Tiefe Ruhe ...
nur zuweilen das Schnobern von Rossen wurde hörbar in dem Hofe, auf den sie
hinausgingen.
    Elf Uhr schon ...
    Im Nachtgewande sitzt Lucinde auf einem weiss überzogenen kleinen Kanapee ...
vor ihr steht ein blinkender Mahagonitisch mit Zeitungen und Büchern bedeckt ...
in einem Winkel des Zimmers, hinter einem Schirm, steht ein Bett ... Im kleinen
weissen Ofen prasselt eine behagliche Flamme.
    Endlich war sie frei von ihrem Tagewerk der Verstellung, hatte sich
entkleidet, konnte noch nicht zur Ruhe gehen und wollte wachen.
    Die dunkeln Haare hängen, halb schon aufgelöst, über Nacken und Stirn herab
... diese Stirn, die seit einigen Jahren erst sich so mächtig über die Augen
vorgedrängt ... sie stützt sie mit der durch das Emporhalten fast blutlos
gewordenen, schneeweissen Hand ...
    Auch das lange bauschige Kleid, das sie umhüllt, ist weiss ... wie musste die
Schwärze ihrer Locken, das Feuer ihrer Augen dagegen abstechen! .. Die Unruhe
ihres Geistes zeigte sich in den Lippen, an denen die weissen Zähne zuweilen
sichtbar werden; sie drückt und schneidet in sie fast mit ihnen ein.
    Schon oft hatte sie begonnen, die Haare zur Nachtruhe zu flechten und
zusammenzulegen ... immer war sie von der Arbeit abgekommen, hatte die Hände
sinken und dann den Kopf in so schräger Lage beharren lassen, als wenn sie noch
flocht, noch ordnete ... Wurde er ihr zu schwer, so stützte sie ihn ... Darüber
hatte sich der kleine Messinglampendocht verzehrt, aber lange währte es, bis sie
die Düsterkeit merkte; dann griff sie zu und schraubte ihn höher und das weisse
Licht verbreitete sich heller auf die weissen Vorhänge, die Gestalt im weissen
Nachtgewande ...
    Lucinde gedachte des Gestern und Heute ... Der leuchtendste Punkt war die
Begegnung am Morgen.
    Porzia Biancchi hatte in dem daherkommenden Geistlichen eine Aehnlichkeit
entdeckt, die sie dem Vater und den Brüdern mitteilte, diese dann wieder dem
Onkel Marco, der ein Maler war und die Kunst übte, alte Bilder zu restauriren
und der dafür in diese an alten Bildern so reiche Stadt berufen war ...
    Wohl schlug das Wort an Lucindens Ohr, dass der daherkommende Geistliche dem
Eremiten Federigo von Castellungo wie aus den Augen geschnitten ähnlich sähe;
wohl nannte sie des von ihr, trotzdem, dass sie Klingsohrn sah, so ehrerbietig
Begrüssten Namen, den freilich nur Porzia's Vater kannte von dem Dechanten,
seiner buona pratica her ... aber sie hörte nur das verhallende Knistern auf dem
steinernen Estrich von Bonaventura's Schritten, staunte nur dem leisen Gange
eines mit Sandalen und nackten Füssen dahinschreitenden Mönches, hörte dessen
Lieder und dityrambisschen Sprüche, die ihr aus dem einzigen starren Schreck
seines sie erkennenden Blicks wie tausend Raketen aufschossen ... sie sah nur
noch dann, wie sie beide niederknieten und zu beten schienen ...
    Aus dem Dome schritt sie, heute die Segnung mit dem Weihwasser vergessend.
    Sie war im Kattendyk'schen Hause wieder, nahm die Abschiedszeilen der
Serlo-Leonhardi (die schon den Wortbruch entielten, doch von des Mönches
nächtlichem Besuch zu erzählen - glücklicherweise war sie mit ihren Kindern
wirklich abgereist -) und sammelte sich erst nach den Anstrengungen des
Zusammenlebens mit einer sanguinisch erregten, das Wichtigste leicht, das
Leichteste wichtig nehmenden Familie, Abends spät, in diesem Zimmer, das in den
Hof gehend ihr als das ihrige war angewiesen worden.
    Serlo's Kinder! Auch bei ihnen verweilte sie ... Klingsohr's Verrat an
seinem Gelübde ... um ihretwillen! ... Sie lächelte befriedigt, doch sprach sie
zu sich:
    Mässige dich nur! Sei nur still! Nur still! Lächle nicht, weder vor Freude,
noch vor Schmerz! Lass alles über dich ergehen! Lass den Wolkenwagen des Geschicks
dahinrollen wie im Gewitter! Zuck' im Weltbrand nicht mit der Wimper! Ertrage,
was auch komme, selbst das Seligste, mit Gleichmut! Gib Gehör jedem Befehl, den
die Menschen hier, lieblos genug und ewig von Liebe sprechend und eigentlich
liebevoll nur gegen zwei Bologneserhündchen, dir erteilen! Sprich schon nichts!
In deinem Ton liegt etwas, was der Ohrnerv der Eitelkeit nicht ertragen kann! Du
willst ganz so sein, wie sie's wollen! Todt! Du willst beten wie sie, denken wie
sie, ihre Reden bewundern, ihre Einfälle überraschend finden! Tuschelt dir die
Frömmigkeit der Commerzienrätin eines Tages ins Ohr: Liebste, ich habe einen
Sack gekauft, kommen Sie, wir bestreuen das Haupt mit Asche und beten in den
Sack hinein! ... auch das tu' ich! Will Johanna, dass ich an dem kleinen
Professor extraordinarius die kleinen Nägel seiner Finger bewundere, ich tu'
es! Ich will leben wie die Wanderer in den Schneealpen sich zu unterreden
aufhören, wenn sie hoch oben hinaufkommen und fürchten müssen, durch ein zu
scharf ausgesprochenes Wort die tödliche Lavine zu wecken!
    Dann bei der zweiten Toilette der Commerzienrätin und Johannens, bei dem
nur Putz und Vergnügen erörternden Besuche der Frau Procurator Nück, bei dem
Geflüster über die immer enger und enger sich schliessende gefahrvolle Einheit
des Ehepaars im zweiten Stock, bei dem gerühmten Behagen an der Ruhe im Hause,
seit Piter nicht anwesend, bei den Mitteilungen über die Hauptmännin von
Buschbeck, ihren Tod, ihre Frömmigkeit, ihr Testament an den Bruder Hubertus im
Kloster Himmelpfort und die fehlenden Wertpapiere, diese Kapitalien, die sie
als Kind so angestaunt hatte, weil sie ihr wirklich »rings auf den Feldern zu
liegen« schienen - zu allem schwieg sie, ergänzte nichts, berichtigte nichts;
sie wollte alles in sich verschliessen und nur - ihre Zeit abwarten.
    Gegen Abend war auch Treudchen auf einen Sprung gekommen und erzählte vom
Kloster, wohin sie wirklich gegangen war ihren Geschwistern zu Lieb. Wie hatte
man sie gefeiert! Selbst mit ihren Geschwistern hatte man sie überrascht, die
aus dem Waisenhause waren abgeholt worden! Alle hatten Geschenke bekommen! Von
Cajetan Roter, dem ehrwürdigen Beichtvater der Schwestern, für den das
Sprachgitter nicht vorhanden war, hatte sie selbst ein zierliches Büchlein mit
goldenem Schnitt empfangen, das Leben einiger besonders vorzüglicher Heiligen
und Heiliginnen darstellend ... Die Kinder trugen eine Last Confect mit sich
heim, wie dergleichen auch nur in Klöstern gebacken wird ... Sie zeigte ein von
Schwester Beate erhaltenes Nadelkissen in Form eines Ostereis, ganz von Seide,
vergoldet und in jenem Geschmack, der so eigentümlich der frommen
Kunstfertigkeit hinter Klostermauern angehört ... Schwester Terese hatte dann
vorgelesen, Marienlieder, deren einige man im Chore gesungen im Refectorium, vor
und nach - dem Kaffee - und dieser Kaffee wäre so gewesen, wie nur je einer in
der Dechanei zu Kocher am Fall, wenn etwa der Geburtstag des die »lieben
Freundinnen« bereisenden Fräuleins von Minnerich oder der Frau Majorin
Schulzendorf gefeiert wurde oder eine jener Kindergesellschaften, zu denen der
gute Dechant (früher, ehe der Geist der Kirche so streng wurde) alle kleinen
Kinder in Kocher am Fall ordentlich durch Visitenkärtchen einzuladen pflegte.
    Die frohen Mitteilungen kamen dann auch hier, auf Veranlassung der
Dechanei, bei dem Morde der Frau Hauptmännin wieder an, bis dann Treudchen zu
Madame Delring, ihrer nachsichtigen Herrin, wieder hinaufsprang ...
    Am Abend war auch die zweite, wie es schien quecksilberne Tochter der
Commerzienrätin, Frau Procurator Nück, wieder erschienen, eine kinderlose, nur
dem Putz und ihrer Eitelkeit lebende Frau. Lucinde hatte sich sogleich ihr Herz
gewonnen durch einige Bemerkungen über ein neues Kleid, das sie trug. Sie war
gestern im Teater gewesen und häufte das Allernachteiligste auf die
Darstellerin der Frau von Waldhüll und die kleinen »Fratzen«, die Lucinde so
gern wiedergesehen hätte, wenn sie nicht das System gehabt, auch bei Genüssen
des Gemüts, sie sich versagend, zu sprechen: »Wozu?« Das war das kalte Wort,
das ihr eigen geworden, mehr Worte eines herben Behagens am Entbehren und der
Selbstqual als der Herzlosigkeit. Im Geiste Serlo's hätte sie der Frau
Procurator sagen mögen: »Liebste Frau, wäre das Haus voll gewesen, so hätte
Ihnen alles gefallen! Da es aber leer war, übertrug sich Ihre Verstimmung über
die geringe Bewunderung Ihrer Toilette auf die Leistungen der Mutter, der
Töchter, auf alles ...« Sie behielt das, wie jedes dergleichen, zurück, horchte
nur dem Gespräch, bei welchem auch Benno genannt wurde, »meines Mannes bester
Arbeiter«, der »von ihm nach dem Hüneneck geschickt worden ist« ... und auch den
Reiz, Benno's Weise gegen den Schein eines Sich-so-nurschicken-lassens zu
befreien, unterdrückte sie ... Sie sagte nur immer ihren Leibspruch, ein Wort
des heiligen Augustinus: Trahimur! Trahimur!1
    Um sich zu beruhigen, hatte sie einmal wieder in Serlo's Papieren zu lesen
angefangen und hatte auch wieder aufgehört ...
    Endlich begann sie aufs neue:
    »Ist es denn möglich«, schrieb Serlo einst vor Jahren, »was ich gestern
erleben musste! ... Eine junge Frau war in dem Hause, wo ich wohne, gestorben und
sollte heute in der Frühe beerdigt werden ... Eine alte Schauspielerin, die zu
unserer Truppe gehört, klopfte, wie ich schon im Bette liege, an meine Tür,
nennt ihren Namen und wünscht mich zu sprechen. Ich staune und fürchte - eine
Anleihe. Nachdem ich mich angekleidet, öffne ich die Tür und in ihrem besten,
elegantesten Anzug erschien die Darstellerin - der Zigeunermütter und Hexen mit
einer augenblinzelnden und doch beklommenen Artigkeit. Nie hatt' ich mit ihr
viel Worte gewechselt und erstaunen musst' ich über die Wahl ihrer Ausdrücke, die
Artigkeit ihres Benehmens, die Feinheit ihres ganzen, mit ihrem Rollenfache im
vollkommenen Widerspruch stehenden Wesens. Verzeihen Sie! sagte sie nach einer
Weile, wo ich das gefürchtete Anliegen erwartete, verzeihen Sie, in diesem Hause
ist eine Leiche? ... Ja, sagte ich, eine junge Frau, die an einem Herzfehler
starb! ... Sind die Leute wohlhabend? ... Sehr arm! war meine Antwort ... Würde
der Mann gestatten, wenn ich ihm zwei Taler schenkte - ... Sie stockte ...
Gestatten? Was? fragt' ich erstaunt ... Mutter Viarda lächelte seltsam ... Sie
werden mich für eine Närrin erklären, begann sie aufs neue, aber ich muss Ihnen
gestehen, dass ich eine - Liebhaberei habe, die keine andere ist als die, - Todte
zu schmücken! ... Wie? sagte ich und zog mich erschrocken zurück; ich glaubte
mit einer Verrückten zu reden ... Sie sind erstaunt, fuhr mein Besuch fort, Sie
zweifeln an meinem Verstande, und doch bitt' ich Sie wirklich, führen Sie mich
zu dem Manne und erlauben Sie mir, seine Frau so zu schmücken, wie ich ein ganz
unwiderstehliches Verlangen trage, wenn ich irgendwo eine Leiche sehe ... So
traurig die Veranlassung dieser Bitte war, ich musste doch über sie lächeln ...
Da Sie zu Ihrem Liebeswerk noch zwei Taler dazugeben wollen, sagte ich, so will
ich mit dem Manne reden ... Ich ging in der Dunkelheit die Stiege hinunter und
fand, den armen Handwerker mit seinen Kindern um die schon im Sarge befindliche,
nur mit einem einfachen weissen Hemde bekleidete Leiche seiner Frau, der Mutter
seiner trauernden Kinder ... Mein Anerbieten konnte als ein Werk der
Barmherzigkeit gelten und die Annahme fand keinen Anstand ... Ich kehrte zu
meiner Auftraggeberin zurück und begleitete sie hinunter ... Mit allen Zeichen
der Teilnahme trat sie an den Sarg, fuhr mit der Hand über die kalte Stirn und
sagte dann: Hier, lieber Mann, da sind zwei Taler, aber lassen Sie mich mit der
Leiche allein! .. Der Mann ging arglos, wenn auch überrascht, mit den Kindern
auf den Vorplatz ... ich wollte bleiben ... Auch Sie, Herr Neumeister! sagte sie
(ich führte damals noch meinen alten Namen) ... Als ich zögerte und etwas
befürchtete, das nicht in der Ordnung war, sagte sie: Herr Neumeister, wenn Sie
schweigen und mich nicht stören wollen, können Sie bleiben ... Ich blieb und sah
voll Grauen, was die Darstellerin der Zauberinnen, Hexen und Zigeunermütter
begann ... Sie stellte einen Beutel, den sie unter ihrem Mantel verborgen hatte,
zur Erde, zog eine Anzahl frischer Blumen hervor, legte sie der Leiche auf die
Brust, in die Hände, ums Haupt. Dann ergriff sie ein kleines Döschen, das ich
sofort als Schminktopf erkannte, tupfte hinein mit etwas Baumwolle und schminkte
die Wangen der Leiche, dass sie wie volles blühendes Leben aussahen ... Jetzt,
meines Grauens und meiner Ausrufungen nicht achtend, ergriff sie gierig die
kleine zinnerne Lampe und beleuchtete ihr Werk ... es war ein Anblick, das Haar
sträuben zu machen ... Sie redete mit der von ihr geschminkten Leiche und wie
mit einem ihr bekannten Wesen, redete voll Teilnahme, voll Herzlichkeit;
beklagte die Leiden derselben, tröstete sie, eröffnete ihr ein Reich der
seligsten Hoffnungen und ging zuletzt von dannen, wie wenn ihr ganzes Sein sich
einmal aufgelöst hätte wieder in Andacht, Poesie und längstentbehrter Liebe ...
ich sah sie dahinschreiten wie ein Gespenst ... Als ich allein war, bekämpfte
ich mein Grauen, tauchte den Finger in das Oel der Lampe und entfernte die
trügerische Lüge des Lebens von den todten Wangen ... Der Gatte und die Kinder
kamen zurück ... sie fanden nur die Blumen und stockend erzählte ich, der Alten
wäre es ein Bedürfnis, in dieser Art stille Liebesopfer zu vollziehen ... Diese
Frau, mit der ich täglich verkehren musste, konnte ich nie mehr ansehen, schwieg
auch von dem Vorgefallenen zu jedermann, bis ich von andern erfuhr, dass diese
Manie allgemein an ihr bekannt war und dass sie, um sie zu befriedigen und vor
den Folgen ihres dadurch erlangten Rufes, der sie die Leichenschminkerin nannte,
sicher zu sein, schon seit Jahren ein traurig irrendes Wanderleben führte.«
    Oft hatte Lucinde diese Stelle gelesen ... mit Lachen sogar ... heute
erschien sie ihr in einem seltsam andern Lichte ...
    Sie überschlug jedoch einige Betrachtungen über das was man ein
Leichenschminken in der Geschichte nennen könnte, und fuhr fort:
    »Wie mich dann diese Erfahrung auch wieder zurückversetzt hat in meine erste
Erziehung zum Priester, in die klösterliche Einsamkeit meines Jugendlebens im
Convict!
    Ja, wer nennt euch alle, ihr Verirrungen, die unausbleiblich sind, wenn man
die Grundnatur des Menschen eine verdorbene nennt und das Leben daran gesetzt
wissen will, diese Natur zu bekämpfen, auszurotten und mit einer geläuterten,
einem Kleide voll Glanz und Durchsichtigkeit zu vertauschen! Wenn dich dein Auge
ärgert, reiss es aus! war Jahrtausenden und ist noch jetzt Millionen nicht im
Bilde gesprochen! Wirklich reissen sie sich - und andern den edelsten Teil des
schönen menschlichen Baues aus! In dem protestantischen Wesen findet die Lehre
von der Erbsünde doch, wenigstens nur noch im allgemeinen eine Pflege; aber bei
uns, den Treugebliebenen, uns, den in duldender Ergebung das grosse
geschichtliche Vermächtnis Forttragenden, bei uns ist darauf die ganze
Heilslehre begründet und der Teufel eine Macht, die man schon von dem Kinde
wegbläst und wegkreuzigt, wenn es getauft wird. Jeden ruhig prüfenden Seelenarzt
frag' ich, wie er es nennt, wenn das Mistrauen und der Hass vor der eigenen
Person sich so steigert, dass man sein Ich einer fortwährenden Züchtigung
unterwirft? Die Manie hört darum nicht auf eine Manie zu sein, wenn sie auch
geheiligt erscheint durch Millionen, die von ihr befallen wurden. Oft kann uns
schaudern vor einem Wahn, der die ganze Majestät der Gewohnheit und der Gesetze
für sich hat. Und doch ist dem so und wir sehen es mit Wehmut.
    Ich bekenne von mir, dass ich in meiner Erziehung zum Priester unter dem
Druck einer steten Beängstigung vor dem Uebersinnlichen und Gespenstischen
lebte. Die Fasten, die metodisch geregelten Lebensweisen machten uns Knaben bei
allem sonstigen Leichtsinn den Kopf so wirbeln, wie eine immerfort angeschlagene
eintönige Trommel zuletzt zur Verzweiflung bringt. Wir überboten uns, und nicht
aus Eitelkeit und Liebedienerei, in der Schaustellung des Kampfes gegen
Anfechtungen; wir wollten Visionen haben, wie Antonius in der Wüste und Franz
von Assisi. Einen meiner Mitschüler fand man eines Tages mit verletzten Gliedern
ohnmächtig in seinem Zimmer am Boden. Die Gewohnheit hatte er gehabt, in jedem
Augenblick, wo er allein war, an einem Querholz, das er nach langen geheimen
Mühen so über einen in der Mauer hervorstehenden Balken befestigen konnte, dass
es sich auch ebenso wieder abnehmen liess, ohne dass man die Anstalt bemerkte,
sich anzuklammern und für sich ganz allein wie Christus am Kreuze zu schweben.
In dieser Selbstmarter würde er immer weiter gegangen sein, wenn man ihn so
nicht eines Tages besinnungslos gefunden hätte.
    Empfindung hab' ich für alles Poetische, das einem solchen Wahn und einem
darauf begründeten Glauben und Leben zum Grunde liegen kann; ein Schauer
überrieselt mich aber doch, wenn ich mir eine solche, damals nicht etwa
bestrafte, sondern eher noch bewunderte und belobigte Gesinnung in ihrer spätern
Entwickelung, im weissen Gewande des Dominicaners, als Grossinquisitor, als
Beichtvater eines Fürsten denke und an solcher Stelle dann die Loose gemischt
und gezogen, die über das geistige Wohl der Jahrhunderte entscheiden wollen. O
du edler Gekreuzigter, den ich so innig liebe, was geht auf deinen Namen! ...
Einst fragte ich einen Arzt nach meiner Leichenschminkerin. Solche Dinge
entstehen aus den Störungen des geschlechtlichen Lebens! sagte er ... Nun wohl,
dann will ich einen Schleier fallen lassen, so gross wie der sternenlose,
schneeverhüllende Nachtimmel des Novembers, über euch Kirchen und Kapellen und
Klöster und Schulen, in denen die Priester im Geiste Hildebrand's erzogen werden
und wirken! ...
    Ich sah auch vielerlei Wahn, der nicht aus den Störungen des
geschlechtlichen Lebens kam. Die beleidigten Geister der Freiheit und Natur
rächen sich. Sie jagen wie mit Furienfackeln die Feinde der Menschheit, die
Verbrecher gegen den Heiligen Geist rund um sich selbst, dass sie keinen Ausweg
mehr wissen vor ihrem eigenen Schatten und mitten in ihren Siegen, mitten in
ihren Triumphen eine Verzweiflung sie ergreift, die ihnen zuletzt nicht den
geistigen Tod als die höchste Lebenswonne vorspiegelt, sondern sogar den
physischen -
    Wir hatten unter unsern Lehrern einige ehemalige Benedictiner, in ihrer Art
höchst gelehrte und an sich vortreffliche Männer. Sie gehörten Klöstern an, die
man aufgehoben, Klöstern, in denen sie mit grosser Bequemlichkeit gelebt hatten.
Einer davon verschmerzte die Versetzung in den Stand des Weltgeistlichen sehr
leicht. Es war ein Mann jovialer Natur, plauderhaft und nicht reinen Geistes.
Ihm hätte des alten Römers Wort: Vor Kindern habe Scheu! vorzugsweise gerufen
werden können. Seine behäbige und immer lächelnde Art war die der unerlaubten
Vertraulichkeit im Reden. Wie ein leckes Fass war er, das aus allen Ritzen
quillt. Seine Lust war die, Geschichten aus seinem Kloster zu erzählen, alles
durcheinander, Heiliges und Weltliches, Verbürgtes und Unverbürgtes - später
hab' ich oft solche unwürdige Greise gefunden, die ein Gefallen daran finden,
gerade vor der Jugend geistig entblösst zu gehen. Was hat uns nicht dieser alte
Professor, Pater Sylvester, von seinem und allen Klöstern und Pfarreien der Welt
erzählt! Nichts etwa, was gegen sie zeugen sollte, nein, das Frommste, das
Andächtigste, aber gemischt mit dem Unmöglichsten und sich eben deshalb dem
Spott von selbst Anheimgebenden! Die Geschichten von einer Pfarrersköchin, die
mit dem Teufel zu tun gehabt hatte, erzählte er ebenso für bestimmt, wie er die
Versicherung gab, dass im Fegefeuer die Männer und Frauen getrennt sind. Dies
bewies er aus der schlechtern Natur der Weiber, die durch Aussprüche der
Concilien erhärtet wurde. Die Entziehung des Kelches schrieb er dem
Ueberhandnehmen der Bärte zu und der Gefahr des Weines vor dem Ungeziefer - Kein
Bienenschwarm, sagte er wie mit Schwuresbeteuerung, der in eine Kirche käme,
rühre die Hostie an - Zwei Leichen hätten in einem Grabe gelegen, als man sie
aber ausgrub, hätte man die eine über der andern gefunden und als man näher sich
erkundigt, war die untere ohne Beichte gestorben - Dem Pfarrer gebühre
eigentlich von allem der Zehnten, auch von der Ehe; diesen könnte er aber den
Neuvermählten schenken, da er jede Ehe schon vollständig allein genösse, nämlich
am Altare im Sakrament (man denke sich, wie uns reifende Knaben diese Worte
aufregten!) - Die Kirchenglocken wären die Zungen der Lüfte, folglich müssten sie
auch wie jede Zunge fasten; das geschähe am Grünen Donnerstage - Im Beichtstuhl
müsste man vorzugsweise nach den Träumen fragen; eben in diesen läge der wahre
Schlüssel zur beichtenden Seele, die oft selbst nicht wisse, was ihre wahre
Sünde sei - Beim Lesen einer Todtenmesse erkenne man daran, wenn dem Priester
das Kind Jesu in der Hostie erschiene, dass die Seele nicht mehr im Fegefeuer
wäre - Und so gingen diese Belehrungen des Paters Sylvester fort bis zur
Exaltation über den Wert eines Priesters, dass dieser uns geradezu Gott
gleichzukommen schien. Zwischendurch liefen in aller Harmlosigkeit Berichte über
ein Nonnenkloster, wo die Schwestern im Klostergarten bei Mondschein wandelten
und unter den Blumen das Kind Jesu suchten und oft schon hätten sie's gefunden,
sagte er, und hätten's in die Kirche an den Hochaltar getragen, geputzt und
lieblich angesungen und allerlei Spass mit ihm gehabt - oder von einem Mönche,
der in einem Büchschen den Staub sammelte, der sich am Hochaltar auf den
Marienbildern anlegte, und damit Zahnweh vertrieb und Aehnliches.
    Was aber auch Pater Sylvester uns in Mussestunden und beim Spazierengehen mit
ernster Miene an solcher Narreteidung zuflüsterte - man schickte ihn endlich in
ein Versorgungshaus - nichts kam dem gleich, was wir in unserm düstern Gebäude
mit seinen langen Gängen, finstern Zellen, durchräucherten Winkeln und
gefängnissartigen, vergitterten Fenstern endlich selbst erlebten.
    Ein anderer Benedictiner, Pater Fulgentius, war ein Mann von grossen
Kenntnissen und strenger Disciplin. Cholerischen, oft aber auch wieder
tiefmelancholischen Temperaments und wie von Schwermut über die ganze
Erdenschöpfung ergriffen, flammte er bald in Ausbrüchen der Leidenschaft auf,
bald versank er in ein fast menschenscheues Umherirren und Suchen nach einer
Ruhe, die er nicht finden konnte. Er brachte es dahin, dass Pater Sylvester
endlich entfernt wurde. Von zelotischer Strenge in seiner Lehre strafte er, liess
züchtigen und verbreitete Furcht und Schrecken. Dieser Gesinnung wegen hatte man
ihn zum Rector ernannt. Erst schloss er sich ein, um diese Würde abzulehnen -
zwei Tage lang! Als er endlich, von Hunger und Durst getrieben, nachgeben musste
und öffnete und die Würde annahm, war er eine Zeit lang die Milde selbst; bald
aber kam die alte wie aus Feindschaft gegen Gott und die Welt hervorgehende
Strenge, die indessen den Ruf der Gottseligkeit der Anstalt mehrte. Endlich
verbreitete sich das Gerücht, dass es mit dem Pater Fulgentius nicht geheuer
wäre. Nachts hörten wir Kleinern zuweilen ein plötzliches Laufen auf den
Corridoren, ein Schellen wie nach Hülfe - am folgenden Morgen erfuhr man, der
Rector wäre krank gewesen. Erst nach einigen Tagen erschien er dann wieder,
düster und verfallen, mit dem Ausdruck des tiefsten Seelenschmerzes und so, als
läge das ganze Leid der Welt auf seinen Schultern. Diese nächtlichen
Begebenheiten wiederholten sich, ja am Tage kamen sie schon vor und allmählich
verlautete die grauenhafte Kunde, dass der Rector, gefoltert von Seelenleiden,
unzufrieden mit allem und mit sich selbst zumeist, eben noch die
gleichgültigsten Dinge reden, dann aber in seine Zelle gehen konnte und Versuche
machen, sich zu entleiben. In der ersten Nacht hatten ihn einige Schüler der
ersten Klasse gerettet, die um Mitternacht in den Chor mussten, um zu singen. Sie
klopften, um den Rector, der sich zuweilen auch diese Unterbrechung des Schlafes
auferlegte, abzurufen, traten, da niemand sein Zimmer verschliessen darf, selbst
ein Lehrer nicht, ein und hatten den Anblick eines Erhängten. Die rasche
Entschlossenheit eines der stärksten Alumnen schnitt ihn los und allmählich kam
er zu sich. Man verschwieg den Vorfall, musste ihn verschweigen; aber er
wiederholte sich. Man suchte die Ehre der Anstalt zu wahren; die Verbindung mit
der Aussenwelt war so lose, so locker, die Intervalle der
Selbstzerstörungsanfälle wurden zuweilen länger; man bewachte den Unglücklichen,
nahm ihm weg, was ihm die Ausführung seines Gelüstens erleichtern konnte - und
so wurden diese Dinge vertuscht. Als jedoch immer und immer die Scenen
wiederkehrten, beriefen die Professoren, die grösstenteils durch Pater
Fulgentius berufen und angestellt waren, einen Mann, den wir, als wir davon
erfuhren, nicht anders als für einen Exorcisten halten konnten. Denn es stand
uns fest, dass eigentlich an dem Pater Fulgentius sich eine besondere Absicht der
Vorsehung offenbarte. Wir sahen ihn um seines gottseligen Lebens und seiner
Lehre willen nur unter den Anfechtungen des Teufels. Ihn dem Himmel zu erhalten
schien uns der Zweck eines Besuches zu sein von einem durch seine Ascese
berühmten Mönche, einem Laienbruder der Franciscaner, der aus ferner Gegend
angemeldet wurde.
    Ein Bruder Hubertus erschien. Eine hagere, fast skeletartige Gestalt, mit
einem Kopfe, der schon dem Beinhause anzugehören schien. Angekommen, verneigte
er sich freundlich nach rechts und links und begrüsste den Rector scheinbar nur
im Auftrage seiner Obern mit dem Ausrichten einer ihm anvertraut gewesenen
Commission in Sachen eines Processes; denn auch ein Advocat begleitete ihn.
Pater Fulgentius wusste nichts von dem Vorhaben seiner Freunde, die eine Heilung
durch den Bruder Hubertus nach dessen Rufe für möglich hielten. Auch ich erfuhr
erst viel später den ganzen Zusammenhang aller dieser Vorgänge. Auf meinen
künstlerischen Irrpfaden begegnete ich einem meiner frühern Mitschüler, einem
inzwischen angestellten Pfarrer, der damals den obern Klassen angehört hatte,
die den Rector bewachten. Man denke sich Vorlesungen über den Glauben und die
Liebe, die unter solchen Umständen gehalten wurden! Jener berühmte Rechtslehrer,
der in Berlin auf die vernünftigste Art seine Pandekten las und dennoch sich
einbildete, Kaiser Justinian zu sein, hat mich oft an diese Collegien in unserm
Convict erinnert. Von diesem alten Mitschüler erfuhr ich erst, dass Bruder
Hubertus, der gleichsam zum Ausruhen von seiner Fusswanderung einige Tage länger
unter uns verblieb, eines Tages den Befehl gab, die Werkzeuge der
Selbstzerstörung in des Paters Nähe - nicht wegzunehmen. Es geschah dies ...«
    Lucinde hörte die zwölfte Stunde schlagen ...
    Sie legte die Blätter zusammen ...
    Sie kannte ihren ganzen Inhalt ...
    Sie hatte alles das schon so oft gelesen und nahm es nur dann wieder vor,
wenn sie sich für den Zwiespalt, in dem sie mit den Auffassungen Serlo's lebte,
eine Beruhigung suchte, eine Brücke der Vermittelung ...
    Hätte Serlo noch gelebt und neben ihr gestanden - mit seiner elegischen
Ironie, der lässigen Ergebenheit, der sichern Zuversicht, dass dies ganze Dasein
der Mühe des Lebens nicht lohne - sie würde vielleicht über Religion und Kirche
gedacht haben wie er. Bonaventura aber glaubte anders ... Das zog sie, sich
nicht den Anschauungen Serlo's gefangen zu geben ... Wie sie schon den Beda
Hunnius anders beurteilte als Serlo, so hätte sie auch getrost den ganzen Bau,
der sich um sie her durch ihr neues Bekenntnis wölbte, vollkommen anerkannt und
an seiner Vollendung mitgearbeitet, hätte nur Bonaventura irgendwie ermutigend
und beifalllächelnd zu ihr herabgesehen ... und das stand überdies in ihr fest:
Wahn ist ja alles! Für den Glauben aber, es wäre kein Wahn (und der ist
notwendig, wenn nicht alles zusammenfallen soll), kann es mancherlei Formen
geben, von denen dann allerdings die eine vielleicht eine Kleinigkeit besser ist
als die andere ...
    Der Name des Mönches Hubertus durchschauerte sie jedesmal, wenn sie von ihm
las. Sie hatte ihn nie gesehen - aber in ihrer Jugend oft von ihm reden hören.
Was knüpfte sich nicht alles an ihn an! An diese alte Liebe der wie einst ihre
Tauben gestern so am Küchenherd Erwürgten! ... Die Nächte im Pavillon des Parks
vom Schloss Neuhof, wenn die Ulmen rauschten und der Mond mit seinem so klugen,
aller Dinge der Erde kundigen Antlitz in ihre Kammer schien, nachdem sie das
Licht ausgelöscht und sich auf ihr Lager geworfen ...
    Auch jetzt ging sie zur Ruhe ... die Lampe auslöschend und hinter ihrem
Schirm verschwindend wie ein Schatten ...
    Sie hatte die Ahnung, dass sie noch durch viel Untergang und Zerstörung gehen
würde - Dann war es ihr immer, als stünde alles um sie her in Flammen ... Und
auch heute war ihr erster Traum eine Feuersbrunst ...
    Allmählich wurden die Bilder ruhiger ... Noch zeigten sie wohl die alte Frau
Hauptmännin auf der Todtenbahre ... Hubertus trat zu ihr ein wie zu Pater
Fulgentius ... Doch was sind Träume! ... Der »Advocat«, der hinter ihm stand,
war erst Lucifer selbst - dann milderten sich die Schrecken - die Gestalten
wurden bleicher und bleicher - zuletzt blieben nur die beiden Bologneserhündchen
übrig und Herr Maria mit seiner saubergefältelten Wäsche und mit Deutschlands
feinstem Dialekte.
 
                                    Fussnoten
1 Wir werden gezogen und haben keinen freien Willen.
 
                                      10.
Hoiho! ... Hoiho! ... Hoiho!
    So rief es hellauf hinter einer lieblichen Gruppe von Birken und Hängeweiden
und von einer weiblichen Stimme, rein, metallen, wie Silberton.
    Die Ruferin war ein junges Mädchen in blauem Kleide, einem leichten runden
Strohhut auf dem einfach gescheitelten Haare -
    Ein Ruder in der Hand stand sie in einem leichtgebauten Kahn, ihn hin- und
herwiegend mit herausforderndem Mute. Noch lag der Kahn an einer Kette, die ihn
am Ufer festielt; noch stiess und rauschte sein Vorderteil an den Sand und die
Steine des Strandes der Insel Lindenwert. Ein Schifferknabe sass an der
entgegengesetzten Seite; das Steuerruder schon in der einen Hand und auf den
erwarteten Befehl bereit, die Kette mit der andern zu lösen.
    Die Ruferin winkte jetzt durch die Hängeweiden und Birken hindurch einem
alten, von Linden umstandenen Gebäude zu, das klosterähnlich dicht in der Nähe,
in der Mitte der kleinen Insel lag. Sie schien es auf ein Fenster abgesehen zu
haben, an dem auch eben eine andere, ältere weibliche Gestalt sichtbar wurde.
    Der Seemannsruf Hoiho! Hoiho! schien aber dort nicht die beabsichtigte
Wirkung hervorzubringen.
    Armgart von Hülleshoven - sie nur ist es - befahl mit einem kurzen
vertraulichen Winke dem Schifferknaben, weiter ins Wasser hinauszustechen und
lehnte sich selbst über Bord, um die Kette vom Pflocke, der sie festielt,
abzunehmen. Als zu dem Ende der Knabe sein zweites Ruder ergriffen hatte, nahm
sie ihren Hut ab und setzte sich ans Steuer statt seiner. Der Knabe wusste schon,
sie wollte, um von der Dame am Fenster gesehen zu werden, mehr die Höhe der
kleinen Hafenbucht gewinnen.
    Nun musste doch gewiss das Winken mit dem grossen Hute sichtbar werden an dem
Fenster des Klostergebäudes!
    Aber jetzt war die daselbst ersichtlich gewesene Dame vollends verschwunden.
    Armgart harrte erst, ob die Gerufene inzwischen vielleicht herabkäme ... Da
sie aber ausblieb, forderte Armgart den Knaben auf, einige hörbare und kräftige
Zeichen von sich zu geben.
    Hast ja dem geistlichen Herrn neulich um deine Stimme so gefallen, sagte
sie, und sprichst als Ministrant dein »Saecla Saeclum« so prächtig laut, dass sie
dich hören muss, Tönneschen! Ruf' einmal recht Juhu!
    Und Antonius, genannt Tönneschen, rief denn auch, immer auf ihr Auge sehend,
ein Juhu um das andere lautschallend in die Weite hinaus. Freilich musste er dazu
von Armgart erst wieder aufs neue ermutigt werden, denn es ging gar still her
um die Insel Lindenwert und wirklich war er von jenem geistlichen Herrn um
seines schönen Aussehens und seiner sanften Augenwimpern willen in allem Ernst
zur Verfolgung der kirchlichen Laufbahn ermuntert worden, als er ihn beim
Ueberfahren zu den Englischen Fräulein in einem Büchlein schon vor Wochen auf
den Turiferar studiren sah, den er am morgenden Sonntag drüben in der Kirche zu
Drusenheim - noch nicht in der byzantinischen des Herrn Bernhard Fuld, sondern
in der alten - beim Hochamt übernehmen sollte.
    Ei, Tönneschen! Lauter! Lauter! Was schadt's! rief Armgart.
    Nun liess Tönneschen ganz den Schifferknaben los und wagte einen Naturlaut
von einer solchen Kraft, dass man das Echo vom jenseitigen Ufer drüben im Enneper
Tale, wie hüben vom vielbesungenen Hüneneck zurückschallen hörte.
    Dann sah er Armgart an, als wollt' er sagen: Nun, war's so recht? Aber dir
überlass' ich die Verantwortung!
    Die Dame erschien wieder am Fenster ...
    Sie machte jedoch die entschiedensten Zeichen der Ablehnung der ihr offenbar
zum Mitfahren gestellten Aufforderung.
    Mit zärtlich winkender Geberde wiederholte Armgart ihr Anliegen. Sie zeigte
ringsum in die Gegend, deutete mit dem Hut auf die wundervolle Luft und
beschrieb mit dem einen Arm, den sie frei hatte, einen Kreis, als wollte sie
sagen: Gibt es denn etwas Schöneres in der Welt, als so auf dem schönsten Strom
der Erde an einem Sonnabend Nachmittag im Kahne durch die Wellen zu kreuzen!
Gibt es denn etwas Vernünftigeres, da du doch immer die Vernunft im Munde hast,
als eine Erlaubnis zu benutzen, die die gestrengen Englischen Fräulein mir
Unverbesserlichen zugestanden haben! Ist denn der Antonius Hilgers trotz seiner
unverkennbaren Bestimmung zum Priester nicht der beste und kundigste Ruderer der
Insel? Meiden wir denn nicht sorglichst die Dampfschiffe, obgleich, im Vertrauen
gesagt, nichts über das Schaukeln geht, wenn sie vorüber sind und der Nachen in
ihre zurückgelassenen Furchen gerät? Hüten wir uns denn nicht vor Tiebold de
Jonge's grossen Holzflössen, mit denen nicht zu spassen ist? Und ist denn nicht
jetzt die Stunde, wo wir möglicherweise drüben -
    Alles das sagte ihre Geberdensprache und ihr Blick, aber die grausame Dame
zeigte auf eine Näharbeit, die sie hoch emporhielt ...
    Ach was! war Armgart's Geberdenantwort. Sonnabend Nachmittag! Die seligste
Zeit im Leben lernensgeplagter Jugend! Sonnabend Nachmittag mit seinem
Stillstand aller teoretischen und praktischen Lehrcurse, mit seinem Wonnegefühl
vollbrachter geographischer und linguistischer Anstrengungen, mit seinem
erhebenden Rückblick auf wenig Lob und viel Tadel, mit seiner zurecht gelegten
Sonntagswäsche, seinem erquickendsten Reinigungsbehagen, auch dem geistigen, dem
abgelegten Sündenbekenntniss in der Beichte; Sonnabend, Sonnabend mit seinen
Ahnungen und Hoffnungen auf Sonntag, auf die Extramehlspeise, Nachmittags auf
die Landpartieen der Philister, denen diese schöne Natur Feiertagskuchen ist,
uns das tägliche Brot! ... Alles das wurde durch Deuten auf Himmel, Wasser,
Erde, Luft, Ohr, Auge, Herz und ähnliche erfinderische Mimoplastik ausgedrückt.
Und zuletzt stand sie sogar ganz still, bat nur mit den Augen und liess die an
ihr jetzt sogar seit dem Abend bei Piter Kattendyk stadtbekannten zwei weissen
Zahnperlen unter den vor Ungeduld und Schmerz halbgeöffneten Lippen sichtbar
werden. Die Dame oben - es war Angelika Müller - sollte daraus entnehmen: Meine
drei Aves, die ich für meine heute gebeichtete bekannte Ungeduld und
Verzweiflung um das lange Schweigen des Dechanten und meiner angebeteten Paula
und mein Herzpochen um die Antworten auf die Briefe nach Kocher am Fall und nach
Wien zur Busse zu beten vom Pastor Engeltraut drüben aufbekam, hab' ich bereits
hinter den ausgenaschten Brombeerhecken und beim Auflesen der auf den Boden
gefallenen ersten reifen Mirabellen in aller Stille hinter mir ... also so komm'
doch, so komm' doch, so komm' doch!
    Da nun aber bei alledem die Grausame hartnäckig und lächelnd ablehnend
verblieb, da es auf der Insel sogar schon lebendig wurde über den Lärm des sonst
so still sittsamen Tönneschen, da die Mitbewohnerinnen der Pension sich aus den
Fenstern, ja sogar schon im Gemüsegarten meldeten und zwei davon, die kein
Deutsch konnten, in französischer Sprache sich vom Ufer aus über Nautik und den
Atlantischen Ocean mit Armgart zu unterhalten anfingen, was leicht damit enden
konnte, dass ihrer mehrere mitfahren wollten, und als vollends von dem Ufer am
Hüneneck her schon ein Kahn voll natur- und romantiktrunkener Engländer und
Engländerinnen angefahren kam, so wandte Armgart ihr letztes und stärkstes
Beschwörungsmittel an.
    Tönneschen riss die Augen auf über die Geberden, die plötzlich das Fräulein
von Hülleshoven machte. Sie liess das Steuer fahren, hob noch einmal das zweite
schwere Ruder in die Luft und beschrieb mit ihm allerlei wunderliche Zeichen.
Erst einen grossen Kreis, dem sie gleichsam zuletzt in der Mitte einen Punkt gab.
Dann ein Dreieck, in das sie wieder ein Dreieck hineinzeichnete. Dann ein
Viereck, durch dessen vier Winkel sie einen Kreis beschrieb ... So, eine
matematische Figur nach der andern, und wie die Hand müde wurde, legte sie das
Ruder nieder und drehte mit dem Finger Spirallinien und Wellenlinien und machte
Schnörkel über Schnörkel in die Luft.
    Da schüttelte denn endlich Angelika Müller am Fenster lächelnd den Kopf. Sie
schüttelte ihn wie über ein Wesen, mit dem man die unsäglichste Geduld haben
müsste ... Wir wissen aber schon, dass dies jene Zeichen sind, auf welche Dr.
Laurenz Püttmeier, Angelika's Freund und funfzehnjähriger Verlobter (Hegel lebte
nicht mehr, aber sein vom Staate respectirtes Testament duldete keinen neuen
Lehrstuhl neben dem von ihm selbst bestimmten Nachfolger) seine rechtgläubige
Philosophie begründet hatte.
    Jetzt kam denn Angelika ...
    Rasch war Armgart bei der Hand, setzte ihr Ruder wieder ein und wies auf den
Punkt, wo Angelika immer vorzog, zu einer Stromfahrt einzusteigen ... Und es war
die höchste Zeit. Junge Mitpensionärinnen machten schon Miene, mitfahren zu
wollen »nach Amerika«, wie es hiess, »nach Canada« ... Alle hatten seit einiger
Zeit nur Amerika und Canada im Munde; Tiebold de Jonge hatte zwar keine
Verwandte im Stifte und durfte es deshalb nicht betreten, trug aber doch die
Verehrung für die Tochter seines Lebensretters nicht wenig zur Schau.
Stundenlang in einem gelben Nankinghabit, das ihm mit rotseidenem Sacktuch auf
der Brust und gelbem Strohhut allerliebst stand, in der Gegend der Insel allein
herumzusteuern war seiner Schwärmerei »eine Kleinigkeit«. Ja, alle wussten schon,
dass morgen im Enneper Tale Tiebold de Jonge und seine Freunde, Piter Kattendyk
ausgenommen, zu den Hunderten von Gästen gehören würden, die sich Sonntags hier
regelmässig drängten, ja sie wussten schon durch Briefe aus der Stadt von Gebhard
Schmitz, dass es ganz ausdrücklich auf eine Begegnung mit den Stiftlerinnen
abgesehen war.
    Angelika Müller kam, einen mächtig grossen runden Hut auf dem Kopf, mit einem
Shawl in Reserve für etwaige Zugluft, mit einem Regenschirm in Reserve für
etwaiges Gewitter, mit einem Sonnenschirm in Reserve für etwaige zu stechende
Sonnenhitze, mit einem Proviantbeutel in Reserve für etwaigen Schiffbruch und
eintretende Hungersnot.
    Trotz der nicht erfüllten äusserlichen Erwartungen, die einst Frau von Gülpen
auf die Dame setzte, die ihr diese »Nichte« anempfahl, hatte sie ein
überströmendes Herz voll Güte und Anteil. Sie lehrte in der Anstalt Rechnen und
Matematik, ohne jedoch irgendwie geistig so abstract zu sein, wie sie es
allerdings zum damaligen Schrecken des Dechanten äusserlich war.
    Als die allverehrte Docentin der Matematik, nicht ohne ein leises Kichern
der Aengstlichkeit, über einige grosse Steine, unterstützt von dem hülfreichen
Beistande der mürrisch zurückbleibenden Pensionärinnen, eingestiegen war, rief
Armgart ein im Grunde des Herzens tief vorwurfsvolles: Gott sei Dank! und war
über die Sprödigkeit ihrer besondern Freundin und Gönnerin fast dem Weinen nahe.
    Du weisst doch, sagte sie und setzte sich wieder ans Steuerbord, während am
Backbord Tönneschen jetzt beide Ruder zugleich mit kräftig ausholenden Armen in
Bewegung setzte, du weisst doch, wie mein Herz bekümmert ist und wie ich ohne
Beistand geradezu vergehen muss!
    Angelika breitete im Kahn ihre Sachen aus und prüfte vor allem erst des
Fahrzeuges Gleichgewicht. Da sie die unruhigen Bewegungen Armgart's, ihr
Aufstehen und Aehnliches voraussah, legte sie alles, was sie bei sich führte,
sich gegenüber, um, so leicht sie war, doch Gegengewicht zu haben. Dann spähte
sie rundum. Gefahr von grössern Schiffen war nicht vorhanden. Die grosse Strömung
des Flusses geht auf der entgegengesetzten Seite der Insel nach dem Enneper
Tale zu. Tönneschen wusste schon, er hatte nach dem Hüneneck zu fahren. Prächtig
ging es mit dem Strome; nur laviren musste man, um nicht zu weit unten zu landen,
sondern mehr nach oben, womöglich an des Herrn Joseph Zapfs stattlichem
Wirtshause Zum Roland.
    Das Kummervollste bleibt immer unsere baldige Trennung! sagte Angelika.
Tante Benigna und Onkel Levinus machen jetzt Ernst mit Heiligenkreuz!
    Armgart's Ausdruck nahm den eines Schmerzes an, der den Blick, den Mund, die
Bewegung der Arme, alles ergriff und sie einer jener leidenden, stillergebenen
Heiligen ähnlich sehen liess, die Murillo und Carlo Dolce gemalt haben.
    Angelika! Was soll ich in Heiligenkreuz! sagte sie.
    Erst nur die Stelle einnehmen; das Uebrige findet sich! Hunderte beneiden
dich um das Glück, eine Stiftsdame zu werden!
    Ein Jahr zur Probe, wie eine Nonne! Wie werden die alten Fräulein mich
zurecht setzen in dem düstern Hause! Jetzt, wo ich Flügel haben möchte, um ans
Ende der Welt zu fliegen!
    Angelika vermied es auf diese Wünsche und Klagen zustimmend einzugehen ...
    Liebes Kind, sagte sie, eine Stiftsdame zu Heiligenkreuz schon in seinem
sechzehnten Jahre zu werden, ist eine Auszeichnung, die man nur Familien vom
ältesten Adel und von besonderer Distinction zuwendet. Nach einem Jahre kannst
du dann mit deiner Pension wohnen, wo du willst, vorausgesetzt, dass du alle zwei
Jahre einige Monate unter den Damen zubringst, die es vorgezogen haben sich im
Stift für immer anzusiedeln. Und ist denn Westerhof so entfernt von
Heiligenkreuz? Ein schöner Waldspaziergang und du hörst schon die grossen Hunde
von dem Kamp her bellen, aus dem Schloss Westerhof wie eine alte Gluckhenne
heraussieht!
    Angelika lachte, scheinbar über ihren eigenen Einfall; aber sie lachte
eigentlich nur vor Behagen, weil Armgart sich so ruhig verhielt ... auch sah die
kleine Träumerin in ihrem Leid gar komisch aus.
    Das ist noch mein Trost! sagte Armgart, setzte aber seufzend hinzu: Wer
weiss, was aus Paula wird!
    Das kann noch lange währen, liebes Kind! Rechnet man z.B ....
    Nur nicht rechnen! rief Armgart.
    Nicht rechnen? Als Stiftsdame wirst du den ganzen Tag rechnen! fuhr Angelika
fort. Die Einkünfte bestehen in Naturalien und die vornehmen Fräulein müssen
ihre Butter, ihre Eier, ihre Hühner, ihr Korn und ihr Stroh selbst verkaufen!
    Also ewig - dividiren! sagte Armgart träumerisch seufzend. 16 Jahre in 1111
- so viel Jahre mögen im Stift beisammen sein - wie viel kommt da auf mich?
    Du meinst, die Einkünfte werden insgesammt verkauft und jedem wird dann je
nach seinem Alter sein Anteil gegeben? Bewahre, Kind! Früher war das so! Aber
einige alte Fräulein kamen, die sehr geizig waren, andere trauten sich viel
Kenntnisse von Handel und Wandel zu, jede hoffte für sich allein bessere Preise
zu gewinnen, als der Verwalter, und nun verkauft jede ihre Einkünfte apart auf
ihrem Zimmer für sich und hält alle vier Wochen bei sich Markt ...
    Nun gut! ergab sich Armgart. Wenn ich also auch Fische bekommen sollte aus
unserm berühmten Lago Maggiore, dem Ententeich, so soll sie immer durch die neue
Eisenbahn hier unser Tönneschen da kriegen und auf die Tables d'hote am Hüneneck
verkaufen! Nicht wahr, lieb Tönneschen? Bis du nach Belgien gehst?
    Tönneschen lachte über die schmachtend elegische Huldigung und lachte nicht
ohne Pfiffigkeit. Er gehörte zu den Knaben, die der Kaplan Michahelles vorhatte
auswärts von den Jesuiten erziehen zu lassen ...
    Dem kleinen Kahne begegneten andere mit Fremden, die diesen schönen Punkt
nach allen Richtungen hin geniessen wollten ...
    Zur Belohnung für das von Armgart dabei heute so ruhig eingehaltene
Gleichgewicht zog Angelika aus ihrer Provianttasche einen Brief ...
    Da rief Armgart: Wie? und sprang nun auf ...
    Jesus Marie! entsetzte sich Angelika. Das hatte sie nicht bedacht. Der
Anblick eines Briefes liess Armgart sofort alle Schrecken eines umstürzenden
Kahnes heraufbeschwören. Vom Dechanten! rief Armgart und wollte den Brief haben.
    Diese Worte hörte Angelika kaum vor verzweifelnder praktischer Anwendung der
von ihr so oft vorgetragenen Teorie des Gleichgewichts.
    Als die Bewegungen Armgart's und des Kahnes sich beruhigt hatten, sagte
Angelika:
    Nein, wie du bist, Armgart! Es ist ein Brief aus Eschede! Der Herr Doctor
ist mit deinem Vorschlage, die Seelen der Abgeschiedenen mit einem kurzen Symbol
zu bezeichnen, überraschend einverstanden ...
    Armgart setzte sich mit einem tief geseufzten: So? Das! und voll bitterer
Täuschung.
    Angelika jedoch, der offenbaren Geringschätzung des »Herrn Doctors« nicht
achtend, rückte ihr zärtlich und mit einer seit funfzehn Jahren auf die
Sparkasse der Hoffnung gelegten Herzensinnigkeit näher und las:
    »Ja, meine teure Freundin, dass ... (die Liebenden nannten sich seit
funfzehn Jahren noch Sie) Sie auch in den Ihrer geistigen Pflege anvertrauten
Gemütern Bekenner für meine Wissenschaft gewinnen, verpflichtet mich zum
wärmsten Danke! Wie sehr Ihre Empfehlung meiner schwachen, von Gott sicher noch
mit grössern Erfolgen als bisher bedachten Bemühungen um das ewig Eine, ewig
Viele und ewig Besondere in Ihrer Nähe Wurzel fasst, erseh' ich allerdings aus
dem Gedanken der holden Armgart, den abgeschiedenen Seelen, wenn sie zunächst
dem Fegefeuer zufliegen, tiefbedeutungsvolle Abkürzungszeichen zu geben. Ja
gewiss, es gibt Semikolon-Seelen, die ihr Dasein auf Erden fast zweifelhaft und
unbeendet gelassen haben und dem Himmel nur ganz unfertig, vollkommen noch
weltlich und fast leichtsinnig zufliegen:
es gibt Fragezeichen-Seelen, die ganz nur im Jenseits von der Gnade Gottes
abhängig sein werden und etwas noch ordentlich sich Aufbäumendes, Eulen-, ja
Fledermaus- und Drachenartiges im Aufflug haben:
Und dass dann Fräulein von Hülleshoven ihre Freundin Comtesse Paula in der
Betrübnis, die junge Gräfin könnte ihrem wieder recht nervenkrank gewordenen
Zustande erliegen, gar schon innerhalb des grossen Gottesherzens, das die Welt
bedeutet, dem Fegefeuer in dieser Gestalt zufliegen sieht:
das hat wirklich in allen Bewohnern von Eschede, denen ich dieses Symbol
mitteilte, in der Frau Steuerinspectorin Emminghaus, in der Frau Geometer
Schmedding, in der Frau Hofrätin Tübbecke und allen meinen treuen Anhängern und
Anhängerinnen den Wunsch erweckt, auch einst nur in dieser Gestalt das Zeitliche
zu segnen. Aufwärts die Flamme der Läuterung, das grosse Herz die das Universum
zusammenhaltende göttliche Liebe und die Seele drinnen in Gestalt des
geflügelten Kreuzes feierlich senkrecht emporsteigend« ...
    Was schreibt er von Paula? unterbrach Armgart, durch das Wort »recht
nervenkrank« geängstigt ...
    Angelika hörte aber nicht, wollte nur fortfahren und las mit der Phantasie
tief versunken in die kleine escheder Gemeinde ihres Freundes, die sie ihm ohne
alle Eifersucht als Ersatz für einen Lehrstuhl in Berlin oder München gönnte:
    »Frau Emminghaus« -
    Nein, nein! unterbrach Armgart. Schreibe deinem Freunde, dass die alle nicht
so ins Fegefeuer auffliegen werden, wie Paula! Frau Emminghaus muss als
geflügelte Kaffeekanne hinauf, Frau Tübbecke als geflügelter Strickstrumpf und
dein Doctor, der auch als schwarzes grosses geflügeltes Tintenfass -
    Armgart! verwies Angelika aufs heftigste und wäre nun fast selber
aufgestanden. Da jedoch suchte Armgart sofort ihre Unart durch eine Umarmung
wieder gut zu machen und nun hätte selbst die ruhige Nachhülfe Tönneschen's
nichts gefruchtet, ein Unglück zu verhüten, wenn nicht glücklicherweise der Kahn
schon dicht an das Uferschilf angekommen gewesen wäre ... Der ausgestossene
Schrei der Lehrerin erstickte in einem Vergib mir, das Armgart schmeichelnd mit
einem ihrer süssesten Töne sprach.
    Von der gewaltigen Flut fortgetrieben, landete der Kahn weit unterhalb des
Roland und mitten im Schilfe ... Dem Tönneschen war dieser Landungsplatz gerade
recht, denn er wollte im Kahne verbleiben, um noch zu morgen sein Latein zu
lernen, das keineswegs bloss aus Spiritu tuo und Saecula saeculorum bestand ...
Pfarrer Engeltraut liess alle Knaben seiner Gemeinde, die sich durch Bravheit
auszeichneten und solche Aeltern hatten, die ein glattgekämmtes Haar, ein
sonntäglich Gewaschensein von Kopf bis zu Fuss, Schuhe und ein weisses, sauberes
»Röckel« über den roten Talar, den die Kirche gab, verbürgten, nacheinander dem
heiligen Messdienst administriren. Tönneschen war zum ersten male zum Schwingen
des Weihrauchfasses bestimmt und beide Mädchen lobten ihn und versprachen ihm,
an dieser Stelle sich wieder einzufinden und bestiegen das Ufer.
    Armgart wollte Angelika helfen ... Diese lehnte es jedoch ab ...
    In ihrem, wenn auch in allen Literaturzeitungen verspotteten, doch von ihr
und seiner Stadt und seiner Provinz hochverehrten Freunde war sie denn doch aufs
tiefste gekränkt worden.
    Ernstlich schmollend erwehrte sie sich eine Weile jeder Annäherung an ihr
schwer verletztes Herz ...
    Armgart's Anmut aber trug den Sieg davon. Während Angelika erst die Lehre
von den Curven zu befragen schien, bis sie den Ansatz machte, diesen oder jenen
Weg einzuschlagen, sprang jene schon voraus und machte den von Angelika endlich
gewählten Weg zweimal und da gab es denn bald wieder Heiterkeit, Lachen, Kuss und
Umarmung.
    Das gewohnte Ziel ihrer stillbeschaulichen Wanderungen lag auf der Anhöhe.
Angelika wäre heute lieber in die schönen, eleganten Wirtschaften und Gastöfe
gegangen, die am Fusse des Hüneneck liegen oder in den dem Wasser näheren, wenn
auch weniger comfortablen Roland.
    Doch dahin brachte Armgart nichts. Sie wies zu Hecken und Obstgärten hinauf
und umschmeichelte die Freundin so lange, bis diese zuletzt zu den bekannten
drei Birnbäumen folgte. Das waren drei einsame Birnbäume auf einem
terrassenartigen Vorsprung der hohen Berglehne am Fusse des Hüneneck mit einer
kleinen Bank und einer ganz himmlischen Aussicht.
    Hier oben pflegte sich Armgart, wenn sie etwas atemlos von der steilen
Anhöhe angekommen war, gleich in das rings wachsende Gras zu werfen und sich
manchmal noch ganz wie ein fünfjähriges Kind zu kugeln, manchmal aber auch von
hundert Sorgen, von denen sie bedrückt zu sein vorgab, sich auszuklagen und
auszuweinen ...
    So heute ... Und heute nicht einmal vor Sorgen allein, sondern nur vor
Ungeduld und Unruhe. Sie wusste, dass Benno in der Gegend war ... Er hatte ihr
durch Tönneschen's Vater, der ihn gestern oberhalb der Insel übergesetzt hatte,
sagen lassen, er hätte zwar bald in diesem, bald in jenem Dorfe ringsum zu tun,
aber auch am Hüneneck, und vielleicht könnte er sie am Sonnabend Nachmittag
irgendwo flüchtig begrüssen, am liebsten da, wo nicht die ganze Pension dabei
wäre und jedenfalls nicht auf der Insel. Nun denke man sich die Unruhe, als die
Beichte und das Mittagessen vorüber waren! Und sagen wollte sie es Angelika auch
nicht, was sie von Tönneschen's Vater wusste, den sie mit ganzen fünf
Silbergroschen für seine Mitteilung belohnt hatte.
    Kind! sprach Angelika, die noch immer nicht ganz die Kränkung ihres
funfzehnjährigen Geliebten vergessen konnte, mit ernstem Verweise. Ich bewundere
die Nachsicht, die Pfarrer Engeltraut mit dir hat!
    Er kennt mich immer noch besser als du! antwortete Armgart mit klagender
Stimme ...
    Weil er so nachsichtig ist, dir alles zu glauben! Freilich, wo soll auch der
gute Mann all' die Geduld herbekommen, von so vielen jungen, zur Hälfte erst
gefirmelten Mädchen sich ihre Unarten erzählen zu lassen! Sprach der Pfarrer
heute von deinen abgeschickten beiden Briefen?
    Wovon nur sonst!
    Was sagte er?
    Ich würde die Mutter doch nicht sehen können, ohne ihr nicht gleich ans Herz
zu fliegen!
    Das denk' ich auch! Und du gelobtest es?
    Nein!
    Armgart!
    Ich werde die Mutter umarmen, wenn ich dabei die Hand des Vaters halte!
Bisjetzt war Onkel Levinus mein Vater; Tante Benigna meine Mutter! Ich will
Aeltern haben, aber Aeltern, die sich lieben! Lieben sie sich nicht, so will ich
sie nicht hassen, aber -
    Der Hufschlag eines Reiters aus der Gegend von der Universitätsstadt her
unterbrach sie ...
    Nun merkte Angelika etwas an dem Aufblicken und dem Abbrechen und Vergessen
der Rede und wurde ängstlich. Sie schlug vor, am Gelände des Berges weiter zu
wandern und dann in den Garten der »Vier Jahreszeiten« niederzusteigen. Dort
hätte sie, wenn wie sie ahnte, Benno oder Tiebold kommen sollte, den lebhaften
Verkehr vorschützen können. Sie sagte:
    In den Vier Jahreszeiten ist immer so auserlesene Gesellschaft! Und ihr
jungen Mädchen könnt euch nicht früh genug abschleifen! Komm, Armgart!
    Damit ging sie schon.
    Armgart lachte hinter ihr her.
    »Abschleifen!« rief sie ...
    Es war ein Lieblingsausdruck Angelika's ... eines von den klugen
Lebensworten, zu denen auch das »Sichherausreissen« der Madame Serlo-Leonhardi
einst gehört hatte. Schon manche der Pensionärinnen hatte die boshafte Bemerkung
gemacht: Fräulein Angelika Müller ist allerdings vom Leben schon so
abgeschliffen, dass nichts mehr an ihr übrig geblieben ist! - eine böse
Anspielung auf die allerdings nicht unbedeutende Abstraction ihrer äussern
Erscheinung.
    Als Angelika nach Armgart's Ausdruck »consequent wie eine gerade Linie«
weiter ging, um durch die Baumwege von hinten her in den Garten der Vier
Jahreszeiten zu kommen, folgte Armgart ihr erst leise auf den Zehen nach und
wollte sie rasch mit der Schleife ihres Strohhutes an einen Baum binden.
    Hier ist unsere Jahreszeit! sagte sie. Siehst du! Trauriger, düsterer
Herbst! Wie die Blätter fallen! Und die Birnen sind noch nicht einmal reif -
    dabei hatte sie eine gepflückt und versuchte sie trotz alles Weinens und
aller Ungeduld des Herzens ...
    Die Erzieherin zankte jetzt wieder in allem Ernst, band sich frei,
behauptete ihre Autorität und ging. Sie ängstigte sich wahrhaft, Benno von
Asselyn oder der dreiste Tiebold de Jonge könnten hier so plötzlich hinter
einem Busch hervortreten ...
    Armgart folgte und sagte:
    Ich habe keine Kraft! Wie eine Binse könnt ihr mich biegen!
    Als aber Angelika immer mehr eilte, erhob sie die Stimme zu feierlichem
Ernst und rief laut hinter ihr her:
    Das aber sag' ich euch, wenn ich Furcht bekomme vor mir selbst und gegen
euch alle nicht mehr aufkommen kann, dann flieg' ich davon und sollt' es in die
Flamme des grossen Gottesherzens selber sein!
    All' ihr Heiligen! wandte sich Angelika jetzt und sagte mit ängstlich
schmeichelnder Geberde:
    Aber Kind, so beruhige dich doch! Der Dechant ist ja nur so lässig! Er wird
ja schreiben! Auch hört man ja aus der Stadt, dass die da kürzlich ermordete Frau
eine Schwester der Frau von Gülpen gewesen ist! Das alles wird die Antwort
gehindert haben! Und dein Vater wird wohl selber kommen!
    Nein! rief Armgart, wild mit dem Fuss auftretend, und entfloh dann und schoss
den Weg hinunter.
    Künstlich angelegte und wohlunterhaltene Wege führten niederwärts und
zuletzt in den erwähnten Garten, in welchem Durchreisende unter einer langen
Veranda die hochberühmte Aussicht genossen.
    Armgart war bereits lange unten, als Angelika ihr nachkam ...
    Die Menschen hier! jammerte Armgart ihr entgegen und sah dabei doch über
alle Tische hinweg, über Engländer, Maler, Studenten, berliner Hofräte und
Hofrätinnen und wer alles in Naturandacht hier beisammensass ...
    Sie suchte Benno, der nicht zu sehen war ...
    Angelika bestellte zwei Gläser Milch.
    Wenn das da deine Mutter wäre! flüsterte die Erzieherin neckend und zeigte
auf eine junge Dame, die mit der Lorgnette die Gegend und die beiden Ankömmlinge
musterte ...
    Sie wollte nur Armgart durch den Scherz beruhigen ... ...
    Armgart blickte rasch hinüber, dann wandte sie sich ab ...
    Du zweifelst wohl, schmeichelte Angelika, weil die Dame so jung ist? Ei,
deine Mutter ist eine ganz junge Frau, die nur zu lebendig, zu rührsam noch sein
soll! Dein Vater mag ein vortrefflicher Jäger und Schwimmer und was sonst noch
alles sein, aber mürrisch und kalt ist er! Das hast du doch schon an dem
einsilbigen Hedemann gesehen!
    Armgart sagte, Hedemann gefiele ihr ganz wohl ...
    Eines nur hat deine Mutter, fuhr Angelika flüsternd fort, was sonst nur dem
Alter gehört ... ganz silbergraue Haare soll sie haben ...
    Armgart wandte den Kopf ...
    Sie ist nicht vierunddreissig Jahre, hab' ich gehört, und doch hat sie ganz
silbergraue Haare! Sie trägt sie vorn in langen Locken und soll bei ihrer
Jugendlichkeit und Schönheit damit so auffallen, dass alles still steht und ihr
nachsieht!
    Armgart geriet in die grösste Aufregung. Sie fand den Ursprung dieser Locken
nur im Kummer ... die Augen umflorten sich ihr, wie wenn ihnen Tränen zuströmen
wollten ...
    Nun aber ertönte in nächster Nähe ein Postorn ...
    Armgart lehnte sich rasch über die Brüstung des Gartens. Von der Universität
her kam eben die Post angefahren ...
    Hüben schon seit fünf Tagen konnte Armgart das Postorn nicht hören, ohne
sich aus Kocher, und drüben seit gestern nicht, ohne sich schon aus Wien eine
Antwort zu denken ...
    Der gelbe grosse »Rumpelkasten« (Pensionsausdruck) hielt am Roland und
heraussprang - seligste Freude belohnter Erwartung! - in der Tat Benno ...
    Die Post selbst fuhr weiter ... Aber Benno war sogleich in den Roland
getreten und nun hielt die Post vor den Vier Jahreszeiten. Hier sprang ein
zweiter Passagier heraus ...
    Alles das sah Angelika, aber nicht Armgart mehr. Armgart zog die Freundin
mit sich fort - ohne dass die Milch bezahlt war! Benno könnte ja so leicht zu den
drei Birnbäumen hinaufgehen wollen - »unnützerweise«, sagte sie - sie müssten
also zu ihm. Der Weg ging durch das Haus; nun - »schliff sie sich ab« in ihrer
Art, an jedem, der ihr in den Weg kam, an Kellnern, die Kaffeegeschirr trugen,
am Wirt, der dem neuangekommenen Fremden die besten Zimmer seines Hotels zeigen
wollte, an diesem Fremden selbst, der sie mit neugieriger Teilnahme musterte.
Sie flog voraus zum Roland und nicht etwa in dem Ueberwallen eines durch das
Wiedersehen beglückten liebenden Herzens, sondern weil der »gute Mensch und
Vetter sie ja möglicherweise irgendwo suchen könnte, wo sie gar nicht war« ...
    Alles das sah Angelika mit Entsetzen, zahlte, liess ganz gegen ihre
Gewohnheit einige herauszubekommende Pfennige im Stich und kam nur eilends nach
und gerade noch zur rechten Zeit, um die schon über die ersten freudigen
Begrüssungen Hinausgekommenen zu trennen mit den Worten:
    Halt Armgart! Was soll das? Der Brief ist an mich!
    Die Adresse eines von Armgart schon halb erbrochenen Briefes war allerdings
an »Demoiselle Angelika Müller« ...
    Aber vom Onkel Dechanten ist doch der Brief! rief Armgart und mit
wiederholtem: Was schreibt er denn? folgte sie Angelika, die zur Seite abgewandt
schon mitten auf der Landstrasse zu lesen begann ... Und im Grunde besass Angelika
ganz die Spannung, wie Armgart, wenn sie dieselbe auch nicht eingestand.
    Benno stand inzwischen in bestäubten Reisekleidern vor dem Wirtshause zum
Roland und sprach mit dem Wirt, der ganz besonders erwartungsvoll seinem
Eintritt entgegengeharrt zu haben schien. Als Armgart gleich mit ihrem
Taschentuch ihn abzustäuben begonnen, hatte Herr Zapf mit mächtiger Stimme dem
Hausknecht gerufen. In Kurzem war Benno befähigt, die Damen begleiten zu können.
    Im Lesen vertieft und sogar des Chausseegrabens nicht achtend, schob sich
Angelika querwärts in die Anhöhen hinauf. Armgart mit der Linken zurückdrängend,
hielt sie mit der Rechten den Brief versteckt und lehnte jetzt schon eine
Mitteilung zu machen ab. Müsste sie doch selbst erst ganz orientirt sein, sagte
sie, und dann noch hinge jede Entscheidung von dem Pfarrer Engeltraut ab und von
den Englischen Fräulein ... und sie wisse ja das alles, was Anstand und
Hausregel in Lindenwert mit sich brächten!
    Armgart faltete die Hände gen Himmel ...
    Benno suchte von dem Wirt loszukommen, der ihn in emsigem Gespräch
begleitete ...
    Das wusste schon Armgart von der ersten Begrüssung her, auf ihr laut
gerufenes: Hier! Hier! der Brief war an Benno aus der Residenz des
Kirchenfürsten nachgeschickt worden, der Dechant hatte ihm diese Zeilen
übersandt als Einschluss einer umgehenden Antwort auf die Mitteilung über den
Tod der der Dechanei seit Jahren fremd gewordenen Hauptmännin von Buschbeck ...
Er hatte geschrieben, dass er einige Tage lang suchen würde die Zeitungen zu
verbergen, um die Tante auf eine nur allmähliche Art mit einer Begebenheit
bekannt zu machen, die bei ihrem »zartfühlenden Herzen« eine gewaltige
Erschütterung und »allerlei Hausjammer« in Aussicht stellte ... Den Brief an
»Demoiselle Angelika Müller« hatte er ihm zu zweckmässigster Besorgung beigelegt,
weil er die Regel solcher Pensionate zu kennen erklärte, dass die Vorsteherinnen
alle Briefe, die kämen und gingen, erst selbst zu lesen begehrten ... Dass er
dabei die Lage einer Lehrerin mit derjenigen einer Schülerin verwechselte,
bewies die wirkliche Aufregung, in der sich der alte Herr befand.
    Armgart bat und bat:
    Was schreibt der Dechant? Reist der Vater nach Wien? Wenn er mir verspricht,
mich mit nach Wien zu nehmen ...
    dabei suchte sie mit plötzlicher List den Brief zu erhaschen ...
    Armgart, nun kein Wort weiter! sagte Angelika und verbarg den Brief
sorgfältigst. Ich habe geloben müssen, dich von keinem Schritt der Deinigen
einseitig in Kenntnis zu setzen! Deine ganze Familie ist beteiligt! Alle sind
sie es, die dich lieben! Morgen das Weitere nach der Messe! Und nun genug davon!
    Jetzt war es doch für Armgart ein Gefühl, als hätte sie sich auf die
abschüssige Anhöhe werfen müssen und sagen: Nun, guter Gott, so lass mich sinken,
sinken immer abwärts - bis in die Tiefen des Meers!
    Benno hatte Mitleid mit dem lieblichen Kinde, dessen Natürlichkeit sich in
keiner Regung ihres Gemütes verleugnete. Sie sah wie eine von den bittersten
Leiden der Seele Gefolterte und sich nun wirklich Ergebende so verklärt, so
durchgeistigt aus, dass der von ihr mit einem ihr unbewussten Aufschlag der
schönen Augen auf ihn gerichtete wehmütige Bitteblick ihm das Herz mit Schmerz
und Wonne zugleich erfüllte.
    Um den Ton zur Heiterkeit zurückzuführen, hätte er von diesen und jenen
Dingen beginnen dürfen. Doch war er zartfühlend und Menschenkenner genug, die
Richtung der Gedanken, die in Armgart's Seele lebten, nicht zu verlassen.
    Von Wien sprechen Sie? sagte er. Vielleicht ist der fremde Herr da, mit dem
ich fuhr, schon der Kurier Ihrer lieben Mutter!
    Armgart blickte mit lächelnder Ergebung auf die Vier Jahreszeiten ...
    Wirklich! Wirklich! Er wollte nach Drusenheim zu Herrn Bernhard Fuld
hinüber! Wo eine Dame in den Gastöfen da am besten aufgehoben wäre, fragte er.
Sein Accent war wienerisch.
    Angelika flüsterte schmeichelnd:
    Beruhige dich! Es wird alles gut werden, Armgart! Morgen, nach der Messe in
Drusenheim, da sprech' ich mit dem Pfarrer und dann sollst du sehen, du bist
zufrieden - Gedulde dich!
    Geduld! seufzte Armgart, sich ergebend. Sie überwand sich, nicht dem Fremden
nachzueilen, der in behender Weise in der Tat in einen Nachen sprang, um zum
jenseitigen Ufer überzusetzen.
    Benno's Ruhe, Angelika's Festigkeit mussten Armgart zuletzt zur Besinnung
bringen.
    Man stieg höher und wieder in die Anlagen hinauf.
    Benno musste erzählen, was ihm alles seit dem Abschied an der
Maximinuskapelle - dort weitin in blauer Ferne waren ihre schlanken Türme
sichtbar - und seit dem Zusammentreffen mit jener Lucinde Schwarz begegnet wäre?
Wo diese hingewollt hätte? Wie die Manöver abgelaufen wären? Wie dem Tiebold de
Jonge die Uniform gestanden hätte? Ob Hedemann nach Witoborn zöge? Was der Vater
überhaupt beginnen würde?
    Benno, der seine Cigarren trotz alles Schmerzes von Armgart selbst
ausgesucht und fast angeraucht bekam - sie lernte »Unarten« dieser Art von den
Mitpensionärinnen, wenn diese den Besuch ihrer Brüder empfingen - und wenigstens
die Spitze der von ihr ausgewählten biss sie noch dem »Vetter« in mechanischer
Anschmiegsamkeit an all sein Tun und Lassen ab -, Benno erzählte von dem
Ersteigen des St.-Wolfgangberges, von der wirklich angeknüpften Bekanntschaft
mit Lucinden, von dem Zusammentreffen im Pfarrhause zu St.-Wolfgang, von dem
Begräbnis des alten Mevissen, von der Entweihung des Friedhofs ...
    Alle diese noch nicht auf die Insel Lindenwert gedrungenen und doch so
überraschenden Tatsachen hörte Angelika voll Staunen, Armgart, da sie den
Pfarrer von St.-Wolfgang betrafen, mit dem Gefühl, wie wenn sie nicht Armgart,
sondern Paula wäre. Benno musste unausgesetzt erzählen. Einen so langen, so
inhaltreichen Brief hatte sie noch nie nach Westerhof geschrieben wie diesen,
den sie jetzt schon couvertirt und adressirt im Geiste vor sich liegen sah; sie
betrübte sich bereits um die Vorsteherin Schwester Aloysia, die bei ihrer Censur
- alle wenn auch nicht ankommenden, doch aus dem Pensionat abgehenden Briefe las
in der Tat erst Schwester Aloysia - gewiss wieder das Schönste davon für sich
genoss, dann aber eine nochmalige Abschrift zu verlangen pflegte, lorsque vous
aurez supprimmé les choses inconvenantes.
    Aber auch für Angelika waren die Mitteilungen, die Benno in glückseliger
Behaglichkeit gab, vorzugsweise überraschend. Diese ihr wohlbekannte Lucinde
Schwarz, von der sie seit Hamburg nichts mehr gehört hatte, sie war bei Frau von
Gülpen »Nichte« gewesen! Einen Tag, länger nicht! Wie konnte das anders sein,
nach dem Wenigen, das sie von dieser »Abenteurerin« wusste und das sie dem
Pensionate an der Maximinuskapelle wohlweislich verschwiegen hatte! Und man
müsste dann die Menschen wenig kennen, wollte man Angelika's eigentümlich
gezogenem und erstaunendem: Ist's denn möglich? nicht eine gewisse Genugtuung
anmerken, dass auch diese Gesellschafterin, wie so viele andere und vorzugsweise
sie selbst, den Anforderungen der Dechanei nicht entsprochen hatte. Sie lag in
den Worten: Der Dechant ist ein so lieber guter Mann! Zugleich sollte dies
Zeugnis von Frau von Gülpen das Gegenteil ausdrücken. Und so guterzig Angelika
war, die Verbindung, in die Benno die neueste Zeitungskunde von dem Mord in der
Stadt mit dem Stolze der Frau von Gülpen brachte, verbreitete selbst über ihre,
freilich von Staunen und Schreck überschauerten Gesichtszüge doch zuletzt ein
gewisses Aufleuchten schadenfrohen Behagens.
    Alledem hörte Armgart nur sinnend zu. Benno hatte in seinem Wesen etwas
Milderndes und Beruhigendes wie für andere so auch für sie. Sie hätte seine Hand
ergreifen und sie wie die eines Bruders halten können ... Seine Mitteilungen
über Bonaventura's Anwesenheit in der Residenz des Kirchenfürsten, die
wahrscheinliche Beförderung und Ansiedelung desselben in dieser Stadt, alles das
waren Tatsachen, die ihr Ohr buchstabenweise aufnahm, nur um die für Paula
bestimmte Depesche so inhaltreich wie möglich zu machen.
    Erzählen Sie mir jetzt von meinem Vater! sagte sie dann, als Angelika etwas
zurückblieb. Wie fanden Sie ihn? Ist er so, wie ihn Hedemann schilderte?
    Ohne Zweifel ... antwortete Benno zerstreut ...
    Mit Armgart allein zu sein, liess ihn erhöhter den ganzen Reiz ihrer
Erscheinung fühlen.
    Ist er gross, so etwa wie - wie Hedemann?
    Hedemann war untersetzt, sie hatte »wie Sie« sagen wollen ...
    Um einen halben Kopf höher, sagte Benno; aber ebenso wetterbraun, ebenso
breitschultrig und - wie soll ich sagen - ganz so englisch! Ist Hedemann
Schiffssteuermann, so ist Ihr Vater Kapitän oder Commodore! Unsere
vaterländische Art von drüben hat die passendste Anwendung gefunden ...
    Wie so?
    Unser Land ist ja drüben fast wie ein Meer! Die unermessliche Heide, das
Ackerfeld, der Torfmoor - alles das ist ein Meer des Landes. Auf dem schwimmen
wir mit unsern Höfen wüst und einsam. Nicht einmal ordentliche Städte haben wir.
Nicht einmal ordentliche Dörfer. Ein Fahrzeug segelt auf gut Glück am andern
vorüber.
    Unser Volk ist ein seefahrend Volk der Heide ...
    So! So! ... sagte Armgart. Seltsam! Ich hasse alles Englische ...
    Benno erwiderte lachend:
    Ja die englische Aussprache ist schwer!
    Die Asche seiner Cigarre drückte er jetzt schon an einem der drei Birnbäume
ab ...
    Nein - darum nicht -! fuhr Armgart ohne alle Reizbarkeit fort ...
    Aber das Englische hassen? Und das sagen Sie bei Englischen Fräulein?
    Die verliessen schon vor hundert Jahren England, um in Deutschland unserm
Gott besser dienen zu können! Sehen Sie, alle diese Engländerinnen hier ringsum
jetzt, die blieben am liebsten auch wie Mary Ward in Rom und bei uns, um
katolisch zu sein! Ich weiss das!
    Sie wissen das?
    Benno verliess den verfänglichen Gegenstand und regte die Phantasie seiner
Begleiterin lieber mit allen Abenteuern an, die ihr Vater und sein Freund oder
Diener ihm erzählt hatten. Sie hätten Seltenes erlebt, Tapferes geleistet, auch
Pensionen dafür gewonnen und stünden unter dem kleinen, beschränkten Volk in
Kocher am Fall wie zwei Riesen da, die man auf Jahrmärkten zeigte ...
    Benno wollte bei diesen Berichten vielleicht nur hören, ob Armgart nicht
nach Tiebold de Jonge fragen würde ...
    Angelika kam inzwischen näher ... Sie hatte auf ein Ausruhen gerechnet und
fand nun die Wandelnden bereits schon wieder über die Birnbäume hinaus.
    Ei, was ist denn das da unten? Sehen Sie! Im Fluss! Da taucht's auf! Nun
ist's wieder fort! Geben Sie Acht, da unten kommt's wieder!
    Mit jener Sorglosigkeit, die der Jugend auch eben nur dann eigen ist, wenn
sie gleichsam ahnt, dass es zu Geständnissen des Herzens noch lange, lange Zeit
bleibt und nichts ihm verloren geht, verlangte Armgart plötzlich die Anerkennung
ihrer Sehkraft ...
    Unten im Kahne hatte sich auch Tönneschen aus dem Schilf aufgerafft und warf
mit Steinen vom Uferrande über den Wasserspiegel hinweg ...
    Das seh' ich wohl! Der wirst Butterstollen! sagte Benno und erinnerte Armgart
an den Ententeich zwischen Schloss Westerhof und Borkenhagen ...
    Den kennen Sie noch? ... Es ist ja eine wilde Ente! ... Unsern Ententeich?
... Sehen Sie doch nur, wie sie den Kopf aufwirft! Rasch duckt sie ihn nieder
und unterm Wasser geht's fort! Sassa! Da ist sie! Im Nu hundert Schritte! Wieder
blickt sie auf, dreht den Kopf! Da, da! Guten Tag! ... Adieu! Glückliche Reise!
... Nein, auf unserm Ententeich gibt's keine so wilde!
    Mit dem Verfolgen der Wasserente, die sich Tönneschen zu treffen vergeblich
bemühte und die Benno jetzt erkannte, waren beide bei Angelika wieder
vorübergekommen, die sich nachdenklich gesetzt hatte und nun ernstlich zum
Aufbruch und zur Rückkehr auf die Insel mahnte.
    Die Sonne sank schon über die westliche Bergwand ...
    Und nun, wie wenn Himmel und Erde in bester Ordnung und nichts auf dem
Herzen wäre, weder bei ihm noch bei Armgart, durfte Benno scherzen:
    Ja, so gehen die Lügen durch die Welt! Von so einer Wasserente kommen ja die
Zeitungsenten ...
    Angelika, die über Benno's Erscheinen überhaupt an ihre vielgeprüfte, treue
Liebe erinnert wurde, gedachte der vielen Angriffe, die Doctor Püttmeier
erleiden musste, gedachte der Macht der Lüge in so vielen Literaturzeitungen und
siel mit einem Seufzer ein:
    O wohl! O wohl! O wohl!
    Dann stellte sie einige Erkundigungen nach Büchern an, wollte von den
Ereignissen der Politik hören, von der Burschenschaft, um die Dr. Püttmeier auch
ein Jahr »Köpenick« erduldet hatte, von Benno's bekannten freisinnigen Meinungen
und vom Kirchenstreit, bis Armgart, beide unterbrechend, ausrief:
    Lasst doch das alles! Kann man jetzt von anderer Aufklärung sprechen als vom
Himmel und von seinem Licht! Seht doch nur! Wie der Abend kommt! Ist's nicht,
als leuchtete alles in Verklärung! Diese gerippten Wölkchen da oben! Diese
leichten Federbüschelchen! Fächer sind's doch wie von Eiderdunen! Nein, wie von
grossen Perlmuttermuscheln! Wer solchen Staat hätte, wie die Himmelskönigin!
    Alles das kam unbefangen und kindlich von ihren Lippen ... Dass sie nichts
von einer Absicht dabei wusste, bewies die leise Öffnung der Lippen und der
Schmelz der hervorschimmernden kleinen Zähne, cette grimace, die sie nach
Anweisung der Englischen Fräulein sich durchaus abzugewöhnen hatte.
    Ja, man möchte hier predigen! fiel Angelika in merkwürdig freigesinnter und
tief gefühlvoller Zustimmung ein. Diese Berge sind wie Kanzeln!
    Ihr treues Herz dachte an Püttmeier's fehlenden Lehrstuhl ...
    Kanzeln? rief jedoch Armgart, in der sich jenes Fliegen zur Flamme des
grossen Gottesherzens zu regen begann. Die Berge sind ja selbst wie Prediger! Wie
Redner stehen sie da! Nein, Angelika, wie klein müsste das sein, wenn da drüben
einer auf dem Geierfelsen stünde und so zu allen Lügnern der Erde sprechen
wollte! Der Geierfels und hinter ihm die sechs andern Riesen, die sind ja selbst
die Propheten! Ich höre alles, was sie sprechen!
    Was sprechen sie denn? fragte Benno und hatte eben die Cigarre weggeworfen
...
    Im Tone seiner Frage, im Leuchten seines blauen Auges lag eine so
ausdrucksvolle Schwere, dass plötzlich Armgart wie etwas Unsichtbares sich auf
sie niedersenken fühlte ...
    Ja, wie konnte Benno nur in das einfache »Was sprechen sie denn?« soviel
Ausdruck legen? Was konnte diese Wendung seines Hauptes, diese Glut seiner Augen
bedeuten? So wenig Worte und so viel seltsamer Ton in ihnen!
    Es ist doch wohl Zeit, zu gehen! sagte sie zaghaft. Sie hätte plötzlich vor
irgendetwas entfliehen mögen.
    Benno lüftete seinen Hut. Sein kurzes, lockiges, schwarzes Haar war von dem
»garstigen Cylinder«, wie es sonst bei Armgart hiess, festgedrückt. Und sonst
hätte Armgart gar keinen Anstand genommen, ihm in sein Haar es lockernd zu
fahren, wie sie so oft den grauen Locken des Onkel Levinus getan. Heute hätte
sie um alles in der Welt dergleichen nicht mehr wagen können ...
    Angelika's Geplauder über all den vernommenen und zu verarbeitenden
Tatsachenreichtum löste die gedrückte Stimmung. Auch fand sich Benno wieder,
auch Armgart. Ja sie schien heiterer und ausgelassener, als sie hörte, was alles
Benno in der Gegend hier zu tun hätte und dass er mindestens auch noch morgen da
wäre ... Aber an seinen Handschuhen sah sie eine aufgesprungene Naht und sonst
hatte Angelika für dergleichen Unglücksfälle immer Seide, Zwirn, Nadelbüchse und
Schere bei sich in ihrem Beutel, aber heute griff sie nicht, was sie sonst hätte
tun können, nach seiner Hand, wagte nicht, ihm den Handschuh abzuziehen ... Es
trieb sie wie im Wirbel, sie musste fliehen wie vor sich selbst.
    Die Berglehne endete mit einem schroffen Abhang. Den schoss sie hinunter. Die
Kanten waren hier eckig; an andern Stellen gerundet, von uralten Moosrunen
beschrieben; hier und da stand eine verkümmerte Zwergbirke, dort schwankte eine
Distel, hier eine hohe Doldenstaude mit braunroten, schweren Samenkolben ...
Ein schwacher Halt hier, ein nachgebender dort ... Armgart schoss so hinunter,
dass sie plötzlich an einem Gebüsch niedersank.
    Nun war aber auch Benno schon längst gefolgt. Wie er an der Stelle ankam, wo
sie niedergeglitten, hatte sie von Kamillen mit weissem Blätterrande einige
Blumen gepflückt und fing an, einer davon die Blätter abzuzupfen.
    Was fragen Sie die Blume? rief Benno ...
    Und in dieser Frage lag wieder eine solche Glut, in dem Nachfolgen, als sie
sich erhob und jetzt ruhiger niederwärts stieg, eine solche Hast und ein so ganz
persönlich auf sie gerichteter Entschluss, dass sie der Gedanke überrieselte: Was
glaubt er denn? ... Den Faust, den kannte sie nicht (wo wird in dieser Erziehung
Goete zugelassen!), aber doch schob blitzschnell ein geheimer Zauber in ihrem
Innern der Frage »Vater oder Mutter« (sie wollte nur sehen, welchem Namen das
Blumenorakel sein letztes Blättchen liess) nicht etwa die Frage unter: »Liebt er
mich, liebt er mich nicht?« wohl aber die: »Kommt auch Benno morgen nach
Drusenheim, kommt er nicht?« und als sie sah, wie er nun ihren Arm ergreifen
wollte, ihre Schulter berühren, den Ausschlag ihres Zählens so ganz dringend
wissen, da unterbrach sie ihn, als wenn er sie nur im Zählen irre machte, mit
einem fortgesetzten St! St! sie bekam aber den plötzlichen Einfall - und welcher
innere Schalk des Gemüts hatte ihr das zugeraunt! - schadenfroh und übermütig
laut zu rufen:
    Kommt morgen Tiebold de Jonge nach Lindenwert oder kommt Tiebold de Jonge
nicht? Kommt Tiebold de Jonge? Kommt Tiebold de Jonge nicht?
    So schoss sie bergab.
    Sie können ja die nachgemachten Engländer nicht leiden! rief hinter ihr her
Benno ...
    Sie aber glitt bald an einem Steine aus, liess bald eine Pflanze mitgehen,
schoss und rannte und war endlich unten, aber - aufgefangen von Benno's Armen.
    Ein junges weibliches Leben, dessen Atemzüge vergangen sind, dessen Brust
hämmert, im Arme zu halten! Kennt ihr das Gefühl, wenn ein junger Vogel in
unserer verschlossenen Hand gefangen ist, sich duckt, auffliegen will und nicht
kann und jetzt ganz nur zu einem einzigen zagen, warmen Herzchen wird, das unter
den weichen Federchen klopft und sich fast wie in den Pulsschlag unserer eigenen
Hand verwandelt?
    So fühlte es Benno eine Weile und länger als eine Secunde und vielleicht den
fünften Teil einer Minute nur und doch eine Ewigkeit.
    Angelika kam inzwischen den geebneten Weg daher, schalt und rief und machte
allen beiden die bittersten Vorwürfe. Armgart aber umarmte sie und erstickte
ihre Rede mit Küssen.
    Das Tema des Anstandes brachte den Neckkampf aller auf die Würde, auf die
Pflichten, die Haltung einer baldigen Stiftsdame von Heiligenkreuz. Diese
»Predigt« währte so lange, bis Tönneschen erreicht war am Schilfrohr im
sanftgeborgenen Nachen.
    Sind Sie denn morgen wirklich noch in der Gegend? fragte Armgart beim
Abschied den halb besinnungslosen Benno halblaut.
    Benno wollte beiden noch in den Kahn helfen, tat es auch erst, wie sich
geziemte, mit Angelika, und als er hoffte, Armgart's Hand zu erfassen und aus
voller Seele diese zur Antwort wie mit einem Ja! zu drücken, da war sie schon in
den Kahn gesprungen.
    Deshalb schmollte er und rief O! O!, das Angelika sehr wohl verstand ...
    Armgart sass aber schon da, glühend wie das Abendrot.
    Angelika, die gerade so viel zu »ahnen« sich die Miene gab, als sie schon
wusste, war trotz aller Angst liebevoll genug und sagte vor dem Abfahren:
    Richtig! Richtig! Sind Sie denn auch morgen im Enneper Tale? Es ist ja
Sonntag! Alle Welt hat sich ankündigen lassen ...
    Tiebold de Jonge! seufzte Benno und Angelika fiel ganz so, als müsste sie
nun für die verstummende Armgart auch in deren Art sprechen, ein:
    Alle nachgemachten Engländer! Und wenn Sie etwa kommen, Herr von Asselyn,
kneifen Sie nur ja nicht auch so eine Lorgnette ein!
    Ehe noch Benno antworten konnte - zum Scherz fehlte ihm jeder Uebergang -
rauschte es im Schilfe dahin und der Kahn war im Entschwinden.
    Eine Weile noch stand Benno, lüftete den Hut, sah lange den Entgleitenden
nach und ging landein dem Roland zu.
    Das Ufer ist hügelig ... zuweilen verschwindet, zuweilen taucht Benno den
Mädchen wieder auf ... Und je höher sie auf den Spiegel kommen, desto länger
noch können sie ihn sehen ...
    Gern hätte Armgart gewinkt mit ihrem Hute und mit ihrem Taschentuch ...
    Angelika, die heute so viel erlaubt hatte, verbot es ...
    Bekam die Gute auch nicht Angst, Armgart würde am Ende noch »tiefsinnig«
werden und wohl gar sich für unwürdig erklären, morgen in Drusenheim zur
Communion zu gehen - dergleichen war vorgekommen - bekam sie auch nicht Angst,
dass dann noch obenein die Gutmütigkeit und Toleranz einer Lehrerin
compromittirt werden konnte, die gegen die Englischen Fräulein als
Hülfsarbeiterin nur einen zweiten Rang einnahm, so lächelte sie doch und sagte:
    Armgart, Armgart! Sprüche Salomonis 14, 29!
    Diese Bibelstelle hatte Armgart einst von Tante Benigna in Westerhof
aufbekommen, auf ein Weihtüchlein zum Kirchendienst zu sticken. »Wer aber
ungeduldig ist, der offenbaret seine Torheit!« lautete sie. Die Ungeduld galt
für Armgart's Erbfehler.
    Sonst wäre Armgart über diese einzige Partie in der Religion, wo sie
ketzerisch, ja ganz ungläubig fühlte, aufgefahren, aber wir sehen sie still,
ergeben und schweigsam ...
    Selbst von dem Briefe aus Kocher frägt sie nichts mehr, sondern sieht nur
auf die Welle, gegen deren ganze Macht Tönneschen rudern muss ...
    So kamen sie - Benno war verschwunden - am nördlichen Ende der Insel an.
    Eine ältliche Dame, in schwarzem Kleide, mit einer weissen, mit Bandschleifen
am Hals und über die Brust herab besetzten Halbtunica, ein weisses geflügeltes
Häubchen auf, begrüsst sie ... Es ist Schwester Aloysia, die Vorsteherin.
    Und unter ihrem »Mozzeto« zieht auch sie einen Brief hervor.
    Auch er war an Angelika gerichtet und kam aus Wien und kam von Armgart's
Mutter!
    Ein Herr hatte ihn abgegeben, jener Fremde, der ganz nach Benno's Vermutung
in den »Vier Jahreszeiten« drüben für eine Dame Zimmer bestellt hatte und
wirklich von hier, wo ihn die zerstreuten Wanderer am Hüneneck nicht landen
gesehen hatten, hinüber nach Drusenheim gefahren war ...
    Armgart bebte zusammen ...
    Es war ihr, als zitterte um sie her die ganze Welt ...
    Angelika nahm, von der Vorsteherin beobachtet, den Brief und ging damit in
scheinbar kalter Ruhe auf ihr Zimmer.
    Armgart folgte, drängte aber nicht mehr und fragte nicht mehr. Fast war ihr
wirklich wie einer Sünderin und als sie sich über die düstern Gänge in ihren
Wohnsaal geschlichen, als sie mit einem tiefen Seufzer dort ihren Hut, ihren
Shawl abgelegt hatte, als alle Mädchen jetzt zum einfachen nächtlichen Mahle
gingen und Angelika erst kam - solange hatte sie gelesen! - als Schwester
Aloysia schon vorbetete und Armgart so abwesend, so ernst dasass, da bekam
Angelika wieder Angst, sie wäre wirklich im Stande, alles das morgen noch in
erster Frühe und vor der Communion dem Pastor Engeltraut zu beichten, was heute
vorgekommen! ... Schwester Aloysia betete dabei und zwar französisch ... Sie war
aus Strasburg und verband mit allem Guten und Frommen, dem hier fürs Leben der
Grund gelegt wird, eine leidliche Aussprache und einen ziemlich richtigen
Accent. Man hatte alles hier auf Gott, auf die heilige Jungfrau, den heiligen
Joseph und die Engel und Erzengel gebaut, sogar den Subjonctiv und die schweren
Beugungen der Verbes irrégulaires, den delicaten Gebrauch der Formen que vous
parlassiez und que nous parlassions und die Participialconstructionen, die an
dieser Sprache für jeden so fremdartig sind, der nicht wie Tönneschen Latein
kann ... Und wenn Schwester Aloysia vom besten pariser Französisch dann in das
beste strasburger Deutsch übersprang, war's dann freilich immer wie der
Uebergang vom Rauschen eines seidenen Kleides zum Klappern von Holzschuhen, vom
Gesange eines Canarienvogels zum Gekoller eines Trutahns; denn ihre
strasburgisch-deutsch Muttersprache sprach sie, als wäre sie hier eigens dafür
angestellt, einige Irländerinnen und Französinnen in der Anstalt vom Erlernen
des Deutschen abzuschrecken. Und das zweite, vom Muttersitz der Soeurs
angéliques hierher beurlaubte Englische Fräulein (der der Erziehung sich
widmende Orden ist nicht an strenge Clausur gebunden), Schwester Gertrudis,
sorgte für Einteilung der Speisen und rühmte das Wetter für den morgenden
Sonntag, an den sich allgesammt die schönsten Hoffnungen knüpften.
    Immer mehr brach zuletzt ein stillverhaltener Jubel aus. Das Pensionat wusste
von den zu erwartenden »nachgemachten Engländern«, - aber darüber gab es nur
Flüstern, leises Necken und Kichern, laut wurde nur besprochen eine Einladung
der jungen Madame Bernhard Fuld. Die Nachbarinnen waren aufgefordert worden,
morgen Nachmittag die berühmte Billa und den Garten drüben in Augenschein zu
nehmen und Pastor Engeltraut hatte dazu die Erlaubnis gegeben!
    Armgart hörte das alles nur halb. Erst als der germanische Übermut eines
Teils auch dieser Jugend sich in allerlei Spott über die Besitzer von
Drusenheim erging und ganz wie die Freunde Piter Kattendyk's, mit denen einige
bis zur unmittelbaren Geschwisterschaft verwandt waren, die bekannte christliche
Rache für den einst von den Juden Gekreuzigten nahm, taute auch sie auf und
erklärte, dass sie den Herrn Bernhard Fuld zum Generaleinnehmer und
Finanzminister ihrer Einkünfte als Stiftsdame von Heiligenkreuz ernennen wolle.
    Armgart'sche Einfälle elektrisirten dann gewohntermassen alles ...
    Es wurde nun so laut, so ausgelassen unter dem jungen Volke, dass die vier
Erzieherinnen (die vierte lehrte nur Musik) dafür waren, lieber jetzt
aufzustehen und de se promener encore dix minutes sous les tilleuils et dans le
jardin ...
    Aber auch das geschah so wild - es ist Sonnabend! - - dass die Schwestern
Aloysia und Gertrudis Ruhe gebieten mussten und das ganze Personal in die
Corridore und auf die Schlafsäle schickten.
    Auch Angelika war, sie wusste selbst nicht worüber, ins Lachen gekommen - aus
Nervenschwäche, sagte die Gute - raunte aber beim Gutenachtsagen ihrer geliebten
Armgart, ihrer besondern Schutzbefohlenen (die indessen nicht mit ihr, sondern
mit fünf andern in einem Saale zusammenschlief) neckisch zu:
    »Wer aber ungeduldig ist, offenbaret seine Torheit!«
    Armgart nickte und hatte sich heute in der Tat auch zur Anerkennung dieses
Spruches bekehrt.
 
                                      11.
Und am folgenden Tage lag denn doch im Geschmeide der ganzen sonnenbeschienenen
Gegend die Insel Lindenwert da geradezu wie ein Juwel.
    Das grosse blaue Gottesauge des Himmels drüberher schien an ihm selbst seine
Freude zu haben. Und die schimmerndweissen Birken, die Hängeweiden, die Buchen,
Akazien-, Nuss- und Kastanienbäume, die Büsche, die Pflanzen des Gartens, alles,
alles hat in einer solchen Morgenfrühe des Sonntags und besonders, »wenn man
etwas vorhat«, ohnehin schon ein ganz anderes Aussehen als sonst. Unser Auge
zieht dann schon von selbst allem Festkleider an. Die Welle plätschert an die
Uferränder anders als sonst. Und schweigen auch Septembers in den Bäumen, weil
sie in ihren Nestern mit ihren Jungen und mit ihren neuen Kleidern für den
Winter zu tun haben, die Singvögel, so hört man doch ihr Aufflattern und ihr
Aufschwirren, sieht die Spatzen in so räuberischer Tätigkeit, dass man nur zu
huschen braucht und überall schiesst Diebsvolk wie mit bösem Gewissen auf, sieht
goldene Käfer und summende Wespen in voller Tätigkeit, um mitzuherbsten und
mitzuernten an dem reichen sonnenglänzenden Segen.
    Noch aber hängen um die fernerweit liegenden Schönheiten eines solchen
Sonntagsmorgens allerlei Toilettenschleier. Die hohen Berge und grünen
Waldlehnen hinter ihnen putzen sich erst langsam aus dem Nebel heraus zu dem
Sonntagsstaat, dessen Annäherung in aller Frühe schon und von allen Richtungen
her die Glocken verkündigen. Die Geschäftsglocke der Dampfschiffe mit ihrem
kurzen groben Mahnruf hat heute fast etwas Störendes; man gedenkt gleich der
Ueberzahl von Städtern und Städterinnen, die nun auch bald kommen und sich oft
störend genug überall hin ausbreiten werden.
    Um neun Uhr schiffte die ganze Pension, neunundzwanzig junge Mädchen - eins
blieb ein wenig unpässlich daheim - und vier Erzieherinnen in zwei Kähnen zur
Messe nach der Drusenheimer Kirche hinüber ins Enneper Tal. Tönneschen's Vater
und Mutter ruderten heute und ein anderer alter Schiffer, Tönneschen's
Grossvater. Und noch ein paar Vettern, Gevattern und Kinder und Kindeskinder aus
einem Halbdutzend baumversteckter Hütten der Insel begleiteten die Fahrt. Heute
galt es, das Tönneschen mit dem Rauchfass zu sehen, im Beginn seiner von
Michahelles eingeleiteten Carrière zum künftigen Vater der Gesellschaft Jesu.
Tönneschen war schon lange voraus, um beim Messner die Toilette zu machen. Das
ganze Stift fühlte den Stolz der Mutter nach, die ihre beste Haube aufhatte und
mit einem Streifen so lang, so lang, dass er ihr fast über die Nase fiel.
    Die jungen Pensionärinnen mit ihren goldgeschnittenen Brevieren und dem
Einerlei ihrer heute am Sonntag weiss-rot oder weiss-blau gesprenkelten Kleider
und den einfachen runden Strohhüten, durften nicht zu laut ihre Wonne über den
Sonntag aussprechen. Es ging jetzt in die Kirche, ja, für die schon gefirmelten,
an den Tisch des Herrn.
    Die Glocke der alten, nächstens in Ruhestand zu versetzenden baufälligen
Dorfkirche, die die Maler gut zeichnen hatten, wenn sie nur gesehen hätten, wie
ihre Wände schon morsch geworden und die Sakristei bedenkliche Risse zeigte,
hatte schon zweimal ihr, wie die Mädchen ihr immer nachsummten: »Ei, so komm'
doch! Ei, so komm' doch!« durch die Lüfte gerufen; aber man wusste, es ging beim
Pfarrer Engeltraut, der sonst ein gar trefflicher Diener Gottes war, mit seinen
Messen nicht eben besonders präcis. Ausgestiegen am Ufer, konnten die Mädchen
immer noch einen Rundweg machen, ehe sie zur Kirche gingen. Sie sahen in der
Ferne wie dicht am Waldesrand liegend das aus gelbem Sandstein gebaute,
hellleuchtende Landhaus des Bankiers, umschlossen von hohen an den Spitzen
vergoldeten Eisengittern. Mehr in der Nähe lag die neue hochragende
byzantinische Kirche. Alles winkte geheimnisvoll und gastlich und zu allerlei
heimlichem Spass für den Nachmittag.
    Nun stieg man aus ... Durch Feld und Flur, über Wiese und Stoppeln, am
Hagebucheneck und die Weingärten entlang, da war's doch noch ein anderes
Wandeln, als drüben auf der schönen, aber engen Insel, auf der man sich zuweilen
wie ein Gefangener vorkommen konnte.
    Schwester Aloysia corrigirte auch jetzt auf dem Wege zur Kirche die
Subjonctifs und Angelika lehrte auch jetzt Matematik und Naturwissenschaften,
denn eine sandige Stelle findet sich in der schönsten Gegend, eine Heide von
zwanzig Fuss, wo eine Immortelle blühen kann oder das Blümlein Mannstreu, über
das gleich ihrer sieben oder acht neugieriger Mädchen wissen wollten, woher
dieser Name käme? Die Lehrerin wusste keinen Rat. Armgart kannte schon vom Walde
bei Westerhof den Spottnamen des kleinen zierlichen Pflänzchens und sagte:
    Es ist ja Vogelfuss, Angelika!
    Nun sagte diese:
    Ach, Ornitopus? Hülsenblume! Geschlecht der Heuhechel!
    Die jungen Mädchen lachten, als Armgart ganz treuherzig und ohne alle
Anklage fortfuhr:
    Mannstreu und Vogelfuss sind eins und dasselbe!
    Die grössern Mädchen deuteten sich das harmlose Wort satirisch.
    Beide Englische Fräulein wandten sich und geboten Ruhe und Sammlung.
    Wann sprichst du den Pfarrer? flüsterte Armgart und drückte den linken Arm
der Freundin an ihre Brust.
    Ich sprech' ihn nicht allein! sagte diese. Die Vorsteherin wird dabei sein!
Ich denke, nach der Predigt!
    Heute auch noch eine Predigt!
    Geduld!
    Das Wort, mit dem man Armgart bereits wieder auf zehn Schritt verjagen
konnte ...
    Sie entschlüpfte und sah nach Westen hinüber, dortin, wo die weiss-blauen
Wassernebel noch am dichtesten schwammen. Den Roland, wo Benno vielleicht
übernachtet hatte, sah man gar nicht vor dem dichten, wenn auch goldsonnigen
Nebelflimmer.
    Die endlich nicht mehr umgangene und nun wirklich im Zuströmen der Landleute
mitbetretene Kirche war wahrhaft überfüllt. Man erkannte recht, welches
Verdienst sich Bernhard Fuld erworben durch die Erbauung einer neuen. Das
Pensionat der Englischen Fräulein genoss aber eine Auszeichnung. Jeden Sonntag
blieben ihm die vordern Stühle reservirt.
    Es ging dann alles bei der Messe, wie es gehen soll und überall bei ihr
geht. Vielleicht nicht ganz nach der Schnur, die die Kanoniker in Rom vor
tausend Jahren gewunden haben, aber doch auch ohne besondere Verwickelung.
Pfarrer Engeltraut war, wie die römischen Priester sein sollen, keine viel mit
sich allein beschäftigte Persönlichkeit. Er verrichtete ein Opfer, das ganz von
ihm unabhängig war. Hätte es einem strengen Kenner des Ritus auch nicht entgehen
können, dass sich mancherlei Fehler einschlichen, so sah das doch so obenhin
niemand von den Versammelten. War der Blick, mit dem der Priester aus der
Sakristei trat, gesenkt genug? War die Haltung des Körpers gerade und hübsch
aufrecht? Trug der Opferer eine Brille, von der Gregor der Heilige freilich noch
nichts vorzuschreiben wusste, als der sein Oremus sang, und Abraham und
Melchisedek, die Voropferer der Messe, noch weniger? ... Pastor Engeltraut trug
eine Brille, und sonderbar, er legte sie gerade beim Lesen ab, auf sein
Taschentuch. Dann war er ganz einfach im Vortrag und ebenso einfach in der
Geberde. Er machte die Kreuzeszeichen allerdings nicht, wie wenn er sie heute
zum ersten male machte, aber auch nicht so, wie z.B. vornehme Damen am
Weihbecken beim Betreten der Kirche, die zum Jammer frommer Seelen und wie Beda
Hunnius einmal in einer seiner Predigten zum Dank der gerade damals zuhörenden
Angelika und in seinem Abraham a Sancta Clara-Stil sagte: »sich beim Benetzen
einen Schnörkel angewöhnt haben, als wenn unser Herr und Heiland auf irgendeiner
runden Drehscheibe oder einem andern Zickzack, nur nicht an dem so tief sinnvoll
von ihm gewählten Kreuze gestorben wäre.« Nichts auch verwirrte er von dem, was
laut und was leise zu sprechen, was zu singen oder nur zu sagen war. Auch jagte
er nicht in seinen Abschnitten und ging dann nicht wieder wie eine Schnecke.
Auswendig auch wusste er, was er nur zu lesen schien.
    Und wenn dann irgendetwas vorhanden war, was den würdigen Gang des Opfers
anfangs hätte unterbrechen können, so war es freilich des Priesters Hinblick auf
den heutigen Turiferar Antonius Hilgers, der nebst zwei andern Knaben zum
ersten male diesem schwierigen Geschäfte des Administrirens vorstand. Aber
gerade Antonius hielt sich vorzugsweise wacker zum Stolz seiner Angehörigen, zum
Wohlgefallen des englischen Instituts. Wenigstens dünkte er sich ebenso kundiger
Lootse durch die Untiefen und Schwierigkeiten des lateinischen Missales, wie er
es unbestreitbarer durch die Strudel und Schnellen des herrlichen Stromes drüben
war. Nie stand er auf der Epistelseite des Altars, der linken, wenn er auf der
Evangelienseite, der rechten, stehen sollte. Mit Ruhe, ohne sich vor Angst zu
übereilen, reichte er dem Priester das Gefäss mit dem Weihrauch, hielt ihm das
geöffnete Turibulum dar, und wenn der Opferer Weihrauch eingelegt hatte,
reichte er ihm das Gefäss, indem er es vorsichtig und behutsam mit der rechten
Hand unter dem Ring, mit der linken in der Mitte der Kette anfasste. Das dabei
von ihm gesprochene Latein war allerdings mehr als welsch und nicht im mindesten
ciceronianisch. Doch niemand der Anwesenden, selbst der Schullehrer nicht, war
im Stande, die Correcteit nach Zumpt's Grammatik zu prüfen. Mit seinen
stehenden Fehlern - spiritus immer nach der zweiten Declination und tuus nach
der vierten - klang es ganz so hoch und hehr und fremdartig, wie das Volk es
hören will. So wie so blieb es die richtige Sprache der Engel, die Sprache, in
der Gott und seine Heiligen sich unterhalten, die Hof- und Kanzleisprache des
Himmels.
    Als dann der Augenblick des Allerheiligsten kam, als alle dann knieeten, als
alle Schauer der persönlichen Anwesenheit des Heilandes in der Wandlung durch
die Gemeinde rieselten - die Kinder und alten Frauen und in grossen Kirchen eine
gewaltige musikalische Note sorgen schon dafür, dass das ganz so wie in
mächtigster Bezauberung hingenommen und empfunden wird, wie es Innocenz III.
aller Welt und aller Zeit hinzunehmen und zu empfinden geboten hat - wie dann
die Erwählten und in der gestrigen Beichte Bestandenen herantreten durften und
von dem Gottesleibe mitgenossen, während der Priester von dem Gottesblut für
alle trank, - da vergass denn auch Armgart für einige Zeit das Träumen und Sinnen
und es legte sich ihr die Fülle von Sünden, die sie dem neuen westerhofer
Geistlichen, Norbert Müllenhof, wer weiss in wie kurzer Zeit, oder wem sonst und
in welcher Ferne würde beichten müssen, schwer aufs Herz! Sie sah, dass
Zerstreuteit während des heiligen Hochamts, Abwesenheit der Gedanken beim Lesen
im Brevier nicht mehr allein die nagenden Vorwürfe ihres Innern waren, mit denen
sich ihr Gewissen gewöhnlich aufs allertiefste belastet fühlte.
    Nach dem Hochamte hielt der Pfarrer richtig noch eine »Application«. Er
sprach diese von der Kanzel herab und über die bevorstehende Einweihung der
neuen Kirche und äusserte im allerlöblichsten Volkston, dass auch im innern
Menschen täglich die Sakristeien Risse hätten, täglich die Glockenstühle faulten
und den Regen durchliessen, ja dass mindestens auch viermal des Jahres im Menschen
ein echtes und rechtes Kirchweihfest müsste gehalten werden, nicht etwa nur zu
Ostern, wo »ihr glaubt, euch für ein ganzes Jahr reinigen zu müssen, sowie die
Schwelger, die Ueppigen und Reichen alle Jahre einmal ins Bad reisen und sich
ihren sterblichen Leib reinfegen vom Schlamm ihrer Sünden«! »Das wird dann«,
fuhr er fort, »jährlich auch so ein Kirchweihfest, wie ihr's allüblich zu feiern
pflegt mit Essen, Trinken, Jubeln, Fluchen, Würfelspielen, Tanzen, Todtschlagen
der Zeit und allen denen Sünden, die ihr dann voll Verzweiflung angerennt kommt
im Beichtstuhl loszuwerden, wo sich oft das todte Holz erbarmen möchte über den
Kummer, den ihr euerm grundgütigen himmlischen Vater und unserer gnadenreichen
Mutter bereitet! -« Doch sagen wir nur, er fegte die Herzen, wie man soll, nicht
mit Staubwedeln, sondern mit Besemen. Und manches sprach er wie Beda Hunnius
geradezu in eine Ecke hinein oder auf einen Pfeiler, wo der stand oder die sass
oder wem es sonst, ohne darum die Beichte zu verletzen, persönlich zu Nutze
kommen konnte.
    Wie der dabei von Hunnius sich nur durch den Mangel an Eitelkeit und an
teils forcirtem, teils natürlichem Cynismus unterscheidende treffliche Redner
zuletzt von diesem unendlich süssen Gnadenzustande, von einer wahren Liebeswonne
im Bunde mit dem Gekreuzigten, von der sogenannten Rechtfertigung durch den
Glauben sprach, da kamen ihm die folgenden sonderbaren und für die ganze
Gemeinde höchst überraschenden Worte:
    Was ist das nun? Gerechtfertigt sein durch den Glauben! Ich will es euch
sagen. Sehet euch um! Hier in dieser Kirche! In eurem Kreise weilt ein nur auf
Erden Gerechtfertigter! Ein Kind dieser Gemeinde, dem hier der Weg der
Gnadenmittel von früher Jugend gezeigt wurde, setzte einst mein Herz in Trauer
und euch alle in Bestürzung, als man vor Jahren von ihm hören musste, seine Hand
wäre ruchlos genug gewesen und hätte sich in ferner Gegend, wo er weilte, gegen
das Leben eines seiner Mitmenschen erhoben und ihn getödtet! Ein Jahr lag er, da
alle Anzeigen eines Mordes gegen ihn sprachen, in Ketten und Banden, bis seine
Unschuld erkannt wurde und er im lichten Gewande der Gerechtigkeit aus seinem
Kerker hervortreten konnte! Voll Scham und Schmerz kam er damals über Nacht zu
mir, dem Seelsorger seiner schon reiferen Jahre, und weinte seine bekümmerte
Seele aus! Er mochte nicht bleiben in dem Ort, wo das Mistrauen ihn dennoch
verfolgte, wo sogar ein Bruder ihm den treuen Handschlag der Liebe versagte!
Durch meine Hand ging der kaum zu nennende Ertrag seines kleinen väterlichen
Erbes; nun ist der brave Herr, der diese Gemeindemarkungen hier ringsum an sich
gekauft hat, - zu hohen Preisen, weil unsere Gegend ihren Wert hat, doch auch
Männer, ehrenwerte Männer, die diesen Wert zu schätzen wissen, - (in der
Kirche war wohl nicht einer, der diese Captatio benevolentiae zu Gunsten der
neuen Gutsherrschaft ganz so zu würdigen verstand, wie es das Verfahren des
klugen Geistlichen verdiente), aber ich sage euch, nun ist der Antrag gekommen,
sein Erbe mit den Besitzungen der Herrschaft des Ortes zu vereinigen, und
vielleicht zur Erhebung des Kaufschillings befindet er sich heute in dem Orte
seiner Geburt! Nicht, dass ihr glauben sollt, er wiche vor euch! Nicht, dass eure
Zunge sich unterstünde, zu sagen, sein Fuss wäre hier endlich dennoch wankend
geworden! Ruchlose Anschuldigung, dass euer jetzt ausscheidender Mitbürger den
Vater jenes frommen Mönches erschlagen hätte, der im Gewand der Ordensregeln
St.-Francisci schon zu öftern malen in diesen Markungen begrüsst worden ist. Seht
euch die Glorie eines Gerechtfertigten an! Das ist der glückliche, frohe, von
euch allen zu ehrende und mehrende und nicht länger anzuzweifelnde und bei
ernster Strafe von eurer Mutter, der Kirche, zu respectirende Zustand eines vor
Menschen Gerechtfertigten! Nun aber - (der Nachhall dieser Worte und das
allgemeine Schauen auf den in diesem Augenblick wie mit Krone und Purpur
bekleideten Stephan Lengenich bedingte ein mehrmaliges Hervorheben des
Ueberganges zum Zusammenhange). Nun aber (noch murmelte alles und konnte sich
nicht fassen) nun aber - hört jetzt und macht ein Ende! - nun aber, wie viel
grösser ist der Stolz, mit dem wir einst, durch die Fürbitte seiner Heiligen, vor
den Tron des Allmächtigen werden treten können, falls wir sagen dürfen: »Herr,
wir sind keineswegs Könige auf Erden gewesen, keineswegs Helden und Gewaltige
der Reiche, wir haben nichts getan, was den Namen des Ausserordentlichen
verdiente, aber - wir erfüllten deine Gebote, wir gingen die Wege, die deine
heilige Kirche uns zu unserer künftigen Seligkeit gezeigt hat, nun gib uns auch
den Lohn, den du allen denen versprochen hast, die deinen Willen tun!«
    Das war ein kräftiges, elektrisirendes Wort! So verweist ein richtiger
Seelenhirt die Gläubigen an den Zahltisch Gottes! So will der Bauer dereinst mit
Gott stehen, als brächte er ihm einmal keinen Pacht, sondern holte sich welchen
...
    Die Erwähnung des allbekannten Küfers Stephan Lengenich, der in der Residenz
des Kirchenfürsten Meister geworden war und hier »in seinem Orte«, besonders auf
Anstiften eines feindlichen Bruders nicht einen Gruss bekommen konnte, liess zu
keiner Sammlung mehr kommen. Auch das Institut sah mit allen nach der Kirchtür,
wo vielleicht der »Gerechtfertigte« stand, der jeden Sonntag nach Drusenheim
kam, nie aber so früh wie heute, dass er schon beim Herrn Pfarrer Empfehlungen
aus den Umgebungen des Kirchenfürsten abgeben konnte und nur nach der
Gewährleistung des Ortsgeistliche sich plötzlich durch irgendeine Begebenheit,
vielleicht auf Löb Seligmann's feurige und sonntagsfreudige Ueberredung hin,
entschloss, seinen »Blutacker« herzugeben.
    Halb elf war es ... und die Kirche war nun aus ... und so heilig das Debut
des Tönneschen gewesen war, dem Gebrauche, dann auf einen Trunk Drusenheimer,
womit keineswegs das alldortige Wasser gemeint war, herzhaften Bescheid zu tun,
entzog man den jungen Novizen, der sich so brav und tapfer gehalten und dafür
allgemein belobigt wurde, nicht im mindesten. Alles strömte ins Wirtshaus. Und
mag auch die Frau Baronin von Cepeda (bekannter unter dem Namen der heiligen
Terese) noch so schön und gewohntermassen geistreich und höchst vornehm gesagt
haben: »Verlieren wir doch nicht die gute Gelegenheit, die wir nach der heiligen
Communion haben, uns Schätze zu erwerben! Nicht mit geringem bezahlt Seine
göttliche Majestät die Herberge, in welcher sie eine gute Aufnahme gefunden!« -
dennoch auch wohl in dem brennend heissen Hispanien, dem Vaterlande der
liebeglühenden Terese entschuldigt man nach der Messe das Verlangen nach dem
kühlen Labsal einer Posada. Die Schiffer von Lindenwert, Tönneschen's Alte und
Grossalte, tranken trotz aller Warnungen der »Application« zur Osterzeit, den
eben genossenen Leib des Herrn in ungestörter Wirkung zu erhalten, im »Hahnen«
auf des Debutanten Wohl und der halbe Ort war dabei lebendigst durcheinander und
unter ihnen der »Gerechtfertigte«, dem alles die Hand schüttelte, verwundert
über sein Abziehen, den nunmehr niemand gekränkt haben wollte und der dann schon
in der Stimmung sein durfte, Atanasiusmedaillen auszuteilen und durch bald
hohe, bald seltsam tiefe Reden die Bedeutung und Wunderkraft derselben zu
erläutern.
    Das Pensionat machte noch einen weiter den Bergen zugewandten Spaziergang,
während Angelika und Schwester Aloysia zurückblicken, um womöglich den Pfarrer
zu sprechen in Angelegenheiten der wie in den Lüften schwebenden Armgart, die
nun aber auch den Roland glänzen sah, so hell, so deutlich, als müsste sie jeden
erkennen, der drüben aus den Fenstern desselben und etwa unter den schönen
herabgelassenen, rot und grau gestreiften Markisen hervorsah.
    Ja, der heutige Sonntag wird viele Menschen glücklich machen ...
    Wir brauchen nur an Tiebold de Jonge, an die Partie der Freunde Piter
Kattendyk's zu erinnern ...
    Wir brauchen nur an Benno zu denken, der sich ihnen anzuschliessen hofft,
wenn ihn eine Wanderung in die Kette der Sieben Berge, wohin ihn Nück's Aufträge
verschickten (gerade des Sonntags ist der Bauer am zugänglichsten für Dinge,
deren Erörterung ihn dann keine Arbeit versäumen lässt), Nachmittags und auf alle
Fälle des Abends nach dem Roland wieder zurückkehren lässt ...
    Aber den Hoffnungen, den Erwartungen, mit welchen schon um neun Uhr mit dem
ersten Dampfboot im Enneper Tale ein gewisser Mann in schwarzem langschösigem
Frack, in Nankingpantalons, in kameelgarner Weste, in hellgelbseidnen
Handschuhen gelandet war, denen kommt die Erwartung keines andern gleich, selbst
die seines Begleiters nicht, Stephan Lengenich, der sich heute unter gewissen
Bedingungen von Drusenheim losreissen wollte.
    »Speisen Sie nächsten Sonntag bei mir in Drusenheim!«
    Diese Worte waren auf dieser Erde am Donnerstag Vormittags elf Uhr jemanden
gesprochen worden in der Residenz des Kirchenfürsten. Sie wurden dann wiederholt
in den Moppes'schen Kellern, dann bei Veilchen Igelsheimer in der Rumpelgasse;
sie waren hinübergeschrieben worden gen Kocher am Fall, wo David Lippschütz mit
seiner lebhaften Phantasie gewiss bereits der Mutter auseinandersetzte, was wohl
alles der Onkel zu essen bekommen würde bei den reichen »Vettern«, den
Millionären, auf ihrem feenhaften Lustschlosse im Enneper Tale ... Löb
Seligmann sang bereits seit Donnerstag keine Arie lieber, als die des Leporello
im »Don Juan«: »Ihr Herr Koch, der kocht ganz vortrefflich!« Selbst das
Zwischenspiel der Violinen begleitete er mit den feurigst eingeworfenen
Sechszehntelnoten: »Ganz vortrefflich, ganz vortrefflich, ganz vortrefflich!«
    Nicht, dass er nicht allmählich einem gewissen innern Flüstern gewisser
innerer Stimmen Gehör gegeben hätte, die ihm sagten: Seligmann, bilde dir doch
nichts ein! An seine eigene Tafel wird dich wahrhaftig der Ritter Bernhard Fuld
nicht placiren unter die Grafen und die Barone! Du wirst lediglich in der Küche
beim französischen Koch oder bei der alten Regine, die Madame Bernhard Fuld aus
Wien als ortodoxe Köchin mitbekommen hat von ihren Aeltern, vor oder nach dem
Diner abgespeist werden! Aber - der Schwung der Seele, der blieb denn doch! Man
hatte ihn einer Ehre gewürdigt! Man hatte ihm Erlaubnis gegeben, sich
verwandtschaftlicher Annäherungen zu rühmen! Man hatte nicht hindern können, dass
von Donnerstag bis zum Sonntag jeder, der geschäftlich oder nichtgeschäftlich
einige Worte mit Löb Seligmann wechselte, von ihm die nur so fallen gelassenen
Worte zu hören bekam: »Nächsten Sonntag, ja - richtig - aha, Sonntag, ganz
recht, wo ich bei Fulds in Drusenheim speisen werde -.« Nie wurde dann den
Staunenden, die das Fallengelassene überrascht aufhoben, eine Genealogie
gründlicher vorgetragen, als die Abstammung und Verwandtschaft, in welcher seit
Abraham, Isaak und Jakob die Seligmanns, die Lippschützens, die Igelsheimers und
die Perls zu den Fulds standen.
    Am Samstag sah Löb Seligmann im Stadtteater noch den »Zampa«. Diese wilde
Räuberoper mit ihrer rauschenden Musik, mit ihren üppigen Trinkgelagen und
Tafelschwelgereien weckte ihm wieder den ganzen Humor der sonntäglichen
Erwartung, den er infolge eines Streites mit Veilchen fast verloren hätte.
Dieser Streit betraf einen Gegenstand, der ihn, wie wir sogleich hören werden,
in die Lage versetzen konnte, sich seinem Gastgeber, Herrn Bernhard Fuld in
einer Weise zu Tisch einzuführen, die diesen selbst fast dafür belohnte, so
einmal seinen bescheidenen Vetter ausgezeichnet zu haben.
    Auf dem Dampfschiffe hielt sich Löb mit Stephan Lengenich so herausfordernd
und kühn, wie der wilde Held der gestrigen Oper. Wäre er auch beim Landen, als
er inzwischen, angeregt durch die Schifferkähne, zur »Stummen von Portici«
übergegangen war und nicht achtend des schmalen Steges und des Menschengedränges
trällerte: »Auf, singt die Barcarole!« fast in den Fluss gefallen, so kehrte doch
nach dem ersten Schrecken seine ganze Erwartungsfreudigkeit zurück. Während
Lengenich zum Pfarrer ging, umkreiste er die stolze Villa seines Vetters und
rüstete sich zum Eintritt.
    Bernhard Fuld inzwischen finden wir in der behaglichsten Stimmung eines
geschäftsfreien Sonntagsvormittags.
    Jeune homme von einigen dreissig Jahren hat er seinen hie und da schon
grauenden Bart mit grosser Kunst übermalt und à la mécontent geordnet. Auf seine
Veranda begibt er sich in türkischem Schlafrock mit Fes auf dem Haupte und
ungarischem Tschibuk in der mit einem goldenen Siegelring geschmückten feinen
etwas magern Hand ... Er ist nicht allein. Seine Gesellschaft ist ein gestern
angekommener Gast, Baron Wenzel von Terschka, ein ihm geschäftlich Empfohlener
von einem Freunde der Familie seiner Frau ... Und während diese sich noch hinter
einem blumengeschmückten Fenster oben bei ihrer Toilette befindet, die heute
eine neu aus Paris gekommene war, da sie ein grösseres Diner, Nachmittags grossen
Kaffee hatte, ergingen sich der Wirt und Herr von Terschka (dieser schon in
vollständigster Mise) in Naturbewunderung, Börsencursen, Louis Philippistischer
Politik und Pferdezucht. Der neue Stall war besehen worden, Terschka's
Kennerwort vernommen, Homburger und Baden-Badener Grafen und Barone, die sich
vielleicht als Traineurs auszeichneten und von zwei alten magern Pferden, d.h.
Wettrennern, mit denen sie Preise gewannen, lebten, waren mannichfach als
Autoritäten für diese oder jene Fütterungsmetode citirt worden, kurz, man
konnte sich jetzt mit Behaglichkeit dem Blumenduft und der zauberischen Aussicht
hingeben in zwei allerliebst geformten gusseisernen Lehnstühlen.
    Die Besitzung hatte schon beim Ankauf, wie heute auch von der Kanzel bemerkt
worden, viel Geld gekostet und mehr noch hatte man in sie hineingesteckt. Das
Landhaus war, wie Terschka sagte, würdig am Comersee zu stehen ... Die nahe
Kirche, die ebenfalls neu, hatte dem Erbauer allerdings in erster Frühe vor
seinem Schreibtisch einige »unangenehme Viertelstunden« verursacht. Sie bot
nämlich die Unbequemlichkeit, dass sie nie fertig wurde. Immer noch gab es etwas
zu vervollständigen an ihr und zu ergänzen. Bald fehlten noch Chor- und
Beichtstühle, Schränke in der Sakristei, allerlei von jenen Mechanismen, von
denen man bei Aufbewahrung der heiligen Gerätschaften, der praktikablen
Benutzung z.B. nur der Leuchter als Laie kaum eine Vorstellung hat. Was hatte
der israelitische Patron der Kirche des St.-Dionysius nicht schon für unheilige
Sacrebleus in die Holzschnitzereien, die Vergoldungen, die Stickereien und die
Gelbgiesserrechnung allein für die beiden Glocken gewettert! Wir wollen nicht
wünschen, dass die mehreren Goddams, die auch heute auf die in frühester
Morgenstunde schon wieder vor dem fleissigen Rechner ausgebreiteten Noten und
vorzugsweise die des Gelbgiessers fielen, irgendeinen Einfluss auf die hehren
Ruferinnen der Lüfte ausüben mögen. Bernhard Fuld unterwarf sogar die
Inschriften der Glocken einer Kritik, denn der Bildner der Form liess sie sich
buchstabenweise bezahlen und Pfarrer Engeltraut hatte grossen Wert darauf
gelegt, die Worte des Psalmisten: »Wohl denen, die in deinem Hause wohnen, die
loben dich immerdar, Sela!« auf die grosse Glocke und die Worte des Propheten:
»Wie lieblich sind auf den Bergen die Boten, die da Frieden verkündigen!« auf
die kleine zu setzen. Der von ihm sogar noch beantragt gewesenen, aber von Fuld
gestrichenen dritten Glocke hätte er hingehen lassen, dass sie nur einfach die
Jahreszahl brachte.
    Bernhard's Gast, der die Cigarren seines tschibukrauchenden Wirtes ebenso
zu würdigen versteht, wie die pittoreske Lage der Veranda, ist kein Jüngling
mehr und doch besitzt Herr von Terschka etwas ausserordentlich Jugendliches. Von
sechsunddreissig Jahren, die man ihm nach dem untrüglichen Merkmal aller Jahre,
den Runzeln, die von den Schläfen nach den Augen zulaufen, geben musste, hatte er
noch ganz das Wesen eines Jünglings, jedenfalls noch immer das aus der Zeit, als
er mit seinem Freunde Grafen Hugo von Salem-Camphausen unter den Offizieren zu
Kiel sass, damals, als des Kronsyndikus Trauer selbst beim Weine von diesen
feierlich geehrt wurde und gerade Terschka es war, der bei Gelegenheit der Nase
Lucindens und eines Bildes auf einem herumgereichten Armbande die Veranlassung
wurde, an eine Römerin zu erinnern, über die der Kronsyndikus in jene nächtliche
Aufregung geriet, die ihn seine noch lebende »zweite Frau« sehen liess - und das
war bereits sechs Jahre her. Schlank und behend von Gestalt, mager, wachsbleich
wie ein Armenier, mit schwarzem Haar, weissen Zähnen, leidenschaftlichen
schwarzen Augen, befliss sich Wenzel von Terschka völlig unbedeutend zu sein, so
kindlich, so gutmütig, wie nur irgendeinem gebornen Czechen möglich. Mit
Gewandteit folgte er jedem Gedanken seines Wirtes und liess sich in der
Morgenunterhaltung beim Genusse seiner Cigarre auf jede Äusserung desselben mit
der liebenswürdigsten Selbstentäusserung ein: »Ah!« - »In der Tat!« - »Meinen
Sie wirklich?« - Mit diesen Zwischenreden folgte er allen Ansichten, die
Bernhard Fuld über die grosse Erbschaft aussprach, die demnächst der Auftraggeber
Terschka's, Graf Hugo, antreten wollte. Immer wieder kehrte das ihm sicher
hochwichtige Gespräch auf Harmlosigkeiten zurück, auf die Gegend, auf das Stift
Lindenwert, auf die Pferde seines Wirts, auf die Preise des Heus und der
Fourrage in hiesiger Gegend, auf das erst neuerdings eröffnete Bad zu Homburg,
wo Bernhard Fuld mit seiner jungen Frau vor wenig Wochen die erste Saison
durchgemacht und zu erzählen wusste von einer Jagdpartie der Spielpächter im
Costüm der Zeiten Ludwig's XIII. und einer andern im Geschmack rotgekleideter
englischer Fuchspreller. Bei der geschickten Art, wie sich Wenzel von Terschka
zu unterhalten wusste, lenkte er das Gespräch immer wieder auf den Beistand ein,
den für seine grosse Erbschaft und vielleicht die zweckmässigste Entäusserung
derselben Graf Hugo in dem Fuld'schen Hause zu finden hoffte.
    Bernhard, der ohne seinen erst aus der Stadt noch erwarteten, sicher zum
Diner kommenden Bruder Moritz nichts Geschäftliches unternahm oder zusicherte,
nicht einmal eingehend etwas erörterte, war schon mit der gleichgültigen
Bemerkung hervorgetreten, dass vielleicht eine Parcellirung - das Rentabelste
wäre und sich dann zu einer Recognoscirung des Terrains niemand besser eignen
würde, als - par exemple - ein erfahrner Landwirt und Gütermakler Namens Löb
Seligmann ...
    Und gerade in diesem Augenblick wurde Löb Seligmann von einem eben in seiner
Toilette fertig gewordenen, in schöner, bunter Livree auftretenden Bedienten
angemeldet.
    Terschka, der alles nur leicht zu nehmen schien, doch den Namen des Agenten
sogleich zweimal sich nennen liess, setzte bei seinem Wirt Privatgeschäfte
voraus und ging auf sein Zimmer. Er besass die Klugheit, die Dringlichkeit seines
Anliegens mit nichts zu verraten, sondern die Geschäftswelt an sich herankommen
zu lassen. Fast könnte es scheinen, als hätte dies für sein lebhaftes Naturell
keine kleine Aufgabe sein müssen.
    Mit seinen hellgelben, seidenen Handschuhen steht nun der glückliche zu
Tisch Geladene vor dem dem Baronisirtwerden so nahe gerückten »Vetter« Bernhard
Fuld und äussert ihm durch einen trunkenen Blick die schon oft ausgesprochene
Bewunderung seiner reizenden Besitzung.
    Bernhard Fuld hatte die Gewohnheit, beim »Unter uns« nicht die vornehme
Reserve zu beobachten, die ihm sonst eigen war ...
    Graf Rudolf in der »Nachtwandlerin« singt, auf die schöne Gegend blickend:
»Hier das Bächlein, dort die Mühle!« - und ebenso verklärt schaute Löb Seligmann
rundum ...
    Bringen Sie die Quittung über die - wie viel Taler waren es -? fragte
Bernhard.
    Herr Fuld, Sie werden doch sagen, dass ich meine Sache gut gemacht habe!
begann Seligmann. Sie sollen sich bauen auf den Berg den schönsten Pavillon und
eine Treppe hinauf mit so viel Stufen, als ich Ihnen Jahre zu leben wünsche!
Hundert Stufen sind mir nicht genug, Herr Fuld!
    Wer sagt Ihnen, dass ich einen Pavillon bauen will mit Stufen? erwiderte Fuld
und fand sich schnell in die so höchst angenehme Nachricht. Ich will nur einen
Weinberg haben und mein eignes Getränk auf den Tisch, Drusenheimer Ausbruch!
Denken Sie, die Papiere stehen so, dass ich alle Tage Champagner trinken kann?
    Champagner! ... Seligmann ahnte eine bedeutsame Anspielung auf das heutige
Diner, liess seine gelbseidnen Handschuhe nicht wenig in der Sonne spielen und
verzichtete still für sich auf Champagner, befriedigt vollkommen von
gewöhnlichem - Johannisberger Cabinet oder ähnlichen Mittelsorten -
    Wie ist denn diese plötzliche Umwandelung des verrückten Küfers gekommen?
fragte Fuld, aufblinzelnd zu seiner vielleicht schon oben lauschenden Gattin.
    Seligmann zuckte die Achseln, holte einen tiefen Seufzer und erwiderte:
    Herr Fuld, das ist ein Roman! Wenn ich's erzählte, Sie würden es nicht
glauben!
    Bernhard Fuld hatte noch mit seiner Toilette Zeit und sagte:
    Erzählen Sie nur!
    Löb Seligmann machte eine mysteriöse Miene.
    Sie wollen mich überraschen! sagte Fuld, als der Makler schwieg und setzte
mit einem Tone, der selbst Scherze in der immer ihm gleichen blasirten Art
aussprach, erläuternd hinzu: Wahrscheinlich, weil ich jetzt die ganze Geschichte
um sechshundert Taler habe!
    Nein, umsonst! parodirte denn doch Löb Seligmann und nicht ohne eine gewisse
Aufwallung über den Vetter, der der Mann war, solche Scherze ernst zu nehmen.
    Sie haben, fuhr Fuld in der Tat fort, das Geschäft mit sechshundert Talern
fertig gekriegt und wollen nun dreihundert als Courtage? Revanchiren Sie sich
ein andermal!
    Herr Fuld! sagte Löb zurückfahrend. Meine fünf Procent sind mir fast an
Freiheit und Leben gegangen!
    Mit einem halb zugedrückten Auge erwiderte Bernhard blinzelnd:
    Hanswurst!
    Hanswurst? Um den Küfer herumzubringen, hab' ich eine Komödie gespielt, die,
wenn man die Hand umdreht, wär' ein Trauerspiel geworden und Sie wissen, Herr
Fuld, ich bin für die Oper -
    Fuld staunte denn doch und würde auf die weitere Auslassung des Vermittlers
mehr gedrängt haben - schon vielleicht eines Stoffes wegen für die Unterhaltung
beim Diner -, wenn dieser nicht von der Veranda aus, wo sie sich befanden, den
Küfer im Sonntagsstaate daherkommen gesehen hätte, umringt von Alt und Jung, die
aus dem »Hahnen« her ihn als einen jetzt erst erkannten, wahrhaft erleuchteten
und ganz unglaublich wunderbaren Mann begleiteten.
    Stephan Lengenich sah sich wie ein Feldherr oder ein hier enttront
gewesener Monarch um. Jetzt erst recht hätte er, nach der geistlichen Schutzrede
und dem feurigen Anschluss der Dorfbewohner, den Fuss in der Gemeinde behalten
mögen; doch hatte er Seligmann in seinen Kellergewölben den Schwur getan, dass
es rings in den Gewölben und an den Fässern widerhallte: um einen gewissen Preis
wolle er das Geschäft zu Stande kommen lassen, einen Preis, bei dessen Anblick
es ihm gewesen war, als wäre aus der Wand oder aus einem Fasse heraus auf ihn
zugetreten geradezu der Bote der himmlischen Gerechtigkeit! Was Stephan da
geschworen hatte, als er die Laterne in die Höhe gehoben und atemlos
gesprochen: Mensch! wo hast du das her? ... als Seligmann mit der rechten Hand,
während die linke das Bewusste schnell wieder verbarg, seine Vatermörder in die
Höhe zupfte, weil sie in der feuchten Kellerluft ihre stärkehaltige Positur
verloren ... was er geschworen, als er alles liegen liess, wie es lag, über
Dauben, Setzreifen, Bandhaken, Visirstäbe, Stellzirkel hinwegtrat, die linke
Hand Seligmann's ergreifen wollte, dieser aber retirirte und ihn so mit sich
zog, wie er ging und stand und wie an einem Köder in die Rumpelgasse zu Veilchen
Igelsheimer ... was er wieder dort geschworen, als der lange, breitschultrige
Mann, mit seinem geröteten Antlitz, den wackelnden Ringen in den Ohren, das
knatternde Schurzfell über den Lenden, vor dem zarten, kleinen alten Mädchen
stand und an seinem Schutzpatron Sanct-Stephanus, dem Gesteinigten, festalten
musste, um nicht im Glauben wankend zu werden vor Bewunderung einer Beredsamkeit,
die ihm bewies, dass er den Fluch der ganzen Kirche auf sich laden würde, wenn er
nicht dahin sich ergäbe, jenen Anblick nur vorläufig einmal gehabt zu haben, den
Anblick jenes vom Jagdkleid des Kronsyndikus vom Deichgrafen im Ringen
losgerissenen grünen Kragens - was er da geschworen: dem Löb Seligmann dafür zum
Lohne »und bis auf weiteres« das von ihm vermittelte Geschäft des Verkaufs zu
Stande kommen zu lassen, das hielt er denn nun auch.
    Stephan Lengenich, im Geiste sich bis an die Spitze des Geierfelsen hinter
ihm hinaufgipfelnd und das ganze Enneper Tal zum Schemel seiner Füsse nehmend,
kam näher ...
    Seligmann rief ihn von der Terrasse grüssend an ... Lengenich zog den Hut -
lässig wie ein Fürst.
    Bernhard erklärte sich bereit zum sofortigen Abschluss und zur Ausstellung
einer Anweisung auf sein Comptoir in der Stadt.
    Fuld's kurze und geschäftliche Begrüssung des inzwischen auf die Veranda
eingetretenen Handwerkers war diesem wenig genehm; denn wenn Leute aus dem Volke
etwas ihnen Wichtiges unternehmen, so wollen sie es mit einem entsprechenden
Umstand vollzogen sehen. Ehe aber Stephan nur erst die Anrede gemacht hatte:
Lieber Herr! war Bernhard schon mitten in dem Gegenstand. Und ehe jener nur erst
sein: Lieber Herr! wiederholt, dann von seiner Geburt her »in dem Hause da
drüben hinter den Wallnussbäumen am dritten Fenster rechts
Eintausendsiebenhundertunddreiundneunzig« begonnen hatte, da bezweifelte
Bernhard schon wieder Stephan Lengenich's wirkliche Absicht, bei neunhundert
Talern stehen zu bleiben und nicht auf Billigeres zurückzugehen. Und wie der
Küfer nun gar erst von dieser Seitenschwenkung, die er jedoch schon rascher
parirte, im Context irre wurde und zu seiner Wanderschaft übersprang als Gesell
und von den fünf Groschen sprach, die er manchmal nicht in der Tasche gehabt
hätte, und dann der Weg bis zu dem Düsternbrook bei Schloss Neuhof noch in
unendlichster Perspective lag, da waren alle drei schon aus der Veranda einige
Stufen, über welche eben im seidenen, duftenden Kleide dahinrauschend ein
allerliebstes kleines Frauchen mit einem grossen weissen Spitzenteller auf dem
rabenschwarzen Haare ihnen begegnete, in Bernhard's Arbeitszimmer angekommen und
hatte dieser schon eine Feder in der Hand und setzte eine Verständigung auf, die
Lengenich unterschreiben sollte ... Jetzt war zwar in der Pracht und Eleganz der
Umgebung die Biographie des Küfers vollends verschüttet, doch hatte er für sein
umständliches Gemüt nun einen Vorsprung gewonnen. Er sollte etwas
unterschreiben! Da lag ein Bogen Papier, unter den er seinen Namen setzen
sollte, während ein andrer darauf warten muss! Das ist ein grosses Privilegium! Da
kann ein jeder sicher sein, ob er nun Napoleon oder Alexander der Grosse heisst,
dass er ruhig zuhören muss, wenn sein Wirt beim Schliessen eines Mietcontractes
die Pause benutzt und die gegenwärtige Höhe der Steuern auseinandersetzt!
Lengenich las jede Zeile mit Aufmerksamkeit und ihm störte nicht das heitere
Lachen der kleinen Frau und ihr Scherzen draussen mit Wenzel von Terschka, ihn
störte nicht, dass Bernhard Fuld noch gar nicht einmal angekleidet war. Der Preis
war noch offen gelassen, in Erwartung, Lengenich würde sich vor Seligmann in der
unter ihnen abgemachten Summe verraten.
    Wirklich Siebenhundert? sagte Bernhard. Haben Sie sich nicht verschwören
müssen, Herr Lengenich?
    Siebenhundert?
    Seligmann trommelte auf die Fensterscheiben. Die berühmte Auctionsarie aus
der »Weissen Dame« bekam er in seine beleidigten Finger.
    Inzwischen hörte man leichtes Fuhrwerk im Kieselsande anfahren - bald war es
zwölf Uhr - vor Tisch war noch manche Anordnung zu treffen ...
    Bernhard sagte:
    Ich stelle also eine Anweisung auf - achtundert Taler.
    Seligmann trommelte und pfiff sogar leise die Verzweiflung des
Schlossverwalters aus der »Weissen Dame« ...
    Na, richtig, neunhundert! sagte endlich Fuld ärgerlich, nur um zum Ziele zu
kommen und auch erschreckend über den immermehr zurückhufenden und sich purpurn
überfärbenden Küfer ...
    Als er geschrieben, musste er dann auch zur Strafe noch aushalten, dass
Stephan Lengenich ihm die Hand reichte, gleichsam eine ewige Freundschaft mit
ihm schloss, sich freute, ihn persönlich kennen gelernt zu haben, seine kostbare
Einrichtung bewunderte, einige Bilder betrachtete, nach dem Preise der Rahmen
fragte, dreimal den Hut suchte, während er ihn doch schon in der Hand hatte, und
nicht fortkonnte ...
    Seligmann unterstützte ihn in diesem Laviren ... Denn Eines war höchst
sonderbar. Der Vetter machte keine Miene, sich zu erinnern, dass er heute bei ihm
speisen sollte ...
    Schon rief Bernhard Fuld: Jean! und der Bediente kam und half ihm bei
Abschluss der Toilette ...
    Stephan Lengenich bewunderte noch immer einige Porträts und verglich bei
einer der ringsum aufgehängten Damen die Augen mit denen Veilchen Igelsheimer's
...
    Excuse! sagte Bernhard ärgerlich und zog ohne weiteres den Schlafrock aus
...
    Aber kein Wort vom Diner?!
    Nein, sehen Sie, Herr Seligmann, diese weissen Hände mit den Ringen! .. Dort!
    Bitte recht sehr! bemerkte Bernhard immer verdriesslicher und doppelsinniger
und liess seine weiten roten Beinkleider sinken, um ganz enge schwarze
anzuziehen ...
    Und nichts vom Diner!?
    Stephan Lengenich besann sich jetzt, was der Anstand erforderte. Der Mann
war er nicht, der nicht verstanden hätte, mit den Grossen umzugehen, mit feinen,
gebildeten Herren wie Schnuphase, mit Secretären des Kirchenfürsten und
ähnlichen Lebensstellungen ... Jetzt empfahl er sich und verwechselte nur noch
die Türen ...
    Da, da, lieber Mann! zeigte Fuld und er war dabei auf der Folter ...
    Aber nichts vom Diner?! .. Löb Seligmann steht wie angewurzelt ...
    Ja aber, was wollen Sie denn noch? fuhr Bernhard Fuld jetzt auf, zornig über
den kleinen Mann mit dem schwarzen Wollenkopf und hatte nicht übel Lust
hinzuzusetzen: Haben Sie denn Pech an den Stiefeln? ...
    dabei zog er schon den Frack mit dem roten Band der Ehrenlegion an.
    Das wurde denn nun doch dem Vetter zu viel!
    Vor Stephan Lengenich, der schon draussen war, compromittirte er jetzt weder
sich noch den Vetter. Mit einem Tone, der gleichfalls unerschrocken dem »Unter
uns« entsprach, sagte er:
    Herr Fuld! Ich wollte nur gefragt haben: Wann ist die Stunde, wo bei Ihnen
gespeist wird?
    Jetzt sah ihn Fuld gross an und besann sich ... Lange musste er kopfschütteln
und lachen. Endlich rief er gezogenen Tones:
    Schlemihl! ... Es ist ja wahr! ... Wissen Sie was? Gehen Sie in die Küche,
Seligmann! Fragen Sie Reginen, wie viel Minuten vor zwei Uhr die gespickte
Rehkeule irgendwo zum Anschneiden ist, dass man's nicht sieht, wenn sie auf die
Tafel kommt!
    Löb Seligmann hob voll Trotz das Haupt aus den Schultern und warf es mit
einer gewissen schiefen Senkung wieder in den Nacken. Die Art, wie er von dannen
ging, sagte geradezu: Ich denke, Sie haben sich meiner nicht zu schämen, Herr
Fuld; denn es steht geschrieben: Alle Jüden sind wir geborne Prinzen.
    So schritt er fort; sein Gemüt löste sich aber in Elegie auf ... Er musste
gedenken: Gott, wenn du nun nach Kocher am Fall hättest schreiben müssen, du
warst auf Fuld's Villa und sie hatten die Einladung vergessen! ... Dieser
Gedanke goss über sein Antlitz die äusserste Wehmut ... Lengenich, der ihn
draussen erwartete, begriff nicht, warum so weich die Worte von seinen bleichen
Lippen kamen:
    Gehen Sie jetzt, Mann! Versöhnen Sie sich mit Ihrem Bruder, der Ihr ärgster
Feind gewesen! Ich bleibe auf der Villa! Sie wissen! Ich speise bei - meinem
Vetter!
    Der Küfer war in verwandter Stimmung. Er wusste, dass im alten, Anno 30
renovirten Hause der Aeltern eben jetzt sein Bruder Melchior mit der Familie zu
Tische geht ... Er wusste, dass es heute seit einem Jahrhundert dort Klösse,
gekochte Birnen und Speck gab ... So nach der Rechtfertigung des Pfarrers mit
Darreichung des Handschlags vom Bruder sogleich empfangen zu werden, verlangte
er nicht. Dazu war der Berg zwischen ihnen zu hoch gewesen. Aber ein kurzes:
»Stephan, du bist's?« ein aufrichtiges, ehrliches, deutsches: »Ja, Melchior, ich
bin's!« ein Schweigen von Seiten Melchior's und ein Deuten bloss auf den
Mittagstisch und die Worte: »Willst mitalten?« ... mehr verlangte Stephan nicht
... mehr bedurft' es auch nicht zur Aussöhnung. Endlos ist das Volk in
Verstandesdingen, in Herzensdingen kurz.
    Seligmann aber, alle Sorgen, die sich noch an den Fund des Portefeuilles aus
der Kutte des Mönches Sebastus knüpften (eines Portefeuilles, das einem Manne
gehörte, an dem sich rächen zu wollen auch ihm sein erstes Gelüst gewesen)
abschüttelnd auf die Weisheit, hochherzige Besonnenheit und Beredsamkeit
Veilchen's stieg in das Souterrain der Villa, wo neben dem französischen Koch,
Herrn Jülien aus Paris, Regine waltete, die der jungen Madame Fuld ihre Aeltern
mitgegeben hatten, um dafür zu sorgen, dass sie den Zusammenhang mit den
Vorschriften des Talmud nicht zu sehr dem vornehmen Weltleben ihres Gatten
opferte. Waren keine Gäste da, so hatte Regine den Oberbefehl und duldete am
Kalbsbraten keine Butter, am Rehbraten keinen Rahm, nimmermehr Aale, nimmermehr
die Verwechselung der Geschirre je nach dem Inhalt, der drinnen gewesen - und
wie die Vorschriften eines Glaubens lauten, der die Grundlage unsers eigenen
ist.
    Seligmann lächelte sanft, die Freude Reginens zu sehen, dass sie einen
»Vetter« ihrer Herrschaft oben kennen lernte, wenn auch nur hier unten im
Souterrain des Kellers ...
    Der Rehbraten, sagte allerdings der Koch streng abweisend, sein erst dann zu
dividir, wenn er zurückspazir' de la Table! ...
    Aber Seligmann war es nicht um den Rehbraten, sondern nur um die Ehre zu
tun. Er wartete den Gang der Ereignisse ab. Das freundliche Plauschen der alten
Wienerin weckte ihm allmählich wieder die frohe Musik seiner Seele.
 
                                      12.
Nun von Viertelstunde zu Viertelstunde ein neuer Gast ...
    Zuerst der Bruder Moritz ...
    Er war der Aeltere, trat aber gegen seinen repräsentativeren Bruder zurück.
Fast vierzig Jahre alt, mochte er sich nicht mehr verheiraten. Er hatte eine
pessimistische Auffassung des Lebens, während Bernhard, Geldsachen ausgenommen,
mehr zum Optimismus neigte ...
    Moritz brachte die ihm gestern Abend anonym zugeschickte Caricatur.
    Glücklicherweise brachte er auch den Humor mit, dass er das Befremden und den
entrüsteten Unwillen seines Bruders nicht vermehrte ...
    Der stille und sanfte Alois Effingh hatte sie beide darstellen lassen, wie
sie mit einem Heiligenschein von Dukaten um den Kopf standen, der eine in der
Hand mit einem Modell einer neuen Kirche, der andere mit einer Kerze und mit dem
Rauchfass. Darunter stand die Unterschrift: »Alles fürs Geschäft!«
    Für die Kirche, sagte Moritz, tröste uns die neue Eisenbahn in Belgien,
deren Actien wir in Deutschland emittiren! Und für die Dukaten um den Kopf
tröste uns unsere amsterdamer Berechnung vom letzten Ultimo! Louis Philipp lässt
die Curse fallen, weil die Kammern zusammentreten. Um die Debatten über die
Tronrede nicht zu grob werden zu lassen, kitzelt er ein bisschen den
französischen Nationalstolz durch den Schein, dass es Krieg gibt.
    Bernhard versicherte sich, dass Moritz wenigstens die Caricatur vor seiner
Frau geheim hielt ...
    Gott, wie zärtlich! Warum soll sie unsere Lage nicht kennen lernen?
erwiderte Moritz.
    dabei musste er gewähren lassen, dass ihm Bernhard sein an Louis Philipp's
»ehrliche Leute« und deren Politik erinnerndes rotes Bändchen etwas weiter aus
dem Knopfloch zog ...
    In der Stadt drüben, fuhr Moritz fort (er tat dabei sogar dem Bruder den
Gefallen, sich im Spiegel zu besehen), müssen wir uns isoliren und unsere Kraft
nur in Paris, London und Amsterdam suchen! Dann der mittlere Bürgerstand und der
kleine Mann gewonnen und wir lachen diese altfränkischen Buchhalter aus mit
ihren grossen dicken liniirten Strazzen, die von Jahr zu Jahr hinten mehr leere
Seiten zeigen werden.
    Beide waren einig darüber, dass der Spott nur von der tonangebenden
mercantilen Jugend der wohledeln Stadt, von Piter und dessen Freunden kommen
konnte.
    Sie verliessen das Haus und gingen den schattigen Partieen des schönen
Gartens zu und sprachen von den Anträgen Wenzel's von Terschka ...
    Es war von einer grossen Lotterie die Rede, in der die Standesherrschaft
Dorste-Camphausen allenfalls verspielt werden konnte ... Terschka hatte selbst
aus seiner Heimat diese dort übliche Form für Geldspeculationen grosser, selbst
fürstlicher Häuser anempfohlen ...
    Neue Anmeldungen hinderten die Fortsetzung dieses Gesprächs ...
    Bernhard ging, eine kürzlich in Belgien bei Negociirung eines grossen
Eisenbahnanlehens der Städte Lüttich und Namur gemachte Bekanntschaft aus Spaa,
den Baron von Binnental zu empfangen ...
    Die Physiognomie des Barons misfiel Moritz. Gerade darin zeigte er seinen
Pessimismus, dass er beständig des Bruders Sucht nach vornehmen Bekanntschaften
bekämpfte, die allerdings nicht selten mit Geldverdriesslichkeiten endeten ...
    Ich weiss nicht, mit was für Leuten du dich ziehst! flüsterte er dem Bruder
zu.
    Aergerlich wies dieser auf den aus der heissen Küche jetzt zurückgekommenen
und in den entferntesten Hecken des Gartens fast auf den Zehen spazieren
gehenden Seligmann und sagte:
    Schnorrer willst du? Da hast du einen!
    Sich wendend empfing er dann wieder eine neue Meldung ...
    Herr von Binnental war inzwischen zu Madame Fuld getreten ...
    Ein junger Dandy war es, der bei seinen vielen Reisen im Ausland seine
deutsche Muttersprache verlernt zu haben schien und bei den einfachsten
Begriffen stockte, um sie zuletzt englisch oder französisch vorzubringen.
    Moritz flüsterte seiner Schwägerin (die in der Mitte des Gartens in der
schattigen Rotunde eines mit vier Eingängen durchbrochenen Rebenspaliers, auch
hier auf gusseisernen, mit Polstern belegten Stühlen, anmutsvoll die Honneurs
machte und durch die Strahlen eines von Blumen umzogenen Springquells aus der
Ferne gesehen, in ihrem wassergrünen seidenen Kleide, fast einem
Grandville'schen Naturgeist, einer personificirten Libelle ähnlich sah) nach
einigen Beobachtungen des Herrn von Binnental brummend die Bemerkung zu:
    Ich weiss nicht, dieser Baron hat immer das Deutsche an den Stellen
vergessen, wo man eben erwartet von ihm einen Gedanken zu hören!
    Frau Bernhard Fuld sprach jedoch holdseligst mit dem Baron, ohne sich im
mindesten von der grämlichen Kritik des Schwagers stören zu lassen.
    Wieder klingelte die grosse Pforte des Eingangs.
    Wieder eine Anmeldung »aus der Pairskammer«, wie Moritz sagte, der im Geiste
mehr in Paris, als in Drusenheim zu leben schien.
    Diese neuen Ankömmlinge wurden vor Bewunderung der Villa gleich vorn
gefesselt.
    Terschka und Binnental unterhielten die Wirtin und Moritz horchte und
studirte vor sich hin und auf dem Gartenboden, wie es schien, nur Botanik.
    Herr von Binnental hatte allerdings alle Eigentümlichkeiten der
Weinreisenden. Er konnte mitten in eine Phrase über die von Terschka angeregte
Schönheit der alten belgischen Bauten eine Zwischenrede mit der Wendung
einwerfen: »Meine gnädigste Frau, dieses weniger!« Oder Frau Bettina, wie sie
statt Betty dem seit einigen Jahren erschienenen Briefwechsel Goete's mit dem
Kinde zu Liebe genannt wurde, ungeduldig über die draussen gefesselten Gäste,
wollte einen Schmetterling haschen. Es mislang ihr und Baron Binnental nannte
diese kleine graziöse Unterbrechung, die der schönen Frau allerliebst stand:
»Eine verfehlte Speculation!« Als er einige male, wetteifernd mit dem immer
gefallsamen Terschka, der aus dem: »Küss' die Hand!« gegen Frau Bettina nicht
herauskam, von »schiefgewickelten« Ideen sprach, erregten diese Ausdrücke wohl
bei beiden grosses Gelächter, Moritz jedoch hatte auf der Lippe, seinen Bruder
Bernhard zu fragen, ob dieser in dem Eifer nach Vornehmheit vergessen hätte,
sich den Pass des Herrn von Binnental zeigen zu lassen.
    Und dabei bekam Moritz wahrhaft Mitleid mit dem armen Seligmann, der sich
hinter den äussersten Stachelbeerhecken versteckte und je mehr Menschen kamen,
ganz gegen das Naturell seines Stammes, desto weiter sich zurückzog.
    Immer grösser und grösser wuchs die Zahl der Connexionen. Nun sah man, dass man
in Homburg und Baden-Baden die Liebenswürdigkeit selbst gewesen war. Jeder, der
auf seiner Rückreise den schönen Strom berührte, war aufmerksam gemacht worden,
die Villa im Enneper Tale zu besuchen ...
    So auch ein Herr von Gutmann mit Gattin ...
    So auch zwei englische Ladies, die mit Ponies an fuhren und mit Mappen
kamen, um nach Tisch vielleicht noch die Gegend aufzunehmen ...
    So auch ein grosser »Exporteur in Landesproducten« aus Hamburg mit zwei
Schwestern ...
    Bernhard geriet in eine gegen seine sonstige blasirte Haltung immer mehr
zunehmende Aufregung. In dieser gab er sogar den Bedienten den Befehl, den so
»lauernd schleichenden« Seligmann ganz aus dem Garten zu verweisen.
    Moritz machte zu alledem den Beobachter und bemerkte bereits Manches.
    Z.B. als das von Gutmann'sche Ehepaar in den Garten getreten war ...
    Herr von Binnental entfaltete gerade ein Brillantfeuerwerk von »famosen«
oder »schaurigen« Tatsachen aus dem Badeleben Ostendes und Scheveningens und
hatte auf die Frage des Herrn von Terschka, ob Herr von Binnental auch ein
Schwimmer wäre, wieder die geistreiche Antwort gegeben: »Dieses weniger!« - als
seine Blicke des Herrn von Gutmann ansichtig wurden und vom Momente an
verstummte Herr von Binnental. Moritz konnte diese auffallende Beobachtung um
so mehr machen, als ihn Frau von Gutmann interessirte; eine seine graziöse
Erscheinung war es, nicht mehr ganz jung, aber von gefälligem Eindruck und einem
ohne Zweifel im Salon gebildeten Benehmen. Als sie selbst mit einem jener
Misverständnisse, die in Gesellschaft mit neuen Bekanntschaften oft vorkommen,
sich selbst in ein längeres Gespräch mit Herrn von Binnental eingelassen hatte
und erst allmählich erkannte, dass sie sich an ihr ebenbürtigere Persönlichkeiten
hätte wenden müssen, stand doch Herr von Gutmann lange genug allein, um über
den Eindruck, den auch ihm Herr von Binnental zu machen schien, von Moritz
beobachtet zu werden. Dies schien der Eindruck des höchsten Erstaunens zu sein.
Offen sprach Herr von Gutmann zu Moritz seine feste Ueberzeugung aus, in jenem
jungen Manne einen gewissen Oskar Binder wiederzuerkennen, der - Nun freilich
nahm er Anstand, die Antecedentien eines Mannes offen anzugeben, der hier in
solchem Kreise bei Rittern der Ehrenlegion verweilen konnte und von Pferden,
Hunden und von Güterankäufen sprach. Dass auch ihm der Makel anklebte, auf eine
nicht besonders motivirte Weise Bankrott gemacht zu haben und mit der
geschiedenen Frau eines angesehenen Mannes, gegen deren Aufführung die
sprechendsten Beweise an Ort und Stelle vorlagen, sich von Weib und Kind
entfernt, dann diese Frau und mit ihr den selbstgegebenen Adel geheiratet zu
haben, um ein speculatives Leben in den Bädern zu führen - das war allein der
Anstand, der Herrn von Gutmann verhinderte, offener mit der Wiedererkennung
seines frühern Commis hervorzutreten. Seine Frau führte mit diesem gerade eine
liebenswürdige und höchst charmante Causerie, ganz noch als wenn sie in seinem
Bazar stünde und unter Scherz und Bewunderung der vorgelegten Stoffe, sicher nur
infolge angeborener Kleptomanie, ein Packet Spitzen escamotirte. Moritz bemerkte
den Schrecken, der auf den Gesichtszügen des Herrn von Binnental immermehr
platzzugreifen anfing ...
    Diese so interessanten Bekanntschaften wuchsen immermehr ...
    Bernhard's neue Existenz strahlte im Lichte der edelsten Gastlichkeit. Man
hatte im ersten flüggen Drange des Bestrebens, ein Haus zu machen, jeder
persönlichen Berührung, selbst einer Frage am Cursaal zu Baden-Baden, ob diese
oder jene Pièce nicht von Beetoven wäre? und der Antwort der Nachbarin
(zufällig Meta Carstens, die mit Bruder und Schwester ihre zweijährliche
Ferienreise machte): »Jewoll!1) Die C-Moll-Symphonie!« - dann bei einer Kritik
des Fünf-Uhr-Diners (hamburger beibehaltene alte Gewohnheit) und der Bewunderung
der aufgetragen gewesenen Erbsen (die sie rühmende war Sophie Carstens) eine
Ausdehnung zur Einladung, auf der Rückreise das Enneper Tal zu besuchen,
gegeben. Frau Bettina liebte die Natur, die Musik, die schönen Künste und sogar
die Freundschaften noch ebenso, wie Bernhard bereits nur noch die Livreen, die
Pferde, die Hunde und die grossen Namen liebte. Nach den Honigmonaten klärt sich
das. Jetzt ist die Gärung noch etwas bunt. Zu dem Commis mit fünf Jahren
Correction, zu dem bankrotten Rentier und seiner neuen Gattin, dem weiblichen
Vidocq, zu den Ladies, die die Töchter eines Porterbierbrauers in London waren,
kam Nikolaus Carstens, seinerseits höchst unschuldigerweise hier ein grosser
Exporteur genannt, teilweise jedoch mit grösserm Rechte als Münzenkenner und
halber Gelehrter gefeiert. Er bedurfte der ganzen Würde, die ihm seine weisse,
grosse, in der Hitze nicht eben kühlende Halsbinde gab, um die Äusserungen seiner
Schwestern über eine gewisse von ihnen bewohnte Villa vor dem Dammtorwalle mit
Besonnenheit zu unterstützen.
    Wir bedauern nicht verweilen zu dürfen bei der Anmut der Wirtin, die ganz
wie ein verkörperter Tropfen vom heutigen Frühtau noch nachblinkte. Sie einen
Diamanten zu nennen, deren sie einige Dutzende auf Brust und Händen trug, wäre
zu kalt von uns. Sie ist das Leben selbst, der Frühling, der lachende, die
Sonne, die glühende. Wie ist das im Glück geboren und erzogen! Sie hat soeben
bei dem Wandeln hinaus auf den nun heute zu ihrer kindlichsten Freude erworbenen
halbwüsten Acker und Weinberg, dessen Höhe jedoch das schönste Panorama bot,
eines der kostbaren Bänder, die sie auf dem schönsten Arme von der Welt trug,
verloren - Moritz tadelte gleich, dass sie deren zu viel trug und nannte es ein
gefährliches Unterbinden der Pulsadern - beim Zeigen und Bewundernlassen dieser
Armringe war einer von ihnen verloren gegangen ... eben kam der Verlust zur
Sprache ... eben bei der Debatte über das Verhältnis irgendeines neuen wiener
Componisten zu Beetoven, einer Zusammenstellung, über deren Ketzerei Meta
Carstens vor Aufregung fast plattdeutsch sprach und dabei Brillanten und
Rheinkiesel in geistvolle Vergleichung brachte ... Nun allgemeine Bewegung; aber
die junge Frau sagt: Bitte! bitte! Lassen Sie doch nur! ... Die Bediente
springen ... Terschka ist schon überall ... Bernhard bittet um alles in der
Welt, den Fall leicht zu nehmen ... Bettina nimmt den Fall wirklich schon leicht
... Man kehrt unverrichteter Sache zurück, das Armband ist nicht zu finden ...
Und jetzt kommt es erst heraus, dass es das schönste war, dasselbe, das Frau von
Gutmann so lange bewundert hatte ... Moritz fixirt Herrn von Binnental ...
aber ein Graf Dammhirsch - wirklich das einer von sechzehn Ahnen, aber bloss
Traineur und Besitzer von zwei alten magern, schnellfüssigen, ihn ernährenden
Stuten - verbürgt die Ehrlichkeit der Gegend ... Doch die Masse der
Spazierfahrer und Ueberlandgänger! ... Enfin tranchons le mot! ruft Bernhard.
Tranchons le rostbeaf! sagt Moritz, mit Anspielung darauf, dass man auch
allenfalls Hunger haben könnte ... Das Ding kostete mindestens sechzig
Friedrichsdor! flüsterte er; aber Bettina sprach schon wieder von Musik und
verteidigte den neuen Componisten und bewunderte Talberg's Tremolo.
    Die Stimmung war allerdings ein wenig gedrückter geworden und nur die
Naivetät der Engländerinnen belebte sie wieder durch ihr Entzücken über die
Gegend.
    Bernhard sah sich nun nach Seligmann um, den er aus dem Garten verwiesen
hatte, ja sogar von der Eingangspforte der Villa weg, wo der gute Vetter sich
nützlich zu machen den Einfall bekam und den Schlag der Wägen öffnete, wenn die
Bediente nicht sogleich zugegen waren. Jetzt hätte der nach dem Armband suchen
können. Er bereute fast, vor einer Viertelstunde zu ihm gesagt zu haben:
Seligmann! Ich werde Ihnen doch einen Hut mit Tressen geben, ein Bandelier und
einen Stock, wenn Sie durchaus hier den Portier machen wollen!
    Man konnte nicht leugnen, Seligmann trug die Farbe seines Stammes in
seltener Treue. Dazu kam seine unendliche Glückseligkeit, die unverkennbare,
fast verwandtschaftliche Freude, andere im Augenblicke gleichfalls so glückliche
Menschen hier begrüssen und aus dem Wagen helfen zu können mit seinen allerdings
schon etwas von der Hitze stark mitgenommenen gelbseidenen Handschuhen.
    Indessen hatte er sein Vergehen vollständig eingesehen und da die gute
Regine mit der Unterstützung des Koches noch ausschliesslich zu tun hatte und
ihm selbst der Duft von Speisen, die ihm noch so lange vorentalten bleiben
sollten, doch ein zu lebhaftes Andringen zu seinen Geruchsorganen verursachte,
so zog er es vor, einstweilen noch und da leichte Wolken die heisse Sonne zu
bedecken anfingen, die Villa zu verlassen und noch ein wenig auf Drusenheim
zuzuspazieren, zu sehen vielleicht, ob Stephan Lengenich bei seinem Bruder
Speck, Klösse und Birnen ass.
    Eben das eiserne Torgatter der Besitzung auf das sanfteste zurücklehnend
hörte er Säbelklappern und traute seinen Augen nicht, den Major Schulzendorf mit
seinem Wachtmeister Grützmacher aus Kocher am Fall dahertraben zu sehen ... Ja,
sie waren es! ... Wie die Rosse dampften! ... Wie die Schnurrbärte der Reiter
vom Kalkstaub der Landstrasse so marsch- und manövermässig gefärbt waren! .. Der
Gruss der Nachbarn aus Kocher am Fall tat ihm so wohl, wie wenn sie ihm Grüsse
von der Hasen-Jette und vom David mitbrächten.
    Ei, Seligmann! Schlag, wie kommen denn Sie hierher? rief ebenso erheitert
Major Schulzendorf und ritt etwas langsamer.
    Ja, aber Sie, Herr Major? Von drüben? Zwölf Stunden weit?
    Dienstgeschäfte! ...
    Bedeutungsvolle Pause ...
    Grützmacher spricht natürlich kein Wort, wenn der Chef redet ...
    Dieser wollte weiter ...
    Apropos! hielt er plötzlich sein Ross an. Seligmann! Wissen Sie hier keine
Pferde?
    Herr Major, wollen Sie wechseln?
    Wechseln! Kaufen! Kaufen!
    Seligmann besann sich ... Vielleicht war ein Geschäft zu machen.
    Der Major drängte ...
    Sie haben was, Seligmann! Kommen Sie uns doch nach! In den Palmbaum, heisst
ja wohl das Wirtshaus?
    Zu Befehl, Herr Major, zu Befehl!
    Wie wir wissen, war der Major ein berühmter Pferdehändler. Seligmann durfte
annehmen, dass diese Aufforderung vollkommen ernst gemeint war.
    Grützmacher, der erst dicht neben seinem Chef ritt, sich jetzt aber drei
Schritte zurückhielt, bestätigte mit einer eigentümlichen Ironie in dem
sonnenverbrannten, wie mit Speck und Staub überstrichenen Antlitz die
Gelegenheit zu einem Geschäft. Und sein Brauner sogar schien den Seligmann zu
erkennen. Er machte einen so gewaltigen Satz, dass ihm Grützmacher's Säbel fast
an seine Vatermörder streifte.
    Na, na, Landsmann! sagte Grützmacher zum Gaul und beruhigte ihn.
    Die eigentümliche Ironie des seinem Chef Nachsprengenden verstand der
Nachbar des Wachtmeisters zu Kocher am Fall auf den ersten Blick. Seligmann
sagte sich: Gewiss ist bloss ein Pferd dienstuntüchtig geworden! Nun wird er eine
Reise von zwölf Stunden und sogar über den Strom hinweg unterwärts mit der
diessenbacher Fähre machen! Nebenbei werden ein paar Wagenpferde für Herrn von
Ingelheim, ein paar Ackerpferde für den Grafen Grafenberg, ein Reitpferd für
dessen Herrn Sohn beschafft. Oder wär's noch etwas Anderes? setzte er in
sinnendem Selbstgespräch, aber nachfolgend hinzu ... Seligmann verstand sich auf
die Zeit ... Ihm selbst lag der Streit der Guelfen und Ghibellinen seit gestern
centnerschwer auf dem Herzen, so leicht auch nur ein einziger grüner Streifen
Tuches von einem Jagdrock wiegt.
    Im Palmbaum fand er dann den Major, der bereits, wie er erzählte, heute
sieben bis acht Pferde behandelt und teilweise schon erstanden hatte. So
aufmerksam Schulzendorf dann zuhörte und sich Namen und Ortschaften notirte, wo
Seligmann noch einige junge, tüchtige Pferde wusste, auch eines ganz in der Nähe
auf einige hundert Schritt, so fand er den Major doch nicht in der Stimmung, den
Duft des Stalles sogleich wieder einzuatmen, sondern erst vor allen Dingen den
eines tüchtigen Mahles.
    Im Palmbaum gab es eine leidliche Table-d'hôte. Das Gewühl von Menschen, die
sich noch an der mit jedem neuen Gast mehr verdünnten Suppe und an ausgekochtem
Rindfleisch mit Salzgurken satt assen, war heute so gross, dass Seligmann plötzlich
auf einen ihn selbst überraschenden Gedanken kam. Wie - dachte er; wenn -
überlegte er; prächtig! - beschloss er. Der Major war an der Villa
vorübergeritten und hatte bei seinem ausserordentlich seinen norddeutschen
Spürsinn (die Guelfen räumen den Ghibellinen vorzugsweise eine grössere Feinheit
der Geruchsnerven ein) Seligmann beneidet, als dieser sich rühmte, dort zu
diniren. Selbst wenn es nur Kugel-Schalet gab, wussten ja Grützmacher und er, dass
der Major solchem Geruch manchmal selbst bei Jette Lippschütz nicht widerstehen
konnte. Selbst unter deren Dach sah man ihn oft eintreten am Freitag Abend mit
der feinsten Nase, die nur je jenseits der Elbe zum spürenden Organ alles Guten
und Schönen sich ausgebildet ... Ueberhaupt sechsunddreissig Landdragoner standen
unter dem Trefflichsten. Jeder von ihnen wusste, dass ein so tüchtiger Chef nur
zum Wohle des Vaterlandes geboren werden konnte, und eine dies bezeugende
Kleinigkeit, nämlich zu seinem Geburtstage - bezeugte auch an ihnen wieder, so
arm sie waren, ein gutes Herz. Schulzendorf nahm jeden Hasen, auch wenn er
geschenkt war. Und nun gar erst der Pferdehandel! Sechzig Taler kostete nun so
eine tüchtige Mähre von einem Bauer z.B. hier im Enneper Tale; dann hat man
einen guten Freund, Grützmachern z.B., die gute treue brave jüterbogker Seele
macht so ein Tier »rittig«, setzt Leib und Leben, Frau und Kinder daran, das
wilde Jungblut zuzureiten, und nach sechs Wochen nimmt es dann der beste aller
Könige für achtundachtzig Taler. Bei sechsunddreissig Pferden, die wie alle
Pferde nur zu oft nicht einschlagen, kommt der Fall der Erneuerung und ein
Gewinn von achtundzwanzig Talern per Stück sehr häufig vor. Wollte man aber
darum den Major anklagen, dass er im Dienste lässig gewesen? Nimmermehr! Er
strafte wie einer! Er machte Abzüge wie einer! Er lächelte stets so scharf, so
sarkastisch, so liebevoll mephistophelisch, aber zuweilen konnte sein Inneres
auflodern, wie wenn seine Väter nicht geborene niederlausitzer Tuchmacher,
sondern (nach Shakspeare) »von Deukalion her erbliche Fürstendiener« gewesen
wären. Er vergass keine Titulatur nach oben, aber wehe dem, der eine von unten
vergass! Um zu zeigen, wie ein Chef Untergebene behandeln müsse, duldete er
nimmermehr, dass Grützmacher von den Schreiben, die aus dem Landdragoneramte an
untergeordnetes Volk gingen, den Streusand wegblies.
Kreuzhimmeltausendsakkerment! fluchte er trotz Niemeier und Knapp, bei denen er
noch in Halle Teologie studirt hatte, wenn Grützmacher von einem Bescheid an
einen Dorfrichter oder an eine kleine Stadtgemeinde den Streusand wegblasen
wollte! ... Diese Bagage muss wissen, mit wem sie zu tun hat! ... Aber nach oben
hin war dann Schulzendorf auch um so mehr die schuldigste Devotion selbst ... In
dieser Weise zeigte sich jene Gesinnung, die niemand schärfer durchschaute als
Procurator Nück, wenn er nachdenklich seinen Frack mit dem goldenen Sporn
betrachtete, oder Michahelles, wenn er zum Kirchenfürsten sagte: »Eminenz! Erst
nur gewisse Fürsten gewinnen und in dreissig Jahren wird dann aus dem Schoose des
Protestantismus selbst heraus eine Bewegung entstehen, der man getrost es
commandiren kann, Rom auf halbem Wege entgegenzugehen!«
    Auch Seligmann wollte einen starken, kräftigen Staat, hielt es aber für
politische Weisheit, wenn an Ort und Stelle in manchen Dingen nachgegeben und
sich accommodirt wurde und vor seinen beiden Vettern glaubte er keine grössere
Genugtuung zu haben, als wenn er ihnen den Major zu Tische führte.
    Mit Hochherzigkeit reinigte er den auf diese Eröffnung hin erst laut
auflachenden, dann aber gar nicht abgeneigten Gönner vom Staub der Landstrasse.
Seit gestern Mittag unterwegs hatten Uniform und Knöpfe, Degenkoppel, Stiefel
und Sporen gelitten. Mit Grützmacher's Hülfe wurde das Werk der Adonisirung
glücklich vollendet und lachend sich zurückversetzend in die Zeiten der Campagne
und den viel minder rücksichtsvollen Besuch manches flandrischen Meierhofs und
manches burgundischen Edelsitzes, billigte er nach Seligmann's Rat als
passendste Anknüpfung den Pferdehandel und die Besichtigung einiger stattlichen
Mecklenburger, die im Stalle des Besitzers von Drusenheim neu angekauft standen
... Man verliess den Palmbaum, wo Grützmacher mit einem seiner loyalsten, aber
vielsagendsten Blicke zurückblieb.
    Gerade war die Gesellschaft der Villa auf einer erneuten und auf
Veranlassung der »in solchen Dingen pedantischen« Damen Carstens das Armband
suchenden Promenade begriffen. Nachdem schon lange vor aufsteigenden Nebeln die
Sonne verschwunden war, begann es etwas zu tröpfeln. Wie die Gesellschaft, von
dieser unerwarteten Wendung der Sonntagslust überrascht und auf eiligem Rückweg
begriffen, mit gespannten Sonnenschirmen da und dort aus dem Grün auftauchte,
ging Schulzendorf, sich einen jugendlichen Schneller gebend, dem Wirte entgegen
und über die Mecklenburger hinweg erfüllte sich alles aufs trefflichste. Es war
in der Ordnung, dass man dem Major die herrlichen Tiere, die Stallungen, die
kostbaren Futterbehälter, die Porzellankrippen zeigte ... es war in der Ordnung,
dass man ihn dringend bat zu bleiben. Seligmann, entzückt über ein sogar ganz
freundliches Zunicken seines Vetters Bernhard Fuld, stieg triumphirend in die
Küche.
    Jetzt waren alle Gäste mehr als vollzählig beisammen und nur einer fehlte
noch ... Schleudere deinen Bannstrahl, Paul genannt der Vierte! Kanonische
Regel, verhänge deine entschiedensten Strafen! Ein Priester im Hause, ja sogar
am gedeckten Tische eines Juden! ... Dennoch öffnete sich die Tür und der
Pfarrer trat ein, in gewählter Sonntagskleidung, in schwarzer Weste, schwarzen
Handschuhen ... der praktische Mann war bei seinem Patronatsherrn - die
Auslegung des Bullariums hat ihre eigentümlichen Geheimnisse.
    Wir schildern nicht den geschmackvollen Esssaal mit bunten Fenstern, die die
Gesichter grün, die Suppe rot, die Löffel blau erscheinen liessen. Wir schildern
nicht den runden Tisch mit seinen Herrlichkeiten. Wir schildern nicht die
galonirten Diener, die mit gründlich einstudirter Ruhe serviren. Wir schildern
nicht diese scheinbar granitne Sicherheit, die Bernhard über die Folge der
Gänge, das Abnehmen der Teller und Präsentiren der Weine zur Schau trägt,
während sein scharfes Auge stechend auf eine etwas laut niedergesetzte Schüssel
oder eine zur Erde fallende Gabel gleitet. Als es Gemüse gab, riefen die beiden
Hamburgerinnen einstimmig ihrem Bruder zu: Nikolaus! Junge Erbsen! Das Gespräch
wurde Schmetterlingsflattern, obgleich Engländerinnen immer gründlich sind. Am
Lurleifelsen werden sie sicher die Fusstapfen der Lurlei gesucht und am
Mäuseturm die Löcher der Mäuse gezählt haben, die jenem Hatto von Mainz einst
das Leben nahmen. Was aber auch nur angeregt wurde, alles zündete vorzugsweise
bei Meta und Sophia, die, wenn sie auch stets mit den verklärtesten und
schönsten Stellen und Excerpten ihrer Tagebücher beschäftigt waren, doch von
jeder Speise zweimal nahmen. Wie plastisch und sozusagen objectiv wurde von
ihnen eine jede Lebensäusserung behandelt! Selbst wenn sie nur ein wenig Salz
verlangten oder sich vom Nachbar ein Glas Wasser erbaten, geschah es im
Vollgenusse dieser höchst merkwürdigen, aber behaglichen Situation.
    Der Pfarrer ist einer jener Urmenschen, die an jeder Stelle das tun, was
die Lage der Dinge gerade mit sich bringt. Ebenso gut wird er einen
wohlbereiteten Salmen zu würdigen wissen, wie eine eingestandene Sünde. Das ist
die beste Menschenart, die bei jedem Ding sich auf dem Platze weiss ...
Schweigsam waren nur geworden Moritz der Pessimist, Binnental, Herr von
Gutmann, selbst Frau von Gutmann ... das Armband wirkte doch drückend ...
Dagegen war Terschka ein Matador. Hufbeschlag mit Schulzendorf, Stangen- oder
Kandarenreiten mit dem Grafen Dammhirsch, Percussionsflinten mit einem
Jagdjunker, Zukunft der österreichischen Finanzen mit einem Herrn Bendixen aus
Frankfurt, Drainage und alte Münzen mit Herrn Carstens, Rouge et Noir mit Herrn
von Gutmann, Caramboliren beim Billard mit Binnental, Musik mit Miss Arabella,
Malerei mit Miss Julietta, das von Liebig eben entdeckte Conserviren junger
Gemüse in Blechbüchsen mit den Damen Carstens - allem und jedem steht dieser
Wunderbare zur Rede ... Und nur mit der Frau vom Hause spricht er von Wien und
lacht mit ihr vertraulich über die ganze übrige Welt. Die Wiener und Wienerinnen
haben das. In der Fremde gehören sie alle einer geheimen Conspiration an, deren
Devise die Unübertrefflichkeit ihrer Heimat ist.
    Beim Gespräch über Lindenwert, die Pensionärinnen, Armgart, musste man denn
auch auf Armgart's Mutter kommen, Monika von Hülleshoven.
    Sie kennen sie? fragte der Geistliche Terschka.
    Auch Schulzendorf horchte auf. Einen Namen hörte er, den er von Kocher am
Fall kannte.
    Sie hat eine Tochter hier in der Erziehungsanstalt auf der Insel! fuhr
Terschka fort. Ich hoffe sie heute noch zum Kaffee auf der Terrasse kennen zu
lernen! Gnädige Frau hatte die vortreffliche Idee, die Terrasse heute zum Salon
der kleinen Zöglinge zu machen!
    Engeltraut schwieg zu der freudigen allgemeinen Acclamation. Zu vieles wusste
er, was mit dieser Bemerkung schmerzlich zusammenhing. Erstens, welche Bedenken
diese Einladung drüben bei den Englischen Fräulein überhaupt hervorgerufen
hatte. Doch hatte er der Schwester Aloysia gesagt: Unser Herr spricht: »Reinige
zum ersten das Innenwendige am Becher!« woran er die Betrachtung knüpfte, dass
man von dem Auswendigen nicht zu viel Wesens zu machen brauchte ... Dann hatte
er vor wenig mehr als einer Stunde erst mit Angelika und Schwester Aloysia die
Briefe aus Wien und Kocher lesen können (denn zwei Taufen und ein Krankenbesuch
hatten ihn sogleich nach der Application in Anspruch genommen); den Rat hatte
er gegeben, »abzuwarten« - ein für Armgart nicht minder als das Wort »Geduld«
höchst antipatischer Begriff ... Den Major fragte er nach dem Obersten,
Armgart's Vater.
    Jedes allgemeine Gespräch pflegt sonst von dem Uebergang zu Persönlichkeiten
gestört zu werden. Hier aber ereignete sich der Fall, dass die Mitteilungen, die
der Major von dem Obersten von Hülleshoven machte, manchen interessirten. Ja als
er auf Kocher am Fall überhaupt zu sprechen kam und das neueste nachbarliche
Erlebnis erwähnte, das Erbrechen eines Grabes drüben, als er den Anteil
schilderte, den daran eine gewisse Lucinde Schwarz hätte, die den noch immer
nicht aufgefundenen Täter auf die Idee gebracht, in einem Sarge Schätze zu
suchen, da wurde plötzlich alles rege und ging wild durcheinander. Selbst der
immer stummer gewordene Herr von Binnental fuhr auf und die gerade von
möglichen Gewittern und der richtigen Abgangszeit der Dampfschiffe sprechende
Frau von Gutmann und beide ganz in Beetoven, Mozart und jetzt wieder die
köstlichen Früchte des Desserts und die Vergleichung der geographischen
Breitengrade des Enneper Tals mit den »Vierlanden« bei Hamburg verlorenen Damen
Carstens riefen wie elektrisch berührt:
    Lucinde Schwarz?!
    Eine ultramontane Emissärin, die in den gegenwärtig schwebenden Zeitläufen -
begann der Major ...
    Der Major würde mit diesem für die Nähe eines Pfarrers ziemlich scharfen
Worte und den naturgemäss zu erwartenden Repliken, dann wieder bei den darauf
folgenden nähern Erläuterungen leicht bei dem vortrefflichen Dessertwein sich
eine leise Anspielung erlaubt haben können auf den nicht ostensibeln Grund
seiner heutigen Anwesenheit in dieser Gegend, wenn nicht in diesem Augenblick
der allgemeinsten Spannung und durcheinander fahrenden Fragen: Lucinde? -
katolisch? - wo? - wann? - ein Blitzstrahl das seiter immer dunkler gewordene
Zimmer erleuchtet hätte. Der erschreckenden Helle folgte in so raschem
Aufeinander ein erschütternder Donner, dass alles aufsprang, weil man
voraussetzte, es müsste irgendwo in der Nähe eingeschlagen haben.
    Das Diner war damit zu Ende.
    Rasch lehnte man die bunten Fenster zurück und sah entsetzt ins Freie. Zum
Glück wurde nirgends ein Feuer oder Rauch ersichtlich, aber der ganze Himmel war
eine einzige grosse graue Wolke; ein Gewitter tobte und der Regen floss. Die Damen
Carstens vergassen alle Gemüse- und Obstzucht in der Welt, alle
Confessionsunterschiede und bedachten nur ihre Schuhe von Zeug und die
mangelnden Regenschirme und die Weiterfahrt auf dem Dampfschiff. Ueberall fanden
sie gefährlichen Zugwind, rieten zum Schliessen von hundert Fenstern, die sie in
der Nähe und dann auch sogleich weit offen stehend witterten. Auch Frau von
Gutmann verlor ihre erkünstelte Heiterkeit und flüsterte mit ihrem Gatten. Herr
von Binnental hatte noch mit dem Dampfboot in die Residenz des Kirchenfürsten
zurück wollen! Bereits zum öftern war von ihm die Notwendigkeit einer Eisenbahn
nach Belgien behauptet worden ...
    Wirklich war es nun ein Gewitter, als hätte sich wochenlang darauf die Natur
vorbereitet. Während man gemütlich ass und plauderte, hatten Stürme die Wolken
immer dichter heraufgejagt. Sie entluden sich in Blitzen, die dicht in der Nähe
schon in den dunkelwallenden Strom schlugen. Das hatte sich erst von Westen her
in einzelnen Vorboten angekündigt. Dann kam ein dunkelblauer Streifen, der sich
ausdehnte wie mit Drachenflügeln, Staubwirbel aufriss, die wie in
Trichterwindungen sich drehten, die Türen zuschlugen, Fenster zerklirrten ...
Jetzt brach ein Regen mit check aus und mit Blitz und mit Donnergekrach ...
    Nun das ganze von Besuchern überdeckte Tal! ... Ueberall in Berg und Flur
weissschimmernd die hochaufgenommenen Kleider! ... Stimmen dazwischen! ...
Hülferufe nach einem Kinde, das fehlte und nicht geborgen! ... Die
Sonntagsfreude allen dahin! ... Wo sollten die Lustgänger sich bergen! ... Wo
sollte sich alles ducken und verstecken! ... Arme Jugend auch von drüben, von
Lindenwert, dein Besuch der Villa wird zu Wasser!
    Oder - ist es denn möglich? Nein! Neuer Schrecken! In diesem Tumult der
Elemente kommen ja eben wirklich vom Ufer, dort unten ausgestiegen, die
neunundzwanzig jungen Mädchen wie eine versprengte Wallfahrt daher! Wie ebenso
viele Tauben zeichnen sie sich am grauen Horizonte ab! ... Man sieht sie im
aufgeweichten Boden versinken, kämpfen gegen die Fluten vom Himmel mit ein paar
alten Regenschirmen! ... Sieben auf einen, den dann alle sieben auch halten
müssen, wie wenn sie mit Sturmböcken gegen die empörte Natur anliefen!
    Schirme! Tücher! Galoschen! Jean! Franz! Den Damen entgegen!
    So rief Bernhard und niemand war schon eifriger als Terschka, der auf
Armgart »zu brennen« erklärt hatte und schon mit Hülfe eines andern eine ganze
Garderobe auf dem Arme hatte und hinauseilte ... Dieser andere hinter ihm her,
einen Regenschirm über ihn haltend, zwei unterm Arm ... Moritz und Bernhard
blicken befriedigt Terschka und dem andern nach ... Wer war der andere, dieser
Helfer in der Not? Waren also doch noch gewisse gelbe Seidenhandschuhe zu Ehren
gekommen?
    Moritz besonders stand voll Bewunderung.
    Wie ein Garçon auf Rheumatismus zu sprechen ist, wusste er.
    Und nun bugsirte der kleine schwarze Vetter eines der Mädchen nach dem
andern über die in Rinnbäche verwandelten Wege, hatte Nankingbeinkleider wie
Schwimmhosen an und machte sich nützlich in einer Weise, die ihm jetzt fast die
öffentliche Anerkennung eines gewissen, wenn auch entfernten
verwandtschaftlichen Grades eintrug.
    Niemand aber war bei alledem, sollte man es glauben, charmanter als Bettina,
die junge Wirtin ... In den ersten Honigmonden der Ehe hat man so viel Glück,
so viel Wonne im Herzen, dass man tausenderlei Plage damit aufwiegen kann.
    Als Moritz leise zu Bernhard flüsterte: Aber mit dem Armband ist es doch
fatal! Willst du denn nicht die anwesende Gensdarmerie -? brach dieser zornig
aus:
    Nein, wie weh tut mir's vor dem Ober-Chochem! Ein Haus zu machen muss
gelernt werden! Für Bettina ist das Ganze nur eine von mir arrangirt gewesene
Uebung!
    Der »Ober-Chochem«2 trat, sich ergebend, zurück ...
    Und sollte nun die Sonntagspartie Tiebold's und der Freunde Piter's zu
Stande gekommen sein und sie wären in diesem Augenblick an der Villa
vorübergeritten oder gefahren oder jetzt nach Umständen geschwommen, so würden
die Brüder die Genugtuung gehabt haben, ihnen ein Schauspiel zu bieten, das nur
die Verleumdung hätte unterschreiben können: »Alles fürs Geschäft!« Denn
Bernhard führte ehrerbietigst die beiden in Regen und Sonnenschein immer gleich
feierlichen Englischen Fräulein dem Pfarrer entgegen, der sich nicht nur für
Wenzel von Terschka, sondern für sein eigenes teilnehmendes Herz bemühte, aus
dem lachenden jungen Schwarm vor allem Armgart von Hülleshoven herauszuerkennen.
    So begann der Kaffee auf dem Zimmer statt auf der Terrasse.
 
                                    Fussnoten
1 Ja wohl.
2 Ober-Philosoph
 
                                      13.
Konnte nun aber wohl auch Armgart zu den Ungeduldigen gehört haben, die dem
heraufziehenden Unwetter bald den schönsten Uebergang wieder zum blauen Himmel
und Sonnenschein verhiessen und sich von der Einladung in die drusenheimer Villa
um alles in der Welt nicht abbringen lassen wollten?
    Wird denn auch sie mit ihrem halb über den Hut gezogenen Oberkleide durch
die Feldwege, die in Giessbäche sich verwandelt hatten, so »hingetrottelt« sein,
sieben unter einen alten Regenschirm gedrückt?
    Wird denn auch sie von den zu Hülfe Eilenden so beschützt werden, dass sie
nur noch nötig hat, das Anerbieten der jungen Frau Wirtin anzunehmen, dass
sämmtliche junge Mädchen mit ihren vier Erzieherinnen erst in ihrem Zimmer
Toilette machen möchten?
    Sieht sie die beiden Englischen Fräulein (nicht die Misses Coffingham,
sondern die ihrigen) voll Bewunderung lieber sich bis auf den Tod erkälten, als
dass sie ein einziges ihrer nassen Ordenskleider wechseln?
    Lernt sie von Frau Bettina, wie eine junge Frau, die eigentlich das Herz
voll Aerger haben sollte, davon nicht das Mindeste verrät, sondern sich in
diesen Lärm eines massenhaften Besuchs wie in etwas ganz Gewöhnliches findet,
dazu die freundlichste Miene behält und statt eines Gartenfestes jetzt oben den
Salon und den Flügel und als der Regen nachlässt, die Fenster wieder öffnen und
dann die Jugend sich zu Kaffee und allerlei köstlichem Backwerk ergehen lässt,
wie es ihr eben beliebt?
    Hört Armgart dem Herrn von Terschka zu, der vor allen sie auszuzeichnen sich
vornahm, ihr erzählen wollte von ihrer Mutter, die in der Tat vielleicht schon
diesen Abend, jedenfalls morgen am Hüneneck eintreffen konnte?
    Lachte sie wie die andern Mädchen über einige der Herren, die sich ins
Rauchzimmer zurückgezogen hatten und die unerbittlichste aller Kritiken, die des
Mutwillens, herausforderten ... womit stösst man nicht alles bei jungen Mädchen
an!
    Spielte sie Charaden, Moquirstuhl und Schenken und Unterschrift, wobei
endlich der die »Herren« meidende Herr von Binnental aufhörte vom Wetter zu
reden, die in Nebel gehüllten Dampfschiffe zu verfolgen und sogar für einige
seiner Devisen, z.B. »Bange machen gilt nicht!« ein dankbares Publikum findet?
    Gibt sie der Frau von Gutmann Auskunft über ihren Stammbaum und veranlasst
diese Dame, auch von dem ihrigen zu reden?
    Schliesst sie sich zuhörend den vier protestantischen Jungfrauen an, die,
während die Musiklehrerin Tänze spielt, einen fanatischen
Confessionsmeinungsstreit mit den beiden dem Pfarrer attachirten Englischen
Fräulein und Angelika beginnen?
    Bewundert sie den Heroismus der wirklichen Engländerinnen, die den beiden
Nonnen, die nun einmal das sind, was sie sind, das Papsttum als eine Schöpfung
des Antichrists schildern und ihnen das Recht abstreiten, sich nach dem freien
Albion zu nennen, wodurch sie dann allerdings Gelegenheit gehabt hätte, ihre
Ansichten über die Ausbreitung des Katolicismus in England zu berichtigen?
    Und hört sie, wie die sanfte Angelika, als die beiden Fräulein Carstens nach
langer Conversation des Erstaunens über Lucinden erklären, sie müssten an sich
eine weibliche Erziehungsanstalt, wie die drüben, die nur Frauen leiteten, eine
musterhafte nennen, denn nur sie lehre es, »die Männer zu verachten«, worauf es
in einer heiratsschwierigen Zeit vorzugsweise ankäme, im Gegenteil diese
Auffassung in Abrede stellt und erklärt, sie ihrerseits müsse gestehen, sie
lehre ihre Matematik, ihre Geschichte, ihre Naturwissenschaften nur, um desto
mehr die Männer hochachten und lieben zu lernen, da eben die Männer es gewesen
wären, die die Matematik, die Naturwissenschaften und die Geschichte erfunden
hätten?
    Lauscht sie den jener unheimlichen Lucinde gewidmeten Erzählungen
Schulzendorf's, der nach zwei genommenen Tassen Kaffee und einem kleinen Curaçâo
sich bald empfehlen zu müssen erklärte und auch von Grützmachern und seinem
Pferde abgeholt und von dem schärfer blickenden Auge desselben veranlasst wurde,
gewisse auf dem Balcon sichtbare Persönlichkeiten mit gewissen Notizen in ihren
Portefeuilles zu vergleichen?
    Oder steht Armgart auch nur zur Seite und glossirt mit Moritz diese »stillen
Sonntagsfreuden ländlicher Zurückgezogenheit« und hört die Geschichte, die Herr
von Gutmann bei Gelegenheit Lucindens, der spätern Schauspielerin Konstanze
Huber, von einem jungen Commis erzählt, mit dem Herr von Binnental eine ganz
merkwürdige Aehnlichkeit hätte?
    Von alledem nichts -
    Denkt euch einen von Regen träufenden breitastigen Ulmenbaum! Denkt euch an
ihm einen gewaltigen Ast und auf dem Ast einen schmächtigern Zweig und in dem
Zweige ein grünes Winkelchen und in dem Winkel ein Vögelchen, das in Sturm und
Unwetter, in Regen, Blitz und Donner wie ein ganz klein bucklig Zwergmännlein in
seinen aufgeplusterten Federn sitzt! Mit Augen und Schnabel sitzt der Kopf, mit
Krallen und Sporen sitzen die Füsschen ganz in dem Federwulst versteckt. Sonst so
schlank, sonst so leicht durch die Blätter hüpfend, hockt das Tierchen wie ein
Männlein aus der Gnomenwelt oder wie ein Kind, das Grossmütterchens alten
Pelzmuff über den Kopf gezogen hat.
    So verzaubert sitzt Armgart einsam auf der Insel Lindenwert.
    Sie wollte nicht mit ... Sie blieb daheim ...
    Sie blieb in ihrem Schlafsaal Nr. 5, an dessen äusserm Ende eine der
Pensionärinnen ein wenig unpässlich liegt, die kleine Liddy, die bei Sturm und
Ungewitter ruhig in ihrem Bettchen schlummert. Sie hat die Pflege der Kleinen
übernommen ... Still ist's in dem noch immer düstern Saale, auch nachdem die
check ausgetobt haben. Einige Scheiben knickten ein, glücklicherweise ohne
Zugwind durchzulassen ... Armgart zieht sogleich die grauen Fensterladen vor und
nun wird's in dem Saale mit den fünf leeren Betten und der einen schlummernden
Kranken noch gespenstischer. Da hockt sie denn an dem einen freigebliebenen
Fenster, an dem nassen Ulmenbaum, an dem kleinen, von ihr dortin getragenen
Nähtisch, vor dem aufgeschlagenen Buche, in dem sie lesen wollte und nicht lesen
kann ... in einem Rosenkranz von Gebeten und Gedichten von Beda Hunnius mit
einem wundervollen Titelkupferstiche, einen Kranz darstellend von sieben Rosen,
die die sieben Schmerzen Mariä entalten und drüberher triumphirend das Lamm mit
der Fahne, das Symbol ihrer schwierigsten und mangelndsten Tugend - der Geduld.
    Aber sie scheint recht geduldig geworden zu sein ... sie gluckst nur so und
duckt sich und »hockelt«, wie die Mädchen sagen.
    Erst während des Mittagsessens war Angelika den andern nachgekommen mit der
Vorsteherin Aloysia. Sie hatten drüben zwei Stunden auf den Pfarrer warten
müssen. Und was brachten sie mit? Mahnungen zum Abwarten! Und die Mutter schrieb
doch - der Pfarrer hatte gestattet, dass Armgart den Brief las -:
        »Mein gutes Fräulein Angelika Müller!
    Ich erhalte von unserm sanften, liebevollen Dechanten aus Kocher am Fall
Ihre Einlage an ihn. Sie wissen nicht, dass mir einst mein Kind, mein einziges,
wie von Zigeunerhand gestohlen wurde; dass ich hinausgejagt in Sturm und
Verzweiflung hundert vergebliche Versuche machte, mein Kind mir wiederzuerobern,
dass ich dann, als alles vergebens, in ein Kloster ging, fast zehn Jahre der
Selbsterkenntnis lebte und der eingestandenen Pflicht -, erst mich selbst zu
erziehen. Jetzt bin ich fast fünfunddreissig Jahre; aber ich fühle mich wie mit
Siebzigen. In euern Wäldern wusst' ich mein Kind von meiner Schwester und meinem
Schwager liebevoll gehütet, wie ihr eben liebt, wusste sie so erzogen, wie ihr
die Menschen erzieht. Ich schildere Ihnen die Sehnsucht nicht, die mich nach
meinem Kinde verzehrte, das man mir nur zurückgeben wollte unter der Bedingung,
dass ich meinem in seiner Garnison versetzten Gatten folgte. Es trennte mich
nichts von ihm, als die freudige Lust, ihm folgen zu können. Zuletzt, als
erneute Versuche der Eroberung vergebens waren, beruhigte ich mich mit dem
Gedanken, dass ich Armgart vielleicht zum Opfer meiner Nichterziehung gemacht
hätte. Wie oft nennen wir Erziehung, was nur ein unglückliches und
widerstandloses Dahingeschleiftwerden ist von älterlichen Torheiten! Wie oft
nennen wir Liebe, was nur ein unglückliches Zermalmtwerden von den Rädern
unserer eigenen Entwicklung ist! Törichte Mütter, die ihr von der Zärtlichkeit
für eure Kinder sprecht und sie nur zu den Opfern eurer Stimmungen macht! Eure
Umarmungen sind nicht deshalb so heftig, weil sie von euerm reinen Herzen
kommen, sondern weil sie von eurer Leidenschaft kommen, von eurer Verzweiflung
oft um nichts, von eurer verletzten Eitelkeit! Mit stürmischen Küssen bedeckt
ihr eure Kinder und flösst ihnen oft nur Gift ein! ... So war wenigstens meine
Vergangenheit ... Jetzt ist, nach einem langen Klosterleben, vieles, vieles in
mir anders. Ich erzog mich, eines Kindes würdige Mutter zu sein. Da soll
Armgart's Vater zurückkommen und neue Stunden des Kampfes und der Prüfung sollen
heraufziehen? Dem Vater soll gehören, was mit mindestens gleichem Rechte mir
gehört? ... Wie ich diese Zeilen schreibe, bin ich im Begriff Wien zu verlassen
und mein Kind, dessen Seelenkampf ich verstehe, den ich jedoch nimmermehr von
Armgart allein oder von meinem Gatten werde entscheiden lassen, in meine Arme zu
schliessen. Ich kann mich vor ihr rechtfertigen.
                                                            Monika Hülleshoven.«
    Das Auge der kleinen Richterin hatte gefunkelt beim Lesen des so seltsam
entschiedenen Briefes ... Bei den Worten: »Wie mit Siebzigen« strich sie sich
bewusstlos ihren dunkelbraunen Scheitel, als gedächte sie der weissen Locken ihrer
Mutter; bei der Schilderung der falschen Liebe und Zärtlichkeit der Mütter
stockte sie ... sie verstand diese Stellen nicht ... aber bei der Nachricht, dass
die Mutter schon unterwegs wäre und von ihr Besitz nehmen wollte, nahmen ihre
Gesichtszüge den Ausdruck des Schreckens an, der ihre schönen Lippen halb
öffnete und wieder, wie verboten, die beiden Zähne hervortreten liess. Immerfort
strich sie mit der Hand über den Scheitel ihres Haares, gleichsam diesen zu
ebnen, und die Hand wollte nur die Gedanken ebnen, die wilden, unruhigen, die
schon Entschlüsse in ihr zu treiben begannen.
    Der Pfarrer befiehlt dir, deinen Schein von Richterschaft aufzugeben, dir
nicht anzumassen, dass du ein Urteil fällst über Vater und Mutter und dass du dich
ruhig ergeben sollst und vorläufig dem Willen des Stärkeren!
    Armgart lächelte und blickte wie abwesend auf die Oberin Aloysia, als die
diese Worte gesprochen.
    Kommt die Mutter früher als der Vater, so gehörst du den Umarmungen der
Mutter! fuhr Schwester Gertrudis fort. Inzwischen hat der Pfarrer nach Westerhof
geschrieben und wartet von dort auf Antwort!
    Jetzt, zumal da vollends auch Angelika so ganz zu allem schwieg, flossen
Tränen der Liebe und des Schmerzes. Und doch standen der stillergebene Stolz
des Vaters, die würdevolle Entsagung des Tiefgekränkten auch der Freundin
Angelika so lebhaft vor Augen, dass sie das Gefühl des Kindes, gerade diesem
Vater sich nicht zu weigern, gerade ihn mit der Heimat nach so langer Trennung
wieder auszusöhnen, vollkommen verstand. Die excentrische Gefühlsweise Armgart's
entsprach im Grunde auch ihrer eigenen Lebens- und Menschenauffassung. Nicht wer
Matematik treibt, sondern wer ein starkes Herz hat und doch entsagen, doch
kämpfen muss, lebt das Leben nach Gesetzen und regelt jedes noch so glühend
aufwallende Gefühl. Angelika wusste selbst nicht viel von der Stärke, die sie
besass. Sie war unbewusst stark und gab sich nach aussen doch wie die Schwäche
selbst. Sie tröstete und schalt und verschwendete noch Worte, wo ihr Inneres
längst entschieden hatte. Darin glich sie einer Mutter, die, mit den strengsten
Worten und vor Schmerz selbst vergehend, ihrem leidenden Kinde die
schmerzhaftesten Wunden lindern und verbinden kann, während dem dabeistehenden
Mietling in seinem scheinbar weicheren Mitgefühl angst und wehe wird.
    Und wir sehen ja heute noch Benno drüben! war Angelika's Trost gewesen. Er
kommt gewiss hinüber! Von der Villa aus erspähen wir ihn schon und wohl gar auch
Tiebold de Jonge -
    Armgart zeigte stumm auf die heranziehenden Wolken und später sagte sie ohne
Verstellung:
    Ich bin krank! Nach Drusenheim - geh' ich nicht mit hinüber!
    Armgart! verwies Angelika und fühlte ganz das Nämliche, was die Gescholtene.
    O, sagte Armgart nach einer Weile, es ist furchtbar mit diesen Aerzten der
Seele! Zu wissen, dass ein Arzt auf ein Uebel heilt, das wir gar nicht haben!
Ungeduld, das ist ja meine Krankheit gar nicht! Eine Zeit kann kommen, wo ich
auf die Art in keinen Beichtstuhl mehr gehe!
    Armgart! Armgart! rief aufs neue ernstlich verweisend Angelika und - fühlte
doch wie die Gescholtene.
    Ich will der Priester meiner Aeltern sein! fuhr Armgart fort. Ich will sie
zum zweiten male trauen, noch einmal segnen! Davon träum' ich Tag und Nacht!
Darauf hin seh' ich Leiden und blutige Dornen über mich verhängt, aber auch
Rosen, himmlische Rosen der Erfüllung!
    Und Angelika hörte alles das äusserlich tadelnd, innerlich billigend. Mit all
ihrer Matematik und Physik lebte sie in einer gleichen Anschauung überirdischer
Dinge, in gleicher Verehrung vor den grossen Zauberformeln der Seele, denen alle
Natur gehorchen muss. Angelika besass den reichen aufgesammelten Schatz der Liebe
einer Jungfrau, die ohne Hoffnung verblühen muss.
    Man hatte längst zu Mittag gegessen ... Alles war in Kummer über das
zunehmende Sichüberwölken des Himmels ... Kurz vor Vier fasste man den heroischen
Entschluss, ehe es »giessen« würde, doch hinüberzuschiffen ... Die Erzieherinnen
gaben nach ... die Englischen Fräulein wollten dem Pfarrer ein gegebenes
Versprechen halten.
    Angelika befürwortete nun selbst das Zurückbleiben Armgart's. Sie liess ihr
ausser dem Briefe der Mutter auch den kurzen und so unbestimmten des Dechanten.
Und bei alledem, mehr mochte der Dechant jene geheimnisvolle Zuschrift aus
Italien nicht studirt haben, als Armgart seine Runenschrift bis auf jedes
Häkchen und jeden Bindestrich zu entziffern sich mühte. Ob voll Jammer und Klage
über das veränderte Wetter nach langem Hin- und Widerreden das Institut sich
eingeschifft hatte, ob die jungen »nachgemachten Engländer« sich drüben
einfinden würden, ja ob selbst Benno ihrer harrte ... sie blieb daheim und las
und wachte über die kleine Liddy.
    O, das sind seltsame Zustände, wenn es so in unserm Innern an allen Enden
und Ecken zupft und kein Gedanke Stich hält, kein Gefühl zur Tat wird, keine
Vorstellung, und wäre sie auch nicht schreckhaft an sich, doch kein reines und
volles Behagen gewähren will! Dann weiss man, und die fiebernde kalte Hand
bezeugt es, dass man in seiner Sorge und seinem Unmut sich gewiss nur selbst
zerstört, und doch kann man den Blutstrom, der alle Lebenswärme zum Herzen
drängt, im Laufe nicht ändern, geht und wirft sich stöhnend aus einem Winkel in
den andern und sagt sich nur: Eins ist gewiss, ich werde krank! ... Auch Freunde
können dann nicht helfen. Ja, wer hat denn gleich von euch den sanften Ton und
den vollen Accord der reinen Uebereinstimmung, den Ton, der uns gerade jetzt so
not täte und den nur allein zu hören jetzt uns möglich ist! Wie klingt so oft
euer Trösten und des Zuspruchs bestes Wort doch so völlig anders, als es die
Schmerzen hören wollen! Schon dass ihr alle so gesund aus der frischen Luft des
Lebens kommt! Dass euch allen nichts fehlt! ... Käme z.B. jetzt Tiebold de Jonge
- nur lachen, nur scherzen würd' er ... Benno ... Benno freilich ... Benno ist
immer so seltsam traurig ... was fehlt ihm nur, dem Guten, dem selbst in
Heiterkeit doch immer nur so duldend Scheinenden? ... ... Paula! Paula! ... Der
hätte sie den Kopf in den Schoos legen mögen! Die hätte Frieden über ihre Seele
gehaucht, schon mit dem Streicheln ihrer Hand allein! Paula hätte nur gesagt:
Armgart! und in dem einen Worte, in dem Tone schon hätte alles gelegen, was sie
still und ergeben gemacht!
    Das Gewitter war endlich vorüber ...
    Armgart erfrischte die verweinten Augen auf einem Balcon, auf den eine Tür
des Corridors des alten unheimlichen Gebäudes führt ...
    Schon war es die sechste Stunde ... Die kleine Liddy hatte sich ein
Geschichtchen erzählen lassen, sich dann auf die andere Seite gelegt und war
wieder eingeschlummert.
    Der Balcon ging nach der Seite hin, die dem Hüneneck zugewandt ist. Sie
konnte die für eine wiener Dame bestellten Zimmer nicht vergessen. Die »Vier
Jahreszeiten« selbst waren vor Nebel nicht zu sehen ...
    Wie trübe dieser Anblick, der am frühen Morgen so schön gewesen! Die
nächsten Berge jetzt ganz unsichtbar! Nur in leisen Contouren glitten sie aus
dem Wassernebel heraus ... Das Enneper Tal ganz durchwallt von weissen
Luftstreifen, als zög' es fort mit den Wolken ... Am Meere, das hatte eine
Antwerperin im Institute erzählt, da säh' es so fast immer aus ... Am Meere! ...
Selten schossen die Wasservögel so niedrig hin ... Am Meere! gedachte sie wieder
... Dann musste sie das Nächste im Auge behalten, den Garten am Kloster, das
Gewöhnlichste, nur um noch frisches Grün zu erblicken ... Wie die Salatbeete im
Regen so putzig küchenmässig und überreinlich glänzen! Wie die Magd da watet
barfuss in die weiche Erde hinein und die Köpfe heraushebt, die für den
Nachtimbiss bestimmt sind! ...
    Wann werden die Mädchen kommen? ... Bringt Angelika wohl einen Gruss von Benno
mit? Von Tiebold de Jonge? Oder kämen sie wohl beide und besuchten sie hier
selbst auf der stillen Insel? ...
    Darüber erschrickt Armgart ... Leicht gekleidet geht sie aus der frischen,
ihr plötzlich fühlbaren Luft in den schwülen Corridor, den noch schwülern
Schlafsaal ... Sie lüftet ein wenig das Fenster, das von Liddy am entferntesten
liegt ... Der Gedanke des heimlichen Besuches hat sie ganz überrieselt.
    Sieben Uhr! Immer noch kommen die Mädchen nicht!
    Der Regen hat längst aufgehört. Man sieht trotz des Abendwerdens schon das
Ufer wieder und drüben am Enneper Tal stehen die Kähne schon in Bereitschaft.
Tönneschen Hilgers scheint so ungeduldig ... Es lässt sich sonst noch etwas
verdienen ... denn mancher hat das Dampfboot versäumt und will hinübergesetzt
sein auf das jenseitige Ufer, wo es heute Omnibus genug gibt, die wenigstens
noch nach der Universitätsstadt fahren ...
    Da fahren auch in Mänteln Herren und Damen ... Gäste aus der Villa? ... Und
immer die Mädchen nicht! ... Müssen die sich gut unterhalten!
    Die kleine Liddy ruft ... des Abends kommt sicher noch das Fieber ... Der
Arzt, der vom Hüneneck her erwartet wird, auch der bleibt aus ...
    Halb acht Uhr! ...
    Da endlich, endlich! ... da kommen sie! ... Armgart sieht es trotz der
Dunkelheit deutlich vom Balcone.
    Die mögen schön einsinken in den weichen Feldwegen! ... Lederschuhe haben
glücklicherweise alle ... Herren begleiten sie und die Kleinen werden über
manchen Bach, der erst seit einigen Stunden auf der Enneper Landkarte steht,
hinweggehoben ... Ob Benno's Arm dabei behülflich ist? Wie sollte der zu den
Herren von Drusenheim kommen? ... Aber Benno weiss ja überall Rat ... Da fährt
ein Wägelchen! Mit zwei Ponies! ... Zwei Damen bringen die allerkleinsten der
Pensionärinnen an den Landungsplatz ...
    Sich alles das und mehr noch nun bald erzählen zu lassen, interessirte
Armgart bei alledem ... Von der Toilette der schönen Madame Fuld erwartete sie
Wunderdinge ... Niemand kann sein Geschlecht im Andern mehr lieben und neidloser
bewundern, als das weibliche.
    Wo ist denn aber unter den Schiffenden nur Angelika? ... Sonst winkt die
doch immer mit ihrem Sonnenschirm oder mit einem Taschentuch, wenn sie vom Ufer
kommt und Armgart steht auf dem Balcon ... Heute aber - ja, da ist sie ... Sie
kehrt der Insel den Rücken zu! O, das sind schlimme Zeichen! ... Oder gehört sie
auch zu den Lacherinnen und schämt sich nur vor Armgart? ... Wie aufgeregt ist
das junge Volk! ... Sie haben in den nassen Kähnen die Kleider aufgenommen und
sitzen fast da wie die Butterfrauen, wenn die vom Markte kommen ... Regnet's
denn noch? ... Die Hüte sind mit Taschentüchern umwunden ... Man schont sie wohl
nur; nur die beiden Nonnen sind, was sie sind, in Sonnenschein und Regen, immer
die gleichen Hauben mit den gleichen langen Flügeln ... ihre zwei Regenschirme
sind die gröbsten der Anstalt.
    Jetzt sind sie da ...
    Die Erzählung! ... Das Amusement! .. Was Armgart alles versäumt hätte! ...
    Armgart hält sich die Ohren zu. Sie will allerdings alles wissen, aber eines
doch nur nach dem andern.
    Es war indessen alles dasselbe: Kaffee, Chocolade, Baisers, Torten,
Pfänderspiele und Pfänderspiele, Torten, Baisers, Chocolade und Kaffee. Die
Damen mit den Ponies waren die beiden Engländerinnen gewesen ... Das sagten zehn
zugleich ... Und der Herr, der die andern Kleinen über den Bach gehoben, hiess
Herr von Terschka ... und das sagten wieder zehn zugleich.
    Für Salat und Eier und kalten Braten und die französische Betrachtung der
Schwester Aloysia in dem stockdunkeln Esssaal war heute wenig Interesse
vorhanden. Silence! A vos places! Das stiftete wohl einige Ruhe. Aber man
knupperte müde und übersatt am Salat und es war hier alles »nicht das«! Es
rebellirte noch lange und murmelte und seufzte fort in dem jungen Volk bis zum
Schlafengehen.
    Angelika vermied ordentlich, Armgart zu begegnen.
    Sie mied sogar, sie nur zu grüssen.
    Von der kleinen Liddy oben sprach sie, die sie gleich besucht hatte und
fiebernd fand, was den beiden Nonnen grosse Angst machte und des schlechten
Wetters gedenken liess, das den Arzt verhindert hätte, die Insel zu besuchen. Der
Arzt hatte gesagt, er hätte im Roland noch den Abend zu tun ... Im Roland! So
nahe der Insel! .. Wird der Arzt nicht kommen?
    Zuletzt machte sich's noch, dass Angelika und Armgart etwas allein waren. Die
kleinsten streckten sich schon in ihren Betten. Die ältesten sassen unten noch im
Esssaal und sprachen das Erlebte durch. Auf die Beete und die Wege der Insel, die
man sonst auch selbst in der nun schon früher und früher eintretenden Dunkelheit
des Abends noch durchschlüpfte, konnte man vor Nässe nicht hinaus, wenn auch der
Vollmond einlud, der vielleicht doch noch die Wolken durchbrach.
    So standen Armgart und Angelika ungestört auf dem Balcon und krampfhaft
hielt sich die Hand des jungen Mädchens am eisernen Gitter, als sie erfuhr, was
noch der Pfarrer der Freundin mitgeteilt. Die Mutter konnte schon drüben in den
Häusern sein, wo die Lichter über den Wellen tanzten! Jener Fremde, der gestern
die Zimmer bestellt in den »Vier Jahreszeiten«, hätte das für bestimmt
versichert ... Von Benno ... sie hörte kaum ... wusste Angelika nichts ... und
Tiebold de Jonge und den Bruder der Nanny Schmitz und die andern ... von allen
denen hätte man gleichfalls nichts vernommen ...
    Nun schlug es halb Neun ... Rings war alles still, trübe und düster ... Noch
kein Stern am Himmel; doch an der Stelle, wo der Mond hervorbrechen konnte,
schien es lichter zu werden ... Armgart wollte sogar ein Boot erkennen, das man
durch die Zweige der Bäume vom Hüneneck herübersteuern sähe. Angelika strengte
ihre Augen an. Es kam auch ein Boot. Armgart zitterte und stand wie auf der
Flucht. Alsbald liess sich jedoch der Arzt erkennen, der noch so spät nach der
kleinen Liddy zu sehen kam.
    Als dies geschehen, in Begleitung der Englischen Fräulein, fuhr der Arzt
nach dem Roland zurück.
    Angelika begleitete ihn eine Strecke im Hause und wagte nach Benno von
Asselyn zu fragen.
    Benno von Asselyn? Wir erwarten ihn drüben im Roland! sagte der Arzt. Ich
werd' ihn von den Damen grüssen.
    Der Arzt hatte Eile. Sein Schiffer steuerte ihn zurück und bald sah man von
allen Seiten, da und dort, Kähne kommen, die alle dem Roland zuschwammen ...
    Jetzt wollte auch Angelika zur Ruhe gehen.
    Als sie an Armgart, die noch immer auf dem Balcon verweilte, vorüber musste,
fand sie diese in der grössten Unruhe.
    Wieder steuerte vom Hüneneck gerade der Insel ein Nachen zu.
    Es ist eine Dame darin! rief sie. Ein carrirter schottischer Mantel! Ein
Diener hält den Regenschirm!
    Das Wort: Es ist meine Mutter! erstickte in ihrer Freude und in ihrer Angst
...
    Auch für Angelika gab es kaum einen Zweifel an der Richtigkeit dieser
Vorstellung. Sie zitterte ganz wie Armgart. Doch erbot sie sich, hinunterzugehen
und genauer zu forschen ... in der Richtung der Nachen irrte man sich oft.
    Armgart widersprach nicht ...
    Der Kahn kam näher und näher ...
    Armgart sah vom Balcon bald rechts, bald links in die Tiefe und wusste nicht,
wie sie auf beiden Füssen zugleich stehen sollte ...
    Angelika durchschreitet die schwülen, dumpfen steinernen Corridore und
Treppen. Noch war es ja möglich, dass der Kahn hinüber zum Geierfelsen, nicht an
die Insel fuhr ...
    Armgart rafft sich jetzt auf. Sie huscht in den Schlafsaal, wo ihre Kleider
hängen und ihre Wäsche in einer Kommode liegt. Liddy schläft; die kleinern
Bewohnerinnen des Saales schlafen alle; zwei ältere sitzen noch, unten im
Esssaal, aus dem man sie laut sprechen hört ... Armgart rafft zusammen, was sie
mit wenig Griffen finden kann, ihren Mantel, ihren Winterhut, ihre Hemden,
einige Tücher, Strümpfe, Unterkleider, Schuhe, Bücher ... Ein grosses
Umschlagetuch wird auf dem Boden ausgebreitet, ohne Licht tastet sie hin und
her, öffnet das Nähtischchen, leert es, wirft alles in ihr Tuch, die Zipfel
knüpft sie zusammen und ihr Bündel ist geschnürt.
    Um Gottes willen, Armgart, was hast du vor? flüstert Angelika, die
zurückgekommen.
    Ist sie's? Kommt sie?
    Eine Dame kommt!
    Armgart spricht kein Wort und stürzt mit dem Bündel von dannen.
    Angelika besinnungslos - folgt, wie von ihr angesteckt ... ...
    Armgart klinkt die Pforte nach dem Garten auf. So feucht der Boden, so kühl
die Luft, ist sie doch schon ausserhalb des Gartens, quer hindurch über Salat und
Rüben und Zwiebelstauden, wie sie die Wege nur abkürzen kann.
    So stiegt sie dem Lichte zu, das sie an den kleinen bleigefugten Fenstern
der Fischerhütten sieht.
    Angelika, das sah sie, folgte nun schon nicht weiter ...
    Jetzt an den Fenstern der Fischerhütten anzupochen, da um einen Kahn zu
bitten, dort dem Tönneschen, den sie richtig sieht und der in einem Buche
studirt, oder den halb zuhorchenden, halb zuschlummernden Aeltern desselben,
allen denen erst zu klopfen und zu schmeicheln oder etwas aufzubinden, eine
Erfindung, eine Ausrede, einen Auftrag etwa ... etwa auf der Villa Vergessenes
holen zu müssen ... das gäbe Fragen, Aufentalt ... Nein! Sie kann ja selbst
rudern - fort ans Ufer - in einen Nachen - ihn losgekettelt - das Ruder
ergriffen -
    So fährt sie von dannen.
    Noch konnte sie des jenseit der Insel gegen den Strom angehenden Nachens
nicht ansichtig werden ... Sie steuert am Ufer der Insel hin, um nicht zu weit
unten am Enneper Tal zu landen ... Sie steuert gerade nach der
entgegengesetzten Richtung, als in die jenen Nachen der Strom drängen muss ...
Nun aber gewinnt sie die Höhe des Wassers und der ganze Spiegel liegt in dem
immer mehr aufgehenden Mondlicht vor ihr ... Auf zweihundert Schritte ist sie
von dem Boot entfernt, in dem eine Dame sitzt mit einem Diener - Mutter! rief es
in ihr ... sie suchte - die silbernen Locken! ... O, wie pocht ihr das Herz! ...
Einmal war's ihr doch, als sollte sie über das Wasser hinwegfliegen, sollte
einen Freudenschrei ausstossen, die Arme ausstrecken und rufen: Mutter, da hast
du dein Kind! ... Aber auch nur einmal überwältigte sie's und sogleich stand ihr
der Vater vor Augen, der Vielgeprüfte, der Wettergebräunte, der Flüchtling auf
dem Oceane! ... Und dennoch, dennoch sucht das Auge das Antlitz der Dame ... Es
ist ihr abgewandt ... Da stehen die weissschimmernden Birken auf der Insel ...
Wird der Kahn vorübergleiten, wird er landen? ... Er hält ... er will zur Insel
... landet ... es ist nur die Mutter ... und jetzt, jetzt ist ihr's doch, als
zög' es sie in den Strom hinunter ... die weissen Birken werden zu den Locken der
Mutter ... ein ganzes Leben geht ihr auf, beschienen wie vom Mondlicht ...
alles, was sie je nur unter den Trauerweiden und Birken vom Menschen-und vom
Frauenloose geahnt, scheint sich ihr plötzlich zu erfüllen, lebendig zu werden,
zahllose Gestalten ziehen dahin und wie unter den Klängen einer ganz
ausserweltlichen Musik ...
    Schon entführte der Strom die schwache Schifferin ... Sie konnte den Nachen
nicht mehr regieren.
    Er bringt sie aber ans Ufer ... Weit, weit von dem Punkte, auf den sie mit
aller nur möglichen Anstrengung ihrer Arme zugesteuert hatte, landet sie. Sie
gerät in ein Gestrüpp von Weiden und Schilf, an dem sich bequem und sicher
aussteigen lässt.
    Jetzt gedenkt sie des Nächsten, Kommenden ... Was soll sie beginnen? Wohin
sich wenden? Ohnehin mit ihrem überschweren Bündel!
    Die Türme hatten schon von da und dort die neunte Stunde geschlagen. War
auch die Welt hier noch wacher als auf der Insel drüben, wem sollte sie sich
anvertrauen! Wie weit war nicht der Weg zu einer Post, die erst im nächsten
Städtchen am Fusse des Geierfelsen lag! Ihre Barschaft betrug einige Groschen
über einen Taler.
    Den Kahn musste sie dem Zufall überlassen ... Ein Moment der Besinnung ...
Sie wagt den Sprung ins Uferröhricht, nachdem sie ihr schweres Bündel schon
vorausgeworfen ... Es gelingt alles.
    Angelika's Anzeige und eine Verfolgung befürchtend, suchte sie nur zuerst
eine Gelegenheit, weiter zu kommen.
    Nirgends Menschen; aber Lichter auftauchend da und dort ... Sie lässt ihr
Bündel im Schilfe liegen und läuft nach Drusenheim hinüber. Den Wirt vom
Palmbaum kannte sie ja und er sie ... Was sie sagen wollte, wusste sie noch
nicht. Sie wollte nur in die Berge hinüber, vielleicht in ihre Heimat nach
Westerhof, in ihr Stift, zum Heiligenkreuz, zu Paula, die ihr plötzlich in der
fieberhaften Angst und Verwirrung ihrer Phantasie erschien, als wenn sie am
Altar mit dem Grafen Hugo stünde, mit dem schönen Reiterobersten im weissen
Waffenrock mit blinkendem Harnisch, und als fehlte nur sie noch, nur sie, sie,
um der Freundin die Myrtenkrone aufzusetzen ... So zitterte sie vor Eile ... Sie
wusste doch jetzt, was sie den Leuten im Palmbaum sagen, wie sie die gewünschte
Hülfe in unverfänglicher Weise anschaulich machen konnte ... Wagen! Pferde! Das
wurde ihr Wunsch.
    Atemlos flog sie Drusenheim zu, nicht achtend, dass sie oft bis zum Knöchel
versank. An jedes Kreuz am Wege, an jedes Bild des Brückengottes, der auf einem
Bachstege stand, richtete sie im schnellsten Vorüber eine Bitte um Beistand.
    Endlich hatte sie die ersten Hütten erreicht, endlich ist sie in Drusenheim
selbst.
    Horch! Vom Palmbaum herüber ... tönen da nicht plötzlich melodische Klänge?
    Ist nicht Gesellschaft dort oben?
    Kaum hat Armgart im schönen Fernhall das Lied vernommen, das von den obern
erleuchteten Fenstern des Palmbaums und vom kleinen Balcon desselben herunter
wie wallend und wogend in die stille Nacht erscholl:
»Vier Elemente, innig gesellt -«
erblickte sie einen Wagen vor der Tür.
    Sind das doch nicht die Freunde von Nanny's Bruder Gebhard Schmitz? Sind das
doch nicht die dennoch Gekommenen, wenn auch verspätet? Ist Tiebold de Jonge
unter ihnen, über den ich soviel lachen muss, weil er so verliebt ist, wie ein
Windspiel? Gehört dieser Wagen hier wohl gar den Sängern oben? Dann - Wie sollt'
ich nicht hoffen, sofort ihn mein zu nennen, einzusteigen und hinauszufliegen in
die weite, weite, weite Welt!
    Wem gehört der Wagen? fragte sie rundweg einen Knecht, der eben die Pferde
aus dem Stalle führte und einschirrte, während der Kutscher sich noch drinnen
gütlich tat.
    Lustig sagte der Befragte:
    Der Wagen? Der gehört da oben fünf Herren! Die haben heute Nacht 'ne
Wallfahrt beschlossen in fünf Stationen! Auf jeder trinken sie eine andere Sorte
Punsch! Fünf Meilen haben sie schon gemacht und in jedem Wirtshaus untersucht,
ob die Weinkarte in Ordnung ist!
    Vor Trunkenen überfällt jedes weibliche Herz Schrecken und Zagen ... Schon
vor dem Hausknecht bebte Armgart zurück ... Oben aber erscholl der Gesang so
schön, so melodisch und eben löste sich Schiller's Punschlied in Lachen und
Jubel auf. Einer der Sänger - es war Joseph Moppes, der süsseste aller
»vaterstädtischen« Tenore - trat auf den Balcon, das Glas in der Hand und einen
andern, wirklich den Tiebold de Jonge, mit dem linken Arm umschlingend, singt
er aus einem andern Liede, wieder von Schiller, dem Allwaltenden in Freud und
Leid der Menschen:
»Bis die Liebliche sich zeigte,
Bis das teure Bild -«
    Da schon hatte Armgart, nicht wissend, dass sie selbst die Gemeinte,
hinaufgerufen:
    Herr de Jonge!
    Hier hängt er! ruft Moppes ...
    Gehört der Wagen Ihnen, Herr de Jonge?
    Wie? Was? spricht Tiebold, jetzt erst die Zarteit der herauftönenden
Stimme erkennend ...
    Wie so? fragt Moppes, zugleich über den Balcon sich beugend.
    Wem? Wie so? wiederholt Tiebold ...
    Woso? parodirt Schmitz, der Dialektkünstler ...
    Nun stürmt der Rest des Sextetts in des Staunens vollste Blüte ... Clemens
Timpe sogar noch mit einem aus voller Kehle geschmetterten:
»Presst der Citrone saftigen Kern!« ...
Und alle schwingen dabei die Hüte wie zur Abfahrt und Mäntel werfen zwei, der
kühne Weigenand Maus und der stille Caricaturenstifter Aloys Effingh, geradezu
vom Balcon hinunter auf den Wagen obenauf und nun ist es allen in Sicht, dass ja
eine Dame mit ihnen parlamentirt ...
    Wie erstaunten sie, als sie auf Joseph Moppes' energischstes Ruhe Pause
zählten und ein junges Mädchen mit Tiebold Verwunderung und Orientiren und
Namen und Fracht und Verklarung des Schiffes austauschte, nach schnellstem
Erkennen Gebhard Schmitzens die heute Vielbesungene selbst ...
    Tiebold war bereits unten ...
    Die von einer der melodischsten Sopranstimmen vorgetragenen Worte hörten
sie:
    Herr de Jonge! Ich habe aufs dringendste diesen Wagen nötig! Sie werden mir
die Gefälligkeit erweisen, nicht wahr, ihn mir auf einige Tage zu leihen!
    Mein Gott, Fräulein! Sind Sie's - denn wirklich -
    Ruhig! hiess es oben ...
    Einzig! Auf Taille! flüsterte Gebhard Schmitz.
    Verwundern Sie sich nicht zu lange, Herr de Jonge! fuhr Armgart fort. Ich
bitte! Befehlen Sie dem Kutscher! Ich steige ein! Ich habe die grösste Eile!
    Wirst mir wohl einer meinen Hut herunter?
    Das war alles, wozu sich Tiebold zeit- und ortsgemäss sammeln konnte.
    Fahren Sie mich ans Ufer zurück, da, wo die Weiden stehen!
    Da, wo die Weiden stehen!
    In diesen von allen jetzt mehr gesuchten als gefundenen Weiden blieben sechs
verdutzte Blicke hängen ...
    Armgart sass schon im Wagen und Tiebold hatte auch schon seinen Hut auf dem
Kopf. Clemens Timpe hatte versucht ihn just so zu werfen, dass er ihm auf seine
blonden hochaufgerichteten Haare fiel (Tiebold's äusserste Unruhe liess sich am
fortwährenden Streicheln seiner Frisur erkennen); der Hut fiel indessen zwischen
die Hufe der Pferde und vor die Räder und bekam, da die Pferde schon anzogen,
eine starke Prüfung seiner »Garantie«.
    Das ist das Loos des Schönen auf der Erde! rief Schmitz ...
    Tiebold aber, impertinent, wie auch nur er sein konnte, (Nur Selbstkritik,
nicht etwa Verleumdung von uns), schwang sich hinten auf den bequemen
Bedientensitz, verlor fast im Abfahren seinen nun wieder hinterrücks fallenden
Castor - »weiss auf blond!« hatte noch kürzlich Benno über diesen in gewisser
Hinsicht »jetzt gelieferten« Hut und über Tiebold's Ansprüche auf Geschmack
geäussert - und schon schwenkte der Wagen dem Strome und der bezeichneten Stelle
zu, verfolgt von einem fast kosackischen Hurrah der Freunde Piter's, die in
diesem Augenblicke sogar vergassen, dass sie auf ihrer gleichfalls zu Wasser und
darüber schon zu viel, viel Rüdesheimer und Punsch gewordenen Partie die
Retourgelegenheit verloren hatten ...
    Der Wagen war jener vortreffliche Landau mit jenen in Kocher am Fall beinahe
verdorbenen englischen Patentachsen und die englischen Pferde gehörten
gleichfalls Herrn de Jonge senior, der es für zweckmässig zu halten schien, wenn
sie durch de Jonge junior in entsprechenden häufigsten Gebrauch kamen ...
    Armgart schlug in dem prächtigen Wagen die Hände zusammen und hielt sie hoch
gen Himmel empor, aus tiefster Seele dankend allen seinen Heiligen.
 
                                      14.
Während Tiebold durch das geöffnete Schiebfensterchen des Wagens eine glühende
Schilderung der Sehnsucht nach diesem Sonntag, eine Schilderung der Spannung
seiner Gefährten, der Enttäuschung, dass das ganze Begegnen mit den Stiftlerinnen
und vorzugsweise mit Armgart scheitern musste, entwarf; während er ihr, oft durch
das Schleudern des Wagens im Redestrom unterbrochen, die Versicherung gab, dass
dieser Wagen sie, wenn sie darnach Verlangen trüge, bis ans Ende der Welt fahren
könnte - die Phrase: »vorausgesetzt, dass ich Sie begleite«, verlor sich in einem
Wurf in die Sitzecke -; während er mit jener ihm ganz eigentümlich angehörenden
Lebhaftigkeit der Demonstration, teils auf die Wege wetternd, teils dem
Kutscher commandirend, teils seinen Hut von den Folgen der Räderung
herstellend, mimoplastisch auseinandersetzte, dass nur an jeder Station neue
Postillonspferde nötig wären, um couriermässig mit ihm bis an die Pforten des
Himmels oder der Hölle zu reisen; während er endlich mit allen Zeichen damaliger
Telegraphik schilderte, dass seine verblüfften Freunde entweder in Drusenheim
übernachten oder auch vom Wirt anspannen lassen könnten, waren sie jetzt bei
der Stelle angekommen, wo im Schilfe Armgart ihr Bündel geborgen hatte.
    Der Kahn trieb schon weitin auf die Höhe des Stromes ...
    Mit der Versicherung, er gäbe, wenn der Kahn nach Holland schwämme, was
nicht vorauszusetzen, der lindenwerter Schifferinnung zum Ersatz eine Bark mit
zwei Masten, mit Vorder- und Hinterdeck, mit Bramsegel, mit Reffsegel, mit
u.s.w., stieg Tiebold aus, um das vielbesprochene, wenn ihm auch noch völlig
rätselhafte Bündel mit Gefahr seiner heute trotz des Regens in bequemen
Wirtsstuben geschont gebliebenen Lackstiefel herbeizuholen ...
    Darüber hatte Armgart einige Minuten Zeit, ihrer Lage nachzudenken ...
    Mit Tiebold sollte sie weiter reisen? Mit ihm so allein hinaus in die Welt
gehen? ... O Gott -
    Aber Tiebold kommt schon zurück ... schon schleppt er das Bündel, das er
höchst federleicht findet, das ihn aber keuchen lässt wie Cyklopenarbeit ... er
bittet um Entschuldigung, wenn sich vielleicht in dem Bündel vom Schilfe her
einige Frösche eingenistet hätten ... er wagt die leise Frage, ob das vielleicht
die Wäsche des Institutes wäre, die Armgart nach klösterlicher Sitte in dieser
Woche zu besorgen und noch spät in die Sieben Berge, vielleicht zu einer dort
»vielleicht wohnenden Wäscherin« zu transportiren hätte in Begleitung eines
»vielleicht zufällig eben ertrunkenen Schiffers« ... er gesteht, nicht begreifen
zu können, warum sie bei soviel Sinn für Wirtschaft und Reinlichkeit soviel
Angst hätte, selbst vor harmlosen Wanderern, die eben des Weges daherkamen ...
und wie denn überhaupt, mein Fräulein, wenn ich mir die gehorsamste Bitte
erlauben dürfte um ein klein wenig mehr Gaslicht als Mondlicht, d.h. Aufklärung
über Wie? Wo? Warum? Wieso?
    Jetzt aber ereignete sich eine jener Fügungen, die uns zuweilen das
Weltverhängniss noch zum holden Kindermärchen machen können ... Der liebe Vater
im Himmel sitzt uns dann trotz aller Philosophie immer noch mit einem langen
Barte auf den Wolken und fügt die Schicksale der Menschen mit sichtbarer Hand,
ja er greift überall persönlich hinein mit liebevoll nachhelfendem Finger.
    Von hundert Menschen, die da schon gegen zehn Uhr Abends, während der Mond
nun ganz aufgegangen war, noch am Ufer hätten stehen und nach einem Nachen sich
umschauen können, der sie so spät noch übersetzte, muss gerade der Eine
daherkommen, der zwar nicht mit melodischem Wohllaut das Lied vom Ritter
Toggenburg intonirt hatte, dem es aber, nach dem Kloster zu Lindenwert
hinüberschauend, tiefinnen klang mit der ganzen Sehnsucht seines Herzens.
    Hatte es doch für Benno heute am Sonntag diesseits des Stromes Aufnahmen
gegeben hier und dort! Aufnahmen, die an Ort und Stelle zu machen waren! Die
süsseste Hoffnung, die von gestern auf heute sich erfüllen sollte, von dem
Abschied beim Einsteigen in den Nachen bis zu einem Wiedersehen im Enneper Tale
oder auf der Insel selbst oder heute irgendwo und -wie, hatte scheitern müssen
teils am Wetter und den verschlimmerten Wegen, teils an der gegen alles
Erwarten sich herausstellenden Bedeutung der Aufträge, die es zu vollziehen gab
...
    Nun aber trieb ihn noch ein anderes gegebenes Wort wenigstens für den Abend
zur beschleunigten Eile. Nück hatte ihm beim Abschied gesprochen:
    Herr von Asselyn! Sie sind ein junger, unterrichteter und für die praktische
Auffassung des Lebens, die nur allein eine Zukunft hat, disponirter Mann! Aber
in vielem sind Sie noch völlig Tabula rasa! Ich will Ihnen wünschen, dass das
Leben bessere Zeichen auf Sie schreibt, als zehnjährige Seufzer bis zu einem
Assessorat in Schöppenstädt mit fünfhundert Talern Gehalt! Sie kennen unsere
gespannte Lage mit der Regierung! Sollten Sie vielleicht im Roland bei Joseph
Zapf oder sonstwo Leute finden, die uns nicht eher geholfen glauben, bis nicht
alle die aus dem Lande gejagt sind, die nicht an die sieben Sakramente glauben,
so lassen Sie sich mit den dummen Leuten in keine philosophischen Erörterungen
ein, sondern schonen Sie menschliche Schwächen! Bei Zapf gehen, hör' ich, Narren
aus und ein, die sich einbilden, es brauchte nur der 24. August im Kalender zu
stehen und man könnte die Sainte-Bartélémy noch einmal aufführen! Klären Sie
diese Leute nicht philosophisch auf! Geben Sie ihnen nur ein wenig mehr Einsicht
in die Gesetze! Verweisen Sie sie auf das, was uns unter allen Umständen als
Anlehnung Stand hält, wenn wir uns gegen die neunmal Weisen anstemmen müssen,
auf das Edict vom 28. Germinal des Jahres X der fränkischen Republik, das
Besitzergreifungspatent von 13, die Bulle De Salute animarum von 21. Denn
darüber, denk' ich, sind wir einig, dass bei uns Kirche und Gemeinde darauf
halten sollen, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben. Lieber ein Weltbrand, als
ewig unter der Herrschaft der Achselklappen mit den numerirten Knöpfen! Lieber
zum Frühstück fricassirt von französischen zu Marschällen avancirten Köchen, als
zerrissen von russischen Wölfen! Zwei Alternativen hat ja die Welt nur:
Czernebog, den Grossen, oder Rom!
    Benno fühlte das anders, doch wollte er nicht fehlen unter Leuten, die von
Sturmglocken sprachen und das Wort: Von-Berg-zu-Berg-die-Feuerzeichen-Anzünden
schon aus gedruckten fliegenden Blättern, aus Liedern und laut gesungenen
Reimsprüchen wiederholten.
    Auch dem wirklich damals »beschränkten« und von Ministern deshalb gründlich
verhöhnten »Untertanenverstand« wollte er die Torheit der Sensen und Aexte
verweisen, mit denen die Bauern verlangten in die Städte geführt zu werden ...
    Es gefiel ihm sogar, dass Stephan Lengenich übernehmen sollte, einen grossen
Rat- und Hülfsverein im ganzen Lande zu begründen, einen Bund von Meistern und
Gesellen, Handwerkervereine, die damals aller Orten im deutschen Vaterland und
zur Anbahnung besserer Zeit auftauchten und von denen der Severinusverein nur
erst ein schwaches Vorbild war ...
    Schon sah Benno mit scharfem Auge im Roland drüben die Fenster des zweiten
Stockes erleuchtet ...
    Er verwünschte seine Verspätung bei der ihm wie ein Verhängnis lockenden
Erörterung ...
    Einen Nachen suchte er jetzt und war, da er keinen fand, gerade im Begriff,
schnellen Schritts auf einige Schifferhütten zuzueilen, die freilich noch einige
tausend Schritt zu Berg entfernt lagen ...
    Da sieht er einen Wagen daherjagen und so dicht dem Ufer zu, als sollte ihn
eine Fähre aufnehmen ...
    Diese Fähre sucht er ...
    Wie musst' er erstaunen, als jetzt jemand von dem Bedientensitz des Wagens
springt, am Ufer im Röhricht krebst, dann mit einem grossmächtigen Bündel
zurückkehrt und endlich vollends, als er sieht, dass dies, wie es schien,
Schmuggel treibende Individuum niemand anders war als Tiebold de Jonge!
    Ja, aber ums Himmels willen! Was haben Sie denn da? rief er ihm schon aus
der Ferne zu ...
    Tiebold, vollkommen wissend, dass Benno in der Nähe sein konnte, und darum
auch schnell sich zurecht findend, antwortete sogleich mit einem Bedeuten um
geheimnisvolle Stille und dem Winke, das »federleichte« Bündel mit aufladen zu
helfen ...
    Mit den langgezogenen, völlig noch ungewiss tastenden Worten: »Aber - Sie
sonderbarer - Schwärmer -!« trat Benno näher ...
    Nun sieht er in den Wagen und sieht Armgart und Armgart sieht ihn, erkennt
ihn und ruft:
    Jesus! Der Benno!
    Benno steht sprachlos.
    Tiebold klärt auf, soweit er kann, stopft das Gepäck hinein, ruft dem
Kutscher den Namen eines Ortes zu, als den der ersten Poststation, und steigt
windschnell wieder hintenauf ...
    Er scheint vorauszusetzen, dass Benno, dem allem wie etwas Unglaublichem
zustaunend, dem tolldreistesten aller Menschen in die mondhelle Nacht hinaus die
Königin seiner Träume wie zur Entführung überlassen soll ...
    Ein Augenblick jedoch - und auch Benno sitzt schon oben dicht neben Tiebold
und der Roland und die Kirche und der Staat und der 28. Germinal und die Bulle
De Salute animarum sind vergessen.
    Armgart sieht alles das voll Seligkeit und hätte nun am liebsten alle beide
gleich hereingerufen.
    Sie hätte Benno die Hand drücken mögen vor Freude über diese doppelte Hülfe
...
    Aber schon flogen die Rosse zur Chaussee hinauf und auf dieser dann
funkenstiebend weiter und weiter dahin ...
    Der Kutscher merkte schon, dass hier Romantik im Spiele war und dem
Drusenheimer allein hatte auch er nicht zugesprochen.
    Endlich hatte sich Armgart gesammelt und machte wenigstens durch das
Schiebfenster so viel Geständnisse, als nötig waren, um nun schon von Benno
Vorwürfe und ernste Ermahnungen zu hören.
    Darüber drängte ihn Tiebold, als »unerträglichen Pedanten«, vom
Schiebfenster weg und klagte über Mangel an Raum ...
    Und als dann Benno mit Vernunft und Besonnenheit nicht enden wollte, verwies
ihn Tiebold vorn auf den Kutscherbock, worüber beide jetzt unter sich selbst in
freundschaftlichen Hader gerieten ...
    Am Ufer aber hinfahrend hatte Armgart alles drüben auf der Insel still
gefunden und im Geiste der guten Angelika gedankt, die ihre Flucht sicher nicht
verraten, sondern gewiss zur suchenden Mutter von einem Versteck auf der Insel
selbst gesprochen hatte.
    So fuhren sie schon unterhalb des Geierfelsen dahin ...
    Je weiter aber die Insel und der Fluss verschwanden, desto mehr verlor sie
die Besinnung und alle ihre Gedanken fingen an, ihr wie zu vergehen ...
    Was sie von dannen trieb, glaubte Benno jetzt zu erraten ... Die Mutter war
angekommen! ... Er teilte Tiebold seine Vermutung mit und seine Auslegung der
so ihm nun erklärlichen Flucht ...
    Wie Tiebold, der natürlich die Rechte des Vaters, seines »Lebensretters«,
weit über die der Mutter stellte, sich in Armgart's heroischer Herzenstat
staunend zurecht fand, wurden sie plötzlich von Pferdehufen und von
Säbelklappern aufgeschreckt ...
    Vier bis fünf Gensdarmen ritten an ihnen vorüber ...
    Benno erkannte Grützmachern und Schulzendorf; diese erkannten ihn ...
    Herr von Asselyn! hiess es mit harmlos überraschtem Tone. Wo wollen Sie denn
so spät noch hin?
    Tiebold, zwar vorlaut wie immer, aber etwas eingeschüchtert, nannte die
nächste Station ...
    Major Schulzendorf blickte in den Schlag des Wagens. Er sah eine junge Dame
...
    Auf Damen lauteten die Ordres nicht ...
    Paschol, Herr Freiwilliger! rief Grützmacher mit einem jener der Herrschaft
des grossen Czernebog angehörenden und 1813 in Deutschland zurückgebliebenen
Kosackenworte und erinnerte bedeutungsvoll mit dieser Anrede den jungen
Demagogen, dass er seine Gesinnung schon neulich als auf »Anno Köpenick« lautend
genannt hatte.
    Der Wagen fuhr von dannen ...
    Und an einem Kreuzweg hielt wiederum ein berittener Gensdarm.
    Was geht denn hier vor? fragte Tiebold höchst erstaunt und plötzlich jetzt
von grosser Sammlung und viel Vernunft.
    Benno ahnte fast, dass er einer grossen Gefahr entronnen war.
    Diese Zusammenziehung von Bewaffneten stand ohne Zweifel in Verbindung mit
der geheimen Versammlung drüben im Roland ...
    Seine Empfindungen über diese Vermutung schloss er tief und stumm in sein
bewegtes Herz ...
    Die jungen Männer beschlossen, den rätselhaften Flüchtling die Nacht über
zu begleiten, bis sie irgendeine der Postrouten erreichten, wo Armgart die
Diligence besteigen konnte, um an den Ort ihrer nächsten Wünsche zu kommen, ins
Stift Heiligenkreuz, wie sie sagte, bei Witoborn oder nach Westerhof zu Paula.
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Wie es dann immer höher und höher ins Gebirge ging, lag die Gegend den
Rückblickenden im Mondlicht so geisterhaft und märchenhaft da, wie ihnen ihre
eigene Stimmung ...
    Der Strom, die Berge, die Ortschaften, alles wie verklärt ...
    Ein einziger stiller Friede ausgebreitet über soviel Leidenschaft, soviel
Hass, Kampf und Gefahr ...
    dabei stiegen noch Raketen auf aus den Weinbergen, wo man schon frühzeitiger
die Weinlese begonnen - alles das so harmlos, wie zu Lust und Freude ...
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Immer lauschiger wurde es am Wege ringsum und dunkler wurde der Wald zum
Gebirge zu ...
    Eine Abtei lag in zertrümmerten von Buschwerk überwucherten Rundbogen, recht
wie ein Zufluchtsort mitternächtiger Geister ...
    Wie schlummernd ragten ringsum die Tannen ...
    Nur die Fledermäuse huschten auf und die kleinen Schlangen eilten über den
Weg hinwegzukommen, fliehend vor den jetzt langsam bergauf ziehenden Rossen ...
    Aus dem Walde tönten so seltsame Laute, wie vom Fuchs auf dem Raube und von
der nur des Nachts die Augen öffnenden Eule ...
    Ein grosser dunkler Vogel flog quer über den Weg, so mächtig, so
weitausgeflügelt, als wtr' es ein Adler gewesen.
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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    Da kam ein neues Piket von Gensdarmen ...
    Es umringte ein offenes Wägelchen, das rasch an ihnen, niederwärts,
vorüberglitt ...
    Erst als sich Benno über diese neue Begegnung mit den Wächtern der
öffentlichen Sicherheit gesammelt hatte, fiel ihm die Gestalt auf, die auf dem
Wägelchen gesessen ... Zusammengedrückt, im blossen Kopfe, eine Pferdedecke über
die Schulter geworfen, hatte jemand dagesessen und geblickt mit stieren Augen,
wie die Augen der Hyäne leuchten mögen beim nächtlichen Raube, wenn sie vom
Wege, die Löwen schon am Platze fürchtend, angstvoll zur Seite schleicht ...
    Vor und neben dem Gefangenen sassen zwei Männer in bürgerlicher Tracht, fest
und aufrecht ...
    Anfangs glaubte Benno, seine Phantasie spiegelte ihm die Entdeckung des
Mörders der Frau von Buschbeck in Jodocus Hammaker vor ...
    Indem trabte ein Reiter an ihnen vorüber, in grauem Militärmantel mit rotem
Kragen ...
    Der Mantel schlug im schnellen Vorüber auf ... Der Reiter war ein
Bürgerlicher ...
    Assessor von Enckefuss! rief Benno ihm nach ...
    Der Reiter hörte nicht.
    Tiebold war schon lange in eigentümliche Gedanken verloren und schien für
jeden äussern Eindruck abgestorben ...
    In grösster Aufregung fuhr Benno fort:
    Nun, mein Freund, da sehen Sie wie »diese Menschen«, wie Sie sie neulich zu
nennen beliebten, die Augen offen halten und am rechten Platze Mut und Kraft in
Muskeln und Adern haben!
    Wie so?
    Bemerkten Sie denn nicht eben? -
    Was?
    Keine Täuschung! Der Mörder der Buschbeck ...
    Wovon sprechen Sie?
    Sahen Sie denn nicht?
    Wen?
    Den Assessor von Enckefuss -
    Ich glaube, Sie träumen!
    Eine eiserne Zeit wird kommen! Nicht sechs Wochen ins Land -
    Sechs Wochen, glauben Sie, dass diese Reise -?
    Ich begreife - was Dante zu den Ghibellinen zog!
    Und während Tiebold jetzt seine in solchen Fällen gewöhnliche Wendung:
»Warum haben Sie nur ewig die Malice, in meiner Gegenwart gelehrt zu sein! Wer
war dieser Dante? Wer sind die Ghibellinen?« heute wie abwesend und wie völlig
über den Sänger der Hölle und des Fegfeuers und des Paradieses unterrichtet
unterdrückte, klopfte Armgart von drinnen an das Fenster und bat mit zagender
Stimme, da es draussen gewiss bitter kalt würde, die Freunde möchten doch
hereinkommen ...
    Benno und Tiebold fühlten, dass diese von Armgart gesprochenen Worte nur so
leise tönen konnten vor Tränen ...
    Der Wagen hielt an ...
    Schweigend stiegen die Freunde ein ...
    Tiebold mit der Entdeckung, die er erst seit einer halben Stunde gemacht:
Armgart wird auch von Benno geliebt! ... Benno in einer Aufregung, die mit
mächtigster Gewalt plötzlich alle seine Gedanken mitten in die Erörterungen
zurückversetzte, die er kürzlich mit Bonaventura gepflogen beim abendlichen
Wandeln am Stromesufer ...
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Und wer weiss, ob nicht auch Bonaventura noch stand und in demselben
Nachtimmel seine Zukunft suchte und, durchschauert von bangen Ahnungen, der
Worte des alten Kirchenvaters gedachte: »Steh' auf um Mitternacht, blick' in das
Heer der Sterne und deute dir die tiefe Stille!«
    Wenigstens wohnte er, ein Leichenbegleiter in jeder Beziehung, nachdem er
dem grossen Conduct der endlich zur Nachtruhe gekommenen »Frau Hauptmännin« am
Sonnabend gefolgt war, auch Sonntag Nacht dem Officium und den Vigilien bei, die
in der kleinen Kapelle neben dem Kreuzgang der Katedrale am kerzenerleuchteten
Katafalk des verstorbenen greisen Domherrn unausgesetzt bis zum Montag morgen
gehalten wurden, wo erst sein Vorgänger, in dessen Stelle er rücken sollte, mit
seinen »gesammelten Origines-Lesarten« unter die steinernen Vliesen des
Kreuzgangs eingesenkt werden durfte; denn der Sonntag - »ist des Herrn«.
                            Ende des dritten Buches.
 
                                  Vierter Band
                                   Viertes Buch
                                        1.
Noch blieb der Winter aus und schon hatte das neue Jahr begonnen ...
    An einem milden Novemberabend wurde Graf Truchsess-Gallenberg von seinem
kirchenfürstlichen Stuhl mit einem Aufgebot zahlreicher Truppen entfernt - in
eine ostwärts gelegene Festung geführt - mit ihm Eduard Michahelles ...
    Keine Hand hatte sich gerührt, die gewaltige Entschliessung des Landesherrn
zu hindern. Diejenigen, die sich für diesen längst erwarteten Schritt der
Regierung zu offnem Widerstande gerüstet hatten, wurden an jenem Septemberabend
im Gastaus zum Roland am Hüneneck aufgehoben und befanden sich seit Monaten im
Gefängnis - Stephan Lengenich, Joseph Zapf, ein Arzt, ein Priester, einige
Gemeindevorstände, Ackerwirte, Schreiber, Landleute ...
    Die fortdauernd milde Witterung begünstigte aber dasjenige, was Dominicus
Nück den »Treppenwitz« nannte.
    Jeden Abend in den Strassen ein zu spät kommender Protest ... Rottirungen,
Patrouillen - Zusammenstösse - einzelne Verwundungen -
    Die Aufregung hatte sich ganz Deutschland, ja Europa mitgeteilt. Auch im
Osten wurde von derselben Regierung ein anderer Erzbischof aufgehoben. Eine
wilde Zeit! Sie entfesselte Geister, die der protestantische Fürst nicht geahnt
hatte und die nach langem glücklichen Frieden ihm die Ruhe seiner letzten
Lebensjahre rauben sollten ... Vom Vatican hatte »der Knecht der Knechte« am 10.
December in einer Allocution an die Cardinäle Blitze geschleudert. Das
kirchliche Leben stockte in den Landen, die zunächst beteiligt waren; wie Bann
und Interdict, wie der Fluch auf Feuer und Wasser lag es auf der Ordnung des
Lebens, allen Handlungen der Kirche, allen Weihen und Segnungen; der
apostolische Stuhl hatte keine Stellvertretung anerkannt, die geweihte Hand des
Priesters Immanuel fehlte, sie, die allein die Fasten, Ablässe, Dispense,
Consense erteilen konnte; rings waren die Wege des Heils gesperrt, da niemand
die Vollmachten Christi besass, die allein für diese Zeitlichkeit der Schlüssel
Petri unter Verschluss hält. Die, welche nach dem Willen des Landesherrn den
enttronten Kirchenfürsten zu ersetzen hatten, die Kapitel, die Administratoren,
gerieten in Schwankungen, in Angst und Schrecken über ihr vom Heiligen Vater
verwirrtes Gewissen. Die Lämmer flohen vor den Hirten ... Nück und die
Sporenritter und die Hunnius riefen Feuerjo! dass der rote Hahn auf allen
Palästen und Staatskanzleien drohte und das Vaterland in eine Spaltung geriet,
wie wenn Tilly wieder vor den Toren Magdeburgs stehen sollte.
    Nück's bei alledem von ihm geleiteter »Treppenwitz«, seine zu spät gekommene
Antwort auf die kühne Tat der »Neunmal-Weisen«, hatte sich nur seit den
Festtagen etwas gemildert ...
    Auch hatte am Morgen nach dem heiligen Dreikönigsabend Jodocus Hammaker
unter dem Messer der Guillotine geendet.
    Der Mörder des Fräuleins Brigida von Gülpen, genannt Frau Hauptmann von
Buschbeck, gestand Dinge, die der Herrschaft »der Achselklappen mit den
numerirten Knöpfen« und der »Avantgarde des grossen Czernebog« verdriesslich sein
mussten, denn er zog vor, mit der Kirche, der er nicht minder gedient hatte, im
Frieden zu scheiden. Nück verteidigte ihn. Der Mörder dankte ihm für seine
Anstrengung, ihn vor den Assisen durchzubringen, mit manchem schmachtenden
Blicke, den er aus seinem so kunstvoll beherrschten, doch verzweiflungsvollen
Auge auf ihn warf, mit manchem gen Himmel gerichteten Aufseufzer, und nur
einmal, als ihm Nück beim Plaidiren und gerade seine Dose ziehend schaudernd
eine Prise verweigerte, die der Freche von ihm zu nehmen begehrte, da zuckten
seine weissen Augen unheimlich drohend auf ... doch der Agent beherrschte sich,
schonte alles, was die eine seiner beiden Schultern getragen hatte, die
kirchliche, und nur in seiner letzten Beichte, die er dem neuen jungen Domherrn,
Herrn Bonaventura von Asselyn, gesprochen, mochte er Rückblicke gegeben haben
auf sein Leben und Entüllungen auch über den Verdacht, ob er einst einen Mann
aufhing, der ihn jetzt noch einmal, wie schon früher verteidigte.
    Nach diesem entsetzlichen Zwischenspiel, das der Armesünder keineswegs durch
übergrossen Heldenmut zum Volksschauspiel »auf Applaus« machte, war es einige
Abende recht still geworden ... Auch war der Carneval abgesagt. Ihr Teuerstes
opferte die Stadt, um zu beweisen, dass der Stellvertreter Christi mit Recht
diese Zeit den schlimmsten der Propheten verglichen hatte.
    Im Englischen Hof, in einem der ersten Hotels der Stadt, waren, wie seit
einigen Wochen allabendlich, mehrere Fenster erleuchtet. Die Frequenz der Stadt
hatte abgenommen. Niemand mochte dem Ansinnen der Loyalität, Feste zu geben,
entsprechen und da manche Familie auch ihrerseits wieder vor dem Schein der
Demonstration sich fürchtete und lieber auf dem Lande blieb, so fiel es auf,
wenn irgendwo sich Leben zeigte in einer Stadt, der die geheimen Lenker in allem
und jedem Trauer angesagt hatten.
    Aber auch jene Fenster oben im ersten Stock des Englischen Hofes werden bald
nicht mehr an jedem Abend erleuchtet sein ...
    Schon ist ein grosser Reisewagen in der Einfahrt sichtbar, der, vorn und
hinten bepackt, morgen aufbrechen und die oben wohnende Herrschaft nach Belgien
und an den Strand des Meeres entführen wird, von wo aus es dann weiter gehen
soll nach England ...
    Ein Reisecourier ordnet am Wagen. Ein anderer Diener hat die Gräfin von
Salem-Camphausen, die Mutter des Grafen Hugo, in einem Mietwagen begleitet, in
welchem sie noch einige Abschiedsbesuche macht ...
    In dem einen der oben von ihr seit zwei Monaten bewohnten Zimmer brennt
etwas düster eine grosse Astrallampe auf einem runden, mit einem Teppich
bedeckten Tische. Eine andere, hellere, wenn auch kleinere Lampe bescheint ein
kleines Schreibbureau, an welchem eine Dame sitzt und mit Emsigkeit die Feder
führt ...
    Alles still um sie her ... Beträte auch ein Fuss das geräumige Zimmer, dem
man die einer Abreise vorangehende Unordnung nicht ansieht, der Schritt würde
durch einen Teppich gemildert werden ... Eine kleine wiener Reiseuhr steht neben
der Schreibenden, die zuweilen wie mechanisch auf sie hinblickt und sich
flüchtig über den schnellen Lauf der Zeit zu wundern scheint, obgleich sie darum
im Schreiben immer noch fortfährt ...
    Die Dame ist nicht, wie seit dem 20. November alles, was in dieser Stadt der
gemeinsamen Stimmung Rechnung trägt, schwarz gekleidet, nur dunkelfarbig ...
weit ausgebreitet bauscht sich um sie her ein einfacher seidener Stoff ... ein
Spitzentuch, das den Nacken bedeckt, ist herniedergeglitten ... ja an dem
zurückgehenden Ausschnitt des Kleides kann man entnehmen, dass die emsige
Schreiberin, um die Brust zu schonen, sich's unbewusst bequem gemacht hat ... Man
sieht die Fülle der Anmut und der Jugend.
    Sie blickt auf und atmet wie erschöpft ... Die saubern Octavblättchen, die
sie vollgeschrieben, zählt sie und lächelt, da es deren so viele sind ... Dies
Lächeln sollte uns nicht fremd sein ... Es hat Aehnlichkeit mit jener
Duldermiene, die das Lächeln Armgart's dem Blick der Madonnen Murillo's so
ähnlich macht ... An dem seltsamen Glanz der langen Locken, die auf den weissen,
durch Zufall entblössten Hals der jetzt Lesenden niedergleiten, erkennen wir
Armgart's Mutter, die Oberstin von Hülleshoven, Monika von Ubbelohde.
    In der Tat hat der Winter nie so nahe beim Frühling gewohnt. Nie ist der
letzte Schnee in anmutigerm Neckspiel auf die ersten Blüten eines Gartens
gefallen. Nie hat der Sonnenstrahl zur Osterzeit so schnell die letzten Flocken
der noch eisigen Lüfte hinweggeküsst. Oder müssen wir von einem Hagelwetter
sprechen, das grausam seine Eiskörner zurückgelassen unter Rosen und Lilien?
Monika's Locken sind grau.
    Monika ist eine Frau mittler Grösse, nicht von übervollen, aber runden
Formen. Ist ihr Antlitz jetzt nur vom Ueberbeugen so gerötet oder trägt es dies
frische Incarnat für immer? Fast möchte man letzteres glauben, wenn man die
schwellende Röte der Lippen vergleicht, die ein wenig sich öffnen, weil sie
leise vor sich hin das liest, was sie geschrieben ... Ihr Blick ist ernst. Die
Hand, weiss und klein, hält die Blätter etwas zu nahe dem Auge. Wer weiss, ob
nicht auch diese schönen braunen Augen gelitten haben von viel Tränen, die sie
vergossen haben mochte? Bei alledem liegt auf der Stirn ein seltener Friede.
Oder ist es nur eine grosse Klarheit, die ihre Vorstellungen zu einem Lichte
hindurchgerungen hat, das nun auch diese Stirn so edel erhellt? Eine Stirn, die
unharmonisch ist, entstellt ein ganzes noch so zierliches Antlitz. Die Stirn
dieser jungen Frau stieg sanft aus den eingesenkten Schläfen und erhob sich nur
oben, dicht an den gescheitelt niedergleitenden grauschimmernden Locken, deren
an jeder Seite drei bis auf die in dem Lehnsessel sich aufstemmenden Oberarme
fielen, zu einem leisen Hervortreten zweier Flächenteile, die in der Mitte
durch eine einzige sanfte Linie geteilt waren. Die Rundung des Kopfes, dessen
Hinterteil ein unterm Kinn zusammengebundenes Flortuch von schwarzer Seide
bedeckte, war der Ausdruck eines Wesens, das die Harmonie und mit ihr die
Gerechtigkeit liebte. Die Augenbrauen waren dunkel, nicht von dem Loose des
Haares betroffen. Zitterten die Blättchen in der Hand der Lesenden, so war nur
die Haltung der Arme, die sich auf die Lehnen des Sessels stemmten, schuld
daran, nicht die bangende innere Aufregung, denn mit Ruhe, Fassung, mit dem
Ernst eines Denkers überliest die junge Frau, was sie geschrieben.
    Die Blätter lauteten:
    »Seit vier Monaten, meine teure Freundin, haben Sie nichts von mir
vernommen und vielleicht zu buchstäblich hab' ich mein Wort gehalten, Sie zu
verschonen mit den Aufwallungen über halbe und unentschiedene Zustände.
    Ich habe nicht in Anschlag gebracht, dass schon seit der Rückkehr des
Obersten die Vorbereitungen getroffen sein mussten, Armgart so bald als möglich
wieder nach Westerhof zurückzurufen. Unmittelbar nach meinem Briefe suchte ich
einzutreffen. Kaum hatt' ich von den Zimmern, die Herr von Terschka für mich
bestellte, Besitz genommen, als ich mich in einen Nachen setzte und zur Insel
Lindenwert hinüberfuhr. Ich wiederholte eine der Scenen, deren vor Jahren so
viele stattgefunden. Damals, in der seligsten Gewissheit, am Ziele zu sein und
mein Kind zu besitzen, es zu überraschen im Schlummer, es entdeckt zu haben in
einer Köhlerhütte, bei einem Förster im Walde, hatten mein Schwager und meine
ihm verbundene Schwester den Raub, den sie an zwei Aeltern begingen, schon
wieder an einen andern Ort geborgen, nur dass ich diesmal nicht die mir tödlichen
Worte in einem zurückgelassenen, immer gleichlautenden Briefe fand: Dein Platz
ist - in der Kaserne beim Olivaer Tor in Danzig; dort wirst du dein Kind
finden! Aber ebenso stand ich wieder wie sonst. Muttergefühl und Stolz im Kampf.
Nach halbstündigem Warten auf Armgart merkt' ich, dass sie nicht mehr auf der
Insel war. Die Englischen Fräulein schienen aufs äusserste bestürzt; eine der
Lehrerinnen war im Geheimnis. Als alles geweckt wurde und ich sehr gern den
Nonnen eingestand, dass ich sie für unbeteiligt hielt am Verstecken meines
Kindes, als die Lehrerin ringsum wirkliche Angst über einen möglichen
Unglücksfall bemerkte und gestanden hatte, dass Armgart entflohen war, da
hinderte ich selbst, dass man die Schiffer antrieb ihr nachzueilen. Wie sonst aus
den Köhler- und Waldhütten ging ich, ich will nicht mehr sagen, mit dem Trotz
meiner Jugend, aber doch so vernichtet und auf die erste Hoffnung tief erkältet,
dass ich, wie schon oft im Leben, den Eindruck einer Frau ohne Herz
zurückgelassen haben mag, als ich schweigend auf meinem Boot zum Ufer fuhr.
    Am folgenden Morgen besuchte mich die Lehrerin. Der Armen hatte man, als
verdächtig, eine Flucht aus dem Pensionat unterstützt zu haben, sofort
gekündigt. Das schon ältliche Mädchen dauerte mich. Sie sprach ihr Leiden nicht
aus, das das gewöhnliche verblühender Jugend und des unterrichtgebenden
Tagelöhnerns schien, aber ich sah es ihr an und vertraute ihrer Erzählung. Das
Mädchen schien mich nicht für würdig zu halten, ganz in ihr Inneres zu sehen.
Ich war ihr die Mutter, die ihr Kind aufgeben konnte. Erst als sie wiederholt
auf mein graues Haar und den Ursprung desselben, den sie etwas ungläubig aus dem
Kummer herleitete, zurückkam und ich jetzt, lächelnd sogar bei allem Leid, ihr
sagen musste: Liebe, Sie stellen mich viel zu hoch! Dies Erblinden meiner Haare
stammt aus einer Lebensgefahr, in die ich mich einst begeben hatte, als ich mich
vierzehn Tage lang versteckte, versehen nur mit einem Körbchen Proviant, ohne
Wasser und auf den Augenblick harrend, wo ich die Wahnsinnigen, mit denen ich im
Kampfe lebte, überraschen wollte - man fand mich endlich fieberkrank und der
Typhus raubt oder bleicht uns das Haar -! - da wurde sie mitteilsamer und
erzählte mir, was in Armgart's Seele so vorgegangen, als wäre ganz der Geist
ihrer Tante Benigna über sie gekommen, dieser Velledennatur, die der Meg-Merilis
Walter Scott's nicht unähnlich ist, ohne dass meine Schwester je den
Hochlandsdichter gelesen haben mag. Ebenso will das Kind richten über mich und
den Vater und setzt sich als Preis für unsere Aussöhnung! Die Lehrerin erbot
sich zur Vermittelung mit dem Obersten, der so nahe wohnte und in dessen ganzer
Art es liegt, dass er nicht einmal den Versuch machte, sich umzusehen, wo er
seinem einzigen Kinde begegnen könnte, geschweige es an sein Herz zu reissen. Ich
lehnte die dargebotene Hülfe ab und verwies auf das, was vom Obersten mich immer
getrennt hat und was uns ewig trennen wird.
    Von Herrn von Terschka erfuhr ich dann alle nähern Umstände dieser Flucht.
Sie kennen seine unermüdete Gefälligkeit. Ich erfuhr die kleinsten Details.
Begleitet von zwei ihr bekannten jungen Männern war das wahnbetörte Mädchen
nach einer nächtlichen Fahrt auf die Station einer grossen Postroute gebracht
worden, wo sie die Diligence bestieg und nach Witoborn fuhr.
    Ich konnte ihr nicht folgen. Die Nähe so vieler Feindseligkeit beängstigte
mich auch bei Lindenwert. Ich schrieb einige Worte an den Dechanten und begab
mich nach Belgien und Ostende, wo ich die Gräfin erwarten wollte, um sie, wie
früher gehofft, mit Armgart, nun vielleicht allein nach England zu begleiten.
Die Ankunft derselben verzögerte sich. Ich wartete wochenlang und sah das Meer
in allen seinen wechselnden Launen, in seiner Grösse und Gefahr, unheimlich und
selbst im Sonnenschein und bei Windstille dem Menschen nicht wohlwollend. Die
Jahreszeit wurde rauher, die Stürme tobten, die See ging hohl - eine Welle, die
schon von weiter rollt und über dem gefurchten Spiegel sichtbar wird wie eine
glattgeschliffene riesige Sichel, immer näher kommt, immer mächtiger in ihrem
weissen Gischt anwächst und dann sich auf den Strand wirft, hat etwas so
unbarmherzig Unerbittliches, dass ich selbst vom schützenden Leuchtturm aus
nicht mehr diesem Spiele zusehen mochte. Ich reiste der Gräfin entgegen, die
endlich in Frankfurt angekommen war.
    Aber schon in der Residenz des Kirchenfürsten begegneten wir uns und haben
wir hier die stürmischen Tage der Gefangennahme desselben erlebt. Die Gemüter
waren und sind noch in einer Aufregung, die den Verkehr mit ihnen peinlich
macht, zumal wenn man mit einer Protestantin auftritt, die so entschieden wie
die Gräfin an ihrem Bekenntnisse festält und hier überall mehr Mistrauen und
Feindschaft, als Entgegenkommen findet. Die Rechte ihres Sohns auf die
Dorste'schen Besitzungen sind unantastbar; die Processe, die man dagegen
aufbrachte, sind in drei Instanzen zu Gunsten des Grafen Hugo entschieden
worden. Terschka ist schon nach Westerhof, um die Uebernahme der Güter und die
Verständigung über Paula's Zukunft zu beschleunigen. Sie kennen meine Verehrung
vor der hoheitsvollen Gesinnung dieser ehrwürdigen strengen Matrone. Schon mit
ihrem Erscheinen entwaffnet Gräfin Erdmute jede Feindseligkeit; selbst der
gefährlichste ihrer Gegner, der Procurator Nück, windet sich vor ihr, als wenn
schon ihr Blick etwas Zähmendes und Bändigendes hätte; gerade ihm gegenüber tut
die sittliche Macht des festen Willens und der reinen Ueberzeugung auch not, da
er noch bis zur Stunde, obschon alles für seine Clienten, die Geistlichen, die
Klöster, die Stifte, die Landschaft, verloren ist, sich dem Unvermeidlichen
nicht fügen will, zumal seit dem 10. December, wo von Rom aus hier alles wie mit
unsichtbaren Schwertern bewaffnet ist.
    Eine freundliche Erscheinung waren mir die beiden jungen Männer, die an
jenem für mich so schmerzlichen Sonntage Armgart auf ihrer Flucht begleitet
hatten. Benno von Asselyn arbeitet bei Herrn Nück und musste sich leider als ein
Gegner der Gräfin einführen. Doch verständigte die würdige Frau sich bald mit
dem jungen unterrichteten Manne, der für einen Neffen des Dechanten gilt, aber
nur ein Adoptivsohn seines Bruders ist und eine Spanierin zur Mutter haben soll.
Der andere ist ein junger reicher Kaufmann, Namens Tiebold de Jonge, eine
heitere, lebensfrohe Natur, etwas beschränkt, aber desto reicher ausgestattet
mit jenem Entusiasmus, der bei allen Dingen immer präsent ist, was man bei den
blasirten jungen Männern dieser Tage nur noch selten findet. Herr de Jonge
gestand mir in aller Offenheit, dass er mich nur mit grossem Mistrauen betrachte,
denn sein Herz gehöre dem Obersten, der ihm vor einigen Jahren in Canada das
Leben gerettet. In Wahrheit aber gehört sein Herz nur Armgart. Sie scheint schon
früh das Talent zu haben, die Männer zu verwirren. Herr von Asselyn und dieser
junge Kaufmann lieben sie beide und ich weiss nicht, wem sie den Vorzug gibt.
Wenigstens scheinen sich die jungen Männer resignirt zu haben, sich ihrem eignen
Ausspruch zu unterwerfen.
    Natürlich war ich auch ihnen eine ganz herzlose Mutter. Erst seitdem sie
zufällig in Erfahrung brachten, dass ich damals, als ich mich von meiner
Krankheit erhob und im Spiegel mein graues Haar erblickte (allerdings in der
Verzweiflung - weiblicher Eitelkeit!) mit allem brach und zu Ihnen in ein
Kloster reiste, wo man, wie hier bei den Karmeliterinnen, nicht etwa Näharbeiten
fertigt, höchstens ein paar Unterrichtsstunden gibt und die übrige Zeit im
Müssiggang vertändelt, sondern in ein Krankenhaus, in dessen stündlichem
Geschäftsgang ich die Vergangenheit vergessen wollte, da milderte sich auch hier
ein wenig das Mistrauen und ich muss schon über mich wachen, nicht etwa mich mit
Lorbern zu schmücken, wenn ich von Ihnen und meinem Tode in Ihrem Kloster
spreche.
    Statt Armgart soll die Gräfin nun nach England eine Italienerin begleiten,
ein junges Mädchen, das die Gräfin aus ihren Besitzungen in Piemont kannte und
hier wiederzufinden sich wahrhaft gefreut hat. Die Gräfin ist die Güte selbst
und würde alles glücklich machen, wenn sie dazu die Mittel besässe. Sie warnten
mich vor ihrem Lutertum! Freundin, seit den langen Jahren, dass ich an Ihren
Krankenbetten lebte, hab' ich über die Religion in jedem Augenblick nachgedacht,
nie aber über den Unterschied der Religionen. Auch Sie, teure Freundin, Sie,
Aebtissin der Hospitaliterinnen, die Sie noch zu den Barmherzigen Schwestern
alten Stils gehören, nicht zu den neuen, mit denen Vincenz von Paula den
Jesuiten ein Geschenk machte, Sie haben mir ja selbst - wie oft gestanden, dass
Sie die Zumutung nicht ertragen würden, die Ihnen die Römlinge stellen, in Ihr
Kloster neue religiöse Vorschriften einzuführen! Eines kann der Mensch nur
vollbringen, entweder Gott in der Erfüllung seiner Pflicht dienen - oder sich
ganz der Betrachtung ergeben und ausruhen und phantasiren und träumen. Wenn Sie
noch beten und singen sollen, sagten Sie selbst, können Sie nicht die Kranken
pflegen. Die wahre Religion ist die Pflichterfüllung und ein ganzes Versenken
nur in sie allein. Das beste Gebet ist eine Tat, die auf Gottes Beistand
deshalb rechnet, weil sie gut ist. Ich höre hier zuweilen die Predigten eines
neuen jungen Domherrn, eines Verwandten unsers Benno von Asselyn, der einen
ausserordentlichen Zulauf hat und der noch der Last der an ihn gestellten
Zumutungen, namentlich im Beichtstuhl, erliegen muss, wenn er sich nicht
Schonung gönnt. Noch neulich sprach er die Worte, die ich nur gewünscht hätte
von ihm weiter ausgeführt und auf die Gegenwart anders gedeutet zu sehen: Wir
bewundern und fassen es jetzt gar nicht mehr, wie das Christentum in den alten
Zeiten verherrlicht und bekannt wurde! Nicht nur war es die tägliche Ordnung
alles Lebens, des öffentlichen wie des gesellschaftlichen und häuslichen,
sondern der stündliche Ausdruck jedes Gefühls, jedes Gedankens, der stete
Begleiter des Seufzens im Kummer, wie der Begleiter des Jauchzens in der Freude.
Festzüge sah man und sie verherrlichten nur die Vorgänge der heiligen Geschichte
- er strafte damit den kindischen Kummer um den verbotenen Carneval -; man sah
Schauspiele wie jetzt und sie unterhielten durch die Geschichte der Passion;
jeder Gedanke der Kunst, der Bildung, der Gelehrsamkeit war zu gleicher Zeit ein
christlicher Gedanke. - Nun wohl, flüsterte ich schon nach der Beendigung dieser
Predigt der Gräfin zu, die sich entschlossen hatte, diesen Domherrn einmal zu
hören (eine merkwürdige Aehnlichkeit desselben mit einer italieschen
Bekanntschaft von ihr, auf die sie von der obengenannten jungen Italienerin
aufmerksam gemacht worden war, zog sie an und wurde von ihr bestätigt): warum
fügte er nicht hinzu, die Kenntnisse haben sich erweitert, die Anschauungen sind
umfassender, die Pflichten verwickelter, die Lebensäusserungen mannichfaltiger
geworden? Wenn jetzt nicht mehr jede einzelne Lebenstat die christliche
Signatur tragen kann, so genügt es ja schon, wenn sie dem Christentum nicht
widerspricht ... Freilich hat auch die gute Gräfin ihre Herzensberuhigung nur zu
sehr darin gefunden, dass sie nach dem Standpunkte, auf dem sie einmal steht, dem
Standpunkt des Grafen Zinzendorf -«
    Bis hierher hatte Monika von Hülleshoven geschrieben ...
    Sie las die Blätter nur deshalb wieder durch, weil sie den Faden ihrer
Erzählung verloren hatte, und eben fand sie ihn, wollte eben weiter schreiben,
mitteilen, dass sie trotz des fertigen Gepäckes bis zur Stunde noch im Zweifel
wäre, ob sie morgen nach England mitgehen sollte, als sie im Nebenzimmer die
sanften Accorde einer Guitarre hörte ... Sie wusste, dass sie von Porzia Biancchi
kamen, die schon zur Reise alle ihre eigenen kleinen Gerätschaften geordnet
hatte und vielleicht eben noch ihre Guitarre einpackend sich nicht überwinden
konnte, das Instrument, das sie mit Gewandteit spielte, anzuschlagen ...
    Allmählich wurde aus den Accorden ein Lied und Monika hörte nun zu schreiben
auf ... Ob sie wohl endlich wahr macht, sagte sie sich, was sie uns so oft
versprochen, dass sie einmal singen würde? Ich glaube, sie fürchtet sich immer
nur vor der Gräfin, die die menschliche Stimme nur geschaffen erklärt zum Lobe
Gottes!
    Leise und wie schüchtern erklang zu den angeschlagenen Accorden ein
melodischer Gesang ... Porzia hatte eine schöne Altstimme ... Monika, um die
italienischen Worte zu verstehen, lauschte ...
    Indem meldete der Courier einen Besuch und wollte im Nebenzimmer, wo Porzia
sang, gleichfalls mitteilen, dass es Marco Biancchi war, ihr vor vier Monaten
aus England gekommener Onkel, der in grosser Eile sie zu sprechen begehrte ...
    Lassen Sie doch! sagte Monika und bedeutete den Meldenden, die Sängerin
nicht zu unterbrechen. Sie wollte den Italiener selbst empfangen ... Der Sprache
desselben war sie mächtig ... Sie sagte, sie würde Porzien das Nötige dann
schon mitteilen ...
    Marco Biancchi kam in grosser Aufregung. Er wollte der Gräfin ankündigen, dass
er mit ihr zugleich nach England reisen würde, wo er seit Jahren schon heimisch
geworden ...
    Monika wusste, dass er von dieser Stadt aus noch weiter ins Innere
Deutschlands wollte, dass er für seine Kunst, Bilder zu restauriren, Aufträge
nach Frankfurt und München hatte und zuletzt einen dritten Bruder zu besuchen
gedachte, der in Wien lebte und ihr selbst wohlbekannt war als ein dort
vielgesuchter Musiklehrer ...
    Auf ihr Erstaunen, wie er seinen Plan so schnell hatte ändern können, gab
Marco ausweichende Antworten und bald bemerkte sie, dass seine Rückkehr nach
England keine freiwillige war, ja dass er mit einem längeren Verweilen in dieser
Stadt sich einer Gefahr aussetzen würde ...
    Porzia schien so in ihrem Gesang verloren, dass sie die nicht leise geführte
Conversation des Nebenzimmers nicht hörte ... sie sang und spielte alle die
Lieder, die sie schon im Gastof Zum goldnen Lamm, auf Befehl ihres längst nach
Frankfurt zurückgekehrten Vaters, dem Onkel Marco sogleich nach dem ersten
Wiedersehen als Probe ihrer Gaben hatte vortragen müssen ...
    Teils das angeborene lebhafte Naturell, teils das Gefühl von Sicherheit,
das in einer in der vaterländischen Sprache geführten Conversation für ihn lag,
veranlassten das Geständnis des Italieners, Herr Benno von Asselyn hätte ihn
aufmerksam gemacht, dass eine der Sicherheitspolizei angehörende einflussreiche
Person ihm dringend anriete, sofort Deutschland zu verlassen. Er würde bereits
seit seinem ersten Ankommen beobachtet und gelte für einen Emissär der auf
englischem Boden stattfindenden italienischen Conspirationen ...
    Für Monika war es nach dem ersten Ausdruck des Bedauerns und Erstaunens
wohltuend, in Verbindung mit einem, wie sie bald sah, so wohlangebrachten Rate
den Namen Benno's zu vernehmen, der seit einiger Zeit sie nicht wieder besucht
hatte, während Tiebold fast alle Tage kam und längst auch für sie seine
gewohnte Schwärmerei zur Schau trug ...
    O das ist ja brav von Herrn von Asselyn! sagte Monika und forschte
teilnehmend: Würden Sie sich denn nicht gegen diesen Verdacht haben
rechtfertigen können?
    Die Miene des Italieners wurde eigentümlich von dem Gesange seiner Nichte
begleitet ... Es war ein Ausdruck, der zwar zunächst nur der der Verschmitzheit
schien und doch mischte sich ihm etwas Elegisches bei, das Monika vollkommen als
die Liebe zum Vaterlande und zur Freiheit erkannte. Ja wäret ihr Italiener
wirklich nur fähig, die Freiheit zu ertragen! sagte sie. Ihr seid aber wahrhaft
ein Volk von enttronten Königen! Entweder müsst ihr herrschen oder in Ketten
gehalten werden. - Deshalb verstand euch Napoleon so gut! Weil nur Er herrschen
wollte, hat er euch mehr mit Füssen getreten, als irgendeine andere Nation!
    Italia la regina del mondo! rief Marco und begann, sich in die Stimmung des
leisen Gesanges nebenan versetzend, eines der vielen Gedichte zu recitiren, an
denen für dies Tema seine Nation so reich ist und deren Zahl auch jeder
einigermassen gebildete Italiener durch die Kunst der Improvisation zu vermehren
weiss ...
    Deshalb wollt ihr die Freiheit für euch, unterbrach Monika seinen langen
Monolog, um sie wieder den andern Völkern zu entziehen!
    Wir wollen nur das Joch der Fremden brechen! rief Marco. Ein Volk von
Brüdern, von den Alpen bis zum Meere! Ein einziger Bund von Bruderstaaten!
Republik oder Monarchie, nur keine Trennung mehr!
    Aber dem Schlüssel Petri gönnt ihr dabei alle Pforten des Himmels, nur am
wenigsten die eurer grossen Roma! Ihr wollt ihn ganz nur zu einem Heiligen machen
und aus der Liste der weltlichen Souveräne streichen! Aber tätet ihr das, so
hat ja eure letzte Stunde geschlagen! Alle katolischen Nationen würden sich zu
einem neuen Kreuzzuge rüsten und Rom würde, wenn es den Kampf aufnähme, zerstört
werden.
    Das ist schon oft geschehen! erwiderte Marco mit einiger Ironie. Ja, ich
weiss, es gibt Italiener, die unserm Glauben untreu geworden sind! Ich gehöre
nicht zu ihnen. Ich will den wahren christlichen Glauben und ich will, dass er
eine grosse Macht besitzt. Aber ein geistiges verjüngtes Rom soll herrschen! Der
Heilige Vater in Wahrheit ein Vater der Menschheit, erhalten von seinen
liebenden Kindern, zunächst von den Römern, die durch ihn ihre alte Freiheit und
Grösse gewinnen müssen! Rom, der Sitz des Lichtes! Rom, die Sonne, deren Strahlen
die Erde erleuchten! Einst zitterte die Welt vor den Waffen dieser stolzen
Königin, aber schon damals brachten die Imperatoren mit ihren Adlern die milden
Sitten und eine Gesetzgebung, die die Freiheit selbst war und das Menschenrecht
und die geschriebene Vernunft! Roms Sprache ist die Sprache der Religion, der
Wissenschaft, der Denkmäler! In alle Sprachen der Barbaren musste sie eingeführt
werden, wenn sie die Gedanken der Civilisation aufnehmen wollten, für welche
diese keinen Ausdruck hatten. Roms Bischöfe wurden die neuen Befreier der Welt!
Der Ring des Fischers drückt das Siegel auf alle Freiheitsurkunden, die noch die
Nationen den Händen ihrer Henker abtrotzen werden! Roms Hirtenstab hat die
Leibeigenen befreit, die Städte gegründet, die Gemeinden geschaffen, die
Republiken erleuchtet, sie geschmückt mit Bildern und mit Denkmälern des
menschlichen Geistes! Rom, ohne Waffen, Rom, ein Gedanke, hat allein dem
treulosen Corsen ins Auge zu sehen gewagt, mutiger, als Könige und Kaiser, die
vor ihm im Staube krochen! Durch Rom wird das Christentum erhalten bleiben als
ein linder Balsam, der das Gemüt von seinen Wunden heilt! Nicht, Signora, das
jesuitische Rom mein' ich, das ich hasse, weil die Jesuiten die Freiheit hassen
und die Unabhängigkeit der Völker und die wahre Grösse des Menschen ... Ha!
Ceccone! Dass Menschen, wie du, dem wahren Rom ein falsches Gewand umhängen
durften! Ceccone! Politiker statt Priester, Schergen, die die Patrioten
verfolgen, statt sie zu schützen gegen die Feinde Italiens! Signora! Lassen Sie
Italien frei sein von seinen Tyrannen, von seinen - Ceccones und die Geschichte
wird ein Volk der Grösse finden, Republiken, die sich mässigen, ein Rom, das den
katolischen Glauben wieder zur Sehnsucht aller Völker macht, auch der
abgefallenen!
    Das Auge des Italieners leuchtete. Sein weisses Haar schien sich zu sträuben.
Der rechte Arm begleitete seine Worte wie mit den Gesticulationen der
Rednerbühne ...
    Monika folgte mit Aufmerksamkeit und voll prüfender Ueberlegung ... Cardinal
Ceccone war ein in diesem Augenblick oft genanntes Glied der römischen Curie ...
Die Arme auf die Lehne des Sessels stemmend und die Locken schüttelnd, sagte
sie: Nein, nein! Es gibt andere Italiener, die an diese Siege der katolischen
Lehre nicht mehr glauben wollen!
    Ich verachte sie! warf ihr Biancchi entgegen.
    Sie berufen sich darauf, dass gerade ein Ceccone den Purpur tragen kann!
    Noch las Ceccone keine Messe ...
    Nun gut! Aber aus allem, was Ihr mir von Euren Meinungen verratet, erseh'
ich doch, dass Ihr dem Unbekannten zu danken habt, der Euch raten liess, nach
England zurückzukehren! Was aber Porzia betrifft, lasst sie nicht zu viel in der
schönen Bibel lesen, bei der ich sie zuweilen überrasche und die sie so heilig
zu halten scheint, wie ihre Guitarre!
    Es ist das Geschenk eines freundlichen Mannes, der schon ein wenig alt ist,
sonst würd' ich glauben, dass sie sich schwer von seinem Lande trennt! sagte
Marco und wandte sich mit höflicher Verbeugung zu Porzia's Türe ...
    Ihr glaubt an die ewige Jugend Roms, das schon so alt ist? Dann müsst Ihr
auch dem Geiste und der Liebe eine Verjüngungskraft zuschreiben! Wer ist denn
der Verehrer dieser Bibel, in der Porzia so eifrig liest, dass ich fast glaube,
sie studirt auch die deutsche Sprache darin, ihm zu gefallen?
    Biancchi blickte immer auf die Nebentür und schien auszuweichen, den Namen
zu nennen ...
    Der deutsche Name wird für Eure Zunge zu schwer sein ...
    Ein Signore Hedemann ist es! sagte der Italiener festbetonend und verriet
in der prüfenden Schärfe seines Blickes, dass ihm die Beziehung dieses Namens
wohlbekannt war zu dem Gatten der freundlichen Dame, die so vertraulich und
wohlwollend und offenbar von seinen Äusserungen angezogen mit ihm plauderte ...
zugleich wollte er, als guter Anwalt seiner Nichte, die Gelegenheit nicht
unbenutzt lassen, über einen Mann Erkundigungen einzuziehen, der die in
St.-Wolfgang und Kocher am Fall angeknüpfte Bekanntschaft auch noch in der
Residenz des Kirchenfürsten fortgesetzt hatte, als er zum Betrieb seiner Ankäufe
hieher gekommen und so lange geblieben war, bis Frau von Hülleshoven von Ostende
zurückkehrte, wo die Gräfin von Salem-Camphausen Porzia dann beim Wandeln in der
Katedrale entdeckte. Porzia war nach der Abreise ihres Vaters geblieben, um
nach Frankfurt erst mit dem Onkel Marco zurückzureisen.
    Welchen Namen nannten Sie? sagte Monika und erhob aufhorchend ihr gebeugtes,
in Gedanken verlorenes Haupt ...
    Remigius Hedemann! wiederholte der Italiener und setzte frank und frei
hinzu: Un intendente del Signore Colonello de Hülleshoven!
    Bei dieser Bezeichnung schien ihm das italienische Verhältnis zwischen
Diener und Freund vorzuschweben, das bei Landbesitzern und grossen Adelsfamilien
sich dort noch im Sinne der alten römischen Clientel erhalten hat.
    Hedemann! sagte Monika erregt und erhob sich ...
    Statt dem Wunsche des Italieners entgegenzukommen und ihm nun über Hedemann
weitere Nachrichten zu geben, winkte sie ihm, er möchte jetzt selbst ins
Nebenzimmer treten ... aber auch Porzia hatte eben leise ihre Türe geöffnet und
die Stimme des Onkels gehört ... der Italiener trat zu ihr ein.
    Wie Monika allein war, sammelte sie sich erst langsam von dem Eindruck, den
ihr das plötzliche Nennen eines Namens gemacht hatte, der mit ihren ernsten
Lebensbeziehungen in so naher Verbindung stand. Hedemann war, solange sie denken
konnte, mit ihrer Familie in der unzertrennlichen Verbindung eines sich nie
überhebenden Dieners, Ratgebers und Helfers in aller Not gewesen ... Dass er
und mit ihm der Oberst schon so in ihre nächsten Kreise eingetreten und dass dies
zu ihrer Begleitung und Bedienung bestimmte junge Mädchen mit einem sie so nahe
berührenden Manne bekannt war, nahm ihr fast den Atem. Auf und nieder ging sie
und konnte zur Beendigung ihres Briefes nicht zurückkehren. Sie schloss die
Blätter, die sie zusammenlegte, zuletzt in ein Reiseportefeuille, das sie mit
der ihr ohnehin heute stündlich wiederkehrenden Empfindung betrachtete: Solltest
du wirklich fliehen? Solltest du diese Reise nach England mitmachen? Was zagst
du? Was trittst du nicht mitten in die Kreise ein, wo du dich so gehasst weisst,
und trotzest ihnen - wie der Oberst ...? Sie wusste von Benno, dass der Oberst
vorhatte, sich in Witoborn anzusiedeln und mit Hedemann sogar einen
Industriezweig zu ergreifen.
    Voll Erregung klingelte sie dem Courier, liess die grosse Lampe heller
herrichten, befahl die Vorrichtung zum Tee, da die Gräfin unfehlbar bald
zurückkommen würde, und entliess Marco Biancchi, der aufgeregt seiner auf das
Klingeln gleichfalls sich einstellenden Nichte folgte, sowol mit dem Rat, dem
ihm gegebenen Wink baldmöglichst zu folgen, wie mit dem Erbieten, der Gräfin von
dieser Wendung die von ihm gewünschte Anzeige zu machen. Dass Marco Biancchi
trotz aller angeborenen Grösse und Adelswürde seiner Nation Lust zu bezeugen
schien, die Reisegesellschaft der Gräfin zu vermehren und auf deren Kosten
wenigstens bis Antwerpen zu fahren, bemerkte die junge Frau noch nicht.
Vielleicht erschien auch dem feurigen Patrioten eine Rücksprache mit dem Kurier
eine noch geeignetere Massregel, um zu seinem Ziele zu gelangen. Porzia,
sichtlich erschreckt von der vernommenen Gefahr des Onkels, begleitete ihn
hinaus.
    Inzwischen hörte man einen Wagen anrollen ... Monika, den Reiz einer an
Porzia zu richtenden Frage nach Hedemann unterdrückend, trat an die vom Regen
beschlagenen Fenster, sah in den düstern, von Laternen matt erhellten Abend, und
stellte, als sie die Rückkehr der Gräfin erkannt zu haben glaubte, auch noch die
kleinere Lampe auf den grossen runden Tisch, den sie zum Sopha rückte. Lag dann
auch in dem kurzen Blick auf einen Spiegel, in dem sie ihre einfache Toilette
ordnete, die Schleifen des Geflechtes, das ihr Haar bedeckte, fester band, die
in Verwirrung geratenen Locken ein wenig aufwickelte, der Ausdruck der Sammlung
und der ehrerbietigen Unterordnung unter die hochgestellte Dame, die in der Tat
durch die weitgeöffnete Türe eintrat, so war sie doch in einer Stimmung, wie
Armgart damals, als sie mit Benno und Angelika am luftigen Hüneneck stand und in
den Riesenhäuptern der Sieben Berge sieben Propheten sah - ungewiss, dem
Gegebenen entrückt, »hangend und bangend in schwebender Pein«.
 
                                       2.
Frauen, die nie gelächelt zu haben scheinen, Frauen, die immer ernst, tätig und
handelnd ins Leben griffen, wird man darum noch nicht männlich zu nennen
brauchen. Ihre Frauenart bewahren sie in eigentümlichen, ihrem Geschlecht
allein angehörenden Zügen.
    Gräfin Erdmute von Salem-Camphausen war eine Norddeutsche, eine geborene
Freiin von Hardenberg. Ihr Gatte wählte sie, angezogen von ihrer imponirenden
Gestalt und untadelhaften Schönheit. Im luterischen Glaubensbekenntnisse waren
sich beide gleich, wenn auch die strenge Form, in der die Gräfin das ihrige
bekannte, vom Grafen nicht geteilt wurde. Auch trat diese Strenge bei der
Gräfin erst hervor, als sie, wie Monika damals von sich an Angelika Müller
geschrieben, sich selbst zu erziehen anfing. Der Graf lebte meist in Ungarn, wo
unter so vielen Protestanten keine Veranlassung gegeben war, sich in der so
schwierigen Geisteskraft auszubilden, mit Ueberzeugung in der Minorität zu
stehen. Die Gräfin dagegen, die grösstenteils allein in Schloss Salem bei Wien
lebte, war mehr in der Lage, ihre Besonderheit zu kräftigen, ja zuletzt bedurfte
sie eines Anhaltes gegen den General-Feldzeugmeister, ihren Gatten selbst. Nie
herrschte eine Verstimmung zwischen ihnen, aber wo fängt die Bildung des
Charakters im Menschen an? Von dem Tage, wo man eine Lücke unter seinen Wünschen
und Hoffnungen fühlt, von dem Tage, wo man irgend worin eine grosse Niederlage
erlitt. Graf von Salem-Camphausen hatte auf das Zufallen eines Vermögens an
seine Gattin gehofft. Diese Hoffnung scheiterte. Kein Wort des Vorwurfs kam über
seine Lippen, aber - die Lücke war da, der Zartsinn der Gattin empfand sie und
sie musste sie füllen. Schätze eines frivolen Geistes, die etwa in der Welt
blenden konnten, besass sie nicht; ihre Erscheinung hatte durch ihr erstes
Kindbett gewonnen, durch spätere Fehlgeburten verloren; ihr einziger Sohn
erforderte eine Erziehung und so schöpfte sie aus sich selbst so viel, als sie
eben vorfand. Ein alter Grund von Religion war in sie gelegt worden, eine
pietistische Lebensauffassung. Ihre Erzieher waren Herrnhuter gewesen, zu denen
sich auch einige Zweige ihrer Familie ganz bekannten. Diese später
zurückgedrängte, nicht ganz verklungene Bildung sammelte sich wieder in ihrem
Innern und wurde ihr zum Ersatz für die Welt, die die Verlegenheiten des grossen
Hauses bemerkte, für die Zerstreuungen, die sie nie geliebt hatte, für die
Hülfsmittel der Bildung, die man ihr für ihren Sohn anbot und die ihr misfielen,
für den Gatten endlich selbst, der trotz seiner hohen Stellung ein sorgloser
Lebemann war, einst im Bändigen eines Rosses eine Wette gewinnen wollte, sich
überschlug und den Hals brach. Das Entsetzen über dies in weiter Ferne von ihr
in Erfahrung gebrachte Unglück schien wie starr auf ihren Gesichtszügen
festgeblieben zu sein und die Gräfin versteinert zu haben. Ausdruck für ihre
Trauer suchend, fand sie sie nur in den Erinnerungen an die religiöse Bildung
ihrer Jugend. Sie fand mit ihnen jenen elegischen Trost, der zwar ausruft: Der
Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt in
Ewigkeit! der nun aber auch für immer den ganzen Menschen in den Zustand der
Entsagung versetzt. Ein Zurückziehen von der Welt, ein starres Festalten an
ihrem Glauben schien der vornehmen Gesellschaft, von der die Gräfin schon längst
kalt und schroff genannt worden, jetzt vollkommen gerechtfertigt.
    Der Ort, in dem die Gräfin den in Presburg erfolgten Tod ihres Gatten
erfuhr, war jenes Schloss Castellungo im Piemontesischen, das sie sich aus ihrem
Eingebrachten selbst erkauft hatte, weil ihr die Lage und die rings noch lebende
Erinnerung an die alten Waldenser, die Vorläufer der Reformation, gefiel. Sie
hatte sich diese Erwerbung aus ihren eigenen Mitteln zugetraut, weil sie damals
mit begründeter Hoffnung durch den Tod eines Verwandten vermehrt werden sollten.
Die Hoffnung schlug aber durch ein Testament fehl und die Gräfin besass ein
verschuldetes Eigentum, während der Graf selbst, infolge einer seiter mit
immer grösserer Dringlichkeit gesteigerten Erwartung, früher oder später die
grossen Güter der Dorste-Camphausen im westlichen Deutschland zu gewinnen, in
seinem eigenen Haushalt keine Ordnung mehr hielt. Dennoch hatte er die
Verlegenheit seiner Gattin auf sich selbst übernommen. Er brachte den Besitz
Castellungos für seine Frau so ins Reine, wie eben sein ganzes übriges
Besitztum stand. Er hiess der Herr und war es nur dem Namen nach. Die Aeltern
der kleinen Bettina Fuld waren es von Schloss Salem und auch von Castellungo mehr
als sein Sohn Hugo, der, als der Vater in der Blüte seiner männlichen Jahre so
unglücklich endete, erst sieben Jahre zählte.
    In einem Anfall von Mismut über die zunehmende religiöse Neigung seiner
Frau hatte sich der Graf bedungen, dass sein Sohn unter allen Umständen Soldat
werden sollte. Wenn man in einem so entschieden altgläubig regierten Lande, wie
bei uns, innerhalb der Gesellschaft vergisst, dass ein Mitglied des Adels zu den
Ketzern gehört, hatte er gesagt, so kann das nur geschehen, wenn ihn der Nimbus
der Bravour umgibt! Unabänderlich war es, dass Graf Hugo Militär wurde. Die
Mutter war in Verzweiflung. Schon ihn aus den Augen zu verlieren, schmerzte sie;
nun gar, ihn nicht selbst erziehen, ihn nicht vor den Gefahren der Welt schützen
zu können. Graf Hugo besuchte die Militärakademie unter Bedingungen, die ihrer
ganzen Stimmung widersprachen. Wenn sie jemals zu einem Lächeln kam, war es in
den Augenblicken der Freude, wo Hugo auf einige Zeit der Ihrige sein konnte, nur
unter dem Schutze ihrer mütterlichen Liebe stand, bei Ferien, später bei
Urlauben, bei einer längeren Pflege, als er einst verwundet wurde in einem
Gefecht gegen türkische Grenzer - drei Jahre stand er an der dalmatinischen
Küste - und ihr da allein angehörte. Sagten wir, dass an keinem Weibe, wenn wir
es auch männlich nennen, Züge fehlen, die allein nur dem Weibe angehören, so ist
dies bei der Gräfin Erdmute die Liebe zu ihrem Sohne. Diese äusserte sich nicht
etwa in der regelmässigen Form, wie überhaupt die Liebe sich gibt; nicht etwa
z.B. in der Strenge, die von der Liebe nicht im mindesten ausgeschlossen ist,
sondern in einer blinden Vergötterung. Graf Hugo war ein liebenswürdiger
Cavalier, aber auch in vielem nur das, was man eben einen Cavalier nennt. Besten
Herzens und namentlich ganz den Gefühlen für Kameradschaft und Freundschaft
zugänglich, führte er ein Leben, das die Mutter unbedingt hätte verwerfen
müssen. Aber selbst ihre religiöse Strenge, die sie gegen alle ausübte, war für
die Beurteilung der Dinge, die sie von ihrem Sohn erfuhr, nicht vorhanden.
Alles, was nur mit dem Geliebten in Beziehung stand, verklärte sich ihr. Traten
ihr die Folgen seines Leichtsinns zu deutlich entgegen, so hatte sie hundert
Beispiele der Bibel über die Langmut des Herrn, über seine Geduld mit denen,
die er lieb hat, über die Verirrungen David's und Salomo's und die künftige
Erleuchtung und Gottwohlgefälligkeit auch dieser heiligen Sünder. In jeder
Mehrung der Schuldenlast, die schon lange das Haus Salem-Camphausen drückte, sah
sie, was die Veranlassungen derselben betraf, einen Beweis mehr nur für den
Satz, dass eben das Gute in dieser Welt sehr schwer zu erringen und zu behaupten
wäre. Waren die Ausgaben des Sohnes irgendwie auf andere Veranlassungen
zurückzuführen, als auf die, welche sich in der Hoffnung auf den endlichen
Gewinn in dem seit dem Tode des Grafen Joseph zu Westerhof geführten Prozess
sogar bei allem Mangel wieder doch die Verschwendung gestatteten, so wählte sie
gewiss die edelsten. Sie übersah die grossen Ausgaben für Pferde, Wettrennen,
Spiel, Vergnügungen aller Art, wenn sie die kleinen Ausgaben musterte für
Bücher, Kupferstiche und Mildtätigkeitsbeweise. Liess Graf Hugo ein schönes
Mädchen, das er bei einer Kunstreitergesellschaft in einer dalmatinischen Stadt
am Ufer des Adriatischen Meeres kennen gelernt hatte, in Wien ausbilden und
erziehen, so verschlang diese, nach ihrer Meinung und Auslegung so »edle
Handlung«, Tausende. Alles, was in den Rubriken des Leichtsinns stand, übertrug
sie auf die Rubrik des guten Herzens. »Selig sind die Barmherzigen«, sagte sie,
»denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!«
    Vorzugsweise musste diese mütterliche Schwäche wunder nehmen in der
Beurteilung auch aller der Verhältnisse, die sich mit dem Sohn verbanden. Der
schöne junge Mann stieg in seiner Carrière und befehligte bei wenig über dreissig
Jahren schon ein Reiterregiment. Jenes schwarzbraune Mädchen, Angiolina genannt,
das er hatte erziehen und überraschend ausbilden lassen, war seine Geliebte
geworden. Ihr blieb sie nur des Sohnes Pflegkind, sozusagen ihre Enkelin. Sie,
die oft Wien mit Sodom und Gomorrha verglich und den Zorn des Herrn noch einst
in Gestalt von Schwefel und Pech auf die sündige Stadt herniederregnen sah, nahm
Angiolina's Besuche an und liess sich durch nichts in der Welt das Bild
verwischen von dem Findling, den ihr Sohn hatte »einem Leben der Sünde entreissen
lassen«. Graf Hugo brauchte ihr dabei nicht einmal zu schmeicheln, brauchte
nicht einmal ihr die Hand zu küssen und sie mit chère maman's zu überhäufen.
Alles, was ihn betraf, fand sie in der Ordnung. Selbst wenn Graf Hugo erklärt
hätte, er wollte Angiolina heiraten, würde sie sich überredet haben, ihr Sohn
nütze vielleicht mit diesem Opfer nur sich selbst, jedenfalls jenem schönen
Mädchen, das er auf diese Art vor sittlichem Schaden bewahre.
    
    Besonders seltsam war ihre Anhänglichkeit an Wenzel von Terschka. Dieser
Abenteurer, denn anders konnte man ihn nicht nennen, tauchte vor einer Reihe von
Jahren plötzlich in ihres Sohnes Nähe auf. Durch Bildung und Erziehung fast
Italiener, nahm sie ihn doch als das, wofür er sich ausgab, einen Böhmen und
Nachkommen der alten Hussiten. War er auch katolisch, so verklärte ihn in ihren
Augen die Erinnerung an Hussens Märtyrertod. Wenzel von Terschka war unleugbar
böhmisch-deutschen Ursprungs; die Art, wie er früh nach Italien gekommen, blieb
dunkel. Anfangs erschrak die Gräfin vor ihm, als sie ihm zum ersten male
begegnete als dem intimsten Freund ihres Sohnes, dem er sich durch die trotz der
väterlichen Katastrophe auch bei ihm leidenschaftliche Liebhaberei für Pferde
genähert hatte. Wenzel von Terschka war ein Meister in allen ritterlichen
Künsten. Eine Geistesgewandteit besass er, der nur ein innerer Mittelpunkt
fehlte. Wenn die Gräfin plötzlich einen solchen gefunden zu haben glaubte,
entsetzte sie sich wohl, weil es ein ganz specifisch ihr feindseliger war,
geradezu ein priesterlicher; aber, so seltsam dies Gefühl mit der Lebensweise
Terschka's, die an allen Excessen des Grafen, seines intimsten Freundes,
teilnahm, in Widerspruch lag, sie gewöhnte sich an ein stetes
Ueberschauertwerden durch ein gewisses Etwas, als müsste sie auf dem
rabenschwarzen kurzen Haar des wachsgelben, äusserlich anziehenden und in seinem
Wesen klugen, sogar geistvollen jungen Mannes die Tonsur suchen. In Piemont, das
damals ganz unter der Herrschaft der Jesuiten stand, hatte sie solche
Erscheinungen gesehen, mit ihnen sogar im Kampfe gelegen ... Sie hatte alles
aufgeboten, auf ihrem Gebiete das Bekenntnis der Nachkommen Peter Waldus', der
vor Luter die Kirche zu reformiren suchte, aufrecht zu erhalten; sie hatte
einen seltsamen Einsiedler, einen Deutschen, Bruder Federigo, in einer Hütte,
die sich dieser in einem ihr angehörenden Eichenwalde gebaut, wo er dem ringsum
wohnenden Volk ein Arzt und weiser Ratgeber geworden, geschützt, als die
Pfarrer von Cuneo und Robillante ihn vertreiben wollten; sie hatte die Könige
von Preussen, von England, Niederland und von Schweden aufgefordert, ihr Beistand
zu leisten für den Kampf, den sie ringsum mit Bischöfen und Erzbischöfen begann,
ja mit der Regierung in Turin selbst, um gewisse, den Waldensern gegebene
Gewährleistungen aufrecht zu erhalten. Damals wurde Wenzel von Terschka von
ihrem Sohn zuerst genannt und einen Winter in Wien verlebend, sah sie ihn dann
selbst und hätte erst ausrufen mögen bei seinem Anblick: Das ist ja ein Jesuit!
Jagte er aber dann mit ihrem Sohne die lieblichen Höhen von Baden-Baden herauf,
während ihr Wagen an der »Spinnerin zum Kreuz« stand, wo sie den geliebten Sohn
aus Bruck, seiner Garnison, her erwartete, und sah sie Terschka's Sorge für die
Rosse, seinen Mut, seine Entschlossenheit, hörte sie seine heitern Reden,
beobachtete sie die wilden Unregelmässigkeiten, die sich die Freunde in einem
achttägigen Aufentalte bei der chère maman erlaubten, so schwand ihr alle Angst
und Sorge und sie überredete sich schon bei dem zweiten Besuche, dass Hugo doch
schon wieder einen ausserordentlichen Takt bewiesen hätte auch in der Wahl dieses
seines Gefährten und dass, wenn Sirach sagt: »Ein treuer Freund ist ein Trost des
Lebens; wer Gott fürchtet, bekommt einen solchen treuen Freund!« hier vielleicht
auch das Umgekehrte eintreffen könnte: Wer einen solchen treuen Freund bekommt,
der wird auch lernen Gott fürchten!
    Wie die Dinge standen, musste die ganze Sehnsucht der Gräfin auf die endliche
Entscheidung des Processes gerichtet sein, der nicht von dem Kronsyndikus von
Wittekind, nicht von Levinus von Hülleshoven im Namen Paula's gegen die
Salem'sche Linie angestrengt wurde, sondern von den an der Aenderung der
Dorste'schen Verhältnisse erst secundär Beteiligten, vorzugsweise der
Geistlichkeit und der Landschaft. Zwei Jahre lang war ihr der Name Nück's ein
Bote der höllischen Geister. Sie nannte ihn nicht anders als mit einem Namen aus
der Offenbarung Johannis, in die sie sich tief vergrübelt hatte, den Doctor
Abadonna, den »Engel aus dem Abgrund«. Als endlich die Hoffnungen immer lichter
wurden, immer mehr das Gewölk, das das Antreten eines so grossen Besitzes
verbarg, verschwand, konnte sie der mächtig wallenden Erregung ihrer
Mutterfreude nicht länger widerstehen. Längst schon hatte sie mit der Lady
Elliot in England eine Beratung pflegen wollen über die Möglichkeit, in Italien
die Reformation zu befördern und Rom durch die Bibel zu stürzen. Mit dem ihre
ganze Seele erfüllenden Verlangen, die Kräfte, die England für eine solche
Unternehmung in Bereitschaft halten konnte, selbst einmal durch den Augenschein
zu prüfen, verband sie nun auch die Reise nach dem Orte, von wo aus sie die Lage
des Processes übersehen, den Triumph der günstigen Entscheidung geniessen,
vielleicht eine Beziehung der Etikette zur Gräfin Paula und ihren Umgebungen
anknüpfen konnte. Hätte sich jene die Religionsbedingung betreffende Urkunde
gefunden, die seit zwei Jahren in Westerhof, Neuhof, Witoborn, Wien, Schloss
Salem und Castellungo gesucht wurde, dann hätte ihre mütterliche Liebe einen
andern Rettungsplan aufgreifen müssen, eine Verbindung Hugo's mit der Gräfin
Paula - eine Auskunft, die auch in der Familie traditionell eine sich von selbst
verstehende Tatsache, ein lautes Geheimnis war - freilich für ihr Gefühl ein
entsetzliches Unglück! Denn Paula war in einem fanatischen Geiste für ihren
Glauben erzogen worden und Hugo sollte dann scheiden - von seinen Gewohnheiten,
sollte brechen mit allen seinen Verbindlichkeiten, sollte »Opfer« bringen, wie
sie etwas nannte, was Monika von Hülleshoven eines Tages einmal leise, ganz
leise und schüchtern nur der Gräfin eine - sittliche Wiedergeburt genannt hatte?
    Die kleine schöne Frau »mit den silbernen Locken« war erst seit einem Jahre
in den Lebenskreis der stolzen, immer nur ernsten und feierlich gestimmten
Matrone eingetreten. Sie hatte jahrelang bei einer Jugendfreundin, der
inzwischen Oberin der Hospitaliterinnen gewordenen Schwester Scholastika, einer
geborenen Freiin von Tüngel-Heide, aus ihrer Heimat, im Kloster gelebt und an
den beschwerlichen Mühewaltungen derselben teilgenommen. Ihre Gesundheit,
ohnehin erschüttert durch die Folge jenes Verstecks (beiläufig bemerkt in einem
chemischen Laboratorium ihres Schwagers auf Schloss Westerhof) und durch die
darauf folgende Nervenkrankheit fing zu wanken an in dem täglichen Verkehr mit
dem zum Kloster gehörenden grossen Spitale. Offen bekannte sie ihrer Freundin
Scholastika, da sie kein Gelübde bände, würde sie in die Welt zurückkehren,
»denn die Pflicht der Selbsterhaltung ginge über alle Sorge für Fremde, die
nicht auf uns allein angewiesen sind«. Es war dies einer der Sätze, die zu einem
immer mehr von der jungen Frau ausgebildeten System der Lebensphilosophie
gehörten. Sie schied aus dem Kloster und verwarf damit zugleich das Klosterleben
in seiner überlieferten Form. Sie sagte schon damals am ersten Abend, wo sie auf
der Herrenstrasse im Palais der Salem-Camphausen in einem prächtigen Rococozimmer
mit Goldleisten und Spiegelwänden neben der Gräfin am Teetisch sass: »Es sollte
keine andern Lebenszwecke geben, ausserhalb der Bewährung unserer eigenen Kraft
und unserer Erziehung zur Vollkommenheit! Eine Institution, die mich auch klein,
unbedeutend, sklavisch gebunden, krank brauchen kann, ist des Menschen unwürdig.
Nur dem sollen wir uns unterwerfen, was unsere Kraft in ihrer Grösse braucht, sie
entwickelt, uns die Frische des Willens und der Tatkraft erhält. Dass gewisse
Gedanken in der Welt realisirt werden müssen, nur um als solche zu glänzen,
während das Einzelwesen, das zur Realisirung derselben beiträgt, dabei gering
erscheint, werd' ich nie für gut finden.« Eine Äusserung, die die Gräfin
nachdenken liess, sie aber zu dem Worte bestimmte: »Ich finde in diesem Ausspruch
Wahrheit, aber Sie drücken sie mit zu vielem Menschenstolze aus. Wir ermangeln
alle eines andern Ruhmes als dessen, den wir vor Gott haben.« Leicht möglich,
dass selbst der Gräfin Bonaventura's Auffassung besser gefallen hätte, die wir
damals berichteten, als dieser den Pater Sebastus vor dem Goldnen Lamm unter
Bettlern sah - die Unterordnung gerade der stolzesten Individualität unter einen
allgemeinen, der Menschheit im grossen und ganzen als ein Schauspiel zur
Nacheiferung zugute kommenden Begriff. Freilich war Bonaventura von dieser
Auffassung schon am Tage darauf nach der Scene beim Kirchenfürsten schmerzlich
zurückgekommen.
    Trotz dieser Verschiedenheit der Ansichten hatte die Gräfin an Monika ein
grosses Gefallen gefunden. Sie war ihr ein lebendiger und höchst willkommener
Beweis, wie der Katolicismus consequent durchgeführt zur Freigeisterei führen
müsse. Sie suchte in ihr eine Proselytin zu gewinnen für die Lehre von der
Wiedergeburt lediglich durch den Glauben. Die Bekanntschaft schrieb sich aus dem
Briefwechsel her, der zwischen einem wiener Anwalt Monika's und Schloss Westerhof
entstehen musste ihrer Erhaltung wegen. Monika besass ein kleines Vermögen, das
der Oberst unangerührt gelassen hatte, als er nach Amerika ging. Im Kloster
bedurfte Monika nichts, sie liess ihre Zinsen stehen. Jetzt erhob sie Ansprüche
auf das, was ihr gehörte und ihr not tat. Bereitwillig stellte ihr der
Schwager Levin jedes Gewünschte zur Verfügung, ja Tante Benigna, ihre Schwester,
wollte zulegen; letzteres lehnte Monika ab. Der regelmässige Bezug ihrer Mittel
führte sie durch jenen Advocaten mit Terschka zusammen, der der chargé
d'affaires aller Finanzsachen seines Freundes war und tagelang mit der Gräfin
rechnen konnte - Graf Hugo behauptete, für die Zusammenstellung von Zahlen kein
Geistesvermögen zu besitzen. Terschka, angezogen von Monika's interessanter
Erscheinung, aufmerksam auf die Namen Ubbelohde und Hülleshoven, die täglich in
seinen Correspondenzen mit Westerhof und mit Nück vorkamen, gab der Gräfin Kunde
von ihr und nun schien es den künftigen Besitzern der Erblassenschaft des Grafen
Joseph standesgebührlich, die Schwester und Schwägerin der beiden Namen, die
Paula hüteten und erzogen hatten, an sich zu ziehen. Die Gräfin wollte sogar ein
Bewohnen des Palais auf der Herrengasse und bot Monika eine Stellung bei ihr an,
die zwischen Freundin und Gesellschafterin die Mitte hielt. Doch auch Graf Hugo
und Terschka wohnten zuweilen in diesem Palais und so musste sie die freundliche
Aufforderung ablehnen. Doch blieb ein ganz nahes Verhältnis. Fast täglich, wenn
die Gräfin in Wien oder auf Schloss Salem wohnte, leistete ihr Monika
Gesellschaft. Nur nach Castellungo, wo die Gräfin das Frühjahr zubrachte, war
sie ihr noch nicht gefolgt, hatte das aber für dies laufende Jahr versprechen
müssen. Im Grunde hatte diese Beziehung wenig Erhebendes für Monika; ja die
Gräfin liess an ihr, wie an allen Menschen, nur an denen nicht, die zu Hugo's
Intimität gehörten, ihren steten Bekehrungs- und Erziehungseifer aus; nie kam
ein Scherz, ein Lachen, eine entusiastische Freude an Kunst oder Natur bei ihr
zum Vorschein; das Teater existirte nicht für sie; alles das entsprach
glücklicherweise im allgemeinen auch der Stimmung Monika's und so folgte sie der
greisen Frau, die sich schon an sie gewöhnt hatte, auf Tritt und Schritt, jetzt
auch hierher und vielleicht nach England, obgleich sie für letzteres noch nicht
ganz entschlossen gewesen war und vorläufig nur bis Antwerpen hatte mitgehen
wollen ... Seitdem von Porzia's Onkel Hedemann genannt worden war, fühlte sie
sich von rätselhaften Geistern bestürmt, die sie mahnten, ganz zurückzubleiben
und die Gräfin morgen allein abreisen zu lassen.
    Die hohe Gestalt der Greisin trat ein. Sie war mit einem weiten schweren
Pelz bedeckt, den ihr der Diener abnahm. Ihre scharfen mageren Gesichtszüge
verhüllte ein einfacher Sammetut, den sie noch nicht abgebunden hatte, als sie
schon eine Anzahl Briefe, die sie sich selbst vom Postamte mitbrachte, an den
Schirm der Lampe hielt und hastig nacheinander erbrach ...
    Ohne Brille konnte sie nur mit Schwierigkeit lesen. Sie musste daher
innehalten, ihren Hut abbinden und sich's bequemer machen ...
    Porzia bediente sie dabei. Monika ordnete die Zurüstungen zum Tee ...
    Ich komme vom Doctor Abadonna! sagte die Gräfin. Ich wollte nicht verfehlen,
vor meiner Abreise dem armen, geschlagenen Sohne der Finsternis wenigstens diese
Aufmerksamkeit zu bezeigen! Dem Herrn sei Lob und Ehre; denn Terschka schreibt
ja -
    Nun hatte sie das Futteral ihrer Brille geöffnet, das ihr Porzia auf einen
stummen Wink Monika's gereicht, hatte den Eckplatz des Sophas eingenommen, den
Tisch sich näher rücken lassen, dann auch die Lampe näher gezogen und die Brille
auf ihre vom Feuer der Erwartung glänzenden Augen gesetzt und einen der Briefe
geöffnet ...
    Der Courier legte mancherlei inzwischen Angekommenes in ihre Nähe, einige
Bücherpackete, einige Einkäufe, die schon vorausgeschickt waren, auch ein grosses
Papier, in dem sofort Monika, und nicht ohne einen gewissen Anflug von
Verlegenheit - die Rechnung des Hotels erkannte ...
    Alles um die lesende Gräfin her war still und bewegte sich auf den Zehen.
Nur sie allein sprach sich laut und mit Interjectionen aus, die ihre
Zufriedenheit mit allem ausdrückten, was Terschka und ihre andern
Correspondenten berichteten. Die Siegesgewissheit über den gewonnenen Prozess, wie
die Aufregung über die bevorstehende Reise nach dem von ihr so lange ersehnten
England, wo sie acht Wochen bleiben wollte, erhöhten die Kundgebungen ihrer
Stimmung und weckten eine alte Lebendigkeit ihres Wesens, die sie durch ihre
trübe Religionsauffassung schon seit so langen Jahren zu dämpfen verstanden
hatte.
    Vor den Dienern schwieg sie. Porzia aber, die ohnehin der Sprache nicht ganz
folgen konnte, hinderte sie nicht, an Monika, die sich zuletzt ruhig vor der
siedenden Teemaschine niedergelassen hatte und bald auf die Gräfin, bald auf
die sinnend sich zu schaffen machende Italienerin sah, von den Eindrücken, die
sie im Lesen empfing, einzelnes bruchstückweise mitzuteilen ...
    Ja, dieser gute Terschka! sagte sie in abgebrochenen Sätzen ... Wenn einer
geschickt war, diese Aenderung mit den Verhältnissen in Westerhof in Güte
auszugleichen, so war er es! ... Eine Parcellirung ... im grössten Massstabe ...
wie vorsichtig, sich an einen einfachen, uneigennützigen Mann zu wenden ...
einen Juden, Namens Löb Seligmann ... »Machet euch Freunde mit dem ungerechten
Mammon!« ... Aber die Offerten der Fuld's lehnt er ab ... das ist schön! ...
Diese Helfer in der Not haben wir in Wien genugsam kennen gelernt! ... Die
Lotterie ist nicht erlaubt, wie bei uns ... Also Verkauf! ... so gern - ja so
gern ich gewünscht hätte, wir hätten die Burg Gottes aufgerichtet im Lande der
Edomiter und das Evangelium gepredigt denen, die noch unter dem Gesetze leben -
Terschka grüsst Sie, Baronin! unterbrach sie sich selbst ...
    Monika dankte leise nickend ...
    Die Gräfin hatte unter der Brille ein wenig aufgeblickt, um zu beobachten,
wie dieser Gruss auf die junge Frau wirken würde ... Ihre Stimme, die schon an
sich wohllautend war, nahm einen besondern Ausdruck von Innigkeit an, als sie
das Wort sprach: »Terschka grüsst Sie, Baronin!«
    Ein Purpurrot war auf Monika's Wangen getreten ... Das sah die Gräfin wohl
und seufzte ... Monika gedachte, ob Terschka nichts von Armgart schriebe, wie er
schon oft getan ... doch auch das Seufzen der Gräfin, das völlig anderes im
Sinne hatte, verstand sie ... sie wich Fragen und Erörterungen aus und hielt
fast den Atem an, jetzt aus andern Gründen noch, als deshalb, die Gräfin nicht
in ihrer Spannung zu stören ...
    Diese erzählte zwischendurch vom Doctor Abadonna ...
    Er wand sich doch wie der Fürst der Finsternis ... sagte sie. Kriechend
höflich war er ... wie einst die Verdammten vor dem ew'gen Richter stehen müssen
... Der liebenswürdige junge Herr von Asselyn geht morgen nach Westerhof, um die
letzte Abwickelung zu erleichtern ... O mein Sohn! ... Wie gespannt er schreibt!
... Nur so kurz! ... So kurz! ... Was? Angiolina ist krank? Das entschuldigt
ihn!
    Monika behielt Zeit, die Gedanken zu sammeln, die ihr doch die Brust in fast
hörbaren Schlägen heben und wieder sich senken liessen ... Geht Benno jetzt nach
Westerhof? ... Dem fühlte sie wie mit Wonne und doch mit Schmerz nach. Fast
Eifersucht war es, das sie erfüllte, und wieder gedachte sie: Was wird der
Blonde, der andere, Tiebold de Jonge sagen, der täglich kommt und heute noch
nicht da war? ... Und dabei glitt ihr Blick - wieder auf die Rechnung des
Hotels, die so lang, so lang schien ... Eine eigene Ideenassociation: Tiebold's
Reichtum, ihr kleiner Creditbrief bei dem Hause Piter Kattendyk, die ganz
biblische Sorglosigkeit der Gräfin in Geldsachen und Tiebold ein Bewerber um
Armgart - dann aber auch - Angiolina, die sie nur einigemal aus der Ferne
gesehen ... das schöne, allbewunderte Mädchen, das mit dem Grafen Hugo nur zu
verbunden lebte, kam ihr, als krank gedacht, seltsamerweise wie Benno von
Asselyn vor, blassen Teints und wie den fernsten Zonen angehörend ...
    Etwas war die befriedigte Erregung der Gräfin durch den so kurzen Brief des
Obersten, ihres Sohnes, doch gestört worden. Sie erinnerte jetzt an den Tee ...
Porzia wollte helfen ... Monika bedeutete sie mit einem Augenwink, auf ihr
Zimmer zu gehen ... Gern hätte sie ihr gesagt: Singe wieder deine traurig
schönen Lieder! Zaubere uns vor, was alles freudvoll und leidvoll im
Menschenherzen liegen kann! ... Der Gräfin würde sie schön damit angekommen
sein.
    Der Tee entquoll schon dampfend der Maschine, aber die Gräfin weilte noch
in ihren Briefen -
    Lady Elliot schreibt voll Ungeduld - sagte sie, eine Tasse ergreifend ...
Sie ist so gütig und gibt immer ein englisches und ein französisches und dann
ein deutsches Wort, um meiner Schwäche entgegenzukommen, die ihre Sprache nicht
versteht ... »Alle Schrift von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe,
zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit« - 30000 Bibeln in einem
Jahre in Irland verteilt! ... »Könnte man Pater Mattew gewinnen?« Hm! Hm! ...
Darin hat sie Recht - aber - »das Tier mit sieben Köpfen schnaubt und dräuet,
dass sich darob die Sterne verfinstern«, wenn es an die Bibel geht ...
    Monika war über alle diese Anspielungen durch tägliches Erörtern vollkommen
unterrichtet ...
    Auch ein langer Brief vom »Onkel Levinus« lag da, den die Gräfin nach einer
halben Tasse Tee, die sie schlürfte, mit einer gewissen Scheu überflog und dann
an Monika übergab, weil er vielleicht mehr für sie, als für die Adressatin
bestimmt schien ...
    Sie wandte sich jetzt dem Rest ihres Tees und in Gedanken verloren einem
leichten Gebäck zu ...
    Monika nahm den dargereichten Brief und las ihn mit einer schmerzlichen
Miene für sich, während die Gräfin die letzten Briefe durchsah, solche, die ihr
aus Schloss Salem und Castellungo von ihren Verwaltern gekommen waren ...
    »Wenn es diesen Zeilen gelingen könnte«, schrieb der Bruder des Obersten,
»Ew. gräflichen Gnaden noch vor Ihrer Abreise nach England anzutreffen, ja Ew.
Hochgeboren zu bewegen, die Nähe Westerhofs nicht unberücksichtigt zu lassen und
uns mit einem Besuche zu beehren, so würde ich zuvörderst damit den Wunsch
unserer lieben Comtesse ausgesprochen haben, dem sich der des Fräuleins Benigna
und mein eigener ehrerbietigst anschliesst. Die Wege bis zu uns sind bequem oder
bieten bei der Milde des Winters keine grossen Schwierigkeiten. Persönlich die
Gesinnungen wiederholen zu können, die ich als langjähriger Freund und Verwalter
des Grafen Joseph über die in Gottes Rat beschlossene Zukunft seiner
Besitztümer immer von ihm vernommen habe, würde mir zur besondern Genugtuung
gereichen. Aus dem Schoose der Familie unserer Gräfin, selbst den allerdings
jetzt kaum noch den Lebenden angehörenden frühern Vormund derselben, ihren
Onkel, den Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof nicht ausgenommen, der, wie Ew.
Gnaden wissen, immer einer anderweitigen Auskunft, einer Verbindung beider
Linien den Vorzug gab, ist nichts unternommen worden, was diesen gegen die
Ansprüche des Herrn Grafen Hugo geführten unseligen Prozess hätte schüren und
fördern können. Uns lag nur ob, das Vorhandensein jener Urkunde, die
christkatolische Religion der jüngern Linie verlangend, möglicherweise
aufzufinden und auch hierin einen etwa vorhandenen Wunsch der Vorvordern zu
erfüllen. Die Nachforschungen konnten eine solche nicht auffinden und so gebe
denn der gute und gerechte Gott seinen Segen zu der Ausgleichung, die, dank der
Einsicht des vom Herrn Grafen übersandten Vermittlers, Herrn Baron von Terschka,
vorzugsweise darauf hinauszukommen scheint: Der letzten Erbin der ältern Linie
verbleibt Schloss und Hof Westerhof nebst den nächsten Adjacentien auf hundert
Morgen in der Runde als standesmässige Abfindung und erbeigentümlicher Besitz
für ewige Zeiten; alles andere fällt der jüngern Linie zu, vorbehaltlich der
Rückläufe, die der Comtesse für einige Grundstücke und Waldungen offen bleiben.
Für die Regulirung dieser Procedur hat Herr Oberprocurator Nück uns die Ankunft
des Herrn Benno von Asselyn verkündigt. Wir erfreuen uns in Herrn von Terschka
eines weisen und wahrhaft discreten Vermittlers, der in allen diesen schwierigen
Verhältnissen seit Monaten Grosses geleistet hat. In kurzem ist er der Liebling
der Gegend geworden, womit viel gesagt ist bei einem Volksstamm, der sich schwer
anschliesst, ohnehin, weil man der neuen Wendung der Dinge um so mistrauischer
entgegensah, als wir uns gerade jetzt infolge des bekannten traurigen
Weltereignisses in einer confessionellen Aufregung befinden, die mehr, als ich
wünschen möchte, die Gemüter erbittert und ein paritätisches Zusammenleben
unmöglich macht.« ...
    Monika las zwar für sich; aber die Gräfin, die jetzt aufstand und sich
einiges an ihrer Haustoilette zu schaffen machte, beobachtete sie und sagte:
    Sind Sie an der Stelle, wo der wunderliche Herr mir die Unmöglichkeit des
Zusammenlebens mit Ketzern schildert, nachdem er mich doch zuvor eingeladen hat,
Westerhof zu besuchen?
    Monika musste lächeln, so schmerzlich erregt sie war ... Sie blickte auf das
Ende des Briefes, um nach Armgar'ts Erwähnung zu suchen ...
    Der Brief lautete im Zusammenhange:
    »Comtesse Paula ist glücklich, dass sie Westerhof behält. Sie drückt Ihnen,
gnädigste Frau Gräfin, ihre ganze Verehrung aus. Es würde Sie gewiss erfreuen,
eine Verwandte kennen zu lernen, die mit einem selten gebildeten Geiste eine
Einfachheit und Güte des Herzens besitzt, die durch keine Verkürzung und
Schmälerung ihrer Glücksgüter getrübt werden kann, höchstens, dass ihr die Mittel
zum Wohltun verringert sind ...«
    Wieder unterbrach die Gräfin die im Zimmer herrschende Stille. Sie folgte
der Lectüre Monika's im Geiste Zeile für Zeile, so fest hatte sich ihr sofort
trotz kurzen Durchfliegens der Inhalt des Briefes eingeprägt.
    Um Comtesse Paula, sagte sie, gesteh' ich es zu bedauern, dass ich der
Aufforderung nicht folgen kann ...
    Monika verstand vollkommen, was in diesen Worten liegen sollte. Es war die
mütterliche Sorge für die immer doch noch nicht ganz gewisse Zukunft. Fand sich
noch irgendein Hindernis für die Ausgleichung des Familienstreits und entging
den Salems-Camphausen eine seit fünfzig Jahren ihnen immer dringlicher und
dringlicher gewordene Hoffnung, von der ihre Ehre und der Bestand ihres Namens
auf Generationen abhängig war, so konnte und musste der Fall eintreten, dass Graf
Hugo um Paula warb ... Deshalb lag in den folgenden Worten, die die Gräfin unter
andern Umständen mit viel grösserer Strenge würde gesprochen haben, eine bei ihr
seltene Milde:
    Das arme Kind soll nach allem, was ich höre, immer wieder in ihre Visionen
zurückfallen! Sie erteilt im magnetischen Schlafe Ratschläge an Kranke! Schloss
Westerhof, sagte Nück, soll von Morgens bis Abends belagert sein von
Hülfsbedürftigen, die oft aus weiter Ferne kommen, um sich von ihren Leiden
heilen zu lassen! Aus dem wahren Geiste Gottes ist das nicht ... Die Apostel
hatten diese Gabe auch, aber um ihres Glaubens willen und bedurften dazu nichts,
als nur des Gebets. Sie, Baronin, weiss ich, sagen freilich rundweg, das alles
wäre Wahn oder die Macht des Willens, der da sagt: Sei geheilt! und der Kranke
ist - zuweilen geheilt. Der Wille scheint Ihnen allmächtig! Wenn man an sich
selber nur glaubt! O, Sie wissen, meine Gute, wie wenig ich von allem halte, was
ohne die Gnade Gottes ist! Doch bin ich weit entfernt, den Katoliken die Gnade
Gottes abzustreiten, wenn sie sich ihr in inbrünstigem Gebete nahen! Mischen sie
aber Torheiten ein, wie die fürsprechenden Engel und Heiligen, nun, so mag der
Herr auch das kindliche Lallen der Seele in ihrer unverständigen Verblendung wohl
mit väterlicher Geduld vernehmen, ist nur der Grund da des Vertrauens zu ihm.
Sie erinnern sich, dass Ihre Freundin bei den Hospitaliterinnen die heilige
Hildegard nannte, mit der ihr Comtesse Paula Aehnlichkeit zu haben schien. Das
sagt' ich Ihnen ja noch gar nicht, wie ich bei Bingen das Grabmal dieser
sogenannten Heiligen gesehen habe! Ich beschloss, mich etwas genauer über sie zu
unterrichten. Da erfuhr ich denn, dass die ernstaftesten Männer mit dieser
Aebtissin, die so viel Wunder verrichtete, in Verbindung standen, ja ein
Bernhard von Clairvaux und sogar der damalige Papst -
    Sie wünschte ihm Glück zur Ausrottung der Waldenser! warf Monika ein ...
    Wie? rief die Gräfin ...
    Mit diesen wenigen Worten änderte sich plötzlich der ganze Gedankengang der
Gräfin ...
    Tat sie das? fuhr sie bestürzt fort und hielt im Wandeln durch das Zimmer
inne. Sie verliess sich auf die Kenntnisse Monika's, die ihr bei solchen
entschiedenen Behauptungen verbürgt waren ...
    Sie tat es in einer Sprache, fuhr diese fort, die sie nur in ihren Visionen
kannte, der lateinischen. Ihr Beichtvater schrieb diese Visionen nach und
veröffentlichte sie später; es war ein Pater Gottfried ... Ich habe mich in
Mussestunden viel mit dem Leben der heiligen Hildegard beschäftigt ...
    Dann war sie eine Betrügerin! wallte die Gräfin auf und endete ihre Rede mit
dem völligen Gegenteil dessen, womit sie begonnen hatte. Sie hatte darauf
hinaus wollen, dass ihr allerdings an der heiligen Hildegard interessant gewesen
wäre, sich nach ihrem Beispiel die ekstatischen Zustände Paula's zu denken. Nun
aber sagte sie: Auch in Westerhof werden es die Pfaffen sein, die die Krankheit
des armen Mädchens benutzen und sie zur Närrin machen! Ich dortin reisen! In
der dumpfen Luft würde ich den Atem verlieren! »Es war aber ein Mann mit Namen
Simon, der Zauberei trieb und gab vor, er wäre etwas Grosses, und sie sahen auf
ihn und sprachen: Der ist die Kraft Gottes, die da gross ist! Da sie aber
Philippi Predigten hörten von dem Reich Gottes und den Namen Jesu Christi,
liessen sich taufen, beides Männer und Weiber.«
    Monika las weiter:
    »Herr von Terschka unterbricht mich und verbindet seine Bitte mit der
unserigen, Ew. gräflichen Gnaden möchten in der Tat den Umweg nicht scheuen.
Begleitete Sie nicht vielleicht Herr Benno von Asselyn, so würde Ihnen
vielleicht der Domherr von Asselyn, sein Vetter, eine interessante
Reisegesellschaft sein. Wir erwarten ihn jeden Tag zu einer kirchlichen
Inspection. Auch einigen Worten des Herrn von Terschka, Armgart von Hülleshoven,
meine Nichte, betreffend (jetzt zitterte der Brief in den Händen der von ihrem
Kinde geflohenen Mutter) geb' ich gerne Ausdruck und bitte Sie, Ihre
Begleiterin, Frau von Hülleshoven, meine Schwägerin, zu versichern, dass sowol in
meiner langjährigen Freundin, Fräulein Benigna, ihrer Schwester, wie in mir die
Reihe der Jahre den alten Groll gelöscht hat. Was Sie auch, gnädige Gräfin, über
unser Zerwürfnis erfuhren, beurteilen Sie es nach dem Temperament von Menschen,
die wie unser ganzer Volksstamm ein starkes und unbeugsames Rechtsgefühl haben.
Nur auf der roten Erde konnten die Vehmgerichte entstehen, jene Selbsthilfe des
Volks in einer rechtlosen Zeit ... (Die Buchstaben verwischten sich der Lesenden
vor Erregung ...) Es ist wahr, die Ehe zwischen meinem Bruder und Monika schloss
sich ohne Ueberlegung. Der Kronsyndikus von Wittekind, Testamentsvollstrecker
ihrer Aeltern, wollte Monika zwingen, seinen Sohn Jérôme zu heiraten. Sie
kannte seine Gewalttätigkeit und nahm meinen Bruder wie im blinden Ungefähr.
Nach einer vierjährigen Ehe war die Erklärung, sie folge dem Manne nicht in
seine neue Garnison, sie besässe keine Liebe für ihn, ein reiner Trotz der
Verkehrteit. Sie wollte anfangen nach Grundsätzen zu leben. Sie wollte wahr
sein gegen sich und andere! Es war der Anfang eines völligen Verwirrens ihres
Denkens und Fühlens, das wir nicht dulden durften. Ihren törichten Sinn wollten
wir durch die Vorentaltung ihres Kindes, der damals dreijährigen Armgart, mit
Gewalt brechen. Da wir ebenso gegen den Bruder verfuhren, der Armgart für sich
in Anspruch nahm, hatten wir die Ausdauer, einen Kampf mit dem Mutter- und
Vaterherzen zu wagen. Und dennoch würden wir nachgegeben haben damals, als
Monika erkrankte, wenn sie nicht, kaum zur Hälfte genesen, wie noch im
Fieberwahn damals Schloss Westerhof verlassen und in die Welt hinausgerast wäre
wie eine Irrsinnige! Dass diese Tat, die nun freiwillig ihr Kind aufgab, ein
Anfall der masslosesten Eitelkeit war, die Verzweiflung eines Blickes in den
Spiegel und auf ihr ergrautes Haar, wird sie nicht leugnen können. Diese wilde
Unregelmässigkeit ihres Wesens ist leider auf Armgart übergegangen. Die Mutter
kann versichert sein, dass von unserer Seite nicht das Mindeste geschehen ist,
Armgart aus dem Pensionat der Insel Lindenwert abzurufen. Das törichte Mädchen
will sich nur beiden Aeltern zugleich aufgespart haben und führt diesen Gedanken
auch jetzt im Stift Heiligenkreuz, wo sie eine Stelle bekommen hat, mit einer
Wachsamkeit durch, die jeden Augenblick die Flucht von Lindenwert wiederholen
würde. Die Aussicht, dass mein Bruder Ulrich sich in Witoborn niederlässt, rückt
immer näher. Ein meiner Schwägerin wohlbekannter Name, Remigius Hedemann, hat,
seitdem die Abwickelung der Verhältnisse unseres beim jetzt so tief gekränkten
Geist der Provinz immer unmöglicher gewordenen Landrats ins Stocken geraten,
die Mühlenwerke bei Witoborn erstanden und beide gedenken ein für den Geist
unserer Gegend ganz tolles, ja förmlich herausforderndes Unternehmen - eine
Papierfabrik zu begründen! Stehen wir ohnehin in unsern Verhältnissen selbst
nicht fest, so wird uns am wenigsten beikommen, in so sich verwickelnde andere
einzugreifen. Bruder oder Schwester, beide würden uns zur Verständigung gleich
willkommen sein! Die Zeit heilt Wunden und mildert Leidenschaften und wir müssen
selbst wünschen, dass in diese harten Herzen Besinnung kommt! Von meiner
Schwägerin hör' ich durch Herrn von Terschka jetzt so ausserordentlich viel
Rühmenswertes, dass Benigna sowol, meine langjährige Freundin, die dem Alter der
Versöhnlichkeit mit dem, was die Erde bietet, schon so nahe gekommen ist, wie
ich selbst, nichts lieber wünschen, als die endliche Beilegung dieses Zwistes,
den ja unsere heilige Kirche nicht gestattet so zu lösen, wie es die
Leidenschaften dieser wilden Menschen wünschen mögen durch Scheidung - -«
    Weiter konnte Monika nicht kommen ...
    Die Schlussversicherungen der Ergebenheit überschlug sie in der Erregung
durch diese offene und für den Charakter ihrer alten Gegner, ihres Schwagers,
ihrer so strengen, viel ältern und ihr gewissermassen als Erzieherin
gegenüberstehenden Schwester, sogar gemütvolle Sprache ...
    Sie stand auf, liess den Brief auf den Tisch gleiten, griff an ihr Herz und
trat an das Fenster, um die Stirn an den feuchten Scheiben zu kühlen ...
    Die Gräfin unterbrach nicht diesen Seelenkampf ...
    Eine lange Pause trat ein, die Monika endlich mit den leisen Worten
beendete:
    Aus alledem sehe ich, teure Gräfin, dass ich besser tun werde - noch in
dieser Stadt zu bleiben und Sie - allein reisen zu lassen! ... Vielleicht
erfreut es Sie - noch einen Gefährten zu gewinnen, der bei Porzia sitzen könnte,
den Onkel derselben, der genötigt ist, rasch nach England zurückzureisen! Ich
begrüsse Sie dann - bei Ihrer Rückkehr hier oder, erlöst von allen diesen
Kämpfen, in Ihrem schönen, sonnigen, glücklichen Castellungo!
    Die Gräfin sagte zwar: Ja, ja! hörte aber plötzlich nur halb ... Sie hatte
die Rechnung des Hotels entdeckt und suchte wieder die Brille, um eine nicht
unwichtige Frage genauer zu prüfen ...
    Monika sah, dass die Höhe der Summe, die es hier noch zu zahlen gab, die
Gräfin erschreckte. Sie hatten an sich einfach gelebt, aber eine Menge
anderweitiger Ausgaben hatte die Gräfin von dem gefälligen Wirte auslegen
lassen. Vollkommen war ihr die Eigenschaft ihrer Gönnerin geläufig, den »Nerv
der Dinge« und den »ungerechten Mammon« für etwas zu nehmen, was sich nach
Gottes ewigem Ratschlusse allen denen, die ihn lieben, früher oder später doch
zum besten wenden müsse ...
    So vertieft war die Gräfin in eine unter dem Eindruck des gewonnenen
Processes von ihr hervorgerufene ansehnliche Reihe von Zahlen, dass sie nicht
mehr viel von Monika's Worten gehört hatte.
    Bei alledem wusste sie aber doch, dass in dem Briefe das Wort »Scheidung«
stand. Darauf hin sagte sie beim prüfenden Oeffnen ihrer Reisekassette:
    Paulus spricht: »Der Herr ist der Geist, und wo der Geist des Herrn ist, da
ist die Freiheit!«
    Sie wollte sagen, wenn bei Monika eine Confessionsänderung stattfände, wäre
die Scheidung da ... Monika wusste das und stand träumend am Fenster ...
    Darüber kam eine Meldung.
    Herr Kattendyk! hiess es ...
    Ei, Herr Kattendyk? rief die Gräfin hocherfreut ...
    Die Gräfin war so in Vergleichung ihrer Reisemittel mit der Rechnung
vertieft, dass ihr selbst die Meldung des Doctors Abadonna eine Besinnung auf den
Namen gekostet hätte, aber die Nennung des Chefs der Firma: »Kattendyk und
Söhne«, an die Monika empfohlen war, vergegenwärtigte ihr augenblicklich die
gemeinte Persönlichkeit ... Sie selbst war an die Gebrüder Fuld empfohlen ...
    Sehr angenehm! Sehr angenehm! rief sie ...
    Die Meldung eines dem »ungerechten Mammon« und den »Schätzen, die Motten und
Rost zerfressen« angehörenden Namens wurde sofort angenommen, ja das Eintreten
desselben mit einer gewissen Feierlichkeit vorbereitet.
 
                                       3.
Piter Kattendyk hatte sich vor vier Monaten auf seiner Reise nach Witoborn -
keinesweges mercantilische Lorbern erobert.
    Zwar war er in lebendigster Erregung, wenn auch etwas durchfröstelt und an
der Abfassung von Reise-oder Heidebildern durch einen Schlaf verhindert, der
»die seiner Constitution notwendigen zehn Stunden« fast auf die ganze Dauer der
Schnellpostfahrt ausdehnte, in Witoborn angekommen und »bei Tangermanns« im
besten Gastof der Stadt abgestiegen; aber der gegenseitige grosse Eifer hatte
sich durchkreuzt. Rittmeister von Enckefuss hatte voll Ungeduld die Reise zu
seinem Sohne gemacht und Nück, der helfen zu wollen versprochen, setzte bei
seinem Schwager eine so präcise Erfüllung seiner Aufträge, soviel Reiselust und
Gefallen an einer raschen Benutzung einer neu angeschaften Reisetoilette nicht
voraus. Nun waren wohl die Besuche, die Piter am Sonnabend bei einigen Advocaten
machte, möglich zur Beweisführung für seinen Geist und seine sociale Stellung,
aber eine geschäftliche Verständigung und die Uebernahme der Forderungen
sämmtlicher Enckefuss'scher Kreditoren konnte erst stattfinden nach der
Zurückkunft des Hauptbeteiligten selbst.
    Wir werden die heilige Stadt Witoborn, deren Türme wir in frühern
Schilderungen nur fernhin aufragen sahen, genauer kennen lernen. So viel dürfen
wir schon jetzt berichten, dass Piter hier die vollkommenste Gelegenheit gehabt
hätte, durch Devotion seiner Mutter Ehre zu machen. Hier lagen so viel Heilige
in ganzer Gestalt oder in Partikeln begraben, hier läuteten so viel Glocken zu
jeder Stunde des Tages und der Nacht, hier brannten an allen Ecken und
Durchgängen der kleinen unansehnlichen Strassen so viel Lichtchen und standen an
und in den Häusern, Kirchen, Klöstern so viel schöngeputzte Muttergottesbilder,
dass er wohl seiner Sünden hätte eingedenk werden und geloben können, sich die
massloseste Selbstliebe und besonders seine sträfliche Neigung für
fünfzigprocentigen Arakpunsch abzugewöhnen.
    Indessen beleidigten sein Schönheitsgefühl die Kühe und Schafe, die jeden
Morgen vom Hirten durch die witoborner Strassen geführt wurden und die Mängel der
Strassenreinigung und Beleuchtung. Gleich in der ersten Nacht war er auf
topographische Studien ausgegangen und dabei fast in einen offenen, völlig
gitterlosen Strom gefallen, der zwar nur höchst schmal, aber mit reissender
Schnelligkeit durch die unerleuchteten Strassen schoss. Was half es ihm, dass es
später beim Wirt seines Hotels »bei Tangermanns«, wo er der einzige Fremde war,
herauskam, dass dies die berühmte Witobach gewesen war, deren Quellen schon Karl
der Grosse mit einem Münster überbaute? Was half es ihm, dass alle die kleinen
Bäche, in die er, sich von dem grossen retirirend, bis zum Knie geriet, als
Nebenarme der Witobach bezeichnet wurden? Er erzählte, dass ihm an einem grossen
Turme, um den eine Anzahl ungeheurer Wasserräder auf die berühmten witoborner
Mühlenwerke schliessen liessen, nicht nur Hören, sondern auch das Sehen vergangen
wäre. Alles das schmeichelte wohl dem Lokalpatriotismus, trocknete aber seine
Stiefel und Beinkleider nicht. Im Unmut über die hier in Aussicht gestellte
geringe Bereicherung seiner Welt- und Menschenkenntnis beschloss er, so lange die
Umgegend zu recognosciren, bis der Rittmeister zurückgekommen sein würde. Selbst
das einzige Weinhaus, das er am folgenden Morgen am Sonntag zum zweiten
Frühstück seines Besuchs für würdig erklären konnte, musste ihn, wie er
versicherte, »melancholisch machen«. Allerdings lag es dicht an den alten
Münstertürmen Karl's des Grossen und in ihren durchbrochenen byzantinischen
kleinen Fenstern beherbergten sie ein wahres Gewimmel von Raben und Dohlen, die
in Schwärmen aus-und einzogen und oft wie von Reisen herkamen, jedenfalls von
den Bergen hernieder, wo ihn besonders ein fernhin leuchtender Punkt anzog, das
den Wittekind's gehörende Schloss Neuhof ...
    Piter beschloss nun, sich genauer die Gegenden anzusehen, wo Hermann den
Varus schlug und auch einige der vielen daselbst zerstreuten Mineralbäder noch
einen letzten Rest von »Saison« hatten. Einige dieser Heilquellen kündigten sich
ihm, als er in der Tat mit Extrapost abreiste, bereits durch Leichenwägen an;
sie waren berühmt gegen die Schwindsucht. Andere hatten eine harmlosere
Bestimmung, aber die einzigen noch anwesenden Patienten schienen nur noch die
Brunnenärzte zu sein, die an jedem Morgen an den Quellen erschienen, um sich zu
erkundigen, wer etwa die Nacht angekommen war. Piter, geschmeichelt, dass man ihn
für keinen Leber- oder Nierenkranken halten konnte, zugleich besorgt, darum noch
für keinen Musterreiter zu gelten, bestellte in einem dieser Curhäuser
Champagner und bewunderte, von selbst voraussetzend, dass es keinen echten gab,
die treuherzige Etikette: »Product vaterländischer Betriebsamkeit.«
Weiterreisend bekam er die Stimmung und Musse, sich so mit sich selbst zu
beschäftigen, dass er sich die Abschiedsscene von Treudchen, dem neuen Mädchen
seiner Schwester Hendrika, in allen möglichen Variationen ausmalte; denn dass
diese allerdings nur in dämmernden Umrissen vor ihm stand, war bei dem umflorten
Zustande, in dem er sich nach seinem Souper befunden, nicht anders möglich.
Gerade aber diese Nebelhaftigkeit des empfangenen Eindrucks gestattete ihm die
schönste Ausschmückung und wie er das freiherrlich Wittekind'sche Vorwerk
Eggena, das Städtchen Lüdicke und andere hervorragende Punkte hinter sich hatte
und in den Schluchten des Teutoburger Waldes sich ganz nach Belieben, bald an
diesem Buchengrunde, bald an jener Tannenhöhe, die Niederlage der Römer ausmalen
konnte und ihm das Krächzen der Raben, die ihm aus den Münstertürmen gefolgt zu
sein schienen, immerfort das aus der Schule in der Tat noch erinnerlich
gebliebene: »Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder!« zu sprechen schien
(dem darob sehr verwunderten Postillon hatte er beim Bergan diese Erzählung als
Probe seiner mitteilsamen Gelehrsamkeit nicht vorentalten mögen), da trat ihm
der Gedanke: Wenn du jetzt diese allerliebste Blondine hier neben dir hättest
auf dieser geschäftlichen Irrfahrt! mit mächtiger Gewalt entgegen. In der alten
Postkalesche, einer ausrangirten Beichaise, mass er sogar den Sitz, den Treudchen
neben ihm einnehmen konnte. Er deckte auf das weich einladende Leder der
Polsterung seinen Plaid und baute der kleinen Göttin im Geiste einen Tron und
Altar. Selbst die zierlichen Füsschen, deren weisse Strümpfe er im Geiste als
selbstgestrickte bewunderte, legte er eigenhändig auf einen Nachtsack, den auch
seine Schwester Johanna behauptete selbst gestickt zu haben. Und weilte dann
auch sein reizbarer Sinn, den die »etwas ängstliche« grüne, classische
Waldeinsamkeit ringsum nur noch erhöhte, bei dem ausserordentlichen Professor,
Dr. Guido Goldfinger, an dem ihm nichts ausserordentlich erschien, als die
Selbstverständlichkeit, wie er, der Sohn des Medicinalrats Goldfinger, so ohne
weiteres (weil die drei Hausfreunde eben im Hause alles regierten) sein Schwager
wurde, und schossen dann auch seine Gedanken über drei Schwäger zu gleicher
Zeit, wie der »Silberbogner Apollo«, »fernhintreffende« Pfeile, so kehrte sein
an sich liebebedürftiges Gemüt doch immer wieder auf die Vorstellung zurück:
Wenn sich die Romantik dieser hier eben genossenen geschichtlichen Eindrücke,
mit denen du deine Freunde in begeisterter Mitteilung überraschen willst, doch
auch durch die Füllung dieses bequemen Eckplatzes mit dem reizenden,
anspruchslosen und so »gehorsamen Kinde« vervollständigen möchte! Die leisen
Umrisse, die er von dem neulich Vorgefallenen behalten, zeichnete er kräftiger
und kräftiger aus, drappirte das Bild neben sich mit Vielem, »worauf es ihm gar
nicht ankommen sollte«, mit einem wunderschönen Hut und lyoner Bandbesatz, einem
Shawl von damals modischem Krepp de Chine und mit den elegantesten Handschuhen,
die Gertrud Lei besonders auch deshalb tragen sollte, um durch das Schonen ihrer
vom Arbeiten etwas mitgenommenen Finger sich zu der Dame auszubilden, die man
nach seiner Teorie der Geringschätzung des weiblichen Geschlechts »aus jeder
Katze« machen könnte. Piter sah in einem »anständigen Frauenzimmer« nichts als
die Wiederholung seiner »ihm hinlänglich bekannten« Schwestern.
    Mit solchen teils gemischten, teils sich widersprechenden Empfindungen
hatte Piter die Walstätten der alten Römerschlachten, auch die berühmten
Externsteine hinter sich, die ihm die schauerliche Idee von Menschenopfern
weckten - der anliegende See als Abzugskanal des rinnenden Blutes - und ihm in
den Basreliefs der spätern christlichen Entsühnung dieser riesigen Metzgeraltäre
auch nur eine sehr geringe Vorstellung von der Plastik des Mittelalters gaben -
einer der Felsen hat ein altes Basrelief -, lauter Tatsachen, bei welchen er
die Genugtuung schon vorweggenoss, wenn er davon zu Joseph Moppes sprechen
würde, der nur die Musik leben liess, oder zu Aloys Effingh, der allerdings Sinn
für die zeichnenden Künste, wenn auch zunächst nur für heimliche Caricaturen
hatte, oder zu Weigenand Maus, der kriegslustig und zur Carnevalszeit ross- und
marschalluniformsfreudig, für solche Hünentaten interessirt sein musste.
Tiebold de Jonge, der das Conversations-Lexicon nie mehr citirte, als wenn
Benno nicht zugegen war, Der vorzugsweise sollte an ihn glauben müssen, wenn er
versicherte, dass man über »solche Gegenstände« (er meinte ungefähr die Ergänzung
der fehlenden Bücher des Tacitus) gar nicht mitsprechen könnte, falls man sie
nicht »gründlich studirt hätte« - er meinte die Dauer eines Schnapses, den er
dem Postillon in dem Wirtshause an den Externsteinen geben liess und sein
eigenes, mehrfach wiederholtes: »Ungeheuer merkwürdig!« beim Besichtigen der
Riesensteine und der Blutlache und der alten Basrelieffiguren ohne Nasen - ein
Mangel übrigens, der für diese gut war, da sie auf diese Art die rein
menschliche moderne Bestimmung einer hinter ihnen liegenden kleinen alten Krypte
nicht am Geruche merkten. Wie gesagt, nur der Postillon frühstückte hier, aber
Piter in Detmold. Dort, wo einst Jérôme von Wittekind im Certiren stets der
erste gewesen war und nicht bloss beim Fragen nach, Calefaciebas, erwärmte, ja
erhitzte sich auch Piter in einer Weise, die es erklärlich erscheinen liess, dass
er, kaum angekommen in Pyrmont, wohin er wollte, gleich spornstreichs an den
Grünen Tisch rannte und sich noch an demselben Abend, im wildesten Sturm und vom
»schnödesten Pech« heimgesucht, seine ganze Reisekasse sprengen liess.
    Wie Piter dann am folgenden Morgen in den Brunnenanlagen den letzten Rest
seiner Barschaft und der Curgäste musterte, auch etwas tiefsinnig über die
Wirkung der hiesigen Gewässer gegen chronische Anfälle von Hypochondrie
nachgedacht und dabei einen etwas confiscirten Eindruck gemacht haben mochte,
jedenfalls mit einer bei der schon kühlen Morgenluft stark geröteten Nase,
somit, beide Hände hinten in die Rocktasche steckend, einem Abenteurer und
Marodeur der Badesaison nicht unähnlich, machte er die Bekanntschaft eines
Barons von Binnental, der erst vor wenig Stunden angekommen war vom Westen her,
wo ihn ein glücklicher Instinct beseelte, statt nach Belgien zu gehen, ostwärts
zu »machen« - denn Grützmacher hatte nur vorgestern, Sonntag Abend, zu viel mit
dem Staate, dann mit dem Assessor von Enckefuss in Betreff des in den Sieben
Bergen seine geliebte Mutter besuchenden Hammaker zu tun gehabt, sonst würde er
dem ihm sofort aus dem Fuld'schen Balcon aufgefallenen Herrn die Fährte nach
Westen von einigen schnell avertirten guten Freunden in grüner Uniform haben
abschneiden lassen - ebenso wie er Herrn und Frau von Gutmann beim Besteigen
des Dampfboots vorgestern Abend scharf fixirt und ihnen halblaut »glückliche
Reise« nach Pyrmont gewünscht hatte, wohin auch sie in der Tat gingen, um unter
den letzten Stoppeln der Saison noch einige Körnchen für ihr demnach den
Sicherheitsbehörden schon bekanntes Metier aufzusuchen. Unterwegs machte das
Ehepaar, nach dem Erstaunen über das erneute Zusammentreffen mit Herrn von
Binnental sich mit ihm Geständnisse und alle drei vergaben sich das, was die
Vergangenheit betraf, in Hoffnung auf eine schönere gemeinschaftliche Zukunft.
Sie blieben zusammen und Binnental's erste Recherche auf der Morgenpromenade
brachte ihn mit Pitern zusammen, diesen dann zu der charmanten Frau von
Gutmann, die ihn so fesselte, so für den Verlust am Grünen Tisch tröstete, dass
er ein einfaches »Einundzwanzig«, en quatre einging, gewann, wieder an den
Grünen Tisch hüpfte und mit schon leichterm Herzen das Gewonnene nicht nur
verlor, sondern auch durch eine Anleihe bei Herrn von Gutmann, der in der Nähe
stand, das Verhältnis desto fester knüpfte. Pyrmont endete für Pitern nach drei
Tagen, alles in allem, mit einer Spielschuld von 5000 Talern, die er in einem
sich immer vergrössernden Kreise von Freunden der Frau von Gutmann und der
Göttin Fortuna zurücklassen musste. Herr von Binnental war bei diesem schnell
geknüpften Bande der Freundschaft der sogenannte »Schlepper« gewesen. Seine
stereotypen Redensarten und die Devise: »Bange machen gilt nicht!« halfen ihm
weiter, als andern Menschen ihr Originalwitz. Piter reiste ab von Pyrmont mit
den »famosesten Erfolgen bei einer Baronin« - »Stoff doch immer« für die kleinen
Soupers - und Hinterlassung einer zwei Monate de dato fälligen Anweisung auf
sein Haus und wandte sich wieder auf Witoborn zu, wo der Rittmeister, in mancher
Hinsicht sein Geistesverwandter, ihn schon sehnsüchtigst erwartete.
    Mancherlei Arten gibt es, ein Unglück, das man sich selbst zugezogen hat, zu
ertragen. Manche Menschen werden von der empfindlichsten Reue befallen und
einige unter ihnen, nicht viele, nehmen sich vor, künftig sich zu bessern.
Andere sind zwar gleichfalls, besonders wenn die einsame Natur ringsumher so
feierlich stimmt, fest entschlossen, nun und nimmermehr wieder z.B. bei solchen
»Baroninnen« »an den Leim« zu gehen und zu spielen und 5000 Taler
Badesaisonschulden auf ein Haus abzugeben, dessen Solidität sie selbst
repräsentiren; aber die Reue verwandelt sich ihnen in Trotz, Trotz nicht etwa
gegen sich selbst, sondern auffallenderweise gegen ganz unschuldige andere. Es
ist allerdings kein behagliches Gefühl, ein grosser Reformator sein zu wollen und
als der Reformation höchst bedürftig sich selbst darzustellen. So ein Wechsel
auf die Ordre eines notorischen Spielers, acceptirt von einem handelsberühmten
Namen wie Piter Kattendyk, geht durch ein Dutzend Hände und kommt zuletzt im
Comptoir seines Hauses wie eine Wundermär an, die alle alten Buchhalter
betrachten mit Hälsen so lang, so lang - »wie die Gänse oder Kameele!« Alle
Federn halten inne, alle Prisen stocken, alle Drehsessel knacken und die Miene,
die vollends der Procuraführer Ernst Delring machen wird, die ist gar nicht die
seiner gewöhnlichen Reserve, sondern einer still lächelnden Genugtuung, die
sogleich zwei Treppen höher hinaufschleicht und für die liebende Gattin, vor der
es etwa nicht, wie überhaupt vor keiner Gattin, Geheimnisse gibt, sondern im
Gegenteil zur amusantesten Unterhaltung wird. Piter, ernüchtert von der Baronin
(bei den spätern »kleinen Soupers« blieb sie natürlich diesseits der Dreissiger)
phantasieumgaukelt von Treudchen's Unschuld, die im Geiste, von seinem Plaid
bedeckt, wieder in seiner Beichaise neben ihm sass, sah alle diese Wirkungen der
drei Tage in Pyrmont »als Nachcur« voraus, entsetzte sich, wie tief beschämt er
in sein niedliches Comptoircabinetchen, wo er wie ein dirigirender Minister
tronte, zurückschleichen musste, und sagte sich: Naturen, wie die meinige,
können alles, nur keine Demütigung ertragen! Auf demselben, inzwischen durch
Regengüsse etwas veränderten Wege kam er zwar wieder auf Anklänge an die
Legionen des Varus, indem auch er mit dem Kopfe gegen die Lederwand der
Beichaise stossen und die denkwürdigen Klagen des Cäsar Augustus wiederholen
mochte, aber der freie Geist der Forschung, der ihn auf der Herfahrt beseelt
hatte, verliess ihn und nach langem grimmigen Grübeln und Sinnen, als er schon
dicht bei Witoborn war, wo die Jesuiten oft genug früher den Satz: Si fecisti
nega! in ihren Moralvorlesungen erörtert haben mochten, kam ihm ein ähnliches
System als bestes Mittel zur Aushülfe: Hast du irgendetwas auf dem Kerbholz,
dann sei gerade erst recht impertinent! Diese Teorie gab ihm Mut. Sie gab ihm
diesen um so mehr, als gestern Abend noch bei einem kleinen von Frau von
Gutmann arrangirt gewesenen Abschiedssouper ein alter dänischer Offizier en
retraite gesagt hatte: »Respect kriegt der Mensch immer nur erst dann, wenn er
auf alles, was er behaupten hört, Au contraire! sagt.«
    Piter suchte schon lange eine Formel, die, wie die Philosophie einen Satz,
z.B.: »Ich gleich Ich!« allen ihren Beweisen vorausschickt, so auch ihm das
Rätsel des Daseins und besonders kurzweg die Metode erschloss, wie es z.B.
Kaufleute hat geben können, die so ausserordentlich bedeutend wurden, dass ihnen
nicht viel an einem grossen Namen, sogar an einem Ministerportefeuille fehlte. An
seinem Schwager Delring hatte er eine solche vornehme Natur in der Nähe, die mit
ihrer weissen Halsbinde zu jeder Stunde einem Regierungspräsidenten aufwarten und
mit ihm über die Wünsche und Bedürfnisse des Lederhandels, über Binnenzölle und
Wasserstrassen beneidenswert unterrichtet sprechen konnte. Dies Air, das auch
einigen andern Chefs grosser Häuser, selbst dem alten Herrn de Jonge, der ein
grosser Arbeiter in den Sectionen der Provinziallandtage war, nicht im mindesten
fehlte, vermisste Piter allerdings äusserlich an sich keineswegs. Dies englische,
respectable und staatsmännische Benehmen, z.B. in den Zähnen zu stochern und die
Finger in den Ausschnitt seiner Weste zu stecken oder als Parlamentsmitglied mit
dem Hut auf dem Kopf und die Beine lang ausgestreckt einen Minister wie ein
Heupferd behandeln, das hätte er an sich schon weggehabt. Nur fehlten die
tatsächlichen Unterlagen. Ueber eine gewisse lächelnde Niaiserie, die die
Engländer Snobbismus genannt haben, kam er bei Fragen über das statistische
Gebiet nicht hinaus. Immer fühlte man, dass er über solche Gegenstände, wenn sie
besprochen wurden, mehr eine lebhafte Wissbegierde als eine grosse Vertrauteit
zur Schau trug, ausgenommen bei Debatten über Kunst, Stadtteater, Glanzwichse
und einige Feinheiten im Liniiren der Comptoirbücher, die er einem alten,
verstorbenen Buchhalter verdankte. Da elektrisirte ihn denn jenes pyrmonter
Wort! Er fand es »merkwürdig« gleich auf der Stelle. Von den Höhen des im Regen
gebadeten Teutoburger Waldes in die witoborner Ebene niederfahrend, beschloss er,
zur Probe einmal das System des Au contraire zu versuchen. Ein nicht
undiabolisches Lächeln begleitete die Vorstellung: Du kommst nach Hause zurück,
bekennst nicht nur nicht deine Unbesonnenheit, sondern bist au contraire noch
maliciöser denn je! Du erklärst Nück die gänzliche Verfehlteit seiner
Speculation mit dieser Uebernahme der Enckefuss'schen Schuldenmasse und
unterbrichst jedes Staunen, das man etwa über den pyrmonter Wechsel von 5000
Talern zu erkennen geben sollte, mit einem viel, viel grössern Erstaunen über
die unvernünftigen Handlungen anderer Menschen!
    In diesem System, das ihm von etwas Bosheit und viel Desperation eingegeben
wurde, verfuhr er sogleich, um nur mit Lärm zurückkommen zu können, mit dem
Rittmeister von Enckefuss, den er jetzt antraf. Dieser Unglückliche hatte einen
jungen Mann voll »Grossartigkeit« erwartet und fand einen abscheulichen
Krakehler, der die Lorgnette einkniff und ihn fast beleidigte. Enckefuss war ihm
in seiner gewohnten rosenroten Laune entgegengehüpft, elastisch, frisch
geschminkt wie ein Jüngling, und nun fand er einen verdriesslichen Taxator, der
auf jede Versicherung das Gegenteil anzugeben wusste und den armen Mann binnen
einer Stunde um allen Humor brachte. Piter zuckte nur ewig die Achseln und
studirte nur im stillen sich seine hübsche Portion Donnerwetters ein, die er auf
seine Angehörigen schleudern wollte, eine gehörige Anzahl von Ausrufungen über
verlorene Zeit und Mühe, und es »sollte ihm mal einer wiederkommen und ihn in
solche Bockshörner jagen« - und da war denn zur Rettung des Rittmeisters keine
Verständigung möglich. Piter schnurrte auf jede Proposition auf wie ein
Stacheligel und reiste ab. Der Rittmeister begleitete ihn sehr artig an den
Postwagen, blieb aber mit einer traurigen Miene zurück. Er sah dem Scheidenden,
dem Retter in der Not, lange, lange nach und begab sich besinnungslos in seine
Wohnung. Wir wollen gleich hinzufügen, dass er sich nicht todt schoss, sondern
einen Brief an seinen Sohn schrieb, zwar mit soldatischem Lakonismus bloss seine
Flüche aufs Papier werfend, aber doch so voll Verdruss (und besonders über die
Notwendigkeit, nun doch an den Präsidenten von Wittekind-Neuhof gehen zu müssen
- der Kronsyndikus stand unter Curatel -), dass der arme, schon lange
vereinsamte, einst so stolze Mann seine schwarze Tusche, seine Pinsel, seine
roten Schminknäpfchen ganz vergass und - nur das Klagen und Kratzen seines alten
treuen Pudels hörte und leise zu ihm sprach: Beissen sie dich auch so, Caro? und
dann die Türen zuschloss und halb die Fensterladen zuzog und ein altes Kamisol
anzog und die Brille auf die Nase, sich selbst auf die Erde setzte und eine
Schere nahm und ganz ein Greis geworden seinem allein noch treuen Tiere vor dem
Hereinbrechen des Winters in wehmütiger Betrachtung über Flöhe die Haare schor.
So fand man ihn wenigstens da, als er zum ersten male anfing, allerlei
wunderliche Reden durcheinander zu sprechen ...
    Piter kam im Vaterhause an und überhäufte Nück sogleich mit dem ganzen
Vorrat gründlich einstudirter Vorwürfe. Er schilderte das Geschäft, das er ihm
aufgetragen, als einen neuen Beweis, dass man noch soviel Latein und Griechisch
und doch nichts von praktischen Dingen verstehen könnte. Nück, sehr erschreckt
durch die Gefangennehmung Hammaker's, replicirte wenig; Benno und Tiebold
freilich bestürmten Pitern voll Unwillen. Ihnen antwortete er auf jedes, was sie
vorbrachten, mit Au contraire. Fast kam es zum Bruch zwischen Tiebold und ihm.
Piter war in einem Grade unumgänglich geworden, dass er sogar sich vor sich
selbst zu fürchten anfing und nur in seinem Verhältnis zu Gertrud Lei seinem
Gemüte ein letztes Asyl eröffnete. Diese Liebe steigerte sich zur Schwärmerei,
besonders seitdem seine Schwester Hendrika, um Treudchen vor ihm sicher zu
stellen, ein für allemal die auf seine Wendeltreppe führende Tür verschloss und
sogar den Vorhang des Zimmerchens, das Treudchen bewohnte und das dem seinigen
gegenüberlag, Tag und Nacht herabzulassen befahl. Wäre nicht die neue
Beherrscherin des Hauses gewesen, Lucinde Schwarz (sie wurde es ganz wider
Willen und einfach nur dadurch, dass jeder Bewohner desselben, Delrings
ausgenommen, die »sanfte, stille, ruhige Seele« zur Vertrauten machte), Piter
hätte Sitte und Anstand über den Haufen geworfen. Aber Lucinde wollte alles
Ernstes, dass Piter Treudchen in optima forma heiraten sollte. Sie beförderte
diese Wendung der Dinge mit einer Discretion, die deshalb nicht leicht war, weil
auch Treudchen, schon um »den jungen Herrn« möglicherweise zu »bessern«, seine,
wie er selbst sagte, »wahnsinnige« Liebe mit der Kraftlosigkeit eines Mädchens
erwiderte, das sich die Möglichkeit solcher herzbestrickenden Vorgänge innerhalb
der ihr bisher gänzlich unbekannt gewesenen und neu aufgehenden Region der Liebe
nicht geträumt hatte.
    Dem durch die Gefangennehmung des Kirchenfürsten geweckten Geiste entzog
sich Piter keinesweges. War doch selbst Tiebold wieder nahe daran, zu Feuer und
Schwert zu greifen. Auch Benno, der sogar alles so erwartet hatte und der die
Kraft der Ghibellinen bewunderte und von Dante's Welfenhass sprach, stutzte ...
Die Gefangennehmung wurde eben von der Regierung seltsam motivirt. »Zwei
revolutionäre Richtungen« sollten sich in den Handlungen des Kirchenfürsten
durchkreuzt haben, die jakobinische und die jesuitische. So lautete das Manifest
der Minister ... Unvermittelt wogten in Benno's Brust die Gegensätze der Ideen
hin und her. Nur Freiheit atmen zu wollen, nur die Herrschaft des Gedankens zu
begehren, dafür sah er das Leben zu praktisch an. Aber das wirklich Praktische
und tatsächlich durch die Welt, wie sie einmal ist, zu Bedingende, das hatte
sich für seine wenigen zwanzig Jahre noch nicht feststellen wollen ... Und rings
diese Leidenschaften! Diese Parteinahme nur zu Gunsten einer »Kirche«, die doch
auch die seine war! Kam nicht selbst Bonaventura über seinen innern, leise
begonnenen Zwiespalt durch diesen viel grössern Bruch wieder hinweg? ... Piter -
der sah die Tränen seiner Mutter, hörte die Klagen seiner Schwestern; die drei
Hausfreunde hatten keinen Appetit mehr; Nück vergab ihm sogar die witoborner
Reise und trank mit ihm auf eine glücklichere Zukunft; sogar die zu Tod
geängstigte Hendrika, die nur noch kaum zwei Monate zu dem heroischen Entschluss
hin hatte, ihr Kind im Glaubensbekenntnis ihres Mannes taufen zu lassen, war am
Morgen nach der Gefangennahme des Kirchenfürsten in Treudchen's Kammer gewesen
und hatte, zwar nicht mit Empfindungen wie damals Windhack in der Dechanei (»
Fiat lux in perpetuis!«) doch jedenfalls wie vor dem Ersticken sich Rettung
suchend den Vorhang bald in die Höhe gezogen, bald wieder niedergelassen ...
    Eines aber war Pitern an dem Kirchenstreit und an den Allocutionen und an
dem Kampf der Broschüren, vorzugsweise aber an den allabendlichen
Zusammenrottungen das Allerunangenehmste. Alle Familienfestlichkeiten mussten
abbestellt werden. Wozu hatte er nun das älterliche Haus so umgestaltet und
soviel Zerstörungen und Neubauten angerichtet, als um in der Eigenschaft des
jetzt mündigen Chefs von »Kattendyk und Söhne« die Saison in einer Weise zu
eröffnen, gegen die niemand, selbst nicht die Cirkel der aus Verlegenheit über
den Geist der Stadt für den Winter ganz nach Paris übergesiedelten Gebrüder Fuld
aufkommen konnten! ... Piter fand ein freies Feld und durfte es nicht zu seinen
längst vorbereiteten Zwecken benutzen.
    Endlich aber schwieg jede Rücksicht. Ende Januar konnte für seine Schwester
Hendrika die Stunde der Entscheidung schlagen. Eine Gesellschaft musste jetzt
oder konnte vielleicht den ganzen Winter nicht mehr gegeben werden; wer
verbürgte den glücklichen Ausgang dieser Entscheidung? Hendrika fuhr in keine
Messe mehr, in keine Beichte, selbst dem Strom der ganzen Stadt zu dem neuen
jungen Domherrn folgte sie nicht. Es musste ein Anfang in der Entwickelung seiner
Grösse, seiner gesellschaftlichen Repräsentation, seiner Laufbahn zum Mitglied
irgendeines Comité oder ähnlicher Befriedigungen seines Ehrgeizes gemacht
werden, und Piter benutzte die nahe bevorstehende Abreise einiger hoher
Herrschaften, von denen allerdings nur Monika speciell an sein Haus empfohlen
war, um mit der Art, »wie Er Gesellschaften geben würde«, trotz der allgemeinen
Landestrauer hervorzutreten.
    Bei einigen Besuchen, die er hier im Hotel schon gemacht, war er auch der
Gräfin vorgestellt worden. Von dieser hatte er ein Zeugnis bekommen, das, wenn
er dasselbe gehört hätte, ihm nicht wenig geschmeichelt haben würde. Da er
unausgesetzt nur das Gegenteil von dem behauptete, was die Damen sprachen, so
bekam wenigstens die Gräfin von ihm den Eindruck eines geistvollen und
unterrichteten jungen Mannes; denn die Frauen sind viel bescheidener, als man
gewöhnlich glaubt; sie unterrichten sich gern und dünken sich in ihrem Wissen
nie so fest, dass sie nicht mit der grössten Aufmerksamkeit und Geneigteit, sich
zu vervollkommnen, zuhörten, wenn ihnen z.B. jemand sagt: Bitte um
Entschuldigung, die Ueberfahrt über den Kanal ist im Januar viel sicherer als im
December! oder: Erlauben Sie, ich muss Ihnen aufrichtig gestehen, die Cultur um
Witoborn ist auffallend vernachlässigt! Frauen lieben die Schmeichler in der
Regel viel weniger als wir glauben und die vornehmen Frauen vollends - und gar
erst, wenn mit ihnen Menschen sprechen, die sich auf Geld und Gut verstehen!
Piter blieb zu seinem Glück nur zehn Minuten und hinterliess damals einen
Eindruck, den die Gräfin fast einen »bedeutenden« genannt hätte.
    Auch heute genoss Piter drei grosse Vorteile für höhere Würdigung. Einmal war
er nur fünf Minuten mit den Damen allein; es erfolgte eine fernere Meldung.
Sodann war Monika in eine tiefe Abwesenheit ihres Ohrs und Herzens und Urteils
versunken. Endlich drittens erhob sie sich sogar und entfernte sich ganz, wie
sie sagte, auf einen Augenblick; das war, als Benno von Asselyn und Tiebold de
Jonge gemeldet wurden, die in der Voraussetzung, sie reiste ab, sich ihr und der
Gräfin zu empfehlen kamen. Und als dann die beiden jungen Männer eintraten,
blieb die Gräfin mindestens zehn Minuten über alle drei Anwesenden die alleinige
Richterin, bis Monika, nach einem Kampf zur Beruhigung ihres aufgeregten Herzens
zurückkehrte.
    Piter war vollkommen so eingerichtet, dass er mit Anstand die Tasse Tee, die
ihn die Gräfin mitzutrinken aufforderte, hätte annehmen können. Seine strohgelb
gantirte Hand brauchte sich nur auszustrecken, um im Zulangen ihm ganz schön zu
stehen. Eine weisse Weste, inwendig mit einem dunkelroten Phantasiefutter,
dunkelbrauner Frack mit Metallknöpfen, schwarze Beinkleider, eine Halsbinde,
weiss mit allerlei braunen Sprenkelchen - später flüsterte ihm Tiebold zu:
»Sonderbare kleine Maikäfer das, Kattendyk, ich meine in Ihrer Cravatte!« Sein
kleiner Kopf war wohlfrisirt und das blonde Bärtchen leise gefärbt und das
stumpfe Näschen nicht erfroren, ... er war in Equipage gekommen ... Aber sein
System des Au contraire bestimmte ihn sofort die Tasse abzulehnen und etwas
näselnd zu sagen:
    Bitte recht sehr, gnädigste Frau Gräfin! Ich trinke keinen Tee -
    Es war dies, Kamillentee ausgenommen, eine Wahrheit.
    Die Gräfin fand den jungen Kaufherrn wieder von imponirender Eigenheit. Wer
sich einbildet, die Grossen verletze dergleichen Selbständigkeit, irrt sich. Nur
die »kleinen Grossen«, die Empor- und Herunterkömmlinge sind anspruchsvoll; die
wahren Grossen sind sogar leicht eingeschüchtert und geraten viel öfter in
Verlegenheit, als wir glauben.
    Piter rückte mit seinem Anliegen hervor. Im Wagen hatte er sich eine Rede
stilistisch und rhetorisch zurecht gelegt. In gewandtem, der Vornehmheit wegen
immer näselnden Vortrage bat er, dass seinem Hause die Ehre gegönnt werden
möchte, bei seiner am nächsten Freitag stattfindenden ersten Soirée auch die
gnädigste Frau Gräfin und die Frau Baronin von Hülleshoven erwarten zu dürfen
...
    Da die Gräfin von ihrer auf morgen angesetzten Abreise sprechen durfte, kam
sie rasch über das ihr jetzt denn doch aufwallende Gefühl hinweg, ob eine solche
gesellschaftliche Mischung, wie in einem wenn auch grossen Kaufmannshause
vorauszusetzen war, ihrem Stande angemessen erscheinen durfte. Seit lange hatte
Monika die Gräfin nicht lächeln sehen. In diesem Augenblick tat sie es ganz
graziös. Monika sagte sich: Die seltsame Frau! Wie wohlwollend und fein steht
ihr dies Lächeln! Warum verscheucht sie es nur durch ihre stete Furcht vor der
Weltlichkeit, der sie mehr angehört, als sie weiss!
    Monika selbst, die sich mit der jetzt erst in Staunen ausbrechenden, aber
doch allmählich beipflichtenden Gräfin über ihren Entschluss, doch lieber zu
bleiben, verständigte, nahm die Einladung an. Gegenbesuche von und bei der
Mutter Piter's hatten bereits stattgefunden.
    Die Verständigung über das Zurückbleiben Monika's gab Pitern Gelegenheit,
sich in die Erfolge zu versetzen, die am nächsten Freitag seine Arrangements
krönen würden ...
    Auch über Porzia's Onkel erfuhr die Gräfin, jetzt orientirter, wiederholt
alles das, was ihr zur Beruhigung dienen konnte, nicht zu einsam zu reisen ...
    Piter sprach sein Bedauern aus, die Gräfin entbehren zu müssen, ermangelte
jedoch nicht, sie bei einer somit einmal beschlossenen Trennung durch seine
praktischen Winke über die Comforts von London wieder wahrhaft zu bezaubern. Es
fehlte nichts, dass er ihr nicht auch die Adressen aufgezeichnet hätte, wo sie am
besten Cravatten und Zahnbürsten und Rasirmesser kaufen konnte. Sein
Portefeuille hatte er gezogen, ein Blatt darin ausgerissen und eine Menge Namen
aufgeschrieben, die der Gräfin bei der Ankunft von Wichtigkeit sein mussten,
sogar diejenigen Beamten auf dem Zollhause, die sich am leichtesten bestechen
liessen, trotzdem auf Bestechung bekanntlich die Deportation steht. In solchen
Dingen konnte Piter höchst charmant und bis zur Herzlichkeit naiv sein. Da
schöpfte er aus der Fülle seiner Erfahrungen. Die Gräfin, die zwar bei Lady
Elliot sowol auf dem Lande wie in der Stadt wohnen sollte, hörte beglückt zu,
wie das Hotel beschaffen war und wo es lag, in dem sie wohnen könnte, wenn sie
wollte oder wenn sie müsste - Piter's Au contraire war auf einige Zeit höchst
instructiv.
    Benno und Tiebold kamen etwas feierlich. Denn wenn sie den Abschied jetzt
auch nur von der Gräfin zu nehmen brauchten, so blieben sie doch selbst nicht
mehr zu lange in der Stadt, sondern reisten auf Witoborn zu, Benno in Nück's
Aufträgen, Tiebold, um die Wälder anzukaufen, die Terschka frischweg sämmtlich
wollte abschlagen lassen, um zu respectablen Summen Geldes zu kommen.
    Piter behielt merkwürdigerweise noch die Oberhand ... Die Gräfin zeichnete
den ihr Nützlichsten aus. Sie liess sich das weisse Blättchen voll Namen und
Adressen schreiben und nebenbei warf Piter auch Erläuterungen für die beiden
Freunde dazwischen, denen zufolge sie noch am Freitag, wenn sie bleiben würde,
der Baronin sich in seinen Salons empfehlen könnten ... Man war überrascht und
alles das gab ihm Suprematie.
    Der Bediente servirte den neuen Ankömmlingen gleichfalls den Tee. Diese
nahmen und Piter, der sonst unter seinen Freunden unter der Herrschaft des
ansteckenden Beispiels stand, bekämpfte sich dauernd, es heute durchaus nicht
zuzulassen. Während jene tranken, konnte Piter sprechen. Jene waren gedrückt,
bewegt, sie waren der Mutter eines Wesens nahe, das ihnen so teuer war und
ihren Herzen einen so edeln Wettstreit kostete. Die Schwärmerei, die sich in
Tiebold's zuweilen leuchtend von der Teetasse zur Nebentür aufblickenden
Augen äusserte, hinderte ihn zwar nicht, Pitern in seiner selbstgefälligen
londoner Topographie zuweilen zu unterbrechen und sich z.B. in Betreff guter
Handschuhe auch seinerseits auf den Standpunkt des Au contraire zu stellen, aber
Benno sah dem darüber sich entspinnenden Wortgefecht mit Schweigen und wie ein
Neuling zu. Erst da, als sich jene im Zank etwas mässigen mussten und sich in eine
halblaute Conversation verbissen, ging er, als der Festere und Höhergebildete,
auf ein Alleingespräch mit der Gräfin über, die von Nück, Terschka und ihrem
Sohne begann ...
    Benno's Äußeres hatte sich seit einiger Zeit verändert. Die Dressur zum
Waffendienste hatte ihn früher seiner eigenen Art zu sehr beraubt. Auch auf
seiner Wange stand jetzt ein schwarzgekräuselter Bart, der die Männlichkeit
seines Wesens hob und ihm einen ganz besondern Ernst gab ...
    Seit meiner Studentenzeit war ich nicht in meiner zweiten Heimat! sagte er.
Wenn es in der Tat zum Abschluss über die Dorste'schen Wälder durch meinen
Freund de Jonge kommen sollte, würden wir noch den Wildstand zu vermindern
haben. Herr von Terschka ladet uns wenigstens zu einer Jagd ein, die als ein
halber Vertilgungskrieg allerdings ihresgleichen suchen würde.
    Ich bitte Sie! schaltete Piter ein. Sehr wenig Wild dort! Die Rehböcke kann
man zählen!
    Schweigen Sie! flüsterte Tiebold und corrigirte auf dem Blättchen, das ihm
noch die Gräfin gelassen hatte, die Ortographie einiger englischer Namen ...
    Glauben Sie nicht, fuhr die Gräfin zu Benno fort, dass man beim Verkauf sich
der Möglichkeit begeben würde, Gelegenheiten zum Bergbau zu entdecken? Etwa
Kohlengruben?
    Die Gegend ist eine Hochfläche mit einem Muschelkalkrücken! sagte Benno.
Torf findet sich in den Absenkungen, manche Gasquelle in den Aufdachungen
Bergbau würde grosse Kapitalien erfordern ...
    Rentabilität wird bestritten! schaltete Piter ein ...
    St! war Tiebold's scharfes Wort, das in seiner Teetasse verhallte ...
    Graf Joseph hat viel für die Schulen getan, hör' ich, sagte die Gräfin.
Sind die Leute wenigstens in der Landwirtschaft aufgeklärt und eignen sie sich
die neuen Erfindungen an?
    Sehr schwer, Frau Gräfin! erwiderte Benno. Indessen ersetzen sie durch Eifer
und Gediegenheit in ihrer täglichen Arbeit, was ihnen an höherer Strebsamkeit
fehlt. In der nächsten Nähe von Witoborn freilich ist man durch die Unzahl von
Feiertagen bequem, durch die Reste der alten Priesterherrschaft etwas matt und
schlaff geworden, auch im Auffassen und Begreifen beschränkt -
    Erlauben Sie, brach Piter aus, ich habe da so durchtriebene und verschmitzte
Menschen gefunden, wie irgendwo!
    Wenn Sie doch nur -! unterbrach Tiebold fast ganz laut und bestimmt. Auch
hätte Piter beinahe alles vor der Gräfin jetzt von selbst verloren. Von diesem
antihierarchischen Geständnis Benno's war sie angezogen. Gern würde sie das
Gespräch fortgesetzt haben, wenn nicht aus Porzia's Zimmer Monika zurückgekehrt
wäre ... Monika hatte Porzia im Packen unterstützt, sich dabei gesammelt und
gestärkt.
    Wenn nun auch die jungen Männer die Bestätigung erhielten, dass Armgart's
Mutter noch zurückblieb, so mussten sie selber doch schon in den allernächsten
Tagen reisen und drückten darüber in herzlichen und von einem gewissen
geheimnisvollen Tone begleiteten Worten ihr Bedauern aus ...
    Piter machte eine pfiffige Miene. Durch Lucinden war er, wie er es nannte,
über »das Pech« unterrichtet, das Tiebold hatte, einem Mädchen zu huldigen, das
auch Benno liebte. Aber sich zu empfehlen, bezeigte er keine Lust. Er flüsterte
sogar Tiebold ohne alle Rancune zu, dass sie sich seines Wagens bedienen könnten
und es schön wäre, wenn sie den Abend noch in irgendeinem Lokal, z.B. auf dem
Hahnenkamp frisch angekommene Austern versuchten ...
    Tiebold hörte nichts ... Er war ohne Besinnung. Um Monika einen Stuhl zu
holen für den, den er selbst eingenommen hatte, weil er ihn am Tische leer
gefunden, flog er nur so ...
    Grüssen Sie Armgart! sprach Monika mit Festigkeit und schnitt damit alles ab,
was etwa durch Reden oder ausdrucksvolles Schweigen über ihre Beziehungen zu dem
Ziel der Reise der jungen Männer angedeutet werden konnte; sie ging sogleich auf
die für eine solche Reise ungünstige Jahreszeit über ...
    So werden Sie vielleicht Ihren Herrn Vetter, den Domherrn begleiten? fragte
die Gräfin, die gern auf die Verwahrlosung des Volks und Erdbodens durch
geistliche Herrschaft zurückgekommen wäre ...
    Ich glaube nicht, sagte Benno. Die Amtspflichten, die dem armen Neuling
aufgebürdet werden, sind so schwer, dass er vor Ende der Woche nicht frei wird.
Und ich höre auch, es ist besser, er kommt so spät wie möglich. Das ganze Stift
Heiligenkreuz, alle Damen der Umgegend, Comtesse Paula an der Spitze, sticken
einen in 24 Teile geteilten Riesenteppich, der an dem Tage, wo Bonaventura zum
ersten male in St.-Libori1 die Messe liest, am Hochaltar ausgebreitet liegen
soll. Seit dem Tage schon, wo seine Ernennung auch zum dortigen Archipresbyter
bestimmt war, arbeiten sie daran. Inzwischen ist der Kirchenstreit
dazwischengekommen und nun musste alles tätig sein, um für den gefangenen
Kirchenfürsten Weihnachtsgeschenke zu fertigen. In der Festung, wo er verweilt,
soll die Post zu Weihnachten ein ganzes Zimmer voll Packete gehabt haben, die
allein nur an ihn adressirt waren. Seitdem sind die 24 Damen zu dem Teppich
zurückgekehrt und arbeiten nun Tag und Nacht daran, dass sie von der Ankunft
meines Vetters nicht überrascht werden.
    Piter hatte glücklicherweise soviel Geistesgegenwart, sich zu besinnen, dass
die Gräfin an dieser Schilderung einigen Anstoss nehmen musste und beendete nicht
ganz ein fast heftiges: Erlauben Sie, das ist eine Verwechselung! In unserer
Stadt allein war auf der Post ein ganzes Zimmer voll2 - als ihn ein
niederschmetternder Blick Tiebold's bedeutete, die Gräfin reden zu lassen, die
Pitern erst schweigend ansah und dann mit einer ernsten Miene sprach:
    Mögen die Damen nur den klugen Jungfrauen gleichen, die ihre Lampen in gutem
Zustand hielten, als - der Bräutigam kam!
    Benno fühlte, dass es Zeit sein konnte, auf diese feierliche Äusserung
aufzubrechen und Tiebold wünschte dies um so mehr, als Piter die »horrible
Dreistigkeit« oder Bêtise besass, unbekümmert um ein biblisches Citat die etwas
schlecht brennende Lampe auf dem Tische zu fixiren ...
    Armgart's Mutter hielt sie noch fest oder setzte doch das Gespräch
unwillkürlich fort, indem sie den Amtseifer des jungen Domherrn rühmte und
diesen in Vergleichung brachte mit dem bequemern System des Dechanten, nach
dessen Befinden sie sich erkundigte ...
    Benno schilderte die mannichfache Aufregung, die es seiter für die Dechanei
gegeben hatte. Zwar waren bei Beda Hunnius sämmtliche Papiere mit Beschlag
belegt und von der Regierung teilweise der Oeffentlichkeit übergeben worden,
doch zwang der Gegendruck der Volksaufregung auch den Dechanten, diesmal seiner
Lässigkeit zu entsagen. Die Majorin Schulzendorf kam nicht mehr in die Dechanei.
Alles stand auf dem Kriegsfusse. Die dem Mörder der Schwester der Frau von Gülpen
abgenommenen Wertpapiere hatten ein ansehnliches Vermögen ergeben, das dem
Laienbruder Hubertus im Kloster Himmelpfort bestimmt war. Dieser, ohne alle
Verwandtschaft, hatte das Geld seinem Kloster zu überlassen ... Auch darüber gab
es vielerlei Aufregungen für den Frieden des Dechanten, den also nicht mehr
allein der nächtliche Ruhestörer Lolo um seine behaglichen Träume brachte ...
    Nun, unterbrach Monika die lebhafte Mitteilung, die Piter aus den
Abendcirkelgesprächen seiner Mutter ergänzen und zu Tiebold's erneutem Verdruss
berichtigen wollte; nun, so wird es die höchste Zeit sein, dass der alte liebe
Herr sich in Wien bei seinen Freunden und Freundinnen erholt! Wer ihn dort
beobachtete, musste immer beklagen, dass die Zeit der Abbés vorüber ist ...
    Da die Gräfin diese Erörterungen zu ignoriren schien und sogar, der
peinlichen Erwähnung des Mordes und der neulichen Hinrichtung ausweichend,
wieder die Rechnung des Wirtes zu betrachten angefangen hatte, war es in der
Ordnung, dass sich alles erhob und Abschied nahm.
    Monika reichte Benno und Tiebold die Hand ... Ein magisches Band ist es,
das eine Mutter mit dem Manne verbindet, der sein Herz ihrem Kinde weiht! Selbst
wird sie darüber noch einmal wieder jung, fühlt ihr Herz mächtiger schlagen und
teilt fast alle Empfindungen ihres Kindes. Oft sogar kann eine Mutter darunter
leiden, wenn ihr Kind dem Ideal von Gegenliebe nicht entspricht, das ihr selbst
davon noch im Herzen lebt. Sie weiss, was Liebe ist, was Liebe sein muss, sein
kann und ihr Kind lässt den Mann, der sie liebt, oft launisch, oft nur kalt
erwidernd, am Frauenherzen verzweifeln ...
    Beiden Bewerbern gab Monika ihre Hand und wünschte ihnen schmerzlich
lächelnd eine glückliche Reise! ...
    Blicken wir nur einen Moment noch den sich Empfehlenden nach, so sehen wir,
dass, unten angekommen, Tiebold Bennon schon deshalb in Piter's leidenschaftlich
offerirten Wagen zog, um ihn zum Zeugen zu machen des Ausbruchs seiner
verhaltenen Empfindungen über Piter's Benehmen. »Kattendyk! Wie Sie sich wieder
benommen haben!« Dies Tema wurde variirt in allen Tonarten und sogar ohne
Widerspruch; denn Piter rechnete auf vollkommenste Aussöhnung und
Uebereinstimmung vor dem Austernbret, auf das er seine Gefährten eingeladen und
dessen Annahme nur insofern noch eine Modification erlitt, als Tiebold seine
Entzückungen über die Nachsicht Monika's und der Gräfin, zu denen er vom
»Rüffeln« übergegangen war, zuletzt selbst unterbrach und die Austern auf der
Apostelstrasse für besser erklärte als die auf dem Hahnenkamp. In solchen Dingen
gab Piter seinen Freunden nach. So flogen nun alle drei auf die Apostelstrasse,
wo, von gleichem Instincte beseelt, auch bereits Joseph Moppes, Clemens Timpe,
Gebhard Schmitz, Weigenand Maus und Alois Effingh am runden Tische sassen und,
die Eintretenden erblickend, sie mit einem in der Tat von Herzen kommenden,
stürmischen: Hurrah! empfingen.
    Vortreffliche junge Männer das! sagte inzwischen wiederholt die Gräfin,
verlor sich jedoch immermehr in eine jetzt ungestörte Revision ihrer Reisekasse
und sprach ihr Bedauern über den Entschluss der Baronin, sie nicht einmal bis zum
Meeresufer zu begleiten, schon nur noch mechanisch aus ...
    Ist es nicht auch besser, liebe Gräfin, sagte Monika, dass ich die Wohnung so
lange behalte, bis ich an Terschka geschrieben habe, Ihre Rechnung durch das
Haus Fuld berichtigen zu lassen? Sie werden diese hohe Summe nicht erwartet
haben und sie nicht gut entbehren können. Reisen wir beide, so müsste sie bezahlt
werden; bleib' ich zurück, so hat es Zeit damit ...
    Diese Auskunft gefiel der Gräfin. Seit vielen Jahren war sie gewohnt, mit
dem »ungerechten Mammon« auf eine Weise »Freundschaft« zu schliessen, die durch
ihre Bibelauslegung erlaubt und durch ihre Lebenslage bedingt war ... Ihr seht
zu stolzen Palästen auf! Ihr beneidet das Loos der Glücklichen, die sie
bewohnen!
    Die Gräfin wollte zeitig zur Ruhe gehen ...
    Sie hatte noch etwas auf dem Herzen ...
    Anknüpfend an den Brief des »Onkel Levinus« begann sie, als gegen neun Uhr
die wie zur Schlacht lärmende Runde von zwanzig Trommlern in den Strassen vorüber
war:
    Sie wollen Terschka schreiben?
    Ja! erwiderte Monika unbefangen ...
    Nach einer kleinen Pause fuhr die Gräfin fort:
    Wie beklag' ich Sie, dass Sie nun wieder so allein stehen wollen - in dem
feindseligen Streite der Leidenschaften! Glauben Sie an eine Aussöhnung mit dem
Obersten?
    Es gibt Dinge, die kein Gatte vergibt! erwiderte Monika mit halblauter
Stimme und fast ahnend, worauf die Gräfin zielte ...
    Traurig aber, sagte diese, ewig noch einen Teil der Kette zu tragen, von
der man sich losriss! Gewiss denke ich mit dem Apostel: »Bist du an ein Weib
gebunden, so suche nicht los zu werden. Bist du aber los vom Weibe, so suche
kein Weib!« Ich deute das auch auf uns Frauen. Aber in dem Worte Gottes ist das
Eine unerlässliche Vorschrift und das Andere weiser Rat. Fast alles, was uns die
Apostel, ohnehin Sendboten des Herrn ohne Herd, ohne Familie, über die Ehe
raten, gehört den weisen Ratschlägen an. Auch standen damals die Frauen nicht
auf der Höhe, auf welche sie eben erst später der Sieg des Evangeliums stellte.
Sie waren den Sklavinnen näher, als der gleichberechtigten Bildung und Liebe. Da
sie nicht wider den Geist Gottes, sondern nur gegen die apostolische Weisheit
geht, ist die Ehescheidung auch keine Sünde. Der Apostel sagt es ja selbst:
»Solches sage ich euch aus Vergunst, nicht aus Gebot.« Es sind Vorschläge à
discrétion. Auch spricht Paulus über die Frauen leider wie aus eigener bitterer
Erfahrung und wie aus einem ganz weltlichen Geiste. Fest aber steht des
Allmächtigen Wort: »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.« Die Ehe ist
eine Heilsanstalt - Ihre Kirche, die sie zum Sakrament machte, übertrieb das
nur. Wie wenig Neigung Sie für die Irrtümer Ihres Glaubens haben, weiss ich ja!
Sie sollten sich Freiheit gewinnen und den Schwankungen eines so haltlosen
Lebens entfliehen - vielleicht - durch eine neue Wahl -
    Monika sass auf dem Sessel neben der Gräfin, die noch auf dem Sopha geblieben
war. Sie blickte nicht auf ... Vor dem Allerheiligsten erbebt die Seele und
verstummt der Mund ...
    Die Gräfin rückte Monika näher und ergriff die kalt gewordene Hand der
vielgeprüften Frau ...
    Ihr Kind hat gegen Sie Partei ergriffen! sprach sie mit weicherer Stimme,
als man sonst an ihr gewohnt war. Die Verwandte beteuern zwar freundliche
Gesinnungen, aber das sind leere Worte. Das Gesetz spricht Ihre Tochter dem
Vater zu. Sie haben Herrn von Hülleshoven, wie Sie immer sagten, blindlings
genommen, nur um einer andern Verbindung zu entgehen, und Sie konnten sich nicht
an ihn gewöhnen. Ihr Herz trug ein Ideal, dem er nicht entsprach. So hätten Sie
ja im Grunde nie geliebt. Jetzt, gestehen Sie, Monika - Terschka ist Ihnen nicht
gleichgültig?
    Monika erhob sich. Es lag keine Bestätigung dieser Vermutung in ihrer
Bewegung. Sie musste sich nur erheben, um gleichsam die schwere Last abzuwälzen,
die sich mit diesen Worten auf ihre Brust warf ...
    Sie wissen, auch Terschka, fuhr die Gräfin fort, auch Terschka würde keinen
Anstand nehmen, Ihrem Beispiel zu folgen. Einer alten Familie der Hussiten
gehört er ohnehin an. Haben auch viele anfangs geglaubt, er würde meinen Sohn im
Glauben seiner Väter wankend machen und hörte ich Warnungen über Warnungen über
diesen so engen Umgang, so hat sich doch keine der Befürchtungen bestätigt.
Terschka unterhält die loseste Verbindung mit seiner Kirche. Bliebe er der
Verwalter unserer neuen Besitztümer, wer sollte ihn hindern, seiner Liebe ein
Opfer zu bringen? Denn dass Sie, Monika, sein ganzes Leben erfüllen und von ihm -
ich brauche das sündhafte Wort - angebetet werden, wissen Sie!
    Nein, nein! erwiderte Monika mit erstickter Stimme, ging auf und nieder und
hielt sich, da sie nicht weiter konnte, am Fenster, wo sie in die Nacht starrte
...
    Unerschrocken aber fuhr die Gräfin fort:
    Leugnen Sie nicht, meine junge Freundin, dass es Sie mit mächtigem Reiz
erfüllt, zu sehen, wie ein noch junger, geistvoller, liebenswürdiger Mann Ihnen
huldigt und nur für Sie zu leben scheint! Anfangs glaubt' ich, als Sie in unsere
Kreise traten und so schnell uns alle gewannen, dass auch mein Sohn vor
Bewunderung vor Ihnen - o! diese unselige Leidenschaft, die ihn fesselt! - -
    Mit einem Schmerzensausdruck, den Monika für diese Gedankenreihe an der
Gräfin noch nie vernommen hatte, unterbrach sie sich selbst, hielt inne und
stand jetzt selber auf, weil auch in ihren Adern das Blut mächtiger zu kreisen
begann ...
    Monika, selbst des Beistandes bedürftig, wandte sich vom Fenster ab und trat
der hohen Gestalt entgegen, deren Hände in der ihrigen zitterten ...
    Dann aber fuhr die Gräfin gesammelter fort:
    Es ist gut, mein Kind! Ich habe mich an diese Schickung Gottes gewöhnt!
Angiolina bewahrte meinen Sohn vielleicht vor Schlimmerem; denn wie Terschka und
er begannen - das sind Erinnerungen! Aber ein milderer Geist kam über beide, und
das hab' ich immer für unsern Beruf gehalten, den zu fördern und zu mehren,
selbst mit eigener Aufopferung! Ich weiss nicht, ob Salomo mit dem Worte: »Ein
holdseliges Weib erhält die Ehre«, auch die Ehre des Mannes meinte; aber meine
Erfahrung - und sie ist alt - lehrte mich, dass ein Weib das ganze irdische und
ewige Glück eines Mannes in Händen haben kann. Seit Hugo und Terschka Sie
kennen, Monika, hat selbst mein Wort einen ganz andern Klang für sie gewonnen!
Noch kürzlich schrieb mir Hugo: Mutter, wenn ich doch auch Terschka ganz, ganz
glücklich haben könnte! ... Ich weiss es, dass es für ihn kein anderes Glück auf
Erden geben könnte, als Sie sein zu nennen, Monika!
    Die gefolterte junge Frau warf sich, heftig den Kopf schüttelnd, mit
weinenden Augen an die Brust der heute so milden Greisin ...
    Wir nehmen Abschied, schloss die Gräfin; bleiben Sie in dieser Stadt, bis ich
zurückkehre! Wählen Sie eine kleinere Wohnung! Terschka wird oft herüberkommen
müssen! Geben Sie dem Schmerz des vielgeprüften Mannes Gehör! Wie hat auch ihn
das Leben hin- und hergeworfen, bis er bei einem Wesen angekommen ist, das ihm
mit Recht ein köstlicher Schatz erscheint. Sie wissen, wie ich Sie liebe! Ja,
Monika, entziehen Sie sich dem Gefühl nicht, das Sie haben dürfen, in manchen
Dingen mit sich zufrieden zu sein. Noch fehlt die letzte Hand, die an Ihre Seele
gelegt werden muss, die Hand eines Gärtners und Winzers in Ihrem Innern, der
Ihnen spricht: Der Herr ist der Weinstock, wir sind die Reben! Das wird kommen.
Geniessen Sie das Glück, so von Menschen geliebt zu werden! Ach, es geht uns
einst ein Tag auf, Liebe, wo man jede Freude beweint, die man sich entgehen
liess, wo man jedes Herz zurückhaben möchte, das man von sich stiess ... glauben
Sie mir, Monika, auch an mir ziehen oft noch Schatten vorüber, die mich weinend
ansehen und sagen: Wir hätten uns doch auch finden können, warum suchten wir uns
denn nicht!
    Monika umschlang stürmisch, wie ein junges Mädchen, die Greisin, in deren
Augen sie zum ersten male seit dem Jahre, dass sie sie kannte, eine Träne
glänzen sah. Sie bedeckte die magere Wange, die dürre Hand der Greisin mit
Küssen. Sie schluchzte selbst, als müsste sie all die Tränen mitweinen, deren
vollen Strom sich die Matrone, trotz ihrer Erregung, versagte.
    Sanft entwand sich die Gräfin den Umarmungen Monika's, küsste die Stirn der
jungen Frau, strich leise die grauen Locken aus dem jugendlich schönen, durch
die höchste Anspannung und Erregung wie mädchenhaft strahlenden Antlitz und ging
zur Ruhe.
    Auf ihr Klingeln kam Porzia, die noch lange bei ihr blieb und sich mit ihr
über den Oheim verständigte.
    Monika schlief in einem andern Cabinet ...
    Wie aufgeregt sie durch diese Scene war, bewies sie am folgenden Morgen. Die
Gräfin kam auf das Besprochene nicht wieder zurück; sie reiste gegen elf Uhr ab
... Im Wagen fand sie Blumensträusse von kostbaren Treibhauspflanzen, die ihr
Benno und Tiebold hatten hineinlegen lassen.
    Monika, nun allein in der grossen Wohnung, die sie nur so lange behielt, bis
von Terschka Geldanweisungen gekommen waren, irrte - wie am einsamen, ihr so
unheimlichen Meere ...
    Sie wollte an Terschka schreiben ... Sie konnte es nicht so harmlos, als sie
wollte ... Eine Aenderung der Confession ... Scheidung ... Eine neue Heirat ...
mit Terschka?! Das waren Gedankenreihen, die wie eine wilde Musik auf sie
einstürmten im nächtlichen Fackelschein, wie ein Chor im Zuge der Korybanten,
wie ein Fest unter dem Schwingen des Tyrsusstabes ...
    In dieser Angst des Herzens trat ihr durch die Blumensträusse der jungen
Bewerber um Armgart die Erinnerung an Bonaventura entgegen ... Sie wusste selbst
nicht, was sie zog, den Pelz überzuwerfen, sich zu verhüllen gegen die schärfer
gewordene Winterluft, die am Morgen sich durch Reif angekündigt hatte, der an
allen Häusern, Brücken und Bäumen sichtbare Zeichen zurückgelassen, geradezu in
die Katedrale zu gehen dem tiefdunkeln Winkel zu, wo seit vier Monden die
Menschen geschart sassen, um zu einem alten Beichtstuhl zu gelangen, in dem im
weissen Kleide, das Beichttuch über sein bleiches Antlitz gezogen, Bonaventura
von Asselyn die Beichte hörte ...
    Seit einem Jahre hatte Monika nicht gebeichtet und noch wusste sie kaum, was
sie dem Ohr des Priesters vertrauen sollte ...
    Ostermorgenglocken waren es nicht, nicht der heilige, von den Rundbögen
einer unsichtbaren Kirche widerhallende Gesang: Christ' ist erstanden! der wie
im »Faust« die Seele des Zweiflers, so auch sie zum Glauben der holden
Kinderjahre zurückzog ... Nicht in Wehmut und Zerknirschung, nicht in Auflösung
ihres Willens, nicht in wiedererwachter Liebe und Hingebung für das Bekenntnis
ihrer Jugend betrat sie die Katedrale ... Es lebte schon lange eine feste,
ernste Stimmung in ihrem Herzen. Sie ging wie zu einer letzten Prüfung.
 
                                    Fussnoten
1 Im dritten Buche wurde durch ein Versehen »Ludgeri« gedruckt.
2 Factischer wäre allerdings seine Bemerkung gewesen.
 
                                       4.
In der grossen Katedrale liegen in den einzelnen Seitenschiffen mehr als zwanzig
Altäre zerstreut.
    In ihrer Nähe befindet sich mit ihren doppelten Eingängen und vergitterten
Zwischenwänden eine Anzahl Beichtstühle.
    Einige Schritte von ihnen entfernt stehen Bänke, auf welchen sich die
Beichtbedürftigen, ehe an jeden die Reihe kommt, dem Gebete widmen können. Diese
Sitze sind entfernt genug, um weder die Rede des Bussfertigen noch den Spruch des
Priesters hören zu lassen, der oft statt der Absolution nur einen allgemeinen
Segen erteilt. Niemals darf es ersichtlich werden, ob Jemand den Beichtstuhl im
Stande der Ungnade verlässt.
    In einem Gang, der sich von der Sakristei hinter dem Aufgang zur Kanzel, die
das kleinere Vorderschiff beherrscht, zum Hochaltare hinzieht und in einem
einzigen grossen, drei Altäre erleuchtenden bunten Fenster endet, liegen einige
Beichtstühle allein und tief im Dunkeln.
    Es ist die einsamste und dem Andrang der Gläubigen gewaltigen, in manchen
Tagen einem Marktplatz gleichkommenden Baues.
    Um den Schritt der Vorübergehenden zu dämpfen, liegen auf dem Fussboden
Strohmatten ausgebreitet. Uralte Grabdenkmäler bedecken die eine von der
Sakristei ausgehende Wand, hohe Bischofgestalten mit Krummstab und Mitra; ihre
Namen sind nur an sonnenhellen Tagen zu lesen, wie an jenem, wo an ihnen Pater
Sebastus sich zu gewöhnen suchte, wie er, ein Meister des Worts, von einem
grösseren Meister, der nun auch wieder den seinigen gefunden, für einige Tage auf
ein einfaches Ja und Nein gesetzt werden konnte.
    Nur der letzte dieser Beichtstühle, dem Hochaltare zu, ist allein von dem
bunten Lichte des Fensters ein wenig erhellt, dem er zunächstliegt. Die beiden
andern liegen so im Dunkeln, dass sowol die Seele, die hier sich aussprechen
will, sich von aller Freude und allem Leid der Welt geschieden glauben kann, wie
der hörende Priester von der ganzen Heiligkeit seines Berufs sich durchdrungen
fühlen muss, soll ihn nicht, wie wohl auch geschieht, gerade die Abgeschiedenheit
dieser stillen Zwiesprache auf weltliche Gedanken führen ...
    Seit vier Monaten war es in diesem dunkeln Gange seltsam lebendig geworden.
Die Bänke, die dem Beichtstuhl gegenüberlagen, wurden am Dienstag und Donnerstag
Morgens und Sonnabends Nachmittags und in der allerersten Sonntagsfrühe von
Beichtbedürftigen nicht leer. Soviel Stunden hatte man ausdrücklich von der
Kanzel und durch Anschlag an die Kirchentüren be- oder nur Neugierigen gerade
entgegengesetzte Gegend des willigen müssen, um den Zudrang nur einigermassen zu
befriedigen ...
    Dieser galt nur dem ersten der der Sakristei nahe gelegenen Stühle ...
    Auf dem alterbraunen Holze sass seit vier Monden der neue junge Domherr, dem
sogleich Ende September einige Messen und Predigten die Herzen der ganzen Stadt
gewonnen hatten. Die hohe Würde seiner Erscheinung, die Milde seiner
niedergeschlagenen Augen, ihr Glanz, wenn er die langen schwarzen Wimpern erhob,
die feierliche und wieder so natürliche Art seines Benehmens, der Wohlklang
seiner Stimme, alles das hatte ihm sogleich den Anteil derer gesichert, die
zunächst nur auf Aeusserliches sehen, vorzugsweise derjenigen Frauen, die auch in
ihrem kirchlichen Leben gewohnt sind, immer nach »dem Rechten« zu suchen. Und zu
denen dann, die nur vom Aeusserlichen sich angezogen und, wie es in solchen
Fällen zu gehen pflegt, sich fast magnetisch berührt fühlten, gesellten sich
andere, die auch den Kern dieser lockenden Schale erquickend fanden. Sie mehrten
sich von Tag zu Tage. Der junge vom Lande berufene und so schnell beförderte
Priester fesselte durch den Geist seiner Vorträge ebenso wie durch den Schwung
des Vortrags. Redete er, so waren das für Predigten bestimmte Vorderschiff und
der Chor überfüllt. Verteilte er den Leib des Herrn, so drängten sich die
danach Begehrenden. Und bald auch, da ihm Beichtabnahme erlaubt wurde, war sein
Ohr belagert von denen, die das Bedürfnis der Busse und Sühne hatten. Die beiden
andern Stühle waren nur in den Sonnabendnachmittagstunden mässig besetzt ...
    So hochheilig das Sakrament der Busse gehalten wird, hängt es doch mehr als
irgendeine andere Institution der Kirche von der Persönlichkeit des Priesters
ab. Diese Kirche, die aus dem Gottesdienst alle Zufälligkeiten der
Individualität entfernt wissen will, die ihre Erhabenheit auch darin findet, dass
am Indischen Meerbusen und am Fusse der Cordilleren das Heiligste ebenso
celebrirt wird, wie in einem Alpental der Schweiz oder in der Grabkapelle zu
Jerusalem, muss im Beichtstuhl die Abhängigkeit ihrer Würde von den zufälligen
Persönlichkeiten ihrer Priester ertragen. Sie kann schon die Aufforderungen, den
Beichtstuhl häufig zu besuchen, nur zu Mahnungen, nicht zu absoluten Befehlen
machen.
    Zum Stolz der Gläubigen auf den neuen jungen Domherrn kam anfangs das
Lächeln der Zweifelnden. Die Männer, ohnehin der Beichte abhold, da sie den
Frauen eine das Glück der Ehe nicht eben mehrende Selbständigkeit gibt und in
das innigste Selbander zweier Menschen einen oft rätselhaft spukenden Dritten
eintreten lässt, hatten den Reiz zunächst nur in der Persönlichkeit des neuen
Domherrn gefunden; aber auch sie kamen. Sie kamen, um scheinbar zu bekennen;
doch erging es ihnen wie denen, die einst zu Johannes in die Wüste kamen. Sie
hatten einen Sonderling erwartet, der Heuschrecken ass und in härenen Kleidern
ging, und sie fanden Johannes, den edelsten der Bekenner, Johannes, der, selbst
gross, selbst sich Gott verwandt fühlend, doch auf einen Freund, auf einen
Jugendgenossen hinzeigen und sagen konnte: Der ist grösser als du! ... In der
Geschichte des Geistes eines ihrer seltensten Kapitel.
    Gleich bei seinem Antritt hatte Bonaventura, der die in ihm entstandene
gebrochene Stimmung seines Innern zu einer Aenderung seines Berufes nicht mehr
ausbilden konnte, vom Kirchenfürsten aufbekommen, in seiner Antrittsrede den
Text zu behandeln: Petrus, der im Oelgarten, als Judas mit den Herrschern der
weltlichen Gewalt kam, dem Herrn sagte: Siehe, Herr, hier sind zwei Schwerter!
... Im Sinne Roms ist das eine dieser Schwerter, das dem Knecht des Malchus ein
Ohr abhieb, die seit zwei Jahrtausenden angestrebte auch weltliche Gewalt der
Kirche und das andere die unblutige nur kirchliche. Dies Tema war wie eine
Versuchung. Viele weltliche Behörden wohnten der ersten Einführung des neuen
Domherrn bei. Michahelles hatte darauf gerechnet, dass sich Bonaventura sogleich
dem Geiste der beiden Schwerter Petri anschliessen und für sich ein öffentliches
Zeugnis ausstellen würde. Doch lobte später der Kirchenfürst selbst den jungen
Priester um die geistliche Klugheit, dass er die verlockende Aufforderung, gegen
die nachgeborenen, mit Titeln und Orden geschmückten Genossen des Judas
Ischariot zu reden, nicht in zu auffallender Form ergriff, sondern einen
Mittelweg einschlug, der allerdings in der Teorie mehr sagen konnte, als der
gegebene Text des Lucas sagen sollte, nur in der Praxis weniger. Der
Antrittsredner hatte zu den zwei Schwertern des Petrus noch zehn andere
hinzugefügt, von denen der Evangelist Marcus erzählt. Der Heiland hätte, sagt
Marcus, die Jünger erst aufgefordert, dass »jeder von ihnen sich ein Schwert«
zulege und es zum Kampfe kommen lasse; dann aber hätte sich der Herr in seiner
Liebe auf ein milderes besonnen und gesagt: »Stecke dein Schwert an seinen Ort;
denn wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen! Oder meinst du, dass
ich nicht könnte meinen Vater bitten, dass er mir zuschickte mehr denn zwölf
Legionen Engel?« Und über diese »zwölf Legionen Engel«, diesen ewigen Entsatz
der bedrängten Kirche, nicht über die zwei oder zwölf unbedeutenden Schwerter,
predigte Bonaventura. Mit einer Begeisterung, die ihn in solchen Augenblicken
die nagenden Zweifel ganz vergessen liess, schilderte er diesen ewigen Beistand,
den in der Weltgeschichte seit dem Sündenfall und dem Verlust des Paradieses das
Gute zuletzt doch immer wieder am Guten gefunden hätte. Diese zwölf Legionen
Engel, die ewigen Wahrheiten der Weltregierung, die immer wieder die Herrschaft
der Bösen gestürzt hätten, waren ihm jene Tatsachen, die mit Schwertern, öfter
mit Palmen und klingendem Saitenspiel über die wildesten Schlachtfelder
hinwegrauschten, in Hütten wohnten den Palästen gegenüber, ja in der eigenen
Brust der Tyrannen und Bedränger der Menschheit, wo sie nicht selten die Gestalt
der Träume angenommen hätten ... Wie die Tyrannen dann gezwungen gewesen wären,
schilderte er, einen Joseph zu rufen, der die Träume zum Wohl der Menschheit
hätte deuten dürfen, oder einen David, der sie hätte beruhigen müssen durch die
Zauber der Kunst ... Diese zwölf Legionen Engel schilderte Bonaventura als den
Trost und die Zuversicht in jeder Bedrängnis der Menschheit. Alle sahen sie, wie
er mit hoch emporgehaltenen Händen die Leiden der Erde schilderte, sahen diese
mit Schwertern bewaffneten Engel, hörten sie wie mit Posaunen in den Kampf
rufen, fühlten ihr Schmettern und ihr Schwertschlagen und das Dröhnen ihrer
Schilde in den Lüften. Dann aber rief begeistert der Redner die Phantasie von
ihrem Fluge zur Erde zurück, legte die Hand auf die Brust und sprach: Wo anders
läge das Schlachtfeld dieses grossen Kampfes des Guten gegen das Böse, das
Schlachtfeld, das die eigentliche Entscheidung der Dinge dieser Welt gibt, als
in dem Herzen und dem Gewissen und der Furcht Gottes eines »Jeglichen unter
uns«!
    Was sodann der Kirchenfürst, ganz nach Sebastus' Prophezeiung, zunächst
gehofft zu haben schien, als er von einer kleinen Dorfpfarre diesen Priester in
die grossen Hallen seiner Katedrale rief, war schon in kurzer Zeit eingetroffen.
Vorzugsweise war es die Belebung des Beichtstuhls gewesen, auf die man gerechnet
hatte. Diesen, wie alle Institutionen der Kirche, selbst die veraltetsten, in
grössere Aufnahme zu bringen, wurde immer mehr zur Taktik des grossen Feldzugs,
dem hier und dort auch andere Kirchenfürsten die Oriflammen vorantrugen. Durch
den Beichtstuhl war die mehrfach angedeutete Philosophie getödtet worden. Der
Beichtstuhl teilt die von Rom empfangene Parole aus. Der Beichtstuhl ist das
Mittel, die Fürsten wieder in die Büsserhemden von Canossa zu jagen. Der
Beichtstuhl regelt, erzieht und straft die Leidenschaften und keine mehr als die
Liebe und den Hass. Der Beichtstuhl gibt Ratschläge und für nichts mehr, als für
die Verwickelungen und das Nebeneinander der Menschen und für kein Nebeneinander
mehr, als für das in der Ehe ... »Aber auch die grösste Kraft der Opposition
gegen den Beichtstuhl«, rief einst Benno, der in Beichtstühlen das Rätsel
seines Lebens begraben glaubte, »liegt ebenfalls in dem, was unserm Jahrhundert
das Heiligste geworden ist, in der Ehe und in der Familie. Wie mancher Vater
hält seine Tochter von der Beichte zurück, weil sie dort - wie oft! - nach
Sünden gefragt wird, von denen die Unschuld ihres Herzens und ihrer Phantasie
keine Ahnung hat. Der Gatte sieht sein Weib mit Schmerz zur Beichte gehen; denn
er kann die Vorstellung nicht verbannen, sie vollzöge einen Act der Untreue, die
es zwischen Liebenden auch in geistigen Dingen geben kann -«
    Bonaventura aber sass an dem grossen Ohre des Dionysius und hörte die
Bekenntnisse der Menschen noch in dem Glauben, dass er Gutes verrichtete, Wahres
und Erlaubtes. Fiel ihm auch immer und immer die lateinische Zuschrift aus
Italien ein: Quando quis tibi occurrit - er schrieb das, was zwischen dem
Kirchenfürsten und dem Mönche vor sich gegangen, auf Rechnung - nur des
römischen Wesens. Der Grund des Katolischen selbst schien ihm unerschütterlich.
Bonaventura glaubte an die höchste Bedeutung der Beichte ...
    Doch schon - die erste Erfahrung! ... Es hatte sich verzögert, dass mit
seiner Amtseinführung auch zugleich Tag, Stunde, Ort seiner Beichtabnahme
verkündigt wurde ... Im Anfang des October erst war diese Angabe gekommen und
nicht allgemein sogleich war sie selbst nach dem Anschlag bekannt geworden. So
sass er eines Morgens früh sieben Uhr schon in seinem Stuhl zur ersten Anhörung
und war noch allein ... Den Tag vorher hatte er der Einweihung der Kirche in
Drusenheim beigewohnt. Das schöne Fest stand noch vor seiner Phantasie fast wie
ein materiell ihr eingeprägtes Bild. Erregten Naturen ist nach einer grossen
Anstrengung ein Auge gegeben, wo, wie auf der feinen Silberplatte des
Lichtbildes, gegen unsern Willen ein Eindruck ebenso sinnlich haften bleiben
kann, wie oft auch das Ohr von einer Melodie nicht verlassen wird, ohne dass wir
im Willen haben, sie zu singen ... Ein Beweis für die Unsterblichkeit der Seele
das! sagte sich Bonaventura. Ein Bild, eine Melodie bleibt gegen unsern Willen
im Auge oder Ohre haften! Warum hör' ich nur immer noch den Gesang des Veni
creator spiritus? Warum seh' ich nur noch immer das feierliche Wandeln der
Procession um die neu zu weihende Kirche? Nichts ruf' ich davon; alles kommt von
selbst! Die Seele hat ihr Eigenleben und ist von unserm Willen und Bewusstsein
getrennt! Sie ist unsterblich!
    So sass er sinnend, träumend und sah auch seinen Abschied von St.-Wolfgang
... Die Abwickelung der pfarramtlichen Geschäfte war bald vorüber gewesen, der
kleine Hausrat bald verpackt; selbst den wichtigsten Bestandteil desselben,
die Bücher, übernahm Renate nach dem Orte der neuen Bestimmung, in das grosse
»kaltgründige« Kapitelhaus zu überführen. Alle Welt sah Bonaventura mit
Betrübnis scheiden. War er auch einer von denen, die dem Volke immer, auch bei
Gruss und Handschlag, »hochdeutsch« erscheinen werden, so blieben ihm doch Liebe
und Anerkennung nicht aus. Die Männer gaben ihm, als er zunächst nach Kocher am
Fall zum Trösten des dortigen grossen Leides abreiste, das Abschiedsgeleite und
schieden zuerst; eine Viertelmeile weiter folgten noch die Frauen; dann eine
fernere Viertelmeile die jungen Bursche und die Mädchen, die ihr Abschiedsgefühl
mit Blumenspenden ausdrückten; am weitesten folgten die Kinder, die ein Fähnlein
trugen. Diesen schenkte er, beschienen vom Abendrot, abgestiegen von seinem
Wägelchen, seinen letzten Vorrat von Heiligenbildern und entliess die kleine
Ehrengarde, die ihm so ausdauernd gefolgt war und in der Glückseligkeit über die
Bilder fast das Gebot der Mütter, ihm die Hände zu küssen, vergass, mit seinem
Segen fürs ganze Leben und auf Nimmerwiedersehen ... Einen Teil seines eigenen
Lebens lässt ein Hirt so zurück, wenn er von seiner Heerde scheidet ... Dann fand
er die Aufregungen in Kocher! Die Ermordung der Schwester der Frau von Gülpen!
Den Onkel noch in besonderer Verzweiflung über die schnelle Erfüllung seiner
Besorgnisse wegen so enger Kettung des Neffen an die Römlinge! Da Bonaventura
schon nicht mehr widersprach, traten um so schärfer die Worte des Dechanten
hervor: Wir werden noch zu Derwischen werden! Lies die Sprache unserer
Kirchenzeitungen! Vergleiche die Ausdrücke, die im Streite Menschen gebrauchen,
die sonst nur um die Passionsblumenkrone der heiligen Muse ringen! ... Beda
Hunnius war gemeint. Dieser hatte Bonaventura's Besuch empfangen, verzehrt vom
Neide auf die Ehren, die an ihm vorübergingen. Die von Schnuphase ihm in
Aussicht gestellte Ernennung zum Ehren-Kanonikus war nicht eingetroffen. Wie
hielt er dem Collegen die Teuerung der grossen Stadt entgegen, die Mühen eines
solchen Amtes, die Abhängigkeit von den Vorgesetzten, denen man zu nahe gerückt
wäre! Hunnius gab sich die Miene, als wäre der junge Domherr nur zu bemitleiden
... Und in der Dechanei selbst war noch keine neue »Nichte« angekommen und der
Dechant verdriesslich über alles, über Gott und die Welt. Als Bonaventura von dem
Obersten zurückkam, grämelte er gegen jeden. Ich muss auch den Obersten und
Hedemann, sagte er, ernstlich auffordern, die Messe zu besuchen und die Beichte!
Warum kommen sie nicht wenigstens zu mir! Wahrhaftig! Ich mache es doch so
leicht! ... Glücklicherweise, setzte er hinzu, rüsten sich beide, unsere Gegend
zu verlassen ... In der Erörterung auch über Armgart, ihre Flucht, über das
Schicksal der armen Angelika, die nun irgendwo eine neue Stellung finden musste,
über den Prozess des Hammaker, dessen vorauszusehende Hinrichtung - brach der
Dechant, als Windhack gerade einige neue Kupferstiche brachte, Ausgrabungen in
Ninive darstellend, in die Worte aus: O ich hätte lieber vor zweitausend Jahren
leben mögen! Himmel, aber auch damals regierten schon die Römer! Nun, dann wär'
ich ein Priester des Osiris gewesen, Windhack ein Sternseher auf den Pyramiden
und unsere gute Frau von Gülpen da die schöne Kleopatra! Nicht wahr, dann hätten
wir alle drei die ganze römische Welt schon damals so ruinirt, dass sie nie
wieder hätte auferstehen können! Wenn dereinst und nur zu bald alles aus sein
wird, alles, alles - wie gerne kröch' ich da in den ungeheuern Cheops oder in
eine von den grossen Sphinxen und erwartete das Jüngste Gericht als Mumie! Und
Windhack und die Tante legten sich auch als - Mumien neben mich! Bitte, warum
denn nicht? Hunnius müsste zu unserer Einbalsamirung das Räucherwerk liefern;
alle Spezereien, alle Myrrhen, Aloes, alles, was in seiner Dichterapoteke an
wohlriechenden Kräutern geführt wird! Das gäbe eine Genugtuung, wenn am
Jüngsten Tage alles verfallen und Staub geworden ist und wir drei nur kröchen
aus unsern Cocons heraus, lachend wie die Kobolde, rot und frisch geschminkt,
so wohlbehalten, ja hungerig, als wären wir gestern erst bei Major Schulzendorf
zu Tee und Abendbrot gewesen!
    Alle diese Bilder zogen an Bonaventura vorüber, blitzschnell, auch Lucinde
und Sebastus mischten sich beängstigend ein - sogar ein Schnuphase - der
menschliche Geist ist ein Vorratshaus, zu dem der Wille nicht den Schlüssel
führt - und doch sollte des Priesters innere Betrachtung und Sammlung der
Beichte selbst gelten. Seine Furcht war: Wirst du auch durch die einfachen
Lebensvorgänge des Landvolks die Uebung gewonnen haben, dich in die Bekenntnisse
dieser Grossstädter zu versetzen? Seine Hoffnung war: Vielleicht nehmen die
Städter kaum so vielen Anstoss an den harmlosesten Dingen wie die Landbewohner!
... Bonaventura war vielleicht in St.-Wolfgang mehr schon der Vertraute der
Neidischen und Misgünstigen gewesen, als diese Untugenden in den Städten
eingestanden werden. Schon trug er so schwer, tiefschwer an der Last der Sünden,
ja Verbrechen, die in das Beichtohr der katolischen Kirche geraunt werden und
oft nie vor die Richterstühle der Erde gelangen. Selbst auf das Wunderlichste
war er vorbereitet. Auf dem Lande war ihm schon vorgekommen, dass ihm im
Beichtstuhl eingestanden wurde, man hätte von der in der Communion dargereichten
Oblate nur die Hälfte im Augenblick der heiligen Handlung verzehrt und sich den
Rest aufbewahrt für eine passende Gelegenheit, um ohne den Priester den Leib des
Herrn noch einmal zur Stärkung zu geniessen. Man hatte reuevoll gefragt, was von
dieser Sünde zu halten sei? Die Weisheit der römischen und spanischen
Gewissensräte antwortete statt seiner: Hatte die Frau, die der Fall traf, in
Verehrung vor dem Leib des Herrn so betrügerisch gehandelt, so wird sie
losgesprochen; wusste sie aber und kannte die Verbrechen, die sie alle beging
(das eigene Ergreifen der heiligen Gestalt mit ungeweihter Hand, das Tragen
derselben in ungeweihten Kleidern, den Gottesraub, dass sie sich selbst zum
Priester wurde beim Empfangen der allerdings völlig ausreichenden zweiten
Hälfte, endlich dass sie sich das Allerheiligste reichte im Stande der Todsünde),
so hatte sie vier schwere Sünden begangen, für welche ihr erst nach langer Busse
die Verzeihung des Himmels vom Priester verbürgt werden konnte ... In solchen
Gewissensconflicten übt sich selbst die Seelsorge eines Landpfarrers ... Und so
konnte sich der junge Domherr vertrauensvoll das Haupt in die Zipfel seiner
Stola hüllen, gefasst das Schiebfensterchen rechts oder links aufziehen und auf
das Beichttuch gebückt hören, welche Vergehungen ihm eingestanden wurden. Sein
Herz schlug höher, als er eben die Hand ausstreckte, um den ersten
Beichtbedürftigen zu vernehmen, den er auf dem Holze zu seiner linken
niederknieen hörte ... O, sagte er sich, wie viele Vergehen hast du doch schon
im Keime erstickt! Wie viele Ratschläge gegeben, Ratschläge, den bessern Teil
und den Frieden zu wählen, wenn auch zu einstweiliger eigener Verkürzung! Wie
manches Entwendete war still wieder auf den Platz zurückgelegt worden, von wo es
genommen! Wie mancher Arme hat durch dich eine Spende empfangen, er wusste nicht
wie und warum und von wem! ... Dem poetischen Wesen Bonaventura's entsprachen
Bussformen, wie: Gehen Sie und geben Sie dem ersten Armen, der Ihnen begegnet und
dem Sie, auch ohne dass er Sie anspricht, seine Bedürftigkeit ansehen, nach dem
Masse Ihrer Kräfte, ohne dass es jemand sieht! Gehen Sie in eine Armenschule und
steuern Sie für das jüngste der Kinder, die nur in Holzschuhen oder barfuss
gehen, eine Gabe! Knieen Sie in der nächsten Messe neben demjenigen in der
Gemeinde, der Ihnen nach einem kurzen und nicht auffallenden Umblick in der
Kirche durch den Zustand seiner Kleider als der Aermste erscheint! .. Selbst an
Treudchen Lei konnte sein liebevoller Sinn denken und an die Geschwister
derselben, für die er im Waisenhause auf diese Art sorgen wollte ... auch an die
Kerze, die er einst Lucinden befohlen anzuzünden und niederbrennen zu lassen
während des innern Gebetes ...
    Da öffnet er denn und sieht nicht einen schwarzen Sammetut, sieht nicht ein
sich leicht erhebendes, schleierverhülltes weibliches Angesicht ... sein Ohr
will nur hören ...
    Die Formel der Anrede ist die nämliche am Fuss der Cordilleren und im
Indischen Archipelagus: »Ich arme Sünderin bekenne vor Gott, dem allmächtigen
Schöpfer Himmels und der Erden, Jesu Christo meinem Erlöser, der heiligen
Jungfrau und allen lieben Engeln und Heiligen und Ihnen, Priester an Gottes
Statt, was ich seit meiner letzten Beichte gesündiget habe!«
    Die Knieende spricht aber diese Formel nicht ...
    Eine Ahnung ergreift Bonaventura ... Kaum kann er das Wort der Ermutigung
finden, das ihm sonst so geläufig ist:
    »Unser Herr Jesus Christus sei in deinem Herzen und auf deinen Lippen, damit
du alle deine Sünden recht beichtest. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des
Heiligen Geistes!« ...
    Die Beichtende beginnt nicht ...
    Er wendet sich, ihr Auge zu sehen ...
    Ein Strahl desselben trifft ihn und die in ihm selbst fortdauernde, wenn
auch nicht eingestandene Spannung auf Lucinden gibt ihm die vollkommene
Befähigung, die Scene zu verstehen, die ihn aufs tiefste erschrecken musste ...
Sechs Wochen einer künstlichen Vernichtung ihrer selbst, sechs Wochen des
Schmerzes, der Sehnsucht, der Erwartung hatten Lucinden in einen Zustand
versetzt, der sich vergleichen lässt mit der Ansammlung atmosphärischer
Niederschläge, die durch plötzliches Hinzutreten reiner Luft sich in Feuer
verwandeln müssen ... Nur dass für sie diese plötzliche Erlösung, dies endliche
Anredendürfen und Alleinseinkönnen mit dem, den sie zuerst, einzig, allein
geliebt und den sie mit ihrem ganzen Leben liebte, den Herzenskrampf in
convulsivisches Weinen verwandelte. So erliegt die härteste Natur dem
allgemeinen Gesetz. Dann gibt es keinen freien Willen mehr. Irgendwie muss sich
die Ueberanspannung der Seelenkräfte helfen. Sie können entbehren bis zum
Äussersten; tritt dann sogar die Erfüllung ein, gerade dann erst recht bricht
die Kraft ... Lucinde war selbst in Verzweiflung über das, was ihr geschah. Sie
hatte keine Scene beabsichtigt. Sie hatte eine Reihe von Sünden, Falschheit,
Heuchelei beichten wollen, wollte sich mit keiner Tugend schmücken, wollte nur
auf der ganzen Höhe ihres bisherigen Lebens schweben, den Augenblick in voller
Seligkeit geniessen, dem Mann ihrer Anbetung so nahe zu sein - da weinte sie wie
über zwanzig Jahre eines verfehlten Lebens und gab den nachzuzahlenden Tribut an
die vielen Gelegenheiten, wo über das Schmerzlichste ihre Augen trocken
geblieben waren.
    Vorgänge dieser Art sind im Beichtstuhl nichts Seltenes ... Bonaventura,
tieferschüttert, durfte Lucinden Zeit lassen, sich zu sammeln ... Sah er auch
wohl, dass sich allmählich schon andere, die an sein Ohr zu kommen begehrten,
eingefunden hatten, er bedurfte selbst der Sammlung.
    Endlich sprach er:
    Rufen Sie den Helfer an, von dem Sie ja wissen, dass wir auf dem Wege zur
Busse vorzugsweise zu ihm zu beten haben, den Heiligen Geist!
    Keine Antwort ...
    Lucindens Schluchzen war jenes, das wir alle an uns kennen, ein
Weinenmüssen, wo wir sogar selbst sagen: Welche Torheit ist das nun von dir!
Und wir können doch nicht anders.
    Wann haben Sie zum letzten mal gebeichtet? fragte Bonaventura mit Milde ...
    Nur Tränen antworteten ...
    Welcher Sünde zeihen Sie sich?
    Da er die Frage nach einer Weile wiederholte, war es ihm, als hörte er das
Wort »aller«! So schnell aber kam es, so erstickt, so entsetzlich aufrichtig für
sein Ohr, dass er eine weitere Gewissenserforschung nicht mehr anzuknüpfen wagte.
Auch erhob sich Lucinde. Schlank und hoch, wie sie war, ging sie ohne Segen und
Absolution von dannen. Eine Flucht war es ... Bonaventura sagte sich: Welch ein
Anfang! Was wird da kommen!
    Gewiss wurde dieser Teil seiner Seelsorge für ihn der mühevollste, zehrend
an seiner geistigen und physischen Kraft. Wie blickte er in die Tiefen der
menschlichen Herzen! In Abgründe, vor denen ihn Schaudern ergriff! Wie nur
allein die Frauen zu ihm redeten! Solche zumal, die sein in der Stola
verborgenes Auge kaum sah, denen er aber schon am Rauschen ihrer Kleider
anhörte, dass sie der vornehmen Welt angehörten. Der Duft, der ihrem Haar, ihren
spitzenbesetzten Taschentüchern, die sie vor die Augen drückten, entströmte,
verriet ihren Stand. Manche dieser Frauen kannte er schon durch dieselbe
Atmosphäre, dann denselben Ton des Vortrags, dieselben Vorwürfe, die sie sich
machten, dieselben Allgemeinheiten, die er zurückzuweisen pflegte. Viele kamen
nur, um dagewesen zu sein. Wem er anhörte, dass sein Beichtbedürfniss nur eine
phrasenhafte Aeusserlichkeit, ein Luxus der Gefühle war, den unterbrach er mit
dem Worte der Schrift: »Die Lüge aber ist der Leute Verderben.«
    Das Schmerzlichste war freilich, das Uebel sehen und es doch trotz alles
Vorbaues nicht im Keime ersticken können. Verbrechen hören und nicht anzeigen
dürfen! Verbrecher hören und sie nicht einmal ansehen dürfen! Ihm war schon in
St.-Wolfgang geschehen, dass ihm Bekenntnisse gemacht wurden von einem Knecht,
der ihn selbst bestahl. Den Dieb durfte er nicht entlassen, weil jener daraus
einen Misbrauch des Beichtgeheimnisses hätte entnehmen können.
    Die Katastrophe des Kirchenfürsten hatte Bonaventura voraussehen müssen und
doch erschütterte sie ihn und schloss eine Weile die zwiespältige Stimmung seines
Innern. Als jüngster Domherr, eben eingetreten, hatte er im engern Kapitel noch
keine Stimme. Die Curie übernahm die Regierung des erledigten Kirchentrons.
Glücklicherweise blieb der Präsident, sein Stiefvater, fern. Immermehr
verblassten bei solchen Aufregungen die Schriftzüge des rätselhaften Briefes,
den er wie der Dechant einst empfangen. Anfangs träumte er von ihm, in
schlaflosen Nächten traten ihm die lateinischen Worte in Bildern entgegen, wie
wenn er das Concil von Trient noch einmal versammelt sähe, noch einmal
mitstimmen müsste in Kostnitz, ob Huss und Hieronymus zu verbrennen wären ... Bald
aber liess ihn die Seelsorge, dieser Beruf so voll ausserordentlicher Mühen, aber
auch Belohnungen und Erhebungen, die Versuchungen zum Zweifel vergessen.
    Lucinde war nicht wiedergekommen. In der Kirche begegnete er ihr oft; sie
schlug die Augen nieder ... Klingsohr war unmittelbar nach seiner Abreise im
September vom Kirchenfürsten »bis auf weiteres« unter strengste Klausur gestellt
worden. Als Bonaventura zurückkehrte, bewohnte er noch die Zelle im alten
Professhause der Jesuiten, durfte sie aber nicht verlassen. Rätselhaft blieb ihm
diese fortgesetzte Strenge, über die er sich bei Michahelles erkundigte und
nichts als ein ausweichendes Achselzucken zur Antwort erhielt. Hatte man von
Lucinden erfahren? Traute man der Selbstbeherrschung des Mönches nicht? War
Neues geschehen? ... Klingsohr schien eine Zeit lang als Gefangener nicht seiner
geistigen Hülfsmittel beraubt. Artikel schrieb er nach wie vor. Jetzt erst
bewunderte Bonaventura in den von ihm gründlicher gelesenen Aufsätzen die Kraft
der Darstellung, die nicht immer täuschende Kunst einer Beweisführung, die trotz
der tiefsten Demütigung nicht aufhörte die protestantische Welt zu bekämpfen.
Klingsohr klirrte an einer Kette, die er dennoch gelassen trug ... Imponiren
musste ihm etwas, wenn es ihn überzeugen sollte, und war es seine eigene
Züchtigung! ... In jener Zeit schrieb er, wo ihm geistesverwandte norddeutsche
Philosophen anfingen, mit Bewunderung von Asien und Russland zu sprechen. So tief
ausgehöhlt sich in sich selbst fühlend, so in ewiger Verneinung sogleich ohne
alle und jede Liebe selbst für das, dem man doch selbst verwandt ist, so von
einigen Schwächen seiner eigenen Partei sogleich erkältet, bedurften sie eines
Ersatzes für die sie umgebende Schemenwelt. Sie bewunderten die Kosacken. Sie
begannen das »Naturwüchsige« zu preisen in jeder Form, wenn es nur nicht Fleisch
war vom eigenen Fleisch, Bein vom eigenen Bein, zuletzt nichts, was die Signatur
der Bildung trug ... Einem Besuch, den Bonaventura beim Pater Sebastus machen
wollte, stellten sich Hindernisse in den Weg und auch das einst so lebhaft
empfundene Bedürfnis des Mönches, gerade ihm zu beichten, schien vor vielleicht
neuerwachtem Hochmut zurückgetreten ... Zwei Seelen wohnten in dieser
widerspruchsvollen Brust, von denen die eine sich ewig von der andern zu trennen
suchte. Oder hatte Klingsohr von Lucindens Schwärmerei für den »milden
Versöhner«, wie er ihn genannt, gehört? ... Bonaventura harrte vergebens.
Aufdrängen mochte er sich nicht. Kein Lebenszeichen kam aus dem alten
Professhause. Nach der Gefangennehmung des Kirchenfürsten verstummten eine Zeit
lang auch die Artikel des Paters. Die Haft, die jetzt hätte durch die gebrochene
Macht des Kirchenfürsten aufgehoben sein können, wurde nun erst recht von der
Regierung gegen den Agitator mit der zweischneidigen Feder bestätigt, ja
verschärft. Bonaventura bat Benno, sich nach dem Schicksal des Paters zu
erkundigen. Nach dem, was dieser in Erfahrung brachte, liess sich annehmen, dass
der Mönch in Untersuchung war und vielleicht schon in sein Kloster zurück. Da
aber tauchten vor kurzem wieder neue Artikel von ihm auf in dem in diese Stadt
verlegten, von der Regierung aufs strengste überwachten »Kirchenboten«. Es war
eine Reihe von fortlaufenden religiösen Betrachtungen unter dem Titel:
»Stufenbriefe vom Kalvarienberge des Lebens.«
    Durch den Beichtstuhl trat Bonaventura in die innersten Lebensbezüge auch
solcher Bewohner dieser Stadt, die vielleicht für uns Interesse haben. Nicht dass
wir die Wirtin »Zum goldenen Lamm« belauschen möchten, die gleichfalls nicht
umhin konnte, den »schönen« jungen neuen Domherrn mit ihrem bisherigen
Beichtvater auf einige Zeit zu vertauschen. Selbst die Sünden, die Eva und
Apollonia Schnuphase zu bekennen den tiefinnerlichsten Drang fühlten,
verschweigen wir (das Beichtsiegel ist unlösbar, aber im Reiche der Dichtkunst
gibt es keine Geheimnisse) ... Eher würden wir Walpurgis Kattendyk belauschen
mögen, die sich förmlich - ausdampfte in ihren Sünden, wenn sie an das Ohr des
jungen Domherrn gelangte, dem zu Liebe sie den Kanonikus Taube um Schlaf und
Appetit brachte. Auch ihre Tochter, die Frau Procurator Nück, fehlte nicht und
jedesmal kam diese in anderer Toilette; sie bekannte jeden Verstoss gegen die
Fastenordnung, den sie sich hatte zu Schulden kommen lassen, nie aber eine
tiefer gehende Herzens- und Nierenprüfung, nie den leisesten Schimmer ihrer
Eitelkeit und Verschwendung ... Johanna vollends, ihre Schwester, war so fromm,
dass sie für Zahnweh, das sie befiel, Messen bestellte; aber in ihr Inneres musste
erst der »Beichtspiegel« greifen, dies sicher gehende Brecheisen der
Verstockung, das ihr die Fragen vorhielt: Warst du nicht hoffärtig? Warst du
auch mildtätig? Bist du versöhnlich, liebevoll, nachsichtig? ... Alle liessen
sich von dem jungen, im edelsten Eifer sich hinopfernden Priester den
bekanntlich so schmalen und engen Weg deutlich zeigen, von dem geschrieben
steht: Ich bin die Wahrheit und das Leben! und doch lag ihnen ihr Handeln und
Fühlen immer nur auf der breiten Landstrasse des Alltäglichen. Nicht eine von
ihnen gedachte der Schwester Hendrika anders, als mit bitterster Anklage. Namen
zu nennen verbietet die Beichtordnung. Doch verstand Bonaventura allmählich
immermehr manche Umschleierung, erriet manche Andeutung und warnte auch hier in
dem Conflict wegen »künftiger Religion« eines Familienmitgliedes vorläufig, bis
er die Verhältnisse übersah, mit dem Worte des Apostels: »Verwirret die Geister
nicht!« aus der schönsten Schutzrede der Toleranz, die man bekanntlich (oder
vielmehr leider nicht bekanntlich) in Lessing's »Natan« nicht so milde, als im
Briefe Pauli an die Römer, Kapitel 14 und 15 findet ... Treudchen kam nicht zur
Beichte ... Sie musste schon seit lange zu Cajetan Roter gehen.
    Auf Weihnacht zu näherte sich die bange Prüfung der Reise nach Witoborn und
Schloss Westerhof. Der Prozess Paula's hatte plötzlich eine für sie ungünstige
Wendung bekommen. Der oberste Richterspruch konnte, wie Benno schon lange
versicherte, von Nück's Fechterkünsten nicht mehr parirt werden ... Benno sah
den Freund oft, doch seltener, als ihnen beiden Bedürfnis war. Zu sehr nahm
Bonaventura sein Amt in Anspruch, zu sehr war auch die Gefangennehmung des
Kirchenfürsten ein Ereignis, das auf einige Zeit jedes Urteil erschreckte und
divergirenden Denkern mehr sich zu vermeiden als zu suchen gebot ... Nück's
Federn rauschten von Morgens bis Abends. Die Mittel gab er an die Hand, die
gegenwärtige Stellvertretung des Kirchenfürsten als eine nicht berechtigte
darzustellen und so die Schwierigkeiten den »Neunmal-Weisen« noch zu vermehren.
Schon war von einer Gesandtschaft der Stadt und Stände nach Wien an den
allmächtigen ersten Staatsmann jener Zeit die Rede und leicht hätte Benno zu der
Ehre kommen können, sie zu begleiten; wenigstens sprach ihm Nück davon ... Und
als Armgart's Mutter in der Nähe und in der Stadt selbst auftauchte, da
entdeckte denn auch Bonaventura, was in Benno's Innern über alles in der Welt
die Oberhand behielt, Armgart's liebliches Bild ... Nun war wieder Armgart's
nahe Beziehung zu Paula eher ein Hindernis der vertraulichen Ergiessung, als eine
Förderung.
    Eines der schwersten Aemter seines Berufs wurde dem jungen Domherrn
aufgebürdet, als er eines Tags die Anzeige erhielt, dass der Mörder der Schwester
der Frau von Gülpen zu einer letzten Beichte über sein ganzes Leben ihn gewählt
hätte.
    Wie kam Jodocus Hammaker zu dieser Wahl? Zum Richtplatz begleitete ihn der
Seelsorger des Gefangenenhauses; aber dieser letzte Beistand schloss nicht aus,
dass sein Beichtvater ein anderer war.
    Warum wählte er Bonaventura von Asselyn? Er hatte ihm wie Benno als
Entlastungszeuge beistehen sollen für sein Alibi in der Abendstunde, in welcher
der Mord geschehen war ... Da aber hatte schon das Blut an seinen Händen geklebt
und in dem einsamen Hause am Stromesufer hatte er seinen Raub bei ihm bekannten
Hehlern geborgen ...
    Benno musste für Hammaker's Besuche bei der Ermordeten gegen ihn zeugen, wie
er gleich anfangs gewollt hatte. An dem Tage, wo Nück beim Plaidiren dem »alten
Freunde« die Prise verweigerte, sass Bonaventura als Zuschauer der
Gerichtsverhandlung, lauschend den Worten, die Benno sprechen musste. Der
Verbrecher, kokett bis zur letzten Stunde, sah die grosse Ehrfurcht der Menge vor
dem Priester ... So fiel ihm bei: Dem willst du dein letztes Testament
übergeben! Dem, der ohnehin der Schwester deines Opfers so nahe steht! ...
    Die Verbrechen, die er zu entüllen hatte, gehörten den »reservirten Fällen«
an, die vom höchsten Sitz der Kirchenprovinz diesem allein zu hören vorbehalten
sind und deren Anhörung an einen untern Geistlichen nur durch besondere
Vollmacht überlassen wird. Benno hatte eine Ahnung, Nück, als Hammaker's
Verteidiger, würde Miene machen, diese an Bonaventura zu erteilende Vollmacht
zu hintertreiben, er würde die Competenz der gegenwärtigen kirchlichen
Oberbehörde zu solchen Vollmachten bestreiten, würde erklären, dass das ganze
Land im Augenblicke gar keine kirchliche Regel besässe. Doch gab sich Nück
zufrieden, in des Delinquenten Verlangen zu willigen, selbst auf Gefahr hin, dass
die teuflische Seele gegen ihn undankbar blieb bis zum letzten Lebenshauche ...
Wie bereute er, ihm den Griff in seine Dose abgeschlagen zu haben! Er, der doch
oft im Volkston plaidirte; er, der das Publikum durch seine schlagenden Witze
und Spässe bei den ernstesten Dingen belustigte!
    Eines Morgens nach der Messe machte sich Bonaventura zu dieser schweren
Pflicht auf. Er fuhr in einem Wagen im vollen Ornat seiner Würde. Als er in eine
enge Gasse einlenkte und zu den Eisenstäben der Fenster eines alten Gebäudes
aufsah, überfiel ihn ein Grauen ... In diesen dunkeln Mauern verhallten schon so
viele Wutausbrüche der Verzweiflung, so viele Seufzer der bittersten Reue. Hier
sassen einst auch jene Verbrecherbanden, die die Länder zwischen der Maas, Mosel,
bis zum Main und zum Neckar hinunter unsicher machten, unmittelbar in den
folgenden Zeiten, als Schiller das Räuberleben auf der Bühne poetisch verklärt
hatte. Diese Roller und Schweizer hatten aber wirklich Schufterle, keinen Karl
Moor an der Spitze und doch auch manche kräftige und bessere Natur, die im
Sinnenleben und durch schlechtes Beispiel zu Grunde ging. Diese Picard, diese
Bosbeck haben die Annalen der Verbrechergeschichte aufgezeichnet, wilde,
grausame, verwegene Menschen, der Mehrzahl nach Juden, die die angeborene List
ihres Stammes mit einem altbiblischen Mute verbanden. Immer durch die Schrecken
der Revolution hindurch, sengten, plünderten und mordeten diese Menschen in
Genossenschaften zu halben Hunderten und über fast ganz Holland und Deutschland
hinweg waren ihre Hehler ausgebreitet, ja so weit, dass in fernen Gegenden selbst
die Wächter der Ordnung, selbst die Büttel und Häscher ihre eigenen Angestellten
waren. Wie sich Napoleon's Herrschaft befestigte, gelang allmählich die
Unterdrückung. Ihrer zwanzig bis dreissig bestiegen oft an einem Tage die
Guillotine. Die Kinder gab man unter andern Namen hierhin und dortin; in
Holland schickt man die meisten nach Java ...
    Einmal erst hatte Bonaventura Nück bei seinem Vetter gesehen, dann vor
Gericht. Heute begrüsste er ihn beim Verlassen des Domes, beim Einsteigen in den
Wagen ... Dann musste er ihm nachgefahren sein; denn Nück stand auch am
Wagenschlag, als er ausstieg ... es sprach eine wahre Todesfurcht aus dem sonst
so furchtlosen Manne ...
    Bonaventura, geleitet von dem Gefängnisswärter, einer Wache und dem
gewöhnlichen Seelsorger der Gefangenen, einem Kaplan, trat in das finstere
Gebäude, stieg eine schmale steinerne Wendeltreppe empor, hörte die Schlösser
fallen, die Riegel klirren und weichen und stand in einer fast dunkeln Zelle vor
einer von einer Pritsche sich aufrichtenden Gestalt, deren linker Fuss durch eine
Kette an die Mauer befestigt war.
    Grauenvoller Gegensatz! Dieser heutige Morgengruss und jener abendliche vor
vier Monaten ... es war als huschte die Fledermaus hin wie damals, als er und
Benno so spät noch am Ufer sassen und den im Mondlicht fischenden Knaben zusahn.
Dann - das Aufhängen des Procurators, seines Verteidigers, der in einiger
Entfernung sogar dem Hinaufsteigenden noch gefolgt war! Jene Mitteilung
Benno's! Was konnte hier noch entüllt, was von der Seele abgewälzt werden und
zu welchem Nutzen?
    Die Türen blieben offen ... die Begleiter verharrten auf den vordern Gängen
... Einmal hörte man noch das Geräusch des Holzzulegens in dem kleinen eisernen
Ofen der Gefängnisszelle, einem sogenannten »Hund«, der von aussen geheizt wurde
... Dann war alles still ... Bonaventura setzte sich und der Verbrecher kniete
vor ihm nieder ...
    Wie ein böser, ängstlicher Traum war alles das ... ein Traum, an dessen
Wirklichkeit der Priester nicht glauben mochte! Und doch sass er selbst da im
weissen reinen Gewande der Unschuld, ernst das Haupt senkend, und vor ihm lag
eine verfallene Gestalt im grauen Kittel, mit welken, schlaffen Zügen, kahlem
Schädel, entkleidet aller Hülfsmittel, Kraft und Unbefangenheit zu lügen, die
Hände abgemagert, das Auge weiss, so unheimlich, als könnte noch jeden Augenblick
eine ruchlose Tat in diesem verworfenen Leben lauern, einem Leben, das nach
raschem Instanzengang und abgeschlagener Majestätsgnade in einigen Tagen enden
sollte.
    Nach den ersten mit klopfendem Herzen gesprochenen Gebeten und Ermahnungen,
der Gnade Gottes zu vertrauen, gab Hammaker ein Bild seiner Jugend. Er wollte,
dass die Welt von ihm erfuhr, er hätte gründlich und fromm gebeichtet. Er wollte,
dass sie ihm Teilnahme schenkte, selbst auf dem Richtplatz. So erliess er dem
Hörer nichts von dem, was in den verstecktesten Winkeln seines Innern lebte.
Aller Hohn, alle Verwünschung wird schweigen, dachte er, wenn man erfährt, wie
du dich unterworfen! Mit tonloser, weicher Stimme hauchte der Unselige die Worte
hin:
    Von meinen Aeltern, die später zurückkamen und nichts behielten, als ein
Witwenhäuschen für meine arme Mutter, eine Frau von nahe achtzig Jahren, bin ich
gut erzogen und studirte die Rechte mit nur zu vielem Beruf dafür. Ich drehte
den Spiess um und sagte: Summa injuria summum jus: wo du alles gegen dich hast,
gerade da sei dein Spiel! Meine Devise wurde das erst aus Übermut, dann aus
Not; wild lebte ich und hatte Bedürfnisse, die Geld kosteten. Schon damals
bekam ich einen so übeln Ruf, dass mir die Niederlassung als Anwalt nur
versuchsweise auf dem Lande gestattet wurde. In den Sieben Bergen da drüben
wohnt' ich ... am liebsten aber war ich hier in der Stadt und nun musst' ich Geld
machen. Hätten die Bauern mich todt geschlagen! Um eine Person, die sich an mich
hing, hatt' ich zwei Termine versäumt, drüber einen Prozess verloren; - erst
später kam's heraus; der Bauer, dem die Sache Geld gekostet, wollte mich todt
schlagen. Es wäre besser gewesen ...
    Schon jetzt verliess den Sprecher die Kraft. Die Reue lässt sich nicht
vergebens äffen. Sie übermannt den Heuchler wider Willen ...
    Bonaventura übersah vollkommen diesen Zustand, wie er sich auch sofort beim
Eintritt von der geringen Bussfertigkeit des Verbrechers überzeugt hatte. Er
faltete gelassen die Hände und betete, nicht etwa um Vergebung und mit
ermunternder Zuversicht auf Gottes Gnade, sondern um Bewahrung eines reinen
Sinnes und Schutz vor Heuchelei ...
    Hammaker fühlte, dass er in seinem begonnenen Tone nicht fortkommen würde ...
Er folgte der Weisung des Priesters, sich zu erheben und auf der Pritsche Platz
zu nehmen ... Die Kette rasselte an seinem Fusse ... er sank mehr nieder, als er
sich setzte ...
    Einmal, begann er aufs neue - und in dieser Stille klangen die Worte hohl
wie aus dem Grabe - einmal kam ich an einen Weg, wo ich hätte umkehren können!
Es war durch einen Mönch, der an meinem unseligen Leben nur zu verhängnisvoll
zum Rächer für alles Unterlassene wurde ...
    Rächer - ein Mönch? warf Bonaventura mit Vorwurf ein ...
    Würden Sie diesen Bruder Hubertus kennen, hochwürdiger Priester, Sie
gestatteten mir dieses Wort!
    Bonaventura hörte den Namen, den er aus der Verhandlung zwischen Sebastus
und dem Kirchenfürsten schon als den »Bruder Abtödter« kannte. Dieser Name war
in den Verhandlungen vor den Assisen oft genannt worden. Es war der Erbe der
ermordeten Hauptmännin ...
    Ich verlor meine Stelle auf dem Lande, zog in die Stadt und arbeitete bei
meinem Freunde - meinem Verteidiger. Nück hatte mit mir studirt. Er schlug
einen andern Weg ein als ich. Aber auch ihn lockte der Sirenensang der Freude -
    Sprechen Sie von sich selbst! unterbrach Bonaventura den Verbrecher, der mit
Gefallen diese Worte betonte ...
    Dieser Teufel, sagte sich Nück draussen, opfert mich - um eine Prise! ...
    Der Verbrecher knüpfte die graue Jacke, die er trug, fester zu, als fröre
ihn ... Das Geburtsfieber war es, das er sich in diesem Ernste bei der
Verstockung seines Gemüts nicht möglich gedacht hatte ... Eine Weile zitterte
er sich aus ... nach dem Schauder gewann er neue Kraft.
    Ich arbeitete bei ihm, lenkte er ein, und erhielt einen Auftrag, in eine
süddeutsche Stadt zu reisen zur Regulirung einer Streitfrage über geistliche
Güter. Ein Mönch war bei Nück, der dieselbe Reise zu machen hatte und dem er
mich zum Begleiter gab. Wir reisten zusammen. Vierzehn Tage, die ich mit ihm
zubrachte, sind mir unvergesslich - der Bruder sprach nicht viel, ass und trank
wenig. Ein Laienbruder der Franciscaner war es, er hatte Reisen gemacht, war in
Indien gewesen und ein Sonderling. Aus dem Kloster Himmelpfort bei Witoborn
hatte man ihn entsendet, um in einem süddeutschen Convicte eine Heilung zu
versuchen mit dem Rector desselben, einem Pater Fulgentius. Dieser Unglückliche
hatte die Gewohnheit -
    Sprechen Sie von sich! unterbrach Bonaventura aufs neue ...
    Ich wollte nur sagen, was ein gutes Beispiel tut, ehe ich bei Nück -
    Warum behielten Sie das Vorbild der Strenge, der Selbstkasteiung, der
Entbehrung nicht stets vor Augen?
    Gerade das wurde die Ursache meines Falls ...
    Bruder Hubertus?
    Eine Handlung von ihm, deren Zeuge ich durch Zufall wurde! erzählte Hammaker
mit einer Art von Behagen. Schon einigemal hatte ich den Bruder in das Convict
begleitet, in welchem er einen Auftrag zu erfüllen hatte, von dem ich nichts
erfuhr. Da ich regelmässig die Aufregung bemerkte, so oft der Bruder kam, verfiel
ich auf diese und jene Vermutung. Keine derselben war so geheimnisvoll, wie mir
die spätere Entdeckung zeigte. Es hiess, dass der Bruder bald in sein Kloster
zurückkehren würde. Eines Abends sah ich ihn, wie so oft, ins Convict eintreten,
wo er nicht wohnte. Ich folgte; der Türhüter kannte mich und hatte kein Arg. In
den Gängen der untern Klassen war alles wie sonst. Oben aber war es einsam. Dann
hört' ich fernhin ein eilendes Rennen und Laufen, der Tür zu, wo die Wohnung
des Rectors lag ...
    Ein seltsames Rollen hatte schon einigemal Bonaventura's Aufmerksamkeit
erregt. Ueber der kleinen Zelle ging es wie ein sich ankündigendes Gewitter hin
...
    Es sind Gefangene, erklärte der Verbrecher, als Bonaventura aufblickte, die
an den Füssen Kugeln tragen ... Der Boden ist hohl ...
    Wer ihn durchbrechen könnte! lag in dem Blicke, den Hammaker auf die Decke
richtete. Seine eigene Kette liess ihn nicht fünf Schritte von der Mauer sich
entfernen ...
    Ich horchte in die Ferne, fuhr er dann sinnend und zerstreuter fort, und
hörte geheimnisvolles Wispern, ja jetzt wie ein Gehen nur auf den Zehen. Im
Kreise von Lehrern und Alumnen stand mein Mönch, hielt alle feierlich zurück,
schritt auf die Tür zu, die ich, hinter eine Treppenlehne zurücktretend, sehen
konnte, da sie querwärts den langen Gang beendete, öffnete und - allen bot sich
der Anblick eines Mannes, der an einem Fensterhaken sich erhängt hatte! Der
Mönch ging unerschrocken auf ihn zu, schnitt mit einem Messer, das er aus der
Tasche zog, den Strick durch, hielt dann in der kräftigen Linken den Leichnam
und rief die Fernstehenden näher. In diesem Augenblick wurde ich gestört und
musste mich entfernen ...
    Bonaventura hatte auf der Lippe die Frage: War der Unglückliche der Pater
Fulgentius? ... Doch unterdrückte er sie.
    Noch am selben Abend, bestätigte der Mörder, hiess es, dass der Rector
gestorben war. Auch die Art seines Todes blieb nicht verschwiegen, man sprach
von Melancholie und ein Arzt von Selbstzerstörungswahn. Ja am Wirtstisch hiess
es: Ein Mönch hatte ihn davon heilen sollen. Ich musste Abschied von Hubertus
nehmen und fand ihn in dem Garten des Klosters, wo er eingekehrt war, im
einsamen Wandeln. Rings hohe, graue Mauern, alles still und - fast wie auf einem
Kirchhof. Rücksichtslos frag' ich ihn: Sie sollen ja soviel vermögen, Sie sollen
Hunger und Durst, Frost und Hitze ertragen lehren; konnten Sie denn jenen Mann
nicht auch von seinem Wahne heilen? ... Er erwiderte: Ist da der Tod nicht die
beste Heilung? ... dabei stand er still und jetzt erst war es mir, als säh' ich
einen Boten des Todes, ein Gerippe. So mager war seine Hand, so hohl seine
Wange, so klanglos seine Stimme. Ich fürchtete mich vor ihm und glaubte, schlüge
er die braune Kutte auf, würd' ich ein Skelet sehen. Doch war der Bruder selbst
in Aufregung. Offenbar hatte man von ihm etwas anderes erwartet. Er hatte
heilen, nicht bestatten sollen. Auch verschwieg er das nicht. Nie hatte er zu
mir so viel gesprochen, wie diesmal in dem einsamen Klostergarten, in den er
sich wie geflüchtet hatte. Ja, sagte er feierlich, ich hatte verboten, ihn zu
bewachen, ich hatte ihn sein Werk ausführen, hatte ihn so lange allein gelassen,
bis seine Tat vollendet war! Denn, Herr - ich horchte hoch auf - der Erhängte
stirbt erst spät! Ich weiss das! Ich habe Hunderte erhängen sehen! Ich habe
Menschen gekannt, die sich einschlossen, um die Wonnen dieses Todes zu haben!
Denn das wissen Sie nicht, erst wählt die Melancholie diesen Tod, und dann,
einmal ins Leben zurückgerufen, tritt eine Besinnung ein, wie auf den seligsten
Opiumrausch! Bilder, Gestalten sind an dem schwindenden Bewusstsein
vorübergegangen, die keine menschliche Hand zaubern konnte! Das Süsseste, was die
Erde kennt, empfindet und trinkt der Gehängte in langen, endlosen Zügen! Die
Scham macht den, an dem man diese Verirrung kennt, einsam irren, aber nichts
kommt dem gleich, was diese Scham wieder aufwiegt und sie ertragen lässt! Zur
rechten Zeit von der tödlichen Schnur befreit, langsam zurückkehrend zum
Bewusstsein, erhebt man sich wie aus einem Traum, den man ewig träumen möchte!
Der Greis wird wieder jung, die Matrone eine Braut, der Arme schwelgt in
Reichtümern, der Verbrecher ist ein König, der Feige ein Held, vor ihm liegt
eine Welt auf den Knieen und bietet sich dar, mit ihm zu sterben! Nie hat man so
gelebt wie in diesem Tode, nie das Paradies so vorausgenossen, so die Schrecken
vergessen, die diese Erde -
    Ein Grauen durchzuckte die Erinnerung des Mörders an das, was ihm so nahe
bevorstand ... Er hatte sich erhoben und fiel betäubt zurück.
    Auch Bonaventura hatte sich eine Weile erheben müssen, denn der Anblick der
wilden Erregung des Mannes war entsetzlich. Hammaker, aufgerichtet, starrte
gierig im Kreise umher; die Gewänder des Priesters betrachtete er, als könnte
sich eine Schnur an ihnen befinden, die auch ihm diese Hülfe des süssesten Todes
brächte. Er streckte sich aus, als liesse sich ein Zipfel am Kleide desselben
ergreifen, zur Schnur winden ... die Kette an seinen Füssen fasste er und sank wie
ohnmächtig auf sein Lager zurück.
    In der reinen Seele des Priesters wogte ein Feuerstrom. Das ist das
geheimnisvolle Rätsel, das Nück und diesen Elenden verbindet! rief es in ihm,
der schon lange immer nur der Erzählung Benno's gedenken musste von jenem Abend
her. Dieser da hat so seinen Wohltäter verführt! Hat so eine Neigung desselben
zur Melancholie ausgebeutet! Hat ihn sicher gemacht in dem Vertrauen zu ihm und
dann ihn Einmal - Einmal nicht wieder ins Leben zurückgerufen! ...
    Alles das stand einen Augenblick klar vor Bonaventura's Augen und doch sagte
sein Herz wieder: Es ist unmöglich! So weit kann der menschliche Geist sich
nicht verirren!
    Hammaker kehrte zur Besinnung zurück, krümmte sich wie ein Wurm, zog die
graue Jacke über der Brust zusammen und fuhr mit stossweisen Zuckungen auf, wie
wenn er von eisigem Schrecken geschüttelt wurde ...
    Dann sprach er, als Bonaventura sich gesetzt hatte und das Antlitz, wie der
Beichtörende soll, in einen Zipfel seines Kleides hüllte:
    Der Bruder Hubertus sprach: Ich sollte heilen? Zu richten kam ich! Das
Gericht Gottes ist unser, wenn wir seine Gebote gelästert gesehen! Wie durfte
dieser Unglückliche leben, leben in solcher Umgebung!
    Ich sage nicht, dass auch er die Wonnen dieses Todes suchte; er suchte den
Tod selbst. Warum ihm die Hülfe versagen! Warum Schonung einer solchen
menschlichen Schwäche, die vielleicht Heldenmut war! Seid männlich und seid
stark! spricht der Apostel ... Nun aber, nach dem Preise seiner Tat, erweichte
sich des Bruders Gemüt und er erzählte mir, wie er von frühester Kindheit an
Gottes Finger sich nahe gefühlt, wie er schon als Kind aus Flammen
hinuntergeworfen wurde drei Stockwerk hoch, wie er sich ganz aus sich selbst
hätte zum Menschen machen müssen, wie ihn dann Verrat und Undankbarkeit
verfolgt und so gehetzt hätten, dass er notwendig zu Gott oder zum Teufel hätte
entfliehen müssen ... Er glaubte, sagte er, auf der richtigen Strasse zu sein.
Ein Weib, erzählte er, ein Weib war die Ursache meines tiefsten Kummers ... Sie,
sie, die ich
    Wer? unterbrach Bonaventura schaudernd ...
    Hammaker schwieg ... Seine Hände, die die Hauptmännin erwürgt hatten,
zuckten.
    Ihr Opfer? fragte Bonaventura wiederholt ...
    Wie hätte es ihn nicht reizen sollen, etwas aus dem Leben der Schwester der
Frau von Gülpen zu erfahren! ... Doch er - war das Gewissen selbst ... Er
bekämpfte seine Neugier und sagte nur:
    Warum zogen Sie nur aus dieser Begegnung mit einem so vielgeprüften, wenn
auch vermessenen und Gott strafbar vorgreifenden Manne nicht eine heilsamere
Lehre für Ihr Leben?
    Die Frauen, das Spiel - die Ehre - O wenn ich -
    Haben Sie sonst eine Handlung, die vorzugsweise noch Ihr Gewissen belastet?
unterbrach Bonaventura die eitle Selbstbeschönigung ...
    Ich log - ich betrog -
    Kein anderes Menschenleben auf Ihrer Seele -?
    Der Mörder schüttelte den kahlen, hässlichen Kopf ...
    Bonaventura sah die Verstockung und wiederholte seine Frage ...
    Da rief der Gefangene plötzlich und erhob sich wild und klirrte mit seiner
Kette:
    Emollit mores didicisse fideliter artes! Das zu verstehen, sprechen zu
können, Bildung besitzen -
    O öffnen Sie Ihr Herz der Reue! unterbrach Bonaventura diesen Ausbruch eines
halb wahren, halb koketten Ehrgeizes. Was Ihnen als einem Studirten auch Gott
sein und als was er Ihnen erscheinen mag, ob als Begriff, ob als Wesen welcher
Art und Grösse, und wären Sie Panteist und suchten den Schöpfer in sich selbst,
dem Geschaffenen, Sie wissen, dass in unserer Brust eine sichere Wahrheit liegt,
eine unumstössliche Gewissheit, der Unterschied von Gut und Böse! Was Sie auch mit
menschlichem Witze wegzuleugnen suchen von den Grenzen, die zwischen beiden
liegen, sie wachsen immer wieder diese Grenzen, wenn Sie sie auch noch so klug
niederrissen. Blicken Sie mit Sehnsucht aus dem Dunkel, in dem Ihre Seele lebt,
in das Licht, das Licht der Unschuld, das Sie sehen, fassen, ahnen können, und
nennen Sie dieses Licht - Gott! Sprechen Sie zu ihm: O wär' ich in deinem
Abglanz, umstrahltest du mich, gäbst du mir Helle, Wärme, wahren Ruhm und wahre
Ehre! Lassen Sie durch dies reine Licht der Unschuld alle die wandeln, die in
diesem reinen Geiste lebten! Lassen Sie alle hindurchziehen, die Ihre Bildung
kennt: Sokrates, Plato - Einer ist unter ihnen, der am leuchtendsten steht,
Jesus der Gekreuzigte! Mit seinem blutigen Haupte strahlt er und blickt voll
Ernst auch auf Sie! Beten Sie zu dieser vielleicht noch einzigen lichten Stelle
in Ihrem Innern und bekennen Sie beim Blute Ihres Erlösers, der allen Sündern
Gnade vor Gott verhiess, Ihr ganzes Elend und was etwa sonst noch vor Gott und
Menschen Sie belastet!
    Hammaker faltete die Hände, aber schlaff hingen sie und der Ausdruck seiner
Miene war der, als wollte er sagen: Was hilft mir das alles? Der grausige Tod
ist und bleibt gewiss! Was ist eine Reue, die von einem Willen kommt, der nicht
mehr sündigen kann! Eine Reue über die Torheiten der Jugend - von einem Greise!
    Der Priester überblickte diese Empfindungen und sagte seufzend:
    Nun denn! Ihre einzige gute Stelle ist vielleicht nur noch Ihr Stolz!
Wohlan! Warum trieb Sie dieser zu Ihrer Missetat?
    Zögernd sprach Hammaker:
    Man hat mich beschuldigt -
    Dass Sie Ihren Freund, Ihren Wohltäter ermorden wollen! Begingen Sie diese
Tat?
    Vor den Assisen hatte Hammaker, wie immer: Nein! gesagt. Hier wiederholte er
die gleiche Aussage, fügte aber hinzu: Doch wüssten Sie das Nähere -
    Wenn es Sie entlastet von dem Verdachte - sprach Bonaventura fast unhörbar
... sonst - lehnte er fast die Belastung auch des Procurators ab -
    Ich handelte - vielleicht - wie der Mönch -
    Unwürdige Vergleichung! wallte Bonaventura auf ...
    Auch Nück suchte den Tod - versicherte Hammaker ...
    Die Wonnen des Todes! Sie verführten ihn zu einer Handlung des Wahnsinns!
Sie machten ihn sicher, immer sicherer, bis Sie ihn zuletzt beraubten und morden
wollten ...
    Hochwürdiger Priester! Ja, ich beraubte ihn - Als es aber geschehen war -
tat ich, was ich zehn Jahre lang getan - ich hob die Schlinge aus ihrer Angel.
Freilich - diesmal stieg ich aus dem Fenster - warf das Schlüsselbund zurück -
half ihm nicht zum Bewusstsein durch kaltes Wasser und das Reiben seiner Schläfe
zurück ... ich entfloh ...
    Als Mörder! Denn Sie durften annehmen, dass er diesmal nicht wieder zum Leben
erwachte!
    Der Mörder schwieg ... Es war eine Bejahung.
    Die tückische List seiner Erzählung stellte nicht ganz die Aufrichtigkeit
aller seiner übrigen Geständnisse in Abrede. Er kam auf seine Bekanntschaft mit
der Hauptmännin von Buschbeck, auf die Vermittelung ihrer Anliegen wegen ihrer
Gelder, ihren bösen, menschenfeindlichen Sinn, er deutete die Beziehungen dieser
Frau zu dem Krieger, Jäger, dann Mönche Hubertus an, Beziehungen, die in
Erfahrung zu bringen Bonaventura wiederholt ablehnte, und berief sich für seine
letzte Tat auf das, was bereits vor den Assisen von ihm bekannt war ...
    Der schrillste Nachklang, der durch alle diese Worte hindurchtönte, blieb
die Andeutung über Dominicus Nück. Sie war eine Rache für den verweigerten Griff
in die Dose ... Vielleicht auch hatte der Mörder ein Entkommen durch Nück
gehofft, vielleicht Nück durchschaut, der ihn am liebsten für immer aus der Welt
geschafft sah. Ein noch Lebender, rastlos und mutvoll in der Gegenwart wirkend,
lag da nun in seinem tiefsten Lebensgeheimnisse aufgedeckt vor den Augen eines
Priesters, der täglich mit ihm verkehren, täglich harmlos und scheinbar
unbefangen mit ihm sprechen konnte, auch so nur mit ihm sprechen durfte! ... Das
sind Bürden! sprach es in Bonaventura's Innerstem ...
    Zwar wandte er noch die ganze Kraft seiner Beredsamkeit an, die Stunde, die
er an diesem düstern Orte verweilt hatte, zu einer für den Bewohner desselben
heilsamen zu machen ... Um den Segen Gottes für den Unglücklichen betete er,
wünschte ihm Mut für seine letzte Stunde und war im Begriff, mit den Fragen:
Haben Sie mir keinen weitern Auftrag auszurichten? An Ihre Mutter? An sonst
Zurückbleibende? eine heilige Handlung abzuschliessen, die ihn selbst mehr
erschütterte, als den Verbrecher ...
    Lauernd sprach dieser:
    Ich könnte noch etwas Gutes tun!
    O tun Sie es! Gott wird es Ihnen anrechnen ...
    Es war eine Tat im Werke ...
    Ein neues Verbrechen?
    Eine Urkunde - die ich - schreiben liess -
    Eine verfälschte -!
    Sie sollte bei einer - angelegten Feuersbrunst -
    All ihr Heiligen! rief Bonaventura. Wer ist davon bedroht? Wen kann ich über
die Gefahr warnen? Ist die Gefahr schon nahe?
    Einen Menschen hatt' ich gewonnen ... einen - der sich verbergen muss ... den
ich nicht nennen kann ...
    Ich will ihn nicht genannt hören, ich will ihn mahnen, ohne dass ich ihn
kenne! Durch irgendeine Adresse! Reden Sie! Was kann ich tun, ein solches
Verbrechen zu hindern?
    Hammaker schwieg plötzlich ...
    Bonaventura's Eifer riss ihn zu den Fragen hin:
    Wer ist es, den die falsche Urkunde benachteiligen soll? Wer hat Sie selbst
zu dieser Tat überredet? Wer ist der Leiter dieses Complotts? Reden Sie! Reden
Sie! Bei dem Angesichte Gottes, das Sie in wenig Stunden -
    In diesem Augenblick rollten wieder die Kugeln über der Zelle hin und
vergegenwärtigten Hammakern die dünne Bauart der Decke ... Blitzesschnell
schienen sich die Gedanken des Mörders zu ändern ... Hoffnung belebte seine
Gesichtszüge ...
    Bonaventura stand erwartungsvoll, aber vergebens. Hammaker schwieg.
    Reden Sie! donnerte Bonaventura.
    Das Geräusch über ihnen dauerte fort ...
    Hammaker sprang auf ... Die Kette riss ihn nieder ... Unverwandt starrte er
auf die Decke ...
    Wenn dich doch noch Nück befreite! stand auf seinen verzerrten Gesichtszügen
...
    Reden Sie! wiederholte Bonaventura ...
    Lassen Sie es, stöhnte Hammaker, ohne mich - kommt die Sache nicht zur
Ausführung ...
    Sie verharren in der Lüge! rief Bonaventura. Wer ist gedungen? Wer sind die
Bedrohten? Eine Fälschung? Eine Urkunde? Eine Feuersbrunst?
    Hammaker schwieg ...
    Bonaventura versuchte jede Kunst der Ueberredung; vergebens ... Hammaker
sprach nur dumpf:
    Ohne mich kommt nichts zur Ausführung! Ich habe bekannt! Es ist - vorüber.
Ich kann - in Frieden - sterben ...
    Bonaventura musste tiefseufzend nachgeben. Er betete um die Gnade Gottes und
entfernte sich in einem Zustande, wie ihn die Märchen erzählen von Hirten, die
in eine Felsenspalte sahen, die Geister belauschten und für immer verstummten
...
    Wie schwer trug seine Seele, als er von dannen schritt!
    Auf dem Gange traf er alle, die ihn hinaufbegleitet hatten ... Nück's
Nachkommen wusste er nicht und fand ihn auch nicht mehr ...
    Doch am folgenden Morgen klagte sich im Beichtstuhl eine ihm bekannte Stimme
aller Leidenschaften, aller Laster der Erde, aber auch der Verbitterung durch
Unglück und des Menschenhasses an ...
    In ihrem Tone, in einem tief eingeschüchterten Aufblick zweier scharfer
Augen lag eine Angst und Beklommenheit, die Bonaventura wieder auf einen
Verbrecher schliessen liessen. Er erkannte die Stimme nicht sogleich.
    Erst nach den Andeutungen von seinem Beruf und einem Hinweis auf so manche
Verschleierung der Wahrheit, die er sich im Processe Hammaker erlaubt hatte,
begriff Bonaventura ... Es war Nück ...
    Entsetzen ergriff ihn ...
    Nück beichtete mancherlei, aber offenbar war er nur gekommen, um zu hören,
wie Bonaventura mit ihm sprechen würde ...
    Des Priesters mildes Herz fühlte sich gedrungen, Nück's Verzweiflung zu
beruhigen. Er deutete an, dass auch für ihn die Beichte dieselbe Bedeutung hätte,
wie sie für jenen Bischof gehabt haben soll, der, der Sage, nicht Geschichte
nach, sich eher von einem Fürsten in die Wellen der Moldau werfen liess, als dass
er ein Geheimnis verriet, das er von dessen Gattin unter dem Siegel der Beichte
wusste.
    Kein Wunder, dass Nück sich mit neuem Lebensmut erhob und den Beichtstuhl in
einer Stimmung verliess, als könnte er mit seinem einzigen Arme einen der
Riesenpfeiler der Katedrale ausheben.
    So viel Kraft lag dem Doctor Abadonna in dem magischen Worte: Rom und sein
Glaube.
    Winterlich weisse Leichenfelder lagen in Bonaventura's Brust. So öde und
schauerlich wehte Schneesturm durch sein Inneres, wie auf der Alpeneinsamkeit,
die der Dechant beim Bericht seines Besuches auf dem St.-Bernhard geschildert
...
    Auch der Morgue des St.-Bernhard musste er gedenken ...
    Mut und Ausdauer sprachen ihm die Stimmen der Augustinerchorherren nicht
mehr so beredsam wie einst.
 
                                       5.
Eine wie eitle Matrone! sagte sich Bonaventura, als er durch das kleine
Schiebfensterchen seines Beichtstuhls eine graue Locke unter einem Hute
hervorgeglitten auf einem Taschentuche liegend bemerkte.
    Ein Matronenhaar in Locken!
    Dann aber hörte er die klangvolle Anrede und staunte eine Greisin zu finden,
die sich einen so reinen jugendlichen Ton der Rede bewahrt hatte ...
    Nach den ersten geflüsterten Anreden und Erwiderungen stellte er die Frage
um die letzte Beichte. Er hörte, dass diese in Wien bei dem Beichtvater der
Hospitaliterinnen stattgefunden ...
    Dann sagte die Frau, die er für eine Matrone hielt, dass sie gerade deshalb
zu ihm gekommen wäre, weil sie ihn schon einigemal beim Austeilen des heiligen
Abendmahls gesehen und nicht nur die Geduld bewundert hätte, mit der er unter
Hunderten beim Ausspenden des Brotes die Worte sprach: »Herr, ich bin nicht
wert, dass du eingehst unter mein Dach; aber sprich nur ein Wort, so wird meine
arme Seele gesund!« sondern wie er jene Worte auch jedem so, als wenn er ihn
persönlich kannte, gesprochen, jedem so, als wenn sie gerade für ihn bestimmt
wären. Deshalb wage sie, ihn mit sich selbst zu belästigen, fürchtend freilich,
dass seine Zeit zu gemessen wäre ...
    Bonaventura hatte die Absicht, Lob und Sorge um seine Zeit mit einer
Handbewegung abzulehnen. Da blickte er etwas auf und erkannte unter der damals
üblichen Form des Hutes mit langgeschweiften Seiten, die die Wangen verdeckten,
ein jugendliches Antlitz und nun in Vergleichung mit den Locken und nach der
Erwähnung Wiens war es nur die Oberstin von Hülleshoven aus Benno's zutreffender
Beschreibung ...
    Noch ehe er vor Ueberraschung mehr als ein ermunterndes und beruhigendes:
Bitte! erwidert hatte, sprach schon die Beichtende:
    Ich bekenne mich zu der Unruhe, in welche die Seele durch Grübeln und Denken
versetzt wird, bekenne mich zum Zweifel an allem, an Gott, dem Erlöser, an
Kirche und künftigem Gericht!
    Bonaventura verhüllte sich in seine Stola und sprach nach einigem Bedenken
auf dies schmerzlich entschiedene Wort:
    O ihr Heiligen! Sie geben Ihrem Zustand vielleicht viel schneller einen
Namen, als Sie ihn noch ergründet haben! Sie hatten sich des religiösen Lebens
vielleicht nur entwöhnt. Plötzlich drängt Sie irgendeine Stimmung zu ihm zurück
und nun erschrecken Sie, nicht mehr alles so zu lieben und zu glauben, wie Sie
in Ihrer Kindheit es liebten und glaubten. Machen Sie doch diese Rückkehr nicht
zu übereilt! Vor der Feuertaufe des Herrn kam die Wassertaufe des Johannes!
Legen Sie sich doch erst Uebungen zum Uebergange auf! Keine Geisselung des
Körpers, keine Entbehrung Ihrer Sinne, nur eine gewisse Ascetik des Denkens.
Sehen Sie, gewöhnen Sie sich einfach, überall den Finger Gottes zu suchen.
Nehmen Sie nichts mehr, was Ihnen begegnet oder was Sie vom Schicksal anderer,
ja vom Leben der ganzen Welt in Erfahrung bringen, in dem leichten Sinne, der
nur die Erscheinung als solche betrachtet. Streben Sie vielmehr darnach, alle
Erfahrungen, die Sie machen, zu verbinden, ihren geheimen Sinn und Zusammenhang
zu ergründen, ihrer Folgerichtigkeit nachzuspüren und nennen Sie dann das, was
Sie sonst in der Sprache des Denkens Zufall, Ungefähr, Wille, eigene Absicht
nannten, einfach und kurzweg Gott. Wenn Sie diese Begegnung Gottes in kleinen
Dingen stündlich suchten, würde das Aberglaube werden. Aberglaube kann es sein,
die ganze majestätische Grösse Gottes immer auch bei kleinen Leiden und Freuden
sich gegenwärtig zu denken. Aber jenen Fusstapfen der wandelnden Gotteit
nachgehen, die in Ernstem und Wichtigem liegen, gibt Erhebung. Sie werden
staunen, wo Sie überall diese Schritte abgedrückt finden, wenn Sie nur erst
anfangen, für alles das, was die Welt gleichsam namenlos hinstellt, gleichsam
mit einem »Man« einführt oder mit einem »Es« (»es wird sich zeigen«) oder sonst
mit einer Form der reinen Genüge des Menschen an sich selbst, den Herrn der Welt
einzuführen. Versuchen Sie das! Zu einem Gott sich erheben, der ausser uns und
unendlich hoch über uns wohnt, ist allerdings schwer; denn je näher wir ihm da
zu kommen suchen, desto entfernter rückt er. Nehmen Sie also Gott zu Ihrem
steten Begleiter, nur dass er einige Schritte vorangeht, nicht immer Ihnen zur
Seite, nehmen Sie ihn zum Erfüller aller der Pausen, die Ihnen das Leben lässt,
zu der zweiten Person, die in Ihrem Gewissen mit Ihnen redet, zu dem
unsichtbaren Freunde, der in einem dunkeln Zimmer, wo Sie über irgendein
Vorhaben brüten, mit Ihnen Rat hält! Ist das von Ihnen eine Zeit lang versucht
worden, so werden Sie auch allmählich wieder anfangen, christgläubig und
kirchlich zu denken.
    Es wäre also der umgekehrte Weg, den ich früher einschlug, alles, was mir
sonst Gott hiess, gerade anders zu nennen! sagte Monika und ihre Gedanken
verweilten einen Augenblick bei der Gräfin Erdmute, die noch gestern beim
Abschiede gesagt hatte: »Der Herr schenkt mir ein gutes Reisewetter, etwas Frost
und gute Wege!« Nun aber sprach sie: Meine Zweifel über Gott werden sich wieder
beruhigen; schwerer die über die Kirche und über die Wahrheit des katolischen
Glaubens!
    Bonaventura wallte fast auf mit den Worten:
    Sie sind so arm an Glauben und sind schon wählerisch? Sie hungern und
dürsten und bemäkeln schon die Speise, die Ihnen gespendet wird? Wahrlich, die
milden Guttäter müssen sich viel gefallen lassen!
    Fast bereute er dann sein hartes Wort und blickte deshalb ein wenig auf.
Gross und voll senkte sich der Strahl zweier dunkelbrauner Augen auf ihn herab,
ein wehmütiger Zug um den Mund milderte einen Anflug von Bitterkeit in schönen,
regelmässigen Zügen. Er musste des Obersten gedenken. Er musste sich sagen: Diese
beiden Menschen sind sich so ähnlich und fliehen sich!
    Mit sinnendem Ernste, bei dem sich die Augen wieder verkleinerten und die
grossen Sterne wie in das tiefste Innere zurückzogen, sprach Monika:
    Ich weiss vollkommen, was wir an unserer Religion besitzen! Sie ist kein
Gedanke, der soeben von heute aus dem Haupte eines erleuchteten Geistes sprang.
Sie ist eine ehrwürdige Ueberlieferung, eine grosse Weltbegebenheit, aus der wir
entnehmen dürfen, was wir für uns nutzbar machen können. Ich werfe es den
Protestanten vor, dass sie sich die Bürde auch des Ballastes an ihrem
Lebensschiff viel zu leicht gemacht haben. Ist man Christ, so soll man auch die
Geschichte seines Glaubens tragen. Oft hab' ich mir gesagt: An allem, was unsere
Kirche festält, ist etwas, was uns irgendwie immer wieder versöhnt, wenn wir
dann auch wieder einer zweiten andern Formel nur mit schwerem Herzen genügen.
Dann aber - plötzlich tritt doch ein Widersacher in uns auf, den ich nicht den
Teufel nennen kann. Unser Herz stösst plötzlich einen Hülfsschrei aus und lechzt
nach der Natur. Ich habe nie über diese Dinge so nachgedacht, als seitdem ich
Rechte des Herzens zu haben glaube. Ich bin nicht glücklich vermählt. Gesetzt,
ich würde noch einmal lieben können, unsere Kirche verböte mir das. Wie soll ich
da nicht an ihrer Göttlichkeit zweifeln!
    Bonaventura blickte bei diesen sicher und fest gesprochenen Worten im Geist
auf seinen eigenen Vater, seine eigene Mutter, jenen, der vielleicht noch lebte
und sich der Welt entzog, nur um dieser eine zweite Ehe zu ermöglichen ...
    Diese zartesten Fragen des Beichtstuhls hatte er erst in seiner jetzigen
Wirksamkeit kennen gelernt. Sie kamen auf dem Lande nicht vor. Es gaukelten wohl
zu allen Zeiten vor seinen Augen die hundert Fälle, die die Vorsicht der
römischen Casuistik über die Tatsachen des Ehelebens oft mit einer Nackteit
und Natürlichkeit aufzählt und niedergeschrieben hat, die nur aus Herzen kommen
konnte, die sich zum Cölibat verpflichten. In allen diesen spanischen und
italienischen Vorwegnahmen der durch die Liebe heraufbeschworenen
Gewissensleiden ist jener wahren Empfindung wenig Rechnung getragen, die aus den
reinsten Tiefen des Herzens stammt. Bonaventura las im Sanchez, im Bellarmin, im
Lambertini die hundert Fälle, wo in der dort gebrauchten Sprache Cajus die Rosa
liebt, Rosa den Titius, Tatsachen der Liebe, die das Licht des Tages scheut,
nicht jener, die nicht erwidern will ohne das offene Bekenntnis ihrer Neigung
vor der Welt; nicht jener, die der innern Heiligung des Menschen zum Segen
werden kann und die die Kirche zum Fluche macht; nicht jener, die mit Verachtung
solche Licenzen zurückweist, wie sie die Toleranz der Gewissensräte anrät und
nur mit Gebeten und Almosen gebüsst wissen will; nicht jener, die nach Neigung
wählen und in der Freiheit, frühere Irrtümer zu berichtigen, vor gläubigen
Seelen sogar durch das Beispiel der Patriarchenzeit geheiligt ist; nicht jener,
die uns deshalb nur allein wahrhaft frei macht, weil sie die ewigen und
unwiderleglichen Gesetze der Natur zu Gesetzen der Sitte, der Vernunft und des
göttlichen Willens erhoben hat ...
    Bonaventura's Stocken beängstigte die Beichtende, die es um sich her immer
lebhafter werden hörte ...
    Ich komme wieder! sagte sie, um abzubrechen ...
    Sie sprachen von keinem Bunde, den Sie wirklich schliessen wollen, hielt sie
Bonaventura, sondern nur von der Beunruhigung Ihres Gewissens, wenn Sie ihn
schliessen wollten. Warum begeben Sie Ihr Nachdenken in eine Gefahr, der sich
auszusetzen Sie nichts zwingt?
    Will man denn nicht das, erwiderte Monika, was uns ein Anhalt des Lebens
sein soll, gegen alle und jede Möglichkeit der Anfechtung stark und sicher
sehen?
    Die Gefahr wird an Ihnen vorübergehen!
    Und wenn nun nicht?
    Der Priester musste sich's so natürlich denken, dass eine so gestörte Ehe
damit enden konnte, dass eine junge, wie er nun hörte, mit Vorzügen des Geistes
ausgestattete Frau noch einmal eine Bewerbung fand, der sie nicht widerstehen
konnte. An Armgart mochte er sie nicht erinnern, da er deren den Aeltern
gegenüber durchgeführte Gesinnung kannte und der Beichtenden nicht verraten
mochte, dass ihre Person ihm kein Geheimnis war. So blieb ihm nichts übrig, als
die Zweifel, die auch an ihm in diesem Punkte nagten, zu überwinden und das zu
tun, was er in seinem Berufe schon manchmal recht schmerzlich sich mit den
Worten gestand: Wir gleichen den Aerzten, die aus Mangel an Erkenntnis und einer
wahren Hülfe dem armen Leidenden Wasser - gefärbt mit einem roten süssen Safte,
verschreiben!
    Ich sehe Sie in dem Zustande, sagte er, den die Schrift den des zerstossenen
Rohres nennt und der Sänger des Dies Irae das Cor contritum quasi cinis! Das
Herz zermürbt wie Asche! Bekämpfen Sie Ihre Stimmungen und halten Sie noch
Betrachtungen über die Kirche davon fern! Fassen Sie die Kirche als ein grosses
Ganzes! Dass Sie als Kind am Freitage fasteten, was sagte es denn? Es sagte: Ich
gehöre einer Gemeinschaft an, die das Vernunftgesetz über das Naturgesetz
erhoben hat! Dass wir der Wildheit die Gesellschaft abrangen, dass wir einen Bund
der Gesittung, der Künste, Wissenschaften, der Ordnung, eine Gesellschaft haben,
wo die Tyrannen nicht herrschen, die Räuber, die Mörder schweigen und abseits
treten müssen, wem anders verdanken wir denn das, als der Zähmung unserer
natürlichen Begierden?
    Monika schwieg ... Sie beschloss, dem Vernommenen nachzudenken ... Schon der
bald sanfte, bald strenge Ton hatte sie erhoben ...
    Bonaventura schloss:
    Kehren Sie bald, bald wieder! Absolvo the in nomine patris, filii et spiritus
sancti!
    Er machte das Kreuzeszeichen, zog sein Fenster zu und lehnte sich eine Weile
in seinen Stuhl zurück - tief, tief - unzufrieden mit sich selbst ...
    Aber Ruhe, Kampf der Seele, Sieg gab es da wenig. Die Zahl der Harrenden war
angewachsen. Schon meldete sich's am andern Fenster ...
    Er zog den Vorhang zurück. Er tat es mit dem Gefühl: Welch ein Stümper
erscheinst du doch bei wirklichen Leiden! Kannst du dies Holz denn verlassen und
einem Priester begegnen, ohne dass ihr beide vor einander die Augen
niederschlagt?
    Schon sprach wieder eine sanfte Stimme die übliche Anrede.
    Auch diese Stimme kam von einem Weibe. Auch sie ertönte aus den Umhüllungen
eines zwar nicht schönen, aber jugendlichen Hauptes. Ein kostbarer Pelz lag
dicht am Gitter und berührte fast sein Beichttuch ...
    Hochwürdiger Vater, ich bin unglücklich! ...
    Der Beichtstuhl, mein Kind, hört nur das Unglück durch Sünden ...
    Ich sündige wider die Gebote der Kirche und doch spricht mein Herz mich
frei!
    Sollte die Versuchung des armen Leviten nicht enden! Bonaventura erklärte
die vernommenen Worte für einen Widerspruch und wünschte Aufklärung ...
    Ich werde in wenig Wochen Mutter sein! Mein Gatte ist Protestant und ich bin
zweifelhaft, das Kind in meinem Glauben taufen zu lassen!
    Verlangt Ihr Gatte das Gegenteil?
    Er verlangt es nicht! Er verdankt seine Lebensstellung mir, er ist die
Rücksicht selbst! Dennoch schenkt' ich gern unser seit zehn Jahren ersehntes
Kind ganz nur ihm!
    Da tun Sie Unrecht! Sie bringen dem einen das, was er nicht begehrt, das
kann Grossmut sein; aber Sie entziehen es einem andern, der darauf Ansprüche
hat; das ist ein Raub!
    Ich bin meinem Gatten Grossmut schuldig, ich bin ihm Genugtuung schuldig!
Und gerade vor meiner Familie, die ihn kränkt, zurücksetzt, sich freut, zwischen
uns eine Trennung zu wissen! Ich fühle, dass ich ihm mein Kind schenken muss um
der Liebe willen, um der Liebe ein Zeugnis zu geben! Sagen Sie denn auch wie
alle andern Priester, dass mein Kind im Jenseits von mir getrennt sein wird?
    Die Schrift sagt: »Bei unserm himmlischen Vater gibt es viele Wohnungen.«
Vertrauen Sie auf seine Gnade, wenn Sie sich nicht noch anders besinnen und von
Ihrem Gatten zu Ihrer Religionspflicht zurückführen lassen. Gaben Sie bei Ihrer
Verbindung dem Geistlichen, der Sie traute, kein Versprechen über Ihre Kinder?
    Man verlangte es damals nicht! Das ist über zehn Jahre her ...
    ... Die Fälle der gemischten Ehen kamen jetzt so oft im Beichtstuhl vor.
Dennoch horchte Bonaventura auf und gedachte der Zerwürfnisse im Kattendyk'schen
Hause, dem Hause, wo Treudchen und Lucinde wohnten ...
    Glauben Sie auch, hochwürdiger Vater, fuhr die zitternde Stimme fort, dass
ich nicht die Aussegnung erhalten werde?
    Die Aussegnung einer Wöchnerin bei ihrem ersten Kirchgang ist ein Brauch,
kein Sakrament ...
    Nach dem Glauben meiner Mutter und Geschwister werd' ich, wenn ich ohne
Aussegnung sterben sollte, als ruheloser Geist Nachts mit einer Kerze in der
Hand so lange um diese Katedrale gehen müssen, bis eine andere Lebende sich für
mich aussegnen lässt!
    Bonaventura wurde irre, ob ein solcher Glaube in einem gebildeten Hause
herrschen konnte. Fast an der Anwesenheit der Frau Hendrika Delring zweifelnd,
sagte er:
    Welche Torheit! Nur fürcht' ich, dass Sie nach Ihrer Handlungsweise
überhaupt nicht im Schoose unserer Kirche bleiben werden; denn die Gnadenmittel
müssen Ihnen entzogen werden!
    Eine Pause trat ein ...
    Auch Sie sprechen wie Kanonikus Taube! sagte die Stimme ...
    Wir sprechen alle, wie die Mutter Kirche spricht! Sie will keines ihrer
Kinder sich entzogen sehen und ist streng gegen die, die ihrer Liebe ein neues
Kind vorentalten! Erwägen Sie Ihre künftigen Leiden! Ihr Gatte ist edel; wie
denn wird er von Ihnen ein solches Opfer verlangen!
    Hendrika Delring weinte ...
    Es währte lange, bis sie sich sammeln konnte ...
    O diese Welt! rief sie plötzlich heftig aus ...
    Warum nur beruhigt Sie der Friede dieses Gottestempels nicht? Warum sprechen
Sie in dieser Aufregung? Erzählen Sie, was Ihnen begegnete!
    Schon oft, hochwürdiger Vater, wollte ich zu Ihnen kommen! Ich hörte täglich
von Ihrer Weisheit und Güte. Neulich noch, als meine Familie sich um mich
versammelt hatte, ein Marienbild in meinem Zimmer entschleierte und, indessen
alle auf den Knieen lagen, zu ihm ein Gelübde sprach, sie würden, wenn ich mein
Kind nicht im Glauben des Vaters taufen liesse, eine Wallfahrt antreten und in
einem gräflichen Hause bei Witoborn, wo geistliche Uebungen gehalten werden,
sechs Wochen lang sich einschliessen und die Exercitien mitmachen, da schon
wollt' ich zu Ihnen kommen - nur warf mich die Verzweiflung aufs Krankenlager.
Meine Mutter behauptete, wenn ich anders handelte, würd' ich jetzt Gott um die
Erfüllung eines Gelübdes betrügen ...
    Das ist eine Torheit! erwiederte Bonaventura entrüstet. Wer lehrte Ihre
Mutter, dass Gott unserer Opfer bedarf! Ein Gelübde kann einen Wert für unsere
Seele haben, aber nur der Heide kauft seinem Götzen mit einem Gelübde etwas ab.
Eher könnte Ihr Gewissen sich gedrückt fühlen von dem Vorwurf, die religiöse
Denkungsart der Ihrigen, vollends einer Mutter zu verletzen ...
    Auch musst' ich bittere Tränen darüber weinen und war in meinem Vorsatz
wankend geworden! Ein junges Mädchen, das in meinen Diensten steht, sprach
täglich von diesen Exercitien, an denen sie so gern teilgenommen hätte. Das
junge Kind, das ich so lieb habe, vergegenwärtigt mir den Glauben, den ich
immermehr verliere ...
    ... Ist das Treudchen? dachte Bonaventura voll Bangen. Treudchens
Beichtvater war - Cajetan Roter ...
    Leider aber lässt der Peiniger meiner Lebensruhe nicht nach! fuhr Hendrika
Delring fort. Es ist mein eigener Bruder! Früher war mein Gatte Führer des
Geschäfts. Aufrecht gehalten hat er's in schwieriger Zeit. Die Zeit ist nicht
mehr günstig wie sonst, andere überflügeln den alten Kaufmannsschritt und darauf
fusst mein Bruder, um meinen Gatten täglich zu verletzen. Während er selbst sich
der sinnlosesten Verschwendung ergibt, wirft er uns die kleinste Ausgabe vor und
schon war unser Entschluss reif, ganz aus dem Geschäft auszutreten. Leider ist
meine Mitgift, wie es bei Kaufleuten Sitte, nur klein; meine Einnahme hängt von
dem Ertrag des Geschäftes ab. Eine ihr entsprechende grössere Summe
herauszuziehen, ist immer mit Schwierigkeiten für unser ganzes Haus verbunden.
Darum, weil mein Mann von vorn anfangen müsste und auch des Salairs für die
Führung des Ganzen zu entbehren hätte, bekämpfte ich diesen Schritt, hielt aber
zu meinem Mann und brach mit meiner ganzen Familie. Deshalb auch schenkt' ich
ihm im Geist meine Hoffnung, ohne dass der Edle es begehrt. Aber jetzt ist keine
Wahl mehr. Mein Gatte muss weichen. Heute in der ersten Frühe fand eine Scene
statt, die jede Aussöhnung unmöglich macht. Um das Geringfügigste erhob schon
sonst unser Tyrann einen Streit. Diesmal darüber, dass er eine Gesellschaft geben
will und zu dem Ende Ansprüche macht auf einen Teil meiner Zimmer. Ich
verweigerte sie ihm aus Gründen, die eine Hausfrau haben darf. Nicht um eine
Ladung Waaren, nicht um einen Wert von Tausenden begann er jemals einen solchen
Streit, wie jetzt über diesen Gesellschaftsabend. Mein Gatte kam hinzu. Das
ganze Haus wurde Zeuge eines Auftritts, der nur damit enden konnte, dass wir das
Haus und das Geschäft für immer zu räumen erklärten. Mein Gatte wird eine Stelle
suchen, meine Mitgift und ein uns angewiesenes Zehntel vom Reinertrage des
Geschäfts reicht vielleicht aus, ihn irgendwo zum Associé zu machen. Wir ziehen
weg von hier und wenn ich dann an seiner Seite lebe - -
    Nun dann, dann - unterbrach Bonaventura das plötzlich stockende Bekenntnis,
dann schenken Sie Ihr Kind Ihrer Mutter - Ihr Gatte bedarf dann keinen weitern
Beweis Ihrer Liebe mehr!
    Hendrika schwankte, aber in ihrem Worte: Hochwürdiger Vater, ich zweifle
schon an allem -! lag eine Zustimmung ... Der sanfte Ton des Priesters hatte sie
überwunden ...
    Das sagen Sie doch nicht! unterbrach Bonaventura. Die Liebe ist ja mächtig
in Ihnen! Auch Liebe zu Ihrer andern Mutter, zur Kirche, haben Sie noch! Sie
ringt nur mit der Gott ja gleichfalls wohlgefälligen Liebe zu Ihrem Gatten. So
ist ja ein Ausgang da aus diesem Labyrint, der Sie vorläufig vor Conflicten mit
der Seelsorge bewahrt! In den Ihnen nun verhängten künftigen Entbehrungen kann
ich nur eine Gnade des Himmels erkennen. Wie glücklich werden Sie sein! Ganz nur
Ihrem Gatten hingegeben! Seine Sorgen, seine Erfolge teilend! Ich will Sie in
mein Gebet einschliessen! ...
    Eine Weile dauerte es, bis Madame Delring weiter sprach ... Sie hatte ihr
Taschentuch an ihr Auge gedrückt ... Mit gebrochener Stimme hauchte sie:
    Und ist es denn wirklich wahr - Und auch Sie, Sie sagen es - mein Kind würde
im Jenseits -
    Sie vollendete ihre Rede nicht. Denn Bonaventura unterbrach sie:
    Wir haben eben eine so schöne Einigung gehabt, eine Einigung, auf die hin
ich Ihnen freudig die Absolution für Ihre Zweifel erteile und Sie auf Sonntag
zum Tisch des Herrn lade. Warum kehren Sie zu dem alten Unmut zurück? Die
Kirche hat den Abfall so vieler Millionen Bekenner erleben müssen, sie hat ihn
zu einer Zeit erlebt, wo in der Tat ihr Wesen mannichfach entstellt wurde. Muss
sie nun nicht streng sein, die Ihrigen zusammenzuhalten? Darf sie gering denken
von dem, was ihre Lehre über die Stufenfolge und die Ordnung des Heils
aufgestellt hat? Eine Sprosse daraus weggezogen und das ganze Gebäude wankt. Zu
unserer Kirche zu gehören ist nun einmal nach unserer Lehre eine Wohltat.
Denken Sie doch nur immer an das, was Sie selbst als Kind glücklich gemacht hat,
als Sie die erste Annäherung an die Gemeinschaft mit der sichtbaren Vertretung
Ihres Glaubens fühlten! Diese sanften Klänge an einem Palmensonntag, diese
heiligen Schauer des Ostertages, diese Wonnen einer höheren Liebe zu jeder
Stunde des hochheiligen Kirchenjahres - gönnen Sie sie, ich bitte, auch Ihrem
Kinde, dessen Ankunft und weiteren Lebensgang Gott segnen möge!
    Nun erteilte Bonaventura den Segen. Die Beichtende erhob sich langsam ...
Ein Diener, der in einiger Entfernung gewartet hatte, sprang hinzu und half ihr
beim Aufstehen. Sie ging bis an eines der grossen Portale, wo sie ein Wagen
aufnahm.
    Zeit zur Besinnung blieb dem Priester wenig ... Ob er mit sich - zufriedener
war? ...
    Aber da half kein Blick nach innen ... Schon wieder musste er das
entgegengesetzte Fenster öffnen ...
    Ein grosser Triumph des Beichtstuhls ist das Herantreten selbst des
Höhergebildeten zum Ohr des Priesters. Grösser aber noch möchte man den Triumph
nennen, wenn sich ihm die männliche Jugend in jenem Alter naht, wo die
Knabenvorurteile abgestreift sind und sich sonst der keimende Stolz des Mannes
schämt, sich noch an den Gängelbändern der ersten Erziehung zu zeigen. Ein
junges Ross zerreisst alle Stränge, bricht alle Schranken - aber so halbwüchsige
Jugendkraft im Beichtstuhl zu erblicken, selbst da sich demütigend, selbst da
sich unterwerfend, das ist eine Glorie der Kirche und des Familienlebens. Alle
Abbildungen, die man von dem knieenden heiligen Aloysius von Gonzaga, einem
frommen, offen gestanden, etwas blöde und geistlos blickenden Pagen am Hofe der
bigotten Nachfolger Philipp's II. sieht, bezwecken es, die Liebenswürdigkeit
einer ganz noch in Knabengewohnheit sich haltenden Kirchlichkeit auch dem
reifsten Jünglingsalter einzuprägen.
    Tiebold de Jonge hatte wirklich, wie er an jenem Morgen nach dem Frühkaffee
Benno »auf Ehre« versichert hatte, neun Jahre lang nicht gebeichtet. Benno würde
nichts dagegen gehabt haben, wenn von diesem »auf Ehre« die jährliche
Osterbeichte ausgenommen gewesen wäre; denn diese war, wie damals auch Pastor
Engeltraut in Drusenheim gesagt hatte, eine ganz conventionelle
»Sündenabwaschung«, der man nicht entraten kann und die sich bei jedem, der
keine bürgerlichen Unannehmlichkeiten erfahren will, innerhalb der katolischen
Kirche von selbst versteht. Aber Tiebold de Jonge war wirklich in neun Jahren
ein completter Heide gewesen. Immer traf es sich, dass er zu Ostern irgendwo auf
Reisen war; eine mahnende Mutter lebte nicht mehr; sein Vater war »ohne
Vorurteile« und als »König der Holzhöfe«, wie er hiess, in einer Vorstadt
wohnend, mit der Gesellschaft wenig in Berührung, ausgenommen bei den
Provinziallandtagen. Die Gelegenheiten, wo junge Leute Beicht- und
Communionzettel brauchen, kamen bei Tiebold nicht vor. Weder brauchte er
Stipendien zum Nachholen seiner etwas vernachlässigten Studien, noch liess er
taufen. »Ei, wart' du nur, Kerl«, sagte öfters sein Vater zu ihm, wenn er die
Verwilderung bemerkte, »bis du nur endlich heiraten wirst, dann hört wohl die
Freigeisterei auf! Aber!« setzte er hinzu, »du wirst wohl auch so ein Hans Matz
werden, wie -« nun nannte er einige reiche ältere Herren aus der christlichen
Handelssphäre, die, wie der »Ober-Chochem« Moritz Fuld, vorzogen, Garçons zu
bleiben. Vor vier Monaten erst, als Tiebold so melancholisch und so verspätet
von der drusenheimer Partie zurückkam und einige Tage lang seine besten
Leibgerichte stehen liess, setzte der Vater hinzu: »Die Hanne Kattendyk hast du
dir nun auch entgehen lassen! Macht sich so ein hungeriger Professor dran!
Nannette Schmitz ist freilich noch zu jung! Aber Josephine Moppes, Lisette Maus,
Mamsell Effingh und der kleine Schwarzkopf, der mir schon gefallen könnte, Betty
Timpe - sage mir nur, Kerl, warum schleppst du dich mit den Brüdern dieser
Mamsells, diesen liederlichen Tagedieben, wenn du nicht reelle Absichten dabei
hast!« Von einem adeligen Freifräulein und einer jetzigen Stiftsdame war keine
Rede, weil der Sohn dem Vater »mit dergleichen« schön angekommen wäre, obschon
Tiebold auch hier auf die Länge keine Schwierigkeit gefunden hätte und
überhaupt mit seinem Vater auf mehr als dem Du-Comment kindlicher
Vertraulichkeit stand. Der alte de Jonge liess sich von dem jungen de Jonge
behandeln, als wenn die Rollen umgekehrt wären, er der Sohn und Tiebold der
Alte. Tiebold erzog »seinen Alten« und der Alte hatte sogar Furcht vor dem
Jungen und bemühte sich ängstlich, ihm zu Dank zu leben. Es war ein Verhältnis
wie in der verkehrten Welt, was jedoch nicht ausschloss, dass Tiebold mit dem
tiefsten Schmerz ausrufen konnte: »Wenn mir 'mal bei Gelegenheit der alte Mann
sterben sollte, wüsst' ich auf Ehre nicht, wie das fertig bringen!«
    Obgleich Tiebold seit vier Monaten sich weder in seiner Toilette
vernachlässigte, noch irgendwie auffallend in seiner Ernährung zurückging,
drückte ihn doch offenbar Melancholie. Seine Paletots gaben wohl die Wintermode
an, er hatte die Krägen und Aufschläge von schwarzem Sammet eingeführt, die
seinem frischen, gesunden Antlitz und dem gescheitelten kräftig blonden Haar das
schönste Relief gaben; aber selbst die Bewunderung, die noch vorgestern Abend
auf der Apostelstrasse sein Pelzrock mit Schnüren, gefüttert mit Marderfell aus
dem nördlichen Canada - einem eigenen Importartikel - hervorgebracht hatte
(selbst bei Pitern, der so kindlich glückselig sich erging, dass er die heute
stattgehabte »Mordscene« mit Delring schwerlich schon embryonisch in seiner
»fürchterlich reizbaren« Seele trug), selbst diese Bewunderung hinderte nicht,
dass ein schon seit lange gehegter elegischer Plan kurz vor seiner Reise nach
Witoborn zur Ausführung kam. In seinem Innersten hatte er sich auf etwas
ertappt, was ihn drückte. Es war etwas, das er am wenigsten seinem angebeteten
Freunde Benno von Asselyn und gerade darum dem Domherrn gestehen wollte.
Vorgestern, beim Nachhausegehen von der Austernpartie, als er zwischen ein und
zwei Uhr unter den nächtlichen Sternen nicht enden konnte, von Armgart's Mutter
zu schwärmen und jedesmal Benno, wenn dieser dann auch mit Ekstase anfangen
wollte, mit Allotrien in die Rede fiel, hätte er beinahe alle Schleier von
seinem Innern wegfallen lassen. Asselyn! - rief er; aber da war dieser wieder
durch irgendeine ironische Seitenbemerkung »unverbesserlicher ausgebrannter
Krater« und so blieb eine »unwiderstehliche Erleichterung seines Busens« in ihm
stecken. Heute in der Frühe zog er seinen canadischen Pelz an, las, um seine
Katechismuszeit aufzufrischen, in einem alten Beichtspiegel, den er aus der
Bibliotek seiner Mutter als Reisegepäck nach dem frommen Witoborn mitnehmen
wollte, und beschloss, dem Domherrn eine gründliche Schilderung gewisser
Schlechtigkeiten zu geben mit der Bitte, das Nähere davon Benno mitzuteilen,
damit ihn dieser nicht verkenne, denn - »Eines muss der Mensch haben«, sagte er
sich, »woran er sich vom Tiere unterscheidet, welches nicht mit Vernunft begabt
ist«; ja er setzte hinzu: »Unter gewissen Umständen ist das Sakrament der Busse
eine merkwürdige Geschichte!« ... Zu den besondern Segnungen des Beichtstuhls
gehören nämlich die sogenannten »Restitutionen«. Der Beichtörende übernimmt
dann die Ausgleichung einer eingestandenen Schuld, ohne dass der davon Betroffene
die Ahnung hat, von wannen ihm diese geheimnisvolle Rechtfertigung oder
unerwartete Schadloshaltung gekommen ist ...
    Für die sogleich zugestandene neunjährige Unterlassung des Beichtens erhielt
Tiebold Vorwürfe, die er »vollkommen in der Ordnung« fand. Ja fast hätte er
ohnehin zur schnellern Orientirung des hochverehrten Priesters über die
»betreffende Persönlichkeit«, die hier in dem schönen canadischen Pelzrock und
mit dem schönsten frisirten Scheitel vor ihm lag, die Ergänzung gegeben:
»Schauderhaft, selbst für jene wunderbare Rettung am Sturz des St.-Moritz fand
ich keine Veranlassung, irgendjemand anderes zu danken, als dem Obersten von
Hülleshoven und einem Ihnen vielleicht persönlich nicht ganz unbekannten
Ehrenmann Namens Hedemann« ... Trotz dieser zurückgehaltenen Indiscretionen
musste Bonaventura nach einigen weitern Wechselreden den Freund Benno's sogleich
erkennen. Nicht wenig war er überrascht, als dieser von sich eingestand, dass
auch er eine Dame liebte, die er nur »leise angedeutet« zu haben glaubte durch
offene Nennung ihres Namens Armgart von Hülleshoven.
    Ich liebe ein Mädchen, bekannte Tiebold, von dem ich vor einigen Monaten
erfuhr, dass es auch das »Ideal« eines Freundes von mir ist, für den ich »sonst
mein Leben lasse«! Durch eine besondere »Verkettung von Umständen« hatten wir
zusammen eine nächtliche Reise zu »bestehen«, wir drei, die Dame, mein Freund
und ich. Die Gegend war reizend, einsam und »wunderschön«! Die Nacht mondhell,
die Sterne - nein, es war »wirklich« prachtvoll und - und - »niemand« schlief,
»die junge Dame ausgenommen«, die, von Anstrengungen »übermannt«, »der Natur
ihren Tribut zollte«! Mein Freund und ich, wir »zwei«, »verständigten uns durch
gegenseitiges Schweigen«. Merkwürdig aber! Je mehr »der Morgen graute«, desto
»finsterer wurde es«! Der Mond »verschwand« ... Die Berge, die Tannen - reizend;
aber um vier Uhr Morgens »stichdunkel«! Unsere Begleiterin erwachte! Sie seufzte
und erzählte ihre Träume, die wir »um das feierliche Schweigen zu brechen«, ihr
auszulegen versuchten! »Aber« an den einzelnen Stationen mussten wir aussteigen,
um mit den Postaltern und Postillonen abzurechnen, denn mein Kutscher war mit
meinen Pferden schon auf der ersten Station zurückgeblieben. Rücksichtsvoll und
feierlich, wie wir »gestimmt« waren, liess einer den andern zuerst wieder
einsteigen, und zerstreut, wie wir gleichfalls gewesen zu sein »nicht leugnen
können«, verwechselten wir unsere Plätze. Da - da fühlt' ich auf einer der
letzten Stationen vor Erreichung der »regulären Schnellpost« im Dunkel eines
Hohlweges eine zarte Hand in der meinigen ... Die »Handschuhe« meines Freundes
waren es nicht, obgleich es mir schien, als hätte er längst auf dem Herzen, mir
mit Gefühl zu sagen: Freund, beruhigen Sie sich! Sie sehen wohl, ich bin der
Bevorzugte! Aber nein! Die Handschuhe waren die der jungen Dame. Ein Druck war
es, »als wollte sie sagen«: O Geliebter, wie dank' ich Ihnen von Herzen! Sie
haben mich zeitlebens zu Ihrer Schuldnerin gemacht! Bleiben Sie mir gut mein
ganzes Leben lang! ... Herr Gott, ich zitterte! Ich wusste, dass das gar nicht
mein Platz hier war und sie mich für meinen Freund hielt! Ich erwiderte den
Händedruck und das mit Beben und mit einer »gewissen Schüchternheit«, woraus sie
noch um so mehr die »Berechtigung entnahm«, glauben zu dürfen, dass der von ihr
Beglückte mein Freund und nicht ich war. Die Dame legte sich wieder in ihre Ecke
»und entschlief aufs neue«. Aber das Gewissen brannte mir. Herr des Himmels, der
Wagen hielt, und nun musst' ich aussteigen, und der Freund, der »ein wenig
geschlummert hatte« und die Worte des lieblichen Engels »überhörte«, folgt - und
nun diese »beklagenswerte Verschmitzheit meinerseits«! Ich schlug ja vor, die
Plätze wieder zu wechseln! Und dies geschah und der Morgen graute immermehr und
der Postillon blies und das junge Mädchen erwachte »aufs neue«. Gott, sie
lächelte! Sie lächelte in aller Unschuld. Sie lächelte meinen Freund an, der ihr
nun wirklich gegenübersass! Aber »natürlicherweise«! Nicht im mindesten machte
dieser Miene, sich an eine Zärtlichkeit zu erinnern, »die er nicht genossen
hatte«. Um meine Verlegenheit zu vermehren, gab die dankbare Freundin unserer
Herzen nun auch mir die Hand, als wollte sie sagen: Ganz zu kurz kommen sollen
auch Sie nicht, lieber Herr de Jonge! Und dies offenbar viel kältere Benehmen
sah mein Freund nicht ohne Befremden. Schwerlich schrieb er's auf »Rechnung
meines Wagens«, den er zwar zu loben anfing; aber ich gestehe, dass ich schon
damals beschämt war, nicht im mindesten »honnet genug« gewesen zu sein und
gesagt zu haben: Erlauben Sie, mein Fräulein; vorhin - das bin ich auch gewesen!
Kurz, mein armer Freund blieb ohne alle Aufklärung! Ich, ich sonst ein Mensch
von »Reellität«, habe aus »Liebesglut« meinen Betrug verschwiegen bis zum
heutigen Tage und »ich muss gestehen«, diese Lüge »entstellt meinen ganzen
Charakter«. Denn nicht nur nicht - wie gesagt - sie einzugestehen war alle Tage
Zeit - sondern auch - meine Schlechtigkeiten in diesem »Punkte« nahmen noch zu
...
    Bonaventura hatte schon oft Gelegenheit gehabt, sich zu überzeugen, dass
Benno nicht Unrecht hatte, seinen Freund Tiebold de Jonge einen »närrischen
Kerl« zu nennen. Diese so wunderlich stylisirten Gewissensscrupel überraschten
ihn daher nicht im mindesten ...
    Ich kann sagen, ich habe eine so gründliche Abneigung gegen mich selbst
gefasst, fuhr Tiebold fort, dass ich jede Nacht um einige Stunden meines Schlafes
»verkürzt« werde. Auch werde ich keine Ruhe finden, ehe es nicht wieder »Tag in
meinem Innern« wird! Eines muss der Mensch haben, was seine Religion ist und die
Ehrlichkeit, glaub' ich, »spielt dabei keine unansehnliche Rolle«.
    Welche andere »Schlechtigkeiten« sind es denn sonst noch, die Sie vorhin
erwähnten? fragte Bonaventura ...
    Die bodenloseste Verstellung! sagte Tiebold und trocknete sich den
Angstschweiss von der Stirn. Ich schmeichle nämlich meinem Freunde mit der
»stereotypen Versicherung«, dass die »Palme des Sieges« nur er allein davontragen
könne. Regelmässig aber habe ich davon das absolute Gegenteil im Herzen! Ich
sage ihm: Asselyn - bitte um Entschuldigung! (Für die unerlaubte Angabe eines
Namens -) Ich sage: Freund, Sie sind der Glücklichste der Sterblichen! Im
Gegenteil aber erwäg' ich meine bessern Umstände, sogar meinen »scheinbaren
Adel« und ähnliche »Chancen«. Diese »vorhabende« Reise morgen nach Witoborn ist
z.B. eine solche schlechte Erfindung meiner Doppelzüngigkeit! Nicht im
entferntesten liegt für mich ein Interesse vor, Wälder zu kaufen, die an keinem
»schiffbaren Wasser« liegen. Nichtsdestoweniger hab' ich dies schlechte Geschäft
als eine ausserordentliche »Conjunctur« hingestellt, ja dem Freunde sogar
»schmählicherweise« mein Bedauern ausgedrückt, dass ich ihm durch meine
Anwesenheit in Witoborn ein »lästiger Zeuge« sein würde. Wie gesagt, ich fange
an stündlich über mich selbst zu stolpern und mich dem schaudervollsten Trübsinn
zu ergeben aus Desperation über mich selbst! Hochwürdiger Vater! Ich möchte auf
die ehrliche Strasse zurück! Es würde mir dies »stellenweise« erleichtert werden,
wenn Sie, hochwürdiger Vater, die Güte haben wollten, meinen Freund zu
versichern, Sie wüssten aus »autentischer Quelle«, dass er geliebt wird. Ich
würde dann mit einer gewissen Erleichterung neben ihm meinen Platz im Postwagen
einnehmen; denn wir wollen diesmal mit der gewöhnlichen Diligence fahren ...
    Mit diesem schwungvollen Schluss endete Tiebold's gründlich einstudirte
Beredsamkeit ...
    Jeder andere, der dieser Flüstersprache zugehört haben würde, hätte sicher
seinem Ohr nicht getraut. Aber ein katolischer Priester hört dergleichen
Herzensergiessungen täglich. Die Neigung, die man bei Schulkindern das
»Anbringen« nennt, wird durch den Beichtstuhl in Bezug wenigstens des
»Anbringens über sich selbst« sogar geschult und erzogen. Und will man ein guter
Erzieher sein, muss man zugestehen, dass in dem Anbringen selbst über andere in
der Schule ein Keim liegt, der etwas Gutes entält. Es kann ein Wahrheits- und
Gerechtigkeitstrieb sein, der nichts Unrechtes sehen oder leiden kann. Ein Kind,
dem man das Anbringen unter allen Umständen verleiden wollte, könnte leicht in
Gefahr geraten, am Guten irre zu werden; denn immer wird es denken: Ei, das
Böse ist doch dafür da, dass es entlarvt und bestraft werde; wie hindert man mich
denn, das Gute herzurichten? Und der Beichtstuhl hört deshalb mit Geduld alles,
was in ihm angebracht wird. Auch behülflich ist er, die Entdeckungen zu fördern
und das Gute so wieder einzurichten und einzufugen, dass die, die es verletzten,
nicht zu sehr dabei blossgestellt werden. Er legt Strafe und Züchtigung
vorzugsweise für die innere Gesinnung auf, übernimmt dann aber fürs Praktische
gern, wie wohl ein liebender Vater auch tut, das von seinem Kind gestohlene Gut
wieder an den rechten Platz zu legen, ohne dass der Täter auf ewig zu Schaden
kommt. Der Beichtstuhl möchte gern auf diese Art die Harmonie des Lebens
ergänzen. Und da die Sünden, in allgemeiner Formel ausgedrückt, oft nur
Redensarten sind, so muss er zu dem Ende ausführlich die Facta hören, muss wissen,
welche Rubrik in der Moral verletzt wurde und welche Arznei zu wählen ist, ob
eine heroische, erschütternde, ein Taraxakum, oder eine sanfte und lind
auflösende ...
    Tiebold, der sich in dem Augenblick vorkommen mochte, wie der heilige
Aloysius, Tiebold, der als »Aufgeklärter« nur festielt an dem, was »an seiner
Kirche wirklich gut« ist - »aufgeklärt« und »protestantisch« lagen für ihn und
vielleicht auch für Benno weit, weit auseinander -, traf heute nicht den alten
guten Herrn, bei dem er angeleitet worden war richtig Beicht zu sprechen. Der
Pfarrer von Sancta-Maria an den Holzhöfen pflegte in solchen Fällen immer zu
sagen: »Geh du man, min lütje Jong (es war ein Friese, wie die Asselyns), dat
schall ik wohl maken!« Der gute alte Herr arrangirte, was Tiebold von
eingeworfenen Fenstern, Näschereien, sogar schon Schulden (bei vierzehn Jahren!)
ihm eingestanden hatte. Hier aber musste Tiebold erleben, dass seine noble
Gesinnung und die »autentische Quelle« und sein »die Güte haben wollten« -
nicht den mindesten Anklang fanden ...
    Bonaventura verurteilte ihn zwar nur zu einigen Aves und einigen Spenden,
sprach ihm aber das Absolvo erst nach folgenden strengen Worten:
    Und können Sie mir wirklich zumuten, dass Ich nun auch noch an dem Gewebe
Ihrer Unwahrheiten mit fortspinne? Wollen Sie Ihren Betrug gut machen, den Sie
in dem Wagen bei jener nächtlichen Fahrt gespielt haben, so glaub' ich, dass Sie
ihn selbst bekennen müssen. Erleichtern will ich Ihnen diese Beschämung
allerdings dadurch, dass ich der Meinung bin, Ihr Geständnis ist zunächst da
anzubringen, wo der Betrug stattfand. Zuerst müssen Sie der jungen Dame, die Sie
nun ja wiedersehen werden, bekennen, dass Sie es waren, der den Händedruck
empfing. Die Täuschung, die Sie begingen, ist freilich eine doppelte. Lassen Sie
aber erst das Geständnis vorangehen, das Sie der Dame selbst zu machen haben,
und sagen Sie dann mir, da ich gleichfalls in der gemeinten Gegend sein werde,
was sie Ihnen erwiderte; vielleicht wünscht sie den Vorfall jetzt lieber ganz
verschwiegen. Soll ihn aber später Ihr Freund erfahren - und ein wirklich dann
Ihretwegen besorglicher Fall das - so will ich Ihrem guten Willen, Ihrer
Neigung, Ihr Gewissen zu entlasten, vor dem Freunde ein Zeugnis geben, das Ihre
Hinterlist nicht zu sehr compromittirt oder wohl gar eine Aufkündigung der
Freundschaft zur Folge hat, wenn nicht Schlimmeres, was ich nicht wünschen
möchte; denn Ihre Freundschaft ist dem Freunde schon ein Besitz, den er hat; die
Liebe jenes Mädchens aber bisjetzt etwas noch Zweifelhaftes. Ich möchte nicht,
dass er um Freundschaft und Liebe zugleich kommt ...
    Tiebold erhob sich wie angedonnert ... Die Verwickelung wurde immer grösser
... Die ganze Freundschaft mit Benno stand auf dem Spiel ... Und - ein
Geständnis seiner offenbaren Heimtücke an Armgart selbst! .. Er sah die
vollkommenste Niederlage, die ihm Bonaventura im Stifte Heiligenkreuz bereitete
... Die Vorwürfe Armgart's hörte er, hörte die offenkundigste Demütigung in dem
kühlsten: »Sie waren das?« das je auf Erden gesprochen wurde - Er wankte nur so
hinaus und litt mehr, als sich schildern lässt. Denn seine Bewunderung vor
Benno's Vetter war nicht bloss hoch, sondern »höchst«. Er musste sich gestehen,
unter solchen Gefahren und Verwickelungen hätte er sich die Reise nach Witoborn
anzutreten nicht für möglich gedacht.
    Ruhe, Erwägung, Sammlung waren Bonaventura nicht vergönnt ... Wie gern hätte
er sich jetzt träumerisch verloren in Benno's Liebe, in Armgart's Gegenliebe,
die er durch seine Tiebold gegebene Vorschrift prüfen, zu vollerem Bewusstsein
erheben, zum reichern Schatz für seinen Freund ansammeln wollte. Er dachte:
Vielleicht kannst du eine dem dunkeln Lebensschicksal deines Freundes plötzlich
aufgebende rosige Beleuchtung in Witoborn ihm selbst ankündigen! ... Aber schon
redete eine andere Stimme ...
    Es war eine heisere. Aber eine weibliche, soweit ein sonderbares Näseln und
stossweises Schluchzen sie unterscheiden liessen - ein Taschentuch musste schon an
allen Enden gewechselt worden sein, so feucht war es von dem Jammer der
Zerknirschung. Eine Nase wurde dem Hörer sichtbar, geschwungen wie der Schnabel
eines Geiers. Drüberher ein orangegelber, ganz neuer Atlashut, mit schwarzem
Sammet besetzt und mit Spitzengarnitur. Es war dem Hute und dem Taschentuche und
dem Weinen zufolge eine Dame. Alles Uebrige konnte einem Manne angehören.
    So gewandt wie diese Bonaventura bereits hinlänglich bekannte Seele wusste
selten eins die vorgeschriebenen Anreden und Formeln auswendig. Die Frau war
erst vor vierzehn Tagen dagewesen, aber schon wieder war sie der Sünden so voll,
dass der Beichtvater in sein Examen keine andere Ordnung bringen konnte, als
systematisch nach sämmtlichen zehn Geboten. Eine Sünderin war es ganz nach dem
Schema eines Beichtspiegels. Bei jedem Paragraphen der Moral hatte sie ihrem
Innern gleichsam ein »Eselsohr« gemacht. Schon neulich hatte sie unnützerweise
dreizehnmal Gott, siebenmal die Heiligen, siebzehnmal die Nothelfer angerufen.
Die Terminologie des Beichtstuhls und der Curialstyl der Gnadenzustände war ihr
so geläufig, dass man hätte sagen mögen, sie sündigte auf Stempelpapier. Auch
einem Diebe konnte man sie vergleichen, der seine Einbrüche schon nach
demjenigen Strafmass qualificirt, das gerade ausreicht, ihm nach zwei Jahren
wieder die Freiheit zu verschaffen.
    Dies war eine Frau, die im Entzug des allerheiligsten Sakramentes des Altars
lebte. Sie behielt nur noch den Beichtstuhl offen zur Erweckung eines besseren
Gnadenzustandes. Der junge Domherr war durch vorher notwendig gewesene
officielle Mitteilung der Sachlage über eine Frau orientirt worden, die sich
alle vierzehn Tage vor ihm geberdete, als wäre ihr durch Vorentaltung des
heiligen Brotes die notwendigste physische Speisung entzogen.
    Mit solchem Seelenjammer, dem da nun auch ein Priester, ein Mann, der
ausserhalb der Ehe leben und dem holden Reiz der Frauen nicht auf sich wirken
lassen darf, sein Ohr leihen muss, hätte Bonaventura lieber, wie die Casuisten in
diesem verfänglichen Kapitel, lateinisch gesprochen! Aber schon war er auch von
St.-Wolfgang her gewöhnt, dass sich die Gewissen nach dieser Seite hin mit
besonderer Vorliebe erleichterten. Sein Vorgänger, Cajetan Roter, hatte den
Drang seiner Beichtkinder, Sünden des Fleisches einzugestehen, durch jene
geistige Entbindungskunst, die Sokrates in philosophischen Fragen erfunden,
sogar noch zu beleben gewusst. Kein Kind hatte er aus dem Beichtstuhl gehen
lassen, das er nicht auf sein Geheimstes ausgefragt hätte. Bonaventura
schauderte anfangs vor den Mitteilungen, die man ihm machte, und bald liess er
vieles, was sich auszuplaudern schon gewohnt war, gar nicht mehr zu Worte
kommen. Aber diese Materie blieb darum doch ein Lieblingstema der reuigen,
durch Geständnis halb sich schon entschuldigt glaubenden Mitteilung.
Bekenntnisse dann freilich, wie die von dieser Frau heute schon zum sechsten
oder siebenten mal vernommenen, waren ihm noch neu. Diese konnten nur in einer
grossen Stadt vorkommen. Sie kamen so geläufig, so formenfest, als wollte nur ein
Gewerbtreibender wie die bürgerliche, so hier die himmlische Steuer entrichten,
die ihm für sein Fach die Berechtigung gab, es wie begonnen so fortzusetzen.
    Welche Strafen sollte nun Bonaventura einer Frau verhängen, die als eine
Gelegenheitsmacherin in Untersuchung geraten war, ausser dem Stande der Gnade
lebte und keineswegs als gebessert betrachtet werden konnte? Einer Frau in
glänzendem Staat, Besitzerin einiger Häuser, einer Frau, die in dem Rufe stand,
bei sich Gesellschaften zu dulden, wo schon manches junge Mädchen um Ehre und
Ruf gekommen? Die Polizei und die Kirche kannten Madame Schummel ... Bonaventura
erhielt sie gleichsam als eine geistliche Observatin von seinen Vorgängern
überliefert, als eine Frau, die in einer Art Kirchenbann lebte. Schon beim
ersten Besuche, den sie ihm im Beichtstuhl machen musste, sprach er zu ihr die
Worte des Propheten: »Ich will Haufen Leute über dich bringen, die dich
steinigen und mit ihren Schwertern zerhauen und deine Häuser mit Feuer
verbrennen und dir dein Recht tun vor den Augen der Weiber!« Aber diese
markdurchschneidenden Worte kamen der Madame Schummel, die wie ein Büsser mit der
Geissel nicht stark genug zugehauen bekommen konnte, gerade recht. Da sie ihn
fortwährend belästigte, nahm sich Bonaventura vor, bei ihren Allgemeinheiten
nicht zu verharren, ihr Reden zu unterbrechen und zu versuchen, ob es nicht auch
in dem Leben solcher Bekennenden »Restitutionen« geben könnte ...
    Welches ist die letzte Seele, die Sie auf dem Gewissen haben? fragte er sie
heute geradezu.
    Du mein Gott! .. war die auf den Tod erschrockene Antwort ...
    An wessen Seele haben Sie sich zuletzt vergriffen? Gestern? Heute schon?
Sprechen Sie!
    O du mein Gott! ..
    Ich frage!
    Bonaventura's Auge erhob sich so drohend, wie wenn er den vollständigen
Kirchenbann über sie verhängen wollte ...
    Frau Schummel verstand die Drohung und fing an zu zittern und sprach:
    Jesus Maria Joseph! Zwei junge Herren haben eine Wette gemacht, - dass ein
gewisses junges Mädchen, nicht - nicht - so - nicht so unschuldig sei, wie sie
aussähe ...
    Und Sie? unterbrach der Priester das Geständnis einer Frau, die nun hier
auch knieen durfte an der Stätte, wo eben Unschuld und Sittlichkeit gesprochen!
..
    Ich - ich kann sagen, dass ich sie - ich meine das Mädchen - begleitet habe
auf Tritt und Schritt und sie eingeladen, mich zu besuchen - und gewiss - gewiss
auch würde sie gekommen sein, wenn nicht ein - ein geistlicher Herr, den ich gut
kenne - es bemerkt und ihr - die Bekanntschaft mit mir verboten hätte ...
    Ein - geistlicher Herr? »Den ich gut kenne!«
    Bonaventura erbebte ... Er sah die Würmer in der Hostie wieder ... Doch
bekämpfte er sich und gedachte des römischen Katechismus, der Teil II, 5. 9.
51. befiehlt, der Priester soll darauf achten, dass die Sünder im Beichtstuhl so
behandelt werden, dass sie immer Lust bezeigen, wiederzukommen.
    So denn zwang er sich zur Selbstbeherrschung ...
    Ach, weinte Madame Schummel, meine vornehmen Freunde verderben mich! Da
kommen sie und schmeicheln mir und bieten Geschenke! Tausend Taler kann ich
haben, wenn ich -
    Dies unglückliche Mädchen zu Falle bringe -?
    Nein, ihre Freundin! Die - die mit ihr in einem Hause wohnt ...
    In einem Hause? ... Bonaventura wusste kaum, was ihn plötzlich an Treudchen
Lei und Lucinden zu denken zwang - er wusste kaum, was ihm plötzlich die
Besinnung raubte, zwang seine Fragen zu unterbrechen, seinen Entschluss zu helfen
lähmte ...
    Ich Aermste, ich soll alles möglich machen! schluchzte Madame Schummel. Ich
unglückliche Frau ich -
    Sie werden alles versuchen, die Preise zu gewinnen, die sittenlose Männer
auf diese Verführungen stellen! sagte Bonaventura ...
    Nein, da sei Gott für, hochwürdiger Vater! Die Eine, die Kleine, ei, ich
höre ja, die ist fürs Kloster bestimmt ...
    Treudchen! .. Bonaventura wusste, wie Treudchen von den Klosterfrauen
gefesselt wurde, wusste, wie Treudchen ebenso die Schwester Beate fürchtete, wie
sie die Schwester Terese liebte. Treudchen hatte ihm alles das bei einem Besuch
im Kapitelhause, bei ihrer, Renaten angebotenen Hülfe zu seiner neuen
Einrichtung selbst erzählt ...
    Mit hochklopfendem Herzen fragte er:
    Und die andere -?
    Maria, Königin der Jungfrauen, lass' mich siegen bei allen Angriffen der
Feinde meines Heiles! Mein heiliger Schutzengel, bitte für mich und erlange mir
einen grossen Abscheu gegen alle Fleischeslüste. Und du, Gott der unendlichen
Barmherzigkeit -
    Schweigen Sie! unterbrach Bonaventura die auswendig gelernte und statt der
Antwort auf die scheinbar überhörte Frage vorgetragene Litanei eines
Gebetbuches. Unterlassen Sie jeden Versuch zu diesen fluchwürdigen Freveln und
beten Sie die eben von Ihnen begonnenen Worte drüben an den Stufen der heiligen
Afra-Kapelle! ... Er musste sich sagen - sein Amt schrieb es ihm vor - der Glaube
erleuchtete auch die heilige Afra, die ursprünglich ganz auf den Wegen dieser
Frau wandelte, erleuchtete eine Margareta von Catona, auf welche bis in ihr
einunddreissigstes Jahr gleichfalls jene Worte des Propheten passten, die er zum
ersten Gruss zur Frau Schummel gesprochen, und die dennoch eine Büsserin wurde und
nicht nur in ihrem Grabe mit unverwestem Leichnam liegt, sondern sogar im
Gegenteil, worüber sie heilig gesprochen worden ist, einen eigentümlich
»angenehmen Geruch verbreitet« ... Und über Lucindens Lebensgänge zu forschen,
verliess ihn alle Kraft. Auch war Frau Schummel schon verschwunden - ohne
Absolution, wie gewöhnlich. Auf das Wort: »Heilige Afra«, das Bonaventura mit
einer segnenden Handbewegung gesprochen, hatte sie selbst im Knieen geknixt und
erhob sich. Sie hoffte, mit der Zeit ihr erworbenes Vermögen in ungestörter Ruhe
und endlicher Versöhnung mit den öffentlichen Tatsachen geniessen zu können.
    Leichtere Fälle kamen dann, die Bonaventura's erschüttertem Gemüte Erholung
gestatteten ... Er übereilte nichts ... er liess jedem Zeit, sich auszusprechen
... Einigen, die zu redselig wurden, sagte er mit Sanftmut, dass die bewilligte
Zeit bald vorüber wäre, sie möchten ein nächstes mal kommen und dafür sorgen,
dass sie vom Messner den Vortritt erhielten.
    Soll es denn so sein? rief es wie ein Weheschrei in ihm auf, als dann
endlich drei Stunden vorüber waren. Darf es eine Institution geben, die uns der
Sünde gegenüber nur zu Hörenden macht, nur zu Belauschern dieses bunten,
entsetzlichen Lebens? Soll das Bedrängte nicht sofort Entsatz erhalten von
jedem, der davon nur die leiseste Kunde vernimmt? Soll eine in Erfahrung
gebrachte Wahrheit nicht sofort laut verkündigt, ein Verbrechen durch uns zur
Bestrafung gebracht werden? ...
    Wie viel Hülfeschreie verhallten nun schon so in seiner Brust! ...
    Wozu das alles! seufzte er ... Wozu? Wozu?
    Ein feierliches Hochamt in einem entlegneren Teile des grossen Baues hatte
begonnen ... Niemand kam mehr, um an sein Ohr zu gelangen ... Aber noch sass er,
als blutete er aus tausend Wunden ... Ein Erzittern, ein fieberhaftes Frösteln
fühlte er bis tief in sein Allinnerstes ...
    Im Begriff sich jetzt zu erheben, faltete er sein Tuch zusammen. Schon hatte
er den Drücker der Tür in der Hand, um sein enges Gefängnis zu verlassen, schon
sah er im Geist gewohntermassen den Messner vor sich, der voll Ehrfurcht und mit
einem nie so reich gewesenen Ertrag von »Beichtpfennigen«, wie sich jetzt ein
solcher seit der Erhebung dieses gefeierten Priesters zum Domherrn ergab, ihn
empfing und zur Sakristei geleitete ...
    Als er mit einem Fusse schon aus dem Beichtstuhl war, bemerkte er, dass der
Messner einen Zuspätgekommenen, der an der linken Seite des Stuhles knieete,
entfernen wollte ...
    Es war ein Mann aus dem untersten Volke, mit einer Blouse über dem Rock. Ein
Filzhut bedeckte das nicht sichtbare Antlitz ... nur ein krauses, struppiges,
rötlich blondes Haar sah er. Der Betende schien sich nicht wollen stören zu
lassen ...
    Bonaventura winkte dem Messner und trat in den Stuhl zurück ...
    Mächtig schollen die Klänge des Hochamts, heute sogar, wie oft, begleitet
von einer Instrumentalmusik. Sie wogten durch das hohe Gewölbe und dennoch blieb
in diesem entlegenen, dunkeln Winkel die geflüsterte Zwiesprache innerhalb des
Stuhles deutlich vernehmbar.
    Eine heisere, fremdartig betonende Stimme war es, die mit ihm sprach ...
    Bald erkannte er, dass sich ihm ein ruheloses Gemüt offenbaren wollte ...
    Er erkannte, dass er mit einem Verbrecher sprach ...
    Eine Zeit lang hörte er ruhig zu. Der Ton schien von einer nicht gänzlich
verwahrlosten Seele zu kommen, aber auch von einem Gemüte höchster Beschränkung
... Der Mann sprach von einer unterirdischen Erscheinung, von einem Marienbilde
unter der Erde, das ihm oftmals zurufe: Tue Busse! ... Es hätte ihm schon einmal
die Warnung vor einem Manne gegeben, der dann auch richtig neulich hätte den
Kopf hergeben müssen ...
    Hammaker? sprach Bonaventura zu sich ...
    Der Mann erzählte, er wäre unter Verbrechern aufgewachsen, hätte bitter
gebüsst, lange Jahre in Frankreich in Kerker und Banden gelebt, sich im Vaterland
»etabliren« wollen - immer war das Deutsche von französischen Worten
unterbrochen - aber neue Verführung wäre gekommen, selbst das Heiligste hätte
ihn nicht zurückgeschreckt - er hätte ein Grab erbrochen ...
    Bonaventura bebte auf ...
    Nun erscheine ihm auch, sagte die Stimme, der Todte, den er auf die nackte
Erde geworfen, und fordere von ihm zurück, was er ihm genommen, und doch wäre es
nichts gewesen, qu'une bagatelle - Schriften, die er nicht lesen könne ...
    Bonaventura hörte schon nicht mehr ... Die Sinne vergingen ihm ... Bei der
ersten Ahnung, mit einem Verbrecher zu sprechen, hatte er sein Antlitz ganz
verhüllt, hatte die ganze, volle Vorschrift der Regel des Beichtörens auf sich
wirken lassen und sich so verborgen, dass der Geständige in seinem Mute nicht
wankend werden sollte ... Nun diese neue Entdeckung! War das Bickert, der Knecht
aus dem Weissen Ross? Der Leichenstörer, den die Häscher seit Monaten suchten?
Bickert, der mehr gefunden im Sarge des alten Mevissen, als Bonaventura dem
Onkel Dechanten vorgelegt? Schriften, die an seinen Vater erinnern konnten -
    Hinauszustürzen aus dem Beichtstuhl, den Verbrecher festzuhalten, Hülfe zu
rufen - das war sofort sein Gedanke - aber - Innocenz und Hildebrand, wie
schultet ihr euere Reisige! Ein katolischer Priester wird erzogen, in der
Beichte von Ravaillac zu hören, dass er den König von Frankreich ermorden wolle.
Er wird, ähnlich wie Pater Cotton, der Jesuit, getan, auf diesen ihm
vorgelegten Fall antworten: Ich werde den König warnen, werde stündlich um ihn
sein, werde den Todesstoss statt seiner empfangen; aber dem Mörder kann ich nur
seine Sünde vorhalten und ihm ins Gewissen reden - seine Tat gehört Gott -
seine Person kenn' ich nicht ...
    Die Beichte zu sprechen, nennt die Kirche das schönste und grösste Heldentum
des Menschen. Petrus weinte bittere Tränen, Magdalena wand sich zu den Füssen
des Heilands, Augustinus gestand in seinen Bekenntnissen die Verirrungen seiner
Jugend ... Aber nicht minder gross ist das Heldentum des Beichtörens...
Christus hörte noch die Beichte eines Mörders, der am Kreuze neben ihm hing,
während sein eigenes Leben verschmachtete und der unbussfertige Schächer ihn
lästerte ...
    Und dennoch, dennoch riss unsern Freund die kindliche Liebe hin ...
    Unglücklicher! rief er fast in die schmetternden Klänge des Hochamts hinaus.
Was führt dich gerade zu mir? Wisse! Ich, ich bin der Pfarrer des Friedhofs
gewesen, den du entweihtest in Sanct-Wolfgang!
    Das rotblonde struppige Haupt erhob sich einen Augenblick und sank, zuckend
unter einem grauen Hute sich verbergend, kraftlos nieder ... Der Spätling hatte
diese Fügung des Zufalls nicht erwartet ...
    Uebersende mir die Schriften, von denen du sprichst! Die Ruhe meines Lebens
hängt von ihnen ab! ... Ach, gewiss auch die Ruhe deines Lebens! Weisst du doch,
selig sind die Todten, denn sie werden Gott schauen! Vor seinem allwissenden
Antlitz wird der von dir in seinem Grabe Gestörte auch für deine Seele bitten!
Ist deine Reue eine wahre, ist diese Anfechtung zur Rückkehr in alte Schuld die
letzte gewesen, dann kniee nieder vor der allerseligsten Jungfrau, wenn sie dir
wieder erscheint in den Höhlen, wo du vor dem Arme der Gerechtigkeit dich
verbirgst, bekenne ihr deinen Trieb zur Besserung, und willst du die vollste
Aussöhnung mit Gott auch nur einmal, einmal erproben, in dem Genuss seines
heiligen Leibes, o, so will ich dir das allerheiligste Sakrament des Altars
nicht entziehen, will dir die Erweckung durch den Mitgenuss seines gekreuzigten
Leibes nicht versagen - Oder hast du noch irgendeine andere Schuld auf deiner
Seele -?
    Der Verbrecher atmete schwer und erhob sein Haupt nicht wieder ...
    Es war Bonaventura, als hörte er ein Murmeln: Ich hatte -
    Du hattest? O rede! Du hattest? -
    Ein - ein Engagement -
    Wozu? Zu einer ruchlosen andern Tat? Sprich! Vertraue mir!
    Ein Feuer -
    Solltest du anlegen? Ha! Eine Urkunde - eine falsche Urkunde in dem Tumulte
irgendwo niederlegen! Wo? Wo? Sprich!
    Es ist vorüber -
    Schon geschehen? Ihr Heiligen!
    Nein, Herr, nein! -
    Aber es wird geschehen!
    Nein, Herr, nein -
    Wen soll ich warnen? Rede!
    Der Verbrecher schwieg ...
    Rede!
    Keine Antwort erfolgte ... Der Verbrecher murmelte ein Gebet ...
    Nun denn, sagte Bonaventura nach einer Weile, so sei dir dies Vorhaben
vergeben, wenn es unterbleibt und du es um Jesu willen bereust! Aber auch dies
noch! Mein Name ist Bonaventura von Asselyn! Meine Wohnung im Kapitelhause!
Sende mir die Schriften, die dir nichts nützen können! Nie, nie will ich dich
erkennen! Ich sah dich ja nicht, ich will dich nicht sehen, ich spreche dir
Befreiung deiner Schuld und schliesse das Gitter, dass du dich ungestört entfernen
kannst! Beim Tisch des Herrn will ich dich, falls du dein Vorhaben unterlässest
und mir die Schriften schickst, anlächeln wie dein Freund wenn ich dir das Brot
des Lebens reiche! Absolvo the in nomine patris, filli et spiritus sancti! Amen!
    Bonaventura machte das Zeichen des Kreuzes - zog das Fenster zu ... und
erhob sich ...
    Als er sich zitternd entfernte, war niemand mehr gegenwärtig, selbst der
Messner nicht ...
    Das Hochamt tönte fort ...
    Wie eine Geistererscheinung war, was er erlebt hatte ... Er wankte dahin wie
wesenlos ... wie ein Hauch der Lüfte ...
    In dem ihn umrauschenden Gewühl des Lebens, unter den sich drängenden
Menschen, die ihm auswichen, hinter dem Messner, der ihn in einiger Entfernung
erwartet hatte und sich ihm anschloss und Platz machte, dass er hindurchkonnte zur
Sakristei, war sein Sein das, was nach einem griechischen Dichter wir alle sind,
nicht ein Schatten nur, nur eines »Schattens Traum«.
    Bei alledem sprach ihm, als er sich umkleidete, sein Gewissen: Hast du dich
nicht von deinem persönlichen Interesse fortreissen lassen? Blieb nicht ein
Vorhaben zu wenig eingestanden, das viel wichtiger ist, als jenes Blatt Papier?
... Wickert war ein Bundesgenosse Hammaker's ... Eine Feuersbrunst stand vor
seinen Augen und wollte nicht weichen ...
    Benno holte ihn ab, um ihn in seine Wohnung zu begleiten und von ihm
Abschied zu nehmen ...
    Was musste nicht alles sein Mund verschweigen!
    Er wusste nicht, was ihn bestimmte, zu sagen:
    Seid auf Schloss Westerhof nur wachsam! Tag und Nacht haltet doch Obhut! ...
    ... Wie bangte er der Hoffnung entgegen, die Rätsel jenes Sarges von
St.-Wolfgang gelöst zu sehen!
 
                                       6.
Piter's Gesellschaftsabend rückte näher ...
    Eine Aenderung seines Programms durch die mit Delring und seiner Schwester
Hendrika stattgefundene Scene konnte man »von ihm nicht verlangen«.
    Selbst seine Mutter und seine andern Geschwister waren schon zu weit in den
Zurüstungen ihrer Toiletten vorgeschritten, als dass eine so bedenkliche und für
alle daran Beteiligten tief erschütternde Wendung der Dinge, wie Delring's
Austritt aus dem Geschäft und die Aufgabe seiner Wohnung im schwiegerälterlichen
Hause, etwas darin hätte ändern können. Die Commerzienrätin weinte zwar bittere
Tränen, aber sie hütete sich wohl, dass eine derselben auf die schweren
silbergrauen Moiréestoffe fiel, welche sie täglich zweimal bei ihrer Schneiderin
anpasste. Die Equipagen ihres Hauses sowol wie die des Procurators rasselten
durch die Strassen mit einer Eile, als könnten plötzlich in der Stadt alle
schinirten Sammete, aller Gros de Naples, alle Stoffe zu Borduren und Blonden
aufgekauft werden.
    Die obern Zimmer blieben von Hendrika Delring für den Abend verweigert.
Piter hatte dort eine »Retraite« für seine Freunde arrangiren wollen, wo sie in
gemütlicher »Nonchalance« sich gehen lassen konnten; er wollte, das war seine
Idee, höchsten Salon und tiefsten Austernkeller für jenen Abend vereinigen.
Gesang und »geistreiches« Gespräch sollte die Cigarre und einen kleinen »Ulk«
nicht ausschliessen. Die Wendeltreppe eignete sich so prächtig für diese
gemütliche Mischung! Indessen war dies Arrangement nicht zu ermöglichen und
Johanna, seine jüngste Schwester, seine älteste, Josephine, die Frau
Oberprocurator, sämmtliche Hausfreunde gaben Pitern diesmal unbedingt Recht,
wenn er von einem »denn doch kolossalen« Eigensinn sprach, und nur seine von ihm
gebrauchten Kraftausdrücke ängstigten sie, besonders vor Fräulein Lucinden,
deren hohe Bildung und schüchterne Sittsamkeit täglich hier im Hause Redensarten
zu hören bekam, die sie bei soviel Frömmigkeit nicht hätte voraussetzen sollen.
    Nur vor Dominicus Nück hatte Piter einige Furcht. Dieser Sonderling war noch
immer im Stande, ihn zuweilen wie einen zehnjährigen Knaben zu behandeln. Eine
Bürgschaft für den Bestand des Geschäfts konnte dem klugen Manne Piter's
Alleinherrschaft nicht erscheinen. Letzterer ahnte das und besorgte Erklärungen,
um so mehr als Nück schon lange ein Gegner dieser projectirten Gesellschaft war.
In Sack und Asche sollten wir gehen, hatte er zu seiner Frau gesagt, und dieser
Mensch tut den Neunmal-Weisen den Gefallen und will illuminiren lassen! ...
Seine Gattin hatte seit lange keine so wortreiche Unterhaltung mit ihm geführt.
Sie hätte schon um dieser seltenen Vertraulichkeit willen auf ihres Gatten Zorn
über den »dummen Jungen«, wie Piter schon eine hübsche Reihe von Jahren bei ihm
hiess, eingehen sollen; aber die Höhe ihrer Volants an einer wundervollen
Rosatoilette nahm sie so in Anspruch, dass sie nur immer das Rauschen ihres
Eintritts in den Salon hörte und den Moment bedachte, wo sie sich an dem
festlichen Abend zum erstenmal niederlassen würde, nicht zu nahe am Ofen und
nicht zu dicht unterm Kronenleuchter; denn die Arme litt bei solchen Abenden an
einem krankhaften Echauffement und hatte dann vor Zorn über sich selbst und den
Schöpfer, der sie ins Leben gerufen, schon manchen kostbaren Fächer zerknittert,
dieser Röte gedenkend, die ihr die Stirn, die Nase und besonders die Ohren mit
einer unheimlichen Ziegelsteinfarbe überzog.
    Die »Religion« war in der Tat einige Tage lang im Kattendyk'schen Hause
suspendirt. Piter bekam in allen Punkten Recht, selbst wenn er seine Meinungen
des Tages einigemal wechselte und sich selber widersprach. Auch ein ganz
besonders maliciöser Antagonist gegen ihn fehlte glücklicherweise, der
ausserordentliche Professor Guido Goldfinger, Johannens Verlobter, der erst zu
dem Gesellschaftsabend selbst ankommen wollte. Dieser junge Mann machte mit
einer glänzenden Heirat sein Glück, war aber für dies Glück von seinem Vater,
dem Medicinalrat, förmlich erzogen worden. Gerade die Sicherheit seines
Benehmens gab ihm den ausserordentlichen Vorsprung bei der Mutter und bei
Johannen. Auf der vielfach angedeuteten Universität lehrte er
Naturwissenschaften vom rechtgläubigen Standpunkte. Er bewies wissenschaftlich,
dass es Pflanzen gäbe, die die Marterwerkzeuge in ihrem Kelche schon von Anbeginn
ebenso hätten tragen müssen, wie die Propheten bereits von allen Einzelheiten im
künftigen Leben des Messias wussten. An einer »Heiligen Botanik«, schrieb er, in
der alle in der Bibel vorkommenden Pflanzen in alphabetischer Reihenfolge
behandelt wurden. Wenn sein kurzes, schneidendes Wesen in den
Abendgesellschaften (von seinem von drei bis vier Zuhörern umsessenen Kateder
kam er wöchentlich einmal herüber) Pitern gegenüber Stickstoff, Sauerstoff,
Polarität und ähnliche schwierige Fragen zu sehr accentuirte und darüber Piter
»unangenehm« wurde und vor solchen »Kindereien, die er sich schon in der Schule
abgelaufen hätte«, sich nicht im mindesten zu ängstigen erklärte, falls der
Professor ihn rundweg anfuhr: »Das verstehen Sie nicht!« so sagte der alte
Sänger Ignaz Pötzl, indem er dann einmal von den Bologneserhündchen die alten
magern, sie streichelnden Hände abliess, mit halblautem Seufzer: »O Ysop, Ysop!
wann wirst du an die Reihe kommen!« Darunter verstand Pötzl, wie alle Anwesenden
aus dem engern Familienkreise wussten, den letzten Artikel der »Heiligen
Botanik«; denn erst mit dem Abschluss dieses grossartigen Werks, das auf Kosten
der Commerzienrätin gedruckt werden musste, sollte die Hochzeit stattfinden.
Leider stand der Professor erst bei der Wurzel Jesse, bei der er sich, wie er
mit sardonischer Galanterie hinter seiner blauen Brille hervor Johannen
zuflüsterte, deshalb so lange aufhalten müsse, weil ihn zu sehr der Buchstabe I
fesselte.
    Am empfindlichsten war Pitern der Eindruck, den sein Bruch mit Delring auf
Treudchen machte. Sie selbst hatte der Scene nicht beigewohnt, nach der sich
ihre Herrschaft in den Beichtstuhl des »neuen Heiligen« Bonaventura von Asselyn
flüchtete, aber sie erfuhr alles Geschehene, als sie von einem Einkaufsausgang
nach Hause kam. Lucinde hatte ihr schon lange den Rat gegeben, Pitern etwas zu
tyrannisiren. So oft er ihr nun seitdem auf der Treppe begegnete, wobei eine
rasche Handbewegung, manchmal das Verlangen, ihm einen Knopf am hingehaltenen
Hemdärmel sofort auf der Treppe anzunähen, schon zur Gewohnheit geworden war,
zeigte sie ihr Schmollen. Piter hatte jetzt nur zu viel mit seinem »Programm« zu
tun, sonst würde ihm dies Ausweichen unerträglich gewesen sein. Schon weckte er
durch seine Leidenschaft Spott und »Hohngelächter« und Zweifel des Neides,
besonders bei den stillen Charakteren Weigenand Maus und Aloys Effingh, die
schon vor längerer Zeit über seine Entzückungen die harmlosen, aber bedeutsamen
Worte fallen liessen: Nur nicht zu üppig, Kattendyk! ...
    Lucinden schonte Piter um Treudchens willen. Auch sprachen ja Benno von
Asselyn und Tiebold de Jonge mit einer höchst respectvollen Scheu von der
Gesellschafterin seiner Mutter. Benno war zu gewissenhaft, um die für
Bonaventura's Lebensstellung nicht passende Leidenschaft Lucindens zu verraten.
Auch musste er anerkennen, dass durch die fast schimpfliche Entfernung aus der
Dechanei Lucinde vollkommen berechtigt war, auch ihm gegenüber jenen Humor
aufzugeben, dessen Ausbrüche ihn erst dämonisch abgestossen, zuletzt gefesselt
hatten. Die Wahrheit des einen Wortes, das Lucinde Benno beim ersten Begegnen am
Teetisch der Frau Walpurga zugeflüstert hatte: »In Kocher am Fall hab' ich
Bitteres erlebt!« durfte er nicht anzweifeln. Wohl bemerkte sein scharfes Auge,
dass Lucinde auch hier schon mit dem ganzen Hause und den Schwächen desselben
spielte; aber Koketterie war es nicht, als sie ihn eines Abends bat, sich ihres
vernachlässigten Latein anzunehmen; sie wolle, sagte sie, die Bekenntnisse des
Augustinus, die Geschichte seines Lebens-Trahimur, in der Ursprache lesen. Zu
Tiebold's Erstaunen über dies »Zauberweib« kaufte ihr Benno ein Lexikon,
verschafte ihr Uebungsbücher und musste sich gestehen, dass die Art, wie sie ihm
dafür das Geld schickte und ihren Dank in einem Briefe bezeigte, einen
graziösern Geist verriet, als er ihrer Schroffheit zugetraut hatte. Das Geld
kam auf der »Schreibstube« Nück's an und war dort in seiner Abwesenheit dem
Principal übergeben worden. Als Nück die Veranlassung dieser Geldsendung aus dem
Kattendyk'schen Hause erfuhr und mit eigentümlich zwinkernden Augen auch den
ihm von Benno dargereichten Brief gelesen hatte, erfuhr letzterer, dass die
Wirkung, die Lucinde hervorbrachte, immer allgemeiner wurde. Wo man nur auf das
Kattendyk'sche Haus zu sprechen kam, wurde nach Lucinden gefragt. Schön erschien
sie allen, den Frauen etwas unheimlich. Auch Männer brauchten zuweilen den
Ausdruck, sie hätte zu viel Geisterhaftes. Nur über ihre beispiellose
Frömmigkeit waren alle übereinstimmend. Eines Tages erfuhr Benno von Tiebold,
dass Nück an dem seit einiger Zeit häufiger von ihm besuchten Teetisch seiner
Schwiegermutter Lucinden halblaut ein Wort gesprochen hätte, das dieser die seit
einiger Zeit immer nur bleichen Wangen purpurn überfärbte. Es war von einer
schon zunehmenden Gewöhnung Lucindens an das Leben im Hause und in der Stadt die
Rede und von ihrer frühern übergrossen Verschüchterung. »Sie sind eine
Jerichorose!« hatte Nück geflüstert. Tiebold verstand diese Vergleichung nicht.
Im Benno wollte er »nachschlagen«, was sie bedeute. Als ihm Benno die Erklärung
gab: Eine Jerichorose ist ein rankenartiges Gewächs mit einer wunderbar
gestalteten und duftenden Blume, die zeitweilig ganz ledern, welk und verkommen
aussehen kann, legt man sie aber in heisses Wasser, so quellen ihre Blätter auf
und sind, wenn sie auch seit Jahr und Tag vertrocknet schienen, plötzlich wieder
so frisch, als wenn die Blume zum ersten mal blühte ... da wetterte Tiebold
über den Ausserordentlichen, der gerade zugegen gewesen war und die Jerichorose
nur »lateinisch«, d.h. gelehrt gefasst und gesagt hätte: Die heilige Botanik hat
es mit zweierlei Jerichorosen zu tun. Die eine ist die der Legende: Maria auf
der Flucht nach Aegypten steigt von dem Esel und da, wo ihr Fuss den Wüstensand
berührt, spriesst die Jerichorose auf. Die andern sind diejenigen Rosen von
Jericho, die bei Sirach vorkommen in der für die heilige Botanik so classischen
Stelle ... Viel lieber hätte Tiebold gewünscht, man hätte verweilt bei der
vollständigern Beziehung dieser Vergleichungen auf ein Wesen, das für die ganze
gebildete Gesellschaft der Stadt immermehr einen eigentümlich verschleierten
Reiz gewann.
    Der verhängnisvolle Festtag erschien ... Die Vorbereitungen zu dem Abend
sistirten bei Pitern den ganzen geschäftlichen Ex- und Import. Heute galt es den
Triumph seiner durchbrochenen Mauern, neugeschaffenen Kamine,
portièrenverdeckten Türen. Auch hatte er schon in der Dienerschaft seit lange
manche Reformen angebahnt. Die alten hatte er zwar nicht entfernen können, aber
sie für den einzuführenden bessern Ton »unschädlich gemacht«. Katrine
Fenchelmeier behauptete sich in der Küche, trotzdem dass Tiebold eines Abends
gesagt hatte: »Eigentlich mit Geist kochen kann nur ein Mann!« eine Behauptung,
worüber ein fünfstündiger Streit unter den Freunden entstand, der für Pitern so
interessant und anregend wurde, dass er sich das neue Buch »Geist der Kochkunst«
kaufte. Ueberhaupt gab er viel Geld für diejenige Literatur aus, die ihm in
schönen Einbänden hinter einem Glasschrank zu besitzen nötig schien, um jenes
gewisse Etwas eines der Kaufleute zu gewinnen, die so »merkwürdig beschlagen«
sind in allem, was die Zahl der Stecknadeln anbetrifft, die eine birminghamer
Maschine in einer Stunde hervorbringen kann. Auf jedes Buch, das für Delring's
Bibliotek vom Buchhändler im Comptoir abgegeben wurde, setzte er ein anderes
und nicht immer Werke über Cavalierperspective, »Diätetik der Seele«, Blumauer's
»Aeneide«, die »Jobsiade« und ähnliche classische Schriften, die unter den
Freunden bewundert wurden, auch Mac Culloch und Reisebeschreibungen in Vorder-
und Hinter-Asien. Katrine hatte für den Abend einen Koch zu Hülfe genommen -
Piter entliess sie nicht, weil unter den Freunden trotz aller Bewunderung vor den
Speisen, die man in Paris bei Véry finden konnte, feststand, dass Sauerkraut,
Erbsen und Dürrfleisch nirgends so »famos« zubereitet wurden, wie bei ihm. Auch
über die richtige Art, den Wein einzuschenken, trug im kleinen Kreise Joseph
Moppes manchmal förmliche Abhandlungen vor. Wehe den neuen Dienern oder den am
Freitag zu Dienern avancirenden Hausknechten - auf die engagirten Lohnbediente
war eher Verlass - wenn sie beim Einschenken der Weine nicht der Teorie
entsprachen, die Piter ihnen kurz vor Eröffnung der Flügeltüren noch
einschärfen wollte. Ob ihn die Scrupel wegen der »trauernden Religion« nicht
bestimmen sollten, dass die Diener sämmtlich schwarzbaumwollene Handschuhe statt
weisser anzogen? In dem Austernkeller neulich hatte man diesen Piter'schen
Gedanken erst bewundert, dann ihn aber doch fallen lassen. Weigenand Maus hatte
sogar gesagt: »Wehe dem Kaufmann, der überhaupt Religion hat!« - »Sie meinen
eine andere Religion, als die des ehrlichen Mannes?« polterte Tiebold auf, der
an seine »vorhabende« Beichte dachte. Gebhard Schmitz, der Dialektkünstler, um
etwaigem »Streite« vorzubeugen, fiel mit einem allgemeine Acclamation
erweckenden Worte ein: »Meine Herren! Ich sage, wehe dem Kaufmann, der jetzt
eine andere Religion hat, als die jüdische!«
    Piter stand nun wie Napoleon vor einer Schlacht. Er hatte sich auf alles
vorbereitet, sogar das Verdriesslichste, auf Absagebriefe. Sein lebhafter Geist
sah sogar sämmtliche Lampen nicht brennen, hörte Cylinder zerspringen, hörte
stockende Gespräche. Aber er suchte allem zu begegnen durch Reservevorräte;
sogar von Anekdoten hielt er sich ein kleines Lager in Bereitschaft. Aus dem
»Demokritos« hatte er sich einige Bonmots gemerkt, manche feine Antwort
memorirt, die er anbringen wollte, wenn es seinem rastlosen Ehrgeize gelang,
irgendwo die ihr entsprechende Frage zu provociren. Die ganze Stadt wusste den
Vorfall mit Delring. Wie hatte er da die Arme zu verschränken und sich
hinzustellen als die sturmfeste Mitte eines grossen Ganzen! Und diese mindestens
in zwanzigfacher Anzahl kommenden jungen Mädchen, denen er zeigen wollte, was
ein »Herr der Schöpfung« ist! Sein Bärtchen war allerliebst gefärbt, das
dunkelblonde Haar unternehmend gebrannt, die Hemdauslage zeigte das kunstvollste
Steppmuster. Sie hätte Tiebold entzücken müssen, der zu sagen pflegte: »Was bei
den alten Griechen, wie Benno von Asselyn versichert, einst die Bäder gewesen
sind, das ist bei uns die weisse Wäsche.« Nur Piter's Schneider liess ihn mit
einem fast auf dem Leib ihm angenähten Frack noch bis sechs Uhr warten. Fast war
er das Atelier des Mannes geworden und seine Haut nahe daran, durch das
gewissenhafte Probiren mit festgenäht zu werden. Aber um sechs Uhr konnte er
»auf Ehre und Seligkeit« die Ankunft des Frackes gewärtigen. Das ganze Haus war
geheizt, sogar die unten durch Glas verschlossenen, teppichbelegten,
blumengeschmückten Treppen. Nur so auch konnte es geschehen, dass Piter von drei
Viertel auf sechs Uhr an in Hemdärmeln Trepp' auf Trepp' ab lief.
    Berechnend, ob das zu frühe Anzünden der vielen Kronenleuchter und
Wachskerzen nicht zu zeitig dürfte »Friedland's Nacht« eintreten lassen,
durchschritt er die öden, fast gespenstischen Zimmer, leise verfolgt von einigen
bereits gekommenen Lohnbedienten, die sich nützlich machen und Vertrauen
erwecken wollten ... Die Mutter, die Schwester waren noch tief in ihrer Toilette
zurück ... auch Fräulein Schwarz war nirgends sichtbar .... Treudchen Lei's
Erscheinen liess sich in keiner Weise voraussetzen ...
    Wie fehlte ihm diese holde Ermunterung! Wie sehnte er sich nach einem Druck
ihrer weichen Hand und ihrem gewöhnlichen: »Ach, Herr Piter -!« Wie erschöpft
war er bereits von den Anstrengungen des Tages!
    Guten Abend, Kattendyk! lautete es hinter ihm her, als er sich eben lässig
in einen seiner neuen Fauteuils warf ...
    Es war Joseph Moppes ... Bester! Haben Sie etwa Weiss aufgelegt? Sie sehen ja
gottsjämmerlich aus! sagte der Freund und ging mit Noten rasch vorüber in die
hintern Zimmer ...
    Finden Sie das? antwortete Piter hinter ihm her. Mit Apatie stand er auf
und betrachtete sich beim Schein des Lichtes, mit dem er die Zimmer
durchmusterte, in einem oberhalb eines seiner neugebauten und heute zum ersten
mal probirten, leider etwas rauchenden Kamine angebrachten Spiegel ...
    Ich kenne das an solchen Abenden! Nehmen Sie doch einen kleinen Cognak! rief
Moppes von hinterwärts her. Moppes legte mit diesen Worten auf das Pianoforte
die Noten zu dem projectirten »Bouquet« des Abends ...
    Piter gefiel sich ausserordentlich im Spiegel. Er fand sein languish
interessant und bewunderte seine weissseidene Cravatte, seine weissseidene
geblümte Weste, die gesteppte Brustauslage mit blitzenden Brillanten .... Aber
wirklich er war zu blass und zog deshalb an einem Schellenzuge und liess sich
einen kleinen Cognak kommen. Jedem andern würde er gesagt haben: Au contraire!
Ein Glas Wasser wird mir guttun! ... Seinen Freunden trotzte er nicht. Ihnen
nicht, die immer so recht das trafen, was dem Manne ein schmeichelhaftes Lustre
gibt ...
    Sie haben Recht, Moppes! sprach er hinhauchend und immermehr beruhigt über
die Epoche machende Wirkung dieses Abends ...
    Der kleine Cognak kam. Piter trank ihn. Moppes rückte und schob hinten am
Pianoforte ...
    Auch der Frack kam. Der Schneider brachte ihn nicht selbst; der Arme ruhte
erschöpft auf seinen schwer errungenen Lorbern. Aber der Frack sass vortrefflich.
Jetzt gedachte Piter liebevoll auch seines Freundes, der im Dunkeln die
Arrangements für die musikalischen Genüsse traf, und rief mit elegischer
Gelassenheit:
    Stossen Sie sich doch nicht, Moppes! ... Donnerwetter, brüllte er dann;
steck' doch einer für drinnen Licht an!
    Alles rannte ...
    Teufel! schrie er wieder. Nicht den Kronenleuchter!
    Alles zitterte und nur eine Girandole von drei Kerzen wurde angesteckt ...
    Piter sah sich im Spiegel und äusserte:
    Joseph soll doch auch für Moppes - oder warum denn nicht lieber gleich -
Joseph soll die ganze Cognakflasche schicken!
    Inzwischen rief Moppes:
    Bester Freund, das Feuer hier lassen Sie nur ausgehen! Denn erstens wird es
schon von der Beleuchtung formidabel heiss und zweitens werden die Menschen eine
Höllenhitze geben! Wir bedanken uns, in einer solchen Atmosphäre zu singen!
Ohnehin muss ich heute verdammtermassen Katarrh haben!
    Piter hatte sich zwar sehr auf den malerischen Effect der Glut von den
feinsten entschwefelten Candlekohlen etwas eingebildet - worauf bildete er sich
nicht etwas ein! - doch goss er näher tretend ganz gern eine der nächststehenden
Wassercaraffinen, die er hier und da mit einem Kranz von Gläsern hatte
aufstellen lassen, geradezu in die Störung der berühmten Quartette hinein. Nun
gab das freilich einen nicht angenehmen Dunst, der sich mit Entschiedenheit dem
unzweifelhaft sehr rauchigen der Kamine anschloss. Moppes riss darüber voll Zorn
die Fenster auf; aber Piter bat mit einem gewissen schmachtenden Ton um
Verzeihung und lachte innerlich, er wusste nicht worüber. Er schenkte sich und
dem Freunde von dem inzwischen gekommenen Cognakvorrat eine fernere
Herzstärkung ein ... Warum wollt ihr denn nicht hinten im Saal singen, ihr
lieben Leute? fragte er mit einer träumerischen Gelassenheit und dabei hin- und
herziehend an seinem Frack und sich am Knacken der Nähte erfreuend ...
    Ein Männerquartett bedarf eines engern Raumes! Wir singen ohnehin
Schweizerecho! Hier etabliren wir uns!
    Damit ordnete Moppes einen Tisch und legte viele andere schon
vorausgeschickte Noten zurecht ... Immer räuspernd und seinen Katarrh
verwünschend lehnte er den Bescheid auf den ihm servirten Cognak ab, was Pitern
nicht hinderte, sein zweites Glas zu nehmen und es zu leeren auf das classische
Gelingen des von Moppes entworfenen musikalischen Programms ... Auch kam eben
ein grosser Kasten an mit einer Ventiltrompete, die ein berühmter Künstler blasen
sollte ... Auch das Pianoforte, zur Begleitung der gegenwärtigen Primadonna des
Stadtteaters, wurde von Moppes anders gerückt und gerade so, wie es heute früh
Piter's Schwester, Johanna, die musikalisch war, für zweckmässiger erachtet
hatte. Ihr hatte Piter gesagt, dass sie sich erstens nicht lächerrlich machen
möchte und das Publikum ennuyiren mit ihren hundertmal gehörten Etuden, dann
aber, dass sie den Flügel ruhig da stehen lassen sollte, wo er ihn hingerückt
hätte, allen Widersprüchen über Schallwirkung und Resonanz mit brüderlicher
Liebe ein einfaches: »Raisonnir' nicht!« entgegensetzend. Moppes aber bestätigte
gerade das, was Johanna Kattendyk gesagt hatte. Still für sich hin empfand Piter
eine Art Beschämung und musste lächeln - nämlich über die Autorität, die er
selbst in verkehrten Dingen hatte. Er war in der Tat ein Tyrann. Das
schmeichelte ihm und befriedigt nahm er einen dritten Cognak.
    Moppes plauderte viel Gutes über die Sängerin. Sie war eine jener
Provinz-Malibrans, die niemand mehr zu würdigen wusste, als Löb Seligmann. Fünf
Louisdor bekam sie für den Abend und Piter beschloss, ihr sechs zu schicken. Die
Sängerin war berühmt in der Kunst, bockgerechte Triller zu schlagen. Ihre Stimme
gab man auf, aber man rühmte ihre »Schule«, besonders die Kunst, in einem
Septett in die Untiefen eines spurlos verlorenen Ensembles mit einem einzigen
mutig eingesetzten hohen Cis Hülfe und Rettung zu bringen. Ausdrücklich
bedungen war die Arie: »Ocean, du Ungeheuer!« aus Weber's »Oberon«.
    Piter nickte zu allem, lächelte, schlänkelte, auf einem Stuhle sitzend, mit
den zierlichen Beinen und spielte mit dem Krystallstöpsel der schöngeschliffenen
Cognakflasche ... Die Sehnsucht nach der achten Stunde sprach sich in einem
gewissen Blicke aus, der wie der eines Sehers in die Flammen eines inzwischen
nun doch »zur Probe« angezündeten Kronenleuchters gerichtet war. Er gedachte
vielleicht, als Moppes von jener Arie sprach, Pyrmonts und was sonst schon auch
für ihn im Leben »ungeheuerer Ocean« gewesen war ...
    Moppes befand sich noch nicht in Toilette. Seine Hingebung an Piter's Abend
war bewunderungswert. Bekanntlich war der erste Küfer seines Hauses, Stephan
Lengenich, als Unruhstifter eingezogen und nicht unwahrscheinlich hatte sich
Joseph den Katarrh in den Kellern seines Hauses geholt. Ihn sich in der Hand mit
dem Stechheber unter den Fässern zu denken, hinderte an dem ihm schuldigen
Respect nicht das Mindeste. Sechs weisse Zwillichhandschuhe griffen gleichzeitig
nach der Tür, um sie Herrn Moppes junior zu öffnen, als dieser ging. Er
entschlüpfte einem ihm nachgerufenen sentimentalen: Komm nicht zu spät! und liess
nur noch das Wort zurück, das er auszurichten fast vergessen hätte, Tiebold de
Jonge würde nicht kommen, mit Benno von Asselyn wäre er heute früh abgereist ...
    Piter, auf Absagen vorbereitet, fand die Nichtachtung seines Abends gerade
von dieser Seite doch »sonderbar« und erhob sich in gereizter Stimmung. Aufs
neue einschenkend, wenn auch nicht trinkend, nahm er, um seinen Aerger zu
verwinden, die Heerschau über seine Truppen ab. Er hätte eine Armee commandiren
können, so mächtig rollte es durch seine Adern. Seine imperatorischen
Anweisungen gingen auf die Beleuchtung, auf die Bedienung beim Tee, auf die
Stille während der Musik, auf die Tische der Whistspieler in einem der
hintersten Zimmer, auf das Arrangement der kleinen Gruppen, denen das Nachtmahl
zu serviren war, und vorzugsweise auf die Vermeidung aller plumpen Formen des
Einschenkens. Obgleich die Zuhörer zu allem, als wenn sein Gesagtes sich von
selbst verstünde: Ja wohl, Herr Kattendyk! erwiderten, konnte er doch nicht
umhin die Moppes'sche Teorie mit Feuer zu wiederholen:
    Einschenken und einschenken ist ein Unterschied! rief er. Der Stand des
Herrn und Dieners unterscheidet auch die Art, wie man die Flasche angreift! Beim
Beginn eines Diners oder Soupers, aufgepasst, greift der Herr, wie der Diener,
die Flasche immer am untern Leibe an! Verstanden? Der Herr legt - alles das
machte er an der etwas schwierigen Form der Krystallflasche nach - den
Zeigefinger bis an die Taille der Flasche, das ist sein Vorrecht! Untersteh'
sich das jedoch von euch Niemand! Verstanden? So darf Ich einschenken - tretet
heran! - Ich als Herr! Ruhe! Mit dem Zeigefinger darf ich die Flasche drücken!
Das bedeutet Nonchalance, »Gerngegeben« und eine gewisse Mässigung, gleichsam als
wollt' ich sagen: Es kommt weder mir noch meinen Gästen darauf an, ob sie Wasser
oder Lafitte trinken! Ihr aber - Ihr habt den Zeigefinger an die andern drei
Finger hinüberzulegen; sonst sieht's aus, als wenn ihr euch hier zu Hause fühlt
... Das war früher so, Joseph, - lasst den Alten vor! Guten Abend, Joseph! -,
früher, wenn Vater Gesellschaft gab! Verstanden? Diese Vertraulichkeit von
Dienstboten: »Bitte, Herr Timpe oder bitte Herr Schmitz oder bitte Herr de
Jonge, greifen Sie doch zu! Warten Sie, Herr Effingh, ich hole Ihnen noch ein
Stück Rehrücken! Oder: Nehmen Sie das, Herr Maus, das ist ein hübsches
Mittelstück!« Und dann so hineinlangen, Joseph, und wohl gar Herrn Moppes selber
etwas vorlegen! Joseph, Joseph, Joseph! Die Zeiten sind gewesen, Joseph! ... Und
den Hals einer Flasche greift ein Diener nie an! Nie! Nie!
    Ja wohl, Herr Kattendyk! rief der Chor im stürmischen Einklang ...
    Alle diese Bemerkungen hatten, da sie durch energische Demonstrationen
unterstützt werden mussten, naturgemäss das Leeren eines vierten der allerdings
nur kleinen Gläser zu Wege gebracht ...
    Eben war Piter im Begriff, seine ihm inzwischen vogelleicht gewordene, wie
mit Schwingen begabte luftige Gestalt noch einmal die hintere Wendeltreppe
hinaufzuschnellen, als die Diener die Türen aufrissen und einen Mann eintreten
liessen, von dem allen bekannt war, dass er in die vornehmsten Gesellschaften, auf
Bälle, Diners und Soupers immer nur im grauen Ueberrock kam, Herrn Dominicus
Nück.
    Eine gedrungene, breitschulterige Gestalt war es, anfangs der Fünfziger, mit
grauem, kraus verworrenem Haar, das in der Mitte eine kleine Glatze zeigte. Die
starken Backenknochen, Schläfe, Kinn, alles bezeugte eine gewaltige Kraft, die
durch eine scheinbare Lässigkeit gemildert wurde. Die dunkelbraunen Augen lagen
in den von langen, fast zottigen und gleichfalls schon ergrauten Brauen
beschatteten Höhlen mit einem unheimlich und tief versteckten Feuer. Die Haut
des Antlitzes war von Blatternarben entstellt. Nück musste sich jeden Morgen
selbst rasiren; die Barbiere hatten eine zu gefährliche Operation, um mit ihrem
Messer durch die vielen Hügel, Verhacke und Versenkungen seines Gesichtsterrains
hindurchzukommen. Und doch gab es einige Zierlichkeiten an dem vielgefürchteten
Manne. Kleine Füsse, weiche Hände, ja sogar unter dem immer gleichen grauen
Ueberrock mit silbernen Knöpfen nur weisse Westen und über diesen weisse
Battistalstücher, weit und bauschig um den Hals geschlungen, diesen Hals, der
allerdings empfindlich sein durfte nach dem bekannten Verhältnis mit Hammaker.
    Nück sah sich spähend um und erwartete wahrscheinlich seinen jungen Schwager
noch nicht zu finden, der eben einige Körbe voll Wein von einem der in Livree
gesteckten Hausknechte noch in die hintern Zimmer tragen lassen wollte, wo
bereits die zahllosen Gläservorräte aufgehäuft waren. Piter hatte sich nach dem
Vorfall mit Delring vor dem Wiedersehen des Schwagers gefürchtet. Da der
Schwager aber auch gegen diesen Gesellschaftsabend gewesen war und dennoch eben
in eigener Person erschien, fasste er Mut und begrüsste ihn mit einer
schmunzelnden Vertraulichkeit ... Nück, der ihn nicht erwartete, fuhr fast vor
ihm zurück und sagte im Volksdialekt der Stadt: Guten Abend, Piterchen!
    Nück's Cynismus ging bis zur Verachtung aller Bildung, durch deren
Geringschätzung er viele Menschen um so zutraulicher machte. Selbst vor Gericht
sprang er oft, zum Jubel der Zuhörer, in den Volksdialekt über, wo ihm der Sieg
dann fast nie fehlschlug. »Wir Gelehrte« betonte er den Processführenden nie
anders, als ob er damit sagen wollte: Wir Esel. Bei alledem vernachlässigte er
nichts, was zur Bildung gehört. Er kaufte Bücher und las sie sogar. Er schrieb
vortreffliche Broschüren über die gelehrtesten Fragen des Privat- und Lehnrechts
und las Nachts oft bis zum frühesten Morgen - wer sollte es glauben - Romane.
Dann schlief er bis elf Uhr und eilte in seine Termine. Eine Gewohnheit, die er
vor längern Jahren einmal angenommen hatte, Tag in Nacht und Nacht in Tag zu
verwandeln, konnte er nicht durchführen; zwei Jahre lang war das Mittagessen
sein erstes Frühstück und das Nachtessen sein Mittagsmahl gewesen.
    Sind das deine Reservebataillone? sprach er im gemütlichsten Schlendrian
und mit Belächeln der glänzenden Vorrichtungen und der nun schon immer
vollständiger sich entwickelnden Beleuchtung ...
    Piter, entzückt von der friedlichen Gesinnung des ihm zuweilen so
aufsätzigen Schwagers, offerirte von diesen Bataillonen und schenkte vom
feurigsten Burgunder eine vorläufige Vedette ein ...
    Nück bemerkte davon nichts ... Er bürstete seinen Hut, der heute sogar ein
neuer war, und sah nur nach rechts und links, horchte und spähte, ob ausser
Pitern und den Dienern nicht vielleicht sonst jemand in den glänzenden Zimmern
war ...
    Dies Benehmen nahm Piter für aufrichtigste Zustimmung und offerirte die
Gläser zum Anstossen.
    Jetzt aber nahm Nück doch eine feierliche Miene an und sagte mit einem nicht
unangenehmen Organ:
    Piter, Piter! Eine Schande! Freude und Jubel hier, wo die Welt in Trauer
lebt!
    Aber schon blätterte er dabei in den Noten und schien so abwesend, dass Piter
diesen Gegenstand für abgemacht erklären konnte und dem Schwager wiederholt sein
Glas Burgunder anbot ...
    Nück lehnte nicht ab. Er nippte ein wenig. Piter, glückselig, sich heute
nicht als Knabe von dreizehn Jahren, sondern als Mann und vollkommen ebenbürtig
behandelt zu sehen, schüttete sein ganzes Glas hinunter ...
    Mama noch bei der Toilette? fragte Nück forschend und bemerkte jetzt, dass
Piter von einer eigentümlichen Elasticität war. Piter hielt sich, da die Dinge
dieser Erde ihm plötzlich etwas wirblich zu werden schienen, an einer Stuhllehne
...
    Recht, mein Sohn! sagte Nück, der jemand, den er offenbar zu suchen schien,
nicht fand und sich entfernen zu wollen die Miene machte; Recht, dass du in
deinen Leiden dich tröstest!
    Leiden? Wie so?
    Verlierst oben die schöne Nachbarschaft!
    Hahaha! ... lachte Piter hell auf und schenkte wieder ein ... Das ängstliche
Kapitel wegen Delring behandelte ja der Schwager ganz harmlos ...
    Nück's Augen gingen wie Feuerräder. Beim kleinsten Geräusch sah er auf die
Eingangstür ...
    Da die Bediente nicht zu nahe waren, liess er die Worte fallen:
    Mit Delring ... hör' mal ... Das ist ja ein curioser Spass von dir!
    Von mir? Wie so? fragte Piter trotzig und griff mit der linken Hand in den
Ausschnitt seiner Weste und mit der rechten zum Glase ...
    Nück schien sich nicht im mindesten ärgern zu wollen. Er machte sogar Miene
schweigend wieder zu gehen. Dennoch konnte er nicht umhin, noch fallen zu
lassen:
    Delring - hm - austreten? Piterchen, Piterchen! Welche Garantieen gibst du
denn deinen Geschwistern?
    Garantieen?
    Delring glaubst du, geht nach Bremen und wird da ein Geschäftchen mit
Cigarren oder Europamüden etabliren? Ich meine, er bleibt doch wohl hier, fängt
ein eigen Geschäft an, nimmt unsere besten Verbindungen mit; Farbhölzer sind
seine Lieblingsbranche; die Lederhändler von Malmedy besucht er persönlich - Wie
gesagt, ich dächte, es wäre besser - es bliebe beim Alten und die kleine
allerliebste Blondine kochte dir nach wie vor Kamillentee, wenn dir schlecht
ist, Piterchen -
    Spott verbitt' ich mir! rief Piter und griff zur Flasche, um einschenkend zu
zeigen, dass der Schwager mit einem Manne sprach ...
    In der Tat! Ein gemütlicher Junge warst du von je! fuhr Nück ohne Schonung
fort. Und zum Berge Karmel liess' ich das hübsche Ding an deiner Stelle doch auch
nicht so oft gehen! Pfarrer Roter entdeckt so viel Sünden an ihr, dass er
vorzieht, ihr jetzt die Beichte bei sich zu Hause abzunehmen!
    Piter hätte sein gefülltes Glas jetzt nehmen und es vor Zorn über eine
Tatsache, die ihm selbst schon lange höchst befremdlich war, an den Kamin
werfen mögen ...
    Die Splitter und die schönen gelbseidenen neuen Sessel bedenkend, trank er
es lieber aus, setzte es dann aber kräftiglich auf den Sims und stand wie ein
Löwe ...
    Nück brach ab von diesem reizbaren Gegenstande und kam nur auf seine
Besorgnisse wegen Delring's Austritt zurück ...
    Gib dem Hofrat ein gutes Wort! sagte er ...
    Nimmermehr! antwortete Piter, versöhnt durch ein Stichwort auf den Schwager
...
    Ich will es statt deiner tun! Du weisst, ich bin sonst kein Freund von
dieser geleckten Sorte -
    Ich verjag' ihn ja nicht!
    Dir wär' es lieber, er lebte dir nahe genug, um dich immer bewundern zu
können! Indessen - Piterchen - ich trau' dem Zeitgeist nicht -
    Wie so?
    Unserm ganzen Jahrhundert nicht! Wenn ihr einmal alle so dasässet, ihr
altehrwürdigen Firmen, mit ein paar Commissionen und Speditionen und zuletzt
trotz eurer Alongenperrüken nichts weiter hättet, als ein paar
Feuerversicherungsagenturen -!
    Hahaha! Kommt bei uns nicht vor! versicherte Piter und wurde immer sicherer
durch die gemütliche Sprache des Schwagers, der überhaupt in neuerer Zeit,
schon seit der Gefangennehmung Hammaker's, vielfach verändert war und erst seit
der Hinrichtung desselben wieder etwas auftaute ...
    Weisst du, Söhnchen, sagte er, ohne darum aufzuhören nach der Tür zu
lauschen; weisst du, ich habe immer eine fatale Ahnung von einer ungeheuer
Weltverschwörung der Juden gegen die Christen! Pater Sebastus schrieb das einmal
in seinen früheren Artikeln, die mir immer aus der Seele kamen! Jetzt ist der
arme censurirte Chrysostomus nicht mehr wiederzuerkennen, falls die anonymen
»Stufen-Briefe vom Kalvarienberge des Lebens« von ihm sind. Ahasver, siehst du,
das ist, sagte er einmal - Rotschild! Der alte Kurfürst von Hessen nämlich,
weisst du, Piter, der mit dem Zopf - Kerl, trink doch nicht so viel! ... Piter
hatte wieder eingeschenkt vor Behagen über eine so gelehrte Unterhaltung, deren
er gewürdigt werden konnte ... Jener Kurfürst, der sein durch amerikanischen
Menschenhandel erworbenes Geld dazumal in Frankfurt am Main von dem alten
Amschel und - ich glaube - einem Bäcker Binding auf der Fahrgasse hat vergraben
lassen, als Napoleon so gern draus wieder Soldaten geschmolzen hätte - früher,
verstehst du, Piter, war umgekehrt das Geld aus Soldaten geschmolzen worden! -
also - Hast doch »Kabale und Liebe« schon gesehen -? also der alte Stammhalter
der morganatischsten aller Dynastieen sag' ich - Piter, was morganatisch ist,
das musst du doch wissen?
    Piter war in vollkommener Harmonie mit dieser Behandlung, die ihm die Ehre
wissenschaftlicher Erörterungen gönnte. Und da sich bei ihm jetzt Denken mit der
Hitze der Beleuchtung von aussen und der Erwärmung von innen verband, so stand
er, wie eingeweiht in alle Geheimnisse der Erde und der Conversations-Lexika und
nickte bejahend. Er war vollkommen jetzt der »grosse Charakter«, der er auch zu
bleiben gedachte, auch wenn er wirklich von sich hätte eingestehen müssen, dass
ihm als Ehegattin »ein Mädchen aus dem Volke« lieber wäre als eine dieser
bleichsüchtigen, musikklimpernden, wespentailligen -
    Bitte! unterbrach Nück seine derartigen Gedanken und zog Handschuhe an - er
war ohne welche eingetreten - Bitte, wenn ich dir etwas Bekanntes sage! Frau
Morgane war die wunderschönste Dame an König Artus' Hofe und von dieser Dame
möcht' ich die morganatischen Ehen, die Ehen der Mesalliancen, verstehst du?
lieber ableiten - Denn vielleicht war Frau Morgane ihrer Herkunft nach auch
gleichsam aus Kocher am Fall - in diesem Fall, siehst du, darin liegt bereits
die ganze Andeutung, Piter; nicht in deinem, sondern in dem kurfürstlich
hessischen Fall, mein' ich! Und wenn andere dann glauben, morganatisch käme von
dem alten gotischen Worte Morgan, welches, wie du weist, so viel heisst als:
beschränken, nämlich z.B. ein Morgen Acker, d.h. eine Schranke, ein Teil Ackers
- Nicht etwa, versteh' mich recht, als wenn ich die Menschen beschränkt nennen
wollte, die nicht den üblichen Vorurteilen folgen, und als ob der Westfälische
Friede Recht gehabt hätte, der schon Anno 1648 sagte: Alle alten Herkommen in
der Ehe sollen bleiben, sublatis omibus quae bellicorum temporum injuria
irrepserunt confusionibus - confusionibus! Verstehst du, Piter? Confusionibus!
    Nück's Betonung dieses letzten Wortes in seiner ganzen verworrenen Spottrede
war bedeutungsvoll. Denn eben jetzt hatte er keinen Zweifel mehr, dass Piter in
höhern Sphären schwebte. Eben sah er die Cognakflasche wegräumen und bemerkte
eine Verwirrung in des ihm im Geiste folgenden Schwagers Gesichtszügen, eine
Verwirrung, die die Folge seiner eigenen anakolutischen Rede sein konnte, aber
auch die des auf Cognak gesetzten Burgunders - freilich aber auch die Folge
eines plötzlichen heftigen Klingelns, mit dem sich bei Gesellschaften oder beim
Ausfahrenwollen der wichtige Moment anzukündigen pflegte, wo Mutter und
Schwester die allerletzte Hand an ihre Toilette legten. Dann war nur noch im
Rückstand, dass über die bereits fertige Frisur, die bombenfesten Corsets, die
steifen Unterröcke sanft und vorsichtig das elegante Hauptkleid herabgelassen
wurde. Schon war es halb acht Uhr und durch dies Klingeln wurde regelmässig der
Moment bezeichnet, wo die Mutter und die Tochter sofort in die geschmückten
Räume treten konnten, kühn, unternehmend, erwartungsvoll und sich dann nur
verdriesslich umsehend, wenn nicht sogleich auch schon die Hausfreunde da waren
und sie mit einem bewundernden Ah! empfingen ... ...
    Pitern war das seit Jahren imprägnirt ... Bei diesem Klingeln besann er sich
auf die ungeheuere Aufgabe, die er heute zu lösen hatte. Repräsentant des
Hauses! Eine Vision ging ihm auf aus dem Reich jener Erinnerungen, denen zufolge
er schon an einem solchen Abend unter hundert Menschen gewesen war, ohne dass er
sich auf das Mindeste, was andere und sogar, was er selbst gesprochen, hatte
besinnen können ... Und wie nun das Klingeln auch bei der Schwester wiederholt
wurde, wie er die Bewegung um sich her zunehmen, das Laufen und Rennen bemerkte
und im Augenblick nicht wusste, welche gelehrten Ansichten er soeben
ausgesprochen hatte, da erinnerte er sich, wie er einst auf einem Dampfschiff
aus dem ruhigen Spiegel der Temse plötzlich in die Hebungen und Senkungen des
Meeres einfuhr und sich rasch in seine Koje erster Klasse zurückzog. Auch jetzt
ging er »still und bewegt« und ohne ein Wort zu reden in die hintern Zimmer und
suchte mit mancherlei ihn erschreckendem Tastenmüssen die Wendeltreppe, die ihn
zu seinem at home führte, wo er beschloss, sich um Gottes und aller Heiligen
willen vorher noch eine kleine kurze Rast und Sammlung zu gönnen.
    Nück sprach zwar noch etwas von Delring, von einem Familienconvent und sogar
von Knabenstreichen hinter ihm her, aber Piter vernahm nichts mehr; er ging
auseinander wie eine Morgenluft witternde Nebelgestalt ...
    Nück begab sich an den Eingang zurück und vermied allein zu sein mit seiner
Schwiegermutter, die er hier so unter vier Augen am wenigsten gesucht hatte. Die
Garderobe war im Parterre. Dort hatte er einen alten Mantel abgelegt, in dessen
Umhüllung man, wenn er so an den Häusern dahinschlich, nicht einen Mann
vermutet hätte, der ein Vermögen leicht von einer Viertelmillion besass und aus
seiner eigenen Tätigkeit noch Jahreseinnahmen von zehntausend Talern ...
    Auf dem Vorplatz blieb er einige Augenblicke und sah in einen kleinen
Corridor hinaus, auf welchen drei bis vier Zimmer ausliefen. Eine Tür, die
hinterste, führte zu der Gesellschafterin der Schwiegermutter, Lucinde Schwarz
... Auf das Erstaunen des alten Joseph, der doch hoffte, dass er wiederkäme,
sprach er kein Wort. Aber seine Augen waren Feuerzungen. Doch auf diese Sprache
verstand sich Joseph nicht. Ein paar Schritte machte Nück auf den Corridor
hinaus. Dann kehrte er um und hielt sich an dem Treppengeländer ... Jetzt
bellten die Bologneserhunde an einer der Türen und kratzten, um hinauszukommen;
denn unten hörte man schon den immer gemütlichen Ton des alten Pötzl, der
bereits von unten herauf mit den Hunden sich neckte. Auch der Medicinalrat kam
und noch ehe sich Nück von dem biedern Händedruck Pötzl's freigemacht hatte, war
auch der Kanonikus schon da, der trotz Kirchentrauer und Kaiser und Papst am
Whisttische unter keiner Bedingung fehlte ...
    Nück sagte allen, er käme wieder und hätte nur seiner Frau zu Gefallen
sämmtliche Kamine wollen auslöschen lassen ... Er beruhigte die Ankommenden, dass
»Lieb Mutterchen« - so nannte die Commerzienrätin Pötzl -; »Lieb Töchterchen« -
so der Medicinalrat -; »Lieb Schwesterchen« - so der Kanonikus; - noch nicht in
den Zimmern wäre, und stieg die Treppe nieder, begleitet vom Joseph, dem er, als
dieser dem Kutscher, der heute als Garderobier fungirte, beim Ueberwerfen des
Mantels half, nur die einfache Frage vorlegte:
    Kommt denn - ich meine die Mamsell oben - na die Gesellschafterin - kommt
denn die nicht auch heute - in den Trubel?
    Herr Oberprocurator! sagte Joseph und eine Miene, die er machte, deutete die
Sehnsucht dieses Fräuleins nur zu überirdischen Dingen und ihre ausserordentliche
Frömmigkeit an ...
    Der Portier stand im Torweg in einer Gala, wie wenn sein Stab mit dem
goldenen Knopf heute Fürsten zu empfangen hätte.
    Nück ging kopfschüttelnd und drückte sich an den Häusern entlang wie mit
verstörtem, ruhelosem Gewissen ...
    Die Wagen, die die Gäste in sein schwiegerälterliches Haus führten,
rasselten an ihm vorüber. Ihn konnte man oft an solchen Abenden, wo dort alles
in Festesglanz strahlte, im düstersten Winkel einer kleinen Schenke sehen, wo er
Rettiche verzehrte und ein Glas einfachen Biers trank ...
    Heute aber huschte er in eine alte finstere Kirche, wo beim Schein weniger
Lichter eine Abendandacht gehalten wurde. Nicht weit vom Weihbecken erwartete
ihn eine Dame, die ihn an eine Todtengruftkapelle zog und ihm im Dunkeln einige
geheimnisvolle Worte flüsterte ... Die Dame trug einen orangegelben Hut mit
schwarzem Sammetbesatz ... Das Gespräch war nur kurz und schien ihn verdriesslich
zu stimmen ...
    Als Nück allein war, ging er tiefer in die dunkle Kirche; dann setzte er
sich, seinen Mantel weit um sich geschlagen und den Kopf auf ein Betpult
niederlegend, in einen der leeren Stühle, tief brütend und versunken in
vielleicht die frommsten Gedanken.
 
                                       7.
Unter den rauschendsten Acclamationen hatte bereits die Bassposaune das berühmte
Lied an die Rose geblasen und ein stürmisches Dacapo veranlasst ...
    Schon waren die enormen Schwierigkeiten der Arie »Ocean, du Ungeheuer!« von
einer alle Wände und Stockwerke durchschneidenden Stimme überwunden worden ...
    Lange war es über neun Uhr. Schon kam das Eis - und noch immer sass in ihrem
saubern Zimmer mit dem kleinen Porzellanofen und dem weissen Sopha und dem
Bettschirm Lucinde, ohne dass sie sich hatte entschliessen können, in die
menschenüberfüllten Räumlichkeiten hinüberzugehen ...
    Einmal schon war, atemlos, die Commerzienrätin dagewesen und hatte sie wie
im Sturm ermahnt, doch endlich, endlich zu kommen, da alle Welt schon vor
Verlangen nach ihr brenne ...
    Zweimal war Johanna dagewesen, einmal sogar in Begleitung des
Ausserordentlichen, der die »Jerichorose« um ihre Kenntnis der lateinischen
Sprache ebenso wie um ihre Botanik bewunderte; denn Lucinde kannte alle Kräuter
des Waldes, alle Bach- und Wiesenblumen ... Ein schöner Strauss, den ihr
Treudchen verehrt hatte, lag zu ihrem Eintritt in die Gesellschaft schon bereit
...
    Auch die Frau Oberprocurator Nück, die schon im Hause hin- und herrannte -
nur nicht hinauf in den stillen obern Stock zu ihrer Schwester - um sich
abzukühlen von dieser »wieder unerträglichen Hitze« in den Zimmern - sie war die
erste, deren Liebe nach Pitern suchte, um ihm Vorwürfe zu machen -, auch
Josephine Nück war bei dem »guten Fräulein« gewesen, um sie zu ermahnen, doch
bald zu kommen; denn sie entbehrte zu schmerzlich die Bewunderung, die das
Fräulein vor ihrer Toilette aussprechen sollte; ein Bedürfnis, das nicht im
mindesten auch den Tadel ausschloss. Denn Josephine hörte es gern, dass sie einen
Fehler gemacht hätte mit dieser Farbe oder mit jenem Besatz oder mit jenen
gemachten Blumen, die auf ihrem Kopfputz sich nicht gut ausnähmen oder ihrem
z.B. so leicht echauffirten Teint nicht stünden. Dann hatte sie doch einen Grund
für ihre gesellschaftliche Verstimmung. Dann konnte sie doch in einer Ecke,
nicht am Ofen, sondern dicht am Fenster, das sie zuweilen öffnete, mit dem
Fächer in der Hand sitzen und über ihre Putzmacherin und ihre weibliche
Bedienung klagen, als wenn es nur eine Verschwörung der ganzen Welt und
vorzugsweise ihrer eignen geschmacklosen Umgebung wäre, wenn sie nicht ebenso
brillirte, wie die jungen Frauen und Mädchen, die da alle lachend und bunt und
schönheitsstrahlend in den belebtesten Gruppen sassen ...
    Lucinde nahm ihr zu ihrer innigsten Freude und Dankbarkeit heute ein
Übermass von Blumen von den Schläfen hinweg, führte sie an ihren kleinen
Spiegel, leuchtete und bewies ihr, dass sie sich jetzt viel vorteilhafter
ausnähme. Der nun gleicherweise wiederholten Aufforderung, doch bald auch zu
kommen, erwiderte sie ein einfaches: Ich komme, ganz gewiss! - und doch entsank
ihr wieder der Mut, als sie allein war ...
    Nicht der religiöse Grund, den sie seiter alle Tage gegen diese
Gesellschaft vorgeschützt hatte, fehlte ihr, sie stand an ihren Ofen gelehnt in
vollständigster Toilette. Treudchen war eine ganze Stunde bei ihr gewesen und
hatte sie geschmückt wie eine Braut - etwa eine Braut, die sich zu einer Zeit
vermählt, wo sie um irgendeinen Anverwandten zu trauern hat. Ihr Kleid,
bestehend aus einem leichten, wallenden, aschgrauen Stoff mit reichem schwarzen
Spitzenbesatz, war ein Geschenk der Commerzienrätin. Das dunkelbräunliche
Incarnat der offenen Arme und des Halses wurde durch diese Farbe gemildert, die
auch ihre ganze, einer Creolin ähnliche Erscheinung minder scharf heraustreten
liess. Das Haar war nach vorn einfach geteilt, nach hinten sammelte es sich in
zwei schweren runden Flechten, die in Kreisform aufgebunden, von einem schwarzen
Sammetgewinde bedeckt waren. Unter den beiden Rundungen der Flechten quollen
hinter jedem Ohr bis in den Nacken vier Locken hervor. Es war zum ersten mal
wieder, dass sich Lucinde wie seit lange nicht gegeben hatte; sie hatte es in der
Gewalt, aufzufallen oder ganz zurückzutreten.
    Der reiche Spitzenbesatz am obern Rande des Kleides erlaubte in blossem Halse
zu erscheinen. Auch war der obere Arm von einem offenen Spitzengehänge halb
verdeckt. Die kleine Juwelenschnalle auf einem schwarzen Sammetband, das den
Hals bedeckte, war ein Weihnachtsgeschenk der Frau Oberprocurator. Ein Armband
von einem als Schlange ausgearbeiteten blutroten Korallenzweige, reich mit
Goldverzierung, hatte sogar Piter geschenkt.
    Silbergraue lange Handschuhe lagen auf der Sophalehne. Sie waren schon von
ihr anprobirt gewesen und wurden wieder ausgezogen. Treudchen hatte Lucinden
schon fast bis an den Eintritt in den Saal begleitet und wieder war sie
zurückgegangen. Treudchen durfte oben beim einfachen Tee ihrer Herrschaft nicht
fehlen; sie musste Schlag acht Uhr von ihrer Gönnerin sich trennen und konnte
ihr: Bitte! Bitte! Gehen Sie doch! Ach! die Menschen werden Augen machen! nicht
öfter wiederholen ...
    Die Furcht, die Lucinden zurückhielt, unter die Menschen zu treten, beruhte
auf dem Gefühl, dass sie sich in einer Weise elektrisirt fühlen würde, die ihrer
ganzen bisherigen Haltung und wahren Stimmung widersprach. Nur mit Not erwehrte
sie sich schon lange der Huldigungen, die bei dem regen Verkehr im
Kattendyk'schen Hause nicht fehlen konnten. Im Personal des Bureau gab es
Blicke, die sie verfolgten; unter Piter's Freunden, in den Kirchen, auf der
Strasse erregte sie Aufsehen. Oft auch schon meldete sich in ihrem Blut die Zeit
von Hamburg und Kiel. Nicht, dass sie eine gewöhnliche Gefallsucht gehabt hätte,
nicht, dass ihre Sinne glühten - ihre Sinne schienen kalt. Ihr erster
»Kindskopfwahn«, wie sie ihn nannte, der sie hatte bestimmen können, mit Oskar
Binder nach Amerika gehen zu wollen, hatte ihr eine ganze Gattung von Männern
verleidet. Wenn sie sich sagen musste: An welchen Fäden hing schon oft deine
Zukunft! und sie sich gestehen durfte, dass sie in alle diese Lagen fast ohne
Bewusstsein und wie nur von einem Instinct der Selbsterhaltung und einer das
Höchste anstrebenden Zukunft geführt wurde, bangte ihr vor dem Gedanken, jemals
wieder so nahe an Abgründe zu treten ... Klingsohr, dessen dauernde Anwesenheit
in dieser Stadt, mögliche Beziehung zu Bonaventura sie oft in Verzweiflung
brachte, Klingsohr war ein Phantast gewesen. Die merkwürdige Erscheinung, dass
die Verirrung, die diesen beinahe rettungslos dem Trunk zugeführt hätte, mit
einer Abneigung gegen Frauen verbunden zu sein pflegt, zeigte sich schon in
Kiel, wo er moralisiren konnte. In jener schauerlichen Nacht auf Schloss Neuhof
bestanden seine Zärtlichkeiten im Knieen wie vor einem Gnadenbilde, im Küssen
der Locken, des Kleides, in Eingebungen einer Phantastik, die seinem Wesen
entsprach, dem Leben nicht in der Wirklichkeit, sondern im Erträumten und
Schattenhaften. Jérôme von Wittekind berührte Lucinden nicht. Sie war ihm eine
Erscheinung aus dem Reiche der Märchen. Klingsohr's Entmannung, wie wir seinen
Zustand nennen möchten, war nicht die Verrückteit des tollen Kammerherrn und
des Paters Ivo, nicht die Empfindung glühender, nur sich beherrschender Liebe,
sondern das Bedürfnis, das er mit seinen hamburger Freunden teilte, sich auf
den Trümmern der Unschuld ein letztes »reines Gnadenbild«, eine Madonna, eine
Laura, eine Beatrice zu dichten ...
    Sie fürchtete sich vor der Gesellschaft, weil in ihrem Innern ein Vulkan
tobte. Sie glaubte nicht länger sich verleugnen zu können. Unterdrückte sie auch
seit Monaten ihren Spott, ihren Humor, selbst ihre Kenntnis des Pianos, nur um
nicht in Versuchung zu kommen, ein Allegro zu spielen, so wusste sie, was in
ihrer Brust wuchs und ausbrechen musste und nicht länger zu halten war. Dass man
immermehr ihrem vergangenen Leben nachspüren würde, erfüllte sie mit dem Gelüst,
sich verteidigen zu wollen. Halt aber an dich! Halt an dich! sagte sie sich oft
und das aus Furcht, dass sie plötzlich so nicht mehr fort konnte. So andächtig
besuchte niemand die Messe, so für unwürdig der Communion erklärte sich niemand
(freilich musste sie sich den Genuss versagen, da sie seit der geschilderten Scene
nicht wieder beichtete), so sittsam blickte niemand auf der Strasse nieder, so
bescheiden äusserte sich niemand in Gesellschaft, so geringschätzend sprach
niemand von seinen Ansprüchen auf Anerkennung, so gelassen gab sich niemand
einer etwaigen Anspielung auf sein früheres Leben preis. Sprach man selbst bei
Frau Walpurga von jener schönen Stadt mit den Wachparaden und den berühmten
Wasserkünsten, ja sogar von dem Aufentalt der ermordeten Frau von Buschbeck
daselbst, von bösen Diensterrschaften, von leichtsinnigen jungen Commis, von
dem dunkeln Geiste, der auf dem Hause Wittekind-Neuhof ruhte, von dem Mönche
Sebastus, der noch immer in der Stadt verweilte und das alte Professhaus der
Jesuiten nicht verlassen durfte, von seinem Vater, dem Deichgrafen, von dem
gefangenen Küfer Stephan Lengenich, von einer nahe bevorstehenden Auflösung des
Kronsyndikus, von dem Stiefvater des Domherrn von Asselyn, ja von Hamburg, Kiel;
und plauderte selbst der »gemütliche« Pötzl einmal von einer Schauspielerin
namens Konstanze Huber, die die Jungfrau von Orleans nur bis zum dritten Act
durchgeführt hatte - was war ihr das alles! Sie sass - und nähte - oder las dabei
-, sie erhob sich auf jeden Wunsch der Commerzienrätin oder Johannens, liess ihr
goldenes Kreuz aus der Brust gleiten und sprach mit leiser und zurückhaltender
Stimme von den geistlichen Exercitien und der Wallfahrt, die die
Commerzienrätin für die glückliche Entbindung ihrer Tochter Hendrika und die
rechtgläubige Taufe ihres Enkelkindes gelobt hatte ... Mit Beredsamkeit sich
verteidigen, gewährt oft ein schönes Schauspiel; mit Beredsamkeit sich anklagen
kann ein schöneres sein. Schweigen aber, schweigen, um sich zu verteidigen, ist
Heldengrösse; und schweigen vollends, schweigen um sich anzuklagen,
Märtyrerglorie ... Was sind alle diese Vergehen, lag in Lucindens Mienen, deren
ihr mich anklagt, wenn die Seele, wie der Rhein, der unter dem Bodensee
hindurchzieht, aus geringen und unbedeutenden Anfängen nach kurzer Läuterung
wieder und dann wie gross und majestätisch hervorbricht! Aus der Fremde tat sie
wie nur in die Heimat gekommen, aus der Lüge zur Wahrheit, aus dem Irrtum zur
Erkenntnis. In der grossen Gemeinschaft der Kirche durfte kein Gläubiger zu dem
andern sagen: Deine Vergangenheit schändet dich! Die Tag- und Jahresgebete, die
Abendandachten, der Rosenkranz, der englische Gruss, die Anbetung des
allerheiligsten Sakraments, das heilige Messopfer, alles das ist eine Kette, die
zu Leibeigenen Gottes und durch das Erlösungswerk zu Kindern seiner Liebe macht.
Lucinde kannte diese Formeln. Sie waren an sich für sie todt; sie belebten sich
aber - im Hinblick auf eine Entscheidung, die endlich kommen musste - kommen
sollte.
    Der Mann, den sie ein Jahr lang in der Stadt, wo sie katolisch geworden,
angebetet, den sie zwei Jahre vergebens zu vergessen gesucht hatte, den sie in
St.-Wolfgang, in Kocher am Fall, hier mit glühend aufschlagenden Flammen des
Herzens wiedersah, wollte jetzt nach Westerhof reisen zu Paula. Sie wusste das
seit einigen Tagen und da hatte sie erklärt, zu dieser Gesellschaft, fehle ihr
die Stimmung. Gebeten hatte man sie, sich zu überwinden ... Wol stand sie in
ihrem kleinen, schon von ihr und Treudchen sofort wieder aufgeräumten Zimmer wie
ein Wesen, das nicht schüchtern eintreten konnte bei so auffallender
Erscheinung. Es riss und zog auch in der Tat an ihr, die Wahrheit ihrer Natur zu
entüllen. Wie hob sie's, den gesenkten Kopf zurückzuwerfen, zu lachen, die acht
schönen Locken im Nacken zu schütteln, die freie, gescheitelte Stirn zu erheben,
statt Wehmut um die Lippe Stolz und Bitterkeit zu zeigen, aus den Augen das
Feuer einer unter der Asche drohend glimmenden Leidenschaft hervorbrechen zu
lassen ... War sie nicht wie auf der Flucht? Wie gehetzt von Gespenstern? Nie,
nie liebt' ich diesen Klingsohr, der jetzt hier vielleicht gegen mich zeugt!
hätte sie in die Welt, in die Messe hinausrufen mögen, wenn sie Bonaventura
celebrirte. Im »Kirchenboten« des Beda Hunnius, mit dem sie ihre Correspondenz
nach der Katastrophe des Kirchenfürsten hatte abbrechen müssen, las sie die
»Stufenbriefe«. Klingsohr schrieb sie allerdings nur für Lucinden. Es waren
Empfindungen, wie sie Abälard, nach der ruchlosen Tat seiner Feinde, an Heloise
geschrieben haben konnte ... Aber wenn nun Bonaventura gar nach Westerhof ging!
Nach Schloss Neuhof, Kloster Himmelpfort, wo ihre ganze Vergangenheit mit ihm
zusammentreffen konnte ... Täglich musste sie von der »Seherin von Westerhof«
hören! ... Selbst der kühle Benno konnte nicht in Abrede stellen, dass
vernünftige Menschen von Paula's Visionen und Heilungen mit Bewunderung
sprachen. Jetzt wollte Bonaventura nach St.-Libori reisen und - darüber war kein
Zweifel - einen Seelenbund erneuern, der fürs Leben geschlossen wurde, wenn
Paula, wie man vermutete, nach dem Verlust ihres Processes den Schleier nahm
... Lucinde kannte die Glückseligkeit, die den heiligen Franz von Sales mit Frau
von Chantal vor und nach der Stiftung des Ordens der Visitandinen verband. Sie
wusste, dass Fénélon, der sanfteste der Priester, Seelenbündnisse mit Madame Guyon
und Fräulein von Maisonfort hatte. Sie wusste, dass selbst der strenge, so
trockene und pedantische Bossuet von einer Frau von Cornuan, deren
Geistesbildung etwa der der Commerzienrätin Kattendyk gleichkam, in einer Weise
belästigt wurde, die zuletzt trotz alles ihm von dieser Frau verursachten
Aergers ihm zum Bedürfnis werden konnte, also, wie Lucinde gelegentlich bitter
vor sich hinsprach - ebenso gut wie die Ehe war ... Ein Wort, das der
Ausserordentliche einmal sprach, nun würde mit dem Domherrn von Asselyn auf
Schloss Westerhof der wahre »Doctor ekstaticus« erscheinen, machte sie zittern
vor Eifersucht ... Stündlich stand sie auf dem Sprunge zu Bonaventura und ihm zu
rufen: Reise, doch erst morde mich!
    An demselben Abend war sie damals die »Jerichorose« gewesen. Sie verstand
zum ersten mal gewisse durchbohrende Blicke des Oberprocurators, eines Mannes,
vor dem sie sich anfangs entsetzt hatte, weil er ihr gewesen wie ein Gebilde von
Eis. Alles scharf, kantig, schneidend an ihm. Doch fiel ein Sonnenstrahl nach
dem andern auf diese Erscheinung und liess sie immermehr in allerlei
Regenbogenfarbenlicht, wenn auch wie aus tausend Eiskrystallen, leuchten. Der
Mensch ist ja merkwürdig! sagte sie sich. Und als sie alles vernommen, was die
Welt von Dominicus Nück wusste, als sie ihn vor Gericht den Mörder verteidigen
sah, der ihm selbst schon einmal hatte aus Leben gehen wollen, als sie den Blick
beobachtete, mit dem Nück die vielbesprochene Prise verweigerte, erschien ihr
seine Hässlichkeit, sein Cynismus, seine Charakterkraft überraschend. Klingsohr's
Narben im Antlitz hatten sie nie gestört. Wie war sie nicht in düstere
Lebenslabyrinte eingedrungen! Sie wusste, dass jener in Serlo's Papieren erwähnte
Advocat, der bei dem Strafgericht des Bruders Hubertus über den Pater Fulgentius
nicht zu entfernt gestanden, der hingerichtete Mörder ihrer Hauptmännin war.
Schaudernd überliefen sie die Rückerinnerungen an alles, was sie von den
Verirrungen des menschlichen Geistes schon in Erfahrung gebracht. Die
Leichenschminkerin stand ihr oft mit Blumen wieder vor einer Todten und redete:
Bist du nun auch erlöst, armes Weibchen? Lache, lache, armes Kind, das zu gut
war für diese Erde! ... Diesem Nück konnte sie seit der »Jerichorose« nicht mehr
begegnen, ohne dass es ihrem Innersten war, wie dem Knaben im Erlkönig. Sie sah
sich fortgerissen in Nacht und Wind und stiess einen Hülferuf aus vor einer Hand,
die unsichtbar sie umfing; ein Leids fühlte sie, das ihr angetan, ein so tiefes
Weh, dass nur das einfache Vorüberstreifen des grauen Mannes an ihr, sein Blick
zu ihr empor nötig war, um sie einer Ohnmacht nahe zu bringen. Gespenstisch war
schon die Stille, die eintrat, wenn sein magisches Wesen vorübergezogen.
    Noch mehr! Schon seit mehreren Tagen war ihr seltsam gewesen, dass eine Frau,
die immer höchst elegant gekleidet neben ihr in der Messe auf einem der
gemieteten Stühle kniete, sie anredete, am Tage darauf sie sogar verfolgte auf
einem Gange, den sie in die Rumpelgasse machen wollte. Eine Jüdin, Namens
Veilchen Igelsheimer, hatte in den ehrerbietigsten Ausdrücken an sie
geschrieben, sie kenne, wie sie wisse, den Pater Sebastus. Der Aermste sässe
krank und elend und zwar um ihretwillen in einer Haft, aus der ihn weder die
jetzt machtlose geistliche Behörde erlösen könnte, noch die weltliche erlösen
wollte; ob sie nicht ihre einflussreichen Verbindungen, besonders die Fürsprache
des Oberprocurators Nück in Anspruch nehmen wollte, um den Unglücklichen
vielleicht freizubekommen oder wenigstens ihm die Rückkehr nach dem Kloster
Himmelpfort zu ermöglichen, worein die weltliche Behörde der vielen
Untersuchungen wegen, in welche auch der Pater verwickelt wäre, nicht willigen
wollte, oder ob sie vielleicht sonst etwas Durchgreifenderes zur Erlösung des
Armen ersinnen könnte; sie möchte ihr die Ehre gönnen und sie unter ihrem armen
Dache besuchen ... Dieser Brief hatte Lucinden vollends aufgeregt. Klingsohr
zurück nach Kloster Himmelpfort? Zugleich mit dem ihm vielleicht schon lange
nahe stehenden Bonaventura? O dass eine Vergangenheit so furchtbar lastend auf
dem Weibe ruht! ... Sie hatte die Zuschrift der Jüdin mündlich beantworten
wollen ... Da war ihr die fremde Dame nachgegangen und ermutigt durch die
verdächtigen Umgebungen der Rumpelgasse, sprach sie Lucinden in einer Weise an,
die diese so erschreckte, dass sie ihren Vorsatz, die Jüdin zu besuchen, aufgab.
Die Frau sagte ihr Schmeicheleien über ihre Schönheit. Sie lud sie zu sich ein,
forderte sie sogar auf, sofort bei ihr Chocolade zu trinken. Lucinde wies die
Frau zurück. Wer stellt dir so nach? Wer verdächtigt dich? ...
    Endlich noch mehr! Heute plauderte Treudchen von der offenbar ganz gleichen
Bekanntschaft, die auch sie mit einer sie verfolgenden Frau gemacht hätte ...
Treudchen erzählte, dass der fromme Pfarrer Roter, der die Frau vor seinem Hause
auf sie warten gesehen, ihr jede Beziehung zu ihr verboten hätte. Auch wäre sie
von ihr seitdem unbehelligt geblieben ...
    Warum gehst du nur so oft zu diesem Pfarrer? fragte Lucinde sinnend ...
    Denken Sie sich, das fragte mich neulich jemand anderes auch! Der Herr
Oberprocurator! ... Die Pfarrei vom Berge Karmel liegt frei auf dem Platz und
wie ich oben beim Pfarrer bin, zeigt er mir in der Ferne noch einmal die Frau,
wie sie an einer Ecke gerade mit dem Oberprocurator spricht ...
    Mit Nück -?
    Mit Herrn Nück! Und heute früh begegne ich ihm und da sagt' ich ihm, dass ich
ja so gern auch bei den Damen auf dem Römerwege bin, weil ich meine Geschwister
im Waisenhause habe ...
    Lucinde hörte der Erklärung kaum zu; denn Nück, Nück im Gespräch mit jener
Frau! Dies Bild weckte ihr eine Vorstellung, die sie eiskalt überlief ... So
unwürdig denkt dieser Mann -? Gehört auch er zu jenen »Bemitleidenswerten«,
denen es eine unheilbare Krankheit geworden, an Frauentugend nicht mehr glauben
zu können? Muss es nicht elend in einer Seele aussehen, die vielleicht ein
unwiderstehliches Bedürfnis der Liebe hat und den trügerischen Schein davon nur
auf solchem Wege finden kann? ... Oder stellt man dir Fallen und wiederholt sich
der alte Unglaube an das, was du dir doch - »bei alledem« konnte sie selbst
hinzufügen - bewahrt hast? ...
    Da kam denn Josephine Nück und Lucinde musste sich sagen: Freilich, ein Mann
von Geist und Leidenschaft und ein solches Weib!
    Düstere Falten zog die Stirn, die sich nun unter dem rauschenden Gewühl
heiter und sorglos zeigen sollte ...
    Nachdem hatte Treudchen so viel von der grossen Begebenheit des Hauses, vom
Zank mit Delring zu erzählen, dass das Gespräch von diesen dunkeln Gegenständen
abkam ... Lucinde mochte die »obere Gesellschaft« nicht. Hendrika hatte die
Abneigung aller Frauen gegen sie, eine Abneigung, die Lucinde für einen Beweis
der »Gewöhnlichkeit« erklärte. Delring war ihr der Repräsentant jener »blonden«
norddeutschen Weise, die ihr soviel Schmerzen und Demütigungen bereitet hatte.
Sie stellte ihn in die Reihe der hamburger »Respectabeln«. Sie vermied seine
»kalten« »wasserblauen« Augen, die ganz den Tausenden von Augen glichen, vor
deren tugendhafter Kritik sie sich einst nach dem Tode Jérôme's von Wittekind in
der Sommerwohnung des Herrn Nikolaus Carstens und seiner plattdeutschen
Schwestern hatte drei Tage lang verbergen müssen.
    Das Rufen und Klingeln und der zunehmende Lärm im Hause unterbrach zuletzt
alles weitere Gespräch mit Treudchen und mit sich allein ... Endlich brach sie
alles, was sie bestürmte, ab, fasste sich Mut, zog ihre Handschuhe an, nahm ihr
Bouquet und schlüpfte in das vordere Zimmer, wo im lebhaftesten Gespräche Herren
standen, die sogleich Chaine machten, um die überraschende Erscheinung
hindurchzulassen.
    Der erste, der sich der hohen Gestalt »erbarmte« - denn Erbarmen kann man
wohl die erste Begrüssung und Anrede eines in menschenüberfüllte Räume
Neueintretenden nennen -, war der alte Pötzl, der die beiden Bologneserhündchen,
die bei der Gesellschaft nicht fehlen konnten, unterm Arm hielt. Auch der
Medicinalrat, ein kleiner dicker Herr, sprang hinzu und nun wäre alles
zurückgewichen vor dieser königlichen und fremdartigen Gestalt, wenn nicht Frau
Nück, die am feucht beschlagenen Fenster sass, sie erblickt und sogleich nur für
sich in Beschlag genommen hätte, um sie hinter den Gardinen zu fragen, ob sie
noch immer so echauffirt aussähe? ...
    Ein Flor von Jugend und Schönheit und Pracht der Toiletten war zugegen ...
Dennoch machte Lucinde einen Eindruck, der die Aufmerksamkeit aller auf sie
gezogen haben würde, wenn nicht gerade jetzt der Stolz der Stadt, das berühmte
Moppes'sche Quartett, intonirt und die Stimmung des Flügels mit einem
angegebenen Accord in Einklang gebracht hätte. Alles rannte, um zum Sitzen zu
kommen. Die Krystalle in den Kronenleuchtern wackelten vor dem Sturm. Alles
musste still sein ... nur der Ausserordentliche sprach über die Bassposaune noch
seinen Satz aus. Er widersetzte sich einer natürlichen Erklärung des Wunders,
dass die Mauern von Jericho durch Posaunen wären niedergeblasen worden. Denn
Beamte aus dem ghibellinischen Heerlager, rationalistische Zweifler, fehlten
keineswegs und der alte Herr de Jonge hatte für seinen leider abwesenden Sohn
die Neckereien übernommen. Während man mit Fanatismus dem Ausserordentlichen
zischte und Lucinde sich still für sich selbst sagte: Vielleicht bestanden die
Mauern von Jericho aus nichts, als Gärten von Rosen! und nach dem Manne der
echauffirten Frau sich umschaute, die neben ihr sass und die Ueberfüllung mit
Menschen verwünschte, die nicht einmal möglich machte Pitern zu entdecken,
entfaltete sich das Bouquet des Abends. Waren es auch nur immer dieselben »Gute
Nacht!« und dieselben »Schlaf wohl!« und dieselben humoristischen
»Speisezettel«, die die Sänger vortrugen, die Tatsache stand fest: Beim letzten
Hauche konnte man den entsprechenden Accord des Flügels anschlagen - und nicht
um eine Viertelnote waren diese jungen Kaufleute in ihrem Vortrag gesunken,
worüber die alten regelmässig in Entusiasmus ausbrachen. Wie regierten sie aber
auch mit strenger Gewalt die Musikzustände der Stadt! Wie bestimmten sie den
Erfolg jeder Oper, jeder neuen Messe! Was sie verwarfen oder gutiessen, fiel
oder stand in der öffentlichen Meinung.
    Lucinde blieb hinter den Gardinen und beobachtete ... Sie kannte solche
Gesellschaften nur aus Kiel und aus der Zeit ihres dreijährigen Wirkens im
ortopädischen Institut, wo es genug vornehme Beziehungen gegeben hatte ...
    Die Wonne des Entzückens machte niemanden lebendiger, als die
Commerzienrätin. Glich sie schon sonst in ihrem ganzen Leben einem jener
kleinen Würmchen, die auf einer flachen Tafel hin- und herrennen, stutzen über
nichts, links und rechts schwenken und da wieder hinlaufen, wo sie eben
hergekommen sind, wie erst heute! Trotzdem dass ihr Kopfputz, eine Art Turban mit
purpurroten Sammettroddeln und goldenen Fransen, ihr die feierliche Haltung
eines Schlittenpferdes vorschrieb, drängte sie sich durch alle Bravis und
Dacapos, durch alle Erfrischungen und Staats- und Kirchengespräche hindurch mit
wiedererwachtem Jugendmut. Blieb auch ihr Shawl an einigen Frackknöpfen der
Herren, an einigen der aufgestellten Rhododendren oder am Kettchen eines neuen
Halsbändchens ihrer Hunde hängen, sie war überall und nirgends und zuletzt auch
bei Lucinden, die sie hervorzog und auf die Stirn küsste. Sie flüsterte ihr zu:
Wie lieb' ich Sie! Aber ich muss Sie vorstellen! Und noch ehe sie eine Antwort
bekam, war sie schon wieder bei einer andern Gruppe und eigentlich suchte sie
auch nur immer Pitern und sagte das auch laut. Aber obgleich die Gesellschaft
schon zwei Stunden beisammen war, entbehrte doch niemand den Schöpfer dieses
brillanten Abends. Die jungen Herren, seine Freunde, hatten mit den jungen Damen
zu tun und der Ausserordentliche machte die Honneurs des Hauses, so klein er
war, mit einer Entschiedenheit, die imponirte.
    Wiederum hatte man in einer Extra-Arie die berühmte Schule und die
Bocktriller der Sängerin bewundert ... Lucinde war endlich von dem beschlagenen
Fenster erlöst, aus Umgebungen, wo sich einige Beamte und gemässigte
Commerzienräte, die einen ghibellinischen Orden im Knopfloch trugen, durch den
Gesang der Primadonna nicht hatten hindern lassen, von den Zeitläufen zu
flüstern ... Pamphlete, die in Belgien gedruckt waren, wurden erwähnt; Vorgänge
im Kapitel spannten ihre Neugier; der Severinusverein hatte mit einem
evangelischen Handwerkerverein gestern eine blutige Schlägerei gehabt; Plakate
in einem eigentümlichen alten Drucke, »Himmelsbriefe«, waren von den
Strassenecken abgenommen worden; die Worte: Rom, Gesandtschaft, wiener
Staatskanzlei fielen ... Lucinde konnte nicht verweilen, da sie der Gegenstand
allgemeiner Neugier wurde und aus einer Vorstellung in die andere kam.
    Sie selbst suchte nur Benno. Als sie hörte, der fehle und wäre schon nach
Witoborn, entsank ihr jede Kraft und Sammlung ... Denn mitten unter all diesen
Huldigungen blieb, was sie auch an Männern sah, nur Grund zur Vergleichung - mit
Dem, für den sie leben und sterben wollte ...
    Die Commerzienrätin zog sie in einen Kreis, wo sich eine lebhafte Debatte
entsponnen hatte ...
    Eine Dame, der sie hier vorgestellt wurde, sass in einem kleinen Eckdivan,
umgeben von einer Anzahl Herren und Damen, die sich ebenso an der Erscheinung
wie an der Conversation dieser Frau zu erfreuen schienen. Sie trug ein
hellfarbiges, mit seidenen Streifen durchwebtes einfaches Tüllkleid und darüber
eine grosse schwarze Atlasmantille, mattblau gefüttert, fast wie einen Shawl,
aber auch wieder wie eine herabhängende Toga, mit Schnüren auf der Brust und an
den Aermelöffnungen. Die ebenfalls blaue Auslage des rundgezackten schwarzen
Kragens verdeckte fast den Hals und gab diesem eine eigentümliche Einfassung,
wie wenn er neckisch sich in ihm versteckte. Das Merkwürdigste für alle
Umstehenden war der Kopf dieser schönen Frau, der halb der Jugend, halb dem
Alter angehörte. Aus einem Halbhäubchen von schwarzem Flor, besetzt mit blauen
Blumen, quollen eine Anzahl grauer Locken hervor.
    Die Commerzienrätin sprach von »der Frau Baronin«. Dass Lucinde vor
Armgart's Mutter stand, musste sie sich erst selbst allmählich entnehmen.
    Lucindens Erscheinen fiel auch hier auf. Jemand, der der Dame am nächsten
sass, sprang sogleich auf und bot ihr zuvorkommend seinen Sitz. Ein paar feurig
durchbohrende Augen warf er dabei auf Lucinden, die errötete. Der Gefällige
vergass fast, dass er es war, der das Wort führte und dass alle bisher an seinem
Munde gehangen hatten.
    Mit einer fremdartigen Betonung, aber ausserordentlich geläufig und
einschmeichelnd erzählte er Vorgänge, die Lucinde sogleich als auf die Gräfin
Paula sich beziehend erkannte. Das waren Wetterschläge in ihr Herz ... Die Lage
des Camphausen'schen Processes war ihr geläufig genug, um zu begreifen, dass der
Sprecher jener Bevollmächtigte der wiener Erben, Herr von Terschka war, jener
Terschka, der einst schon in Kiel sie gesehen und damals durch eine Debatte über
ihre Nase die nächtliche Scene mit dem Kronsyndikus veranlasst hatte ...
    Terschka wiederum, in dessen Ohr noch bei dem Worte: Fräulein Lucinde
Schwarz! die Bezeichnung: Eine ultramontane Emissärin! von der Villa der
Gebrüder Fuld nachklang und der sich seitdem gleichfalls auf die Tage von Kiel
besonnen hatte, Terschka begleitete alles, was er sprach, mit Blicken, die sich
zwischen Lucinden und Monika teilten.
    Monika sass in tiefem Ernst und spielte zerstreut mit ihrem Fächer. Terschka
war vor wenig Stunden angekommen, um noch die Gräfin vor ihrer Weiterreise zu
begrüssen. Ohnehin zu spät eingetroffen, musste er in dieser Nacht wieder zurück
... In seinem ganzen Wesen lag die Elasticität der Aufregung, die für Monika
vollkommen verständlich gleichsam ausdrückte: Auch nur eine Stunde in deiner
Nähe verweilt - und ich bin überreich belohnt!
    In dem Bericht über die ausserordentlichen Heilungen, die man Paula
verdankte, fiel bei Erwähnung der Gesichte, die Paula sähe, das Wort:
    Der Teppich, auf dem der Domherr von Asselyn als Archipresbyter zu
Sanct-Libori nächstens die erste Messe lesen wird, stellt eine Vision der Gräfin
vor. Der sogenannte Philosoph von Eschede, Doctor Laurenz Püttmeier, hat diese
Vision gezeichnet und vierundzwanzig Stiftsdamen und Freifräulein der Umgegend
stickten bisher Tag und Nacht daran. Das Ganze ist jetzt vollendet und sieht
sich an wie eine Offenbarung Dante's ...
    Für Lucinden lagen in jedem Worte dieses Berichts durchbohrende Nadeln und
Stacheln des Neides und der Eifersucht ...
    So würden wir ja, nahm eine ihr wohlbekannte Stimme die Rede auf, die
Erscheinung der heiligen Hildegard noch einmal haben, die bekanntlich schon
ebenso viel von der Natur wusste, wie Alexander von Humboldt, und noch dazu in
einem viel wahreren Geiste ...
    Der Sprecher war der Ausserordentliche. Mit einem artigen Grusse an Lucinden
hatte er sein: »Bekanntlich« gleich im Ton als »unbekannterweise« gegeben und
fuhr deshalb docirend fort. Er ahnte nicht, dass zufällig eine anwesende Person
im Leben jener Heiligen, deren »Physik« seit einiger Zeit durch die Bekenner der
»frommen Naturwissenschaften« bekannter geworden, sehr heimisch war ...
    Sie kennen Bingen, meine Herrschaften? fuhr der Professor mit hochliegender
Stimme fort. Sie kennen den höchst vortrefflichen Scharlachberger der Beste
Klopp und die Lokalerinnerungen an Kaiser Heinrich IV.? In der Nähe dieser
gegenwärtigen Victoria-Hotels und Bellevues lag sonst das Kloster Disibodenberg,
dessen Aebtissin vor achtundert Jahren Hildegard gewesen ist, die Tochter eines
adeligen Vasallen der Grafen von Sponheim. Schon im dritten Lebensjahre hatte
sie Visionen. Sie gab ihr Erbe auf, schenkte es der Kirche, wurde
Benedictinernonne und lebte schon hienieden im Geruch der Heiligkeit. Sie sah
den Himmel offen, heilte, tat Wunder, schrieb, ohne die Sprache gelernt zu
haben, im entzückten Zustande Latein. Sie war eine Gotterleuchtete, die nach
allen Richtungen hin Spuren ihres Geistes zurückliess. Ich nenne nur ihre
Einsichten in die Naturwissenschaften. Sie hat vom Bau des menschlichen Körpers,
von den Kräften der Luft, des Wassers und Feuers mehr gewusst, als die
atomistische Physik des achtzehnten Jahrhunderts!
    Lucinde dachte bebend an Paula ...
    Die Frau aber mit den silbernen Locken, die sich von der Hitze des Zimmers
lösten und lang in ihren Ueberwurf hinunterglitten, den sie jetzt öffnen musste,
erwiderte plötzlich scharf und bestimmt:
    Die heilige Hildegard war im Gegenteil beinahe eine Vernunftgläubige!
    Alles horchte auf ...
    Wie so? fragte der Ausserordentliche, stutzig über den Mut der
Interpellation und ein in dieser Gesellschaft gebrauchtes anstössiges Wort ...
    Monika erwiderte:
    Jede Zeit hat ihre eigene Art, den Anteil für edlere Dinge auszudrücken.
Was in unserm Jahrhundert die Philosophie ist, war vor achtundert Jahren das
Christentum ...
    Bitte! Erlauben Sie! unterbrach der Professor hocherstaunend ... Aber ein
Glück für den Vater, dass dieser in einem hintern Zimmer am Whisttische sass.
Sonst hätte er erlebt zu hören, dass die allgemeinste Spannung über die gelehrte
mutige Frau seinem Sohn, seinem Stolz, ein zischendes St! rief - und das in
einem Kaufmannssalon ...
    Frau von Hülleshoven fuhr bei der im Zimmer eingetretenen lautlosen Stille
fort:
    Wenn eine Zeit voll Barbarei der Wunder bedarf, um sich dem göttlichen
Weltplan zu fügen, so geschehen auch Wunder. Der Mensch macht seine eigenen
Taten dann selbst dazu und lässt immer nur Gott die Ehre. Die Eingebungen einer
Hildegard kamen aus der Sphäre, ja geistigen Sprache her, die damals allein
verstanden wurde und allein wirkte. Das Christentum in der Bedeutung, wie wir
es jetzt zu citiren pflegen, ist dabei ganz unwesentlich!
    Das ist ja offene Ketzerei! warf der Gegner dazwischen, lächelnd freilich
und noch verbindlich ... Aber wieder musste er erleben, dass ihm gezischt wurde.
Man zischte auch über das harte Wort gegen eine Dame ...
    Nennen Sie es, wie Sie wollen! fuhr mit einem eigentümlich bittern Lächeln
die jugendliche Sprecherin fort. Ich verweise Sie nur auf die vielen
Bestätigungen, die Hildegard für meine Behauptung gegeben hat. Sie hat bei ihren
Visionen immer nur das praktische Leben und die Besserung der Sitten im Auge
gehabt. Hildegard war eine kleine schwächliche Person, immer kränklich,
jedenfalls von einer somnambulen Anlage ...
    Gräfin Paula ist schlank wie eine Tanne! warf Terschka hinein, artig - doch
offenbar in der Absicht, Monika zur Mässigung zu mahnen ...
    Diese fuhr jedoch fort:
    Hildegard sah Erscheinungen, Engel und sie heilte. Aber ihre Visionen waren
von einer strafenden und ermahnenden Tendenz. Ihre Heilungen erfolgten nicht
ohne Beistand ihrer Kräuterkunde und die Beobachtung des menschlichen Körpers.
Sie ermahnte den Papst, der kranken Kirchenzucht zu helfen. Sie geriet in
Streit mit dem Erzbischof von Mainz über die Beschuldigung, einen
Excommunicirten auf dem Gottesacker ihres Klosters bestattet zu haben. Sie
machte sogar Reisen. Dass sie dabei nur die Klöster besuchte, lag im Charakter
einer Zeit, wo es noch keine Victoria-Hotels gab und eine Frau mit einigen
weiblichen Begleiterinnen nicht auf Ritterburgen übernachten konnte. Die Klöster
waren für jene Zeit vortrefflich. Sie waren die Herbergen, die Gastöfe jener
Zeit. Sie besuchte Paris. Denken Sie sich eine Reise nach Paris in jener Zeit!
... Eine Reise nach Paris für eine Frau!
    Auf einer Reise nach Paris würde man jetzt allerdings nicht mehr in Klöstern
absteigen! warf eine Stimme hinter der sich mehrenden dichten Gruppe ein ...
    Nück's Stimme! sagte sich Lucinde, als alles lachte ...
    Sie und die Sprecherin waren der Mittelpunkt geworden und Terschka's Augen
liessen weder von ihr, noch von Monika ...
    Monika fuhr in dem Gemurmel der Freude, den volkstümlichen Nück zugegen zu
wissen, fort:
    Wie vernünftig, wie praktisch diese Heilige war, beweist auch der Umstand,
dass sie zwar bis in ihr achtzigstes Jahr Wunder verrichtet haben soll, aber im
Tode gänzlich damit aufhörte ...
    Ein Geflüster und Lächeln ...
    Bitte! unterbrach der Professor der gläubigen Naturwissenschaften. Der
Erzbischof von Mainz verbot der Todten ausdrücklich, noch Wunder zu verrichten!
    So viel Ghibellinen hatte Piter eingeladen, dass jetzt sogar die Welfen über
diese Äusserung mitlachen mussten ...
    Man muss das anders erklären! erwiderte Monika, während der Ausserordentliche
sich im Kreise rundum schaute und strafende Blicke nach allen Seiten austeilte.
Es wäre manchmal sehr schön, wenn man die Reize des Niederwaldes und die
Aussicht vom Victoria-Hotel auf Rüdesheim auch den Engländern in Bingen
verbieten könnte. Der Zudrang zum Grabe der Heiligen wurde so gross, dass man den
daraus entstehenden Unordnungen steuern musste. Deshalb verbot der Erzbischof der
todten Aebtissin die Wunder. Und die Heilige erschien dann dem Erzbischof von
Mainz und erklärte ihm, sie wollte ihm auch noch im Tode gehorsam sein. Das war
aber lediglich eine Ironie der vortrefflichen Frau; sie hatte ihr Lebtag so viel
Aerger mit den Vorgesetzten der mainzer Erzdiöcese gehabt, dass sie ihnen auch
noch im Tode gelobte, ihren Willen zu tun.
    Ein schallendes Gelächter brach aus ...
    Die Entrüstung des Ausserordentlichen steigerte sich so, dass sie jetzt schon
von Johannen, seiner Verlobten, heimlich beschwichtigt werden musste ...
    Lucinde, die nur ruhig beobachtete, würde mehr aufgetaut sein, wenn sie
nicht fast physisch gefühlt hätte, wie Nück, den sie nicht sah, sie beobachtete
...
    Aber, fuhr die scharfe Frau zur Mehrung ihres Triumphes fort, aber auch
wahrhaft liebende und geistvolle Freunde hat die Aebtissin gehabt! Das müssen
Sie schon darum zugeben, weil sie des Lateinischen unkundig war, nur im
magnetischen Zustande etwas davon wegbekam und doch soviel Schriften gerade in
dieser Sprache hinterlassen hat. Ein einfacher Beichtvater, von dem die Welt nur
weiss, dass der Treffliche Pater Gottfried hiess, war ein so treuer Freund ihrer
Seele, dass er alles niederschrieb, was sie in den Wolken gesehen zu haben
vermeinte, und es dann noch später mit ihr ausarbeitete. Dieser bescheidene
Mönch war also noch etwas mehr, als Goeten sein Eckermann. Er war der Geist
einer Frau, die keinen Körper, nur eine Seele gehabt zu haben scheint. Gottfried
selbst stand unter dem Eindruck ihrer Bezauberung. Er hörte seine Freundin, die
auf dem Bette lag, phantasiren. Sie dictirte ihm die Briefe an die, die ihren
Rat begehrten. Sie sprach deutsch und sein Ohr hörte und seine Feder schrieb
Latein. Er übersetzte nichts, er schrieb die Gesichte seiner Freundin gleich in
seiner geistigen Muttersprache nieder. Das war gerade so, wie Plato den Sokrates
Dinge sagen lässt, die er nie gesprochen und die Plato darum doch nicht log. Aus
Sokrates' Geiste dichtete Plato seine Dialogen; die Dichter lügen nicht, wenn
sie auch noch soviel erfinden. Oder glauben Sie nicht, dass Sokrates somnambul
war? Jeder grosse Geist ist somnambul. Jeder Genius hat einen Dämon wie Sokrates.
Jeder Heroe handelt unzurechnungsfähig. Diese Hildegard war die einzig mögliche
Diotima des Mittelalters. Aber welche Torheit, wenn man noch jetzt in ihrer
alten Sprache lallen wollte! Ich möchte wohl wissen, wenn man die Gräfin Paula
fragte, was Hildegard gefragt wurde, als der Dechant Philipp von Köln an sie
schrieb, ob sie in ihren Visionen nichts über den kölner Klerus gesehen hätte?
...
    Ueber den kölner Klerus? rief man durcheinander ... Lucinde lachte mit in
den Chor hinein. Sie fühlte Schadenfreude - über eine Gegnerin Paula's ...
    Gewiss, gewiss! sagte Monika. Die Nonne von Dülmen hätte schwerlich auf diese
Frage wie Hildegard geantwortet! Sie hätte ohne Zweifel alle Domherren von Köln
für künftige Heilige erklärt!
    Ein neuer Sturm ...
    Aber Hildegard? Was sagte sie denn? drängte man ... Die Zahl der Umstehenden
nahm immermehr zu ...
    Hildegard antwortete zuvörderst: Der ewige Gott, der da ist, war und sein
wird, wird alle Runzeln der Zeit ausglätten! Wer ist dieser Gott? fährt sie
fort. Die Sonne ist das Licht seiner Augen, der Wind sein Gehör, die Luft sein
Geruch, der Tau sein Geschmack. Der Mond ist Gottes Uhr, die Sterne sind sein
Denken, denn in ewigen regelmässigen Kreisen dehnt sich alles Denken ... Hat wohl
die Nonne von Dülmen jemals die Gotteit so erhaben definirt? Sie sah nur
Nägelmale und blutende Heilandswunden!
    Eine Todtenstille trat ein ...
    Man würde Hildegard jetzt für eine Panteistin erklären! bemerkte Terschka
vermittelnd, während der Ausserordentliche vor Staunen und Befremdung über diese
Sprache in aller Blicken zu lesen suchte ...
    Noch mehr! fuhr Monika unerschrocken fort. Die heilige Hildegard war
Vulkano-Neptunistin, schon achtundert Jahre vor den Teorieen Cuviers über die
Bildung der Erdrinde. Sie sagt an jener Stelle, Gott spräche: Steine hab' ich
aus Feuer und Wasser gegossen und die Erde aus Feuchtigkeit und Keimkraft
dargestellt. Ich habe Gewölbe ausgeweitet, welche die Körper tragen, um
dieselben her befindet sich die Feuchtigkeit zu ihrer Befestigung. Hätten die
Wolken nicht das Feuer und das Wasser, so würden sie wie Asche sein ...
    In das Erstaunen der Zuhörer und der Bewunderung vor dieser seltsamen, jetzt
fast feierlichen jungen Frau, mischte sich wieder von hinterwärts her die helle
und scharfe Frage aus der Menge:
    Aber bitte, bitte! Was sagte sie über die kölner Geistlichkeit?
    Lautes schallendes Lachen ...
    Es war wieder die Stimme des geliebten, populären Redners ... Lucinde sah
ihn nicht ...
    Sie vergleicht die Würde der Geistlichkeit zuerst den höchsten Erscheinungen
in der Natur! fuhr Monika fort und eklipsirte den Ausserordentlichen heute bis
zur vollständigen Nullität. Abel, Noah, Abraham, Moses, alle wären Priester
gewesen, sagte Hildegard, und hätten in Gottes Haushaltplan der Schöpfung eine
grosse Rolle durchgeführt; die vier Propheten wären wie die vier Weltgegenden zu
betrachten, die die Erde begrenzten. Und die kölner Geistlichkeit - nun von der,
sagte sie, die - ich wiederhole wörtlich - die - blase schlecht auf der Posaune
der Gerechtigkeit ...
    Die Erinnerung an die Bassposaune erzeugte ein fortgesetztes Gelächter. Denn
selbst die Welfen waren mit den jetzigen Kundgebungen ihres plötzlich über den
Kirchenstreit eingeschüchterten Kapitels nicht im mindesten einverstanden ...
    Eine Posaune, fuhr Monika, als die Zuhörer sich beruhigt hatten, fort, ist
ein so erhabenes Instrument, dass es seine Intervallen haben muss. Bei aller
Verehrung vor dem Talente, das uns vorhin die süssesten Arien auf ihr vorgetragen
hat, würden Sie doch von diesem erhabenen Instrument keinen Walzer hören wollen
(Piter hatte allerdings gerade einen Strauss'schen Walzer auf der Bassposaune als
die Girandole des Abends und den Uebergang zum gemütlichen »Ulk« bestellt
gehabt). Die kölner Geistlichkeit aber blies sozusagen die Posaune der
Gerechtigkeit in diesen Sechszehntelnoten, d.h. wie die Heilige sagt, »ohne
Einhaltung passender Zeiten« und manchmal gar nicht und manchmal im »Uebermasse«
und manchmal heftig und dann ganz abbrechend, kurz ohne jede wahre musikalische
Empfindung ...
    Ein allgemeines beifälliges Murmeln deutete an, dass man diese
Ungleichmässigkeit des priesterlichen Wirkens vollkommen verstand ...
    Sie will sagen, fuhr Monika fort, ihr übt euer Amt gedankenlos, seid streng
aus Gewohnheit, verhängt Strafen ohne zu überlegen, wie die Fälle sind! Ihr
seid, schreibt sie, eine finsternissatmende Nacht, ein Volk, das aus Überdruss
an zu vielem Licht nicht länger darin wandeln mag! (»Überdruss an zu vielem
Licht« - Lucinden fiel ein Schlaglicht - auf den gefangenen Klingsohr.) Sie
tadelt die kölner Handwerksmässigkeit in der Uebung des Priesteramts. Auch die
Sünden der Leidenschaft fehlten nicht und doch wolle man daselbst »die Ehre der
Heiligkeit ohne Anstrengung« gewinnen. Sie vermisst das reine Feuer und den Duft
der Lieblichkeit ...
    Das Gemurmel wurde so gross, dass der Ausserordentliche sich dem Beifall
anschliessen musste und sogar für die Bemerkung: Und vergessen Sie nicht, gnädige
Frau, dass die Heilige selbst in Köln gewesen ist! Beifall erntete ...
    Um so mehr also! ergänzte Monika. Und sollte man nicht glauben, dass sie
schon die Neigung der Kölner für Männergesang und Carneval gekannt hat, wenn sie
- ich bitte die lieblichen Sänger von vorhin um Vergebung - sagt: »Ihr aber seid
schon durch jeden fliegenden weltlichen Ruhm überwunden, sodass ihr euch sogar
als singende Possenreisser hinstellt!«
    Bravissima! rief glücklicherweise das ganze Quartett selbst; es war vom
Erfolg seiner Lieder im höchsten Grade befriedigt ... Moppes gab das Signal ...
Monika sprach auch so lächelnd, dass sie nicht verwunden konnte ... Ihre grauen
Locken hatten etwas so lieblich Elegisches, dass jeder entwaffnet war ...
    Terschka freilich wurde immer unruhiger und wechselte wieder Blicke mit
Lucinden, die aufs neue durch Nück's Stimme erschreckt wurde ...
    Und die Kaufleute! Die Kaufleute! rief Nück, gleichsam den Übermut der
Kaufleute, die hier so viel auf Kosten anderer lachten, strafend ...
    Sie spricht nur von der Geistlichkeit! fuhr Monika fort. Die Pfründen wirft
sie ihnen' vor, wenn sie sagt: »Wegen eures Reichtums unterweist ihr eure
Untergebenen nicht und gestattet nicht einmal, dass sie bei euch Belehrung
suchen, indem ihr sprecht: Alles können wir nicht ausrichten!«
    Wiederum ein schallendes Gelächter ... Selbst der Kanonikus war vom
Spieltisch vorgekommen, zog in dem allgemeinen Jubel seine Dose und fand die
Moral auch jetzt im höchsten Grade noch anwendbar. Denn wie oft war nicht gerade
erst kürzlich bei der Ernennung eines so jungen Domherrn, wie Bonaventura, in
der engeren Curie gesagt worden: »Alles können wir nicht ausrichten!« ... Die
Commerzienrätin stand in der Nähe. Sie war vielleicht die einzige, die nicht
wusste, wovon die Rede war, aber sie lachte mit, da sie den Kanonikus lachen sah.
    Ich will die dann folgenden Rügen gegen die mangelnde Sittlichkeit der
kölner Geistlichen nicht wiederholen! fuhr Monika fort. Auch sind mir die
Ausdrücke entfallen. Nur die ganz besonders überraschenden, die ich noch
kürzlich las, weil meine Reise mich auch nach Köln führen soll, prägte ich mir
mit Vorliebe ein. So macht sie der kölner Geistlichkeit den Vorwurf der
diplomatisirenden Nachgiebigkeit ...
    Aha! murmelten die Fanatiker ...
    Das Predigen und Lehren, das starke Zeugen für Gottes Gesetz wäre dort nicht
an der Zeit mehr!
    Aha! Aha!
    Ja, dass die Heilige dann den Kölnern die Reformation prophezeit, ist
allbekannt ...
    Wie? fragten die Ghibellinen staunend ... Unter den Welfen verbreitete dies
Stichwort sofort eine ängstliche Stille.
    Terschka winkte Monika ... Aber sie fuhr fort:
    Nein! Nein! Fürchten Sie nichts! In diesem Punkt ist die heilige Hildegard
so beschränkt wie die Nonne von Dülmen und wahrscheinlich auch wie - die
»Seherin von Westerhof« ...
    Terschka wurde immer unruhiger und sprach mit seinen flammenden Augen:
Mässigung! Mässigung!
    Trotz des Schweigens, das nun eintrat, fuhr Monika fort:
    Wo ist jetzt wohl eine Ekstatische, die so den Papst, die Erzbischöfe, die
Domherren und Priester strafte, wie diese Aebtissin! Aber leider - in Einem war
sie schwach. Sie lebte in einer Zeit, wo es der Ketzer schon genug gab, in einer
Zeit, wo man die Albigenser und Waldenser in Frankreich und in den
piemontesischen Tälern mit Feuer und Schwert vertilgte. Die Glaubensgerichte
konnten nur den ketzerischen Lehren, aber bekanntlich nicht den vortrefflichen
Sitten der Ketzer beikommen. So ergibt sich Hildegard in diese Gewissheit, dass
auch die künftige grosse Reaction gegen die kölner Geistlichkeit zwar vom Teufel
ausgehen, aber ein ausserordentlich klug gewähltes Gewand tragen würde. Sie sagt,
das Volk würde diesen gemässigten, in Zucht und Ehren lebenden neuen Predigern
allerdings anhängen. Der Teufel stünde mit verborgenem Leuchter, dass man ihn
nicht sehen könne, und spräche: Ha, ha! Da glauben sie immer, ich müsste in
Gestalt von Tieren, von Drachen oder von Fliegen kommen! Aber ich mache mich
auch einmal den Propheten »ein wenig ähnlich!« Nun will ich machen, dass man
tugendhaft nicht bloss scheinen, sondern auch sein kann und doch nicht in Gott
lebt!
    Und ehe man noch über die Schärfe dieser Reden sich sammelte, wiederholte
Monika:
    Tugendhaft sein, nicht etwa bloss scheinen, sondern sein, und doch nicht von
Gott stammen!
    Monika wollte die Verurteilung dieser Verblendung.
    Aber der Ausserordentliche rief:
    Das ist ja ein erhabenes Wort! Das ist ja die Selbsterrlichkeit Ihrer
Philosophie! Trefflich! Trefflich! Darin findet die Heilige die künftige Hölle
der kölnischen Geistlichkeit! Die scheinbare Logik der Kirchenverbesserung ist
es ja, die scheinbare Tugend ihrer Bekenner, die scheinbare Aehnlichkeit mit den
Propheten, die scheinbare Grösse der, wie man sich rühmt, reiner erkannten
Schrift, dies ewige Frösteln in der gemässigten Temperatur des Rationalismus, das
zu sehen, das der Menschheit genügend finden zu sollen, ja allerdings das kann
und muss für jede rechtgläubige Seele schon auf Erden die Hölle sein!
    In ein Murmeln der Ghibellinen hinein entgegnete Monika:
    O häufen Sie nicht soviel Schmach über das arme kleine kranke Mütterlein,
das da in seiner binger Klosterzelle so Grosses und so Entsetzliches träumend
lag! Wer weiss, ob ihr treuer, mit ihr alt gewordener Freund, der Benedictiner
Gottfried nicht zitterte vor dem, was sie sah und er gehorsam der
Hocherleuchteten nachschreiben sollte! Immer hatte sie den schönsten,
liebenswürdigsten Wahrheitsdrang, den es nur in einem Frauenherzen geben kann,
aber dass sie vor einem andern Lehrsatze erschrickt, als dem, in dem sie
unterrichtet wurde, das ist die Unreife ihrer Zeit. Und dass sie noch so gerecht
ist und dem Teufel einräumt, ein so guter Schauspieler zu sein! Die Ketzer sind
tugendhaft, sagt sie, aber traut dieser Tugend nicht! Diese Tugend stammt nicht
einmal aus Verstellung - das schreibt sie wörtlich - nein, der Teufel gab den
Albigensern und Waldensern, die Innocenz III. mit Feuer und Schwert vertilgt
wissen wollte und deren er allein bei Schloss Castellungo im Piemontesischen
Hunderte verbrennen liess, die Kraft, wirklich tugendhaft zu sein, wirklich die
Sitte der Frauen zu schonen, wirklich entaltsam zu sein, aber - der Teufel
erfüllte nur die »Luft mit solchen Geistern«, dass sie sagten: O wir sind heilig
und vom Heiligen Geiste durchgossen! Das Volk wird sich, fährt sie fort, an
ihrem Wandel erfreuen, wird ihnen folgen; sie werden sogar die guten Streiter
der rechtgläubigen Kirche schonen, hören Sie, schonen d.h. diese Unglücklichen
werden, wenn sie einmal ein klein, klein wenig Macht haben, gegen Andersdenkende
liebevoll und tolerant sein ... aber alle diese Beweise von Milde und Güte sieht
die arme kleine unglückliche gebrechliche Frau nur als Lügen an; alles muss der
Teufel gemacht haben, alles, alles, was sie beinahe schon liebt, schon
bewundert! Ist das nicht entsetzlich? Die Albigenser und Waldenser wurden mit
Feuer und Schwert vernichtet, sie starben in den Flammen mit einem Hosianna, sie
waren liebevolle Väter, treue Gatten, zärtliche Gattinnen, aufopfernde Mütter,
gehorsame Kinder; aber - dass sie alles das waren, das hatte der Teufel nur so in
die Luft »gezaubert«! Gezaubert! Das die Welt glauben zu machen, war von Seiten
Roms gewiss die grösste Zauberei!
    Die junge Frau hatte sich erhoben ...
    Zwar stand ihr die Leidenschaft, mit der sie ihre Ueberzeugungen aussprach,
herrlich schön ... Ihr Auge blitzte voll göttlichen Feuers ... Ein Zug des
Schmerzes um die beredten Lippen gab ihrem Vortrage und der Geltendmachung ihrer
Kenntnisse soviel Ueberzeugtes und Ueberzeugendes, dass sie die Königin des
Abends gewesen wäre, wenn nicht eine ängstliche Stille ihrer Rede gefolgt wäre,
alles auseinander ging und Terschka, aufspringend, bemüht gewesen wäre,
wenigstens scherzend die Stimmung wieder in den für diese Stadt und solche
Gesellschaft angemessenen Geist hinüberzulenken. Sie sind krank! flüsterte er
ihr heimlich zu'; dann rief er mit schnell sich fassender Geistesgegenwart:
    Gnädige Frau, das erinnert mich ja ganz an eine Äusserung Ihres Fräuleins
Tochter! Fräulein Armgart bekam durchs Loos an dem Teppich für den Domherrn von
Asselyn einen Teil zu sticken, auf dem ein hässlicher Drachenkopf abgebildet
ist. Erst war sie darüber ganz ausser sich! Hernach sagte sie, dass sie den
Drachenkopf schon ganz lieb gewonnen hätte und sie nun wohl einsähe, wie man
sich so auch durch längern Umgang an den Teufel gewöhnen könnte!
    Der noch gebliebene Kreis ging auf Terschka's gute Laune ein und rasch fuhr
er fort:
    Ja, meine Damen! Das wird ein Prachtstück werden! Es ist, wie gesagt, eine
Vision der Gräfin! Der Körper des heiligen Liborius wurde aus Frankreich hierher
herübergebracht zum Geschenk von Kaiser Ludwig dem Frommen. Dem Schrein voraus,
erzählt die Legende, zog wunderbarerweise ein Pfau, der sich der feierlichen
Procession angeschlossen hatte und nicht weichen wollte. Der Vogel des Stolzes
wurde der Vogel des Triumphes. In der Vision der Gräfin ist er riesengross und
schlägt ein majestätisches Rad durch alle Himmel und über die Erde und über die
Hölle. Der Regenbogen ist es, den die letzten Augen seines Schweifes bilden. In
den Ecken sitzen geflügelte Löwen und Leoparden und tief unterwärts Drachen und
Lindwürmer. Nach Comtesse Paula sollte der Pfau, der der Verherrlichung des
heiligen Liborius gewidmet ist, auf seinem Haupte die dreifache Krone tragen. Da
man aber vom hochwürdigsten Sitz des Heiligen Vaters leicht ein unehrerbietiges
Bild darin hätte sehen können, substituirte man als Haupteszierde des Pfauen ein
Kreuz ...
    In dem Geplauder fing man an sich zu zerstreuen ...
    Eine Furcht vor einer so über alles Mass hinausgehenden Meinungsäusserung wie
bei Monika schien sich der Meisten bemächtigt zu haben und der Ausserordentliche
triumphirte ...
    Da es zum Souper zu gehen schien, erhob sich auch Lucinde, die sonst in der
Laune war, zu jedem Fiasco, das jemand machte, schadenfroh zu lachen ...
    Die Gräfin las den Dante! sagte sie zu Monika und suchte durch ein Lächeln
die hier verfehlte Wirkung ihrer Verteidigung der Reformation zu zerstreuen ...
    Mit Ihnen! ergänzte Terschka, sich schnell einmischend ...
    Sie hatte allerdings mit Paula zusammen italienisch gelernt ...
    Lieben Sie Dante? fuhr Terschka fort ...
    Lucinde schüttelte den Kopf ... Es war ihr in ihrem Leben von Klingsohr so
viel über Dante gesprochen worden, dass sie ihn schon deshalb nicht mochte ...
    Recht, mein Fräulein! sagte Monika, bitter lächelnd über die Welt der
Vorurteile. Auch ich mag ihn nicht, diesen finstern Italiener ...
    Der Professor kam, um den Wirt zu machen, mit Tellern und offerirte
verbindlich und ironisch ...
    Wen? fragte er ... Wen mögen Sie nicht leiden?
    Dante, Dante! sagte Terschka ...
    Wie? lautete ein ironisches Erstaunen; Dante nicht, der - den Päpsten doch
fluchte?
    Sie lieben ihn also! Und warum? entgegnete Monika und stellte den Teller
sich zur Seite auf einen nahe stehenden Tisch, da sie nicht essen mochte und
sich zum Gehen rüstete ...
    Weil Dante für seine Zeit der grösste aristokratische Dichter war! Und für
unsere Zeit ist er der katolischste!
    Damit entschlüpfte er triumphirend ...
    Ich mag ihn nicht, grollte Monika düster vor sich hin, während Terschka
einen Tisch arrangiren wollte und sie zurückhielt ...
    Fast wäre sie geblieben, als sie aus Lucindens Munde durch folgende Worte
überrascht wurde:
    Ich finde an Dante peinlich, sagte das ihr jetzt erst auffallende schöne
junge Mädchen, wie er sich müht, Martern zu ersinnen, die er seine Gegner
erleiden lässt! Weil ihn seine Mitbürger aus Gründen nicht mochten, ruft er die
Fremden zu Hülfe, will Italien mit Feuer und Schwert von den Ghibellinen und den
Deutschen verwüstet haben und lässt alles, was ihm persönlich oder seinem Princip
misgünstig scheint, in der Hölle gemartert, gesotten und gebraten werden. Eine
grellere Einbildungskraft hat es noch nie an einem Dichter gegeben, als sich
hinzusetzen und zu grübeln) welche Qualen dem oder jenem seiner Feinde einst zu
Teil werden würden! Und wen wirft er nicht alles in seine Hölle! Einen Brutus,
einen Cato, einen Cassius! Ueberall wittert er Unordnung in seinem Sinn und
Freiheit und was darunter die florentinischen Gilden verstanden haben mögen, die
nur seinen hohen Wert nicht anerkannten, nicht seine gelehrten Verse mochten,
in die er, wie er sagte, seine Feinde lebendig einmauern wollte. Beatrice liebte
er, nur um ein Ideal für seine Phantasie zu haben; im Leben und als Person war
sie ihm völlig gleichgültig. In der Tat, wenn ich die wie mit Gift
geschriebenen Verse Dante's lese, diese lang hingezogen sich ringelnden
Terzinenschlangen und Molche, diese dem Verstand abgequälten Bilder und
Allegorieen, zu denen man, um sie zu verstehen, dicke Commentare lesen muss, so
könnt' ich mich wie eine welfische Löwin fühlen, die mit dem demokratischen Hass
eines Vorstehers der florentinischen Schustergilden dem Adler der Ghibellinen
den Kampf anbieten könnte. Ich sympatisire dann mit den Mönchen, die auf den
Zinnen der italienischen Mauertürme gegen die Ghibellinen kämpften -
    Ein Savonarola war unter ihnen! fiel Monika voll Staunen und gesteigerter
Teilnahme ein ...
    Pötzl, der Träger der Bologneser, unterbrach eine fast leidenschaftliche
Annäherung Monika's und sprach heimlich mit Lucinden ...
    Monika fuhr inzwischen fort:
    Und da muss ich wieder Mutter Hildegard eine wunderbare und liebliche Poetin
nennen. Die blickt auch in die Hölle, aber sie schmort und kocht und foltert die
Gottlosen doch nicht so greulich, wie dieser Dante, dessen Bild mit seiner
langen Nase und dem dicken über die Kapuze gezogenen Lorberkranz ich nie sehen
kann, ohne an ein altes Weib zu denken ...
    Lucinde wurde zur Commerzienrätin abgerufen, die bei ihrem fortwährenden
Patrouilliren und dem dutzendmal wiederholten Worte: »Haben Sie denn auch ein
Glas?« naturgemäss jetzt überall auf Pitern zurückkommen musste. Das Muttergefühl
und die Sorge der Hausfrau siegte über die Liebe zu den Bolognesern und zu den
Hausfreunden und zu hundert Fremden, mit denen sie Conversation begann und nach
fünf Worten wieder abbrach. Lucinde bekam den bestimmtesten, ja von
»Verzweiflung« dictirten Auftrag, eine Recherche nach der jetzt constatirten »ja
furchtbar ängstlich werdenden und ein Unglück ahnen lassenden« Abwesenheit
Piter's anzustellen.
    Sie musste sich besinnen, dass sie hier im Hause eine Dienende war ...
    Monika sah, dass Terschka ihr einige Schritte folgte ...
    Wer ist das schöne, seltsame Mädchen? fragte sie, als er zurückkehrte ...
    Sie stand allein und Terschka nützte seinen Vorteil. Zwar machte er ihr
ernstliche Vorwürfe, doch wurden sie von der Glut seiner Huldigungen gemildert
...
    Monika hörte nur wenige seiner Worte, riss sich los und trat wie fliehend aus
dem Zimmer ...
    Der Abend rauschte und wogte dahin ...
 
                                       8.
Die Worte der geistesstarken jungen Frau, die Widersprüche zweier Pole im
Katolicismus - die grösste Abhängigkeit und doch eine eigentümliche Freiheit -
hatten Lucinde in alle Gedankenreihen gestürzt, die ihr vorzugsweise schon oft
bei Serlo's Memoiren entstanden waren ...
    Aber mehr, mehr als alles, was sie zu einer würdigen Denkerhöhe, zu der auch
sie so viel Berechtigungen in sich trug, emporheben und ihr den oft bitter
errungenen, aber tiefinnerlich beglückenden Stolz, in solcher Höhe einsam zu
stehen wie Alpenhäupter, erhaben über die alltägliche Denkweise der Menge, hätte
einflössen können, quälte sie ihr eigenes Geschick ... Paula - Bonaventura -
Hildegard - der Benedictiner Gottfried - alles das überwältigte und lähmte jeden
Aufschwung ...
    Ein grosser Unterschied zwischen Monika und Lucinden! Monika eine Frau und
liebend das Gute um des Guten willen. Lucinde ein Mädchen - den meisten ihrer
Gesichtspunkte fehlte Ernst und Festigkeit und das Gute liebte sie nur, weil das
Gute in den meisten Fällen das Klügere ist. Monika entsagte schon lange dem
Leben und stellte sich entschieden auf sich selbst. Lucinde suchte einen Anhalt.
Nicht von Hause aus sass Neid in ihrer Brust, aber er nistete sich mit der Zeit
durch ihr Unglück ein. Die Unglücklichen sind neidisch. Sie werden sich immer
sagen, dass sie sich ebenso berechtigt glauben zum Glück wie die Glücklichen ....
Seltene, Edelste deines Geschlechts, ich habe dich lieb, ich bewundere dich,
nimm mich in deine Freundschaft auf! Das konnte Lucinde nicht zu Monika sagen.
Sie fühlte die anziehende Kraft dieser Frau, sie sah ihr liebliches Kind in
ihren Zügen wieder und doch hätte sie nicht einen Schritt tun können, ihr mehr
zu huldigen, als ihr Geist verdiente. Die Geringschätzung der katolischen
Lehren würde sie wenig gestört haben ...
    Schon auf der Treppe zu Delrings hinauf, wo sie etwas von Pitern zu erfahren
hoffte, lachten sie die gewöhnlichen Larven ihres Innern an und sagten von der
Frau in den silbernen Locken: Sie ist mit ihrer Familie verfallen! Sie hat unter
den Vorurteilen derselben zu leiden! So jung noch, so schön, und sie soll
entsagen! Herr von Terschka ist ihr Anbeter! Vielleicht gar Graf Hugo! Was
sprach sie nur von Castellungo? Von den Waldensern, die auch damals - den
Hedemann so interessirten? ...
    Rein und gläubig war nichts in ihrem Sinn. Nur wo sie unbedingte Liebe und
Hingebung fand, wie bei Treudchen, da legte sie die Waffen nieder ...
    Im obern Stock schien alles wie ausgestorben. Der lebendige und rauschende
Abend hatte auch die Delring'sche Dienerschaft angezogen und Treudchen mochte
zum Tee genügt haben ...
    Lucinde hielt ihre Kleider, um sich durch das Rauschen derselben nicht
hörbar zu machen.
    Oben fand sie alle Türen offen. Sie schlich sich näher. Das Ehepaar schien
noch nicht zur Ruhe gegangen. Treudchen war nicht zu finden. Delrings waren ohne
Zweifel in dem kleinen Boudoir, wo das Pianino stand und die verhüllte Madonna.
In das leise geöffnete Wohnzimmer blickte Lucinde. Noch brannte hier eine
Astrallampe, die, von einem grossen dunkelroten Tuberosenkranz von Papier
gedämpft, ein magisches Licht auf Bücher und Nähwerk fallen liess. In der hier
herrschenden Stille lag ein geisterhaftes Etwas, gleichsam als lebte schon das
Kind, um das soviel Kampf und nach Lucindens Meinung unnützer Streit geführt
wurde. Aber die Stille wurde gespenstischer und gespenstischer ... Die
Lauschende erschrak ... Ihr alles vom Gegenteil auffassender grausamer Sinn sah
das erwartete Kind plötzlich statt in der Wiege - auf der Bahre ... Sie fuhr
zurück, als wehte sie ein Eishauch des Todes an ...
    Um Treudchen zu finden, musste sie hinterwärts, dem Hofe zu.
    Alle Zimmer waren hier dunkel ...
    Endlich kam sie furchtsam und erschreckt an Treudchen's Kammer, die sie
rasch wie Hülfe suchend öffnete.
    Unfehlbar hätte sie jemand, der drinnen war, hören müssen, so leise sie die
Tür auch aufklinkte.
    Treudchen aber, die wirklich drinnen war, lehnte sich gerade zum Fenster
hinaus, weit, weit hinaus ... sie hätte in den Hof fallen können ...
    Erschrocken trat Lucinde näher und wollte sie am Sturze hindern ...
    Treudchen klammerte sich mit der linken Hand am Fensterrahmen fest und jetzt
sprach sie sogar hinaus ...
    Nun zog sich Lucinde zurück in die dunkle Vorkammer ...
    Herr Kattendyk! Herr Kattendyk! wisperte Treudchen zu den Fenstern Piter's,
in welchen sich ein leiser Lichtschimmer entdecken liess ...
    Jetzt kehrte sie vom Fenster zurück und sprach mit weinerlicher Stimme vor
sich hin:
    Jesus Marie! Er verschläft den ganzen Abend! ...
    Ein dumpfes Gemurmel von Menschenstimmen liess erkennen, dass unten die Tür
zur Verbindungstreppe mit den Zimmern Piter's offen stand, vielleicht der Hitze
wegen. In diesen hintern Zimmern wurde gespielt ...
    Lucinde kämpfte mit sich, ob sie Treudchen belauschen oder mit einem
plötzlichen: Guten Abend! erschrecken sollte ...
    Treudchen's Angst schien sich zu mehren, als sie an die Verbindungstür
trat, die seit einigen Monaten für immer geschlossen war. Der Schlüssel steckte;
soviel Vertrauen hatte ihr Madame Delring geschenkt; aber die Tür zu öffnen war
ihr streng verboten ...
    Nun seufzte sie:
    Er ist nicht in der Gesellschaft! Er schläft! Jesus, Marie, Joseph! Und kein
Mensch kümmert sich um ihn!
    Sie liebt ihn wirklich! sagte sich Lucinde mit einem vornehm herabblickenden
Mitleid ...
    Kein Mensch kümmert sich um ihn! wiederholte Treudchen halb weinend. Und der
Abend geht vorüber, der sein Stolz sein sollte! Was macht man nur!
    Am offenen Fenster rief sie wieder:
    Herr Kattendyk!
    Drüben blieb alles still ... Licht war im Zimmer, das sah man ...
    Lucinde sagte sich: Wenn ich einmal eine recht gute Handlung in der Welt
begehe, soll es die sein, dich zur Frau Piter Kattendyk zu machen ...
    Das Lachen, Reden, Tellerklappern, Gläserklingen von unten her nahm
immermehr zu ...
    Treudchen fasste einen Entschluss. Sie trat an die Tür, sah durchs
Schlüsselloch, erfasste den Schlüssel, drehte entschlossen einmal, zweimal um,
drückte die Klinke auf und herein strömte eine blendende Lichtfülle, strömte in
die matterhellte Kammer so strahlend, so feenhaft festlich, dass Lucinde
unwillkürlich wieder in ihre Vorkammer zurückhuschte ...
    Treudchen wagte sich vorwärts. Die Fülle des Lichts fiel auf ihre
angstbleichen schönen Züge. In Anmut hob sich lichterhellt die liebliche
Gestalt von dem dunkeln Vordergrund ab. Auf den Zehen schlich sie an die Tür
Piter's, die von innen durch einen Drücker, von aussen durch einen Schlüssel zu
öffnen war, einen Schlüssel, der leider nicht steckte ...
    Tiefseufzend öffnete sie das Corridorfenster, lehnte sich auch da weit
hinaus und räusperte laut, um hörbar zu werden. Dann rief sie wieder:
    Herr Kattendyk!
    Für Lucinden war dieser Beweis der Liebe Treudchen's ein Genuss. Noch viel
länger hätte sie jetzt lauschen mögen. Sie hatte die Absicht, nach einer Weile
hervorzuspringen und sie zu küssen. Sie war in Treudchen verliebt; diese -
kritisirte sie doch nicht! Und Treudchen's Lebenslage glich der ihrer eigenen
ersten Jugend ...
    Nun aber wollte sie ernstlich Lärm machen, um Pitern zu wecken.
    Eben kehrte Treudchen zum Schlüsselloch zurück und wisperte die
ängstlichsten und dringendsten Rufe ... Da tönte vorn in den Delring'schen
Zimmern eine Klingel; sie wurde zwar nur einmal, aber laut schallend angezogen.
    Wie der Blitz schoss Treudchen an Lucinden vorüber und verschwand mit einer
Schnelligkeit, die es unbegreiflich machte, wie sie zu gleicher Zeit noch die
Tür ihres Zimmers anziehen konnte. Ehe Lucinde sich über die Störung hatte
orientiren können, war sie im Dunkeln; auch das Licht Treudchen's war vom Zuge
ausgegangen.
    Lucinde wäre gern in diesem Dunkel geblieben ... mit sich allein ... mit dem
Chaos in ihrer Brust ...
    Der Befehl der Commerzienrätin war jedoch zu entschieden ... Sie öffnete
und wollte stark an Piter's Tür pochen, hinter der der Lichtschimmer immer
matter und matter zu werden anfing. Das offene Fenster störte sie. Sie war in
blossem Halse und hocherglüht ...
    Eben, wie sie das Fenster schloss, hörte sie von unten her das leise Betreten
der Corridortreppe ...
    Da sie nichts zu fürchten hatte, drückte sie Treudchen's Tür ganz zu und
wollte sich ans Werk machen, in allem Ernst zu entdecken, ob der »junge Herr«
anwesend war oder nicht.
    Da sprach von der untern Treppe eine männliche Stimme herauf:
    Fräulein, was haben Sie denn nur für ein Interesse, der Gesellschaft den
Abend zu verderben?
    Es war die Stimme des Oberprocurators ...
    Lucinde wandte sich, tieferbebend ...
    Nück stieg eine Stufe höher ...
    Ihr Herr Schwager verschläft den Abend, der sein eigenes Werk ist! hauchte
sie und suchte nach Unbefangenheit. Sie hoffte, Nück würde gehen.
    Nück stieg aber höher und sprach:
    So wird er, wie hier auf Erden jedes grosse Genie, auf seinen Nachruhm
angewiesen sein!
    Wir erleben aber von ihm die heftigsten Vorwürfe, fuhr Lucinde sich
ermutigend fort ... Es benahm ihr den Atem dies Näherkommen des gefürchteten
Mannes ... Auch hat mich Frau Commerzienrätin beauftragt, ihn auf alle Fälle zu
rufen! setzte sie tonlos hinzu ...
    Wenn er nun aber hier nebenan gefesselt sitzt bei dem kleinen Mädchen,
dessen Schutzengel Sie geworden sind?
    Nück stand mit diesen schmeichlerisch betonten Worten oben und vertrat
Lucindens in dieser lichtellen Einsamkeit vollends blendender Erscheinung den
Weg, als sie kraftlos wieder bei Piter anklopfen wollte ...
    Bitte! Bitte! sagte er sicher und ruhig. Wirklich! Lassen Sie doch den
Burschen träumen! Beschämungen sind zuweilen eine gute Cur und ohne ihn geht
alles noch einmal so gut. Er würde das Leben der heiligen Hildegard viel besser
gewusst haben, als die kleine überspannte Frau ... nicht wahr?
    Lucinde war wie gefangen durch die immer entschiedenere Annäherung. Sie
wusste schon nicht, wie sie entkommen sollte ...
    Sie fliehen vor mir! rief er ihr nach, als sie ihm mit rauschendem Kleide
vorüberhuschte, und suchte sogar ihre Hand zu haschen ...
    Selbst eine Rose, wie Sie, muss duldsam sein für jeden Wurm, der aus ihrer
Blüte Duft saugen will! sprach er mit einem funkelnden Blicke ...
    Ja! sagte Lucinde mit gepresster Stimme und vor Angst scherzend und auf seine
graue, unfestliche Kleidung deutend, ein Wurm sind Sie! Ein rechter Actenwurm!
    Mädchen! rief Nück wie im plötzlichen Sichselbstvergessen, dann aber sich
mässigend ... Er war wie um zehn Jahre jünger geworden durch dies tête-à-tête.
Seine dunkelbraunen Augen leuchteten. Am Geländer der Treppe musste er sich
halten, um sein aufgeregtes Zittern zu verbergen ...
    Das wusst' ich doch, sagte er und vertrat ihr wieder den Weg, dass Sie das
nicht sind, was Sie bisher geschienen ...
    Ha! wallte Lucinde auf und stand wie fragend nach der Bedeutung dieses
Wortes. Allmählich gewöhnte sie sich an das gehörte Wort und gedachte ihrer
äussern Erscheinung, die wohl Nück gemeint haben konnte und die heute eine
festliche war ... Ja sie erglühte, da sie ihren Schatten sah und die Locken, die
in ihrem Nacken wogten ...
    Erfuhren Sie das - von -? sagte sie bei alledem mit erwachendem Mute und
deutete abbrechend auf die Strasse hinüber ...
    Von wem? fragte Nück, staunend und unschuldig wie ein Kind.
    Seine Augen schossen zwar einen durchbohrenden Pfeil auf die Fragerin, die
ihrerseits im Ton angedeutet hatte, was sie über die Frau vermutete, bei der
sie hatte Chocolade trinken sollen; doch lag zugleich etwas um Vergebung
Bittendes in seinem Tone. Endlich, wie ein Jüngling, der zum ersten mal von
Liebe spricht, sagte er leise und zitternd:
    Lucinde! Ich bete Sie ja an!
    Lucinde sah einen Mann vor sich, der aller Welt ein Riese an Willenskraft
und Macht erschien. Ihr gegenüber schien er ein Kind, die Demut selbst zu sein
...
    Lucinde lachte laut auf mit jenem hellen Lachen, das ihr niemals schön
gestanden ... Seit Monaten hatte sie nur in Treudchen's Gegenwart und für sich
allein so lachen können ...
    Befehlen Sie über mich! Strafen Sie mich! Gebieten Sie mir etwas! Ja, ich
bin Ihnen Genugtuung schuldig für mein gewagtes Wort! sagte Nück und bot der
ihn Verhöhnenden die Hand ...
    Lucinde hatte fast das Bedürfnis, ihr spottendes Lachen wieder gut zu
machen. Fast scherzend und schon wie um ihn festzuhalten sagte sie, sich rasch
auf die von Veilchen Igelsheimer erhaltene Mahnung besinnend und ihren Vorteil
nutzend, vielleicht Klingsohr irgendwie für immer aus ihrer Lebensbahn zu
schaffen:
    Ganz recht, Herr Oberprocurator! Sie können mir einen Gefallen tun! ... Sie
kennen den Mönch - Sebastus?
    Ihren ehemaligen Verlobten, Doctor Klingsohr ...
    Lucinde hatte diese Wendung nicht erwartet. Sie brach erblassend ab und
wollte gehen ... Es war ihr Fluch, dass ihr überall die gespenstische
Vergangenheit entgegentreten musste ...
    Nück vertrat ihr aber den Weg, streckte die Arme aus und hauchte leise, wie
zerflossen von Inbrunst und Leidenschaft:
    Mädchen! Was fliehst du! Ich kenne ja dein ganzes Leben!
    Lucinde blickte ihn finster und von der Seite an, indem sie die Tür zu
Treudchen's Zimmer fest in der Hand hielt ... Sie bot ein Bild des Schreckens,
der Entrüstung und - jener Schönheit, die dem Charakter eigen ist ...
    Rolle deine gewitternden Augen nicht! Lache nicht über mich - mich, den
Narren im grauen Haar -! Pater Sebastus ... Ja, ganz recht! Dem geht es
schlecht! ... Was wünschen Sie, Fräulein Schwarz, dass ich für ihn tue?
    So sprang er in einen ganz gewöhnlichen Ton der Artigkeit zurück, hielt
diesen Ton aber nicht fest, sondern rief sogleich hinterher:
    Angebetete!
    Lucinde hatte sich in ihre Lage gefunden und fing an sich zu beherrschen.
    Warten Sie nur, sagte sie, nun weiss ich etwas, was eine Dame, die
fortwährend über Hitze klagt, endlich einmal abkühlen wird! ...
    Sie sagte das so voll Übermut, dass Nück neue Hoffnung schöpfte. Mit
elegischem Blick hauchte er:
    O, das war grausam!
    Sein Blick dabei gen Himmel wollte ein ganzes verfehltes Leben malen ...
    Lucinden graute vor diesem Blick ... Es war gar kein menschlicher ...
    Was kann ich für den Mönch tun? fragte Nück sich sammelnd ...
    Kann man ihm nicht die Freiheit geben?
    Die Rückkehr in sein Kloster?
    Lucinde stockte ...
    Sie wollte sagen: Gerade das am wenigsten!
    Sie sind an ewige Gelübde nicht gewöhnt! sprach er. Es wird ihm besser sein
bei Pater Ivo und Bruder Hubertus ... Oder ... Ja! Ganz recht, Sie wollen ihn
nicht gern in der Gegend von Witoborn. Nicht bei Schloss Westerhof, wohin Sie
Ihre ganze Sehnsucht zieht! ... Wallen Sie doch nicht auf, Fräulein ... Gut!
Erst erfahren wir, ob er entfliehen will? Will er wieder Protestant werden?
Nein? Oder was? Weltpriester? Er hat die Weihen nicht! Halt! Das ginge! Das
würde ihn aus Ihren Bahnen schaffen! ... Ha! Bljetzt es schon wieder? Wie schön
steht Ihnen dieser Zorn! ... Mädchen - Gut, nach Belgien schicken wir ihn, wie
ich manchen dahin schicke, Alte und Junge! Sie verstehen? Er darf sein
Ordenskleid wechseln, falls er - Jesuit werden will! Lassen Sie ihn nach Lüttich
gehen! Dann sind Sie ihn los ... Aber so bleiben Sie doch! Warum zürnen Sie
denn? ... Hm! Ich besorge alles! Empfehlungen, Wagen, Pferde ... Nach Lüttich!
Nicht wahr? Nicht nach dem Düsternbrook, wo Sie ihn zum ersten mal sahen? ... O,
o! ... So bleiben Sie doch!
    Lucinde folgte allen diesen Reden in der höchsten Aufregung. Bald stand sie
auf der Flucht, bald wieder wie gebannt von dem dämonischen Manne, der ihr
ganzes Leben kannte und so tief in ihrer Seele las ...
    Nück fuhr fort:
    Allerdings! Dieser Mann könnte sich grösser bewähren, als durch Betteln! Soll
ich ihn nach Rom schicken? Es gibt auch da eiserne Gitter - denn das muss er!
Büssen muss er bitter für eine solche Flucht! Das ist die Stufenfolge - auf seinem
Kalvarienberge des Lebens! Ein lebhafter Briefwechsel hin und her, lange
Läuterung, lange Prüfung; aber besser, er setzt sich die viereckte Mütze auf und
predigt; besser, als bei den Barfüssern zu verkümmern ... Fragen Sie ihn, ob er
zu den Jesuiten will? Ich besorge alles ...
    Lucinde sprach sinnend und des Mannes staunend:
    Ich werde - Ihnen schreiben -
    Schreiben! In Zeiten, wie die jetzige, schreibt man nicht.
    So schick' ich - zu Ihnen ...
    Schicken! In Zeiten, wie die jetzige, kommt man selbst ...
    Lucinde fuhr zurück; denn Nück trat mit einer Keckheit auf sie zu, dass sie
jetzt fast alles hätte abbrechen müssen ...
    Darum beherrschte er sich und flüsterte:
    Mädchen! Mädchen, höre mich jetzt! Du hast in der Welt nichts unversucht
lassen wollen! Versuche noch eines! Die Liebe solcher Männer, zu denen ich
gehöre! Wir zählen einundfünfzig Jahre, aber unsere Leidenschaft zählt neunzehn!
Wir geben nur, wir opfern nur; wir markten nicht mehr, wir lieben nicht mehr um
unserer Eitelkeit willen, wie Oskar Binder liebte! Ha! Sei doch klug, Mädchen,
und erschrick nicht ewig - vor dir selbst! Sei, was du bist! Das Bedürfnis der
Hingebung ist am Manne nie reiner, nie aufrichtiger, nie selbstloser, als wenn
schon alle Hoffnungen und Illusionen hinter ihm liegen! Lucinde! Ich baue dem
Glück, das Sie mir gewähren, ein goldenes Haus! Niemand soll es sehen ... in
Lüften soll es schweben, wie die Hütte von Loretto! Wollen Sie anderes? Befehlen
Sie! Ich breche mit allem, was Sie stört, tue alles, was Sie bedingen! Reisen
wir? Nach Paris? Nach Rom? Nach Mekka! Ich bete Sonne und Mond an, wenn du es
verlangst, Mädchen!
    Lucinde hatte die Tür in der Hand, die sie öffnete und wollte entfliehen
...
    Bleibe! rief Nück ausser sich ...
    Sie wandte sich ... Da fuhr sie entsetzt zurück ... Wie sie in des wilden
Mannes Augen sah, waren diese ohne Stern. Ein einziger weisser Glanz ...
    Nück, den unheimlichen Eindruck, den er machte, ahnend, bestätigte ihn fast,
indem er tonlos sprach:
    Ich bin unglücklich!
    Wieder hatte in dem untern Stockwerk Musik begonnen. Man sah, dass eben in
dem Zimmer Piter's das Licht ganz erloschen war ... Die unten geführten
Gespräche hörten auf ...
    Lucinde sprach zitternd und wegen der Stille kaum hörbar:
    Ich muss zur Gesellschaft!
    Nück gab sie nicht frei ... Ebenso leise flüsterte er:
    Sie lieben, Lucinde, ich weiss es ...
    Die Musik kam vom Spiel auf dem Flügel ... Lucinde dachte, sie müsse
vergehen ... den Schlag ihres Herzens hätte man hören können ...
    Sie lieben einen Menschen, der ein Gott ist! fuhr Nück flüsternd fort. Das
wird Sie nicht glücklich machen!
    Lucinde hielt sich, um nicht zusammenzubrechen ...
    Warum verschwenden Sie Ihre Kraft, Ihre Jugend, Ihren Geist an diese
Schwärmerei? Sie lieben ein Phantom, Sie lieben Serlo's Geist - zucken Sie doch
nicht ewig vor meiner Kenntnis Ihres Lebens, die ich mir aus rasender
Leidenschaft verschafte. Es sind ja keine Dolchstiche, die ich gegen Sie führe
- Serlo's Geist, der in einem neuen Körper wohnt? Hat dieser Priester etwas von
Serlo? Ich wünschte, Serlo's Geist spräche Ihnen aus dem meinigen oder hab' ich
nichts mit ihm gemein? ... Sie schütteln Ihr schönes Haupt! ... Diese schönen
Locken! ... Lucinde! Was wollen Sie in diesen Verhältnissen? Schwingen Sie sich
auf! Wissen Sie, dass - Sie eine grosse Rolle spielen könnten? Dass die Väter der
Gesellschaft Jesu tatkräftige Freundinnen brauchen? Wollten Sie denn nicht an
unserm Kreuzzuge teilnehmen, wie mir Beda Hunnius geschrieben? Hassen Sie nicht
auch diese numerirten Knöpfe und bunten Achselklappen? Diese kluge,
durchsichtige, polizeiliche Welt? Ein Sturm wird über die Erde kommen und sie in
ihren Grundvesten erschüttern! Verbünden Sie sich uns! Wenn nicht in der Liebe,
im Hasse! Ha! Du kannst hassen, Mädchen! Mehr als lieben! ... Siehst du, wie
dich das traf! Lachen musst du jetzt? ... Hör' es, hör' es! Ich habe immer eine
Fackel in der Hand, noch einmal die Welt in Brand zu stecken. Kannst du Gift
mischen, Mädchen?
    Für Fliegen!
    Kannst du stehlen?
    Kirschen!
    Falsch schwören?
    Lernt sich von Euch!
    Falsche Handschriften machen?
    Lucinde verstand kaum noch sein immer gedämpfteres Flüstern ...
    Wenn ich nun Paula zwänge den Grafen Hugo zu heiraten und dein Gott nicht
mehr mit ihr straucheln könnte?
    Das verstand Lucinde und blieb starr ...
    Wenn sich nun die Urkunde fände, die die Erbberechtigung des Grafen Hugo
ausschliesst! Wenn adelige Conduite mit sich brächte, dass Paula dem Getäuschten
in Wien dafür ihre Hand gibt, wodurch sogar eine Conversion zu hoffen ist - der
Mann folgt dem Weibe -! Und wenn dann Paula nicht in ein Kloster ginge, nicht
mit Herrn von Asselyn die mystischen Nächte seraphischer Liebe feierte, wie die
Heilige von vorhin mit dem Benedictiner Gottfried? Ja, wenn vielleicht deine
eigene Hand, Mädchen, im Westerhofer Archiv -
    Bei diesen von Lucinden deutlich verstandenen, gierig aufgesogenen, sie mit
halber Besinnungslosigkeit erfüllenden Worten trafen plötzlich zwei Tatsachen
zusammen, die sie bestimmten, einen Schreckensschrei auszustossen ...
    In seiner Sinnenglut hatte sich Nück Lucinden so genähert, dass nicht nur
wieder seine Augen völlig weiss und ohne Stern erschienen, sondern auch unter dem
weiten weissen Tuche, das seinen Hals bedeckte, ein anderer Anblick sie
erschaudern liess. Rings unter der Binde ging ein blutigroter Streifen hin, der
sie sofort an Hammaker's Tat erinnerte ...
    Und in demselben entsetzlichen Augenblick, in der offenbaren Aufforderung zu
einem Verbrechen, gab es plötzlich unten eine lärmende Unterbrechung des
Klavierspiels ...
    Was ist? hörte man wie aus einem Munde rufen. Dann folgte ein lärmendes
Durcheinanderlaufen, ein Klingeln, ein Schreien im Hofe und zugleich von der
Strasse her ein Dahersprengen von Cavalerie ...
    Nück horchte auf und ordnete rasch die Binde an seinem Halse ...
    Ein Alarm! wandte er sich. Da der Lärm zunahm, bedeutete er Lucinden ruhig
zu sein und beugte sich horchend über die Lehne der Treppe ...
    Das Dahinsprengen der Cavalerie wurde lebhafter ...
    Lucinde stand kraftlos ...
    Ohne ein anderes Wort zu sprechen, als: Also morgen, Freundin! Klingsohr
geht nach Belgien! Morgen! Schicken Sie! Schreiben Sie! Tun Sie - tun Sie, was
Sie wollen und was Sie wünschen! Ich unterziehe mich allem, aber Vergebung,
Vergebung - Freundin! Und - Wiedersehen! ... entfernte sich Nück über die Stiege
und ging schneller nach unten zurück, als er gekommen.
    So plötzlich ward ihm seine Selbstbeherrschung, dass Lucinde starrte, ihn so
verschwinden zu sehen als wäre hier oben nicht das Mindeste vorgefallen.
    Sie schwankte in Treudchen's Kammer zurück ...
    Diese war ohne Licht ... Halb ohnmächtig sank sie auf Treudchen's Bett ...
    Wol eine halbe Stunde mochte sie so gelegen haben, besinnungslos, allem
Erlebten nachdenkend, unbekümmert um den Lärm um sich her, auch um den auf der
Strasse, der sich seit dem November so oft wiederholte, als endlich Treudchen
erschien, mit einem Licht in der Hand ...
    Jetzt erst entdeckte sie Lucinden und war nicht wenig erschrocken sie hier
und wie krank zu finden ...
    Wissen Sie denn nicht? fragte sie erregt ...
    Lucinde antwortete nichts ...
    Treudchen erzählte, dass die ganze Gesellschaft auseinander wäre ... Schon
wäre am Marstor geschossen worden ... Die beiden Handwerkervereine lägen in
blutigem Streit ... Das ganze Militär schon stünde unter Waffen ... Jetzt wäre
es ruhiger, wenigstens könnten die Wagen wieder durch und holten die
geängstigten Herrschaften ab ... Die Meisten hätten sich zu Fuss geflüchtet ...
Unten wäre niemand mehr ...
    In der Tat war auf der Strasse und unten alles ruhiger ...
    Lucinde erhob sich und sagte:
    Ich wollte den jungen Herrn abrufen! Seinen ganzen Abend scheint er
verschlafen zu haben! Da kommt der Joseph! Weckt ihn jetzt! Er schläft gewiss!
Gute Nacht, Treudchen!
    Sie entfernte sich und schwankte dahin wie ein verstörter Geist ... Joseph
hatte ihr ein Licht gegeben. Sie ging, halb wie Psyche mit der Lampe vom
schlummernden Amor, halb - wie Lady Macbet vom ermordeten Duncan.
    Mit dem Joseph kam dann auch noch der Hausknecht ... Unten gingen die
Klingeln der Commerzienrätin und Johannens ... Man klopfte an Piter's Tür.
Jetzt erfolgte Antwort. Er erschien. Piter hatte geschlafen. Er orientirte sich,
brach in Staunen, in Zweifel, noch einmal in Zweifel, dann in Verwünschungen
aus, Schwüre um Rache am ganzen Menschengeschlecht und zunächst an seiner
Familie. An die Möglichkeit dessen, was »ihm passirt war«, vermochte er nicht zu
glauben ...
    Treudchen behielt den meisten Mut und die meiste Fassung. Sie ging Pitern
leuchtend voraus, half bei der Zurückstellung der Speisen, bei dem Löschen der
Beleuchtung. Da die Commerzienrätin von einem Fieberanfall gesprochen,
unterstützte sie die Bedienung derselben in ihrem Schlafgemach. Ueber Pitern
konnte sie der Mutter Beruhigung geben. Zu den »etwa Erschossenen« gehörte er
nicht ... Er hatte nur »seinen eigenen Abend« verschlafen ...
    Halbtodt war Piter darum doch und um ihn her sah es aus wie auf einem
Leichenfelde ...
    Der Ueberblick unserer aus festlichem Schmuck zur Alltäglichkeit
zurückkehrenden Wohnräume hat schon an sich etwas Gespenstisches ...
    Piter aber glich einem marodirenden Adler auf einem Schlachtfelde ... Alles
war vor dem ersten Ausbruch seiner Wut geflohen ... Es konnte nicht zweifelhaft
sein, dass er seine Eröffnung der Wintersaison, die Honneurs, den Empfang der
Frau von Hülleshoven zum Gelächter der ganzen Stadt verschlafen hatte. Da lagen
die Noten, da stand der Kasten mit der Bassposaune, da waren Lichter
niedergebrannt, da gab es die vorausgesehenen Oelflecken, silberbeschlagene
Korke lagen auf den Tischen, die Stühle waren in Unordnung, der gebohnte
Fussboden mit Staub bedeckt und ohne Glanz, die Oefen erkaltet - die Früchte
seiner Saat hatte man ohne ihn geerntet.
    Er raste und suchte ein Opfer. Messer sah er liegen und ergriff eines ...
dann schleuderte er's fort; er nahm's wieder, denn eine Stimme hinter ihm her
sprach von einem Aufruhr. Ha! ... der Sprechende rannte von dannen ... Der
Hausknecht war es ... er hatte den Schmerz des Kutschers anbringen wollen, der
als Garderobier in dem lärmenden Aufbruch ohne Trinkgelder geblieben war.
    Endlich aber kam eine tiefe Beschämung, ja sogar eine Wehmut über Pitern.
Ach, er sah aufgedeckt die grosse Verschwörung der Menschen gegen seinen
Verstand, sein Herz, seinen Fleiss, seine Tätigkeit, seine Autorität, seine
blosse Existenz als Mensch! Er ergriff einen der Klingelzüge, um zu läuten, als
sollten die Todten zum Jüngsten Gericht auferstehen ... Dann aber besann er sich
und es fing ihn an leiser und leiser zu frösteln ... In den Spiegeln sah er ein
kreideweisses Antlitz, eine weisse Halsbinde, eine weisse Weste, einen neuen Frack
und das war Er. Diese Gewissheit erfüllte ihn mit einem Gefühle, als sprächen
tausend Stimmen: Schon manchen Jammer nach einem Trinkgelag hast du erlebt, aber
noch nie einen solchen, wie heute, nach so wenigen Gläsern Cognak, die so
verderblich nur wirken konnten, weil ihnen grosse geistige und physische
Anstrengungen vorangegangen! ... Wo waren seine Anekdoten, die er aus dem
»Demokritos« auswendig gelernt! Wo seine witzigen Antworten, zu denen er die
Fragen zu provociren soviel Schlauheit anwenden wollte! ... Zuletzt überkam ihn
selbst ein Lächeln ... Es war dies jenes Lächeln, wo der Mensch bei aller
Eitelkeit doch nicht umhin kann, sich zuweilen komisch vorzukommen. Wir
verraten dies Lächeln nicht oft. Aber es kommt zuweilen. Dies Lächeln ist die
Folge der Erkenntnis, dass andere Menschen manchmal nicht Unrecht haben, wenn sie
unsere Handlungen einer uns plötzlich selbst keinesweges mehr bestochen
vorkommenden Kritik unterwerfen ... In diesem Lächeln liess Piter den Klingelzug
fahren und versparte sich das Jüngste Gericht bis auf den folgenden Morgen ...
Er hoffte auf den ermutigenden Eindruck, den ihm die Helle des Tages machen
würde.
    Nun hätte er viel darum gegeben, wenn er jetzt noch das einzige Wesen, das
ihm nicht widersprach und dem Er nicht widersprach, bei sich gehabt hätte ... Er
schlich sich still in die hintern Zimmer zurück, ahnte das morgen ihn
überschüttende Gelächter seiner Freunde, die ihn so ignoriren konnten, ja er
sagte sich: De Jonge - der, der wäre der einzige honnete Mensch gewesen, der
mich vermisst hätte! Musste auch gerade de Jonge fehlen! ... Nun ging er über die
knarrende Stiege mit den Empfindungen, die jener Held hatte, der gesprochen:
»Was sind Pläne, was sind Entwürfe!«
    Und auch ihm wurde es wie Melodram, als er seufzend sich unter seine Decke
streckte:
    »Süsser Schlaf! Du lösest die Knoten der strengen Gedanken. Eingehüllt in
gefälligen Wahnsinn versinken wir - und - hören - auf - zu - sein!«
    Ringsum alles still. Auch im Hofe. Die Lichter erloschen ...
    Am spätesten erlosch das Licht an den Fenstern, wo Lucinde wohnte.
 
                                       9.
»Nein, es ist ein S - köndöl! Nicht möl eine Löterne ist eingeschlögen!«
    Diese am folgenden Morgen von Herrn Jean Baptist Maria Schnuphase in der
Nück'schen »Schreibstube« gesprochenen Worte liessen eine zwiefache Deutung zu -
je nachdem ...
    Entweder konnten sie sagen: Alle Truppen waren auf den Beinen, um eine
einfache harmlose Schlägerei zwischen dem katolischen und evangelischen
Handwerkerverein zu verhindern! Oder: Man hat auf einige, die nicht weichen
wollten, doch nur blind gefeuert und keiner wagte auch nur den geringsten
Widerstand!
    Wie sehr aber statt des ungleichen Kampfes der Faust der Geist des
»Treppenwitzes« im Vorteil war, ersah Schnuphase aus den wenigen Worten, die
Nück nur mit ihm wechseln konnte. Nück ersuchte ihn, heute und morgen zu jeder
Stunde einen Wagen und zwei tüchtige Pferde, die etwas aushalten konnten, in
Bereitschaft zu halten, um eine noch nicht näher bezeichnete Person, am Tage
oder bei Nacht und Nebel, aufzunehmen und sie an einen gleichfalls erst näher zu
bestimmenden Ort zu überführen ... Diese bedeutungsvollen, Herrn Jean Maria in
»Extöse« versetzenden Worte - er frühstückte bei solcher Stimmung schon um zehn
Uhr auf dem »Höhnenkömp« - waren heute das ganze Zwiegespräch zwischen den
Gesinnungsgenossen. Selbst den leisen Einwand, den Herr Maria machte, morgen
Abend reise Domherr von Asselyn nach Witoborn und es zieme sich eine
»Demönströtion«, bei der er nicht fehlen dürfte - schnitt Nück ab. Denn schon
ging und kam es wieder um ihn her und rauschte und flüsterte und lachte und
seufzte ... Wieder waren römische Breven angekommen, die den Verwesern des
Kirchenstuhls sagten: Wir haben euch zwar gestattet, die heiligen Handlungen zu
vollziehen, haben aber auch gehört, dass ihr eure Administration in einer Weise
führt, die für euern ruhmwürdigen gefangenen Oberhirten im höchsten Grade
beleidigend ist! Schon waren die Cabinete der Fürsten gespalten. Eine geheime
Deputation der Fanatischen wurde vorbereitet an den damaligen Lenker der
europäischen Geschicke an der Donau. Ein geheimer Congress hatte auf dem Stift
Neuburg bei Heidelberg die Abgeordneten aller Kirchenhäupter des vaterländischen
Südens zu gemeinschaftlicher Beratung vereinigt. Der Norden bereitete sich zu
einer Versammlung in der Nähe Witoborns vor. Die Väter der Gesellschaft Jesu
kamen näher und näher, in mancherlei Trachten und Gestalten. Andere wieder
begaben sich von hier zu ihnen, Kinder sogar, junge Leute, die Michahelles hatte
erziehen lassen für die Weiterbildung in Lüttich ... So war auch Tönneschen
Hilgers neulich, der Schifferknabe von der Insel Lindenwert, zu den Jesuiten
expedirt worden ... Nück hatte so viel zu tun, dass er nur in dringenden
Geschäften zu sprechen war, eine Dame, wie er sagen liess, ausgenommen, die
Gesellschafterin seiner Schwiegermutter, Fräulein Lucinde.
    Eine hohe weibliche Gestalt sah man dann in den ersten Frühstunden in die
Rumpelgasse eintreten. Sie war blau verschleiert, in einem schottisch carrirten
Mantel; ein Pelzmuff bedeckte die Hände ... Gegen Morgen hatte das Wetter
plötzlich umgeschlagen und war kalt geworden. Einer der kleinen Kanäle der Stadt
war sogar mit einer dünnen Eisdecke überzogen. Eine dichte Menschenmenge stand,
um ein Wunder zu sehen. Auf dieser Eisdecke hatte sich eine Figur gebildet, die
man allenfalls - für ein Kreuz nehmen konnte. Durch diesen Anlass zu neuer
Aufregung hindurch, betrat Lucinde das enge Stadtviertel, wo der Frost unter den
Tritten der Fussgänger schon wieder aufgeweicht war und es wie immer werkeltägig
aussah, obgleich die Juden Sabbat hielten ...
    Lucinde kannte durch Treudchen alles, was Löb Seligmann über Veilchen
Igelsheimer erzählt hatte ...
    Freilich die Bildungsquelle, die ihr bei diesem Mädchen nach des entzückten
Löb Versicherung hätte fliessen dürfen, hatte Treudchen nicht benutzt; sie hatte
eine hochgebildete Freundin näher, vorzugsweise aber auch Nonnen und einen
Geistlichen, die sich mit Vorliebe und langsamer Schulung ihrer Seele annahmen
...
    Aber Lucinde hatte darum doch alles erfahren, was Veilchen betraf. Sie wusste
die Liebe derselben zu jenem Leo Perl, der Lucinden selbst von der Hasen-Jette
als ein weiland Michel Angelo'scher Moses dargestellt worden war; sie kannte den
Anteil, den an dem Uebertritt desselben der Dechant und, wie sie aus den
gegebenen Andeutungen nicht bezweifeln konnte, sogar der Kronsyndikus hatte; sie
kannte ihre jetzige Tätigkeit in dem antiquarischen und carnevalistischen
Geschäft ihres Verwandten, eines zweiten Bruders der Hasen-Jette, ihre Kenntnis
von alten Münzen; sie wusste, dass sie es war, die jene Ahasverusscherze trieb mit
römischen Kaisernasen, die in Gänsemägen den Rost der Jahrhunderte ansetzten.
Endlich wusste sie, dass Klingsohr durch die Zutraulichkeit Veilchen's gewagt
hatte, hier sein Ordenskleid abzulegen ... Der Verräter des Mönchs war der von
Angst und dem künstlichen Schein der Unbefangenheit nächtlich umgetriebene
Jodocus Hammaker gewesen. Von Serlo's Kindern und ihrer Mutter hatte sie nur
einmal einen Brief, die Bitte um Geld erhalten, dann nichts wieder von ihnen
vernommen, weder Empfangsanzeige, noch, »wie sich von selbst verstand«, Dank ...
    Alle diese Eindrücke sammelnd und in sich zurecht legend, von der Erinnerung
an den gestrigen Abend umschlungen wie mit glühend ehernen Armen, aufatmend
nach Hülfe über die schon im Dom bei der Messe vernommene Kunde, dass Bonaventura
morgen Abend reise, nach Witoborn reise, wohin die mögliche Rückkehr auch
Klingsohr's ihre Pein vermehrte, voll Entschlossenheit, bis zum morgenden Tag es
über ihr ganzes Leben zu einer letzten Entscheidung kommen zu lassen, bestieg
sie einige Stufen, die in eine dunkle Hausflur führten, in welcher zur linken
der Eingang in das heute feiernde Geschäft »Natan Seligmann« lag.
    Trotz des Sabbats waren die Vorläden dreier Fenster, die in die dunkle Gasse
führten, doch halb und halb geöffnet geblieben. An einigen alten Basen und
Majolikaschüsseln, an einigen alten Kupferstichen, einigen Dominos und Masken
sah man, dass sich hier das Geschäft Natan Seligmann's befand, der sich auch
anderweit als kein zu strenger Rigorist in der Feier des Sabbats zeigte; denn
die Tür ging mit lautem Klingeln auf und am Spalt eines der angelehnten
Fensterflügel stand ein der Hasen-Jette ziemlich ähnlich gebauter, starker und
kräftiger Mann und putzte an einer Blechhaube die Rostflecken ab. Ringsumher
lagen die Embleme eines vollständigen Ritters ...
    So dunkel es war, fand sich die entschlossen Eintretende bald in dem grossen
Zimmer, an das sich weitere mit Gegenständen aller Art überhäufte Alkoven und
Gänge und Mauerschränke anschlossen, zurecht. Die ganze Herrlichkeit der mit
ihrem Carneval gleich hinter Rom und Venedig kommenden Stadt war hier beisammen,
soweit die Minderbegüterten sich erst leihweise das entnahmen, was die der
Sphäre Moppes, Maus, de Jonge angehörenden Matadore sich selbst anfertigen
liessen. Den Helm, den Natan Seligmann eben putzte, hatte Weigenand Maus im
letzten Carneval getragen; der Geschäftsgang brachte es mit sich, dass das einmal
Gebrauchte um ein Billiges an die Juden ging.
    Natan Seligmann schien tief in Gedanken verloren und die Zeit selbst zum
Gegenstande seiner Betrachtungen gemacht zu haben, denn ein Carneval fand in
diesem Jahre nicht statt. Traurig hingen um ihn her die Hanswürste, die
Schellenkappen schienen seiner verdriesslichen Miene zu klingeln wie
Sterbeglöcklein, das Lachen der Masken war so todt wie nach Klingsohr das stehen
gebliebene Lachen in den Gesichtszügen der alten Voltairianer im Kapitel. Viel
unfreundlicher und unwirscher war die Art des in einen des Sabbats wegen feinen
blauen Oberrock gekleideten Mannes mit darübergezogenen grauen Schmutzärmeln,
als die seines coulanten, weltkundigen und musikliebenden Bruders Löb, der sich
zu seiner schon von Geburt weichen Seele eine so ästetische und feinfühlende
Bildung erworben hatte.
    Der Sabbatbrecher blickte auf Lucinden, indem er ein klein wenig in seiner
Arbeit innehielt. Das eine Auge schloss er blinzelnd, eine Geberde, die er an
Geschäftstagen noch vervollständigte bis zu einem gänzlichen Bedecken seiner
beiden Augen mit der Hand, um drüber wegfahrend durch eine offen gelassene
Spalte zwischen den Fingern hindurch gleich sich zu orientiren, wess Geistes Kind
ihn besuche, ob er viel oder wenig fordern, Echtes oder Unechtes vorlegen durfte
...
    Die Hoffnung, Lucinde würde auf Veilchen's Schreiben eingehen, hatte man wohl
schon aufgegeben. Doch war der Besuch eleganter Damen für Seligmann nichts
Neues. Nur mit Lässigkeit fragte er nach dem Begehren ...
    Lucinde verlangte Fräulein Veilchen zu sprechen und noch ehe sie geendet
hatte, wand sich im Hintergrunde eines dunkeln Ganges aus einem Gerüst von
Schweizer- und Tirolertrachten, tressengestickten roten Miedern und Hüten mit
Spielhahnfedern und Gemsbärten eine Person hervor, die sie an die alte
Gardérobière von damals erinnerte, als sie die drei ersten Acte der Jungfrau von
Orleans spielte und nach Serlo's Anweisung so sicher und fest die Worte glaubte
sprechen zu können: »Mein ist der Helm und mir gehört er zu!« Veilchen war nach
Löb's Erklärung schön am Geist. Der Geist musste allerdings ihren Körper
verklären und gab auch den blauen Augen etwas durchsichtig Glänzendes. Sonst war
die eine Schulter etwas höher als die andere und der Wuchs so zurückgeblieben,
dass Lucinde, hier von Teatererinnerungen angeregt, fast an die jetzige Baronin,
frühere Sängerin Henriette Montag in Kiel erinnert wurde.
    Ich wusste doch, dass Sie kommen würden! sprach die kleine Gestalt mit
weicher, klangvoller Stimme und verriet, dass sie sogleich Lucinden erkannt
hatte ...
    Natan orientirte sich jetzt ...
    Statt aber seine Höflichkeit nachzuholen, schloss er nun auch noch das andere
Auge. Durch eine ganz kleine Spalte blinzelte ein Strahl sehr gemachter
Freundlichkeit hindurch. »Die Kinder sind wie die Brüder der Mutter!« sagen die
Juden. David Lippschütz hatte nicht die freundliche Bonhommie seines Onkels Löb,
eher die Miene wie Onkel Natan. Seine Witze: »Ein Frédéric d'argent« und sein
kritisches: »Warum sitzt Moses?« waren mit demselben mürrischen und blinzelnden
Zusammendrücken der Augen gesprochen worden ...
    Um so freundlicher war das kleine Veilchen ...
    Als sie sich aus der Region der grünen Alpenwiesen und der Sennerhütten
herausgewunden hatte, deutete sie auf eine Tür, die Natan bereits nicht ohne
Beweise einer aus seiner prüfenden Miene sich entwickelnden ärgerlichen Stimmung
geöffnet hatte, und liess Lucinden näher treten ...
    Ein Gemach empfing sie, das ebenso ein Comptoir sein konnte, wie ein
Vorratsmagazin feinerer Verkaufsgegenstände und sogar ein Boudoir. Hell war es
nicht. Eine schwarze hohe Brandmauer stand nicht fünf Fuss weit von den beiden
Fenstern entfernt, die ohne Gardinen sein mussten, nur um etwas Licht
hereinzulassen. Und doch stand da ein Schreibbureau, worauf Handlungsbücher,
stand ein Tisch mit ausgebreiteten Kupferstichen und einer langen Verwickelung
von Spitzen, die nicht etwa zu Veilchen's Handarbeiten gehörte - Handarbeiten
existirten nicht für sie - sondern zu ihrer Kunst, Neues in Altes zu verwandeln.
In einer Tasse mit Kaffeesatz endete die lange Spitzenverwickelung. Eine andere
gebräunte Garnitur hing zum Trocknen an einem der beiden Fenster. Ja, auch die
Kupferstiche schienen durch Kaffee gezogen. Ein Bücherschrank war voll alter
Bücher ...
    Aber Sie sollten das Fräulein oben in unsere Stube führen! sagte Natan mit
erzwungener Artigkeit und dem Bewusstsein oben ersichtlichen sabbatlichen
Comforts ...
    Veilchen räumte schon einen Sessel ab und fiel ein:
    Hab' ich eben auch gedacht! Aber für Sie ist heute kein Sonntag! Wenn Sie es
nicht verschmähen -
    Lucinde sass nicht nur schon, sondern war auch schon in voller Erörterung der
Angelegenheit, die sie hergeführt hatte. Gemütliches Auszupfen einer neuen
Bekanntschaft fehlte ihr zu jeder Zeit und vollends in der Stimmung, in der sie
kam ... Bonaventura reiste - Nicht ein Schloss, die Welt in Brand zu stecken -
dazu hatte ihr Nück gestern den Mut gegeben ...
    Auf einen Wink Veilchen's entfernte sich Natan und legte die Tür an, ohne
sie ganz zu schliessen. Dieser Besuch war für ihn aufregend, für Veilchen schien
der Eindruck Lucindens erschreckend zu sein ...
    Inzwischen hatten sich Lucindens Augen an das Dämmerlicht gewöhnt. Sie
erkannte, dass die kleine Jüdin zwar regelmässige, fast plastische Gesichtsformen
hatte, doch schon über die Fünfzig zählen musste, so dunkel auch noch ihr Haar
glänzte, das nach Löb's Vergleiche der Seide glich. Die zwei langen Locken, die
ihr fast über die Augen weg herabhingen und die Nase in gewaltiger Schärfe
hervortreten liessen und ihr das Ansehen eines talmudischen Gelehrten, eines
Bocher, gaben, hatten eher etwas Starres, gerade so wie die Haare Lucindens in
ihrer ersten Jugend waren, als sie ihren schönsten Schmuck nur noch mit Wasser
aus den Bächen von Langen-Nauenheim pflegte ...
    Auch ein höchst anmutiges und fast mädchenhaftes Lächeln hatte Veilchen um
ihren schöngeformten Mund. Wohlwollend nickte sie zu allem, was Lucinde mit
Ernst und grosser Kälte sprach. dabei hielt sie ruhig die Hände in ihrem Schoose
und hatte eine Miene der Spannung und Angst, die schon verriet, dass sie von
Lucinden keinesweges Gütiges und Wohlwollendes für ihren alten Freund
voraussetzte. Darüber, dass der Mönch eine frühere Liebe der stolzen jungen Dame
gewesen, die da vor ihr sass, konnte bei ihr kein Zweifel sein. Bei der
Erörterung über das aus des Mönches Kutte gefallene alte gestickte Portefeuille
war die Ursache der Metamorphose, die er sich hatte zu Schulden kommen lassen,
nicht verschwiegen geblieben ...
    Mit der ihr eigenen kurzen und schneidenden Bestimmteit fragte Lucinde:
    Woher wissen Sie denn, dass ich eine Verpflichtung habe, für den Pater zu
sorgen?
    Zu sorgen, mein Fräulein? sagte Veilchen lächelnd und verbindlich. Hab' ich
geschrieben: zu sorgen? Ich habe gebeten um einen Beweis menschenfreundlicher
Gesinnung! Und die Frau vom vierten Stock im Goldenen Lamm hat mir's ja auch
gesagt, Sie könnten ein Engel sein!
    Nicht Lächeln weckte dies: »Könnten« in Lucindens Mienen, sondern düsterer
senkten sich ihre Augenbrauen und jede ihre Mienen verriet, dass diese
Erinnerung an ihr früheres Leben ihr peinlich war und das Geschäft, das sie
hierher geführt, rasch vorübergehen musste ...
    Hat der Pater mich selbst bezeichnet als die, die ihm helfen könnte? fragte
sie ...
    Dass Gott verhüte ...
    Ist seine Haft so streng?
    Ein Mensch kann die Luft entbehren, wie ich selbst sie entbehre! Wie Sie
mich da sehen, Fräulein, hab' ich seitdem, dass ich unsern neuen Tempel kennen
lernen wollte, nicht die Rumpelgasse verlassen. Aber der Pater liegt in Ketten
und Banden seines Geistes! Krank ist er am Körper wie an der Seele! Er muss zu
Menschen, die ihn lieben! Einer war anfangs hier, dem er gern geschrieben hätte,
ja erst sogar hätte beichten mögen; dann liess er es, weil er erfuhr -
    Veilchen stockte und blickte halb zur Seite, halb prüfte sie Lucinden, die
hocherrötend sie sehr wohl verstand ...
    Anfangs? zuckte es in ihr glücklich auf. Denn dass nur Bonaventura gemeint
war, sah sie an dem Blick der Jüdin. Also anfangs nur? grübelte sie. Keine
spätere Beziehung? Und erfuhr -? Was erfuhr? Dass ich Bonaventura liebe?
    Wer ist dieser Eine? fragte sie kurzweg ...
    Der neue Domherr von Asselyn! bestätigte die Jüdin ...
    Lucinde schwieg eine Weile hocherglüht ... Dann fuhr sie, wie bestätigend,
fort:
    Ich sah den Pater mit dem damaligen Pfarrer von St.-Wolfgang öfters zusammen
gehen ...
    Lucinde wollte mit diesen Worten sagen: Haben sie sich damals beide
verständigt, wie ein grausamer Zufall mich zwischen beide gestellt hat? Oder hat
man Klingsohrn von anderer Seite zugetragen, was auch schon Nück über mich
wusste? Sind die Umstände, die mit deiner schimpflichen Entfernung aus der
Dechanei zusammenhängen, schon hierher unter dies armselige Dach gedrungen und
von hier aus vielleicht auch Klingsohrn bekannt geworden?
    Die Jüdin vermied, das, wie sie wohl sah, ausserordentlich reizbare junge
Mädchen zu verletzen, zog sich klug in ihre Bescheidenheit zurück und sagte
ausweichend:
    Es gibt Menschen, die sich vermeiden, gerade deshalb, weil sie sich lieben!
    Wie? wallte es in Lucinden über dies dunkle Wort auf; weiss auch sie schon,
dass meine Liebe zu Bonaventura eine unglückliche ist?
    Sie sagte:
    Der Pater und der Domherr meinen Sie? ...
    Oder, fuhr scheinbar nichtachtend Veilchen fort, weil die Wahrheit, die
einzugestehen dem einen eine grosse Seligkeit wäre, dem andern Schmerzen bereiten
könnte ...
    Lucindens Auge leuchtete immer forschender auf ... In ihrem Blicke lag: Will
sie denn sagen, dass Klingsohr Bonaventura deshalb nicht sehen und durch
Mitteilungen kränken will, weil er glaubt, Bonaventura liebe mich? ...
    Die Jüdin fand sich in den Eindruck ihrer doppelsinnigen Reden und fuhr
fort:
    Es gibt doch Menschen, die täglich mit Wärme von der Liebe sprechen können,
und sie selbst sind kalt -?
    Lucinde horchte ungewiss ...
    Sie fühlen wohl die Liebe - denn die Liebe ist unabweisbar - aber sie haben
nicht den Mut, sie - sie zu geniessen -
    Zu bekennen! verbesserte Lucinde und suchte endlich aus diesen Andeutungen
Klarheit zu gewinnen.
    Meinen Sie? sagte Veilchen. Die Liebe ist doch ein Genuss - ein Egoismus, ein
schöner Egoismus!
    Die Liebe ist Selbstentäusserung ...
    Die Religion lehrt das, aber die Philosophie sagt: Die Liebe ist das
Bedürfnis, sich von seiner eigenen Person erlöst zu wissen und die Wonne zu
geniessen, dass wir darum doch in einer andern Bestand haben! Ein Priester kämpft
gegen diese unendliche Freude, die in der Liebe liegt, durch seinen Beruf an und
- noch mehr! Wenn die Liebe die grausamste Eitelkeit genannt werden muss, weil
der Mensch verlangt, dass ein anderer gleichsam statt seiner lebt und mit für
sein Leben die Kosten bezahlt - die Kosten, die manchmal über des andern Beutel
gehen - so kommt es, dass die weichsten Menschen kalt erscheinen, bloss weil sie -
bescheiden sind -! Bescheiden! Fräulein! Sie wollen den andern nicht in Unkosten
versetzen ...
    Die Jüdin lächelte, Lucinde nicht ...
    Sie erklärte sich nach dieser eigentümlichen Dialektik Bonaventura's Kälte
aus dessen edlerer Natur, die sich bekämpfe und sich ein Glück versage, das ihm
doch, wie sehr ihn auch Paula fesselte, in der Huldigung liegen durfte, die er
von Lucinden nun schon seit Jahren erfuhr ... Er muss dich endlich lieben und
wär' es aus Mitleid! war ihre Lebenshoffnung ...
    Inzwischen hatte es draussen geklingelt. Natan steckte seine
zusammengekniffenen Augen, die wieder Freundlichkeit ausdrücken sollten, durch
die Türspalte ...
    Excuse! sagte er mit einer Andeutung seines Weltschliffs und überreichte
Veilchen einige Blätter Papier mit den Worten:
    Eben kommt das von - - Es hat Eile! Der Druckerbursche wartet!
    Der Druckerbursche? sagte sich Lucinde und gedachte des Abends bei Beda
Hunnius ...
    In der Tat war es auch sogar eine Nummer des Kirchenboten. Diesmal aber
nicht die Censur, sondern die Correctur, wie Veilchen sogleich erläuterte,
während sie in dem Blatte las und nach einigem Besinnen leise buchstabirte ...
    Ist das eine Zeichensprache? fragte Lucinde ...
    »Ich - bin - elend -!« buchstabirte Veilchen ...
    Wer schreibt das?
    »Ich bin elend! Hül - fe! Zu - Hu - bertus! Zu Hubertus!« ... Weiter nichts
heute! sagte sie, schlug das feuchte, von dabei gezeichneten Correcturen
begleitete Blatt zusammen und gab es dem lauschenden Seligmann, der es
verdriesslich entgegennahm ... Veilchen drückte jetzt selbst die Tür zu ...
    Zu Hubertus? Lucinde verstand, was sie befürchtete. Aber wenn sie auch
sagte: Schreibt das der Mönch in Druckfehlern? so lag in dem Scherz ihre
Ungeduld ...
    Veilchen erklärte, dass Sebastus infolge seiner masslosen Polemik und seines
Zusammenhangs mit dem aufrührerischen Treiben des Tags von der Regierung
verhindert wurde, mit Irgendjemand zu correspondiren, ausser durch die Hände des
Untersuchungsrichters. Nur eine in den Schranken sich haltende literarische
Tätigkeit war ihm verstattet geblieben. Die Manuscripte mussten im Geschriebenen
censirt werden. So konnten nur die Correcturen zu Hülfe genommen werden, um den
Pater mit der Aussenwelt in Verbindung zu erhalten. Mit Veilchen zu
correspondiren, war ihm Bedürfnis geworden nach allem, was zwischen ihnen
vorgefallen. Sie gab an, dass nicht etwa in den Correcturen zur Seite (mit
Druckfehlern ist nicht zu spassen! schaltete sie auf Lucindens scheinbaren Scherz
ein. Ein Arzt hat einmal einem Patienten, der sich gewöhnte, sich aus populären
Heilbüchern selbst Recepte zu verschreiben, gesagt: »Sie sterben noch einmal an
einem Druckfehler!«), sondern im Text eine Verständigung dadurch ermöglicht
wurde, dass beide die Buchstaben, die zu ihren Mitteilungen gehörten, mit einem
kleinen, fast unsichtbaren Pünktchen bezeichneten. Die Zusammenstellung
derselben ergab einen Sinn. So jetzt diesen Hülferuf, der Lucinden von ihrem
Sessel aufgetrieben hatte und sie fragen liess:
    Sollte es denn so schwierig sein, ihn aus dieser Haft zu befreien?
    Doch!
    Man könnte den Wächter bestechen -
    Unmöglich!
    In irgendeiner Verkleidung sollte er das Professhaus verlassen ... Einen
Wagen würden Sie ja besorgen können ...
    Ich? Bitte, Fräulein! Sie haben die Verdriesslichkeit des Herrn Seligmann
bemerkt?
    Ich finde, dass Herr Seligmann nur sehr neugierig ist! sagte Lucinde, sich
umblickend ...
    Denn eben ging die Tür und wie gleichsam von selbst wieder auf ...
    Es ist seine Angst, sagte Veilchen, dass wir uns wieder in Dinge einlassen,
die uns die grösste Verantwortung zuziehen können!
    Und doch wagten Sie das Verleihen eines bürgerlichen Kleides an einen Mönch?
    Wohin kommt man nicht, wenn man von der verkehrten Welt - sein Geschäft hat!
Oben hängt das ganze Mittelalter, Fräulein! Die Angst, die wir mit der
zurückgebliebenen braunen Kutte gehabt haben, möcht' ich nicht zum zweiten male
erleben!
    Lucindens Sinnen liess Veilchen Zeit, zu erzählen:
    Als der Pater damals ein bürgerliches Kleid von uns geliehen, blieb ich bis
spät in die Nacht hinein auf. Der Pater kommt endlich zurück und verlangt nach
seinem Gewande. Er langt darnach, greift in die Taschen und vermisst ein
Portefeuille. Denken Sie sich meine Bestürzung! Ein Franciscaner ist ein
Bettler, seine Brieftasche konnte keine Schätze entalten, auch war der Verdacht
unserer Unehrlichkeit nicht vorhanden - der Pater traute mir, lieber Gott,
seitdem ich meine Verschwiegenheit mit einem Scherze beschworen hatte, bei dem
Gotte Spinoza's! ein Wort, das man freilich zu manchem Mönche sagen kann und er
versteht's nicht. Also - in der Brieftasche lag nichts, als ein einziger
Streifen Tuch, den er eine ewige Belastung seiner Seele nannte und den er
besitzen müsse, wie Magdalena den täglichen Anblick ihres sündigen Antlitzes in
einem Spiegel, sagte er, oder in einem Bache oder in dem Wasser, in dem sie sich
wusch, oder in den Augen der Menschen, die sie verachtend ansähen. Alles boten
wir auf, die Tasche zu finden. Vergebens! Die Zeit drängte. Der Pater musste sich
entfernen. Er erklärte am folgenden Morgen wiederkommen zu wollen. Inzwischen
muss ich länger schlafen, als gewöhnlich, da ich die Nachtruhe versäumt hatte,
und am folgenden Morgen ist zufällig der Bruder des Herrn Natan im Geschäft und
muss sogar am Fussboden drinnen die Tasche finden. Die beiden Brüder untersuchen
sie und entdecken nichts als einen Streifen Tuch. Herr Natan hatte die Nacht
nicht gewacht, wie ich, wusste nichts von dem Verlust; und wie die Männer in
allen Dingen schwächer sind als wir, denkt er, seinem Bruder könnte er schon ein
Geheimnis verraten und erzählt ihm den Vorfall mit dem Mönch und will ihn dann
erst schwören lassen, als er's schon verraten hat. Inzwischen hat der Bruder
längst den Gedanken gehabt, dass gerade ein Streifen Tuch einem Mann an seinem
Ehrenkleide fehlte, einem gewissen Küfer Stephan Lengenich. Und wie er nun erst
gar den Mönch nennen hört, braust er auf, er, der sonst so milde, grundgütige
Mann, rennt davon wie ein schnaubendes Tier und ruft: Hilf deinem Nächsten,
soviel du kannst! Der wütende Mensch hatte seinen Vorteil und eine
Befriedigung für seinen Hochmut und eine Befriedigung für seine Rache. Der
Mönch hatte ihm eine Beleidigung zugefügt. Eben aber auch darum kommt er schon
wieder zurück, schon wieder in sich gegangen, und bringt den Küfer mit. Aber der
kommt gar erst mit Augen wie ein Pardeltier! Die Tasche hatte ihm der Löb noch
nicht gegeben, aber er haschte danach, wie ein Fisch nach dem Wurm! Jetzt meine
Angst um diese wütenden Menschen! Der Küfer war einmal angeschuldigt worden,
den Vater des Mönchs ermordet zu haben; Gott im Himmel! Dieser Streifen Tuch war
von dem Kleide des Mannes abgerissen gewesen, der es getan haben muss. Und wie
sie den Namen nannten und ich wieder fragte und noch einmal fragte: Der! Eben
der! da - da vergingen mir doch die Sinne -
    Noch jetzt sank Veilchen in ihren Sessel zurück und zitterte ...
    Aber auch Natan kam hereingestürmt und rief zornig mit polternden Worten:
    Sie wollen sich wieder krank machen!
    Veilchen schüttelte, seine Sorge ablehnend, den Kopf ...
    Noch ein Glück, dass ich in Ohnmacht fiel, sagte sie; die Männer erschraken
darüber und legten ihre Wildheit ab ...
    Natan rumorte im Zimmer ...
    Lucinde stand wie vor einem Vorhang, den eine geisterhafte Hand von ihrem
eigenen Leben zurückzog ... Die Brieftasche des Abschieds einst in Lüneburg! ...
Stephan Lengenich, dem sie selbst einst scherzend die Worte gesprochen im
Düsternbrook: »Niemand flicket auch ein altes Kleid mit einem Lappen vom neuen
Tuche -!« ... Auch das wusste sie von Treudchen, dass eben diese Jüdin durch den
Dechanten und den Kronsyndikus um Leo Perl, die Hoffnung ihres Lebens, gekommen
war ...
    Sie sagte:
    Eher hätten Sie sich ja selbst dem Küfer verbünden müssen! Denn auch Sie,
hör' ich, gehören zu den Vielen, die den Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof vor
Gott anklagen dürfen!
    Veilchen blickte auf und ihr leidender Blick winkte Natan zu gehen ...
    Natan tat es, aber mit dem misgünstigsten Seitenblick auf einen Besuch,
der soviel traurige Erinnerungen weckte ...
    Ich höre, fuhr Lucinde fort, dass Sie die Hoffnung Ihres Lebens, die Liebe
des Doctor Leo Perl verloren haben, weil er aus rätselhaften Ursachen Christ
wurde!
    Christ? - Priester! berichtigte Veilchen ...
    Lucindens Zucken verriet die gleiche Empfindung.
    Und warum ward er es? Warum gab er Sie auf? fügte sie hinzu ...
    Veilchen, bereits gesammelter, steckte sich ihre beiden Locken an zwei
Haarnadeln zurück, die sie eine Weile im Munde behielt. Schon um deswillen musste
sie schweigen ...
    Drangen Sie denn nie in dieses seltsame Geheimnis?
    Veilchen schüttelte den Kopf ...
    Auch jede Ahnung fehlt Ihnen? Seltsam! Ich habe in der Nähe des Kronsyndikus
gelebt! Ich kenne einen Neffen des Dechanten, den jungen Benno von Asselyn ...
Man könnte vielleicht forschen ... War Leo Perl von der Wahrheit des
Christentums überzeugt?
    Veilchen zuckte die Achseln und befestigte ihre Locken ...
    Er hat den Domherrn von Asselyn getauft, fuhr Lucinde fort ... Auch eine
hier jetzt lebende Frau von Hülleshoven getraut, hör' ich ... Einen strengen,
exemplarischen Lebenswandel soll er geführt haben ...
    Ich hört' es ... sprach jetzt Veilchen ...
    Nie wieder hatten Sie eine Beziehung zu ihm -?
    Seine letzten Bücher waren in Kocher am Fall geblieben. Als man sie ihm ins
Seminar nachschicken wollte, liess er sie an mich übergeben ... Da stehen sie!
Sie sind - das Letzte ...
    Für Lucinden konnte zunächst in dieser Mitteilung nur die Anerkennung der
gewaltigen Kraft liegen, die das Christentum auf die Ueberzeugung eines
geistvollen Mannes hatte, der ihr eine Liebe opfern konnte ...
    Und diese Beziehung der Freude des Küfers zur Trauer Ihrer eigenen
Erinnerungen - was brachte sie zu Wege? fragte sie ...
    Zunächst die Besinnung meines Verwandten, des Herrn Löb Seligmann. Der Mann
hat Gefühl! Er erinnerte sich meines Lebens und wurde mein Beistand! Die Rache
gab er auf!
    Welche Rache?
    Ich sagt' es nicht? Er war von dem Mönche am Tage vorher beleidigt worden.
Der Pater ist voll Heftigkeit und vor den Narben in seinem Antlitz kann man
erschrecken! Herr Löb Seligmann beschwichtigte den Küfer und ich gewann wieder
meine Kraft. In Güte hab' ich mit ihm mancherlei besprochen und er liess mir die
Tasche und er versprach zu schweigen ...
    Das können Sie nur durch eine flammende Beredsamkeit erreicht haben! sagte
Lucinde und gedachte der schauervollen Tage auf Schloss Neuhof, der Lisabet,
ihres eigenen Verhörs, ihres Schwurs ... Den Küfer kenn' ich und die Tat auch,
um die es sich handelt ... Was sagten Sie ihm, das ihn so entwaffnen konnte?
    Wieder kam jetzt Natan herein und machte sich schaffen, um die aufregende
Unterhaltung zu stören ...
    Veilchen wurde nun selbst über ihn verdriesslich ...
    Mir scheint, Herr Seligmann, sagte sie, Sie suchen den gestrigen Tag!
    Ich suche das nächste Jahr! fuhr Seligmann zornig auf. Wo werden Sie sein,
wenn Sie nicht aufhören, Ihre Nerven - zu malträtiren!
    Meine Nerven sind mein! sagte Veilchen hinter dem Zornigen her; mit
irgendeinem Gegenstand, den er scheinbar gesucht hatte, war er wieder gegangen
... Ja, Fräulein! fuhr sie zu Lucinden gewandt fort: Ich sprach, was ich eben
sprechen konnte. Die Leidenschaften kenn' ich und ich schilderte die Rache. Ich
sagte, dass alles gut im Menschen ist, was ihm zum Bedürfnis wird seiner
Selbsterhaltung, falls seine Selbsterhaltung die andern nicht kränkt und die
Erkenntnis Gottes befördert. Ich sagte: Grossmut und Edelsinn sind die einzige
Waffe gegen die Leidenschaften! Ich bewies dem Mann, dass es sich um die Ehre
eines Geistlichen handelt! Ich schilderte ihm die Leiden eines Priesters und
einer ewigen Entsagung! Ich sah, dass der grimmige Mann ein Ohr für meine Rede
hatte, und da gab ich ihm die Hand und sprach: Auch mein Feind war der Mann, der
in wilder Blindheit eine grausame Tat getan hat, die sich Gott wie seine
andern Taten wird gemerkt haben! Ich sagte ihm, dass ich gehört hätte, der Mann
wäre ein Greis jetzt, voll Kummer, und verschwendete an die Armen und die
Priester, dass sie ihm haben seinen eigenen Sohn zum Wächter setzen müssen! Dann
sagt' ich ihm, dass ich dem Pater einen Schwur getan, der mehr als meine Ehre,
der die Ehre Gottes selber wäre!
    Bei dem Gotte Spinoza's? warf Lucinde ungläubig lächelnd ein. Wer ist dieser
Gott? fuhr sie fort, den Kopf aufstützend ... Den Hut hatte sie gar nicht
abgenommen ...
    Das kann ich nicht sagen! erwiderte Veilchen. Aber jedenfalls ist es auch
Ihr Gott! Es ist der Gott des Mannes, den ich liebte! Es ist der Gott, der in
nächtlichen Stunden aus den Sternen zu uns sprach, wenn wir im schönen Garten
der Dechanei Arm in Arm spazieren gingen - damals bewohnte sie der Herr Dechant
von Asselyn noch nicht -! Es ist der Gott, in dem die Seele des Geliebten sich
damals mit der meinigen vereinte! ...
    Und dennoch verliess Leo Perl diesen Gott? fragte Lucinde ...
    Natan öffnete wieder die Tür und wisperte:
    Warum möcht' ich doch, dass der Kirchenfürst heute begnadigt würde und den
Schwarzen Adlerorden noch dazu kriegte mit Brillanten?
    Nun? fragte Veilchen und machte eine Miene der Spannung auf einen »Witz« -
trotz ihrer feuchtschimmernden Augen ...
    Weil uns dann die »Gecken« hier keine Zeit lassen würden zum - Schwätzen;
bitte um Vergebung, mein Fräulein!
    Sie sehen, mein Fräulein, sagte Veilchen aus ihren Tränen heraus, als die
Tür rasch geschlossen wurde, er ist unglücklich über den abgesagten Carneval
und fürchtet, dass er neben seinem Geld auch noch den Kopf verliert, falls wir
uns wieder mit der Kirche einlassen ohne Kanonen. Verlangen Sie also von uns
nichts mehr! Der Küfer sitzt im Gefängnis und hat sich vor der Regierung
compromittirt ... Der Pater kam damals zurück und bekam seine Tasche und ich
hab' ihm erzählt, was damit vorgefallen. Wenn der Kronsyndikus todt ist, dann
will er dem Küfer dienlich sein. Ich weiss nicht, was ihm muss sein Vater aus dem
Grabe für wunderliche Sachen zugerufen haben ... Nun ist das schon vier Monate
her ... Der Mönch kam noch einige male, wurde aber verraten und seitdem ist er
ganz gefangen und dass ich mit ihm durch die »Stufenbriefe vom Kalvarienberge des
Lebens« correspondire, ist jetzt alles, was wir noch wagen können. Aber Herr
Nück! Herr Nück! Der ist allmächtig! Sprechen Sie ja mit Herrn Nück! Der Pater
ist krank, Sie hörten es! Er sehnt sich nach seiner Heimat zurück, manchmal zu
einem Mönche, den er Vater Ivo nennt, manchmal zu einem andern, Bruder Hubertus
... Nun Sie sahen es ja vorhin ... Was soll ich ihm schreiben, mein Fräulein?
    Lucinde stand träumend und blickte finster und voll Mismut ...
    Wie denn schreiben Sie ihm? fragte sie ...
    Durch die nächste Correctur! Mit Pünktchen ...
    Lucinde vergegenwärtigte sich die Worte, die Nück zu ihr gesprochen:
Ueberreden Sie ihn, nach Belgien zu gehen! Sie mochte von Klingsohrn nicht
länger ihre Bahnen durchkreuzt sehen und um sich zu dem kalten Entschlusse, ihn
für immer aus ihrem Leben zu verweisen, zu ermutigen, sagte sie sich sogar, dass
die geistige Verkommenheit desselben jeden erschüttern dürfte, der seinen Geist,
seine Kenntnisse, seine Kraft als besser verwendbar zu schätzen wüsste ...
    Die Jüdin stand erwartungsvoll und wie bittend ...
    Sie wären nicht geneigt, die Zelle des Paters zu besuchen? fragte Lucinde.
    Mein Fräulein! lehnte erschreckend Veilchen ab ...
    Herr Seligmann nicht -?
    Dieser antwortete selbst durch ein heftiges Rumoren nebenan ...
    Lucinde wusste, dass es sich hier um eine geistige Aufrichtung Klingsohr's
handelte, die kaum anders, als von ihr selbst kommen konnte ... Sie bedachte
einen Brief, den sie etwa schreiben könnte ...
    Die Augen der kleinen Jüdin leuchteten hoffnungsvoll ... Eine Pause trat ein
...
    Aus vielen Gründen, sagte dann Lucinde, nachdem Veilchen als die einzigen
Personen, die man allenfalls zu dem Pater liesse, den Arzt, Medicinalrat
Goldfinger, oder einen Geistlichen oder vielleicht den Druckerburschen genannt
und hinzugefügt hatte, dass der Wächter des Hauses auch bei diesem vielleicht
nicht in der Zelle zugegen bleiben würde - aus vielen Gründen wünscht' ich, dass
der Pater aus seiner Letargie erwache ...
    Das ist herrlich! rief Veilchen ...
    Ich wünschte, fuhr Lucinde grübelnd fort, dass er seine Mutlosigkeit
aufgäbe, dass er sich für seinen nun einmal gewählten Beruf erkräftigte ...
    Ja! Ja! ...
    Ich würde ihm raten, mit allem, was ihn hier bedrängt und ihn auch künftig
in Fesseln halten wird, lieber für immer zu brechen und vielleicht - ins Ausland
zu fliehen ...
    Stellen Sie ihm alles das vor ...
    Ich? Wie kann das ich? ...
    Sie meinen - um die Vergangenheit -
    Das hinderte nicht ...
    Schreiben Sie es ihm ... Ich schicke sogleich in die Druckerei ... Der
Bursche ist ein guter Junge - und pfiffig ... Haha! Kaplan Michahelles hatte den
auch in eine Druckerei gegeben ... Hernach soll er nach Belgien und Jesuit
werden ...
    Jesuit? Ist Ihnen das ein so gleichgültiges Wort, dass Sie lachen?
    Hab' ich die Welt zu verbessern?
    Ihre Duldsamkeit scheint grösser, als Ihr Wahrheitseifer!
    Was ist Wahrheit?
    Mindestens ist die Wahrheit das Gute!
    Was ist Gut?
    Suchen Sie nicht, was wahr, gut und gerecht ist?
    Was ist Recht?
    Sie anerkennen nicht Recht oder Unrecht?
    Recht geht so weit wie Gewalt!
    Wie einmal das Leben ist! Aber -
    Im Himmel auch! Gott ist nicht weiter allgerecht, als er allmächtig ist!
    Lucinde musste lachen über dies Wortspielen ...
    Was ist Ihnen die Tugend? fragte sie, jetzt sogar zutraulicher geworden ...
    Ah! Die Tugend ist mir viel! Die Tugend ist die Erkenntnis Gottes!
    Sie kehren, seh' ich, alles um, was wir Christen glauben! Haben Sie
vielleicht auch keine Freiheit des Willens?
    Wenn Sie hungert, müssen Sie essen! ... Richtig, Sie wählen die Speisen!
Aber - Sie wählen Speisen, die Ihr Appetit Ihnen vorschreibt!
    Jetzt begreif' ich, sagte Lucinde lachend, wie Sie über sich bringen,
falsche Medaillen in die Welt zu setzen und die Spitzen da in Kaffee zu tränken,
nur damit man glauben könnte, Maria von Medicis hätte sie schon getragen ...
Hören Sie! Ich nenne das Betrug!
    Ein hartes Wort! sagte Veilchen erschreckend. Dann aber setzte sie mit einem
gewissen elegischen Tone hinzu: Mein Fräulein, was ist die Kunst? Ein falscher
Schein! Was ist das ganze Leben? Eine Mummerei! Wer dreissig Jahre in solchen
Possen lebt, wie ich hier unter den bunten Röcken, nimmt die Possen der Erde für
ihren Ernst! Ich kehre alles um! sagen Sie? Ganz recht! Sie lieben! So sagen
Sie? Ich sage: Sie glauben, dass Sie geliebt werden ...
    Keine glückliche Lebensauffassung! seufzte Lucinde. Ihr Spinoza, glaub' ich,
war krank ...
    Das war er ...
    Er entsagte und entbehrte ...
    Zu sehr ...
    Er schuf sich eine Philosophie für die, die nichts mehr wollen und nichts
mehr wünschen ...
    Er liebte die Freiheit ...
    Eroberte sie sich aber nicht ...
    Wer die Erkenntnis hat, hat alles ...
    Das bestreit' ich! Sehen Sie, da gebe ich einen einzigen reellen Genuss für
alle Schatten der Erkenntnis!
    Geschmackssache! ...
    Auch Wahrheitssache! Eine einzige Reliquie, die ein Gläubiger küsst, ist,
wenn man einmal Religion haben will, mehr wert als Ihr Gott, der wahrscheinlich
die ganze Welt sein wird oder die Natur?
    Der Mönch sagte dasselbe ... Ich lass' es ihm ... wer Religion braucht ...
    Fräulein! Fräulein! Ich wünschte - die Spitzen da nicht in dem Kaffee zu
sehen!
    Veilchen zog ihre Haarnadeln aus, liess ihre Locken fallen, stützte das Haupt
auf und sagte träumerisch:
    Spinoza sagt einmal: »Einen Mann hört' ich mir neulich zurufen: Da ist Ihr
Hof in den Huhn geflogen! Der Mann versprach sich nur. Er wusst' es nicht. Wozu
sollt' ich ihn erinnern, dass er sagen wollte: Sie meinen, Ihr Huhn ist in den
Hof geflogen! Er irrte sich, aber ich verstand ihn ja.« So rufen uns alle
Religionen zu: Da ist Ihr Hof in den Huhn geflogen! ... Machen die Religionen
gute Menschen, wozu diese Sprachfehler corrigiren? ... Ebenso gibt es ganz
vernünftige Menschen, die keine antiken Spitzen, wie die da, die Elle zu einem
Viertel-Brabanter-Taler nehmen! Sie wissen vollkommen, was echte Spitzen, die
noch Maria von Medicis getragen hat, für einen Wert haben! Lassen Sie uns
getrost die falsche Grammatik der Erde sprechen. Wenn hier in der Stadt die
Herren von der Regierung und die alten Offiziere sagen: Gott straf mir! so
wissen wir alle, sie meinen: Gott straf mich! Gott und was und wen wird wohl
einst die Ewigkeit strafen!
    Die Welt will Wunder - und Ahasverus macht sie ihr! resumirte Lucinde ...
    Sagte der Franciscaner auch!
    Ihr rächt euch an der Welt, die euch verstiess! Ihr macht sie verkehrt, lacht
dazu und lasst sie laufen ...
    Sagte der Franciscaner auch! ... Je nun, mein Fräulein, Sie haben vielleicht
Recht! Ich gebe mich nicht für vollkommen aus. Glauben Sie mir, wenn man die
Welt nicht lieben kann und nicht hassen mag, da ist es am besten - man führt dem
Natan Seligmann sein Geschäft, wie ein armes Mädchen, das verlassen und
kränklich in der Welt stand und nichts zu erwerben wusste, vor dreissig Jahren es
vorgefunden ... Ja, ja, Sie haben vielleicht Recht, der Franciscaner sagte auch,
in dem einzigen kleinen grünen Streifen Tuch - da läge der ganze Unterschied
zwischen seinem Gott und dem Gott Spinoza's!
    Lucinde grübelte über dies Wort und hätte darüber vielleicht noch
gestritten. Aber Natan unterbrach aufs neue die Unterhaltung der beiden im
Denken, nicht im Fühlen verwandten Frauen und bewies somit vollständig, dass die
Philosophie des klugen, aber willensschwachen Mädchens seit dreissig Jahren
vorzugsweise von seiner Tyrannei bedingt wurde. Seinen Helm und seinen Panzer
warf er, als wenn sie von Eisen wären und keine Beulen bekommen könnten. Seine
bunten Geckenkleider und Tirolerhüte trug er hin und her, nur um damit seinen
Wunsch auszudrücken, dass Veilchen zu dem Ziele käme, die ganze Beziehung seines
Geschäfts zu Staat und Kirche ein für allemal abzubrechen und die Sorge für den
Mönch in Lucindens Hände zu legen ...
    Lucinde betrachtete schon lange nachdenklich die bunte Herrlichkeit um sich
her und sagte:
    Wenn ich wüsste, wie ich selbst den Pater sprechen könnte -
    O, das wäre das Beste, Fräulein! O erbarmen Sie sich seiner! Lassen Sie ihn
noch einmal Ihre schöne Hand küssen! Ja, Sie, Sie können ihn erheben, Sie können
ihm neue Kraft verleihen ...
    Für sein ganzes Leben - möcht' ich ihm - einen Rat geben -
    Man wird Sie nicht zulassen! ... O das ist traurig!
    Ziehen Sie diesen Rock an! sagte Seligmann, sich wieder vorwitzig
einmischend und hielt ihr eine braune Mönchskutte entgegen ...
    Aber Herr Seligmann! rief Veilchen vorwurfsvoll ...
    Der Störenfried entfernte sich ...
    Er hat nicht Unrecht -! entgegnete Lucinde ...
    Veilchen blickte mit Staunen ...
    Hat jener Druckerbursche wohl - meine Gestalt?
    Himmel! triumphirte Veilchen und schlug die Hände zusammen und
freudestrahlend begreifend blickten ihre Augen und die Stimme dämpfend sprach
sie:
    Eine ganz neue blaue Blouse hab' ich - Eine kostbare schwarze Sammetmütze
mit einem Schirm - im Abenddunkel - Da könnten Sie - wahrhaftig -!
    Der Wächter des Hauses würde mich begleiten ...
    Lucinde wich nur einer allzu hastigen Zustimmung aus ...
    Nein! Oder schützen Sie Eile - die Censur vor - die Censur! Diesmal soll die
Abscheuliche segensreiche Früchte tragen!
    In Lucindens Innern sagten tausend Stimmen: Aber würdest du entdeckt! Aber
käme auch diese neue Demütigung auf dein grosses Schuldbuch! ... Ebenso viel
andere Stimmen sprachen: Ist es nicht ohnehin dein Letztes! Der morgende Tag muss
für dich - für Paula - für Nück - für alles, alles auf ewig entscheiden! ...
    Die Jüdin flüsterte fort und fort, malte die Gefahrlosigkeit des
Unternehmens, beschrieb den Eingang des alten Professhauses, die Lage der Zelle
des Mönches, alles, was sie von dem jungen Burschen wusste, der Jesuit werden
sollte, wie Tönneschen Hilgers auf Lindenwert - die Väter der Gesellschaft Jesu
sind in ihren Collegien ihre eigenen Handwerker und eine von einem Laienbruder
dirigirte eigene Buchdruckerpresse zu besitzen muss für sie überall eine grosse
Annehmlichkeit sein - Sie versprach, Lucinden umzukleiden ... sie zu begleiten
bis an die Pforte ... sie draussen wieder zu erwarten ...
    Lucinde hörte und hörte und stand im Kampf der Entscheidung über - ihr
ganzes Dasein ...
    Die Jüdin beteuerte ihre Verschwiegenheit, versprach, Herrn Natan in
nichts einzuweihen ... Sabbat war es; sie würde von Natan verlangen, dass er den
Abend zum Nachtgebet in den Tempel ginge und der »gemütlichen Börse« beiwohnte,
die sich nach demselben in der Vorhalle zu versammeln pflegte ... Während sie so
fortflüsterte, drängte sich in die verworrene Musik im Innern Lucindens ein
einziger melodischer Accord, der zuletzt die Oberhand behielt. Diese sanfte
Harmonie, die sie zuletzt sogar wie mit Opferfreudigkeit erfüllte, entwickelte
sich aus verworrenen Anfängen und sprach nach und nach: Du hoffst noch einmal
auf deinen unglücklichen Genius! Lässt er auch dies Werk scheitern, dann - dann
gibt dir vielleicht dein religiöser Ruf die Rechtfertigung, dass du eine Tat
vollbringen wolltest, die einem Streiter der Kirche zu Hülfe kommen sollte oder
-! Nein, nein, in hoc signo - sie sprach sich's lateinisch - in diesem Zeichen
wirst du siegen, selbst unterliegend! Gelingt aber die Flucht, auch dann
verlangst du von Bonaventura morgen die Beichte, die erste und - vielleicht die
letzte! Auch das mag er hören, entschuldigen - verurteilen! ... In einem Briefe
hatte sie schon in erster Morgenfrühe Bonaventura vor seiner Reise noch um eine
Generalbeichte gebeten.
    Rasch brach sie ab und versprach, in der Abenddämmerung, um die fünfte
Stunde, wiederzukommen ...
    Eine Secunde - und sie war gegangen.
    Als Veilchen Igelsheimer allein mit Herrn Natan Seligmann war,
überschüttete sie diesen mit den bittersten Vorwürfen, verweigerte ihm alle
Auskunft, schmollte ernstlich und versparte sich bis nach dem Mittagsessen den
Antrag auf den Tempelbesuch, den er in den Abendstunden machen sollte ...
    Und ihre Spitzen und ihre Medaillen und die alt sein sollenden Kupferstiche
sah sie wirklich mit Unmut an und murmelte vor sich hin:
    Spinoza war krank? Er liebte und wurde nicht erhört und ging dann hin und
schrieb über die Liebe, als wäre sie eine matematische Figur ... Beweisen will
er das menschliche Herz wie die zwei rechten Winkel bewiesen sind, die sich in
jedem Dreieck von selbst verstehen ... Ha, dies mutige, tollköpfige Mädchen!
Ihr schwarzer Kopf! Ihre feurigen Augen! Ihr trotziger Schritt! Die kann alles,
was sie will -! Und sie glaubt an die Freiheit des menschlichen Willens! Die
könnte mich ja - fast irre machen! Wär' ich ein Mann, dann gewiss!
    Es war ihr, als wenn der Gott Spinoza's dem Menschen die Tatkraft, den
schönen Wahn, der allein das Oel zur wahren Flamme des Lebens gibt, die ganze
tausendjährige Poesie geschichtserzeugender - Irrtümer nähme ...
    Nur eine Weile war's ihr so. Sie kehrte bald in ihr sanftes, lächelndes
Dulden zurück.
 
                                      10.
Im siebzehnten Jahrhundert war es, wo sich der Jesuitismus zu jener
Alleinherrschaft innerhalb der katolischen Kirche erhob, durch die sein Sturz
mehr herbeigeführt wurde, als durch die Philosophie der Aufklärung. Die übrige
Geistlichkeit, die der weltlichen sowol wie der Ordenssphäre, lieferte im
stillen die Materialien zu jener Verfolgung, die sich zum Sturz der auch von
ihnen gehassten mächtigen Staatenlenker und Gewissensräte verschworen hatte.
    In jener Zeit des höchsten und übermütigsten Triumphes entstanden die
grossen Kirchen und Collegien, die auf den Namen der Jesuiten gehen und nach dem
entarteten italienischen Geschmack, der damals herrschte, gebaut worden sind. Es
war die Eleganz der gewundenen Bandschleife eines Zopfes, die glatte Dressur des
über den Kamm gestrichenen Haares, die Form der gebogenen Schnalle an den
Schuhen, die auf die Windungen, Rundungen, Cannelirungen, Fenstersimse und
Portale der Architektur übertragen wurde. Das Innere der Kirchen wurde mit
Marmor und Gold überkleidet. An den Altären erhoben sich gewundene Säulen,
umgeben von schwebenden Engeln, die die gemütlichen Wirkungen, die sonst die
Malerei hervorgebracht hatte, jetzt auch durch die Plastik versuchten. Alles
sollte sinnlich, erfassbar, wie wirklich und leibhaftig in die Augen fallend
erscheinen. Blumen wurden in halb erhobener Arbeit bunt an die Decken und Wände
geheftet, plastische Heiligenbilder schmückten sich mit Farben und mit
wirklichen Kleidern. Man wollte das Wohlgefallen aller Sinne gewinnen. Sogar die
Glocken auf den nicht mehr zu hohen, nicht mehr zum Himmel anstrebenden Türmen
erhielten einen eigenen Rhytmus. Die Jesuitenglocken schlagen in kurzatmiger,
schnellaufender Hast eine zwei- oder dreitönige musikalische Figur an, deren
endlose Wiederholung, wie eine jener alten Litaneien, die man in Abendmetten vom
Chor anstimmt, die Seele zuletzt so verwirren und betäuben kann, wie die
Begleitung mit Trommel oder Pfeife asiatische Tänzer und Schamanen.
    Aber in den ersten Anfängen der Verbreitung des von Loyola gestifteten neuen
geistlichen Ritterordens war das Auftreten desselben bescheidener ...
    In der Residenz des Kirchenfürsten gab es eine stattliche Jesuitenkirche mit
marmornen Portalen. Ihr gegenüber lag das Collegium der Väter in jenem Styl, in
dem unter Ludwig XIV. gebaut wurde. Beide Sitze der alten, von Ganganelli
gestürzten Herrlichkeit gehören nicht mehr den Jesuiten, auch seitdem das Jahr
1848 ihnen fast allein - Erfolge der Freiheit gegeben hat.
    Ihr früheres ältestes Professhaus liegt in einem entlegenern Teile der Stadt
und hat das Ansehen eines mässigen Klosters ...
    Ein Hofraum ist von drei Seiten mit einem zweistöckigen Gebäude umgeben, von
der vierten Seite mit einer hohen Mauer, in der sich das Eingangstor befindet.
Eine kleine düstere Kapelle unter hohen breitastigen Bäumen liegt an der Pforte
von aussen; von innen, ehe man den grasbewachsenen Hof betritt, muss man erst an
der Wohnung des Pförtners vorüber. Ein kleiner Turm mit durchbrochenem
Glockenstuhl und einer alten heisern, schon lange geborstenen Glocke bezeichnet
die Stelle, wo sich noch jetzt eine damals nur für die Väter bestimmte Kirche
befindet. Das Dach des dreigeschenkelten Hauses ist von Schiefer; die Fenster
sind winzig klein; ein neuer weisser Kalkanstrich steht in grellem Contrast zur
Verfallenheit des ganzen Gebäudes, das sowol durch die vorliegende vergitterte
kleine unzugängliche Kapelle, in welcher der mit Immortellen und gemachten
Blumen und bunter Madonna verzierte Altar etwas von dem Gespenstischen eines
Wachsfigurencabinets darbietet, wie durch die ringsumher stehenden uralten Bäume
auf seinem etwas hoch gelegenen einsamen Platze einen unheimlichen und düstern
Eindruck gewährt.
    Dies alte Professhaus dient jetzt noch zu allerlei geistlichen Zwecken. Es
ist nicht in allen seinen Zellen bewohnt. Hier in dem einen Flügel scheint es
eine Art Krankenhaus zu sein; denn ein hüstelnder langer, hagerer Greis, den
nicht mehr die Tonsur unter dem Sammetkäppchen als Geistlichen erkennen lassen
würde, öffnet ein Fenster und hält die Hand in die rauhe Abendluft hinaus. Seit
Jahren ist er heiser, kann nicht mehr die Messe singen und fand, da er seine
Pfarre aufgeben musste, hier im alten Jesuiter-Professhause seine Versorgung. Dort
jener gegenüberliegende Flügel deutet auf eine Strafanstalt. Einige Fenster sind
vergittert und wiederum ist es ein Geistlicher, der einen Moment eine lange
Pfeife durch die Eisengitter steckt und sich den mit Schnee gemischten, in
Glatteis übergehenden Regen nicht verdriessen lässt. Ein Irrsinniger ist es nicht,
aber die ganz klaren Gedanken kommen ihm selten. Seine Stelle musste er
verlieren, weil er in die Messe zuweilen deutsche Zwischenreden mischte, den
Wein beim Namen des Gewächses nannte, bei Austeilung des heiligen Brotes ein:
Wohl bekomm's! mit einfallen liess, auf der Kanzel Wirtshausanekdoten erzählte
und in den Beichtstuhl mit der Pfeife im Munde ging. Nicht so schlimm ist er,
wie sein Nachbar links, den man ganz absperren musste, weil er kein weibliches
Wesen erblicken kann, ohne mit ihm Gespräche anzuknüpfen, die selbst einem Laien
nicht gestattet sind. Sein Nachbar rechts wieder ist ein so heilloser Flucher,
Schwörer, Händelsucher und Wirtshausmatador, wie nur ein geborener Bauernsohn
sein kann, der, wenn er wieder in ein Amt kommen sollte und auf seiner Pfarre
dem Oberförster, dem Amtmann, dem Schulmeister begegnet und nicht den Gruss so
geboten bekommt, wie er ihn verlangt, den Leuten den Hut vom Kopf schlägt. Noch
jetzt geht er im Zorn aus Rand und Band und kann schon lange nur durch Hunger
gezähmt werden ... Strafklöster und Strafanstalten gehören dieser Kirche
ausschliesslich an und sind in solchem Grade eine stillempfundene Demütigung
ihres Priesterstandes, dass man sie gern eingehen liesse. Man bedient sich dazu
des Vorwandes, dass unter den Geistlichen neuen Stils keine Vergehen so arger Art
mehr vorkämen ...
    Der mittlere Bau, an welchem sich im Sommer vom Grase des Hofes empor hier
und da einige Weinranken auf der weissgetünchten Wand hinziehen, hat einige
freundlichere Zimmer, ein Refectorium und nach der entgegengesetzten Seite zu
sogar ein schmales Gärtchen, das indessen schon lange von einer alten hohen
Mauer, der Brandmauer anderer Gebäude, begrenzt wird. Hier finden oft arme
durchreisende Geistliche ihr Unterkommen. Mancher von ihnen wird auch zu
irgendeiner Verantwortung berufen; andere kommen in eigenen Geschäften und
scheuen die Ausgabe in einem Gastofe ...
    Die Ordnung in einem solchen Hause aufrecht zu erhalten, ist keine geringe
Aufgabe. Nicht nur gehören dazu Fleiss und Umsicht, auch Unbestechlichkeit,
Pflichtgefühl jeder Art und physische Kraft. Für die Reinlichkeit sorgt eine
alte Frau, die durch ihre Kleidung sich als zum Geschlecht der Grazien gehörig
ausweist; sonst würde man sie den Männern und solchen zugerechnet haben, die
ohne Gefahr für ihre Gesundheit bei Schleusenarbeiten in Morast leben können.
Dies zarte Wesen ist die Hanne Sterz. Nur ein Auge hat sie, ist lahm, kocht aber
leidlich. Die Elasticität ihres rechten Fusses hat sie von einem unglücklichen
Eingeklemmtwerden in einer der Zellentüren auf der Strafseite des Professhauses,
da, wo Entbehrung selbst über Macbet-Hexen hergefallen wäre. Frau Hanne Sterz
zählt schon siebzig Jahre und verdient den Beistand, der ihr seit einigen
Monaten durch einen ihrer Anverwandten wird, einen groben, rothaarigen Knecht,
den man den Joseph nennt. Ueber Hanne Sterz aber und dem Joseph steht der
eigentliche Verwalter des Hauses, ein ehemaliger Soldat, den die Regierung
installirt, ohne ihn vom Gehorsam auch gegen die geistlichen Behörden zu
entbinden, die eine Art Jurisdiction und Disciplinargewalt in diesen Mauern
ausüben können. Aber Herr Kratzer muss der Regierung von jedem Misbrauch dieser
Befugnisse der Curie Anzeige machen und die Rapporte über die im Professhause
befindlichen Einwohner und deren Befinden allwöchentlich abliefern. Denn Fälle
wie die, dass man in die unterirdischen Gefängnisse geistliche Strafgefangene
wirft, sollen nach dem Willen der Regierung nicht mehr vorkommen. Kratzer führt
die Schlüssel zu den unterirdischen Gängen der Stadt. Er hat dafür zu sorgen,
dass sie nicht misbraucht werden. Längst ist es der Plan der Regierung, sie zu
verschütten. Bis dahin muss Kratzer sie so reinlich halten, als es die Ratten und
sich einmündenden Kloaken erlauben. In diesem Amte unterstützen den »Castellan«
die herculischen Schultern irgendeines vom Staat besoldeten Knechtes. Joseph ist
einer der vielen, die Kratzer schon in diesem Amte als Beistand hatte. Er selbst
scheint einer jener alten ergrimmten und ewig verstimmten Invaliden ohne Weib
und Kind. In dem kleinen Hause an der Pforte, die er wie ein Cerberus hütet,
wohnt er. Grützmacher ist andern Glaubens als Kratzer; hätte er den Kameraden im
Sommer so am offenen Fenster, im Lehnstuhl sitzend und rauchend und mit
unveränderlich mürrischer Miene in dem weissbebarteten Antlitz immer auf dieselbe
Stelle im Hofe, immer auf dieselbe kleine bunte Winde oder Kresse in dem sechs
Fuss breiten Gärtchen, das er um sein Häuschen herum angelegt hat, blickend
gefunden, er würde ihn entschuldigt und gesagt haben: Die Menschen verstehen gar
nicht diese furchtbare Müdigkeit eines alten ausgedienten Militärs!
    In zwei der kleinen Zellen des Mittelbaues wohnt seit einiger Zeit Pater
Sebastus. Anfangs war er nur hier in Herberge. Seit einigen Monaten ist er ein
Gefangener. Täglich erwartet er eine Entscheidung, wann und unter welchen
Umständen er zum Kloster Himmelpfort bei Witoborn zurückkehren darf. Er ist
krank, will keinen Arzt, liest und schreibt nur und grübelt. Seine Petitionen an
die Curie und die Regierung entalten schon lange nur noch die Bitte, rauchen zu
dürfen. Diese verwies dafür auf jene, jene auf diese, und so bettelte der Mönch
noch vor Weihnachten den Castellan nur um Cigarren an ... Jetzt entsagt er auch
diesen ... Die Censurstriche können ihn zuweilen noch lebendig machen und die
Druckfehler. Kratzer, der oft den Burschen mit den »Stufenbriefen« begleitet,
ahnt nicht, dass sie mehr entalten, als Betrachtungen über die Busse, die Sünde,
die Erlösung.
    Bei alledem ist Sebastus beim Eintritt in sein dreissigstes Lebensjahr der
Alte geblieben ... Ja! und: Nein! hatte er drei Tage lang zu Bonaventura
gesprochen. Als er aufs neue die Rumpelgasse besuchte, erhielt er
Gefangenschaft; dennoch geisselt er sich wirklich, wenn sein Guardian im Kloster
Himmelpfort: Miserere! ruft. Er gibt Sokrates, Plato, Aristoteles, Firdusi,
Shakspeare, Milton, Spinoza, Goete, Harry Heine noch immer hin, wenn nur Gregor
und Innocenz bleiben; besonders seit der Gefangennehmung des Kirchenfürsten, der
ihm die Springprocession nach Echternach mitzumachen hätte anbefehlen können; er
würde, abgekühlt vom ersten Schrecken, den Mann doch eine »Natur« genannt haben.
Raubte man ihm alles, doch blieb - das volltönende Latein des Breviers, der
majestätische Klang des »Dies irae« und »O salutaris hostia«!
    Ueber Lucinde und Bonaventura weiss er durch Veilchen Igelsheimer schon seit
den Tagen, als er noch der Aussenwelt angehören durfte, dass jene schon seit lange
diesen Priester kennt, durch ihn - immer entstellt das Gerücht - bekehrt wurde,
für ihn nur lebt ... So beichtet er denn auch diesem nicht, einem Priester, der
ihn in seiner tiefsten Erniedrigung kennen gelernt hat ... Zur vollen
hingegebenen Freundschaft fehlte ihm wahre Demut; ohne eine gewisse
Unterwerfung gibt es keine Freundschaft.
    Und dann! Wer freilich mag auch sehen, wie ein Herz, das wir selbst einst
besassen, einem andern gehört! ...
    Von Tag zu Tag wächst das physische und Seelenleid des Gefangenen, dessen
Einsamkeit nur der Besuch der Kirche im Kloster, einigemal die Besuche des
Untersuchungsrichters (man vermutete in Klingsohrn den Verfasser einiger in
Augsburg und Würzburg erschienenen Broschüren), der Arzt unterbrechen ... ...
Weihnacht ist vorüber ... Die Hinrichtung Hammaker's kann Sebastus in keine
Verbindung mit seinem eigenen Leben bringen ... Es kehren die alten
geistesschwachen und geisteszagen Stimmungen wieder ... die Hände zittern ...
mager und dürr liegt er in der braunen Kutte und barfuss auf einem alten Sopha
... Alte Lieder summt er, dichtet neue, findet die Reime nicht mehr und bedarf
dringend den Mechanismus des Klosters, bedarf der Hand des Bruders Hubertus, der
ihn z.B. um jede Mitternacht aus seinem Schlafe emporhob und ins Chor der Kirche
zum Singen trug - dies schwere Amt, das der heilige Franciscus erfunden hat, um
im Kloster nichts in der Welt nächst Gott mehr lieben zu lassen, als den Schlaf,
nichts mehr ersehnen zu lassen, als den Schlaf, nichts mehr erstreben zu lassen,
als den Schlaf.
    Eine traurige Winterszeit ... Es regnet, es stürmt ... Nur die dumpfen
Schläge der Turmuhren unterbrechen die bange Oede eines Aufentalts, den des
Mönches schroffer Sinn noch einsamer macht durch Ablehnung alles Umgangs mit den
übrigen Bewohnern des Hauses. Wenn die Dunkelheit schon früh sich niedergesenkt
hat auf den trüben Tag, wenn zwei mächtige Hunde in ihren Hütten sich bäumen und
gegen die gewaltige rings von einem kleinen Eisenverschlag umgitterte Torglocke
bellen, die draussen von einem Einlassbegehrenden gezogen wird; wenn die grossen
Holzpantoffeln der hochaufgeschürzten Hanne Sterz im Hofe klappern oder Joseph
beim Schein einer Laterne das Holz spaltet, das in den Oefen der Bewohner dieses
traurigen Ortes flackern soll; oder wenn Kratzer selbst eine grosse
eisenbeschlagene Tür aufgehoben hat, die in einem Winkel des Hofes platt auf
der Erde liegt und in jene Gänge führt, zu deren Reinigung ein Kampf mit einem
Heer von Ratten gehört, das die Stufen heraufspringt und sich blitzschnell in
alle Löcher des Hofes verteilt, während hinter den Eisengittern die gefangenen
oder geisteskranken Leviten: Hatz! Hatz! rufen und die Hunde zur Verfolgung
reizen, dass die sich heulend an ihren Ketten aufbäumen und den zottigen Hals
blutig reissen ... dann überrieseln Klingsohrn düstere Schauer - Erinnerungen an
die Tage von Neuhof, Hoffnungen auf Witoborn - Wonnen - o du Tor - eines
Wiedersehens mit Lucinden ... Dass er zu den Todten gehört, weiss er und besingt
es. Hat er sich auch unter dem Leichenstein der ewigen Gelübde ein scheinbares
Leben zu erträumen verstanden, Lucinde sollte zu diesen Träumen nicht mehr
gehören. Sie kann mit ihrem, »wenn sie will«, so verführerischen Lächeln keinen
seiner Wünsche mehr bestricken; sie kann mit ihren gaukelnden Phantasieen keine
Bilder von Freiheit und Liebesglück mehr wecken. Das ist vorüber schon lange -
schon vor seinem - Begräbnis. Doch - es reizte ihn doch stündlich - auch sie hat
sich in den Schoos einer Kirche geflüchtet, die einen erstorbenen Willen mächtig
wiederbeleben, klaffende Wunden heilen, schmerzlichste Lücken wenigstens mit
»Poesie« erfüllen kann ... Das hätte er gern einmal sehen und hören mögen, wie
Lucinde zu dem goldenen Kreuz auf ihrer Brust gekommen, das er in der Katedrale
gesehen, wie sie den Rosenkranz beten, was sie sagen würde von der Welt und wie
sie zurückdächte auf alte Zeit und wie sie sich ausnehmen würde in der Messe, im
Beichtstuhl, selbst mit der Liebe zu einem Priester im Herzen, der sie ja, das
sagte er sich von Bonaventura, nie erhören kann -! Dann winkte ihm Lorelei von
kahlem Felsgestein, verlockte ihn und andere Knaben, bettete den Betörten in
der kühlen Tiefe ... Mit fieberschwangern Glühwinden der Wüste überhauchte es
ihn dann und krank wurde er an jenem orientalischen Ragl, der den in der Sahara
verschmachtenden Pilgern Städte mit blinkenden Minarets und Bäume voll goldener
Früchte zaubert, in deren Schatten, in deren erträumtem Genusse sie sterben.
    Wieder auf seinem Sopha liegt Klingsohr mit nackten Füssen ausgestreckt ...
Wieder wird es Abend ... Schon brennt eine ärmliche Blechlampe auf einem mit
Papieren bedeckten Tische matt und düster ... Das Bellen der Hunde hört er, den
Lärm, den zuweilen die wilden Bewohner des Hauses machen; oft huscht es im Gange
an seinen beiden Türen vorüber - in einer Nebenkammer schläft er -; traurig
zieht ein alter Klosterspruch durch sein tief hülfsbedürftig an Hubertus
gerichtetes Sehnen, der Spruch, den ihm dieser einst wie ein memento mori
gesprochen: »Wir Mönche kommen zusammen und kennen uns nicht! Wir Mönche leben
zusammen und lieben uns nicht! Wir Mönche sterben zusammen und beweinen uns
nicht!«
    Fünf Uhr schlägt's ...
    Da und dort blitzt das Licht der jenseit der hohen Mauer angesteckten
Laternen auf. Ein kalter Regennebel umhüllt die nächsten Umgebungen, die kleine
Kapelle vor dem Eingang und die halb verwitterten Bäume. Die Hunde beginnen ein
Wimmern, das ihnen mit eintretender Dunkelheit eigen ist und vielleicht der
Erwartung des Mahles gilt, das ihnen Joseph bereits in irdenen Schüsseln bringt.
Kratzer studirt an einem Dreierlicht mit der einem alten Militär eigenen
Gründlichkeit die frisch angekommene Abendzeitung, die über den gestrigen
»Krawall« neue Einzelheiten, neue Warnungen und Verordnungen der Regierung
entält ...
    Da wird heftig die Glocke gezogen ...
    Joseph unten erhebt sich nicht von den Hundehütten, ruft die Hanne ...
    Diese will eben in das Haus des Castellans mit einem Trunk Weins aus dem
Keller hinken - denn zu Krieg und Frieden, zu neuen Avancements und neuen Orden
trinkt Kratzer gern seinen Vesper-Schoppen ...
    Hanne Sterz öffnet ...
    Ein junger Mensch in einer blauen Blouse und mit schwarzer Sammetmütze,
bedeckt von einem alten Regenschirm, kommt mit einer Druckermappe unterm Arm und
begehrt den Pater Sebastus zu sprechen ...
    Censurstriche! sagt die fast rauhe Stimme rasch und entschieden ...
    Joseph blickt etwas von den Hunden auf, deren Bellen er beruhigen muss ...
    Hanne Sterz bringt von Herrn Kratzer ein: Passirt! ... Herr Kratzer will
sich die gemütlichste Stunde des Tages, die Stunde des Schoppens und der
Weltändel und der neuen Versetzungen in der noch immer heissgeliebten Armee
nicht stören lassen ...
    Der junge Mensch wagt sich im Finstern an die Treppe, die er schon kennen
muss, schlägt den Regenschirm ein, reisst die Tür der Treppe auf, drückt sie
wieder an sich und schöpft auf der ersten Stufe Mut und Fassung aus
hochklopfender Brust ...
    Im ersten Gange rechts die zweite oder dritte Tür, Nr. 16 und 17
gleichviel! ... So hatte es in der Anweisung auf der Rumpelgasse geheissen ...
Die Begleitung Veilchen's hatte sie abgelehnt ...
    Die Treppe ist erstiegen, die Tür gefunden ... Die Zahl in der Dunkelheit
nicht zu lesen ...
    Ein Moment der Besinnung ... Angeklopft ... Kein Herein!? ... Was tut's?
... Lucinde tritt ein und entdeckt an der trüben Lampe, dass auf dem Sopha jemand
zusammengekauert liegt, der sich nicht erhebt, völlig anteillos bleibt, bis er
die Mappe von dem Ankömmling entgegengereicht erhält ...
    Nun greift danach eine knöcherne Hand, einer Kutte sich entwickelnd ...
    Lucinde sieht das verfallene Antlitz Klingsohr's, sieht die roten Narben
auf den blassen Wangen, das kurzgelockte rötliche Haar, die fast endlose Stirn,
die Tonsur ...
    Sie hat ihre Sammetmütze in der einen, den Regenschirm in der andern Hand
... Auf dem von der Luft und der Eile geröteten Antlitz liegen die dunkeln
Flechten ihrer Haare dicht zusammengebunden. Ihr Hals ist von einem roten Tuch
umschlungen. Unter der hellblauen Blouse ist sie mit einem groben, aber neuen
Tuchkittel bekleidet; ihre Beinkleider sind trotz der Jahreszeit neuleinene;
darunter hat sie sich sorglich vor Erkältung gesichert. Die Füsse sind mit
Halbstiefeln bekleidet. Ihr Wuchs entspricht dem eines sechzehnjährigen
Jünglings, ihre Züge sind in der Tat männlich. Wäre nicht die Beweglichkeit,
die Unruhe und Aufregung der Haltung gewesen, man hätte an den äussern Eindruck
glauben dürfen.
    Die Censurstriche des Assessors von Enckefuss erkannte sonst Klingsohr
sogleich an der roten Dinte. Heute entdeckte er nichts und entzifferte nur eine
etwaige Botschaft Veilchen's ...
    Sie schrieb ihm in der Tat:
    Ueberbringer ist - Fräulein - Lucinde Schwarz -
    Das Blatt entsank seinen Händen ... Er sprang auf und starrte wie vor einem
Geiste ... Er ergriff die Lampe und leuchtete Lucinden entgegen und diese
erleichterte die Erkennung, indem sie kurzweg sprach:
    Klingsohr! Sie sehen, welches Opfer ich Ihnen bringe! Ich habe von Ihrer
Gefangenschaft, Ihrem Seelenschmerz, Ihrem Körperleiden gehört, von Ihrer
Sehnsucht nach dem Kloster zurück! Können Sie es möglich machen, dass Sie diesen
Ort verlassen, so soll von morgen in der Frühe an unausgesetzt bis Abends ein
Wagen dort drüben in der Allee halten, um Sie aufzunehmen, Mittags ausgenommen,
wo die Pferde zu wechseln haben!
    Es waren dies Ergebnisse eines Briefes an Nück und eines Besuches des Herrn
Maria bei ihr ... Sie sprach diese Worte wie eine soldatische Meldung.
    Klingsohr stand nur und hielt sich am Tische, hörte nur, betrachtete nur den
schönen Knaben ... Das, was er allein begriff, war die Anrede nicht mehr mit dem
alten »Du« ...
    Auf einen Sessel, Lucinden dicht zur Seite, musste er sich niederlassen ...
seine Schwäche übermannte ihn ... eine schmerzliche Lebenslage ohnehin, wenn
sich Menschen, die in so naher Beziehung standen, wiedersehen, das Band, das sie
einst vereinte, gelockert finden, das Wort, das einst so warm gesprochen, kalt,
die Vergangenheit ausgelöscht von einer neuen, inhaltreichern, und -
berechtigtern Gegenwart! Wenn dann auch Klingsohr die alte Zärtlichkeit der
Empfindung nur im Zittern seiner Stimme verraten wollte - er war ein Mönch ...
    Lucinde empfand mehr Abneigung als Rührung.
    Glücklicherweise hatte sie Eile und konnte damit ihre Grausamkeit verdecken
...
    Klingsohr! fuhr sie fort. Man muss mit Ihnen Mitleid haben! Einflussreiche
Leute gibt es, die Ihnen wohlwollen, Ihren Geist schätzen! Wie konnten Sie
gerade diesen Orden wählen, der Ihnen eine völlige Entsagung vorschreibt, Ihnen
nichts mehr zu sein oder zu werden erlaubt?
    Klingsohr überlegte von dem Gesagten nichts. Er horchte nur der so
wohlgeordneten Rede und dachte: Bist du denn das Mädchen vom Düsternbrook, von
den beiden Apfelblütenzweigen, vom Fest der Dämonen in jener Nacht, du, die
Mondscheinwandlerin am Alsterufer, die Reiterin am Busen der Baltischen See?
    Eine schreckliche Last, die auf Ihnen liegen muss! fuhr sie fort. Ich
verstehe Ihren ganzen Lebensüberdruss -
    Seit unserm Abschied in Lüneburg! hauchte er endlich tonlos ...
    Auch Lucinde horchte seinem jetzigen Redeton ...
    Noch immer, weisst du, hab' ich die Hand der Serlo'-schen Kinder in der
meinen! sagte er leise. Vor einigen Monaten sah ich sie hier wie Marionetten
springen!
    Lucinde wollte den Uebergang in elegische Töne, die Klingsohrn, wie sie
hörte, noch immer zu Gebote standen, hindern ...
    Dennoch begann sie vom Vergangenen, wenn auch im kühlsten Tone:
    Ich habe mich oft gefragt, Klingsohr, was Sie damals wohl bewegen konnte, so
den Kronsyndikus zu schonen!
    Schenkte er mir nicht Lucinden? ...
    Klingsohr sprach dies in der zarten Dämpfung, die ihm eigen war, wenn er
Stellen aus eigenen oder fremden Dichtungen sprach ...
    Das ist es nicht allein! sagte sie. Steht Ihnen Ihre Mutter immer noch so
rein und unbefleckt, wie damals vor Augen?
    Derselbe Engel! ...
    Das Gespräch schien nun so in der Erörterung der Vergangenheit fortgehen zu
können, aber plötzlich trat Lucinde ans Fenster ...
    Es hatte geklingelt ... Draussen fuhr schneidend der Wind, rissen die Hunde
an der Kette ...
    Ich muss eilen! brach sie mit einem ängstlichen Blick auf das
feuchtbeschlagene Fenster ab ... Also, was sag' ich Ihren Freunden? Wohin wollen
Sie fliehen?
    Drei Worte nur und dann - in den Tod! rief Klingsohr, faltete die Hände und
hielt sie empor, wie für sich betend ...
    Lucinde entsetzte sich über diese Geberde ...
    Die Hauspforte hatte einen heimkehrenden Bewohner eingelassen ... Sie liess
sich beruhigter auf einen harten Sessel nieder ...
    Lucinde! rief Klingsohr voll Feuer ...
    Vom Kronsyndikus sprechen Sie! lenkte sie auf Mässigung zurück ...
    Warum ich den Kronsyndikus schonte? sprach Klingsohr sich sammelnd. Sieh,
Lucinde, hier in meinen »Stufenbriefen vom Kalvarienberge des Lebens« steht:
»Gerechtigkeitübt sich nur im Kampfe gegen sein eigenes Ich! Wer zu dem
erhabenen Bau der Pyramiden voll Bewunderung emporblicken will, muss der blutigen
Geissel nicht achten, die einst die im Sonnenbrand verschmachtenden Völker zwang
sie zu bauen! Wie erstirbt in den Gemütern immermehr jener Geschichtssinn, der
das Erbe der Vorvordern nur mit der Absicht antritt, es ebenso den Enkeln zu
hinterlassen! Voll Andacht betrittst du die Stelle, wo einst ein grosser Mann
atmete; bewunderst den Federzug, den eine Hand führte, die wir mit schauerndem
Entsetzen so gleichsam lebendig sehen, die Hand, die Reiche stürzte,
Schlachtenpläne schrieb! Um wie viel denkwürdiger ist der Griffel Klio's, sind
die Runen, in denen Saturn schreibt -« ... Doch, lies das selbst, unterbrach er
seine Feierlichkeit, sank auf seinen Sessel und hauchte leise: Ich werde nicht
allem Worte geben können, was damals mein Inneres durchschnitt! Auf der einen
Seite die Leiche eines Vaters, auf der andern ein Mörder, von Angst und Reue
gefoltert! Haargesträubt sass der Freiherr mir gegenüber, bekannte die
Uebereilung. Im Wortwechsel am Düsternbrook war ihm die Hand an den Hirschfänger
geraten; der Vater wandte sich zum Suchen eines Steins oder Holzes als
Gegenwehr; die Waffe fuhr aus, fuhr in die unbeschützteste Stelle am
Nackenwirbel, dahin, wo jede Verwundung tödlich ist. Der Zorn des Feindes war
mit dem strömenden Blute verraucht; die Erinnerung der Freundschaft sogar stieg
in dem zum Tod entsetzten Freiherrn wieder auf. Die Wildheit seines Wesens - was
ist sie denn? Ein Übermass der Selbstwertschätzung dieser Naturen. Sie kennen
ihr menschliches Mass so gut wie andere. Soll ich's sagen? Ich empfand Mitleid
mit ihm. Mehr noch! Ich nahm Partei. Ruchlos mag es erscheinen - Meine erste
wissenschaftliche Arbeit war eine Betrachtung über die Politik der Bienen. Wir
sollen dem Geiste leben, auch dem Geiste in der Natur; aber schon die Natur hat
nicht alles gleichgestellt. Ich liebe die alte Regelung der Geschichte, liebe
die Stände, liebe die Unterschiede, die die Modephilosophie ausgleichen will.
Spinoza, ihr erster Tonangeber, löste, was bunt und farbig im Leben blüht, in
aschgraue Einerleiheit auf, die er die Substanz oder Gott nennt. Schon Kant aber
lehrte uns, auf unser Ich und das innere Gebot zu lauschen. Wie viel mehr ein
Glaube, wie der - unsere! Die Persönlichkeit, die sich in der Geschichte
austrägt, ist mein Gesetz! Verblendet von deinem Bilde, bestochen vom Glanz der
Versprechungen des Kronsyndikus, befangen durch seltsame Märchen, die von meiner
Mutter gehen, dazu der Gedanke: Das ein Enkel Wittekind's? Der Gedanke: Wollte
Gott, es ginge gross noch und hochherrlich und in jedem Sinn hochfreiherrlich her
im bureaukratisch geknechteten Vaterland! Ich beweinte meinen Vater, beweinte
mich; was konnte es helfen, dass ihm der Kronsyndikus Ehre und Freiheit zur Sühne
brachte! Des Freiherrn Schuld wuchs mir zur tragischen. Wenn ich auch zagte,
wenn ich auch das Herrscherwort des Gewissens hörte - nenne so diesen dürren
Kantischen königsberger Imperativ - wenn ich auch im kleinen Schacher und Handel
mit dem Schicksal, im Versteckspiel mit der Entlastung der Brust mir den
Streifen Tuch, der von des Freiherrn Jagdrock abgerissen, zu bewahren
vorbehielt, ich mochte die weltliche Justiz nicht zur Siegerin machen über
Poesie ... Lucinde, das ist aber mein Leiden! Ich will den Göttern ein
gigantisches Schicksal abtrotzen und dennoch - musst' ich Jérôme tödten, dennoch
musst' ich dich verlieren, dennoch musst' ich -
    Lucinde unterbrach seine gesteigerte Aufregung. Aufs neue erschreckt sprang
sie ans Fenster ... Der Wind jagte durch die Bäume und liess den schrillen Ton
der Laternen pfeifen, die an ihren eisernen Haltern hin- und herschwankten ...
Auf dem Gange rauschte es dahin daher mit schwerem Fusstritt ... Auch Klingsohr
horchte auf ... Denn deutlich wurde die Stimme Kratzer's vernehmbar, der dem
rumorenden Knechte zurief:
    Ist denn der Bursch noch immer oben?
    Klingsohr! sprudelte Lucinde in mächtigster Erregung auf und ihr Ton nahm
vor Angst eine grössere Wärme an ... Ein Wort! Ich, ich verstehe gewiss Ihren
Uebertritt! Jagte mich denn nicht selbst das Schicksal und hetzte mich so lange,
so furchtbar, bis ich -
    Lucinde! jauchzte Klingsohr auf und hob die beiden halbnackten Arme aus
seiner braunen Kutte ihr entgegen ...
    Beide Convertiten hatten vielleicht nie so die Kraft ihres neuen
Bekenntnisses gefühlt, so im Vergessen ihrer Gewissensbisse wieder sich riesig
erstarkt gefühlt ...
    Aber Lucinde gewann eher die Besinnung und die kalte Erwägung, als Klingsohr
...
    Doch warum dieser Orden? fuhr sie fort. Warum dieses Gewand der Busse und
Entsagung? Das ist ja deine unglückliche Natur, dass du jedem Ding, das dein
eigen geworden, sogleich die andere Seite abgewinnst! Erkennst du die schönste
Lage, in der du dich befindest, zu tief, so quälen dich schon ihre Mängel! Immer
gefiel dir die Sache, die du selber triebst, aber sie misfiel dir, wenn du sie
auch unter den Händen anderer sahest! ... Ist der Beruf eines Bettelmönchs deiner
würdig? Kannst du so deine Tat eines Vatermordes - denn Hehler wie Stehler! -
vergessen? So diese Tat sühnen? ... Lehne den Vorwurf nicht ab! Auch mich
beschuldigen oft desselben Verbrechens die gespenstischen Schatten von Vater und
Geschwistern. Trotze jedoch unserm Menschenloose! Bleibe gross! Ringe dich höher
und höher! Flieh nach Belgien! Nach Lüttich! Deine Gönner bieten dir die Hand!
Kannst du dies Haus verlassen, der Wagen führt dich, wohin du willst! Werde
Jesuit ...
    Klingsohr hatte sich erhoben, ging mit seinen Sandalen zwar unhörbar auf und
nieder - aber die schöne, mutige, beredsame Sprecherin hatte ihn in Flammen
versetzt ... Im Begriff war er, sie an sich zu reissen und mit seinen Küssen zu
bedecken ... Zu ihren Füssen mochte er sich werfen, die schlanke Gestalt
umschlingen ...
    Lucinde ahnte diesen sich mehrenden Sturm seines Innern, deutete, um ihn
durch Vorsicht zu beschwichtigen, auf einen anrollenden Wagen und fuhr fort:
    Ich finde dich ganz so, wie Serlo dich beurteilte! Du glaubtest, sagte
dieser seltene Mensch, andere zu beherrschen und wärst der Sklave nur derer, die
dich bewundern! Ohne den Wind, den du selber um dich her machtest, wärst du
sogleich auf dem Sande! Stürme glaubtest du zu beschwören, die die Welt
erschüttern, und du wärst doch nur der Mann des Sturms im Glase Wasser! Kleine
Huldigungen könnten dir zur Abschlagzahlung für die grössten Erwartungen dienen,
in denen du dich täuschen liessest! Wahre Erfolge wärst du so wenig gewohnt, dass
man dich mit Kupfer statt mit Gold befriedigen könnte!
    Nein! rief Klingsohr wild und ergriff einen Riegel des Fensters, als könnte
er diesen vom Holze reissen vor beleidigtem Ehrgefühl ...
    Nimm von mir die Lehre, fuhr Lucinde lächelnd fort, die sich auf die
bitterste Erfahrung auch meines Lebens begründet, dass wir zu Grunde gehen, wenn
wir uns kein Ziel mehr stecken! Im Kloster könntest du zwei Ziele haben:
Priester zu werden, du bist es nicht, dann ein Heiliger! Beides aber wird deiner
Natur mislingen. Tritt aus diesem Cirkel, in dem du lebst, heraus! Geh nach
Belgien! Unterwirf dich den Strafen und Bussen, die man anfangs über dich
verhängen wird! Bei der Beurteilung des Dranges, der dich trieb, deinen
Ueberzeugungen mehr zu nützen, als du im Kloster Himmelpfort vermöchtest, wird
man etwas deinem Geiste Natürliches in dieser Flucht finden und dir in Rom
Verzeihung erwirken!
    Für Klingsohr war schon Melodie, sich so von Lucinden nur das alles
gesprochen zu vergegenwärtigen. Dann aber auch regte sich sein Ehrgeiz. Längst
schon zwang man ihn, sich aufzugeben. Und nun sollte er von ihr, von ihr wieder
neu aus den Trümmern seines Lebens zu einem »Titanengebilde« zusammengestellt
werden, von ihr, deren Hand einst dies Bild zuerst zerschlagen hatte? Gönnte sie
denn der Kirche wirklich, forschte sein trunkener Blick, einen Streiter wie ihn?
Hatte sie noch so viel Teilnahme, dass sie ihm in seinem Jammer beistand und die
Verwertung seiner Fähigkeiten erleichterte? Klingsohr glaubte in der Tat nur
aus ihrem Munde die Sprache eines Philosophen zu hören, der alles in der Welt an
seinem rechten Platze wünschte, keine Fähigkeit unbenutzt, jede Bestimmung der
Natur von den Umständen eingeholt. Bei der fernern Besprechung des von ihr
vorgeschlagenen Planes bewunderte er die gereifte Einsicht eines Mädchens,
dessen Entwickelung er selbst gefördert, zu solcher Höhe des Charakters bildsam
sich nimmermehr vorgestellt hatte. Schon war er gefangen von ihren Vorschlägen,
überredet von den Erleichterungen ihrer Ausführung, geblendet von den Mitteln,
die ihr in unbegrenzter Anzahl zu Gebote zu stehen schienen ... Er versprach es,
sich aufzuraffen ... Morgen in erster Frühe sollte ihm der Druckerbursche
Kleider bringen ... In der Abenddämmerung wie jetzt wollte er entschlossen auf
das Hoftor zugehen, den Schlüssel, der von innen steckte, umwenden, und noch
ehe man ihm nachsah, versicherte er, dass der Wagen ihn schon aufgenommen und
entführt haben könnte ... Diese Verständigung war, als wenn ein in Schutt
begrabener Brand durch den Hinzutritt von Luft sich aufs neue entzündet. Die
Flammen der Jugend schlugen empor, alle Wahngebilde der Selbsttäuschung
wirbelten in flockigen Feuerzungen ... Ich dich lassen! rief er wie einst. Ich
dich nicht wiedersehen, Lucinde! Mein Geschick ist und bleibt, zu sterben am
gebrochenen Herzen durch deine Untreue, deine Falschheit, deine Lüge -
Himmelsbote, vergib, dass ist dich lästere! Lucinde! Lucinde! Liebst du wirklich
jetzt -
    Sie entwand sich seiner Frage, seiner Berührung ...
    Nur den Saum deines Kleides lass mir! Ganymed! Götterknabe! Bist ja nur -
mein Bruder! ... Ach Lucinde! Zu wissen, dass dein Herz, deine Liebe einem
andern, einem Mann gehört, der die Himmel deines Besitzes nicht ahnt -
verschmäht wohl gar -?
    Plötzlich unterbrach Lucinde seine ihr tief schmerzliche und teilnehmende
Rede ...
    Es war ihr eben gewesen, wie wenn mit einem Eisenstab an die Torpforte
geklopft wurde ... Dann klingelte es heftig ...
    Sie sprang auf und sah in den Hof hinunter ...
    Jemand leuchtete mit einer Laterne im Hofe Ankommenden entgegen ... Statt
eines traten zwei Männer herein. Die Torpforte blieb offen ...
    Wer kommt da? fragte Lucinde, schon erstarrt, den gleichfalls völlig
Besinnungslosen ...
    Ihre Worte erstickten im Schrecken vor dem Zurückspringen eines scheuen
Pferdes und dem Hören eines metallenen Klanges, der von einer Waffe zu kommen
schien ...
    Auch eine geschlossene Chaise liess sich aus der spärlich erhellten
Dunkelheit als draussen vorgefahren erkennen ...
    Wem gilt das? fragte Lucinde ...
    Klingsohr wollte das Fenster öffnen ... Sich langsam sammelnd sprach er vom
andern Flügel des Hauses, in den man vielleicht einen wahnwitzigen Priester
brächte oder aus dem man den, der das Haus schon lange beunruhigte, abholte ...
    Dem Joseph war unten die Laterne ausgegangen und hellauf gellten die ihm von
Kratzern über seine Ungeschicklichkeit gemachten Vorwürfe. Frau Hanne wurde
gerufen und im selben Augenblick, wo gerade einer der Bewohner des Hauses
heimkehrend durch die offene Pforte eintreten wollte, sprengte der Reiter ihm in
den Weg und fragte nach seiner Befugnis, hier einzutreten ...
    Es war ein Gensdarm ...
    Was wird?! fragte Lucinde verzweifelnd und die Worte: Wenn ich entdeckt
würde! erstarben schon auf ihren Lippen ... trotzdem, dass sie auf mögliche
Entdeckung vorbereitet und auf alles gefasst gekommen war ...
    Klingsohr beruhigte sie und horchte ... Die beiden Civilisten hatten mit
Kratzer schon den Mittelbau betreten. Schon hörte man sie auf der Stiege reden,
ohne dass durch die langen Corridore der Inhalt ihrer Worte verständlich werden
konnte ...
    Mich hier treffen - mich erkennen! Nimmermehr! rief Lucinde. Auf ewig wär'
ich verloren!
    Alle ihre Fassung war hin ... Schon hatte sie die Tür ergriffen und sogar
ihren Regenschirm wie zum Schutz in der Hand ...
    Man geht drüben hinüber! beruhigte Klingsohr, der sich in die Störung nicht
finden konnte ... Oder geh', geh'! sprach er ihr nach, da sie schon ging. Man
wird dich durchlassen. Hier nimm die Papiere! Mut! Mut! Morgen geh' ich nach
Belgien! Wir sehen uns wieder!
    Lucinde stand plötzlich, einer Ohnmacht nahe ...
    Lucinde! Hast du mich nicht neu belebt? Und du willst zagen? Höre ruhig! Was
du mir rätst, ist nichts Kleines. Ich werde ein Verräter an meinem Orden! Ich
büsse drei neue furchtbare Jahre meines Lebens! Man wird mich in Kerker und
Peinen der entsetzlichsten Art werfen! Ich kenne, was ein Flüchtling aus einem
Orden in einen andern zu bestehen hat! ...
    Lucinde hörte nicht mehr ...
    Nummer Sechzehn? sprach sie nach aussen das Ohr spitzend einem Worte nach,
das sie gehört zu haben schien ...
    Mechanisch sprang sie an die Seitentür, die zu Klingsohr's Schlafcabinet
führte ...
    Klingsohr konnte sie nicht halten und in der Tat - schon nahten sich die
Schritte der Ankömmlinge und schienen wirklich nur seine Tür zu suchen ...
    Instinctmässig drückte Lucinde die Kammertür an und tastete im Dunkel nach
dem Ausgange, der gleichfalls auf den Corridor führte. In demselben Augenblick,
wo sie bei Klingsohr eintreten hörte und voll Furcht nach der Tür griff, um
nach einem Schlüssel zu fühlen, schloss sie auch schon, da sie einen Schlüssel
vorfand, leise auf, drückte die Klinke nieder und wollte davonhuschend sich
entfernen ...
    Beim ersten Schritt aber, den sie hinaus tat, sah sie einige Schritte
weiter den zurückgebliebenen Kratzer mit dem zweiten der Angekommenen, in dem
sie sofort an seiner Montur einen Commissär der Polizei erkannte ...
    Belebte sich auch ihr Mut, jetzt an dem Castellan vorüberzugehen und
trotzig das Freie zu gewinnen, so entschwand er im selben Momente. Wie der Blitz
trat sie zurück, als sich die Tür bei Klingsohr geöffnet hatte und nun auch
Kratzer von einem Manne mit hereingerufen wurde, den sie sofort aus Kocher am
Fall und von ihrer Reise dortin erkannte, dem Assessor von Enckefuss. Nun würde
sie der Commissär sicher nicht haben ungefragt vorübergehen lassen. Auch stand
ihr noch jener am Tor wachende Gensdarm mit dem Anspringen seines Rosses vor
Augen ...
    Bebend hielt sie den Türdrücker in der Hand und lauschte der geöffnet
gebliebenen Nebentür, wo sich eine lebhafte Erörterung entspann, die jeden
Augenblick durch das Eintreten des Assessors auch zu ihr konnte unterbrochen
werden. Ihre Lage war so verzweifelt, dass sie sich mit unwillkürlicher
Ideenverbindung in ihren schrecklichsten Lebensmoment zurückversetzt fühlte,
den, wo sie einst bei den Worten: »Johanna geht, und nimmer kehrt sie wieder!«
den höhnischen Beifall eines versammelten Publikums vernahm ...
    Mit den lauten und absichtlich betonten Worten: Das Gepäck eines
Bettelmönchs, meine Herren, ist leicht! trat Klingsohr der Tür näher, gleichsam
um zu verhüten, dass man die Kammer betrat ...
    Man verhaftet ihn! sagte sie sich zitternd ... Er muss den Wagen besteigen
...
    Mit dieser schneller gedachten, als sich selbst ausgesprochenen Vermutung,
hatte Lucinde den Mut - oder die Furcht, die Türklinke noch einmal leise
niederzudrücken und auf den Corridor mit einem hurtigen Blick hinauszuspähen. Im
selben Moment kam Joseph mit der neu angezündeten Laterne. Der Commissär wandte
ihm das Antlitz zu, ging ihm sogar einige Schritte entgegen. Nun hielt sie keine
Besorgnis zurück. Mit einem einzigen Sprunge war sie aus dem Zimmer, huschte den
Gang hinunter, tiefer in die vom sich annähernden Lichtstrahl nicht getroffene
Dunkelheit hinein und hielt sich augenblicklich, ohne das Geräusch, das sie bei
alledem hatte machen müssen, fortzusetzen, in der Türböschung einer der andern
Zellen ...
    Fest angedrückt harrte sie der Dinge, die kommen würden.
 
                                      11.
Im Leben der Seele ist es eine eigene Erfahrung, dass sie in Momenten ihrer
höchsten Anstrengung Erleuchtungen wunderbarer Art erlebt.
    Wie vorhin Lucinde in schwindelnder Angst das Lachen eines Teaters hörte,
wie hundert Vorstellungen vom Schicksal Klingsohr's, dem zerstörten Plane seiner
Flucht, ihrer eigenen Gefahr, dem nun gewissen neuen Herabsturz von der Höhe,
auf der sich ihr Lebensschicksal befand, ja der sofortigen Gewissheit, ein Opfer
Nück's zu werden, ihr Inneres fiebernd durchliefen, sah sie plötzlich nichts
weiter vor sich, als den Tag, wo sie im vorigen Jahre den St.-Wolfgangberg
hinauffuhr, die Stunde und den Moment, wo der Knecht aus dem Weissen Ross am Fuss
der Maximinuskapelle vor ihr herging und lauernd von dem Begräbnis des alten
Mevissen in St.-Wolfgang sprach.
    Denn als sie aus der Tür auf den Corridor hinausgespäht hatte, fiel gerade
der Schein der von dem Knecht hochgehaltenen neu wieder angezündeten Laterne so
grell auf seine Züge, dass sie im Moment des Hinausschlüpfens sich sagte: Das ist
ja jener Knecht, der den Sarg erbrochen hat! ... Ebenso schnell wusste sie den
Namen Bickert und ebenso schnell baute sie auf diese Entdeckung, deren
Wahrscheinlichkeit wuchs, einen Plan der Rettung.
    Noch schien man, mit der Verhaftung Klingsohr's beschäftigt, ihrer nicht
wieder gedacht zu haben. Von Secunde zu Secunde, wo sie es wagen zu dürfen
glaubte, machte sie einige Schritte weiter zu einer nächsten Tür, an die sie
sich andrückte. Glücklicherweise waren diese Zimmer ohne Bewohner. So lebendig
es auch inzwischen im ganzen Professhause geworden war, so zahlreich am
entgegengesetzten andern Ende des Corridors Neugierige aus den Zellen kamen und
einer gewaltsamen Abführung des Paters Sebastus mit Staunen zusahn, in ihrer
nächsten Umgebung blieb es still. Schon war sie an einer Stiege angekommen, die
einen Stock höher ins Dach, hinunter ins Erdgeschoss führte ...
    Eben zögert sie, ob sie den letztern Weg wählen soll oder nicht, eben sieht
sie Klingsohrn aus seinem Zimmer schreiten, barfuss, barhaupt, ohne andere Habe,
als die Kratzer, in ein Bündel zusammengelegt, hinter ihm herträgt; da scheint
plötzlich die ganze Aufmerksamkeit von fünf Menschen zu gleicher Zeit auf die
Erinnerung an sie allein gerichtet zu sein ...
    Das Herausschreiten aus der Zelle Nr. 16 war nun schon ein Suchen nach ihr
...
    Die Worte: Noch ein Bursche war da? Wo? Wann? Noch eben hier? Niemand ist
doch hinausgegangen! schollen durcheinander. Das Offenstehen der zweiten Tür
wurde ebenso schnell als Zeichen heimlicher Entfernung erkannt und nun war sie
schon mit behendem Fuss die abwärts führende Treppe hinunter ...
    Die nachkommenden Schritte, das Suchen der Rufenden hörte sie, als drohte
ein Welteinsturz ... Herr von Enckefuss gebot mit lauter Stimme, alle Ausgänge zu
besetzen ... Ihr klang es wie Todesurteil. Der Commissär fing an, rasch
nacheinander alle Klinken der oben liegenden Zellen niederzudrücken ... Wie ein
laufendes Gewehrfeuer klang es ... Kratzer's Ehre war im Spiel. Klingsohr hatte
versichert, dass der Bursche nicht mehr bei ihm war.
    Lucinde lag an die Mauer gelehnt. Ein kalter Schweiss trat auf ihre Stirn ...
Die Stiege brachte sie offenbar vollends ins Verderben, denn unten war der Raum
abgeschlossen. Die einzige Tür, die in ein Souterrain führte, wich keiner der
Anstrengungen, die sie machte, sie zu öffnen. Sie musste zurück, musste ihren
Verfolgern in die Hände fallen ...
    Schon hörte sie Schritte und mit Verzweiflung warf sie sich wieder auf die
Vorstellung: Käme jetzt der Knecht! Wär' es wirklich jener Bickert! Könnte,
müsste er dich nicht retten? ... Er trägt die Schlüssel! Ich höre sie klirren!
Oeffneten sie vielleicht diese Tür? ...
    So stand sie mit glühenden Augen, krampfte sich mit der einen Hand an die
Lehne der Treppe und blickte von der untersten Stufe empor, um, wenn wirklich
der Knecht kommen sollte, ihn mit der andern festzuhalten. War er es, schaffte
er nicht Hülfe, so riss sie ihn mit ins Verderben ...
    Ja, die groben Fusstritte des Knechts waren es, die immer näher kamen... Er
fluchte und tobte laut, lachte, schien seine Dienstbereitwilligkeit im
allerglänzendsten Lichte zeigen zu wollen...
    Lucinde kämpfte vor Spannung und Furcht gegen ein Ohnmächtigwerden...
    Geh' nach unten! rief Kratzer... Hanne! Hanne... Ich suche oben! Licht!
    Auch die Hanne antwortete mit einer lauten Lache...
    Der Commissär versicherte dazwischen, seinen Augen trauen zu dürfen... er
hätte Niemanden hinausgehen sehen... Glücklicherweise klang diese Stimme noch
ziemlich entfernt...
    Nahe aber, ganz nahe sprach in dem landesüblichen, fast künstlich betonten
und Lucinden nicht geläufigen Dialekt der Knecht des Professhauses fortwährend
durcheinander. Sie verstand nur: Hier vielleicht! Da! Im Ratzenfange!... Dann
tappte Jemand die Treppe niederwärts und ringsum verbreitete sich ein
Lichtschimmer...
    Lucinde liess, jetzt sich ergebend, den Feind näher kommen, immer näher...
sie machte sogar ein leises Geräusch, nur um ihn vollends niederwärts zu locken.
Auf diese Art brachte sie ihn dicht an die verschlossene Kellertür.
    Wie er jetzt triumphirend vor ihr stand, jauchzte ihr Herz auf, es war ihr
kein Zweifel mehr: Es war der Leichenräuber! Derselbe halb verschmitzte, halb
stumpfsinnige Ausdruck des Antlitzes! Dieselben lauernden Mienen, wie damals
unter dem Nussbaum, als Bonaventura die Grabrede sprach!
    Ha, ha, ha! lachte der Ankömmling grell auf...
    Aber mit dem Rufe: Bickert! sprang sie dem sich zu einem Triumphgeschrei,
das alle herbeilocken sollte, eben Anschickenden entgegen...
    Da hielt der Mensch inne... Schon der Anruf seines Namens entsetzte ihn...
    Dieb! Leichenräuber! Kennt Ihr mich nicht mehr aus St.-Wolfgang? fuhr sie
mit tonloser, aber energischer Stimme fort...
    Der Verbrecher taumelte zurück... Er erkannte auch die Verkleidung...
    Geht hinauf! fuhr Lucinde mit unterdrückter Stimme, doch fest und bestimmt
fort. Sprecht, hier wär' ich nicht! Oder ich rufe laut Euern Namen, Euer
Verbrechen! Ich reiss' Euch mit ins Verderben! Fort!
    Der Mensch taumelte wie angedonnert zurück und stammelte helllaut hinaus ein
wiederholtes:
    Da - ist - niemand! Da nicht - da ist niemand -
    Nun hörte man die Stimme des Assessors, hinter ihm den Ruf des Commissärs:
    Ist denn also unten ein Ausgang?
    Bewusstlos halb vor Freude, halb vor erneuter Furcht sank Lucinde an die
Kellertür und halb auf den Fussboden zurück. Sie wusste nicht mehr, wo sich
halten...
    So lag sie einige Secunden...
    Dass dann Schlüssel rasselten, hörte sie... dass eine Tür aufflog, dass sie
plötzlich von tiefster Finsternis umgeben war, dass sie die eine Hand
ausstreckte, um sich zu halten und nur die Tür wieder fasste, die ebenso schnell
wieder zugedrückt und geschlossen wurde... alles das war ein einziger
bewusstloser Augenblick. Erst das Gefühl, der nächsten Gefahr entronnen zu sein,
rief ihr die entschwundenen Lebensgeister zurück. Sie hätte aufjubeln mögen vor
Freude, aber auch sich ausweinen in Tränenströmen vor Jammer der Seele, von den
Torheiten ihres Herzens getrieben, sich in solche Lagen gewagt zu haben ...
    Rings um sie her blieb alles dunkel und still ...
    Eine dumpfe, feuchte Luft wehte sie aus der Tiefe an ...
    Bei einigen Schritten, die sie, sich langsam erhebend und behutsam tastend,
versuchte, bemerkte sie, dass sie sich beim Anfang niederwärts gehender
steinerner Stufen befand ...
    Dass sie vor der nächsten Gefahr, in ihrer Verkleidung erkannt zu werden,
jetzt geborgen war, schien ihr bei der Verschmitzheit Bickert's fast gewiss zu
sein.
    Wie aber, wenn sie nur der einen Gefahr entronnen war, um einer andern
entgegenzugehen? ... So in diesem Dunkel und im Beginn jener unterirdischen
Gänge, von denen sie so oft gehört hatte, kam sie durch eine nahe liegende
Gedankenverbindung auf die Vorstellung des Lebendigbegrabenwerdens. Sie sah sich
selbst in jenen Leichentüchern, die einst ein Räuber entweihte, den gerade ihre
wühlerische und unruhige Phantasie verführt hatte, in ihnen Schätze zu suchen.
Wie, wenn sie der Verbrecher, der die Entdeckung fürchtete, aus Rache,
mindestens aus Furcht nicht mehr ins Leben zurückliess? Wenn sie ohnmächtig und
vergeblich an dieser Tür rütteln müsste? Wenn sie hier den Tod der Verzweiflung
sterben sollte, schon am Ende ihrer - die dunkelste Zukunft ihr schon immer zu
bergen scheinenden Lebensbahn?
    Eine Gefahr des Augenblicks konnte Lucinden ganz beherrschen, wie jedes
andere zagende Weib. Hatte sie aber Zeit, sich erst auf eine Gefahr zu rüsten,
so lag völliges Verzweifeln nicht mehr in ihrer Natur. Auch gleich das
Schlimmste festzuhalten war nicht auf die Länge ihre Art, wenn auch sogleich im
ersten Schrecken höhnisch alle Dämonen sie anlachten, die im Benehmen der
Menschen gegen uns und noch mehr in den Situationen, namentlich für die, die
nicht das beste Gewissen haben, liegen können. Sie malte sich aus, was draussen
geschah. Man wird mich vergebens suchen, die Polizei entfernt sich mit
Klingsohrn - das Bellen der Hunde hörte sie - Kratzer wird Befehl erhalten, die
Haussuchung fortzusetzen, Bickert wird meine Entdeckung fürchten und vielleicht
mein Bundesgenosse werden, vielleicht aber auch ...
    Wieder befiel sie Furcht ...
    Unter der Blouse war sie glücklicherweise warm gekleidet. Kühl fühlte sie
sich nur angeweht, so lange sie erhitzt blieb. Ihre Stirn trocknete sich
allmählich, sie gewöhnte sich an die Luft, die sogar über die steinernen Stufen
von unten her wärmer heraufströmte. Schon entdeckte sie, dass man etwa mit acht
Stufen im Beginn eines ausgemauerten Raumes war, der auch noch einen andern
Ausgang haben konnte; denn unten umhertastend fühlte sie wiederum neue Stufen.
Es lag hier jene Öffnung, die in den Hof ging. Ein scharfer Zugwind, der aus
einem entgegengesetzten Winkel kam, schien auf andere Oeffnungen zu deuten.
Vielleicht begannen dort die Gänge, die, wie man sagte, fast unter der ganzen
Stadt hinliefen und in jenen Palast mündeten, in welchem einst die hohen
Kirchenfürsten, als sie noch souverän waren, oft von ihren eigenen Untertanen
belagert wurden. Jetzt waren diese Gänge teilweise verschüttet, doch nicht
ganz. Ein Zusammenhang sollte noch immer z.B. mit dem »steinernen Hause« des
Herrn Maria stattaben, auch hie und da eine Tür sich befinden, die in Kirchen
und geistliche Wohnungen führte.
    Alles das stand gespenstisch vor der Phantasie der ungeduldig Harrenden ...
    Sie stieg die Stufen wieder hinauf, die an die von Bickert verschlossene
Tür führten ...
    Eine halbe Stunde mochte vergangen sein, als sie endlich Geräusch vernahm
... Es waren die Schritte eines Mannes, der sich vorsichtig näherte ... Die Tür
wurde aufgeschlossen ... Auch ohne Licht sah ihr an die Dunkelheit inzwischen
gewöhntes Auge ihren - fraglichen Retter vor sich stehen.
    Eine Weile erst wie prüfend sie anstarrend bedeutete er sie, jedes Geräusch
zu vermeiden ... Im Hause wäre alles im Glauben, sie müsste sich irgendwo
versteckt haben. Wenn sie nicht um Mitternacht, bis wohin er wiederkehren würde,
von einem näher von ihm bezeichneten Fenster an einer Strickleiter
hinuntersteigen wollte, würde sie erst am folgenden Tage entfliehen können, wenn
vielleicht Kratzer ausginge und Frau Hanne in der Küche beschäftigt wäre. Das
Haustor wäre bis dahin heute verriegelt und der Schlüssel von Kratzern selbst
schon abgezogen worden ... Ein Steigen über die Mauer war der wachsamen Hunde
wegen nicht möglich ...
    Nimmermehr! rief Lucinde. Ich muss fort! Fort! Sogleich!
    Sie erbebte bei dem Gedanken, wie sie ihr Ausbleiben im Kattendyk'schen
Hause entschuldigen sollte ...
    Bickert, der plötzlich eine ganz andere, auffallenderweise mit französischen
Brocken gemischte Sprache redete, als vorhin und als sie auch auf dem
St.-Wolfgangberg von ihm gehört zu haben sich erinnerte, Bickert erklärte, dann
wäre kein anderer Ausweg möglich, als hier durch die unterirdischen Gänge ...
Die Schlüssel hätte er, sagte er ... Wollte sie, so könnte er sie an die nächste
Öffnung führen, durch die sie vielleicht ins Freie käme ... Mais - nun wandte
er sich mit einer drohenden Geberde, ergriff ihren Arm und sah ihr mit
aufgerissenen Augen ins bleiche Antlitz ...
    Seid ruhig! antwortete sie. Rettet mich und ich schwöre Euch
Verschwiegenheit! ... Dann wiederholte sie, wie sehr sie Eile hätte ...
Schaudernd blickte sie in die Tiefe, die sie wie ein Grab anstarrte ...
    Fürchten Sie sich nicht! wiederholte Bickert. Aber schwören sollen Sie mir
unten am Muttergotteskreuzweg, dass Sie mich nicht denunciren!
    Am Muttergotteskreuzweg? wiederholte Lucinde ...
    In einer guten halben Stunde sollen Sie so gut nass werden, wie jetzt jeder
andere draussen - schon wieder regnet es -
    Lucinde bemerkte erst jetzt, dass sie bei all diesen Momenten des Schreckens
ihr völlig unbewusst sowol den alten Regenschirm, der Veilchen gehörte und leicht
eine Entdeckung hätte herbeiführen können, wie die Druckermappe krampfhaft in
den Händen festgehalten hatte ...
    Bickert wollte wissen, wie sie zu dem Pater käme, und lachte höhnisch und
zweideutig ... Aber bei alledem gingen sie schon vorwärts ... Er voran ...
    Lucinde nahm die Frage nach dem Pater nur insoweit auf, als sie sich
erkundigte, was mit ihm geschehen wäre ...
    Sie haben ihn au collet genommen, sagte Bickert, sie haben ihn in den Wagen
gesetzt, monsieur le commissaire nebenan und so um die Stadt herum! Ich denke,
sie fahren ihn in sein Kloster zurück, von wo er hergekommen. Pst! ...
unterbrach er sich selbst, blieb stehen und horchte auf, als wenn sie gestört
werden könnten ...
    Lucinde hielt sich an der feuchten Mauer ...
    Ich will Ihnen lieber etwas zu soupiren bringen, sagte er nach einer Weile;
und auch einen alten Mantel ... Sie werden Angst kriegen vor - vor - und bleiben
die Nacht lieber hier -
    Wovor Angst? Nimmermehr! hielt ihn Lucinde zurück ... Ich fürchte nichts!
    Bickert untersuchte seine Schlüssel und tastete vorwärts ... Mit einem
Streichhölzchen machte er Licht und zündete eine kleine Laterne an, die er aus
der Tasche zog ... Rings sah man, wie in einem Bergschacht, nur feuchte Wände;
doch konnte man bequem und aufrecht stehen ...
    Inzwischen ging Bickert wieder voran ... Lucinde folgte klopfenden Herzens
...
    Plötzlich hielt er inne und sagte mit fürchterlicher Drohung: Mais -: Wissen
Sie, dass Sie mein Verderben ganz allein gewesen sind?
    Lucinde wich entsetzt zurück ...
    Sie haben mir's in den Kopf gesetzt ... o mon Dieu! Ich war auf einem so
räsonnablen Wege ...
    Fast die Zähne knirschend stand er mit geballter Faust vor ihr ...
    Lucinde blieb starr und sprachlos ...
    Ein Gefühl der Erlösung sprach sich erst in einem laut ihr entschlüpfenden
Ah! aus, als Bickert im Gehen fortfuhr:
    Und das Beste ist, der Pfaffe aus St.-Wolfgang ist hier, und ich komme
neulich in seinen Confessional und sag' ihm alles. Ich selbst! Sapristi!
    Lucinde hörte nur, ohne zu verstehen ...
    Aber ich erhielt mon fait! Ich hatte in Frankreich zwanzig Jahre Galeere!
Warum blieb' ich nicht räsonnabel!
    Lucinde blieb hinter dem entsetzlichen Menschen zurück. Sie überlegte, ob
sie folgen konnte ...
    Courage! Courage! rief er. En avant! Das erste mal hatt' ich auch noch keine
Courage! Die Ratz meinen's besser als sie aussehen! Stossen Sie sich nicht!
Warten Sie! Das Licht brennt méchant!
    Lucinde war ohne Atem. In kurzen fiebernden Schlägen klopfte ihr Herz. Sie
sah, wie Bickert die Gläser seiner Diebslaterne heller putzte ... Und der
Mauerspalt wurde immer enger und enger ...
    Ihrem Pater, au prisonnier, hab' ich auch einmal hier den Weg gezeigt - Wenn
der jetzt wüsste, dass Sie - Figurez vous! Ich beichte dem Pfarrer und habe
versprochen, ihm alles, was ich damals auf dem Kirchhof aus dem halben Geripp
herauswickelte - zu schicken! Qu'avez vous?
    Ein Schrei des Schauders entfuhr - aus doppeltem Anlass - Lucinden ...
    Bickert blieb stehen ...
    War's eine? lachte er ...
    Er meinte eine Ratte ... Schon hörte man ein Huschen und hastiges
Dahinspringen ...
    Worauf tritt man denn hier ewig? fragte Lucinde, wieder über eine andere
Erfahrung erbebend ...
    Der Führer beleuchtete den Boden ...
    Das war gut! sagte er. Da liegen sie! Tous crevés! ... Nehmen Sie nur nichts
mit von dem Biscuit, das hier auf dem Boden liegt! Die dicken Kerle, messieurs
les rats, haben gedacht: Das legen wir noch zurück für ein andermal! Die Ratz
sind hier immer satt ... weil es todte Katzen und Hunde genug hier gibt ...
    Lucinden war es, als atmete sie Gift und Pestauch aus der Luft ... Jetzt
blieben ihre Vorstellungen haften bei dem Gedanken an die »Frau Hauptmännin«, an
Hammaker, an das Schaffot, an Nück's grauenvolle Rede ...
    Die Wanderung durch einen kaum drei Fuss breiten und sechs Fuss hohen Gang
glich in jeder Beziehung dem Besuche eines Bergwerks. Die Wände oben und zur
Seite waren gemauert, aber so feucht, dass sie von Schimmel und Schnecken
bewachsen waren. Der Boden unten war festgetretene Erde, aber schlüpfrig zum
Ausgleiten. An Stellen, wo die Decke eingestürzt war, musste man über die Trümmer
hinweg und den Kopf bücken. Die Luft war schwül und giftig, sodass die Wanderer
sich wohl Mut durften einflössen lassen durch die zuweilen von Mauersteinen
hervorgebrachte Form des Kreuzes, vor dem auch Bickert regelmässig sich verbeugte
...
    Wenn wir nur erst an die grossen Keller kommen, rief er, so haben wir bessere
Luft!
    dabei lärmte und polterte er fort und fort und huschte vor sich hin. Diese
Vorsicht galt den Ratten, die auf die Art vor ihnen hergejagt wurden ...
    Die Ueberzeugung, der Verbrecher vertraute ihrer Verschwiegenheit und hätte
nichts Uebles im Sinn, gab Lucinden Mut und schon nahm sie ihr Erlebnis von
seiner abenteuerlichen Seite. Ihr jedesmaliger Aufschrei, wenn sie auf ein Opfer
des kürzlich gestreuten Giftes trat, wurde beiden schon zur Unterhaltung ...
    Der Gang erweiterte sich und zeigte an einigen Stellen runde, stark
vergitterte Oeffnungen. Eine derselben war so gross, dass man in einen Keller
sehen konnte, in den Bickert hineinleuchtete ...
    Da, sagte er, da möcht' ich manchmal die Eisenstangen ein wenig poliren - er
meinte feilen - Sehen Sie die grossen Fässer! Die gehören Monsieur Moppes. Ich
glaube, sie werden aufgespart für die Gerechten beim Jüngsten Gericht!
    Lucinde kannte Herrn Moppes junior, seinen Humor und seine vortreffliche
Stimme. Noch gestern hatte im Kattendyk'schen Hause sein Genius geleuchtet ...
Welch ein Unterschied der Situation! Gestern sie mit ihm im Salon und heute -
sein Name ihr hier gesprochen unter der Erde! ... Auch des Stephan Lengenich
gedachte sie ... Sie folgte mit beklommenem Atem ...
    Jetzt kamen die Stellen, die schon lange Veranlassung gegeben hatten, diese
Gänge teilweise zu verschütten. Sie kreuzten sich auf eine gefährliche Weise
mit den Kanälen der Stadt. Schon war vorgekommen, dass diese oberhalb sich
hinwegziehenden Rinnen durchgebrochen waren und die tiefer liegenden Gänge
überfluteten. An diesen Stellen befanden sich Stützgerüste und doch rieselte es
von oben herab, ja Bickert sagte, dass man bei grossen Regenwettern bis ans Knie
im Wasser stünde, von dem man dann weder wisse, wo es herkäme, noch wie es
abflösse ...
    Der Weg durch die Stützbalken konnte den Beherztesten erbeben machen. Man
musste sich hindurchzwängen mit Gefahr, eine der Palissaden einzureissen. dabei
waren die Moppes'schen Keller noch nicht zu Ende ...
    Eine Ermutigung lag in dem Anblick einer kleinen uralten Gottesmutter, die
in der Tat an einer Stelle, wo der Gang sich in zwei Teile spaltete, in einer
Mauernische stand. Bickert beleuchtete sie mit der Laterne. Er schien nicht die
Empfindung Stephan Lengenich's zu haben, dass dies alte Steinbild Lucinden glich
... Und doch hatte in einem Punkt der alte Geisterseher Recht ... In dieser
schauerlichen Einsamkeit war der Anblick des wohlerhaltenen alten Steinbildes
wenigstens wirklich, als wenn man ihm Leben hätte zuerkennen müssen. Die Augen,
der Mund, die Stirn unter dem weit über sie hinfallenden Schleier hatten auch
eine gewisse Aehnlichkeit mit Lucinden. Das Kind auf dem Arm der kleinen Figur
schien wie lebendig, ja wie sprechen zu können. Lucinde fühlte selbst, wie
mächtig der Eindruck war, der einen Räuber bestimmte, hier die Mütze abzuziehen,
die Laterne auf den Sims der Nische zu stellen und den steinernen Saum des
Kleides der hier in dunkeln Grabesgrüften wie mit Bewusstsein wachenden Gruppe zu
küssen ...
    Dann bekreuzte er sich und liess Lucinden näher treten ...
    Wenn ich damals auf dem Cimetière in St.-Wolfgang, sagte er, diese hier im
Sarge gefunden hätte, wäre ich schon früher zur Erkenntnis gekommen ... Es ist
mein Fluch, dass ich Bickert heisse, eigentlich Picard, Mademoiselle! Das ist die
alte Chochemfamilie, die ihre Vettern am Galgen hat paradiren sehen, la bonne
famille de Damian Hessel und manchem andern da oben am Hundsrück! Sie haben alle
den Schwur gehabt, nie Blut zu lecken, und doch sind sie durch die Luft und mit
dem grossen französischen Balbiermesser aus der Welt gegangen. Ah! Ah! ... Nun
treiben sich die Enkel und Nachkommen umher, haben sich auch umgetauft, wie mein
Vater selig schon, der mit fünfundzwanzig Jahren travaux davonkam und mich
heilig machen wollte wie einen Kanonikus. Aber es liegt im Blut und erst die da
- sehen Sie, jetzt wird sie sprechen! - Die da sagt mir immer hier unten, wo
mich die alte Jeanette unterbrachte - eine Connaissance von meinem Vater selig -
Picard! Picard! sagt sie, dein Grossvater war zwar ein Jude, aber in deiner
Grossmutter Dina Jakob und Rebekka, ihrer Schwester, war Stolz; beide haben auch
darum, aus Eifersucht und Rache, selbst ihre Männer an den Galgen gebracht. Vom
Grossvater und vom Grossonkel hast du's, dass du noch immer den Hahn nicht krähen
hören kannst, ohne an Brecheisen und Rennbaum zu denken! Aber nimm dich
zusammen, Picard! Komm zu mir, so wird es gehen und du wirst noch Ratsherr
werden in Gröningen, wo deine Ahnen wohnten!
    Lucinde hatte einen Augenblick der Ruhe nötig ... Sie lehnte sich an das
Marienbild und hörte den Worten des Räubers schauernd zu ... Auch ihr sprach das
Bild ...
    Das Wunder belebter Statuen und augenbewegender Bilder beruht, wenn auch
nicht immer, doch meist auf der Einbildungskraft und dem Zauber der Kunst. Wem
würde ein lange betrachtetes Bild nicht zuletzt mit dem Auge geblinkt haben!
Welcher gemalte oder richtig plastisch geformte Mund würde nicht leise zucken,
den man beobachtet im Zusammenhang mit allem übrigen, was an einem Bilde oder an
einer Statue dem Leben abgelauscht wurde? Einem Künstler sprach die Sixtinische
Madonna: Komm' in mein Himmelreich! Er hatte deutlich die Worte gehört, dieser
berühmte Kupferstecher, der Linie um Linie die majestätische Himmelskönigin mit
dem Grabstichel wiedergeben wollte. Der Wahnsinn umnachtete sein Gemüt für
immer; der Glaube ist eine Umnachtung für den Augenblick.
    Die schauerliche Einsamkeit hier unter der Erde, die edle Gesichtsform des
Bildes, die Beleuchtung durch die wenigen Lichtstrahlen der Laterne, die
Stimmung und Prädisposition des Gemüts, alles kam zusammen, dass auch Lucinde
auf Verlangen des grauenvollen Menschen feierlich bei diesem Bilde beteuerte,
den Zufluchtsort, den hier ein Verbrecher im alten Professhause gefunden, nie zu
verraten.
    Noch mehr ... Bickert hob an der Madonna einen Stein auf, zog ein schmuziges
Bündel hervor und sagte:
    Ich mag nicht mehr an die Galeere! Ich wollte hier im Lande Pferdehandel
treiben! Mais - ich kam auch da wieder auf falsche Fährte. So wurd' ich Knecht
im Weissen Ross. Niemand kannte mich. Ich simulirte einen ganz andern Menschen. Es
ging - mais! Da müssen Sie kommen, Mademoiselle, Sie - n'ayez peur!
Siebenundvierzig bin ich jetzt, Mademoiselle. Ich ginge lieber - nach Amerika,
wenn ich das Geld dazu hätte! Verdienen konnt' ich's schon, aber der Weg kam -
un peu trop etroitement da vorbei, wo neulich Monsieur Hammaker gehabt hat un
très mauvais accident -
    Kannten Sie - auch den? hauchte Lucinde, aufs neue erbebend ...
    Monsieur Hammaker sah mir gleich den alten Picard an - wie ich - il y a cinq
mois - hierher bin geflohen und ich sass ihm vis à vis im Trankgässchen und mir
schmeckte nicht der Heurige. Den Posten hier verschafft' er mir durch die ihm
bekannte Madame Jeanette, eine alte Freundin meines Vaters. Er verlangte bloss
als don gratuit von mir - eine kleine Affaire - den roten Hahn auf ein Schloss -
à peu près zwanzig Meilen von hier -
    Westerhof? rief Lucinde entsetzt ...
    Comment -? fiel Bickert überrascht ein und hielt das Bündel, als wollt' er
es Lucinden übergeben, die schon vor Abscheu nur vor seinem Aussehen die Hand
zurückzog ...
    Sapristi, wo wissen Sie - Ich kenne einen, der alle Tage auf mich wartet!
Tausend Taler, und dann nach Amerika! sagte Monsieur Hammaker, und auch
zusammen wollten wir gehen. Aber er hatte noch nicht genug, le petit maitre, er
wollte Extrapost. Die hat er bekommen! Als ich ihm die Nacht begegnete, wo er in
die Sieben Berge machen wollte mit einem sehr hübschen Koffer, sagt' er mir:
Adieu Picard! Folgen Sie mir bald! Machen Sie nur ein compliment - an - an -
    Den Oberprocurator Nück -?
    Diacre! Woher wissen Sie -? Mademoiselle! Ich ging nicht. Ich dachte, er
wird mich zum Hause hinauswerfen, wenn ich um die tausend Taler komme - für
Reisegeld! Mais - Neulich, da zog ich an der Klingel - ich hatte das Leben hier
- nein, nein, denken Sie nur nicht Marcebillenstrasse - Aber es stand wieder
einmal quarante sept mit mir. Hier das Leben unter den Ratten, die schlechte
Kost, die Furcht; ich dachte: Du verdienst dir dein Reisegeld, gehst erst in den
Dom und sagst's en confession - Ich bin versucht, wollt' ich sagen, ein gross
Feuer zu legen und ein Papier - so war le mot d'ordre - dans une bibliotèque -
und ich tät' es gern; wer kann hier leben! Unter den Ratten! Hunde füttern!
Hanne Sterz um den Bart gehen! Einen Bart hat sie, Mademoiselle! ... Da knie'
ich im Confessional und fange an zu sprechen und sage meine Sünden und ich sehe
auf und ...
    Ihr seht den Domherrn von Asselyn!
    Einen Geist, der mir spricht: Was entielt damals der Sarg? ...
    Gestanden Sie es ihm?
    Da! Nehmen Sie, Mademoiselle!
    Jetzt griff Lucinde nach dem Bündel in heftigster Bewegung. So abschreckend
feucht das Tuch war, sie empfand keinen Widerwillen mehr ...
    Plaudern werden Sie nicht! wiederholte Bickert und beleuchtete unheimlich
die Gestalt und äussere Erscheinung der Verkleideten ... Und eine wiederum
ballend erhobene Faust deutete die Möglichkeit seiner Rache an ...
    Dann aber sagte er:
    Gut! Geben Sie das -
    An den Domherrn von Asselyn -
    Im Kapitelhause -
    Und was entält es?
    Eine Schrift - kein Geld - nur eine Schrift - in Latein - tant je crois -
    Damit ging er weiter ...
    Und die Reise nach Amerika? Schloss Westerhof? Das Papier? rief sie hinter
ihm her ...
    Der Knecht hörte nicht die verhallenden Worte und ging voraus ...
    Lucinde folgte atemlos ... Sie hatte das kleine Bündel in ihre Mappe
gezwängt und sich dabei aufgehalten ... Mit dem Schirme tastete sie, um dem
Schimmer der Laterne zu folgen ...
    Noch einige hundert Schritte in dem links sich erstreckenden engern Gange
ging es so fort.
    Dann standen sie an einer kleinen, mit verrosteten Eisenklammern
beschlagenen Tür ...
    Bickert gab Lucinden die Laterne und zog sein Schlüsselbund ...
    Leise steckte er einen mit wunderlichem Zierrat versehenen alten Schlüssel
in das noch wohlerhaltene Schloss ...
    Mit knarrendem Tone ging noch ein Riegel zurück und die Tür öffnete sich
...
    Halten Sie sich an mich! sagte der Führer und stieg einige sich windende
steinerne Stufen in die Höhe, während die Laterne zurückblieb ...
    Bald kam eine zweite Tür ...
    Bickert horchte ... Er wollte lauschen, ob niemand in der Nähe war ...
    Wo kommen wir hinaus? fragte Lucinde, von den Anstrengungen erschöpft ...
    Statt zu antworten schärfte Bickert sein Ohr nur noch vorsichtiger ...
    Jetzt war es Lucinden, als hörte sie einen heiligen Gesang. Es war wie ein
Strom klingender Luft, der auf sie niederwallte. Die Töne schwollen und erhoben
sich. Wie aus erquickenden Quellen ringssprühender Staub, so rieselte sie es an
... Nach so langer dumpfer Stille wurde ihr der Ton fast zum Licht, das Licht
zur Welle, Geistiges wie leiblich sie Berührendes ... Sie konnte sich nicht mehr
aufrecht halten ...
    Les chanteurs! Es ist die Domschule! flüsterte Bickert und öffnete ...
    Es strömte wie Lobgesang des Lebens auf sie ein ...
    Hier jetzt den Corridor hinauf, dann à travers la maison!
    Bickert drängte Lucinden schon vorwärts ...
    Nach einem noch einmal weniger drohend, als schon hoffnungssicher
gesprochenen: Mais Mademoiselle -! stand sie plötzlich allein ... Bickert war
verschwunden.
    Ein schmaler Gang zwischen zwei hohen Mauern führte Lucinden in einen
grössern, mit Quadersteinen gepflasterten Hof und aus diesem über einige Stufen
in ein altertümliches Haus. Auch auf der grossen Diele war alles wie von Musik
erfüllt. Links von ihr sangen die Chorschüler Uebungen. Ein altes Klavier
begleitete die Accorde ...
    Eine Weile lauschte sie ...
    »Deposuit potentes de sede et exaltabit humiles!«
    Dazwischen sprach ein Priester Erläuterungen ... Die Stimme war ihr fremd
... Aber die Worte klangen ihr in der Tonart des Gesanges ... kein Dur folgte
auf Moll, kein Allegro auf ein Andante ... selbst die Belehrungen über die zu
machenden Pausen, die gegeben wurden, waren nur der Aushall des verklungenen
Tones ... Alles, alles war ihr Harmonie ...
    Gern hätte sie glauben mögen, es würden ihr die beiden Arme zu riesigen
Flügeln, die sie hätte ausbreiten mögen, die wieder errungene Freiheit zu
erproben ...
    Aber nur wie eine verscheuchte Fledermaus huschte sie durch die Flur und an
die Haustür. Diese war unverschlossen ... Sie war im Freien, im Regen mit ihrem
Bündel, aus dem sie ein zerknittertes starkes Papier herausfühlte ...
    Musstest du diese Schrecken erleben, um das zu erlangen, was du vielleicht
brauchst, um morgen mit - ihm zu sprechen, vielleicht zum letzten mal - Dies
führt dich bei ihm ein, auch wenn er dir die Beichte abschlägt!
    Sie hätte sogleich zu Bonaventura fliegen mögen ... Fast hatte sie ihre
Knabentracht vergessen.
    Sie breitete den Schirm aus und schoss auf einen Fiaker zu ...
    In die Rumpelgasse! rief sie. Zu Natan Seligmann!
    Die Adresse war bekannt ...
    Eine Viertelstunde darauf war sie bei Veilchen Igelsheimer, die um sie auf
den Tod gezittert hatte. Ihre Begleitung an das Professhaus hatte sie
abgeschlagen. Veilchen erfuhr zu ihrem Entsetzen, dass alles gescheitert war und
Lucinde nur mit Lebensgefahr ihre eigene Freiheit gerettet hätte ...
    Zu Aufklärungen für das »trotz Spinoza verzweifelnde« Mädchen, Aufklärungen,
die Lucinde auch ohnehin schwerlich gegeben hätte, blieb keine Zeit ... Sie gab
ihre Kleider zurück, nahm die ihrigen, entleerte die Mappe, die sie Veilchen
liess, riss das schmuzige Tuch Bickert's fort und wollte eben die Einlage, einige
Bogen Papier in amtlichem Briefformat, einstecken ...
    Da erblickt Veilchen die Aufschrift und ruft:
    Gott im Himmel!
    Was ist? fragte Lucinde, halb schon im Gehen ... Herr Natan war noch nicht
wieder daheim ...
    Das ist - das ist ja - die Handschrift -
    Veilchen öffnete die Bogen, die Lucinde jedoch zu gleicher Zeit schon wieder
zurücknahm, nur um sie rasch zu bergen, weil sie Eile hatte ...
    Nur einen Blick, Fräulein! ...
    Was haben Sie? fragte Lucinde drängend und auf dem Sprunge ...
    Schon gab Veilchen die Bogen zurück, wie mit einem Schauder - Ein Siegel,
das neben dem Namen stand, der die Bogen unterschrieben hatte, schien ihr die
Besinnung zu geben ...
    Lucinde sah ein Kirchensiegel - das Bild des Gekreuzigten ...
    Sie forschte nicht länger ... blieb ihr doch die volle Musse eigener
Untersuchung und die Gelegenheit der Wiederkehr ... Sie hatte nicht Zeit, sich
von dem wie bewusstlos ihr nachblickenden Veilchen die Ursache ihres Schreckens
erklären zu lassen ...
    Eine Stunde später sass sie zum Tee bei der Commerzienrätin, die vor
Ungeduld nach ihr »fast vergangen war«. Denn seltsamerweise blieb sie heute
allein ... Aus Furcht vor Pitern liessen sich selbst die Hausfreunde nicht sehen.
Das Haus war von seinem beginnenden Strafgericht in Belagerungszustand erklärt.
Johanna hatte von ihrem in aller Frühe abgereisten Verlobten schon per Expressen
einen Brief voller Vorwürfe über die Frau Oberstin, die übrigens gestern schon
vor dem plötzlichen Tumult gegangen war ... Dann kam die Frau Oberprocurator
angefahren und brachte die Kunde, dass morgen Abend der Domherr von Asselyn nach
Witoborn reise und eine Demonstration der Huldigung stattfinden würde mit
Blumen, Gedichten, ja persönlicher Anwesenheit seiner Verehrer ... Ob die Mutter
ginge? Was man dazu anzöge? ... Endlich hörte man Pitern sich lärmend in den
Hinterzimmern ankündigen ... Alles zitterte ... Zum Glück hörte man zu gleicher
Zeit den Besuch des Oberprocurators von der andern Seite ... Lucinde hatte keine
Antwort aus dem Kapitelhause vorgefunden. Sie erhob sich, schützte Kopfweh vor,
schoss an Nück vorüber und flüchtete sich auf ihr Zimmer.
    Hier ergriff sie einen Bogen Papier, eine Feder und schrieb die Worte:
    »Hochwürdigster Domherr! Ich beschwöre Sie! Wenn Sie nicht einen Seelenmord
begehen wollen, so bitt' ich um Antwort - wegen meiner Generalbeichte!
                                                                       Lucinde.«
    Sie convertirte, klingelte und schickte einen Diener mit diesen Zeilen ins
Kapitelhaus an den Domherrn von Asselyn - wie schon heute in der Frühe ...
    Schlug ihr Bonaventura den Empfang ab, so hatte sie ein letztes Mittel. Den
Auftrag Bickert's ... Nach allem, was sie von Benno über den Eindruck wusste, den
damals die im Sarge des alten Mevissen gefundenen Dinge auf Bonaventura gemacht
hatten, durfte sie annehmen, dass dieser sie dann unmöglich zurückweisen würde,
wenn sie an ihn ein drittes Schreiben richtete mit der Bitte, ihm wenigstens
noch die Dinge, die ihr der Knecht aus dem Weissen Ross gegeben, persönlich
einhändigen zu dürfen ...
    Nun klopfte es ...
    Nück meldete sich ...
    Ich bin krank! sagte sie an der Tür, rasch verschliessend - schaudernd vor
dem Manne, bei dem für Bickert - tausend Taler harrten und der ihr selbst -
    Sie wissen - -? sprach schon Nück dringender.
    Nichts! Nichts!
    Der Pater ist gefangen ...
    Darauf schwieg sie ...
    Man führt ihn in sein Kloster zurück ...
    Doch! doch! sprach sie bebend, aber nur für sich ...
    Darf ich -? Ich bitte dringend ...
    Ich bin krank!
    Schrieben Sie doch nicht dem Pater? ...
    Sie schwieg ...
    Wenn man Ihren Brief mit Beschlag belegt hätte! Oder wie verständigten Sie
sich mit ihm? ...
    Sie atmete auf, wie kein Verdacht vorlag, dass sie selbst zu Sebastus
gegangen ...
    Bestellen Sie die Pferde ab! Sonst nichts! Gute Nacht! sagte sie, sich
ermutigend, und brach kurz ab.
    Nück's murmelnde Stimme hörte sie nicht mehr ... auch sein Fortgehen
verhallte ...
    Dann holte sie das verwitterte, nicht zu alte Schreiben, einen langen Brief
in lateinischer Sprache, unterzeichnet »Leo Perl«.
    Nun verstand sie den Schrecken der Jüdin ...
    Sie las und las ... übersetzte und - stockte endlich ...
    Um den Brief völlig zu verstehen, musste sie nach dem Wörterbuche greifen,
das ihr Benno gekauft hatte ...
    Darüber schlug es elf ...
 
                                      12.
In einem der grossen, »kaltgründigen« Zimmer des Kapitelhauses herrschte am
folgenden Tage eine feierliche Stille ...
    Es war im Studirzimmer Bonaventura's ...
    Der Abend hatte sich niedergesenkt ... Zwei Lichter brannten ... In dem
grossen eisernen Ofen, der von aussen geheizt wurde, hörte man das Zulegen neuen
Holzes ... Nicht Renatens sorgende Hand war es, es war die eines Hausdieners,
der zu diesem Amt für die Herren des Kapitels bestellt war.
    Auch nicht im Nebenzimmer sass Renate ... Der Domherr hatte die alte treue
Dienerin gebeten, nach allen schon längst getroffenen Zurüstungen seiner Abreise
auf Witoborn, die für die neunte Stunde bestimmt war - sein einfacher Sinn und
seine gemessenen Mittel wollten sich mit gewöhnlicher Postgelegenheit begnügen -
erst um acht Uhr von einem Geschäft zurückzukommen, das er sie ersuchte, sich
ausserhalb des Kapitels zu machen. Sie hatte schon lange für Benno's Abwesenheit
sich eine Durchsicht seiner Wäsche, eine gründlichere Anordnung seiner Wohnung
vorgenommen; diese vollzog sie, obgleich es Sonntag war, schon von vier Uhr an
und gegen acht erst wollte sie zurückkehren ...
    Bonaventura kannte die Abneigung der alten Frau gegen Lucinden und wollte
jeden Conflict vermeiden ... Als Lucinde zum zweiten mal geschrieben,
verwilligte er ihr, was sie begehrte - Aber nur auf seinem Zimmer konnte er eine
Generalbeichte abnehmen ... Er rüstete sich zu einem schweren Kampf, zu einer
grossen Prüfung - An die Seltsamkeit, dass sich auf seinem Zimmer Seelenkämpfe
solcher Art ausringen, ist der katolische Priester gewöhnt. Lucinde hatte nicht
nötig gehabt, ihr letztes Mittel zu ergreifen -
    Mit der Abenddämmerung war sie in Begleitung des Messners gekommen ... Durch
die hohen Fenster mit ihren vielen kleinen Scheiben, durch eine grüne Hecke von
Epheuranken, die den Schreibtisch von dem Fenster schied, brachen die blutroten
Strahlen der Sonne, die den ganzen Tag sich nicht hatte sehen lassen und nur am
Abend noch einmal sich zeigte zum kurzen Willkomm ... Im Ofen prasselten die
Flammen, die an der metallenen Wölbung einen singenden Ton gaben ... Alles das
begleitete die nur bei katolischen Priestern und Aerzten mögliche seltsame
Scene, dass eine Liebende zu dem sie verschmähenden Manne ihrer Liebe selbst zu
gehen wagt.
    Schweigend hatte Bonaventura Lucinden, die verschleiert kam und den Hut
nicht abnahm, angedeutet, dass sie sich setzen möchte ...
    Nach seinem Brevier langte er dann mit zitternder Hand, gab dem Messner, der
sich wieder entfernte, einige geschäftliche Anweisungen und suchte sich durch
diese und jene kleine Zurüstung die Sammlung zu geben, die ihm fehlte ...
    Lucinde schwankte bewusstlos ...
    Als er sich wandte, sah er, dass sie selbst schon einen Fussschemel ergriffen
hatte und auf diesem knieete ...
    Dass es eine Entscheidung für sein ganzes Leben galt, ahnte er ...
    Ueber eine Stunde lang verharrte Lucinde in dieser knienden Stellung und
lehnte jede Erleichterung ab ... Bonaventura sass vor ihr und hörte nur ihrem
dumpfen, doch vernehmlichen Gemurmel ...
    Das obenerwähnte feierliche Schweigen war eingetreten, als die Reihe ihrer
Bekenntnisse zu Ende war ...
    Bonaventura kannte aus der Stadt her, wo er Priester, Lucinde katolisch
geworden, eine Menge von Tatsachen, die zu dem Leben der Gesellschafterin der
Comtesse Paula gehörten; aber in einer solchen Vollständigkeit wie heute lag das
Leben des, wie es schien, von einem unheilbaren Wahn betörten Mädchens niemals
vor ihm ... Sie hatte nichts verschwiegen, was sie belasten konnte, nichts, als
ihre Liebe zu dem Manne, vor dem sie knieete ... Sie war grausam, rücksichtslos
gegen sich selbst ... Sie klagte sich an, wo selbst andere noch entschuldigten
... Alles, was ihr Leben an Widersprüchen bot, leitete sie aus ihrer Todsünde
her, die die Kirche »Acedia«, die »Trägheit des Herzens«, die Indifferenz für
Liebe und Hass nennt ... Sie gab ein Lebensbild von sich, das alles entielt, was
wir wissen. Nur eine einzige grosse Strömung der Empfindung in ihrem Innern
nannte sie nicht, doch war sie ersichtlich aus einem Lebenslauf, von dem sie
andeutete, dass er ewig in der Irre gegangen, ein einziges grosses Ziel verfehle
und rettungslos verloren scheine ...
    Auch von Klingsohrn gestand sie alles. Sie klagte weder ihn, noch den
Kronsyndikus an, nannte überhaupt, was nicht gestattet ist, nicht die Namen,
Bonaventura wusste sie aber und ergänzte selbst, was verschwiegen wurde ...
    Ein seltsames Bild diese Zwiesprache, unglaublich für die, die ausserhalb des
römischen Lebens stehen!
    Ein Mann, vor dem sich ein Weib in Liebe windet, blickte wie ein
Gottgesandter streng und sich beherrschend zu ihr nieder. Er sah eine
Nachtwandlerin an schwindelnder Klippe dahinwanken, zitterte mit den Gefahren,
die von Lucinden nur überwunden wurden durch immer wieder bekannte neue Schuld
... er blieb fest und stark.
    Von Serlo hatte er noch nie so Ausführliches vernommen, wenn er auch aus
frühern Geständnissen wusste, dass er selbst es war, der Lucinden anfangs eine
auferstandene Wiederholung desselben erschien ... Zwei Jahre des Aufentalts im
ortopädischen Institut wurden erzählt, Jahre der Selbstbildung, aber nur jener
»Bildung, die die Kraft geben sollte, Welt und Menschen abzuwehren, zu hassen,
zu beherrschen« ... Die Reise nach Kocher, die Erfahrungen in der Dechanei, die
Verstellung im Kattendyk'schen Hause ... alles bis zu den neuesten Vorgängen, ja
den Vorgängen des gestrigen Tages, alles, alles wurde erzählt, nur noch die
Rettung durch den unterirdischen Gang verschwiegen, um der lateinischen Urkunde
und - ihres Letzten willen ...
    Religiös blieb von beiden Seiten die Färbung des Ganzen, der Ton alles
dessen, was gesprochen wurde, ein heiliger ...
    Ist das Leben, wie die sittlichen Atomisten sagen, eine millionenfach
fortgesetzte und ineinander verwundene Kette von Selbsttäuschungen, dann darf es
wunder nehmen, wie unser moralisches Scheinleben sich dennoch gleichsam ablösen
kann von unserer ersichtlichen körperlichen Hülle. So fliesst das Licht der Sonne
und des Mondes um die dunkle Erde, so leuchtet der Phosphor an unsern Händen,
die ihn nicht fühlen. Zwei Menschen, körperlich vor einander zitternd, bebend
vor einer Berührung, wenn zufällig der Saum des Schleiers nur ein Blatt des
Breviers streifte - und ihre innerste moralische Welt doch wie ein fast
sichtbarer geistiger Aeter um sie her und hin und wieder fliessend. Diese Worte,
diese Geständnisse, diese Accorde wie von einer unsichtbaren Musik sollten nicht
in eine Weltordnung den Weg bahnen, wo die millionenfache Täuschung aufhört und
der Geist, auch wenn vom Körper getrennt gedacht, wonnigste, seligste Wahrheit
bleibt? ...
    Lucinde hoffte das schon für diese Erde ...
    Doch - Bonaventura blieb - ein Priester voll Hoheit. Er vertrat die
Religion. Er glich einer Kirche, in die man, innerlich noch so weltlich gesinnt,
doch äusserlich voll Demut und zur Ehre des Höchsten eintritt. Auch hörte er im
Geiste die Worte, die ihm und dem Mönch Sebastus vor wenigen Monaten der
Kirchenfürst von der Milde des Heilands zur Magdalena gelesen ...
    Dass sich etwas, was liebestollste Zudringlichkeit war, hier in einer Form
aussprach, die schon zum Wahnwitz geworden, konnte er nicht verkennen ... Er
hatte Lucinden im Lauf der von ihr in düsterm Unmut und wahrhaft schmerzensvoll
bekannten Leiden, die sie durch ihre eigene unausgesetzte Torheit und
moralische Hülflosigkeit über sich heraufbeschworen, gebeten - den Hut
abzunehmen; sie tat es mechanisch und legte den Hut neben sich auf den
Fussboden. Ihrem Haar entglitt eine Flechte, die nicht genug befestigt war. Lang
und schwer hing diese Haarflechte nieder. Lucinde merkte nichts von diesem
Schein der Verwilderung ... Die Formen der Kirche kamen ihrer Selbsttäuschung zu
Hülfe ... Sie wand sich wie Magdalena.
    Bonaventura wusste nun: Dies irrselige, schöne Frauenbild bekennt alles das,
nur um dich in die Kreise ihres Lebens zu zwingen, von dir Worte der Liebe zu
hören, vielleicht - jetzt nur deine Hand küssen zu können und - stumm zu gehen
... Sie will jetzt, wo du reisest, nur vielleicht einen Briefwechsel mit dir
führen, nur, wenn du wiederkehrst, mit ihren Blicken dich umwerben, mit ihrem
Lächeln dich umschmeicheln dürfen ... Sie will nur den Stolz vor der Welt haben,
dass man sagt: Dieser Geweihte ist ein Heiliger; strauchelte er, so würde er es
nur mit jenem Mädchen können, das bei jeder Messe, die er liest, immer an
demselben Pfeiler ihm zur Rechten oder Linken sitzt ...
    Bonaventura wusste, dass er straucheln konnte, wenn Lucinde - Paula war ...
Jene hatte mehr Geist, mehr Wissen, mehr Tatkraft und - für die Meinung anderer
vielleicht selbst mehr Schönheit, als diese ...
    Doch wirkte Lucinde auf ihn, wie er einst auf einen Scherz Benno's gesagt
hatte, feuermagnetisch. Sie wirkte abstossend durch Ueberkraft und eine zu grosse
Willensstärke ...
    Er blieb bei seiner Priesterpflicht.
    Äusserlich wollte Lucinde nur einen Rat haben, wie sie nach einem so
geschilderten Leben und innerlich gänzlich zerstörten Dasein nicht die Lust am
Leben und an sich selbst verlöre, zur Wahrheit käme, die Lüge und Verstellung
miede, sich an fremdem Glück erfreuen, vor allem in der von ihr gewählten
Religion wirkliche Beruhigung und Erhebung finden könnte ...
    Eben die Religion verschleierte alles.
    Bonaventura hatte sie zuletzt aufgefordert, sich zu setzen ...
    Auch das tat sie wie Magdalena und stützte das Haupt ...
    Jetzt fühlte sie die losgegangene Flechte. Sie steckte sie errötend auf,
während Bonaventura die beiden Kerzen anzündete ...
    Endlich sprach er ihr mit einer Stimme, die auch nur ihm angehören konnte:
    Meine verehrte, liebe, teure Freundin! Wie, wie lange kennen wir uns doch
nun schon! O, glauben dürfen Sie mir - dass ich oft, oft - wie oft! über Sie
nachgedacht, über Sie mit Gott geredet habe! Was Sie mir vielleicht vor einigen
Monaten schon sagen wollten - dies Neueste da, der Besuch Ihres frühern
Verlobten in Knabenkleidern, nun, das ist eine Waghalsigkeit, die auf Rechnung
Ihres abenteuerlichen Sinns kommt, ein Kampf gegen die Obrigkeit, den ich nicht
billigen kann, ein Vergehen, das die gute Absicht des Helfenwollens entschuldigt
- Ihre wahren innern Peinen erfahre ich erst jetzt. Und dass Sie jenes Neueste
hinzufügten, das nehm' ich für einen Beweis Ihres Vertrauens zum Priestertum.
Sie vermissen, sagen Sie, eine Reinigung und Heiligung Ihres ganzen Seins und
Lebens. Das ist ein schönes, ernstes, für Ihre ganze Zukunft entscheidendes
Wort! ... Die Fehler Ihrer ersten Jugend will ich nicht rügen. Sie haben die
Liebe nicht gekannt. Sie haben sie von andern nicht erfahren; ich rüge nicht,
dass Sie sie auch nicht erwiderten. Auch Ihren mächtigen Ehrgeiz will ich nicht
tadeln. Es war vielleicht der Trieb nur des Wachstums zum Bedeutenderen. Dass
ein Baum gen Himmel anstrebt, ist ein Preis Gottes, kein Preis seiner selbst.
Ein armes Mädchen vom Lande gingen Sie durch eine seltene Schule der Erfahrung,
die Ihnen bald weh tat, bald schmeichelte. Immer wollten Sie mehr sein, als was
das Geschick Ihnen zu sein anmutete; Sie rangen sich gewaltsam auch vielleicht
deshalb empor, weil Sie einen Trieb hatten, geistig mit sich zufriedener zu
sein, als dies mit sich Tausende von Menschen sind. Die Fähigkeit, einen
Klingsohr glücklich zu machen oder gar zu erziehen, konnten Sie damals nicht
besitzen. Auch Ihr Leiden mit Serlo, Ihre Demütigung, als Sie die Bühne
betreten wollten, waren Sühnopfer für manche Schuld der Uebereilung, für manche
Herzlosigkeit und Eitelkeit. Als Sie dann den Uebertritt zu unserer Kirche
vollzogen, da begann vorzugsweise Ihr innerster Bruch. Immer schon musste ich
tadeln, dass Sie diesen Schritt nicht aus innerm Bedürfnis taten ... Richtiger,
Sie taten ihn aus Bedürfnis, doch machten Sie sich über die Mahnung Ihres
innersten Herzens, über dies Gebot Ihres guten Genius, der Ihnen bei diesem
Schritt zur Seite stand, kein Geständnis. Nun schwanken Sie zwischen Freiheit
und Abhängigkeit, zwischen Religion und Unglaube, ja sogar zwischen dem Guten
und dem Bösen - Ihre Natur, fürcht' ich und sprech' es offen aus, wird Sie
niederwärts ziehen, wenn Sie sich nicht mit einer gewaltigen Gegenmacht rüsten!
Andere (Bonaventura dachte an die Scene beim Kirchenfürsten), andere würden
Ihnen raten, Ihrem Geiste zu mistrauen. Das will ich nicht. Es wäre ja
entsetzlich, wenn dem Geiste sich nicht das Gute gesellen könnte. Eines aber
möcht' ich Sie fragen - und ich fasse damit, glaub' ich, Ihren ganzen Zustand
zusammen -: haben Sie sich je vergegenwärtigt, was die Kirche mit so mancher
ihrer grossen und uns gerade von andern Religionen unterscheidenden Lehren sagen
will, zum vorzüglichen und Ihnen insbesondere zweckdienlichen Beispiel erwähn'
ich - unsern Mariencultus?
    Lucinde war von dem Ton dieser innigen Rede wonnig durchrieselt. Den Sinn
der Worte behielt sie nicht, nur ihren Klang. Erst bei Erwähnung des
Mariencultus stutzte sie. Sie gedachte des noch rückständigen Bekenntnisses
ihrer Wanderung durch den unterirdischen Gang und des von Picard empfangenen
Auftrags ... Das Marienbild am unterirdischen Kreuzweg stand wie mahnend vor
ihrer Seele ...
    Sie kennen die Lauretanische Litanei? fuhr Bonaventura voll Gelassenheit
fort, still zu seinen guten Genien betend ...
    Die Lauretanische Litanei! dachte sie und plötzlich fuhr durch ihr Innerstes
ein Streiflicht ihrer Doppelnatur. Die Gottesmutter hat in dieser Litanei
Bezeichnungen, als da sind »Gefäss der Andacht«, »geistliche Rose«,
»elfenbeinerner Turm«, »goldenes Haus«, »Arche des Bundes«. Heute in der Frühe,
als noch Bonaventura's Ja! nicht gekommen war und sie in die Messe stürmte, wo
eben die Lauretanische Litanei gesprochen wurde, hatte sie sich in ihrer
aufgeregten, gottfeindlichen Stimmung gesagt: Namen sind das ja, wie das
Verzeichnis zu einer Auction oder als säh' ich die Fenster der Trödler in
Seligmann's Rumpelgasse!
    Die seligste Jungfrau, fuhr Bonaventura in Sanftmut fort, die Ihr früheres
protestantisches Bekenntnis nur in ihrer Menschennatur kennt, nennt die Litanei
unter anderm die mystische Rose. Mag sie von denen, die sie als solche sehen
mögen, in dieser Eigenschaft als ein liebliches Symbol alles Unaussprechlichen
verehrt werden, Ihnen gegenüber ziehe ich eine andere Bezeichnung aus dieser
Litanei vor, dass uns die heilige Frau - ein Spiegel sein solle. Gerade Sie
möcht' ich fragen: Wie ist Ihnen das nur? Wenn Sie nach einem solchen Leben, wie
Sie es mir geschildert haben, jetzt an Maria denken, zu dieser aufblicken, sich
mit dieser ganz einig, ganz verbunden, ganz Freundin zu sein wünschen, was
empfinden Sie da?
    Lucinde blickte im Geist aus das kleine, in unterirdischer Einsamkeit
stehende Muttergottesbild - und musste schweigen ...
    Maria, fuhr Bonaventura fort, mag Ihnen in Ihrer menschlichen Gestalt
erscheinen, wie sie will; die Evangelisten haben nichts verschwiegen, was die
Vernunftkritik gegen sie deuten kann. Halten Sie sich aber an das, was Maria
durch das Christentum erst selbst geworden ist, wie denn überhaupt die
Tradition und das lebendig fortwirkende Leben innerhalb der christlichen
Gemeinschaft eine der immer frisch zuströmenden Quellen unseres Glaubens ist.
Maria wurde schon der allerersten christlichen Zeit eine Mutter, so gross, so
verklärt, dass sie ohne Sünde empfing, die Verehrung vor der Frauenreinheit Mariä
wird noch dahin kommen, dass die Kirche dem Verlangen nicht widersteht, sogar von
ihr zu sagen, dass sie selbst ohne Sünde empfangen wurde. Das sind Dogmen des
Bedürfnisses, Dogmen der Huldigung und der nicht versiegenden Liebesströme
innerhalb unserer kirchlichen Gemeinschaft selbst. Wir wissen, wer die heilige
Anna, die Mutter Maria's war, wir kennen die Schleier, die auf ihrer Verbindung
mit dem heiligen Joseph ruhen; aber alles das schwindet gegen das, was Maria in
den wilden Geburten der Geschichte wurde. In der Barbarei der Zeiten! In der
rohen Entwürdigung der Frauen! Immer schwebte sie da in den Lüften als ein
unentweihtes Symbol des Fraueutums. Der glühende Spanier und Provençale mag sie
wie eine Geliebte verehrt haben, der Slawe wie eine Mutter, der Germane
vielleicht am kühlsten nur wie eine Schwester: immer war es Maria, die die
Wildheit zähmte und der Leidenschaft die tödliche Waffe aus der Hand
schmeichelte. Die Civilisation der Sitten ist durch sie gewonnen und erhalten
worden. Und erst in unserer Zeit! Der Mariencultus ist nicht mehr die Bürgschaft
der mildern Sitten; jetzt ist er der lebendig gewordene reine weibliche,
sittliche Sinn. Gerade die Reinheit Mariä zu verehren drängt es diese unreine
Zeit, die Zeit der Frivolität, der Emancipation von der Sitte, die Zeit des fast
ins Allgemeine mitwirkend und mitstimmend aufgenommenen Frauenberufes, die Zeit
der Nivellirung der Familie und Erziehung. Und nun, nun frag' ich Sie: Finden
Sie den Weg zwischen Ihrem Innern und diesem Frauenbilde, das Sie ja in jeder
Kirche sehen können, ganz frei und ungehindert? Fühlen Sie sich so, dass Sie den
ob milden, ob strengen, immer sittlich reinen Blick unserer Himmelskönigin nicht
zu fürchten brauchen? Können Sie, als Weib, als Jungfrau, zur Mutter mit dem
Kinde aufblicken und sagen: Das Leben hat mich viel umgetrieben, ich war
mancherlei und erlebte noch mehr, aber du, du kannst nichts gegen mich haben! Du
würdest mich nicht aus deinem himmlischen Hofstaat verweisen! Ich füge hinzu,
liebe Freundin, ich fand immer, dass die Frauen voneinander mehr wissen, als wir
Männer. Untereinander beurteilen sie sich strenger, als wir ahnen. Sie
durchschauen die weibliche Eitelkeit und Koketterie leichter als wir. Sie lassen
sich nichts ungerügt hingehen, dulden keine Verschönerung und Ausschmückung, die
wir Männer, geblendet vom Frauenreiz, immer noch in Bereitschaft haben. Jeder
Blick einer Frau, die ihr Geschlecht beurteilt, sagt: Was wir Frauen uns sein
müssen, das wissen wir schon! ... Und so denn also - im Chor der seligen
Jungfrauen denken Sie sich die Königin des Himmels und prüfen Sie sich, was die
Allerseligste sagen würde, wenn unter Tausenden nun auch Sie zu ihr hinträten
und sie bäten, in ihrem Hofstaat eine Ehrenstelle im weissen Kleide erhalten zu
dürfen, eine Ehrenstelle durch die Reinheit des Herzens, die wahre, geistige
Schönheit, die Lauterkeit des Gemüts! Können Sie ein solches Bild der
allerseligsten Jungfrau festalten? Können Sie, rückblickend auf Ihr ganzes
Leben, von sich sagen: Maria! Mit dir bin ich einverstanden! Maria! Du bist es
mit mir! Maria hat nichts gegen mich?
    Lucinde, von Bonaventura geführt wie ein Kind, schlug ihre Augen anfangs
nieder. Jetzt schlug sie sie auf, als suchte sie das von ihm geschilderte Bild
an den - bunten Stuccaturen der Decke des Zimmers ...
    Ihre Augen leuchteten ... aber - wie mit irrem Stern ...
    Sie schüttelte ihr Haupt ...
    Was trennt Sie von diesem Bilde? fragte Bonaventura mit gesteigerter
Innigkeit und eher wie gewonnen durch diese aufrichtige Verneinung, als
abgestossen. Liegt nicht Ihr ganzer neuer Glaube in ihm? Liegt nicht Demut,
Unschuld, Entsagung, jede weibliche Tugend und Ehrlichkeit in diesem Bilde?
    Als wenn die Luft, die Lucinde gestern bei einem solchen Bilde geatmet
hatte, wieder sie zu ersticken drohte, stand sie auf, machte einige Schritte und
sagte, sich wieder setzend:
    Was ich von Maria sehe, ist alles starr und todt und wie von Stein!
    Blicken Sie das Bild nur lange, lange an! bat Bonaventura im liebevollsten
Ton. Es wird sich beleben! Es wird sprechen, es wird der Sammelpunkt Ihres
ganzen Menschen werden! Geht es nicht, steht etwas dazwischen, so werden Sie
nichts mehr tun wollen, was nicht auch diesem Bilde gefiele! Sie werden sich
vor ihm eine Magd erscheinen, selbst wenn Sie eine Krone trügen! Sie werden
Ihren Geist unterdrücken, wo nur Ihr Herz nötig ist! Sie werden, sogar leidend,
sich nicht mit andern in stolze Vergleichung bringen! Und will es so nicht
gehen, wie Sie es gern im Leben möchten, immer vergegenwärtigt Maria, was ein
Weib erfahren, was ein Weib überwinden muss, ohne sich zu rächen! Sie vergibt! O
sie vergibt auch Ihnen vieles, denn sie kennt die Schwäche des Weibes; aber sie
vergibt nicht alles. Sie würde nicht jede Ihrer Bitten am Trone ihres Sohnes
auszusprechen übernehmen. Sie besitzt die Schwäche einer Mutter, sie kann von
dem Kind ihrer Liebe Fehltritt über Fehltritt vernehmen und vergibt ihm; aber in
vielen, vielen Dingen verlangt sie eine unbedingte Unterwerfung und ich glaube,
dies ganze, ich sage nicht mystische, sondern einem Spiegel gleichende
Verhältnis zwischen Maria und einem weiblichen Herzen - ich glaube, Sie kennen
es nicht und darin, darin liegt Ihr ganzes Unglück!
    Dumpf vor sich hin sprach Lucinde einen Einwand ... Bonaventura kannte die
Berechtigung dieses Einwandes aus seinem eigenen Leben und empfand ihn jetzt
noch mehr, seitdem ihm so nahe bevorstand seine Mutter wiederzusehen ... Warum
sagte nur Jesus: Weib, was hab' ich mit dir zu schaffen? hatte Lucinde gemurmelt
...
    Bonaventura erwiderte:
    Maria ist keineswegs die letzte Richterin über unsere Seele! Sie ist nur
eine Vorstufe zum Gottestron und allerdings die ihm nächste! Aber ich glaube
nicht, dass die Seele jedes Mannes an ihr Urteil verwiesen ist; sie richtet auch
nicht, sie bittet nur. Nur möcht' ich wiederholt wissen: Sind die Sünden und
Irrtümer, die Sie mir heute gebeichtet, die eines weiblichen Herzens, das mit
der allerseligsten Jungfrau einen innigen Freundschaftsbund schloss? Mir scheint
es, dass Sie vorzugsweise Eine reine, wahre Freundschaft schliessen sollten, diese
mit unserer Mutter Maria! Welch ein unschuldiger, edler, froher Sinn würde Sie
plötzlich heiligen! »Maria stand auf, ging eilends über das Gebirge in das Haus
des Zacharias und grüssete Elisabet« ... so steht in der Schrift -
    Und sich unterbrechend erhob sich Bonaventura wie in innigster Freudigkeit
rasch, schlug den Vorhang von einem Büchergestell zurück, suchte eine kurze
Weile nach einem Buch, fand es, kam wieder, schlug es auf, blätterte und las
eine schnell gefundene kurze Erläuterung über den Gruss Mariens an Elisabet,
über den Gruss der Jugend an eine Matrone, über den Inhalt der Rede, die Maria
wohl Elisabet gegenüber gehalten haben mochte, über die Darbringung solcher
Empfindungen und Seelenstimmungen, die ihr dafür das Wort der greisen Gönnerin
eintragen konnten: »Du bist gebenedeiet unter den Weibern!« Bonaventura las
diese Betrachtung aus einer Blumenlese geistlicher Erweckungen und wollte keine
Erbauung. Er wollte Lucindens Geist anregen, nicht bloss ihr Herz. Er wollte ihr
die sittliche Schönheit als das Ziel auch einer reinen Phantasie hinstellen ...
In wärmsten Worten schilderte er den Zustand dieses »Gebenedeiten am Weibe«.
Ueberall würde eine Gebenedeite freundlich empfangen, überall wie der kommende
Mai begrüsst; in jeden Streit brächte sie Friede, in jedes Leid Trost; ihre
Schritte wären gesegnet; wo sie hinträte und wär' es in der Wüste, blühte eine
Blume auf - wie die Jerichorose unter den Füssen Maria's, als sie mit dem Kinde
gen Aegypten floh ...
    So deutete Bonaventura die »Jerichorose« ...
    Dann erteilte er Lucinden einige leichte Bussübungen, liess sie knieend
seinen Segen empfangen und wollte nun von ihr Abschied nehmen ...
    Lucinde stand zwar auf, zog ihren Shawl über die Schultern, hatte sich ihren
Hut wieder aufgesetzt, schickte sich an zu gehen ... sie war jedoch - wie
gebannt ...
    Die Glocken der Katedrale läuteten zu einem Kirchenfest ... ... Schon sechs
Uhr schlug es ...
    Wie sie schon nahe der Tür sich befand, die unmittelbar in den Corridor
führte, stand sie plötzlich still ...
    Bonaventura trat hinzu. Er glaubte zu sehen, dass sie sich entfärbte ...
    Was ist Ihnen? fragte er ...
    Lucinde erwiderte nichts, doch hielt sie sich an der Epheulaube ...
    Bonaventura glaubte, dass ihr unwohl war und ging an einen am Fenster
stehenden Tisch, auf dem Wasser stand ...
    Sie winkte ablehnend und starrte in die inzwischen hereingebrochene
Dunkelheit zum Fenster hinaus ...
    Bonaventura sah, dass sie von seiner Rede, seinem Zuspruch nicht befriedigt
war, dass sie etwas vorhatte und mit sich kämpfte. Doch mied er die Saiten des
Seelischen und des Gemütes noch einmal wieder anzuschlagen. Er sprach
beruhigend von der Lebhaftigkeit der Gegend draussen und stand, als wollte er
eines der Lichter ergreifen und ihr auf den Corridor leuchten ...
    Sie reisen nach Witoborn? begann Lucinde, schon über diese Andeutung, als
fürchtete sie vielleicht nur die Dunkelheit draussen, gereizt ...
    Noch heute! ... erwiderte Bonaventura, sichtlich befangen durch ein Wort
weitern Gespräches, das nicht durch sein Amt veranlasst wurde ...
    Lucinde sah diese Förmlichkeit, diese plötzliche Kälte und hauchte:
    Schon so bald!
    dabei blieb sie vor dem Epheu stehen und pflücke gedankenvoll ein einzelnes
welkes Blatt ab ...
    Wer hätte an dieser Handlung erkennen mögen, dass sich die ganze seit Monaten
angesammelte Fülle der Spannung wieder auf ihre Brust wie riesig anstemmte und
in irgendeiner Weise helfen wollte; sie hatte die Befriedigung des Gemüts nicht
so gefunden, wie sie gehofft ... Sie wollte und hoffte nur - - ihre Liebe ...
    In einigen Stunden ... sagte Bonaventura, jetzt sogar drängend ...
    Dieser sein plötzlich immer kälterer Ton reizte sie mehr und mehr und schon
war es nur ein Hauch, mit dem die erstickte Stimme sprach:
    Grüssen Sie - Gräfin Paula! ...
    Bonaventura antwortete durch ein äusseres Zeichen ...
    Lucinde fuhr fort, wie bewusstlos in dem Epheu nach welken Blättern zu suchen
... Da sie deren nicht zu viele fand, brach sie auch schon die grünen ab ...
    In Bonaventura's Innerm drängte sich jetzt Unmut, sogar eine Aufwallung des
Zorns, doch suchte er nach Geduld und Selbstbeherrschung ...
    Paula's Sehergabe soll Wunder wirken! fuhr Lucinde fort, zitternd und nicht
von der Stelle könnend ... Ich wünschte wohl, Sie frügen sie, was für mich -
noch alles in den Sternen steht!
    Das würd' ich die Sterne der eigenen Brust fragen! sagte Bonaventura
lächelnd und machte Miene, um Schonung seines Epheus zu bitten ... Schon das
längere Verweilen Lucindens verdross ihn ...
    Sie merkte nichts von dem, was sie tat ... Sie brach Blatt um Blatt,
zerknitterte das Gebrochene, warf es weg ... sie war im Geiste bald in der Ebene
von Witoborn ... bald gedachte sie des Picard'schen Auftrags, das Schreiben Leo
Perl's abzugeben ...
    Grüssen Sie Herrn von Asselyn, Ihren Vetter Benno! sagte sie - wie spottweise
- und nur um zu sprechen und sich zu sammeln ...
    Bonaventura versprach die Ausrichtung dieses Grusses und ging von dem Tisch,
wo er gestanden. Er machte in der Tat Miene, sich mit höflicher Neigung des
Hauptes in sein Nebenzimmer zurückzuziehen ...
    Lucinde machte sich durch Scherze Mut zum Bleiben und gefiel sich darin,
durch das Zerrupfen des Epheus auch die ihr wohlbekannte - Pedanterie der
katolischen Geistlichen, die überhaupt mit den Jahren jede ehelose Lebensweise
annimmt, schon an diesem jungen Mann zu reizen ... Schon in St.-Wolfgang hatte
sie ihn ja im Geist früh vergrämeln und verzärteln gesehen ...
    Er soll sich hüten, sagte sie, Armgart nicht zu schwesterlich zu lieben! Das
kann dann im Ernst so kommen! Auch Frau von Hülleshoven, ihre Mutter, könnte
Armgart zuvorkommen, einen gewissen Herrn von Terschka zu wählen ...
    Bonaventura hörte schon nicht mehr. Seine Entrüstung nahm immermehr zu und
auch sein Kampf; denn jedes Wort, das Lucinde sprach, war ersichtlich nur eine
Verschleierung der Rede: Du Tor, warum umschlingt mich nun nicht dein Arm?
Warum lässest du mich nun jetzt so hingehen, wie ich gekommen bin?! Voll
Seligkeit läg' ich - trotz Mariens - in deinen Armen ...
    Herr von Terschka, fuhr sie den Epheu zerzupfend fort, nimmt jede Religion
an, die die schöne junge Frau mit ihren koketten Locken von ihm verlangt! Aber
sie hätte die Conversion gar nicht nötig! Wär' ich in Rom und flüsterte - nur
zwei Worte - mit den Cardinälen der Sacra Dotaria, sie sollte ohne weiteres
geschieden werden! ...
    Warum scherzen Sie über so ernste Dinge! fragte Bonaventura verdrossen -
doch staunend ...
    Kein Scherz! ... Ich lernte neulich die Frau kennen! Ihre Seele ist aus
heisser Luft gewoben! .. Wer möchte glauben, dass auf der Heide von Witoborn
solche Blumen wachsen! .. Sie kennen ja dies Geschlecht mit dem ewig gleichen
Perpendikel des Herzens! .. Ein Schlag wie der andere! Bim - bam! .. Es ist ja
wahr - auch - Ihre Heimat ist's!
    Bonaventura sah Lucinden ganz so wieder, wie sie sonst und noch zuletzt in
seinem Pfarrhause gewesen war ...
    Das muss ich doch noch sagen, ich liebe nur den katolischen Glauben, wenn er
die Seele zum Mute entflammt! fuhr sie in einer Aufregung, die sie nun nicht
mehr bemeistern konnte, fort ... ich liebe ihn, wenn er die Menschen aus der
Gewöhnlichkeit erhebt und ihnen Flügel gibt! Dort?! Dort - ist wirklich alles
nur Aberglaube und so vieles, so vieles - auch hier -
    Bonaventura, seine vorhergegangene tief vom Herzen gekommene Ansprache
verhöhnt, kalt abgewiesen fühlend, atmete hörbar vor immermehr zunehmender
Entrüstung ...
    Schon war Lucindens ganze Hand voll grüner abgerissener Epheublätter ...
    Sie werden auch Schloss Neuhof sehen? sprach sie, noch wie harmlos, aber
doch, da sie nun gehen musste, aller Fassung beraubt ...
    Ohne Zweifel! sagte Bonaventura kalt ...
    Auch den Kronsyndikus? ...
    Man erwartet seine Auflösung ...
    Das bedaure ich! ... Ich wünschte, Sie frügen ihn nach seiner zweiten Frau,
die noch in Rom leben soll ... Und ob - die alten - Stammers - wohl noch im Parke
hausen? - Und Bruder Hubertus - werden Sie - sehen - auch Klingsohr -
    Nicht unmöglich ...
    Wenn ich einmal Paula im magnetischen Schlafe sähe, wollte ich sie etwas
fragen - Aber es ist ja wahr - Immer, wenn ich an ihr Lager trat, wissen Sie wohl
noch, hörte - die Posse auf ...
    Bonaventura stand auf glühenden Kohlen ...
    Nur einmal glaubt' ich selbst, dass sie im Traum wahr sprechen konnte ...
Einmal! ... Am Tage Ihrer Weihe! Warum aber auch - taten Sie ihr das!
    Der bitterste, schrillste, ja ein frecher Hohn war es, mit dem Lucinde diese
Worte sprach ...
    Und Bonaventura nahm die Kriegserklärung auf ...
    Er ergriff das Licht, ging an die Tür, die zum Corridor führte, und machte
die Miene, als wollt' er ihr ruhig hinausleuchten ...
    Jetzt blieb Lucinde stehen und verwüstete erst recht den Epheu ...
    Schonen Sie diese unschuldigen Blätter! rief er ...
    Lucinde liess alle Blätter, die sie gerade in der Hand hatte, zu Boden sinken
und suchte Bonaventura's Auge ...
    Der Priester versuchte ihren Blick auszuhalten ...
    Sie starrte ihn an wie die Walkyre ...
    Er - stellte den Leuchter auf den Tisch zurück, um sich aus ihrer Nähe
entfernen zu können und ins Nebenzimmer zu gehen. Die Augen niederschlagend und
sich den letzten, entscheidenden Rest von Selbstbeherrschung gebend, den er
solcher Herzenshärtigkeit gegenüber noch besass, hauchte er an der Tür des
andern Zimmers mit erstickter, aber deutlicher Stimme:
    Fräulein! Da ich so wenig über Ihren unglückseligen Sinn vermag, so möcht'
ich ein für allemal gebeten haben - Sie suchen sich für jeden künftigen Fall
Ihres - Beichtbedürfnisses einen - andern Freund Ihrer Seele -!
    Eine kurze tödliche Pause folgte auf dies sich im Sprechen mildernde, aber
doch mit dem entschlossensten Aufdrücken der Nebentür endende kategorische
Ersuchen, nie wiederzukommen und sich für immer einen andern Beichtvater zu
wählen.
    Lucinde verstand das tödlich entscheidende Wort.
    Bald auch machte sich ihr Seelenzustand in einem furchtbaren Ausbruch Luft
...
    Kein Lachen stiess sie aus, auch kein Weinen ...
    Es war ein Ton, der sich ihr, wie sie an der Tür stand, vom Herzen losriss,
ohrzerreissend, von Lachen und Weinen eine Mischung, unerhört für den Priester,
der wie in Betäubung stand und sich bei alledem sagte: Jetzt oder nie! Es muss
ein Ende sein! ...
    Nie von ihm gesehen war auch das, was er jetzt sehen musste ...
    Lucinde lag plötzlich am Boden, hingestreckt wie eine Leiche ... dicht an
der Türschwelle lag sie wie leblos ... völlig starr ... beide Arme lagen zu
ihren Häupten weit ausgestreckt, ihr ganzer Körper war wie gelähmt ...
    Erst wollte der zum Tod Erschrockene sich dennoch entfernen ...
    Dann musste er bleiben ... Der Gedanke, dass Lucinde an einem plötzlichen
Krampf erstickt wäre, erfüllte ihn mit Entsetzen ...
    Er beugte sich zu ihr nieder, rief sie an ... ergriff ihren rechten Arm, der
wie gefühllos hing ... der Hut lag im Nacken, der Shawl war ihr von ihren
Schultern geglitten ... kein Glied mehr bewegte sich ...
    Erst als Bonaventura sich erhob, an den Tisch eilte, auf dem das Wasser
stand, sein ganzes Taschentuch eingetaucht hatte und zurückkehrte, um ihr die
Stirn und Schläfe zu befeuchten, regte sie sich und suchte aufzustehen ...
    Sie lehnte dabei seine Hülfe ab, drückte ihren Hut fest und in die Worte der
Bestürzung, die er sprach, hinein erhob sie ihre Stimme, faltete die Hände,
blieb in ihrer knieenden Stellung und rief:
    Maria! ... Ich wage es doch, dich anzublicken! ... Gib mir Kraft, mein Loos
zu tragen, wie du das deinige ertrugst! ... Sieben Schwerter durchbohrten deine
Mutterbrust und du sahest doch noch die Herrlichkeit deines Sohnes! ...
    Dann sprang sie auf, riss ihren Hut herab, stand wie wahnsinnig, erhob den
Arm und flüsterte fast heiser:
    Auch ich werde sie sehen! Gott hat die Zukunft meiner Liebe, das Glück und
die Lebensruhe des grausamsten aller Menschen in meine Hand gegeben! ...
    dabei bebten durch die blendenden Zähne hindurch die von ihr wiederholten
Worte Bonaventura's:
    »Einen andern Freund Ihrer Seele!«
    Vielleicht würde Bonaventura in einem Versuch der Aussöhnung von Lucinden
geschieden sein, wenn ihn die rätselhaften Worte, die sie sprach, nicht aufs
neue erschreckt, der furchtbar betonte Sinn der Drohung, der in ihnen lag, nicht
befremdet hätte ...
    Ja, sagte sie wie geisterhaft zu dem sie Anstarrenden; das hat Gott in meine
Hand gegeben! Wie Ihr Schatten werde ich Ihnen durch Ihr Leben folgen - Herr -
von Asselyn!
    Wahnsinnige! rief Bonaventura aufs neue ermutigt ...
    Ja, setzte sie fast lachend ihre Rede fort, ich bin die Ursache, dass das
Grab erbrochen wurde, in dem der letzte Begleiter Ihres Vaters bestattet war ...
    Bonaventura horchte auf und starrte dieser neuen Gedankenreihe ...
    Ich, ich kenne den Verbrecher! Ich, ich besitze, was er im Sarge gefunden
hat!
    Sie - Sie besitzen - was ich seit jeder Stunde -?
    Keine Verletzung der Beichte! unterbrach sie bitter höhnend ... Ich kenne
den Verbrecher ohne Ihre Andeutung! Mir gab er, Ihnen das Gefundene
einzuhändigen. Der Mut des Mannes regt sich in Ihnen? Sie glauben, mir das
Geheimnis entreissen zu können? Suchen Sie! Mit allen Häschern der Erde ... Sie
finden Ihr Lebensgeheimniss nicht ... das halte ich!
    Bonaventura, in äusserster Verwirrung, sprach fast zitternd durcheinander:
    Ich kenne - den Hass - dessen Sie fähig sind ... aber Sie dürfen beruhigt
sein ... durch die Gerichte werd' ich ihn nicht nähren ...
    Schmeicheln Sie? Wandeln Sie dahin, wohin Sie Ihr Geschick ruft! In die
Täler, auf die Berge! Lassen Sie die Mitra auf Ihr Haupt setzen, wie Paula
prophezeite - ich habe das Geheimnis, Sie in jeder Stunde des Tages, in jeder
der Nacht - an mich zu erinnern!
    Ich fürchte dich nicht! Dämon! Was könntest du besitzen?
    Ein Bekenntnis!
    Von meinem Vater? Er ist die Liebe selbst!
    Nicht von Ihrem Vater!
    Von meinen Angehörigen? ... Meiner Mutter?
    Nicht von Ihrer Mutter!
    Die Ehre meines Namens befleckt kein Bekenntnis der Erde!
    Die Ehre Ihres Namens!
    Die Ehre eines Angehörigen? Ha, meines Vetters Benno?
    Lucinde stockte, dann sprach sie:
    Auch das nicht!
    Lucinde! Ich habe Sie zu allen Zeiten einen Teufel nennen hören! Sind Sie
denn wirklich ein Geist der Hölle -?
    Ein Mann im roten Haare sass in Ihrem Beichtstuhl! antwortete sie kalt dem
fast bittenden Tone ... Er bekannte Ihnen, dass er eine Schrift in lateinischer
Sprache gefunden ... Fürchten Sie nicht, dass ich die Hülfe eines andern in
Anspruch zu nehmen hatte, um sie zu entziffern - Ich erzählte Ihnen ja heute,
von wem ich alles - Latein gelernt!
    In ihrer Stimme zitterte fast eine Träne ...
    Betrifft die Schrift - -? fragte der Gefolterte. Aber er wusste selbst nicht
mehr, in welchen Verhältnissen er forschen sollte. Dunkel war ihm ja nur ausser
dem Tode seines Vaters - eine, eine geheime Stelle in seinem Innern - sein Beruf
-!
    Nichts betrifft die Schrift, was Sie hindern kann, alle Prophezeiungen von
Westerhof wahr zu machen! fuhr Lucinde fort und fasste sich allmählich. Werden
Sie Bischof, Erzbischof, setzen Sie sich die dreifache Krone aufs Haupt -! Ein
Wort von mir entwertet Ihr Dasein! Ein Wort von mir nimmt Ihrem Segen die
Kraft! Ein Wort von mir, und was Sie blühend glauben, muss verwelken, was Sie für
die Ewigkeit geschaffen wähnen, muss untergehen!
    Wahnsinn! Wahnsinn! rief Bonaventura ausser sich ...
    Dann sprechen Sie das Wesen Ihrer Kirche aus ... erwiderte sie und wollte
gehen ...
    Ihrer - unserer - Kirche!? ... Die Urkunde hängt mit meinem Glauben
zusammen?
    Unserm Glauben! ...
    Mit der Wahrheit - dieses Glaubens?
    Mit dem ganzen - ganzen Bau der Kirche!
    Ein Hohnlachen schien ringsum von den Wänden widerzuhallen ...
    Bonaventura wandte sich, um sein Bewusstsein nicht zu verlieren ... Die
Stirne brannte ihm ... Die zitternde Hand fuhr über die düstern Furchen hin und
wischte die Vorstellungen ab, die sich aus ihr wie leibhaft zu sammeln schienen
... Schon wieder die kaum beruhigte Seele in Aufruhr versetzt? Schon wieder eine
Mahnung des Zweifels? ... Wieder das Herz im Tumult wie damals, als der
rätselhafte Brief aus Italien gekommen, der ihm von Fehlern der Kirche, von
Huss, Savonarola, Arnold von Brescia gesprochen?
    Und wie er sich wandte, um in Güte mit Lucinden sich zu verständigen, sogar
sein hartes Wort: Sie sollten sich einen andern Beichtvater suchen! vielleicht
zu mildern, mehrte sich sein Entsetzen ...
    Lucinde war verschwunden ...
    Die Stelle, wo sie noch eben wie eine Botin der Hölle gestanden, war leer.
    Das Auf- und Zugehen der Tür, nichts hatte er in seinem Schrecken und der
tiefsten Verlorenheit in sich selbst vernommen ... Sie war nicht da.
    Selbst, als er die Tür aufriss und in die hellerleuchteten Corridore
blickte, fand er nirgends eine Spur mehr ...
    Nun war alles wie ein Traum.
    Seine Geister rasten ...
    Wahnsinniger! riefen sie ihm ... Was trotzest du mit deiner Tugend? Was
mordest du dich und andere? Trittst Blüten der Menschlichkeit mit Füssen und
gewinnst nur blutige Dornen dafür? Bist du nicht ein Tor mit deinem entsagenden
Herzen! Lügst du nicht selbst, indem du einem Mädchen, das dich liebt, doch nur
- um einer andern Liebe willen kalt bist, die, verboten wie sie ist, doch in
deinem Herzen tront? Tor, der du den erquickenden, berauschenden Trank der
Leidenschaft nicht zu kosten wagst! Wagst? Ha, ein Schatten, ein Schatten bist
du, ein Spiel der Täuschung! Ein Gedankenschemen ohne Wahrheit! Ein mit bunten
Kleidern behängtes Nichts! Ein Mensch ohne Leben, ohne Zeugnis für den Schöpfer,
der dir den Atem seines eigenen zeugungskräftigen Daseins in die Seele blies!
... O, wäre sie geblieben, riefen die Leidenschaften in ihm fort und fort, eine
Secunde noch, vielleicht wäre die Maske gefallen und das Spiel, das erheuchelte,
zu Ende gewesen! Der Welt hätt' ich, und wenn im Arme eines Teufels, gerufen:
Unmöglich, unmöglich ist die Kirche, weil das Priestertum unmöglich ist!
    Zwischen dieser rasenden Nachwirkung einer in Liebe und Hass so
gleichbestrickenden Frauenleidenschaft jammerte es tief wehmutsvoll in ihm: Was
kann sie von dir besitzen? Was wissen? Von deinem Vater? Von uns allen -?
    Noch kämpfte es in seinem Innern, als schon manche Mahnung wieder an seinen
Beruf sich ihm näherte, manches Wort von ihm mechanisch gesprochen werden musste,
Renate kam, plauderte und ihm Fragen stellte, die er beantwortete, ohne zu
wissen wie ...
    Dann sah er den Hauswart, sah seine Koffer holen und in den Wagen tragen,
mit dem er zur Post fahren wollte ...
    Abschied nahm er von Renaten, von seinem Zimmer, von seinen Büchern, von
seinem zerstörten Epheu, dessen zerrissene Blätter wie seine Ideale lagen ...
    Im Hof fand er den Wagen, in den er einstieg, geschmückt mit bunten Kränzen,
hoch den Sitz mit Blumen belegt ...
    Er sah Männer mit Fackeln, die ihm Abschied sprachen, Frauen, die mit den
Taschentüchern winkten und wehten ...
    Als der Wagen durch das grosse Portal fahren wollte, umringte ihn ein Chor
von Knaben, die ihn mit einem Lobgesang begrüssten ...
    Er erkannte die Kattendyks, seine Beichtkinder, auch Treudchen Lei, sogar im
Scheine hochgehaltener vierflammiger Kirchenlaternen einen kleinen Mann, schwarz
und weiss angetan, Herrn Jean Baptiste Maria Schnuphase, der eine feurige Rede
hielt ...
    Auch die Frau in silbernen Locken schien ihm an einem Pfeiler zu stehen und
sinnend und träumerisch ihm nachzublicken ...
    Ringsum öffneten sich die Fenster im Hofe und die sonst so grämlichen alten
Bewohner des Hauses - ihm waren sie freundlich, ihm lächelten sie Abschied und
frohes Wiedersehen! - denn, wie Klingsohr gesagt hatte, »die göttinger Ritter
des Guelphenordens fühlten die Transfusion des jungen Blutes in ihren Adern« ...
    Der junge Domherr, leichenblass, sprach der zahlreich versammelten Menge
Worte des Dankes, Worte der Wehmut ...
    Was er sprach, sprechen konnte, stand mit dem Schmerz des Abschieds im
Einklang ...
    So kam er grüssend, handwinkend auf die Post, wo er von allen Blumen nur
einen kleinen Strauss zurückbehielt und ihn in den engen Postomnibus mitnahm, der
nun erst wieder auf das kleine Stückchen schon benutzter Eisenbahn fuhr ...
    Unmittelbar mit eigenem Fuhrwerk zur Eisenbahn zu fahren, war keinem
gestattet, der mit der Post später weiter wollte. Im Postof musste man sich
sammeln und dort wurden die Namen aufgerufen ... So war das Ghibellinentum.
Präcis, höchst geordnet, ganz nach dem militärischen Geiste Grützmacher's und
Schulzendorf's und wie Tiebold de Jonge bei den Freunden Piter's berichtet
hatte, der Generalpostmeister (Bundestagsgesandter) sprach einst wirklich das
historische Wort gegen Einführung der Eisenbahnen: »Mit solchen Neuerungen hört
die Ueberwachung der demagogischen Umtriebe auf!« ...
    Benno's Kampf lag eben in diesem unvermittelten Gegensatz so vieles
Hochherrlichen am Ghibellinen-und so manches Hochherrlichen am Welfentum ...
    Wie sehnte sich Bonaventura nach dem Geist eines Dritten, das über diesen
Gegensätzen versöhnend schwebte -!
    Er fuhr von dannen - tief unglücklich - das Rätsel der Welt im Herzen.
                            Ende des vierten Buches.
 
                                  Fünfter Band
                                   Fünftes Buch
                                        1.
                                    »C.M.B.
                          Caspar, Melchior, Baltasar.
... Diese Namen der heiligen drei Könige aus dem Morgenland schrieb die alte
Zeit über Tür und Schwelle eines jedes Christenhauses, um dem Heiland daraus
eine Weihnachtskrippe zu bereiten.
    Aber sie können noch mehr sagen, die heiligen drei Könige aus dem
Morgenland! Sie können euch zurufen: C.M.B.: C - reuzige M - eine B - egierden!
C - hristus M - ein B - ekenntniss! C - hristus M - eine B - ahn! C - ommunicire
M - it B - edacht! C - abalen M - üssen B - rechen! C - abinetsweisheit M - acht
B - ankrott!«
    In dieser harmlos zeitgemässen Weise war in der uralten
Archipresbyteriatskirche zwischen Witoborn, Stift Heiligenkreuz und Schloss
Westerhof, am heiligen Dreikönigstag gepredigt worden vor einer aus Hoch und
Niedrig bestehenden Gemeinde, die auch deshalb so zahlreich vertreten war, weil
alles erwartete, der von vierundzwanzig Damenhänden gefertigte Wunderteppich,
die vom Doctor Laurenz Püttmeier gezeichnete Vision der »Seherin von Westerhof«,
würde heute vom Pfarrer Norbert Müllenhoff geweiht werden. Diese »Weihe« musste
dem ersten Betreten des Teppichs durch den erwarteten Archipresbyter vorangehen.
    Aber noch drei Wochen vergingen, bis diese heilige Handlung vollzogen werden
konnte. Die Damen hatten für den Kirchenfürsten zu viel zu sticken und damit
jenen Müllenhoff'schen - »Bankrott aller Cabinetsweisheit« zu beweisen ...
    Armgart war mit ihrem Drachen, den sie, wie Terschka an jenem Abend bei
Piter Kattendyk berichtet, durch »längern Umgang lieb gewonnen hatte«, fast die
erste fertig und hatte sich bereits wieder in zwei »Vielliebchen« verloren, die
sie für Tiebold und Benno fertigte, eine Cigarrentasche und einen Aschenbecher
... Nur ihre übrigen Mitfräulein im Stifte zögerten so lange mit Ablieferung
ihrer Einzelteile der grossen Arbeit, die dann Jean Tübbicke, nicht
Schneidermeister, sondern - man staune des Fortschritts zu Witoborn! - »
Maître-tailleur« in der alten Priesterstadt und sogar der Sohn eines Messners,
des alten Messners Tübbicke hier zu Sanct-Libori selbst, nach Püttmeier's
Zeichnung zusammenzunähen hatte.
    Armgart sass am Dreikönigstag gleichfalls in der Kirche.
    Ach, sie deutete sich diese akrostichische Nutzanwendung von C.M.B. aus dem
Munde des jungen so schlagfertigen Geistlichen, der noch nicht zu lange aus dem
Seminar gekommen war und schon auf zwei Pfarren fungirt und seines
reformatorischen Eifers wegen zwar überall Spectakel gehabt, aber dennoch diese
höchst vortreffliche Pfarre auf den Dorste-Camphausen'schen Gütern bekommen
hatte, in ihrer Weise ...
    Ihr - sprachen Caspar Melchior Baltasar: Herr! C - röne M - ein B -
eginnen! ... Dass sie dabei »Cröne« mit einem C schrieb, entsprach den Witoborner
alten Gesangbüchern. Stand doch die ganze Bildung jener Gegend noch auf dem
Standpunkte mehr von 1738 als von hundert Jahren später. Die wunderherrlichen
Gedichte der Annette von Droste-Hülshoff, dieser edeln, anschauungsreichen
Sängerin, die, wie Benno von Asselyn gelegentlich zum Verdruss der Tante Benigna
von Ubbelohde beim Tee auf Westerhof gesagt hatte, auf dem Parnass auch das
Heidekraut und die Buchweizengrütze aussäete, diese Gedichte kannte Armgart;
aber mit Andacht las sie seit Kindesbeinen nur die Poesie auf den
Kreuzwegstationen und Wallanlagen von Witoborn und in den Corridoren ihres
Stiftes Heiligenkreuz. Denn dort war sie eingetreten. In der Tat hielt sie
jetzt Markt mit ihren Naturaleinkünften (in diesem Winter freilich erst Einen
einträglichen mit zehn Schinken, zehn Würsten und zehn Speckseiten) ... Ueber
ihrer Tür stand:
O Libori, o Antoni, zwei Gefäss der Heiligkeit,
Dass wir müssen euch begrüssen, heisset uns die Schuldigkeit!
O Libori, o Antoni, steht uns bei am letzten End',
Dass nicht sterben und verderben! Führet uns in Jesu Händ'!
    Welches ist Armgart's »Beginnen«? ... Wir können vorläufig nur sagen: Noch
mehr, als sie schon sonst war, ist sie Grüblerin geworden. Stundenlang konnten
ihre braunen Augen in die innersten Wände ihrer kleinen, ahnungsvollen
Gedankenwelt zurückschauen. Stundenlang konnte sie ihre bekannten weissen
Vorderzähnchen ohne Bedeckung der schmerzlichverzogenen Lippen lassen, wenn sie
über etwas grübelte, was ihr seltsam schien. Und was erschien ihr nicht seltsam!
Noch jetzt, wenn von der Erblassenschaft der Dorste'schen Besitzungen, von dem
Grafen Joseph, ihrer geliebten Paula Vater, als von dem Erblasser die Rede war,
konnte sie sich fragen, ob denn dies schmerzliche Wort nicht eigentlich zu
sprechen wäre: Er - blasser und den im Tode tief Erblassenden, leichenweiss
erbleichenden edeln alten Herrn bezeichnen sollte? Eine Erbskette nahm sie noch
jetzt für eine Kette, die man von geliebten Personen, etwa einer teuren Mutter,
erbt, nicht als Kette von Kügelchen, so gross wie Erbsen. Wenn der Onkel Levinus
Abends nach dem Nachtessen in Schloss Westerhof vom Untergang der westfälischen
Herrschaft und von Napoleon's Sturz in Russland sprach und die Schlacht bei
Mosaisk erwähnte, träumte und grübelte sie, wie doch nur mit dieser Begebenheit
das zuweilen in Kunstgesprächen und bei schönen römischen Brochen vorgekommene
ahnungsvoll poetische Wort Mosaik zusammenhängen könnte. O, schon das
achtjährige Kind liess sich nicht nehmen, dass in dem auf dem Finkenhof, einem
Wirtshause in der Nähe zuweilen gesungenen Liede: »Freut euch des Lebens, weil
noch das Lämpchen glüht!« keine Lampe, mit der ja ohnehin kein Mensch springen
würde, sondern ein springend erhitztes Lämmchen gemeint wäre. Zwölfjährig schon,
wo sie noch nicht ahnte, dass sie selbst einst in Lindenwert wohnen würde, auf
das jene Ritter-Toggenburg's-Sage vom angestarrten Fenster der Geliebten in
Wahrheit einst gegangen sein soll, sprach sie Schiller's, aus einem Schulbuch
ihr bekannt gewordenes Gedicht: »Ritter, treue Schwesterliebe widmet euch dies
Herz!« nie anders, als: »Rittertreue, Schwesterliebe -!« Drückte doch beides das
ihr Schönste und Herrlichste im Leben aus: Ritterliche Treue und schwesterliche
Liebe.
    Drei Wochen darauf wurde dann endlich wirklich der Teppich geweiht. Das war
ein festlicher, hoch katolischer Sonntag! ... Hier in viel rauherer Gegend, als
in der Residenz des Kirchenfürsten, war es zwar schon vollständiger Winter und
der Schnee lag fusshoch und darunter hatte kurz vor seinem Fallen etwas Frost
alles Flach- und Hügelland mit seinen Walleinschnitten und Hecken gehärtet und
gefestet ... Jetzt erst recht zeigte sich die Isolirung, die hier den Charakter
des Zusammenwohnens bildet ... Der Bauer auf seinem Kamp, der Junker auf seinem
Hof schliesst sich ab, wie wenn dies Land, gleichfalls nach Benno's früherer
Äusserung, ein Meer wäre und seine Wohnungen Inseln oder Schiffe ... Ringsum hat
jeder bei sich in nächster Nähe gleich, was er bedarf. Selbst im Bauernhause
liegen sogleich mit der Viehstall und der Backofen. Den Wald opferte man nicht
ganz, sondern behielt eine gute Strecke davon als Grenzmarke der Aecker.
Nirgendwo findet man hier die langen Ackerfeldfurchen, die in unübersehbarer
Einförmigkeit nur von vollständigen Dörfern abgelöst werden. Hier ist das Dorf
aufgelöst in Höfe, die auch jetzt im Schnee, der scheinbar alles nivellirt, an
den rauchenden Schornsteinen sichtbar sind. Man glaubt eine unterm Schnee nach
allen Orten hin sich öffnende unabsehbare Kraterwelt zu erblicken. Gegen Osten
hin ragen einige alte Türme auf, wie wenn sich eine Citadelle dort erhöbe. Das
ist Schloss Westerhof. Gegen Süden zu zeigt ein ganz buckelig geschnörkelter, mit
Schiefer belegter Turm (was man heraussehen kann, da der Schnee nicht von allen
Seiten an den Rundungen festielt) das Stift Heiligenkreuz. Und inmitten dieser
grossen Rundsicht, welche Berge, Wälder, Seen, die Witobach, an der das
turmreiche Witoborn liegt, mehr ahnen, als deutlich unterscheiden lässt, liegt
dann am Fusse einer kleinen Anhöhe die alte einst byzantinisch angelegte, jetzt
höchst zopfig überbaute Kirche von grünlichem Sandstein Sanct-Libori. In
nächster Nähe gehört dazu ein Stückchen Wald, der nur die Einfriedigung eines
Kamps ist, dessen Inneres zwei stattliche moderne Häuser bilden, das des
Pfarrers und das des Schullehrers von Westerhof ... Aber diese ganze
Winterlandschaft ist heute belebt, wie im erwachenden Frühling! Sieben bis acht
Schlitten stehen unten vor dem Kalvarienberg des Aufgangs, davor
schellenklingelnde Rosse mit langen fliegenden Decken ... Die putzigen
Türkenköpfe auf den Schnäbeln der Schlitten gafft die Jugend von drei Meilen in
der Runde an. Dazwischen die Bauern und die »Kötter« und die Knechte in
Pelzkappen; die Frauen trotz der Kälte in all den wunderlichen Hauben und
fliegenden Aufsätzen, die der Tracht jener Gegend eigen sind; die alten
Mütterchen mit grossen weissen Krägen, die sie halb den so sehnlichst vom Adel
erwarteten Barmherzigen Schwestern ähnlich machten; in der Hand der reichen
Bäuerinnen ein goldgeschnittenes Gebetbuch, ein Rosenkranz am Gürtel, auf der
Brust eine Ringelkette von vergoldeten Medaillen ...
    Die Weihe ist endlich vorüber ... In den Schnee hineinblickend musste die
sich zerstreuende Gemeinde nur bunte Flecken sehen, wie wenn man in die Sonne
geschaut, so prächtig war der Teppich gewesen, der vorm Hochaltar hoch an roten
Stangen mit Goldtroddeln geprangt hatte. Er leuchtete wie der Widerschein eines
Fensters im Mailänder Dom. Violett und gelb und blau und rubinrot strahlten die
bunten Gewebe und namentlich wurde der Pfau des heiligen Liborius von einem auch
dazu gerade hervorblitzenden Sonnenlichtsschimmer prächtig erleuchtet. Norbert
Müllenhoff predigte in seiner jungkatolischen Weise. Wieder knüpfte er an
Caspar Melchior Baltasar an und sagte, die wilden Tiere des Teppichs da, die
wären auch in dem Land heimisch, von wannen jene Morgenlandskönige gekommen.
Dann schilderte er diese Morgenlandskönige gelegentlich im Gegensatz zu den
Abendlandskönigen. Jene waren teilweise, sagte er, schwarz von aussen, diese
sind nicht selten schwarz von innen. Jene brachten dem Heiland köstliche
Geschenke, diese beraubten nicht selten den Heiland noch und bestöhlen ihn und
plünderten ihm das Stroh aus seiner dürftigen armen Krippe, der Kirche. Jene
hätten sich auf einen einzigen Stern am Himmel verlassen, diese erteilten
Hunderte von Sternen auf die Brust ihrer Schmeichler und gingen dennoch in der
Irre. Dann sagte der Redner: Auch der Pfau, der den heiligen Liborius geleitet
hätte, wäre ein solcher himmlischer Stern gewesen! Man sollte doch nur
Hinblicken auf sein geschwungenes Rad! Wie das in ihm von Licht und Farbe
funkelte! Zwölf Augen sässen in dem Rand des Rades und hätten gewacht über den
Weg, den der Heilige damals durch die Heiden hindurch hätte nehmen müssen, um
gerade hieher nach Westerhof zu kommen, wohin ihn seine ganze Sehnsucht zog!
Jetzt müsste freilich die Kirche, um wie dieser Heilige durch alles noch
herrschende Heidentum hindurchzukommen, viel kleinere und bescheidenere Vögel
zu Führern wählen, leider - vor allem nur die schüchterne Taube.
Glücklicherweise wäre diese aber denn auch nichts Kleineres, als eben der
Heilige Geist selbst. Und so wollten auch sie, zaghaft und schüchtern, die gute
Sache des ewigen Gottes und seiner Heiligen in dieser Welt der Gewalt vertreten,
wollten flicken an den Schäden, so gut es ginge mit Menschenkraft, wollten die
Kirche ausbauen, wo sie allzu schadhaft würde; denn die Kirche Gottes, sagte er
mit einem jetzt etwas sonderbar blinzelnden Blick auf den Dorste'schen
Kirchenstuhl auf dem Chore ihm gerade gegenüber, die ist nicht byzantinisch,
nicht gotisch, nicht Renaissance, nicht Rococo gebaut, sondern einfach bloss -
felsenfest! Das hat Sanct-Paulus bereits den Korintern anzuhören gegeben, fuhr
er fort, die sich auf ihre Säulenknaufe und Säulenordnungen bekanntlich so viel
eingebildet! Warum würde sonst Sanct-Paulus gerade in der zweiten Epistel an die
Korinter Kapitel 5 über das wahre christliche Bauwesen seine Meinung abgegeben
haben?
    Aufrichtig gestanden, diese Bemerkungen des Pfarrers waren Anzüglichkeiten.
Aber man war dergleichen an dem jungen, frischen, noch ganz studentisch
aussehenden Mann von etwa dreissig Jahren in der Gegend schon gewohnt. In dem
gräflichen Stuhl im Emporchor verstand man sehr wohl, was gemeint war mit dem
Blick auf Terschka, auf Levinus von Hülleshoven, Armgart's Onkel, der die
Dorste'schen Güter verwaltete ...
    Und trotz des feierlichen Tages, war das erste Wort, das Norbert Müllenhoff
nun in der Sakristei, mit beiden Armen sich zum Erwärmen auf die Schultern
schlagend, sprach:
    Nein hier eine wahre Hundskälte das!
    Zähneklappernd trat er an einen in der Sakristei stehenden eisernen Ofen,
der auf drei Schritte allerdings eine Glühhitze verbreitete, aber nicht den
übrigen Raum erwärmte. Das Rohr entliess den Dampf durch eines der grossen
Rundfenster ...
    Ich sagt' es ja gleich, Herr Pfarrer! Die neue Tür, die Sie durchaus
durchgebrochen haben wollten - begann der alte Messner Tübbicke, Vater des
maître- ...
    Schweigen Sie! sagte der Geistliche und entkleidete sich ...
    Der Messner war ein alter hagerer Mann mit einer roten Flachsperrüke. In
seinem langen roten Rock sah er selbst wie einer der auf den Dörfern wandelnden
heiligen drei Könige aus, die mit ihrem: Wir sind die Könige aus Morgenland, ho,
je! an den Türen bettelten. Auch eine Art Scepter hatte er in der Hand, die
lange Lichtputze, mit der er in der sich nun entleerenden Kirche die Altarkerzen
auslöschen wollte ...
    Wirklich, Herr Pfarrer, diese neue Tür, die sonst nicht da war - begann
Tübbicke aufs neue ...
    Wollen Sie wohl schweigen! wiederholte Müllenhoff aufstampfend und zog sich
seine Messkleider aus. Ein für allemal, Tübbicke, rief er dem Alten nach, wenn
ich vom Allerheiligsten komme oder von der Kanzel herab, so sollen Sie mich
nicht eher anreden, bis ich Sie gefragt habe!
    Gut, gut, gut! antwortete der Alte brummend und kopfschüttelnd über seinen
neuen Vorgesetzten ... der für sich weniger maliciös, als sozusagen eher
burschikos fortbrummte:
    Diese Sucht von den Messnern, überall mit uns umzugehen, als wenn der ganze
Gottesdienst ein blosser Spass gewesen wäre! Schon wie die Barbiere kommen sie des
Morgens zu Gott und kramen in der Sakristei ihre Neuigkeiten aus!
    Nun pfiff sich sogar Müllenhoff eine leichte Weise und genoss im Stillen
seinen Triumph, in die Predigt hinein eine Rüge des gräflichen Bauwesens
eingeflochten zu haben ...
    Tübbicke kam zurück ...
    Tübbicke! sagte der Pfarrer, etwas versöhnlicher gestimmt. Dass wir uns so
wenig verstehen!
    Sechsundsiebzig! war die Antwort ...
    Ja, Tübbicke, Sie sollten sich einen Beistand halten! Wenn Ihr Sohn nicht in
Witoborn maître-tailleur wäre - Schande, Schande auch über diese neubackene
Aefferei!
    Ei, mein Sohn war in Paris, Herr Pfarrer!
    Deshalb will er kein deutscher Ziegenbock mehr sein? Es ist ja wahr! Er
trägt einen Bart, der Kerl, so lang wie ein Kameel!
    Herr Pfarrer, junge Leute -
    Vierzig Jahre alt ist der communistische Mucker! Tübbicke, Tübbicke! Ich
höre, dass Ihr maître-tailleur auf dem Finkenhof verkehrt! Ich sage Ihnen, raten
Sie ihm Gutes! Der Finkenhof und alles, was wir hierorts von Sodom und Gomorrha
noch im Nest haben, hat an mir einen schlimmen Aufpasser! Warten Sie ab! Sitzt
auch noch der Kirchenfürst in Ketten und Banden, der Sieg ist unser! Wir haben
unsere Kraft fühlen gelernt! Nun muss es von Grund aus in Deutschland anders
werden. Jetzt zumal, wo hier auch bald eine lutersche Herrschaft commandiren
soll ...
    Na, ich denke doch, sagte Tübbicke, der Herr Archipresbyter wird an uns
beiden seine Freude haben, Herr Pfarrer!
    Bald darauf hielt denn auch wirklich der Archipresbyter Bonaventura von
Asselyn das Hochamt zu Sanct-Libori und Müllenhoff administrirte dabei nur und
musste sich dem Domherrn unterordnen. Es war ein Fest für die ganze Gegend,
wieder die Kirche überfüllt, der Eindruck einer nie so würdig celebrirten Messe,
wie vorauszusehen, der heiligste. Auch Bonaventura's spätere Rede zündete. Man
hatte hier nie so schön vom Tema der Zeichen und Wunder sprechen hören. Wenn
das Wesen der Zeichen und Wunder, hatte der Priester im weissgoldenen Gewande
gesagt, schwer zu deuten wäre, so wisse man doch Eines ganz bestimmt, was zu
ihnen gehöre: Liebe. »Die Menschen müssten sich gegenseitig erst etwas wert
sein, wenn sie sich zu Propheten und Aerzten werden könnten.« Der Redner vermied
die ihm gegenübersitzende Paula zu bezeichnen, aber man gedachte nur ihrer. Er
übertrug das Uebersinnliche in diejenige Seite der Natur, die uns offen und
entüllt vorliege und zugleich ihre heiligste und höchste wäre, in die Seele, in
das Gefühl ... Der Text des Sonntagsevangeliums Quinquagesimä: »Jesus weissagt
sein Leiden« gab die Veranlassung zu diesem Tema, das Bonaventura sonst wohl
vermieden hätte. Er musste darüber predigen. Er sagte, wir wüssten alle selbst
unser künftiges Schicksal, wenn wir uns nur mehr gewöhnten in Gott zu leben,
d.h. auf die innere Stimme in uns selbst zu hören.
    Auch nach diesem ersten Gottesdienste und während Bonaventura (wie sich wohl
denken lässt) tief schweigsam und von seinen neuen Eindrücken erschüttert in der
Sakristei sich entkleidete und ringsum die Bevölkerung aufgeregt, urteilend,
vergleichend, erwartungsvoll sich zerstreute, polterte Müllenhoff, der
gewissermassen nur Bonaventura's Vicar war, wieder über die baulichen Grillen des
Barons Levinus ...
    Für sein chemisches Laboratorium weiss er nicht genug Geld auszugeben! sagte
er. Ja, Herr von Asselyn, melden Sie ihm das! Diese Tür hier muss neu gebaut
werden! Es ist wahr, ich habe sie verlangt, aber sehen Sie nur, wie der Schnee
hereinfegt! Eine Doppeltür muss es sein! Und überhaupt, was hoff' ich nicht
alles von Ihnen!
    Bonaventura verstand kaum etwas von Tübbicke's dienstgefälliger Erläuterung
... Früher war die Sakristei ohne eigenen Eingang gewesen. Der Pfarrer musste
durch die Kirche gehen. Müllenhoff hatte erst eine Tür durchbrechen lassen. Nun
lag sie ihm doch dem Wind und dem Wetter zu offen ausgesetzt ...
    Als noch der Eingang durchs Schiff war, hat hier ein Cardinal celebrirt -!
äusserte Tübbicke ...
    Schweigen Sie! bedeutete Norbert und reichte dem Domherrn eine Prise ...
    Tübbicke ging auch heute wieder in die Kirche, um die Lichter zu löschen ...
    Müllenhoff sprach hinter ihm her:
    Nicht wahr, der Meinung sind Sie doch auch, Domherr? Malt muss das Reinigen
der Kirche mit dem Nächsten anfangen, was nur unser Kehrbesen trifft! Dieser
Tübbicke ist wie die Messner sämmtlich sind! Ich sagte ihm schon neulich:
Tübbicke, sitzt das Wachs noch nächsten Freitag an den Leuchtern auf der
Epistelseite, so nehm' ich mit eigner Hand vor dem Introito ein Tuch und putze
die heiligen Gefässe selbst vor der ganzen Gemeinde rein!
    Bonaventura, in tiefen Gedanken, lächelte und sprach:
    Dann können Sie ja mit dem Apostel sagen: Es sind Gefässe des Zorns!
    Bonaventura sah am alten Tübbicke, er hatte die gewöhnliche Krankheit der
Kirchendiener (wie auch Lucindens Vater als Schulmeister), sich mit dem lieben
Gott auf einem ganz besonders kameradschaftlichen Fusse zu wissen. Auch Tübbicke
war wie ein alter guter Kammerdiener der Heiligen. Die Livree der Mutter Gottes
trug er, wie wenn er die hohe Frau einst als Kind auf seinen Knieen geschaukelt
hätte. Christus war ihm fast wie der »junge Herr« in seiner Himmelsfamilie und
die wechselnden Geistlichen waren ihm nur neuangeworbene Hofmeister, die manches
gar nicht in der Weise verstanden, wie die Tradition des hochgräflich
himmlischen Hofstaats es mit sich brachte. Das war nun gerade der Anstoss, den
Müllenhoff nahm. Ich glaube, Sie dünken sich wohl einen Liturgiker, hatte er dem
Alten gleich nach seiner ersten Messe gesagt, als dieser ihm bemerken wollte,
dass seit neun Jahrhunderten in der Liborikirche die Communicanten erst dann
knieeten, wenn sie an die Communicantenbank kämen, vorher dürften sie stehen.
Nach Müllenhoff mussten sie gleich knieen und zwar utroque genu! wie er donnerte.
Und von dem Tage an, wo Tübbicke sich bei wiederholter Anfechtung seiner alten
Art, die Gläubigen zu ordnen und zu scharen und bei erneuetem Rufe: Utroque
genu! die Bemerkung erlaubt hatte: Na, Herr Pfarrer, Sie werden sehen, dass die
Bauern sich beklagen, weil die Jungens auf die Art zu viel Hosen zerreissen! da
war offene Fehde zwischen beiden. Tübbicke verteidigte das alte Herkommen und
die Schwäche aller Kreatur, Müllenhoff aber das Gesetz, den hochheiligsten
Buchstaben und die neukatolische Reform.
    Bonaventura musste zuletzt sogar des erneuerten Streites lachen. Als wenn
Tübbicke alle gegen ihn in seiner Abwesenheit erhobenen Anklagen gehört hätte,
brachte er den Leuchter, den er gereinigt hatte, zeigte ihn stumm seinem
Vorgesetzten, drehte ihn vor den Augen desselben rundum und schloss ihn ebenso
schweigsam in einen Schrank.
    Müllenhoff hatte darauf seinen langen wattirten Winterrock angezogen und den
Hut aufgesetzt ... Einen Stock, den er sonst trug, hatte er sich vor seinem
Dechanten geloben müssen abzulegen, weil schon vorgekommen war, dass er bei
Vorwürfen, die er zufällig ihm im Felde Begegnenden machte, ihn zur
Unterstützung benutzte. Bonaventura hüllte sich in einen Pelz. Auf ihn wartete
ein Schlitten, der ihn nach Schloss Westerhof bringen sollte, wo er täglich zu
Mittag speiste.
    Als Tübbicke die neue Tür aufschloss und den Schnee wegstiess, bat Müllenhoff
seinen Vorgesetzten:
    Herr von Asselyn! Noch eins! Erinnern Sie doch den Herrn Baron von
Hülleshoven, dass ich auch meinen eigenen Eingang haben muss in die Hofkapelle auf
dem Schloss!
    Herr Domherr, ein Eingang ist in die Hofkapelle, erläuterte Tübbicke; aber
er führt durch andere, verschlossene und höchst wichtige Zimmer -
    Ein durchbohrend strafender Blick Müllenhoff's verwies ihn zum Schweigen ...
    Ich will die Schlüssel zu diesen Zimmern haben! sagte er zu Bonaventura mit
scharfer Bestimmteit.
    Herr Pfarrer, dieser Eingang führt erst durch die Bibliotek und durch das
Archiv! Der Baron hat ja nichts davon hören wollen ...
    Müllenhoff beherrschte sich ...
    Ich will, sprach er wie mit einem Märtyrerblick auf Tübbicke und jedes Wort
betonend, ich will auch in die Sakristei der Schlosskirche meinen eigenen Eingang
haben! Wenn dieser durch das Archiv führt, so gebührt mir um so mehr ein
Schlüssel zu demselben, als die Urkunden und Kirchenbücher der Pastorei
gleichfalls in demselben aufbewahrt werden!
    Der Patron ist, soviel ich weiss, dafür verantwortlich! sagte Bonaventura.
    Seit neun Jahrhunderten! setzte Tübbicke hinzu ...
    Schweigen Sie! brach Müllenhoff jetzt aus - mit kindlich gemässigter Stimme
aber, als fürchtete er, zum blutdürstigen Tiger zu werden, fuhr er zu
Bonaventura gewandt fort:
    Ich bitte, Herr von Asselyn! Es ist mir nicht angenehm, in meiner
bürgerlichen Tracht erst durch die Kirche zu gehen und dann hinterm Altar erst
Toilette zu machen. Ich will, dass die Gemeinde, auch selbst die vornehmste, mich
gleich nur in meinen Priestergewändern sieht. Der Schlüssel zum Archiv soll von
mir wie ein Heiligtum verwahrt werden.
    Bonaventura setzte sich mit dem Versprechen in den Schlitten, die Sache nach
Wunsch zu ordnen, wenn es irgend tunlich wäre ... Noch standen Menschen
draussen, die den so lange Erwarteten noch einmal sehen wollten ... Mit einem
Blick des Neides sah ihm Müllenhoff nach, als er von dannen fuhr, und verwies
die Umstehenden, sich nun nicht länger aufzuhalten.
    Norbert Müllenhoff war ein noch zelotischerer Geistlicher als Beda Hunnius.
Dieser hatte in seinem reformatorischen Wirken doch nur die Lehre und den Kampf
mit der Protestantischen Welt vor Augen, jener gehörte schon ganz den jungen
Geistlichen der Michahelles'schen Richtung an, die in Allem eine
Wiederherstellung des alten kirchlichen Lebens wagten und die Axt nicht bloss an
die Zweige, sondern an die Wurzel selbst legen wollten. Norbert Müllenhoff war
ein Priester im Geist des Kirchenfürsten. Ein Bauernsohn, zeigte er die ganze
Kraft, Energie und Selbstgenüge, wie sie hier zu Lande den Nachkommen der alten
Sachsen eigen ist. Sein Äußeres drückte einen ursprünglichen Beruf zur
Tätigkeit, zum Krieger, Geschäftsmann, Arbeiter auf einem Felde des mutigen
Bewährens aus; aber trotz seiner gewölbten Brust, seiner Stimme wie ein Löwe,
war er zum Geistlichen bestimmt worden, wie bei diesen Bauern Sitte ist, die
selbst bei Vermögen nicht unterlassen können, eines ihrer Kinder der Kirche zu
weihen. Zwar machte Norbert den ganzen Weg, der in diesem Falle Herkommen ist,
durch Stipendien, Freitische, Freibücher, Freiwohnungen hindurch, nahm dies aber
alles wie etwas, was sich von selbst verstand. Die Priesterweihe gibt einer
solchen Natur ein Bewusstsein, als wäre sie gefeit gegen alle Anfechtung der
Welt. Aus diesem levitischen Stolz heraus fing die Zeit überall an ihre
Kirchenreformen zu befördern. Aus den jesuitisch geleiteten Seminaren kommen die
jüngern Geistlichen wie endlich losgelassene junge Streitstiere. Sie bohren die
Erde auf mit ihren Hörnern, rennen im Kreise rundum und scheuen den Kampf mit
Königen und Kaisern nicht. Leider gehören zu denen, vor denen sie keine Furcht
haben, auch die Könige und Kaiser des Denkens und der Wissenschaft. Norbert
Müllenhoff war als Vicar in einem Walddorf des Gebirges, dann als Vicar in
Witoborn, jetzt hier als Pfarrer zu Sanct-Libori, wie Beda Hunnius, nicht nur im
Stande, von einer »hundsföttischen Art« zu sprechen, den lieben Herr Gott beim
Benetzen der Brust mit Weihwasser um das Symbol des eigenen demütigen
Kreuztragens zu »betrügen«, indem man nur zwei »zimpferliche, schandbare
Pünktchen« machte, statt sich das ewige »Stigma des Heils« und »die Signatur der
Erlösung« mit zwei »gründlichen Querbalken« auf die Brust zu drücken ... ... er
verwarf Poesie und alle Zauber der Bildung. Er verwünschte »die Niedertracht der
Sentimentalität«, sprach von einem nur um unserer gnadenreichen Gottesmutter
willen zu duldenden »Weibsvolk«, donnerte gegen den »vornehmen Kirchenpöbel«,
der während der Messe nicht knieen wollte oder, wenn er knieete, nur so eine
leise Andeutung machte, als wäre »Gott eine Excellenz oder eine Durchlaucht«,
vor der eine höfliche Verneigung genüge. »O diese kniesteifen Heiden!« rief er
dann wohl, wieder zu den Bauern zurücklenkend, aus; »man sollte sie nur sehen,
wenn sie Kegel schieben und dabei die Beine wie mit Oel geschmiert ausgrätschen
können - dass dich! - als hätten sie's von den Possenreissern gelernt auf dem
Liborimarkt zu Witoborn!« Sanft und lieblich und wie mit Lerchentrillern
aufsteigend schilderte er dann wieder ein wahrhaft frommes Leben, das alle
Ceremonien wie ein gutgeartetes Kind mitmachte; aber gleich schlug er wieder mit
Hämmern drein, wenn es »klapperdürren Vorurteilen« galt oder »fadenscheinigem
Tagesruhm«. Wie der heilige Augustinus sagte er: »Die Menschen lieb' ich, aber
ihre Irrtümer schlag' ich todt!« - eine Procedur, gegen welche selbst Onkel
Levinus im Abendgespräch auf Schloss Westerhof geltend machte, dass der Herr
Pfarrer auf die Art denn doch wohl auch manchmal in die Lage jenes Bären kommen
könnte, der auf der Stirn seines schlummernden Herrn die störende Fliege mit
einem schweren Steine und somit ihn selbst erschlug.
    Müssen Sie sich denn ewig in alles mischen? fuhr jetzt Müllenhoff heraus zu
dem im Schnee hinter ihm hertrottenden Alten, der mit ihm in einem und demselben
Hause wohnte ...
    Es würde, da Tübbicke zu erwidern liebte, unfehlbar zu lebhafterer
Discussion gekommen sein, wenn nicht eben aus den kahlen, schneegepuderten
Gebüschen jemand herausgetreten wäre, der, halb dem davonfliegenden Schlitten
nachschielend, halb die Ankommenden und auf das Pfarrhaus Zugehenden höflich
begrüssend, mit scheuer Unterwürfigkeit einen Brief in die Höhe gehalten hätte,
den sofort der Pfarrer ergriff ...
    Der Fremde sprach mit etwas fremdartigem Accent:
    Erlaubnis, Herr -!
    Er deutete auf den Alten, dem der Brief bestimmt war ...
    Müllenhoff las die Aufschrift und gab den Brief an Tübbicke ...
    Er musterte schon den Fremden von oben bis unten ...
    Von Ihrem Herrn Sohn - in Witoborn - wenn ich die Ehre habe - Herrn Tübbicke
-? sprach dieser mit einer eigentümlichen Betonung ...
    Müllenhoff ging weiter und murmelte:
    Aha! Vom maître-tailleur -!
    Auch die andern schritten, sich ihm anschliessend, dein Pfarrhause zu und der
Messner suchte mit den Worten: Von meinem Sohn? Was ist denn nur? Was soll es
denn? eifrigst nach seiner Brille ...
    Ich werde lesen! wandte sich Müllenhoff und erbot sich, den Inhalt
mitzuteilen, da Tübbicke nicht sofort die Brille finden konnte ...
    Bitte, Herr Pfarrer - sagte dieser zögernd ...
    Einige Raben krächzten, flogen auf und schüttelten den Schnee von den
Zweigen, auf denen sie gesessen hatten, und gerade auf den Brief ...
    »Liber Vater!« las schon Müllenhoff und unterbrach sich sofort: Schreibt der
Kerl »Lieber« ohne E! - »Lieber Vater! Dieser überbringer« - »Ueberbringer«
klein! - »ist ein guter Freund zu mir!« - »Zu mir«! Das ist wohl ein
Ueberbleibsel aus Paris? - »Es ist ein gelernter Friseur« - Sieh! Sieh! Das Wort
schreibt er richtig! - »und sucht ein Enkagement« - Heidengugguck! Der Franzos!
- »wo möglich bei grossen herrschaften als Bedienter« - Klein die »Herrschaften«,
obgleich er sie »gross« nennt; Bedienter gross! Reiner Communismus! - »Lieber
vater« - Sanct-Libori! Was ist hier das Schulwesen vernachlässigt! - »Könnten
Sie es machen, so recom - man -« - Brich dir den Hals nicht! - »tiren Sie ihn
auf das Schloss« - als La - La - Lagay! ... Geier! Als Lakai! ... »Tante
Schmeling« - Aha! »Lässt grüssen und sorgen Sie doch bei Dem - Sie wissen schon
von wegen!« - Das bin ich? - »Fanchon ist recht krank, wenn's nur nichts auf
sich hat« - Wer ist Fanchon? Eine Hündin, die geworfen hat - von wegen der
Schmeling -?
    Jesus Maria! rief der Alte. Mein Enkelchen!
    Ist Fanchon krank? - wandte er sich zu dem Ueberbringer ...
    Dieser war teils mit gespanntester Aufmerksamkeit der Vorlesung des
Briefes, teils den Zwischenreden des gestrengen Herrn Pfarrers gefolgt und fand
sich nicht sogleich zurecht ...
    Mein Herzblättchen?! Steht denn nichts weiter im Briefe, Herr Pfarrer? ...
rief Tübbicke ...
    Fanchon! Fanchon! Hat den Namen hier ein christlicher Pfarrer gegeben?
    Franziska! Herr Pfarrer! Das Kind ist mein Augapfel!
    Der Fremde, der einen wassergrünen Winterrock von langhaarigem Flaus trug,
eine tief in die Augen gedrückte Pelzkappe, einen roten Shawl um den Hals
geschlungen, Pelzhandschuhe und Filzüberschuhe an den Füssen, gab die Auskunft,
dass er eigentlich auf einer Reise nach Polen begriffen wäre, aber gern auch hier
bleiben würde, wenn er Condition finden könnte - Herr Tübbicke wäre eine alte
Bekanntschaft von ihm aus Paris - er hätte ihm seine Fürsprache empfohlen für
die Herrschaft auf dem Schloss - er könne »frisir«, spräche französisch, könne
auch Pferde »dressir'« - Fanchon hätte sich erkältet, läge im Bette - aber
Madame Schmeling hätte gesagt, dass es nichts auf sich hätte ...
    Doctert die also auch, die holdwerteste! liess Müllenhoff einfallen ...
    Schon war er weiter voraus, während der alte Tübbicke seinem
Schutzbefohlenen still die Schulter klopfte und das Seinige zu tun versprach,
ihn auf dem Schloss zu empfehlen ...
    Frau Schmeling aber war eine Landhebamme, mit der Müllenhoff gleichfalls im
offenen Kriege lebte. Die Frau war an sich die Religiosität selbst. Sie
verteilte Bilder, Amulette und Rosenkränze zur Unterstützung aller der
Zustände, die auf ihre Hülfe angewiesen waren; sie riet jedem, zur heiligen
Barbara zu beten während eines Gewitters, zu Sanct-Florian und Sanct-Antonius
gegen Feuer, zu Antonius II. gegen Wasser, zum heiligen Dionysius gegen
Kopfschmerzen, zum heiligen Blasius gegen steifen Hals, zur heiligen Lucia gegen
Augenleiden, zur heiligen Palonia gegen Zahnschmerzen, zum heiligen Dominicus
gegen Fiebersfrost, zum heiligen Rochus gegen die Cholera, und ihre Kreissenden
und ihre Gebärenden hatten als zwei ihr immer assistirende Hebärzte im Himmel
den heiligen Ramon und den heiligen Lazarus, aller der Marienbilder nicht zu
gedenken, die unter jenem alten Gemäuer, in dieser alten blitzzerschlagenen
Eiche, da und dort eine traditionelle Kraft für die wichtigsten Vorkommnisse im
Frauenleben hatten und durch ein »gestiftetes« Lichtchen gerade ebenso zu
sympatetischen Curen gebraucht wurden, wie die in Schiller und Goete lebende
Bildung sich manchmal auch mit Sympatie die Rose vertreiben lässt. Alles, was
nur zum christlichen Heidentume gehörte, war in üppigster Blüte bei Frau
Schmeling und todt zu schlagen hätte sie angeraten jeden Ketzer, der bei einer
Procession vor dem hochwürdigsten Gute nicht wenigstens den Hut abgenommen. Aber
über alle diese Dämmerungszustände fehlte der Frau, wie der ganzen Bevölkerung,
das teoretische, klare, formelle Bewusstsein. Sie meinte, trotz aller Aves und
Rosenkränze liesse sich die Lust am Leben lieben. Die jungen Bursche hier
ringsum, stattlichen Aussehens, waren drei Jahre im Kriegsheere gewesen und
brachten fröhliche Welt, Leben und Lebenlassen heim. Nun sollten auf
Müllenhoff's und vieler hoher Herrschaften Betrieb ein Jünglingsbund und ein
Jungfrauenbund gestiftet werden und sich alles verpflichten, nicht zu fluchen,
nicht zu trinken, nicht zu tanzen und besonders den Finkenhof nicht mehr zu
besuchen. Da war Frau Schmeling eine Gegnerin des eifernden Pfarrers geworden.
Ohne den Finkenhof gibt es keine Geburten mehr! fuhr sie Müllenhoff an, als sie
gelegentlich von einer Nottaufe, die sie verrichtet hatte an einem sterbenden
Kinde, Bericht erstattete und mit aufrichtiger Beredsamkeit auseinandersetzte,
dass die Musikanten auch Menschen wären und auch etwas verdienen müssten. Ja sie
liess sich bei ihren sechzig Jahren nicht von dem jungen Pfarrer abkanzeln und
mit »sittenlosem Weibsbild« tractiren. Sie sagte, dass es Familienväter genug
gäbe, die ihren Söhnen lieber statt Taschengeld die Erlaubnis erteilten, sich's
im Kegelspiel selbst zu verdienen, genug Familienmütter, die mit sechs bis
sieben stattlichen Töchtern gesegnet wären und den Tanzboden für die beste
Gelegenheit halten müssten, sie loszuwerden ... Von dieser Frau konnte Müllenhoff
nichts hören, ohne im höchsten Grade gereizt zu werden.
    Er war noch nicht in sein Studirzimmer getreten, als der alte Tübbicke schon
mit einer der Mägde, die für ihn und den Pfarrer sorgten, darüber einverstanden
war, dass der Freund seines Sohnes vorläufig gleich zu Mittag bleiben sollte ...
    Müllenhoff fand Briefschaften vor und liess den Ankömmling ausser Acht ...
    Es war dies aber ein williger Mann, dieser Herr Dionysius Schneid aus
Strasburg, der sich jeder Arbeit unterzog. Einen Beistand bedurften der alte
Tübbicke und die Katrein; der Domherr wohnte nicht auf dem Schloss, sondern hier
in seinem geistlichen Hause von Sanct-Libori oben im ersten Stock; zu den jetzt
doppelt notwendigen Hülfsleistungen fehlten die Hände ... Aber war auch der
Herr Dionysius Schneid schon etwas steif und schwerfällig, so war er doch
keineswegs unbrauchbar, ob im Stall des Schlosses für die Pferde oder im
Hausdienst zum Spalten des Holzes oder zur Hülfe in der Küche oder selbst zur
Pflege einer herrschaftlichen Garderobe - ja er wurde zuletzt auf das Schloss
empfohlen und dort wirklich angenommen.
    Wenn auch für Westerhof grosse Veränderungen bevorstanden, an Leben und
Bewegung fehlte es nicht, und besonders da gerade jetzt, an demselben Sonntage,
nach der Heimfahrt von der Kirche, alle Herrschaften, die in der Kirche gewesen
waren, von der wenn auch nicht überraschenden, doch gerade für Schloss Westerhof
nicht bedeutungslosen Nachricht empfangen wurden, dass in verwichener Nacht der
Onkel der Comtesse Paula, der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof, gestorben war.
 
                                       2.
Am Mittwoch nach diesem Sonntag Quinquagesimä war es, als die stille kalte
Winterluft auf Meilen in der Runde von leisen Klagetönen erzitterte ...
    Der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof sollte gegen Mittag begraben werden
... Die Glocken aller Kirchen ringsum waren an diesem Trauertage beteiligt ...
    Denn welchem Heiligen, welchem Altar war nicht eine Spende zugeflossen von
Schloss Neuhof herab in den letzten Lebensjahren seines Besitzers?
    Der alte lange klapperdürre Herr hatte die wunderderliche Grille gehabt zu
glauben, dass er im Leben jedermann beleidigt hätte. Er trachtete danach, sich
vor seinem Tode auch mit jedermann auszusöhnen. Tage lang stand er oben in den
Bergen an den Fenstern seines hochherrlichen Schlosses Neuhof, winkte den
Vorübergehenden und warf ihnen blanke Taler hinunter, nur damit sie sagen
sollten: Ganz gehorsamsten Dank, Excellenz! Schon lange waren Wächter bestellt,
die seiner Verschwendung Einhalt tun mussten. Es kam vor, dass die Fenster
vernagelt wurden, wenn er zu heftig rief: Das ist ja Jérôme's Testament! Leute,
so lasst doch meinem Sohn seinen Willen! Ich hab's ihm vom Seinigen zu geben
versprechen müssen, schon damals, als er die Bachstelze nicht heiraten konnte
-! Die Lisabet allein, die noch immer oben war, konnte ihn begütigen. Sie gab
ihm die Versicherung, die Bachstelze liefe ja schon längst in der Welt mit
andern ... Dann nahm er sich zusammen ... Er wurde zuweilen so ruhig, dass man
ihm seine Freude gewähren konnte, eine Staatskutsche anspannen zu lassen, vier
Pferde davor, Kutscher und Vorreiter in Galalivree, und so hinauszufahren in die
Gegend. Alle seine Orden trug er dann, sass am offenen Schlage und nickte jedem.
Fuhr man durch den Düsternbrook, an der Eiche vorüber, wo er den Deichgrafen
erstochen hatte, nach Kloster Himmelpfort, wo er einst Klingsohrn untergebracht,
nach Schloss Westerhof, wo er ehedem der Beherrscher aller Verhältnisse, Vormund
Paula's gewesen war, durch Witoborn, wo der Rittmeister von Enkefuss an seinen
Schlag trat und ihm so lange von den Flöhen seines Pudels sprach, bis der Sohn
des Kronsyndikus, der Präsident, zuletzt seine ganze Verschuldung arrangirte: so
lachte zwar jedermann, aber der vornehme, alte, weisshaarige Herr mit den
riesigen Augenbrauen nahm alles für Wohlwollen, grüsste und griff in die Tasche,
um auch die Freundlichkeiten zu bezahlen. Er glaubte durch Geld alles machen zu
können. Seine Wächter nahmen ihm das Geld ab und erklärten, es später
berichtigen zu wollen, womit er sich auch zufrieden gab. Von seiner
Vergangenheit erschreckte ihn nichts. Er konnte im Düsternbrook die alte im
Absterben begriffene Eiche sehen, an der sein Opfer niedergesunken war, und
blieb sich in seiner immer zufriedenen Haltung gleich. Das Gedächtnis verliess
ihn fast gänzlich. Wenn es da und dort in voller Helle noch dies und jenes
Vergangene beleuchtete, knüpfte er Handlungen daran, die mit den Verhältnissen
in keinem Zusammenhange standen. So erkannte er vollkommen wieder jenen Pfarrer
von Eibendorf, Herrn Huber, der nach Witoborn als Pfarrer der dortigen kleinen,
aber gut dotirten evangelischen Gemeinde versetzt war. Bei diesem liess er oft
seinen Vierspänner vorm Hause halten, liess sich von den Kindern, wenn Herr Huber
selbst nicht da war, die Harmonica spielen, die seinen Sohn Jérôme so oft
beruhigt hatte, fragte sogar Madame Huber nach der Bachstelze und übergab kurz
vor seinem Tode dem Pfarrer ein Testament mit dem heimlichen Bedeuten, es wäre
seine wahre letzte Willensmeinung und nach seinem Tode dürfte nichts anderes
vollzogen werden, als was er in diesen Blättern niedergeschrieben hätte. Er
erteilte darin Pensionen an alle Welt, ja an Namen, die schon lange in seiner
Gegenwart niemand mehr nannte. So an den Bruder Hubertus, »meinen ehemaligen
Jäger, obgleich er mir viel Wild gestohlen«, jährlich 10000 Taler; an Dr.
Klingsohr, »wenn er exemplarisch lebt und seiner Mutter Ehre macht, ein für
allemal 100000 Taler«; an eine gewisse Lucinde Schwarz, »aus der Familie derer,
die das Pulver erfunden haben«, »alle Kleider von meinen ehemaligen Maitressen,
wenn sie dieselben in der Komödie brauchen kann«; an den Musikus Stammer »das
Gnadenbrot und eine ehrenvolle Versorgung, wenn er sämmtliche Kinder von mir
anständig erziehen und unterrichten will«; ... dem Küfer Stephan Lengenich »geb'
ich 100000 Taler, unter der Bedingung, dass er die Lisabet heiratet und die
Hochzeit auf dem Finkenhof ausgerichtet wird, wo ich alles freihalten werde« ...
»Ansprüche meiner zweiten Frau erkenn' ich nicht an; auch wenn sie
heiliggesprochen werden sollte« - »ihre Kinder soll Leo Perl erziehen, aber wehe
ihm, wenn er sie beschneiden lässt. Mein Freund, der Dechant von Asselyn bürgt
mir dafür. Die Pension seiner Schwägerin, der Buschbeck, kann dafür verdoppelt
werden« ... »Meine Dosen und Bilder vermach' ich meinem Freunde dem Dechanten
Asselyn, aber ich wünsche, dass er weniger mit Juden, als mit Heiligen umgeht«
... »Seinem Bedienten Windhack hat er auf jeden Stern im Himmel in meinem Namen
einen Taler zu legen, was Freiherrlich Wittekind'sche Kameralverwaltung
berichtigen wird.«
    Pfarrer Huber schickte dies verworrene Geschreibsel an den Sohn des
Testators und Universalerben, den Präsidenten ...
    Die Untersuchung über die Ermordung des Deichgrafen war ein Jahr lang auf
falscher Fährte geführt worden. Eine energische, gegen den Kronsyndikus
gerichtete Wiederaufnahme hinderte die mannichfach verteilte Gerichtsbarkeit
des hier einschlagenden, an mehrere Souveränetäten verteilten Terrains. Zuletzt
trat der Geisteszustand des Schuldigen jeder Feststellung eines sichern Urteils
entgegen. Im Volke stand die Täterschaft des Kronsyndikus fest und Sagen gingen
genug von einem Galgenrade, das er auf seinem Boden hätte aufstellen müssen, von
einem Strick, den ihm der König unter seinem Ordensbande um den Hals zu tragen
befohlen, von Geisterspuk und mitternächtigem Grauen aller Art. Der
ringswohnende Adel ignorirte etwas nicht Erwiesenes; aber auch ohnehin war der
Umgang mit dem schon lange gekennzeichneten Manne seit Jahren abgebrochen. Bei
alledem fehlte, des Präsidenten und der Verwandtschaft mit den Dorstes wegen,
nicht ein äusserer Anteil an dem Leichenbegängnisse. Der Kronsyndikus wurde im
Familienbegräbniss der reichen Klosterkirche Himmelpfort beigesetzt. Dem
Trauerzuge, der ihn von Schloss Neuhof abholen sollte, wohnte der Adel der
Umgegend bei. Die Frauen, vorzugsweise die Damen des Stiftes Heiligenkreuz und
die weiblichen Bewohner des Schlosses Westerhof, hörten gleichzeitig eine
Todtenmesse, die in Sanct-Libori gehalten wurde. Das unausgesprochene, aber
laute Geheimnis über diesen wilden Nachbar lag seit Jahren schwer und drückend
auf allen Gemütern und wohl empfand man mit atemloser Beklemmung, wie ein
einziger Mensch so einen ganzen Landstrich und tausend Herzen in Beunruhigung
hatte versetzen können. Im Mittelalter war alles das gewöhnlich. Auch jetzt noch
hatte man ein Gefühl, dass im Lutterberge, dem Fegfeuer des dortigen Adels, eine
Seele vergebens auf Erlösung harrte. Nach Armgart's uns bekannten Zeichnungen
flog hier ein geflügeltes Kreuz im Gottesherzen nicht aufwärts, den Flammen der
göttlichen Liebe zu, sondern kopfüber geradeswegs zur Hölle.
    Da ein ganzer Volksstrom zum Gebirge hinaus war, um dem prächtigen, von den
Franciscanern begleiteten Leichenconduct beizuwohnen, so war die Kirche nur
wenig besucht und ausschliesslich von der vornehmen Welt. Zu dieser Sphäre stand
Norbert Müllenhoff - Bonaventura war beim Leichenbegängnis - in einem gleichsam
nur hinter dem Rücken derselben strengen und schroffen Verhältnis. Hinterrücks
hatte er alle Floskeln von »breiweicher Sentimentalität«, »Empfindungsrührei«,
»Stunden der Andachtspinselei«, »Lavendel-Christentum«, immer in Bereitschaft,
aber ein Schwindel überkam ihn, davon etwas in unmittelbarer Gegenwart der hier
ohnehin höchst andächtig gestimmten Vornehmheit selbst anzuwenden. Und heute war
ihm förmlich beklommen zu Mute; denn er hatte eine Einladung nach Witoborn
erhalten zu einer hochfrommen Frau von Sicking, die mit ihm eine Beratung
anstellen wollte über die auf Ostern hin zum ersten male hier zu Lande zu
versuchenden »Exercitien«. Ein ganzer Kreis vornehmer Gläubigen von nah und fern
wollte zusammentreten und in einem von Frau von Sicking bewohnten, zwischen
Witoborn und Westerhof gelegenen Landsitz zum ersten male vierzehn Tage lang bei
verschlossener Eingangspforte desselben unter geistlicher Oberleitung religiösen
Uebungen obliegen. Die Dame entschuldigte ihre Nichtanwesenheit in der Kirche
und bat den Herrn Pfarrer bei ihr zu Mittag zu speisen und das Nähere
gemeinschaftlich zu besprechen ...
    Müllenhoff war von dem Wohlgeruch des feinen Billets ganz betäubt und
verrichtete seinen Gottesdienst mit einer Zerstreuung, die ihm sogar die
Anwesenheit des Schulmeisters als Messners statt Tübbicke's gleichgültig machte,
ja ruhig mit anhören liess, dass der Schulmeister berichtete: Tübbicke's
Herzblättchen liegt auf den Tod; er ist nach Witoborn und will, wenn nichts
hilft, nach dem Schloss und die Gräfin um Hülfe bitten! ...
    Gräfin Paula, die Kranke durch Gebet und Berührung heilte, war in der Kirche
anwesend. Armgart sass neben ihr, das ganze Stift und Tante Benigna. Ja er hörte,
dass der Zeichner des Teppichs, Herr Dr. Laurenz Püttmeier, der berühmte
»Philosoph von Eschede«, auch der Messe heute zuhörte, die auf dem von ihm
gezeichneten Teppich gelesen wurde ... Einigemal verklingelten sich die
Ministranten ... aber Müllenhoff liess alles geschehen ... Er dachte nur an die
Einladung der Frau von Sicking, an Exercitien mit Höhergebildeten ...
    Nach der Messe war es schon elf Uhr, die Baronin erwartete ihn um zwei; er
eilte etwas zu frühstücken und dann rasch noch etwas die bekannte Anleitung zu
Exercitien von Ignaz Loyola durchzusehen ...
    Es war schon still und einsam um die Kirche her. Der Schulmeister begleitete
ihn und erzählte, dass Tübbicke schon den »Bruder Strasburger« auf dem Schloss
untergebracht hätte. Müllenhoff hörte nichts, zog nur das zarte Billet aus der
Tasche und atmete seinen Duft ein ... Frau von Sicking war eine der
gottseligsten Witwen der Gegend, noch höchst anmutig, sehr reich und sehr
selbständig ... Er musste mit sich kämpfen, in der Praxis dasselbe zu bleiben,
was er mit der vornehmen Welt in der Teorie war.
    Da geschah es zum Glück, dass die Katrein sagte:
    Herr Pfarrer! Der Meyer ist da, der Moorbauer, der Finkenmüller, der
Hennicke und auch der Leiendecker!
    Katrein musste das zweimal berichten ...
    Nun besann er sich.
    Es waren die Mitglieder des Kirchenconvents und des Rügengerichts ... Die
Männer waren gekommen, weil heute doch die ganze Gegend feierte ... Es galt dem
nun überall in Deutschland beginnenden ersten Ausbau des kirchlich-sittlichen
Lebens und wenn auch Müllenhoff gern gehabt hätte, sein Vorgesetzter, der
Domherr, wäre bei dieser Scene zugegen gewesen, so ergriff er doch die
Gelegenheit, den gefährlichen Schwindel, den ihm das Esbouquet der Frau von
Sicking verursachte, jetzt männlich zu bekämpfen, ass sein Frühstück, gerührte
Eier mit Schinken, hieb in das schwarze Brot hinein, trank einige Züge kräftigen
Biers und trat in sein Empfangszimmer, wo ihn aus dem ehrerbietigen Grusse von
fünf Männern »der verstockte Geist des ganzen Jahrhunderts« zum Kampfe
herausforderte ...
    Aha! Aha! rief er, mit der Serviette in der Hand und sich noch den Mund
wischend, als er eintrat und die stehenden Männer aufforderte, sich zu setzen
...
    Er fand fünf Männer, den Meyer von Westerhof, den Finkenmüller, der das
Wirtshaus zum Finkenhof hielt, den Moorbauer und zwei andere aus der Gemeinde,
nicht zu gewaltige Gestalten, eher schmächtige, mit tief herabhängendem Haar
über den kleinen Stirnen, im Auge eine etwas ungewisse und scheue Lebhaftigkeit
...
    Der Meyer überreichte ein langes Schreiben, worin er alle Punkte aufgesetzt
hatte, die sie nach langem Streit endlich von ihrem Pfarrer beherzigt wünschten
...
    Müllenhoff nahm das Papier, als wäre es ein alter schmutziger Lumpen, und
fragte:
    Wer hat das - - gesudelt?
    Der Meyer stockte, sagte aber zuletzt:
    Der Schreiber vom Herrn Landrat!
    So? Also an ketzerisches Volk wendet man sich hier? ...
    Damit schnitt er sich eine Feder zum Zahnstochern ...
    Der Schreiber ist ja katolisch! ... hiess es.
    Und er schrieb's bei mir ... ergänzte der Finkenmüller ...
    Aha! Aha! Drum riecht das Papier so nach Taback und Branntewein! ... Nun
gut! ... Wir werden's ja sehen ... Was steht denn nun hier?
    Im Grund war Müllenhoff froh, wieder auf die Art in sein rechtes polemisches
Fahrwasser zu kommen ...
    Er las das Geschriebene und begleitete jeden Satz mit einem ironischen: Ei,
ei! Sieh! Sieh! Auch gut! Bravo! ... Allmählich kam er in ein lauteres Lesen und
trug vor:
    - - »Und da wir Leute von Westerhof doch wenigstens bei unserer gnädigsten
Gutsherrschaft verbleiben werden und keine Gefahr ist, bei der grossen und
bevorstehenden Umänderung der Verhältnisse mit den andern Gütern an die fremde
Linie zu kommen, so stehen wir auch für unsere Rechte und Pflichten ein. Wenn
auch hochgräfliche Gnaden sollten den Schleier nehmen und ihr gottseliges,
wunderbares Leben im Kloster zu beschliessen wünschen, so hat uns Herr von
Hülleshoven doch versichert, dass er die Verwaltung wie bisher fortführen und
sorgen würde, dass rechtgläubige Seelen hier an ihrem ewigen Heil keinen Schaden
nehmen. (So? - unterbrach sich der Lesende - dafür kann der Herr von Hülleshoven
sorgen?) Auch hat der Herr Referendar Benno von Asselyn alles geordnet, was bei
diesen Aenderungen sowol der Landschaft wie der Kirche an Rechten vorbehalten
bleiben muss, selbst bis auf das Waldleseholz in dem von Herrn Tiebold de Jonge
verkauften Walde, wo Herr von Terschka sich bereit fanden zur Abkaufung mit
einer namhaften Summe ein für allemal, die nun unsern Armenkassen zugute kommt.
Herr von Asselyn hat im Namen des Herrn Oberprocurators Nück nicht nachgelassen,
dass der Finkenhof nach wie vor 47 Taler 20 Groschen 7 Pfennige jährlich an das
Rochusspital in Witoborn zu entrichten hat, was Finkenmüller nicht auftreiben
kann, wenn ihm der Tanz abgesagt wird -«
    Aha! Da platzt die Bombe! schloss vorläufig der Pfarrer und stocherte die
Zähne.
    Ja, das kann ich nicht! polterte der Finkenmüller seine so lange verhaltene
Stimmung rundweg und bestimmt heraus ...
    Müllenhoff las wieder für sich und langsamer. Er stopfte sich dabei in aller
Gemütlichkeit eine Pfeife, während der Bogen auf dem Tische lag und von seinen
feurig lebendigen Augen in weitester Distanz gelesen wurde ...
    »Fünftens, begann er dann wieder, ist der Pfaffe von Ystrup ein
Lieblingstanz der Leute, der seit hundert Jahren hier zu Land getanzt wird.
Sechstens sind die Jünglings- und Jungfrauenbündnisse schon deshalb eine reine
Unmöglichkeit, weil jedes Gemeindeglied nicht bloss einer, sondern schon mehreren
Bruderschaften angehört und - mit der grössten Ruhe zog Müllenhoff schon den
Rauch seiner Pfeife an - der Fleiss und die Arbeit schon genug darunter leiden.
Siebentens wollen die Musikanten auch leben und fallen sie, wenn sie nahrungslos
sind, der Gemeinde zur Last. Achtens bitten wir, den buckeligen Stammer vom
Kirchenbann zu befreien, damit - wieder tat er einige Züge - der Krüppel sich
sein Brot verdienen kann, seitdem er von Schloss Neuhof weggejagt und nun
eigentlich hierher gehört, wo er geboren ist. Neuntens bitten wir, nicht immer
die Frau Schmeling ungebührlich auf der Kanzel zu nennen (jetzt stellte
Müllenhoff die Pfeife als verstopft hinweg: diese Hebamme reizte ihn am
meisten), da die Frau ehrlich ist und alle, die hier leben, durch sie in die
Welt gekommen sind! Zehntens ersuchen wir den Herrn Pfarrer, unter allen
Umständen auch ins Rügengericht und den Kirchenconvent zu treten, damit wir von
dieser ganzen neuen Reformation nicht den Aerger allein haben.«
    Ist das nun alles? sagte Müllenhoff und holte sich aufs neue die Pfeife, die
er wieder anzündete.
    Ja! war die einstimmige Antwort der Männer ... Sie lautete fest, aber doch
treuherzig. Und durcheinander gingen die Versicherungen der sich Erhebenden, dass
sie alle in Güte und in bester Hoffnung auf ein schönes Zusammenwirken und
kräftiges Zusammenleben hierher gekommen wären ...
    Ruhe! sprach Müllenhoff mit aller Fassung, machte sich einen Fidibus,
zündete wieder an und fuhr dann in den Intervallen des Rauchens fort:
    Dass ich mich nur nicht vergriffen habe und da euere Staatsschrift nahm -?
Nein! Gott sei Dank! Na, setzt euch jetzt wieder! Also das ist denn nun auch
etwas, dergleichen zu erleben in einer Zeit, wo die Gesalbten des Herrn in
Kerkern schmachten, der Heilige Vater in Rom auf die Treue seiner Kinder zählt
und diese Herrschaften hier in die Hände der Ungläubigen kommen sollen!
    Nicht Westerhof! - fiel man einstimmig auf den sich fast für überwunden
gebenden Ton des Pfarrers ein ...
    So! entgegnete Müllenhoff und zog den Brand seiner Pfeife an. Männer, ihr
redet, wie ihr's versteht! Geht die Comtesse ins Kloster, wie lange macht denn
der Herr von Hülleshoven noch, der - für euere Seelen gutsagen will? Wird ihn
nicht der Aerger um seinen Bruder und die Schwägerin, die hierher ziehen und
sich gegenseitig zum Tort leben wollen, schon unters Grab bringen? Wer bürgt
uns, dass sich die Zustände hier über Nacht nicht sämmtlich ändern! Leute, Leute,
nehmt ein Beispiel - an den Vornehmen selbst! Wisst ihr's denn nicht schon?
Vierundzwanzig steinreiche Herren und Damen wollen sich jetzt einschliessen und
vierzehn Tage lang nichts tun, als hier fasten und beten!
    Herr Pfarrer, die, die nicht zu arbeiten brauchen, die können das - wollte
der Moorbauer einschalten und tat es auch halb ...
    Bitte -! unterbrach Müllenhoff, als wenn er denn doch allein jetzt das Wort
hätte ...
    Der Moorbauer schwieg und blickte scheu zu Boden ...
    Vom Tanz - fuhr Müllenhoff fort mit wechselnden Zügen aus der Pfeife - vom
Tanz kommt alles Elend der Gemeinden her! Herr Gott im Himmel, sollte man
glauben, dass in einem Lande wie dem unserigen, wo die Schüler der Apostel selber
gewandelt sind und wo wir bis auf den heutigen Tag den Ruhm behauptet haben, uns
Gottes Augapfel nennen zu dürfen von wegen unsers Zusammenhaltens gegen Ketzer
und Ketzergenossen, doch das tollste und lustigste Leben sich erhält und die
Schenken nicht leer, die Tanzböden zerstampft werden, dass nur die Dielen so
krachen! Hunde sind das, die der bessern Mahnung entgegenbellen - aus euern
verstockten Herzen; selbst dann schon wieder bellen, wenn ihnen der Mund noch
nicht trocken ist von dem gesegneten Leibe des Herrn, den sie Vormittags
genossen! Nachmittags auf dem Tanzboden ist alles, alles, alles verdaut!
Schändlicher Frevel, zu sagen, dass ja David auch getanzt hat vor der Bundeslade,
wie ich schon einmal von Euch, Finkenmüller, habe hören müssen! David hat
getanzt, das ist wahr; aber David war lange Zeit ein König, wie meist die
unserigen auch sind, zum Gotterbarmen! David war ein solcher Sünder, dass Gott
nur um der allweisen Absicht willen, gerade aus seinem Stamm das Heil der Welt
zu erwecken, diesen gekrönten Räuber, diesen purpurgekleideten Mörder, diesen
ruchlosen Ballettänzer so lange hat leben lassen! Es ist wahr, David ging dann
in sich und hat später die lieblichen Psalmen gedichtet zum Lobe des Herrn, aber
nur als die fürchterlichste Reue und Busse über ihn gekommen war und ihn das
zerknirschendste Beichtbedürfniss an das Ohr gottgesalbter Priester trieb und er
in jammervollster Trauer sich auf dem Beichtschemel wand und ausrief: Herr, wo
soll ich mich vor dir verbergen? Flieh' ich gen Abend, so bist du da, und flieh'
ich gen Morgen, so bist du auch da! ... Menschen! Männer von Westerhof! -
(Müllenhoff legte nun die Pfeife weg) Was hat denn den heiligen Johannes um
seinen Kopf gebracht, als der sündenvolle, gottverfluchte Tanz! Herodias, diese
Tochter Belials, tanzte sie nicht so wollüstig vor dem Auge des
kindesmörderischen Herodes, dass ihr dieser saubre Souverän jede Gnade
gestattete, die sie sich erbitten würde? Und was tat diese würdige Tochter
ihrer Mutter, die die Maitresse des Herodes war und förmlich zur Nachfolgerin
ihrer Mutter erzogen wurde? Diese Kreatur verlangte nichts schlechteres, als ein
heiliges Märtyrerhaupt! Gerade wie ein neues Kleid oder wie jetzt solches
Gelichter von den neuen Herodessen Anstellungen für ihren Bruder oder ihren
Buhlen im Steuerfach oder im diplomatischen verlangen würde! Du Gekreuzigter!
Warum verlangten die beiden Weibsbilder gleich ein Märtyrerhaupt? Weil der
gebenedeite Freund unsers heiligsten Erlösers in der Wüste predigte, dass die
Juden Busse tun, nicht mehr fluchen, saufen, Karten spielen und tanzen sollten!
Fragt doch nur einmal euere Töchter, fragt doch nur einmal euere Weiber, euere
Mägde, wenn sie im Finkenhof gerast haben und mit den Burschen zur Seite gehen
mit blutroten Wangen, fragt sie, ob sie nicht mit Freuden auf einer Schüssel
auch den Kopf ihres Pfarrers herumpräsentiren könnten, wenn sie auf sein Geheiss
dem Pfaffen von Ystrup, euerm jahrhundertjährigen Allerheiligsten, entsagen
sollten? Und wozu streichen denn die Teufel ihre Violinen? Wozu säet denn der
Versucher die Töne wie Hanfsamen aus? Was will er denn fangen in seinem
Tanzbodenstrich? Vögel für die Hölle! O dann kommen die Mädchen, etwa fünf
Monate nach so einem »Pfaffen von Ystrup«, in den Beichtstuhl! Sonst schlank wie
die Pfeifenstiele, jetzt wie die Bassgeigen, weil die Sünde zu Tage kommt! Dann,
dann möchten sie nicht Euern Tanzboden, sondern Euere Mühlsteine haben,
Finkenmüller, um sich in der Witobach zu ersäufen, da wo sie am tiefsten ist!
    Der Finkenmüller wurde gereizt, zerdrückte seine Kappe und sagte, seines
Amtes wär' es, die Rechte beisammen zu halten, die auf seinem Gute hafteten. Ihm
könnte die Mühle genügen; aber da er beim Erwerb des Finkenhofs das Recht zu
schenken und aufspielen zu lassen mit bezahlt, auch Steuer und Zehnten darauf
genug zu geben hätte, so würde er erst auf seine Abfindung anzutragen haben,
falls das durchginge, dass hier die jungen Leute jetzt in den Kirchen vor dem
hochwürdigsten Gut förmlich beschwören sollten, nicht mehr zu tanzen ...
    Müllenhoff loderte so auf, als würde schon das hochwürdigste Gut als blosses
Wort in solchem Munde verunreinigt. Er schwieg, sah sich aber um, wie nach einem
Donnerkeil aus Rom. Da suchte der Meyer zu vermitteln ...
    Wie denn auch den Leuten erst zu beweisen wäre, sagte der Meyer mit seiner
Stimme, dass sie etwas Unehrbares trieben! Die hohen Herrschaften tanzen alle und
geschieht's in Ehren, Herr Pfarrer, so kann dabei auch keine Sünde sein ...
    Und der Moorbauer berief sich sogar auf den Widerspruch aller Mütter, selbst
der ehrbarsten ... Die Väter, meinte er, wissen wohl, der Tanz sei des Teufels
Jahrmarkt; aber wie wollte man nur allen den jungen Weibsen die Lust daran
nehmen? Sie brennten ja doch eben zu versessen darauf!
    Es ist nun einmal so! rief der fünfte, der Bauer Leiendecker; die Leute
schinden sich in der Woche sechs Tage und am siebenten wollen sie aus dem Joch
heraus! Es hat alles seine Zeit, Herr Pfarrer! Das Beten hat seine Zeit und das
Vergnügen hat seine Zeit! In diesem Land ist denn doch unserm lieben Herrgott
und seinen Engeln immer nur wohl gebettet gewesen!
    Seid ihr nun fertig? sagte Müllenhoff mit einer lange mit sich selbst
ringenden Mässigung und Geduld ...
    Ja! riefen alle einstimmig und trotzig ...
    Ich will euch sagen, Leute, lenkte Müllenhoff etwas ein; lasst uns in Güte
reden! Die heiligen Kirchenväter, Chrysostomus an der Spitze, die kann ich hier
nicht citiren! Es ist wahr, sie alle sind furchtbar gereizt gegen den Tanz. Es
mag sein, weil manche von ihnen noch jenen schauderhaften Tänzen zu nahe gelebt
haben, mit denen die Heiden ihre Götzen, die Venus, den Jupiter, die Minerva und
ähnliche Affenschande verehrt haben. Aber glaubt ihr denn nicht, dass unter dem
Unkraut in den Herzen der jetzigen Jugend, unter der Spreu auf der Tenne noch so
viel edler Weizen liegt, dass man ein solches Frauenzimmer - oder - nehmt's mir
nicht übel - euere eigenen Weiber und Töchter, in aller Güte nehmen und ihr
sagen kann: Kind, ein Wort im Vertrauen! Sieh Griete, Anne Marie, so ein Bursch
wie der Siebdrat oder der Heikerling oder wie die Schlingel heissen, die kürzlich
ihre drei Jahre abgedient haben und immer noch mit dem roten Streifen an ihren
Mützen hier herumlaufen und selbst so in die Kirche kommen, in die Kirche, wo
nur Eine Cocarde und Eine wahre Landesfarbe herrschen soll, das durchstochene
Herz und das Blut unsers gnadenreichsten Erlösers Jesu Christi! - ich sage, wenn
ihr sagen wolltet: Griete, Anne Marie, - Gott, Gott, diese heiligen Taufnamen! -
wenn dir nun so ein Schlingel im Felde begegnete, in dem hochwallenden
Gotteskorn oder im heiligen Walde - nein, den hauen uns die Luteraner hier
nächstens auch noch ab! - oder hinterm Gartenzaun und wollte dich nur so um die
Hüfte fassen, wie er's auf dem Tanzboden tut - Mädchen, könntest du das denn
leiden? Würdest du nicht über den Buben ausser dir sein? Würdest du nicht über
die Schlenker, die man machen muss beim »Pfaffen von Ystrup« Brust an Brust und
Mund an Mund - in den Boden versinken vor Scham? Und würdest du diesen
Schlingeln mit den roten Streifen an den Mützen nicht hinter die Ohren
schlagen, dass ihnen Hören und Sehen vergeht? Nun sieh, würd' ich als Vater
sagen, dergleichen duldest du nun alle Sonntage! Marie Anna, Magdalena, du, die
niemand zweideutig ansehen darf, wenn sie im Felde schanzt und züchtig sich
schon die Kleider hält, nur wenn der Wind geht, du mein holdseliges Kindlein, du
putzest dich Sonntags, behängst dich mit Ketten und Schaustücken, setzest dich
in den Finkenhof auf die Bank und lungerst mit gierigem Blick, ob dich denn
nicht auch jemand nehmen mag oder ob du wohl gar sitzen bleibest und das Blut,
hui! das spritzt dir förmlich vor Ungeduld aus den Wangen, wenn immer mehr
antreten und du noch vacant bist! Gott, bei deinen hochheiligen Wunden, würd'
ich doch so ein geliebtes teures Kind, die Freude einer Mutter, das
Nestküchlein eines Vaters, so ein Bild der Unschuld und holdlieblichen Sitte,
beschwören, dass sie sich vergleichen möchte, wie sie daheim sitzen könnte am
Spinnrad, eine züchtigliche Maid, sanft und lieblich und unschuldsvoll wie eine
Taube ... Und, mit dem Bilde vergleicht dann diese Ländler und diese
Schottischen! Wie die Röcke fliegen! Wie der Boden kracht! O Familienväter!
Schildert ihnen doch das um des entaupteten Johannes, um dieses ersten Pfarrers
auch in einer Wüste, willen! Schildert den Eindruck, wenn nun später die Bursche
anfangen von Bier und Taback und Branntewein zu glühen und die süsse Unschuld des
Herzens, der zarte jungfräuliche Leib euerer liebsüssen Mägdelein, deren
Kindeslallen euch ach! so inniglich erquickte, in die Arme solcher Buben sinkt!
Schildert ihnen, was diese beweinenswerten Lümmel nun die Dreistigkeit haben in
ihr keusches Ohr für Gift zu träufeln! Wie sie sich hinsetzen, euern Töchtern
das klebrige Glas vollschenken lassen und Hand in Hand sie auffordern, mit ihnen
erst durch Redensarten hindurchzuwaten, durch den Pfuhl der Erinnerungen und
Erfahrungen, die sie aus ihren gottesvergessenen luterischen Garnisonen mit
heimgebracht haben, aus der Plage der allgemeinen Militärpflicht, die ihr schon
so oft zu allen drei Teufeln, wo sie herstammt, hingewünscht habt! Unsere
Bursche sind schön, herrlich gewachsen, wie ihr selber noch die strammsten
Männer seid! O, so kommt es, sie standen fast alle bei der Garde! Nun kehren sie
wieder aus der Residenz selbst, wo diese Unglücklichen leben müssen ohne die
trauliche Verbindung mit unserer gnadenreichen Mutter, wo sie nur dürftig
geniessen die heilige Zehrung, die Herzenserleichterung am Ohr eines geweihten
Priesters, ja wo eine jammervolle Veranstaltung unserer Neunmalweisen sogar
möglich gemacht hat, dass diese armen Tröpfe, diese guten lieben Kerle, euere
Söhne, euere Neffen, euere jüngern Brüder, wohl gar in die Kirchen der Ketzer
commandirt werden und ihr treues Herze, ihr manchmal doch noch reines,
unverdorbenes Gemüte die Weisheit solcher Geistlichen von einer Kanzel herab
hören müssen, deren wir ja sogar jetzt einen in Witoborn haben - Gott im Himmel
erbarme dich! einen »Priester« mit sieben lebendigen Kindern! ... O, ich
beschwöre euch, Familienväter, tut das Eurige, euere Kinder und Kindeskinder,
an die ihr mit Stolz denken könnt, nicht zu verkaufen an den, der ausgeht, sie
zu verschlingen! Uebernehmt, obschon nicht geweiht, das Amt des Priesters!
Sprecht am brennenden Kienspan in jeder Hütte von der Sünde, die ja schon darin
liegt, nur etwas zu wagen, was möglicherweise Sünde werden könnte! Grabt es
ihnen im Bilde vor, das Grab der Unschuld und Tugend! Sagt ihnen: Wandle, Mensch
- Mensch, wandle dort, wo du wünschen möchtest einst dein Sterbebett hingestellt
zu haben! Kannst du, o Jungfrau, o Jüngling, dir unter Gefahr einer Todsünde nur
vorstellen, dass der Tanzboden dein Sterbebett wäre? Kannst du dir denken, dass an
diese Stelle ein Priester hinkäme und dir das heilige Oel brächte? Kannst du dir
denken, dass die Gliedmassen deines Leibes dir dort gesalbt werden könnten zum
letzten Pfade an die Pforten der Ewigkeit? ...
    Längst schluchzte der Meyer ... Diesem kam die Wehmut am ersten zu und sie
war ihm natürlich. Sie war ihm das schon von der Anstrengung seiner Nerven und
dem stärkern Druck derselben infolge seiner schwierigen Zwischenstellung
zwischen Gemeinde und Pfarrer ...
    Auch der Moorbauer wandte sich ab ... Auch die beiden andern äusserten
Bedürfnis, sich ihre Nasen zu putzen und suchten nach ihren blauen Sacktüchern
... Nur der Finkenmüller blieb kalt und wagte ein:
    Bitte, Herr Pfarrer -
    Schweigen Sie! fuhr ihn Müllenhoff an, ganz aus der sanften Rolle fallend
...
    Als der Finkenmüller dann schwieg, fiel er auch gegen ihn wieder in den
sanftesten Ton zurück und fuhr fort:
    Soll denn die Heiligung der Sitten nur möglich sein da drüben in den Berg-
und Fabrikdistricten, wo die luterischen Pastores nichts vom Christentum
kennen als die Bibel, und von ihren eigenen Weibern und Kindern so in Anspruch
genommen werden, dass sie für euer Seelenheil keine Zeit mehr übrig haben? Sollen
wir nicht zeigen, was gerade wir vermögen aus unserm Grunde, der da ist der Fels
Christi? Sollen sie uns verspotten um unsern heiligen Liborius und sagen: Seht,
soviel Kinder kommen ausserhalb der Ehe bei uns und soviel bei denen! Schlagt mir
den Tanzboden ein, sag' ich, oder ich prophezeie nichts Gutes für unsere Mutter
Kirche! Finkenmüller! Geh in dich! Denke, dass die Gemeinde dir ein Opfer bringen
wird! Sie wird dir den Ausfall deiner Einnahmen ersetzen! Sie wird den
Jungfrauen- und Jünglingsbund nicht abhalten, dennoch bei dir einige Stunden des
Sonntags der Erholung und der Freude zu widmen! Ich schlage vor, dass jedes
Mitglied in eine Büchse einen Groschen wirft zur Abkaufung des Tanzes! Der
heilige Augustinus, der auch erst ein lasterhafter Heide war, ehe er zur
Erkenntnis kam, wird diese Spende segnen! Die heilige Afra wird sie segnen, sie,
die einst Spiel und Tanz zu Augsburg in ihrem Hause zur Anlockung der Sünde
hatte und durch den heiligen Paullinus bekehrt werden musste, wird sie segnen! Es
ist wahr, der heilige Franz von Sales hat unter gewissen Umständen den Tanz
gestattet. Aber so innig ich ihn sonst verehre, den frommen Bischof, ich
fürchte, er lebte in zu vornehmen Verhältnissen, um sich - (Müllenhoff stockte
jetzt etwas) einen Zustand, wie den um Witoborn herum vergegenwärtigen zu können
... Er kannte diese Menschen nicht, die jetzt aus dem ihm auffallenderweise sehr
werten Paris kommen ... Er kannte Menschen nicht, die dort die Teilung der
Güter proclamiren, diese Handwerksburschen, die keinen Hof sehen können, ohne zu
sagen: Aber der Garten dazu ist mein! keine Kuh, ohne zu sagen: Aber das Kalb
gehört mir! keine Henne, ohne zu sagen: Aber die Eier legt sie für mich! Haben
wir nicht etwa auch schon solches Volk unter uns? Maîtres-tailleurs und ähnliche
- Schneider?
    Schneid hiess der neue Hausknecht, der in Schloss Westerhof eingetreten und
dem Meyer noch nicht ordentlich gemeldet war ... Jean Tübbicke bürgte für ihn
...
    Müllenhoff hielt eine Secunde inne. Da fand der Finkenmüller Zeit,
einzuwerfen:
    Ich bin aber gewiss, der Herr Archipresbyter -
    Was sind Sie gewiss? unterbrach Müllenhoff. Ich, ich, auch ohne den
Archipresbyter, ja ohne den Heiligen Vater in Rom, hätte die Macht, im
Beichtstuhl zu strafen! Ich könnte denen, die in den Stand der Ehe zu treten
gedenken, nur eine stille Messe lesen, wenn sie nicht das Versprechen zur
heiligen Dreieinigkeit ablegen wollen, auf ihrer Hochzeit nicht tanzen zu
lassen! Ich tu' das nicht. Ich will euch in Güte gewinnen. Hier ist das
Büchlein über die Stiftung der Bündnisse. Da habt ihr zwanzig Exemplare zur
Verteilung. Zu nächsten Ostern ist alles in Ordnung. Am Charsamstag hält der
Bund eine Procession und lasst nur die Buben stehen und lachen und die losen
Weiber und die Hebammen an der Spitze, wir werden die Lästerer schon auf die
Knie bringen, wenn in der Mitte der Jugend Ihr, Finkenmüller, selbst die Fahne
tragt und ich gleichfalls hinterher gehe, die Hand mit dem hochwürdigsten Gute!
    Vor diesem magischen Wort schwiegen nun wohl die Männer ... Der junge Kämpfer
siegte ... Alles blieb still ... Müllenhoff holte von einem Bücherbret zwanzig
kleine Broschüren und zählte sie ihnen ab ...
    Herr Pfarrer ... sagte der Meyer inzwischen. Sie sehen, wir werden das
Unserige tun! Es wird einen schweren Kampf kosten! setzte er seufzend hinzu.
Schon heute, wo infolge des Leichenbegängnisses alles auf den Beinen ist, schon
heute sollt' es auf dem Finkenhof zwar ein bisschen lebhaft werden -
    Dem Lutterberg zu Ehren! meinte Müllenhoff im Zählen. Ja, was werden die
Teufel heute im Lutterberg rumoren!
    Aber tanzen lass' ich heute nicht! sagte der Finkenmüller. Aber in Zukunft -
    Ja habt doch nur Mut, Leute! unterbrach Müllenhoff; habt doch Mut! Das
Uebrige macht das Rügengericht und der Kirchenconvent -!
    Ja, Kirchenconvent und Rügengericht -! riefen alle durcheinander ... Es war
ein Tema, dessen Erörterung noch im Rückstand blieb ...
    Nun? lautete Müllenhoff's erwartungsvolle Frage ...
    Sie haben das Rügengericht eingeführt, Herr Pfarrer, sagte der Meyer, und
ziehen sich nun selbst zurück? Schieben uns nur so vor? Jeden Ersten sollen wir
zu Gericht sitzen und wenn die Weiber uns auslachen und die jungen Bursche uns
den Buckel voll Schläge androhen und wir nicht wissen, wie wir unsere Autorität
aufrecht erhalten sollen, wollen Sie im Feld spazieren gehen oder in Ihren
Büchern studiren? Nein, mit Vergunst, Herr Pfarrer! Wenn das Rügengericht sich
halten soll - und ich habe nichts dagegen, wenn wir sorgen, dass nicht jeder
Plunder an den Landrat oder die Gerichte kommt - so müssen Sie den Vorsitz
führen, Herr Pfarrer!
    Und Sonntags Nachmittags müssen Sie die Kirche dazu hergeben! fielen alle
ein ...
    Erst wollte Müllenhoff ironisch ausweichen. Aber auf das Wort »Kirche
hergeben« rief er, als sollte man es hundert Schritt weit hören:
    Ich bin das ewige Gericht und sitze zur Rechten des Schöpfers Himmels und
der Erden!
    Nein, setzte er dann den auf den Tod Erschrockenen hinzu, gebt euch nur
getrost diese Autorität selbst!
    Die aber - das - das können wir nicht!
    Wird kommen, wenn ihr selbst nicht mehr bis Elf im Finkenhof unter den
Zöllnern sitzt!
    Halten wir uns von den Leuten apart, Herr Pfarrer, so vermögen wir erst gar
nichts! sagte Hennicke ...
    Pro Deo! rief Müllenhoff mit feierlich lauter Stimme. Nicht Per Deum! So
fängt jedes Concordat an und ich will euch das übersetzen ... Glaubt ihr, guten
Leute, dass ihr dem allmächtigen Schöpfer nichts anderes schenken könnt, als was
ihr von ihm ausdrücklich zum Geben empfangen habt? Wollt ihr ihm denn gar nichts
geben von dem Eurigen, von euerer eigenen Tugend, von euerer eigenen Moral,
euerer eigenen Gerechtigkeit? Könnt ihr nichts, nichts beisteuern zur
Herstellung der Ordnung in der Welt? Ihr lieben Leute, diese Opfer bringt
getrost aus euch selbst! Schenkt dem Gekreuzigten euere eigene Kraft, nicht
immer die, die ihr erst seinen Stellvertretern auf Erden verdankt! Ein
Seelsorger soll sich nicht in die weltliche Auffassung euerer Händel mischen.
Nur vorarbeiten sollt ihr seinem Wirken, sollt ihm in die Hand arbeiten, sollt -
    Wir sollen nur so vorm Schuss stehen, Sie hinter unserm Rücken! rief der
Finkenmüller, der wieder Oberhand gewinnen wollte und der Groschenbüchse am
verschlossenen und doch von ihm neulich frischgedielten Tanzsaal nicht recht
traute ...
    Wenn ich unsichtbar unter euch bin, antwortete Müllenhoff, schon
siegestrunken, aber doch scheinbar gelassen und milde, so ist das für euch eine
Schande, Männer? Ich werde, wenn wir auf unserm Wege fortgehen und wir die
Bündnisse erst haben, nicht verfehlen, das Rügengericht im Beichtstuhl zu
unterstützen. Ich werde auch die schwierige Aufgabe, die wir die Visitation
nennen, nicht von mir weisen. Ich werde nicht zurückbleiben hinter meinem
Amtsbruder in Borkenhagen, der zu den gottverlorenen, unglückseligen Menschen,
dem im Kirchenbann lebenden alten Hedemann und seiner Frau, sich nicht die Mühe
verdriessen lässt wöchentlich einmal zu gehen, anzupochen, an ihren Herd sich zu
stellen und sie zu bitten, an den heiligsten Ort der Welt zurückzukehren und von
dem Tisch des wahren Brotes und von der Ruhe in geweihter Erde sich nicht mit
Gewalt auszuschliessen. Ihr wisst, wie grillig diese alten im Kirchenbann lebenden
Leute sind, und wisst, warum?
    Ja wohl, Herr Pfarrer!
    Die Schuld traf -
    Den Pfarrer Langelütje - sagte der Finkenmüller ...
    Den Landrat! betonte Müllenhoff mit berichtigender Schärfe. Sogleich fuhr
er wieder sanfter fort:
    Es soll mir ein Stolz sein, wenn solche Verstockteit mir die Türe weist!
Ein Stolz, wenn ihr mir die Bücher aus der Hand reisst, die ich auf euerer
Ofenbank finde und untersuche, ob sie zu lesen euch auch ziemlich ist! Diese
Visitationen werden mir gelingen, denn die Kinder sollen mich dabei beschützen!
Die Bilder der Heiligen werde ich euern Kleinen zeigen, denen die Taten
derselben erzählen und die Alten werden dann auch schon heranrücken und sich
schämen nicht zuzuhören dem, was christlich ist, und ich werde der Freund auch
eueres häuslichen Herdes werden. Das Rügengericht aber, das ist euere Sache!
    Wenn Sie nur wenigstens, Herr Pfarrer, sagte der bedrängte Meyer, bei der
Strafe, die der Kirchenconvent dictirt, mitstimmen wollten!
    Auch das nicht, lieb' Väterchen! Ich bedanke mich, gutes Meierchen! Ihr
sollt selbst am Kreuz des Erlösers tragen helfen! Ei, wisst ihr denn nicht, was
unser hochheiliges Rom mit seinen »Concordaten« sagen will? ... Nicht, weil ich
nicht die Kraft hätte - ach, unser hochheiligster Jesus, der hatte die Kraft,
die Erde aus ihren Angeln zu reissen - Dass er aber dennoch auf Golgata das
Marterholz mit rinnendem Schweiss und tropfendem Blut getragen hat und dass er
lieber zusammenbrach wie euersgleichen, das war bloss um zu sehen, wer
hinzutreten würde - um ihm zu helfen! Gelegenheit wollte er bloss andern geben,
sich den Miteintritt ins Paradies zu erwerben. Und in dieser göttlichen Güte
ahmen ihm jetzt seine geweihten Priester sowol beim Rügengericht wie beim
Kirchenconvent und noch in vielen andern weltlichen Dingen nach. Ihr könnt alle
Tage so heilig werden, wie Simon von Cyrene es wurde, der dem Heiland das Kreuz
tragen half! Weist, ich bitte, die Gelegenheit dazu nicht ab! Kennt ihr den
Fluch, der jenen Schuster traf, der das Ausruhen auf den Stationen des heiligen
Kreuzwegs unterbrach und frech die beiden Kreuzträger anschnauzte, was sie hier
vor seinem Laden halt machten und ihm die Kundschaft verjagten? Bis zur heutigen
Stunde haben die Juden infolge dieses Schusters auch noch keine Ruhe gefunden;
sie irren innerlich noch immer umher, wenn sie auch äusserlich in Witoborn
allerlei Seelen und einige Landräte im Sack haben. Jeder Jude, den ich sehe,
und säng' er noch so schön, wie der, der neulich hier mit dem Herrn von Terschka
die Güter vermass und eine gottlose Arie nach der andern pfiff, kommt mir wie
eine unbegrabene Leiche vor. Der Kirchenconvent, das seid ihr! Wer die Gemeinde
als Spieler und Vagabund belästigt, nicht zum Abendmahl kommt, schlechte Bücher
liest, den lasst getrost euere Entrüstung fühlen und wenn es zehnmal die meinige
ist und es euere Schwäger oder Vettern sind, die es trifft! Ich kenne das. Auf
meiner ersten Pfarre - ja, da sass ich im Kirchenconvent. Was geschah? Jede
Strafe musste ich dictirt haben! Der Meyer dort war Soldat gewesen und ein wahrer
Profoss an Zorn und Strafwut. Für jedes Zuspätkommen bei der Messe hätte er
einen Louisd'or verlangen mögen, von denen zumal, wo er wusste, dass sie
dergleichen Waare im Kasten haben. Begegnete er dann so einem um lumpige fünf
Groschen Gestraften, so grüsste er ihn schon von weitem als Herzbruderkamerad und
schüttelte ihm die Hand und sagte: Brüderlein fein, wie leid tat mir's doch
neulich wieder mit den fünf Groschen, aber - nun bohrte er einen Esel in die
Luft und mit einer Kutte drüber und gleichsam als wenn - siehst du, der Pfaffe
drüben, der hat's decretirt, hat nicht eher nachgelassen! Ja, der Kerl hasste
seinen Schwager so, dass er ihn über den Weg hätte vergiften können, und nun
sollte ichs immer gewesen sein? Nein, solche Niedertracht lass' ich bei uns
nicht aufkommen ... Ihr richtet! Ihr straft! Und dann muss ich euch auch noch in
aller Aufrichtigkeit sagen: Die Beweise der Würdigkeit, die ihr habt, in meiner
Gesellschaft zu sitzen, müsst ihr mir erst noch geben. Ich schätze euch als
Männer von Rang und Ansehen, aber der Taback, den ihr manchmal raucht, ist nicht
meine Sorte. Ich meine das in aller Güte und anders als hier in der Pfeife (- er
nahm diese jetzt wieder -) aber es ist mir bereits schon vorgekommen - ich will
nichts von euch sagen - dass Jockel, wenn er einmal wegen Schwächung citirt wurde
- den Vorsitzenden Pfarrer anzulachen die Frechheit hatte und sagte: Wir sind
allzumal Sünder und brauchen einen und denselben Doctor! Nein, unsern Willen
sollt ihr tun; das versteht sich; aber aus euerer eigenen Entschliessung! So
machen wir's von jetzt an auch allüberall! Auch im Grossen, auch in
Staatsangelegenheiten. Das nennt man Concordate. Ihr Leute! Pastoralklug ist
gut. Leider aber, wie die Welt nun einmal ist, muss man auch manchmal ein Bissel
pastoralpfiffig sein!
    Damit lachte Müllenhoff sich selbst so vergnügt Beifall, dass auch die Bauern
um ihn her lachen mussten und der Meyer meinte:
    Na, wir kommen schon zusammen, Herr Pfarrer! Geben Sie ein bisschen nach und
wir auch ein bisschen - alles mit Bedacht und ohne uns und Ihnen etwas zu
vergeben! Neulich noch riet uns Herr von Terschka selber dazu, dass wir uns ganz
nach Ihnen richteten!
    So? sagte Müllenhoff, sich im Lachen mässigend ...
    Ja, fuhr der Moorbauer fort, wir sollten für den Bund die Auszeichnung einer
Medaille einführen, dann würden alle beitreten!
    Da hatte er Recht! meinte Müllenhoff und setzte hinzu: Nun, der ist ja
wenigstens noch von uns!
    Und dann sagte er auch, sollten wir mit dem Domherrn sprechen! Der würde
allem schon das rechte Schick geben ...
    Nun ist's genug! sagte Müllenhoff kurzweg und tat, als wollte er gehen. Das
Lob des Domherrn mochte er nicht hören ...
    Die Männer öffneten die Tür. Erst wollte der Moorbauer hinaus, der am
nächsten stand ...
    Wie er sich verbeugte, fiel er fast, sah dann hinter sich und entdeckte
etwas, das auf der Flur draussen stand und beinahe von ihm umgeworfen wurde ...
    Auch Hennicke stolperte schon ...
    Was steht denn da? fragte Müllenhoff aus seinem innersten Vergnügtsein
heraus ...
    Die Männer traten in die Stube zurück und blickten auf einen Korb, der dicht
an der Türschwelle stand und verdeckt war ...
    Was soll denn das da? sagte Müllenhoff und suchte nach seiner Bedienung.
    Der Korb sah seltsam aus. Niemand hatte recht den Mut ihn wegzuheben. Er
war oben offen und hatte ein kleines Schirmdach, das mit rotem Zeuge verhängt
war ... Man hätte glauben mögen, es war ein Korb, wie man ihn auf Wiegen
befestigt ...
    Müllenhoff, blutrot schon, sah die verlegen lächelnden und zurückweichenden
Männer an ...
    Katrein! rief er laut. Was steht denn hier im Wege?
    Eine Magd, die das kanonische Alter hatte, eine jüngere, die nicht beim
Pfarrer, sondern bei ihr diente, kamen herbei und verwunderten sich »des Todes«
über den Korb ...
    Alle hatten die Ahnung, dass sich jemand ins Hans geschlichen und an der
Türschwelle des Pfarrers - ein Kind ausgesetzt hätte ...
    Zornentbrannt und doch voll tiefster Verlegenheit riss Müllenhoff die roten
Vorhänge des Korbes auf und richtig! in Betten versteckt, lag mit weissem
Häubchen ein Kind, wie sich jedoch die Katrein sofort überzeugte, kein
lebendes, sondern ein allerliebstes, niedliches Wachspüppchen ...
    Unter Gelächter zog sie es hervor ...
    Die Männer wagten nicht in das Gelächter mit einzustimmen, sondern hielten
die Hand vor den Mund und entfernten sich rasch, um erst draussen, wie man zu
sagen pflegt, »loszupruhschen« ...
    Das ist - das ist ja ein niederträchtiger Streich - ein Streich nur von der
Schmeling! rief der Pfarrer. Meyer! schrie er diesem nach. Sie untersuchen das!
Melden's gleich dem Landrat! Er soll euern Schreiber schicken! Auf der Stelle!
Da seht ihr nun euere Zucht und Ordnung! Ich werde das Schandstückchen von euch
auf die Kanzel bringen!
    Der Meyer stand verlegen an der Haustür ...
    Es wurde gefragt und geforscht, ob man denn nichts erblickt, niemanden im
Hause gesehen hätte ...
    Den Jean Tübbicke, den buckeligen Stammer, den Perrükenmacher Schneid, alle
Verdächtigen rief Müllenhoff der Reihe nach auf ... In Witoborn sollten alle
Korbmacher, alle Puppenverkäufer, alle Händler mit Betten und rotem Kattun
Haussuchung bekommen ... Dann wieder fiel ihm die Lächerlichkeit des ganzen
Vorfalls auf. Schäumend warf er die Tür hinter sich zu und schrieb nun selbst
an die Polizei in Witoborn. Hätte er nur den Tübbicke gehabt, um seinen Zorn
ganz auslassen zu können!
    Erst allmählich kehrte ihm die Ruhe zurück beim Blättern in den Exercitien
Loyola's und beim Wiederlesen des Billets der Frau von Sicking ... Dann ordnete
er seine Toilette, rüstete sich mit einigen »geistreichen Gedanken« für das
Diner und ging, ganz ein Papst Hildebrand vom Dorfe, mit festem Schritt hinaus
in den frischen Wintertag.
 
                                       3.
Inzwischen lugte auch auf Augenblicke freundlich die Sonne hervor aus der
unermesslichen Wolkendecke, die ab und zu sich ihrer Schneeansammlungen aufs neue
entledigte.
    Da, wo die Sonne verborgen gestanden, bekam der Himmel das Ansehen, als wär'
er ganz von geschliffenem Achat, von durchsichtigem, gelbrötlich geflammtem ...
    Um die Kirche her standen die Bäume in ihrem weissen Krystallschmuck. Im
Sommer konnte man sich hier, wenn rings die Ulmenäste wogten und ihre langen
Schatten warfen, an einen alten Opferhain erinnert fühlen. Jetzt war es licht
ringsum. Schon unter den gefrornen Eiszapfen, die wie die Orgelpfeifen über dem
Portal des Ausgangs der Kirche hingen, sah man weit in die schneeverhüllte Ebene
hinaus, wo die Wintersaat schlummerte, die Hasen dahinschossen, die Krähen
einsam auf rauchenden Dächern stolzierten ...
    In einer grossen, etwas altertümlichen, nicht aus Hoffart, sondern des
Schnees wegen von vier Pferden gezogenen Kutsche sass Paula im Fond mit Tante
Benigna, auf dem Rücksitz Armgart und der Doctor Laurenz Püttmeier, der
Philosoph von Eschede, langjähriger Verlobter der jetzt in Paris bei den Fulds
weilenden Angelika Müller. Der plötzlich gekündigten Lehrerin von Lindenwert
hatte die kleine freundliche Bettina Bernhard Fuld diese Stellung als
Reisebegleiterin und Gesellschafterin bei sich angeboten und Angelika sie
angenommen ...
    Ein so enger Raum! ...
    Und wie mächtig dehnt sich doch die Lebensbeziehung einer jeden dieser vier
Personen in die Welt aus, weit, weit über diese winterliche Fläche und das Echo
der wieder beginnenden Glocken hinweg! So aber ist das Leben in seiner
Wirklichkeit. Auf der Bühne, da treten Helden durch weit aufgerissene
Flügeltüren ein und die Spannung steht, wie eine sich verbeugende Kette von
Kammerherren und Lakaien, um einen Fürsten oder - Bettler, wenn gerade das
Interesse auf einem Bettler ruht, auf die Scene treten zu lassen. Im Leben aber
ist so ein gefeierter Philosoph wie Püttmeier plötzlich da wie unsereins! Dieser
grosse Mann, für den nun sogar am Ufer der Seine ein treuliebend Herz Propaganda
macht und ihn jetzt sogar in einem Bankierhause Wechsel auf die Zukunft ziehen
lässt, auf diesen unerschöpflichen Reservefonds aller unverstandenen Geister der
Gegenwart, sass hier völlig unerkennbar, tief verloren in einen Mantel, Muff,
Shawl und Fusssack -
    Laurenz Püttmeier war heute ein völlig von den Todten Erstandener ...
Eschede ist ein kleines Städtchen und Püttmeier bewohnte daselbst zwei Zimmer im
Erdgeschoss seines eigenen älterlichen Hauses. Ins grüne Freie, einen Hausgarten,
ging er nur, wenn ihm sein Hund und seine Katze die Nelkenbeete verwüsteten -
die Nelke war ihm die liebste Blume; sie hat eine schöne Symmetrie und an ihrem
Stengel erhebt sich die geschlossene Knospe in einer konischen Gestalt. Und
hatte nicht auch sein eigenes ganzes Wesen das eines grossen alten Katers?
Armgart wenigstens meinte gleich heute in der Frühe, als ihn eine gräfliche
Kutsche von Eschede brachte, es fehlten ihm nur an dem glattrasirten Kinn und
der langen Oberlippe ein paar spitzabstehende Härchen - und Hinz wäre fertig. So
berichtete sie auch schon neulich, als sie zum ersten mal des Doctors
Bekanntschaft machte. In Lindenwert wurde oft Püttmeier's Porträt den Mädchen
als Medaillon in Aquarell gezeigt. Da hatte er noch blonde Haare, eine scharfe,
nicht gar zu spitze Nase, graue, entschlossene Augen, eine bläuliche Färbung des
abrasirten Barts und eine ungeheure weisse Halsbinde, in der sich ein vornehm
spitzes Kinn versteckte. Nun aber in Wirklichkeit spielte bei dem schon tief
Vierzigjährigen alles grau in grau. Der Doctor war ein Sonderling geworden. Man
erzählte von dem Sophahocker, dass er eine Wasserflasche, die dem Sonnenstrahl
ausgesetzt war und die gegenüberliegenden Gegenstände als Brennspiegel
entzündete, nicht etwa aus dem Sonnenstrahl heraustrug, sondern mit einem
Makulaturbogen seines Werkes: »Christus und Pytagoras«, umhüllte, bloss weil er
zu träge war, um aufzustehen und einen Schritt weiter mit seinen schöngestickten
Angelika-Pantoffeln zu schlorren und die Flasche in den Schatten zu setzen. Ins
Freie ging Püttmeier dann nur noch jeden Abend, wenn er das beste Hotel von
Eschede »bei Schönian's« und jeden Sonntag die Kirche besuchte. Seine
Verehrerinnen mussten ihn in seiner Wohnung aufsuchen. Und diesen Mann mobil zu
machen, das war Armgart gelungen! Gleich nach ihrer Flucht aus Lindenwert hatte
sie ihn wie eine verschüttete pompejanische Ruine entdeckt. Sie hatte die
unendliche Liebe und Dankbarkeit, die sie für ihre Lehrerin besass, für die Arme,
die ihretwegen so hart bestraft wurde, auf den Freund des Herzens derselben
übertragen und mit jener dem jugendlichen Alter so schön stehenden
Liebesübertreibung in ihm aller Welt den Propheten nachgewiesen, der in seinem
Land verkannt würde, während die wissenschaftliche Welt von Alexander von
Humboldt in Berlin an bis zum alten Windhack zu Kocher am Fall voll von seinem
Ruhme wäre. Ruhm verbreitet sich, hatte Angelika oft genug gesagt, in
concentrischen Kreisen. Wie auf dem Wasserspiegel die erregte Wellenlinie erst
in der Nähe des hineinfallenden Steines klein, dann wachsend und wachsend und in
ihrer wahren Grösse erst in ihren äussersten Nachschwingungen sichtbar würde, so
auch die Anerkennung des Genius, zu dessen wahrer Würdigung dann ja oft auch -
die Steine gehörten. Niemanden hasste Armgart so, wie einen gewissen Philosophen
Namens Joseph Schelling, der so unersättlich nach Ruhm wäre, dass er auch noch
den Lehrstuhl Hegel's, den bis dahin ein unbedeutender Schüler bekommen,
einnehmen und dadurch gleichsam beweisen wollte, dass er von Hegel nicht
überwunden worden. Das war in Eschede ein Aufsehen, als eines Tages eine
gräflich Dorste'sche Kutsche ins Tor fuhr und ein Livreebedienter nach dem
Doctor Püttmeier fragte! Und schon am Abend, wo Püttmeier nicht »bei Schönian's«
erschien (wo sich regelmässig vier oder fünf Stammgäste einfanden), wusste es die
ganze Stadt, dass Fräulein Armgart von Hülleshoven auf Stift Heiligenkreuz den
Doctor aufgesucht, ihm eine Vision der Seherin von Westerhof erzählt und ihn
veranlasst hätte, diese zu zeichnen, auszutuschen und matematisch in
vierundzwanzig Teile zu zerlegen zum Muster eines Teppichs. Für den Doctor war
dieser Auftrag gewesen, wie wenn man bei einem Drechsler in Witoborn ein
Linienschiff für die englische Marine bestellt hätte. Er hatte seine
katergrauen, etwas gelbgesprenkelten und schon ganz tageslichtscheu gewordenen
Augen aufgezogen, wie wenn der Cultusminister bei ihm wäre vorgefahren gekommen
in Begleitung des Oberpräsidenten und ihn zum Mitglied der Akademie gemacht
hätte. Er konnte von Stund an nicht mehr regelmässig denken, nicht schlafen; er
verjüngte sich, als kämen seine alten Tage wieder, wo seine Ideen zum ersten
male über das vaterländische Heidekraut flügge ins Land aufstiegen wie
Märzlerchen und alle Drechselbänke der adeligen Höfe ringsum seine mystischen
Dreiecke, Kubusse und Konoiden darstellten. Püttmeier zeichnete den Teppich, mass
ihn, klebte ihn in natura zusammen, wie einen Drachen - voller Drachen. Das
erschütterte dann sehr seine Gesundheit. Erst heute hatte man ihn können aus
Eschede abholen lassen. Er war wie der selige Nikolaus von der Flüe, den die
Eidgenossen aus den wilden Bergen holten, um ihre Streitigkeiten zu schlichten,
und den man tragen musste, weil er das Gehen verlernt hatte. Alles war ihm neu.
In Witoborn behauptete er viel mehr Türme zu sehen, als sonst, während doch
einige abgetragen waren. Die Vögel, die am Wege im Schnee hüpften, betrachtete
er, als wären es neue Species, die inzwischen der Schöpfer geschaffen. Und dass
es sich so treffen musste, an diesem Tage waren sämmtliche Männer der gewählteren
Gesellschaft ins Gebirge nach Schloss Neuhof! Nun konnte er doch sowol in Schloss
Westerhof, wie in der Kirche und jetzt wieder auf der Rückfahrt, so recht
geniessen, als zweiter Frauenlob, mitten unter dankbaren nur weiblichen Händen
und Herzen gehegt zu werden. O tat das wohl! Gleich einem alten Papagaien hatte
er gegurrt und gegrammelt vor Behagen, als ihm die Frauen und Fräulein auf dem
Chor vor und nach der Messe so viel Zuckerbrot in Worten gaben, seine Güte,
seinen Geist, seinen Geschmack lobten. Wie der grosse Pfau des Libori wedelte er!
Noch stand ihm das einfache Familiendiner im Schloss, für den Nachmittag die
Rückfahrt nach Eschede und für einen der nächsten Tage noch eine grössere
Huldigung bevor. Bei einer Jagd, die in dem von Terschka für Tiebold de Jonge
bestimmten Walde gehalten werden sollte, einer Jagd, deren Honneurs der Trauer
der Dorste's wegen ein nachbarlicher Graf Münnich übernommen hatte, sollte
Püttmeier den Damen, die auf Münnichhof die heimkehrenden Nimrod's erwarteten,
sein philosophisch-matematisches System in der Art erklären, wie er dies alle
Jahre einmal in Eschede tat, durch Ombres chinoises, d.h. Transparentfiguren in
einem dunkeln, weihrauchgefüllten Zimmer.
    Und Tante Benigna! Die vielbesprochene Schwester Monika's! Die sogenannte
Meg-Merilies sitzt da mm auch vor uns! ... Wie beurteilt ihr doch die Menschen
immer nur nach dem, was sie euch zu euerm eigenen zufälligen Nutzen oder Schaden
sind! Die Mutter Monika's, die Grossmutter Armgart's konnte Tante Benigna,
Fräulein von Ubbelohde, allerdings sein; aber von einer Hexe, von einer
Kindesräuberin hatte sie gar nichts. Wie lange lag auch jener furor saxonicus
schon hinter ihr! Ein schwarzer Trauer-Sammetut mit Kreppbändern zeigte das
Antlitz einer funfzigjährigen Jungfrau, deren Augen etwas ermüdet waren, die
Lippen weit mehr bedacht eine kleine Zahnlücke als heroische Entschlüsse zu
verbergen ... Onkel Levinus, ihr Schwager, war ihr Verlobter, mit dem sie sich
zu verheiraten vergessen hatte. Sie setzten beide ihren Brautstand mit der
immer gleichen Courtoisie fort, die schon bei ihrem ersten Verspruche stattfand.
Sie lebten unter Einem Dache, führten die gleichen Geschäfte, die Verwaltung der
Güter des Grafen Joseph, zankten sich nicht selten, aber die wirkliche Ehe war
in Vergessenheit geraten. Ob das traurige Beispiel von Bruder und Schwester sie
erschreckte? Ob sie Reue hatten über ihre wilde Einmischung in diese
unglückliche Ehe? Ob sie in der Erziehung Armgart's sich hinlänglich verbunden
fühlten? Möglich; aber Tante Benigna war keine Meg-Merilies. Ein Kind nimmt
geistige Grösse für physische und erinnert sich seines kleinen alten Lehrers
immer in der Gestalt eines Riesen. Monika war zwanzig Jahre, als sie Benigna zum
letzten male sah und ihre um so viele Jahre ältere Schwester stand ihr noch
immer in der Leidenschaft vor Augen, von der sie damals gegen sie beseelt war.
Wie war aber auch Benigna zusammengegangen! Es ist ein ganz mässig gebautes, fast
anspruchsloses Wesen. Sie kichert verlegen, wenn von Levinus von Hülleshoven als
ihrer ersten und einzigen Liebe die Rede ist, wie eine jede andere alte Jungfrau
in gleicher Lage auch getan haben würde. Längst war diese Beziehung unter die
Dinge geraten, deren Lösung der Mensch dem Jenseits überlässt. Tante und Onkel,
beide hatten so viel mit ihren Aemtern und nächst diesen auch mit sich selbst zu
tun, dass es zu keiner Wiederanknüpfung an die alte Zeit mehr kam; beide
vertrockneten in sich selbst. Die Zeit, die Onkel Levinus an der Verwaltung
erübrigte, gehörte der Gelehrsamkeit, den Altertumsstudien, den
Entdeckungsreisen ins Innere Afrikas und seinem chemischen Laboratorium. Die
Zeit, die Benigna erübrigte, gehörte der »Erziehung« Paula's und Armgart's, die
indessen umgekehrt beide mehr die Tante erzogen. Benigna ist allerdings reizbar,
sehr streitsüchtig, gutmütig wohl, aber erst nach Anfällen heftiger Strenge,
überfromm und sittenrichterisch bis zum Unschönen. Wenn sie dann von allem
erschöpft Abends in den Sessel sinkt, schläft sie freilich so gut ein wie
andere; ja sie spricht sogar im Traume, nie jedoch etwas Geistreiches. Die
beiden Pfleglinge haben sie ganz in der Gewalt; Armgart mit List, Paula mit
Güte; und manchmal entwickelte auch sie Neckerei. Trotzdem dass Tante Benigna
heute aus ihrem Mantel ohne Pelz (»man muss sich nicht verwöhnen«) und ihrem Hute
ohne Schleier (»Schade was für eine rote Nase!«) gedankenvoll in die Gegend
schaut und immerfort an den beschlagenen Fensterscheiben wischt, um zu sehen,
welcher Gottesfriede und welche nächstjährige Erntehoffnung auf der Wintersaat
ruht und am wievielten Chausseestein man sich befand, hätte sie doch ganz gern
auch ein bisschen den Doctor geneckt. Denn sein Frack war doch auch gar zu
altmodisch! Wie hatte man ihn in Eschede »eingemummelt«! Wie eine alte Meerkatze
sass er da unter seinen Tüchern und Pelzen ... Da aber Armgart die Ernsteste im
Wagen blieb, musste Tante Benigna schon ihre Necklust zügeln und stumm den
Gedanken Audienz geben, die sie hinlänglich quälten - diese Entäusserung des
alten Besitzes, die Zukunft Paula's, die Leiden und Visionen derselben, der
Zustrom so vieler Menschen, die die »Seherin« beunruhigten, und die Sorgen
wieder um diese gar »nicht zu berechnende« Armgart, um die Nähe ihrer Schwester,
um die Ansiedelung ihres Schwagers in Witoborn, sein »unstandesgemässes«
Fabrikproject mit Hedemann, endlich auch die unruhige Zeit, die Aufregung der
Gemüter, die Zänkereien des neuen Pfarrers mit den Gemeindegliedern, und dazu
der Pferdestall, die Kühe, die Schafe, die Schweine, die Fruchtpreise, alles,
was zwar schon in die Verwaltungssphäre des Onkel Levinus hinübergriff, von
diesem jedoch oft so gefährlich vernachlässigt wurde, wenn er hinter seinen
Tiegeln und Retorten kauerte oder eine Entdeckung machte von fossilen Tieren in
einem Kalksteinbruch oder ihm ein alter Römerhelm überbracht wurde, über dessen
mutmasslichen ehemaligen Besitzer er sämmtliche Bücher des Tacitus wieder noch
einmal frisch durchlesen musste und dann Abhandlungen schrieb und sich in
gelehrte Streitigkeiten mit Provinzblättern verwickelte.
    Armgart, wie gesagt, ging auf die Necklust der Tante nicht ein ... »Herr!
Cröne Mein Beginnen!« sprachen, wie tief innenwärts gewandt, ihre braunen Augen.
Auch bei ihr war der Hut von durchbrochenem schwarzen Flor. Ihr dunkelbraunes
Haar sah man wenig und auch über das heute wachsweisse, nur am Näschen etwas von
der Kälte gerötete Antlitz zog sie zuweilen rasch einen schwarzen Schleier, den
sie trotz des »Schade was« der Tante trug. In ihrer Brust gab es wilde Kämpfe;
auf ihrem Antlitz fürchtete sie, die Spuren davon zu verraten. Gleich nach
ihrer Ankunft von Lindenwert hatte sie am Altar der Stiftskirche zu
Heiligenkreuz der Gottesmutter gelobt: »Nicht Vater! Nicht Mutter! Beide!« Das
führte sie durch. Das nähte sie in ihren Drachen. Das stickte sie in ihre
Cigarrentasche. Das häkelte sie in ihren Aschenbecher - sie verlor diese
Vielliebchen, weil sie nur dem Gedanken lebte, dass die Mutter oder der Vater in
jeder Stunde kommen könnten. Auch sie wischte mit dem weissen Tuche, das sie, als
könnte sie plötzlich weinen, immer in der Hand hielt, das beschlagene Fenster
neben sich ab. Sie tat es, um sich zu überzeugen, ob kein Gespenst ihrer Furcht
oder Hoffnung hereinschaute ... Wie anbetend blickte sie dabei zuweilen zu ihrer
lächelnden Freundin Paula hinüber, zuweilen auch wieder in den geflammten Achat
am Himmel. Dass es für gewisse Seelen und gewisse Zustände Engel gab, ganz so
wesenhaft sichtbar wie die kleinen dicken Jungen, die in der alten Kirche zu
Sanct-Libori den Baldachin über dem geschmacklosen Hochaltar hielten, das war in
dieser Sphäre eine ganz vollendete Tatsache.
    Und Paula, die wir nun auch hätten wiedersehen sollen, nur im Concert der
Sphären, nur so, wie sie in Bonaventura's nächtlichen Träumen auf klingender
Luft schwebte - da sitzt nun auch die »Seherin« - in der Ecke eines
altfränkischen Wagens - (die Staatskutschen waren beim Leichenbegängnis), fährt
hoch auf bei jedem Verlassen des gefrorenen Gleises und bekommt dann von der
Seite einen Ruck der Tante und fast die Berührung der Nasenspitze des Doctors
... Es ist so, wie das Leben auch die Kaiser und die Könige auf die Erde
eintreten lässt, ohne Krone, auch die künftigen Heiligen ohne allen
Heiligenschein. Aus ihrem weiten schweren schwarzen Sammetpelzmantel und dem
schwarzen Sammetute heraus ist jetzt nur das längliche edle Antlitz Paula's
ersichtlich. Es besitzt den schärfsten Ausdruck aller Schönheitslinien. Die Nase
ist geschwungen; die Augen sind dunkelblau, hochgewölbt, beschattet von vollen
Brauen und Wimpern, die im Gegensatz zum goldgelben Haar des Hauptes schwarz wie
mit Kohle gezeichnet sind. Die Stirn ist klar und frei, das Kinn ist oval, der
Mund lächelnd und die Lippe sonst rosig, heute nur von der Kälte der Kirche
etwas erblasst und auch das Antlitz bleich. In Paula's Art, das sehen wir auch
jetzt aus den eigentümlich langgesponnenen Fäden ihres Blickes, lag etwas von
den Geisterjungfrauen, die zwischen Tag und Nacht im Nebel über die Erde
schreiten. Sie würde nicht selbst gesucht haben eine Velleda zu sein und im
heiligen Hain des Irminsul zu opfern, aber die Völker ringsum hätten sie an den
Altar geführt und ihr Iphigeniens Opfermesser in die Hand gedrückt. Wenn sie ihr
Auge mit den seltsam schwarzen langen Wimpern aufschlug, da zog es jede
Weltlichkeit empor und wiederum blieb das Geistigste, das sie anregte, doch
nicht ohne einen Reiz für die Sinne. Kaum gibt es Bestrickenderes, als allein
schon der Blick auf dies Naturspiel: goldblondes Haar und auf den Augenbrauen
und Wimpern ein dunkelstes Schwarz.
    Paula's Sinn war so mild, so gütig. Und immer nahe stand der Armen jener
Traumgott mit dem Mohnblumenkranz, der nur sanft, sanft die Hand über ihre Augen
zu streifen brauchte, und sie entschlief mit rätselhaften Organen, mit denen
wir andern nicht schlafen. Dann sprach sie in verworrenen Worten, sah Entferntes
mit geschlossenem Auge, hörte selbst das Ticken einer Uhr in entlegensten
Räumen. So krank sie sich bei dieser zweifelhaften Gabe des Geschickes fühlte
und so unendlich müd sie mit ihrem schlanken Wuchs dahinwallte über die Erde
(gegen ein Hüftleiden hatte sie einst lange im Streckbett gelegen): dennoch war
ihr Sinn selbst nicht zu ernst oder feierlich. Ei, jetzt am wenigsten, wo
Wonnetage ihr aufgegangen waren; erst die Ankunft Benno's von Asselyn, den sie
noch wenig kannte, der aber ein Vorläufer Bonaventura's war; und dann dieser
selbst! Kein Wunder, dass sie trotz der Messe, trotz der Trauer um ihren Oheim,
trotz der etwas lauernd grübelnden Miene der Tante Benigna, trotz Armgart's seit
einiger Zeit gar nicht mehr wiederzuerkennender Art und ewig verstörter
Abwesenheit, über den Anblick des Doctors Püttmeier lächelte und höchst
freundlich blicken musste. Schon den ganzen Vormittag war sie durch ihn heiter
gestimmt ...
    Sie kannten ja den unglücklichen Sohn des Onkel Kronsyndikus, Herr Doctor?
begann sie mit süssmelodischer, wenn auch leiser Stimme und sprach das fast im
Neckton ...
    Der Doctor erkundigte sich bei jeder Frage immer erst mit einem: Wie
befehlen -? Taub war er nicht, es war ihm nur ermutigender, jede Frage zweimal
zu hören und inzwischen sich die Antwort zu formuliren.
    Als die Frage von Armgart, die wie ein dienender Cherub zu den Füssen ihrer
Heiligen sass, wiederholt war - die Tante musste sich schon lange innerlich sagen:
Passen Sie doch besser auf, mein bester Herr! - bestätigte Püttmeier diese
Bekanntschaft in einer eigentümlichen Vortragsweise. Er pruhstete nicht gerade,
räusperte und schnurrte auch nicht, aber sein Stimmchen war höchst fein und
konnte erst durch mancherlei Manöver zu hinlänglich ausreichendem Atem kommen
...
    Durch seine Mitteilungen gab es dann Rückblicke auf manches Düstere und
Schauerliche, das lieber in diesem Kreise vermieden gewesen wäre. Der Mönch
Sebastus wurde erwähnt, der krank lag im Kloster Himmelpfort, wohin ihn die
Regierung hatte zurückbringen lassen. Das Pentagramm und die Tannenfahne
(Tanfana), beides Symbole der göttinger Bierhäuser, kamen zur Sprache und bei
Gelegenheit der Taten des Kronsyndikus und der ewigen Ruhe desselben rühmte
Püttmeier wieder Armgart's Symbolik des Fegefeuers. Die Tante war es, die streng
mit ihrem schwarzen Handschuhfinger das niederwärtsfahrende geflügelte Kreuz am
beschlagenen Fenster ohne alle Rücksicht hinmalte.
    Eine Pause trat nun ein. Armgart durchlebte sie im Geist auf dem Nachen von
Lindenwert. Benno stand mit dem Hut in der Hand sie grüssend, wie sie abfuhr vom
Hüneneck ... Sie seufzte tief auf ... An ihrem Aschenbecher zog sie mit den
Schmelzperlen ebenso auch schon manche Träne auf ... Sie sah kaum hin, als
Püttmeier ihre Symbolik so unausgesetzt lobte und ausführlicher noch als im
Briefe an die gute Angelika sprach:
    Ja, Ihr Herz Gottes, mein sehr geehrtes gnädigstes Fräulein, ist - ist
eigentlich der bedeutungsvolle Kreis! Der Kreis ist - hm! - unser
inhaltreichstes Symbol! Der Kreis drückt die Welt selbst aus, das All, wie schon
die Alten die geringelte Schlange - hm! - noch tiefsinniger aber das Ei als den
Urgrund alles Seins bezeichneten. (Die Tante replicirte im Geiste, dass doch die
Hühnereier oval wären ...) Die Kugel - das runde Ei der Schlange - (das war fast
wie ein Treffer auf den erratenen Einwand der berühmten Wirtschafterin) ist
das Vollkommenste oder richtiger die Vollkommenheit selbst, der Begriff, die
Monade, das Atom. Es ist - hm! - die ganze Einheit, die an den Dingen ihr wahres
Wesen ausdrückt! Denn ob nun ein Weltball oder eine Kegelkugel - hm! - eine
Kegelkugel - (die Tante dachte hier an den Finkenhof und die Reformen des
eifernden Pfarrers) es ist dieselbe Idee der harmonischen Beziehung eines
Mittelpunktes - hm! - zu millionenfacher gleichzeitiger Entfernung. Was Sie
sehen, meine gnädigsten Herrschaften, der Schnee da - hm! - der Vogel, der
bereifte Baum, der Rauch eines Hauses, alles - hm! - ist die Wirkung einer
Ursache, die wiederum zu einer andern Ursache als ihrem Mittelpunkte zurücklenkt
und so geht das ganze Dasein - hm! - centripetal auf ein Inneres, aber auch
immer wieder - hm! - centrifugal auf ein Äußeres, eine grosse Rundfläche aller
Dinge. Die Allheit - die Allheit dieser Strebungen ist das Sein in Gott. Die
Gotteit - ist die Kugel und alle Seelen sind - hm! - Sphäroiden. Das Suchen des
Mittelpunktes der Welt gibt den Radius. Wohl dem, der den längsten gefunden hat!
Den, der - der durch den Mittelpunkt der Welt geht! Dessen Denken ist - hm! -
gleich Gott selbst!
    Die Tante fand das alles im Grunde sehr schön und so beim Fahren zwischen
Sanct-Libori und Westerhof auch höchst merkwürdig, indessen meinte sie doch, um
eine gewisse Opposition, die sich in ihr regte, nicht ganz zu unterdrücken: Oder
sein Glauben, Herr Doctor? ... Dann wandte sie sich, weil sie, namentlich für
die hässlichen Schlangeneier noch irgendeine schärfere Eruption ihrer andern
Ansicht von alledem haben musste, zu Armgart und sagte:
    Armgart, Armgart! Was träumst du nur ewig!
    Da Armgart kaum zuhörte, sagte Paula, die die dem Doctor ungünstig werdenden
Gedanken der Tante erriet:
    Liebe Tante, das Kreuz ist nie so schön verklärt worden, wie vom Herrn
Doctor Püttmeier!
    So? sagte die Tante fast verächtlich. Die Kugel kann ich für nichts so
Grosses halten!
    Püttmeier streckte Nase und Kinn aus seinem Shawl hervor und erwiderte:
    Ist nicht - hm! - meine Gnädigste - der Apfel des menschlichen Auges -
Bitte, gnädigste Comtesse! wandte er sich dann, die Rücksichten der Etikette
abwägend, sogleich wieder zu Paula, die zuerst gesprochen. Das Kreuz ist auch
eben nur die Offenbarung der Kugel ...
    Nein, nein, nein, nein! rief die Tante. Gott ist keine Kugel ...
    Armgart nahm noch immer keine Notiz. Sonst würde sie schon längst gesagt
haben: Aber ich bitte dich, liebe Tante! Das sind ja gar keine Gegenstände für
dich! ... Paula blickte auf Armgart. Sollte sie denn nun heute Armgart's Rolle
übernehmen und statt deren polemisiren? ... Sie sagte ganz heiter:
    Ei, Tantchen, das sind ja doch nur Bilder -!
    Ei, das weiss ich sehr wohl -! Ich bin nicht so dumm! ... fuhr die Tante auf
...
    Mein gnädiges Fräulein, beschwichtigte Püttmeier, wenn ich beim Grafen
Münnich die Ehre haben werde, mein System an Beispielen zu erläutern, so zweifle
ich nicht an Ihrer - hm! - gewogentlichsten Zustimmung ... Gott - hm! - ist die
Idee des Kreises, die Radien und Diameter sind die Begriffe - hm! - des Lebens.
Die Linie ist das Gegenteil des Kreises, das ewig - hm! - Continuirliche, die
Ausdehnung, der Raum und die Zeit. Nun sind aber nur diejenigen Linien
vollkommen, die einer Wesenheit angehören und die höchste Wesenheit kann nur
sein - hm! - im Mittelpunkte eines Kreises zu stehen - d.h. wie man ja schon im
Leben sagt, ins Schwarze zu treffen - (Die Tante dachte hier an die
bevorstehende grosse Jagd mit allen ihren Sorgen und möglichen Unglücksfällen.)
Denken Sie sich Linien, die da- oder dortin gehen - hm! - an der Fläche der
Kugel oder ein wenig in sie hinein, Tangenten, Sekanten, alles ohne den Urgrund,
der da ist: Dem Mittelpunkt anzugehören! Alle Strebungen des bunten Lebens
müssen im Mittelpunkt sich durchkreuzen und so ist das Kreuz - hm! - auch recht
der eigentliche Ausdruck der geoffenbarten Gotteit und im Grunde wieder die
Kugel, d.h. Gott selbst ...
    So aufmerksam Paula zuhörte, so interessirt sich jetzt endlich auch Armgart
etwas dem Gespräche zuwandte, schüttelte die Tante doch den Kopf und fand diese
fromme Wendung, die der arme Denker erst in einem Nachtrag seines Systems
gegeben habe, als er wegen »Christus und Pytagoras« beinahe excommunicirt
worden war, keineswegs katolisch und überzeugend ... Wir haben auf unsern
Altären, sagte sie sogar mit Feinheit, das Kreuz mit zwei Balken, einem langen
und einem kurzen, die doch eher dem Oval, als der Kugel entsprechen ...
    Aber Tante, die Griechen! Der heilige Andreas! warf jetzt fast ärgerlich
Armgart hinein ...
    Ach, das weiss ich selbst! - lehnte im selben Tone die Tante ab und verbat
sich den Schein, als wenn sie nicht wüsste, dass das griechische Kreuz, wie das
Kreuz beim Johanniterorden, zwei ganz gleiche Schenkel hätte ...
    Der Einwurf ist ganz richtig! begütigte Püttmeier die gereizte Stimmung und
vergass keinesweges, dass ihn Drohungen auch mit dem päpstlichen Index einst
gezwungen hatten, seine Philosophie urkatolischer zu modeln. Das griechische
Kreuz ist in der Tat unvollkommen! sagte er. Es drückt nur die Gotteit Christi
allein aus! Wir Alle wissen aber und bekennen es nicht bloss in der
christkatolischen Lehre - hm! - dass Gott der Herr die Knechtsgestalt annahm.
Demnach ist der längere Balken - hm! - die Gottnatur, der kleinere Querbalken
aber die irrende, menschliche - hm! - mittelpunktlose, die durch die Kugel nur
ein gewöhnliches Segment macht. Gerade nur an einem solchen Segment konnte der
Heiland rufen: Mich dürstet! Nur an einem solchen Kreuze, das halb dem Weltall,
halb dem kleinen Jerusalem und dem Jahre 33 nach - hm! - Christi Geburt
angehörte, halb dem Gott, halb dem Menschen, konnte Jesus für uns leiden! Jener
Doppelquerbalken der grossen Würdenträger und des Papstes, ein Symbol, das
gleichsam der dreifachen Krone entspricht und das wir auch auf das Haupt - hm! -
des Pfauen im Teppich gesetzt haben (Püttmeier malte ans Fenster ein ), ist die
Einigung beider Auffassungen, der griechischen und römischen, des Christus des
Dogmas und der Concilien, und des Christus der Osterwoche, des leidenden. Uralt
ist schon die Ahnung unsers christ-katolischen Kreuzes bei allen Völkern. Der
Hirtenstab in den Händen des Osiris, der Stab des Hermes, der die Seelen
geleitet, der Hirtenstab des Pan, der seinerseits sogar schon das All bedeutete
... Das All, meine gnädigsten Herrschaften - hm! - und dazu der Stab des guten
»Hirten«! Wie nahe kam da schon die gerade Linie der Ahnung, dass nur noch die
grosse Veranstaltung zum Kreuze fehlte! Moses - hm! - schlug schon mit einem Stab
aus Felsen Wasser! Aesculap, der Gott der Heilkunde, trägt einen
schlangenumwundenen Stab! Ja im frühgebrauchten Zeichen der Venus, des Sternes
der Liebe, sind der Kreis und schon das Kreuz verbunden - . Das ist dann - hm! -
der freundliche Morgen-und Abendstern, der Stern des Morgenlandes, der die
Wahrheit halb schon ahnte, die dann an der Krippe Jesu erst ganz vernommen
wurde, diese Wahrheit, die, wenn man sie ganz bezeichnen wollte, einem Rade
gleichkäme, ich meine, dieser Figur: . Die drückt die ganze Schöpfung aus!
    Alle schwiegen ... Teils vor Bewunderung, teils vor Nichtverständniss,
teils aber auch - vor Schauder an dem Bilde des Rades, das Püttmeier an die
Fensterscheiben malte ... Armgart und Paula kannten die Sage von dem Rade auf
dem Schloss des Kronsyndikus ...
    Püttmeier begriff das eintretende Schweigen nicht. Er war gewohnt, solche
tiefkatolische Philosophie lebhafter applaudirt zu hören. Dennoch hob ihn bald
wieder die Aussicht auf den vornehmen Comfort des Schlosses und auf das
Mittagsmahl ...
    Noch war das Schloss nicht ganz erreicht. Man sah es aber schon. Schloss
Westerhof lag auf einer kleinen Insel. Ohne Zweifel war die Brücke, die jetzt
von einem Heiligen gehütet wurde, in alten Zeiten eine Zugbrücke gewesen und
hatte zu einer Burg geführt, von welcher noch jetzt vielleicht die vier starken
Ecktürme des Schlosses herrührten. Der Herrensitz der grossen Gütermassen der
Dorste-Camphausen stammte aus der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts und war
jedenfalls nach den Verwüstungen des Dreissigjährigen Krieges neu auf alten
Trümmern erbaut. Von allen Seiten mit hohen Pappeln geziert, bot das Schloss
nicht etwa einen Prachtbau dar; Glanzliebe würde nicht dem Charakter der Gegend
entsprochen haben. Vier bewohnbare Türme erhoben sich an den vier Ecken eines
Quadratgebäudes, oben sich zuspitzend zu einem schieferbedeckten Runddach mit
kupfernem Knauf. Zwischen diesen vier Türmen gingen vier gleichmässige Seiten
von zwei Stockwerken und zwölf Fenstern der Länge nach, im zweiten Stock an
jeder Seite ein Balcon von altem künstlich gewundenen Schmiedeeisen. Ein dritter
Stock verengte sich in einen Giebel, der gleichfalls spitz zulief und in einem
Knopfe endete, sodass das ziemlich regelmässige Gebäude acht Spitzen hatte und
recht gut auch einem Kloster entsprochen hätte. Die Wirtschaftsgebäude lagen
weiter ab und ausserhalb der Insel, die ihrerseits gross genug war, auch noch an
der Hinterfronte des Schlosses einen parkartigen Garten zuzulassen, der sich
jenseit einer zweiten Brücke verlängerte und jetzt schon manche Anlage aus dem
Schnee heraus unterscheiden liess, zumal wenn sie aus Tannen bestand.
    Endlich fuhr der Wagen über den hartfrierenden, knirschenden Schnee und die
steinerne Hauptbrücke; die Rosse standen und dampften vor dem Portal, einem
kleinen, dem Geschmack des Ganzen völlig entsprechenden Schnörkeldache, das von
zwei kurzen Säulchen getragen wurde. Zwei grosse Hunde sprangen den Rossen
entgegen. Nun galt es, sich aus den Pelzen herauszuwinden ...
    Da aber hatte Tante Benigna schon bemerkt, dass der Schnee auf Paula
plötzlich eine eigentümliche Wirkung zu äussern anfing. Schon lange ermüdeten
ihre Augen. Und so teilnehmend Paula lächelte und mit der ganzen Lieblichkeit
ihres Antlitzes den Worten des Doctors lauschte (dachte sie doch immer, was wohl
Bonaventura zu all diesen Philosophemen sagen würde!) - allmählich wurde ihr
Blick trüber und immer abwesender. Erst schien nur der Schnee sie zu blenden,
die schwarzen Wimpern sanken nieder und hoben sich nur leise; als man aber am
Schloss war, hatte auch Armgart schon die Entdeckung gemacht, dass Paula in dem
ihr eigenen halb wachen, halb schlafenden Zustande war. Sie verrichtete alle
Functionen wie mit vollem Bewusstsein, gab Antworten auf jede an sie gerichtete
Frage, nahm Armgart's Hand, die sie führte, streichelte auch die Hunde, die in
allen möglichen Stellungen sie umkreisten, springend, kratzend, als gält' es,
unter den Strohmatten auf der Treppe, die schon beschritten wurde, oder an den
Ritzen der dunkelbraun gestrichenen hohen Türen, die auf die Corridore
hinausgingen, nach Mäusen zu jagen. Die Tante dämpfte alles, was stören konnte.
Erst als Püttmeier auf der Treppe eine Anzahl von Kranken sah, Mütter mit
Kindern, Blinde, Lahme mit Krücken, Bittende mit Briefen in der Hand, da
verstand er, dass ihm heute auch noch das hohe Glück zu Teil werden sollte,
Zeuge der vielbesprochenen ekstatischen Zustände der jungen Gräfin zu sein!
    Am geheimnisvollen Schleier der Isis zu stehen ist nichts Kleines.
Püttmeier's Atem, ohnehin nur kurz, stockte vollends. Mechanisch liess er sich
von dem Diener seiner Umhüllungen entkleiden. Fast hätte er auch sein grosses
weisses Halstuch abbinden lassen, das einer schützenden Ueberbinde ähnlich sah.
Die rasche Hülfe eines jungen, in eleganter Toilette hinzuspringenden Mannes
schützte ihn vor dem Misverständniss und dem Verlust eines schönen Knotens, den
ihm die Frau Steuerinspector Emminghaus mit eigener Hand heute früh gebunden
hatte ...
    Der junge hülfreiche Mann war Tiebold de Jonge ... Mit seinem nur
»scheinbaren Adel« hatte er sich nicht an dem Leichenbegängnis beteiligen
wollen. Tante Benigna ersah mit sichtlichem Wohlgefallen, wie der vorzugsweise
von ihr gern gesehene und ein für allemal geladene Gast sich schon wieder
nützlich machte ...
    Paula wurde von Armgart geführt ... Hoch und schlank schritt sie dahin. Den
schweren Sammetmantel hatte man ihr schon abgenommen. Sie war unter ihm in
schwarze Seide gekleidet. Alle Türen wurden aufgerissen. Die Diener kannten
schon, wie sie sich in solcher Lage zu benehmen hatten ... Paula schwebte
förmlich ... Die Frauen führten sie in ihre Zimmer. Püttmeier, voll Staunen und
die Hände faltend, blieb mit Tiebold allein. Tiebold hatte für eine seiner
gewohnten geistreichen Äusserungen, die in diesem Augenblick lautete: »Nicht
wahr? Doch merkwürdig?« nie so viel Zustimmung gefunden.
    Im grossen Vorsaal, der etwas düster war, da ein über ihm befindlicher Balcon
ihm das Licht nahm, befand sich an der Tür das Weihwasser ...
    Tante Benigna und Armgart hatten sich beim Eintreten trotz der Aufregung
durch Paula's Zustand benetzt; Paula war vorübergegangen ...
    Vom Vorsaal schritt man zur Rechten in ein geräumiges, wenn auch nicht zu
grosses Wohnzimmer. Hier war alles mit Teppichen belegt. Die Vorhänge waren von
grüner Seide. Ein Flügel stand aufgeschlagen, auf dem ohne Zweifel Tiebold eben
einige Fingerübungen gemacht hatte, denn mit so wenig Virtuosität, wie er sie
besass, hier Effect zu machen, hätte er sich nicht für möglich gedacht. Sopha,
Stühle, alles war mit grüner Seide überzogen. Die Etagèren und kleinen Schränke
waren von dunkelbraunem Holze und in gotischen Formen. Die Bilder stellten
Scenen aus dem Leben der Apostel und Heiligen dar. An frommen Büchern und
Provinzialzeitungen war kein Mangel ...
    Püttmeier kämpfte nicht wenig, wie er es anstellen sollte, über Dinge, die
hier so leicht genommen wurden, sein ganzes Erstaunen auszudrücken. Er kannte
Erfahrungen dieser Art nur aus Büchern. Er hatte Abends »bei Schönians«, wo er
jeden Abend seine zwei Gläser - Gerstenschleim trank, oder an seine ihn
besuchenden Verehrerinnen sich, wenn er um Erklärung angegangen wurde, dahin
geäussert, dass das klare und intellectuelle Leben des Menschen die
Centripetalität, d.h. das Streben zum Mittelpunkt wäre, aber das Gefühls- und
nervöse Leben die Centrifugalität. Er hatte oft geäussert, dass man einer solchen
Verrückung und Umkehrung dieser Tätigkeit, wenn sie auch Krankheit wäre,
getrost nachgeben und der grossen Weltseele näher zu kommen suchen sollte. Da die
Visionen der Gräfin keineswegs recht in die christlichen Anschauungen passen
wollten, da sie, wie Armgart's Mutter noch vor kurzem bei Piter Kattendyk etwas
zu vorschnell geglaubt hatte, keineswegs immer mit Christus und der Gottesmutter
»im Jenseits« verbunden zu sein behauptete, so hatten die Priester ringsum noch
keine besonders entschiedene Meinung über sie aussprechen mögen. Aber die hohe
Stellung der Gräfin hinderte ein Einschreiten dagegen. Dann war von der Residenz
des Kirchenfürsten, als noch Michahelles allmächtig war, die Weisung gekommen,
an den Vorfällen nichts zu stören, sie gehen zu lassen, wie sie gingen, und erst
die Ankunft des Domherrn und Archipresbyters von Asselyn abzuwarten, der Bericht
erstatten sollte. Umsomehr konnte Püttmeier die Ansicht von bösen Dämonen und
einem unheiligen Zustande bekämpfen; vollends da, als er hörte, dass Paula
vorzugsweise von grossen unermesslichen bunten Ringen sprach, durch die allemal
erst ihr geistiges Auge hindurchdringen müsse, wie durch ein grosses, riesig
aufgezogenes Perspectiv ... Und als Armgart ihn zum ersten male besuchte und die
Rede von Paula's Visionen war, hatte sie ihm gesagt: Des Magnetiseurs bedarf sie
nicht. Der Onkel macht sie durch einfache Berührung hellsehend. Vor Jahren
durfte der ehemalige Porteépée-Fähnrich von Asselyn, jetzige Domherr, nur in der
Nähe sein, so fühlte sie den Strom, der ihr durch die Fingerspitzen wie in
glühenden Tropfen abfiel, und was man sie fragte, sah und hörte und las sie.
Erst sind's immer grosse bunte Ringe, die sie sieht, dann sind's grüne Wiesen,
darüber leuchtet Violett- und Rosaschein und nun begegnet ihr alles, was
diesseit und jenseit der Erde lebt, sowol die grossen Jagdhunde des Onkels, wie
die Heiligen Gottes, sowol Tantens verlegte Ueberschuhe, wie König David mit
seiner Harfe!
    Tiebold stellte dem Doctor sich selbst vor und äusserte im Mäcenaston seine
Freude, einen so »berühmten Dichter« persönlich kennen zu lernen ... Benno hatte
ihm einige Erläuterungen über ihn gegeben und gern hätte er schon à la Piter
Kattendyk gesagt: Speisen Sie bei mir!
    Ich habe bereits so vieles Schmeichelhafte von Ihnen gehört und »gelesen«!
fuhr er fort. Und besonders von Fräulein Angelika Müller! Haben Sie lange keine
Nachricht von dieser Vortrefflichsten? Ich habe immer gerechnet, Ihre Verbindung
bald annoncirt zu hören. Herr Doctor, Herr Doctor! Ich sollte meinen, es wäre
Zeit ...
    Püttmeier konnte so raschem Redestrom nicht folgen, wodurch Tiebold
veranlasst wurde aufs neue auf Angelika zurückzukommen und den Geist, das Gemüt,
vorzugsweise aber die himmlische Geduld dieser Einzigen zu rühmen ...
    Püttmeier bestätigte alles das, seufzte tief auf und sagte wiederholentlich:
    Laissez passer! Laissez passer! Laissez passer!
    Wie so? entgegnete Tiebold mit elegischem Blick und fuhr sich mit den bei
Ankunft des vierspännigen Wagens wieder von ihm angezogenen weissen Handschuhen
in sein in Witoborn, wo er mit Benno bei Hedemann wohnte, schön frisirtes
Blondhaar und verschluckte eine sentimentale Wendung, die etwa sagen wollte:
Auch du musst dich ja an verklungene Hoffnungen gewöhnen! ... Denn Armgart war
sonderbarerweise auch ihm das nicht mehr, was sie einst gewesen ... Ein Rätsel
umspann die Freundin, ein Rätsel, »glücklicherweise«, konnte er in seiner
»Bosheit« sagen, auch für Benno ...
    Ein Diener trug eben eine sonderbare Last an ihnen vorüber ... Es war ein
Kissen voll kleiner Gegenstände, wie Nadeln, Ringe, Brochen, Gebetbücher,
Rosenkränze, Kruzifixe ... Der Diener ging damit schnell, aber fast auf den
Zehen in die noch offenstehende Tür, durch welche man Paula in die innern
Gemächer geführt hatte ...
    Auf Püttmeier's Erstaunen gab ihm Tiebold eine Erklärung. Der Zudrang zu
Paula's Wunderkraft nehme immer mehr zu. Der Onkel Levinus verböte zwar die
Abgabe der hundert Dinge, die die Gräfin nur einmal zu berühren brauchte, um sie
heilkräftig zu machen, auch Tante Benigna nähme Rücksichten auf Paula's
Gesundheit und Ruhe und dennoch besässe man die Freundlichkeit und »stellenweise«
die Schwäche, der Aufregung der ganzen Provinz und der Zeit ohnehin »Rechnung zu
tragen« ... In der Tat hätte oft ein Schreiber in der Rechenei der gräflichen
Güter unausgesetzt mit dem Zurücksenden solcher Dinge zu tun und obgleich der
exacte Sinn des Onkels jedem dabei schreiben lasse, er bedauerte diese
Gegenstände so zurückschicken zu müssen, wie sie gekommen wären, liesse sich der
Volksglaube doch nicht nehmen, dass diese Gegenstände von der wundertätigen
jungen Gräfin, der Seherin von Westerhof, wirklich berührt worden wären. Man
empfange ablehnende Antworten und doch wären schon die Briefe den Leuten geweiht
und wirkten auch. Im ganzen Lande stünde fest, dass eine von Gräfin Paula
berührte Wachskerze nur angezündet zu werden brauchte am Bette eines Leidenden
und alsbald würde sein Uebel verschwinden ...
    Püttmeier taute vor dieser mitteilsamen Suada auf ... Auch er erzählte von
Armgart's Besuch ... Fräulein Armgart von Hülleshoven, sagte er, erzählte mir,
dass die Comtesse vor allem an sich selber glaube. Sie sagte mir: Wie sollte
meine Freundin denn diese eigentümliche Kraft sich deuten, die ihr ganzes Sein
immer wie aufwärts zieht? Es ginge ja durch ihr Inneres, und das ganz
körperlich, manchmal ein Strom quer über den Rücken hinweg, als müsste sie sich
beugen und, wenn sie wollte und dabei an Gott dächte, teilte sich dieser Strom
und liefe in die Arme und Fingerspitzen aus, aus denen es ihr dann wie heisse
Tropfen perlte! Schon als Kind hätte ihre süsse Freundin diesen Strom gehabt und
oft zu Fräulein Benigna, ihrer Erzieherin, gesagt: Tante, ich könnte mich
rückwärts biegen wie ein Ring und so mit dem Kopf auf die Erde kommen! Und
einmal - doch ich bitte Sie - Herr Baron -
    Bitte recht sehr! versicherte Tiebold seine Discretion und errötete über
seinen »scheinbaren Adel« ...
    Püttmeier wollte nur entschuldigen, dass er so viel allein sprach ...
    Einmal, Herr Baron, war Fräulein Benigna, die die Wirtschaft des Grafen
Joseph führte, voll Verzweiflung zu diesem in sein Studirzimmer gestürzt und
hatte ihn gerufen, zu Hülfe zu kommen. Da sahen sie Comtesse, so schlank und
lang sie schon war, mit aufgelöstem Haar auf der grünseidenen Decke ihres Bettes
stehen, im langen spitzenbesetzten Hemde und hochaufgerichtet wider die Wand,
dicht zwischen dem Weihwasserkessel, dem Kruzifix und dem Bilde ihrer Mutter
sich anstemmend und gegen die Wand sich so furchtbar drängend, als wollte sie
die Mauer eindrücken ...
    Tiebold strich sich die Frisur, als fühlte er, wie sie sich »vor Horreur«
sträubte ....
    Ja, Herr Baron! fuhr Püttmeier erregt fort. Fast unglaublich, aber Fräulein
Armgart versicherte es. Der Mond stand gerade gegenüber und schien Comtessen ins
Antlitz. Comtesse war bei völliger Besinnung und sagte nur immer: Ich muss das
so! Die Aerzte sprachen damals, wie ich wohl verstand, von der Entwickelung des
weiblichen Lebens und konnten nur Vorbaumassregeln anempfehlen, wenn die Anfälle
sich wiederholten ... Aber sie kamen wieder mit allen Schrecken von Bewegungen,
die oft aller uns geläufigen Gesetze von der Schwere und Centripetalkraft der
Dinge spotteten. Das kranke Mädchen konnte sich gegen die Wand abstemmen und in
der Schwebe mit ganzer Körperschwere erhalten. Somnambulismus fehlte damals
noch. Vielmehr stellte sich in ihrem fünfzehnten Jahr eine starke Reaction des
Körpers in seinen Muskeln und sozusagen irdischern Teilen ein. Der Gang wurde
träge, hängend, Comtesse fingen zu hinken an. Nun kamen sie auf die berühmten
Streckbetten einer süddeutschen Stadt. Das zweijährige Liegen in einer fast
ununterbrochen gleichen Lage schloss ihr allerdings wohl die Pforten des
Phantasielebens auf; doch bald trat immer deutlicher Clairvoyance hinzu. Sie
kannte ihren Zustand. Sie hielt ihn so wert, dass sie, wie Fräulein Armgart
versicherte, in der Beichte sich der Eitelkeit anklagte. Da ihr Befinden, einige
vorübergehende Störungen ausgenommen, kein eigentlich krankes war, wenn sie sich
in ihrer gewohnten Weise erhielt, so blieben von ihr die Zumutungen künstlich
magnetischer Einwirkungen fern. Sie hatte ihre bestimmten Zeiten des Schlafes,
bestimmte Bedingungen, wie den langen Anblick des Wassers, des Metalls, des
Schnees, die ihr ein waches Träumen verursachten. Dann durfte nur der Herr Baron
von Hülleshoven leise einmal mit der Hand über sie hinstreifen und sie
antwortete auf jede Frage, die er an sie richtete. Sonst wirkt, hör' ich, alles
auf sie, was sie lieb hat, selbst das Anstreifen - ihrer grossen Doggen! Sie ist
im Bann des Wohlbefindens bei gewissen Menschen ebenso, wie im Bann des
Schmerzes bei andern. Hört sie von Hoffnungen, die auf sie gerichtet werden, so
nimmt sie ihr Brevier, liest die entsprechende Tagzeit und glaubt, ihr Gebet
müsste geholfen haben; wenigstens zöge es sie, sagte Fräulein Armgart, mit ganzer
Seele zu den Leidenden hin ... Seit einiger Zeit vollends soll die Heilkraft und
die Sehergabe ausserordentlich geworden sein ...
    Hier wurde Püttmeier's förmlich in einen reissenden Strom gebrachte Rede von
demselben Diener unterbrochen, der eilends und erschreckt zurückkehrte, das
Kissen mit den Gegenständen von vorhin noch auf der Hand ...
    Was ist? fragte Tiebold ...
    He spreekt! sagte der Diener auf plattdeutsch und eilte bestürzt vorüber ...
    Sie spricht? ... wiederholten beide ...
    Tiebold, mit jenem Vorwitz, »den auch nur er haben konnte«, zog den Doctor,
der sich sträubte, näher, beschritt die offene Tür, kam durch ein
Zwischenzimmer, fand wieder eine Tür offen, dann einen schwersammetnen blauen
Vorhang, lüftete diesen und liess ihn plötzlich sinken ...
    Es war ein kleines Durchgangscabinet, noch vor Paula's Schlafzimmer ... Hier
lag die Schlafende auf einem Ruhebett und sprach in vernehmlichen Worten.
 
                                       4.
Dies Vorcabinet war ein Neubau, der eine frühere Unterbrechung der Wohn- und
Schlafzimmer durch einen Gang verhinderte und verdeckte. Von einem obern Zimmer
hatte es ein durch gedämpftes Glas hereinfallendes Kuppellicht ...
    Das Schlafzimmer daneben war fast dunkel, aber die dunkeln Schatten
leuchteten bunt. An den Fenstern prangten praktikable bunte Läden von
bleigefügten, schön zusammengestellten alten Kirchenfenstertrümmern ...
    Es sah hier aus wie der Eingang in eine Kapelle ...
    In dem Vorcabinet, beschienen von dem matten Kuppellicht, lag Paula, völlig
angekleidet auf einem Ruhebett ... Die Haare glänzten golden ... Ihre Augen
waren geschlossen, ihre Blicke lächelten ... Armgart stand zu Paula's Häupten,
selbst geisterhaft wie eine Botin aus jenem Traumreich, von dem einst der
griechische Sänger sagte, es hätte zwei Ausgangspforten, eine von Elfenbein, aus
dieser kämen die unwahren Träume, eine von Horn, aus dieser kämen die
zutreffenden ... Die Tante hielt Paula's Hände ...
    Tiebold wagte nicht einzutreten, zog sich aber auch nicht zurück und winkte
vielmehr dem Doctor, der so kreideweiss war, wie seine Halsbinde ...
    Deutlich hörte man die langsam und hellgesprochenen Worte:
    O die liebe, liebe, liebe Sonne! ... Wie glitzert das im Schnee ... Ein
Brillant auf jeder Tannenspitze ... Ach, ach! ... Das ist ein Schatz - im
Düsternbrook ...
    Im Düsternbrook?
    Püttmeier glaubte, die Seherin wäre in dem Reiche der ewigen Kreise,
Tangenten und Sekanten - Der Düsternbrook lag nur drei Meilen von hier ...
    St! sagte aber Tiebold schon, nur auf eine Ahnung hin, Püttmeier könnte
sich erläuternd oder anzweifelnd bewegen ...
    Püttmeier schluckte nur seine Angst hinunter und hielt sich an einen Stuhl,
um nicht das Gleichgewicht zu verlieren ...
    Nun kommen sie! fuhr die Träumende fort ... Wie sie so lieblich singen, die
Mönche! ... Silberbeschlagen ist der Sarg ... Laienbrüder tragen ihn ... Die
Armen! Wie die Füsse so nackt durch den Schnee müssen! ... Alle singen: Dona eis
pacem ... Wie heisst das, Fräulein - Schwarz? ...
    Die Träumende schwieg ...
    Tiebold stand schreckergriffen. Er glaubte, »versichert sein zu dürfen«,
dass die Gräfin drei Meilen weit das eben stattfindende Begräbnis des
Kronsyndikus sähe; aber was sollte dann Fräulein Schwarz, die doch wohl niemand
anders sein konnte, als ihre frühere Gesellschafterin, jene Lucinde, der Benno
ein lateinisches Wörterbuch gekauft hatte? War denn diese bei dem Begräbnis
zugegen?
    Püttmeier schlich atemlos einen Schritt näher ...
    Die Gräfin sprach schon wieder laut, doch etwas unverständlicher ...
    Erst allmählich unterschied man die Worte:
    Die Wagen nehmen ja kein Ende ... Ich zähle schon dreiundzwanzig ... in dem
ersten hinter den Franciscanern sitzt der Präsident von Wittekind ... Neben ihm
der Domherr ...
    Wieder eine Pause ...
    Dann der Onkel mit Benno -! fuhr Paula fort ...
    Wieder schwieg sie ...
    Es geht so langsam ... Den Schnee schütten die Bauern auf ... Da läuft ein
Reh über den Weg ... Alles ringsum Wald ... Aber die Menschen ... Singen die und
sie läuten auf dem Schloss ... Der Zug kann jetzt nicht durch ... Jetzt
schweigen die Mönche ... Einer singt ... Pater Ivo ... »Maria, Maienkönigin!
Dich will der Mai begrüssen!« ... Der Mai in diesem Winter! ...
    Püttmeier kannte ja auch den Mariensänger, den Grafen Johannes von Zeesen,
der mit seinem Husch! Husch! die Melusinen verjagte ...
    In der dritten Kutsche ... fuhr Paula den Bebenden fort zu erzählen ... da
sitzt der Herr von Terschka ... Bei ihm der Landrat ... Wie jung ist der heute
wieder! ... ... Herr von Enckefuss ist ganz geschminkt und schön frisirt ... Die
Mönche singen ... Wie scheint die liebe Sonne auf den silbernen Sarg! ... Ein
Kissen liegt auf ihm mit allen Orden des Onkels! ... Wie funkelt das! ...
Vierzehn Mönche sind es ... Zwei fehlen ... Sebastus und Hubertus fehlen ...
    Sebastus? - sagte, seinem Temperament verfallend, Tiebold halblaut ...
    Den seh' ich ja jetzt auch! ... hauchte Paula, als wenn sie Tiebold's Frage
gehört hätte und alle, auch wohl drinnen die Frauen, mochten denken: Den Sohn des
Mannes sieht sie, der erschlagen wurde von dem Todten, den sie eben begraben?
    Der liegt recht krank! fuhr Paula fort. Er liegt im Krankenkämmerchen von
Himmelpfort ... Ach, das ist da eng und klein! ... Durch ein Gitter ... Da kann
er in eine andere Zelle sehen, nicht acht Schritte lang ... Das ist die Kapelle
der Kranken ... Fünf Schritte breit ist auch die nur ... Maria von altem bunten
Holze ... Neben ihr - dahin also legen sie ihre Weihnachtskrippchen? ... Ein
Oechslein ... ein Eselein ... wie zum Spiel für Kinder ... Gebt sie ihm doch!
... Geht das Eselchen nicht durch das Gitter? ... Es geht ... Armer Pater,
spiel' mit dem Krippchen der Franciscaner! ...
    Lange blieb es jetzt drinnen still ...
    Tante Benigna sprach endlich laut und betonte die Worte so scharf, als
könnte Paula dadurch verhindert werden, ferner ihren Geist ausserhalb der
körperlichen Hülle dahin schweifen zu lassen ...
    Armgart aber schien das höchste Verlangen zu tragen, vom Leichenbegängnis
mehr zu wissen ...
    Nein! Nein! Komm! sagte die Tante mit Entschiedenheit ...
    Lass sie doch, Tante! bat Armgart ...
    Sie träumt das nur so - komm! ... Sie sieht es nicht ...
    Die Tante hatte schon die Vorhänge ergriffen und bedeutete die Männer, sich
nicht den Zwang anzulegen, zu leise aufzutreten; man dürfte getrost ganz laut
sprechen ...
    Schon wollte sich entfernend Püttmeier in Andacht, Tiebold in Bewunderung
ausbrechen, als Armgart, die sich nicht trennen konnte und jetzt weit über dem
mit einer seidenen Decke belegten Ruhesopha hingestreckt lag und das in glatten
Scheitel gewundene Haar der Freundin streichelte, hastig winkte und die Tante
bedeutete, Paula schiene einen heftigen Schmerz zu fühlen ...
    Schnell wandte sich die Tante ...
    Da sie gleichfalls zu sehen glaubte, dass sich Paula durch irgendetwas
erschreckt fühlen musste, kehrte sie zurück ...
    Der Vorhang, der die Männer von dem Gemache trennte, fiel wieder zu; aber
sie hörten die angsterfüllte Stimme der Träumenden in kurzen Sätzen die Worte
ausstossen:
    Wer stört nur da - die Ruhe des Todten? ... Der Zug hält ja ... Wer spricht?
... Das ist die Eiche, an der ... Wer spricht nur immer und predigt so laut? ...
Ha! ... Herr von Terschka springt aus dem Wagen ... Die Mönche schweigen ...
Benno ... Gensdarmen ... Der - Jude ...
    Merkwürdig! rief Tiebold, dem das Traumsprechen Paula's an sich nicht neu
war, und ergriff die Hand des zitternden Doctors, dem der Angstschweiss auf die
Stirne trat. Was mag denn nur vorgefallen sein? ...
    Nichts mehr wurde hörbar ... Man vernahm ein Murmeln der Gräfin, ein
unverständliches Sprechen, wie durch die Zähne ... Dann war alles still.
    Die Tante kam heraus und sagte, scheinbar voll Beruhigung und doch voll
Bestürzung:
    Sie ist erwacht!
    Jetzt - in einem Augenblicke - flüsterte Tiebold ...
    Wo ich, konnte die Tante für sich hinzusetzen, schon die Freude habe zu
sehen, wie dieser liebenswürdige junge Mann förmlich schon unter dem Umstand
leidet, seinen Hut nicht holen und sich bei etwas Vorgefallenem nützlich machen
zu können ... Wie ganz anders das, als einst z.B. mein Levinus war! ...
    Im Erwachen weiss sie nichts mehr von dem, was sie im Traumschlaf gesehen?
fragte Püttmeier im Gehen und atemlos vor Beklemmung ...
    Kein Wort weiss sie dann! bestätigte die Tante. Sie können sich denken, wie
diese Dinge uns aufregen. So besonders lebhaft sprach sie seit lange nicht
wieder, und wir glaubten schon den höchsten Grad erreicht zu haben ... Sie
werden sehen, dass sich unser Engel nach einigen Minuten erholt hat und am Arm
ihrer Freundin eintritt, als wenn nichts geschehen wäre ... Was mag nur die
plötzliche Störung gewesen sein! Und gerade da, an - der verhängnisvollen Eiche?
...
    So kamen sie in das behagliche Wohnzimmer zurück ...
    Und Sie dürfen in der Tat annehmen, meine Gnädigste, begann Püttmeier, dass
das alles -
    Na natürlicherweise! fiel Tiebold ein und erklärte es für
»selbstverständlich«, dass die Herren, die gegen Abend zurückkommen würden, alles
das als wirklich so vorgefallen bestätigen würden ...
    Püttmeier musste bedauern, dass die weite Entfernung Eschedes ihn zwang,
unmittelbar nach dem Diner sich schon in den Wagen zu setzen, der ihn heute früh
abgeholt hatte, und wieder in sein Städtchen zurückzufahren ...
    Die Tante war inzwischen mit der Nachfrage um das Diner beschäftigt. Die
Störung des Leichenbegängnisses nahm sie allmählich für etwas wirklich
Vorgekommenes, vielleicht doch nur Unverfängliches. Sie wüsste, sagte sie, wie
schreckhaft Paula wäre und wie schon die geringste Abweichung von dem, was in
der Ordnung, sie in Verwirrung bringen könnte ...
    Tiebold schwebte hoch über der Erde. Er erzählte eine Anzahl von
Geschichten, die ihm die alten Holzvermesser seines Geschäfts, die Förster und
Holzschläger auf seinen Reisen als glaubhafte »Ahnungen« versichert hätten. Er
behauptete, in Canada englische, aus Schottland gebürtige Soldaten gesehen zu
haben, die am zweiten Gesicht krank waren; krank, betonte er, wenn man krank
eine so wunderbare Gabe nennen könnte, die sogar ansteckend sein soll; ja in der
Tat, Herr Doctor -! Tiebold versicherte, dass ihm Hedemann erzählt hätte, wenn
in einer schottischen Compagnie nur ein einziger Geister sähe, sähen bald alle
welche. Selbst der Oberst von Hülleshoven, der doch gewiss ein Mann ohne
Vorurteile wäre, hätte dies versichert -
    Nun kam die Tante von einer Inspection des jenseit des grossen Empfangssaales
gedeckten Tisches zurück und Tiebold musste von dem hier bedenklichen Obersten
schweigen ...
    Die Tante reichte Püttmeiern den Arm ... Tiebold bedeutete, auf Paula und
Armgart warten zu müssen. Die Tante bat ihn zu kommen; die jungen Damen würden
nicht ausbleiben ...
    In der Tat erschien, als die drei Vorausgegangenen in einem fast im Styl
eines klösterlichen Refectoriums angelegten, rings mit kunstvoll ausgelegten
hohen Schränken und krystall- und silberbeschwerten Büffets versehenen Zimmer an
ihren Stühlen standen, Paula, geführt von Armgart.
    Beide kamen wie aus der Märchenwelt. Paula wie eine Fee, Armgart wie ein ihr
dienender Elfe. Jene in heiterer Sicherheit, ahnungsvoll im Besitz ihres
Reichtums und in der Fülle ihrer Gaben, sie ohne Anspruch auf Dank verschenkend
... Diese der Erde angehörender, minder zuverlässig, eher wie das Licht des
Mondes gehalten gegen den Strahl der Sonne ... Beide hätten Kränze auf ihren
schönen bleichen Häuptern tragen sollen, Paula von himmelblauen Winden, Armgart
von grünem Epheu ... Armgart klammerte sich an ihre Freundin, wie wenn diese das
Geheimnis auch ihres Lebens hielt ... Paula, selbst so hülfsbedürftig, selbst so
schwankend bewegt von ihrem innerlich bangen, äusserlich zwar noch immer
glänzenden, aber doch ungewissen Geschick, bewegt von ihrer stillen Liebe,
bewegt von ihrem Naturlose, das sie sogar von dem, was ihr eben geschehen war,
selbst nichts wissen liess, schwebte sicherer dahin als Armgart, die fast mit
scheuem Gewissen zur Erde blickte ...
    Das Mittagsmahl stand in seltsamem Gegensatz zu dem eben Erlebten. Suppe,
Rotwild, Auerhähne, grünes Kraut und Kastanien - und hinter jedem Stuhl
vielleicht ein abgeschiedener Geist! In einem Winkel des Zimmers auf einem
Fusssessel, vielleicht mit der Trauerhaube die Schwester des Kronsyndikus,
Paula's längst verstorbene Mutter ... Vielleicht Graf Joseph, der eben an einer
alten, neuvergoldeten Rococo-Wanduhr die zufällig schnurrenden Gewichte aufzog
... Wer hätte nicht ausser sich vor Staunen fragen mögen: Wie ist dir denn nun
das, du Heiligste deines Geschlechts? Wie fühlst du dich nur? Was sahest du denn
am gespaltenen Eichbaum? Wer predigte nur so laut? Kann das wirklich derselbe
Mund sein, der vorhin ein wunderbares Ferngesicht erzählte und der jetzt so den
silbernen Löffel leert, wie wir, völlig harmlos von des Doctors bedauerlicher
Abreise spricht und sogar Armgart neckt, die »ein Buch über Philosophie zu
schreiben scheine; denn so, wie sie sich seit einigen Tagen umgewandelt hätte,
das könnte nur eine Gelehrte, die freilich auch von Angelika soviel Matematik
gelernt hätte« ...
    Tiebold war glücklicherweise der Mann, der jetzt über die schwierigsten
Fragen wie über schwindelnde Brückchen hinwegschlüpfte, dabei jeden
niederfallenden Knäuel einer Bemerkung episodisch aufhob und ein seltenes
Gemisch von geselligen Tugenden zur Bewunderung der Tante bot, die solchen
Männerschlag in der Welt für unmöglich gehalten hatte. Püttmeier versank in ein
stillbeschauliches Grübeln ... er sah Paula starr an, verwechselte sein Messer
mit der Gabel, nahm zum Braten zu gleicher Zeit Compot und Salat und beging all
die Diätfehler, vor denen ihn seine Verehrerinnen in Eschede beim Abschied so
ernstlich gewarnt hatten. Tiebold hatte dabei ganz nach Moppes' und Piter's
Teorie die Art, den Wein einzuschenken, als wär's Wasser. Da fand kein Nötigen
statt, kein Abwarten, ob ein Glas schon ganz geleert war; wie er in sein Haar
griff, um seinen Scheitel zu ordnen, ebenso leicht griff er an die Flasche. Die
Tante fand das alles entzückend. Sie lebte auf in dem heitern Anblick, wie die
beiden Mädchen wohl ein halb Dutzend mal dieselbe Geberde machen mussten, die Hand
auf ihre Gläser zu legen und dem Einschenkenwollen zu steuern, während Tiebold
ebenso oft dann, ohne sich in seinen Reiseberichten über Amerika, Paris, London
und Kocher am Fall stören zu lassen, die Wassercaraffe ergriff und die
Wassergläser der Damen bedachte. Er ist allerliebst! sagte ihr zwischen Paula
und Armgart hin- und hergehender Blick ... Nur Ein Diener konnte dabei bedienen,
da zur Vertretung der gräflichen Würde beim Leichenbegängnis fast die ganze
Dienerschaft abwesend war und der neuhinzugetretene Dionysius Schneid für ein
unmittelbares Bedienen der Herrschaften zu wenig Geschick zeigte ...
    Im Strom seiner Mitteilungslust und einer bei dem Gefühl, »mit Geistern zu
Mittag zu speisen«, höchst natürlichen Aufregung geriet Tiebold wiederholt auf
Armgart's Aeltern. Er konnte diese Erwähnungen nicht länger zurückhalten; denn
bald hatte er vom Obersten eine entschlossene Tat, bald von der Oberstin eine
überraschende Äusserung zu berichten. Die Tante ermutigte ihn auch, sich keinen
Zwang anzulegen, denn diese Veränderung hatte allerdings stattgefunden: sie war
völlig geneigt zur Versöhnung. Ihre Sorge um Armgart wurde zu gross; im Stifte
Heiligenkreuz konnte des jungen Mädchens Bleiben nicht sein. Sie hatte bisjetzt
die schlechteste Stelle, jährlich nur zwanzig Taler baar und kaum sechzig in
Naturalien. Die Verhältnisse in Westerhof wurden zu schwankend; die Ansiedelung
des Obersten von Witoborn mit dem auf die Hedemann'schen Mühlenwerke gerichteten
Plane war vor der Tür; Onkel Levinus wurde je älter je grilliger; Tante Benigna
sah demnach ganz gern, dass Tiebold ihre Schwester und ihren Schwager zugleich
pries ... Tiebold wurde dabei auch von ihr nur immer Herr von Jonge genannt ...
In ihren auf Armgart gerichteten Blicken lag: Wie benimmst du dich nur heute
wieder gegen diesen besten aller deiner Bewerber!
    Tiebold erzählte von Hedemann, von seiner Lebensrettung, von den
Mühlenwerken und von Hedemann's Vettern ...
    Ich war in Borkenhagen ... mit meinem Freunde Benno von Asselyn zugleich,
der - Sie wissen ja wohl, in dem Dorfe da geboren und erzogen worden ist ...
    Geboren? warf die Tante lächelnd und fast verächtlich ein ...
    Ganz recht! verbesserte sich Tiebold. Wie kann ich vergessen - Mein Freund
ist -
    Ein Spanier ja wohl? unterbrach den Einschenkenden Püttmeier, den seine
Freundinnen trotz seiner Verborgenheit au courant aller Verhältnisse der Gegend
hielten und den der Wein und die Geisterwelt seltsam anregten ...
    Das doch wohl eigentlich nicht! berichtigte die Tante mit einem mysteriösen
Lächeln. Sie musste auf die Schüssel, die eben herumgereicht wurde,
niederblicken, weil aus Paula's Augen ein bittender Blick sie traf ...
    Ein prächtiger Spaziergang! fuhr Tiebold fort. Selbst im Winter! Wir
suchten im Wald bei Borkenhagen, in den Vorgebüschen von Schlehdorn, erst den
Finkenfang, dann die Wolfshöhe und einen grossen dort befindlichen
Ebereschenbaum, der in Benno's Jugenderinnerungen - übrigens wird ja nächstens
dort die grosse Jagd stattfinden - eine merkwürdige Rolle spielt - bitte,
gnädigstes Fräulein, genirt Sie die Sonne? ...
    Schon war's ein Strahl der abendlichen Sonne, der der Tante ins Antlitz fiel
...
    Tiebold war schon aufgesprungen, um den Vorhang niederzulassen ...
    Man bat, sich nicht zu incommodiren ...
    Püttmeier wünschte gelegentlich den Tag der Jagd zu wissen, seiner
Transparentbilder wegen ...
    Wir schreiben Ihnen das! sagte die Tante und fuhr, auf Tiebold gewandt und
zugleich ärgerlich über ein Erglühen Armgart's, als von Benno die Rede war,
fort: Dann waren Sie gewiss auch auf dem armseligen Hof der närrischen
verwilderten Alten, der dicht beim Walde vor Borkenhagen liegt?
    Allerdings! rief Tiebold vom Fenster zurückkehrend ...
    Armgart aber fiel mit leuchtenden Augen ein: Armselig? Das war ehemals der
schönste Bauernhof zwischen Borkenhagen und Witoborn! Die Ställe voll Vieh,
dabei fünf Pferde und die Scheuern voll Korn ... Auf dem Hof hat Benno reiten
gelernt! Da hob ihn Hedemann zuerst aufs Pferd! Die Alten schenkten ihm sogar
ein schwarzes Füllen! Wie ich im letzten Herbst hinkam und sie daran erinnern
wollte, wiesen sie mir freilich die Tür ...
    Aus dieser Mitteilung ersah man, dass Armgart in der ganzen Gegend zu
hospitiren pflegte und überall den Bruder Gutentag machte ...
    Alte, verdrehte, abscheuliche Menschen sind's! rief die Tante. Ruchlose
sogar!
    Warum hast du sie nicht lesen und schreiben gelehrt? entgegnete Armgart ...
    Ich? Ich? Wie so ich? Soll das eine Anspielung auf - mein Alter sein?
erwiderte die Tante und lächelte selbst sogar der Feinheit ihrer Bemerkung, ohne
darum ihre zornige Aufwallung zu mildern ...
    Tantchen! bat Paula und reichte ihre schöne, lange, ovale weisse Hand über
den Tisch zur gereizten Verlobten des Onkel Levinus hinüber, während Armgart's
Antlitz glühte und ihre starren Lippen sich nicht regten, eine so absichtlich
verkehrte Auslegung ihrer Bemerkung zu berichtigen ...
    Diese Menschen, fuhr die Tante fort, sind die starrköpfigsten Bauern, die
nur je hier zu Lande gelebt haben! Gottesverächter sind sie geworden! Ich gebe
zu, sie wurden schlecht behandelt -
    Von einem Geistlichen! schaltete Püttmeier gar nicht mehr zaghaft ein ...
    Auch vom Landrat! ergänzte die Tante. Solcher Trotz dann aber auch gleich!
Das kann auch nur bei uns vorkommen! Ich seh' und erleb' es ja täglich! Jetzt
wieder der Streit um den Tanz im Finkenhof! Bitte, Herr von Jonge, was man Ihnen
auch erzählt hat und was Sie in Borkenhagen - mit Herrn von Asselyn - er heisst
nur so, es ist ein Adoptivname - gesehen haben mögen, glauben Sie mir, diese
Leute sind wie die Büffel! Und die Hedemanns von je die obstinatesten! Den
künftigen Herrn Papiermüller nannten sie schon vor Jahren Herrn Remigius
Dickschädel!
    Auf solche aus dem Munde der Tante, die ja selbst einen Kopf wie von Eisen
besass, überraschend genug kommende Worte, stand seit Jahren fest, konnte keine
Einrede gewagt werden. Paula's Auge richtete sich auf Armgart, deren Inneres vor
Parteinahme zu Gunsten Hedemann's und ihres an Hedemanns Namen beteiligten
Vaters aufloderte. Die braunen Augäpfel gingen hin und her, die Lippen öffneten
und schlossen sich, die zitternden Finger drehten aus dem frischen witoborner
Weissbrot kleine Vierundzwanzigpfünder wie zu einem Bombardement auf alle Welt
...
    Gnädigstes Fräulein! wandte sich Tiebold zur Tante, ich weiss nicht, ob ich
gut unterrichtet bin ... Ich weiss nur so viel ... Als Freund Hedemann nach
Amerika ging, war der Abschied von den Aeltern auf ewig und Hedemann liess zwei
alte Leute in schönem Besitzstand zurück. Damals hatte der »so unglücklich
geendete« Klingsohr, genannt der Deichgraf, die Ablösungen des ganzen
Regierungsbezirks zu reguliren. Auch die alten Hedemanns wollten sich
freikaufen. Auf ihrem Besitztum haftete die Verpflichtung, dem Gutsherrn,
zufällig dem Landrat, dem dieser Besitz von seiner Frau her gehörte, einen
gewissen Teil des Ertrages - enfin, wie viel - kurz, ihm regelmässig zu zehnten!
Zank hatte es schon um dieser Abhängigkeit willen genug gegeben; denn nicht
einen Baum durften die Hedemanns abhauen ohne den Willen des Gutsherrn ...
    Das liegt in den Verhältnissen! sagte die Tante ...
    Ich glaube das! Nun aber kam nach einem gewissen Leo Perl der Pfarrer
Langelütje, der sich schon auf andern Pfarreien den schlechtesten Ruf erworben
hatte und mehr Vieh- und Fruchtändler, als ein Seelsorger war ...
    Darüber ist allerdings nur eine Stimme! gestand die Tante ...
    Die alten Hedemanns, erzählte Tiebold immer wie forschend, ob er recht
berichtet wäre, waren mit ihrem Gutsherrn in Spannung und bedienten sich des
Pfarrers, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Der neue Pfarrer erbot sich dazu aufs
bereitwilligste ... Die Hedemanns cedirten ihm in aller Form die Ablösung und
gaben ihm die nicht unerheblichen Summen zur Realisation des Loskaufs. Gut, das
Geschäft ist gemacht; die alten Leute, die froh sind, mit dem Landrat in keine
directe Beziehung gekommen zu sein, bieten auch dem Pfarrer eine Erkenntlichkeit
an. Er schlägt sie nicht aus. Er nimmt sich eine Kuh aus dem Stalle ...
    Und noch dazu die beste! schaltete die Tante ein ... Sie wollte jetzt schon
Versöhnung mit Armgart und begann nachzugeben ... Er hat sie am Strick gleich
selbst sich mitgenommen!
    Inzwischen, fuhr Tiebold fort und schenkte wieder ein, indem er die
schmollende Armgart fixirte ... inzwischen liessen die alten Leute, die, wie fast
alle ringsum, Geschriebenes nicht lesen konnten, doch einmal von einem
hausirenden Juden die Ablösungspapiere durchsehen. Es war an einem Sonntag
Vormittag. Beide, der alte Mann und die alte Frau, sassen bereits in Toilette, um
zur Kirche zu gehen. Die Glocken läuteten. In dem Augenblick studirt der fremde
Ratgeber heraus, dass in den Papieren in Worten geschrieben eine viel kleinere
Summe steht, als sich der Pfarrer von den Hedemanns hatte auszahlen lassen.
Nicht wahr? Sie waren von ihrem Seelsorger um zweihundert Taler und ihre beste
Kuh geprellt worden. Diese Menschen, von einer grossen Verehrung vor allem, was
geistlich ist, glaubten dem Juden nicht. Sie gingen mit ihrem Papier zum Kamp
hinaus, um in der Kirche, gleich nach dem Gottesdienst, den Pfarrer selbst zu
fragen. Da begegnet ihnen die Kutsche des Landrats. Hedemann's Vater grüsst und
hält nickend sein Papier empor. Herr von Enckefuss lässt halten und frägt, was es
gäbe? Die alten Leute tragen ihren Gegenstand vor. Der Hausirer steht in einiger
Entfernung. Und jedenfalls merkte Herr von Enckefuss gleich, was die Uhr
geschlagen hatte. Um aber den Pfarrer zu schonen, fuhr er den Juden an, hiess ihn
sich hier augenblicklich zum Teufel zu scheren - bitte um Entschuldigung! - und
behauptete rundweg zu seinem eigenen Nachteil, der Schein lautete wirklich auf
die Summe, die der Pfarrer von ihnen verlangt hätte ...
    Püttmeier ergänzte:
    Es war gerade die Zeit, wo der Rittmeister eine noch viel grössere Untat aus
Gutmütigkeit verborgen gehalten hatte! ...
    Die Tante setzte mit Rücksicht auf die noch immer finstere Armgart hinzu:
    Sein Herr Sohn ist dafür um so strenger! Der bringt ja alles heraus! Den
Kirchenfürsten, den hat der junge Enckefuss verhaften helfen! Den Hammaker hat er
auch entdeckt! Den Pater Sebastus hat er hierher geführt! Nur den Leichenräuber
von Sanct-Wolfgang hat er noch nicht aufgetrieben ...
    Diese Zwischenplauderei war zunächst dazu bestimmt, Armgart's gute Laune zu
gewinnen ... Dann fing aber auch die Tante schon an, ihren Unmut auf die
Bedienung abzulenken. Sie hörte draussen sprechen, hörte die groben Tritte des
die Speisen aus der Küche herzutragenden Dionysius Schneid und zischte um Ruhe
...
    Paula begleitete die Rede und das Benehmen der Tante mit Blicken auf
Armgart, die so viel sagen wollten als: Närrchen, sei doch lieb!
    Nun hört' ich so! fuhr nach einer Discretionspause Tiebold fort. Die alten
Hedemanns blieben in der Sache zweifelhaft. Da der Hausirjude das Blinzeln des
Landrats wohl verstanden und sich aus dem Staube gemacht hatte, gingen die
alten Leute an die Kirche, nicht in sie hinein. Sie sahen von der Tür aus den
Pfarrer im Messornat, wie er das Hochheiligste segnete; sie mussten vor innerm
Groll umkehren. Mit dem tiefsten Zweifel in ihrer Brust vergruben sie sich in
ihrem einsamen Kamp und liessen, anfangs vor Ungewissheit, vor Ahnung, dann vor
sicherer Zuversicht, dass der Pfarrer sie betrogen hätte, mit der Zeit alles
lässig gehen. Den Pfarrer anklagen? Ihn unglücklich machen, die Religion
schänden -? Das ist diesen Leuten nicht gegeben. Sie bebauten noch ihr Feld,
hatten auch noch Knecht und Magd; aber ein Tiefsinn kam über sie, der sie von
der Welt nichts mehr hören und sehen lassen wollte. Noch einmal wagten sie zum
Schulmeister zu gehen - sie bekämpften sich, da ihnen wieder die Scheu vor einem
geweihten Priester kam ... So ging der Lebensmut der alten Leute hin. Sie
liessen Hab und Gut in Verfall kommen. Einmal rief die alte Mutter Hedemann die
Schulkinder an und liess sich heimlich von denen die Urkunde vorlesen. Sie hörte
leider die Wahrheit; ein Betrug war's von zweihundert Talern. Sie verschwieg
ihn ihrem Alten. Zur Kirche ging nun keines mehr und Langelütje, den man meist
nur in grossen Wasserstiefeln sah, auf den Märkten hinter seinem Knechte stehend,
beim Fruchtverkauf, der hinderte sie darin auch nicht. So in Mistrauen und
Unmut kamen die alten Leute zurück. Sie entliessen den Knecht, die Magd,
bestellten ihren Acker nicht mehr, brachen ihr Holz am Wallheck nicht mehr,
liessen ihr Vieh sterben und verderben und behielten nichts, als was zum
notdürftigsten Unterhalt diente. Sie säen jetzt nur, was sie selbst brauchen.
Jahraus jahrein besteht ihre Mahlzeit aus Bohnen, die sie in Wasser abkochen und
über die sie Milch giessen. Nur zu diesem Bedarf werden die Kühe abgemolken ...
    Abgemistet wurde schon lange kein Stück Vieh mehr! ergänzte die
wirtschaftskundige Tante. Alles verdarb! Sie zogen ein gefallenes Tier aus dem
Stalle und liessen es einfach vorm Hofe liegen. Die Nachbarschaft machte dann dem
Lärm der Hunde ein Ende, die sich um das Aas stritten. Nie brauchten sie noch
Licht oder Oel; im Winter sitzen sie um den Feuerherd, den sie mit ganzen Bäumen
heizen, die sie an ihrem Wall fällen, ins Haus hereinziehen, auf den Herd legen
und nun langsam abschwählen lassen. Oft liegt das eine Ende vom halbbelaubten
Baume noch draussen im Freien, vom Schnee überschüttet. Als sie in ihrer Kleidung
so weit verfielen, dass sie die Lumpen mit Stroh umbanden, um sie vor dem
Herabfallen zu schützen, legten sich die Nachbarn drein. Sie fanden zwei halb
schon zu Kindern gewordene Menschen, die in innigster Uebereinstimmung mit sich
selbst an ihrem Wahn festielten, dass die Welt kein Vertrauen mehr verdiene und
nichts überflüssiger wäre als die Religion. Man zwang ihnen dann Beistand auf,
eine Aufsicht, die dann und wann den Schmutz aus ihrer verfallenen Wohnung
entfernt. Der Alte sitzt und raucht aus einer Hollunderpfeife, deren Spitze und
Rohr und Abguss und Kopf er sich selbst geschnitzt hat und die immer kleiner
wird, weil die paar Zähne, die er hat, sie nach und nach fast ganz »aufmümmeln«.
Taback ist sein einziger Luxus. Geld kennen sie nicht. Wer ihnen etwas liefert,
Brot, das sie nicht mehr backen, Bohnen, die sie nicht mehr säen, den verweisen
sie auf das, was ringsum auf ihrem Eigentum noch wild wächst. Aber an dem
Langelütje kam dann freilich alles heraus. Er sitzt im Jesuiten-Professhaus der
Residenz des Kirchenfürsten. Wohl kamen bessere Geistliche, aber die alten Leute
wiesen jeden ab, der sie auf ihrem verfallenen Hofe besuchte. Sie flüchteten
zuletzt zur Kuh in den Stall, bis selbst unser Herr Norbert Müllenhoff müde
wurde, auf dem brennenden Baumstamm am Herde zu sitzen und ihnen zu predigen ...
So fand Hedemann seine Aeltern, als er im Herbste hier war. Natürlich hatte er
dann Zank mit dem Landrat. Wie's jetzt mit den alten Leuten aussieht, weiss ich
nicht ... Die Leute leben im Kirchenbann.
    Wäre Monika zugegen gewesen, ihr flammendes Wahrheitsgefühl hätte ohne
Zweifel ausgerufen: Gerade aus Liebe zur Religion, gerade aus Verehrung vor der
grössten Frage der Menschheit geschah dieser Abfall von ihren äusseren Formen! ...
Und auch in Püttmeier schürte der Wein und sein vor Jahren tiefgekränkter
Denkerstolz den Ausbruch ähnlicher Empfindungen ... In Tiebold wirkte Benno's
Urteil nach, der bei Erzählung dieser Verhältnisse gesagt hatte: Jetzt versteh'
ich, Hedemann, warum Sie die Bibel lieber lesen, als das Brevier ...
    Armgart aber rief von ihrem Standpunkte: Ja, so muss man die Welt verachten
können! Was hilft es, die schlechten Menschen anklagen? Aergern man muss sie und
beschämen! Beschämen durch unser Unglück, das man sie zwingt mit anzusehen! Ich
gehe doch noch in Witoborn zum Bischof und bitte ihn, von diesen so grossen, so
echt frommen, so unübertrefflich vornehmen Menschen den allerdings nur zu
gerechten Bann zu nehmen!
    Man schwieg jetzt ... Es war das Mahl vorüber ...
    Auch wurde die Tante von einem Anliegen des Dieners in Anspruch genommen ...
    Der Diener flüsterte ihr etwas in plattdeutscher Sprache ...
    Er brachte das Gesuch des alten Kirchendieners Tübbicke, der draussen harrte
...
    Die Tante errötete ... aber »Herr, sprich nur ein Wort und meine kranke
Seele wird gesund!« sagte der Blick, den sie auf Paula richtete ...
    Diese bemerkte den Ausdruck eines der ihr schon bekannten Anliegen ... Sie
hörte das Leid des Alten, der um Hülfe für sein Enkelchen bat ...
    Paula erhob sich ... Ihre Hand zitterte ... die blauen Augen wurden
tiefdunkel ... Aus den Falten ihres weiten schwarzseidenen Kleides nahm sie
einen kleinen Rosenkranz von einfachen bunten Steinkügelchen, betete einen
Augenblick leise, während alle ihrem Beispiel folgten, küsste das Amulet und
reichte es hin ... Armgart ergriff es in leidenschaftlichster Erregung und
stürzte damit hinaus ...
    Die Tante nahm Püttmeier's Arm, um sich von ihm in das grüne Wohnzimmer
führen zu lassen ... Sie sah im Gehen auf die Uhr ... Es war schon gegen vier
... Dunkel war es geworden und der Diener sagte, dass auch der Wagen schon bereit
stünde für Eschede. Tiebold hatte Paula geführt ... Eine drückend feierliche
Stimmung umspann die kleine Gesellschaft, eine Stimmung, die sich mehrte durch
Armgart's Zurückkunft ... ...
    Der Alte war zu glücklich! rief sie. Das Kind wird genesen!
    Paula war weiss geworden wie eine Wachskerze ... Sie riss sich los. Sie hatte
Tränen im Auge und verschwand ... Gern wäre Armgart ihr nachgestürzt, aber die
Tante befahl, dass sie blieb. Auch kam der Kaffee, den sie in silberner Maschine
zu machen und zu credenzen hatte. Die Tante sank in einen der ringsum stehenden
grünseidenen Fauteuils ... Ihr »Nick-Viertelstündchen« kam ...
    Und Püttmeier sollte nun so, unter solchen wunderbaren Eindrücken, seinen
ganzen Menschen zurücklassen? Er verzweifelte fast ... Doch musste er nach
Eschede ... Der Weg war zu weit und auch dort wohnten Seelen, die er nicht
ängstigen durfte! Mochte er auch von diesen nach allem, was er heute hier
erlebt, fühlen wie Armgart, als sie im letzten Herbst im Nachen zu Angelika
gesagt hatte: Eine derselben würde als geflügelte Kaffeekanne dem Fegfeuer
zufliegen, eine andere als geflügelter Strickstrumpf! er musste sich losreissen
... Auch sein Hund und seine Katze mochten nicht wenig nach ihm kratzen und
winseln ... Lassen Sie sich nur recht oft bei uns sehen! sagte ihm die Tante
schon wie zum Abschied. Geben Sie Ihr Vergrabensein auf, Herr Doctor! Solange
wir auf Schloss Westerhof noch hausen werden, sind Sie uns immer willkommen!
Adieu, Herr Doctor! Grüssen Sie in Ihrem nächsten Brief - die - die gute - liebe
- Angelika ...
    Die Tante wurde auch schon in ihrer Art somnambul und schlief schon halb.
Laurenz Püttmeier stand da, wie ein vierzigjähriges Kind. Er sah sich um, um
beim Abschied nichts zu vergessen. Es tat not, dass Tiebold ihm in die Hand
gab, was er mitnehmen musste, seinen Hut, seine Handschuhe, von denen sich nur
einer in seinem Frack, der andere noch drüben im Speisezimmer befand, und nun
empfahl er sich wirklich. Tiebold und Armgart, die sich ihren noch im Vorzimmer
liegenden Pelz überwarf, begleiteten ihn ... Schon hörte man das
Schellenklingeln der Pferde ... Schon war der Schlag geöffnet ... Man hatte dem
Gaste vorsorglich noch ein heisses Kohlenbecken in den Wagen gestellt ... Man gab
ihm noch eine Wildschur des verstorbenen Grafen Joseph zur Benutzung mit ...
Püttmeier war im Losreissen von dem merkwürdigsten Tage seines Lebens in einer
Verwirrung, die ihm sogar den Streich spielte, dass er ein splendides Trinkgeld
statt dem Diener Tiebolden in die Hand steckte ... Und Tiebold nahm den Taler
und sagte sich mit verklärter Rührung: »O das kann kommen! Bei gewissen
Stimmungen ist dem gebildetsten Menschen nichts unmöglich!« Er gab das Geld
feierlich dem Diener ... Schon rollte der Wagen dahin und Tiebold, der in
blossem Kopf stand, war nicht wenig geneigt, Armgart zum Hinaufführen den Arm zu
bieten ... Schon aber war diese vorausgesprungen ... Und Tiebold, als er dem
flüchtigen Reh langsam nachfolgte, dachte: Jetzt, jetzt endlich findest du wohl
den langersehnten, immer vergeblich gesuchten Augenblick, sie allein zu sprechen
und jene Geständnisse zu machen, die dir Bonaventura in der Beichte anbefohlen
hat! ... Er fasste sich Mut, obgleich so vieles, so vieles in Armgart's Benehmen
gegen ihn sowol wie gegen Benno anders geworden war.
    Oben befand sich noch die Tante unter dem magnetischen Einfluss ihrer
Verdauung ... Sie trank zwar den von Armgart bereiteten Kaffee, der bekanntlich
wach erhalten soll ... Ihr aber machte er die Wirkung, im Lehnsessel Reden zu
halten, die etwa in folgender anakolutischer Verwickelung sich vernehmen liessen
und endlich gänzlich abbrachen:
    Nun, lieber Herr von Jonge! Nun aber, bitte, bitte, lieber Herr von Jonge,
nun spielen Sie uns etwas! ... Ich hätte doch den alten Tübbicke noch etwas
fragen sollen ... Bitte, Herr von Jonge! ... Armgart! Noch eine Tasse
vielleicht, Herr von Jonge? ... Die Schlüssel zum Archiv jeden Sonntag aus der
Hand lassen, das geht nicht, Herr von Müllenhoff - von Jonge! ... Bitte, Mozart
... Das Kind von dem jungen Tübbicke -! Bitte, Herr von Jonge, spielen, spielen!
- Nein, man muss sagen, Müllenhoff geht in vielem zu weit! ... Ich liebe so die
Musi -! ... Die Jagd ... Transparente Bilder von ... Wenn nur unsere Herren bald
gesund und wohlbehalten von Neuhof zurückkommen! ... Die Musik! ... Was sie nur
erlebt haben mögen - am Düsternbrook - Bitte, Herr von Jonge! - Die - Die - Sona
- Paté - tique - von van - van von Beeto -
    Damit war das Gangliensystem der Tante bezwungen. Sie entschlief, ohne ihre
Rede ganz beendet zu haben.
    Die Sonate patétique zu spielen würde sich Tiebold in seiner Vaterstadt
nie getraut haben. Die Gegenwart einer Johanna Kattendyk, einer Josephine
Moppes, einer Lisette Maus, einer Betty Timpe hätte ihn unrettbar dem »Fluche
der Lächerlichkeit« preisgegeben. In diesem hochadeligen Hause aber, dem, wie in
vielen tausenden solcher katolischen Herrensitze Europas, principiell die
Bildung des 19. Jahrhunderts halbwegs immer fremd bleibt, gestattete man ihm
jede freie Variation über das grosse Meisterwerk, jede Zutat aus den seinen
Fingern noch geläufigern Cramer'schen Etuden. Tiebold spielte wirklich etwas,
wie die Sonate patétique. »Ein Genuss für Götter!« sagte er sich selbst voll
Bescheidenheit. Er war in jeder Beziehung froh, dass Benno fehlte.
    Armgart stand an der Kaffeemaschine ... Endlich blies sie die Flamme aus ...
Es wollte damit nicht so schnell gehen, wie sie wollte ... Tiebold brach mitten
in seinem schönsten ad libitum ab und sprang hinzu ... Mund gegen Mund
gerichtet, endete die Flamme ...
    Tiebold seufzte und wurde kühner und kühner durch das Bewusstsein, dass sich
hier einer gemütlichen Familienscene ein beliebiger Rahmen geben liess ... Die
Tante schlief ... Paula blieb fern ... Sollte er wieder spielen? ... Fräulein!
sagte er leise. Ich habe Ihnen durchaus eine Mitteilung zu machen ...
    Armgart betrachtete ihn kalt und doch war ihr die »Liebe« schon lange ein
Begriff geworden, so klar, so verständlich wie sonst nur der Glaube ... Sie
fürchtete, Tiebold wollte von seiner Liebe sprechen ... Sie wollte sich eben
deshalb gleichgültig zeigen ...
    Spielen Sie! sagte sie. Ich lese indessen ...
    Nein, ich muss Sie sprechen! beteuerte Tiebold mit gedämpfter Stimme. Ein
Befehl in der Beichte verlangt es! Der Domherr will es!
    Armgart mass Tiebold mit weitgeöffneten Augen ...
    Wirklich, Fräulein Armgart, ich schwöre Ihnen das beim Heil meiner Seele!
    Auf so hochheilige Versicherung hin winkte Armgart leise mit der Hand,
deutete auf die Tür und ging mit Seufzen in den Vorsaal.
    Ein Blinzeln des Auges sagte, Tiebold sollte folgen.
    Nehmen Sie Ihren Mantel, Herr de Jonge! sagte sie, sich im Vorsaal wendend
und auf des Zögernden Nachkommen wartend ...
    Tiebold blickte erstaunt auf sie nieder ...
    Auch sie ergriff ihren Ueberwurf und hüllte sich in ihn mit Tiebold's Hülfe
ein. Dann drückte sie ihm seinen Hut in die Hand ...
    Sie ging entblössten Hauptes zum Corridor hinaus ...
    Wohin führt sie dich denn? sagte sich Tiebold mit gesteigertem Befremden
...
    Draussen war die vom Hofe hereinfallende Beleuchtung am Tage schon immer eine
halbdunkle. Jetzt war der Abend hereingebrochen und in den langen Corridoren
hatte man sich als Fremder ohne Licht kaum noch zurecht finden können ...
    Führt sie dich auf ihr Zimmer? sagte sich Tiebold, als Armgart sich links
gewandt hatte und in einem dunkeln Gange voranschritt, auf welchen fast
klösterlich eine Menge Zimmer, grösstenteils an den Türen mit Hirschgeweihen
geschmückt, hinausgingen ...
    Sie kamen an Zimmern vorüber, die der Tante und Paula gehörten, an
Lauftreppen, die für die Dienerschaft bestimmt waren, an einem der vier
Ecktürme, in dem auch Armgart ein eigenes Wohnzimmer hatte ... Sie wohnte halb
im Stifte, halb hier ... beide Wohnungen schmolzen auf so eigentümliche Weise
zusammen, dass sie im Grunde nur eine bildeten ... in Heiligenkreuz lag oft ihre
Schere und hier ihr Fingerhut ... dort arbeitete sie an der Cigarrentasche, hier
an dem Aschenbecher ... dort lag zuweilen ein Schuh oder ein Strumpf, der durch
einen andern, der hier sich befand, erst ein Paar bildete ... seit Weihnachten
erst besass sie infolge des entschiedensten Verlangens und nach mannichfacher
Prüfung und Beratschlagung Schiller's Werke ... da sie Tag und Nacht darin las,
so lagen sie halb in Heiligenkreuz, halb hier in ihrem Turm. Wenn sie zwischen
Heiligenkreuz und Westerhof hin- und herfuhr oder auch zu Fuss ging, begleitete
sie ein Bündel von Sachen, das sie hin- und herschleppte. Oft wurde sie von der
Tante dafür »Trödelliese« genannt ...
    Als Armgart aber auch nicht beim Eingang in ihr Zimmer anhielt, sagte
Tiebold stehen bleibend: Ja aber, mein Fräulein, was wird denn nun? ...
    Er musste seine Verwunderung abbrechen und folgen ... Armgart eilte vorwärts
... sie war tief in sich verloren und schlioss nur zuweilen gelegentlich ein
offen stehendes, in den Hof führendes Fenster. Die Wanderung war jetzt rechts
gegangen in einen andern Corridor des grossen Geviertes ... Hier kamen die Zimmer
des Onkels, sein Laboratorium ... Auch an diesem - wo oft der Stein der Weisen
gesucht wurde und in der Retorte sich als Resultat nur ein Pfund Berliner
Neublau ergab, dessen Anfertigung ebenso viel Taler kostete, als Groschen
hingereicht haben würden, den Gegenstand in Witoborn beim Krämer zu kaufen - an
zwei Ritterharnischen, die vor des Onkels Türe Wache haltend im Dunkeln
gespenstisch genug aussahen, ging Armgart vorüber, sprang dann eine Treppe
hinunter, wandte sich im Erdgeschoss einem neuen Gange zu und führte Tiebold an
den im untern Stockwerk befindlichen Bureaustuben, am Archiv, an der Bibliotek
vorüber zu einer hohen Tür, die den Eingang in die Schlosskapelle bildete ...
    Wohl gingen Mägde, Schreiber an ihnen vorüber, wohl sah man über den grossen,
mit Sandsteinquadern gepflasterten, jetzt mit zusammengeschaufeltem Schnee
bedeckten Hof hinweg im Eingangsportal wieder die hier schon gewohnten
Hülfesuchenden: Armgart hielt sich bei niemand auf und huschte in die Kirche,
die dem Bedürfnis der frommen Bewohner- und Dienerschaft des Hauses immer offen
stand ...
    Dieser Raum war nun erst völlig dunkel ...
    Armgart blieb an der Tür stehen, liess den vor Erstaunen sprachlosen
Tiebold eintreten, legte den hohen Türflügel wieder an und ging durch den
schmalen Gang der Sitzreihen, voraus zum Altar. Dort knixte sie, wie in der
Ordnung, vor dem Erlöser, und sagte zu Tiebold, der auf zwei Schritte hinter
ihr stand:
    Nun, Herr de Jonge! An diesem heiligen Orte - Was ist es, was Sie mir zu
sagen haben!
    Mein Fräulein, stotterte Tiebold, befremdet von so viel Feierlichkeit und
befangen durch die Einsamkeit des weihrauchduftenden Ortes, Sie überraschen
mich! In der Tat ...
    Herr de Jonge! Sie wissen noch nicht, dass ich mein ganzes Leben unter die
Befehle der allerseligsten Jungfrau gestellt habe! Ihr will ich vertrauen, was
ich auf dem Herzen habe! Von ihrem Rat hängt all mein Tun, all meine
Entschliessung ab. Was wollen - oder was sollen Sie mir mitteilen?
    Armgart hatte sich vor diesen feierlichen Worten auf die erste Bank dicht am
Aufgang zum Altar niedergelassen und kniete ...
    Allmählich gewohnte sich Tiebold's Auge an das Dämmerlicht der auch am Tage
wenig erhellbaren Kapelle ... Die heiligen Gegenstände, die er rings erblickte,
milderten die Weltlichkeit seiner Absichten, obgleich an sich diese »die
reellsten« waren und nichts Geringeres bezweckten, als Armgart seine ganze
Verhandlung mit Bonaventura zu erzählen ...
    Tiebold sah nun, dass die Betende zitterte. Den Kopf hatte Armgart aufs Pult
gelehnt. So lag sie wie eine dem Himmel Angehörige ... Tiebold hätte sich schon
vor ihr selbst niederwerfen mögen; es lag ein so bestrickender Reiz in dein
exaltirten Wesen, so viel Zauberisches in dieser gleichsam vor sich selbst
entfliehenden, sich mit Gewalt mässigenden und doch erglühend genug, man sah es,
vorhandenen Leidenschaft, dass Tiebold nur durch die geringe »höhere Ausbildung
seiner Gefühle« verhindert wurde, seiner begeisterten Stimmung die einer solchen
Situation entsprechenden Worte zu geben.
    Fräulein von Hülleshoven! sagte er aber, sich dennoch einen Schwung gebend.
Die unvergessliche Reise von Drusenheim - die Reise durch die Siebenberge - diese
Nacht dann mit Extrapost -! O ich erinnere mich nie etwas Aehnliches - oder ich
erinnere mich allerdings ... oder Sie vielmehr erinnere ich - das ist nämlich
der bewusste Gegenstand - an den Moment, wo ich Ihnen gegenübersass und Sie mir
die Hand gaben - Wissen Sie noch?
    Tat ich das? sagte Armgart und blickte die neben dem Erlöser stehende
Madonna an, als läse sie alles, was sie zu sprechen wagen dürfte, erst von deren
Zügen ab ...
    Das heisst, sagte Tiebold und rückte auf der Bank etwas näher, das heisst,
liebenswürdigstes Fräulein, Sie setzten ohne Zweifel damals voraus, dass Ihnen -
    Ich setzte nichts voraus! sagte Armgart. Ich war in einem Zustand völliger
Betäubung ...
    Einmal doch - ging Tiebold seinem Ziele, Bonaventura's Auftrag zu erfüllen,
näher, - einmal doch schienen Sie völlig und sehr, sehr zurechnungsfähig - als
Sie nämlich mit Innigkeit mir oder vielmehr - ja mein Freund und ich - Sie
wissen - Benno von Asselyn - liebt Sie, und auch ich - ich kann bei Gott und auf
Ehre! ich kann allerdings nicht leugnen -
    O nicht das, Herr de Jonge! hauchte Armgart und hielt die Hand wie zur
Abwehr ...
    Hätt' ich eine Ahnung gehabt, dass mein Freund Sie in sein Herz geschlossen
hat, nie würde ich selbst Ihnen soviel - Beweise meiner - Hochachtung gegeben
haben, meiner aufrichtigsten - Fräulein, ich kann wohl sagen, stellenweise
wahnsinnigen ...
    O nicht das! Nicht das! wiederholte Armgart ...
    O Sie kennen die Liebe nicht, diejenige, mein' ich, die Ihr Anblick in einem
- Männerherzen - entzündet, in einem Herzen, das im Stande ist - wie gesagt -
einem Freunde zu Liebe selbst die schmerzlichste Entdeckung seines Lebens -
    Was befahl Ihnen der Domherr mir zu sagen? unterbrach Armgart ...
    O mein Fräulein! O ich bin zu tief beschämt! O, im Wagen damals glaubten
Sie, leugnen Sie es nicht, Benno, der, der sässe Ihnen gegenüber! Ja, in der
»Verschwiegenheit des Dunkels« ergriffen Sie - Ihre Hand wenigstens, Ihre
Handschuhe waren es - die Hand Asselyn's, drückten diese voll Innigkeit, ja es
fehlte nicht viel, was ich dem Domherrn nicht einmal sagte - Ich beichtete ihm
nämlich meinen Betrug - dass nämlich Ihre Hand die seinige - ans Herz zu drücken
vermeinte - worauf - wie gesagt aber - Sie waren im stärksten Irrtum! Nämlich
der von Ihnen Beglückte war ich! ... Und, weit entfernt nun, mein Fräulein, dem
Glück eines von mir aufrichtig geschätzten Freundes - oder vielmehr eines meiner
»besten Bekannten« entgegenzutreten, möcht' ich nur eine Antwort auf die Frage
haben: Soll ich ihm nicht das aufrichtige Geständnis machen, mein angebetetes,
liebenswürdiges Fräulein, über das, was in jener Nacht zwischen uns allen dreien
vorgefallen ist, soll ich es ihm nicht sagen, ihn aufklären -? ...
    Nein! rief Armgart ... Nein! wiederholte sie, und noch einmal sprach sie mit
fester Stimme: Nein!
    Tiebold wusste nicht, wie ihm geschah ... Er musste sich vor Schrecken über
diese leidenschaftliche Ablehnung unwillkürlich umsehen ...
    Ich soll nicht -? stotterte er ...
    Nein! war die wiederholte Antwort, die sie nur abbrach, weil am Tabernakel
hinter dem Altar plötzlich ein Geräusch gehört wurde. Es schien eine Tür
gegangen zu sein ...
    Dennoch nahm Tiebold nach einigem Aufhorchen die Rede wieder auf und war
sogar geneigt, in sein Erstaunen den Vorwurf der Undankbarkeit gegen Benno zu
mischen - »von ihm selbst sollte allerdings keine Rede mehr sein« - aber
Fräulein, Sie misverstehen mich! Oder vielmehr im Gegenteil ... Der Domherr
wünscht, dass ich die Wiederherstellung der Wahrheit und Benno's Glück befördere!
Er selbst will es übernehmen, Benno dann zu sagen -
    Nein! Nein! Nein!
    Aber ich beschwöre Sie - soll denn alles, was gewesen ist, ausgelöscht -?
    Ja!
    Die Fahrt durch die Berge gar nicht stattgefunden -?
    Nein!
    Benno glaubt aber in Ihrem Herzen -
    Nichts soll er glauben -
    Das ist ja unglaublich! Geradezu fürchterlich! Ich habe ja mit Benno ein
ganz freundschaftliches Abkommen getroffen, dass bloss Ihre eigene Entscheidung -
    Nun sprang Arm gart auf ...
    Ein Ton war beiden zu gleicher Zeit vernehmbar geworden, der ganz in der
Nähe dem Schliessen eines Schlüssels oder dem Zufallen eines Schlosses entsprach
...
    Da ist ja jemand! rief Armgart mit erstickter Stimme.
    Und schon war auch Tiebold aufgesprungen. Mit drei Sätzen war er auf der
Erhöhung des Altars und starrte abwechselnd auf die beiden Vorhänge, die zur
Seite hingen ...
    Hinter dem Altar war's! rief ihm Armgart nach ...
    Tiebold hob links die roten Vorhänge auf ... Er sah den Raum, der die
Sakristei bildete ...
    Wer ist hier? donnerte Tiebold, wild gereizt wie er war, in das Dunkel
hinein ...
    Armgart, bei aller Angst mit schnell gefasstem Entschluss, sprang an den
zweiten Vorhang, als wenn ihre schwache Kraft einen hier Durchschlüpfenden
zurückhalten könnte ...
    Auf Tiebold's Rufen folgte keine Antwort ... Deutlich aber vernahm man
immer noch ein polterndes Geräusch, das die Anwesenheit irgendeines lebendigen
Wesens bestätigte ...
    Es wird eine Katze sein! sagte endlich Tiebold mit dem ganzen,
überströmenden Ausdruck seiner Wehmut, während Armgart sich bereits in gleicher
Stimmung auf einen Geist vorbereitet hatte ... Sie stand starr und hielt
krampfhaft den Vorhang in ihren Händen fest ...
    Tiebold ging im Dunkeln mit wiederholtem: Wer ist hier? um die Hinterwand
des Hochaltars herum ...
    Stossen Sie sich nicht! rief Armgart mit elegischem Schmelz. Dort steht
Schrank an Schrank ...
    Es waren die Schränke zur Aufbewahrung der Opfergerätschaften und
Messgewänder ...
    Tiebold kam auf der andern Seite Armgart entgegen und versicherte, nichts
gesehen zu haben ...
    Er ging dann noch einmal zurück. Armgart folgte sogar ... An einer Tür, die
zum Archiv führte, rüttelten beide ... sie war verschlossen ... An den Schränken
rüttelten sie ... alles war unversehrt ...
    Wie beide auf der andern Seite wieder herauskamen und Tiebold das Erstaunen
über Armgart's Erklärung und ihre den beiden Freunden nun schon während ihrer
ganzen Anwesenheit in der Gegend bewiesene Kälte in feierlichstem Ernste wieder
aufnehmen wollte, Armgart sich ihm entzog und fast entfloh, wurde die
Aufmerksamkeit auf ein anderes Geräusch gelenkt, das sich leichter erklären liess
...
    Peitschen knallten, Schellenbehänge von Rossen klingelten, alle Hunde des
Schlosses bellten ...
    Sie kommen von Neuhof zurück! rief Armgart wie erlöst ...
    Jetzt hätte Tiebold viel darum gegeben, wenn die Rückkunft des Onkels und
Terschka's sich noch um eine Viertelstunde verzögert hätte ... Sich selbst gab
er auf, nur in der Tat die Liebe zu seinem Freunde hiess ihn noch reden ... Er
hatte schneidende Vorwürfe, bittere Vermutungen auf seinen Lippen ...
    Im ganzen Schloss wurde es mehr und mehr lebendig ... ...
    Kommen Sie! rief Armgart. Sie sind's!
    Damit drängte sie zur Tür ...
    Die Rückkehrenden waren es in der Tat, und Tiebold hatte sogar eine
Ahnung, Benno und Bonaventura würden mitkommen; ersterer vielleicht um ihn
abzuholen und auf seinem Heimgang nach Witoborn zu begleiten ...
    Er konnte Armgart nicht zurückhalten, nicht um Aufklärung bitten, keines
seiner aufgeregten Gefühle weiter aussprechen ... Schon gingen im Schloss an
allen Flanken die Klingelzüge ... Man hörte das Anfahren der grossen
vierspännigen Kutsche, des Staatswagens der Dorstes, und einer zweispännigen
kleinern, die für Terschka und Benno bestimmt gewesen war ...
    Tiebold, mit äusserstem Schmerz das Verschwinden einer schönen
Lebenshoffnung wie für ewig fürchtend, hätte wenigstens nur noch Armgart's Hand
ergreifen mögen und er tat dies auch und hielt sie fest und bat und flehte um
Aufklärung ...
    Lassen Sie! sagte Armgart. Das Wort war fast verletzend, vornehm sogar. Sie
war plötzlich wie gereift zur Jungfrau ...
    Aus allen seinen Himmeln gestürzt, von Armgart's Kälte wie mit Eisesluft
angeweht, folgte Tiebold mit langsamem Schritt ...
    Im Hofe - da war es lebendig ... Die Hunde sprangen und rissen an den
Ketten, an die sie zur Nacht gelegt wurden ... Laternen wurden emporgehalten ...
Hin und her rannten die mitgekommenen Diener ... Mit Lichtern kam der Diener,
der bei Tisch servirt hatte, von der Stiege herunter und rief nach dem neuen
Hausknecht, den niemand bemerken konnte ...
    Vorm Portal hielten die Wagen. Schon standen in der grossen Eingangsflur,
sich aus ihren Pelzen herauswickelnd, in schwarzen Fracks und weissen Halsbinden
und Trauerhandschuhen der Onkel Levinus von Hülleshoven, Baron Wenzel von
Terschka und in der Tat auch Benno ...
    Bonaventura fehlte ... Es liess sich annehmen, dass er im Trauerhause bei
seinem Stiefvater zurückgeblieben war.
 
                                       5.
Armgart lag, als müsste sie irgendwo ihr sie überwältigendes Gefühl aufs
mächtigste ausströmen, im Arm des Onkels ...
    Sie küsste ihm den Reif von seinem grossen graublonden Bart, in dem sich ein
Antlitz verbarg - vergleichen wir's nur geradezu mit einem menschlich gemodelten
Tierkopf; denn gibt es gutmütigere Augen als die des Pferdes oder eines treuen
Hundes? Stirn, Backenknochen, Nase (mehr konnte man vor dem Barte nicht sehen)
waren hart und massiv, aber die wasserblauen Augen, ohnehin von der Fahrt und
der Kälte feucht, glänzten so scheu, so gut, so treuherzig, wie - rügt den
Vergleich! - die Augen der grossen Bulldoggen an den Ketten im Hof. Armgart
umschlang ihn mit einer Innigkeit, als sollte alles, was durch das Gespräch in
der Kapelle sich in ihrer Brust vom Gefühl einer mit Gewalt abgelehnten Liebe
gesammelt hatte, doch jetzt Einem zugute kommen ...
    Benno grüsste einfach und schüttelte dem gewissensscheuen, im
Laternenschimmer vollends geisterbleichen Tiebold die Hand ...
    Terschka war schon unterwegs, die Tante zu begrüssen, die allen auf halber
Treppe entgegenkam, während sich oben auf dem Corridor auch Paula sehen liess,
vor der schon einer der mitgekommenen Diener mit einem silbernen Leuchter von
mehreren Flammen stand und ihre zu allen Zeiten feierliche Erscheinung würdevoll
beleuchtete.
    Gesund und wohl? konnte man freudigst und ungehindert fragen ...
    Alles glücklich abgelaufen? fragte man schon weniger ungehindert ... Denn in
Gegenwart Paula's mochte man nicht verraten, dass sie eine Störung des
Leichenbegängnisses im Düsternbrook gesehen hätte - darüber war keinem von den
Zurückgebliebenen ein Zweifel, dass wirklich dort etwas vorgefallen sein musste
...
    Oben im Vorsaal liessen die Männer ihre schweren Bekleidungen und fanden,
links sogleich durch das Esszimmer schreitend, in einem heute noch gar nicht
geöffnet gewesenen, inzwischen geheizten gemeinschaftlichen grossen Wohnsaale im
linken Turm die Zurüstungen zum Tee.
    Das war denn ein traulicher Raum. Ein grosser runder Tisch, höchst kunstvoll
ausgelegt, war nur in der Mitte mit einer kleinen Damastdecke belegt ... Auf
diesem stand schon die siedende Teemaschine ... Nähtische waren dicht noch an
diesen Tisch gerückt mit weiblichen Handarbeiten ... Eine grosse, mit einem
Blechschirm bedeckte Ampel mit mehreren Flammen, die mit metallenen Ringen an
der Decke befestigt war, beleuchtete das ganze, rings mit Gemälden geschmückte,
teppichbelegte Zimmer ... Die weissen Fenstervorhänge waren niedergelassen ...
die Gardinen waren zugezogen ... das Feuer in einem hohen Kamin prasselte ... es
war eine Stätte des Friedens ...
    Onkel Levinus schritt, umschlungen von Paula und Armgart, wie ein von langen
Reisen Zurückgekehrter daher ... Es war ein untersetzter, stämmig gebauter Herr
... In seinem Lächeln lag sogar etwas List, jene List, die der Ausdruck des
Geistes ist, den dieser immer dann hat, wo er sich waffen- und harmlos gibt. Der
Junggesell zeigte sich in der chevaleresken Begrüssung der Tante, die ihm auch
ihrerseits ganz holdseligst entgegenkam und jetzt nicht das Mindeste verriet
von ihren gewohnten Misbilligungen z.B. seiner Metode, die Merinoschafe aus
Spanien einzuführen, seines Bohrens auf Steinkohlenlager, die sich nicht fanden,
seiner Gestütsveredelungsversuche und ähnlicher Dinge, die sie seit Jahren an
dem phantastischen und kostspieligen Wirtschaftsführer controliren musste ...
    Terschka fragte nach dem Postpacket, das sie mitgebracht hätten von Witoborn
... Armgart wurde sogleich von der Tante bedeutet, es aus dem Wagen zu holen ...
    Schon sprangen drei Männer zu gleicher Zeit, den Auftrag ihr abzunehmen ...
Tiebold nicht am sichersten ... ... Benno schon in beschleunigterer Hast ...
Terschka der Flinkste ...
    Armgart hielt indes alle zurück, bat, sich zu ruhen, und ging allein ...
    Benno, von einer der Tante an ihm ganz ungewohnten Eleganz, wie ein
Hochzeiter, zog die Handschuhe aus und strich sich vor innerer Erregung den
schwarzen Bart und sein lockiges Haar ...
    Und der Onkel erzählte schon:
    Bonaventura's Mutter war auf dem Schloss noch nicht anwesend, aber das
grosse Déjeûner dinatoire, das man zur Stärkung bei den weiten Distanzen der
Wohnorte aller Geladenen mit voller Genugtuung antreffen durfte, war höchst
kostbar gewesen ... Man hatte das Mahl im Stehen eingenommen ... um ein Uhr
brach endlich der Zug auf ... Die Segnungen hatte dann dem Sarge der Geistliche
des Sprengels gegeben, in dem das Schloss liegt ... Dann hatten die Mönche den
Sarg in Empfang genommen, an der Spitze der neue Provinzial, Pater Maurus,
Nachfolger des verstorbenen Henricus ... Die Beisetzung im Kloster selbst war
ohne Feierlichkeit erfolgt ... Bonaventura hatte dabei etwas zu sprechen keine
Veranlassung ... Im Kloster Himmelpfort hatten sich alle Eingeladenen und nur
aus Rücksicht um die Dorstes Gekommenen getrennt ... Bonaventura war noch mit
einem der Wagen des Präsidenten zurückgeblieben, um im Kloster den Pater
Sebastus zu besuchen ... Dann hatte er wieder nach Schloss Neuhof umkehren und
erst morgen im Kreise von Westerhof erscheinen wollen ...
    Paula hörte diesen Mitteilungen mit Aufmerksamkeit und Ergebung zu ...
    Benno ergänzte:
    Besonders geistlich sind die Gedanken der Leidtragenden nicht gewesen! ...
Der Landrat machte curiose Spässe ...
    Ja, sagte der Onkel, Spässe, die für eine Kindtaufe gepasst hätten! ...
Niemand ging jedoch besonders darauf ein ...
    Die Verabredung zur Jagd ist zu Stande gekommen? fiel Tiebold zerstreut ein
...
    Graf Hovden, die Hakes, Graf Münnich und andere beauftragten uns, mit der
gräflichen Jägerei Rücksprache zu nehmen, sagte Terschka, und die Leute meinen,
dass gerade heute Abend noch im Finkenhof das Jagdpersonal versammelt sein würde
... Herr von Asselyn schlug vor, heute Abend den Umweg über den Finkenhof zu
machen ... Ich begleite ihn und so bringen wir alles in Ordnung!
    Gut! Gut! sagte der Onkel und deutete die Autorität an, die vorzugsweise
Terschka hier gebührte. Der Weg ist ja nicht weit ...
    Die Tante war inzwischen wieder ungeduldig geworden über Armgart, die
erklärt hatte, die Post allein besorgen zu können, und nun nicht wiederkam ...
Sie schien auch schon zu bemerken, dass die Männer in der Tat etwas im Rückhalt
hatten ...
    Terschka sprach mit Paula und war die Artigkeit und Rücksicht selbst ...
    Die zurückgekommenen Diener, die in ihrer etwas altfränkischen Staatslivree,
Grün mit Gold, geblieben waren, arrangirten den Tee ... Die Herren setzten sich
...
    Wie still, begann der Onkel mit einer wohltönenden, aber nur leisen und, wie
dem Forscher ziemt, nur prüfenden Stimme ... wie still kann nun so ein wildes
Menschenkind werden! Wie lange hat doch dieser Mann in der Welt rumort! Es ist
dein Onkel, Paula! Aber der hat die Spanne Zeit, die ihm der Schöpfer gemessen,
benutzt wie sein unveräusserliches Eigentum! Ein schauerlicher Augenblick, als
wir in dem dunkeln, schneeverschütteten Grunde an dem hohlen, blitzzerschlagenen
Eichbaum vorüberkamen, wo einst der Deichgraf Klingsohr gefallen! ... Ja, vorher
schon! ... Ich erstaunte, im Dickicht ein gewisses Kreuz wiederzufinden, das,
solange der Kronsyndikus noch im Gebrauch seiner gesunden Sinne war, an jener
Stelle nie stehen durfte ... Bruder Hubertus scheint es gewesen zu sein, der es
wieder aufgerichtet hat ... Er ist von seiner Reise zurück ...
    Terschka, immer die Tür fixirend, durch die Armgart zurückkehren musste, und
eine Tasse Tee entgegennehmend, sagte:
    Ich bin nun fast ein halbes Jahr in der Gegend, hörte soviel vom Bruder
Hubertus und sah ihn heute zum ersten mal ...
    Er ist erst jetzt von Wanderungen heimgekehrt, die ihn bald in dieses, bald
in jenes Kloster seines Ordens, oft bis in die Schweiz hineinführen, erwiderte
Onkel Levinus. Gleich beim Anblick des Kreuzes, vor der Störung an der Eiche,
dachte ich mir: Jetzt muss wohl der Knochenmann wieder dasein!
    Welche Störung? fragte schon vor dem »Knochenmann« die Tante und sah
Tiebold an, der seinerseits zu der vom herabfallenden Lampenschimmer wie
verklärten und nur auf die Erwähnung Bonaventura's harrenden Paula mit
gedankenverlorener Andacht blickte ...
    Ja! fuhr der Onkel fort, das war, um es nur zu sagen, ein recht
verdriesslicher Augenblick! Ein förmliches Todtengericht! Ich zitterte für den
Präsidenten, der neben dem Domherrn sass und die Scene erleben musste! Auch der
Landrat, wie uns Herr von Terschka später mitteilte, soll sich furchtsam in
seine Ecke gedrückt und vergessen haben, dass gerade seine Autorität hier am
Platze war ... Wer weiss, wie lange diese Scene gedauert hätte, wäre nicht Herr
von Terschka zum Wagen hinausgesprungen und hätte die gehemmte Ordnung des Zuges
wiederhergestellt ...
    Tante Benigna's Augen hafteten an denen Tiebold's ...
    Bruder Hubertus unterstützte Sie endlich, Herr Baron! schaltete Benno ein,
den Terschka's gespanntes Warten auf Armgart zu stören schien ... Man hätte von
ihm, soviel ich höre, diese Grossmut kaum erwarten sollen ...
    Welche Grossmut? fragte Terschka. Was hat es mit dem Bruder für eine
Bewandtnis?
    Das zu erklären, fuhr der Onkel fast frauenzimmerlich errötend fort, möchte
-
    Die Tante wusste, dass die »Gegenwart der Damen« hinderlich war und fiel
sogleich ein:
    Welche Störung fiel denn nur vor?
    Paula sass jetzt, als besänne sie sich auf einen Traum, den sie vor langer,
langer Zeit gehabt haben konnte ... Auch Benno sah sie auf das Wort des Onkels
mit einem ehrfurchtsvollen Blicke an. Sie machte den Eindruck, als wären unter
dem Schutz ihrer weit ausgebreiteten Cherubsflügel alle Dinge der Erde rein und
unentweiht ...
    Der Zug musste im Düsternbrook eine Biegung machen, erzählte der Onkel, sodass
wir auch im Wagen alles mit ansehen konnten, was vor uns mit dem Sarge geschah.
Vier Laienbrüder trugen ihn. Voraus gingen der Provinzial Maurus und die Mönche
und alle sangen. Hintennach folgten die Dienerschaften von Schloss Neuhof, die
Vorstände der Wirtschaft, die Beamten der Wittekind'schen Verwaltung. Dann erst
kamen die Kutschen. Wie der Sarg an der bekannten Eiche vorüberkam, empfing ihn
an dem zum Zusehen bequemsten Platze eine dort versammelte Menschenmenge ...
Bauern, Knechte, Weiber, Kinder, alles dicht geschart ... Zufällig machten die
Gesänge der Mönche eine Pause ... Da ertönte anfangs eine Geige ... In lustiger
Melodie fiedelte irgendjemand, den man nicht sah, und gerade aus dem
Menschenknäuel heraus ... Erst konnte man an einen Bettler denken, der die
Gelegenheit nutzen wollte, auf die Art zu einem Almosen zu kommen ... Bald aber
hörte man eine laute Stimme rufen: Schweig, Todtengräber! Hier erst noch drei
Hände voll Erde!
    Ihr Heiligen! rief die Tante erstaunend, da auch der Onkel im Erzählen
feierlich die Stimme erhob ...
    In demselben Augenblick ging die Tür auf und Armgart kam zurück ...
    Sie kam ohne die Brief- und Zeitungsmappe ...
    Niemand fragte jetzt danach, so ergriffen war noch alles von dem eben
Mitgeteilten ...
    Tiebold klärte Armgart rasch über das auf, wovon die Rede war ...
    Diese hörte wie geisterhaft und abwesend zu ...
    Schweig, Todtengräber! wiederholte der Onkel. Hier erst drei Hände voll
Erde! rief die Stimme. Da trat eine hohe, kräftige Gestalt in grauem Mantel aus
der Menge, hielt einen Gegenstand hoch empor, zog den Hut, als wenn er die Raben
ringsum, die grauen Wolken, die kahlen zackigen Zweige, die Trauerkutschen
grüssen wollte, und rief: Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof! Nimm zu deinem
himmlischen Ehrenkleid auch noch diesen Orden mit! Ein ab instantia absolvirter
Mörder empfiehlt dich der Gnade Gottes, des Heilands und der allerseligsten
Jungfrau! Erschein' am Tage des Gerichts mit diesem grünen, damals nicht
verbrannten Fetzen Tuche -
    Die Frauen blickten starr auf den Onkel, der alle diese Worte mit
Feierlichkeit nachsprach ... Die Tante war vor Entsetzen halb aufgestanden ...
    Benno berichtete weiter; denn dem Onkel stockte schon die schwache Stimme
...
    In diesem Augenblick, sagte er, wo wir alle die gleichen Empfindungen haben
mussten, wie Sie sie jetzt allein vom blossen Berichte haben, war die Scene
bereits von Herrn von Terschka unterbrochen worden ...
    Doch nicht! doch nicht! sagte dieser von einem Nachdenken auffahrend ...
Noch ehe ich aus dem Wagen war, um die Störung zu unterbrechen, war schon ein
anderer Zwischenfall eingetreten ... Die Geige -
    Bitte! ergänzte Benno. Erst hörte man einen schreckhaften Schrei ...
    Aber auch Paula erhob sich jetzt ... Armgart hatte nicht Platz genommen,
obgleich ihr Terschka und Tiebold einen Stuhl holten, wie sie eintrat ...
    Ganz recht! bestätigte der Onkel. Man erfuhr, dass im Dienstpersonal ein
Frauenzimmer ohnmächtig geworden war. Es war das die Lisabet, die Beschliesserin
von Schloss Neuhof ...
    Dann war - das ja wohl - jener Küfer? schaltete die Tante mit Entsetzen ein
...
    Stephan Lengenich! bestätigte der Onkel. Wir erfuhren es später. Die
Verwirrung des Augenblicks liess sich nicht ganz übersehen, weil inzwischen der
Zug schon weiter ging und die Mönche schon wieder sangen. Aber den Anblick alles
Spätern hatten die doch noch, die nur langsam nachfuhren. In die Rede des damals
ungerechterweise angeklagten Küfers hinein ertönte wieder die Geige. Ihr Spiel
war so frech, so teuflisch, so voll Hohn fiel sie ein in die furchtbare Rache
des Küfers, die sie gleichsam unterstützen wollte, dass jedermann dem nur danken
musste, der sich plötzlich auf den Geiger warf, ihm sein Instrument aus den
Händen schlug und ihn, da er Widerstand leisten wollte, fast mit Füssen trat. Das
war dann niemand anders, als unser alter guter Freund, der Bruder Hubertus ...
    Benno und Tiebold mussten sich mit Besorgnis Paula nähern, die wie in
Erstarrung wieder in ihrem Sessel sass, während die Tante an die Tür eilte, um
sicher zu sein, dass in diesem Augenblick der Erörterung mislicher
Familienverhältnisse die Diener nicht hereinkamen ...
    Ja, das Mass ist gerüttelt und geschüttelt voll, sagte der Onkel
tiefschmerzlich und die Hände gefaltet auf den Tisch vor sich hinlegend, das Mass
der Ehrenkränkung, die seiner Familie ein wilder und entsetzlicher Mann
hinterlassen hat! So ging es doch mit ihm fast funfzig Jahre hindurch! So klagen
ihn todte und lebendige Zeugen an! So öffnen sich die Gräber, um ein Geheimnis
nach dem andern ans Tageslicht zu bringen! Paula! Du gutes, gutes, treues Kind -
    Auf diese liebevolle Anrede, die dem Schmerz galt, den Paula um die Ehre
ihrer Familie, um Mutter und Vater empfinden musste, hatte sie sich rasch aus dem
Zimmer entfernt ... Armgart flog ihr wie ihr Schatten zu hülfreichem Troste nach
...
    Nun erzählte die Tante den teilweis hocherstaunenden Männern Paula's
Traumgesicht ... Alles was sie gesehen hatte, wurde von den Männern bestätigt
...
    Wild, wild war der Anblick dessen, was an der Eiche geschah! sagte der
Onkel, der seinerseits an diese Visionen schon gewöhnter war. Da musste sie wohl
erwachen ... Der Geiger war der Taugenichts, der alte buckelige Stammer! Rächen
wollte er sich für die Verweisung aus dem Schloss durch den Präsidenten ... Der
Küfer hatte den Fetzen Tuch, der einst vom Deichgrafen dem Kronsyndikus
abgerissen war und so lange nicht gefunden werden konnte, wenn es überhaupt der
echte war, auf den silberbeschlagenen Sarg, mitten unter die Ordensinsignien
gelegt! Als er das getan, taumelte der Mann - es war auf den Schrei der
Lisabet - wie ein Kind und wurde von dem anwesenden Löb Seligmann gehalten, dem
Juden, der ihn zu kennen schien. Herr von Terschka, Sie werden ja wohl das Nähere
von dem drolligen Musikschwärmer erfahren können! Aber dem Geigenspieler ging es
schlimm. Hubertus zertrat ihn fast; obgleich Stammer der Bruder des Mädchens
war, um das auch der Bruder Abtödter den Kronsyndikus so bitter hasste ...
    Die Tante, die den Onkel in der weitern Mitteilung der Geschichte des
Mönchs Hubertus nicht stören wollte, entfernte sich, um nach Paula zu sehen ...
Es kamen jetzt Bestandteile eines Soupers, auch einige Flaschen Wein, die sie
den Männern überliess ...
    Der Abtödter, hört' ich, nennt man ihn? fragte Terschka kopfschüttelnd, als
die Diener fort waren ...
    Man nennt diesen Mönch so in den Klöstern und im Volke! erklärte der Onkel.
Sein eigentlicher Name ist Buschbeck ...
    Buschbeck! wiederholte Terschka befremdet und wiederholte lange sinnend:
Buschbeck? Buschbeck? ...
    Terschka's eigenes, allen hier unbekanntes Leben schien mit diesem oder
einem ähnlichen Namen eine Beziehung zu haben ...
    Der Onkel erzählte mit gedämpfter Stimme und rasch die Abwesenheit der
Frauen nutzend:
    Auch Sie, Herr von Asselyn, werden sich ja wohl aus Ihrer auf Hof Borkenhagen
verlebten Jugend des Försters Buschbeck - nein, Sie mussten ihn schon nur als
Mönch gekannt haben -
    Es muss jener Laienbruder sein, sagte Benno, der dem alten Hedemann einmal
ein Pferd mit Sympatie curirte ... Dreizehn Hauptaare von einem Scharfrichter
in einem Teig von Weizenmehl und Oel eingegeben und das Pferd erhielt sich ...
    Der Glaube macht selig! lachte Tiebold, der sich allmählich zu finden und
schon wieder zu serviren anfing ...
    Aber der Onkel entgegnete:
    Warum? Die Geheimnisse der Natur sind unergründlich!
    Terschka, immer sinnender und ein anerkannter Virtuose der Reitkunst, fiel
ein:
    Die Hauptsache an dem Mittel werden das Oel und vielleicht auch die Haare
gewesen sein! Wann kam denn dieser Mann hier in die Gegend?
    In den Jahren vor den Befreiungskriegen, etwa 1808, erzählte der Onkel. Es
war ein schlanker und gewandter Mann, der bei den Holländern in Java gedient
hatte ...
    In Java! sprach Terschka leise und sein sonst schon immer wachsbleicher,
fast gelblicher Teint nahm eine eigentümliche Färbung an ... Er verlor in dem
Grade seine gewohnte Elasticität, dass er jetzt ganz als der Vierzigjährige
erkannt werden konnte, der er war, während sonst der viel jugendlichere Benno
fast älter aussah, als er ...
    Er rühmte sich mancher geheimen Jägerkunst und manchem galt er für einen
Freischützen! fuhr Onkel Levinus fort ... Aber sein Lebenswandel war achtbar und
stimmte wenig mit dem Ton, der damals auf Schloss Neuhof herrschte, wo ihn der
Kronsyndikus anfangs zum Revierförster machte ... Es gab einst eine wilde Zeit
auf dem Schloss da, das wir heute so still und gespenstisch sahen! ... Freiherr
von Wittekind war durch die Verführungen des damaligen kasselschen Hofes in ein
Leben der tollsten Liebeshändel geraten. Immer hab' ich gefunden, dass Männer
bei einer solchen Lebensweise zuletzt von ihrer Sinnenglut förmlich unterjocht
werden. Jeder Gedanke verwandelt sich ihnen in Unlauterkeit, jeder Blick auf ein
Weib in Begehrlichkeit, jede Voraussetzung über die Tugend des Menschen in den
frechsten Glauben an schlechte Möglichkeiten. Damals war auf dem Schloss eine
Person allmächtig, ein Frauenzimmer zweideutiger Herkunft - eine gewisse -
    Benno befreite den Onkel von der Verlegenheit, ganz offen über eine ominöse
Beziehung zur Dechanei zu sprechen ...
    Legen Sie sich keinen Zwang an! sagte er. Frau von Buschbeck hat für die
Dechanei nie existirt ... Höchstens, dass jetzt ihre Schwester mit dem alten
Windhack ihr Privaterstaunen austauscht, wie das hübsche Vermögen der
Ermordeten, doch an zwanzigtausend Taler, an den Bruder Hubertus testirt wurde.
Die Stifter und Kirchen sind betrogen worden! Hammaker's Vertraulichkeit mit der
Alten beruhte auf den Codicillen, die er möglich zu machen wusste, um die durch
Nück und unter Zeugenassistenz zweier Herren Schnuphase und Klingelpeter
getroffenen gottseligen Bestimmungen für den Fall ihres Todes wieder aufzuheben
...
    Terschka war über die Ermordung der sogenannten Frau Hauptmann von Buschbeck
unterrichtet und lauschte mit der grössten Spannung ...
    Diese ausserordentliche Zärtlichkeit einer Person, fuhr der Onkel fort, die
nicht einen, nein mehrerlei Teufel im Leibe gehabt haben muss, diese auffallende
Anhänglichkeit an den Mönch Hubertus ist eine Folge der Eitelkeit, da sich
Brigitta von Gülpen durchaus als die Frau Hauptmann von Buschbeck geberden
wollte ... Als Hauptmann war der holländische Lieutenant Buschbeck verabschiedet
worden; er war nicht von Adel, auch nicht etwa schimpflich entlassen; aus
eigenem Antrieb hatte er und leider vor Erreichung seines höhern Pensionsgrades
seinen Abschied genommen. Man sagt, weil ein dunkler Schleier gehoben wurde, der
auf seiner Vergangenheit ruhen soll ... Ich kenn' ihn nicht ... Man spricht ja
wohl von ihm, es wäre ein Scharfrichterssohn? ...
    Auf diese Frage, die der Onkel an sein eigenes Gedächtnis richtete, wurde
Terschka's Auge das des Falken ...
    Diesem Fremdling, der in einer erwerbslosen Zeit, müde des damals nur noch
einträglichen Kriegsdienstes, hingehalten mit seiner nur geringen Pension, die
einfache Stelle eines Försters annahm, schenkte die damalige
Wirtschaftsführerin des Freiherrn, Fräulein Brigitta, ihr Herz. Sie war
feurigen, lebhaften Sinnes, hässlich dabei wie eine Fledermaus. Der Fremdling
konnte sich ihrer Zudringlichkeit nicht erwehren; der Kronsyndikus tat nie
etwas umsonst und wünschte auf diese Art von einer Person befreit zu sein, die
ihm über den Kopf wuchs. Der Abenteurer mag aus Willensschwäche und verblendet
von glänzendern Anerbietungen, zugleich berauscht von der Wildheit des damaligen
neuhofer Lebens, Zugeständnisse gemacht haben, die er später bereute. Seinen
spätern Äusserungen zufolge will er niemals ein Weib geliebt haben, als nur
einmal eine Tochter eines seiner Waldhüter, ein allerdings auffallend schönes
Kind, Hedwig Stammer hiess sie, schlank, hochgewachsen, die Schwester dieses
Buckeligen, den er heute mishandelt hat ...
    Nach einer Pause des Erstaunens über diese Zusammenhänge fuhr der Onkel
fort:
    Hedwig Stammer wurde im stillen seine Liebe und bald entdeckte diesen
Treubruch, wie sie es nannte, die Megäre auf dem Schloss. Sie ersann eine
Rache, zu teuflisch um sie nur nachzudenken, wenn nicht die Umstände
Begünstigungen zur wirklichen Ausführung des Unglaublichen gegeben hätten. Die
Leidenschaften des Kronsyndikus kannten keine Grenzen. Keine Tugend war ihm
heilig. Kein Weib, dem er irgend sich glaubte nahen zu können, liess er ohne
Anfechtung. dabei begünstigte ihn sogar das Glück, ohnehin sein Reichtum und,
wie das in solchen Fällen geht, die Courage. Ihm schien ein Widerstand unmöglich
und so vermessen war seine Menschenverachtung, dass er sich an die Unschuldigsten
wagte, ja durch Umtriebe aller Art es oft dahin zu bringen wusste, dass diese
plötzlich in irgendeiner Weise wirklich von seinem Willen abhängig wurden. Hätte
der Mann auf einem Trone gesessen, er würde den grössten Tyrannen beizuzählen
sein ...
    Ein Blick auf die Nebentüren und ein Lauschen nach einem fernen Geräusch
drückte die Furcht des Onkels aus, die Frauen möchten zurückkommen ... Dem fast
übersiedenden Wasser im silbernen Kessel sprangen Benno und Tiebold zugleich
bei durch Mildern der Flamme ...
    Ich will es kurz fassen! fuhr der Onkel sich eilend fort. Der Kronsyndikus
hatte sein Auge auf die Frau des Deichgrafen Klingsohr geworfen. Die Vertraute
seiner Lüste, die Gülpen, unterstützte seine Hoffnungen, weil ihn
Unmöglichkeiten unerträglich im Umgang machten. Mit Verachtung zurückgewiesen,
entbrannte er in nur noch wilderer Glut. Da entdeckte die Gülpen die Neigung
ihres sogenannten Verlobten und schmiedete einen Höllenplan. Durch verstellte
Handschriften machte sie die Deichgräfin, wie sie hiess, zur Correspondentin des
Kronsyndikus. Die Eitelkeit des Frevlers war einer völligen Sinnlosigkeit fähig.
Taumelnd in seinen Hoffnungen, die ihm leider nur selten fehlschlugen, glaubte
er der Versicherung der Gülpen, die Deichgräfin warte nur eine Reise ihres
Mannes ab, um ihn zu erhören. Dann würde sie selbst einmal aufs Schloss kommen.
In einer Nacht, wo kein Stern am Himmel stand, der Kronsyndikus gegen
Mitternacht von einem Gelage heimkehrte, wisperte ihm das Scheusal zu: Die
Deichgräfin ist da! Sie bleibt auf die Nacht bei mir zum Besuch, das Wetter ist
zu schlecht - Wo? ruft der Trunkene und folgt in rasender Begier dem Weibe, das
ihn an ihrer knöchernen Hand im Dunkeln geleitet. Plötzlich ist ihr Licht
erloschen, alles ringsum finster. In einer engen, dunklen Kammer trifft er eine
schlanke, sich eben entkleidende Gestalt, wirft sich auf sie - und erst wenige
Minuten später, als es zu spät war, erkennen zwei Menschen ihren grauenhaften
Irrtum ...
    Die Männer sassen erstarrt ... Es bedurfte von Seiten des Onkels kaum einer
Erklärung, welche Rache hier ein weiblicher Bösewicht vollzogen hatte, der denn
auch das Leben durch die Schlinge eines Mörders verlassen sollte ... Dennoch
erklärte der Onkel das Vorgefallene ausführlicher:
    Brigitte von Gülpen hatte Hedwig Stammer, die sie tödlich hasste, allmählich
an sich gelockt und sicher zu machen gewusst ... In ihrer Waldwohnung suchte sie
sie öfters auf, erklärte, die Untreue des Hauptmanns bräche ihr zwar das Herz,
doch wolle sie sein Glück nicht hindern ... Sie befahl nur dem Mädchen, die
Besuche, die sie ihr, um ihren guten Willen zu zeigen, machte, dem »Herrn von
Buschbeck« zu verschweigen ... Sie versprach eine glänzende Ausstattung, die
Unterstützung des Kronsyndikus und lockte das arme Kind immer mehr und mehr an
sich ... Eines Abends, da sie es so veranstaltet hatte, dass Hedwig einen Auftrag
im Schloss auszurichten hatte, behielt sie sie bei sich, erzählte von dem
»Herrn von Buschbeck«, Hedwig's Geliebten, der noch diesen Abend aufs Schloss
kommen müsste und mit dem Kronsyndikus von einer Jagdpartie zurückkäme. Es
regnete, es stürmte. Sie versprach, Hedwig's Ausbleiben über Nacht sogleich bei
den besorgten Aeltern ansagen zu lassen und brachte sie in eine Kammer, wo sie
zur Nacht ruhen sollte. Das arglose Ding, das bis zwölf Uhr vergebens gewartet
hatte, entkleidet sich, lässt, da die Gülpen noch erst gute Nacht zu sagen
zurückzukommen erklärte, die Tür offen, löscht auf Befehl das Licht, weil die
Gülpen von den Wunderlichkeiten des Kronsyndikus und seiner Strenge gegen
Untergebene spricht, und nun stürmt die Gülpen plötzlich herein, ruft: Buschbeck
ist da! Er kommt ... Hedwig fährt auf, rafft ihre Kleider zusammen - - Genug,
drei Tage hielt sich das Weib, dem seine Rache nur zu gut gelungen war, vor der
Wut des Försters, dem die Getäuschte, noch in der Nacht vom Schloss
entfliehend, sich sogleich entdeckte, verborgen ... Buschbeck würde sie ermordet
haben ... sie wusste das ... Der Kronsyndikus, damals noch sein eigener
Gerichtsherr, verfügte gegen den Förster, der ihn persönlich anfiel, erliess
sofortige Verhaftung, dann Dienstentlassung. Lachend verzieh er der Gülpen,
nannte noch später, als in der Tat zufällig die in aller Unschuld abwesende
Deichgräfin eines Sohnes genas, diesen, den jetzigen Mönch Sebastus, seinen
wahren Sohn, d.h. den Sohn seiner Einbildung, seinen Sohn im Geiste. Hedwig
Stammer verfiel in ein Nervenfieber und starb. Den sogenannten Hauptmann von
Buschbeck wollten die französischen Gensdarmen zwingen, Kriegsdienste zu nehmen
oder die Gegend zu verlassen. Er flüchtete sich nach Kloster Himmelpfort, wo ihn
der damalige würdige Guardian Henricus beschützte, vollends als er nach dem Tode
Hedwig's in den Orden trat. Das böse Weib konnte sich nicht länger im Schloss
halten. Reich ausgestattet an Geschenken, für ihre Lebenszeit gesichert durch
eine Pension, zog sie von dannen. Sie stellte sich so wahnsinnig verliebt in
ihren Verlobten, dass sie alles, was sie von seinen Sachen als Andenken nur
ergattern konnte, mitnahm, javanische Pfeilspitzen, chinesische Götzen, grosse
ausgestopfte Vögel ... Die Stammers wohnten dann später in einem Pavillon des
Schlossparks und hatten das Gnadenbrot vom Kronsyndikus, der seine
Jugendtorheiten späterhin, wie das so geht, wenn die Kraft nachlässt, zu bereuen
anfing ... Und schon einmal wurde ihm der Geiger zum Verhängnis. Dieser
Taugenichts war es, der den Tod seines Sohnes Jérôme dadurch veranlasste, dass er
diesen, der zur Pflege in einem Dorfe jenseit des Gebirges beim Pfarrer Huber,
der jetzt hier in Witoborn steht, die Nachricht von der nach Hamburg gerichteten
Flucht eines gewissen fremdartigen, schönen Mädchens anzeigte, das damals
wiederum auf Schloss Neuhof, wenn auch freilich unter andern Verhältnissen,
auftauchte -
    Bis zur gänzlichen Vollendung seiner Erzählung gelangte der Onkel nicht,
denn in diesem Augenblick kehrten die Frauen zurück ...
    Tief erschüttert schwiegen die Männer ...
    Was ihnen auf die Lippen ein ernstes Schweigen legte, war nicht bloss das
Entsetzen über das Vernommene, nicht bloss bei Terschka der mannichfache, fast
persönliche Anteil, den er an allen diesen Berichten zu nehmen schien, nicht
bloss bei Benno die Verbindung alles dessen, was er über Klingsohr und Lucinden
wusste, und der Nachhall des grauenhaft dämonischen Wortes des Kronsyndikus: Im
Geist ist doch Heinrich Klingsohr mein Sohn! - nicht bloss bei Tiebold die
Rückerinnerung an jenen Morgen, wo eine so böse Uebeltäterin ermordet gefunden
wurde, und an die ihm noch unbekannte Wendung, die das Testament der Ermordeten
genommen hatte (Bruder Hubertus sollte in der Tat das Geld angenommen, aber zu
bestimmten Zwecken cedirt haben) - das ernste feierliche Schweigen wurde noch
mehr hervorgerufen durch den Gegensatz, in welchem die reine, lichtumflossene,
weiblich verklärte Gegenwart der Wiedereingetretenen zu dem Unreinen stand, das
durch menschliche Leidenschaft wie aus einem Schwefelpfuhle heraufbeschworen so
im Leben ans Licht treten kann.
    Die endlich von der Tante mitgebrachte Postmappe, aus der sie schon ihre
eigenen Briefe und die für Paula herausgenommen hatte, bot Gelegenheit, dass sich
die Empfindungen sammelten und eine Stimmung des Friedens und wenigstens
äusserlichen Behagens wiederherstellte ...
    Auch von Püttmeier's Besuch erzählte jetzt die Tante ... Das lebhafte
Interesse, das daran der Onkel nahm, wurde an einem ebenso lebhaften äussern
Ausdruck dafür nur durch die weit ausgebreiteten Zeitungen und das fortgesetzte
Mahl verhindert ...
    Auf Schloss Westerhof war man sonst, was die Zeitereignisse anlangte, immer
ziemlich spät hinter ihnen zurück. Die neuen französischen Ministerien wurden
gewöhnlich erst bekannt, wenn sie schon wieder abgedankt hatten. Man hielt die
Zeitungen der nahe liegenden Städte, las sie aber nur von hinten her nach vorn,
erst in den Familiennachrichten und dann erst in der politischen Rubrik und
diese überschlug man oft auch gänzlich ... Paula durfte sogar keine Zeitung
früher lesen, ehe nicht die Tante sie censirt hatte; denn schon lange kam es
vor, dass Berichte: »Aus Witoborn« oder: »Von der Witobach« über die »Seherin von
Westerhof« oder über die »Dorste'sche Erbschaftsfrage« schrieben. Seit dem
Kirchenstreit war eine etwas grössere Leselust eingetreten. Die Tante, Paula,
Armgart, das Stift Heiligenkreuz schwärmten für den abgesetzten Kirchenfürsten.
Onkel Levinus entzog sich dem gemeinsamen Geiste der Provinz um so weniger, als
für ihn zwar nicht, wie bei Professor Guido Goldfinger, schon der Schöpfer in
der Erschaffung der Pflanzen und Blumen das katolische Princip voraus
signalisiren wollte, doch die Geschichte, vorzugsweise die der alten Hindus, ihm
entschiedene Tendenzen zum römischen Glauben verriet. Oft schon hatte er mit
dem Bruder Hubertus über den Glauben der Chinesen gesprochen und sah überall die
Anknüpfungspunkte der Missionäre verfehlt. Er konnte oft auf einige Monate ganz
die Chemie, leider auch die Oekonomie vergessen, nur um die Dreieinigkeit nicht
in den Glauben des Confucius hineinzutragen, sondern sie »ganz evident« aus ihm
heraus zu entwickeln. Eine Reise nach Aetiopien, zunächst um daselbst dem
wirklichen Vorhandensein des bekanntlich nur im englischen Wappen und in der
Bibel vorkommenden fabelhaften Einhorns nachzuforschen, dann aber auch um sich
über alles zu orientiren, was mit dem Cultus der »schwarzen Madonna« bis zum
Völkervater Ham zurück zusammenhing, wäre ihm schon bei geringerer Liebe zur
Bequemlichkeit eine seiner bedeutendsten Lebensaufgaben gewesen ... Den
Ghibellinen gegenüber sagte auch er, wie hier alle: »Religion muss apart sein!«
d.h. in keine Verbindung und Abhängigkeit mit der sonst verbürgten politischen
Loyalität treten.
    Der Erörterungen über das Neueste in diesen Streitigkeiten gab es genug ...
    Terschka schwieg dazu ... Er sah in seine Briefe, die zahlreich waren ...
    Einen schien er darunter zu vermissen. Er betrachtete die Poststempel und
fragte:
    Ist das die ganze heutige Post?
    Armgart fiel ihm in die Rede und begann mit einer plötzlich aufleuchtenden,
für die Stimmung des kleinen Kreises fast unpassenden Lebendigkeit und jetzt
auch zu Benno gewandt, dessen schmerzlich fragende Blicke sie anfangs gemieden
hatte:
    Wann soll die Jagd sein? Ich gehe mit! Nicht auf Münnichhof zu den
Transparenten, nein! Ich schiesse mit den Männern um die Wette! Lassen Sie mir
den Pancraz als Leibschütz, Herr von Asselyn!
    Armgart! lautete der einstimmige Verweis aus des Onkels, der Tante und
Paula's Munde ... Alle blickten dabei von ihren Briefen und Zeitungen auf ...
    Warum denn nicht? fuhr Armgart mit glühendem Antlitz fort. Kann ich nicht
schiessen? Ich hab's vom Heidebreck gelernt! Soetbeer und Pancraz können
bezeugen, dass ich vor Weihnachten auf dem Wege zum Stift im Niederholz ihnen
begegnete, dem Pancraz die Flinte aus der Hand nahm und einen Hasen traf, der
unfehlbar mir über den Weg gelaufen wäre! Ich wollte kein Unglück haben ...
    Die Männer mussten auflachen über diese eigene Art, dem Schicksal seine bösen
Vorbedeutungen mit Gewalt zu vereiteln ...
    Die Tante sah nur kurz vom Brief einer guten Freundin auf und bemerkte:
    Deshalb entdeck' ich auch in deinem Zimmer immer die meisten Spinngewebe! Du
denkst, Spinnen bon espoir. Ich aber denke, jedes Unglück, das sich nur durch
Wildheit und Unordentlichkeit abwenden lässt, muss man getrost ertragen!
    Auch dieses Streiflicht auf Armgart's nicht eben besonders pünktliche Natur
blieb nicht ohne ein Lächeln der Männer. Nur, dass sie hätten hinzufügen mögen:
Aber lass uns doch über dich lachen, du süsser Narr! Gerade dein Koboldsgeist
ist's ja, der andern so himmlischer Abkunft erscheint! Rumore, wie du willst,
verschleppe Bücher und Nähtereien und Federn und Dintenfässer; gerade darin
liegt uns ja dein bestrickender Reiz! ... Armgart fasste jedoch dies Lächeln
nicht so. Düster blinzelte sie die Reihe herum und musterte, wer sich zu lachen
erlaubt hätte ... Vorwurfsvoll blickte sie besonders auf Tiebold, dem sie sogar
laut sagte: Das amusirt Sie wohl? ... Benno's Blick hielt sie nicht aus ... An
Terschka huschte ihr Auge noch scheuer vorüber ...
    Benno sah das ganze seit Wochen so befremdliche Wesen und staunte ...
    Inzwischen sprach die Tante von den Ombres chinoises und jetzt mit der
grössten Schonung. Sie rühmte die Philosopheme Püttmeier's ebenso, wie sie sie
heute früh verworfen hatte ... Sie kam darauf durch ihre Lectüre ...
    Ich lese da eben einen Brief von der guten Angelika Müller aus Paris!
schaltete sie ein. Was ist die in neuen Verhältnissen! ... Die Fulds sehen die
Minister und die berühmtesten Namen bei sich ... Ei, Herr von Terschka, Madame
Fuld lässt sich Ihnen empfehlen ... Und ob Sie nicht im nächsten Sommer wieder
auf ihrer Villa erschienen? ... Die neue Erweiterung des Gartens, des Pavillons,
würde ganz nach Ihren Ideen gebaut werden, schreibt Angelika ... Und wann Sie
denn nach Wien reisten? liesse Madame Fuld fragen ... Ei, ei, Herr von Terschka,
welches Interesse von einer so jungen und gewiss höchst liebenswürdigen Frau!
    Armgart fixirte Terschka aufs lebhafteste, als er dies Lob der Frau Bettina
Fuld bestätigte ... Paula musste ihre Hand auf Armgart's Scheitel legen, wie
gleichsam um ihre stürmenden Gedanken zu beruhigen ...
    Jede Lücke des nicht im wohltuenden Zusammenhange bleibenden Gesprächs
gehörte natürlich wieder Tiebold ... Mit seiner immer lebendigen Teilnahme,
mit seiner Empfänglichkeit für alles und jedes füllte er sie ... Die Tante
überhäufte ihn mit Tee, Zwieback, kalten Fleischspeisen und einem »Herr von
Jonge« nach dem andern. Er war eben der Liebling ihres Herzens. Als endlich die
Rede fiel, dass die Männer wirklich noch auf den Finkenhof gehen und mit dem
gräflichen Jagdpersonal die versprochene Rücksprache nehmen wollten, und Benno
und Tiebold erklärten, sie würden von dort auf einem kürzern Wege zu Fuss nach
Witoborn zurückkehren, protestirte die Tante mit Beseitigung aller ihrer noch
unbeendigten Lectüre entschieden und behauptete, eine solche Gefahr vor
Schneeverwehungen nimmermehr zuzugeben ... Die jungen Männer versicherten, dass
der Schnee fröre und ihnen diese Wanderung den grössten Genuss gewähren, ja
Bedürfnis sein würde. Auf die immer und immer wiederholten Einwendungen der
Tante wurde zuletzt Armgart ausfallend und fand es sonderbar, Männern ihren
Willen zu nehmen. Sicher hätte dies kühne Wort dann die wechselnde Ebbe und Flut
im Gemüt der Tante zum Ueberströmen der letztern gebracht, wäre nicht der Onkel
gleicher Meinung gewesen und hätte erklärt, wie man nur den jungen Herren ein
Vergnügen rauben könnte. dabei tat er, als wenn ja auch nur sein aufopferndes
jahrelanges Leben hier unter den Frauen auf Schloss Westerhof schuld daran wäre,
dass er nicht die anstrengendsten Entdeckungsreisen nach Cochinchina unternommen
hätte.
    Paula's Schweigen gebot den Aufbruch zu beschleunigen ... Es war ihnen allen
schon geschehen, dass die Leidende eben noch teilnehmend ihren Gesprächen
lauschte und plötzlich auf eine Anrede im Traum erwiderte ...
    Als die Männer gegangen waren - Tiebold mit bedeutsamen Seufzern, Benno
vergebens auf den Händedruck hoffend, der ihm von Armgart sonst immer so
unbefangen geworden, Terschka fast von ihr ausgezeichnet durch manche beflissene
Frage, manche lebhaft erwidernde Antwort - überschüttete die Tante Armgart mit
all dem Mismut, der sich in den gespannten Zuständen ihres Gemüts seiter
angesammelt hatte. Von Tage zu Tage nahm die Reizbarkeit und Ungeduld Benigna's
zu. Ein ängstlicher Blick in die Zukunft verdüsterte ihr alles, was sie umgab,
und schon lange war es immer nur Armgart, die der Blitzableiter aller ihrer
Verstimmungen werden musste.
    Nein, je älter, desto unerträglicher wirst du doch, Armgart! rief sie und
das noch in Gegenwart des Onkels. Seit du von Lindenwert zurück bist, erkennt
man dich nicht mehr! Verkehrt warst du schon immer; aber so vorwitzig, wie jetzt
deine Äusserungen sind, so keck, wie ich dich z.B. vorhin drüben im Durchstöbern
der Postmappe fand, bist du nie gewesen! Hat es das Fräulein Müller versehen,
die in ihrer Geduld und Nachgiebigkeit sich jetzt sogar den Sitten eines
vornehmen Judenhauses in Paris fügt, oder ist dir die Stiftsdame zu Kopf
gestiegen oder ich weiss es nicht, was die Schuld trägt! Die Jagd mitmachen!
Hasen schiessen, die einem über den Weg laufen könnten! Wahrhaftig! Ich habe gar
keine Geduld mehr für dich!
    Nun, nun, nun, nun -! beschwichtigte der Onkel fortlesend ...
    Und Paula bat schmeichelnd:
    Tantchen!
    Armgart aber stand wie das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt. Alles
Weh der Erde legte sich um ihren mit lächelnder Duldung geöffneten Mund ...
    Deine Mutter war aber ebenso! fuhr die erzürnte Schwester derselben fort.
Und dein Vater, der nicht minder! duckte sie den aufblickenden Onkel nieder. Von
einer Jagd kam auch deren erste Uneinigkeit. Monika wollte auch schiessen können
und ging mit auf die Jagd und als Ulrich einigemal fehlschoss, lachte sie und
hielt es ihm mit Spott vor. Ein Mann kann vom Weibe viel ertragen, aber ihm
unritterlich zu erscheinen, reizt. Zumal bei einer solchen Empfindlichkeit, wie
bei allen diesen Hülleshovens! Ja, versteck' dich nur jetzt so hinter Paula! Geh
nur so herum und tu', als wenn du deine Rechtfertigung wie eine verlorene
Stecknadel im Zimmer suchtest! Auch liesest du nichts, du arbeitest nichts, die
Vielliebchen werden wohl nach einem Jahre fertig sein, Musik hörst du kaum,
geschweige dass du sie wieder vornimmst; ganz wie deine Mutter war, die auch noch
jetzt, »hoch in den Dreissigen«, ein reines Kind sein soll! Auch an dir wird die
Familie wenig Freude erleben ...
    Armgart, statt zu reden, hob die gefaltenen Hände gen Himmel ...
    Paula besänftigte die Tante, die jedoch von Armgart selbst unterbrochen sein
wollte, um versöhnt zu werden. Armgart blieb still. Keine Schmeichelküsse, keine
Liebkosungen, keine Scherze, nichts gab sie wie sonst. Ebenso erblasst, wie
vorhin hocherglühend, ging sie im Zimmer hin und her, machte sich mit ihren
glänzend aufgeschlagenen Augen dies und das zu schaffen und sagte nur zur
»factischen Berichtigung«:
    Die Mutter ist fünfunddreissig Jahre!
    Der Onkel wollte jetzt auf sein Zimmer und Frieden und die Stimmung der Güte
zurücklassen. Das neue Aufbrausen der Tante unterbrach er durch ein lautes
Vorlesen eines der erhaltenen Briefe. dabei hielt er seine linke Hand in die
Höhe. Er wollte, dass sie Armgart ergriff und als Ablenker ihrer Stimmung
benutzte. Armgart sah die freundliche Geberde und stürzte auch auf die Hand zu,
küsste sie und drückte sie heftig an ihr Herz.
    Jetzt empfand die Tante den Neid ihrer »Liebe«. Dieser Neid äusserte sich in
Tränen, die ihr auf die Wange rollten ...
    Des Onkels fest vorlesende Stimme hinderte noch die Rückkehr zu den sich
schon in Güte lösenden Empfindungen; vorläufig war es Paula, von der die Tante
ans Herz gezogen wurde ...
    Die Gräfin Erdmute von Salem-Camphausen dankte (nach des Onkels in alle
diese aufgeregten Stimmungen eines hochgestellten, edlen, doch von seinen vielen
Erlebnissen tief erschütterten Familienkreises beschwichtigend einfallendem
Bericht) auf das von ihm erhaltene Schreiben aufs verbindlichste. Sie war
glücklich in England angekommen, wohnte auf dem Lande bei Lady Elliot und
wünschte ihrerseits nur den friedlichsten Fortgang aller der Dinge, die Gottes
Ratschluss über das Schicksal beider Linien verhängt hätte. Erst bei einigen
religiösen Anzüglichkeiten und der Erwähnung der Krankheitszustände der jungen
Comtesse hörte der Onkel im lauten Vorlesen, das er zur Dämpfung des Streites
wörtlich begonnen, auf ...
    Die Tante benutzte die nun entstehende Pause und knüpfte an London
Betrachtungen über Paris und würde sich selbst auf Aetiopien, China und die
Chemie eingelassen haben, wenn das Gespräch nur ausdrückte, wie sehr »ihr Herz«
bei alledem unter Armgart's Trotz und verhärteter Gesinnung litt ...
    Der Sturm der Gemüter war indessen vorüber ... milderes Wetter stellte sich
ein und endlich schlug es neun, wo man auf dem Lande schon an die Nachtruhe
denkt ...
    Der Onkel erhob sich zuerst und erklärte wiederholt, noch arbeiten zu müssen
... Die Tante plauderte von einigen Anmeldungen ihrer Freundinnen zu den
Exercitien, die Pfarrer Müllenhoff auf Betrieb der Frau von Sicking arrangiren
sollte ...
    Der Onkel erwiderte:
    Aber der rauhe Mann eignet sich doch gar nicht zu dergleichen! Die indischen
Fakirs sind keine Braminen! Im Ganges gibt es mancherlei Bäder! Ich hoffe, dass
er nichts unternimmt ohne den Domherrn, seinen Vorgesetzten ...
    Die Tante, mit dem unendlichsten Bedürfnis nach Einverständnis, stimmte
vollkommen diesen Äusserungen bei. Auch sie fand Müllenhoff's Weise so
übertrieben, so aufreizend, dass es für die Religion selbst Gefahr brächte ...
    Und der Onkel fiel ein:
    Wie ich immer gesagt habe ...
    Wie Sie immer gesagt haben ... bestätigte die Tante ...
    Den Finkenhof kann man den Leuten nicht nehmen ...
    Den kann man ihnen nicht nehmen ...
    Man macht dem Mann alles nach Wunsch ...
    Und doch ist ihm nichts recht ...
    Den eigenen Eingang zur Sakristei in unsrer Kapelle geb' ich ihm auf keinen
Fall ...
    Wie werden Sie denn! ...
    Seine Manieren sind unglaublich! Mitten in der heiligen Messe putzt er an
den Leuchtern und schüttelt den Kopf über den alten Tübbicke ...
    Den guten alten Tübbicke ...
    Armgart kam jetzt wirklich zur Gruppe, die der Onkel, die Tante und Paula
bildeten, mit hinüber ...
    Die Schulkinder, fuhr der Onkel fort, lässt er eine Stunde lang knieen, um
ihnen seine sogenannte Kniesteifigkeit zu vertreiben!
    Zu Lichtmess will er Unterricht geben im richtigen Tempo des
Rosenkranzgebetes!
    Diese Harmonie braucht der Himmel nicht, wenn's nur in unsern Herzen keine
Dissonanzen gibt!
    Wer jetzt ein Blumenstöckchen in eine Kapelle stiftet, von dem will er
vorher die Anzeige haben, ob er auch keine Alfanzereien bringt!
    Und ich denke, wenn ein liebend Gemüt einen Tannenzweig brächte oder ein
tönernes Lämmchen ...
    Es ist das gewiss auch eine kindliche Gabe!
    Ei, es hat sogar einen ernsten Sinn und erinnert an manchen bedeutungsvollen
Mytus, der bereits bei denen alten Aegyptern als eine Vorahnung zu betrachten
war zu manchem heiligen spätern Gebrauch!
    Die Tante gähnte nun zwar, sagte aber:
    O Sie sollten ihm das alles einmal auseinandersetzen, lieber Hülleshoven!
    Der Onkel küsste jetzt Armgart ... Das süsseste Einverständnis schien
hergestellt ... Nur Eines fehlte noch, dass auch die Tante mit Armgart sich
ausdrücklich aussöhnte ...
    Aber dieser feierliche Moment blieb nach der Entfernung des Onkels aus ...
    Paula ging ... Die Diener waren schon zugegen ... Armgart sprang sofort
hinter Paula her und schloss sich ihr an ... Die Tante blieb allein ... Sie blieb
es einige Minuten ... Niemand kam zu ihr zurück ... Tränen traten der alten
Jungfrau in die Augen und mit einem Gefühl des Vorwurfs, das ihr über diese und
ähnliche Dinge sagte: Deine Strafe das für die alte Zeit! ging sie auf ihr
Zimmer.
    Armgart! sagte inzwischen Paula, als sich diese ihr anschloss und ihre
schlanke Hüfte krampfhaft umfasste. Du solltest bei der Tante bleiben!
    Wenn ich in meinen Turm gehe, poch' ich noch einmal bei ihr an und sag' ihr
gute Nacht! flüsterte Armgart ...
    Sie liess den Diener, der leuchtete, vorangehen ...
    Armgart durfte nicht mehr in Paula's unmittelbarer Nähe schlafen wie sonst.
Seit ihrer Rückkehr von Lindenwert hatte beide die Tante getrennt ... Aber
Abends noch eine Weile mit Paula, wenn diese sich wohl fühlte, zu plaudern, liess
sie sich, so oft sie in Westerhof verweilte, nicht nehmen ...
    Die Vorhänge des Schlafzimmers Paula's waren schon zurückgelehnt ... Im
Vorgemach, wo ein kleiner Ofen stand, der geheizt wurde, half Armgart die
geliebte Freundin entkleiden ... Oft sprach Paula schon im Gehen und Stehen
Dinge, die »einer andern Welt angehörten« ... Dann brachte sie Armgart zur Ruhe,
rief einem Kammermädchen, das in der Nähe schlief, und trennte sich nicht eher
von beiden, als bis Paula in völligen Schlummer versunken war ...
    Heute leuchteten Paula's Augen hell auf ... Eine stille Sehnsucht lag in
ihnen ... eine Sehnsucht, die Armgart vollkommen verstand ...
    Stürmisch warf sich Armgart der Freundin, die zu ihr herniederblickte, an
die Brust und rief mit erstickter Stimme: Ach! Ach! Was sind wir doch
unglücklich!
    Meine gute Armgart! erwiderte, dies Wort ablehnend, die ältere Freundin.
Warum unglücklich? ...
    Paula's Leben war ja ein einziges Schmerz-, oder ein einziges Wohlgefühl,
sie wusste es selbst nicht zu unterscheiden ... Sie liebte einen Priester; sie
hatte auch das sichere Gefühl, wieder geliebt zu sein ... Geständnisse hatte es
früher nicht und auch jetzt noch nicht gegeben ... Vor Armgart aber war alles
das nicht mehr geheim ... Selbst wenn Armgart zu viel Scheu gehabt hätte zu
sagen: Du liebst den Domherrn! stand es doch schon lange ohne Worte zwischen
ihnen fest ... Selbst das stand fest, dass sogar Paula's etwaiger Eintritt in ein
Kloster eine Art höherer Vermählung mit Bonaventura sein konnte ... So flossen
noch die reinen Gedanken, die Jungfrauenseelen mit der Liebe verbinden,
gleichviel, ob zu Besitz oder zu Entsagung, bei beiden mit ihrem religiösen
Pflichtgefühl ineinander ...
    Seit einiger Zeit trat Armgart freilich immermehr aus dem Bann des harmlosen
Träumens heraus ... Lag das an der Flucht aus der Pension in Lindenwert? ...
Oder jetzt an dem Zusammenleben mit so vielen liebebedürftigen jungen und alten
Mädchen im Stift? ... Lag es an ihrer eigentümlichen Schwankung zwischen den
Bewerbungen Benno's und Tiebold's? ... Sie regte schon seit lange jeden Abend
die Phantasie ihrer Freundin auf. Auch heute durch Klagen über des Domherrn
Ausbleiben ... über Tiebold's Fragen, die sie andeutete ... über Benno, »der
sich so sicher dünkte« ... und endlich stockte sie ...
    Paula fragte befremdet:
    Du hast heute etwas -?!
    O könntest du doch für mich in die Zukunft sehen! rief Armgart wie aus
tiefster Seele heraus ...
    Lass das! Lass das! erwiderte Paula schmerzerfüllt.
    Armgart hob ihre Augen bittend auf ... Das Weisse darin blitzte wie Email,
wie feuchtes Silber ...
    Paula wandte sich, als unterläge sie schon diesem Glanz und Schimmer und
Armgart's Bitten ... Lass uns beten! sagte sie ... beten gegen Versuchung!
    Paula! - hauchte Armgart. Morgen musst du mir sagen - ich frage dich -
    Nimmermehr! rief Paula. Ich verbiete dir alles! ... Und wie wild erregt von
einer Furcht, die sie plötzlich in allen ihren Geistern vor sich selbst ergriff,
fuhr Paula fort: Ihr seid so grausam gegen mich! Ihr tödtet mich noch!
    Paula! bat Armgart ...
    Ich kann ja so nicht fortleben! sprach Paula zitternd vor Aufregung. Lasst
mich doch sein, wie ihr alle seid! Jesus Maria! Es sprengt mir noch das Herz!
Geht das so fort, muss ich wünschen, jenes Mädchen kehrt zurück, das allein
gehindert hat, dass ich im Traume sprach! Wenn sie kam, wich jede Kraft von mir!
Ich will ja nur sein, wie alle andern Menschen sind ...
    Armgart wusste, dass Lucinde gemeint war, jene Lucinde, in deren unmittelbarer
Nähe Paula mit der Zeit ganz von ihrer Ekstase zurückkam, doch mit grossem damit
verbundenen physischen Schmerz, den auch Armgart damals an der Maximinuskapelle
selbst empfunden haben wollte, als sie Lucinden nach den Beschreibungen Paula's
sofort erkannte ...
    Beide Mädchen standen lange schweigend und in Wehmut verloren ... Ob sich
ihnen wohl vergegenwärtigte, dass Paula genesen konnte, wie alle Aerzte sagten,
durch - die Liebe? Ob sie wohl ahnten, dass Bonaventura auch da von sich sagte,
was er, zwischen Lucinde und Paula in der Mitte der Versuchungen stehend, am
Abend jener Beichte verzweifelnd ausrief: Ein Priester bist du! Ein Mensch ohne
Leben! Ohne männliches Zeugnis für deinen Schöpfer! ... Das alles lag nur dunkel
in ihnen. In allen jungen Mädchenherzen, ehe das Los über sie geworfen ist,
zittert nur ein schmerzlichsüsses Ahnen von ihrem zukünftigen Geschick. Bald
leiser, bald stürmischer meldet sich die Sehnsucht, die Pforte der Zukunft
geöffnet zu sehen. Oft ist es wohl plötzlich ein jugendlichschöner Gott, der aus
düsterm Nebel heraus, wildfremd, wie das herrlichste Ebenbild der Mannesschöne,
mit riesiger Umarmung die Harrende umfängt; oft liegt aber auch nur ein ödes,
trauervolles Einerlei auf ihrem unbestimmten Innern und alles, was ihr wird und
was sie beginnt, ist ihr wie Ohnmacht und todte Dämmerung.
    Da rief der Wächter wieder die Stunde ...
    Schlaf wohl! hauchte Paula und drückte Armgart an ihr Herz ...
    Armgart wollte anfangs gehen ...
    Aber, zur Tür des Vorgemachs angekommen, blieb sie stehen, fuhr sich mit
der Hand über die Stirn und rief:
    Paula! Paula!
    Was hast du? sprach diese, sie wieder näherziehend ...
    Ein »Du musst - mir -!« presste sich von Armgart's Brust ...
    Ich begreife dich nicht - Was muss ich?
    Armgart zog einen Brief aus der Brust und sagte:
    Paula! Diesen Brief - an Terschka - den hab' ich aus der Mappe -
zurückbehalten ... Ich gebe ihn nicht eher ab, als bis du ihn gelesen hast!
    Armgart! rief Paula und zitterte ... Sie ergriff vorwurfsvollen Blicks den
aus der Residenz des Kirchenfürsten gekommenen Brief und fragte:
    Von wem ist er?
    Von meiner Mutter! ... Was hat Terschka - mit meiner Mutter! Sie lieben
sich! Paula, Paula! Das ist mein Tod!
    Armgart! sagte Paula beruhigend ...
    Nur Ein Ziel meines Lebens hab' ich! fuhr Armgart in zitternder Erregung
fort. Meine Aeltern auszusöhnen! Sonst will ich nichts! Wüsstest du nur, wie ich
neulich in Witoborn war! Ich war bei Hedemann! Ich liess mir eine Stunde lang vom
Vater erzählen! Ich lieb' ihn mehr, als meine Mutter - nein, ich liebe auch
meine Mutter - mein Gelübde hat der Himmel und ich will es vollziehen und wär's
durch meinen Tod ... Armgart faltete die Hände und hielt sie empor zu einem
Kruzifix, das an der Wand hing ...
    Warum soll - aber Terschka nur - nicht deiner Mutter schreiben und sie - an
ihn? fragte Paula, entsetzt über den fanatischen Ausdruck der Gefühle Armgart's
...
    Wie, entgegnete Armgart; dieser lebhafte Briefwechsel? Diese Begeisterung,
wenn er von ihr spricht? Neulich seine schnelle Reise, um die Gräfin zu
begrüssen? Nur ein Vorwand war es, um die Mutter zu sehen! O, schon im Hüneneck
sah ich an der Eile, mit der er die Zimmer bestellte, wie er sie liebt! Und sie,
sie - sie könnte -! Dieser Brief ist von ihr - Paula, du, du sollst ihn lesen!
    Paula verwies Armgart ihr Ansinnen mit Unwillen; denn sie wusste wohl, was
Armgart meinte ... Sie wusste, dass der Brief nicht erbrochen zu werden brauchte;
sie wusste, dass sie alles lesen konnte, was man ihr im Hochschlaf aus ihr
Nervengeflecht legte ... Ob auch uneröffnete Briefe? ... Versucht war es nicht
... Hier glaubte man nicht an die Unmöglichkeit.
    Wie eine unreine Versuchung wehrte Paula Armgart's überredende Geberde ab.
Sie sagte schmerzerfüllt, doch entschieden:
    Gute Nacht, Armgart! ... Misbrauche mein Unglück nicht! ... Ich verbiete es
dir! ... Es muss ein Ende damit werden ... Gott wird mich erlösen ... Sei gut,
Armgart! ... Sei gut! ... Und nun, gute Nacht!
    Damit verschwand sie hinter dem Vorhang, den sie wieder fallen liess, und
schloss die Tür zu ihrem Schlafgemach ab ... Wieder tönte das Horn des Wächters
...
    Armgart ging zögernd auf ein Zimmer weiter zurück ... Sie hörte noch, dass
sich Paula sogar einriegelte ... Dann trat sie durch eine Nebentür auf den
kalten Corridor ...
    Ein Diener folgte und begleitete sie mit einem Licht in ihren Turm ...
    An dem Zimmer der Tante ging sie vorüber, ohne dass sie es merkte. Ein
äusserster Entschluss kämpfte in ihr, ein tiefes Sinnen beherrschte ihr ganzes
Sein ... Krampfhaft presste sie den Brief, den sie in ihr Busentuch gesteckt
hatte ... Schon hatte sie den Finger an das Siegel gelegt ... schon zuckte die
Hand, es aufzureissen ... Sie dachte an den Beistand der Beichte, der sie
leichter über die Folgen eines solchen Vergehens hinwegführen würde ... an
Bonaventura ... an Benno ...
    Da verliess sie allmählich der wilde Mut ...
    Der Diener stand und harrte ihres Befehls ...
    Legt das - in Herrn von Terschka's - Zimmer! hauchte sie. Es ist ein Brief
für ihn, der - vergessen wurde ...
    Der Diener nahm den Brief und wandte sich den Zimmern Terschka's zu.
    Armgart verschwand in ihrem Zimmer.
 
                                       6.
Drei Männer, in Mäntel gehüllt, schreiten in die Winternacht hinaus ...
    Nicht mondhell ist sie; nur sternenlicht ... Und weitin über das wellige
Land liegt mitleuchtend die Decke des Schnees ...
    Grabesstill rings die Welt ... Schlummernd alles Erdenloos ... Wer flüsterte
sich nicht: Gibt es denn geheimnisvolle Kräfte, die schicksalsmächtig über Raum
und Zeit und das Herz in unserer Brust gebieten? Und wer antwortete nicht: Ihr
stilles Hüten glaubt man jetzt zu hören ... Winterlandschaftsstille ist -
Friedensmahnruf - Sehnsuchts- - Ahnungsweckruf ...
    Anfangs noch hallte zwischen Terschka, Benno und Tiebold der erlebte Tag
und Abend nach. Man bewunderte die Kraft der Vision, die sich so in die Vorgänge
des Leichenconductes hatte versetzen können. Benno musste Tiebold zurückhalten,
der eine natürliche Erklärung, die Terschka gab, nicht wollte gelten lassen.
Terschka hatte gesagt: Wer die Gegend und die Verhältnisse kennt, würde sich die
Scenen, die heute vorfallen konnten, auch ohne ein Wunder haben ausmalen können!
... Aber die Unterbrechung? entgegnete Tiebold ... Benno antwortete statt
Terschka's: Ich will der Natur nichts von ihren Tiefen nehmen. Aber ich glaube
doch, dass wir uns durch die Gewohnheiten des Daseins in geistigen Dingen zu sehr
die Sinne abstumpfen, wie in leiblichen. Ein bis in sein Alter mit den
einfachsten Speisen Aufgezogener ist empfindlich für jede Veränderung seiner
Nahrung. Ebenso gewöhnen wir uns durch Misbrauch unserer seelischen Kräfte die
Feinfühligkeit des geistigen Spürsinns ab. Bei der Ankunft am Düsternbrook musste
die junge Gräfin etwas Unerwartetes voraussetzen; sie dachte an die Eiche, sah
sie und nahe lag das allen Bekannte.
    Von Armgart wurde nur bei Gelegenheit - der Hasen gesprochen, deren Spuren
sich an kleinen Eindrücken links und rechts im Schnee auf den Aeckern verfolgen
liessen ... In Tiebold und Benno dämmerte die Ahnung, dass Terschka es war, um
dessentwillen sie von Armgart vernachlässigt wurden ... Ja, beim
Weidwerkgespräch wieder sah man Terschka's blendende Eigenschaften. Auch Benno
und Tiebold verstanden sich darauf, aber nicht so, wie er, der die Jagd
verfolgen konnte bis auf alle Vorzüge neuer Entdeckungen aus den Gewehrfabriken
von Suhl und Lüttich. Von Terschka sah man täglich das Erstaunenerregende. Der
schmächtige bleiche, immer bewegliche Fremdling war ein Reiter, der im Sturm
dahinflog. Manches Ross, das den Koller hatte, bestieg er und bändigte es wie ein
Beschwörer. Noch neulich, wie ein dem Grafen Münnich gehörendes Tier sich unter
ihm schmiegte, wie es die mit seiner Linken mächtig geschwungene Reitgerte über
den Kopf hinweg fühlte, sich krümmte bis zur Erde und den Kopf fast in den
Schnee bohrte, dann wieder aufschnellte, mit beiden Hinterfüssen sich ebenso
rasch auf die Kruppe setzte, dann davonflog pfeilgeschwind und fast wie mit
Scham, sich überwunden zu sehen - da war das ein Schauspiel voll Vernichtung für
Benno und Tiebold; Armgart stand dicht in der Nähe und sagte nur immer: Nein,
nein, ich habe gar keine Furcht für Herrn von Terschka! ...
    Nach einer halben Stunde war der Finkenhof erreicht. Versteckt lag er unter
Bäumen und Wallhecken. Eine Mühle, ein Tanzhaus, eine Kegelbahn, ringsum
Nebengebäude; ein grosses Anwesen. Den Finkenmüller hatten Schank und Mehlsack
reich gemacht inmitten mannichfachen Elends. Auf der Saline, bei den Kalköfen,
in den Moorbrennereien wurde schnell baares Geld verdient, ebenso schnell auch
glitt es wieder weg und meist im Finkenhof, wo Sonntags die bekannte
falschgestimmte Trompete ländlicher Musik von vier Uhr Nachmittags bis zehn Uhr
zu Tanz und Jubel zu locken nicht müde wurde.
    Anfangs schien es auf dem Finkenhof stiller, als man erwartete. Schon
besorgte man, die gräfliche Jägerei nicht anzutreffen. Man hätte sie aufs Schloss
rufen können. Terschka weilte aber gern unter den hiesigen Menschen; sie hatten
ihn mit Hass empfangen; schon waren alle für ihn eingenommen ... Wir kommen zu
spät! sagte er und deutete auf manchen Heimkehrenden, der an ihnen vorüberging
und grüsste ... Dann fragte er sie ... Es hiess: Die Jäger sind da, Herr Baron!
    Nun bogen sie vom Fahrweg ab und sahen den Finkenhof hell und belebt. Der
jeden Morgen frisch aufgeeiste Bach schien zu dampfen. Die Kegelbahn hatte
Licht. An den wie mit Fett bestrichenen Fensterscheiben hätte man Scenen aus dem
vaterländischen Rekrutenleben an die gegenüberliegende Wand gemalt erblicken
können: »Fritze riecht zum ersten male Pulver« oder: »Fritze macht die erste
Bekanntschaft mit blauen Bohnen«, alles im Stil von Krähwinkel ausgeführt ... Im
Tanzsaal ist's still; aber im Wirtshaus sitzen Menschen genug und Gesang sogar
gibt es. Benno sagte: Ihren Volkstanz stampfen sie! Den lustigen Pfaffen von
Ystrup! Und schon hörte man:
He, he! Der ist zu arm,
Dass Gott erbarm'!
He, he! Der ist zu dick,
Hat kein Geschick!
    Behalte die Besinnung, wer kann, der da eintritt in diesen Dampf und Dunst
von Hitze und Taback und Bier und Branntwein! Unter einem Heiligenbild an der
Seite des Flurs hängt eine Lampe, eine ewige sogar; Fidibus von dünnen
Holzspänen liegen daneben: man kann sich Pfeifen und Cigarren an ihr anzünden.
Die drei Gäste tun es, um ein Antidoton zu haben gegen die Dünste, die ihrer
drinnen harren. Was jedoch stärkt das Ohr, diesen Gesang zu ertragen, der mit
einer Festigkeit, wie wenn man Holzblöcke in die Erde rammt, den Eintretenden
entgegenbraust? ...
    Jetzt ertönt das »He, he!« plötzlich schwächer und die Pfeifen gleiten einen
halben Zoll aus dem Munde. Man erkennt die Eintretenden. Eine Magd, zu gleicher
Zeit an zehn Fingern zehn Biergläser in der Schwebe haltend, blinzelt um den Weg
zu weisen mit den Augen dahin, wo die hochgräfliche Jägerei sitzt, hinter einen
Ofen von einer so pagodenhaften Dimension, dass Onkel Levinus über die
gelegentliche Äusserung studirt haben würde, zwischen den Oefen der witoborner
Heide und den alten Bauten der Indier zu Dschaggernaut fände ein urweltlicher
Zusammenhang statt.
    Und während nun hier mit dem Oberförster, mit dem Wild- und Hegemeister, mit
dem Jagdzeugmeister und einem Unterförster des letzten Grafen von
Dorste-Camphausen die Vorbereitungen verabredet wurden, die zu einer grossen
Vertilgungsjagd in einem von Tiebold de Jonge um 80000 Taler gekauften Walde -
seufzend hatte er draussen die mangelnde Flossgelegenheit am Mühlbach erwogen -
gehören sollten, zu einer Jagd, die unter den scheinbaren Auspicien des nächsten
Nachbars, Grafen Münnich auf Münnichhof gehalten werden sollte; während die Zahl
der Treiber, der Hunde, die Vorräte des Jagdgeräts besprochen und von Benno
mit lebhafter Orientirung die Schauplätze seiner geheimnisvollen Jugend
unterschieden wurden, der Zehnterwald von der Birkenschonung, die Knüppelheide
von der borkenhagener Saustiege - während dann auch noch der Finkenmüller, der
Meyer, der Moorbauer ehrerbietigst in den Kreis eintraten, verfolgen wir einen
Ankömmling, der langsam daherhumpelnd noch spät von Witoborn herüberkommt ...
    Es ist ein kleiner Mann, nicht unkräftig gebaut. Zwischen den Schultern
trägt er die Last eines Buckels und unter den Armen, in ein Tuch gewickelt,
einen länglichen Gegenstand, den man an einem hervorstehenden Fiedelbogen für
eine Geige halten darf ... Der weisse beulenreiche Hut ist tief über den Kopf
gestülpt, den ein Pflaster am Auge entstellt ... Ein grauer Mantel, angezogen
wie ein Militärmantel, schützt den Wanderer auf seinem Wege, den er nur langsam
fortsetzen kann, da er heute aus den Händen des Bruder Hubertus eine schlechtere
Testamentszahlung vom Kronsyndikus bekommen hat, als ihm dieser in dem beim
Pfarrer Huber in Witoborn niedergelegten letzten Willen zugedacht ...
    Es ist Stammer, der Geiger ...
    Alle wissen schon sein Unglück und jeder, der ihm begegnet, lacht seines
Hinkens und seines Pflasters ... Besonders gram ist ihm dabei niemand;
Müllenhoff hatte schon Recht: Dies Volk hat zu lange die Milde des Krummstabs
gefühlt und liebt Zechen und wildes Aufschlagen auf den Tisch und alle Sünden,
die freilich dann so viele Wächter des Himmels, wie Witoborn einst zählte, auch
wieder leichter vergeben konnten. Sie fehlen wohl bei keiner Procession, sie
werfen sich vor jedem Altar nieder, lassen sich jeden Besuch im witoborner
Münster und jeden Kuss auf einen Reliquienschrein vom Küster schriftlich
bescheinigen, um damit einst vor Gottes Tron oder bei einem Anliegen um freies
Brennholz aus einem geistlichen Walde auftreten zu können; aber nirgends wird
auch noch soviel wildes Naturrecht geübt, nirgends soviel Holz schon von selbst
gestohlen, nirgends soviel Wild im Mondlicht in die Büsche geworfen, mit Zweigen
überdeckt und bei guter Gelegenheit harmlos von einem vorüberfahrenden Heuwagen
abgeholt, nirgends wird dem damals nur langsamen Vorschreiten des Zollvereins
und der nahen »Grenze« soviel Vorteil abgeschmuggelt für Kattun, Zucker,
Kaffee, nirgends ein Hader mit dem Gutsherrn so listig geführt ... Stammer
fiedelte ihnen in alles das seine lustigen Weisen hinein oder sprach sogar über
die alte und die neue Zeit in offner Rede und setzte einen Refrain drauf, eine
Strophe gesprochen und eine gespielt, bis der Gensdarm kam oder der Meyer oder
der Finkenmüller und die Schwänke des bösen Alten verbot, dessen lästernder Mund
schon einst ein halbes Kind, Lucinde damals, aus ihrem Pavillon verbannt hatte
nach dem Tode des Deichgrafen.
    Mancher redet den Geiger an ... Er knirscht fast mit den Zähnen vor Wut ...
Mitleid wird ihm nicht; Alle wissen's doch, boshaft ist er und Bruder Hubertus
»der Abtödter« ist der endlich zurückgekehrte Liebling der ganzen Gegend; die
Kinder werden dem frommen Bruder doch wieder mit der dampfenden Schüssel
entgegenkommen, wenn er sich mit seinem Topfe naht; er wird die Pferde und die
Kühe und die Menschen heilen - und sieht er auch aus wie der leibhafte Tod und
ist sein Lachen ein Grinsen wie aus einem Knochengesicht, die Mädchen fürchten
ihn nicht, wenn er ihnen einsam im Kornfeld begegnet ... sie wissen, dass er
ihnen doch Briefe schreibt nach der Garnison, wo ihre Liebsten weilen, dass er
ihnen doch heimlich Botengänge ausrichtet zu allen Husaren, die in Witoborn
stehen ...
    An einem Kreuzweg sieht der racheschnaubende Stammer einen Mann, der des
Weges nicht kundig scheint und nicht weiss, ob er geradeaus gehen oder lieber
links sich wenden soll ...
    Landsmann! ruft der andere den Geiger an ... Wo ist die Route nach Libori -
Pfarrhaus -?
    Stammer zeigte nach rechts:
    Gerade da, wo Ihr herkommt! Oder dort drüben herum, wenn Ihr erst noch auf
dem Finkenhof einheizen wollt! Es macht kalt!
    Der Verirrte war ein stämmiger Mann mit Pelzkappe und Düffelrock und rotem
Comfortable um den Hals und hatte die Hände in den Seitentaschen ... Er kannte
den Namen des Finkenhofes und fragte:
    Geht Ihr dahin?
    Auf zwei Beinen. Sind Sie fremd in der Gegend?
    Aus Strasburg -
    »O du schöne Stadt!« sang der Geiger mit verbissener Lustigkeit. Ich bin ein
Musikus, und Sie -?
    Von Metier Perrükenmacher!
    Möcht' ich Ihnen meine gelben Haare verkaufen! Eine Hand voll schlug ich
heute umsonst los! Dass dich! Und jetzt -?
    Dionysius Schneid sah inzwischen das Pflaster über der Nase seines
Auskunftgebers, bedauerte ihn, plauderte allerlei Schnickschnack und klimperte
zur Antwort auf die letzte Frage in der Tasche mit den Worten, Geld hält' er
genug, um bis nach Polen zu kommen ... einstweilen wär' er hier in gräfliche
Dienste getreten auf Schloss Westerhof, wenn auch noch ohne Livree; heute Abend
wollt' er sich den Rest seiner »Bagage« aus dem Pfarrhause holen, wo ihn auf
einige Tage der alte Tubbicke »logirt« hätte ...
    Sind Sie doch nicht gar der grosse Prophet, den immer Herr Tübbicke junior
aus Paris erwartet? Der, der die Welt wie ein Stück Tuch zerschneiden soll und
jedem einen Fetzen gibt - ja so! mir (sagte Stammer innehaltend und nach einer
wunden Stelle seines Leibes greifend, die ihn schmerzte) schon meinen - Fetzen -
von einem adeligen - Jagdrock -
    Dionysius Schneid verstand nicht diese in den Bart gemurmelte Anspielung auf
die Ursache der Schmerzen, die dem Geiger durch vielleicht zu schnelles Gehen
gemehrt wurden ... wohl aber begriff er vollkommen die Anspielung auf die
Communauté, die ihn einst mit dem jungen Tübbicke in Paris bekannt gemacht hatte
...
    Ha, ha, ha! fiel er mit grobem Gelächter ein. Diese Propheten stecken jetzt
alle in Prison! Einer kriegt soviel Wasser und Brot wie der andere! Das ist die
Teilung der Propriété!
    Dionysius Schneid, der sich dem seinen Witz ganz freundlich begrinsenden
Geiger befreundete, schien auf dem Schloss Urlaub für die ganze Nacht genommen zu
haben und ging in den Finkenhof mit. Das Lachen der Vorübergehenden über den
Buckeligen reizte seine Neugier nur noch mehr und am Finkenhof angekommen sah
er, welchem verwogenen alten Knaben er folgte. Stammer zog, obschon ein tiefer
Verdruss an ihm nagte, seine Geige aus dem alten Tuch, nahm seinen Fiedelbogen
und hielt feierlichen Einzug mit schlenkernd ausgeworfenen Beinen, frech und
übermütig einen Geschwindmarsch streichend, den er schon auf der Schwelle
begann ... Ein schallendes Lachen empfing beide Ankömmlinge ...
    Auch Dionysius Schneid liess die brennenden Augen vergnügt im Kreise rollen.
Das Lachen und Glückwünschen belustigte ihn ... Die jungen Bursche sprangen auf
und tanzten hinter dem Geiger her ... Die Alten streckten ruhig fortrauchend die
Beine vor, um ihn zum Fallen zu bringen ... Stammer wich aus, warf seine
gelbweissen langen Haare mit kecker Geberde hinterrücks und marschirte gerade auf
den Tanzsaal zu ... Dieser war nicht geheizt, aber einige Bursche sprangen doch
an, ergriffen die Mägde, die aufwarteten, und würden wenigstens einmal mit
blosser Begleitung einer Geige den Pfaffen von Ystrup gestampft haben, wenn nicht
der Meyer, der Moorbauer und der Finkenmüller selbst gekommen wären und
eingedenk der Gelöbnisse, die sie heute dem Pfarrer gegeben, und trotz der
vielbelachten, allgemein verbreiteten und alle guten Vorsätze entkräftenden
Nachricht, nächstens würde bei Herrn Müllenhoff getauft werden, Ruhe geboten
hätten ...
    Stammer vermittelte die neue Bekanntschaft mit solchen, die sich, wenn ein
anderer Geld zeigte und »anfahren« liess, ihrerseits auch nicht »kohlen« liessen
... Die Hauptsache war Kartenspiel ... Gutmanns und Herren von Binnentals gibt
es auch im Bauernstande und aus »Schafskopf« kann man verhältnissmässig ebenso
geprellt werden, wie Piter in Pyrmont auf »Einundzwanzig« ... Stammer berechnete
schon seinen Anteil, als er Herrn Dionysius Schneid mit ein paar Salzsiedern
bekannt gemacht hatte, die im glücklichen Kartenspiel Meister waren ...
    Inzwischen hätte das Geschäft der »Herren vom Schloss« hinter dem
urweltlichen Kachelofen schon vorüber sein können. Indessen »ein Wort gibt das
andere« und wo sich einmal Tiebold's Zunge festgehakt hat, kann sie sobald
nicht wieder los. Aus einer löblichen Popularitätsbestrebung hatte man sogar dem
Finkenmüller nicht abgeschlagen, von ihm, natürlich gegen Zahlung, drei »steife
Grogs« anzunehmen, die er ihnen als die vorzüglichste Leistung seiner Grossmagd
offerirte. Die Aussicht, dass Herr de Jonge den Wald kaufte, in dem nächstens zum
letzten male gepirscht werden sollte, eröffnete dem ganzen Jagd- und
Waldhutpersonal glänzende Aussichten auf Schlag- und Holzvermessungstrinkgelder.
Bedauern, dass im Zehnterforst die Hirsche zum letzten male junge Tannenkeime
knuspern sollten, war eine hier unbekannte Sentimentalität. Nur der Meyer
äusserte von der künftigen Bestimmung dieses Forstes zu Eisenbahnschwellen einige
fromme Seufzer, die an Müllenhoff's Predigten erinnerten, der die Locomotive
darzustellen pflegte wie die vom Teufel entführte Braut der Hölle, voran Satan
mit einer Peitsche aus lichterlohem Kometenfeuer, hintenauf hockend Drachen und
Ungetüme der Unterwelt und in den Waggons fahrend Juden und Judengenossen,
Gottesläugner, Consistorialräte, Offiziere und Gensdarmen, alles was zum Leben
des neunzehnten Jahrhunderts gehöre ... Ja auch Benno seufzte: Der Zehnterwald!
Kein Holz hatt' ich so lieb, wie das! Stellen gab's da, die für's Edelwild ein
Paradies waren! Büsche an kleinen Wassern, wie gemacht für die Brunst, einsam
wie Mutterschoos!
    Brauchte da ein Jäger wohl aufs Blatten zu schiessen? fiel als leiser
Wehmutsaccord vom Hegemeister ein ...
    Nein, sagte der Oberförster, wischte sich aber nur das »neu angefahrene«
Bier aus dem greisen Barte, keine Träne, der ganze Forst gab schon einen Ton
von sich, auf den die Rehe von allen Weltgegenden hereinkamen!
    Den Ton des Schweigens! sagte Benno für sich und horchte auf die
Terschka'sche lebhaftere Seitendebatte, wo man vom Düsternbrook sprach, als von
einem Gehölz, wo seit Menschengedenken kein Hund »ein Wild stellte«.
    Das führte denn auf das heute von Allen Erlebte ...
    Man legte sich freilich die Rücksichten auf, die der An- und Abstand geboten
...
    Man lächelte nur, munkelte, stopfte sich »mit Verlaub« eine neue Pfeife und
wartete auf den, der die meiste Courage hätte, um mit der Rede durchzubrechen
...
    Des Küfers Stephan Lengenich entsannen sich alle von vor Jahren ...
    Auch Löb Seligmann war jedem bekannt. Der hatte den Küfer zurückgehalten,
als dieser seine »Entlastung« feierlich vollzogen ... Dann war Löb auf den
Schrei der Lisabet und die Störung durch den Geiger und den Mönch,
wahrscheinlich auf Schloss Neuhof zurück verschwunden, wo ihn schon der Präsident
von Wittekind zu schätzen begann ...
    Das nun war der Augenblick, wo man die Geige Stammer's hörte und vor dem
grellen Lachen, mit dem sein Eintreten empfangen wurde, sein eigen Wort nicht
verstand ...
    Nach dem, was Onkel Levinus über die alten Dinge von Schloss Neuhof erzählt
hatte, mussten die drei Herren vom Schloss wohl angenehm überrascht und begierig
sein, sich diesen Geiger näher anzuschauen ... Schon wurde seine Charakteristik
gegeben ...
    Er ist im Kirchenbann ...
    Ein alter Kerl von fast sechzig Jahren schon ...
    Putzig ist's, wenn er allein spielt! Immer erzählt er dazwischen eine Lüge,
wie Eulenspiegel ...
    Oder auch manchmal eine Wahrheit! sagte der Oberförster und betrachtete wie
mit einer Auffoderung, den Geiger näher zu rufen, Herrn von Terschka ...
    Terschka gab den Ausschlag, dass man sich allerdings eine solche Erscheinung
nicht entgehen lassen sollte ... Benno erneuerte gern eine Bekanntschaft aus
seiner frühesten Jugend ... Und so war denn Tiebold schon aus, ihn zu holen ...
    Umringt von denen, die sich nicht zu Dionysius Schneid und zum Spiele
hielten, erschien der heute so übel zugerichtete, langhaarige Buckelige ... Trüb
beschienen ihn die wenigen Oellampen, deren Lichtstrahlen vollends ermatteten
durch den Qualm der Pfeifen und Cigarren ... Der Dunst des Ofens zwang die drei
Herren vom Schloss, von diesem mit ihren Schemeln abzurücken ... Der Finkenwirt
bediente allseitig und entfernte von den Honoratioren die Nachdrängenden. Er
tat das wie mit Kammerherrenanstand ...
    Stammer schlenderte näher und grüsste trotzig ... Seine kohlschwarzen Augen
lachten verschmitzt die vornehmen Frager an. Seine dünnen Beine verneigten sich
fast wie mit einem frauenzimmerlichen Knix ... Dann legte er beide langen Arme,
die die Geige und den Fiedelbogen hielten, auf den Rücken, als wollt' er sagen:
Nun, was soll's?
    Terschka, der hier das Wort führte, sagte nicht ohne Würde, aber in seinem
fremdartigen Dialekt:
    Ei Sie! Ei Sie! Sie haben halt das Unglück, hör' ich, dem Herrn Pfarrer
nicht zu gefallen!
    Ich gefalle mir selbst nicht! Sehen Sie nur! Der liebe Gott hat mich nicht
richtig wachsen lassen! ... Das war mit einem Herumdrehen des Rückens die
Antwort ...
    Sie haben, fuhr Terschka nach dem Lachen fort, hör' ich, sehr ein grosses
Talent! Auf der Geige könnte der Paganini von Ihnen lernen, sagt man! Ich würde
an Ihrer Statt mein Publikum nicht gross genug haben können; selbst der Herr
Pfarrer dürfte mir nicht fehlen, wenn ich einmal eine gute Sonate spielte ...
    Man murmelte und lächelte auch ihm ... Stammer's Gedanken weilten zwar jetzt
mehr bei dem Kloster Himmelpfort, als bei Sanct-Libori, doch stellte er sich
demütig ...
    Schliessen Sie Frieden mit Herrn Müllenhoff, fuhr Terschka, seiner Stellung
eingedenk, fort. Er meint es gewiss gut mit euch allen! Auf Ordnung und gute
Sitte muss halt auch die neue Herrschaft sehen! Ein Jünglings- und ein
Jungfrauenbund ist gar so übel nicht und schliesst die Freude keineswegs aus. Dass
die Musik an sich Gott wohlgefällig ist, zeigt euch Sonntags jede Messe! ... Ihr
aber, Stammer, sollt ja zur Geige allerlei Schnurren vortragen können! Nun, wenn
Ihr in Euere Lügen ein paar Körner Wahrheit einmischen wollt, soll's uns noch
einmal so lieb sein! Trinkt und fangt dann mit einem Gespass an!
    Benno und Tiebold mussten dieser Weise, sich hier unter den Leuten vornehm
und zugleich populär, streng und doch tolerant zu geben, »leider« ihren ganzen
Beifall schenken ...
    Knick! Knack! drehte Stammer inzwischen die Wirbel seiner Geige, probirte
die Saiten mit dem Fiedelbogen und begann mit einigen Läufen seine hier
landbekannte Art der Improvisation ...
    In einem singenden Tone sprach er:
    Ein kleines Kind bin ich im Wald geboren - An einem schönen, schönen,
wunderschönen Sommertag -
    Mit rascher und gesprächsweiser Stimme setzte er hinzu:
    Im Juli war's - wo freilich die Tage anfangen kürzer zu werden ... ich
glaube, darum bin ich auch zu kurz in die Welt gekommen ...
    Die Leute lachten ... Stammer liess den Fiedelbogen langsam über die Saiten
gleiten und sprach dabei:
    Ach! Was ist nicht alles jetzt länger geworden! Die Tage sind's am
allerersten; auf die Art weil man so desto länger arbeiten muss! Sonst aber waren
nur die Dreigroschenbrote länger und die Elle war's und dick wurde jedermann -
nicht bloss die Wirte ...
    In ein Lachen über den Finkenmüller wirbelte der Improvisator einige Läufer
hinein, zog dann wieder, als es stiller wurde, einen einzigen, langsamen und
klagenden Ton und sagte:
    O du schöne Zeit! Du liebe Zeit! Ja, hatte man sonst im Winter, wie jetzt,
kein Brennholz, so ging man bloss zu einem heiligen Domherrn! Ach, auch das war
in der schönen Zeit nicht 'mal nötig! Man brauchte bloss seine Frau zu schicken
oder seine Tochter und alles war in Ordnung ...
    In das gesteigerte Lachen, dem sich selbst die »Herren vom Schloss«
anschliessen mussten, fiel ein wildes Dideldei der Geige wieder als Refrain ein
...
    Da liegt nun das Jägerkindlein in der Wiegen! fuhr er wieder, als sich alles
beruhigt, mit elegischem Tone und halb singend fort. Ich war meiner Mutter ganze
Lust! Milch - gab sie mir von unserer Ziegen -
    Im leichten Tone setzte er mit raschem Sprechen den Lachenden hinzu: Kein
Wunder, dass sich früh der Bock in mir regte ...
    Neues Lachen ... der alte Possenreisser machte einen zweideutigen Bockssprung
...
    Elegischer aber fuhr er fort und fixirte die Jäger, die sich ihm
gleichgültiger zeigten:
    Es war noch nicht die Zeit, als wir zum ersten male hier zu Lande hörten:
Straf mir Jott! Wat soll mm so en Junge werden? Er kann nickt Kammmacher,
Stellmacher, Siebmacher, Korbmacher, Raschmacher, Schuldenmacher - kein Jäger
nicht werden ...
    Die Jäger liessen sich den Scherz gefallen ...
    Lassen wir ihn das Schönste auf der Erden, einen Musikus beim
fürstbischöflich witobornschen Stadttrompeter werden! ...
    Eine wilde musikalische Figur folgte ...
    Der Stadttrompeter, setzte er dann wieder parlando zum singend Gezogenen
hinzu, hatte damals die Wassersucht, was sonst keine Leibkrankheit der
Musikanten ist. Dennoch lernt' ich von ihm noch zu guter letzt die Flöte, die
Clarinette, Waldhorn, Trompete, Violine und Guitarre, welche letztere ich sogar
schon wieder einem Fräulein auf Schloss Neuhof beibringen konnte - die Stunde ein
Mass Bier und ein übers andere mal sechs Pfennige ...
    Niemand von den »Herren vom Schloss« erwartete wohl, dass diese sentimentale
Guitarrenspielerin - die raffinirte Mörderin der Schwester des Geigers war, die
später wirklich auch selbst Ermordete ...
    Fräulein von Gülpen hiess die Dame! sagte Stammer. In stillen Abendstunden,
wenn der Kronsyndikus in Kassel war, lockten wir die Fledermäuse ans Fenster und
spielten und sangen: Guter Mond, du gehst so stille! bis eines Tages unterm
Fenster ein Jäger anbiss. Schön war er nicht. Eine grosse Kaffeetrommel, in die
man ihn in Java einsperrte, hatte ihn braun gebrannt -!
    Alle wussten sogleich, dass Bruder Hubertus gemeint war und sahen voraus, dass
sich der Buckelige vor den Herrschaften an ihm rächen würde über die
Mishandlung, die ihm heute in ihrer Gegenwart angetan war ... Terschka,
Tiebold und Benno fühlten die Schauer der Erinnerung an die Erzählungen des
Onkels Levinus ...
    Einige kühne musikalische Figuren, die des Geigers jetzt ausbrechenden Zorn
verrieten, wurden gestrichen als Zeichen, dass er an seine Pointe kam ... Er
fuhr singend fort:
    So ging es her zu jener Zeit - heidi! ... Auf Schloss Neuhof - heidi! heidi!
heidi! ... Viel Herrn und Damen - ei, ei, ei! ... Musik und Tanz und Gasterei!
... Und Parlez-vous français, Musje? ... Italienerinnen - »Nix versteh!« ...
    Blos unser Geld verstanden sie - setzte er parlando hinzu, und das kräftige
deutsche Wort: »Tar Teifel!« ... Eine war so gut wie die zweite Baronin und
sagte nur immer: »Tar Teifel!« ... Ihre Reitpeitsche hieb - hui! - über alles
weg, was ihr in den Weg kam. Eine Sängerin war's aus Rom -! »Nix versteh«, als
»Tar Teifel!« und nur »viel Geld«, »gute Geld«, »schwere Geld« und Brillante -
aber »von die echte« -! »Tar Teifel!« fluchte sie zu Wagen und zu Pferde! Aber
schön war sie -! Und lachen konnte sie -! Auch über mich und sogar über den
schönen Mann aus der Kaffeetrommel!
    Wilde Variationen fielen wieder ein ... Unfehlbar war eine Rache an Hubertus
das Ziel ...
    Alle betrachteten Terschka, um gerade an ihm, an der Hauptperson des Abends,
die Wirkung dieser Possen zu beobachten ...
    Da - ist - denn aber gekommen - fuhr Stammer mit patetischem Nasenton fort
- der grossmächtige - Winter Anno Zwölf - und - (so ein einziges »und« zog er
schon wie eine lange, lange Note) und - da sind die Füchse - die Wölfe - die
Franzosen - sind gekommen - und dass Gott erbarm'! - man hätte seinem Feind nicht
abgeschlagen ein Stück Pumpernickel, was ihm sonst nur eine Brotsorte von Stein
gewesen war ... Sakkernungdediö! Da zog auch Herr von Bosbeck einmal einen
Tuchrock an -
    Buschbeck! verbesserten einige Stimmen ...
    Terschka horchte immer mehr auf ...
    Die Hitz' bei zwanzig Grad, unter Null war ihm denn doch zu arg und ob er
gleich 'ne Haut hat wie Leder, gegerbtes Rindsleder, der Herr von, Bosbeck ...
    Buschbeck! verbesserten schon ihrer mehr ...
    Die hat er, eine Haut von Büffelleder! Ich hab' sie oft genug selbst gesehen
... Eines Tages sah ich sogar an Bosbeck's Arm -
    Buschbeck! schrieen die Zuhörer ...
    Bosbeck -? wiederholte Terschka für sich ...
    Bosbeck ist sein Name! rief jetzt kreischend der Geiger voll Tücke und auf
der Höhe seiner Rache angekommen. Es ist ja ein Vetter von dem Bosbeck selig,
der in Gröningen am Galgen hing ...
    Terschka schauderte ersichtlich ...
    Die Umstehenden schwiegen ... Dass es mit des Mönches früherem Leben nicht
geheuer war, wussten alle ...
    Sah' ich denn nicht, krächzte der tückische Geiger, sah ich denn nicht - auf
dem Leder hier am Arm, wo andere Menschen, sogar die Buckeligen, höchstens ein
ehrliches Muttermal haben - ein Galgenrad eingebrannt? Ganz wie damals beim
Liborius Pollmann, bei Dominicus Klapprot, Jean Picard und wie sie alle heissen,
die dazumal das Geld flüssig zu machen wussten - rund ist ein Rad und rund ist
die Welt und -
    Nun fiedelte und sang der Geiger eine wilde Melodie ...
    Da unterbrach ihn aber ein Lärm, der sich aus einem hintern Winkel erhob ...
    Schlagt den Hund todt! rief man dort aus kreischenden Kehlen durcheinander
...
    Alles, noch starrend und murmelnd und flüsternd über die unglaubliche Mähr,
dass der fromme Bruder Hubertus auf seinem Arm könnte ein Verbrecherzeichen
eingebrannt haben, wandte sich ungern ...
    Der Finkenmüller sah eine Rauferei und rannte schon fast den Geiger nieder
und warf sich dazwischen.
    Die Spieler hatten den von Stammer mitgebrachten Fremdling zu Boden geworfen
... Sie, die gehofft hatten, einen reich mit Geld Ausgestatteten prellen zu
können, waren es von ihm geworden ... Geschuppt hat er! hiess es, und zwei
bekannte liederliche Bursche rangen mit dem Voltenschläger, der sich wehrte,
hielten ihn auf den Boden nieder, während andere den Finkenmüller zurückhielten
und durcheinander schrieen: Wie er abhob, sahen wir's! - Schon da, als er
mischte! - Daumen hat er wie ein Dieb! ...
    Ruhe! rief der Meyer und machte den Herrschaften Bahn ...
    Terschka's aufgeregtes Herantreten, Tiebold's Zurückhalten der beiden
Salzsieder, Benno's energisches Bedeuten um Ruhe unterbrach die Fortsetzung der
Künste des Geigers und des Kampfes, welcher letztere sich sogar durch einen
zufälligen Umstand plötzlich in Heiterkeit auflöste ... Herrn Dionysius Schneid
entglitt unter den Fäusten seiner überlegenen Angreifer ein Schmuck seines
Hauptes, eine pechschwarze Tour, die über einen plötzlich sichtbar werdenden,
kurzgeschnittenen rothaarigen Schädel geklebt war ... Das dann zu gleicher Zeit
noch hineingeworfene Wort des hinzutretenden Geigers: Es ist ja ein
Perrükenmacher! machte selbst Tiebold und Benno lachen, und so erhob sich der
Strasburger und benutzte den Moment, sich so schnell wie möglich zurückzuziehen
und heimlich zu entfernen ...
    Der Wächter draussen rief die zehnte Stunde ... Alles beruhigte sich jetzt,
gedachte der Heimkehr und liess zunächst die »Herrschaften« durch, die sich jetzt
empfahlen ...
    Die Jäger gaben ihnen noch eine Weile das Geleite ...
    Der Meyer, der Moorbauer blieben zur Kritik des Abends zurück. Da sie
bestätigten, dass Herr von Terschka plötzlich in ein auffallendes Schweigen
verfallen war, wurden dem Geiger vom Finkenwirt für seinen frechen und
lügnerischen Ausfall auf den Liebling der Gegend und einen Mann Gottes die
bittersten Vorwürfe gemacht. Als Stammer entgegnen wollte, warf ihn der Wirt
ohne weiteres zum Hause hinaus ...
    Draussen an den sich kreuzenden Wegen zerstreute sich dann alles ...
    Benno sagte zu Tiebold: »Tar Teifel!« Den roten Kerl muss ich doch schon
irgendwo gesehen haben?
    Auch Terschka hörte dies, glaubte aber die Rede wäre von dem Brandmal des
Hubertus ... Darf er denn solange ausserhalb seines Klosters leben? fragte er,
nahm, als sein Irrtum berichtigt, seine Frage bestätigt worden, Abschied von
Benno und Tiebold und ging mit dem Oberförster und dem Wildmeister dem Schloss
zu ...
    Die Schläge der zehnten Stunde erklangen von allen Seiten her durch die
stille Nacht ...
    Die nächst hörbare Uhr war schon die von Schloss Westerhof ...
    Selbst vom schneebedeckten Jesuitenturm in Witoborn hörte man in der
nächtlichen Stille das bekannte hastige Jesuitenläuten ...
    Und öde wie die Winternacht, war die Stimmung der Freunde ... Was sie jetzt
hätten aussprechen können, war schon in diesen Tagen so oft gegenseitig
ausgeschüttet worden ... O wie war Armgart so seltsam geworden! Wie lag es
winterlich auf dem Herzen der Freunde! Erstorben alle Blüten, verklungen alle
Freuden, begraben die schönste Maienzeit des Lebens! ... Der Scherz mit den
»Vielliebchen« war die letzte Erinnerung gewesen an den Ton vergangener Stunden
...
    Tiebold's Art und sein schlechtes Gewissen litten es freilich nicht, dass er
so ganz zu allem Herzleid schwieg. Seine Zunge wurde nicht müde bald die Geister
des Jenseits, bald die Vicinalwege des Diesseits zu besprechen, bald den Doctor
Püttmeier, bald die Jagd, bald das unheimliche, vielleicht gar nicht existirende
Brandmal auf dem Arme des Mönches Hubertus, bald den Räuber Bosbeck - eine
Jugenderinnerung - bald die Guitarrestunden der ermordeten Frau Hauptmann zu
erläutern ... Alles, was er damit nur sagen konnte, lautete im Grunde seines
Herzens: Was hebt uns ach! mit so lustigen Schwingen in die kalte leere Luft und
lässt uns schweben wie Fieberkranke, die da jammern des gefürchteten jähen ewigen
Niedersturzes! Was geht vor in diesem Chaos des Erdenlebens, im dunkeln Rat der
Götter, die die Menschenloose zu ihrer Freude mischen! Wohin wandeln wir! Was
geschieht! Wie nur so angstvoll klopfen unsere Herzen, wie so bang mahnt unsere
Ahnung! Geister halten, führen uns - aber wohin geht ihr Weg, wo ist das
glückliche Ziel?
    Nach einer Wanderung von einer halben Stunde hörten sie das Rauschen der
berühmten Mühlen von Witoborn. In ihren Donnerton versank alles, was Tiebold
nur sprach, um richtiger, wenn auch sehr prosaisch zu sagen: Ist es denn
möglich, dass man uns, uns - - diesen Terschka, einen Mann von vierzig Jahren
vorziehen kann!
    Benno lebte hier auf dem Schauplatz der ersten Erinnerungen seines dunkeln
Lebens schon seit Wochen wie im Traum. Seine Rückkehr zur Schreibstube Nück's
stand nahe bevor. Er schloss auch mit diesem Tage ab, wie schon seit lange mit
seinem ganzen Leben. Seine Entsagung war eine um so schmerzlichere, als er sich
die Philosophie gebildet hatte: Was du dir unsers Daseins für würdig hältst,
musst du dir hienieden zu erringen suchen! ... Die erfahrungslose Jugend baut
sich ja schneller Systeme, als das geprüfte Alter. Gehen diese Systeme hervor
aus »Enttäuschungen« und »gescheiterten Hoffnungen«, dann zerfallen sie wohl
leicht wieder in Trümmer; aber jäher ist ihre Dauer, gefahrvoller wird sie für
das Herz, wenn sie aus jener Jugendstimmung entstehen, die wenig erwartend vom
Jenseits auch vom Diesseits nur mit bitterer Verachtung spricht, von ihm am
wenigsten noch etwas hofft, zu seinen Gunsten am wenigsten noch etwas unternimmt
...
    Eine volle, freie, erhebende Stunde mit Bonaventura hatte Benno noch nicht
finden können.
 
                                       7.
Auch für Bonaventura war dieser Aufentalt eine Rückkehr auf den Schauplatz
seiner ersten Jugend.
    Auch ihn zog hierher eine Liebe und eine froh-bange Sehnsucht ... Er kannte
Paula als Kind, dann kannte er sie mit dem Ausdruck jungfräulich erster Reife
... Jetzt erwartete er nach allem, was er von ihr wusste, ein Bild voll
elegischer Hoheit, eine gefangene junge Königin, die in einem einsamen Schloss
wandelt, hoheitsvoll und tief hilfsbedürftig zugleich.
    Die Beklemmung, in Paula's seltsam bedingtes Lebensdasein einzutreten, wuchs
mit der Nachwirkung dessen, was in der Residenz des Kirchenfürsten noch in den
letzten Augenblicken von ihm erlebt werden musste. Die Begegnung mit Bickert im
Beichtstuhl, die Hoffnung auf Rückgabe der im Sarge des alten Mevissen
gefundenen Papiere - Lucinden's Erklärung, dass dieser Schatz in ihren Händen war
- wie durchrieselte ihn da mit schüttelndem Frost die Erinnerung an die aus
ihrem Mund gekommenen schonungslosen Drohungen! Eine Rachegöttin umschwebte sie
ihn auf allen Wegen. Das Schwirren ihrer Eumenidenflügel glaubte er zu hören,
das Leuchten ihrer geschwungenen Fackel in dunkler Nacht zu sehen. »Der ganze,
ganze Bau der Kirche!« Dies tiefhöhnende Wort hallte durch seine Seele wie
Grabesruf. Was konnte der treue Diener seines Vaters aufbewahrt, was von diesem
zum Aufbewahren erhalten haben, das an sein Dasein eine so grosse Tatsache, den
Bau der Kirche, knüpfen liess und nicht ganz zerstört, ja vielleicht ausdrücklich
einem Grabe einverleibt werden sollte?
    Der ganze Bau der Kirche! ... O da war er denn nun in diesem heiligen
Witoborn! Hier hatten Bischöfe getront und den Krummstab als Scepter geführt
und nicht Eine bedeutsame Erinnerung an deutsche Grösse, Kraft und Bildung war
zurückgeblieben. Kleinliche Häuser, ärmliche Strassen, in entlegener Gegend, in
einer halben Wüste ein glänzender Palast, die Residenz dieser Bischöfe, jetzt
eine Kaserne. Nichts vom Vergangenen zurückgeblieben, als eine Unzahl Kirchen,
ein düsteres Jesuitenstift, Gefässe von Silber und Gold in den Truhen der
Sakristeien, Monstranzen mit Edelsteinen, Fahnen und Baldachine von kostbarer
Stickerei. Hier und da fand sich eine bessere Erinnerung aus der Zeit der
Aufklärung. Einige Priester hatten in dem Geiste des Onkels Dechanten gewirkt.
Einiges war geschehen für Priesterbildung, Jugendunterricht und würdigere
Gottesverehrung - aber der neue römische Geist überbaute schon seit lange alles
wieder mit seinem künstlichen Mittelalter. Am Markt, in den Läden der
Hauptstrassen waren die Schaufenster besetzt mit Monstranzen, Kelchen,
Kruzifixen, Madonnen aus Alabaster und Bronze, Erzeugnissen einer Industrie,
deren Spuren sich bis dahin verloren, wo man sogar dem Salon einen gewissen
koketten kirchlichen Ausdruck jetzt zu geben versuchte. Eine Procession hier,
eine Procession dort. Bruderschaften fast für jeden Tag der Woche in Bewegung.
Männer, Weiber, Kinder mit Lichtchen in den Händen, mit Fahnenwimpeln, Kreuzen,
Messner und Chorknaben dazwischen in bunten Gewändern, singend und sprechend mit
allen jenen Dissonanzen und unsichern Rhytmen, die ihm seine
Glaubensvirtuosität früher als so rührend erscheinen liess. Jetzt sah er in
diesem Kirchgang so vieler Männer an Wochentagen nur die Versäumnis ihrer
Arbeit. Ehe er nach dem Pfarrhause zu Sanct-Libori fuhr, war er »Bei
Tangermanns« abgestiegen. Ihm gegenüber hatte ein Kapuzinerkloster eine Kirche,
vor der in einem Aufputz wie für Kinder - eine kleine Madonna in natürlichen
Kleidern von Sammet und Seide auf offener Strasse stand.
    Am Morgen gleich nach seiner Ankunft kamen Benno, Tiebold, Hedemann.
Erstere beide wohnten in einem Müllerhäuschen, das etwas entlegen lag vom
donnernden Geräusch der schon von Hedemann selbst betriebenen Mühlen. Das
Wiedersehen war hocherfreut. Bei Benno sogar mit ironischem Lächeln, als es der
Frage galt nach dem ersten Besuch auf Westerhof; bei Tiebold mit der scheuen
Befangenheit eines schuldbewussten Schülers vor seinem Lehrer; bei Hedemann mit
jener bekannten immer mehr sich bei ihm ausbildenden, lächelndstrengen
Sicherheit des Bibelglaubens; Hedemann hatte in der Tat ketzerische Grundsätze
aus England und Amerika mit heimgebracht und wurde in ihnen durch die
Erfahrungen, die seine greisen Aeltern mit dem Pfarrer Langelütje gemacht, in
Gedankengängen bestärkt, die zu irgendeinem, vielleicht für ihn verhängnisvollen
Ziele führen mussten. Dass der Domherr nicht in Witoborn blieb, wusste man.
Bonaventura wollte seinen nominellen Pfarrsitz selbst einnehmen und schon war
nach einem Wägelchen geschickt worden, ihn an seinen eigentlichen Wohnsitz zu
führen, den er einem alten Brauche gemäss bis gegen Ostern einnehmen musste. Benno
bedauerte diese Trennung. Er schilderte das Haus »Bei Tangermanns« als einen
unterhaltenden Rest altdeutscher Gastfreundschaft, der indessen die Trinkgelder
und modernen Preise nicht ausschlösse. Seht nur, sagte er, dies alte Mauerwerk
mit bunten pariser Tapeten beklebt! Goldleisten über wurmstichige Balken!
Parquetfussböden neben grünen Kachelöfen! Tiebold setzte hinzu: Lästern Sie
nicht! Das beste ist ein patriarchalischer Weinkeller, aus dem man nur leider
allein durch Schmeichelei einen Niersteiner Gelbsiegel bekommen kann! Der alte
Tangermann hat auf seiner Weinkarte alle nur möglichen Cabinetsauslesen und
Dompräsenze, gibt sie aber nicht her, wenn man sie nur so einfach bestellt, wie
wahrscheinlich unser Freund Piter Kattendyk getan hat, als er von witoborner
Krätzer sprach! Erst sagt der Kellner regelmässig: Der alte Herr Tangermann hat
den Schlüssel! Erst muss man an Herrn Tangermann's Stube klopfen, muss erst seine
ausgestopften Vögel bewundern, die herrlichen Aquatintas an den Wänden, die
Napoleonischen Rührscenen aus Fontainebleau und Sanct-Helena bewundern, ehe man
das Gespräch auf seine Jahrgänge bringen und ihn geneigt stimmen kann, eine
Probe heraufzuholen, die dann aber dennoch keineswegs zu einem
altpatriarchalischen, sondern ganz modernen Preise abgelassen wird, wie nur in
irgendeinem Victoriahotel! Und Hedemann setzte hinzu: In der Kunst, dem alten
Tangermann diese guten Stunden abzuschmeicheln, ist niemand bewanderter gewesen
als der Landrat von Enckefuss!
    Dieser Name gab dann Fernsichten in die betrübenden Eindrücke des
Kirchenstreites ... Fernsichten auch auf Schloss Neuhof, auf Bonaventura's
Stiefvater, seine Mutter, ja zuletzt auf Klingsohr, von dem man wusste, dass er
gewaltsam nach dem Kloster Himmelpfort zurückgeführt worden ... Ein Leben im
Gastof stört dann freilich jeden Schmerz ... Hier ein Zimmer, wo ein Trauernder
weint, nebenan eins, wo ein Musterreiter die neuesten Modearien singt -
Letzteres geschah wenigstens der kleinen Gesellschaft. Nur Zufall war es, dass
ein gewisser Mann nebenan, der sich eben rasirte, die Namen seiner Nachbarn
nicht zu erfahren begehrte und, verloren in die täglichen Geschäfte, die ihn
erst mit Herrn von Terschka, jetzt schon mit allen umwohnenden Adeligen
verbanden, ja schon auf Schloss Neuhof riefen, sich nicht als Löb Seligmann aus
Kocher am Fall seinen alten Bekannten zu erkennen gab ... Und doch wie sang er
sich selber vorm Spiegel an: »Dies Bildnis ist bezaubernd schön!« wie jodelte
er, wenn er plötzlich von Extrapostideen befallen wurde, das damals neue: »Ho,
ho! So schön und froh! Der Postillon von Lonjumeau!«
    Im Pfarrhause bei Norbert Müllenhoff fand Bonaventura zwei Zimmer schon für
sich hergerichtet, Zimmer, in deren Ausstattung er die liebende Sorgfalt aller
der Menschen erkannte, die ihn hier namentlich auf den Adelssitzen voll hoher
Spannung erwarteten. Es waren zwei einfache Wohnzimmer eines allerdings
neugebauten massiven Hauses, aber mit einem Comfort ausgestattet, der alle
Spuren trug vorzugsweise vom nahen Westerhof und vom Stifte Heiligenkreuz. Die
Namen Paula, Benigna, Armgart glänzten unter allen, die der alte Tübbicke als
die Stifterinnen dieser Herrlichkeiten nannte ... Norbert Müllenhoff stand mit
scheuer Spannung in der Nähe. Er hatte die ihm eigentümlich derbe Courage mehr
nur nach unten hin; nach obenhin nur dann, wenn er der Masse gegenüberstand ...
ein einzelnes gesticktes Damentaschentuch mit dem Geruch von Esbouquet konnte
ihn nicht bloss im Salon, sondern sogar im Beichtstuhl stutzig machen.
    In diesem Müllenhoff fand sich Bonaventura bald zurecht. Es war die
Richtung, die Michahelles auch bei ihm vorausgesetzt hatte, die neue Richtung
einer fast burschikosen Verachtung alles dessen, was mit Bildung und Aufklärung
verbunden ist. Müllenhoff's jeweiliges grelles Auflachen, wenn er einen seiner
Einfälle selbst doch auch allzu schlagend fand, charakterisirte ihn sofort; denn
nichts charakterisirt uns mehr, als die Art, wie wir lachen. Hier fehlte selbst
die Koketterie, die doch Beda Hunnius noch mit der Poesie trieb. Diese
jungkatolische Richtung renommirt mit der Verachtung jeder Beziehung ihrer
täglichen Denk-, Rede- und Tätigkeitsweise mit dem, was dem Geist der
Aufklärung angehört. Gleich die Frühstücksbutter, die seine Aufwärterin zu einem
zweiten Frühstück für ihn und seinen Gast hereinbrachte, schob Müllenhoff mit
den Worten zurück: »Nehm' Sie die Butter mit! Ganz frische soll's sein! Die da
riecht - toleranzig!«
    Schon bei diesem Frühstück erschienen die zuvorkommenden Besuche des Herrn
Levinus von Hülleshoven, des Herrn von Terschka, des Grafen Münnich und immer
mehr zunehmend einer Anzahl von Adeligen und Geistlichen, die sämmtlich in
stattlichen Kutschen kamen ... Selbst die drei ältesten Stiftsdamen von
Heiligenkreuz fuhren vor ... So schnell hatte sich die Kunde von des jungen
Domherrn endlicher Ankunft verbreitet. Die Räumlichkeit wurde fast zu klein; die
Gäste, die den Längstersehnten begrüssen wollten, konnten nur eine kurze Weile
bleiben.
    Ueber die Zeit sprach man, über den Kirchenfürsten. Durch alles, was
Bonaventura von Äusserungen eines erschreckenden Fanatismus vernahm, tönte wie
ein Grundaccord immer der gottbegnadete Zustand Paula's hindurch. Selbst die
Erbfolgefrage verschwand dagegen. Es fielen Fragen, wie die: Ob die Gräfin
kürzlich nicht wieder »die Besuche ihres göttlichen Bräutigams« empfangen hätte?
dabei beobachtete man nicht nur die Mienen des antwortenden Onkel Levinus,
sondern schon das Erröten des Domherrn. Man hatte von Bonaventura die
Vorstellung eines Fanatikers, eines parteinehmenden Zeloten, der, wie
Michahelles angedeutet hatte, seine bereits allen bekannte seelische Beziehung
zur Ekstatischen zu einem noch festern Seelenbunde knüpfen, die noch unbestimmt
tastende Gefühls- und Anschauungswelt derselben regeln, ihre Visionen und
Heilkräfte zu einem vollgültigeren Zeugnis für die wiederum prophetisch
gewordene Zeit und den Triumph der Kirche verwandeln würde ... Er sah diese
Gleisnerblicke, dies süsse Lächeln, hörte dies bedeutungsvolle Seufzen, das bei
allem Schein der Demut mit einem festen und sichern Gange auf ein
gemeinschaftliches Ziel losging, über das man sich nicht einmal in offen
ausgesprochener Verabredung und Geständnissen befand ... In einem stattlichen
Wagen, zwischen dem Onkel Levinus und Terschka, fuhr Bonaventura dann auf Schloss
Westerhof.
    Die Prüfung, Paula im kleinen Kreise oder gar allein wiederzusehen, wurde
ihm beim ersten Grusse nicht. Er fand gleich ganz Westerhof in festlicher
Bewegung. Die Damen der Gegend, vorzugsweise das Stift Heiligenkreuz, waren in
Toilette versammelt; Paula stand umgeben von jungen Mädchen, von Frauen und
Matronen ...
    Einen Schritt trat sie hervor und reichte ihm die Hand ... Endlich Traum und
Erfüllung ... Schmerz und Seligkeit ... und wiederum doch nur - Seligkeit und
Schmerz!
    Mit den Jahren waren beide gereifter geworden ... Sie erblüht zur hehren
Jungfrau ... Er ein Mann - Ein Mann? Ein Priester! Angewiesen, Segen zu
erteilen, anderer Glück zu heiligen und selbst zu entbehren ...
    Rings ein Reden und Grüssen und ein Durcheinander der - Bewirtung ...
    Aber Paula war es doch! ... Ihr Seelenfreund von vergangenen Tagen war es
doch! ... Ihr Erröten und das seine ... ein Rot war es, als beschiene beide
die Sonne in ihrer heiligsten Frühe, Aufgangsglanz vom Osten, vom fernsten
Ganges her ... War das noch Winter um sie her? ... Zwei Seelen grüssten sich, die
da weilten, wo die Nachtigallen sangen ...
    Armgart fühlte das schon ahnungsvoll und schwärmerisch mit ... sie hielt
Paula, um dass sie vor Ueberseligkeit nur nicht schwankte ... Wie Epheu schlang
sie sich um ein lebendig gewordenes Marmorbild ...
    Die Geisterjungfrau sprach ... Sie sprach mehr als je ... Was sie sprach,
hörte Bonaventura, er verstand es nicht ... Auch Armgart plauderte noch ihm
unverständlich ... Wie im Wirbel stand er ... Armgart sah den Vielbesprochenen
zum ersten male ... Die einfache Tracht! Nur ein langer schwarzer Ueberrock;
altmodisch der Schnitt; die Weste hochgehend, wie die Regel will; das Haar
entstellt ... Nichts, was anziehen konnte, als die Gestalt nur und der edle
Ausdruck des Hauptes ... Armgart starrte dem allen und horchte seinen Worten,
deren Klang ihr sofort wie Melodie erschien, denn was Paula liebte, liebte
sogleich auch sie ...
    Der Himmel öffnet zuweilen durch Engelhand seine Pforten ... Dann strömt
einen Augenblick überirdischer Glanz über die Menschen und ringsum ist auch
zuweilen dann wirklich die feierliche Andacht da und das heilige Verständnis ...
Ha diese kluge Welt! ... Sie wusste schon alles ... Ein einziger geisterhafter
Augenblick sprach schon im stillen zu allen: Er kennt diese tiefblauen Augen,
kennt den feuchtschimmernden Glanz derselben, die dunkeln Augenwimpern, die wie
die Schwingen auch der Seele Paula's nicht unruhig flatterten, sondern ruhig
über ihrem blauen Himmel tronten ... Nun staunt er doch wohl, dass diese Augen
sich noch immer schliessen und mehr noch als sonst schon in die Ferne sehen
können? ... Und ziert dich denn noch immer dieselbe Schüchternheit, du vornehme
Jungfrau, derselbe zagende Mut, der alles duldete, selbst wenn die böse
Lucinde, von der hier mancher wusste, ihre Stellung vergass und Befehle erteilte,
wo sie deren nur zu empfangen hatte? ...
    Verständigungen des Herzens konnten nur im Blicke liegen ... Einen Schleier
nach dem andern, der das kaum ja auch Auszusprechende verhüllte, wob schon
gleich wieder das Leben in der buntesten Fülle seiner Anregungen ... Da gab es
zu besprechen! Die nächste und entfernteste Zukunft Paula's! Die Zeit selbst mit
ihren ringsum ertönenden verworrenen Stimmen! Und die Prophetengabe der Herrin
des Schlosses, auf deren Namen wohl noch mehr Wunder und Voraussagungen gingen,
als in Wahrheit begründet waren, wie war das ängstlich! Auffallend erschien, dass
mit Bonaventura's Ankunft in Paula ein gehobener Schwung kam, der die Kraft des
Geistes über den Körper zu stärken schien. Schon am ersten Tage hielt sich die
Leidende über der versammelten Menschenmenge empor, erlag nicht dem Druck
derselben, der sonst sie in solcher Lage immer plötzlich entschlummern machte.
Und das nahm zu, wurde besser von Tage zu Tage. Sie erlag seltener der
rätselhaften Krankheit ihrer Nerven. Was so mancher im stillen schon von der
Ehe gesagt hatte, sie wäre ein Ausweg, der die Gräfin völlig heilen würde,
zeigte sich dem Schärferblickenden annähernd. Statt einer Steigerung der Neigung
zum Traumschlaf trat anfangs eine Minderung ein.
    Die erste Messe zu Sanct-Libori, die erste von der Kanzel gesprochene
»Application« kennen wir. Sie riefen auch hier die Wirkungen hervor, die von
Bonaventuras Auftreten unzertrennlich scheinen. Der Kreis von Bekanntschaften,
der ihn schon wie gefangen nahm, wuchs. Seine Oberaufsicht über den Gang der
kirchlichen Angelegenheiten in diesem Sprengel war mehr eine formelle Pflicht.
Bonaventura erkannte dann auch zu sehr die Heftigkeit seines untergebenen
Pfarrers, um mit einem Naturell zu streiten, das nicht zu ändern war und
sogleich auch für seine Unarten als Vorwand heilige Namen hatte. Ironie half ihm
gegen Uebertreibungen. »Denken Sie das?« »Ziehen Sie das also wirklich vor?« Von
Witoborn's Geistlichen und Mönchen kam Bonaventura regelmässig heim wie aus einem
Kriegslager.
    Die stillen Abendstunden auf Schloss Westerhof waren dann glückselige
Momente. Terschka, Benno und Tiebold teilten sie, und da Armgart nicht immer
zugegen war, blieb Paula der alleinige Mittelpunkt. Armgart wurde allerdings
auch für Bonaventura mit der Zeit befremdend. Sie wanderte zwischen Westerhof
und Heiligenkreuz, oft ganz allein, ohne die mindeste Furcht, selbst wenn sie
durch einen ansehnlichen Wald gehen musste. Bonaventura sprach von ihrer Mutter
und von ihrem Vater mit gleicher Unbefangenheit. Eine Parteilichkeit für Benno
entdeckte er nicht, mehr noch für Tiebold, am meisten für Terschka, der ihm
gleichfalls neu und nicht sogleich erklärbar war. Terschka nannte Armgart eine
Cactusblume. Der Onkel erläuterte: »Brennendrot und von einer schönen
Zeichnung, aber gewachsen auf einem gefahrvoll stachlichten Stamm!« ... Nun geht
es so, dass Menschen, die gerade das Bedürfnis haben, sich aneinander
anzuschliessen und sich einen hohen Wert einzugestehen, doch nur durch Reibung
und Aneinanderstreifen sich nähern. Bonaventura hatte noch nichts von Tiebold's
Busse vernommen und nur ewig Terschka und Terschka hört' er -? Wäre das möglich!
sagte er sich. Armgart, ein Mädchen wie ein Tautropfe, und dennoch, dennoch
eine so schnelle Wandelung -? Hier lag ein Rätsel vor und er erklärte sich's
aus der Schwäche des weiblichen Gemüts und zürnte ihr und strafte sie schon oft
oder »trumpfte sie ab«, »duckte« sie, wie es die Tante Benigna mit wahrer
Genugtuung nannte ... freilich nur durch ein Lächeln oder eine kurze ironische
Zwischenfrage.
    Ehe hier tiefere Blicke und Verständigungen folgten, kam dann die bange
Fahrt zum Schloss Neuhof, an dem Tage, als es hiess, der Kronsyndikus ist im Arm
seines plötzlich angekommenen Sohnes, des Präsidenten, verschieden. Die
schuldige Rücksicht verlangte, dass Bonaventura den zweiten Gatten seiner Mutter
auf diese Nachricht sofort besuchte. Dass die Mutter nicht mitgekommen, wusste er.
Er traf am Montag den Präsidenten in der ganzen Erregung, die ein längst
vorausgesehener Fall, dessen endliches Eintreten man sogar den Umständen nach
wünschen musste, zuletzt doch hervorzubringen pflegt. Sein Stiefvater war
auffallend gealtert. Er begrüsste Bonaventura mit all der scheinbaren
Herzlichkeit, die ihm zu Gebote stand. Seine Gesundheit erklärte er nicht für
die beste, sprach von Reisen nach dem Süden, von seinem Abschied, den er nehmen
wollte, von den Schwierigkeiten, die sich bei Abwickelung seiner Erbschaft
ergäben, von dem Mistrauen, das ihm infolge des Kirchenstreits hier um seiner
amtlichen Stellung willen entgegentreten würde. Er brachte Nachrichten vom
Kirchenfürsten, der in seiner Gefangenschaft sich mit Ruhe in sein Schicksal
ergäbe, wäre er sich doch bewusst, Anlass einer Aufregung gewesen zu sein, die
seinen Grundsätzen jetzt zugute kam; er rauche seine Pfeife, ginge auf den
Wällen der Festung spazieren und wünsche nicht einmal die politischen
Demonstrationen, die der Adel der diesseit und jenseit des grossen Stromes
gelegenen Provinzen beim Landesfürsten unternähme - »sie könnten ja nur in jenem
revolutionären Sinne gedeutet werden, den er nie befürwortet hatte; denn die
Kirche hätte nichts mit der neuen Richtung des Lamennais gemein, sie wäre alt
genug und könne immer noch warten und warten bis ihr die geistige Hülfe käme«
... Von der Mutter sagte der Präsident, sie würde auf dem Schloss, das sie nie
besucht hatte, gleich nach dem Begräbnis eintreffen. Der Präsident war kälter,
wortkarger und verschlossener denn je geworden.
    Am Begräbnisstage sass Bonaventura in dem Trauerwagen neben dem Stiefvater.
Wohl sah er, dass selbst diese starren Züge erregter wurden, als sich der Zug dem
Düsternbrook näherte. Als die Scene an der Eiche vorfiel, erblasste der
Präsident; das Wort erstarb auf seinen Lippen; in eine Ecke gedrückt wartete er
ab, bis sich der Zug wieder in Bewegung setzte. Ein tiefer Seufzer entrang sich
seiner Brust, als die Störung vorüber war und ihm Bonaventura zu seiner
Beruhigung die leisen Worte sprach: »Paulus sagt: Der Tod ist der letzte Feind!
Nun wird ja Friede sein!« ... Zum Kloster Himmelpfort gehörte eine grosse, nicht
ungefällige, lichtelle Kirche. Sie lag an der Spitze eines der Winkel, die
durch ein grosses Viereck gebildet wurden; durch eine Mauer gebildet, die das
Kloster einschloss. Das Kloster selbst, ein zweistöckig Gebäude, mit einem
Türmchen versehen, gehörte dem siebzehnten Jahrhundert an, die Kirche dem
achtzehnten. Ringsum standen Obstbäume; im Innern des Klostergartens waren die
Beete mit Stroh belegt und deuteten eine freundliche Vegetation für den Sommer
an. Hinter einem dieser kleinen Fenster, die ringsum das viereckige Gebäude
erhellten, wohnte Klingsohr. Ihn sah man nicht unter den Franciscanern, die den
Sarg begleiteten. Auch den Bruder Hubertus, auf den Bonaventura nach allem, was
er über den »Abtödter« durch Klingsohr und Jodocus Hammaker wusste, begierig sein
musste, konnte er weder beim Beginn des Zuges noch jetzt entdecken und an der
verhängnisvollen Eiche war gerade ihm der Anblick entzogen gewesen, den die
andern Wagen ungehinderter hatten, der Anblick, wie plötzlich unerwartet
auftauchend Hubertus mehr der Störung durch den Musikanten, als der Anrede des
Sarges durch einen andern Störer der Todtenruhe, durch den Küfer, ein Ende
machte ... Die Kirche diente als Erbbegräbniss vieler ringsum wohnenden
Adelsfamilien. Bilder sah man, Seitenaltäre und Beichtstühle, keine Säulen oder
Bogen. Der Hochaltar war im Stil der Franciscanerkirchen; jeder Orden hat seine
eigene Weise, seine eigene geistige und physische Farbe sogar, die er seinen
Kirchen anhaucht. Bei den Franciscanern ist alles braun, mässig vergoldet, hier
und da ein blaues Band etwa an einer Maria, ein weisser Schimmer etwa von der
Taube, die über dem Tabernakel schwebt; regelmässig steht der Ordensstifter vor
dem Kruzifix mit dem bekannten ekstatischen Liebesblick der Ergebenheit, mit
seiner auf das Herz gelegten linken Hand; der Fussboden ist von Stein, die Wände
sind weiss, nur hier und da vom Russ der Lichter angeschwärzt; das Ganze einer
solchen Franciscanerkirche ist dem Volk eingehend durch eine gewisse
altfränkische Einfachheit wie die Heimlichkeit alter, von Grossältern ererbter,
braungebeizter Möbeln mit geschweiften Bogen und bronzenen Schlüssellöchern und
Ringen an den Schubläden ... Hier war es, wo der Kronsyndikus in die Gewölbe
gesenkt wurde ... Das über ihn Unausgesprochene, doch von allen Gefühlte
verklang in dem Brausen einer stattlichen Orgel ... Der Provinzial- Guardian
fand auf dem bereits auf dem Schloss von Weihduft überräucherten Sarg auch
jenes Stückchen Tuch nicht mehr, das wohl in den Schnee gefallen sein und im
Schmelzen desselben an der Frühlingssonne vermodern wird ...
    Da Bonaventura Klingsohr besuchen wollte, behielt er eine der Trauerkutschen
zurück ... Der Präsident versprach, bald auf Westerhof zu erscheinen und dann
auch sogleich in Begleitung der bis dahin vielleicht angekommenen Mutter
Bonaventura's.
    Der ehemalige Graf von Zeesen, der jetzige Pater Ivo, wurde von Bonaventura
bald entdeckt ... Klingsohr hatte ihm ja im vorigen Jahre seine Geschichte
erzählt ... Er wusste, dass seine ehemalige Verlobte als Schwester Terese bei den
Karmeliterinnen wohnte ... Ein hagerer, blasser Mönch kam mit einem Weihwedel
daher und wehte durch die Luft, als stäubte er auch diese rein ... Die Gäste,
das Gesinde, die nachdrängenden Landbewohner hatten die Kirche verlassen; nur
einige Arbeiter blieben, die über die Öffnung, in die der Sarg des Kronsyndikus
hinuntergelassen, wieder die Steinplatte zu legen hatten ... Nach drei Uhr war
es ... Die Brüder hatten auf dem Schloss eine Art »Frühstück im Stehen«
eingenommen ... Ob wohl da noch Pater Ivo das Brustbild seines alten Freundes
Jérôme erkannt hatte? ... Dort summte er, ohne aufzusehen, Lieder zum Lobe
Mariä; auch hier tat er es ... Niemanden blickte er dabei an, niemanden gab er
Antwort ... Er lebte nur sich und Maria ... Sein Eigentum war an die Landschaft
gegeben worden für eine Irrenanstalt, deren die Provinz - immer dringender
bedürftig wurde ... An der Öffnung, in deren Tiefe der silberbeschlagene Sarg
blinkte, mussten eine Menge Melusinen sitzen ... wie huschte er dahin daher mit
seinem Wedel und jagte die Unheiligen fort!
    Es ist Pater Ivo! sagte ein junger Mönch, auf Bonaventura zutretend. Er ist
irr', wie Sie wohl sehen, Herr Domherr!
    Der junge Mönch nannte sich Pater Quirinus ... Er hatte ein Bund Schlüssel
in der Hand, wollte erst die Schränke schliessen, in welche der Guardian seine
Messopferkleider, die Mönche die Requisiten der Räucherung des Sarges und die
Tücher gelegt hatten, auf denen er ausgestellt gestanden hatte; dann galt es,
das Hauptportal der Kirche zu schliessen - für die Arbeiter und Betbedürftigen
gab es einen allen Bewohnern der Gegend bekannten kleinen, versteckten
Nebenausgang.
    Bonaventura sah sich erkannt, sprach sein Verlangen aus, den Pater Sebastus
zu besuchen, und willigte gern ein, die Erlaubnis dazu so lange abzuwarten, bis
Pater Quirinus sein Amt beendet hatte ...
    Er begleitete ihn auf seinem Rundgange hinter der Sakristei ...
    Mit der grössten Unbefangenheit sagte der junge, frisch und blühend
aussehende Mann und mit einer ganz gewöhnlichen Sprechweise:
    Unser Bruder Hubertus ist nicht zugegen! Er kam gerade recht von einer
Reise, um die unverschämte Störung durch den Musikanten abzutrumpfen! Viel lügt
man auch über den Kronsyndikus! Wir hier müssen ihn schätzen! Manches, was Sie
hier an Gold und Silber sehen, haben wir in seinen letzten Tagen von ihm
bekommen!
    Dem für einen Geistlichen fast zu resoluten jungen Mann erwiderte
Bonaventura:
    Als sich der Verstorbene vor einigen Jahren sein Erbbegräbniss neu herrichten
liess, widersprach, hör' ich, der selige Provinzial Henricus und schrieb deshalb
nach Rom ...
    Ganz recht! erwiderte der junge Mönch. Cardinal Ceccone schickte durch
Vermittelung des Ministeriums den Spruch der heiligen Pönitentiarie. Der
Kronsyndikus legte eine Generalbeichte ab, die an unsern Ordensgeneral nach Rom
gegangen ist. Seitdem kam der Befehl, ihm keine der geistlichen Wohltaten zu
entziehen ...
    Der junge Mönch machte Anstalt, Bonaventura alles zu zeigen, was die Kirche
an alten Bildern, kostbaren Gefässen und gestickten Gewändern besass ...
    Bonaventura liess es geschehen ... Konnte er sich doch indes in die
Vorstellung finden, diesen abgerissenen Fussboden dort im Zusammenhang mit Rom zu
wissen! Cardinal Ceccone, der politische Lenker der Geschicke des Kirchenstaats
- der Grosspönitentiar und Oberinquisitor der ganzen katolischen Welt - der
General der Franciscaner - drei höchste Würdenträger der Kirche beteiligt an
dem aufgedeckten Leben des Kronsyndikus! Dort vielleicht alles entüllt, was
hier der Welt ewig unbekannt blieb! Dort vielleicht alle Schleier hinweggezogen,
die seit Jahren über dem Leben auf Schloss Neuhof hingen! Dort vielleicht auch
die Gründe bekannt, warum seit Jahren der Dechant nur mit dem Ausdruck des
grössten Mismuts seines alten Freundes, des Kronsyndikus gedachte! Dort auch
vielleicht - ein Zusammenhang - es durchzuckte ihn das so - mit jenen Drohungen,
die Lucinde gegen ihn selbst auszustossen gewagt?
    Der junge Mönch entfaltete kostbare Messgewänder, warf sich sogar eine
»Kasel« um und zeigte mit wohlgemuter Freude, wie schwer sie an echtem Golde
war ...
    Die ist noch nicht zu alt! sagte er. Die verstorbene Frau von Wittekind hat
die köstliche Arbeit, die in Paris gemacht wurde, vor vierzig Jahren gestiftet
...
    Das war die Schwiegermutter seiner Mutter ...
    Pater Ivo ging leise singend vorüber, huschte mit dem Weihwedel und jagte
die Geister fort ...
    Pater Quirinus sah ihm lachend nach, während Bonaventura in Rührung stand
...
    Beim Oeffnen der übrigen Schränke und dem wiederholten Anlegen der kostbaren
Gewänder durch den jungen Pater erkannte Bonaventura einen oft vorkommenden
Fehler seiner geistlichen Brüder, Eitelkeit auf ihren malerischen äussern Schmuck
beim Cultus. Die Mönche von Kloster Himmelpfort lasen ringsum in kleinen
Kapellen die Messe ... Rom hält die Menschheit doch an tausend Fäden! sagte sich
Bonaventura ...
    Als der junge Mönch eine Anzahl Gefässe aus dem Verschluss doppelter und
dreifacher Schlösser hervorholte, fragte er ihn:
    Warum traten Sie in den Orden?
    Es war mir die beste Versorgung! erwiderte der junge Mann ... Ich bin armer
Aeltern Kind, wollte studiren, brachte mich kümmerlich durch und hatte keinen
Mut, auf die Universität zu gehen. Ich wollte ins Postfach, meldete mich und
wurde wegen Überfluss von Meldungen nicht angenommen. Eine Braut, die ich hatte,
wollte nicht länger warten und heiratete mir vor der Nase weg einen andern. Das
verdross mich. Ich wusste nicht, was anfangen, und ging ins Kloster. Zwei Jahre
war ich Novize. Jetzt hab' ich die Weihen und bin versorgt.
    Sie wollen nicht höher hinauf? Haben keinen Ehrgeiz? fragte Bonaventura,
erstaunt über diesen Mangel an Empfindung bei einem doch so traurigen Geschick
...
    Nein! war die unbefangene Antwort ...
    Also gibt Ihnen der Schmerz über die Täuschung durch Ihre Liebe diese Kraft,
so zu entbehren und zu entsagen? ...
    Meine Braut handelte vernünftig! Ich hätte erst zehn Jahre auf eine
Anstellung bei der Post oder im Steuerfach warten müssen! Jetzt hab' ich mein
Brot; für mich freilich nur allein, aber das kann man ertragen ...
    Währenddessen schloss der junge wohlgenährte Pater einen Schrank nach dem
andern auf und zu, knixte erst vor jedem geweihten Gegenstande, zeigte ihn dann,
schloss ihn wieder mit einem Knix ein, alles nach derselben Cadenz und mit der
grössten innern Befriedigung.
    Bonaventura konnte sich in eine solche Weihelosigkeit nicht finden. Er
mochte noch immer glauben, dass hier ein Schmerz überwunden und für die
Zufriedenheit an diesem Berufe vielleicht auch Pater Hubertus' Abrichtung
gesorgt hätte ...
    Auch Ihnen hat zu dieser wohlgemuten Ergebung in manche Entbehrung gewiss
der »Bruder Abtödter« verholfen? fragte er ...
    Pater Quirin lachte ...
    Na ja! sagte er. So kennen Sie also auch den alten Knaben? Er konnte sich
lange nicht in den Frieden finden, den die Kirche mit seinem alten Feinde
schloss, mit dem Kronsyndikus! Allen ist aufgefallen, dass er doch gerade heute
zurückkehrte und sogar für Ordnung sorgte. Knochen hat er wie Eisen - aber mich
brauchte er nicht zu bändigen! Ich tue hier, was ich muss. Wir haben alle unsere
leidliche Bequemlichkeit. Ich zeige Ihnen das Refectorium ...
    Entbehren Sie gar nichts? fragte Bonaventura im Weitergehen ...
    Gewiss nichts! antwortete Pater Quirinus und küsste mit gemachter Andacht eine
Monstranz, die über und über mit Edelsteinen besetzt war und nur bei den
höchsten Veranlassungen aus diesen wohlverwahrten Schränken genommen wurde.
    Diese gleichbleibende Gelassenheit streifte in Bonaventura wiederum alle
Blüten ab. Er konnte sich nicht finden und erinnerte wenigstens an den Zauber
der Freundschaft und des Zusammenlebens in einem Kloster ...
    Aber auch dem erwiderte der junge Mann:
    O nein! Wir sind hier zusammen keine Freunde! Es ist auch gut so! So wie wir
uns aneinander anschliessen, fangen wir an über unsere Verhältnisse Gedanken zu
haben; dann verbittern wir uns vieles, worüber wir jetzt nicht grübeln. Jeder
ist besser für sich!
    Diese Freundschaften kommen also doch vor?
    Selten! lautete die Antwort, während sich der Mönch umsah und jetzt leiser
sprach. Sowie sich zwei Brüder allzu sehr aneinander schliessen, im Garten zu oft
zusammen spazieren gehen, sowie man bemerkt, dass sie bei Tisch zusammensitzen
wollen oder auch auf der an der Tür des Guardians hängenden Tafel über unsere
Wochenverrichtungen zu häufig zusammenzukommen suchen, so werden die Leute
getrennt.
    Das ist ja eine Grausamkeit, wallte es in Bonaventura auf ... Der einzige
Trost der Einsamkeit - der freundschaftliche Austausch der Gedanken und Gefühle!
Der Rückblick auf ein vergangenes Leben! Die gemeinschaftlichen Tröstungen an
den Quellen des Wissens und des Denkens! ... Aber er durfte alles das nur durch
Seufzen ausdrücken und sagte sich im stillen: O die Menschennatur ist doch im
Durchschnitt ganz so wie bei diesem jungen Manne! Was ist bei Tausenden ihre
geistige Meinung? Ihr Bedürfnis nach Erhaltung, Ernährung, Unterkunft! Solche
Institutionen wie die Klöster glaubt' ich auf Felsen gebaut und ich sehe: Einen
Beutel mit Geld in der Hand und sie lassen sich wie Kartenhäuser umblasen!
    Durch einen Seitengang kam man aus der Sakristei in das Kloster. Ein
Kreuzgang von allein, morschem Holz führte zu ihm hinüber. An der Wand der
Kirche hingen, allemal einer Öffnung an der andern, in einen mit Schnee
bedeckten Garten hinausgehenden Seite gegenüber, Bilder, die von einem Tüncher
verfertigt schienen und Wunder des heiligen Franciscus vorstellten. Jedes
derselben war geistlos. Schon aus der Jahreszahl 1707 konnte man den Geschmack
sowol der Malerei, wie den Stil der Unterschriften erkennen. An die Poesie eines
winterlich romantischen Klosterkreuzgangs, wie ihn unser Lessing gemalt hat, war
hier nicht zu denken. Eine hölzerne Gittertür führte ins Kloster. Pater Ivo
schlenderte leise singend in einem der langen Gänge und Quirinus sprang fast wie
ein Tänzer mit seiner langen Kutte voraus, um dem Provinzial-Guardian Maurus die
Meldung zu machen ... Einstweilen trat Bonaventura in das Refectorium. Es
ähnelte einem Wirtshauszimmer auf dem Lande mit alten Holzpfeilern, mächtigem
Ofen, Stellagen zum Aufschichten der Essgerätschaften. Von hier aus sah man
durch kleine Scheiben in den innern, strohbedeckten Garten ...
    Bonaventura sehnte sich, ein Wort der Ermunterung mit Sebastus zu sprechen
... Aus Lucindens Beichte wusste er ja, dass er hatte nach Belgien entfliehen
wollen ... Sie hatte ihm sogar die Ueberredung, dass Sebastus zu den Jesuiten
hatte entfliehen wollen, nicht verschwiegen ... Daran nun zu erinnern war
Bonaventura freilich verboten ... Alles, was er etwa Lehrreiches, Warnendes oder
Ermunterndes gerade über diesen Punkt mit dem Convertiten hätte sprechen können,
musste ausdrücklich unterbleiben ... Als Beichtvater durfte er nicht mehr von ihm
wissen, als was Sebastus selbst voraussetzen konnte ... Er musste unwahr sein.
    Die in Reihe und Glied aufgestellten steinernen Bierkrüge der Mönche
musternd, hörte er Quirinus' Rückkehr ...
    Dieser kam bestürzt. Er sagte, der Pater Sebastus hätte eine Pön verwirkt
und sollte niemanden sprechen; der Provinzial würde sogleich selbst erscheinen
und sich dem Herrn Domherrn entschuldigen ...
    Bald auch kam Pater Maurus. Äusserlich war er nicht zu unterscheiden von
allen andern Mönchen. Man kann in Rom auf der Via Appia in einem Omnibus mit
Bauern aus Tivoli fahren, hat neben sich einen einfachen Mönch in weissem Kleide
sitzen und weiss nicht, dass es der grossmächtige General der Dominicaner ist ...
Pater Maurus war ein hoher, starkknochiger Mann. Seine buschigen und schwarzen
Brauen lagen trotzig über den funkelnden Augen, die sich den Ausdruck der
Unterwürfigkeit gaben. Immer erstarb sein Lächeln ebenso rasch wie es kam. Eher
glich dieser Mönch einem Gefängnisswärter als einem Boten des Friedens.
    Pater Quirinus zog sich zurück ... Der Provinzial und der Domherr setzten
sich auf die nächsten Holzschemel ...
    Vergebung, Herr Domherr, sagte der Provinzial, wir haben mit dem Pater
Sebastus einen schweren Stand! Die Regierung lieferte ihn uns aus der Residenz
des Kirchenfürsten zurück mit dem Bedeuten, ihm jede schriftstellerische
Tätigkeit zu untersagen, jede Teilnahme an unserm gegenwärtigen traurigen
Kampfe. Die Weisung war überflüssig, da der Pater ohnehin erkrankte und uns eine
Zeit lang ernste Besorgnisse einflösste. Seit einiger Zeit geht es ihm besser;
doch liessen wir ihn in der Krankenstube, weil er, in seine Zelle zurückgekehrt,
seine Pflicht, Nachts zwölf Uhr aufzustehen und in den Chor zu gehen, um zu
singen, wie jeder andere hätte erfüllen müssen. Heute in aller Frühe besuchten
ihn zwei Fremde, ein Jude und jener Mensch, dem wir vor wenig Stunden den
frechen Auftritt im Düsternbrook verdankten. Ich nehme Ihr Vertrauen in
Anspruch, Herr Domherr! Denken Sie sich die Verabredung! Jenes Stück Tuch, das
der Störenfried auf den Sarg zu legen wagte, bekam er von unserm Pater, dem
Sohne des damals unglücklich, wie man jetzt sicher weiss, nur im Wortwechsel und
nach offener Gegenwehr Gefallenen. Dafür verlangte er von jenem Juden, wie von
dem Küfer - Stephan Lengenich ist sein Name - die Mittel zur Flucht ...
    Wie erfuhren Sie das? war eine Frage, die Bonaventura mehr aus Schreck
aussprach, als in Voraussetzung, dass die Gespräche, die im Krankenzimmer
gehalten wurden, belauscht werden konnten ... Erst als er Pater Quirinus an der
zufällig aufgehenden Tür des Refectoriums stehen sah, kam ihm die Vorstellung,
dass seine Frage ohne Beantwortung bleiben konnte ...
    Wir wissen es, Herr Domherr! sagte der Provinzial mit verdrossenem Blick auf
die Tür. Wir wussten es schon in der Frühe. Ich hatte mir eine ernste Ermahnung
als einzige Busse vorgenommen. Seitdem jedoch durch des Paters Mitwirkung eine
heilige Handlung gestört, eine ganze Familie, der er selbst früher so oft
bekannt hat Dank schuldig zu sein, durch sein Zutun unverantwortlich
compromittirt worden ist, hab' ich ihm statt des Krankenzimmers die Strafzelle
angewiesen. Ich kann nicht wünschen, dass Sie ihn in seinem gegenwärtigen
Zustande sehen.
    In welchem Zustande? fragte Bonaventura mit gesteigertem Bangen und folgte
der Bewegung des Provinzials, der sein Ohr spitzte, als vernähme er irgendwoher
einen Ruf ...
    In der Tat hörte man in dumpfer weiter Ferne einen Ton wie einen Schrei um
Hülfe ...
    Bonaventura musste aufspringen und sich an dem Schemel halten ... Das ist er?
sagte er und deutete auf das Fenster, von wo der gellende Schrei gekommen war.
    Er ist es! Ja! sprach der Provinzial mit kalter Ruhe ... So tobt er in
seiner Strafzelle und spricht wild durcheinander ... Ich lass' ihn binden, wenn
er nicht schweigt ...
    Lassen Sie mich zu ihm! bat Bonaventura ...
    Herr Domherr, diese Wohltat wäre unverdient ... Er würde auch Sie anfahren
wie ein wildes Tier ...
    Nein, nein, wir kennen uns!
    Sie würden uns die Züchtigung stören, die ein Pater verdient, der aus seinem
Kloster entfliehen will!
    Bonaventura stand mit schwindendem Bewusstsein. Er sah Abgrund und Nacht um
sich her und bei alledem - auch die fernwirkende, trügerisch lockende Gewalt
Lucindens! ... Sie hatte den Mönch, ihren ehemaligen Geliebten, in Knabentracht
besucht! Ihr Lächeln, ihre mutige Rede hatte ihn - »um ihn aus meinen Bahnen zu
entfernen«, hatte sie ihm frank und frei gebeichtet - zur Flucht überredet ...
Sie hatte seinen Mut, seinen Ehrgeiz entflammt zu einer neuen Entwickelung
seines immer noch reichen, wenn auch verirrten Geistes ... Eine Gelegenheit zur
Flucht bot sich vielleicht ... So, wie er jetzt die grässliche Stimme hörte, die
der eines Ertrinkenden glich, klang ihm in der Erinnerung sein eigener
Seelenaufschrei, als an jenem Abend der Abreise ihn plötzlich Lucinde verlassen
hatte und ein wilder Sturm durch seine Adern brauste ... Zu ihr! Zu ihr! klang
es aus Sebastus' Munde in sein Ohr ... Besinnungslos ergriff er seinen Hut und
bat wiederholt:
    O lassen Sie mich zu ihm!
    Herr Domherr! lehnte der Provinzial fast vorwurfsvoll ab ... Wenn er sich
beruhigt hat! Morgen! setzte er hinzu ...
    So bitt' ich - grüssen Sie ihn von mir! hauchte der liebevolle Priester,
seufzend über die Notwendigkeit, den Formen und Satzungen seiner Kirche sich
ergeben zu müssen. Sagen Sie ihm, dass ich in dieser Gegend weile, dass ich den
ersten ruhigen Augenblick, den Sie mir anzeigen werden, benutzen und zu ihm
kommen will! Versprechen Sie mir's!
    Sehr gern, Herr Domherr! sagte der Provinzial mit derselben Freundlichkeit,
als handelte es sich um die Anzeige eines in völlig natürlicher Weise
eintretenden harmlosen Ereignisses ...
    Und Bruder Hubertus? drängte Bonaventura, jetzt schon im Gehen ... Vermochte
der nicht sonst so viel über ihn?
    Auch das ist ein Mitglied unsers Klosters, erwiderte der Provinzial, im
Gehen verbindlich die linke Seite nehmend, mit dein wir viel Geduld haben
müssen! Er war in Angelegenheiten einer Erbschaft, die er machte, verreist ...
    Bonaventura trug als Beichtpriester eine solche Last von Tatsachen in
seinem Gedächtnis, dass er nach einem Verhältnis fragte, das er doch schon
öfters, von Benno sowol wie von Hammaker, fast vollständig erfahren hatte ... Er
fand sich allmählich zurecht und unterbrach die Erläuterungen des Provinzials:
    Ganz recht! Ich weiss! Er wird das von einer Ermordeten geerbte Geld dem
Kloster geben ...
    Doch nicht! war des Provinzials verdriessliche Antwort. Dieser Hubertus hat
wunderliche Seiten. Im Vertrauen gesagt, er hat einen etwas dunkeln Ursprung.
Man sagt geradezu: Seine Angehörigen sind auf dem Richtplatz gestorben! An einem
Tage, wo eine Gaunerbande, zu der er als Knabe gehören musste, aufgehoben, das
Haus, in dem sie sich verteidigte, genommen und angezündet wurde, soll unser
Bruder - sagt man, und sei es auch unter uns, Herr Domherr! - zwei Stock hoch
aus dem Fenster gesprungen sein, in jedem Arm mit einem Kinde ... Glücklich kam
er mit den beiden Kindern zur Erde nieder, entrann den Flammen, entrann der
Verfolgung, machte einen abenteuerlichen Lebenslauf, wurde ein an sich ganz
vortrefflicher Mensch, exemplarisch in seiner Aufführung, nur störende
Seltsamkeiten hat er. Als Jäger des Kronsyndikus erlebte er einen bittern
Verdruss und wurde deshalb Mönch. Mancherlei leistete er schon unter Pater
Henricus, meinem Vorgänger. Jetzt hat er sich in den Kopf gesetzt, die
zwanzigtausend Taler, die er von jener Frau Buschbeck - sie nannte sich schon
nach seinem Namen, während sie doch nur eine gewisse von Gülpen und seine
Verlobte war - ererbte, wenn irgendmöglich, dazu anzuwenden, sie den beiden
Kindern zukommen zu lassen, die er einst aus dem Feuer rettete, falls sie sich
entdecken liessen. Sie waren ihm, nachdem er sie im stillen erzogen hatte,
abgenommen worden. Jetzt correspondirt er nach Holland, Frankreich, Italien, um
ihre Spur zu finden. Ich schrieb nach Rom, ob ich ihm auf ein Jahr die Erlaubnis
erteilen kann, scheinbar in irgendeinem andern Auftrage in die Welt
hinauszuwandern. Bis die Antwort da ist, gestattete ich ihm vorläufig auf eigene
Verantwortung die Reise nach Holland, von der er jetzt zurückgekommen.
    Unter diesen Mitteilungen waren beide, in der Ferne wieder von dem leise
singenden Ivo verfolgt, an die kleine Tür gekommen, die den verborgeneren
Eingang zur Kirche bildete.
    Hier stand Bonaventura's Wagen ...
    Mit einem Abschied, den der Provinzial nahm, als wenn ein Offizier von
seinen untergebenen Mannschaften einem andern hohen Militär eine einfache
conversationelle Mitteilung gemacht hätte, bestieg Bonaventura seinen Wagen ...
Ein Bedienter in Trauerlivree war vom Präsidenten für den Stiefsohn des Hauses
zurückgelassen worden ... So fuhr Bonaventura in schon heraufgezogener Dämmerung
von dannen.
    O ihr Klöster, seid ihr denn Zufluchtsstätten des Friedens und der reinen
Menschenliebe?! ...
    So tönte es in allseitig schmerzlichster Betrachtung durch Bonaventura's
Inneres, als er in die schon dunkelnde Ferne hinausfuhr, hin- und
hergeschleudert auf den Furchen der Feldwege, die zurückzulegen waren, um in
kürzerer Frist auf Schloss Westerhof zurückzukommen, wohin der Kutscher ihn
glaubte fahren zu müssen ...
    Erst nach einer Stunde, während durch sein Herz alle schrillen Accorde des
Zweifels, alle klagenden der Wehmut zogen, entdeckte er in der allmählich ganz
hereingebrochenen Nacht die Absicht des Kutschers, klopfte ihm und befahl die
Richtung zu nehmen nach Sanct-Libori ins Pfarrhaus ... Wie sollte er Frieden
bringen in die stille Abendgemeinschaft des Schlosses! Wie den schrecklichen Ruf
nicht verraten, der immer noch wie ein: Zu Hülfe! an sein Ohr tönte -! Ein
anderer Ton schloss sich an, ein hochfeierlicher, wie am Tage des Gerichts einst
die Lüfte Stimmen tragen werden ... jenes Wort, das ihm einst der Onkel in
Kocher am Fall gesprochen an dem schönen goldenen Sommermorgen: »Wenn ich mich
zuweilen in unserer katolischen Welt umsehe, ist's mir doch, als sähe ich in
alten Verliessen die Gebeine der Geopferten modern.«
    Und bei alledem schwatzte nun schon Norbert Müllenhoff wieder, dass er den
Ankommenden mit Sehnsucht erwartet hätte, bot Pfeifen, Cigarren, Vesperbrot,
Unterhaltung durch Zeitungen, Broschüren, durch seine eigene werte Person, und
legte ihm zuletzt sogar »mit Schüchternheit« einen Versuch vor, wie die
»Exercitien« der Frau von Sicking zu organisiren wären ... Von dem an seiner
Tür heute früh ausgestellten Wachskindchen schwieg er wohlweislich, weil er
nichts verraten mochte von einer Gegnerschaft, die in der Gemeinde mehr seine
Person als sein System traf.
    Bonaventura, erschöpft, geduldig an sich schon, nahm das Papier, um es in
Musse durchzulesen. Er blieb eine Stunde auf seinem Zimmer. Um sich zu sammeln,
schrieb er Briefe, las Rechnungen, zerstreute sich mit Zeitungen ... Zuletzt
bereute er, doch nicht nach Westerhof gefahren zu sein ... Selbst für Tiebold's
schwaches Klavierspiel wäre er jetzt dankbar gewesen ...
    Beim gemeinschaftlichen Abendimbiss, den er nicht ablehnen konnte, musste er
dem Wirt, der fast immer allein das Wort führte, auf alle Gebiete der Seelsorge
und Liturgik folgen, ihm sogar in manchem Recht geben. So z.B. als er gegen die
Einmischung der Dilettantenmusik in den Cultus sprach und sagte:
    Ueberhaupt, Herr Domherr, wenn ich höre, die Stiftsdamen von Heiligenkreuz
wollen nächste Ostern wieder in der Messe mitsingen, da weht mich schon ein
Grauen an! O diese Eitelkeit! Diese Eifersucht! Diese Prätension! Jenes Fräulein
will ein Solo singen, diese alte Comtesse nicht minder, nun kommt der
Singdirector aus Witoborn und bringt mir diese Botschaft und jene; die eine ist
heiser, die andere hat sich krank geärgert; gerade wie bei der Komödie! Und was
spielt das Altarsakrament dabei für eine Rolle! Wie die Affen müssen wir stehen
und warten, bis die Damen nur auf dem Chore einzufallen die Gnade haben! Sursum
corda! ruf' ich und diese Weibsen halten mir kein Stichwort! Hat sich bei einer
die Spitzenmantille verschoben, so kann die heilige Wandlung warten, bis der
Schaden wiederhergestellt ist! Da bin ich für unsere einfachen Kapelljungen!
Sagen Sie selbst, das ist doch frisch, ländlich, geht zu Herzen. Freilich muss
auch da so ein Heidenkerl, so ein Cantor, nicht dabei sein und wunder tun, als
wenn unser Herrgott im Himmel zunächst nur für die Unterbringung der
Instrumentalmusik zu sorgen hat!
    Bonaventura musste des Eiferers lächeln, der in manchem Recht hatte, wenn er
auch die neurömische Reaction wie einen Landsturm organisirt haben wollte ...
    Mir ganz recht, sagte Müllenhoff, wenn wir, wie in Frankreich und Belgien,
nun recht bald endlich auch die Jesuiten kriegen! Sie brauchen ja nur manchmal
zu kommen, manchmal zu predigen und können dann immer wieder abziehen. Die
Pfarrer hätten keinen Nutzen davon, sagen unsere aufgeklärten und faulen
Collegen? Im Gegenteil! Die Jesuiten lassen durch ihre Predigten so viel
Schrecken zurück, dass uns das auf Monate lang zugute kommt. Machen sie's zu arg,
so können wir Pfarrer immer sagen: Seht ihr, so fegen euch andere; seid froh,
dass ihr an uns so sanfte Flederwische habt! ... Sie waren ja auch früher Pfarrer
auf dem Lande? setzte Müllenhoff hinzu und schenkte wacker ein ...
    Gewiss, gewiss! antwortete Bonaventura zerstreut und deckte sein Glas mit der
Hand ...
    Müllenhoff erzählte seine Verhandlung mit den Gemeindevorständen, seine
Reform des Finkenhofs, seine Stiftung des Jünglings- und Jungfrauenbundes, seine
Gewohnheiten beim Beichtören, seine Uebungen im richtigen Rosenkranzsprechen
und seine Heilung der »Kniesteifigkeit« ...
    Bonaventura's Lächeln und Schweigen nahm er für volle Zustimmung und
beklagte nur, dass, »im Vertrauen gesagt«, ihn der Umgang mit den vielen
Vornehmen oft in ärgste Verlegenheit setze ... Aufrichtig gesagt, warf er halb
ernst, halb im Scherz ein, obgleich ich heute den Tanz zur tiefsten Hölle
gewünscht habe, so sollten wir doch - im Seminar wirklich etwas tanzen lernen!
Blos des Anstands und einer gewissen Manier wegen!
    Die Jesuiten lehren's ja! sagte Bonaventura ... Aber wie wollen Sie dann
nur, fuhr er fort, bei solcher Scheu die Exercitien halten mit so vielen
vornehmen Herrschaften? Ueberhaupt, wie denken Sie sich denn diese Uebungen?
    Die Exercitien dauern vier Wochen! sagte Müllenhoff. Die Herrschaften,
einige zwanzig, wohnen für die Zeit alle bei Frau von Sicking! Jeder Tag hat
seine bestimmte Regel! Alle geistlichen Handlungen und Erweckungen kann ich
allein nicht verrichten; Sie werden auf dem Papier, das ich Ihnen gab, finden,
wie ich mindestens noch drei bis vier Priester als Aushülfe hinzunehmen muss ...
Ich nehme sie mir aus Witoborn. Manche Rücksichten muss ich freilich dabei
beobachten. Dem Provinzial von den Franciscanern darf ich die Ehre einen Vortrag
zu halten nicht entziehen, sogar ein Gebet zum Schluss muss ich mir vom Bischof
selbst erbitten. Mir, auf dessen Sprengel die ganze Veranstaltung fällt und der
ich dadurch das Recht habe, die Sache zu leiten und zu beobachten und mir dies
Recht auch nicht nehmen lasse, mir behalt' ich die Montags- und
Donnerstagserweckungen vor. Apropos! Ich habe mir eine metodische Schilderung
des Fegfeuers, der Hölle und des Paradieses vorgenommen ... Eine zeitgemässe und
moderne Hölle ...
    »Und nun, du beneidenswerter Verdammter, wird ein Sendbote Lucifer's dir
entgegentreten«, sprach Müllenhoff sogleich aus dem Kopfe, während Bonaventura,
seinem Ohr nicht trauend, noch mit dem Lachreiz kämpfte ... »im glühenden
Widerschein der Majestät Seines Herrn und wird dir die Stunden der Andacht
zeigen, die du in den Zeiten deiner Denkglaubigkeit das Buch der Bücher
nanntest! Hast du auf Erden geglaubt« - Der Sprecher stockte, zog ein Concept
aus der Rocktasche und las dem Gaste, der nicht wusste, wie ihm geschah:
    »Hast du auf Erden geglaubt, im Schatten einer Laube, von Bienen umschwärmt,
unter dem Duft von Hollunderblüten dich vor dem wahren Hochaltar und dem
Sanctissimum deines Schöpfers zu befinden, besonders wenn du dazu noch aus
diesem deinem Buch der Bücher ein Kapitel über die Unsterblichkeit der Seele
gelesen hattest, und gingst dann hin und begossest deine Blumen, etwa wie wenn
du selbst ein solches Lob deines Schöpfers wärest, aber kein anderes heiliges
Nass brauchtest, als deinen sentimentalen Tautropfen, keinen andern Kelch, als
die Giesskanne deiner angebeteten Natur - dann, dann, du beweinenswerter
Denkglaubiger, sollst du, umschwärmt von feurigen Hornissen, dein geliebtes
Buch, die Stunden der Andacht wiederfinden als Jahrhunderte der Qual, sollst sie
auswendig lernen rück- und vorwärts, sollst sie in alle Sprachen übersetzen,
selbst in die, die du nicht gelernt hast, und wehe dir, wenn ein Jota fehlt,
wenn von dir ein Zeitwort falsch angewendet, eine Feinheit fremder Sprachen
unbeachtet geblieben ist!« ...
    Das ist ja mehr, als Nero und Busiris! rief Bonaventura in die Hände
schlagend ...
    »Da kommen sie denn«, fuhr Müllenhoff ungehindert fort, »diese
Schmachtenden, diese Zärtlichen, die über einen Käfer weinen konnten, den ihr
Fuss im Grase zertrat, und keinen Blick, geschweige eine Träne dafür hatten,
wenn sie stündlich ihren Gott, ihren Heiland und seine Gebote mit Füssen traten!
Jene Schmachtenden, die ein Marienwürmchen liebkosen und bewundern können und
Maria selbst nur für eine ganz gewöhnliche Mutter wie andere auch halten! Jene
Empfindsamen, die mit Freimaurermoral alle Todsünden zuflicken, alle Risse der
Herzen mit phrasenhaftem Kalk und Mörtel zu verschmieren wissen! Ihre ruchlosen
Devisen: Tue recht und scheue niemand! oder Wir glauben all' an Einen Gott! die
werden mit Flammenschrift an dem Vorhof desjenigen Teiles der Hölle stehen, der
gerade diesen Patent-Seelen extra bestimmt ist! Riesengross werden die Buchstaben
sein, die die Teufel mit dreizinkigen Gabeln schüren müssen, damit sie ganz so
brennen, wie sie im Munde dieser Freimaurer lebten und nicht etwa lauten: Tue
recht und scheue dennoch Gott und seine Heiligen! oder: Es ist nur Ein Gott, in
dem allein das wahre Heil! O, des Jammerns dann, wenn diese Freimaurerseelen zu
dem Gekreuzigten, dessen einflussreiche Stellung bei Gott sie nun wohl erkannt
haben werden, aufblicken und auch vor diesem dann um Titel, Orden und
Beförderungen schmachten, aber der feurige Osiris mit dem Ochsenkopf ihnen
nachläuft, sie zu umarmen als seine ägyptischen Brüder. Oder wenn ihre
Logenschwester Isis, die holde Mutter Natur, ihre gnadenreiche Allerseligste,
ihnen zuruft: Hebt meinen bekannten Sais-Schleier! - und sie sehen dann ihre
geliebte Mutter aus hundert Brüsten deren Wohltaten spenden, feuerspeiende
Berge, Erdbeben und daherbrausende, aus den Schienen gegangene Locomotiven! Alle
ihre Mittler und Erlöser werden ihnen zuwinken mit den Wohltaten, die diese
spenden können - Buddha mit der Kunst, hundert Jahre auf einem Beine zu stehen,
Sesostris mit Pyramiden, die erst auf ihren Leibern das sichere Fundament
bekommen sollen! Selbst ihr letzter Prophet, Natan der Weise, wird ihnen
anbieten von den Waaren, die er gerade aus Damascus mitgebracht hat,
vorzugsweise jenen Mantel mit dem roten Templerkreuze, einen Mantel von Blei,
so schwer, dass sie damit alle Greuel und Verbrechen zu tragen glauben sollen,
die sie hienieden mit ihrem verschlissenen Humanitätsgarderobenstück der Liebe
bemäntelt, beduldungelt und betoleranzelt haben« ...
    Genug, genug! rief Bonaventura; ich fürchte mich vor meiner Nachtruhe! ...
Er deutete auf einen Wächter, der auch hier die zehnte Stunde abrief, und
entfernte sich mit einem einfachen, alle Hoffnungen des Pfarrers auf Zustimmung
und Beifall ironisch abschneidenden: Gute Nacht! ...
    Jeden Morgen las Bonaventura die Messe. Bald in Sanct-Libori, bald in
Heiligenkreuz, bald auf dem Schloss. Dann besuchte er auch wohl die Schule, war
viel in Witoborn, wo ihm die schuldige Rücksicht gebot, diese oder jene
hervorragende Persönlichkeit zu besuchen. Beichtabnahmen hielt er nicht, so sehr
auch mancher danach Verlangen trug.
    Als er am folgenden Morgen nach Heiligenkreuz gegangen war, wo vor den
Stiftsdamen von ihm die Messe gelesen werden sollte, fand er, als die heilige
Handlung vorüber und er schon im Begriff stand, sich in der Sakristei zu
entkleiden, Tiebold, der ihm die gestrigen Erlebnisse schildern wollte, soweit
sie die ihm in der Beichte von Bonaventura vorgeschriebene Pflicht betrafen ...
    Tiebold hatte vorausgesetzt, dass er dem Domherrn diese Mitteilungen in der
entsprechenden seelsorglichen Form zu machen hätte, und suchte ihn deshalb im
Messornate auf. Schon sehr zeitig musste er mit seinem Einspänner aus Witoborn
ausgefahren sein.
    Der Cantor fungirte für den alten Tübbicke, dem diese Frühwege schon auch
sonst zu beschwerlich wurden ...
    Auf eine Weisung, die der Cantor erhielt, beide allein zu lassen, begann
Tiebold die Mitteilung all des Rätselhaften, das ihm Armgart gestern in der
Kapelle angedeutet hatte, und wollte hören, ob nun doch noch eine Verpflichtung
bestünde, seinem Freunde Benno die »stattgefundene Täuschung« mitzuteilen ...
    Bonaventura erwiderte nach ernstem Sinnen über die Worte Armgart's:
    Ich glaube, lieber Herr de Jonge, dass Sie jetzt besser tun, diesen
Gegenstand fallen zu lassen. Ziehen Sie vor, Ihren Fehler durch desto innigere
Beweise der Freundschaft für unsern guten Benno wieder gut zu machen! Armgart
will nicht, dass Benno etwas von ihren frühern Empfindungen erfährt? Dann um so
besser, wenn ihn die gegenwärtigen des jungen Mädchens nicht enttäuschen. Zu
jung und unklar noch in sich selbst scheint sie mir zu sein, als dass ihr Herz
schon in dem Grade für irgendjemand sollte entschieden haben, um etwas auf die
Beweise ihrer Gunst zu bauen. Ein Mädchenherz in diesem Alter ist eine
unbekannte Insel, die der Seefahrer mit Zagen betritt, ungewiss, was sie birgt;
bald hoffend, bald getäuscht geht er vorwärts, bei jedem Schritt entdeckt er
Unerwartetes und findet sich erst nach langer Zeit in ihm zurecht. Zunächst wird
das Wiedersehen ihrer Aeltern sie ganz in Beschlag nehmen. Ich höre, dass beide
sich bald in dieser Gegend einstellen werden ...
    Der Oberst wenigstens! fiel Tiebold ein. Ich weiss es für bestimmt von
Hedemann ... Er kann in acht bis vierzehn Tagen hier sein. Schon liegt
Hedemann's Gesuch an die städtische Behörde von Witoborn vor, vorläufig die
Wasserkraft der Witobach auf Handpapier gehen zu lassen ... Die Aufregung, die
in der Stadt dieser Antrag hervorgebracht hat, ist ridicül ... Alles intriguirt
dagegen ... In der heiligen Stadt Witoborn Papier fabriziren! Eine Erfindung des
Satans fördern! ... Entschuldigen Sie, Herr Domherr, ich erzähle nur, was ich
von Benno und von Offizieren »Bei Tangermanns« gehört habe ...
    Bonaventura begriff, was sich von einem so dumpfen Geiste, wie er ihn hier
überall vorfand, voraussetzen liess, und fügte hinzu:
    Aber auch Frau von Hülleshoven hat die Absicht, ihren Gatten nicht allein
sich in die Lage versetzen zu sehen, Armgart so nahe zu kommen. An dem Tage, wo
der Oberst in Witoborn eintrifft, ist sie hier im Stifte, wo sie eine Verwandte
der Aebtissin der Hospitaliterinnen in Wien, ein Fräulein von
Tüngel-Appelhülsen, aufzunehmen versprochen hat ... Verraten Sie jedoch nichts
davon! Sie kennen Armgart's Phantasie -
    Ihr Gelübde! Die Aeltern sollen sich vereinigen oder niemand gewinnt sie ...
    Bonaventura schüttelte den Kopf ... Noch immer die Grille, die er schon aus
den in Kocher am Fall gelesenen Briefen kannte ...
    Tiebold versprach auf viel mehr, als »nur auf Ehre« sein unverbrüchlichstes
Schweigen über die von zwei Seiten auf Armgart anrückende Prüfung und bot dann
dem Domherrn seinen Einspänner an. Er wollte noch im Stifte bleiben und bei den
Damen Besuche machen. Er erklärte, dann zu Fuss nach Westerhof zu gehen, wo er
wie fast täglich zu Mittag speiste. Tante Benigna hatte ihn von dem Frühboten,
der jeden Morgen in die Stadt geschickt wurde, schon wieder einladen lassen,
ihn, nicht Benno. »Wir sind es Terschka schuldig«, sagte sie zum Onkel Levinus,
der gegen die steten Zurücksetzungen Benno's bescheidene Bedenken erhob, »dass
wir auf den Bevollmächtigten Nück's keinen zu grossen Wert legen.«
    Bonaventura musste den Vorstellungen Tiebold's nachgeben, schon aus
Rücksicht auf den Gaul, der hier bis Mittag hätte im Freien zubringen müssen;
Tiebold war im Stifte so beliebt, dass er bei einem Morgenbesuch leicht in die
Lage kam, gleich zu Mittag, nicht selten zum Nachtessen zu bleiben ... Es war
eben Tiebold's Talent, alle Menschen zu gewinnen ... Er wusste nicht nur einige
Dutzend Pfänderspiele, sondern liess auch Garn und Seide auf sich abwickeln ...
dabei seine bequeme Prätensionslosigkeit in Bildungssachen! Er machte gar kein
Hehl daraus, dass er bei weitem weniger wusste, als Alexander von Humboldt. Wenn
eine von den Damen dichtete (und es waren nur fünf oder sechs darunter, die,
nicht etwa eine Ausnahme machten, sondern ihr Dichten nur nicht eingestanden),
so bewunderte er jeden Vers, jedes Bild, hatte nie dergleichen gehört oder
gelesen und war ein Zuhörer so voll Aufmerksamkeit, dass er schon eine ganze
Sammlung von Liedern im Portefeuille beisammen hatte, die sein Freund Joseph
Moppes componiren und Aloys Effingh mit Illustrationen versehen sollte.
    Flüchtig noch erfuhr Bonaventura von Tiebold die wiedergekehrte Visionsgabe
Paula's und von dem witoborner Kutscher die Genesung der kleinen Tochter des
Herrn Jean Tübbicke durch einen Rosenkranz, den sie gestern gesegnet hatte ...
Im Pfarrhause fand Bonaventura die Bestätigung. Der alte Tübbicke empfing ihn
mit freudestrahlendem Antlitz. Die kleine Fanchon lag nach Aller Meinung im
Sterben, als der Grossvater mit dem Amulet kam. Man legte es dem atemlosen,
fieberglühenden Kinde um den Hals; es stellte sich Schweiss ein, das Fieber liess
nach und schon berichtete der maître-tailleur Jean Tübbicke, der im Pfarrhaus
selbst zugegen war, von einer vortrefflichen und stärkenden Nacht. Herr Jean
Tübbicke kam, um beim Pfarrer aufs entschiedenste gegen den Verdacht zu
opponiren, dass es Tante Schmeling wäre, die an seiner Türschwelle Kinder
aussetzte. Es kam zu einem heftigen Auftritt. Müllenhoff entliess ihn mit den
Worten: »Affenschänderisches Volk! Grützköpfige Dummheit, wenn du nun gar noch
ausländische Bettelpfennige für holländische Dukaten nimmst! Lallst deine edle
deutsche Muttersprache halb schon nur, wie ein blökendes Kalb, und willst noch
auf Zeisigart französisch zwitschern und niedlich tun mit Elefantenbeinen? Ei,
dass dir doch über Nacht die Engel vom Himmel dein maître-tailleur-Schild vom
Fenster nähmen! Siehst du denn nicht, was ein altchristliches Gebet für Gnade im
Gefolge hat? Gehst du nicht endlich in dich, Güterteiler, so hängt in dem
Schild noch das Bret zum Sarge deiner Fanchon über deinem Hause!«
    Schlimm, schlimm, schlimm! brummte nur immer im Gehen vor sich hin der alte
Tübbicke, enträtselte dem Domherrn den Zusammenhang dieses Zanks und kam auf
die Gräfin und seinen zunächst Gott, dann ihr darzubringenden Dank zurück ...
    Bonaventura litt unter allen diesen Mitteilungen ... ... Auch Tiebold's
Erzählung von der Vision der Schlafenden bewies, dass Paula's ekstatische
Zustände doch wieder zurückkehrten. Noch hatte er keinem derselben seit ihrem
Wiedersehen beigewohnt ... Mit bangem Herzen eilte er nach Westerhof. Einen
vollen, vollen Tag hatte er ohne Paula sein können! ... Der scharfe Wind
erfrischte seine Wange. Die kahlen Pappeln, Buchen und Erlen am Wege ächzten ...
Er drückte den Hut auf die Stirn. Seinen warmgefütterten Winterrock fest an sich
ziehend, schritt er sehnsuchtbeflügelt dahin ... Da lagen - nach einer kleinen
Stunde - die vier Türme des Schlosses! Weissschimmernd der graue Schiefer an den
Stellen, wo der Wind den Schnee abgetrieben! Hinter den Fenstern dort oben das
süsse Mysterium, wo Frauen von zarter Sitte und holder Anmut wohnen! Gar nicht
gedenken konnte er, wie ihm Paula's Dasein doch nur so war, wie dem Baume sein
Blatt kommt und geht und wiederkehrt und wieder schwindet, immer ein anderes ist
und doch dasselbe, tausendfach immer nur Eines, Wirklichkeit und doch nur ein
Begriff. Wäre das edle Gemälde der Gräfin nicht wie auf Goldgrund gemalt gewesen
- er wäre vielleicht verloren gewesen. Irgendeine einzelne Schalkhaftigkeit, wie
sie Armgart besass, irgendeine lächelnde Caprice, wie Lucinde, und der
Erscheinung Paula's wäre jene Leibhaftigkeit verliehen gewesen, die
herausfordert. Ihm aber war sie so wie Andern; auffallend musste erscheinen, dass
die auch jetzt doch noch so reiche Erbin nicht von Freiern umgeben wurde, Paula
konnte sich nur entweder selbst verschenken oder sie musste verschenkt werden;
ein Werben um sie, ein sie Liebenmüssen oder Liebenwollen schien bei einer so
geistig vornehmen Natur kaum aufzukommen.
    Vor dem Schloss fand Bonaventura, wie um diese Zeit fast immer, eine Anzahl
Wagen. Zu den vielen Rücksichten der Etikette gesellte sich die hier stets
genährte Neugier und dann war gestern beim Leichenbegängnis so vieles
vorgefallen, worüber man seine Gedanken austauschen musste; ja auch die neue
Kunde war schon überall hinausgegangen, die Gräfin hätte das Leichenbegängnis
selbst gesehen und ein von ihrem Leib genommener Rosenkranz hätte ein Kind in
Witoborn vom Tode gerettet. Auf den Treppenstufen sah Bonaventura wieder die
Zahl der Gichtbrüchigen und Blinden und Hülfsbedürftigen wie sonst ...
    Armgart kam ihm auf der Treppe entgegen und teilte den Harrenden Amulete
aus, die Paula berührt hatte. Diejenigen unter seinen Arzneien, deren Heilkraft
verbürgt ist, kann der Apoteker nicht mit grösserer Zuversicht verabfolgen, als
hier Armgart, nicht einmal mit Verlegenheit vor Bonaventura niederblickend, eine
Anzahl kleiner Kissen austeilte, deren sie und die Stiftsdamen tagein tagaus
eine Anzahl verfertigten. Diese Kissen waren fingerlang, fingerdick, von weisser
Seide, innen mit Baumwolle gefüttert, von aussen bildeten lose und weite Stiche
ein rotseidenes Kreuz ... Paula berührte sie nur und sie sollten heilen.
Armgart teilte diese Kissen aus mit einer Zuversicht, als müsste sie jeden
Zweifel daran für teuflisch erklären ... O gut, rief sie dazwischen dem Domherrn
entgegen, dass Sie kommen! Paula schlummert! Reden Sie mit ihr! Alles steht
erwartungsvoll! Sie spricht wie gestern! Aber da sie niemand zu fragen wagt,
antwortet sie nicht zusammenhängend! Der Onkel verbietet es andern! Sie, Sie,
Domherr, Sie könnten endlich ein Machtwort sprechen! ...
    Bonaventura stand voll Zagen ...
    Als Armgart die Leidenden entlassen hatte, ergriff sie Bonaventuras Hände,
von denen die eine, schon während des Beobachtens der Scene des Austeilens der
Kissen, ihres Handschuhs sich entledigt hatte. Halten Sie doch die Leiter, auf
der Paula gen Himmel steigt! sagte sie, beide Hände ergreifend. Warum tun Sie's
nur nicht! Alles sehnt sich danach und niemand mehr als Paula selbst! Oder gab
es keine heilige Teresia, sah Franz von Assisi nicht den Himmel offen? Nicht
die heilige Brigitta? Erleuchtete Gott nicht Katarina von Genua und nun erst
gar die von Siena? Hören Sie, was Paula redet und fragen Sie dann selbst!
    Was soll ich fragen! sprach Bonaventura wie gefangen ... Alles wurde still
umher ... Herrschaften und Diener waren in den innern Gemächern und standen ohne
Zweifel um Paula's Lager ... Armgart hielt fort und fort seine Hände ...
    Eine Handbewegung nur von Ihnen! Diese weisse Hand auf ihr Herz gelegt! Eine
sanfte Frage nur von Ihrem Munde! O kommen Sie!
    Armgart! - lehnte Bonaventura, voll Mismut ohnehin gegen Armgart, ab;
Armgart küsste ihm jetzt selbst seine Hand ...
    Fragen Sie nach meinem Vater! Nach meiner Mutter! Ob es wahr ist, dass sie
jede Stunde hier eintreffen können! Fragen Sie, ob die Zukunft uns alle, alle -
unglücklich macht!
    Bonaventura blickte finster. Er hörte zwar im Geist die Worte des Herrn, der
durch Prophetenmund, Joel 2,28. 29 spricht: »Es wird geschehen in den letzten
Tagen, spricht der Herr, da will ich von meinem Geist über alles Fleisch
ausgiessen. Und euere Söhne und Töchter werden weissagen, euere Jünglinge werden
Gesichte schauen und euern Aeltesten werden Traumgesichte erscheinen. Ja auch
über meine Knechte und Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geiste ausgiessen
und sie werden weissagen« ... Dennoch wollte er mit der Hand über Armgart's
Stirn streichen und ihr sagen: »Mädchen, lass doch nur treu und wahrhaft dein
eignes Herz reden und du hast deine Zukunft gewiss!«
    Nun aber ergriff Armgart blitzesschnell einen Ring an des Zögernden Hand ...
Es war der Trauring seiner Mutter, jener, den der Onkel Dechant in dem
Leichenhause des Sanct-Bernhard gefunden hatte, jener Ring, der als
Erkennungsmittel vor dem entstellten Körper seines Vaters gelegen, derselbe
Ring, von dem Bonaventura ähnlich wie Lucinde von Bickert's Schrift, gesagt
hatte: In ihm liegt die ganze Lebensfrage unserer Kirche! Und noch ehe er wusste,
was geschehen, hatte Armgart den Ring schon ihm abgezogen und war mit ihrem
Raube davongeeilt ...
    Sie eilte in den Vorsaal, dessen Tür sie offen liess ...
    Bonaventura, bestürzt über ein Vorhaben, das er nicht sogleich begriff,
folgte ... Die wenigen Anwesenden, die aufgeregt in dem grünen Nebenzimmer
standen, grüssend, wandte er sich Armgart zu, die mit ihrer Eroberung noch eine
Weile sinnend vor dem Onkel Levinus stand, als wollte sie von diesem erst die
Erlaubnis haben, Paula - mit dem Ringe zu magnetisiren ... Dann aber, ohne
seinen fragenden und zürnenden Blick zu erwidern, ging sie rasch durch die offen
stehenden Türen dem von der übrigen Zahl der Besucher schon umstandenen
Schlummerlager Paula's zu ...
    Es waren so viel Frauen zugegen, der Verkehr durch alle geöffneten Zimmer
hindurch war so gehindert, dass Bonaventura's Eintreten die Aufmerksamkeit nicht
fand, wie sonst ... Aller Augen waren auf Paula gerichtet ... Auch einige
geistliche Herren aus Witoborn waren zugegen und drangen in Bonaventura, den
andern zu folgen ... Mit einer Empfindung, als wären die Engel vom Himmel
gegenwärtig, drängte sich alles dem Vorzimmer zu vor Paula's Schlafgemach ...
    Hier lag sie auf dem Ruhesopha ... Die Vorhänge waren zurückgezogen; einige
Stiftsdamen standen um sie her, Armgart knieete vor ihr und steckte eben leise,
nur von Bonaventura beobachtet, seinen blinkenden Raub an den Ringfinger der
linken Hand Paula's ... Teppiche milderten jedes Geräusch der Umstehenden ...
    Paula schien in der Tat Reden vor sich hin zu murmeln ...
    O das ist schön! sagte sie endlich vernehmbarer und ihr fieberhaft
angehauchtes Antlitz begann zu lächeln. Sie schien die Annäherung eines
magnetischen Rapportes zu fühlen, ja schien sie wie eine geistige Nahrung
einzusaugen ...
    Wie wird es so licht und so hell jetzt! ... sagte sie plötzlich lauter und
wie begeistert. Von der Sonne! ... Alles! Alles! ... Auch ihr Leib ist Licht!
... Die Lichttropfen gleiten ihr aus den Fingern!
    Wem? fragten einige. Auch Bonaventura mit wehmutumschleierten Augen ...
    Onkel Levinus erläuterte mit gedämpfter Stimme und trotz der Gewöhnung an
diese Erlebnisse doch erzitternd:
    Das wird der Hochschlaf! Immer, wenn sie den höhern Grad des Hellsehens
erreicht, spricht sie von sich selbst als von einer dritten Person! Es ist dann,
als schritte ihr Geist aus dem Körper heraus, sodass sie sich selbst sieht. Das
Tröpfeln aus den Fingerspitzen ist der Anfang ...
    Tante Benigna bemerkte jetzt den Ring an Paula's Finger, wagte aber keine
Frage oder Einsprache zu tun und bangte nur, wie alle ...
    Paula schwieg eine Weile, als wartete sie das Entgleiten des elektrischen
Fluidums aus ihren Fingerspitzen oder die weitere Annäherung Bonaventura's ab
...
    Auch Terschka trat inzwischen zu den ängstlich Harrenden ... er grüsste
Bonaventura und die, die er heute noch nicht gesehen hatte ...
    Wie ist das so schön! fuhr Paula in kurzen Sätzen fort ... Ach, die
herrlichen Blumen! ... Rosen um dunkle Cypressen! ... Die gehen ja hoch hinauf
bis ins grüne Laub! ... An den Blättern zittern Tautropfen, die die Sonne
bescheint! ... Die sanfte Datura! ... Die stolze Magnolika! ...
    Der Onkel schaltete bedeutsam ein:
    Die absolute Wesenheit der Dinge! Erst kommt sie durch Blumen, dann durch
bunte Ringe und Kreise! Es ist zuletzt die Welt des reinen Seins ohne Zeit und
ohne Raum ...
    Paula fuhr jedoch im Gegenteil fort:
    Ein herrliches Schloss! ... Mit einer Fahne auf dem Turm! ... Wald und Berg!
... Immer hört sie ein Glöcklein, das nicht aufhören will! ...
    Onkel Levinus sah sich um und deutete mit stummem Blick nach oben. Er wollte
sagen: Sie hört die Harmonie der Sphären ...
    Hirten kommen aus den Tälern, fuhr Paula fort, und steigen zum grünen Wald
hinauf! ... Wie in der Kirche ist's unter den Bäumen! ... Die Bäume werfen so
lange Schatten! So lange! ... Vor grossen Kirchenfenstern schimmern so die
grünseidenen Vorhänge! ...
    Onkel Levinus lächelte die Geistlichen und die Damen an, als wollte er
sagen: Die langen grünen Schatten sind die Urbilder der Dinge! Die ewigen
Grundformen! ... Und Tante Benigna bedauerte im stillen nur die Abwesenheit
Püttmeier's ... Auch Tiebold's, der zum Essen kommen sollte und durch die
anwesenden Stiftsdamen abgesagt worden war, weil er heute wieder, wie so oft,
dort zurückbehalten wurde zum Vierhändigspielen mit mindestens drei bis vier der
Stiftsfräulein die Reihe herum ...
    Und Armgart, die noch immer knieete, wandte ihren Kopf mit einem Bitteblick
auf Bonaventura und langte mit dem Arme, als sollte er näher treten, Paula
magnetisiren und sie ausdrücklich um ihre Anschauungen befragen ...
    Bonaventura stand in scheuer, schmerzlicher Befangenheit ...
    Paula aber tat dem Onkel Levinus heute nicht den Gefallen, bei dem reinen
Sein der Dinge zu bleiben, sondern fuhr fort:
    Bienenstöcke sieht sie zwischen den mächtigen Bäumen! ... Das sind
Kastanienbäume! ... Sie kennt sie! ... Die blühen schon! Die roten Pyramiden!
Und die Mandelbäume, die blühten gar schon ab! ... Die Bienen umschwärmen sie!
... Und immer, immer läutet die Glocke ... Nun sucht sie die Glocke ... sie
hängt ja an einem Ast der Bäume, dicht vor der Hütte von Moos! ...
    Onkel Levinus schien betroffen, dass sich in der Sphäre des reinen Siderismus
heute soviel tellurische Ueberbleibsel finden sollten ...
    Es ist ja fast - wie in - Italien! ... bemerkte inzwischen Terschka ...
    Italien! ... Dies Wort genügte den Damen im Grunde noch mehr, als das reine
Sein ... Was führte die Seherin nach Italien? ... Paula konnte mit irdischen
Augen bis nach Italien sehen? ...
    Die Messe liest er nicht! ... - sprach Paula nach einer Weile, während alles
lauschte und Onkel Levinus noch immer nicht an eine Versetzung der Anschauungen
Paula's nach Italien, sondern nur ins Geisterreich selbst glaubte ... Mit ganz
lauter und bestimmter Anrede fragte er die Schlummernde jetzt: Wer? ...
    Der Eremit! antwortete Paula ...
    Sieht sie denn einen Eremiten? fuhr der Onkel fort, mit scharfer Betonung,
etwa in der Art, wie ein Arzt mit einem Typhuskranken spricht ...
    Mit weissem Bart! antwortete Paula kindlichsten Gehorsams ... Ein heiliger
Gesang wallt herauf ... Sie tragen Fahnen -
    Es ist eine Procession! wagte sogar ein Kanonikus aus Witoborn jetzt laut zu
äussern. Vielleicht war auch er geneigt, eher an die Sphäre des reinen Seins, als
an Italien zu glauben und in der Procession einen Beweis für die
Rechtgläubigkeit des Himmels zu finden ...
    Sie sieht keine Bilder, keine Fahnen ... antwortete Paula ... Sie kommen in
der Hand mit Büchern ... Grösser sind sie als die Breviere ... viel grösser ...
    Triumphirend blickte der Onkel um sich. Die Geistlichen und die Frauen
erhielten wieder einen Anhalt für das Jenseits; denn ohne Zweifel waren diese
grossen Bücher, wenn nicht die Gesetzestafeln des Moses selbst, doch Schriften
der Kirchenväter oder Missalien, die Paula in den Händen der rechtgläubigen,
geisterhaften Gestalten sah ...
    Sie lesen in den Büchern! ... fuhr die Schlafende fort ... Der Mann mit
weissem Barte erklärt sie ... »Gott ist ein Geist«, spricht er, »und die ihn
anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten!« Die sanfte Stimme!
...
    Bonaventura stand atemlos. Sein Blick fiel auf Terschka, der ihm voll
Erstaunen zuflüsterte:
    Ich glaube die Gegend zu kennen ...
    All die Blumen und die Käfer und die Bienen summen! ... Wie grün ist das!
... Smaragdgrün! Wie wenn in unserm Buchenpark die ersten Frühlingslauben sich
wölben ... Aber das sind nun Eichen! ... Tief unten ist alles so milde, so weich
und sanft ...
    Wer ist der Redner? fragte Onkel Levinus scharf ...
    Die Frauen erwarteten keine andere Antwort, als: Gott der Herr selbst!
    Sie kennt ihn nicht! ... sagte Paula ...
    Das Sprechen in der dritten Person hatte etwas Gespenstisches, das niemanden
mehr bewegte als Bonaventura. Armgart's fortgesetztes Bitten lehnte er mit der
Hand ab. Doch kaum sah Armgart dies Vorstrecken seiner Hand, so erhob sich das
phantastische Mädchen, ergriff sie und wollte ihn dem Lager näher ziehen ...
    Bonaventura machte nun in der Tat ein Kreuz über die ganze Länge der in
schwarzer Seide gekleideten, in rührender Halbbewusstlosigkeit daliegenden,
fieberhaft angehauchten Gestalt der Gräfin und trat wieder zurück ...
    »Herr, wie so lange!« sprach jetzt Paula mit erhöhter Kraft. »Auf, schlage
ihn, denn das ist der Tag, an welchem der Herr hat übergeben deinen Feind in
seine Hand!« Die Hand auf das Buch hält er! ... Hält es hoch empor! ... »Siehe,
der Winter ist vergangen, der Regen ist weg und dahin!« »Der Odem Gottes weht
über die Lande!« ... Sie kann jetzt nicht hören ... Die Frauen weinen ... Die
Männer reichen sich die Hände ... Jetzt - jetzt - Ein Kelch - geht - um ...
    Ein einziger Ton des Schreckens unterbrach Paula's Vision ... Ein Kelch geht
um? Das musste eine Versammlung von Ketzern sein! ... Das war die gemeinsame
Empfindung ...
    Sie trinken alle daraus! fuhr Paula mit Bestimmteit fort ...
    Einige der Frauen, die sich gesetzt hatten, erhoben sich ... Andere, die
standen, mussten sich nach Sesseln umsehen. Die Geistlichen blickten fragend bald
auf Bonaventura, bald auf den Onkel Levinus, der gewissermassen für alle diese
Dinge die Verantwortlichkeit zu übernehmen hatte ...
    Es ist, sagte Paula - nicht die Messe -
    In Bonaventura's Innerm war es, als fühlte er die Erde unter sich wanken ...
Paula sprach wie seine innersten Gedanken aus ...
    Das Buch ist die Bibel! sagte Paula ...
    Der Schrecken vermehrte sich ...
    Der schöne Pokal! ... Von rotem Krystall! ... Wie Blut? ... Ja er sagt:
»Noch wird es in Strömen fliessen, bis deine Burg, o Herr, Zion, deine Zinne,
erobert ist!« ... Er ergreift den Kelch ... Die Hand ist so weiss ... wie der
Schnee der Alpen ... dort oben ...
    Längst zitterte schon in Bonaventura die Erinnerung an den geheimnisvollen
Brief, den er empfangen, die Einladung, einst unter den Eichen von Castellungo
zu erscheinen, dort ein neues Martyrium anzutreten, das der verbesserten Kirche
... Und wie dann Paula selbst ihre eigene schöne weisse Hand emporhielt und sein
Ring, der Trauring seiner Mutter, zu aller Erstaunen an ihrem Ringfinger
blitzte, konnte er sein Herz nicht länger bewältigen ... Aller Anwesenden
uneingedenk, entsetzt über die Vergleichung der weissen Hand mit dem Alpenschnee
und wieder doch von der frohen Hoffnung neu beseelt, dass sein Vater nicht in die
Abgründe der Lavinen stürzte, nicht in der schaudervollen Morgue des
Sanct-Bernhard vermoderte, nicht auf dem Friedhof zu Sanct-Remy auf dem Wege
nach Aosta begraben lag, wiederholte auch er die Frage:
    Wer ist der Redner?
    Da schwieg anfangs Paula ... Dann aber, zum Zeichen, dass sie Bonaventura's
Stimme wohl erkannt hatte, sagte sie, und sagte das wie vor Ueberraschung wonnig
belebt:
    Du fragst sie?
    Alle - des Du's staunend - sahen auf Bonaventura ...
    Schon aber sprach Paula weiter:
    Es ist kein Greis! Weiss ist sein Haar, schneeweiss, aber seine Haltung noch
wacker ... Wer es ist? ... Er ähnelt - dir! ...
    Bonaventura zitterte ... Armgart ergriff seinen Arm krampfhaft ... doch
überselig ...
    Paula fuhr fort:
    Seine Hütte gefällt ihr ... Drüben aber liegt das Schloss ... Die Fahne hat
ihre Farben ... ihr Wappen ...
    Wessen? fragte Terschka mit nicht mehr zurückzuhaltender Spannung ...
    Paula schwieg jetzt ... Der Ton dieser Stimme störte sie ...
    Onkel Levinus deutete auf die Schlummernde selbst und sagte mit dieser
stummen Geberde, die Schlossfahne trüge die Farben der Dorste-Camphausen selbst
...
    Dann ist es Schloss Castellungo! sagte Terschka mit höchstem Erstaunen. Der
Eremit ist ein Deutscher, namens Federigo! Ich kenne ihn! Eine religiöse Sekte,
die von Comtesse Erdmute dort beschützt wird, hat sich jetzt, wie so oft, um
ihn versammelt! Ich wäre begierig, ob in diesem Augenblick, wo allerdings dort
in dem schönen piemontesischen Tale der Frühling schon in vollster Blüte steht,
in der Tat eine der von ihr geschützten Gottesverehrungen stattfände! Erfahren
kann ich das und werde mich darum bemühen ...
    Terschka näherte sich dem Ruhebett ...
    Paula aber betete jetzt ... Sie sprach Worte, die minder auffallend klangen
... Maria und die Heiligen fehlten nicht ... Endlich schwieg sie ganz ... Einen
Reiz, sie noch aus ihrem beginnenden, nun wirklich naturgemässen Schlummer wach
zu rufen, konnte nur eine Grausamkeit unerlaubter Neugier sein. Die Tante
winkte, dass Paula der Ruhe bedürfte ...
    Die Frauen gingen zuerst ... Die Geistlichen folgten ... Onkel Levinus
begann von Gräfin Erdmute und ihren Reformen ...
    Terschka entzog sich zwar dem für seine Stellung bedenklichen Gespräch,
blieb aber mit Armgart zurück, die ihn festielt und sich von Castellungo
erzählen liess, über das eines Abends Benno und Tiebold so harmlos gesprochen
hatten, dabei sogar Porzia's gedenkend, als einer Schülerin des Bruders Federigo
und vielleicht einer künftigen Gattin Hedemann's. Die Möglichkeit, dass Paula nur
eine Reproduction der Phantasie gegeben hatte, lag nahe. Nur bewunderte
Terschka, wie richtig alles zutraf, und Armgart ihrerseits staunte und grübelte,
warum gerade jetzt Paula auf diese Anschauung kam. Sinnend und den Trauring
betrachtend, den sie wieder zur Zurückgabe an den Domherrn an sich genommen
hatte, liess sie sich Castellungo so genau schildern, dass Terschka am Fenster
hinter den Gardinen bei ihr stehen bleiben und flüstern musste ... Sie kehrten
lange nicht zu den Uebrigen zurück ...
    Und doch war inzwischen neuer Besuch gekommen ... Wenn Bonaventura annehmen
wollte, dass der Trauring seiner Mutter es war, der diese Kette von Anschauungen
veranlasst hatte, wenn er im Bruder Federigo sich seinen Vater denken, in der an
ihn gerichteten lateinischen Einladung eine Andeutung des väterlichen Unwillens
finden wollte über die Wahl seines Berufes und einen Drang der Sehnsucht des
väterlichen Herzens auf ein Wiedersehen, dem dann eine Erörterung über die Ehe
als unauflösliches Sakrament der Kirche folgen musste - so fehlte, um ihn in die
höchste Verwirrung zu versetzen, nur das noch, was ihm jetzt geschah ...
    Der Regierungspräsident von Wittekind stand im grünen Zimmer und war eben
erst angekommen ...
    Zuckte der Schmerz der gewissen Ueberzeugung in Bonaventura: Dein Vater lebt
noch und entzog sich nur der Welt, weil unsere Kirche nicht scheidet - so stand
er dem Manne gegenüber, der die Hand einer Frau besass, die seine Mutter war und
die vielleicht in Bigamie lebte ... Noch mehr ... Der Präsident sprach zum Onkel
Levinus, zur Tante Benigna und zu Bonaventura zugleich gewandt:
    Ich fürchtete ihre Aufregung und liess drüben eines der geheizten
Fremdenzimmer aufschliessen ... Gehen Sie zu ihr und begrüssen Sie sie lieber erst
unter vier Augen!
    Wen? konnte Bonaventura nicht mehr fragen; denn schon bestätigte der
Präsident dem Ahnenden:
    Ihre Mutter! Sie ist gestern Abend angekommen! Wir suchten Sie eben im
Pfarrhause auf und hörten, dass Sie hier sind - Die Sehnsucht der vortrefflichen
Frau kannte keine Grenzen mehr! Wir fuhren hieher! Sie verlangt nach Ihnen!
Machen Sie sie glücklich!
    Bonaventura verliess das Zimmer, geführt von Tante Benigna und dem Onkel.
 
                                       8.
Bonaventura's Herz überfiel ein Krampf, der ihm die Unterstützung seiner Führer
zur Notwendigkeit machte ...
    Im Vorsaal stand einer der zur glänzenden Livree noch mit Emblemen der
Trauer geschmückten Diener des Präsidenten ... Er stand bereit, ihn in das
Zimmer zu geleiten, wo ihn seine Mutter erwartete ...
    Weib, was hab' ich mit dir zu schaffen! hatte es einst in des Sohnes Brust
gerufen ...
    Wieder riefen ihm wilde Stimmen dies Wort, aber es waren nur noch Stimmen
der Erinnerung ... Seine Brust trug schon zu schwer an tausend, tausend Bürden
des Lebens und des Urteils, zu schwer, als dass ihm noch die alte rigorose
Strenge verblieben wäre ... Auf Paula vorhin sich niederwerfen, sie durch Küsse
aus den Banden der dämonischen Mächte wach rufen - wenn er das gekonnt hätte!
... Alles hatte ihn gezogen, es zu wagen - nun durfte er doch in die
friedenbringenden Arme eines Weibes sinken ...
    Mit überströmender Rührung war er dem Diener gefolgt, der ihn weiter auf den
Corridor hinausführte ... Die andern Begleiter, die heilige Weihe des
Augenblicks erkennend, liessen ihn allein vorschreiten ... Der Diener öffnete
eine der Türen, über denen alte Wappen und Jagdtrophäen hingen ...
    Bewusstlos, nichts von der Umgebung, selbst nicht sogleich die Mutter ganz
wiedererkennend, lag Bonaventura an einem Frauenherzen ... Er, der Mann, weinte
wie ein Kind ... die Stätte durfte er geweiht nennen, wo er die Tränen über all
die Empfindungen niederlegte, die seit dem immer höher und höher sich
steigernden Reichtum seiner schmerzlichen Lebenserfahrungen sich in ihm
ansammelten ...
    Die Mutter selbst war fast befremdet von der Weichheit seiner Stimmung ...
    Sie hatte solche Begrüssung nicht erwartet nach der Abneigung und dem
strengen Urteil, das ihr vom Sohn über ihre zweite Vermählung bekannt war. Sie
wusste eben nicht, wie im Menschenleben oft ein aufgesammeltes Bedürfnis sowol
der Liebe, wie des Hasses demjenigen andern zu Gute oder zu Schaden kommt, der
uns dann gerade zuerst begegnet und so begegnet, dass nur ein geringstes
Wegnehmen von der schweren Last des Vorrats in unserer dafür zu eng gewordenen
Seele das Nachstürzen auch alles übrigen bedingt ...
    Frau von Wittekind war eine Frau hoch und schlank wie ihr Sohn ... Ihr Haar
war noch dunkel ... Ihr Auge besass eine energische Schärfe ... Beim Lächeln der
Freude, das sich in die Rührung mischen durfte, zeigte ihr Mund noch
wohlerhaltene Zähne ... Das Schwarz ihres Kleides stand ihr, wie wenn sie es
auch zur Hebung ihrer reinen weissen Haut hätte gewählt haben können ... Die
Finger waren wohlgerundet ... Die ganze Art hatte etwas Vornehmes und
abgeschlossen Sicheres ... Besass sie etwas ursprünglich Kaltes, so wurde dies
durch die ergreifende Situation jetzt nicht ersichtlich ...
    Sieben Jahre! ... begann sie ... Und du, mein Bona, mein Priester! ... Und
Domherr schon! ... Und doch bist du immer, immer so kalt gewesen - deiner
Mutter?!
    Schon war Bonaventura gefasster ... Er setzte sich mit der Mutter auf ein
kleines Kanapee ... Es war ein rings mit alten Landschaftsbildern geziertes,
behaglich enges Zimmerchen ... Umher blieb es still und ohne Störung ...
    In jungen Jahren haben wir immer viel heroischere Ideen als im Alter! sagte
Bonaventura niederblickend ...
    Nennst du dich alt, mein Sohn! erwiderte die Mutter und streichelte die
Wange des Errötenden ... Zugleich wich sie dem von ihr angeregten Tema der
bisherigen »Kälte« wieder aus ...
    Vom Onkel Dechanten, von Frau von Gülpen, von der alten Renate, von
Bonaventura's Hausstand, von Benno war die Rede ... Frau von Wittekind lebte in
völlig neuen Verhältnissen, hoffte nun aber eine innigere Anknüpfung derselben
wieder an das alte Vergangene ...
    Wird der Präsident auf seinen Posten zurückkehren? fragte Bonaventura ...
    Nein, mein lieber Sohn! sagte die Mutter. Die Güter, die der Vater
hinterlassen hat, sind so umfangreich, die Bewirtschaftung ist in den letzten
Jahren, wo die Wunderlichkeiten des Alten über alles Mass gingen, so
vernachlässigt worden, dass es Wittekind's ganzer Kraft bedarf, um alles auf der
gebührenden Höhe zu erhalten ...
    Dann gibt er eine glänzende Aussicht auf Staatswirksamkeit auf! sagte
Bonaventura. Oft hatte man geglaubt, gerade seine Hand würde stark genug sein,
das Gubernium der aufgeregten westlichen Provinzen zu übernehmen ...
    Wir haben darüber ernste Beratung gepflogen! entgegnete die Mutter. Meinem
Gemüte widersprach schon lange die falsche Stellung, in die er seinem Glauben
gegenüber geriet! Mit dem Vorangegangenen wird er brechen und sich dem Geist
anschliessen, der in diesen Gegenden herrscht. Es liegt darin für mein Herz eine
tiefe Beruhigung!
    Soweit ich unsern Volksstamm kenne, wird es einige Mühe kosten, das gegen
ihn herrschende Mistrauen zu widerlegen! sagte Bonaventura aufhorchend. Zumal,
da Herr von Wittekind - Bonaventura konnte nicht »Vater« sagen - in dem Rufe
steht, seine frühere Stellung ganz mit Ueberzeugung ausgefüllt zu haben ...
    Wohl! sagte die Mutter. Wittekind ist eine praktische Natur, wie in gewissem
Sinn es auch sein Vater war ... Er liebt den Ruhm, vielleicht nur den Ruhm als
gerechte Belohnung seiner Tätigkeit. Doch gibt er, soweit es geht, in vielem
mir nach. Schon lange litt ich unter seinem Eifer für Administration und
Beamtentum. Jetzt hat er eine entsprechende Beschäftigung und wird, soweit ich
ihn kenne, mit Behutsamkeit einlenken auf die neue Bahn, die auch seinem Gemüt
eine grössere Ruhe geben muss. Denn ebenso gut und weich kann er sein, wie er
grossmütig und aufopfernd schon zu allen Zeiten war ...
    In den letzten Worten lag eine rechtfertigende Erinnerung an Bonaventura's
Vater, an seine Flucht, seinen Tod ...
    Als Bonaventura schwieg, nahm die Mutter diese Erinnerung von selbst auf ...
Sie ergriff des Sohnes Hand und sprach mit einer Fassung, die, so schon nach der
ersten Rührung des Wiedersehens kommend, überraschen konnte:
    Du bist reifer geworden, mein Bona! Du hast die Welt schon in anderm Lichte
gesehen, als damals, da der Eindruck meiner Wiederverheiratung dir so
befremdlich war! O, nenne mich keine Schuldige! Beurteile mich nicht so hart,
wie der damalige Generalvicar, der gefangene Kirchenfürst, der Wittekind hasste,
weil er zu den Organen der Regierung gehörte! Als wir von der nahen Auflösung
des Kronsyndikus hörten und da schon hierher reisen wollten, besuchten wir den
strengen Mann in seiner Festungshaft. Er war von einem Spaziergang aus den
Wällen zurückgekehrt und eben wollt' er die Tabackspfeife, die er unbekümmert um
den Brand, den er in der Christenheit angezündet hat, immer noch frohgemut
fortraucht, wieder füllen, als ihm der Vater - Wittekind und ich gemeldet
wurden. Dieser Besuch musste ihn nicht wenig überraschen. Ich hatte Sie in andern
Beziehungen wiederzusehen erwartet, Herr Präsident! sagte er, als er unserm
Beileid staunend zugehört. Dieser Schritt wird Sie in eine schiefe Stellung
bringen, wenn anders Sie mich nicht als ein Bevollmächtigter der Regierung
besuchen! Wir benahmen ihm diese irrtümliche Voraussetzung und erklärten, dass
wir Frieden zu schliessen gedächten mit denen, mit welchen uns Geburt, Abstammung
und gleiche Ueberzeugung in eine Reihe stellten. Er erwiderte: Es wird vielen so
gehen, dass sie zur Erkenntnis kommen, und darum preis' ich mein Loos und will es
gern ertragen! Ich bin zum Eckstein geworden! Die Bauleute wollten mich
verwerfen; aber ein neues Gebäude wird über mir errichtet werden! Ein
segensreiches und vielleicht für ganz Deutschland! Er entliess uns gütig. Deiner
gedachte er mit der mein ganzes Mutterherz mächtig überwallenden Prophezeiung,
dass Gott dich zu grossen Dingen erlesen hätte ... Schon wär' es im Werke, dich
als Gesandten der Curie nach Wien zum apostolischen Nuntius zu schicken ... Du
staunst darüber? ... Das wusstest du nicht? ... O, ich erkenne deine ganze Natur
... in deiner Bescheidenheit! ... Mein Sohn! Mein, mein Sohn! ... So sei auch
versöhnt und nimm die Vergangenheit so licht und rein, wie der schöne
Sonnenstrahl dort drüben glänzt über dem blendenden Schnee!
    So zart und doch wieder so klug und gewandt in ihrer Denk-, Rede- und
Gefühlsweise stand für Bonaventura die Mutter gar nicht mehr in seinem
Gedächtnis. Wie hatte sich bei ihr das Vergangene verwischt! Ihm kam bei dem
Bilde des Schnees, das sie brauchte, sofort die Erinnerung an den Tod seines
Vaters ... Mit Bezüglichkeit wiederholte er: Ueber dem blendenden Schnee! ...
Erst allmählich verstand die Mutter diese Wiederholung und Betonung, seufzte
dann tief auf und fuhr fort:
    Die gnadenreiche Mutter sei mein Zeuge, dass ich an einen Abgrund erst
geführt wurde durch die Umstände, nicht durch meine eigene Schuld! Die Worte des
heiligen Sakramentes der Ehe sagen: »Und er soll dein Herr sein!« Dies Wort,
mein lieber Sohn, ist nicht allein darum gesagt, dass die Gattin ihrem Gebieter
gehorsame, es ist auch darum gesagt, dass der Gebieter ihr wirklich ein Herr sei!
Jede Frau hat das sehnsüchtige Bedürfnis, in ihrem Manne auch wirklich den
Führer, den beratenden Freund, ja selbst in zweifelhaften und schwierigen
Fällen einen befehlenden Herrn zu haben. Mir war das dein Vater nicht. Im
Gegenteil, ich, ein älternloses Fräulein - Besitztümer hatten ja die
Wehrförders, mein Geschlecht, nicht und meine Erziehung war unvollständig - ich
wurde der Gebieter für ihn! Nicht durch Laune oder Neigung zum Herrschen, nur
durch die Umstände, die ihn unfähig machten, das Ruder selbst zu führen. Diese
Asselyns sind ein herrliches, edles Geschlecht gewesen; es ist schmerzlich, dass
dieser alte Friesenstamm aussterben muss - Benno kann doch nur den Namen
fortführen. Franz, der Dechant, ist die Herzensgüte selbst, aber wie
leichtsinnig! In seiner Jugend war er fähig die Bahnen der Geistlichen zu
wandeln, die in Frankreich den Untergang der Religion verschuldet haben. Der
zweite, Max von Asselyn, Benno's Adoptivvater, war ein tapferer, ritterlicher
Held, ein Offizier von seltener Bravour, aber ganz so abenteuerlich, wie dies in
unserm träumerisch eigensinnigen Volksstamm liegt. Was er unternahm, war
befremdend. Bracht' er wohl aus dem Kampf, wie andere, gerechte und nach Sitte
erworbene Beute mit? Aus Spanien sah ich viele deutsche Offiziere, die dort
unter Napoleon kämpfen mussten, mit mancherlei merkwürdigen Dingen heimkehren.
Ein Wehrförder, Vetter von mir, brachte aus einem Kloster Bilder mit, aufgerollt
wie Landkarten - er hat sie zu enormen Preisen verkaufen können. Max brachte
entweder von einer Nonne oder einer - man sagt in seinen Armen gestorbenen -
Geliebten einen Sohn mit - Benno, den er wenigstens sein nannte, wenn nicht in
das Dunkel, das deinen Vetter umgibt, noch ein völlig anderer Lichtstrahl fällt
und Max nicht einmal Benno's Vater ist. Der dritte Asselyn, Friedrich, mein
Gatte, glich den andern nicht an Leichtsinn, aber an leichtem Sinn. Die
Verlockung der Welt tat ihm nichts, aber die Zerstreuung alles. Nichts wurde
bei ihm zum festen Vorsatz; eine Sorglosigkeit, die an sich ihm liebenswürdig
stand, machte ihn zum harmlosesten Kostgänger der Schöpfung. Ja, mein Sohn, was
Fritz sein nannte, gehörte sogleich auch allen. Jede Schuld, die ihn drückte,
bezahlte er in dem Augenblick, wo er konnte, uneingedenk, dass ihn sein guter
Wille in neue Verlegenheiten stürzte. Die drei Brüder taten ihr geringes Erbe
zusammen, damit es Max bewirtschaftete. Dieser verband sich dazu mit einem
jungen Oekonomen, Hedemann, einem Bauernsohn. Die Nachwehen des Kriegs waren
verderblich; 1817 war ein Hungerjahr. Max starb. Die Verlassenschaft wurde von
den beiden Brüdern verkauft und damit nur ein Käufer, der sich fand (es war der
jetzt so heruntergekommene Rittmeister von Enckefuss) dazu erschien, borgten sie
wieder selbst für diesen bei andern! So geschah alles, um hier nichts zu haben
und da nichts! Nun gehört alles Unsrige hier den Münnichs. Wie gesagt, gute
Menschen, diese Asselyns, aber -! Sieh, dein Vater wurde Regierungsrat. Sein
Gehalt war gering. Er verschwendete wohl nichts, doch die Unregelmässigkeit seiner
Berechnungen stürzte ihn aus einer Verlegenheit in die andere. Der jetzige
englische Oberst von Hülleshoven, gleichfalls ein Sonderling, jünger als dein
Vater, schloss sich ihm damals an, teilte ihm Liebhabereien mit, wie sie noch
jetzt sein Bruder hier in den Türmen dieses reichen Schlosses nach Wohlgefallen
verfolgen kann; denn hier bezahlen die reichen Dorstes seine Torheiten. Dein
Vater ging ebenso mit Begeisterung auf alles Neue ein; er würde sich und seine
Familie zu Grunde gerichtet haben ohne einen endlich denn doch wohltuender
wirkenden Freund, als jene Hülleshovens waren. Dies war Friedrich von Wittekind.
Bald wurde der der Zahlmeister des Hauses. Dein Vater verwies mich selbst an
ihn, um mit ihm zu rechnen! Wie sie beide Friedrich hiessen, so wurden sie fast
Eine Person! Dein Vater war im Stande, eine Tür zu öffnen und zu sagen: Ah, ihr
seid es! Ihr rechnet! Ich störe euch? ... Wir sassen dann und rechneten in der
Tat. Ehrgeizig war ich und mochte nicht, dass ein Makel auf unserm Hause
haftete. Das, das, mein Sohn, ist ein höchst gefahrvoller Zustand für ein
weibliches Herz! Ein Weib ist bedürftig der Liebe, gewiss! Aber ebenso sehr will
sie auch die Wertschätzung der Menschen. Und noch mehr, sie will Hochachtung
empfinden vor ihrem Mann. Die geregelte Ordnung ist für ihren Sinn etwas
Unerlässliches. Ich gestehe, dass ich wohltuend berührt wurde, wenn ich Wittekind
nur eintreten sah, ihn, der damals nicht viel hatte, der mit seinem damals
geizigen Vater in Kampf lebte und selbst kaum das Nötigste erhielt, während,
wie nur leider jetzt zu erwiesen ist, die grössten Summen auch schon damals
fortgingen, um die Folgen des frühern Leichtsinns jenes Gewalttätigen zu
verdecken; die jetzt offen liegenden Papiere seines Nachlasses gewähren
grauenhafte Einblicke in seine moralischen Verschuldungen ... Kurz, mein Sohn,
die Augenblicke, die ich im Anfang meiner Ehe, dich unterm Herzen, dann dich auf
meinen Armen tragend, auf dem kleinen Hof Borkenhagen zubrachte, wo du geboren
und getauft wurdest - Gott, noch immer steht mir der damalige Pfarrer Leo Perl,
ein getaufter Jude, vor Augen! - diese Augenblicke, sag' ich, waren die
glücklichsten meiner Ehe! Als diese Besitzung in andere Hände kam, ich immer in
der Stadt bleiben musste, dein Vater aus Schulden, Wuchernot nicht mehr
herauskam, wurd' ich moralisch das Weib seines Freundes, der ihm helfend zur
Seite stand. Alles war Wittekind, alles entschied der. Der rechnete, der sorgte
... Reisen, die dein Vater machen musste - Dienstreisen, weil er die damalige
Regulirung der Klöster, die Einziehung herrenlos gewordener geistlicher
Biblioteken und Archive unter sich hatte - wiesen mich auf Monate ganz an
Wittekind. »Lass dir doch von Fritz geben!« hiess es in den Briefen ... Guter
Sohn, Asselyn erkannte diesen gefährlichen Zustand erst, als es zu spät war. Ich
hatte mich an den Freund, der Freund hatte sich an mich gewöhnt. Nimm an, mein
Sohn, du sässest im Beichtstuhl und hörtest das Bekenntnis einer beladenen Seele
... Denn eine Last trag' ich allerdings, eine schwere Last, eine kummervolle,
die mir die Ruhe meiner Nächte raubt! ... Ach, Asselyn entfernte sich ohne
Zweifel doch nur deshalb - - um den Freund und die Gattin glücklich zu machen.
Fast muss ich ja glauben, dass der Gute, um uns in unserm Bund nicht zu hindern,
sich selbst den Tod gegeben hat!
    Die vielleicht noch grössere Strafe, der Mutter zu sagen: Und wenn der Vater
noch lebte? Wenn ihn soeben Gräfin Paula im Tal von Castellungo als Eremiten
und den Freund glücklicher Hirten und Ackerbauer gesehen hätte? ... Bonaventura
besass nicht den Mut, diese Strafe der Mutter aufzuerlegen, so sehr ihn die
klare, schneidende, vernunftbewusste Selbstrechtfertigung der noch jetzt
anmutigen Frau herausforderte, so sehr ihm wieder jetzt der Vater entgegentrat
in der ganzen Liebenswürdigkeit seines träumerischen, von dieser Gattin gewiss
nie verstandenen und sicher so nicht, wie verdient, beglückten Sinnes ... Doch
auch die Schwäche besass er nicht, der Mutter die Vorstellung etwa von einem
Selbstmord des Vaters ganz auszureden. Und sie schien es sogar gern zu hören,
dass sein Vater, wenn auch durch Selbstmord - wirklich todt war. Meinst du nicht?
fragte sie halb zagend, halb zuversichtlich ...
    Ich glaube es! war seine Antwort ...
    Die Mutter stand auf. Ihre Haltung schien sagen zu wollen: So müssen wir uns
Fassung geben, eine Genugtuung durch die Religion!
    Die umsichtige Frau bat den Sohn, doch einige Tage auf Schloss Neuhof
zuzubringen, sich inniger dem Präsidenten anzuschliessen, ihre Aussöhnung mit dem
Geist der Gegend zu bewirken, die Opferspenden zu vermitteln, die auch sie
bereit wären überall zu geben, wo dadurch ihr guter Wille in das rechte Licht
träte ... Endlich sagte sie noch:
    Wittekind wird mannichfachen Rat und Beistand in seinen verwickelten
Angelegenheiten bedürfen. Er war zweifelhaft, ob er sich deshalb an Benno wenden
sollte! Ich riet ihm dazu! Dein Urteil zöge er aber vor, sagt er ... Wer ist
hier dieser Herr von Terschka, von dem ich soviel reden höre?
    Der Bevollmächtigte des Grafen Hugo von Salem-Camphausen, des Erben der
Güter der im Mannsstamm ausgestorbenen Dorstes ...
    Ein geschäftskundiger, kluger Mann hör' ich ...
    Ein vielseitiger, gewandter wenigstens ...
    Es rühmte ihn uns ein Jude, ein Gütermäkler ... Ich höre, Benno macht den
letzten Versuch, die Rechte des Grafen Hugo anzuzweifeln ...
    Nur möglich das, wenn eine Urkunde entdeckt würde, die dem Dorste'schen
Familienstatut Kraft erst geben soll, wenn die Erben unsere Religion bekennen
... Sie fehlt und wahrscheinlich nur deshalb, weil sie niemals ausgestellt wurde
...
    Es sind viele Urkunden in jener Zeit verschleppt worden, als nach Uebergang
dieser Lande in westfälische und dann in unsere Herrschaft, die geistlichen
Stifter und so viele Klöster eingingen! War zufällig ein Pergament besonders
schön geschrieben, so schickte es dein Vater in das Museum der Hauptstadt, in
die Bibliotek des Königs ... Dort fand ich schon manchen herrlichen Schatz
wieder, den dein Vater uns vor Jahren gezeigt hatte, wenn er aus Witoborn oder
sonst einer geistlichen Gegend heimkehrte ...
    Bonaventura's Gedanken mussten jetzt wohl auf Bickert gerichtet sein ... Zwei
drückende Vorstellungen: Die gefälschte, bei einem Brand vielleicht hier, auf
diesem Schloss einzuschleppende Urkunde und Lucindens Eroberung aus dem Sarge
in Sanct-Wolfgang! Beichtgeständnisse, die er nicht verraten durfte ... Sie
machten ihn zum Mitleidenden - zum Mitschuldigen ...
    Die Mutter sah seine Abwesenheit ... Sie bemerkte mit gedämpfter Stimme:
    Besonders ist Wittekind in eine Sache verwickelt, die nur innerhalb der
geistlichen Sphäre bleiben soll! Ich kenne sie selbst nicht vollständig. Sie
hängt mit einer grossen Verirrung des Kronsyndikus zusammen und reicht in ihren
Folgen sogar bis nach Rom. Auch der Onkel Dechant zu Kocher am Fall soll dabei
eine Schuld zu tragen haben. Oft hab' ich schon gedacht: Hinge wohl Benno's
Herkunft damit zusammen? Aber wie er als Kind schon nicht dem Onkel Max ähnelte,
so noch weniger dem Onkel Franz - Wittekind schüttelt darüber vollends den Kopf
... Nun, ich werde ja auch Benno wiedersehen und mit ihm plaudern! ... Wir
müssen wohl jetzt zur Gesellschaft, Bona! Ich erbebe, die junge Gräfin zu sehen,
die so seltsame Zustände hat! Eie lag eben jetzt, wie ich höre, im Hochschlaf?
Ich zittere vor Beklemmung! Was sah sie nur?
    Ein Bild der Phantasie! sprach Bonaventura mit stockendem Atem zu der schon
ganz in das gewohnte Gleis ihres Lebens wieder zurückgekehrten Frau. In Gedanken
verloren hatte er der letzten Rede seiner Mutter schon nur noch halbe
Aufmerksamkeit geschenkt und nur zur Andeutung, dass Benno des Dechanten Sohn
sein könnte, gelächelt ... Mutter, hätte er fast gesagt, wie wenig würde Der
Anstand genommen haben, Benno die frischen Wangen zu klopfen, ihm seinen
schwarzen Bart und sein lockiges Haar zu zupfen und zu sagen: Junge! »Nichten«
haben wir genug in der Dechanei gehabt, aber noch nie einen so echten »Neffen«,
wie du bist! Das ist eine falsche Fährte! ... Nun aber gingen beide aus dem
Zimmer und wandten sich nach vorn ...
    Die Mutter hing sich in den Arm ihres Sohnes. Man sah, dass sie äusserlich
beide sich angehörten. Den Wuchs und die hohe Gestalt hatte Bonaventura von
dieser klugen und vorsichtigen Frau; das Herz vom Vater ...
    Sie sagte: Mein Heiliger! zu ihm, lächelte und trat mit ihm in den Vorsaal.
    Die Vorstellungen und Begrüssungen währten eine Weile und dann zerstreute
sich alles ...
    Bonaventura blieb zum Mittag ... Paula erschien wieder als wäre nichts
gewesen ... Onkel Levinus und Tante Benigna wurden inzwischen von einer andern
Gedankenreihe in Anspruch genommen und taten geheimnisvoll. Frau von Sicking
hatte ihnen geschrieben. Sie hatten viel geflüstert und gerade am meisten, wenn
Armgart nicht im Zimmer war. Diese merkte dann bald, dass etwas auf sie
Bezügliches im Werke war. Als sie den Namen der Stiftsdame Tüngel-Appelhülsen
flüstern hörte, die sich der Bekanntschaft mit ihrer Mutter rühmte - sie war die
zweite Partie, die Jérôme von Wittekind hatte machen sollen und war damals nur
durch den Calfactor »Türck« und den Zorn ihrer Mutter über ein verdorbenes Kleid
darum gekommen - sagte sie geradezu: Meine Mutter ist da! Die Tante fuhr sie
darüber heftig an. Sie schwieg. Jetzt bekam auch Terschka durch einen Expressen
aus Witoborn einen Brief und empfahl sich so rasch, dass er nicht einmal bis zum
Ende des Mahls blieb. Armgart sass darauf wie besinnungslos. Noch ehe die Tante
sich zu ihrem »Nicker« eingerichtet hatte, war sie verschwunden. Lange nach ihr
zu suchen war man nicht gewohnt. Fehlten ihr vielleicht noch zu ihren
»Vielliebchen« Nähseide oder Perlen, so ging sie, wusste man, zu Fuss nach dem
Stift und scheute die einsamste Wanderung von fast zwei Stunden nicht. Onkel und
Tante fuhren nach dem Kaffee in der Tat mit eigentümlichem Geheimtun zu Frau
von Sicking und liessen Bonaventura mit Paula allein ...
    Allein - Paula und Bonaventura -
Allein, allein - zwei Seelen, die sich lieben!
Allein, allein -! Wenn auch der Liebe Ja,
Wenn stumm der Liebe Frageblick geblieben -
Allein, allein - doch ist der Himmel da!
    Bei allen andern würde es nach Jahren geheissen haben: Weisst du noch, damals
an jenem Nachmittag - im grünen Zimmer? - Wir sprachen vom Wetter, besahen
Kupferstiche - da rief ich plötzlich: Himmel, wie voll die Hyacinten blühen!
... Ich zählte ihre Glocken, weil ich Angst hatte, dass wir uns beim Besehen der
Bilder zu nahe anstreiften! Und ich glaube gar, ich stellte mich dennoch
kurzsichtig, nur um mit der Stirn dein goldenes Haar zu berühren! ... O, wie
Feuerglut war es in meinem ganzen Sein - und du, du wusstest, jetzt ist der Stoff
erschöpft, jetzt ist die Unbefangenheit beim Gespräch vorüber - beim Gespräch
über was nicht alles, ich glaube über die alten Krater feuerspeiender Berge bei
Kocher am Fall, über die byzantinische Baukunst, über die Philosophie
Püttmeier's! Gleich hattest du etwas anderes; auf die Musik die Bücher, auf die
Bücher die Natur, auf die Natur die eben hereingebrachten Zeitungen! ... Und du
erschrakst nicht einmal, als vom Diener an die Tür geklopft wurde ... So
tändelten wir den Tag hin bis zum Abend, bis zur süssesten Dämmerstunde, wo
endlich mein Auge kein anderes Licht begehrte, als das in deinen Augen strahle,
endlich ich auch das so tollkühn sagte, ganz so vom »Licht in deinen Augen« ...
Da erbebtest du, brachst zusammen und trotz all deiner List und Fassung lagst du
in meinen Armen! ...
    Armer Priester! ... Diese Stunde schenkte dir wirklich der Himmel! Er gab
sie in ganzer, seligster Fülle! Er rief auch an diesem Nachmittage Paula nicht
in die Sterne zurück, liess sie nicht wachend träumen, nicht mit geschlossenen
Augen sehen ... Sie blieb auf der Erde, in deiner Nähe, im lebendigsten,
wärmsten Anhauch deines Atems - und du erstauntest sogar, dass Paula nicht
entschlummerte, obgleich deine Hand an ihrem seidnen Kleide hinfuhr, oft auch -
zufällig? - wirklich sie selbst berührte ... Du durftest dir sagen: Dir, dir ist
sie beschieden! Du würdest sie durch die Liebe erlösen können von den magischen
Banden, die sie gefesselt halten! ... Gott wollte die Ehe und gerade die Deine
mit ihr! ... Alles, alles traf zu ... Auch bis zur Abenddämmerung, bis in die
erste Stunde nächtlichen Dunkels hinein hattet ihr das volle selige Glück des
Alleinseins ...
    Und dennoch, du armer Levit, was durftest du wagen? Was zu gewinnen hoffen?
... Gingst du am Flügel vorüber und lehntest die Epheuranken zurück, die den
goldgerahmten Spiegel beschatteten, so sahest du deinen langen Priesterrock! ...
Sahst du in die geöffnete Kupferstichmappe und prüftest das Zeichen des alten
Meisters, das unter dieser Radirung, unter jenem Holzschnitt versteckt und
unleserlich stand, so musste dir erinnerlich werden, dass Paula an deinem
vorgebeugten Haupte bemerkte, wie die Schere dir die Mitte deines schönen Haares
geraubt! Dem Schicksal konntest du sprechen: Des reinen Herzens Natur ist es,
nicht alles zu wollen und viel entbehren zu können; aber auch zu grausam nimmst
du, o Verhängnis, uns beim Wort und gewährst uns wirklich nichts! ... Paula's
Wesen musste Bonaventura ohnehin zu entweihen glauben durch eine zu stürmische
Werbung. So unterblieb alles ... Situation und Wille, Charakter und - die Liebe
selbst schmiegte sich unter die Tyrannei des Gelübdes.
    Und doch allein, allein - zwei Seelen, die sich lieben! .. Wie bestrickend
schon, wenn sich Paula selbst beurteilte über das, was die Welt an ihr so voll
Andacht bewunderte! Sie hätte eine Heuchlerin sein können und sie war es nicht.
Sie hätte eine Despotin sein können und sie war es nicht. Sie war willenlos,
eine durch sich selbst und andere Gefangene. Und so galt ihre Liebe Bonaventura
auch nur, wie ein Priester sich lieben lassen darf - in Andacht, in geistiger
Schwärmerei ... Sie hatte - wie diese Erziehung ist, die von Schiller und Goete
nichts weiss - nicht viel gelesen, nicht viel gesehen. Sie konnte über ihren
Kreis hinaus an schwierigen geistigen Dingen nicht lange teilnehmen; sie stand
bescheiden zurück, allem Höheren im Zustand jungfräulicher Ueberraschung
zugewandt. Aber diese Weise stand ihr hoheitsvoll. Zu ihren Füssen sprossten
Lilien, ihr Haupt trug eine Himmelskrone, ihre Schultern bedeckte ein langer,
himmelblauer Mantel mit goldenen Sternen. Sie wusste nur das alles nicht von sich
selbst. Sie konnte lachen und weinen mit Armgart, sie konnte furchtsam sein wie
Tante Benigna, sie konnte mit dem Onkel Levinus an die Möglichkeit, Gold zu
machen, glauben. So lebte sie hin ... Nun aber mit Bonaventura's Nähe wuchs ihre
Kraft. Sie fing an, sich über sich selbst Rede zu stehen. Seit seiner Ankunft
trat sie in allem und jedem mit festerm Willen auf. Das zu wissen beglückt ein
zagendes Herz ohnehin und gibt ihm Mut, sich über das Geheimste wahr zu sein
... O wie die Liebe so stark macht! ... Paula fühlte es mächtig ... Sie hätte
heute vielleicht zu ihrer Absicht, ins Kloster zu gehen, gedankenlos nein und
sogar - ja! sagen können. Sie konnte alles, konnte selbst ein Gelübde ablegen
und vielleicht es - betrügen, wenn nur Bonaventura sie an sich gezogen und mit
einem Kuss ihr den Mut - seines, seines Lebens gegeben hätte.
    In diesem stillen Zimmer, durch dessen Scheiben eben das Abendgold floss,
unter diesen Epheuranken, deren grüne und welke Blätter den Priester an einen
andern Abschied, den von Lucinden, erinnern mussten, über die Saiten eines
geöffneten Flügels hin, dessen Resonanz von jedem durch die Zimmerwärme noch am
Leben erhaltenen Insekt leise erbebte - standen sich zwei Menschen gegenüber,
die die Natur zum gegenseitigen Besitz bestimmt hatte. Gregor VII. hielt den Arm
dazwischen. Wo ist denn nun bei dieser eurer Satzung des Cölibats die Verklärung
der Weiblichkeit, sie, die doch die Marienbilder in der aufgeschlagenen
Kupferstichmappe verherrlichten, diese Bilder, die Bonaventura, Lucinden
gegenüber, selbst einst so begeistert gedeutet hatte! Verunreinigt wird der
Priester vom Weibe? Sein Opferdienst am Altar in den gestickten Kleidern
vergangener Jahrhunderte macht ihn geschlechtslos? »Die Eunuchen des himmlischen
Hofstaates sind wir!« sagte ihm oft schon der Onkel Dechant. »Trügen wir eine
reine Liebe zu einem Weibe im Herzen, unsere Hand würde ja unrein, den Kelch zu
berühren! Unrein, um die Oblate zu segnen! Die Nähe des Weibes zerstört die
Kraft des Opfers! Und wenn wir auch gestern beichteten, dass wir die tierische
Natur mit aller Entfesselung der Leidenschaften in gemeiner Berührung austobten:
diese Sünde ist uns heute vergeben. Nur keine reine, nur keine dauernde, offene
Liebe zu einem Weibe im Herzen und so an den Altar getreten! Gatte, Vater - wie
kann eine solche Hand noch die Geheimnisse der Wandlung vollziehen! Frauenwürde,
so denkt - Rom über dich!« ...
    Eines der Marienbilder nach dem andern vergegenwärtigte Bonaventura den
Abschied von Lucinden ... Paula hatte schon öfters nach ihrer frühern
Gesellschafterin gefragt, Bonaventura hatte einsilbige Antwort gegeben ...
Benno, Tiebold und Terschka rühmten sie ... Jetzt glich ihr eine der von den
Künstlern meist so willkürlich erdachten Madonnen und Paula sagte dies auch ...
    Bonaventura blieb die Antwort schuldig ...
    Paula fuhr fort:
    Denken Sie sich, wie ich damals nach Westerhof zurückkehrte und von Lucinden
sprach, kannte sie ja hier jedermann! Ja ich selbst hatte sie schon als Kind
gesehen, wie sie auf Neuhof wohnte und eines Tages dort auf einem goldenen Kahne
ruderte! ... Als die Leute lachten, flüchtete sie in einen Taubenschlag! ... Sie
wusste, dass ich aus dieser Gegend war, und nie verriet sie ihre Bekanntschaft
mit dem Kronsyndikus oder mit dessen Sohn oder mit dem Landrat oder mit dem
Mönche Sebastus, dem jungen Doctor Klingsohr, der um ihretwillen, sagt man, die
Religion wechselte und ins Kloster ging ... Sie ist jetzt in Ihrer Stadt und -
Sie sehen sie oft?
    Ich lebe nur für dich, Paula! ... In Bonaventura's Herzen riefen das tausend
Stimmen ... Die Lippen sagten nur:
    Zuweilen seh' ich sie!
    Arglos fuhr Paula fort:
    Auch sie war damals erst katolisch geworden! Alles das wusste niemand! Aber
hatt' ich Furcht und Angst vor ihr! Wissen Sie noch, als ich Italienisch mit ihr
lernte, da konnte sie Latein -!
    Du aber sprichst in Zungen der Engel! riefen wieder die Stimmen; Bonaventura
nickte nur still bejahend ...
    In der Mappe sahen beide einen Holzschnitt der altdeutschen Schule, wo Jesus
im Hause des Lazarus weilt und Maria Magdalena ihm die Füsse wäscht ... Dies
kleine Bild, voll Wahrheit und Lieblichkeit, liess beide eine Weile verstummen
... Beim Umschlagen der Blätter ruhte ihre Hand dicht, dicht an der seinen ...
Er fühlte die elektrischen Tropfen, von denen Paula im Schlafe behauptete, sie
glitten ihr aus den Fingern und verlöschten auf dem Boden. Ihm verlöschten sie
im Blut seines Herzens. Warum ergriff er nicht die sanfte, weiche Hand? Warum
stieg er nicht auch mit ihr in den goldenen Nachen des Ideals, auf dem sie
würdiger ruderte, als Lucinde! In ein »Taubenhaus« hatte diese sich geflüchtet!
    Paula sagte:
    Wissen Sie wohl, dass ich oft Sehnsucht habe, Lucinden wiederzusehen? Ihr
Geist war oft hart und grausam, aber stark. Sie konnte Mut einflössen, wie ein
Mann. Auch unterbrach sie mein Leiden und liess mich dann sein wie andere sind
...
    Aber mit den grössten Schmerzen! schaltete Bonaventura ein ...
    Ich litt dabei, das ist wahr! sagte Paula. Die Aerzte meinten: Sie hob die
Nervenströmung auf. Ich hatte tödliche Schmerzen in ihrer Nähe! Alles tat mir
wehe - jedes Wort, jede Bewegung von ihr! Aber ich sehne mich doch - ach! - so
heraus aus diesem - Doppelleben!
    In das Eine, Eine Doppelleben der Liebe! ...
    Die Stimmen wieder sprachen auch das ... Die Arme taten sich auf, um Paula
zu umfangen, sie an sich zu ziehen ... Und doch sprach Bonaventura nur
schüchtern:
    Was bekümmert Sie jetzt daran?
    Sonst schon war es Paula's Klage: Der Hochmut! Die Selbstüberschätzung!
Auch jetzt wiederholte sie diese »Furcht vor sich selbst« ...
    Bonaventura sprach:
    Stolz sein auf das, was uns die Vorstellung einer grössern Vollkommenheit
unserer selbst gibt, das ist keine Sünde. Jesus nannte sich - den Sohn Gottes!
Aber - auch Trübsale werden Sie haben! Wissen Sie, dass Ihre heutige Vision
Anstoss erregte? Als ich mit meiner Mutter zur Gesellschaft zurückkehrte, war man
befremdet, wie Sie mit Teilnahme bei einem Bilde verweilten, wo Sie einen
Gottesdienst sahen, bei dem der Kelch - von Allen getrunken wurde! ...
    Was sah ich denn? fragte Paula träumerisch und erhob geisterhaft ihr Haupt
...
    Herr von Terschka behauptete, einen Eremiten, der in der Nähe des Schlosses
Castellungo die Landbewohner zu einem Gottesdienst versammelt, der dort
wahrscheinlich unter dem Schutz der Gutsherrin, der Gräfin Erdmute, wirklich
gehalten wird ...
    Ich verweile oft bei jenem Schloss! sagte Paula ... Man hat mich schon
gefragt, ob ich nicht in Salem, nicht in Castellungo eine Urkunde entdecken
könnte, die so emsig von den Feinden der Salems-Camphausen gesucht wird ...
Benno erzählte davon; auch Terschka, obgleich dieser es nur mit leicht
erklärlicher Zurückhaltung tat ... Noch immer wird diese Urkunde gesucht ...
Der Procurator Nück hat an Benno geschrieben, er möchte in Gegenwart Terschka's
und des Onkel Levinus noch einmal die Archive von Witoborn und Westerhof
durchsuchen lassen ... Beide sind auch bereit dazu ... Und so verlässt mich, seh'
ich, die Angst der Seele selbst in meiner Traumwelt nicht. Sie zeigt mir wider
Willen die Gegenden, wo - mein Schicksal entschieden wird ...
    Ihr Schicksal? Paula! Welche Zukunft fürchten - Fürchten? Hoffen Sie? ...
    Diese Worte sprach Bonaventura wirklich. Sein Innerstes wogte im Brand der
Liebe und - der Eifersucht ...
    Nichts, nichts mehr hielt er zurück von der Saat seiner Tränen, die
ausgegangen war seit Jahren in den einsamen Stunden der Nacht und der
Verzweiflung ... Seine Augen leuchteten ... Seine Arme hoben sich ... Ein
Frühling des reinsten, göttlichsten Menschentums schien um ihn her zu blühen
und zu spriessen ... Er bebte ... schwankte ...
    Und auch Paula zitterte ... Eben noch waren ihre tiefblauen Augen
aufgeschlagen und blickten gen Himmel, den Augen einer Seherin gleich ... Jetzt
senkten sich die langen schwarzen Wimpern ...
    Aber ach! nur Katarina von Siena war es, die Heilige, die vor Bonaventura
stand ... Sein zages, nazarenisches Herz erinnerte sich schon wieder: Dieser
Blick gilt dem Himmel, dem Kloster! Er gilt deinem Stande! ...
    Doch nur einen Augenblick beherrschte er sich so ... Bald fühlte er
neubelebende Wonne ... eine Wonne seltsamster Glut, seltsamster Gedanken,
seltsamster - Verirrungen sogar! Franz von Sales, der Heilige, stand vor ihm,
vor dem ja auch einst eine Frau von Chantal kniete ... Eine Gattin, eine Mutter
verliess ihre weltlichen Lebensbeziehungen, um dem Heiland zu dienen, dessen -
einziger Apostel ihr dieser Bischof von Genf erschien! Und auch dieser nannte
sie seine Philotea! Wo ist die Grenze der göttlichen Andacht und der Anfang
menschlicher Liebe in den Briefen, die sie sich geschrieben haben? Ihr Gebet
ging vielleicht wirklich empor zu Gott, doch sie beteten zusammen! Sie stiftete
ein Kloster, er hütete es ... Sie starb, Franz von Sales segnete den Sarg ...
sein Inhalt verweste nicht ... nach hundert Jahren öffnete man ihn ... da war
alles Asche ... nur das Herz war unversehrt geblieben ... Dies Herz ... Kann es
geirrt haben in jenem Irrtum? ... Gelogen in jener Lüge? Paula, Paula - meine
Sinne schwindeln - solltest du mir wirklich vielleicht gehören können gerade,
gerade - durch den geistlichen Stand? ...
    Das war ein furchtbarer, frevelnder, romgeborener Gedanke ... ein Gedanke
der Sünde, der Lüge gegen Natur und Gelübde ...
    Aber dieser Gedanke - und sollten die Donner um ihn her rollen und Blitze
zucken - durchzitterte ihn doch ... Seine Pulse flogen, seine Lippen bebten ...
schon wagte er das bedenklichste aller Worte, das er in solcher Stimmung nur
sprechen konnte:
    Paula - wenn sich - die Urkunde - fände - wenn Sie dann, wie man allgemein
glaubt - sich entschliessen müssten - wirklich Ihre Hand - einem Manne zu geben -
der doch nur - aus Standesrücksichten -
    Paula hatte diese Worte eben abwehren wollen ... Sie wollte sie abwehren
fast wie verkörperte Wesen, die schon eine Handbewegung zurückstossen konnte ...
Sie hielt, am geöffneten Flügel sich mit der Rechten haltend, die Linke dem
Sprecher, dessen Atem schon ihren Mund berührte, bebend entgegen ... ein Moment
noch und der Bund der Herzen war geschlossen ... ein Abgrund geöffnet, der
Vorhang seines Allerheiligsten zerrissen, der »Bau der Kirche« zertrümmert ...
    Da trat eine Störung ein ... Draussen gingen lebhaft aufgerissene Türen ...
    Jetzt erst erkannten beide, dass es um sie her völlig Nacht geworden war ...
    Armgart trat stürmisch herein ... Sie kam im Hut, mit Pelzüberwurf, von der
frischen Luft wie ein rosiger Apfel gerötet ... Sie war zwei Stunden Weges nach
Heiligenkreuz zu Fuss gegangen und schon wieder zurück ...
    Hinter ihr her kam Terschka ... gleichfalls in einem Pelzrock, den ein
grünes Schnurwerk zierte ... Sporen klirrten an seinen Füssen ... er riss eine
Jagdmütze ab ...
    Terschka hatte, das erfuhr man, Armgart auf Heiligenkreuz, wohin gerade auch
ihn jener Brief aus Witoborn abgerufen hatte, angetroffen und sie wieder
zurückbegleitet - zu Fuss - über den gefrorenen Schnee hinweg ... Sein Ross musste
erst der neu angenommene Dionysius Schneid (dem sein Verkehr auf dem Finkenhof
eine ernstliche Verwarnung zugezogen) aus Heiligenkreuz zurückholen. Terschka
hatte es stehen lassen, weil er nicht neben Armgart reiten mochte, während sie
zu Fusse ging. Sie erklärte, ihn unterwegs sprechen zu müssen; sie war in einer
unbegreiflichen Aufregung. Auch das Fräulein von Tüngel-Appelhülsen war in der
Tat bei Frau von Sicking ... Es geht etwas vor! sagte sie sich ... Es geht
etwas vor! wiederholte sie drohend ... Sie wollte wieder nach Westerhof zurück.
Da hiess es, Tiebold wäre noch im Stift und könnte sie begleiten ... Nun erst
recht hätte sie nicht bleiben mögen ... So ging sie mit Terschka, der gekommen
war, mit dem Verwalter einige dringende Rücksprachen zu nehmen ... Hätte
Terschka gesagt: Setzen wir uns doch beide aufs Ross und jagen nach dem Schloss
der Frau von Sicking! - sie hätte es getan ... Dass sie ermüdet wäre, unmöglich
den Weg zu Fuss machen könnte, wollte sie nicht hören ... Terschka erzählte alles
das jetzt wieder, erzählte es dem überraschten Paar und war dabei in einer
Aufregung, die beiden nicht entgehen konnte, und übersah die ihrige ... Armgart
verschwand auf ihrem Zimmer ... Alles das bemerkte auch Bonaventura, begriff es
aber nur halb; ihm fehlte jede Sammlung; selbst musste er entfliehen ... Zwei
Worte noch an Paula, die ihn mit holdseligst verlegenem Lächeln, mit jener
Vertraulichkeit wie für alles, was ein Weib auf Erden und im Himmel dem Manne
nur sein kann, ansah, und er war verschwunden.
    Hinaus stürmte er in die schon hereingebrochene Nacht ... Nichts von einem
Wagen, dessen Anerbieten man ihm nachrief, hörte er ... Schon war er unten an
der Hauspforte ... Wie die eisige Luft seine heisse Wange streifte! Wie er fast
die Locken, die er sonst trug, noch im Winde flattern fühlte! ... Ein Geist des
Trotzes, der Herausforderung an die Ordnung aller Dinge war über ihn gekommen
... Er hätte das Geländer der kleinen Brücke einreissen mögen, an das er sich
halten musste, als er den hartgefrorenen, glatten Weg beschritt ... So flog er
dahin ... Erst allmählich wurde es in ihm ruhiger ... Jetzt hätte er Musik hören
mögen, rauschende, vollgestimmte - allmählich würde ein einziger süsser, sanfter
und wenn den Tod bringender Accord seine ganze Empfindung ausgedrückt haben ...
    So kam er im Pfarrhause an. Es war tiefdunkel; sein Zimmer nicht erwärmt;
Müllenhoff nicht anwesend. In dessen Zimmern wartete er so lange, bis oben bei
ihm die erwärmende Flamme loderte ...
    Wie todt standen doch die Bücher da an den Wänden! Wo er hinsah, war von
Strafe, vom Kirchenbann die Rede ... Er hörte im Geist das schütternde Gelächter
Müllenhoff's, wenn er seinen eigenen Einfällen applaudirte, und lachte selbst
... Er hörte, wie ihn sein College jetzt nennen würde: Salonschlupfer,
Lavendelseele ... Er lachte ... »Lieber können sechs Strassenlaternen eingehen,
als ein ewiges Licht in einer Kapelle!« Das war heute früh ein Müllenhoff'sches
Wort gewesen, das ihm beim Schimmer der ihm jetzt vorangetragenen Lampe einfiel
... Er lachte ... Und oben, oben in seinem Zimmer fand er zu seiner
glückseligsten Ueberraschung dann einen Brief - aus Kocher am Fall - vom Onkel
Dechanten ...
    Nie noch hatte er so nach den geliebten Zügen gegriffen ... Nie noch war ihm
so viel Musik entgegengerauscht und so viel Duft entgegengeweht, wie heute aus
dem feinen Papier, aus den zierlichen halb arabischen Buchstaben dieser
Handschrift, aus dem langen, reichen Inhalt ... Wie beglückend stimmte das alles
zu dem Bilde Paula's, das nicht von seiner Seite wich ... Die Magd brachte den
Tee ... Die Lampe verbreitete einen tieftraulichen Schimmer (Lampe, Service,
Sofa, alles kam von Schlössern und Höfen der Umgegend und war von ausgesuchter
Gediegenheit) ... Paula sass neben ihm im Geiste und sprach mit ihm im Geiste und
ihr Schatten huschte an den Wänden geschäftig sorgend hin und her; er hatte eine
Geisterehe geschlossen ... Als er allein war, sprach er leise mit seinem Weibe,
redete es an und sagte: Paula! Meine süsse, süsse Paula! ... Dann schlug er sich
an die Stirn, aber so sündigte er fort und fort - er hörte nicht auf an sie zu
denken, ihrem Atem zu lauschen, ihre Hand zu streifen, hinaus in die Luft, ins
Leere Küsse zu geben - was sollte ihn denn erschrecken, jetzt, wo er die
Dechanei um sich hatte, des Onkels Devise hörte: »Ich mach's doch so leicht!«
Die grünseidenen Decken und Gehänge in dem Arbeitszimmer der Dechanei sah er;
die sanften Rollentüren gingen, wie wenn Frau von Gülpen eintrat oder Windhack
einen Besuch oder eine Constellation des Himmels meldete ... Er las - las, wie
wenn eine neue »Nichte« ihm und dem Onkel Klavier spielte ...
    Lieber Alter! schrieb der Onkel. So bist Du denn auf dem Schauplatz Deiner
ersten Jugend angekommen und grübelst vielleicht, ob in den alten Kirchenvätern
das Schlittschuhlaufen verboten ist! Ich habe Dich sonst oft genug auf dem
Ententeich zwischen Borkenhagen und Westerhof dahingleiten und unserm alten
Friesenursprung durch graziöse Zickzacks Ehre machen sehen - Nun siehst Du, die
Apostel wussten nichts von zwanzig Grad Kälte, wie konnten sie vorschreiben, ob
ein junger Domherr Schlittschuhlaufen darf u.s.w. u.s.w. Sage nur: Wie platt,
wie rationalistisch oberflächlich ist das wieder! Gut! ... Ich beneide Dich
zuvörderst um diese Triumphe, die deine Rechtgläubigkeit feiern wird, vorzüglich
unter denen Weibsen! ... Fühlst Du's denn endlich, wie schön diese Veranstaltung
Gottes ist, dass es Wesen gibt, die an der ganzen Weltgeschichte unbeteiligt
bleiben und Alexander, Julius Cäsar und Innocenz III. nur auffassen unter dem
Gesichtspunkt, ob solche Leute den Kaffee teurer machen, die Verlobungskarten
seltener, die laufenden Moden durch plötzliche Trauergarderoben unterbrechen und
dergleichen? Bewundere diese Geistesgegenwart, mit der mitten in unsern Schmerz
hinein und während die Männer noch ohne jede Sammlung stehen, die Frauen schon
wieder bei einem Sterbefall ihr schwarzes Seidenkleid bestellt haben! Sieh, so
haben mich die jugendlichen Regungen meiner Petronella in Erstaunen versetzt,
die zwar von ihrer leiblichen - lies nicht etwa: lieblichen - Schwester nichts
geerbt hat, aber dennoch »Schanden halber« bereits in das zweite Stadium des
äussern Schmerzes, in den grauen mit Violettschleifen eingetreten ist! Studire
Weltgeschichte im Stift Heiligenkreuz! Zwanzig weibliche Wesen, die ohne Zweifel
Deine Heiligkeit bewundern und vielleicht auch Dich endlich an die Wahrheit des
Satzes erinnern werden: Mulier est hominis confusio!
    Ich sehe Dich aber auch, lieber Sohn, wie Du Dich endlich aus Blumen und
gestickten Tragbändern und Portefeuilles herauswindest und wieder Deinen
feurigen Wagen des Elias besteigst, zunächst die Stufen des Altars und der
Kanzel zu Sanct-Libori, dann wohl auch die Treppen zu den Regierungscollegien, wo
Du - »Gutes wirken« willst! Ach, mag Dir's dabei nur nicht so ergehen, wie mir
damals, als ich wirklicher Dechant war und ein luterscher Regierungsrat mir
unter eine Rechnung für Oel, Wachs, Wein und Salz beim Salze regelmässig
beischrieb: »Ich frage wiederholt: Gehört denn in die Cultusrechnungen auch die
Naturalverpflegung der Herren Pfarrer?« Wusste der Kerl nicht, dass zu unsern
Taufen Salz gehört! Er glaubte, die Rechnung der Köchin hätte sich in die für
das Cultusministerium verirrt. Ich schrieb damals an den Rand: »Salz ist ein
gutes Ding; so aber das Salz dumm wird, womit soll man würzen! Lucä 14, 34.« -
Du freilich wirst durch solchen »Druck« auf unsere »arme« Kirche nicht zum
»Rechtgläubigen wider Willen« gemacht werden; denn nur Römlinge sehen nicht ein,
welche verbesserte, wahrhaft glänzende Lage gegen früher wir bei alledem in
partibus infidelium haben ... Doch nichts vom Kirchenstreit! Was sagst Du zu dem
noch immer unter polizeilicher Aufsicht stehenden Hunnius? Neulich rief er vor
einer Gemeinde, die leider nicht die zu Sanct-Hedwig in Berlin war, sondern nur
die Stadtkirche in Kocher am Fall, sage die Stadtkirche in Kocher am Fall!:
»Sanct-Paulus war seines Zeichens ein Teppich-, kein Schleier-Macher!« Diese
seine Anspielung auf Professor Schleiermacher in Berlin fiel natürlich bei uns
ganz auf den Weg.
    Bona, ich warne Dich nur, Deinem Diöcesanklerus nicht etwa in jugendlicher
Begeisterung Conferenzen vorzuschlagen, schriftliche Arbeiten zum
Circulirenlassen, Lesecirkel, eine Archipresbyteriatsbibliotek und ähnliche
Reformphantastereien, die uns arme Einsamkeitsschlucker und Trübsalbläser
erheben, zerstreuen und bilden sollen! Du dringst damit nicht durch! Stelle Dich
blind und taub für alles, was Du sehen und hören wirst! Unsere Kirche bessert
sich einst, aber nur durch grosse Revolutionen. Bis dahin emancipire sich ein
jeder für sich, mache sich zu einem kleinen Privat-Panteon der gesunden
Vernunft und soll ich Dir raten, suche Dir in Witoborn höchstens nur die
allerältesten Priester heraus, alte säcularisirte Benedictiner, einen alten
Kapitular, der vielleicht ein armseliges Zimmerchen im Seminar bewohnt, nur um
seine Einkünfte für ein paar Schwestern zu sparen. Da wirst Du vielleicht noch
einen oder den andern Menschen finden von Gemüt, von herzverklärtem Geist, von
lieben alten plauderhaften Erinnerungen an eine Zeit, wo Lessing seinen »Natan«
auch für uns gedichtet hat und mancher junge katolische Priester lieber eine
schöne lutersche Predigt von Spalding und Reinhard ablas, als selbst eine viel
weniger schöne schrieb. Da ist im alten Jesuitenstift ein Gang, wo alle Generale
der Jesuiten abgebildet sind! Sieh sie Dir an! Einer schaut pfiffiger aus, als
der andere; die Spanier sind besonders schlau, die Deutschen von einer
kläglichen Unverbesserlichkeit, sämmtlich, wie es scheint, aus der dümmsten
Gegend Deutschlands, aus dem Innviertel; nur einen sieh Dir recht an, der hat
eine furchtbar lange Nase, scheint mir jedoch der gutmütigste von allen. Die
Nase ist ganz nur die Ablagerungsstätte für die Schnupftabacksdose. So sah der
alte Rector dort aus, als ich bei Witoborn lebte und ein alter lieber Freund von
mir, ein ehemals jüdischer Gelehrter, den ich in Paris kennen gelernt hatte,
dort convertirte und ins Seminar trat ... A propos, solltest Du unsern
harmonietrunkenen Herrn Löb Seligmann von hier sehen: die Hasen-Jette lässt ihn
grüssen und von seinem Davidchen anzeigen, dass dessen Beine sich stärken und sein
Geist von Tag zu Tag dem des jungen Samuel ähnlicher wird ... Findest Du unter
den Priestern einen solchen kleinen alten dicken Mann mit langer Nase und einer
Schnupftabacksdose in der Hand, dann grüss' ihn von mir, er kennt mich gewiss. Der
alte Rector freilich ist jetzt todt ...
    Sonst - wenn Du arme Kaplane siehst, für die das Wort Stolgebühren bisher
nur erst im Examen vorgekommen ist und die am »Freitisch« bei ihrem Pfarrer
verhungern müssen, nun, immerhin, lege für mich aus, Bona, falls Du auf
anständige Art einige ihrer drückendsten Schulden tilgen willst und wende ihnen
Messstipendien zu, soviel nur Seelen am Vorhof des Himmels schmachten, und lass
die armen Tröpfe nicht herumlaufen und um Messen betteln und bei jedem
Sterbefall lungern, ob auch für sie ein Knochen von den zweihundert gestifteten
Erlösungsbitten à 10 Silbergroschen abfällt! Und findest Du am Münster in
Witoborn auch so arme, blasse, heisere Vicare, die statt der bequemen Domherren
Brevier singen müssen und schon um den letzten Ton in ihrer Kehle gekommen sind
(könnte doch Löb Seligmann aushelfen!), so zeig dem Bischof die stummen Opfer
Roms und seufze immerhin in meinem Namen vorläufig wenigstens um deutsche
Sprache statt lateinischen Gesangs!... Lebt denn dort noch die Quart? Muss denn
auch da jeder neuernannte Pfründner den vierten Teil seines Einkommens dem
Bischof zinsen? O würde das Geld doch angelegt für eines Priesters alte Tage, wo
er freudlos, ohne liebende Hand, die für ihn sorgt, ohne ein Herz, das seine
grämelnde Laune erträgt, in das Eremitenhaus ziehen muss oder in einen alten
Professhof kommt, diese Invalidenhäuser der römischen Armeen, wo es zwar keine
Stelzfüsse, aber arme unglückliche Seelenkrüppel genug gibt! Bona, Bona - nun
komm' ich doch in die Reformen! Man sagt, unterm Mikroskop wäre unser reinstes
Quellwasser voll garstiger Infusorien - und Windhack behauptet das auch und
verleidete sich dadurch schon zu lange das Wasser und trinkt fast zu viel vom
Kocherer Wein -; aber an dem Sold, von dem der Priester sein Dasein bestreitet,
lässt man ihn täglich zu schaudervoll sehen, wo er herkommt, lässt ihn zu nass aus
allen Taufbecken in unsere Hand gleiten, wo auch noch jeder Seufzer oder Fluch
der Armut frisch am Gegebenen klebt ... Schule und Kirche möcht' ich doch so
lange, bis die Heiden oder andere Apostel kommen und eine neue Religion bringen,
vom Kleinhandel des eigenen Erwerbs befreit sehen.
    Priesterwürde! Das lass ich vorläufig gelten! Aber sieh' Dich nur recht um
und überzeuge Dich, wie jetzt nur ein ganz gewöhnlicher Unzufriedenheitsstoff,
der in der Welt lagert und sich gern möglichst loyal und ohne zehn Jahre Festung
austoben möchte, diesen neugepredigten Anhalt an Rom sucht! Der Jakobiner
versteckt die rote Mütze unter der Kapuze, der Provinzialgeist stemmt sich
wider die Centralisation, den katolischen Plattdeutschen beschämt das vornehme
Air des luter'schen Hochdeutschen, der Jurist vom Code Napoléon will nichts vom
Landrecht, die Fürsten im Süden fürchten die Kraft der Fürsten im Norden; bloss
das, das, das gibt den feurigen Teig des jetzigen Umschwungs wie bei der Bildung
der Erdrinde. Die Jesuiten und Jesuitengenossen kennen das alles und kneten den
Teig und machen sie auch nur kleine Agnus Dei daraus, all ihre Süsslichkeit
riecht nach Pech und Schwefel ... Du wirst Geistliche bei Witoborn sehen, die so
liebfromm sind, dass sie sich nicht mehr die Zähne putzen, bloss, weil sie
fürchten, dabei Morgens, ehe sie nüchtern Messe zu lesen haben, etwas Wasser zu
verschlucken! ... Und worauf beruht diese Dumpfheit des Geistes bei den Bessern?
Auf dem Glauben, dass man - Vater, Mutter und Heimat kränke, wenn man irgendwie
vom Altergebrachten abgehen wollte! Dem Gemüt schliessen sich auch hierin
Eigensinn und Eitelkeit an. Man glaubt, dass man von der Aufklärung wegen
äusserlicher Dinge verspottet werde, wegen seiner Aussprache, wegen seiner
dürftigen Gegend, wegen der Zurückgebliebenheit seiner Städte ... Nun trotzt
man, doch auf seinen einsamen Höfen und Kampen die Lerche so gut trillern hören
zu können, wie im schönsten Schweizertal, trotzt, dass man in seinen dürftigen
Städten doch manches liebe mit wildem Wein bewachsene Haus kenne, manches
Fenster, wo Mädchenköpfe auch hinter Blumen herausschauen, wenn auch hier die
Liebe nur plattdeutsch spräche ... Und so hält man denn mit Zähigkeit gerade
fest an seinem Zopf! Das ist mit unserer Kirche überall so, seitdem die
Reformation in dem stattlicheren Gewand der Wissenschaft und Bildung einhergehen
durfte. Ueberall erscheint die Ketzerei den Leuten als eine Verhöhnung nicht
etwa des Glaubens, man gibt bedenkliche Schäden an ihm zu, sondern als ein
Geringachten - der vielen anderweitigen Gemütlichkeiten, die sich für den
Menschen an seine Jugend, an - seine liebe alte Grossmutter anknüpfen ... ...
    In Deutschland, lass mich in einem Briefe, wie ich ihn seit Jahren so lang
nicht schrieb, fortfahren, in Deutschland sollte nun die Bildung und die
gemeinsame Geschichte unsers Volks längst diesen Zwiespalt aufgehoben haben! ...
Aber jetzt sieh, wie gesorgt wird, dass der Bruch ein ewiger bleibt! ... Du wirst
im ganzen Stift Heiligenkreuz vielleicht nur ein einziges verstecktes und
bestäubtes Exemplar vom Goete, zwei oder drei Exemplare vom Schiller finden,
dagegen alle Blumenlesen, alle nervenangreifenden Kräuterapoteken unsers Beda
Hunnius ... Ich weiss nicht, ob es in Westerhof jetzt besser ist. Graf Joseph
ging über Stolberg's Horizont nicht mehr hinaus. Levin von Hülleshoven ist ein
geistvoller, unterrichteter Mann, schrullenhaft jedoch und höchst afterklug. Die
Sicherheit, mit der er sich schon vor vierzig Jahren auf den Bau der Pyramiden
verstand, während ihm jeder Backofen, den er bauen liess, zusammenfiel, wird sich
bei seinem Leben unter lauter Frauen nicht gemindert haben. Abenteuerliche
Gelehrsamkeit ist alldort ein besonderes Steckenpferd. In jedem Dorf wirst Du
die rechte Stelle finden, wo Hermann den Varus schlug. Ist es zweifelhaft, wo
das Midgard der Asen lag, wird man immer gegründete Vermutung für ein Torfmoor
bei Eschede oder eine Wiese bei Lüdicke haben. Dieser hinter Vaterlandsliebe
sich versteckende Hochmut ist - allen Deutschen eigen! Er kommt bei keiner
Nation so vor, nur Levinus würde vielleicht hinzusetzen: »Bei den Tschippewäern«
... Noch immer sitzen gewiss die Frauen dort und lauschen solchen Orakelsprüchen
und auch Männer genug gab es, die vor der Weisheit des Barons von Hülleshoven
den Hut abzogen ... Die Kunst ist bewunderungswürdig, mit der der Mensch
versteht sich eine Gemeinde zu bilden! Selbst Windhack versteht das. Windhack
und Levinus ziehen eben nicht die Gelehrten in ihr Vertrauen, sondern die
Fischer, die Zöllner, die Teppichmacher, nicht die - Plato und Schleiermacher -
doch genug von diesem Kapitel - -
    Ich komme auf Westerhof zu sprechen, weil ich möchte, dass Du Deine
liebevolle Versöhnlichkeit anwendest, um eine Ausgleichung herbeizuführen
zwischen dem Ehepaar Ulrich und Monika. Ich höre, dass die Comtesse Paula Wunder
verrichtet und in die Zukunft sieht. Bisjetzt hab' ich noch in allem, was ich
davon erfuhr, zu viel Aberglauben der dort landesüblichen Sorte gefunden. Du
wirst wohl so gut sein, mich darüber ins Klare zu setzen; denn an und für sich
hab' ich allen Respect vor den geheimnisvollen Ein- und besonders den -
Ausgangspforten aus unserm rätselhaften Dasein - Sonst würd' ich Dich bitten,
das schöne junge, Dir teure Wesen zu ersuchen, sich bei den Schicksalsmächten
zu erkundigen, was über diese Verwickelungen beschlossen ist. Was wir hier so
aus unsern sichtbaren Gestirnen entnehmen können, ist die kurze und bündige
Absicht des jüngern, minder gelehrten, doch willensstärkeren Ulrich von
Hülleshoven, nächster Tage nach Witoborn zu kommen, auf Westerhof ein kurzes und
bündiges Wort zu sprechen und sein Töchterlein Armgart an sich zu nehmen.
Zugleich flattert wie eine Taube um ihr vom Geier bedrohtes Nest auch die Mutter
und wird, wie sie mir schreibt, nicht verfehlen, das zu beanspruchen, was ihr
gehöre. Da könnten denn also diese zwei Menschen sich gegenübertreten und nach
meiner Meinung die oft im Leben vorkommende Scene aufführen, dass sich zwei Leute
gerade deshalb nicht verstehen, weil sie aus einem und demselben Stoff
geschaffen und gerade füreinander bestimmt sind. Denn in der ersten Liebeszeit
sucht man sein Gleichartiges - Du kennst das nicht - in der zweiten Liebeszeit
sucht man sein Gegenteil und in der dritten Liebeszeit kommt man auf den
richtigen Instinct der ersten Liebe wieder zurück und will nur das, was unserer
Natur gleichartig ist. So ging es diesen zwei Menschen. Ein Zufall verband sie
und sie gehörten sich einander. Da kam eine Willensprobe und sie scheiterte an
ihren harten Köpfen. Jetzt scheinen sie vollkommen reif, sich gerade so zu
lieben, wie man sich eben noch liebt, wenn man Kinder hat, die schon selbst
wieder von Liebe sprechen. Auch das trifft zu: Jede Liebe, die sich in spätern
Jahren noch bewähren soll, muss eine andere Nahrung haben, als die der erste
Jugendlenz schon allein in seinem schönen Blütenduft findet. Ein Drittes muss sie
haben, um dessentwillen sie da ist, um dessentwillen sie sich bewährt, nicht
bloss die übliche »Brücke« der Liebe zu den Kindern, sondern eine Idee und wäre
es die Erziehung dieser Kinder, eine Erziehung höherer Art, eine mit Bewusstsein
und Gedanken. Immer hab' ich gefunden, dass zuletzt doch in den gleichen Ideen
eine unendliche Bindkraft liegt. Zwei Feinde, die sich auch nur Einmal in einer
gleichen Idee begegnen, können sich versöhnen.
    Bis zu Mariä Verkündigung bleibst Du wohl noch in der dortigen Gegend; zur
Osterzeit werden sie Deine Schultern in der Kirchenresidenz brauchen. Ich werde
bald meine dreijährige »schwere Arbeit« antreten und auch meine »Visitation« an
der Donau halten. Frau von Gülpen zittert schon wieder, mich Windhack allein
überlassen zu sollen, sich zu denken, dass ich bei meinen alten
Kreuzsternordensdamen eines Abends sanft beim Whist einschlummere, ein à tout in
der Linken, ein »ich passe« auf den Lippen ... So ging ich am liebsten heim! ...
Aber das kommt mir bei dieser Reise noch nicht, ich weiss es; ich habe die
Ahnung, dass ich noch viel böse Ungewitterwolken sich entladen sehen soll. Der
Oberprocurator Nück bot mir eine Commission an, die ich ablehnte. Cardinal
Ceccone kommt von Rom als apostolischer Nuntius an die Donau. Ihm und dem grossen
Staatskanzler will man die Lage des gefangenen Kirchenfürsten und die Zukunft
Deutschlands ans Herz legen. Don Tiburzio Ceccone zu sehen wäre mir von Wert;
aber von seinem Munde dann auch hören zu müssen, was geschehen soll, um in das
Vaterland Leibnizens und Kant's die Luft hinüberzuleiten, die man in den
Hörsälen des Collegio Romano atmet - das könnte mein à tout beschleunigen.
Uebrigens droht mir bei alledem eine gewisse Beziehung zu Rom. Auch Dir dürfte
sie nahen, wenn Dich Dein Stiefvater in Vertraulichkeiten einweihen sollte - ich
lese soeben, während ich dies schreibe - der Kronsyndikus ist gestorben! ...
    Ruhe seiner Asche! - - -
    Sorge, dass bei allem, was jetzt etwa zur Sprache kommen könnte, nur Priester
zugegen sind; denn darin hatte Benno Recht: Der Beichtstuhl - - -
    Genug für heute! Grüsse ihn von mir - meinen armen - Zigeunerknaben! Wer
weiss, ob ich jetzt nicht endlich mit ihm beredsam werden muss, wenn er mir, so
wie Du im letzten Sommer, aus Gräbern der Vergangenheit alte Erkennungszeichen -
unserer Sünden bringt -! Hast Du nichts mehr von dem Leichenräuber vernommen?
... Grützmacher und Schulzendorf sind recht verdriesslich - über verfehlte
»Prämie« ...
    Spät Abend ist's geworden - - Musik hör' ich schon seit lange nicht mehr -
Die Tante correspondirt mit ihrer »Familie« und will mich durch eine noch immer
nicht entdeckte Nachfolgerin ihrer letzten »Nichte« überraschen. Diese letzte
... kam, hör' ich, um - Deinetwillen! ... Bona, Bona, ich hätte die nicht von
mir gestossen ... Drei Tage war sie bei uns und sie sind eingeschrieben in die
Chronik der Dechanei wie mit Flammenschrift ... Selbst den Tod des Lolo (von dem
Du wohl noch nichts weisst) schreibt die Tante auf Fräulein Schwarzens Rechnung
... Mit Beda Hunnius correspondirte sie und die Regierungsräte lasen - und
belachten alle diese mit Beschlag belegten Briefe ... Um so stolzer erhebt sie
ihr Haupt ... Ich höre, sie beherrscht das ganze Kattendyk'sche Haus und niemand
mehr, als - den Oberprocurator ...
    Deine Liebe muss also - goldene Locken tragen? Muss - im Mondlicht wandeln?
... Seltsam! Seltsam!
    Zerreiss diesen Brief nicht, sondern - verbrenne ihn! Man hat Fälle, dass
zerrissene Briefe immer noch gegen uns zeugen können, falls man auf den Gedanken
käme, nach unserm Tode uns heilig zu sprechen ... Ich glaube, Petronella setzt
alles, was sie hat und doch noch zu erben hofft, daran, mir nach meinem Tode
diese unverdiente Ehre zuzuwenden ...
    Ich habe seit Jahren nicht soviel geschrieben ... Der Tod des Kronsyndikus
versetzt mich - in wehmütige Aufregung ... Lebe wohl, Bona, und denke nur
immer, auch wenn Du vielleicht - - in diesen Tagen nicht das Beste von mir
vernehmen solltest, ich war schwach - schwach - um der Liebe willen - - Und so
fortan wie bislang Dein treuer Onkel.
    So erheiternd auch anfangs die Stimmung dieses Briefes auf Bonaventura
wirken durfte, der Schluss regte zu Besorgnissen und befremdlichem Nachdenken auf
...
    Dennoch verweilte er nicht zu lange bei den trüben Schatten, die mit diesen
Gedankenreihen in sein Inneres fielen. Zu sehr hatte er das Bedürfnis des Glücks
und jede Vorstellung nahm bald wieder die holdeste, freundlichste Gestalt an ...
    So endete der glücklichste Tag seines Lebens.
 
                                       9.
In ähnlichen, doch zugleich vom tieflastenden Druck der Furcht beschwerten
Stimmungen hielt sich auf seinem Zimmer ein Mann, in dessen Inneres wir zum
ersten male einblicken wollen.
    Nicht lange hatte Armgart in der schwebenden Pein der Ungewissheit über den
Onkel und die Tante zu verharren brauchen ... Einige Augenblicke später, nachdem
Bonaventura gegangen, kamen sie von der Gegend auf Witoborn zurück ...
    Armgart's stürmischen Fragen nach dem Ort, wo sie gewesen wären, nach den
Nachrichten, die sie mitbrächten, wurden schroffe Antworten zu Teil. Als sie
von einer Verabredung sprach, die hinter ihrem Rücken getroffen worden, um sie
dem Vater zu überliefern, schwieg man ... Aber auch sie verstummte plötzlich;
denn Wenzel von Terschka sprach, um einen möglichen Zwist im Keime zu
unterbrechen, von ihrer Mutter ...
    Er nannte Monika von Hülleshoven die Seltenste ihres Geschlechts, einen
Edelstein in dem Bunde aller der vortrefflichen Menschen, in deren Nähe er hier
zu leben so glücklich wäre, eine Denkerin ohne die Runzeln der Stirn, die dem
Gedankenleben zu folgen pflegten und die Leichensteine der Schönheit würden,
eine Gelehrte, ohne dass man an ihren Fingern die Dinte sähe, eine Priesterin an
den Altären einer noch unausgesprochenen Religion, die alle Menschen verbinden
und glücklich machen würde ...
    Auf dies überraschend entusiastische Wort ermunterte Paula, die selbst noch
wie berauscht war von ihrem geschlossenen Bunde mit Bonaventura, den Sprecher
fortzufahren ...
    Armgart unterbrach ihn aber und sagte aufwallend:
    Meine Mutter wird in ihrem wiener Kloster keine andere Religion gefunden
haben, als die des dreieinigen Gottes!
    Auf diese entscheidende Äusserung trat eine Stille ein und kein behagliches
Gespräch liess sich heute mehr anknüpfen ...
    Nach dem Tee trennten sich alle ...
    Als Wenzel von Terschka auf seinem Zimmer war, machte es ihm der Diener so
zurecht, wie der »Rittmeister« seiter gewohnt war immer den Abend noch
zuzubringen ... Vor Mitternacht ging er nie zur Ruhe ... Zwei Zimmer mussten
erleuchtet sein ... Auf drei, vier Tischen mussten Lampen stehen; denn auf jedem
lag ein Actenstoss von diesem oder jenem Inhalt - zu verzweigt war die
Geschäftstätigkeit, der er sich zu widmen hatte ...
    Geschäftlich war ihm seiter alles vortrefflich gegangen ... Er konnte
seinem Gönner und Freunde Grafen Hugo, er konnte der Mutter desselben, jetzt
auch schon an Monika Berichte voll erfreulicher Ergebnisse schicken. Die letzten
Chicanen, mit denen Nück noch drohte, waren durch seinen Bevollmächtigten,
Benno, gemildert worden. Benno verfuhr mit Entschiedenheit, vermehrte jedoch die
Schwierigkeiten nicht. Die Parcellirung war von der Regierung genehmigt. Löb
Seligmann hatte die einzelnen Bestandteile taxirt und schon Angebote
vermittelt. Seligmann war hin und her; für seine Geschäftstätigkeit hatte er
eine neue Provinz erobert; kehrte er nach Kocher zurück, so blies er sich schon
jetzt das Horn einer Extrapost für die letzte Station, auf der er diese kleine
Prahlerei sich gestatten wollte ... Endlich wurde eine bedeutende Geldsumme
sogleich flüssig durch die an Tiebold de Jonge verkauften Waldungen ... Nach
Ostern konnte der neue Besitzstand vollständig angetreten werden.
    Anfangs war in diesem Kreise Terschka der, der er überall gewesen. Ein Mann
von vierzig Jahren und doch noch jugendlich; eine Natur, unheimlich manchem,
weil er niemanden Stand hielt, doch erweckte er auch niemanden Furcht oder
Besorgnis. Man konnte ihn nur nicht festalten. Etwas Unstetes lag in seinem
ganzen Wesen. Gefällig war er gegen jedermann. Seiner schmächtigen, zierlichen,
gewandten Gestalt stand es, da einen Strickknäuel aufzunehmen, dort einer
Cigarre Feuer zu geben und dabei doch schon wieder einen Befehl zu erteilen,
den er halb schon selbst ausführte. Tiebold fand ihn sogleich superlativ.
Terschka schoss einen Vogel im Fluge, selbst im währenden Reiten. Seine Kunst,
die Pferde zu zügeln, war der Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Dennoch sagte
Benno gleich, nachdem er ihn einige Tage lang beobachtet hatte: Dieser Mann ist
nicht schlecht und doch hat er kein gutes Gewissen! ...
    Von der verfehlten Begrüssung der Gräfin Erdmute war Terschka ganz in der
Aufregung zurückgekehrt, die der letzten geheimen Zwiesprache zwischen Monika
und der Gräfin entsprach, die den Uebertritt derselben zum Lutertum und eine
Vermählung mit Terschka wünschte. An dem Abend bei Piter Kattendyk hatte er ganz
wieder in das Innere dieser jungen Frau blicken können, die sich, wie Luter
sich aus Rom die Reformation, so aus einem Kloster die Freiheit des Denkens
geholt hatte. Er begleitete sie, noch vor dem Auflauf in den Strassen, noch vor
dem militärischen Conflict mit den Vereinen, in ihr Hotel, musste aber Abschied
nehmen, da seine Rückreise eines Gerichtstermins wegen unerlässlich war ... Nun
schrieb er ihr ... Sie antwortete ... Es waren Briefe der Convenienz, wirkliche
oder gesuchte Geschäftsanfragen ... Monika antwortete kurz und wich Dem aus, was
ihre Empfindungsweise hätte misdeuten können ... ... Terschka hatte keine
Berechtigung, auf das Herz dieser Frau zu rechnen ... Eine Frau empfindet bald,
ob eine Werbung aus dem tiefsten Bedürfnis des Herzens oder nur aus der
Phantasie entspringt ... Letzteres schien bei Terschka der Fall. Diese seltsame
Naturerscheinung, silbergraue Locken auf einem halben Mädchenantlitz,
körperliche Reize verbunden mit einem durchaus geistigen Leben - Terschka hatte
sich in den Strudeln der Welt genug umgetrieben, um diese Verbindung neu und
anziehend zu finden. Wie Terschka auch jugendlich aussah, im Grunde war er
ermüdet. Vielleicht hätte er eine edlere Ruhe finden mögen. Vielleicht hätte er
gern die Waffen der List und der Kühnheit, die er zwanzig Jahre lang geführt,
niedergelegt zu den Füssen einer Liebe, die ihn dann immerhin hatte tyrannisiren
mögen. Vielleicht hatte er das Bedürfnis, gut zu sein oder sehnte sich nach
Erhebung. Frauen, die in sich gefestet sind, vermögen viel. Schon Gräfin
Erdmute, die Terschka und ihr Sohn, Graf Hugo, vielfach betrogen hatten, hatte
ihn gemildert, gezähmt und als dann eine Monika in diesen Lebenskreis eintrat,
empfand Terschka für sie wie für ein Wesen, das ihn, so sagte er auch schon in
Wien, von sich selbst befreien könnte und neugeboren werden lassen ...
    Seit einigen Tagen kam in Terschka's Wesen etwas, was Benno's Wort vom bösen
Gewissen zu bestätigen schien ... Vollends seit der Rückkehr vom
Leichenbegängnis, seit dem gestrigen Abend im Finkenhof war Terschka wie
zerstört ... Er unterzog sich seinen täglichen Geschäften, er rechnete unten im
Rentamt mit den Beamten, sorgte für die Vorbereitungen der grossen Jagd, war
heute wieder früh in Witoborn, Nachmittags in Heiligenkreuz gewesen, besorgte
seine Briefe, würzte das Gespräch mit Anekdoten, sprach über die Schweiz,
Frankreich, Italien - in Rom war er mehr zu Hause, als er zu gestehen liebte -
aber seine Sätze waren abgerissen, seine Uebergänge unvermittelt, seine
Antworten zerstreut ...
    Gleich gestern Abend, wo er vom Finkenhof heimgekehrt war, hatte er sein
Zimmer zugeschlossen, die Lampen, die er angezündet fand, ausgelöscht bis auf
eine, hatte die Vorhänge niedergelassen, als könnten die Pappeln von draussen
verräterisch hereinlugen, hatte seine Kleider abgezogen, sich - vor den Spiegel
gestellt, das Hemd zurückgeschlagen, den Aermel aufgestreift und - auf den
linken Arm in dem Moment sein Auge gerichtet, wo es klopfte ... Erbebend stellte
er die Lampe nieder, liess den Aermel herabgleiten und rief: Wer da? ... Ein
Diener brachte ihm den Brief, den Armgart hatte unterschlagen wollen ...
    Nur allein dieser Brief konnte ihn zerstreuen und beruhigen ... Er erbrach
ihn, las ihn, las ihn wieder ... Es waren nur einfache Berichte über die Summen,
die die Gräfin im Hotel zu bezahlen hatte ... Mitteilungen über ihren
Aufentalt, den Monika nicht mehr verlängern wollte, obgleich sie ihn in einem
bescheidneren Zimmer des Hotels genommen hatte ... Nachrichten über die Ankunft
der Gräfin in London und die erste Bekanntschaft mit Lady Elliot ... Kleine
Neckereien auch über Lucinde, die Monika näher kennen gelernt hatte und die sie
ihm um so mehr empfahl, als ihre Schönheit und ihr Geist an jenem Abend ihn ja,
wie sie schrieb, sofort gefesselt und an eine glückliche Vergangenheit erinnert
hätte - an jenen Pferdeankauf im Holsteinischen für Hugo's Regiment - Aber nicht
ganz fand Terschka seine Heiterkeit wieder ... Gestern und auch heute nicht ...
Der Bruder Hubertus konnte nickt erwähnt werden, ohne dass er errötete ...
Soviel er auch heute in der Gegend umherstreifte, er konnte ihm nicht begegnen
... er wünschte das und fürchtete es wieder ... Zum Kloster Himmelpfort zog es
ihn und wieder jagte es ihn gespenstisch aus dessen Nähe ...
    Zu den Besorgnissen, die ihn erschreckten, kam die Entdeckung, die im
Benehmen Armgart's lag ... Warum hielt sie ihn heute so fest nach Paula's
Vision? ... Was wollte sie überhaupt schon seit lange mit ihm? ... Erriet sie
seine Liebe für ihre Mutter? ... Mistraute sie dem Briefwechsel, von dem sie
sich unausgesetzt erzählen liess? ... Heute war das auf der Wanderung von
Heiligenkreuz mit ihm ein Ton gewesen, der ihn völlig befremden musste ... Dass
Tiebold und Benno um Armgart warben, sah er, und ein keineswegs zu scharfes
Auge gehörte dazu, sich zu sagen, dass letzterer der Bevorzugte war ... Und
dennoch, dennoch begann Armgart seit einiger Zeit ihm eine Teilnahme zu
schenken, die ihn zu verwirren anfing ... Was hat nur das seltsame Mädchen?
sagte er sich ... Auf der Wanderung heute kam sie von der Mutter ab und sprach
wie im Traum, bis Terschka ihr geschworen hatte, er wisse nichts von der Nähe
ihrer Mutter ... Selbst heute Abend ihr: »Gute Nacht, Herr von Terschka!« - wie
klang das so süss und herbe zugleich, so innig und doch so beklommen, so
absichtlich und doch so zurückgehalten! ...
    Heute wieder schloss sich Terschka ein, was er sonst nie tat ... Wieder
konnte er erschrecken vor jedem unerwarteten Geräusch ... Dem Diener, der ihm
die Zurückkunft des Rosses von Heiligenkreuz meldete, sagte er bei Gelegenheit
des Namens Schneid: Ist das Der, der gestern auf dem Finkenhof unter dem Schutz
des buckeligen Stammer erschien und falsch gespielt haben soll? ... Er hörte
aber nicht weiter auf die Mitteilung, dass Baron Levinus dem Vagabunden nur noch
eine dreitägige Frist als Probe seiner Haltung gestattet hätte ... Bonaventura
hatte auf Bitten des alten Tübbicke selbst ein Fürwort für den ihm unbekannt
gebliebenen, ja ihn vermeidenden Fremdling eingelegt ...
    An Monika hatte Terschka jetzt schreiben wollen. Er wollte ihr Vorwürfe
machen, dass sie beabsichtigte, wie er von andern hören müsse, in die Gegend zu
kommen, ohne ihn in Kenntnis zu setzen. Verdien' ich Ihr Vertrauen nicht? hatte
er sagen und sein ganzes Gefühl ausströmen wollen ... O, ich ahne es, Sie werden
sich mit Ihrem Gatten verständigen! Ihr liebliches Kind wird Sie beide
verbinden! Die Hoffnung meines Lebens ist dahin! ...
    Nie hatte er so zu Monika gesprochen ... Sollte er es heute wagen? ...
Heute? ... In den Stimmungen, die ihn seit einigen Tagen erfüllten! ... In
diesen aufgeweckten Erinnerungen, in den quälendsten seines Lebens? ... In
Ahnungen, Schreckensaussichten, die ihm plötzlich gekommen waren bei Nennung des
Namens - Bosbeck? Bei Erwähnung jener beiden Knaben, die Hubertus einst aus dem
Feuer rettete?
    Erzählen wir von Wenzel von Terschka die Wahrheit.
    1798 war er geboren und in der Tat ein Böhme und in der Tat vom Adel, wenn
auch vom ärmsten.
    Sein Vater, einer herabgekommenen Familie angehörend, diente zur Zeit der
französischen Revolutionskriege im österreichischen Heere und stand bei
Kinsky-Ulanen in jener Heerabteilung, die anfangs unter Wurmser, später unter
Erzherzog Karl gegen die französische Republik am Neckar, Rhein, an der Mosel
mit abwechselndem Glücke focht. Seines Adels und Alters ungeachtet war seine
Stellung nur gering. Er hatte Lieutenantsrang und bekleidete die Functionen
eines Regimentsquartiermeisters. Ihm, der auf dem Marsche immer für die sichere
Unterkunft der andern sorgen sollte, begegnete es, dass er bei einem Ueberfall
selbst von seinem Regiment abgeschnitten und gefangen genommen wurde. Die
französischen Armeen hatten sich damals in Nassau und bis nach Hessen hin
festgesetzt, der Gefangene blieb am Rhein in der alten Stadt St.-Goar. Seine
Lage war hart und zog sich in die Länge ...
    Es war die Zeit des Rastadter Gesandtenmords, der die Welt mit Entsetzen
erfüllte - man fürchtete Rache an jedem gefangenen Oesterreicher ... Der
Quartiermeister von Terschka war verheiratet. Seine Frau gehörte dem niedern
Bürgerstande an. Ursprünglich war sie eine wohlhabende Bäckerswitwe in einer
böhmischen Stadt, die in zweiter Ehe ihr Geschäft verpachtet hatte. Die wenig
gebildete, kaum halbwegs deutsch sprechende Frau besass reichlich die Mittel, um
dem, wie sie zu ihrem Schrecken in Erfahrung brachte, gefangenen Gatten zu
folgen, setzte sich auf die Post, reiste an den Rhein, kam in St.-Goar an,
verfiel jedoch, kaum im Wirtshaus abgestiegen, vor Anstrengung und Aufregung in
eine Krankheit, die ihr und beinahe auch einem Kinde, das sie unterm Herzen
trug, das Leben kostete ... Obgleich sie schon in zwei Monaten Mutter werden
musste, hatte sie sich dennoch diese Reise zugetraut ... Sie erlitt eine
Frühgeburt und sah ihren Gatten, der von der oberhalb der Stadt gelegenen
Festung herbeieilte, nur wieder, um für dies Leben von ihm Abschied zu nehmen
... Die Wache, die ihn begleitet hatte, stand voll Rührung. Es war ein
herzzerreissender Anblick ... Die schon an Jahren vorgerückte Frau erlag dem
Opfer ihrer Liebe. Wenzel, wie die Nottaufe das kaum atmende Kind nannte, war
ein Siebenmonatkind. Daher die eigentümliche Unfertigkeit und scheinbare
Unreife in seinem ganzen Wesen ... Die Hebamme nahm das halbtodte Kind an sich,
besorgte das Begräbnis der Mutter, der Vater schrieb um Mittel nach Böhmen ...
    Eine schmerzliche Zeit verging dem Gefangenen auf der Festung Rheinfels, die
oberhalb des Städtchens St.-Goar liegt. Der Rastadter Gesandtenmord schien die
Aussicht der Ranzionirung zu vereiteln und liess eine Abführung ins Innere
Frankreichs erwarten. Die aus Böhmen erhofften Gelder blieben aus. Der Krieg
wütete am Main und bedrohte sogar schon Türingen ... Die Hebamme war keine
besonders wohlwollende Frau. Sie hatte Not mit dem schwer zu erhaltenden Kinde
und drang auf eine Verpflegung bei andern Leuten, zu der dem Vater die Mittel
fehlten ...
    Ein Mitgefangener hörte das Seufzen und die Klagen des unglücklichen
Kriegers, hörte das Schreien seines Kindes, das man ihm zuweilen brachte, und
schlug ihm durch die Wand, die ihn von seinem Nachbar trennte, eines Tages vor,
das Kind an seine Frau zu übergeben, die heimlich unten im Orte wohne, selbst
nur ein Kind hätte und einem zweiten gewiss bis auf weiteres eine treue Mutter
sein würde ... Für die Heimlichkeit des Aufentalts seiner Frau in dem Orte gab
er Gründe an, die so stichhaltig schienen, dass der Tiefgebeugte kein Arg hatte
... Terschka bewegte sich freier, als der Mitgefangene, der kein erwiesener
Verbrecher war, sondern nur wegen mangelnder Legitimation, doch streng gehütet,
gefangen sass ...
    Die Not und die Hoffnung auf baldige Ranzionirung bewogen Terschka's Vater,
auf den Vorschlag einzugehen. Er erkundigte sich nach seinem Nachbar und nun
erfuhr er freilich, dass es ein Mann war, den man für einen Gauner hielt. Es war
ein Jude. Man vermutete, dass sein angeblicher Name Sonteimer schwerlich sein
rechter wäre, setzte aber hinzu, dass man sich auch irren könnte. Dass seine Frau
im Orte lebte, wusste niemand und da Sonteimer zu dringend gebeten hatte, dass
sie nicht genannt würde, schwieg der Kriegsgefangene und liess sein kaum
lebensfähiges Kind an den ihm von seinem Nachbar näher beschriebenen Ort, eine
enge, dunkle Gasse dicht am Rhein, bringen ... Wie die Umstände waren, war das
ein Glück für den Kriegsgefangenen, der durch eine so traurige Verkettung von
Umständen um seine Freiheit, um sein Weib kam und noch obenein die Sorge um ein
Kind vom Schicksal auferlegt erhielt! ... Haus und Herd gab es damals für
Tausende nicht mehr ... Mit den Armeen zugleich zogen die Bewohnerschaften
zerstörter und geplünderter Ortschaften mit Weib und Kind und wo sich Waaren und
Gelder hingeflüchtet hatten, da lauerte die Nachstellung und der Ueberfall jener
Verbrecherbanden, die wie giftige Pilze nach dem Regen aufschossen im ganzen
verwüsteten nordwestlichen und südlichen Deutschland ...
    Der Kriegsgefangene erhielt noch immer seine Freiheit nicht und dachte oft,
obgleich der dazu nötigen Mittel entblösst, an Flucht ... Auf der Festung hatte
er freieren Aus- und Eingang, als die andern ... Der Jude Sonteimer wurde nicht
ins Freie gelassen, sondern wie der gefährlichste Verbrecher gehütet, ohne dass
man ihm etwas vorwerfen konnte ... Seine wilden Flüche erschreckten oft seinen
Nachbar ... Voll Entsetzen dachte er an die Aufbewahrung seines Kindes in
solchen Händen ... Besuchte er aber dann wieder Sonteimer's Frau, so fand er
ein schönes junges Weib, das ihn zwar nur halb verstand (sie war eine
Holländerin); aber die Ermahnungen des Kriegers wirkten so lebhaft auf ihr
Gemüt ein, dass sie oft Tränen, vergoss ... Da wurde ihm freilich klar, dass es
mit Sonteimer nicht richtig stand; er forschte dahin und dortin, suchte, ob
sonst niemand sein Kind an sich nehmen wollte ... Aber noch blieb ihm jede Hülfe
vorentalten ... Die Spuren einer so weichen Gesinnung bei jener jungen Jüdin
bestachen ihn ... er liess sein Kind um so mehr in ihrer Pflege, als sie auch die
hingebendste war ... Es kostete bei der schwächlichen Gesundheit des winzigen
Knäbleins nicht wenig Aufmerksamkeit, sein Leben zu erhalten ... Diese Pflege
würde ihm in so wilder Umgebung, bei diesen Durchzügen und Einquartierungen von
niemand anders gleich liebevoll und uneigennützig geleistet worden sein ...
    Allmählich entdeckte der Gefangene durch die Wandgespräche die wirkliche
Gefährlichkeit seines Nachbars ... Der Jude beschwor eines Tages den Krieger,
den Gefängnisswärter niederzuschlagen und ihm die Schlüssel zu rauben ... Würden
sie auf diese Art frei, so wollte er ihn »fürstlich belohnen« ...
    Nun begriff der Kriegsgefangene vollkommen den Verdacht der
Sicherheitsbehörden ... Die Welt war damals von Schrecken erfüllt vor jenen
grossen Verbrecherbanden. Durch die schlechte Justizpflege der Grenzgebiete
Deutschlands und besonders der vielen geistlichen Regierungen hatten sich von
Strasburg bis zum Niederrhein alle zerstreuten Elemente des Gaunertums und der
Heimatlosigkeit vereinigt und vorzugsweise durch die überwiegende
Teilnehmerschaft der Juden wurde bewiesen, wie es sich an der christlichen
Gesellschaft rächt, wenn sie die Juden in einem abgeschlossenen Druck, in der
Verweigerung der Ansiedelung und freien Erwerbsübung erhält. Man zitterte vor
Abraham Picard, der unter hundert Verkleidungen und täuschenden Entstellungen
seiner Person immer den Händen der Justiz zu entschlüpfen wusste und von Holland
bis zum Spessart mit seinen Genossen und überall versteckten Helfershelfern
raubte und sengte ...
    Mit sich kämpfend, was zu tun seine Pflicht war, stand der Kriegsgefangene
verzweifelnd zwischen dem Verlangen, die Behörden auf die Gefährlichkeit seines
Nachbars aufmerksam zu machen und zwischen der Sorge für sein Kind ... Voll
Vertrauen zum Herzen des jungen Weibes wollte er sie zu Rate ziehen ... Von
seiner ihn immer begleitenden Wache geführt, kam er in die Stadt und in jene
dunkle Gasse. Er sucht die Pflegerin seines Kindes, tritt in ihr Zimmer und
findet die Jüdin entflohen ... Mit beiden Kindern war sie seit einem Tage
verschwunden ... Ausser sich, hielt er jetzt mit keiner seiner Entüllungen,
wenigstens über die heimlich in der Stadt anwesende Frau des Gauners zurück.
Sonteimer wurde mit ihm confrontirt. Er stürzte auf den Verbrecher zu, den er
zum ersten mal in ganzer Gestalt sah, verlangte Auskunft über den Ort, wo sich
sein Weib verborgen haben könnte und hörte nun, wie dieser kecke, wilde,
trotzige Mensch, von dem er bisher nur den aus dem vergitterten Fenster
gesteckten Kopf gesehen hatte, sich mit einer Verschlagenheit herauszureden
wusste, dass er aus Furcht vor Rache an seinem Kinde Anstand nahm, noch alles
Fernere zu gestehen, was ihm Sonteimer zugemutet hatte. Listig sagte dieser:
Es ist nicht mein Weib gewesen, sondern das Weib eines andern, der mir schuldig
ist und den ich in Nimwegen verklagen muss, wenn ich auf freiem Fuss bin! Lasst
mich ziehen! Ich heisse Sonteimer, bin ein ehrlicher Mensch und werde euch die
Frau in Nimwegen zeigen, wo sie auf der Utrechter Gracht wohnt!
    Geschrieben wurde nun freilich hin und her. Aber gerade dem Niederrhein zu
und in Holland wütete die Kriegsfurie. Städte gerieten in Brand; in nächster
Nähe waren die Bauern der Lahngegend, Hessens, am Main bis zum Spessart hinauf
als Landsturm organisirt, - mitten in die von der Batavischen Republik
heraufziehenden Heere hinein konnte sich der österreichische Krieger noch
weniger wagen, selbst wenn er entfloh. Aus Sonteimer war nichts mehr
herauszubekommen. Auch da nicht, als endlich der Kriegsgefangene frei und mit
vorgeschriebener Reiseroute an die Oesterreicher zurückgegeben wurde. Er durfte
nicht etwa in seine Heimat zurückkehren, er musste nach Italien gehen, wo gerade
Suworow die Russen und Oesterreicher gegen die Franzosen führte. Mit blutendem
Herzen trat er seinen ihm vorgeschriebenen Weg an, liess bei dem »Maire« von
St.-Goar die Erkennungszeichen des flüchtigen Weibes und seines Kindes zurück,
bat einige freundlichgesinnte Herzen um Nachrichten, wenn ihnen eine Kunde käme
oder wenn der Jude Sonteimer entlarvt würde, und ging über Mainz nach Baiern,
von dort über den Vorarlberg nach Tirol und Italien, wo er in der blutigen, für
Oesterreich siegreichen Schlacht bei Novi den Tod fand.
    Abraham Picard, der gefürchtete Räuber war es selbst gewesen, der bald nach
der Entfernung des unglücklichen Kriegers in seinem Gefängnis auf dem Rheinfels
ausbrach und noch eine Reihe von Jahren hindurch der Schrecken des Landes blieb.
Jene junge Frau war in der Tat nicht sein Weib, sie war seine Schwiegertochter.
Ihr Mann, sein Sohn Heium Picard', verschafte ihm zuletzt die Mittel zur
Befreiung, nahm aber schon vorher sein Weib zur Sicherung mit sich hinweg.
Abraham starb auf dem Schaffot, als die gemeinschaftlichen Massregeln aller
Regierungen diesem Raubwesen ein Ende machten. In den Niederlanden bildeten sich
Freiwilligencorps, um den in ihren Schlupfwinkeln verschanzten Räubern förmliche
Treffen zu liefern. Oft nach einer Gegenwehr, deren Heldenmut einer bessern
Sache würdig gewesen wäre, fielen die Häupter der Gefangenen bei den Franzosen
unter dem Beil des Henkers, bei den Holländern wurden sie gehängt, manche kamen
für Lebenszeit auf die Galeere. Den nur Verdächtigen oder den
unzurechnungsfähigen Kindern der Verbrecher brannte man Erkennungszeichen auf
die Haut, um sie controliren zu können und ihrer Verstellungskunst zeitlebens
sicher zu sein. Die Kinder gab man unter die Obhut beaufsichtigter Familien.
    Auf diese Art wuchsen Wenzel von Terschka und Jean Picard zusammen auf in
einem holländischen Dorfe hart an der deutschen Grenze ...
    Die Mutter des letztern erlag den Anstrengungen und den Misshandlungen ihres
Mannes Heium Picard schon vor dessen Gefangennahme auf französischem Gebiet und
seiner Abführung auf die Galeeren von Brest. Sie hinterliess ihren Pflegling
sowol, wie ihr eigenes Kind der Aufsicht eines ältern Knaben, der bei einem
Müller Namens Sterz in Arbeit stand - Hanne Sterz, die wir von den
unterirdischen Gängen des Professhauses in der Residenz des Kirchenfürsten
kennen, war einst das Weib eines Hehlers, der auf einer einsam gelegenen Mühle
den Gaunern in die Hände arbeitete. Mittel zum Unterhalt fehlten nicht, sogar
die reichlichsten gab es. Dieser ältere Knabe hiess Franz Bosbeck und gehörte
jener Familie des Jehu Bosbeck an, eines Christen und ehemaligen Offiziers, den
sein dissolutes Leben bis in die Berührung mit den verworfensten Kreisen der
Gesellschaft führte und der sogar seinen christlichen Glauben abschwur und Jude
wurde. Als seinen und seines Bruders Jan Freveltaten ein endliches Ziel gesetzt
wurde, als eine mit beispielloser Kühnheit ausgeführte Flucht aus einem Turm in
Nimwegen, wo Jehu Bosbeck neunzehn Monate mit den Füssen in Wasser stand, das
Signal zu einer gemeinsamen Verfolgung auf Tod und Leben wurde, zogen sich alle
zerstreuten Familienglieder, die tätigen und die nur hehlenden, in einem
Versteck zusammen, einem Meierhof, der einem Mitverschworenen gehörte. Hier
wurden sie umzingelt. Es gab einen Kampf, wie im offenen Kriege. Von Kugeln
durchbohrt sanken die Verbrecher, die sich mit Verzweiflung wehrten. Ueber
Leichen hinweg stürmten die Corps der Freiwilligen. Die Flammen ergriffen das
ganze Anwesen. Das Hauptgebäude, ein stattliches Wohnhaus, war durch die
gefüllten, in Brand geratenen Fruchtscheuern eine einzige Feuersglut. Da war
es, wo der vierzehnjährige Müllerbursch Franz Bosbeck, ein Verwandter des
Hauptführers, zwei Stockwerke hoch aus den Flammen sprang, in jedem Arm einen
Knaben, Wenzel von Terschka im linken, Jean Picard im rechten ... Wohlbehalten
kam er auf den Boden; die rauchenden Trümmer verbargen ihn in ihrem dampfenden
Gewölk, er entfloh, rettete sich zu jener Mühle zurück und als auch diese in
Asche gelegt wurde, irrte er mit seinen beiden jammernden Pflegebefohlenen,
abwechselnd bald den Einen, bald den Andern tragend, hinaus in Nacht und
Verzweiflung ... Terschka war damals fünf Jahre alt, Picard etwas älter ...
    Noch zuweilen schreckte Terschka die Erinnerung an diese frühesten
Lebenseindrücke wie ein Fiebertraum. Heute waren es wilde, leidenschaftverzerrte
Gesichter, wie sie Rembrandt und Hontorst malte, die er bei Laternenschimmer
würfeln, Karten spielen, zechen sah ... Dann wieder sah er Gold- und
Silbergerät aufgehäuft, Säcke mit klingender Münze getragen ... Wieherndes
Lachen schallte daher dahin. Plötzlich ängstliche Ausrufe des Schreckens über
Verrat ... Dann blinkende gezückte Messer, geladene Pistolen ... er hörte
fluchen aus einer Mischsprache von Holländisch, Deutsch, Jüdisch und Französisch
... Nichts aber hatte sich unauslöschlicher ihm eingeprägt, als jener
Schreckensaugenblick des Brandes, des Hülfejammerns, des Sprunges aus dem
Fenster. Alles das stand noch oft vor seiner Seele und doch war es ihm schon
lange, als könnte es nicht gewesen sein und wäre nur die mit der Wirklichkeit
verwechselte Erinnerung einer Erzählung. Aber das Schreckenvolle dieser
Erinnerungen wurde durch ein auch ihm eingebranntes Mal immer wieder neu
bestätigt. Er erhielt dies Mal ein Jahr nach jener Flucht. Zwar hatte sie ein
der Hehlerbande zugehörender Scharfrichter aufgenommen. Ein Jahr wohnten sie am
Fusse eines Hochgerichts. Hier, wo die Gerippe todter Pferde im Hofe moderten,
hier unter den abscheuerregenden Vorkommnissen des Abdeckens, hier unter den
Zurüstungen von oft massenhaften Hinrichtungen lebten die drei Flüchtlinge, bis
sie dem Scharfrichter zur Last fielen und von ihm der Regierung ausgeliefert
wurden. Diese gab ihnen den Stempel und lieferte den ältesten zu Schiffe nach
Java; den zweiten gab sie nach Frankreich, wo sein Vater in Brest auf den
Galeeren sass; den dritten gab sie einer zufällig in Rotterdam anwesenden
Kunstreitergesellschaft. Auch diese Trennung von seinen beiden Gefährten war
Terschka unvergesslich. Der gutmütige Franz Bosbeck weinte zwar nicht, wie er
und Jean Picard taten, aber er schied von seinen Pfleglingen mit dem Ausdruck
des tiefsten Schmerzes.
    Wenzel von Terschka war von seinem achten Jahre an bis zum fünfzehnten
Kunstreiter. Er kannte im allgemeinen seine Herkunft, sie wurde ihm sogar nach
den Untersuchungsprotokollen und den Aussagen des Heium Picard gerichtlich
bescheinigt: aber noch lag die Welt in allgemeiner Kriegsnot und eine Eroberung
der Vater- und Heimatsrechte setzte damals, als Napoleon mit Oesterreich im
Kriege lag, für ein unmündiges, so wenig empfohlenes Kind niemand durch. Halb
Europa durchzog Wenzel von Terschka mit einer holländischen Kunstreitertruppe.
Bald war der Knabe der Liebling der Gesellschaft des berühmten Jân van
Prinsteeren und auch der Liebling des Publikums. Seine Behendigkeit und
Gewandteit übertraf alles. Im bunten Kleide auf dem Rosse, in Paris, in London,
in den Seestädten erregte er Bewunderung, bis er einst in Amsterdam Unglück
hatte und ein Bein brach ...
    Der grosse Völkerkrieg gegen Frankreich begann jetzt, die Truppe löste sich
auf. Ein aus Java heimkehrender Schweizersoldat nahm den langsam Geheilten mit
sich nach seiner Heimat, nach dem Canton Unterwalden ...
    Zu Stanz war es, am Vierwaldstättersee, wo 1816 für die neue Befestigung der
restaurirten italienischen Staaten schweizerische Mannschaft geworben wurde.
Wenzel von Terschka, achtzehnjährig, nahm Handgeld von den römischen Werbern,
die, wie dies für Neapel geschah, so auch für den Kirchenstaat, eine ansehnliche
Truppenmacht zum Schutz für unzuverlässige, erst neu hergestellte Zustände
zusammenbrachten. Als Lanzenreiter ging er nach Rom ...
    An Gelegenheit, sich auszuzeichnen, fehlte es dem äusserlich zwar
unscheinbaren, aber mit einer wunderbaren Elasticität begabten Jüngling nicht.
Seine Reitkunst übertraf alles. Auch Mut und persönliche Tapferkeit waren ihm
nicht abzusprechen, obgleich seine Weise von der seiner fester und sicherer
auftretenden überwiegend schweizerischen Kameraden abwich. Die Schweizersoldaten
sind in der Fremde das volle Abbild der heimischen Cantonalzstände; ihre
Mannszucht ist von einer unerbittlichen Strenge; der Verkehr der aus den alten
Landesgeschlechtern gewählten Offiziere mit den Gemeinen ist ein streng
geschiedener, das Hinaufrücken in höhere Stellen ein den letztern völlig
unmögliches. Indes wurde Wenzel von Terschka Instructor der Reitschule. Voll
Unmut über die Dienststrenge jedoch und von einem sein Gemüt durchwühlenden
Ehrgeiz getrieben offenbarte er sich dem Geistlichen der Truppe. Dieser gehörte
den Schweizern selbst als Feldprediger an und erwarb ihm keine Erhörung seiner
Wünsche um höheres Avancement. In dem deshalb immermehr sich steigernden Unmut
verlebte Terschka auf dem schönen classischen Boden qualvolle Jahre. Die
täglichen Uebungen auf der römischen Campagna, in der Sonnenhitze, auf den
dürftigen, schon vom Rosseshuf so vieler Kriege und Völkerwanderungen
zerstampften und um jede Fruchtbarkeit gebrachten Heideflächen stimmten ihn oft
zur Verzweiflung. Er versuchte den Uebergang zu den Truppen, die inzwischen von
der päpstlichen Regierung selbst organisiert wurden; aber sein empfangenes
Handgeld verwies ihn in die Reihen der Krieger, bei denen er nun einmal stand.
Zuletzt reclamirte er seine Untertanenschaft beim kaiserlich österreichischen
Botschafter, durch dessen Kanzlei ihm auch die von ihm erbetenen Eröffnungen
über seine in Böhmen befindliche Familie und sein mütterliches Vermögen zukommen
sollten. Aber der strenge geregelte Gang des ganzen römischen Lebens, diese sich
überall dort (wie in einem weitläufigen Palast, wo an jeder Treppe von
Schildwachen uns eine strenge Zurückweisung wird, wo jede Tür ihre feierliche
Aufschrift und ihr drohendes Wappen uns entgegenhält) beklemmend und
angsterweckend gebende Geschäftsform verwies ihn immer wieder auf seine Kaserne,
die nicht fern vom melancholischen Forum lag, unter den Trümmern der
denkwürdigsten Vorwelt, nahe an jenen epheuumwucherten grossen Termen, die man
nicht sehen kann, ohne an die grausamen Zeiten zu denken, wo unter dem Namen der
Gladiatoren Hunderttausende in abgesteckten Lagern kostbar gemästet wurden, um
als Frass für die wilden Tiere oder, waren es Prätorianer, für den nicht
endenden grausamen Krieg und die noch grössere Grausamkeit der anstrengendsten
Fussmärsche - von Indien nach Britannien zu dienen. Oft kam ihm unter den
einsamen weidenbewachsenen Hügeln beim Fernblick auf die blauen Gebirge, beim
Ahnen des hinter ihnen aufwogenden Meeres der Gedanke an Selbstmord, an Flucht,
Desertion; denn zuletzt schreckte ihn selbst der gewaltsame Tod durch die
strafende Kugel nicht mehr.
    Da erlöste ihn von einem ihm immer qualvoller werdenden Schicksal der
Monotonie, der Abhängigkeit im Dienstzwang und des unbefriedigten Ehrgeizes ein
neuer Unfall. Nicht das Bedürfnis nach Vertiefung seines regen Geistes war es,
das ihm Augenblicke des wildesten Einsetzens seines ihm verhassten Lebens gab;
nur vorzugsweise der gebundene Ehrgeiz, nur die gebundene Leidenschaft tobte
sich aus, als er zum zweiten male ein Unglück zu Ross erlebte und von einem für
unbezähmbar geltenden Neapolitaner in der Tat abgeworfen wurde und für todt auf
dem Platze blieb. Sein Wagemut war durch Umstände herausgefordert, die fast an
die Zeiten seines Kunstreitertums erinnerten. Die Schweizertruppen hatten sich
1821 ausgezeichnet bei Unterdrückung der Aufstände des Montferrat und Piemont.
Don Tiburzio Ceccone, der jüngere Spross einer Familie der Nobili, war als
Vorsitzender der Prevotalhöfe gegen die carbonarischen Verschwörungen in kurzer
Zeit zur höchsten Würde, zum Cardinalat, gelangt. 1819 war er, wie eine dunkle
Sage ging, wie Holofernes von Judit, so von einem fanatischen Bürgermädchen
Namens Lucrezia Biancchi fast ermordet worden und 1823 sass bei einem Besuche,
den der Allgewaltige der Reitbahn der Schweizer-Lanciers zur Anerkennung ihrer
geleisteten Dienste machte, neben ihm ein Kind von vier Jahren, bildschön - wie
es hiess, seine, »Nichte«, wie Andere sagten, sein eigenes, das Kind - jener
Lucrezia Biancchi, die noch im Kloster der »Lebendigbegrabenen« lebte ... Neben
beiden in angemessener Entfernung, nahe genug, um auf keine Anrede des stolzen,
üppigleidenschaftlichen, noch jugendlichen Herrn im schwarzen Kleide mit den
roten Strümpfen die Antwort schuldig zu bleiben, sass, zwar nicht mehr in erster
Jugendblüte, aber immer noch in der Schönheit römischer Imperatorenmütter und
wie eine gekrönte Heroine die Herzogin von Amarillas, eine frühere Sängerin
Fulvia Maldachini ... Ringsumher sassen Würdenträger des römischen Hofes, alle
auf einer mit bunten Teppichen belegten, mit Blumen geschmückten Estrade und den
Reitkünsten der Arena zuschauend ... Die Gräfin Erdmute von Salem-Camphausen
würde zu dem Anblick gesprochen haben: »Offenbarung Johannis 16: Und ich sah
das Weib sitzen auf einem rosinfarbenen Tiere und sie war bekleidet mit
Scharlach- und Rosinfarbe und übergoldet mit Golde und Edelgesteinen und Perlen
und hatte einen Becher in der Hand voll Greuel und ich sah das Weib trunken von
dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu« -
    Wie anmutig aber, wie freundlich, wie unschuldig machte sich das alles in
der Wirklichkeit! Lachen und fröhliche Lust auf den Mienen, so rein wie der
tiefblaue Himmel über ihnen, in dem nur wenige rosige Wölkchen wie kleine
Montgolfieren schwammen! ... Die Trompeten schmetterten ... Das störte eine
Nachtigall nicht, die in den Syringenbüschen nebenan sich einsam glaubte unter
ringsum liegenden zertrümmerten alten Säulenschaften ... Wie schwatzte man
durcheinander! ... Sorbetti gingen im Kreise, die der Koch Ceccone's bereitete,
dann und wann mit seiner weissen Tellermütze hervorlugend hinter einem
improvisirten teppichbehangenen Verschlage ... Terrassenartig stiegen rings die
Hügel hinan und aus Villa und Kloster und hinter alten Tempelsäulen und
Termenbögen guckte die abgesperrte Neugier in das tieferliegende Bild der
Arena, der schnaubenden Rosse und der Quadrille, die die besten Lanzenreiter
ausführten auf Rossen, die zu tanzen schienen ... Neue kleine goldene Scudis
waren geprägt worden mit dem Bildnis des Stellvertreters Christi, zierliche
kleine Halbdukaten, mit beziehungsreicher Inschrift aus der Reversseite für den
neuen Triumph der Ordnung und des Glaubens ... Eine ganze Büchse voll davon
rüttelt die kleine Olympia, wie man die vierjährige Nichte nannte, und plaudert
und plaudert, wieviel das Kriegsministerium jedem als buona manchia verabfolge,
der die schöne Quadrille jetzt zu Pferde tanze ... Kein Sirocco weht ... Leichte
milde Frühlingsluft nach langem Regen ... Ein Duft ringsum, wie herübergefächelt
aus den Gärten der Hesperiden ... Und nun macht Ceccone sogar Witze und spricht,
wenn die Rosse sich nicht nach Sitte aufführen, zu einem Mitglied des
diplomatischen Corps - auch von Hesperidenäpfeln ... Frägt dann rasch die Frau
des spanischen Gesandten ihren Mann: Qu'est-il qu'il a dit? so citirt Eminenz
selbst mit graziös lächelnder Miene und so, wie auch nur ein Cardinal lächeln
kann, einen Vers - aus Guarini's Schäfergedichten ...
    Luft, Sonne, Licht, Farbe - Glück und Wonne ringsum - aber Wenzel von
Terschka's Solo mislang doch. Sein Neapolitaner war nicht so leicht gebändigt,
wie die Revolution des Generals Pepe. Der kühne Reiter liegt auf dem Boden und
alle halten ihn für todt ... Dort herauf ragt das Coliseum, wo in solchen Fällen
die alten Opfer ruhig aus den Schranken hinweggetragen wurden und der Römer
gleichgültig zur Tagesordnung, einem neuen Kämpfer, überging. Ein Kreuz entsühnt
jetzt die wilde Stätte und - was schuldigst du auch ewig nur Rom so ungebührlich
an, du greise waldensische Herrin von Castellungo! - das Carrousel - hört auch
hier sogleich auf ... Man trägt den für todt Erklärten in das Ospizo de
Benfratelli ... Die halbe Büchse voll Paolis wird vorläufig sogleich für ihn
allein bestimmt ... Die andere Hälfte der buona manchia erhalten die andern ohne
weitern Gladiatorenkampf ... Die Herrschaften brechen auf und fahren von dannen
... Ecclesia abhorret sanguinem »Die Kirche will kein Blut« ...
    Wie wurde der Instructor der Reitbahn bemitleidet! ... Man erfuhr: Drei
Rippen waren ihm gebrochen ... das Uebrige zur Besinnungslosigkeit tat die
Erschütterung ... Nun hörte man vollends noch, dass der Unglückliche einen
adeligen Namen trug ... Die besonderste Obhut nahm ihn in Schutz ...
    Drei lange, traurige Monate lag Terschka bei den Benfratellen und war
endlich geheilt. Er erklärte, kein Ross mehr besteigen zu können ... Er erbittet
seinen Abschied und erhält ihn auch ...
    In der Tat schleicht er siech und elend in Roms Gassen am Stabe dahin ...
    Aus Böhmen hatte Wenzel von Terschka die Kunde erhalten, dass die
Verlassenschaft seiner Mutter schon vor Jahren in Concurs geraten war, Brand
hatte ihr unversichertes Eigentum entwertet ... auch dachte er nicht mehr gern
an Verwandte, die Bäcker waren. So voll Ehrgeiz steckte er, dass es ihn fast
ärgerte, als der Laienbruder der Benfratellen, der ihn spazieren führte, an dem
kleinen deutschen Friedhofe, der dicht an der Peterskirche liegt, sagte: Sehen
Sie nur, Herr, fast alle Deutsche, die hier begraben liegen, sind Bäcker
gewesen! Das Backen haben die Römer erst wieder aus Schwaben und Baiern gelernt!
Alle diese alten Bilder an den Grabmälern sind deutsche Bäckermeister!1...
Terschka sah kaum hinüber ... Er blickte nur zu den Zimmern des Papstes hinauf,
zu den Zimmern des Cardinals Ceccone, der im Vatican ein Stockwerk höher als der
Papst wohnte ... Den Priestern, die im Hospital dienen, erklärte er endlich, als
er völlig geheilt war, mit zagender Schüchternheit, dass er wohl Lust verspürte,
in den geistlichen Stand zu treten ...
    Der Orden der Jesuiten war noch nicht lange wiederhergestellt und besonders
zu ihnen zog es Terschka, da er sich die Kraft zu einem still beschaulichen
Leben nicht zutraute. Er war nun fünfundzwanzig Jahre alt und hatte nicht viel
gelernt, ausser den lebenden Sprachen. Aber sein Geist war mächtig entwickelt
gleich seinem Körper - er, der zwei Monate zu früh ins Leben gekommen! Sein
Wunsch war ein Wagnis, das ihm mislingen konnte; aber er zeigte sich listig. Er
hatte den Mut, an die kleine Olympia zu schreiben und ihr in dem schnell
erlernten Italienisch durch ein Sonett zu sagen: »Du süsse himmlische Kleine! Sei
mein Schutzengel! Erwirke mir die Sporen des heiligen Georg, die mich nicht
wieder, wie irdische, im Stich lassen sollen! Ich will für dich beten bei
Ignazius von Loyola, der ja auch ein invalider Krieger war und jetzt der
Gottesmutter so nahe steht, hilf mir auch auf diesen Weg, du süsser Engel! ...«
Olympia, die Tochter jener Lucrezia Biancchi, die sich opferte, um den »Hass des
Menschengeschlechts«, wie die Carbonari den obersten Richter der Prevotalhöfe
nannten, zu tödten, hüpfte mit diesen Zeilen zur Herzogin von Amarillas, ihrer
Erzieherin, ihrer Hofdame, wie man sagen konnte - Tiburzio Ceccone lebte auf
fürstlichem Fuss und erzog das Kind der im Kloster der Vivi sepulti lebenden
Mutter, die den Tod verwirkt hatte, wie sein eigenes - was gab es da nicht alles
zu verschweigen und mit Schleiern zu bedecken! ... Die Herzogin zeigte dem
Cardinal Abends beim Tee die in leiblichen Versen vorgetragene Bitte des jungen
Schweizerlanciers, der Cardinal mit seinem feurigen Cäsarenkopf lachte und
Wenzel von Terschka, dessen Antecedentien man noch nicht vollständig kannte,
klopfte eines - an die Pforte des Collegium al Gesu ...
    Kommt ihr niederwärts vom ehemaligen Capitol, lasst zur Rechten jene
Kapuzinerkirche liegen, wo eine kleine hölzerne Figur, in die Gewänder eines
Wickelkindes eingeschlagen, »Bambino« genannt, als Jesuskind gegen alle
Anfechtungen des Lebens angerufen, ja sogar aus der Kirche in Procession
abgeholt wird zu Sterbenden oder zu Wöchnerinnen, so steht ihr an einem kleinen
Platz vor einer Kirche, die die reichste in Rom, nicht die geschmackvollste ist
... Die Façade, die innere Ausschmückung gehört der Kunstepoche Bernini's. Wagen
über Wagen rollen bei ihren Stufen vor, Bettler in langen Reihen berühren die
seidenen Gewänder der vornehmsten Damen und reissen den Eintretenden an der Tür
grosse lederne Decken auf, die Vorhänge bilden. Drinnen empfängt dich ein
mystisches Dunkel, Weihrauch, Lichterglanz, eine stickige Luft von Tausenden.
Nirgends wird so laut gebetet, so sicher gesungen, so feurig gepredigt in Rom
wie hier. Marmor und Gold sind verschwendet, Grabmäler stehen mit Statuen von
grossen Meistern geschmückt, kostbare Kapellen laufen ringsum; sie haben die
bequeme Einrichtung, dass sie unter sich durch Türen zusammenhängen und als
trauliche Winkel dienen, in denen man hinter einem Pfeiler flüsternd verweilen
oder einer im Schiff zu laut daherschallenden Kanzelrede in aller Stille folgen
kann. Am östlichen Ende liegt eine kleine Ausgangstür. Sie führt den
Durchgehenden auf steinernem Fussboden in einen Nebeneingang - man sieht einen
düstern Hof, in welchen Fenster eines grossen todtenstillen Gebäudes hinausgehen,
das sich dicht an die Kirche anlehnt. Kein Gefängnis ist es, obgleich die
Fenster vergittert, ja teilweise mit Bretern vernagelt sind; es ist das Colleg
der Jesuiten ...
    Terschka's Anmeldung wurde durch die Empfehlungen des Cardinals erleichtert.
Ein Oberer empfing ihn, legte ihm Fragen vor und - wiederholte diese Fragen noch
einmal, nachdem sie schon beantwortet waren. Sonderbar, er fragte nach Dingen,
die in vollem Gegensatz zu dem standen, was er ja soeben aus Terschka's
Antworten gehört hatte. Sonderbar, dieser hatte gesagt: Ehrwürdiger Vater, ich
hatte bereits bemerkt -! Ein andermal: Wenn ich schon gestand, keine todte
Sprache zu kennen, so kann ich doch nicht Griechisch wissen -! Terschka ging ...
Der Obere nickte ihm freundlich nach ...
    Niemand liess sich aber bei ihm wieder sehen. Er wohnte noch immer bei den
Benfratellen ... Er war vergessen ... Wochenlang ...
    Tag um Tag verging ... Terschka geriet ausser sich. Die Benfratellen klärten
ihn auf. Der Obere hat Ihren Charakter prüfen wollen! Sie sind ungeduldig! Nur
deshalb stellte er sich Ihnen vergesslich und schwachsinnig, um zu sehen, ob sich
bei Ihnen eine heftige Selbstständigkeit Ihres Wesens zeigen würde ...
    Terschka verstand jetzt das Benehmen des Obern. Voll Verzweiflung über sich
selbst wollte er wiederum an die kleine Olympia schreiben ... Tun Sie das ja
nicht! hiess es allgemein ... So geh' ich noch einmal zu dem Obern! ... »Er wird
Sie abweisen! Warten Sie in Geduld!« ... Vier Wochen wartete Terschka. Dann rief
man ihn in der Tat wieder ... Er hatte »Geduld« bewiesen ...
    Ein anderer Oberer erschien und lobte Terschka, dass er sich beherrscht und
nicht gemahnt hätte. Auch er fragte vielerlei und Terschka antwortete schon viel
ruhiger und mit grösserer Vorsicht. Nur als der Obere sagte: So bleiben Sie denn
jetzt gleich hier! und Terschka erwiderte: Ehrwürdiger Vater, ich habe erst
meine Sachen zu ordnen! da veränderten sich die Gesichtszüge des Examinators ...
Wieder hatte Terschka nicht bestanden. Wieder hatte er einen andern Willen als
man vorausgesetzt ... Er ging, seine Verkehrteit schon ahnend.
    Und neue vier Wochen verstrichen, die er warten musste!
    Der Novize seufzte, aber er war schon demütiger geworden. Sehnsüchtig ging
er an dem Collegium vorüber, sah zu den Fenstern des riesigen Gebäudes auf; jede
Wallung, anzuklingeln und sich in Erinnerung zu bringen, unterdrückte er und als
man dann ihn endlich wirklich rief, schlich er ruhig und ergeben in das ihm
angewiesene Zimmer ...
    Man gab ihm ein Neues Testament, den Tomas a Kempis und Rodriguez über die
Gesellschaft Jesu. Er konnte kein Latein. Er musste dies und alles ganz von vorn
erlernen - in seinem fünfundzwanzigsten Jahre! Aber alle Besuche, die er von
zwei zu zwei Stunden bald von diesen, bald von jenem Ordensgliede empfing,
verliessen ihn mit dem Zeugnis, das sie den Oberen ablegen konnten, der junge
Noviz besässe Geist und seltene Welterfahrung. Ausserordentlich schien er gefallen
zu haben. Nach acht Tagen erhielt er ein gedrucktes Examen, das er schriftlich
beantworten musste. Er konnte es deutsch oder italienisch tun ...
    Schon in dieser Aufforderung zur vollständigen Darlegung seines Lebens lag
für ihn ein Anlass zu mancherlei Besorgnis. Sein Leben entielt so gefahrvolle
Dunkelheiten! Das Mal am Arme! Sein erster Beruf war der einer schnöden
Schaustellung seiner Person gewesen! Wie konnte er auf eine künftige
Priesterweihe hoffen! Er verzweifelte; denn zum Erfinden von Ausreden und
Verschleierungen der Wahrheit verlor er in diesen Mauern schon ganz den Mut.
Fast war es ihm auch, als käme man hier am siegreichsten durch, wenn man sich in
allen Lagen ein für allemal auf Gnade und Ungnade ergab und sich ganz so nackt
und so bloss darlegte, wie man wirklich war ...
    Schon glaubte der Novize am Ziel seiner Wünsche zu sein, als er in dem
gedruckten Formular auf eine Stelle stiess, wo es hiess, dass er sechs Monate noch
ausserhalb des Hauses der Gesellschaft leben müsste und erst sechs verschiedene
anderweitige Proben durchzumachen hätte! Er traute seinen Augen nicht. Wieder
ein halbes Jahr seines Lebens verlieren? Von jetzt an - es war zur Zeit der
Sommermitte - bis zu Weihnachten wieder in einen halben Zustand zurückversetzt,
wieder auf sich selbst angewiesen, auf die Unruhe und Ungeduld seines Herzens?
Er hoffte auf Erlass dieser Bedingung und glaubte an eine in diesem Statut nur so
entaltene und ausser Uebung gekommene alte Förmlichkeit. Man holte dann das
Blatt ab. Drei Tage vergingen. Schon nahm er am gemeinschaftlichen Mahle teil,
schon hatte er sich manches einzelne Ordensmitglied, das ihm zusagte,
herausgefunden, da wurde ihm mit freundlichster Miene angekündigt, dass er auf
sechs Monate seine Zelle wieder zu verlassen hätte: einen Monat sollte er bei
den Schülern des Collegium germanicum wohnen, einen Monat in San-Michele Kranke
pflegen, einen Monat sich als Wallfahrer kleiden und in Rom und auf zehn Meilen
in der Runde seinen Unterhalt durch Betteln suchen; dann zurückkehrend sollte er
im Collegium täglich einen Monat lang die Stuben reinigen und endlich in einer
entfernten Kirche der Vorstadt Knaben in den Anfangsgründen der Religion
unterrichten, im sechsten Monat sollte er allen Predigten beiwohnen, deren in
den hundert Kirchen Roms drei oder vier täglich und zu verschiedenen Zeiten
gehalten wurden und darüber Referate geben und bei allen diesen Proben zu
gleicher Zeit auch noch die lateinische Sprache erlernen ...
    Aufschreien hätte Wenzel von Terschka mögen vor Verzweiflung, aber schon
band er sein Bündel und schickte sich an, ruhig die Vorschrift zu erfüllen. Sein
Auge blinzelte etwas; er hatte schon bemerkt, dass wie beim Opfer Abraham's der
Wille hier manchmal für die Tat genommen wurde; er hatte schon bemerkt, dass man
allmählich auch unter dieser strengen Disciplin abzuhandeln und abzumarkten
versteht. Und in der Tat, man liess ihn zwar aus seiner Zelle schreiten, wies
ihn aber doch nur zwei Stockwerk höher, um ihn zu jenen deutschen Knaben und
Jünglingen gelangen zu lassen, die in Rom zu Priestern erzogen werden. In dem
mächtigen Gebäude war auch für diese Platz. Ein Rector empfing ihn, lächelte
seines Alters, sprach ihm Mut zu und alles das in deutscher Sprache; Pater
Xaver war aus dem Innviertel. Ein rotes Kleid mit einem schwarzledernen Gürtel
musste Terschka anlegen, wie seine Genossen. Um fünf Uhr musste er aufstehen, das
Sakrament in einer Kapelle besuchen, dann in einer Zelle Betrachtungen lesen,
sie auswendig lernen, hierauf zur Messe gehen und erst um acht Uhr ein leichtes
Frühstück nehmen, zu dem dann noch Matutine und Laudes aus dem Brevier zu
sprechen waren; so ging es von Stunde zu Stunde weiter bis zur neunten des
Abends, wo im Nu sämmtliche Lichter des Hauses erloschen sein und alle Schüler
auf hartem Lager sich dem Schlaf empfehlen mussten. So erst acht Tage lang. Dann
aber wurden die Vorschriften leichter. Glückliche Hoffnung, die ihn beseelte, er
würde die fünf übrigen Monate erlassen bekommen! Sie erfüllte sich teilweise
und in erfreulichster Art. Er brachte sie sämmtlich bei den deutschen Jünglingen
zu, deren Unterricht er zu teilen hatte. Schon die Scham, unter Knaben ohne
Bart verweilen und Latein von vorn beginnen zu müssen, beflügelte seinen
Lerneifer. Er, der das Leben schon in allem kannte, was der natürliche Mensch
mit Ungestüm zu fordern pflegt - sass hier auf der Schulbank, doch sein Kleid und
sein physischer Bau liessen ihn dabei wenigstens äusserlich so jung erscheinen,
wie die neunzehnjährigen ...
    Seltene, aber glückliche Stunden waren es, wenn die rotgekleidete Schar in
den ihr eigentümlich angehörenden Weinberg wandern durfte, um dort einen
Nachmittag, meist ballschlagend und wettlaufend zuzubringen. Dieser Weinberg lag
nicht weit von seiner ehemaligen Kaserne, auf den Höhen des Monte Cölio, dicht
an einer Kirche, die von aussen die merkwürdigste, von innen die abschreckendste
aller römischen Kirchen ist. Gerade den deutschen künftigen Priestern hat man
die Rotunde des heiligen Stephanus gewidmet, einen alten, sehr denkwürdigen Bau,
der mit Bildern grauenhafter Art geschmückt ist. Ausschliesslich scheint sie dem
Martyrium gewidmet. Da liegt die vom Henker abgerissene blutige Brust der
heiligen Agate auf der Erde; ein Tiger krallt seine Tatze in das Fleisch eines
nackten Jünglings; der heilige Hippolyt wird, mit seinen Füssen an flüchtige
Pferde gebunden, dahingeschleift - es ist eine blutige Anatomie, eine Morgue, in
deren Anschauung gerade die deutschen Jünglinge in Rom - Erholung finden müssen!
Wahrhaft erquickend war dann der zuweilen gewährte Besuch in den Gärten des
Heiligen Vaters auf dem Quirinal. Die blauen, gelben, grauen Jesuitenschüler
erfreuten sich damals dieser Gunst noch öfter, als die roten; jetzt lernt man
auch die Bedeutung dieser roten Jünglinge schätzen. Wie berauschend, wie ewig
an Rom fesselnd, bei Sonnenglut in diesen herrlichen, haushohen, kühlen Boskets
von geschnittenen Myrten zu wandeln und da Trucco, ein Kegelspiel, zu spielen!
Unter dieser Fülle von Oleandern, blühenden Aloes und Cactus! Unter diesen
zahllosen Orangenbäumen, deren Blüten die Luft mit berauschendem Duft erfüllen!
Ringsum tobt und wogt das lärmende Rom, die Wagen fahren, die Brunnen schäumen -
auf diesem hochgelegenen Hügel verbirgt sich hinter einer chinesisch
absperrenden hohen Mauer, dicht an dem Palast der zweiten Residenz des Heiligen
Vaters (der Lateran, die dritte, ist ein Stiefkind der Päpste geworden), ein
Garten, geschmückt mit allen Reizen der Natur. So dicht gezogen und beschnitten
sind die edelsten Platanen, dass es unter ihnen bei glühender Mittagshitze kühl
ist, Springbrunnen plätschern, die Lacerten schleichen unter den grossen, bis zum
Boden wuchernden Feigenblättern dahin, Marmortische und Sessel laden zur Ruhe in
den erquickendsten Schatten, den jene zwei Stockwerk hohen geschnittenen engen
Myrten- und Ligusterhecken hervorbringen helfen - sie sind in der Breite so
schmal, dass man fast nur allein, nicht im Selbander durch sie hindurchschreiten
kann. Hier reinigte die balsamischste Luft alle vier Wochen einmal die Brust vom
erstickenden Schulstaub. Terschka, der Mann, der schon auf einer ansehnliche
Höhe des Lebens Angekommene, der mit Erinnerungen schon für ein halbes Leben
Ausgestattete, konnte hier eine Weile vergessen, dass er wieder zum Kinde
geworden, konnte die marmornen Hermen bewundern, die rings von Epheu und Myrte
umschlossen in den Boskets standen und oft Frauenbilder der alten Römerzeit von
seltener Schönheit darstellten. Zwei dieser Hermen erklärte er in still
unterdrückter, noch nicht abgeschworener Liebesglut für die Herzogin von
Amarillas und das künftige Jungfrauenbild der Olympia. Sie sind noch jetzt von
jedem zu finden vor dem kleinen Casino des Papstes, dicht in der Nähe der
Treibhäuser, unter Gruppen von Aloes, zwei weibliche Köpfe voll Starrheit,
Verwegenheit und jener Sphinxschönheit, die Terschka in seinem spätern Leben nur
zweimal wiedersah, bei jener Angiolina in Dalmatien und bei Lucinden - unter den
Offizieren in Kiel sagte er's damals ...
    Nachdem Terschka nach zweijährigen Studien ins Collegium wieder hinunterzog,
gaben seine Generalbeichten mancherlei Anstoss. Sein vergangenes Leben
widersprach den Ansprüchen, die die Kirche an die Unbescholtenheit ihrer
Priester macht. Sie duldet keine Entstellung des Rufes wie des Körpers, keine
schwächlichen, krankhaften Gestalten, nichts, was irgendwie dem Makel der Welt
verfallen ist und etwa dem Geist das Uebergewicht verleiht - auch Pater Sebastus
hatte nicht die Weihen empfangen. Aber Wenzel von Terschka bot alles auf, sich
Erhörung zu verschaffen und eine Vergessenheit der Jahre, wo er als Kind und
Knabe unter Räubern und Gauklern lebte. Eine tatkräftige Natur muss zu einem
Ziele, das sie sich einmal gestellt hat, irgendwie hindurch. Sie bereut
vielleicht später die Anstrengungen, die sie machte, um des nicht befriedigenden
Lohnes willen; aber den Wert des Lohnes, wenn man auch schon seine
Geringfügigkeit ahnt, erwägt der nicht, dem eine Laufbahn Mühen macht und dessen
Kopf voll Ehrgeiz steckt. Selbst den schon unbedingt gegen ihn entscheidenden
Anstoss des Brandmals auf seinem Arme, das durch nichts hinwegzutilgen war, das
jeder chemischen Beize, jeder blutigen Operation widerstand, überwand seine
Geduld, sein inbrünstiges Bitten, zuletzt seine Intrigue; denn so unmöglich es
fast war, ausserhalb des Collegiums einen Briefwechsel zu unterhalten, Terschka
übersandte wieder einen Brief an die Herzogin von Amarillas und dichtete wieder
ein Sonett an Olympia Maldachini ...
    Die Kleine, die als Italienerin von fünf Jahren schon so entwickelt und
willensstark war, wie eine Deutsche von acht, setzte ihrem heiligen Georg Schild
und Lanze durch ...
    Die Väter lächelten und schienen eigentümliche Pläne zu haben.
    Terschka erhielt die Sottane, den schwarzen Leibgurt, die schwarzen Strümpfe
und Schuhe ... sein Hauptaar wurde geschoren.
    Ecco un nuovo fratello! rief eines Tages bei Tische der Novizenmeister den
übrigen Novizen zu ...
    Gräfin Erdmutens Ausruf hatte damals Recht gehabt ... Terschka war Jesuit.
 
                                    Fussnoten
1 Tatsächlich.
 
                                      10.
Fünf Jahre vergingen dann ... Terschka zählte schon dreissig, als er Profess der
drei Gelübde wurde, der Armut, der Keuschheit, des Gehorsams. Nun wurde er
Priester aller Weihen. Zwei Jahre später, kurz nach der Julirevolution, legte er
das vierte Gelübde ab, Gehorsam dem Heiligen Vater, unbedingtes
Sichverwendenlassen für jeden ihm auferlegten Zweck. So stand er auf dem Gipfel
seiner Wünsche.
    Und keineswegs war er unbefriedigt. Der Autodidakt liebt sein Wissen, das er
sich mühsam errungen hat. Er liebt es mit mehr Begeisterung, als ein von früher
Jugend an dafür Geschulter. Und welche Bewährungen gab es nicht! Dienen musste er
unausgesetzt, knechtisch dienen, aber zugleich konnte er nach andern Richtungen
hin oft auch schon souverän befehlen ... Jede Stufe der Unterwerfung mehr auf
der einen Leiter gab auch zugleich auf einer andern eine Stufe der Erhöhung. Er
besuchte die Hörsäle der wenige Schritte vom Collegium entfernt liegenden
Universität. Hier, wo Hebräisch und Physik nicht nur in demselben Auditorium,
sondern oft auch von demselben Lehrer vorgetragen wird, legte er den Grund zu
einer Fülle von Tatsachen, die sein Inneres mächtig hoben. Und diese Erweckung,
diese stete Gegenständlichkeit und Bewussteit des Denkens! Schon die Anleitung
zu den »Vorspielen« des Geistes oder zur »Erleuchtung«! ... Bonaventura kannte
sie, diese Künste der »geistigen Lesung« und der »Vorspiele«! ...
    Eine Betrachtung z.B. über das Verjagen der Wechsler aus dem Tempel musste so
geordnet sein:
    Erst ist der einfache Stoff zu lesen; dann schlägt im Collegium plötzlich
eine Glocke - mit dem ersten Schlag derselben stellt man sich rasch einige
Schritte vom Betpult entfernt, denkt sich Gott und die Heiligen unmittelbar
gegenwärtig, fällt auf die Knie, küsst die Erde und beginnt die lebendigste
Phantasievorspiegelung eines Tempels, eines erhabenen Baues mit Säulen, mit
einer, wie beim Panteon halb eingebauten, halb in der Vorhalle aufgeschlagenen
Reihe von Buden ... Das Geld klimpert, die Wechsler, wie sie nur auf der Via
Condotti oder auf dem Corso stehen mit ihren Napoleond'ors und Papierscheinen,
Wucherer mit Habichtnasen, wie sie nur unter den Tuchhallen am Eingang des
Ghetto zum Kauf einladen, bieten ihre Waaren an, übervorteilen, schreien -
schreien in die Messe der Santa-Maria Monticelli hinein, in die Klingel des
Ministranten ... Nun erscheint der Heiland, das Haar von Lichtglanz umflossen,
die Farbe des Rocks ist rot, der Ueberwurf blau, die Jünger stehen neben ihm
... Niemand von den Schreiern weicht aus, niemand achtet die Andacht derer, die
der heiligsten Procession sich schon verneigen ... Da ergreift Christus -
vielleicht einem Tempelvogt (Ausmalung seiner Tracht) - die Geissel, wirft die
Tische um, das Geld rollt weit auf die Strasse hinaus, das Volk wagt nicht einmal
es aufzuraffen, der heilige Zorn ist wie Donnerrollen, sein Auge wie Feuerlohe
... »Mein Haus ist ein Betaus und ihr macht es zur Mördergrube!« Das schallt
dann in die Welt hinaus ... Nutzanwendung ... endlich Gebet ... So ist nach
Jesuitenanleitung jeder Vorfall der heiligen Geschichte zu erfassen, so zu
umschreiben, so in seine kleinsten Bestandteile zu zerlegen und die Gedanken
ordnung nur innerhalb der Ruhestationen des sinnlichen Vorgangs zu wählen ...
Die Wechsler: das ist die Sünde; der Augenblick der Reinigung: das ist die Busse;
der Zustand nachher im Tempel: das ist die Erlösung ... Endlich die Vergleichung
mit der Gegenwart und die Nutzanwendung auf das innere Herz ... bis das Ganze im
»Colloquium mit Gott«, mit Gebet, schliesst ... In dieser Weise wollte auch
Müllenhoff versuchen, die Exercitien auf dem Schloss der Frau von Sicking
einzurichten.
    Für Wenzel von Terschka gab es immer mehr Bewährungen. Selbst seine
ritterlichen Künste boten dafür Gelegenheit und wurden sogar absichtlich und
ausdrücklich befördert. Die jungen Väter bestiegen zwar nicht selbst das Ross,
aber sie voltigirten; Reck und Barren, wie bei den Turnern, fehlten nicht. Auch
beaufsichtigten sie da und dort die Erziehungsanstalten. Hier besonders
bewunderte man den »Pater Stanislaus«! ... »Stanislaus« nannte sich Terschka
nach dem heiligen Stanislaus von Kostka, jenem jungen Polen, dessen erster
Lebensschmerz damit begann, dass er von seinem Hofmeister und seinem älteren
Bruder 1564 gezwungen wurde, zu Wien im Hause eines Luteraners zu wohnen.
Dieser junge Heilige wurde vom Beten und Nachtwachen, wie der heilige Aloysius,
das Beichtvorbild unsers Tiebold, elend, kam von allen Kräften und näherte sich
dem Tode. Da konnte er die heilige Wegzehrung nicht erhalten, weil sie der
luterische Wiener nicht in sein Haus gebracht haben wollte ... Nun erschien dem
Knaben die heilige Barbara mit zwei Engeln zur Seite und brachte ihm die
ersehnte Speise. Doch sollte er nicht sterben. Maria kam in jeder Nacht und
setzte das Jesuskind auf die Decke seines Bettes und sagte ihm jedesmal, wenn er
mit diesem gespielt hatte: Stanislaus, tritt in die Gesellschaft Jesu!
Stanislaus von Kostka fand für seinen Wunsch in Wien nirgends Gehör. Der
Provinzial der Jesuiten verlangte eine väterliche Bescheinigung. Der Vater, ein
Senator der Krone Polens, schrieb von seinem Schloss Rostkau im Posenschen, dass
er diesen Beruf seines Sohnes nimmermehr wünschen könne. Stanislaus flehte den
apostolischen Nuntius an. Vergebens. Er mochte klopfen an welche Tür er wollte,
niemand erwies ihm damals in Wien die Gnade, ihn Jesuit werden zu lassen ... Da
riet ihm der Provinzial: Wandere gen Rom zu Franz Borgia, unserm General
selbst! ... Also tat er. Er entsprang seinem Hofmeister, seinem Bruder, zog
Bettlerkleider an und ging über Augsburg zunächst nach Dillingen ... Hier im
Jesuitenkloster musste er bei Tisch bedienen und die Stuben kehren. Canisius, der
berühmte Morallehrer der Jesuiten, entliess einen seinem Vater entsprungenen Sohn
völlig einverstanden gen Rom ... Franz Borgia empfing ihn dort voll Güte und
schützte ihn vor dem Zorn des polnischen Senators, der jetzt die Diplomatie zu
Hülfe nahm, um sein Vaterrecht zu behaupten ... Stanislaus wurde Priester. Er
war ein Muster jener »süssen Andacht«, die ein Antlitz wie mit Rosen verklären
kann. Ihm musste befohlen werden, nicht zu lange zu beten. Das wiederholte sich
und wurde sein Todesstoss ... An den Folgen der Wehmut, dass man so oft seine
Andachtsglut unterbrach, starb der Jüngling, achtzehn Jahre alt. Man sprach den
Märtyrer des verweigerten Betens heilig. Wenzel von Terschka hatte als Slawe ein
Vorrecht auf seinen Namen, als es bei seiner Priesterweihe gerade drei Bewerber
um den Namen Stanislaus gab. Dafür musste er in der Kapelle San-Andrea, dicht in
der Nähe der schönen Gärten des Quirinals, drei Nächte an dem Bild seines
Heiligen wachen, an jener Statue, die den sterbenden Jüngling Stanislaus von
Kostka darstellt, der Körper von weissem, die Kleider von schwarzem, das Bett von
gelbem Marmor ...
    Eines Tags wurde Terschka zum General der Jesuiten, einem Holländer, gerufen
und erfuhr dort in holländischer Sprache folgende, ihn mächtig ergreifende
Anrede:
    Pater Stanislaus! Die Stunde ist gekommen, wo Sie durch Bewährung im Dienste
Ihres Ordens Ihre Schuld der Dankbarkeit abtragen können!
    Der Pater verneigte sich ... Er ahnte einen schon seit lange mit ihm
bezweckten Plan ...
    Es sind Ihnen grosse Indulgenzen zu Teil geworden! fuhr der General fort.
Sie haben Wohltaten von der Kirche erfahren, die zu den seltensten Fällen
gehören! Der Empfehlung Ihrer Gönner werden Sie zeitlebens verpflichtet sein ...
    Terschka verneigte sich tiefübereinstimmend. In den letzten Jahren war die
besondere Protection des Cardinals Ceccone nicht mehr sichtbar gewesen, aber er
bedurfte sie auch nicht, da seine Anschlägigkeit anfing, sich alle Wege zu
bahnen, und er selbst mit seiner Lage zufrieden war ...
    Ich liess einen Rat über Sie halten! begann der General aufs neue. Man
sprach für Sie und auch, wie es das Gesetz will, gegen Sie! Eine Stimme gab den
Ausschlag, die, dass Sie vermöge Ihres ganzen Naturells dem Orden am besten
dadurch dienen würden, wenn Sie - in die Welt zurückkehren! Ein Redner - das
würden Sie nicht; zur Gelehrsamkeit und zum Unterricht fehlte Ihnen die Ruhe;
Ihr praktischer Sinn wäre es, in dem sich alle Ihre Vorzüge und - Ihre Fehler zu
einer möglichst guten Nutzanwendung vereinigten!
    Terschka's schon gründlich jesuitisch gewordenes Naturell grübelte, wer wohl
sein Ankläger gewesen sein mochte ... Dergleichen war schwer zu erforschen.
Seiner schmiegsamen Natur gelang es vielleicht. Doch wusste er, diese Contra
mussten ja bei einem Gericht stattfinden, Fehler mussten mit Gewalt aufgesucht
werden, nur um der Gerechtigkeit nichts zu vergeben ... Täglich wurde man so
geübt im Beurteilen der andern ... Gingen zwei Jesuiten spazieren, so musste
einer vom andern berichten, was sie unterwegs gesprochen hatten ...
    Fassen Sie keinen Groll gegen irgendjemand! fuhr der General fort, der die
in Terschka's Innerem sich entwickelnden Gedankenreihen übersah. Scheiden Sie
von uns allen wie von Ihren Freunden! Auch nicht einer ist, der Ihnen nicht
Gerechtigkeit widerfahren liesse; nur sind die Gaben mannichfach verteilt und je
mehr Ihnen der eine vom Einen nahm, desto mehr musste er Ihnen vom Andern lassen!
Vorzugsweise besitzen Sie Ein Talent - das Talent, sich beliebt zu machen! Viele
versuchen sich darin. Nie aber sah ich so glückliche Erfolge, wie bei Ihnen! Sie
werden in Wahrheit von uns allen vermisst werden ...
    Pater Stanislaus lächelte bescheiden und harrte voll Spannung ...
    Der Auftrag, der Ihnen erteilt wird, hängt mit unsern Missionen zusammen
...
    Mit unsern Missionen! ... Terschka erwartete ein Reiseziel - jenseit des
Meeres ... Seine Wünsche waren indifferent, doch schien die Aussicht, jenseit
der Meere oft grosse Gefahren bestehen zu müssen, nicht besonders lockend ...
Dennoch beherrschte er sich ...
    Jetzt lächelte sogar der General. Er musste Pater Stanislaus bewundern, der
nicht eine Miene verzog oder sonstwie seinen Verdruss zu äussern wagte ...
    Ich meine die innere Mission, setzte der General hinzu, die Verherrlichung
unsers Ordens in der Sphäre der Lüge und des Abfalls! Richten Sie Ihre
Aufmerksamkeit auf den Norden, von dem Sie herkamen! Zunächst auf den grossen
deutschen Kaiserstaat! Erinnern Sie sich, dass kurz nach dem Schisma, das die
Kirche dem abgefallenen Augustinermönch verdankt, Oesterreich zu sieben
Achtteilen - zu sieben Achtteilen! - von Rom abgefallen war! In Wien konnte
ein Luteraner sagen: In mein Haus lass' ich nicht die heilige Wegzehrung
bringen! ... Durch uns ist das Kaiserreich in den Schoos der Kirche
zurückgeführt worden! Die Mittel und Wege dazu waren mannichfach ... Sei Ihnen
vorläufig diese Mitteilung über Ihre künftige Verwendung - als Anlass zur
Prolusio empfohlen ...
    Damit war Pater Stanislaus für heute entlassen ...
    Zur Prolusio -! ... Zum Vorspiel der Phantasie -! Aber wie nahm das Wort des
Generals auch jetzt den ganzen Menschen gefangen! ... Terschka war Mönch,
Jesuit, Priester geworden, um sich aus einem Leben aufzuschwingen, das seinem
Ehrgeiz nicht entsprach. Adeliger Geburt und dennoch musste er dienen ... dienen
in einer Stellung, die ihm keine weitere Erhöhung für die Zukunft darbot ... Er
ergriff den geistlichen Beruf als einzige Rettung und er war nicht undankbar.
Nichts hatte er gewusst, als fremde lebende Sprachen, er wurde durch den Orden
ein Mann höherer Bildung. Dass es andere Bildungsformen in der Welt gab, als die
ihm gerade hier zu Teil wurden, ahnte er, aber er musste wohl die vorziehen, die
gerade das aus ihm machten, was er für jetzt anders nicht hätte geworden sein
können. In der Tat besass er keine Rednergabe. Selbst in der Schule bewährte er
sich nicht. Aber in der Erziehungsanstalt, die durch das Collegium geleitet
wurde, gab es vielerlei von ihm glücklich beaufsichtigte Unterrichtsgegenstände;
Reiten, Tanzen, Fechten wurde gelehrt. Das ja hat die Erziehung durch Jesuiten
so begehrt gemacht. Eitle Schaustellung und Unterhaltung der Phantasie war von
jeher und ist die Grundlage der Erziehungsanstalten, die Jesuiten leiten ...
Terschka lernte die wunderbare Moral des Probabilismus kennen, die ihn wahrhaft
blendete. Was nur im Menschen über den schwierigen philosophischen Unterschied
zwischen »Gut« und »Böse« schlummert, hier fand er Aussprüche dafür voll
Kühnheit und blendenden Schimmers. Der Wille wurde in dem Grade von der Tat
getrennt, dass beide in eins zusammenfallen konnten und dennoch unterschieden
wurden. Der Wille konnte rein und schuldlos bleiben, er konnte die Tat
unmittelbar hervorgerufen haben und dennoch war letztere nicht sein, sondern nur
ein Ergebniss - der Natur. So haben nicht die Materialisten unserer Tage die
Willensfreiheit geleugnet, wie die Moral der Jesuiten schon lange die Tat zum
Ergebniss der Umstände macht. In den mislichsten Situationen deckt sie dem Willen
immer noch den Rücken. Listig und verschlagen, wie Terschka's Sinn von Natur war
- wenn nicht so sehr aus Wohlgefallen am Bösen, doch aus dem Bedürfnis seine
Kraft zu üben, und um der Voraussetzung willen, dass eben Bildung, diese ersehnte
Bildung, zur Wehr und Waffe des Geistes werden müsste und es mit sich brächte,
überall Widerstand zu leisten - lernte er, Bildung wäre die Kunst, sich das
Leben spielend und ohne den mindesten Schein einer Gewalttätigkeit dienstbar zu
machen.
    Welche Vorstellungen weckte jetzt die »Prolusio«! Eine Mission nach
Oesterreich! Der Abfall von der Kirche! Die verschiedenen Mittel und Wege, die
einst eingeschlagen wurden, um sieben Achtteile einer grossen Bevölkerung wieder
in den alleinseligmachenden Schoos der Kirche zurückzuführen! Seine eigene
Herkunft war vielleicht eine hussitische! Welche Studien weckte diese Anregung
auf dem Gebiet der Geschichte, welche auf dem Gebiet der menschlichen Seele!
Pater Stanislaus brannte auf die Entüllungen, die ihm würden zu Teil werden.
Ja er dachte sich einen tief angelegten Plan entweder auf Böhmen oder Ungarn, wo
es noch Protestanten genug gab ... Verstand musste zu seiner Aufgabe gehören;
denn das durfte er sich sagen, von seinem Namensheiligen hatte er nichts, was im
mindesten auch seinem Antlitz einen rosigen Verklärungsschimmer gegeben hätte;
wenn er betete - ihm war der Befehl, nicht zu lange zu beten, niemals gegeben
worden.
    Erst nach vierzehn Tagen machte der General der Ungewissheit des jungen
Professen ein Ende ...
    Ihre Vorfahren, sagte er, eine Ahnung Terschka's bestätigend, als beide
wieder allein auf der einfachen, allen andern Wohnungen gleichen Zelle des
Generals waren, Ihre Vorfahren waren Hussiten! Abtrünnige waren auch sie schon
vor Luter! Wir haben aber deren in Italien noch frühere! Es sind die Waldenser!
Sie leben noch jetzt mit immer wieder nachwuchernder, unzerstörbarer Kraft im
Piemont! Eine Gräfin von Salem-Camphausen, die hinterlassene Witwe eines
österreichischen hohen Militärs, Protestantin, beschützt sie von einem ihr
angehörenden Schloss Castellungo aus! Es liegt zwischen Cuneo und Robillante,
in dem blühenden Tal, das sich von der Alpenstrasse des Col de Tende abwärts
senkt! Die Umtriebe dieser Frau überschreiten alles Mass! Sie hat die Könige von
Preussen, England, Schweden und Holland aufgerufen, den Waldensern grössere
Freiheiten zu gewinnen, als sie unter einer rechtgläubigen Bevölkerung in
Anspruch nehmen dürfen! Gelang es schon in alten Tagen, das schöne Salzburg zu
entvölkern und seiner reichsten Untertanen zu berauben, die man zuerst mit dem
Gift der kaum überwundenen Ketzerei verdarb und dann mit Geld und Gut in die
protestantischen Lande lockte; gelang es erst in unsern Tagen, sogar aus dem
altgläubigen, so gottgetreuen Tirol Colonieen nach dem uns gleichfalls wieder
zurück zu erobernden Schlesien zu entführen: wie soll es werden, wenn mit Hülfe
Englands immer weiter auch in das Herz Italiens hinein rechtaberisches
Bibellesen und streitsüchtiges Dogma sich verbreitet? Dem Frevel dieser
deutschen Gräfin ist ein Ziel zu setzen! Für ihre Dreistigkeit gebührt ihr
ebenso eine Züchtigung, wie ein Vorbau den Erfolgen, die sie erringt oder
erringen könnte ...
    Die Aufregung des Generals war so gross, dass er aus der italienischen Sprache
wieder in sein heimatliches Idiom verfiel. Terschka konnte, wie er wusste, mit
völligem Verständnis folgen ...
    Diese gefährliche Frau, fuhr der General fort, hat einen Sohn, der in diesem
Augenblick bei einem kaiserlichen Reiterregiment noch als Lieutnant steht ... Er
wird aufsteigen. Sein Glaubensbekenntnis ist das seiner Mutter. Sein Name ist
ein hochgefeierter, wenn auch seine Mittel gemessen sind. Binnen kurzem dürften
ihm bedeutende Reichtümer zufallen; denn eine zweite, rechtgläubige Linie, im
Innern Deutschlands, ist im Begriff auszusterben. Es existirt nun zwar eine alte
Urkunde, der zufolge die Bedingung, unter der die wiener Linie diese grossen
Besitzungen der andern Linie antritt, die Religion der aussterbenden sein müsse
... Diese Urkunde findet sich leider nicht. Sie wird seit Jahren gesucht ...
    Terschka horchte nur immer ... Ein eignes Urteil zu fällen wurde er nicht
aufgefordert und fällte selbst keines ... Er wartete auf die genauere Angabe des
Gegenstandes, auf den er zu achten hatte. Von der Weisheit der Väter seines
Ordens war er vollkommen überzeugt ... ...
    Der General verweilte jedoch nicht bei der Urkunde, sprach nicht von der
Kunst jenes deutschen Convertiten Caspar Scioppius aus der Pfalz, der sein
ganzes Leben an die Verherrlichung der Kirche gesetzt hat und seinerseits einer
der berüchtigsten Falsarien war. Unter der Autorität von Kaisern und Königen und
mit dem Titel eines Grafen von Clara-Valle fälschte er im 17. Jahrhundert
Stammbäume und Urkunden, veranlasste Processe dadurch und entschied sie. Vierzehn
Jahre lebte er in Padua bei verschlossenen Türen, aus Furcht, von seinen
Gegnern, die zufällig Jesuiten waren, ermordet zu werden ... Er hasste sie und
sie hassten ihn, nicht ihrer Moral wegen, nicht seiner Falsa wegen, sondern weil
sie ihm sein Latein corrigirt hatten und er ihnen vorwarf, dass im Gegenteil sie
keins schreiben könnten ...
    Terschka lauschte mit atemloser Spannung; aber auch heute blieb die ihm
gestellte grosse Aufgabe wiederholt nur im Stadium der Prolusio ...
    Der General sagte:
    Findet sich die Urkunde, so ist ein Familienabkommen getroffen, dass die
letzte Erbin der Dorste-Camphausen sich mit dem letzten Erben der
Salem-Camphausen vermählt - eine Rechtgläubige mit einem Ketzer! Findet sie sich
nicht, und alle Zeichen sprechen dafür, so fallen an eine ketzerische Familie
unermessliche Reichtümer, in eine rechtgläubige Provinz kommt ein ketzerisches
Element, das Scandalum jener Vorgänge im Piemont findet reichere Nahrung und das
alles von einer Seite her, wo sich die Kirche einer solchen Störung am wenigsten
versehen sollte, aus einer Gegend, wo die Wohltaten der Rechtgläubigkeit ein
Gemeingut sind und Maria Teresia sich bis auf den letzten Augenblick sträubte,
jene gottlose Vernichtungsbulle unseres Ordens, die Tat eines unglücklich
Verblendeten, der glücklicherweise nur im Auftrag der uns schützenden und
glorreicher wiederherstellenden Vorsehung handelte, auch in ihren Staaten zu
vollziehen!
    Mit dieser Anregung der Phantasie wurde Terschka aufs neue entlassen ...
Ueber die Andeutung jenes Widerstandes der Kaiserin Maria Teresia gegen die
Bulle: Dominus ac redemptor kam er bald hinweg ... Maria Teresia gab der
Aufhebung der Jesuiten erst dann ihr Placet, als man ihr, um sie von der
Gefährlichkeit, Wortbrüchigkeit und Ungeistlichkeit der Jesuiten zu überzeugen,
von ihrer letzten einem Jesuiten gesprochenen Beichte - aus Madrid eine
Abschrift schickte ... Terschka wusste, dass der Orden diesen Verrat auf eine
Intrigue der über ihren Fall frohlockenden Dominicaner schob ... Aber welche
Fülle der Beziehungen doch! Welche Aussichten der Bewährung! Was sollte
geschehen, was von ihm gefördert und unterstützt werden? Welche Hülfsmittel,
welche Verbindungen gab es für ihn? Wohin hatte er die Reise zu richten? Zu
jener so mutvollen, herausfordernden Gräfin? Zu jener jüngeren Paula? Sollte
die Urkunde gesucht werden? Sollte die gemischte Ehe gehindert oder, wie so oft,
in dem Sinne »dirigirt« werden, dass der junge Offizier seine Confession änderte?
... Allmählich trat in seine Combinationen immer mehr das Bild dieses jungen
Kriegers ein. Er malte sich ihn aus in allen seinen Lebensbezügen. Es überkam
ihn eine Ahnung, dass er vielleicht in dessen Nähe geschickt werden sollte ...
    Diese Ahnung betrog ihn nicht. Der General eröffnete ihm nach einiger Zeit,
dass er in die Nähe des Grafen Hugo von Salem-Camphausen geschickt werden sollte.
Mitwirkungen und Erleichterungen würden ihm genannt werden. Seine Aufgabe
leitete sein Souverän in folgender Weise ein:
    Wir wünschen, dass Graf Hugo katolisch wird! Die Rücksichten auf seine
Mutter und ihre Umtriebe, auf jene Provinz und die Erbschaft, im eventuellen
Falle auf die Ehe, sind die nächsten und dringendsten Aufforderungen, drohenden
Gefahren zu begegnen. Zuletzt ist das Werk auch schon an sich ein wohltätiges.
Doch ist es nicht leicht. Wir haben über den jungen Krieger Nachrichten, die für
eine grosse Verehrung seiner Mutter sprechen. Solange sie lebt, würde er ihre
Irrtümer schonen und schwerlich ihr die Strafe zufügen, die sie schon um ihrer
Umtriebe willen gegen den Bischof von Cuneo und das Kapitel von Robillante
verdient! Auch denkt der Orden nicht an ein plötzliches und schnell errungenes
Resultat. Wir arbeiten in allem nicht für die Minute, sondern für das Jahr; ein
Jahrhundert bedarf es, um durch Tropfen einen Stein auszuhöhlen - Sehen Sie die
Statue des Sanct-Peter auf dem Vatican! Wer möchte glauben, dass man einen
Fusszehen von uralter felsenfester Bronze so allmählich - hinwegküssen kann! Es
gehört dazu eben ein Jahrtausend. Ihre Aufgabe geht in eine weite Fernsicht. Sie
dürfen sich Zeit dazu nehmen. Sie dürfen Ihr ganzes Leben daran setzen und
müssen es, um die Absicht nicht zu verraten, die Sie mit Ihrer Handlungsweise
verbinden - Sie legen Ihr geistliches Kleid ab! Der Orden dispensirt Sie von
jeder Rücksicht auf Ihren Stand! Sie bleiben, was Sie sind - nie verwehend ist
der Duft des heiligen Oels, das Sie salbte! Aber selbst das Zeichen der Demut
auf Ihrem Haupte müssen Sie schwinden lassen - Sie erhalten ein Patent als ein
auf unbestimmte Zeit beurlaubter Rittmeister in päpstlichen Diensten! Denn
gerade darin, dass Sie diesem Anschein, ein Krieger gewesen zu sein, auch
wirklich zu entsprechen verstehen, lag - liegt der Grund, warum gerade Sie zu
Ihrer Aufgabe gewählt wurden ...
    Wenzel von Terschka stand betäubt ... Darum hatte man an seiner
Vergangenheit keinen Anstoss genommen ... Darum gleich anfangs keine Erinnerung
an seine vergangene Laufbahn ... Die Aussicht, mit der Erhebung, mit der
Bildung, die er jetzt empfangen, ein weltliches Leben aufs neue, wenn auch nur
zum Schein beginnen zu können, machte ihn schwindeln ... Der Stand, eine höhere
gesellschaftliche Stellung, als die sein Vater bekleidete - alles wieder aufs
neue, wenn auch in anderer Art, anerkannt ... Gehoben und gehalten von
unsichtbaren, mächtigen Händen - - Er vermochte kaum sich zu sammeln und dem in
aller Würde, mit feierlichem Ernst, ja mit Fanatismus ihm geschilderten Plane in
allen seinen Einzelheiten zu folgen ...
    Es ist unwahr, wenn man behauptet, Ignaz von Loyola oder seine Schüler
hätten gesagt: Der Zweck heiligt die Mittel. Dies Wort findet sich nirgends in
ihren Constitutionen. Aber der Dechant von Sanct-Zeno, Franz von Asselyn, sagte
schon einst zu Bonaventura, als dieser über ein Pamphlet eiferte, das die
»Geheimen Verordnungen« der Jesuiten neu wieder abdrucken liess: »Du hast Recht,
mein Sohn, diese Schrift ist eine Lüge, die seit zweihundert Jahren entlarvt
ist! Ich weiss es, ein polnischer Jesuit schrieb diese Monita secreta aus Rache
an dem Orden, der ihn ausstiess, weil Hieronymus Zaorowski zügellos und
unsittlich war und die Strafe seiner Obern verdiente. Nie haben diese
Anleitungen zur Erbschleicherei, zur Verführung jugendlicher Gemüter, zur
Bereicherung des Ordens, zur Verhetzung der Ehen, Verhetzung des Staatsfriedens,
in den Gesetzen der Gesellschaft gestanden, aber - die Monita secreta sind ein
Codex ex post! Sie sind die niedergeschriebene Praxis des Ordens! Sie sind die
Tradition neben dem Grundtext! Der Talmud, wie mein alter Freund Leo Perl gesagt
haben würde, die Mischna und Gemara neben der Tora! Jener rachsüchtige Pole
erzählte scheinbar als verlangte Vorschrift, was sich nur durch die Verderbnis
des Ordens allmählich als selbstverständlich in ihm festgesetzt hatte. Ich nehme
ja einige glänzende Erscheinungen des Ordens aus. Aber die Gefahr desselben ist
darum dieselbe, die Gefahr, die schon in seinem eigenen Wesen liegt, sogar in
einer an sich geistvollen und denkwürdigen Eigentümlichkeit desselben ... Die
Jesuiten können für sich ein grosses Verdienst in Anspruch nehmen. Sie können
sagen: Ihr alle habt bisher nur den Christen im Auge gehabt; wir sind die ersten
Priester gewesen, die auch dem Menschen ihre Aufmerksamkeit schenkten! Die Seele
ist es, die ein Lieblingsstudium dieses Ordens wurde. Die Jesuiten, zu allen
Zeiten von einem brennenden Ehrgeiz getrieben, wagten es, mit der Philosophie
einen Wettkampf einzugehen. Sie wollten dem Christentum die grössten Glorien
erwerben, selbst die, einen Cartesius überflüssig zu machen - Da mussten sie denn
wohl in die Arena des Denkens steigen! ... Und nun dachten sie den Menschen. Sie
dachten ihn in der ganzen Schwäche, die uns Priestern durch den Beichtstuhl
geläufig wird. Sie dachten ihn mit jener unsaglichen Geduld und Liebe, die wir
für die Ausübung unsers Amtes gerade nach dieser Seite hin stündlich empfinden
müssen. Sie dachten ihn in jenen steten Momenten der Reue, der Halbheit, der
innern Wehmut, die Grosses will und doch in der Ausführung wieder der Natur
unterliegt, und so entstand ihr berüchtigtes System der Erwägung, der Rücksicht,
der Entschuldigung, der halben und der Viertel-Sünde, jener sogenannte
Molinismus, der sich zuletzt noch unter dem Einfluss der von Paris und Versailles
ausgehenden galanten Courtoisie und sentimentalen Veredelung früherer Roheit und
Brutalität der Hofsitten in eine Moral der ewig lächelnden und achselzuckenden
Duldung verwandelte und in die Absicht, in die Intention, in den
Rückhaltsgedanken die moralische Verantwortlichkeit setzte, gänzlich die höhere
und wahre Sittlichkeit preisgebend!« ... Für Wenzel von Terschka gab es kein
anderes Denken, als das in den Formen dieses Molinismus ... Dass die Absicht des
Ordens, den Grafen Hugo von Salem-Camphausen katolisch zu machen, eine höchst
löbliche war, bezweifelte er nicht. Er harrte der Anleitung, wie er gerade als
päpstlicher Rittmeister en retraite ein solches Ziel fördern sollte ...
    Der General sprach:
    Sie erhalten eine Liste von Affiliirten in Wien! Geldmittel - nicht im
Überfluss; denn es wird sogar nötig sein, dass Sie Schulden machen! Sie sollen
eben suchen, sich dem jungen Grafen auf die natürlichste Art zu nähern! Sein
Sinn ist offen und leicht. Das gemeinschaftliche Band könnte - Ihr altes Metier
sein! Die gleiche Vorliebe für Pferde dürfte die Gelegenheit zur ersten
Anknüpfung geben. Stellen Sie sich ihm nach kurzer Zeit als in Ihren Mitteln
gebunden vor. Tun Sie das so, dass Sie dabei nicht allzu entblösst erscheinen, so
wird er Vertrauen fassen! Sind Sie dankbar, so haben Sie sein Gemüt gewonnen.
Ihre Vergangenheit war abenteuerlich genug. Sind Sie auch darüber zum Grafen
Hugo leidlich aufrichtig, so bindet die Offenheit. Von Ihrem Priesterstand darf
natürlich nicht die Rede sein ... sogar sehr, sehr selten von der Religion!
    Terschka fand alles das in der Ordnung. Er fand, dass man auf diese Weise
einen hochgestellten jungen Mann, von dem man eine Rückkehr zur Kirche wünschte,
am besten beobachten liess. Und als er nur noch zweifelnd aufhorchte, als er
hörte, wie doch die Religion als Gesprächsstoff zwischen ihm und Grafen Hugo
ausgeschlossen sein könnte - sagte der General:
    Man kann die Rückkehr zu unserm Glauben mit Gewalt fördern, man kann sie
aber auch von selbst entstehen lassen aus einem still sich meldenden Bedürfnis
unsers Gemütes. Aus welchen Stimmungen wählt man nicht das Gewand des Mönches!
Sie, Bruder Stanislaus, traten in den Orden zunächst aus Ehrgeiz. Bei Gelehrten
ist es oft der Überdruss an der Unfruchtbarkeit ihrer Forschungen. Fürsten und
Standespersonen wechselten den Glauben infolge der Reue über ihr vergangenes
leichtsinniges Leben. Graf Hugo liebt das Vergnügen. Vielleicht kommen Stunden
der Erschöpfung, die dem Heil seiner Seele günstig sind. Diese benutzen Sie zu
leichten und ganz wie zufälligen Erweckungen. Wir lassen Ihnen zu dieser
Beobachtung Zeit. Leben Sie so harmlos mit ihm wie Sie wollen! Gehen Sie auf
alle seine Verhältnisse ein! Geben Sie uns nur dann und wann Bericht; das
Uebrige findet sich ...
    Mit diesen dunkeln, nur der Ahnung von einem zuckenden Streiflicht erhellten
Andeutungen verliess der Pater die Zelle des Generals, in drei Tagen das
Collegium, in acht Tagen Rom. Seine Vorbereitung zur Rolle eines päpstlichen
Rittmeisters machte er in dem Gastofe der Croce di Malta.
    Vorher hätte er sich gern noch dem Cardinal Ceccone empfohlen ...
    Er wagte deshalb beim General eine Anfrage, erhielt die Erlaubnis, bat im
Vatican um eine Audienz und erhielt sie bewilligt bei der Herzogin von
Amarillas, bei der der Cardinal jeden Abend nach englischer Sitte den Tee trank
...
    Die stolze Römerin, die einst in Rollen wie Semiramis geglänzt hatte, vor
Jahren in Paris einen spanischen Herzog heiratete, der bald starb, und die dann
in ihrer Vaterstadt anfangs mit gemessenen, späterhin reichen Mitteln ein Haus
machte, empfing ihn allein und mit dem Stolz einer Frau, die allenfalls auch
eine der Kaiserinnen hätte sein können, die sie ehemals spielte ... Es war der
Kopf jener Herme aus den Gärten des Quirinals ...
    Sie war in Deutschland bekannt und unterrichtete Terschka in der Art, wie
man die Deutschen behandeln müsse ... Fest und bestimmt! sagte sie. Denn dies
Volk ist voll List und Verschlagenheit! Dies Volk ist um so gefährlicher, als es
sich die Miene der Ergebenheit und Treuherzigkeit gibt! Nie hab' ich eine
falschere Nation gefunden, wie diese - und ich bin viel gereist -! Ohne
Charakter ist sie in allem! Ich habe die schönsten und vornehmsten Frauen
gesehen, die dem König Hieronymus den Hof machten und seine Gunst zu gewinnen
suchten. Und dabei rühmen sich diese, besonders in der vornehmen Sphäre so
gesinnungslosen, unpatriotischen Deutschen fortwährend ihrer Treue und
Ehrlichkeit!
    Terschka kannte Deutschland wenig und liess sich belehren ...
    Die Herzogin gab ihm eine Reihe von Verhaltungsmassregeln, ohne zu wissen, in
welchen Aufträgen er nach Deutschland zu reisen hatte ...
    Erst jetzt, in den gegenwärtigen Stimmungen Terschka's, kam ihm die
Erinnerung, dass die Herzogin von Amarillas damals sicher von einer Gegend
sprach, die mit der, in welcher er sich jetzt befand, die nämliche war ... Sie
hatte damals Namen genannt, die seinem Gedächtnis erloschen waren ... Immer
sinnender, immer vor sich hinbrütender hatte sie gesessen, das Haupt auf die
vergoldete Lehne eines hohen Rococosessels gestützt, ja nicht einmal bemerkend,
dass Olympia in einem seidenen Kleide durch die Zimmer rauschte, die »Nichte« des
Cardinals, ihre Schutzbefohlene ... Dem jungen, inzwischen herangewachsenen,
wenn auch nur kleinen Mädchen, das ihr dunkelschwarzes lockiges Haar mit einem
goldenen Reifen umschlungen hielt und einen fast gehässigen, medusenhaften
Ausdruck des Kopfes bekommen hatte, war die Erinnerung an den Tag in der
Reitschule gänzlich entschwunden ... Die Herzogin erinnerte sie daran ... sie
erwähnte nicht ohne Herzlichkeit die Gedichte, die ja Pater Stanislaus aus dem
Collegium an sie geschrieben hätte ... Olympia machte eine spöttische Miene und
wandte sich kalt und gleichgültig ab ...
    Inzwischen wurde der Cardinal gemeldet ...
    Wenn in Rom ein Cardinal einem Privatause die Ehre seines Besuchs erteilt,
muss ihm die Herrin desselben mit zwei Wachskerzen auf silbernem Leuchter
entgegengehen und ihn wie einen Fürsten schon an der Treppe empfangen ...
    Tiburzio Ceccone, der noch jugendliche, lebensmutige Lenker der
Gerechtigkeit im Kirchenstaat, erschien als ein noch immer schöner, imponirender
Mann in der Tracht der Cardinäle, wenn sie ausserhalb ihrer Functionen sind, im
schwarzen Habit habillé mit rotem Vorstoss, roten Knöpfen, kurzen schwarzen
Beinkleidern, langen roten Strümpfen, rotem Sammetkäppchen, darüber ein langer
schwarzer Krämpenhut, auf dem Rücken ein schwarzes Abbémäntelchen ...
    Der Cardinal entsann sich vollkommen des Paters Stanislaus und erkundigte
sich mit forschend zusammengedrücktem Auge nach dem Ziel seiner Reise ... Die
Befangenheit Terschka's, der ihm ausweichend antworten musste, mochte er sehen,
doch machte ihn seine Liebe zu Olympia so zerstreut, dass Terschka reden konnte,
was er wollte - er würde nur zu allem wie abwesend genickt haben ... Offenbar
war er über Terschka's Mission im Unklaren. Er pries die Fortschritte der
Gesellschaft Jesu, namentlich im Kaiserstaate, und sprach von einer Stadt an
einem grossen Flusse, wo ihre Hauptniederlassung sein sollte. Die Herzogin
glaubte gleichfalls eine solche Stadt mit einem Kranz von Bergen zu kennen,
nannte aber den Fluss nur klein. Sie verständigten sich beide in der Geographie
Deutschlands wie über ein Land, das im Grunde ein einziger grosser wüster Wald
wäre, bewohnt von einem Geschlecht von Menschen, die an Unbildung und dabei, wie
die Herzogin wiederum hinzufügte, an Verschmitzheit ihresgleichen suchte. Sie
ihrerseits schien Witoborn an der Witobach, der Cardinal Linz an der Donau im
Auge gehabt zu haben - Deutschland war ihnen beiden ein und dasselbe Sibirien.
    In Gnaden entlassen, empfahl sich Terschka, reiste ab und nahm bereits in
Venedig seine neue weltliche Tracht an. Ueberall producirte er den Pass, der ihn
als einen beurlaubten päpstlichen Rittmeister bezeichnete. Sein Talent, sich in
seine neue Rolle zu finden, musste bald sogar ihn selbst überraschen. Hätte er
nicht annehmen müssen, dass, wie gewöhnlich, ihm ein Wächter gestellt wäre, der
alle seine Schritte beobachtete, er würde seine Freiheit in vollen Zügen
genossen haben.
    Bald fand sich eine Gelegenheit, die Bekanntschaft des Grafen Hugo zu
machen.
 
                                      11.
Die erste Begegnung mit dem damals schon dreissigjährigen Grafen Hugo fand in
Bruck an der Leita statt, wo dieser in Garnison stand.
    Wir schildern sie nicht, da sie sich schon aus allem entnehmen lässt, was wir
von Terschka's persönlichen Talenten und aus den Erinnerungen der Gräfin
Erdmute wissen.
    »Das ist ja ein Jesuit!« hatte der edlen Frau sofort bei der ersten
Bekanntschaft mit diesem neuen Freunde ihres Sohnes eine innere ahnungsvolle
Stimme gerufen. Ein Beweis auch zugleich, dass Terschka damals noch ganz die
Weise des Paters Stanislaus hatte.
    Damals war Terschka noch höflich bis zum Unterwürfigen, zart bis zum Süssen.
Er sprach und hörte zugleich auf das, was neben ihm von andern gesprochen wurde,
und billigte es zwischen seine eigene Rede hinein, wenn er sie auch doch
inzwischen fortsetzte. Er verteidigte nichts, was irgendjemand unangenehm
berühren konnte. Er sprach von seiner Jugend mit einem verklärten Blick gen
Himmel und folgte der Phantasie der Gräfin bis auf die Anfänge der Hussiten, bis
auf die Trommel aus Ziska's Haut, bis auf den Kelch in der Fahne der Utraquisten
- all diese Vielseitigkeit und Nachgiebigkeit lernt sich aus der Kunst der
»Prolusio«. Geistig war er so biegsam, wie er nun auch wiederum körperlich
werden konnte. Seine Reitkunst war die magische Kraft, die bald den jungen
Offizier und dessen Kameraden an den päpstlichen Rittmeister ausser Diensten
fesselte.
    Nach einem halben Jahr empfand Terschka wohl die vielen Bedenklichkeiten, die
sich aus dieser Verbindung - für seine Gelübde ergaben. Ueberhaupt welches war
das Ziel, auf das er zusteuern sollte? Der Graf hing sich an ihn mit der ganzen
Innigkeit, die jungen Männern in jener Zeit eigen ist, wo hunderterlei
Vorkommnisse ihrer fröhlichen Lebenslust Rat, Beistand, bald Schmeichler, bald
Warner bedürfen. Bald schon konnte Graf Hugo nichts mehr ohne Terschka
unternehmen. Terschka wurde der Vertraute aller seiner Liebes-, Ehren- und
Geldhändel. Terschka's Klugheit, seine im Grunde schüchterne und masshaltende
Denkweise, seine Lebenserfahrung gaben in allen Lagen die Aushülfe. Dann sich
aber dabei selbst freihalten von den Einflüssen eines solchen Umgangs, vermochte
der Genosse nicht länger. Es gab Spiel- und Trinkgelage, Abenteuer, wie sie
Boccaccio geschildert hat: wie sollte der Priester sich verhalten? Er bat seinen
Vorstand in Rom um eine Beruhigung seines Gewissens.
    Aus allem, was er erfuhr, trat ihm klar entgegen, dass ihn die oberste
Ordensgewalt aller Rücksichten und Pflichten des Gewissens entband. Der
Rittmeister Wenzel von Terschka sollte mit dem Grafen Hugo von Salem-Camphausen
zwar nicht ganz nach den Worten des Mephisto verfahren:
»Umgaukelt ihn mit süssen Traumgestalten!
Versenkt ihn in ein Meer des Wahns!« -
sollte ihn nicht absichtlich in die Verderbnis locken, damit er auf der letzten
Stufe des erklommenen Tempels der Freude niedersinke mit erschöpfter Kraft und
Terschka in der Gewalt hatte, dann das eroberte Opfer dem Schoos der Kirche
zuzuführen (oft hatte die Kirche diesen Triumph erlebt) - aber begleiten durfte
ihn Pater Stanislaus auf Tritt und Schritt, durfte leben wie er, lieben wie er;
nur die Heiligung des Mittels durch den Zweck durfte nicht fehlen. Mitten in
diesem Taumel sollten die Ruhepunkte, die schon für den Grafen zuweilen
eintraten, dann und wann für harmlose Erweckungen benutzt werden; Erweckungen,
die jedoch nur gelegentlich, ganz nur wie zufällig und absichtslos einzustreuen
waren ... So wenigstens beschied man ihn ...
    Wie jedoch der menschliche Geist einmal ist, so kann er, wenn auch noch so
geschult, niemals für sich gutsagen, wo ihm das Glück der freien Bewegung zu
Teil wird. Terschka lebte mit dem Grafen Hugo bald nicht mehr wie der ihn
Dirigirende, sondern wie der von seinem Zögling Dirigirte. Vollkommen hatte er
mit der Zeit verstanden, was er sollte; er hatte Winke und Anweisungen erhalten,
die in zweifelhaften Fällen sogar eher das Schlimme, als das Gute zu wählen
anrieten und so war er dem natürlichen Zuge seines fast gleichalterigen
Freundes gefolgt, ergab sich ihm mit voller Anhänglichkeit, liebte ihn und liess
sich von ihm beherrschen, statt dass er ihn beherrschte. Die Berichte, die er
nach Rom einsandte, wurden unwahr. Terschka gab Zusicherungen über Richtungen
des Gemütes, in die sein Zögling verfallen wäre, die jeder Begründung
entbehrten. Nun kam die Furcht der Obern, der junge Graf könnte in solcher
Stimmung wohl gar in die ascetische Richtung seiner Mutter verfallen. Kannte man
auch ohne Zweifel im al Gesù das deutsche Sprichwort: »Der Weg nach Rom geht
über Herrnhut!« so würde doch die ganze Bemühung verfehlt gewesen sein, wenn der
Graf sich zuletzt in die Leitung seiner Mutter begeben und deren separatistische
Entschiedenheit angenommen hätte. Demnach erteilte man die Zustimmung zu dem
Bedenken, ob Terschka die Kraft des weiblichen Princips, das den Grafen in
leichterer Weise beherrschen konnte, verstärkte. Damals war ein eigentümlicher
Collisionsfall im Leben des vornehmen Cavaliers eingetreten. Jene Angiolina, die
er in der dalmatinischen Stadt Zara bei einer Kunstreitergesellschaft gesehen
hatte, war von ihm in einem gemütlichen Zuge seines Wesens, das von plötzlichen
Einfällen beherrscht wurde, vor acht Jahren ihrer Truppe abgekauft und in eine
Pension gegeben worden. Das elfjährige, bildschöne Mädchen hatte er dann und
wann wiedergesehen, stets mit einer mächtigen Erregung seines Gefühls. Immer
überraschender, immer reicher entfaltete sich die Bildung Angiolina's. Einmal
gab er sie weit fort aus seiner Nähe, nur um sich nicht hinreissen zu lassen und
nicht seinem Gefühl zu folgen. Die Neigung Angiolina's für ihren Wohltäter war
die gleiche. Auch sie floh die Bestrickung ihres Herzens, wenn der schöne junge
Mann im glänzenden Harnisch vor ihr stand, das sonst so feurige Auge in milder
Dämpfung auf sie niedersenkend. Einige Jahre lang währte dieser Kampf. Terschka
wurde der Vertraute. Er nahm zuletzt Partei für den Gedanken, ein so reines Bild
nicht zu zerstören. Graf Hugo hegte ihn selbst und litt doch darunter. Oft warf
er sich dem Freunde an die Brust und rief: Ich kann nicht ohne sie leben! Von
Rom kam eine dunkle Weisung, die fast an das Wort der Schrift erinnerte, dass ein
Sünder dem Himmel lieber wäre, als zehn Gerechte ...
    Pater Stanislaus sah das Mass der künftigen Reue sich mehren, wenn
Verhältnisse eintraten, die nicht auf die Dauer so bleiben konnten. Die
»Prolusio« malte es ihm aus: Endlich verlässt doch ein so vornehmer Herr seine
Geliebte wieder - vielleicht war es eine Verbindung wie die Ehe - die Gräfin
Paula verlangt nicht nur ihre standesmässige, sondern die volle, auch sittliche
Höhe ihrer Rechte als Gattin - der im stillen gedemütigte Gatte wird schwächer
und schwächer und muss der Gattin zuletzt - ein Opfer bringen, jenes, das, wenn
auch stumm, die Gattin und die Kirche verlangen ... Aqua Toffana das der
Jesuitenmoral! Gift aus einer nur zu vollkommenen Kenntnis unserer Natur
gezogen! Wo ist da noch Sünde, wenn das Leben des einzelnen nur ein Teil einer
grossen Maschine wird, die wiederum nicht ein einzelner dirigier, sondern ein
grosses Ganzes, das Anfang, Mitte und Ende immer zugleich im Auge hat! Damit die
Olive das klare, fliessende Oel wird, muss nicht nur ihre saftige Hülle, auch ihr
Kern zerstampft, auf der Mühle zermalmt werden; was kümmert dich die zerstörte
schöne Frucht, wenn aus ihr ein Höheres hervorgeht, das der Einzelne, haftend an
der flüchtigen, wenn auch schönen Erscheinung, gar nicht ahnen kann? Und es gibt
eine Linie, die, trotzdem dass sie nur Einem Pole zustrebt, doch schwankend ist
wie die Magnetnadel, die Grenze zwischen »Gut« und »Böse«. Die Uebergänge sind
oft schroff; ganz deutlich unterscheidet sich das Oel vom Wasser; aber ebenso
oft auch rinnen sie ineinander und das schwache Herz, der Sünde schon verfallen,
glaubt immer noch unter der Herrschaft reiner und gerechtfertigter Instincte zu
stehen! Shakspeare sah die Jesuiten erst entstehen. Sein Richard III., der im
Stande war ein Weib am Sarge ihres ermordeten Gatten für sich zu gewinnen, hatte
jenen Basiliskenblick, der erstarren macht und jede moralische Entschlussnahme
tödtet. Klingsohr, der, eben von der Leiche seines Vaters kommend, in einer
dunkeln Nachtstunde von einer wild tyrannischen, imponirend dämonischen, seinen
Idealen vom alten Feudalgeist des Mittelalters entsprechenden Natur überredet
wird, sie zu schonen - da gehen die schwindelnden Wege im Nachtleben des
menschlichen Gemütes, die niemand sicherer zu wandeln weiss über Dorn und
Klippe, fest an der Hand haltend den, den sie führen, als die Jesuiten ... Wie
sollst du dich dem Menschen nahen? Der Orden sagt: Ut si non bene ei succedant
negotia!1 Oder: Etiam optima commoditas est in ipsis vitiis!2 Was hier zunächst
nur vom Gewinn des Gemüts für die Gottseligkeit überhaupt gesagt worden ist,
wurde es auch von jedem Gewinn für die Kirche selbst.
    So lebte Terschka seit einer Reihe von Jahren als täglicher Begleiter,
Secretär, Geschäftsführer seines wirklich von ihm geliebten Freundes, des Grafen
Hugo von Salem-Camphausen. Sorglos durfte er auf alles eingehen, was zu dessen
Lebensverhältnissen gehörte. Er durfte die Mutter des Grafen auf Schloss Salem
und in Castellungo besuchen. Er durfte sich dem grossen Prozess widmen, durfte
reisen im Interesse desselben, durfte die Anhänglichkeit an seinen Freund ohne
jeden Eigennutz zur Schau tragen. Der Orden rechnete nicht auf das fünf- oder
sechsunddreissigste Lebensjahr des Grafen, er begnügte sich mit einem Schritt,
den dieser vielleicht erst in seinem sechzigsten, siebzigsten tat. Die Stunden
kommen dann schon, wo ein alter Podagrist verdriesslich über die Welt wettert,
die jung bleibt, während ihm selbst die Zeit das Haar gebleicht; die Stunden, wo
man an einem kalten Winterabend bei Schneegestöber im warmen Zimmer sitzt,
Anekdoten von der Vergangenheit durchspricht, die nicht mehr zünden wollen, und
dann sagt: Terschka, Terschka, ich fange doch manchmal an zu moralisiren: was
ist nun wohl das Leben! Und dann zuckt ein solcher mit ihm altgewordener, nun
auch weisshaariger Freund, der das Gnadenbrot des Protectors isst, die Achseln,
spricht mit feinem Lächeln von der Ruhe, die ihm denn doch zuletzt sein Glaube
gewähre, und hat einen Kreis von alten Chorherren, von alten devoten Damen, wo
er seine Abende behaglich zubringt und auf die der alte Freund eifersüchtig
wird. Nun einmal das schon kühnere Wort hingeworfen: Wenn man denn doch einmal
positive Dinge glauben will, lieber Graf, so soll man es auch ganz; lieber alles
oder gar nichts! Und das wird dann oft entscheidend ... Daraufhin schrieb einst
die Gräfin Erdmute aus Castellungo, dass Lady Elliot sie besucht hätte und voll
Verzweiflung aus Rom gekommen wäre: vierzehn Engländer hätten zu gleicher Zeit
in der Katakombe San-Calisto das Abendmahl nach katolischem Ritus genommen -
eben auch deshalb: »Will man einmal positive Dinge glauben, dann auch gleich
ganz; sonst lieber gar nichts!«
    Terschka genoss das wiener Leben wie dafür geboren und erzogen. Er war der
Matador der Gesellschaft und heiterer, als Graf Hugo, der mit den Jahren
trübsinnig, nachdenklich und nur noch stossweise von seinem alten Humor erheitert
wurde. Terschka hatte seine Rolle nicht vergessen, aber sie erschreckte ihn eher
wie die Mahnung an ein leicht herauskommendes Verbrechen, an dem er beteiligt
war, als wie an eine ernste und ihm werte Pflicht. Er konnte erbeben vor einem
Brief mit geistlichem Siegel. Oft war es ihm in Abendstunden, wenn er über die
Plätze Wien's eilte, als wenn in den dunkeln Schatten ihm eine verhüllte Person
folgte. Die ganze Kette seines Lebens bis zu seinen ersten Anfängen lag dann vor
ihm. Gedenke deines Mals am linken Arm! rief ihm einst Nachts im Novembersturm
eine Stimme an der uralten Kirche Maria zur Stiegen ... Es war eine Gaukelei
seiner erhitzen Phantasie. Er kam von Angiolina, wo es glückliche,
unterhaltende Abendstunden gab ... Dann stürzte er in den Beichtstuhl der
Piaristen zu Maria-Treu, auf den er von Rom aus angewiesen war ... Kehrte er von
der Josephstadt ins Innere Wiens zurück, so war es ihm oft, als müsste ihm aus
einem der Fiaker, die an einsamer Stelle hielten, unterm lachenden Sonnenschein
ein Unbekannter plötzlich winken, ihn zum Einsteigen auffodern und ihn mit sich
zurücknehmen geradeswegs nach Italien in die unterirdischen Kerker, die es im al
Gesù gab ... Oft auch wünschte er's, wenn sein Gewissen zu heftig zu schlagen,
seine Furcht zu heftig ihn zu erschüttern begann.
    Für Terschka war der geistliche Stand nur das gewesen, was Andern die
Schul-, Gymnasial- und Universitätsbildung überhaupt. Nur durch Sklaverei hatte
er zu einer schöneren Freiheit gelangen können. Aber die Kette liess ihn nicht.
Er zog sie überall hinter sich. Er zog sie mit den Jahren schwerer und schwerer,
unmutiger und unmutiger. Durch die ihm gestattete Freiheit trat er in eine
lebhafte Welt der Discussion ein. Das war damals ein Geist der Freiheit, der
Opposition gegen die Herrschaft des allmächtigen Staatskanzlers, eine Lust am
Verbotenen und Versagten bis in die höchsten Kreise hinauf, ja bis in die der
Unterdrücker selbst, die heimlich mit dem liebäugelten, was sie öffentlich
verfolgten. Wie konnte er gegen die Mode des Tags Einspruch tun? Er scherzte
mit den andern, lachte mit den Spöttern, verteidigte nichts, was zumal, wär' es
gerade von ihm festgehalten worden, über seine wahre Lebensstellung hätte
Verdacht erwecken können. Doch nicht ungestraft wandelst du unter den Palmen! Du
lernst die süsse Luft der Freiheit lieb gewinnen! Die erquickenden Schatten laden
dich zum traulichen Hüttenbauen ein! ... Terschka kämpfte mit sich, ob er die
Fessel, die ihn hielt, nicht einst brechen, seinem Freund und der von ihm
hochverehrten ehrwürdigen Mutter desselben ganz und für immer sich offenbaren
sollte.
    Die Bekanntschaft der »Frau in silbernen Locken« vermehrte bis zur
Unwiderstehlichkeit in seiner Brust den Drang, diesen Entschluss zu ergreifen.
Die Liebe als reine, geläuterte Flamme des Herzens kannte er nicht. Er war ein
Wildling gewesen, ein Wanderer der Heide, ein Gaukler, ein Zigeuner. Je
schreckhafter er auf das zurückblickte, was er einst war, je gewissensbanger er
an seine unwiderruflichen Gelübde dachte, desto ungestümer wuchs sein Verlangen,
in allem und jedem das reinigende Feuer der Bildung auf sich wirken zu lassen
und die Schlacken der Seele von sich zu werfen. Gerade Monika's religiöser
Freimut durfte ihn fesseln. Frauen von Geist und Grazie kannte er genug, Allen
war er wert; seine immer gleiche Weise war jeder weiblichen Natur willkommen,
besonders da, wo sie im Mann vorzugsweise nur einen Ableiter ihrer Laune zu
haben wünscht. Monika's Geist aber war positiv. Sie hatte Ueberzeugungen und
konnte Partei ergreifen. Die Menschen sind so dumm, so dumm! Mit einem Zorn
konnte sie das ausrufen, dass ihre Augen Funken sprühten. Terschka hatte nur
immer zu beruhigen und in die Bahn des Hergebrachten zu lenken. »Sie sind der
ewige Leimer und Versöhner!« sagte sie dann wohl. »Sie vermählen den Grosstürken
mit der Republik Venedig! Was wäre die Welt geworden, hätte es nicht Frauen von
Gesinnung gegeben! Perikles lernte Reden erst halten von Aspasien! Die Kraft der
Römer lag in ihren Gattinnen und Müttern! Die Frauen haben das Mittelalter vor
dem Übermass der Barbarei bewahrt! An jeden grossen Namen des siebzehnten und
achtzehnten Jahrhunderts knüpft sich eine Frau, die für ihn kämpfte, mit ihm
litt, seinen wankenden Mut befeuerte! Napoleon herrschte noch heute, wenn er
einer Frau von Geist, vielleicht der Staël, die ihn liebte - sie hasste ihn
wenigstens nur aus Liebe - hätte vergeben können, dass sie hässlich war!« Graf
Hugo sagte eines Tages in seiner trockenen und einfachen Art: »Das vergibt sich
schon, meine gnädige Frau, wenn man nur eine solche hässliche Frau nicht dann
auch sogleich wiederlieben soll!« Die Mutter fand den Beruf der Frauen für grosse
Eingriffe ins Leben vollkommen bewiesen durch die Schrift. Sie pries nicht die
immerhin etwas zweideutige Tat der Judit, wohl aber die der Deborah, die alles
Volk zum Kampfe wider Sissera auffoderte, ja jene Jaël sogar, die dem Sissera,
als er schlief, einen Nagel durch den Kopf trieb; nur hätten diese Frauen alle
dabei Gott die Ehre gegeben, was man von den ateistischen Gönnerinnen der
»Herren Rousseau und Voltaire« nicht sagen könne. »Chère maman«, sagte Graf Hugo
scherzend und voll Artigkeit den Dampf seiner Cigarre zum offen stehenden
Fenster hinausblasend, »il y en a encore beaucoup de femmes, die uns den Kopf -
vernageln! Mais, chère maman, - sie müssen hübsch sein!« Terschka vermittelte
und kam auf Napoleon zurück, auf Josephine Beauharnais, auf die Liebe eines
einfachen und rein - weiblichen Weibes - »Pah«, sagte Monika, »Josephine
Beauharnais war empfindlerisch und verstand sich nur in türkische Shawls zu
drapiren!«
    Hätte Terschka, den Schwur vergessend, der ihn gefangen hielt, die Liebe
Monika's gewinnen können, er würde sich zu allem entschlossen haben, was zur
vollständigen Erreichung seines Glücks gehört hätte. Traten Beide zur Confession
der Gräfin Erdmute, ihrer Gönnerin, über, so war ihre Verbindung möglich. Aber
Monika vermied seine Bewerbung. Sie verstand sie nicht oder gab sich den Schein,
sie nicht zu verstehen. Sie wich den Beweisen seiner Gefälligkeit aus. Es gab
etwas, was sie von ihm zurückschreckte. Nur die stete Rückkehr der Gräfin auf
ein gewisses, wenn auch nur angedeutetes und erst kurz wieder vor ihrer Reise
nach England offen behandeltes Kapitel fing an sie zu beunruhigen. Sie floh vor
einer Aufregung ihres Innern, die ihr unheimlich wurde; sie floh der Gefahr
entgegen, Armgart in die Gewalt ihres aus Amerika zurückgekehrten Gatten
übergeben zu sehen. Terschka folgte. Er folgte sogar in der Absicht, Kocher am
Fall zu besuchen. Er wollte diesen vielbesprochenen, noch in rätselhafte Nebel
und Schleier gehüllten Ulrich von Hülleshoven kennen lernen. Aber die
Erbschaftsfrage rief ihn zu bald nach Witoborn. Hier lebte er jetzt seit einem
halben Jahre, in dem ganzen, äusserlich mit bewunderungswürdiger Virtuosität
verdeckten Zwiespalt seines zerrissenen Innern, in der steten Angst vor einer
Mahnung aus Rom, im Kampf mit Entschliessungen, die dann für ein ganzes Leben
gelten mussten. Und wie war er jetzt so nahe gerückt allen massgebenden Momenten
seiner Vergangenheit; seiner nächsten in der ausserordentlichen Katolicität der
Gegend - seiner entferntesten in den plötzlichen Entdeckungen, die er über den
Laienbruder Hubertus machen musste! ...
    Hatte er eine Ahnung, dass sich ihm bald die mächtige Hand, der er nimmermehr
glauben durfte entronnen zu sein, mit Riesenkraft nahen würde, so sollte sie
sich in der Tat erfüllen ...
    Er verbrachte eine schlaflose Nacht ...
    Am folgenden Morgen begann er seine gewöhnliche Tätigkeit. Er klopfte an
die Tür des Onkels Levinus, plauderte und rauchte mit ihm, liess sich von seinen
alten Zauberbüchern, an die der Onkel nicht glaubte und die er dennoch mit hoher
Andacht studirte, von seinen chemischen Präparaten erzählen, scherzte sogar über
einen Homunculus, den der Onkel am Ende doch noch in der Retorte als seinen
Erben und Fortpflanzer des Namens Hülleshoven hinterlassen würde ... er war dann
einige Stunden im Rentamt, begrüsste die Damen nach der Toilettenzeit, begegnete
auch schon wieder im Schloss Tiebold, der wegen des inzwischen schon auf
morgen angesetzten grossen Jagdfestes gekommen war und mancherlei über seinen
Ankauf zu besprechen hatte, später begegnete er Benno, der den Nicht-Einladungen
der Tante zum Trotz doch ab und zu plötzlich auf dem Schloss erschien, da auch
für ihn im Schreibamt des untern Geschosses Veranlassung zu Nachfragen genug
gegeben war ... Allen diesen Begegnungen zeigte Terschka seine gewohnte heitere
und zuvorkommende Art und doch war sein Inneres in rätselhafter Unruhe ...
    Armgart, bleich und angegriffen, begegnete ihm wieder mit der Postmappe und
liess ihn selbst seine Briefe suchen ...
    Wiederum war ein Brief von ihrer Mutter darunter. Doch war das Couvert nicht
mit ihrer Handschrift geschrieben. Der Poststempel zeigte auf einen Ort, der nur
noch wenige Meilen entfernt war ...
    Als wenn Armgart die richtige Ahnung hätte, dass dieser Brief, den Terschka
befremdet an sich nahm und betrachtete, die Ankunft der Mutter verdecken sollte,
fixirte sie den Empfänger ...
    Oeffnen Sie ihn doch! sagte sie mit Bestimmteit. Es ist doch wohl nur ein
Brief von meiner Mutter - nicht wahr?
    Wie kommen Sie darauf? Sie sehen, die Handschrift -
    Und jetzt freilich las Terschka am wenigsten ...
    Ich weiss alles! sagte sie und warf die Mappe auf einen Tisch, der in der
Nähe stand, und eilte davon ...
    Terschka stand bestürzt. Ein Diener, der des Weges kam, hob einige
herausgefallene Briefe und Zeitungen auf und trug die Mappe auf Terschka's
Geheiss zum Onkel Levinus ...
    Auf seinem Zimmer sah Terschka, dass Armgart recht hatte. Monika war in einer
der nahe gelegenen kleinen Städte angekommen und deutete an, dass sie hoffte, in
kurzem auf Westerhof zu sein. Sie machte Terschka nicht zum Vertrauten ihrer
Absichten. Sie schrieb ihm nur um einer Einlage der Gräfin willen, die diese ihr
mit besonderm Couvert abzusenden aufgetragen hatte; es war eine unbedeutende
Sache, in der die Gräfin schrieb - sie wollte eben nur Monika zwingen, mit
Terschka in Verbindung zu bleiben; sie war in ihrer Art eine ebenso fanatische
Proselytenmacherin, wie die Jesuiten auch. Monika's Begleitschreiben wich allem
aus, was ihr Terschka über das nächste Geschäftliche hinausgeschrieben hatte, ja
es war förmlich ...
    Terschka ging im Zimmer auf und nieder. Er verbarg den Brief und sagte sich:
Vergebens! Vergebens! Diese Hoffnung erfüllt sich nicht! Das ist ein Traum
gewesen, der nur in meiner Phantasie gelebt hat! Dahin ziehen dich deine Sterne
nicht! ...
    Nun musste ihn Armgart's Wesen befremden. Er hatte ihm anfangs nicht viel
nachgedacht. Seit einigen Tagen bildeten sich ihm in seinem Innern
Gedankenreihen darüber. Liebt dich denn wohl gar dies seltsame Mädchen? sagte er
sich schon seit längerer Zeit. Sie wollte von ihm reiten lernen. Er hatte damit
auch begonnen und sich überzeugt, welche Geister sich in ihrem Innern befanden -
gebunden und wie entfesselbar! Heute war ihr Benehmen wieder zu auffallend
gewesen ... Es flammte und brauste in seinem Innern ... So kalt die Luft ging,
er musste das Fenster aufreissen ... Träume, Wahngebilde der berauschendsten
Möglichkeiten umgaukelten ihn ...
    Da klopfte es an sein Zimmer und Benno war es, der nur flüchtig
hereinschaute ...
    Bester Baron, sagte er mit dem ihm eigenen ironischen Lächeln, das seine
Lippen vorzugsweise Terschka gegenüber umzog; wissen Sie schon, das Obertribunal
hat gestattet, dass Nück's Verlangen, noch einmal die Archive von Westerhof in
Ihrer und meiner Gegenwart untersuchen und nach seiner verdammten Urkunde kramen
zu dürfen, genehmigt wird! Herr von Hülleshoven hat dafür den nächsten Montag
bestimmt. Ist es wohl da auch Ihnen genehm?
    Auf sein: Mit Freuden, Herr von Asselyn! war Benno schon verschwunden ...
    Es lag in Terschka's Charakter, nicht zurückzubleiben, sondern trotz der
grössten Aufregung einem Besuche zu folgen und ihm die Begleitung zu geben. An
die Cadenz der Höflichkeit, die in der Jesuitenerziehung gelehrt wird, war er
gewohnt ...
    Wie er hinaustrat, war Benno auf einer der kleinen Lauftreppen verschwunden
...
    Nun aber sah er am entferntesten Ende des Corridors eine seltsame Gruppe ...
    Dort stand Armgart und reichte eben Tiebold de Jonge die Hand ...
    Tiebold küsste diese Hand und sie liess es geschehen ...
    Fast schien es, als hätte Tiebold auch einen bunten Gegenstand, den er in
Händen hielt, mit Küssen bedeckt ...
    Armgart schien sogar zu weinen ... Darauf deutete ein Taschentuch in ihrer
Hand ...
    Schweigend standen beide eine Weile in sich verloren; dann raffte sich
Armgart auf, winkte mit der Hand ein Lebewohl und verschwand ...
    Tiebold sah ihr lange nach, zog jetzt gleichfalls sein Taschentuch,
trocknete sich - halb die Augen, halb trotz der Kälte, wie im heissesten Sommer,
die Stirn und wandte sich, ohne aufzublicken, gleichfalls einer der Lauftreppen
zu, die aus dem ersten Stock ins Erdgeschoss führten ...
    Was ist das nur? sagte sich Terschka und schritt weiter, als müsste er
Armgart anreden ...
    Denn schon, schon fassten ihn die Geister der Versuchung. Eben noch hatten
ihn die wenigen Worte Benno's über die Urkunde mit furchtbarer Macht an den
Augenblick erinnert, wo sein General vor ihm stand und ihm sagte: Fände sich die
Urkunde, die für die Antretung der Erbschaft unsere Religion bedingt, so würde
sich das ganze Verhältnis ändern, die Gräfin würde durch einen Familienpact den
Grafen Hugo heiraten müssen und die Aufgabe für uns würde eine leichtere
werden! Man riefe ihn dann vielleicht - nach Rom zurück ...
    Aber dieser wie Donnerton auf ihn einbrechenden Gedankenreihe konnte er
nicht volles Gehör schenken, die Mittelstufen derselben wankten, Seligkeit und
Qual rangen wie im Titanenkampf ... Es zog ihn vorwärts und vorwärts ... Was
sollte dieser Abschied von dem jungen Tiebold sagen? Warum nur stand vor ihm
der liebliche Engel so seltsam bewegt? ... Wie verklärt diese Augen! Wie ganz
dem Bild ihrer Mutter gleichend! Sie aber noch die wirkliche Jugend, das
wirklich blühende Leben - kein Silberschnee des Haares, der die Jugend Lügen
strafte ... Und Terschka's Abenteurernatur wurde entfesselter. Losgebunden regte
sich die Seele des Emporkömmlings, der sich an alles hält, was ihn erheben und
fortreissen kann. Eine der Krallen des apokalyptischen Tieres nach der andern,
der »Probabilismus« und die siebenköpfige jesuitische Moral des: »Besser ist
besser!« packte ihn in furchtbarster Gewalt ... Taumelnd folgte er ...
    Er kam an das Ende des Ganges, der, da das Schloss im Geviert gebaut war,
hier nur der Anfang eines im rechten Winkel sich einsetzenden neuen war ... Hier
sah er, dass Armgart ein in den Hof gehendes Fenster geöffnet hatte und
hinunterwinkte ...
    Dem ihm zunächstliegenden Fenster sein Auge zuwendend sah er, dass es nun
auch Benno war, den sie mit schwacher, erstickter Stimme anrief ...
    Benno unten verstand sie nicht sofort ...
    Nun winkte sie ihm heraufzukommen ...
    Benno eilte auf die erste der kleinen Treppen, die in den Hof gingen ...
    Terschka zog sich zurück ...
    Offenbar, sagte er sich, hat sie mit de Jonge eben eine Scene gehabt, die
sie mit Asselyn ganz ebenso wiederholen will ...
    Schon war Benno oben, schon hatte er dessen zwar leicht, aber doch ohne
Zweifel tieferbebend Armgart dargebrachten Morgengruss vernommen ... Armgart
erwiderte nichts ... Terschka hörte nur das Klappen einer Tür ...
    Er trat dann wieder vor ... Armgart und Benno waren verschwunden ...
    Das Zimmer, in das sie hatten gehen müssen, kannte er. Es war dasselbe, in
dem neulich Bonaventura seine Mutter wiedergesehen. Nichts hielt ihn, am
wenigsten die Moral seiner Bildung und Erziehung, zu versuchen, das Gespräch
Benno's und Armgart's zu belauschen ...
    Die Schlüssel der Zimmer standen ihm zu Gebote. Mit wenig Sprüngen war er
beim Onkel Levinus, schützte das Interesse an einem alten Stammbaum vor, der in
einem grossen Speisesaal hing, nahm die Schlüssel von der Wand, schloss etwa fünf
bis sechs Türen entfernt von der, hinter welcher jenes Gespräch stattfand,
einen Saal auf, schloss wieder hinter sich zu und ging vorsichtig und langsam
durch die entweder offen stehenden oder nur leise aufzuklinkenden
Verbindungstüren hindurch bis zu dem Nebenzimmer des Fremdenstübchens ...
    Auch dort trennte ihn von dem Gespräch nur eine Tür, an die er sein Ohr
legte ...
    Es war kalt und schauerlich still in allen diesen altertümlichen Räumen,
von denen einige mit grosser Pracht ausgestattet waren ...
    Ihn kümmerte nichts ... Er horchte nur ...
 
                                    Fussnoten
1 Wenn es ihm in seiner äusseren Lage gerade schlecht geht.
2 Auch aus den Schlechtigkeiten selbst heraus entwickelt sich manchmal ein guter
Anlass zur Bekehrung.
 
                                      12.
Schon tief in seinen Erörterungen musste das junge Paar vorgerückt sein.
    Dennoch staunte Terschka, eine scheinbar so ruhige Conversation zu vernehmen
...
    Nein, nein, sagte Armgart mit so leiser Stimme, dass auch nur Sein feines
Gehör geschickt war folgen zu können - nein, nein, wissen Sie wohl, lieber
Freund, damals in Lindenwert, als Sie uns zum ersten male besucht hatten? Es
war ein Frühlingstag. Die Syringen blühten, die Nachtigall sang. Das Pensionat
wanderte in die Sieben Berge. Sie, Asselyn, gingen mit uns und als wir in eine
Schlucht kamen, die sich so wunderschön öffnete, ganz grün war sie und verlor
sich dann in Felder mit goldenen Repssaaten - da hiess es, dies Tal wäre die Aue
- und da sagten Sie bloss: Hartmann von der Aue! ... Wer ist das? fragte ich ...
Ein Minnesänger! sagten Sie und setzten hinzu: Kennen Sie das Gedicht vom armen
Heinrich nicht -?
    Eine Pause trat ein ... Benno schien sich zu besinnen ...
    Vom armen Benno! sagt' ich wohl - warf er leise und bedeutungsvoll ein ...
    Nein, nein, erwiderte Armgart, diesem Tone ausweichend, vom armen Heinrich,
dem zu Liebe sich einst eine fromme Jungfrau geopfert hätte ... Sie wollten's
mir erzählen und die dummen Mädchen kamen dazwischen mit ihren Eseln - wissen
Sie noch, sie wollten sämmtlich Esel reiten und die Steigbügel waren zu lang -?
    Werden Sie denn morgen mit bei der Jagd sein? unterbrach Benno, der noch
nicht zu ahnen schien, was Armgart Ernstes mit ihm vorhatte ...
    Ich weiss es nicht! antwortete sie. Die Tante sieht soviel Gefahren ... Auch
ist Paula heute wieder aufgeregter, denn je ...
    Benno schien nur zuzuhören ...
    Die Tante hatte den Münnichs versprochen, den Püttmeier'schen Bildern
beizuwohnen ... Ich wenigstens könnte mit zu diesen trotz der Trauer ... Aber
ich weiss es noch nicht ... Erzählen Sie mir von Hartmann von der Aue und vom
armen Heinrich!
    Liebe Armgart, begann Benno, dieser arme Heinrich war ein schwäbischer
Ritter, der in den heiligen Krieg zog und das Unglück hatte, statt mit grosser
Beute nur mit einer schweren Krankheit heimzukehren, die kein Doctor heilen
konnte! Man nannte die Krankheit die Miselsucht. Ritter Heinrich war nicht
einmal jung, vielleicht nicht besonders liebenswert, er war ein guter Guts- und
Grundherr. Einem seiner Vasallen, seinem Meyer, wie das altdeutsche Gedicht
sagt, blühte ein Töchterlein, den Namen hab' ich vergessen - - wollen wir sie -
Armgart nennen?
    Gewiss! antwortete Armgart und sprach dies ganz aus schwerem Herzen und voll
ernster Zustimmung ...
    Nun gut! Des Meiers Töchterlein, Armgart, hört von dem Leid des guten
Ritters, der nach Salerno gereist war, wohin man damals reiste seiner in
medicinischen Angelegenheiten berühmtesten Universität wegen ... Salerno liegt
in Italien ...
    Ich weiss! sagte Armgart auf Benno's nicht ganz harmlose Erklärung. Aber ihr:
Ich weiss! war ohne jede Empfindlichkeit. Klärchen im »Egmont« konnte,
abschliessend mit dem Leben, ihr elegisches: »Weisst du, wo meine Heimat ist?«
nicht ergebener sprechen ...
    Nun kommt eine Botschaft aus Italien! fuhr Benno fort, der Ritter könnte
genesen, hiess es, wenn eine Jungfrau rein sich fände, die für ihn in den Tod
ginge. Ich kann im Augenblick nicht sagen, liebe Freundin - Sie müssen den
Domherrn fragen, der in diesen Gedichten heimischer ist, als ich - ob der Ritter
das Blut der Jungfrau trinken oder in seine geöffneten Adern aufnehmen sollte
... Letzteres ist auf der Universität Göttingen neulich, das heisst umgekehrt,
vorgekommen; ein junger Student hat sich dazu hergegeben, sein Blut durch
Transfusion in die blutleeren Adern einer jungen hinsiechenden Frau
hinüberleiten zu lassen ... Die junge kranke Frau wurde neubelebt durch
Studentenblut ... Wird sie ihn nicht ewig lieben müssen?
    Scherzen Sie nicht, Asselyn!
    Sie glauben nicht daran? Dann glauben Sie auch nicht, wie zwei Freunde es
machen müssen, die scheiden und sich in der Ferne treue Kunde geben wollen? -
Gesetzt wir beide! Ich reise nächster Tage ganz aus Ihrer Nähe - und wer weiss,
auf wie lange! ...
    Asselyn! unterbrach Armgart mit einem sanften Tone, setzte aber, sich
sogleich beherrschend, hinzu: Wie machen es zwei Freunde, wenn sie sich trennen
und sich voneinander Kunde geben wollen? ...
    Sie ritzen sich gegenseitig eine Wunde, füllen das tröpfelnde Blut einer dem
andern in die seinige und lassen so sie heilen! Reist nun der eine gen Amerika
und der andere gen Asien, so können sie sich ohne alles Briefporto, ohne alle
Telegraphie im Nu verständigen. Der eine will dem andern sagen: Ich grüsse dich
von ganzer Seele! - da nimmt er nur eine Stecknadel und sticht auf die geheilte
Wunde. Im Nu fühlt der andere an derselben Stelle den Stich. Jetzt gibt er Acht;
dieser erste Stich war nur ein: Hab' Acht! Nun nimmt er ein Blatt Papier, einen
Bleistift und zählt die fernern Stiche, die er fühlt. So kommen bestimmte
Buchstaben zusammen und zwei auf diese Art blutsverbundene Freunde können über
tausend Meilen weit im Nu sich sagen: Es geht mir wohl! Ich liebe dich immer und
ewig! Ich sterbe! ...
    Benno! ...
    Es dauerte eine Weile, bis Terschka Weiteres hörte ... Sein Herz schlug so
laut, dass es ihm selbst hörbar wurde ...
    Endlich schien Benno sich gefunden zu haben ... Wenigstens hörte Terschka
die Worte:
    Zwanzig Meilen nach dem Westen, da gibt es ja noch Postverbindung! Oder
wollen Sie etwa weiter noch - nach dem Osten?
    Vielleicht ...
    Wohin?
    Nach Wien!
    Terschka horchte auf ...
    Mit Ihrer Mutter! sagte Benno gelassen ...
    Armgart schwieg ...
    Mit wem? fragte er dringender ...
    Erzählen Sie mir von der Tochter des Meiers! war Armgart's ausweichende
Antwort ...
    Mit wem? drängte Benno ...
    Wie liess sie ihr Leben für den kranken Ritter?
    Mit wem? wiederholte Benno und rief diesmal so laut, dass Armgart ihn um
aller Heiligen willen um Ruhe bat ...
    Was tat die Jungfrau? sagte sie dann ...
    Fragen Sie den Domherrn! antwortete Benno mit hörbarer Erregung und voll
Bitterkeit. Ich glaube, sie sollte sich auf den Secirtisch der Anatomie legen
und sich von den Professoren zerschneiden lassen! Das Mädchen, ein zweites
Kätchen von Heilbronn, reiste richtig nach Salerno, bietet sich auf der
Anatomie zu jedem Experimente an - Die Professoren erstaunen und, wie beim Opfer
Abraham's schon der Wille für die Tat gewirkt hatte, so wird auch hier der
Ritter gesund und heiratet die Tochter seines Meiers ...
    Das ist dumm! wallte Armgart auf ...
    Wegen der Mesalliance? Oder erwarteten Sie den Opfertod?
    Gewiss! ... Das Schicksal ist auch wohl so gnädig, wie ihr Poeten! Wo etwas
Notwendiges von den Umständen vorgeschrieben wird, geschieht es auch! Das steht
in den Sternen!
    Armgart! Sie wollen so eigensinnig sein, wie manchmal denn doch - die Liebe
Gottes nicht ist? Welchen Opfertod suchen Sie denn?
    Armgart schwieg ...
    Sprechen Sie, Armgart -! Was wollen Sie in Wien -? Ich beschwöre Sie! ...
    Benno erriet nicht, welche Gedankengänge in Armgart schlummerten, welchen
Opfertod sie meinte ... Dass aber Wien und Terschka zusammenhing, das musste ihm
gewiss sein ... Terschka hörte, dass er eine Rede abbrach, die aus seiner
mächtigsten Aufwallung zu kommen schien. Wie mit einer sich beherrschenden
Stimme sprach er:
    Ich denke, Sie leben nur der Vereinigung Ihrer Aeltern?
    Das tu' ich auch! In wenigen Tagen werden sie verbunden sein!
    Wer sagt Ihnen das?
    Meine Ahnung!
    Was der Mensch getrennt hat, kann kein Gott wieder zusammenfügen! Selbst Sie
nicht, Armgart!
    Ateist!
    Können Sie wissen, was sich Ihre Aeltern vorzuwerfen haben?
    Nichts haben sie sich vorzuwerfen! Und wenn -! Die Kirche scheidet nicht!
Sagten Sie nicht oft, Vater und Mutter - beide sind Menschen voll Hochherzigkeit
und Edelmut? Und sie sollten sich nicht angehören? Nicht ewig?
    Liebe erzwingt sich nicht! Das - - das seh' ich ja!
    Die Liebe ist ein Wahn!
    Armgart!
    Nur Gott ist die Liebe! Gott sagt, wen und was die Liebe wählen soll! ...
Ha, Sie sprechen von Glück, Benno? Torheit, Torheit menschlicher Schwäche, die
nur in Befriedigung ihrer eiteln Wünsche Beruhigung findet! Wohl! Schön muss es
sein, herrlich zu leben, das geb' ich zu, wenn das Herz erreicht, wonach es
verlangt ... Aber auch stückweise es hinzugeben, wenn es die höhere Pflicht
begehrt, die Prüfung unserer Grösse es will - darin kann ebenso viel Freude
liegen - oder glauben Sie nicht, dass Hedwig von Polen glücklich war, als sie dem
Ferdinand von Oesterreich, den sie liebte, entsagte und den Heiden Jagello zum
Manne nahm, der ihr seine Taufe, die Taufe eines ganzen Volkes, zur Morgengabe
brachte? Wie sie ihren Brautschleier der Mutter Gottes von Krakau schenkte, muss
ihr das Leben anfangs wie unter einem schwarzen Gewitterhimmel dahingezogen
sein! Dann aber umsäumte es sich rosig und gewiss, gewiss - sie wurde glücklich!
    Armgart! rief Benno ausser sich voll Erstaunen ... Und alles wurde jetzt
still ... Terschka sah im Geist seinen Schutzheiligen, den achtzehnjährigen
Polen Stanislaus von Kostka, dem beim Gebet sein Antlitz von Verklärungsschimmer
überleuchtet gewesen ... Ebenso auch hörte er Monika, deren Metode, zu fühlen
und zu denken, ganz dieselbe war, wie bei ihrer Tochter, wenn auch ihr Fühlen
und ihr Denken andern Ergebnissen zugute kam ... Sein Herz verstand, was er
hörte ... Dämonen raunten ihm zu:
    Willst du mitleidig sein mit diesem jungen Mann, der seinen Abschied auf
ewig - um deinetwillen erhält? Willst du töricht sein und um einer solchen von
Göttern zu beneidenden Hingebung willen gestehen, dass ihr Opfer - ihre Absicht,
ihn - von ihrer Mutter zu trennen, auf einem Irrtum beruht? ...
    Armgart! Armgart! Ich beschwöre Sie, was geht in Ihnen vor? rief Benno ...
    Ich lebe - einem Gelübde! ...
    Himmel, kann denn irgendeine Tat Gott wohlgefällig sein, die Ihr Herz
Gefahren aussetzt, für die keine, keine Himmelskrone Sie entschädigen wird?
    Lästerung!
    Wem wollen Sie Ihr Herz, Ihre Hand zum Opfer bringen? Warum, warum nur
lieben Sie - Terschka?!
    Kein Aufschrei Armgart's erfolgte ... Alles blieb still ... Lange, lange
blieb es still ... Terschka begriff nicht, warum beide plötzlich schwiegen ...
    Allmählich begann Benno zu sprechen ... Er sprach so leise, dass Terschka
nicht folgen konnte ... Dem Schlüsselloch Ohr und Auge zuzuwenden wagte er
nicht, ungewiss, ob die nebenan herrschende Stille nicht jede seiner Bewegungen
verraten könnte ... Vor seiner Phantasie stand Benno in diesem Augenblick, als
müsste er Armgart an beiden Händen halten, müsste ihr tief in die Augen blicken,
müsste mit ruhiger Ergebung ihr die ganze Wahrheit seines Herzens entüllen und
ihr sagen: So sollst du hinschwinden, schöner Traum meines Lebens, und wer, wer
konnte dich fesseln! Wer konnte dir werter sein, als ich! - -
    Die Worte, die Terschka allmählich dann unterschied, lauteten:
    Armgart! Wenn irgendjemand die Stimmungen kennt, in denen man, wie wir so
oft in den Gärten des Enneper Tals nach den schwellenden Früchten über uns
nicht langten, ebenso auch sein Glück dahinziehen lässt unerstrebt, so bin ich
es! ... Aber bleiben Sie nur, Armgart! ... Ich wurde schon ruhiger, seit ich
wusste, dass auch ein Freund Sie liebt! ... Denn wie wollen Sie es nennen, wofür
die Sprache nur Ein Wort hat! ... Sie erklärten vorhin dem Freund ohne Zweifel
mit derselben Bestimmteit, wie mir, dass Sie aus unserm Leben auszuscheiden
wünschen und unsere Bewerbungen ferner nicht mögen ... Nun denn! Ich nehme den
Aschenbecher, wie er, der Fröhlichere - die Tasche für schnell verkohlende -
Cigarren! ... Wer Ihr Herz besitzt, ich sagte es vorhin ... Herr von Terschka
wird eine grosse gesellschaftliche Stellung einnehmen, wird Sie in das schöne
Wien entführen, dort werden Ihnen Glück und Reichtum lächeln! ... Fliegen Sie
mit ihm zu Ross dahin in flatterndem Gewande! ... Aber nehmen Sie ein Wort von
mir zum Abschied! ... Ich bin Ihnen nichts mehr und nun - nun bin ich mir noch
weniger, als schon seit lange ... Ihre Tante hat recht, mich wie einen
Zigeunerknaben zu behandeln, den man nur aus Barmherzigkeit aufnimmt ... Ich bin
ein verflogener Vogel und passe für euere Käfige nicht ... Doch ich werde Sie
wiedersehen; das weiss ich ... Wissen Sie, Armgart, dass ich auch Das sicher und
fest weiss - dass ich Sie trotz Ihrer von unserm Glauben gebotenen Himmelskronen -
ich weiss nicht warum! - unglücklich finden werde? ... Und Sie bejahen das -? ...
Aber auch Ihr rätselhaftes Martyrertum wird Sie nicht befriedigen! Es gibt
Naturen, die nicht aus Erdenstoff geschaffen scheinen und die dennoch mehr den
Gesetzen der Erdenschwere unterliegen, als die gemeinen! Ihre Mutter schon
rettete sich nur durch eine Flucht ganz aus der Welt heraus vor Gefahren, in die
nun auch Sie sich begeben wollen; Ihre Mutter wird von Tausenden verurteilt,
ohne dass sie es verdient; sie wird verurteilt und - sie leidet darunter ...
Auch Sie, Sie, Armgart - werden den Beifall der Menschen vergebens suchen, wenn
Sie ihn nicht mehr finden können ... Ich erschrecke vor Ihrer Zukunft!
    Armgart erwiderte leise und sprach lange. Terschka konnte nichts verstehen,
als dass sie nur vom Beifall Gottes und von ewiger Trennung sprach ...
    Endlich wurde alles still ...
    Die Tür ging ... Noch hörte Terschka nur ein plötzliches, heftiges, aus
tiefster Seele kommendes Schluchzen ...
    Armgart musste allein sein ... Ihr Weinen wurde zuletzt so heftig, dass es
sein Innerstes durchschnitt ...
    Anfangs wollte er hinüberstürzen, sich ihr zu Füssen werfen, die Liebe, die
wirklich nur ihm, ihm geweiht sein konnte, ablehnen, wollte die Wahrheit
bekennen, dass er Priester wäre, ein gerade in ihren Augen todwürdiges Verbrechen
begehen würde, schon an ihren Besitz auch nur zu denken - - Dann aber
erschreckten ihn - erst die Tränen Armgart's ... er konnte ihr Weinen nicht
mehr hören ... Er verlor die Besinnung ... Leise schlich er auf den Zehen durch
die Zimmer zurück, kam zum grossen Speisesaal, öffnete die Tür, die in den
Corridor führte ... Alles war still ... Niemand wohl hatte ihn beobachtet ...
Durch ein Fenster in den Hof blickend, entdeckte er Tiebold und Benno, wie
beide schweigend, vernichtet, erstarrt zur Erde blickend zum Portal des
Schlosses hinausgingen, wahrscheinlich um gemeinschaftlich nach Witoborn - und
in ein neues Leben zurückzukehren ...
    Die Mittagsglocke läutete, die alles in dem kleinern Speisezimmer vereinigte
...
    Tischgenossen, die der Zufall brachte, gab es in dem gastfreien Hause genug
...
    Nun schon trat Armgart hinter Terschka hervor ... Tief verweint waren zwar
noch die Augen ... Doch rang sie schon nach Unbefangenheit ...
    Herr von Terschka, sagte sie mit leiser Stimme, ich will Nachmittag nach
Heiligenkreuz ...
    Der Wagen ist schon für die Damen bestellt! sagte er ... Wie musste er sich
beherrschen, nicht ihre Hand zu ergreifen ... Nicht in die Augen konnte er ihr
sehen ...
    Es sind mir ihrer zu viel ...
    So bestell' ich zwei Wagen ...
    Ich will zu Fuss gehen ...
    Es wird Abend werden, ehe Sie fortkönnen ...
    So können - so können Sie mich ja - begleiten ...
    Damit stand Terschka allein ...
    Auf dies Wort »begleiten« kämpften Himmel und Hölle ...
    Terschka begriff vollkommen, was in Armgart vorging ... Sie hatte ein
Gelübde getan, um den versöhnten Aeltern anzugehören. Sie glaubte: Er wäre ein
Hindernis dieser Versöhnung -! Die Mutter wäre im Begriff, ihn zu lieben -!
Deshalb - Deshalb -! Wie Glühstrom fiel es auf ihn: Deshalb reisst sie mich mit
Gewalt von einer eingebildeten Liebe ihrer Mutter los und will mich selbst
gewinnen - - - Die Möglichkeit, dass ein solcher Gedanke in ihr entstehen, dies
Ertödten ihrer Neigung zu Benno möglich sein konnte, übersah er ... Armgart war
katolisch! ...
    Sollte er nun dies Wahngebild sich immer weiter ausbilden, immer
verheerender im Herzen der lieblichen Jungfrau um sich greifen lassen? Um sich
greifen lassen auf Grund einer Voraussetzung, die - das sah er ja beschämt - in
Betreff Monika's eine völlig unbegründete war und auf Verwickelungen
hinausführte, die nie zu lösen schienen -?
    Im Abenddunkel sah seine Aufregung ihn mit Armgart allein dahinschreiten
durch die Winterlandschaft ...
    Im Geist sah er Armgart neben sich, im Pelz die Hände bergend, deren eine er
vielleicht, von seinem Glück überwältigt, verwegen ergriff beim Eintritt in den
dichtern Tannenforst ...
    Im Geist hörte er, was sein Übermut, sein Leichtsinn ihr zu sagen wagen
würde: Wie hab' ich Sie einst schon gesucht an jenem stürmischen Regentag, als
die Jugend von Lindenwert zur Villa in Drusenheim kam! Wie zog mich Ihre Flucht
Ihnen nach! Den schnellsten Renner hätt' ich satteln lassen mögen vor
Eifersucht, nur um der Dritte sein zu können unter denen, die in Ihrer Nähe
weilen durften ...
    Dann sah er Eulen auffliegen, die den Schnee von den Aesten verschütteten,
auf denen sie gesessen ... Rehe, Hirsche - Untiere, sah er aufgescheucht vom
Vortreiben zur morgenden grossen Jagd, durch die Gebüsche brechen ... Der Mond
stieg am äussersten Rand des Horizontes empor ... Ausmalen musste er sich, wie er
würde Abschied nehmen müssen an der Allee, die nach Heiligenkreuz führt, und wie
er würde zurückkehren, wenn sein alter, gewohnter Lebensübermut ihn übermannt
hätte ... Toll, toll würde er in die Nacht hinauslachen, bis - - plötzlich aus
den Büschen an jedem Seitenwege ein Bote seines vergangenen Lebens träte - Jean
Picard, sein Gespiele - Franz Bosbeck, sein Lebensretter - van Prinsteeren, der
ihn einst zuerst aufs Pferd gehoben - jener Schweizersoldat, der ihn mit in die
Alpen nahm - er hörte das Stampfen der Rosse in der Kaserne der Lanzenreiter zu
Rom - sah die Benfratellen, wie sie ihn in das Spital an der Tiber trugen - dann
hatten sie alle, alle Todtenhemden an und Larven über dem Antlitz; es war die
Bruderschaft della Morte ...
    So noch fiebernd, so in Jesuitenart schwankend, so im zagenden Begriff zur
Gesellschaft einzutreten, erschütterten ihn zwei Tatsachen, die dann noch zu
gleicher Zeit auf ihn eindrangen ...
    Um ihn her war es plötzlich seltsam lebendig geworden ...
    Er sah, dass es die Anzeichen einer neuen Vision der Gräfin waren ...
    Er hörte, dass Stimmen des Erstaunens durcheinander gingen ...
    Er sah Bonaventura kommen ... sah diesen von Tante Benigna, von Onkel
Levinus in hastigster Aufregung begrüsst, sah das Erbleichen des Domherrn, als
ihm die Mitteilung wurde, dass Paula im Hochschlaf läge und von den
schmerzlichsten Anschauungen gefoltert würde ...
    Zu gleicher Zeit bemerkte er aber auch auf dem Corridor, der zu seinen
Zimmern führte, im weitesten Hintergrunde und grell von einem Sonnenstrahl
beleuchtet - einen Mönch ...
    Ein Lebender war das, der da herkam, aber seine funkelnden Augen schienen
zwei Flammen aus den Höhlen eines Todtenkopfs zu sein ... Die Kiefern des Mundes
bewegten sich ... Sie lächelten ihm von weitem so freundlich, dass die Grübchen
auf den Wangen sich ausfüllten wie mit Blumen unter Leichensteinen ... Ein
langes, weites, braunes Gewand hing wie über einem Skelet, das lässig, doch
absichtsvoll daherschritt ...
    Herr von Terschka? riefen Diener im Hintergrund ... Ist dort! sagten andere
und schossen an ihm vorüber ...
    Ahnend stand Terschka an der Schwelle des Eintrittsaales am Weihebecken ...
    Der Mönch näherte sich ...
    Zugleich sprach voll Schrecken Bonaventura, der neben Terschka stand: Um
Gott, was sieht sie? ...
    Eine Feuersbrunst! riefen mehrere Stimmen vom grünen Zimmer her ...
    Unter Terschka wankte der Boden ...
    Der Mönch kam näher und näher ...
    Voll Schmerz und Verzweiflung liegt sie! erzählte man durcheinander ... Sie
sieht ein Hans in Flammen! Sie fürchtet zu verbrennen! Kommen Sie! Helfen Sie,
Herr Domherr!
    Aber auch der, der einst Terschka aus den Flammen gerettet, kam näher und
doch schien der Corridor sich weit, endlos zu erstrecken bis zu den Corridoren
und Kerkern - des Al Gesu in Rom ...
    Jetzt hielt der gespenstische Bruder einen Brief empor, der nur an Terschka
gerichtet sein konnte, denn auf ihn, ihn blickte unverwandt das freundliche
Nicken des Todtenhauptes ...
    Es ist das Schloss, das brennt! berichteten neue Stimmen und riefen
Bonaventura, dessen Hand Onkel Levinus ergriffen hatte, als sollte er Hülfe
bringen und Paula beruhigen ...
    Das ist Hubertus! sagte sich Terschka und an seinem Arm brannte das Mal in
lichterlohem Feuer ...
    Bonaventura war aus dem Vorsaal in das grüne Zimmer getreten wie ein
Hülfebringender, wie ein Rettender vor dem Tod in Feuersgluten, die er um sich
her, seiner Ahnungen eingedenk, durch die Fenster hereinbrechen, rings das
Gebälk ergreifen, eine Welt in Asche legen sah ...
    Und auch Terschka sollte folgen ... Onkel Levinus erwartete es und harrte
...
    Doch der Mönch, was will - der Mönch? ...
    Bruder Hubertus! sagte Onkel Levinus, ihn erkennend und nach obwaltenden
Umständen erfreut begrüssend. Sie kämen schon zurecht, um auch hier aus Flammen
zu retten? Die Gräfin hat eine schwere Vision ...
    Bruder Hubertus trat lächelnden Mitleids naher, verbeugte sich, zuckte die
Achseln, als wisse er gegen solche Offenbarungen der Gotteit keine Hülfe, und
übergab an Terschka, diesen immer mit seinen Augen wie verschlingend, den Brief,
den er ihm schon so lange entgegenhielt ...
    Terschka ergriff den Brief ... Das Siegel war geistlich - - noch kam es
nicht aus Rom ... Pater Maurus, der Provinzial der Franciscaner, schrieb ihm nur
unter dem grossen Siegel seines Klosters ...
    Terschka erbrach und las ...
    Jetzt zog ihn der Onkel, um das ihm wichtiger Scheinende in den Zimmern
drinnen nicht länger zu versäumen ...
    Ich werde kommen! hauchte Terschka - gelblichbleich war er geworden wie der
von der Wintersonne gefärbte Schnee auf den Feldern ...
    Noch einmal wandte er sich zu dem an der Türschwelle harrenden und mit
glühenden Augen ihn durchbohrenden Boten und sagte:
    Ein Brief - für mich - schreibt Ihr Guardian wäre im Kloster angekommen -
wissen Sie nicht - woher?
    Mit einer Miene, die das seligste Gefühl ausdrücken sollte: Bist du denn,
Mann mit dem mir so teuren Namen, mit der ahnungsvollen seltsamen Gestalt, bist
du denn wohl gar verwandt mit dem Kinde - oder selbst -? sprach dieser ein Wort,
das dann für Terschka's Ohr erklang wie die Posaune des Weltgerichts:
    Aus dem Kloster der Piaristen zu Maria Treu in Wien!
    Terschka - verschwand jetzt ... Nicht zusammenbrechend, nicht
niedergeschmettert von einem Wort, das ihm lauten durfte: Deine Stunde ist
abgelaufen! sondern wie mit einem Mut auf Leben und Tod ... Er dachte an
Armgart.
    Der Mönch stand noch immer und sagte nur zu den Dienern staunend:
    Wenzel von Terschka -!
    Von den Vielbeschäftigten konnte dem Greise niemand Gehör geben.
 Die Schlusskapitel dieses fünften Buchs erfolgen im Anfang des sechsten Bandes.
 
                                 Sechster Band
                                   Fünftes Buch
                             Fortsetzung und Schluss
                                       13.
Noch in derselben Nacht schlug das Wetter um. Zum Schnee gesellte sich Regen. So
begann die Jagd schon ganz mit Bestätigung der trüben Ahnungen, die Tante
Benigna um die Nachtruhe gebracht hatten; Paula sah am Tag zuvor eine
Feuersbrunst und zusammenstürzende Gebäude, die sie nicht zu nennen vermochte
...
    Terschka war heute schon in aller Frühe aufgebrochen und hatte zum Schloss
Münnichhof, wo sich die Mehrzahl der Mitglieder des grossen Jagdfestes versammeln
wollte, einen Umweg über Kloster Himmelpfort gemacht ...
    Noch am Abend hatte er Armgart nach dem Stift Heiligenkreuz zurückbegleitet,
war spät wiedergekommen, dann beim Tee nicht erschienen ...
    Bonaventura hatte sich unmittelbar nach der Vision entfernt ... Mit leicht
erklärlicher Aufregung hatte er Paula gefragt, welches Gebäude sie brennen sähe,
und von ihr keine Antwort erhalten ... Ja er magnetisirte sie, um ihr Auge zu
schärfen ... Sie verfiel dadurch in einen desto sanftern Schlummer, aus dem sie
Niemand mehr wecken mochte ...
    Onkel Levinus gehörte einer Familie an, die in den frühern geistlichen
Zeiten die Landoberjägermeister der Fürstbischöfe von Witoborn gewesen waren. In
jagdgemässen Traditionen war er aufgewachsen. Aber von dem Ideal eines Nimrod
stand er so weit entfernt, dass Tante Benigna vollkommen Recht hatte zu
befürchten, man könnte statt der erlegten Hirsche und Rehe auch allenfalls ihn
selbst, den weiland Candidaten des Erblandoberjägermeisteramts, auf dem
Beutewagen nach Hause fahren. Wie sie ihm die Pelzkappe darreichte, den Fusssack
seinem Leibschützen Soetbeer auf die Seele band, ja sogar diesem zuflüsterte,
wenn der Baron einen feuchten oder zu langen Stand im Walde bekäme, den Fusssack
bei der Hand zu behalten; wie sie das Lederfutter untersuchte, in welchem die
prachtvoll damascirte Doppelflinte geborgen lag, da hätte nur die - frühere
Armgart gefehlt, um diesen Abschied aus dem Tragischen ins Komische zu
übersetzen.
    Onkel Levinus bewegte sich in seinem Jagdcostüme, zu welchem sich noch die
Wildschur gesellte, wie ein »Pelzmärtel« zur Weihnachtszeit. Aus Bär und Zobel
konnte man ihn kaum herausfinden. Das Gesicht war erkennbar nur an zwei
Brillengläsern, ohne die er heute behauptete keinen Rehbock zu treffen. Bei
seinen Fabrikationen von Berliner Blau, Stärkemehl, Pottasche und künstlichen
Düngererden hatte er nie die Brille nötig; nur auf die Jagd nahm er sie mit, um
den Spott, der ihn als Abkommen so vieler fürstbischöflicher
Erblandoberjägermeister unfehlbar heute treffen würde, durch ein »kurzes
Gesicht« zu mildern. Und dann war Graf Münnich als ein »schussneidischer«
Cavalier in der ganzen Gegend bekannt. Der ist eifersüchtig auf jeden Schuss, der
nicht aus seiner Büchse kommt! sagte der Onkel mit einem Ton, als fielen heute
mindestens durch seine Kugel ein Dutzend Rehe ...
    Eine Jagd in einem Walde, der im Frühjahr nicht mehr sein wird! seufzte
Paula beim Abschied ...
    Ja, alles wird weggeschossen, was Haar oder Federn hat! renommirte der Onkel
...
    Bitte, bitte, Baron! fiel die Tante ärgerlich über einen so gefährlichen und
herausfordernden und noch dazu, sie wusst' es ja, nur affectirten Ton ein; bitte,
sehen Sie nur zu, dass man Ihre Pelzmütze schont!
    Die Tante liess es noch zweifelhaft, ob auch sie zu den Transparentbildern
Püttmeier's, die Nachmittags den Damen der vornehmen Jäger gezeigt werden
sollten, kommen würde ... Sie wusste, es gab nachher ein stattliches Jagdbanket,
und die Trauer Paula's gestattete weder ihr, noch Paula, sich in diesem Grade in
die Zerstreuungen des Weltlebens zu mischen ... Von Armgart, sagte sie, liesse
sich erwarten, dass sie mit den Stiftsdamen auf Schloss Münnichhof zu Püttmeier's
Triumphen kommen würde; diese hätten drei Equipagen aus Witoborn bestellt ...
Zwei Stiftsdamen, Fräulein von Merwig und Fräulein von Absam, gehörten sogar zu
den Jägerinnen und waren berühmt durch ihren Mut und ihre Fehlschüsse ...
    Mit der Versicherung des Onkels, dass man sich verlassen könnte, er würde
sich weder zu lange an dem Banket, noch an dem selbst in dieser frommen Sphäre
nach den Jagdpartieen üblichen hohen Spiel beteiligen, entzog er sich endlich
dem beklommenen Abschied ... Das leichte, trotz des Schneeregens offene und
freie Jagdwägelchen rollte von dannen.
    Unterwegs pfiff der Wind nicht wenig. Die Brillengläser des kühnen Jägers
beschlugen; oft verlor er den Atem, wenn der Wind umsetzte und Leibschütz und
Kutscher, die vor ihm sassen, nicht mehr als Windfang dienen konnten. Dennoch
wurde er nicht müde, Jagdanekdoten teils selbst zu erzählen, teils sich
erzählen zu lassen, Anekdoten, die bis in die glänzendsten Zeiten seiner Familie
hinaufreichten und dem Ausspruch: Ecclesia sanguinem abhorret! keineswegs
entsprachen; denn immer handelte sich's darum, wie Se. hochfürstbischöflichen
Gnaden dazumalen entweder selber die Sau abgefangen oder sich von einem
sichern Standorte aus Flinte auf Flinte, bereits geladen, hätten darreichen
lassen und die herbeigetriebenen Rehe und Hirsche zum »Plaisix Serenissimi«
zusammengemördert hätten ...
    Gegen zehn Uhr war man auf Münnichhof ...
    Auf diesem stattlichen Herrensitze, der noch mit Zugbrücken und einer Anzahl
Lünetten für noch vorhandene alte eiserne Böller, mit Wällen und in einem grossen
ringsumher gehenden Arm der Witobach mit vorgeschobenen Eisbrechern oder
sogenannten Dücs d'Alba ausgestattet war und im Innern des Hofs in die Blüte und
Herrlichkeit des siebzehnten Jahrhunderts zurückversetzte, fand man den grössten
Teil der Gesellschaft wieder, die neulich dem Freiherrn von Wittekind dei
letzte Ehre gegeben hatte ...
    Der Hof war belebt von dem Jagdzeug des Grafen, das mit den Contingenten der
benachbarten Herrschaften, vorzugsweise dem grossen Jagdpersonal der Dorstes
vermehrt worden war. Da standen die Wagen für die Jagdteilnehmer und für die
gemachte Beute. Treiber und Jagdbursche hielten die Schweisshunde an der Leine
und mancher von letztern trug noch am Halse die »Korallen«, einen Stachelring,
nach dessen Abnahme man voraussetzen konnte, das gereizte Tier würde um so
gieriger an die wilde Arbeit gehen. Der musikalische Teil der Jagd war durch
einige horngeschickte Jäger, vorzugsweise durch die in Jagdcostüme gekleideten
Trompeter der Husarengarnison von Witoborn vertreten, ja sogar ein Bajazzo
fehlte nicht - der buckelige Stammer hatte sich vom gräflich Dorste'schen
Oberförster ein Costüm erbettelt und blies aus Leibeskräften mit den übrigen. In
seiner grünen Mütze mit einer Feder sah er aus wie ein Heusprengsel und die
Gräfin von Münnich, eine fromme Dame, die ohne eine kirchliche Busse nicht ins
Teater ging, musste im Kreise ihres Besuchs wider Willen über ihn lachen, als
sie auf einen Balcon hinaustrat, der in den Hof ging, angelockt von einem
Horusolo, das jedoch des Guten zu viel tat und in Dissonanz verendete ...
    Zu der Blüte des Adels, zu jungen und alten im Bann der hiesigen
Anschauungen lebenden Cavalieren, auch Offizieren der benachbarten Garnisonen,
hatte sich schon jetzt eine nicht geringe Anzahl Frauen gesellt. Amazonenhaft
traten nur einige wenige auf. Mit Spannung erwartete man vorzugsweise die Damen
aus dem Stifte ... Die Fräulein von Merwig und von Absam blieben ohne Zweifel
schon auf dem für den Beginn der Jagd abgesteckten Standorte zurück, an dem sie
vorüberfahren mussten und wo sich alle diejenigen einfinden wollten, die erst
über Münnichhof einen Umweg gemacht hätten ...
    Terschka war nicht zu sehen ... Jeder fragte nach ihm ... Fest stand, dass
ihn seine Ritterlichkeit heute wieder zur Hauptperson des Tages machen würde ...
In der Tat schon mit »Schussneid« sagte das Graf Münnich, ein schlanker, von
Kopf bis zu Fuss jagdgemäss gerüsteter Herr, dessen Aufregung unter den zwanzig
bis dreissig Cavalieren die lebhafteste war ...
    Benno und Tiebold sollten gleichfalls kommen ... Letzterer als baldiger
Herr des heute und bis zum Frühjahr zum letzten mal vom Jagdruf widerhallenden
Waldes ... Der auch an ihn ergangenen Einladung hatte er um so weniger
widerstehen können, als er nach den gestrigen schmerzlichen Erfahrungen für
Benno's ihn »jetzt ängstigenden« Trübsinn und den minder gefährlichen eigenen
die erheiternde Wirkung eines solchen Vergnügens geltend machte, auch »nicht
leugnen« konnte, dass ihm ein vom jungen Tübbicke in Witoborn schleunigst nach
dem Modejournal angefertigtes Jagdcostüm nicht übel stehen müsste ...
    In dem grossen Ahnensaal, in welchem neben den bis weit über den
Westfälischen Friedensschluss hinausreichenden Familienporträts die wunderbarsten
Hirschgeweihe hingen, solche sogar, die mit Baumästen verwachsen waren, nahm man
ein Frühstück ein. Dann wäre man, da die, welche noch fehlten, aus dem gewählten
Schiessstande im Warten ungeduldig werden konnten, unfehlbar aufgebrochen, wenn
sich nicht die Scene auf eine eigentümliche Art durch das Eintreten einer
Persönlichkeit geändert hatte, deren Erscheinen hier Niemand erwartete.
    Ein magerer Herr in mittlerer Statur, in der sogenannten Armeeuniform, die
Brust mit Orden bedeckt, trat ein ... Hinter ihm folgte ein Jäger, der, wie alle
Leibschützen, die Flinte seiner Herrschaft trug ...
    Der Landrat! ging es mit einstimmigem Murmeln durch die Reihen der aus
ihren schon wieder angezogenen Pelzröcken und Ueberwürfen kaum erkennbaren
Physiognomieen ...
    Niemand war bestürzter, als der Wirt, Graf Münnich selbst ...
    Was ist das? rief er erstaunt und allen hörbar ...
    Bald stellte sich heraus, dass den Landrat von Enckefuss Niemand eingeladen
hatte ...
    Noch mehr ... Der feierliche Aufzug des in dieser Sphäre schon lange durch
die Zeitereignisse Proscribirten hatte etwas Beängstigendes ... Dass dieser
weiland »schöne Mann«, ein alter Cavalerieoffizier, sich mit der grössten
Beflissenheit seinen Bart, sein Haar gefärbt, ja sogar die Runzeln seines fast
fleischlosen und nur aus Haut und Knochen bestehenden Kopfes weggemalt hatte,
überraschte Niemanden. Auch heute hatte er seine allbekannte Toilette, dieselbe
Chevalerie mit den Damen, dasselbe stramme Auftreten mit den hohen
Stulpstiefeln, dieselben Scherze, die man an ihm gewohnt war ... Aber in so
seltsamer Übertreibung kam alles an ihm zum Vorschein, dass man annehmen musste,
entweder hatte er bereits seinem vormittägigen Lieblingsgetränk, dem Cüração,
stark zugesprochen oder er befand sich in allem Ernst in geistiger
Unzurechnungsfähigkeit ...
    Sofort bildete sich eine Phalanx gegen den Vertreter der Regierung, gegen
den Mann, der einen Bruder des Kirchenfürsten im Duell erschossen hatte, gegen
den Freund des Kronsyndikus, gegen den Vater des Assessors, des jetzigen Rates
von Enckefuss ... wiederum sah man die grosse Kluft des Vaterlandes und immer
peinlicher wurde die Verlegenheit für den Jagdherrn ... Allgemein stellte man
ihm in ergrimmter Aufregung die Zumutung, er solle den unberufenen Eindringling
bedeuten, dass sein Eintreffen auf Schloss Münnichhof ein Misverständniss wäre ...
Sogar die Gräfin besass den Mut, die Bedenklichkeiten ihres inzwischen zaghafter
gewordenen Gatten zu überwinden und mit der Würde ihrer äussern Erscheinung, mit
dem Hochgefühl ihres Zusammenhangs mit dem Träger der dreifachen Krone, den
Landrat auf ein Misverständniss aufmerksam zu machen ... sie wollte sagen, dass
sie sich ein Gewissen daraus gemacht haben würde, den Herrn von Enckefuss »mit
Elementen« zusammenzuführen, »die ihm höchst unangenehm sein müssten« ...
    Jetzt aber erfuhr sie durch die Dienerschaft, Herr von Enckefuss wäre durch
die Nichteinladung zu einer Jagd, an der jeder Adelige der Gegend teilnähme, in
einem Grade beleidigt worden, dass man ihn seiner für nicht mehr mächtig halten
könnte. Stündlich hätte er die Einladung zur Jagd abgewartet, hätte sein
Schiesszeug hervorgesucht, es selbst geputzt, seinen Hund angeredet: Sie danken
dich ab, Caro! Sie werfen dir einen Knochen vor, Caro! Sie setzen dich ausser
Brot, Caro! Dann wäre seine Ungeduld gestiegen, immer hätte er gefragt: Keine
Einladung vom Grafen? Keine von Baron Levinus? Keine von Herrn von Terschka?
Seit gestern hätte er dann eine Miene angenommen, als wäre die Einladung
wirklich erfolgt. Nun hätte er seinem Bedienten befohlen, sich als Jäger
anzukleiden. Auf die Einrede, er irre sich, die Einladung fehle, hätten die
heftigsten Zornausbrüche geantwortet, sodass man zuletzt vorgezogen, zu schweigen
und sich in alles zu fügen. In diesem Zustand erschien er und scheinbar nicht im
mindesten stolz. Er sprach leutselig mit allen, wie wenn sie seine besten
Freunde und Bekannte wären ... Ein ängstlicher Waffenstillstand zwischen zwei
feindlichen Lagern ...
    Hinein in die Unentschlossenheit, was nun zu beginnen wäre, in den
unheimlichen Eindruck des so ausserordentlich sichern, ja fröhlichen Benehmens
des Landrats ertönten die Signale des Aufbruchs, die Rüden schlugen an, johlten
und heulten vor Jagdungeduld, die Jäger klatschten mit den Peitschen, der Zug
kam in Bewegung, noch ehe man den Landrat entfernt hatte. Auch jetzt folgte er
wohlgemut und setzte sich auf einen der Wagen, gerade wie wenn er dazu gehörte.
Da sein Diener nicht jagdkundig war, blieb derselbe zurück. Es schloss sich dafür
dem Landrat ohne weitere Weisung einer der jedem Jagdteilnehmer zum Beistand
beorderten Jäger an ...
    Die Fahrt dauerte nicht allzu lange. Bald gelangte man in den von hohen
Tannen und Buchen bestandenen Wald ... Es war die letzte grosse Jagd in einem
Walde, der hundert Jahre bedurfte, um das wieder zu werden, was er war ...
    An einer Eichenschonung stand unter zwanzig Männern, die hier schon zu Fuss
und zu Wagen harrten, einer, der sich in stillem Träumen das auch sagte und
rings um sich blickend nachfühlte. Wie wenig liegt ein seiner Sinn in den
Auffassungen der Menschen! Wie gehen sie ruhig an Tatsachen vorüber, an denen
ein anderer mit Schmerz verweilt!
    Benno war es, der auch das sich sprach ... In einen einfachen kurzen
Militärmantel, grau mit rotem Kragen, war er gehüllt, einen Mantel, den er über
seiner gewöhnlichen Kleidung trug. Fest an den Hüften war der Mantel
zusammengeschnürt und hob gefällig seine schlanke Gestalt; ein schwarzer
bürgerlicher Hut bedeckte sein blasses, leidendes Antlitz ... Ueber Tiebold
musste er lächeln, der in einiger Entfernung einen Kreis um sich hatte, dem schon
wieder in bester Laune von ihm seine amerikanischen Abenteuer und sein berühmter
Sturz in den Sanct-Moritz erzählt wurden ...
    Für Benno's Jugendträume gaukelten hier die kleinen Elfen des Waldes daher
dahin ... Noch einmal hielten sie unsichtbar ihren letzten Reigen unter den
grünen Tannen, schwangen sich zum letzten mal auf den Nacken des Wildes, um ihm
einen Weg durch das Dickicht zu bahnen vor seinen Verfolgern ... zum letzten mal
waren die kleinen Seen, die sich hier und dort im Walde fanden und zu denen
sonst im Mondlicht die Hirschkühe ihre Kleinen zur Tränke führten, von den
Schatten hoher Bäume bekränzt ... Bald sollten diese Lichtungen, die sich unter
der schmelzenden Schneedecke so geheimnisvoll und traulich im Holze öffneten,
dem Winde preisgegeben sein, der über die zurückgelassenen todten Stumpfe der
verkauften Stämme fegte ...
    In einem Wald, den ein leichtsinniger Verschwender vor der Zeit lichtet,
glaubt man oft Banket gehalten zu sehen von Junkern und geputzten Damen bei
musicierenden Eichhörnchen und brummenden Borkenkäfern und taktschlagenden
Spechten in den Zweigen ... Hier, da der Wald zu Eisenbahnschwellen benutzt
wurde, brauste die Locomotive daher und schnaubte und pfiff so teufels- und
aufklärungsgemäss, wie nicht bloss Norbert Müllenhoff gesagt hätte, sondern selbst
Onkel Levinus wiederholte, der, je besorgter er jetzt wurde, desto mehr zu
sprechen anfing ... Benno war von ihm aufs freundlichste begrüsst worden ...
    Levinus plauderte schon deshalb, um sich dem Jagdhumor zu entziehen, der auf
der Fahrt vom Schloss Münnichhof und hier bei dem Halloh der ersten Begrüssung
sich auf seine Kosten zu entwickeln begann. Man fragte ihn, welche Nummer seine
Brille hätte, wie viel Wild er heute würde am Leben lassen, ob er es unter einem
Sechszehnender tun würde und so fort in jenem jagdüblichen Schrauben, das bei
allen schon in vollem Gange war ...
    Ich kenne euere Pfiffe! rief Onkel Levinus. Ihr wollt uns nur sicher machen
durch euere schlechten Witze! So wild werd' ich darum doch noch nicht, dass ich
mich vor Zorn mit dem ersten besten Stand begnüge, der mir angewiesen wird! Das
ist so eine Ihrer bekannten Finten, Graf Münnich, uns im Spass alles übersehen zu
lassen! Wir Landesoberjägermeister kennen das!
    Man befand sich auf einer mitten im Walde liegenden Fläche, die auf einige
hundert Schritte weit von Knieholz unterbrochen wurde und sich zur Aufstellung
einer doppelten Schützenreihe, auf jeder Seite zwanzig, hinter Busch und Baum,
vortrefflich eignete. Eine Freifrau von Stein, die schon vom Schloss mitgekommen
war, liess sich in einem Tragsessel von zwei Bauernburschen ins Holz tragen; eine
schon bejahrtere Frau von Böckel-Dollspring-Sandvoss watete selbst durch den
Schnee mit Wasserstiefeln, die ihr bis an die Kniee gingen ...
    Die Wagen waren inzwischen nicht weit vom Eingang in den Forst
zurückgeblieben ...
    In der Ferne und immer näher kommend hörte man schon ein Rasseln und
Schlagen in den Büschen und der Oberförster versicherte, es wäre die höchste
Zeit, die Posten einzunehmen ...
    Noch war keine rechte Einigkeit da, denn Terschka fehlte. Alle spähten nach
ihm; nicht bloss Onkel Levinus, nicht bloss Benno und Tiebold, die hinter zwei
mächtigen Erlenbäumen, die gabelförmig aus der Erde geschossen, zusammenstanden,
Platz genommen hatten ... Terschka's Jagdkunst schien allen bestimmt, den Preis
zu gewinnen ...
    Da er ausblieb, wollte man beginnen ...
    Der Onkel bedeutete die Signalisten und rief:
    Diese Eile ist wieder nur eine euerer verdammten Finten! Statt mit Vorsicht
und Bedacht die Plätze anzuordnen, wird nun alles mit Hast übers Knie gebrochen!
Schweigt! Schweigt! sag' ich. Die verdammten Intriguanten haben alles
abgekartet!
    Endlich hörte man nur noch Ein Signal blasen; es kam aus der Ferne ...
    Das wird Terschka sein! hiess es ...
    Terschka kam in der Tat auf einer Jagdchaise dahergebraust und schon vor
ihm - allgemeiner Jubel! - zogen im erweichenden Schnee drei Wagen voll
Heiligenkreuzer Stiftsdamen, die eben Terschka einholen wollte ...
    Das war ein Grüssen jetzt und Rufen und Lachen und Spotten ... Aus dem Gewirr
der Regenschirme und Pelze und Schleier entwickelten sich zwei Jägerinnen,
Fräulein von Merwig und Fräulein von Absam ... Und nun ertönte plötzlich noch
eine Salve von Bravis und schallendem Händeklatschen ... Noch eine dritte
Amazone sprang vom Wagen ... Es war Armgart von Hülleshoven.
    Tiebold und Benno trauten ihren Augen nicht ... Sie riefen zum Erstaunen
des Onkels diesem hinüber und jetzt nicht im mindesten zu dessen Schrecken ...
Levinus dachte nur an sich ... Seine Stimmung wurde immer wilder und (vor
Furcht) kühner: er lobte Armgart und verdammte alle Stubenhocker ...
    Benno und Tiebold betrachteten sich mit stockendem Herzblut ... Es war
Armgart ... Armgart, die trotz ihrer gestrigen Tränen aus dem einen der drei
grossen offenen Omnibus, der mit den andern zum Schloss Münnichhof weiter fuhr,
heraussprang und von Terschka's Armen aufgefangen wurde ...
    Sie trug einen blauen engen, gefütterten Tuchrock über einem grauseidenen
Kleide, einen grauen runden Hut mit wallendem blauen Schleier, dunkle Handschuhe
und einen carrirten blau-grün-roten Plaid rings um ihre Schultern geworfen ...
    Ihr Antlitz war geisterblass ... Ihr Ausdruck, ihr Lächeln liess ihre zwei
weissen Zähnchen blinken, wie immer, wenn sie träumerisch abwesend war ... Sie
grüsste Niemanden, blinzelte nur zu den beiden weissen Erlen hinüber, wo Benno und
Tiebold standen, und ging wie ein Opferlamm willig dortin, wohin sie Terschka
stellte ... Ihr ganzes Wesen war gebunden, ihr Wille, des Menschen edelste
Kraft, lag vor dem Altar der Gottesmutter ... Das ist die katolische Macht des
»Gelübdes«.
    Der Onkel rief ihr ein Willkommen zu und allerdings sprach er noch drohend:
    Na ja! Ich dachte mir doch gleich so etwas! Das wird schön werden - mit der
Tante! Jetzt nur Vorsicht! Vorsicht, Herzenskind!
    Benno sagte voll Grimm und Verzweiflung zu Tiebold:
    Eine förmliche Erklärung wird das heute! Eine öffentliche Vorstellung vor
der Gesellschaft! Sehen Sie nur, wie alles flüstert!
    Auch Tiebold »war im Begriff, ausser sich zu geraten«; aber hinter jedem
der Jagdteilnehmer stand ein Jäger und bediente das Schiesszeug - man musste
etwas vorsichtig sein und tat besser, zu schweigen ...
    Pancraz! rief aber auch Terschka wild auf und ein Jägerbursche, in der grün
und gelben Livree der Dorstes, sprang hinzu und bot Armgart die Flinte, offenbar
schon im Einverständnis und nach gestern Abend mit ihr getroffener Verabredung
...
    Sie nahm sie, wie wenn ihre Hand aus einer Urne ein Todesloos zog ...
    Trara! Trara! Trara! begann es jetzt überall und Halloh! Halloh! An die
Plätze! rief man ...
    Nun lief alles und stellte sich erwartungsvoll ... Der mittlere Plan war
leer ... Zwei Jägerreihen zogen sich vierhundert Schritt entlang ... Am
äussersten Ende stand der immer laut perorirende Landrat ... Ein Rascheln, ein
Knacken hörte man jetzt ... Siehe da! Fünf Hirsche brachen aus der rechten
Flanke des Quarrés, das die Gesellschaft bildete ... Die Hunde, die noch an der
Leine gehalten wurden, winselten ... Die Tiere standen noch Keinem schussrecht
...
    Da plötzlich ruft eine Stimme - es war die des Grafen: - Tire haut!
    Tire haut? ... Alles lachte ...
    Der Lärm der Treiber hatte die gefiederten Bewohner der Baumkronen in
Aufregung gebracht, aber der Onkel hatte ganz Recht, als er heftig lospolterte:
    Was sind das für Sachen! Dieser verdammte Münnich! Nur die Aufmerksamkeit
will er vom laufenden Wild ablenken durch die Vögel, die heute gar nicht in
Betracht kommen! Es sind nur Flederwische da oben!
    Doch über ihn her viel Schnee von einem abstiebenden Auerhahn ...
    Pancraz sagte: Herr Baron! Oben »steht Alles ein«!
    Während Armgart über den technischen Ausdruck von »einstehendem« Geflügel
vom Onkel eine Belehrung zugeflüstert bekam, erscholl es Piff! Paff! ... Von
allen Seiten ... Vier Hirsche lagen; der fünfte war durchgebrochen ...
    Aber auch der Auerhahn stürzte herab ... Diesen hatte Terschka geschossen
...
    Darüber gab es Verwirrung genug. Man hatte nun die Hunde losgelassen.
Verwundet war das fünfte Tier entflohen. Auf dem Schnee sah man die
Schweissspuren. Einige Hundert Schritt von der andern Flanke der Pläne, die man
bestand, stutzte der Hirsch, machte, von den Treibern der andern Seite
empfangen, Halt und wandte sich zurück. Nun stellte ihn die Meute und der
Zunächststehende war berufen, das Tier zu schiessen ...
    Es waren gerade Benno und Tiebold ... Tiebold, »vorwitzig, wie auch nur
ich sein kann«, schoss - schoss fehl ... Jetzt legte Benno an - wollte losdrücken
... Paff! Im Nu schon sank das Tier, von einer Kugel getroffen, die vom
äussersten Ende der Jagdreihe kam ... Der Landrat hatte geschossen ... Aus einer
Entfernung, wo ihm zum Schuss jede Berechtigung fehlte ...
    Darüber gab es denn einen gewaltigen Lärm ... Diese Anmassung war gegen alle
Regel ... Die Kugel hätte fehltreffen, Jemanden verwunden, tödten können ...
    Zornig schrie man durcheinander ... Dem Onkel wurde es immer wirrer zu Mute
... Das fortgesetzte Knallen der Büchsen - an andern Orten brach neues Wild
durch - die Nähe der Schiessstände, das Pfeifen der Kugeln, Armgart's ihm jetzt
doch »tollkühn« erscheinende Anwesenheit, alles mahnte zur Vorsicht und in
leibhafter Gestalt sah er Tante Benigna neben sich, die mit den ängstlichsten
Warnungen ihn beschwor, sich um aller Heiligen willen in keine Gefahr zu begeben
... Jetzt auch bemerkte er die geheimen Instructionen, die sein Leibschütz
Soetbeer mitbekommen ... Hätte Soetbeer vor dem jetzigen Durcheinander etwas von
»Fusssack« merken lassen, würde der Onkel es ihm schön gegeben haben; nun, in dem
Geknatter und dem Pulverdampf, liess er alles zu seinem Besten geschehen ...
    Ein Rehbock kam mit zwei Riekchen und ging dicht an ihm vorüber ... Der
Rehbock kam erstaunt und nicht einmal besonders geängstigt »dahergestapelt«, wie
Fräulein von Merwig rief - die Familie des Fräuleins hing nach dem Onkel
unfehlbar mit dem Geschlecht der alten Merovinger zusammen - der Bock schien zu
wissen, dass wenigstens die beiden Rieken, die ihn begleiteten, sonst vor dem
Schusse sicher sind, da man Weibchen nicht schiesst; es galt aber einen
Vertilgungskampf. Unter dem Beileid der kunstgerechten Jäger brachen auch diese
zarten Tierchen zusammen und mit so vielen Kugeln, dass sich darüber neuer
Streit erhob ...
    Armgart war schon in fieberhafter Erregung gekommen ... jetzt stand sie
zitternd und hielt sich an Terschka, der nach dem Meisterschuss auf den Auerhahn
nicht mehr schoss und nur links und rechts spähte, vorzugsweise hinüberschielend
auf Benno und Tiebold ... Benno gehörte plötzlich zu den wildesten Jägern ...
Jede Ladung suchte er so schnell wie möglich los zu werden ... Tiebold bat ihn
wiederholt, sich zu mässigen ... Nach seinem Fehlschuss hatte er die Courage
verloren ... Armgart kam ihm vor, sagte er, als wollte sie das Ziel aller Kugeln
sein ... Und doch schien sie ein überirdischer Geist, den keine Kugel treffen
konnte ...
    Inzwischen fuhr der Landrat fort, eine Unvorsichtigkeit nach der andern zu
begehen. Eine seiner Kugeln ging dicht am Handgelenk der Frau von
Böckel-Dollspring-Sandvoss vorüber ... Die Fräulein aus dem Stifte, ohnehin gegen
ihn tendenzgereizt, sprachen über den »tollen Mann« in Ausdrücken, die
keineswegs verrieten, dass auch sie zu den Dichterinnen im Stifte gehörten ...
    Auf der Jagd, in der Hitze des erregten Blutes, wählt man die Ausdrücke
nicht und so hörte der Landrat eine Beleidigung nach der andern ...
    Seltsam jedoch, er brach auf alles, was ihm von nahe und von fern zugerufen
wurde, in Gelächter aus ... Man würde ihn fortgewiesen haben, wenn nicht jetzt
auf ein gegebenes Signal der Stand geändert worden wäre, um mehr ostwärts zu
ziehen. Dem Oberförster am des Wildes zu wenig ... Auf Rechnung des Windes
schrieb er's ... Nun trat alles aus den Büschen hervor und zog weiter ...
    Onkel Levinus aber war entschieden dafür, dass man erst den Mann entfernte,
»durch den hier heute noch ein Unglück entstehen würde« ... Alle die, welche
schlecht geschossen hatten, unterstützten seine Meinung ...
    Meine Damen! rief der Landrat im Dahinwaten über die Pläne, wo inzwischen
schon das gefallene Wild von dem dazu bestimmten Jagdpersonal schnell
ausgeweidet wurde ... Amor schiesst blind, immer blind und trifft doch! Haha!
Hier soll man bei offenen Augen die Kugel im Lauf behalten? Korn und Visir! Ein
Blinzeln von so schönen Damenaugen - und ich gehöre gleich zu den lumpigsten
»Schneidern«, die's nur geben kann - Meck! Meck! Meck! Meck!
    Die Amazonen, selbst die hinter Terschka einherschleichende und Benno und
Tiebold wie ihr Gewissen vermeidende Armgart nicht ausgenommen, waren
Kennerinnen der Jagd genug, um zu wissen, wie von ihm dies Meck! Meck!
spottweise gerufen wurde, weil schlechte Schützen »Schneider« genannt werden.
Fräulein von Merwig hatte den beständigen Beinamen des »Fräuleins von
Anflicker«, den sie von ihrer Leidenschaft für die Jagd und ihrer geringen
Trefffähigkeit fürs Leben zu behalten fürchten musste. Doch schon aus dem Aerger,
den sie über diesen Spottnamen empfand, konnte man sich denken, wie verletzend
es wirkte, dass nun der Landrat allen Jagdgenossen unausgesetzt sein höhnisches
Meck! Meck! nachrief ...
    Die gutmütigsten Naturen können auf der Jagd, besonders wenn die Füsse kalt
werden und die Hände lieber in den Pelzhandschuhen stäken, als harrend am kalten
Lauf der Flinte, einen determinirten Anflug von Malice bekommen. Jetzt riefen
sogar schon die früher schweigsamern Stimmen: Ungebetene Gäste wirft man zur
Tür hinaus! Andere: Werft das Gescheite (das Eingeweide) in den Busch für die
Füchse! Andere wandten sich zu den Damen: Meine Damen, Sie sprechen von Amor?
Wir haben allerdings einen blinden Passagier unter uns!
    Graf Münnich wollte keinen Eclat und bot alles auf, den Frieden zu erhalten
...
    Darüber kam man an den neuen Stand, den der Oberförster bereits angeordnet
hatte. Es war wieder eine Pläne, hier rings nur von Tannendickicht umgeben ...
...
    Leider hatte sich der Oberförster verrechnet ...
    So lange man auch harrte, so lange auch die Treiber rasselten und mit ihren
Knütteln an die Bäume schlugen, keine »Pfote kam heraus« - zuletzt einen
einzigen Hasen ausgenommen, dessen Erscheinen ein allgemeines Gelächter erregte
...
    Lampen schoss in natürlicher Grossmut als zu geringfügige Beute Niemand,
sondern durch die Stände hindurch wurde der Geängstete hin- und hergewiesen, bis
er den Damen fast so nahe zugetrieben wurde, dass sie ihn an den Ohren hätten
fassen können ...
    Wieder störte der Landrat dies komische Intermezzo durch seinen aufgeregten
Eifer. Er schoss den Hasen dicht vor den Füssen Armgart's nieder und hätte diese,
die sich nichts gewärtigte, leicht verwunden können ...
    Darüber brach der Unwille der ganzen Gesellschaft in helle Flammen aus ...
    Armgart lag halb bewusstlos an einen Fichtenstamm gelehnt; die Flinte, die
sie, ohne zu schiessen, in der Hand gehalten, war ihr entfallen; Benno und
Tiebold waren auf halbem Wege ihr zu Hülfe gesprungen, ja setzten sich selbst
darüber dem nächsten Schusse aus ...
    Ueber alles das entstand eine Scene der höchsten Aufregung ...
    Sie mehrte sich, als der Landrat vorsprang und rief:
    Wer raisonnirt hier? Ruhe! Ich befehle! Ich!
    Jetzt stand er wutschäumend auf der Mitte der Pläne ...
    Ein gemeinsamer Ruf unterbrach ihn:
    Er ist verrückt! Haltet ihn! Bindet ihn!
    Wirklich schlug der tolle Mann um sich, drohte mit seiner Doppelflinte,
deren einer Lauf wahrscheinlich noch geladen war, und würde ein Unglück
angerichtet haben, wenn nicht Jemand hervorsprang, ihm die Arme zu halten. Man
hielt Benno und Terschka zurück, auf die Jäger rechnend. Eine leicht erklärliche
Scheu vor der ersten Verwaltungsbehörde der Gegend hielt die Nächststehenden
noch eine Secunde ohne Entschluss -
    Da teilten sich die Büsche und mit dem Rufe: Pax vobiscum! sprang mit
auffliegender Kutte ein Franciscanermönch auf den Plan, hielt mit einem Arm die
Flinte des Landrats und griff mit dem andern so geschickt beide durch die Luft
fuchtelnden Hände des ungeberdig Drohenden und Rasenden, dass dieser zwar mit
schaumbedecktem Munde sich fest und aufrecht erhielt, aber auch bewegungslos
verharrte, nur noch machtlos seinen Bändiger anstarrend ...
    Bruder Hubertus war es, der selbst weiland ein Jäger gewesen und den
entweder das Gebell der Hunde, das Knattern der Flinten oder Terschka's
Anwesenheit angezogen hatte - im Kloster hatte er sich vor wenig Stunden ihm zu
nähern gesucht und war von Terschka schnöde abgewiesen worden ...
    Die Gesellschaft, ausser sich über den Vorfall, umringte die Gruppe und rief
dem Mönch, der wie der bändigende Tod dastand:
    Bewachen Sie ihn! Führen Sie ihn fort!
    Ich will Ihnen Leute zurücklassen! rief Graf Münnich ...
    Der Mönch schüttelte den Kopf, sich verbürgend, er würde schon allein den
Unglücklichen in Sicherheit bringen ...
    Inzwischen bliesen auf ein gegebenes Zeichen die Hörner ... Schon zog sich
die ganze Gesellschaft in den dichtern Wald ... Armgart geführt von Tiebold -
Terschka war im Augenblick, da Hubertus erschien, verschwunden ...
    Still und stiller wurde es ringsum ... Die Signale nur hörte man, die den
Treibern die Veränderung der Stellung ankündigten und die von diesen fernher
wieder beantwortet wurden ...
    Ein einziger schreckenvoller Augenblick ... Jedermann eilte, ihm zu
entfliehen.
 
                                      14.
Wie in nächtlicher Waldeinsamkeit zwei kämpfende Hirsche sich ihre Geweihe so
ineinander gebohrt haben können, dass sie sich nicht mehr auseinander zu winden
wissen, die Kraft der Stirnen nachlassen fühlen und beide ermattet und zum
Sterben bereit, ja wie im Tode zuvor noch versöhnt, zu gleicher Zeit hinsinken,
so standen sich der Mönch mit dem Todtenkopf und ein Irrsinniger gegenüber ...
    Immer schwächer und nachgiebiger wurde der Widerstand des Wutschäumenden,
der barhaupt, ohne seine herabgefallene Mütze, dastand mit schweissbedeckter
Stirn. Zuletzt begann er, wie aus einem Traum erwachend, in Ohnmacht zu sinken
...
    Der Mönch fing ihn mit ungeschwächter Kraft auf. Er hielt ihn unbeweglich in
seinen Armen ... Kein Laut, keine Anrede kam aus seinem Munde ... Der Landrat
brach zusammen und verlor die Besinnung ...
    Einsamkeit ringsum ... Nur die düstern Tannen stille Zeugen des
schreckhaften Auftritts ...
    Beide Männer auf dem schmelzenden Schnee stehend ... Hubertus in Sandalen,
der Nässe und Kälte nicht achtend, der Rittmeister mit Kot bespritzt bis zur
Achsel ... Ein Gegensatz zu dem sich weitab verziehenden Lärm der Jagd, zu dem
Knallen der Büchsen, zu dem Bellen der Hunde, zu dem noch jeweiligen
Durchbrechen des Wildes, das scheu und stutzend hielt, der den Mut und die
Geistesgegenwart eines Helden herausforderte ...
    Den Arm des Landrats liess der Mönch noch immer nicht. Er wollte ihn, wenn
er zur Besinnung kam, verhindern, zu entfliehen und der Gesellschaft wieder
nachzurennen; denn dass er mit einem Mann zu tun hatte, der das Licht der
Vernunft verloren, hörte Hubertus bald an dem, was der Unglückliche allmählich
zu sprechen begann ...
    Ich bin der Landrat -! sagte er erwachend ...
    Wohl! Wohl! Herr von Enckefuss! flüsterte der Mönch mit milder und
beruhigender Stimme ...
    Nehmen Sie sich vor mir in Acht! Ich kenne Sie sehr wohl! fuhr der
Rittmeister nach einer Weile fort ...
    Grosse Ehre, Herr Landrat!
    Sie sind der Doctor Klingsohr!
    Pater Sebastus jetzt!
    Wie konnten Sie sich unterstehen, mich von meinem Freunde - Wittekind
fortzuschicken? Das war ja mein bester, einzigster Freund! Und der - wollte doch
sonst das Pfaffengesindel nicht! Lass mich, Kapuziner!
    Der Mönch bedeutete den Rittmeister, der den Grafen Münnich mit dem
Kronsyndikus verwechselte, auf dessen Jagden er früher den Matador gemacht, mit
nickenden Zustimmungen ...
    Nicht wahr? Ich bin eingeladen? fragte jetzt der Landrat kleinlaut ...
    Diese Worte wiederholte er öfter und mit Pfiffigkeit und fuhr dann stolz
fort:
    Mein Vater hat die Schlacht bei Belle-Alliance gewonnen! Sagst du auch:
Wellington? Landesverräter! Man muss euch hier alle niederschiessen! Alle! Eher
kommt keine Ruhe und kein Patriotismus ins Land!
    Beide gingen dabei schon fürbass ... Manchmal noch rangen sie, manchmal
zankend, manchmal beruhigt still stehend ... Der Mönch ermüdete nicht, durch
Eingehen auf die Vorstellungen des kranken Mannes ihn zu besänftigen ...
    Der Tobende rief:
    Ich werde euch zeigen, welche Verwandte ich habe! Ihr sollt euch wundern,
wer meine Protection ist! Der König hat schon mehr als dreissigmal mit mir
gesprochen! Betteln kann ich so gut wie andere, aber - ich gebe keine fünfzig
Procent! Auf Spiel, da steht jetzt Strafe ... Haha! Tangermann! Zimmer 15!
Leutenant von Barnekow und Rittmeister von Enckefuss - nehmt euch in Acht!
Rittmeister a. D. ... Ade! ... Soll ich denn mit Gewalt ein Müller werden?
    Dies letztere Wort sprach der Verwirrte plötzlich fast weinerlich ...
    Ermuntert zur Nachgiebigkeit wurde er durch den Zuspruch des greisen Mönchs,
der bald die Milde, bald die Energie selbst war, ihm in allem Recht gab, ihn in
dem Glauben bestärkte, dass er der vornehmste, geachtetste und arrangirteste Mann
der Provinz wäre und doch wieder festielt, wenn er ungeberdig um sich schlug
... Hedemann, sagte Hubertus, das, das wäre ja der Müller, aber auch noch ein
Oberst könnte hier ein Müller werden, setzte er plaudernd hinzu ...
    Fehlte irgendetwas, um dem in seinem Wesen einfachen, ja trotz seiner Kraft
kindlichen Mönch das Vertrauen des Unglücklichen zuzuwenden, so war es die
Erwähnung seines Sohnes ...
    Auf das Kichern und Lachen, mit dem der Landrat ein Dutzend mal auf die
Erwähnung des Obersten hintereinander: Papiermüller! Papiermüller! rief, hatte
er einen uneröffneten Brief hervorgezogen und stolz gerufen:
    Na da kuck' einmal! Das ist von meinem Sohn!
    Von Ihrem Herrn Sohn? hatte kaum der Mönch wiederholt und von seiner letzten
Reise her dessen hoffnungsvolle Carrière gerühmt, so leistete der Landrat
keinen Widerstand mehr, sondern ergab sich ruhig, folgte und sprach, auf den
Brief deutend, mit Behagen:
    Ja, mein Sohn, der ist in drei Jahren Minister! Den Adlerorden, den hat er
schon - er darf ihn nur noch nicht zeigen! Alles weiss mein Junge ... Und wenn du
schweigen kannst, Pfäffchen, sollst du hören, was mir mein Sohn geschrieben hat!
Das ist die Handschrift, die an ihm der König so sehr liebt! Sein König! ... Das
kennt ihr hier zu Lande gar nicht, was es heisst: Mein König! ... »Helft Leute
mir vom Wagen ab« (sang er mit leiser Stimme), »mein König trank daraus!« ...
Lies, Alter, und siehst du, der Bindestrich immer wie ein Grundstrich und der
Grundstrich immer wie ein Bindestrich ... Das hilft nun nichts! Etwas Apartes
muss der Mensch haben!
    Mit der feierlichsten Würde seine Autorität behauptend öffnete er den
vielleicht kurz vor dem Verlassen seiner Wohnung empfangenen amtlichen Brief und
liess, während er ihn vorlesen wollte, den Mönch mit einsehen ...
    Nicht dass der Alte in der braunen Kutte neugierig war ... Ihm genügte, dass
diese Gedankenreihen den Wahnwitzigen zerstreuten und dass er hoffen konnte, ihn
so allmählich zum Meyer von Borkenhagen, dem nächsten Ort, zu führen, wo er
gedachte ein Fuhrwerk anspannen zu lassen, um den Kranken nach Witoborn in seine
Wohnung zurückzubringen ...
    Plötzlich aber fiel ihm in dem Briefe, der eiligst und offenbar unter dem
Siegel amtlicher Verschwiegenheit geschrieben war, ein Zeichen auf, vor dem ihn
Schauder ergriff ...
    War in dem Briefe - von ihm selbst die Rede? ...
    Stammer (der als der Jagd unwürdig am fernen Waldrand bei der Wagenburg
geblieben war) hatte an jenem Abend im Finkenhof Recht gehabt - Hubertus trug
jenes bekannte Verbrecherzeichen auf seinem fleischlosen Arme ... Was sollte das
jetzt -? Er sah dies Zeichen abgebildet in diesem Brief ...
    Der Landrat hielt, wie ein Fernsichtiger, den Brief so weit von sich
zurück, dass Hubertus während des Vorlesens mit einsehen konnte ...
    Aber merkwürdig, der Irrsinnige las etwas völlig Anderes, als was im Briefe
stand ...
    Nur die Ideen las er aus ihm heraus, die in seinem Kopfe lebten, während
Hubertus sogleich bemerkte, dass der Inhalt ein hochwichtiger und ihn persönlich
betreffender war ...
    Der Landrat las: Lieber Vater - die Canaillen helfen einmal nicht - Dieser
Kattendyk ist und bleibt ein Esel - Nück hat Dir den Tod geschworen - Deine
Widersacher triumphiren! Halt' aber aus, bis ich ans Ruder komme - Dann kann es
mir und Dir nicht fehlen und Du zahlst es auch dem Präsidenten heim, gegen den
Du viel zu lange zu stolz gewesen bist! - Warum lässest Du Dir Dein Schweigen
nicht bezahlen? Warum schonst Du Räuber und Mörder und tust es umsonst? Weil Du
zu stolz bist? Ha! Cavalier vom Tschako bis zum Sprungriemen! Lernt uns von Anno
13 kennen, einen Rittmeister von den braunen Husaren! Landfriedensbrecher! Ihr
Römlinge! Die Cocarde erkenne ich euch ab! ... Auf die Jagd bekommst Du Deine
Karte so gut wie hier jeder andere von Distinction! Monsieur le Baron
d'Enckefuss est invité à la chasse!
    Mit dem Brief salutirte der Rittmeister an seiner wachsledernen Mütze, die
Hubertus ihm von der Erde genommen, dann getragen und allmählich aufgesetzt
hatte ... Seine schwarzen Augen funkelten, die rote Nase glühte, die Tusche
seiner Gesichtsfarbe hatte sich im Regen verwischt und floss um den jetzt in
seiner Grauheit sich verratenden Bart. Jeder, der im Walde dahergekommen wäre
und hätte die beiden schreckhaften Gestalten gesehen, wäre bebend zurückgewichen
...
    Aber auch Hubertus hätte sich jetzt an dem Wankenden halten mögen ... Sein
Geist war mächtig in der Kraft des Willens, nicht in der Combination ... Erst
ohne Verständnis blickte er in die Schrift, die ihm der Landrat entgegenhielt,
bald aber las er im klarsten Zusammenhange, die Pausen des Landrats nutzend,
Folgendes:
    »Lieber Vater! Eine Nachricht von Wichtigkeit, die ich Dir persönlich
mitteile, damit Du Dir ganz allein das Verdienst dieser Entdeckung erwirbst und
die Kränkungen, die der Parteigeist über Dich verhängt, durch Deine Tätigkeit
beschämen kannst! Ein Verbrecher, der zwanzig Jahre in Frankreich auf den
Galeren lebte, ist in unsere Gegend gekommen und hat sich sogleich bei seinem
ersten Auftreten in seiner ganzen Gefährlichkeit gezeigt. Auf einem Kirchhof hat
er einen Sarg erbrochen. Ein halbes Jahr hat er dann verstanden, sich in unserer
Stadt an einem noch unbekannten Orte verborgen zu halten. Bei den Unruhen, die
noch täglich in unserer Stadt über die Verhaftnahme des Kirchenfürsten sich
wiederholen, wurde auch er bemerkt und ohne Zweifel steht er im Solde Nück's,
dieses verschlagenen, heimtückischen Menschen. Hammaker, der uns allerdings seit
Jahren das Nück'sche Treiben beaufsichtigte, wollte erfahren haben, dass dieser
Kerl in Eure Gegend gehen würde, um daselbst etwas auszuführen, was Hammaker
nicht zu wissen behauptete. So viel weiss ich, dass Jean Picard oder Jan Bickert
(Hubertus stockte im Lesen und hielt sich an den vorstehenden Zweigen eines
Busches) auf dem Wege in Eure Gegend ist, reich ausgestattet mit Geld. Suche auf
Grund des nachfolgenden Signalements hinter eine mögliche Verkleidung zu kommen:
Jean Picard ist gegen fünfzig Jahre, spricht schlecht deutsch, gut französisch,
holländisch, hat mittlern Wuchs, rötliches Haar und eine stark orientalische
Physiognomie. Auf seinem linken Arm befindet sich das Zeichen der französischen
Galeren T.F.; auch soll sich, wie von der Verwaltung der Galeren in Brest
geschrieben wurde, der holländische Verbrecherstempel (Hubertus starrte der
Abbildung des Zeichens) auf ihm eingebrannt finden. Schliesslich mach' ich Dich
aufmerksam, dass auch soeben in grösster Eile von hier eine Dir vielleicht von
früher her nicht unbekannte Dame Lucinde Schwarz auf Witoborn gereist ist.
Beobachte die Schritte derselben! Um so mehr, als ich vermute, dass ihre
plötzliche Abreise im Zusammenhang mit irgendeinem wahrscheinlich auf Nück's
Anstiften bezweckten Unternehmen des Jean Picard steht. Lucinde Schwarz wird Dir
dicht in der Nähe sein und bei einer Frau von Sicking wohnen, an die sie von
hier aus empfohlen ist. Beobachte sie und ihren Umgang und lass besonders das
Schloss Westerhof bewachen, da ich eine Ahnung habe, dass sich gerade dort etwas
ereignen könnte, was nicht in der Ordnung ist! Lieber Vater, in Eile ... Dein
treuer Sohn E.«
    Schon auf eine blosse Anerkennung der vortrefflichen Handschrift des Briefes
hin konnte der Mönch ihn ganz an sich nehmen und behalten ... Seine knöcherne
Hand zitterte, als er den Brief in seine Kutte steckte ... Er, der sonst so
schnell Gefasste, hatte die Besinnung verloren ...
    Denn seit Monaten suchte er ja zwei Menschen, deren Andenken ihm in dem
Augenblick aufs lebhafteste entgegengetreten war, als er die Anzeige erhielt,
eine ermordete Frau hätte ihm ein Vermögen von zwanzigtausend Talern
hinterlassen ... Längst hatte er der Erinnerung an jene Entsetzliche sich
entwöhnt ... Sein Leben lag ihm nur noch im flüchtigen Augenblick ... Nur in
Gesprächen mit dem Pater Sebastus tauchte zuweilen ein altes buntes Bild
verklungener Tage auf ... Sebastus sagte noch kürzlich in seiner Krankenzelle zu
ihm: Hubertus! Sie müssen in Java gelernt haben Liebestränke brauen! Gewiss hatte
die Frau einen Trank von Ihnen gekriegt! Denn zeitlebens dachte sie nur an Sie
und ich will nicht hoffen, fuhr Sebastus fort, dass Ihre Erbschaft das Ergebniss
einiger Giftmorde ist, in denen ihrerseits Frau von Buschbeck ihre Force gehabt
haben soll! ... Hubertus, hocherstaunend, lehnte die Antretung der Erbschaft
nicht ab ... Die grausame Zerstörerin seines Lebensglücks war durch die Hand
jenes Mannes gefallen, der ihn einst in jenen Convict begleitet hatte, wo er am
Pater Fulgentius ein so ernstes Strafgericht gehalten, indem er den, der den Tod
zu lieben vorgab, auch wirklich nicht verhinderte aus dem Leben zu gehen. Damals
noch war dieser hingerichtete Jodocus Hammaker ein junger Mann von Bildung, von
Talent gewesen, ein Mann von angenehmen, gefälligen Formen ... ... Wie, hatte er
gedacht, wie hatte ein solcher Mann so verwildern, so zum Mörder werden können!
... Das weckte ihm sein eigenes vergangenes Leben, eine Jünglingszeit, wo auch
er am schaudervollen Rande des Verbrechens so gefahrvoll für seine Seele
dahingeschritten ... Gedenkend des Tages, als er dem Mörder Jodocus Hammaker im
Klostergarten von seiner Vergangenheit, von seinem Sprung aus einem brennenden
Hause erzählte, kam ihm mit wehmutvollen Klängen die Erinnerung an die beiden
Kinder, die damals seiner Obhut anvertraut gewesen, diese Kinder, die Gott durch
ein Wunder, durch seinen Mut errettet wissen wollte, diese Kinder, von denen er
sich, als man ihn nach Java schickte, mit so bitterm Kummer seines jungen
Herzens getrennt hatte ... Wo mochten sie wohl sein? ... Das beschäftigte den
»seltsamen Heiligen« in seiner Klostereinsamkeit wie schon sonst seit Jahren, so
jetzt aufs neue und lebendiger denn je ... Was war aus ihnen geworden? ... Wie,
wenn sie im Elend, auf dem Weg des Verbrechens lebten? ... Er erhielt diese
ansehnliche Summe! Er mochte sie seinem Kloster nicht geben, seitdem der ihm und
allen verhasste Pater Maurus Guardian und sogar Provinzial geworden ... Wie,
dachte er, wenn ich das Geld annähme, meine alten Pflegebefohlenen zu entdecken
suchte und es ihnen zukommen liesse, falls sie's bedürfen sollten oder dessen
würdig wären? ... Diese Vorstellung erfüllte den Greis mit solcher
Lebhaftigkeit, dass er in der Einsamkeit der Klöster, auf den Wanderungen, die er
im Auftrag des Provinzials zu machen hatte, stündlich darauf zurückkam: Wo lebt
wohl Wenzel von Terschka? Wo Jean Picard? ... Vor einem halben Jahr hatte er auf
einer dieser Wanderungen die Nachricht über jene Erbschaft zuerst empfangen ...
Gerade war er in Ordensaufträgen in Belgien gewesen, ging nach Holland, kam eben
aus Gröningen zurück, hatte von Jean Picard nichts vernommen, als dass er nach
einer Reihe von Jahren von Brest fortkam und in Paris verschollen sein sollte;
von Wenzel von Terschka nichts, als dass er nach seinem Unfall in Amsterdam nach
der Schweiz und von dort nach Italien gegangen war ... Nun begegnete er
plötzlich vielleicht beiden! ... Hier! Hier - dem einen in einer vornehmen,
glänzenden Stellung! Dem andern auf dem längst von ihm geahnten Wege des
Verbrechens! ... Wenzel von Terschka war allerdings ein Name, der, wie er schon
gehört hatte, in Böhmen so häufig war, wie die Namen Wilhelm von Schulz oder
Heinrich von Schmidt in Deutschland sein könnten ... Aber die seltsame
Aehnlichkeit der Züge mit denen jenes Kindes, das er bis zum fünften Lebensjahre
gekannt hatte, als er an der einsamen Mühle des Müllers Sterz, dann bei einem
Scharfrichter zwischen Zütphen und Deventer mit den Knaben lebte ... Allerdings,
dieser vornehme Cavalier, der in so geheimnisvoller Weise heute mit dem Pater
Maurus eingeschlossen war - im einsamen Biblioteksaale des Klosters, der für
diesen Zweck eigens hatte geheizt werden müssen - dieser stand ihm keine Rede,
lehnte jede Frage nach seiner Geburt und Jugend und nach Angehörigen seiner
Familie ab ... Jetzt aber - wirklich Jean Picard! Der lebte! Lebte hier! ... Ein
Mann mit dem Verbrecherstempel, den er auf Terschka's linkem Arm bei der Jagd
hätte entdecken mögen ... Und um so mehr! Diesem Picard gesellte sich der Name
jener Lucinde, die er auf dem von ihm gemiedenen Schloss Neuhof selbst zwar nie
gesehen hatte, die er aber in allem kannte, was sie dem armen, gebrochenen Pater
Sebastus, dem weiland Doctor Klingsohr, so wert gemacht hatte und noch machte
... Auch sie in der Nähe! ... Sie, um derentwillen Sebastus noch jetzt in seiner
Strafzelle klagte ... um derentwillen er, vor seiner Rückkehr aus Holland, mit
einigen Fremden, die ihn besuchten, eine Flucht verabredet hatte ... Sie in
Verbindung mit Verbrechern! ... Unmöglich, unglaublich! ... War sie in der Tat
bei jener vornehmen Frau von Sicking, so beschloss er, soweit ihm die
Ueberraschung, soweit ihm die Sorge um den Kranken, den er führte, jetzt schon
einen Entschluss, den er zu fassen hatte, möglich machten, zunächst Lucinden
aufzusuchen, ihr diesen Brief zu zeigen, ihr nach Jean Picard Fragen vorzulegen,
ihr die Pflicht vorzuhalten, ihn jetzt zu unterstützen, soweit seine Kraft
reichte, Verbrechen zu hindern, in denen dieser Unglückliche nur zu heimisch zu
sein schien ...
    In solchen Stimmungen, solchen Aufregungen und Ahnungen gewaltiger Conflicte
mit seinem Klosterfrieden verlor er um den Kranken, den er führte, die Obhut,
und Sorge nicht aus dem Auge ...
    Das seltsame Paar hatte den Wald verlassen und entfernte sich von dem immer
mehr verklingenden Lärmen der Jagd ...
    So manches Reh war an ihnen vorübergesprungen ... In den kahlen Zweigen der
Bäume rauschte es von den aufgescheuchten Bewohnern derselben ...
    Schon war es Ein Uhr ... Die Jagd dauerte bis gegen Untergang der Sonne. An
einer bestimmten Stelle waren die Vorbereitungen zu einem Imbiss im Freien
getroffen. Vor fünf Uhr rechnete man nicht auf die dann im Schloss zu geniessenden
Leistungen der gräflich Münnich'schen Küche, während bis dahin die sich
ansammelnden Damen der Jäger von Püttmeier's Transparentbildern unterhalten
werden sollten ...
    Immer ruhiger, immer stiller und hinfälliger wurde der Landrat. Hubertus
musste bedacht sein, den Frierenden, fieberhaft Zitternden unter Dach und Fach zu
bringen ... Der Regen mehrte sich. Auf dem an manchen Stellen spiegelglatten
Boden war kaum noch fortzukommen ... Kaum hielt sich der Landrat noch aufrecht
... Hubertus musste mehr ihn tragen als führen ... Der Wille des Kranken, aus
Ueberreizung zur Ohnmacht Zusammensinkenden, Zähneklappernden äusserte sich nur
noch durch Zeichen ... Ein so unendlich wehmütiger Ausdruck war trotz der
entstellten und beschmutzten Gesichtszüge aus ihnen herauszulesen, dass man wohl
annehmen konnte, dem leichtsinnigen, ehrgeizigen Manne hatten die fortgesetzten
Kränkungen seines Ehrgefühls, die er nun schon seit Jahren und besonders seit
den letzten Monaten erfuhr, das Herz gebrochen.
    Der dem Walde nächste Kamp war dem Mönche als der armseligste in ganz
Borkenhagen bekannt ...
    Hier wohnten jene im Kirchenbann befindlichen Aeltern Hedemann's ...
    Dass gerade auch der Landrat es gewesen, der diese mit ins Elend gebracht
hatte, wusste Hubertus ...
    Er sah sich in der Gegend um ... Niemand war da, der ihm den ohnmächtigen
Mann abnehmen und in ein Obdach tragen konnte, das er als Angehöriger der Kirche
nicht betreten sollte ...
    Er wagte jedoch die Sünde auf Rechnung der vielen, die er bald zu beichten
haben würde, wenn er fortfuhr nach den Eingebungen zu handeln, die nun plötzlich
durch Nennung des Namens Terschka und den Brief, den er in seiner Kutte trug,
seinen ganzen Menschen erfüllten ...
    Eine kleine Anhöhe ging es hinauf, die zu dem Erbe Hedemann's führte, zu den
Alten, die für die Bestellung desselben seit Jahren nichts mehr getan hatten
...
    Da lag ihnen schon das Staket, das sonst das wie tief in die Erde gekrochene
Haus einfriedigte, in einzelnen Teilen im Wege ... Am Brunnen, den kein Stroh
vorm Erfrieren des Wassers schützte, lagen die Eimer leck oder eingefroren ...
Eine Leine hing von einem der wenigen noch umstehenden Bäume zum andern; einige
weisse Fetzen an ihr, aussehend vor Frost wie Vogelscheuchen, die gespenstisch im
Winde flatterten ... Aus dem Hause drang ein blauer stickiger Qualm. Die Tür
stand offen; ein Birkenstamm versperrte den Eingang, der vor Rauch kaum zu
gewinnen war ... In der Küche am Herd sassen auf dem im Kamin brennenden Baum die
beiden Alten. Hedemann's Mutter spann, der Vater schnitt Dauben und Klammern -
ein Erwerb, den er auf Drängen des Meiers ergriffen, als der Sohn in der Fremde
nicht ahnte, wie übel es mit den Aeltern stand; ein Erwerb, den er fortsetzte,
obgleich er nun es nicht mehr nötig hatte; ein Verlassen oder Verbessern ihres
Kamps konnte Hedemann zwar ebenso wenig bewirken, wie ihnen eine Bequemlichkeit
durch eine Magd oder einen Knecht anbieten ... am Nötigsten aber fehlte es
ihnen nicht mehr ...
    Der Mönch wusste schon, dass er keinen Gruss bekam, dass ihn ein dumpfes Murmeln
hinwies, sich das zu nehmen, was er begehrte ...
    Selbst der ungewohnte Anblick, ein Mönch, der einen kranken vornehmen Herrn,
den Landrat selbst, hereintrug und auf einen Futterkasten setzte - der Landrat
fieberte und war besinnungslos - nichts konnte diese Leute aus ihrer welt- und
menschenscheuen Fassung bringen ... Die Alte spann, der Greis schnitt seine
Dauben ...
    Hubertus fand jedoch Hülfe ...
    Wie er an den Herd gehen wollte, um den grossen Kessel abzuhenken, in dem
sich immer in diesen Bauernhäusern das heisse Wasser befindet (er hoffte Butter
und etwas Brot zu finden, um dem Kranken eine Suppe zu bereiten), bemerkte er in
der gespenstischen Stille eine dritte Person in der Ecke des Kamins. Ein Mann
sass da, über ein Buch gebeugt, in dem er las. Wie aus einem Traum erwachend fuhr
der Leser auf und sah erst jetzt, was während seiner Zerstreuung geschehen war
...
    Den Landrat erkannte Remigius Hedemann sogleich; denn dieser war es, der
hier bei seinen Aeltern gesessen und inzwischen in seiner Lectüre sich nicht
hatte stören lassen ... Er las in einer italienischen Bibel ...
    Was ist das? fragte er, sich erhebend und voll Staunen den Rittmeister von
Enckefuss betrachtend. Hat der Landrat ein Unglück gehabt?
    Der Mönch erklärte in Kürze den Zustand des Leidenden und bat, sich seiner
annehmen zu wollen ... Er wollte indessen, nach weiterer Besinnung, lieber
zurück auf Münnichhof und den Diener des Landrats rufen mit einem Wagen, der
den Unglücklichen nach Witoborn in seine Wohnung führen könnte ...
    Nun half Hubertus dem unerwarteten Beistand, den er gefunden, um den
Besinnungslosen auf ein Strohlager zu tragen ...
    Sein Auge fiel dabei auf das starke Buch in kleinem Format. Er hielt dessen
Sprache für Latein und drückte sein Erstaunen aus über die Gelehrsamkeit, die
Hedemann aus Amerika mitgebracht ...
    Da ist es kein Wunder, sagte er, dass Ihr in Witoborn Papier machen wollt!
    Lächelnd erwiderte Hedemann:
    Tut Busse und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen!
    Im Anordnen des Ruhelagers erwachte der Landrat, besann sich jedoch weder
auf die Lage, in der er sich befand, noch auf die Personen, die ihn umgaben.
Seinen Bedienten verlangte er und seinen Pudel. Den letztern sah er deutlich vor
sich und lachte, wie kahl er den Kerl geschoren hätte ... Er hielt die Finger
spielend in die Höhe, als liesse er die Flocken durchgleiten, die er dem Tier
kürzlich weggeschnitten ... Es waren die bekannten Geberden eines Sterbenden ...
    Hubertus versprach, Hülfe so schnell wie möglich zu schicken ... Tut wohl
euerm Feinde und so ihn hungert, speiset ihn! sagte auch er mit Bibelworten, das
Verhältnis des Landrats zu dieser Hütte andeutend ... Zu seinem eigenen
Nachteil hatte ja der leichtsinnige Landrat diese Leute einst in ihrem
patriarchalischen Glauben an die Heiligkeit des geweihten Priestertums irre
gemacht ...
    Hedemann nickte diesem Wort, warf einen Blick auf die Kleidung des Mönchs
und sagte, zunächst wohl nur mit einer Andeutung des Kirchenbanns, in dem seine
Aeltern lebten:
    Darin sind wir ja einig! ...
    Der Landrat blieb bei seinen Feinden ... Hedemann pflegte den Sterbenden
und gedachte jenes Tags nicht mehr, wo ihn und Porzia Biancchi dessen Sohn
beleidigt hatte im Wirtsgarten der Landstrasse von Sanct-Wolfgang nach Kocher am
Fall ...
    Seine Mutter spann; sein Vater schnitzelte Dauben ...
    Während Hubertus, beruhigt jetzt über das nächste Schicksal des Landrats,
dessen Diener und Wagen auf Schloss Münnichhof zu suchen eilte und überlegte, wie
er in Witoborn es versuchen wollte, sich bei Frau von Sicking einzuführen;
während er überlegte, wie er Schloss Westerhof umspähen, Jean Picard entdecken,
ihn vielleicht an einem Verbrechen hindern sollte - hatte sich auf Schloss
Münnichhof immer zahlreicher jener Kreis der Damen gemehrt, die gleichfalls von
Runen und von Zeichen, gleichfalls von Kreuzen und von Rädern sich ergreifen
lassen wollten, freilich in einem andern Sinne, als der unbekümmert um Schnee
und Regen dahinschreitende, tief den Todtenkopf in seine braune Kapuze hüllende
gute alte Laienbruder ... Die Simultankirche, worin wir alle zu Einem Gott
beten, war in einer Bauernhütte geweiht durch Nächstenliebe und vielleicht im
Schloss des Grafen durch einen Denkergeist?
    Doctor Laurenz Püttmeier erschien gegen drei Uhr auf Schloss Münnichhof so
feierlich, wie wenn er die erste Vorlesung auf dem endlich ihm überlassenen
Lehrstuhl Hegel's zu halten gedächte ...
    Noch kunstvoller als neulich hatten die Musen und Grazien von Eschede die
Schleife seines weissen Halstuchs gebunden ...
    So gründlich rasirt war er, dass man der Meinung hätte sein können, die Natur
hätte ihn in das Geschlecht der Blaubärte versetzen wollen; denn offenbar war er
mit dem frisch rasirten Kinn in die Kälte gegangen, wovon der Mensch bekanntlich
blau wird ...
    Auf der sauber gefältelten Hemdauslage strahlte eine echte Brillantnadel;
die weisse Weste, obgleich etwas gelblich durch zu langes Kommodenliegen, war mit
einer schweren Uhrkette garnirt ... Die elegantesten gelben Handschuhe, die nur
in Eschede waren aufzutreiben gewesen, sassen, wenn auch mit etwas zu langen
Fingern, doch das Feierlichste versprechend, auf seinen Händen, die heute das
Ewige, das Unergründliche hinter ölgetränktem Papierrahmen sichtbar und
anschaulich machen wollten ... Alles was der Doctor jener Curatel, unter der er
stand, hatte abtrotzen können, schmückte ihn heute, auch der grosse Siegelring
mit einem prächtigen Karneol, der freilich unter dem Handschuh etwas die Naht
gesprengt hatte ...
    Von einigen zwanzig vornehmen Damen wurde er mit jenem ironischen Lächeln
begrüsst, das die vornehme Weltbildung dem der höhern Lebensformen ungewohnten
Gelehrten immer bereit hält. Indessen war dies Lächeln, wenn auch satyrisch,
doch nicht boshaft. Man liess die hohe Wissenschaftlichkeit des Doctors um so
mehr gelten, als man ja in ihm eine eigentümliche, unter den besondern
Bedingungen dortiger Landschaft stehende Denkergrösse besass. Seine matematische
Philosophie interessirte Jung und Alt in den gewählten, hier die übliche
Landstrasse deutschen Dichtens und Denkens gänzlich vermeidenden Kreisen und er
schätzte sich glücklich, heute einen kurzen Ueberblick seines Systems den
vornehmsten und angesehensten Damen der sondertümlichsten Gegend des deutschen
Vaterlandes geben zu können. Die Gräfin Münnich versicherte dem Denker von
Eschede, dass er in dem jenseit des hohen Ahnensaals liegenden Zimmer bereits
alle Vorbereitungen getroffen finden würde, die er in einem umständlichen
Kanzleischreiben an die Frau Gräfin sich erbeten hatte: Ein dunkles, ganz
verhangenes Zimmer, ein Gerüst, einige Näpfchen mit Oel, eine grosse Flasche
Spiritus. Das Uebrige brachte er selbst mit und bat sich nur die Erlaubnis aus,
vorläufig die Vorbereitungen treffen zu können, bis er die hochgeehrten
gnädigsten Damen abrufen würde ...
    Diese Spannung währte nicht lange. Bald wurden die Damen abgerufen und
paarweise schritten sie dem glücklichen Seher nach. Lachend und doch beklommen
ging es durch den Ahnensaal, wo schon aufs einladendste die Tafel zum grossen
Jagdbanket gedeckt wurde ...
    Püttmeier war so erfüllt von seiner Aufgabe, dass ihm völlig entging, wer
unter den Damen zugegen war ...
    Es waren jüngere und ältere, hohe und kleinere Gestalten, alle in gewählter
Kleidung, mit Trauerzeichen alle - um den Kirchenfürsten ... Paula, Tante
Benigna, Armgart - sie alle glaubte Püttmeier zu sehen ... So verwirrt war er,
dass er eine Gräfin und Freifrau mit der andern verwechselte ...
    Noch brannten in dem Zimmer, das sie alle betraten, einige Kerzen ... Man
musste sich wenigstens orientiren können, wo man Platz nahm ...
    Als dies geschehen, erloschen auch diese Kerzen und alles war stichdunkel
...
    Kichernd und scherzhaft um Ruhe zischend und sich räuspernd sassen die
vornehmen Frauen ... Püttmeier rumorte, wie ein Puppenspieler, hinter einem
grossen transparenten Rahmen, der sich allmählich zu erhellen begann ...
    Zuweilen schien ihm eines seiner Lichtchen umzufallen ... Die Gräfin rief
dann, ob er nicht Beistand nötig hätte? ... Nein! nein! Meine Allergnädigste!
antwortete er ... Dennoch hörte man ihn entweder mit sich selbst oder mit einem
Gehülfen sprechen ... Eine zarte, schüchterne Stimme schien die des letztern zu
sein ... Himmel! hätte Armgart, wenn sie hier gesessen hätte, gewiss gedacht,
vielleicht - steckt Angelika hinten, die glückliche Angelika! Wenn sie diesen
Augenblick, diese hohe Anerkennung ihres Geliebten erlebte!
    Das Zimmer war überheizt und die Damen bekamen schon eine eigentümliche
Exaltation von den Ausströmungen des Ofens ...
    Nun mischte sich noch Weihrauchduft in den frühern, der etwas stark auf
Verbrauch von Oel und Spiritus schliessen liess ...
    Die Stimmung wurde immer erregter ... Man schwieg jetzt schon deshalb, nur
um sich beherrschen zu können, und harrte der kommenden Dinge ...
    Endlich klingelte Püttmeier und mit einer nach Festigkeit ringenden Stimme
sprach er:
    Meine hochgräflichen - hmhm! - und hochfreiherrlichen Gnaden! - Hmhm! - Ich
bin glücklich - den Entwickelungsgang meines Systems Ihnen in einer Reihe von
Bildern so anschaulich machen zu können, dass Sie selbst prüfen mögen, ob wohl
meine Lehre - hmhm! - Ihre überzeugte Zustimmung findet! Denken Sie dabei nur
immer, dass das, was in Gott Ein Moment ist, im Denken - durch Raum und Zeit
seine - hmhm - Ruhepunkte haben muss! Auch unser - hmhm! - christlicher Glaube
zerlegt Gottes Grösse in ein Vorher und Nachher; denn wie würden wir sonst die
Lehre von den - hmhm! - sieben Schöpfungstagen haben?
    Ein Murmeln der Zustimmung ging durch den Saal ... Dann folgte tiefste
Stille ... Die Weihrauchdüfte mehrten sich und jetzt begann sogar zu aller
Ueberraschung etwas völlig Unerwartetes, eine ganz wunderbare Musik ...
    Wo kam diese Musik her? Leise anschwellend hoben sich die Töne wie auf
Aeolsschwingen. Was hatte der Zauberer von Eschede für ein Instrument
mitgebracht? Es war keine Flötenuhr, kein Klavier, keine Orgel ... Es war von
allen etwas ... Das Zimmer bebte von Wohllautsschwingungen, die die Luft zur
klingenden machten ... Brausend schwoll es an, so mächtig und doch dann wieder
so lind und lieblich, dass davon die ganze Seele erfüllt sein durfte ...
    Und Niemand war erstaunter, als die Gebieterin des Schlosses selbst, die
nicht hoch genug versichern konnte, dass sie kein Instrument besässe von solcher
Wirkung, ja das eben vernommene nicht einmal zu nennen wisse ... Wenn Püttmeier
Orphische Urworte lehren wollte, konnte die Vorbereitung des Gemüts nicht
mächtiger getroffen werden ...
    Als die Töne verklungen waren, einer immer sanft dem andern sich entwindend,
da erblickte man plötzlich die ganze Transparenttafel azurblau und aus dem
tiefsten Grunde sei's des Himmels oder des Meeres entwickelten sich leise
Schatten, die allmählich die Form einer Unzahl sich durcheinander rollender und
sich einander durchschneidender Kreise annahmen ...
    Püttmeier sprach mit erhöhter Begeisterung:
    Musik ist das Leben des Alls! Denn - das All besteht aus zersprengten -
Atomen, die - sich suchen, sich finden - sich abstossen, verfolgen! - Sehnsucht
und Liebe, demzufolge auch Abneigung - hmhm! - und Hass - ist die Seele des Alls
...
    Die Kreise bewegten sich auch teilweise zurück und es entstand ein Chaos so
flimmernder Schatten, wie wenn das geschlossene Auge im Blutandrang ein
Durcheinanderwirbeln von zahllosen Staubatomen sieht ... Dazu begann das
seltsame Instrument in lebhaftern Rhytmen eine entsprechende Begleitung ...
Nicht schrill oder in mistönender Malerei - seinem Wesen entsprachen nicht so
grelle Ausdrucksformen - wohl aber in Klagelauten, wie aus der tiefsten Tiefe des
Schmerzes und aus der wehmütigsten Verkennung der Liebe empor ...
    Inzwischen schilderte Püttmeier das aus dem Wirbeln der Atome sich ergebende
Streben alles Geschaffenen und des Denkens über alles Geschaffene zum Kreise und
die Transparenttafel verwandelte sich allmählich in einen lichten Kreis, die
blaue Farbe ging in eine rote über ... Die Frauen beanstandeten nicht im
mindesten, was Püttmeier, in immer flüssiger gewordener Rede, über das Symbol
der Liebe, über den Ring, über die Schlange, selbst über die Schlangeneier
sprach ... Das Auge sah in allem nur die herrlichsten Fata Morganen der Ahnung
...
    Ueber die Musik, die zuweilen schwieg, hatte sich jetzt von einigen Damen,
die eingeweiht waren, herumgeflüstert, dass sie auf einer Ueberraschung beruhte,
die man der Gräfin bereitet ... Mit dem protestantischen Pfarrer Huber war jenes
schöne alte Instrument, die Harmonica, nach Witoborn gekommen und, wie der Sinn
der Frauen nun einmal ist, bald hatte sich verbreitet, dass dies Instrument zwar
in der Art, wie man es handhaben müsse, nicht eben schön zu nennen wäre, in
seiner Wirkung aber nur höchstens von dem seelenvollen Schmelz des Violoncells
erreicht würde ... Jedermann begehrte es zu hören ... Man wusste, der »Pfarrer«,
die »Frau Pfarrerin« - wenn diese heiligen Worte so zu gebrauchen nicht
Entweihung war - die schon herangewachsenen - »Kinder« desselben spielten jenes
Instrument mit grosser Fertigkeit; aber weder des Mannes Haus zu besuchen war den
hiesigen Verhältnissen angemessen, noch auch der »Würde« desselben zuzumuten,
dass er selbst oder seine Angehörigen sich mit seinen Leistungen bei ihnen hören
liessen ... Um so grösser die Ueberraschung, dass Püttmeier das Allersehnte möglich
gemacht hatte ... Schon erzählten die Flüsterworte, dass die Verehrerinnen des
Doctors in Eschede diese musikalische Illustration der Philosophie ihres
Schooskindes zu seinem grössern Effecte durchgesetzt hätten, sie, die Armgart -
in ihrer Voreiligkeit mit Kaffeekannen und Strickstrümpfen verglichen hatte! ...
Der »Prediger«, wie man hier zu Lande Herrn Huber lieber nannte, hatte zu dem
Vorschlag gelächelt, als er an die ihm schon durch seinen frühern
Pflegbefohlenen, den Freiherrn Jérôme von Wittekind, bekannte Philosophie der
Drechselbank erinnert wurde; er hatte eingewilligt in den Transport des
Instrumentes und es heute mit Püttmeiern in einem verdeckten Wagen und sogar mit
seiner Tochter abgesandt, die in der Kunst dies Instrument zu spielen ihn und
seine Gattin schon übertraf ...
    Püttmeier empfand nicht die Genugtuung, die seinem verketzerten Werke:
»Christus und Pytagoras«, durch diesen jetzt gern gesehenen Bund mit den
Ketzern wurde. Ach, er war schon zu sehr in seiner steten Furcht vor
Sakramentsentziehungen, dann auch in seinem Magisterium eingerostet, um von sich
noch gegenwärtig zu haben, dass unter dem alten Schlafrock seines freudlosen
verkümmerten Daseins doch noch immer die jugendlich schöne Psyche seiner
Denkfreiheit mit bunten Schmetterlingsflügeln verborgen lebte ... Nicht ganz
passte auf ihn ein Wort, das Onkel Levinus neulich mit stolzem Bewusstsein bei
Gelegenheit einer mutigen Tat sprach, die von einem deutschen Professor
gekommen ... »Sind wir auch noch so verirrt in den Labyrinten der Metaphysik,
sind wir auch noch so vergraben im Sand, der die Eingänge zu den Pyramiden
verschüttet, haben wir sogar als mit Orden umschnürte Geheimräte uns ganz
verloren in Scherwenzeln und Tellerlecken bei Diplomaten und reichen
Glückspilzen, plötzlich ruft uns irgendein Signal an unsere stolze Fahne zurück
und wir kämpfen doch wieder für die Freiheit und die Unabhängigkeit des Denkens,
wir wissen selbst nicht wie!« ... Leider galt dies begeisterte Wort nur einer in
diesem Kreise überraschenden grossen Tat eines deutschen Gelehrten ... Dr. Guido
Goldfinger hatte aus Anlass des Kirchenstreites (richtiger seiner nah
bevorstehenden Hochzeit mit Johanna Kattendyk und des Wunsches der Mutter wegen,
dass die Tochter bei ihr blieb) seine ausserordentliche, ohnehin unbesoldete
Professur niedergelegt ...
    Aber edler, viel höher stand Püttmeier ... Er empörte sich nicht gegen seine
Unterdrücker, zu denen auch die Geistlichen gehört hatten; er liebte die Kirche,
die ihn auf den Index zu setzen gedroht; aber stolz fing er denn nun auch von
sich zu reden an ... Wer würde seines Selbstvertrauens haben spotten mögen! ...
Auch die Frauen blieben im Bann seiner mystischen Zeichen und nahmen einen
flammenden Triangel für die Dreieinigkeit, nahmen ein dunkelglühendes Kreuz für
die Offenbarung der Liebe, sahen die Offenbarung des Alls im Atom, des Ewigsten
im Zeitlichsten ... Kommen und Gehen, Werden und Schwinden sind ja ohnehin
Gedanken, die dem Frauendasein so urgegenwärtig sind ... Sie umspannen jetzt wie
immer ihre Herzen wie mit magischen Fäden ... Und selbst Frau von Sicking, die
frommste der Frommen, hätte nicht geahnt, dass diese Stunde sie ebenso feierlich
stimmen würde, wie ihr nur je zu Mute war im Moment der »Wandelung« beim
heiligsten der Opfer ...
    Andachtsvoll hörte man selbst manchem Scherz Püttmeier's zu, selbst dem, dass
das doppelte Dreieck, Pentagramm genannt, den magischen Zeichen der Zauberer
angehöre, auch dem Gotte Gambrinus, setzte er lachend hinter dem mutmachenden
Oelpapier hinzu, der damit in Göttingen anzeige, wo gutes Bier feil wäre, »worin
jedoch nur ein tiefes Symbol des Frühlingsanfangs läge, ein
Haustür-Gedenkzeichen des Hexensabbats auf dem Brocken, da ja am 1. Mai der
Hexen Ausritt stattfände, und zwar« - hier hätte den Doctor eine seiner Escheder
Gönnerinnen allerdings ein wenig am Frackschoos zupfen sollen - »auf dem Bock,
welches Tier denn auch sotanerweise bis gen München hin im innigsten
Zusammenhang geblieben wäre mit dem ersten Labetrunk am ersten Tage des
Wonnemonds« ...
    Püttmeier erhob sich aus diesen Gedankenreihen, die den Onkel Levinus zu
einem Streite über Bock und Eimbock oder Eimbeck und Eimbecker Bier veranlasst
haben würden, in eine reinere Höhe, als er, angeregt wahrscheinlich von
Göttingen und der gerade pausirenden Harmonica und einem Blick auf die
Pfarrerstochter von Eibendorf, mit stolzem Selbstbewusstsein fortfuhr:
    Heureka! meine Damen, ich habe gefunden! rief einst Pytagoras, als er
seinen berühmten Satz vom Quadratinhalt der Schenkel des Dreiecks entdeckte!
Heureka! soll auch der Titel meines nächsten Werkes sein? Zu Gott hoff' ich, dass
sich mein Losungswort weiter verbreiten wird, als, wie ich heute erst erfuhr, in
jene Berge drüben, wo ein treuer Anhänger meiner Lehre, Jérôme von Wittekind,
den Dank für die ihm durch sie gewordene Anregung auf einen einfachen steinernen
Würfel schrieb ... Mit der Anerkennung neuer Ideen, meine Damen, ist es zu allen
Zeiten gewesen, wie mit diesem Gedenkstein ... In einem dichten, unzugänglichen
Walde erschallt ihr erstes Echo, wie auch jenes Heureka! in der Nähe des Ortes
Eibendorf sich jetzt nur noch ausjubelt ins Ohr der Einsamkeit, an einem nur von
Schilf und Blumen umstandenen stillen See ... Kein Nachen fährt dahin auf diesem
See, kein Fischer steht an seinem Ufer ... Ein solches einsames Heureka! ist nur
anfangs für die Wildnis da, für einen Vogel, der auf ihm sich ausruht, für eine
Lacerte, die sich ihr Lager im Moose gesucht hatte, das seinen Sockel
überwuchert ... Die Zeit kommt dann aber doch, wo auch eine grosse und bequeme
Landstrasse zu einem solchen einsamen Steine hinführen wird! ...
    Die Frauen murmelten Beifall ... Die Musik begann ihre anschwellenden Töne
... Püttmeier rüstete sich zu seiner Mystik der Kegelschnitte ...
    Vom Denkstein bei Eibendorf hatte ohne Zweifel die Tochter des Pfarrers ihm
auf der Herfahrt erzählt ... Von jenem Heureka!, das Jérôme von Wittekind einst
auf den Würfel schrieb, den er an der Stelle errichten liess, wo er sein
Elfenkind, Lucinde, im Riedbruch gefunden ...
    Als Lucinde dort auf ihrer Flucht vor Oskar Binder ohnmächtig unter den
Farrenkräutern und Glockenblumen zusammengesunken war, glitt allerdings eine
Lacerte über sie hinweg, die sie damals nicht mehr fühlte ...
    Hätte sie aber das Tier noch über ihre Hand gleiten gesehen, sie würde ohne
Zweifel so aufgesprungen sein, wie eben unter den Zuhörerinnen sich eine Dame
erhob mit einem Ausruf, als wenn ihr der Atem versagte und wirklich eine
Schlange sie stäche ...
    Die Dame hielt sich zwar an ihrem Sessel, beruhigte die erschreckenden
Frauen mit einer Handbewegung, sprach, zum Sitzenbleiben auffordernd, ein:
Bitte! Bitte! - schwankte jedoch der Tür zu und verliess das Zimmer ...
    Lassen Sie! sagte Frau von Sicking, als die Damen und vorzugsweise die
Herrin des Schlosses von einem notwendigen Beistand sprachen ... Es ist die
Mamsell, mit der ich gekommen bin! ...
    Man glaubte sich auf die Versicherung der Dame, die sie eingeführt,
verlassen und beruhigen zu dürfen ...
    Die seraphischen Klänge der Harmonica tönten indessen fort und Püttmeier
erläuterte ...
 
                                      15.
Lucinde war es, die sich aus dem qualmenden dunstigen Zimmer so plötzlich
entfernt hatte ...
    Sie floh in den grossen, nun schon dunkelnden Speisesaal ... gejagt von
Empfindungen, die zu, zu krampfhaft an ein Herz sich pressten, von dessen lauten
Schlägen sie fürchtete, sie könnten noch in der rings sie umgebenden Stille
vernommen werden ...
    Nicht dass sie so überwältigend die Form des Vortrags, ihr Inhalt und die
Andacht dieses vornehmen Auditoriums ergriff. Das sind Narren! sagte sie sich
... Nicht dass sie von Wehmut ergriffen war beim Anhören der Harmonica, die ihr
einen doch immer holdverklungenen Jugendmärchentraum zurückrufen musste. Sie war
im Stande, in dem Herangewachsensein der Kinder des Pfarrers, dessen Namen sie
einst angenommen hatte, als sie die Bühne betrat, verdriesslich nur den
Gradmesser ihres eigenen Aeltergewordenseins zu sehen ... Nicht dass sie Jérôme
so rührte, der um ihretwillen Erschossene, Jérôme, der sie anbetete wie eine
Heilige, Jérôme, der ihr, ihr jenes Heureka! der dankbarsten Erinnerung im
einsamen Walde gerufen hatte ... Alles das waren Anwandelungen einer ihr fremden
Sentimentalität ... Sie lebte nur der verzehrenden Sorge um das Allernächste.
    
    Schon mit klopfender Brust war sie auf dem Schloss Münnichhof erschienen
...
    Schon mit dem grössten Widerwillen war sie in jenes dunkle Zimmer getreten
...
    So gefasst und ruhig sie erschien, als Frau von Sicking sie als eine ihr aus
der Residenz des Kirchenfürsten Empfohlene einführte und der Herrin des
Schlosses vorstellte, sie trat auf einem Boden hier auf, der unter ihr wankte
...
    Dennoch richtete sie sich hoch und majestätisch auf, als beim Vorstellen ihr
Name genannt wurde und die Anwesenden die schlanke Gestalt, die in Trauer
gehüllt war, musterten, das bleiche, errötende Antlitz anziehend fanden, ein
goldenes Kreuz, das unter einer Trauerecharpe von Spitzen auf der Brust blinkte,
für ein Zeichen von Frömmigkeit nahmen. Jenes Mädchen, das in dieser Gegend vor
längern Jahren, auf Schloss Neuhof, eine abenteuerliche Rolle gespielt und das
gewiss einige unter den Anwesenden schon einmal gesehen hatten, erkannte niemand
... Diese schwarzen Augen schienen die Glut der heiligsten Andacht zu bergen ...
Dieser etwas trotzige Mund schien nur im Beten geübt ... Lucinde sprach wenig
und setzte sich zu den in immer grösserer Anzahl sich sammelnden Damen wie ein
Wesen voll Bescheidenheit, eine Bürgerliche, die den Abstand ihrer Stellung von
der der andern erwog, obgleich diese gnädiglichst anzudeuten schienen, dass man
auch durch Gesinnung geadelt sein könnte ...
    Die Namen Neuhof, Asselyn, Benno, de Jonge, Stift Heiligenkreuz, Paula,
Armgart, Kloster Himmelpfort gingen an ihr vorüber, ohne dass Jemand ihren
Anteil bemerkte ...
    Selbst wie sie die Lehne ihres Sessels ergriff, als die Stiftsdamen, die von
Heiligenkreuz kamen, Fräulein Benigna von Ubbelohde und Gräfin Paula um ihr
Fernbleiben von Püttmeier's »chinesischen Schatten« entschuldigten und von ihrer
gestrigen ängstlichen Flammenvision erzählten, bemerkte Niemand das Beben der
zusammengepressten Lippen, Niemand die Verlegenheit des Lächelns; auch nicht da,
als Frau von Sicking sagte: Ja, ich hoffe Sie morgen auf Westerhof vorstellen zu
können!
    In dem luftleeren Zimmer, während der Bewunderung und des Lauschens auf die
Orphische Weisheit des Sehers von Eschede, hielt es sie nicht länger ... Sie
musste aufstehen, gehen, reden können ... Als ihr Beispiel, wie dies der
Nervenschwäche der Frauen geschieht, ansteckte, als bald eine zweite, bald eine
dritte Dame entfloh, huschte sie noch aus dem dunkeln Speisesaal mit seinen
blendend weissen Gedecken, seinen Gläsern, Schüsseln, Tellern, hinaus in das
erste beste Zimmer, dessen Tür ihr zunächstlag ...
    So betrat sie ein bereits zum Kartenspiel hergerichtetes, behagliches,
trauliches Cabinet ...
    Auch hier war es dunkel; aber sie hätte noch die Vorhänge herablassen,
hinter sich zuriegeln mögen, so sehr fühlte sie das Bedürfnis, sich in der
Einsamkeit zu den Aufgaben zu sammeln, die sie auf diesen für sie so
gefahrvollen Boden hergeführt hatten ...
    Jetzt, wo sie sich erschöpft auf ein Sopha niederwarf, jetzt knickte sie
zusammen. Jetzt war sie so, wie sie schon seit einiger Zeit sich zu geben
pflegte, ohne es zu wissen ... Etwas Spinnenhaftes hatte sie bekommen, Mageres,
Lauerndes, von »Schmerz Gekrümmtes«, wie sie's nannte, wenn man deshalb ihr
Vorwürfe machte ... Ihr hoher Wuchs sowol, wie die religiöse Rolle, die sie mit
immer grösserer Uebung, Gewöhnung, ja sogar schon Einverständnis spielte,
brachten es mit sich, dass sie zu den vielen mittlern und kleinen »erbärmlichen«
Wesen dieser Erde den Medusenkopf niederbeugte ... Unter den dichten dunkeln
Flechten ihres schwarzen Haares, die sie wie ein Turban umgaben, heute das Werk
der Kammerjungfer der Frau von Sicking (hier hatte sie nicht Treudchen, die ihr
schon zuweilen hochaufstaunend weisse Härchen auszog), spitzte sich ihr Ohr und
lauschte so, wie ihr Nück ärgerlich einst gesagt hatte, »jung-hexenhaft, dass man
mutatis mutandis« - sie verstand ja diese Bedingung - »an die alte Frau
Buschbeck denken könnte, wenn diese mit mir oder mit Hammakern vom Anlegen ihrer
Kapitalien sprach!« ... Dann freilich konnte sie sich auch wieder aufrichten und
sich besinnen auf ihre blühenden zwanziger Jahre ...
    Lucinde war zu Frau von Sicking empfohlen worden durch Nück und die
hochvornehmsten Kreise der Devotion ...
    Sprach etwas gegen ihre Vergangenheit, so war sie ja eine Convertitin ...
    Auch Frau von Sicking war in gleicher Lage ... Eine Nachkommin des tapfern
Ritters, der mit dem Schwert, wie Ulrich von Hutten mit der Feder, gegen Rom
sein Leben einsetzte, verliess sie den mit soviel Tränen und blutigen Opfern
erkauften Glauben ihrer Väter ... Sie gehörte jenem Kreise der Gottseligkeit an,
der sich jetzt so weit über Europa verbreitet, einem Kreise, in den einzutreten
Lucinde das unwiderstehlichste Verlangen trug, seitdem sie wusste, dass auch
Bischöfe und Erzbischöfe auf weichen Teppichen dahinschreiten und mit
Behaglichkeit die Freuden der Geselligkeit mit andachtsvollen Seelen geniessen
können ... Frau von Sicking war reich ... Sie hatte ein Haus bei Witoborn, eine
Besitzung im Süden Deutschlands, Absteigequartiere in allen geistlichen Städten
Deutschlands und Belgiens ... Ihre Correspondenz erstreckte sich nach Rom wie
nach den entferntesten Missionen des Sacré Coeur, nach Pondichéry und Guadeloupe
... Ihr Reisen, ihr Kommen und Gehen, ihr Correspondiren konnte man Intrigue
nennen ... Dennoch lag auf allem, was sich an ihren Namen knüpfte, ein diesen
Schein mildernder Duft von Andacht, von Beförderung des Menschenwohls, von
Veredlung dieser Zeitlichkeit ... Jetzt waren die »Exercitien« ihre Parole ...
Der Andrang dazu war so gross, dass Frau von Sicking über die Aufnahme wie eine
Ordensmeisterin schaltete ... Der ostensible Grund, warum Lucinde Schwarz bei
ihr erschien, war die flehentlichste Bitte der Frau Commerzienrätin Kattendyk,
doch auch sie und ihre Töchter an diesen Exercitien teilnehmen zu lassen ...
Lucinde war autorisirt, im Namen der Commerzienrätin die grössten Opfer, die nur
verlangt würden, in Aussicht zu stellen, wenn sie das Glück und die Ehre haben
könnte, an dieser vornehmen »Andacht zum Kreuze« teilzunehmen ...
    Seit gestern war Lucinde noch zu keiner Fassung gekommen über die Rückkehr
in diese Gegenden, auf den Schauplatz, wo Bonaventura weilte, ohne Zweifel, wie
sie ahnte, im glückseligsten Bunde mit ihrer frühern Pflegbefohlenen Paula ...
    Noch sah sie mit dumpfer Starrheit durch das Fenster die vom Abendrot
beschienenen weissen Höhen, auf denen Schloss Neuhof lag, wo der Kronsyndikus
nicht mehr lebte ... Diese Kunde erschütterte sie nicht, lockte ihrem Herzen
keine Rührung ab ... Sie sah einen gewonnenen Vorteil mehr und wahrhaft
tröstlich erklang es ihr zu hören, als Frau von Sicking sprach: Die Frau
Präsidentin von Wittekind scheint die Rolle in Vergessenheit bringen zu wollen,
die ihr Gatte seiter als Beistand der Regierung gespielt! Man ist hier
entschlossen, nicht sofort auf ihre Wünsche einzugehen! Nur die Rücksicht auf
ihren edeln Sohn, den Domherrn, kann die Gesellschaft bestimmen, ihren
Empfindungen nicht schon jetzt einen entschiedenern Ausdruck zu geben! ...
Selbst der blitzende Punkt dort in der Ferne, ein vergoldetes Kreuz auf der
Kirche vom Kloster Himmelpfort, wo Klingsohr verweilte, beschäftigte sie nicht
... Diese weisse, mit Abendschatten sich füllende Ebene, auf die sie einst so
sehnsuchtsvoll von Schloss Neuhof herniedergeblickt hatte wie in ein Land der
Freiheit und des ungebundenern Glückes, als das war, das sie dort in einer nur
scheinbar glänzenden Abhängigkeit hielt, bot nichts, was ihr Auge gesucht hätte,
als das Schloss Westerhof, das indessen hinter den Wäldern nicht zu sehen war ...
    Bei Bonaventura's Abreise hatte Lucinde den Vorsatz gefasst, nur der Rache zu
leben ... Ohne dass sie den Oberprocurator, den allmächtigen Dominicus Nück,
einweihte in alles, was dieser von ihrem Herzen teilweise selbst schon wusste,
teilweise erriet, war sie mit ihm vertraut geworden, denn seine Huldigung gab
sich so masslos, dass sie den Ausbrüchen derselben schon deshalb entgegenkommen
musste, um sein Benehmen der Gesellschaft nicht zu auffallend erscheinen zu
lassen ... Er kannte ihre Liebe zu Bonaventura und musste diese schonen ... Sie
duldete seine von unreinern Wünschen scheinbar plötzlich frei gewordene
Leidenschaft unter der Bedingung, dass Nück sie wie eine anderweitig Vermählte
betrachtete ... Bonaventura wurde ihr bald wieder der alte Gott und nur noch die
Tempel schwur sie zu zertrümmern, in denen andere ihm huldigten. Von jener
Urkunde, mit der sie ihn sein ganzes Leben lang, wie sie gedroht, in Schach zu
halten vermochte, sprach sie nicht zu Nück ... Der Schmerz und die Zeit hatten
ihre Rachegefühle gegen Bonaventura gemildert ...
    Nück wurde für sie ein psychologisches Rätsel ... Sein Lebensüberdruss war
jene Krankheit, die sich bei allen jenen Menschen findet, die etwas anderes
tun, als sie denken ... Könige haben wir gesehen, die geistesschwach wurden,
weil sie eine Welt von schönen Gedanken, Plänen und Entwürfen in sich trugen und
keine Menschen fanden oder - suchten, die sie bei ihrer Ausführung
unterstützten. Der Mut, der schon zum Brechen mit den Rücksichten, die uns
binden, bei ihnen nicht vorhanden war, fehlte vollends für alles Uebrige, was
das Leben begehrt; ein geknickter Genius spielt zuletzt mit Puppen, die er an-
und auszieht ... Und dann - dann wissen: Das ist unwahr! und es dennoch
befördern - darum befördern, weil die Lüge einem andern zu Schaden kommt, den
man hasst -! das untergräbt vollends die innerste Seele, wenigstens deren Ruhe
...
    Nück konnte zu Lucinden auf ihrem kleinen Cabinet oder wenn sie ihn selbst,
scheinbar in Aufträgen, in dem Zimmer besuchte, das zum Garten der Seminaristen
hinausging - wenn sie vor ihm auf seinem unheimlichen Sopha sass, unter dem
verhängnisvollen Ringhaken an der Decke - ganz wie der verzweifelnde Serlo
sprechen: Es ist nichts mit unserm Hoffen und Glauben! Erde wird Erde! Wir
düngen die Zukunft! Apostel oder Mörder - omnes una manet nox! (alle erwartet
eine und dieselbe Nacht!) ...
    Dennoch ging ein Mann mit solchen Ansichten in die Kirchen und Kapellen,
bückte sich im Beichtstuhl und kreuzigte sich in der Messe ...
    Nück konnte spotten über die Priester, konnte in seiner cynischen Art von
reichen, wohlgenährten Pfründnern, die Lucinde in seinem Vorzimmer antraf,
sagen: »Sehen sie nicht aus wie die roten Fettäpfel, die die gebratene Gans
Kirche in ihrem Steisse trägt!« ... Sprang auch Lucinde bei solchen Worten auf,
entfernte sich, so nahm sie doch das staunende Gefühl mit: Dennoch kämpfst du
wie ein Löwe, offen und heimlich, für die Wiedereinsetzung des Kirchenfürsten?
...
    Nück konnte so laut lachen über die Verlegenheiten der Regierung, dass es
gellend dahinschallte in den Zimmern seiner Schwiegermutter, die er jetzt jeden
Abend besuchte ... Das wird die Lernäische Schlange! rief er. Einen Kopf hauen
sie herunter und zwei wachsen wieder! Ha, ha! Die Zeiten sind vorüber, wo die
Schusterjungen, wenn sie in Berlin in einem Winkel am königlichen Opernhaus ihre
Bedürfnisse befriedigen wollten, von den Gensdarmen hören konnten: »Wozu ist
denn da drüben die katolische Kirche?!« ...
    Solche Cynismen milderte die Lokalsprache, deren sich Nück bei seinen
Bildern bediente ...
    Die Frauen protestirten durch Aufstehen und heftigste Vorwürfe ... Bald aber
setzten sie sich wieder und lachten über den Sonderling, der dann in die süsseste
Courtoisie verfallen und den Liebenswürdigen spielen konnte ... Das graue
Ungeheuer! nannte ihn, mit Wohlgefallen, seine eigene Schwägerin Johanna
Kattendyk ... Guido Goldfinger, ihr Verlobter, applaudirte ihm, wenn Nück in
seinen seltnern politisch-conservativen Anwandelungen polterte: »Aufklärung!
Aufklärung! Kaum hat der dumme Bauer gehört, dass die Sternschnuppen nicht von
Gottes Lichtputze kommen, wenn der Alte, im Flurhypotekenbuch der Menschheit
vertieft, sich nur deshalb die Sternenlichter putzt, um ihre Sünden in desto
deutlicherm Lichte zu sehen, so denkt er ja gleich: Nun all' gut, nun auch
gleich Mistforke und Heugabel in die Hand genommen und auf die Zoll- und
Rathäuser gestürmt, wo die unbezahlten Steuerrester und Schuldverschreibungen
liegen!« Bei alledem jubelte er jeder Nachricht von einem Pöbelauflauf, wenn er
nur die »Neunmalweisen« in Verlegenheit setzte ...
    Ein solcher Zustand der Seele wird zuletzt haltungslos, die Widersprüche
heben sich auf, nichts bleibt übrig, als was Nück in seinen geheimsten Stunden
war, ein Verzweifelnder, tief Lebensüberdrüssiger. Nächtlich konnte er
umherrasen, in seinen grauen, alten Mantel gehüllt. Frau Schummel war dann die
Vertraute der Phantasieen seiner entfesselten Sinne; Bedürfnisse hatte er, deren
Befriedigung an einem Abend ein Vermögen kostete ... Plötzlich aber stiess er
wieder alles von sich und predigte Busse und konnte an Selbstmord denken ... So
überraschte ihn einst Hammaker und brachte ihn auf die uns bekannten Verirrungen
des scheinbar sich Erhängenwollens ... In vertrautester Stille konnte er um
diesen Hammaker klagen: »Was war denn nun das für ein Unglück, dass er den bösen
Drachen umgebracht hat? Die natürliche Vergeltung ist das ja hier schon auf
Erden! Jene hatte andere auf der Seele, diese hatten wieder andere und den
Hammaker hätte dann auch schon Einer gerichtet!« ...
    »Mädchen, kannst du lügen?« »Kannst du falsche Handschriften machen?«
»Kannst du Feuer anlegen?«
    So hatte Nück zu Lucinden gesprochen an jenem Piter'schen Festabend. Aus
ihrer unterirdischen Wanderung mit Jean Picard wusste sie etwas von einer
gewissen Tat, für die dieser durch Hammaker war gedungen worden. Nück war nie
wieder auf diese Zumutungen, ein Verbrechen zu unterstützen, zurückgekommen.
Einiges hatte er von Lucindens Besuch im Professhause und von ihrer damaligen
Todesangst in Erfahrung gebracht - die Erwähnung der »Spinozistin« Veilchen
Igelsheimer brachte sie darauf ... Aber über alles Andere, was von ihm zum
Gewinn des grossen Processes der Dorstes verbrecherisch unternommen werden
konnte, waren seit Benno's Abreise nach Witoborn die Schleier der Vergessenheit
gefallen ...
    So schien alles still und friedlich ... Lucinde wurde die Vertraute des
Hauses, die Freundin, die Tochter, wie oft die Commerzienrätin ihr zuflüsterte
- vorzugsweise, wenn sie der Mesalliance gedachte, die ihr durch Piter drohte.
Denn Piter liess nicht von Treudchen. Au contraire - seit seinem verunglückten
Abend war er entschiedener, denn je, darauf bedacht, sich durch gänzliche
Nichtübereinstimmung mit dem, was die gesunde Vernunft von ihm erwartete, allen
Menschen so gefährlich wie möglich zu machen ... Der uns bekannte Entschluss
Ernst Delring's, aus dem Geschäft auszutreten und die Stadt zu verlassen, wurde
auch durch ein Ereignis erleichtert, dessen betrübender Verlauf von
Tieferblickenden geahnt werden konnte ... Lucinde war nach Witoborn in
Trauerkleidern gekommen ... Das Hauptmotiv, mit dem sie das Herz der Frau von
Sicking im Interesse der Kattendyk'schen Bitte zu rühren hoffen konnte, war
Mutterschmerz und Geschwisterliebe ... Hendrika Delring war nicht mehr ...
    Die sanfte, gute, liebevolle Frau, die Treudchen Lei einst so herablassend
zu schmücken verstand; die so tief beklommen dem Gebet zugehört, als Treudchen
niederkniete zur zurückgesetzten Madonna; die dann gleichfalls die Hände faltete
- über der Hoffnung ihres Gatten, dem sie ihr Kind nach dessen ganzer Zukunft
schenken wollte; Hendrika Delring, der von Piter tyrannisirte Flüchtling in den
Beichtstuhl Bonaventura's, hatte die Schmerzen der Geburt nicht überstanden ...
Ihr schon den Jahren nach auf solche Proben seiner Kraft nicht mehr angewiesener
Körper leistete Widerstand; um die Mutter zu retten, musste das Kind geopfert
werden; bald darauf entwich auch ihr die Kraft, ein letzter Hauch des
versagenden Atems und sie ging hinüber in ein Land, wo ihr die Taufe ihres
Kindes keine Leiden mehr bereitete ...
    Das Leben ist so! sprach Lucinde zu dem in Tränen verzweifelnden Treudchen,
das sich bis zum letzten Augenblick treu bewährt hatte, sich nicht hatte nehmen
lassen, die Todte zu entkleiden, zu waschen, sie für die Bahre zu schmücken ...
Gerade das, worauf die meisten Vorbereitungen getroffen werden, gerade das,
dessen Eintritt ins Dasein uns nicht hoch genug beschäftigen kann und an das wir
all unsern Mut, all unsern Verstand, unser ganzes Herz setzen, das tritt nicht
ein!
    Lucinde sprach dies einem Urteil in Serlo's Papieren über eine Dichtung
nach. »Der Held musste sterben! Wie kann man denn soviel reden und handeln
lassen, um dem Misgeschick vorzubeugen, wenn das Misgeschick nicht wirklich ein
Ungetüm ist, das Menschenkraft nicht überwindet? Die Götter strafen jede
Einmischung in ihre Rechte. Das ist traurig, aber gar nicht so niederdrückend,
wie es scheint. Wenn der Vorhang fällt, wenn die Menschen wieder an ihren
abendlichen Kartoffelsalat gehen und sie hochvergnügt scheinen, dass nicht Gott,
sondern die Birch-Pfeiffer die Welt regiert und die guten Seelen zuletzt doch
sich kriegen, so glauben sie's im Grunde nicht. Romeo und Julia kann kein
Schauspiel sein. Der Tod - der ist zuletzt doch etwas Süsses für uns und die
einzige Schönheit, die eine Tat ins Grosse verklärt. Wäre der Tod nicht, wir
unternähmen nichts mehr, was unserm göttlichen Ursprung Ehre macht. Es ist, als
forderte uns ein Preis heraus, je höher die damit verbundene Gefahr ist. Was
wären wir, wenn das Schöne auf Erden sich halten könnte! Gerade der
unterliegende Kampf gegen das Verhängnis zieht uns himmelan!«
    Acht Tage nach dem Begräbnis Hendrika's wurde der Edeln ein Opfer gebracht,
das reiner gen Himmel stieg, als alle Seelenmessen für sie, die auf Jahre hinaus
von der Mutter gestiftet wurden. Treudchen Lei, die noch nicht ihr Trauerjahr um
ihre Mutter vorüber hatte, kehrte in die teilweise schon geminderte volle
Trauerkleidung zurück. Tief verhärmt war sie schon lange; ihr schönes blondes
Haar verriet nichts mehr von der alten gefallsamen Pflege. Schon lange nagten
die bittersten Schmerzen an ihrer Ruhe. Piter hatte einem geheimen
Familienconvent nicht beigewohnt. Als er das Resultat desselben erfuhr, das
Beziehen des obern Stocks durch Goldfingers - Johanna sollte sich noch vor
Beendigung der »Heiligen Botanik« verehelichen - erklärte er das ganze obere
Stockwerk für sich allein zu bedürfen, für seinen nächstens zu eröffnenden
Hausstand, und niemand anders, als »ein einfaches, bescheidenes Mädchen aus dem
Volke«, keine »Staatsdame«, würde er heiraten. Ein Widerstand dagegen war
deshalb auch schwierig, weil die ganze Familie Treudchen liebte und sie schon
lange wie eine Verwandte behandelte. Da verschwand eines Tages Treudchen. Sie
hinterliess die Kunde, dass sie bei den Karmeliterinnen war. Man konnte annehmen,
dass sie den Schleier nahm. Cajetan Roter, der Beichtvater der Damen vom
Römerweg, kam selbst zur Commerzienrätin und erklärte, schon lange trüge das
junge Mädchen die schwärmerischste Liebe zur seligsten Jungfrau im Herzen und
würde der Majestät ihres göttlichen Sohnes jedenfalls die Huldigung bringen,
eine Braut Christi zu werden ...
    Mitten in dem furchtbaren Revolutionsausbruch, den diese Nachricht im
Kattendyk'schen Hause zur Folge hatte - Piter drohte nicht weniger, als die
Katedrale bis auf den letzten Stein zu schleifen - traten die Veranlassungen
ein, die Lucinden bestimmten, sich selbst zur Dolmetscherin der Wünsche zu
machen, die die Commerzienrätin in Betreff der vielbesprochenen neuen
Unternehmung der Frau von Sicking hegte ...
    Eines Tages kam sie aufgeregt in das Toilettenzimmer ihrer Gebieterin und
erklärte mit angstentstelltem Antlitz, sie wollte selbst nach Witoborn reisen,
um jene Bussfrage zu ordnen ...
    Wally Kattendyk, hocherstaunt, weinte Tränen der Rührung über diesen edeln
Entschluss, küsste Lucindens Stirn und Wange und drückte sie an die eben im
Schnüren begriffenen Corsetverschanzungen ihres Herzens ...
    Noch am selben Abend wollte Lucinde abreisen, unmittelbar nach jenem Besuch
des Herrn Cajetanus Roter ...
    Nück war Rotern auf der Treppe begegnet ... Er kam mit einer Anzahl in den
Bart gemurmelter Vermutungen über die seltsam geheimen Zusammenhänge der dieser
Flucht Treudchen's zum Grunde liegenden Ursachen ... Piter war noch auf dem
Polizeiamt und requirirte eine Hülfe, die ihm nach der Bulle De salute animarum
nicht werden konnte, wenn Gertrud Lei auf ihrem Willen bestand und von ihrem
Vormund in Kocher am Fall, einem ehrlichen Handwerker, die Zustimmung zum
Eintritt ins Kloster brachte ...
    Da hörte Nück von der Reise, die die nicht anwesende Lucinde beabsichtigte
...
    Nach Witoborn? fragte er staunend. Das ist ja seltsam! setzte er hinzu und
suchte Lucindens Zimmer ... Am Vormittag war sie zweimal bei ihm gewesen, ohne
ihn zu finden ... Er hatte gerade beim Gericht plaidirt ...
    Als Nück eintrat, fand er Lucinden vollständig zur Reise gerüstet ... Erst
wollte sie mit einem Wort aufwallen, dann beherrschte sie sich und sank auf
einen der mehreren Koffer nieder, die rings um sie her standen ...
    Was ist denn, mein Fräulein? fragte er mit hoch aufgerissenen Augenbrauen
...
    Ich reise - nach Witoborn! ... war die leise verhauchende Antwort ...
    Hör' ich ja mit Befremden, erwiderte Nück ... Und mit Extrapost noch dazu?
... Im Hof unten steht Mutters Reisewagen ... Joseph begleitet Sie doch? ... Und
nicht einmal das? ... Nur die Pferde fehlen noch? ... Liebste Freundin, welche
Eile -? Alles das - der Exercitien wegen -?
    Lucinde sass, die Hände aufgestützt ... Ihre Hand hielt die Bänder eines
Reisehuts, der beinahe auf der Erde schleifte ... Allmählich hob sie von unten
her den Blick und durchbohrte mit prüfender Schärfe die völlig ruhigen Züge des
Oberprocurators ...
    Sie waren bei mir, um Abschied zu nehmen -? fragte dieser voll erhöhten
Erstaunens ...
    Zweimal ... antwortete sie scharf betonend und doch durch seine Ruhe in
ihrer Elasticität schon nachlassend ...
    Gestehen Sie, wandte sich Nück ihr näher, es ist die Eifersucht, die Sie so
mächtig ergreift! ... Sie haben von den Erfolgen des Domherrn gehört ...
Tagelang ist er mit Gräfin Paula ... Er magnetisirt sie ...
    Lucinde hielt die Hände über die Augen, als blendeten sie die Lichter, die
auf dem Tische standen ...
    Haben Sie schon vom Tod des Kronsyndikus gehört? fuhr Nück fort. Ich hörte,
dass er sterben wird! Fürchten Sie, von seinem Testament ausgeschlossen zu sein?
    Lucinde schwieg ...
    Der Präsident von Wittekind ist nach Neuhof gereist ... Hätten auch Sie noch
so viel Teilnahme für den alten Tyrannen, ihn noch einmal sehen zu wollen?
    Lucindens Erinnerungen liefen geisterhaft an ihrer Seele hin ... Sie sah den
Kronsyndikus in Hamburg aus dem Wagen steigen, als er sie, schon damals
leichenblass, bei den Geschwistern Carstens aufsuchte ... Sie sah ihn in jener
Nacht in Kiel, wo er gespenstisch mit dem Degen in der Hand von seiner zweiten
Frau sprach ... Dann aber drängte sich in die Teilnahme für ihn sein Schweigen,
als sie mit Serlo's Familie umherirrte, darbte und vergebens auf seine Hülfe
hoffte ... Sie zeigte sich zu seinem möglichen Tode ohne jede Teilnahme ...
    Nun, in Nück's Benehmen keine Bestätigung ihrer Ahnungen findend, erhob sie
sich und ging entschlusslos im kleinen Zimmer auf und nieder ...
    Wollen Sie Klingsohrn das Mittel mitteilen, das ich Ihnen neulich sagte, um
ihn aus dem Kloster zu bringen?
    Alle diese Namen berührten Lucinden nur schmerzlich und trugen ihm ein: O
schweigen Sie! nach dem andern ein ...
    Ihr Reisegrund war in der Tat einer, den sie ihm nicht mitzuteilen wagte
...
    Am frühen Morgen, als sie in die Messe gehen wollte, hatte sie eine
Entdeckung gemacht, die sie mit eisigem Schrecken überlief ...
    Am Postof hatte sie vorüber müssen und war eines Briefes wegen in diesen
eingetreten ...
    Da stand ein Eilwagen, der soeben bespannt wurde ...
    In Begriff einzusteigen sah sie in Pelzen, mit Handtaschen, Fusssäcken, sechs
bis acht Passagiere harren ...
    Eine dieser Gestalten fiel ihr auf und noch mehr fiel sie, wie sie sogleich
sah, diesem Reisenden selbst auf ...
    Kaum hatte sie einen prüfenden Blick auf einen Mann in einem wassergrünen
Flausrock, mit einem roten Comfortable um den Hals, geworfen, als sich derselbe
auch sofort abwandte und die Hände schnell aus den Rocktaschen zog, in die er
ruhig sie gesteckt hielt ...
    Sie sagte sich: Das ist ja Bickert! ... Darüber konnte kein Zweifel sein ...
Wuchs, Gesichtszüge waren unverkennbar, nur das Hauptaar ein anderes ... Sonst
rot, war es jetzt dunkelschwarz und lockig ...
    Sie musste stehen bleiben und wandte sich, um den Verbrecher näher in
Augenschein zu nehmen ...
    Jetzt, sah sie, entdeckte er, dass auch sie ihn erkannt hatte, und immer mehr
vermied er nun, ihr ins Angesicht zu sehen ...
    Einen Augenblick tat sie, als entfernte sie sich; doch nur um wieder
zurückkehren zu können und sich vor die auf den Türen befestigten Tarife zu
stellen und scheinbar diese zu lesen ...
    Jetzt wurde das Gepäck der Reisenden gebracht ... Sie hörte: »Nach
Witoborn!« ...
    Ihre Brust klopfte ... Sollte sie den Unglücklichen anreden, der ihr seine
Nichtentdeckung, dem aber auch sie kürzlich eine grosse Hülfe und Rettung ihrer
Ehre verdankte, ihn, der sie mit jenen Papieren aus dem Sarg des alten Mevissen,
wie sie wenigstens glaubte, zur ewigen Herrin über Bonaventura's Schicksal
gemacht hatte? ... Sollte sie ihn fragen, ob er es wäre, der nach Witoborn
reiste? ...
    Da fiel ihr seine Mitteilung über Hammaker's Anträge, sein Wort vom »roten
Hahn auf ein Schloss« ein, sein: Sapristi! als sie in dem unterirdischen Gang
selbst von Westerhof, selbst von Nück begonnen hatte ...
    Noch wogte ihre Angst um ein Verbrechen, in das sich nun Nück doch noch
einliess, noch wogte die Furcht, hier so länger stehen zu bleiben, als die Namen
der Passagiere aufgerufen wurden ... Der, der ihr Jean Picard schien, stieg mit
der Bezeichnung: »Herr Dionysius Schneid« in den Wagen ... Sie hatte sich's
wohlgemerkt; der Name wurde zweimal gerufen ...
    Nun blies der Postillon ... Der Verbrecher fuhr von dannen ... Unter dem
Eingang der Post drückte er sich in eine Ecke, um nicht beim Vorüberfahren ganz
aus nächster Nähe beobachtet zu werden ...
    In erster Aufregung flog Lucinde zu Nück, um aus seinem Benehmen zu
erkennen, ob sie sich wirklich ihn, ihn selbst im Zusammenhang mit dieser Reise
denken musste - im Postbureau wurde ihr bestätigt, dass Herr Dionysius Schneid aus
Strasburg seinen Platz bis Witoborn genommen hatte -
    Dann sagte sie sich: Nein, wie kannst du Nück an Dinge erinnern, die von
seiner Seite nur ein einziges mal und auch da nur so flüchtig und scherzhaft
hingeworfen wurden? ... Sie wusste, um was es sich in jenem zu Nück's tiefstem
Verdrusse verlorenen Prozess handelte, jenem Prozess, der Paula's Lebensschicksal
entschied. Sie wusste, dass mit dem Fund der Urkunde Paula zwar ihr Erbe erhielt,
aber auch das von einer durch die ganze Verwandtschaft festgehaltenen Etikette
gestellte Ansinnen, sich mit dem um seine Hoffnungen betrogenen Grafen Hugo zu
vermählen ... Ihrer Rache konnte an sich nichts Süsseres geboten werden als
dieser schadenfrohe Hinblick auf - Bonaventura's Schmerz, und dennoch - zu
mächtig wirkte entweder noch die Liebe und Sorge für ihn in ihrem für alles
Uebrige abgestorbenen Herzen, um nicht zu erschrecken bei dem Gedanken, dass um
den grausamen, sie »mit Füssen tretenden« Mann soviel Wildes sich begeben könnte,
oder sie gedachte der Gefahr eines Frevels, der leicht dem Scheitern ausgesetzt
sein konnte und sie selbst vielleicht in neue Wirren stürzte ... Schon war
wiederholt ihr Name bei der Veröffentlichung der Beda Hunnius'schen Briefe
genannt worden ... Sollte sich der Fluch ihres Daseins immer greller und greller
erfüllen? ... Sollte sie durch diese wirkliche Ausführung geheimer Taten auf
die Bahn des Verbrechens hinübergeführt, ihrer Bekanntschaft mit Bickert
überwiesen, um ihrer Erlebnisse auf dem Professhause willen wohl gar dem
öffentlichen Gerichte preisgegeben werden? ... Sie wünschte die Folgen der Tat
mit heissester Begier, zitterte aber vor ihrem Mislingen ... Und nun ergriff sie
die ihr eigene namenlose Angst, die sie immer hatte vor jeder Katastrophe, ehe
sie da war. Flügel hätte sie sich geben mögen, den Verbrecher einzuholen, ihm
nicht von der Seite zu weichen, ihn von seinem Vorhaben zurückzuhalten ... Noch
einmal ging sie zu Nück, fand ihn aber wieder nicht ...
    Die Ruhe des Nück'schen Hauses, die Ordnung des Geschäfts, der Reichtum,
dem sie auf Tritt und Schritt begegnete, sagten ihr wohl: Törin, Törin, wessen
hältst du einen Nück für fähig! Für wahnsinnig würd' er dich halten, sprächst du
davon! ... Und bin ich's vielleicht nicht selbst? ... Seh' ich mich nicht ewig
mit Hammaker auf dem Schaffot, seh' ich mich da nicht mit meinen Brüdern, mit
Oskar Binder, mit meiner Hauptmännin - alles so, wie ich's so oft träume! ...
Die Stimmung einer wie von Furien Verfolgten und wie der höchsten Gewissensangst
kam über die in sich haltlose und so tief ehrgeizige Seele ... Und um nur etwas
zu tun, was den Augenblick festielt, betrieb sie ihre Reise, schützte Gründe
der Eile vor, liess alle Anstalten wie zu einer Flucht treffen ... Sie glaubte
wenigstens darin das Beste zu tun, dass sie, selbst wenn keine Verständigung mit
Nück möglich war, doch in die Nähe des Verbrechers zu kommen suchte, um seinen
Arm zu ergreifen und ihm zuzurufen: Die ewigen Mächte ziehen mich durch dich
noch nicht rettungslos hinunter!
    Das »Hessenmädchen« - die halbe Bäuerin - das war sie geworden! ... Geworden
durch Schönheit, Ehrgeiz, Geist und - »Unglück!« ... Sie sah Nück in ihrem
kleinen Zimmer jetzt an wie eine Verzweifelnde ... Ihm aber erschien sie bei
alledem eine Zauberin; nur die roten Kleider, die phantastischen Zeichen
fehlten um ihre Schultern, der goldene Stab in ihren Händen; er hätte sie zur
Priesterin welcher Religion sie wollte gemacht ...
    Schon sprach er, mit heissen Seufzern sich ihr nähernd:
    Sie sind krank! Lucinde!
    Sie fuhr zurück, als vergiftete sie sein Atem ...
    Sich sammelnd bat er sie, sich zu beruhigen und die Pferde abbestellen zu
dürfen ... Seine Augenbrauen zuckten hin und her ... Er öffnete das Fenster,
sprach in den Hof hinunter und bestellte die Pferde ab ...
    Lucinde liess nun alles geschehen ...
    Kommen Sie! Was haben Sie? Sprechen Sie aufrichtig mit mir! Ich kann alles
hören! begann er ...
    Diese gleisnerische Ruhe war so entwaffnend, dass sie, als glücklicherweise
die Tür aufging und die Commerzienrätin, Johanna, die Hausfreunde herbeigeeilt
kamen und staunend von dem veränderten Reiseplan sprachen, einwilligte zu
bleiben, zustimmte nach vorn zu gehen und ihre Furcht und ihr Bangen für den
Augenblick beschwichtigte ...
    Nück folgte mit Ingrimm ... Er war gestört worden in einer längst ersehnten
Stunde ... Doch scherzte er alles hinweg und sagte, dass er es so weit zu bringen
nie geglaubt hätte, sich wieder an Tee zu gewöhnen ...
    Einige Tage vergingen Lucinden auf den Anblick der Harmlosigkeit des
schreckhaften Mannes in einem Zustand scheinbarer Beruhigung oder der Abspannung
... ... Monika von Hülleshoven machte Condolenzbesuch und nahm Abschied, um
ebenfalls auf Witoborn zu reisen ... Lucinde hätte sich der Hand dieser kleinen
freundlichen und mit Rührung von Hendrika Delring sprechenden Frau anklammern
und rufen mögen: Nimm mich mit! ... Doch Monika's Blick war ihr kalt und streng
und es schien, als wollte auch sie schon nach seiter öfter erfolgter Begegnung
sagen - wie fast alle Frauen -: Wir gehören nicht zusammen!
    Ihre Furcht erwachte aufs neue ...
    Zu schreiben an Nück wagte sie nicht ... Täglich hatte Nück das Princip
wiederholt, das sie schon bei der ersten Unterhaltung von ihm gehört: Nicht
schreiben! ...
    Schon nach drei Tagen war ihr Zustand völlig ratlos ...
    Als sie gerade in den obern, schon von Delring verlassenen Zimmern des
zweiten Stockes etwas räumte, kam ihr eines Morgens Nück entgegen. Es war wie
zufällig. Hier, in den schallenden Zimmern, ohne Tisch und Stuhl, hier wagte er,
nicht achtend der Erinnerung an eine Sterbestätte, auf der sie standen, eine
Scene herbeizuführen, wie die erste gewesen an jenem Piter'schen Festabend und
wie sie neulich ihm gestört worden war ...
    Lucinde unterbrach ihn aber und sagte:
    Wollen Sie mich wieder auffordern, das auszuführen, wofür Hammaker Bickert
gedungen hat, der in diesem Augenblick vielleicht im Begriff ist, Ihren Prozess
durch Mord brennerei zu entscheiden?
    Nück sah sie mit seinen weit aufgerissenen weissen Augen an ...
    Schon ertrug sie diese Augen, die ihr früher so entsetzlich gewesen ...
    In - diesem - Augenblick -? Was reden Sie da? sprach er ...
    Lucinde wiederholte ihre Frage ...
    Hammaker? Wer ist - Sie kennen - was - wer ist - Bickert?
    Diese Frage war eine heuchlerische. Die ersten Reden jedoch, die Nück in
unterbrochenen Sätzen ausgestossen hatte, schienen in der Tat unverstellt
gewesen zu sein ...
    Bickert, sagte Lucinde, jede Fiber in seinen Bewegungen beobachtend, Bickert
ist jener Kirchhofräuber des Dorfes Sanct-Wolfgang ... Ich entdeckte ihn hier
bei jener Gefahr im Professhause, von der ich Ihnen noch nicht alles erzählt habe
... Aber Sie, Sie hat er mir genannt als den Mann, der ihm die Mittel geben
würde, für immer nach Amerika zu entfliehen, wenn er - staunen Sie nur! - zuvor
auf einem Schloss - Feuer angelegt und bei dieser Gelegenheit eine falsche
Urkunde -
    Himmel! unterbrach sie Nück ... Die Wände haben ja Ohren -! Was sprechen Sie
da? ..
    Sprachen Sie nicht einst selbst so zu mir?
    Ich? ... Zu Ihnen? ... Wann?
    Nück stand besinnungslos ...
    In wessen Auftrag ist Dionysius Schneid nach Witoborn gereist? fuhr Lucinde
mit überlegener Ruhe fort ...
    Dionysius - Schneid -? Wer - ist - das?
    Nück zeigte eine unverstellte Befremdung, war aber zugleich in eine
Aufregung versetzt, die ihm, dem Kalten, Ruhigen, Allem gleichgültig Zuwartenden
den Schweiss auf die Stirne trieb ... Kein Stuhl war im Zimmer, auf den er sich
hätte niederlassen können ... Er taumelte zum Fenster hin, um sich dort zu
halten; zufällig ergriff er eine noch zurückgebliebene Vorhangschnur und liess
diese sofort aus den Händen gleiten, stöhnend:
    Ich hielt meinen Schutzengel von der Reise zurück! ... Ich fange an - zu -
ahnen -! Jesus Maria! ... Ja, ja! ... Sie müssen fort, fort, sogleich! ... Wär'
es denn möglich! Ich sah nichts, nichts als Ihre Liebe zum Domherrn ... Sogar
die todten Schatten Serlo und Klingsohr beneid' ich noch -! Fort! fort! In
diesem Augenblick!
    Jetzt noch mehr erbebte Lucinde vor dieser Angst des sonst so mutigen
Mannes ...
    Wenn ich an jenem Abend, fuhr er mit ungewissem Stammeln und grauenhaftem
Auf- und Abgehen seiner Kinnladen fort, über - die Urkunde - scherzte; wenn ich
- die Urkunde nannte, die zu Ihrer Freude Paula zur Gräfin von Salem-Camphausen
- machen könnte, so geschah's im Taumel der Freude, Sie allein zu sehen, Sie in
Ihren Geheimnissen zu überraschen, Sie zu sehen an einem so berauschenden Abend
in Ihrem Glanz, in Ihrer Schönheit ... Können Sie glauben, dass ich in meinem Hass
so, so weit gehen konnte -? Aber ja, Sie haben Recht ... Ich Wahnsinniger, ich
habe einst zu einem solchen Plane gelacht ... Ich habe drei verzweiflungsvolle
Monate meines Lebens über dies Lachen hingebracht ... Drei Monate, wo Hammaker
unter den Verhören der Richter stand ... Damals kam kein Schlaf über meine Augen
... Ich irrte umher, scherzte und - lachte, aber unterm Damoklesschwert ...
Hammaker war - muss ich es doch zugestehen! - ein Höllenbrand ... Für seine
verlorene Ehre, für die Bildung, die er besass, rächte er sich am
Menschengeschlecht ... Wie er mich auf dem Gewissen hat, darüber beicht' ich
Ihnen, Lucinde, Ihnen - doch nur - wenn wir beide in Rom sind ... Lassen Sie mir
dies Bild - in der Wüste meines Lebens! ... Hammakern liess ich - schon seit
lange - für sich - gewähren und suchte nur von ihm loszukommen ... Merkte er
diese Absicht, dann konnt' ich sicher sein, einen neuen Anschlag von ihm zu
gewärtigen ... Er war der dunkle Schatten meines Lebens - Und so unzertrennlich
blieb er von mir, dass ich ihn sogar vor Gericht noch verteidigen musste! ... Die
unglückselige Dose! ... Dass ich sie auch gerade ziehen musste und ihm in sie den
Griff verweigern! ... Eine Hölle grinste mich gleich an aus seinem Racheblick
... Ich sehe - sie ist jetzt losgelassen ...
    Nück musste sich halten ... Er war zu erschüttert - Lucinde dachte an Serlo,
der einen Abend hatte zubringen können, zu raten, wen wohl Goete in seinem
»Clavigo« im Sinne gehabt, als er Carlos sagen lässt: »Ich, der ich dabei war,
als dem Ersten der Menschen die Angsttropfen auf der Stirn standen« -? Lucinde
hätte unter den vielen Beispielen verzweifelnd Ueberführter oder unerwartet vom
Schicksal Geäffter, die Serlo aus seinem Leben nennen konnte, jetzt den
Oberprocurator Nück anführen können ...
    Eines Tages, fuhr Nück in stammelnder Rede und so, als würde schon durch
seine Erzählung der Moment des Handelns versäumt, fort - eines Tages, als ich
über die fehlende Urkunde in dem grossen Processe klagte, sagte Hammaker, der ein
Jurist war, seltene Kenntnisse besass: Nück! Spielen wir doch - ein bisschen
Pseudo-Isidor! Sie verstehen das nicht ...
    Doch! sagte Lucinde. Der heilige Isidorus von Sevilla hat die Regeln
aufgeschrieben, nach denen sich allmählich euer kirchliches Recht bildete! Ein
Geistlicher in Mainz, Benedictus Levita, gab hierauf diese noch einmal heraus,
gefälscht aber durch Zusätze, die der Macht der Bischöfe über den Klerus günstig
waren. Um nun wieder die Bischöfe sicher zu stellen vor den Folgen jener
Verfälschung, liessen diese durch neue Fälschungen dem ersten Bischof in Rom die
höchsten Ehren. Ohne diese Lügengewebe des falschen Isidorus von Sevilla gäb' es
keinen Papst in Rom, keine dreifache Krone, die die Welt beherrscht, auch keinen
Orden vom goldenen Sporen - -
    Nück reichte gezwungen lächelnd mit der zitternden Hand zu Lucindens Stirn
hinauf, als wollte er sagen: Wert bist du selbst eine Krone zu tragen! ... Mit
einem Gemisch von Huldigung, von gemachter Frömmigkeit und Ironie warf er die
Worte hin: Bei alledem sind Sie eine grosse Ketzerin! ... Dann fuhr er fort: Ja!
Hammaker sprach von diesem Pseudo-Isidor, der allerdings Rom gross gemacht hat
und Rom gedeihe doch! Gedeihe durch eine Lüge! sagte der Schurke. Ich lächelte -
lächelte ohne Arg ... Ich beschwöre Ihnen dies! Ich beschwör' es - bei - Ihrer -
Liebe zum Domherrn - denn an etwas anderes in der Welt glauben Sie doch nicht!
Hammaker veranstaltete alles, was ich - zwar nur so obenhin, aber doch schon von
Entsetzen ergriffen - plötzlich zu ahnen begann ... Immer hatte er etwas, was
bald zu meinem Glück, bald zu meinem Verderben ausschlagen konnte ... ... Alle
Kenntnisse besass er, die dazu gehörten, eine falsche Urkunde im Geschmack alter
Zeit aufzusetzen, sie aufs zierlichste zu copiren, sie mit chemischen Mitteln
wie wurmstichig zu machen, sie mit Kaffeesatz zu bräunen ... Nur durch einen Act
der List oder Gewalt konnte diese Urkunde in die Archive kommen ... Ich ahnte
ein Vorhaben dieser Art, das mich ewig zu seinem Sklaven machen musste ... Das
wollte er denn auch ... Indessen - ich beruhigte mich - ich sah ja sein nahes
Ende ... Im Gefängnis wär' ich gern einmal auf meine Furcht zurückgekommen, nur
hatt' ich immer Feuer an den Sohlen, so oft ich mit ihm reden musste ... Noch
jetzt - sehen Sie - Nur an ihn zu denken und nicht schon handeln ist gefährlich
- Sie müssen reisen, Lucinde ... heute, heute noch! ...
    Lucinde stand mit klopfendem Herzen, ein Bild zwar des Schreckens, aber doch
schon gefasster, da sie die Mitfurcht eines so mächtigen Dritten hatte ...
    Vielleicht irr' ich mich in den Voraussetzungen über die Verkleidung jenes
Picard ... sagte sie ...
    Nein, nein! Hammaker hat mir diesen Dank fürs Leben hinterlassen wollen! Nun
weiss ich es für gewiss! Folge mir auch du! riefen die Teufel in seiner Brust, als
er aufs Schaffot musste ... In meinen Gefängnissgesprächen mit ihm deutete ich auf
jene frühern Äusserungen über den falschen Isidorus hin ... Da fuhr er auf und
sagte höhnisch, dass ich ihm denn doch auch zu viel Devotion für meine Interessen
zutraute ... Für - meine Interessen? fragte ich forschend, musste aber schweigen
und sehen Sie da, wie ich mit ihm stand - jedesmal dass ich bei ihm war, hatte
ich Gift bei mir und wollte es ihm anbieten ... Einmal machte ich davon eine
Andeutung ... Da sprang er auf mich zu und erschlug mich fast mit der
Handschelle ... Ich entfloh, die Wache kam herein ... Ich hörte die
nichtswürdigsten Worte hinter mir hergerufen ... Er glaubte nicht an seine
Hinrichtung - er wollte die Buschbeck nur im Ringen, nur im Verteidigungsstand
gegen eine Wütende erwürgt haben ... Voll Rache, auch gegen mich und meine
scheiternde Verteidigung, bestieg er das Schaffot. Seitdem atmete ich auf und
ahnte nicht, dass er mich nach sich zieht ... Neulich merkt' ich etwas davon zum
ersten male ... Ein Mensch kommt zu mir und stellt sich mir vor als ein von
Hammaker Gedungener -
    Den - Den mein' ich! ... bestätigte Lucinde ...
    Als ein Mensch, der von mir tausend Taler bekommen würde, wenn er auf
Schloss Westerhof bei Witoborn im dortigen Archiv Feuer anlegte ... Bei dem dann
entstehenden Tumult sollte er eine Urkunde, die er wohlverwahrt bei sich zu
Hause hätte, in das Archiv bringen ... Ich stand erstarrt ... Mich endlich
ermannend fuhr ich dem wüsten Menschen an die Gurgel und wollte die Wache rufen
... Darüber wieder entsank mir der Mut ... Ein Verdacht, ein Flecken würde
immer geblieben sein ... So redete ich dem stumpfsinnigen, der deutschen Sprache
kaum mächtigen Menschen zu, bat ihn vernünftig zu sein, solche
Nichtswürdigkeiten nicht zum zweiten male gegen mich auszusprechen und gab ihm
hundert Taler zur sofortigen Abreise ... Wie bereu' ich die geringe Summe, die
ich gegeben! Auch die Drohungen, die ich ihm nachrief! Ich fahre sofort auf das
Polizeiamt! sprach ich ihm die Tür weisend; ich werde Sie anzeigen und
beobachten lassen! ... Da erst besann ich mich: Hammaker wird ihm gesagt haben:
Gelingt es oder nicht, so sind tausend Taler mehr oder weniger für Nück's
Furcht eine Bagatelle! Ewig kannst du auf die Art von ihm ziehen! Jedenfalls
mehr, als wenn du in Westerhof uns, heute oder morgen, beide angäbest und zum
Dank - dann doch auch mit ans Eisen müsstest! ... Ich höre alles das! ...
Lucinde, wir erleben eine grosse Demütigung ...
    Nück brach fast zusammen. Er kam zu keiner Besinnung mehr, steckte mit
seiner Furcht aufs neue Lucinden an, die an manche Beruhigung sich halten
wollte, drängte in sie, abzureisen, Bickert aufzusuchen und durch ihre
Beredsamkeit, natürlich auch durch so viel Geld, als sie nur mitnehmen wollte,
den Verbrecher von seiner Tat zurückzuhalten ...
    So reiste sie noch am selben Abend ab und kam nach Witoborn in der
leidenschaftlichsten Erregung ...
    Nur zu bald erfuhr sie hier, wo sich ein gewisser Dionysius Schneid befand
... Schon auf Westerhof! ... Schon am Ziel seiner gewinnsüchtigen und
frevlerischen Absichten! ... Wie aber näherst du dich ihm? Wie rettest du dich
vor Schimpf und Schande ... Im Geist sah sie sich durch alle diese Vorgänge auf
der Bank vor den Assisen ...
    Willenlos hatte sie sich heute schmücken lassen ... Willenlos war sie nach
Münnichhof gefahren ...
    Paula hatte schon eine Vision von einer Feuersbrunst gehabt! ... Das hörte
sie dann ... Sie sah in Püttmeier's Bildern immer nur Brand und Brand ... Sie
musste sich selbst wie schon aus den Flammen losreissen ...
    Brütend, wie sie an Dionysius Schneid kommen sollte, sass sie in dem dunkeln
Zimmer, zum Tod vernichtet ...
    Entsetzt fuhr sie zusammen, als ein Bedienter den Kopf durch die Tür
steckte und sie nach ihrem Namen fragte ... Vor ihren Blicken standen gleich
Häscher und Richter ...
    Der Bediente sagte, ein Mönch, ein Laienbruder hätte bei einigen Dienern,
die von Witoborn mit gekommen wären, nach dem Fräulein gefragt und zu seinem
Erstaunen gehört, dass sie selbst hier anwesend wäre ... Ob er sie sprechen
dürfte? ...
    Wer? fragte sie halb ablehnend, halb nicht begreifend ...
    Ein Bruder Hubertus! Ein frommer guter Alter ... Aus dem Kloster Himmelpfort
drüben ...
    Hubertus? ...
    Den Namen kannte sie ja ...
    Aus Serlo's Erinnerungen sah sie den Pater Fulgentius vor sich, den Hubertus
einst gerichtet hatte ...
    Sie wusste auch, Hubertus war der ehemalige Verlobte ihrer Hauptmännin ...
Der »Bruder Abtödter« war's, der Klingsohr zum Pater Sebastus gemacht hatte ...
    Naht sich schon wieder die Kette, die dich ewig an das Vergangene schmiedet?
rief es verzweifelnd in ihrem Innern ...
    Sie wollte den Mönch abweisen ...
    Doch, noch ehe sie erwidert hatte, öffnete sich die Tür und ein dunkler
Schatten huschte herein.
 
                                      16.
Vor der Unschönheit des Anblicks, der sich ihren Augen darbot, ergriff Lucinden
ein Schauder ...
    Das waren keine Züge, die dem Leben angehörten ... Jene Chinesenköpfe, die
sie einst im verschlossenen Zimmer der Buschbeck gesehen, traten ihr entgegen
... So lächeln Mumien ...
    Was wünschen Sie? fragte sie indessen mit sich sammelnder, ablehnender und
hoffärtiger Kälte ...
    Sie erwartete eine Botschaft von Klingsohr und konnte sich darum noch
weniger zur Freundlichkeit stimmen ...
    Mein geehrtes Fräulein - begann Hubertus mit seinem im wunderlichen Tonfall
gesprochenen fremdartigen Dialekt und unterbrach sich dann schon selbst, um sich
erst zu versichern, ob seine Rede unbelauscht blieb ...
    Lucindens Schrecken mehrte sich ...
    Was wollen Sie? sprang sie voll Furcht und Unwillen auf ...
    Dunkler und dunkler war es geworden ... In einem Kamin, sah Lucinde erst
jetzt, leuchteten noch halbglimmende Kohlen ...
    Mein Fräulein, begann der Mönch aufs neue und mit Milderung seiner
auffallenden Hast, Sie wohnen ja wohl bei Frau von Sicking -?
    Ja! Warum? ...
    Sie heissen Lucinde -
    Schwarz - was fragen Sie danach?
    Ich möchte wissen, ob Ihnen der Name - eines gewissen - Jean Picard bekannt
ist? ...
    Lucinde musste sich am Rand des Kamins halten ... Da war das tödliche Wort
gefallen ... Das Geheimnis ihres Innersten ausgesprochen ... Die Welt wusste
schon alles! ...
    Der Alte sah die Vermutung des Briefes bestätigt ...
    Allmählich zog er aus der innern Tasche seiner Kutte das Papier ... Vor
Aufregung lächelte er selbst ... Konnte eine so schöne, junge Dame mit
Verbrechern bekannt sein? ... Bei seinem Lächeln gingen ihm die Winkel seines
Mundes fast bis zum Ohr ... Es war nicht zu unterscheiden, ob der schreckliche
Mönch ihr Vorwurf oder Teilnahme bezeigte ...
    Lucinde stöhnte mit schwerem Atem:
    Jean Picard? ... Den Namen hab' ich - einmal nennen hören ... Ja! ... Was
soll es mit ihm? ... Er hat auf einem Kirchhof einen Sarg erbrochen ...
    Der ... Der! Ganz recht! ... ergänzte der Mönch, entfaltete den Brief und
prüfte Lucindens Benehmen, das sich vergebens zu fassen suchte ...
    Wissen Sie, wo er ist? Sie würden den Behörden - mit der Angabe - einen
Gefallen tun! sagte sie kleinlaut ...
    Hubertus legte die Hand an den Knochen, der sein Kinn war, und betrachtete
von unten her, forschend und mistrauisch, die kalte Ruhe, die sich ihm gegenüber
so als völlig sorglos zu geben suchte ... Ob diese Ruhe gemacht war, unterschied
er nicht ... Der gute Bruder hatte ein edles Herz, hatte viel erlebt, doch seine
Geistesgaben waren nicht die hervorragendsten ...
    Fräulein, sprach er, als Lucinde so erwartungsvoll fragend stand ... Hier
ist ein Brief an die Behörden in Witoborn ... Der Regierungsrat von Enckefuss
wünscht, dass Sie - ja Sie, Fräulein - von seinem Vater, dem Landrat, um Ihre
Bekanntschaft mit diesem Jean Picard befragt werden ...
    Lucinde hatte von Serlo einen Grundsatz angenommen. Dieser hiess: Droht dir
eine Gefahr, und du weisst es und sie naht endlich, dann denke dir nur immer
gleich die ganze Fülle des Elends! Lass nichts von beschönigenden Mittelstufen,
von möglichen bessern Erwartungen aus! Sage gleich: Alles ist verloren! Und
bricht dann doch nicht alles so herein, wie du fürchtetest, so hast du ja gleich
eine kleine Abschlagzahlung wieder auf das Glück! ...
    So sah sie sich jetzt, wo schon die Sicherheitsbehörden ihr Geheimnis
wussten, geradezu bereits in Ketten und Banden ... Sie sagte sich: So wandelst du
hin! So wird dein Loos sich erfüllen! Das wird aus einem Weibe, wenn - »es die
Liebe nicht findet« ...! So war dir's, als du auf der Bühne scheitertest! ... So
war dir's, als dir in der Dechanei gekündigt wurde! ... Nun sieh nur zu, was
kommt! ...
    Der Mönch betrachtete das ihm durch Klingsohr so wohlbekannte Mädchen voll
Staunen und Mitleid ... Kreidebleich, wie der Rand des Kamins, stand sie und
bemerkte nicht, dass ihr der Alte mit seiner knöchernen Hand den Brief selbst zu
lesen gab ... Die Augen gingen ihr tief innenwärts ...
    Lesen Sie's nur selbst, sagte der Greis und sprach dies schon wie strafend
...
    Zu dunkel ist's! antwortete sie, wollte lesen und konnte nicht ...
    Sie wandte sich, weil ihre Hände zitterten und hauchte:
    Sagen Sie doch selbst, was darinnen steht!
    Hubertus teilte ihr den Inhalt des Briefs im kurzen Zusammenfassen mit ...
    Lucinde hörte ihr Todesurteil ... Sie sah Flammen um sich her und konnte
nicht entfliehen ... Sie hörte Sturm läuten von den Türmen und rannte sinnlos
mit den andern ... Grützmacher, der Wachtmeister aus Kocher am Fall, stand vor
ihr mit seinem Signalementbuch und sprach sein: Na Paschol, Mamsell! ... Eine
Emissärin hiess sie den Behörden schon lange ...
    So stand sie wie eine Statue ...
    Bei alledem sagte sie:
    Dummheit! Ich sehe da die ganze - blonde - blauäugige - Weisheit des - Herrn
von Enckefuss! ... Wie kommen denn Sie - Sie, ein Klosterbruder, dazu, von diesen
Menschen - in - Criminalsachen gebraucht zu werden?
    Der Landrat kennt diesen Brief noch nicht! sagte Hubertus. Auch soll er
seinen Inhalt nicht erfahren - Darauf geb' ich Ihnen mein Wort - falls Sie mir
sagen, Fräulein, wo ich - Jean Picard finde!
    Lucinde wandte staunend ihr Antlitz ...
    Und was geschah? Da lag das Papier schon auf dem halb im Verkohlen
begriffenen Feuer des Kamins ...
    Der Mönch hatte es eben hingeworfen und das plötzliche Wehen des Kleides,
das entstanden war, als Lucinde hoffnungsbelebt einen Schritt zurückfuhr,
brachte den Zugwind, an dem sich das Papier entzündete und langsam zu verbrennen
anfing ...
    Ich begreife Sie nicht -! flüsterte sie und fühlte bereits jene Serlo'sche
»Abschlagzahlung wieder auf das Glück« - ihre Augen blitzten wie ein
Sonnenstrahl aus Wolken ...
    Mein Fräulein, begann der Mönch, mag dem sein wie ihm wolle, und was Sie
auch mit solchem Volk zusammenbringt, ich gebe Ihnen den Schwur beim Patron
meines Ordens, dass ich diesen Teufel kneble, binde, geradezu aufhänge, wenn ich
ihn finde, um ihn von seinem Lasterleben zurückzuhalten ... Sagen Sie mir nur,
wo ich ihn entdecke - diesen Jean Picard! ...
    Waren denn das Worte der Verstellung? ... War denn dieser mutige,
entschlossene Ton die Sprache eines Feindes oder Bundesgenossen?
    Der Greis richtete jene Miene auf sie, die, das erkannte sie jetzt, Lächeln
sein sollte ... Sie vertraute dem innigen Ton der heftigen Rede des Alten und
fragte mit Wonneschauern glücklicher Hoffnungen:
    Was haben denn aber Sie für ein Interesse an solchen Verbrechern, die, wie
Herr von Enckefuss glaubt, meine Freunde sein können?
    Bei Sanct-Franciscus! rief Hubertus ... Das ist, denk' ich, keine
Kleinigkeit, wenn man in Liebe an Jemand jahrelang denkt, ihn wiedersehen will
und wiedersehen muss und gerade im selben Augenblick von ihm erfährt, ein Dieb,
ein Räuber ist's geworden, wie - die andern waren ... Sehen Sie diesen Picard
milder an, so weiss ich nicht, warum, Fräulein. Ich habe in jungen Jahren ein
paar gute Körner in den Schurken gelegt ... sind die so schlecht aufgegangen? So
ganz der Apfel beim Stamm geblieben? Zwischen zwei Bäumen mach' ich im Wald eine
Hängematte aus ihm und lass' ihn nicht eher zur Erde, als bis er vor Gott mir ein
besserer Zeuge wird! Das schwör' ich Ihnen!
    Wie kühlender Regen nach wochenlanger trockener Hitze überrieselten diese
Worte Lucindens Furcht und Bangen ... Sie sah eine Möglichkeit, den Verbrecher
von seinem boshaften Plane, Nück zu Geldzahlungen zu zwingen, zurückzubringen
... Aus ihrer unterirdischen Wanderung mit Bickert entsann sie sich seiner Scheu
vor einem Madonnenbilde, entsann sich seines Ganges in den Beichtstuhl
Bonaventura's ... Vielleicht war er nicht nur einer Drohung, sondern selbst
einer Mahnung zum Besseren zugänglich ... Es lebte in ihm jene Ideenverwirrung,
die die moralische Milde des Katolicismus in den Köpfen der Masse anrichtet ...
Sie sündigt und beichtet und beichtet und sündigt ... Der Bravo lässt den Dolch
weihen, der gedungen ist, einen andern zu morden ... Die gemachte Beute wird mit
der Gottesmutter und mit den Heiligen geteilt ...
    Um ihre Freude nicht zu verraten, schwieg sie und redete auch da noch
nicht, als Hubertus mit immer dringlicherer Eile fortfuhr:
    Sie kennen ihn! Sagen Sie mir aufrichtig, ohne Furcht: Wo ist er? Verlieren
wir keinen Augenblick! Ich will ein Wort mit ihm reden wie Jüngstes Gericht!
    In Lucindens Innern zog es wie eine himmlische Musik auf ... Hubertus
erschien ihr schön ... Sie hätte ihn küssen mögen ... Aber auch schon lachen vor
innerstem Krampf und namenloser Freude ...
    Sagen Sie mir es nicht? Mir? Mir nicht? Was sollte auf Westerhof geschehen?
...
    Lucinde zuckte zusammen ...
    Reden Sie? Ich bitte!
    Ich will Ihnen vertrauen! sprach sie. Auch ich - möchte - den - verirrten -
Menschen schonen! Eine elende Vorspiegelung hat ihn bestimmt, hieher zu reisen
und ein Verbrechen auszuführen, das ich - Ihnen nicht anzugeben weiss, das aber
gute - unschuldige Menschen - ja mich selbst in peinliche Lagen bringen kann! -
Versichern Sie sich seiner Person! Haben Sie Einfluss auf ihn, so können Sie mir
und manchem, der Ihnen dafür ewig danken wird, keinen grössern Dienst erweisen,
als wenn Sie ihn, wie Sie nur irgend können, unschädlich machen! Ich wünschte,
Sie wären nicht so geldscheu, wie dies Klosterbrüder zu sein pflegen! Geld
scheint das einzige Mittel zu sein, diese wüste Seele zum Bösen oder vielleicht
ebendeshalb auch noch zum Guten zu lenken - und wenn ich Ihnen aus meinen
Mitteln -
    Das lassen Sie nur! unterbrach Hubertus. Sehen Sie, wie sich alles treffen
musste - Dem Schurken hielt ich zehntausend Taler in Bereitschaft -! Sie
staunen? ... Noch mehr! Das ist Geld, an dem Ihre eigenen Tränen haften,
Fräulein! Ja Ihre! Ihre! ... Geld, das Sie, Sie mit erwerben halfen durch Hunger
und Entbehrung! Jene Erbschaft der ermordeten Frau, die auch Sie auf dem
Gewissen hat - fiel ja mir zu ...
    Lucinde war es nicht gewohnt, etwas von ihren Tränen zu hören ... Und wie
sich der ewig Unglückliche des Glücks entwöhnen kann und dessen Annäherung gar
nicht mehr mit voller Beseligung fühlt, so entwöhnt sich auch das Herz, das man
ewig kalt und empfindungslos nennt, der Anerkennung seiner bessern Gefühle ...
Sie war mehr erstaunt als gerührt über diese Worte ... Sie erschrak sogar über
sie; sie erinnerten an Klingsohr ...
    Woher wissen Sie das? fragte sie ...
    Durch Pater Sebastus! bestätigte Hubertus und musterte Lucinden mit dem
ganzen Rückblick auf alles, was er über sie wusste und nach dem Eindruck, den sie
ihm machte, jetzt wohl für glaublich halten konnte ... O wüsst' er, fuhr er mit
freundlichem Nicken fort, dass Sie in seiner Nähe sind! Darf ich's nicht dem
Armen sagen?
    Wem? fragte sie ausweichend und befremdet ...
    Heinrich Klingsohr! ...
    Wir sprechen von den Gefallenen, nicht von den Erhöhten! sagte Lucinde mit
einer der ihr geläufig gewordenen devoten Wendungen ... Sie finden den, den Sie
suchen, auf dem Schloss Westerhof! Unter dem Namen »Schneid« hat er dort eine
Stelle gefunden ... Sein Äußeres - Seit wie lange schon sahen Sie ihn nicht?
    Ich habe das Merkzeichen meiner Kinder ... Und schon in Westerhof! ... Was
wollt' er dort? ...
    Warnen Sie ihn!
    Warnen? ... Damit halte ich mich nicht auf! ... Ich trag' ihn auf einen
Turm und werf' ihn hundert Fuss tief, wenn er nicht Ordre hört! Ist aber an ihm
noch zu flicken, so schaff' ich ihn nach Bremen und von da aufs Schiff und mag
er dann nach Amerika gehen ...
    Lucinde sagte sich selbst: Werde nur nicht übermütig, seit du siehst, dass
dich der Himmel noch liebt!
    Hubertus begann eine Frage, die er nun auch noch nach Terschka richten
wollte, unterbrach sich aber, weil in der Ferne die Jagdhörner ertönten ...
    Also Westerhof! wiederholte er ... Schneid! ... Und - Sie - Sie Wilde,
Wilde! Warum soll ich nicht den Pater Sebastus grüssen?
    Einem Kloster ziemt kein Frauengruss! sprach sie mit Lächeln ...
    Der Arme sitzt in Haft ... Wie hätt' ich ihm gegönnt, nach Lüttich zu
entfliehen ...
    So vertraut war Hubertus mit Klingsohr ...
    In Haft? fragte sie ...
    Wenn ihn nicht heute der Domherr von Asselyn frei bekommt ... Ja! ... Der
wollte ein Wort für ihn beim Provinzial einlegen ...
    Lucinde sah im Geist zwei, drei Räder gehen und sich selbst in ihrer Mitte
... Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - alles rollte rundum - und nichts war
fest ...
    Noch einmal rief sie dem schon Abschiednehmenden und immer vor sich hin:
»Schneid!« »Schneid!« Murmelnden und richtete lächelnd die Frage an ihn:
    Wissen Sie nicht irgendeinen hohlen Baum? Eine vom Blitz erschlagene Eiche?
    Im Düsternbrook! Gewiss!
    In diesen Baum soll Klingsohr entfliehen! ...
    In - einen - Baum? ...
    Ich denke ... Wo möchte der Pater am liebsten sein?
    Wo Sie sind oder - in Rom!
    Nun gut! ... Der Weg nach Rom führt durch jenen hohlen Baum - Aber die Jäger
kommen ... Ein andermal! ...
    Was Jäger! Auch ich war einer - hier und in den Wildnissen Javas! Was
Entbehrung und Anstrengung heisst, das kenn' ich ... Ich bin von Schlangen
gebissen worden und Malayen sogen mir das Gift aus den Wunden ... Selbst lernt'
ich Gift aus einem frisch gebrochenen Schlangenzahn saugen und keine Schlange
mehr hatte seitdem Gewalt über mich ... Doch ja! Eine - Eine freilich! ... Aber
was soll's mit dem Baum? Ich verstehe - nur - erst - halb und halb ...
    Lucinde wiederholte Nück's Rat ...
    Die Regel Ihres Ordens, sprach sie schnell und wie zwischen Tür und Angel,
gestattet Ihnen Veränderungen Ihrer Lage, aber nur müssen Sie - vom Strengen zum
Strengern übergehen! Flieht der Pater in einen Baumstamm, lebt dort als
Einsiedler, erträgt die Härte des Winters, bleibt in Sturm und Regen, hütet sein
Kruzifix und kümmert sich nicht, wer oder was ihn ernährt, so hat kein Kloster
Gewalt über ihn; das Bedürfnis grösserer Gottseligkeit ist heilig. Kommt dann
aber - der Frühling - kommen die Schwalben -
    Ha! So entfliehen wir nach Rom!
    Nach Rom? Auch Sie?
    Auch ich!
    Nun gut! Aber - ohne Sandalen! Ohne Kapuze! Statt des Stricks - mit dem
Stachelgürtel! ... Nach der Regel des heiligen Petrus von Alcantara, die Sie
vorgeben müssen, in Rom annehmen zu wollen ... Seinen getreuen Alcantarinern
wird Sanct-Franciscus Verzeihung gewähren ... Die Prüfung ist gross ... Aber wo
seh' ich Sie wieder? ... Man kommt! ... Morgen in der Frühe im Münster von
Witoborn ...
    Damit drängte sie den staunenden Bruder aus dem Zimmer, zog die Tür sofort
wieder an sich und eilte die Reste des Briefs zu zerstören, ihr Haar, ihre
Kleider zu ordnen und sich zur Rückkehr in die Gesellschaft zu sammeln ...
    Ihre Brust atmete auf ...
    Kann denn für dich, riefen tausend frohlockende Stimmen, noch ein Wunder
geschehen? Selbst das Gefühl der Versöhnung mischte sich in ihren Jubel. Wurde
das Verbrechen unterdrückt, so zog keine unerbittliche Hand mehr Paula von
Bonaventura's Seite ... Auch das glaubte sie jetzt wünschen zu können. Mit
erleichtertem Herzen, hoffnungsvoll kehrte sie in den jetzt schon von
Kerzenlicht widerstrahlenden Saal zurück ...
    Das ganze Schloss war inzwischen in Bewegung gekommen ...
    Hörnerschall, Peitschenknallen, Hundegebell hörte man schon in nächster Nähe
... Die Jagd kehrte heim ... Jubelndes Halali wurde geblasen schon bis in den
Schlosshof herein ...
    Die Frauen standen im Saale und zum Empfang der Männer geschart ... Von
Püttmeier's Künsten waren sie noch alle wie Traumbefangene; der Glanz der
Lichter, der Duft der Speisen rief sie in eine nicht minder behagliche
Wirklichkeit zurück ...
    Der Erfolg der Jagd war zuletzt der lohnendste gewesen. Das erlegte Wild kam
in einer langen Wagenreihe an hoch bedeckt mit Tannenzweigen. Sämmtliche
Treibleute, die den Tag über und schon gestern meilenweit mitgewirkt hatten,
standen im Schlosshof und empfingen ihren Lohn für die gehabte Anstrengung. Man
zahlte mit Geld und anerkennenden Worten. Der Graf hatte grosse Treffer von sich
zu rühmen und war in bester Laune, denn der gefürchtete Terschka hatte weniger
geleistet, als man erwartet; Terschka trug den Tannenschmuck an der grünen Mütze
ohne jede Berechtigung zur Ueberhebung.
    Nun auch traten der Dorste'sche Oberförster und seine Gehülfen, der
Wildmeister und die Leibschützen mit den bisher zurückgehaltenen Glossen der
echten Jägerpraktika hervor und erklärten jeden Schuss, wie er hätte sein müssen,
berichtigten jedes Misverständniss, deuteten an, wie man jenen Rehbock, diesen
Spiesser hätte sogleich da oder dort aufs Blatt nehmen sollen ... Alle aber waren
darin einverstanden, dass die Freude und das dann zuletzt doch nicht
ausgebliebene Glück erst eingezogen waren, als der Landrat entfernt worden ...
    Laut gesprochen wurde über diesen Zwischenfall nicht mehr viel; der Damen
wegen flüsterte man nur; der Landrat musste ja für »tollgeworden« gelten. Ueber
etwa dabei Versäumtes beruhigte einer den andern, seit man von Hubertus'
glücklich getroffenen Anordnungen und der Abholung des Landrats aus einem
Bauernhause durch sein Fuhrwerk und seinen Bedienten wusste ...
    Der Hinblick auf die Vorgänge im Hof hätte für die Frauen ein abschreckender
sein sollen, denn das letzte erlegte Wild wurde hier von den Jägern ausgeweidet.
Lunge, Herz, Leber, das Feiste in den Wammen, alles fiel den jagdkundigen
Helfern zu nach Jägerrecht. Sorglich wurde weder hievon abgewichen, noch von den
Trinkgeldern, die man dem in die Hand steckte, der das Tannenreis an Hut oder
Mütze flocht. Der Anblick, an sich schon wild, machte sich malerisch schön durch
die angesteckten Fackeln. Rings die altertümlichen Wände und Galerieen. Schon
allein das Getreibe der Hunde, die für die lang zurückgehaltene Gier jetzt durch
ihren Anteil belohnt wurden, war eine Aufgabe für die Vereinigung der Talente
eines Snyders und Rubens.
    Dann wurde der Rückblick auf die Geschichte des Zusammensturzes dieser
Tiere, die mit ihrem Blut den Boden bedeckten, mit einem Stimmeneifer
begleitet, als handelte es sich um die grössten Begebenheiten der Welt. Jeder
stutzende Seitensprung eines Böckleins wurde noch jetzt belacht, nicht etwa weil
die »nobeln Passionen« Empfindungslosigkeit mit sich bringen, sondern weil der
Mensch an der Ausübung seiner Hoheitsrechte über die Natur doch zuletzt eine
berechtigte Freude haben darf. Die Spottreden waren nicht mehr so scharf
gesalzen, wie im Beginn. Hatten doch auch die jedem einzelnen mitgegebenen
Jäger, des Tannenzweigs, d.h. Trinkgelds wegen, dafür gesorgt, dass zuletzt jeder
auch noch so lateinische Jäger gleichsam wie von Samiel's Hand eine sicher
treffende Freikugel bekam, und sollte sie auch nur in der diabolisch vermessenen
Sicherheit bestanden haben, mit welcher unter fünf auf zwanzig fallenden
glücklichen Schüssen einer sicher auf den von ihnen secundirten Herrn gerechnet
wurde. Dieser glaubte es dann selbst und je dunkler es wurde, desto weniger
Widerspruch auch bei den andern. Onkel Levinus strahlte vor Genugtuung und
Zufriedenheit. Auch die Amazonen, selbst Fräulein von »Anflicker«, alle hatten
getroffen und zeigten im Hof ihre Opfer ... Nur Armgart erklärte mit aller
Offenheit, sie hätte nichts erlegt ... Sie war die einzige, deren Zähne vor
Frost klapperten ... Sie suchte fiebernd den Ofen und hockte da wie ein
Wurzelmännlein ... Terschka und Tiebold machten sich ständig um sie zu schaffen
... Benno sah man nicht mehr. Zu Tiebold's Leidwesen hatte er sich zu Fuss auf
den Weg gemacht und war mit lässig übergeworfener Flinte auf Witoborn zu
hinausgeschritten in die stille Nacht ...
    Der Graf war der höflichste Wirt ... Die Jäger, die jetzt bei der
Bewirtung halfen, gingen mit Tellern, Flaschen, Servirbretern an ihm vorüber,
als wenn er heute früh keinen einzigen von ihnen bei Seite genommen und wirklich
gesagt hätte: Gegen Baron von Stein, gegen Graf Mengdenberg hab' ich nicht die
mindeste Lust grossmütig zu sein! Wie sie mir, so ich ihnen! Lasst sie nur immer
in Büsche treten, wo sie nicht mehr ein noch aus wissen! ... Aber auch nach
dieser Jagdpraktik folgte jetzt Behagen, Genuss, Erholung ... Die Gattinnen,
Töchter und Schwestern der Nimrods würzten nicht nur das Mahl durch ihre
Erzählungen über den allgemein mit Verehrung begrüssten Doctor Püttmeier, der
sich hier wie ein aufgeschreckter Gnom des Waldgebirgs ausnahm, vorher sein Hemd
gewechselt und das gute Fräulein Huber sogar ohne Dank für ihr Spiel hatte
abreisen lassen (sie blieb nicht beim Mahl, trotz der Bitte der Gräfin), sondern
sie hinderten auch den Ausbruch allzu wilder Natürlichkeiten, die Wahl allzu
sorgloser Wortbezeichnungen, das Erzählen allzu derber Anekdoten.
    An Gesundheiten fehlte es nicht. Der Graf liess seine Gäste leben, die Gäste
liessen Graf und Gräfin leben. Dann kam der Toast, der immer neu ist, wenn auch
der gewöhnlichste von allen, auf die Damen ...
    Unter diesen fand sich eine mutige Seele, die Freiin von
Böckel-Dollspring-Sandvoss, die in ironischer Weise die Philosophinnen leben liess
...
    Diese rächten sich und liessen durch Mengdenberg die Amazonen leben ...
    Die Amazonen brachten wieder einen Toast auf Doctor Püttmeier aus; es war
Fräulein von »Anflicker«, die ihn sprach. Man nahm diesen Toast mit Jubel auf.
Er übertönte das Wohl aller andern um so mehr, als inzwischen die
Husarentrompeter heraufgekommen waren und ihre Instrumente lustig in den Saal
herein erschallen liessen. Fanfaren folgten auf Fanfaren, ein Jagdstücklein aufs
andere; der grüne Heuschreck Stammer fehlte nicht und machte seine landbekannten
Possen. Dann erhob sich der Oberförster, der an der Tafel teilnahm, und hielt
eine Rede, die sogar teilweise an Tiebold gerichtet war, eine Rede, die sich
in die altdeutschen Urwälder verlief, in einigen Sümpfen stecken blieb und
endlich nach langen Umwegen, wo man wunder dachte wo er herauskommen würde,
unter Tränenanflug bei seiner teuren, liebwertesten, gnädigsten, jungen
Herrschaft anlangte, bei der Comtesse Paula ...
    Das gab dann einen Sturm von Beifall ... Alle Gläser klangen ... Auch das
Glas Armgart's, die zwischen dem Onkel und Terschka sass, erklang ... Wie ihre
Augen sich gefeuchtet hatten, bemerkte Niemand ... Gräfin Paula auf Westerhof
erschien allen wie in der Glorie einer Schutzheiligen des Landes ...
    Lucinde sass in einem Kreise von Offizieren ... Schon fing sie an allgemeines
Interesse zu erregen ...
    Terschka hatte sie sogleich erkannt und wollte Armgart auf sie aufmerksam
machen ... Diese aber redete, um ihr Seelenleid, den ganzen Jammer ihres
wahnbetörten Herzens zu verbergen, mit Püttmeier, der ihr gegenüber sass, und
entschuldigte ihre Nichtanwesenheit bei seinem Vortrag, der, sie sprach das im
vollen Glauben, ja »so entzückend schön« gewesen sein sollte ...
    Püttmeier hörte indessen nur halb ... er wollte den ihm dargebrachten Toast
erwidern und es ist ein eigener Zustand im Menschen, wenn er, so zu sagen, einen
Toast im Leibe hat. Oder wie anders soll man die Lage nennen, die nicht
unähnlich sein muss der Sehnsucht nach einer glücklichen Niederkunft? Sage man
was man will, Steckenbleiben ist bitter und Geistesgegenwart ist nicht
Jedermanns Sache, am wenigsten derer, die Geist haben. Da sitzt so ein
toastschwangerer Mensch und die Speisen werden ihm servirt und er nimmt mit dem
Löffel, was er mit der Gabel greifen soll, tief abwesend ist er und lebt nur in
der Repetition der schönen Dinge, die er sagen möchte. Nun begegnet ihm noch das
Unglück, dass ihm links ein Nebenmann fortwährend die Flammen der Begeisterung
schüren will, mit dem Messer an ein Glas zu schlagen droht, zum Zeichen, dass
hier Jemand sprechen wolle. Um Gottes willen noch nicht! ruft der verzweifelnde
Demostenes dazwischen, während er, statt sich in Musse sammeln zu können, wieder
zur Rechten von einer unglückseligen Plaudertasche ins Gebet genommen wird, die
ihn nichts ahnend über alles ausfrägt, über den Kirchenstreit, den
Kirchenfürsten, über Roms Allocutionen, Concordate, Exercitien, Barmherzige
Schwestern, Hoffnungen auf neue Klöster und Jesuiten ... Eine Erklärung: Beste
gnädigste Frau Gräfin, schonen Sie mich, ich habe einen Toast im Leibe! kann ein
Mensch von Geist unmöglich abgeben, da ein Toast nur immer die Schöpfung eines
fast bewusstlosen, genial improvisirenden Mitteilungsdranges sein soll. Ein
verzweiflungsvoller Zustand das! Um so mehr, wenn der rechte Moment vorübergehen
kann, der, wo die Toaste, die nach vielen andern kommen, ihre Zündkraft
verlieren ...
    Püttmeier hatte die Gräfin Münnich zur Linken, das Fräulein von »Anflicker«
zur Rechten, Armgart sich gegenüber. Klopfte auch Jene nicht, einen »Zustand« an
ihm bemerkend, vorschnell mit dem Messer an ihr Glas, so glaubte doch die Dame
zur Rechten alles aufbieten müssen, den hochberühmten Denker so zu unterhalten,
wie es einer Dame auch ihres vielseitigen Rufs geziemte; denn Fräulein von
Merwig-Anflicker, eine Jungfrau in den Vierzigen, war von einem
Unternehmungsgeist, der in allen Gebieten Courage zeigte, in der Musik, in der
Plastik, in der Poesie, in der Declamation - nichts fehlte, als der Erfolg ...
    Püttmeier! Püttmeier! Wahre deinen Vorteil! Gleiche dem Maikäfer, den der
glückliche Knabe über die Hand laufen lässt! Im besten Bewundern seines schwarzen
oder braunen Halsschildes, seiner behaarten Fussschienen, fliegt er dem
Beobachter plötzlich auf und davon! Fräulein von Merwig-Anflicker reisst die
Debatte an sich und dich mit hinein! Sie muss ja streiten, streiten bis zum
Unschönen - sie stritt schon sogar einmal bis zu einem nur mühsam beigelegten
Pistolenduell ... Die Offiziere necken sie heute über den Tisch hinweg mit ihrer
Kunst zu reiten und ein feinerer Kopf unter ihnen spricht in Anspielung auf die
ungedruckten Gedichte des Fräuleins - vom Hufbeschlag des Pegasus und vom
Riemzeug und vom Geschirr der Sonnenrosse ... Nun erwidert sie:
    Die Hufeisen des Pegasus sind dem Huf des Götterpferdes verkehrt
angeschlagen! Wer seinem Wolkenflug nicht folgen kann, wer ihn nur zu würdigen
weiss, wie der Aermste mit geknicktem Flügel auch wohl über die Sandflächen der
Erde dahinjagen muss, den führt seine Spur immer gerade nur auf die
entgegengesetzte Seite hin, als wohin ihm die nichtsnutzige Kritik im Sande
nachtrottet!
    Das war ein Wort der Kraft und erntete nicht wenig Zustimmung und zerstreute
nur leider Püttmeiern, den das sympatische Wort: Nichtsnutzige Kritik vollends
aus dem Kreisen seines Toastes brachte ...
    Aber die Sonnenrosse? - rief Onkel Levinus und hob sein Römerglas und genoss
heute die ganze Freiheit seiner - ungeschlossenen Ehe ... Wie Sonnenrosse
eingeschirrt werden, fuhr er begeistert fort, das kann man nur wissen, wenn man
Aurora auf ihrem Gespann von einem Berg der Alpen begrüsst hat oder vom Capitol
in Rom oder von einem Vorgebirge Griechenlands! Da hört man die Sonnenrosse, wie
sie angeschirrt werden! Da sieht man's, wenn die ersten gelben Lichter über die
dunkelblauen Wellen im Ost wie von einem Wind heraufgetragen erscheinen, das
Meer geweckt wird aus nächtlichem Schlummer, dann sich alles purpurn und violett
und blau malt! Immer unruhiger jauchzt das Meer der Sonne, wie einem Bräutigam
entgegen! Was Correggio, Guido, Raphael gemalt haben, sieht man jetzt! Neptun,
Jo und Jupiter und Europa! Tritonen! Alles bläst und spritzt Wasserstrahlen über
sich her und auf Delphinen schwimmt ein Brautzug mit Blumen und flatternden
Bändern! Nein, meine Herren und Damen, im Süden haben die Sonnenrosse gar keine
Eisen an den Hufen. Nur hier, hier bei uns, hier wo sie ihren feurigen Wagen
über die traurigen Eisschollen des Philistertums schleppen müssen, hier, hier
muss wohl - die alte Westerhofer Schmiede dran!
    Hurrah! Das gab eine Erregung ...
    So konnte Onkel Levinus sprechen, wenn durch sein eigenes Philistertum der
Genius hindurchbrach ... Der Adel wusste, was er an dem Manne besass. Er drückte
ihm aus, was zu besitzen ihm Beruhigung gewährte, wenn man Schiller und Goete
ablehnt. Da waren ja Denken und Dichten, Wahrheit und Schönheit auch vertreten;
wozu brauchte man die protestantische Welt? Auf Freiherrn Levinus von
Hülleshoven war die ganze Provinz stolz; nur musste er nicht von Rom,
Griechenland und Jerusalem gleich auch nach Abyssinien und Cochinchina reisen
...
    Deshalb kamen die Hörner gerade recht, die ein lustiges Jagdlied
schmetterten ...
    Schon war das reiche Mahl fast zu Ende, schon war der heute so auffallend
schweigsame Terschka in der Notwendigkeit, auf Rom sowol, wie auf den
Hufbeschlag der Pferde Rede zu stehen - hatte er doch alle Offiziere durch seine
Kenntnis des letztern, wie die Damen durch seine Kenntnis des erstern oft genug
gefesselt - als Püttmeier endlich, endlich an sein Glas klopfte. Beim
fortgesetzten Gefülltwerden desselben hatte er bemerkt, dass seine Sinne
plötzlich zu schwindeln anfingen und der Augenblick zu kommen drohte, wo der
Mensch von Einsicht erkennt, dass er keinen Toast mehr bringen soll ...
    Allgemeines Bravo und Klopfen an die Gläser ...
    Püttmeier steht auf ... Es war ein Moment, wo ihm der Boden unter den Füssen
wankte. Hinter einem Transparent im Dunkeln hatte er stundenlang sprechen können
- jetzt aber musste er seinen ganzen Menschen aufbieten, um sich zu behaupten.
Danken wollte er für das ihm gebrachte Hoch, wollte wiederum, wie sich's
erwarten liess, seiner Philosophie eine anerkennende Zukunft prophezeien ...
Armgart sah durch ihre in Tränennebeln flimmernden Augen hindurch die
sonnenbeschienene Warte des Geierfels, von der Angelika Müller einst in einer
schönern Stunde gesprochen: Da möchte man predigen! ... Schon war Püttmeier's:
Hochzuverehrende Damen und Herren! über seine Lippen, die etwas im Tone
Schnuphase's sprachen; schon hatte er wiederum zum Beginn seiner eigenen
Verherrlichung gelegenheitsgemäss gesagt: »Wie aus dem Wald, in welchem die edle
Waidmannskunst vor wenigen Stunden, bald zum letzten mal ehe die Axt des
Holzschlägers die alten Stämme niederlegen wird, ihr fröhliches Jagen erschallen
liess, in kurzer Zeit sich die Grundlagen einer jener Eisenstrassen erheben
werden, welche das Gaslicht der Aufklärung auch endlich in unser Land, in das
Land der Böotier«; - - und schon war nach dem stürmischen Jubel auf dies
ironische Sichselbstverspotten durch ein Stichwort, mit dem die fragliche
Provinz nicht selten bezeichnet wurde, und nach dem Wehen der
Damentaschentücher, die in diesem Augenblick zu Kriegsfahnen wurden für den
neueröffneten Kreuzzug gegen Ketzer- und Beamtentum - Püttmeier im Begriff,
seinem »einsamen Denkstein« und seinem: »Heureka!« auch vor den Männern eine
genugtuunggebende Zukunft zu verheissen, als - die Lacerte am Riedbruch auch in
diesem Augenblick wieder dahinhuschte, wieder eine Dame aufsprang, wieder wie
zur Flucht, und wieder Lucinde, die schon Allbeobachtete, nach der Tür suchte
...
    Diesmal war aber die Störung nur das Signal eines allgemeinen Aufbruchs ...
    Im Saal waren die Fenster nicht verhängt gewesen. Durch eine grosse
dreigeteilte Balcontür hindurch hatte man einen erschreckenden Anblick ...
    Feuer! riefen schon draussen Stimmen zu gleicher Zeit ... Feuer! wiederholte
man von den Corridoren ... Ein Nordlicht ist's! rief Jemand im Saale, zur
Beruhigung auffordernd ... Der glührote Schein konnte nur einem Brande
angehören ...
    Eine Weile Todtenstille ... Der Schein war im Süden ...
    In Witoborn ist's! riefen die einen ...
    In Heiligenkreuz! die andern ...
    Auf Westerhof! schrie Armgart und stürzte wie aus einem Traum erwachend, der
den Tag über dumpf auf ihr gelegen, und mit fanatischer Erregung zur Tür hinaus
...
    Die Rede und der Abend waren zu Ende. Püttmeier stand an der Tafel, wie ein
kalt gewordenes Gericht und konnte sich nicht finden. Es war ihm, als wäre ihm
plötzlich auch sein eigener Verstand so davon-und zur Tür hinausgelaufen ...
    Die Beruhigungen des Wirtes und der Diener konnten Niemanden mehr
zurückhalten ...
    Ein breiter glühroter Schein blieb quer über dem schneebedeckten Rücken
eines Tannenwaldes liegen ...
    Am Zittern des Scheins sah man, dass die Flamme vom Winde bewegt wurde. Bald
war der Schein stärker, bald schwächer; die Bewegung kam, wie in regelmässigen
Pulsschlägen. So unheimlich sah es sich an, dass die Frauen schon die Erscheinung
fühlten, wie wenn die intermittirende Bewegung vom eigenen Herzen kam ...
    Die Phantasie der einen machte sich durch Aufschrei Luft, die andern gingen
wie in der Irre. Jede Natur, mochte sie sich eben auch ganz in der Beherrschung
gegeben haben, die Bildung und Ueberbildung mit sich bringen, warf jetzt die
Fesseln ab. Die schweigsamste wurde beredt, die lauteste verstummte. Schluchzen
hörte man, Trostworte ... Alle aber riefen: Die arme Gräfin Paula! Und sie hat
es vorausgesehen! ... Levinus, Armgart, Terschka und Tiebold waren schon
verschwunden ...
    Noch ehe diejenigen, die auf das obere Stockwerk und das Dach geeilt waren,
zurückkehrten und die Nachricht brachten, es schiene in der Tat entweder das
Schloss Westerhof oder die Liborikirche oder das Stift Heiligenkreuz zu brennen,
war der Saal entleert ...
    Im Hof drängte sich ein Gewühl kaum zum Durchkommen ... ... Die Pferde, die
Spritzen wurden aus den Ställen und Remisen gezogen ...
    Viele Herren, selbst Fräulein von Merwig setzten sich auf eine der Spritzen,
um nur rasch an Ort und Stelle zu kommen ...
    dabei fehlten die Diener, die Jäger, die Mägde. Viele hatte schon der
magische Reiz, den jede Feuersbrunst ausübt, angezogen, trotz der ernsten
Warnung des Grafen, die Jedem verbot sich ohne Erlaubnis zu entfernen ...
    Frau von Sicking war unter allen die verlassenste ... Doch war ihr
Besitztum glücklicherweise nicht genannt worden ... Sie liess sich von Jedem,
der noch nicht im Besitz seiner Pelze, Mäntel, Fusssäcke war, Bericht erstatten
von der gestrigen Vision Paula's und sah sich zuletzt nach ihrer bei alledem
doch fast zu auffallend schreckhaften Begleiterin um ... Wo ist mein Fräulein?
rief sie ...
    Ein Jäger sagte, das Fräulein wäre wie ein angeschossener Vogel gewesen
plötzlich verschwunden ... Man suchte sie ... Lucinde war nicht zu finden ...
    Mit Verdruss über »diese doch merkwürdigen Sonderbarkeiten«, aber mit
interessanten Tatsachen für ihre weitverzweigte Correspondenz bereichert, fuhr
Frau von Sicking allein nach Hause.
 
                                      17.
Friede! ... Linder, sanfter, himmlischer Friede! ...
    Du, der du Stirnen kühlst, die noch vom Kampf des Lebens erglühen,
lindernden Balsam träufelst auf Herzen voll Kummer - deine heiligsten Tempel
baut dir Mutter Natur!
    Doch du segnest auch jedes bescheidene Dach, wo das Echo des schallenden
Marktes verhallt, wo nur der Pendelschlag der Uhr - fernklingendes Schärfen der
Sichel Saturn's! - uns in die grünen Matten versetzt, in die zeit- die
raumlosen, die Paula's geschlossenes Auge erblickt! Segnest dem ermüdeten
Wanderer sein Lager mitten auf Landstrassen! Segnest dem zum Tod ermatteten
Krieger noch am Abend der verlorenen Schlacht, unbekümmert um des Siegers
Ueberfall, mitten auf dem Weg seiner Triumphe, die Schlummerstätte! Zahllos sind
die Wohnungen des Friedens auch noch auf dieser streitbewegten Erde ...
    Traulicher jedoch spinnt sich nicht die Spinne in ihr Netz, als es die Liebe
versteht. Glückliche, die erlaubte Liebe, die sieht sich noch zuweilen um und
beobachtet die Welt, ob sie auch bei so viel Glück noch steht, beobachtet die
Menschen, ob sie auch neidisch sind ... Aber die ungestandene, die verschwiegene
Liebe hat Ohr und Auge verloren ... Sind da Sterne vom Himmel gefallen, sind
Türme eingestürzt, war ein Erdbeben - indessen der Lampe milder Schimmer das
Antlitz der Geliebtesten beschien, indessen die Weisse ihrer Hand wetteifernd mit
den Spitzen, an denen sie stickte, glänzte? Das Ohr hörte nichts. Schwirrte ein
Käfer in ihrer Nähe, fiel eine zierliche Rolle aus ihrem Nähtisch zu Boden - das
waren Weltbegebenheiten ...
    So in traulicher Stille und Verlorenheit der Gedanken sass Bonaventura in
diesen Stunden bei Paula ...
    Nicht allein waren sie heute - Tante Benigna kehrte beiden im grünen Zimmer
den Rücken und schrieb und las an einem geöffneten Schreibbureau ...
    Sollte Armgart wirklich zur Jagd sein? Und: Wenn nur kein Unglück geschieht!
...
    Das waren die beiden einzigen Worte, die, viertelstündlich wiederholt, die
Liebenden störten ...
    Bonaventura hatte seit vorgestern Abend den Weg zur Erde nicht mehr
zurückfinden können. Er schwebte in Lüften. Verpflichtungen gab es nach allen
Seiten hin, nach Schloss Neuhof zur Mutter, nach Himmelpfort zu Klingsohr, Briefe
und geschäftliche Mahnungen drängten, auch Müllenhoff's, seines polternden
Wirtes Zumutungen; Sorge drückte ihn um Benno, auf dessen dunkles Leben der
Brief des Onkels so seltsam neue Streiflichter hatte fallen lassen, auch ein
längst bezweckter längerer Besuch bei Hedemann, alles das drängte auf ihn ein -
aber er entschied sich für nichts, er entschloss sich zu nichts, es zog ihn nach
Westerhof ...
    Gestern gegen Mittag hatte Paula die Vision von den Flammen gehabt ... Er
sah und hörte ihr angstvolles Ringen mit der unheimlichen Anschauung und musste
sie, da sie der Ruhe bedurfte, verlassen, gefoltert von den Bildern, die Paula
sah. Es waren Bilder des Brandes und der Zerstörung. Es waren Bilder, die ihn an
seine Beichtgeheimnisse, seine stummen schweren Bürden, erinnerten - Bürden,
deren er sich nicht entledigen durfte ohne andere anzuklagen ... Sprechen durfte
er wohl: Terschka ist mir verdächtig! Oder: Wenn Nück etwas im Schilde führte!
... Aber das war auch alles ... mehr zu sagen war ihm nicht erlaubt; denn bei
genauerm Hinweis wusste jeder sogleich, er stellte Beichtbekenntnisse bloss ...
    Der Tag war so öde hingegangen, so einsam ... Sein Herz klopfte ... Wem
sollte er sich vertrauen? Bei wem Beruhigung suchen! ... Ziemten seine
Empfindungen dem Priesterherzen? ... Und hätte er sich vielleicht auch zu Benno,
der selber litt, aussprechen dürfen, er räumte dem Stifter des Cölibats, Gregor
VII. ein, dass kein Gefühl uns in der Tat mit grösserm Egoismus erfüllt, als die
Liebe ... Doch, setzte er hinzu, vielleicht nur die ringende, die kämpfende,
nicht die glückliche Liebe ... Auf seinem Zimmer schloss er sich ein und las in
seinen mitgebrachten Büchern erst im Augustinus, dann in seiner geliebten
»Trutz-Nachtigall«, schrieb auch selbst in sein »Sünden-Brevier«, wie er ein
kleines Büchlein seiner geheimsten Gedanken nannte:
Ich kann es nicht sagen - was jeder doch weiss!
Ich kann es nicht tragen - und trag's doch so heiss!
Ich kann es nicht finden - was überall liegt!
Ich kann es nicht binden - und hab's doch besiegt!
Ihr Sterne behütet's? Das dank' ich euch nicht!
Dich schelt' ich, o Mond, der sein Schweigen nicht bricht!
O Sonne, o Sonne! Mit strahlender Miene
Sag' du es der Welt, welcher Königin ich diene!
    So im Lied sich tröstend und erhebend, voll Ahnung in den Frühling sich
versetzend, in Wonneschauern schon die erste Lerche sehend, die im Felde
aufsteigt, wirbelt, immer höher und höher sich schwingt, schrieb er:
Lerche, schwebst im blauen Feld,
Willst gen Himmel dringen?
Ist's dein Ton, der so dich hält?
Trägt dich so dein Singen?
Vöglein, Vöglein, wüsstest du,
Wie beim stillen Wandern
Durch die grüne Sonntagsruh'
Du voransteigst andern -
Wie in deinen Jubel sich
Andrer Jubel mischen,
Sich in deinem Sangesstrich
Mit im Blau erfrischen -
Folgend deinem Schwebeflug
Hoch und höher steigen -
Droben würdest bald genug
Du als Stern dich zeigen!
    Es kamen Briefe aus seinem Kapitel ... Es kamen Anfragen, ob er nicht eine
Mission nach Wien übernehmen wollte zur Begrüssung des dort erwarteten Cardinals
Ceccone ... ob er auch seine Stimme mitgäbe zu diesem Protest und zu jenem
Begehren ... Es kamen Müllenhoff's Exercitien und - die lächerrlichste Scene von
der Welt - denn schon wieder hatte man dem Pfarrer von Sanct-Libori einen
Streich gespielt, schon wieder ein Neugeborenes an seiner Tür ausgesetzt,
diesmal ein Lebendiges sogar, nur kein Kind, sondern ein frischgeworfenes
Kätzchen, das mit einem Häubchen und wie ein Wickelkind eingeschlagen und
befestigt bei erster Morgenfrühe in einem Korb vor seiner Haustür wehwinselte
... In dem darob entstandenen Lärmen erst erfuhr Bonaventura, dass diese
Verspottung bereits ähnlich neulich vorgekommen. Er suchte den Pfarrer zu
trösten, der diesmal kleinsilbig wurde und das Toben und Androhen mit den
Gerichten der Katrein, dem alten Tübbicke und den Hausangehörigen verwies ...
dabei versicherte Tübbicke aufs bestimmteste: Es ist nicht die Schmeling! ...
Bonaventura erfuhr, dass man für diese Streiche eine Hebamme im Verdacht hatte,
die Müllenhoff öffentlich des »Teufels Grossmutter« genannt haben sollte ...
    O brächte doch der Cardinal Ceccone, stöhnte Müllenhoff, seinen Zorn mit
einem Stück harten Schinkens beim Frühstück hinunterwürgend, o brächte er doch
eine grossmächtige Kette von einigen hundert Meilen im Umfang, dass man unsere
deutsche Wildnis wieder an Roms Gesetz und Regel binden könnte! Nein! Frau von
Sicking sagte mir gestern, und eine junge Dame, die soeben aus der Residenz des
Kirchenfürsten bei ihr eingetroffen ist, bestätigt mir's, dass die Curie Sie
entsenden will, Hochgeehrtester, den Cardinal zu begrüssen - nein, Sie werden
einer solchen Ehre und Gelegenheit, bald Bischof in partibus, mindestens
Weihbischof zu werden, nicht ausweichen! Die ganze germanische Kirchenprovinz
bittet für Sie trotz Ihrer Jugend um das Pallium, wenn Sie ihr erwirken: Petri
beide Schwerter! Oder wenn nur das eine, doch dies auf beiden Seiten
geschliffen! ... Daran reihten sich einfach, wie der Pfeffer zum Schinken, in
Müllenhoff's Reform: Bischofsrecht über jedes Amt in Schule und Kirche! Keine
Stelle vergeben, wenn nicht durch die Hirten Christi! Kein Amt, keine Pfründe,
keine Strafe, keine Belohnung mehr aus weltlicher Hand! Keine Berufung mehr auf
weltliches Gesetz! Wer innerhalb der Kirche wagt, weltliches Gesetz gegen
Geistliche anzurufen, excommunicirt! Priester sind jetzt schon zu erziehen von
Kindesbeinen an, damit hernach kein Mangel ist! Religion auf keiner Schule mehr,
als durch uns! Kein Placet, kein Transeat, kein Cabinetspass für den Willen Roms!
Gottesdienst überall, im Tempel und im Freien: Congregationen, Bruder- und
Schwesterschaften nach Bedürfnis! Klöster mit ganzer und halber Regel!
Selbstbeschauung, wer nur Lust hat, sich, sei's als Eremit allein, im Spiegel
seiner Nackteit zu erblicken oder im Bund mit andern in den Exercitien! Verkehr
zwischen Rom und jeder Hütte von Baumzweigen, »wo nur ein stümpernder
Sanct-Antonius oder Sanct-Hieronymus« beten will! Jeder Heller endlich, der der
Kirche gehört, nur von unserer eigenen Regula de Tri verrechnet! ...
    Alles das tobte die Verzweiflung aus, dass er Mutter Schmeling nicht sogleich
unter den Hexenhammer einer geheimen, sicher wirkenden Inquisition bringen
konnte ...
    Unter den Zeitungen, Briefen, Visitenkarten, die Renate geschickt hatte,
fiel Bonaventura die Traueranzeige über den Tod Hendrika Delring's auf. Er
widmete ihrem Andenken die innigste Teilnahme. Er vergegenwärtigte sich die
Wirkungen dieses Schicksalsschlags, der das Kattendyk'sche Haus betraf. Schon so
frei, schon so entfesselt von seinen frühern Anschauungen war er, dass er sich
sagte: Also ein Zeugnis für die Liebe weniger in der Welt! ... Von Lucindens
Nähe hatte er keine Ahnung ...
    In Witoborn fand er um Mittag alles von der Jagd erfüllt und von den
Nachrichten, die schon über den Landrat eingelaufen waren ... Er selbst musste
sich geistlichen Aufträgen widmen und konnte deshalb auch nicht zum Kloster
Himmelpfort, so gern er wollte ... Dann musste er jedenfalls die in Westerhof
heute so verlassenen Damen besuchen ... Onkel Levinus und Terschka konnten
möglicherweise erst spät Abends zurückkehren ... Gegen vier Uhr fand er
Westerhof einsam und still ... Die Dienerschaft war grösstenteils zur Jagd ...
Die Beamten sogar feierten - sie wohnten ringsum zerstreut in den entlegneren
Wirtschaftsgebäuden ... Zwei Diener waren daheim geblieben und Dionysius
Schneid war seines Ungeschicks wegen kaum zu rechnen ... Nur an weiblichem
Personal war kein Mangel ... Er hörte sogleich, dass Paula heute wieder wohler
war ... Wie immer musste er sich erst Bahn brechen durch Hülfebegehrende, die
sich auch von ihm die geistliche Segnung, die er im Vorübergehen spendete, nicht
entgehen liessen ...
    Jetzt erst - zweimal vierundzwanzig Stunden nach der Frage: Und wenn nun
doch noch die Urkunde gefunden würde - und wenn man dann verlangen würde, dass
Sie das Opfer brächten, die Hand des Grafen Hugo zu nehmen? ... sahen sich die
Liebenden wieder ...
    Paula's Antwort lag in den stummen Gegenfragen der Begrüssung: Und jetzt erst
seh' ich dich wieder? Ist denn noch alles so, wie an jenem Abend? War es kein
Traum? Hältst du Wort, Wort dir selbst und mir? ... Deutlich sprachen dies die
ersten Grüsse; doch mildernd und dämpfend musste sich Tante Benigna's Nähe
einmischen, ja Bonaventura's eigner Anblick. Der Gruss, einem Geistlichen, den
die Kirche gezeichnet hat, dargebracht, verstand sich so von selbst zur
Entsagung ... Sofort fiel eine süsse Bangigkeit auf Paula's Herz und auch in
Bonaventura's Zügen schmolz sein erstes frohes Lächeln zum mildesten Ernst ...
Grade aber auch heute musste die Tante nichts unterlassen, was den Eindruck der
Würde eines Priesters mehrte und seine Erscheinung mit allen Glorien der
Heiligkeit umgab ...
    Sie begann bald die Nähe Monika's und Ulrich's von Hülleshoven einzugestehen
...
    Jene hatte an sie selbst geschrieben und der heute so stille Abend war
bestimmt, ihr zu antworten ...
    Von Ulrich lag ein Brief an seinen Bruder vor ... Benigna durfte alles an
Onkel Levinus Gerichtete öffnen ... es war schon vorgekommen, dass ein
vorteilhafter Verkauf - von Schweinen, der Hauptbranche dortiger Viehzucht,
versäumt worden war, weil Onkel Levinus einen Brief nicht erbrach, den er für
die Abfertigung eines Recensenten hielt, mit dem er über alte römische Helme in
Streit geraten war ...
    In diesen Briefen wurden an Schwester und Bruder die gleichen Ansprüche auf
Armgart gestellt ... Tante Benigna las Monika's Brief -
    »Liebe Schwester! Ich schreibe Dir im Vertrauen auf jene Versicherung Eurer
Versöhnlichkeit, die Levinus der Gräfin Erdmute gegeben! Ist es Euch genehm, so
erschein' ich auf Westerhof. Armgart verlässt auf ein Jahr das Stift, begleitet
mich nach Wien, Italien; ich lasse sie zurückkehren, wenn ihr der Aufentalt im
Stifte Vorteile bringt, die sie nicht verscherzen dürfte ... Wollt Ihr Ulrich
den Vorzug lassen, so kann ich Euch keine Beweise meiner grössern Würdigkeit
geben. Mein Herz kämpfte, ob ich nicht in einer längern Zuschrift das Urteil
meines Kindes gewinnen sollte; ich entschied dagegen. Darf ich, wie ich war und
wie ich bin, in Euerm Kreise erscheinen und hab' ich Euern Beistand, dass die
Erziehung einer Tochter der Mutter gebührt, und stellt sich Armgart gehorsam und
ergeben einem Auge dar, dessen bei ihrem Anblick vielleicht ausbrechende Tränen
sie für keine Selbstanklage zu halten berechtigt ist, so hab' ich das Glück
meines Lebens erreicht! Entscheidet!«
    Paula klagte diese Sprache der Kälte und des Hochmuts an ... Sie, die sonst
so Gütige und Milde, sagte:
    Welche Selbstzufriedenheit! Mir ist's ein Wunder, wie nur immer Herr von
Terschka die Tante so rühmen kann ...
    Bonaventura blickte nieder. Er durfte nichts von einer nähern Bekanntschaft
mit Monika aus dem Beichtstuhl verraten ... Doch stand ihm versöhnend das Bild
des Abschieds vor Augen, den auch die Frau in silbernen Locken am Portal des
Kapitels ihm gewinkt hatte, als Schnuphase seine Rede hielt ... Darauf hin
sprach er wie bekannt von ihr und sagte:
    Verbürgt sich so denn Herr von Terschka für sie -?
    Ueberschwenglich spricht er von ihr -
    Die Tante schwieg ... Sie hatte diese Neigung Terschka's wohl bemerkt ...
Und Bonaventura gedachte der Fragen, die Monika über die zweite Liebe einer
Geschiedenen an ihn gerichtet, aber auch des Vorzugs, den Armgart dem Fremdling
zu geben schien und den er annahm - dieser Zweideutige ...
    Die ängstliche Stille, die entstand, auch in Bonaventura, der sich sagte:
Das Leben eines katolischen Geistlichen ist so ein ewiges Niederblicken!
unterbrach Benigna durch die Vorlesung des Briefs von ihrem Schwager ...
    »Lieber Bruder!« schrieb der Oberst. »Die Grüsse, die Dir im Herbst schon
Hedemann brachte, wiederhol' ich und bald soll, denk' ich, mein Handschlag
folgen! Ich wäre schon bei Euch gewesen, aber ich suchte auf Bergbau mein Heil
zu gründen und erwartete etwas von Kocher am Fall ... Indessen reichen die
Mittel nicht aus für Versuche, die zuletzt ohne Lohn bleiben. So will ich denn
nach Witoborn. Meine Pension ist nicht gross, wir hatten keine Wunden zu taxiren;
man hat in England noch immer das System, die Wunden zu messen; zwei Zoll tief -
5 Pfund mehr; drei Zoll tief - 10 Pfund; ganz kalt - dann allerdings werden
Witwe und Kind gut bedacht. Ich komme leider heil - und gesund und muss mich
tummeln. Monika wird mir hoffentlich meinen Frieden nicht stören, den ich für
mein Herz längst geschlossen habe. Ich bin in den Jahren, wo uns das Leben
zuruft: Lass alles das der Jugend! Was ich noch Rest von dieser Jugend habe, das
hätt' ich gern an Armgart gehängt; aber die glaubt, hör' ich mit Erstaunen, der
Mutter zu nahe zu treten, wenn sie mir den Vorrang gibt! Nun hat sie gar ein
Gelübde getan - - Seltsame Welt, deren Anschauungen ich mich jenseit des Meeres
- entwöhnt habe! Als guter Soldat will ich einstweilen den Waffenstillstand
ehren, wenn er nach beiden Seiten hin aufrichtig gehalten wird. Empfiehl mich
Schwägerin Benigna und dank' ihr in meinem Namen für alles Gute, was sie Armgart
erwiesen. Mein Sinn ist, sagt Ihr, Eigensinn; ich kenne, was von uns Brüdern ich
vom Vater, Du von der Mutter hast. Zuletzt ist aber das Leben so, dass wir, beim
Zurückblicken auf unser Rechtgehabtaben, doch mit Trauer an unsere Schwächen,
beim Zurückblicken auf unsere Irrtümer, immerhin doch an unsere Kraft erinnert
werden. In Frieden und guter Hoffnung!«
    Benigna las diesen Brief in einem Ton der Angst und Sorge, der seinem so
versöhnlichen Inhalt widersprach. Auch sie war mit der Zeit so angesteckt von
der Krankhaftigkeit der ganzen Sphäre, in der sie hier lebte, dass sie ihre
eigene resolute Weise verloren hatte und sie nur noch zuweilen bei aufloderndem
Poltern geltend machte. So sicher und fest, wie in diesen beiden Briefen, war
auf Westerhof lange nicht gesprochen worden.
    Paula, gedenkend des neulichen Abends, wo Armgart den an Terschka
gerichteten Brief ihrer Mutter zurückbehalten hatte, sagte mit derselben
Zuversicht wie damals: Sie versöhnen sich beide! Und Armgart hat es zur
seligsten Jungfrau gelobt, dass auch sie nicht eher ruhen will! Die Sehnsucht
beider nach ihrem Kinde wird das harte Eis der Herzen brechen! Was könnte noch
dazwischen liegen? ...
    Der Vermutung Armgart's, auch ihre Mutter liebe Terschka, hatte sie gleich
anfangs nicht nachleben mögen; Armgart's neue Gedankengänge kannte sie nicht ...
    Sie war befremdet über Bonaventura's Schweigen ... Diesem hatte freilich
Monika von Ehescheidung und zweiter Liebe gesprochen ...
    Inzwischen sagte, Bonaventura's stillen Schmerzblick nicht beachtend, die
Tante:
    Ich schreibe beiden: Kommt und versucht Euer Heil! Armgart ist kein Kind,
das sich regieren lässt! Ihre Stellung auch im Stift macht sie selbständig ...
    So und ähnlich schrieb sie fort und liess dem Flüstergespräch der beiden
Liebenden Raum ... Freilich blieb Bonaventura - ein Priester und Paula - eine
Leidende ... Wie die zarte Gestalt, die Künstlerhand aus Alabaster schuf, nur
mit äusserster Vorsicht von prüfenden Händen berührt wird, so schonungsvoll musste
sich von selbst jedes Wort, jede Bewegung geben in Paula's Gegenwart ... Der
Atem eines so rätselhaften Mundes; der feuchte Glanz eines Auges, das so
geisterhaft in die Ferne sehen konnte! ... Wäre nicht das Gefühl gewesen: Risse
ich dich mit mächtigem Arm an meine Brust und bedeckte deine Lippen mit Küssen,
du würdest dem Leben angehören, das uns alle bindet, den Sinnen, die die
Schranken unserer gemeinsamen Natur sind! - es hätte Bonaventura wohl bange
werden dürfen in dieser unheimlichen, spukhaften Umstrickung von Fäden, die
Geisterhände um Paula zu spinnen schienen ... Oft erschrak er, wenn die sanften
schwarzen Wimpern sich über die blauen Augen senkten und das unendlichste
Behagen in den edlen Formen des jungen Mädchens ihre Neigung auszudrücken
schien, sanft zu entschweben in jenes dunkle Zwischenland zwischen Wachen und
Traum, zwischen Leben und Tod, jenes Land, das hier den Menschen das Jenseits
erschien ... Die weissen Hände sanken dann nieder in den Schoos ... Das ganze
Sein der Kranken schien Nahrung einzusaugen, die aus der Luft ihr zuströmte, ja
aus Bonaventura's Atemzügen ... Der unwiderstehlichste Reiz des Frauentums,
die hingegebene willenlose Schwäche, benahm ihm die Sinne ... Wäre in der wahren
Liebe nicht der Vorbau des Herzens immer mächtig, dass es sich sagte: Entweihe
Deine Gotteit nicht! Lass sie rein und unberührt von deinen stürmischen
Wünschen! Lege deine Schätze für noch seligere Zukunft zurück! - er würde sich
nicht haben halten können, mit seinen Armen diese seltsame Welt - an sich zu
ziehen und zu zwingen, sich zur Menschheit zu bekennen ...
    So kam schon die siebente Stunde ... Tante Benigna schrieb immer noch und
störte die Liebenden nicht ... Sie wusste - und sie wusste nicht, sie sah - und
sie sah nicht; sie war ganz in den ihr unbewussten Fesseln eines Idealanfluges,
der, ob sie auch beim »Aufarbeiten ihrer Rester« am Schreibbureau Gänse, Enten,
Schweine und Ochsen addirte, sie doch dabei wie ins Paradies versetzte, wo ja
auch wildes und zahmes Getier so fromm und heilig um den noch unberührten Baum
der Erkenntnis wandelte ...
    Tiefe Stille ... Nur die Tante sagt viertelstündlich:
    Wo nur Armgart bleibt! ... Wenn die Jagd nur kein Unglück bringt! ...
    Plötzlich fällt ein so seltsam heller Schein ins Zimmer ... Die beschlagenen
Fensterscheiben klirren leise ... Anfangs beachtet niemand den Schein und das
Klirren ... Jetzt dringt ein Geruch ins Zimmer, der selbst der Tante, die an die
Consequenzen der Landwirtschaft gewöhnt ist, zu fremdartig vorkommen sollte ...
Aber sie nimmt Anstand, dem Besuch zu verraten, worauf man im Landleben alles
gerüstet sein müsse ... Sie schweigt und rät auf die Küche und das verbrannte
Nachtessen ...
    Nun aber wird der Schein zu licht ...
    Alle drei erheben sich zu gleicher Zeit ... Da hört man schon das Klirren
von zerspringenden Fensterscheiben ... Das ist Feuer! ruft die Tante und greift
an den Klingelzug ...
    Schon stürzen die Mädchen den todtblassen Damen entgegen - sprachlos ...
Statt ihrer spricht der in Glührotschimmer getauchte Vorsaal ...
    Es brennt -?! wollte die Tante ausrufen ... Der Ton erstickte in ihrer
angstgeschnürten Brust ...
    Doch schon war sie hinaus ...
    Bonaventura hielt Paula ... Die Mädchen hatten schon inzwischen gesagt, dass
die Kapelle brenne ...
    Menschenstimmen ... Rufen, Schreien ... Das Laboratorium! hörte man. Das
Archiv! ... Zusammenkrachendes Gebälk, eingeschlagene Türen ... Bonaventura,
halb bewusstlos, übergab Paula den Mädchen, um selbst nach den Ausgängen des
Schlosses zu sehen ... Die Treppen waren steinern ...
    Im Hof entdeckte er eine mächtig lodernde Flamme, die aus der schon
eingeschlagenen Tür der Kapelle wie eine gierige Zunge nach Nahrung suchte ...
Noch schien sich das Feuer auf das Innere der Kapelle zu beschränken ... Wer
aber wusste, was schon drinnen zerstört war! ... Dem Archiv suchte man durch
andere Zimmer beizukommen ... Im Hof arbeitete mächtig eine der Spritzen, die
sich im Schloss befanden ... Tante Benigna leitete sie selbst ...
    Noch aber fehlte es an Menschen ... Die Diener sagten dem Domherrn, man
spanne bereits an ... Tante Benigna rief: Fahren Sie mit der Gräfin zum Stift!
    Bonaventura kehrte zurück und sorgte für die Zurüstungen der Flucht ...
    Paula fand er gefasster ... Man eilte, nach Kleidern zu suchen ...
Bonaventura verschloss schnell das offen gebliebene Schreibbureau der Tante und
steckte den Schlüssel zu sich ...
    Inzwischen mehrte sich der Zustrom der Nachbarn, die eine Riesenflamme jetzt
nach aussen hin hatten ausbrechen sehen, eine Flamme, die ihren Weg von dem in
Brand befindlichen Altartabernakel in der Tat zum Archiv suchte, dem sich von
aussen nicht beikommen liess, da die Fenster vergittert waren ... Der eine Flügel
des Schlosses schien verloren; schon machte sich die Flamme durch das erste und
zweite Stockwerk Bahn ...
    Bonaventura verlor seine Geistesgegenwart nicht ... Die wichtigsten Schränke
liess er sich bezeichnen, liess Silbergerät packen und folgte den Weisungen
Paula's, die gerade jetzt in den seltsamsten Zustand geriet ... Nicht dass sie
ihr Bewusstsein verlor, aber wie eine Traumwandelnde schritt sie dahin, wie eine
Geisterjungfrau, die zuletzt, falls sie entfloh, auf einem Gespann von
geflügelten Drachen entschweben musste ... Sie gab Weisungen, Aufklärungen, wie
eine Seherin im Sturm am Ufer des brausenden Meeres ... Dort! rief sie ... Die
Kisten! Die Schlüssel hängen ja hier! Nehmt sie doch! ... Hier sind die Bücher
der Grundverschreibungen! Da! Der Aufgang ist frei! ... Uebereilt nichts! Der
Dachstuhl brennt, aber an den Ecktürmen ist alles von Stein! ... Leert das
Laboratorium von brennbaren Sachen! Der Bau ist feuerfest! ... Seht, der
Wasserstrahl trifft ja mächtig! ... Rettet nur das Archiv in den Keller! ... Ha,
der Mann! Seht den Mann! Folgt ihm nicht! Nein! Nein! Ein Balken stürzt! ...
    Niemand sah einen Mann, den sie von der Galerie des Hofes aus erblicken
wollte ... Indessen ertönte ein furchtbares Krachen im Innern ... Nach innen
musste das zweite Stockwerk eingestürzt sein ... Die Flamme schlug schon oben zum
Dach hinaus ... Von den beiden Ecktürmen aus bekämpfte man ihr Weiterdringen
durch die hinaufgezogenen Schläuche zweier Spritzen, die von unten her nur wenig
hatten wirken können ...
    dabei tönte die Schlossglocke hülferufend und mit herzzerreissender Eile schon
seit einer Viertelstunde von einem dritten der vier Ecktürme ...
    Paula lehnte jede Entfernung vom Schloss, jede Schonung ihrer selbst ab ...
War es der entschlossene Beistand Bonaventura's, war es die Erregung des
Augenblicks oder welche Geister standen ihr zur Seite - sie befehligte wie die
Gebieterin des Ganzen ... Sie war die Stammherrin der Dorste-Camphausen, die
Letzte ihres Geschlechts ... Mit leuchtenden Augen, beschienen von Flammen, im
erstickenden Qualm des Rauches verlor sie die Besinnung nicht ... Die Tante
dagegen brach schon zusammen ... Wenigstens bedachte sie nur noch die Rettung
des Kleinen und Einzelnen, während Paula im Ganzen lebte ...
    Menschen waren nun endlich genug da, die Befehle gaben und befolgten ...
Schon fehlten die Spritzen aus Witoborn nicht ... Gensdarmen kamen daher
gesprengt ... Man isolirte das Feuer mit Erfolg ... Ueber die Entstehung
schwankten die Meinungen ... Die einen leiteten das Unglück aus dem Laboratorium
her, die andern aus einem Kohlentopf in der Kapelle, den vielleicht ein
Andächtiger hatte stehen lassen ... Dass die Gräfin das Feuer schon gestern
gesehen, war ein Wunder, wodurch die Anstrengung des Rettens, die Erhöhung der
Stimmung gemehrt wurde ...
    Bonaventura irrte in trüben Ahnungen und barg sich jetzt - vor Müllenhoff,
der im Eifer angekommen war, aber seine Zunge nicht ruhen liess, der Entrüstung
Worte zu geben über Fräulein Benigna, die kaum ihn erblickend Besinnung gewann
und geradezu ihn beschuldigte, die Ursache des Feuers zu sein ... denn ihm und
seiner »Toilette« zu Liebe hätte man die Zahl der Vorhänge am Altar vermehrt,
jene Sakristei hinter dem Altar improvisirt, ihm in dem engen Raum den seit
Jahrhunderten dort verpönten Gebrauch von Licht gestattet ...
    Den heftigen, ganz aus der geistlichen Sprache und Rücksicht fallenden
Wortwechsel unterbrach die Ankunft eines Pikets Husaren aus Witoborn ... Man
sperrte den Zudrang der Menschen, die von allen Richtungen herbeiströmten ...
Nur wer sich ausweisen konnte, wurde jetzt noch über die kleine Brücke gelassen,
die zu der Insel führte, auf welcher Westerhof lag ... Glücklicherweise war
Windstille ... Die Funken flogen nicht an die nahen Wirtschaftsgebäude und
Kornspeicher ...
    Unter denen, die über die Brücke wollten, befand sich auch der allen
wohlbekannte Bruder Hubertus ...
    Er machte sich Bahu mit einer Gewalt, die unwiderstehlich war ...
    Lasst mich, rief er den ansprengenden Reitern entgegen und keines Rosshufs
achtend, drängte er zur Brücke hinüber und stürmte in die Gefahr, die inzwischen
nachliess ...
    Vorzugsweise war es jetzt, wie Paula ganz recht gesehen hatte, ein einziger
Mann, der mit Anstrengung, ja mit Lebensgefahr dem Umsichgreifen des Brandes
Einhalt tat ... Es war dies jener Dionysius Schneid, dem man anfangs vergebens
gerufen hatte, der sogleich die Pferde und den Wagen in den Wirtschaftsgebäuden
für Paula bestellen sollte, der sich dort »eine Ewigkeit«, wie die Angst der
Tante ein Dutzend mal ausrief, aufhielt, der aber auch jetzt beim Einreissen der
Zwischenmauer, beim Absperren der Flamme einen verdoppelten Eifer zeigte ... Mit
geschwärztem Antlitz, plötzlich roten Haars, das Niemand seit dem Finkenhof
wieder an ihm gesehen, sass er in einer buntgestreiften Stalljacke mitten in der
Verwüstung des halb in Trümmern liegenden Flügels zwischen den beiden Türmen,
hob die Axt, zertrümmerte glühende Balken, um deren Zündkraft zu mildern, in
kleinere Stücke, und arbeitete fast mit Wildheit allen andern zuvor, die sein
Beispiel ermunterte ...
    Hubertus kam mit dem Namen: Schneid! auf den Lippen. Wie musste er erstaunen,
als man ihm auf diesen Namen den Diener zeigte, der hoch im qualmenden Gebälk
sass, die blinkende Axt in der Hand ...
    Unmöglich! entgegnete er ...
    Doch! Doch! rief man ihm zu und bezeugte seine Anerkennung über die
Entschlossenheit des sonst so trägen Dieners ...
    Im Hof war ein Gedräng und kaum zum Hindurchkommen ... Eimer, Spritzen,
geborgene Gerätschaften bildeten schon einen hohen Haufen, über den die
Menschen hinwegklettern mussten ... Den Mönch, den die zuweilen noch aufzuckenden
blauen Flammen am wassertriefenden Gebälk in seinen allbekannten Todtenkopfzügen
beleuchteten, würde man nicht geduldet haben, hätte man nicht gewusst, dass der
riesenstarke Greis es liebte, in solchen Fällen sich nützlich zu machen ...
Schon hatte er, immer den in der qualmenden Zerstörung sitzenden Schneid im
Auge, von den Gensdarmen einen Eimer zugereicht erhalten, um Wasser zu holen aus
dem glücklicherweise im Tauen begriffenen Teich, der die Insel bildete ...
Schon war sein unwillkürliches Erbeben vor der Anrede durch die Beigeordneten
des Landrats die Ursache, dass Hubertus mechanisch Folge leisten wollte, als ein
noch einmal auf die Stätte der Zerstörung im obern Stock geworfener Blick ihm
eine plötzliche Gefahr zeigte, in die der Diener des Hauses geriet ... Sein
eigener Zuruf erstickte schon in dem allgemeinen Geschrei: Er stürzt! Eine
Leiter! Er ist verloren! ...
    Der schwarzberusste Mensch, der wie ein Gnom der Unterwelt durch Feuer und
Rauch sich den Weg zu bahnen suchte, wollte sich vor einem drohenden Mauersturz
vom Dache retten, sprang auf ein verkohltes Sparrenwerk, das unter ihm
zusammenbrach, stürzte tiefer und tiefer und schwebte zuletzt mit seinen Füssen,
die ohne Halt im Leeren tasteten, über einem Abgrund, in den er unfehlbar
hinunterstürzen musste, da sich seine Hände nur am glühenden Stumpf eines Balkens
halten konnten ... Eine Leiter war nirgend anzulegen ... Eine Minute noch - und
unfehlbar fiel Schneid aus dem zweiten Stockwerk auf Steingeröll und Balken mit
zerschmettertem Schädel nieder ...
    Doch nur eine Secunde der Ratlosigkeit, wo man die Leiter anbringen sollte,
die an sechszig Stufen zählte und hin- und herschwankte vor der Macht ihres
Gewichts, da schon stand Hubertus und rief: Hinauf! Wer steigt hinauf? ...
    In seinen knöchernen Armen hielt er die Leiter, dass sie frei schwebend stand
wie gelehnt an eine Mauer ...
    Klettert hinauf! rief er wiederholt und immer dringender redete er den
Ablehnenden zu ... Habt keine Furcht! bedeutete er die, die die Leiter, so nur
frei in der Luft gehalten, zu besteigen zögerten ...
    Endlich wagte es Einer der Feuerleute aus Witoborn ... Schon berührten die
Füsse des in der Luft Hängenden die obere Sprosse der Leiter - er würde sich
nicht haben halten können ohne einen Arm, der ihn umfing ... So kletterte der
Mann an der aus freier Hand gehaltenen Leiter empor ... Wie eine Gerte bog sie
sich, je höher er kam ... Hubertus stemmte sich aber fest wie ein Atlet und
balancirte die ungeheuere Wucht ... Hülfe, die hinzukam, stiess er zurück mit dem
Ruf: Gleichgewicht! - Das - kann nur Einer! - Mit den Zähnen knirschte er zum
Zeichen seiner äussersten Anstrengung ...
    Der Arbeiter war jetzt oben ... Er ergriff den schon Sinkenden, dessen Hände
verbrannt sein mussten ... Jetzt zog er ihn zu sich herüber auf die Leiter ...
Diese, vom doppelten Gewicht überlastet, bog sich ... Ein Schrei des Entsetzens
unter allen Umstehenden, von denen einige hinzusprangen, um Hubertus wiederum zu
unterstützen ... Doch »Zurück«! rief er ihnen allen aufs neue entgegen und
klemmte die Leiter zwischen seine beiden Kniee, die Arme in der fünften und
sechsten Sprosse eingeschlungen, sodass er die gewaltige Last nur wie eine vom
Sturm bedrohte schwanke Fahnenstange hielt ...
    Der Arbeiter stieg nieder und brachte den Ohnmächtigen glücklich zu Boden
...
    Je näher dem Mönche Jean Picard kam, je näher ihm der Anblick des Armes
möglich wurde, auf dem er das verhängnisvolle Zeichen der Erkennung suchte,
desto schwächer wurde die Kraft des Bruders, dessen Kutte hie und da an den noch
brennenden Trümmern schon versengte ... Nun liess er das Hinzukommen anderer
geschehen ... Als der Arbeiter mit dem Geretteten auf unterster Sprosse stand,
sank die Leiter in die Hände der Uebrigen ...
    Hubertus holte einige Augenblicke Atem, hörte mit lächelndem Kopfnicken die
bewundernden Beifallsäusserungen der Umstehenden und folgte dem Arbeiter, der den
Bewusstlosen weg von der Brandstätte trug ...
    Diesem bot man jetzt Hülfe, Erquickung, ein Lager in dem andern Flügel des
Schlosses ...
    Hubertus aber sagte zu dem Träger:
    Lasst das alles, Landsmann! ... Ich trag' ihn schon selbst weiter! ... Mit
Brandwunden weiss ich umzugehen! ...
    Damit nahm er den Ohnmächtigen und trug ihn aus dem Gewühl und ganz aus dem
Schloss hinaus in das inzwischen aufs neue und immer mächtiger vom Menschenstrom
belebte Dunkel der Nacht ...
    Während jetzt schon von allen Türmen auf Meilen umher die Feuerglocken
riefen, kamen auch die Teilnehmer der Jagd an ... Terschka voraus auf einem
leichten Wagen ... Tiebold ... der Onkel ... Auch von Witoborn kamen Benno und
Hedemann ...
    Armgart machte sich Bahn durch alle ... Paula's hohe Entschlossenheit und
mutvolle Haltung hörte erst auf, als sie in die Arme ihrer weinenden Freundin
sinken konnte ...
    Bonaventura stand voll Rührung und sprach, als die Gefahr vorüber schien,
mit zitternder - tiefahnungsbanger Stimme ein Dankgebet, in das alle
Nahestehenden mit entblössten Häuptern einstimmten ...
    Die Turmuhren schlugen zehn ... Jedes sagte: Wenigstens noch ein Glück, dass
der Unfall so zeitig ausbrach ...
    Wächter wurden für die Nacht bestellt ... Allmählich wurde alles stiller ...
Die Gruppen lösten sich auf ... Man zerstreute sich ...
    Auch die Schlossbewohner bedurften der Ruhe ...
    Onkel Levinus fand sich leicht in neue Tatsachen, die er gedruckt las,
schwerer in solche, die er selbst erlebte ... Er hatte mehr als sonst gewohnt
dem Rebensafte zugesprochen, auch auf der Jagd selbst schon manche Herzstärkung
genommen ... Um sich zu finden und im Nichtzuändernden zu orientiren irrte er
mit einem offenen Lichte so lange im Schloss auf und ab, bis ihn die Wächter
aufmerksam machten, er könnte leicht den Brand aufs neue entzünden ...
    Armgart flüchtete auf ihr Zimmer wie ein verstörter Geist ...
    Terschka, dem man kaum die Anwesenheit des Mönchs Hubertus und dessen
gewaltige Tat erzählt hatte, als er auch schon in seine unversehrt gebliebene
Wohnung entschlüpfte, schien am längsten zu wachen ... Das Licht an seinen
Fenstern erlosch erst nach Mitternacht ...
    Bonaventura war mit Benno, Tiebold, Hedemann und Müllenhoff zu Fuss gegangen
...
    Endlich breitete die stille Nacht über das Gemälde des Schreckens ihre
dunkeln Schwingen ...
    Schauerlich ist es, wenn nach solchen Begebnissen auf einsamem Lager der
Schlummerlose das Krähen des Hahnes so laut und hell und wohlgemut hört, wie zu
aller Zeit, und doch sich sagen muss: Der anbrechende Morgen zeigt das Neue in
seiner ganzen folgenschweren Grösse ...
 
                                      18.
Frau Schmeling, jenes Mütterchen, durch das, wie wir wissen, eine ganze
Generation um Witoborn das Licht der Welt erblickt hatte, wusste ihre Nächte zu
schätzen ... Der himmlische Vater lässt seine Kinder öfter bei Nacht in dies
Freuden- und Jammertal einschlüpfen als bei Tage ...
    Selbst eine so grosse Begebenheit, wie der Brand auf Schloss Westerhof,
brachte die alte Frau nicht aus ihrem zweistöckigen, stattlichen Häuschen, das
nur ein klein, klein wenig abseits vom Wege zwischen Witoborn und Westerhof lag,
zugänglich ihrer Stadt-und Landpraxis, umgeben von einer gewissen
geheimnisvollen Verschwiegenheit, die das Zutrauen zu ihr seit nahezu vierzig
Jahren nicht wenig gemehrt hatte ...
    Aber im Bett litt es die alte und etwas reizbare Frau denn doch nicht ...
Schon war sie zur Ruhe gegangen, als ihr einziger Hausbewohner, eine alte Magd,
sie weckte und ihr die Schreckenskunde von dem Brand in Westerhof brachte ...
    Mutter Schmeling war so ergrimmt auf den Pfarrer Müllenhoff zu Sanct-Libori,
der ihr auf ihr fünfzigjähriges Jubiläum noch mit dem Kirchenbann hatte drohen
und sie des Teufels Grossmutter nennen können, dass sie geradezu herausbrummte:
Ob's denn auch wirklich auf dem Schloss wäre? Und doch nicht etwa - in
Sanct-Libori? ... Ein leises Kichern dabei, das hörte die Magd nicht einmal ...
hörte nicht die still für sich ins Bettkissen, ja in einen kleinen grauen Bart
gebrummten Worte: Kindtaufe! Kindtaufe! Hihi! Er lässt vielleicht schon
illuminiren ...
    Ne, ne! sagte die Magd, dat muot en groot Füer sin! und zeigte durchaus nach
Westerhof ...
    Und nicht minder plattdeutsch entgegnete Mutter Schmeling, so wolle sie denn
up stahn und wenigstens Licht maken ...
    Inzwischen unterhielt sie's, den grossartigen Lärm zu hören, der sich auf der
Landstrasse entwickelte ...
    Ihr Häuschen lag in einem Hohlweg, der sich von der Landstrasse abwärts
senkte den Gärten zu, die zur grossen Besitzung der Frau von Sicking gehörten ...
Im Sommer war das hier alles gar grün ringsum ... Lämmlein und - Schweine genug
weideten auf den Triften und ein paar einsame alte Bäume, die hinterm Gärtchen
des Hauses lagen, hatten sogar Ruf und Anziehungskraft durch die ihnen
angehefteten Bildchen und frommen Sprüche und besonders durch eine erquickliche
Aussicht und eine Bank, wo mancher Bauerbursch und manche Bauerdirne unter
nächtlichem Sternenglanz in ernst bedeutsamem Gespräch mit der Alten verweilen
und über Manches seufzen konnten ... Hundert Schritte davon lag eine Art Vorwerk
von Witoborn, obgleich es nachher noch Strecken von Wiesen und von Kirchhöfen
gab, bis man die Mauern der alten souveränen Bischofsstadt erreichte ... Jetzt
jagten die Spritzen mit Fackeln nach Westerhof ... Gensdarmen sprengten dahin,
zuletzt ein Piket Husaren ... Und die Menschen liefen und - lachten sogar, denn
»Feuer ist eine Bürgerfreude!« sagt ein frankfurter Sprichwort ...
    Dass aber die junge Gräfin das Feuer nicht beschwören kann! meinte die Magd,
die, wenn's verlangt wurde, an Hexen glaubte ...
    Dummer Schnack! antwortete Mutter Schmeling, die in diesem Gebiet
bewanderter war. Eine weise Frau - sie verstand darunter eine Zauberin, keine
sage femme - eine weise Frau kann wohl andern Gutes tun, aber sich nicht selbst
...
    Nach so tiefsinniger Äusserung überlegte sie, ob wohl im Bereich des
Schlosses Jemand wäre, den Mutterhoffnungen demnächst auf ihre Hülfe anwiesen.
Es kamen Fälle vor, wo gerade solche Schreckensaugenblicke Geburten
beschleunigten, andere vereitelten ... Sie zählte an den Fingern, wie weit es
noch mit der Moorbäuerin und Frau Leiendeckerin hin war ... Endlich bog Niemand
vom Weg in ihren Hohlweg ab ... Sie verbrannte nur unnütz Oel ... Die Wand, wo
sie schlief, fasste sich noch kalt an ... Sie wollte sich wieder zur Ruhe legen
...
    Eine Stunde mochte sie vergebens den Schlaf gesucht haben - Der Lärm der
Glocken, das Blasen und Trommeln in Witoborn, das Rasseln auf der Landstrasse
förderten die Ruhe nicht - als sie heftig an ihre Haustür pochen hörte ...
    Die Magd, die sich nicht nehmen liess oben auf dem Dache nach Westerhof zu
die malerische Aussicht zu geniessen, kam erschreckt in die Stube zur ebenen Erde
mit ihren klappernden Holzpantoffeln herabgelaufen und flüsterte der Alten, die
aufhorchte:
    Wat soll dat? Der alte Bettelpape bringt uns einen Menschen her - huckepack
-
    Die Hebamme wusste, wer der alte Bettelpfaff war ... So? sagte sie ruhig und
erhob sich, trotz des Pochens noch zweifelnd ...
    Einen Mann trägt er - ich sah ihn über die Lehmgrube kommen und dachte erst:
Wer sucht nur da was? Nun kommt er gerade über'n Wall - und das da draussen, das
sind sie -
    Wieder pochte es stärker und stärker ...
    Mutter Schmeling wurde aufs neue aus ihrem Bette getrieben ...
    Ein Rock war bald übergeworfen ...
    Mach mal auf! sagte sie ...
    Einer Gefahr glaubte sie in keiner Weise gewärtig zu sein ...
    Der ihr wohlbekannte Bettelbruder Hubertus trat mit seiner schweren Bürde
ein, die er von Schloss Westerhof bis hieher getragen hatte. Er hatte Umwege
gemacht, um die Landstrasse zu vermeiden. Jetzt verliess ihn allmählich die Kraft.
Welche Anstrengungen hatten aber auch die Erlebnisse dieses Tages von Beginn der
Jagd an ihm schon zugemutet! Er liess den noch immer Bewusstlosen in dem Zimmer,
dessen Eingang sogleich zur Rechten lag, auf einen alten Lehnstuhl sinken,
rückte sofort zwei Stühle herbei, legte darauf die Füsse der über und über
geschwärzten abschreckenden Gestalt im gestreiften Kittel und sank selbst,
anfangs sogar sprachlos, auf einen Stuhl, den ihm die alte Frau mit Erstaunen
hinschob, während die Magd schon nach der Küche lief, um Torf für den
kaltgewordenen Ofen zu holen ...
    Heiliger Lazarus, was ist denn das - für ein Schornsteinfeger -? Der ist wohl
verunglückt - auf dem Schloss? sagte Mutter Schmeling und billigte das Erwärmen
der Stube auch schon in Betracht ihrer selbst ...
    Hubertus machte sich, allmählich wie zu Kräften kommend, mit der
Bequemlichkeit seines in Erschöpfung Liegenden zu schaffen und trat mit dem
Verlangen hervor, Mutter Schmeling sollte in ihrem verschwiegenen Hause ihre
obern Zimmer für diesen allerdings beim Brande Verunglückten öffnen, den er
anfangs nach Witoborn ins Spital hätte tragen wollen, nun aber lieber selbst
verpflegen wolle ... es wäre ein Mensch übrigens, vollkommen reich genug, sie zu
bezahlen ... Ein Wagen würde den Kranken jetzt zu sehr erschüttert haben ...
Deshalb hätt' er lieber ihn selbst getragen ...
    Ne, dat geiht nicht! Da oben? Bruder, dat geiht nicht!
    Warum nicht ...?
    Ihr wisst, ich habe Euch immer gern gedient, schon - als Ihr noch weltlich
wart! Aber - dat geiht nicht!
    Der Mann ist brav, seine Wunden schmerzen ihn - und die Kosten -
    Das ist's nicht -
    Oben ist's bewohnt! schaltete jetzt die Magd ein ...
    Frau Schmeling unterbrach die Magd und sagte:
    Bewohnt oder nicht ... Wat snakt sie? ... Aber ... Ja! Ich erwarte -
    Wieder so eine - Prinzessin -?
    Ja - ja ...
    Was bringt's Euch denn ein? Ich selbst habe nichts! Der Mann da aber ist
reich -
    Mit zweifelhafter Miene blickten beide alte Frauen auf den sich allmählich
Erholenden, der die Augen aufschlug, wieder sinken liess und sich an die von
einem spärlichen Lampenlicht erhellte kleine, nicht unfreundliche Stube erst
allmählich gewöhnte ... Die Nähe eines Mönchs musste ihn annehmen lassen, er wäre
im Spital -
    Die weitere Verhandlung über seine im obern Stock zu bewerkstelligende
Unterkunft unterbrach das Verlangen einer Erfrischung, die der Gerettete mit
Aufhebung einer seiner blutig roten und an andern Stellen schwarzen Hände zu
begehren schien ...
    Hubertus lehnte noch das Erbieten der Frauen für Wasser oder Tee ab und zog
aus seiner Kutte eine Korbflasche, die er dem Verschmachtenden an den Mund
setzte ...
    Dieser starrte die unheimliche Gestalt des Mönches an, trank ein angenehm
duftendes gebranntes Wasser und atmete gestärkter auf ...
    Frau Schmeling! Nehmen Sie den Mann nur auf! begann Hubertus aufs neue. Er
ist wohlhabend! Ein Diener vom Schloss zwar nur, aber in guten Verhältnissen! Ich
habe sein Geld zu mir gesteckt! Sehen Sie da, zehn Taler! Ihr Bett und alle
Ungelegenheiten, die er Ihnen macht, sollen vergütet werden! Wo kann er auch
besser gepflegt werden, als bei Ihnen? Nur einen Tag! Dann sorgen wir ja schon
weiter! Er will zu seinen Angehörigen! Das ist drei Meilen von hier und dahin
fährt er morgen oder - übermorgen! So lange wird's doch gehen? ...
    Frau Schmeling fuhr mit ihrem rechten Zeigefinger sinnend hinter dem rechten
Ohr hin und her, während Schneid den Mönch anstarrte, nicht begreifend, was er
da alles zu vernehmen bekam ...
    Für einen Tag wollte denn Frau Schmeling zuletzt wirklich einwilligen und
lehnte die hohe Bezahlung ab ...
    Ich erwarte nur Besuch - sagte sie ...
    Ja, ja! Ich weiss schon! scherzte jetzt hocherfreut Hubertus. Dann werden die
Gardinen zugezogen! Bei Sanct-Franz! Ich kann ihn ja schon um deswillen nicht zu
lange hier liegen lassen, weil hier nächstens der Kirchenbann anklopft ...
    Darüber lachte zwar erst Frau Schmeling hellauf, zankte dann aber doch über
derlei Reden ...
    Nun, nun! beruhigte Hubertus ... Wir Mönche beten dann desto mehr für Sie!
...
    Schneid sah nur immer den Sprecher und die Frauen an und sprach ein: Diable!
nach dem andern vor sich hin und verschluckte seine Gedanken vor jedem
Aussprechen ...
    Frau Schmeling wetterte über den Pfarrer Müllenhoff, öffnete die Tür,
leuchtete voran und schloss eine zweite Tür auf, die zur Treppe in den ersten
Stock führte ... Man konnte diesem auch durch eine Hühnersteige und eine
geöffnete Falltür von der Küche aus beikommen ...
    Hubertus bestellte heisses Wasser, einen Napf mit so viel Speiseöl, als nur
im Hause vorrätig wäre und trug den jetzt Widerstrebenden die Stiege hinauf ...
    Auf den Moment des Erschreckens und des gewaltsamen Sichloswindens, wenn
Hubertus bei dieser Procedur heimlich dem von ihm Getragenen ein Wort der
Erkennung zuflüstern würde, war er gefasst ...
    Soyez tranquille, Jean Picard! flüsterte er ihm mitten auf der Treppe ins
Ohr ...
    Auf das durch dies Wort wie von einem galvanischen Schlage getroffene
mächtige Aufzucken, Umsichschlagen und Sichaufrichtenwollen des Halbgelähmten
hielt ihn Hubertus, wie man einen Epileptischen bändigt, Glied an Glied ...
    Oben empfing sie Frau Schmeling ...
    Starr, mit aufgerissenen Augenlidern, sah Bickert in die festen Augen des
Mönchs ... Es war ein Bild, wie auf der Guillotine sich ein Opfer niederwerfen
mag, um nicht erst mit den Armen festgebunden zu werden ...
    Doch ein feierliches ruhiges Schweigen lag sogleich wieder auf Hubertus'
Lippen ...
    Bickert liess sich jetzt behandeln wie ein Kind ...
    Wie eine Geistesverwirrung musste es über ihn kommen, als der Mönch fortfuhr:
    Waschen Sie ihm doch auch das Gesicht, Frau! Ei, ei, ei! Allerdings! Ihr
sauberes, sauberes Bett! Für wen ist's denn diesmal bestimmt? ... Das ist ja
gerade wie dazumal bei unserer armen Hedwig! Wissen Sie noch? Ziehen Sie nur
gleich die Ueberzüge herunter! ... Aber ich will ihn doch erst ein bisschen
sauberer machen ... Seinen Rock hab' ich nicht mitgebracht, aber all sein Geld
... ja all sein Geld ... Nur heisses Wasser jetzt und das Oel ... Ich mach's so
gut, wie im Spital ... Bis dahin war's mir denn doch für die Last zu weit ...
    Es war ein geräumiges Schlafzimmer, einfach, aber sauber gehalten, wo
Hubertus den aus seinen Schmerzen nicht mehr Aufstöhnenden, nur vor Furcht und
Schrecken in einem starren Schweigen Beharrenden auf eine Strohmatratze legte,
die er aus dem Bett genommen und auf die Erde gebreitet hatte ...
    Dann nahm er das inzwischen heraufgebrachte Oel, verlangte Leinzeug, an dem
im Hause kein Mangel war, und bestrich damit die verbrannten Hände, die er dann
in die leinenen Streifen einschlug, den Einschlag mit Bändern befestigend ...
    Bickert sah bei alledem bald ihn, bald die Frauen starr an und wagte keine
Frage, erwartungsvoll, was in dieser Lage ihm noch werden sollte ... Hubertus
plauderte immer fort, schilderte das Feuer, lobte die Aufopferung des
Geretteten, sprach harmlose Vermutungen über den Grund des Brandes aus und
endete, wie nur so ganz gelegentlich, mit den Worten:
    Im Feuer - ja da bin ich auch gross geworden, wenigstens in vierzig Grad
Hitze - und schon früh hab' ich meine Haut zum Braten hergeben müssen! Einmal -
ei schon als Junge - nein, ich konnte doch schon von den neuen Tabackstengeln
rauchen, die die Spanier dazumal unter Napoleon mitbrachten - als ich zwei Stock
hoch aus einem Brand hinuntersprang, zwei Schlingel im Arm, Jantje der eine und
der andere - Wenzel hiess er ...
    So elektrisch getroffen fährt im Käfig ein Panter auf, wenn er die Nähe
seines Wärters spürt, streckt den Kopf, reckt die Ohren und starrt
erwartungsvoll ins Leere, wie jetzt Bickert ...
    Der Mönch drückte wieder ihn mit nervigem Arme, aber scheinbar ganz harmlos,
nieder ...
    Ruhig, ruhig! sagte er. Jetzt kommen wir ja an die Sonntagswäsche! Brav,
Jungfer! brav! Nur her mit dem Schwamm! ... Schade wär's freilich um eure
Betten! Und um eure Prinzessin! Eure weisse Unschuld! Richtig - Jantje! Von dem
sprach ich ... Na, dem wäre schon damals besser gewesen, er hätte das Zeitliche
gesegnet! Verstand hatte er ohnehin nur halbwegs! Manchmal - da kam ein bisschen
guter Wille zum Vorschein! Sonst - Hier her, Frau Schmeling! Gelt, Landsmann,
der Schwamm tut gut? ... Ja, Mutterchen, könnten wir Pfaffen doch überall so
die Sünden und Brandmale wegtilgen - - besonders die an uns selbst! ...
    Während Frau Schmeling die Bemühungen der Pfaffen um solche Seelenwäsche
nach ihren neuesten Erfahrungen als höchst problematisch schilderte und
namentlich die neueste hierländische Seife als viel zu beizend verwarf, wusch
Hubertus die entblössten Arme, auf denen er schon längst beim Herübertragen des
Bewusstlosen vom Schloss die verhängnisvollen Zeichen erblickt hatte ...
    Seid Ihr denn da so kitzlich? fragte er, als Bickert dem Aufknöpfen der
Jacke und dem Aufstreifen der Aermel wehrte ... Lasst doch! ... Franz Bosbeck,
wie ich sonst hiess, ist ja keine zimpferliche Dame! Mir gegenüber - Ei Jantje,
Jantje - Seid doch nicht so verschämt! Solche Muttermäler kenn' ich ja! So! Es
macht sich ...
    Die Frauen hörten diese Reden nicht alle; sie gingen ab und zu, trugen das
schwarze Spülicht fort, trugen die Kleider hinaus, brachten ein frisches Hemd,
frisches Wasser. Ehe dann zuletzt eine Suppe kam, die Hubertus schon beim
Hinaufsteigen bestellt hatte, reichte er noch einmal dem mit geöffneten Lippen
ihn Anstarrenden die Korbflasche ...
    Bickert trank zwar, sprach aber für sich Fluch auf Fluch, wilde Worte, die
er sogar - mit der Mutter Gottes bekräftigte ...
    Welche denn? fragte rasch Hubertus. Doch wohl die Mutter Gottes von Neus?
    Eine in seinen heimatlichen Niederungen weit und breit verehrte Madonna ...
    Eine andere! sagte Bickert, drückte seine Augen zu und sank aus seinem Trotz
in Erschöpfung zurück ...
    Mütterchen, flüsterte jetzt Hubertus, nun hilft da nichts! Die Nacht halt'
ich hier oben Wache! Die Matratze liegt schon da; ein Kissen und ich schlafe wie
ein Marder! Mein Kloster soll's hernach schon hören und mich freisprechen, wenn
ich auf Reisen war und Heiden bekehrte ... Und sie warten ja auch sonst nicht
allzu lange mit dem Kartoffelsalat und mit ihrer Grütze auf mich ... Morgen, da
macht Ihr mein Leibgericht ... Speckpfannkuchen mit Kartoffeln ...
    Während dieser Plaudereien, bei denen er oft an Lucinde, oft an den Landrat
denken musste, trug der Mönch den Verbrecher ins Bett, das aus einem Überfluss
von Federn aufgehäuft war - dergestalt, dass immer noch davon weggenommen werden
konnte und doch genug übrig blieb, den jetzt von dem heftigsten Fieberfrost
Ergriffenen zu erwärmen ...
    Die Wirkung, die der Mönch auf den Verbrecher ausübte, war die des
Magnetiseurs ... Bickert war in physische Betäubung versunken ... Machtlos
starrte er ins Leere ... Auch von jener Suppe konnten ihm nur einige Löffel
eingegeben werden ... Sein zerschundener Kopf sank ins Kopfkissen zurück und
bald schien es, als wenn er entschlief ...
    Auch Hubertus übermannte dann die Anstrengung ... Er legte sich auf die
Strohmatratze, zog ein Kissen unter den unbehaarten Kopf und in einer
Viertelstunde war im Häuschen alles so ruhig, wie nur je zur Nacht die es
antrafen, die Mutter Schmeling zu der geheimnissvollsten Feierstunde des Lebens
abriefen ...
    Der Morgen brach an ...
    Es ist ein eigenes Düster, mit dem uns der Tag nach ereigniss- und
verhängnisvollen Erlebnissen begrüsst ... Bleiern drückt dann die unabänderliche
Notwendigkeit; jeder Atemzug, der sonst sich frisch und sorglos von der Brust
gerungen hätte, ist gehemmt von Furcht und Erwägung ...
    Hubertus erwachte am frühesten und doch schlugen die Glocken von Witoborn
schon sieben Uhr ... Die Tage brachen jetzt schon zeitiger an ... Hell genug war
es, um sich schon im Hause zurecht zu finden ... Bickert schlief noch - wie eine
jener Ratten, über die er in den unterirdischen Gängen des Professhauses
sorgloser gelacht hatte, als er es heute beim Erwachen würde tun können ...
Hubertus rechnete bestimmt darauf, dass sich zwei Erkundigungen durchkreuzen
müssten ... Eine nach dem Befinden des Dieners, für den man vom Schloss aus Sorge
tragen würde; eine, die von einer wiederholten Anzeige an die Behörden ausgehen
und in dem gestrigen Helfer vielleicht schon den Urheber des Brandes suchen
würde ...
    Zunächst hatte er die Sorge um das Befinden des Landrats und die Auskunft,
die Lucinde bei der Messe im Münster erwartete ...
    Der Verbrecher schlief einen Schlaf, aus dem ihn Hubertus nicht wecken
mochte ... Die Brust hob sich in so regelmässigen Zügen, dass es ein
Stärkungsschlaf schien, den der völlig vertierte und doch wieder furchtsame und
feige Mensch deshalb bedurfte, um die Kraft zu gewinnen für Hubertus' weitere
Pläne ... Immer noch kämpfte er mit sich, ob er einen Mordbrenner der gerechten
Strafe entziehen durfte ... Schon während er die Flamme aus der Ferne auflodern
sah und ihm der Gedanke kam: Das, das ist die Tat, zu der sich der Unglückliche
hat dingen lassen! gab er die Absicht des Schutzes auf und beflügelte nur noch
um Lucindens willen seine Eile - nicht fassen konnte er, wie ein ihm durch
Klingsohr so anziehend gewordenes Mädchen sich an so verbrecherischen Vorgängen
beteiligt wissen konnte ... Dann sah er doch wieder den, den er suchte, als den
Tätigsten bei der Rettung ... Durch diesen unerwarteten Anblick gewann er neue
Gunst für den Verlorenen ... Selbst wenn er sich sagen musste: Der Verzagende
warf sich nur deshalb unter die Rettenden, um nicht den Schein der Anstiftung zu
haben, die Umstände zwangen ihn, seine Rolle zu wechseln - erfüllte ihn das
Rätselhafte des ganzen Verbrechens mit dem Verlangen, erst aus Bickert's Munde
selbst darüber aufgeklärt zu werden ... Dem Arm des Gesetzes ihn zu entziehen,
konnte, nicht unter seinen Entschlüssen derjenige sein, der die Oberhand behielt
... Vorläufig jedoch wollte er ihn um Lucindens willen in Sicherheit bringen,
ihn noch heute gegen Abend weiter befördern und ihm nur für den einen Fall auf
den Weg nach Bremen verhelfen, dass er einen Menschen antraf, dem sich solche
Hülfe noch mit gutem Gewissen gewähren liess, und dass ihm keine durch die
Brandstiftung verdeckte sonstige schwere Untat zur Last fiel ... Um
Aufklärungen über Bickert's Beginnen konnte er jetzt nicht drängen ...
    Allmählich liessen sich auch die Frauen hören und sorgten für einen
erquickenden Morgentrunk ...
    Sollte vom Schloss geschickt werden, sagte Hubertus, sich zum Gehen
anschickend, so erzählt nur, dass ich ihn ins Spital tragen wollte, aber mit
meinen Kräften nur bis hieher reichte! Was man an Erquickungen bringt, nehmt
getrost an! Kann man ihn aber selbst schonen und von Niemanden sprechen lassen,
desto besser! Ich liesse an Euerer Statt Niemanden zu ihm ...
    Die Frauen versprachen zu tun, was in ihren Kräften stand ... Nur sagte die
Schmeling:
    Wenn aber die Gensdarmen kommen -
    Die Gensdarmen? ...
    Ich vermute ...
    Die Gensdarmen? Warum die?
    Mutter Schmeling fuhr mit dem gekrümmten Zeigefinger wieder hinter ihrem
Ohre hin und her und machte nachdenkliche Mienen, obgleich sie sich dabei
entschlossen auf ihre paar noch übrigen Zähne biss ...
    Was habt Ihr denn nur? - fragte der Mönch ...
    Mutter Schmeling stand nicht Rede, sondern lästerte über die Ordnungen der
Welt. Sie stellte hundert Fragen in Aussicht, die ja bekanntlich ein Narr tun
und auf Erden nicht der Weiseste beantworten könnte ...
    Hubertus sah, dass diese Erwartung eines Besuchs durch die Gensdarmen nicht
in Verbindung mit dem neuen Hauseinwohner und der Ursache des Brandes stand,
forschte dann auch nicht länger und begnügte sich eingesehen zu haben, dass auf
alle Fälle sein Plan, Bickerten weiter zu entführen, von ihm zu beschleunigen
war ...
    Um nach Witoborn zu kommen, nahm er den Feldweg und über die Kirchhöfe
hinweg ...
    Auf das vergoldete Holz und Gestein, auf die welken Kränze, hier und da auf
die grünen Hängetannen blickend, sagte er sich: Der Abend deines Lebens ist
längst da und wie kommst du noch einmal in deinen letzten Stunden zu solchen
Dingen! Längst dem Leben entrückt, kannst du vom Abenteuer nicht lassen! Sonst,
unter dem milden Pater Henricus ganz nur den stillen Werken des Klosters
hingegeben, regt dich jetzt dieser schroffe und gewalttätige Pater Maurus auf,
lässt dich umirren wie einen verstörten Geist, treibt dich an die Bahre deines
bösesten Feindes, des Kronsyndikus, nun gehst du schon mit Nachtunholden, die
der Irrsinn und das Verbrechen aufscheucht! Vielleicht fliehst du wirklich noch
mit Klingsohr in den hohlen Eichstamm und verbirgst dich vor den Gesetzen der
weltlichen Obrigkeit und flüchtest dich in die den Franciscanern erlaubte
Alcantariner Regel, die ein Heiliger stiftete, der vierzig Jahre lang nur
knieend schlief, der in die Speisen, wenn sie ihm zu gut dünkten, Asche warf,
der der Zeitgenosse Karl's V. im Kloster St.-Just, der heiligen Terese und -
des Don Quixote war! ... Sonst stand Hubertus bei jedem Kinde, das ihm
begegnete, still und konnte mit ihm plaudern, heute hafteten seine Gedanken nur
an dem Namen Lucinde, Picard, Terschka - Von diesem letztern glitt noch alle
Annäherung ab, wie Stahl vom spiegelglatten Eise ... So verloren in seinen
Gedanken war er, dass er selbst den freundlichen Mann nicht sofort erkannte, der
beim Austritt aus dem Wege zwischen den Kirchhöfen auf die Wallanlagen von
Witoborn ihm in einem Einspänner, auf Schloss Westerhof zu vorüberjagend
freundlichst nickte ... Der kleine Mann in einem blauen, am Kragen mit Pudelpelz
besetzten Mantel, aus dem die weissesten Vatermörder wie Bram- und Reffsegel
lugten, war Löb Seligmann, der vielgeschäftige Gütermakler, der neulich neben
dem hochgemuten Küfer gestanden hatte, als dieser sein Todtengericht hielt ...
Hubertus wandte sich links den Mühlen zu, die von dem Witobachgrund herüber
schon mit Donnerton hörbar wurden ... Es tat ihm wohl, diese wilde Musik zu
hören, die vorzugsweise durch die mittlere Mühle, ein gewaltiges an einem alten
Turm gelegenes Werk, hervorgebracht wurde; unmittelbar war noch ein
weitrauschendes Wehr benachbart, das gestellt und dann in andere Abzüge gelenkt
werden konnte; selbst im Winter fror hier nicht die Witobach ...
    Aus diesem Turm heraus kam in weissen, gleichfalls vom Brande Spuren
tragenden Müllerkleidern Hedemann ...
    Beide begrüssten sich, ohne sich vor dem Lärm des Wassers und der Mühle
verständigen zu können ...
    Hedemann sprach vom Landrat, vom Brande; aber Hubertus musste den Kopf
schütteln. Mindestens dreissig Schritte weit hatten beide über schmale und
glatteisende Stege hinwegzuschreiten, um eine Stelle zu gewinnen, wo sie sich
verständlich machen konnten ...
    Der Landrat war noch in dieser Nacht gestorben ... ...
    Sein Diener kam vom Schloss, erzählte Hedemann, und holte ihn ab ... Dann
wurde es immer schlimmer und schlimmer mit ihm ... In seiner Erschöpfung blieb
er und so hat er denn die ewige Ruhe ...
    Was an der Ehre nagt, geht langsam, aber es trifft ... konnte Hubertus
hinzufügen nach den Verhältnissen, die er kannte ... Für Bickert und Lucinden
schien ihm diese Wendung besorglich ... Wie leicht konnte nun der junge Enckefuss
selbst erscheinen ...
    Vom Brand erzählte Hedemann mancherlei, was zwar schon Hubertus wusste, sich
aber doch berichten liess, - um alles noch nach anderer Auffassung zu hören ...
Die Volksmeinung wollte sich noch immer für den in der Kapelle zurückgebliebenen
Kohlentopf entscheiden ... Im Laboratorium war nichts versehrt ... Gerade
dortin hatte man das Archiv geborgen bis auf einige Schränke, die verbrannt
sein sollten ...
    Die Glocken läuteten von allen Seiten ... Die kirchen- und altarreiche Stadt
wurde zu den vielen stillen Messen gerufen, die täglich vor der einen täglichen
grossen gelesen werden ...
    Ins Münster musste man niederwärts steigen ... In eine alte Vorkapelle
führten erst mehrere Stufen ... Hier standen Grabmäler und Standbilder aus
ältester Zeit ... Dunkelbraun und schwarz und lichtlos unheimlich war alles; dem
Innern des Münsters selbst fehlte nicht das Licht ... Die Fenster waren nicht
bunt ... Pracht und Kunstliebe zeigte sich wenig ... Nur der Hochaltar, der fast
schon in der Mitte der Kirche begann, trug Embleme Jahrhunderte alter
Auszeichnungen ... Messen wurden hie und da in Seitenkapellen gelesen ...
    Hubertus wandelte, an jeder dieser Kapellen sich verneigend, auf dem
steinernen Estrich lautlos dahin und forschte in den Betstühlen nach einer
Knieenden in schwarzen Kleidern, die er unfehlbar anzutreffen erwarten durfte
... Von den Vorgängen auf dem Schloss des Grafen Münnich konnte er nichts
wissen ...
    Eine der Bänke zum Knieen nach der andern musterte er ... Mit dem Schein
eines bloss äussern Interesses durfte er nach seinem Stande nicht in dem heiligen
Bau umherwandeln ... Seinen Rundgang musste er durch ein Niederknieen da und ein
längeres Beten dort an den Kapellen erklärbar finden lassen ...
    Den Grad seiner aufrichtigen Verehrung vor den Heiligen kennen wir nicht ...
Wir sehen nur, dass er hinter der Andacht der Uebrigen nicht zurückbleibt ... Wer
ihn beobachtete, konnte annehmen, dass er durch die ganze Kirche, wie dergleichen
oft geschieht, in dieser Form einen Rosenkranz abbetete ...
    Lucinden entdeckte er nicht ...
    Schon waren rings in den Kapellen die Wunderaugenblicke der »Wandlung«
vorüber, schon konnten die murmelnden Priester nahe bei ihrem: Ite, missa est!
angekommen sein ...
    Da fiel neben der letzten Kapelle und schon dicht wieder am Eingang sein
Blick durchs Fenster auf einen eben vorrollenden Wagen, dessen Kutscher eine
Livree trug, die ihm als die gräflich Münnich'sche bekannt war ... Sollte er
dort vielleicht eine Erkundigung einziehen? ...
    Wie er im Begriff war, die Kirche zu verlassen und der düstern Vorkapelle
sich zuzuwenden, begegnete ihm eine tiefverschleierte schlanke Gestalt, einen
schwarzen Mantel von schwerem Pelz übergeworfen - wofür hatte die gute Wally
Kattendyk nicht alles gesorgt! - den Sammetut zierte eine niederwärts gehende
geschwungene Reiherfeder ... Das waren ja die Formen, die er suchte ...
    Ein kurzes Zucken und Stillstehen der an ihm Vorüberschreitenden bestätigte
seine Voraussetzung ...
    Wohl konnte Lucinde auf den ersten Blick sehen, dass die Messen bald vorüber
waren ... Aber auch stille Gebete genügten für ein längeres Verweilen in der
Kirche ... Sie musste es sein ... Hubertus, der sich an den mächtigen Pfeilern
des mittlern Schiffs hin nachschlich, bemerkte, wie sie die entlegenste Gegend
der Kirche suchte, einen Seitenwinkel mit kleinen runden Fenstern, wo ein alter
Taufstein stand ... Alles war in diesem kleinen Viereck dunkel und still ...
Hier kniete die Angekommene nieder und zog ihr Brevier ...
    Auch Hubertus warf sich drei Schritte von ihr zu Boden ...
    Das Schreckliche ist geschehen! murmelte die Beterin mit offenbar zitternden
Lippen vor sich hin ...
    Hubertus rückte näher ...
    Was wird kommen? fuhr sie mit angsterfüllter Stimme fort ...
    Hubertus, der sich in diese wunderliche Form der Zwiesprache nicht sofort
finden konnte, erzählte das in dieser Nacht von ihm Erlebte ... Oft musste er
dabei in seinem Bericht innehalten, denn bald ging ein Messner vorüber, bald ein
Geistlicher, bald ein Singknabe, der von hier zum Orgelchor stieg ... Die
Vorübergehenden mussten denken: Zwei Seelen das, die sich heute dem heiligen
Ansgarius gewidmet haben! Denn gerade der Bekehrer der Friesen und erste Bischof
von Bremen stand über ihnen ...
    Bremen war freilich in minder geweihtem Sinn das Endziel der Hubertus'schen
Mitteilung ...
    Lucinde sagte:
    Geben Sie doch in diesem Fall jede Rücksicht auf die Gesetze preis! Was ist
denn überhaupt Strafe? Was wollen Sie der Obrigkeit ihre Sorgen erleichtern?
Wenn ich Ihnen die Versicherung gebe, dass diese Brandstiftung aus dem Gehirn
eines gewiss einst seiner Strafe nicht entgehenden Bösewichts entsprang, aber
ehrliche Leute in Verdruss bringen kann, so glauben Sie mir's! Entfernen Sie
diesen Menschen auf ewige Zeiten aus dieser Gegend, ja aus unserm Weltteil!
Welche Macht Sie auch über ihn gewinnen, Sie finden einen mit abergläubischer
Schwäche gepaarten verstockten bösen Sinn, den Sie zu heilen und zur Besserung
zu führen nur die kostbare Zeit verlieren! Seine Tat mag Gott richten!
Teilweise hat er sie ja schon selbst gebüsst durch seine Beschädigung und
gesühnt sogar durch Aufopferung! ...
    Hubertus hörte in dieser Rede alles wieder, was er von Klingsohr über
Lucindens wilde Natur wusste ...
    Noch machte er gegen die mächtig bestürmende Kraft ihrer Worte die Einrede:
    Aber der Schurke legte Feuer an! Was war seine Absicht? Welchen Gewinn
konnte er daraus ziehen?
    Hinderten ihn nicht vielleicht die Umstände am Stehlen? flüsterte Lucinde.
Untersuchten Sie, wo er etwas geborgen hat, was er sich aneignete? Mit diesen
Forschungen wird jede Stunde mir und andern verderblich und ich schwöre Ihnen,
Sie erhalten einst die Aufklärung - ich würde sie Ihnen schon jetzt geben, wenn
- Sie ein Priester wären!
    Der Laienbruder musste in diesem Augenblick ein Gebet murmeln. Denn die rings
stehenden Bilder der Heiligen lockten auch andere Beter an ... Schon befürchtete
er, dass eine daherkommende und jetzt still stehende Dame neben ihnen Platz
nehmen würde ... Wie war sie zu verscheuchen? Er sah sie mit seinem
Todtenkopfantlitz aus der Kapuze, die er über sich gezogen hatte, an; da
erschrak sie, dass sie zurückfuhr und sich entfernte ... Es war Frau von Sicking
selbst gewesen ... Sie hatte Lucindens Anwesenheit draussen vom Kutscher
erfahren, der das Fräulein in erster Morgenfrühe zu ihr zurückbringen sollte ...
Sie erkannte den Mantel Lucindens und die Reiherfeder ... Anreden durfte sie die
Betende nicht ... Der schreckhafte Mönch vertrieb sie in der Tat zu einem
Altar, der den Schmerzen Mariä gewidmet war ... Sie liebte Gottes Wort in
einnehmenderer Erscheinung ...
    Lucinde hatte ein scharfes Auge ... Sie erkannte Frau von Sicking nur etwas
von der Seite aufblickend ... Mit bebender Stimme sprach sie zum heiligen
Ansgarius:
    Ich lasse Sie nicht, wenn Sie mir nicht versprechen, die Gefahr noch heute
zu entfernen! Diesen Menschen vor allem, so weit Sie können! Unbekümmert um
seine ruchlose Tat sollen Sie ihm die Mittel zur Flucht gewähren! Ist Ihnen
dieser Mensch noch vor kurzem von Wert gewesen, warum wollen Sie ihn jetzt
aufgeben?
    Hubertus murmelte ein Gebet, denn Lucinde mässigte sich nicht ...
    Warum antworten Sie nicht? unterbrach sie ihn. Sie wissen doch wohl, was
weltliche Gerechtigkeit ist! Sie, der Sie Ihre Liebe geopfert bekamen, ohne den
lachenden Triumph der Mörder gestraft zu sehen! Erst die göttliche Gerechtigkeit
strafte die Buschbeck ... Waren Sie nicht der gottberufene Richter des Paters
Fulgentius? ... Den Kronsyndikus strafte Gott dadurch, dass er den gefürchtetsten
Tyrannen zum Kinderspott machte ... Hat Klingsohr eine Schuld auf sich, so sehen
Sie ja sein tägliches Elend ... aus dem ich übrigens Sie und ihn befreien will
...
    Hubertus betete ... Diese Seele riss zu ungestümen Taten hin ...
    Sie können Frost und Hitze ertragen ... Sie werden dem Pater Sebastus zur
Seite stehen müssen, wenn er nach Rom - ohne - Schuhe gehen will ...
    Kennen Sie - auf dem Schloss - Wenzel von Terschka? ... fragte der Mönch,
dieses Mädchens entschlossene Rücksichtslosigkeit zu allem für fähig haltend und
zunächst in der Tat nur um ihrem Drängen auszuweichen ...
    Unwillig über die unerwartete Querfrage, schwieg sie ...
    Kennen Sie die Herkunft dieses Mannes, den ich nannte? wiederholte Hubertus
...
    Was soll das? ... Das ist ein Cavalier aus Wien ... ein Böhme ...
    War der Mann nie in Rom?
    Lucinde schwieg und wiegte ungeduldig den Kopf ...
    Sie kommen nicht selbst auf Westerhof? ...
    Doch! ... Ich denke ... warum? antwortete sie endlich ...
    Hubertus überlegte, ob er nicht Lucinden zur Vertrauten des Interesses
machen sollte, das er, wie an Bickert, so auch an Wenzel von Terschka nahm ...
    Frau von Sicking's Andacht musste eben gestört worden sein ... Sie erhob sich
und blickte auf die noch immer Betende, deren Geflüster ihr nachgerade auffallen
konnte ...
    Als sie näher kam, hatte wieder Hubertus kein anderes Mittel, sie zu
entfernen, als seinen Blick ... Frau von Sicking ging an einen andern Altar ...
    Ich beschwöre Sie, betete Lucinde, verlieren Sie keinen Augenblick! Jeder
Moment des Zögerns ist verderblich -
    Wollen Sie mir nur eines versprechen? - musste Hubertus, und jetzt fast, der
äussern Umgebungen wegen, notgedrungen, sagen ... Sie haben mächtige Verbündete,
grosse Beschützer ... Wollen Sie für uns sorgen, wenn wir in den Orden der
Alcantariner treten und unbeschuht nach Rom entfliehen?
    Lucindens eigene Wege deuteten schon lange nach Rom ... Sie kämpfte einen
Augenblick, sagte dann aber doch - so mächtig fühlte sie sich in ihrer Anlehnung
an Nück: -
    Ich verspreche es Ihnen!
    Nun erklärte sich Hubertus bereit, dass er sofort einen Wagen suchen wolle,
mit dem er Jean Picard nordwärts den Bergen zu fahren könne ... Aufklärungen
über die Absicht des Verbrechers würde er nicht früher begehren, als bis er in
Sicherheit wäre ... Durch den Preis, den er in Aussicht stellen würde, nach und
nach die Erbschaft zu gewinnen, hoffe er, sprach er, ein Mittel in der Hand zu
haben, ihn in Amerika festzuhalten und zu einem tugendhaftern Leben zu führen
... Das Geld befinde sich noch auf dem Gericht in Witoborn und könne ihm
vielleicht am besten durch einen Advocaten zukommen ... Hubertus nannte den auch
hierorts allbekannten Nück ...
    Nein, nein! lehnte diesen Namen Lucinde ab ...
    Hubertus hatte kein Arg und erklärte, sich auch sonst wohl helfen zu können
...
    Damit erhob er sich und liess die Beterin allein, die es auch ihm wie so
vielen - »angetan« hatte ...
    Allmählich erhob Lucinde ihr Haupt von dem Pult, vor dem sie kniete, schlug
erschöpft ihr Brevier zu und trocknete die in der Tat von Angsttropfen
befeuchtete Stirn ...
    Sie hatte die Nacht nicht eine Stunde geschlafen ...
    Frau von Sicking riss sich aus ihrer Anbetung los und schloss sich Lucinden
an, die wie aus einem Traum erwacht sie begrüsste ...
    Beim Austreten aus dem Münster erzählte sie, dass sie bei Gewittern und
Feuersbrünsten in einen Zustand gerate, der sie zwänge, sich in den dunkelsten
Winkel zu flüchten ... Sie wäre in dem gestrigen Tumult aufgesprungen, hätte
sich im ersten besten Zimmer eingeschlossen, auf alles Rufen und Klopfen keine
Antwort geben können, bis erst im Schloss alles still geworden und der
Feuerschein nachgelassen hätte ... Dann hätte sie ihren Versteck verlassen. Die
Gräfin Münnich hätte sie gezwungen, die Nacht auf dem Schloss zu bleiben; doch
schon in aller Frühe wäre sie wieder aufgebrochen ... Sie hätte das Gelübde
getan, sämmtlichen Altären des Münsters nach der Reihe ihre Verehrung zu
bezeugen ... Darum auch wäre sie zuerst in den Münster gegangen ...
    An alledem war nichts Unwahres, aber Frau von Sicking hatte gestern doch
schon manches über Lucindens Vergangenheit erfahren und war heute von einiger
Zurückhaltung. Ihre Erzählung der Vorfallenheiten auf Schloss Westerhof, während
beide im eigenen Wagen auf ihre Besitzung zurückfuhren, hatte die geheime
Absicht, den frühern Beziehungen Lucindens zu Gräfin Paula näher zu kommen ...
    Lucinde merkte dies allmählich, merkte auch die der Gräfin Paula nicht eben
günstige Gesinnung der Frau von Sicking, die mit grosser Schärfe urteilen konnte
... Als sie Lucinden zur Chocolade festielt, immer wieder von Paula und den
zweideutigen und höchst »incorrecten« Visionen derselben begann, fiel ihr eine
seltsame Beleuchtung auf die Pracht und Herrlichkeit dieser Niederlassung, auf
die Teppiche, über die sie hinschritten, auf die kleinen verwickelt angelegten
Cabinete mit gotischen schwarzen Möbeln, bilderbeladenen Wänden, auf die mit
rotem Sammet überzogenen Betschemel ... Die Frau ist neidisch auf Paula wegen
Bonaventura! sagte sie sich ... Wo sieht sie ihn denn? Fährt sie deshalb so oft
zu Müllenhoff? ...
    Frau von Sicking wollte gegen Mittag nach Schloss Westerhof zur Condolenz und
forderte ihren Besuch auf, sie dortin zu begleiten ...
    Die eben auf einem silbernen Plateau überreichte neueste Post für Frau von
Sicking gestattete Lucinden ihren Zorn und das Erglühen ihrer Wangen zu
verbergen ...
    Bei alledem aber, durch den ihr vom Himmel geschenkten Beistand des
Laienbruders, durch - auch ihre Zähmung des »Bruder Abtödters« doch ermutigt
und auf ein günstiges Verlaufen aller dieser Gefahren hoffend, warf sie schon
voll Übermut auf ihrem Zimmer ihr Brevier hin, wie - die Schöne, die vom Ball
kommt, ihren Fächer, hinter dem sie eine Eroberung machte ...
    Zur Wiederbegegnung mit Bonaventura und Paula interessirte sie sogar der mit
Cherubimköpfen umrahmte Spiegel ...
    Sie fand aber ihr Aussehen doch noch zu angegriffen, als dass sie schon heute
diese Scene wagen sollte.
 
                                      19.
Auch diesen beiden aus Witoborn zurückkehrenden Damen war im Vorüberfahren ein
Gruss gespendet worden aus dem von Westerhof schon wieder heimkehrenden Wägelchen
jenes gewissen Mannes im blauen Mantel mit dem schwarzen Pudelkragen ...
    Löb Seligmann grüsste in der allerglückseligsten Laune ...
    Hatte er auch in verschiedenen Spiegeln der Gegend, die er im Lauf dieses
Winters und vor dem Frühjahr nicht mehr verliess, beim Rasiren seines Barts, beim
Kämmen und Ansingen seines wolligen Haares eine nicht gewöhnliche Anzahl von
grauen Löckchen bemerkt; doch kamen sie nur als ein zufälliger Tribut an seine
Jahre, nicht als Folge von Kummer und Sorge ...
    In der von so mannichfachen Aengsten und Bedrängnissen erfüllten Sphäre, die
wir schildern, war er die zufriedenste, frohste, vielleicht die einzige »gesunde
Natur«, wenn nicht am Körper doch an der Seele ...
    Das Vertrauen, das ihm zuerst Terschka schenkte, das sich dann dem ganzen
Adel der Gegend mitteilte, gab ihm einen Schwung, der nur von jener ihm
manchmal eigenen Rührung über sich selbst gemildert wurde ...
    Aber sogar diese Anwandelungen der Wehmut wie sonst beim Hinblick auf
Kocher am Fall, auf den Korb der Hasen-Jette, auf die schwachen Beine David's,
auf die Blüte des Ghetto, Veilchen, die unter der Geldgier seines so
unpoetischen und ihm unähnlichen Bruders Natan schmachtete, kamen ihm jetzt
seltener. Nur der hierortige Mangel an Opernmusik, die sonst seiner Seele ein so
notwendiges Labsal war, war eine Lücke in seinem Dasein. Von der classischen
Anmut der Arie: »Ha, das Gold ist nur Chimäre!« war er musikalisch tief
überzeugt - die Textesworte unterschrieb er bei seinen gegenwärtigen glänzenden
Einnahmen weniger - aber er musste sie sich allein trällern.
    Die Eroberung dieses gewissenhaften Kenners der Ackerkrume, der
Ertragsfähigkeit der Güter, der einschmeichelnden Ueberredungskünste bald beim
Bauer, bald beim Edelmann verdankte Terschka dem Vormittag auf der Villa des
Herrn Bernhard Fuld in Drusenheim. Er liess ihn nach Witoborn kommen und
»schlachtete«, wie der Kunstausdruck lautet, bereits im voraus die Güter des
Grafen Hugo ein, noch ehe die Uebergabe in allen Formen erfolgt war. In Terschka
hafteten aus den Lebenssphären seiner frühesten Kindheit andere Eindrücke vom
Judentum, als er sie durch Löb Seligmann empfing. Heium Picard und - Löb
Seligmann! ... Letzterer mit den rührendsten Gleichnissen und Sprüchen aus dem
Talmud, die ihm Gewinn auf Kosten der Ehrlichkeit verboten -! Löb citirte sie
zuweilen mit einer gewissen jungfräulichen Verschämteit ... »Wir haben ein
Sprichwort, Herr Baron -!« Das die stehende und mit Erröten gesprochene Phrase,
mit der Löb ein solches Citat aus dem Talmud anbrachte - wie einen Traum aus der
Menschheit kindlichsten Tagen ...
    Eine wunderbare Kunst besass Seligmann, alle Verhältnisse, in die das Leben
ihm einen Einblick gestattete, - bis auf den Grund auszukosten. Selbst einen so
entschieden negativen Umstand, wie den, dass Armgart von Hülleshoven damals, als
er sich die Rettung der kleinen Pensionärinnen von Lindenwert vor Wassersfluten
so angelegen sein liess, unter den zur Villa Dahinwatenden nicht anwesend war,
benutzte er zur Anknüpfung einer Bekanntschaft, ja zu dem seelenvollsten Genuss,
Nachgenuss der Tatsache: Also, Fräulein, Sie waren damals nicht dabei! ... dabei
sein Auge! ... In seinem Gemüt blieb's eine Nachbetrachtung mit den
schmelzendsten Accorden ... Angelika Müller, die kannte er aus der Dechanei und
die hatte er damals gesprochen und demzufolge besuchte er Püttmeiern - und
Grützmacher hatte einst bei Witoborn als Gensdarm gestanden und demzufolge sah
er sich dessen ehemalige Wohnung und Stall an und knüpfte die Bekanntschaften
seiner Nachfolger an und - Also das ist ein Vetter von Ihnen? und ein einziges
seelenvoll so durchempfundenes Verhältnis, erleichterte es auch sein Geschäft,
das eben im Couragemachen zu Veränderungen und Expropriationen gemütlich
wertgewordenen Eigentums bestand, so war es das doch nicht allein, was er
dabei suchte ... Benno von Asselyn, mit dem er hier oft zu tun hatte, Benno,
der ihn für seine Güterschlachterei als Student aus dem Roland »geschmissen«
hatte, Benno war ihm eine lockerer Bekanntschaft von einem Heimatsgefühl, von
einer Seelenerquickung, als sänge, da er ihn zum ersten male hier sah, sein
ganzes Sein: »Ich komme aus der Normandie!« ... Ebenso elegisch betrachtete er
Tiebold de Jonge ... Ebenso Hedemann; auch »unbekannterweise«, aber um seines
Sohnes willen, den Landrat von Enckefuss, an dem ihn seine Geldverlegenheit um
so mehr rührte, als er, gelegentlich von diesem um Hülfe angesprochen, bedauerte
erklären zu müssen, dass er »Geschäfte dieser Art« nicht mache ... Mit
Bonaventura vollends trat ihm die ganze alte Katedrale von Sanct-Zeno in Kocher
am Fall wie im Mondlicht entgegen; das Sterbebett der Nachbarin Lei; Treudchen
und mit ihr der Blumenstrauss, den er an jenem Morgen für Veilchen gekauft hatte
... Alles das hob ihm Seele und Gemüt ...
    Mit besonderer Andacht besuchte Löb das grosse Dorf Borkenhagen. Er
betrachtete sich von allen Seiten jenes Pfarrhaus, wo »denn also« Leo Perl, sein
leiblicher Vetter, abgefallen vom Glauben seiner Väter, gelebt hatte und
gestorben war ... Er betrachtete die Fenster, die Walleinfriedigung, den Brunnen
und die Scheuer dieser Wohnung mit einem so elegischen Rückblick, dass der
jetzige Pfarrer das Fenster seines Studirzimmers öffnete und ihn fragte:
Wünschen Sie etwas? ... Durch seine Seele zogen sich bei diesem rauhen Anruf
alle Töne des Gefühls unverdienter Kränkung, die nur jemals sein angebeteter
Bellini componirt hat ...
    Von Veilchen wusste er über Leo Perl so viel Wunderbares ... Perl war ein
Freidenker und doch - ein Kabbalist gewesen. In Paris hatte er in alten
Pergamenten studirt und trotz Voltaire eine schreckhafte Geisterwelt anerkannt.
Nun erschien ihm Leo Perl wie einer jener Rabbis, die durch gewisse
Zahlenzusammenstellungen, die sie einer tönernen Figur auf die Stirn schreiben,
diese lebendig machen. Eine solche Figur dient dem Zauberer, verrichtet ihm alle
Geschäfte, macht das Schwierigste möglich und begehrt keinen andern Lohn dafür,
als gut zu essen und zu trinken. Wischt dann ein Zufall die Zahlen von der Stirn
des »Golem« oder der Rabbi vergisst eine gewisse Formel, so wird das Tonbild zum
leibhaften Teufel und hat schon manchen Nachts im Bette erdrosselt. Gott - so
immer kam ihm die Erinnerung an Leo Perl! ... Das war nun da die Kirche, wo
dieser, ein Jude, celebrirt hatte! Das war nun da der Friedhof, wo er begraben
lag! ... Und das waren die Lehmhaufen, aus denen er sich allenfalls so einen
Golem hätte bilden können! ...
    Im Kloster Himmelpfort, hiess es eines Tages im Wirtshause, lebten noch
Mönche, die den Pfarrer Perl näher gekannt hätten ... Mit diesem Kloster kam Löb
durch einen Besuch in Verbindung. Vor noch nicht acht Tagen wurde er in Witoborn
»Bei Tangermanns«, durch den Küfer Stephan Lengenich überrascht. Der
»Gerechtfertigte« kam wieder aus dem Gefängnisse, das er jetzt wegen seiner
Beteiligung an jener Versammlung im Roland hatte als Strafe für geheime
Verbindungen verbüssen müssen. Der vierschrötige, feierliche, exaltirte Mann trat
in einem grossen kaffeebraunen Mantel bei ihm ein und gab sich in so fragwürdiger
Schreckhaftigkeit, dass Löb Seligmann unwillkürlich an eine seiner Lieblingsopern
»Zampa« und das erste Auftreten des furchtbaren Räuberhauptmanns denken musste
... Der Küfer kündigte ihm an, dass er sein Begehren nach dem Stück Tuch vom
Jagdrock des Kronsyndikus (der bei seiner Ankunft noch lebte) zwar für einige
Zeit durch Veilchen's Beredsamkeit hätte fallen lassen können, aber nicht für
immer und am wenigsten für jetzt, wo er seit einem halben Jahr schon wieder die
ganze Schwere des Unrechts dieser Welt und der Nichtrechtfertigung vor Menschen
hätte erfahren müssen. Er verfluchte den Verführer Hammaker, der seinen Lohn
gefunden. Er bereute den Verkauf des Blutackers in Drusenheim. Er war ganz in
jener volkstümlichen Rachestimmung, die bei solchen Gelegenheiten unter
weltistorischeren Bedingungen zu Masaniellos, John Hampdens und Andreas Hofers
machen kann, in unserm Leben, wie es so kommt und geht, leider nur zu
commandirenden Spritzenmeistern. Stephan Lengenich wollte zu näherer Auskunft
über den Tuchstreifen ins Kloster zu dem Mönche Sebastus. Zitternd und doch voll
hohen Interesses hörte Löb Seligmann die Proposition, ihn dortin zu begleiten.
Die wildesten Racheklangfiguren aus »Fidelio« und »Lucrezia Borgia« tanzten vor
seinem Ohr und Auge ...
    Glücklicherweise - so kann man hier wohl sagen und da leugnete Veilchen die
unmittelbare Vorsehung! - war der Kronsyndikus schon in den nächsten Tagen
gestorben und Stephan Lengenich knirschte nur mit den Zähnen. Er kam, um einen
Prozess gegen den Kronsyndikus einzuleiten. Eine festliche Einholung in die
Keller der Moppes'schen Weinhandlung, wo ihm seine unterirdische Stellung
verblieben war, hatte er um diesen Prozess verschoben. Nicht eher wollte er mit
Blumen geschmückt wie Bacchus auf einem Fasse in die Keller getragen werden
unter Männergesangbegleitung - der junge Moppes hatte selbst eine Cantate dazu
componirt - als bis er, endlich im Besitz des Tuchstreifens, zum Landvogt
gesagt: »Schliess' deine Rechnung mit dem Himmel, denn deine Uhr ist abgelaufen!«
Nun war die Uhr abgelaufen ... Stephan Lengenich sprach mit Advocaten, die ihm
keine Ermutigung gaben. Seine »Entlastung« konnte er nur an der Eiche selbst
vollziehen ...
    So besuchte denn Löb Seligmann mit ihm das Kloster Himmelpfort, um auf alle
Fälle den Streifen Tuch von Klingsohr zu fordern. Beide trafen den Pater auf dem
Krankenbett. Siech und elend blickte er sie an. Vor dem Küfer, gegen den er
einst falsches Zeugnis abgelegt hatte, schlug er die Augen nieder. Auch auf Löb
Seligmann besann er sich; er hatte ihn einst trotz seiner Verehrung vor dem
Judentum in der Teorie, in der Praxis beim Zinngiesser Klingelpeter zur Tür
hinausgeworfen. Bekannt war ihm, dass Seligmann die Brieftasche bei Natan,
seinem Bruder, in der Rumpelgasse gefunden und von der Einlage dem Küfer Kunde
gegeben hatte ...
    Seligmann führte das Wort und erzählte, dass nur bisher durch Veilchen's
Beredsamkeit, dann durch eine neue Haft, der Küfer in seinem Verlangen nach
jenem Tuche wäre aufgehalten worden, nun aber begehre er dasselbe aufs
bestimmteste von ihm. Klingsohr hatte eben die Kunde vom Tod des Kronsyndikus
erhalten und gab das Tuch und liess geschehen was wollte. Er fragte nach
Veilchen. Löb erzählte von ihrer Güte und Milde. Klingsohr erwiderte:
    Euch Juden steht es besser an, wenn ihr dem Shylock gleicht! ... Da Stephan
Lengenich! Macht damit was Ihr wollt! Auch aus mir - und - meinem falschen
Zeugnis! ...
    Dumpfe Stille in dem Kämmerlein ... Der Mönch wandte dem Besuch den Rücken
und streckte sich, lang wie er war, gegen die Mauer auf sein Lager ... Stephan
Lengenich kannte sein Schicksal. Er sah in Klingsohr einen Gefangenen der
Regierung, einen gottesfürchtig gewordenen Mann, den man verhinderte, für die
Sache der Kirche zu wirken ... Ihn seines falschen Zeugnisses wegen jetzt noch
zu verklagen verbot seine ganze Stimmung ... Auch würde ihn die Kunde, er hätte
bei weltlichen Gerichten einen Mönch des Meineids beschuldigt, daheim um seinen
Triumph gebracht haben ...
    Pater, sprach er, Sie haben mir viel bitteres Leid angetan, durch das
Unterschlagen dieses Tuchs vom Rock des Mörders Ihres Vaters, das ist wahr -
jahrelang ... Aber ich - ich höre, die Regierung hat Sie mit Gewalt hieher
geschickt ...
    Löb Seligmann zitterte vor den Wirkungen, die dies teilnehmende Wort
hervorbringen konnte ...
    Seligmann! ...
    Herr Lengenich! ...
    Sie schwören uns -
    Gott im Himmel! ...
    In der Tat wurde eine Flucht besprochen ... Warum sollte der Küfer den
Pater nicht nach Lüttich befördern helfen zu den Vätern der Gesellschaft Jesu?
    Seligmann gab jede Versicherung, die Grossmut des Küfers zu ehren, aber - er
musste mehr erleben ... er war ausser sich, als die Verabredung getroffen wurde,
dass an zwei einsamen Pappeln, die Sebastus von seinem Lager aus bezeichnete, in
der Dämmerung und am Tage des Leichenbegängnisses Lengenich's Wagen stehen
sollte - dieser war mit eigenem Fuhrwerk gekommen ... Erst als Klingsohr zu Löb
sagte: Sind Sie denn feiger, als ein Mädchen? Meine Flucht war ja von Ihrer -
neuen Deborah veranstaltet! gab er nach ... Veilchen hatte allerdings, selbst
hinterm Ofen noch, etwas vom Geiste der Deborah ...
    Die Flucht scheiterte, wie wir wissen, an der Akustik der Krankenstube des
Klosters ... Stephan Lengenich hatte seine Rede an der Eiche im Düsternbrook
gehalten, hatte, wie sich an alles Erhabene so leicht der Schnörkelstrich des
Lächerlichen knüpft, die Unterbrechung durch die Possen Stammer's erleben
müssen, hatte die Genugtuung sowol der Unterstützung des Mönches Hubertus, wie
der ihre Falschheit entlarvenden Ohnmacht jener Lisabet, die ihn verraten,
verraten um eine goldene Uhr, zu der sie schon lange mehr als eine Kette trug
... Alles Wunderbare war geschehen ... Der Zug ging vorüber ... Löb Seligmann
zog den neuen Wilhelm Tell, der den Ruf des Tyrannen wenigstens noch mit Pfeilen
des Wortes erlegt hatte, aus dem Gewirr des gestörten Leichenzuges ...
Tangermann in Witoborn wurde nicht erst von dem grossen Todten- und Weinrichter
angeschmeichelt um seine Gelbsiegel, als es galt dem Gelungenen und noch
Kommenden zu trinken, er stellte drei Rotsiegel als »die Sorte nicht« zurück,
die ihm genügen konnte, seine Zunge zu befeuchten, während er den umstehenden
Neugierigen Aufklärungen gab über sein ganzes grossartigverschlungenes
Lebensschicksal ... Im Sturm und zu allen Unternehmungen fähig, fand er sich
dann mit seinem Einspänner an den beiden Pappeln beim Kloster ein. Er wartete,
wartete zwei Stunden auf den Flüchtigen ... Pater Sebastus kam nicht ... Er fuhr
dann ab, dem Triumphzug in seine Keller entgegen ...
    Löb Seligmann aber dankte Adonai, als er von diesen Beziehungen zu einem so
eigentümlichen Staatsdemagogen befreit wurde, Beziehungen, in die er sich nur
auf das magische Wort »Veilchen« und die Hoffnung wieder eingelassen hatte, im
Kloster Himmelpfort würde er Bekanntschaften machen, von denen er etwas über Leo
Perl erfuhr ...
    Selbstverständlich war es, dass er sich einige Tage später die Brandstätte in
Schloss Westerhof ansah ... Er hatte mit so vielen Adeligen in diesen Tagen zu
tun, dass er vom Neuesten als Augenzeuge sprechen musste ... Gerade bei einer
Bekanntschaft, die er gemacht hatte, der mit dem Präsidenten von Wittekind und
dessen geschäftskundiger Gattin, der Mutter des Domherrn von Asselyn, konnte ihm
ein solcher autentischer Bericht die Bürgschaft eines angenehmen Eindrucks
sein, falls er, wozu er Veranlassung hatte, sich gerade heute noch auf Schloss
Neuhof begab ...
    Mit Rührung hatte er den Arbeitern, die den Schutt aufräumten, im Wege
gestanden; mit betrachtendem Schmerz hatte er sich dem Strahl einer noch immer
gehenden Spritze ausgesetzt ... Er sah, staunte und schüttelte sich die Tropfen
ab ... Es war ein förmlicher Einschnitt in die eine Seite des Schlosses
entstanden. Links und rechts von der Brandlücke konnte man die offenen Zimmer
sehen, wie nach Löb's Phantasie im Teater, wenn »Zu ebner Erde und erster
Stock« gespielt wird ... Haufen von Büchern, Kisten und Kasten erinnerten ihn an
die Rumpelgasse ...
    Eben trugen Bediente und Arbeiter Körbe voll Schriften nach einem entlegenen
Turm ... Baron von Hülleshoven und Baron von Terschka, beide hatten heute kein
Auge für ihn. Sie begleiteten die Körbe und hoben auf, was ihnen entfiel ... Es
waren Schriften und Documente und gewiss lateinische und französische darunter,
die - »für David Lippschütz den Ankauf von Schulbüchern ersetzt« hätten ... Auch
sah sich schon Löb darauf einige an; sie wurden ihm mit Verweisen aus der Hand
genommen ... »Dulden ist das Erbteil meines Stammes!« lag in seinen Augen.
Hatte er denn diese Bücher heimlich einstecken wollen? ... Auch Fräulein Benigna
war heute den Umständen entsprechend von mehr abweisendem, als zuvorkommendem
Benehmen gegen den Mann der praktischen Ackerwirtschaft ... Gräfin Paula
schwebte da und dort hinter den Fenstern wie ein verstörter Geist. Er hatte viel
von ihren Wundern und Ferngesichten gehört und befand sich darüber, wie seinem
Glauben natürlich ist, im Zustande gelinden Zweifels. Ein Gespensterglaube, der
sich an das Wunderbare durch Figuren von Lehm gewöhnen soll, die durch ein
Zahlengeheimniss die Befähigung erhalten, jeden Freitag mehr als menschlich
Schalet zu essen, kann im Gemüt nicht besonders für das Wunderbare stimmen ...
    Nur Armgart berücksichtigte ihn plötzlich und sogar mit hohem Interesse ...
    Als sie ihn sah, rief sie ihn voll Schrecken an:
    Ha! Haben Sie wohl Neues aus Kocher am Fall?
    Mein gnädiges Fräulein -!
    Ist mein Vater abgereist? Vielleicht schon in Witoborn? Reden Sie doch! ...
    Mein Fräulein -! ...
    Seligmann fand sich nicht sofort in die determinirte Frage ... Er genoss noch
erst die Tatsache der Anrede als solche selbst ...
    Als er sich dann in die Begebenheit gefunden, glich sein Antlitz den
Gesetzestafeln, wie sie aussahen, als Moses auf den Sinai hinaufging ...
    Armgart liess ihn, da sein Schweigen nur ein umständliches Vorbereiten auf
das Verschleiern seines Nichtwissens wurde, ebenso schnell stehen, wie sie ihn
angeredet hatte ...
    Das kostete wieder einige Zeit des Besinnens und wieder einige Spritzengüsse
...
    Bei alledem aber doch höchst geschmeichelt und befriedigt von einer so
ehrenvollen Aufnahme carriolte er auf Witoborn zurück ... Er führte sein
halbbedecktes Wägelchen selbst ... Es gehörte einem witoborner Kutscher, dem er
ein ansehnliches Pfand für die richtige Behandlung des Gauls hatte hinterlassen
müssen ... Löb verstand sich aber auf alles, was zum Leben des Landes gehört ...
Er war die seltsamste realistische Natur, die sich zum Ideal verklärte ... Sein
Wissen und sein Tun erfüllt von Tatsachen der Wirklichkeit bis zum Klee und
zum Dünger hinunter und doch sein Fühlen ganz Aeter ... Seligmann war kein
Panteist oder Spinozist - (die Einwendung, die er einst gegen Veilchen's
Panteismus gemacht hatte, lautete: »Ei Veilchen, der Geist Gottes schwebte doch
über den Wassern. Und Sie sagen: Er schwebte in ihnen?« ...) aber sein Gott
blies alle Instrumente und in der Luft klang es ihm wie Sphärenmusik.
    Bei Witoborn wieder angekommen, musste Löb etwas langsamer fahren, denn die
Wallanlagen sind erhöht ... Wieder begegnete ihm jener Mönch, der an der Eiche
sich so nützlich gemacht hatte ... Wieder grüsste er ihn aufs verbindlichste ...
Für die abschreckenden Gesichtsformen dieses resoluten Mannes hatte er kein Auge
- Er dachte an Aufklärungen über Leo Perl ... auch über den armen »Feind« von
ihm - über Sebastus -
    Hubertus ging eine Weile neben seinem Wagen einher und redete Löb an ... Er
liess sich von der Brandstätte erzählen ... Der Verdacht über den Ursprung des
Feuers haftete immer noch an dem Kohlentopf ...
    Im Hören und Gehen verfolgte Hubertus einen Plan ... Als Löb Seligmann in
die Stadt einbiegen wollte, bat er ihn, einen Augenblick still zu halten ...
    Wollen Sie einsteigen? sagte der gefällige und seinen Absichten auf diese
Art so nahe kommende Mann und rückte schon zur Seite ...
    Hubertus sagte, er möchte gern einen Kranken, der hier dicht in der Nähe
läge - er wäre beim Brande verunglückt - ins Kloster schaffen ... er verstünde
sich auf das Heilen von Brandwunden besser, als die Aerzte im Spital ...
    Aber ich muss auf Schloss Neuhof - entgegnete Löb, teils dem, was er schon
merkte, ausweichend, teils gelegentlich auch die Orientirung über seine
vornehmen Verhältnisse unterstützend ...
    Das ist nur ein Umweg! - sagte Hubertus. Sie werden nicht viel um eine
Stunde später ankommen ... Freilich, setzte er hinzu: Mit einem Kranken muss man
langsam fahren ...
    Und diese Worte kamen so vom Herzen, dass Löb schon gewonnen war. Gott soll
dich segnen hundert Jahre! hörte er im Geist seine Schwester sagen ...
    So stieg Hubertus schon ein und der Gaul lenkte dahin, wohin der Mönch mit
den knöchernen Fingern deutete ...
    Die Kirchhöfe gaben gleich den natürlichsten Uebergang des Gesprächs auf die
gemeinschaftlichen Erlebnisse am Düsternbrook, auf den Küfer, auf Pater
Sebastus, von dem Löb erfuhr, dass er für seine beabsichtigte Flucht in der
Strafzelle sitzen musste, auch auf den Tod des Landrats von Enckefuss ...
Hubertus erzählte seine Beteiligung an den letzten Lebensstunden desselben und
mehrte dadurch nicht wenig den Anschluss Seligmann's, der sein Selbander zwischen
Jud und Christ nicht mit den Empfindungen genoss, die Andere aus Lessing's
»Natan« schöpfen, doch jedenfalls mit manchem wohltuenden Accord aus »Templer
und Jüdin« ...
    Bald war es Mittagszeit ... Löb sprach von einem Wirtshause, wo man in
einer Stunde würde füttern müssen ... Vor drei, vier Uhr erreichte man beim
langsamen Fahren und Einschlagenmüssen von Vicinalstrassen das Kloster nicht ...
    Hubertus stimmte zu und Löb begann schon von Borkenhagen. Da aber zeigte
Hubertus auf das Haus der Mutter Schmeling, vor welchem sie halten wollten ...
    Sie fuhren einen Seitenweg von der Landstrasse ab ...
    Plötzlich stutzte Hubertus. Er entdeckte einen Gensdarmen, der eben ins Haus
der Hebamme trat ...
    Unwillkürlich fuhr sein linker Arm auf die Kapuze, die sein kahles Haupt
bedeckte, und drückte sie tief ins Gesicht ... Er fürchtete sein Erschrecken zu
verraten ...
    Der Wagen hielt und Hubertus wusste eine Weile nicht, sollte er aussteigen,
sollte er bleiben ... Ein Halbdach bedeckte beide, ihn und Seligmann ... Er
drückte sich sogar an die Hinterwand zurück ...
    Kommt der Mann von selbst herunter? ... fragte Seligmann, den Grund des
Zögerns nicht begreifend, und stemmte seine Peitsche erwartungsvoll auf die
Schösse seines blauen Mantels ...
    Hubertus schwieg, ermannte sich und stieg aus ...
    Mit Empfindungen, gemischt aus Teilnahme und Urteil über
Religionsunterschiede und Neugier über den Gensdarmen und die ihm unbekannte
Hantierung der Frau Schmeling sah Löb dem Mönche nach, der mit nackten Füssen,
dürftig durch die Sandalen geschützt, in die Nebelnässe hinaustrat und zu dem
sich verengenden Hohlweg erst nieder, dann aufwärts schritt ...
    An der Hauspforte blieb Hubertus eine Weile stehen und horchte ...
    Mutter Schmeling hatte in ihm unbekannten Angelegenheiten Gensdarmen bei
sich erwartet ... Das wusste er ... Aber seiner Besorgnis schien es nun doch
entschieden, dass der an den Landrat gegangene Brief in officieller Weise
wiederholt worden war ...
    War der Verbrecher erkannt, wie konnte er ihn da noch der gerechten Strafe
entziehen! ... Schon ergab er sich und dachte: Arme Lucinde! ... So handelte und
fühlte er schon im Bann ihrer bestrickenden Ueberredung ... So in Erregung schon
durch ein abenteuerliches Leben als Eremit und die Flucht nach Rom ...
    Hubertus hörte die Stimme der Schmeling und das Säbelrasseln des Gensdarmen,
der eben die Treppe hinaufstieg ...
    Je mehr sich dieser von der Schmeling zu entfernen schien, desto lauter
erscholl deren Stimme. Jetzt unterschied er deutlich, was sie hinter ihm
herrief:
    Suchen Sie nur oben! Suchen Sie! Sehen Sie nur, ob bei mir Katzen entbunden
werden! Aber dass Sie sich dabei nur vorm höllischen Feuer in Acht nehmen!
Teufels Grossmutter muss böse Katzen haben! Mies, mies, mies! ... Komm Mies und
nimm dein Wochensüppchen von dem Herrn Gensdarmen! ... Herr Müllenhoff schickt
dir's! Komm! - komm! ... Unser Kindchen hat zwar die Nottaufe gekriegt, aber
sie ziehen's mit Milch und Wasser auf! Grossmutters Mieschen! ...
    Hubertus, der kaum etwas von einer Katze gehört hatte, als er annehmen
konnte, dass doch wohl hier eine andere Fährte, als die des Brandstifters gesucht
wurde, hatte die Beruhigung, den Gensdarmen, der, als er dann eintrat, schon
wieder die Treppe herabstieg, lachend sprechen zu hören:
    Schon gut, schon gut - Frau Schmeling! Wir tun eben, was uns befohlen wird!
Ich höre und sehe und, was die Hauptsache ist, ich rieche nichts von Katzen bei
Ihnen! Nämlich Katzen, die hier gejungt hätten! Schon gut! Schon gut! Ei, da
kriegt Ihr ja Mittagsgäste! Wir haben heute alle Hände voll zu tun! ... Nun, er
ist richtig hinüber, Väterchen! ...
    Wer? fragte Hubertus, dessen Gedanken nur an Bickert hafteten ...
    Der Landrat! ... Ja so! Den Menschen vom Schloss oben sucht Ihr? ... Wetter,
das war gestern Abend Euer Meisterstück! ... Ich glaub's wohl, dass Ihr ihn nicht
weiter habt bringen können als bis hieher! ...
    Frau Schmeling hielt schon inzwischen dem Landrat nicht die erbaulichste
Nachrede ... Und der Gensdarm schilderte Hubertus' gestrige Rettung des
gräflichen Dieners ... So ging denn diesem alles gemütlich und beruhigend ...
    Inzwischen fiel der immer doch noch nach Katzen spähende Blick des
Gensdarmen auf ein junges Mädchen, das in der Küche stand ....
    Ei Lene! sagte er erstaunt und fuhr mit zweideutigem Tone fort: Sie hier?
Na! das dacht' ich wohl, dass es mit Ihr so weit kommen würde! Geb' Sie nur keinen
Unrechten an! ...
    Frauen, wie Mutter Schmeling, sind immer in der Lage, bei vermöglichen
Leuten für Ammen sorgen zu müssen und die Lene war ein blitzäugiges schwarzes
Ding, das nächstens dazu empfohlen werden konnte ...
    Ja, sagte die Hebamme höhnisch, auf dem Finkenhof kommt nun bald keine mehr
zu Schaden! Der Finkenhof wird ein Betsaal ...
    Bruder, Bruder, fuhr inzwischen schon wieder dem Mönche zugewandt der
Gensdarm fort ... Die Leiter so lange frei zu halten, das hätte keiner fertig
gekriegt! ... ... Und schon am Morgen bei der Jagd die Not mit unserm Alten!
... Der ist denn also hin ... Guter Kerl ist er gewesen, das ist wahr, aber
krank war er im Kopf schon lange; vor lauter Ambition! Wir sagten's nur keinem
... Als der Kronsyndikus begraben wurde, sagte er noch: Gebt Acht, nun weiss ich,
was der arme Tropf mir vermacht hat ... Hier auf den Deetz zeigte er ... Was
steht denn da draussen für ein Fuhrwerk? ...
    So unterbrach schon wieder der Umsichtige sein Deuten auf den Kopf ...
    Hubertus sprach ohne langes Besinnen, der Mann im Wagen draussen wolle ihm
helfen den Kranken ins Spital bringen ...
    Herr Seligmann? ... Das Fuhrwerk gehört Schöninghs ...
    Mit diesen ruhig controlirend hingesprochenen Worten war der Scharfspähende
in verhallender Rede zum Haus hinausgetreten und schon zum Hohlweg hinunter und
auf Löb zu, der ihn mit herabgezogenem Hute begrüsste ...
    Inzwischen hatte das Lachen und Zanken der Schmeling fortgedauert ...
    Die Hauptrollen dabei spielten Staat, Kirche, Welt, Zeit, Sitte, Vorurteil,
das Gleichniss vom Splitter und Balken, der Pfarrer zu Sanct-Libori und ein
junges Kätzchen, dessen Mutter man bei ihr suchte ...
    Hubertus war zu beschäftigt mit seinem nächsten Vorhaben, um sich lange bei
diesem Zwischenfall aufzuhalten ...
    Wie geht's denn oben? fragte er, als die Magd ihm den gestern bestellten
Speckkartoffelpfannkuchen brachte, dessen Fett- und Zwiebelgeruch das ganze Haus
durchduftete ...
    Suppe hat er und auch ein Stück Fleisch genommen! hiess es ...
    Nun, dann wird er's ja aushalten können! Ich nehm' ihn jetzt - mit ins
Spital oder ...
    Hubertus murmelte während des Essens und sah sich, scheinbar ruhig, nach der
vorerwähnten Lene um, die sich auch vor ihm versteckt hielt ...
    Jetzt trat sie vor und stand mit kecken, funkelnden Augen vor dem Bruder und
setzte dem Kopfschütteln desselben eine leichtfertige Geberde entgegen ...
    So, so weit also, Lene! sagte Hubertus ... Das hätt' ich wissen sollen, als
ich dir deine Briefe an den braven Wachtmeister schrieb, der dich heiraten
wollte ...
    Die Lene zog den Mund und liess Mutter Schmeling reden ...
    Die Lene ist heilig! kicherte diese. Ja, heilig, sag' ich Ihnen! Wer bei
einem Pfarrer gedient hat, der kann gar nicht sündigen ...
    Hubertus liess sich auf so leichtfertige Anspielungen nicht ein ...
    Inzwischen klatschte draussen Seligmann ungeduldig mit der Peitsche ... Es
fing ihn an zu frieren, zu hungern und - die Zwiebeln und der Speck dufteten wohl
auch anmutend zu ihm hinüber ...
    Hubertus eilte nach oben und war im Begriff, in das Staatszimmer einzutreten
...
    Als er die Tür öffnete, bot sich ihm ein erschreckender Anblick ...
    Der Kranke stand im Hemde, mit den beiden eingewickelten Händen in
abwehrender Stellung ... Furcht und Schrecken auf seinen Mienen ... Unfehlbar
hatte ihn in solche Aufregung das Suchen des Gensdarmen gebracht, den er im
Hause gehört hatte ... Zwar hatte der Gensdarm nur die Tür geöffnet und den
gräflichen Diener in seiner gestreiften Jacke scheinbar schlafend gefunden und
sich mit leichtem Murmeln ohne weiteres entfernt ... Aber Bickert war hinter ihm
her aufgesprungen und stand jetzt da, wie auf Tod und Leben gerüstet ...
    Jantje, Jantje! rief Hubertus, indem er sich schon zu einem Handgemeng
rüstete ... Ihr erkältet Euch ja! ...
    Wer ist Jantje? stöhnte Bickert, aber mit gesammelter äusserster Kraft ...
    Ei sieh, sieh, du kannst reden! ... Ich dachte gestern - Bei so grossem
Schreck hat mancher einen Krampf im Kinnbacken weg - zeitlebens ...
    Schreck? ... Worüber? ... Wer seid Ihr? ... Bringt mich aufs Schloss! ... Zu
meiner Herrschaft, sag' ich ...
    Hubertus wusste nicht, ob ihn der stumpfsinnige Mensch nicht mehr erkannte
und keine Erinnerung hatte an den gestrigen Tag, keine Erinnerung an seine
früheste Knabenzeit, die ihm gestern doch nicht ganz verklungen zu sein schien,
oder ob er seinen Absichten mistraute und sich so nur verstellte ...
    Es ist ja ein Kohlentopf gewesen! sagte er mit Schärfe und drängte damit den
vor Kälte Zitternden ins Bett zurück. Jetzt aber ruhig da! Euere Stalljacke hält
nicht warm ... ich habe unten eine tüchtige Rossdecke ... Ja, ein Kohlentopf
war's, von dem das Feuer auskam! ... Nun, haltet doch nur! ... Ich ziehe Euch
jetzt an! ... So war's nicht immer dazumal, wenn Hayum Picard an der Waldecke
stand und pfiff und von der Windmühle pfiff's wieder und Abraham kam und - nein,
seine Gevattern können wir nicht von Leon Levi und Moses Ocker sagen - die Taufe
kam erst in Brest, wo sie einem dann - haha! - gleich so ein hübsches
Patengeschenk mit auf den Arm brannten ... Haltet doch nur! ... So zart hat uns
freilich die Hanne Sterz dazumal Sonntags nicht geputzt! ...
    Die Macht aller dieser Worte war niederschmetternd ... Der Verbrecher
vermochte nicht dagegen aufzukommen ... Hubertus würde beim Ankleiden ruhig so
haben fortfahren können, die Erinnerungen und das Gewissen des verstockt
Niederblickenden zu wecken, wenn nicht vor Ungeduld, Neugier, Nächstenliebe,
Anziehungskraft des Pfannkuchens Löb Seligmann auf der Treppe erschienen wäre
und sich erboten hätte, den Kranken tragen zu helfen - »Gott! Bei deinen
Kräften!« hörte er im Geist die Hasen-Jette sagen ... Dem Gaul hatte er die
Leine gekürzt und ihn vertrauensvoll stehen lassen ...
    Auf diese Art konnte Hubertus keine andere Verständigung herbeiführen, als
soweit nötig war, den jetzt Angekleideten zum Folgen zu zwingen ... Sich tragen
zu lassen widerstand Bickert ...
    Wohin? murmelte er ...
    Gott im Himmel! sprach Löb Seligmann, staunend über diese Widersetzlichkeit
... Der Mann ist noch im Fieber ...
    Wohl musste er über die wilde Miene des Trotzes, über den Widerstand gegen
eine Hülfe, die ihm so liebevoll geboten wurde, befremdet sein ...
    Hubertus führte Bickert und sprach laut:
    Dass ich Euch nur da am Arme nicht weh tue! ... Da, wo Ihr das Brandmal
bekommen habt, Aermster! Ich meine, gestern ... Es sieht aus, wie wenn auf dem
Arme chinesische Buchstaben stünden ... Chinesisch hab' ich lesen gelernt ...
Ein Jahr später, als wir alle von Mynheer Kattrepel abgeholt wurden - wisst Ihr
Vater Kattrepel unterm Dreibein - ich meine - als ich unter die Soldaten nach
Java ging ... Ja Lene! Lene! ... Wachtmeister war ich auch einmal ... Und
betrogen - das wurd' ich auch! ... So aber nicht, wie der brave Spikermann von
dir! Leichtsinniges Ding! Lass dir's nur erzählen von Mutter Schmeling! ... Frau,
rechnet Euch all Euer Gutes vor Gott an - und auch dies Werk der Barmherzigkeit
- ich meine, wenn Ihr einmal zur Rede stehen müsst für Euere lästerlichen Reden
über den Pfarrer zu Sanct-Libori und uns andere Gottesheilige ...
    Im Verlassen des Hauses musste Hubertus den auf dem glatten Boden bergab
Ausgleitenden dennoch tragen ... Bickert wusste nicht, ging es mit ihm hinter
Schloss und Riegel oder zur Freiheit ... Wer der Mönch sein konnte, dessen
entsann er sich ... Dennoch, selbst wenn er ein Gegenstand nur wohlwollender
Absichten blieb, erbitterte ihn die Entdeckung seiner Täterschaft, die er so
tief verschleiert geglaubt hatte und von der er auch jetzt annehmen konnte, dass
sie hier Niemand ausser diesem Mönche wusste ... Hammaker, der ihn gedungen und
kurz vor seiner Verhaftung mit der Urkunde versehen hatte, war todt - Noch
einmal erhob er sich, schlug um sich und rief:
    Ich will auf's Schloss! ... Zu meiner Herrschaft!
    Löb Seligmann fuhr so jählings zurück, dass er fast noch gefallen wäre zum
Dank für all seine Menschenliebe ... Nur die Kraft und Geistesgegenwart des
Mönchs halfen zuletzt zum Ziel ... Hubertus setzte den in eine Pferdedecke
Eingeschlagenen entschlossen in den Wagen, wies Seligmann vorn auf den Bock,
nahm neben Bickert Platz ... So fuhren sie alle drei von dannen ... Bickert
zusammengekauert in der Wagenecke ... Hubertus neben ihm, voll Grübeln über
seine weitere Hülfe und hinausstarrend in die winterliche Gegend ... Löb vorn
mit zurückkehrender Heiterkeit und Redseligkeit, die sich um so mehr in kleinen
zuweilen geträllerten Liedchen kund gab, als beim Ort Borkenhagen die
Aufklärungen über Leo Perl beginnen sollten ...
    An dem von Löb bezeichneten Wirtshause wurde halt gemacht und der Gaul
gefüttert ... Auch Löb nahm hier mit Auswahl, was sich vorfand ... Hubertus
verschmähte trotz seines Pfannkuchens nichts, was ihm noch hier die Küche
schenkte ... Bickert aber lehnte alles ab ... Ja er fing an sich mit dem Gaul zu
befreunden ... Hubertus blieb in der Nähe, um jede verdächtige Bewegung zu
beobachten ...
    Kennt Ihr mich also jetzt, Jean Picard? fragte er, indem er zu ihm mit einem
Suppentopf herantrat und selbst mit dem hölzernen Löffel ass, den er immer bei
sich führte ...
    Bickert sagte, düster die buschigen Augenbrauen zusammenziehend und ihn voll
Verlegenheit angrinsend: ...
    Ich kenne Euch nicht und heisse auch nicht so ...
    Das wäre schlimm! entgegnete Hubertus. Denn ich bring' Euch in mein Kloster,
wo ich gerade für den, dem Ihr so ähnlich seht, eine hübsche Summe Geldes liegen
habe ... Im Bettstroh, Brüderchen, heben wir uns manches auf ...
    Der Verbrecher drehte sich vor Unruhe hin und her ...
    Dass Ihr's brauchen könnt, weiss ich von einem wunderschönen Fräulein ... Weiss
der Himmel, wie die an Euch gekommen ... Ja, es gibt manchmal seltsamen
Geschmack ... Aber Amerika ist weit und einen guten Platz wollt Ihr doch auch
haben, wenn Ihr zu Schiff geht, nicht einen, wo immer drei auf zehn sterben ...
Särge gibt's auf dem Wasser nicht, das wisst Ihr ... Wer draufgeht, ins Wasser!
... Ganz so nackt, ganz so kahl, wie dazumal, wisst Ihr, der Todte war, dem ein
Teufel seine letzte Ruhe störte ...
    Bickert erhob sich starr ...
    Rollt Ihr so die Augen? ... Im Mondschein hab' ich vielerlei gesehen, Löwen
und Tiger ... Auch Menschen, die sie zerrissen hatten ... Aber keinen kalten
Todten, dessen Seele schon im Himmel ist und der neben seinem Sarge liegt, in
dem ein Mensch noch nach Geld sucht! ... War denn kein heiliges Bild in der
Nähe, das dazu zu sprechen anfing? ... Hayum's Taufe mag freilich nicht tief
gegangen sein ... Hanne Sterz aber war leidlich fromm ... Wo steckt die wohl
jetzt? ... Auch unter der Erde? ...
    Bickert sah bei diesen scharf betonten und fast nach den Silben ihm
zugezählten Worten empor wie zu einem Richtschwert ...
    Inzwischen brachte Seligmann ein Glas Wein, das er dem Kranken anbieten
wollte ... Die Kunde von dem beim Brand Verunglückten, durch Hubertus so
aufopfernd Geretteten hatte sich im Wirtshause verbreitet ... Der Wagen wurde
von Neugierigen umstanden ... Bickert verbarg sich in seiner Decke ...
    Die Fahrt ging weiter, ohne dass Hubertus sich vollkommener mit Bickert
verständigen konnte ... Bickert sah ihn wie den Boten seiner Richter an ...
    Tapfer und frisch ermutigt schwang Seligmann die Peitsche ...
    Hubertus geriet ins Erzählen und brachte Dinge zur Sprache, die nach allem,
was von ihm erlebt worden war, wunderbar genug sein konnten ... Allmählich
schien Bickert darüber zur Ueberzeugung zu kommen, dass wohl am geratensten sein
würde, den guten Absichten des Alten, auf den sich sein verdüstertes Gedächtnis
besann, zu vertrauen ...
    Schon war es Dämmerung, als die langsam gehende Fahrt bei Borkenhagen am
dortigen Pfarrhause ankam ...
    Auf Löb Seligmann's Frage nach Leo Perl erwiderte Hubertus in der Tat:
    Ja, den kannt' ich! Es war ein getaufter Jude! Juden - nehmen Sie's nicht
übel, Herr - Juden sind die curioseste Nation ... In Java hab' ich sie gerad
gefunden, wie hier ... Brave Seelen darunter, wie Sie, Herr, wahre Samaritaner
... Aber - auch schlimme - blutdürstige sogar - - Wo sie unter sich und nach
ihren eigenen Gesetzen leben, begreift man, wie sie sonst steinigen konnten,
hinter Propheten herliefen, die um Wunder fragten und wenn sie auch noch soviel
taten, sie ans Kreuz nageln liessen ... Das ist die alte heisse Sonne Asiens ...
    Auch Löb fühlte in den Finales und bei den Chören der heroischen Opern immer
etwas vom Blut der Makkabäer und gegen Bernhard Fuld hatte er an jenem
Drusenheimer Sonntage wirklich im Geist nach dem Schwert gegriffen ... Doch
lehnte er alle diese Ansichten über das Temperament seines Volks ab und sagte
lachend:
    Der Jude ist heiss, das ist wahr! Aber wie Gott der Herr ist er - ein Busch
voll Feuer! Hat Einer Courage und greift zu, keiner verbrennt sich!
    Bei Erwähnung des Namens Leo Perl und des Umstandes, dass Seligmann mit
diesem Priester verwandt wäre, horchte Bickert auf ... Auch ihm war dieser Name
erinnerlich - als Unterschrift unter dem lateinischen Papier, das er im Sarge
des alten Mevissen statt Geld gefunden und an Lucinden gegeben hatte zur
Uebergabe an Bonaventura ...
    Ich sagte, fuhr Hubertus fort, dass ich den Pfarrer Perl kannte ... Aber
eigentlich zum Kennen war der Mann nicht ... Er verrichtete sein Amt, war ein
grosser Redner, celebrirte wie ein Heiliger, stattlich stand er am Tabernakel ...
Aber in seine Nähe liess er Niemanden und die Leute fürchteten sich vor ihm ...
    Warum ist er Christ geworden? ...
    Aus Erleuchtung - denk' ich ...
    Da oben hinterm Berg der Kronsyndikus und der Dechant von Asselyn in Kocher
am Fall waren die Ursache seiner Erleuchtung ...
    Auf den Namen »Asselyn« zuckten die Augenbrauen des Verbrechers und auch
Hubertus kam von Seligmann's Fragen durch die Erwähnung des Kronsyndikus ab ...
    Seligmann unterbrach jedoch sein Grübeln:
    Sie haben Leo Perl nicht näher gekannt?
    Nur einmal in meinem Leben hab' ich ihn gesprochen ...
    Was hat er gesprochen? ...
    Gesprochen hat er, um es recht zu sagen, vorher schon ein Jahr lang mit mir,
aber durch Blicke ...
    Durch Blicke ... Wie so Blicke? ...
    Immer, wenn er mir im Feld begegnete, sah er mich mit seinen grossen
schwarzen Augen an ...
    Warum sah er Sie an? ...
    Ich war damals Jäger gewesen und eben erst ins Kloster gegangen ... Oft war
mir, wenn ich ihn grüsste, als wollt' er mit mir reden ... Dann blieb ich stehen
... Aber er ging vorüber ... Das dauerte, bis seine schwere Krankheit kam ...
    Welche? ...
    Die Zehrung ...
    Der starke Mann die Zehrung! ...
    Wenn er hustete, krachte es wie ein Gewölbe ...
    Gott im Himmel! ...
    Ich liess ihm ein Mittel anbieten ... Ich dokt're schon lange ein wenig ...
    Es half nichts ...
    Er nahm's gar nicht ...
    Nahm's nicht ... Aus Stolz auf die Gelehrsamkeit ... auf seine
Wissenschaften ...
    Oder er wollte keine Furcht vorm Tode zeigen ... Das sagte er mir einst, als
ich das einzige mal mit ihm gesprochen hatte ...
    Warum sprach er mit Ihnen? ...
    Er wollte mir für mein Mittel danken ...
    Wollte Ihnen danken! ...
    Bruder, sagte er, ich werde sterben ... In drei Tagen bin ich todt ...
    Wusst' er das? ...
    Wollt Ihr mir einen Gefallen tun?
    Sprach der Pfarrer zu Ihnen ... Und Sie taten ihn? ...
    Finster zuckten seine Augen ... Er musste wieder heftig husten ... Als sich
die Brust beruhigt hatte und er wieder sprechen konnte, schickte er seinen Vicar
hinaus ...
    Seinen Vicar ...
    Namens Langelütje -
    Langelütje ...
    Nun sah er sich um und sprach mit seiner heisern Stimme: Bruder Hubertus,
ich habe von Euch manches Gute gehört! Aber auch Euch ist's schlecht im Leben
ergangen! Auch Euch haben Liebe und Freundschaft betrogen ...
    Was? Wen hat Liebe und Freundschaft betrogen?
    Aber nicht alle sind so versöhnlich wie Ihr! ...
    Wer sind die Andern? ... Wen hat die Liebe betrogen? ...
    Andere bleiben, was sie sind, andere treibt die Rache -
    Wen hat die Rache getrieben? ...
    Bei diesem Worte erstickte des Pfarrers Stimme und der Husten begann so
heftig, dass es wohl eine Viertelstunde bedurfte, bis er sich erholt hatte ... Nun
erhob er sich von seinem Lager und flüsterte mir zu: Da! Wenn ich todt bin,
Bruder, seht - da hab' ich eine Schrift ...
    Bickert's furchtentstelltes Antlitz bekam einen Ausdruck schärferer
Fassungskraft ... Doch Hubertus merkte nichts davon ... Nur sorgen musst' er, dass
Löb nicht vor Ansammlung von Mitteilungsstoff für die Rumpelgasse sein Pferd
aus dem Auge verlor ... Er fuhr fort:
    Wenn ich todt bin, sagte der Pfarrer, da hab' ich eine Schrift ... Schwört
mir zu Gott dem Allmächtigen, dass Ihr diese Schrift nie erbrechen wollt! ...
Seht, sie ist mit meinem Kirchensiegel gesiegelt ...
    Bickert fühlte handgreiflich in der Erinnerung dies Siegel des lateinischen
Briefes ...
    Tragt diesen Brief, sowie ich begraben bin, hört Ihr, nicht gestorben,
sondern erst, wie ich begraben bin, so, wie sich einem Pfarrer geziemt begraben,
versteht Ihr, nach Witoborn - hört Ihr, zum Bischof ...
    Warum zum Bischof? brach Seligmann erstaunend aus, denn er war auf
Testamentsgedanken gekommen und deutete im Ton an, ob katolische Pfarrer ein
Testament nicht einfach bei den Gerichten niederlegen dürften ...
    Zum Bischof! bestätigte Hubertus. Es war dies damals der Bischof Konrad ...
Ein Freund meines guten Guardians, des Provinzials Henricus ... Ein sanfter,
milder Greis, der den Pfarrer Perl getauft hatte, ihn im Seminar zu Witoborn
unterrichtete, zum Priester weihte ... Ein guter, hoch in die Jahre gekommener,
vergesslicher Mann ... Er steht immer noch lebendig vor mir - mit einer Nase ...
so lang ...
    Hätten Sie die Nase gehabt und gemerkt, was in dem Briefe stand! ...
    Das erfuhr ich nie ... Der Brief war an die Curie gerichtet und abzugeben an
den Bischof ... Dem gab ich ihn ... Der Bischof erbrach, sah eine lange
Zuschrift in Latein, legte sie zum spätern Lesen zurück und plauderte mit mir
... Nun - und das ist alles, was ich mit Leo Perl im Leben zu tun gehabt habe
...
    Mit einer nur scheinbaren Geringschätzung sagte Seligmann: Was kann er
geschrieben haben? ... Er wollte damit nur verschleiern, dass man ja hier eine
ausserordentlich wichtige Entdeckung anzunehmen hätte ...
    Hubertus zuckte die Achseln ...
    Warum war der Brief lateinisch? ...
    Er hatte ohne Zweifel die Bestimmung, nach Rom geschickt zu werden ...
    Warum nach Rom? ...
    Weil der Heilige Vater alle unsere Wünsche in dieser Sprache zu hören
wünscht ...
    Warum schickte er seine Wünsche nicht selbst nach Rom? ...
    Der Weg für einen Pfarrer geht nach Rom nur über seinen Bischof ...
    Wissen Sie was? sagte Seligmann in immer mehr sich steigerndem Verlangen,
hinter diesen letzten Willen seines leiblichen Vetters zu kommen ... Ich glaube,
der Bischof hat den Brief gar nicht nach Rom geschickt ... Ich meine deshalb,
weil er so vergesslich war ...
    Nicht unmöglich ...
    Und wenn er ihn doch schickte, dann hat er vorher eine Abschrift genommen
...
    Was für Rom bestimmt ist, muss für Rom bestimmt bleiben ...
    Nein, ich sage, der Brief liegt noch drüben im witoborner Archiv und entält
die Anzeige, dass sein Vetter Löb Seligmann oder ein Kind von Henriette
Lippschütz, Namens David Lippschütz, alle seine geheimen Ersparnisse erbt, die
Bücher ausgenommen, die ein gewisses Fräulein Veilchen Igelsheimer kriegt, deren
Liebe und Freundschaft ihn nicht betrogen haben, und die alten Kleider, die sind
fürs Geschäft seines Vetters Natan Seligmann bestimmt ...
    Fragen Sie die jetzige Frau von Wittekind da oben! ... sagte Hubertus, von
der nicht ganz im Scherz gemeinten Rede erheitert ... Ihr erster Mann war der
Regierungsrat von Asselyn, der Vater des Domherrn von Asselyn ... Sie kann
vielleicht -
    Was kann die Frau, die ich ja heute noch sehen werde? ... sagte Löb und
wandte sich auf Hubertus' Stocken um ...
    Hubertus zeigte aber eben nach dem Kloster Himmelpfort, das jetzt erreicht
war und nur noch allein seine Gedanken in Anspruch nahm ...
    Wir sind am Ziel! sagte er, liess halten und setzte nur noch, schon im
schnellen Absteigen begriffen, hinzu:
    Der Regierungsrat hat bald nach dem Tod des Bischofs alle Biblioteken und
Archive Witoborns zu ordnen gehabt ... Wenn er die Schrift damals noch vorfand,
so liegt sie vielleicht in der Bibliotek des Königs; sie war wie in Kupfer
gestochen ...
    Diese Reden verhallten schon in den Zurüstungen des Aussteigens ... Die
ernsteste und schwierigste Aufgabe war eben jetzt für Hubertus zu lösen, die,
Bickert unbemerkt ins Kloster zu schaffen ...
    Er lehnte ein Vorfahren am Kloster entschieden ab und weckte erst jetzt
damit in Seligmann's Zügen einen Anflug von Staunen und Mistrauen ...
    Es war dunkel geworden ... Das Wetter war ganz in Regen umgeschlagen ...
Schwer senkten sich schon lange die Nebel über die nahen Höhen ... Einsam und
still lag das Kloster ... Hier und da blitzte in einer Zelle ein Licht auf ...
Um acht Uhr ging dort schon alles zur Ruhe ... Zwischen sechs und sieben fand
der Imbiss zur Nacht statt ...
    Vorzugsweise hatte Hubertus beim Erzählen immer die Kirche im Auge behalten
... Am Zifferblatt der Kirchturmuhr schien er die Minuten zu zählen, die noch
übrig waren bis fünf ... Um fünf wurde meistens die Kirche geschlossen ...
Zugänglich war sie überhaupt nur in einem Nebeneingang, der halb schon ins
Kloster selbst führte ...
    An den beiden Pappeln, wo Stephan Lengenich so lange vergebens gewartet
hatte, um den Pater Sebastus in seinem Wagen mitzunehmen, hielt nun auch
Seligmann und sah, wie Hubertus, den Schlag öffnend, dem jetzt ruhig folgenden,
immer stiller gewordenen Kranken den Arm bot, um ihm hinunterzuhelfen ...
    Schon läutete es drüben zur Vesper ... Hubertus wusste, den Strang zur
Vesperglocke zog Pater Ivo ... Vor dem konnte er ruhig vorübergehen und sogar
Bickert im Arme tragen, der Pater würde nicht aufgeblickt, sondern nur gesungen
haben: Maria, Maienkönigin!
    Hubertus wandte sich an den über das Geheimnisvolle im Benehmen des Mönches
jetzt immer mehr betroffenen Seligmann mit den Worten:
    Guter Mann! Ich danke Ihnen von Herzen! Aber tun Sie mir jetzt nur noch
einen Gefallen! Warten Sie noch ein Viertelstündchen ... Ich muss - erst die
Bewilligung - des Guardians - einholen ... Ein Viertelstündchen! Dann vielleicht
- komm' ich zurück ... Wo nicht, nun dann ist alles gut, dann dank' ich Ihnen
herzlich und wollen Sie mir nur noch Eines zu Liebe tun, so sprechen Sie von
unsrer Reise mit Niemanden, der nicht darnach frägt oder, besser noch, zu fragen
ein Recht hat! Vor Allem von der Unterkunft des Mannes hier im Kloster schon zu
Niemand - Sie wissen, es ist wegen der Doctoren! Wir sollen ja im Kloster nur -
die Seelen heilen! ...
    Seligmann, der nicht gern auf ungesetzlichen Wegen wandelte, versprach etwas
befangen, warten und schweigen zu wollen ...
    Hubertus führte den Kranken langsam dem Kloster zu und verschwand mit ihm
allmählich hinter Hecken und im Abenddunkel ...
    Jetzt erst bekam doch der ganze Vorfall mit seinem Samaritanerherzen etwas
auffallend Abenteuerliches für Löb ... Perl's lateinischer Brief an den Bischof
von Witoborn ... Die geheimnisvolle Uebergabe erst nach dem richtigen Begräbnis
eines katolischen Pfarrers ... Die scharfe Betonung der Rache ... Nun dieser
Abschied ... Er begnügte sich noch, in allem heute zu Erfahrung Gebrachten bloss
eine reiche Befruchtung der Phantasie, des Verstandes und des Herzens seiner
kleinen Weisheit in der Rumpelgasse zu besitzen ... Aber das Dunkel der Nacht
nahm jetzt zu ... Hier die Einsamkeit wurde gespenstisch ... Das Davonschleichen
des Mönches mit dem Kranken, der, wie er erst jetzt bemerkt hatte, sogar seine
Pferdedecke als Angedenken mitgenommen hatte - alles das bekam etwas
Beklemmendes ...
    Bei alledem verging die Viertelstunde ...
    Es verging auch eine halbe ... Hubertus kam nicht zurück ...
    Die bestimmte Weisung des Mönches, dass er weiter fahren konnte, wenn er
nicht zurückkehrte, hatte Seligmann allerdings empfangen ... Indessen, gab er
auch die Pferdedecke preis - er taxirte sie auf die Zinsen, die ihm die kleine
Auslage vor Gott wieder einbringen würde - sein gefälliger Sinn bestimmte ihn
noch zu bleiben oder wenigstens seinen Gaul nur langsam, und auch nur dem
Kloster zu, sich in Bewegung setzen zu lassen ...
    Er sah sich dabei nach rechts und links um und spähte, ob nicht doch noch
der Mönch zurückkam ...
    Alles blieb aber still und einsam ... In der Ferne sah er Häuser im Nebel
schwimmen, aber in nächster Nähe befanden sich nur Felder, abgegrenzte Gärten,
kleine Baumgruppen, keine Menschen ...
    So erreichte er eine stattliche Allee, die zum Kloster führte, und hielt
auch hier noch eine Weile ...
    Da er durchaus Niemanden zurückkommen sah, fuhr er die Allee entlang dem
Kloster zu und bekam immer mehr Mistrauen über all die sonderbaren Umstände,
unter denen Hubertus seinen Pflegling mitgenommen ... Warum das alles so
heimlich? sagte er sich ... Von jener Vorsicht, die man im Kloster wegen der
Aerzte zu nehmen hätte, war er anfangs entschiedener überzeugt gewesen, als
jetzt ...
    Inzwischen stand er dicht an der stattlichen Treppe, die zum geschlossenen
Portal der Kirche führte ...
    Als es noch immer still blieb, wollte er endlich weiter fahren ...
    Aber sein wissbegieriger Sinn bestimmte ihn, noch einmal einen Versuch zu
machen, ob er nicht etwas von den beiden Verschwundenen in der Kirche selbst
entdecken sollte ... Die Pferdedecke war an sich verschmerzt, er hätte aber doch
gern gewusst, wo sie geblieben ...
    Dicht an dem Ende der stattlichen Aufgangstreppe zur Kirche begann die
Einfriedigungsmauer des Klosters ... Einige Schritte entfernt lag eine Tür, von
der er durch den Besuch bei Pater Sebastus wusste, dass sie in einen kleinen
Vorhof, dann zur Linken ins Kloster, zur Rechten durch einen Gang in die Kirche
führte ...
    An diese Tür ging er und drückte, mit einiger Beklemmung über seinen
Anteil an den Ursachen, die den Pater Sebastus in Haft gebracht hatten, auf die
Klinke ...
    Die Tür ging auf ...
    Alles war still ... Vorsichtig trat er einige Schritte weiter bis an den
Gang zur Kirche ...
    Da hörte er plötzlich einen lauten, entsetzlichen Schrei ... Gellend,
markdurchdringend ertönte es ...
    Der Schrei kam von der Kirche her und war wie die Stimme eines Erstickenden
...
    Unmittelbar darauf hörte man noch ein furchtbares Krachen, das weit in der
Kirche widerhallte ...
    So bang ihm jetzt zu Mute wurde und so fern ihm jede Melodie der
Ermutigung ins Ohr klang - etwa ein »Frischgewagt!« aus »Maurer und Schlosser«
- er war mit zwei Schritten, die auf dem Steinboden ängstlich knirschend
widerhallten, dennoch vollends der Tür der Kirche - noch näher getreten ...
    Da hörte der Tollkühne eine leise Stimme singen, hörte einen Schlüsselbund
drehen, sah Jemand aus der Kirche kommen und huschte erst jetzt zurück auf den
kleinen Vorplatz, von dem man in die Halle trat, wo sich die Gänge links und
rechts teilten ... Bei alledem dachte er: Ei was! Du kannst ja ein Verlangen
tragen, dir die Kirche anzusehen ... So blieb er stehen ... Und was kann denn
auch so Entsetzliches geschehen sein, da ja ein so ruhiger Zeuge zugegen war!
...
    Die Kirchtür wurde zugeschlossen ... Ein Mönch ging vorüber und sang für
sich ganz ruhig und friedlich ... Wie er Löb Seligmann erblickte, rief er
allerdings plötzlich: Husch! ...
    Dies Husch! war eigen ...
    Husch! husch! wiederholte der Mönch und wehte doch nur durch die Luft, wenn
auch schon ganz dicht unter Seligmann's Nase ...
    Wie ein Donnerwetter sprang Löb denn nun doch von dannen, liess die Mauertür
offen, rannte an seinen Wagen, sprang auf diesen hinauf, ergriff die Peitsche
und lenkte den Gaul lieber von der Treppe ein wenig abwärts ...
    Niemand kam ihm nach ...
    Löb musste annehmen, dass seine Aufgabe erfüllt war, und fuhr von dannen ...
    Noch einmal fuhr er die ganze Länge der Kirche vorüber und seltsam! nun war
es ihm, als sähe er an einem vergitterten Fenster der untersten Gewölbe einen
Lichtstrahl ...
    Er hielt sich indessen nicht mehr auf ...
    Der entsetzliche Schrei, das furchtbare Krachen, das so gespenstisch in den
Gewölben hin und her irrende Licht brachten ihn um allen Anhalt polizeigemässer
Beruhigungen ...
    Noch drei Stunden brauchte er, bis er Schloss Neuhof erreicht hatte ... Noch
einmal musste er tränken und füttern, bis er die schönen Tannen des freiherrlich
Wittekind'schen Parks sah ...
    Dann liess ihm allerdings die Präsidentin im Seitenflügel ein freundliches,
wohlgeheiztes Mansardenzimmer anweisen, liess ihm ein Essen vorsetzen und ihn auf
morgen bescheiden ...
    Vom Brand auf Westerhof war, wie er an der Bedienung sah, auch hier alles
erfüllt ...
    Nicht minder von Hubertus und von dem geretteten Diener ...
    Löb konnte von alledem als Kenner berichten ...
    Indessen - er hatte den Mut verloren, sich als einen Eingeweihten der
Kirche zu bekennen ... Schon einmal war ihm die Begegnung mit einem Mönche übel
bekommen ... Dies stille Husch! Husch! Jener Schrei, das Krachen, das Licht im
untern Gewölbe - Es kam ihm eine Vorstellung, als setzte ihn das Schicksal
vielleicht einmal selbst in Musik und verwandelte ihm sein jetzt sich so heiter
anlassendes Leben in eine Oper mit tragischem Ausgang ...
    Er riegelte die Tür zu und entschlief mit gespannter Erwartung auf die
kommenden Entüllungen ... Er fasste den Vorsatz, durch taktvoll diplomatisches
Beherrschen seines Mitteilungsdranges, der Sphäre, in der er hier leben durfte,
nach allen Richtungen hin Ehre zu machen.
 
                                      20.
Das musste man aber sagen - mochte auch der Kronsyndikus die letzten Jahre seines
Lebens in Geistesschwäche zugebracht haben, überall sah man die von früher her
stammenden Spuren seiner rastlosen Natur. Die Güter der Dorste-Camphausens waren
dagegen im Verfall.
    Rings um Neuhof erhoben sich stattliche Anlagen, die selbst noch aus der
winterlichen Decke in ihrer Bedeutung für die Zeit des Wachsens und Blühens
vielversprechend hervortraten ... Auf den Feldern, obschon sie hoch gelegen
waren, bemerkte man selbst noch in den schneebedeckten Furchen die sorgfältige
Cultur ... Kalköfen, Ziegeleien fanden sich auch hier, doch alles in
stattlicherer Erscheinung, als bei den Dorstes. Der Holzschlag in den Waldungen
war nach der Regel, mit Schonung und Voraussicht auch für künftige Zeit ... Die
Buschmühle, wo einst der Deichgraf gehaust, war ein Meierhof von ganz besonderer
Pflege. Dass dem Deichgrafen dafür gleichfalls ein Ruhm gebührte, wurde nicht
mehr viel erwähnt. Raschlebend ist unser Geschlecht oder - entschuldigt sich die
Gegenwart durch die Sorgen, die auch ihr genug aufgebürdet sind? Traurige
Kränze, die auf Friedhöfen Niemand mehr erneuert! Trauriger Herbst, der zwischen
verrosteten Gittern Jahre lang hängen bleibt, bis der Wind zu Hülfe kommt und
auch mit diesem einst so blühenden Frühling die Erde düngt!
    Der Park schien unverfallen ... Die Ulmen, unter deren Schatten Lucinde so
oft dahingehuscht, standen hoch und auch ohne Blätter stolz und vornehm ... Die
Tannenbäume gaben dem Ganzen einen Schein des Sommerlebens ... Die Pavillons
verrieten Bewohner, wie sonst. Nur der Teich war noch nicht aufgetaut; das
grosse Geflügelhaus sah wie ein riesiger Strohmann aus; seine Bewohner mussten
gegen die Kälte geschützt werden ... Wie stattlich war das Schloss! Wie gewandt
waltete schon der Erbherr! Wie sah man auf dem Hof von den Fenstern in der Frühe
schon alles in Bewegung! ...
    Frau von Wittekind schritt trotz der Kälte und der feuchten Luft über den
Hof und konnte, resolut wie sie war, Löb von der Verlegenheit befreien, eben die
nähere Bekanntschaft mit zwei wilden Neufundländern zu machen ...
    Gut geschlafen, Herr Seligmann? lächelte sie ... Sie bleiben doch den Tag
über hier? ... Wir haben viel zu plaudern ... Aber erst nach Tisch! ... Machen
Sie sich's bequem! ... - Sie sind unser Gast! ...
    »Sie sind unser Gast!« - Seit dem: »Speisen Sie bei mir in Drusenheim!« das
ihm im Herbst Bernhard Fuld so vielverheissend und so wenig erfüllend zugerufen,
nahm Löb diese Phrase nicht mehr allzu wörtlich ... Schon wusste er auch, Frau
von Wittekind war genau ... Sie liebte das Geld und verhandelte mit ihm mehr
darüber, als ihr Gatte ... Löb sollte sein Urteil über noch weitere
Verbesserungen der grossen Besitzungen geben und Vorschläge zu Verkäufen machen;
an baarem Gelde war Mangel ... Auch in des Kronsyndikus echtem Testamente
standen nicht kleine Legate zu bezahlen ...
    Frau von Wittekind hob sich durch ihr schwarzes Atlaskleid, in das sie sich
schon in aller Frühe geworfen hatte, stattlich von den weissen Wänden des
Schlosses ab ... Sie schlüpfte behend über den mit Kieselsand bestreuten Hof.
Ein eigentümlicher Kopfputz von schwarzem Draht und Schmelzperlen zierte das
noch schöne dunkle Haar der schlanken Frau, die gegen die gedrücktere und durch
die Jahre verkümmerte Gestalt ihres Gatten sich wie eine noch jugendliche
hervorhob ... Löb sollte sich erst, da Besuch erwartet wurde, auf den Nachmittag
zu umständlicheren Conferenzen bereit halten ...
    In den Zimmern, wo einst Lucinde und Klingsohr jene verhängnisvolle
Abendstunde zubringen durften, wurde schon eine Tafel hergerichtet ... Noch
waltete dabei die Lisabet, die den Makler scheu von der Seite anblickte ... Löb
wusste, dass sie ihm seine Bekanntschaft mit dem Küfer nachtrug. Sie war fast eine
Dame geworden ... Nur durch die Angst, die letzte Stunde ihrer hiesigen
Wirksamkeit dürfte bald geschlagen haben, mochte sie heute etwas freundlicher
gestimmt sein, als schon lange in ihrer Art lag ...
    Löb suchte Frieden und Freundschaft mit aller Welt und plauderte sich gern
aus dem Herzen heraus in die Herzen hinein ... Das Schöne und Vornehme übte
einen besondern Reiz auf sein ästetisches Gemüt ... Silberne Gerätschaften,
die man in die obern Zimmer trug, reizten seine Neugier nach dem Glanz, nach den
Farben, dem Marmor, die oben verschwendet sein sollten ... Nur umschnoberten ihn
noch die fatalen Hunde und hielten die schreckhaften Erinnerungen von gestern
wach, auch die dunkeln Sagen von der Vergangenheit dieses Schlosses Neuhof ...
    Erschreckt umherirrend und doch träumerisch alles bewundernd und taxirend
kam Löb auf die grosse Treppe. Stufe für Stufe zählend, schlich er hinauf ...
    Eine hohe Flügeltür stand mit beiden Schlägen offen ...
    In diese trat er behutsam ein, seine Neugier durch Bewunderung maskirend ...
Ein zuletzt vollkommen natürliches Staunen ergriff ihn über all diese Pracht ...
Er hatte viele Herrenhöfe besucht; aber diese Schönheit an Stuccaturen und
Malereien, an bronzirten Marmortischen, in denen man sich hätte spiegeln und
rasiren können, war ihm noch nicht vorgekommen ... Reizend war eine links
gehende Galerie, an den bemalten Wänden mit seidenen Divans und Glaskronen und
Bronzeleuchtern geschmückt ... Die Malereien stellten Scenen, wie er sich ganz
richtig sagte, aus dem Olymp vor ... Wie drang da der Klang des Liedes: »Vom
hoh'n Olymp herab ward uns die Freude!« das manchmal die Studenten im Roland am
Hüneneck sangen, in seine Seele! ... Das war nun diese »Freude« aus - »Olim's
Zelten«. Leider machte er diesen Schnitzer zum Staunen und zum Lachen seines
Neffen David Lippschütz, als er später diese Vorfallenheit in einem Briefe nach
Kocher meldete - Er verwechselte »Olim's Zeit« mit der Zeit des Olymp ...
Allerdings war auch hier eine Olim's Zeit! Für so verfängliche olympische
Gegenstände, wie an diesen Wänden von Künstlerhand wiedergegeben waren, würde
die Gegenwart nicht einmal die raschbereiten Künstlerhände aufgefunden haben ...
Sie glichen den Fresken über Alexander und Roxane, die sich zu Rom von Rafael's
Hand im Hinterzimmer der Galerie des Fürsten Borghese befinden.
    In jetzt unverfänglicher, rein kunstkennerischer Stimmung verlor sich Löb
immer weiter im Corridor und kam in einen grossen Saal, der seinerseits etwas
Schauerliches hatte - durch seine riesigen Dimensionen und seine Unwohnlichkeit
und Kälte ... Der Saal war rings mit Spiegeln belegt ... In ganzer Figur, von
seinen etwas zu kurzen schwarzen Beinkleidern an mit den hervorstehenden Knieen
bis zum Scheitel seines heute ohne zu laute Musikbegleitung frisirten Haares,
sich in Lebensgrösse betrachten zu können - reizte Löb ... Er musste im ganzen
Saal auf den Fusszehen die Runde machen ...
    Alles war still ... Er griff an den Girandolen die Glastropfen an und liess
sie hin und her baumeln ... Er erfreute sich an dem hellen Ton, den sie von sich
gaben ... Dann taxirte er das Krystall, die Bronze, den Sammet, und war besonnen
genug, die Kunst der Decoration höher anzuschlagen, als den massiven Wert ...
Viele der Bronzirungen zeigten stark den »Zahn der Zeit«, jenen Begriff, den
Veilchen in ihrem Humor vorgeschlagen hatte zum Namen des Natan Seligmann'schen
antiquarischen Geschäfts zu wählen ... In das Geschäft: »Zum Zahn der Zeit«
gehörte bei näherer Besichtigung fast jeder dieser Plüsch- und Seidenstühle ...
Und so bekam Löb auch Handelsideen zum besten seines Bruders ...
    Darüber verging eine geraume Zeit ...
    Als er sich dann endlich auf den Weg machte, um umzukehren, erschrak er bei
einem flüchtigen Blick in den Hof ... Er sah aus einem eleganten Wagen einen
Mönch aussteigen ...
    Bruder Hubertus das? sagte er sich und die Erinnerung an die gestrigen
Erlebnisse ergriff ihn mit schreckhafter Macht ...
    Hubertus war es aber nicht ... Löb besann sich, es war Pater Maurus, der
Provinzial und Guardian selbst ... Kam er etwa, um sich nach ihm zu erkundigen
...
    Die Diener verbeugten sich tief ... Löb beruhigte sich ... Der Klosterabt
schien mit freiherrlich Wittekind'schem Wagen aus seiner Zelle abgeholt worden
zu sein ...
    Vor Neugier und Gewissensbissen geriet Löb bei dem Gedanken an seinen
Rückzug in einen falschen Corridor ... Es liefen deren zwei in den grossen
Ballsaal ab ... Einer sah dem andern so ähnlich, dass Löb nicht wusste, war er
durch den linken oder durch den rechten gekommen ...
    Als er seinen Irrtum erkannte, mochte er nicht den weiten Weg umkehren,
sondern hoffte, eine der mehreren kleinen Türen, die er hier sah, verbände
vielleicht beide Corridore ... Er drückte eine derselben auf ...
    Siehe da! Das war ja ein ganz seltsames Gemach ...
    Er trat einen Schritt vor, orientirte sich im Dunkeln ... da - o Himmel! -
fällt die Tür hinter ihm in ein Schloss, zu dem er keinen Drücker findet ...
    Im Dunkeln durchtastet der plötzlich zu allen Schrecken nun auch noch selbst
Gefangene die ganze Länge der Ritzen an der Tür dahin, reisst sich an der Spitze
eines hervorstehenden Nagels die Veranlassung zum schmerzhaftesten Au! ein und
steht mit einem blutenden Finger ... Was jetzt tun? ... Klopfen? ... Lärm
machen? ... Seine Neugier selbst an die Oeffentlichkeit bringen? ...
    Grossen Männern gehen ihre Schatten voraus, sagt Jean Paul, und lebhafte
Phantasieen erfassen sofort die äusserste Möglichkeit ... Löb Seligmann sah sich
vor Discretion, vor Scham und vor jetzt vielleicht erst kaum halb bestrafter
Neugier stumm ringsum ... Er sah sich hier eines langsamen Hungertodes sterben -
ganz wie Florestan in »Fidelio« ...
    Das Zimmer war ohne Fenster ... Es konnte nur benutzt werden durch
Erleuchtung ... Höchst prachtvoll, wenn auch gleichfalls schon für das Geschäft
»Zum Zahn der Zeit« brauchbar, war auch hier die Decoration ... Hier mussten
sicher einst die üppigen Schönen auf schwellenden Divans geruht haben, wenn sie
auf Bällen vor der Hitze des Tanzsaals flohen ... Das sind Cabinete, dachte er,
wie die, in welche Don Juan die Tausend und Eins entführte ... Und um ihn her
geigte und trompetete alles ... aber im Geist rief er mit dem Schrei der
Zerline: »Hülfe! Rettung!« ...
    Mit der linken Hand, die er der Vorsicht wegen lieber jetzt mit einem
glücklicherweise in der Tasche vorgefundenen Pelzhandschuh bewaffnete, rutschte
er an den Wänden entlang, immer noch in der Hoffnung, einen Drücker zu einer
nicht sofort ersichtlichen andern Tür zu finden, und schon gewöhnte sich sein
Auge an die Finsternis ...
    Und wirklich - die Hand fuhr jetzt auf eine Klinke - und ein neues Zimmer
ging auf ...
    Aber - auch dies Zimmer war ohne Ausgang ... Es war von gleicher
Beschaffenheit, wie das vorige ... Auch hier war alles auf Beleuchtung berechnet
... Gott meiner Väter! seufzte Löb ... Er hatte manchen vornehmen Ball, selbst
Bälle bei seinen Vettern Fuld, in der Ferne beobachtet; er konnte sich denken,
wie prachtvoll das sein musste, wenn hier alles von Lichtern widerstrahlte, Eis
herumgegeben wurde, lachend und reizvoll dahingegossen die Schönen auf den
Divans lagen, die Herren um sie her voll Bewunderung und Galanterie ... Da und
dort sah er Spieltische ... Gold und Silber glänzte ihm unter den Karten
entgegen - Aber links und rechts waren sämmtliche Drücker abgeschraubt ... Nur
in der Mitte gingen die Türen auf ... So zu einem dritten Zimmer, das er
gleichfalls noch öffnete ... Die Luft war dumpf und stickig ... Hier war seit
Jahren nicht gelüftet worden ... Löb wurde immer lebendigbegrabener ...
    Schon schickte er sich an, seinen Weg durch die drei Verliesse zurückzunehmen
und sein Heil, mit dem Risico des Verlustes seiner Kundschaft auf diesem
Schloss, in einem durchdringenden Hülferuf zu suchen, als er hinter der Wand,
da, wo es noch in ein viertes Zimmer gehen konnte, sprechen hörte ...
    Jehovah sei Dank! war sein erstes Gefühl ... Er wusste, dass schon ein lautes
Klopfen nun nicht mehr ohne Beistand bleiben konnte ...
    Sollte er jetzt gleich an die hier ohne Zweifel wiederum befindliche
Tapetentür pochen oder sich vorläufig in Ruhe verhalten? ...
    Das Gespräch nebenan schwieg plötzlich ...
    Leise wagte er auf den in den inneren Verbindungstüren vorhandenen, aber
überall festgeschraubten Drücker den wunden Finger zu legen ...
    Hier nun war die Tür verschlossen und sicher vermutete man nebenan nur
eine Wand und lehnte sich sorglos an sie an und war keines Lauschers gewärtig
...
    Wieder begannen die Stimmen ...
    Jetzt vernahm auch Löb Worte, hörte Namen, die ihm bekannt waren ... ja die
Namen »Borkenhagen« - »Himmelpfort« - »Westerhof« fielen ... Nun schienen sie
Anlass zu Mitteilungen zu werden, die ihn interessirten und die vielleicht mit
seinen gestrigen Erlebnissen zusammenhingen ...
    Deutlich unterschied er die Stimme Terschka's ... Deutlich die des
Präsidenten ... Zwei andere wusste er noch nicht recht hinzubringen ... Eine
davon war ihm nicht gänzlich unbekannt ...
    Kämpfend mit sich, was zu tun sei, ob er rufen oder schweigen sollte, ging
er noch einmal leise durch alle Zimmer zurück, suchte überall, wo ein Ausweg
sein konnte, seine Befreiung, fand diese aber nicht und beredete sich,
entschlossen zu sein, zu rufen, zu klopfen, durch die geheime Tapetentür mit
seiner »fragwürdigen« Anwesenheit hervorzutreten in die feine Gesellschaft und
ganz gehorsamst um Entschuldigung zu bitten ... In Wahrheit aber setzte er sich
hin, um - zuzuhören ...
    Jetzt erkannte er auch die dritte Stimme ... Den ehemaligen Vicar von
Sanct-Zeno, den Neffen des Dechanten, den Domherrn von Asselyn ... Der Vierte
war ohne Zweifel der Provinzial ... Sollte er da seinen hülfestehenden
Septimenaccord einsetzen und ein so schönes Quartett stören? ...
    Und es kam denn so, dass er auf einem Polstersessel dicht an der Tür
verblieb ... Es kam denn so, dass er zum Horcher wurde mit und wider Willen ...
Es kam denn so, dass er Dinge hörte, die ihm vor Frost die Erinnerung an den noch
nicht überstandenen Februar weckten ... Es kam denn so, dass er eine der schweren
Seidendamastdecken von den Tischen zog und, trotz der in ihnen befindlichen
Motten, sie um sich schlang und sich einhüllte und dass er sogar noch eine zweite
holte und sich wie ein Hoherpriester zu Jerusalem vorkam mit den Urim und den
Tumim ... Denn die schweren Goldtroddeln hingen ihm quer über die Brust hinweg
...
    Der Präsident von Wittekind sprach mit einer, wie es schien, höchst erregten
und von seiner gewöhnlichen kalten Art ganz abweichenden Stimme fest und
bestimmt die deutlich hörbaren Worte:
    Ja, Herr von Terschka! Ich war vorbereitet auf einen Bevollmächtigten, den
man in dieser betrübenden Angelegenheit mir von Rom aus schicken würde! ... Hm!
Hm! ... Dass es aber Sie sein würden, gesteh' ich, hätte ich nicht erwartet ...
    Seligmann brauchte nur von »Rom« zu hören, um mit gespannterer
Aufmerksamkeit zu folgen ...
    Herr Präsident, antwortete Terschka mit seiner Löb bekannten leutseligen
Harmlosigkeit, die nur zuweilen, wie Löb gleichfalls hätte bestätigen können,
unter vier Augen nachdrücklich abgelegt werden konnte; Herr Präsident, bei
meiner nahen Verbindung mit dem Grafen Hugo ist der Auftrag, den ich vorgestern
durch den Herrn Provinzial entgegengenommen habe, nicht so auffallend ... Ich
kenne ja auch selbst sehr genau das ausserordentlich liebenswürdige Mädchen, das
halt so zu sagen eine Adoptivtochter des Grafen Hugo ist ...
    Seligmann rüstete sich auf Vervollständigung seiner genealogischen
Kenntnisse, die in diesen hohen Kreisen immer empfehlend sind ...
    Ich muss Sie, lieber Sohn, sprach der Präsident und redete damit ohne Zweifel
den Domherrn von Asselyn an, ich muss Sie mit dem Gegenstand unserer Verhandlung
bekannt machen, welcher Sie jetzt nicht nur in Ihrer Eigenschaft als mein Sohn
und Freund, sondern auch als geistlicher Rater und zuverlässiger Zeuge
beiwohnen ... Man hat von Rom aus in einem an den Herrn Provinzial gerichteten
Schreiben ausdrücklich ...
    Diese Worte brachen für Löb nicht ganz verständlich ab ...
    Eine Pause deutete die stumm bejahende Geberde des Pater Maurus an, der
demnach zu den drei Löb jetzt bekannten Personen wirklich die vierte war ...
    Mein Vater, fuhr der Präsident mit Erregung fort, hat leider aus dem
himmlischen Gnadenschatz alle die Spenden nötig, die er uns Sündern bietet ...
Ich spreche dies mit Schmerz, aber offen aus ... Zu einer ganz besondern
Kränkung für mich müssen die lebenden Zeugen seiner Verirrungen dienen ... Doch
werden diese befriedigt werden und sie sind es zum Teil schon - - Nur Ein
Verhältnis bot und bietet noch immer Schwierigkeiten. In Rom befindet sich eine
Frau, von der man behauptet, sie hätte Ansprüche, sich die zweite Gemahlin
meines Vaters nennen zu dürfen. Sie soll auch in der Tat von einem frühern
Pfarrer - dieser - Gegend - ich glaube - Leo Perl -
    Seligmann erbebte bei Nennung dieses Namens. Jetzt verwarf er alle
Ermahnungen seines Gewissens, die ihm unausgesetzt zuflüsterten, sich ein Zimmer
weiter zu setzen und sich nicht in die Geheimnisse der vornehmen Welt zu drängen
...
    Nicht wahr? unterbrach sich der Präsident, als suchte er sich der
Richtigkeit des Namens zu vergewissern ...
    Die Herzogin von Amarillas kennt vielleicht den Namen des Geistlichen nicht
mehr, der sie traute ... sagte Terschka ...
    Der sie traute - haha! Das ist es! Mit meinem Vater nämlich, lieber Sohn! Es
handelt sich um eine Frau, die nichtsdestoweniger, dass sie sich Frau von
Wittekind-Neuhof zu nennen berechtigt sein will, doch 1813 von Kassel aus nach
Paris flüchtete und dort eine neue Heirat vollzog mit einem spanischen Granden,
leider einem Granden ohne Vermögen, dessen langer Titel sie lockte ... Von der
schweren Sünde der Bigamie, scheint es, will die römische Curie die Herzogin von
Amarillas freisprechen und sich jetzt plötzlich für die erste Ehe entscheiden
...
    Herr Präsident, nein! sagte eine rauhe Stimme ... Ohne Zweifel war es die
des Mönches ...
    Bigamie! ... Zwei Männer auf einmal! ... Löb Seligmann schauderte vor einer
Situation, die ihn zum Zeugen solcher Entüllungen machte ...
    Der Präsident, sich in seiner Anklage gegen Rom mässigend, fuhr fort:
    Allerdings gestehe ich, Herr Provinzial, nicht völlig klar zu sehen in dem
Interesse, für welches Herr von Terschka auftritt, und wieder in dem, für das
Sie beauftragt sind. So viel weiss ich und will es nicht leugnen, dass diese Frau
von Wittekind-Neuhof zwei Kinder von meinem Vater besitzen soll; als Herzogin
von Amarillas war sie gewissenlos genug, sie beide zu opfern ... Mein Vater, von
dem muss ich es leider ebenso eingestehen, machte sich keine Sorgen um die Folgen
seines - Temperaments - Er überliess diese Kinder, denen ich ihr Dasein und eine
gewisse Berechtigung auf meine Anerkennung als natürliche Geschwister nicht im
mindesten abstreiten will, dem Zufall, der sie dann auch wirklich seinen Augen
entrückte ... Jetzt soll eines dieser Kinder entdeckt sein. Von wem entdeckt?
Entdeckt in einem Augenblick, wo die Herzogin von Amarillas in Wien aufzutreten
gedenkt, in Wien, wo, wie überall, Gesetze gegen Bigamie herrschen, falls - die
Curie nicht hilft. Doch, wie gesagt, rätselhaft sind mir diese Entdecker einer
Schwester - die ich haben soll. Es ist eine gewisse Angiolina - Pötzl, glaub'
ich, ein Mädchen, das, wie Herr von Terschka sagt, zufällig vom Grafen Hugo vor
Jahren gefunden worden - es war ja wohl mein' ich bei einer -
Kunstreitergesellschaft -?
    Auf dies auffallend scharf betonte Wort trat eine Pause ein ...
    Terschka schien die Frage überhört zu haben ...
    Graf Hugo, fuhr in immer mehr sich steigernder Schärfe der Präsident fort,
hat edel an dem Kinde gehandelt, das von jener sogenannten Frau von Wittekind,
meiner Stiefmutter - auf der Landstrasse verlassen wurde - bei jener damaligen
Flucht der kasselschen Oper - Ich vergass Ihnen nämlich zu sagen, lieber Sohn,
Frau von Wittekind-Neuhof war ursprünglich eine italienische Sängerin ...
    Hörten für Löb Seligmann die Gewissensscrupel schon lange bei Nennung des
Namens Leo Perl auf, so fühlte er nun vollends die behaglichste Wärme, sowol
unter seinen bunten Decken und auf dem gepolsterten Sessel, wie vor Anteil an
dem Vernommenen selbst ... Ein Uebergang der Entüllungen in die Sphäre der Oper
... Eine italienische Sängerin ... Er gedachte der Henriette Sontag, die eben
damals eine Gräfin Rossi geworden war ...
    Graf Hugo, fuhr der Präsident fort, hat sein Pflegekind lieb gewonnen, so
lieb, dass er nicht abgeneigt sein soll, aus ihm seine Gemahlin zu machen ...
Vortrefflich ginge das, wenn Angiolina Pötzl eine rechtmässige Freiin von
Wittekind wäre ... Herr von Terschka stellt mir das Ansinnen, diese Wendung der
Dinge möglich zu machen ... Ich weiss nicht, ob dies auch der Antrag des Grafen
Hugo selbst ist, und offen gestanden, ich kann es kaum glauben ... Würde er
seine Schwiegermutter in Wien mit einem Prozess auf Bigamie empfangen wollen? ...
    Auf diese scharf betonte Hervorhebung aller Dunkelheiten der in Frage
stehenden Situation trat eine Pause ein ...
    Aber mochte sich auch Seligmann diese Pause mit noch so viel stürmischen
Passagen füllen, sein musikgeübtes Ohr hörte nimmer die Accorde, die in
Bonaventura's Innern auf und nieder wogten und riefen: So sprichst du, du - von
der Bigamie! Du, mit dem sich vielleicht auch - meine eigene Mutter in gleicher
Sünde befindet! ...
    Graf Hugo, fuhr der Präsident fort, wird ja nun jetzt so reich, dass er für
sein Pflegekind unmöglich bloss eine Ausstattung, unmöglich nur Geld begehren
kann ... Meine junge Stiefschwester soll schön und geistig gebildet sein ...
Herr von Terschka verglich sie schon lange mit jener abenteuernden Lucinde, von
der Sie vielleicht schon hörten, lieber Sohn, vom Anlass zum Tod meines armen
Bruders Jérôme ... Ich meine jene Dame, von der man ja sagt, dass sie plötzlich
jetzt in Witoborn wieder aufgetaucht ist ...
    Wieder trat auf diese gelegentliche Anmerkung eine Pause ein ... Seligmann
fand schwerlich ein Tonbild der Orkane, die bei diesen Worten tausend
Instrumente durch das Herz eines der Hörer stürmten ... Lucinde in Witoborn! ...
Bonaventura schien auf diese Mitteilung eine auffallende Bewegung gemacht zu
haben ...
    Ja, sagte wenigstens Terschka wie zu einem, der daran zweifelte, das
genannte Fräulein war vorgestern auf Münnichhof ... Aber Sie erwähnen sie nicht
zu ihrem Vorteil, Herr Präsident! ... Es ist eine Reihe von Jahren her, dass
Graf Hugo und ich allerdings Ihrem Vater und diesem Mädchen, seiner damaligen
Begleiterin, am Strande der Ostsee begegneten ... Wir kauften dort Pferde ein
... Mein Freund, der Graf, besprach mancherlei, was zu seinen hiesigen
Erbschaftshoffnungen gehörte und worüber der damalige Vormund und Onkel der
Gräfin Paula, Ihr Herr Vater, Auskunft geben konnte ... Die Rede kam auf jenes
schöne Mädchen, das unter seinem Schutze reiste ... Ich verglich sie allerdings
mit Angiolina ... Der Kronsyndikus geriet über meine Analyse in die grösste
Verwirrung ... Die Nacht soll er eine aufgeregte Scene gehabt und nichts, als
von seiner zweiten Gemahlin gesprochen haben und das wie von einem Wesen, dessen
Vorhandensein sein Gewissen drückt ...
    Nur irren Sie sich in einigen Punkten! fiel der Präsident mit seiner frühern
Schärfe wieder ein. Sie verglichen jene Lucinde weniger mit Angiolina, als mit
jener so bekannt gewordenen Olympia Maldachini in Rom ... Und darüber kam der
Schrecken meines Vaters; der Name Fulvia Maldachini war der frühere Name der
Herzogin von Amarillas ...
    Seligmann sah jetzt grosse, wirkliche, echte, italienische Oper ...
Maldachini! ... Welch ein Klang - schon - beim Hervorruf ...
    Der Stand der Dinge ist der! fuhr der Präsident fort, der immer mehr sogar
in eine drohende Vortragsweise kam. Mein Vater hat vor einigen Jahren, als er
noch bei Geisteskräften war, eine Generalbeichte beim ehrwürdigen Pater Maurus
niedergelegt. Diese war so inhaltsreich, dass sie vom Herrn Provinzial nach Rom
geschickt werden musste. Dort scheint sie einflussreichen Personen bekannt
geworden, Personen, die an dem Erweis einer Bigamie der Herzogin von Amarillas
mehr Interesse zu haben scheinen, als die vielleicht sehr vernünftige Frau
selbst, die wenigstens seit Jahren nicht die mindeste Erinnerung an Schloss
Neuhof verraten hat. War ihr Gedächtnis zu schwach für zwei Kinder, die sie in
Deutschland zurückliess, wie sollte es jetzt aufleben für das Bekenntnis einer
Schuld, die vielleicht die römische Curie, aber nicht die bürgerliche
Gesetzgebung verzeiht! Der Herzog von Amarillas war arm. Ein echter Grand von
Spanien, besass er nur seinen Namen, der in seiner ganzen Vollständigkeit acht
bis zehn Güter repräsentirte, die im Monde liegen. Mein Vater schickte damals
Summen nach Rom. In frühester Zeit wurden sie erbeten, in späterer gefordert;
dann plötzlich verhallte alles, was dort für ihn drohend vorhanden lebte ... Wer
aber nun jetzt es ist, der dort plötzlich wieder Sprache gewonnen hat, wer nun
jetzt durch Sie redet, Herr von Terschka -
    Angiolina ist so liebenswürdig, unterbrach Terschka aufs eiligste, dass ihr
die Auszeichnung, mit Ihnen verwandt zu sein, wohl zu gönnen wäre ...
    Wer ist Ihr Auftraggeber? drängte der Präsident ...
    Ich - wich, ohne Zweifel lächelnd, Terschka aus - ich kann nur sagen, man
wünscht, dass ich in aller Stille die Verhältnisse sondire, namentlich das Factum
herstelle, ob die Herzogin von Amarillas wirklich Ihre rechtmässige Stiefmutter
ist, Herr Präsident! Die weitern Folgerungen daraus, gesteh' ich, liegen mir ja
noch gänzlich fern ...
    Löb erkannte ganz seinen diplomatischen Terschka ...
    Nun wohl, Herr Provinzial, wandte sich der Präsident an den Mönch, Sie
sehen, es geschieht alles, um das Siegel zu brechen von jener Beichte, die Sie
empfingen ... Ihr Ordensgeneral hat Ihnen nicht erlaubt, den Inhalt dieser
Beichte zu erzählen, aber prüfen sollen Sie denselben; so ungefähr, denk' ich,
schrieb man Ihnen ... So leg' ich denn in Ihrer Gegenwart, lieber Sohn, in
Ihrer, Herr von Terschka, die Zeugnisse von sechs Cavalieren vor, die leider
nicht mehr am Leben sind; sie haben der sogenannten Vermählung meiner
Stiefmutter beigewohnt ... Dann aber bitt' ich Sie, Herr Provinzial, lesen Sie
sich in die Handschrift des edeln Dechanten von Sanct-Zeno Herrn von Asselyn in
Kocher am Fall, meines Schwagers, wie ich ihn nennen darf, hinein und teilen
Sie uns hernach diese Zuschrift mit, die ich gestern Abend auf eine Stafette,
die ich vor acht Tagen nach Kocher schickte, erhalten habe ... Sie wird uns über
diese Ehe und über Leo Perl's dabei gespielte Rolle die genügende Auskunft geben
...
    Löb musste aufstehen ... Es war in der Tat zu viel, was auf seine
Wissbegierde einstürmte ... Ja er bedachte: Erfährt man je, dass du Zeuge dieser
Familiengeheimnisse warst, so steckt man dich vielleicht ein oder macht dich
ebenso unschädlich, wie einen gewissen Lauscher in den »Falschmünzern« ... Er
musste seine Decken lüften, weil er in Transspiration kam ...
    Nach einer Weile, in der Bonaventura ohne Zweifel voll Staunen oder - voll
Besorgnis der Worte seines Onkels gedachte: »Lass' aber alles das unter
Priestern bleiben!« und von Terschka's Anwesenheit immer mehr beunruhigt werden
musste, begann die rauhe und strenge Stimme des Pater Maurus:
    »Mein insonderst geehrter Herr Präsident und lieber Herr Schwager! Ich habe
das alles geahnt, was nach dem Tode Ihres Vaters kommen würde! Auch schon zu
meinem Neffen, unserm guten Bonaventura, hab' ich mich in einer vor kurzem
abgegangenen Zuschrift darüber ausgesprochen ... Es ist ein seltsamer Vorgang,
auf den Sie hindeuten, und wohl versteh' ich Ihren Schmerz, Ihre tiefe
Betrübnis! Beschämung - sagen Sie! Warum dies Wort - zu - Priestern? Wir
Priester der römischen Kirche sind - bei solchen Dingen in - - unserm Element -«
...
    Der Vorlesende stockte ...
    Der Präsident sagte, wie es schien, mit Lächeln:
    Sie werden hier eine Stelle finden, die Sie überschlagen dürfen! Indessen -
-
    Bonaventura mochte voll Besorgnis der Intoleranz des Provinzials gedenken
... Und auch Seligmann gedachte mit Schrecken des Dechanten, der so freundlich
mit der Hasen-Jette verkehren konnte und nur deshalb nicht die untern Viertel am
Fall zu Kocher besuchte, weil er zu sagen pflegte, »Reinlichkeit ist mein erstes
Religionsdogma« ...
    »Denn«, fuhr jedoch der Provinzial und ohne weitern Ausdruck der Befremdung
über diese Freimütigkeiten zu lesen fort, »denn unsere ganze Kirche beruht ja
auf dem Natürlichen im Menschen. Wer unsere Kirche schildern will, muss vom
Fleisch beginnen und im Fleisch aufhören. Die katolische Kirche erbaute Gott zu
einer Hülfe für die Sünder. Sie ist deshalb in allem der Gegenpol der nackten
Menschheit und darum eben nur auf diesen Gegenpol errichtet. Bei den
Protestanten ist die Sünde eine Unterbrechung ihres vom Geist beginnenden und im
Geist endenden Lehrgebäudes; aber bei uns ist sie das alleinige Wesen desselben.
Darum liebt der natürliche Mensch den Katolicismus und wieder der
Katolicismus« - -
    Der Provinzial stockte und murmelte wieder ...
    Seligmann dachte an die Rumpelgasse und den Unterschied der Religionen ...
    Lassen Sie das! Lassen Sie das! ... unterbrach der Präsident im Ton seiner
andauernden Wallung ...
    Doch der Mönch fuhr fort:
    »Da hatt' ich beim Abschied vom Obersten von Hülleshoven den Streit über die
Frage: Was ist unser Genius! Monika, des Obersten Gattin, schrieb mir einst:
Unser Genius ist der Schutzgeist gegen unsere Schwächen! Der Oberst sagte: Unser
Genius ist der Fahnenträger unserer Kraft! Beide haben Recht und beide Unrecht.
Sie hätten sagen müssen, wie der Genius im Menschen entsteht ... Was ist der
Genius - des Katolicismus - der Genius Napoleon's - der Genius Goete's«? - ...
    Wieder unterbrach der Präsident ... Wieder dachte Seligmann, wenn auch schon
etwas schwieriger auffassend, an die Bereicherungen für Veilchen ...
    »Napoleon war körperleidend«; fuhr Pater Maurus zu lesen fort. »Man kann
leidend sein und doch sich ganz beherrschen. Die fallende Sucht aber kann man
nicht beherrschen; das ist ein entsetzliches Naturgebot. Napoleon's Kammerdiener
Marchand musste ihn oft einschliessen; des Kaisers Angst war: Jetzt überfällt dich
dein Dämon! Napoleon's Genius war demzufolge der Geist, der ihn trieb, diesem
Dämon zu entfliehen. Daher seine Unruhe, daher seine Liebe zum Frieden und doch
die Unmöglichkeit, beim Frieden zu verharren, daher sein Vorwärtsdrängen, seine
Art zu kämpfen, seine Auffassung über Welt und Zeit, sein Aberglaube, sein
Wallensteinglaube an Ahnungen, seine Besuche bei Kartenlegerinnen, seine
glühende Neigung zu Frauen und doch seine Kälte im Augenblick der Liebe -
Napoleon ist das Leben eines Mannes, der sich unter einem unglücklichen
Naturgesetz weiss. Alles, was er tat und sprach, war auf dies Naturgesetz:
Entfliehe deinem Fluch! bezogen. Goete ist nicht anders zu verstehen, als aus
einem Naturgesetz. Nur bezieht sich bei Goete sein ganzes Denken und Fühlen auf
ein anderes Factum - er hatte einen unehelichen Sohn. Diese Möglichkeit und
sittliche Gêne musste er durch sein ganzes Dasein, seine Dicht- und
Weltauffassung verteidigen. Legitim oder Illegitim - das wurde sein Grübeln und
merkwürdig, sein schlechtestes Werk, die natürliche Tochter, war gerade aus den
geheimsten Falten seines Herzens geschrieben ... Warum plaudere ich das alles?
Ich könnte bitter sein und es so ausführen: Unsere ganze römische Kirche ist mit
der Zeit auch allein über den Einen dunkeln Abgrund der Seele gebaut, dass wir
Priester nicht heiraten dürfen ...«
    Der Provinzial sprach ironisch:
    Der Dechant gehört der philosophischen Zeit an ...
    Er will sie auch nur schildern, sagte der Präsident und beruhigte
Bonaventura, der auf die Mitteilung nur der Hauptsachen aus einem Briefe
drängte, der ihm in ängstlicher Weise eine krankhafte Aufregung des teuren
Onkels verriet ...
    »Ich schildere Ihnen die Zeit, in der unsere Sünden jung waren, die Zeit, in
der ich mit dem Kronsyndikus bekannt wurde ... Es war gerade, als Goete, unser
damaliger Gott, den einzigen gefunden hatte, vor dem auch er zu Staub wurde.
Dies eben war Napoleon, unsere zweite Gotteit. Es war in jenem Erfurt, da, wo
Goete schweigsam vor Napoleon stand, der Mann, der ewig die Natur suchte, vor
dem Mann, der ewig die Natur floh. Ich befand mich gerade damals bei dem
sogenannten Parterre der Könige als ein der Diöcese Dalberg's angehörender
Priester. Ihr Vater war in Erfurt erschienen als Syndikus der jungen Krone
Westfalen bei den alten deutschen Ständen des Teutoburger Waldes ... Herr von
Wittekind zog vor, in der Nähe der Pracht und Herrlichkeit des fremden Hoflagers
zu leben. Und doch starb in Ihrem Vater trotz seines Leichtsinns ein Mann wie
aus der Ritterzeit ... Die eiserne Hand, die Götz nur künstlich führte, schlug
Ihr Vater natürlich. Ich habe gesehen, wie er von einer Tischplatte die Ecke
abbog gleich August dem Starken von Sachsen, dem er leider nur zu sehr glich,
wenn ihm auch dessen Sinn für Grösse, die stolze Haltung und Bedeutsamkeit der
Gesinnung versagt waren. Ein Nimrod war's, der zuletzt in wilder Baulust den
Rest von Mut austobte, der ihm vom Jagdtreiben übrig geblieben. Sein Park, sein
Schloss, seine Oekonomie müssen ihm Summen gekostet haben; aber er brachte sie
durch Geiz wieder ein. Die Folgen seiner gewalttätigen Natur, die genug von ihm
verdeckt werden mussten, liegen Ihnen jetzt offen vor, die stärkste Prüfung, die
der Kindesliebe beschieden sein kann« -
    Pater Maurus besass den Takt, einen Augenblick innezuhalten ...
    Seligmann warf einen still beglückenden Rückblick auf seine eigene
vorwurfslose Laufbahn als Garçon ...
    »Der Handel mit der Fulvia Maldachini«, fuhr der Mönch fort, »stammt aus
jener Zeit einer wilden Philosophie, aus jener Zeit, wo auch in des sonst so
strengen Napoleon Heergefolge' der alte französische Leichtsinn sich wieder
regen durfte. Seine Marschälle waren früher Perrükenmacher und Kellner. Als sie
auf ihren Lorbern ausruhen wollten, konnten sie nur geniessen, wie Perrükenmacher
und Kellner, die das grosse Loos gewinnen, geniessen. Napoleon hatte Verwandte,
die er, um eine neue Legitimität zu begründen, auf Trone erhob, während seine
Schwestern erklärte Courtisanen, seine Brüder Champagnerreisende waren. Der Hof
des Königs von Westfalen riss in seinen Strudel Männer und Frauen vom
deutschesten Ursprung. Ach, wir waren tief gesunken! Und noch jetzt - im
Vertrauen - wir sind ein liebedienerisches Volk, geborne Fürstenknechte! Ich
habe in Deutschland Bureaumenschen gesehen, die einem Nero und Caligula ebenso
zuvorkommend würden gedient haben wie einem Antonin oder Marc Aurel ... Ihr
Vater, ein junger Witwer - kein Stand ist gefährlicher, als der der jungen
Witwen und Witwer - genoss noch einmal seine Jugendjahre. Trotz seines Amtes war
er ein Händelsucher, ein Wettrenner, ein Don Juan ... Damals also besass ich am
Münster von Witoborn ein Kanonikat, das ich in alter Weise von einem Vicar
verwalten liess ... Ich war Priester geworden, wie andere unter die Soldaten
gehen. Mein Bruder Friedrich studirte die Rechte, mein Bruder Max war ein
Soldat. Als ich Priester geworden war, reiste ich in die Welt hinaus, war lange
in Paris und kam nach Kassel, Erfurt und Witoborn - wie ein Abbé zurück. Goete,
Napoleon und - Grécourt waren meine Gotteiten ... Ich schloss mich meinem
Landsmann, Ihrem Vater, an. Wittekind konnte so ansteckend lachen, dass man ihm
gar nicht lange wegen seiner sonstigen Unarten zürnen konnte ... Wir waren ein
Kreis wilder Gesellen und ich bekenne und darf es bekennen, da ich später
mancherlei Unstern bestand, ich, ein Priester, ich entwarf nach Bildern aus
Herculanum und Pompeji Zeichnungen, die in Kassel nicht etwa Frauen zweideutigen
Rufs als lebende Bilder stellten, sondern die Gattinnen der Minister, die
Töchter der Gesandten, Deutschlands ältester Adel!« ...
    Eine Pause liess Löb Zeit, sich die vorhin gesehene Galerie und die
Frömmigkeit des jetzigen Adels dieser Gegend in Vergleichung zu bringen ...
    »Eine der gefeiertsten Tagesschönheiten«, fuhr der Provinzial zu lesen fort,
»war die Römerin Fulvia Maldachini. Sie war eine Sängerin in der italienischen
Truppe, die König Jérôme neben der deutschen und französischen hielt. Das
Repertoire überwachte der Kaiser selbst aus Paris oder aus dem Hauptquartier und
verfuhr darin ebenso streng, wie bei Bildung der Ministerien, des Heers und
jenes Schattens von Repräsentativverfassung, dem Ihr Vater seinen Kronsyndikus
verdankte. Ich seh' Ihren Vater noch, wie er die Syndikatsuniform zum ersten Mal
anlegte und den Galanteriedegen umschnallte. Ungeduldig, sich bei Eröffnung der
Landstände zu verspäten, war er nahe daran gegen seinen Bedienten die etwaige
Schärfe des Spielzeugs zu versuchen. Der Maldachini sagte man nach, sie wäre
besserer Abkunft, wäre durch Umstände veranlasst gewesen, ihre Stimme zu
verwerten, eine Stimme, die uns Deutschen mehr Entsetzen, als Bewunderung
einflösste. Sie hatte, so jung und schön sie war, in ihrer Kehle eine Tiefe, die
mit Proserpina bis in den Tartarus hinunterstieg. Das Teater erdröhnte zwar von
Beifall, wenn sie ein: Perfido! knirschte; aber wie ein Dolch lag es neben jeder
Note, die sie sang und besonders - wenn man einmal nicht applaudirte« - -
    Seligmann wusste nichts von Gluck und Piccini ... Aber Norma bot
Vergleichungen ... Er verstand vollkommen dieses Knirschen, namentlich beim
Nichtapplaudiren ...
    »Es galt für unmöglich, die Gunst der Maldachini zu gewinnen ...« las der
Mönch. »Das gerade reizte den Kronsyndikus. Die Schönheit der Erscheinung, ihre
Gestalt war mächtig, das Geheimnis, mit dem sie sich umgab, bestrickend. Sie
nahm die Huldigungen des Freiherrn von Wittekind an, namentlich seine Geschenke;
dafür war aber nicht mehr sein Lohn als ein Zunicken im Teater. Sie lehnte sich
an den Hof, der sie beschützte, an die grosse Zahl ihrer Verehrer. Der
Kronsyndikus ertappte sich auf einer wirklichen Schwärmerei für sie. Feste bot
er ihr, die sie annahm. Er liess sie zur Fastenzeit, wo die Bühne geschlossen
wurde, in den Sommerferien nach Neuhof in sechsspännigen Carrossen kommen ...
Sie, Herr Präsident, und Ihr Bruder waren damals in Pensionen ... Die stolze
Sängerin wohnte auf Schloss Neuhof wie eine Fürstin. Nichts aber entlockte ihr
eine Zärtlichkeit, nichts eine Erwiderung der Liebesbeteuerungen, die ihr, wie
mich Lauscher versicherten, der Freiherr auf den Knieen machte« - -
    Lauscher! ... Seligmann bebte ... Hier, diese Cabinete waren doch wohl die
Orte, wo man auf Schloss Neuhof lauschen konnte ...
    »Fulvia Maldachini verlangte die legitime Gemahlin des Freiherrn zu werden.
Sie nannte sich eine geborne Marchesina und in der Tat, der Freiherr von
Wittekind beschloss, sie zu heiraten ...«
    Löb sah fast den Eindruck dieser Worte ... Sah fast Terschka's Lächeln ...
    Mit einer Stimme, deren Sicherheit deutlich verriet, dass für ihn in allen
diesen Mitteilungen nichts Neues lag, las der Provinzial weiter:
    »Dies Heiratsproject entsprach an sich ganz dem Charakter jener Tage. Man
hatte nicht im mindesten das Gefühl, dass diese Napoleonischen Zustände nur eine
Episode wären. Ein völliges Aufopfern des Stolzes und Heimatgefühls trat ein.
Fast wäre Ihr Vater seiner Leidenschaft erlegen, wenn nicht seine Freunde
dazwischengetreten wären. Freiherr von Malstatt, Graf von Dohrn, Baron von
Liebetreu, die Andern - alle widersetzten wir uns. Als Fulvia kalt blieb,
höhnisch die Lippen aufwarf und sich in ihren roten Gewändern, mit dem grünen
Kranz auf dem kurzgeschnittenen schwarzen Tituskopf, den Dolch im Busen, wie
eine junge Medea zeigte und doch bestrickend schön, doch verheissungsvoll
lächelnd wie der beginnende Frühling, da wurde zur Rettung Ihres, wie es schien,
geradezu verlorenen Vaters ein Entschluss gefasst. Wir verpflichteten uns, eine
Farce aufzuführen. Fulvia konnte kein anderes Wort deutsch, als soviel nötig
war, kräftig zu fluchen. Sie lebte unter uns, wie im Grunde damals alle diese
Fremden; sie lebten im eigentlichsten Sinne des Worts wie in der Verwirklichung
eines Traums. So war auch ihr Deutschland nichts als Wald und Flur und Flur und
Wald; nur vom Geld sah sie, dass es das allbekannte echte Silber und Gold war.
Der Freiherr schlug ihr eine Ehe vor, die aus Familienrücksichten einige Jahre
lang geheim bleiben müsste. Fulvia, die die grosse Stellung ihres Verehrers
kannte, die von seinen mächtigen Verwandten wusste, die einsah, dass für gewisse
Vermögensverhältnisse auch in Rücksicht auf die vorhandenen Söhne erster Ehe
Schwierigkeiten entstehen konnten, willigte ein ... In dem Dünkel und
Siegesübermut, der sie, wie damals alle diese abenteuernden Fremden, gegen jede
Vorsicht blind machte, steigerte sie sich selbst zuletzt zur Ueberzeugung, dass
sie ihre allgemeine Anerkennung als Frau von Wittekind erst von spätern Zeiten
abhängig machen müsste ... Nun ging unser Leichtsinn so weit, dass der eine
künstliche Pacten schloss mit Siegeln von Aemtern, die nirgends existirten, der
andere Correspondenzen mit der Familie eröffnete, der dritte falsche
Dimissorialen des Pfarrers von Schloss Neuhof brachte, die notwendigen Depense,
die dem Freiherrn gestatteten, sich andernorts trauen zu lassen - kurz, wie es
nur in einer Zeit möglich war, wo täglich die grössten Ereignisse sich drängten,
Trone wankten, Völker in Bangen und Zagen lebten. Wir erfanden und setzten dies
Abenteuer unserer noblen Passionen wie eine Fastnachtsposse in Scene« ...
    Löb Seligmann schauderte über den ehrwürdigen Herrn Dechanten, der einst
solcher Streiche fähig gewesen ...
    »In Paris hatte ich einen jungen geistvollen Gelehrten kennen gelernt, eine
höchst geniale Natur ... Er nannte sich Leo Perl und war ein Jude« ...
    Löb's Atemzüge wurden ihm jetzt selbst fast vernehmbar. Er musste aufstehen
und zwei Schritte weiter gehen ... Dann stand er wieder still, um nichts zu
versäumen, und horchte zitternd ...
    »Perl war«, las der Provinzial, »aus der Gegend meines jetzigen Wohnorts
gebürtig und seines Zeichens Rabbiner. Sein Äußeres war ein gar stattliches.
Nach Paris kam er, um in den dortigen Biblioteken talmudische Manuscripte zu
lesen. Ich lernte ihn kennen und schätzen. Im Geiste der Zeit, der nicht mehr
der Geist des Deismus, sondern ein Bestreben war, irgendwie aus dem Deismus
herauszukommen, standen wir uns nahe. Frömmler waren wir natürlich am wenigsten;
das Leben nahmen wir leicht - ich wenigstens gab den Lebensanschauungen eines
Alcibiades nichts nach« ...
    Alcibiades! wiederholte sich Löb und wusste jetzt ein höheres Wort zur
Bezeichnung des Leichtsinns ...
    »Wir hatten aber ein Bedürfnis des Positiven. Freilich - wir suchten es eher
in Indien und an den Quellen des Ganges, als in Judäa und an den Quellen des
Jordan. Leo Perl war halb aus Scherz halb ernstaft Kabbalist, was mich als
Curiosität anregte. Er sprach die meisten lebenden und mehrere todte Sprachen.
Sonst war er aufgewachsen wie ein echter Rabbinerknabe in alten Büchern und
mikrologischen Studien; die Welt war ihm auf dem Gebiet des Parquets und der
feinern Geselligkeit fremd, jedoch seine zähe Lebenskraft, sein Witz und manche
Schalkhaftigkeit halfen ihm auch dort sich zu behaupten ...«
    Gott im Himmel! sagte sich Seligmann und war nicht einverstanden mit dem
Worte: Zähe Lebenskraft ...
    »Zugleich war Perl gefällig und interesselos, wie ein Kind ... Ihm verdank'
ich nicht nur den grössten Teil meiner Ausbildung, die Läuterung meiner Lebens-
und Kunstansichten - sogar meine Existenz« ...
    Ein Mensch! rief Seligmann schmerzbewegt ...
    »Durch Perl wurde ich auf das Stift Sanct-Zeno an seinem Geburtsort
aufmerksam gemacht und auf dessen alte Rechte und Urkunden ... Er begleitete
mich nach Deutschland und gab mir Mittel und Wege, diese einträgliche Stelle mit
Hülfe des Kaisers von Oesterreich aus der Säcularisation zu retten und für mich
zu gewinnen. Ich habe ihm für alles das ein treues Herz bewahrt und meine Schuld
ist es nicht, wenn ich zu den vielen Erinnerungen an ihn nicht auch noch die an
äussere Beweise meiner Dankbarkeit fügen kann. Plötzlich zog er sich von uns
allen zurück ... Trotzdem, dass er infolge unsers Leichtsinns Christ wurde«
    Löb sass wieder zusammengekauert wie ein Jäger auf dem Schnepfenfang ...
    »Leo Perl hatte in seinem Wesen zwei unvermittelte Gegensätze. Der gewaltige
Mann lebte höchst mässig, entbehrte wie ein Stoiker und dachte doch wie Epikur.
Er vermied die Frauen und duldete jede Ausgelassenheit« ...
    Wie Veilchen! sagte Löb ...
    »Er ass trocken Brot und sprach anerkennend über die, denen nur Trüffeln
mundeten« ...
    Wie Veilchen! ...
    »Er erklärte sich für unfähig, einen vernünftigen Satz zum Druck zu
stilisiren und seine zierliche Hand schrieb doch Briefe voll Geist« ...
    Wie Veilchen! ...
    »Perl war der strengste Kritiker, der jemals beizende Lauge im Urteil über
ein Ganzes mit der Fähigkeit verband, doch im Einzelnen die Tiefe der Absicht
und die Schönheiten des Details zu erkennen« ...
    Das wurde Löb zu hoch und - »beizende Lauge« führte ihn sogar zerstreuend
auf Veilchen's Spitzenhandel ...
    »Er tadelte in kleinen Aufsätzen ein Buch so, dass man dennoch den Verfasser
lieb gewann. Alles das geschah mit so viel Bonhommie, dass man vor Lachen gesund
wurde, wenn man seine Scherze las« ...
    Seligmann hauchte wieder für sich hin: Wie Veilchen! ...
    »Ich nannte ihn den zwölften Apostel, den Christus zum Ersatz für Judas
Ischariot hätte nehmen müssen. Auch versicherte er mich, sein Vorgänger Judas
Ischariot wäre der unglücklichste aller Menschen auf Erden gewesen: er wisse
bestimmt, er hätte Christus geliebt: er hätte ihn mehr geliebt, als Johannes; er
hätte Jesus nur verraten, um ihn zur Entschiedenheit zu bewegen; er hätte sich
erhängt aus Verzweiflung, weil ihn ein Werk der Freundschaft mislungen. Würde
ihn Jesus, sagte Perl, drei Jahre lang um sich geduldet haben, wenn er nicht
Eigenschaften an ihm erkannt hätte, die wenigstens denen der andern Apostel
gleichkamen? ... So zwischen Ernst und Scherz, bald durch seine Behauptungen
erschreckend, bald wieder wohltuend, konnte Leo Perl plaudern. Wir
gewissenlosen Cavaliere - immer ist es mir, als hätten wir nicht Ursache gehabt,
uns der spätern Wendung seines Schicksals so zu rühmen, wie wir's zu unserer
Beruhigung oft im Stillen taten« ...
    Leo Perl starb als christlicher Pfarrer in Borkenhagen ... sagte ein dumpfe
Stimme, die wohl Terschka's sein konnte ... Dies Wort schien auf die bindende
Kraft eines geweihten Priesters berechnet zu sein ...
    Vielleicht war er schon heimlich in Paris ein Christ! erwiderte der
Präsident mit parodirender Ironie ...
    »Leo Perl«, fuhr der Provinzial fort, »wurde von uns überredet, in den
Betrug der Maldachini miteinzutreten. Ganz in der Laune, die wir an ihm kannten,
griff er zum Champagnerglase und sagte lachend zu. Wir verlangten von ihm nichts
Geringeres, als sich in ein Priestergewand zu hüllen und in einer entlegenen
Kapelle, auf den Gütern eines der Mitverbündeten, bei nächtlicher Weile den
Freiherrn von Wittekind mit Fulvia Maldachini zu trauen. Aufrichtig gesagt, ich
erstaune noch jetzt über seine Zustimmung ... Ich kannte sonst die
Gewissenhaftigkeit, die ihn beseelte, bei aller Leichtigkeit in der Beurteilung
anderer« ...
    Auch für Löb verlor sich sein: Wie Veilchen! und der Spinozismus jetzt in
drei bis fünf Jahre Gefängnis ...
    »Perl war des Ritus so kundig, wie oft kein - Domdechant« -
    Der Provinzial musste wohl im Lesen lächeln ... Seine Stimme klang heller ...
    »Die vermessene, wahnwitzige Scene ging vor sich bei Lichterglanz und unter
Assistenz eines Messners, den eine Person spielte, die ich Ihnen nicht nennen
will« ...
    Eines Priesters also! sagte Terschka bedeutungsvoll, ohne den Dechanten
selbst zu nennen ...
    Wie es scheint! bemerkte der Präsident und setzte mit Bitterkeit hinzu: Sie
suchen für Ihre Casuistik irgendeine geheime Schraube! Was das bürgerliche Recht
mit dem Zuchtaus bestraft, wird bei uns das kanonische nicht zum Sakrament
erheben! - Doch lesen Sie! Ich bitte! ...
    »Eine katolische Trauung muss in dem Ort stattfinden, wo man lebt; dafür
hatten wir die Demissorialien. Sie findet in der Regel des Morgens statt; dafür
hatten wir wiederum einen Erlassschein. Das in der Waldkapelle bei Nacht
verbundene Paar bestieg eine Kutsche und reiste auf Schloss Neuhof. Dort lebte es
dann so, wie es der Freiherr gewünscht hatte. Einstweilen noch kehrte die
Maldachini in ihre Stellung zur Bühne zurück. Sie genas später eines Knaben, der
auf den Namen der Mutter getauft und von einer Dame erzogen worden ist, die ich
- gleichfalls nicht nennen kann« ...
    Frau von Gülpen! blitzte es in Löb auf ... Doch nahm er diesen Gedanken
zurück, da er nur die grosse Anzahl »Nichten« kannte, denen Frau von Gülpen eine
so liebende Tante war ...
    Länger dauerte freilich der Nachklang desselben Namens - bei Bonaventura ...
    »Die Kämpfe der Maldachini, sich anerkannt zu wissen, gingen mit der Zeit
aufs Äusserste. Sie wurden um so gefährlicher, als sie Verdacht schöpfte und mit
Entdeckung drohte. Nur weil ihr Perl öfters in wirklicher Priestertracht
entgegentreten konnte, wurde sie beruhigt. Der Kronsyndikus hatte in seinen
Neigungen keinen Bestand; bald wurde er gegen sie wie gegen alle; sein Leben auf
Neuhof steigerte sich ja bis ins Sinnlose« - ...
    Löb füllte die Pause, die entstand, mit der Empfindung: Muss ein Sohn das von
seinem Vater hören! ...
    »Bald erfuhr auch diese seine vermeintliche Gattin die gewöhnliche Tücke
seines Sinnes. Sie kam zum zweiten mal in die Hoffnung und bestand mitten in dem
Gewühl der Flucht des westfälischen Hofes von Kassel 1813 ihre Entbindung. Der
Kronsyndikus, sich an den Zusammenbruch des Königreichs Westfalen haltend,
verstiess sie ... Hülflos wurde sie von den Mitgliedern ihrer Gesellschaft in den
allgemeinen Strudel des Schreckens und der Flucht mit fortgerissen ... Wir
verloren sie aus den Augen und das für immer. Eines Tags erzählte mir Ihr Vater
lachend, sie wäre in Paris eine Herzogin geworden ... Damals aber brach die Zeit
an, wo über uns alle ernstere Stimmungen kamen. Unsere mannichfach neubedingten
Lebensstellungen rieten uns, unsere Aufführung zu regeln und so entstand das
Bedürfnis, auch über diesen Jugendstreich den Mantel der Vergessenheit zu
breiten - zumal, da ich später von Leo Perl zu meinem Schrecken erfuhr, dass er
diese Ehe -«
    An dieser Stelle war es plötzlich dem Horcher, als hörte er eine Bewegung,
die nicht von den Männern im Nebenzimmer kommen konnte, obgleich auch drinnen
die durcheinander gehenden Stimmen ein Staunen auszudrücken schienen ...
    Aengstlich sprang Löb zur Seite und hielt die Decken, die ihm entgleiten
wollten ...
    Alles war wieder still. Glücklicherweise ... Denn gerade die ihm wertesten
Stellen der Bekenntnisse des Dechanten konnten ihm verloren gehen ...
    Der Provinzial hatte inzwischen nicht weiter lesen können, denn Terschka
sprach ... Terschka sprach von der Ehe und forderte Bonaventura auf, zu sagen,
worin die katolische Ehe ein Sakrament wäre, ob durch den Priester oder durch
die Verbundenen? ...
    Die Lehre der Kirche lässt es kaum zweifelhaft! lautete die leise und mit
tiefster Erschütterung gegebene Antwort des Domherrn ...
    Der Präsident bat um genauere Erklärung ... Doch an dieser so hochwichtigen
Stelle musste Löb Seligmann den Schrecken erleben, dass sich jenes Geräusch
wiederholte ... Es schien sogar aus dem dritten der dunkeln Zimmer zu kommen ...
Bebend sprang er zur Seite und fiel fast über die Franzen seines improvisirten
Hohenpriestermantels ... Dann aber war wieder alles still ...
    Dafür aber waren die Männer nebenan im lebhaftesten Streit über die Ehe und
das Sakrament ... Der katolische Glaube in allen Subtilitäten, deren Kenntnis
plötzlich von Terschka mehr im Scherz als im Ernst angedeutet wurde, regte den
Präsidenten so auf und veranlasste seinerseits für die Rückhaltsgedanken der
Kanonisten so heftige Wortbezeichnungen, dass der Provinzial mit entschiedener
Stimme einfiel und rief:
    Lesen wir wenigstens den Brief! ...
    Dann fuhr er fort:
    »Die Trauung selbst war allerdings eine Scene, die uns alle mit Schrecken
überrieselte ... Die nächtliche Stille in dem mondbeschienenen Walde ... Die
Klänge der Orgel« ...
    Löb Seligmann konnte nicht nachfolgen ...
    Der Himmel strafte ihn für die Schuld seiner Väter ...
    Das Geräusch nahm zu, er hörte einen leise auftretenden Fusstritt - er bekam
Gesellschaft ...
    Unwillkürlich musste er sich zur Erde ducken hinter einem der grössern Sessel
...
    Es kam Jemand, der gleichfalls die Vorteile der spanischen Wände des
Schlosses geniessen wollte ... Schon war seine Gesellschaft im zweiten Zimmer ...
    Sie kam leise auftretend jetzt ins dritte ...
    Es war eine Dame ... die Herrin des Schlosses selbst ... die Präsidentin ...
    Löb sah seine Ehre und seine Zukunft auf dem Spiel, wenn die hohe Gönnerin
ihn hier ertappte ...
    Die Decken waren ihm schon entglitten ...
    Fast fiel die vornehme Frau über sie; sie legte sie murmelnd auf die Tische
... Sie schien hier schon orientirt zu sein ... Es war die Mutter des Domherrn -
und doch so völlig eine andere ...
    Löb kniete hinter dem Lehnstuhl und berechnete schaudernd, wie die Frau sich
wundern würde, wenn sie seinen Hut - Gott sei Dank! - Sein Hut war in einem
Schloss, wo er sich so heimisch fühlen durfte, auf seinem Zimmer geblieben ...
    Die Präsidentin nahm wie er an der Wand Platz und schien so vertieft in die
Worte, die der Provinzial las, dass er es wagte, zwischen zwei Uebeln das
geringere zu wählen: Entdeckt zu werden oder über Leo Perl nicht völlig ins
Reine zu kommen ...
    Er musste letzteres vorziehen ...
    So kroch er auf allen Vieren in das nächste Zimmer, richtete sich dort
behutsam auf, schlich in das erste Zimmer zurück und fand jetzt, wie er erwartet
hatte, einen Drücker an der Tür, die auf den Corridor führte. Ein Griff war
eben erst aufgesetzt worden ...
    Sanft folgte jetzt die Tür dem Druck seiner Hand und nun sah er wohl, nun
fehlte der praktikable Handgriff draussen ...
    Leise zog er die Tür wieder an sich und verschwand und war befreit ...
    Die hellste Mittagssonne schien ...
    Sie schien so frühlingsahnungsreich, so erlösend von allen Banden des
Winters und des Todes, dass er von einem Traum erwacht zu sein glaubte ...
    Zu dem, was ihm noch an Vervollständigung der merkwürdigsten Geheimnisse
seines Lebens fehlte, legte er das Gefühl hinzu, doch lieber im Sichern zu sein,
lieber unentdeckt auf Fährten, die ihn leicht aus seiner gegenwärtigen
glänzenden Laufbahn entfernen konnten ...
    Schloss Neuhof wurde ihm zum »Schloss Avenel«.
 
                                      21.
Benno - Benno - mein brauner Zigeunerknabe!
    Du, du also der Sohn des Kronsyndikus und dieser armen, betrogenen,
bemitleidenswerten Frau -! ...
    Du, der Bruder einer Angiolina, die das Schicksal in die wildesten Strudel
warf und die die Gräfin von Salem-Camphausen werden kann, wenn ein ruchloses
Gaukelspiel - - doch, doch nicht ganz misglückte ...
    »Was du auch in diesen Tagen von mir hören dürftest, ich war schwach« - »um
der Liebe willen« - hatte der Onkel geschrieben -
    Nein, Onkel! Das war die Liebe nicht, deren heiligste Forderungen du nicht
verstandest! Das war ein Hohn, gesprochen den Gesetzen der Natur! Die Natur
willst du preisen? Nur in den Sinnen findest du sie! ... Onkel, Onkel, Teurer,
dessen weisse Hand ich so gern küssen mochte, warum hast du uns das getan! ...
    So tiefschmerzlich und zugleich hochaufjauchzend freudig rief es in
Bonaventura's Innern, während auch nicht einer der Hörer die Menschlichkeit
besass, zu fragen: Und was wurde denn nur aus jenem Bruder Angiolinens, der doch
jetzt vielleicht siebenundzwanzig Jahre zählen müsste? ... Sind euch die Sünden
des Mannes, dessen Leben so grauenvoll da aufgedeckt liegt, so schon geläufig,
dass nicht Terschka, nicht der Präsident, nicht der Provinzial fragt: Wo ist das
zweite Kind? Der Sohn? Was wurde aus dem? ... Hatte also Benno Recht, so oft er
sprach: Alles das muss in den Beichtstühlen verborgen bleiben! ...
    Terschka, der glatte, jedem ausweichende, immer lächelnde Sendbote, der
jetzt vielleicht sogar das Herz einer Armgart bestrickte - wie hält er so
seltsam geheimnisvoll die Fäden aller dieser Wirren in der Hand ... Er nennt
vielleicht doch plötzlich Benno bei dem Namen, der ihm gebührt - Benno, dessen
Ehrgefühl so krankhaft ist, wie Verdacht in der Liebe ... Nimmermehr dürfen
diese Schleier gehoben werden, ohne dass Benno es will ... Nie, nie darf ihn
dieser grässliche Fluch seines Daseins überraschen auf dem Boden, auf dem er lebt
... Erführ' er davon, er stürmte fort von diesem Schauplatz der Lüge, die selbst
deine spätere liebende Sorgfalt, Onkel, nicht veredelte ... Furcht war es, was
dich bestimmte, Benno's Ursprung zu verbergen ... Die Zeiten hatten sich
geändert, der Onkel wollte das Stift Sanct-Zeno erhalten, wollte, musste die
Pflichten eines Dechanten üben, erinnerte sich, dass er jetzt den
unbescholtensten Priester zu spielen hatte ... Ohne Zweifel bat er den Bruder,
der aus Spanien zurückkehrte, das Kind als sein eigenes mitzubringen - ohne
Zweifel wurde deshalb selbst dem Kronsyndikus jede Spur des Knaben entzogen - Ja
man gab ihn für jünger aus, als er war ... Benno ist älter, älter als du ...
Daher die grössere Reife seines Verstandes ... Alles, alles bot man auf, die
Nachforschungen nach seinem Ursprung unmöglich zu machen ... Immer wieder mussten
sie auf jene Scene zurückführen, bei der ein jetzt in Amtswürden stehender
Priester als Messner einen leichtsinnigen Juden in der ehelichen Segnung
unterstützte, einen Juden - der - dann ihn selbst getauft hatte ... und in einer
Segnung -
    Hier verwirrten sich in Bonaventura die Vorstellungen ... Kaum hörte er noch
der weitern Vorlesung zu ... Brachen doch alle diese Tatsachen auf ihn wie
Blitze herein ... Und dazu dann noch die Nachricht: Lucinde ist dir gefolgt! ...
Eine Kunde, die ringsum alles in Nacht verdunkelte ...
    Diese Conferenz fand statt in jenem Zimmer, in dem einst Lucinde und
Klingsohr sich hatten finden und vereinigen sollen, um den Kronsyndikus zu
schützen ... Behagliche Wärme entströmte einem weissen Ofen ... Die Sonne schien
hell und mild durch die Fenster ... Still war alles ringsum ... Auf dem Tisch,
um den die vier Männer sassen, stand Schreibzeug, lagen Federn und Papierstreifen
... Terschka zerdrückte in seiner Ungeduld eine Federspalte nach der andern und
kämpfte mit sich - seine Erinnerungen an das kanonische Recht nicht allzu sehr
zu verraten ... Scheu blickte er zu Bonaventura auf, als wollte er sagen: Das
weisst du doch, dass das Concilium von Trident zu einer Trauung zwar den
Ortspfarrer oder dessen zugestandene Stellvertretung und zwei Zeugen verlangt,
dass es aber zum Stellvertreter sogar gestattet, einen noch nicht geweihten
Priester zu nehmen? Das weisst du doch, dass das, was an einer Ehe das Sakrament
ist, sich durch die Verbundenen selbst vollzieht und nicht im mindesten durch
den bei allen andern Sakramenten als die Hauptsache vorwaltenden Priester? Das
weisst du doch, dass sogar der Segen und alle Ceremonien bei einer Trauung an sich
ganz überflüssig sind, wenn ein sich selbst einander die Ehe gelobendes und
vollziehendes Paar nur einer Messe beiwohnt; ja dass auch eine Messe zwar
gelästert und verunreinigt werden kann durch Misbrauch, aber dennoch ein Opfer
bleibt, das, richtig ausgeführt, sich durch seine eigene Kraft vollzieht? Die
von einem Priester im Stande der Todsünde gelesene Messe ist wirksam - wie
sollte die von einem Juden in Priesterkleidern gesprochene einfache Segnung
nicht wirksam gewesen sein bei einem Act, wo die heilige Mystik des
Priestertums wegfällt? ... Hier fand eine Trauung ohne Messe statt, in einer
Abendstunde, die sonst nicht Sitte, aber wiederum nicht hindernd ist ... Endlich
- schliesst denn der Betrug, den man mit dem Pfarrer spielte, das gläubige und
von Zeugen vernommene Ja! der Braut und des Bräutigams aus? Das Mysterium der
Ehe liegt in denen, die aus sich selbst wie in Adam und Eva durch die Liebe ein
Abbild der Menschheit wiedergeben wollen, nicht im ersten Priester des
Paradieses, nicht in Gott, der sie zusammentat; die Liebenden opfern durch
sich, durch die Ehe Gott ... In der Ehe empfängt Gott oder der Priester; beide
geben nichts ...
    Das alles sprach Terschka nicht ganz ... So heimisch war er nicht mehr in
den Prüfungen, die einst »Pater Stanislaus« zu bestehen hatte ... Aber
Bonaventura las es wie Ahnungen aus seinen Augen, er, der seinerseits allerdings
so heimisch in diesen Anschauungen war, wie der Onkel Dechant - in den
Wandgemälden Pompejis ...
    Der im Antlitz wie mit Purpur übergossene Präsident ersuchte den Provinzial
weiter zu lesen ...
    Dieser tat es - und in der Tat lächelnd:
    »Eine Scene war es, die uns sogar selbst mit Schrecken überrieselte ... Die
nächtliche Stille in dem mondbeschienenen Walde ... Die Klänge der Orgel ... Wir
kamen von einem Mahl, das Graf Altenkirchen gegeben hatte ... Die Diener blieben
zurück ... Wir erklärten gegen Mitternacht, vom Kapellenturm aus im Walde über
die Baumkronen hinweg das Spiel der Mondstrahlen beobachten und eine Windharfe
hören zu wollen, die über einen Durchhau der Tannen gespannt war ... Bereits war
ich selbst voraus und fand Leo Perl im Ornat, einsam in der Kirche auf- und
abgehend und mit sich selbst redend ... Wahrhaft schön sah er aus in seinem
langen Kleide; die Stola, reichgestickt, hing über seiner Schulter ... Graf
Altenkirchen spielte die Orgel ... Fulvia Maldachini wurde vom Kronsyndikus
geführt ... Baron von Liebetreu trug die Schleppe ihres Kleides ... Sie schwebte
dahin, wie Juno, als sie Zeus vor allen Olympiern zu seiner Gemahlin erhob ...
Bei ihrem Stolz und Glück hatte sie von allem kein Arg ... Die Worte, die der
Priester deutlich sprach: Willst du diese gegenwärtige Signora Maldachini,
Marchesina von Santalto, zu deiner Gattin nach Vorschrift der heiligen Mutter
Kirche annehmen? verstand sie nicht, aber den Gebräuchen passte sie scharf auf
... Der Wechsel der Ringe, alles erfolgte nach Vorschrift ... Perl war so
heimisch in dem, was er zu tun hatte, dass wir darüber erstaunten ... Auch nicht
eine Eigenheit des Ritus ging verloren ... Wir gingen dann zum Schloss zurück ...
Scheu und in der Tat schon erschreckt von unserm Frevel ... Die Windharfe, von
goldenen Mondstrahlen beschienen, klagte geheimnisvoll über die Tannen herüber.
Noch klang die Orgel hinter uns her; Graf Altenkirchen blieb bis zuletzt, um die
Kapelle zu schliessen ... Wir hörten das Rascheln unserer Schritte auf dem grünen
Wiesenplan, wo uns die Leuchtkäfer umglühten ... ... Der Weg war nicht zu nah
bis zum Schloss ... Glücklicherweise war die Italienerin in einer so
überspannten Aufregung, dass sie uns alle zu sprechen zwang ... Es ging
französisch, italienisch, deutsch durcheinander; aber wir fanden erst allmählich
den Ton des Scherzes wieder ... Einer dann aber niemals mehr - Leo Perl« ...
    Der Provinzial hielt inne - um das Gericht Gottes zu bezeichnen ...
    »Der Freund«, fuhr er nach einer Weile fort, »hatte den Gedanken unsers
Betruges, mein' ich, ganz ebenso leichtsinnig ergriffen, wie wir ...
Zusammengesetzt in seinen Principien aus Voltaire und dem Zufall, den die
Kabbala lehrt, scherzte er über alles, was Plan und Absicht im Leben ... In
Alles müsse man sich blind werfen ... Auch in die Ehe ... Und lächerrlich war ihm
die Anmassung dieser Italienerin, die soviel Wert auf sich legte ... Er war
eitel darauf, sich unsers Vertrauens zu erfreuen. Seine Lust an der Sache ging
so weit, mit Befriedigung zu zeigen, wie vollständig ihm, einem Rabbiner, der
Ritus unserer Kirche bekannt war ... Was konnte ihm geschehen bei einer
Mitschuld so bedeutender Namen! ... Man setzte voraus, dass in Paris der Kaiser
selbst lachen würde, erführe er den Betrug ... Geld, glaubte man, würde
ausreichen, den Handel, wenn er bekannt würde, niederzuschlagen ... Da musste uns
denn freilich überraschen, dass wir plötzlich unsers fröhlichen Doctor Leo Perl's
Spur verloren ... Gleich nach der Trauung war er verschwunden ... Mit sich
mehrender Verlegenheit suchten wir ihn ... Wir erschraken nicht wenig, als wir
in Erfahrung brachten, dass er Christ geworden und noch mehr, dass er sich zu
Witoborn im Seminar befand ... Sofort eilte ich ihn aufzusuchen und hörte zu
meinem Erstaunen, dass Leo Perl katolischer Priester werden wollte ... Als ich
mit ihm sprach, erkannte ich ihn nicht wieder. Scheu blickte er zur Erde und
wich allem aus, was ihn an die Vergangenheit erinnerte ... Sind Sie aus einem
Saulus ein Paulus geworden? fragte ich ... Es gibt viel Wege nach Damascus! war
seine Antwort. Er deutete an, dass für ihn der Weg zur Erleuchtung über die
Mondscheinnacht in Altenkirchen gegangen ... Hat Sie der Frevel so erschreckt?
fragte ich. Haben die Messgewänder Sie zu unserm Ritus herübergezogen? ... Er
verriet vollkommen, dass er sich hatte taufen lassen im Schauer über seine Tat,
im Schmerz um seinen Leichtsinn und wie von Christus selbst darum angeredet und
ermahnt ... Er sprach ganz wie Augustinus in seinen Bekenntnissen. Wie diesen
sein künstlich sophistisches Redneramt mit Gewalt zum Ernste gezwungen, so
geschah es ihm auch mit seiner falschen Rolle ... Die Windharfe hätte ihm, sagte
er, gerufen, was dem Redner Augustinus, als er unterm Feigenbaum in Mailand über
sein stetes Lügen und rednerisches Prahlen weinte, die Kinderstimmen aus dem
Nachbarhause: Nimm und lies! Nimm und lies! ... Als ich seinen Entschluss lobte
und ging, wollten Andere sagen, der Kronsyndikus, der die Entdeckung zu fürchten
anfing, hätte ihn mit Geld bestimmt ... So viel ist gewiss, dass er später seine
erste Messe im Münster von Witoborn lesen musste, nur damit die gerade anwesende
Maldachini ihn sah ... Mir gegenüber wollte Perl behaupten, die Ehe derselben
wäre gültig ... In unserm lebhaften Streit darüber unterbrach uns der Besuch
seiner Verwandten ... Eine Jugendgeliebte hatte Perl gehabt, an die er Briefe
schrieb, wie Plato an Diotima ... Er gestand zu, dass sie ein ganz einfaches
Judenkind wäre, doch malte er sie sich wie ein hohes Phantasiegebilde aus, das
er dann freilich desto leichter aufgeben konnte ... Nun fingen die Verwandten
an, ihn aufs heftigste zu bestürmen ... Seine Schwärmerei war keine nachhaltige
... Verstand und Phantasie wechselten von jeher bei ihm ... Endlich erschien ihm
eines Tages aus einem, seinem Zimmer im Convict gegenüberliegenden Hause am
Fenster seine ehemalige Geliebte, geschmückt wie Ester, das Haar voll weisser
Perlen und vom bräutlichen Schleier umwunden ... War es Traum oder Wirklichkeit,
der Eindruck auf ihn wurde so mächtig, dass er zum Rector, dem spätern Bischof
Konrad, eilte und sich ihm zu Füssen warf mit der Bitte, ihn wieder freizulassen;
er könne nicht Priester werden ... Der gute Rector war gern bereit dazu ... Da
aber soll der Kronsyndikus, Ihr Vater, dazwischengetreten sein, soll Leo Perl
auf Neuhof entboten und ihn so in die Enge getrieben, ihn so eingeschüchtert
haben, dass Perl ins Convict zurückfloh und wirklich Priester wurde ... Gleich
nach der Messe im Münster erhielt er durch Ihren Vater eine vortreffliche Pfarre
... Seitdem sah ich ihn nicht wieder ... Er verfiel in Hypochondrie, blieb ein
einfacher Landpfarrer und zeitlebens von einem verschlossenen Sinn ... Auch mich
überschleicht Trauer und Wehmut, gedenk' ich jener Tage ... Um den Sohn der
Fulvia, um Ihren natürlichen Bruder, tragen Sie keine Sorge! Er lebt in
Verhältnissen, die zur Grausamkeit machen würden, ihn über seine Herkunft
aufzuklären. Ohne Zweifel erhielt Pater Maurus Anweisungen aus Rom. Diese
werden, denk' ich, nicht weiter gehen, als dass er die Wahrheit erforschen soll.
Er hat Ihnen einen Bevollmächtigten der Ansprüche Angiolina's in Aussicht
gestellt. Teilen Sie diesem von allen meinen Geständnissen, die ich vor Gott
und meiner Ehre vertrete, so viel mit, als zu seiner Aufklärung notwendig ist.
Ich wünschte, es wäre ein Priester; denn scheue ich mich auch nicht, vor meinen
Mitleviten zu bekennen, was wir täglich ausrufen sollen: Mea culpa, maxima
culpa! so wünscht' ich doch, die Gräber blieben unaufgedeckt. Was auf ihnen
blüht, blüht gesund und schön und ist es auch Irrtum und Sünde - es ist! So
unser ganzes Leben. Würde man Wahrheit pflanzen wollen, gedeiht sie - -?« ...
Noch kamen einige Worte des Grusses an Bonaventura und - an die Lauscherin ...
Das Bekenntnis war zu Ende ...
    Die Blicke aller Anwesenden waren auf Terschka gerichtet ...
    Terschka, zu Bonaventura's Schmerz kein Priester, sondern ein Laie, sollte
jetzt sagen, wie weit seine Aufträge gingen ...
    Der Provinzial schien eine völlig neutrale Rolle zu spielen ...
    Terschka drückte eine der Federspalten, die er auseinander getrieben hatte,
nach der andern wieder zusammen ...
    Während der ganzen Sitzung, die er durch seine Geistesgegenwart zu
beherrschen schien, hatte sein Inneres keine Ruhe gefunden ...
    Wie - stand es mit ihm? ...
    Am Morgen der Jagd war er im Kloster Himmelpfort gewesen ... Er fuhr dortin
voll äusserster Entschlossenheit ... Er wollte sich von seinem Orden losreissen,
wollte sich der Gräfin Erdmute anvertrauen, wollte sich in ihren Schutz begeben
und die Rolle eingestehen, die er auf Roms Betrieb hatte spielen sollen und die
durch seine Freundschaft für ihren Sohn gehindert wurde - er wollte die
Confession wechseln - wenn anders der trunkene Taumel, der ihm zu allen diesen
Entschlüssen den Mut gab, andauerte und andauern durfte, - das Entzücken über
Armgart's Hingebung - Armgart's, die schnell, schnell erobert werden musste vor -
den Entüllungen, über die ihr Schaudern, hatte er einmal ihr Ja errungen - bei
seinem Charakter zu spät kam ... Den Widerspruch ihrer katolischen Gesinnung
glaubte er, einmal im Besitz dieser Eroberung und mit Hülfe der Mutter, nicht
ernstlich fürchten zu brauchen ...
    Vor drei Tagen hatte er Armgart nach dem Stifte Heiligenkreuz
zurückbegleitet ... Er mässigte seine Leidenschaft und unterliess doch nichts, was
den Wahn des betörten Mädchens verstärken, ihren Entschluss, ihn durch sich
selbst von ihrer Mutter abzuziehen, befestigen konnte ...
    Zitternd war sie an seiner Seite hingeschritten ... Im Waldesdunkel, vom
Reiz der Einsamkeit verführt, wagte er, zärtlicher ihren Arm zu ergreifen ... Da
erschreckte ihn der Mönch, der ihnen gefolgt war, Bruder Hubertus ... Dieser
gesellte sich zu ihnen, liess sie nicht wieder allein, ja Armgart hielt ihn
absichtlich, nur um nicht von einem Turm, auf dem sie sich zu befinden glaubte,
himmelhoch niederzustürzen ... Armgart versprach zur Jagd zu kommen ...
    Sie wollte, verfolgt von ihrem Gelübde, sich besinnungslos in den Strudel
des Lebens stürzen ... Sie irrte dahin, nur um alles vergessen zu können, was
sie ihrem Opfer zu Liebe tat und tun zu müssen glaubte ... Ein nicht erfülltes
Gelübde! ... Einst hatte sie aus Dank über eine Krankheit, die Paula bestanden
hatte, Gott gelobt, funfzigmal an einem Tage die Antiphon Salve regina in
deutscher Uebersetzung und einen Monat lang zu sprechen. Als sie diese Pflicht
nachlässig betrieb, wurde sie sogar von Müllenhoff's mildem Vorgänger als im
Stande der Todsünde befindlich erklärt ...
    Terschka blieb die Nacht beim Verwalter des Stiftes ... Die Furcht, der
Mönch mit seinen Erinnerungen würde sich ihm aufs neue anschliessen, bestimmte
ihn, nicht sogleich wieder den Weg zurückzunehmen ...
    Am Morgen darauf musste er zum Provinzial Maurus, dann zur Jagd ... Er fuhr
sich selbst mit einem Jagdwagen und jagte querfeldein wie ein von Furien
Verfolgter ... Wieder redete ihn auch im Kloster Franz Bosbeck an; wieder fragte
er nach seinen Verwandten ... Und wenn ihm der Lästige das Dreifache in Aussicht
gestellt hätte von dem, was er für seine Erben in Bereitschaft zu halten
erklärte, er würde ihn wild angeschnaubt haben: Gehen Sie nach Böhmen! Meinen
Namen tragen dort Hunderte! ...
    Beim Pater Provinzial bebte er erwarten zu dürfen, dass er als Priester
begrüsst, für etwaige Renitenz von den Vätern vielleicht selbst mit Entüllung
seines zweideutigen Ursprunges bedroht werden würde ... Gefesselt an Leib und
Seele folgte er in die Bibliotek ...
    Pater Maurus teilte ihm ein über Wien aus Rom gekommenes Schreiben mit,
demzufolge er sich mit ihm verständigen sollte zur Beantwortung der Frage, die
da lautete: Ist Angiolina Pötzl, wie sie von einer Teaterfamilie genannt wurde,
die rechtmässige Tochter der in zweiter Ehe sich Herzogin von Amarillas nennenden
Fulvia Maldachini? Welche Umstände haben bei der Trauung derselben mit dem
Kronsyndikus Wittekind obgewaltet? ...
    Höchstes Erstaunen ergriff ihn beim Lesen der genaueren Motivirungen ...
Angiolina eine Tochter des reichen, vor wenig Tagen bestatteten Kronsyndikus!
Eine Tochter seiner Gönnerin in Rom! ... Hatte man das Interesse des Grafen Hugo
für sein Pflegekind wahrgenommen und dem nachgeforscht? Warum das? ... Graf Hugo
war es nicht, der ihm die Frage stellte: Ist Angiolina eine mir ebenbürtig
Geborene? ... Rom fragte es, sein General!
    Terschka hätte in der Stimmung, in die ihn die Furcht vor dem endlichen
»Ablaufen seiner Stunde«, jetzt die Leidenschaft für Armgart versetzte, nichts
getan, den Vätern der Gesellschaft Jesu zu dienen, wenn ihn nicht die ganze
Umgebung des Klosters und der lauernde Hubertus mit Furcht und Schrecken erfüllt
hätte ... Und Pater Maurus, als Inhaber der Beichte des Kronsyndikus, die er der
darin vorgekommenen Reservatfälle wegen seinem General in Rom, dem General der
Franciscaner, hatte zuschicken müssen, schwieg zu allem und schon musste er
Terschka mindestens für einen Affiliirten der Jesuiten halten ...
    So entschloss sich dieser, an einem der nächsten Tage auf Schloss Neuhof ganz
im Interesse seines Freundes des Grafen Hugo und der schönen Angiolina zu
sprechen ...
    Er machte die Jagd mit, umschwärmte Armgart mit seinen Huldigungen, begrüsste
mit Vertraulichkeit und allen Beweisen seiner gewohnten Galanterie Lucinden,
zeigte beim Brande, über den er kein Arg hatte, seinen Tateifer und kam auf
Schloss Neuhof mit dem Schein einer völligen Unbefangenheit an ... Er stellte
sich, wie wenn der empfangene Auftrag ihm höchst lästig wäre und er nur
opponirte, um seinen Auftraggebern die unerlässliche Schuldigkeit zu tun ...
    Den Präsidenten brachten aber seine Äusserungen über die Legitimität der
zweiten Ehe seines Vaters in die leidenschaftlichste Erregung ... Ueberhaupt
hatte dieser die Relicten seines Vaters verwickelter gefunden, als er erwartete
... Sein Ehrgefühl litt unter dem Ruf seines Namens schon lange und vollends
gereizt war er über die Sprödigkeit, mit der man ihm und seiner Gattin hier
entgegenkam ... Bonaventura fand heute an seinem Stiefvater Gefallen ... Fast
betroffen war er von dem innigen Händedruck, mit dem ihn dieser begrüsst hatte
... Die Anrede: Mein Sohn und Freund! war so aufrichtig betont, dass Bonaventura
aufs lebendigste für ihn Partei ergriffen hätte, wäre ihm nicht - der Gedanke an
Benno, der nun in wirkliche und nach seiner Ueberzeugung legitime Verwandtschaft
mit ihm trat, zu bestimmend gewesen ...
    Terschka sagte auf die ganze Eröffnung des Onkels Dechanten mit einer
spitzen und ironischen Betonung:
    Ich bewundere den Mut dieser Geständnisse! Aber - die Ehe gilt ...
    Herr von Terschka! rief der Präsident voll äussersten Unwillens ...
    Gewöhnen Sie sich doch an diese Vorstellung! lächelte Terschka, Sie sollten
Angiolina kennen lernen! Olympia in Rom -? Nein, da ist zu viel Kälte! Lucinde
Schwarz hier -? Nein, da ist der Verstand zu zergliedernd ... Ei, und ich
versichere Sie, ich gönne es Angiolinen, zu erfahren, dass sie an Jahren älter
ist, als wofür sie gilt ...
    Das Fräulein von Wittekind bezaubert ganz Wien durch ihre Reitkunst! Ich
weiss es ...
    Es war nur die Schuld Ihres Vaters, dass das kaum geborene Kind, dessen
Alter, wie man in solchen Lagen gewohnt ist, falsch angegeben wurde - unter -
    Die Gaukler geriet! ergänzte der Präsident. Ich werde Sorge tragen, dass an
Angiolina Pötzl nachgeholt wird, was versäumt wurde! ...
    Tun Sie das nicht, Herr Präsident! erwiderte Terschka ... Fräulein von
Wittekind entbehrt nichts, als ihren legitimen Namen ... Sonst ist ausreichend
für sie gesorgt ...
    Am wenigsten gönnen Sie ihr doch wohl eine solche Mutter, die man bei ihrem
Erscheinen in Wien mit einem Prozess auf Bigamie begrüssen würde! ...
    Sie kennen die Herzogin von Amarillas? fragte jetzt Bonaventura, um den
Eifer der Streitenden zu mildern ...
    Als ich in der römischen Armee diente, sah ich sie oft und ich gestehe Ihnen
gern, die Gründe nicht zu begreifen, die man haben kann, eine hochgestellte Dame
mit diesen Nachforschungen zu beunruhigen - ...
    Diese Gründe sollten Ihnen unbekannt sein? ...
    Vollkommen! sagte Terschka und stutzte über einen wie Hülfe suchenden Blick,
den der Präsident auf den Provinzial warf ...
    Bonaventura ahnte von Seiten seines Stiefvaters einen noch heftigern
Ausbruch der mühsam unterdrückten Stimmung und warf ihm einen bittenden Blick zu
... Die Hauptangelegenheit, das Austauschen der vor Jahren stattgehabten
Vorgänge war ja beendet; das Aussprechen der Legitimität der zweiten Ehe hing
von einer Entscheidung der römischen Gewissensräte ab ... Ihn zog es nun nach
Westerhof zu Paula, die nach dem schreckhaften Erlebnis dieser Tage seines
Zuspruchs bedurfte ... Und Benno, Benno war auf dem Schloss ... Benno hatte die
mit Terschka verabredete nochmalige Revision des Archivs, die jetzt einer neuen
Anordnung gleichkam, auf heute Nachmittag anberaumt ... Wie bebte er dem ersten
Grusse des Freundes - nun Bruders entgegen ...
    Da wir unter uns sind, lieber Sohn, begann aufs neue der Präsident, dem
Bitteblick erwidernd und das »unter uns« seltsam betonend, so will ich eine
Vermutung aussprechen. Ich gelte schon lange für keinen guten Katoliken ...
    Als hätte der Präsident das Erschrecken seiner lauschenden Gattin gesehen,
verbesserte er:
    Ich kenne wenigstens meinen Ruf ... Die Regierung schenkte mir Vertrauen und
ich habe als Patriot diesem Vertrauen zu entsprechen gesucht ... Das Zeugnis
kann ich mir geben, dass ich darum meine Religion ebenso liebe wie andere. Nur
die Anmassungen der römischen Curie zu beseitigen, lag in meiner amtlichen
Stellung und auch hier verfuhr ich mit Ueberzeugung. Zum Kirchenfürsten ging
ich, weil es meine Gattin wünschte. Ich habe ihm offen ins Auge sehen können.
Wenn ich es nicht getan haben sollte, war es, um einen Gebeugten nicht zu
kränken. Wir gehören einem gemeinsamen Staate an, der die gegebenen Zustände
schont, ohne sich den Verbesserungen zu verschliessen. Wollte der Himmel, die
Notwendigkeit der letztern würde nicht zu dringend! Verurteilen Sie mich
nicht, Herr Provinzial! Ich frage Sie - welch eine Institution ist allein schon
unsere Beichte, die die geheimsten Atemzüge bis nach Rom vernehmen lässt! ...
    Ein Rauschen an der Wand verriet den Schrecken der Gattin ...
    Erkennen Sie darin keinen Segen? erwiderte der Provinzial mit düster
zusammengezogenen Augenbrauen ...
    Der Präsident beherrschte sich und fuhr fort:
    Es ziemt mir nicht, Behauptungen auszusprechen, die ich nicht beweisen kann!
So weit aber hat doch mein Amt mich in das innere Leben der Hierarchie
einblicken lassen, dass ich vollkommen zu verstehen glaube, welche Zusammenhänge
diesen Belästigungen meiner Ruhe und Ehre zum Grunde liegen. Sie glauben, ich
würde nicht die Berechtigung der Herzogin von Amarillas, sich meine zweite
Mutter zu nennen, anerkennen? Ich würde nicht meine Geschwister an mein Herz
ziehen? Sie irren sich! Ich bin bereit dazu, wenn die Ehe wirklich nach
bürgerlichen, allgemein gültigen, deutschen Gesetzen als richtig geschlossen
gelten könnte. Sie kann dies aber nicht - und ich glaube nicht daran, dass auch
irgend Jemand von den Beteiligten in Wahrheit interessirt ist, dass dies
geschieht ...
    Nicht Angiolina, nicht Benno -? rief es in Bonaventura's Innern ...
    Oder glauben Sie, Herr von Terschka, dass Sie Instructionen erhalten werden,
noch eine gerichtliche Untersuchung über den Vorgang, den uns in so edler
Offenheit der Dechant erzählt hat, in Angriff zu nehmen? Grell aufgedeckt, aller
Welt bekannt soll dieser Vorfall werden? Was schrieben Ihnen darüber - die
Jesuiten? ...
    Terschka bot alle seine Verstellungskunst auf, um auf dies leicht
hingeworfene, doch alle erschreckende Wort lächelnd wiederholen zu können:
    Die Jesuiten! ...
    Die Jesuiten! bestätigte der Präsident. Sie sind kürzlich wiederhergestellt
worden. Sie sind schon mächtig genug. Aber die Macht des Ordens ist ihm noch
nicht die alte. Die übrigen Orden wuchsen inzwischen in zu grosser Autorität für
ihn empor. Von den frommen Vätern des heiligen Franciscus droht allerdings
seinem Ehrgeiz wenig Gefahr. Ihr General, Herr Provinzial, wird den Einblick in
die Beichte meines Vaters verweigert haben; aber doch sind Sie angewiesen, die
Bemühungen des Herrn von Terschka zu unterstützen. Ich weiss das! Bestreiten Sie
es nicht! Die Dominicaner hätten es nicht getan. Sie würden Ihnen, Herr
Provinzial, geschrieben haben: Lehnen Sie jeden Beistand zu Untersuchungen ab,
die den Jesuiten gegenüber eine bei uns niedergelegte Beichte compromittiren
könnten ...
    Herr Präsident! wallte der Provinzial auf und blickte auf Bonaventura, der
ihm beistehen sollte ...
    Ich klage Sie ja nicht an, Herr Provinzial! fuhr der Präsident fort und
strich sich seine dünnen grauen Haare, als hätte er das Gefühl, wie sie sich
unter seiner zunehmenden Erregung aufsträubten ... Ich sage nicht, dass Sie heute
überhaupt schon zu Herrn von Terschka's Beginnen ein Ja oder ein Nein
verrieten. Sie liessen ihn einfach gewähren. Ich will Ihnen aber nur Eines
sagen, was Sie überraschen soll ... In tiefstem Frieden über alles, was uns hier
beunruhigt, lebt in Rom die Herzogin von Amarillas ... Ohne Sorge rüstet die
hochgestellte Frau sich zu einer Reise nach Wien ... Cardinal Ceccone hat sich
seit Jahren an sie und ihren Umgang gewöhnt - Olympia, seine - Nichte - Sie
kennen ja die Sage über Olympia - beherrscht die römische Welt und beherrscht
ihn und die Herzogin - Ceccone, wie uns Männern vom Regiment wohl auf unsere
alten Tage geschieht, ist der Inquisitionen und Dolche müde. Er hat das Seinige
für die dreifache Krone getan. Aus Furcht ist er sogar - Affiliirter der
Jesuiten geworden - Und doch, doch tut er dem Orden nicht genug ... Ceccone
schliesst Concordate, bekämpft die Revolution, bereichert den Index der
verbotenen Bücher, verdammt Philosophieen und Glaubenssysteme, selbst die, die
der Mutter Kirche ergeben sind, Ceccone lässt Donner und Blitz vom Vatican selbst
über die neuen Eisenbahnen rollen - dem General der Jesuiten ist alles das noch
nicht genug. Man erwartet, dass Ceccone nach Wien geht. Die Diplomatie und
Staatskunst wollen den Frieden der Kirche mit unserm Lande vermitteln. Aber die
Jesuiten nehmen diesen Augenblick wahr. Ihnen scheint er für Deutschland, für
Europa entscheidend. Jetzt oder erst in einem Jahrhundert! So wollen sie den
letzten Rest von Selbständigkeit, den sich der Heilige Vater noch durch seine
nächsten Organe erhält, vernichten ... Nur den Befehlen des Al Gesù soll er
folgen ... Nur eine Politik, eine Diplomatie nach kirchlicher Autorität
vertreten ... Erst sollen Priester, Mönche, Bischöfe sprechen, dann
Staatskanzler ... So stechen sie jetzt dem Cardinal, einem alten Richter und
Advocaten allerdings voller Weltlichkeit, in die Ferse durch die Drohung: Die
Frau, ohne die du nicht sein kannst, die Frau, die der Deckmantel deiner
zärtlichsten Fürsorge für Olympia ist, verfällt einem Schicksal, das sie und
Olympia und dich selbst an den Pranger stellt; sie war die Gattin zweier zu
gleicher Zeit lebender Männer! Wozu würde sich nicht Ceccone entschliessen, wenn
er solche Gefahren von seiner Ehre, von der Ehre der Frauen, die er schätzt und
liebt, abwenden muss! Welche Dispense sind da nicht nötig, um solche Verbrechen
zu sühnen! Welche Schwierigkeiten vor demjenigen Teil des geistlichen
Ministeriums in Rom, der sich mit den Herzens- und Heiratssachen von
hundertunddreissig Millionen Kindern der Kirche beschäftigt! Erkennen Sie nun die
Möglichkeit, wie zuletzt dem Staat über solche Intriguen die Geduld reisst! ...
Ich nehme von dem nichts zurück, was ich für die Freiheit der gemischten Ehen
getan habe ...
    Das Rücken des Stuhls, auf dem der Provinzial sass, übertönte ein
fortgesetztes Rascheln, das an der Wand hörbar wurde und immer noch Niemanden
auffiel ... selbst nicht dem Präsidenten, der es ausdrücklich hören sollte ...
    Wie ergriff jedes dieser Worte Bonaventura im Hinblick auf die Empfindungen,
die - darüber eben auch - seine Mutter hätte hegen müssen ...
    Terschka wagte nicht zu widersprechen ... Vollkommen von der Wahrheit dieser
Entüllungen überzeugt, sah er im Geist wieder seinen löwenmutigen General,
hörte die vor Jahren in Rom erhaltenen Anreden, sah den Feldherrnblick, der im
Al Gesù das Nächste und Entfernteste vom kleinsten Menschen-bis zum grössten
Staatenschicksal zu benutzen versteht ...
    Wohlan, fuhr der Präsident fort, ich bin beruhigt, wenn mir Herr von
Terschka sein Ehrenwort gibt, vorläufig nichts weiter in dieser Sache zu tun,
nicht in Witoborn oder sonst auf den Archiven verdächtigende Nachforschungen
anzustellen, sondern vorläufig nach Wien oder - Rom hin zu berichten, dass dieser
Handel von unsern Auffassungen und Gesetzen abgemacht und die Herzogin von
Amarillas nicht die Frau von Wittekind ist ...
    Was nur lähmte Terschka die ihm sonst so geläufige Zunge und liess ihn über
die scharfe Betonung des Wortes: »Sein Ehrenwort« erschrecken? ...
    Der Präsident sagte noch einmal: Geben Sie Ihr Ehrenwort! ...
    Terschka schwieg ...
    Ihr Ehrenwort! Als Cavalier! ...
    Als Terschka auch jetzt noch sinnend niederblickte und schwieg, sprach der
Präsident mit ergrimmter leiser Stimme:
    Ich vergesse - - Herrn von Terschka bindet an die Obern das Gelübde des
Gehorsams! ...
    Die Wirkung dieser Worte war mächtig ...
    Der Präsident erhob sich; alle andern blieben sitzen wie gelähmt ...
Terschka bleich mit halbgeöffnetem Munde ... Der Provinzial mit hoch
aufgezogenen Augenbrauen ... ... Bonaventura mit einer Ahnung, die im Hinblick
auf - den ketzerischen Grafen Hugo im Nu - die volle Wahrheit erkannte ...
    Nehmen wir ein Frühstück, meine Herren! sprach im Gefühl seines wenigstens
jetzt unwiderlegbaren Triumphes der Präsident und wollte, scheinbar unbefangen,
vorangehen, um die Tür zu öffnen ...
    Die drei Priester waren zwar auch aufgestanden, blieben aber noch immer wie
erstarrt stehen ... Kein Wort kam von ihren Lippen ... Das Wort des Präsidenten
konnte für einen Scherz gelten - aber man erkannte zu deutlich - der Falsche,
Abtrünnige, der »Segestes«, wie ihn sein Vater genannt hatte, war zu diesem
Kampf wohlgerüstet erschienen ...
    Um die Vernichtung Terschka's, der, mit tausend Dolchen durchbohrt, sich am
Stuhl zu halten suchte, zu mehren, ging der Präsident in leichtem, scherzendem
Ton zu den Worten über:
    Will Graf Hugo seine Güter hier selbst antreten, so würde er allerdings gut
tun, sich erst in den Schoos der alleinseligmachenden Kirche zu begeben und Sie
- Herr Pater Stanislaus, werden schon dafür sorgen ...
    Ein Einspruch gegen diese Worte, die nur wie ein ironischer Scherz fielen,
war nicht möglich; denn schon hatte der Präsident geklingelt, schon traten
Diener ein. Nicht lange, so erschien Frau von Wittekind. Man setzte sich zu
Tisch. Der Präsident entwickelte eine Heiterkeit, eine Fülle von Kenntnissen,
die ihn scheinbar zum Sieger über seine Gegner machte, trotzdem, dass er ahnte,
wie ohne Zweifel mit der Zeit zwei legitime Geschwister sich ihm zur Seite
stellen würden ...
    Bonaventura brach früher als die andern auf ...
    Wie hätte er mit Terschka noch länger allein sein können ...! Wie noch
länger den Blick ertragen mögen, der in Terschka's Augen der der tiefsten
Vernichtung war! ...
    Welche Entüllungen! ... Terschka ein Jesuit! ... Abgesandt zur Convertirung
des Grafen Hugo! ... Und mit welchen Mitteln sollte er ihn bekehren ... Mit
welcher Kunst der Verstellung! ... Bonaventura's Erschaudern über Rom konnte bei
der einen Tatsache nicht verweilen, denn schon die andere verdrängte sie ...
Sah er auch im katolischen Sakrament der Ehe, das abweichend von den sechs
andern, sich ohne den Priester, rein nur durch die Liebe vollzog, wieder seine
vollen schönen grossen Rosen in den Münstern glühen, was sollte er - mit Benno
beginnen? ... Sollte er ihn lind und sanft auf seine Jugendtage zurückführen?
Auf einen Kronsyndikus als Vater! Auf eine in Rom unter Verhältnissen, die sich
aller klaren Beurteilung entzogen, lebende Mutter! Auf eine Schwester in
zweideutiger Lebensstellung ... Benno war, jetzt begriff er es ganz, älter, als
man geglaubt ... Wie auch anders konnte Benno in seinen Erinnerungen das Bild
einer schönen Frau haben, die aus einer prächtigen Kutsche stieg und ihn so oft
voll Schmerz und Liebe betrachtete! ... Wer konnte dies anders gewesen sein, als
die Frau, die eine rechtmässige Geburt verbergen musste und sicher den erlebten
Betrug erst spät ahnte ... Als sie in die allgemeine Flucht des westfälischen
Hofes gerissen wurde, blieb ihr kaum darüber ein Zweifel ... Da sie die tiefere
Kenntnis der ihr beistehenden Kirchenlehre nicht besass, ergriff sie Furcht, Hass,
Scham, sodass sie nichts mehr vom Vergangenen besitzen mochte und in ein neues
Lebensverhältniss trat, leichtsinnig genug vielleicht ... Erst hatte Max von
Asselyn, der aus Spanien zurückkam, Benno als seinen Sohn mitgebracht, dann
erzogen ihn die Hedemanns, dann kam er in die Dechanei ... Alles das war
verabredet um des Dechanten willen, dessen Existenz von einer plötzlich streng
gewordenen Censur abhing. Ein Zug der Natur war es, dass sich Benno so eifrig die
Sprache seiner Mutter aneignete und oft Bonaventura selbst anfeuerte, sich in
ihr zu vervollkommnen ... Und neben Angiolina - neben einer zweiten Lucinde,
neben einer in gewissem Sinne zweiten Rivalin Paula's - Graf Hugo liebte sie -
dann noch Lucinde selbst ... Zuletzt hafteten alle seine Gedanken nur noch
allein an dieser ... Gefolgt war sie ihm aufs neue ... Ewig sie sein Schatten!
... Auf Schloss Münnichhof, unter dem Schütze einer Frau von Sicking, wagte sie
zu erscheinen ... Nichts fürchtete sie von Klingsohr, nichts von allem, was
Bonaventura über ihr Leben aus ihrer unvergesslichen Beichte wusste ... Es
durchbebte ihn, gedachte er dieser Fessel seines ganzen Lebens ... Das war sie
und das blieb sie und - zum Hasse, zum glühenden Hasse Lucindens konnte er sich
nicht einmal erheben ... Nur fliehen musste er sie ... Wer weiss, ob sie nicht
rücksichtslos auf Schloss Westerhof erschien, Paula sich vorstellte und die
Schmerzen, die sonst die Leidende in ihrer Nähe fühlte, erneuerte ... Wie er im
verschlossenen Wagen seines Stiefvaters dahinfuhr zur Ebene nieder, da war es
ihm doch, als müsste Lucinde ihm nachfliegen, umschwärmt von Raben, mit einem
Zauberstab auf die Brandstätte deutend als den Anfang all des Unheils, das sie
ihm vorausgesagt hatte ...
    Indessen - auf den Feldern lag ein so milder Sonnenschein ... Der Frühling
fing an sich so mächtig zu regen ... Die Wälder in der Ferne hatten in einer
Nacht einen Schein bekommen, als trieben die Bäume schon ihre verjüngenden Säfte
... Heller, hoher Mittag war es ... In der Ebene musste er den Schlag öffnen, um
ganz die Sonne hereinzulassen ...
    Und wenn es ihm allmählich wurde, als müsste schon die Lerche seines
Frühlingsliedes steigen, so war es, weil sich zuletzt doch siegreich nur noch
allein Paula's Bild in milder Anmut auf sein inneres Auge senkte ... Das
Gewitter in ihm verrollte ... Nur noch einzelne Schläge, nur noch das Zucken
seines Auges vor einem letzten Leuchten des Blitzes - dann zogen die drohenden
Geister der Luft immer ferner dahin ... Auch der innere Himmel blaute wieder und
all sein Leben ruhte im Blick hinüber auf Westerhof ...
    Dennoch, dennoch klagten die innern Melodieen:
Muss ich es ewig sehn! In deine Locken
Flicht doch dereinst den Kranz die fremde Hand!
Der Myrte silberweisse Blütenflocken -
Doch schimmern sie dir einst aus fernem Land!
Unsterblich Loos, an Sterbliche gegeben,
Dich zu umfangen für ein ganzes Leben!
O lächle nicht zu hold! Du kannst nicht wissen,
Wie Lächeln wird zu Hoffnungdämmerschein!
Wie sich das Licht entringt den Finsternissen
Und hüllt die Welt in Rosenwolken ein!
Du ahnst es nicht, wie deinem Zauberworte
Zu sel'gen Träumen sich erschliesst die Pforte!
Es kann nicht sein! Es soll nur still verhallen!
Wie Zephyrhauch am holden Frühlingstag!
Wie in dem Strom die stillen Tropfen wallen!
Nur wie die Knospe bricht im Rosenhag! ...
Und rief's die Welt im Chor - Dennoch entsage!
Spräch' immer nur des Echos leise Klage - -
    In Witoborn wurde Bonaventura von dem alten Messner Tübbicke angehalten ...
Dieser bat ihn aufs dringendste, erst nach Sanct-Libori zu fahren, wo Norbert
Müllenhoff plötzlich erkrankt war und das Bett hütete ... Eben entbot er ihm
einen Vicar und vielleicht, bat er, hätte der Domherr auch die Freundlichkeit,
den Pfarrherrn in seinen Functionen zu unterstützen ... Beichten, Messen, alles
würde in Stocken geraten, wenn die Krankheit andauerte ...
    Bonaventura musste den Umweg über Sanct-Libori nehmen ... Sonntag war vor der
Tür, aber nichts erschreckte ihn mehr, als die Aussicht auf Beichtören ... Er
billigte als Aushülfe einen Vicar aus dem Seminar - aus demselben, aus dem einst
Leo Perl gekommen ...
    An der Besitzung der Frau von Sicking brauchte er jetzt nicht, wie er
gefürchtet, vorüberzufahren ...
    Den Pfarrer fand er in der Tat im Fieber ... Müllenhoff behauptete, sich
beim Brand erkältet und über das Fräulein Benigna von Ubbelohde geärgert zu
haben ... In Wahrheit aber waren nur die beiden Wiegen, die vor seiner Tür
gestanden hatten, der Anlass seiner Krankheit ... Wie der Gensdarm von der
Schmeling zurückgekommen war und den ganzen Hausstand derselben geschildert
hatte, auch die Anwesenheit des verunglückten Dieners auf Westerhof, auch die
der Finkenhofer Lene und ihrer Umstände, da legte er sich ins Bett ...
    Der Geschäfte gab es für den Eiferer so viele ... Gerade war der
Kirchenconvent gekommen ... Er kam, um Strafen zu verhängen, um die neue
Tanzordnung für den Finkenhof zu ordnen, um den Jünglings- und Jungfrauenbund
für die Ostern einzuleiten ... Bonaventura musste alle diese Neuerungen auf einen
andern Tag verschieben ... Müllenhoff, wie sich bei einer so markigen und
kernhaften Natur erwarten liess, wand sich in ungeberdiger Ungeduld auf dem
Lager. Vor Aufregung und Erhitzung durch den Tee, den ihm die Katrein zu
trinken gab, sah er wie zum Schlag treffen aus ...
    Bonaventura sprach ihm zur Beruhigung ... Besass doch auch nur er diesen
sanften Ton, der Herder's Behauptung widerlegen müsste, dass die Sprache von den
Menschen erfunden ist ... Diesen Ton, der tröstend zu den Leidenden spricht, der
wie ein Balsamhauch über brennende Wunden fährt; den nicht die Zunge, den das
Herz selbst einsetzt und gerade so einsetzt, wie der Schmerz seine Klage ...
Diesen allein tröstenden Ton, den ein Arzt hat, wenn er, ein weiser
Heilkünstler, in das Zimmer eines Kranken tritt ... den ein Vater hat, wenn er
ein' Kind an sein Herz zieht und es ermuntert nur ihm, ihm allein seine jungen
Leiden anzuvertrauen, ihm allein die Erstlinge seiner Schmerzen zu opfern ...
Müllenhoff meinte zaghaft: Ich möchte Ihnen wohl beichten! ...
    Bonaventura hielt dies Wort für ein Zeichen der Todeserwartung, für ein
Begehren, schon die Sterbesakramente zu empfangen ... Er bat den excentrischen
Mann, sich nicht aufzuregen ... So unterblieb das Abschütteln einer, wie es
schien, drückenden Last ...
    Ein normirtes Vespergebet musste Bonaventura im Stift Heiligenkreuz halten
... Das war unerlässlich; - wer zählt die religiösen Pflichten, die sich an die
Altäre der alleinseligmachenden Kirche auf Stunde und Minute knüpfen! ... Kein
Gotteshaus, und wär' es noch so klein, es hat seine Ordnung und seine bestimmten
Tage, die nur ihm allein angehören ... Geburtstage im Kalender der Heiligen (die
Geburt eines Heiligen ist sein Tod) gibt es mehr, als Tage im Jahre ... So
reicht die Zeit kaum aus für die Reihe der Zeugen und Bekenner, deren Gedächtnis
die Kirche feiert ... Jede Diöcese besitzt ein Programm seines Kirchenjahrs, so
festgeordnet auf Ort und Minute, wie die Astronomie die Constellation der
Gestirne bestimmt ...
    Der Wittekind'sche Wagen blieb zu Bonaventura's Verfügung ... Er fuhr damit
nach Heiligenkreuz und hielt das Vespergebet zu nicht geringer Ueberraschung der
Stiftsdamen ... Gib Acht, du kommst nach Westerhof und triffst schon Lucinden!
... Dieser Gedanke verfolgte ihn ... Lange aber hatte ihm eine einfache
kirchliche Function so wohlgetan, wie heute nach allen Aufregungen dies stille
Murmelgebet in der kleinen dunkeln Kapelle des Stifts ...
    Und das hätte dann allerdings den Damen behagt, wenn Bonaventura ihnen
Beicht abgenommen ... Sie hätten sämmtlich ihren gewöhnlichen Arzt, Müllenhoff,
sofort aufgegeben und dem neuen von sich weit, weit mehr, als nur
Fastengebotverstösse eingestanden ... Wie »bedeutend« hätte sich jede in ihren
Zweifeln und Beunruhigungen hingestellt! ... Fräulein von Merwig, die
»Anflickerin«, hätte ihren starken Geist gedemütigt und ein Mittel gegen den
Ehrgeiz begehrt, nur um zu verraten, dass es Dinge gab, worauf sie ehrgeizig
sein konnte ... Fräulein von Absam hätte »Neid« in der Brust gehabt und damit
verraten, worauf ihre geheimen Sehnsuchten gingen ... Fräulein von
Tüngel-Appelhülsen, eines der jüngern Mitglieder, erst im Anfang der vierziger,
hätte vielleicht eine Indiscretion gebeichtet, die beinahe wie eine Rache
herauskam. Sie war eine Verwandte der Schwester Scholastika, Aebtissin der
Hospitaliterinnen in Wien. Aber die Tüngel-Heides und die Tüngel-Appelhülsens
wichen voneinander ab wie Tag und Nacht. Unbekannt mit diesem Unterschied ging
Monika jene Portiuncula unter dem Siegel der Verschwiegenheit an, ob sie nicht
bei ihr mit fremdem Namen absteigen und in Armgart's Nähe einige Tage leben und
sich ihrer Nachbarschaft einwohnen könnte, ohne dass sie es wisse. Und auf diesen
Brief hatte das Fräulein geantwortet, ganz so steif, ganz so beschränkt, wie
ihrem Charakter entsprach. Monika hatte diesen Brief nicht vertrauenerweckend
gefunden und nur noch kurzweg um Entschuldigung gebeten und ihre Hülfe
abgelehnt. Aber - dumme Menschen sind immer gefährlich und gerade die klugen
Leute machen dann auch noch gerade die dümmsten Streiche. Portiuncula hatte
sich, aus Rache für diese Ablehnung, gestern Abend in ihrer ganzen Glorie
gezeigt ... Zu Armgart, die seit dem Brand in Westerhof blieb, hatte sie unter
Kichern und zweideutigen Anspielungen, ganz im Geist des Stiftes, gesagt: »Na
ja, Fräulein von Hülleshoven, jetzt kann ich Ihnen doch sagen, Ihre Frau Mama
ist schon in Eschede! Sie wohnt bei Schönians. Die Müllern, die Angelika steckt
sogar von Paris aus dahinter! Ja, und von da geht sie noch heute zur Frau von
Sicking, und denken Sie! wer wird sie da eingeführt haben? Niemand anders,
glaub' ich doch, als die Person, die mir mein ganzes Lebensglück ruinirt hat,
Sie wissen ja - die Schwarzin! O, ich könnte in Neuhof die Erbin so gut sein wie
andere! Aber, wenn Sie morgen Abend beim Tee in Westerhof sitzen, da passen Sie
mal auf, dann ist die Mutter da und hält Ihnen die Augen zu! Sie hat sich mit
Benigna hinter Ihrem Rücken ausgesöhnt! Und wollen Sie von Ihrem Vater hören, so
müssen Sie - aber verraten Sie mich nicht - zu Hedemann nach Witoborn! Lassen
Sie doch Ihren Herrn von Terschka da anfragen - Freilich - bei Hedemann wohnen
Herr von Asselyn und Herr de Jonge ... Er - Sie Kleine, Sie fangen ja schon früh
an! - -« Und nun kam alles so heraus, wie es ist in der Welt, wenn der Mensch
sich einbildet, sein Leben und sein Handeln wäre nur für ihn allein da; alle
wissen davon und oft mehr, als wir ...
    Diese Beichten blieben jedoch aus ...
    Es war schon Abend, als Bonaventura in Westerhof eintraf ...
    Er fand das Schloss in eigentümlicher Bewegung ... Im Vorhause hörte er aufs
lebhafteste sprechen ... Die Diener standen in Gruppen ... Fast übersah man das
Anfahren seines Wagens ...
    Er achtete wenig darauf, da er sich schon erleichtert fühlte, nur kein
Anzeichen zu sehen, das auf eine etwaige Anwesenheit von Besuch und wohl gar
Lucindens schliessen liess ...
    Herr Domherr! hiess es. Bisjetzt haben Herr von Asselyn auf Sie gewartet und
Herr de Jonge ... Beide empfahlen sich zur Rückreise und hätten Sie gern noch
einmal gesprochen ...
    Benno schon zurück? ...
    Bonaventura hoffte, dass er ihn und Tiebold morgen noch in der Stadt fand
...
    Ueber Terschka erfuhr er, dass in der Tat dieser und Benno, Tiebold und der
Onkel, wie sie gewollt, am Nachmittag das Archiv geordnet hatten ...
    Vom Hof aus leuchteten die Laternen, die, um Unglücksfällen vorzubeugen, die
düstere Brandstätte erhellten ...
    Klingeln erschallten von da und dort ...
    Ist Paula - doch nicht - krank? dachte er bangend und wagte nicht zu fragen,
ob dies Klingeln und Laufen der Gräfin gälte -
    Die Herrschaften sind alle oben! hiess es ungefragt ... Und Herr von Terschka
kleidet sich um ... Und auch Herr von Hülleshoven ...
    Wozu umkleiden? dachte er ...
    Eine Kammerjungfer des Hauses eilte an ihm vorüber, blieb stehen und sagte:
    Herr Domherr - Sie wissen doch schon? -
    Sein Blick deutete das Gegenteil an ...
    Das Document - die langgesuchte Urkunde -
    Eine Klingel zwang die Sprecherin, in Eile abzubrechen ...
    Bonaventura blieb wie mit einem Riss durch sein Herz ... Indem stand ihm
plötzlich Onkel Levinus zur Seite ...
    Da sind Sie! Nun, Domherr, sprachen Sie schon Ihren Vetter Benno? ...
    Was ist? ...
    Sie hörten doch? Die Urkunde ist gefunden! Beim Räumen des Archivs! Sehen
Sie, so hab' ich mich umkleiden müssen! Vor Russ und Brandgeruch! Auch Herr von
Terschka! Ein Wunder ist's! Staunen Sie nur! Unbegreiflich! Aber Sie wissen
doch, die Urkunde, der zufolge Graf Hugo nicht erben soll, wenn nicht die
Religion stimmt! Paula bleibt die Erbin! Darüber ist jetzt kein Zweifel ...
    Bei allen Heiligen -
    Wunderbar! Aber kommen Sie! Sehen Sie das Document! Wir fanden es mitten
unter den geretteten Papieren ...
    Schon stand Bonaventura in der geöffneten Tür des grossen Vorsaals ... am
Weihwasserbecken ... Besinnung hatte er nicht, sich zu benetzen ... Die Gruppe,
die sich seinen Augen bot, liess auch nichts anderes aufkommen, als zunächst den
Gedanken: Paula stirbt! ...
    Beleuchtet von Kerzen, die Diener und einige Mädchen in die Höhe hielten,
stand Paula mit einer Pergamentrolle in den Händen, leichenblass, Wachsfarben,
wie ein Cherub des Himmels und wie schwebend im Chor der Seligen ... Armgart, zu
ihr aufsehend, hielt sie in Andacht und Schrecken ... Die Tante Benigna hielt
sie ebenso mit ihrer Rechten ... Paula las zwar, aber ihr Auge stand starr und
wie gebrochen ... Die Worte: »Vorbehaltlich dass die jüngere Linie meinem
Beispiel folgt und bis dahin in den Schoos der alleinseligmachenden Kirche
zurückgekehrt ist« standen wie mit Geisterhand aus ihrer Stirn zu lesen ...
Onkel Levinus sprach diese Worte ... Und nun trat Bonaventura ein ... Da erlosch
Paula's Auge ganz ... Ihre Kniee wankten ... Mit einem Hauch des Schreckens
verging ihr die Kraft, sich zu halten ... Ohne Bewusstsein lag sie in den Armen
der Hinzuspringenden, die sie nebenan auf ein Sopha trugen ...
    Wie mit Donnerton wollte Bonaventura rufen: Aber die Urkunde ist ja falsch!
... Doch auch ihn entwaffnete der Anblick derselben. Er kannte so viele solcher
alten Urkunden. Diese trug die Spuren ihrer Echteit unverkennbar ... Das
Pergament war zermürbt, mannichfach zerbrochen, altersbraun ... Die Buchstaben
der Handschrift im steifen Kanzleigeschmack der Zeit nach dem Dreissigjährigen
Kriege ... Während Paula nebenan ins grüne Zimmer getragen wurde, erzählte der
Onkel die Art des Fundes, die Ueberraschung Benno's, die Zweifel Tiebold's,
seine eigenen Untersuchungen ...
    Aber Terschka? fragte Bonaventura ausser sich ...
    Betroffen - natürlich - erschüttert - Es ändert sich vieles - wenn nicht -
...
    Alles! rief Bonaventura ...
    Der Onkel bestätigte dies ... Sonst hörte er nichts und sah nichts, als die
wahrscheinliche Geschichte der Urkunde ... Er bewies an den Brüchen des
Documents, wie dasselbe zwei Jahrhunderte lang an der hintern Wand eines
Schubfachs hätte müssen eingeklemmt gewesen sein ... Er hatte das Siegel der
Dorstes nie in so richtiger Prägung gesehen ... Drei Sterne fand er wieder, die
gerade Maximilian von Dorste zuerst in das Wappen des Hauses einführte ... Er
bewunderte die damalige Schreibart einiger Dorfschaften, die zu den gräflichen
Gütern gehörten ... Längst von ihm geahnte Ursprünge derselben sah er jetzt
bewiesen ...
    Paula blieb inzwischen auf dem Sopha; Armgart kniete vor ihr und barg
tränenvoll ihr Haupt ...
    Tante Benigna sagte halb bangend, halb von ihrem Standpunkt schon
freudestrahlend:
    Eine grosse Wendung! Paula - die Herrin des Ganzen! Das steht nun fest und
bleibt unwiderruflich ...
    Und auf ein Wort, das sie eben von den Rücksichten der Etikette beginnen
wollte, trat Terschka ein, in schwarzen Kleidern, in völlig veränderter Haltung
gegen sonst, bleich wie der Tod ...
    Die Augen Bonaventura's wagte er nicht auszuhalten ...
    Er verbeugte sich und blinzelte auf alle Umstehenden von der Seite, während
er aufs neue die Urkunde ergriff ...
    Wie oft hatte man sich aus Wien bereit erklärt, sich ihr unterwerfen zu
wollen, falls sie gefunden werden könnte und überhaupt je ausgestellt wäre ...
Es handelte sich um eine veränderte Stellung aller der Fragen, die bisher Rück
vertreten hatte. Es handelte sich um die weitere Erbfolge, die eine völlig
verschiedene wurde, wenn sie von Paula als Herrin ausging, als wenn von der
jüngern Linie. Blieb Paula die Besitzerin, so hatte auch die weibliche Linie der
Dorstes Erbrechte und da ergab sich auf diese Art nicht nur der berechtigtste
Anteil drüben in der Person des Präsidenten auf Neuhof, durch diesen in
Bonaventura selbst, sondern auch für viele entfernter wohnende Angehörende ...
Gerade von dieser Seite aus war schon lange und besonders durch den Kronsyndikus
wie eine felsenfeste Notwendigkeit die Convenienzregel hingestellt worden, dass,
wenn Graf Hugo nicht mit dem Erwerb dieser grossen Güter, weil er nicht
katolisch wäre, durchdränge, doch Gräfin Paula dann seine Hand annehmen müsste,
um ihn und die jüngere Linie von ihrem tiefen Verfall emporzubringen ... Ein
solcher Recess, wie er nun jetzt eintrat, gestattete Paula nicht die freie
Disposition über ihr Eigentum; Vettern und Muhmen und Kirche und Landschaft
nahmen an den Pacten einer Ehe teil und legten die mannichfachsten
Beschränkungen der vollen Besitzergreifung auch für Paula auf ... Paula, die
darum aber doch die reiche Erbin blieb und höchstens aus freiem Willen, aus
Hinopferung ihrer Hand etwas für die jüngere Linie tun konnte - für den Grafen
Hugo, den Luteraner, den Freund Angiolina's - den Freund des Freifräuleins von
Wittekind, der Schwester Benno's! - Paula erhielt an die Freiheit ihres Willens
Berufungen, denen wenigstens jetzt ihre Kraft nicht gewachsen war ... Alles das
übersah Bonaventura voll Schrecken und Wehmut ...
    Terschka erklärte mit scheinbarer Ruhe und mit einer den Onkel und die Tante
wohltuend berührenden Mässigung nur seine Ueberraschung zu diesem
Schicksalsschlage ... Seinen unbedingten Glauben an die Urkunde verweigerte er
nicht ...
    Er erwähnte die Anstalten, die er getroffen hätte, sofort durch einen
Courier nach Wien die neue Wendung wissen zu lassen, die man jedenfalls - er
verbeugte sich gegen Paula - hoch in Ehren zu halten hätte ...
    In seinem Innern kämpften die Entschliessungen, die er fassen sollte ...
Seine irrenden Augen suchten Armgart, die die ihrigen verbarg ...
    Die Beichtworte, die Bonaventura von Hammaker und Bickert gehört hatte,
lauteten auf »Feuersbrunst« und »falsche Urkunde« ... Ein Wie? ein Wo? und Wann?
hatte er von keinem von beiden erfahren können ... Vielleicht hatte er in der
Tat diese beiden Geständnisse in eine zu rasche Verbindung gebracht mit den
Scherzreden Benno's bei jenem Abendspaziergang am Ufer des Stroms, die gelautet
hatten: »Die Kunst, in alten Lettern auf Pergament zu schreiben, ist in unserer
Stadt heimisch« ... Konnte er auch eine Wendung, die zunächst eine scheinbare
Glückswendung für Paula war, so ohne weiteres auf diesen seinen Verdacht hin als
ein Werk des Betrugs erklären? ... Wie er Terschka lesen und lesen sah, kam ihm
sogar der Gedanke: Hat wohl gar, in falscher Freundschaft für den Grafen Hugo,
ein Jesuit dies Verbrechen gefördert - fördern müssen - in majorem Dei gloriam?
... Reisst man Paula mit Gewalt zu dem Mann hinüber den sie in den Schoos der
Kirche führen soll und - führen wird! ... Sicherte man sich in Rom zwei Magnete
zur Bekehrung: Paula - und Angiolina? ...
    Paula erholte sich und ihr Auge suchte Bonaventura. Sie wollte den Rat der
geliebten Stimme hören ...
    Den Rat - des entmannten Abälard - an Heloisen ...
    Die Aufregungen des Onkels, der Tante dauerten fort ...
    Benno, der bisjetzt kaum von der Tante genannt wurde, erhielt plötzlich von
ihr die höchste Anerkennung und Tiebold de Jonge verschwand. Eine Neigung zum
Skepticismus, die Tiebold beim Anblick des wunderbaren Fundes und beim dadurch
bedingten Rückgängigwerden seines Waldankaufs verraten hatte, verdächtigte ihr
Tiebold's Gemüt, sogar seine Grundsätze ... Die Tante sprach kein Bedauern
aus, dass der junge sonst so liebenswürdige Herr von Jonge heute und nun für
immer fehlte ...
    Bonaventura verliess endlich das Schloss, dessen Bewohner sich nicht sammeln
konnten ...
    Terschka schien zögernd mit ihm sprechen zu wollen ... Er entriss sich ihm
voll Grauen ...
    Wie die Nebel um ihn her aufstiegen, wie rings alles in ein
undurchdringliches Dunkel sich hüllte, so umnachtet in seiner Seele schritt er
dahin und fast den Weg verfehlend ...
    Erst die Glocken von Sanct-Libori wiesen ihm die rechte Strasse ... Sie
läuteten schon seit einigen Tagen auf die kommende Fasten-, Leidens- und
Osterzeit ...
    Aber in seinem immer tiefer und schwerer belasteten Innern griff das
Kirchenjahr schon weiter hinaus - schon zum Tag der Verklärung und der
Himmelfahrt:
Ostern! Ostern! Dein Erwachen
Führt nur himmelwärts den Nachen
Aufwärts aus der Erde Not! -
Ach, zu tödlich ist der Tod! - -
Wer entronnen seiner Truhe,
Sucht auf Erden nicht mehr Ruhe.
 
                                      22.
Von der Etikette hatte die Tante zu Terschka gesprochen ... Etikette - das ist
so ein Wort, das uns in Armgart's Welt zurückführt ...
    Etikette war ihr von allen Erb- und Erbsketten schon von frühster
Kindheitserinnerung an eine der härtesten und grausamsten - Auch im Stift wurde
noch jetzt der Vorwurf des Mangels an Etikette nie anders ausgesprochen als mit
jener Geringschätzung etwa, die den Mangel an sechszehn Ahnen begleitete ...
    Wer das Geheimnis der Liebe in einer reinen, eben vom Kind zur Jungfrau
erblühten Natur beobachtet hat, weiss es, dass sich die älteste aller
Weltbegebenheiten im Mädchenherzen immer wie das Allerneueste wiederholt. Jede
liebende Seele glaubt die Liebe zuerst erfunden zu haben ...
    Die Tradition ist dann allerdings mächtig. Es gibt sechszehnjährige
Oberflächlichkeiten genug, die die angeborne Nichtsbedeutung durch das
schnellste Annehmen aller über Welt, Leben, auch die Liebe überlieferten
Begriffe kund geben und ebenso basenhaft von der Liebe fühlen und sprechen, wie
jede ihrer Tanten ...
    Doch fehlen auch Erscheinungen nicht, die, wie die Schnecke ihr eigenes
Haus, so sich ihre eigene Welt aus ihrem Innersten erbauen ... Erscheinungen,
die erst lange, oft nach den gefahrvollsten, ja das eigene Leben bedrohenden
Umwegen auf euere gemeinplätzlichen Entweder-Oders, euere »Liebe oder Hass«, euer
»Wille oder Zwang«, euere »Natur oder Unnatur« ankommen, Gegensätze, die nun
einmal die geltenden sind. Sie kommen dahin oft an erst mit gebrochenem Herzen,
geknicktem Genius, für immer verbrauchter Lebenskraft ...
    Weiss denn wohl Armgart, was die Liebe ist? ...
    Sie sollte es doch wohl empfunden haben, wie es tut, im Arm eines Mannes zu
ruhen, der von glühender Neigung ergriffen ist ... Sie sollte es doch wohl wissen
von damals, als sie vom Hüneneck herabstürmte und in Benno's Arme sank, der sie
auffing und so lange hielt, bis sie wieder den verlorenen Atem gefunden ... Sie
sollte Tiebold's »Schmachten« verstanden haben und aus der Pension vollkommen
wissen, wonach sich schon so früh Tausende von jungen Mädchenherzen sehnen ...
    Aber sie hatte nun eben nicht den Trieb, immer allein in sich selbst zu
verharren ... Schon als Kind lebte sie nur für andere - sie lebte für Paula, die
sie bediente, der sie half, die sie verteidigte, so klein sie war. Der Freundin
war sie ein Bannerträger, wenn auch nur gegen Sonnenstrahl und Regen ... Und die
Tante liess das Gefühl, dass sie auch selbst etwas war, niemals bei ihr aufkommen
... Sie wuchs auf unter Anklagen, dass sie, wie sie's nannte, überhaupt nur in
der Welt wäre ... Bettina liebte als Kind den schon bejahrten Goete deshalb,
weil sie in Frankfurt nur von ihm hören konnte: Der kalte, herzlose,
unpatriotische, fürstendienerische Egoist! ... Armgart hörte ebenso nichts, als
dass sie einen herzlosen Vater, eine herzlose Mutter hätte ... Sie hörte, dass sie
eigentlich ein Leben führte, das eine Beschämung der Verwandtschaft wäre ... Sie
wäre ein Wildling ... Sie sollte nur sorgen, dass man sich nicht auch noch ihrer
schämen müsse ... Dem alten Grafen Joseph war sie in der Tat selten bequem ...
Geduldet wurde sie in Westerhof nur durch ein stetes Gemeistert- und
Gestraftwerden ... Paula schützte sie, soweit Paula Kraft und Willen hatte ...
Aber mit träumerischem Herzen ging Armgart doch im Schloss wie in der Fremde und
mistraute jeder Huldigung, jedem Schmeichelworte, das ihr wurde ... Bettina fand
einen einzigen Freund des verketzerten Goete, die alte Mutter des Dichters ...
Mit der »schwärmte« sie für ihn ... Mit der erfand sie sich eine Idealgestalt
und hielt die fest ... Auch Armgart sass so auf einem Fussschemel und legte den
Kopf in den Schoos einer einzigen teilnehmenden Seele und malte sich den Vater
und die Mutter entgegengesetzt alledem aus, was ihr täglich von ihnen gesagt
wurde ... Nur konnte Paula nicht, wie die Frau Rat, kleine Züge des Herzens von
ihren so hart Angefeindeten erzählen, Erinnerungen der Kindheit, die ein
Mutterherz bewahrt ... Aber Paula war doch die einzige, die zuhörte, wenn
Armgart von alten Dienern und Beamten des Schlosses Erinnerungen an ihre Aeltern
und besonders an die Zeit, wo sie ihnen so gewaltsam vorentalten wurde,
aufgetrieben hatte ... Der alte Tübbicke hatte ihr den Versteck im Laboratorium,
die Krankheit der Mutter, das Ergrauen ihrer Haare erzählt ... Der alte
Oberförster lobte jeden Soldaten, der sich im Frieden nicht gefalle und es mache
wie Herr Ulrich von Hülleshoven und Hedemann, die in fremde Dienste und Länder
gegangen wären ... Was nur unterhaltend, abenteuerlich, bedeutsam im Leben war,
knüpfte sich für Armgart an die Aeltern ... Ihre Liebe zu ihnen wurde ihr wie
ein angewöhntes Sprichwort, das man aus Laune und gerade zum Trotz in Gegenwart
von Menschen, die sich aus Gründen, die uns nicht überzeugen können, darüber
ärgern, nicht ablegt ...
    Wie dann die Religion auf Armgart wirkte, wissen wir ... Die Religion war
ihr wie dem Volk und wie im Mittelalter der ganzen Bildung der Anhalt alles
Heroischen und Grossen ... Man führte im Mittelalter die Vorgänge des Evangeliums
auf öffentlicher Bühne auf, um zu zeigen, dass Tyrannen, wie Herodes, vor Gott
nicht bestünden ... Was wollten denn nun diese bösen Philipps und Ludwigs von
Frankreich gegen die vom Christentum berechtigten Augenspiegel beginnen? ...
»Hauspapen«, Französinnen aus klösterlicher Region legten den Grund der Bildung
Armgart's ... Das Pensionat in Lindenwert hatte nur auszubessern, ohne dass man
dabei an besonders Neues ging ... Armgart lernte etwas zeichnen aus sich selbst
... Nie, dass sie dafür zur Ermunterung kam; nie, dass sie angefeuert wurde, einen
Wert auf sich zu legen ... Sie war so anmutig, so hold und lieblich - aber das
war ja ihre Schuldigkeit - Himmel! Wie würde sie »gestanden« haben bei ihrer
ohnehin so »schiefen Stellung«, wenn sie nun gar noch hässlich gewesen wäre! ...
So warm und innig, wie Benno mit ihr sprach, so schwärmerisch wie Tiebold, das
war alles nicht die Fortsetzung dessen, worauf sie im Leben früh angewiesen war
... Euere Liebe, ihr jungen Mädchen, ist nur das stündliche Eintreffen einer
sechszehnjährigen Prophezeiung, die Folge des stündlichen Erwartens einer
verheissenen Huldigung! ... Seht nur die blasse Klavierspielerin, wie sie
ermattet am Fenster sitzt und hinter den Blumen die Vorübergehenden mustert und
berechnet: Der da mit dem goldnen Knopf am Spazierstock und dem Bärtchen geht
heute schon zum dritten Mal vorüber - gilt das dir? Und galt es ihr, so lässt sie
auch gleich das Leben für ihn. Sie sagt das wenigstens den Aeltern. Werden die
Annäherungen des jungen Manns von diesen nicht gewünscht, so verfällt sie in
einen Zustand »unglücklicher Liebe«, der ein halbes Jahr dauert und mit dem
ersten Winterball endet.
    In Lindenwert machte es Armgart, wie sonst in Westerhof; sie nestelte und
bändelte und strickelte den ganzen Tag - für andere ... Sonst schnitzte sie den
kleinen Kindern - sogar den Kindern der Bedienten Schiffchen von Borke und
machte ihnen Püppchen aus Schneiderlappen, die der alte Tübbicke aus Witoborn
von seinem Sohn mitbrachte ... In Lindenwert hatte sie erst da, als sie die
Ankunft der Aeltern in jener Gegend in Erfahrung brachte, das Bedürfnis, allein
zu sein oder doch nur mit Angelika ... Benno's Liebe war ihr nur das Erwerben
eines besten und einzigsten Freundes und Tiebold - das war dann nur der dritte
im Bund dieser grossen Verschwörung gegen die schlechten Menschen und Dinge in
der Welt ... Da so sagen: In diesen treuen Seelen hab' ich zwei Menschen
gefunden, die ich für mich festalten will und von denen ich den liebsten mir
zum Glücklichsein wähle ... Das empfand sie nicht - Und was gab es nicht alles
Wichtigeres in der Welt! ... »Sie ist kalt«! »entdeckte« eines Tages Tiebold
und in der Tat, ein Kuss war ihr ein Ausdruck der Seele - Benno hätte sie beim
Abschied getrost küssen dürfen ...
    Ein Gelübde ist dann in der katolischen Kirche etwas Hochheiliges. Die
Kirche will in diesem Auslöschen der Freiheit zunächst eine Huldigung für Gott,
dann eine für sich selbst. Jede Entäusserung der freien Verfügung über späteres
Ja! und Nein! des Willens soll sich treu bleiben; selbst die Erkenntnis der
Uebereilung, selbst die bitterste Reue soll die Erfüllung nicht hindern; denn so
nur erhalte sich die Würde des Altars, dem ja die meisten Gelübde gewidmet
werden, und vorzugsweise jene Regel und Ordnung im Beten und Fasten und in
alledem, was dann zuletzt seine heiligste Gestalt im Klostergelübde findet ...
    So blieb auch Armgart bei ihrem Wort: Die Stunde ist da, wo meine Aeltern
auf mich Ansprüche machen! Jeder will den Vorzug meiner Liebe! Warum soll ich
ihnen beiden die Hand nicht festalten und ihr Priester werden zum
neugeschlossenen Bunde! ... Terschka stört diesen Bund? Nun wohl! Terschka ist -
furchtbar. Er ist der Freund des Grafen Hugo und die Mutter des Grafen ist die
Freundin meiner Mutter - Sie liebt ihn vielleicht nur noch in ihren geheimsten
Gedanken - ich will Paula glauben, die das Gegenteil versichert - aber Terschka
ist voll List. Wohin mich auch mein Gelübde führt, Terschka soll meine Mutter
nie beirren - nie - nie! ... Ich ahne meinen Untergang, aber ich opfere lieber
mich selbst an Terschka und nehm' ihn, wenn er mich will ... Gott wird mein
Beginnen »crönen«! ...
    Und so kam es, dass Armgart zu Terschka sagen konnte: Begleiten Sie mich doch
heute Abend nach Hause! ... So kam es, dass sie sprach: Soll ich morgen mit auf
die Jagd? ... So kam es, dass sie gestern sagte: Wie lange bleiben Sie auf Schloss
Neuhof? ... So - dass sie ihm sogar nachrief: Kommen Sie doch nicht zu spät! ...
    Dass Terschka dann auch noch einen bestrickenden Zug des Unvermeidlichen
hatte, tat das Uebrige zu einem Entschluss, mit dem sie vielleicht unter
Tausenden allein steht ... »Ich nehme nur Den, den ich liebe!« sagte einst eine
Stiftsdame und tat mit dem Wort unendlich gross. Armgart erwiderte: »Trivial!«
...
    Bonaventura war gegangen ... Paula hatte sich zurückgezogen ... Man fand
sich immer mehr und mehr in den Fund der Urkunde, wie man sich schon gestern in
den Brand gefunden hatte ...
    Armgart flatterte in der tiefen Verschüchterung ihres ganzen Seins dahin ...
Einmal hörte sie das Wort »Etikette« zu Terschka sprechen, der mit Augen dasass,
die zwei Kratern eines Vulkans glichen ... Glaubt nur nicht, rief sie, dass Paula
nun diesen Grafen Hugo nimmt! Sie geht in ein Kloster! ... Die Tante rief
zornig: Und du gehst zu Bett! ...
    Armgart ging, aber sie erschrak vor jedem Fusstritt, der gehört wurde, vor
jedem Geräusch im Schloss ... Fräulein von Tüngel-Appelhülsen hatte den Stachel
in ihre Brust gesenkt, dass schon die Mutter bei Frau von Sicking wäre ... Bei
Hedemann würde sie vom Vater hören ... Das nun klang in alles, was sie tat und
sprach, wie ein stürmisches Läuten hinein und wohnten nur Benno und Tiebold
nicht bei Hedemann, sie wäre schon in aller Frühe zu ihm gerannt ...
    Der Onkel entliess sie zur Ruhe mit einem herzinnigen Kuss auf die Stirn. Die
Aufregung des Schlosses machte, dass nicht sogleich die Diener zur Hand waren;
sie sagte in ihrer Weise darüber: Es geht wahrhaftig bei uns jetzt alles Hott
und Tule! ... Terschka kannte diesen Ausdruck nicht ... Armgart, darum befragt
und ohnehin immer mit schwarzen Seelen beschäftigt, leitete ihn von den
Hottentotten her; für »Tule« fragte sie den Onkel ... Von den Hottentotten?
wiederholte der Onkel ... Hott und Tule? ... Angeregt wie er war durch seine
archivalischen Studien, hörte er diese Deutung mit Erstaunen, begann von Ultima
Tule, als dem äussersten Norden der Alten, liess »Hott« in der Tat als äussersten
Süden gelten und hatte nun noch für die Nacht eines jener Objecte, mit denen er
selbst in der Sterbestunde seinen bevorstehenden Tod vergessen konnte ...
    Armgart ging in ihren Turm, vor dem Fall ihres eigenen Schattens
erschreckend ...
    Spähend suchten die Augen, ob sie auch vor jeder Ueberraschung sicher war
... Sie riegelte heute zu, wie auf der Flucht ...
    Eine Viertelstunde später, als sie fast entkleidet war, klopfte es ...
    Wer sollte wohl anders so vorsichtig klopfen als Terschka? ... Sie erbebte
und meldete sich nicht ...
    Terschka war es in der Tat und flüsterte:
    Fräulein Armgart! Ihre Mutter kommt morgen ...
    Sie hörte nur ...
    Ich bin morgen früh in Witoborn zum Begräbnis des Landrats ...
    Sie schwieg und zitterte ...
    Haben Sie keinen Auftrag? ... Möglich, dass ich erst zurückkomme, wenn Ihre
Mutter schon da ist ... Mein Gott! Ich bin so unglücklich, die Mutter nicht
begrüssen zu können ... Aber ich werd's halt schriftlich tun ... Küssen Sie ihr
doch in meinem Namen die Hand! ...
    Teufel! sprach Armgart mit knirschenden Zähnen und sprang vom Bett herab,
auf dem sie schon halb entkleidet sass ... »Küssen Sie ihr die Hand«! ... Eine
jener Galanterieen, die in diesem tugendhaften Land mehr etwas Frivoles, als
Artiges ausdrückten ...
    Hören Sie denn aber? fuhr Terschka fort ...
    Ja! sagte sie mit erstickter Stimme, doch laut genug, um vernehmbar zu
werden ...
    Sie wird oben am Cavaliersaal wohnen! fuhr Terschka fort. Die beiden Zimmer
rechts; alles ist vorbereitet, ohne dass Sie davon ein Wort wissen sollen!
Verraten Sie mich aber nicht! ... Meine Blumen müssen einstweilen als Selam für
mich sprechen! Von den Gerichten und Justizräten rundum komm' ich morgen vor
Abend nicht frei und einen Courier muss ich auch von Witoborn in erster Frühe
noch nach England expediren ... Haben Sie doch ja ein wenig Mitleid mit mir! ...
    Nach England, wo die Menschen protestantisch werden und fünfmal
hintereinander heiraten dürfen! ... So fühlte Armgart ...
    Terschka mochte nicht ganz das teuflische Raffinement besitzen, Armgart's
Eifersucht erregen zu wollen, dennoch tat er es mit seinen, der südländischen
Galanterie angehörenden Worten wider Willen ...
    Armgart blieb im Zustand der Verzweiflung zurück ... Nicht' nur dass die
Mutter schon wieder vor dem Vater den Vorsprung hatte - wie sprach Terschka von
ihr! Mit welchem Interesse! War alles, was er ihr in diesen Tagen an Huldigungen
bewiesen, an Freundlichkeiten ihr abgerungen hatte, vergessen bei dem Gedanken:
So nahe ist die »seltene Frau«, wie er sie nannte? ... Wie konnte dabei das
Recht ihres Vaters bestehen? ... Sie hätte das Schloss wach rufen mögen ... Doch
wagte sie nicht das Zimmer zu verlassen, da sie vor Terschka immer mehr ein
Grauen befiel und sie düstere Ahnungen bekam ... Die finsterste und abgelegenste
Gegend des Schlosses hatte er genannt ...
    Der Entschluss stand fest, dass Armgart morgen nicht im Schloss blieb. Sie
wollte auf irgendeine Art nach Witoborn zu entkommen suchen. Erst bei Hedemann
wollte sie forschen und dann bis aus weiteres zu den Frauen im Witoborner
Clarissenkloster flüchten ...
    So schlief sie spät ein ... Im Traum erschienen ihr Engel und Teufel im
bunten Gemisch ... Auch Hedemann war unter den Teufeln ... Er war ihr bei jeder
Begegnung strenger und strenger geworden ... Er verwarf ihre Grundsätze und ihr
ganzes Leben auf dem Schloss ... Er nannte die Art, wie man ihn dort empfangen
und wie man noch jetzt die bevorstehende Rückkehr des Obersten entgegengenommen
hätte, eine für diesen ehrverletzende ... Auf ein Urteil, das sie, um diese Art
zu entschuldigen, gegen den Vater auszusprechen wagte, unterbrach er sie mit dem
Apostel (1 Kor.): »Ihr Kinder seid gehorsam den Aeltern in allen Dingen; denn
das ist dem Herrn gefällig -!«
    Am Morgen erfuhr sie, dass sie nicht allein es war, die eine unruhige Nacht
durchlebt hatte ...
    Im Gegenteil, ihre erschöpfte Natur bedurfte der Stärkung und hatte diese
nach Mitternacht in einem tiefen, wenn auch kurzen Schlaf gefunden. So hatte sie
nichts von dem Klingeln vernommen, das indessen alle Schlossbewohner erschreckte
... Paula, erfuhr sie am Morgen, war so unwohl gewesen, dass man zum Arzt hätte
schicken wollen ... Sie war aufgestanden und durch die Zimmer gegangen wie eine
Nachtwandelnde, hatte mit sich gesprochen und Dinge tun wollen, deren
Zusammenhang Niemand verstand ... Ihre Dienerinnen hatten die Tante rufen müssen
... Diese rief dem Onkel ... Paula weinte, riss die Türen auf und hörte keine
der liebevollsten Beschwichtigungen ... Der Onkel fasste ihren Zustand als die
natürliche Folge des neuen Erlebnisses, als die jetzt freiwerdende langjährige
Spannung des Herzens und der Furcht auf ... So wäre es immer im Menschen, sagte
er; die Gefühle hätten ihre Gesetze, wie die Mechanik ... Das sprach er höchst
feierlich im gewirkten grossblumigen grünseidenen Schlafrock und sein komischer
Anblick störte dabei für Niemanden den erschütternden Eindruck, den Paula
machte, die bis zum Morgen mit sich auflockernden Haaren hochaufgerichtet und
geisterhaft dahinschritt und alle gerade durch ihr Schweigen und das eigene
Nichtdeutenkönnen ihrer Tränen erschreckte ... Gegen Morgen schlief sie ein und
konnte dann den Vormittag über nicht gestört werden ...
    Mit den Zimmern am Cavaliersaal hatte es seine Richtigkeit ... Einer der
Diener gestand es Armgart ... Man erwartete die Mutter ...
    Mit den Blumen Terschka's sah es ebenso aus ... Sie standen in zierlichen
Basen oben auf dem Tische ...
    Auch den Brief an die Mutter hatte Terschka zurückgelassen ... Diesen aber
nahm Armgart mit Gewalt an sich, um - sagte sie, ihn selbst abzugeben ...
    Der Tante klopfte sie noch vor dem Frühstück an ihre Tür mit den Worten:
Also die Mutter kommt? ...
    Ja, Armgart! hiess es hinter dieser Tür. Aber ich sage dir, dass ich Schonung
verlange! Wir gehen Tagen entgegen wie zum Jüngsten Gericht! ...
    Dies starke Wort schnitt alles ab und trotzdem rauchte der Onkel den
Corridor entlang kommend seine Pfeife und trug grosse schweinslederne Chroniken
unterm Arm, in die die Urkunde eingelegt war ...
    Richtig, Armgart! Ja, auch das erreicht jetzt sein natürliches Ziel! sagte
er. Ordne getrost deine kleine Welt einer höhern unter; deine Mutter trifft
heute Abend ein und sei ihr ein gehorsames Kind! Ich bin entzückt von ihren
Briefen. Dass sie mit meinem Bruder nicht zusammentreffen will, verdenk' ich ihr
nicht - Solche aus dem Verstand geschlossene Aussöhnungen erhalten sich nicht
...
    Wie der Onkel das sagte, erscholl in weiter Ferne eine gewaltige
Erschütterung der Luft ...
    Sieh, sieh! sprach Levinus und horchte auf. Das ist die Salve, die die
Husaren dem Landrat ins Grab mitgeben! ...
    Noch eine zweite folgte ...
    Still! So ehrt man einen ehemaligen Krieger! ...
    Eine dritte ...
    Ruhe seiner Asche! ...
    Der Onkel klopfte die Asche seiner Pfeife aus und ging ...
    Armgart blieb bei ihrem Entschluss zur Flucht ... Nur deshalb schwieg sie zu
allem und entfernte sich ruhig ...
    Im Lauf des Vormittags entwickelte sich die wunderbare Begebenheit der
entdeckten Urkunde immer mehr in ihren Folgen und in den Echos, die dergleichen
in den Gemütern hervorruft ... Die einen fanden hier einen Triumph der
alleinseligmachenden Kirche; die andern beklagten im stillen die gestörte
Aussicht auf merkwürdige und unterhaltende Veränderungen ... Mancher hätte aber
auch wieder fürchten müssen, in seinem bisherigen Verhältnis wenn nicht zu
Westerhof, doch zu den übrigen Besitzungen der Dorstes gestört zu werden. Diese
jubelten ... Bei wieder andern zeigte sich jener Zug der menschlichen Natur, dass
man sich selbst an Unangenehmes zuletzt nicht gern umsonst gewöhnt haben will.
Die Tante merkte hie und da dergleichen und sagte einigen der so sonderbar
erstaunenden Besucher: Es ist Ihnen wohl gar nicht einmal recht, dass wir hier im
Besitze bleiben? ...
    Mit dem geraubten Briefe auf dem Herzen, im Herzen zunächst mit dem Gedanken
an eine Anfrage um den Vater bei Hedemann, irrte Armgart im Schloss und liess sich
ruhig die Reden gefallen, die die Tante an sie hielt und die ihr zuletzt
freundlich zusprachen, ja ihr schmeichelten ...
    Armgart, sagte sie fast mit Herzlichkeit, liebes Kind, ich wüsste doch gar
nicht, was mir Freudigeres begegnen könnte, als gerade in diesen aufgeregten
Stimmungen solch eine Beruhigung! Morgen muss ein Hochamt in Sanct-Libori
stattfinden - Müllenhoff wird sich schon herausreissen und der Domherr ist ja da
- ein Hochamt für diese längst ersehnte Stunde! Ich hatte ja nur diese eine
Schwester! Liebte sie immer! ... Eine trostreiche Versöhnung! ... Auch Angelika
Müller hat mir einen rührenden Brief aus Paris über ihre Begegnung mit Monika
geschrieben! ... Monika war immer ein seltenes Wesen! Zu jeder Zeit! Ich glaube,
ich kann sie nicht mehr von meinem Herzen lassen! Ja und wie freu' ich mich auch
dieses Besuchs um Terschka's willen ... Der Arme muss in der Tat vernichtet
sein! ... Er verehrt deine Mutter ... Das wird ihn emporrichten! ...
    Die Tante lachte wie schadenfroh und war ganz ironisch gegen Terschka
gestimmt ...
    Ein Tag war es dann, an sich so hold, an sich so freundlich, so hellsonnig,
so ganz gemacht zum Empfang von Glückwünschen, die von allen Seiten kamen ...
Sogar die Leidenden wurden heute von der Treppe entfernt, um all die vornehmen
Besuche durchzulassen ... Durch das Begräbnis des Landrats liess sich in dieser
Sphäre natürlich Niemand stören ...
    Um elf erschien Paula in den Vorderzimmern, nachdem sie ihr tägliches Amt
verrichtet, beim Frühgebet die Kissen zu segnen, mit denen sie heilte ... Aber
sie sagte:
    Meine Kraft ist hin! Diese Mittel helfen nicht mehr! ...
    Man sprach ihr Mut und Fassung ein ...
    Nein, erwiderte sie, ich bete auch nicht mehr so, wie sonst! Ich habe die
Andacht verloren ...
    Schon kamen die Advocaten aus Witoborn ... Sowol der, der gegen Nück
processirt hatte, wie der, der Nück's bisheriger Bevollmächtigter war ...
Andere, die an den Angelegenheiten des Hauses beteiligt waren ... Ein für den
Grafen Hugo stehender Justizrat war der Frommsten einer und beugte sich tief
der Urkunde, die ein Gebot der Kirche entielt ... »Der Brand ist
hochverdächtig! Die Zerstörung des Archivs hat die Veranlassung gegeben, das
falsche Document an einen Platz zu legen, wo man ja hundertmal es schon hätte
finden müssen!« Diese Worte sprach - allein Benno und doch auch nur bei
sorgfältig beobachteten Türen in Gegenwart Bonaventura's, der ihn in aller
Frühe in Hedemann's Häuschen besucht hatte ...
    Benno erfuhr jetzt von seinem in Rührung vor ihm stehenden, mit seltsamer
Prüfung ihn betrachtenden Freunde mehr und mehr ...
    Bonaventura gestand ihm, was er dachte; gestand ihm, er wisse aus einer
Beichte, dass irgendwo, den Ort kenne er nicht, ein Verbrechen dieser Art, wie
nun vielleicht in Westerhof stattgefunden, im Werke gewesen ... Bickert, der
noch lebte, durfte nicht genannt werden; Hammakern nannte Bonaventura ...
    Benno ging im Zimmer auf und nieder und rief:
    Ich sage mich von Nück los! Noch heute reis' ich zurück! Ein Schurke ist's!
Ich kündige ihm meine Stellung und - ich sag' es ihm warum! ...
    Nimmermehr! entgegnete Bonaventura. Wie wäre das möglich! Wie kann man gegen
die Ehre und Würde des Hauses der Dorstes auftreten! ...
    Terschka wird es doch tun müssen! ...
    Terschka! ... sprach Bonaventura zögernd ...
    Die Advocaten des Grafen Hugo in Wien - ...
    Was werden sie beweisen können! Und ändert sich denn auch so viel? Man wird
in Paula drängen, bald - bald zu vollziehen, was schon lange für diesen Fall -
die Convenienz anrät ...
    Tiebold, der vom Begräbnis des Landrats kam und mit den Rüstungen zur
Abreise drängte, störte den vollen Erguss der wehmütigen und gegenseitig auch
gar wohlverstandenen Empfindungen ...
    Und wenn auch alles sich ausgeklagt hätte, was doch vergebens nach Worten
rang, welcher Rest blieb nicht noch im Herzen Bonaventura's - beim Hinblick auf
den trauernden Freund selbst! ......
    Als von Armgart die Rede kam, von Terschka's Werbung um sie, erwiderte
Bonaventura festen Tones und mit sicherer Bestimmteit:
    Darüber geb' ich Beruhigung ... Hier seh' ich bisjetzt nur das Unmögliche
...
    Beide staunten des so entschiedenen Worts ... Nach Terschka's durch die
Entdeckung der Urkunde veränderter Stellung aber konnten beide diese dunkle
Antwort zuletzt in der Ordnung finden ...
    Auch die Erwähnung Lucindens war nicht ausgeblieben und Benno betonte ihre
Bekanntschaft mit Nück, ihre auffallende Hierherkunft, ihre, wie Benno und
Tiebold versicherten, nun auch so schnell wieder bevorstehende Abreise ...
    Gegen zwölf Uhr fuhr Bonaventura auf Westerhof und fand die ganze
Lebhaftigkeit, die er erwarten durfte ...
    Besuche kamen und gingen ... Auch von Armgart's Mutter und ihrer Nähe wurde
gesprochen ... Die Stiftsdamen konnten eben nichts für sich behalten ...
    Gerade als mitten im lebhaftesten Gespräch auch eine Mitteilung zündete von
dem, wie es schien, in Ausführung gekommenen Plan, den hohlen Eichstamm vom
Düsternbrook zum Aufentalt zweier Eremiten zu machen, trat Paula ein ...
    Ihr Blick schien sagen zu wollen: Die Mauern eines Klosters nehmen mich auf!
In deiner Nähe! Da, wo Terese von Seefelden den Schleier trägt, da werde auch
ich anpochen! ...
    Man sprach von den Klöstern ... Man rühmte den sich mehrenden Zustrom zum
beschaulichen Leben ... Eine der Besucherinnen wusste etwas von Treudchen Lei ...
    Bonaventura hörte gerade nach einer andern Gruppe hin, wo Neuangekommene
erzählten: Zwei Mönche hätten in letzter Nacht Kloster Himmelpfort verlassen und
wären Eremiten im winterlichen Walde geworden ... Die Namen der Mönche und den
Wald konnte man nicht bezeichnen ...
    Bonaventura schwieg zu Allem ... Er kannte das Märchen von der versunkenen
Kirche ... Ihre Glocke klang und klang und Niemand wusste, wo die Kirche
gestanden ... Am Meer sagen die Schiffer, sie läge im Wellenschoos, wie ein
mahnender Zeigefinger gen oben rage ihr Turm zuweilen über dem Spiegel auf ...
Die Jäger kennen die verlorene Kirche im Walde ... auch da läutet sie unsichtbar
... So tönte für Bonaventura durch alles, was Paula tat und sprach und die Welt
um sie her tat und sprach, nur der eine Glockenton: Dem bin ich - im Walde - im
Meere - im Tode -
    Zu Aller Interesse wurde plötzlich Frau von Sicking gemeldet ...
    Bonaventura hörte auch das nicht ...
    Im Walde - im Meere - im Tode -
    Paula hatte den gemeldeten Besuch, der zu gleicher Zeit eine Begrüssung von
Seiten Lucindens sein konnte, erwarten dürfen ... Sie wollte ruhig bleiben,
ruhig sich ergeben und doch richtete sie sich auf ... Nicht wie in bebender
Erwartung vor Lucinden ... Schon im physischen Schmerz ... Noch ehe Lucinde im
Vorsaal sein konnte, fühlte sie wie mit einem elektrischen Schlag schon die
Annäherung ihres Gegenpols ... Armgart, die umirrend, wie sie war, Lucinden
unten gesehen hatte, war heraufgeeilt, sah schon die Wirkung, die sie kannte,
umschlang die Freundin, wollte sie hinwegführen; doch diese blieb und lächelte
wie immer zu ihrem Schmerz ...
    Die Anwesenden alle - Frau von Böckel-Dollspring-Sandvoss, Frau von Stein,
Gräfin Münnich, Gräfin Styrum-Schorum, Fräulein von Merwig, Fräulein von Absam,
die alle nun schon über Lucinden unterrichteter waren und die Verhältnisse
annähernd übersahn - nahmen Paula's Lächeln für Takt und grosse Güte. Sie
verwiesen mit strafendem Blick dem Fräulein von Tüngel-Appelhülsen ihren laut
ausbrechenden Hohn über die »Person, welche« - Lucinde erschien in Begleitung
der Frau von Sicking und war eine Büsserin geworden ...
    Frau von Sicking, die zu jener Gattung der weiblichen Tartüffes gehörte, bei
denen man ihrer Unergründlichkeit wegen besser tut, ihre Gottseligkeit einfach
anzuerkennen und sie wirklich für das zu nehmen, wofür sie erscheinen wollen,
liess Lucinden in den Vordergrund treten und fand es vollkommen in der Ordnung,
dass Gräfin Paula sogleich von ihr auf die Ueberraschung durch ihre ehemalige
Gesellschafterin im ortopädischen Institut überging ... Sie selbst beobachtete
die Mienen Bonaventura's ...
    Sie sind es, Lucinde! sprach Paula, Lucinden die Hand reichend ... Erst so
wenig Jahre getrennt und eine Ewigkeit ist's ... Meine Tante Benigna von
Ubbelohde das! ... Meine Freundin Armgart von Hülleshoven ...
    So stellte Paula mit der mildesten Miene die Nächsten vor und erst, wie sie
an Bonaventura kam, stockte die Rede ...
    Bonaventura erwachte aus seinen Träumen ... Er verfärbte sich über den
plötzlichen, unerwarteten Anblick, wurde dunkelrot und verneigte sein Haupt -
der ihn anredenden Frau von Sicking ...
    Er sprach und sprach zu dieser und doch rief es nur in seinem Innern: Paula
und Lucinde! ... War es wie Tag und Nacht, die da zusammenstanden, dann drückte
nicht die bräunliche schwarzäugige Lucinde mit ihren Augenbrauen und
aufgeworfenen Lippen die Nacht und Paula mit ihrem blonden Haar und rosig
lichten Wangen den Tag aus - umgekehrt war's ... Paula war die träumerische
Nacht, die Nordlandsmaid, die Mondpriesterin; Lucinde der Tag, die Tochter
tropischer Zonen, die Sonnenjungfrau ... Dort Gefühl und Ahnung in jedem Blick,
gestaltungsloses Sehnen, krankhafte Gebundenheit der Sinne; hier Verstand,
Wachsamkeit, Willenskraft und Beherrschung der Leidenschaften bis zur
schneidenden Kälte ... Beide in Trauertracht ... Paula's Kleid ein glänzender,
rauschender Atlasstoff; Lucindens ein hochgehendes, den braunen Hals
verdeckendes geflammtes Moirée ... Paula's Haar niedergleitend über die Schläfe
in langen Locken, im Nacken die Flechten in schwarzen Kreppbändern verloren ...
Lucinde trug ihren Hut mit der Reiherfeder ... Sie gab sich so, dass die adeligen
Herrschaften Mühe hatten, aus ihrer »Tournüre« heraus die »Schulmeisterstochter«
zu erkennen, als die sie ihnen nun bekannt war ...
    Frau von Sicking's vor einigen Tagen schon beabsichtigter Besuch hatte erst
heute zur Ausführung kommen können und Lucinde kam in der Tat zu Gruss und
Abschied zugleich ... Ihre nächste Mission war erfüllt ... Wohin Hubertus den
Brandstifter geborgen, erfuhr sie nicht, aber gestern Nacht noch beim Abendgebet
im Münster kniete er hinter ihr und sprach: Alles ist geschehen! Seien Sie
ruhig, ziehen Sie in Frieden und sorgen Sie jetzt nur für die beiden Eremiten,
die in der Residenz des Kirchenfürsten und wenn sie mit den ersten Lerchen nach
Rom ziehen sollten, einen Anwalt bedürfen werden! ... Schon im Hof hatte sich
Lucinde von ihrem Entsetzen über die Brandstätte gesammelt, ihre Empfindungen
über »den falschen Isidor«, der auf so fragwürdige und in ihren Folgen
entscheidende Weise die junge Gräfin zur reichsten Erbin des Landes machte,
geordnet, ebenso wie über den Anblick einer Ekstatischen, die zur heiligen
Hildegard erhoben werden sollte und vielleicht im Traumschlaf sah - wo Dionysius
Schneid verborgen war und wie Nück auf Lucindens Rückkehr harrte ...
    Frau von Sicking war im vollen Strom der Erörterungen ... Beileidbezeugend
über den schreckhaften Brand, glückverheissend zum folgenreichen Fund der Urkunde
... Ihre Sprechweise war leise ... Alle räumten ihr den Vorrang ein, dass man
schwieg, um sie besser hören zu können ...
    Man sass jetzt ... Nur Bonaventura stand noch rückgelehnt am Fenster ... Auch
Armgart an der Stuhllehne Paula's, die Hand der Freundin haltend, um ihr Zittern
zu mildern ... Bis zu einem so weit gehenden Ueberblick aller Beziehungen, dass
Armgart auch Bonaventura am Widerstreit dieser beiden Naturen aufs mächtigste
beteiligt sah, reichte ihr Auge nicht ... Paula's und Lucindens Liebe zu
Bonaventura war ihr nur ein »Schwärmen« - jene Empfindung, die ein Mädchenherz
in alle Himmel versetzen kann, nicht aber die Entsagung zum grössten Schmerz der
Erde macht ...
    Lucindens Feierlichkeit war von Frau von Sicking's Begleitung ebenso
bedingt, wie von der ersichtlichen Neugier der Anwesenden, die sie musterten ...
Sie sprach anscheinend harmlos mit Armgart von der Begegnung im letzten Sommer
an der Maximinuskapelle und von Benno von Asselyn ... Sie erzählte der jungen
Gräfin vom ortopädischen Institut, von dessen Vorstand, von einigen jungen
Mädchen, jenem guten Curatus Niggl, der die armen Verwachsenen, Blinden und
Lahmen bei sich zum Kaffee lud ... Sogar Bonaventura wurde von ihr ins Gespräch
gezogen ... Mit Niggl und Hunnius war er als Priester ausgeweiht worden ... Auch
ein Wort über den Tod Hendrika Delring's konnte nicht ausbleiben, ebenso wenig
wie die Kunde über Treudchen, die ins Kloster gegangen war ... Bonaventura blieb
so erregt, dass er nun selbst zu fragen anfing ... Wie hat nicht jener grosse
Staatsintriguant so Recht gehabt, als er sagte: Die Sprache ist erfunden, um
unsere Gedanken zu verbergen! ...
    Das allgemeine Gespräch kam wieder zurück auf die beiden Flüchtlinge in den
Eichstamm und jetzt erst hörte Bonaventura die ihn doppelt erschreckende Kunde
... Denn er hatte nichts für Sebastus' Befreiung getan und machte - seiner
»priesterlichen Lässigkeit« Vorwürfe ... Streit mit dem Provinzial gab man als
Ursache dieser Flucht an ...
    Der Name Hubertus weckte im Gespräch die Erinnerung an die Rettung des
Dieners, den man im Spital von Witoborn glaubte ...
    Lucinde konnte sich sammeln und Kraft gewinnen, den Namen Klingsohr und das
fortgesetzte Anblicken der Damen zu ertragen. Sie behielt dasselbe bleiche
Incarnat, wie immer ... Sie zuckte nicht einmal mit den Augenwimpern ... Nur
Bonaventura's Auge suchte sie zuweilen und dieser schlug dann das seine nieder
...
    Frau von Sicking sagte dem Domherrn die schmeichelhaftesten Dinge - jetzt
auch, als ob sie ihre geheimsten Abneigungen erraten glaubte, recht aufgetragen
Lobendes über seine Mutter ... Gräfin von Styrum-Schorum kam heute schon von
Schloss Neuhof herüber, wo die Kunde von den beiden Mönchen eine nicht geringe
Sensation erregt hatte ... Der gesetzliche Sinn des Herrn von Wittekind, der
sich solcher Nutzniessung seines Waldes durch die Gensdarmen erwehren wollte, war
überstimmt worden durch seine Gemahlin, die aufs dringendste gebeten hatte, dem
frommen Verlangen dieser beiden Brüder nichts in den Weg zu legen ...
    Da man dem Bericht Beifall murmelte, musste Bonaventura für die Mutter danken
... Er dankte und bemerkte Lucindens Lächeln ... Triumphirend schien diese sagen
zu wollen: Das alles, was ich hier sehe und höre, sind die Opfer, die mir der
Gott der Rache bringt! ... Sie liess sich Klingsohr und Klingsohr ins Ohr rufen;
sie lächelte nicht einmal ... Ihre Blicke spannen nur lange Fäden und bald war
ihr alles wie in einem grossen Netze ... Mit leiser Stimme flüsterte sie mitten
in die Schilderung des Lagers, das sich von Moos und Baumlaub die beiden
Flüchtlinge in der Eiche und um diese her gemacht hätten, der Tante Benigna zu
von dem Brand, von dem Eindruck, den ihr der Anblick der Flamme schon vom Schloss
Münnichhof aus gemacht hätte ... Die Tante sah nichts von dem Blick, der diese
liebevollen Worte begleitete, als wenn sie gelautet hätten: Die Welt soll noch
in Feuer aufgehen und wie ihr hier alle sitzt und lächelt, weg habt ihr's doch!
... Sie bedauerte, morgen nicht der Dankmette beiwohnen zu können, die in der
Liborikirche gehalten werden sollte ... Diesen alten Bau würde sie erst sehen,
wenn die Exercitien begännen ... Ueber den Baustyl der Liborikirche und von
byzantinischen Rundbogen sprach sie so unterrichtet, dass die Tante dem ihr zu
»geistreich« werdenden Gespräch entschlüpfte und Lucinden mit dem Onkel Levinus
in Verbindung brachte, der jetzt erst zur Gesellschaft hinzutrat ...
    Auch der Onkel kam mit Nachrichten von den entflohenen Mönchen und von der
Requisition derselben durch den Provinzial - und mit - Gensdarmen ...
    Gensdarmen! rief man fast einstimmig ...
    Das duldet Herr von Wittekind nimmermehr! rief Frau von
Böckel-Dollspring-Sandvoss ...
    In seinem Walde kann er geschehen lassen, was er will! ... hiess es ...
    Der Onkel erzählte, was er unten von den Jägern vernommen ... Man fände
beide in der berüchtigten Eiche, wo der alte Klingsohr gefallen ... Sein Sohn,
der ehemalige Doctor, läge im Innern derselben auf einem Lager und läse sein
Brevier ... Hubertus hämmere mit der Axt eine Hütte und einen Altar und einen
Kochherd ... Die Nacht noch wäre eine Kälte von drei Grad gewesen ... Jetzt
taue es ... Die Bauern liefen scharenweise in den Wald und hülfen den Eremiten
bauen und brächten so viel Nahrungsmittel, dass Hubertus den Scherz gemacht
hätte, ob sie hier etwa einen Verkauf halten sollten? Dennoch nahm er den
Überschuss und schickte ihn ins Kloster, wo sich »nun wohl zwei Parteien bilden
würden« sagte der Onkel lächelnd ... Zurück wollen sie nicht, fuhr er fort, sich
mässigend, da Niemand in seine Ironie einstimmte; Sebastus erbietet sich, für
Jeden, dem seine Fürbitte von Wert sein könnte, täglich so viel
Rosenkranzgebete zu sprechen, als man bestellt ...
    So hatte man denn wieder ein Wahrzeichen der Zeit mehr, ein hocherfreuliches
1 und die kluge Mutter Bonaventura's debütirte durch die Duldung der beiden
Eremiten mit glänzendem Erfolg ... Bonaventura sah ihre Macht über den
Präsidenten ...
    Wenn ihr alle wüsstet, an welchen Fäden diese beiden Mönche geführt werden!
...
    Diese Empfindung sprach Lucinde nicht aus ... Jede Erregung ihrer Gefühle
niederkämpfend, hob sie sogar den Kopf langsam in die Höhe, als sich die
Tüngel-Appelhülsen nicht nehmen liess, zu sagen:
    Sie kannten ja früher den ehemaligen Doctor Klingsohr? ...
    Nur Ein Blick der Misbilligung folgte bei allen, die die Schärfe dieser
Frage verstanden ...
    Lucinde aber erwiderte ruhig und ganz in dem einfachen Ton, der hier üblich:
    Der Pater ist ein Heiliger geworden ... Ich mühe mich, ihm gleichzukommen
... Es gelingt mir nicht ...
    So blieb sie siegreich ...
    Als man Beifall murmelte, konnte Bonaventura nicht anders als sich sagen:
    Da strengt nur euern Witz an! Da muss alles zu Schanden werden! ...
    Der Onkel war vom Bewohnen der Baumstämme, wie immer, auf die Urwelt und die
Troglodyten gekommen und von diesen auf die Katakomben in Rom ...
    Frau von Sicking kannte die Katakomben so genau, wie die Boudoirs ihrer
Wohnungen in Deutschland und Belgien ... Sie erzählte von mehrern wieder neu
eröffneten Grabstätten der alten Christen und Lucinde wusste sogar die Jahreszahl
einzuschalten von der Verfolgung des Diocletian ... Levinus rückte ihr
überrascht näher und näher ...
    Da aber erhob sich schon Frau von Sicking ... Auch Lucinde musste es tun ...
Wie gab sie so sicher Paula die Hand und lächelte ihr und sprach vom
Wiedersehen, vom Frühling, von Gesundheit und, leiser und demütig, von ihrer
Wunderkraft! Wie versicherte sie, dass sie für Paula bete, und bat, dass Paula
dies auch für sie tun möchte ...
    Der Onkel unterbrach diesen Abschied und hörte voll Leidwesen, dass das
gelehrte Fräulein schon wieder abreise und erst zu den Exercitien zurückkäme -
Die Commerzienrätin Kattendyk hatte in der Tat ihren Wunsch erreicht, hatte
eine grosse Summe für die geheime Tätigkeit der Frau von Sicking versprochen,
hatte auch der »Mutter Gottes von Telgte«, einem wundertätigen Gnadenbild der
Gegend, ein kostbares neues durch und durch mit Silber gesticktes Kleid
angelobt, eine Prachtschöpfung aus den Ateliers der Damen Eva und Apollonia
Schnuphase ...
    Ein unendliches Weh lag auf den Zügen Bonaventuras, Paula's und Armgart's
... In dem: »Segne Sie Gott, Gräfin!« Lucindens lag etwas, als wenn ihr die
Leiden aller Märtyrer für die Zukunft vorausgesagt würden ...
    Bonaventura fühlte die Absicht dieses ihm nur allein kalt und wie ein Fluch
erklingenden Tones ... Die Hand hätte er zurückreissen mögen, die erstarrt Paula
in die schwarzen Handschuhe Lucindens legte ... Beide Frauen, die Geliebte und
die Verschmähte, waren an Wuchs sich gleich; Paula schön an sich und noch mehr
durch den Reiz der Jungfräulichkeit äterisch wie ein Hauch; Lucinde wie eine
Brunhild - durch ihre geheimnisvolle Kälte bestrickend ... Paula hätte Lucinden
festalten mögen, trotzdem dass sie fühlte: Das ist sie immer noch mit ihrem Hass
gegen dich und mit ihrer Eifersucht! Sie ist es immer noch, die sich berufen
glaubt, die Einzige zu sein, die über Bonaventura wachen dürfe! Sie, die sonst
schon nicht ruhte und rastete in Annäherungen und Verhinderungen der Ruhe und
des Glücks eines Mannes, der, wenn er lieben dürfte, seine Wahl doch so nicht
treffen würde ... Aber Lucinde war das einzige Wesen, das sie vom Traumschlaf
heilen konnte ... Seit der ersten Vision beim Eintritt Lucindens in das
Institut, seit der ersten Einmischung der Eifersucht schon damals, als Paula,
träumend, den geliebten Priester vom Bekennen der ewigen Gelübde abzuhalten
suchte und Lucinde in diesem Priester Den in Erfahrung brachte, der ihr selbst
eben der wiedererstandene Serlo erschienen - war in Lucindens unmittelbarer Nähe
jenes Traumleben nie wieder eingetreten und sie sehnte sich ja, frei zu werden
von diesen unheimlichen magischen Gewalten ...
    Endlich war das ein Ausbruch von Urteilen, als Lucinde und Frau von Sicking
gegangen waren! Alle Schleusen waren aufgezogen ...
    Paula und Bonaventura konnten sich eine Weile allein angehören ... Die
Blumen, die am Fenster blühten, die im Wasserglase gezogenen Hyacinten, die
behenden Goldfischchen in kristallener Schale, all der lieblich trauliche
Vorfrühling, den beide in der Nähe des Fensters geniessen konnten, hätte sie
fortreissen sollen, das warme blühende Leben auch Atem an Atem zu empfinden und
sich leise zu sagen: Wir, wir gehören uns doch! ... Das lauschte aber und
plauderte und klatschte und lauschte ... Es stand glücklicherweise nichts still,
alles schritt vorwärts ... Selig wogen durfte wenigstens die Brust und auf die
Lippen treten selbst ein lauteres Wort der Vertraulichkeit ...
    Inzwischen fehlte Armgart, ohne dass man es sofort bemerkte ...
    Armgart war Lucinden und Frau von Sicking gefolgt, hatte Hut und Mantel und
eine grosse Tasche ergriffen, die schon im Vorsaal zu ihrer Flucht bereit lagen,
hatte den Brief Terschka's in ihrem Busen verborgen und schlich den sich
Entfernenden an das Hauptportal nach ...
    Als sie einstiegen, sagte sie rasch:
    Lassen Sie mich mit, meine Damen! Ich habe in Witoborn zu tun! Vergeben
Sie! Ich störe nicht! Ich sitze hier rückwärts! ...
    Schon sass sie ... Frau von Sicking lächelte zerstreut und meinte, sie
wollten einen Umweg machen, um sich nach dem Befinden des Herrn Pfarrers
Müllenhoff zu erkundigen ...
    Das tut nichts! antwortete Armgart in Hast. Wenn Sie mir nur versprechen,
mich dann von Ihrer Wohnung aus nach Witoborn fahren zu lassen! ...
    Sehr gern! sprach Frau von Sicking, mächtig ergriffen, wie es schien, noch
immer von Bonaventura ... Demoiselle Schwarz kann dann auch nach Witoborn mit
Ihnen fahren! setzte sie wohlwollend hinzu ...
    Lucinde sass tiefbrütend und hatte Mühe, ihre Nerven zu bekämpfen ... Jetzt
war sie jenem Weinkrampf nahe, der sie nach langer Spannung zu überfallen
pflegte ...
    Armgart stellte Frau von Sicking über die Ankunft der Mutter zur Rede ...
    Diese, sich in die Frage langsam findend, sagte:
    Sie irren sich, kleiner Engel! ... Sie war gar nicht bei mir! Ich werde die
Bekanntschaft erst später machen! ... Aber Sie haben recht! Fräulein von Tüngel
und Demoiselle Schwarz sprachen von ihr ... Ich bot ihr schon lange meine
Wohnung an und ich besinne mich - ich hörte ja - eine Grille von Ihnen ... Wie
ist es doch damit? ...
    Ein Gelübde, gnädige Frau! verbesserte Armgart ...
    Frau von Sicking verzog die Miene zum Ernst und besann sich jetzt:
    Nun wohl, jetzt weiss ich - Aber - Himmel - ich entführe Sie doch nicht? ...
Wie war das Verhältnis? Richtig! Richtig! ... Ich lasse halten ...
    Der Wagen flog aber pfeilgeschwind dahin ... So duldete die Tante nicht, dass
die alten Pferde der Dorstets anzogen ...
    Armgart bat, keine Besorgnis zu hegen; sie hätte dringend in Witoborn zu
tun ...
    Frau von Sicking beruhigte sich und verfiel wieder in ihre eigene
Gedankenwelt ...
    Auch Lucinde blieb lange tiefverloren im Nachklang des Ebenerlebten ... Alle
andern Gefahren traten ihr gegen einen einzigen mit Bonaventura zusammen
verlebten Augenblick zurück ...
    Allmählich aber schien sie geneigt, von Armgart Notiz zu nehmen ... Sie
erzählte einiges von ihrer Mutter, rühmte sie, gestand einen Brief der
Commerzienrätin in Angelegenheiten ihrer Mutter zu, wandte sich dann in ihr
Brüten zurück und nur noch einmal nannte sie Terschka ...
    Armgart hätte sie für ein Lächeln dabei erdolchen mögen ...
    Lucinde erzählte das ganze erste Begegnen mit Terschka in Piter Kattendyk's
Gesellschaft ...
    Armgart's beide Zähne blinkten ...
    Frau von Sicking rügte mit grosser Strenge die Absicht des »Herrn Obersten«,
ihres Vaters, in Witoborn eine Fabrik zu gründen ... Und passte das auch für
seinen Stand, wie kann er gerade einen Zweig der Industrie wählen, der für
Witoborn - ich kann es nicht anders nennen, sagte sie - eine Blasphemie ist ...
Sie werden ihn jetzt wohl bald selbst sehen ... Sagen Sie ihm das, mein Kind! Die
Gesellschaft ist darüber ausser sich ... Ein Hülleshoven legt eine Fabrikation
von Papier an - in Witoborn! ... Denn sage man, was man will, das Papier ist
eine Erfindung des Teufels ... die Buchdruckerpresse gewiss ...
    Armgart hörte diese Ansichten nicht zum ersten mal und dachte ebenso und
hielt in schmerzlicher Ergebung den Vater für angesteckt von englischen
Einflüssen. Sie verfiel darüber in grosse Trauer ...
    Lucinde bezeigte für Armgart noch immer nur ein vornehmes und
geringschätzendes Mitleid ... Solche kleine Welt, die »auch schon mitreden
will«, war ihr ein Gegenstand der Abneigung ...
    Dennoch fing sie an etwas zu scherzen, als Frau von Sicking am Pfarrhause
abgestiegen war, um sich selbst nach dem Befinden des Pfarrers zu erkundigen und
ihn womöglich zu sprechen ... Sie neckte jetzt Armgart mit Benno und Tiebold
... Dann auch mit Terschka, den sie am Jagdabend trotz ihrer Aufregung bei Tafel
scharf beobachtet hatte ...
    Ihr kluger Blick sah sogleich, wie die Augen Armgart's aufleuchteten, als
sie, in dem jungen Herzen wie mit einem spitzen Messer bohrend, sprach:
    Aber was red' ich denn! Terschka schwärmt ja für Ihre Mutter! Und jeder wird
das müssen! Sie hat graue Locken, das ist wahr! Aber sehen Sie, dort liegt noch
der Schnee aus dem kleinen Dachwinkel der Liborikirche und alles rings ist wie
belebt von Frühlingsahnung ... So auch - bei Ihrer Mutter ...
    Dich kenn' ich jetzt ganz! hätte Armgart rufen und sich auf sie werfen mögen
...
    Frau von Sicking kam zurück, becomplimentirt von Müllenhoff, der zwar noch
ziemlich angegriffen aussah, aber doch die Beratung mit den Gemeindevorständen
in Sachen seines Dorfconcordates heute nicht ausgesetzt hatte ...
    Müllenhoff war die Verlegenheit und das Hochentzücken selbst ... Er liess den
Bedienten nicht an den Schlag, nur um Frau von Sicking selbst hineinheben und
die beiden andern Damen begrüssen zu können ... Esbouquet und Sammet und Seide
taten es ihm an ... Ohne Zweifel drückte er die zarten Glacéhandschuhe der
Dame, die er in den Wagen hob ... Wol fünf Minuten lang sah er dein Wagen nach
und würde sich unfehlbar aufs neue erkältet haben, hätte ihn nicht die Katrein
ins Haus zurückgezwungen ...
    Die weitere Fahrt wurde noch schweigsamer, als die frühere ... Lucinde musste
über den Einfluss des Priestertums auf die Ueberzeugungen der Frau von Sicking
ihre Satyre unterdrücken ... Armgart verfiel, je mehr sie sich Witoborn näherte,
in Angst und Wehmut ...
    Sie hatte von Lucindens Wesen auf die Länge nicht ganz die Wirkung, wie
Paula ... Sie sah sie prüfend und prüfend an, verglich den Eindruck, den sie ihr
im vorigen Jahre machte, mit dem jetzigen ... Sie fühlte sich eher schon durch
sie angezogen, als abgestossen ... Sie erzählte bereits am Pfarrhause Lucinden,
warum Paula nach ihr so oft ein aufrichtiges Verlangen trüge ...
    Paula's letzte Vision musste sie erzählen ...
    Wieder tadelte Frau von Sicking, dass die Comtesse nicht die reinen
Anschauungen vom Kreuze hätte. Sie bestritt ein Vorhandensein des eigentlichen
Hochschlafs, mit dem ganz andere Erscheinungen verbunden zu sein pflegten, nicht
selten ein Abdruck aller Nägelmale des Herrn auf dem Körper einer solchen
Himmelsbraut ...
    Armgart war so tief unglücklich, dass sie auf diesen Angriff schwieg ... Sie
presste nur den Brief Terschka's an ihre Brust und sah und hörte im Geist schon
die Mühlen Hedemann's und die Klingel an der Klosterpforte ...
    Endlich war man auch beim stattlichen Gitter vor dem Landhause der Frau von
Sicking angekommen ...
    Diese stieg aus und bat Lucinden, das Fräulein nach Witoborn zu begleiten
... Die Angelegenheiten des jungen Herzens interessirten sie nicht ...
    Lucinde hatte in Witoborn für ihre Abreise Vorkehrungen zu treffen und
hoffte auch noch etwas im Münster von Hubertus zu erfahren, falls sich dieser
aus dem Walde herauswagte ... Sie wollte fort, ehe der Rat von Enckefuss eintraf
...
    Inzwischen hatte sie angefangen, dem jungen Kinde immer mehr Teilnahme zu
schenken ... Hing doch Armgart mit dem Leben so vieler Personen zusammen, die
ihr wert waren ... Offenbar befand sich die Kleine wieder auf der Flucht vor
ihren Aeltern; die Gründe dafür waren landbekannt ... Allmählich verglich sie
Armgart mit Treudchen Lei ... Wer ihr unbedingt gehorchte, dem konnte sie auch
schmeicheln ... Sie zog ihre Handschuhe aus und fuhr mit den Fingern über
Armgart's Stirn ...
    Sie haben auch schon Sorgen? sagte sie ...
    In Armgart's Antwortsblick lag:
    Was gehen dich meine Sorgen an oder bist du - vielleicht doch nicht so
schlimm, wie sie alle sagen? ...
    Lucinde verstand diesen Blick ...
    Man lästert mich wohl recht auf Westerhof? Nicht wahr? ... sprach sie
seufzend ...
    Auf Westerhof? Da lästert man nicht! Aber in Heiligenkreuz, ja da stehen Sie
schlecht genug angeschrieben ... Das kann ich Ihnen sagen ...
    Lucinde warf verächtlich die Lippen auf ... Dann streckte sie die Hand aus
und zog Armgart zu sich hinüber - Armgart hatte durchaus auf dem Rücksitz
bleiben wollen - Ja sie hielt sogar Armgart's Hand fest, die den Brief zu
bedecken suchte ... Der Brief wurde sichtbar, doch beachtete ihn Lucinde nicht
... So schlecht also hat man mich gemacht! ... wiederholte sie. Und gewiss ist es
die Unbescholtenste von allen, Fräulein von Tüngel, die mich am meisten lästert!
... Hassen Sie denn nicht auch so die Dummheit? ... ... Diese Dame speculirte
auf einen armen Phantasten, der sie allerdings um meinetwillen nicht mochte ...
    Jérôme von Wittekind! Ich weiss alles ... Und - Ihr - Ihr Doctor Klingsohr
... Den trägt man Ihnen bitter und mit Recht nach ...
    Lucinde zuckte die Schultern und sagte:
    Den hab' ich nie geliebt ... Sieh, sieh, weisst du schon, was die Liebe ist?
...
    Dies »Du« flocht sie, indem sie mit dem schwarzen Handschuh fingerdrohte, so
gewandt und listig ins Gespräch, dass Armgart vor dem traulichen Ton zwar
erschrak und von ihr abrückte, ohne ihr jedoch zürnen zu können; ihr kam das Du
dann noch natürlicher, als sie sprach:
    Lucinde! Dich sollte eigentlich jeder meiden! ...
    So! entgegnete diese mit zuckenden Lippen und fiel in ihre kältere Art
zurück. Das spricht Armgart! Ihre Mutter kommt heute und Sie fliehen wieder vor
ihr - wieder mit zwei jungen Männern vielleicht - Sie müssten doch wohl schon
gelernt haben, wie Frauen leicht und unschuldig in einen falschen Ruf kommen
können ...
    Armgart wurde über die beiden jungen Männer rot ...
    Alle Welt weiss ja schon von Ihrem Vorsatz! ... Ich lasse den Wagen halten
und verhindere Ihre neuen Torheiten -
    Lucinde! ...
    Freilich! Sagen Sie gleich, wo wollen Sie hin? ...
    Zu Hedemann -
    Dort finden Sie Ihren Vater -
    Armgart sprang auf und sank durch die Bewegung des Wagens auf Lucindens
Schoos ...
    Diese hielt sie fest ...
    Dann flieh' ich zu den Clarissinnen ins Kloster ... Oder in den Wald zu den
Eremiten - oder in die weite Welt hinaus! ...
    Lucinde musste Armgart, die sich loswand, von ihrem Schoose freigeben ... Sie
betrachtete das aufgeregte junge Mädchen halb mit Lachen, halb mit Rührung und
liess sich von Armgart's Gelübde erzählen ... Auch an Serlo's Töchter dachte sie
bei ihrer Vergleichung ... Sie wandte sich Armgart zu, die wieder neben ihr sass
... Lucindens Augen hätten dabei vor List glänzen können und glänzten doch nur
vor Teilnahme ... Ihr Mund öffnete sich ... Ihre ganze Erregung machte sie jung
und schön, wie in den Tagen ihrer ersten Blüte ... Armgart atmete kaum, so
bangte ihr vor der Begleiterin und dies Bangen wurde ihr ein wohliges ...
    Lucinde, sagte sie tonlos, du kannst Latein, Italienisch, hast unsern
Glauben angenommen ... aber ich fürchte mich doch vor dir ...
    Weil ich so schlecht bin! ... erwiderte Lucinde vor sich hin und ihre
schwarzen Augen verschlangen mit einer ungewissen Sehnsucht die braunen
Armgart's ...
    Du bist eine Schlange, eine Hexe, sagen sie ...
    Dann bin ich es auch wohl! Darauf verstehen sich ja die Menschen und
besonders die Frauen ...
    Armgart kämpfte immer mehr gegen die Bestrickung durch diese auch ihrer
Lebensauffassung so verwandte Ironie ...
    Seit ich lesen kann, seit Paula in die Anstalt kam, fuhr sie fort, hab' ich
dich, Lucinde, fürchten gelernt ... Paula schrieb zwar immer von dir, ich sage
dir das offen, mit Bewunderung ... Sie ist so gut, sie verehrt dich ...
Wahrhaftig! ... Und ich weiss doch, dass sie eigentlich nur immer Angst vor dir
haben sollte ...
    Auch noch jetzt? sagte Lucinde mit dem Ton der Resignation und in Anspielung
auf Bonaventura ...
    In ihren Visionen sieht sie dich fortwährend ...
    Und wie dann? ...
    Nie gut ...
    Diese Visionen lügen ... Kluge Armgart! ... Diese Visionen sind nur
Widerspiegelungen aus Paula's eigenem Innern. Glaube mir's! ... Was würden wir
nicht alles sagen und verraten können, wenn wir so plötzlich den Willen und die
Selbstbeherrschung verlören! ... Paula sieht nichts, was ausser ihr ist. Sie
sieht nur Bilder der Erinnerung, ihres Wissens und sonstigen Ahnens und Fühlens.
Sie spricht nur die Gedanken aus, die sich im Menschen unbewusst sammeln und ihm
in den Mund kommen, er weiss selbst nicht wie. Wenn du träumst, Armgart, ist es
dir nicht gerade ebenso? ... Dass sie dann freilich, ohne es zu wissen, alles
herausspricht, das ist eine fatale Krankheit ...
    Armgart dachte allen diesen Worten nach, sagte dann aber doch:
    Du irrst, Lucinde! Sah sie nicht kürzlich den Vater des Domherrn? ...
    Von Asselyn? ... Warum nicht? Sie beschrieb ihn, wie man vom Lande der
Seligen träumt ...
    Nein, nein! Das wirkliche Italien war's, wo sie ihn sah ... Terschka -
bestätigte alles ...
    Unsere Vorstellung vom Paradiese ist - so etwas wie Italien ... sagte
Lucinde, schwieg dann aber und liess Armgart Recht behalten ...
    Dadurch wurde diese noch sicherer ...
    Dein armer Klingsohr! fuhr Armgart fort. Der liebt dich wohl noch jetzt! Wie
weit hin war der berühmt! Noch im letzten Herbst wurden seine Aufsätze jeden
Abend bei uns vorgelesen. Alle sagten dann: Das ist der Sohn des Deichgrafen!
Das ist der, der um - deine Lucinde, Paula, ins Kloster gegangen ist! Die Tante
wollte nicht, dass ich erführe, was Liebe ist, und sagte: Ach was! Aus Schmerz um
seinen Vater, aus Reue über sein Einverständnis mit dem Kronsyndikus ist er in's
Kloster gegangen! ...
    Ein Kloster ist für vieles gut - das siehst du an deiner Mutter und an dir
... sagte Lucinde ausweichend ... Also die Liebe solltest du nicht kennen lernen
und nun kennst du sie? ... Herr von Terschka liebt jetzt statt deiner Mutter -
glaub' ich - dich ...
    Armgart ergriff Lucindens Hand und sagte mit erstickter Stimme:
    Was sprichst du da ...
    Ich sah es ja neulich bei dem Jagdbanket - den Augen der Männer sieht man
das an! Terschka's Augen verschlangen dich ...
    Lucinde! rief Armgart ablehnend - und ihr Auge verschlang doch auch die
Augen Lucindens ...
    C'est la vogue! ... Auch Benno von Asselyn und Tiebold de Jonge lieben dich
...
    Armgart nannte französisch die Sprache, die Gott geschaffen hätte, Dinge zu
sagen, die andere Nationen zu sagen sich schämten ... Sie sagte das eben ...
    Als Lucinde darüber lachte, fiel sie sich ihr abwendend ein:
    Wähle du dir einen davon! ...
    Lucinde ging auf den Scherz ein:
    Hm, Tiebold de Jonge? sagte sie ... Ei, der ist sehr reich und das ist viel
wert ... Aber ... Was hilft mir ein Mann, für den ich den Verstand haben muss!
Dein Vater hat ihn aus dem Wasser gezogen, hör' ich. Mir würde er - ewig im
Sanct-Moritz liegen ... Immer müsste ich ihn an den Haaren halten ... Seine Haare
sind freilich hübsch ... Nun ja, mir recht! Um die Wahrheit zu sagen, ein
rechter Mann muss ein bisschen dumm oder lieber noch wild sein, dann ist's eine
Lust, ihn ziehen und zähmen zu können ... Wahrhaftig, ich nähme den Tiebold
noch lieber als den Benno ...
    Armgart horchte einer Sprache, die sie - für frivol hätte erklären müssen
und die sie doch fesselnd fand ...
    Benno - der ist schön, interessant, aber - eingebildet! fuhr Lucinde fort.
Der liesse keine Frau aufkommen ... Immer würde er ihren Verstand mit Ironie
behandeln ... Nein, nein, diese Männer, die sich so klug dünken -
    Armgart hielt Lucinden den Mund zu ...
    Terschka freilich - fuhr diese fort ...
    Das Kapitel verstehst du nicht ...
    Lucinde machte sich frei und fuhr fort:
    Terschka - das denk' ich mir so! Graf Hugo ist Terschka's Freund ... Geht
Paula, deine Freundin, nach Wien, so wirst du, Närrchen, natürlich folgen wollen
und da - macht sich denn alles ganz natürlich -
    Nach Wien? unterbrach Armgart. Nach Wien? Wer geht nach Wien? ...
    Ich höre doch ...
    Sie geht in ein Kloster ... Wie ich ... Nur - dass ich schon heute gehe ...
    Pah! Ihre Aufgabe, die Aeltern zu versöhnen, sagte Lucinde, ist nicht so
schwer ... Es ist wahr, Ihre Aeltern hassen sich; aber es gibt einen Hass, der
der unmittelbarste Gegenpol der Liebe ist und bei günstiger Gelegenheit sogleich
in Liebe umschlägt. Man hasst dann nur, weil man eben nicht liebt, das ist ein
grosser Unterschied vom gewöhnlichen Hass. Der gewöhnliche Hass verachtet und will
gar nicht lieben. Wenn man aber weiss: Einer ist nur ausser uns im Leben, der uns
ganz und gar aufhebt und vernichtet ... Nun ringst du gerade mit dem und mit
keinem andern ... Weicht er oder weicht er nicht ... An ihm allein missest du
deine Kraft ... An ihm deinen Wert ... O, das ist ein ganz anderer Hass ... Ja
schüttle dein liebes Köpfchen nur ... Du verstehst das alles noch nicht ... Tage
und Wochen lang nur immer auf Einen denken, immer nur für dessen Widerlegung,
wenn er uns misverstand, leben, dem zum Widerspruch, aber auch nur um Den allein
das Höchste und Kühnste beginnen, malen, dichten, philosophiren, entbehren; -
alles das hat, ich weiss es vom Oberprocurator Nück - auch deine Mutter getan
und keiner ist ihr dabei doch bei all ihrem Zorn und ihrem Schmerz gegenwärtiger
gewesen, als immer der Mann, der sie früher bändigen wollte, ehe sie die Lust
der Freiheit gekostet, oder, wie man richtiger sagt - gebüsst hat ... Und wenn
ich mir den Obersten vergegenwärtige, den ich kenne, den ich gesehen und
gesprochen habe -
    Armgart hing an Lucindens Lippen mit bebender Erwartung und hielt krampfhaft
ihre Hand ... Dass diese ihr eigenes Verhältnis zu Bonaventura beschrieb, wusste
sie nicht; so leidenschaftlich konnte sie sich die Liebe zu einem Priester nicht
denken ...
    Dein Vater, fuhr Lucinde fort, erschien mir bei einem kurzen Begegnen in
Kocher am Fall eine Natur wie aus Granit. Lieben könnt' ich ihn nicht. Aber -
nun kam Lucinde unbewusst in die Anrede mit »Sie« zurück - Ihre Mutter schon, die
sieht nicht, glaub' ich, die Bibliotek, die in seinem Innern aufgebaut ist, von
zehntausend Bänden Weisheit. Sein Bruder, Ihr Onkel Levinus, hat auch diese
Bibliotek im Kopf, ich hörte das ja heute; aber der plaudert sie aus oder sie
liegt krummbucklig in ihm durcheinander, bald orientalisch, bald spanisch, bald
kocht er Gold, bald bloss Seife ... Der ist nicht einmal das
Conversationslexikon, wo es doch nach den Buchstaben geht ... Aber bei Ihrem
Vater - da sieht man keinen einzigen Titel, keinen Einband, kein Schubfach,
keine Rolltreppe - in alten Klosterbiblioteken ist's himmlisch, Armgart! - das
ist alles von ihm verdaut und wirklich Fleisch und Blut geworden. Denke dir,
Armgart - Lucinde ging aus ihrer Zerstreuung wieder in diese Anrede über - denke
dir diesen Magen! Diese Gesundheit! ... Deine Mutter ist dann gerade ebenso ...
Sie liebt deinen Vater, sowie sie ihn sieht - falls freilich nicht bereits dein
schlimmer, höchst leichtsinniger - Terschka -
    Armgart hielt gerade krampfhaft Terschka's Brief in der Hand und legte diese
und den Brief auf Lucindens Mund ...
    Nein! Nein! sagte Lucinde beruhigend und wiederholte halb spottend das
allbekannte Gelübde Armgart's: In der Rechten die Mutter, in der Linken den
Vater und so beide fürs Leben verbunden! ...
    In Witoborn, wo es des Tags nicht bloss zu jeder Stunde, sondern im Grunde
immer läutet, hämmerte bereits der unruhige Hinkbote, der in der Glocke jedes
Jesuitenturms sitzt. Das ging wie beim Sägemann auf dem Weihnachtstisch ...
    Armgart bat Lucinden, noch eine Weile auf den Wällen langsam hinfahren zu
lassen ... Das Wetter wäre so schön ... Sie wollte zu Hedemann, wollte nach der
Ankunft des Vaters fragen und dann ins Kloster zu den Clarissinnen ...
    Lucinde tat alles, wie gewünscht und beugte sich zum Schlag hinaus, um mit
dem Kutscher zu sprechen ... dabei entglitt ihrer Brust das Kreuz ...
    Du bist katolisch geworden! sagte Armgart, es ihr zurücksteckend. Weisst du
auch, was katolisch ist? ...
    Katolisch sein heisst einen geheiligten Willen haben ...
    Das ist recht! wallte Armgart auf. Wenn ich Hedemann gesprochen habe und ehe
ich ins Kloster gehe, beten wir im Dom zusammen? ...
    Ich reise heute ... entgegnete Lucinde ausweichend ... Sie - ins - Kloster!
setzte sie nach einer Weile hinzu und gedachte Treudchen's, die gleichfalls nur
einen vorübergehenden Schutz im Kloster suchte und dort vielleicht für immer
blieb ...
    Wann reisen Sie denn? ... unterbrach Armgart ihre Abmahnungen ...
    In wenig Stunden ...
    Und kommen nicht wieder? ...
    Gegen Ostern ...
    Armgart's Miene war so wehmutvoll, als wollte sie sagen: Wer weiss, wo ich
dann bin! ...
    Lucinde sah diesen Schmerz, der sich durch ein Blinken der weissen Zähne
ausdrückte ...
    Sie nahm jetzt den Brief, den Armgart aus Zerstreuung wieder in der Hand
hielt ... Sie wollte vom Gespräch über ihre eigenen Pläne und Absichten abkommen
und sagte:
    Das ist ja ein Brief an Ihre Mutter? ...
    Armgart erschrak und bestätigte es kleinlaut ...
    Wollen Sie ihr den Brief aus dem Kloster schicken? ...
    Armgart blieb die Antwort schuldig ...
    Haben Sie diese wunderliche kleine Handschrift? ...
    Nein - Herr - von Terschka ...
    Lucinde nahm den Brief, verglich den Umstand, dass Armgart diesen Brief nach
Witoborn mitnahm, mit allem, was sie aus Armgart's Mienen zu lesen glaubte, und
sagte:
    Der Brief sollte in Westerhof Ihre Mutter begrüssen - nicht wahr? ... Nun
sind Sie neugierig, was wohl Terschka Ihrer Mutter schreibt, während er Ihnen zu
gleicher Zeit - Machen Sie doch den Brief des leichtsinnigen Mannes auf! ...
    Lucinde! rief Armgart und wie wenn einer Mutter ihr Kind ins Wasser stürzen
will, griff sie nach dein Brief -
    Lucinde gab ihn zurück ...
    Was aber hatte sie schon getan? ...
    Mit einer einzigen Bewegung des Fingers hatte sie unter die Klappe des
Couverts gegriffen und sie aufgerissen. So gab sie den Brief an Armgart zurück
... Es war eine Regung ihrer alten Natur ...
    Für Armgart war das freilich zu viel ... Geschah ein Verbrechen, das so weit
ging, ein fremdes Geheimnis nicht zu schonen, so musste es feierlich, wenigstens
erst mit einem Gebet zu Gott geschehen ... Diese rasche Tat lähmte ihr die
Sprache ...
    Lucinde lachte darüber ...
    Abscheuliche! Jetzt erkenn' ich dich! rief endlich Armgart, nur zu einigen
Worten sich sammelnd ...
    Lucinde konnte nicht aus dein Lachen kommen ...
    Schändliche! Schändliche! ...
    So lesen Sie doch, Kind -
    Ich verbitte mir -
    Lucinde lachte ...
    Sie verdienen -
    Was? Armgart! Einen Kuss! ...
    Nicht Ihre Armgart bin ich ... Demoiselle Schwarz! - Halt! Halt! ...
    Sie rief dem Kutscher ...
    Der Wagen hielt ... Es war am Eingang in den Witobachgrund ... Die Mühlen
schienen eben zu rasten ... Es war still ringsum ...
    Der Bediente sprang hinunter und öffnete den Schlag ...
    Warum haben Sie mir das getan! lenkte Armgart wieder zum alten gütigen Tone
ein und hielt den Schlag zu ...
    Lucinde, verletzt durch das plötzliche Herauskehren der Fräuleinswürde
Armgart's, wandte sich ab und tat, als verlöre sie mit solchen Possen nur die
Zeit ...
    Ich sehe es zu gut, sagte Armgart weinend, dass Ihr Uebertritt zu unserm
Glauben nur eine Heuchelei war! Ja, Sie sind eine Schlange, die sich erst warm
an unserm Herzen einnistet und dann das Blut aussaugt! Darum flieht auch alles
vor Ihnen! Und ich, ich lasse mich betören! Gerade wie die armen jungen Mädchen
auf den Streckbetten damals! Nun fühl' ich wieder den fürchterlichen Stich im
Herzen, wie damals, als ich Sie zum ersten male sah! ...
    Lucinde wandte sich ab und beachtete sie nicht mehr ...
    Da der Schlag Armgart's Händen entglitten war und das längere Offenstehen
des Wagens Lucinden veranlasste, ihren Mantel, wie gegen Frost, fester zu ziehen,
stieg Armgart aus ...
    Beide trennten sich, als wäre mitten in ihrem schönsten Flusse eine Melodie
durch das Reissen einer Saite unterbrochen worden.
 
                                    Fussnoten
1 Tatsächliches.
 
                                      23.
Mit ihrem Bündelchen und dem erbrochenen Briefe schritt Armgart wie die
verstossene Hagar dahin' ...
    Sie betrat die Gegend Witoborns, wo sonst das Wasser rauscht, die Räder
brausen, die Sägemühlen kreischen, die Mittagszeit alles still gemacht hatte ...
Die Witobach machte hier eine Biegung, die einen alten Gefängnissturm, jetzt das
Hauptwerk des ganzen Mühlenbetriebs, wie auf einer Insel liegen liess ...
    Hier und da wurde der Weg durchkreuzt von alten durchbrochenen Mauern und
grossen Schuppen ...
    Hier also wollte der Vater seinen künftigen Wirkungskreis eröffnen, hier
eine Erfindung des Satans befördern helfen und Papier machen ... Dass doch auch
die Gebetbücher und Breviere des Papiers benötigt waren, gab Armgart schon eine
Erkräftigung gegen die strengen Vorwürfe der Frau von Sicking ... Aber - welch
ein rätselhaftes Wesen allerdings im Papier liegt, sie fühlte es an dem Briefe,
der ihr entüllen konnte, was und wie Terschka ihrer Mutter zu schreiben wagte
...
    Fernab, schon in der ersten Häuserreihe der Strassen, lag das freundliche
Häuschen, wo Hedemann wohnte ... Und seit einigen Wochen hatten dort Benno und
Tiebold gewohnt, sie, die sie aus ihrem Leben ausgelöscht zu haben glaubte und
es doch so wenig konnte wie wieder die heutige Erinnerung zeigte ... Es war
Mittagszeit ... Sie konnten, wenn sie beide noch nicht abgereist waren, eben
beim bescheidenen Mahl ihres gastlichen Freundes sein ... Wie bewusstlos schritt
sie dahin ...
    Auf einem der schmalen Stege und geländerlosen Brückchen, die hier zu
überschreiten waren, begegneten ihr zwei Bekannte ...
    Der bucklige Stammer und Frau Schmeling, die Hebamme ...
    Unwillkürlich erschauderte sie trotz des demütigen Grusses, der von beiden
ihr zu Teil wurde ... Stammer war im Kirchenbann, auch die Schmeling sollte
hineinkommen ... Auch von Hedemann hörte man, dass sich zu Ostern, beim
allgemeinen Communiongang, sein wahrer Kern entüllen würde ... Die Aeltern
Hedemann's waren gleichfalls im Kirchenbann ... Ja ihr eigener Vater galt für
einen Freigeist, wie die Mutter ... Sie irrte wie am Scheidewege zwischen Himmel
und Hülle ...
    Wie lag das Gespräch mit Lucinden auf ihrem Herzen ... Was hatte sie an
Anschauungen und wilden Lebensmaximen vernommen! ... Und sie fühlte ja auch
schon lange, dass eine seltsame Musik durch ihre eigene Seele zog, fühlte, dass
sie im Vergleich mit ihrer lichtreinen Paula längst in immer unheimlichere
Schatten trat ... Sie konnte nichts nennen von dem, was sie so bedrückte ...
Aber ihr erstes Gefühl war, zu sagen: Das ist die Sünde! ... Und gerade darin
lag ihre Angst, dass in ihr tausend mutige Stimmen riefen: Was Sünde! Gib dich,
wie du musst! ... Dies Müssen war ihr dann wie ein Gezogenwerden schon von der
Hand des Teufels ...
    Grinsend sprang der berüchtigte Musikant zur Seite ... Auch die Hebamme
schien betroffen, sich von dem Stiftsfräulein hier mit Stammer gesehen zu finden
... Sie knixte und erbot sich mit schneller Zunge zu einer Auskunft, da Armgart
nicht wusste, wie sie aus diesem Labyrint der kleinen Kanäle der Witobach
herauskommen sollte ...
    Ich wollte zu Hedemann ... sagte sie ...
    Der ist eben im Turm, mein gnädiges Fräulein! Eben ging er die Treppe
hinauf ... Da! ... Sehen Sie ... dort die Tür! ...
    Stammer deutete zu diesen Worten der Schmeling den kürzern Weg an, auf dem
Armgart zu diesem Turm gelangen konnte ...
    Alles ringsum blieb still ... So viel Worte hätte man hier sonst ohne die
lebhafteste Erhebung der Stimme nicht wechseln können ...
    Der Turm musste bewohnt sein ... Eine alte Frau stieg von der Aussentreppe
nieder, in der Hand hielt sie einige Töpfe ... Aus einem Verschlage, an dem
Armgart still stand, sah eine Ziege hervor und bohrte mit den Hörnern an der
Öffnung ... Selbst darüber wurde ihr ängstlich zu Mute ... Vollends aber, als
sie die Frau nach Hedemann fragte und an der Antwort sah, dass die Alte taub war
...
    Armgart stieg nun von selbst einige Stufen höher in die offene Tür ...
    Von hier wieder abwärts gehend, hatte das alte Mauerwerk im Erdgeschoss eine
Küche, in die man hinunterblicken konnte ... Auf dem Herd unten lagen
verglimmende Kohlen ... Eine enge steinerne, abgetretene Treppe führte nach oben
hinauf ... Sollte sie sie besteigen? ... Sie sah sich erst nach einer Klingel
um; die Alte folgte ihr schon dicht auf der Ferse und sprach nichts und
betrachtete sie nur neugierig ...
    Da wurde Armgart von oben angerufen und begrüsst ...
    Es war Hedemann's Stimme; aber sie sah ihn noch nicht ... Nur die Füsse
bemerkte sie ... Sie musste erst durch eine Falltür den Kopf stecken, bis sie
Hedemann von Angesicht sehen konnte ...
    Fräulein Armgart, Sie sind es -? rief er ihr entgegen und reichte ihr die
Hand, sie emporzuziehen ...
    Hier sind Sie ja wie in einem Gefängnis ... sagte sie ...
    Das war hier auch ehedem so etwas! sagte Hedemann ... Der Turm gehörte zur
Vogtei ...
    Hedemann schien hocherfreut von diesem Besuch und setzte hinzu:
    Aber darum ist es hier doch ganz angenehm! Kommen Sie nur näher! ...
    Hedemann öffnete ein Gemach, das in der Tat warm und behaglich war. Zwar
waren die Fenster kaum grösser, als Schiessscharten, aber da es ihrer vier waren
und sie ganz hoch lagen, erhellten sie den Raum, der mit einem in einem Alkoven
befindlichen Bett, einem alten Lehnstuhl, einem Tisch und einigen Stühlen
besetzt war ... Tassen, Gläser standen auf einer Kommode ... Es war das Bild
einer kleinbürgerlichen Wohnung ...
    Um den Fussboden dieses Zimmers selbst zu betreten, mussten dann beide
innenwärts noch einige Stufen hinuntersteigen ...
    Armgart war glücklich, Hedemann hier oben allein sprechen zu können ... Sie
warf ihren Muff ab, band den Hut auf, lüftete den Mantel und rückte sich dem
behaglichen halb eisernen, halb Kachel-Ofen näher, um die Füsse zu wärmen ...
    Hedemann begleitete alle diese Bewegungen mit den Worten:
    Nun, das ist gut! Das ist gut! ...
    Was ist gut, Hedemann? ...
    Dass Sie nicht in Westerhof bleiben! Heute kommt Ihre Mutter! ...
    Sie wissen -? ... Und der Vater? ...
    Das ist recht, Sie halten am Vater ...
    An Vater und Mutter! Wie Sie's immer ja selbst sagten ...
    Aergert dich aber dein Auge, so reiss es aus! ... Mit der Mutter können Sie
nicht gehen, ohne den Vater zu kränken ...
    Ich weiss es ... Und wann kommt der Vater? ...
    Ich denke, jede Stunde ... Sie sind ein gutes Kind - In Ihren Jahren gehören
Sie dem Vater! ...
    Ich will zu den Clarissinnen gehen, Hedemann, und dort so lange warten, bis
mich beide abholen ...
    Da würden Sie den Schleier nehmen müssen! Dass beide zusammen kommen, würde
lange dauern ...
    Nun, dann - dann täte es ja auch so - vor Gott nichts ...
    Hedemann wallte über dies Wort auf und schien von plötzlichen Gedanken
ergriffen ...
    Haben Sie schon gegessen? fragte er ...
    Essen und Trinken lehnte Armgart ab ...
    Kommen Sie hinüber in mein Häuschen ... Benno und Herr de Jonge speisen
heute nicht bei Tangermanns, sondern gönnen mir die letzte Ehre ... Vielleicht
überrascht uns zum Nachtisch - der Oberst ...
    Hedemann! ... Ich darf nicht ...
    Sie bleiben dann auch gleich drüben ... Bei Ihrem Vater! ... Ja, dessen
Schild und Ehrengarde müssen Sie nun werden! ...
    Sie wissen ja schon von Lindenwert, wie ich über alles das denke ...
    Der Vater will keine Versöhnung ...
    Ich aber will sie ...
    Lässt sich ein Mann vorschreiben? ...
    Aber die Mutter ...
    Umstrickt Sie! Auf Westerhof ist gestern das grosse Loos gezogen! Die Urkunde
hat sich gefunden ... Da mag es hoch hergehen ... Bleiben Sie getrost bei Ihrem
armen gekränkten Vater ...
    Hedemann -
    Sie sind jetzt alt? - Sechszehn Jahre - denk' ich ... Warten Sie, ich kann
es bis auf die Minute sagen -
    Hedemann nahm ein Buch, das unter den Tassen und Gläsern lag und an seinem
Einband schon als die Bibel zu erkennen war ...
    Hier stehen sie alle, die zu meiner Familie gehören! ... Auch Sie gehören
dazu ...
    Guter Hedemann! ... Aber hier kann ich nicht länger bleiben ...
    Sie - bleiben hier ...
    Ich gehe nicht nach Westerhof zurück ... Das versprech' ich ... Aber ich
will ins Kloster ...
    Ins Kloster! Was da! Sie bleiben bei Ihrem Vater! Da steht auch Buch Sirach:
»Bleibe treu dem Freunde in seiner Armut!« ...
    Armut? ...
    Arm und reich macht Liebe, Ehre, Anerkennung, Gerechtigkeit ... Armgart, Sie
müssen jetzt zum Vater halten! Sie müssen die Netze der Mutter fliehen!
Westerhof sogar, die Tante, den Onkel, alle, die den Obersten lästern ... Die
Rede Ihrer Mutter wird süss sein, gewiss ... Erst aber müssen Sie dem Vater in die
Arme fliegen - wie die Tochter Jephta's, da er die Feinde geschlagen! Sela! ...
Sechszehn Jahre, drei Monate und sieben Tage sind Sie alt! Da steht's! ...
    Das kann ich nicht, Hedemann! sprang Armgart jetzt auf ... Denn sie erschrak
vor der seltsamen Entschiedenheit des Mannes ... Wie könnt Ihr mir raten, so
meiner Mutter weh zu tun? ...
    »Der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen!« spricht Paulus -
sondern - doch wohl umgekehrt ...
    Hedemann, adieu! Schickt den Vater zu den Clarissinnen! Ich folge ihm nur,
wenn er mit der Mutter kommt! ...
    Der Rat des Herrn bleibt ewiglich! Sela! ...
    Mit diesen Worten machte Hedemann einen gewaltigen Schritt auf die vier oder
fünf Stufen hinauf, die von der Tür in das kleine Gemach hinunterführten ...
    Was habt Ihr vor? rief Armgart entsetzt und sprang ihm nach ...
    Und wie Hedemann noch eine Stufe weiter zurückgegangen war, kam ihr die
Ahnung, dass er gegen sie etwas im Schilde führte ...
    Jesus Marie! rief sie ... Ich werde - doch - wieder - gehen können -? ...
    Das hat der Herr gefügt! sprach Hedemann und hielt schon die Tür in der
Hand ...
    Hedemann, was? ... Armgart stand schreckgelähmt ...
    Nicht wie in Lindenwert sind wir hier ... Nicht wieder wie damals in Nacht
und Nebel vor Vater und Mutter entflohen ...
    Hedemann! ...
    Armgart, die diese Wendung ihres Vertrauens nicht für möglich gedacht hatte,
schrie den Namen so laut, dass man sie auf hundert Schritte weit über die Insel
hinaus hätte hören müssen ...
    Aber auch im selben Augenblick griff Hedemann an eine links hängende Klingel
und wie der Zusammensturz eines Hauses so brausend begannen sofort die Räder der
Mühlen ihre kreisenden Bewegungen, die schrillen Töne der Sägen durchschnitten
die Luft, das Wehr, das gestaut gewesen, entsandte seine Donnertöne ... Seine
eigenen Gedanken begriff man nicht, viel weniger hörte man ein eigenes Wort oder
das eines andern ...
    Wie von einem Taumel überfallen schwankte Armgart zurück und ehe sie sich
noch in den schrecklichen Augenblick gefunden und sich mit beiden Händen wie zum
Angriff auf Hedemann gerüstet hatte, war dieser verschwunden ...
    Nun stürzte sie die Stufen hinauf und rüttelte an der Tür ... Sie schlug
wider sie mit beiden geballten Fäusten ... Die Tür war eisenbeschlagen und
eisenfest ... Sie suchte einen Griff, einen Riegel, um zu rütteln - selbst diese
fehlten, die Tür war von innen nur durch einen Schlüssel zu öffnen und dieser
war abgezogen ... Mit der Behendigkeit eines flüchtigen Wilds sprang sie die
Stufen wieder hinunter, riss einen der Stühle an die hoch gelegenen kleinen, kaum
einen Fuss breiten Fenster, griff hinauf, um eines, das nach aussen vergittert
war, zu öffnen - vergebens, von den Fenstern war gerade dies nicht zu öffnen -
Sie sprang hinunter, rückte den Tisch an die Wand, kletterte hinauf, suchte ein
anderes Fenster zu öffnen ... Dies gelang ... Sie schrie hinunter ins Freie:
Hülfe! Hülfe ... Der Ruf verhallte in dem Lärm des Mühlenwerks und des Wehrs
ohnmächtig wie das Summen eines Käfers ... Kein Haus lag gegenüber, kein Weg
führte daher ... Sie konnte rufen und rufen und erschöpfte nur die Kraft ihrer
Stimme und den letzten Rest des Mutes, den sie dem so rasch ausgeführten
Entschluss entgegensetzen konnte ...
    Schon dachte sie: Es ist ein Scherz von ihm ... Er wird wiederkommen ...
    Aber wenn er mit dem Vater käme? Wenn mein Gelübde - vereitelt wäre! ...
    Als sie das Fenster der hereinströmenden Kälte wegen zugeworfen hatte,
wieder niedergestiegen war, immer von dem betäubenden Geräusch begleitet, sank
sie auf den Lehnstuhl nieder und liess verzweifelnd die Hände zusammengefalten
auf ihrem Schoose liegen ... Blasser und matter neigte sich ihr Haupt ... Der
Hut entfiel ihr ... Sie lag in Betäubung ... Von dem dumpfsten Schmerze der
Seele ebenso gefoltert, wie von dem grauenhaften, ihrer Stimmung hohnsprechenden
Getöse um sie her ...
    Das hatte sie nicht für möglich gehalten! Hedemann's Gefangene war sie ...
Aus seinen Bitten, die ihr noch von den letzten Augenblicken an der
Maximinuskapelle im Ohr klangen, waren Befehle geworden ... Sie konnte erwarten,
dass nur ihr Vater sie hier befreien würde ... Jetzt hätte sie aus dem Fenster
nach Benno und Tiebold rufen mögen ... Was half es ... Nichts war von ihrem Ruf
zu hören ... Ihre Tränen brachen hervor ... Sie, die sich selbst gefangen
setzen konnte, tagelang, sie konnte es nicht von andern sein ... Sie wollte
aufspringen, wider die Wände rennen ... Ihre Muskeln hatten keine Kraft mehr,
ihren Willen auszuführen ... Und was sie dann auch tat, nichts ging ja helfend
an gegen die Gleichmässigkeit des Rauschens und Rollens und Donnerns um sie her
...
    Dazu dann endlich noch der Brief, der geöffnete, der vor ihr auf dem Tische
lag! ...
    Sie sah ihn lange mit der innern Ermutigung an, wenigstens den zu lesen und
dadurch in eine vorherrschende, wenn auch schmerzlich zerstreuende Stimmung zu
kommen ... Jetzt aber überfiel sie plötzlich wieder ein Rettungsgedanke; sie
sprang auf und lief an die Klingel, um diese zu ziehen und vielleicht auf einen
Augenblick so die Räder zum Stehen zu bringen ...
    Sie zog so gewaltsam, dass sie den Draht in der Hand behielt ...
    Die Räder gingen fort und fort und die stürzenden Wellen des Wehrs rauschten
und rauschten nach wie vor ...
    Nun sass sie wie vernichtet und wie ausgelöscht aus dem Leben ...
    Allmählich entquollen ihr Tränen ...
    Sie sah sich gestraft für eine Menge Sünden, die wie in langen trauervollen
Bildern an ihrem Innern vorüberzogen ... Sie sah sich gestraft von Gott selbst
... Die Bibel lag vor ihr, ein Buch, das sie wenig kannte, ein Buch, das ihre
geliebte Kirche nicht empfiehlt ... Hedemann hatte zwischen manche Seite
Papierstreifen gelegt, manche Stelle unterstrichen. Epheser 6, 1: »Gehorsam
seid, ihr Kinder, euern Aeltern!« ... ... Und wie, wenn sie eine Antwort gesucht
hätte auf die Frage der Verzweiflung: Aber hab' ich denn nicht ein Gelübde
getan? so fand sie an einer andern Stelle, 1 Samuelis 15, 22, die Worte
unterstrichen: »Gehorsam ist besser, denn Opfer.« ...
    Aus ihren Träumen weckte sie - nur das rauschende Rad und die Woge ...
    Ganz allein und vergessen war sie darum nicht ... Sie bemerkte eine halbe
Stunde später ein näher kommendes Geräusch ... Es kam aus dem Ofen, der von
aussen geheizt wurde ...
    Legte man noch Holz an? ...
    Bald bemerkte sie einen vom Ofen herkommenden Speisegeruch ...
    Sie ging hin und sah in der warmen Röhre ein starkes Brett mit einer
Schüssel Suppe, mit Brot, Rindfleisch, Erdäpfeln und Braten ... Das war wie
hingezaubert ... Die Speisen kamen von aussen herein ... Sie übersah den Ofen,
der nur zur Hälfte im Zimmer stand und von der andern Hälfte aus eine Klappe
hatte, durch die man einen hier Eingeschlossenen verköstigen konnte, ohne dass
man eintrat ... Sie sah von ihrem Alkoven aus noch einen kleinen Raum, wo sich
sogar Gerätschaften zur Reinlichkeit befanden; selbst einen Verschlag, den sie
rasch wieder schloss ... Der Turm war für einen längern Aufentalt eines hier
oben völlig Isolirten eingerichtet ...
    Gefangen! seufzte sie wieder und stellte die einfachen Geschirre auf den
Tisch und untersuchte die Klappe im Ofen, die von ihrer Seite aus sich nicht in
Bewegung setzen liess ...
    Das wird dir wohl vom Abschiedsmahl Benno's und Tiebold's geschickt! ...
Wenn sie wüssten, für wen diese Reste bestimmt waren! ... Hedemann, mein
Kerkermeister, wird ihnen kein Wort davon sagen ...
    Beim Umblick in dem kleinen Raum bemerkte sie immer mehr Dinge, die sowol
einem längern Aufentalt wie zur Befriedigung nächster Bedürfnisse dienen
konnten ... Auch Wasser stand da, trinkbares ... Das Zimmer gehörte ohne Zweifel
dann und wann einem der ersten Beistände Hedemann's bei seinem Geschäft; jetzt
fanden sich nirgends Spuren eines eben darauf angewiesenen Bewohners ...
    Sie ass nun einige Löffel von der Suppe und stellte den Rest der Speisen
zurück ... Später nahm sie ihn doch. Die Natur machte ihre Rechte geltend ...
    Sie hätte sich schon zu fügen angefangen, wäre sie nur nicht so gefoltert
worden von dem Rauschen der Räder ... Das war doch, als rollte so ihr eigenes
Leben um ... Nun, dachte sie, geht Terschka aufs Schloss, die Mutter ist
vielleicht schon da, die Geheimnisse dieses Briefes entüllen sich, dein
Liebesopfer verwirft das Schicksal, der Traum der Legenden ist im Leben
unmöglich ...
    Wieder weinte sie ... und bald vor Zorn ... Sie schwur, das Äusserste
daranzusetzen, ins Freie zu kommen ...
    Sie untersuchte wieder Tür, Wände, Fenster, den Ofen ... Die verbindende
Platte war von Eisen ... Dann hoffte sie auf den Abend, auf den Stillstand der
Räder, auf die Kraft ihrer jugendlichen Stimme ...
    Nein, die Nacht lässt er dich nicht hier! sagte sie ...
    In ihrem wilderregten Innern jagte sich Bild auf Bild. Bei allem verweilte
sie, bei Lucinde, bei Bonaventura, bei Paula ... Zum Bilde Paula's vor ihrer
Seele erhob sie die Hände in die Höhe und betete: Schliesst sich dein Auge,
Freundin, so frage deine Engel, wo ich weile! Man wird mich doch vermissen, man
wird mich doch suchen; du wirst sagen, wo sie mich gefangen halten! ...
    Nun weinte sie um die Verzweiflung derer, die nicht wissen würden, wo sie
geblieben ...
    Wieder blätterte sie in der Bibel ... Sie bedurfte dieser Zerstreuung auch
deshalb, um des Briefs nicht zu gedenken, der sie magisch anzog ... Sie hatte
ihn in ihren Hut und auf das Bett gelegt ... Noch konnte sie sich nicht
entschliessen, sich für ihre Sachen der Riegelhaken zu bedienen, die sich rings
an den Wänden befanden ...
    In der Bibel fand sie alle die Geschichten am Urquell wieder, die ihr aus
ihrem Jugendunterricht so lieb waren, die Erzählungen des Alten und Neuen Bundes
... Und sie forschte nach Aehnlichkeiten ihrer Lage ... Sie verweilte bei
Joseph's Liebe zu seinem Vater, bei Absalon's wildem Trotz, bei den Söhnen Eli's
und deren strafendem Ende ...
    Glocken hörte sie vor dem Lärm nicht schlagen ... Schon kam aber der Abend
...
    Wenn nun ihr Vater hereintrat, was würde sie ihm sagen! ... Die Kraft, ihn
zu begrüssen mit dem Wort: Du Grausamer, du hast mich um die Wonne des Heiligsten
gebracht! hatte sie nicht mehr und stiller und immer stiller wurd' es in ihr bei
dem Gedanken: Hättest du wohl das Äusserste gewagt und Terschka's Arm ergriffen
und dich vor den Augen der Mutter für ihn bekannt? ... Sie hatte sich ausgemalt,
das im entscheidenden Augenblick tun zu wollen, die Angehörigen zu Zeugen
seiner Werbung zu machen und die Aeltern so zu überraschen; die Mutter, wenn sie
Terschka liebte; den Vater, wenn er davon eine Ahnung hätte ...
    Ein Licht stand auf der Kommode und ein Feuerzeug ...
    Es war nur Ein Licht ... Es konnte nicht zu lange brennen und sie rechnete
darauf, nicht zu schlafen und die Nacht an ihre Befreiung zu gehen und, wenn die
Mühlen endlich innehalten würden, ihren Hülferuf zu erneuern ...
    So verging die Zeit ... Sie zündete endlich das Licht an ... Es wurde ihr zu
gespenstisch einsam, zu schauerlich ringsum ... Sie hörte und sah im Geist, wie
man auf Westerhof sie suchte, wie man nach dem Stift schickte und wie die Mutter
sich in gleicher Lage befinden würde, wie damals, als man sie ebenso in
Lindenwert nicht fand ... Sie gedachte der Geisterteorie des Onkels ... Sie
hätte auf irgendeine Weise, um an sich zu erinnern, auf Westerhof spuken mögen,
durch Anklingen an eine Tasse oder ein Aufklinken der Türe ... Sie wusste, man
brauchte nur ganz fest und bestimmt an jemand zu denken und davon erschiene man
ihm ... Sie dachte sich, Paula versinkt in Schlummer, Bonaventura's Berührung
bringt sie in den Hochschlaf und sie sagt: Armgart sitzt hinter Schloss und
Riegel im witoborner Mühlenturm! ...
    In solchen Zuständen läuft es im Menschen hin, wie uns plötzlich eine Maus
erschrecken kann im wohnlichsten Zimmer - wie uns eine Katze begegnet im
lachendsten Blumenfelde. Sachen fielen ihr ein, lächerliche, als sollte sie
wahnsinnig werden; zwei Groschen Schulden, die sie noch an eine Mitpensionärin
in Lindenwert zu bezahlen vergessen hatte; eine wundervolle purpurrote
Schleife, die sie an einem Morgenhäubchen der Frau Fuld auf der Veranda in
Drusenheim bewundert hatte; ein Bändchen, das neulich dem Pfarrer Müllenhoff
während der Messe am Halse hervorguckte; hundert kleine verworrene Tatsachen
blitzten auf wie todt bisher in ihr aufgespeichert und machten Lucindens Teorie
wahr, derzufolge im Menschen der Stoff zu tausend Propheten stäke, wenn nur eine
Hand da wäre, die die Tore des in ihm versenkten Wissens ohne seinen Willen
aufschlösse ... Und als sie Benno's und Tiebold's gedachte, stiess sie dumpf die
Worte aus: Gott! Gott! Lass mir die Sinne! ...
    Dann sprach sie ihr Gelübde noch einmal und bat die Gottesmutter, ihr zur
Erfüllung desselben beizustehen. Sie wandte sich an die vierzehn Nothelfer,
jedem derselben nach seiner besondern Kraft ihre Bitte um Beistand vortragend.
Die Angerufenen standen vor ihr, jeder mit dem Marterwerkzeuge, das ihm die Ehre
der Heiligkeit gegeben. So gewohnt war sie die Litanei: O du gnadenreiche
Mutter, du heiliger Joseph, du heiliger Michael und ihr andern lieben Engelein
und Erzengelein! dass ihr die Bibel, nach der sie griff, wie ein fremdartiges
Buch erschien. Sie gab ihr gleichsam nur das einfache Brot, ihr gewohntes
Brevier eine viel süssere Kost ...
    Aus dieser Betrachtung weckte sie wieder ein Gepolter des immer gleich warm
bleibenden Ofens ...
    Jetzt sprang sie rascher hinzu; aber schon war die Bescheerung da ... Ein
Nachtessen, reicher, als die Tante Abends der Gesundheit für zuträglich hielt
... Schon war die Klappe unerbittlich wieder zugezogen ... ...
    Wer mag der Rabe sein, der mich nährt? sagte sie, an den Propheten Elias
denkend ... Die taube Alte? ...
    Indessen sie ass und nicht ohne Appetit und nicht ohne Besorgnis vor dem
Geschirr, das jetzt in der Küche fehlen würde, da sie das vom Mittag noch
zurückbehalten hatte, und nicht ohne guten Willen, es selbst zu waschen und in
den Ofen zu stellen und dabei rufen zu wollen: Nehmt's lieber mit, ehe ich's zum
Fenster hinauswerfe! ...
    Nach zu reichlichem Nachtessen Pflegte sie einzuschlummern und schon manche
der schauerlichen Geschichten des Onkels waren ihr auf Schloss Westerhof dann
verloren gegangen. Nur weil die Mühlen noch immer rauschten, dachte sie: Es ist
noch früh! Es ist noch nicht einmal Feierabend! ...
    Aber ihr Licht! Eine Talgkerze, gegen deren Duft sie an sich nichts hatte,
da sie wenigstens in Lindenwert keine andern gebrannt hatte und auch der Onkel
oft genug Lichter goss, die aus allerhand Surrogaten neuentdeckt waren und noch
viel schlechteren Geruch verbreiteten, als Talg - Ihr Licht war schon zum
letzten Drittel niedergebrannt und sie hatte doch noch die lange, lange Nacht
vor sich und ihren Plan mit dem lautesten Hülferuf ...
    Schlafen sollte sie? Schlafen in diesem Bett? ... Das wollte ihr nicht
einkommen ...
    Sie deckte doch aber das Bett auf ... dabei musste sie den Hut wegnehmen, die
Kleider - Der Brief fiel auf die Erde und die Einlage glitt aus dem Couvert ...
    Wie sie sie aufhob, war's wie eine glühende Kohle ... Sie sah das Wort:
»Freundin«
    Das vollends war ein Stich ins Auge ... Und doch wagte sie nicht zu lesen
...
    Sie ordnete die Schüsseln und Teller und stellte sie in den Ofen, der, wie
es schien, ihre einzige Verbindung mit der Welt blieb ...
    Das Bett war sauber und weiss ... mindestens so gut, wie ihr Lager in
Heiligenkreuz ...
    Sie versuchte es, sich zu legen ... Bald aber stand sie wieder auf ... Das
Zimmer war zu heiss ...
    Jetzt gedachte sie den Tisch an einen der Fensterspalte zu rücken. Aber
schon ermüdete sie und ahnte, dass sie doch nur zu vergeblichen Versuchen
zurückkehrte ... Schon ergab sie sich ... Die Mühlenräder gingen und gingen ...
Keine Hand stellte sie ... Wen konnte sie rufen? Ost sogar dachte sie, Hedemann
käme - in Kettenstrafe, wenn man seine ruchlose Tat erführe, und da wollte sie
denn lieber dulden, schweigen und weinen ...
    »Freundin!« ... Das Wort verliess sie nicht mehr ... Sich alle Beziehungen
desselben ausmalend, versank sie, unentkleidet auf ihrem Bett ausgestreckt, in
Träume und entschlummerte allmählich ... Schon hatte sie sich an das Rauschen
des Wehrs und der Mühle, an das Sägen, das hirnzerschneidende, gewöhnt ... Ihr
Einschlummern kam ihr wie ein Ertrinken, aber nicht mehr schmerzhaft vor ... Sie
träumte von einem grossen dunkelblauen Bande, das sie umringelte ... War es ein
Tier? Eine Schlange? Immer enger und enger wurde das Band, endlich sah sie
nichts mehr, als aus blauer Verstrickung hervor einen rosigen jugendlichen Kopf
mit lachenden Mienen, mit langen, feuchten, schwarzen Haaren - Das war dann
Lucinde, die, wieder freundlich geworden, ihr zunickte wie die Wasserfee ...
    Sie musste lange nach Mitternacht zur Ruhe gegangen sein; denn als sie
erwachte, war es Heller Morgen ...
    Die Sonne fiel schon ins Zimmer, ihr Lichtglanz rief sie aus ihrem dunkeln
Alkoven ...
    Die Besinnung auf ihre Lage kam ihr schnell genug ... Und das Donnergeräusch
um sie her hatte wohl nur während ihres Schlafes aufgehört ... Schon war wieder
die Luft von demselben verwirrenden Geräusch erfüllt, wie gestern ...
    Schwankend schritt sie aus dem Alkoven hinaus und sah sich in ihrem
Gefängnisse um ...
    Es war ihr, als hätte es gestern Abend anders ausgesehen ... Und bald auch
bemerkte sie ein neues Licht ... Auch frisches Wasser stand auf dem Tisch ...
Eine ordnende Hand musste hier schon gewaltet haben, während sie schlief ... Nur
der Klingeldraht hing zerrissen wie bisher ...
    Im Ofen fand sie ihr Frühstück ...
    Sie ergab sich jetzt ... Ihre Augen, noch gerötet von den gestrigen
Tränen, füllten sich aufs neue mit dem Ausbruch ihres Schmerzes ... Sie klagte
Hedemann's Grausamkeit nicht mehr an ... Sie wollte jetzt dulden ... Blinzelnd
sah sie auf den zur Seite liegenden Brief, der jedoch keine Spur trug, dass er
gelesen war ...
    Sie machte sich zu schaffen, so gut es ging ... Das Zimmer war warm ... Die
Bibel lud zur Erbauung, zur Zerstreuung ein. Sie las einige Seiten ... Dann ging
sie an ihre Kleidung, die sie ordnete ... Zerknittert und zerdrückt war alles.
Sie öffnete ihre Tasche, nahm ihr Nacht-, ihr Nähzeug heraus und sagte:
    Diese Nacht wirst du, wenn man dich nicht befreit, dem Bett vertrauen und
dich getrost legen! ...
    Sie gedachte der Märtyrer in Indien, die ja so ein ganzes Leben lang im
Kerker schmachteten ... Das Brausen der Luft um sie her nahm sie wie bestimmt,
ihr das Gehör zu rauben ... Auch darüber lächelte sie seufzend ... Ein Geist der
Ergebung war über sie gekommen ...
    Den Brief Terschka's wollte sie lesen, wenn sie die Hoffnung baldiger
Freiheit gewann ... Sie ahnte, dass er ihre Bereitwilligkeit zum Dulden aufregen,
ihr ergebenes Martyrium stören würde ...
    Stundenlang sass sie, das Haupt aufstützend und in grübelndes Sinnen verloren
... Sprang sie auch zuweilen auf und rief mit Wildheit: Nein! Nein! Ich will
nicht länger! so brach sie sofort wieder zusammen, schlich an die Tür, an der
sie still mit den Nägeln kratzte, plötzlich mit den Füssen stiess, allmählich aber
schlich sie wieder auf das Sopha zurück und ergab sich ... Die Bibel fing an ihr
vertraulicher zu werden ... Sie vermisste zwar die Gottesmutter in ihr und die
Heiligen ... Aber sie konnte sich auch an Abraham und die Patriarchen halten ...
    Kein lebendes Wesen um sie her bemerkte sie, als - einige Fliegen, mit denen
sie schon Bekanntschaft machte ...
    Wie sie gegen Mittag wieder im Ofen rumoren hörte, sprang sie auf und rief
Drohungen und Zornausbrüche in die Öffnung, deren Wand sich wieder geschlossen
hatte ....
    Niemand hatte geantwortet ...
    Eine halbe Stunde raste sie umher und konnte sich nicht fassen ... Auch die
gestrige Mittagsrast der Mühlen fand heute nicht statt ...
    Ihre Kost war noch besser als gestern ... Ihr Wasservorrat reichte bis über
die Nacht hinaus ... Sie beschloss diese Nacht früher zu Bett zu gehen, damit sie
den heimlichen Besucher am Morgen nicht verschliefe, sondern aus dem Bett
springend ihn überraschen könnte ...
    Wenn Shakespeare seinen Menenius sagen lässt, nach Tisch wäre der Mensch dem
Mitleid zugänglicher als mit leerem Magen, so stumpfen sich in der Tat mit
zunehmendem Behagen des Körpers die heroischen Entschlüsse ab ... Nach ihrer
Mahlzeit konnte Armgart dem Verlangen nicht widerstehen ... Endlich las sie den
Brief Terschka's ...
    Sie las mit jener Scheu, die bei Öffnung eines Briefs sich zuvor auf das
Gegenteil dessen, was man zu lesen hofft, mit dem ganzen Aufgebot des
Entschlusses wappnet, sich dem Schicksal nicht gefangen zu geben ...
    »Verehrte Freundin!« war das erste Wort ...
    Doch nicht: »Geliebte Freundin!« sagte sie sich und hielt einen Augenblick
inne, um neuen Mut zu schöpfen ...
    Aber nicht zu lange währte die Hoffnung auf einen Ton, der ihr hätte
beweisen können, wie voreilig sie urteilte, wie überflüssig das Opfer war, das
sie bringen wollte ...
    Zu ihrem Entsetzen las sie:
    »Ich begrüsse Sie in einem Augenblick wieder, wo ich den Rat der weisesten
Männer der Erde, die Hülfe der mächtigsten Gewaltaber anflehen möchte und wo
ich nichts, nichts habe, dem ich vertrauen kann, als Ihr edles, starkes Herz!
Sie, Sie sind die letzte Rettung meines Lebens! - - Wenn ich mich erinnere, wie
mir die gütige Freundschaft der Gräfin Erdmute stets so nachsichtig war, wenn
ich mich mit Dankbarkeit erinnere, wie oft für mich die Gräfin bei Ihnen und Sie
bei der Gräfin gesprochen haben, so schöpf' ich Mut und denke mir, der
Zusammenbruch meines Lebens lässt sich noch aufhalten! Ich habe in diesen Tagen
Schmerzliches gelitten und furchtbar gekämpft. Bedenken Sie zu den innern
Erfahrungen, die ich für meine Person allein machte, noch die
Schreckenserlebnisse auf dem Schloss! Der Brand, der Fund jener Urkunde, die
unsern Freund, den Grafen, vollends zum Schattenbilde seines Namens und seiner
gesellschaftlichen Würde macht! Ich weiss es, diese Bekenntnisse meiner
Verzweiflung werden Ihnen rätselhaft erscheinen. Sie werden sie auf die
Veränderung meiner Stellung zu Hugo und zur Gräfin, zu Ihrer mütterlichen
Freundin, beziehen - - Aber das, was in mir vorgeht, liegt tiefer, tiefer - Ich
muss ein Ende machen mit dem Elend meines Lebens. Der Wechsel der Religion ist
ein leichter Schritt für eine starke Seele, die sich ihre eigene Philosophie
gebildet hat; aber bei mir würde dieser Schritt mit Folgen verbunden sein, die
meine Freiheit, nicht unmöglich mein Leben, wenigstens die Fortdauer meiner
gegenwärtigen Lebensstellung bedrohen. Gern will ich untergehen, wenn ich
wenigstens eine Hand finde, die mir den Tod versüsst. O nur das eine, eine Glück,
einen letzten Preis für den Rest meines Lebens errungen zu haben, wenn es sonst
auch in Nacht und Grauen dahinfährt. Ach, ich bin schwach! Ich möchte nicht den
Kampf mit dem Geschick zu herbe kämpfen und das vermag ich nur durch Sie! Nur
Sie blicken tief in das Menschenherz! Nur Sie können mit Engelzungen reden -
reden, wo die irdische Sprache nichts Ueberzeugendes mehr hat. Ein Entschluss muss
gefasst werden ... In vierundzwanzig Stunden schon kann für mich alles verloren
sein ... Deshalb schreib' ich Ihnen! Deshalb fleh' ich fussfällig, gewähren Sie
mir heute Abend, wenn ich von Witoborn zurückgekommen bin und Sie den Umständen
angemessen auf Westerhof begrüsst habe, eine Stunde der Verständigung. Ich weiss
nicht, wo es anders sein kann, als auf Ihren Zimmern. Um zehn Uhr ruht alles im
Schloss. Nehmen Sie mich an! Hören Sie mich! Vielleicht schon am Morgen darauf
will ich nach England entfliehen, zu unserer teuren Gräfin, die das Richtige in
meiner Sache nur durch Sie allein finden kann! Denken Sie rein von mir, so rein,
wie die Blumen sind, die Sie in meinem Namen begrüssen! Ich ahne, dass Ihre
holdselige, wunderliebliche Tochter sich wiederum der Umarmung der edelsten
Mutter entzieht: aber auch sie wird jetzt Frieden stiften helfen für Ihre Brust
und für die meine. Ihre Hand, edelste Frau, wird eine segnende sein. Nur muss ich
Sie heute Abend sprechen - muss - muss es! Ihr Urteil hör' ich über Leben oder
Tod - - Terschka.«
    Pater Stanislaus hatte diesen Brief zum Teil in jenem seraphischen Ton
geschrieben, der der Rhetorik der Jesuiten entspricht. Dennoch lag Wahrheit in
ihm. Er wollte mit seinem Stand brechen und unter dem Schutz der Gräfin
Erdmute, dieser heroischen Bekennerin ihres luterischen Glaubens, sich vor den
Folgen seiner Entlarvung sicher stellen ... Monika's Zeugnis wollte er bei der
Gräfin für sich haben, wollte sich in den Folgen seiner für den Grafen
empfangenen Mission entüllen, wollte Monika das Rätsel zur Entscheidung
vorlegen, wie er im Gegenteil ein Freund des Grafen wurde und seine römischen
Aufträge vergass. Wer konnte wie sie so tief und nach den obwaltenden Umständen
alles überblickend ergründen, was zur Entschuldigung seiner Lage und - Lüge
dienen konnte? Zuletzt wollte er in der Tat und Wahrheit seine Liebe für
Armgart bekennen ... Diese Leidenschaft war so mächtig in ihm, dass sie alle
seine Schritte bestimmte ... Gerade deshalb, weil diese Leidenschaft ihm Kraft
gab, den mutigsten Entschluss seines Lebens auszuführen, hielt er sie fest und
während er diese ebenso verzweiflungs- wie hoffnungsvollen Zeilen schrieb, stand
nur Armgart vor seinen leuchtenden Augen ... Die Liebe, die den Mann auf der
Höhe seines Lebens ergreift, die Liebe, von der er ahnt, dass sie die letzte sein
wird, die noch erhört werden dürfte, hat eine unwiderstehliche Kraft.
    Armgart aber las aus allen diesen Hülferufen nur im Gegenteil - die Liebe
zu ihrer Mutter ... Jedes Wort dieser glühenden Rede war ihr ein Ausdruck der
Zärtlichkeit nur für sie ... Für diese Liebe wollte Terschka seinen Glauben
ändern und nach England entfliehen ... Die Mutter musste ja dann ein Gleiches
tun ... Von alledem hatten sich schon dunkle Sagen verbreitet ... Schon als man
hörte, Monika reiste mit der Gräfin Erdmute nach England, war man auf einen
solchen Schritt gefasst ... Diese Voraussetzungen des Briefes, wie sicher waren
sie ... Ein Angenommenwerden auf den Zimmern der Mutter in nächtlicher Stille
konnte ihr nur beansprucht erscheinen nach längst vorausgegangener
Vertraulichkeit ... Der letzte Hinweis des Briefs auf sie selbst war ihr nur der
Ausdruck einer matten Rücksicht; in nichts, nichts entsprach er den seit acht
Tagen ihr gewidmeten Zärtlichkeiten und Huldigungen - dieses treulosen
Verräters ... Das der Dank für das Opfer eines - Lebens! ... Hatte sie ihm
nicht deutlich genug zu erkennen gegeben - dass sie ihn erhören würde, wenn auch
mit blutendem Herzen, wenn er wollte - -? ...
    Eine purpurne Glut des Zorns und der Scham färbte ihr Angesicht ... Sie
rannte dahin ... Sie starrte den Brief unausgesetzt an und floh wieder wie
Nattern seine Buchstaben ... Das also ist die aufgedeckte Seele eines Menschen!
... Das ist der Abgrund der Wahrheit, den das Lächeln der Lüge, die Blumen des
Scherzes verhüllen! ... Namenloses Elend aller betrogenen Menschen! ... Und du,
du Schimpf meines geliebten Vaters! ... Ich kann nicht, ich kann nicht erfüllen,
was ich wollte! Die Mutter ist für mich verloren! Vergib mir, o Himmel! Vergebt
mir alle! Vergib mir auch du, Hedemann! Ich will dulden! Will hier bleiben als
deine Gefangene! Schwände das Licht des Tages doch ganz und säh' ich nichts
mehr, als Nacht und Dunkel, sowie das Kind im Mutterleibe -! ...
    Ein solches Bild zu wählen, war ihr nicht anstössig ... Natürlichkeit und
ihre Wahrheit gingen ihr über alles ...
    So beugte sie das Haupt auf ihre weissen Händchen, die sie aufstützte. Sie
dankte, niederblickend, dem Himmel für die Lage, in der sie sich befand, dankte
für das Brausen, das in ihr betäubtes Ohr drang ... So war es ja schön! ... So
auch hätte sie jetzt untergehen mögen! ... O, diese Welt ist zu schlecht! -
Ihrem Vater hätte sie auf dem Schoose sitzen mögen, den allein liebkosen mit
allen verborgenen Zärtlichkeiten ihres Herzens und diese Zärtlichkeiten selbst
dann wieder beweinen ...
    Nichts aber geschah zur Veränderung ihrer Lage ... Sie blieb verurteilt,
auch diesen Tag, auch die Nacht so hinzuleben ... Sie konnte ihren ersten
Entschluss nicht ausführen, konnte nicht zeitiger zur Ruhe gehen ... Immer nur
sass sie und dachte: So wandelt euere Wege hin! So seid Lügner! So leugnet nur
Gott und die Treue! So brecht euere Eide, entüllt euere Sünden und schmückt
euch noch sogar mit ihnen! Herr, lass mich nicht sitzen, da die Spötter sitzen!
... Wie erquickten sie die Psalmen! ... Die Bibel wurde ihr ein Trost ... Jedes
ihrer Worte passte nun auch auf sie ...
    Spät ging sie zur Ruhe ... Da ihr ganzes Sein Schmerz und Ergebung geworden
war, schlief sie jetzt still und fest und träumte nichts Erschreckendes ...
    Am Morgen hatte sie doch richtig wieder den Besuch verschlafen ...
    Gewiss war es die taube Alte, die indessen im Zimmer gewesen und aufgeräumt
hatte ...
    Armgart sah sich um und fand es so friedlich und wohnlich um sie her - ganz
so, wie sie sich einen Aufentalt im Kloster gedacht ... Das Zimmer war warm,
ihr Frühstück fehlte nicht im Ofen, auf dem Tisch stand das frische Wasser, auch
ein neues und ein besseres Licht - Zeichen einer noch vorauszusehenden längern
Gefangenschaft ... Sie sah sich um, setzte sich dann und malte sich aus, was
alles in ihrer nun schon dreitägigen Abwesenheit von Westerhof geschehen sein
könnte ... Terschka sah sie mit ihrer Mutter doch auch ohne den Brief - heimlich
und zärtlich verbunden ...
    Da konnte sie eines nicht fassen, was ihr heute Morgen besonders neu und
wohltuend war ... Sie blickte um sich ... Es war etwas vorhanden, was gestern
fehlte. Was nur mochte es sein? ... Blumen? Die dufteten nicht ... Musik? ...
Jetzt erst bemerkte sie, dass es ja ganz still um sie her war ... So in sich
verloren, so an ihre Lage gewöhnt war sie schon ... Die Mühlen standen ja, die
Wasser rauschten ja nicht, die Sägen schwiegen ... Was ist das? erhob sie sich
von ihrem Frühstück ... Das ist der Himmel! Die Musik liegt in der ewigen Stille
nach dem Geräusch des Lebens! ... Unwillkürlich musste sie die Hände falten ...
    Vorgestern und noch gestern hätte sie dies plötzliche Schweigen um sie her
benutzt zu ihrer Befreiung ... Heute, wo sie endlich wieder auch die Glocken
hörte, riss sie nichts ans Fenster, drängte sie nichts dazu, um Hülfe zu rufen
... Ja selbst das Läuten des Münsters und der Jesuitenturmglocke und der
Dominicanerkirche - all diese Glocken konnte sie seit frühster Kindheit
unterscheiden - alle diese Zungen der Luft redeten die Sprache ihres Innern
nicht ... Sie sah in die Bibel und fand, dass dort die Psalmen und die Propheten
andre Worte sprachen, als die sie jetzt sogar im Münster hätte hören können ...
    Zum Fenster stieg sie hinauf, nur um doch etwas von der Aussenwelt zu sehen
... Es war ein bedeckter Frühlingsmorgen, Nebel verhüllten die schon hoch
stehende Sonne, Schnee und Eis waren geschmolzen ... Sie öffnete, um die frische
verheissungsreiche Luft einzuatmen ... Sie sah Menschen vorübergehen ... Niemand
blickte zu den kleinen Schiessscharten des Turms empor ... Auch waren die Wände
so dick, dass ein hinter den kleinen Scheiben befindliches Antlitz nicht gesehen
werden konnte ... Und rufen, Hülferufen war Armgart's Bedürfnis nicht mehr ...
    Ruhig stieg sie von Tisch und Stuhl hinunter und ordnete ihre Kleidung,
flocht ihr Haar, schmückte sich so einfach, wie sie seit Jahren gewohnt war ...
    Die Mühlen standen immer noch still und schon berechnete sie, ob heute ein
Feiertag war ... Die Fastnachtszeit war da ... In wenig Tagen war Aschermittwoch
... Heute begann zu Sanct-Libori die vierzigstündige Anbetung des
allerheiligsten Sakraments ... Die Bilder aller Altäre der katolischen
Christenheit sah sie jetzt, wie immer zur Fastenzeit, verhüllt werden, nur das
Kreuz des Erlösers offen bleiben, um wenigstens für die Passionszeit allein auf
diesen die Aufmerksamkeit zu lenken ... Alledem suchte sie in ihrer Bibel
nachzuleben, soweit es noch zutraf ...
    Gegen elf Uhr hörte sie ein näher kommendes Geräusch ... Nicht vom Ofen kam
es, sondern von der Tür her ...
    Sie hob ihr Dulderhaupt und sah ruhig auf die Tür, durch die ohne Zweifel
Hedemann eintrat ... Sie wollte ihm nichts Zorniges sagen, obgleich sie im
ersten Augenblick eine auflodernde Wallung nicht unterdrücken konnte ...
Hülfebringende müssen doch wohl eiliger kommen! berechnete sie ...
    Draussen ging ein Schlüssel ... Die Tür öffnete sich ...
    Armgart hatte sich nicht erhoben ... Ruhig den Kopf auf die Hand stützend
und nur von ihrem Buch aufsehend sass sie da ...
    Aber unwillkürlich musste sie sich jetzt erheben ...
    Hedemann kam nicht allein ... Er liess einen Herrn und eine Dame vor sich
eintreten ...
    Die Besuchenden waren ein Paar ... Sie kamen Arm in Arm ... Die Dame war
nicht gross, das Antlitz von einem schwarzen Schleier bedeckt ... Der Herr
erschien stattlich, frischen und gebräunten Antlitzes, den Kopf mit einer
dunkeln Tuchmütze bedeckt, die ein rund gehender goldener Streifen zierte ...
    Hedemann sprach nichts ... Die Besuchenden blieben oben an der Tür stehen
und blickten auf Armgart und die Stufen hinunter ...
    Armgart überfiel eine seltsame Regung ... Ihr Herz schien eine Weile zu
stocken ... Ein Zittern ergriff sie, als sie einen Schritt weiter wollte und den
so lange auf sie Niederblickenden entgegengehen ...
    Die beiden Fremden blieben oben und sahen nur stumm ins Zimmer hinunter ...
    Der Herr mit der Mütze hatte einen schwarzen Ueberwurf um, ein buntes Tuch
noch fast jugendlich um den Hals geschlungen - einen weissen aufrecht stehenden
Halskragen - Fast hatte er etwas vom Onkel Levinus -
    Da schlug die Dame den Schleier zurück ... Lange silbergraue Locken quollen
unter dem dunkeln Sammetute hervor ... In den Augen der stummen, jugendlich
schönen Frau, in den Augen des stummen Mannes blinkte ein feuchter Glanz wie
Tränen ...
    Armgart bebte ... ermannte sich ... glaubte ... zweifelte ... Endlich
stürzte sie mit einem ausbrechenden Schrei auf beide schon die Stufen
Herabkommenden und lag zunächst doch nur - in den Armen der Mutter ...
    Während aber auch Ulrich von Hülleshoven sein Kind an sich zog und in
Armgart's Auge zu blicken suchte, lag Armgart's Hand in der linken Hand Monika's
und Monika's Rechte - hielt die edle, würdige Gestalt des Gatten umschlungen ...
    Die Rührung dieser drei Herzen war unaussprechlich und auch Hedemann, der
den Empfindungen als Dolmetscher dienen musste, konnte nicht damit vorwärts
kommen ...
    Jetzt riss Monika ihr Kind fast wie eifersüchtig und wie gekränkt ganz an ihr
Herz ... Armgart - noch tief mistrauend, und doch wie von himmlischem Lichtglanz
geblendet, wagte nicht zu ihr aufzuschauen und wandte sich mehr und mehr zum
Vater, aus dessen hellen blauen Augen eine so selige Welt der höchsten
Himmelsreinheit sie anschien ... Ulrich drängte sie der Mutter zu und sprach in
einem vor Rührung leisen, sonst männlich festen, wohllautenden Tone:
    Das ist ein Sieg nach langem Kampf! O Gott, o Gott! Was sind deine
Menschenherzen verkehrt! ...
    Armgart, ihre Aeltern sprechen hörend, sank in die Kniee. Sie umschlang die
Kniee des Vaters und reichte der Mutter mit krampfhaftem Zittern die Hand ...
Dann blickte sie wieder zu ihnen beiden empor und sog ihre Bilder auf mit ihren
braunen, schwärmerisch irrenden Augen ... Und wieder den Aeltern musste es sein,
als sähen sie hinunter in einen See, über dem Rosen und Lilien schimmerten - in
die tiefsten Tiefen dessen, was auf Erden und im Himmel schön und gut ist - und
wie in ihre eigene Jugend ...
    »Selig, selig«, sprach Hedemann und faltete über seiner - grauen Müllermütze
die Hände, »bist du, die du geglaubest hast! Denn es wird vollendet werden, was
dir gesagt ist von dem Herrn!« ...
    »Und Maria sprach:« fuhr Armgart fast tonlos in den Worten des englischen
Grusses fort, »Meine Seele erhebet den Herrn!« ...
    Noch einmal traten Pausen ein, deren die vom höchsten Glück erschütterten
Herzen bedurften ...
    Dann folgten Verständigungen und diesen die Entschuldigungen Hedemann's ...
Monika sah in der alten von Hedemann ihr dargereichten Bibel die Stunde der
Geburt Armgart's verzeichnet und gab dann dem Gatten dies Blatt ... Dieser warf
darauf einen mild überrascht und schmerzlich lächelnden Blick und zog voll
vergebender Inbrunst Monika an sein Herz ... Der Oberst schien ein Mann, der mit
dem Sturm der Jugend nicht die sanfte zärtliche Empfindung schon verloren hatte;
alles, was er sprach, war eigentümlich gemessen und bedacht, aber jugendlich
innig und wohltuend ... Monika staunte nur und strich wie in unbewusstem Träumen
ihre grauen Locken ...
    Wo wir uns wiedergefunden haben? sprach der Oberst ... Bei unserm Kinde! Bei
deiner Liebe! Deiner - nun wandte er sich doch zu seinem Weibe - deiner
vergebenden Liebe, Monika! ...
    Beim Geist und bei der Wahrheit! sprach Monika mit leuchtenden Augen, zeigte
auf die Bibel und stand neben der aufhorchenden, immer noch scheu vor ihr
niederblickenden, immer noch zweifelnden Armgart wie eine ältere Schwester, so
jung, so schön noch und keinesweges nur durch ihre leuchtende Verklärung ...
    Hedemann sprach vom Kampf der Gerechten und Armgart begriff noch immer
nicht, was die Aeltern so plötzlich verbunden hätte? ... Sie fragte dies auch
leise ...
    Monika sprach:
    Dein Opfer hat uns verbunden, Kind! ... Kind - meiner Schmerzen! ... Deine
Gefangenschaft! Hier dieser Turm! Ist es nicht so? Hedemann! Wie dank' ich
Ihnen! ...
    Auch Ulrich wollte Hedemann danken, umschlang aber nur die Sprecherin und
umschlang sie mit jener männlichen Würde, die den Ausbruch der noch jugendlich
regsamen Leidenschaft milderte ...
    Sie soll noch alles hören! sprach er. Nun aber kommt! Lasst uns im Triumph
nach Westerhof fahren und zeigen, was wir mitbringen können! Nun, nun zieh' ich
ein! ... Anders wär' ich dortin nicht gegangen ...
    Nicht bloss Armgart, sagte Hedemann; sondern sich selbst bringen Sie beide
mit ...
    Monika's Ja! war so einfach, aber sie konnte nichts besseres sagen, als Ja!
und reichte dem Gatten die Hand ...
    Noch schien die Aussöhnung das Werk einer vor wenigen Minuten erst
gekommenen Verständigung zu sein ... Monika schwankte noch dahin wie ein vom
Wind bewegtes Rohr ... Kind und Gatten hatte sie in Einem Moment gefunden ...
    Wen nur nehmen wir noch mit? rief der Oberst. Benno ist fort; mein
»Geretteter«, Tiebold de Jonge, mit ihm - Selbst die schwarze Hexe, mit der du
von Westerhof entflohst, Schwarmkind, ist nicht mehr da ... Der Domherr ist im
Amte ... Ja, gestern noch suchte mich ein Herr von Terschka auf, der heute
wiederkommen wollte ... Er wohnt auf dem Schloss ... Wer begleitet uns im
Triumph? Ganz Witoborn? ...
    Armgart zuckte auf den Namen Terschka's zusammen und blickte zur Mutter
hinüber, die sorglos und nur voll Wehmut stand ... Offenbar gab das Herz des
Kindes dem Vater den Vorzug ... Das sah Monika ... Sie sah es jetzt wieder an
dem sonderbar scheuen und prüfenden Blick Armgart's ...
    Terschka suchte dich wie einen verlorenen Edelstein! fuhr der Vater harmlos
fort ... Und das bist du ja auch ... Ihm verdanken wir eigentlich Alles - Nicht
wahr, Monika? ...
    Armgart hörte und hörte ... Durch Hedemann reisefertig gemacht ging sie
schon wie eine Führerin voraus ... Eros, der Griechengott, wie mit der Fackel
voranleuchtend ...
    Monika rühmte im Nachfolgen Terschka's Gefälligkeit ... Der Vater war ganz
erfüllt von dem böhmischen Rittmeister ... Fast schien es, als hätte bei ihm
Terschka um Armgart geworben ... Klar blickte sie über nichts und sah sich nur
immer nach einem störenden Schatten zwischen ihnen allen um, zerpresste den
Brief, den sie auf der Brust verborgen trug, und deutete und deutete noch dies
und das nach dem Lügengeist, den sie gestern als den Beherrscher des Lebens
erkannt haben wollte ... Wie ist das nur? sprach sie vor sich hin und zog Vater
und Mutter sich nach in die freie Gotteswelt ...
    Jetzt begannen auch wieder die Mühlen, die Wasser rauschten ... Man stieg
über die Schwelle des Turms ... Die taube Alte sah ihnen verwundert und
schelmisch lachend nach ... Unten standen Gesellen und Bursche und zogen die
Mützen und weiter und weiter ging's ... Durch die Bächlein, über die Brücken ...
Zu sprechen war hier nichts, nur zu sehen, nur der Druck der Hand zu fühlen ...
    Der Turm da hat euch verbunden? hauchte Armgart, als sie an den Wällen
ankamen, wo unter der Allee ein Wagen auf sie wartete, ein Kutscher von
Westerhof in den Dorste'schen Farben ... Sie schüttelte den Kopf und ihre
lieblichen beiden Zähne blinkten ...
    Die Seele des Turms! sprach der Vater ...
    Die Mühlen! Die Mühlen! lachte Hedemann und bat Armgart um Vergebung ...
    Er selbst konnte nicht weiter dann folgen ...
    So stiegen die Aeltern und Armgart allein ein ...
    Im Wagen sah Armgart, dass das Band ihrer Aeltern in der Tat jetzt eben erst
neugeschlossen war ... Das Auge des Vaters ruhte mit gleicher Wonne auf der
Mutter, wie auf ihr ... Das Auge der Mutter war umflorter, als das seinige ...
So dachte sie sich Braut-und Bräutigamswonne beim Heimfahren von der Kirche ...
    Du begreifst es noch nicht recht? sprach der Vater ... Und so ganz licht und
hell ist auch die Zukunft noch nicht, mein Kind! ... Die Zeit der Kämpfe -
beginnt erst ... Da aber, als ich mich nach einem Beistand dafür umsah, da
gerade fand ich die besten Bundsgenossen ... Weib und Kind ...
    Monika blinkte ihm zu auf Armgart's Staunen:
    Sie lebt und schwärmt wie Paula! ...
    Das war so ein erster Zug von dem, was Armgart als das Wesen ihrer Mutter
kannte ... Armgart verstand nicht ganz, was die Mutter meinte, ahnte aber die
Gedankenwelt, die Vater und Mutter hegten und die sie verband. Da es die nicht
war, die sie teilte, so verliess sie ein Zagen nicht ... Aber sie verurteilte
Niemanden ... Sie grübelte, was die Aeltern so recht, recht einen mochte und -
wie die Mutter - mit Terschka stand ...
    Da sie fürchtete, durch ihr Schweigen kalt zu erscheinen, sagte sie zum
Vater:
    Du warst noch nicht - auf - Westerhof? ...
    Der Oberst schüttelte sein jetzt ernster werdendes Haupt ...
    Nein! sprach er. Nur so konnt' ich ja dort ankommen! Wenn die Mutter dort
war - - konnt' ich nur kommen mit unserm Kinde ...
    So seinen Worten gleich die mildere Deutung gebend, blickte er träumerisch
und sich auf die Vergangenheit besinnend in die Ferne ... Das da ist
Sanct-Libori? sagte er ...
    Die Mutter war bereits heimischer ... Es war der dritte Tag schon, den sie
in Westerhof zubrachte ... In bangen Aengsten ... Das glaubte Armgart wohl ...
Aber rätselhaft, wie sorglos sie von Terschka sprach ... Noch rätselhafter für
Armgart, wie ihn der Vater so rühmen konnte ...
    Herr von Terschka musste gestern plötzlich zum Bischof! sagte der Vater. Er
wollte doch heute in der Frühe wiederkommen ... Ja, wir glaubten erst, du wärst
bei den Clarissinnen! Terschka wollte es behaupten und sagte, sie verbärgen dich
dort ... Hedemann gestand noch nichts ...
    Erst heute früh gestand er's, Kind ...
    Als du kamst? ... fragte sie ...
    Ja, Armgart, als ich - Ich kam zuerst ... Zum Vater ... Sieh mir ins Auge,
Seelenkind! ...
    Armgart hielt die Hände beider Aeltern und sah dabei noch immer nach rechts
und nach links ...
    Wann sagte es denn Hedemann? - stammelte sie, ungewiss noch über alles und
mit liebenden Augen die Kälte ihres Fragens mildernd ...
    Wo du warst? fiel der Vater ein. Da sagte er es, als er sah, dass du in
unsern Herzen wohnst! Liebes Kind! Deine Mutter brachte mir durch ihr Anklopfen
an meine Tür Lebensmut, Stolz, Erhebung ... Sie hörte, dass sie mich so heftig
in Westerhof anklagten ... Sie hörte von meinen Absichten aus Witoborn ... Sie
war überrascht davon und verteidigte meine Auffassungen der Zeit und des Berufs
und meine Denkweise ... Sie hatte sich meiner Person entwöhnt und machte
plötzlich einen ganz andern Menschen aus mir, als ich bin ... ja sie hatte sich
- sollte man's glauben - in meinen schlimmen Ruf verliebt ...
    Ulrich! fiel die Mutter ein ... Sie ist zu jung, um zu verstehen was über
alles, alles im Leben geht und warum es heisst: »Im Anfang war das Wort!«
    Armgart widersprach nicht ... In ihrer Seele klangen die Evangelien und die
Stimmen aus der Bibel nach ...
    Sie begriff - wenn auch mit tiefem Bangen - dass die Aeltern sich durch die
Verwandtschaft ihres Denkens, durch die gleiche Richtung des Willens, durch den
Mut ihrer Ueberzeugungen wiedergefunden hatten ...
    Doch liessen beide ihr den Ruhm, dass sie, sie allein die letzte Entscheidung
gegeben ... Monika war ja in der Tat zum Obersten mit den Worten eingetreten:
Suchen wir doch zusammen unser verlornes Kind! ...
    Da Armgart so oft schwieg, so tief versunken blieb in ihre stille Welt des
Glücks und des noch immer nicht recht befestigten Glaubens an dies Glück, so
hielten sie allmählich die Aeltern für weniger geistesreif, als sie ihnen
geschildert worden. Sie beruhigten sich leicht darüber und sprachen mit ihr von
der Gegend, vom Brand, von Paula, von der Erbschaft, von den Bewohnern des
Schlosses Westerhof, von Bonaventura von Asselyn, der, wie Monika sagte, für den
aufs Neue erkrankten Pfarrer die kirchlichen Handlungen verrichten helfe und
schon für die nächsten Tage nach der Residenz des Kirchenfürsten zurückgerufen
wäre ... Armgart gab klug und verständig ihre Erläuterungen und schon erfreute
sie die Aeltern durch kleine Anflüge ihres Humors ... Harmlos ergingen sich die
Aeltern in ihren Urteilen über die Zeit und die Welt ... Was die Mutter von
Paula berichtete, waren Zweifel an ihrer Seherkraft. Doch sie wurden milde
vorgetragen und verrieten vor Armgart's Freundin Achtung. Die Mutter hatte
nicht, wie Lucinde, Freude an ihren Verneinungen ...
    Das Erstaunen, die Ueberraschung, der Triumph, der die drei Ankömmlinge dann
auf dem Schloss empfing, waren unverstellt und bei Allen schon um Armgart's,
des wiedergefundenen Flüchtlings willen, der allerfreudigste ...
    Benigna, die um Armgart's Schicksal, um Monika's plötzliche Parteinahme für
ihren Gatten in heftigster Erregung zurückgeblieben war, vergoss Tränen,
unaufhaltsam ... Onkel Levinus setzte sich die englische Militärmütze mit den
goldenen Tressen auf und vergass alle Anklagen über Standesetikette und
Standesrücksichten, die Monika schon beinahe gestern von dannen getrieben hatten
... Auch wohl jetzt noch spottete er über den Papiermüller, mass sich aber doch
mit ihm an der Tür, wo sie einst vor dreissig Jahren sich in ihrem Wuchse
gemessen hatten und richtig den Strich noch fanden - nur dass Levinus damals der
grössere, jetzt der kleinere war und Ulrich rief: Gewachsen bin ich doch
wahrhaftig nicht! ... Nun dann bin Ich - zusammengekrochen! gestand Levinus und
lachte nun Paula entgegen, die die wiederentdeckte Armgart an ihr Herz zog und
vor Ulrich, Armgart's vielbesprochenem Vater, in Verlegenheit stand wie mit
Rosen überhaucht ...
    Terschka fehlte noch, wurde jedoch erwartet ... Auch Bonaventura, der noch
in Sanct-Libori oder im Stift war ...
    Verständigungen, Aufklärungen folgten ... Die Tante ging sogar auf einige
Ketzergrundsätze ein ... Sie verwies als einen sträflichen Aberglauben die
Abhängigkeit, in die man sich von unüberlegt ausgesprochenen »Gelübden« setzte
... Ja sie erzählte sogar, als Terschka und Bonaventura immer noch nicht kamen,
mit leisem Kichern eine Geschichte von Müllenhoff's neuer Krankheit ... Sie
wurde nur halblaut vorgetragen, drang aber doch zu Armgart's Ohr ... Nachdem
hintereinander erst ein Püppchen, dann ein Kätzchen an des Pfarrers Haustür
wäre ausgesetzt gewesen, hätte man gestern in der Frühe ein wirkliches -
lebendiges - neugebornes Kind, einen pausbacknen Jungen, hellschreiend in einem
Korb gefunden ... Was von Urteilen daran angeknüpft wurde, entging Armgart ...
Sie war in der Stimmung eines Kinds am Weihnachtsabend, wenn die Bescherung
längst da ist und der glücklich trunkene Blick noch immer irrt und irrt und erst
noch das Oeffnen der lichterhellten Zimmer zu erwarten scheint ... Sie machte
sich Vorwürfe über ihre der Mutter bewiesene Kälte ...
    Wie beherrschte aber auch Monika schon alles durch ihren Geist, durch ihre
Ruhe, ihre - Aehnlichkeit mit der Tante und doch so ganz ihr Anderssein! ...
    Terschka blieb aus ... Und wenn er kam, was dann - was dann? - dachte
Armgart ... Ja, ihr Opfer schien ihr in der Tat nicht vollzogen, das Band, das
die Aeltern einigte, nicht fest genug - Nach solchem Briefe! Solcher Sprache!
... Kam Terschka, sie fühlte, dass sie dann noch, Gott zu Ehren, von einem Felsen
springen musste ... Sie hätte ihn begrüsst - als den Erwählten ihres Herzens ...
Monika stand mit Rührung über Armgart's stetes Zurückgezogensein von ihr ... Oft
auch mit dem Gedanken: Sie ist noch Kind; sie bleibt, so schön und hold sie ist,
hinter der Erwartung zurück, die man mir von ihr gemacht hatte ... Ein
trunkenes, blindes Verlorensein des Muttergefühls in dem wiedergefundenen Schatz
ihrer Sehnsucht lag nicht in ihrer Natur, die auch eben deshalb von Paula
prüfend genug beobachtet wurde ...
    Immer hiess es dabei: Wo bleibt der Domherr? Wo Terschka? ...
    Wurde Terschka's Name genannt, so richtete sich Armgart auf, um ihm sogleich
mit geschlossenen Augen und wie mit zum Todesstoss dargereichter Brust
entgegenzugehen ...
    Monika blieb ruhig, befriedigt, glücklich ... Der Domherr hatte sie gestern
und vorgestern vollkommen so harmlos begrüsst, als kannte er sie nicht ... Er
hatte so viel natürliche Sorge um das Auffinden Armgart's und die Aussöhnung mit
dein Obersten verraten ... Ihre Philosophie, die die Reue bestritt, kannte kein
Reuegefühl über ihr »massloses Sichgehenlassen« im Beichtstuhl damals, als sie
von einer »zweiten Liebe« gesprochen, nur um die Ehegesetze der katolischen
Kirche anzugreifen ...
    Paula bildete auch jetzt noch, wie immer, unter den Anwesenden den
Mittelpunkt, so wenig sie diese Ehre suchte ... Monika fragte forschend ihre
Schwester:
    Warum ist sie - nur so unruhig? ...
    Monika hätte eine Offenbarung ihres geheimnisvollen Traumlebens wünschen
mögen ...
    Benigna misverstand die Frage. Sie glaubte, Monika meinte Armgart ... Diese
stand am Fenster und wartete auf Terschka und wie auf ihr Todesurteil ... Sie
wollte ihn so empfangen, dass alle sagen mussten: Das ist ein Paar ...
    Benigna aber hatte, um schon wieder zanken zu können, mit dem Essen zu tun,
zu dem schon gerufen wurde ...
    Man ging zu Tische ...
    Schon sassen alle, da rollte ein Wagen vor ...
    Wol Terschka? rief der das Hundertste ins Tausendste redende und nun auch
schon Papier machende Onkel ...
    Armgart griff an ihr Herz ... Ihr Vater beobachtete sie ... Auch die Mutter
...
    Ein Diener wollte eben sagen: Herr von Terschka hat hinterlassen - da
meldete man den Domherrn ...
    Paula erglühte ...
    Und Monika bekam Ahnungen von Bonaventura als dem »Bruder Gottfried« der
neuen Hildegard ... Paula's Sehergabe hatte in diesen drei Tagen, wo der Domherr
wenig auf dem Schloss war, geschwiegen ...
    Endlich erschien Bonaventura ... Ernst und milde, wie immer ... Er grüsste
die Neuverbundenen. Er wusste schon alles von Hedemann ... Von Witoborn kam er,
wo er Armgart hatte suchen helfen und den Obersten begrüssen wollen ... Er
beglückwünschte, mehr mit dem Auge, als mit den Lippen, forschte den Obersten
nach dem Dechanten aus, verriet der Frau in Silberlocken nichts, dass er all ihr
Herzensleben aus dem Beichtstuhl kannte ... Mit Armgart sprach er sogar
scherzhaft und drohend ... Aber bei alledem blickte er voll Trauer ...
    Reisen Sie wirklich schon morgen? fragte der Oberst bedauernd ...
    Bonaventura bestätigte seine Abreise, sprach von einem Auftrag nach Wien -
von einer Erhebung sogar zum Domkapitular ...
    Man beglückwünschte voll Ueberraschung ...
    Paula senkte die Augen ...
    Monika's Art war kein kleinliches Forschen; doch bemerkte sie die
Gleichzeitigkeit des trauernden Ja und jener gesenkten Augen ...
    Wie viel Gründe hatte nicht Bonaventura für seine Trauer ... Wie liebevoll
und beziehungsreich sprach er von Benno und vom Dechanten ...
    Als man wiederholt nach Terschka spähte, überraschte er alle mit dem
Plötzlichen Worte:
    Terschka? ... Sie wissen - also - noch nicht? ...
    Die fragenden Blicke aller richteten sich zugleich auf ihn zum Zeichen, dass
man ohne jede Ahnung war ...
    Armgart hielt krampfhaft die Hand der Mutter und die des Vaters ... Sie sass
zwischen beiden ... Beide verstanden allmählich ihre Aufregung und sahen die
»Liebe« des jugendlichen Herzens ... Monika mit Schrecken ...
    Herr von Terschka ist abgereist! fuhr Bonaventura fort ... Wussten Sie das
nicht? ...
    Abgereist? So plötzlich? fragten der Onkel und die Tante und sahen sich nach
den Dienern um, die davon wissen mussten ...
    Armgart beobachtete jeden Zug im Antlitz der Mutter und diese wieder in
ihrem und beide sassen zum Tod erstarrt ...
    Ich wiederhole Ihnen nur, was ich soeben in Witoborn aus Jedermanns Munde
hörte ... Herr von Terschka war gestern Abend beim Bischof, heute in aller Frühe
schon im Kloster Himmelpfort; dann will man ihn noch im Düsternbrook bei den
beiden Eremiten gesehen haben ... Ein Pferd soll er in Witoborn in den Stall bei
»Tangermanns« gestellt haben, das über und über mit Schweiss bedeckt war ... Dann
nahm er Extrapost und ist abgereist ...
    Die Tante klingelte den Dienern, die auch eben kamen und die Speisen
hereintrugen ...
    Monika blickte nieder - für sich fühlte sie wie erlöst. Terschka hatte sie
auf dem Schloss gestern und vorgestern mit unbesonnener Vertraulichkeit verfolgt,
ja in Erwartung, sie hätte seinen Brief erhalten, sogar gewagt, Abends an ihre
Tür zu pochen, wo sie sich nur durch die Glocke helfen konnte ... Seitdem hatte
sie ihm nicht mehr Rede gestanden und wies einen zweiten Brief zurück ... Aber -
Armgart ...?
    Von den Dienern erfuhr man, dass Terschka in aller Frühe mit einem grossen
Koffer nach Witoborn gefahren war; der Wagen war eben jetzt allein zurückgekehrt
...
    Der Onkel, hocherstaunt, fragte:
    Aber die Schlüssel seiner Zimmer? ...
    Man übergab die Schlüssel ...
    Dass nach dem Fund der Urkunde Terschka nicht lange hier verweilen würde,
hatte man vorausgesehen. Dennoch war diese jähe, abschiedslose Entfernung aus
seiner ihm, man sah es gestern und vorgestern, unbehaglich gewordenen Lage zu
auffallend ...
    Inzwischen blickten Alle auf Armgart ... Sie verschlang die Worte aus
Bonaventuras Munde ...
    Die Diener waren wieder abwesend ...
    Ohne zu grelle Hervorhebung liess Bonaventura, wenn auch mit Beben, die Worte
fallen:
    Sie werden bald vernehmen ... was ich in Witoborn schon aus Jedermanns Munde
erfuhr ... Terschka ist ja seltsamerweise ... nicht in der Lage, jemals -
zurückkehren zu können ...
    Alle horchten auf ...
    Terschka - war das nicht, was er uns allen erschien ...
    Armgart hatte sich erhoben ... Jeder erwartete, sie würde ausrufen: Er ist
vermählt! ...
    Bonaventura sprach leise:
    Terschka ist - ein Priester ...
    Das Wort des Erstaunens erstarb auf aller Lippen ...
    Noch mehr, fuhr Bonaventura fort und dämpfte die Stimme - man sagt es in der
Stadt allgemein, er gehört dem Orden - der Gesellschaft Jesu an und hat in Rom
das vierte Gelübde abgelegt ... Mein Stiefvater - scheint - die Gesetze gegen
ihn geltend gemacht zu haben, die keinen Jesuiten im Lande dulden ... Oder - -
man vermutet, dass seine Mission zu Ende ist und man ihn schleunigst nach Rom
zurückberief ... Nur zurückhaltend spricht man von diesem seltsamen Vorfall;
doch scheint die Nachricht - unwiderleglich zu sein ...
    Es gibt eine magische Lichtwirkung, die plötzlich die blühendsten,
lebensfrischesten Physiognomieen in Larven verwandelt ...
    So die Wirkung dieser Mitteilung ...
    Was musste man von Terschka's Metamorphose, was von seiner Verbindung mit den
Camphausens in Wien, was von seinem Leben hier auf dem Schloss denken? ...
    Monika, die den Beziehungen Terschka's zur Familie des Grafen Hugo so nahe
stand, konnte sich kaum im Sitzen erhalten ... Ihre Lippen bebten; ihr Auge
rollte; ihre Brust hob sich; sie hatte einen - Fluch auf der Zunge ... Das sahen
alle ...
    Ihr Gatte betrachtete sie mit gleicher Empfindung und mass den Anteil, den
er aus ihren Beziehungen zur Mutter des Grafen Hugo vollkommen zu würdigen wusste
... Er verstand die Entrüstung aus gleicher Gesinnung ...
    Dennoch stammelte Monika:
    Fast glaub' ich, man muss dem Manne nicht zu sehr zürnen! ... Er war
vielleicht mehr ein Opfer, als ein Werkzeug! ...
    Mehr konnte sie nicht sagen ... Denn alles war erschreckt durch Armgart ...
    Diese stand wie wenn sie eine Geisterwelt um sich sähe ... Nicht dass sich
ihr sofort das Rätsel des Briefs entüllte, nicht dass sie sofort verstand, wie
Terschka nur gerade diese Last der Seele hatte abschütteln, deshalb convertiren
wollen ... sie sah nichts, als dass Terschka für die Mutter aufhörte ein Mann zu
sein, aufhörte, verwirrend und bestrickend in Frauenseelen einzugreifen ... Ein
Priester! ... Erlöst von einer Last, die von ihrem Herzen fiel, stiess sie einen
lauten Ton der Freude aus. Sie stürzte auf die Mutter zu ... Jetzt erst, jetzt
sie wiedergewinnend, jetzt ganz an sie glaubend, nachholend, was sie an ihr
versäumt hatte, lichtumflossen nach so langer dunkler Irrung, umarmte sie die
Befremdete stürmisch, küsste ihre Stirn, ihre Lippen, ihre Hände, umfasste ihren
Leib und entfloh aus dem Zimmer ...
    Was ist dem Mädchen? riefen alle - ausser Bonaventura und Paula ...
    Monika verstand allmählich auch das beharrliche und auffallende Schweigen
beider und sagte, sich in ihren Vorstellungen Licht suchend:
    Welch ein Wahn? ...
    Sie sah purpurrot vor Bonaventura nieder und gedachte nun beschämt ihrer
Beichte ...
    Die Tante kannte Terschka's Neigung für ihre Schwester. Aber ihrer
Verlegenheit half die Nachwirkung des Schreckens über Terschka. Von allem
Unangenehmen gleich zur Abwehr gestimmt, hatte sie das Bedürfnis des Polterns
...
    Sie ist eine Närrin! ... rief sie Armgart nach ...
    Bald aber stockte auch ihre Rede - voll Grauen über die Verstellungskunst,
deren Zeuge sie hier einen Winter über gewesen waren ...
    Der Onkel gab sich offener. Er verweilte mit unausgesetztem Erstaunen bei
der Mitteilung des Domherrn und fand sie für die Entüllung römischer Zustände
ausserordentlich ...
    Armgart's Platz blieb leer ... Man ass und suchte in zerstreuendem Gespräch
Fassung zu gewinnen ... Was stören und die eben gewonnene Einheit trüben konnte,
wurde vermieden ... Levinus rügte nichts am Bruder, die Tante nichts an ihrer
Schwester ... Dafür behielten Ulrich und Monika für sich, was beide
tiefschmerzlich von Rom, seinem Bau, seinem Bann über die Welt empfanden ...
    Bonaventura und Paula empfanden alles das nicht minder ...
    Dennoch erhielt Onkel Levinus scheinbar Recht, als er das Glas erhob und
sprach:
    Der Mensch ist so glücklich, wenn er die erste Summe seiner Ersparnisse
zurücklegen und sagen kann: Das haben wir denn nun - und das Uebrige findet
sich! ... Halten wir uns an das Glück, das wir sehen und - mit Händen schütteln!
... Hoffen wir, dass im Schoos der Zukunft mehr, mehr, viel mehr zu unserer
Freude verborgen liegen wird, als wir ahnen! ...
    Darauf klangen auch alle an ...
    Die Tante lachte über das Levinus'sche Bild von »zurückgelegten
Ersparnissen« ...
    Plötzlich aber fiel allen Paula's Blick auf ...
    Paula hatte von den Speisen wenig nehmen mögen ...
    Ihre Erregung mehrte sich durch die Erwartung der Wiederkehr Armgart's ...
    Sie fragte nach ihr ... Schon seltsam leise erklang ihre Stimme ...
    Die Tante kannte diesen Ton und erhob sich ...
    Paula blickte starr auf die grossen silbernen Gefässe, die beim Mahle benutzt
wurden ...
    Die Tante rückte eine glänzende Vase zurück, in der sich Paula schon wie
unbewusst spiegelte ...
    Das glänzende Metall übte seine Wirkung ...
    Paula begann mit Armgart zu sprechen, ohne dass diese im Zimmer war.
                            Ende des fünften Buchs.
 
                                 Siebenter Band
                                  Sechstes Buch
                                        1.
Oesterreich und Wien! ...
    Wer konnte sonst beide Namen neunen hören und vernahm nicht sofort Musik!
...
    Und wenn dich auch jetzt noch mit Windesflügeln das Dampfross in einem
einzigen Tag von der Elbe an die Donau entführt, so grüssen den haltenden Zug
mitten auf der Heide, mitten in der Nacht, zwei Stationen vor Ankunft in Wien,
Clarinette und Geige ... Der Sturmwind fegt den Novemberregen an die Fenster ...
Hinaus blickst du durch die beschlagenen Scheiben ... Nichts, als öde
gespenstische Nacht vor deinem Auge - und doch empfängt dich Jubel und Lust ...
Seltsames Bild ... Auf einen Stab gestützt, am Rand des Erdwalls, starrt ein
Schäfer im zottigen Lammfell auf den haltenden Zug ... Ein Wanderhirt, der aus
Ungarn kommt und weiter zieht mit seiner nächtlich rastenden Heerde ... Die
österreichische Geschichte ... Einsame Nachtträume der Völker, still am Weg sich
sehnend nach Erfüllung ... Unter lachender Lust und Freude ...
    Am Donaustrand - auch da wispert es ebenso - leise und leise - um die alten
Ritterburgen ... Klagelaute um versunkene Banner und Kronen ... Was liegt nicht
begraben im feuchten Schoose der Donau! ... Was könnte sich nicht melden zur
Auferstehung unter dem nächtlichen Sternenhimmel, wenn ringsum auf den düstern
Bergwänden die Geisterjungfrauen geheimnisvoll ihre Harfen zu schlagen beginnen!
...
    Von Tyrol und Salzburg her, aus den sagenhaften Schluchten des Untersbergs
und von den echoreichen grünen Bergseen Steiermark erschallt die Ziter ...
    Die Ziter, dies liebliche Instrument, könnte Sancta-Cäcilia statt der Orgel
erfunden haben ...
    Du kennst es nur aus dem lampendunstigen und cigarrendurchqualmten Keller
der leipziger Messe, kennst es nur aus dem Concert aufgeputzter Jodeltyroler ...
Aber auch da wird die Ziter dich gerührt haben - so, dass du den Genius
Oesterreichs hättest fragen mögen:
                Was lachst du so traurig, was weinst du so froh?
    Wenn so rührend die bebende Saite unter kraftvollem Finger ihre Schwingungen
austönt ... Wenn der Ton, immer gebrochen, immer in der Geburt des Halls schon
halberstorben und doch, neugefasst vom kunstgeübten Finger, neubelebt,
Riesenfermaten aus lauter kleinen zitternden Tremolos hält ... Wenn der Ton sich
festklammert, gleich einem Knaben, der nicht ruht den höchsten Ast eines
Blütenbaums zu erklettern ... Auf der höchsten Höhe, in die uns die Töne der
Alpenziter schwingen können, welch ein Blick dann auf die Täler der Erde! ...
Deine Jugend siehst du, siehst den grünen Plan deiner Kindheit, atmest im
Herzen auch die reinste Alpenluft ... Selbst unter dem »Soll und Haben« und dem
Strumpf- und langen und kurzen Waarenhandel der leipziger Messe in Auerbach's
Keller konntest du die Tränen nicht zurückhalten, wenn das berühmte
Tyrolerquartett - nur nicht singt! Das schenke ihm die Muse! - nur die Ziter
schlägt ... Die Spielerin sammelt mit dem Notenblatt ... Im koketten Brustlatz,
mit dem spitzen Hut ein unschönes Mannweib ... Aber - sie spielte dir - und sich
auf der Ziter - Oesterreich ... Sie spielte ein Ahnen, Suchen, Sehnen nach
unbestimmten, dem Land und Volk selbst nicht klaren Zielen ... Sie spielte das
Wittern einer Geisterluft, Morgengrauen schönerer Hoffnungen ... Sie spielte die
Freude, die sich selbst nicht vertraut, und ein Leid, das dem Schöpfer zürnen
möchte, weil er die Erde bei alledem und alledem - so schön erschuf ...
    Musik ist der erste Gruss in Oesterreich ...
    Auch in Wien ...
    Die grosse Hauptstadt ist erreicht, die bremer echte Havanacigarre glücklich
eingeschmuggelt ... Der Venusberg geöffnet ... Tannhäuser zieht den schwarzen
Frack an und die gefirnissten Tanzstiefel und vertanzt sich das gebrochene Herz
... Strauss und Lanner! Sie geben schon lange Trost für die »Zerrissenheit«
selbst im Alpengemüt - selbst für »Weltschmerz« im Pusztensohne ...
    Hört diese Tänze! ... Ein Dämon liegt in ihnen ...
    Wie mit Kirchenglocken fangen sie an, sanft und feierlich ... Das Adagio
eines Messganges ... Sittsamer, concordatsmässiger Niederschlag der Augen ... Das
führt, denkt man, geradeswegs nach Mariazell und Loretto -! ...
    Plötzlich wirft der kaum geordnete Nonnenzug die Kapuzen ab ... Nun hüpft
die Freude - erst wie! ein Füllen lustig über den Klee. Erst nur noch - ein
fusstrillerndes Ausschlagen des Übermuts ... Erst nur Kopfüber der
Fröhlichkeit, Humor, der, wie Harlekin Colombinen, neckt, spasselt, taddädelt -
alles so, wie sich nach dem genommenen Ablasszettel im einleitenden Adagio
vergeben lässt ...
    Dann aber wird der Humor zur Selbstironie ... Der Walzer cancant, die Grazie
tanzt auch hier wie in Paris mit Formen der Epilepsie, die Melodie geht
rückwärts, lässt sich die Augen verbinden, tanzt unter Eiern, schiebt einen
Karren auf dem Seil zum Turm hinauf, geht auf beiden Händen, dreht sich als
Kopf überm Rumpf herum und sagt dem Rücken »guten Tag«! ...
    Halt! springt die Sittenpolizei dazwischen ... Metternich's Censur und
Moral, die noch in den von uns geschilderten Tagen regieren, und der Dämon wird
rasch wieder ein Kind, das unter Blumen spielt, ein Kind, das nur nach
Schmetterlingen hascht oder vor einer Hummel entflieht - aber - welch einer
Hummel! ... Brummelt die so spassig, so taumlig, so torklig ... Bassgeige, wohin
rennst du? ... Bassgeige, bist du betrunken? - Leute, entflieht! Entflieht! ...
Staberl spannt seinen Regenschirm auf - haltet doch! Das gibt ja Sturm - Wo
führt's dich hin? Zum »Stuwer?« ... Sind das Pot-à-Feu's? Döbler'sche
Sträusschen? Sternschnuppen? ... Wohinaus? ...
    Ins Firmament! Grad' in die Milchstrasse, aber von Würsteln und Kringeln
behangen ... In einen Kometenschweif von feurigen Nasen ... Ein einziger
Strohhalm die schwindelnde Brücke, aus der alle Walzenden zugleich über den
unermesslichen Abgrund hinübermüssen ... Heiliger Nepomuck, jetzt hilf! ... Sie
fassen sich alle an, klammern sich an die Rockschösse ... Strauss nimmt den
Fidibus, steckt noch den Strohhalm über das Weltgebäude hinweg in Brand und nun
müssen die Paare hinüber ... Die Glöckchen, die klingen, die Pickelflöte, die
lacht, die Geigen, die quinkeln über den äussersten Steg hinweg ... Das gibt ein
Unglück! ...
    Aber - der Maestro bringt sie alle wohlbehalten in seine Schlusscoda zurück
... Bass, Trommel, Posaune finden sich in harmonischer Vereinigung bei den
letzten Takten wieder zusammen ... Alles bricht in pyramidalen Jubel, in
»Fanatismo« aus ... Der taktirende Maestro verbeugt sich gelassen und ruhig,
»der Tanz ein Leben« oder »das Leben ein Tanz« ist beendet und nebenan - sind
die Tische weiss gedeckt für die harmlosesten Bedingungen des irdischen Daseins -
»Backhänerln«, »Rossbrateln«, »Beflamots«, »lämmernen Hasen«, »Engländern« und
allen möglichen Nationalgerichten der classischen Küche Oesterreichs ...
    So war auch das Gewirr, in das Benno von Asselyn eingetreten ...
    So übertäubt - im Späterbst, beim Blätterfall und häufigen, noch warmen
Regenschauern schon an die bevorstehenden Freuden des Winters erinnert - irrt er
durch die Strassen Wiens - verfolgt von bunten Anschlagzetteln, Aufforderungen zu
Lust und Freude ... Eben sehen wir ihn in die stolze Herrengasse treten ...
    Fussgänger umdrängen ihn, Wagen rollen, Rosse sprengen dahin ... Nur immer
Achtung! Ausweichen! Ausweichen! ... Auch den von den Regenschirmen
niedergiessenden Fluten ...
    Einige Minuten verlieren wir den trotz seiner Aufregung bleichen jungen Mann
mit seinem regenfeuchten, schwarzen Bärtchen, im triefenden, neuerfundenen
Macintosh, vor Wirrwarr um sich her und in sich selbst - ohne Regenschirm! - ...
    Aber bald tritt er aus einem hohen, mit Karyatiden geschmückten vornehmen
Palast wieder hervor ...
    Er sinnt: Wohin? ... Auf die Schottenbastei hinaus zur Linken? ... Auf die
Freiung zu meinem guten Chorherrn hinüber, bei dem ich wohne? ... Zu den
Zickeles, an die du empfohlen und für jeden Abend geladen bist? ... Oder noch in
irgendein Teater? ... Das Burgteater soll ja - in der Nähe sein ...
    Da ruft ihn der Portier zurück ...
    Verzeihen's! ... Den Dreimaster lüftend, fragt er: Waren's Herr Baron von
Asselyn? ...
    Mein Name! ...
    Benno von Asselyn war schon zweimal unter dem hohen Portal des gräflich
Salem-Camphausen'schen Palais gewesen, hatte, schon zweimal mit dem Hüter des
Eingangs über die Nichtanwesenheit des Grafen gesprochen ... Diese Leute haben
nur ein Gedächtnis für empfangene Trinkgelder ...
    Ein Brief für Euer Gnaden vom Herrn Grafen Erlaucht sollte eben zum Herrn
Baron hinübergetragen werden! ...
    Der Brief lag auf dem Sims des kleinen Guckfensterchens der Portierstube ...
Benno nahm ihn an sich ... In der Auffahrt des Palais brannte hochoben eine
etwas düstere Lampe ... Der Portier deutete auf sein Stübchen und ein dort
befindliches Licht, das zwar auch keine Millykerze war, aber es reichte hin für
die kurze Lectüre ... Eine Secunde und Benno hatte gelesen, dass ihn Graf Hugo
aufs dringendste morgen zum Frühstück auf seinem Schloss Salem erwartete ...
    Der Portier sah dem schlanken jungen Manne jetzt voll Spannung nach und
ahnte und vermutete etwas ... Die Bedienung eines grossen Hauses hat ein
scharfes Auge für die innern Angelegenheiten ihrer Herrschaft ... Hängt Der mit
unser Aller Schicksal zusammen? mochte er denken und sah lange hinter ihm her,
sah, wie der junge Mann davonschoss und so in Gedanken, dass er immer noch nichts
vom Regen zu merken schien ...
    Benno hatte sich rechts gewandt, ging, auf die morgende kleine Reise
gespannt, und fühlte nun doch wohl an seinem Hut und den Stiefeln, dass es Zeit
war irgendwo unterzutreten ...
    Er stand am Burgtor ...
    Da las er an einer vom Tor geschützten Wand:
                             »K.K. Hofburgteater.«
                         »Hamlet, Prinz von Dänemark.«
    Er trat in das nahe kaiserliche Teater ...
    Ein labyrintisches, von kleinen Winkelgängen durchkreuztes Gebäude nahm ihn
auf ... Schwer fand er sich zurecht bis zur »Kassa« ... Noch war diese offen,
aber kein Billet mehr zu haben ... In Oesterreich gewöhnt man sich - mit Unrecht
- nur an diejenigen Unmöglichkeiten zu glauben, die sich auch dem Klang des
Silbers gegenüber nicht wegräumen lassen ... Benno's Zweifel fanden kein Gehör.
Er verliess ohne Billet die »Kassa« und verwickelte sich in den Gängen ...
    Ein gefälliger Herr, der sich verspätet zu haben schien und hinter ihm
herging, wies ihn zurecht ... Der Ausgänge schien es mehrere zu geben ... Der
freundliche Herr liess es sogar geschehen, dass Benno in eine Wachtstube geriet,
die ganz den bekannten Kasernenduft hatte ... Grenadiere spielten hier Karten
und dennoch huschten Damen in eleganten Kleidern hindurch, ja Benno stand sogar
plötzlich zweien Gestalten gegenüber, die jedenfalls zu dem Gefolge des Königs
Claudius von Dänemark auf der Bühne gehörten ...
    Der fremde Herr sah Benno's Erstaunen und sagte zu ihm lächelnd:
    Ei, Sie sind fremd, mein Herr? ...
    Schon zog er die Dose gegen den Wachtstubengeruch ...
    Nicht wahr, das erinnert Sie an eine Dorfkomödie? fuhr er fort. Aber es tut
mir leid, dass Sie vielleicht mit diesem Eindruck weiter reisen! Sie haben kein
Billet bekommen ... Wenn ich Ihnen einen Platz in meiner Loge - Bitte ... In
allem Ernst ... Meine Loge liegt zwar nur im dritten Stock ... Despectirlich ist
das aber keineswegs, lieber Herr! ... Ohne Spass ... ich mache mir sehr ein
Vergnügen daraus ... Kommen Sie nur! ...
    Das gemütliche Air des feinen Herrn war so einnehmend, dass Benno in der
Tat nach einigem Zögern, aber auch fernerem Zureden folgte ...
    Ich gehe voran! sagte sein Führer und plauderte im Gehen:
    Nicht wahr, Sie denken hier an eine mögliche Feuersbrunst? ...
    Er deutete auf die Enge der Logentreppen ... Man ging in die Stockwerke
hinauf, wie auf einer Wendeltreppe zu einen: Turm. Im seltsamen Contrast zu
dieser Aermlichkeit standen die reichgallonirten Diener mit ihren
Servirbrettern, auf denen sie »Gfrornes« trugen ...
    Benno entschuldigte sich unausgesetzt über seine Dreistigkeit und schüttelte
seinen Hut und seinen Macintosh ...
    Im Gegenteil! erwiderte sein freundlicher Protector und ordnete inzwischen
gleichfalls seine Toilette und mit einen: Kämmchen sein weisses, krauses Haar ...
Die Dreistigkeit ist auf meiner Seite ... Sehen Sie nur, jetzt muss ich Sie auf
meine beiden Plätze sogar durchs Paradies führen ... Aber zur Linken haben wir
dennoch einen kaiserlichen Hofrat und zur Rechten einen Millionär von der haute
finance ... Die Logen sind bis in den Kronenleuchter hin schon auf Jahre voraus
gesucht ... Und wie ist das heute überfüllt ... Immer so bei denen classischen
Stücken jetzt und besonders wann im Kärtnertor eine durchgefallene deutsche
Oper wiederholt wird ...
    Durch die dichtgedrängte Galerie machte der Logenschliesser dem gesprächig
satyrischen Herrn Platz und nahm den nassen Macintosh, unter dem Benno sich
glücklicherweise im Salonfrack befand ... Fast in der Nähe des Kronleuchters lag
allerdings die Loge des freundlichen Führers ... Die Ränge waren eben nicht zu
stark besetzt ... Desto voller war es unten ... Kopf an Kopf in einem langen
düstern Saale, dessen Bauart mehr zum Hören, als Sehen des auf einer schmalen
Scene Dargestellten bestimmt schien ... Eben sprach der Darsteller des Hamlet
eine der längern wirksamen Reden in melodischem Tonfall, mit ebenso viel Kraft
wie Anmut ... Befangen suchte sich Benno in seine so schnell und überraschend
ihm gekommene Situation zu finden ... Sehen konnte er allerdings vom Spiel so
gut wie nichts ... Er musste sich an die Worte halten und an seines Begleiters
Erläuterungen, die von einem: Guten Abend! hier, von einem: Küss' die Hand!
dortin unterbrochen wurden ...
    Die Beschwörungsscene war im Gange ... »Schwört auf mein Schwert!« sprach
Hamlet, der mit hinreissendem, vielleicht zu vielem Feuer gespielt wurde ...
    Im Saal war alles todtenstill ... Man hörte das dumpf aus der Erde kommende:
»Schwört!« des Geistes ... Alles das hinderte aber ebenso wenig den Protector
Benno's wie die Umgebungen immerfort dazwischen leise zu kritisiren und zu
»plauschen« ...
    Schau, schau! sagte ersterer. Das schreibt sich gewiss unser Herr Professor
da auf ... »Schwört auf mein Schwert!« ... Nicht wahr, lieber Professor, das ist
für ein italienisches Ohr rein kalmückisch? ... »Schwört auf mein Schwert!« ...
Ich muss aber auch sagen, was der Deinhardstein da wieder für eine Uebersetzung
genommen hat ... Oder soll's ausdrücklich ein Wortwitz à la Sa - Ei guten Abend,
Resi! ... Ei, küss' die Hand! ... Wie kommt denn heute der Professor in Ihre
Begleitung - Protegirt er auch den Herrn - Wie heisst der neue Debutant, den die
Kaiserin protegirt? ... Kein Zettel da? ... Die Unordnung in denen Logen greift
immer mehr um sich! ... Warum ist kein Zettel da? ...
    Für Benno mussten diese Absprünge des Tons vom zartesten Gemüt bis zur
schärfsten Ironie, jetzt an den Logenschliesser zur entschiedensten Grobheit,
höchst charakteristisch sein ... In einem und demselben »Geplausch« wurde der
Logenschliesser geputzt, ein junges, heiteres Mädchen, das vor ihm sass,
angeredet, eine höchst steife, lange Figur, in einer weissen Halsbinde neben ihr
ironisirt, der fremde junge Mann unterrichtet, die Darstellung beurteilt, alles
mit derselben Lebhaftigkeit und den leichtesten Uebergängen eines
Seelenzustandes in den andern. Bald Gefrierpunkt der Kritik, bald Siedepunkt des
Entusiasmus ... Dazu noch die Dose gezogen und geschnupft und Benno nach dem
wievielten Tag seines Aufentalts gefragt, auch auf die Teuerung Wiens
aufmerksam gemacht und bei alledem auch noch eine bedeutende Persönlichkeit in
dieser Loge und in jener lorgnettirt ...
    Die Ringsumsitzenden hatten im Grunde alle dieselbe Manier. Sie fanden
wenigstens diese quecksilberne Beweglichkeit, dies Abspringen von der Hitze im
Saal auf das heute »ein Bissel« mangelnde Feuer im Spiel »der Uebrigen«, von der
brillanten Toilette dieser und jener Fürstin auf die »schauerlich« schlechte und
abgenutzte Decoration in der Scene ganz in der Ordnung. Und bei alledem, wenn
auch noch soviel kritisirt und »mechant« gefunden wurde, bei einem: Bravo!
stürmte sich ein förmliches Liebesfeuer von Entusiasmus urplötzlich entbrennend
aus ... Trotzdem, unmittelbar darauf erfolgend, über dies und das ein leises:
»Unter der Würde!« ...
    Benno sah, dass diese Art, sich zu geben, aus dem Gemeingefühl einer Stadt
entspringt, deren Bewohner sich gleichsam zu einer einzigen grossen Familie
bekennen ... Die Worte »Herz«, »Gefühl«, »Gemüt« wurden sowol hier, wie auf den
Brettern gehandhabt wie eine Prise Schnupftaback ... Die schwungvolle
Darstellung des Hamlet ausgenommen, war die Vorstellung mehr im Geiste Iffland's
... »Vater«, »Mutter«, alle diese Worte wurden mit einer besonders biedern
Treuherzigkeit betont. An seinem Protector fiel Benno auf, wie er ihn trotz
seiner kindlichen Harmlosigkeit doch ab und zu höchst scharf beobachtete ...
Sogar eine klug lauernde Kälte lag in dem Blick der kleinen glänzenden Augen mit
höchst scharfen grauen Brauen ...
    Ein Zwischenact trat ein, den eine würdige Musik belebte ...
    Benno konnte sich jetzt in seinen nähern und entferntern Umgebungen zurecht
finden. Auch fiel er selbst schon auf - nach seiner schlanken edeln Gestalt,
nach einem feinen Lächeln der anziehenden Gesichtszüge einigen Entfernteren ...
Nach seiner fremdartigen Aussprache allen Nähersitzenden ... Die Plaudereien
seines Protectors veranlassten die vor ihm Befindlichen, sich öfters nach ihm
umzusehen ...
    Nur dem Italiener wurde das Umsehen schwer. Entweder war der Nacken zu steif
oder nur die weisse Halsbinde war es. Flüchtig erhaschte Benno ein gelbes, von
Blatternarben entstelltes Antlitz. Um so lieblicher hob sich von ihm der
schelmische Mädchenkopf ab, die Resi, wie sie sein Protector nannte ... Es war
eine muntere Brünette, nicht mehr »zu jung«, die sich unausgesetzt gar lustig
halb italienisch, halb deutsch mit ihrem Nachbar neckte. Der Italiener blieb
auch kalt zu diesen Spöttereien. Seine Gesichtsformen schienen von einer
Pergamentaut überzogen zu sein, die sich nicht veränderte, auch wenn er selbst
etwas sprach, das andre lachen machte ... Resi stritt mit ihm über den Charakter
der Deutschen und nannte Hamlet einen Dänen, auf den die Malicen ihres Nachbars
nicht im mindesten passten ...
    Ma questo strofinaccio ha frequentato una universitâ tedescha! sagte der
Italiener ...
    Benno verstand und sprach das Italienische wie seine Muttersprache ... Er
durfte annehmen, dass der Professor, der Hamlet seiner Tatlosigkeit wegen einen
»Waschlappen« genannt hatte, ein Musiker war. Resi lenkte ihre jetzt zorniger
werdenden Erwiderungen immer auf das musikalische Gebiet ...
    Sein Führer, der endlich den Teaterzettel bekommen hatte, las diesen laut,
lachte dabei über den Streit, blinzelte Benno zu und sagte:
    Der Laërtes - der soll engagirt werden ... Eine Empfehlung aus München ...
Der ganze Hof ist deshalb zugegen ... Resi, wie kommt's, dass heute der
Dalschefski seinen Platz abgetreten hat? ... Herr Professor, eine seltene Ehre
für die deutsche Kunst! ... »Müller« heisst der Debütant ... Die allerhöchsten
Herrschaften sind so ausserordentlich gnädig ... Der Mensch kann aber seine Beine
noch nicht halten ...
    Benno würde an dem kleinen Kriege auf den Bänken vor ihm, wo sich noch eine
ältere Dame und ein anderer Herr befanden, seine harmlose Freude gehabt und sein
schmerzlich zerrissenes, hochgespanntes und sozusagen überbürdetes Gemüt
erleichtert haben, wenn nicht plötzlich im Lauf der Neckereien sein Begleiter
mit einem Namen wäre angeredet worden, der ihm das Blut erstarren machte ...
    Und mehr noch ...
    Kaum hatte er die Anrede: »Herr von Pötzl« zum zweiten mal vernommen, da
stieg sein Schrecken bis zur Besinnungslosigkeit, denn im weitern Verfolg der
wieder neubegonnenen Handlung auf der Bühne reichte ihm sein Führer das
Perspectiv mit den geheimnisvoll geflüsterten Worten:
    Jetzt aber! Jetzt schauen's! ... O ich bitt'! ... Da - Das ist merkwürdig!
... Unser Schicksal! Im Hamlet! ... Dieser Herr Müller ist gut empfohlen ...
Nein, schauen's doch, Resi! ... Beim Staatskanzler - Alle die römischen
Herrschaften ... Der Principe Rucca ... Und die Dame da ... Das ist die Herzogin
von Amarillas ...
    Benno lehnte das ihm dargereichte Perspectiv ab ...
    Seine Hand zitterte ... Sein Atem versagte ihm ...
    Bald richtete er sein Auge starr auf den Träger eines Namens, der - er wusste
es jetzt - seiner Schwester Angiolina gehörte, bald auf die ihm noch im fernen
Lampen- und Lichtdunst schwimmende Erscheinung - seiner Mutter - -
    Das Spiel ging indessen weiter ... Aber es wogte ein Rauschen und Flüstern
durch den Saal ...
    Die eben eingetretenen fremden Herrschaften, die mit dem aus Rom gekommenen
Cardinal Ceccone in Verbindung gebracht wurden, erregten das allgemeinste
Aufsehen ... Es kamen immer mehr ...
    Der Principe Rucca war ein junger Mann im roten, gestickten Kleide ...
    Auch der Name Maldachini wurde genannt ...
    Alle Gläser richteten sich nach jener Logenreihe und Resi's Frage sogar: Ja,
mein Gott, trägt denn der kleine Rotrock nicht gar ein schwarzes Pflaster überm
Auge? mehrte Benno's Aufregung ... Denn nach einem erst heute früh erlebten
Vorfall sah er, dass er mit den Personen, die er mit heissester Sehnsucht suchte
und - mit Entsetzen und Grauen floh, bereits zusammengetroffen war, ja mit ihnen
schon in einer Verbindung stand ...
    Zweimal erwiderte er, auf alles Erläutern und Zeigen seiner Umgebungen.
    Wessen - Loge - ist das? ...
    Des Staatskanzlers! hiess es ...
    Doch auch die Logen neben jener hatten sich inzwischen gefüllt ...
    Benno kämpfte mit sich, ob er bis zu Ende bleiben sollte ...
    Hamlet's Lage war seine eigene ... Auch mit ihm sprachen ja Geister, die
ausser ihm hier niemand sah ... Auch ihm sträubten Entüllungen das Haar zu
Berge; auch ihn hätten sie wach rufen sollen zu Taten der Sühne und
Gerechtigkeit ... Aber auch ihm lähmten hundert Erwägungen den Arm ... Wahnwitz,
das fühlte er jetzt, kann den ergreifen, der ein Ungeheueres machtlos im Busen
bergen soll ... Auflodern, allen zurufen hätte er mögen: Das ist ja meine
Mutter! ... Er hätte seinen Nachbar anrufen mögen: Wie trägst du, du nur den
Namen meiner Schwester? ... Ophelia, angeredet von Hamlet mit dem unendlich
schön gesprochenen Abschiedswort: »Geh' in ein Kloster!« verwandelte sich ihm in
die Trägerin seiner eigenen Leiden ... Dass man dann sagte, die Gräfin Olympia
Maldachini sähe so keck sich um, wie in einem Ballsaal, liess ihn vollends
erbeben ... Auch sie kannte er ja ... Sie schon ihn ... Die Loge war zu entfernt
für sein Auge ohne Bewaffnung durch ein geschärftes Glas ... Dennoch bog er sich
schwindelnd über, um zu sehen - um starren zu können ...
    Wieder war inzwischen der Vorhang gefallen ... Wieder begann eine
Zwischenmusik ...
    Der Professor, der inzwischen ebenfalls in grosse Aufregung geraten war,
erklärte, nur eben dieser »Römer« wegen hätte er den Platz des Professors
Dalschefski übernommen ... Er zankte mit Teresen ... Er war aufgestanden und
sprach jetzt mit höchster Lebendigkeit seiner bisher so starr gewesenen
Gesichtszüge die italienischen Worte:
    Ja! Das sind sie! ... Die Herzogin kenn' ich nicht ... Aber sehen Sie nur
den Grasaffen, den Rucca! ... Und das, das ist die kleine Gräfin Olympia! ...
Corpo di Bacco! ... Als zehnjähriges Kind schon hatte der Fratz sich in einen
Apollino im Braccio nuovo verliebt, verlangte vom Cardinal Ceccone, ihrem -
Onkel, ihm einen Kuss geben zu dürfen, springt selbst an den jungen marmornen
Gott hinauf, umschlingt ihn und beide stürzen vom Postament herunter ...
Torwaldsen hat ihn restauriren müssen ... Und ein ander mal - ha, da hat -
diese Olympia - -
    Ich muss aber bitten! Schweigen Sie! unterbrach ihn Resi entrüstet ... Die
Dame hat auch bis dahin Ihre Verleumdungen gehört! Eben richtet sie das Lorgnon
auf Sie! ... Wahrhaftig ... Herr von Pötzl, schauen's doch! ... Das ist ja
prächtig! Sie ruft den mit dem schwarzen Pflaster, auch die Herzogin und die
sämmtlichen Cavalieri - geben Sie Acht, Professor, Sie müssen ihr Revanche
geben, Sie unverbesserlicher Carbonaro! ...
    Herr von Pötzl bestätigte alles, staunte und lachte übermässig ...
    Benno aber stand, als schwebte er, ein Fieberkranker, in den Lüften ...
    Nein, die ist ungenirt! ... sprach alles ringsum durcheinander ... Wie in
Neapel! ...
    Sie grüsst wirklich hier herauf! lachte Herr von Pötzl ... In der Tat
bestätigten alle, durch ihre Lorgnons blickend, dass die Kleine mit dem
Diamantendiadem zu ihrer Loge hinauflache ...
    Sie ergriffe eben das Taschentuch und winke herüber, ergänzte Resi ...
    Wem gilt denn das? ... sagte Herr von Pötzl hocherstaunt und schaute sich
überall um und fixirte endlich den Fremden neben sich, seinen Protégé ...
    Dieser stand keiner Besinnung fähig ... todtenbleich ... Eben streckte Benno
die Hand vor, um das ihm dargereichte Perspectiv zu ergreifen, da blieben ihm
die Finger wie gelähmt hängen ...
    Er sank bewusstlos auf seinen Sessel zurück ...
    Sie sind unwohl! rief Herr von Pötzl erschrocken ... Ein Glas Wasser! Bitte
... oder kommen Sie ... Frische Luft! ...
    Benno erhob sich allmählich, lehnte Hülfe ab ... Das Spiel begann eben
wieder ... Er wandte sich zum Gehen ...
    Ja, gehen Sie lieber, mein bester Herr, sagte Herr von Pötzl ängstlich
besorgt ... Der Dunst der Lampen hier oben ist aber auch heute fürchterlich ...
    Benno wollte ablehnen ... Herr von Pötzl führte ihn, während alles rings
voll Teilnahme aufgestanden war, selbst durch die Sitzreihen der Galerie und
hinaus auf den Corridor.
    Es war der zweite Tag, den Benno in Wien verbrachte.
 
                                       2.
Als im Beginn des diesjährigen Frühlings Benno von Asselyn mit seinem Freunde
Tiebold de Jonge von Witoborn nach der Residenz des Kirchenfürsten
zurückreiste, tat letzterer »von seinem Standpunkte aus« alles Mögliche, die
schmerzlichen Nachklänge des so gänzlich den »gehegten Erwartungen nicht
entsprochenen« Witoborner Aufentaltes zu mildern ...
    Was nur aus dem unerschöpflichen Born seiner guten Laune zu schöpfen war,
gab Tiebold zur Zerstreuung bereitwilligst her, und sogar seine eigene Person
...
    Doch Benno blieb für alle Anschläge seines erfinderischen Genius
unempfänglich ...
    Ja er verdarb Tiebold sogar den »Spass«, dass dieser Extrapost nehmen wollte,
um in der »Einsamkeit der Landstrasse« den »gegenseitigen Gefühlen« Luft zu
machen ...
    Benno kannte diese Tiebold'schen Extrapostfahrten mit ihren »gemütlichen
kleinen Aufentalten« von vier bis fünf Stunden, ihren Nachtlagern, ihren
Wirtshausbekanntschaften, ihren Abstechern auf gerade den Abend angesagte
Casinobälle in kleinen Städten, zu denen sich Tiebold sans gêne wie ein alter
Stammgast einzuladen verstand ...
    Sie fuhren mit der Schnellpost und kamen auf diese Art rascher als mit
Tiebold'scher Extrapost wieder zurück in ihre »laufenden Verhältnisse« ...
    Das durch vier Mitpassagiere auferlegte Schweigen über die Resultate der
Witoborner Erfahrungen hatte etwas Feierliches ... Tiebold verbrauchte seinen
letzten Cigarrenvorrat mit Blicken der Resignation ... Er gefiel sich in dem
von ihm sonst so oft an Peter unerträglich gefundenen System des Au contraire
gegen sämmtliche Mitpassagiere, deren Behauptungen ihm in der Regel unbegründet
und haltlos erschienen, ob sie nun den Segen der zu erwartenden Ernte oder die
projectirten Eisenbahnlinien oder die Zukunft der damals neuerfundenen
Stahlfedern oder den Kirchenstreit betrafen ... Tiebold wusste zwar, dass er
durch seine unausgesetzten: »Erlauben Sie!«, mit denen er seine »tatsächlichen
Berichtigungen« einführte, Benno zum stillen Märtyrer machte, aber es blieb ihm
unmöglich, die Aufregung seines Gemüts, den »stellenweisen« Schmerz seiner
Erinnerungen anders zu beschwichtigen, als durch eine auf fortwährende Berichte
von »Augenzeugen« gegründete Polemik ... Nur in der Nacht traten Pausen der
Ergebung ein, die Tiebold teils durch Schnarchen, teils durch Seufzer
ausfüllte ... Hätte er nicht von Seiten Benno's das schnöde Wort: »Machen Sie
sich nicht lächerrlich!« gefürchtet, er würde von den Sternen gesprochen und die
von Joseph Moppes immer so zart gesungene Arie mit nachgeahmter
Waldhornbegleitung intonirt haben: »Ob sie meiner noch gedenkt?« ...
    Als dann Tiebold seinem Vater hinter »Maria auf den Holzhöfen« über die
»verfehlte Speculation« des Ankaufs der Camphausen'schen Waldungen, infolge des
bedeutungsvollen Fundes der Urkunde und des Abbruchs aller Verhandlungen mit
Terschka drei Tage vor der ihnen noch nicht bekannten Flucht desselben,
berichtet und dafür ein: »Gesegn's Gott!« geerntet hatte, fand sich leider »noch
immer die stille Stunde nicht«, nach der sein Herz sich sehnte, die Stunde, um
mit Benno »alles durchsprechen« und das Tema variiren zu können: »Ist denn wohl
das alles ein Traum gewesen?« ...
    Benno hatte sofort mit den Berichten zu tun, die er Nück zu erstatten hatte
...
    Tiebold selbst war teils überhäuft mit Commissionen, die ihm die
Stiftsdamen mitgegeben, teils war seine Ankunft die erfüllte Sehnsucht aller
seiner übrigen Freunde, besonders Piter's, den Treudchen's Flucht ins Kloster
und die bevorstehende mögliche Einkleidung des geliebten Wesens »rein in einen
Schatten« verwandelt hatte ...
    Erst die überraschende Mitteilung, dass sich auf einer Reise nach England
Wenzel von Terschka einige Stunden in der Stadt aufgehalten, ohne jemanden zu
besuchen, brachte den »Austausch der Gefühle zuwege«, nach dem Tiebold so
dringend verlangte ... Eines Abends sechs Uhr war es, auf der Strasse, die Sonne
war noch nicht untergegangen, die letzten Austern, »auf die man sich allenfalls
noch verlassen konnte«, waren aus Ostende angekommen ... Ein stiller Winkel auf
dem Hahnenkamm lockte mächtig ... Benno wurde gezwungen zu folgen ... Benno
tadelte keinen einzigen Vorschlag, den Tiebold über die Sorte Wein machte, die
sie zu den noch »unbedenklichen« Austern wählen wollten ...
    »Terschka geht denn also nach England, um die Gräfin über die Urkunde und
die gänzliche Veränderung der Dinge auf Schloss Westerhof in Kenntnis; zu setzen«
...
    Das war das wehmutsvolle Tema und anders noch konnten die Vermutungen
nicht lauten ...
    Die zweite Schlussfolgerung war die Ahnung von einer Heirat Paula's mit dem
Grafen Hugo ...
    Die dritte die Unentbehrlichkeit Armgart's für Paula und demzufolge - die
Heirat mit dem Freund des Grafen, mit Wenzel von Terschka, selbst ...
    Nie hatte Tiebold seinen männlichen Freund so kleinmütig gesehen, nie so
nachgiebig gegen jede Vermutung ... Benno lehnte selbst die Hypotese nicht ab,
dass Armgart »keinem von ihnen beiden hätte wehe tun wollen« ... Beide Freunde
redeten sich in das Unergründliche so hinein, dass Benno sich zuletzt die
schwarzen Locken aus der heissen Stirn strich, wild den Arm aufstemmte und alle
jene Anklagen des Schicksals ausstiess, die Tiebold sonst »unmännlichen
Weltschmerz« zu nennen pflegte ... Heute »unterschrieb« er alles, was Benno in
sein grünes Römerglas wetterte ... De Jonge! Ich fand Ihre Entsagung natürlich
... Ich würde Ihnen Armgart nimmermehr gelassen haben ... Vergeben Sie mir diese
offenherzige Sprache ... Selbst auf Gefahr, Sie zu beleidigen ...
    Unter Männern volle Wahrheit! entgegnete Tiebold und stiess die leeren
Austerschalen zurück, um für neue Platz zu machen, die er wie mit einem
Mordmesser behandelte ...
    Sie konnte in der Tat nur mich lieben! ... Ich habe Vorzüge vor Ihnen ...
Nicht dass ich lateinisch, griechisch und italienisch verstehe, de Jonge ... Sie
sprechen englisch und spanisch ... aber mein Vorzug liegt im Herzen! ... Mein
Herz kann lieben, das Ihrige nicht, de Jonge! ... Morden Sie mich dafür mit
Ihrer Austerngabel! ...
    Nein im Gegenteil! rief Tiebold und seine Augen leuchteten vor
Begeisterung über seinen Freund ... Nein! Sie haben recht! Ich schaudere über
mich selbst ... Ich kann lieben - nie aber auf die Länge! ...
    Tiebold schenkte mit wilder Geberde die Gläser voll ... Sein ganzes Sein
war aufgelöst in - Behagen nur allein über Benno's »edle Vertraulichkeit« ...
Ja, zum Beweise, dass er Ursache zum Zorn hätte, doch sich »zu mässigen wünsche«,
warf er sein Glas hinterwärts in tausend Scherben ... Was kostet das? setzte er
zum erschrocken herbeieilenden Kellner hinzu ... Diese Stunde ist mir in dem
Grade feierlich, Louis, erklärte er dem Staunenden, dass nie wieder ein Mensch
aus diesem Glase trinken soll! Geben Sie mir aber ein neues! ...
    In dieser Art »sprachen« beide Freunde von sieben bis gegen Mitternacht in
einer »stillen Stunde« ihre Witoborner und Westerhofer Erinnerungen, ihre
Anschauungen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft »durch« ... Beide
Jünglingsseelen nenne man deshalb nicht oberflächlich in ihrem Schmerz ...
Männer bedürfen solches heftigen Ausbruchs ihrer Gefühle ... Benno tobte und
fand es unerträglich, dass der Kellner sich unterstand, mit dem Besen die
Splitter zusammenfegen zu wollen ... Hinaus! rief auch er ... Beide Freunde warm
nicht im mindesten trunken ... Das ist die Jugendkraft ... Zorn, Eifersucht,
Schmerz müssen in jungen Seelen solche Formen haben, um zu den einmal nicht zu
ändernden Gesetzen des Lebens zurückkehren zu können ...
    Acht Tage nach diesem Abend, der nichtsdestoweniger in Benno's Seele nur
neue Wunden schnitt, nicht heilte, erhielten beide Nachricht, dass Terschka
entflohen und ein Priester, ein Jesuit war ...
    Das Staunen musste das mächtigste sein ... Sie erfuhren die unglaubliche
Kunde zu gleicher Zeit mit der Nachricht, dass Terschka in England zu bleiben
gedächte, sich unter den Schutz Englands stellte, seinen Glauben entweder schon
geändert hätte oder zu ändern gedächte und ohne Zweifel von Gräfin Erdmute, die
einen Triumph über das Papsttum, eine Genugtuung für die entsetzenerregende
Urkunde sah, Verzeihung erhalten würde ...
    Ueber Terschka's Verhältnis zu Armgart musste jetzt eine ganz neue
Beleuchtung fallen und wieder begannen die Hoffnungen ...
    Bonaventura war es dann, der, unterwegs da und dort in Amtsgeschäften
aufgehalten, erst vierzehn Tage nach ihnen eintraf und diese Tatsachen
bestätigte ...
    Beide Freunde kannten Armgart's katolischen Sinn ... Aber stand nicht
Armgart jetzt unter der Leitung ihrer Aeltern, deren freisinnige Richtung
allbekannt war? ... Jeder wusste, dass Armgart's Aeltern sich um ihrer Principien
willen ausgesöhnt hatten ... Graf Hugo ist Luteraner, hiess es auf Nück's
Schreibstube, Terschka wird zum Grafen Hugo zurückkehren ... Nück aber erklärte
dies in Rücksicht auf Oesterreich für unmöglich ...
    Bonaventura kam trauernd, ernst und schweigsam ... Es bestätigte sich: Er
war Domcapitular geworden ... In so jungen Jahren ... Sein schnelles
Emporsteigen auf der Staffel der geistlichen Würden war eine Folge der immer
heftiger gewordenen Kämpfe mit der Regierung ... Die alten Bewohner des
Domstifts erlagen diesen Aufregungen ... In auffallender Schnelligkeit raffte
der Tod die schwachen Greise hinweg, die nicht mehr wussten, wie sie sich
zwischen ihren geistlichen und weltlichen Oberhäuptern in der Mitte halten
sollten ... Der Kirchenfürst und sein Kaplan Michahelles blieben gefangen ...
    Bonaventura's Stellung zum täglichen Gottesdienst veränderte sich infolge
seines Aufsteigens ... Doch bei feierlichen Gelegenheiten trat sie in desto
höherer Bedeutung hervor ... Gleich die Osterzeit teilte auch ihm den ganzen
Nimbus mit, den gerade in diesen Tagen die katolische Kirche um sich zu
verbreiten weiss ... Auf die goldenen Gewänder, die Fahnen und Baldachine fällt
gerade in dieser Zeit auch zugleich der Strahl der ersten Frühlingssonne ...
Jerusalems Palmen grünen in den noch kalten Kirchen ... Ueber den Garten von
Getsemane breitet sich das abendliche Dunkel der Vigilien ... Selbst den Hahn
der Verleugnung glaubt man bei all diesen Nachbildungen der heiligen Leidens-
und Ostervorgänge in den katolischen Kirchen rufen zu hören - so weiss man das
Alte wach zu halten ... Bonaventura bedurfte dieser schönen Phantasmagorieen, um
- sein Leiden zu mildern und - sein Denken zu unterbrechen ...
    Die Beichten kamen wieder, die Prüfungen in dem kleinen Flüsterwinkelchen,
das Bonaventura nicht aufgeben durfte ... Renate bat ihn um Schonung seiner
selbst ... Ihr Pflegling kam von Witoborn zurück um Jahre älter geworden ...
Mitteilsam sprach er ihr wohl von der Mutter und breitete alles aus, was diese
ihm für die alte Dienerin sowol, wie für ihn selbst mitgegeben ... Aber es
drückte ihn Schmerz und Unmut ... Er war umsponnen von wie viel geisterhaften
Fäden! ... Vision und Wirklichkeit hielten ihn in einem steten Zauberbann ...
Seine alten Zimmer behielt er in dem grossen Gebäude des Domstifts ... Gerade
weil er so viel Neues in seinem Herzen trug, hatte er das Bedürfnis, äusserlich
es beim Alten zu lassen ...
    Bonaventura sah Benno wieder, sah Nück, auch Lucinden ... Wie gewaltige
Veränderungen waren vorgegangen! ... Äusserlich sowol, wie innerlich ... Benno
konnte er nicht sehen ohne die tiefste Rührung ... Immer und immer empfand er
den Reiz, dem Freunde die Binde von den Augen zu reissen und ihn ohne Rückhalt
über seinen Ursprung aufzuklären ... Noch aber fehlten die vollen
Verständigungen darüber mit dem Dechanten und seinem Stiefvater ... Von Stunde
zu Stunde mussten sie kommen ...
    Nück war und blieb Bonaventura ein Gegenstand des Grauens ... Der
Unheimliche umschlich seinem Beichtstuhl und gab nicht undeutlich zu erkennen,
dass er von mancher Bürde frei zu werden wünschte ... Bonaventura lenkte die
Geständnisse, die bald aus diesem Munde an sein Ohr drangen, auf den Brand von
Westerhof, auf die Urkunde ... Nück stellte sich da völlig nichtwissend ... Aber
bei den Verirrungen seiner Phantasie blieb er stehen und fragte eines
Nachmittags geradezu, was die Kirche riete, wenn man sich von allen seinen
Sünden und Schwächen aufraffen wolle und es auch könne, jedoch von dem einzigen
dazu verhelfenden Mittel eingestehen müsse, dass es nicht minder der göttlichen
Verzeihung bedürfe ... Bald kam die fast geflissentliche Hindeutung auf Lucinden
... Das war die ganze Absicht dieses Beichtstuhlbesuchs ... An Wahrheit und
Aufrichtigkeit konnte einem Nück nicht gelegen sein ... Warum sprach er von
einem Wesen, das er nicht nannte, das ihn frevlerisch bestricke, von einer
verzehrenden Glut ihres Atems, von seinem Bedürfnis, sich von einem so starken
weiblichen Willen beherrschen zu lassen, ja dass er schon jetzt nichts mehr ohne
sie täte? ... Nück sprach von einer Aenderung seines ganzen Lebens, von einer
Aufgabe seiner Geschäfte, einem Zurückziehen ins Privatleben, von Ankauf eines
Gutes, von Reisen in südliche Gegenden ... An allem ist sie beteiligt! sagte er
seufzend und so betonend - als wollte er nur den Priester selbst damit
durchbohren ...
    Das rauhe, struppige Haar des hochberühmten Rechtsgelehrten neben ihm flösste
Bonaventura den tiefsten Abscheu ein ... Er beeilte sich, von dem hässlichen Bild
dieser Seele hinwegzukommen ... Abschüttelnd, was vom sogenannten Molinismus
oder der Jesuitenmoral in solchen Fällen des Verhältnisses der grössern zu
kleinern Sünden geraten wird: Sei wie die entwöhnende Amme! Verwandle, was du
dem Sünder bietest, erst in einen dem Kind die gewohnte Milch vergegenwärtigen
den Brei! sprach Bonaventura:
    Was sind das für geringere Sünden, mit denen man grössere austreibt! ...
Lesen Sie die Schrift und Sie werden David's Leidenschaften und seine Reue
finden! ... Ich will Sie an den Knaben David erinnern, wie er den Riesen Goliat
erschlug ... Er hielt sich zu seinem Schleuderwurf fünf Steine bereit, obgleich
ihm der Riese wohl nicht für die Abschleuderung des zweiten Zeit gelassen hätte
... Ein Uebel rottet sich am besten dadurch aus, dass man ihm die Nahrung nimmt
... Ergreifen Sie noch vier andere Leidenschaften, ich meine edle Leidenschaften
... Sie werden dann an die unedle fünfte nicht mehr denken ... Beten Sie ein Ave
auf dem Hügel der letztbegrabenen Angehörigen Ihrer Familie ... Friedhöfe zu
besuchen, das wäre eine der Leidenschaften, die ich meine ... Legen Sie sich
vier solcher steten Reservebeschäftigungen Ihres Tuns an und Ihre Phantasie hat
eine Milderung ...
    Hendrika Delring war gemeint ...
    Was gibt es Heilenderes, als die Erinnerung an unsere Vergänglichkeit! ...
Bonaventura wusste nur nicht, wie wenig Nück's verirrter Seelenzustand am Tode
ein Grauen empfand ...
    Lucinden sah Bonaventura oft genug, nur nicht mehr im Beichtstuhl, den er
verboten hatte ...
    Er sah sie besonders in der Zeit, wo die Kattendyk'sche Familie sich nach
Witoborn zu den Exercitien der Frau von Sicking begab ...
    Statt ihrer hatte sich erst Johannens Verlobter, der Professor a.D. Guido
Goldfinger, an diese Uebungen anschliessen wollen ... Da der praktische Mann
jedoch angefangen hatte, sich, erst »nur der Zerstreuung wegen«, auf Delring's
verlassenen Comptoirsessel zu setzen und Pitern im Familieninteresse der
Jahresdividenden zu überwachen, so ging mit der Mutter und Schwester die Frau
Oberprocurator ...
    In dieser Zeit war Lucinde tagelang in den Kirchen, flüchtete auch oft in
die Rumpelgasse zu Veilchen Igelsheimer, auch auf den Römerweg zu Treudchen Lei
...
    Nück, in übermässiger Freude über das gänzliche Verschollensein des
Brandstifters Jan Picard, nicht einmal belästigt von dessen Drohbriefen um Geld,
beruhigt sogar über Hubertus, der in der Tat mit Pater Sebastus auf Flucht nach
Rom war, lebte nur seinen jetzt doppelt entfesselten Begierden ... Er suchte
Lucinden mit allen nur erdenklichen Kundgebungen seiner Gefühle zu umstricken
... Er vernachlässigte seinen Beruf und gab sich Blössen vor allen seinen
Arbeitern ... Benno bestätigte, was Bonaventura schon aus dem Beichtstuhl wusste
... Sie wollen mich jetzt verlassen, jetzt?! rief Nück Benno und seine Augen
traten in ihre Höhlen zurück und liessen nur einen einzigen weissen Schimmer sehen
... Sie dürfen nicht! Sie müssen bleiben! ... Und ich habe es gut mit Ihnen vor!
lenkte er ein. Sie müssen eine glänzende Carrière machen ... Dieser Staat hier
bietet Ihnen nichts ... Herr von Asselyn, Sie bleiben? Wenigstens bis zum
Herbst? ... Ich wickle dann mein Geschäft ab und gebe meine Praxis auf ...
Werden Sie mein Nachfolger oder - ich erfinde noch etwas ganz Anderes für Sie
... On ne marche qu'avec les hommes! sagte Mirabeau, fuhr er fort ... An
Menschen hänge dich an ... Die nur tragen dich, wie der heilige Christophorus
das Kind übers Meer trug ... Meinungen, Ueberzeugungen, Pflichterfüllung - pah -
das ist all nichts ... Ich setze Sie auf die Schultern von Menschen - ja des
ersten Mannes in der weltlichen Christenheit und Ihren Cousin, den Domcapitular,
auf die Schultern des ersten Mannes in der geistlichen ... Nur durch Menschen
kommen wir vorwärts ...
    Benno, von Nück oft so auf Kaiser und Papst verwiesen, lachte, hatte aber
die tiefste Abneigung gegen ihn ... Da er in der Processfrage der Camphausen
arbeitete, hinderte ihn die eigene Teilnahme, von Nück zurückzutreten, wie er
am Tage nach dem Auffinden der verdächtigen Urkunde gewollt hatte ... Den
Regierungsrat von Enckefuss sah er oft ... Er mochte von seinen Ahnungen nicht
selbst beginnen und dieser wollte entweder durch Schweigen seine Massregeln
verschleiern oder war zu sehr vom Antreten seiner eignen traurigen Erbschaft in
Anspruch genommen ... Dionysius Schneid durch Steckbriefe zu verfolgen, wie Herr
von Enckefuss schon auf Schloss Westerhof vorgeschlagen, hatte Levinus von
Hülleshoven nicht unterstützen wollen, obgleich die Spur des Verwundeten
aufzufinden unmöglich war ... Hubertus, der ihn geborgen, wurde vernommen, aber
seine Aussage lautete auf ein freiwilliges Weiterwandern eines Abenteurers, der
für Pater Ivo und Löb Seligmann in den Gewölben einer Klosterkirche verschwunden
war ... Löb Seligmann hatte sich noch nicht veranlasst gefühlt, in einer so
frommen Gegend mit Zeugenaussagen hervorzutreten gegen Klöster und hohe
Adelssitze ...
    Eines Tages - es war gegen Pfingsten - erhielt Bonaventura folgende Zeilen:
    »Hochwürdiger Herr! Eine Novize bei den Karmeliterinnen, Gertrud Lei aus
Kocher am Fall, wünscht schon seit lange Ihnen Beicht zu sprechen. Herr
Cajetanus Roter verhinderte dies. Jetzt ist er lebensgefährlich erkrankt und
bedarf eines Substituten. Es wird Ihnen ein Leichtes sein, von der Curie diese
Stellung zu erhalten. Sollten Sie von dem Gerücht, dass Sie Comtesse Paula
magnetisirten, Unannehmlichkeiten haben, so wollt' ich Ihnen nur bemerken, dass,
wenn auch jeden, der sich auszeichnet, Neid verfolgt, doch in diesem Fall die
Intrigue der Frau von Sicking bei Witoborn die Veranlassung etwaiger
Verdriesslichkeiten ist ...«
    Der überraschende Brief war ohne Namen, konnte aber nur, die Handschrift
bewies es, von Lucinde kommen ...
    Bonaventura war aufs Äusserste betroffen ... Von der »Seherin von Westerhof«
hatte er überall unbefangen gesprochen ... Die »Intrigue der Frau von Sicking«?
... Diese Dame war von ihm vernachlässigt worden; er hatte gleichgültig von
ihren Bussunternehmungen gesprochen ... Dafür konnte sie an ihm Rache nehmen? ...
»Paula magnetisirt?« ... Die Geistlichen der Michahelles'schen Richtung
beklagten allerdings, dass Paula's Ekstase keine rechtgläubig religiöse war ...
Die Indifferenten lächelten öfters zweideutig, wenn sie mit Bonaventura von
seiner Reise sprachen. Der Weihbischof, ein Greis, hatte ihm manches
mitgeteilt, was hinter seinem Rücken gesprochen wurde ... Sogar der Onkel
Dechant hatte ihn in einem seiner jetzt öfter als sonst geschriebenen Briefe
gewarnt vor bösen Gerüchten, auch Hunnius und Roter als seine Gegner genannt
... »Gib Acht«, schrieb er ihm, »greift die Intrigue um sich, so verbieten sie
Dir trotz Deiner hohen Stellung noch den Beichtstuhl ... Halte Dich nur mit dem
Generalvicar, der ein, aufgeklärter Mann ist ...«
    Bonaventura hatte sich gelobt, Lucinden zu betrachten, als wäre sie nicht
mehr für ihn auf der Welt ... Er hatte zu Renaten, als ihm diese mitteilte,
jeden Abend ginge eine verschleierte Dame an einem auf eine kleine Gasse
hinausgehenden Fenster seiner Zimmer vorüber und sähe minutenlang hinauf -
bittend gesprochen: Reden Sie doch nicht mehr davon! ... Er wollte Lucinden
vergessen ... Er wollte den Mut zeigen, sich nicht zu fürchten vor ihren
Drohungen ... Bei jeder Leiche, die er segnete, sah er im Geist den Sarg von
St.-Wolfgang offen und Lucinde mit dem »Geheimnis über sein Leben« ihn anstarren
wie die Sphinx ... Er wollte auch jetzt von diesen Zeilen sich nicht erschüttern
lassen, wollte nicht durch zu langes Verweilen bei ihrem Inhalt Lucindens
wahrscheinliche Absicht unterstützen, mit Gewalt wieder Posten in seinem Innern
zu nehmen ... Der Abschied von Paula lag zu schmerzhaft noch auf seinem Gemüt
... Er sah immer näher kommen, was ihm und Paula der Tod war, die von den
Standesrücksichten gebotene Ehe derselben mit dem Grafen Hugo - mit dem
Geliebten der leichtsinnigen und verlorenen Schwester Benno's! ... Das waren
Fernsichten, gegen deren Düster das nächste Leid verschwand ...
    Da kam in der Tat ein Brief von der Curie, worin ihm die Inspection der
Klöster anzeigte, dass die Damen auf dem Römerwege wünschten, ihn für die
andauernde Krankheit ihres Beichtvaters bei sich in Stellvertretung zu sehen ...
An der kurzen Dauer, in der sich die Curie für die Genehmigung dieser Bitte
entschied, sah er doch nur einen geringen Widerstand, der sich gegen ihn zu
regen wagte ... Freilich bürdete man ihm nur zu schnell jede neue Last auf ...
    So ging denn Bonaventura eines Tages in erster Morgenfrühe auf den Römerweg
...
    Er gedachte der ihm so werten Gertrud Lei, gedachte, wie wohl Paula von
diesem Kloster zu sprechen pflegte, wenn die Rede ging, dass sie möglicherweise
den Schleier nähme ... Hier betete Schwester Terese, die ehemalige Verlobte des
Pater Ivo, für das Heil der umnachteten Seele ihres Freundes, dem sogar noch ein
Gelübde seiner entferntesten Ahnen zu einer Gewissensfrage hatte werden können
... Immer lehnte er die Wahl gerade dieses Klosters ab; denn sich Frauen denken
zu müssen unter einem geistlichen Führer, wie Cajetan Roter, musste ihm der
Anblick des - von Würmern zernagten heiligen Brotes sein ... Er gedachte: Ist
dies Haus, das so ganz versteckt und verbaut, äusserlich kaum neben einem kleinen
Kirchturm erkennbar, zwischen dem Waisen- und Jesuitenprofesshause liegt, der
Himmel auf Erden oder die Hölle? ... Wer ergründet das? ... Die Bischöfe dürfen
wohl zuweilen diese nur den Frauen gewidmeten Räume betreten; sie dürfen in die
Zellen blicken ... Auch die Wahl eines fremden Beichtvaters, statt des
gewöhnlichen, steht den Nonnen frei ... Aber wie viel Dinge sind erlaubt und man
versagt sie sich doch ... Wie viel Klagen ersterben in Rücksichten ... Wehe
denen, die in einem Gemeinwesen etwas wagen, das dem allgemeinen Esprit de corps
widerspricht ... Bei den Nonnen macht sich vor allem die weibliche Natur selbst
geltend, die rätselhafte Gattungsstimmung, für die die Männer selten richtiges
Verständnis haben ... Die weibliche Natur wird an die Gesetze des Lebens, an
Hinfälligkeit und Schwäche mehr erinnert als wir ... Die Männer bindet dann der
Geist; ihre irdische Natur können sie zuweilen abstreifen ... Frauen aber stehen
immer im Zwang eines gleichen Naturlooses und entbehren der völlig freien
Selbstbestimmung ... ... Daher denn in einem Nonnenkloster der doppelt und
dreifach gebundene Wille ... Ein einziges Gefühl bemächtigt sich aller; der
Instinct leitet sie; selbst die Freisten werden hinübergezogen in ein
allgemeines Sklaventum ...
    Das alles wusste schon Bonaventura ... Dennoch hoffte er auf Ausnahmen ...
Verliess ihn selbst doch nicht die Vorstellung: Wer weiss, ob nicht eines der
grossen Benedictinerklöster in Oesterreich dir die Weltentsagung in anderem
Lichte zeigen würde, als das Kloster Himmelpfort mit Klingsohr und Pater Maurus!
...
    Die Aebtissin, die er fand, war eine Greisin ... Am Stabe daherwankend
empfing sie den Domkapitular, der mit der ganzen männlichen Würde seiner äussern
Erscheinung und in seinem Ornate kam ... Sie geleitete ihn in die Kapelle, wo
sich die Vorrichtungen des Beichtörens befinden ... Das Kloster war von keiner
zu strengen Regel ... Einige der Schwestern widmeten sich der Erziehung im
Waisenhause, wohin sie durch ein Gewirr von Gängen gelangen konnten ... Die
Annäherung des hochgefeierten Priesters schien Himmelsmanna für die verhungerten
Seelen ... Da und dort tauchten eilende Gestalten auf hinter den Gittern der
kleinen Kirche ... Leben und Bewegung, wenn auch geisterhaft und leise, regte
sich ringsum ... Dicht am Tabernakel befand sich ein Zimmer ... Hier konnte sich
Bonaventura ungestört allein angehören ... Ein Zugfenster zurückschiebend, sah
er in einen düstern Gang, von dem ihn ein einfaches, nicht wie am allgemeinen
Sprachgitter übliches doppeltes Gitter trennte ... Die Nonnen treten nicht frei
in die Kirche. Sie wohnen selbst der Messe nur durch die vergitterten grösseren
und kleineren Mündungen ihres Klostergebäudes bei ... Hier und da diente ein
kleiner Ausbau aus der Kirche ins Kloster zu Beichten, wenn deren mehrere zu
gleicher Zeit zu nehmen waren bei etwaiger Ueberfüllung an Bewohnern ...
    Bonaventura nahm in einem dieser kleinen Glaskästen Platz, während sein
Akolut Vorrichtungen traf zur Messe, die er hier morgen halten wollte ... Mit
dem Pfingsttage naht die österliche Zeit ihrem Ende ... Schon waren die drei
»Bitt-Tage« vorüber. Die morgende Vigilienfaste gehörte diesem Kloster als ein
ganz besonderer Gründungs- und Seelenläuterungstag ...
    Es war draussen heiss, in der Kirche kühl ... Hinter einem Gitter, das
Bonaventura nicht ganz übersehen konnte, sassen die Harrenden in ihren braunen
Kutten mit leichten weissen Mänteln und weissen Schleiern, einen schwarzen
ledernen Gurt um den Leib ... Von jeder, die sich ihm nahte, hörte man auf dem
steinernen Boden das Knarren der groben Lederschuhe, die anderswo die heilige
Terese entfernt hat, als sie aus den Karmeliterinnen Barfüsserinnen machte, wie
ihr Freund, der heilige Petrus von Alcantara, den Orden der Franciscaner
verschärfte ...
    Wer sollte glauben, dass auch diese abgeschlossene Frauenwelt Erlebnisse zu
berichten hatte ... Ihre Verrichtungen waren so einfach ... Gebet, Messe, Essen
und Trinken, weibliche Arbeiten, Singen, Beten und Schlafen ... Das war die
Ordnung jedes Tages, etwa bei vier oder fünf ausgenommen, die Unterricht gaben -
eine Licenz, zu deren Erlangung bis nach Rom hin hatte berichtet werden müssen
...
    Nach den ersten fünf oder sechs Beichten, die schon die Zeit bis fast gegen
elf Uhr einnahmen - Treudchen Lei musste als Neuling bis zuletzt bleiben -
übersah der still horchende und murmelnde Märtyrer schon das ganze Seelenleben
eines Nonnenklosters ... Die hochbetagte Oberin sprach wie ein Kind ... Sie
schien seit Jahren dieselben Fehler zu bekennen ... Sie hatte am Rosenkranzgebet
einzelne Kugeln übersprungen ... Sie hatte um des geliebten Schlafes willen sich
einigemal krank melden lassen ... Sie hatte bei einem Übermass von Fliegen in
ihrem Zimmer sie durch eine Jagd getödtet in den Zwischenpausen ihrer - Gebete
... Alledem sprach Bonaventura milde und den Fehl eigentlich in anderm suchend,
als die Beichtende .... Da seine Gewohnheit war, durch eine plötzliche Querfrage
eingelernte Beichten zu durchkreuzen und lehrreiche Stockungen des Gewissens
hervorzubringen, so gestand ihm auch diese gute alte Frau zuletzt ein, dass sie
allerdings in Streit und Zank lebte ... Zunächst galt dann das Bedürfnis der
Neue über leidenschaftliche Ausbrüche ihres Temperaments einer - Henne, die
regelmässig vom benachbarten Professhause der Jesuiten über die Mauer flog und
durchaus ihre Eier hier bei den Karmeliterinnen im Garten legte. Um diese Henne
und um diese Eier war das ganze Kloster in Aufruhr! ... Die Aufwärterin von
drüben, die Hanne Sterz, begehrte von der verflogenen Henne die Eier und im
Kloster war man verschworen, sie nicht herauszugeben, die Vicarin ausgenommen,
Schwester Terese ... Das war nun die grosse, wochenlang alles ergreifende Frage
unter diesen Frauen ... Daran waren alle beteiligt ... Wie oft sass Bonaventura
zu St.-Wolfgang in seiner Jasmin-und Nachtviolenlaube und las die Worte der
Braut im Hohen Liede: »Erquicket mich mit Blumen, labet mich mit Aepfeln, denn
ich bin krank vor Liebe!« oder er übersetzte Lope de Vega's Sonett von jenen
beiden Frauen, von denen Eva sogleich nach reisen Aepfeln griff und alles
verlor, Maria aber nur nach der künftigen Blüte aus der Wurzel Jesse und alles
gewann - Renate konnte aber auch da während dessen mit den Nachbarn um Aepfel
zanken, die über den Zaun gefallen waren, um Trauben, die bei ihnen reisten,
während der Stamm im Pfarrgarten stand ... Auf alles das ist ein katolischer
Priester auch in der Beichte gefasst ... Dass sich aber auch ein Kloster von
achtzehn Bewohnern um die Eier einer Henne in Gewissensscrupeln befand,
entsetzte ihn - um Paula's willen ...
    Die Schwestern dürften die Eier der Gartenverwüsterin und
Klosterfriedensbrecherin dem Nachbar vorentalten, entschied er, wenn sie dies
in der Absicht, zu strafen, täten und die nachlässige Besitzerin der Henne
gewöhnen wollten, ihre Henne besser zu hüten ... Sie würden es aber
wahrscheinlich mit Schadenfreude getan und sich am Besitz der Eier listig
erfreut haben ... Da wäre es denn freilich ein Raub ... »Sammeln Sie jetzt die
Eier und sind es ihrer jedesmal eine Mandel, so schicken Sie sie nebenan ins
Waisenhaus!« ...
    Als die Aebtissin mit diesem Bescheid gegangen war, kamen die alten Nonnen
zuerst ... Das Warten schien ihnen beschwerlich zu fallen ... Roter hatte es
auch so eingeführt, wahrscheinlich, um sie rascher zu entfernen ... Fanatismus
für Formalitäten, wie er namentlich im ehelosen Stand die Frauen mit der Zeit
alle Stadien der Qual für sich und andere durchmachen lässt, sprach sich
umständlich genug aus ... Einige hatten dabei ein nervöses Zucken, andere eine
Sprechweise, die vor Ueberhastung nicht einen einzigen geordneten Satz
vorbringen konnte ... Dann hatte die Art, wie die von ihm auferlegten Bussen
sofort ausgeführt wurden, wenn er den sich Entfernenden nachsah, etwas
Erschreckendes durch den Mechanismus und den eiligen Eifer der Formalität ohne
jeden Duft der Innerlichkeit ... Das Schönste am Weibe, die scheue Unsicherheit
in solchen Bewegungen, die der Natur und dem sonstigen Triebe des Weibes
widersprechen, fiel hier weg ... Das Zusammenleben in einem weiblichen Freistaat
hob die Grazie auf, die aus dem Zusammenleben mit Männern entspringt ... Er sah
eine Nonne eine Betglocke an Stricken so hastig ziehen, wie eine Magd den
Brunnenschwengel regiert, wenn ihr Salat wartet ... Alles wurde mit dem
reizbarsten Fanatismus hervorgebracht; die Regel der Tagesordnung, der Küche,
der Bekleidung, des Backens, das Scheuern, Beten, Singen und Gewinnen von Geld
durch weibliche Arbeiten, wie Blumenmachen, Stickereien, Wäschenähen und
-zeichnen - alles wie im Krampf ... Eine beaufsichtigte die andere und ganz
ersichtlich war es, dass hier nur die geringeren Seelentätigkeiten des Menschen
in beständiger Erregung blieben ... Man denke sich die alte Mönchsregel, die
einst Sebastus zu Bonaventura wiederholte: »Wir Mönche kommen zusammen und
kennen uns nicht, wir leben zusammen und lieben uns nicht, wir sterben zusammen
und beweinen uns nicht!« - angewandt auf Frauen ... Das weibliche Herz
verknöchert, das angeborne Bedürfnis der Liebe erstarrt! ...
    Die Schulschwester Beate und die Vicarin Terese folgten sich unmittelbar
... Wie war jene so hässlich mit ihren Zahnlücken ... Und dabei war sie die
Einzige, die dennoch zu lächeln versuchte - mit Wehmut zu lächeln ... Sie hatte
noch Formen des Zusammenhangs mit der Aussenwelt ... Vorzugsweise schien der
Geist der Intrigue in ihr mächtig zu sein ... Sie allein klagte Rotern an ...
Sie sagte, sie wäre durch die Reihe der Jahre gewohnt, das Sakrament der Busse zu
leicht zu nehmen ... Sie schlüge sich oft mit der Geissel um Fehler, die sie nur
so eingestünde, um vor den andern nichts voraus zu haben ... Bonaventura liess
sich nicht irre machen, er rüttelte an der nur halbgeöffneten Tür des Gewissens
und sah bald, der hinterhaltige Sinn des starkwilligen Mädchens öffnete nicht
... Sie blieb bei Oberflächlichem und musste, da sie zuletzt nur noch gestand,
ihr Herz wohl zu sehr an ein Hündchen gehängt zu haben, hören, dass dies
allerdings eine Sünde wäre, wenn sie dem Hunde die Liebe schenkte, die sie den
Menschen versagte ... Voll Unmut und Staunen über dies Wort erhob sie sich nach
der ihr auferlegten Busse, drei Tage lang im Waisenhause für sich allein, ohne
Bericht an die Direction, nie einen Fehler mit Züchtigungen zu bestrafen,
sondern nur mit Worten ... Bonaventura hatte ihre Heftigkeit erkannt ... Sie
verschwand eilends nach einer entgegengesetzten Seite hin, als die andern Nonnen
...
    Schwester Terese, die ehemalige Freiin von Seefelden, war klein und blass
und schien mehr von Ergebung, als von Seelenschmerz verzehrt ... Sie gehörte
scheinbar jener seltsamen Stimmung ihrer Standes-und Stammgenossen an, die die
Begriffe der Etikette, Conduite, Tournüre vom Leben auch ohne alles weitere
Nachdenken auf das Verhältnis zum geoffenbarten Gott und zur Kirche übertragen
... Auch sie zeigte zunächst kein besonderes inneres Leben. Sie hatte nur
Formfehler zu beichten und Nachlässigkeiten, die sie sich in ihrem Unterricht zu
Schulden kommen liess ... Bonaventura riet nur auf sie aus der feinern
Sprechweise und dachte sich: Das ist also die Nonne, von der eine ganze
Landschaft spricht und der sich Paula als Freundin zu nähern hofft! Welch ein
Nimbus umgab sie aus der Ferne und nun - wie war auch sie schon abgestorben -
schon so schattenhaft geworden - ...
    Am Schluss der Beichte, die ihn Zweifelhaft liess, ob er wirklich mit der
Verlobten des Pater Ivo, des Mariensängers, gesprochen, rührte ihn die
Selbstanklage, dass sie sich freute über jeden Tag, wo im Waisenhause der
Schulunterricht ausgesetzt wäre ... So auch auf morgen ...
    Widmen Sie sich dieser Tätigkeit nicht mit voller Befriedigung? ... fragte
Bonaventura ...
    Nein - lautete die zögernd gegebene, aber aufrichtige Antwort ...
    Bonaventura tadelte eine solche Geringachtung der Versüssung des
Klosterlebens ...
    Hochwürdiger Vater, sprach Schwester Terese, das Kloster und das Leben
gehen nicht Hand in Hand ... Wir sind Erzieherinnen, ja - aber die rechte
Erziehung, die Erziehung zur Freiheit des Lebens kann nur von der Freiheit
kommen ... Die Kinder wollen dem Leben erzogen sein und wir kommen nicht aus dem
Leben ...
    Mein Kind, entgegnete Bonaventura nichtzustimmend, jeder Christ muss in
seinem Innern eine Stelle haben, um die es nur allein wie der Friede eines
Klosters weht ... Selbst im rauschendsten Gewühl des Lebens, selbst im höchsten
Genuss der Kraft und der Freude soll die Christenheit etwas achten, was ungefähr
dem Leben mit ewig bindenden Gelübden gleichkommt ... Für diese heilige Stelle
im Gemüt erzieht man überhaupt und erziehen Sie ... Selbst die Mütter können so
nicht erziehen, wie die Erzieherin ... Die Mutter steht zu sehr unter dem
Eindruck des eigenen Lebens, um Kindern immer allein den Wert des Hohen und
Göttlichen und der von allem Erdenwust befreiten Bildung zu vergegenwärtigen ...
Wollen Sie nicht in diesem Geiste erziehen? ...
    Schwester Terese blickte einen Moment mit leuchtenden Augen auf und ging,
wie es schien, ermutigt für ihr langsames Sterben im Kloster ...
    Bonaventura sah ihr voll Wehmut nach ... Er hatte den Schmerz, sich sagen
zu müssen: War denn dein Wort auch wohl mehr, als nur eine Phrase? ... Du
fürchtetest zu hören, dass selbst das Lehren und Unterrichten der Jugend einer
vom Leben getrennten Kaste nicht gebühre; du fürchtetest, dass dir wohl gar noch
die letzte Glorie des Klosterlebens, die Krankenpflege, als Anhalt deines
gläubigen Sinnes entzogen würde? ...
    Zum Nachdenken über solche Zweifel blieb indessen keine Zeit ... Neue
Stimmen murmelten schon ... Kleinigkeiten und Kleinigkeiten ... Roter gehörte
zu denen, die da lehrten: Die Kirche will alles, auch das Kleinste wissen! »Was
ist kleiner«, predigte Beda Hunnius über die Beichte, »als Regentropfen! Und
dennoch entstehen daraus Ströme, die Häuser niederreissen! Was ist kleiner, als
ein Sandkorn! Aber überladest du ein Schiff damit, so wird es in den Abgrund
fahren!« Und darauf hin verlangte er in der Beichte jeden Regentropfen und jedes
Sandkorn aus dem Privatleben seiner Gemeinde zu wissen ...
    Wie sprach da wieder Eine mit der Geschwindigkeit einer Flattermühle, die im
Korn die Spatzen verscheuchen soll ... Welche Fülle von Sünden gab es auch noch
unter den Heiligen ... Die ganze Stufenfolge der »sieben Todsünden«, der »sechs
Sünden in den Heiligen Geist«, der vier »himmelschreienden« Sünden und der neun
»fremden Sünden« ... Und als kannte die Schwester Küchenmeisterin vollkommen die
Unterscheidung dieser neun »fremden Sünden«, in welchen der Mensch erstens zur
Sünde raten, zweitens die Sünde befehlen, drittens in die Sünde einwilligen,
viertens nur passiv zu ihr reizen, fünftens die Sünde loben, sechstens zu ihr
stillschweigen, siebentens dieselbe übersehen, achtens selbst daran teilnehmen
und neuntens sie bei etwaigem Anlass bloss verteidigen kann - so blitzten alle
diese Facettirungen der Jesuitendialektik auf in der Klage über die Verhältnisse
des Marktes, der Speisekammer, des Backens, des dabei vorgekommenen Naschens und
aller möglichen Sorglosigkeiten ... Hier tauchten jetzt auch zwei halb- und drei
ganze Novizen auf und im sprudelnden Mitteilungsdrang zum ersten male mit
Namennennung Treudchen Lei, die nach Bonaventura's Warnung, Niemand zu nennen,
dann als die Kostgängerin bezeichnet wurde ...
    Manches Wort aus dem lebensklugen Jesus Sirach, dem Montaigne und Knigge der
Bibel, war eigene wie für die Schwester Küchenmeisterin geschrieben ... In ihren
Bekenntnissen liefen ganz harmlos auch die Schüsseln mit unter, die im Kloster
für Cajetan Roter zubereitet und in seine Wohnung geschickt wurden ... Am
Sprachgitter der Eingangspforte mussten Schachteln und Körbe immer unterwegs
sein, denn selbst seine Wäsche liess der Pfarrer im Kloster waschen - sodass es
Bonaventura nicht Wunder nehmen konnte, von der folgenden Nonne, die die
Schwester Wäschmeisterin war unter den heissesten Tränen ein Bekenntnis zu
erhalten wo plötzlich wieder Namen fielen wie Eva und Apollonia Schnuphase ...
    Die Wäschmeisterin beichtete:
    Vor vierzehn Tagen kam ein Korb auf einer Kare vor der Tür des Klosters und
so schwer stand am Gitter, dass die Damen Schnup -
    Keine Namen! sagte Bonaventura ...
    - die gerade im Kloster waren, selbst, sie vor dem Gitter zu heben,
angreifen mussten ... Sie sagten, es wären lauter neue Servietten für die Wirtin
»Zum goldnen Lamm« ... Sie wollten den Korb zum Zeichnen in die Zelle der
Gertrud Lei tragen ...
    Keine Namen! wiederholte Bonaventura aufs strengste ...
    Ich sehe den grossen Waschkorb und sage: Die Zelle der Kostgängerin ist dafür
nicht gross genug ... Der Korb muss in die Nähstube ... Die beiden Fräulein
widersprachen ... Ich werde darüber zornig und sage: Ich denke, ich bin hier die
Wäschmeisterin! Nun ergaben sich die Damen - Sonst so hochmütig und vornehm -
heute trugen sie mit ihren feinen Händen und Handschuhen den Korb selbst und das
fiel mir auf ... Durchaus wollten sie damit zur Kostgängerin ... Diese war im
Chor ... Sie lernte singen ... Wie die beiden Fräulein so durchaus den schweren
Korb, statt in die Wäschstube, an der wir schon standen, in die Zelle bringen
wollten und niemand auf dem Gange war - die Schwestern waren alle im Chor -
sagte ich und schon mit Furcht und Ahnung zu dem Fräulein Eva, der Aeltesten: -
Was ist das heute mit dem Korb? Gleich machen Sie auf! ... Da wurden die Mädchen
blass wie die Wand und nun ich das sah, da riss ich selbst den Korb auf und -
heiliger Joseph! - statt Wäsche stak - eine Mannsperson unter dem Deckel ...
    Bonaventura musste der Bekennerin Kraft zur Sammlung lassen ...
    Ich weiss nicht, hochwürdiger Vater, fuhr sie fort, wo ich es hergenommen
habe, dass ich nicht sofort in Ohnmacht fiel ... Ich schrie: Herr! Verlassen Sie
jetzt nicht sogleich auf demselben Wege, wie Sie hereingekommen sind, so auch
wieder hinaus dies Heiligtum unsrer allerseligsten Jungfrau und des
gekreuzigten Jesus, so zieh' ich hier an der Glocke und rufe das ganze Kloster
zusammen ... wehe dann Ihnen und Ihren Helfershelferinnen - Und Sie, meine
Fräulein, wandte ich mich zu diesen - Aber nun konnte ich nicht weiter ... Die
beiden Nichtswürdigen fielen in die Kniee und baten um alle Wunden Jesu, sie
nicht zu verraten ... Ein Glück für sie, dass die Orgel so laut ging ... Der
junge Mann stand noch im Korb und wollte herausspringen, zog auch eine volle
Börse, die er mir in die Hände drücken wollte ... Nein, schrie ich, danken Sie
allen heiligen Märtyrern und Bekennern, dass die Schwestern im Chor singen und
die Nähstunde schon geschlossen ist ... Entfernen Sie sich augenblicklich! ...
Damit drückte ich den jungen Mann, so vornehm und stark er war, wieder in den
Korb hinunter, zwang ihm den Deckel über den Kopf und die beiden Damen mussten
ihn selbst wieder an beiden Henkeln zum Sprachgitter hinausschleppen, wo sie
sich bald damit verhoben hätten, um ihn nur an die Öffnung hinaufzubringen ...
Da waren denn zwei Kerle, die schon auf alle Fälle bereit standen, nahmen die
Last wieder an sich und trugen sie zur Strasse hinaus wieder auf die Karre ...
    Bonaventura konnte bei diesem auf Treudchen berechneten Besuch nur an Piter
Kattendyk denken ...
    Und Ihre Sünde? ... fragte er nach einer Weile, ohne sich das Bild: Piter im
Waschkorb, in seinem komischen Effect - zu lange auszumalen ... Er fühlte sogar
Anteil der Freude über einen Beweis so grosser Liebe, die Treudchen hatte
gewinnen können ...
    Sünde? Dass ich den Vorfall - verschwieg - sagte die erschöpfte
Wäschmeisterin ...
    Verschwieg? Einer pflichtgetreuen Tat soll man sich gegen niemanden rühmen
...
    Muss das Kloster nicht gesühnt werden? ...
    Nein ...
    Die beiden ruchlosen Frauen kommen noch immer und ich lass' es zu ...
    Sie werden sich bessern ...
    Als der Korb und die Frauen hinaus waren, rannt' ich umher wie sinnlos und -
    Mussten es los werden? ... Erzählten es also doch? ...
    Die Beichtende schwieg ...
    Sie waren mir also jetzt eben unwahr! ... Das ist ein Frevel - ich will ihn
verzeihen ... Die natürlichste Mitteilung, die Sie jedoch machen konnten, war
die bei dem armen Kind, dessen Ruf durch diesen Vorfall so heillos bedroht wurde
... Taten Sie das?
    Der Pfarrer hat -
    Die Stimme stockte ...
    Dann ergänzte sie zagend:
    Hat befohlen, ihr davon nichts zu sagen und - ohnehin - mit ihr kein Wort zu
sprechen, das nicht - heilig ist ...
    Bonaventura konnte nicht die Befehle seines Vorgängers brechen ... Er konnte
ohne Gefahr für die geistliche Würde nicht fragen: Warum nur Geistliches mit
Treudchen Lei? ... Er half sich wie öfter in diesem Teil seiner römischen
Zauberkunst und hielt sich an die Gesinnung, die sich eben, im Bekennen,
offenbarte, nicht an den schwierigen Fall selbst ... Er hatte die Nonne auf
Lügen ertappt ... So sprach er denn von dem bedenklichen Vorfall selbst nicht
mehr, sondern von der Wahrheit, deren Umgehung schon Adam mit Nachteil sich
hätte zu Schulden kommen lassen, als er den Genuss der verbotenen Frucht auf Eva
schob, und schon Eva, als sie die Schuld wieder der Schlange zuschrieb ... Die
Lüge der Lügen nannte er es aber, wenn man mit dem ausdrücklichen Schein, wahr
sein zu wollen, dennoch lüge ... Er legte der Wäschmeisterin eine Busse auf, die
seiner immer mehr zunehmenden Reizbarkeit und dem Verdruss, dass hier Alle etwas
ausgeplaudert bekamen und nur Die nicht, der dadurch ein Beweis entging, wie
sehr sie geliebt wurde, entsprach ... Er befahl ihr, sich der nächsten Beichte
der - Kinder im Waisenhause anzuschliessen, und sagte:
    Mein Kind! Als Erwachsene lerne etwas bei dir behalten! ...
    Die Wäschmeisterin entfernte sich mismutig ...
    Das Läuten einer Glocke, die eine Nonne mit der schon geschilderten Hast
zog, zeigte Bonaventura an, dass er schon drei Stunden im »Holz der Busse«
gesessen hatte ... Nur die Spannung, ob denn nicht endlich auch Treudchen Lei
erscheinen würde, gab ihm Kraft, noch auszuharren ...
    Da sah er denn endlich den Gang daher kommen eine kleine Gestalt im braunen
Kleide - unverschleiert ... Ein Häubchen bedeckte den Kopf, der ihm aus dem
Dunkel des Ganges allmählich erkennbar wurde ... Ein halbes Jahr hatte die
lieblichen Züge des jungen Kindes, das schon so viel des Trüben erfahren hatte,
mit melancholischer Verhärmung angehaucht ... Die blonden Haare, die bald unter
der Schere der Klosterregel fallen sollten, waren in der unkleidsamen Haube
versteckt ... Um so edler traten die Formen des blassen Antlitzes selbst hervor
... Die Melancholie hatte ihnen nichts von der angebornen Schönheit nehmen
können ...
    Treudchen näherte sich mit gefalteten Händen ...
    Sie schien von einem Gebet zu kommen und leuchtete wie eine Verklärte ...
    Hoffnungstrahlend und doch zaghaft schritt sie näher und legte jetzt, wie
Bonaventura sah, mit ausbrechenden Tränen ihr Haupt auf das Holz, einer
Verbrecherin ähnlich, die den Todesstreich erwartet ...
    Was geht nur in dieser kindlichen Seele vor? dachte sich Bonaventura ...
Welche Verwüstungen hat ein ruchloser, langsam, aber sicher wühlender Priester,
der sie ohne Zweifel in diesem Kloster festalten will, in ihr angerichtet? ...
    Schon hatte Bonaventura, da Treudchen noch schluchzte, angefangen aus ihrer
Seele zu beten und, wie sie für die Beichte gelehrt war, den Heiligen Geist
anzurufen, der dem Menschen erleichtere, sich selbst zu erkennen - da vernahm er
hinter sich in der kleinen Kirche ein auffallendes Geräusch ...
    So wenig ihn sonst beim Spenden des Busssakraments Reden, Singen, Wandeln in
der Kirche zu stören pflegte, jetzt musste er sein Haupt von der
zusammengeschlagenen Stola erheben ... Er hörte einen lebhaften und unziemlichen
Wortwechsel zweier Männerstimmen ...
    Sein eigener Akolut war es, der ihn begleitet hatte, und der Messner vom
Berge Karmel drüben, die miteinander stritten ...
    Kaum hatte Bonaventura einige Worte unterscheiden können, ohne ganz die
Ursache des Streits zu verstehen, als sich beim Umwenden seinem Auge der
schreckhafte Anblick eines im Messornat daherkommenden Priesters darbot, der,
kaum sich aufrecht erhaltend, an den Chorstühlen mit den Händen entlang tastete
und sich aus ihn zuschleppte ... Ein langes Scapulier hing ihm wie einem Mönch
von den Schultern herab bis an die Knie ... Es war ein Abbild des bekannten
Scapuliers, das die allerseligste Jungfrau im 13. Jahrhundert einem General der
Karmeliter verehrte und mit dessen Nachahmung behangen jeder Sterbende den
seligen Tod gewinnt ... Der Pfarrer vom Berge Karmel war es selbst, Cajetan
Roter ...
    Sonst eine hohe, wohlgenährte, mit glühenden Augen ein Bild des Lebens
darstellende Persönlichkeit ... Heute dahinschleichend, gelb, von Fieberflecken
entstellt und offenbar eben aus dem Krankenbett gekommen ... Gerufen vielleicht
durch die beiden intriguanten Nonnen ... Er taumelte unsicher und in jeder
Bewegung wie zum Zusammenbrechen ...
    Bonaventura übersah sofort, dass auch diese üble Nachrede seines Glaubens,
dass die Beichtväter der Nonnen von heftigster Eifersucht gegeneinander entbrannt
sein könnten, keine Fabel war ...
    Der Zorn, die Ungeduld, vielleicht auch die Furcht, vielleicht eine Anzeige
der Nonnen, hatten den Mann vom Lager getrieben ... Ein fremder Wolf bricht in
deine Hürde! stand auf seinem verzerrten Antlitz ... Er erschien begleitet von
seinem Messner, der gegen Bonaventura's Akoluten schon seinen frechsten
Einspruch erhoben hatte, und redete, erst noch mit gezwungener Freundlichkeit,
heiser, vom dumpfhohlen Husten unterbrochen, auf drei Schritte den sich erstaunt
erhebenden Bonaventura an:
    Mein Herr Bruder! Ei danke! Danke! ... Ich bin ja gesund und wieder wohlauf
... Bitte! ... Sie sind - ja - sehr rasch und - auch hier wieder mein Nachfolger
geworden - Ich erfahre das - soeben erst - Bitte - Erlauben Sie - ...
    Bonaventura ging ihm entgegen und ergriff seine Hand, die sich eiskalt
anfühlte ... Sie sind krank - sprach er ... Ich beschwöre Sie - Gehen Sie nach
Hause - ...
    Mit künstlicher Kraftäusserung schlug der Pfarrer an seine Brust und sprach
so laut, dass es in der Kirche weitin schallte:
    Gesund bin ich! ... Danke, Herr Bruder! ... Mit Gott! ... Mit Gott! ...
Adieu! ...
    Schon drängte er zu dem Gitter, in welchem Treudchen's Haupt unbeweglich lag
und nicht aufblickte ...
    In Bonaventura's Innerm wühlten alle Schwerter des Schmerzes ... Auch das,
auch das ist möglich - bei unserm Priestertum! ... Dein heiligster Name, Jesus
von Nazaret, wird in solchem Mund zur Lästerung! ...
    Bei dem Gedanken, dass dieser ruchlose Priester nur verzweifelte, Treudchen
Lei könnte einem andern vertrauen, was ihre Seele belastete, ergriff es ihn mit
solcher Wallung des äussersten Zornes, dass er, nichts mehr achtend von dem, was
er sonst, selbst mit Bekämpfung seiner Ueberzeugungen, zu schonen pflegte, rief:
    Sie unterbrechen eine heilige Handlung, die ich bereits begonnen habe ...
Nach einer Stunde überlass' ich Ihnen den Sitz in diesem Stuhle ... Jetzt aber
gehen Sie! ...
    Die Hände des Pfarrers griffen krampfhaft am Scapulier hin und her und
wickelten sich bald in das lange Tuch hinein, bald aus ihm heraus ... Der
Fiebernde konnte kein Wort gewinnen ... Die beiden Diener standen wie auf der
Flucht in einiger Entfernung ... Bonaventura hatte noch die Selbstbeherrschung,
am Gitter das Schiebfenster zuzuziehen und Treudchen von dieser unwürdigen Scene
zu trennen ...
    Herr Domkapitular! ... sprach Roter mit hämicher Betonung der ihm
vorgesetztem Würde und tastete dabei zitternd nach dem Eingang in den kleinen
Ausbau ... Es war eine Scene, die Bonaventura an sein Erlebnis mit dem Habicht
erinnerte, dessen Fänge sich, wie ihn Pater Sebastus in der kleinen dunkeln
Kapelle beim Kreuzgang der Katedrale ergreifen wollte, ebenso an die
Altarsäulen festgeklammert hatten, während der Raubvogel mit umgewandtem Kopf
dämonisch seinen Angreifer anstarrte ...
    Sich sammelnd, hauchte er jetzt leise:
    Sie erinnern mich zur rechten Zeit an meine Würde! ... Ich befehle Ihnen -
mir die Functionen zu lassen, die mir die Curie übertrug ...
    Nun aber lachte Roter hellauf und zog unter seinem Scapulier einen Brief
hervor, rief seinem Messner, hielt den Brief in die Höhe und krächzte mit
heiserer Stimme:
    Da, Fangohr! ... Tragen Sie - den Brief sofort in - die Curie ... Die Kirche
muss neu geweiht werden - das heilige Holz - exorcisirt -! ... Diese reinen
Seelen meiner Himmelsbräute - verführt mir ein - Magnetiseur -! ...
    Dies Wort wurde von dem sich Kraftgebenden wie eine Waffe geschleudert. Ein
Wurfspiess konnte nicht drohender fallen. Der Brief war ein Protest des Pfarrers,
den er schriftlich aufgesetzt hatte, und Fangohr, sein Messner, ergriff ihn, um
ihn zum Generalvicar zu tragen ...
    Bonaventura stand starr ... Nichts mehr hörte er von alledem, was in
fieberhafter Hast, mit frostklappernden Zähnen der selbst in Todeskrankheit noch
unbändige Mensch an Verwünschungen und Anklagen gegen ihn schleuderte ... Ein
dumpfes Brausen benahm ihm die Besinnung ... Alles um ihn her schwankte ...
Seine edelsten Empfindungen waren entweiht, seine heiligsten Gefühle auf die
Strasse geworfen ... Einen Augenblick zuckte seine Hand, dem Messner die Schrift
zu entreissen ... Dann beherrschte er sich, ordnete seine in Verwirrung
geratenen Gewänder und verliess, ohne ein Wort der Erwiderung, vom tiefsten
Entsetzen durchrieselt, eine Stätte, auf die das Wort des Heilands gepasst haben
würde: »Ihr macht mein Haus zur Mördergrube!« ...
 
                                       3.
Schon nach einigen Tagen zeigte sich die Wirkung der nunmehr offen
ausgesprochenen Anklage ...
    Die geheimen Mächte, die alles Edle und Bedeutende in dieser Welt umwühlen,
hatten endlich die Achillesferse des bisher so Unverwundbaren gefunden ...
    Wer die Anklage zuerst formulirt, sie verbreitet hatte, war nicht zu sagen
... War es Frau von Sicking? ... In solchen Dingen macht sich alles von selbst
und namenlos, bis dann einer hervortritt und für alle redet ...
    Die Nachricht über den Vorfall im Kloster verbreitete sich blitzesschnell
... Die Mehrzahl sprach über den allgeliebten Priester ihr Bedauern aus und doch
- das Mitleid ist ein Zoll, der, wenn auch mit noch so voller Hand gereicht,
keine Zinsen trägt ... Ein Gefühl des Beistandes muss fruchtbar, muss die Liebe
mehrend sein ... Hier stockte alles und im negativen Bedauern - verlor der junge
Priester ...
    Bonaventura, dessen ganzes Leben unter Roms Magie litt, war nun selbst ein
Magier geworden ... Man teilte ihm die Anklage des Pfarrers vom Berge Karmel im
Original mit ... Wie im Geist des Mittelalters stellte eine zitternde
Handschrift Beschwerde über die Wahl dieses Stellvertreters, der ihm »seine
Beichtseelen beschädige« ... Der Domkapitular von Asselyn hätte in Witoborn die
Gräfin Paula von Dorste-Camphausen magnetisirt, hätte dadurch Visionen veranlasst
und da man den Geist, aus dem diese Tätigkeit der menschlichen Hand sich
offenbare, noch nicht zu erkennen vermöge, da die Kirche trotz einzelner
Beispiele der Anerkennung und Heiligsprechung der Prophetengabe doch über alles,
was an Zauberei erinnere, den Stab breche und mit Moses Zeichendeuterei und
Aberglauben verwerfe, so müsse er das Heil seiner Beichtkinder wahren und
wünschen, dass die Seelen der Nonnen am Römerweg vor der Berührung mit einer so
gefährlichen Natur, wie die des Domkapitulars, behütet würden ...
    Diese Warnung vor Aberglauben kam aus dem Mund eines Mannes, der ein
Scapulier trug, das den Sterbenden den Tod erleichtern soll! ... Aus dem Mund
eines Mannes, den Bonaventura vernichten konnte, wenn die Gesetze Roms die
Mitteilung dessen gestatteten, was ein Priester aus der Beichte weiss! ...
Selbst die Frevel jener Verbindung der Schnuphases mit dem Kloster durften von
ihm nicht angezeigt werden ... Und hätte Trendchen Lei gestanden, was sie, sie
vollends drückte - musste er nicht auch da schweigen? ... Das sah Bonaventura
deutlich, was ihm diese Aermste hatte gestehen wollen ... Unter dem Schein der
Religiosität hatte der Seelenmörder das zur Schwärmerei geneigte Kind mit
geistlich-sinnlichen Vorstellungen erfüllen wollen ... Er hatte ihr Beten,
Fasten, Kasteien in Formen vorgeschrieben, die unsicher auf der Grenzlinie
zwischen Demut und Schamlosigkeit hingingen ... Die furchtbarsten Strafen des
Himmels hatte er ihr ohne Zweifel angedroht, wenn sie verriete, was er sie
lehrte, um dem Erlöser mit seinen blutenden Wunden auch körperlich ähnlich zu
werden ... Angst um ihre Geschwister im Waisenhause, Verehrung vor
Priesterhoheit und Priesterunfehlbarkeit überhaupt hatte das ungebildete Kind
mit widerstrebenden Gefühlen zur Sklavin seiner Autorität gemacht ... Das alles,
Bonaventura wusste es, war bei einem Cajetan Roter möglich und Treudchen Lei
litt unter nichts anderm ... Der alte Pater Sylvester, von dem Serlo's
Denkwürdigkeiten erzählten, hatte in seiner Weise im Seminar alle diese alten
Metoden, Heilige zu machen, mit kindisch raffinirter Naivetät erzählt ...
    Nück, der geistige Bundesgenosse solcher Frevel, und Lucinde umflatterten
ihn wie mit schwarzen unheimlichen Schwingen ... Wieder erhielt er anonym
folgende Zeilen:
    »Sie werden von der Beichte suspendirt werden ... Um dies zu vermeiden, rät
man Ihnen, selbst Vacanz zu begehren, um eine Reise zu machen ... Nur gehen Sie
nicht nach Witoborn, wodurch Sie das Uebel vermehren würden, gehen Sie nach
Kocher am Fall ... Uebernehmen Sie die Aufträge nach Wien, so gilt dies für
einen Bruch mit der Regierung ... Doch wie Sie wollen; nur folgen Sie mit
Vorsicht den Ratschlägen Nück's ...«
    Der Atem stockte dem Priester beim Lesen ...
    Nück begegnete ihm auf der Strasse und riet ihm, für immer mit diesem Staat
zu brechen ... Wir müssen alle an Oesterreich halten! sagte er ... Fort! fort!
...
    Was sollte Bonaventura tun! ... Der Rat Lucindens war klug, beachtenswert
... Aber ein Rat aus diesem Munde! ... Nück's Absicht, ihn für immer zu
entfernen, war unverkennbar ... Man kam ihm wieder mit dem Auftrag, nach Wien zu
gehen ... Er sollte dem erwarteten Cardinal Ceccone und dem Staatskanzler die
Vermittelung mit Rom und dem Landesfürsten, die Befreiung des gefangenen
Erzbischofs, dem die Kirche zum irdischen Ersatz für seine Märtyrerkrone den
Cardinalshut schicken wollte, aufs dringendste ans Herz legen ... Bonaventura
war wie Benno ein Gegner der Waffengewalt, die die Regierung angewandt hatte ...
Dennoch gingen sie beide so wenig mit dem Geiste, aus dem Nück alles leitete und
einfädelte ...
    In dieser zagenden Ungewissheit teilte ihm Kanonikus Taube, der Hausfreund
der Kattendyks, im Ton des Bedauerns die Nachricht mit, dass man ihn bis zur
Entscheidung der Frage über den Magnetismus durch die Pönitentiarie in Rom ohne
Zweifel vom Beichtstuhl entbinden würde ... Er möchte sich, setzte der Weltkluge
hinzu, rasch zur wiener Mission entschliessen ... So entginge er allen seinen
Neidern und Feinden ... Der Regierung bliebe er ja doch unter allen Umständen
anstössig, wie jetzt sämmtliche Priester, die adelige Namen trügen ... Bleiben
Sie so lange in einem Donauklöster, bis eine Pfründe offen wird! Ja, es sind die
Tage des Exils! sagte er und ging zur Whistpartie bei der Commerzienrätin ...
    Auf einzelne hervorragende Häupter legt sich in grossen Krisen die
Verantwortung. Es sind oft nur Loose des Zufalls. Irgendein Misverständniss,
irgendeine unbegründete Annahme verteilt die Rollen. Vollends kann ein
katolischer Priester seine wahren Meinungen und Gesinnungen nicht kund geben.
Bonaventura war gegen den damaligen so nüchternen und freiheitsfeindlichen Geist
der Bureaukratie tief eingenommen, er war adelig, galt von früherher noch für
gespannt mit seinem Stiefvater, dem Präsidenten, war intim mit dem
hervorragenden Adel um Witoborn - wegen alles dessen galt er für einen Römling
... Wie konnte er dagegen protestiren! ...
    Der alte Weihbischof übersah seine ganze Lage und riet ihm gleichfalls,
eine Vacanz zu begehren, um vorläufig in Kocher am Fall den kränkelnden
Dechanten zu besuchen ...
    Benno riet ebenso ...
    Niemand wusste besser, als Benno, wie Bonaventura dazu gekommen war, seine
Hand auf Paula zu legen ... Er wurde dazu gezwungen, um Schmerzen zu stillen ...
Armgart hatte mit Gewalt seine widerstrebende Hand ergriffen und geführt ...
Dann war dafür der Oberst an seine Stelle getreten - schon bei dem Mittagsmahle,
wo Paula eine Vision von ihrer Heirat hatte - auch bei seinem Abschied, wo er
sie schlafend fand und sie ihn Bischof nannte ... Alles das - er hätte es so
gern vergessen - rief man gewaltsam wieder in seinem Gedächtnis wach ... »Nach
Witoborn?« Das war unmöglich ... Aber als Benno dann sagte: »Vielleicht
übernehme ich selbst es, dem Cardinal Ceccone und dem Staatskanzler offen unsere
ganze hiesige Lage zu schildern, Nück drängt in mich, dass ich seine Processacten
befördere« - als Bennos fortfuhr und sagte, dass es ihn ewig südwärts zöge und er
sich vorkäme wie ein Zugvogel, der wider Willen auch den Winter im Norden
zubringen müsse, weil ihm die Flügel gebrochen wären; als er sagte, es wäre ihm,
als hätte er sonst die Sprache Aegyptens verstanden, nun aber kämen die andern
Störche im Frühjahr von der Reise zurück und plauderten Dinge von den Pyramiden,
die er nur noch halb verstünde - da entschloss er sich, einige Wochen in der
Dechanei des Onkels zuzubringen; denn zu mächtig schlug sein Herz, Benno endlich
sagen zu dürfen, wo sein wahrer Dachgiebel zum Nestbauen im Norden und im Süden
wäre - auf Schloss Neuhof und in Rom ... Vielleicht gab die Pfingstzeit, wo Benno
nach Kocher nachzukommen versprach, die Stunde der Entüllung ...
    So reiste denn Bonaventura nach Kocher am Fall ...
    Er fand den Onkel erregter denn je ...
    Was sich auch seit den Entüllungen über Benno's Ursprung in des Neffen
Gemüt gegen den leichtsinnigen »Abbé« aus der Napoleonischen Zeit festgesetzt
hatte, bald wich es dem edeln und versöhnenden Eindruck, den des Onkels
liebevolle persönliche Erscheinung machte ...
    Und nun fand er den Milden, Gütigen in einer fast krankhaften Aufregung und
von allen seinen alten Principien der Gleichgültigkeit besorgniserregend
verlassen ... Um zehn Jahre war er älter geworden, mutloser, verdriesslicher,
die Fliege an der Wand konnte ihn ängstigen ... Leicht drohte auch eine
Untersuchung für den alten leichtsinnigen Betrug ...
    Frau von Gülpen war eine Mehrung dieser Unzufriedenheit des Greises mit sich
selbst und keine Linderung ... Seit dem grauenvollen Erlebnis mit ihrer
Schwester, seit der Hinrichtung des Mörders derselben war eine Schreckhaftigkeit
über sie gekommen, die in allem Gefahren sah, selbst in dem Alleinwohnen auf der
Dechanei ...
    Wäre nicht Windhack's gute Laune die alte geblieben, das Leben seiner
jetzigen Vereinsamung wäre dem Onkel ganz die Qual geworden, die der römische
Priester für seine alten Tage fürchtet ...
    Die Frage nach einer neuen Nichte war keineswegs unerörtert geblieben ...
    Bonaventura erstaunte, auf wen der Onkel, angstvoll, sein Auge gerichtet
hatte ...
    Nach den ersten Begrüssungen, nach den ersten Auslassungen des Scherzes,
sogar über die Ursache dieser Reise des Neffen, über den magnetischen Rapport
desselben mit der schönen Seherin von Westerhof, folgte die Mitteilung, dass der
Briefwechsel zwischen ihm und dem Präsidenten von Wittekind aufs lebhafteste
andauere. Der Renegat Terschka hatte zwar Schweigen gelobt, aber man müsse alles
höchst vorsichtig »applaniren«, auch mit der Schwester Benno's - Angiolina Pötzl
in Wien ...
    Auf diese hatte er für seine letzten Lebensstunden und zur Vorbereitung der
Erkennungen sein Auge gerichtet und darüber nach Wien geschrieben ... Freilich
war schlimme Antwort gekommen ... Graf Hugo lebte wie durch die Ehe mit ihr
verbunden ... Wäre auch, hiess es, ein Bruch infolge der Heirat des Grafen mit
Paula vorauszusehen, so eigne sich doch weder der Ruf noch das Naturell jenes
vom Glück verwöhnten, in Erfüllung aller ihrer Wünsche auferzogenen Mädchens für
die Rücksichtsnahmen einer geistlichen Wohnung ...
    Der Präsident, Bonaventura's Stiefvater, überrascht und fast erschreckt
durch Terschka's Flucht nach England und sein dortiges Auftreten unter
Protestanten und Mitgliedern der italienischen Emigration, liess jetzt in seiner
Reizbarkeit gegen die Anerkennung seiner ihm bekannt gewordenen Geschwister
nach, correspondirte mit Lehrern des Kanonischen Rechts und wurde vorzugsweise
von seiner Gattin bestimmt, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass die
heimliche und trügerisch geschlossene zweite Ehe seines Vaters vor der Kirche zu
Recht bestünde ... Schon ergab er sich jeder Wendung der Zukunft und erklärte,
auf weitere Nachforschungen seinerseits verzichten, auf Ausgleichungsvorschläge
gefasst sein zu wollen ...
    Bonaventura staunte, dass sowol vom Kloster Himmelpfort wie von Wien und Rom
aus über diese Angelegenheit ein plötzliches Schweigen eingetreten war ... Hatte
sich Ceccone den Jesuiten unterworfen? ... Zuletzt war es seine Mutter, die in
ihrer steten Gewissensbedrängniss und dem den Frauen eignen System der
Vertuschung von selbst darauf kam, ihr Gatte sollte sich den Blick in die
Zukunft dadurch erleichtern, dass er dem Schlimmen aus eignem Antrieb
entgegenkäme ... Ihr mit wühlerischem Verstand um sich blickender Sinn erkannte
zuerst, dass die ihr jetzt erst ganz offenbar gewordenen Beziehungen des
Kronsyndikus zum Dechanten mit dem Dasein Benno's zusammenhingen ... Der
Präsident hatte in einem eben beim Onkel angekommenen Briefe seine Ueberraschung
über die ihm von seiner Gattin mitgeteilte Möglichkeit ausgesprochen und den
Dechanten ersucht, den vortrefflichen jungen Mann, den er schon schätzte, den
Freund seines Sohnes, des Domkapitulars, klug und besonnen seinem brüderlichen
Herzen näher zu führen ...
    Diese Entüllung erfolgte dann in den Tagen, als Benno, nichts von dem
ahnend, was ihm bevorstand, gleichfalls in Kocher erschien ... Auch Benno wohnte
in der Dechanei ... Er kam heitrer und sorgloser, als man ihn seit lange gesehen
hatte ... Er brachte Briefe von Tiebold, der sich soeben in Geschäftssachen in
England befand und Wunderdinge berichtete über das Ansehen und die Geltung, die
sich Terschka in London durch seinen wirklich erfolgten Uebertritt und den
Anschluss an die Sache Italiens erworben hatte ...
    Benno war besonders auch für Frau von Gülpen ein trostreiches Element. Ihr
Herz hing an ihrem Zögling mit der ganzen Innigkeit, die bei Frauen zwischen
polternden Vorwürfen, wie schlecht man seine Wäsche behandeln lasse, und der
Angst, man könnte sich bei geringster Erkältung, z.B. auf Windhack's Sternwarte
den Schnupfen holen, die hin- und hergehende Mitte hält ...
    Dann war es an jenen Abenden, wo die Cassiopeja ihren funkelnden Schein zur
Vorleuchte am Baldachin des Himmels macht, wo der »Schwan« aus Nordost sein
mildes, wie ein flockenreines Gefieder strahlendes Licht erzittern lässt, unter
dem Schmettern der Nachtigallen, die im Park der Dechanei nisteten, beim Duft
der Hollunderblüten - als Benno im stillen Wandeln unter den einsamen Alleen aus
Bonaventura's Mund das Geheimnis seines Lebens, seinen wahren Namen - Julius
Cäsar von Wittekind erfuhr ...
    Er erfuhr ihn allmälig ... Beim feierlichen Nachzittern des Stundenschlags
der Katedrale von Sanct-Zeno, nach einem feierlichen Gelübde, das ihm
Bonaventura abnahm, nichts zu unternehmen; was nicht mit den Interessen seiner
nächsten Freunde und jetzigen Verwandten im Einklang stand ... Er erfuhr zuerst
den Namen und die Lebensstellung seiner Mutter ... So steigt die Sonne mit
purpurroten Gluten aus der Erde ... So kommt eine Friedensbotschaft an die
Menschheit, verkündet von dem Klang unzähliger in den Lüften schwebender Harfen
... Eine Römerin! ... Aber noch fehlte der schrille Accord: Der Name des Vaters
... Die Schwere des Erlebnisses war zu niederdrückend ... Noch wurden nur die
Namen Kassel, Altenkirchen, Rom, auch Wien, letzteres um der Schwester willen,
genannt, noch erst die Auffassungen der Kirche und des Dogmas erörtert ... Fast
sprachlos starrte Benno, der wie ein Träumender stand, allem, was Bonaventura
sagte ... Die Freunde mussten sich unter Hollunderbüschen auf eine Bank
niederlassen ... Die Schilderung der Scene in der Waldkapelle, wo seine Mutter
von einem verbündeten Complott so ruchlos betrogen wurde, raubte Benno die
Sprache ... Stumm blickte er auf die Lippen seines Freundes, der in seiner
milden, innig zum Herzen sprechenden Weise entschuldigend erzählte und alles
nannte bis auf den Namen - des Vaters ... Nenn' ihn nicht! rief Benno, als müsste
er die Mutter rächen, wie Orest den Vater rächte ... Bonaventura sagte: Er ist
todt ... Endlich nannte er auch diesen Namen ... Da brach Benno zusammen an des
Freundes Brust ... Ein Gefühl der Scham überflog ihn und wie ein Giftauch
südlicher Luft nahm ihm den Atem ... Auf die so plötzlich aufgesprungene Blüte
seines wunderbaren Daseins das störende Wälzen eines grossen giftigen Skorpions
...
    Tiefgeheimnissvoll ist das Blut, das durch die Geschlechter rollt ... Der
gespaltene Funke wird da zur Flamme; die gespaltene Flamme mehrt sich an Kraft
... Ein Geschlecht kann auf Jahrhunderte die Signatur des Körpers und Geistes
bewahren, wenn die Mischungen bedacht sind, immer wieder auch das Fremdartige
liebend sich anzueignen ... Benno aber musste mit erstickter Stimme sprechen: Ich
ein Wittekind! ... Ist das, wie wenn Wettersturm aus den Schluchten des
Teutoburger Waldes braust! Meine Ahnenreihe bis in die Sagenzeit ... Doch -
Friedrich und Jérôme von Wittekind meine Brüder! ... Der Geist abgewelkt im
Vater schon! ... Oder war das nur das Loos der Ichsucht? ... Ja, so gehen
Despoten hinüber, die keinen Gegner finden, der sich mit ihnen misst! ...
    Alle die Beziehungen des Vaters, die Benno so gut kannte, wurden dem von
Entsetzen Ergriffenen wie der Eingang in eine dunkle Höhle voll unheimlicher
Gestalten, die er in Waffen betreten sollte ... Klingsohr, der Sohn des
ermordeten Deichgrafen, der geistige Sohn des Kronsyndikus, stand plötzlich mit
wirren Locken vor ihm und reichte ihm mit dem Brudernamen die blutige Rechte ...
    Ein Fieber ergriff ihn ... Wie eine Mutter nach der Geburt ... Wie das Hemd
des Nessus brannten alle diese Namen und Beziehungen ...
    Angiolina - und - Pötzl - ein höhnischer Satyrkopf dieser Name hinter
Rosenbüschen ... Wie kam der alte Schauspieler Pötzl bei den Kattendyks zu
dieser Verlornen? ... Auch die Mutter, Herzogin von Amarillas - die »Freundin«
eines Cardinals Ceccone - ...
    Leiden unter etwas Angeborenem ist nicht zu schwer ... Der Krüppel, der
Blinde, der Taube nimmt das Leben, wie es ihm die Geburt beschert ... Aber die
Schönheit erst verlieren, das Hässliche erst gewinnen, plötzlich ein Blinder,
plötzlich ein Tauber werden, das ist ein furchtbares Menschenloos ... Benno riss
sich an jenem Abend aus Bonaventura's Armen und rief:
    Ich könnte in die Wälder rennen wie ein Wolfsmensch! ...
    Ruhe! Ruhe! sprach Bonaventura und beschwichtigte ihn durch seine Umarmung
...
    Am Morgen nach diesem verhängnisvollen Abend war die Begegnung mit dem Onkel
und mir Frau von Gülpen erschütternd ... Der Onkel grüsste mit Wehmut und die
Augen tief niederschlagend ... Er hätte die ewig dunkle Binde über Benno's Augen
vorgezogen ... Das sagte er auch und lobte, als ihm Benno krampfhaft um den Hals
stürzte, die Blindgeborenen, weil die alle so heiter blieben ...
    Benno presste nur stumm seine Hand ... Es lag die Verzeihung der Liebe und
der Dank für ein ganzes, doch nur vom Dechanten ihm gerettetes Leben darin ...
Reden konnte er nicht ... Das Blut rollte ihm wie ein ihm fremd gewordenes und
ungebändigt durch die Adern ... Als er zu scherzen versuchte, sagte der Onkel:
Das hat er ganz von seinem tollen Alten! Der konnte auch, wenn er wollte, ganz
verteufelt liebenswürdig sein! ... Dies Wort kam noch zur Unzeit ... Aber, als
Benno düster die Augenbrauen zusammenzog, sagte der Dechant auch da: Wie sein
Vater, der grimme Jäger! ... Der Onkel hatte das Bedürfnis, das Ueberseltsame
wieder in das Altgewohnte zurückzulenken ... Da sprach denn, als auch Frau von
Gülpen, Benno's zweite Mutter, sich ausgeweint hatte, Benno:
    Nun bitt' ich nur um eines! Gebt mir meine fünf Julius Cäsar-Jahre heraus,
die ich schon länger auf der Erde weile, als ich Erinnerungen habe - und die
Taufscheine es wussten. Um wie viel früher hätt' ich jetzt Hoffnung, meinen
Militärmantel abzulegen! ...
    Alle nähern Umstände dieser Verheimlichungen wurden erzählt ... Mit dem ihm
eignen scharfen, aller Lebensverhältnisse kundigen Ueberblick durchschaute Benno
alle neuen und nicht offen kund zu gebenden Bedingungen seines Lebens ... Er
beruhigte den Präsidenten in einem Schreiben, in dem er ihn als Bruder begrüsste
... Mit edler Selbstbeherrschung bot er jede Bürgschaft, dass seine langgeprüfte
Geduld, die Ergebung in sein rätselhaftes Dasein ihn an Entbehrung äusserer
Anerkennungen gewöhnt hätte ... Ja, der Adoptivname, den er einstweilen trage,
»von Asselyn«, wäre ihm ja durch seine teuersten Freunde geheiligt, auch von
der Krone genehmigt ... Er mache nur dann Ansprüche auf die Wiederherstellung
seiner Stellung zum Leben, wenn niemand damit eine Kränkung widerführe, am
wenigsten seiner noch lebenden Mutter ... Diese freilich in ihrer Ansicht über
das Vergangene zu erforschen, ihr sich, wenn es irgend ohne Verletzung äusserer
Rücksichten möglich wäre, zu nähern - dafür ergriffe ihn ein unwiderstehliches
Verlangen ... Ebenso zöge es ihn zur Annäherung an Angiolinen ... Eine Reise
nach dem Süden läge nun fest beschlossen in seiner Seele ...
    Der Präsident antwortete voll Güte und gerührt dankend ... Er bot ihm
reichere Mittel, als Benno annehmen konnte, da eine zu schnelle Veränderung
seiner Lage leicht hätte Vermutungen wecken können, die von allen Beteiligten
nicht gewünscht werden konnten ... Auch Tiebold durfte nichts erfahren ... Der
tolle Mensch, sagte Benno zu Bonaventura, tut in der Regel alles, was ich zu
tun mich schäme, aber gern im Stillen manchmal tun möchte ... Er verhindert
mich an Torheiten, weil er sie selbst übernimmt ... Ich glaube, er übernähme
dies Drohen mit meinem Geheimnis, dies Zupfen an Schleiern, die man allenfalls
lüften könnte ... Besser, wir schweigen auch gegen ihn ...
    Je lichter somit von der Dechanei aus der Blick auf das sonnige,
waldumkränzte, solange geheimnisvoll verschleiert gewesene Schloss Neuhof wurde,
desto düsterer blieb der auf Witoborn und Westerhof ...
    Bonaventura hatte seit einem Vierteljahr sich nur im Entsagen geübt, auch
nichts mehr von dorter vernommen, was ihn besonders wieder hätte aufregen
können ...
    Der Oberst, das erfuhr er erst hier, leitete die Vorbereitungen zu seinem
Papierbetrieb ... Der mutige Mann fand die grössten Schwierigkeiten ... Sie
gingen bis zu mutwilligen nächtlichen Zerstörungen seiner Bauten ... Armgart
und Monika mussten sich in ihrer ganzen Kraft zeigen ... Sie hatten ein kleines
Hans in Witoborn gemietet und es geschmackvoll, wenn auch einfach eingerichtet
... Hedemann schrieb an den Dechanten von einer Heirat mit Porzia Biancchi, der
Tochter des Gipsfigurenhändlers ... Seine Aeltern waren schnell hintereinander
gestorben ... Ein so schönes Familienverhältniss hätte sich jetzt begründen
können, aber die Beunruhigung durch die lichtscheue Bevölkerung der Gegend war
zu gross ... Armgart verlöre, hiess es, allen Halt in ihren Anschauungen ... Wo
sie hinginge, müsste sie - »sie«! - Reden halten zur Verteidigung - des Papiers
und der Aufklärung! ...
    Ulrich von Hülleshoven überflügelte bald die Herrschaft seines Bruders
Levinus auf Schloss Westerhof ... Musste ihm das gelingen schon durch seinen
männlich festen Sinn, seine Lebenserfahrung, so kam der wohltuende Eindruck
hinzu, den er auf die Frauen machte ... Er war in der Lage, Monika's schroffe
Entschiedenheit, die indessen den Dechanten noch immer in ihrer Correspondenz
entzückte, zu mildern ... Während Monika bald das Stift Heiligenkreuz zum Feinde
hatte, während sie die Frau von Sicking zur Aenderung ihres Aufentalts bewog
und in diesen Kämpfen von Armgart's wie aus einem Traumleben erwachendem
gesunden und frischen Sinn unterstützt wurde, schlösse man sich, erzählte der
Onkel aus Monika's Briefen, dem Obersten an, der zu begütigen und auszugleichen
wisse ... Paula gewann ihn, das wusste Bonaventura, besonders lieb und erlag
seiner magnetischen Einwirkung ... Der Oberst durfte sie nur berühren und sie
versank in jenen Schlummer, der ihr einziges Labsal war im Schmerz des Nerven-
und Seelenlebens ... Bonaventura beobachtete dies gleich an dem letzten Mittag
vor Terschka's Flucht, wo Paula bei Tisch mit der abwesenden Armgart zu sprechen
angefangen ... Der Oberst führte sie damals in ihr Zimmer und sie antwortete auf
jede seiner Fragen ...
    Bonaventura erzählte davon dem Onkel ...
    Paula, berichtete er, ohne Zweifel übermannt von der seit dem Fund der
Urkunde sie folternden Angst um den Grafen Hugo, hatte die bei Tisch fehlende
Armgart gefragt, was sie am Schranke suche? ... »Am Schranke?« ... fragte man
... »Ein Kleid?« ... Nimm ein weisses, sprach sie, es steht dir besser! Auch die
Myrte nimm! setzte sie hinzu ... Die Myrte? fragte der Oberst. Macht denn
Armgart Hochzeit? ... Darauf stockte Paula und erwiderte: Armgart sucht ein
Kleid für sie aus ... Sie meinte: für sich selbst ... Niemand hatte den Mut, zu
fragen: Heiratest du denn? ... Ihr Kleid ist aber noch nicht fertig! sagte sie
dann wie aus sich selbst und zeigte hinauf in die Luft mit den Worten: Sieh,
sieh, die vielen Körbe! ... Fast so heiter sprach sie das, dass die Umstehenden
an die Zahl der zunehmenden Bewerber denken mochten ... Aber Paula setzte hinzu:
Korb an Korb! ... Am Altar der »besten Maria« stehen sie! ... Jetzt hätte leise
die Tante erklärt: Terschka erzählte vom Schloss Castellungo, dass die
nächstliegende Kapelle der »besten Maria« gewidmet wäre und die malerisch
schönen Seidencocons oft in hunderten von Körben unter Blumen dort
niedergestellt würden zur Segnung durch Priesterhand ... Paula entschlummerte
dann ... Jeder sagte: Sie hat in den Körben die Anfänge ihres Brautgewandes
gesehen ...
    Der Onkel schüttelte den Kopf, versank aber über die Nennung des Namens
Castellungo in ein staunendes Nachdenken ...
    Bonaventura führte sich selbst noch oft seine letzten westerhofer Tage vor
... Er riss sich an jenem Mittag voll Verzweiflung los ... Er glaubte überhaupt
keinen Abschied von Paula nehmen zu können und griff zur Feder, um seine
Empfindungen niederzuschreiben ... ... Zwei Briefe entwarf er ... Einen in der
stürmischsten Liebesbeteuerung mit dem Bekenntnis aller Gefühle, die auf dem
geheimsten Grund seines Herzens lebten ... Es war ein trunkener Rausch der
Herausforderung an sein Geschick und doch - er warf ihn in die Flammen ... Einen
zweiten schrieb er milder, ersichtlich zum ewigen Abschied ... Auch diesen
vernichtete er ... So stand er ratlos ... Da hörte er neben seinem Zimmer das
Aechzen seines Wirts Norbert Müllenhoff, der im ersten Stockwerk schlief ...
Das an der Pfarrhaustüre ausgesetzte Kind gehörte ohne Zweifel nur dem
wunderlichen Zeloten ... Die Zukunft des Unglücklichen war zerstört, wenn die
Rache der Hebamme, im Bund mit dem buckeligen Geiger, die finkenhofer Lene zum
Geständnis vor Gericht brachte ... Einmal hörte er den Pfarrer in seiner Kammer
laut ausrufen: Allmächtiger Schöpfer Himmels und der Erden! ... Es war ein Ruf
wie aus der tiefsten Seele ... Die Hände wurden dabei zusammen geschlagen wie
von einem Verzweifelnden - Dann war wieder alles still ... Bonaventura erbebte
... Es durchschüttelte sein Gebein, diesen Ausruf zu hören, der aus der Tiefe
des Jammers kam ... Müllenhoff sah voraus, dass ihm eine zeitweilige Verweisung
in das Strafkloster Altenbüren gewiss war ... Ein ewiger Makel haftete damit an
seinem Leben, ein Hindernis an jeder. Beförderung ... Hätte nicht auch
Bonaventura in diese Anrufung des Schöpfers der Natur einstimmen und alle
Elemente entbieten mögen, ihm beizustehen, die Zwingburg unnatürlicher Gesetze
zu brechen? ... Er klopfte an die Kammer und trat ein mit der Frage an den
Stöhnenden und jetzt mit zusammengefaltenen Händen wie bewusstlos Daliegenden, ob
er ihm in irgend etwas vor seiner an demselben Abend bevorstehenden Abreise
behülflich sein könnte ...
    Anfangs fuhr Müllenhoff in gewohnter Grobheit auf ...
    Dann besann er sich, bat für sein ungeberdiges Wesen um Verzeihung und wagte
es, überwältigt schon von der unendlichen Milde in Bonaventura's Ton, unter dem
Siegel der Beichte, seinen Vorgesetzten zu bitten, zur Frau Schmeling und zu
jener Lene zu gehen und - den Versuch zu machen, die ihm drohende Gefahr
abzuwenden ...
    Bonaventura fand sich bereit dazu ... Er betrat das Häuschen der Hebamme,
redete ihr, ihrer Magd und der noch anwesenden Lene, jeder erst unter vier
Augen, dann allen zugleich zu, die Verfolgung des Pfarrers von Sanct-Libori zu
unterlassen ... Die nicht kleinen Summen, die es zu bieten gab, um ein Schweigen
nach allen Seiten hin zu erwirken, legte er aus ...
    Ach, wie unrein schienen ihm seine Hände, als er sich aus diesem Hause
entfernte! ... Die Küsse, die man ihm darauf gedrückt hatte, mehrten nur das
brennende Gefühl, sich in unwürdiger Berührung befunden zu haben ...
    Diese Verrichtung des Mitleids brachte Bonaventura um die Gelegenheit, den
Düsternbrook und die beiden Eremiten zu besuchen ... Er hörte nur, dass sie vom
Zustrom der Umgegend heimgesucht und Gegenstand der lebhaftesten Verhandlungen
zwischen ihrem Kloster, seinem Stiefvater und den Behörden waren ... Jetzt waren
sie auf dem Wege nach Rom ...
    Auf Westerhof erschien er dann wirklich noch persönlich zur ernsten
Abschiedsfeier ... Aber als Priester - als schwankes Rohr, als »Begriff, den
zwei Jahrtausende mit bunten Kleidern behängen« ... Vor allem, was er dann doch
vielleicht blindlings aus einer Todesurne hätte ziehen können, bewahrte ihn
Paula selbst ... Sie war, erzählte er wieder dem Onkel, gerade entschlummert ...
Der Oberst liess seine Hand auf ihr ruhen und sprach mit ihr wie mit dem
willenlosen Werkzeug seiner eigenen Kraft ... Verwandtschaftlicher Rechte sich
bedienend, fragte sie der Oberst mit Vertraulichkeit: »Siehst du den, der eben
ins Zimmer tritt?« ... »Sie sieht ihn!« lautete die Antwort ... »Willst du mit
ihm sprechen?« ... »Sie stört ihn!« ... »Warum stört sie ihn?« ... »Er opfert.«
... »Siehst du einen Priester?« ... »Einen Bischof!« ... »Ist er allein?« ...
... »Kinder stehen um ihn!« ... »Sie tragen leinene Streifen am Arm?« ... »Du
sagst es!« ... »So firmelt dein Freund die Knaben und die Mädchen ... Redet er?
... Sprich ihm nach, was er redet!« ... »Ich glaube an Gott, den Schöpfer
Himmels und der Erden, an die Liebe, die Erhalterin der Welt, gelehrt durch
Jesus Christus, an den Geist der Wahrheit, der uns zur ewigen Hoffnung führt!«
... Wieder traten die zahlreich Umstehenden befangen zurück ... Wieder war es
eine jener »incorrecten« Visionen wie Frau von Sicking zu sagen pflegte ...
    Paula sprach, nach des Onkels Ansicht, einen Glauben aus, den sie in
Bonaventura's und des Obersten Innerstem zu lesen glaubte ...
    Das erzählte aber Bonaventura nicht, dass er sich damals, noch ehe sie
erwachte, losriss mit Tränen im Auge und abreiste, begleitet von den Dank- und
Segenswünschen aller derer, die ihm nahe gekommen waren - von denen seiner
Mutter an, die ihn in Witoborn noch an der Post überraschte, bis auf den
Händedruck Müllenhoff's, der ihm flüsternd - »in monatlichen Raten«
zurückzuzahlen versprach, was seine Güte unter dem Dach der Verschwörer für den
neuen Concordatsstifter und exemplarischen Bussheiligen verauslagt hatte ...
    Paula hatte Bonaventura als Bischof gesehen ... Der Onkel verlangte, dass
Bonaventura auch in seinen Wirkungskreis nicht ohne eine höhere Würde
zurückkehrte ... Begib dich, wenn sie dir nicht zu Willen sind, solange in ein
Kloster! ... Ein Mensch wie du darf nur fallen, um desto grösser wieder
aufzustehen ... Und die Leiden des Gemüts seines Neffen wohl überblickend,
sprach er: Armer Tor, was senkst du das Haupt und kannst dich in dein
priesterlich Erbteil nicht finden! ... Zwei weibliche Schatten umkreisen dich!
Ein dunkler und ein lichter! ... Jenen fliehst du und diesen wagst du nicht
festzuhalten! ... Ich bin dir kein Muster, aber ich könnte dir bessere Naturen,
als die meinige nennen, die auch eines Tages zwischen dem Gott in der Natur und
dem Deus in pyxide wählten und für ersteren entschieden ... Und ein andermal
sprach er: Sagst du für Franz von Sales gut? ... Ich teile alle Heiligen in
drei Klassen ... Solche, die die verbotene Frucht bereits brachen und denen es
dann, als sie satt waren, leicht wurde, in die Wüste zu gehen - in diesem Sinne
haben wir noch jetzt Millionen Heilige und seit zwanzig Jahren bin ich der
Allerheiligste unter ihnen - Dann in solche, die entweder geborene Narren waren
oder es wurden, weil sie gerade auf den Naturtrieb hin, um diesen und nur diesen
zu unterdrücken, das Tollste erfanden - wahre Casanovas der Frömmigkeit nenn'
ich sie ... Ihre innerste Sinnenqual versetzte sich ihnen, wie bei einer jungen
Mutter die Milch in den Kopf steigen kann, so in religiöse Narrheit ... Endlich
die dritte Gattung sind jene ganz geschlechtslosen Constitutionen, bei denen die
Tugend eine fehlerhafte Organisation ihres Körpers ist ... Diese Halblinge
findest du meistens unter äusserlich imponirenden Gestalten ... Darauf hin konnte
auch mein Leo Perl in Paris ruhigen Bluts zusehen, wenn sich die andern im
Palais-Royal ergingen ... Sei überzeugt, alle die Heiligen, die nicht auf die
Klasse I und II passten, gehörten zur Klasse III! Wasserpflanzen, wo auch die
ganze Kraft - wie da drüben auf meinem Weiher! - in den breiten, trägen, schönen
Blättern liegt ...
    Solche Gespräche gab es häufig, selbst in Gegenwart Benno's beim Wandeln
durch den Park, unter den eben sich erst mit dem jungen Laub ganz schliessenden
Alleedächern, beim Zwitschern der Vögel, beim Duft der Blütenpyramiden der
Kastanienbäume, der Maiblumen und Narcissen auf den Buchsbaumbeeten, beim
Schimmern der Dotterblumen von den Wiesen her ...
    Einmal an einem Strauch von Weissdorn still stehend, sagte Bonaventura:
    Onkel, ich bin so weit gekommen, dass ich an einem solchen einzigen Blatt,
wie du hier siehst, stundenlang beobachten kann! ... Sieh, es hat sich eben aus
seiner Knospe entrollt! Wie zart dies Grün! Wie sanft aufgekräuselt die
Windungen des kleinen Sprosses! Die kleinen Härchen, die auf dem jungen Keime
sitzen, möchte man zählen! Es gibt nichts, was uns gegen alles das retten kann,
was du schilderst, als die Betrachtung des Kleinsten! ... Ich heuchle dir nicht
Frömmigkeit, nicht mehr Begeisterung für meinen Beruf, den ich schmerzlich
erkannt habe - ich habe aber ein Vergessen des Allgemeinen und meiner selbst in
einem kleinen stillen Glück wie dem hier - vor einem solchen Frühlingsblatt ...
    Das sind bei mir die Radirungen und Kupferstiche ... sagte der Onkel, der
für seine vorjährigen Warnungen gegen Rom eine frühzeitige Genugtuung erhielt
...
    Benno musste zeitiger nach der Stadt zurück ...
    Er reiste an seiner Seele wie mit Adlerschwingen ...
    Er hoffte sich zunächst von einem Staatsleben freimachen zu können, das
damals für den Menschen in seiner angeborenen Freiheit keine Bürgschaft bot ...
Er wollte im Herbst über Wien nach dem Süden ... Er widersprach dem Onkel nicht,
als dieser, ohne dass es Bonaventura hörte, sagte:
    Vielleicht kannst du die Angelegenheiten Paula's zu einem guten Ende führen!
Vielleicht deiner verwilderten Schwester die Nachfolgerin geben, die dem Hause
Salem-Camphausen unerlässlich ist! Schon hör' ich, dass die Gräfin Erdmute nach
Schloss Westerhof reisen und versuchen wird, alle Bedenklichkeiten persönlich zu
beseitigen ...
    Bonaventura war bei diesen Worten wohl zugegen, hörte sie aber nicht ... Er
sah zu den Bäumen auf, unter denen sie dahinwandelten, und sprach, als beide
näher kamen:
    Wie doch seit Jahren der Fink immer nur wieder zwischen denselben Resten
sich ansiedelt, die Nachtigall denselben dunklen Busch sich sucht, die Schwalbe
in demselben Gesims an deinem Portale haust ... Ein solches Heimatsgefühl! ...
    Jeder findet sein rechtes Nest ... sprach nach einigen weitern Schritten
ruhigen Wanderns der Dechant ... Auch - Paula wird wissen, dass die Liebe zu
einem römischen Priester nicht zu den Möglichkeiten dieser Erde gehört und -
wird nach Wien gehen ...
    Ich will sie selber trauen! fiel Bonaventura mit einem zuckenden
Schmerzensausdruck ein ...
    Es war ein Wort von solcher Schwere, dass der Dechant und Benno erschüttert
schweigen mussten ... Letzterer gedachte auch des immer mehr ihm und Andern
verklingenden Namens: - Armgart ...
    Als Benno dann abgereist war, kam in der Dechanei ein neuer Brief von Monika
...
    Das war ein Erguss frischer und gesunder Lebensanschauungen ...
    Sie berichtete dem Dechanten von einer notwendigen Reise des Obersten nach
England - von einem vielleicht gelegentlichen Abholen der Gräfin Erdmute - von
Armgart's Begleitung des Vaters nach England - von Paula's leider schon
bedenklich eingerissener Gewöhnung an die magnetische Behandlung durch ihren
Gatten - von der Angst und Sorge, die man nun ohne ihn über ihren Zustand haben
müsse ...
    Bei Erwähnung der gegen Bonaventura gerichteten Anklagen, deren Kunde schon
bis Witoborn gedrungen war, sprach sie von dem einstimmigen Urteil aller
Beteiligten, dass die Ehe mit dem Grafen Hugo geschlossen werden müsste ...
    Monika bekannte sich als entschiedenste Beförderin dieser Verbindung ...
Graf Hugo wäre eine Natur mit Eigenschaften, die nur entwickelt zu werden
brauchten, um vor ihm mehr, als Achtung, sogar für ihn Neigung zu empfinden ...
Bequemen Temperaments, wollte er beherrscht sein und jeder müsse ihm eine
würdigere Leitung wünschen, als er sie bisjetzt gefunden ... Was an Terschka
noch allenfalls Gutes wäre, verdanke dieser dem Grafen ... Der jesuitische
Intriguant hätte die Macht einer guten und harmlosen Natur so auf sich einwirken
gefühlt, dass er an seinen Aufträgen irre geworden wäre ... Wenn Paula in ein
Kloster ginge, würde sie nach wenig Jahren eine Beute des Todes sein ... Sie
müsse die Gräfin von Salem-Camphausen werden ... Der Domkapitular von Asselyn
müsste sogar die Kraft über sich gewinnen, selbst die Hand zu bieten zu dieser
nach allen Richtungen hin bedeutungsvollen gemischten Ehe ... In dem lieblichen
Salem, in dem, wie sie gehört hätte, noch glückseligeren Tale von Castellungo
würde die junge Gräfin, als Gattin, als Mutter blühender Kinder, als
Teilnehmerin an den vielen gemeinnützigen Unternehmungen der Gräfin Erdmute,
Lebenslust und Lebenskraft gewinnen ... Alle, alle, ihre Schwester Benigna,
Onkel Levinus, die Bewohner von Neuhof wären der gleichen Meinung ... Die
einzige Armgart, die noch immer widerspräche, hätte sie auch deshalb mit dem
Vater nach England geschickt, wo sie überhaupt bei Lady Elliot eine Zeit lang
bleiben und neue gesunde, praktische Anschauungen gewinnen müsse ... Armgart
hätte sich indessen bei einigen Conflicten in der Tat mit grossem Mut benommen
und wäre seit den drei Tagen Correctionsgefängniss im Mühlenturm mehrfach anders
geworden ... Die Begegnung mit Terschka fürchte sie nicht mehr; London wäre wie
ein Ameisenhaufen; Armgart hätte Kraft und Charakter aus Instinct schon immer
gehabt - jetzt fange sie auch an, zu wissen, was sie wolle ...
    Das war eine Sprache, als sah man die kleine junge Frau ihre grauen Locken
schütteln und mit blitzendem Auge, frischer Wange, ihren weissen Zähnen aller
Bedenklichkeiten geringschätzig lächeln, die nach ihrem Sinn nur krankhafte
Empfindsamkeit geltend machen konnte ...
    Der Dechant war ganz gleicher Ansicht ...
    In dem kleinen grünen Studierzimmer, wo die Worte nicht so ungehindert
gewechselt werden konnten, wie unten im Garten und im Park, den zu besuchen
nicht jedem Bewohner der Stadt erlaubt war, lasen Beide diesen Brief ...
    Gestört von dem Rollen der Türen und dem Horchen und Bangen Petronellens,
erhob sich Bonaventura, riss sich von der Hand des Greises, die ihn halten
wollte, los und eilte erst in den Park, den er eine halbe Stunde lang wie ein
Geistesabwesender durchschritt, dann flog er auf sein Zimmer, um an Levinus von
Hülleshoven zu schreiben ...
    Er hätte mit Bedauern gehört, schrieb er, dass sich die Leidenszustände
Paula's vermehrten, dass ihr Leben schon ganz abhängig zu werden drohte von einer
Einwirkung, die beiden Teilen zuletzt die drückendsten Verpflichtungen
auferlegte ... Auch von den fortgesetzten Bildern und dem Sinn der Träume des
edeln Mädchens hatte er gehört und beklage schmerzlich, dass sie übel gedeutet
würden ... O könnte man doch, klagte er, ganz den Vorhang schliessen, der sie in
ein Land blicken liesse, für dessen Beurteilung der Welt alle Bedingungen fehlen
... Sie sollte dem Zug der Demut folgen, der stets in ihrer reinen Seele der
vorwaltende gewesen ... Nimmermehr aber sollte sie ihre Wünsche auf ein Kloster
richten ... Er gestünde es offen, seine Einblicke in die Klosterwelt wären die
enttäuschendsten ... Wie im Kloster Himmelpfort wär' es überall, nur vielleicht
da ausgenommen, wo man Kranke heilte ... Paula wäre selbst des Arztes bedürftig
... So müsse sie denn hinaus auf die hohe Flut des Lebens ... Sie müsse Gott
vertrauen und wie eine treue Magd sich jenem Dienste widmen, der dem Weib schon
im Paradiese angewiesen worden, eine Gehülfin zu sein dem Manne ... Wenn sie den
Grafen Hugo in sanfterer Weise, als durch die Intrigue der Gesellschaft Jesu
versucht worden, in den Schoos einer Kirche führte, die ein Zusammensein im
Schoose der Seligen auch von dem gleichen Bekenntnis auf Erden abhängig mache,
so löste sie, wenn sie das wolle oder könne, eine sie vielleicht erhebende
Aufgabe ... Ein Mann sei ja jedem Weibe, das von ihm zur Ehe genommen würde,
vorher ein unbeschriebenes Blatt ... Selbst ein längeres Ergründen und Kennen
des Verlobten schlösse ein Rätselhaftes nicht aus, das sich ganz erst in der
Ehe selbst lüften könne ... Wie aber auch der Erfolg dieser Ehe sich ergäbe und
wenn die Glaubensbekenntnisse sich auch nicht vereinigten, so sollte sie dem
fremden Mann vertrauensvoll die Hand nicht weigern ... Ja, wenn ihm die Gräfin
seinen eigenen Priesterberuf, den Beruf der Entsagung auf eigenes Glück und der
Fürsorge nur für fremdes, zu einer besondern Weihe erheben wolle, so sollte sie
ihm die Ehre und die in Gott empfundene Seligkeit gönnen, dass Er es wäre, der -
entweder zu St.-Libori oder in Wien, wohin zu reisen er deshalb zu jeder Stunde
bereit wäre - ihre Hand in die des Grafen Hugo legte ...
    So schrieb er und als der Brief geendet und zur Post gegeben war, umarmte er
den Onkel mit den Worten:
    Lass mich so! ... Jeder Mensch schafft sich seine eigene Religion und ist
sich sein eigener Priester!
 
                                       4.
Mit gehobener Kraft verblieb Bonaventura noch einige Tage auf der Dechanei ...
    Sein Ringen nach einer idealen Lebenshöhe hatte einen neuen Anhalt, einen
neuen Rundblick gewonnen ...
    Schmerzlich genug war er erkauft ... Aber er hielt ihn fest mit dem
leuchtenden Aufblick der innern Verklärung und des Gefühls, sich eins zu wissen
mit dem unerforschlichen Verhängnis ...
    An die Wirkung seines Briefes in Westerhof mochte er nicht denken ... Er
stürzte sich in das Allleben der Natur, umfasste nicht mehr zagend und bangend
bloss das Einzelne ...
    Beim Besteigen der grauen Berglehnen, die durch die noch wenig belaubten
Weinstöcke noch kahler erschienen, umzog sich vor seinem Blick aus der eigenen
Brust heraus alles wie schon mit den Früchten des Herbstes ... Mit Gewalt wollte
er sich helfen; er grüsste freundlicher, er stand denen Rede, die ihm im Felde
begegneten, auch denen, die ihm nachschlichen, wie - Löb Seligmann, der seit
einigen Wochen in seine Heimat zurückgekehrt war und sich hoffnungsvolle Ernten
auf Reps und Taback suchte, auf die er Vorschüsse gab ... Das war die sicherste
Anlage seiner um Witoborn verdienten Gelder ...
    Und wäre nun Bonaventura bei all seiner Menschenliebe doch darin weniger
»Egoist« gewesen, dass er mehr aus andern heraus die Menschen und Dinge
beurteilt hätte, hätte er ein wenig mehr neugierige Vertiefung in das irrende
Flimmern der kohlschwarzen Augen Löb's, ein wenig mehr Lesekunst geübt in den so
eigentümlich fragwürdig stehen bleibenden Lachmienen desselben - er hätte ja
selbst zu ihm sprechen müssen: Nicht wahr, Herr Seligmann, seitdem Sie zur
Hälfte unser Viergespräch auf Schloss Neuhof belauschten, sagen Sie auch: »Es
gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit sich träumen
lässt«? ...
    In der Tat, so kann kein Beichtvater (in verbotener Weise) lächelnd an
denen vorübergehen, die ihm gestanden, dass sie keineswegs das sind, was sie vor
der Welt erscheinen, als Löb Seligmann im wogenden Kornfeld, unter blauen
Cyanen, im Wiederklang der von seinem innersten Herzen gesungenen Rossini'schen
Tyrolienne: »Blütenkränze, Lust und Tänze« den hochgestellten jungen Geistlichen
nicht bloss grüsste, sondern endlich einmal auch wie mit dem Wort: Ich weiss alles!
anredete ...
    Er näherte sich ihm auf Fusszehenweite ...
    Sein ganzes Herz war übervoll von dem Frevel des Dechanten, den man noch
»leicht auf die Festung bringen« konnte, von den leider nur halb erfahrenen
criminalistischen Tatsachen aus dem Leben Leo Perl's, übervoll um so mehr, als
er nur einer einzigen Seele auf Erden, Veilchen Igelsheimer, vollständige, der
Hasen-Jette, seiner Schwester, und David Lippschütz nur leise Andeutungen über
seine Geheimnisse gegeben hatte ...
    Dennoch brachte sein Mund zum tiefgezogenen Hute, als Bonaventura stehen
blieb und fragte: Wünschen Sie etwas, Herr Seligmann? in äusserster Verlegenheit
nichts hervor von dem geheimen Betrug einer italienischen Primadonna, nichts von
der Herzogin von Amarillas, nichts von Leo Perl's erster geistlichen Handlung
auf Veranlassung des »Alcibiades« drüben in der Dechanei, als das Wort:
    Ich wollte - um Vergebung - Herr Domkapipitular - wollte nur fragen -
Erlauben Sie - ist wohl noch Bröder's lateinische Grammatik gut genug - zu
gebrauchen zum Unterricht für einen hoffnungsvollen Knaben? ...
    Zu Gunsten des immer kräftiger auf die Beine gekommenen David Lippschütz,
des kleinen Voltaire von Kocher, liess Bonaventura sich auf alle Vorzüge eines
wahrscheinlich durch Löb vom Antiquar erstandenen alten »Bröder« ein und nannte
berühmte Gelehrte, die auch ohne den »Zumpt« ein classisches Latein geschrieben
hätten ...
    Nach diesen lehrreichen Auseinandersetzungen, denen Löb nur zu zerstreut
zuhörte, war ein Rückblick auf Witoborn und Umgegend nicht zu vermeiden ... Löb
erzählte, was er »nach dem Herrn Domkapipitular« noch erlebt hätte ... Zart und
discret deutete er alles nur in leisen Contouren an ... Selbst die Gerüchte über
Terschka, dessen plötzliche Abreise ihm manches schöne, bereits angeknüpfte
Geschäft zerriss, tauchten in seinem Munde wie nicht mehr sicher zu verbürgende
Sagen der Vorzeit auf ... Es gab auch dunkle Vermutungen über einen gewissen
Jesuitenorden und ein Uebergetretensein zur protestantischen Religion, die aber
auch wie Verhältnisse aus der Zeit der Makkabäer aus Löb's discretem Munde
hervorkamen ... Löb genoss zunächst nur das stille Wandeln mit dem vornehmen
Priester, das Grüssen der Vorübergehenden, die gleichsam auch ihn setzt grüssen
mussten ... Es war die Begebenheit an sich, die ihn erfüllte, ganz wie jenes
schmeichelhafte Begossenwerden damals mit der westerhofer Spritze nach dem
Schlossbrande ... Dies wie jenes ein Zustand feinerer Beziehungen ... Nur erst
als von den beiden Flüchtlingen nach Rom, von den Eremiten, dem Düsternbrook die
Rede kam, deutete er verschämt lächelnd seine Mitverdienste um die Rettung des
verunglückten Dieners an ... Bonaventura wünschte mehr zu hören; der Diener war
so auffallend verschwunden; ja er fragte, ob es wahr wäre, dass der Bruder
Hubertus, der ihn davongetragen und im Kloster Himmelpfort eine Zeit lang
verborgen gehalten haben sollte, eine Beziehung zu dem Fräulein Schwarz gehabt
hätte, das bei Frau von Sicking wohnte - man spräche davon - Löb, Zeugenaussagen
vor Gericht und etwaiges Schwörenmüssen wie den Tod fürchtend, ging nur gerade
bis an die äusserste Grenze seines Wissens, erzählte die Fahrt des Kranken bis an
das Kloster und würde vielleicht allmählich ein wenig den Schrei in der Kirche,
das furchtbare Krachen und das Licht im Todtengewölbe in Aphorismen leise
angedeutet haben, wäre die fortgesetzte Wanderung nicht durch die eben erreichte
Stadt unterbrochen worden ... So zur Seite eines Priesters durch Kocher zu
gehen, würde sich für die beiderseitige Stellung nicht geziemt haben ... Das
gemütliche Selbander wurde vom rauschenden Fall, von den Gerberwäschen und
Metzgerklötzen unterbrochen ...
    Auch mit Beda Hunnius, mit Major Schulzendorf und Grützmacher knüpfte
Bonaventura wieder in flüchtiger Begegnung an ...
    Jenem hatten die Zeitläufe bittere Erfahrungen bereitet ... Ein seraphischer
Briefwechsel mit Lucinden und Joseph Niggl war zu den Acten der über ihn
verhängten Untersuchung gekommen ... Der »Kirchenbote« erschien nicht mehr; um
so grösser war seine Ermutigung durch die mächtige, mit brausendem Wogenschlag
zurückgekehrte Flut der hierarchischen Bewegung nach kurzer Ebbe ... Er rühmte
das kirchliche Leben jener östlichen Gegenden, wo Bonaventura im Winter gewesen
und ihm besonders die reformatorischen Bestrebungen eines Norbert Müllenhoff wie
Bonifaciustaten erschienen ... Bonaventura lächelte ... Doch auch Beda lächelte
... Ueber den gegenwärtigen Urlaub des so schnell Gestiegenen ... Um seine
Schadenfreude zu verbergen sagte er: Procul a Jove, procul a fulmine ... Er
lobte seine Stadtpfarre ... Aber grade über Paula's Visionen musste Bonaventura
ihm bis an die Pforte der Dechanei erzählen ...
    Schulzendorf war gekniffen und süsssäuerlich ... Die Zeitverhältnisse
verhinderten den zu häufigen Besuch der Soupers in der Dechanei ... Seine Nase
hatte einen Charakter von Pfiffigkeit bekommen, die jetzt weniger zu verraten
schien, wo Trüffeln, als wo - Verschwörungen lagen ...
    Grützmacher gratulirte zu einem Avancement, das schneller gekommen wäre,
»wie's bei's Militär« möglich gewesen ... Er klagte über den Dechanten, der alt
würde ... Von seiner leider ohne »Prämie« gebliebenen grossen Satisfaction »von
wegen det ausgebuddelte olle Männeken«, sagte Grützmacher: Darüber sind wir
»in's Reine« - Es war ein ehemaliger Galeerensträfling, der ein paar Jahre in
Paris gelebt hat, dann hierher kam, Pferdehandel treiben wollte, gleich da schon
die Leute anschmierte, dann auf ein paar Wochen Knecht im Weissen Ross war,
hierauf den Coup auf Ihrem Kirchhof machte, der nichts einbrachte, nachher bei
alten Kunden und Hehlern von Gaunern sich verkrochen hatte, vielleicht gar mit
dem Hammaker, den Sie ja absolvirt haben, Herr Kapitular, bekannt war, und
zuletzt soll er denn auch noch unter falschem Namen nach Witoborn gegangen
»sind« ... Da das Feuer, sagen sie, hätt' er angelegt auf Schloss Westerhof ...
Darüber hört man denn - hm! - freilich allerlei ... Aber jetzt, wie gesagt, ist
er chappirt und wird wohl in Amerika »sind« ... Und wenn Grützmacher hierauf,
während Bonaventura aufmerksam zuhörte, zu seiner Frau sagte: »Ne, diese
katol'schen Pfaffen, doch nichts Aufrichtiges! Jetzt auch schon Der! Und ein
ehemaliger Porteépéefähnrich das!« - so hatte er Recht. Jüterbogk und Rom reden
allerdings seit drei Jahrhunderten verschiedene Sprachen und Bonaventura hörte
ihm über die angeregten Punkte, gebunden durch Furcht, Beichtgeheimnisse und
äusserste Spannung, zu ...
    Dem Oheim gegenüber legte Bonaventura vor seiner Abreise eine übertriebene
Scheu ab und teilte ihm nach kurzem Kampf mit, was er seiter über den Inhalt
des Sarges des alten Mevissen und über dessen Räuber erfahren hatte ...
    Gab der Onkel auch nicht zu, dass sein Bruder Friedrich noch lebte, so musste
der alte Diener desselben doch ein Geheimnis bewahrt und in seinen Sarg Dinge
gelegt haben, die mit einem Verlangen in Verbindung standen, dass sie einst vom
Tode auferstehen sollten - zu irgendwelchem noch verschleierten Zwecke ...
    Bonaventura erzählte dem Onkel, dass der Fund in Lucindens Händen wäre ...
    Dem darüber Hocherstaunenden nannte Bonaventura auch die Drohung, die
Lucinde ausgestossen, und hielt nur zurück, als er die ausserordentliche Aufregung
sah, in die er damit den Onkel versetzte ...
    Das ist ja erschreckend, sagte dieser ... Und du hast von ihr noch immer
nicht diese Papiere verlangt? ... Mit Gewalt verlangt? ... So fliehst und
verachtest du sie? ... Bona! So alt ich bin, durch meine Adern rollt Feuerstrom,
so oft ich an die wenigen Tage denke, die dies Wesen bei uns zubrachte ... Ich
nehme sie morgen wieder, wenn sie will ... Meine Macht im Hause hat zugenommen
... Hm! Hm! ... Was kann nur jene Schrift entalten? ... Und von wem ist sie
ausgestellt? ...
    Auf die von Bonaventura zusammengefassten nähern Angaben, auf die
Mitteilung, jene Schrift, deren Urheber er nicht kannte, sollte ebensowol mit
seiner persönlichen Ehre wie mit dem ganzen Bau der Kirche zusammenhängen, und
Lucinde könnte alle seine Handlungen, selbst wenn er die dreifache Krone trüge,
damit entwerten, ja ungeschehen machen - lachte endlich der Onkel und hielt die
Meinung fest:
    Da hör' ich die verschmähte Liebe! ... Das sind jene Erfindungen, die die
Frauen zu machen pflegen, wenn man mit ihnen »bricht« ... Regelmässig gibt es
dann Papiere, von denen es heisst, ihre Veröffentlichung würde uns »vernichten«
... Oder der Briefwechsel würde zwar ausgeliefert werden, aber »Abschriften
würde man auf alle Fälle davon zurückbehalten« u.s.w. ...
    Der Onkel riet ernstlich mit Lucinden Frieden zu schliessen ...
    Das Leben ist so arm an Liebe, sagte er, dass man nie eine dargereichte Hand
ablehnen soll ...
    Als Bonaventura eine Liebe bezweifelte, die fortwährend in Hass und Rache
überzuschlagen drohte, entgegnete der Onkel:
    So sind sie ja alle! ... Meine eigene Petronella würde mich mit kaltem Blut
an einer Pastete sterben sehen, wenn ich »mit ihr bräche«! ... Selbst die
Buschbeck, deren grausamem Charakter ich den Besitz ihrer Schwester verdanke -
letztere war jünger; Benno's Vater trat sie mir ab - aus Geiz - ab, um nicht
»zwei von dieser Bande« ernähren zu müssen - selbst Brigitte von Gülpen, die
älteste Tochter der Bischofsköchin und fürstabtlichen Blutes nicht unverdächtig,
wäre besser geworden durch gewährte Liebe ... Die Idee, für einen treulosen
Geliebten, der ins Kloster ging, die Menschheit zu tyrannisiren, Kindern und
Mägden das Leben zu vergiften, sich selbst das Brot abzuhungern, vergegenwärtigt
dir jene tiefe Bedürftigkeit des Weibes, unter allen Umständen ein Wesen sein zu
nennen und wär's zuletzt nichts als ein alter, mit einer Flanelljacke
bekleideter Mops, der am Astma in den Armen seiner weinenden Gebieterin stirbt
... Deine Renate - wie alt ist sie? ... Nahe den Siebzigen ... Du wirst an einen
Ersatz denken müssen ... Und wehe dir auch da, wenn sie deine Absicht merkt ...
Schlage die Concilien nach ... Sie liessen lange zweifelhaft, ob die Frauen
überhaupt Menschen sind ...
    Bonaventura liess, wenn auch zögernd, diese Auffassung der Drohungen
Lucindens gelten ...
    In fernern Gesprächen zeigte sich auch noch zuletzt, warum der Onkel
regelmässig bei Erwähnung des Schlosses von Castellungo in Nachdenken verfiel ...
Das zufällige Aussprechen der Worte: Fiat lux in perpetuis! brachte zwischen
beiden das Geheimnis des empfangenen lateinischen Briefes zur Sprache ... Der
Onkel öffnete kopfschüttelnd sein Schreibbureau und reichte dem Neffen die ihm
gewordene anonyme Aufforderung ... Sie war gleichlautend mit der, die auch
Bonaventura empfangen hatte ...
    Ich werde die bedenklichen Ehren eines Huss und Savonarola nicht mehr
gewinnen, sagte der Onkel, und hüte auch du dich vor ihnen ... Welche
Mystificationen das! ...
    Bonaventura versicherte, dass sein Glaube feststünde, der Eremit von
Castellungo wäre sein Vater ... Er wäre in Italien Waldenser geworden und hätte,
ein Opfer der römischen Scheidungsgesetze, den Gedanken einer
Kirchenverbesserung gefasst ... Würde er auch an jenem 20. August der
Versammlung, zu der er einlud, achtzig Jahre sein oder nicht mehr leben, so
würde man doch seine Gemeinde finden ... Nach allem, was ich höre, schloss er,
ist dort eine Simultankirche auf den Grund der Bibel errichtet worden, die bis
dahin an Macht und Ausdehnung gewonnen haben kann ...
    Wenn sie nicht die Jesuiten zerstören! unterbrach der Dechant ... Lieber
Sohn! Welche Träume! Sehen sie meinem Bruder Friedrich ähnlich? ... Nein, nein -
Mystifikationen! ...
    Doch die Eichen von Castellungo grünen! entgegnete Bonaventura ...
Castellungo gehört dem Grafen Hugo ... Frâ Federigo, ein Deutscher, lebt unter
dem Schutz der Gräfin Erdmute ... Paula sah ihn deutlich und sagte in einer
ihrer Visionen, er gliche mir ...
    Der Onkel staunte, lächelte dann aber ...
    Weil sie auch dich an einer Himmelsreligion beteiligt glaubt, die den
Priestern erlaubt zu heiraten! ... Nein, nein ... Das alles ist nur Spuk und
hängt mit den Umtrieben zusammen, die plötzlich jenen Terschka entüllten ...
Coni oder Cuneo steht in der anonymen Aufforderung? ... Fefelotti, Ceccone's
Gegner im Conclave, ist soeben aus Rom verbannt und Erzbischof in Cuneo geworden
... Ihr armen Waldenser jetzt! Eure Bibeln werden bald confiscirt sein! ...
    Den Anklagen, die der Onkel auf Ceccone, auf Fefelotti, auf alle, die mit
Roms Intriguen zusammenhingen, schleuderte, lieh Bonaventura um so
bereitwilliger sein Ohr, als jetzt auch durch Benno's Lebensschicksale sich ein
Netz um sie alle her zu spinnen schien, dessen Fäden immer enger und enger
wurden und ganz auf Rom führten ...
    Zum Glück hab' ich euch beide - Ultramontanen bei Zeiten angehalten,
italienisch zu lernen! scherzte der Onkel, ohne - darum doch den Beängstigungen,
die in den beteiligten Gemütern diese Dunkelheiten zurücklassen durften, sich
ganz zu entziehen ...
    Inzwischen kamen aus der Residenz des Kirchenfürsten Briefe vom
Generalvicariat, die bis auf weitere Entscheidung Roms über den Magnetismus jede
Beeinträchtigung des Domkapitulars in seinen Würden niederschlugen ... Roter's
Anklage wurde als ungebührlich abgewiesen ...
    Die Genugtuung war demnach vollständig ... Dennoch reiste Bonaventura voll
Bangen ... Er sah das Alter und den Kummer des Onkels ... Er fürchtete sich vor
einer Stadt, die er auch sonst schon gemieden ... Sein Ehrgefühl war doch
verletzt worden ... Feinde wirkten gegen ihn und zu der Kraft sich zu erheben,
die Hass oder Verachtung verleihen, vermochte sein Gemüt nicht ... Auch wo
Lucinde weilte, konnte ihm niemals Frieden kommen ...
    Er fand Briefe von Schloss Neuhof vor - auch vom Onkel Levinus ...
    In letztern fand sich jedoch kein Wort über die doch gewiss mächtig, nach
allen Seiten hin aufregend gewesene Wirkung, die sein Brief aus Kocher am Fall
hervorgebracht haben musste ... Nur die Anzeichen eines Besuchs der Gräfin
Erdmute auf Westerhof mehrten sich ...
    Bonaventura's Herkunft, seine würdige äussere Haltung, seine Kenntnis des
Italienischen, alles das veranlasste aufs neue die Bitten der Curie, er möchte
eben sowol für die Befreiung des Kirchenfürsten wie für die Stockung aller
kirchlichen Gerechtsame der Stellvertretung desselben die Reise nach Wien
übernehmen ... Der Staatskanzler galt für einen Gegner der Jesuiten; auch
Ceccone hatte mit ihnen seit dem Sturz Fefelotti's Friede geschlossen;
vielleicht war in Wien der gute Wille zu gewinnen, die römische Curie zur
Nachgiebigkeit zu bewegen ... Bonaventura sollte es sein, der den Unterhändler
zum Frieden machte ...
    Er entzog sich diesen Vorschlägen, solange er konnte ... Er wusste noch
nicht, wie seine Reise in Westerhof würde aufgenommen werden ... Auch hörte er
nur, dass vorzugsweise Nück es war, der alle diese Ratschläge erteilte ...
Konnte von solcher Seite Gutes kommen? ... Nück kam wieder in seinen Beichtstuhl
und gab ihm in der Tat vier Davidssteine an, die er gegen den Goliat der
Leidenschaft in seiner Brust in Bereitschaft hielt: Ankauf eines Ritterguts,
sagte er, landwirtschaftliche Studien, Rückkehr zu alten Dichtversuchen, die er
in seiner Jugend gemacht, und die Erlernung der türkischen Sprache ... Das
Besuchen von Gräbern nütze ihm nichts, setzte er hinzu; ihm wär' es aus alter
Liebe zum Tode, wie den Türken, die auf Gräbern Kaffee tränken ...
    Eine Ahnung konnte der so von Nück offenbar verhöhnte Geistliche nicht
überwinden, die, als spräche alles das nur die Eifersucht ... In einer
Zeitschrift gab Nück mit voller Namensunterschrift als einen Wurf mit seinem
dritten Davidssteine in Versen die Klage, dass man das Höchste, was ein Weib
geistig einem Manne sein könne, doch nie ohne die Vertraulichkeit der Sinne
gewinnen könne ... Die volle Unterschrift: »Dominicus Nück« beleidigte Stadt und
Land ... Seine Freunde sogar sprachen von einer plötzlichen Entüllung des
»Pferdefusses« ... Goldfinger junior, inzwischen mit Johanna Kattendyk vermählt,
rückte ihm aufs Zimmer und stellte ihn über diese mutwillige Zerstörung des
Rufes der Familie zur Rede ... »Kümmern Sie sich um Ihre heilige Botanik oder,
wenn Sie wollen, um unsere Conto-Currentbücher!« war die Antwort ... Es war nur
Eine Stimme, der Oberprocurator hatte sich so nur in Lucinde Schwarz verlieben
können und diese - widerstand ...
    Benno arbeitete zwar noch bei dem unheimlichen Mann, streifte aber
inzwischen leise alle Fesseln ab, die ihn noch an seine gegenwärtige Stellung
gebunden hielten ... Auch seine Heimats-, seine Adoptions- und
Untertanenverpflichtungspapiere revidirte und ordnete er ... Er wollte nach
Italien ... Seine Forschungen gingen mit Hülfe des Onkel Dechanten weit über
Borkenhagen bis nach Kassel hinaus, wo die über die ersten Lebensjahre eines
Julius Cäsar von Montalto gebreiteten Schleier nur noch von zwei Todten, dem
Kronsyndikus und seinem Adoptivvater Max von Asselyn oder von seiner Mutter ganz
gelüstet werden konnten ... Benno hatte bei allen diesen Unternehmungen nur zu
hüten, dass nicht Tiebold, der im August aus England zurückgekehrt war, mit
seiner gewohnten »Wissbegierde« hinter sein neues, zur Entüllung noch nicht
reifes, auch vor dem Tode des Dechanten wohl völlig unmögliches Leben kam ...
    Tiebold hatte die Reise nach England im Interesse seiner canadischen
Holzgeschäfte machen müssen und, wie sich erwarten liess, er kam höchst elegisch
gestimmt zurück ... London ist nicht gemacht zum Romantischen! sagte er ... In
dem Gewühl der Weltstadt war er dem Obersten von Hülleshoven, seinem
Lebensretter, nur ein einziges mal begegnet und - ohne Armgart ... Letztere war
auf dem Lande bei Lady Elliot ... Und da er erfuhr, dass auch gerade Terschka
dort zum Besuch war, hielt er es für »unter seiner Würde«, sich dort anmelden zu
lassen ... Nur die Gräfin Erdmute und Porzia Biancchi sah er in London und
begleitete beide in ein Bibelgesellschaftsmeeting, zu dem sie vom Lande
hereingekommen waren, und dann eine Strecke am Temseufer entlang auf der
Rückreise nach dem Landsitz der Lady ... Er hätte, erzählte er, nur aus allem,
was er mit ihr verhandelt, das Eine herausgehört, wie Terschka wieder in
höchsten Gnaden bei ihr stünde ... Vom Obersten wusste schon Benno, dass seine
kühle Gesinnung gegen den katolischen Glauben von den Erfahrungen herstammte,
die er in Canada gemacht ... Das Leben in den Klöstern von Monreal hätte Anlass
zu gerichtlichen Untersuchungen gegeben und Hedemann hätte dann mit einer
angeborenen pietistischen Anlage den Obersten auf ihren Reisen vollends
angesteckt ...
    Auch Bonaventura erfuhr diese Mitteilungen ...
    Da sein Auge, träumerisch und irrend, immer nach dem Tal von Castellungo
gerichtet war, so mussten die reformatorischen Bestrebungen auf dem Gebiet der
katolischen Kirche mehr denn je Gegenstand auch der Unterhaltungen werden, zu
denen er die Freunde öfters bei einem einfachen Mahl in seinen Zimmern einlud
...
    Benno's Gesichtspunkte waren ausschliesslich politische ... Er sah in der
Kirchenspaltung den Untergang Deutschlands ... Er hasste das Betonen kirchlicher
Streitigkeiten und lehnte deshalb auch die Ansprüche ab, die der Protestantismus
auf grössere Vorzüglichkeit machte ...
    Wenn man den katolischen Glauben, sagte er, von dem Zwang, innerhalb
kirchlicher Gemeinschaft leben zu müssen, befreien und die Verbindlichkeit der
Autorität für die Freiheit des Gewissens aufheben könnte, so liegt eine
freundlichere Lebensauffassung in all unsern Ceremonien, als im Pietismus ...
Haben Sie in Gegenwart der Gräfin je eine wahre Freude über die Schönheit des
Meeres und den blitzenden Spiegel der Wellen äussern dürfen, als Sie mit ihr die
Rückreise machten, oder haben Sie irgendeinen weltlichen Gegenstand unbefangen
nennen können? Hedemann hat uns wenigstens in Witoborn auf jede natürliche
Äusserung unserer Empfindungen einen scheinbar frommen, im Grund aber
rechtaberischen Dämpfer zu legen gewusst ...
    Bonaventura nannte indessen seinerseits die Erscheinung des Protestantismus
nur deshalb unvollkommen, weil er nur durch das Bedürfnis, einen polemischen
Gegensatz aufzustellen, hervorgerufen wäre ... Der Pietismus, sagte er, das ist
ein Versuch, aus dem Protestantismus wieder zur Religion zurückzukommen; denn
Protestant sein, heisst nicht: Christ sein, sondern nur: Nicht-Katolik sein ...
    Und man müsse sich allerdings, fuhr er fort, eine Zeit denken können, wo
auch der Katolicismus in seiner jetzigen Gestalt aufhörte ... Die Verbreitung
der Philosophie würde dann bis in die kleinsten Hirtentäler Spaniens und
Siciliens gedrungen sein ... Ich verstehe, sagte er, unter Philosophie eine
Aufklärung, die ihre Resultate mit verständlichen Allgemeinbegriffen in die Welt
hinausgehen lassen kann ... Dann wird die Frage nur noch lauten: Was ist rein
christlich? ... Dann werden sich Protestanten und Katoliken begegnen müssen im
apostolischen Gemeindeleben ... Auf welchem andern Grunde soll man sich zuletzt
wieder die Hände reichen, als auf dem der Bibel? ...
    Mit Tiebold's schüchterner, aber fast mit latentem Fanatismus hingeworfener
Bemerkung zu Benno: »Vorausgesetzt dass man überhaupt kein Heide ist, wie denn
doch wohl mehr oder weniger Ihr Fall, mein bester Freund!« schloss die Debatte im
Scherz ...
    Ohne zu auffallende Erlebnisse, ohne ein Lebenszeichen von Westerhof, ohne
die Ankunft der Gräfin Erdmute, nahte sich schon der Spätsommer ... Benno wurde
indes erkoren, der Ueberbringer der Pacten zu sein, die bereits die Agnaten der
Familie Paula's, die Landschaft und die Curie von Witoborn dem Grafen Hugo zur
Unterschrift vorlegen wollten ... Der Präsident von Wittekind, Bonaventura
selbst waren an diesen Pacten beteiligt und jener erschien dann auch plötzlich
in der Residenz des Kirchenfürsten ...
    Benno und Bonaventura wurden durch seinen Besuch in jeder Beziehung
überrascht ...
    Kein stürmischer, aber auch kein kalter Gruss war es, mit dem er Benno in der
Tat seinen - Bruder nannte ... In der darauf folgenden kurzen Umarmung lag ein
ganzes Leben ...
    Die Sehnsucht Benno's, Mutter und Schwester kennen zu lernen, fand der sonst
dem Abenteuerlichen wenig geneigte Mann natürlich ... Die Mittel, eine Reise
nach Wien und Italien zu unternehmen, wurden reichlich von ihm dargeboten ...
    Das Band des Blutes zwischen beiden Männern war so eigentümlich bedingt,
dass sie sich anfangs ohne Wallung des Errötens nicht ansehen konnten ... Die in
solchen Lagen so oft vom Gemüt vorausgesetzte Gegenwart eines unsichtbaren
Geistes, der vom Land der Seligen herüber die Hände zweier so widerstrebender
Interessen ineinander legt mit dem Friedenswort: Seid einig! konnte hier nicht
vorausgesetzt werden ... Was sie umrauschte war der mitternächtige Flügelschlag
der Eule ...
    Der Hinblick auf Wien - auf die gemeinsame - Schwester mehrte den
unheimlichen, erschütternden Eindruck ...
    Der Präsident kam als Vertreter der Agnatenansprüche und als nächster
Verwandter Paula's, er dachte über die Notwendigkeit dieser Ehe ganz wie Monika
... Eine Schonung Bonaventura's, wenn sie ihm auch vielleicht als zu üben bewusst
war, forderte nicht die Stellung eines Priesters und überhaupt eines solchen,
wie sein Sohn ... Eher war die Erwähnung des Grafen Hugo um Benno's willen
mislich ... Er erzählte von Angiolina, von der Herzogin von Amarillas, was er
mit Vorbedacht erkundschaftet hatte. Sie werden vorziehen, den Namen der
Asselyns für immer zu behalten und fortzupflanzen, da er ohne Sie aussterben
würde! sagte er zum Bruder, den er - nicht Du nannte ... Die Gültigkeit der
betrügerisch geschlossenen Ehe des Kronsyndikus musste wiederholt zur Sprache
kommen ... Geld würde es auf alle Fälle reichlich kosten, sagte er, bis die
Sacra-Dataria in Rom, natürlich erst nach dem Tod des Dechanten, zu Ihren und
Angiolinens Gunsten Ihre Deutungen des kanonischen Rechts geltend machte ...
Auch in unserm Land würde dann die Anerkennung nur ein Gnadenact der Krone sein
können, der sich kaum verbürgen liesse, da die Herzogin von Amarillas nicht
einmal die Klägerin ist ... Sie wird sich hüten, das Verbrechen der Bigamie auf
sich zu laden ... Sie wird immer sagen, dass sie zuletzt den Betrug durchschaut
hätte ... Ich bin begierig auf Ihre Begegnung mit ihr ...
    Die Auffassungen des Präsidenten widerstrebten zwar einer Verbindlichkeit
derjenigen Ergebnisse nicht, die etwa Benno von einer Begegnung mit seiner
Mutter heimbringen würde, nannten aber die katolische Lehre von der Ehe
gefahrvoll und den bekannten Ehen des Schmieds von Gretna-Green nicht im
mindesten unähnlich ... Julius Cäsar von Montalto war ein von der Mutter
hergenommener Name, die sich Maldachini nur als Sängerin nannte ...
    Bonaventura verteidigte die Einfachheit der katolischen Ehe ...
    Sie ist ein letzter Rest der apostolischen Zeit ... sagte er ... Die
bürgerliche Gemeinde war damals die Kirche und die Kirche war die bürgerliche
Gemeinde ... Zwei Liebende sagten vor dem gemeinschaftlichen Genuss des
Abendmahls: Wir sind Eins! und keine Macht der Erde konnte sie trennen ...
    Leider auch die Kirche nicht mehr! ... setzte der Präsident seufzend hinzu
... Gewiss sollte dann auch hier der eigene Wille höher stehen als ein Mysterium,
das ein Mysterium zu sein aufhört, wenn sein Duft verflogen ist, die Liebe ...
    Die eignen Familienbeziehungen wurden für die Fortsetzung des Gesprächs zu
schmerzlich ...
    Den heftigen Anklagen des Präsidenten gegen Terschka, Rom, die Jesuiten,
Nück konnten die Freunde nicht widersprechen ... Auch hier hatte Friedrich von
Wittekind Zusammenhänge, deren Kenntnis ihm nur aus amtlichen Quellen gekommen
sein konnte ... Dennoch riet er Benno, Nück nicht ganz aufzugeben und
jedenfalls die Reise nach Wien im Auftrag der Dorste'schen Agnaten zum äussern
Anlass seiner weitern südlichen »Entdeckungsfahrt« zu machen ... Nur lassen Sie
sich kein rotes Kreuz aufheften, um in päpstliche Dienste zu treten! fügte er
hinzu ... Wenn Sie indes von Nück an den Staatskanzler empfohlen werden, das
nehmen Sie als interessante Reiseerinnerung! ...
    Ich würde wie Posa reden! ... scherzte Benno ...
    Tun Sie das ja nicht! Dann gibt er Ihnen eine Anstellung! entgegnete der
Präsident ...
    Man stritt über diesen Scherz ... Der Präsident sagte: Glauben Sie mir, der
Staatskanzler stellt jeden noch so freisinnigen Posa an, der von guter Familie
und katolisch ist ... Es hat aber gute Wege damit ... Sprächen Sie ihn, Sie
würden den klugen Mann so liebenswürdig finden, dass Sie nicht ein einziges
freisinniges Wort gegen ihn aufbrächten ... Er wird sogar liberaler sein als Sie
- wenigstens fürchtet er mehr als wir die Jesuiten ... Wenn er jetzt den Schein
annimmt, Rom beizustehen, so ist es nur, um unsern Staat zu schwächen ... Aber
auch das wird er in Abrede stellen und dem jugendlichen Sinn jede Zustimmung
abschmicheln ...
    Bonaventura und Benno blieben Welfen - nicht im hierarchischen Sinn, sondern
so wie Bonaventura einst zu Klingsohr hatte sagen können: »Nichts will im Grunde
die Freiheit der Völker und des Menschen mehr, als die katolische Kirche!« ...
    Der Präsident besuchte, zur Beruhigung des Dechanten, noch Kocher am Fall
... Er hatte sich als Beamter zur Disposition stellen lassen, weil seine
Erbschaft ihn zu sehr in Anspruch nahm ...
    Einige Wochen später war Benno zur Abreise bereit ... Bonaventura hatte kein
Wort von Paula gehört ... Ihre ekstatischen Zustände dauerten fort, aber ihn
selbst schien sie aus ihrem Leben gestrichen zu haben ... Es lag eine seltsame
Strenge, eine Strafe in diesem Schweigen ... Er litt unsäglich ...
    Benno erhielt von Nück die Papiere, die dem Grafen Hugo vorzulegen waren. So
sehr er sich dagegen sträubte, musste er dennoch Depeschen an Ceccone und den
Staatskanzler mitnehmen ... Er konnte dies in der Fülle der ihm übergebenen
Aufträge nicht ablehnen ... Der Dechant empfahl ihn an alle seine alten wiener
Freunde und besonders Einen, bei dem er wohnen sollte ... Benno nahm dies an,
obgleich er einsah, dass es ihn sofort nach Rom ziehen würde ... An die
Möglichkeit, dass und in welcher Form Ceccone wagen könnte, die Herzogin von
Amarillas sich nachkommen zu lassen, konnte niemand von den enger Verbundenen
glauben ...
    Tiebold blieb ausserhalb aller dieser Geheimnisse und litt unter der
Trennung von Benno wie ein Liebender unter der Trennung von seiner Geliebten ...
Sein »Halt«, seine »Führung« war dahin ... Doch zerfloss er nur in jene bekannte
Sentimentalität, die sich vor dem Übermass der Selbstrührung durch Poltern zu
bewahren sucht ... Er packte Benno's Koffer, revidirte seine Garderobe und
zerstörte ihm seine alten Brieftaschen, Haar- und Nagelbürsten, um ihm nur ein
prachtvolles englisches Reisenecessaire zum Andenken mitgeben zu dürfen ...
    Nicht ebenso »unausstehlich« aufmerksam, aber teilnehmend waren auch alle
andern Bekannte Benno's ... Nur Piter hatte sich seit einiger Zeit zurückgezogen
...
    Noch am Abend vor Benno's Reise kam Tiebold zu Bonaventura ins Domkapitel,
wo er hoffen konnte Benno zu finden, und erzählte atemlos einen »schönen
Skandal« ... Piter hatte Treudchen Lei gewaltsam aus dem Kloster entführt ...
    Denken Sie sich, erzählte er, Piter soll bereits schon einmal im Kloster
gewesen sein und zwar auf welchem hoffentlich »nicht mehr ungewöhnlichen« Wege?
... In einem Waschkorb! ... Ich versichere Sie auf Ehre! Eingepackt als
Leinzeug, das von einer im Kloster gehaltenen Nähschule gesäumt, gesteppt,
gezeichnet, gewaschen und gebügelt werden sollte ...
    Bonaventura schlug die Augen nieder ...
    Dieser Ueberfall, fuhr Tiebold fort, misglückte damals ... Aber - Sie
wissen ohne Zweifel, Herr Domkapitular, die kleine allerliebste Blondine, die
bei seiner verstorbenen Schwester diente - diese für ihn unbegreiflicherweise -
nein, um es aufrichtig zu gestehen, ich kann mir diese Verirrung seines
Geschmacks, »wenn Sie wollen« erklären ... Nicht nur nicht, dass die Kleine
wirklich ein Bild von Schönheit, von Sanftmut, von Anmut - ohne Spass - sondern
auch - dass sie -
    »Mehr Inhalt, weniger Kunst!« unterbrach Benno ...
    Tiebold, gewohnt, von Benno'schen Dialog-Hindernissen gereizt zu werden,
hörte nicht auf die Mahnung, sondern wandte sich an Bonaventura, der sein
Studirzimmer den Freunden bereitwillig zum Rauchen hergab, und fuhr fort:
    Sagen Sie selbst, Herr Domkapitular, finden Sie es nicht auch begreiflich?
...
    »Nicht nur nicht -« schaltete Benno ungeduldig ein ...
    Wer - sich - nur - irgend - auf Piter's - Standpunkt - zu - versetzen weiss -
sagte Tiebold, jede Sylbe betonend ...
    Ich kenne das junge Mädchen und wünsche jedem Glück, der dessen Liebe
gewinnt - schaltete Bonaventura zur Beruhigung ein ...
    Vollkommen meine Ueberzeugung! äusserte Tiebold mit einem Mitleidsblick auf
Benno ... Nur eine »dergleichen Acquisition« konnte »Piter's Naturell
Befriedigung gewähren« ... Eine Liebe darf manche Charaktere nicht »geniren« ...
    Kurz, Tiebold erzählte von einer Verkleidung, in der sich Piter ins Kloster
geschlichen hätte ... Früher wäre er im Waschkorb gekommen, diesmal aber als
Mitglied der weiblichen Nähschule selbst ... Er hätte nicht einen einzigen
seiner Sherrypunschfreunde zum »engern Complicen« gehabt. Der Gedanke wäre ganz
original aus »seiner Seele allein« entsprungen. Vielleicht höchstens mit
Hinzuziehung des Fräuleins Lucinde, die dem Treudchen diese Partie gönnte -
»vermutete« Tiebold ... Piter hätte sich in den einfachen Anzug einer Näherin
geworfen, hätte seine interessante Erscheinung durch einen Strohhut mit Schleier
unkenntlich gemacht und wäre so ins Kloster gekommen ... Das Glück hätte ihn
begünstigt und vor einem zu langen Umherirren bewahrt ... Treudchen Lei wäre
bald aufgefunden gewesen, er hätte sie in ihrer Zelle überrascht und ihr solange
- Tiebold bediente sich des auf Piter anwendbaren Ausdrucks - »zugesetzt«, bis
das schwache, willenlose Mädchen eingewilligt und mit ihm durch die Gänge, die
ins Waisenhaus führten, das Kloster verlassen hätte ... Dort hätte sie noch erst
ihre Geschwister unter Tränen geküsst und wäre dann spurlos verschwunden ...
Piter hätte ohne Zweifel den Weg nach einer Gegend genommen, die derjenigen
völlig au contraire gewesen wäre, aus der er jetzt »mit seinem Hause«
correspondire ... Sein Schwager, der Professor ausser Diensten, hätte im Sturm
der Indignation sofort Procura bekommen, während die Commerzienrätin die
»gewöhnliche Farbe ihrer Scheitel aus Anstandsrücksichten ins Kummergraue
melirt« hätte ... Ohne Zweifel würde Piter nach einigen Monaten an der Hand
seines jungen Weibchens »am Platz« zurückkehren und höchstens nur noch mit den
Curatoren des von ihm entweihten Klosters, namentlich mit dem
wiederhergestellten Pfarrer vom Berge Karmel, »einen schönen Tanz kriegen« ...
    Bonaventura hörte alledem zu, wie ein Arzt seinen Kranken reden lässt und
durch kein Lächeln verrät, dass die ihm mitgeteilten Symptome ihm in nichts
überraschend, wenn auch auf völlig andere Ursachen hinzuleiten erscheinen, als
sie der Kranke ausspricht ...
    Die Belustigung seiner Freunde über »Piter als Nähmamsell« konnte Tiebold,
trotz des Verdachts der Blasphemie, »nicht umhin« zu teilen und versprach sich
davon für den stadt- und landersehnten nächsten Carneval ein »anregendes Motiv«
...
    Benno reiste am folgenden Morgen ab und Tiebold gab ihm das Geleite bis auf
eine Tagereise, Bonaventura nur bis zur Abfahrt des Dampfboots ... In seinem
letzten Blick und Handdruck lag ein tiefes Bangen vor den Erfahrungen, denen
Benno entgegenreiste ... Die Rührung des Abschieds konnte nicht zum vollen
Ausbruch kommen - Tiebold's wegen, der teils mit den Kofferträgern zankte,
teils dem Abschied der Freunde und den etwa dabei fallenden »letzten Wünschen«
ein aufmerksames Ohr lieh ...
    Nach einem jener abwechselungsreichen Tage, wie man sie auch nur auf einem
menschenüberfüllten Dampfboot und dann nur mit Tiebold de Jonge, der Seele
einer solchen Fahrt, verbringen konnte, nahm Benno auch von diesem Abschied ...
Sie hatten noch eine Nacht in einem der schönen Hotels zugebracht, deren sich in
der Nähe des Grabes der heiligen Hildegard mehrere erheben ... Wieder brach ein
milder, sonniger Herbsttag an, als Tiebold frühmorgens talwärts, Benno bergauf
weiter fuhren ... Ihr Abschied war, wie Tiebold versicherte, nur auf kurze Zeit
... Der Landtag, der seinen Vater beschäftigte, trat zwar zusammen, würde aber
der von der Ritterschaft und den Städten beabsichtigten Anträge zu Gunsten des
Kirchenfürsten wegen sogleich aufgelöst werden ... Er würde dann nicht
verfehlen, ihn eines Morgens in »Oesterreich und Umgegend« zu überraschen ...
    Im Fremdenbuch ihres Hotels hatten sie den Namen Schnuphase gefunden ...
»Stadtrat« Schnuphase ... Der von der Commune wegen seiner
kirchlich-oppositionellen Richtung durch diesen Titel ausgezeichnete Mann
reiste, wie zu lesen stand, gleichfalls nach Wien ... Prächtige »Unterhöltung«
das! sagte Tiebold. Ein »Ersötz« für meine »unfreiwillige Kömik« ...
    Dieser letzte »Stich« vertrieb die Rührung nicht, mit der sich beide Freunde
umarmten ... Auch von Tiebold nahm Benno Abschied in dem seltsam ihn
beschleichenden Gefühl, ihn nie wiederzusehen ... Er musste sich abwenden, um das
flatternde Taschentuch nicht mehr zu bemerken, mit dem ihm Tiebold so lange
seine Grüsse zuwehte, bis der Dampfer, der ihn trug, hinter dem grünen Vorgebirge
des Niederwalds verschwunden war ...
    Benno's Schiff ging später und legte in Rüdesheim an, um Güter und
Passagiere aufzunehmen ...
    In der Tat wurde ihm hier Stadtrat Schnuphase als Mitpassagier zu Teil
...
    Herr Maria mit der rötesten Nase, sonst wie zu einer Audienz, in weisser
Weste, im Frack, weisser Halsbinde, erschien auf der Landungsbrücke und liess eine
Menge Koffer, eine Equipage von wenigstens zehn Centnern Uebergewicht aufladen,
darunter eine Kiste, der er eine Aufmerksamkeit widmete, als wäre sie ganz mit
Monstranzen, Messgewändern oder consecrirten Kerzen gefüllt ...
    Anfangs bemerkte er Benno nicht ...
    Herr Maria war in einem zärtlichen Abschied begriffen von einer hohen
Gestalt, die ihm kräftiglich die Hand schüttelte ...
    Benno erkannte den Moppes'schen Küfer, den Richter von der Eiche am
Düsternbrook, den Richter seines eigenen Vaters, Stephan Lengenich ...
    Wohl war ihm diese Begegnung eine unheimliche ... Er wich Schnuphasen aus,
ergriffen wie von einem Omen ...
    Doch allmählich, als das Schiff weiter fuhr und Benno, gegen den noch kühlen
Morgenwind in einen Mantel sich verhüllend, vom Verdeck aus den Küfer lange auf
der Brücke harren und mit abgezogenem Hut dann und wann noch den Stadtrat zum
Scheiden grüssen sah, löste sich der Druck der Erinnerung, der mit eisigen
Krallen sein Herz erfasst hatte ...
    Auch der Stadtrat hatte ihn jetzt entdeckt, erkannt und mit
Bewillkommnungen überhäuft ...
    Wo reisen Sie hin, Herr Stadtrat? ... Auch nach Wien? ... fragte Benno
gelassen ...
    Herr Maria hätte Benno vor Freude über eine solche Reisebegleitung fast
umarmt ...
    Eben fuhren sie am Johannisberg vorüber ...
    Er schilderte geheimnisvoll, was er oben gestern und heute gesehen auf dem
in der Sonne leuchtenden Schloss ...
    Er schilderte die »Öpörtements«, den berühmten Schreibtisch, der ganz mit »S
- piegeln« umgeben wäre, sodass der hohe »S - tötsmönn«, indem er die Feder
führte, immer sehen könnte, ob hinter ihm die »demögögischen Umtriebe« ... -
    St! ... unterbrach Benno ... Die Kellerei! ... Erzählen Sie von der! ...
    Der vor Begeisterung auch über diese Keller, wie er sagte, »sich noch in
einem ungefrühs - tückten Zus-tönde befindliche« Stadtrat machte eine
bedeutungsvolle Miene, sah nach Rüdesheim zurück, dann auf sein Gepäck und brach
von dieser Frage mit eigentümlicher Pfiffigkeit ab ...
    Ich glaube gar, Sie haben geheime Aufträge an den Staatskanzler? fragte
Benno ...
    Wieder folgte eine mysteriöse und diplomatische Abschwenkung ...
    Die Nase glühte in der Sonne ... Das weisse lockige Haar stand dem kleinen
Haupte ganz staatsmännisch und bedeutungsvoll ...
    Benno gab sich der Hoffnung hin, dass ihm seine Reise wenigstens von dieser
Seite her Unterhaltung bieten würde.
 
                                       5.
Stadtrat Schnuphase hatte den Mentor gefunden, den seine in diesem Sommer
mannichfach geprüften Töchter mit Verzweiflung vermissten, als sie hörten, Herr
Stephan Lengenich würde nur bis zum Schloss Johannisberg mitreisen ...
    Sie wussten, wie der Vater bei seiner entusiastischen Gemütsart in der
freien Luft, beim Anblick der hohen Dome, Domstifte, Kapellen, Kerzen und
Schenken aus sich »herauszugehen« pflegte ... Erst in Wien selbst war Aussicht
vorhanden, dass der so leicht angeregte Mann durch seine mitgenommenen
Empfehlungen in eine geregelte Ueberwachung kam ...
    Schon von Frankfurt am Main aus schrieb Schnuphase seinen Töchtern das
Glück, das er gefunden, den Herrn Baron von Asselyn als seinen Begleiter zu
haben ...
    Es war ein Glück, das Benno teuer bezahlen musste ... Denn Schnuphase
heftete sich an ihn an wie eine Klette ... Und einen Auftrag an den grossen
Staatsmann hatte Schnuphase auf jeden Fall ... Worin - erriet Benno nicht ...
Schnuphase, der ihn sonst bis in das Innerste seines Busens, bis auf alle
geheimen Medaillen und Amulete, die er unter dem blossen Hemde trug, sehen liess,
vermass sich hoch und teuer, hierin müsse er schweigen - er hatte sich und
seinem Schutzpatron drei Eide abgelegt - doch würde er bei dem grossen Staatsmann
für Herrn von Asselyn sprechen, falls er die Bekanntschaft wünschte; er würde
ihn einführen, ja, wenn er wollte, zu seinem »Mitbevöllmächtigten« machen ...
    Ums Himmels willen -! ...
    Benno wollte erst im Scherz zustimmen, erschrak aber über die Möglichkeit,
dass der Stadtrat wirklich in Sachen der Politik reiste ... Er konnte nicht auf
den Grund kommen, ob es sich um den Weinkeller oder um die Staatskanzlei
handelte ... Schnuphase bat ihn, seinen »Chöröcter« nicht zu compromittiren,
indem er ihn reize, seine Geheimnisse zu »öffenbören« ...
    Sonst liess sich der kühnste aller Emissäre, wenn er dies war, in seiner
ganzen Auffassung der Zeit und der schwebenden Fragen ohne alle Rücksicht gehen
...
    Schnuphase hatte zwei Brieftaschen, die er bei jedem Stundenschlag zog ...
Eine schien mysteriösen Inhalts ... Sie hing, wie Benno allmählich bemerkte, mit
den Tageszeiten, Rosenkranzverpflichtungen und den dadurch gewonnenen Ablässen
zusammen ...
    Von Würzburg hätte Schnuphase gern nach dem Würtembergischen
hinübergeschwenkt ... Bei Ellwangen lag die uralte Kirche der vierzehn
Nothelfer ...
    Nur durch das Verlangen, zu beobachten, wie ihm das bairische Bier bekommen
würde, vermochte ihn Benno zu einem schnelleren Betreten Altbaierus ...
    Das turmreiche Augsburg konnte nicht unberührt bleiben ... Mit Sehnsucht
blickte Schnuphase, der dabei nie unterliess, als »Reisender« auch in seinem
Geschäft zu wirken und bei allen Sakristeien anzuklopfen, auf die fern
aufragenden Voralpen, wo die hochheiligen Wallfahrtsorte Andechs und Altötting
lagen ...
    Zwischen Augsburg und München erfuhr Benno zwar noch immer nichts von
Schnuphase's diplomatischer »Mission«, aber von der geistlichen Partie derselben
lüfteten sich Schleier ...
    Schnuphase hatte Commissionen aus Belgien und Paris ... Er brachte
Medaillen, Wunderwässer und Rosenkränze in allen Formaten, wie sie die neue
geistliche Tätigkeit von Rom und Paris aus segnen und mit jenseitigen
Wohltaten erkräftigen liess ... Er selbst war Mitglied »fast zu vieler« Vereine,
wie er sagte, und suchte Benno für den Eintritt wenigstens in einige zu
interessiren ... Mit dem Flüsterwort: Ich bin Rat eines Rosengartens! erklärte
er Benno den »marianischen Bund« ...
    Diese Erzbruderschaft will den Rosenkranz als ein Lebendiges, in den
Personen Vertretenes darstellen ... 15 Personen stellen eine Rose vor; 11 Rosen,
also 165 Personen einen Rosenstock und 15 blühende Rosenstöcke einen Rosengarten
... Schnuphase beaufsichtigte demnach einen Rosengarten von 2475 Personen oder,
wie er im Styl der Andacht sagte, »von reuevollen und demütigen Seelen« ... Die
Ablässe, die die Mitglieder gewinnen, sind solidarisch und kommen nicht aus dem
Verdienst des Einzelnen, sondern aus dem der Gesammteit ... Man loost sie aus,
sodass die Hoffnung, eine Seele gewänne durch die Verpflichtung dieser
Erzbruderschaft einen Ablass von hundert Tagen oder eine Verkürzung der Pein im
Fegefeuer etwa von hundert Jahren, sich nicht auf das eigene Verdienst, sondern
auf das Verdienst eines - Mit-Rosenblatts begründet ...
    Von dieser liebeseligsten aller Gemeinschaften konnte Schnuphase nicht
reden, ohne dass in der Tat alle Rosen auch seines Antlitzes in ihren
glühendsten Farben spielten ...
    Das zweite Büchelchen entielt die Stunden und Tage der Ablässe, die sich
Schnuphase durch Verrichtung der von den verschiedenen Genossenschaften, zu
denen er gehörte, vorgeschriebenen Devotionen erwarb ...
    In München lebte Benno den Eindrücken der Kunst ...
    In einem Kaffeehause traf ihn aus einer Zeitung, die er zufällig las, die
Nachricht, dass in Wien eine Menge Römer, auch ein Principe Rucca angekommen wäre
- in Begleitung der Gräfin Olympia Maldachini, seiner Verlobten, und der
Herzogin von Amarillas.
    Er sprang vom Tische auf ... So nahe rückte ihm die Entscheidung! ... Doch,
doch folgte die Mutter dem Cardinal! ... Ha, rief es in seinem Innern, Du wirst
diese Menschen in glänzenden Carrossen an dir vorüberfahren sehen, wirst vor
ihnen entfliehen müssen ... Wie kannst du einen Tag in solcher Nähe bleiben! ...
    So grübelte er verzweifelnd und doch wieder hocherhoben ... Das Schicksal
kommt dir entgegen! rief er ... Es liess ihn jetzt nicht mehr unter den Bildern,
Statuen, Baumonumenten, unter - den Lächerrlichkeiten Schnuphase's ...
    Dieser war ganz der Vertreter der Lehre, dass die katolische Kirche die
heiterste Lust am Dasein segne und heilige ... Wie gute Geschäfte er machte ...
Wie kunstkennerisch er vom Bier zu reden begann, obgleich ihm nächtlich der
Schlagfluss drohte ... Wie viel Verbindungen er knüpfte und zwar heiterster Art
... Beim Pschorr, beim Hackerbräu endete, was im Sanct-Peter, der ältesten
Kirche der schönen Stadt, begonnen ... Der mächtigsten Bruderschaft »Maria-Hilf«
gehörte Jean Baptist Maria bereits in ihrer belgischen Verzweigung an ... Wie
heimisch war ihm nun das Gefühl, den münchener Sanct-Peter zu betreten, von
dessen Kanzel herab 1683 jene Bitten an die Gottgebärerin ertönten, die nächst
Sobieski's Säbel die Türken von Wien entfernten ... Sie wurden Anlass zu unserer
deutschen »Maria vom Siege« - wie die Schlacht von Lepanto und Don Juan
d'Austria's Sieg einst zur italischen ... Kam Schnuphasen ausser dem Anblick von
zahllosen Kerzen an diesem hochberühmten »privilegirten« Altar von Sanct-Peter
(einen »privilegirten« Altar zu sehen, ist dem gläubigen Gemüt ein Genuss, wie
euch Weltlichen nur der Anblick einer classischen Stelle Italiens) ein
weltlicher Gedanke, so war es der: Der Verein »Maria-Hilf« ist recht gemacht für
eine Stadt der Maler ... Jedes Mitglied desselben muss bei seinem Eintritt
geloben, ein Bild der allerseligsten Jungfrau im Hause zu haben ...
    In Regensburg, wohin Benno seinen Gefährten mühsamer und mühsamer geschleppt
hatte und wohin ihn zuletzt nur die Angst beschleunigte, es könnte seine dortin
auf dem Donau-Main-Kanal nachdirigirte Bagage und vorzugsweise die
geheimnisvolle Kiste verloren gegangen sein, bestiegen beide das Dampfboot ...
    Eine herrliche Donaufahrt dann! ... Die Passagiere: Soldat, Bauer, Bürger,
wiener Bürger, Baron, österreichischer Baron, Geistliche; Passauerinnen, - die
mit ihren Augen die »pössauer Kunst« üben - sagte Schnuphase ... Linzerinnen,
hübsche, »doch etwas gör zu blösse« junge Mädchen mit grossen goldenen Helmen auf
dem Kopf - »die schon alle mit russischen Herrschöften scheinen gereist zu sein
-« schmunzelte er ...
    Es war ein Gemisch, das sich an Bunteit sicher noch vermehrt hätte, ginge
nicht noch immer die »Ordinari«, ein grosses Floss, das Tiebold als Holzhändler
vielleicht aus Esprit de corps und »einmal zur Abwechselung« vorgezogen hätte
...
    Hinter Passau folgte die Revision der Pässe ... Die Identificirung der
Personen ... Schnuphase flog so eifrig von der ersten »Vöslauer«, einem Wein,
den er vorzugsweise zu studiren begehrte, auf und reichte seinen Pass so kühn
über die Häupter aller Handwerksbursche hinweg, dass ihm Benno sagte: Aber machen
Sie sich doch durch übermässige Loyalität nicht verdächtig! ...
    Die Gepäckrevision vermehrte Benno's Staunen über Schnuphase's Mission ...
Die Mautbeamten lasen gewisse ihnen vom Stadtrat dargereichte Zettel, griffen
ehrerbietigst an ihre Mützen und liessen alles ununtersucht ...
    Die geheimnisvolle Kiste, sah er bei dieser Procedur, war mit Wappensiegeln
verschlossen ...
    Benno's Gemüt geriet in immer tiefere Spannung - abwechselnd der Freude
und Trauer ... Er sah in die hellgrünen Wellen wie in einen Krystallspiegel mit
magischen Bildern ... Er verglich, was ihm wohler getan: Sein alter Irrtum
oder jetzt die Wahrheit! ...
    Die grünen Berge, die den Strom verengten, konnte er nicht sehen, ohne sich
nicht auf ihren Spitzen Armgart zu denken ... Welche neue Erscheinungen standen
ihm bevor ... Wie sollte er sich ihnen nähern ... Unter welchen Veranlassungen
... Er sah voraus, dass er, wie sein Bruder gesagt hatte, vielleicht vorziehen
würde, das zu bleiben, was er war ...
    In scharfen Contouren lagen die schon von frischgefallenem Schnee glänzenden
steirischen Alpen vor seinem wehmutumflorten Auge ... Die an den Ufern des
buchten- und windungsreichen Stromes liegenden Städte schimmerten in heller
Pracht mit ihren über und über weissgetünchten Häusern und Kirchen ...
    Linz war erreicht ... Ein kurzes Nachtlager ... Dann die »Wirbel und
Strudel«, die mehr zu reden als zu fürchten gaben ... Mitten in der Strömung
auftauchende »Auen« und Inseln erinnerten an die »Weerte« des andern geliebten
Stromes - an »Lindenwert« ... Mit schmerzlichem Sinnen gedachte Benno des
vorjährigen Herbstes und seiner verklungenen Hoffnungen ... Eine verlorene Liebe
ist wie die zerstossene Perle, die den Becher eines ganzen Lebens würzt - wie der
Tropfe zerflossenen Goldes, mit dem auf der Palette ein Maler alle seine Farben
mischt ...
    Benno sah jetzt, je näher er Wien kam, alles feierlich und geheimnisvoll ...
Mit einem Herzen voll Gluck hätte sich ihm manches zugänglicher und
verständlicher gemacht ... Das Schöne weckt vielen Gemütern ohnehin nur Trauer
... Und schön war hier alles ... Auch hier ragten die hohen Bergkanten schroff
empor wie der Geierfels und das Hüneneck ... Auch hier blinkten im wilden
Gestrüpp der Büsche, im Geröll zerbröckelnder Burgmauern die Edelsteine der
Sagen aus alten Zeiten ... Auch hier konnte auf so mancher Altane das Auge einen
im Wind wehenden Schleier und das Winken der Gefangenen mit ihres Geliebten
bunter Schärpe sehen ... Hohe Schlösser ragten wie Schloss Neuhof, seines Vaters
stolzer, erinnerungsdüsterer Stammsitz ... Diese hier bargen Chorherren und
Mönche ... Bonaventura hatte grosse Verehrung vor ihnen, weil ihre Bewohner,
Benedictiner, den Wissenschaften oblägen ... Oft im Frühjahr, nach dem Kampf mit
Roter, äusserte er die Meinung, sich hieher oder in die alten Biblioteken der
Schweiz flüchten zu können ... In einzelnen Booten und auf Flössen sah man
Processionen, die zu Maria-Taferl wallfahrteten ...
    Viele von den Pavillon-Passagieren kamen jetzt erst aus den Bädern zurück
... Es fanden Erkennungen und Begrüssungen statt, auch Misverständnisse und
Entschuldigungen ... Dicht an vier in Linz aufgefahrenen kleinen Wägen mit dem
überraschenden Inhalt von Löwen und Tigern, die als Nachzügler zu einer in Wien
schon befindlichen Menagerie gehörten, erklärte ein Witzbold die Gefangennahme
Richard Löwenherzens auf dem gegenüberliegenden Dürrenstein dahin: »Aber
erlaubens, wann so ein Engländer auch mit einem Löwen statt 'nem Pudel reist,
hat der Herzog von Oesterreich dazumal Ursach' gehabt, den Mann einstecken zu
lassen!« ...
    Schnuphase war wie im Vorhof des Paradieses ... In Linz war ihm schon der
Geschäftsfreund entgegengekommen, an den er empfohlen war, der Mitbesitzer der
Paramentenhandlung Pelikan & Tuckmandl auf der Currentgasse ...
    Herr Calasantius Pelikan war eine kleine, dicke und sehr entschieden
auftretende Natur, mit pechschwarzen, fast zottigen Augenbrauen, Ringen an den
Fingern, in grünem Frack, rotem Halstuch, gelber Weste, dem lustigsten
Farbencontrast, ganz als wäre das Erdenleben ein ewiger Fasching ...
    Schnuphase schwamm in Entzücken über diese Aufmerksamkeit, ihm so auf Meilen
entgegenzureisen ... Er zog Benno in die Besiegelungen ewiger Freundschaft
hinein, die den Mittelpunkt der ganzen Schiffsconversation zu bilden anfingen
... Ja, im Bewusstsein seiner vertraulichen Beziehung zu dem zweitersten Manne
dieses grossen Staates ergab sich Schnuphase der sorglosesten Sicherheit, die
auch bereits mit allen feineren Nuancen der von ihm erprobten Weine des
Schiffskellers übervertraut war ... Er sah im Geist den Stephansturm umringelt
von oben bis unten mit Praterwürsteln ... Im »Sperl« hatte er durch Herrn
Pelikan sogut wie schon einen »belegten« Eckplatz und in »Dommayer's«, in
»Hietzing« wurden durch ihn und die mit ihnen speisten, bereits die Backhändln
rar ... An der Table-d'hôte tat es Schnuphase nun unter Champagner nicht mehr
und Benno musste nur immer hinterrücks an seinem Sommerrockärmel zupfen, um ihn
nur zu bewegen, gegen seine Tischnachbarn den grossen Allmächtigen aus dem Spiele
zu lassen, den er halb schon seinen besten Freund nannte ...
    Schnuphase's eigentümliche »S - pröche« nannte Herr Calasantius Pelikan zum
tiefsten Schmerz des Stadtrats: »Wol preussisch?« ...
    Nach dem Diner schmollte darüber Schnuphase ... Dann aber, wieder
ausgesöhnt, war er so neckisch gestimmt, dass er's nun auf die »Donauweibeln«
abgesehen hatte ... Er begab sich schwankenden Fusses nach der Vorderkajüte und
band dicht neben den reissenden Tieren ein Gespräch mit den blassen
volkstümlichen Mädchen in goldenen Helmen an, sie fragend, ob sie keine Furcht
hätten vor den furchtbaren Löwen, Pantern und Hyänen oder, wie der sich ebenso
schmunzelnd hinter ihm hertrottelnde Calasantius ausdrückte »vor oall den
talketen Koatzen?« ...
    Immer fester aber und enger schlang sich das Band der neuen Eindrücke um
Benno ... Eine »Musikbanda« kam aufs Schiff und spielte gellend auf ... Bei
einer Frage um den Grafen Hugo von Salem-Camphausen verwickelte sich Benno in
Gespräche mit Offizieren ... Seines fesselnden Eindrucks wegen gab man sich ihm
gern hin ... Er studirte das eigentümliche, zwischen Französisch und Wienerisch
gehaltene Plauschen der österreichischen Aristokratie ... Der Erzähler dieser
Geschichten hat das Wesen der meisten Menschen nach dem Durchtönen der von ihnen
am häufigsten gebrauchten Vocale unterscheiden wollen, je nachdem die Menschen
in A gesetzt sind (sie sind würdevoll und gleichmässig), in I (sie sind
verwundert und fröhlich), in O (Hypochonder), in U (Mystiker), in E (Tadelnde,
Nergelnde, Mäkelnde). Die österreichische Aristokratie ist entschieden auf E
gesetzt. Sie tadelt und kritisirt in einem fort ... Alle Erscheinungen fremder
Küchen, Keller, Sitten sind ihr »mechant«; einiges wenige ausgenommen, das sie
dann freilich auch ebenso entzückt »charmant« oder »supeeerb« findet, wozu das
Zusammentreffen von Bedingungen gehören musste, die Benno erst zu ergründen
suchte ... Seltsame Welt, die ebenso viel Selbstbewusstsein wie einen plötzlichen
Mangel aller Unterlagen offenbarte ... Selbst die allgemeine Heiterkeit und Lust
schien sich zuweilen in eine nur vorgehaltene Maske zu verwandeln ... ...
    Als Schnuphase in der Kajüte schnarchte, erwies sich Herr Calasantius dem
Herrn Baron als ein Mann von Gefälligkeit ... Es war ein »nach Wien
geheirateter« Böhme ... Er hatte gehört, Benno würde in einem geistlichen Hause
auf der Freiung wohnen und stellte nun den Paramentenhändler heraus ... Der
Onkel Dechant hatte Benno an einen alten Freund und Correspondenten, den
ehemaligen Chorherrn der Prämonstratenser, Herrn Pater Grödner, empfohlen, einen
Gelehrten, der an öffentlichen Anstalten Unterricht gab ... Herr Calasantius
Pelikan beschrieb den Mann und sein Haus ... Von seiner eigenen Niederlassung in
der Currentgasse erzählte er, es wäre nahe jener Behausung, wo einst die
allerseligste Jungfrau dem heiligen Stanislaus von Kostka erschienen wäre und
ihm das Jesuskind zum Spielen aus die Bettdecke dargereicht hätte ... Der Herr
Stadtrat würde bei ihnen wohnen ... Sein Schwager, der Herr Nepomuck Tuckmandl,
wäre der Herbergsvater der Goldsticker, bewahre die Innungslade und ginge bei
den Processionen voran ... Alles das würde jetzt wieder »so schön und neu«
aufgerichtet und der Herr Stadtrat würde, im Vertrauen gesagt, unter sehr hoher
Protection, einen »christlichen Gesellenverein« einrichten, was bei dem »Geist
der Zeit« allerdings einige »Schwürigkeiten« haben würde ...
    Auf jedes Übermass der Freude folgt Ernüchterung ... Schnuphase hatte nach
dem Erwachen besorgliche Zustände - Nachwehen, Beklemmungen ... Die kommende
grosse Stadt fiel ihm schwer aufs Herz ... Er beschwor Benno, ihn in dem Gewirr
nicht zu verlassen ... Auch seine »Mission« flösste ihm Besorgnisse ein ... Er
wiederholte in allem Ernst, dass er die »Audienz« lieber anträte mit
»Unters-tützung« eines »gewöndteren Redners« ... Könnt' ich mich Ihnen doch nur
ganz »öffenbören« - hauchte er ...
    Nach Ihrer vornehmen Kiste zu schliessen, sagte Benno, vermut' ich, dass es
der Protection des fürstlichen Kellermeisters bedarf, um in der ehrenvollen
Eigenschaft Ihres Mitbeaustragten zu erscheinen ...
    Schnuphase seufzte wie unter einer schweren Last ...
    Es war schon dunkel, als endlich Nussdorf erreicht war ...
    Die Maut ist dann ein chemisches Reagens, das alle Verbindungen löst ...
Jeder muss an sich selbst denken ...
    Benno fuhr auf diese Art in die innere Stadt allein ...
    Der aufgehobene Chorherr der Prämonstratenser, Herr Pater Grödner, war
vollkommen unterrichtet und nahm ihn freundlich, wenn auch etwas befangen, in
einem grossen geistlichen Hause auf ...
    Der Onkel Dechant hatte ihm vorausgesagt: Pater Grödner ist ein Hypochonder,
wie im Grund ganz Wien nur deshalb ausgelassen lustig ist, um seine plötzlichen
Anfälle von Hypochondrie zu vergessen ...
    Benno erhielt einige ganz ihm allein angehörende Zimmer ...
    So spät es war, eilte er den Abend doch noch ins Freie ... Das Gefühl: Hier
leben dir eine Mutter - eine Schwester! drohte ihm die Brust zu zersprengen ...
Jede weibliche Gestalt, die er an sich vorübergehen sah, betrachtete er mit
prüfendem Auge ... Von Angiolinen hatte er gehört, dass sie Lucinden ähneln
sollte ...
    So schritt er planlos dahin und atmete ebenso das allgemeine Leben der
grossen Stadt wie das Geheimleben, das diese Steinkolosse gerade nur für ihn
erschliessen sollten ... Erst ein Regenschauer führte ihn nach Hause zurück ...
Da der Chorherr ihn in nichts stören wollte, fand er ein Nachtmahl für sich
allein ...
    Am folgenden Morgen war das Wetter wunderschön ... Es hatte die Nacht
hindurch geregnet ... Eine laue Luft wehte wie im Frühling ... Sein Wirt war
schon freundlicher ... Der lange hagere Herr, bejahrter als er aussah, lud zu
einer Spazierfahrt ein, sogar zum »Speisen« in Hietzing ... Er wollte vom
Dechanten, von Monika, von der Seherin von Westerhof hören ... Und mit der
Aebtissin der Hospitaliterinnen, Schwester Scholastika, bei welcher Monika so
lange Jahre im Kloster gelebt hatte, war er auch bekannt ... Selbst von
Bonaventura hatte er gehört ... Er sprach von Ceccone ... Dieser wohnte ganz
nahebei ... Benno wollte die Depeschen an den Cardinal und den Staatskanzler
übergeben ... Der Chorherr schlug einen Fiaker vor, den man nehmen wollte, um
alle diese Commissionen mit Bequemlichkeit auszurichten ... Er gehörte, nach
Aufhebung seines Klosters, schon seit Jahren einer höhern Studienanstalt an, die
gerade Herbstferien hatte ... Alle Erläuterungen, die er gab, begleitete er mit
einem eigenen seufzenden Lächeln ... Er sprach nicht drei Worte, ohne sich nicht
selbst zu ironisiren ...
    Als sie einen Fiaker genommen hatten, fuhren sie erst bei Ceccone in einem
nahen und bescheidenen Palais vor ... Benno gab die Briefe von der
Stellvertretung des Kirchenfürsten ab ...
    Ihre Adresse ist nicht nötig, sagte der Chorherr mit trockener Ironie ...
Wo Sie wohnen, das weiss heute früh schon jeder - Polizeivertraute ...
    Auf der Herrengasse vor dem Palais des Grafen Salem-Camphausen erteilte ein
Portier in den Camphausen'schen Farben den Bescheid, dass die Frau Gräfin
verreist und der Herr Graf auf Schloss Salem wäre ... Benno übergab ein an diesen
gerichtetes Billet, das er für diesen Fall bereit gehalten ...
    Sie bringen dieser Familie die Erlösung, sagte der Chorherr, und müssen doch
erst selbst anklopfen! ... Gerade wie in der Pastoralteologie! ...
    Noch ehe Benno aus seinem Nachsinnen erwacht war, stand der Wagen vor der
Staatskanzlei ...
    Auch hier stiegen beide aus und übergaben dem Portier die Briefschaften ...
    Pressant! sagte der Chorherr zum Portier ... Se. Durchlaucht lesen die
Briefe lieber des Morgens als des Abends ...
    Der Portier hatte ihm die Briefe mit zu vielem Gleichmut in seine Loge
gelegt ...
    Dass doch die Posten selbst für die Staatsmänner nicht sicher sind! sagte der
Chorherr beim Einsteigen. Ich glaube, es kommt daher, weil die Staatsmänner ein
schlechtes Gewissen haben und die Behandlung der Brieffelleisen kennen ... Wenn
Sie Geheimnisse haben, mein Bester, so nehmen Sie nur ja erst Oblaten und dann
Siegelwachs ... In solchem Fall muss wenigstens das Couvert abgerissen und
aufrichtig darauf geschrieben werden: »Mangelhaft verschlossen« - -
    Die Empfehlungen an ein Haus Zickeles wollte Benno abzugeben noch
aufschieben ...
    Haben Sie noch sonst eine Commission in der Stadt? ...
    Benno kämpfte mit sich, die Namen Angiolina Pötzl und die Herzogin von
Amarillas zu nennen ...
    Er unterdrückte den Reiz und gab gern seine Zustimmung, dass nun der Wagen
pfeilgeschwind zum Burgtor hinausfuhr ...
    Die Unterhaltung konnte nur Erläuterung zu den bunten, mannichfach
wechselnden Eindrücken der Fahrt sein ...
    Maria Treu das! sagte der Chorherr auf eine Kirche deutend ... Wir haben
Maria Stiegen - gehört jetzt den Jesuiten ... Maria Treu - gehört den Piaristen
- La même chose - Maria Schnee - gehört den Italienern. In Rom zählt' ich
fünfundzwanzig Marienkirchen ... Ich war in Rom ... Ei, da sehen Sie, auf dem
Gebirg ist die Nacht schon Schnee gefallen! ... Da zu, wo Schloss Salem liegt ...
Kennen Sie die Sage von Maria zum Schnee? ... Einige hundert Jahre nach dem Tod
unsers Herrn und Erlösers wusste ein reicher Römer keinen Platz, wo er eine
Kirche hinbauen sollte ... Die Gottesmutter erschien ihm und zeigte ihm den
esquilinischen Hügel, auf dem die Nacht Schnee gefallen war ... Es ist ein ganz
sinniger Zug, dass man den Italienern auch hier die Kirche »Maria Schnee« gegeben
hat. Maria Schnee ist das Symbol von Rom in seinem Verhältnis zu Deutschland ...
    Benno konnte sich allmählich denken, dass die Freundschaft des Onkels
Dechanten für diesen Chorherrn wohlbegründet war ... Doch mochte er sich nicht
von selbst in sein Inneres drängen ...
    Bei dem zu Hietzing in einem besondern Cabinet eingenommenen Mahle ergab es
sich, dass der Chorherr jene sich auf sich selbst stützende Kraft des reichen
Klosterlebens alten Styls repräsentirte ... Ein lebhaftes Unabhängigkeitsgefühl
trat immer mehr zu Tage ... Und beim Wein löste sich die Zurückhaltung des
unterrichtet und höchst scharf urteilenden Mannes vollends ... Der Chorherr war
ein Bürgerssohn aus dem Salzburgischen, hatte grosse Reisen gemacht, gelehrte
Werke herausgegeben und stand seit der Aufhebung seines Prämonstratenserstifts
nur noch im losen Zusammenhang mit dem Klerus ... Immer heiterer und heiterer
wurde er ... Das ganze gleichsam zurückgetretene Liebesgefühl und
Liebesbedürfniss des katolischen Priesters, das sich bei würdigen Naturen in
einem nicht zu misdeutenden Bedürfnis nach männlicher Freundschaft und
namentlich zu Jünglingen ausspricht - wodurch gutgeartete höhere katolische
Priesternaturen eine seltene Befähigung zur Erziehung gewinnen - kam auch bei
dem bisher so trockenen alten Herrn ganz zum Vorschein ... Er konnte die Hand
des jungen Mannes wie ein Verliebter drücken ...
    Beim Dessert sprach der Chorherr schon wie ein Vater mit seinem Sohn ... Es
war ihm nichts fremd von dem, was die Welt bewegte ... Nun kam das alles heraus
... Er las, was nur dem Gebildeten zu kennen geziemt ... Und sein Gelesenhaben
und Wissen war, nun blitzte auch das auf, wie eine geheime Waffe gegen seinen
eigenen Beruf, eine geheime Rüstung für die künftige Zeit ... Wie Benno die
Donaureise beschrieb und freimütig auf die Zeiten zu sprechen kam, wo, wie der
Jesuitengeneral einst zu Terschka geklagt hatte, sieben Achtel der
österreichischen Lande protestantisch waren, - wie er dann vollends den
Bauernaufstand des Stephan Fadinger erwähnte und bei Gelegenheit der Wohnung
Schnuphase's die Weigerung des frühern luterischen Hauswirts des heiligen
Stanislaus, das Allerheiligste in sein Haus kommen zu lassen - da sagte der
Chorherr unerschrocken:
    Wir werden noch einmal wieder zurückkommen müssen auf das sechzehnte
Jahrhundert, mein Lieber! Wir werden noch einmal da anfangen, wo der gute Luter
stehen geblieben ist, ehe die Habsucht der sächsischen und hessischen Fürsten
den seltenen Mann in Beschlag nahm und die Ausartungen seiner Reform ihn
erschreckten! Freilich ist ein Volk, das in einer Wallfahrt ein Gemütsbedürfniss
befriedigt, ein Volk, das sich zu einer Bruderschaft vom »Todesschweiss des
Erlösers« zahlreich einschreiben lassen kann, nicht sofort durch Kant und Hegel
für die Aufklärung zu gewinnen. Das Kreuz des Erlösers wird die Reform immer
mittragen müssen! ...
    Benno hörte die Ansichten Bonaventura's ...
    Nach Tisch wandelten beide jetzt schon Vertrautgewordenen in dem bereits
entlaubten herrlichen Park von Schönbrunn ...
    Der Chorherr legte seinen Arm in den Arm seines jungen Freundes ... Mit dem
Blick auf die Aussenwelt, mit dem herbstlichen Laub, das vor ihnen der Wind
dahinfegte, kehrte die Hypochondrie des Greises zurück ...
    Das herrliche sonnige Wetter hatte die Käfige der Menagerie geöffnet ...
    Benno folgte dem Zuge der andern Spaziergänger, folgte dem Lachen über die
Kunststücke der Affen, dem Brüllen der Löwen, dem Gekrächz der Vögel ... Der
Chorherr gab nach, obgleich er sagte:
    Diese Gefangenen machen mich melancholisch ... Bestien gehören in die Wüste
und der Mensch steht gar so feige vor dem Gitter und freut sich, dass er im
Sichern ist ...
    Wie sie im Strom der andern den Behältern näher gekommen waren und vor einem
mächtigen Königstiger eine elegante Gesellschaft von Herren und Damen fanden,
die mit italienischen Anrufen das unruhig hin-und hergehende, schon bedenklich
den Schweif schlagende Tier reizten, sagte der Chorherr:
    Und das fehlte nun auch noch! Die feigste Nation von der Welt hat hier
Courage ...
    Die Neckenden schienen sämmtlich Italiener zu sein ...
    Einige Offiziere waren darunter, die der italienischen Nobelgarde angehörten
... Einige andere gehörten zum Civil ...
    Den Mittelpunkt bildete eine einzige kleine junge Dame, die sich im Necken
des Tigers bis zur Ausgelassenheit gefiel ... Die schlanke und gestreckte
Gestalt des aufgescheuchten Tieres wand sich in gleichmässigen Schritten bald
rechts, bald links ... Das grünlichgraue Auge funkelte phosphorartig; es war auf
die leuchtenden Farben des Kleides und vorzugsweise eines kleinen Sonnenschirms
der jungen Dame gerichtet, die nicht aufhörte, mit einer rauhen
befehlshaberischen Stimme den Tiger anzureden und in steigende Gereizteit zu
versetzen ...
    Plötzlich fiel der kleine Sonnenschirm in den Behälter des in kurzen Sätzen
stöhnenden Tieres, aus dessen Augen helle Funken zu sprühen schienen, Vorboten
der ausbrechenden Wut ...
    Die italienischen Herren lachten laut auf ...
    Benno, der dicht dabeistand, hörte vom Chorherrn die verächtlich
geflüsterten Schiller'schen Worte:
»Herr Ritter, ist Eure Liebe so heiss,
Wie Ihr mir's schwört zu jeder Stund',
Ei, so hebt mir den Handschuh auf!« ...
    Die sämmtlichen Umstehenden schienen entweder kein Deutsch zu verstehen oder
nichts von der Schiller'schen Ballade zu wissen ...
    Die Italienerin war jedoch vollkommen von dem eigensinnigen Temperament des
Fräuleins Kunigunde im Gedicht ... Wie ein verwöhntes Kind beklagte sie ihren
Ombrello und verlangte ihn zurück ...
    Die Herren sprachen vom Wärter, den sie rufen wollten ...
    Der Tiger kümmerte sich nicht, wie wenn er ihm doch gehörte, um den etwa
einen Fuss vom Gitter entfernt liegenden Gegenstand, sondern ging nur nach wie
vor schnaubend auf und nieder oder stellte sich zuweilen zum Sprunge ... Das
Tier bot alle Veranlassung, ohne den Wärter den Sonnenschirm ruhig liegen zu
lassen ...
    Jetzt erst sah Benno das Antlitz der Kleinen ...
    Es war äusserlich ein halbes Kind und doch zeigte sich eine Entschiedenheit
der Mienen, die erschrecken konnte ... Die Haut, an sich zart und pfirsichweich,
spielte ins Grüngelbe ... Die Augen schwarz, die Lippen rubinrot, die Zähne
blendendweiss ... Das in Flechten unter dem Hute sichtbare Haar hatte ein echt
italienisches Blauschwarz ... Die Augenbrauen riss sie hoch auf wie aus Zorn,
Verlegenheit und Beschämung ... Alle Zähne sah man ... Ihr Wesen hatte selbst
etwas Tierisches ...
    Am ungeduldigsten und eifrigsten, dem fortwährend um ihren Ombrello
klagenden Kinde von vielleicht schon zwanzig Jahren eine Beruhigung zu gewähren,
zeigte sich ein junger eleganter Mann von derselben Unreife der äussern
Erscheinung, doch mit ebenso sichern und lebhaften Manieren ... Die Kleine warf
dem Dandy in gelben Glacéhandschuhen vor, dass er nicht einmal zwei Schritte bis
ans Gitter zu gehen wagte aus Furcht vor den möglicherweise durchgesteckten
Tatzen des Tigers ...
    Die andern Italiener lachten und machten Spässe über die Anwendung, die ein
bengalischer Tiger von einem mailänder Sonnenschirm machen könnte ... Sie
wollten jedoch nur den Wärter rufen ...
    Die zornige junge Dame war nahe daran, um den Sonnenschirm herauszuholen,
einem der Offiziere den Degen aus der Scheide zu ziehen ...
    Perché ella ha quello spiedo! sagte sie ...
    Inzwischen hatte Benno statt des »Bratspiesses« sein leichtes
Spazierstöckchen verkehrt ins Gitter gehalten und mit dem Griff desselben,
während die linke Hand den erschrocken ihn ergreifenden Chorherrn zurückhielt,
den Sonnenschirm aufgegabelt und herausgezogen ... Der Tiger blieb stutzend
stehen ...
    Mit dem geläufigsten Italienisch übergab Benno der ihm überrascht ins
Antlitz sehenden Dame den Schirm:
    Anche le fiere del deserto cognoscono la civiltâ, que si deve alle signore!
...
    Grazie, Signore! sagte die junge Dame mit einer plötzlich veränderten Stimme
...
    In diesem Dank, in dieser leichten Verbeugung lag eine Anmut, die selbst
den Chorherrn bestimmte, zu sagen:
    Der Blick war es freilich wert, die »Artigkeit der Wüstentiere auch gegen
Damen« zu riskiren! ... Aber ein merkwürdiges Gesicht das! ... Ich möchte fast
sagen die Schönheit der Hässlichkeit ... Eine Stumpfnase, eine gewölbte Stirn,
ein mürrisch hängender Mund, aber alles wie der Blitz in Brillantfeuer
verwandelt durch ein einziges Lächeln! ...
    Benno fiel Lucinde ein ... Lucinde war schöner, edler gewachsen; aber bei
der Fahrt von St.-Wolfgang nach Kocher am Fall im vorigen Jahre hatte sie so im
Wagen neben ihm gesessen, so von phantastischen Schlössern geträumt, ganz mit
diesen verklärt bestrickenden Augen ...
    Die Italiener waren inzwischen verschwunden und hatten sich zu »Dommayer's«
wahrscheinlich erst jetzt begeben ...
    Benno und der Chorherr fanden ihren Wagen am Eingangsportal des Schlosses
...
    Diese italienischen Nobili, die die Politik hier zu einer Garde vereinigt,
sagte der Chorherr, kommen mir vor, wie sonst die Heerführer der alten Deutschen
bei den Römern als Geiseln lebten ... Sie sollen die deutsche Weise annehmen und
in Mailand keine Verschwörungen machen ... Es wird aber damit werden, wie mit
dem Arminius ... Der lernte auch in Rom nur die Handgriffe der römischen
Kriegskunst und schlug damit die Römer ... Vom Schwert dieser Italiener droht
uns allerdings wenig Gefahr; aber sie haben Dolch und Gift und - Rom ... Doch -
was tu' ich - hüten Sie sich ja, hier von Politik zu sprechen! ... Das
Spionirsystem erstreckt sich bis ins Innerste der Familien ... Was die Polizei
nicht tut, tut die Loyalität von selbst ... Die Sucht nach Auszeichnungen und
Anerkennungen ist so gross, dass hier Menschen auf die gemütlichste Weise mit
Ihnen scherzen können und Sie dennoch denunciren - aus »Patriotismus« ... Wer
weiss, ob Sie vor mir sicher sind! ...
    Benno ergriff lächelnd den Arm des Greises und drückte ihn an seine Brust
...
    Auf seine Äusserung, dass denn doch wohl Rom ein treuer Verbündeter des
Kaiserstaats wäre, erwiderte der Chorherr:
    Man glaubte eine Zeit lang, dass Cardinal Ceccone seine Macht verlieren würde
... Seine Gegner im Vatican, besonders Fefelotti, schienen zu triumphiren ...
Aber es scheint, er hat mit den Jesuiten ein Compromiss getroffen und hält nun
wieder alle Bannstrahlen in seiner Hand ... Sein Auftreten bei uns ist
bedeutungsvoll ... Alles, was man für die innere Reform unserer Kirche gehofft
hatte, scheint verloren ... Die unglückselige Manie der Fürsten und
Staatsmänner, nur Eine Gefahr, die der Revolution, zu sehen, macht sie wider
Willen zu Beförderern des Aberglaubens und der Hierarchie ... Der Staatskanzler
hasst die Jesuiten ... Aber sie nehmen seine Devise an und sagen: Nous sommes
conservateurs comme vous! ... Was will er machen! ... Dafür, dass wir den
Jesuiten Deutschland geben, erbieten sich wieder die Jesuiten, an Oesterreich
Italien zu lassen ... Doch in diesen italienischen Köpfen ist es selbst unter
dem Purpurhut nicht geheuer ...
    Benno, Ceccone's Stellung und die Zähmungsmittel der Jesuiten vollkommen aus
seinem eigenen Dasein kennend, fragte schüchtern nach dem Cardinal und ob sein
Gönner ihn gesehen hätte ... Er wagte nicht, tiefer zu dringen ...
    Hier noch nicht! erwiderte der Chorherr ... Aber vor Jahren sah ich ihn in
Rom ... Ich machte eine Reise dortin zu einer Zeit, wo unser Deutschland noch
erst wenig von der römischen Curie beachtet wurde ... Wie unschuldig nimmt sich
auch unser deutsches Kirchlein Maria dell' Anima in Rom aus! ... Franzosen und
Spanier haben sich da seit Jahrhunderten wahrhaft königlich zu vertreten gewusst
... Unser Kirchlein aber, das hat so etwas nur vom tyroler Geschmack und dennoch
macht es den Eindruck des ehrlichsten und aufrichtigsten aller Gotteshäuser in
Rom ... Auf die Phantasie wirkt's nit, das ist wahr; nur ein reines Herz und
rechten Drang zum Beten muss Eins mitbringen, um darin Gefallen zu finden ...
Aber - ja - vom Ceccone sprach ich ... Den sah ich öfters ... Ihn und die
meisten Cardinäle ... Man muss sagen, diese Monsignori sind Menschen, für die
Gott ein eigenes Paradies und eine eigene Hölle muss erschaffen haben ... Sie
scheinen alle noch wie aus dem Stamm des Cäsar Augustus zu sein ... Quos ego!
und das so mit einem smorzando - ganz nur so hingelächelt ... Neptun's Dreizack
geschwungen mit weissen Ballhandschuhen - wie Sie auch immer Se. Heiligkeit sehen
werden ... Sie wollen ja nach Rom? ... Immer hat der Heilige Vater, auch wenn er
die Völker segnet, weisse Handschuhe an ... Diese Cardinäle! .. Da wird das
Unmögliche möglich mit einer - kopfabschneiderischen Grazie ... Die Art, wie
bloss allein diese Ceremonienmeister des Himmels über die Marmorböden schreiten
oder wie sie die Messe lesen, falls sie die vollständigen Weihen haben - - das
»lasst« sich gar nicht beschreiben ...
    Benno war im steten Bangen um die endliche Erwähnung seiner Mutter ...
    Der Chorherr liess in der Stadt vor dem Bankierhause Marcus Zickeles halten
...
    Es war die Mittags- und Börsenzeit ... Er fand niemand als einen Buchhalter,
dem er seine Creditive überreichte ...
    Am Abend besuchte er das Kärtnertorteater, wohin ihn der Chorherr nicht
begleitete ...
    Von der Herzogin von Amarillas erfuhr er durch Erkundigungen in den ersten
Hotels, dass sie im »Palatinus« wohnte ... Er näherte sich mit klopfendem Herzen
diesem Gastof, sah das Eingangstor mit Dienern in prächtigen Livreen besetzt,
hörte italienisch sprechen ... Von einem Mohren hiess es, er gehöre dem Principe
Rucca ... Mit der sogenannten »Gemütlichkeit« der Wiener stand die kurze Art,
wie er da und dort auf seine Fragen Auskunft erteilt bekam, nicht immer im
Einklang ...
    Am folgenden Morgen sprach der Chorherr seine Verwunderung aus, dass noch
kein Lebenszeichen von der Nuntiatur und der Staatskanzlei gekommen ...
    Benno erwiderte:
    Wie wäre denn das möglich ... Ich brachte keine Empfehlungsbriefe ... Man
erwartet mich hier nur in der Herrengasse ... Wie weit ist Schloss Salem? ...
    Mindestens vier Stunden! sagte der Chorherr und lud Benno zur Besichtigung
der Gemäldegalerie im Belvedere und dann zu einem Spaziergang im Prater ein ...
    Die Urteile des Chorherrn über die Schätze der kaiserlichen Bildergalerie
waren treffend und zeigten ein Bindeglied mehr zwischen ihm und dem Onkel
Dechanten ... Wie warm und lebendig wurde er im Gegensatz zu »Maria vom Schnee«
über Rafael's »Maria im Grünen«! ... Wie still und ruhig das alles ist! sagte er
im Anschauen ... Die Kinder spielen noch mit dem Kreuz, das sie künftig tragen
sollen! ... Und fast hastig führte er Benno zu Carlo Dolce's Bild: »Die
Wahrheit« - analysirte es und sah sich dann scherzend um mit den Worten: Warum
ein solches Bild - noch nicht verboten ist! ...
    Beim Verlassen der nur flüchtig durchwanderten Säle zeigte der Chorherr eine
italienische Villa mit noch grünem Rasen ... Der Sommeraufentalt des
Staatskanzlers! erklärte er ...
    Zum Prater wurde ein Fiaker genommen ...
    Als sie den schon völlig laublosen grossen Park erreicht hatten, stiegen sie
aus ...
    Der Chorherr rief plötzlich:
    Schauen Sie da! ... Ist das nicht Ihre gestrige Dame? ...
    Eine Cavalcade von Reitern sprengte durch die Alleen ... In ihrer Mitte eine
Reiterin, auf deren Identität mit der gestrigen Tigerbekanntschaft der Chorherr
nur der Offiziere wegen schloss, die wieder der italienischen Garde angehörten
... Sie ritten zu schnell vorüber, um sie zu erkennen ...
    Inzwischen gingen sie weiter ... Der Chorherr nannte den Prater öde und
langweilig ... Nur die Abendsonne, sagte er, macht ihn schön ... Wenn man so
hinschlendert und sein Tagewerk vollbracht hat ... Dann freilich kommt die
Schönheit - wie so oft - aus unserm Gemüt ...
    Nach einer halben Stunde kamen sie zu dem im Prater befindlichen grossen
»Hamburger Berg«, dessen Schaustellungen und Sehenswürdigkeiten ...
    Eine grosse Menagerie kündigte sich durch ihre ausgehängten Bilder, Papagaien
und Affen an ...
    Zieht Sie schon wieder so ein Spectaculum? sagte der Chorherr fast
ärgerlich, als Benno einer dicken hinter Vorhängen sitzenden Dame zunickte, die
auf dem Dampfboot ihre verspäteten Käfige begleitet hatte ...
    Benno berichtete nur vom Dampfboot ...
    Da plötzlich unterbrach ihn der Chorherr und zeigte auf die in der Nähe
stehenden dampfenden Rosse der vorhin gesehenen Cavalcade ...
    Die Italienerin wird schon wieder vor den Käfigen der wilden Tiere sein ...
sagte der Chorherr und rief dann aufhorchend:
    Da! ... Hören Sie! ...
    Und in der Tat hörte man drinnen eine laute Stimme italienisch rufen ...
Mitten durch das kurz ausgestossene, fast hustende Brüllen eines gereizten
Tieres vernahmen sie die Worte:
    Eh! Tu! Muove ti! Dormi? Non essere si pigra! ...
    Diese anstachelnden Worte, so unweiblich die Situation war, die sie
begleiteten, übten auf Benno sowol wie den Chorherrn den Reiz, dass sie die Hütte
betraten ...
    In der Tat waren es die Italiener von gestern ... »Der weibliche Zwerg«,
wie der Chorherr übertreibend sagte, stand diesmal mit der Reitgerte vor dem
Käfig einer jungen Löwin und reizte sie zu einer solchen Wut, dass warnend schon
der Aufwärter herbeilief ...
    Benno sah voll Staunen dem wilden Spiel der Italienerin zu ...
    Die junge Löwin sprang bald an die Gitterstangen, bald rannte sie im Kreise
und stiess Töne aus, die wie aus dem Widerhall einer mächtigen Felsenhöhle kamen
...
    Im schwarzen Tuchrock, mit der linken Hand die lange Schleppe haltend, stand
das kleine Wesen von gestern, dessen Kopf wenig über die Stellage, auf der der
Käfig ruhte, hinausragte, und schlug mit der Reitgerte bald nach links, bald
nach rechts in die Stäbe hinein ...
    Wieder lachten die Herren und bedeuteten den Wärter, der Signora nicht ihr
Vergnügen zu rauben ...
    Schon lauschte die geputzte »Marchand' mod'«, wie sie auf dem Dampfschiff
geheissen hatte, eine Holländerin, an dem roten Vorhang ... Schon wurde ein
junger Mann, ihr Begleiter, von ihr angerufen, sich ins Mittel zu legen, als die
Italienerin von ihrem Übermut plötzlich abliess ...
    Sie hatte Benno erblickt ...
    Mit kalter Ruhe stand sie noch eben vor dem Käfig und trieb ihr Spiel ...
Jetzt war sie wie entwaffnet ... Ein fast rosiger Hauch der Freude überflog sie
... Mit dem Schein der mädchenhaftesten Schüchternheit senkten sich die langen
blauschwarzen Augenwimpern ... Mit schneller Fassung und plötzlich ihre Stimme
mildernd sagte sie zu Benno:
    Ecco il domatore delle bestie feroci! ...
    Benno erwiderte - halb nur für sich -:
    Ecco la Romana! ...
    Perché Romana? fragte sie, scharf aufhorchend ...
    Benno hatte »Romana« betont ...
    Una lupa e stata la nutrice di Romolo ... sagte er, sprach aber wieder wie
nur zu ihr allein ...
    Ohne sich von der Voraussetzung, dass auch sie von einer Wölfin könnte
genährt worden sein, getroffen zu fühlen, schloss sie sich Benno an zum
Weiterwandeln ... Sie gingen die Käfige entlang ... All ihre Aufmerksamkeit für
die wilden Tiere war verschwunden ... Sie wollte nur Benno festalten, nur mit
dem sprechen ... Ehrerbietig grüsste sie seinen Begleiter, in dem sie am langen
Oberrock den Priester erkannte ...
    Kennen Sie Rom? begann sie, noch über und über erglüht ...
    Ich bin im Begriff, es kennen zu lernen ... sagte Benno ...
    Sie reisen nach Rom?! ...
    Ein Ausdruck der äussersten Freude kämpfte in ihren Mienen mit der
Verlegenheit, sich in der ganzen Wirkung zu verraten, die ihr schon seit
gestern der junge anziehende Fremdling gemacht zu haben schien ...
    Noch würde das Gespräch in kurzen Fragen des höchsten Interesses und in
ausweichenden Erwiderungen so fortgegangen sein, wenn nicht ein tragikomisches
Ereignis dazwischengetreten wäre ...
    Der elegante junge Mann mit den gelben Glacéhandschuhen von gestern war
gleichfalls zugegen und etwas vorausgegangen ... Schon befand er sich am Ende
der Breterbude, wo ein Elefant auf einer Art kleiner Bühne unter gemalten
Drapperieen eingepfercht und an einem seiner mächtigen Füsse festgebunden stand
... Das gewaltige Tier war vor den Zuschauern völlig frei ... Ehe sich der
junge Mann seines Schicksals versah, hatte der sich schlängelnde Rüssel eine
Schwenkung um ihn her gemacht und ihm in dem Augenblick, wo die Offiziere
warnend Altezza! riefen, den Hut abgenommen ...
    Die Altezza, demnach ein Fürst, stiess einen Schrei: Gesú Maria! aus,
taumelte zurück und sank in Ohnmacht ...
    Die Italienerin stand inzwischen, noch wie von Liebeswonne durchschauert ...
Sie schien so abwesend, dass sie die Ursache des Rufs nicht verstand und nur den
zusammenbrechenden jungen Mann sah, der noch in seinen Beinkleidern mit den
Sporen obenein festakte, an die Breterwand stürzte, die den ersten vom zweiten
Platz trennte und sich wirklich die Stirn blutig schlug ...
    Benno sah dies kaum, als er schon hinzugesprungen war und die Altezza
aufgefangen hatte ...
    Bei Nennung jener fürstlichen Würde befiel ihn jetzt ein Bangen ...
    Der Hut war vom Wärter schon wieder zurückgegeben worden ... Die Begleiter
hatten sich geflüchtet ... Sie schienen über den Elefanten ebenso erschrocken
wie die Altezza ...
    Voll Aerger über die störende Scene und im Nu ihren ganzen Gesichtsausdruck
verändernd, sagte die Italienerin zu Benno's Begleiter:
    Sehen Sie da, warum man lieber die Tiere liebt, als die Menschen! ...
    Aqua! Aqua! E una carozza! rief sie gellend hinterher ... ...
    Der Fürst fing an sich zu erholen, versuchte zu lachen und erschrak wieder
über seine blutigen Handschuhe ...
    Benno übergab ihn aus seinen Armen in die seiner Begleiter ... Er wagte
nicht weiter mitzugehen, als bis an die Vorhänge ... »Altezza!« ... Waren nicht
seine Mutter und Olympia in Begleitung eines italienischen Principe Rucca
angekommen, des Verlobten Olympia's? ...
    Die Italienerin rief ergrimmt aufs neue:
    Non viene la carozza? Fatte subito! Al monte Palatino! ...
    Palatino! ... Es war gewiss ... Doch »Monte Palatino«? ...
    Dann zu Benno rasch sich wendend, warf der süsseste und zärtlichste Mund von
der Welt wie mit Zaubermetamorphose und fast leise ihm ins Ohr die Worte:
    Besuchen Sie uns - den Principe Rucca - morgen um elf Uhr ...
    Wie sie das gesagt, verschwand sie - voraussetzend, dass Benno nicht folgen
würde. Aber in ihrem Abschiedsblick lag ein Ausdruck aller Seligkeiten der Erde
und des Himmels, ja als wäre Psyche überwunden worden von Amor ...
    Das ist eine Eroberung! brach der Chorherr aus, als Benno wie betäubt stehen
blieb ... Und Al monte Palatino! setzte er lachend hinzu ... Sie glaubt, der
Gastof zum »Palatinus von Ungarn« hätte seinen Namen von einem der sieben Hügel
Roms ... So sehen diese Menschen überall nur sich ... Deutschland ist ihnen
nichts als eine römische Vorstadt, wo zuweilen Schnee fällt ... Ich zweifle gar
nicht, es ist die - Nichte des Cardinals Ceccone, eine Comtesse -
    Maldachini! fiel Benno aus seiner Erstarrung kaum aufatmend ein ...
    Eine Verlobte des Prinzen Rucca, den Sie - aus dem Felde geschlagen haben,
Bester! Haha! ... Sie flüsterte Ihnen ja ein Rendezvous zu ... Um elf Uhr ...
Auf dem Mons Palatinus! ...
    Meine Mutter - die dritte in diesem Bunde! - riefen tausend Stimmen in
Benno's Innern ...
    Mit bebendem! Herzen und tiefbeklommenen Atems verweilte Benno noch einige
Augenblicke ... Dann traten beide gleichfalls hinter den Vorhängen ins Freie und
sahen, wie eben die Herren zu Pferde stiegen und ein herbeifliegender Mietwagen
den Principe Rucca und die Italienerin aufnahm ...
    Benno liess nur den Chorherrn reden, der von der Weichlichkeit der
italienischen Aristokratie sprach, leise Andeutungen über den Cardinal gab, der
einen einzigen Winter nicht ohne seine gewohnten Umgebungen zu sein vermochte,
vom Prinzen Rucca erzählte, dass sein Urgrossvater ein Bäcker gewesen - in Rom
wäre alles käuflich, Grafen- und Fürstenhüte - nur die Cardinalshüte stünden
noch im Preise ...
    Der Name der Herzogin von Amarillas wurde in Pater Grödner's Geplauder nicht
erwähnt, auch der nähere Zusammenhang Olympia's mit Ceccone zwar
»möglicherweise« als das des Kindes zum Vater leise und ironisch angedeutet,
aber ohne genauere Kenntnis des wahren Ursprungs, den Benno vollkommen wusste -
wusste bis zu den Namen der Gebrüder Biancchi, deren Schwester die Mutter
Olympia's war ... Luigi Biancchi, einer der Brüder des Napoleone und Marco
Biancchi, sollte in dieser Stadt Musiklehrer sein ... Alles das war ihm durch
seinen Bruder, den Präsidenten, vollständig bekannt geworden ...
    Auch der Chorherr nahm jetzt einen Wagen ... In dem Lärm der Stadt verhallte
der empfangene Eindruck und die Benno durchzitternde Empfindung: Das Schicksal
ruft dich selbst zu deiner Mutter! ....
    Dass er morgen um elf Uhr im Palatinus nach - dem Befinden des Fürsten fragen
würde, stand fest bei ihm ...
    Daheim fand er Karten von Stadtrat Schnuphase; auch von einem Herrn Harry
Zickeles, der Einladungen zurückgelassen, das Grosshandlungshaus Zickeles zu
jeder Abendstunde als ein offenes zu betrachten ...
    Es strömte dann ein anhaltender Regen ... Benno verbrachte Stunden der
höchsten Aufregung auf seinem Zimmer ... Die Aufgabe, die ihm für morgen
gestellt war, erforderte seine ganze Manneskraft ...
    Gegen Abend erst ging er aus, suchte den »Palatinus«, geriet in die
Herrengasse, wo das vom Grafen Hugo empfangene Billet nun die morgenden
Palatinus-Absichten durchkreuzte und ihn zwischen Mutter und Schwester, wen er
zuerst sehen sollte, wählend stellte, kam mit irrendem, hin- und hersinnendem
Grübeln in die Vorstellung des »Hamlet«, erlebte, dass Olympia es war, die in der
Loge des grossen Kanzlers neben seiner Mutter die Gläser auf ihn gerichtet hielt,
ihm durch das ganze Teater hindurch auf italienische Art mit ihrem Taschentuch
ein Zeichen des Grusses gab; erlebte, dass die Mutter das Lorgnon auf ihn richtete
- - Die versagende Kraft trieb ihn aus seiner Loge - in Begleitung eines Mannes,
der den Namen seiner Schwester trug!
 
                                       6.
Um den Weg in seine Wohnung zu finden, konnte sich Benno keiner zuverlässigeren
Hülfe bedienen, als des Herrn von Pötzl, der gleichfalls Hut und Regenschirm
genommen hatte und ihm gefolgt war ...
    Ueber den Namen dieses Mannes hatte sich Benno beruhigen wollen ...
    Schon daheim, wo er so oft dem Kattendyk'schen Hausfreund begegnete, dem
alten Pfleger der Bologneserhunde, dem als Gesellschaftsheloten benutzten
Spassmacher Ignaz Pötzl, der sich darum doch einen Taler nach dem andern in die
Sparkasse trug, hatte er diesen nicht weiter nach seiner wiener Verwandtschaft
gefragt, seitdem einmal dessen Antwort lautete, der Pötzls gäb' es wie Sand am
Meer und »mit einem alten Junggesellen, der einen Notpfennig hinterliesse, wäre
dann auch noch alle Welt verwandt, ohne Pötzl zu heissen ...«
    Fühlen Sie sich jetzt besser? hörte Benno hinter sich her reden. Die Luft
wird Ihnen guttun ... Ja, es ist ein überlebtes Gebäude! ... Wär's eine
Kasern', so wär' sie längst umgebaut ...
    Benno mässigte seinen Schritt ...
    Wo aber, lieber Herr, wo wohnen Sie denn? ... Vielleicht an der
Mölkerbastei? ... Das wäre gerade auch mein Weg ...
    Benno wohnte an der Freiung ...
    Das kaum gesagt, war auch das gerade Herrn von Pötzl's Weg ...
    Der Regen hatte inzwischen nachgelassen ...
    Wie sich beide vor dem Gewühl der Wagen durch ein schnelles Laufmanöver über
die Fahrstrasse hinweg sichern wollten, rief Herr von Pötzl einen an ihnen
vorüberschiessenden Herrn an:
    Gehorsamer Diener, Herr von Zickeles! ...
    Es war noch ein junger, schon mit starkem Embonpoint versehener Mann, der
eben aus einem berühmten Laden mit »G'frornem« trat und noch rasch hinüber in
die Vorstellung wollte ... Eine Mitteilung über ein misratenes neues Stück in
der Vorstadt mischte sich in seinen Gegengruss und zugleich die Frage, ob doch
Herr Müller noch nicht seine grosse Scene gehabt hätte und ebenso ein forschender
Blick auf Benno -
    Benno, Herrn von Pötzl's Verlangen bemerkend, seinen Namen zu erfahren, ein
Verlangen, das er hinter einer künstlichen Verlegenheit, ihn nicht vorstellen zu
können, verbarg, fragte, ob Herr von Zickeles dem Hause gleiches Namens
angehörte ... Er hätte eine Karte von »Harry Zickeles« gefunden ...
    Mein Gott! ... brach Harry Zickeles aus, bekannte sich als Abgeber der Karte
und rief: Doch nicht etwa der Herr Baron von Asselyn? ...
    Benno überraschte mit der Bejahung Herrn Harry Zickeles ebenso, wie Herrn
von Pötzl ...
    Das ist ja einzig! rief Letzterer und hätte alle Vorübergehende über diese
Spiele des Zufalls zu Zeugen anrufen mögen ... Gerade der »Herr Baron von
Asselyn« war die Persönlichkeit, die »beide« »gesucht« hatten ... Herr von Pötzl
demaskirte sich als Bruder des alten Komikers Ignaz Pötzl, der ihm von der Reise
des Herrn »von« Schnuphase und von dem Herrn von Asselyn ausdrücklich
»geschrieben hätt'« ... Aber nein! ... Und Sie geben mir nicht einmal die Ehre!
... Die Freud' und die Ueberraschung! ...
    Benno hatte keine Anweisung auf die Bekanntschaft dieses so ausserordentlich
gefälligen Mannes erhalten ...
    Dennoch liess er es nun an dem Schein einer engern Verbindung mit dem Bruder
nicht fehlen ... Machte er damit doch eine offenbare Freude und bahnte
vielleicht seine Forschungen an ...
    Die Erinnerung an den alten Taddädlspieler zeigte das ganze »G'müt« des
Herrn von Pötzl ... Jede Nuance der Charakteristik seines Bruders unterbrach er
mit einem glückseligen: »Ja! Ja!« ... Und als Herr von Zickeles den Witz machte:
Sagens doch nicht, Herr Baron, dass er wohlauf ist! Herr von Pötzl hört viel
lieber das Gegenteil! Er will ihn beerben! ... erfolgte von Herrn von Pötzl nur
ein einziges: »O Sie -!« Es lagen alle Schäkereien der Welt in dem Ton ...
    Herr von Zickeles gab, wenn auch mit einigem Zögern, den »Hamlet« und den
Applaus eines jungen Schauspielers auf, der auch an ihn empfohlen war ...
Laërtes, den Herr Müller »spüllte«, hatte seine Hauptscene erst im letzten Act
... Herr von Zickeles ruhte nicht, bis der Herr Baron von Asselyn versprach,
sofort, »aber auch auf der Stell'« in den Salon seiner Aeltern mitzukommen ...
Jeden Abend wären sie nach dem Teater daheim und der Herr von Asselyn wäre
vollends von seiner gerade aus Paris anwesenden Schwester Bettina Fuld und von
deren Begleiterin, dem Fräulein Angelika »von« Müller, aufs
allerallerdringendste erwartet ...
    Angelika Mütter! ... Welch ein Mollaccord! ... Sanft und wohltuend
verbreitete er sich über Benno's erschrecktes Gemüt ... Er wollte folgen ...
Hier war von keiner Willensfreiheit mehr die Rede ... Harry Zickeles hatte ihn
schon unterm Arm ...
    Herr von Pötzl folgte in Verklärung ...
    Herr von Zickeles liess nicht eher ab, bis sie alle drei vor dem Portal
seines älterlichen Hauses standen ... Es lag jenseit des Grabens dicht in der
Nähe eines grossen Platzes, des »Hohen Marktes« ...
    Herr von Pötzl war etwas schweigsamer geworden, aber so gleichsam, als wenn
der Ueberstrom der Gefühle ihm die Worte raubte ...
    Als Herr von Zickeles am Hause seiner Aeltern geschellt hatte, zog er die
Uhr und sagte:
    Freilich - glauben Sie wohl, Herr von Pötzl, dass der Laërtes jetzt aus Paris
zurückkommen ist? ... Ich bitt' schön, führen Sie den Herrn Baron zu meinen
Aeltern hinauf ... Ich hab' - Der junge Mann ist mir und merkwürdigerweise auch
- der Kaiserin Mutter empfohlen worden - Sehr ein hübsches Talent! - Ich - Oder
- Doch lieber - Kommen Sie, Herr von Asselyn, ich führe Sie erst selbst auf und
dann spring' ich noch ein bissel in den letzten Act ...
    Nun keuchte der junge dicke Mann die Treppe voran ... Das Haus war viel
heller erleuchtet, als das Palais des armen Schuldners der Zickeles, des Grafen
Hugo ...
    Auf der Mitte blieb wieder der Teaterfreund stehen, zog wieder die Uhr und
schien die grösste Angst zu haben, die Scene seines Günstlings, dem er, wie Herr
von Pötzl elegischironisch sagte, seine gewohnte Protection durch einen
stürmischen Applaus zugesagt hatte, zu versäumen ...
    Endlich waren alle drei im ersten Stock angelangt ... Hier klingelte Herr
von Zickeles und erst, wie er sicher war, dass der öffnende Bediente den Gast
direct aus seiner Hand empfing und die Anmeldung fest hatte: »Herr Baron von
Asselyn!«, bat er für eine halbe Stunde um Entschuldigung und stürzte, um im
Burgteater sein gegebenes Mäcenatenwort zu lösen, davon ...
    Sehr ein vortrefflicher Mensch und - Kunstkenner! sagte Herr von Pötzl mit
seiner jetzt entschiedener ausbrechenden maliciösen - Gemütlichkeit ...
    Dann setzte er, beim Ausziehen der Oberröcke, Benno ins Ohr flüsternd hinzu:
    Sie werden, wie ganz Wien weiss, hier erwartet wie der Onkel aus Amerika oder
das Manna in der Wüste! ... Gebe der Himmel, dass Ihre Mission an den Herrn
Grafen von dem glänzendsten Erfolge gekrönt wird! ...
    Auf Benno's Lippe bebte die Frage: Wie aber kommst du und die arme dann
geopferte Angiolina zu einem und demselben Namen -? ... Doch er musste in die
Salons der reichen Bankierfamilie treten ...
    Herr von Pötzl »führte ihn auf« unter einer Flut von gemütvollsten Reden,
in denen er alles haarklein erzählte, was sich zum Erstaunen und »wie in einem
Roman« seit dem Eingang zum Burgteater bis zum gegenwärtigen Augenblick in
Herrn Baron von Asselyn's Leben und dem seinigen zugetragen hätte ...
    Die Räume waren erhellt, aber noch leer ...
    Nur der Herr Vater, Herr Marcus Zickeles, und die Frau Mutter und noch
einige ältere Herren und Damen waren anwesend ...
    Sie bildeten Whistpartieen, die im vollen Gange waren, sodass trotz der
freundlichsten Bewillkommnung die noch nicht zu Ende gespielten Partieen eine
ausführlichere Begrüssung unterbrachen ...
    Der Vater und die Mutter verwiesen ihn mit aller Freundlichkeit auf den
jüngsten Sohn des Hauses, der ihm besonders von Seiten der Mutter mit hoher
Genugtuung und den Worten vorgestellt wurde: Mein Sohn Percival! ...
    Percival Zickeles war noch ein unreifer, etwas schüchterner Jüngling, dem,
wie es schien, der erste Buchhalter beispringen musste, um die Honneurs zu machen
...
    Benno war es sehr zufrieden, dass ihm selbst Herr von Pötzl, der seines
»Aufgeführten« Bedeutung leise tuschelnd da und dortin mitteilte, einige Ruhe
liess ...
    Was lag nicht alles centnerschwer auf seiner Brust! ... Selbst die harmlose
Erwähnung Angelika's, der »ewigen Verlobten« Püttmeier's, weckte Erinnerungen,
die ihn haltlos wie in Lüften schweben liessen ...
    Angelika Müller trat auch wirklich ein ... Sie, in gesellschaftlichem Putz
und Staat - Sie, die alte verblühte Erzieherin - sonst in einem halben
Nonnenkloster - hier in einem israelitischen Hause ...
    Kaum sah sie Benno, so stiess sie einen Schreck-und Jubelruf aus, der für die
alte »Frau von Zickeles« im Spiele störend schien ... Sie wandte sich um und -
stumm reichte Angelika jetzt Benno die Hand ... Ihr Lächeln war das alte ... Es
zeigte die ganze Reihe ihrer riesigen, aber weissen, schön erhaltenen Zähne ...
Eine lange Rosaschleife erstreckte sich von den mühsam zusammengelesenen blonden
Haaren in den Nacken ... Sie trug ihre Arme, so mager sie waren, entblösst ... So
befiehlt das Sklavenleben des Gouvernantentums, den innern und äussern Menschen
den Umständen gemäss zu metamorphosiren ... Auch den innern Menschen! ... Es war
Angelika Müller und sie war es auch nicht ... Ein Jahr in Paris und auf Reisen -
und dienen, dienen müssen fremden Launen ... Da sprach sie schon von Armgart wie
von einer Jugenderinnerung ... Freilich gab es in Armgart's Leben die
allerüberraschendsten Veränderungen ... Armgart in dem ihr sonst so verhassten
England! ... Näheres wusste sie nicht von ihr ... Nur durch Püttmeier war die
»treue Seele« im Zusammenhang mit ihrem alten Leben ... So musste wohl Benno
erzählen ... Er tat es voll Liebe und Güte und Schonung Püttmeier's ... An
diesem hielt Angelika unverbrüchlich fest ... Sie hatte in Paris für sein System
gewirkt; sie hoffte auch in Wien einige rechtgläubige Spätlinge der
Naturphilosophie für die Philosophie der Kegelschnitte gewinnen zu können ...
    Frau von Zickeles wurde aufgeregter ... Die Gesellschaftsdame ihrer Tochter
schien ihr zu sehr im Vordergrunde zu stehen ... Sie spielte zwar noch Whist,
unterliess aber nicht, ihrer sich jetzt mehrenden Gesellschaft ihre
Aufmerksamkeit zu bezeigen ... Nach jeder Karte, die sie ausgespielt hatte, rief
sie: Joseph! Das galt dem Bedienten ... Oder: Pepi! Das galt dem Hausmädchen ...
Fräulein Müller! Das galt der Gesellschafterin ihrer Tochter, der Frau Bettina
Fuld ... Wenn sie: Percival! ihren Jüngsten, rief, so war es ein Ton besonderer
Zärtlichkeit ... Sie hatte dem »hoffnungsvollen« Knaben nach einem
Lieblingsdrama der Zeit diesen Namen nachträglich statt seines ursprünglichen
»Pinkus« gegeben ...
    Angelika Müller bekam Augenwinke, die ihr sagten, dass in den Zimmern ausser
dem Herrn Baron auch noch andere Herrschaften wären ...
    So näherte sich denn dem »Herrn Baron« wieder Herr von Pötzl, zog die Dose,
offerirte und genoss die Zinsen von dem auf den Fremden bereits gewandten Kapital
von Zuvorkommenheit ... Er flüsterte über den Grafen Hugo ...
    Den Kampf, ob er morgen den Besuch im Palatinus oder die Reise nach Schloss
Salem aufgeben sollte, hatte Benno schon zu Gunsten seiner geschäftlichen
Pflicht entschieden ...
    Auf seine Äusserung, er würde morgen früh dem Grafen Hugo auf Schloss Salem
aufwarten, unterliess Herr von Pötzl nicht, die schöne Gegend, den Charakter des
Grafen zu schildern, kleine satyrische Seitenhiebe hineinzuwerfen und ihnen
wieder eine Fülle von Gemüt folgen zu lassen ...
    Die Veränderung wird ausserordentlich werden! sagte er ... Und wahrhaftig!
Die Zickeles sind sehr dabei interessirt! ... Wo nur Herr Leo bleibt! ... Leo
ist das Geschäft nächst dem Vater ... Ganz Metalliques, bloss Abends
Wohltätigkeitsschwärmer ... Ich vermute, er sitzt in diesem Augenblick Comité
... Das Talent, ein gutes Herz zu zeigen, Herr Baron, ist in Wien sehr
cultivirt, aber - kostspielig ... Herr Leo von Zickeles wird deshalb wohl auch
nie heiraten ... Er sieht sich seine Medaillen, Ehrenpatente, seine gedruckten
Tränen der Witwen und Waisen an und behält sein von tausend Zähren des Dankes
emaillirtes Herz für sich allein ...
    Joseph! rief hier die Mutter ... Hat Herr von Asselyn G'frornes? ...
    Joseph präsentirte ...
    Herr von Pötzl fuhr fort:
    Den zweiten Bruder, den Herrn Harry haben Sie schon kennen gelernt ... Auch
der ist Vormittags aufrichtig Metalliques ... Aber die übrige Zeit gehört dem
Entusiasmus für Ruhm und schöne Künste ... Sie sehen, dass er sich vierteilen
lassen kann, wenn er einem Schauspieler an einer gewissen Stelle einen Applaus
versprochen hat ... Es ist schon vorgekommen, dass er einem Maschinisten »auf der
Wieden« befohlen hat, an einem Abend eine Störung hervorzurufen, nur damit ein
andres Stück herausgebracht werden musste, als dasjenige, wo er ein gegebenes
Applausversprechen wegen eines anderweitigen Teater-oder Concert-Engagements
nicht erfüllen konnte ... Harry Zickeles führt jede in der Teaterzeitung
neuangekündigte Unsterblichkeit, wenn sie nach Wien kommt, in die hiesigen
Hallen des Ruhmes ein ... Sein grösstes Leidwesen ist dabei nur, wenn sich sein
Herz zwischen zwei Gegnern in zwei Hälften teilen muss ...
    Pepi! rief die Mutter ... Hat der Herr Baron G'frornes? ...
    Pepi präsentirte ...
    Herr von Pötzl flüsterte:
    Der dritte Sohn, Percival, ist, wie Sie wohl schon an dem träumerischen
Jüngling gemerkt haben werden, ein dichterisches Genie ... Vor zwei Jahren erst
bekam er den Vornamen Percival ... Er hat Romanzen geschrieben wie Heine, bloss
dass er zur Abwechslung auch einmal den Palmenbaum, statt von einer Tanne, von
einer Akazie geliebt sein lässt - Wissens, von wegen der »Grazie« ... Auch hat er
einen »Ahasver« unter der Feder, in dem die geniale Idee vorkommen soll, dass
Ahasver sich nach Wien begibt und im »Stock am Eisen« einen Nagel vom Kreuz des
Erlösers einschlägt, gerade noch den letzten, der hinein geht, wodurch ihm die
selige Ruh' zu Teil wird ...
    Percival! rief die Mutter ... Hat Herr Baron G'frornes? ...
    Percival fuhr wie aus Morgenrotsträumen auf, strich sich seine schönen
langen schwarzen Haare zurück und machte eine Miene, als hätte ihm nur eine
Geisterstimme gerufen ... Allmälig besann er sich aber auf den irdischen Begriff
des »G'frornen« und offerirte davon mit einer Miene weltschmerzlichen Duldens
...
    Herr von Pötzl nahm ihm die Schüssel ab mit der freundlichsten Anrede:
    Sie, mein liebster bester Herr Percival! ... Ich glaub' fast, Sie sind schon
wieder einen halben Zoll gewachsen ...
    Percival schien die Anerkennung seiner Jugend gern zu hören und lächelte ...
    Die Frau Bettina von Fuld - die kennen Sie? ... fragte dann Herr von Pötzl,
als sie wieder an einem andern Fenster allein standen ...
    Benno musste diese Voraussetzung verneinen ...
    O sie muss sogleich erscheinen ... Mit ihrem Gatten, der etwas in das
diplomatische Fach spielt - ein Changeant, das in Homburg und Baden-Baden viel
Geld kosten soll ... Dann ist noch die jüngere Schwester, die Jenny, da ... Die
ist noch »im Kärntnertor«, wo eine abgeleierte Oper von Bellini gegeben wird
... Sie hat eine famose Stimme ... Wenigstens glauben das die Aeltern und der
Professor Biancchi - ja - kennen Sie den Namen? ... Das ist derselbe, den Sie
heut im Teater sahen ... Der wird nicht Ursache haben, diese Ueberzeugung von
Jenny's Stimme zu bestreiten - denn er »lasst« sich die Stund' mit einem Dukaten
zahlen ... Sie werden ohne Zweifel heute noch Gelegenheit haben, sich von dem
Raffinement dieses Italieners mit dem Pergamentgesicht, das Sie heute sahen,
näher zu überzeugen ... Kommt er mit, so lasst er sie singen ... Ich sage: lasst
sie ... Denn das ist höchst merkwürdig ... Diese Musikprofessoren haben über
ihre Schülerinnen eine Autorität wie ein Abrichter über seine Affen ... Wann der
Alte in den Salon tritt, kriegt die Junge regelmässig einen innern Ruck, wie eine
Braut vor ihrem kommenden Bräutigam ... Vor keinem Menschen hat sie Courage,
allein zu singen ... Steht aber der alte Italiener dabei und schlagt mit seiner
unerschütterlichen Pierrotmaske die Noten um, so geht's: Perfido! Crudele! -
    Mamsell Müller! rief jetzt wieder Frau von Zickeles ... Hat der Herr Baron
G'frornes?
    Angelika hüpfte zum Whisttisch ... Sie war so in Träumen versunken, dass sie
nur den Ruf, nicht den Auftrag gehört hatte ...
    Biancchi - Biancchi -! ... Auch über diesen Namen musste Benno tiefbeklommen
atmen ...
    Angelika carambolirte inzwischen mit Herrn von Pötzl, der sich selbst
unterbrechend mit der süssesten Miene und wie zum Kniebeugen anbetend auf Damen
zulief, die eben ins Zimmer traten und vielleicht die Verlästerten selbst waren
...
    Immer grösser und grösser wurde der Zustrom ...
    Frau von Zickeles zankte mit dem Fräulein Müller über das, »was sie nicht
gewohnt wär' zweimal zu sagen« und verwies sie jetzt auf die Ankommenden ...
    Angelika's Rosabänder flogen einer Dame entgegen, die mit leuchtenden Augen
lachend eintrat ...
    Frau Bettina Fuld kam von der »Wieden« und berichtete über die im dortigen
Teater gehörten, »unerhörten Plattitüden« ... lachte aber doch noch bis zum
Ersticken darüber ... Benno erfreute sich des angenehmen Eindrucks, den er zum
ersten Mal empfing ...
    Dagegen war Herr Bernhard Fuld ihm zwar äusserlich bekannt, doch musste er
sich erst allmälig in ihm zurecht finden, denn er war so mit Bart überwachsen,
dass man keine Physiognomie herausbekommen konnte ... Er trug sein Band der
»ehrlichen Legion« ...
    Benno fühlte Mitleid mit dem Grafen Hugo, zu dessen Leben er hier die
Reversseite sah ...
    Jetzt kam denn auch Harry zurück ... Er hatte noch dem Laërtes, als er die
Rede für Opheliens und seines Vaters Tod gehalten, stürmisch applaudiren können,
war dann nebenan in die Loge zur »Resi Kuchelmeister« gegangen und brachte diese
und auch den Herrn Professor Biancchi mit ...
    Noch erschien eine andere ältere auch der Musik angehörende Persönlichkeit,
der Professor Dalschefski, ein Pole ... Es gab eben einen Zank, dessen Ursache
Benno, den seltsamen Italiener, Bruder der alten Carbonari Marco und Napoleone
fixirend, nicht sogleich ergründen konnte ...
    Alles das ging bunt durcheinander und noch bunter, als nun auch Leo Zickeles
aus einem seiner Wohltätigkeitscomités nach Hause kam ... Die Whistpartieen
waren zu Ende, die Spieler standen auf und eine Nebentür wurde geöffnet, wo
compactere Speisen auf einem Tische standen, auf den die Hungernden »wie die
Wölfe« zufuhren ... Resi Kuchelmeister brauchte diesen Ausdruck ... Sie freute
sich Benno wieder hergestellt zu sehen und begrüsste ihn wie einen alten
Bekannten schon - doch zugleich scharf ihn etwas musternd ...
    Der alte Herr von Zickeles trat vertraulich zu Benno ...
    Nach einigen Ermahnungen, sich einen Teller zu füllen, nahm er ihn bei Seite
und erörterte den Stand der Angelegenheiten des Grafen ...
    Ja, sagte er, Seine Erlaucht sind auf dem Schloss Salem ... Die Frau Gräfin
Mutter Erlaucht werden von Schloss Westerhof erwartet ... Hat die Comtesse Paula
von Dorste-Camphausen eingewilligt? ...
    Benno konnte keine Auskunft geben ...
    Hm! fuhr der alte Herr fort ... Sie, Herr Baron, bringen doch vom Herrn
Oberprocurator Nück schon die Stipulationes der Agnaten ...
    Der Graf soll sie zuvor unterschreiben ...
    Die Schuldenlast ist sehr gross und meine Lage nicht darnach, länger Geduld
zu haben ... Ich würde Salem und Castellungo subhastiren müssen ...
    Castellungo? ... Das gehört der Mutter ...
    Schon längst hat sie es für den Herrn Sohn verpfändet ... Ohne den
Zwischenfall mit Terschka wären wir schon näher am Ziele ... Die Urkunde - Allen
Respect, Herr von Asselyn - Ich kenne Ihre Ansichten nicht - aber doch - sehr
eine verdächtige Geschichte ...
    Herr von Zickeles wollte sagen: Terschka hat im Auftrag Roms das Schloss
angesteckt und dann eine falsche Urkunde producirt - Wenigstens las Benno diese
Ansicht in den scharfen Mienen des Handelsherrn, der keineswegs zu Scherzen
geneigt schien ...
    Benno antwortete:
    Terschka ist ja Protestant -
    Protestant -! lächelte Herr von Zickeles und flüsterte: Die Jesuiten lassen
ihn auch sein Protestant ...
    Mit einem so furchtbaren Streiflicht über Terschka's Flucht und Aufentalt
in London stand Benno eine Weile sich allein überlassen ... Denn die Töchter
umschmeichelten eben den Vater, fielen ihm um den Hals, liebkosten ihn -
natürlich, um dabei auch den fremden Baron, dessen begeisterte Prophetin schon
lange Angelika Müller gewesen, näher in Augenschein zu nehmen ...
    Herr von Zickeles liess sich Kinn und Wange streicheln, sagte auch der
hinzugekommenen Resi Kuchelmeister viel Artiges, war ganz nur Patriarch und fuhr
dann doch, als die Frauen fortüpften, streng wieder fort:
    Sie werden es auf Salem sehr öde und einsam finden ... Falls Sie bis dahin
zurück sind, seien Sie doch den Mittag morgen bei uns zu Tisch - Und überhaupt -
Herr von Asselyn, an jedem Tag finden Sie bei uns Ihr Couvert ... Wenn die
Gräfin zuletzt mit der wirklichen Entscheidung eintreffen sollte -
    Herr von Zickeles konnte nicht weiter reden ... Auch Leo Zickeles nicht, der
hinzugetreten war und sich ins Geschäftliche mischen wollte - Mein Gott, was
ist! mussten Vater und Sohn zu gleicher Zeit fragen ...
    Jenny weinte laut ... Weil Professor Biancchi mit Resi Kuchelmeister »eine
Verschwörung« gegen sie eingeleitet hätte ... Eben jetzt erst hatte sie
erfahren, dass Biancchi heute Dalschefski's Platz im Burgteater benutzt und die
Resi begleitet hätte ... Sie hatte bisher den Grund, warum er heute nicht im
»Piraten« war, vergebens erforscht ...
    Soviel etwa verstand Benno von der Ursache des Streits ...
    Der Vater ging besorgt in das vordere Zimmer ... Frau von Zickeles folgte in
grosser Aufregung ...
    Leo, der älteste Sohn des Hauses, der Wohltätigkeitsschwärmer, ein ruhiger,
kaltprüfender Mann, schenkte Benno Wein und sagte, ohne sich um den
musikalischen Lärm zu kümmern:
    Ja, Sie werden den Grafen sehr in Verstimmung finden! Aber man kann ihm doch
nur Glück wünschen, dass namentlich auch - das Verhältnis aufhört mit dieser -
Angiolina ...
    So war das vernichtende Wort gefallen ...
    Angiolina? sagte der hinzutretende Harry lächelnd und löste Leo ab, der von
seinem Schwager, dem Diplomaten, in Anspruch genommen wurde ...
    Haben Sie auch schon von dem Fräulein Pötzl gehört? fragte er und sah sich
dabei schmunzelnd und scheu nach Herrn von Pötzl um ...
    Wie hängt Herr von Pötzl mit - fragte Benno in abgebrochener Rede ... dieser
- Dame - zusammen? ... ...
    Bei Leibe, flüsterte Harry und drückte seine kleinen Augen vollends zu; nur
nichts laut davon! ... Sie ist Herrn von Pötzl's Pflegetochter ... Er kennt sie
aber seit Jahren nicht mehr, will auch nichts mehr von ihr wissen ... Auch zu
uns kam sie sonst ... Herr von Terschka führte sie auf ... Später ging's nicht
mehr - des Verhältnisses mit dem Grafen wegen, der sie als Kind hatte erziehen
lassen und dann - ... Sie wissen ... Nur die Einzige, die sie noch zuweilen
sieht, ist da die Resi ... Das ist überhaupt ein lieber Narr! ... Resi's Vater
war unser erster Buchhalter und hinterliess ihr ein hübsches Vermögen ... Seitdem
wohnt sie mit einer Tante und will seit zehn Jahren schon zum Teater ... Sie
weiss aber nicht, dass das mit ihren fünfundzwanzig Jahren zu spät wird ... Meine
Schwestern sind mit ihr auferzogen worden ... Sagen Sie ihr aber um Himmels
willen nicht, dass Sie der Employé sind, der die Heirat des Grafen Hugo mit der
Gräfin Dorste, der Geisterseherin, arrangiren soll ... Sie kratzt Ihnen sonst
die Augen aus, so intim war sie noch vor kurzem mit Angiolina, die wirklich
sonst eine Pracht von einem Mädchen ist ... Aber hören Sie, wie die Resi jetzt
den Biancchi zurecht stutzt ... Sie müssen wissen, die Terese wohnt in Einem
Hause mit den beiden Musikmeistern, die zusammenwohnen, obwol sie ganz
verschiedene Systeme haben ... Teresens Lehrer ist der Dalschefski, ein Pole,
und der ist für deutsche Musik; und unsere Jenny, die hat den Biancchi zum
Lehrer und der ist natürlich ein fanatischer Italiener ... Der Pole und der
Italiener wohnen, wie gesagt, in einem Quartier ... Auf der Currentgasse ... Und
von Haus aus sind sie die besten Freunde ... Im Vertrauen gesagt wegen der
Politik ... Aber in der Musik hassen sie sich ... Nun können Sie sich die
Eifersucht der beiden Mädchen denken! ... Unsre Jenny weint eben, weil der
Biancchi heute mit der Resi ins Burgteater gangen ist, während sie im
Kärtnertor allein sass! ...
    Welche geringfügigen Leiden! dachte Benno ...
    Mehr konnte Harry nicht mitteilen; alles wurde still, weil die beiden
Freundinnen allein das Wort führten ...
    Jenny, nicht so anmutig, wie ihre Schwester Bettina, mit schärferer
orientalischer Zeichnung, voller, drückte ihr Taschentuch vor die Augen und
behauptete, die ganze Vorstellung des »Piraten« wäre ihr heute verdorben gewesen
durch das vergebliche Warten auf Biancchi ... Und dieser Mann würde inzwischen
von Teresen in Beschlag genommen! ...
    Der Pole Dalschefski, ein magerer, schmächtiger Alter mit grauen Haaren,
immer halb lächelnden, halb melancholischen Ausdrucks, sprach in gebrochenem
Deutsch:
    Mein Freund Biancchi - er hat sehen wollen - die Loge von grossem Kanzler -
wo sind gewesen heute die italienischen Herrschaften aus Rom - hab' ich ihm
gegeben meine Platz - ...
    Unbesonnen genug von Ihnen! entgegnete ihrerseits die Resi ... Der fremde
Herr Baron, der durch Zufall Zeuge unsrer Leiden gewesen ist, wird es bestätigen
können, dass der Maestro durch seine gehässigen Bemerkungen uns die ganze
Vorstellung verdorben hat ...
    Wenn Terese Kuchelmeister laut sprach, schien es, als wäre dies für alle
ein Zeichen, zu schweigen ... Angelika Müller raunte Benno, der an dem Italiener
immer mehr Interesse nahm, ins Ohr:
    Das ist unsre Armgart - ins Wienerische übersetzt ... Sie ist natürlich -
aber bis zur Grobheit einer Küchenmagd ... Hören Sie nur! ...
    Angelika schien vorauszusetzen, dass es zwischen Benno und Armgart immer noch
wäre wie sonst ...
    Unter allgemeinem Lachen sagte Resi, indem sie von ihrem Teller ein Ragout
ass:
    Ueberhaupt diese Italiener! ... Nein, die listige Artigkeit erst, mit der er
in die Loge kam statt des Dalschefski, bis sich dann seine wahre Natur entüllte
... So ist's auch in unserm Hause ... Wann der »Obers« zum Kaffee den beiden
Herren zu schlecht ist - und es ist ein Leiden mit der Milch in Wien, nicht
wahr, Frau von Zickeles? - so schicken sie zu mir herunter und meine Tante lasst
sich regelmässig bestechen, wann sie gerad' oben eine Sonat' von Beetoven
spielen hört ... Dann, denkt sie, hat unser guter Dalschefski da die Oberhand,
das arme fromme Lamm das ...
    Alles lachte ... Dalschefski kicherte, als kraute ihm eine sanfte Hand - das
Fell ...
    Mit unerschütterlicher Ruhe, einer Mumie gleich, verharrte Biancchi unter
dem Gelächter und tat, als wenn er überhaupt kein Deutsch verstünde ...
    Dalschefski sagte zu Benno, der im Antlitz des Professors Aehnlichkeiten mit
Napoleone, Marco Biancchi und - Olympien suchte ...
    O, sie ist schlimm! ...
    Jenny Zickeles stand ihrem Lehrer als einem willenlosen Opfer fremder
Intriguen bei, brachte ihm von den Speisen und schlug den Flügel auf ...
    Der Schwiegersohn des Hauses, Ritter Fuld, schien vor dem Moment des Singens
seiner Schwägerin ein Grauen zu empfinden, retirirte sich und zog Benno auf ein
Kanapee ins Nebenzimmer ... Seine Gemahlin kam ab und zu ... Sie lachte fast zu
viel - »ihrer schönen Zähne wegen«, flüsterte Herr von Pötzl schon bei ihrem
Eintreten ...
    Jenny, ihre Schwester, sang indessen eine majestätische Arie von Caraffa ...
Biancchi schlug die Noten um ...
    Benno betrachtete in den Pausen, die ihm Ritter Fuld gewährte, den Italiener
... Es musste der »Onkel« Olympiens sein ... Nur etwas Ausserordentliches hatte
diesen Feind der deutschen Sprache und Kunst ins Burgteater ziehen können ...
Wie sprach er von dem Kind seiner Schwester Lucretia ... War nicht über seine
todten Mienen ein plötzliches wildes Erzittern gekommen? ...
    Die Arie endete natürlich mit grossem Applause ... Auch Resi und Dalschefski
klaschten - um alles wieder gut zu machen ... Herr von Pötzl war Fanatismo und
zog auch Benno in die Wirbel und Strudel seiner Bewunderung, ob er gleich ihm
hinterher leise ins Ohr ein: Pitoyable! raunte ...
    Jenny stand am Piano und hielt die Hand ihres geliebten Maestro mit einer
Zärtlichkeit, als wollte sie sagen: Du mein Licht, meine Sonne, du Ursache
meines höhern Seins, du Erkenner und Bildner meiner unvergleichlichen Stimme!
...
    Signore parla italiano -? fragte sie, um dem geliebten Professor das
Gespräch zu erleichtern ... Denn Benno musste sich jetzt dem Sonderling nähern,
dessen Empfindungen er vielleicht nur allein hier verstand ...
    Dieser blieb so kalt wie Eis ...
    Benno fragte ihn in seiner Sprache, ob er die italienischen Herrschaften,
die ihn heute ins Burgteater gezogen hätten, schon aus Rom gekannt hätte? ...
    Jetzt blitzte über das gelbe Antlitz ein heller Lichtschein ...
    Nein, mein Herr, erwiderte er trocken. Einmal diese Leute gesehen zu haben,
ist schon zu viel ...
    Lieben Sie so wenig Ihre Landsleute? entgegnete Benno ...
    Diesen Principe Rucca? ... sprach Biancchi. Haben Sie das schwarze Pflaster
gesehen? Der junge Affe hat sich wahrscheinlich den Kopf an einer Fensterscheibe
zerstossen und geht nun mit einem Pflaster ins Teater, um Oesterreich glauben zu
machen, ein solcher Italiener könnte ein Duell gehabt haben ...
    Benno erzählte die Ursache der Verwundung, nannte die junge Gräfin
Maldachini und sah das Auge des Italieners unter seinen schwarzen Brauen immer
mehr hin- und herzucken ...
    Ja mit Bestien muss die spielen! ... sagte er und fixirte Benno mistrauisch,
als müsste er Anstand nehmen, sich ganz auszusprechen ...
    Dalschefski horchte gleichfalls schlau ... Beide Männer schienen in ihrem
innersten Wesen noch etwas anderes zu sein, als was sie hier vorstellten ...
    Benno erkannte immer mehr, dass er wirklich Luigi Biancchi, den dritter der
römischen Flüchtlinge, vor sich hatte, in deren Familie sich Hedemann
hineinheiraten wollte ...
    Jenny war überglücklich, die neue Bekanntschaft des Hauses sofort mit
Biancchi so eng verbunden zu sehen ...
    Wie beide ihr der Hitze wegen in ein Nebenzimmer folgen sollten, Benno auf
eine Bestätigung des Ursprungs der Gräfin Maldachini gefasst sein konnte,
unterbrach Resi, die gefolgt war, die zur nähern Verständigung einleitende Frage
Benno's: Haben Sie nicht Verwandte, die in Frankfurt am Main und London leben?
... mit den deutschen Worten:
    Der hat gar keine Verwandte! Der ist in Italien auf einem Holzapfelbaum ganz
für sich allein gewachsen! ...
    Benno hätte wünschen mögen, die neckische Plaudertasche hielte sich jetzt
entfernt ... Er konnte voraussetzen, dass Biancchi sich in tiefster
Herzensbewegung befand, so ruhig auch wieder sein Äußeres erschien ...
    Da er auf die erneute Frage nach dem »Bildhauer« Biancchi, wie Benno den
Gipsfigurenhändler, und nach dem »Maler«, wie er den Restaurator nannte, nur ein
Kopfschütteln als Antwort bekam, liess er Resi's Spott gelten ...
    Glauben Sie ihm das alles nicht! sagte diese ... Die Leute, die Sie da
nennen, die sind allerdings sämmtlich seine Verwandte! ... Oder sie mögen nicht
weit von seinem Stamm gefallen sein ... Aber Dalschefski muss ihnen regelmässig
schreiben, dass der Onkel im Spital läge und sich selbst von milden Gaben anderer
Menschen sein Leben kümmerlich friste ...
    Ha ragione! sagte Biancchi ruhig und nahm eine Prise, die ihm sein
persönlicher Freund und Stubengenosse, wenn auch musikalischer Gegner und Rival
Dalschefski präsentirte ...
    Besuchen Sie ihn in der Currentgasse, Herr Baron, sagte Resi ... Ein Haus
mit drei Höfen, berühmt durch den heiligen Stanislaus nebenan ... Jetzt gehört
es der Handlung Pelikan & Tuckmandl ... Da werden Sie jeden Mittag um zwölf
Uhr, Hof Nr. 3, Tür Nr. 17 rechts diesen von mildtätigen Gaben lebenden
italienischen Bettler über einer Pastete von Rebhühnern und dergleichen und dem
besten Wein Deutschlands finden, eines Landes, das er so gründlich verachtet ...
Unsere Musik schlecht zu machen hat ihm in diesem charakterlosen Wien ein
Vermögen von fünfzigtausend Gulden eingebracht ... Nachts fürchtet er freilich
zur Strafe die deutschen Diebe - und darin hat er Recht, es wird in Wien
fürchterlich gestohlen - Frau von Zickeles! In der Josephsstadt ist schon wieder
eingebrochen! - Dann ruft er in seiner Angst dem Dalschefski und wenn dieser
edle Pole, der die deutsche Musik trotz der drei Teilungen Polens ehrt, es
vorzieht, um zwölf Uhr Nachts zu schlafen, so weckt ihn dieser grausame Tyrann,
macht Licht und schmeichelt ihn aus dem Bett heraus mit dem Zugeständnis, dass
Mozart manchmal ein Italiener gewesen wäre ... O, wir kennen alle seine
Verwandte. Eine Frau Giuseppina Biancchi zieht in Castellungo die besten
Seidenwürmer ... Graf Salem-Camphausen hat sich's eine Untersuchung kosten
lassen, als er der Angiolina Stunden gab und ihn auch da einmal Terschka um
seine Verwandte zur Rede, er sich aber darüber völlig unwissend stellte ...
    Mit grösster Ruhe entgegnete der Maestro auf diese für Benno tief
ergreifenden Einzelheiten:
    Es ist ja bekannt, dass dieser Herr Graf von Salem seine Finanzen durch
allerlei dumme Possen ruinirt hat ...
    Da man lachte, so brach Resi in ein parodirendes: Perfido! Crrrrrudele! aus
im Ton der italienischen Oper, sprang zum Klavier, variirte noch eine Zeit lang
in diesem Ton heftige Verwünschungen gegen Biancchi, ging aber allmählich wie
von Rührung über die Erwähnung Angiolinens und die wohl jetzt in Erfahrung
gebrachte Mission des fremden jungen Rechtsgelehrten ergriffen, in andere
Melodieen über und sang zuletzt Schubert's »Wanderer« mit einem erschütternden
Ausdruck der Empfindung ...
    Benno hatte indessen nicht den Mut, weiter zu forschen ... Ueberall sah er,
dass er Anknüpfungen seiner Interessen, voll äusserster Verlockung, sich zu
entüllen, fand und immer, immer war dazu der Begleiter der Schmerz ... Er hörte
die Turmuhren draussen feierlich in den schönen Gesang hineinschlagen ... Es war
wie ein Ruf aus dem Jenseits ...
    Als Resi zu Ende war, hätte er gehen mögen ... Wie disharmonisch war der
ausbrechende Beifall! ... Herr von Pötzl raste und kein vertrauliches:
Pitoyable! folgte ... Resi aber würdigte gerade ihn keines Blicks ... Es war,
als wollte sie sagen: Wir haben eine Loge zusammen - müssen gemeinschaftlich
unsere kritischen Empfindungen im Burgteater los werden - aber ein Urteil über
ein Lied von Schubert gestatt' ich dir nicht ...
    Zuletzt gab man noch Benno für seinen wiener Aufentalt allerlei gute
Ratschläge ...
    Bernhard Fuld warnte vor den Fiakern - Herr von Pötzl, ihm leise ins Ohr
raunend, vor den »Spitzln« - Frau Bettina Fuld mit einer leisen Anspielung auf
Terschka, über den sie mit ihm einiges gesprochen hatte (staunend und lächelnd;
sie lächelte zu Glück und Unglück), vor den Böhmen - Harry vor den immer sehr
schlechten Eckplätzen in den Teatern - ja selbst Percival, den der Schlaf
übermannte, taute noch einmal auf und äusserte sich ganz praktisch über das
Institut der »Hausmeister«, das zwar Trinkgelder bedinge, aber den Besitz eines
Hausschlüssels überflüssig mache ...
    Resi sagte:
    Die Hauptsache, Herr Baron, bleibt immer die, dass Sie sich nicht bestehlen
lassen! In Wien stiehlt alles! Nicht bloss die Raizen und Rastelbinder - das sind
noch die ehrlichsten von allen! Nur draussen in der Vorstadt, aber auch da nur in
der alleräussersten, gibt's noch ein bissel Ehrlichkeit! Ganz verlassen könnens
»Ihnen« bloss auf die Ungarn! Sonst stiehlt in Wien alles ... Die Raizen stehlen
weil sie's brauchen ... Die Italiener stehlen, weil sie die Ehrlichkeit für
einen Mangel an Geist halten ... Die Böhmen stehlen, weil sie so wissbegierig
sind ... Die Raben entschuldigen sich ebenso ... Die Polen, lieber Dalschefski,
nehmen Sie mir's nicht übel, die stehlen auch; sie haben das Bedürfnis, die
Liebe ihrer Herrschaft in Prügeln bewiesen zu bekommen ... Ja und alle diese
Motive zum Stehlen lassen sich noch hören ... Aber die schlechteste Nation,
Professor Biancchi, sind in diesem Punkt allerdings die Deutschen! Die stehlen
aus dem ganz gemeinen Grund, dasjenige, was andern gehört, lieber selbst haben
zu wollen ... Ich sage das in voller Ueberzeugung und nicht bloss deswegen, weil
der arme Biancchi sich über das Schubert'sche Lied schon wieder ganz gelb
geärgert hat und morgen am End' die Stund' hier absagen lasst ...
    In solche und ähnliche lustige Reden hinein wurden die Mäntel, die Shawls
und Hüte aufgebunden ...
    Phantastisch aufgeputzt wurde Biancchi von Jenny und Dalschefski von der
Resi ... Grosse Shawls hüteten die geliebten alten Maestri vor »Verkühlungen« ...
Ein charakteristischer Zug aller gebornen Wiener war, dass sie nun noch
einstimmig das Klima ihrer herrlichen Stadt verwünschten ... Frau von Zickeles
entwickelte sich jetzt erst in einer längern Rede ... Angelika Müller pries
dafür ihr Landhaus in der »Briehl« ... Sie seufzte auf wie eine Märtyrerin,
Benno, als stünde sie an der Maximinuskapelle, zuflüsternd: Ich hoffe auf eine
stille Stunde! ... Harry Zickeles liess sich nicht nehmen, Benno nach Hause zu
begleiten ... Alles schritt hinunter ... Man trennte sich ...
    Herr von Pötzl benutzte Harry's Holen eines vergessenen Halsshawls, um Benno
zu sagen:
    Der Harry ist in Wien »Führer« par excellence ... Wo wäre ein neu
angekommener Name, den er nicht des Morgens auf den Graben spazieren geführt und
des Abends nach Hause begleitet hätte! ... Leo hat seine Wohltätigkeitsdiplome,
Percival seinen »Ahasver«, der Harry wird Ihnen noch sein »Album« anbieten ...
Dieses sechs Pfund schwere Buch folgt ihm nach Mailand, Paris und London ... Was
nur Namen hat in der wissenschaflichen, künstlerischen und gesellschaftlichen
Welt, hat da mehr oder weniger hineingeschrieben: »Hommage à mon ami Zickeles!«
Er ist der einzige Mensch, dem sich Meierbeer, Talberg, Liszt und andere Genien
im Nachtkamisol und in Unterbeinkleidern beim ersten Morgenbesuch zeigen und -
»Genirens Ihnen nicht, Meierbeer, ziehen Sie sich ruhig an, Ihr Freund Harry
Zickeles raucht die Cigarre!« -
    O bitt' schön, lieber Herr von Zickeles (unterbrach er sich) - da sind Sie
ja ... Ja, Sie Charmantester ... Nur keine Verkühlung ... Mein Weg ist in die
Josephstadt ... Herr von Asselyn ... Hab' mich unendlich gefreut ... Aber ich
hab' noch die Ehre - ...
    Auf die schärfste Satyre folgte der gemütvollste Händedruck erst an Harry,
dann an Benno, und nun wohnte Herr von Pötzl doch in der Josephstadt, während
ihn so lange, als er über Benno noch nicht im Reinen war, sein Weg auch über die
Mölkerbastei und auf die Freiung geführt hatte ...
    Harry ergriff Benno's Arm wie den eines alten Bekannten und gab über den
schnell davon Huschenden die Erklärung:
    Herr von Pötzl ist sehr ein rangirter Mann - Witwer - ohne Kinder - Die
Angiolina war seine Pflegetochter - Graf Salem liess sie auf seine Kosten von ihm
erziehen - Sonst ist er - ursprünglich, glaub' ich, ein verdorbener Architekt
... Er hatte das Geschäft gepachtet, im Prater die Buden aufschlagen zu dürfen
... Dann baute er selbst Häuser oder lieh Geld auf andere ... Das hat ihn in die
Höh' gebracht ... Als seine Frau starb, verliess ihn die Angiolina und ihm war's
ganz recht, denn er hat einen grossen Nagel im Kopf und hiesse gar zu gern der
»Edle von Krapfingen«, was eine Besitzung ist, die ihm gehört .... Die Leute
sagen - aber ganz unter uns - hier an dem Gebäude (Harry zeigte auf ein
düsteres, Benno schon bekanntes Haus - die Polizei) kennt der Mann alle Hinter-
und Seitentüren ... Nehmens sich ein bissel vor ihm in Acht ... Wir haben
allerhand Spitzln ... Bezahlte und unbezahlte ... Wenn Sie in der kleinsten
Garküche speisen, so weiss man hier in dem Hause schon Abends, in was für Münze
Sie bezahlt haben ...
    An dem stillen Priesterhause, Benno's Wohnung, mussten die lehrreichen
Aufklärungen ein Ende nehmen ...
    Ein grosser eiserner Klopfer wurde noch von dem gefälligen Harry angeschlagen
...
    Die Tür ging auf ... Benno nahm Abschied und versprach, wenn er morgen
zeitig vom Schloss Salem zurückkehren sollte, die Einladung zum Mittagstisch
anzunehmen, sonst aber jeden freien Augenblick in dem unterhaltenden,
gastfreien, so zwanglosen Hause zuzubringen ...
    Nun schritt er durch matt erhellte Gänge und kam in seine stillen Zimmer, wo
er suchen musste, nach soviel kaum zu Ertragendem, das heute das Geschick ihm
verhängte, im Schlummer die Kraft zu gewinnen für sein ferneres - »Freudvoll und
Leidvoll«.
 
                                       7.
Ein schöner Späterbstmorgen lachte Benno schon so heiter und sonnig auf seinem
Lager an, als wollte der Himmel sagen: Mut! Mut! Nun nicht gewichen! ...
    Benno frühstückte auf seinem Zimmer mit dem Chorherrn, der bei ihm
anklopfte, und erzählte seine gestrigen Erlebnisse ...
    Zur Fahrt nach dem Schloss Salem bestellte der freundliche Wirt sofort
einen Einspänner, der Punkt neun Uhr vor der Pforte des geistlichen Hauses
warten sollte ...
    Aber wie nun um elf? Wie das Rendezvous im Palatinus? fragte er neckend ...
    Benno berichtete noch von der Begegnung im Teater und nannte den Namen der
Herzogin von Amarillas, über die der Chorherr nichts Näheres wusste ...
    Sie müssen Ihrer Eroberung ein Lebenszeichen geben, sagte er, sonst kommt
sie noch hier am Hause vorgefahren ...
    Benno wollte im Vorüberfahren am »Palatinus« seine Karte abgeben ...
    Dann erzählte er von dem Abend bei den Zickeles und schilderte den
eigentümlichen Gegensatz desselben zu der Lage, in der er den Grafen Hugo
anzutreffen erwarten durfte ...
    Auch diesen Beziehungen, die eine Schilderung der Macht der Börse
veranlassten, stand der Chorherr zu fern ...
    Als Benno andeutete, dass ihm durch alles, was er hier in Wien und
Oesterreich sähe und höre, doch ein eigentümlicher Ton der Trauer mitten durch
die Freude hindurch zu gehen schiene, eine Verstimmung, ein Mangel an
Selbstvertrauen und doch auch wieder kein Vertrauen zu andern, eine bald
excentrische Hingebung, bald ein geheimer Krieg aller gegen alle, kurz eine
völlig atomistische Zerbröckelung dieses herrlichen grossen Ganzen - da sagte der
Chorherr, aufs äusserste erregt und vom gemeinschaftlich genossenen Frühstück
aufstehend:
    Das eben bricht mir ja das Herz! ... - Das erkennen Sie also schon, dass,
wenn auch unsere Machtaber nichts lieber wünschen, als die Bestätigung des
Rufes, in dem wir als ein Volk von Phäaken stehen, lebend nur dem immerfort sich
drehenden Bratspiess, doch dieser Vergnügungstaumel, in den sich unsere
Bevölkerung zu stürzen liebt, um so herbere Aschermittwochsstimmungen
zurücklässt? ... Aus all dieser Lustigkeit hörten Sie schon heraus: Wien ist
krank! ... Mein junger Freund, ganz Oesterreich ist es ... Der Wahrheitstrieb,
der tief in diesem Volk begründet ist, findet keine Befriedigung ... So
verwandelt er sich in Mistrauen, kühle Prüfung, zuweilen leidenschaftlich
hervorbrechende Begeisterung und wieder ebenso rasch kommende Ironie seiner
selbst ... Die einen macht ein solches Wesen schlecht, die andern macht es
melancholisch ... Was soll einst daraus werden! ... Die Masse ist gemütvoll,
ist gerechtigkeitsliebend, aber von einer beängstigenden Unbildung und
Masslosigkeit ... Die Vorstädte werden an sich noch wie von den Anschauungen
alter Frauen regiert, die an den Strassenecken die Gemüse verkaufen ... Ein
Schrecken vor Kometen oder vor dem möglicherweise alle Tage wiederkehrenden
Türken oder vor dem Staatsbankrott ist die feststehende Stimmung des allgemeinen
Volksgeistes ... Nun dieser Drang nach Oeffentlichkeit, nach Auszeichnung ...
Alles was in den Polen, Ungarn, Böhmen, Italienern, namentlich aber in der
lebendigsten aller Nationen, in - dem todten Israel lebt, impft sich unserm Volk
hier auf ... Herrlich, wenn das alles einen würdigen Gegenstand fände ... Aber
dafür die strengste Censur, die Verfolgung der Meinungen, die Unterdrückung der
Lehrfreiheit und - als Ersatz für alles das, was die Oeffentlichkeit entbehren
muss, die immer enger und enger sich ziehende jesuitische Ueberstrickung ...
Kirche und Schule, Wissenschaft und Kunst sollen vom »josephinischen« Geist
gereinigt werden ... Einsehend, dass es unmöglich, das Licht, das man fürchtet,
in Säcken und dunkeln Kutten aufzufangen, arbeitet man jetzt an einem andern
System der Bekämpfung des Neuen ... Man erbaut Gegengebäude ... Man hört die
Ratschläge aus dem Al Gesù in Rom ... Und dem allem stimmt die öffentlich
geheuchelte Loyalität gleichsam zu und doch - im tiefsten Grund - ist's nichts
als Lüge - ... An der Lüge geht mein herrliches Oesterreich zu Grunde! ...
    Die magern Hände des Greises zitterten ... Sie krümmten sich ... Sein Auge
war umflort ... Er musste hundert Schritte im Zimmer auf und nieder machen, bis
sich sein Blut beruhigte ...
    Ein Hausdiener brachte einen Brief, den gestern Abend ein fremder Herr bei
ihm unten geschrieben, versiegelt und an Herrn von Asselyn adressirt hatte ...
    Er war von Schnuphase ...
    Benno mochte nicht lesen ...
    Als sie beide wieder allein waren, nahm der Chorherr die Gedankenreihen, die
ihn so tief erschütterten, wieder auf ...
    Unsere gegenwärtigen Regenten - sind gegen die Jesuiten ... Regenten wollen
keine Teilung ihrer Herrschaft ... Aber die Strömung ist zu gross ... Sie kommt
zu stark und von hoch oben ... Immer grösser wird die Zahl der mittelalterlichen
Fanatiker, die mit feierlicher Salbung das ausführen, was Gentz nur vom
Standpunkt der blossen Staatsraison leicht und heiter hinwarf ... Damit das
germanische Element in Deutschland nicht ganz an Preussen übergeht, muss der
Protestantismus in sich selbst verwirrt, verdunkelt und zum Bundsgenossen Roms
gemacht werden ... Alle Richtungen, die im Denken und Empfinden der Zeit
irgendeine Verbindung mit dem Mittelalter zulassen, sollen von jetzt an nur noch
allein gepflegt und ausgezeichnet werden ... Ich habe das Gefühl einer bangen
Zukunft ...
    Der sich natürlich aufdrängende Gedanke an den grossen Staatskanzler
bestimmte Benno, den Brief Schnuphase's zu erbrechen ...
    Er las:
    »Hochwohldieselben nicht zu Hause getroffen, zu haben beklage schmerzlichst,
bitte inständigst, jedoch Hochdero ergebensten Diener in dieser grossen Stadt
nicht verlassen zu wollen, sondern, ihm hülfeflehend die Ehre zu geben für
übermorgen anberaumter Hoher Audienz bei seiner Durchlauchtigsten Staatskanzler
Hochdero ergebensten Diener begleiten zu wollen, da meine Angst vor den
vorhabenden Mitteilungen alles, übersteigt was in solcher Lage jemals,
empfunden zu haben entsinnen kann. Adresse: Pelikan & Tuckmandl,
Currentgasse. Hochdero gehorsamst Schnuphase, Stadtrat. In Eile.«
    Benno zerriss den Brief, warf ihn in einen Papierkorb und schwieg von dem
Inhalt ...
    Feierlich zündete der Chorherr eine Kerze an und sagte:
    Briefe, die man nicht aufbewahren will, muss man verbrennen ...
    Eine lange Pause, während der er feierlich die Stückchen Papier verbrannte
... Rauchen Sie eine Cigarre! sagte er dann mit weicher Stimme ... Sie sind
jung! ... Und kommen Sie nicht zu spät zurück ...
    Benno drückte dem Gehenden die Hand ... Es war ihm bei dem trefflichen Mann
so wohl, als wäre er beim Onkel in der Dechanei ...
    Auf eine seiner Visitenkarten schrieb er in italienischer Sprache: »-
bedauert, für heute verhindert zu sein, persönlich nach dem Befinden Sr. Hoheit
zu fragen« ...
    Es waren diese Worte für den Principe Rucca bestimmt ... Buchstaben, die
sich von seinem Herzen, von seiner Hand langsam losrangen, wie ein Fürst die
Bestätigung eines Todesurteils schreiben mag ...
    Dann nahm er die ihm von Nück übergebenen Papiere, schloss sie in ein
grösseres Portefeuille, nahm einen warmen Oberrock, verliess sein Zimmer und
bestieg den kleinen Wagen, der am Hause hielt ...
    Am Palast des römischen Botschafters fuhr er vorüber, wie vor einem
geheimnisvollen Cocon, in den sich eine Raupe gehüllt hat, die ihm zum bunten
Schmetterling werden sollte ...
    Am Palatinus hielt er ...
    Die Vorhänge an den Fenstern des ersten Stocks hingen noch hernieder ...
Einen Tross von Menschen sah er wieder im Portal stehen ... Wieder den Mohren des
Prinzen Rucca ...
    Benno übergab aus dem Wagen dem Portier seine Karte ... Die Hand zuckte. Er
erschien sich jener Apollin, an den Olympia als Kind hinaufsprang, um ihn zu
zertrümmern ... Eine heisse Glut durchloderte ihn, wenn er dachte: Sie erwartet
dich um elf Uhr in den Zimmern ihres Verlobten, findet deine Karte, auch die
Mutter nimmt diese in die Hand, liest deinen Namen - Ceccone kommt hinzu - Du
wirst in Kreise gezogen, wo die Verführung dich umgaukelt, wo jeder Schritt für
dein Herz und dein Urteil zur Fussangel werden kann! ... Wirst du in solcher
Lage, mit allen aus ihr entspringenden Verbindlichkeiten der Verstellung
ausharren können? ... Da war es ihm, als riefe es um ihn her: Fliehe! Jetzt!
Jetzt! Noch ist es Zeit! ...
    Das Rösslein schwenkte ... Munterer sprang es dahin in eine ruhigere
Seitenstrasse ... In der Nähe eines seltsam gebauten Hauses, dessen Fenster den
Schiessscharten von Kasematten glichen und die doch einem Franciscanerkloster
angehörten, wie der Kutscher erläuterte, lag ein altes Haus, am Portal mit dem
Bild eines Heiligen und einer ewigen Lampe ... Er fragte nach der Currentgasse
... Die lag in einem andern Teil der Stadt ... Wie wert war ihm die Erinnerung
an die freimütige, herzige Terese ... Sie die Freundin seiner verlorenen
Schwester ... Gräber! Gräber -! rief es in seinem Innern ... Warum öffnest du
sie ... Fliehe! Fliehe! Noch ist es Zeit! rief es auch hier um ihn her ...
    Durch ein kleines Tor auf das Glacis gekommen, fuhr er am Kloster der
Hospitaliterinnen vorüber, wo er schon die Aebtissin, Schwester Scholastika, die
geborene Tüngel-Heide, hätte besuchen müssen ... Er widmete ihr einen
Sehnsuchtsgedanken an die ferne Armgart ...
    Immer einsamer und einsamer wurden die Strassen ... Zuletzt gab es nur noch
alleingelegene Häuser mit Gärten und Feldern, Fabrikgebäude mit hohen und
rauchenden Schornsteinen ...
    Endlich war die Landstrasse erreicht und der ganze Vollgenuss gewährt der
ungehindert eingeatmeten kräftigenden Herbstluft ...
    Benno sass im warmen Oberrock bei offenem Verdeck ...
    Bald bog der Wagen von der Hauptlandstrasse ab ... Kleine Ortschaften, in
denen gerade Markt gehalten wurde, boten den buntesten Anblick ... Der Himmel
blieb sonnig und dunkelblau; nur an den Rändern des Horizonts, den die sanften
Bergeshöhen abgrenzten, schimmerten die bunten Irisfarben des Herbstes, rosa,
gelb und violett ...
    Der Kutscher sah Benno's Wohlgefallen an der schönen Umgebung und riet ihm
zuweilen, zu Fuss einen kürzern Weg durch eine Waldpartie zu nehmen, während er
die sich windende Landstrasse weiter fuhr ... Aber durch die Eichen- und
Buchenhaine war vor schon gefallenem Laub nicht hindurchzukommen ... Nur die
grünen Tannenbestände liessen hier und da den Rat befolgen ... An manchen
Durchblicken sah Benno weissschimmernde Klöster und Schlösser ... Der Blick
ringsum öffnete bald diese, bald jene Fernsicht, bald zu einem schroffen Aufgang
zu höhern Felsgesteinen, bald zur weiten, vom Pflug wieder neugeackerten,
dunkelschwarzen Ebene ... Bonaventura - Armgart - Paula schritten immer im
Geiste mit ihm ...
    Endlich wurden die Aussichten begrenzter ... Die Hügelreihen zogen sich
enger zusammen ... Der Kutscher deutete auf den Ausgang eines waldbewachsenen
Grundes als den Anfang des zum Schloss Salem gehörenden Parks ... Nach einer
längern Fahrt zwischen rings sich türmenden, noch epheu- und moosbewachsenen,
von kleinen behenden Cascaden überrieselten Felsen sah man den Weg sich öffnen
und an der Abdachung der sich in eine neue grosse Ebene niedersenkenden
Berglehnen eine hellschimmernde, in neuerm Geschmack angelegte Besitzung, der
man in der Ferne noch nicht anmerkte, wie sie aus einem alten Renaissanceschloss
entstanden war ... Alte Türme waren da im englischen Castellstil neu ergänzt
... Balcone, Erker, gewölbte, mit Epheu und wildem Wein umzogene Fenster liessen
sich schon aus der Ferne erkennen ... Eine Altane bot ohne Zweifel den Blick in
die weiteste Ferne bis zur Donau ... Offene Galerieen, sonst wohl mit Blumen
besetzt, zogen sich um die Ecktürme hin ...
    In nächster Nähe gewann jetzt alles ein gepflegteres Aussehen ... Fast
unmerklich verlor sich die Strasse in einen Park voll kleiner Pavillons, Tempel,
Ruhebänken neben stürzenden Wassern; da und dort zeigte sich wieder eine freie,
noch smaragdgrüne Waldstelle, auf der man hätte Rehe suchen mögen ...
    Schon fuhr der kleine Wagen in den gekieselten Gleisen der Parkwege ... Die
Fusswege nebenan waren sauber geharkt ... Sie schlängelten sich terrassenhaft
niederwärts bis zum Schloss, das bei grösserer Annäherung sich immer stattlicher
entfaltete und nun auch seine Nebengebäude, einen grossen geräumigen Hof zeigte,
den ein eisernes Gitter und in dessen Mitte ein hohes, mit dem Camphausen'schen
Wappen geschmücktes Portal vom Park trennte, während der Fahrweg am Portal
vorüber weiter ging und auf einer andern Seite wieder auf die allgemeine
Landstrasse zurückführte ...
    So in der Nähe nun zu sein von all dem seiter erzählten, vorgestellten,
gefürchteten Leben einer fremden hochwichtigen Existenz mit all ihren
eigenbedingten Lagen, ihren eigengeschaffenen und wieder für andere massgebenden
Zuständen - gewährte schon an sich eine ergreifende Stimmung ... Wie viel mehr
noch das Gefühl: Hier weilt dir eine Schwester, die du nie gesehen, vielleicht
nie anerkennen wirst! ... Hat Terschka wirklich Wort gehalten und geschwiegen?
... Unwillkürlich kam ihm die Erinnerung an den Park des Vaters auf Schloss
Neuhof ... Dann raffte er sich auf - und doch suchte er wieder durch die
laublosen Bäume hindurch nur ein abgesondertes Gebäude, das Casino genannt, in
welchem, wie er schon in Kocher vom Onkel Dechanten gehört, seine Schwester für
sich allein wohnen sollte ... Er sagte sich: Du bist ganz wie Bonaventura mit
den Bürden seiner Beichten! ... Wenn du deine Schwester sähest - würdest du kalt
und fremd erscheinen müssen ... Auch dass der Graf vielleicht das Opfer eines
Betrugs durch eine falsche Urkunde ist, darf kein Gedanke sein, der dich
irgendwie hier anwandelt ...
    Im grasbewachsenen, gepflasterten Schlosshof war es, wie noch zur Mehrung
seiner märchenhaft träumerischen Stimmung, menschenleer ...
    Nur ein einziges Ross sah er, das gesattelt an einen eisernen Candelaber
gebunden stand, deren vier eine Rampe schmückten, die die grosse Auffahrt bildete
...
    Zu diesem trat durch die Tür eines Seitengebäudes, die zum Stalle zu führen
schien, eben in sorgloser Haltung ein Reitknecht, den selbst die Ankunft des
Einspänners nicht störte ...
    Inzwischen war Benno dicht an die Rampe gefahren ...
    Jetzt sah er erst, der Sattel des Pferdes war ein Damensattel ...
    Ohne Zweifel war er für seine Schwester bestimmt ...
    Nun mit dem beklommensten Herzen, jeden Augenblick gewärtig, ihr als Bote
ihres Sturzes oder wenigstens ihrer künftigen äusserlichen Verleugnung zu
begegnen, sah er dem Reitknecht zu, der den Sattel, fester schnürte und, während
der Kutscher schon sein Ross ausschirrte, auf einen Diener deutete, der aus der
hohen Glastür, die von der Rampe zum Schloss führte, mit eilendem Schritt
heraustrat ...
    Auch dieser ging wie der Reitknecht in den »altfränkischen« Dorste'schen
Farben - grün und gelb, doch in geschmackvollerer Verteilung als in Westerhof
... Die Halbröcke von mattgelbem Tuch, kleine Verzierungen daran grün ... Eine
weisse Weste, kurze schwarze Beinkleider und Strümpfe stimmten zu den artigen
Manieren des von der Rampe Herabkommenden, der ein Kammerdiener zu sein schien
...
    Offenbar war der Mann in grosser Verlegenheit ... Er wusste, dass Benno
erwartet wurde und entschuldigte den Grafen, der noch eine Abhaltung hätte ...
Dann nahm er mit freundlicher Geschäftigkeit das grosse Portefeuille Benno's
entgegen und lud den Gast ein, sich's so lange in einem Zimmer bequem zu machen,
das er ihm anweisen wollte ...
    Alle diese Worte hörte Benno kaum; denn an einem der hohen Fenster des obern
Stockes, hinter den blutroten wilden Weinblättern, die noch nicht ganz von
ihrer üppigen Ausbreitung welk herniedergefallen waren, lüftete sich eben eine
weisse Gardine und ein Frauenkopf sah heraus ... Nur ein Moment war's ...
Sogleich fiel die Gardine wieder zu ...
    Es war ein Kopf, ähnlich dem Lucindens ... Jugendlicher, von einem Ausdruck
der äussersten Angst entstellt - ihm ähnlich ...
    Er konnte annehmen, der Graf befand sich in einem Tête-à-Tête der grössten
Aufregung ...
    Benno, mit dem Gefühl, jedes Auge, das hier auf ihn falle, müsste ihn
anstarren um seiner Aehnlichkeit mit Angiolina willen, folgte mit kaum sich
aufrecht haltender Betäubung dem Diener, dessen ganzes Benehmen die Furcht
ausdrückte, es könnte der junge sehnsüchtig erwartete Rechtsgelehrte der
Schallweite der obern Zimmer zu nahe kommen ... Von einem runden
Eingangsvestibül führte er ihn sogleich in die entgegengesetzte Richtung, ja
schloss Fenster und Türen, die er offen fand, als könnte noch ein anderer Schall
hereindringen, als der der Gespräche des Kutschers mit dem Reitknecht und das
Unterbringen seines Gefährtes im gräflichen Stall ...
    Endlich kamen sie in Zimmer, die des Grafen Wohnzimmer selbst schienen und
nach dem Garten hinaus gingen ... Dieser war nur ein im Charakter etwas
veränderter Teil des Parks ... Die Fahrstrasse umschlängelte das Schloss und lag,
kaum hundert Schritte weiter, wiederum dem Blicke offen ... Die Zimmer, die sie
durchschritten, gingen bis in den alten Bau hinein, einen Turm, von dem eine
noch von welken Blumen umrankte Wendeltreppe in den Garten führte ...
    Das Zimmer, in dem sich der Diener endlich empfahl, war düster, sonst höchst
traulich ... Von oben her beschattete es das Dach der grossen Altane des ersten
Stocks, die man in der Ferne gesehen hatte, auch eine Fülle von Epheu, der von
aussen fast in das Zimmer hereinwuchs ...
    Es liegt ein eigener Reiz in dem Betreten eines zum ganzen und vollen
Ausleben eines fremden Ichs bestimmten Zimmers ... Offenbar hatte der Graf sein
Ausbleiben dadurch mildern wollen, dass er Benno sogleich in die Räume führen
liess, die er selbst bewohnte ... Der Duft der besten Cigarren kam wie aus eben
erst verronnenen blauen Wölkchen ... In der Mitte des Zimmers lag auf einem
grossen runden, zierlich ausgelegten Nussbaumtisch eine Auswahl von bunten
türkischen und ungarischen Pfeifen ... Cigarrenkisten aus der Havannah waren
noch nicht lange geöffnet ... Gelber türkischer Taback lag in einer antiken
Schale von Metall ... Das sich dem mittelalterlichen Geschmack nähernde Zimmer
war hochgewölbt ... An den Wänden hingen türkische Waffen, Rossschweife sogar,
Gemshörner, Alpenhüte, geschmückt mit Gemsbärten ... Dunkelbraune Schränke,
gotisch geformt, standen teilweise offen und zeigten goldenen und silbernen
Militärschmuck, Säbel, Pistolen, Jagdflinten ... An den Fenstern waren
Glasmalereien angebracht; der Fussboden, am Schreibtisch mit einer grossen
Tigerdecke belegt, war parkettirt in schönen symmetrischen Figuren ... Neben dem
modernen und gusseisernen Ofen stand ein vollständiger Ritterharnisch von
blankpolirtem Stahl ... Auf einer hängenden Etagère blinkten Trinkkannen, Krüge
mit eingebrannten Sinnsprüchen, Becher aus Horn mit silbernen Griffen ... Der
Schreibtisch stand frei, wohlgeordnet und bedeckt mit bunterlei Nippsachen ...
Federn lagen, noch glänzend von frischgetrockneter Tinte, auf grünem
querübergespannten Tuche ... Hinter dem Schreibtisch standen in einem dunkeln
Winkel zu Fuss eines Porträts, das einen General und ohne Zweifel den durch einen
Pferdesturz verunglückten Vater des Grafen darstellte, Hellebarden,
Streitkolben, Morgensterne ... ... Ein kleiner Schrank entielt eine Bibliotek
von schöngebundenen Büchern, militärischen und landwirtschaftlichen Inhalts ...
Eine altmodische Wanduhr mit hörbarem Pendelschlag schien der Pulsschlag des
stillen und doch so lebendigen Zimmers zu sein ... Hier hatte Terschka gewaltet
... Hier Angiolina ... Benno's Blick fiel auf eine Console zwischen den beiden
Fenstern, wo im Dunkeln eine Alpenziter lag und auf ihr - ein weiblicher
Strohhut ...
    Schon eine Viertelstunde mochte vergangen sein, da kam der Kammerdiener
zurück und entschuldigte den Grafen aufs neue ... Er wäre zwar im Schloss, bäte
aber den Herrn Baron aufs inständigste, ihm wegen seines Ausbleibens nicht zu
zürnen ...
    Benno sah aus den Zügen des Alten, welche Probe sein Herr zu bestehen hatte
... Er las einen Kampf der Liebe und Leidenschaft aus ihnen ... Er las aus ihnen
Schmerz, Verzweiflung, Drohungen ... Er musste krampfhaft seinen Hut festalten,
um nicht das Zittern seiner Hände zu verraten ...
    Der Diener wollte, da Benno eine Erfrischung zu nehmen ablehnte, wenigstens
zu seiner Unterhaltung plaudern ... Er rückte einen beweglichen Lehnstuhl dem
Fenster näher, um Benno die Aussicht zu deuten ... Er nannte die Klöster, die
Kirchen, die Dörfer, beschrieb den Lauf der Donau, die wie ein Flechtwerk
silberner Bänder in dem fast überall neugepflügten dunkelschwarzen Erdreich
glänzte ... Leise nahm er dabei den Strohhut von der Ziter, wollte ihn
verstecken, besann sich aber, dass gerade dies Wegnehmen erst recht darauf
aufmerksam machte und legte ihn wieder leise auf die Saiten, die nun - wie
Geisteraccorde anklangen ...
Lass mich weinen, lass mich klagen!
Frage nicht, warum ich's muss!
Ist es nicht der Götter Schluss:
Leben steigt aus Sarkophagen
Seit des Lebens ersten Tagen!
    So klang es in einem Liede Bonaventura's, das wehmutsvoll in Benno
nachtönte ...
    Jetzt horchte der Diener auf ... Er schien etwas zu hören, was Benno entging
... Besorgt begab er sich in die offenen Vorzimmer und zog die Türen, die
vorher offen gestanden, sorgsam hinter sich zu ...
    Benno war keine sentimentale Natur ... Die Ironie pflegte die Regungen
seines Herzens hinwegzutändeln ... Hier aber kam ihm nichts mehr vom Humor zu
Hülfe ... Er fühlte die Rechte des Menschenherzens in dem Leid seiner Schwester
- mit Titanenkraft ... Armes Kind! ... Aber - auch du - arme Paula! ...
    Benno nahm selbst den Hut von der Ziter ... Schwarze Sammetbänder glitten
über seine zitternden Hände ... Auf der Spitze des Huts waren fünf Sternchen von
schwarzem Sammet befestigt ... Noch duftete der Hut von Angiolinens Haar ...
    Da hörte er Türen schlagen ...
    Er legte den Hut auf die Ziter zurück ...
    Es war ihm, als müsste Angiolina gestürmt kommen und selbst ihren Hut holen
...
    Ein Gefühl, sie zurückzuhalten und sie, die eben alles verlor, mit dem
Schwesternamen zu begrüssen, überwältigte ihn einen Augenblick ... Wer denkt sich
nicht zuweilen eine Tat des Heroismus, die, im Urrecht des Genius begründet,
alle Schranken der Rücksicht durchbricht, eine Tat, die die ordnende Weltseele
ebenso gut wie jede andere wieder mit dem Hergebrachten würde zu vermitteln
wissen! ... Schon musste er sich halten - wie jemand, der zu dicht an einen
ungeahnten Abgrund geraten und statt zu fallen, mit mutigem Entschluss den
furchtbaren Sprung lieber selbst wagt ...
    Da hört er vom Garten her den Hufschlag eines Rosses ...
    Im regen- und nebelfeuchten Kiese der gleichmässige Schritt eines
Galoppirenden ...
    Jetzt schwenkte das Ross ... Es war das von vorhin im Schlosshofe ... Es
schwenkte vom alten Gemäuer zur Rechten her und dahin über die sich abdachende
Strasse quer am Schloss vorüber ...
    Darauf eine Reiterin ...
    Nur Angiolina konnte es sein ...
    Im dunkelwallenden Kleid sass sie hoch im Sattel ...
    Ja als sie an der Front der Schlossfenster vorüber musste, schien sie aus dem
Sattel sich zu erheben und sank wieder zurück ... Ein Hut mit blauem Schleier
schlug hinten über und fiel ihr in den Nacken ... Ein schöner Kopf,
todtenbleich, mit dunkelschwarzem Haar und lichtverklärt vom durchsichtigen
Aeter sich abzeichnend ...
    Das Ross wie im Fluge ... Die linke Hand hielt die Zügel, die rechte riss den
Hut ganz vom Haupte ... Nun ragte die Gestalt schlank und lustig schwebend ...
Die Hüfte zum Umspannen ... Benno suchte das Auge ... Das schien sie zuzudrücken
... Es war, als wollte sie nichts mehr von dieser Welt erkennen ... Immer weiter
und weiter schlängelten sich die Windungen des Weges. Das Ross schwenkte ... Sie
selbst schien wie von einer Schaukel gehoben ... Nun verlor sie sich hinter den
Büschen ... Wieder tauchte sie auf ... Ein Bangen ergriff Benno bei dem immer
mehr sich verlierenden, in den Büschen bald offenen, bald von ihnen gedeckten
Anblick ... Wo raste sie so hin? ...
    Oder - Wie ist das? ... Kehrt sie zurück? ... Ist sie nicht schon wieder in
der Nähe? ...
    Nein ... Neuer Rosseshuf erklingt ...
    Der Reiter sind aber mehrere ...
    Auch sie biegen von der Rechten her ums Schloss ... Eine Cavalcade ist's von
mehreren Herren ... Eine Dame unter ihnen ... Olympia! ... Dieselben Begleiter,
wie gestern ... Dieselbe kleine Gestalt über und über heute in hellblauem Sammet
... Gelbe Seide die Verzierungen ... Ein schwarzer Chapeau-Mousquetaire im
grellsten Geschmack des Südens mit Goldtressen geschmückt ... Phantastischer
Carnevalsanblick! ... Auch sie jagt dahin und erhebt sich ebenso beim Blick auf
das Schloss ... Sie erkennt Benno ... Das Ross schwenkt ... Wild stieben die
Reiter um sie her ... Eine neue Schwenkung ... Jetzt ist Olympia eingeschlossen
von ihren Begleitern und auch sie verschwindet ...
    Benno stand besinnungslos ... Er sah die Wirkung - seiner Karte ... Ohne
Zweifel hatte man seine Wohnung erfragt, seinen Ausflug erfahren, die Richtung
erkundschaftet und war ihm gefolgt ... Wieder die Statue des Apollin - von einem
Panter umkrallt! So wirkte ihm diese Erfahrung ... So wild sich geliebt zu
sehen - muss ja den Tod versüssen ...
    Da gingen die Türen und der Diener kam eilends zu dem Besinnungslosen ...
    Eben kommen Seine Erlaucht! sagte er ... Seine Worte erklangen wie der Ton
der Erlösung und glücklichen Hoffnung ...
    Die Erscheinung, dass Herrschaften von Wien her oder der Umgegend die
Durchfahrt durch den Park und an Schloss Salem vorüber benutzten, schien eine
häufig vorkommende zu sein ... Der Diener achtete nicht darauf ...
    Schon im Vorzimmer sprach eine hellkräftige Stimme mit jener Fassung, die
der Weltbildung geläufig ist, eine Entschuldigung für das lange Ausbleiben ...
    Graf Hugo trat ein ...
    Eine schöne männliche Erscheinung ... Am Ende der Dreissiger ...
Hochgewachsen wie seine Mutter Erdmute ... Das Haar braun, lockig; hie und da
dünn an der Stirn und den Schläfen; Lippen und Kinn trugen den Bart desto voller
... Die Augen blau ... Der erste Eindruck vor den Bewegungen der Höflichkeit und
einer nur mühsam verborgenen Erregung unbestimmt und fast zu lebhaft ... Der
Graf trug ein kurzes, militärisches, weisses Hauscollet mit einer leichten
Paspoilirung von Rosaschnüren an der Brust, an den Achseln und Aermeln; lange
eng anliegende blaue Beinkleider, unten mit einem Besatz von glänzend lakirtem
schwarzem Leder, das gegen Hausstiefel von bunter russischer Lederstickerei
grell abstach ...
    In einer Sprechweise wienerischen Tonfalls entschuldigte er sich, dass ihn
Geschäfte abgehalten hätten, sich in eine vollständigere Toilette zu werfen ...
    Alles das kam, als hätte er eben nur eine Abhaltung gehabt in seinen Ställen
oder sonst bei einem Lieblingsgeschäft, das abgewartet werden musste ...
    Der Uebergang zum Rauchen, das Nötigen auf ein dunkel gestelltes, ganz in
der Ecke hinter dem Schreibtisch befindliches Kanapee, alles war so leicht, so
im Ton der harmlosesten Zuvorkommenheit, dass jeder andere nicht gemerkt haben
würde, wie die Art, mit der er in die Kissen zurücksank und wie von seinen
Wangen die leichte Röte der ersten Begrüssung verschwand, doch die äusserste
Erschöpfung nach einer aufregenden Scene ausdrückte ... Im forschenden Blick auf
Benno der völligste Ausdruck der Unbefangenheit über dessen Beziehung zu
Angiolina ... Und kein Stutzen etwa über irgendeine Aehnlichkeit ...
    Ungeordnet, abgerissen war alles, was der Graf von Benno's Aufträgen sprach
...
    Dieser sammelte sich selbst erst durch das Aufschliessen seines Portefeuille
... Die Eindrücke stürmten zu mächtig auf ihn ein ... Die Verlegenheit des
Grafen wurde von der seinigen übertroffen ...
    Herr Graf, begann er allmälig, da ich die Ehre habe - Frau Gräfin Mutter zu
kennen und - den Bewohnern von Schloss Westerhof durch lange Jahre nahe stehe, so
hab' ich - bei Veranlassung einer Reise nach dem Süden, gern die Aufträge
übernommen, die mir Herr - Dominicus Nück gegeben ... Ich soll Ihnen - vorlegen,
was die Agnaten der Dorstes, die Landschaft, die witoborner Curie zuvor
gesichert wünschen müssen, ehe die Vermählung zwischen Ihnen und - Comtesse -
Paula zu Stande kommt - worüber Sie wahrscheinlich schon die directe
Entscheidung durch Ihre Frau Mutter erhalten haben ...
    Kein Wort -! sagte Graf Hugo, immer noch wie scherzend ... Er versuchte,
eine Cigarre anzündend, den Ton der Leichtigkeit beizubehalten ... Kein Wort,
wiederholte er, das entscheidend wäre - Die Mutter kommt in diesen Tagen zurück
- Sie kann schon heute da sein - Da werden wir ja - hören ...
    Ich zweifle nicht, dass sie die Nachricht von Comtesse Paula's Einwilligung
bringen wird - Ich wünsche Ihnen Glück zur Verbindung mit einem der edelsten
Wesen der Welt ...
    Graf Hugo schwieg ...
    Die Cigarre, die nicht brennen wollte, fortlegend, sagte er:
    Sie bringt mir ein grosses Opfer ...
    Es währte eine Weile, bis er, während er die Hand aufstützte, fortfuhr:
    Ich bin beschämt davon ... Herr von Asselyn, das sind sehr traurige
Notwendigkeiten ... Sie werden ja unterrichtet sein - wie - alles das schon
seit Jahren -
    Mit diesem Worte stockte seine Rede ...
    Benno sah, wie sich die hochgewölbte, männlichstarke Brust hob und senkte
...
    Man sollte - sagte der Graf, wieder nach einem möglichst heitern Tone
ringend - man sollte eigentlich niemals grossmütig sein ... Es war seit
Jahrzehnden in unserer Familie die stehende Redensart: Allerdings wenn die
Urkunde sich fände -! ... Nun ist sie da und alle unsere Bravaden werden beim
Wort genommen ... Soll ich wieder aufs neue processiren? ... Soll ich die
Urkunde angreifen? ... Soll ich die Verbindlichkeit als eine gefälschte leugnen?
... Ihr Staat duldet bei Testamenten keine Religionsverbindlichkeiten ... Das
weiss ich vollkommen ... Ich würde selbst einem Gegner, wie Nück gegenüber,
gewinnen ... Aber erst nach zehn Jahren ... Diese Zustände einer Processführung
sind nicht mehr zu ertragen ...
    Als Benno zustimmend schwieg, fuhr der Graf fort:
    Die Leute sagen, die Urkunde wäre ein Extrastück Terschka's, befohlen aus
Rom ... Aufrichtig, ich glaube das nicht ... Der arme Schelm hat uns alle
betrügen müssen ... Das ist wahr ... Aber hierin ist er unschuldig ... Meine
Mutter hat ernste Scenen mit ihm gehabt ... Ich will hoffen, dass ihm England den
»neuen Menschen« anzieht, der, wie Sie wohl wissen, zur Garderobe meiner guten
Mutter gehört ... Die Arme! ... Ihr Eifer, ihre Bemühung rühren mich ... Ich
will alles tun, was Mama auf ihre alten Tage Beruhigung gewährt ...
    Benno breitete die Papiere aus und horchte den Worten, die nicht herzlos
klangen, horchte um Terschka's willen, dem das Zugeständnis der Verschwiegenheit
und einer wirklich geübten Discretion machen zu müssen, ihn fast schmerzte ...
    Meine Religion ist in diesem Land sehr schwer gestellt, fuhr der Graf in den
Papieren blätternd fort, ... Ich fürchte, Gräfin Paula wird darin am meisten
Anstoss bei mir nehmen ... Zumal bei ihrer übergeistigten Richtung ... Ich hoffe,
Ihre Papiere entalten nichts von einer Bedingung, mir erst durch eine
Conversion die Gemeinschaft auch des Himmels mit ihr sichern zu sollen? ...
    Benno bestätigte diese Voraussetzung und berichtete, dass die Vorbehalte
lediglich auf Besitzfragen gingen ...
    Der Graf erklärte, alles das, was er da fände, schon mit wiener Advocaten
besprochen zu haben und sagte, die Papiere zurücklegend:
    Am liebsten fänd' ich in diesen Papieren ein Bild der Gräfin ... Wie ist es
jetzt mit ihrer Krankheit? ... Meine Mutter schreibt nichts darüber ...
Wahrlich, ich gestehe, ich würde verzweifeln, wenn sich alle diese Dinge hier so
fortsetzten, wie in Westerhof ...
    Man sagt, die Ehe hebt einen solchen Zustand ... entgegnete Benno ...
    Graf Hugo erhob sich, sah zum Fenster hinaus und sprach mit einer
Schüchternheit, die Benno an einem Mann, der die Gesetze des Lebens so leicht zu
nehmen schien, kaum erwartet hatte:
    Die Ehe! Eine Ehe, wie sie eben in unsern Standesverhältnissen so oft
geschlossen wird -! Und ich soll dann nach Westerhof kommen ... Ich bin es kaum
im Stande - ... So - fürcht' ich mich ...
    Benno ehrte diese Ausbrüche des ringenden Ehrgeizes durch Schweigen ...
    Ich weiss es sehr wohl, fuhr der Graf fort, wir Männer bringen mit unserm
Herzen viel zu Stande ... Wir können aus unserer Liebe nicht das nur einmal
vorhandene Kleinod machen, das eben die Frauen darin sehen wollen ...
    Nach diesen mit einem leichten Seufzer und einem schärfern Fixiren Benno's
begleiteten Worten verlor sich der Blick des Grafen wie innenwärts ... Er stand
am Fenster, strich sich sein Haar, ergriff mechanisch von der Console ein
kleines Fernrohr, wie Offiziere beim Felddienst führen, und sah weitin in die
Ebene ... Es waren Bewegungen, die der Zerstreuung angehörten ...
    Benno lenkte zu den Papieren zurück, die er in der Hand behalten hatte ...
    Plötzlich blickte der Graf starr durch sein Perspectiv, das er zu verlängern
anfing ...
    Einzelheiten dessen, was den Grafen beim Sehen in die Ferne zu interessiren
schien, konnte Benno bei der ohne Zweifel grossen Entfernung nicht unterscheiden,
aber die Gruppen der Reitenden waren es gewiss ...
    Der Graf erblasste, reichte Benno das Glas und sagte:
    Was sehen Sie, Baron? ...
    Benno sah zwei Reiterinnen, Angiolina und Olympia, im Wettlauf ... Die
Offiziere schienen beide umringt zu haben ... Nach der selbst bei der grossen
Entfernung ersichtlichen Schnelle musste es wie im Sturm dahingehen ...
    Wer sind denn diese Unverschämten! rief der Graf mit ausbrechendem Zorn, sah
sich nach dem Klingelzug um, nahm schnell wieder das Glas zurück und starrte
hinaus ...
    Sie umringen sie ja mit Gewalt! sprach er mit erstickter Stimme ... Sie will
von ihnen los ...
    Benno nannte den Namen der Italienerin ...
    Offiziere der italienischen Garde! ... setzte der Graf hinzu ... Graf
Zerbelloni scheint's ... Marchese Melzi ...
    Zornfunkelnd sprühte des Grafen Auge ... Er sah sich um, wie nach Waffen ...
    Dann bekämpfte er sich und trat vom Fenster zurück ... Der Wald unten
verbirgt sie ... sagte er ...
    Benno ergriff noch einmal das Glas ... Man sah nichts mehr ...
    Ich kann mich auch geirrt haben ... sprach jetzt der Graf erschöpft und
glaubte den Beruhigungen, die Benno gab ...
    Nach einer Weile, in der Benno die wildesten Kämpfe des eigenen Herzens zu
bestehen hatte, brach der Graf, anfangs mit nur leiser, allmälig aber lauter,
weicher und wohlklingender Stimme, in die Worte aus:
    O mein bester Herr von Asselyn! ... Was ist das doch für ein Menschenleben!
... Terschka's Maxime, wenn der arme Teufel sich zuweilen so ängstlich umsah -
ich habe für Terschka Mitleid - war die: Wir können zu jeder Stunde annehmen,
dass alles, was wir unser tiefstes Geheimnis glauben, jedermann bekannt ist ...
Lieben Sie à la Egmont ein Mädchen in der Vorstadt und glauben noch so unbemerkt
zu sein, wenn Sie zu ihr gehen - man hat Sie doch gesehen ... So will ich auch
gar keinen Anstand nehmen Ihnen zu bestätigen, was Sie ohne Zweifel selbst schon
beobachteten, dass ich soeben die furchtbarste Scene meines Lebens durchgemacht
habe! ... Ayez pitié de moi ... Vous en dévinez la cause ...
    Damit sank Graf Hugo auf sein dunkles Kanapee nieder, legte einen Fuss auf
die Polsterung und bot ein Bild der tiefsten Erschöpfung ... Er schwieg ... Die
lange Verstellung rächte sich ... Seine Kraft war dahin ...
    Ganz leise flüsterte er allmälig, wie um Benno - zu zerstreuen:
    Das da ist mein Vater! ... Als ich seinen Tod erfuhr, war ich noch ein Knabe
...
    Benno bat, sich nicht aufzuregen und sich um ihn keinen Zwang anzutun ...
Er schlug vor, dass er sich allein in den Park begeben oder anspannen lassen
wollte ...
    Nein, nein! sagte der Graf ... Nur das Geheimtun erschöpft ... Nun geht es
schon ...
    Benno sah den ganzen Ausbruch der Liebe zu einem Wesen, das so wunderbar mit
seinem eigenen Dasein verbunden war ... Ihm verhängte das Schicksal nichts
Geringeres als dem Leidenden, der sich wenigstens aussprechen durfte ...
    Ich versichere Sie, fuhr der Graf fort, ich habe den heiligsten Willen, fest
und standhaft zu bleiben ... Ich sagte soeben: Die Stunde ist gekommen, die über
mein Leben entscheidet! Ich gewinne die Hand einer Heiligen und kenne das Opfer,
das mir und dem gemeinschaftlichen Namen gebracht wird - Wir müssen uns trennen
... Ich habe dich als halbes Zigeunerkind einst in Zara gefunden ... In Zara, wo
ich die Pfeifen da kaufte und die Waffen an der Grenze erbeutete von Bosniern
... Ja, Baron, in Zara sah ich das kleine Mädchen hoch zu Rosse stehen ... Es
war allerliebst ... Wenn das Kind durch die bunten Reifen, mit und ohne Sattel,
gesprungen war und nur Ein Sprung war misglückt, so schüttelte sie den Kopf zu
allen Beifallszeichen und rief: Niente! Niente! ... Es war eine italienische
Truppe ...
    Benno wandte sein Auge ab, das sich mit Tränen füllte ...
    Die Unterhaltung in Zara, fuhr der Graf fort, dauerte vierzehn Tage ... Die
Gesellschaft wollte abreisen und wir Offiziere hatten an dem Kind eine solche
Freude, dass ich meinen Kameraden den Vorschlag machte: Kaufen wir's dem Führer
ab! Wir wollen's erziehen lassen! ... Die Kameraden wollten nicht ... Da tat
ich's für mich allein ... Die Gesellschaft war klein; der Director machte
schlechte Geschäfte ... Er liess mir Angiolinen für zweihundertfunfzig Gulden ...
    Oeffnet euch, ihr blauen Vorhänge des Himmels, dass ich meine Hände ausbreite
zur Anklage eines Vaters, dessen Untaten solche Opfer forderten! ... So rief es
in Benno's Innern ...
    Er konnte nur leise fragen:
    Wem gehörte das Kind? ...
    Es war wild aufgewachsen, erzählte der Graf ... Der Director wird's
gestohlen haben, wie diese Leute wohl tun ... Später haben wir nachgeforscht und
kamen bis ins Reich hinaus ... Eine italienische Familie, die am kasseler Hof
bei der Oper mit der Feuerwerkerei beauftragt war, hatte das Kind bei sich ...
War's ein Kind dieser Italiener, ich weiss es nicht ... Der Krieg hetzte damals
alles durcheinander ... Angiolina war elf Jahre, als ich sie mitnahm und noch
einmal taufen liess ... Ich gab sie einem gewissen Pötzl in Wien zur Erziehung
... Nicht wegen seiner - sondern wegen der Frau, die eine gute Haut war ... Da
ist das Mädchen erzogen worden ... Es war eine Pracht, wie sie heranwuchs, sich
bildete und keinen gewöhnlichen Geist besass ... Ich liess ihr die Sprachen und
etwas Musik beibringen ... Das alles hab' ich im reinsten Sinn getan ...
    Benno schwieg, von innigstem Herzen zustimmend ...
    Nachdem, fuhr der Graf sich selbst die Brust erleichternd fort, kam Terschka
in meine Nähe ... Ich kann nicht sagen, ist's Zufall, weil das Mädchen damals
die liebreizendste Erscheinung wurde, oder eine Folge der Eifersucht, weil
Terschka ein Auge auf sie warf -
    Der Jesuit! - warf Benno ein ...
    En vacances! lächelte der Graf ... Aber sagen Sie das hier ja zu Niemand
anders, als zu mir! Die hiesige Gesellschaft erklärt ihn für einen Abenteurer
und Betrüger ... Verlassen Sie sich, die Jesuiten hatten ihn abgeschickt, mich
katolisch zu machen ... Und er fing's sehr richtig an ... Wär' ich ihm in allem
gefolgt, so säss' ich jetzt bei achtunddreissig Jahren mit beständigem Frieren und
versucht' es vielleicht, ob mich nicht ein Ordenshabit erwärmte ... Eine Frage
im Vertrauen, Herr von Asselyn! ... Ich hab' gehört, Ihr Herr Oberprocurator
Nück litte - - an einem curiosen Spleen - an der Hängemanie ... Ist das wahr?
...
    Man sagt es ... bestätigte Benno ...
    Ich kannte einen dalmatinischen Schiffskapitän, der mich versicherte, das
Hängen wäre der schönste Tod, man wüsste das ganz genau in der Türkei, wo die
grüne Schnur zu Hause ist ... Und gerade ebenso wusste Terschka den allmäligen
Untergang an Leib und Seele zu einem Genuss und einem Genuss ohne Gewissensbisse
zu machen ... Dass er sich selbst dabei so erhalten hat, machte sein Mangel an
Reue ... Nichts ruinirt mehr als die Reue, sagte er ... Terschka's Satz war:
Betrachte jeden Menschen wie ein Glas, an dem man mit einem Instrument den Ton
sucht, in dem es wiederklingt! Den Ton forcire dann - bis es bricht! ... So
wusste er von Jedem seine innerste Natur zu entdecken, nach der setzte er sich
mit ihm und kam auf die Art mit allen aus ... Bei mir stützte er sich auf
Bagatellen - auf die Pferde ... In seiner Jugend muss er ein Kunstreiter gewesen
sein ... Kurz, erst als Terschka sagte: Um Ihrer Frau Mutter willen müssen Sie
anfangen, nicht so oft zu den Pötzls zu gehen - ging ich alle Tage hin ... Das
Ende war, dass ich, als die Pflegemutter starb, Angiolinen vom Alten wegnahm,
erst ihr Bruder und dann ihr Geliebter wurde ... Das ist manches Jahr her und
ich kann wohl sagen: Diese Liebe hat mich vom Untergang gerettet! Angiolina wurde
mein Schutzgeist ... Nicht etwa durch Moral, die hier nicht am Platze ist ... Im
Gegenteil, sie konnte trotzen, ausschlagen, lügen, sich rächen, wie nur einer,
der gereizt wird ... Doch es gab nur einen Menschen in der Welt, um den sie das
alles tat ... Der trug einen Helm mit Federn, einen blanken Harnisch, wenn er
im Dienst war, und ausser Dienst und auf Urlaub, wie jetzt, war er ein Kind, das
einen ganzen Tag damit zubringen konnte, für sie Pappkästchen zu machen ...
    Benno warf in das Leben Blicke, wie er sie noch nicht getan ...
    Er wagte, sich auf des Grafen Standpunkt zu stellen und sagte:
    Angiolina wird Ihnen - nach der Heirat - unverloren bleiben ...
    Nein! entgegnete der Graf ... Ich habe die Absicht, wenn Comtesse Paula
meine Gattin wird, sie in Wahrheit zu verdienen ... Glauben Sie mir, das
Geschick meines Hauses, meines Namens, diese letzte Täuschung durch die Urkunde,
die ich ohne einen furchtbaren Lärm für die Welt nicht abschütteln kann,
erschüttern mich ... Ich war glücklich mit Angiolina, aber ich gefiel mir nicht
in diesem Glück ... Sie war ein Weib mit allen Schönheiten und allen Untugenden
ihres Geschlechts ... Grossmütig und rachsüchtig, offen und falsch, alles in
Einem Herzen ... Zu ertragen war es nur von dem, der für sie die Welt war und -
Zeit dazu hatte ... Es musste aufhören ...
    Benno gedachte bei Schilderung seiner Schwester der gemeinsamen Vaternatur
...
    Diese Erfahrung mit Terschka, fuhr der Graf fort, hat mich aufgerüttelt ...
Ich werde kein Kopfhänger werden und zu sprechen anfangen wie meine Mutter
spricht ... Aber ich denke so: Hab' ich die Mittel, die mich aus meiner
traurigen, schon vom Vater geerbten Finanzlage befreien, so nehm' ich meinen
Abschied ... Ich werde bauen, pflanzen, für die Erhaltung meines fortblühenden
Stammes sorgen ... Noch mehr, ich liebe Paula ... Sie lächeln? ... In der Tat,
ich blicke voll Andacht zu ihr hinüber ... Ich bin eifersüchtig - auf das
Kloster, das sie wählen wollte, Herr von Asselyn ...
    Benno stutzte über die Betonung seines Namens. Sie war so scharf, dass sie
fast Bonaventura zu gelten schien ...
    Ich sagte Angiolina: Du erhältst deinen Lebensunterhalt, wie es meinem
Adoptivkinde gebührt! Du ziehst zu deiner einzigen Freundin, die dir noch
geblieben ist - einer gewissen Terese Kuchelmeister ... Diese will zur Bühne
gehen; sie wird reisen ... Störe meinen Entschluss nicht, der unwiderruflich ist
... Von der Stunde an, wo ich einen Boten erwarte, dessen Vorlagen ich
unterschreiben muss, räumst du drüben den Pavillon ... Ich sagte ihr das täglich,
wiederholte es seit drei Tagen stündlich ... Ich bat sie um Hülfe gegen mich
selbst, bat sie um ihren Hass, ihre Verachtung - Sie warf sich vor mir nieder und
umschlang meine Kniee ... Tödte mich! rief sie noch im letzten Augenblick vor
einer Stunde ... Erschiesse mich! ... Sie reichte mir eine Pistole, die sie
heimlich geladen hatte und bei sich trug ... Ich entriss sie ihr ... Da rollte
Ihr Wagen an und es war aus ... Ich kann es selbst in der Schilderung nicht zum
zweiten mal erleben ...
    Benno hatte sich dem in den Sopha zurückgesunkenen, die Augen mit der Hand
bedeckenden Grafen genähert ... Er hatte seine Hand, ob sie gleich selbst
zitterte, auf die Schulter des kraftlos Zusammengebrochenen gelegt ...
    So stand er eine Weile voll stummberedsamen Anteils und rang mit den
stürmenden Geistern, die aus ihm selbst hervorzubrechen drohten ... Zu Hülfe kam
seiner Selbstbeherrschung ein Klopfen des Kammerdieners und die Meldung, dass
angerichtet wäre ...
    Ein Frühstück ... auch das muss sein ... sagte der Graf und erhob sich ...
    Benno blickte auf die geöffnete Tür ablehnend ...
    Nein, nein! ... Kommen Sie -! sagte der Graf und führte Benno ...
    Der Kammerdiener hielt sich in ehrerbietiger Ferne und schien den Grafen,
der ein Gemisch von Gutmütigkeit und Phlegma bot, nicht im mindesten zu stören,
denn im Gehen fuhr dieser fort:
    Sie ist auf ihrem Pferde, das sie behalten will, nach Wien ...
    Franz hat sie doch wohl, wandte er sich zum Kammerdiener, zur rechten Zeit
eingeholt? ...
    Am Meilenstein schnitt er ihr den Weg ab! sagte der Diener ...
    Franz war der Reitknecht von vorhin ...
    Obgleich Benno voranging, bemerkte er doch, dass der Kammerdiener hinter
ihnen her den Strohhut ergriff und ihn auf dem Rücken haltend mit sich nahm,
jedenfalls um aus dem Zimmer seines Herrn alle Erinnerungen an die
abgeschlossene Vergangenheit zu entfernen ...
    Graf Hugo war in dem Grade der Selbstbeherrschung fähig, dass er trotz seiner
Erregung im Gehen an einen zweiten Diener, der sie in einem zwei Zimmer weiter
gelegenen kleinen Esssaal empfing, die Frage richtete:
    Was ist das für eine Livree da draussen? ...
    Diese Frage war mit einem Blick auf den Garten verbunden ....
    Erst jetzt bemerkte Benno, dass ein Wagen mit vier Pferden langsam durch den
Park fuhr, mit zwei seltsam costümirten Bedienten auf dem Tritt und einem
phantastisch gekleideten Mohren neben dem Kutscher ...
    Eine fremde Herrschaft aus Italien ist es! sagte der Diener ... Eine Dame
sitzt im Wagen ... Sie gehört zu den Reitern, die noch nicht lange vorbeikamen
... Ein junger Herr ist bei ihr, der ein schwarzes Pflaster an der Stirn trägt
...
    Principe Rucca - und - unsre Mutter! ... sagte sich Benno und suchte sich zu
halten ...
    Zum Tod erblasst ergriff er den Sessel und liess sich dem Grafen gegenüber
nieder ...
    Der Wagen war verschwunden ... Nur das Knirschen seiner Räder hörte man noch
im feuchten Kiese ...
    Ist Ihnen nicht wohl? fragte der Graf, jetzt erst bemerkend, dass sein Gast
kaum die Serviette zu ergreifen vermochte ...
    Es ist vorüber ... hauchte Benno mit äusserster Anstrengung sich bekämpfend
...
    Mein Gott! Sie haben so lange gefastet! entgegnete der Graf und riet erst
zu einem Glase Wein ...
    Benno lehnte alles ab ... Er ergriff den Löffel zur Suppe ...
    In Gegenwart der Diener liess sich das begonnene Gespräch zwar nicht ganz wie
vorhin fortsetzen, aber es blieb ernst ... Man sprach über Wien, Oesterreich,
über diejenigen Eindrücke, die jedem Fremden zuerst aufstossen müssten ...
    Der Graf schilderte die Lage der österreichischen Aristokratie als eben
nicht beneidenswert ...
    Wir leben, sagte er, nach den Ansprüchen, die unser Stand und die
Gesellschaft mit sich bringen; daher in einer fortwährenden Steigerung unserer
Bedürfnisse. Unser Besitztum verringert sich indes an Wert ... Ich kann Ihnen
die ersten Herrschaftsbesitzer nennen, denen ein einziges Reh in der Verwaltung
ihrer Wälder durchschnittlich fünfhundert Gulden kostet und die von leidlicher
Ordnung sprechen, wenn es um zehn Gulden an den Wildpretändler verkauft in der
Rechnung steht ... Das ist die Incongruenz aller unsrer Lebensbeziehungen - ...
    Durch Castellungo gehörte auch der Graf Sardinien an ... Er forderte Benno
auf, den Besuch Castellungo's nicht zu versäumen ... Die dabei unvermeidlichen
Uebergänge des Gesprächs auf bezügliche Namen und schwebende Interessen, auch
auf die Cardinäle Fefelotti und Ceccone, brachten das Gespräch auf Bonaventura
... Der Graf blickte nieder und liess sich erzählen ...
    Man erwartet ihn ja wohl auch hier? ... fragte er mit einem Ton, der Benno
auffallen durfte ...
    Gegen Ende des einem Diner vollkommen entsprechenden Mahles bemerkte man das
längere Ausbleiben der Diener und eine lebhafte Bewegung in den Zimmern ...
    Im schnellsten Trabe wurde ein Reiter vom Garten her vernehmbar ...
    Die Diener blieben zuweilen beim Serviren wie angewurzelt an einer Stelle
stehen, warfen sich bedeutsame Blicke zu und schienen sprechen zu wollen ...
    Wieder hörte man Hufschläge ... Alles ringsumher bekam einen Ausdruck von
Unruhe und Störung der bisherigen Ordnung, ohne dass man Ausrufe oder auch nur
laute Stimmen hörte ...
    Der Graf fragte endlich die am Büffet flüsternden Diener fast unwillig:
    Was gibt es denn? ...
    Da die Diener nicht antworteten, wiederholte er seine Frage und legte schon
erblassend die Serviette nieder ... Er schien einer üblen Botschaft gewärtig ...
    Franz ist zurück ... sagte der ältere Diener zögernd ...
    Der jüngere fügte zagend hinzu:
    Es hat - ein Unglück gegeben ...
    Der Graf erhob sich ... Seine Augen zuckten ...
    Dass es Angiolina war, die ein Unglück getroffen, verstand sich von selbst
...
    Die Diener sahen zum Fenster hinüber ...
    Was ist denn?! ... Ein Sturz vom Pferde?! ... rief der Graf oder wollte dies
rufen ... Die kurze Frage kam nur noch halb von seinen Lippen ...
    Benno war in gleichem Entsetzen aufgesprungen ...
    Die Diener trugen dem Grafen einen Sessel nach; er hatte zur Tür gehen
wollen und war zusammengebrochen ...
    Verwundet doch - nur -? rief Benno, zu seinem Herzen greifend, als bräche es
auch ihm im Krampf ...
    Die Diener stockten und erklärten gleichzeitig und mit demselben Ton:
    Lebensgefährlich! ...
    Sie ist todt - hauchte der Graf ... Ich weiss es! setzte seine zitternde
Stimme hinzu ... Seine Hände richteten sich wie die eines Irren gen Himmel ...
    Die Diener bestritten diese schnelle Annahme ... Sie wäre sofort in ihren
Pavillon getragen worden - sagten sie ... Ein Arzt wäre aus dem nächsten Ort
gerufen ... Die fremden Herrschaften, die vorüberritten, wollten nach einem
Stadtarzt schicken ...
    Sie sind schuld an ihrem Tod! schrie der Graf und eine zuckende Bewegung
ergriff seine Hände und Füsse ... Franz! rief er ... Warum folgte ihr Franz nicht
schon von hier? ...
    Seine zornige Rede erstickte im Schmerz ... Es war nichts mehr zu ändern ...
Seine Anklagen verhallten in den beiden Händen, die er vor die weinenden Augen
hielt ...
    Benno glich dem von Schlangen umringelten Laokoon, der Hülfe rufen will für
sich selbst und den eignen Tod nicht achtet in der Angst um seine Lieben ...
    Sie ritt bergab mit verhängtem Zügel! berichtete der Diener ... Allmälig
ging das Pferd langsamer ... Sie schien es nicht zu achten ... Da stand es ganz
still ... So sass sie im Sattel wie abwesend ... Indes war Franz unten an der
Landstrasse und wartete am Ausgang des Parks beim Meilenstein ... Da kommen die
Fremden im vollen Trab herunter ... Des Fräuleins Pferd scheut ... Sie verliert
die Balance, verliert den Steigbügel ... Die Reiter, selbst im Niederschiessen,
können nicht innehalten ... Des Fräuleins Pferd bäumt sich, geht durch und
gleich querfeldein ... Das Fräulein rafft sich auf, kniet mit dem rechten Fuss
auf dem Sattel, erhebt sich, steht eine Weile hoch in der Luft und stürzt dann
kopfüber ... Die Reiter waren oben auf der Landstrasse ... Franz musste ins Feld
hineinreiten, sprang herunter, liess sein Pferd laufen, fand das Fräulein blutend
am Boden und schon bewusstlos ... Die Offiziere, Italiener, kamen näher, nahmen
sie dann auf, legten sie querüber auf ein Pferd und führten sie langsam, indem
einer der Herren ging, zum Casino ...
    Graf Hugo war inzwischen schon umgekleidet ...
    Er hatte sich in einen weissen Mantel geworfen, den die Diener hinten
zuschnürten ... Seine Hand hatte keine Kraft mehr ...
    Im Nebenzimmer hatte er die Fussbekleidung gewechselt ...
    Eine militärische Interimsmütze lag auf dem Kopf lose und haltlos ... Die
Hand der Diener musste sie erst auf den braunen Scheitel festdrücken ...
    Schluchzend stützte er sich auf Benno - auf einen Beistand, der selbst den
Tod im Herzen trug ... Die Schwester gefunden - so! - und die Mutter arglos in
der Nähe -! ... Er konnte keinen Gedanken mehr, sich selbst nicht festalten ...
Der Graf führte - ihn...
    Den Einspänner Benno's und ein eigenes Gefährt, das schon im Hof gerüstet
stand, lehnte der Graf ab ...
    Ich fürchte mich vor Pferden ... sagte er heiser, mit erstickter Stimme ...
Und - wir - kommen - setzte er bitter lächelnd hinzu - zu - einer Todten - auch
zeitig genug ...
    Damit lenkte er, wie ein zum Tod Verwundeter, vom Vestibüle des Eingangs den
schwankenden Schritt zum Garten hin ...
    Hier öffnete sich links eine lange Allee von schon kahlen, wie zu einer
unabsehbaren Laube zusammengewachsenen Platanen ...
    Durch ein Meer von raschelndem Herbstlaub schritten beide wie geisterhafte
Schatten dahin.
 
                                       8.
Links ragte eine sonnenbeschienene, mit Flechten, Moos und Epheu besetzte
Bergwand ... Rechts lagen die Abdachungen des Gartens und Parks in die herrliche
Ebene, ein Bild des Lebens, hinaus ...
    Die Stämme der Platanenallee so weiss, so hellgrünlich schimmernd ...
    Das gelbe Laub weitin leuchtend ... Unter den todten Zacken und gekappten
Verästelungen der kunstvoll gezogenen Platanen ...
    Die Sonne mittagshell ... Der Abschied der Natur so froh, so glückverheissend
... Wiedersehn im Frühling! rief alles ...
    Aber aus den fernen Büschen sah man schon den Priester des nächsten Orts im
Ornat daher eilen - mit den Sterbesakramenten ...
    Der Graf blieb stehen ...
    Die nachfolgenden Diener sprangen hinzu ...
    Er deutete nur stumm auf die eilende Procession ...
    Benno starrte ... Sein Blick irrte ... Er suchte den vierspännigen Wagen ...
    Die Wanderung im raschelnden Laube dauerte eine halbe Stunde ... Sie glich
dem Wandeln in einem Leichenconduct ...
    Benno konnte nichts reden. Nicht ein Wort, nicht eine Miene des Grafen
verriet, dass Terschka seinem Freund die Scene vom Schloss Neuhof, die
Verhandlungen zwischen drei Priestern und dem Präsidenten verraten hatte ... Er
kämpfte mit sich, ob er es jetzt nicht selbst tun, sich Angiolinens Bruder
nennen sollte ... Die Last wurde zu schwer ...
    Am Ende der Felswand, die sich zuletzt sanft abdachte; lag das Casino ...
    Es war ein düsteres Gebäude ... Obgleich mit den schönsten Aussichten auf
die Donau und zur Linken und rückwärts bis zu den steierischen Alpen versehen,
war es doch ein für ein junges lebensfrohes Gemüt beängstigender Aufentaltsort
...
    Aus der Ferne gesehen mochte das Haus einen poetischen Anblick gewähren ....
Es glich einem alten Maison-de-Logis aus der Rococozeit ... Rings war es von
einer Allee von Riesentannen, mit Zweigen, die sich voll und schwer am Boden
hinschleppten, umgeben ...
    In der Nähe sahen die Bäume wie die Umgebung eines Mausoleums aus ...
    Die untern Räume waren nur ein einziger grosser Speisesaal mit Nebencabineten
... Ein Hinterhäuschen gehörte dem dienenden Personal und mochte die Küche
bergen ... Auch dies war ganz in Tannen versteckt ... Im hohen Sommer mochte man
hier Kühle und Schatten haben; jetzt war der Anblick nur in den kleinen runden
Entresolfenstern der obern Etage wohnlich ... Unten schroff abwärts zog sich die
Landstrasse ... Auf einer Treppe von verwittertem, moosbewachsenen Erlenholz
konnte man von da zum Casino hinaufsteigen ...
    Die volkreiche Gegend musste dem entsetzlichen Unglück schon eine Menge
Zuschauer gebracht haben ... Eine Menschenmasse belagerte unten das Portal zur
Treppe, das man schon geschlossen hatte ... Viele andere waren schon vorher
eingedrungen und standen im Hause ... Andere liefen noch herbei durch den Park
...
    Der Priester war bereits bei der Todten oder Sterbenden ... Weihrauchduft
strömte den Eintretenden entgegen ...
    Dem Grafen, der an Fassung gewonnen hatte, wich man aus ...
    Dass sie zu einer Todten kamen, lag vorausverkündigt auf aller Mienen ...
    Einige zum Dienst des Hauses gehörende Frauen wehklagten und schrieen laut
... Noch lauter beim Erscheinen des Grafen ....
    Scheinbar ruhiger geworden blickte der Graf, der hier ein öffentliches
Gericht für sich selbst zu bestehen hatte ... Er betrat zwei aus dem Hof ins
Haus führende Stufen, durchschritt eine kleine Rotunde und ging in einen die
ganze Länge des Casinos einnehmenden Saal, dessen teilweis herabgelassene
Jalousieen dem Raum eine Düsterheit gaben, die zu dem schmerzlichen Anblick
gehörte ...
    Der Geistliche sprach schon seine Segnungen ...
    Der Arzt, den man an der Sonde erkannte, die er noch in der Hand hielt,
öffnete eine Decke ...
    Auf einem langen runden Tisch lag auf Matratzen und Betten eine
ausgestreckte, halb entkleidete jugendliche Gestalt ... Gestreckt und schlaff
lagen die Arme und Füsse ... Der edelgeformte Kopf war wachsfarben ... An den
Schläfen quoll noch Blut aus der tödlichen Wunde ... Das lange schwarze Haar war
aufgelöst; ein Teil lag abgeschnitten daneben ... Der Sturz hatte die
Hirnschale zerschmettert und eine Blutergiessung verursacht ... Schon trug das
mit den regelmässigsten Formen gezeichnete Antlitz jenen Ausdruck der Ergebung,
den der Tod verleiht, jene ernste Strenge, die so hoheitsvoll mit jedem
Abgeschiedenen versöhnt, selbst mit dem Verbrecher ... Brust, Hand, die
Symmetrie aller Formen war wie von Künstlerhand ... Die Stirn nur klein, aber
sanft und eben ... Die beiden schwarzen Augenbrauen über den schwarzen Wimpern
zeichneten sich wie zwei ernste Fragezeichen ... Sie waren nicht rund, eher
wellenförmig gezeichnet wie bei allen leidenschaftlichen Naturen ... Benno wagte
noch nicht dauernd hinzusehen ... Er fürchtete sich, sich selbst wiederzufinden
- und die Todte des Kronsyndikus ...
    Während der Graf über die Leiche stürzte, lange nur schluchzend so
ausgestreckt lag, dann auffuhr und rief: Ich kann diese Glieder nicht kalt
fühlen! - betrachtete Benno allmälig sein Ebenbild mit dem tiefsten Grauen ...
    Er glaubte, jeder müsste ihm zuflüstern: Das sind ja Ihre Züge ... Besonders
der Wuchs und die mehr runden, als ovalen Formen des Kopfes waren dieselben wie
bei ihm ...
    Die linke Hand der Todten ergriff er und bebte zurück vor der Kälte,
Erschlaffung und Feuchte der Haut ... An den wellenförmigen Augenbrauen erkannte
er den Vater, den er im Winter bestatten half ...
    Der Priester hatte geendet und sprach einige Worte, die nicht dem Formular
angehörten, Worte ohne Strenge ...
    Der Arzt vereitelte jede Hoffnung ... Das Halten eines Federflaums oberhalb
der Lippen zeigte nicht die leiseste Bewegung ...
    Der Graf bat mit leidender Stimme, ihn allein zu lassen ...
    Auch Benno möchte eine Weile gehen ... Aber nur eine Weile, sagte er ... Er
müsse noch mit ihm - jetzt aber mit der Todten allein reden ...
    Es war ein schauerliches Verlangen ... Alle baten den Tiefgebeugten um
Schonung seiner selbst ...
    Da der Graf die Bitte wiederholte, ging man ...
    Benno schwankte, ob er nicht bleiben sollte ... Der Strom der Uebrigen
drängte ihn mit fort ...
    Die Diener sorgten, dass sich alle Neugierigen und auch die wirklich
Teilnehmenden nach und nach entfernten ... Man liess niemand mehr ins Haus ...
    Man brachte es auch dahin, dass sich allmälig die Menschen über die kleine
Treppe oder in den Parkwegen entfernten ...
    Benno stand unter den dunklen Tannen und suchte in dem vor ihm
ausgebreiteten Panorama den vierspännigen Wagen ...
    Er gedachte der Mondnacht auf Altenkirchen, wo die Mutter ihre Scheinehe
schloss, dieser Nacht - auch unter solchen Tannen, die den Anfang all dieser
schmerzlichen Geheimnisse gab ... Der Drang, sich zu offenbaren, war mächtig in
ihm; aber, er fühlte auf die Länge, er musste schweigen ... Er hätte in die
weiteste Ferne entfliehen mögen ... Er zuckte auf bei jedem Geräusch ... Er
glaubte den Wagen hören zu müssen, in dem die Schicksalsmächte die Mutter
heranzögen ... Er sah Dämonen mit Fackeln die Rosse führen ... Die Rosse Feuer
blasen aus ihren Nüstern ... Der Boden unter ihm wankte ...
    Der Arzt und der Geistliche schlossen sich ihm an ... Er hätte auch sie
fliehen mögen, wie alle ... Er musste mit ihnen eine Weile unter den düstern
Tannen auf und nieder gehen ...
    Das ägyptische Todtengericht fehlte nicht ... Man liess der Unglücklichen
manche gute Eigenschaft ... Dennoch nannte man sie eine Verirrung des Grafen und
verhiess für die Zukunft, wenn Angiolina am Leben geblieben wäre, keinen Bestand
seiner ehelichen Treue ... Das hiess soviel, als: Sie ist zum Glück gestorben!
...
    Benno war zu gebrochen, um dem festen Willen, der eben erst aus des Grafen
Entschliessungen gesprochen hatte, ein besseres Zeugnis zu geben ...
    Es war ihm auch, als nähme er damit einen letzten Schmuck vom Grabe seiner
Schwester ... Er liess ihr den Schein der Gefahr für den Grafen ... Ein Gedicht
musste so in seiner Art würdiger verhallen ...
    Die Begleiter kehrten zu neuen Ankömmlingen zurück ...
    Zwei Aerzte kamen aus der Stadt ...
    Noch waren sie von den italienischen Offizieren begleitet, die teilweise
ihre Pferde den Dienern gelassen und jetzt einen Wagen genommen hatten ...
    Olympia fehlte ...
    Dass sich wieder der vierspännige Wagen würde sehen lassen, wurde für Benno
immer gewisser ... Der Wagen hatte die Reiter verfehlt, hatte noch vielleicht
eine weitere Ausfahrt gemacht und war mit dem Ereignis noch nicht
zusammengetroffen ... Benno's Fassung musste sich auf das Alleräusserste rüsten
...
    Er dachte sich: Wenn jetzt die Mutter käme! .. Dann immer noch schweigen?
... Seine Nerven zuckten, seine Lippen fieberten, seine Augen verdunkelten sich
bei diesem Gedanken ... Er riss seinen Oberrock auf ... Er fürchtete zu ersticken
...
    Die Offiziere näherten sich ihm und erzählten den Vorfall so, dass der Graf
seine Gereizteit gegen sie zurücknehmen musste ... Auch waren sie schon an der
Leiche bei ihm gewesen ...
    Benno hörte nur ... Der Traum eines Fieberkranken währte fort ... Eben kam
wirklich der vierspännige Wagen langsam die Landstrasse daher ... Die Menschen,
die bei Benno bald stehen blieben, bald vorübergingen, nannten den Namen der
Herzogin von Amarillas ...
    Die Offiziere gingen der Herzogin teils entgegen und teils ins Casino
wieder zum Grafen ...
    Benno blieb hinter einer der grossen Nadellaubpyramiden ... Er stand, als
müsste er sich vor dem ganzen Leben verbergen ...
    Eine hohe stattliche Dame in den südlichen, für unsern Geschmack nicht
üblichen Farbenzusammenstellungen, mit grünem Atlaskleide, einem roten
Sammetut mit Maraboutfedern, stieg die Erlenholztreppe hinauf, vermied das
Casino, kam zu der Tannenallee und ging an Benno vorüber ...
    Neben ihr hüpfte in trippelnder Unruhe Principe Rucca, noch immer mit dem
schwarzen Streifen an der Stirn ...
    Noch zwei Herren und ein Diener folgten ...
    Der kleine Principe sah sich ängstlich um ...
    Er wollte offenbar nur ungern bleiben ... Der Tod war hier so nahe ...
    Da erkannte er Benno hinter den Tannen, begrüsste ihn mit der ganzen
Ueberraschung, die in der Situation lag, nannte ihn den Salvatore della sua vita
und stellte ihn der Herzogin von Amarillas vor ...
    Den Sohn - der Mutter ...
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Die »Stimme des Blutes« ist eine Täuschung ...
    Wo der Geist nicht die Empfindungen regelt, können diese durch sich selbst
nichts erkennen ...
    Die Empfindungen der Liebe, der Freundschaft durchströmen uns mit wonnigen
Schauern; aber erst die Seele ist es, der Wille, der Gedanke, der den
Empfindungen Ausdruck und Klarheit geben muss ...
    Die Herzogin von Amarillas, auf Benno aus einem bleichen Antlitz voll kalter
Würde einen scharfen prüfenden Blick entsendend, wusste, dass dieser junge Mann
der Gräfin Olympia, ihrer Pflegbefohlenen, zweimal begegnet war und dass heute in
der Frühe, nach Abgabe der der Gräfin von den Dienern des Principe mitgeteilten
Visitenkarte, die Adresse Benno's sofort von allen Lohnbedienten des Hotels
hatte aufgesucht werden müssen ... Schon die Diener kannten das Interesse, das
die junge Gräfin an dem »Lebensretter« des Fürsten nahm ... Nach einer Stunde
wusste Olympia Maldachini Benno's Wohnung und seine Ausfahrt nach dem Schloss
Salem ... Die Herzogin sah in ihrem Zögling eine Leidenschaft entstanden von
jener Consequenz, die ein wildes Naturkind sonst nur im Hass und Eigensinn besass
... Olympia wollte ins Gebirg reiten und das Schloss Salem sehen ... Ein
Widerspruch war nicht möglich ... Olympia beantragte diese anstrengende, weit
über ihre Kräfte gehende Partie, die Herzogin versprach nachzukommen in
Begleitung des Principe ... Olympia ritt mit den Freunden ihres Verlobten,
erlebte - veranlasste vielleicht das Unglück und war zur Stadt zurück ...
    Der Name »von Asselyn« auf der abgegebenen Karte hätte sich der Sängerin
Fulvia Maldachini vom Dechanten her befestigt haben sollen ...
    Ihr klang in der Erinnerung ein deutscher Name wie der andere ...
    Sie war Olympia mismutig nachgefahren, verlor ihre Spur, liess dem Gebirge
zu weiter fahren, kehrte zurück und hörte von dem vorgefallenen Unglück ... Dem
Principe war es peinlich, ein Haus des Todes zu besuchen ... Er kam nur herauf,
um die italienischen Offiziere zu begrüssen ... Nachdem diese ihr Beileid bezeigt
hatten, wollten auch sie mit ihm und der Herzogin zur Stadt zurück ... Einige
Offiziere hatten noch ihre Pferde ... Für die Aerzte, für den Principe, für die
Herzogin und die Unberittenen gab es jetzt zwei Wagen ...
    Principe Rucca war für Benno die Zuvorkommenheit selbst ... Er konnte die
Gefahr vor dem Elefanten nicht lebensgefährlich genug darstellen ... Er erzählte
auch jetzt noch jedem, dass ihn ein Elefant gestern hätte zum Frühstück
verspeisen wollen ... Benno antwortete und liess das Erzählte gelten und wich
ruhig aus ... Der Principe musste von seiner Verlobten Befehle erhalten haben,
die auf eine sofortige Fesselung des ihr so Wertgewordenen gingen ...
Inständigst bat er, ihm gestatten zu wollen, dass er ihn heute Abend abholte und
in eine Gesellschaft zum Cardinal Ceccone führte, der auch bereits das
lebhafteste Interesse an den Tag gelegt hätte, ihn kennen zu lernen ...
    Die Herzogin hörte mit einigem Interesse das im geläufigsten Italienisch
geführte Gespräch, wandte sich aber ab und unterstützte diese Einladung nicht
... Ihr Lächeln gab ihr einen Schimmer der ehemaligen Schönheit ... Sie war von
ebenmässiger, schon zum Embonpoint übergegangener Gestalt ... Ihr Auge
dunkelbraun und voll Feuer ... Die Augenbrauen überscharf gezeichnet ... Das
Haar nicht echt ... Auch die Zähne schwerlich ohne Beihülfe der Kunst so wohl
noch an einander gereiht ... Ihre Haut dunkel, etwas gelblich ... Die Wangen,
die Nase, das Kinn, noch von plastischer Schärfe ... Würde man ihr den
geschmacklosen Hut abgenommen, den falschen Scheitel entfernt, das graue Haar
aus der Stirn nach oben zusammengewunden, gefärbt, vielleicht mit Goldstaub
überstreut haben, so wär' es eine der Gestalten gewesen, in deren Betrachtung
wir uns in Museen verlieren ... Eine Imperatorenmutter mit blutigen Erinnerungen
... Terschka, der Jesuitenzögling in Rom, sah einen solchen Kopf als Herme in
den quirinalischen Gärten des Heiligen Vaters ...
    Ist sie ganz todt, die Arme? näselte der junge Fürst ... Ist es eine
Verwandte vom Grafen? .. Sind Sie gern bei Todten? ... Ich nicht ... Verweilen
Sie noch lange hier? ... Kommen Sie mit uns zurück ... Diniren wir vielleicht
zusammen? ... Waren Sie bereits schon im »Schwan«? ... Gefällt Ihnen diese
Gegend? ...
    Benno stand nur hörend und sehend ... Antworten zu geben war seine Zunge
gelähmt ...
    Die Herzogin durchschritt die kleine dunkle Baumanlage ... Als wenn sie
Benno's Gedanken erraten hätte, der sich sagte: Sieh sie dir nur an, diese
nordischen Tannen, die du so hassest! ... Sie belächelte nach einem kurzen
conventionellen Bedauern des hier stattgehabten Unglücks, die Äusserungen des
Principe über die schöne Natur ... Um das schönste Panorama von Berg, Strom,
Wald, Ebene und in der Mitte der von sonnigen Nebeln umzogenen Stadt mit dem
riesigen St.-Stephan gleichgültig anzusehen, stiess sie mit der Fussspitze die
Zweige aus dem Wege und verriet nicht minder, wie der Principe, nur die grösste
Ungeduld, sich wieder entfernen zu können ...
    Als sie hörte, dass die Offiziere noch im Hause wären, sagte sie, man sollte
doch nur ruhig den Grafen seinem Schmerz überlassen ... Ist sie eine Verwandte
von ihm? fragte sie dazwischen ... Mit einer festen Betonung ihrer tiefliegenden
und bei längerem Sprechen ungleichen, ja rauhen Stimme schloss sie:
    Was kann man da tun! ...
    Nicht düstrer erhoben sich ringsum die herrlichen Bäume, als Benno nur so
stand und sah und hörte ...
    Die Offiziere waren wieder inzwischen aus dem Hause getreten und erklärten,
nur noch auf die Aerzte warten zu müssen, die sie mit zurückzunehmen hätten ...
Vom Grafen sagten sie, dass er in den obern Stock, in die Wohnzimmer der
Unglücklichen gegangen wäre ... Angiolinens Stellung zum Grafen wurde mit drei
Worten angedeutet ...
    Die Herzogin horchte auf ... La Povera! sagte sie - und wollte fort ...
    Für den Principe begann der Vorfall jetzt interessanter zu werden. Er bekam
Lust, die Unglückliche zu sehen ...
    Während er den Offizieren unschlüssig folgte, fragte die Herzogin den
zurückbleibenden Benno, dessen starr auf sie gerichtete Augen ihr auffallen
mussten ...
    Aus welchem Teil Deutschlands sind Sie? ...
    Benno, nun entschlossen, nannte denjenigen Teil, der sie aufmerksam machen
musste ...
    Aus der Gegend von Kassel ...
    Darauf hin betrachtete sie ihn schärfer ... Ihr Auge blitzte ... Vorher war
sie nur so apatisch gewesen, weil sie an völlig anderes dachte - vielleicht an
das, was Benno eben mit einem einzigen Worte traf ...
    Benno hatte weniger von den Zügen des Kronsyndikus, als seine Schwester ...
Er glich der Mutter ...
    Ganz sich sicher fühlend, fragte sie:
    Kennen Sie in jener Gegend ein Schloss - »Neiovo« -? ...
    Sie meinte Neuhof ...
    Benno's Lippen bebten ... Jede Möglichkeit, sich in ihrer Person geirrt zu
haben, war nun verschwunden ...
    Neuhof? sagte er leise ... Wittekind-Neuhof? ... Das sind von Kassel mehr
als funfzehn Meilen ... Aber ... in der Nähe Kassels, fuhr er fort, liegt ...
ein Schloss mit einem Park voll solcher Tannen, wie Sie hier sehen - Meinen Sie
vielleicht - Altenkirchen? ...
    Die Herzogin hatte einen Fächer in der Rechten ...
    Schon auf den Namen Wittekind-Neuhof schlug sie mit diesem Fächer
unausgesetzt in die Linke ...
    Altenkirchen! sprach sie, fast die Sylben des schweren Wortes zählend, und
nun traten ersichtlich hundert Fragen auf ihre Lippen ... Die braunen Augen
blitzten ...
    Eben kamen ihnen die Aerzte entgegen, zuckten die Achseln und rieten zum
Gehen ... Sie sagten, der Graf hätte sich vor allen Zeugen seines Schmerzes
verborgen und wäre oben auf Angiolina's Zimmern ...
    Im Hofe war alles still ... Am Hause vorübergehend sah man, dass eine
Dienerin mit verweinten Augen eben auch den grossen Saal schliessen wollte, in dem
die Leiche zurückblieb ...
    Die Herzogin stand auf das Wort »Altenkirchen« noch immer wie gebannt ...
    Sie sah die düstere Hinterfaçade des Hauses mit den kleinen Entresolfenstern
an und hauchte, wie von Erinnerungen durchschauert:
    Wie ein Grabgewölbe das! ...
    Eben hörte man das Drehen des grossen Schlüssels ... Es klang wie ein: Es ist
vollbracht! ...
    Blick hin! ... Komm! ... Zum letzten mal ist es möglich, dass du das eine
deiner Kinder siehst! ... rief es in Benno's Innern ... Die Seelenmesse für sie,
von der du eben sprichst, wirst du versäumen! ... Jetzt, jetzt, wo du eben
hörst, Graf Salem wäre ein Ketzer, lass dein Staunen, lass dein Fragen! In diesen
stillen Saal ruft die letzte Stunde - ...
    Kennen Sie die Familie der »Grafen« von Wittekind? ... fragte die Herzogin
...
    Freiherren! verbesserte Benno ... Eben diesem Geschlecht gehört Neuhof ...
    Die Herzogin stand eine Weile sinnend; dann fragte sie:
    Sie bleiben noch hier? ...
    Ich habe die Ehre, Ihnen heute Abend meine Aufwartung zu machen ...
    Bei Cardinal Ceccone? ... Dort bin ich nie! ... Aber speisen Sie morgen bei
uns - im Palatinus! ...
    Benno hatte dieser Aufforderung gegenüber keine sofortige Sammlung ... Die
Herzogin wollte, schien es, mit ihm über die Schauplätze ihrer Vergangenheit
reden ...
    Fürst Rucca, der nun doch vorgezogen hatte, seinem Auge den Anblick einer
wenn auch noch so schönen Todten zu versagen, war bereits an der kleinen
Holztreppe, als plötzlich wieder der Graf erschien ... Leise war er von oben
gekommen, hatte schon seinen Mantel abgelegt, verbeugte sich der Dame, den
Herren, reichte Benno die Hand und sprach:
    Sie sehen, ich bin nun hier zu Hause ... Ich will hier so lange bleiben, bis
die letzte schwere Pflicht erfüllt ist ...
    Der Graf schien gekommen, um für heute von Benno Abschied zu nehmen ...
    Die Herzogin sprach ihre Teilnahme aus ...
    Madame, wandte sich der Graf zu ihr und sagte in französischer Sprache: Ich
bin sehr unglücklich ... Ich habe ein liebendes Herz verloren ... Und zu Benno
sich wendend, fuhr er mit unsicherer Stimme deutsch fort: Unsere Angelegenheit
ist unterbrochen ... Ich bin heute keines Gedankens mehr fähig ... Fürchte auch
jede Stunde die Ankunft meiner Mutter ... Es wäre ein grosser Act der
Freundschaft für mich, wenn Sie die Güte hätten und nach Wien eilten, meine
Mutter zu begrüssen und zu sorgen, dass sie auf dies Schicksal schonend
vorbereitet wird ... Sie liebte Angiolinen ...
    Die Herzogin hörte so aufmerksam, als verstünde sie jedes Wort ...
    Benno erbot sich zu allem und bat den Grafen nur, er möchte seinen Kutscher
benachrichtigen lassen, dass er allein zurückfahren möchte ... Zur Herzogin
gewandt, sprach er, in den beiden Wagen fände sich vielleicht noch ein Platz für
ihn ...
    Ohne Zweifel! sagte die Herzogin, aber - wandte sie sich jetzt zum Grafen,
der sich zurückziehen wollte, und plötzlich wie im heroischen Entschluss: Ich
will erst noch die Unglückliche sehen ...
    Madame - lehnte der Graf ab ... Es ist ein schmerzlicher Anblick - ...
    Perché! erwiderte sie ... Kennen Sie etwas Schöneres, als den Tod? ...
Gestatten Sie mir dies Opfer ... Principe! rief sie ... Meine Herren! Bedienen
Sie sich Ihrer Pferde und des zweiten Wagens! Ich folge mit dem Herrn von - -
    Asselyn! - ergänzte der Fürst ... Die Herzogin hatte schon wieder Benno's
Namen vergessen ...
    Graf Hugo machte eine ablehnende Bewegung ...
    Benno jedoch, fast von Freude erregt bei allem Schauer, bedeutete den
harrenden Diener der Herzogin, vorauszugehen, er selbst würde später seine
Gebieterin hinunterbegleiten ...
    Der Graf liess nun wieder den Saal aufschliessen, bat mit stummer Geberde um
Entschuldigung und kehrte über die Stiege in Angiolinens Wohnzimmer zurück mit
der ihm von Benno gegebenen Versicherung, dass er sofort auf die Herrengasse
eilen würde, um für den Empfang der Gräfin Mutter und die vorsichtige Einleitung
der Schreckensnachricht zu sorgen ...
    Die Herzogin betrat den dunkeln Saal ... Benno folgte, schon an die
erschütternde Situation gewöhnt ...
    Mit fester Hand lehnte er die hohe Tür an, die Dienerin bedeutend, sie
beide allein zu lassen ... Ein spärliches Licht fiel in den weiten hohen Raum
durch einen einzigen geöffneten Fensterladen ...
    Die Herzogin trat näher und sah auf die Todte, von deren Antlitz Benno ein
leichtes Tuch nahm ...
    Welch schmerzlicher Anblick! ... hörte er sie leise sprechen ... Wie jung -
wie schön! ...
    Fünfundzwanzig Jahre ...
    Fünfundzwanzig Jahre schon? ... Am Mund sieht man das und an der Stirn ...
Grosser Gott, die Stirn blutet noch ... Warum musste sie auch der wilden Olympia
begegnen! ... Ihr Ross scheute ... Daher wohl dies Unglück ... Glauben Sie, dass
die Gräfin die Schuld trägt? ...
    Benno hätte sagen mögen: Oder Ich! Denn um meinetwillen kam Olympia! ...
Eine elektrische Kraft gab ihm den Mut, zu erwidern:
    Das Leben ist eine Kette von Ursachen und Wirkungen ... Wir geben uns auf
diese Art alle einander den Tod ... Diese Arme würde hier auch ohne die Gräfin
liegen ...
    In der Tat? ... Aber der Graf betet sie doch an? ... fragte die Herzogin
...
    Seine Liebe war ein schöner Traum ... Vor einigen Stunden sagte er ihr, dass
sie erwachen müsste ...
    Ich verstehe ... sprach die Herzogin seufzend ... Armes Kind, du wolltest
kein Erwachen ... Wen heiratet der Graf? ...
    Eine Gräfin Paula von Dorste-Camphausen, Nichte des Kronsyndikus von
Wittekind-Neuhof ...
    Die Herzogin zuckte zusammen ... Sie erhob sich, sah geisterhaft um sich,
betrachtete Benno, dann atmete sie tief und schwer und beugte wieder das Haupt
...
    Benno war nicht so grausam gewesen, diesen Namen seines Vaters zu scharf zu
betonen ... Er knüpfte gleichsam nur an die Erwähnungen von vorhin an ...
    Sie kannten - diesen Syndikus der Krone? sprach die Herzogin nach
Gleichgültigkeit ringend ...
    Benno erwiderte:
    Ich sah ihn nur auf der Bahre, als man ihn in die Gruft seiner Väter senkte
- Er lag - ganz ebenso, wie hier - ...
    Benno hielt inne, um nicht zu viel zu sagen ...
    Eine lange Pause trat ein ...
    Schon wollte sich die Herzogin, die das Bedürfnis zu haben schien, sich von
Benno über jene Familie, der sie so nahe stand - im Wagen mehr erzählen zu
lassen, zur Tür wenden ...
    Jetzt oder nie! riefen Benno's innere Stimmen und so wagte er die Worte -
»Seine Tochter« - die er nicht ausgesprochen, zu umschreiben ...
    Ich denke mir, sagte er, dass der Kronsyndikus in seiner Jugend Aehnlichkeit
mit den Gesichtszügen dieser Unglücklichen da hatte ... Sehen Sie nur diese
Stirn ... Tritt sie nicht ganz so - trotzig hervor, wie - bei - jenem -
Tyrannen? ...
    Das Antlitz der Herzogin vibrirte ... Sie horchte der seltsamen Vergleichung
hoch auf ...
    Benno, dem Himmel dankend über seine Gewandteit, in der Sprache seiner
Mutter ohne das mindeste Hindernis reden zu können, fuhr fort:
    Sehen Sie, da liegt noch die Schere, mit der der Arzt die Haare von der
Wunde wegschneiden liess ... Die schönen Haare! ... Ich nehme diese Locken zu
deinem Angedenken mit, arme - - Schwester! ...
    Diese Anrede wurde fest, wenn auch mit zitterndem Herzen gesprochen ...
    Die Herzogin fuhr jetzt zurück ... Sie musste glauben, der junge Mann wäre
plötzlich in Irrsinn verfallen ... Sie suchte ernstlich die Tür ...
    Ich nenne dich Schwester! rief Benno noch lauter und bannte damit den
Schritt der Entfliehenden ...
    Finden Sie nicht, Herzogin, dass auch ich die Züge der Unglücklichen trage?
...
    Die Herzogin blieb wie auf der Flucht ... Sie glaubte einen Narren reden zu
hören ... Dennoch verglich sie ihn und die Todte ...
    Deshalb nannt' ich die Aehnlichkeit mit dem Kronsyndikus - Denn, Herzogin,
ich, ich bin mit dem Kronsyndikus verwandt ...
    Die Herzogin konnte nicht von der Stelle ...
    Asselyn! ... sprach Benno ... Hörten Sie denn niemals diesen Namen? ...
    Die Herzogin hörte nur und besann sich ... Da biss sie plötzlich krampfhaft
auf ihre Lippen ...
    Es gab doch einen Freund des Kronsyndikus ... Einen Abbate - Francesco ...
Kannten Sie denn den Abbate Francesco nicht? ...
    Die Herzogin machte eine Bewegung, als hätte sie der Stich einer Schlange
getroffen ...
    Ist das - Ihre Familie -? ... sagte sie mit lauerndem Blick ...
    Benno schwieg ...
    Die Herzogin wollte, beschlichen von einem furchtbaren Gedanken des
Mistrauens, den unheimlichen Saal verlassen ... Sie sah sich um ... Sie schien
sich auf noch einen andern Priester als den Abbate Francesco zu besinnen, auf
den Pater Stanislaus; sie fragte: Graf Salem-Camphausen sagten Sie? ...
    Aber gehen wir! lächelte sie und die Frage wie zurücknehmend ...
    Vergebung, Herzogin! ... sprach Benno immer fester auftretend ... Ich kann
mich nicht trennen ... Dies Blut ist mein eigenes ... Ein Geheimnis, Herzogin!
... Sie werden mich für wahnsinnig halten? ... Ich suche seit Jahren eine
Schwester ... Ich glaube sie in dieser Unglücklichen gefunden zu haben ...
Still, still! ... Unter uns! ... Noch einmal, finden Sie nicht, dass wir uns
ähneln? ...
    Die Herzogin bebte wieder zurück über den Ausdruck in den Zügen des jungen
Mannes ...
    Arme Schwester, fuhr Benno fort, zum Paradiese geleitet dich dein
Schutzgeist mit trauernder Miene ... Sie wird Einlass finden, Herzogin, nicht
wahr? ... Denn ich und meine arme Schwester, wir beide haben eine Mutter, die
uns verlassen konnte ... Eine Mutter ist die Vorsehung ihrer Kinder - aber Sie
haben recht, was sagten Sie eben? Eine Mutter kann in ihrem Kinde den Vater
hassen? ... War es nicht das? ... Nicht alle sind so gross und eitel, wie Ihr
Cardinal Ceccone, der in seinem Kinde - die Mutter zum zweiten male liebt ...
    Jetzt hatten sich Benno's Züge wirklich verzerrt ...
    Die Herzogin, die an der Tür, erst um zu entfliehen, stand, drückte jetzt
die Tür noch fester zu, blieb aber wie trotzend stehen ...
    Vergeben Sie, Herzogin! fuhr Benno fort. Wir wollen die Ruhe meiner
Schwester nicht stören ... Aber mein Geheimnis ... Nicht wahr, ein Geheimnis für
Sie und mich? ... Auch ich glaubte von Zigeunern zu stammen, wie diese Arme,
wenigstens aus Spanien glaubte ich zu kommen ... Ich entsinne mich einer Frau,
einer jungen schönen Frau, die mich zuweilen - ich konnte nur ein Kind von drei
oder vier Jahren sein - holdselig anlächelte, zuweilen auch wohl eine Träne auf
mich fallen liess; es konnten auch am Kindesauge nur ihre Diamanten haften
geblieben sein ... Herzogin, da erfuhr ich plötzlich, dass ich eine Schwester
habe ... Sie ist geboren mitten auf der Landstrasse ... Mitten unter den
Schrecken des Kriegs, auf der Flucht ... Vor fünfundzwanzig Jahren ... Von einer
Mutter, die eine Italienerin, eine Sängerin war ... Sie hiess -
    Basta cosi! schrie die Herzogin mit dem Ton der Furie ... Sie lief auf Benno
zu, ergriff seine Hand, sah sich wild um, richtete ihre beiden noch der höchsten
Glut fähigen Augen auf nur drei Zoll Nähe dicht in die seinigen und starrte ihn
wie die Erinnye mit weissen Augen an ...
    Schurke, der du bist! fuhr sie fort ... Nachfolger des Paters Stanislaus!
Nun weiss ich alles ... Hier, hier in diesem Hause wohnte ja Pater Stanislaus,
Wenzel von Terschka ... Sollst du es besser machen, als dieser undankbare
Teufel, der dem Al Gesù seinen Spass verdorben hat?! ...
    Mutter -! rief Benno auf dies entsetzliche Wort aus der tiefsten Tiefe des
Schmerzes, des Mitleids, der Liebe hervor ... Mutter, wie redest du! ...
    Sein Ton war so zart, so innig, dass er von keinem Betrüger kommen konnte ...
    Die Gefolterte starrte ihn an ... Die verzerrten Züge ihres Antlitzes
milderten sich, das Auge, immer sich einbohrend in die Augen Benno's, verlor
seine stechende Schärfe, immer schwankender wurde ihre Haltung, die Hände
suchten einen Halt, sie sank - »Mutter?« hauchte sie ihm nach ... Benno stürzte
auf sie zu und überwunden lag sie in seinen Armen ...
    Eine Weile währte es, bis sie sich aus einer Ohnmacht erholte ...
    Benno lüftete ihren Hut, der sofort niederfiel ... Das Haar verdeckte ein
Netzwerk, unter dem ein ehrwürdiges Grau schimmerte ...
    Allmälig erst gewann sie Sprache und hauchte, zu ihm aufblickend, noch tief
zweifelnd, aber schon mit liebender Zarteit:
    Ce - sa - re -? ..
    Julius Cäsar ... bestätigte Benno, richtete die Augen auf die Leiche und
sagte: Und diese nannte man Angiolina ...
    Die Augen der Frau erhoben sich wie irr bald auf Benno, bald auf die Leiche,
bald gen Himmel ...
    So währte es eine Weile ... Dann gingen die Augen nur noch vom Sohn zur
Tochter und vom Tode zum Leben hinüber ... Endlich riss sie sich wild los und
schrie:
    Licht! Licht! ... Die Fenster auf! ... Ich muss meine Kinder sehen! ...
Meines Mörders Kinder ... Ha, ha! - Wach auf, wach auf, Mädchen! ... Ich kenne
dich ja nicht - ...
    Benno gewann zuerst die Fassung ... Man hörte Geräusch ... Schritte eines
Kommenden ... Es klopfte leise ...
    Der Graf war es, dem das lange Verweilen, das laute Sprechen bei der Leiche
auffallen musste ...
    Die Herzogin lag ausgestreckt über der Leiche, verbarg ihr Haupt und war
selbst wie entseelt ...
    Der Graf durfte diesen Ausdruck weiblicher Teilnahme an einer Südländerin
natürlich finden und folgte Benno harmlos, der ihn mit äusserster Beherrschung
seiner selbst aus dem Saale zog ...
    Die Herzogin blieb allein zurück ... Sie sah um sich, sie tastete hin und
her, sie stürzte auf die Leiche, sie riss sich wieder auf, nahm ihren entfallenen
Hut, drückte ihn auf das Haar, das sie erst zerwühlen wollte ... Dann nahm sie
mit irrer Geberde die abgeschnittenen blutigen Haare und verbarg sie wie im
Diebstahl ... Nun presste sie wieder einen Kuss auf die Lippen der Todten, dann
wandte sie sich und wollte wieder zurück ...
    Der Graf stand inzwischen wieder in der Tür ...
    Wir verweilten lange bei dem lieblichen Engel - sprach sie in kurzen Sätzen
... Segne Sie - Gott, Herr Graf, für die Liebe, die Sie ihr schenkten - Es gibt
nur Eine Liebe - mag sie auch Namen haben, welche sie wolle ...
    Benno bot ihr, da sie zusammenzusinken drohte, seinen ihm selbst zitternden
Arm ...
    Der Graf dankte für so viel Teilnahme und begleitete beide bis an die
weissschimmernde Stiege, riet freundlich zur Vorsicht, empfahl Benno seine
vorhin ausgesprochene Bitte und nahm zum zweiten mal von einem Beileid Abschied,
das alles das zu erkennen gab, was in ihm selbst vorging ...
    Ohnmächtig sinkend, ja stürzend schwankte die Herzogin die gebrechliche
Stiege hinunter ...
    Unten standen zwei Diener ... Der Schlag des vierspännigen Wagens flog auf
... Benno trug die zusammengebrochene Frau mehr, als er sie führte ... Sie sank
in ihren Sitz ... Er stieg ihr nach ...
    Der Schmerz der Herzogin konnte allen erklärt erscheinen aus dem
empfangenen, an das gemeinsame Menschenloos erinnernden Anblick ...
    Die vier Rosse zogen an ... Pfeilgeschwind flogen sie dahin ...
 
                                       9.
Cielo! ... Destino! ... Manda mi la morte! ...
    So brachen die Empfindungen der Herzogin aus ... Benno ergriff die Hände der
jetzt ohnmächtig zusammensinkenden Mutter ...
    Es war wie eine zweite Geburtsstunde, die sie erlebte ... Ihre Zähne
klapperten ...
    Allmälig schlug sie die Augen auf, betrachtete Benno und wollte mit der
Geberde einer Fieberkranken die mitgenommenen blutigen Haare küssen ...
    Benno riss diese fort und umschlang die Mutter mit seinen Armen ...
    Wieder versank sie in Ohnmacht und fieberte laut ...
    In dem weichgepolsterten Wagen ging es auf der Landstrasse eine Weile dahin
wie in einem lautlosen Zimmer ...
    Als der Wagen eine kleine Höhe bergan fahren musste und es langsamer ging,
schlug die Herzogin die Augen auf, rang die Hände, riss Benno an ihr Herz und
küsste ihn ...
    Du bist es! rief sie ... Wüsste es doch alle Welt! setzte sie hinzu ...
    Mutter! lehnte Benno ihren Wunsch ab, der fast wie Besorgnis klang ...
    Wer weiss es noch sonst? fragte sie ...
    Ich hier allein! antwortete Benno und deutete auf sein Herz ...
    Meine Ahnung ist erfüllt! sprach sie ... Mit bangem Herzen bin ich nach
diesem Lande gekommen ... Ich ahnte, dass ich das alles, alles erleben würde ...
    Nicht aber so! klagte Benno das Schicksal an ... So grausam nicht! ... Das
Leben im Tode ... O zürnst du mir? ...
    Sie schüttelte den Kopf ...
    Niemand weiss es? fragte sie wiederholt und zweifelnd ...
    Vier fremde Priester, bestätigte Benno, ich und mein Bruder - der Präsident
von Wittekind - Friedrich ist mein Freund und der deine ...
    Sie fand sich langsam zurecht ...
    Aber wer weiss, begann sie, ob ich deine Stimme gehört hätte, wäre sie nicht
von dem Schweigen einer Todten unterstützt gewesen ... Angiolina! ... Ja, ich
hatte mich mit Hass gerüstet, mein Sohn ... Hätte Gott es nicht so verhängt, dass
ich meine Kinder so - so wiedergesehen - wer weiss -! ... Angiolina! ... Eine -
Verlorene! ...
    Benno unterbrach diese Gedankenreihen und fragte liebend vorwurfsvoll:
    Selbst auf deine Kinder wolltest du Hass werfen? ...
    Ja, mein Sohn! bestätigte die Frau, deren Lippen noch wie von Fieberfrost
auf und zu gingen ... Es liegt eine wunderbare Macht, fuhr sie, an Angiolinens
Verirrung anknüpfend, fort, in dem Gesetz ... Aber eine Frau kann sich von ihm
verirren und, wird sie nur geliebt, so vergisst sie alles, Urteil der Welt und
künftiges Gericht ... Täuscht sie aber der, den sie liebte und um den sie alle
Sünden der Welt ertrug und selbst beging, so welkt ihr jeder Baum und jede Farbe
verbleicht ihr und ich hasste dich schon damals ebenso, wie ich dich anfangs
geliebt hatte ... Ich schleuderte - Angiolinen - dies Kind wie eine Last von mir
... Ihm zu Füssen! ... Da hast du, was dein ist, Schurke! ... Ich sah meine
Geburt nur einmal - wie sie ins Leben trat ... Das wird vor Gott ein Verbrechen
sein - aber er strafte mich jetzt schon, dass ich mein Kind so wiedersehen musste
...
    Sie versank in Tränen und küsste die blutigen Haare ...
    Sei versöhnt! sprach Benno mit Milde und wie jeder, der an ein mühevolles
Ziel glücklich angelangt ist, dann erschöpft zusammenbricht ...
    Dir bin ich es, mein Sohn! wandte sich ihm die stolze Frau zu, jetzt, um ihn
zu ermutigen, mit zärtlichstem Tone, ja wie eine Braut so weich - aber - Medea
- erhob sie sich wieder - Medea schlachtete dem treulosen Vater ihre Kinder ...
Nein, nein! ... beschwichtigte sie gleichsam ... Wie kommt das alles - dass du
hier bist? Suchtest du mich? Woher weisst du deinen Ursprung? ..
    Benno sammelte sich und die Mutter am zweckmässigsten durch die vollständige
Erzählung der ihm allmälig gewordenen Entüllungen ... Er schloss seine
kurzgefassten Mitteilungen mit dem Wort:
    Die Kirche anerkennt deine Ehe! ...
    Sprich das nicht aus! entgegnete sie ... Meine Feinde haben mir auch mit
lächelnder Miene diese Andeutung gegeben ... Meinen Frevel, die Hand des Herzogs
von Amarillas zu nehmen, die ich nahm aus Stolz und Scham über mich selbst,
verzeiht das Gesetz; denn ich kannte die Lehre der Kirche nicht ... Ich wusste,
dass mich dein Vater betrogen hatte und war frei ...
    Wann erfuhrst du das? ...
    Als ich einige Laute dieser eurer rauhen Sprache gelernt hatte, die du nur
schön sprichst, du, mein Sohn! ... Als ich ein Flüstern zu verstehen anfing,
wenn Wittekind mit seinen Freunden zusammen war, ich auf meine Anerkennung
drängte und nicht mehr in meine Pflichten nach Kassel zurückkehren zu wollen
erklärte, wenn ich auf Neuhof gewesen ... Ich erlebte die Grausamkeit des
Mannes! - O mein Cäsar - hast du etwas in deinen Zügen von diesem Tyrannen -
Jesus ja, du bist sein Bild! ...
    Nicht im Herzen! sagte Benno, schlug die Augen nieder und zog die Mutter an
seine Brust ...
    Er warf mich eines Tages in einen Kerker! fuhr sie fort ... Er liess mich
hungern ... Ich schrie um Hülfe ... Zuletzt konnt' ich nicht mehr ... Er kam in
die unterirdischen Gewölbe und kniete an meiner Tür nieder und weinte ... O
Cäsar ... Er konnte bestrickend sein wie ein Kind, wenn er wollte und Nachsicht
bedurfte ... Zweimal geschah das ... Ich sass in den untersten Gewölben und fror
und hungerte - ich, sein rechtmässiges Weib! Wie ich damals noch - und freilich
nur noch das erste mal glaubte ... Ein Teufel von einem Weibe bewachte mich ...
    Brigitte von Gülpen, ergänzte Benno ... Sie strafte der Himmel ... Sie ist
ermordet worden ...
    Gott wird ihrem Mörder zum Paradiese verhelfen! ... Ja, Brigida hiess sie -!
Ich vergesse den Ton nicht, wenn sie sich meldete und ich rief: Wer da! ... Sie
spitzte dann den Mund und lockte mich: Täubchen! ... Sie hätte mich würgen
können wie eine Taube ...
    So auch starb sie ... sagte Benno und erzählte den Tod der Hauptmännin ...
Dann fuhr er fort: Aber sie hatte eine Schwester - Petronella hiess sie - Ihr
dank' ich mein Leben, meine Pflege, meine Erziehung ... Meinem Onkel, dem Abbate
Francesco, verdank' ich meinen Namen ... Ich hiess der Sohn seines Bruders ...
Ich heisse Benno von Asselyn ...
    Julius Cäsar von Wittekind heisst du! - und eine Weile nach mir Montalto! ...
verbesserte sie stolz und fuhr in den sie erleichternden Erinnerungen fort ...
War ich ermüdet und kraftlos und verhallte meine Stimme ohnmächtig an den
Wänden, so kam dein Vater und beschwor mich, ihm zu vertrauen ... Er könnte mich
noch nicht anerkennen, wehklagte er ... Er verlöre die Hälfte seines Vermögens
... Auf seinem Wittum beruhte seine ganze Kraft ... Mit der zweiten Heirat
würde er der Sklave seiner Kinder werden ... Er nannte Namen, die ich bald
vergass, Verhältnisse, die meine Begriffe überstiegen ... Er bat, er flehte
hinter dem Gitter ... Er knieete nieder, schilderte eine glänzende Zukunft ...
Ich liess mich betören und versprach nachzugeben Diese Augenblicke, wenn er den
Schlüssel zog, wenn er meine Schwüre hören wollte, dass ich ihm verziehe, erst
ein Pistol mir entgegenhielt und dann doch wieder durch das Gitter mich mit
Küssen verlocken wollte - O, was hab' ich gelitten, mein Sohn! ...
    Benno umarmte sie, streichelte ihre Wange, küsste ihre Hände ... Er starb im
Wahnsinn, sagte er ... Wie zur Sühne solcher Frevel starb er - ein Geächteter
... Einen seiner frühern Freunde hat er erstochen ...
    Wär' es einer von denen gewesen, sagte die Mutter mit Bitterkeit, die mich
in der Kapelle zu Altenkirchen betrogen! ... Und doch, du sagst es, einer von
ihnen wurde dein zweiter Vater? ... Lebt der Abbate noch? ... Ich glaubte,
gerade der wäre zur ewigen Verdammnis bestimmt! ... Gerade er machte und wie aus
Achtung vor mir den Ministranten - ein Priester! ... Ich sagte ihm Dank, als wir
ins Schloss zurückkehrten nach der Trauung, Dank für die Ehre, die er mir gewährt
... Seine Hand zitterte, als er dafür die meinige küsste ... Ein Jude war der
falsche Priester - der mich drei Jahre lang betrog - Auch in der grossen
Katedrale von - wie hiess der Ort - Witoborn - betrog -! ... Er las die Messe
... Ich wusste damals nicht, dass es seine erste war ... Später erfuhr ich's, als
ich anfing, mich heimlich nach ihm zu erkundigen ... Kurz vor der Flucht des
Hofes von Kassel, längst schon in Angst um Wittekind's kaltes Benehmen, in
Hoffnung mit - Angiolinen, in Angst vor den wilden Kosakenhorden, die nach der
grossen Schlacht bei - Leipzig schon bis dicht an die Tore schwärmten, sagte mir
Wittekind ins Gesicht, dass er mein Bleiben nicht dulden würde und dass ich sein
Weib gar nicht wäre ... Trommelwirbel fielen in diese Worte ... Die Glocken
läuteten Sturm - Feuer! rief es in den Gassen ... Schon brannt' es in den
nächsten Dörfern ... Besinnungslos folgt' ich der allgemeinen Flucht ... In der
unglücklichen Lage eines Weibes, wenn sie die Zwecke der Schöpfung erfüllen
soll, ward ich von den Angehörigen der Truppe, zu der ich gehörte, fortgerissen
... ... Schon am Abend, in einer Scheune, auf dem Wagen eines Kunstfeuerwerkers
unsers Ballets, kam ich nieder ... Ich raffte am andern Morgen den letzten Rest
meiner Kräfte zusammenstosse das Kind, wie alles um mich her, von mir - Die
Gesellschaft wird von den Vorposten der Russen auseinander gesprengt - Ich gelte
für eine Todte - So kam ich auf einem Bauerwagen nach Frankreich, verfolgt von
dem Hohn: Das ist der Hof des Königs Hieronymus! ... Ich verfiel in eine lange
Krankheit, nach der ich mich erst allmälig auf alles besann, was vorher mit mir
vorgefallen ...
    Arme Mutter! sprach Benno und suchte sie zu beruhigen ...
    Aber die Sprecherin war in mächtigster Erregung und fuhr fort:
    Der Krieg kam näher und näher ... Ich benutzte meine ersten wiedererlangten
Kräfte, an Wittekind zu schreiben; an den Bischof von Witoborn, dem ich noch
Anstand nahm alles ganz wie es war mitzuteilen; an die Behörden ... Letztere
wurden eben neu eingesetzt ... Wittekind antwortete nicht ... O die Scham und
die Verzweiflung über meinen eigenen Unverstand waren noch grösser als mein
Rachegefühl ... Ich suchte mich der Welt zu verbergen, ich verriet niemanden,
was mir geschehen war ... Meine nächsten Vertrauten und Umgebungen waren durch
die Zeitumstände von mir gerissen ... Nachrichten über ein Bauerhaus
einzuziehen, wo du lebtest, wurde unmöglich ... So bracht' ich einige Monate in
Paris zu ... Da lernte mich der Herzog von Amarillas, Marquis Don Albufera de
Heñares, kennen ...
    Die Mutter hielt inne, um neue Kraft zu schöpfen ...
    Benno bat sie, sich zu schonen ...
    Bei dem Wort, das er aussprechen wollte, er würde sie ja nun oft sehen
können ... stockte er ... Wir sehen uns in Rom! sagte er ...
    Nein, schon hier! wollte sie mit überwallendem Gefühl ausrufen; doch auch
sie unterbrach sich jetzt und gestand, ihre Stimme dämpfend: Meine Lage ist -
freilich nicht so - dass ich - ...
    Benno sah, dass hier seine Aufgabe erfüllt war ... Was sollte er noch in
Wien? ... Sollte er wie Hamlet einen ungeheuern Schmerz im Busen tragen und ihn
vertändeln in der Gesellschaft, in einem Liebesroman mit Olympien? ...
    Die Herzogin fuhr inzwischen fort:
    Die Feinde hatten Paris genommen ... Ein Flüchtling vor Napoleon, kehrte der
Herzog mit dem vertriebenen Ferdinand VII. nach Spanien zurück ... Er kam aus
England und erkrankte in Paris ... Der Streit unserer Meinungen hinderte nicht
die Annäherung der Sympatieen ... Der Herzog wohnte in einem Hause mit mir ...
Er war alt und gebrechlich ... Seine gänzlich verarmte Lage rührte mich ... Ich
fing wieder an zu singen und teilte mit ihm, was ich hatte ... Dennoch war
alles nur Rache an Wittekind - der mich endlich mit Geldmitteln und höhnischem
Spott und einer teuflischen Bitte um Verzeihung bedachte - Rache, dass ich ihm
als Herzogin antwortete und ihm ebenso höhnisch, wie er geschrieben, auch ihm
seine Kinder empfahl, für die er zu sorgen gelobte, die ich aber - Gott wolle es
mir verzeihen! - wie alles verfluchte, was mich an ihn erinnern konnte ...
    Benno erkannte die psychologische Möglichkeit ...
    Nach einer starren Betrachtung der blutigen Locken Angiolinens fuhr die
Mutter fort:
    Ich reiste nach Madrid ... Der Herzog, mein Gemahl, hatte eine Stellung am
restaurirten Tron der Bourbonen erhalten ... Bald aber kehrte Napoleon von Elba
zurück; auch in Madrid erhob sich die Revolution ... Der Herzog erlag den
Anstrengungen einer Flucht vor der Cortesregierung nach Portugal und starb ...
Wieder stand ich allein, wieder ohne Schutz und Lebenshalt; jetzt bereuend, dass
ich mich selbst so rasch zu dieser Veränderung meiner Ansprüche auf Wittekind
hatte bestimmen können ... Ich reiste nach Rom ... Von dort begann ich in meiner
ersten Verzweiflung, mit Schloss Neuhof zu correspondiren und einlenkende
Schritte zu tun ... Später drohte ich ... Man schrieb mir oder liess mir
schreiben ... Ich empfing einiges Geld, im übrigen nur die alten höhnischen und
bäurischen Scherze und Bitten um Verzeihung ... Las ich diese Briefe, so hörte
ich das wiehernde Gelächter, das dein Vater zuweilen ausstossen konnte für sich
ganz allein - nur für sich allein ... Er jubelte dann über seinen Verstand und
über die Dummheit der ganzen Welt ...
    Das hat sich traurig gewendet! sagte Benno ... Jérôme, sein zweiter, schon
geisteskranker Sohn, starb im Duell ... Auch Friedrich, der Erbe, ist nicht
glücklich ... Doch bin ich mit Friedrich einverstanden und befreundet ... Er
kennt meine Reise hierher und billigt die Begegnung mit dir ... Befiehl du
selbst! ... Er ordnet sich allen deinen Wünschen unter ...
    Die Herzogin horchte aufmerksam und überlegte ... Sie schien das Fortwalten
des Geheimnisses vorzuziehen ... Wenigstens sagte sie:
    Mein Sohn! ... Ich bin die Tochter eines Marchese im Ravennatischen, der
sein Vermögen verlor ... Ich musste früh an die Verwertung eines Talents denken,
das mich und die Meinigen erhielt. So legte ich den Namen der Marchesina von
Montalto ab und nahm den der Fulvia Maldachini an ... Von Rom kam ich erst nach
Parma ... Von dort nach Mailand, von Mailand nach Paris, von Paris nach Kassel
... Ich kannte diese ganze dortige fremde Welt nicht und verachtete sie zu sehr
... Meine einzige Umgebung war eine alte Römerin, die mich singen gelehrt hatte
... Sie war halb erblindet, erschien aber durch ihre Manieren wohl geeignet,
meine Duenna vorzustellen ... Auch sie verstand die Welt nicht, in der wir mit
Anstand lebten ... Ich genoss die grössten Auszeichnungen und hatte selbst die
List des Königs zu fürchten ... Ich war tugendhaft, mein Sohn! ... Ich war es
vielleicht nur - aus Stolz ... Den Freiherrn erhörte ich erst, als er mir die
heimliche Ehe anbot und ich sie vor Gott, einem Pfarrer oder dessen Substituten
und mehr als zwei Zeugen, die hingereicht hätten, richtig geschlossen glaubte
... Meine Entbindung von dir fiel in die Zeit der Ferien an unserer Bühne ...
Ich genas in einer der kleinen Meiereien, die zu den Besitzungen deines Vaters
gehörten ... Eine Bäuerin nährte dich ... Noch war deine Geburt eines
Familienstatuts wegen zu verbergen ... Aber du hattest meine ganze Liebe ... Nie
konnte ich dich in den schmuzigen Umgebungen wie ein Bauernkind sehen, ohne
nicht sofort mit deinem Vater die ernstesten Kämpfe über die endliche Entüllung
unsers Geheimnisses zu beginnen ... Anfangs erfolgten die Beschwichtigungen in
Güte ... Die spätere Wendung erzählte ich dir ... Wäre ich nicht von den
Pflichten meines Berufs, den ich liebte und den ich so viele Meilen von Neuhof
entfernt ausübte, gebunden gewesen, ich hätte so lange mein Geheimnis nicht
bewahren können ... Als ich endlich den Betrug durchschaute, übertrug ich meinen
Hass auch auf meine Kinder ... Und ich sag' es dir, Cäsar, ich würde dich und
Angiolina nie anerkannt haben ohne diese heutige Wendung des Geschicks, die mir
so schreckhaft sagte: Die Rache lasse der Mensch dem Himmel! ... Oft befiel mich
melancholische Sehnsucht nach den beiden Wesen, die ich unterm Herzen getragen
... Einmal - ja, da war ich nahe daran, mich zu entdecken, als jener Pater
Stanislaus, den du kennst - ...
    Wenzel von Terschka - ...
    Nach Deutschland reiste und sich mir empfahl ... Ich lebte jedoch schon
damals in Verhältnissen, die mir die Festaltung meiner Stellung als Herzogin
von Amarillas zur unbedingtesten Pflicht machten ... Und noch - jetzt, mein Sohn
- ...
    Die Erzählerin stockte und wandte sich ab ...
    Benno glaubte die Beschämung zu sehen, die Anstand zu nehmen schien, von
Cardinal Ceccone, ihrer dritten Verbindung, zu sprechen ... Ein unendliches Weh
legte sich auf sein Herz ...
    Mein Sohn, sprach die Herzogin, seine Gedanken erratend ... Wenn Cardinal
Ceccone in allem so heilig wäre, wie in seinem Verhältnis zu mir, so würde man
ihn nach seinem Tode kanonisiren ... Eher kannst du in Rom hören, dass - -
Ceccone wie Papst Alexander Borgia seine eigene Tochter liebt, als das Wort -
die Herzogin von Amarillas stünde in einer nähern Verbindung mit ihm, als der,
die Duenna seiner - »Nichte« zu sein ... Mein Sohn, du siehst mich hier mit vier
Pferden fahren, Bediente umringen mich, ein römischer Principe reicht mir den
Arm, um mich in die kaiserlichen Teater zu führen, in die Loge des mächtigsten
Staatsmannes der Welt - ich bin nichts weiter als eine Gouvernante ...
    Benno ergriff gerührt die Hand der Mutter und sah in ihre umflorten Augen
...
    Unter unsern Cardinälen, fuhr sie mit schmerzlichem Lächeln fort, gibt es
einige, die wohl verdienen, Muster der Christenheit genannt zu werden ... Ihre
Zahl ist nicht gross ... Die übrigen teilen sich in zwei Klassen ... In solche,
die die Gelübde aus Indolenz halten, und solche, die die Natur nicht betrügen
können ... Alle aber, selbst die letztern bewahren den Anstand ... Saltem caute!
ist unsere römische Devise ... Um die immer prüfend und lauernd auf sie
gerichteten Blicke der Menschen, namentlich der Priester, zu zerstreuen, zeigen
die Cardinäle sich absichtlich ganz weltlich, leichtsinnig,
gesellschaftsbedürftig und doch nicht anstössig. Das ist, wie die Frauen im
Cicisbeat einen Deckmantel für eine in ganz anderer Sphäre versteckte
Leidenschaft haben ... Jeder Gatte lässt seine Gemahlin ruhig mit dem Cicisbeo
gehen ... Dieser ist der Freund des Hauses, der Freund des Mannes, der
Beschützer der Frau, deren anderweitige Verhältnisse am wenigsten der Cicisbeo
kennt ... So haben auch die Cardinäle ein Haus, an das sie attachirt sind, wo
sie Audienzen geben, wo sie sich ausruhen, Whist spielen und wirklich, wenn auch
mit den leichtesten Formen, die Tugend und Entsagung selbst sind ... Das weiss in
Rom jedermann ... Cardinal Ceccone kann nach seinen Arbeiten in der Sacra
Consulta nicht anderswo sich erholen, als bei der Herzogin von Amarillas, wo es
hergehen würde so still und fromm, wie im Kloster von Camalduli, wenn nicht
Olympia mit den Jahren immer gefahrvoller sich entwickelt hätte - Cäsar! -
unterbrach sich die Sprecherin und betrachtete Benno mit einer Mischung von
Staunen und Schrecken - wie nur war es möglich, dass gerade du, du mein Sohn,
Cäsar von Wittekind, es sein musstest, der - ... Doch - fuhr sie plötzlich auf -
fliehe Olympia! Sie zerreisst, was sie liebt! ...
    Benno geriet in die grösste Verwirrung ... Seine Ueberzeugung, dass er in
Wien seit dieser Stunde nichts mehr zu vollbringen oder abzuwarten hätte, mehrte
sich ...
    Die Mutter fuhr fort:
    Ich bin nicht die einzige Herzogin, lieber Sohn, die in Roms dunkelsten
Gassen wohnte und nur - in den Kirchen, deren wir zu diesem Zweck Gott sei Dank
genug haben, von einem ihrem Stand gebührenden Glanze umgeben ist ... Man ist
arm, aber vom Munde darbt man sich den Mietwagen ab, der uns des Abends eine
Stunde auf den Corso führt ... Sonst geht man des Tages zu Fuss ... Ein Schleier
genügt, nicht einmal ein Bedienter ... Alle hundert Schritt liegt eine schöne
geräumige Kirche, gebaut aus Marmor, mit stillen Kapellen, dunkeln Ecken, da
eine Lampe, hier ein Schemel für die Füsse, ein Bild von Domenichino, eine
Sculptur von Michel Angelo - so kann man schon eine Stunde lang verträumen, ein
Leben der Armut anständig verschleiern ... Du wirst das sehen, wenn du in Rom
bist ... Du gehst nach Rom! ... O wohl, wohl! ... Du sollst es ... Oder was -
was glaubst du, mein Sohn? ...
    Benno hatte die Miene gemacht zu fragen, ob sie es nicht wünsche ... Er sah,
wie seine Begegnung sie bei alledem zu stören anfing ...
    Die Kirchen, fuhr die Herzogin nach einigen zärtlichen Blicken fort, die
Kirchen in Rom sind zum Beten da; aber sie verbinden zugleich den Zweck, eine
Promenade zu sein, eine Promenade, die zu betreten nichts kostet ... Ich hörte
einen Attaché der Gesandtschaft des Königs von Preussen, der erst einige Tage in
Rom war, ausser sich geraten bei der Erzählung: Ich besuche den Carcer
Mamertinus beim Capitol, die Kapelle, die über jenem Gefängnis erbaut ist, wo
Sanct Peter vor seiner Hinrichtung gefangen sass, und ein Geistlicher tritt
herein, kniet vor einem Betpult nieder, wendet das Antlitz zum Altar, zieht, ehe
er betet, sein Taschentuch, seine Dose, nimmt eine Prise und dann erst faltet er
die Hände!1... Dies Bild brachte den Luteraner ausser sich, beleidigte jedoch
von uns Römern niemand ... Es war ein heisser Tag; der arme Dorfpfarrer, der die
Merkwürdigkeiten der Stadt ansah, wollte sich ausruhen und benutzte die kühle
Kapelle St.-Pietro in carcere ... Dass man sich an einem solchen Ort mit der
Geberde des Betens ausruht, bringt die Rücksicht auf den Ort und diejenigen mit
sich, die vielleicht ringsherum wirklich beten ... Die Kirchen Roms sind nicht
Kirchen allein, sondern die ehemaligen Termen der Kaiser ... Sie sind die
Gärten und Promenaden der Stadt, die allen gehören, den Armen und Reichen, den
Königen und Bettlern ... Ist denn nicht auch das Religion, was alle gleich
macht? ... Wer gefallen ist, Könige, die ihre Krone verloren, können keine
bequemere Stadt der Welt finden ... Für die, die ohne Demütigung sein und
vergessen wollen, ist Rom die Stadt der Städte ...
    Diese Äusserungen einer Frau, die in so unmittelbarer Nähe der Tonangeber
der Christenheit lebte, mussten Benno wohl die Frage wecken: Wiestehen ihre
Ueberzeugungen im Verhältnis zur Kirche und zu dem Zweck der Sendung des
Cardinals? ... Doch überwog jetzt noch das Interesse am Persönlichen ...
    Fünf bis sechs Jahre, fuhr die Mutter fort, lebte ich in dem steten Kampf
mit mir, welche Entschliessungen ich fassen sollte ... Ich war nicht mehr jung
... Meine Schönheit, wenn ich sie je besass, war verblüht ... Ich zog niemanden
an, als dann und wann ein paar Priester, die bald wegblieben, als ich ihnen
keine Tafel serviren konnte ... Zur Devotion hatte ich kein Talent ... Im Singen
zu unterrichten widersprach meinem Stolz ... Ich processirte mit den Gerichten
Spaniens; die Revolutionen und die Cortes wiesen mich ab ... Wittekind erlebte
in meiner Verzweiflung einigemal die Drohung, dass ich nach Deutschland kommen
und die Gerichte gegen ihn anrufen würde ... Ich ging so weit, mich über die
Gesetze wegen unwissentlicher Bigamie zu unterrichten ... Ich überzeugte mich,
dass meine Ehe nach kanonischen Regeln anerkannt werden konnte ... Dann aber
hatte ich in Bigamie gelebt und musste erst von dieser Sünde wieder befreit
werden ... Das ist das besonders Schmerzliche am Unglück, es macht zuletzt feige
... Das Unglück verwirrt uns und lässt uns falsche, oft ganz unwürdige Massregeln
ergreifen ... Ich fand wenigstens meine Hülfe da, wo ich nimmermehr geglaubt
hätte, dass ich sie suchen würde ...
    Benno horchte voll höchster Spannung ...
    Jenseit der Tiber wohnen in Rom jene Volksklassen, die sich noch eine
gewisse Natürlichkeit, soweit sie bei römischer Unbildung möglich ist, bewahrt
haben; Handwerker, die grösserer, lichterer Räume bedürfen, als sie die innere
Stadt diesseit der Tiber bietet ... In Trastevere wohnte ein Metzger, von dem
ich mir zuweilen den Luxus gestattete, ein besseres Stück Fleisch, ein ganzes
junges Lamm für die Küche zu bestellen ... Noch lebte meine alte Marietta
Zurboni, die mich so lange Jahre begleitet hatte ... Nun war sie ganz blind; ich
gönnte ihr zuweilen Festtage in Wirklichkeit, nicht bloss die, die im Kalender
stehen - Was ich da alles rede! unterbrach sich die Herzogin und starrte in die
Ferne und in die noch nicht erreichte Stadt ...
    Benno erkannte, dass die Mutter so plötzlich der Schmerz um die Todte, die
nun schon in Entfernung fast einer Meile zurückgeblieben, ergriff ... Sie hielt
beide Hände nach der Gegend hin, wo Schloss Salem lag ... Eine Geberde der Bitte
um Verzeihung ... Sie küsste wieder die blutigen Haare ...
    Benno beruhigte sie ...
    Eines Tages, fuhr sie nach einem kurzen Weinen fort, hatte ich mich von
Kirche zu Kirche bis Santa-Cecilia gebetet - dies war die einzige Art, wie ich
als Herzogin am Tage ohne Equipage vegetiren konnte - Ich tat, als könnte ich,
da ich doch einmal bei Meister Pascarello in der Nähe war, bei dieser
Gelegenheit, obgleich ich eine Herzogin war, auch wohl mein Osterlamm selbst
bestellen ... Hoheit, sagte er, warum sind Sie nicht zehn Minuten früher aus
Ihrer Andacht erwacht! Soeben hatte ich noch fünf Lämmchen, weiss wie Schnee, so
unschuldig, dass sie die heilige Agnes mit in den Himmel hätte nehmen können! ...
Ich bedauerte ... Hätt' ich diese Ehre geahnt! fuhr er fort. Aber, den Heiligen
sei Dank, die Kleinen kommen wenigstens in gute Hände und Gott segne, dass ihre
Wolle dem Pascarello Ehre macht! ... Wer erhielt sie denn? fragte ich ... Der
ehrliche Metzger zeigte über die Tiber hinweg und sprach: Wenn die Tierchen
gebraten werden, Hoheit, einen solchen vornehmen Rost haben Sie doch nicht! Ich
glaube fast, der des heiligen Laurentius selbst wird dazu genommen! ... Ich
ahnte eine Bestimmung für die Kirche und Meister Pascarello erzählte mir noch
eine Geschichte, die in Rom jedermann weiss ... Im Kloster der Nonnen, die man
die »Lebendigbegrabenen« nennt, werden die Lämmer gezogen, aus deren Wolle die
weissen, drei Finger breiten Schulterbinden, Pallien genannt, gefertigt werden,
die Rom jedem neuernannten Bischof der Christenheit zuschickt ... Die
Achselklappen zu den Uniformen der grossen römischen Armee ... Die Lämmer können
ihre zarteste Wolle nur jung liefern, werden nach der Schur geschlachtet und der
Heilige Vater bewirtet mit dem Fleisch jährlich die zwölf Apostel, denen er die
Füsse wäscht; es sind Arme, die zu dieser Ehre schon lange auf einer Liste
verzeichnet stehen ... In dem Kloster sagte Meister Pascarello, muss ein Wolf
hausen oder eine Wölfin - verbesserte er sich -; denn ich habe die Ehre, des
Jahres viel Lämmer dortin zu liefern, mehr als in einem Jahr in der
Christenheit Bischöfe sterben und neue gewählt werden! ... Seltsam! ... sagte
ich gleichgültig und - betete mich wieder in meine dunkle Gasse bei Piazza
Navona zurück, in der ich wohnte ... Ich erzählte diesen Vorfall einem Prälaten,
der mich oft besuchte, obgleich ich ihn nicht mochte wegen seines giftigen und
intriguanten Wesens ... Leider hatt' ich ihm schon mehr von meinen
Lebensverhältnissen vertraut, als ich hätte tun sollen ... Es ist der jetzige
Cardinal Fefelotti, wie man weiss, der Feind Ceccone's ...
    Benno hatte diesen Namen als jetzigen Nachbar des Grafen Hugo in Castellungo
heute nennen hören ... Auch wusste er, dass Olympia's Mutter im Kloster der
»Lebendigbegrabenen« lebte ... Er fürchtete die Aufregung der Mutter und sagte:
    Lass es! ... Du wirst mir noch oft erzählen können ...
    Eine solche Stunde kommt uns nicht so bald! erwiderte sie seufzend ...
    In Rom! ... Ich verlasse Wien ... sagte er ...
    Nein! rief die Mutter leidenschaftlich, umschlang und küsste ihn ...
    Ich gehe nach Rom ... Heute noch ...
    Cäsar! rief die Herzogin wie im Ausbruch des äussersten Schmerzes und - doch
voll Freude ...
    Nach einiger Sammlung fuhr sie fort:
    Fefelotti machte eine schlaue Miene und sagte: »Daraus erkenne ich ja die
Wahrheit eines Gerüchtes! Monsignore Tiburzio könnte, mein' ich, von dieser
kleinen Wölfin leicht seinen Cardinalshut zerrissen bekommen« ... »Sie wissen«,
setzte er hinzu, »dass Tiburzio im nächsten Conclave den Purpur erhalten wird«
... Die Züge Fefelotti's verzerrten sich noch hässlicher, als sie schon von Natur
sind ... Ich sah, dass er über einen Plan brütete ... Ceccone war schon damals
der mächtigste Mann in Rom ... Er hatte die Revolution gebändigt, die Carbonari
verbannt oder eingekerkert; man wusste, dass ihn eine Römerin, Lucrezia Biancchi,
hatte ermorden wollen ...
    Olympia ist das Kind einer neuen Judit! sagte Benno ...
    Alle Welt weiss es jetzt ... bestätigte die Mutter ... Aber damals noch nicht
... Der Generalinquisitor Ceccone schlug die Untersuchung des Mordanfalls einer
jungen Wäscherin auf ihn nieder und brachte die Mörderin heimlich zu den
»Lebendigbegrabenen« ... Das fanatische Mädchen, das ihre Ehre geopfert hatte um
ihn zu tödten, kam dort nieder ... Olympia wurde im Kloster fünf Jahre alt ...
Es war ein Kind der Sünde - ein Kind der Lüge, der Wollust, des Mordes ... Von
solcher Wildheit des Blutes war sie, dass sie mit den kaum geborenen Lämmchen
spielend oft eines erwürgte ... Das Opfern dieser Lämmer ist eine heilige
Procedur, die am Fest der heiligen Agnes öffentlich vollzogen wird ... An der
Wolle soll noch jetzt niemand eifriger spinnen, als die schon in der Geburt
ihres Kindes vom nicht abgewarteten Milchfieber irrsinnig gewordene Lucrezia -
...
    Was ist Wahrheit! klagte es tief schmerzlich in Benno's Gemüt ... Ein
riesiges Gebäude steigt auf, ein stolzer Dom ... Die Pfeiler ragen wie über
felsenfestem Grunde ... Die Wölbungen sind wie für die Ewigkeit berechnet ... In
den Rissen wächst, mit buntestem Farbenreiz sie verdeckend, die Flora der
Phantasie und des Gemüts ... Die heiligste Andacht nimmt diese weissen Pallien
mit den vier schwarzen Kreuzen darauf als die Sinnbilder jenes verlorenen Lamms,
das der gute Hirte gesucht - und wie macht sich das alles in Wirklichkeit! ...
»Rom blüht und gedeiht doch!« hatte Hammaker beim Vorschlag eines neuen,
»falschen Isidorus« gesagt - ...
    Die Mutter schien diesen schneidenden Contrast nicht nachzufühlen ... Die
Römer nehmen, was von ihnen kommend die katolische Welt andachtsvoll verehrt,
wie ihr tägliches Brot und als sich ganz von selbst verstehend ...
    Ich gönnte Fefelotti nicht den Triumph seiner Intrigue, fuhr sie fort ... In
einer jener Anwandlungen von Tatkraft und Mut, die schon längst bei mir
aufgehört hatten, schrieb ich an Monsignore Ceccone und warnte ihn, er möchte
auf der Hut sein und aus dem Kloster eine gewisse - kleine Wölfin entfernen ...
Die Visitation durfte ohnehin kein Kind im Kloster dulden ... Dann auch noch
warnte ich ihn vor den unbesonnenen Plaudereien Pascarello's in Trastevere ...
Ich hatte mich genannt und durfte nicht erstaunen, unmittelbar darauf den Besuch
des Monsignore selbst zu empfangen ... Ich fand in Ceccone einen Mann von
hinreissendem Benehmen, angewiesen auf die Gunst der Frauen ... Ich für mein
Teil fühlte, dass ich nichts mehr für einen solchen Mann besass, als höchstens
etwas Verstand und das unendlichste Vedürfniss nach Beistand, das zuweilen die
Menschen bindet, besonders wenn sie nicht gut sind ... Gefällig sein heisst bei
vielen, nur seine Macht zeigen wollen ... So entdeckte sich mir Ceccone ganz,
dankte für meine Teilnahme, warnte vor Fefelotti, der sein Feind seit frühester
Jugend und schon von der Schule wäre, und machte mir den Vorschlag, dass ich
einen Palast bezöge, den er für mich mieten wollte, wenn ich Olympia zu mir
nähme ... Noch mehr! Es wäre ihm lieb, sagte er, wenn ich ihr einen Namen,
vielleicht von meiner Verwandtschaft gäbe ... Ich ging auf diese Vorschläge ein
... Ich gab Olympien den Namen, den ich in diesem rauhen und grausamen Lande
zurückgelassen habe, Maldachini ... Den Grafentitel, den das Kind bekam, bezahlt
man in Rom ... Principe Rucca's Urgrossvater war vor hundert Jahren ein Bäcker
...
    Benno horchte nur ...
    Meine Lage besserte sich ... Sie wurde glänzend ... Ceccone sammelte Schätze
und hatte eine solche Liebe zu seiner Tochter, dass sie ihm, wenn wir noch in den
Zeiten des »grossen« Nepotismus lebten, eine Fürstenkrone wert wäre ... Die
Krone des Prinzen Rucca entspricht nur noch der jetzigen Stellung des römischen
Stuhls ... Aber die Zähmung der jungen Wölfin ist mir nicht gelungen ... Sie ist
eine Blume, die aus Blut emporgesprossen ... Ihr Dasein verdankt sie einem Hass,
der sich in Liebe nur verstellte ... Lucrezia Biancchi suchte die Bekanntschaft
im Hause des Inquisitors durch eine Wäscherin, die für ihn arbeitete ... Sie
begleitete diese, nahm ihr zuweilen die Uebergabe der Wäsche ab ... So begann
ein Roman, den sie benutzte, um den Feind der jungen Freiheit Italiens wie
Judit den Holofernes zu ermorden ... Wir haben ein schönes Land, aber - wilde
Menschen ... Noch werden die Zeiten eisern werden ...
    Benno war zu ergriffen, um von den Brüdern Lucrezia Biancchi's, von den
Oheimen der »Gräfin«, zu sprechen, von der Nähe des alten Professors Luigi ...
    Schlimme Stunden werden auch noch für uns allein kommen, mein Sohn! seufzte
die Mutter ... Olympia hatte nie einen Wunsch, der unerfüllt blieb ... Sie
heiratet den Principe nicht, um seine Liebe oder seinen Namen zu haben, sondern
nur, um eine Frau zu sein ... Dadurch erst gewinnt ein Weib grössere Freiheit ...
Mein Sohn, Rom hat keine Erziehung, keine Bildung - keine Tugend - ... Es hat
nur Leidenschaft und Verstellung - Wir haben die Formen der Devotion ... Diese
vertreten den öffentlichen Anstand ... Alles Uebrige ist die grössere oder
geringere Kunst der Verstellung ... Tugend ist nur da, wo die natürliche
Empfindung sie zugleich mit hervorruft, oder nur da, wo sie schon die natürliche
Begleiterin von Stolz und Liebe ist ... Ein Staat von Priestern, die unter einem
unnatürlichen Gesetze leben, kann nichts anderes hervorbringen ... Ich habe es
einmal erfahren, was ein in Rom entstandener freisinniger Gedanke kosten kann
... Ceccone neigt, wie das im Alter so geht, zu politischen Verbesserungen und
ist in seinem innersten Herzen Italiener, ja mehr noch, Römer ... Olympia sowol
wie ich arbeiten auf die Erhöhung Italiens - eine Zukunft, die ohne Bruch mit
Oesterreich nicht denkbar ist ...
    Benno sah sich betroffen um ... Die Diener hätten hören können ... Schon
näherte man sich den volkreichen Vorstädten ...
    Seine Besorgnis war ungegründet ...
    Fefelotti, fuhr die Mutter unerschrocken fort, der gleichfalls inzwischen
Cardinal wurde, erhob sich wie die Schlange, die ein Fuss nicht ganz zertreten
hat ... Diesen Winter war es ... Da begannen die Intriguen der immer mächtiger
werdenden Jesuiten ... Ich sollte auf der Reise hieher, die schon lange zu
Olympiens Ausbildung beschlossen war, die Anklage erhalten, die Gattin zweier
Männer gewesen zu sein ... Zum Glück, wie ich hier wohl sagen kann, starb der
Kronsyndikus ... Aber die Intrigue ruhte nicht ... Wir haben uns der Feinde
versichern müssen ...
    Ceccone versprach dem Al Gesù, seinen Befehlen zu gehorchen -! ...
    Ja! erwiderte die Mutter wie eine Römerin, die nur triumphiren wollte mit
dem Berichte: Fefelotti ist gestürzt und in ein Erzbistum verbannt ... Weit von
Rom entfernt, im Piemontesischen, krümmt er sich jetzt, racheschnaubend, aber
ohnmächtig ... Wir fühlen seine Hand nicht mehr ... Warum staunst du? ...
    Benno unterdrückte seine Empfindungen ... In solche Umtriebe des Ehrgeizes
machtbegehrender Priester mischt sich das Wohl der Staaten, die Freiheit der
Völker, die Erleuchtung der Gewissen! ...
    Die Mutter kam auf diese Vorstellungen nicht ... Sie sprach von Olympien ...
    Ihre ersten Lebensjahre wurde sie im Kloster verborgen gehalten ... Das
Kloster liegt nicht einsam ... Man hatte Ursache, das Schreien des Kindes zu
ersticken ... Man erstickte es durch Liebkosungen und die Gewähr jedes Wunsches
... Ein Nein! gab es nicht bei Nonnen, die über eine Entdeckung zitterten ...
Dass sie gleich anfangs eine Nonne aufnahmen, die Mutter wurde, machte die
Habgier ... Ein Kloster ist bei uns für Wohltaten und Geschenke, die man ihm
spendet, zu allem fähig ... Diese Mönche und Nonnen gewöhnen sich so an die
Vorteile, die ihnen die Besitztümer ihres Klosters gewähren, dass sich die
wunderbarste Einigkeit zwischen allen herstellt, wenn sie nur wissen: Das ist
dein Anteil an dem gemeinsamen Gewinn ... Die Menschen der Entbehrung und
Einsamkeit werden so; sie handeln im Charakter eines Ameisenhaufens, der eine
einzige Ameise voll Intelligenz ist ... Dem Kloster dann heimlich entführt und
in meine Obhut gegeben, erlebte Olympia einige entschiedene Anwandlungen meiner
Neigung, ihr eine Erziehung zu geben ... Der Erfolg war nicht ermunternd ...
Lassen Sie das Kind sein, wie es ist! sagte der zu einer Mischung von halb
Trajan, halb Nero geborene Cardinal ... Nur ein Mensch von starkem Willen lebt
siegreich in dieser halben Welt! setzte er hinzu ... Oft sah ich mir in der
Galerie Borghese das Bild an, das Rafael von Cäsar Borgia gemalt hat ... Ein
Kopf wie ein Räuberhauptmann, voll schreckhafter Männerschönheit ...
Macchiavelli machte aus ihm das Muster eines echten Fürsten ... So war Ceccone
in seiner Jugend und Olympia ähnelt ihm ... Sie bekam schon als Kind galante
Briefe und Gedichte von denen, die ihren Schutz begehrten ... Sie wählte sich
selbst ihre Gesellschaft ... Sie liess Schäferknaben von ihrer Hürde in der
Campagna wegnehmen und in prachtvolle Kleider stecken, um mit ihnen spielen zu
können ... Ebenso oft aber auch nahm sie ihre Gunstbezeigungen wieder zurück ...
Ich hatte Scenen mit dem Cardinal voll äusserster Aufregung ... Er konnte so
grausam sein und mir sagen: Madame, Sie sind die Kammerfrau einer Fürstin,
nichts weiter! ... Ich ertrug diese Ausbrüche des Dünkels und der Tyrannei, denn
ich hatte zu viel gelitten und war angekommen an jenem schreckhaften Wendepunkt
im Frauenleben, wo der Mut, die Hoffnung versiegt und uns die Angst vor dem
Alter ergreift ...
    Benno drückte der Mutter die Hand und sprach:
    Trenne dich von dieser Welt und sei - ganz nur mein! ...
    Wird das gehen? sagte die Mutter schmerzlich lächelnd und - ablehnend ...
Sie küsste seine Stirn ... Nein! setzte sie in der Tat den Kopf schüttelnd hinzu
... Warum nicht? ... lag in Benno's betroffenen Mienen ...
    Olympia hatte zum Glück die gute Eigenschaft, fuhr die Mutter ausweichend
fort, dass ihr fester Wille zuweilen eine edle Sache ergriff ... Dass die Sache
edel war, war dann nur ein Zufall ... Sie wählte immer nur diejenigen
Standpunkte der Auffassung, die ihr der Zufall und eine persönliche Empfehlung
boten ... So sind alle Vornehmen ... Brachte ein Pächter eine Bittschrift und
hob ihr den Fächer auf, der ihr gerade entfallen war, so ruhte sie nicht, bis
seine Wünsche erfüllt wurden ... Ebenso gross aber auch ihr Hass und ihre
Rachsucht ... Einen jungen Geistlichen, der ihr die Beichte hörte, gab sie an,
dass er sie im Beichtstuhl geküsst hätte ...
    Benno entsetzte sich ...
    Es war eine Lüge ... Sie führte diese Lüge mit allem Aufwand der Verstellung
durch ... Der junge Priester hatte ihr einige Strafen auferlegt, denen sie sich
nicht unterziehen wollte ... Der Unglückliche verdarb sein Schicksal vollends
durch die seltsamste Grille von der Welt ... Er räumte ein, dass Olympia, damals
vierzehn Jahre alt, recht gehabt hätte ... Es war ein Alcantarinermönch aus dem
Norden Italiens, der der strengsten Regel der Franciscaner angehört ... Sie sah
ihn eines Tages in der Sixtina und wollte ihn sofort zum Beichtvater ... Der
Cardinal liess den Pater Vincente aufsuchen und bestimmte ihn, in Rom zu bleiben
... Pater Vincente, bildschön, träumerisch von Natur, hatte durch seinen
schweren Orden die Kraft der Nerven verloren ... Er errötete bei jedem Wort,
das man an ihn richtete ... Dennoch wurde er Olympia's Beichtvater und bezog das
römische Kloster der Alcantariner ... Nach sechs Wochen endete dieser Roman in
der Art, wie ich sagte ... Olympia rächte sich für seine Strenge und wollte ihm
nicht länger beichten ... Sie log und alles sprach ihn frei ... Er aber - er
hatte sich in der Tat in sie verliebt und gab etwas zu, was nur das Spiel
seiner Phantasie gewesen sein mochte ... Er sagte: Ich habe sie geküsst!2... Der
Unglückliche schmachtete fünf Jahre in einer Strafzelle der Alcantariner ...
    Olympia ist ein Teufel! wallte es in Benno auf und es auszusprechen hinderte
ihn nur der Gedanke an den Pater Sebastus und den Bruder »Abtödter«, die nach
Rom zu den Alcantarinern geflüchtet waren ... Lucinde, Bonaventura traten vor
sein irrendes Auge ...
    Die Mutter fuhr fort:
    Als Pater Vincente eingeräumt hatte, dass er Olympien im Beichtstuhl küsste,
erschrak sie selbst und bereute nun ihre Tat ... Sie schrie und weinte darüber
... Sie lief zum Cardinal und warf sich ihm zu Füssen ... Sie küsste seine Zehen,
was sie immer als Ausdruck der höchsten Schmeichelei für ihn tut, da sie so
ausdrücken will, dass ihm die dreifache Krone beim Tod des Papstes nicht entgehen
könnte ... Sie schwur, dass sie gelogen hätte und bat um die Freilassung des
Priesters ... Der Cardinal tat alles, was in seinen Kräften stand ... Aber
Pater Vincente verharrte bei seiner Versicherung, er hätte sie geküsst und
verdiene seine Strafe ... Da war bei seinem General nichts auszurichten ... Erst
vor kurzem kam uns die Kunde von seinem Schicksal in Erinnerung ... Es war die
Rede davon, dass neben Fefelotti, der jetzt auf seinem Erzbistum Cuneo, auch
Coni genannt, sich befindet, gerade auch das Bistum Robillante frei geworden
... Man sagte, dass dem »schlechtesten Christen« eigentlich der »beste Christ«
gegenüberzustellen wäre ... Ceccone dachte an einen Beaufsichtiger Fefelotti's,
die andern an einen wirklich heiligsten Priester ... Der ist nicht zu finden!
hiess es allgemein ... Olympia besann sich eine Weile und sagte mit blitzenden
Augen: Der beste Priester der Welt ist Pater Vincente bei den Alcantarinern! ...
Als man staunte, sagte sie: Ich stürzte ihn ins Unglück und er wollte für seine
Gedanken büssen! Macht ihn zum Bischof von Robillante! ... Man ging auf den Plan
ein. Um so mehr, als man erfuhr, dass dieser Bischofssitz in der Heimat des
Paters Vincente liegt ... Er ist aus dem Tal von Castellungo gebürtig ...
    Castellungo? unterbrach Benno ...
    Ein Tal am Fusse des Col de Tende im Piemontesischen ...
    Das Schloss von Castellungo gehört dem Grafen Hugo, von dem wir eben Abschied
nahmen! ...
    Die Mutter horchte auf und setzte hinzu: Ja, die Gegend ist ketzerisch ...
    Benno's Gedanken waren auf den »besten Priester der Welt« - auf Bonaventura
gerichtet ...
    Pater Vincente, fuhr die Mutter fort, die seines hochgespannten Anteils
gerade über diesen Vorfall staunte, hatte seine Schuld gebüsst und war vom
General seines Ordens längst wieder in seinen alten Stand eingesetzt; noch lebte
er im Alcantarinerkloster, schlug aber die Ehre aus ... Er sagte, gerade vor
jenem Tal von Castellungo wäre er geflohen ... So ist der Sitz noch unerledigt
...
    Vor jenem Tal wäre er - geflohen? ... fragte Benno sinnend ...
    Wir erfuhren nichts davon durch Pater Vincente ... Andere erzählten, die
Ketzer in jenem Tale hätten sein Gewissen verwirrt ... Vorzugsweise ein Eremit
- ein Deutscher -
    Frâ Federigo! rief Benno ... Den Eremiten Federigo kannte er von dem
Nachmittag des vorjährigen Sommers, als Benno, Hedemann und Lucinde mit dem
Gipsfigurenhändler Napoleone Biancchi zusammentrafen und den St.-Wolfgangsberg
erstiegen ... Dass Bonaventura auch seinen Vater in dem Eremiten von Castellungo
vermutete, wusste er nicht, wenn er auch selbst zugab, dass Friedrich von Asselyn
noch lebte ... Die Vision Paula's von diesem Winter war auch ihm bekannt
geworden; aber die Deutung, die ihr Bonaventura gegeben, war von diesem selbst
schon aus Schmerz um seine Mutter nicht weiter ausgesprochen worden ...
    Das träumerisch ausgemalte Bild: Bonaventura - Bischof in jenem Tale, wo
Paula vielleicht auf dem Schloss die Herrin und die Gattin des Grafen Hugo wird
-! stand in magisch zauberhaftem Lichte einen Augenblick vor Benno's Auge ... Er
sagte:
    O ich weiss einen Priester der Erde, der würdig ist, Fefelotti
gegenüberzustehen ... Einen Vetter von mir, Bonaventura von Asselyn ...
    Ich nenn' ihn Olympien und er hat den Bischofssitz ... sagte die Mutter ...
    Olympien! ...
    Die Mutter wollte beginnen, von Olympiens Leidenschaft und dem Eindruck, den
ihr Benno gemacht, zu sprechen ... Ihre Rede verhallte im Lärmen der jetzt
wirklich erreichten Stadt ... Der Wagen durchflog die volkreichste Vorstadt ...
Schon die vier Rosse allein machten auf dem Strassenpflaster ein Geräusch, das
jede Verständigung im Wagen unterbrechen musste ...
    Der ganze Schmerz, die ganze Freude des Erlebten fiel noch einmal auf die
Herzen der beiden so wunderbar Verbundenen ...
    Die Herzogin riss an ihren Kleidern, in denen sie Angiolinens Haar verbarg,
und rief:
    O mein Sohn! Auch ich will nicht mehr leben! ...
    Dann aber zog sie laut - fast lachend und wieder weinend den Sohn an ihre
Brust ...
    Erschreckend vor den Blicken von Menschen, die hereinsahn, faltete sie die
Hände krampfhaft gen Himmel und betete mit den Geberden einer Verzweifelnden ...
    Das ganze entfesselte Naturell der Südländerin machte sich geltend ... Oft
schlug sie an die Stirn, als fasste sie nicht, was sie alles in diesen Stunden
erlebt hatte ...
    Benno suchte sie zu beruhigen ...
    Der Graf, sagte sie, weiss nichts von den Gebräuchen unserer Kirche ...
Erinnere ihn an die Seelenmessen ... Lass sie täglich lesen! ... Täglich sehen
wir uns dann bei diesen Messen und wären wir beide auch nur ganz allein zugegen
... In den Begegnungen mit Olympia und dem Cardinal freilich - unterbrach sie
sich ...
    Mutter! Wenn ich nicht offen deinen Namen bekennen kann, kann ich hier - dir
nicht mehr begegnen! rief Benno ...
    Cäsar -! Cäsar! rief die erregte Frau ... Aber, ich ahne, fuhr sie fort, du
liebst und hast schon dein Herz vergeben - Es ist wahr, Olympia ist deiner nicht
würdig ... Sie ist hässlich ... Nein, nur wenn sie hasst ... Sie ist schön, wenn
sie liebt ... Sie liebt dich ... Sie gäbe den Principe hin ... Doch nein, nein
... Das darf nicht sein ...
    Benno sah, dass in seiner Mutter Verstand und Gemüt in stetem Kampfe lagen
...
    Sie sagte:
    Erweise dem Principe die Aufmerksamkeit, ihm heute zu Ceccone zu folgen ...
Sei klug, sei vorsichtig mit Olympia ... Jeder Widerstand erhöht ihren Eigensinn
... Jetzt lad' ich dich nicht ein, in den Palatinus zu folgen ... Nicht wahr?
... Es war gewagt, dass wir dem Oheim nachkamen? ... Olympia hatte keine Ruhe ...
Der Principe Rucca deckt die Convenienz ... Wir haben tausend Verpflichtungen
hier ... Auch die, dass wir die Vertreter der Heiligen sind ... Ich bin nie beim
Cardinal ... Auch Olympia nie vor andern ... Der Cardinal kommt zu uns ...
Morgen, mein Sohn! ... Heute gehst du noch mit dem Principe? ... Wir beide sehen
uns so, wie wir fühlen - bei Angiolina's Seelenmetten ... Da knieen wir
nebeneinander und sprechen, wie und was das Herz will ... Das ist auch ein Gebet
und - ein Geheimnis kann auch süss sein ...
    Weiter konnte die aufs äusserste erregte Frau im überhasteten, eines ins
andere drängenden Strom ihrer Empfindungen und Worte nicht kommen ... Schon
hielten die vier in der Stadt zur letzten Anstrengung angestachelten Rosse in
der belebtesten Strasse Wiens nicht weit von dem »Monte Palatino« ...
    Benno hatte ganz bewusstlos geklopft - der Wagen hielt - der Mohr öffnete -
Nun musste er aussteigen ... Ein krampfhafter Händedruck - ein Gefühl in ihm: Zum
ersten und zum letzten mal - Gruss und Abschied? ... So stand er auf der Strasse
...
    Der Wagen flog weiter ...
    Aus dem Traumreich kaum zu ahnender und doch so wirklicher Erlebnisse kehrte
Benno in das rauschende Gewühl einer Stadt zurück, deren Bewohner - mitten unter
solchen Verhängnissen - nur an den bunten Anschlagzetteln beteiligt schienen,
die die Strassenecken bedeckten und zu Vergnügungen einluden ...
    Erreicht! Erreicht, was du suchtest! hätte er unter den tausend Menschen
ausrufen mögen, die um ihn her gingen - fuhren - auf Rossen dahinsprengten ...
Eine Schwester gefunden - und so verloren -! ... Eine Mutter - Und auch sie? ...
Auch sie! ...
    Da stockten seine Empfindungen ... Eine unendliche Bangigkeit bemächtigte
sich seines Herzens ...
    Diese Mutter musste er bewundern um ihres Geistes willen, ihrer Leidenschaft,
ihrer Kraft ... Und doch - doch trennte ihn etwas von ihr, das er nicht nennen,
nicht in klare Begriffe zerlegen konnte ...
    Sie wünschte aufs entschiedenste die Fortdauer des Geheimnisses ... Das
konnte er an sich nicht übel deuten ... Wie war es auch möglich, dass sie durch
Entüllung sich selbst und ihn so gänzlich in ihren Lebensstellungen veränderte
... Aber diese schnelle Hülfe, die sie in der Verstellung, ja in der List fand
... Er sollte zu Ceccone ... Sollte diesem schmeicheln ... Er sollte
Freundschaft halten mit dem Principe Rucca und ihn täuschen ... Er sollte sich
den Launen Olympiens gefangen geben ... »Sie ist schön, wenn sie liebt« ... Und
er musste sich, bei aller Wärme seiner Erinnerungen an Armgart, sagen: Ja, wenn
sie lächelt, sprosst der Frühling ... Er fürchtete sich, ihr wieder zu begegnen
...
    Ein Grauen befiel ihn, als er am »Stock am Eisen« vorüberging und, trotz der
Lächerlichkeit der Erfindung, des Ahasver gedachte, der hier nach Percival
Zickeles einen Nagel vom Kreuz des Erlösers eingeschlagen und dann die ewige
Ruhe gefunden haben sollte ... Ruhe, Ruhe sollte auch dir nun werden! sagte er
... Heute noch solltest du diesen Boden verlassen und entfliehen! ... Du kennst
deine Mutter ... sahest sie -! ... Ist es denn möglich, mit ihr im Zusammenhang
zu leben ... Deutete sie nicht selbst an, dass sie Schonung bedürfen - sie von
deiner Seite anerkennen würde? ... Deutete sie nicht an, dass ihr die Verbindung
Olympiens mit dem Principe unerlässlich schien und du - du nur - störtest? ...
    Die Vorstellung, dass er hier in Wien nicht länger bleiben konnte, dass er
nicht die Kraft besitzen würde, eine solche Rolle der Verstellung durchzuführen,
bildete sich ihm klar und fest aus ... Und fände sich auch, warf er sich ein,
vielleicht die Kraft, so würde die Lust, sie zu üben, fehlen! Die Freude über
dich selbst, die Zufriedenheit mit dir bliebe aus ... Dein Stolz würde leiden
...
    So ging er, Trauer und Freude, Heimat und Fremde, Tod und Leben im Herzen,
der Herrengasse zu, um ins Camphausen'sche Palais die Unglücksbotschaft entweder
zuerst zu bringen oder, wenn sie ihm schon vorangegangen war, sie zu bestätigen
... Sein Herz blutete und Alles ging heiter und sorglos an ihm vorüber ...
Niemand las von seinen Mienen, was er Grausames erlebt hatte ... Sein Innerstes
erfüllte sich so mit Wehmut, dass er sich immer entschiedener und fester sagte:
Du vermagst diese Kraft des Versteckens mit einem grossen Geschick nicht über
dich zu gewinnen ... Lass alles einen schönen Traum gewesen sein! Fliehe! Reisse
dich noch heute los bis aufs künftige! ... Der Mutter wird es ebenso sein ... In
Rom dann -! In Rom! ...
    In der Herrengasse war das auf dem Schloss des Grafen vorgefallene Unglück
schon bekannt ...
    Benno hatte es dem gesammten mit Bestürzung ihn umringenden Dienstpersonal
mit allen Umständen noch einmal zu erzählen ...
    Mit erstickter Stimme ordnete er die Verhinderungen an, die nötig waren, um
die Gräfin, die jeden Tag eintreffen konnte, vom Vorgefallenen nicht zu jäh zu
benachrichtigen ....
    Die Tischzeit bei den Zickeles war versäumt ... Auch würde Benno nicht die
Stimmung gehabt haben, an einer gemeinschaftlichen Tafel teilzunehmen ... Er
begnügte sich mit einem stillen Winkel in einer der schon dunkeln Nebenstrassen
am Hohen Markt ... Sich verirrend kam er in die Currentgasse ... Er kämpfte mit
sich, ob er zu Terese Kuchelmeister gehen sollte, der einzigen Seele, die
nächst dem Grafen und der Mutter hier wohl wahrhaft wie er mitfühlte ... Er musste
es aufgeben, aus Furcht - sich durch seine Tränen zu verraten ...
    Als er in seine Wohnung zurückkehrte, wurde von den Zickeles aus zu ihm
geschickt ... Die Unglückskunde hatte sich schon verbreitet ... Harry kam dann
selbst, abgesandt, wie er sagte, von Teresen, die in Verzweiflung wäre ...
    Harry erhielt die Mitteilungen, die ihn fähig machten, von jetzt an bis
Mitternacht jedem Vorübergehenden oder allen im Teater vor und neben ihm
Sitzenden das Neueste mit der Versicherung zu erzählen: Ich war so gut wie
selbst dabei! ...
    Der Chorherr war noch nicht daheim ... Es war sechs Uhr, da kam auch Herr
von Pötzl voll Bestürzung ... Mit und ohne Verstellung zeigte er das hohe
Interesse, das gerade er an diesem erschütternden Vorfall zu nehmen hatte ...
Mancher Charakterzug der so früh Hingeschiedenen vervollständigte das Bild eines
Wesens, das an einer innern und äussern Heimatlosigkeit zu Grunde gegangen war
...
    Benno's Lage war bei allen diesen Erörterungen die tiefschmerzlichste ...
Die Frage: Ob Selbstmord oder nicht? wurde in Gegenwart des inzwischen
gleichfalls bestürzt heimgekommenen Chorherrn erörtert ... Auch der hatte schon
die Kunde vernommen ... Herr von Pötzl weinte ... Sein Taschentuch war über und
über nass ... Er »verbürgte« sich für einen blossen Unglücksfall ... Alle Welt
kenne ja die Wildheit der Gräfin Maldachini ...
    Der Chorherr stimmte ihm nicht bei, sondern sagte:
    Selbstmord ist die Folge einer lange vorausgegangenen Abwägung der zu
tragenden Leiden und der Kräfte, die sie tragen sollen ... Ueberwiegt die Summe
jener, so hört die Willensfreiheit auf und jeder Atemzug sagt dann mit Seneca:
»Die Tür steht ja offen - so geh' doch!« ...
    Pötzl schauderte vor diesem heidnischen Worte ...
    Der Chorherr sprach von dem Selbstmord eines geistvollen Benedictinermönchs,
der sich von der Höhe eines der palastähnlichen Donauklöster in die Fluten
gestürzt hätte ... Von einem kaiserlichen Censor, auch einem sinnigen Dichter,
der sich aus Zerfallenheit mit sich und der Welt getödtet ... Er sprach, wie
Ludwig Löwe so schön in der Burg als »Roderich« sagt:
    »Und selbst die Träume sind nur Traum!« ...
    Alle Erschütterung und wehmütige Betrachtung Pötzl's schloss bei diesem die
Bemerkung nicht aus, dass der Graf in den Entresolzimmern des Casinos
wahrscheinlich den Nachlass von Briefen und »dergleichen« mit Beschlag belegt,
vertilgt und überhaupt wohl die Erbschaftsfrage vereinfacht hätte ... Benno ging
auf diese Gedankengänge, die die der Habsucht waren, ein, um etwas von
Angiolinens Ursprung zu hören ... Wesentlich Neues erfuhr er nicht ...
    Der Bemerkung, dass nun durch eine ebenso überraschende wie schmerzliche
Fügung des Himmels die Willensfreiheit des Grafen und das Arrangement seiner
Finanzen gesicherter wäre, konnte er sich nicht entziehen - um so weniger, als
jetzt auch Leo Zickeles voll Schreck und Staunen kam und die nämlichen
Gesichtspunkte brachte ...
    Pötzl ging und flüsterte Benno ins Ohr:
    Noch eins, Herr Baron! ... Ich kann Ihnen aus guter Quelle mitteilen, Ihre
Anwesenheit erregt Interesse in - den höchsten Kreisen, sage den höchsten ...
Seine Durchlaucht wundern sich, dass Sie sich nicht bei ihm persönlich gemeldet
haben ... Stadtrat Schnuphase wird morgen von ihm empfangen werden ... Sehr
begierig ist man, von Ihnen über - doch ich weiss nichts, als dass der Herr
Oberprocurator von Nück hierher geschrieben haben, Sie hätten die Absicht, in
diesseitige Staatsdienste zu treten ... Da werden Sie ja bald das Nähere
erfahren ...
    Benno horchte staunend auf und lehnte diese Nück'schen Voraussetzungen als
völlig unbegründet ab ...
    Pötzl ging klug und schmerzlich lächelnd - mit einer und derselben Miene ...
Auch Leo Zickeles blieb nicht zu lange ... Die Bildung eines Comités zur
Unterstützung von Hinterlassenen war hier nicht am Platze ... Der Chorherr wurde
abgerufen ... Sein Blick war voll Trauer, ob er gleich Angiolinen nicht gekannt
hatte ...
    Schon schlug es sieben Uhr ... Um acht wollte Fürst Rucca kommen ... Es
fehlte Benno jede Neigung, heute den Cardinal Ceccone kennen zu lernen ...
    Entschlossen, sich zur Gesellschaft nicht anzukleiden, ging er mit
steigendem Unmut auf und nieder ...
    Da kam der Chorherr eilends mit einem Schreiben zurück, das ihm eben für
Benno - aus der Staatskanzlei zugekommen war ...
    Ein kaiserlicher Rat schrieb: Seine Durchlaucht hätten die überbrachten
Briefe empfangen und würden, da der traurige Vorfall von heute bei Seiner
Erlaucht dem Grafen von Salem-Camphausen ihm wohl ohnehin für seine nächsten
Aufträge Musse gäbe, es gern sehen, wenn die von Herrn Stadtrat Schnuphase in
Aussicht gestellten mündlichen und die schriftlichen Mitteilungen des Herrn Dr.
Nück von ihm ergänzt und bestätigt würden ... Seine Durchlaucht erwarteten ihn
morgen in der Frühe um zehn Uhr ...
    Benno betrachtete das überraschende Schreiben von allen Seiten, kaum seinen
Augen trauend ...
    Nun erst haftete er an Pötzl's Äusserung: Nück empföhle ihn für den hiesigen
Staatsdienst ...
    Ist denn das eine gewaltsame Entfernung, die Nück über dich verhängt? ...
Kann er meinem Blick, meinem Verdacht nicht mehr begegnen? ... Und darum die
stete Äusserung: Der Domkapitular muss ein Bistum antreten - in Oesterreich, in
Ungarn! ... Wohin möchte er uns nicht verbannen, nur um - Lucinden ganz für sich
allein zu haben oder weil er fürchtet - wir mistrauten der Urkunde? ...
    Benno's nicht minder erstaunter Wirt wünschte ihm Glück und setzte in
seiner ironischen, durch einen elegischen Ton gemilderten Weise hinzu:
    Es ist nur schade, dass der grosse Staatsmann die Gewohnheit hat, alles schon
von selbst zu wissen ... Er sagt, er will von Ihnen lernen und wird Sie nur
belehren ... Das ist seine Art ... Er fängt einen Satz an, Sie wollen ihn
ergänzen, Sie rufen: Sire, geben Sie Gedan - - Da haftet sein Auge an Ihren
Rockknöpfen und sagt Ihnen, wo in Oesterreich die besten Knopffabriken wären ...
Sein Hauptgedanke ist jetzt unser Anschluss an den Zollverein, um den Supremat
Ihres Staats zu beschränken ... Nehmen Sie getrost eine Anstellung - im
Finanzfach ...
    Das muss rasch kommen, erwiderte Benno, denn ich reise vielleicht schon
morgen ...
    Wie? rief der Ueberraschte ...
    In allem Ernst! ...
    Das Nichtglaubenwollen des Greises hinderte Benno nicht, zu erklären - Graf
Hugo wäre von seinem Unfall zu sehr erschüttert, um mit ihm geschäftlich zu
verkehren ... Er würde demzufolge seine Reise nach Italien beschleunigen ...
    Der Chorherr wurde unwillig ... Er beklagte, den Abend nicht frei zu haben,
um ihm diesen Plan gründlich durch eine Zerstreuung auszureden ... Er scherzte
und sagte, er würde zu der Italienerin gehen, die heute früh schon um
seinetwillen ihr stilles Hans alarmirt hätte und die würde ihn schon festalten
... Wissen Sie denn nicht, welche Connexionen Ihnen für Italien und Rom
entgehen? ... Die Menschen muss man, gleichviel ob sie gut oder schlecht sind,
bloss als Material benutzen, um sich daraus das Leben auf seine Weise zu
gestalten ... Bleiben Sie heute Abend zu Hause, lesen Sie für diese
möglicherweise folgenschwere Audienz im Conversations-Lexikon drüben bei mir,
machen Sie's wie die Grossen, wenn sie imponiren wollen ... Den ersten besten
Artikel z.B. über die Muschelkalkversteinerungen lernen Sie auswendig und
bringen Sie das Gespräch durch eine einzige geschickte Wendung auf - urweltliche
Austern - Sie wissen, die Diplomatie beisst da immer an - und lassen Sie dann
einige entsprechende Citate von Cuvier und andern fallen, so sind Sie ein
gemachter Mann! Denn man wird glauben, »urweltliche Austern« wären bei Ihren
Kenntnissen das tägliche Brot ... Nein, nein! ... Der Fürst steht freilich
schon, hör' ich, auf dem Standpunkt des Fertigseins, wo sich ein Grosser nach
einer Audienz nicht mehr sagt: Wie hat mir der Mann gefallen? sondern: Wie hab'
ich ihm gefallen? ... Aber das Ereignis bleibt darum merkwürdig an sich! ... Sie
bleiben und nehmen jedes Anerbieten ... Unser Curs steht noch leidlich ...
Einmal fängt man überhaupt an ... Gewiss, gewiss! ... Ich werde Sie reisen lassen!
...
    Der Chorherr schloss Benno fast ein ...
    Es war acht Uhr ... In der Ferne hörte Benno das Rollen in den Strassen ...
Es war wie das Rauschen des Meeres ... Nun begannen diese Abende der
Geselligkeit ... Diese Sicherheit der Lüge und des Zwanges ... Mit Herzen voll
Trauer können andere lächeln ... ... Wegtändeln sollst auch du solche
Lebensbürden! ... Sollst morgen - nach diesem Heute? ... Nein, wie könntest du,
ohne Aufsehen und mit einem triftigen Grund, schnell und ungehindert von dannen
kommen? ...
    Er ordnete seine Effekten ...
    Da wurde an seine Tür gepocht und der Mohr des Principe Rucca, in weissen
Kleidern mit Goldtressen, erschien, um ihn abzurufen ...
    Der Wagen stünde unten ... sagte er in gebrochenem Italienisch ...
    Benno entschuldigte sich und zeigte auf seine Haustoilette ...
    Der Mohr verstand nur halb, ging und kam mit dem Principe selbst ...
    Aber mein Himmel, rief dieser, was ist das! Sie hatten uns ja versprochen -
...
    Vergebung, Hoheit, ich bedauere - Ich fühle mich nicht wohl ...
    Aber der Cardinal erwartet Sie ja schon ... Sie müssen kommen! ...
    Benno schützte seine Erschöpfung vor, die Nachwirkung der traurigen
Eindrücke des Tages ... Auch eine wichtige Einladung auf morgen in der Frühe ...
    Principe Rucca machte eine Physiognomie, wie ein Kind, dem man ein Naschwerk
versagt ... Seine rote gestickte Uniform schien er einen Augenblick zu
vergessen ... ... Sein schwarzes Bärtchen wäre ihm ohne Zweifel sonst ebenso
wichtig gewesen wie sein grosser Stern auf der Brust - das Pflaster hatte er
abgelegt - Jetzt zerzupfte er vor einem Spiegel die Feder an seinem Galahut ...
    Ich kann mich ja nicht sehen lassen! sagte er ... Der Cardinal wollte Sie
schon mit dem Bistum überraschen für Ihren - Herrn - Bruder - nicht wahr? ...
Die Herzogin hat ihm alles erzählt ... Die Gräfin hat sogleich an den Onkel
geschrieben: Der heiligste Priester der Welt ist gefunden! ... Die Sühne für die
Existenz eines Fefelotti auf Erden! Der Bruder des Herrn Baron von Asselyn! ...
O machen Sie keine Scherze ... Kommen Sie! ... Ich wage ohne Sie nicht zum
Cardinal zu fahren ... Ihr Bruder soll sogleich nach Wien kommen ... Wenn er nur
etwas Italienisch spricht, so braucht er nur hier an unserer Kirche »Maria zum
Schnee« dreimal zu celebriren und ist Bischof von Robillante ... Das Uebrige
findet sich ...
    Benno blieb bei seiner Weigerung ...
    Der Principe musste in seinen Wagen allein zurückkehren ... Er ging wie ein
Kind, das eine grosse Strafe fürchtet, und verlangte fast einen Schwur, dass Benno
morgen im Palatinus beim Diner nicht fehlte ...
    In höchster Aufregung blieb Benno zurück ... Er hatte an Bonaventura, an den
Onkel Dechanten, an seinen Bruder, den Präsidenten schreiben wollen ... Nun ging
er ratlos in seinem Zimmer auf und nieder ...
    Es schlug neun ... Es schlug zehn ...
    Da klopfte es heftig am Haustor und in dem stillen Priesterhause wurde es
noch einmal lebendig von einer lauten Stimme, die nach ihm fragte ...
    Er erkannte Harry Zickeles, der ihm noch einen an sein Haus adressirten
Brief von dreifachem Porto brachte ...
    Ich dachte, dass es Ihnen angenehm sein würde, den Brief bald zu haben -
sagte er, als er sich erschöpft niedergelassen ... Aber dass Sie zu Hause sind!
Wer hätte das erwartet! ... Ganz Wien ist voll von dem Unglück mit der armen
Angiolina, das Sie erleben mussten ... Mein Bruder Percival lasst auf sie eine Ode
drucken ... Der Graf muss in Verzweiflung sein ... Ich war in der Josephstadt ...
Ein neues »Ausstattungsstück« ... Charmant für die dortigen Kräfte ... Aber
morgen speisen Sie bei uns? ... Nein? ... Warum nicht? ... O dann kommen Sie den
Abend! ... Der Laërtes von gestern ist engagirt ... Biancchi und Dalschefski
arbeiten schon gemeinschaftlich, was sagen Sie! gemeinschaftlich, an einem
Requiem für Angiolina ... Und haben Sie den Pötzl beobachtet? - Wissen's, als er
bei Ihnen war, hat er unten auf den Leo gewartet und schon von der Erbschaft
gesprochen ... Nehmen's Ihnen in Acht vor dem Mann! ... Er sagte, Sie erregten
in höchsten Kreisen Aufsehen ... Man weiss, was bei ihm darunter zu verstehen ist
- ...
    Benno fand nur notdürftig Zeit, einzuwerfen:
    Der Staatskanzler hat mir für morgen früh eine Audienz anberaumt ...
    Harry traute seinem Ohre nicht ...
    Er sah Benno mit staunenden Augen an ...
    Bei Seiner Durchlaucht -? wiederholte er, um sich ganz zu vergewissern ...
    Morgen früh um zehn Uhr ...
    Diese Tatsache war ausserordentlich ... Sie bot Chancen für ein
geheimnisvolles Beiseitnehmen aller Menschen ... Sie bot natürliche
Nachwirkungen eines unausgesetzten: Aber der Harry Zickeles weiss es für ganz
bestimmt ... Es ist von einer Staatsbegebenheit über man weiss noch nicht was die
Rede! ...
    Harry zog vor, sich sofort zu entfernen und seine Neuigkeit noch um elf Uhr
nachts wenigstens bei einigen ihm bekannten vorübergehenden Nachtschwärmern und
im Salon seiner Aeltern in Umlauf zu setzen ...
    Für Benno hätte es sonst eine Erquickung gewähren dürfen, einen sechs Bogen
starken Brief von Tiebold de Jonge lesen zu können ...
    Heute - - verschob er es für den folgenden Tag.
 
                                    Fussnoten
1 Factische Reiseerinnerung.
2 Tatsächlich.
 
                                      10.
Nach einer fast schlaflosen Nacht, nach phantastischen wilden Bildern und
gespenstischen Erscheinungen, die ihn um Mitternacht vom Lager trieben, Licht
anzünden liessen und zwangen, auf dem Sopha mit gestütztem Haupt sich zu sammeln,
nach neuen Versuchen, auf dem Lager Ruhe zu gewinnen und neuen Spukgestalten mit
verzerrtem Antlitz, brach kaum der Morgen an, als sich Benno schon erhoben hatte
und von der kühlen Herbstluft sein glühendes Antlitz erfrischen liess ...
    Noch mochte er im Hause niemand wecken ... Sein Herz war voll Fieberunruhe
... Er wollte Wien verlassen - durchaus - er dachte sich vielleicht sogar beim
Staatskanzler zu entschuldigen ...
    Ruhe für die Stürme, die in seiner Brust tobten, konnte er in dieser Audienz
nicht finden ... Die Pein der Zweifel konnte sie nur mehren ... Sein Reiseziel
war durch ein wunderbares Zusammentreffen aller Umstände in einem einzigen Tag
erreicht; was er suchte, war gefunden - es zu besitzen war nicht möglich ... In
Italien, dachte er, dort versuchen wir eine Form des neuen Daseins zu finden ...
Er zog seinen Koffer hervor und fing ihn zu ordnen an, um zunächst über Triest
nach Mailand zu gehen ...
    Er sah Tiebold's Brief ... Er erbrach ihn in der sicher nicht ungegründeten
Besorgnis, der Ton und Inhalt desselben würden zu seiner Stimmung nicht im
mindesten passen ...
    Dennoch las er ihn ... Die Buchstaben flimmerten vor seinen ermatteten - im
Grunde nur der Tränen bedürfenden Augen ...
    Tiebold schrieb ganz sorglos:
    »Verehrter Freund! Sie werden es für eine meiner gewöhnlichen Redensarten
halten, wenn ich Ihnen die Versicherung gebe, dass ich in dieser Stadt nur noch
vegetire! Seitdem Sie sich unsern bekannten klimatischen Einflüssen entzogen
haben, kann ich keine verspätete Schwalbe und keinen lahmen Storch mehr sehen,
ohne nicht von einem unwiderstehlichen Verlangen heimgesucht zu werden, Sie
eines schönen Morgens mit meiner Ihnen nicht immer willkommenen Gegenwart zu
überraschen ... Hätte ich nicht den alten Mann, meinen Vater, bei Beginn der
Gansbraten-Saison in seiner Diät zu überwachen und wär' ich nicht für den
Winter, wo endlich wieder getanzt werden soll, breitgeschlagen worden, einige
Cotillons zu arrangiren, so würde mich keine Macht der Erde abhalten, selbst Ihr
eigener Verdruss über meine Zudringlichkeit nicht, das Schrecklichste der
Schrecken wahr zu machen und Sie in Person zu überfallen.«
    »Aus Westerhof und Witoborn erfahr' ich wenig ... Mehr aus dem Stift
Heiligenkreuz ... Siebzehntehalb Freundinnen hab' ich mir daselbst erworben
durch meine Empfänglichkeit für Poesie, Austausch höherer Gefühle
Nichtberechnung der Portospesen für Notensendungen, Parfümerieen, ja selbst
Modesachen ... Ich sage in meiner Verzweiflung über diesen Reichtum bei jeder
Gelegenheit zu Moppes: Sie können versichert sein, bester Freund, das Fräulein
von Merwig hat sich in Ihr: Maikäferlein, flieg' auf! verliebt und singt es
täglich ... Aber ich flicke ihm weder die Anflickerin noch eine der übrigen
Veteraninnen als Correspondentinnen an ... Timpe, Effingh, Schmitz, Niemand
nimmt mir diese Velinpapier-Correspondenz ab ... Und gerade jetzt, wo der alte
Mann, mein Vater, wieder Land steht und in systematischer Opposition macht,
gerade jetzt, wo ich mit dem Holzhandel mehr als zur Genüge beschäftigt bin ...
Sie wissen, welche Empfindungen der Mensch zwischen einem Haufen Buchen- und
einem Haufen Eichenholz haben kann!«
    »Freilich, damals, als wir, im Winter, hinter zwei Erlen standen! Zwei
Procent nur wär' es gewesen - aber unvergesslich!!! - - - - - - Malen Sie sich
diese Gedankenstriche mit Schiller, Goete und Nück aus! Nück - das ist ein
Skandal - dichtet - und wie! - Keinem Zweifel unterworfen, dieser Mann ist zum
Tollhaus reif! ... Einen schwarzen Frack trägt er nicht, daran verhindert ihn
seines verweigerten Ordens wegen ein Gelübde, aber grün mit Mattsilber, blau mit
gelb, sogar rote Sammetweste mit weissem Atlasfutter ... Piter ist nichts
dagegen, der übrigens in Paris ganz glücklich verheiratet sein soll.«
    »Nück's Gegenstand ist natürlich Niemand anders, als die Heilige, die einem
On dit zufolge das Kattendyk'sche Haus verlässt, weil sie sich mit Guido
Goldfinger, jetzt Procura, nicht vertragen kann infolge folgender -«
    »Zwei Tage später. Soll ich denn auf die Geschichte zurückkommen? Na! Es war
der erste Abend nach Piter's Entführung der Gertrud Lei, dem bekannten Skandal
auf dem Römerweg, als von Goldfingers in ihren neuen Räumen eine Gesellschaft
gegeben wurde ... Rührender Hinblick auf die Zimmer des verbannten Piter, die
Treppe, wo das leiseste Knarren ihn schamrot machte, auch auf die früh
vollendete Schwester, die Delring - Delring jetzt in Antwerpen etablirt - grosses
Geschäft - möglicher Ruin von Kattendyks ... Kurz, Moppes und Timpe sehr
gesprächig ... Kamen aus Paris, erzählten von einem neuen Mittel, das Piter
gefunden hat, immer noch interessanter zu werden ... Statt: Au contraire! mit
dem er uns, Sie wissen es, sogar bei Gräfin von Camphausen damals in Angleterre
ausstach, statt seines impertinenten ewigen: Im Gegenteil! soll ihm Nück in
einem Zornausbruch etwas anderes geraten haben, um noch interessanter zu
erscheinen, nämlich - sich dumm zu stellen ... Piter überlegte sich das ...
Moppes und Timpe haben ihn in Paris besucht, wo er mit seiner kleinen Exnonne
glänzendes Haus macht ... Richtig, statt nun wie bisher jähzornig aufzufahren
und mit: Das verstehen Sie nicht! Im Gegenteil! um sich zu werfen, spielt Piter
den von der Liebe Gezähmten, träumerisch und kindlich in dieser komischen Welt
Umherirrenden, unbewusst die gewöhnlichsten Gegenstände aus Ueberfülle an Geist
Verwechselnden; kurz, wenn von Schinken gesprochen wird, beschreibt er na! ein
Tier, von dem man na! einen gewissen Teil seines Körpers mit besonderm
Wohlgefallen auswähle und na! durch die Metode des Räucherns roh oder gekocht
zu verspeisen pflege und ruft dann die Gesellschaft: Herr Gott, Sie meinen ja
Schinken? so sagt er lächelnd sich besinnend: Na ja, richtig! ... Kurz er
besinnt sich vor Überfluss an Geist nur ganz dunkel auf seine alte Köchin
Katrine Fenchelmaus im Hause seiner Aeltern und sagt auch z.B. bei einem Diner
prima Sorte, das Moppes und Timpe bei ihm durchmachen mussten: Ich bitte dich,
Treudchen, warum isst man nur diesen Plât da mit der Gabel? ... So stellt er sich
über alles so unwissend, wie vielleicht in Wirklichkeit sein Fall ist ... Aber
die anwesenden Fremden schwuren, dies simpelhafte, nirgends mehr Land wissende
Wesen müsste eine wahre innere Ueberschwemmung von Geist verdecken und Piter wäre
eine der genialsten Offenbarungen unsers sich überlebt habenden und demzufolge
wieder von vorn anfangen müssenden Jahrhunderts.« ...
    »Doch ich komme von meinem Abend bei Goldfingers ab ... Also -«
    »Zwölf Stunden später! ... Mein Brief wird, seh' ich, endlos ... Also denken
Sie sich - erstens Lucinde ... Sie trug, da die Haustrauer zu Ende ist, in ihrem
schwarzen Haar einen Turban von gelbem und rotem Kaschmir mit an beiden Seiten
herunterfallenden Perlenschnüren ... Nie hab' ich sie so vornehm und so schlank
gesehen ... Enganliegendes aschgraues Atlaskleid, gleichfalls mit gelben und
roten Bandschleifen besetzt ... Ich habe den Abend fast nichts als Toiletten
beobachtet, weil dies nämlich der interessantere Teil meiner Correspondenz mit
den Stiftsfräulein ist ... Da bei Goldfingers nicht eine einzige Adelige
vorhanden war und ich, wie Sie wissen, in Witoborn und Umgegend zum Adel gehöre,
so sammle ich ohne alle Anzüglichkeit für mich den Stoff zu einer Menge Fi-doncs
und Abscheulichs, die mir aus dem Stift über die hiesigen
Farbenzusammenstellungen bei Toiletten zur Antwort werden ... Ich bekomme auf
die Art das Zeug, ein - förmlicher Kattundrucker zu werden ... Getanzt wurde
nicht, aber nahe daran kam's; Nück, zum Stutzer adonisirt, intonirte Moppes'
Maikäferlied und der ganze Chorus fiel ein ... Die herzlose Bande hatte die arme
Hendrika schon vollständig vergessen und ich, seit Sie fort sind, immer
wehmütig gestimmt, ich verlor mich in dem Grade in Reflexion, dass die Frau
Oberprocurator Nück, die bekanntlich in jeder Gesellschaft über Hitze klagt, in
den Schatten meiner kühlen Denkungsart flüchtete, ja, dass mich sogar Lucinde als
Fächer benutzte gegen Nück, den man allgemein unausstehlich fand ...«
    »Wieder sechs Stunden später ... Na ja, mein Alter opponirt richtig gegen
die Regierung in Sachen des Kirchenfürsten ... Wir werden schöne Spässe erleben
... Also, wo blieb ich stehen? ... Anfangs ging es in unserer gewöhnlichen
Cadenz fort: Langeweile, Tee, Langeweile, Klavier, Langeweile, Quartett -
Endlich hatte Lucinde, die in ihrem türkischen Staat die bescheidene Magd
spielen wollte, beim Serviren einige Teller zerbrochen, auch mehrere Kleider
verdorben und mit dem Professor einen Zank angefangen, als dieser, ohne je in
Asien oder, wie Moppes sagte, wenigstens im pariser Jardin des plantes gewesen
zu sein, behauptete, das Holz der Cedern auf dem Libanon so gut zu kennen, wie
deutsches Fichtenholz - denn, sagte er, zu seiner heiligen Botanik hätte er
vierzehn verschiedene heilige Kreuzpartikeln in Deutschland und der Schweiz
gründlich studirt - unser Erlöser wäre auf Cedernholz gestorben ...«
    »Lucinde, gereizt von den Vorwürfen über ihr Serviren, entgegnete: Entweder
sind Sie im Irrtum oder der heilige Bernhard ist es ...«
    »Wie so? rückte der Professor seine goldene Brille in die Höhe und mochte
sich erinnern, dass vorm Jahr eine Etage tiefer Armgart's Mutter auch sehr
schlimm mit ihm gestritten hatte ... Terschka erzählte es ...«
    »Lucinde liess sich nicht werfen ... Zornig, wie sie war, entgegnete sie:
Nach dem heiligen Bernhard bestand das Kreuz des Erlösers aus Cedern-,
Cypressen-, Oliven- und Palmenholz ...«
    »Natürlich - mich als Holzhändler interessirte das ...«
    »Nur Cedernholz! donnerte der Professor, bei allem Respect vor dem heiligen
Bernhard ...«
    »Die Commerzienrätin bat um Unterlassung solcher Streitigkeiten ... Sie
können sich aber denken, verehrter Freund, dass mich der Gegenstand hinriss ...
Mein Temperament zwang mich zu der bescheidenen Bemerkung: -«
    »Wieder einen Tag später! Ich musste gestern einer Holzauction in Euskirchen
beiwohnen! ... Mein Alter ist in der Majorität und macht Enckefuss schön zu
schaffen ... Den Telegraphen kann ich gar nicht mehr spielen sehen, ohne mir
nicht zu sagen: Diese Manöver, die die Flügel machen, bedeuten: Stecken Sie nur
gleich die ganze de Jonge'sche Familie, Vater und Sohn, zu Loch! ... Wo blieb
ich gestern? Richtig; ich erlaubte mir die bescheidene Bemerkung, dass die Bauten
des Königs Salomo bereits die ersten Grundlagen des Holzhandels, und zwar nach
Tyrus, gelegt und bewiesen hätten, dass Palästina und Umgegend wenig Waldung
gehabt hätte, demnach also, dass, als drei Kreuze auf dem Berge Golgata auf
einmal gebraucht werden mussten, diese leicht und wahrscheinlicher- und
möglicherweise allerdings aus mehreren Holzarten genommen werden mussten ...«
    »Da die ganze Gesellschaft über diese Bemerkung in ein sehr unpassendes
Gelächter ausbrach - was mich verdross, da ich mir bewusst war, wissenschaftlich
gesprochen zu haben, so schnurrte mich der Extraordinäre a.D. an wie ein Kater,
betrachtete mich von oben bis unten und machte Miene, als wollte er, um mich zu
strafen, auf diese Äusserung griechisch antworten ...«
    »Sie wissen, dass ich nie hitziger werden kann, als da, wo ich mich nicht
ganz sicher fühle ... Und gelehrte Seitenhiebe reizen mich vollends bis zur
Tollkühnheit ... Moppes, Timpe, Schmitz, Effingh, alle standen jetzt um mich und
suchten mich zu beruhigen ...«
    »Mit maliciöser Zurückhaltung sagte der gelehrte Kerl jetzt lächelnd:
Fräulein Lucinde ist so geistreich, dass ihre Erwiderung nur für einen Scherz zu
nehmen ist ... Sie weiss sehr wohl, die Bemerkung des heiligen Bernhard ist ein
Spiel des frommen Witzes und der Phantasie ... Der hochgelehrte Mann will an
jede Gattung seiner vier Holzarten Betrachtungen anknüpfen ... Ohne Zweifel
sucht er, ich kenne die Stelle nicht, in den vier Holzarten das Symbol 1) des
Lebens - die Ceder, 2) der Trauer - die Cypresse, 3) des Trostes - die Olive und
4) des Friedens - die Palme. Ich habe die feste Ueberzeugung -«
    »Weiter kam er aber nicht; denn ich unterbrach jedes seiner Worte ...«
    »Schweigen Sie! fuhr er mich an, als wenn ich Piter wäre, und als ich ihm
ein: Herr Professor! im Ton fast wie eine Maulschelle lançirte, musste ich
erleben, dass dieser niederträchtige Kerl an den Kamin geht, wo ein eiserner
Holz- und Kohlenkorb steht, hineinlangt und mir feierlich ein Stück Eichenholz
überreicht mit den Worten: Das ist Ihr Fach! ...«
    »Nun kann ich Ihnen aber doch sagen, dass ich Beistand fand ... Wir Kaufleute
halten in Einem Punkt unter allen Umständen zusammen - Anspielungen auf unsere
Branche sind in dem Grade mauvais gout, dass ich - -«
    »Wieder einen Tag später! Fast wurde mein Alter in die Deputation gewählt,
die nach der Residenz zu Seiner Majestät abgehen soll ... Eine schöne Verwirrung
hier ... Nück hat eine fürchterliche Adresse beantragt, fiel aber damit durch
... Enckefuss will ihn vor die Assisen bringen ... Nämlich - entre nous - das
Gerücht geht, Hammaker wäre für Nück gerade zur rechten Zeit um seinen Kopf
gekommen; der Brand und die Urkunde hätten vollkommen die Zweifel verdient, die
mich, wie Sie wissen, bei Fräulein Benigna in Westerhof plötzlich in Ungnade und
um meinen Adel brachten ... Da aber mein Vater in der Kirchenfrage ganz mit der
Ritterschaft geht und wir plötzlich so populär sind, dass ich mir des vielen
Grüssens wegen einen neuen Hut habe kaufen müssen, so schlug ich auch an dem
Goldfinger'schen Abend den Professor vollständig aus dem Felde ... Nämlich ich
wurde wild und sprach von einer notwendigen mikroskopischen Untersuchung aller
heiligen Kreuzpartikeln durch Professor Liebig und blieb bei meinen viererlei
Holzarten und nannte zu Ehren der Beschäftigung mit Holz den Erlöser sogar
selbst den Sohn eines - Zimmermanns ... Das machte aber Wirkung ... Kanonikus
Taube erhob sich vom Whist und schlug die Hände über dem Kopf zusammen ... Der
Professor verzog sich ... Seine Gemahlin sprang wütend aus Klavier und paukte
eine neue Tremolo-Etüde ... Und nach diesem Abend musste denn die
Commerzienrätin der Lucinde, die allerdings den ganzen Streit angefangen hatte,
kündigen und das ist demnach das Allerneueste ... Sonst weiss ich nichts, als dass
der Domkapitular wieder im alten Ansehen steht ... Man spricht von einer
Predigt, die die Regierung sehr unangenehm berührt haben soll, über den Text:
Fürchtet Gott, ehret den König! ... Das soll Ihr Cousin so gewandt haben, dass
ein Christ Gott zu fürchten, den König aber bloss zu ehren brauchte ... Erzählt
man -! ... Ich bin so vollständig wieder Heide, dass ich seit letztem Winter
keine Kirche gesehen habe und um so mehr wieder Ihrer persönlichen Anleitung zur
Tugend bedarf ... Bester Freund - verlier' ich an Ihnen in Zukunft vielleicht
ganz meinen Halt? Man sagt allgemein, Sie gingen unter die Diplomaten! - Das
könnte mich veranlassen, Sie wegen mancher höchst bedenklichen vertraulichen
Äusserungen zu mir zu denunciren und steckbrieflich verfolgen zu lassen. Adieu,
teurer Freund! Wissen Sie denn auch, dass die alte Gräfin Camphausen hier
durchgereist ist, ohne sich nach mir erkundigt zu haben! Postscript. Die Damen
Schnuphase lassen ihren Vater bitten, sich nicht zu erkälten! ... Von London
nichts - gar nichts! ... Ob sie meiner noch gedenkt! - O! - - - Grosse Revolution
im Männergesangsverein, parteiische Verteilung der Solis, Sturz des Präsidiums,
Austritt der Minorität, Bildung eines Oppositionsmännergesangsvereins ... ...
Nächstens besuch' ich Kocher am Fall ... Schreiben Sie bald Ihrem -
Unverbesserlichen! - - Compliment auch von Gebhard Schmitz an Herrn Ritter Fuld
in Wien Man waiss schon ...«
    Wie lag das alles - nach Ton und Inhalt - dem bekümmerten und fieberhaft
erregten Gemüt Benno's fern ...
    Er legte den Brief - wehmütig lächelnd in Tiebold's Geschenk, das grosse
Reiseportefeuille, das vor ihm aufgeschlagen lag ...
    In den Andeutungen über Nück, über den Kirchenstreit, Bonaventura's Predigt
lag eine Mehrung der Sorgen ... Benno sah voraus, was der Staatskanzler von ihm
hören und erläutert wissen wollte ... Er dachte an die Scherze mit seinem Bruder
... Einen »Posa« hatte er spielen wollen! ... Wie sollte er einem vielleicht
wohlwollend Entgegenkommenden eine Seite entgegenkehren, die sich für seine
Jugend und unbedeutende Lebensstellung nicht ziemte? ... Und doch - verlockend
blieb die Begegnung immer! ... Unwahr blieb es, wenn er dem Fürsten in allem
zustimmte - ihn glauben liess, dass mit ihm Nück in Uebereinstimmung gehandelt
hätte ... Er warf sich in die schickliche Toilette voll äussersten Unmuts ...
    Der Chorherr kam herüber und machte ihm wegen seiner Zurüstungen zur
Abreise, die er nun bestätigt sah, ernstliche Vorwürfe ...
    Sie sind, sagte er fast gekränkt, auf der hohen Flut der Gunst und des
Glücks! ... Ich schreibe heute dem Dechanten ... Gestern Abend war ich bei einer
Anzahl alter Freunde und Freundinnen Ihres Onkels ... Alle wünschen, Sie zu
sehen ... Und nun bekommen Sie - das Kanonenfieber ... Von einem vernünftigen
Posa heisst es nicht: Nach Munkatsch! sondern: »Der Ritter wird künftig
unangemeldet vorgelassen!« ...
    Zur Mehrung der Verlegenheit, zur Schärfung der Vorwürfe des Chorherrn kam
der Mohr des Prinzen Rucca, brachte eine wiederholte Mahnung, um vier Uhr das
Diner nicht zu vergessen und schlug aus einem Rosaseidenpapier ein prachtvolles
Bouquet, das aus dem Palatinus ihm von Altezza Amarillas oder von Excellenza
Contessina geschickt wurde ... Der Absender blieb unaufgeklärt - selbst gegen
ein überreiches Trinkgeld ... Es war ein mit italienischer Kunst gewundener
Blumenstrauss von weissen Camellien, in der Mitte ein Herz von Pensées ...
    Pensez - à - moi! scherzte der Chorherr und verliess Benno mit dem
satyrischen Zublinzeln, dass er sich wohl hüten würde, einen Boden zu verlassen,
wo ihm jeder traurige Eindruck so hold und vielversprechend verwischt würde ...
    Die weissen Camellien konnten nur der Gedanke seiner Mutter sein ... Aber den
Mut, einem jungen fremden Mann überhaupt Blumen zu schicken, flösste ohne
Zweifel nur die junge Gräfin ein ... Ihr Verlangen nach ihm schien keiner
Beherrschung mehr fähig ...
    Gegen zehn Uhr nahm Benno einen Fiaker und fuhr in die Staatskanzlei ...
    In einem Gewirr grösserer Gebäude, die in winkeliger Zusammenstellung allen
Jahrhunderten angehörten, hier an die Babenberger, dort an die Zeit der
Maximiliane, da an Kaiser Joseph erinnerten, liegt ein Haus mit mässiger Fronte,
einladend nur durch seine nach den Basteien hinaus gerichteten Seitenfenster ...
    Der Wagen hatte sich pfeilgeschwind durch diese Winkel und kleinen Plätze
hindurchgewunden ... Benno stieg aus ... Bereits ein zweiter Mietwagen stand
vor dem Portal ...
    Der Minister wohnte im ersten Stock ...
    Ein grosses dunkles Vorzimmer wurde durchschritten ... Dann kam man in ein
lichteres, das eine schöne Aussicht auf die belebten Umgebungen der Stadt und
den Volksgarten bot ... Hier hatte der Angemeldete sich aufzuhalten ...
    Benno traf, wie er erwartet und gefürchtet, mit Schnuphase zusammen ...
    Herr Maria stand unter dem Druck seiner »hochgespönten« Nerven ... Vom
Sperl, aus Döbling, aus Hietzing, von allen möglichen Zerstreuungen, die die
Tuckmandls und Pelikans ihrem Gastfreund trotz der Wundermedaillen und
Paternostervereine bereiteten, erschöpft, schnappte und schnalzte er nach Luft
... Jetzt, beim Anblick des Barons von Asselyn, hob sich ihm etwas die Brust vor
Freude und Ueberraschung ... Der Gruss des Herrn Tiebold de Jonge und die
Mahnung an seine Leibbinden rührten ihn ...
    Jedes Knarren einer Tür unterbrach die Mitteilungen ...
    Benno war wie in einem Traum ... Er wusste nicht, wie er hierher gekommen ...
Um seine Aufregung zu verbergen, fragte er scherzend:
    Werde ich jetzt erfahren, welches Ihre geheime Mission war? ...
    Schnuphase hob seine weissen Handschuhe gen Himmel ...
    Da öffnete sich die Tür ...
    Schnuphase verbeugte sich bis zur Erde ...
    Der Eingetretene war noch nicht der Beherrscher aller europäischen Cabinete,
sondern jener Hofrat, der an Benno geschrieben hatte ...
    Die leutseligste Anrede von der Welt berichtigte Schnuphase's Irrtum ...
    Der Herr Hofrat wandte sich an den Herrn Baron von Asselyn und
entschuldigte Seine Durchlaucht, die noch einen Augenblick verhindert wären ...
    Herr Stadtrat Schnuphase -? ...
    Zu Dero -! ...
    Die Kiste ist angekommen ...
    Zu Dero -! ...
    Zum ersten Mal in Wien? kehrte der freundliche Herr zu Benno zurück ...
    In dem Augenblick wurde Stadtrat Schnuphase durch einen Bedienten abgerufen
... Nach einer Tür zu, die eben da wieder hinausführte, wo er hereingekommen
war ...
    Schnuphase flog und taumelte mehr, als er ging ...
    Mit einem, wie es schien, stereotypen, an die »Gemütlichkeit« Pötzl's
erinnernden Lächeln, halb prüfend, halb zerstreut, setzte der hohe Beamte sein
Examen über Benno's erstmalige Anwesenheit in Wien fort ... Bei völliger
Bekanntschaft über die Zwecke der Anwesenheit des jungen Mannes kam er auf den
gestrigen »grausamen« Unfall mit dem »Fräulein von Pötzl« ... Das, was ihm, wie
er sagte, ihr Pflegevater selbst schon erzählt hatte, konnte Benno bestätigen
... Es folgte das herzlichste Bedauern und die Mitteilung, dass einige Wochen
lang für die arme Seele in »Maria zur Stiegen« würde gebetet werden ...
    Eine Klingel ging ...
    Der Diener von vorhin öffnete eine andere Tür ...
    Mit einem: Ich hab' mich sehr gefreut! und dem innigsten Händedruck wurde
Benno von dem zuvorkommendsten aller Epigonen jener Gesellschaft, die der
überfliegende Don Carlos mit dem Wort bezeichnet: »Da wo Ihre Domingos, Ihre
Albas herrschen!« an die Tür begleitet ...
    Noch zwei Zimmer und der unfreiwillige, von dem System des Staatskanzlers
sonst mit jugendlicher Idealität urteilende, jetzt wie ein geknicktes Rohr sich
ihm nähernde - Posa stand vor dem neuen - Don Philipp ...
    Der Gefürchtete war an Wuchs etwas kleiner, als Benno ... Schmächtig,
ebenmässig gebaut, mit feinen, geistvollen Zügen ... Die Stirn breit und
hochgewölbt ... Die Augen blau, die Nase mässig gebogen, die Farbe der nicht
schmalen Wangen blass ... Die Lippen durch lange Gewöhnung - auch die Ehe macht
Ehegatten ähnlich - fast habsburgisch geworden, doch abwechselnd belebt von
Ironie ... Besonders auffallend blieb die schöne, wenn auch stark gerunzelte
Stirnfläche, mit weit auseinander liegenden Augenbrauen ... Das Haar schon
ergraut und mit erzwungener Jugendlichkeit geordnet ... Die Sprache nicht leise,
etwas unverständlich ... Benno wusste, dass der Staatskanzler am Gehör litt ...
    Die freundlichste und herablassendste Begrüssung ...
    Man setzte sich ... Nebenan hörte man ein Klingen von Gläsern ... Benno
staunte ... Jedenfalls war Schnuphase auf der Höhe seiner Mission ...
    Der Fürst ergriff eines von den eleganten grossen und kleinen Büchern, die
auf einem Tisch vor dem kleinen Kanapee lagen, steckte die Finger in die
Blätter, klopfte in leichtem Taktrhytmus auf den Tisch und begann in
geschmeidiger, fast zu regelrechter Rede alle ostensiblen Veranlassungen für
Benno's Anwesenheit in Wien herzuzählen ... Dem Schmerz des Grafen Hugo, der
zufälligen persönlichen Anwesenheit des Herrn von Asselyn bei dem Unglück mit
Angiolina Pötzl trug er mit unverstellter Teilnahme Rechnung ... Dann kam er
auf den Oberprocurator Nück, mit dem er seit Jahren »immer sehr gern zu tun«
gehabt hätte, auf die Empfehlungen, die ihm »Doctor Nück« über Herrn von Asselyn
und dessen Wünsche gegeben ...
    Wünsche?! loderte es in Benno auf und sofort begann er auch:
    Euer Durchlaucht wollen entschuldigen - ...
    Ohne jedoch Zeit zu bekommen, irgend auch nur die einfachste berichtigende
Äusserung zu tun, hörte er den Fürsten sogleich auf den ihm von Wien her, ja
schon vom »Parterre der Könige« in Erfurt sehr wohlbekannten Dechanten zu
Sanct-Zeno übergehen; selbst Bonaventura war ihm genannt worden ... Des Fürsten
Familie stammte selbst aus der Gegend von Kocher am Fall ...
    Die Äusserung, die der Staatskanzler auf die für Bonaventura gebrauchte
Bezeichnung: Er wird ein Heiliger genannt! sofort folgen liess, war
charakteristisch ...
    Ich wünschte wohl, sagte er, der Adel folgte überall solchen Beispielen und
nähme sich wieder etwas mehr der Kirche an ... Seitdem die Pfründen schmaler
geworden sind, hat man sie nicht mehr für die jüngern Söhne der Familien so
aufgesucht, wie selbst noch in meiner Jugend Sitte war ... Sagen Sie, würde Ihr
Kirchenfürst den Mut gehabt haben, so für seine geistliche Pflicht aufzutreten
und würde er mit soviel Glanz sein Martyrium durchführen, wenn ihm nicht sein
Zusammenhang mit dem Adel des Landes zu Hülfe käme? ... Der Uebergang der
geistlichen Stellen nur an Bürgerliche öffnet jenem kleinen Ehrgeiz zu sehr die
Bahn, der mit Intrigue verbunden ist ... Dem Emporkömmling wird ja nie genug zu
Teil ...
    Wenig Verbindungsglieder fehlten hier und die Gedankenreihe war bei den
Jesuiten angekommen, die der Staatskanzler hasste ... Doch unmittelbar flocht
sich die Bemerkung ein:
    Ein reizendes Geschöpf, diese Angiolina! Ich kann nicht glauben, dass sie
sich selbst den Tod gegeben hat ... Sie wurde zornig über die, die ihr vorreiten
wollten, und überschlug sich ... Jetzt ist's freilich eine freiwillige Handlung
- ein Poëm, sagte man gestern ... Romantik und leider oft auch Logik machen sich
sehr oft erst durch den Zufall ex post, gerade wie der Witz ... Manche Leute,
die ich positiv als dumm kannte, galten aus diese Art für gescheut ... Weil sie
immer schnell bei der Hand waren, einer zufälligen Wirkung eine prämeditirte
Absicht unterzulegen ... Das wissen Sie gewiss, es gibt einen Humor der
Tatsachen ... Viele Staatsmänner haben sich Jahre lang damit erhalten, den
glücklichen Zufall sogleich für ihre Absicht auszugeben ... Besonders sind in
diesem wohlfeilen Klugseinwollen die Politiker Ihres Staates - Bitte, Herr
Doctor Nück schreibt mir, Sie wollten daselbst keine Carrière machen - Erzählen
Sie mir doch von der dortigen Sachlage, Herr von - Sagen Sie, sind die Asselyns
nicht eigentlich italienischen Ursprungs? ...
    Benno hätte durchaus erwidern mögen, dass sich Nück in den Motiven seiner
Reise nicht an die Wahrheit gehalten hätte, hätte alles erzählen mögen, was zur
Erleichterung der heimatlichen Schwierigkeiten dienen konnte, musste aber jetzt
nur der gestellten Frage antworten und sagen:
    Doch nicht, Durchlaucht! Friesischen Ursprungs ...
    Sie sollen aber das Italienische à perfection sprechen ... fiel der Fürst
sogleich ein ...
    Ich wollte zunächst Italien sehen, um mich in der Sprache zu vervollkommnen
und alte Studien wieder aufzunehmen - ...
    Die italienische Sprache ist schwerer, als man anfangs glaubt, unterbrach
der Fürst, der seine eigenen Gedankengänge festielt ... Sie ist ebenso falsch
und tückisch wie die Italiener selbst ... Man glaubt mit der Grammatik auf dem
besten Fusse zu stehen et d'un tour de main on a perdu tout son latin ... Wo
studirten Sie? ...
    Benno nannte die betreffende Universität ...
    Der Staatskanzler warf einen der ihm eigenen Augenblitze, die den für
gewöhnlich milden, ja matten Ausdruck seiner Augen unterbrachen, scharf und
bestimmt zu dem jungen Mann hinüber und hatte jedenfalls eine Rüge der deutschen
Universitäten im Sinne, sprach aber doch:
    Sie sind Jurist ... Arbeiteten bei Dr. Nück in der - Apropos, die Gräfin
Paula von Dorste ist ja clairvoyant! ... Wie sich das in Wien ausnehmen wird,
bin ich begierig ... Ein eignes Kapitel, die Clairvoyance! Ich habe sie in allen
Stadien kennen gelernt ... Auch in ihrer Verbindung mit der Politik - und gerade
bei Ihren aufgeklärten Staatsmännern! ... Fürst Hardenberg war ganz in die Hände
der Pytonissen geraten und hat auch, glaub' ich, aus diesen Quellen seine
Begeisterung für die Freiheit Griechenlands in Verona geschöpft ... Die
Verbindung mit der Religion ist mir weniger geläufig, aber unsere Salons
sprechen davon mit Andacht ... Leider wird mit dem ersten Kind diese neue Quelle
der Unterhaltung für Wien verloren sein ... Ihre Heimat ist ein seltsames Land,
Herr von Asselyn, kernhaft jedoch und voll aufrichtiger Sympatie für uns ...
Wir haben davon täglich Beweise ... In unserer Armee sowol wie im Klerus ...
Kennen Sie die Aebtissin Scholastika? ... Eine Tüngel-Heide! ... Es gibt mehrere
Linien der Tüngels? ...
    Schon griff der allein Redende zum kleinen goldschnittgebundenen
genealogischen Kalender, der auf dem Tische lag ... Er suchte die Tüngel-Heides
und die Tüngel-Appelhülsens ...
    Nebenan klangen die Gläser ...
    Benno beobachtete nur und - resignirte sich schon ...
    In Ihrer Provinz lebt noch fest und sicher die Ueberzeugung, fuhr der Fürst
im Umblättern fort, dass es in jeder Politik nur Erhaltung oder Umsturz gibt ...
Die Reform soll uns heilig sein, ja! aber sie muss aus den Elementen der
Erhaltung und für die Erhaltung hervorgehen ... Nach Napoleon's Verwüstung des
Bestehenden konnte und durfte nichts Anderes kommen ... Selbst Napoleon fing
zuletzt an zu erschrecken vor einer täglich sich mehrenden Lust an Neuerungen
... Unter dem Zeitalter der Revolution haben die Völker zu viel gelitten ... Sie
bedürfen auf hundert Jahre der Erholung ... Ich weiss nicht, was dann kommen
wird, aber meine Aufgabe war, Halt zu gebieten und ich glaube, die nach mir
kommen, werden noch lange dieselbe Notwendigkeit einsehen ... Ich gebe das sehr
gern den jetzigen römischen Ansprüchen zu: Es ist auch so mit der Kirche ... Die
schwarzen Herren hören freilich nicht gern, dass der Fels, auf den die Kirche
gebaut wurde, irdisches Material ist so gut wie jede andere Steinart und dass
einst eine Zeit kommen wird, wo die Philosophie sich verbreitet, wie das
Klavierspielen schon jetzt bei unsern reichen Bauerntöchtern im Salzburgischen -
Aha! Da! - »Die Tüngel-Appelhülsens. Wappen: Die geschlängelte Schaale eines
Apfels« - Falls das nicht - glauben Sie nicht, Herr von Asselyn, ursprünglich
eine Schleife war? Auch so ein Witz - ex post? ... Da sind ja die Camphausens!
... Zwei Linien - Seltsam! ... Bei uns lebt die protestantische und Gräfin
Erdmute ist sogar eine gefährliche Fanatikerin ... Der Graf wird den
Militärdienst quittiren ... Und - - Ja, der religiöse Riss in Deutschland wird
oft beklagt - ich schätze ihn ... Deutschland kann nur durch das
Gleichgewichtssystem bestehen ... Das hab' ich immer befördert und ohne
Rückhaltsgedanken ... Der Zollverein ein gibt ein zu einseitiges Uebergewicht
... Sie kamen mit dem Herrn Stadtrat Schnuphase? ...
    Ich reiste nur zufällig mit ihm ...
    Doctor Nück schickt mir durch Sie alle Tabellen Ihrer Weinversteuerung, an
der ich, wie Sie wissen, persönlich beteiligt bin ... Die Centralisation der
Interessen Deutschlands ist nicht möglich ... Schon die natürlichsten
Lebensbedingungen, Essen und Trinken, beruhen auf disparaten Organisationen ...
In Frankreich, Spanien, Italien sogar, dem ich sonst doch jede andere Einheit
absprechen muss und das ich nur für einen geographischen Begriff halten kann, hat
die Lebensweise eine und dieselbe Bedingung ... Nehmen Sie aber unsere
Verschiedenheiten! ... Die barocke Abwechselung schon unseres - Brotes allein!
... Wie verschieden die Charaktere des Weins am Rhein und an der Donau ... Vom
Trank der Gerste gar nicht zu reden ... Man glaubt es mir nicht, aber ich bin
gegen ein Übermass von Uniformirung ... Ich hasse den Josephinismus - nicht
seiner Aufklärung wegen - behüte, nein! - sondern deshalb, weil er am Ende doch
nur den absoluten Polizeistaat proclamirt ... Der absolute Polizei- oder
Beamtenstaat kann zuletzt nur zur constitutionellen Monarchie führen, d.h. zur
legalisirten Revolution und Republik ...
    Die Phantasie Eurer Durchlaucht überspringt grosse Intervallen! sagte Benno
mit Entschiedenheit ...
    Geb' ich zu - erwiderte der Minister und liess wieder einen jener scharfen
Blicke auf Benno hinstreifen ... aber darin denk' ich ganz wie die Kirche ....
Gutta cavat lapidem ... Apropos, was sagt der Graf Camphausen von dem
sogenannten Baron von Terschka? ... Der Mensch ist in London Protestant geworden
und der intimste Freund der italienischen Emigration ... Ein Ex-Jesuit - sagt
man sogar - aber entre nous ...
    Benno berichtete von dem ihm so verhassten Namen, was er wusste, und wagte,
angeregt von den Worten seiner Mutter, die Bemerkung:
    Die grösste Gefahr des Stabilitätssystems droht nicht unmöglich von Italien
und Rom selbst ...
    Sie meinen, dass die Zeiten des Cola Rienzi wiederkehren? lächelte der Fürst,
nahm ein grosses Kupferwerk, das vor ihm lag, schlug die Abbildung einer Burg auf
und zeigte sie seinem Besuch mit den Worten:
    Sehen Sie da die Burg in Böhmen, auf die Cola Rienzi flüchtete, als seine
Zeit in Rom vorüber war! ... Zu uns! Nach Böhmen! ... Ja, fuhr er dann fort, die
Italiener sind allerdings die elendeste Nation von der Welt und zu allem fähig!
Diese Nation wird den Monarchen, von denen sie regiert wird, und uns allen in
Europa noch viel zu schaffen machen, sie wird conspiriren, morden, vielleicht
ein vorübergehendes Glück gewinnen, von einzelnen Mächten vielleicht begünstigt
werden, von England, das für seine Waaren sich einen Absatz in Sicilien und
Neapel zu verschaffen sucht - aber elend wird alles nach kurzer Zeit
zusammenbrechen ... Wie Barbarossa werden wir dann die Städte in Asche
verwandeln müssen! Wir werden den Pflug darüber hingehen lassen und Salz aussäen
müssen, um eine neue Erde zu schaffen ... Das Salz werden deutsche, ungarische,
böhmische Colonieen sein, unsere Sitten, unsere Verbesserungen, unsere
Bürgschaften polizeilicher Ordnung ... Zurückrufen werden die Elenden uns dahin,
wo sie uns verjagten, um nicht von ihren eigenen Landsleuten gemordet zu werden
... Gemordet von ihren neuen Häuptern ... Lesen Sie die Geschichte! ... So ging
Crescentius unter ... Cola Rienzi flüchtete ... Was wollen Sie von einer Nation
erwarten, wo alles käuflich ist! Wo die Furcht jeden zum Verräter macht! Wir
haben alle Conspirationen in der Hand ... Von jeder Carbonarologe besitzen wir
die Namen ... In Turin regiert ein Fürst, der als Kronprinz Carbonaro war ...
Als er den Tron bestieg, lieferte er uns sämmtliche Listen der Venditas aus ...
Ich zweifle nicht, dass er wieder als Carbonaro endet ... Lassen Sie Krieg kommen
- behalten wir Herrn Tiers noch lange am Ruder Frankreichs und will sein
Schüler, der Herzog von Orleans, sich die Sporen verdienen, so haben wir
vielleicht Krieg und mit schwankenden Erfolgen ... Wir sind heute geschlagen -
aber von dem Tag an, wo die Italiener dankbar und einig sein sollen, rufen sie
wieder die Deutschen zurück und geben uns die alte eiserne Krone ... Dies
Italien! Sie müssen es kennen lernen, Herr von Asselyn! Sie wollen dort
hinreisen? Wollen Sie es bequem, so mach' ich Ihnen den Vorschlag, Depeschen
nach Rom zu übernehmen - Freilich da müssten Sie sogleich und in diesem
Augenblick reisen ... Würde Sie das hindern? ... Nück schrieb mir, fuhr der
Fürst fort, die Verlegenheit und aufwallende Röte der Freude im Antlitz des
jungen Mannes bemerkend - Sie wollen eine politische Laufbahn antreten ...
    Durchlaucht - nein! sagte Benno fest und bestimmt ... Der Gedanke: Da erlöst
dich ja das Geschick im Nu! liess ihn mit funkelnden Augen zustimmen ...
    Sie meinen, Ihre Grundsätze sind noch zu jugendlich? Sie opponiren noch?
Mein lieber junger Freund, die Staatskunst muss es machen, wie die Kellerei mit
den Weinen ... Liegen die Fässer zu lange, so müssen sie aufgefüllt werden ...
Alte Jahrgänge mit jungen ... Sie haben ohne Zweifel die Calamität gehört, die
sich auf meinem Weinberg zugetragen? ... Ein nachlässiger Küfer hat sieben der
besten Stück nicht aufgefüllt und nun sind sie Alterationen des
Entwickelungsprocesses ausgesetzt - Dergleichen muss geheim bleiben ... Bitte ...
Da Sie aber mit Herrn Stadtrat Schnuphase gereist sind - ...
    Der Fürst öffnete die Tür und machte Benno zum Zeugen einer wie es schien
sehr ernst genommenen Scene ... Ein feingekleideter, wohlbehäbiger älterer Herr,
ohne Zweifel der Kellermeister des Fürsten, sass mit Schnuphase an Einem Tisch
... Vor ihnen eine Reihe kleiner Flaschen, die mit Zetteln beklebt waren ...
Einige Dutzend Gläser standen in der Nähe, um nacheinander gebraucht zu werden,
da der Duft des Weins sich in jedem gebrauchten Glase zu lange erhielt und eine
Aufgabe erschwerte, die die zu sein schien, die Mischungen und Auffüllungen aufs
strengste zu unterscheiden ...
    Schnuphase und der Kellermeister waren aufgesprungen ... Letzterer mit zwei
Gläsern in der Hand, die prüfendste Miene in den geröteten Gesichtszügen ...
Noch schienen Zunge und Nase nur mit Geschmack und Duft beschäftigt ...
Schnuphase stand mit seinem »Glöse« ganz »Extöse« ... Der Duft, das Probiren,
die Situation, die Nähe des grössten Mannes der Zeit, die Satisfaction vor Benno,
alles war ihm zu Kopf gestiegen ...
    Es wird wohl nicht anders gehen, bemerkte der Fürst, man muss unserer
Verwaltung, die an dem Versehen ohne Schuld ist und den Küfer entliess, Recht
geben und »Dorf« oder »Berg« zur Erkräftigung des »Schloss« wählen? ... Ganz wie
Ihr jungen Staatsneuerer ja wollt! ... Gern adoptiren wir Euer junges Blut! ...
Oder beides? wandte er sich ...
    Schnuphase stand wie ein Retter des europäischen Gleichgewichts, obgleich er
nahe daran war, das eigene zu verlieren ... Das Nippen an jedem dieser Gläser,
das Streiten und Äußern entgegengesetzter Zungenwirkungen, die wiederholt
erprobt werden mussten, hatte ihn bereits zum Opfer des in ihn gesetzten
Vertrauens gemacht ...
    Der Fürst billigte jede Entscheidung der gemeinschaftlichen Beratung und
ordnete an, dass auch beim heutigen Diner, wo Kenner der Weinblumen des Rheines
entboten wären, die Proben servirt und einem Verdict derselben unterworfen
würden ... Die massgebendste Stimme behielten die beiden anwesenden Herren selbst
und lieb wäre es ihm, sagte er, schon von ihrer schnellen Meinungsvereinigung zu
hören ... Der Gegenstand war hochwichtig ... War für die nächste Auction irgend
im Ruf der vernachlässigten Fässer etwas versehen und verbürgten sich nicht die
ersten Zungen für die volle Integrität des Gewächses, so konnten dreissigtausend
Gulden auf dem Spiele stehen ...
    Es tut mir leid, sagte der Fürst in freundlicher Laune beim Zurückkehren in
das vorher von ihnen eingenommene Zimmer, dass ich meine Einladung, mein Gast zu
sein, nicht auch an Sie richten kann, Herr Baron! Die Aufgabe, die ich Ihnen
vorschlage und der Sie, wenn auch nur Ihrer Reisekasse wegen, da Sie doch nach
Italien wollen, sich immerhin unterziehen sollten, bedingt eine sofortige
Abreise ... Um fünf Uhr Nachmittag geht die Eilpost ... Sie brauchen sich nur
der Post zu bedienen ... Von Triest aus müssen Sie über Ancona zur See ... Das
ist unerlässlich ... Nach einem halben Jahr kommen Sie auf demselben Wege - ich
meine, ohne Ihrer eigenen Kasse wehe getan zu haben - zu uns zurück und ich
werde begierig sein, Ihre römischen Eindrücke zu vernehmen, falls Sie nicht
vorziehen sollten, sie mir sogleich direct oder an die Allgemeine Zeitung zu
schicken ... Wählen Sie für erstem Fall die Adresse eines unsrer
Grosshandlungshäuser ... Versteht sich, bald diese, bald jene ... Die Depesche
händigt Ihnen der Herr Hofrat ein, mit dem Sie vorhin gesprochen haben ... Man
soll Sie zu ihm führen! ... Glückliche Reise! Frohes Wiedersehen! ...
    Der Fürst klingelte ...
    Damit war die Audienz beendet ...
    Es war Benno, als konnte er nicht von der Stelle ... Er hatte nicht
widersprechen, hatte bei seiner Jugend, seiner gedrückten Stimmung überhaupt nur
hören, - wenn er sprach, nur Nüchs Empfehlungen ablehnen wollen ...
    So aber hundert angelegte Fäden - und nicht ein einziger ausgeführt! ...
    Jetzt verstand er, was man »Treppenwitz« nennt ... Demostenische Reden
blieben auf seiner Zunge liegen ... ... Was mochte er nicht alles gesprochen
haben! ... Dicht am Weltrade stand er ... Wie ein donnernder Wassersturz musste
ihm die Triebkraft erscheinen, die dies Rad in Bewegung setzte ... Noch blieb er
wie von einem unsichtbaren Sprühnebel umrieselt und betäubt ...
    Aber ein Diener folgte ihm und führte ihn schon zu dem Hofrat ...
    Sie mussten noch eine Treppe höher steigen ...
    Sollst du - oder sollst du nicht? ...
    So stand er eine verhängnisvolle Secunde und sagte sich: Eine Gunst des
Geschicks! ... Die Uebernahme dieser Verbindlichkeit verpflichtet dich zu nichts
... Du hast einen triftigen äussern Grund, vor Situationen zu entfliehen, die
sich jetzt noch nicht von dir durchleben lassen!
    So trat er in ein düsteres Zimmer ...
    Hier wurde ihm die Depesche, ein einfach versiegelter grosser Brief
eingehändigt ...
    Am besten trägt man das in einer kleinen Tasche, sagte der freundlichste
aller Hofräte, aber an einem Riemen! ... Haben Sie die Schnalle immer hübsch
vorn auf der Brust! ... Schliesslich hält das auch noch den Leib warm ... Für die
Seefahrt gut ... Die Reisekosten sind für acht Tage berechnet, für jeden Tag
zehn Dukaten ... Sie bekommen eine Anweisung auf die Cassa, Herr von Asselyn!
... Bitte! Nehmen Sie! ... Hier ist sie! ... Damit Sie keine weitere Mühe haben,
werden wir einen Platz im Coupé reserviren lassen ... Sie zahlen ihn dann bei
der Abfahrt ... Habe die Ehre, eine glückliche Reise zu wünschen! ...
    Benno reiste als Courier ... Eine unverfängliche Gefälligkeit ... Er nahm
die Depesche, die Anweisung ... Er liess sich einige Zimmer weiter achtzig
Dukaten zahlen ...
    Das Ablehnen dieser Summe würde wunderlich erschienen sein und den Auftrag
leicht rückgängig gemacht haben ...
    Beim Verlassen des Palais fand er die Treppe belebt ...
    Boten, Jäger, Diener liefen hin und her ...
    Zwei Lakaien in auffallender Livree eilten hastig an ihm vorüber ...
    Hinter ihnen schritt langsam die Treppe herauf mit schwebendem Gang und
einer lächelnd um sich blickenden Sicherheit eine hohe, breitschultrige Gestalt
in fremdartig priesterlicher Tracht ... Hinter ihm zwei andere, ebenfalls
Priester ...
    Benno empfing aus einem stark geröteten Antlitz einen Blick des
holdseligsten Grusses ...
    Er trat zur Seite und erfuhr, dass es Cardinal Ceccone gewesen, der an ihm
vorübergeschritten ...
    Sein freundlicher Blick war ihm wie der Stich eines Messers ... Wenn ihn
etwas aus Wien vertrieb, hätte nur noch diese Begegnung gefehlt ... Der üppigste
Triumph, verbunden mit dem Schein der holdseligsten Demut und wieder mit den
unauslöschlichen Merkmalen einer schon von der Natur in den Augen, ja in den
Ohren vorgezeichneten List ...
    Welche Begegnung jetzt drinnen zwischen zwei nur äusserlich verbundenen
Principien ... Der Fürst, der die Jesuiten hasste, der Cardinal, der auf seine
alten Tage unter dem Druck der Frauen die »Freiheit Italiens« anbahnte ... Wie
unfertig, wie halb, wie überlebt erschien ihm alles nach dieser Audienz ... Wie
wehte ihn der Odem Gottes mit neuen, den Völkern und dem Jahrhundert verheissenen
Offenbarungen an ...
    Am Portal sah Benno die beiden Mietwagen in bescheidener Entfernung und
hatte noch Zeit nötig, sich zu besinnen, wohin er fahren wollte ...
    Schnuphase kam, begleitet vom Kellermeister ... Ersterer hatte alle Ursache,
dem kräftigen Arm zu danken, der ihn hielt ...
    Die Aufforderung, in der »Stadt Triest« ein gemeinschaftliches Mahl
einzunehmen, lehnte Benno ab, fuhr auf den Kohlmarkt und kaufte sich zunächst -
die bewusste Reisetasche ...
    Zu Hause angelangt, schrieb er an den Principe Rucca einige Zeilen und
bedauerte seine plötzliche Abreise nach Rom, behielt jedoch das Billet bis um
vier Uhr, wo man ihn erwartete, noch zurück ...
    Lange kämpfte er mit sich, ob er seiner Mutter schreiben sollte ... Er
konnte nicht anders ... Doch drückte er sich in einer Weise aus, die so
unverfänglich war, dass sie jedermann lesen konnte ...
    »Herzogin!« schrieb er. »Ich erhalte soeben einen Auftrag vom Fürsten
Staatskanzler, der mich zwingt, augenblicklich abzureisen! Ich reise nach Rom
und hoffe Sie dort in nicht zu entfernter Zeit zu begrüssen. Wien ist kein Ort,
wo die Trauer einen andern Raum findet, als vor den Altären seiner Kirchen.
Gedenken Sie in Maria zur Stiegen, wo die Seelenmetten Angiolinens gehalten
werden, unserer Rückfahrt von jenem Hause des Schreckens ... Die dunkeln Tannen,
die es beschatten, werden selbst im schönen Italien so lange vor meinen Augen
stehen, bis ich Sie wiedersehe ... Benno von Asselyn.«
    Von Olympia sprach er in beiden Briefen kein Wort ... Auch des Strausses, der
vielleicht von Olympia kam, mochte er keine Erwähnung tun ...
    Der Chorherr blieb über die schnelle, nun freilich motivirte Abreise im
höchsten Grade verdriesslich ... Unbekannt mit den Empfindungen, die Benno von
dannen trieben, schrieb er sie lediglich auf Rechnung des mächtigen Eindrucks,
den der grosse Kanzler denn doch auf den jungen Mann gemacht hatte ... Er musste
ihm Glück wünschen zu einer vielversprechenden Carrière und sagte:
    Sehen Sie, so mächtig ist nun doch der blendende Reiz eines bei alledem
grossen Mannes ... Man muss sich ergeben, hört nur noch und staunt und lässt an
dem, was man hasst, das Menschliche in seiner vollen Geltung ... Protestiren Sie
nicht! Sie sind jung! ... Geht es mir denn anders? Lieb' ich denn nicht auch
mein Land und mein Volk? So lebt man in einer unglücklichen Ehe und kann sich
nicht trennen ... Man weiss, man passt nicht füreinander, aber es gibt so viel
Bindeglieder des Interesses, so viel gemeinschaftliche Sorgen, so viel kleine
Aussöhnungen wieder und so kurze Momente des Glücks, dass man immer wieder neue
Hoffnungen schöpft ... 'S ist freilich ein Gemüts-Elend, an dem zwei Menschen
und - ganze Staaten zu Grunde gehen können ...
    Benno musste schweigen ... Er hielt sich an die ihm von den Umständen
auferlegte Notwendigkeit seiner Abreise ... Er ertrug den Schein der
Inconsequenz ...
    Gern übernahm der sich allmälig in die Trennung findende Chorherr die
Meldung an den Onkel ... Auch die Besorgung aller der Visitenkarten, die Benno
noch zum Abschied zurückliess ... An den Grafen Hugo schrieb Benno Worte, die
seiner Stellung und der Situation angemessen waren ... Worte des Trostes und der
Hoffnung für die Zukunft ...
    In das Comptoir der Zickeles musste er seiner Creditbriefe wegen ... Es war
über dem Schreiben, Packen und Expediren seiner Effecten hoher Mittag geworden.
Der alte Herr Marcus war eben von der Börse zurückgekommen ... Leo befand sich
in einem Comité ... Harry führte einen neuangekommenen Virtuosen ...
    Den alten Herrn Zickeles überraschte Benno's Abreise nicht im mindesten ...
Diese Bankiers grüssen ebenso gleichgültig beim Kommen wie beim Gehen ... Nur
seine Tochter Jenny bedauerte er ... Sie hätte dem Herrn Baron noch etwas
vorsingen wollen ... Eben wäre sie, sagte er, und auch Angelika Müller, der
Benno sich so gern noch empfohlen hätte, mit Terese Kuchelmeister an den Ort
gefahren, wo sich gestern das Unglück begeben ... Auch Dalschefski und Biancchi
hätten sich dazu entschliessen müssen ... Der alte Zickeles sah den Vorfall nur
in seinen Folgen an und sagte:
    Das Geschäft wird sich nun machen ... Der Graf ist jetzt in Wahrheit frei
... Es hängt lediglich jetzt alles von dem ab, was die Frau Mutter aus Westerhof
mitbringt ... Wir werden ja sehen ...
    Benno speiste dann noch mit dem Chorherrn, den des jungen Mannes Entschluss
nun nicht mehr störte ... Auch der Schein des »Gefesseltseins« nicht ... Er
glaubte, wie der Onkel Dechant, an Neuerungen und Besserungen nur infolge grosser
Erdrevolutionen in der Art der Gletscherbildung ...
    Gegen vier, wo die Dinerstunde beim Fürsten Rucca war und die Herzogin und
Olympia ihn hochklopfenden Herzens gewiss schon in glänzendsten Toiletten
erwarteten, besorgte Benno seine Briefe in den Palatinus ...
    Die Eilposten nach dem Süden gingen um fünf Uhr .... Man musste sich schon um
vier in Bereitschaft setzen ...
    Der Chorherr begleitete seinen so schnell gewonnenen jungen Freund, der voll
tiefster Trauer von dem edeln Manne schied und ihn bat, alle seine Liebe und
Güte auf Bonaventura zu übertragen, falls dieser in der Tat nach Wien kommen
und dann vielleicht gleichfalls bei ihm wohnen sollte ...
    Man plauderte ... Aengstlich zog Benno die Uhr, aus Furcht, noch eine
Wirkung seiner Absagebriefe zu erleben. Der Chorherr neckte ihn darum ...
    Endlich sass er im Coupé, das ihm in der Tat durch einen Ministerialboten
reservirt war ...
    Schon benutzte er, da der Chorherr nicht gehen wollte, die Pause, die bis
zum Schlagen der Abfahrtsstunde so langsam verrinnt, zu einem Abschiedsgruss an
Angelika, den er auf einen Zettel seines Portefeuilles schrieb und dem Chorherrn
mit einer Andeutung über Püttmeier's Philosophie zu eigenhändiger Besorgung
übergab - da kam ein Mann, der hastig nach Herrn von Asselyn fragte, und brachte
eine Visitenkarte aus dem Palatinus ...
    Von Gräfin Olympia? fragte lächelnd der Chorherr ...
    Verzeihen, sagte der Lohndiener, Ihre Gnaden die Contessina wollten selbst
kommen, aber der Fiaker muss falsch verstanden haben und hat sie und den Prinzen
nach der Briefpost gefahren, wo die Courierposten abgehen, aber erst abends ...
    Die Karte war von Benno's Mutter ... Auf der Rückseite stand ein einfaches:
Al revedersi! ...
    Benno sah, dass er das Rechte getroffen ...
    Voll Angst horchte er auf, ob nur nicht noch Olympia und ihr Verlobter kämen
...
    Er bat den Chorherrn, der »armen Seele« zu gedenken, für die zwölf Tage lang
in dem schönen Kirchlein »Maria vom Gestade«, zur Schifferkönigin Maria - zur
Schutzpatronin aller im - Hafen Eingelaufenen gebetet werden sollte ...
    Der Chorherr drückte ihm zusagend die Hand ...
    Der Postillon schwang sich auf den Sattel des Handpferdes, Benno rückte
seine Depesche dahin, wo sie nach dem Bedeuten des Hofrats für seine Gesundheit
am vorteilhaftesten lag, der Conducteur setzte sich neben ihn ...
    Schon waren die funkensprühenden Schläge der sechzehn Rosseshufe auf dem
Strassenpflaster verhallt, noch stand der Chorherr träumerisch sinnend auf seinen
Bambusstab mit elfenbeinernem Griff gestützt, dem Wagen nachblickend - da kam
ein Fiaker angebraust, aus dessen Schlag Principe Rucca und ein weiblicher Kopf
sahen ...
    Das Portal der Fahrpost wurde eben geschlossen ...
    Pater Grödner stand schon zu fern, um die, wie es schien, heftigen
Zornausbrüche der Italienerin zu hören ...
    Lächelnd über die Jugend, über den Ehrgeiz, über Menschen, die Liebe finden
dürfen und sie nicht mögen, kehrte er zurück in seine stille Klause ...
    Die Bleistiftgrüsse an Angelika Müller wollte er erst couvertiren, falls sein
Versuch, sie ihr persönlich einzuhändigen, mislingen sollte ...
    Indessen stand noch ein anderer junger dicker Mann atemlos und verzweifelnd
an der Postoftür ... Harry Zickeles kam zu spät - mit seinem Album.
 
                                      11.
Glocken riefen nicht zu den Hochämtern, die in »Maria zur Stiegen« zum
Gedächtnis Angiolina's gehalten wurden ...
    Nicht brauste die mächtige Orgel vom Chor, als ihre Seele der Gnade und
Verzeihung des Himmels empfohlen wurde ...
    Still und geheimnisvoll sind schon an sich diese Trauermetten, die vor einem
kleinen dunkeln Nebenaltar abgehalten werden, denen nur Anverwandte beiwohnen
... Hier trat die Rüge des geistlichen Gerichts ein ... Kaum dass die Austeilung
jener kleinen Zettel gestattet wurde, die in katolischen Landen den
Vorübergehenden mit einem Liebesblick in die Hand gesteckt werden, der sie
auffordert, für die abgeschiedene, wenn ihnen auch völlig unbekannte Seele ein
gedrucktes Gebet zu lesen ... Terese Kuchelmeister hatte diese Zettel sorgsam
ausgewählt ... Hundert Exemplare eines für diese Fälle in den Kunstläden
vorrätigen kleinen Bildes, drei Cherubim darstellend, von denen der eine das
Jesuskind mit der Friedenspalme trägt, die beiden andern ein Kreuz und eine
Dornenkrone - das Jesuskind lächelt, die drei Engel weinen - Auf der Rückseite
liess sie aufdrucken: »O Erschaffer und Erlöser aller Gläubigen, verleihe der
dahingeschiedenen Seele deiner Dienerin Angiolina Pötzl vollkommene Verzeihung
und Nachlassung aller Sünden, damit sie, von den Schmerzen des Fegfeuers
befreit, dich als ihr letztes Ziel anschauen, lieben und in alle Ewigkeit loben
und preisen möge!« ... Das feierliche Requiem Biancchi's, Instrumentation von
Dalschefski, das sich ein Gesangverein mit Hinzuziehung Teresens und Jenny's
auszuführen erboten hatte, wurde nicht gestattet ...
    Unter grossem Menschenzulauf hatte das Begräbnis auf dem stillen Dorffriedhof
bei Salemhof stattgefunden ... Hier war es, wo sich ein junges Mädchen, einen
Korb voll Blumen in der Hand, über den Sarg warf und ihren Schmerz in Worten
Luft machte, die niemanden störten, ob sie gleich nicht von Seraphschwingen und
Cherubsarmen sprachen, sondern einfach lauteten:
    Hier ist's nun aus, du armer Narr! Bist auf Erden viel gehanselt worden!
Aber der gute Gott da oben wird schon wissen, wo er auch für dich noch ein
Platzt hat! ...
    Terese Kuchelmeister überwachte alle die, die sich bei den in der Stadt von
ihr bestellten und bezahlten zwölf Seelenmessen einfanden oder einzufinden
versäumten ... Luigi Biancchi kam nur einmal und erntete dafür die Bezeichnung
eines »Ungeheuers« von Undankbarkeit, da Angiolina die Musik der Italiener
liebte ... Dalschefski, den die Nichtaufführung des Requiems wegen des in diesen
Tagen ausserordentlich erregten Biancchi, der dadurch eine Zerstreuung würde
gehabt haben, verdross, musste dafür täglich anwesend sein ... Auch Herr von Pötzl
versäumte nicht seine Schuldigkeit zu tun; zu dem Ruf, den er anstrebte,
gehörte die strengste Unterwerfung unter alles, was Gefühl und Gemüt mit sich
bringen ... Nicht auffallend war die jedesmalige Anfahrt eines vornehmen Wagens,
aus dem die ersten drei male zwei Damen in tiefster Trauer stiegen und der Messe
beiwohnten ... Terese nannte das die kleinste Schuldigkeit der »Mörderin« ...
Zuletzt kam nur noch die ältere Dame allein ... Diese fehlte nie ...
    Erst am Tage nach dem Begräbnis traf des Grafen Hugo Mutter ein ...
    Auf ihrer Rückreise war sie aufgehalten worden ...
    Sie hatte in Nürnberg einer Versammlung der dortigen Bibelgesellschaft
beigewohnt ...
    Unterwegs schon erfuhr sie vom Tod Angiolinens ...
    Ihre Liebe zum Sohn ging so weit, dass sie diesen Verlust wie ihren eigenen
fühlte ... Sie sah vorzugsweise nur Hugo's bei noch so jungen Jahren schon so
väterlich empfindendes Herz beteiligt ...
    Als der stattliche Mann an ihrem Halse einen Augenblick festing und Tränen
in seinem Auge blinkten, unterliess ihre Rede nichts, was seinem Schmerz wohltun
konnte ...
    Sie erkundigte sich nach allen nähern Umständen des rührenden Abscheidens,
verwies es aufs strengste jedem der Diener, der etwa ergänzende Berichte geben
wollte, die auf Selbstmord schliessen liessen ... »Richtet nicht, dass ihr nicht
gerichtet werdet!« ...
    Dies Wort sprach sie auch später noch mancher vornehmen Dame auf der Herren-
und Wallnergasse ...
    Im Herauskehren seiner geheimen Gedanken ist gerade die vornehme Welt nicht
so behutsam, wie wir glauben ... Majestäten, Hoheiten, Excellenzen sprechen,
namentlich in Oesterreich, ihre Stimmungen ebenso offen aus, wie sie die geringe
Welt zu verbergen pflegt ... Man besprach schon beim ersten Besuch die
Angelegenheiten des Grafen, verlangte Nachrichten von der bevorstehenden
Heirat, verurteilte das »horrible Benehmen des Terschka« und gab der stolzen
Gräfin Gelegenheit, ihr Wort öfter zu wiederholen: Dieu est le juge veritable!
...
    Die schnelle Abreise Benno's von Asselyn verdross die Mutter ...
    Sie wich den Fragen des Sohnes um Paula's Erklärung noch aus ...
    Sie sagte ihm:
    Du sollst alles hören ... Nur erst Sammlung und meine langvermisste Ordnung!
...
    Inzwischen sprach sie doch schon zu Hugo und den vielen Besuchenden, zu den
luterischen Geistlichen und Glaubensgenossen, die sie sogleich begrüssten, von
ihrem Leben bei Lady Elliot, von den Anstrengungen des Papismus, in England
wieder Grund und Boden zu fassen, von den englischen Bischöfen, die leider
irdische Machtaber geblieben wären und ein Verlangen trügen nach ungeistlichem
Einfluss, von einem verblendeten Lehrer in Oxford, Professor Pusei, der ein
System aufgestellt hätte, das auf halbem Wege den römischen Irrtümern
entgegenkäme ... Dennoch schloss sie: Es ist eine Freude, den Ernst der Engländer
zu sehen ... Die Frauen sind voll Mut und Charakter ... Sie beherrschen die
Männer, das ist wahr, aber sie beherrschen sie zum Guten - Wofür sich in dieser
Welt das Gefühl der Frauen ausspricht, das kann vielleicht auf einem Irrtum
beruhen, aber dieser Irrtum schändet nicht ...
    Mutig sprach sie in ihren eigenen Zimmern und bei den ersten Besuchen, die
sie empfing:
    Seit der Veranstaltung der Jesuiten, meinen Sohn durch Terschka dem Glauben
seiner Väter abwendig zu machen, haben wir doppelt Ursache, jeden Schein der
Anhänglichkeit an die Irrlehre zu vermeiden ... Gräfin Paula verlangt
glücklicherweise von unserer Seite keine Annahme ihrer Religion ...
    Ja, wandte sie sich zu einem luterischen Geistlichen, Terschka lag
zerknirscht zu meinen Füssen ... Im ersten Augenblick verstand ich nicht, was er
mir zu offenbaren hatte ... Ich alte Frau zitterte ... Auch hass' ich schon an
sich die Bezeigung einer Ehrfurcht, die nur Gott gebührt ... Ich betete zum
Herrn um Kraft, Terschka's Geständnisse zu hören, setzte mich nach Fassung
ringend in einen Sessel und hörte nun alles, was mit jener an diesem
Unglücklichen bekannten anziehenden Beredsamkeit von seinen Lippen kam ... Da
konnte ich wohl anfangs vor Zorn ausrufen: »Der das Ohr gepflanzet hat, sollte
der das nicht hören und strafen!« ... Nun aber kam ein reuiges Geständnis; der
Entschluss, auf Englands freiem Boden zu bleiben, seine Irrtümer abzuschwören
und zu unserm lebendigen Glauben überzutreten ... So verherrlicht sich Gott in
seinen Verächtern ...
    Graf Hugo teilte diese andauernde Befangenheit für Terschka nicht ganz,
behielt aber seine Zweifel an Terschka's Aufrichtigkeit für sich ... Er war des
Streitens müde ...
    Der Abend bot die stille trauliche Stunde, in der sich die Gräfin über die
Ergebnisse ihres Aufentalts in Westerhof aussprechen konnte ...
    In einem hohen, mit Sesseln überfüllten Rococozimmer hatte das Teewasser
auf der Maschine zu sieden begonnen, als die Gräfin begann:
    Mein Sohn, von Paula von Dorste, diesem seltsamen Wesen, trennt mich
allerdings mehr, als ich wünschen möchte ...
    Graf Hugo's Ahnung von neuen Hindernissen schien bestätigt zu werden ...
    Ich fand, fuhr die Mutter fort, ein Wesen, das leider nur zu sehr ihrem Ruf
entspricht ... Als ich Westerhof besuchte, war gleich die erste Begegnung
entscheidend ... Die Tante Benigna, dann unsere herrliche, nur zu geisteshelle,
winterlich helle Monika, die dich herzlich grüssen lässt, der Oberst, auch eine
treffliche Persönlichkeit, Onkel Levinus, auch eine gute, nur etwas wunderliche
Seele, alle begrüssten mich herzlich und voll Vertrauen - nur Paula war wie die
verschüchterte Taube ...
    Sahst du nie eine ihrer Visionen? fragte Graf Hugo ...
    Nie! entgegnete die Mutter ... Mit meiner Ankunft hörte der Spuk auf ... Ich
kann dir nicht leugnen, dass sie während der ganzen Zeit meiner Anwesenheit krank
im Bett lag ... Ja, als ich hören musste, dass meine Persönlichkeit, ich, ich
allein es wäre, die ihr Schmerzen verursachte, geriet ich ausser mir ... Man
nannte eine frühere Erzieherin von ihr, die ganz ebenso auf sie gewirkt haben
soll ... Die Nähe eines Wesens also, das ihren Irrtümern widerstrebt,
verursacht ihr Schmerzen! ... Zur Linderung ihrer Leiden berief man von Witoborn
den Obersten, der mit wenigen Handstrichen sie auf Stunden beruhigte ...
    Graf Hugo stand in grosser Erregung auf und machte einige Gänge im Zimmer ...
    Die Mutter fuhr fort:
    Glücklicherweise beherrscht Monika das Schloss ... Ich schrieb dir schon, sie
hat den Mut gehabt, Armgart, von der du meine Schilderungen kennst, nach
England zu schicken, um dies liebe Kind aus der düstern, Verstand und Herz
vergiftenden Atmosphäre jener Gegend zu entfernen ... Besonders aber auch,
vertraute sie mir - o wie lieb' ich unsre Monika - deshalb, um auf Paula
Armgart's Einwirkung zu hindern ... Denn wunderlich ist auch dies Kind ... Was
wir allenfalls erreicht haben, hat Monika allein vollbracht ...
    Allenfalls erreicht? wiederholte der Graf mit Befremden und Unmut ...
    »Alle eure Sorge werfet auf ihn; er wird es wohl machen!« sagte die Mutter
... Ich war vierzehn Tage in Westerhof ... Comtesse Paula blieb und blieb krank
... Ich sah sie nur zweimal in Toilette, bei der ersten Begrüssung, der sogleich
die Krankheit folgte, und einmal, als die magnetische Behandlung durch den
Obersten von besonderer Wirkung gewesen ... Sie ist sehr schön ...
    Kein Bild von ihr? ...
    In jener Gegend malt man nur die Heiligen, mein Sohn ... Ein Kinderporträt
wollt' ich nicht mitbringen, da es nicht mehr ähnlich ist ... Sie ist schön,
sag' ich dir ... Hoch und schlank und in allen Gesichtszügen edel ... Augen,
Haar, alles von einem lieblichen Reiz ... Die Bildung tief, tief vernachlässigt
... Ja, mein Sohn, das ist entsetzlich ... Aber ihr Charakter sanft, leider
freilich - versteckt und - von jener Zurückhaltung, die mir, du weisst es, an den
Katoliken so peinlich ist ... Nichts Offenes, nichts Ehrliches ... Sie
versichern dich der grössten Freundschaft und du gewinnst kein Vertrauen ... Das
grosse Priestergeheimniss hat sie alle mit umstrickt! ... Man glaubt, sie lebten
in dem, was wir sie täglich treiben sehen - aber es umspinnen sie ganz andere
Dinge ... Paula heilt noch immer und segnet Kissen und Amulete, aber sie sagt,
dass sie selbst nicht mehr daran glaube ... Die Geistlichkeit wünscht ihre
Visionen nicht, da sie merkwürdigerweise - nicht katolisch sind ... Monika
sagte mir, es gäbe eine Partei, die heimlich dahin wirkte, sie für eine
Besessene zu erklären ... Das ist Aberglaube ... Aber die Macht des bösen
Feindes bleibt gross ... Wenn ich je an seine umgehende Macht und die
Verschmitzheit des Teufels geglaubt habe, war mir's manchmal beim Anblick -
dieser unstäten, irrenden, versteckten - Augen ...
    Mutter! unterbrach Graf Hugo die von ihren in Westerhof empfangenen
Eindrücken aufgeregte Greisin ...
    Ich will das jungfräuliche Kind nicht anklagen - sagte die Mutter, fuhr aber
ganz wie die heilige Hildegard fort: Glaubst du nicht, dass der Teufel auch die
Gestalt der Engel annehmen kann? ... Doch - lenkte sie dann ein, ich klage die
Comtesse nicht an und teile Monika's Meinung, dass die Ehe das alles ändere ...
Aber ein Ja! ein Nein! von Paula selbst, von diesen halben Menschen, diesem
Levinus, dieser Benigna zu gewinnen, war unmöglich ... Kurz vor dem Tage, wo ich
die letzte Entscheidung wünschte, bekam ich endlich ein offenes Wort ... Aber -
rate, woher? - Aus London - von Armgart ...
    Der Graf nahm einen Brief entgegen, den die Mutter den ganzen Tag auf ihrem
Herzen getragen zu haben schien ...
    Seufzend zog sie ihn hervor und entfaltete ihn mit den Worten:
    Dieser Brief ist ein trauriger Beleg für die Verstockung der Gemüter durch
das Papsttum ...
    Graf Hugo nahm den Brief und las, nachdem er über die noch unfertige
Handschrift wie die eines Kindes und die mit derselben so in Widerspruch
stehende Wichtigkeit des Inhalts mit schmerzlicher Miene gelächelt hatte ...
    »Liebes Grossmütterchen!« schrieb Armgart ...
    Die Gräfin unterbrach:
    Ich wiederhole dir, dass dies, ich kann wohl sagen, liebenswürdige Kind zwar
mit den Engländern und namentlich mit Lady Elliot auf dem gespanntesten Fusse
lebt, sich aber an mich, ich kann sagen, wie ein Hündchen angeschlossen hat -
Ja, das Wort passt ganz ... Die hohe Begeisterung, die ich für ihre Aeltern
empfinde, namentlich für ihren Vater, den ich fast höher stellen muss, als Monika
- Oder ist es bloss meine Reue, dass ich ehemals Terschka's Bewerbung unterstützen
konnte? ... Genug, Armgart liebt mich wie ihre Grossmutter, erträgt alle meine
Vorwürfe, murrt und knurrt dann wohl ein bisschen - ist aber gleich wieder gut ...
Doch lies! ...
    »Liebes Grossmütterchen!« wiederholte der Graf ... »Wie sehr ich Dich liebe
und wie ungern ich mit Dir streite, weisst Du! Porzia soll Dir« -
    Porzia, erläuterte die Mutter, ist in Witoborn geblieben bei jenem Hedemann,
der sich mit ihr in einen Briefwechsel einliess, ihr zu meiner Ueberraschung eine
italienische Bibel schenkte und sie heiraten wird - ein Mensch, der mir so
gefallen hat, dass ich ihn auf Castellungo besitzen möchte ... Frâ Federigo würde
seine Freude an ihm haben ...
    »Porzia soll Dir den Brief nur geben, wenn Du Dich wohl fühlst«, fuhr der
Graf zu lesen fort. »Sind dann die Berge und dunkeln Wälder meiner Heimat um
Dich und die guten treuen Menschen, wie es deren in ganz England keine gibt, so
verzeihe mir, dass ich, ein Kind, in so ernste Dinge hineinzureden wage ...
Leider kenne ich ja schon alles, was Gattinnen, Mütter und Mädchen im Leben zu
dulden haben. Meine Haare sind mir im Geist schon so grau wie der Mutter. Ich
bin weiter, als die jungen Ladies Elliot, die vor jedem Mann noch rot werden -
müssen! ... Sage: müssen - Sie suchen alle mit Eifer, was ich bereits aufgegeben
habe ... Meine siebzehn Jahre haben wie welke Blüten schon Samen der Erkenntnis
hinterlassen ... Geprüfte Seelen suchen nicht mehr für sich das Glück ... Auch
Paula sucht nicht für sich das Glück ... Aber klare Rechnung haben macht den
Gentleman! sagt der garstige dicke Koch Deiner Lady, der sie genug betrügt -«
    Ich höre die Mutter des Kindes! sprach der Graf lächelnd, doch durch seine
Stimmung geneigt, zu überschlagen ...
    Selbstgerechtigkeit! warf die Mutter ein ...
    »Dass Ihr Euch der Urkunde unterwerft«, las der Graf weiter, »ist schön von
Euch! ... Terschka riet Dir noch vorgestern, sie durch einen Prozess
anzuzweifeln ... Das konnte nur ein ehemaliger Jesuit raten ... Das ist das
Schlechte an den Jesuiten, dass sie so klug und pfiffig sein wollen, wie eben die
Zweifler auch ... Glaube mir, unser himmlischer Vater hat auch für den
katolischen Glauben vielerlei Wohnungen ... Katolisch und katolisch ist ein
Unterschied ... Wir Rechtgläubigen seufzen genug über viele unserer Priester und
möchten sie, besonders wenn sie so recht tabacksschmutzige blaue Sacktücher,
grobe Pfundsohlen an den Stiefeln und harte Hände vom Heufahren und Mistabladen
in ihren Höfen haben, fast hätt' ich gesagt prügeln, gerade wie, nach Onkel
Levinus, die Russen mit ihren betrunkenen Popen tun ... Das wissen wir
Katoliken unter uns selbst sehr gut und leiden darunter, bei der Messe sowol
wie im Beichtstuhl ... Gewisse andere Priester mögen wir Katoliken auch wieder
deshalb nicht, weil sie im Gegenteil wie die Tanzmeister sind ... Die, die
immer süss den Mund spitzen und die Augen verdrehen und aus dem lieben Herrgott
einen Conditor machen, von dem sie bei jedem Besuch Bonbons mitbringen, auch das
sind für uns rechtgläubige Christen blosse Pfaffen - und zu denen gehören meist
die Jesuiten - alle aber auch nicht, Grossmütterchen ... Dein Fefelotti mag
freilich schlimm sein ...«
    Du weisst, unterbrach die Mutter, wie unsere Bedrängnisse schon anfangen? ...
Ich werde zu Cardinal Ceccone gehen müssen, um das Kapitel von Cuneo anzuklagen
... Doch - lies! ...
    »Ebenso sagte Terschka, er wollte Beweise beibringen, dass eine gewisse
Lucinde Schwarz, im Auftrag Deines Doctors aus dem Abgrund, an dieser
Veranstaltung nicht unbeteiligt gewesen ... Ich halte Lucinden allerdings für
fähig, Feuer anzulegen; aber es gibt Verbrechen, die so gross sind, dass sie
ehrwürdig werden, zumal wenn sie Gutes stiften und Engel zu unwissentlichen
Mitschuldigen machen« ...
    So verteidigt die Götzendienerin gegen Lady Elliot auch die gefälschten
Rechte des Bischofs von Rom! ... warf die Mutter ein ...
    »Grossmütterchen, das hat mir von Dir gefallen«, las der Graf weiter, »dass Du
dem falschen Heuchler, dem Terschka, endlich einmal über eine Sache unrecht
gabst ... Der erleuchtete Mann hat ewig bei Dir recht ... Ganz vornehm und
würdevoll lehntest Du die Zweifel ab und wolltest lieber Dich darein ergeben,
dass Paula in ein Kloster und Euer Name und Euere Herrlichkeit zu Grund ginge,
als wieder processiren und die andere Linie ins Zuchtaus schicken, wie Du
sagtest ... Paula geht nicht ins Kloster ... Sie schreibt mir, dass ich es
übernehmen soll, Dir ihre ganze Meinung zu sagen ... So wisse denn: Ja! sie
nimmt Deinen Sohn, wenn -« ...
    Graf Hugo war an dieser Stelle schon aufgesprungen und hatte den Brief voll
Zorn und Abscheu von sich geschleudert ...
    Schon hatte sein Auge die Bedingung gefunden, die jetzt die Mutter las,
nachdem sie den Brief an sich genommen ... ...
    Das ist es! seufzte sie ... »Wenn der liebste Beichtvater ihrer Jugend nach
Wien reist, Deinen Sohn persönlich kennen lernt und dann entscheidet, ob sie ihm
ohne Gefahr für ihre Seele die Hand reichen kann« ...
    Der Graf war ausser sich und rief: ...
    Von Terschka - von hundert Zeugen weiss ich, dass sie diesen Priester liebt!
.. Es ist Bonaventura von Asselyn ...
    Die Mutter schwieg eine Weile, faltete den Brief zusammen und beschwichtigte
den zornig Auf- und Abgehenden:
    Aber sein Verwandter, der junge Benno von Asselyn, hat dir doch wohlgetan
...
    Ich habe mich gewöhnen wollen, sprach der Graf, dass meine Gattin das Bild
einer andern Neigung im Herzen trägt ... Ich würde mich bekämpft haben ... War
ich doch selbst nicht treu ... Aber ich rang danach, treu zu werden ... Ich
konnte Angiolina entbehren ... Der Himmel erleichterte mir diesen Kampf - ...
Und nun soll der Geliebte Paula's mir persönlich gegenübertreten, mich prüfen,
erst seine Entscheidung geben? ... Das ist mein Ruf? So werd' ich in Westerhof
beurteilt? Beurteilt um ein Verhältnis, das der Himmel auf diese schmerzliche
Art löste? Nein! Nun trotz' ich Allem! ...
    Mein Sohn -! ...
    Ihr Geliebter soll mich - prüfen! ...
    Es ist ein Priester, mein Sohn, suchte die Mutter zu beruhigen ... Einer der
besseren ... Ich hörte ihn predigen ...
    Der Graf lehnte jede Beruhigung ab ... Das ist die Erklärung, die du von
Westerhof mitbringst? fragte der Graf mit Entschiedenheit ...
    Die Mutter zitterte über seine drohenden Mienen ... Mit bebenden Lippen
sprach sie:
    Ich zeigte den Brief Monika ... Diese, empört darüber, stürmte zu ihrer
Schwester Benigna ... Benigna zog den Onkel Levinus ins Vertrauen ... So traten
sie alle drei an Paula's Lager und fragten sie, ob so wirklich ihr Entschluss
wäre? Ob sie wirklich so nach London geschrieben hätte? ... Ja! sagte sie,
wandte sich ab, sah an die Wand, wo ihr Kruzifix hing und ihr Weihwasserbecken -
sprach kein Wort mehr und mit dieser Entscheidung kehr' ich zurück ...
    Der Graf konnte sich nicht beruhigen ... Seine Erinnerung an die Hingebung
Angiolinens, sein Stolz, die Erwägung seiner ihn zur Annahme solcher Bedingungen
zwingenden Verhältnisse, ja eine Spannung sogar auf Paula, die zu einem tiefern
Interesse geworden war, alles stürmte zu mächtig auf ihn ein ...
    Er rief aus:
    So beginne aufs neue der Prozess! Ich zweifle die Urkunde an ... Terschka muss
helfen ...
    Mein Heiland! rief die Mutter entsetzt und mit gefalteten Händen ... Darüber
gehen wir zu Grunde! ... Die Zickeles subhastiren Salem und Castellungo ...
    Mag es! rief der Graf wild und riss sich los ...
    Verzweifelnd stand die Mutter und hörte das Verhallen seiner Sporen, das
heftige Zufallen der Türen, die er aufriss ... Nicht zu seinen Zimmern im Palais
ging er ... Er wandte sich zur grossen Treppe ... Sie eilte ihm nach ... Er war
verschwunden ...
    Graf Hugo stürmte dahin ... In seinen weissen Mantel gehüllt, mit klirrenden
Sporen ... Sein Innerstes - gelähmt durch jenes tiefe Weh, das sich über unsern
ganzen Menschen ausbreitet - wenn wir Rührung über uns selbst empfinden ...
    Er irrte um die Freiung, wo sich ihm ein so schnell gefundener Freund so
schnell wieder entzogen hatte ...
    Er irrte in die Nähe der dunkel gelegenen Kirche, wo die Gedächtnissmetten
für Angiolinen gehalten wurden ...
    Er irrte einem Platze zu, wo sich die stolzen Gebäude des Kriegsministeriums
erheben, bei dem er sein Abschiedsgesuch zurückzunehmen gedachte ...
    So kam er zu den sogenannten »Obern Jesuiten«, zum Haus des heiligen
Stanislaus ...
    Eine Weile stand er trauernd in der dunkeln Gasse ...
    Da hörte er einen getragenen Gesang aus einem hintern Hofe her mit einfacher
Klavierbegleitung ...
    Terese Kuchelmeister machte mit den Professoren Dalschefski und Biancchi
das nicht zugelassene, in schneller Begeisterung gemeinschaftlich aus alten
Studien zusammengestellte Requiem ...
    Bei einem sanften Minore, in dem die Worte: Dona eis pacem! erklangen, liess
Terese mit den Worten: Jesus, der Graf! die Noten fallen.
 
                                      12.
Einmal, eh' sie scheiden,
Färben sich die Blätter rot,
Einmal noch in Freuden
Singt der Schwan vor seinem Tod -
Und an edeln Bäumen,
Wenn der Winter vor dem Tor,
Bricht in irrem Träumen
Wol ein Frühlingsreis hervor -
Stirbt der Lampe Schimmer
In des Dochts verkohltem Lauf,
Zuckt mit hellem Flimmer
Einmal noch die Flamme auf -
Einmal wird gelingen,
Eh' mein Stundensand verrollt,
Mir von guten Dingen
Eines noch, was ich gewollt -
Eins wird sich erfüllen,
Eine Freude wird, wie Wein,
Schäumen - überquillen -!
Mag es dann geschieden sein.
    So fühlte Bonaventura in einem Winter, wo die Novembertage noch fast
sommerliche Sonnenstrahlen entsendeten und die Mandelbäume zum zweiten male zu
blühen, die Hecken neue Sprossen zu treiben begannen ...
    Die Vorlagen waren fertig, die Bonaventura, überdrüssig der wieder aufs neue
begonnenen Anfeindungen - - jetzt infolge seiner Predigt - sich in der Tat
erboten hatte, dem Cardinal-Legaten in Wien zu überbringen ... Benno hatte
überraschend schon aus Rom geschrieben und welchen Inhalt barg sein der
Sicherheit wegen durch reisende Geistliche überbrachter Brief! ... Wie
erschütternd, wie befruchtend für ein ganzes Leben! ... »Komm' auch Du herüber«,
hiess es nach der Erzählung alles dessen, was Benno in so wenigen Tagen erlebt
hatte; »ich weiss einen Bischofssitz in Italien, der nur allein Dir gebührt und
der Dir angetragen wird, sobald Du in Wien angekommen bist und an einem gewissen
Altar zu Maria Schnee dreimal celebrirt hast« ... Er hatte den Sitz, um
Aufregung wegen Paula zu vermeiden, nicht genannt ... Und vom Onkel Levinus war
in der Tat die feierliche Aufforderung gekommen, seine Ermunterung zu Paula's
Ehe zu wiederholen, aber nur erst dann, wenn er den Grafen Hugo persönlich
gesehen, gesprochen und seine Würdigkeit geprüft hätte ...
    Im ersten Schmerz nach dem Empfang dieses Briefes sagte Bonaventura: Das ist
das erste strafende und herbe Wort, das ich aus Paula's Munde vernommen! ...
Eine auferlegte Busse! Eine Strafe! ... Sie will, dass ich den Kelch, den ich ihr
so kalt reichte, selbst leeren helfe! ...
    Jedes Glöcklein in der Mette, jeder Orgelton sprach ihm jetzt: Sustine et
tolle! Halte aus und trage ...
    So wollte er denn reisen und länger fortbleiben ... Er wollte nach Italien,
nach Rom ... Er nahm Urlaub auf ein Jahr ...
O du Kreuz, du Holz der Sühne,
Wahres Heil der Welt, o grüne,
Grüne, blühe, sprosse fort -!
war der Text seiner Abschiedspredigt ...
O crux, lignum triumphale,
Mundi vera salus, vale,
Fronde, flore, germine -
Worte des Hugo von Aurelia, die ihm Gelegenheit gaben, auch von der »Schönheit
der Leiden« zu sprechen ...
    Bonaventura stand wieder unter doppelter Anfeindung ... Ebensowol von der
Regierungs- wie von der kirchlichen Seite ... Zwar hatte er die Genugtuung
erhalten, dass gegen Cajetan Roter eine Untersuchung eingeleitet wurde, die der
junge Enckefuss mit Erbitterung führte ... Bonaventura hatte in Betreff der
jetzigen Madame Piter Kattendyk richtig geahnt, dass der ungetreue Hirt den
religiösen Hang und Treudchens Trauer ebenso gemisbraucht hatte wie ihre
geringen Geisteskräfte ... Er hatte sie zur Heiligen - metodisch erziehen
wollen ...
    Der Kampf der Curie, um eine solche Offenbarung bestialischer Verwilderung
nur innerhalb der geistlichen Gerichtsbarkeit zu bestrafen, ging aufs äusserste
... Die Kirche ist gegen die Verbrechen ihrer Kleriker strenger, als irgend ein
weltliches Gesetz; nur will sie dann allein strafen und dem Staat den Einblick
versagen ... Bonaventura musste Zeugenaussagen vor Gericht geben - Auch das
mehrte sein Unbehagen. Er sehnte sich für immer fort ... Er hatte die Ahnung,
nicht wiederzukommen ...
    Je vollständiger die Rüstung Bonaventura's zu seiner Reise sich abschloss, je
mehr sie den Charakter annahm, den nur allein Renate nicht bemerkte, dass er
vielleicht in ein ganz nur der Gelehrsamkeit gewidmetes Benedictinerkloster an
der Donau oder in der Schweiz trat, desto banger wurde ihm die Erinnerung - - an
Lucinde ...
    Wird sie, sie dich so ziehen lassen? sagte er ...
    Er erfuhr von Tiebold, dass sie zwar aus dem Kattendyk'schen Hause zur Frau
Oberprocurator Nück gekommen wäre, aber nur auf acht Tage, und dass sie plötzlich
dort verschwunden war ...
    Tiebold errötete, als er gestand, dass Nück in seiner Verzweiflung auch zu
ihm gekommen war und ihn gebeten hatte, beim Domkapitular anzufragen, ob dieser
keine Auskunft über sie wisse ... Bonaventura nahm acht Tage vor seiner Reise
keine Beichte mehr ab ... Er erschrak teils über die Voraussetzung seiner
nähern Bekanntschaft mit Lucindens Verhältnissen, teils in Vorahnung, dass mit
dieser Nachricht vielleicht wieder seine Reise in Zusammenhang gebracht werden
musste ... Die Abschiedsscene vor seiner Reise nach Witoborn, die Erinnerung an
die damals gegen ihn ausgestossenen Drohungen stand schreckhaft vor seiner
Phantasie ...
    Noch vor acht Tagen begegnete ich ihr in der Katedrale, sagte er ... Sonst
seh' ich sie ja schon lange nicht mehr, da sie meinen Beichtstuhl nicht -
besucht ...
    »Besuchen darf!« - hallte es in Tiebold wieder ... Es wusste dies die halbe
Stadt ...
    Nachdem Tiebold mit tausend Segenswünschen, mit guten Ratschlägen, mit
Grüssen an Benno, mit Verwünschungen der grossen Demostenes-Rolle seines Vaters
bei den Landständen gegangen war, fiel erst recht der Schrecken der Mitteilung
über Lucindens spurloses Verschwinden auf Bonaventura's Brust ...
    Es war am Abend vor der Abreise ... Sieben Uhr ... Draussen schon lange alles
finster - Sein Gepäck geordnet ... Dann und wann blickte er auf die
matterhellten öden Gänge des Kapitelhauses ... Es war ihm, als müsste es
plötzlich pochen und als würde ihm wieder eine äusserste Erregung kommen ...
    Konnte er sich verbergen, dass er Tag und Nacht an Lucinde dachte! ... Furcht
vor ihren Drohungen zwang ihn dazu ... Jeder irgendwie bedeutendere Vorfall in
seinem Leben weckte die Erinnerung an die ihn betreffenden Verhältnisse, die sie
in ihrer ewigen Obhut zu haben erklärt hatte ... Diese Drohung, dass sie jeden
Segen, den er zu verbreiten hoffte, in Fluch verwandeln könnte, vergass er nicht
und nahm sie, immer und immer wieder gedenkend, nicht so leicht, wie der Onkel
ihm geraten hatte ...
    An diesem Abend vor seiner Abreise kam ihm wieder die trübe Vorstellung mit
ganzer Macht ... In sich steigernder Angst hatte er seine Tür verriegelt ... Er
hatte sich allen Abschieden entzogen ... Die Briefschaften an den Cardinal
Ceccone, in denen die Curie um die Nachgiebigkeit Roms flehte, lagen in einem
geheimen Fach eines seiner mehrern Koffer ... Er rechnete an seiner Barschaft,
siegelte die Briefe nach Witoborn und Kocher am Fall und wollte zeitig zur Ruhe
... Das Dampfschiff brach schon in erster Frühe auf ...
    Er hatte die Karte vor sich ausgebreitet ... Sein Auge schweifte bald auf
die nächsten, bald die entferntesten Gegenden ... Auf Kocher am Fall, wo ihn ein
Bangen ergriff: Den teuren Onkel siehst du nicht wieder -! ... Auf Westerhof
und Witoborn, wo so viele Herzen gerade jetzt mit gleichen Empfindungen an ihn
denken mochten ... Paula! ... Ein verklungener Glockenhall ... Jene »letzte
Freude« seines Liedes vielleicht - »aufschäumend« vor dem Tode ... Die eigene
Mutter - die ihre Teorie vom Nichtwissen, das dem Menschen bei mislichen Dingen
besser wäre, als Wissen, auch auf die Verhältnisse mit Benno übertrug und dem
Sohn noch vor kurzem geschrieben hatte: »Wittekind ist so gewissenhaft; rege ihn
nicht auf mit Benno's Mitteilungen aus Wien! Allein schon die Nachricht über
den Tod Angiolinens raubte ihm die Ruhe der Nächte« ... Auf die Donau sah er
dann, auf Wien und seine Umgebungen, wo er den Grafen Hugo prüfen sollte -!
Prüfen, glaubte er, ohne dass es Graf Hugo wusste - Ach, es war wieder jene Welt
der Beichtgeheimnisse, in denen er lebte, jene Welt, wo der Sohn vom Vater, die
Tochter von der Mutter, der Schüler vom Lehrer, Gesinde von der Herrschaft
spricht ... Schon hatte er jene katolischen Priesteraugen, die so irrend
umgehen ... Wird es dir in Rom, auf das er blickte, gehen wie dem
Augustinermönch Luter? ... Wirst du Castellungo berühren dürfen und deine
Mutter - wirklich als in Bigamie lebend erkennen? ... Wirst du dich nur bei
Nacht zu Frâ Federigo stehlen dürfen, wie Nikodemus zum Herrn? ... Wirst du so
fortleben in deinem Beruf? Halb in Hass, halb in unerklärter Liebe zu ihm? ... Wo
ist Versöhnung? ... Und siehst du Benno und die beiden flüchtigen Alcantariner?
... Siehst du das Schreckbild unsers Glaubens Klingsohr? ... Siehst du den
»Abtödter«, der - vielleicht am Brand in Westerhof beteiligt ist? ... Sinnend
fiel sein Blick auf die Karte dahin und dortin ... Mit den Alpen brach sie ab
... Da lag noch der St.-Bernhard ... Da lag St.-Remy, wo sein Vater begraben
sein sollte ... Da Aosta ... Dann dachte er wieder, grade diese Gegend müsse er
meiden, eben des Vaters selbst wegen, der todt sein wollte ... Zuletzt ging es
auf der Karte bergab gen Süden mit hundert kleinen Gebirgswässern, die wie Fäden
eines Nervengeflechts dahinschossen, durchschnitten vom Längenmass der Karte ...
Castellungo, Cuneo und Robillante lagen tiefer abwärts, am Fuss der Meeralpen,
jenseit Turins ...
    So in das geheimniss- und verhängnisvoll Leere blickend, erschrak er vor
einem plötzlichen Pochen ...
    Er glaubte sich geirrt zu haben ... Das Pochen war leise und wiederholte
sich nicht ...
    Das grosse Gebäude war in seinem Haupteingang verschlossen ... Eines
Ueberfalls verdächtiger Personen konnte er nicht gewärtig sein ...
    Das Pochen erfolgte nach einer Weile zum zweiten mal und Bonaventura glaubte
nun schon nicht anders, als Lucinde stünde draussen ...
    Der erste Strom, der sich von seinem erregten Gemüt über alle seine Nerven
ergoss, war Todschrecken ...
    Seine Hand langte nach dem Klingelzug und klingelte ... ...
    Es währte lange, bis seine trauernde Renate kam und die verweinten Augen
barg ...
    Sehen Sie doch, wer draussen ist! sagte er bebend ... Ist es - die Ihnen -
bekannte - Person, so bin ich nicht zu sprechen ...
    Mit diesen Worten ging er in das Nebenzimmer und horchte an der Tür, wer
sich meldete ...
    Renate hatte geöffnet ...
    Die Stimme musste nur leise sprechen ... Bonaventura konnte nichts vernehmen
...
    Renate kam zurück und berichtete:
    Es ist eine kleine gebrechliche Person ... Eine Jüdin, wie sie sagte ... Den
Namen hab' ich nicht behalten ...
    Eine Jüdin konnte zu Bonaventura nur kommen, um über die Taufe zu sprechen
... Der Fall war ihm neu ... Lucinde war es jedenfalls nicht ... Diesem Besuch
konnte er sich nicht entziehen ...
    Ich esse nur wenig zu Nacht, sagte er milder zu Renaten, und gehe dann
zeitig zur Ruhe ...
    Renate seufzte und liess ihren »Sohn« allein ...
    Er betrat sein Zimmer ... Die bescheidene Jüdin war auf dem Corridor
geblieben ...
    Treten Sie doch näher! sagte er und leuchtete mit der Studirlampe an die
wieder von ihm geöffnete Tür ...
    Eine kleine Person, in einen schön glänzenden schwarzen Atlasmantel gehüllt,
der beim Verbeugen aufschlug und die rechte Schulter etwas höher zeigte, als die
linke, in einem warm gefütterten grossen Hut, aus dem zwei lange schwarze Locken
und im Grund nur eine Nase heraussahn, trat einen Schritt näher und bat für die
späte Störung um Entschuldigung ...
    Womit kann ich dienen? fragte Bonaventura und stellte die kleine
grünlackirte Studirlampe auf den Tisch, dem befangenen Besuch einen Sessel
darbietend ...
    Ich würde nicht gewagt haben - begann die kleine Gestalt - Herr Priester -
Hochwürden - in so später Stunde - aber da ich - Verwandte - die von Ihrer Güte,
lieber Herr - ich meine Herrn Seligmann in Kocher am Fall - ...
    Herr Löb Seligmann! unterbrach Bonaventura die nur hustend, atemlos und
räuspernd hervorgebrachten Worte mit der ihm eigenen Herzlichkeit ... Ist der
Treffliche ein Verwandter von Ihnen? ...
    Nicht zu nah und nicht zu fern! Gerade wie bei Verwandtschaften am besten
... lautete die schon dreistere Antwort Veilchen's, die jetzt ihren Namen
Igelsheimer wiederholte und sich setzte, indem sie, als Bonaventura ihren Namen
fragend nachsprach, sogleich fortplauderte:
    Für unsere Namen können wir Juden nicht ... Die hat uns die Polizei gegeben
... Wenn auf die Aemter zu viel Moses und Isaaks und Abrahams kamen und die
Schreiber nicht wussten, welches der Abraham Moses und welches der Moses Abraham
war, so nahmen die Herren Actuare voll Zorn ganze Gemeinden her und sagten: Dem
wollen wir bald ein Ende machen! ... Und da die Juden ohnehin die Vorstellung
von Tieren auf der Jagd wecken, so kamen die schönen Namen Bär, Hirsch, Löwe,
Wolf, Adler, auch Haustiere: Ochs, Kuh, Rindskopf, Rindsmaul - Nur den Esel
gaben sie keinem, weil Dummheit auf keinen von unsern Leuten passen wollte!
Andere Namen sind nach den Orten gewählt, wo die Leute her sind, Fuld, Worms,
Oppenheim - Ich weiss nicht, wo auf Ihrer Landkarte da mein Stammsitz Igelsheim
liegen mag ...
    Durch diese überraschend dreiste, aber anspruchslos vorgetragene Rede war
Bonaventura gewonnen ... Er stützte den Arm auf seine Landkarte und rückte die
Lampe näher, um, wie er sagte, vielleicht einen Familienzug mit der braven Frau
Lippschütz zu entdecken, die in Kocher am Fall zu seinen speciellen Gönnerinnen
gehört hätte ...
    Ich bin aus der Art geschlagen! sagte Veilchen. Die Seligmanns sind sich
untereinander nicht ähnlich. Der, bei dem ich wohne, Natan ist er geheissen, in
der Rumpelgasse, gleicht zu seinem Bruder, wie ein Holzapfel einem Paradiesapfel
...
    Bonaventura hörte kaum den Namen der »Rumpelgasse«, als er sich auf
Lucindens letzte Beichte, auf Klingsohr's Beziehung zu dem Trödler Seligmann und
die dabei erwähnte Hülfe einer Jüdin besinnen musste ...
    Schon betroffen fragte er nochmals, womit er dienen könnte ...
    Veilchen machte eine Pause und sprach, ihre zurückkehrende Verlegenheit
durch das Lüften ihres Mantels verbergend:
    Herr Priester! Ich möchte mir die Frage erlauben: Was halten Sie - von - der
menschlichen Consequenz? ...
    Bonaventura glaubte nun doch, dass von einem Religionsübertritt die Rede sein
sollte und antwortete:
    Sie kann eine grosse Untugend sein, wenn sie mehr ist, als Treue gegen uns
und andere ...
    Mit Erlaubnis ... Treue gegen andere kann nicht Consequenz sein, entgegnete
Veilchen ... Was die andern Liebe und Treue nennen, die man ihnen gewähren soll,
führt den Menschen immer im Kreise rundum ... Die Liebe ist ja das
eigensinnigste Ding von der Welt und Gegenliebe kann nicht consequent sein ...
    Bonaventura fand in diesen Worten keinen Uebergang zum Bedürfnis der Taufe
...
    Ich sagte schon, sprach er, dass ich die gerade Linie in unsern Handlungen
nicht liebe, wenn sie zum todten Gesetz wird ... Aber keine wahre Liebe wird
Untreue gegen uns selbst verlangen ...
    Herr Priester, die Liebe will den Löwen zum Hasen, den König zum Bettler,
den Philosophen zum Narren machen - Können Sie bleiben, was Sie sind, so hört
die Liebe auf ... Frauenliebe gewiss ... Eine Frau verlangt, dass der Mann um
ihretwillen seinen Glauben abschwört ... Sie verlangt's nicht immer und nicht im
ganzen Jahr und nicht bei feierlicher Gelegenheit; aber wenn sie gerade schlecht
geschlafen hat, sagt sie: Das hilft gegen Kopfweh! und es muss dann sein ...
    Wohl jedem, der von einer solchen Liebe verschont wird! entgegnete
Bonaventura lächelnd ...
    Aber alle Liebe ist so! meinte Veilchen ... Die Liebe will im andern
untergehen, um in sich selbst - - desto schöner wieder aufzustehen ... So lieben
wir einen Mann, so die Natur, so Gott ... Was ist Religion, Herr Priester? ...
Gefühl von Kraft oder Schwäche? ... Bei den meisten wohl nur von Schwäche ...
Gott soll uns lieben, weil wir ihn lieben ... Er soll uns das ewige Leben dafür
auswechseln ... So sind wir auch meist uns selbst getreu, d.h. »consequent«,
weil uns Inconsequenz ein heroisches Opfer kosten würde ...
    Wo sollen diese Sophismen hinaus? dachte sich Bonaventura ...
    Sie werden ungeduldig! sprach Veilchen, blickte nieder, schwieg eine Weile
und begann ihren Hut etwas aufzubinden ... Die Verlegenheit machte ihr heiss ...
    Bonaventura nahm ihr ganz den Hut ab und legte ihn auf den Tisch ...
    Danke! sagte sie, indem sie sich die langen Locken strich ... Ich bin eitel
... Sie könnten glauben, mein Gesicht wäre bloss Nase ... Sie ist freilich mein
stärkstes Organ geworden ... Alle Menschen haben in ihrem Alter einen Teil des
Körpers, der die Oberhand gewinnt ... Beim einen ist's der Magen, beim andern
die Galle, beim dritten die Leber - bei mir die Nase! ... Ein feines Organ! ...
Der Sitz der Phantasie! ... Die Phantasie hab' ich in meiner dunkeln Rumpelgasse
nötig! ... Ich gehe des Jahrs nicht zehnmal an die Luft ... Ich will nicht! ...
Was sag' ich - »will nicht!« ... Mein Wille stellt sich an den Kleiderschrank
und wird verdriesslich, wenn er kein Kleid findet, das ihm zum Ausgehen passt ...
Consequenz! Wille! ... Ich kenne z.B. ein schönes junges Mädchen - ...
    Veilchen hielt inne ... Ihr Auge blitzte forschend auf ...
    Bonaventura atmete hörbar ...
    Dem schönen Mädchen hab' ich oft gesagt: Deine Liebe, Kind, ist ein Irrtum;
ist bloss eine Lüge gegen dich selbst! Dich verzehren Eifersucht, Stolz! Deine
Liebe gegen den gewissen Mann ist sogar bloss Rache! Willst ihn nur quälen, immer
an dich erinnern - sagst darum: Ohne ihn sterb' ich! ... Das Mädchen gibt's zu.
Gibt zu, dass ich ihr sage: Du bedarfst dieser Einbildung, um Kraft zu haben,
nicht gegen andere schwach zu sein! Möchtest sündigen - wenn die Natur sündigt -
aber aus Berechnung klammerst du dich an deinen Wahn - nennst den Treue! ...
Schüttelt sie den Kopf! ... Wahr ist's, das Mädchen ist geflohen vor einem
schlechten Mann und wohnt versteckt in meinem Schlafstübchen und ist krank - aus
»Liebe!« ...
    Bonaventura hatte sich bei diesen Worten, die mit einem prüfenden, fast
listigen Forschen der von unten her zu ihm aufblickenden Augen vorgetragen
wurden, schon erhoben ...
    Zwei Empfindungen kämpften in seiner Brust ... Ein Gefühl der Entrüstung
über die dreiste Absicht dieses Besuchs und die Verzweiflung um Lucindens nicht
endendes Wühlen ... Dass er eine Botin Lucindens vor sich hatte, sah er jetzt ...
    Veilchen erschrak vor seinem Aufstehen und sagte einlenkend:
    Bitte, mein Herr! Was ein römischer Priester gelobt hat, ich weiss es sehr
gut und hab' es einst selbst erfahren ... ... Sie haben gewiss, setzte sie mit
sich ermutigendem, schärfern Ton hinzu, von jenem Leo Perl gehört - den Ihr
Herr Oheim einst verführte - zu - einem gewissen Betruge ...
    Dies Wort kam ganz mutvoll ...
    Bonaventura starrte die kühne Sprecherin an, die über einen so mächtigen
Blick dann doch den ihrigen wieder niederschlug ...
    Bitte, Herr Priester! flüsterte sie ... Vergebung ... Aber wahr ist's doch
... Herr Leo Perl hatte mir die Ehe gelobt ... Ich weiss nicht, ob ich zum Lachen
bin, wenn ich mit dieser Gestalt sage, dass ich nach Witoborn reiste mit unserer
Base, Henriette Lippschütz, und mit ihrem Mann - und dass wir ein Fenster
mieteten dem geistlichen Seminar gegenüber ... Ich war nicht schön, aber ich
hatte noch Wangen um diese grosse Nase ... Ich hatte einen Mund noch mit Lippen
... Kein Bild war ich, aber weisse - unechte Perlen standen mir gut im schwarzen
Haar ... Der arme Narr, der ein Heiliger werden wollte, weil er Jesum von
Nazaret glaubte bei der falschen Hochzeit beleidigt zu haben - ...
    Bonaventura konnte keine Worte für sein Erstaunen finden ...
    Vom Kronsyndikus von Wittekind mein' ich die Hochzeit mit der Italienerin!
...
    Veilchen, die einzige Vertraute Löb Seligmann's, sprach fest und bestimmt
...
    Während Bonaventura vor Entsetzen sprachlos starrte, kehrte Veilchen auf die
Erscheinung, die sie am Fenster abgegeben haben mochte, zurück und sagte:
    Jedes Auge ist schön, wenn Tränen darin stehen ... So erregte auch mein
bittender Gruss, mein verzweifelnder Blick in das geistliche Seminar hinüber, wo
ich den gelehrten Mann hinter Eisenstäben erblickte, seine Verzweiflung ... Er
wollte umkehren ... Ich erfuhr es ... Aber es war zu spät ... Um der Tränen
willen, die ich Ihrem Oheim verdanke, Herr Priester, verzeihen Sie mir, dass ich
Ihnen in so später Nacht aufs Zimmer komme und Sie bitte: Hören Sie dem Fräulein
Lucinde, ehe Sie reisen, und wenn in diesem Augenblick, noch einmal - einmal -
die Beichte ...
    Bonaventura war über die Bekanntschaft einer dritten Person mit diesen
tiefsten Geheimnissen seiner Familie ausser sich ...
    Er stand nur, unbekümmert um Lucindens jetzt vorauszusetzende unmittelbare
Nähe, unbekümmert um die durch einen solchen Nachtbesuch ihm drohende
Beschädigung seines Rufes, und starrte die Sprecherin mit vor Schreck geöffneten
Augen an ...
    Fürchten Sie aber nichts, Herr Priester! sagte Veilchen ... Das schönste
Wissen einer Frau ist das, das sie in ihr Herz einschliesst ... Und was ich Ihnen
sage, weiss ich auch nur von einem, der, wie unsere ganze Familie, vor dem
Dechanten in Sanct-Zeno viel zu viel Verehrung und Liebe hat, um je davon einen
Misbrauch zu machen ... Der Mann wird Sie sehen, Sie mögen ihn fragen, woher er
diese Dinge in Kenntnis genommen hat und er wird Ihnen ausweichen und Sie bloss
fragen - nach Bröder's lateinischer Grammatik ...
    Löb - Seligmann?! ... sagte Bonaventura mit tonloser Stimme ...
    Von ihm weiss ich, fuhr Veilchen fort, dass Leo Perl mich nicht aus Untreue
verliess, sondern gezwungen durch Umstände, die ihren Grund auch in seinem
ungläubigen Aberglauben, seiner geistreichen Narrheit gehabt haben mögen ... Ich
weiss aus hundert Briefen, dass er den menschlichen Willen bestritt und nichts
gelten liess, als den Zufall ... Er liebte Ihren Oheim so, dass ich darauf
eifersüchtig wurde ... Er nannte überhaupt die Leichtsinnigen erst die wahren
Menschen ...
    Bonaventura hatte nun die äusserste Furcht um Benno's Geheimnis, um Lucindens
neue Mitwissenschaft so gefahrvoller Verwickelungen ... Diese Furcht äusserte er
zunächst ...
    Werd' ich, sagte die Jüdin, da ich schon die Liebe des Mädchens zu Ihnen
eine Rache genannt habe, noch neue Kohlen darauf schütten! ...
    Dann bat sie, dass im Gegenteil der Herr Domapitular den gezwungenen
Lauscher auf Schloss Neuhof schonen möchte ... Sie erzählte dessen Abenteuer ...
Sie fügte hinzu, dass er zwar die Charaden gehört hätte, aber nicht ihre
Auflösung ... Sie verlor sich in die Erinnerung an Leo Perl und schloss: Er fand
den Hochmut der Sängerin Maldachini gewiss nur lächerrlich, weil er sagte: Was
ist denn Eure Tugend? ... Die Bequemlichkeit der Umstände! ... Und seinem
Freund, dem damaligen Kaplan von Asselyn, konnte er nichts abschlagen ... Seine
Angst und die Scham kam erst, als er die Priesterkleider schon anhatte und die
betrogene Frau vor ihm stand ... Da weiss ich, dass er gern hinausgestürzt wäre in
den hellen Mondscheinwald und hätte, schon um zu büssen - denn büssen, das ist
grade unser Jüdisches - die Kleider nicht wieder abziehen mögen ... Auch dass er
zur Sühne an dem Betrug einen andern schönen Park, den in Kocher am Fall,
aufgab, den Park, wo ich von ihm Spinoza und Liebe - ohne Leidenschaft kennen
lernte, auch das ist diese Kasteiung, die die Christen bloss uns Juden verdanken
... Das Christentum ist die grösste Schmeichelei an uns Juden ...
    Ein Lächeln begleitete diesen Scherz ... Doch es erstarb schnell, da sie
Bonaventura's Erregung sah ... Sie fuhr fort:
    Vor seinem Tode gab Perl einem Mönch Namens Hubertus, er ist jetzt in Rom,
eine lateinische Schrift, die dieser einem hohen Geistlichen in Witoborn
übergeben sollte, aber erst dann, wenn er ohne ein Ärgernis begraben worden
wäre ... Seltsam, dass ich diese Schrift gesehen habe ... Ich sah sie in der Hand
des Fräulein Lucinde ... Es war in diesem Jänner ... Kurz vor Ihrer Abreise nach
Witoborn ... Das Fräulein brachte die Schrift von einer gefährlichen
Unternehmung mit, von der Sie ja wissen - als sie den Pater Sebastus aus dem
Professhause befreien wollte ...
    Bonaventura stand voll bebender Combinationen: Leo Perl - Seine Reue über
den Uebertritt - der Zwang des Kronsyndikus - Seine Pfarre in Borkenhagen -
Seine eigne Taufe durch Perl - die Schrift - Lucindens Drohung - ...
    Veilchen fuhr fort:
    Es war ein Brief, den ich nicht lesen konnte - in Latein - Aber vielleicht
war es derselbe an den Bischof von Witoborn, von dem Löb Seligmann gehört hat,
dass er leicht in die Hände Ihres seligen Herrn Vaters hätte kommen können, da
dieser gleich nach dem Tode des Bischofs Konrad, der unmittelbar nach dem Tod
des Leo Perl erfolgte - die geistlichen Archive - ordnete ...
    Bonaventura hörte nur - ... Aber er hörte, wie der Verbrecher in Vorahnung
eines über ihn gefällten Todesurteils den Anfang seiner Sentenz lesen hört ...
Er wollte nicht verraten, was in ihm vorging ... Er wollte seinem Antlitz den
Ausdruck der Ruhe und Fassung geben ... Umsonst ... Ein eisiger Frost
durchschüttelte seine Glieder ... Seine Zähne fingen an zu zittern ... Er ahnte
einen tiefen, tiefen, ewigen Verdruss seines Lebens ... Er tat einige Schritte
vorwärts und sank auf einen Sessel ...
    Mein Gott im Himmel -! rief die Jüdin, erschreckend ebensowol über
Bonaventura's Anblick, wie über ihr Unvermögen, einem ohnmächtig werdenden Manne
helfen zu sollen ... Was ist Ihnen? ...
    Bonaventura's Gedanken konnten nicht anders lauten, als:
    Lucinde sagte, mit dem Inhalt jenes Briefes könnte sie dich ewig in ihren
Händen halten? Deinen Segen könnte sie in Fluch verwandeln? Selbst wenn du die
dreifache Krone trügest, könnte sie alle deine Handlungen ungeschehen machen?
... Was gibt ihr diese Kraft? ... Was gibt dir - diese Unkraft? ... Bist du -
kein Christ -? ... Bist du nicht getauft -? ... Bist du nicht - richtig getauft
-? ...
    Nun schossen seine fiebernden Gedanken weiter:
    Du bist von Leo Perl in den Tagen getauft, wo sein Gemüt von Reue über
seinen Schritt, von Wut über den Kronsyndikus, der ihn zwang, Priester zu
bleiben, ergriffen war ... Diese Stimmung behielt er vielleicht lebenslang ...
Seine ganze Stellung war die der Zerfallenheit mit sich, die der Reue über sein
übereiltes Christwerden, der Rache für den Zwang, der ihm zuletzt auferlegt
wurde, der jahrelangen Verstellung ... In dieser Schrift bekannte er sich
schuldig, alle seine kirchlichen Functionen ohne Absicht und Direction des
Willens vollzogen, dich und andere »ohne Intention« getauft zu haben ... Der
Bischof starb schnell hinter Leo Perl ... Sein Vater nahm die Urkunde an sich
und unterdrückte sie ... Leo Perl war todt, das Verbrechen war geschehen, nicht
anders rückgängig zu machen, als durch neue Taufe ... Dein Vater, das Aufsehen
einer solchen Handlung fürchtend, längst schon - ihrer Ehescheidungsverweigerung
wegen - zerfallen mit der Kirche, behielt diese Urkunde, zerstörte sie jedoch
nicht, sondern legte sie für künftige Entüllungen zurück, band sie ohne Zweifel
dem alten Mevissen auf die Seele ... Dieser nahm sie mit in sein Grab, wo sie
lange Zeit unzerstört bleiben konnte, bis sie gefunden werden sollte, dann
vielleicht - wenn es Frâ Federigo, vielleicht einst am Tag der Versammlung unter
den Eichen von Castellungo, begehrte ... Picard fand dies Papier im Sarge und
gab es Lucinden zur Uebergabe an mich ... Lucinde las es ... Sie, sie, die die
ganze folgenschwere Wucht unserer Lehre von der Intention bei priesterlichen
Handlungen kennt, die Lehre von der wirklichen Absicht, auch den äussern Ritus so
zu meinen, wie man ihn vollzieht, sie, die schon höhnisch sagen konnte, Ulrich
von Hülleshoven und Monika, die gleichfalls in jener Zeit von Leo Perl getraut
worden, könnten in Rom bei der Behörde der Gnadenerteilung, der Sacra Dataria,
ihre Ehe getrennt erhalten - Sie weiss es, dass du nach unsrer Lehre der von Rom
ganz in die Priestermacht gegebenen Seele ein Ungetaufter bist, ein
Nichtteilnehmer, noch weniger ein Förderer am Gottesreich ... Sie konnte dir
drohen, dass alle deine Handlungen als Priester zurückgehen müssten, wenn sie, sie
es wollte - Denn nach Roms Gesetzen bist du, ob auch getauft, ein Heide -! ...
    Die Hände schlug Bonaventura vor die Augen ... Zwei Convertiten, Leo Perl
und Lucinde, hielten das katolische Christentum an seinen Consequenzen fest ...
Was Jedem Torheit erschienen wäre, für die Welt, in der Bonaventura
eingesponnen lebte, lag hier ein unermessliches Ärgernis vor ...
    Er besann sich und tat, als wollte er nur einen plötzlichen Anfall von
Unwohlsein verbergen ...
    Es wird vorübergehen! sprach er und hielt die Jüdin zurück, die,
tatunkräftig wie sie war, zwar nach Wasser sich umblickte, nicht aber darnach
gehen konnte ... Obgleich Glas und Flasche hinter eben demselben Epheu standen,
den damals Lucinde zerpflückt hatte ...
    Das sah er, die Jüdin besass nicht Lucindens ganzes Vertrauen ...
    Ihre Flucht vor Nück, ihre Liebe hatte sie ihm gestanden ...
    Die Jüdin hatte es vielleicht aus eignem Antrieb übernommen, den
tugendstolzen Priester in seiner Abweisung menschlicher Schwäche wankend zu
machen ...
    Das aber sah er: Sie wusste nichts vom Inhalt der Leo Perl'schen Schrift,
nichts von der Bedeutung der Intention in der katolischen Kirche ... Sagte sich
Leo Perl bei der Taufe Bonaventura's: Ich habe nicht die Absicht, dass das, was
ich eben tue, das ist, was die Kirche damit will! so war und blieb Bonaventura
- ein Heide ...
    Der Gefolterte, dem das Schicksal alle Prüfungen der Seele verhängt zu haben
schien, hatte vom Stuhl, von dem er sich erhob, mühsam das Kanapee erreicht ...
    Da sank die lange schlanke Gestalt allmählich und langsam nieder ...
    Das blasse Haupt aufstützend rang er nach Fassung ... Seine Gedanken rollten
ihm um wie die wirbelnden Kreise des Philosophen von Eschede ... Sie traten ihm
wie ein buntes Flimmern vor die Augen ... Er wusste keine Vorstellung mehr
festzuhalten ... Vorwürfe, Anklagen, mit denen sich das bedrängte menschliche
Herz in solchen Lagen zu helfen pflegt, kamen ihm nicht natürlich und freiwillig
... Nur ein Chaos der schmerzlichsten Vorstellungen über die Tatsache und ihre
Folgen war es ... Es rief ihm alles: Also auch das ist möglich! Möglich unter
Menschen, die sich auf diese Art glauben unter die Herrschaft des Geistes
gestellt zu haben! ... Das geschieht dir, dir mit deinem redlichen Willen, der
dir befiehlt, nicht zu murren gegen dein halb schon bereutes Priesterjoch! ...
Das geschieht dir in dem Augenblick, wo du dein grösstes Opfer bringen wolltest,
dein eigenes Grab zu graben, das Grab deiner Liebe! ... Nun noch dies! Noch
dies! ... Und Lucinde die Zauberin dieses Spukes, der dich ein Leben lang wie
Hexengruss im falben Mondlicht äffen wird! ... Sollst du deine Würde niederlegen?
... Sollst du dem Generalvicar dich anvertrauen und bekennen: Du bist kein
Christ?! ... Sollen alle deine kirchlichen Handlungen, die deine ungetaufte Hand
verrichtete, erst nachträglich von einem Spruch Roms die Kraft des Sakramentes
erhalten! ... Nein! Nein! Nein! Ich trotze dem Geschick und lüge! Ich muss, ich
muss lügen! ...
    Die Jüdin sah diese Seelenkämpfe, zitterte, fragte, bat und - hoffte ...
    Sie konnte seinem Gedankengang über den Inhalt des von Lucinden gefundenen
Briefes nicht folgen ... Sie würde selbst aus dem Judentum heraus, aus der
Religion des Gesetzes, kaum begriffen haben, wie ein Gemüt, lebte es auch noch
so sehr im steten Gewissenszwang, so doch über Sonnenstrahlen fallen, so über
Spinnenfäden straucheln konnte ... Sie würde mit Christus gesagt haben: Ihr
verschluckt Kameele und seigt Mücken! ...
    »Das Christentum ist die grösste Schmeichelei an uns Juden« - und
Bonaventura stand wie ein Verbrecher ... Dämonische Stimmen raunten ihm zu:
Offenbare dich doch Lucinden! Was trennst du diesen Schatten deines Daseins von
dir selbst? Lucindens Liebe, Verschwiegenheit, Frevelmut? ... Mit ihr vereint
ist ja alles still - Mit ihr vereint erstirbt ja der Hohn, der um dich her aus
tausend Larven rufen wird: Auch du wandelst den Weg der Lüge! ...
    Schieben Sie Ihre Reise einen halben Tag auf! sagte Veilchen ... Hören Sie
die Beichte des armen Mädchens ... Sie will nichts, als Ihnen ein Bild ihres
gegenwärtigen Innern geben, vieler Geheimnisse, die sie drücken, auch der
Ursachen, warum sie so plötzlich das Haus des Oberprocurators verlassen hat ...
Ich versichere Sie, es muss eine grosse Begebenheit gewesen sein, die sie zu mir
getrieben - Zu mir, in die dunkle schmutzige Rumpelgasse, zu meinem
unausstehlichen Natan, den ich nun schon dreissig Jahre nehmen muss, wie er ist
... Ich möchte schwören, dass in Holland, wo sie den ganzen Tag putzen und
scheuern, keine Stube so sauber und rein ist, wie meine Schlafstube im dritten
Stock unseres Hauses, das wir glücklicherweise allein bewohnen, und doch tut
mir das stolze Kind leid - im reinsten Glase Wasser sieht sie Judentum ... Aber
sie hat keinen Ort gewusst, wo sie sich verbergen sollte ... Ich dürfte nicht an
Ihrer Stelle sein, Herr Priester ... Schon aus Neugier, was sie von der
Marcebillenstrasse verjagt hat ... Acht Tage ist sie bei mir ... Der Natan sieht
die Polizei jede Stunde kommen ... Ich hab' ihm versprochen, die Strafe aus
meiner Gage zu zahlen - 30 Taler jährlich, Herr von Asselyn! Ich bin der
wohlfeilste Buchhalter an der deutschen Börse ... So hockt sie verzweifelnd auf
meinem Kanapee, schreibt Briefe, zerreisst sie, hat nichts bei sich, als ein
Bündel, mit dem sie aus dem Nück'schen Hause entflohen ist ... Hat der Mann Ihre
Ehre verletzt? rief ich sie an ... Sie antwortete mir darauf nichts, sah aber
aus, als käme sie vom Richtplatz und erst seit drei Tagen hör' ich sie weinen -
weinen wie im Brustkrampf! ... Sie sagt: Mein Unglück ist, ich falle über mich
selbst! Ich bin nur für die Schlechten da! Ich habe etwas in meiner Art, das
selbst die, die mich lieben wollen, an einem einzigen Tage zu meinen Feinden
macht! ... Könnt' ich ihm nur einmal noch alles sagen und beichten! sprach sie
dann ... Ich gestehe, Herr Priester! Von dem Wort »Beichten« hab' ich keinen
Begriff ... Je mehr ich bei mir selbst behalte, desto fester und besser werden
meine Gedanken ... Ja die mauern sich dann erst recht aus wie ein Schwalbennest,
das ganz sauber werden kann aus lauter kleinem Schmutz ... Müsst' ich alles, was
ich denke und eben erlebte, so frisch und weich wieder von mir geben, würde ich
wie ein leckes Fass ... Ich bin katolisch! sagte sie mir darauf ... Mein Gott,
da stritt ich nicht mehr und weil ich die Neigung ihres Herzens schon durch die
Bekanntschaft mit dem Herrn Pater Sebastus wusste und wie die Gefahr, nicht an
Ihr Ohr zu gelangen, zu gross wurde durch Ihre Abreise, da sagt' ich: Wissen Sie
- Ich will für Sie gehen, Fräulein, wie Eliezer ging auf die Werbung für Jakob
... Sie umarmte mich, begleitete mich bis hieher - Unten in der dunkeln Gasse da
- sehen Sie, da steht sie und wartet ... Geben Sie der Armen den Trost, dass sie
Ihnen noch einmal, nur als einem Priester versteht sich, ihr Herz ausschütten
kann ...
    Bonaventura's Gedanken sammelten sich in der Vorstellung, was Lucinde so
plötzlich aus dem Hause Nück's entfernt haben mochte ... Auch an den Brand und
an die Urkunde dachte er ... Er stand sinnend und zögernd ...
    Die Jüdin blickte aus ihren klugen Augen mit jener List hervor, die auch das
gutmütigste Kind im Spiele hat, wenn es Freude an einem Sieg seiner Klugheit
verrät, ohne damit Böses zu wollen ...
    Bonaventura hatte sich erhoben ... Er hielt sich vom Fenster fern ...
    Er überlegte und sah die Scene, die ihm mit Lucinden drohte ... Sie konnte
jetzt nicht anders enden, als mit ganzer Vertraulichkeit über alles, was ihn
drückte ... Ein gemeinschaftliches Geheimnis zu bewahren bindet die Seelen wider
Willen ... Er hätte Lucinden nicht anblicken können ohne zu sagen: Den Brief des
Geistlichen Leo Perl - gib mir zurück oder zerreissen wir ihn und lass' ihn
zwischen uns ein ewiges Geheimnis bleiben! ... Sich einem Weib verpflichtet
fühlen, raubt dem Mann seine Selbständigkeit und Dank ist schon an sich eine
Pflicht, die eine edle Seele nie karg abträgt ...
    Bonaventura ging eine Weile auf und nieder ... Er kämpfte ... Endlich hatte
er entschieden ... Er wollte, er konnte nicht nachgeben ... Er sah in die
Zukunft - ahnte, dass sie ihn immer und immer in Lucindens Bahnen führen würde
... Jetzt aber, jetzt in dem letzten Opferdienst seiner Seele für Paula, wollte
er sich rein erhalten ... Er schüttelte sein Haupt und sprach: Ein andermal! ...
Und für sich: Komme was komme! ...
    Die Jüdin stand in der Nähe der Tür, schon ihren Hut in der Hand ...
    Es schlug neun ...
    Ich kann meine Reise nicht aufschieben, fuhr Benno fort ... Erklären Sie -
Lucinden, ich käme - ja zurück - und dann - dann vielleicht ...
    Veilchen schüttelte ungläubig den Kopf ...
    Das bestreitet sie - sagte sie ... Sie behauptet, Sie kämen nie zurück ...
    Bonaventura liess, wie ein Ueberwundener, nur die Arme sinken und schüttelte
ablehnend sein leidendes Haupt ...
    Woraus schliesst sie das? fragte er, vor Ueberanstrengung seiner Seele völlig
kraftlos - ...
    Veilchen erwiderte:
    Man würde Sie in Wien fesseln, sagte sie ... Schon wäre ein Verwandter von
Ihnen gefesselt worden ... Man würde Sie nicht sehen können, ohne die nicht zu
beneiden, denen Sie immer angehörten ... Ich wiederhole ihre Worte ... Sie nennt
schon einen Bischofssitz, der für Sie bestimmt ist, Herr Priester ... Robillante
in Italien oder einen ähnlichen Namen ... Im Tal von - Castellungo - Das ist
der Name ... Ich habe ihn behalten ...
    Bonaventura faltete nur die zitternden Hände ...
    Die beiden Mönche, fuhr Veilchen fort, die dieses Frühjahr von Witoborn
entflohen, haben aus Rom geschrieben, dass in ihrem Kloster ein Mönch lebt, der
ein Bistum ausgeschlagen hätte, das ein mächtiger Cardinal gelobt hätte, dem
heiligsten Priester in der Christenheit zu geben ... Und in Wien sind - Sie,
Sie, Herr Domkapitular, schon dafür genannt worden ... Das wurde
hereingeschrieben ... Lucinde weiss alles ... Sie werden in Wien mit diesem
Anerbieten empfangen werden ...
    Bonaventura hörte nur ...
    Eine Besinnung, eine Fassung lag nicht mehr in seiner Kraft ...
    So hörten Sie selbst das noch nicht? fragte die Jüdin, immer hoffend, den
Zweck ihres Besuchs zuletzt noch erreichen zu können ...
    Bonaventura hauchte:
    Sie - berichten - mir - Wunderdinge ...
    Er liess sich die Namen noch einmal nennen ...
    Es waren und blieben die Namen Robillante und Castellungo ... Die Orte, wo
Paula leben sollte - wo Frâ Federigo lebte ... Er sah Benno, Olympia, Ceccone
beteiligt ... Das war das von Benno erwähnte Bistum ... Gaben es ihm wohl gar -
die Jesuiten? dachte er einen Moment ...
    Verlassen Sie sich! fügte Veilchen hinzu ... Sie kommen nicht zurück ... Sie
werden in Italien ein Bischof ...
    Ohne noch zu widerreden, faltete Bonaventura, überwunden von den Fügungen
seines Geschicks, aufs neue die Hände ... Er sah, wie mit übergeistigtem Auge,
Paula auf dem Schloss, auf dem sie einst in ihrer Vision die Fahne mit den
Dorste'schen Farben erblickt hatte ... Seinen Vater sah er unter den Eichen von
Castellungo ... Ein Glanz umfloss ihn wie die himmlische Morgenröte ...
    Dennoch schüttelte er den Kopf auf die wiederholten Bitten der Jüdin ...
    Herr Priester! ... Das ist grausam, wallte diese auf ...
    Solchen Worten zürnte er nicht mehr ...
    Gute Nacht, Liebe! sprach er ... Dank für Ihre Verschwiegenheit - wegen
dessen, was Herr Seligmann hörte, eine Verschwiegenheit, auf die ich bei unserm
gemeinsamen Gott fest und heilig baue ... Sagen Sie aber Lucinden: Wer
allwissend ist, ist auch allmächtig! ... Was kommt sie zu mir -! ...
    Herr Priester -! bat Veilchen noch einmal inständigst ...
    Komm' ich in der Tat nicht wieder, so wünsch' ich ihr alles Glück und jeden
Frieden des Gemüts ... Ich danke Ihnen, dass Sie ihr Bote wurden ... Sie sind
treu, was Sie auch gegen die Treue sagen ... Doch gehen Sie, ohne mich noch
wankend machen zu wollen ... Es gelingt nicht ... Drohungen, die Lucindens
Charakter entsprechen, schrecken mich nicht; ich kann, sagen Sie ihr's, alles
ertragen ... Noch eins! Ist sie hülflos, so schreibe sie offen und getrost - an
meinen Oheim in der Dechanei ... Das ist nicht wahr, dass alle vor ihr fliehen
... Der Onkel verehrt sie wahrhaft; er wird alles für sie tun ... Sagen Sie ihr
das! Mein Oheim ist ganz der Freund, den sie sucht ... Sagen Sie ihr auch - dass
ich glücklich bin über ihre Trennung von Nück und dass ich nie in dem Verhältnis
ein Arg gefunden ... Nicht aber mehr ... Ich kann nicht anders ... Die Kraft
fehlt mir, all die Bürden zu tragen, die mir ihre Beichte noch auferlegen würde
... In Zukunft! ... Ich reise morgen in erster Frühe ... Nun bleibt es dabei ...
    Damit half Bonaventura Veilchen schon den Mantel auf die Schultern legen ...
    Sie schüttelte den Kopf wie über die Torheit der ganzen Welt ... Still
befestigte sie ihren Mantel ...
    Bonaventura leuchtete ihr hinaus und begleitete sie über den Corridor bis an
die nächste Treppe ... Diese war erleuchtet ... Veilchen wandte sich noch
einmal, sah den Priester mit ihren geöffneten Augen wie einen
bemitleidenswerten Wahnbefangenen an und schlich die Treppenstufen nieder ...
Bonaventura wartete, bis er hörte, dass sie das Haustor gefunden ...
    Dir sind wohl schon hundert wie mit unsichtbaren Ketten gebunden, die dir
beichteten, sagte er sich, zurückkehrend in sein Zimmer, mit dem ganzen
ausbrechenden Schmerz seiner Seele; aber wie du gebunden, du umstrickt bist von
deinen eigenen Lebensrätseln, das ist ein Verhängnis wie im Haus - der alten
Labdakiden! ...
    Und des so wohltuenden Eindrucks der Jüdin gedenkend, rief er laut:
    Gott der Christen - Gott der Juden - Allah -! ... Zeus! ... Ja auch der
Olymp herrscht noch ... Nicht alle Götter der Alten sind in nichts zerflossen
... Die Nemesis - die Tyche - die Keren haben ihr Amt behalten ...
    Der Gedanke, dass ein Bistum neben dem Schloss, wo Paula wohnen sollte, für
ihn eine Unmöglichkeit wäre, stritt mit der Ungewissheit über den Eindruck, den
ihm Graf Hugo machen würde und nach dem er doch der Wahrheit gemäss entscheiden
sollte ...
    Sein Lager suchte er, um nur allein die müden Muskeln zu strecken ...
Schlaf, wusste er, würde ihn fliehen ... Träumte er, so würde der Ungetaufte -
vom Jordan träumen ...
    In der Tat erhob er sich vor Sonnenaufgang ohne Stärkung ...
    Es war ein nebeliger Morgen ... Er kleidete sich an ... Renate credenzte ihm
den gewohnten Labetrunk ... Sie weinte ... Der gute und ernste Mann war ihr wie
ein Sohn geworden und seit Monaten sah er krank und zerfallen aus und auf wie
lange verreiste er ...
    Auch in Bonaventura's Auge standen Tränen ... Er ahnte, dass er die alte
Frau nicht wiedersehen würde ...
    Rings blickte er auf seine Bücher, seine Bilder ... Es war ein Abschied auf
ewige Zeit ...
    Die Huldigungen, die seiner ersten Abreise gebracht wurden, fehlten auch
dieser zweiten nicht ...
    Für die von ihm etwa abgefallenen Seelen waren andere eingetreten und die
Feierlichkeit der Begrüssung im Kapitelhofe war sogar noch grösser, als früher
durch Schnuphase's Rede ... Sie war geordneter ... Die Curie hatte an dem Erfolg
dieser Reise das höchste Interesse ... Viele der alten Herren traten selbst an
seinen Wagen ... Dies war ein ganz eleganter, den Bonaventura gar nicht bestellt
hatte ...
    Den von Glückwünschen fast Erdrückten hob Tiebold, der gestern nur zum
Schein Abschied genommen hatte, in seinen eigenen Wagen ... Er hatte alles so
arrangirt ... Der gestrige Abschiedsbesuch maskirte die Absicht, den
Hochverehrten nicht bloss bis an das Dampfboot zu begleiten, sondern auch noch
eine Strecke weiter hinaus ...
    Die Blumen wurden einem Altar der Katedrale übersandt, an dem Bonaventura
oft celebrirte ...
    Tiebold liess sich nicht nehmen, bis zum Hüneneck mitzufahren ... Zwei
Stunden lang »zerstreute« er die stille, der Sammlung bedürftige Seele des
unglücklichen Priesters ... Erst am Hüneneck verzogen sich die Nebel ... Die
Gegend, selbst im Winteranfang lieblich wie immer, entschleierte sich ...
Tiebold konnte nicht allen Empfindungen Ausdruck geben, die ihm der Anblick
Lindenwerts, der Blick nach Drusenheim und dem Geierfels hinüber machte,
wenigstens nicht in Bonaventura's Gegenwart ... Am Gastaus zum Roland landete
der Dampfer ... Tiebold stieg hier aus und erneuerte den Abschied ...
    Als Bonaventura allein war und tiefbewegt Rundgänge, die denen in seinem
eigenen Geisteslabyrint glichen, auf dem Verdeck machte, das erst jetzt von
seiner Reinigung und der Nebelnässe zu trocknen anfing, bemerkte er, gerade beim
Hinblick auf die Maximinuskapelle und den Sanct-Wolfgangsberg, hinter dem sein
altes stilles Glück lag, einen jungen Mann, der, mit dem Rücken an den Radkasten
der Maschine gelehnt, ihn mit grossen durchbohrenden Augen ansah ...
    Die Gestalt war nicht zu gross, zierlich und behend ... Die Kleidung elegant
... Ein Mantel von dunkelbraunem Tuch mit offenen Aermeln, am Kragen besetzt mit
schwarzem Sammet, das Futter von einem langflockigen Zeuge und Schnurtroddeln
geschmackvoll zum Zusammenhalten des Mantels - Darunter ein schwarzer
enganliegender Oberrock ... Die Cravatte schwarz; ebenso die Handschuhe ... Ein
feiner ganz neuer Hut auf dem Kopf ... Die Haare kurzgeschnitten ...
    Ueber den starren Ausdruck des bräunlichen zierlichen Antlitzes flog ein
Erröten und ein verlegenes Lächeln, als Bonaventura's Blick länger auf dem
jungen Mann verweilte ...
    Doch zerstreute ihn bald die teure, geliebte Gegend ...
    Es ging vorüber an der Maximinuskapelle, am »Weissen Ross« ...
    Bonaventura bemerkte den jungen Passagier nicht mehr ... Auch später bei
gemeinsamer Tafel fehlte die Gestalt, die ihm den unheimlichen Eindruck einer
Aehnlichkeit mit Lucinden machte ...
    Hafenruhe konnte erst spät gegen Abend um zehn Uhr geboten werden ...
    Der junge Passagier war verschwunden ...
    Die Fahrt ging zuletzt im Dunkeln und bedurfte der Vorsicht ... Aber so kalt
es wurde, die Passagiere verbrachten die längste Zeit lieber auf dem Verdeck ...
    Bonaventura ging auf und nieder ... Ein Berg mit einem hochtronenden
Schloss führte ihm die Scene vor, die Benno mit dem Staatskanzler erlebt und
geschildert hatte ... Es war schon bald bei Ankunft in der grossen alten
»goldenen« Stadt, wo die Rast für die Nacht stattfinden sollte, als Bonaventura
wieder den jungen Mann erblickte, eingeschlagen in seinen weiten Mantel und
nicht weit vom Steuerruder sitzend ...
    Er rückte und rührte sich nicht ...
    Ging aber Bonaventura an ihm vorüber, so war es ein einziger unter dem etwas
breitrandigen schwarzen Hut und aus der Umhüllung des emporgezogenen
Sammetkragens hervorzuckender Blitz der Augen - ein Funkeln, wie ein Käfer in
der Nacht aufglüht, ein Funkeln, wie ein lauerndes Raubtier sich durch nichts,
als seine Augen verrät ... Kein Laut, keine Bewegung, als ein Zurückziehen des
lackirten zierlichen Stiefels, um dem Vorübergehenden Platz zu machen ... Die
Situation, die Zeitdauer, alles bot dem Priester Musse, sich an die entsetzliche
und doch fast beruhigende Vorstellung zu gewöhnen: Wenn das Lucinde wäre! ...
    Beim Landen, beim Wohnen in einem »Rheinischen Hof« war die Spur des jungen
Mannes verschwunden ...
    Nach zwei Tagen und einem Aufentalt in Frankfurt befand sich Bonaventura in
der Stadt, wo er im Seminar gewesen ...
    Es war dasselbe Seminar, von dem Serlo erzählte ...
    Er besuchte alle ihm denkwürdigen Plätze der Erinnerung ... Die Altarstelle,
wo er zum Priester geweiht worden ... Das Zimmer, wo Paula in der ortopädischen
Anstalt lag ... Den Bischof, bei dem Lucinde convertirte ... Den Mitgeweihten
Niggl, einen noch immer zwischen dem Naiven und Excentrischen unpraktisch,
brausend und schnaubend hin- und herfahrenden, gutmütigen Phantasten ...
    Bonaventura sah und begrüsste alles wie zum letzten mal ...
    Auch das berühmte Hospital des alten Bischofs Julius sah er ... In dem
botanisch gepflegten Garten schien die Jahreszeit noch nicht der November ...
Die Genesenden sassen zwar nicht im wärmenden Sonnenstrahl, aber die Irren
rannten hin und wieder, gesticulirten und sprachen aufs zufriedenste mit sich
selbst ...
    Da wieder der Anblick des jungen Mannes vom Dampfboot ...
    Kaum schoss er an ihm und an Niggl, der ihn begleitete, vorüber, so sagte
dieser:
    Wer war nur das? Das Gesicht ist mir so bekannt ...
    Nach wenigen Augenblicken, wo der junge Mann verschwunden war, begann Niggl,
von unbewusster Ideenassociation geleitet, von Lucinden als von einer
Hocherleuchteten, von einer durch Nück und Hunnius und viele andere in alle
Vorkommnisse des innern Kirchenlebens Eingeweihten ... Er scherzte über die ihm
wohlbekannte Neigung derselben zu seinem Besuch ... Beda Hunnius hatte ihm
darüber Mitteilungen gemacht ... Er wusste schon, dass sie von Nück sich entfernt
hatte, und vermutete, sie wäre nach Belgien, um Jesuitesse zu werden -
»Redemptoristin« - nach dem äussern Ausdruck ...
    Das Gespräch kam von dem verfänglichen Gegenstand ab ...
    Bonaventura sah den jungen Mann nicht wieder, aber sein Herz bebte von den
trübsten Ahnungen ...
    Die Donau kam ... Bonaventura bewunderte den regensburger Dom und bestieg
die Höhe, auf der König Ludwig die Walhalla erbaut hat ... Ein Aufentalt dort
oben wie Atemzüge im Aeterreich ... Unten die Erde mit ihren Mühen, hier oben
die Himmlischen ... Ausgerungen haben Kampf und Leidenschaft ... Hier sind die
Pforten der Welt des Plato, die Eichen im Haine Odin's ... Walkyren stehen zwar
noch, die unerbittlichen Parzen, in marmornen Gebilden an der Schwelle des
Tempels; aber sie scheinen Versöhnerinnen, nicht mehr Rächerinnen ...
    Bonaventura stieg die Riesentreppe nieder - tieferfüllt von dem empfangenen
Eindruck ... Da blickt er auf neue Ankömmlinge ... Eine Gesellschaft, die eben
mit einem Boot aus Regensburg angekommen sein mochte, steigt ihm von unten her
entgegen ... In ihrer Mitte - sein Reiseschatten, der junge Mann im braunen
Mantel ... Dicht streift er, tief niederblickend, an ihm vorüber ... Zwei
Schiffe kreuzen sich so auf dem Meere ...
    Bonaventura konnte nicht stehen bleiben, nicht der spukhaften Erscheinung
nachsehen ... Sie war schon wie seine Furcht, wie sein Gewissen geworden ...
Beim jedesmaligen Begegnen fuhr ein schriller Ton durch die Luft: Du
Ungetaufter! ... Und ebenso sagte das Lächeln des jungen Mannes: Bleibe ruhig,
ich bin dein Schutzgeist! ...
    Die regensburger Geistlichen, von denen Bonaventura begleitet war, führten
den Erblassenden, Schwankenden noch in einem Wagen nach einem Oertchen,
Straubing gegenüber ... An der Stelle, wo Agnes Bernauer ihren Tod in den Wellen
gefunden, bestieg er das Dampfboot ... Er glaubte annehmen zu dürfen, dass er
nicht allein fuhr - dass der junge Mann - Lucinde - schon auf dem Dampfer war ...
    Er sah sie aber nicht ... Nicht die ganze Reise entlang, die zwei Tage
dauerte ... Er glaubte nun doch an eine Täuschung in der Person ...
    So kam er nach Wien ... Er sah zum ersten mal eine so rauschende, volkreiche
Stadt, wohnte bei dem Chorherrn, der ihn ganz erst so zuwartend und prüfend wie
Benno empfing, teilte die Aufgaben, die seiner im Gewühl dieser grossen Stadt
harrten, gewissenhaft ein, überlegte: Wie näherst du dich dem Grafen! ...
    Darüber vergingen einige Tage ...
    Die Gräfin Erdmute war zum Grafen Hugo auf Schloss Salem hinaus, um den
grollenden Sohn hereinzuschmeicheln ...
    Bonaventura hatte beim Cardinal Ceccone seine Briefe persönlich abgegeben,
war in der Tat von dem liebenswürdigsten und zuvorkommendsten Benehmen eines
Priesters, der die Grazie als Milderung der List über sein ganzes Wesen
ausgegossen trug, mit dem Anerbieten des Bischofssitzes von Robillante begrüsst
worden ... Olympia, die Herzogin von Amarillas, Benno wurden als seine
Protectoren genannt ...
    Alle seine Pulse flogen, als er, nach der von ihm um Bedenkzeit
ausgesprochenen Bitte die Stufen des kleinen Palastes niederstieg ...
    Er wusste nicht, wie er auf die Strasse kam ...
    Kaum blickte er auf, da rollte ein Fiaker vom Hause, der nur auf ihn
gewartet zu haben schien ...
    Aus dem Schlag blickte ein Kopf - der junge Mann im braunen Mantel ...
    Pfeilgeschwind schoss der Wagen vorüber ...
    Er verlor die Besinnung und verirrte sich in den Strassen ...
    Wer Bonaventura sah, wer ihn nach einer Vorstellung anredete, wen er
besuchte - jeder wusste, dass er Bischof werden sollte im Piemontesischen ...
Jeder fragte nach seiner italienischen Predigt in »Maria Schnee«, die zugleich
mit drei Messen bedungen war ...
    Man fand diese Erhebung so natürlich ... Man sagte, der Domkapitular wäre
ein Gesinnungsgenosse des Kirchenfürsten und in seiner Heimat »unmöglich«
geworden ... Dort schied er aus ... Auch seine Gesundheit rate ihm den
Aufentalt im Süden ...
    Sofort in den Palatinus zu gehen vermochte er nicht ... Er zitterte, sich
dort zu verraten ... Aber es suchte ihn schon Fürst Rucca auf ... Olympia
überhäufte ihn mit Geschenken und Zuvorkommenheiten, wie sie eben nur Priester
anzunehmen gewohnt sind ... Er rüstete sich, noch unentschlossen, gedrängt vom
Chorherrn - italienisch zu predigen ... An sich war es ihm ein Leichtes, da er
die Sprache so gewandt, wie Benno, sprach ...
    Noch immer sah er die Herzogin nicht ... Der Boden unter ihm wurde heiss wie
Feuer ... Glühende Lava rann neben ihm ... Was soll aus Alledem werden! stöhnte
er vor Schmerz über seine Lage ... Nun auch noch die fremden Leiden zu den
eigenen! ...
    Schon wussten auch die Zickeles, wohin ihn seine Creditbriefe führten, von
seiner Ernennung und wünschten der Gräfin Erdmute Glück, ihn als einen
Deutschen so in der Nähe zu haben ... Er musste sich sagen: Das zerstört ja jede
Möglichkeit der Ehe ihres Sohnes, wenn Graf Hugo die Absicht meiner Reise
erfährt und - Paula's Empfindungen für mich kennt -!
    In der Tat, die Gräfin empfing ihn mit der Kälte, die er erwartet hatte ...
Hasste sie schon das römische Priestertum an sich, war sie wie ihr Sohn
tiefverletzt von der Bedingung, dass erst eines Beichtvaters Ja! oder Nein! über
Paula's Willen entscheiden sollte, so war die Nachricht, dieser Beichtvater käme
nun auch sogleich dicht in die Nähe Castellungo's, wo der Graf so gern ganz sich
niedergelassen hätte, und folgte demnach seinem Beichtkinde, für sie ein wahrer
Hohn, den die »Kirche« dem Stolz dieser Familie sprach ... Sie sah hier nichts
als die Veranstaltung der Jesuiten ... Sie sah das fortgesetzte Wirken des
Ordens, dem Terschka sich entzogen hatte ... Sie sah die Feindseligkeit des
Erzbischofs von Cuneo, des Cardinals Fefelotti, der bereits gewaltsam in die
Rechte der Waldenser eingegriffen hatte ...
    Als Bonaventura von seiner ersten Begegnung mit der Gräfin mit dem
Entschluss, lieber doch dieser Lockung des Ehrgeizes, dieser Lockung seiner Liebe
zur Geliebten und zum Vater mit äusserster Kraft zu widerstreben, nach Hause kam,
regnete es in Strömen ...
    Schon war es spät ... Er konnte nicht sogleich auf der Freiung die Pforte
finden, die die seinige war ...
    Eine Weile dauerte es, bis er sich zurecht fand ...
    Wie er geklingelt hatte, schlug unter den vielen Regenschirmen, die um ihn
her sich fast den Platz benahmen, einer, ein dunkelblauseidener, auf ...
    Indem er in sein Wohnhaus trat, erkannte er die langsam an ihm
vorübergehende Gestalt im braunen Mantel und mit den schwarzen Handschuhen ...
    Das Blau des Schirmes, das Gaslicht der Laterne, die gerade neben der
Hauptpforte befestigt war, der mit Schnee untermischte Regen gaben dem Antlitz
des jungen Mannes den Ausdruck des Todes ...
    Kein Wort, nicht einmal ein zweiter Blick, nur ein Lächeln, wie: Siehst du
nun? - und das Bild war vorüber ...
    Bonaventura suchte wie vor einem Gespenst sein einsames Zimmer ... Er floh,
als wenn Lucinde hinter ihm her huschte und höhnte: Heide! Heide! und dann doch
sagte: Aber sei ohne Furcht! Ich sag' es nur dir! ... Sie ist es, rief er ...
Sie ist es ... Was kann sie noch wollen? ...
    Am folgenden Tage sah er endlich die Herzogin von Amarillas ...
    Olympia ruhte nicht eher ...
    Principe Rucca suchte ihn fast gewaltsam in den Palatinus zu führen ...
    Ceccone war zugegen ... Es war äusserlich ein heiterer Abend ... Unter den
Scherzen zitterte das tiefste Leid ... Angiolina wurde nicht erwähnt ...
    Benno's Mutter fand er, wie sie dieser geschildert ... Unter dem Schein
äusserster, ja abstossender Kälte eine leidenschaftliche und dann doch wieder
plötzlich kalt verständige Seele ...
    Er und sie benahmen sich so, als wüssten sie nichts vom Tiefverborgenen ...
    Olympia überhäufte ihn mit Schmeicheleien und Liebkosungen - um Benno's
willen, den sie für seine Flucht einen Maledetto nannte, den sie nun bald in Rom
strafen würde ...
    Principe Rucca nannte den Baron von Asselyn schon den allerbesten Freund,
den er in dieser Welt besässe ...
    In einigen Wochen hofften alle in Rom zu sein ... Es schienen Menschen,
hergekommen aus jener alten Welt der Imperatoren, wo die Frauen in ihren
Ohrgehängen den Wert eines Königreichs trugen ... Sie fanden ganz in der
Ordnung, dass der Bischof von Robillante sein Bistum vom Kapitel verwalten liess
und den Carneval in Rom verbrachte ... Wie bewunderten sie Bonaventura's
italienische Aussprache ...
    Die Herzogin war bei all diesen wilden und leichtsinnigen Exclamationen - -
die Duenna Olympia's - jene Arme, die sich von Kirche zu Kirche fortbetete, weil
sie keine Kutsche bezahlen konnte ... Sie stand tief befangen und mit Zittern
lauschend ... Die noch zum Leben verurteilte - Niobe, wie sie Bonaventura's von
ihr seltsam gefesseltem Auge erschien ...
    Die Schwierigkeit der von Paula gestellten Aufgabe lähmte Bonaventura's
Entschliessungen ...
    Wie sollte er dem Grafen sich nähern? Wie ihn nur annähernd ergründen? ...
    Selbst Erkundigungen nur über seinen Ruf einzuziehen, widerstrebte ihm ...
    Auch kannte jedermann und niemand mehr, als Bonaventura, sein Verhältnis zu
Angiolinen ... Er wusste durch Benno, dass der Graf ehrenwert war, ja edel von
Paula sprach ... Er konnte nur nach Westerhof schreiben: Er ist vollkommen
würdig! ... Dennoch - ihn sehen, eine Weile mit ihm leben, war unerlässlich ...
    Die Mutter des Grafen betrachtete ihn indessen mit prüfenderen Augen, als er
auf ihren Sohn gerichtet haben würde ...
    Als der Graf hörte, Bonaventura sollte Bischof von Robillante werden, kam er
noch weniger von Schloss Salem herein, von dessen Versteigerung man schon sprach
...
    Bonaventura erfuhr letzteres von Angelika Müller ...
    Diese, endlich einmal wieder in katolischen Berührungen recht sich
ausschwelgend, sagte:
    Gräfin Erdmute fährt hin und her, schickt Boten über Boten an die Zickeles
... Die Katastrophe ist reif ... An die Stelle des Adels tritt in dieser Welt
die Börse ...
    In diesen Zustand der Unentschlossenheit, die durch Lucindens verlorene Spur
gemehrt wurde, hinein drängten sich die Vorbereitungen zur wirklichen
Vollziehung seiner Bischofswahl, noch ehe er ganz entschieden zugesagt hatte ...
    Das Kapitel von Robillante hatte seiner eigenen Wahl sich begeben und der
römischen Curie die Besetzung mit einer ihr genehmen Persönlichkeit überlassen
... Bonaventura stand der Gräfin und dem Grafen gegenüber in einem Licht, das
das ungünstigste von der Welt sein musste ... Was sollte Paula denken! Was ganz
Westerhof! ...
    Da, zur Mehrung des falschen Scheins, musste es geschehen, dass der
unwiderstehliche Zug des Herzens, der Bonaventura nach den Eichen von
Castellungo zog, eine Entscheidung erhielt, die ihn bestimmte, in der Tat die
Mitra und den Krummstab anzunehmen, es mochte kommen, was da wollte - - ...
    Er war bei Gräfin Erdmute gewesen, hoffte wieder vergebens, bei ihr den
Grafen Hugo zu begrüssen ...
    Die Gräfin empfing ihn mit äusserster Kälte, heute mit einer Aufregung des
Zorns ...
    Ihre Augen glühten, ihre Hände zitterten ...
    Ha, brach sie nach den ersten Begrüssungen aus, da seh' ich die neuen Kämpfe,
die mir beschieden sind! ... »Haltet Recht und Gerechtigkeit und errettet den
Beraubten von des Frevlers Hand!« spricht der Prophet ... Ich muss nach Italien
... Fefelotti zertritt die Früchte meiner Anstrengungen ... Hab' ich darum mit
soviel Kronen und Cabinetten unterhandelt! ...
    Bonaventura erfuhr eine Schreckenskunde - auch für ihn ...
    Die nach Witoborn zu Hedemann's Hochzeit reisende Mutter Porzia Biancchi's,
die bei den Seidenwürmern zurückgebliebene Giuseppina Biancchi, Gattin des
frankfurter Napoleone, Schwägerin des Professors Biancchi, der - ein echter
Italiener - vor seiner Verwandtin plötzlich »verreist« war, hatte diese
Nachricht eben mitgebracht ...
    Der Eremit von Castellungo, Frâ Federigo, war spurlos verschwunden ...
    Im Mund des Volkes ging nur Eine Stimme ... Der neue Erzbischof von Cuneo
hatte ihn in die Kerker der Inquisition geworfen ...
    Als Bonaventura diese Mitteilung hörte - als er den Strom von Anklagen und
Verwünschungen, in denen sich die Greisin erging, auch nicht mit einem einzigen
Wort unterbrach, sondern nur, wie die Wand so weiss geworden, den Bericht vernahm
und sich ihn von der hereingerufenen alten Italienerin bestätigen liess - wie er
selbst dem kleinsten Zug der Mitteilung eine fieberhafte Aufmerksamkeit
schenkte, hätte eine mit geringerem Selbstvertrauen begabte und nicht ganz nur
in sich selbst lebende Persönlichkeit, wie die der Gräfin, wohl erkennen müssen,
welche Umwälzungen im Innern Bonaventura's vor sich gingen ...
    Sie sah in dem Zucken seiner Nerven, in seinen auf den Lippen ersterbenden
Fragen und Antworten nur die Beschämung eines römischen Priesters ...
    Jetzt bricht es aus, was die »Rotte Korah«, die Väter der Gesellschaft Jesu,
über unser Haus verhängt haben! rief sie leidenschaftlich aus ... Dieser
redlichste Freund der Armen, dieser wahre Priester Gottes, dieser Ratgeber,
Tröster, Lehrer der Unglücklichen und Unwissenden, ein heimatloser Pilger, den
ich seit Jahren schützte, ein Deutscher nach allem, was ich von ihm entdecken
konnte, so oft ich seine einsame Hütte besuchte und eine Vergangenheit zu
ergründen strebte, die er vielleicht notgedrungen verhüllt - schmachtet jetzt in
den unterirdischen Kerkern des Kapitels von St.-Ignazio - ist vielleicht schon
den Ketzerrichtern, den Dominicanern der Trinitâ zu San-Onofrio übergeben! ...
    Und kein Beistand von der Regierung, fuhr sie fort ... Diese Regierung ganz
in den Händen der Jesuiten ... Kein Beistand bei den benachbarten Geistlichen
...
    Nicht bei mir?! rief Bonaventura mit mächtig hallender Stimme ...
    Seine Augen leuchteten ...
    Er stand aufrecht, erhoben, wie mit einem Blitzstrahl in seinen krampfhaft
ausgestreckten Händen ...
    Die Gräfin betrachtete die seltsame Bewegung, hörte das Wort des Beistands
mit Teilnahme - aber, da nächst dem Glauben ihr der Sohn ihr Alles war, so sah
sie jetzt nur die wirkliche Bestätigung des Gerüchts über Bonaventura's
Bischofssitz - in der Nähe der luterischen Salem-Camphausens - in der Nähe
Paula's, ihrer - allenfallsigen Schwiegertochter ...
    Die Entfremdung blieb die alte ...
    Eine Annäherung an den Grafen war aufs neue gestört ... Eine blosse
Formalität, die Bonaventura zur Beruhigung Paula's und der Verwandten schnell zu
beenden glaubte, wurde immer unmöglicher ...
    Er rannte dahin - wie von Rossen gezogen ... Er hatte sich noch von der
Gräfin und von der alten Italienerin über seinen vermeintlichen Vater erzählen
lassen ...
    Jeder Zug bestätigte seine Ahnung ... Sein Vater lag nicht in dem Schnee der
Alpen begraben, nicht in Sanct-Remy - er lebte - war seiner Freiheit beraubt ...
Beraubt durch Fefelotti, dem er berechtigt sein konnte, gegenüberzutreten ...
    Es gab jetzt keine Wahl mehr für ihn ... Er musste Bischof von Robillante
werden ... Paula gegenüber das zu bleiben, was er bisher war, ein Entsagender -
diese Kraft für ein ganzes Leben sich zuzutrauen, entmutigte ihn ja nichts ...
    Wie aber jetzt die Vereinigung aller Interessen! ... Er hätte dem Grafen
sich so gern ganz vertrauen, ihn in seine Seele blicken lassen mögen ... Die
Heirat Paula's musste stattfinden ... Aber auch von seinem Bischofsstabe konnte
er nicht lassen ... Sollte er sich dem Chorherrn anvertrauen? ... Dem Cardinal
Ceccone selbst? Sollte er dem Grafen an die Brust sinken? Gerade da sich
ausweinen? ... Wäre Benno's Vermittelung möglich gewesen! ... Fast war es ihm
ein Trost, den Doppelgänger Lucindens oder sie selbst zu sehen ... Er konnte
annehmen, dass sie noch nicht alles, alles kannte, was seine Seele belastete ...
    Daheim erwartete ihn Leo Zickeles, der älteste der Söhne des grossen
Handlungshauses, und beklagte aufs bitterste, dass der Gang der Geschäfte mit dem
Grafen eine so üble Wendung zu nehmen drohte ... Alle Hoffnungen schienen
zerstört, die Aussichten auf die Heirat schienen gescheitert ... Die Gräfin,
hörte er, hätte neue Verbindungen mit Geldleuten eingeleitet ... Sogar an Herrn
von Pötzl wäre eine Annäherung erfolgt ... Zweideutige Agenten riefe sie in ihr
Palais ... Der »ungerechte Mammon« brachte die liebende Mutter um alle Haltung
...
    Leo Zickeles sah in dem seufzenden Schweigen des jungen vornehmen
Geistlichen nur - die Verstockteit der Kirche gegen eine gemischte Ehe, äusserte
sich aber darüber mit der seiner Stellung geziemenden Zurückhaltung ...
    Am Abend durfte Bonaventura nicht beim Cardinal Ceccone fehlen ... Er liess
sich getrost als »Bischof von Robillante« begrüssen, komme was da wolle - und
doch sagte er sich: Treulos handelst du an den Verwandten Paula's - an dem
Grafen Hugo! ... Er war mit seinem ganzen Dasein zerfallen ...
    Den folgenden Morgen hatte er verzweifelnde Briefe an den Onkel, an Benno
geschrieben ... Aber er war willens, in die Kirche »Maria Schnee« zu gehen, die
alle geistlichen Functionen, Messe, Beichtstuhl, Predigt ihm schon gestattete
...
    Dann wollte er nach Schloss Salem fahren und den Grafen dort begrüssen - oder
nicht eher weichen, bis er ihn gesprochen, ihm - er hoffte es - Vertrauen
abgewonnen hätte ...
    Um halb zehn Uhr erhielt er einen Brief vom Grafen selbst ...
    Er war datirt aus der Stadt und vom frühesten Morgen ... Man hatte den Brief
zurückbehalten, bis Bonaventura sein Zimmer öffnete ...
    »Hochwürdigster Herr Domkapitular!« lautete er. »Noch immer ist es mir nicht
möglich gewesen, in der Stadt Ihren Besuch zu empfangen und zu erwidern, da ich
durch vielfache Geschäfte an meinen Landaufentalt gebunden bin. Gestern Abend
bin ich von Schloss Salem hereingekommen und zwar auf Grund eines Briefes, den
ich von Herrn von Terschka aus London erhielt. Er wiederholt die Behauptung, dass
die Urkunde, die unsere Linie um Hoffnungen betrog, die Jahrhunderte alt sind,
eine gefälschte ist. Er verwies mich ausdrücklich auf eine gewisse Lucinde
Schwarz, mit der ich mich über diese Angelegenheit verständigen sollte. Sie
wäre, wie er gehört hätte, jetzt in Wien und stünde zum Herrn Oberprocurator Dr.
Nück in Beziehungen der grössten Intimität. Die Ehre und der Bestand meines
Hauses stehen auf dem Spiele. Ich erkundigte mich noch gestern Abend nach dieser
Dame und fand sie in der Tat hier anwesend. Ich sprach sie. Ich will jedes
Aufsehen meiden, aber ich muss die Dame durch meine Mitteilungen für sichtlich
in Verlegenheit gesetzt erklären. Wenn ich nicht sofort gegen sie einschreite,
so ist es, weil mich eine ausserordentliche Aehnlichkeit derselben mit einem
Wesen rührt, das mir unendlich teuer war. Auf mein wiederholtes Androhen, dass
ich nichts unterlassen würde, um eine Freveltat aufzudecken, an der, wie ich
weiss, meine Verwandte unbeteiligt sind, erklärte sie mir, sie würde nur eine
Antwort zukommen lassen durch Eure Hochwürden - nach einer in der Beichte
genommenen Rücksprache - - Somit ersuche ich Sie in aller Ergebenheit, haben Sie
die Güte, von ihr in der Kirche der Italiener, wo Ihnen Kanzel und Beichtstuhl
eingeräumt wurden, die Beichte entgegenzunehmen - und zwar heute in der Frühe,
zehn Uhr. Ist diese mit Ihnen genommene Rücksprache vorüber, so bitt' ich mir
die Stunde bestimmen zu wollen, wo ich die Ehre haben kann, Ihnen meine
Aufwartung zu machen. Um meine gute Mutter nicht aufzuregen, bitt' ich dringend
um die Adresse: Professor Dalschefski, beim St.-Stanislaushause auf der
Currentgasse. Mit aller Hochachtung Hugo, Graf von Salem-Camphausen.« ...
    Bonaventura's Atem stockte ...
    Er sah auf die Uhr ...
    Es war schon dreiviertel auf zehn ...
    Nach einigen Minuten Besinnung begab er sich, geführt vom Chorherrn, in die
Kirche »Maria zum Schnee« ....
    Bald standen sie auf einem kleinen Platz, wo ihn der freundliche Führer
weiter wies ...
    Die Sakristei liegt ein wenig abseits von der uralt ehrwürdigen Kirche ...
    Wie er sich zitternd in geistliche Kleidung warf, starrten ihm durchs
Fenster von einem Kreuzgang her alte Grabmäler und Statuen wie der Tod entgegen
...
    Er betrat das Innere des gotischen, hellen, nur zu sehr modernisirten
Gottestempels ...
    Es war ihm, als träte er ein - in die Welt des Südens ... Doch auch wie ein
heisser Sirocco wehte es zugleich ihn an ...
    An einem der hohen Pfeiler ragte die Kanzel, wo er am nächsten Sonntag
predigen sollte ...
    Er verbeugte sich dem Hochaltar und schritt an dem Standbild Metastasio's
vorüber - ...
    Der Messner führte ihn in einen Beichtstuhl, dicht an einem kleinen
Nebenaltar mit brennender Lampe ...
    Ein Bild des Gekreuzigten, zu dessen Füssen zwei Frauengestalten, alte
Holzschnittwerke, beteten, zur Rechten - zur Linken das hohe Eingangsportal ...
    In dem engen braunen Häuschen sank er zusammen, wie das Vorbild all seines
Duldens - als diesem auf seinem Todesgang Simon von Cyrene zu Hülfe kam ...
    Es schlug zehn Uhr ...
    Wenig Secunden - und eine Gestalt - in weiblicher Kleidung - kniete neben
ihm ...
    Es war Lucinde.
                            Ende des sechsten Buchs.
 
                                  Achter Band
                                  Siebentes Buch
                                        1.
Jenseits der Tiber, hoch auf dem Janiculus, liegt in Rom das Kloster San-Pietro
in Montorio ...
    Eine der schönsten Aussichten über die Siebenhügelstadt geniesst man dort auf
dem Platz vor einer Kirche, deren erste Anlage zu den urältesten gehört. In
ihrer spätern Erneuerung verrät sie nicht ganz jenen mehr prächtigen, als
schönen Geschmack, in welchem fast alle Kirchen Roms gebaut sind ...
    Pinien und Cypressen bezeichnen die Stätte, von wo das Auge die im Abendrot
verschwimmenden violetten Contouren des Horizonts bis zu den Sabiner- und
Albanergebirgen verfolgen kann. In nächster Nähe schwimmt, von Abendnebeln
durchzogen, das unermessliche Häusermeer, durchschnitten von den Krümmungen der
Tiber. Zahllose Kirchen ragen auf, zahllose Paläste, das Capitol mit seinen
Trümmern aus der eisernen Römerzeit, die Engelsburg mit ihrem sein Schwert
senkenden Sanct-Michael auf der Zinne ... Ein Bild, gross und herrlich wie die
Vision einer Verheissung ...
    Der erste Gedanke jedes Pilgers, der in Rom ankommt, ist die weltistorische
Macht der christlichen Idee ... Die Schauer der Erinnerung an die blutige
Märtyrerzeit begleiten ihn schon vom Fuss der Alpen ... In Rom angekommen, sieht
er die Triumphe des Kreuzes ... Kein Tiber, kein Nero, kein Domitian beherrschen
mehr das Universum ... Die Vexillen und blutigen Fasces der Imperatoren, unter
denen der christliche Bekenner verspottet, gefoltert, den wilden Tieren
vorgeworfen wurde, sind zerrissen und zerbrochen ... Der capitolinische Jupiter
stürzte selbst vom tarpejischen Felsen; den Rand seines zurückgebliebenen
Sessels ziert das Kreuz ... Das Kreuz triumphirt über Cicero, Cato, August,
Seneca ... Es triumphirt ohne Rache ... Sanct-Michael auf der Engelsburg hält
sein Schwert nicht drohend empor, sondern senkt es versöhnt zur Erde ...
    So kann man fühlen, wenn Hunderte von Glocken nach San-Pietro in Montorio
hinauf das Angelus tragen ... Der nächste Gruss kommt links aus San-Onofrio, von
Tasso's Eiche herüber; zur Rechten von Santa-Cecilia über die botanischen Gärten
aus Trastevere ... Hier oben bei den reformirten Franciscanern wird es später
Nacht, als im Tal da unten, wo schon Hunderte von Lichtern aufblitzen ... Die
Mönche sitzen soeben im Refectorium - essen Polenta - köstlichen jungen Salat
aus ihrem eignen Garten ... Salz und Pfeffer, nicht Asche darauf gestreut, wie
Petrus von Alcantara, der Stifter dieser - »Reformation« - mit seinem Salat es
zu halten pflegte ...
    Der fromme Pater Vincente, für den Bonaventura jetzt in Robillante Bischof
ist, fehlt heute unter den Brüdern der braunen Kutte ...
    Er liegt in seiner Zelle und erbittet sich von Gott Kraft und Sammlung zu
dem harten Weg, für den gerade ihn heute ein Loos getroffen ...
    Alle Klöster der von Almosen lebenden Orden sind eingeladen, heute in der
Nacht auf Villa Rucca zu erscheinen, um dort die Gaben des jungen, heute
vermählten fürstlichen Paars, die Abfälle der köstlichen Tafel zu empfangen ...
    Der alte Fürst Rucca, Generalpächter der Steuern an der Nordküste des
Kirchenstaats, will zeigen, dass das Sprüchwort falsch ist: »Unrecht Gut gedeiht
nicht!« - Was kann gedeihlicher sein, als Almosen an Klöster und Bettler ...
    Guardian und Brüder wussten, dass Pater Vincente einst um einen »Kuss in der
Beichte«, den sein Gewissen und seine Phantasie ihm nur vorgespiegelt hatten,
hier oben Jahre lang hatte büssen wollen ... Büssen zu dem Stachelgürtel, den
Barfüssen und den aus drei Brettern bestehenden Betten, die hier Regel sind, noch
hinzu! ... Ein Trost der Brüder war, dass doch noch nicht ganz gelebt werden
musste, wie der Freund der heiligen Terese, der Beichtvater des Einsiedlers von
Sanct-Just (Karl V.), Petrus von Alcantara lebte, in einer Zelle, die kürzer
war, als seine Leibeslänge! Ging man über den Hof hinweg, so fand man von
Bramante eine Kapelle just über der Stätte erbaut, wo der Apostel Petrus einst
mit dem Kopf nach unten gekreuzigt werden wollte - Sanct-Peter wollte nicht die
Ehre haben, zu sterben, wie sein Herr und Meister ... Der Janiculus ist das
zweite Golgata. Was sagten, solchen Leiden gegenüber, drüben die dunklen Zellen
mit eisernen Gittern, in deren einer der selige Bartolomäus von Saluzzo zehn
Jahre hinbrachte, ein Priester, der die Dreistigkeit hatte, schon dem Rom seiner
Zeit, Päpsten und Cardinälen, zu sagen: Nicht einer unter euch ist ein wahrer
Priester! ...
    Pater Vincente schien kein so wilder Feuerkopf. Ein Schwärmer aus dem Tal
von Castellungo, gehörte er ohne Zweifel zu jener dritten Art der Heiligen, den
Geschlechtlosen, von denen damals der Onkel Dechant gesprochen ... Im Süden sind
vollkommen schöne Jungfrauen nicht so häufig, wie diese rein vegetativen,
willenlosen, zuweilen bildschönen Jünglinge ... Ein Mönch lebte gefangen auf
San-Pietro in Montorio, der den Pater Vincente nur einmal sah und sich sagte:
»Nun begreif' ich Horaz und Alcibiades, Plato und - Platen -« ...
    Wer konnte wohl hier oben in Rom vom deutschen Dichter Platen sprechen? - -
...
    Pater Vincente hatte das Loos gezogen, der Hochzeit seines bösen
Beichtkindes beizuwohnen ... Er sollte die Speisen in Empfang nehmen, die man
ihm in seinen Quersack schütten würde, den jedoch ein stärkerer Laienbruder
tragen sollte ... Dieser Laienbruder war krank ... Das Fieber springt in Rom von
einem Berg zum andern ... Im Monat Mai hockt der unheimliche Dämon auf dem
Janiculus ... So hatte man beschlossen, einen der beiden deutschen Gefangenen,
die hier in Rom auf der Höhe des freien Vogelflugs in strenger Haft sassen, ihm
zur Begleitung mitzugeben ... Der eine, den die Mönche »den Todtenkopf« nannten,
war so stark, dass er im ersten Anfall seiner Ungeduld die verrosteten Eisenstäbe
seines Kerkers verbog und fast zerbrach ... Jetzt war Bruder Hubertus schon
lange ruhiger geworden ... Er liess nach dem letzten Vierteljahr, das er und
Pater Sebastus noch für ihre Flucht aus dem Kloster Himmelpfort in Deutschland
hier zu büssen hatten, ein nützliches Mitglied der Alcantarinergemeinde erwarten,
falls Pater Campistrano, der General der Franciscaner, und der
Cardinal-Grosspönitentiar ihm und dem nur noch schattenhaft am Leben hängenden
Doctor Klingsohr die Bestätigung gaben, dass ihre Absicht, zu den »Reformirten«
ihres Ordens überzutreten, auf einem wirklichen Bedürfnis der Seele beruhte ...
    Als Pater Vincente gehört, er müsste auf das ganz Rom in Bewegung setzende
Hochzeitsfest der Gräfin Olympia Maldachini mit dem Sohn des reichsten aller
Römer nächst dem Fürsten Torlonia gehen und unter den hundert Bettlern auch für
San-Pietro in Montorio seine zarte, weiche, frauenzimmerliche Hand offen halten,
die einen Bischofsstab hätte tragen dürfen, wäre er nicht voll Demut gewesen,
war er in seine Zelle gegangen, fastete und betete ... Dem »Bruder Todtenkopf«
hatte man den Vorschlag gemacht, den voraussichtlich heute überfüllten
Zwerchsack zu tragen ... Bruder Hubertus sang seit einiger Zeit so viel heitere
Lieder, dass man den Versuch glaubte wagen zu dürfen, ihn ins Freie zu lassen,
hinaus in eine allerdings fieberschwangere Mainacht ... Hubertus hatte erwidert:
    Wohlan! Lasst mir aber den Pater Sebastus mit ... Es ist zu grausam, in Rom
angekommen zu sein und neun Monate lang nichts davon gesehen zu haben, als eine
Zelle von zehn Fuss Länge und zehn Fuss Breite ... Beim Kreuz des heiligen Petrus
drüben, lasst ihn ohne Furcht mit mir gehen! ... Schon deshalb, weil er
vielleicht ein Fieber mitbringt und ich dann Gelegenheit habe, euch zu zeigen,
wie ich in Java das Fieber curiren lernte ... Der nimmt die Arznei, vor der ihr
euch so fürchtet ...
    Die Mönche lachten über diese Worte aus zwei Ursachen ... Einmal weil sie
aus einem Kauderwälsch von allerlei Sprachen bestanden ... Holländisch, Deutsch,
etwas Messlatein und so viel Italienisch, als man auf einer Wanderung durch
Italien bis hieher und in dem beschränktesten Verkehr mit der Welt erlernen
konnte ... Dann, als man zum Uebersetzen den Pater Sebastus herbeigerufen,
lachte man wieder über die Metode des Fiebercurirens, die nach Hubertus
hauptsächlich in einer sonst nicht normalen Anwendung von Teer und Kuhmist
bestehen sollte ...
    Die Stimmung wurde dem Mitgehen des Paters Sebastus günstig ... Der
Herbeigerufene trat in das Refectorium ein ... Er sah schon aus wie ein echter
Nacheiferer des heiligen Petrus von Alcantara ... Hätte ihn sein General
gesehen, er würde gesagt haben: Auch du, mein einst so wilder Kriegsmann, wirst
mit der Zeit reif, die Wonne der heiligen Terese zu werden! So mochte einst der
edle Ritter Don Quixote de la Mancha ausgesehen haben! So fleischlos hingen auch
die Arme des Don Pedro von Alcantara, so voll Schwielen waren seine Kniee! So
sah er aus, als er in der schauerlichen Einöde zu Estremadura seinen furchtbaren
Tractat über den »Seelenfrieden« schrieb! ...
    Armes Jammerbild des Wahns! ... Aber »doch noch ein Glück dabei!« sagt der
gute Bruder Lorenzo in »Romeo und Julia« ... Dinte und Papier hatte man dem
Pater Sebastus gelassen. Man hatte ihm Bücher gegeben, um sich in der
italienischen Sprache zu vervollkommnen. Man hatte gefunden, dass er besser
Latein verstand, als der Pater Guardian, der seit diesem deutschen
Pflegbefohlenen seine Sprachschnitzer nicht mehr so oft vom General unten im
Kloster Santa-Maria corrigirt bekam ... Der Gefangene tilgte sie zuvor ...
    Pater Sebastus, fahl und bleich, mit übergebeugter, hohler Brust, hüstelnd,
unsichern Ganges, flösste dem Guardian keine Besorgnis mehr ein, dass er
entfliehen und sich dem wahrscheinlich doch nur noch kurzen Rest seiner
Strafzeit entziehen könnte ... Der Guardian betrachtete seine Collegen, wie der
heilige Vater im Consistorium die Cardinäle ... Quid vobis videtur? Worauf ein
einmütiges Stillschweigen die jahrtausendalte Regel ist ... Zustimmung schien
auch hier aus Jedes Auge zu leuchten ... Bei dem »Bruder Todtenkopf« versah man
sich ja, dass er keinen Schinken, keinen Büffelkäse als zu viel ablehnen, sondern
den Sack so vollstopfen würde wie nur möglich - eben um seine Kraft zu zeigen,
über die er etwas ruhmredig und plauderhaft war, der alte Polterer ... Man
beschloss, den Pater Sebastus mitgehen zu lassen und unterrichtete nur noch
beide, wie sie es anstellen müssten, um von Koch, Kellner, Haushofmeister des
Fürsten Rucca mehr, als alle andern Klöster, besonders die nicht blöden
Kapuziner von Ara Coeli, zu bekommen ... Das Hauptmittel, begriff schon
Hubertus, war auch hier die Faust ... Wenn um Mitternacht die grosse Tafel, die
der alte Fürst Rucca seinem Sohn und der »Nichte« des Cardinals Ceccone
ausrichtete, zu Ende war, begann die Austeilung ... Brachen die Mönche um die
zehnte Stunde auf, so kamen sie gerade recht ... Wogte es dann schon die ganze
Nacht in jenen Strassen, die zur Villa Rucca führten, so ging für sie der Weg
durch entlegenere Gegenden, wo sich rascher dahinschreiten liess ...
    Die Frate waren, in Hoffnung auf die grosse Beute, so nachsichtig, dass sie
sogar in dem Verlangen des Pater Sebastus nach Siegelwachs heute nichts
Sträfliches fanden und ihm die Mittel einer unerlaubten Correspondenz an die
Hand gaben; - es sollte alles, was die beiden deutschen Mönche auf die Post
gaben, erst hinunter an den General kommen ... Heute ging in den Würsten,
Schinken, Käsen, den feinern Tafelresten, die man erhoffte, ein Brief unbemerkt
hin, den Pater Sebastus fast sichtbarlich seinem Leidensgefährten Hubertus
zusteckte, dass er ihn vorher läse und mit unterschriebe ... Er wollte noch eine
Weile sich ruhen, den Brief dann siegeln, mitnehmen und irgendwie suchen »der
Post beizukommen«, - das flüsterte er auf deutsch dem Leidensgefährten ...
    Klingsohr hatte Rom, sein ewiges, hochheiliges Rom, bisher nur erst aus der
Ferne gesehen ... Er kannte nur seit drei Vierteljahren diesen magischen Anblick
zuweilen vom Fenster des Refectoriums ... Nun sollte er im Mondschein zum ersten
mal den heiligen Boden betreten ... Die Sonne sank in ihrer goldensten Pracht
... Diesen Anblick hatte er zuweilen an Festtagen gehabt, durch die Olivenbäume
des sich vom Fenster des Refectoriums abdachenden Bergabhangs hindurch ... Heute
verweilte er länger bei ihm ... Sein dumpf gewordener Geist belebte sich ... Aus
den matten Augen glitt ein Schimmer der Erwartung ... An den Bischof von
Robillante hatte er geschrieben ... Robillante lag ja da, da, wo die Sonne
ebenso schön unterging ... Er wusste, Bonaventura von Asselyn war jener Bischof
dort geworden, der hier oben Pater Vincente hätte sein können, wenn er gewollt
... Vincente's Geschichte war das grosse Wunder, das man auf San-Pietro jedem
erzählte, der etwas länger blieb, als nötig, um die Bilder Sebastian's de
Piombo in der Klosterkirche und die alten paolischen Wasserleitungen zu sehen
...
    Unbeschreiblich ist die Schönheit des letzten Blicks der scheidenden Sonne
Italiens, wenn ihre Strahlen sich zuletzt nur noch leise durch die grünen Zweige
der Bäume stehlen ... Ein Olivenwald vollends ist an sich schon zauberisch ...
Seine Schatten sind so licht, das Laub ist so seltsam graugrün blitzend ... Und
wenn seine Stämme hundertjährig sind, so sind die Gestalten der Zweige und über
dem Boden herausragenden Wurzeln so phantastisch, dass sie sich im purpurnen
Dämmerlicht der Sonne zu bewegen scheinen wie die Bäume in den »Metamorphosen«
Ovid's ... Ein magischer Sommernachttraum gaukelt durch einen solchen uralten
Olivenhain ... Sieben, acht Stämme sind zu Einem zusammengewunden ... Wie
Polypen von Holz sind sie aufgeschnitten, das Mark ist heraus und nur die Rinde
noch zurückgeblieben, aber die trägt die graugrünen Blätterkronen mit den blauen
kleinen Pflaumen der Frucht ganz so, als wäre Herz und Seele noch drinnen ...
Diese groteske Welt, voll Fratzen, als hätte sie Höllen-Breughel geschaffen,
schwimmt nun im Lichte und wird zu purem Golde; die untergegangene Sonne lässt am
Horizont einen riesigen Baldachin der glänzendsten Stickerei zurück ...
Flimmernde Goldfranzen hängen in Himmelsbreite an violetten und rosa Wölkchen
... Während nach der östlichen Seite hin schon die Nacht urschnell und tiefblau,
mit sofort sichtbaren Sternen aufleuchtet, steht noch im Westen diese
Phantasmagorie der Farbenmischungen eine wunderbare Weile ... Endlich wird auch
sie röter und röter; die goldnen Franzen, die Stickereien von Millionen von
Goldperlen erbleichen; dann wird der westliche Himmel dunkelblaurot ... Nun
schwimmt der Olivenwald wie in einem Meer von aufgelöstem Ultramarin ... Die
Nacht im Osten ist schon tiefschwarz ... Alles das lehrt - Ewigkeit des Schönen
...
    In seiner dunkeln Zelle hatte Hubertus heute eine zinnerne Oellampe ... Sie
war an sich armselig, aber sie konnte doch in Pompeji gestanden haben ... Der
Docht brennt in der Mitte gleichsam eines Tulpenkelches aus vier Oeffnungen ...
    Er las jenen Brief, den er mit Pater Sebastus verabredet, um durch
Bonaventura's Vermittelung vielleicht für sie beide ein besseres Loos zu
erzielen, als das ihrer durch den Spruch aus Santa-Maria da unten harrte und
selbst für den Fall harrte, dass sie sich diesem römischen oder sonst einem
Kloster der Alcantariner einreihen durften ...
    Der Brief musste so geschrieben sein, dass er im äussersten Fall auch in die
Hand des Generals geraten und sie nicht aufs neue compromittiren, nicht zur
Fortsetzung ihrer Leiden Anlass geben durfte ...
    So hatte denn Dr. Heinrich Klingsohr, weiland göttinger Privatdocent, ganz
im gebührenden Ton, wie etwa Pater Vincente getan haben würde, wörtlich an
Bonaventura geschrieben1:
    »Vivat Jesus! Vivat Maria! Halleluja! Friede sei mit Ihnen, hochwürdigster
Herr und hochgnädigster Herr Bischof! Hat unser Ohr recht gehört, so ist ein
Wunder geschehen! Hochgeehrtester Herr, Sie verweilen nicht mehr auf deutscher
Erde, wo das Salz dumm geworden ist, Sie führen den apostolischen Stab im Lande
der Verheissung! ... Hochgnädigster Herr und Bischof! Wir sind die beiden
Flüchtlinge aus dem Kloster Himmelpfort, die wir schon einmal Schutz gefunden
durch Ihre gnädigste Frau Mutter, als wir lieber unter den Tieren des Waldes
und in einer Hütte von Baumzweigen wohnen wollten, als länger in der üppigen
Völlerei der entarteten Minderbrüder des heiligen Franciscus. Lieblosigkeit,
Zank, Mangel an gottseliger Gesinnung haben uns von einer Stätte getrieben, wo
unser allerheiligster Herr Jesus von seinen eigenen Jüngern täglich noch
gekreuzigt wird! In dem grossen Feldzug, den die Kirche gegen den Belial der
Aufklärung gerade in unserm Vaterland zu bestehen hat, sind diese Klöster, in
denen sich nichts als der Schein der alten Regeln erhalten hat, nur zu
Verschanzungen des bösen Feindes nütze. Provinzial Maurus hat an unsern General
eine Liste unserer Verbrechen geschickt und so müssen wir denn, da man uns ohne
Richterspruch verurteilte, unser sehnsüchtiges Verlangen nach der reformirten
Regel der Minderbrüder durch eine Gefangenschaft büssen, die hier auf San-Pietro
in Montorio bereits drei Vierteljahre dauert; freilich schmachten wir in der
Nähe des Kerkers, den der selige Bartolomäus von Saluzzo zehn Jahre lang
innehatte ... Aber die Krone des Himmels zu gewinnen wird, ach! zu mühselig für
die schwache Kraft unsrer Sterblichkeit ... Hochgnädigster Herr Bischof! Wir
schöpfen wohl Mut aus dem Vorbild der Märtyrer und heiligsten Apostel, aber
unsere Kräfte schwinden, unsere Hoffnungen auf die Macht der Wahrheit erlöschen,
zu schwer für menschliche Schultern ist, was wir seiter erlitten! ... Von dem
unterzeichneten Pater Sebastus, hochgnädigster Herr Bischof, wissen Sie aus
einer denkwürdigen Stunde mit dem gefangenen Kirchenfürsten, dass er die Rettung
seiner Seele dem Bruder Abtödter verdankt, der im Gegenteil im Lebendigmachen
sich auch hier schon mannichfach bewährt hat. O dass ich in einem einfachen,
schlichten Menschen mehr fand, als in meinen weiland Genossen, Hochgebildeten,
die mich durch die sophistische Moral der heidnischen glänzenden Laster zum
Tödten eines Mitmenschen, Ihres Verwandten, reizen konnten! Hubertus hat mich
oft meilenweit Nachts auf seinen Greisesarmen getragen, wenn wir auf unserer
Flucht mit nackten Füssen den Häschern zu entrinnen suchten. Vom Düsternbrook,
von der verhängnisvollen blitzzerschlagenen Eiche an bis zu den trauernden
Cypressen dieses heiligen Sanct-Peter-Kreuzes-Hügels verfolgte uns das Concil
von Trident, nach dem ein entsprungener Mönch seinem Kloster zurückzuführen ist
... Wir lebten von Wurzeln und Beeren, suchten die einsamsten Strassen des
Rhöngebirges, des Schwarzwaldes und der Alpen auf ... Nie legten wir unser hären
Gewand ab, unsers heiligsten Franciscus Ehrenkleid, das ich einst, Sie wissen
es, im schnöden Rückfall um jene Lucinde verleugnen konnte ... Nie gönnten wir
uns eine andere Erquickung, als unsern blutenden Füssen die kühlende Welle des
Waldbachs ... Auf der Schweizergrenze ergriffen uns die durch Steckbriefe
aufgewiegelten Häscher ... Nur der Kraft des Bruders Hubertus, die er indessen
seinem Gebet zuzuschreiben bittet, gelang es, dass wir aus einer Polizeiwache auf
dem Transport entsprangen und uns drei Tage und drei Nächte, dem Verhungern
nahe, unter dem Heu einer Scheune verbargen ... Zu unserm Uebergang über die
Alpen wählten wir die einsamste Strasse, die des Grossen St.-Bernhard ... So
verschmachtet und verkommen waren wir, dass wir den Gerippen glichen, die dort
von verschütteten Wegwanderern aufbewahrt werden« ... (Sebastus ahnte nicht, wie
gerade diese Worte auf Bonaventura wirken mussten, wenn er den Brief empfing!)
... »Nur die Hoffnung auf Rom belebte uns ... Rom! Rom! rief es in unsern Herzen
und gestärkt erhoben wir uns, wie verschmachtete Kreuzfahrer einst mit dem
Feldruf:
    Jerusalem! ... Aber auch in diesen heissersehnten Gefilden verfolgte uns die
Hand des Paters Maurus. Jedes Kloster unsers Ordens drohte zum Gefängnis für uns
zu werden. In den Reisfeldern Pavias, wo wir uns in giftigen Sümpfen verstecken
mussten, ergriff mich das Fieber. In der Nähe jener prachtvollen Certosa, einer
architektonischen Wunderblume deutscher Baukunst in einer Oede voll Trauer,
trauriger als die Fieberkrankheit, glaubte ich zu sterben. Mein zweiter Vater
rettete mich und der innere Stern des Morgenlandes schimmerte wieder am Wege ...
Rom! rief es von unsichtbaren Geistern, in die zuletzt wirkliche Stimmen, die
Stimmen der Pilger einfielen, denen wir uns anschlossen ... Alle meine Gräber
öffneten sich in meiner öden Tannhäuserbrust ... Leiche auf Leiche erhob sich
... Die Wissenschaft, die Kunst, die Philosophie, die seraphische Liebe - alles
wachte auf in dieser Sehnsucht nach Rom! ... Ich fühlte unendliches Leben in
meinen Adern ... Wir kamen ein kahl Gebirge, die Apeninnen, hinauf und sahen das
Meer - Zum zweiten male sah ich's und mein Führer kannte es von Indien ... Was
blieb da noch die Ostsee! Nussschaale gegen einen Betesdateich! - Dort, dort
lagen Afrika, Asien - Hannibal stieg mit uns nieder, Scipio kam von Kartago -
Hinan! Hinan! ... So wanden wir uns drei Wochen durch Etrurien hindurch nach dem
Sanctum-Patrimonium ... Mit den Pilgern, mit manchen Verbrechern, mit denen uns
die Nachtwanderung vereinigte, hofften wir: Rom ist die Stadt der Gnade! ... Ein
Pilger rief: Rom ist mit Ablässen gepflastert! Ich verzieh einem Mund, der dem
natürlichen Jubel des frommen Entzückens erwiderte: Noch mehr, denk' ich, dein
eigen Herz! - Diese Denkerphrase - deutsch gesprochen! Ich verzieh dem Sprecher,
weil er ein Greis war« ...
    Hubertus hielt hier einen Augenblick inne ... Dieses greisen deutschen
Pilgers hatte er oft gedacht ... Auch ihm und Klingsohr war er streng gewesen;
aber eine verklärte und wieder andere verklärende Natur bei alledem ... Wo
mochte wohl dieser Reisegefährte weilen! ...
    Dann fuhr Hubertus zu lesen fort:
    »Wir mussten mit den andern oft in den Felsen schlafen, vermieden die grossen
Städte, deren Zinnen und Domtürme ich nur fernher aufragen sah, wie die
Märchenerinnerungen meiner Jugend ... Parma! Florenz! Siena! Welche Klänge! ...
Aber in Höhlen, oft zu Räubern, mussten wir flüchten, bis wir endlich in diesem
öden Kesseltal ankamen, das Euch die wüste Campagna heisst - Die wüste! Ihr
leipziger Nationalökonomen, ein Hirtenland musst' es ja sein, wo wieder die
Krippe des Heiles steht! Hier darfst du ja, verlorene Welt, nur Schafhürden und
Ställe suchen! Hier sollst du ja nur der Hirten Lobgesang hören wollen, der dich
doch in Correggio's Nacht entzückt, warum nicht in Wirklichkeit? ... Endlich
eines Morgens ging die Sonne auf und wir sahen - die Stadt der Städte! Im Kern
einer grossen Muschel liegt, nächst Jerusalem, die köstlichste Perle! ... Das
Auge unterschied die Peterskuppel ... Schon hörte das Ohr die Glocken der
versunkenen Kirche, die in meiner Brust schon seit dreissig Jahren Rom läuten;
ich hörte sie - nun von sichtbaren Türmen niederhallen - Hosiannah! rief alles
um uns her ... La capitale du pardon! jauchzte ein Franzose ... Da umringen uns
wieder die Häscher des Paters Maurus. Die in der Knabenlectüre vielbelachten -
Sbirren - hässliche Dreimaster von Wachsleinen auf dem Kopf - ... Sie wissen, wer
wir sind. Sie wissen, woher wir kommen ... Sie führen uns über die Tiber zurück,
die wir schon hinter uns hatten! ... In der Abenddämmerung geleiten sie uns
einen jener riesigen Aquäducte entlang, die man nicht sehen kann ohne an Roms
ewige Grösse, an die fruchtlosen Belagerungen durch Attila, die Hohenstaufen und
Beelzebub zu denken, führen uns durch ein entlegen Tor auf einen hohen Berg und
hier in ein Gefängnis, das wir seit dieser Stunde nur zuweilen im Umkreis
einiger hundert Schritte verlassen haben! ... Vor unserm Kloster stürzen sich
die Wasser jenes Aquäductes, dem wir folgten, in ein Becken und gleiten nach Rom
hinunter, das, sagt man, vom Geriesel der Brunnen und Cascaden wie ein einziger
Quell des Lebens rauschen soll! - - Wir hier oben aber verschmachten! Wir müssen
uns der Gewalt des Pater Maurus, die bis hieher reicht, ergeben! - ... Wohlan,
die Ordnung herrsche in der Welt, selbst in den Händen unwürdiger
Gotteswerkzeuge! Wir wollen unser Joch-Jahr dulden. Aber die Zukunft! Soll sie
denn nur, nur den Tod bergen? ... Wenn Ihre grosse Güte, hochgnädigster Bischof,
es übernähme, ein Wort des Zeugnisses für uns beim General zu sprechen! Wenn Sie
Ihren Nachbar, den Erzbischof von Coni, Cardinal Fefelotti, der, wie man sagt,
die Stelle des Grosspönitentiars der Christenheit erhalten wird, für uns
gewännen! Das Elend meines Lebens kennen Sie! Sie wissen, was ich dem Kreuz des
Erlösers schon alles von Menschenschuld aufgebürdet habe! Sie kennen Klingsohr's
Sünden - auch seine verwelkten Rosen - Sie wissen, welche Hand den
Lebensfrühling mir zerriss ... Ueber Trümmern aber ist das Kreuz erstanden! Ich
will meine Fahne nicht mehr lassen, die Fahne des geopferten Lammes! Lassen Sie
mich nicht streiten unter sinnlosen Führern! Das ist das Schrecklichste, unter
Mitknechten stehen, die nicht wissen, wessen Harnisch sie angetan haben! Müssten
wir nach Deutschland zurück, zurück nach Witoborns öden Gassen, zu den dumpfen
Wänden Himmelpforts, so würde der letzte Funke unsers Lebenslichtes erloschen
sein! Lieber das Grab in Rom, als ein Leben im Leichentuch Deutschlands! Sie,
Sie sind glücklich! Sie dürfen reden, hochwürdigster Herr und Bischof! Legen Sie
Zeugnis für uns ab! Ein Wort von Ihnen zu unserm General, ein Wort zu Cardinal
Fefelotti, und man wirft uns nicht mehr mit denen zusammen, die wie der Tag
kommen und gehen. Auch mein guter Führer und Lehrer stürbe so gern in der Stadt
der Katakomben. Er hat noch auf dem Amt in Witoborn eine Summe Geldes liegen,
ungerecht Gut, das er der Sache der Gerechtigkeit schenken möchte. Er hoffte in
Rom einen Erben zu finden, einen Krieger im Heer Seiner Heiligkeit, den zu
erkundschaften ihm noch keine Musse geboten ward. Fände er diesen nicht, so würde
er das Vermögen dem General seines Ordens anweisen ... Lasst ihn eine Weile
suchen! Lasst uns doch noch irgend eine schaffende Tätigkeit! Der Trieb zu
helfen ist Gradmesser noch vorhandener Lebenslust. Mit dieser neuen schönen
Sonne, die wir Gefangenen nur zu spärlich sahen, ist er in uns zurückgekehrt.
Ich jage nicht mehr dem Spuk der nordischen Phantome nach. Dieser blaue Himmel,
diese göttliche Luft, diese immer gleiche Stimmung der Natur selbst im
Blättergrün, das im Winter nicht entschwindet, ach! sie giessen einen so vollen
Glanz der Schönheit selbst über unsre bescheidensten Wünsche, dass ich mir
vorkomme, als hätte meine seiterige Vergangenheit nur unter meiner unrichtigen
Geburt im Norden gelitten. Meine Zweifel schwinden. In einem römischen
Sonnenuntergang glaub' ich an das Labarum des Constantin, das ihm in den Wolken
erschien! Ich sehe das Tabernakel des Hochamts in jeder bunten Wolke dieses
italienischen Himmels! Halleluja! Die Kreuzesfahne voran! In diesem Zeichen Sieg
und Hoffnung! Retten Sie uns! Retten Sie uns! Heinrich Klingsohr, genannt Pater
Sebastus a Cruce. San-Pietro in Montorio, im Mai 18**.«
    Zu diesem Namen schrieb Bruder Hubertus:
    »Eines hochgnädigsten Herrn und Bischofs gehorsamster Kreuzesträger und
apostolischer Pilger Frater Hubertus.«
    Diesen Brief ganz flüssig zu lesen und dann zu unterschreiben kostete dem
»Todtenkopf« einige Mühe ... Seine knöcherne Hand kritzelte lange an den wenigen
Worten ... An der Stelle, wo von seinem Geld die Rede war, hielt er besorgt inne
... Er gedachte mismutig jenes Wenzel von Terschka auf Westerhof, von dem er
schon lange ahnte, dass er dessen Versicherungen, er wäre nicht jener Soldat, der
einst im römischen Heer gestanden, zu leichtgläubig hingenommen, von dessen
Verbleiben aber, Ursprung, späterer Flucht, Uebertritt, gegenwärtigem Aufentalt
in London die Eremiten im winterlichen Walde, die Flüchtlinge durch Deutschland
und Italien, die Gefangenen von Rom nichts erfahren hatten. Klingsohr kannte
diesen Terschka nicht einmal dem Namen nach ... War die Erwähnung seines Geldes
praktisch? ... Wie würde diese Stelle auf den General wirken, wenn er sie läse?
... Vielleicht ganz förderlich! dachte endlich Hubertus mit einiger Pfiffigkeit
...
    Gegen zehn Uhr erhob er sich von seinem Maisstroh ... Aufgeschreckter denn
je ... Dachte er an Terschka, Picard, sein Geld, so erschienen ihm Eulen und
Fledermäuse und Brigitte von Gülpen rang unter ihnen die Hände und Hammaker's
blutigen Kopf sah er und Picard hing am brennenden Dachbalken und den Pater
Fulgentius, den er »richtete«, indem er ihn ruhig sich selber tödten liess, sah
er am Seile schweben ... Der Riegel seines Kerkers wurde klirrend
zurückgeschoben ...
    Der fieberkranke Laienbruder war es selbst, der, sich schüttelnd, den
mächtigen Sack brachte ... Er geleitete Hubertus an Sebastus' Zelle ...
    Auch hier fiel die eiserne Klammer ... Sebastus stand in erregter Spannung
... Rom und die langen Leiden hatten seinem sonst so vornehm verächtlich, so
hochmütig geringschätzend in die Welt und auf andere Menschen blickenden Wesen
seit einiger Zeit eine vorteilhafte Veränderung gegeben ... Er ergriff den
heimlich dargereichten Brief, siegelte ihn, während Hubertus dem Laienbruder, um
diesen zu zerstreuen, seine Pillen rühmte und zu grösserer Deutlichkeit das
Verschwinden des Fiebers mit der Leere des mächtigen Sackes verglich ... Dann
steckte Sebastus unter der braunen Kutte den Brief zu sich und folgte dem
Laienbruder, der beide auf die Terrasse zu den rauschenden Wassern führte ...
    Hier harrte ihrer Pater Vincente ...
    Benedictus Jesus Christus! ...
    In aeternum, Amen! ...
    Die drei Mönche schritten den Hügel San-Pietro nieder in jene kleinen
gespenstischen Schatten der Bäume und Häuser, die ein helles Mondlicht wirft ...
    Alle drei schritten sie nach Rom hinunter in den gleichen Kutten ... Die
Kapuze über den Kopf gezogen, um den Leib des heiligen Franz von Assisi
fliegende weisswollene Schnur ... Die beiden Deutschen noch nach ihrer alten
Regel in Sandalen ... Pater Vincente mit entblössten Füssen.
 
                                    Fussnoten
1 Vielen dieser Einzelzüge liegen Actenstücke zu Grunde.
 
                                       2.
Pater Vincente war wohl schon dreissig Jahre alt; doch hatte er noch alles von der
weichen Jünglingsschönheit des Antinous ...
    Seine Augen waren sanft braun ... Die Farbe seines Antlitzes, und nicht ganz
vom Widerschein der Strahlen des orangegelb über dem Albanergebirge
herausgetretenen Mondes, war fast gelblich ... Das kurzgeschnittene und die so
schöngeformten kleinen Ohren grell freilassende Haar dunkelschwarz ... Der
braune, jetzt von der Kapuze bedeckte Nacken schweifte sich sanftgebogen ...
Sein Mund war etwas aufgeworfen und wie zum Genuss des Lebens bestimmt ... Die
hohle Wange stand in Verbindung mit sanften Erhöhungen an den Winkeln und Lippen
... Seine Gestalt hatte etwas Aeterisches; sie schien, wie dies einst dem
heiligen Franciscus in Wirklichkeit geschehen sein soll, in den Lüften zu
schweben ... Viele, die ihn kannten, prophezeiten auf sein Haupt - noch einst
die dreifache Krone - wie man in der katolischen Christenheit jedem Leviten
tut, der sich durch gottseligen Sinn auszeichnet ...
    Die beiden Deutschen gingen hinter dem Italiener, wie seine Diener ... Doch
wollte dieser nur ihr Führer sein ... Hubertus liess sich auch nichts von seinem
bestimmten, festen, muntern Naturell nehmen ... Was ihm durch den Sinn kam,
plauderte er aus ... Die Bäume am Wege nannte er alte Bekannte aus Indien; die
Düfte, die von den botanischen Gärten herüberkamen, analysirte er nach den
Pflanzen, denen sie angehörten ... Den schmetternden Nachtigallen passte er
stillstehend auf; dem Mond drohte er, ihn, wenn er noch grösser und ganz wie in
Java würde, vor Freude in den Sack zu stecken ... Alles das, sagte er, ist darum
so prächtig hier, weil es ohne die Schlangen und die Tiger ist! ...
    Die Heiterkeit des wunderlichen Alten hatte seinen Leidensgefährten schon
seit Jahren aufgerichtet ... Sebastus nannte ihn schon im Kloster Himmelpfort
den zweiten Philippus Neri ... Philippus Neri war jener »kurzangebundene,
humoristische«, römische Heilige, von dem Goete in seiner italienischen Reise
erzählt ... Könnte ich Ihnen den Schamanen und indischen Gaukler austreiben,
sagte Sebastus schon oft, Ihre Wunderkraft und Heiligsprechung wäre verbürgt!
Philippus Neri legte sich auf das Studium, den Menschen manchmal so
unausstehlich zu werden wie möglich. So auch Sie! Es gelang freilich Ihrem
heiligen Vorbilde nicht immer so ganz, wie Ihnen! Je mehr Philippus verletzte,
desto mehr liebte man ihn. Ja sogar die Tiere liefen ihm nach. Hunde zu tragen
- war sonst eine Strafe der Verbrecher; Philippus trug sich immer mit Hunden und
duldete den Spott der römischen Jugend. In die Kirchen ging er und unterbrach
die römischen Fénélons und Bourdaloues seiner Zeit gerade an ihren
blumenreichsten Stellen. Da wollte er ihre Demut prüfen, ob auch wohl die
geistreichen Rhetoriker nun ebenso gelassen blieben, wie sie ihren Zuhörern
anempfahlen. Erschien ihm die allerseligste Jungfrau, so spie er sie an, und
siehe da! es war eine Teufelslarve. Er sagte: Ihm müsste dergleichen viel
herrlicher erscheinen! ... Die »Vernunft« in unserer Heiligengeschichte ist noch
gar nicht genug geschildert worden ...
    So sprach Klingsohr in Himmelpfort - Fast hätte er sich auch in Rom
veranlasst fühlen dürfen, wieder an diese alten Vergleichungen zu erinnern ...
Hubertus sprach den ganzen Weg bis zum Ponte Sisto, der die Wanderer über die
Tiber führte, vor Aufregung alles bunt über Eck durcheinander ... Ja er wagte
sich an den Pater Vincente mit der italienischen Frage, nicht etwa wo das
Capitol oder das Coliseum oder die übrigen Klöster des heiligen Franciscus
lägen, sondern wo er die päpstliche Reiterkaserne finden könnte ...
    Pater Vincente zeigte weit weg über die Tiber zur Peterskuppel hin und
sprach von einer dort befindlichen Porta Cavallaggieri ...
    Nun ereiferte sich Hubertus über den Mangel an Briefkästen ... Und dass auch
die Hauptpost nicht einmal des Nachts einen Briefkasten offen hielt, wie ihm
Pater Vincente versicherte, rügte er ebenso, wie der heilige Philippus Neri mit
den Institutionen von fünfzehn Päpsten, die er erlebt hatte, in stetem
demokratischen Hader lag und noch wenige Jahre vor seinem Tode und schon im
Geruch der Heiligkeit nahe daran war, statt als »heiliger Diogenes in der Tonne«
in allerlei römischen Winkeln zu leben, als Staatsgefangener auf die Engelsburg
zu ziehen ...
    Als Hubertus die Unmöglichkeit, den Brief abzugeben, in deutscher Sprache
beklagte, musste er erleben, dass Pater Vincente sich umwandte und mit gebrochenem
Deutsch einfiel:
    Wisset Ihr denn nicht, dass Ihr keinen Briefwechsel führen dürft? Lasst mich
doch nicht zum Beschützer einer unerlaubten Handlung werden! ...
    Die betroffenen Mönche erfuhren zum ersten mal, dass Pater Vincente soviel
Kenntnisse in den Sprachen besass ... Sie mussten ihren Unterhaltungen einen
Dämpfer auflegen ... Hubertus murmelte, verdriesslich über soviel Loyalität:
    Sind wir wirklich im Lande der Mörder und Räuber? ...
    So kam er in die andächtig und feierlich gehobene Stimmung Klingsohr's, um
den jetzt nur noch bald die Volksstürme der Gracchen rauschten, bald die ersten
feierlichen Gesänge der Katakombenkirchen ...
    Die Wanderer hatten die innere Stadt betreten, die in ihren lebhaftesten
Teilen jeder andern südlichen gleicht und ausser den an den Häusern zahlreich
angebrachten Balconen nichts Auffallendes hat. Die »ewige Stadt« zeichnet sich
auch sonst am Tage durch ihre Schweigsamkeit aus, die gar nicht mit der
lärmenden Weise Südeuropas stimmt. Die Herrschaft der Priester bedingt den Ton
der Ehrfurcht und Zurückhaltung. Beim ersten Betreten macht Rom einen Eindruck,
wie Venedig auf den Lagunen - lautlos gleiten die Gondeln über die dunkle Flut
... Jetzt war nun noch die Nacht hereingebrochen und vollends still lagen die
hier so engen, den erwerbenden Klassen angehörenden Strassen und kleinen Plätze.
Dunkle Schatten hüllten die verschlossenen Häuser ein. Nur da und dort brach der
goldene Strahl des Mondes hervor und gab den schmutzigen Eckgiebeln, den
verschwärzten Balconen, hochragenden Schornsteinen eine verklärende Beleuchtung.
Die vielen Fontainen Roms belebten die Stille. Fiel der Mond auf die Strahlen
und die Bassins, in die jene niederglitten, so glaubte man Büschel von Gold- und
Silberperlen zu sehen. Oeffnete sich ein grösserer Platz und zeigte eines der
hohen Staatsgebäude, eine der Kirchen oder einen der in dieser Gegend seltenern
Paläste, so sah man die Giebel, Türme und Kuppeln in um so magischerem Lichte,
als die Dunkelheit der Schatten daneben den Glanz derselben erhöhte. Dazwischen
durfte das Auge dann und wann glauben, Schneeflocken auf den Höhen zu sehen. Das
war dann weisser Marmor, ahnungerweckend aufblitzend ...
    Klingsohr sah wie zum zweiten mal geboren um sich ... Die Erinnerungen
umkrallten ihn riesig, als Pater Vincente, der sein hartes Wort wieder gut
machen zu wollen schien, Erläuterungen zu geben begann ... Da sagte der sanfte
Führer auch unter anderm auf ein wüstes Gewirr von Häusern zur Linken zeigend:
    Der Ghetto der Juden! ... Die »Rumpelgasse« Roms! ... Ob auch hier, wo eine
Nachtigall so mächtig schlug, wo die Fontana Tartarughe so traulich plätscherte,
wo am Mauerwerk wie verstohlen eine schwarze Cypresse hervorlugte, ein Veilchen
Igelsheimer leben mochte? ... Ob auch hier die nächtliche Vertauschung einer
Mönchskutte möglich war gegen einen Ueberrock, mit dem ein toller Mönch in die
Teater Roms lief? ... Lucinde huschte für Klingsohr schon lange, lange am Wege
... Da gab es schon so manchen schönen Kopf mit aufgelöstem Haar an einem
Fenster, ein Mädchen, das eben schelmisch noch einmal den Mond anguckte und dann
erst zu Bett gehen wollte ... Da tönte eine Guitarre ... Da scholl aus einer
Schenke ein Jauchzen - das Schreien beim Morraspiel ... Jesus, mein Feldherr!
musste schon der ewige Fahnenflüchtling rufen ... Lucindens Gestalt begleitete
den so tief Verkommenen in jeder schönen Situation, ihn, den wie der Brief
zeigte, den er in seiner Kutte trug, die trübste Lebenserfahrung schon so tief
gedemütigt, ja zu der ihm sonst nicht eigenen Verstellung gebracht hatte ...
Wie oft hatte nicht Lucinde, wenn Jérôme von Wittekind sie im Latein
unterrichtete, von Rom gesprochen und ihm was sie gelernt wiedererzählt bei
ihren Stelldicheins hinterm Pavillon unter den alten Ulmen auf Schloss Neuhof und
noch in Kiel ... Im Professhause der Jesuiten hatte sie dem Gefangenen Bilder
einer grössern Wirksamkeit vorgegaukelt, deren Fernsichten bis nach Rom gingen
... Wo mochte sie wohl jetzt weilen, sie, die in ihren auch im Kloster
Himmelpfort später bekannt gewordenen, von der Regierung veröffentlichten
Briefen an Beda Hunnius ihr Lebenssymbol nicht selten wiederholt hatte: An der
Schwelle der Peterskirche möcht' ich sterben! ... Was alles mit ihr Hubertus in
Witoborn vorgehabt, hatte Sebastus von diesem nicht ganz erfahren können ...
    Pater Vincente blieb freundlich und milde ... Ging doch auch er mit der
mächtigsten, gewiss auch ihm aufwachenden Poesie im Herzen dahin ... Klingsohr
hatte das Erlebnis von dem Kuss in der Beichte gehört ... Er selbst kannte diese
Schemen, die den heiligen Antonius peinigten, nur zu gut ... Und diese
Luftspiegelung der erregten Sinne, für die der schöne Jüngling und Mann dort
hatte fünf Jahre büssen wollen, vermählte sich heute! ... Er bettelte nun an
ihrer Tür! ... Da war ja die Welt Heinrich Heine's, die ihn einst so umfangen
gehalten ...
Das kommt, weil man »Madame« tituliret
Mein süsses Liebchen -
    Jesus hilf! rief es in Klingsohr's Seele ...
    Pater Vincente deutete auf eine rechts sich noch einmal öffnende Durchsicht
über die Tiber und auf einen jenseits in den blauen Lüften schwebenden fernen
Punkt und sprach:
    Das da ist das Asyl der Pilger! Eine fromme Stiftung des heiligen Philippus
Neri! ...
    Hubertus lachte und drückte spähend seine schwarzen funkelnden Augen zu und
hob die Kapuze in die Höhe und sah die so achtbaren Erinnerungen an einen Mann,
mit dem er Aehnlichkeit haben sollte ... Und ganz im Neri'schen Geist sprach er
in seinem holländischen Deutsch durcheinander, rasch, als wenn Pater Vincente
folgen könnte:
    Das Haus sieht gross genug aus, um den Seckel der Wirte zu füllen! Ja - wer
Gott liebt, dem müssen alle Dinge zum Besten dienen - namentlich die Wohltaten,
die er spendet! Pater, wo wir in Italien auch hingehört haben, bringen die
Bettler, die Armen, die Pilger, die Wallfahrer den Stiftern erst recht das Geld
ein. Wie so? Wir sind mit Wallern gezogen, klopften an alle Pilgerasyle und
bekamen ein Essen, so schlecht - um sich davon abzuwenden! Aber wir sahen die
Oberalmoseniere und Spitalprioren in Kutschen an uns vorüberfahren. Im Walde gab
es besseres Laub zum Schlafen, als in solchen Pilgerbetten ... In Turin und in
Parma flohen die Wallfahrer vor allen heiligen Asylen, weil sie, eben todtmüde
angekommen, erst eine Procession durch die Stadt machen sollen, ehe sie zu essen
kriegen ... Herrgott, wer vollends, wie wir, die Sehnsucht hat, 'nmal eine
hübsche Stadt näher zu betrachten, eine Stadt, die man endlich mit müden Füssen
erreicht hat, dem schliessen sie die Pforte vor der Nase, wenn er sich auch nur
fünf Minuten an einem gnadenreichen Altar verspätete - Campirt draussen! heisst's
... Da lernten wir den deutschen Pilger kennen - Woher kam er doch? Von
Castellungo! Der alte Naseweis und Ketzer, aber ein redlicher Mann ... Der sagte
uns: Es steht geschrieben: Nächst dem Gebet eines Heiligen ist nichts vor Gott
wirksamer, als das Gebet eines Wallfahrers ... Freilich, das war Spott ... Ein
andrer Pilger war bereits dreissig Jahre auf dem Wege nach Jerusalem und immer -
bei Montefiascone kehrte er um, da, wo der gute Wein wächst - Est! Est! sagte
der deutsche Pilger. Sie, Pater Sebastus, wussten gleich ein deutsches Lied
darauf, das der andre auch gekannt. Widrige Winde machten nach Jerusalem die
Schiffahrt gefährlich! sagte der dicke Pilger nach Montefiascone seit dreissig
Jahren. Der Schelm lebte von Hühnern und Gänsen - die man dem ewigen Kreuzfahrer
nach dem heiligen Est! Est! nicht freiwillig gab ... Was zu schwer zum
Forttragen war, half ihm ein dritter frommer Bruder verzehren, der eine Kette an
den Füssen durch Spanien, Frankreich und Italien schleppte ... Nicht dass er von
den Galeren kam - wenigstens sagte er's nicht - er kam aus Marokko, wo er der
Sklaverei entronnen sein wollte, und das Stück Kette trug er jetzt ordentlich
wie seinen - Orden ... Heiland, das Italien ist buntes Land! Haben die Leute
nicht falsche Briefe mit grossen Siegeln, wie nur echte Siegel aussehen können!
Und wussten sie nicht alle Gebete, die den Seelen der frommen Stifter von
Pilgerasylen im Himmel zugute kommen! ... Dort drüben also auch? ... Wird's
besser da hergehen? ... Der heilige Philippus hat glücklicherweise das Gebet
solcher verdächtigen Kreuzfahrer und erlösten Christensklaven nicht nötig ...
Manchmal muss ich dem deutschen Ketzer in seinen Zweifeln an allem von Herzen
Recht geben ... Wo mag der Alte im Bart wohl hingekommen sein? ... Ich ziehe in
die Katakomben! sagte er immer ... Es klang wie Kyrie Eleison ...
    Der »heilige Mynheer«, wie Hubertus zuweilen von Sebastus genannt wurde,
setzte beim Pater Vincente eine zu grosse Vollkommenheit in der Sprache voraus,
die er ohnehin selbst nur mit vielen Freiheiten sprach ... Sein ganzer Ausfall
auf die Wohltätigkeitsanstalten der Kirche, die in den Schriften so vieler von
Rom Verzauberten prunkend verzeichnet stehen, auf die mangelhafte
Polizeiverwaltung, auf das ungeregelte Passwesen bei Vagabunden - die ehrlichen
Leute werden genug damit geplagt - erntete aus dem Munde des der Hochzeit
Olympia's wehmütig gedenkend dahinschreitenden Priesters nur die einzige
Erwiderung:
    Si! Si! Si! ... Quest' un' teatro antico ... Il teatro di Marcello! ...
    Selbst die Erwähnung Castellungo's schien der Pater Vincente überhört und
von dem Pilger nichts verstanden zu haben ... Und doch war es wohl nur Frà
Federigo, sein Lehrer, ein Deutscher, jener Mächtige, vor dessen Lehren er einst
geflohen war und der fast schon den Bruder Hubertus zu seinen Anschauungen
hinübergezogen zu haben schien ...
    Sebastus hörte nichts von alledem ... Der starrte nur den im Schatten
liegenden antiken Trümmerbau an ...
    Hier aber war es lebhafter geworden ... Einzelne vergoldete Kutschen mit
prächtigen Livreen jagten vorüber, die Pferde aufgeputzt mit hängenden roten
Troddeln am Ohr und mit bunten Geschirren ... An die Rennbahn der Alten liess
sich denken ... Sebastus dachte, da er vom Marcellusteater hörte - an die alten
Tage von Göttingen - Seltsame Ideenverbindung! An den auch von Doctor Püttmeier
verherrlichten »Quincunx« - das Schenkenzeichen! ... Denn die »Goete-Kneipe«
musste ja hier in der Nähe liegen, Goete's Campanella, jetzt nur noch berühmt
durch ihr Fremdenbuch und ihren schlechten Wein ... Die Trümmer des
Marcellusteaters waren in Hütten und Paläste verbaut ... Dicht in der Nähe lag
der Palast der Beatrice Cenci ... Auf alles das besann sich Klingsohr aus seiner
alten »klassischen Zeit« ...
    Aber auch die »romantische« wirkte mächtig ... Schon begegnete man im sich
mehrenden Strassenleben andern Mönchen, die mit Körben und Säcken gleichfalls zur
Porta Laterana liefen ... Kapuzinern in langen Bärten, Franciscanern aller
Grade, Augustinern, Karmelitern; selbst die vornehmen Dominicaner erinnerten
sich, dass sie das Gelübde der Armut abgelegt hatten; auch sie schickten ihre
»Brüder« auf die Hochzeit der Nichte des Cardinals ... Kein Trupp stand dem
andern Rede ... Kein Lächeln hatten sie oder nur eines, das nicht im mindesten
die phantastischen Gestalten als in einer tollen Mummerei begriffen und sich
(Augur augurem!) erkennend darstellte ... Nur der Gewinnsucht galt es und dem
Vorsprung, den ein Kloster vor dem andern suchte ... Die beiden Deutschen sahen
ihre Mitstreiter im römischen Lager ... Welche Welt! ... Und hier nun doch noch
so spät ein Leben und Bewegen? ... Da noch wird gekocht und geschmort auf
offener Strasse? ... Da noch werden Melonen ausgeschrieen? ... Noch
Citronenwasser? ... Frische Kirschen? ... Klingen nicht sogar Geigentöne? ...
Lacht nicht ein Policinell im Kasten? ... Das alles heute in der Hochzeitnacht
Olympiens! ... Roms Saturnalien! ...
    Noch haftete Sebastus' Phantasie, wie das in Rom so geht, bald an Goete,
bald an Winckelmann, bald an Ovid, bald an Horaz, die den Marcellus besungen
haben, den Neffen des Kaisers Augustus, dem dies Teater da gewidmet ... Da
erscholl plötzlich ein fernes Klagegeheul und ein hundertstimmiges Miserere ...
    Es kam, wie Pater Vincente erläuterte, von der »Bruderschaft des Todes«, den
Begleitern der Leichen, die in Rom bei Nacht begraben werden ...
    In wilder Hast, als wenn der Todte die Pest verbreitete oder als wenn
Christen einen eben gerichteten Märtyrer in die vor den Toren gelegenen
heimlichen Begräbnissstätten flüchteten, trugen Männer in langen, schwarzen oder
weissen, über den Kopf gezogenen Kutten, die nur den Augen zwei kleine Lücken
liessen, wie Gespenster einen Sarg dahin ... Andere dazu schwangen Fackeln ...
Neben den Fackeln liefen Bursche und sammelten in Schalen das tröpfelnde Wachs,
das sich wieder brauchen liess ... Schnuphase hätte sich niedergeworfen wie alle
- er schon vor solcher heiligen Sparsamkeit ... Mönche und Bruderschaften, einen
Priester mit seinem Akoluten und Messknaben umringend, sangen: Miserere! in
nicht endender Litanei ... Vor dem klingelbegleiteten Sanctissimum, das der
Priester hoch in den Fackelqualm emporhielt, warf sich alles nieder ... Aber
immer weiter, weiter, wie auf rasender Flucht, ging der Zug dahin ... Pater
Vincente sagte - um die Leiche in eine Kirche jenseits der Tiber zu stellen, von
wo sie erst der gewöhnliche Leichenwagen abholt ... Der Todtenkopf des »Bruder
Abtödter« war Leben gegen die Vorstellung, dass unter allen diesen weissen und
schwarzen Kutten und Kapuzen Skelette wandeln müssten ... Aus den kleinen
Oeffnungen vor den Augen dieser Männer glühte es wie leuchtende Kohlen ...
    Nehmen wir den Weg über das Capitol! sagte Pater Vincente, als sich die
Mönche mit den andern wieder erhoben hatten und der wilde Zug vorüber war ...
Ihn schien er nicht erschüttert, nicht so zur Eile gedrängt zu haben, wie den
Pater Sebastns ... Zur Eile! ... Musterte eben die »Braut von Rom«, wie ein
Schmeichler die junge Fürstin heute besungen, oder der Cardinal oder die
Herzogin von Amarillas die Reihen der Mendicanten, die an der Pforte der Villa
Rucca standen - er war ja dessen gewiss, dass San-Pietro in Montorio vor allen
andern Klöstern bedacht werden würde ... Olympia zeichnete reuevoll sein Kloster
aus ... Ihn bedrohte, das sagte man seit einiger Zeit, in der Tat der Hut des
Cardinalats ...
    Bei Klingsohr - wie war da nun freilich die Erinnerung dahin - an Goete's
Campanella -! ... Dieser schreckhafte Leichenzug - und jene Römerin, auf deren
Rücken der Dichter des Faust hier einst Hexameter getrommelt zu haben vorgab,
die Goete, Klingsohr wusste es, erst in Weimar auf dem Rücken der »Dame Vulpius«
trommelte, passten nicht zusammen ... Memento mori! ... Auch Goete hat es
erfahren! sagte sich Klingsohr sinnend zum Capitol aufsteigend ... Hier, wo er
den Becher der Lebenslust, kurz vor dem Scheiden der männlichen Kraft, in seinen
vierziger Jahren noch einmal wie ein Sohn der Griechen getrunken hat, hier musste
er ja dem einzigen Sohn, dem Sohn jener in römische Reminiscenzen maskirten
Türingerin, an der Pyramide des Cästius, dem Begräbnissplatz der Protestanten,
eine wahrere Grabesinschrift setzen ... Hier starb Goete's einziger Sohn ...
Flüchtig zog und fast schon von ihm in Rhytmen gebracht der Gedanke durch seine
Seele:
Wo nur find' ich den Wirt zur Campanella! Der Schenke,
Wo ich Falerner gesucht - »Lacrymä Christi« nun fand!
Firnen aus Golgata! Nicht aus den Trauben der Schlacke,
Die der Vesuv uns schenkt, Leidenschaft, wenn sie verglüht!
Deutscher Apoll! Hier war's, hier hast du Verse getrommelt -
Auf der Römerin Leib - schwelgtest in seliger Lust -
Und erfuhrst nur dein Maass! Die Pyramide des Cästius
Blieb das Ende vom Lied! Blieb der Morgen der Nacht -!
Wahrheit und Lüge! O wohl, so mürrisch strafen die Götter!
Wandle gen Rom, o Mensch! Rom ist der Mensch und die Welt!
    Ein tiefes, tiefes Schweigen folgte nun ... Glocken hallten von den Türmen
... Man erstieg einen Calvarienberg - das sind die Stufen zum Capitol ...
    Zur Linken wohnt - der heimatliche Gesandte, auf dessen Autorität vor drei
Vierteljahren drei Gensdarmen am Ponte Molle auf die deutschen Flüchtlinge
gewartet hatten! ... Zur Rechten - der tarpejische Felsen, der jetzt derselben
Krone gehört ... Wie schüttelte Sebastus all diesen »Staub« von seinen Füssen!
... Wie hatte er für ewig dieser »ghibellinischen« Welt entsagt! ... Das
Capitol! rief er und über seinen Sandalen schmerzte ihm der Fuss, so trotzig
stampfte er vor dem Wappen seines Landesherrn auf ...
    Da lag ein mittelalterlich Haus vor ihm, die Stätte des gebrochenen Capitols
... Einige Brunnenstatuen vor ihm und ein kleiner Platz, auf dem, vom Mond
beleuchtet, Marc Aurel zu Pferde sitzt - Ein Gelehrter, der über dem Studium der
Philosophie seine alten Schlachten vergass! sagte Klingsohr mit Hindeutung auf
die ihm nicht kriegerisch erscheinende Haltung des Reiters und auf - »Euern
Friedrich, den sogenannten Grossen -!«
    Jetzt schlug es elf ...
    Bergab ging es auf die Trümmerstätte des alten Forums ...
    Ein Leichenfeld! sprach Pater Vincente ...
    In seinen Erläuterungen ging er nicht über Petrus und Paulus hinaus ... Die
Gracchen - Cicero! ... Das musste sich Klingsohr selber sprechen ... Sein Blick
starrte dem Untergang der Erhabenheit ...
    Hubertus kannte von den alten Zeiten nur so viel, als nötig war um zu
begreifen, dass hier die begrabene Macht eines alten Volkes lag, das einst die
Welt beherrschte ... Zertrümmerte Portale, einsame Säulen, Triumphbögen mit
zerbrochenen Statuen ... Am Tag ein wüst erschütternder Anblick, den jetzt das
Zauberlicht des Monds verklärte ... Dort oben auf dem Palatin wohnten die
weltgebietenden Cäsaren ... Ein magisches Goldnetz hält die grünen Hügel und die
Steine umwoben ... Wären diese vom Corso herüberrasselnden Wagen, diese
lachenden Menschen nicht gewesen, die zu spät zu kommen fürchteten zu der auf
Mitternacht angesetzten Hochzeits-Girandola, die durch die Fenster eines am
milchblauen Himmel auftauchenden dunklen Gebäudes schon zu beginnen schien, wenn
ein Knabe rief: Eine Leuchtkugel! - Der Knabe meinte einen Stern, der so
plötzlich durch die Oeffnungen des Coliseums blinkte ...
    Das Coliseum! ... Sebastus hätte wünschen mögen, Niemand hier zu sehen und
zu hören und nur allein zu wandeln ... Allein mit Livius und Niebuhr ... Da ein
Tempel, dort eine Basilika ... Wie mag es hier einst gesummt haben, als die
Comitien des Volks versammelt waren und die Consuln Roms gewählt wurden! ...
Wohin entlässt uns dies Tor? flüsterte er ... Ist es nicht der Triumphbogen des
Titus, als er Jerusalem zerstört hatte? ... Sein »Credat Judaeus Apella« fiel
ihm ein ... Doch der »Virtuose im Glauben« - hier hatte er keinen Zweifel zu
hegen nötig. Da an der Wand des Tors sah er den siebenarmigen Leuchter, den
Tisch, die Schaubrote, die Jubeljahrposaunen, die Bundeslade ... Die erhabene
Stelle war's, wo sich Jupiter und Jehova so nahe berührten! ... Aber - kein Jude
geht gern unter diesem Bogen hinweg, kein Jude blickt gern auf jenes
Riesengebäude, das dreissigtausend gefangene Juden gebaut haben sollen ...
    Was Vincente so und ähnlich erläuterte, wusste Klingsohr alles ...
    Aber kaum gedachte er Löb Seligmann's, dessen physische Kraft zum Streichen
der Ziegel für diesen Riesenbau in keinem Verhältnis gestanden haben würde - als
er Veilchens gedenken musste ... Veilchens, die ihm einst bei seinen Besuchen in
der Rumpelgasse gesagt hatte: »Sie sind ein Mensch der Selbstqual, der Reue, des
Gewissens - ewig wird's Ihnen gehen, wie's dem Kaiser Titus ging, als er
Jerusalem zerstört hatte! Da ist Titus zu Wasser gegangen mit seiner siegreichen
Armee und ein Sturm zog herauf und die gefangenen Juden triumphirten, weil sie
dachten, Gott hätte seine Rache auf das Meer aufgespart. Und Titus bekam Angst,
spottete und sprach: Zu Land ist Adonai schwach, aber zu Wasser - da kommt er,
scheint es doch, dem Neptunus gleich! Wahrlich, spottete er, Adonai hat die
Sündflut befohlen, er hat die Aegypter im Roten Meer ersäuft, er hat den
Sissera am Strom Kischon geschlagen, er wird auch für Jerusalem seine Rache
nehmen auf dem Mittelländischen Meer! ... Da aber ist gekommen eine Stimme aus
dem Himmel und hat dem Spötter gerufen: Titus, Titus ich habe Jerusalem
untergehen lassen wegen seiner Gottlosigkeit! Weil du aber meiner Langmut
spottest, so sollst auch du meine Macht kennen lernen, aber - zu Lande! Das Meer
ward da stille und Titus betrat unter dem Jauchzen des Volks das feste Land. Wie
er recht von Herzen über den Judengott lachte, flog ihm in die Nase eine Mücke,
wie sie nur auf dem Lande vorkommt, und bohrte sich tief in sein Gehirn. Sieben
Jahre hat Titus davon die schrecklichsten Schmerzen im Kopf gehabt, denn die
Mücke starb nicht, sondern sie wurde immer grösser und sie summte bei Tag und bei
Nacht. Einst ging er bei einem Schmied vorüber. Bei den Ambossschlägen hörte die
Mücke zu summen auf. Da stellte sich Titus dreissig Tage an den Amboss und die
Mücke schwieg. Am einunddreissigsten aber fing sie wieder zu summen an; sie hatte
sich an den Hammerschlag gewöhnt und Titus musste sterben. Als sie sein Gehirn
aufmachten, kam ein Tier zum Vorschein, so gross wie ein Vogel. Der Mund war von
Kupfer und die Füsse waren von Eisen - -« Nun schloss die Spinozistin: »Dass Sie
sind katolisch und ein Mönch geworden, Herr Pater, das ist bei Ihnen die
Schmiede gewesen und die Mücke ist nun auch vielleicht dreissig Tage still ...
Aber ich will nicht wünschen, dass sie am einunddreissigsten wieder lebendig
wird!« ...
    Wie wurde sie aber schon so oft so lebendig! ... Schon damals wurde sie's
beim Schweigen, das der Kirchenfürst dem Pater als Busse auferlegt hatte, beim
Begegnen Lucindens in der Katedrale ... Nun all dies Grosse und Majestätische
Roms! ... Und wenn auch Klingsohr damals zu Veilchen sagte: »Jehova rächte sich
allerdings an den Römern zu Wasser - durch die Taufe!« - wie summte ihm doch die
Mücke jetzt und wisperte: Ist Golgata die Welt? Haben die alten Götter keine
Rechte mehr? ...
    Klingsohr schritt dahin, fast wie einst in Göttingen, wenn er die Titel der
hundert Bücher auf den Lippen führte, »die er schreiben wollte« ...
    Pater Vincente, in dessen Seele es still und ruhig schien, lenkte zum
Coliseum ein ... Er betrat es, den fremden armen Gefangenen zu Liebe ...
    Wäre die Nacht nicht so hell und belebt gewesen, so würde dies mächtige Rund
den Eindruck eines Schlupfwinkels für Räuber gemacht haben ... Es liegt so
einsam - umwuchert von wildwachsenden Büschen, die oben aus den Fenstern
herausbrechen; die Vegetation hat seit tausend Jahren in allen Stockwerken bis
zur obersten Galerie Platz gegriffen ... Die Bogengewölbe, die geborstenen
Säulen, die zertrümmerten Rundmauern waren im Mondlicht wie die Erscheinung
eines Traums ... Von Luft und Licht gewoben schien dies Bild eine märchenhafte
Täuschung ... Aber sicher, fest und natürlich widerhallte Schritt und Gespräch
unter der Bogenwölbung des Eingangs; nur zu deutlich sah man drinnen die Sitze,
von denen herab Tausende auf Menschenkämpfe einst blickten mit jenen Tieren der
Wüste, die hinter den eisernen Gittern da geborgen und durch Hunger zur Wut
gereizt wurden ... In der Mitte steht zur Entsühnung solcher Erinnerungen an den
tiefsten Verfall der Menschheit ein kleines Kreuz ... Rundum ziehen sich die
Bilder eines Stationswegs ... Eine Heiligung, die edler gedacht als ausgeführt
ist! ... Das sagte selbst Pater Vincente, der niederkniete und einen mit einem
Kreuz bezeichneten Stein küsste, auf dem Hubertus mühsam las: »Wer - dies Kreuz -
küsst, hat auf ein Jahr und 40 Tage - Ablass.« ...
    Hubertus folgte dem Beispiel des frommen Paters ... Natürlich musste es auch
der Mönch Sebastus tun, so wenig die Hoffnung, vierhundert Tage im Fegfeuer
Linderung zu gewinnen, in diesem Augenblick seiner Stimmung entsprach ... Die
Mücke des Titus schwieg nicht mehr. Er stand nicht mehr an seiner Schmiede ...
Es ergriffen ihn die Schauer der Vergangenheit ... Wenn er auch nur des heiligen
Augustin gedachte, der seinen Freund Alypius von seiner Leidenschaft für
Gladiatorenkämpfe hier im Coliseum durch einen plötzlichen Schauer vorm
strömenden Blut der sich Mordenden geheilt sah, so mussten ihm wohl seine hohlen
grossen Augen rollen und Gedanken kommen, wie der, den er aussprach:
    Hier dies kleine armselige Kreuz! Hier hätte Miche Angelo einen seiner
Giganten herstellen sollen! So gross, so hoch, wie der Koloss von Rhodus! Bis an
die obersten Sitze hätte der Blick eines Daniel reichen müssen, zu dessen Füssen
die besänftigten Löwen sich schmiegten! Niederbohren musste der Prophet mit dem
Busch seiner Augenbrauen die wilden Tiere auf dem blutigen Sande um sich her
und - die Tiere in den Herzen dieser Zuschauer! ... Marcus der Evangelist, der
die Bibel emporhält, hätte wie ein Geisterbeschwörer stehen müssen, sein
aufhorchender Löwe neben ihm, auch gebändigt, auch in die Falten seines Gewandes
scheu sich schmiegend! Was soll dies kleine Kreuz! ...
    Hier möcht' ich im Chor singen! sagte Hubertus ... Er übte seine Stimme so
laut, dass es weit dahinschallte ...
    Pater Vincente verstand sein deutsch gesprochenes Wort, nickte und
entgegnete, das geschähe hier alle Freitage - von den Kapuzinern ... Zeigte er
dabei auf die Fenster hinauf mit dem vom Nachtwind leise bewegten wildwuchernden
Gebüsch, auf den Mond, der hinter den Oeffnungen bald hervorbljetzte, bald sich
versteckte - und dann sie selbst in der Mitte des riesigen Baues beleuchtete,
wovon sie Schatten warfen wie - »kleine bucklige Gnomen«, so war dieser
Vergleich aus Sebastus' Munde die von ihrem Führer wohl kaum verstandene -
ironische Antwort ...
    Die Wanderer wandten sich der Eingangswölbung zu ... Klingsohr fand sich
allmählich zurück in seine Gegenwart; sie näherten sich heiligen Stätten ... Sie
bestiegen einen aufwärts gehenden Weg und kamen in eine Art Vorstadt, an deren
äusserstem Ende einer der drei Paläste der Stellvertreter Christi liegt, der
Lateran. In alten Zeiten als Burg der dreifachen Krone hervorragend vor Quirinal
und Vatican, erhält sich der Lateran jetzt nur noch in seiner Autorität durch
die Gerechtsame, die nebenan auf der ältesten Pfarrkirche Roms, Sanct-Johannes,
ruhen, auf dem Heiligtum des grössten der von Tiebold de Jonge einst so
kritisch beurteilten Kreuzessplitter, auf der Platte, auf der einst das
Abendmahl eingesetzt wurde, auf dem Heiligtum jener hier aufgestellten
»Heiligen Treppe«, an deren Fuss Petrus den Herrn verleugnete ... Sonst ist hier
alles am Tag so still und öde, wie ein Sonntagsnachmittag in einer kleinen Stadt
- in dieser Nacht rauschte ein buntes, bewegtes Leben ...
    Alles drängte dem Tor zu, vorüber am Obelisken des Constantin und zur
Strasse, die hinaus nach Albano führt ... Militär sprengte dahin, um die Ordnung
zu erhalten ... Wagen in grotesker Vergoldung, mit Bedienten, die hier dem
neuesten englischen Geschmack, dort der Rococozeit angehörten, folgten sich
einander - jetzt schon in langsamerer Fahrt ... Auf den Trottoirs und die langen
Mauern der Vorstadtgärten entlang drängten die Bürger in ihren kurzen Jacken und
Manchesterhosen, die kurzen Mäntel übergeworfen, weisse Hüte oder bunte Mützen
auf den unrasirten braunen Köpfen ... Die Frauen selten noch in der Tracht der
alten Zeit ... Englands Baumwolle hat die bunten Nationaltrachten schon aus
Sicilien und Griechenland verjagt; die gelben Mädchen der Hindus gehen in
Kattunröcken unsres Schnitts ... Nur der Kopf bleibt noch zuweilen national;
hier war das dunkelschwarze Haar der Römerinnen schön geflochten, geziert vom
bunten Kamm, vom silbernen Pfeil; selbst der Matrone wirres und weisses Haar
blieb nicht ohne Schmuck ... Würde und Selbstbewusstsein liegt im festen Gang
aller dieser dicken Krämer und Wurststopfer ... Von den ausgelassenen Spässen,
mit denen sich bei solchem Anlass jenseits der Berge die Volksmassen geneckt
haben würden, fand sich wenig Spur ... Kein Anschluss; Jeder für sich ... Die
Erwartung galt der »Girandola«, dem Anblick der geputzten Herrschaften, den
ausgeworfenen Zuckerspenden und Schaumünzen ... Höflich bog man dem schwarzen
Rock des Augustiners aus, der braunen Kapuzinerkutte, der weissen Schnur des
Franciscaners, dem grauen Rock des Karmeliters, dem weissen des Dominicaners ...
Alle diese kamen mit Körben und Säcken, mit riesigen Kannen sogar, ohne die
mindeste Rücksicht auf lächerliche Störung ihres malerischen Effects ... Italien
hat seine eigne Aestetik ... Es besitzt Raphael - aber ein Offizier mit einem
Regenschirm - ein Dorfpfarrer auf einem Esel - und zwei Reiter zugleich auf
Einem Pferde erscheinen ihm nicht im mindesten lächerrlich ...
    Die herrlichen Gärten dann ... Leider nur mit hohen Mauern verschlossen, wie
überall in Italien ... Hängen die Jasminkronen auch nicht herüber, so erfüllen
sie mit ihrem Duft die Strassen um so ahnungerweckender ... Da und dort zeigt
sich denn auch wohl in den neidischen Mauern ein kleiner eiserner Ausbruch,
durchzogen von blühenden Rosenranken oder purpurroten Asklepiadeen ... Jenseits
des Tors schweift der freie ungehinderte Blick auf die im blauen Licht
schimmernde Campagna, auf die Gebirge; nun zur Rechten liegen Villen und Gärten,
die sich an die des Lateran anlehnen ... Die fünfte oder sechste darunter ist
die heut an einer bunten Illumination weitin schon kenntliche, vom Volk umwogte
Villa Rucca ...
    Vier mit blauen, roten, gelben, violetten Lampen geschmückte Obelisken
bilden die Eckpfeiler am heute geöffneten Eingangsgitter ... Die hohe
Gartenmauer ist mit einer flimmernden Guirlande von Hunderten kleiner Flammen
geziert ... Im Garten vor der beleuchteten Villa brennt eine riesige Sonne,
rings umgeben von den kostbarsten Südpflanzen ... Perspectivisch berechnet, am
Ende einer schimmernden Ahornallee glänzt ein sichelförmig niedergleitender
Wasserfall, hinter dessen krystallnen durchsichtigen Fluten geschäftige Hände
die Künste der Sanct-Peterskuppel-Beleuchtung nachahmen, die beweglichen
Lampenständer auf- und niederschwenkend ... Musik hallt aus den beleuchteten
Sälen der illuminirten Villa ... Dann und wann schiesst in die magisch blaue,
unendlich weiche, milde Luft schon eine Leuchtkugel, ein mit dem Mondlicht
wetteifernder Vorbote des Feuerwerks ... Das ihm aufjauchzende Volk drängt bis
an die grosse Sonne ... Von da ab werden nur noch die Mönche und die Träger von
privilegirten Büchsen hindurchgelassen ... Todtenbrüder in ihren unheimlichen
Hemden fehlen nicht ... Man hatte ausgesprengt, der Cardinal Ceccone spendete
heute Gaben im Wert von dreitausend Scudi und die Aeltern des Prinzen Rucca die
nämliche Summe ... Das Gerücht schien sich annähernd zu bestätigen ... Ein
Harlekin ergötzte das Volk über das Gitter hinweg durch Würfe von Münzen ...
Diese waren freilich nur noch von gebackenem Zucker, aber eine Tombola war im
Gange, bei der einige silberne Uhren ausgespielt werden sollten, ohne dass man
den Einsatz bezahlte - die Loose wurden über die Häupter hinweggeworfen ...
Nächst Madonna Maria ist Fortuna die grösste Heilige in Rom ...
    Pater Vincente, Pater Sebastus, Bruder Hubertus wurden durch die Chaine
gelassen, die die Soldaten und Gensdarmen zogen ... Man wies sie an ein
Seitengebäude, wo vor einer noch geschlossnen Pforte eine förmliche
Kirchenversammlung gehalten wurde ... Am heiligen Grab in Jerusalem mag es zur
Osterzeit so aussehen, wenn sich die Mönche aller Orden der Christenheit
zusammenfinden und je nach Umständen beten, Tauschhandel treiben oder - sich
prügeln ... Die Türken sollen den christlichen »Caricaturen des Heiligsten« mit
stillem Lächeln zusehen und abwechselnd bald zum Pfeifenrohr, bald zur Peitsche
greifen ...
    Klingsohr fühlte heute ähnliche Anwandelungen aus Goete's »west-östlichem
Divan« ... Er drängte vorwärts und staunte der Wiederkehr seiner alten göttinger
Burschenkraft ... Hubertus warf schon hier einen Kapuziner, dort einen
Karmeliter aus dem Wege ... Als die übrigen Franciscaner den heiligen Pater
Vincente sahen, fielen sie ehrfurchtsvoll in den Ruf einiger Stimmen ein:
    Platz dem Sack von San-Pietro in Montorio! ...
 
                                       3.
Contessina Olympia Maldachini hatte zwar immer die Villa Rucca nach dem runden
und geschweiften Rococostyl ihrer Bauart eine »altbackene Brezel« genannt und
damit die empfindlichste Seite der Ruccas, ihren - von einem Bäcker
herstammenden Ursprung berührt ...
    Aber die geöffneten Räume der altmodischen marmornen Kommode, das grosse Oval
des Saales mit den kleinen Seitenpavillons und den nach hinten hinausgehenden
Terrassen, die fast noch eine Ausdehnung des Saales schienen, boten doch darum
einen glänzenden Anblick ...
    Ein solches Fest, wo das Auge unter Lichtern, Blumen, Statuen nicht mehr
herausfindet, ob der Fuss innerhalb oder ausserhalb eines Saales, in geschlossenen
Räumen oder auf Veranden und Altanen verweilt, kann man nur im Süden feiern ...
Die Gunst des Himmels muss eine sichere sein; kein Wölkchen darf das Vertrauen
auf die Mitwirkung der Natur zur Lust der Menschen stören ...
    In dem Saal, in den Nebenzimmern, auf den mit blendend weissen, silber- und
krystallstarrenden Tafeln geschmückten Terrassen wogten einige Hundert der
vornehmsten Gäste mit glänzender Dienerschaft ... Männer und Frauen in den
reichsten Toiletten ... Die Römerinnen der hohen Aristokratie hie und da
imposant; aber bei weitem die Mehrzahl doch nur zierliche, kleine, ja nicht
selten verkommenere Gestalten, als die majestätischen, die unsre Phantasie in
Römerinnen erwartet ... Auch die Männer sind nicht das, was wir von den
Nachkommen der Scipionen erwarten ... Der junge Principe Rucca, in seiner
roten, goldgestickten päpstlichen Kämmerlingsuniform, der glückliche Bräutigam,
der wirklich, wie ein Pasquill sie nannte, die »Katze Olympia« leidenschaftlich
liebte, braucht dabei nicht mitzuzählen; noch weniger sein Vater, der immer wie
ein alter schäbiger, heute einmal ordentlich gewaschener und lächerrlich bunt
ausgeputzter Bewohner des Ghetto aussieht ... Aber selbst Principe Massimo, der
Nachkomme des Quintus Fabius Maximus Cunctator, der auf Napoleon's ironische
Frage: Stammen Sie wirklich von diesem glücklichen Gegner des Hannibal her?
stolz erwiderte: Das weiss ich nicht, Sire, aber man glaubt es von unserm
Geschlecht bereits seit eintausendzweihundert Jahren! (eine Antwort, die nach
Klingsohr's Auffassung der »Heiligen Treppe«, vor der alles Volk im Vorübergehen
knixte, Rom und der römische Glaube auf alle Zweifel an seine Reliquien geben
darf - »Sind diese Knochen nicht echt«, schrieb Klingsohr schon zur Zeit des
Kirchenstreites, »so ist doch durch sein hohes Alter der Glaube an ihre Echteit
ehrwürdig«) - - Principe Massimo ist ein kleiner, feiner diplomatischer Herr,
der mehr der Sphäre der Abbés, als der Imperatoren anzugehören scheint ... Da
wandeln die Borghese, die Aldobrandini ... Gegen frühere Geltung sind es
herabgekommene Namen, wenn auch immer noch so stolze, dass sie hier vielleicht
nicht anwesend wären, schwebte nicht der Alter Ego des Stellvertreters Christi,
Cardinal Don Tiburzio Ceccone, wie ein Apoll von sechzig Jahren durch die
Reihen, lächelte bald hier, bald dort, stellte, als wäre er der Wirt, neue
Mitglieder des diplomatischen Corps den Damen vor, begrüsste junge Prälaten, die
sich eben erst in die Carrière mit einigen Tausend Scudi eingekauft haben,
neckte die Damen ... Diamanten und Bonmots blitzen ... Die seidenen Gewänder
streifen sich und die Galanterieen ... Das die Gemahlin des Fürsten Doria, eine
Engländerin, hoch und stolz, sogar mit einem Orden geschmückt ... Dort die
Fürstin Chigi, deren Urahnen unter dem wilden Papst Julius II. ihren Gästen bei
solchen Gelegenheiten Ragouts von Papagaienzungen vorsetzten und die gebrauchten
Silbergeschirre in die Tiber werfen liessen - »Jetzt würden sie vorsichtiger
sein«, spottete schon oft Ceccone ... Napoleoniden fehlen nicht ... Ceccone gibt
ihnen mit lächelnder Grazie Andeutungen, wie ihre demokratischen Bestrebungen
ihm in Wien Gegenstand empfindlichster Vorwürfe für das Cabinet der gekreuzten
Schlüssel gewesen wären ... Neulich hatten Räuber den Prinzen von Canino (Lucian
Bonaparte) in seiner Villa Rufinella aufheben wollen ... Der Cardinal scherzt
eben darüber mit ihm und sagt: Wenn man eine Million Lösegeld verlangt hätte,
würden Eure Hoheit vielleicht nicht den »Congress der Naturforscher« in Pisa
begründet haben, der ja wohl den Anfang der »Einheit Italiens« bilden soll! ...
Ein scharfes Wort, harmlos vorgetragen, und doch so drohend, dass der Prinz
hinter dem Mann im roten Käppchen und in rotseidnen Strümpfen eine bedenklich
ernste Miene macht ...
    Saht ihr diese Miene? Ihr Piombino, Ludovisi, Odescalchi, Ruspigliosi -? ...
Alle diese Namen, die freilich in den Listen des »jungen Italien« fehlten,
fehlten doch nicht bei dem Widerspruch, den das Priesterregiment Roms seit
tausend Jahren bei den Adelsgeschlechtern findet ... Den Gesprächen zufolge
hätte niemand an die Stadt der sieben Hügel denken sollen ... Sie betrafen
Teater, Concerte, Moden - aber doch auch Räuber, die nächsten Segnungen des
heiligen Vaters, die reservirten Plätze bei den grossen Kirchenfesten ...
    Die lebhafteste Conversation führten die Offiziere und die Geistlichen ...
Letztere, Rot- und Violettstrümpfe, sind gegen die Damen fast noch
zuvorkommender, als die erstern, die vorzugsweise der Nobelgarde Sr. Heiligkeit
angehören - schlanke hohe Gestalten, jüngere Söhne der Aristokratie; nur ihrer
achtzig; aber Schooskinder der römischen Gesellschaft, Tonangeber aller offenen
Freiheiten, die sich noch unter dem Priesterregiment gestatten lassen - der
geheimen gibt es genug - die Begleiter Sr. Heiligkeit auf Reisen, die Anführer
seiner öffentlichen Aufzüge - ein Graf Agostino Sarzana darunter - in
goldstrotzender zinnoberroter Uniform mit blauem Kragen, weissen Beinkleidern,
den schönen Römerhelm, mit schwarzen hängenden Rosshaaren und dem kleinen weissen
Seitenbüschel daneben, schon in der Hand ... Das Souper war zu Ende ... Alles
drängte dem Garten und dem Feuerwerk zu ...
    Graf Agostino Sarzana war es, der eine Dame verfolgte, die sich nach dem
Ausspruch Sr. Eminenz des regierenden Cardinals heute ausnahm wie eine »Tochter
der Luna« ... Die Dame verschwamm im blauen Aeterrlicht wie ein Gedanke voll
Ahnung ... Sie tauchte auf, da und dort - und verschwand wieder in den
dunkelgrünen und blauen Schatten wie die Luft ... Ihre Toilette war der Anlass
dieser Vergleichung des Cardinals, der sie gleichfalls mit Feueraugen verfolgte,
wenn er sie auch nicht vor den vielen andern anwesenden, die seinem Herzen und -
Beutel teuer waren, allein auszeichnete ...
    Die Tochter der Luna, der Keuschen, deren heidnischen Ruf Ceccone als
Priester der Christenheit nicht zu schonen brauchte, indem er ihr eine Tochter
gab, trug ein blassblaues Kleid von Donna-Maria-Gaze, einem durchsichtigen,
damals neu erfundenen Seidenstoff, übersäet mit kleinen silbernen Sternchen ...
Das Kleid war nicht ausgeschnitten; es verhüllte, der keuschen Luna schon
entsprechend, Formen, die sich dennoch verrieten ... Als einziger Schmuck
blinkte im dunklen Haar ein einfaches Diadem von blankem Silber, in Gestalt
eines Halbmonds ... Es war ein Kopf, der sich mit seinem glattliegenden Scheitel
und dem kräftig gewundenen Knoten im Nacken wie eine lebendig gewordene Statue
aus den ägyptischen Sälen des Vatican ausnahm ... Um die dunkeln Augen lag eine
gewisse erhitzte Röte, wie sie bei leidenschaftlichen Naturen vorkommt ... Die
Stirn war schmal; die Wange ebenso etwas zusammengehend, aber sanft zum spitzen
Kinn niedergleitend; die untere Lippe trat mit Mut und Trotz hervor ... Es gibt
plastische Gesichtsformen, die nicht altern ... Das Schönste war die Länge der
Gestalt ... Die Dame war pinienhaft schlank ...
    Graf Sarzana will unserer »Creolin« Unterricht im Italienischen geben?
scherzte der Cardinal so laut, dass es alle Umstehenden hörten ... Die »Creolin«
war wieder ein neues Stichwort für die »Tochter der Luna« und diesmal kam es vom
Monsignore Bischof Camuzzi, dem ersten Secretär des Cardinals, der als Missionar
Westindien bereist hatte ...
    Eminenz, sagte Graf Sarzana, der schlanke junge Mann mit atletisch breiten
Schultern, auf denen bei jeder seiner Bewegungen die goldenen Epaulettes hin-und
herflogen, und strich sich den martialisch gezogenen Schnurrbart, Eminenz haben
die Absicht, die ganze Welt zu reformiren! Auch die Garde Sr. Heiligkeit! Wenn
ich noch länger in diesen Fesseln schmachte und nicht erhört werde, geh' ich
nach San-Pietro in Montorio, nach dem die Dame mich soeben gefragt hat ...
    Auf diese scharf betonte Lokalität und überhaupt auffallend grell
gesprochenen Worte des Ritters Sr. Heiligkeit fistulirte ein Stimmchen nebenan:
    Ja, in der Tat! Pater Vincente ist ja da! ...
    Dies Stimmchen gehörte dem Bräutigam, der den Namen des bezeichneten
Klosters gehört hatte und eben von der Pforte kam, wo er den seiner Person so
schmeichelhaften Volksjubel und die Ausspielung der silbernen Uhren hatte
controliren wollen ...
    Wir werden das meiner Frau sagen müssen! fuhr er, vom Champagner erhitzt mit
Lebhaftigkeit fort ... Erführe sie die Anwesenheit des Paters und dieser ginge,
wie er gekommen, so wäre sie im Stande, mir die erste Gardinenscene zu machen
...
    Die Abbés und Prälaten lachten über die Wonne, mit der jeder junge Ehemann
von zwölf Stunden fortwährend den Begriff: »Meine Frau« im Munde führt ...
    Inzwischen stiegen immer mehr Leuchtkugeln auf und das Feuerwerk schien
seiner Entfaltung nahe zu sein ... Draussen riefen Tausende von Stimmen und
klatschten bereits im voraus Beifall und die Musik fiel mit schmetterndem
Tuschblasen ein ...
    Der alte Rucca und die Fürstin Rucca Mutter - die jedoch noch keineswegs
Matrone sein wollte und ihren Cavaliere servente aufsuchte, um ihm eine
Strafrede für Vernachlässigung zu halten - schossen hin und her, sahen nach der
Ordnung, sahen nach dem Aufbewahren der Speisereste - »für die Armen« - Der
Schwiegervater Olympiens war bis zum Exzess ökonomisch ... Der kleine Mann mit
einer orientalischen Habichtnase und dem Band des Gregoriusordens über der Brust
klagte allen Prälaten über seine Domäne, die Zölle der adriatischen Küste ...
Man nannte ihn gewöhnlich den »Blutsauger« ... Dies war ein Titel, der ihm
gerade vor andern, die ihn ebenso verdienten, keinen Vorzug gab ... Nie aber
hätte sich allerdings gerade der alte Fürst Rucca auf der Küste von Comacchio
bis Ferrara sehen lassen können, ohne Gefahr zu laufen, von den Schmugglern und
seinen eigenen Zollbedienten todt geschlagen zu werden ...
    Aber auch dieser alte Herr horchte mit dem schalkhaftesten Lächeln seines
Nussknackerkopfes sowol nach der Erwähnung des Pater Vincente wie nach dem
Unterricht der »Creolin« hin - er wusste ja, dass es eine Deutsche war ... Seinem
Sohn rief er gelegentlich ein heimliches: Asino! nach dem andern ins Ohr,
besonders wenn dieser die Monsignori vom Steuerwesen, den Finanzminister Roms,
den Cardinal Camerlengo, nicht genug zu honoriren schien ... »Maulesel« nannte
er ihn sogar, wenn er zu wild um Olympien her »trampelte« ... Klagte nun der
junge Ehemann über die »schlimme Laune« seiner Frau, so schrieb der Alte das mit
eigentümlichem Meckern auf Rechnung aller Bräute am Hochzeitstag ... Dies
Meckern machte, dass seine Nase und sein Kinn sich küssten und die Mundwinkel
zurückgingen fast in die Ohren ... Der Cardinal Camerlengo, düster brütend wie
Judas Ischariot, der auch zuweilen nicht wissen mochte, wie er den Seckel für
den ersten Kirchenstaat von dreizehn Personen füllen sollte, scherzte jetzt: Sie
sind so guter Laune, Fürst? Im nächsten Jahr verlang' ich eine Million mehr! Die
Zeiten werden schlechter und schlechter! Wir müssen aufschlagen, Hoheit
Generalpächter! ...
    Der alte Fürst drückte sein »Wie kommen Sie mir vor?« mit einer
charakteristischen Geberde aus, die zwar stumm war, aber das ganze anwesende
geistliche Ober-Finanz-Personal des Kirchenstaates lachen machte ...
    Der Vielseitigkeit seines Geistes entsprach sein Sohn keineswegs ...
Ercolano Rucca war von Wien beschränkter als je zurückgekommen ... Er konnte
überhaupt immer nur Einen Gegenstand im Kopf haben ... War dieser erledigt, erst
dann kam er auf den zweiten ... Oft aber dauert es bekanntlich Tage und Wochen,
bis in dieser sublunaren Welt unter hundert Sachen Eine gründlich durchgesetzt
ist ... Principe Ercolano sprach dann tage- und wochenlang nur von dieser Einen
Sache, z.B. von der Kunst, Handschuhe zu verfertigen aus Rattenleder, was eine
Idee war, die der Verwaltung des Steuerwesens Mut geben sollte, die nördliche
Generalpacht im Hause der Rucca's erblich zu lassen ... Jetzt suchte er nur noch
nach der Herzogin von Amarillas, die wegen Pater Vincente um Rat gefragt werden
sollte ... Graf Sarzana hatte soeben noch mit der Herzogin gesprochen ... Auch
die alte Fürstin suchte die Herzogin - wie deren Cavaliere servente, Herzog
Pumpeo, versicherte - Dieser Herzog Pumpeo wollte in gerader Linie von Pompejus
abstammen; auch er war ein armer Nobelgardist, aber ein Crösus an guter Laune
und für Se. Heiligkeit selbst ein Spassmacher, wenn gerade an ihn der Dienst im
Vorzimmer oder bei der kleinen Garçontafel des Stellvertreters Christi kam ...
Se. Heiligkeit liess übrigens damals den Cardinal Ceccone schalten und walten -
und um nichts zu verschweigen, sagen wir es offen und aufrichtig: Der »Zauberer
von Rom« war bitter krank ... Der »Träger der Himmelsschlüssel«, der »Patriarch
der Welt«, der »Vater der Väter«, der »Erbe der Apostel«, der »Hirt der Heerde«,
war ein armer Mensch; er fürchtete den Gesichtskrebs zu bekommen1...
    Heda, Kamerad! ruft bei alledem champagnerberauscht Herzog Pumpeo dem Grafen
Sarzana zu. Ich sehe die blaue Eidechse da, wo die Schwärmer prasseln! ... Hu,
wie sie erschrickt! ... Dort huscht sie zu den Mönchen hinüber, von denen sie
einer vielleicht in seinen Sack steckt und nach Santa-Maria trägt ... Sie ist
eine »Beate« (Frömmlerin) ... Alle Eure Mühe, sie zu bekehren, scheint mir
vergebens, Bruder - oder soll's vielleicht heissen:
Freut Euch, ihr Jungen!
Die Alten bezahlen!
Die Alten bezahlen,
Nur müsst ihr nichts sehen -
Nur müsst ihr nichts hören -
    Weiter kam diese Lästerung auf Ceccone nicht ... Nun war die »Tochter der
Luna« und die »Creolin« auch die »blaue Eidechse« und sogar eine »Frömmlerin«
...
    Der Graf und der Herzog wandten sich armverschränkt beide dem linken Flügel
der »Brezel« zu, wo erstens die Champagnerströme reichlicher flossen, zweitens
die alte Fürstin Rucca, zornig mit den Augen runzelnd, auf Pumpeo, ihren Ritter,
wartete und drittens eine wahre Batterie von Schwärmern losplatzte ... Das gab
ein Angstgeschrei, bei dem die mutgebenden Soldaten nicht fehlen durften ...
    Der Bräutigam kam inzwischen mit einer Dame zurück, die heute nicht zu den
freudestrahlenden gehörte ... Auch die Toilette der Herzogin von Amarillas
verriet ihre Trauer ... Die Veilchen sind eine Blume, vor der bekanntlich jede
Römerin, obgleich an Blumenduft gewöhnt, eine bis zur Ohnmacht gehende Abneigung
hat; dennoch war das schwarzseidene Kleid der Herzogin ganz von blauen Veilchen
durchwirkt; schwarze Spitzen sassen am Leibchen und am Rock ... Auch die grauen
Haare waren in schwarze Spitzen eingehüllt ... Und nur um den Cardinal nicht zu
sehr zu einem jener Blicke zu reizen, die ihm zuweilen bis zum Tod verwundend zu
Gebote standen - seit einiger Zeit war er in dieser Art gegen sie wie ein
Skorpion - hatte sie dem Anlass der Freude, die zur Schau getragen werden sollte,
das Opfer gebracht, Hals und Arme mit dunkelroten Korallen und die Spitzen, die
das graue Haar verhüllten, mit frischen Granatenblüten zu schmücken ... Warum
soll sie erfahren, sagte sie in ihrem bei alledem stolzen und festen Tone, dass
Pater Vincente zugegen ist? ...
    Sie ist so verdriesslich ... fiel der besorgte junge Ehegatte ein ... Wir
müssen es ihr auf alle Fälle sagen ... Durchaus ...
    Die Herzogin erwiderte nicht minder mismutig:
    Sie kennen die Bescheidenheit des heiligen Mannes ... Olympia wäre fähig,
ihn in die Gesellschaft zu rufen und mit ihm - zu kokettiren! ... Das letzte
Wort unterdrückte sie freilich ...
    Sie will ihn zum Cardinal machen ... Ehe es Fefelotti ohnehin tut ... Wir
müssen ihn aufsuchen ...
    Tun Sie das nicht! sagte die Herzogin. Ich werde es ihr selbst sagen und
dann hören, was sie etwa wünscht ... Die Ernennung zum »Cardinal« überraschte
sie nicht ... Sie kannte die Maxime der ehrgeizigen Cardinäle, für die Papstwahl
entweder sich selbst in Bereitschaft zu halten oder, falls sie unterliegen
sollten, irgendeine unschädliche, ihnen verpflichtete Puppe ... Pater Vincente's
Geschichte war dem Klerus ganz Italiens bekannt ...
    Das Feuerwerk entfaltete sich noch nicht in seinem vollen Glanze ... Die
Bravis erschollen von nah und fern nur noch wie Ironie über die Verzögerung ...
Das Gewühl des Volks wurde grösser und grösser ... dabei gingen die abgetragenen
Schüsseln bei den Mönchen und Repräsentanten der Spitäler und Bettlerherbergen
um ... Schon begannen unter knallenden Champagnerkorken die Austeilungen ...
Manche der devoten Frauen, der »Beaten«, beteiligten sich selbst an der
Uebermittelung der Gaben ... Ihre goldbetressten Diener standen dann zur Seite
und überwachten die glänzenden Schmuckgegenstände, die sie trugen ...
    Olympia, die »Braut von Rom«, besass entweder die Reizbarkeit aller kleinen
Gestalten, im Gewirr vieler Menschen nicht mit den ihnen gebührenden Ansprüchen
hervortreten zu können, oder ihre Stimmung war in der Tat voll äussersten
Verdrusses ... Sie lief nach rechts und nach links, redete mit diesem und mit
jenem und trug auf der Stirn den ersichtlichsten Ausdruck einer
leidenschaftlichen Nichtbefriedigung ... Ganz so mürrisch, wie sie heute in der
Frühe in der Kirche Apostoli den Ceremonien der Trauung beigewohnt hatte, sah
sie jetzt das »Bouquet« des Festes, das Feuerwerk herannahen ... Schon mahnten
die Schwiegerältern, dass es passend wäre, sie führe ganz in der Stille während
des Feuerwerks mit ihrem Gatten in das Palais der Stadt, das sie in der Nähe des
Pasquino bewohnten - jenes alten Steinbildes, an dessen Fuss seit urältesten
Zeiten die Satiren Roms angeklebt werden und von dessen Sockel die Polizei seit
einigen Tagen jeden Morgen in erster Frühe Spottverse abgerissen hatte, die den
Cardinal ernstlich an die Zeiten mahnen liessen, wo Sixtus der Fünfte solchen
Pasquinospöttern die Zunge ausreissen liess ... Gerade vor diesem Augenblick der
Abfahrt schien aber Olympia Furcht wie zum Entfliehenmüssen zu haben ... Sie
stand niemand Rede ... Dem Gatten nicht ... Dem triumphirenden - »Onkel« nicht
...
    Ceccone weidete sich an seinem Liebling, dessen Bewegungen und Erscheinen
sich wenigstens durch das Rauschen des schweren Seidentaffetkleides ankündigten,
das sie unter ihrer Brautrobe von Spitzen trug ... Noch wehte ihr wie bei der
Trauung und der ersten Messe, die das junge Paar anhören musste, wie bei den
conventionellen Andachten, die den Tag über an gewissen grossen Altären und bei
dem Besuch Sr. Heiligkeit, um den Segen des armen mit Tüchern umwundenen Mannes
zu bekommen, gemacht werden mussten, der kostbare Spitzenschleier im Haar - statt
der Myrte war er jetzt von einem Kranz von Orangenblüten umgeben ... Schon
welkte dieser; schon welkten die gleichen Bouquets, die auf dem Kleide in
gewissen Zwischenräumen zur Seite sassen; die Hitze des innern Saals, wo Olympia
gesessen, war zu gross gewesen; sie riss auch und zerrte an allem, was sie
hinderte ... Den bronzenen Hals schmückte ein Collier von Diamanten ... »Sie ist
schön, wenn sie liebt« - hatte im vorigen Jahre die Herzogin gesagt ... Olympia
liebte heute nicht ...
    Ein kurzer Augenblick - hinter einer grossen von Hortensien gefüllten
Marmorvase - und Ceccone konnte Olympien an sich ziehen und sie voll väterlicher
Bestürzung fragen:
    Aber was hast du denn nur, mein geliebtes Kind? Was ist dir nur heute? ...
    Jettatore anche voi! zischte Olympia mit rauher Stimme, stampfte den Fuss auf
und stiess die weichen Hände des Priesters zurück ... Alle Welt will, dass ich
sterben soll! setzte sie fast weinend hinzu ...
    Ein solches Wort - dem »Onkel«! ...
    Olympia hatte gesagt, Ceccone wäre gleichfalls ein mit dem »bösen Blick« für
sie Behafteter, ein Jettatore, »wie alle Welt!« ... Das der Dank, dass er der
öffentlichen Meinung trotzte und ungeachtet aller vom Pasquino abgerissenen
Satiren auf die »Donna Holofernia«, auf die Vermählung derselben mit dem jungen
»Judas Ischariot Seckelträger junior«, und ähnlicher Anspielungen scheinbar
heute so sorglos und unbefangen sein Haupt erhob ...
    Auch er hatte ja der Sorgen genug! Aber ihm genügte im Augenblick vollkommen
der lärmende Anteil der ewigen Stadt an seiner Person; ihm genügte die
unabsehbare Wagenreihe der hohen Aristokratie und Prälatur, die bis in die
dunkelsten Schatten der Landstrasse hin sichtbar blieb ... Und nun ein Ausbruch
solcher Nichtgenüge bei dem geliebten Kinde, das sich zuweilen auch gegen ihn zu
empören anfing ... ... Er flüsterte:
    Täubchen! Liebchen! ... Papagallo! ... Fiore di luce! ...
    Suche dir die »Tochter der Luna«! ... erwiderte sie höhnisch und huschte
fort ...
    Der Onkel lachte über die »Eifersucht« seiner Nichte ...
    Da wandte sie sich noch einmal ...
    Onkel, sagte sie zornig, lache nicht! Ich möchte in diesem Augenblick
sterben! ... Ich wünschte, du hättest nur wegen meiner an Pasqualetto
geschrieben - nach Porto d'Ascoli - ...
    Jesu! flüsterte der Cardinal, wurde kreidebleich und sah sich besorgt um ...
Welchen Namen nennst du da? ... Pasqualetto - St! unterbrach er aufs strengste
Olympiens Gegenrede ...
    Der alte Rucca ging eben vorüber, spitzte die Ohren, grinzte seltsam und
sagte für sich: Eh! Eh! Eh! ...
    Vieldeutige Laute ... Olympia hatte einen Namen genannt, den er gehört zu
haben schien ... Er wandte sich halb und halb zum Zuhören und liebäugelte einer
Schwiegertochter, deren Hochzeit - mit seinem verlängerten Pachtcontracte
zusammenhing - ...
    Ceccone winkte ihm mit graziöser Handbewegung zu gehen ... Noch ist sie
mein! sprach er süss und vor allen näher herantretenden Zeugen ... Dann legte er
die zarten weichen Hände auf das Haupt der kleinen Meduse, zog sie wieder an die
Hortensienvase und flüsterte:
    Wie kannst du von Pasqualetto reden? ... Was soll er? ...
    Mich stehlen und in die Berge schleppen! ... erwiderte Olympia ...
    Ich beschwöre dich, mein süsser Papagai! fuhr der besorgte Vater fort und
wollte Olympia noch weiter ins Dunkel mit sich ziehen, um sie herzinniger zu
küssen, vielleicht sie an den Wagen zu führen, den der junge Gatte zu jeder
Minute bereit zu halten versprochen hatte ... Schon rief er nach dem Mohren, der
nach seiner Taufe den frommen Namen Chrysostomo führte ...
    Statt des Chrysostomo kam aber der ganze Schwarm der Gäste ... Die
Leuchtkugeln erhellten gerade die Vase mit den Hortensien und wo die Braut war,
mussten doch alle sein ... Niemand erzürnte gern die wilde Olympia ... Es klang
ihr jetzt ganz zu Sinn, dass ihr Gatte verspottet wurde über die Verzögerung des
Feuerwerks ... Die Raketen haben den Schnupfen! hiess es ... In die Cascatellen
ist Wasser gekommen! ... Die »Feuerräder« haben die Achse gebrochen! ... Man
fürchtet, die »Frösche« werden hüpfen wie die Flöhe! ... Flöhe ... Wer solche
Italienerworte hätte in dieser Sphäre für unziemlich halten wollen, musste eine
deutsche oder französische Bildung haben ... Der Südländer kennt keine Scheu der
offenen Namengebung dessen, was natürlich ist ...
    Die Herzogin von Amarillas machte inzwischen einen Versuch, sich Olympien zu
nähern ... Aber Olympia entzog sich gerade ihr ... So beschloss denn die
Herzogin, die Nachricht über den Pater Vincente für sich zu behalten ... Auch
sie floh vor dem endlich beginnenden Feuerwerk ... All dies Knistern und
Knattern, all diese Bravis und Ausrufungen waren der Mutter Julio Cäsares nicht
zu Sinn ... Sie suchte den Garten, den Park, der zwar nicht unbelebt, aber
dunkler war und an seiner äussersten Grenze Einsamkeit versprach ... In diesem
Verlangen nach dem Pater Vincente, das die Braut ausgesprochen, lag für sie ein
ihr wohlbekannter Ausdruck des Zorns über Benno's Nichtanwesenheit, über sein
gänzliches Verschwundensein nach den beiden Märchenwonnentagen von Wien, lag der
Ausdruck der Reue über die allzu schnelle Ernennung Bonaventura's zum Bischof
von Robillante ... Benno hatte sich im vorigen Jahr nach Rom begeben und war
dort nicht länger geblieben, als bis - die Mutter und Olympia ankamen ... Da war
er nach dem Süden entflohen ... Er hatte sich aufs Meer begeben, war über
Sicilien, Malta, Genua, Nizza nach Robillante gereist, wo er in diesem
Augenblick bei Bonaventura verweilte; er stand mit der Mutter im Briefwechsel,
er schrieb ihr unter fremden Adressen - sie hatte die ganze Bürgschaft seiner
Liebe und Zärtlichkeit für sich; - aber vor einem Zusammenleben mit Olympien
erfüllte ihn ein ahnungsvolles Grauen ... Aus dieser Misachtung der ihm so offen
in Wien ausgesprochenen Liebe Olympiens war eine Gefahr für die Herzogin selbst,
für Benno, für alle seine Beziehungen entstanden ... Die Teilnahme, die die
Mutter für ihn nicht verleugnen konnte, wurde ihr von Olympien aufs heftigste
verdacht ... Nun musste auch noch die Herzogin in Wien ein junges Mädchen
gefunden haben, das, der italienischen Sprache vollkommen mächtig, anfangs nur
die Vermittelung mit den deutschen Verhältnissen erleichtern sollte ... Eine
wohlberufene Convertitin, die von einer glühenden Sehnsucht nach Rom verzehrt
wurde ... Die Herzogin hatte den Auftrag erhalten, die Würdigkeit dieser
Empfehlung zu prüfen ... Sie sah sie, war von einer auffallenden Aehnlichkeit
derselben mit ihrem Kinde Angiolina gerührt - es fehlte nur noch die
Bekanntschaft dieses Mädchens mit Benno und Bonaventura, um sie nicht wieder
freizulassen ... Es war nun aber Lucinde Schwarz selbst, die ihrer Stellung
gefährlich zu werden drohte ...
    Lucinde liebte nicht, ungefragt von ihrer Vergangenheit zu sprechen. Sie war
nie in der Stimmung, gern von Schloss Neuhof, vom Kronsyndikus, Jérôme von
Wittekind zu berichten ... Aber die Erwähnung fand sich zufällig und da stand
sie schon in Wien Rede ... Die Herzogin horchte voll Erstaunen ... Auf die Länge
war sie von Lucinden seltsam abgestossen und wieder angezogen ... Man nahm sie
mit nach Italien ... Erst später zeigte sich die Gefahr dieser »Eroberung«, wie
Ceccone, überrascht von Lucindens Geist, sie genannt. Lucinde gewann Einfluss
über alle ihre neuen Umgebungen, über den jungen Principe, über Olympien, den
Cardinal sogar ... Jetzt war sogar schon Olympia eifersüchtig auf »die Tochter
der Luna« ... Rom hatte Lucinden verjüngt ...
    Das Boskett, das dicht an die zur Verlängerung des Speisesaals umgewandelte
Terrasse stiess, bestand aus einer Pflanzung von Nuss- und Kastanienbäumen ... Aus
seinem mässigen Umfang heraus führten Gänge von beschnittenen Buchsbaum- und
Cypressenwänden auf kleine Rotunden, in deren Mitte aus Farrenkräutern und
Vergissmeinnicht Springbrunnen plätscherten oder Marmorstatuen glänzten, am Fuss
von blühenden Cactus, von feurigen Schwertlilien umgeben ... Nun kamen die
rechts zu den Gärten des Lateran sich ziehenden Beete ... Sie folgten sich in
Abdachungen, die zu Cascatellen benutzt, von Grotten, von Muschel-, von
Marmorverzierungen unterbrochen wurden ... Zur Linken, jenseits der grossen
Platanenallee und des flimmernden Wassersturzes führten riesige Taxuswände zu
einer Altane, von welcher sich ein weites Feld von Weinstöcken wie ein einziges
grünes Dach auf die Landstrasse erstreckte ... Dortinauf, wo sich unter wilden
Lorberblättern ausruhen liess, zog es die von den schmerzlichsten Ahnungen
erfüllte Herzogin ...
    Eine Weile noch wurde sie auf ihrem Wege von einem Naturspiel aufgehalten
... Das Licht des Mondes und der Widerschein des Feuerwerks wurden in ihren
magischen Wirkungen noch übertroffen von zahllosen Glühwürmern, die bald grün,
bald rot aufblitzend die Luft durchschwammen, auf den Sträuchern und Blumen wie
Edelsteine funkelten, unwillkürlich die Hand lockten, die Luft zu durchstreifen
und nach eitel Funken und Licht zu haschen ...
    In diesem Augenblick glaubte die Herzogin die »Tochter der Luna« zu sehen,
die am äussersten Ende eines der in den Ziergarten einmündenden Heckenwege - von
zwei Mönchen verfolgt wurde ...
    Sie staunte des auffallenden Anblicks ... Sollten von den Bettlern an der
Pforte zwei so verwegen gewesen sein, sich hierher zu wagen? ... Oder konnte
sich in falscher Verhüllung Räubervolk eingeschlichen haben? ... Eben waren die
Mönche und die fliehende Donna Lucinda verschwunden ...
    Oder hatte sie sich getäuscht? ... Hatte das mondlichtfarbene Kleid der
Gesellschafterin sie irre geführt? ... ...
    Da hörte sie das Lachen des Herzogs Pumpeo ... Offiziere kamen und junge
Prälaten, die der Champagnerrausch von den alten Damen zu den jungen vertrieb
... Einige der schönsten hüpften an ihrem Arm - gleichsam nur auf der Flucht vor
den gefährlichen Feuerfröschen ...
    Die Herzogin blieb stehen ... Fast wurde sie umgerannt von dem aus einem
andern der Gänge ihr eilend entgegentretenden Conte Sarzana ...
    Sahen Sie die beiden Mönche, Graf? fragte die Herzogin ängstlich ...
    Die der Donna Lucinda folgten? antwortete Sarzana mit Teilnahme ... Wo sind
sie? ... Ich habe ihre Spur verloren ...
    Beide durchkreuzten den Gang, den die übrige Gesellschaft herauskam, und
eilten der dunklern Gegend jenseits der Platanenallee zu ... Der am Ende
derselben funkelnde Wasserfall gab einen Schein von Belebung des Gartens, der
sich indessen nicht bestätigte ... Alles blieb einsam und gefahrvoll ... Jetzt
rief der Graf:
    Ich sehe sie ... Dort beim Aufgang auf die Altane ... Was wollen die
Frechen? ...
    Conte Agostino lief mit seinen hohen Reiterstiefeln die notwendigen fünfzig
Schritte voraus und rief schon auf halbem Wege dem nächsten der Mönche ein
donnerndes:
    Que commande? ...
    Als er näher gekommen, fand er Donna Lucinda mit geisterhafter Blässe im
Gespräch mit den beiden Mönchen, die unausgesetzt wie Eindringlinge von ihm
angerufen und für verkappte Gauner erklärt wurden ... Ging doch auch durch die
Stadt das Gerücht, man hätte heute in einer Herberge am Tiberstrand den
berüchtigten Räuber Pasquale Grizzifalcone aus der Mark Ancona gesehen, das
Haupt aller Räuber- und Schmugglerbanden der adriatischen Meeresküste ... Es
konnten seine Genossen sein ...
    Die lange schlanke Deutsche hielt einen Brief in der Hand und sagte mit
zitternder Stimme und im besten Italienisch:
    Vergebung, Herr Graf! Es sind - zwei Landsleute von mir ... Sie ersuchen
mich, eine Bittschrift zu übernehmen ... Ich werde sie besorgen, ihr - frommen -
Väter -! Lassen Sie sie in Güte ziehen, Herr Graf! ... Willkommen in Rom, Pater
- Sebastus und Frater - Hubertus! ... Wir sehen uns noch ... Gewiss! Gewiss! ...
Felicissima notte! ...
    Die beiden Mönche standen lichtgeblendet - wie Saulus am Wege von Damascus
... Sie konnten sich nicht trennen ...
    Inzwischen war die Herzogin näher gekommen ... Sie erschrak bei dem Anblick
Lucindens, die tieferschüttert schien ... Noch mehr entsetzte sie sich vor dem
Anblick eines dieser Mönche, der mit seinem kahlen und wie fleischlosen Kopf aus
seiner niedergefallenen Kapuze geradezu ein Bote des Todes erschien ...
    Auch die Begleiter des Duca Pumpeo kamen, jetzt ohne die Damen, näher,
nahmen die Mönche in die Mitte und geleiteten sie aus dem Garten ... Graf
Agostino erhielt von Lucinden die Bitte und, als er darum noch immer nicht ging,
fast den Befehl, sie zu verlassen ...
    Die Herzogin sah Lucinden noch wie betäubt an den Sockel einer Statue sich
lehnen, von welcher aus man auf die Plateforme jener Altane schreiten konnte ...
Es war hier ringsum dunkel ... Die dichtbelaubten Bäume warfen düstere Schatten
... Die Herzogin widerstand nicht, Lucinden zu folgen ... Diese drängte auf die
Altane hinauf, als fürchtete sie hier unten zu ersticken oder den Mönchen aufs
neue zu begegnen ...
    Sie sind ja auf den Tod entsetzt, mein Kind! sprach sie teilnehmend ...
Erholen Sie sich ... Diese zudringlichen Bettler in Rom! ... Die Bittschrift war
nur ein Vorwand! ...
    Lucinde schlich nur langsam die Erhöhung hinauf ...
    Oben angekommen, sagte sie:
    Nein, nein! ... Ich kannte sie beide ... Ich wusste längst, dass sie in Rom
sind - ich hätte sie aber lieber, das ist wahr, vermieden; ich - mag nichts mehr
hören von Deutschland ... Die Bittschrift ist - an den Bischof - von Robillante
... Ich will sie besorgen ...
    An den Freund meines Cäsar! ... staunte die Mutter und hätte nun gewünscht,
die Mönche wären nicht vertrieben worden ...
    Beide Frauen blieben auf der einsamen Altane, auf der sie sich auf Sesseln
von Baumzweigen niederliessen, unter einem Dach von künstlich gezogenem Lorber
... Vor ihnen lag vom Mond beschienen das grosse stille Meer der Weinstockblätter
... In der Ferne Feuerwerk und das lärmende Volk, das jeder Rakete ein Evviva!
rief ...
    Obgleich sich Lucinde allmählich zu fassen schien, kam die Herzogin doch
nicht mehr auf die Mönche zurück ... Gerade diese durch Benno bedingten
Wallungen des Interesses zu verbergen, besass sie eine volle Gewandteit ... Sie
pries die erquickende Erlösung von dem rauschenden Gewühl, das sich nicht
verziehen wollte ... Sie sassen so, dass sie durch die Büsche zugleich die Künste
des Feuerwerks und über die Weingärten hinweg den stiller gebliebenen Teil der
Gegend beobachten konnten ...
    O, hier sind wir sicher vor dieser bunten Posse! sagte die Herzogin. Wenn
die Lüge in der Welt so rauschend auftritt, wie sollte erst die Wahrheit sich
ankündigen dürfen! ...
    Die Wahrheit feiert ihre Triumphe in der Stille! entgegnete Lucinde, noch
immer atemlos. Diese Triumphe sind die Glühkäfer des Geistes, die uns nur auf
einsamen Wegen umschwirren! ... Wie heisst denn die Pflanze da, auf der ich
vorzugsweise die Tierchen wie die Lichter auf unsern nordischen
Weihnachtsbäumen antreffe? ...
    Lucinde rang nach dem Ton der Gleichgültigkeit ...
    Die roten Disteln? Das sind Artischocken! sagte die Herzogin ...
    Wächst so dummes Gemüse hier so wild und schön! ... Carciofoli! Ganz recht!
...
    Eine kurze Pause trat ein ... Beide bewegten ihre Fächer und wehten sich
Kühlung zu ... Mancher scherzhafte Vorfall des Tages, manche Neckerei an der
Tafel, mancher Schmuck, manche überladene Toilette liessen sich besprechen ...
    Das Gespräch stockte jedoch bald ... Es zeigte sich - diese beiden Frauen
mussten anfangen eine sich für ein Hindernis der andern zu halten ... Die
Herzogin hatte sich längst gesagt: Hier ist meine Zeit um! Olympia ist meiner
Führung entwachsen! Selbst den Cardinal, ihren Vater, lehnt sie für ihre neue
Einrichtung als täglichen Gast ab - Schon hat sie's ihm angekündigt ... Ceccone
sucht - eine neue Häuslichkeit! Diese Lucinde - lockt, reizt ihn - Ich sah es
heute, er schien ganz ausser sich ... Lucinde sollte, wie sich gebührt, zu
Olympia ziehen ... Diese lehnt aber auch sie ab ... Soll also ich jetzt -? Ich?
... Ich ahne, was Ceccone aus ihr und - mir gestalten will ... Um sie »mit
Anstand« zur Nachfolgerin - der Herzogin von Fossembrona, der Marchesina
Vitellozzo zu machen, soll ich - als Deckmantel? - ... Nimmermehr! ... Das zu
verweigern bin ich - Benno schuldig ... Aber Graf Sarzana! ... Diese
Abenteurerin - wie sie in seinen Briefen Benno schildert - und Sarzana! ...
Diese armen Teufel freilich - die - Sarzanas! ...
    So empfand die Herzogin ... Klug aber und verstellungssicher, wie sie war,
nahm sie das Gespräch nach einer Weile auf ...
    Es ist wahr, sagte sie, das Leben bringt es mit sich, dass nur zuweilen die
Stacheln der Disteln, das sind ja Artischocken, jenen nordischen
Weihnachtsbäumen, die ich kenne, gleichen! Die Illumination der Lüge muss uns
ermutigen, an diese kleinen Glühkäfer in der Nacht der Wahrheit, an das hellste
Licht, das Aeterrlicht des Schmerzes, zu glauben ...
    Lucinde konnte noch nicht geläufig erwidern ...
    Eine Bittschrift an den Bischof von Robillante, sagten Sie? ... fuhr die
Herzogin fort, als Lucinde den Brief träumerisch betrachtete und ihn seufzend in
ihrem Busen barg ... Ist es wahr, dass dieser Priester eine Gräfin liebte, die
seit einigen Monaten die Gattin des Grafen Hugo von Salem-Camphausen geworden
ist? ...
    Lucinde fixirte die Herzogin mit scheuen unheimlichen Augen ... Jetzt erst
recht antwortete sie nicht ... Jetzt erst fiel ihr ein, dass sie ja mit einer
Frau zusammensass, gegen die sie seit einiger Zeit sich hatte entschliessen
wollen, einem Serlo'schen Gedanken Gehör zu geben ... In Serlo's
Denkwürdigkeiten stand: »Wenn ihr doch nur nicht ewig von Pflichten der
Dankbarkeit bei Diensten reden wolltet, die Euch gar kein Opfer gekostet haben!«
...
    Die Herzogin sprach sorglos, der bittern Stimmung ihres Herzens folgend:
    Graf Hugo liebte - hört' ich und sah ich in Wien - ein junges Mädchen, das
sich aus Verzweiflung - um ihr Schicksal den - Tod gab ... Ich sah - ihre -
Leiche, ich sah seine Trauer ... Er schloss mit dem Leben ab und doch - doch -
wie mögen auch bei dieser Vermählung die Raketen gestiegen sein! ... Ha,
erinnern Sie sich in Wien der schönen Altane, von der wir Abschied nahmen am Tag
vor unserer Abreise? ... Es lag tiefer Schnee auf den düstern Tannen ringsumher
...
    Ich erinnere mich ... antwortete jetzt Lucinde, die sich von Klingsohr und
Hubertus allmählich zurückfand. Sie betonte scharf. Sie hatte der Herzogin heute
schon wieder Zurücksetzungen nachzutragen, die sie ihr in Mienen und Worten an
der Tafel hatte widerfahren lassen ...
    Ob wohl das junge Paar an derselben Stelle wohnt, wo - die - arme - Geliebte
- mit zerschmettertem Haupte lag? ... fuhr die Mutter Angiolinens, nichts ahnend
fort ...
    Das - junge - Paar wohnt - in der Stadt ... berichtete Lucinde - - von dem
wirklich geschlossenen Bunde Paula's und des Grafen Hugo ...
    Eine lange Pause trat ein ... Ein leiser weicher Windhauch kam vom Südmeer
... Im Weinberg zitterten die Blätter ...
    Es ist doch gut, dass wir den Gespensterglauben haben! sagte die Herzogin
feierlich ... Wir fürchten uns doch noch zuweilen ein wenig vor den Gräbern ...
Die Alten verbrannten ihre Todten, glaubten aber doch auch an eine strafende
Wiederkehr; der Geist des ermordeten Cäsar erschien den Mördern in der Schlacht
bei Philippi ... Die Christen wollten von den Todten so wiedererstehen, wie sie
in ihrer schönsten Lebenszeit aussahen ... Angiolina hiess - sie? ... Sahen Sie
schon die Katakomben drüben? ... unterbrach sich die Erinnerungsverlorene ...
Dort blitzt eine goldene Spitze im Mondlicht auf ... Das ist Santa-Agnese ...
Dort steigen Sie einmal nieder mit einem guten Führer ... Philipp Neri, der
Heilige, hat da unten wochenlang gewohnt ... Die Erde hier ringsum ist
durchhöhlt ... Christen- und Römergräber in Eins ... Ein Leichenfeld! ... Das
Leben ist's ... Wer war der eine dieser Mönche? Er sah ja wie der Tod ...
    Wie die Auferstehung! hauchte Lucinde für sich ... Aber der erste Schrecken
war bei ihr nun vorüber ... Sie hatte sich wieder in ihre gegenwärtige Lage
zurückgefunden ... Ihr Auge fixirte die Herzogin immer unheimlicher ...
    Diese erschrak über die fast schielenden Blicke des Mädchens ... Und beim
Suchen nach einem gleichgültigen Gespräche schilderte Lucinde die
Unzufriedenheit der jungen Fürstin Rucca ... Da betonte sie sehr scharf den
Namen Benno's ...
    Lucinde tat das seit einiger Zeit in Gegenwart der Herzogin öfters ...
    Lucinde hatte allerdings bemerkt, dass die Herzogin von Amarillas in einer
geheimen Beziehung zu Benno stand ... Sie hatte schon in Wien das Interesse
beobachtet, das diese Frau an ihrem frühern Aufentalt in Deutschland, an
Witoborn, an Schloss Neuhof nahm ... Sie wusste, dass sie eine Sängerin gewesen und
- in Leo Perl's Bekenntnissen war ja von einem gewissen Betruge die Rede, den er
an einer - nicht genannten Sängerin hatte ausführen helfen ... Sie war auf den
Gedanken gekommen, ob nicht jene »zweite Frau« des Kronsyndikus, die der vom
Wein Aufgeregte und schon an Wahnanfällen Leidende damals in jener Nacht in Kiel
mit dem Degen von sich abwehren wollte, diese jetzige Herzogin von Amarillas
sein könnte ... Ihrer wühlerischen Combination entging nichts von dem, was sich
aus auffallenden Daten solcher Art irgendwie verknüpfen liess ... Sie hatte auch
schon Benno's ihr hinlänglich bekannte im Familienkreise der Asselyns und der
Dorstes oft besprochene »dunkle Herkunft« in den Kreis ihrer Combinationen
gezogen und staunte schon lange über Benno's Aehnlichkeit mit dem Kronsyndikus
und mit der Herzogin ... Sie verfolgte diese Gedanken stets und stets seit dem
Augenblick, wo sie bemerkt zu haben glaubte, dass die Herzogin gern über sie
lächelte, sie gering behandelte und zurücksetzte ... Heute war Graf Sarzana, als
er ihr den Arm geboten hatte, von der Herzogin auf eine andere Dame verwiesen
worden ... Diese Kränkung hatte sie nur vergessen, weil sie später genug von
Huldigungen überschüttet wurde ... Solche Geringschätzungen konnten sich aber
wiederholen ... Daher sagte sie mit scharfspähendem Blick und sich aller der
Vorteile erinnernd, die sie über die Asselyns hatte:
    Der Todtenkopf? Nach dem Sie fragten! Ich lernte ihn in Witoborn kennen, in
dessen Nähe ein Kloster liegt ... Es ist das Familienbegräbniss jener
Wittekind-Neuhof, nach denen Eure Hoheit mich schon so oft gefragt haben ... Der
vor länger als einem Jahr verstorbene Stammherr, der Kronsyndikus genannt, hat
den Vater des andern, des zweiten Mönches, den Sie sahen, in einem Wortwechsel
erstochen ... Dieser Unglückliche hiess Klingsohr und war des Freiherrn Pächter
... Der Todtenkopf aber war des Freiherrn Jäger und hiess Franz Bosbeck ... Aus
Holland stammt er, war in Java, gewann auf dem Schloss Neuhof eine Stellung durch
die Liebe einer bösen Frau, die dort regierte, Brigitte von Gülpen ... Da sein
Herz an einem andern Wesen hing, rächte sich diese Frau und veranlasste den
Entschluss ihres Verlobten, der seine wahre Liebe durch den Tod verlor, sich in
ein Kloster zu flüchten ... In Indien soll er von den Gauklern Künste der
Abhärtung gelernt haben, weshalb er sich trotz Entbehrungen und Strapazen so
rüstig erhält ... Der eine der beiden Mönche hatte eine Sehnsucht nach Rom, die
der andre aus mir unbekannten Gründen teilte ... Beide entflohen, sassen bisher
auf San-Pietro in Gefangenschaft und richten nun, wie sie mir sagten, in diesem
Schreiben an den Bischof die Bitte, sich zu ihren Gunsten zu verwenden ... Sie
fürchten sich, wie jeder, der einmal in Rom war, nach Deutschland zurückzukehren
- ...
    Lucinde hielt inne, weil sie die Wirkung ihres Berichtes beobachten wollte
...
    Die Herzogin folgte mit der höchsten Spannung ...
    Doch hatte Lucinde in der Kunst der Beherrschung ihre Meisterin gefunden ...
    Nach dem ersten leisen Zucken der Mienen bei den Worten: »Familienbegräbniss
der Wittekind-Neuhof«, trat trotz der aufs äusserste erregten Spannung und der
sie blitzschnell durchzuckenden Vorstellung: Diese Schlange kennt dein ganzes
Leben! eine Todtenkälte in die geisterhaft vom Mond beschienenen Züge der
Herzogin und sie sagte nichts als:
    Kommt der Nachtwind so vom Meere? Wovon bewegt sich das Laub in den
Weinbergen? ... Sehen Sie nur, als wenn eine einzige grosse Schlange dahinkröche
... So hebt es sich hier und dort und sinkt wieder zusammen ...
    Lucinde hatte nur ihr Auge nach innen gerichtet ...
    Beide Frauen waren zu tief in ihre Erinnerungen, zu tief in die Rüstung des
zunehmenden Hasses gegeneinander verloren, um einer Beobachtung über den
Nachtwind längern Spielraum zu lassen ...
    Die Herzogin ging nach Lucindens Mitteilungen in die Worte über:
    Ich würde vorschlagen, lieber die Bitte dem Cardinal, bei dem Sie ja
allmächtig zu werden anfangen, mitzuteilen, wenn nicht - allerdings Olympiens
Laune zu schwankend wäre ... In der Tat schon oft sprach sie ihre Reue aus,
einem Fremdling, wie jenem Bischof, so schnell den Fuss auf italienischem Boden
gegönnt zu haben ... In ihren Lobpreisungen des Pater Vincente, der jetzt am
Tor unter den Bettlern sein soll, erkenn' ich die Gedanken, die in ihrem Innern
Gestalt gewinnen wollen ...
    Lucinde beobachtete, ob wohl die Herzogin ihr ganzes Interesse für
Bonaventura kannte ...
    Diese fuhr fort:
    Auch ist der Bischof von Robillante in der Tat nicht vorsichtig ... Er hat
dem Erzbischof von Coni mehr die Spitze geboten, als einem so ganz den Vätern
Jesu angehörenden, jetzt als Grosspönitentiar nach Rom zurückkehrenden Prälaten
gegenüber gutgeheissen werden kann ... Sein Eindringen in San-Ignazio und die
Trinita zu San-Onofrio hat die Dominicaner gegen ihn aufgebracht ... Die
Dominicaner sind in gewissen Dingen mächtiger, als die Jesuiten ... Dieser Orden
beruft sich auf die Privilegien der Inquisition ... Der Bischof ging an die
weltlichen Gerichte ... Das war ein Beweis von Mut, aber auch eine grosse
Unbesonnenheit ... Neun Waldenser, sieben Proselyten, die die Waldenser
unerlaubterweise aufgenommen hatten, mussten von den Dominicanern, die sie
einzogen, herausgegeben werden ... Um Einen, der fehlt, kämpft nun der Bischof
noch immer ... Wie aber nur möglich, sich und andere um einen ketzerischen
Fremden so aufzuregen! ... Allerdings einen Deutschen - aber in seiner Stellung
gebührte sich gerade gegen seine Landsleute die Vermeidung aller Parteilichkeit
- ...
    Lucinde horchte mit gespanntem Anteil ... Sie kannte diese Gefahren
Bonaventura's nur aus flüchtigen Andeutungen Ceccone's ...
    Schreiben Sie ihm doch alles das, wenn Sie den Brief couvertiren sollten ...
sagte die Herzogin ...
    »Schreiben Sie ihm doch alles das -« ... Das hatte die Herzogin mit einem
seltsamen Ton gesagt ... Es war der Ton, der etwa sagte: Ich weiss es ja, Sie
sind die verschmähte Liebe dieses Bischofs! ...
    Lucinde sagte, demütig ihr Haupt senkend und nur im Blick die Fühlfäden
verratend, die sie ausstreckte:
    Der Bischof rechnet, denk' ich - auf den Beistand der Gönner, die ihm - hier
in Rom ihre alte Neigung - sofort wiederschenken würden, wenn - Herr Benno von
Asselyn, sein - Vetter zurückkehrt und - nicht länger eine Furcht verrät, die -
für einen Mann doch - kindisch ist ...
    Welche Furcht? ...
    Das Muttergefühl wallte auf ...
    Aus Besorgnis, sich durch Verteidigung des Sohnes zu verraten, sagte die
Herzogin gezwungen lächelnd:
    Dürfen Sie am Hochzeitstag der Fürstin Rucca von der Furcht eines Mannes
sprechen, der nicht der beglückte Gegenstand ihrer Liebe zu werden wünscht? ...
    Alle Umgebungen der Herzogin und Lucindens wussten, wie das Bild der kurzen
wiener Bekanntschaft von Schönbrunn und vom Prater immer noch vor Olympiens
Seele stand ...
    Lucinde sah sich in diesem Augenblick um ... Es war um sie her ein Geräusch
hörbar geworden ... Ueber den Fussboden eilte eine jener kleinen Schlangen, deren
Augen einen phosphorescirenden Glanz von sich geben ... Lucinde zog erschreckt
den Fuss zurück, sah die künstliche Ruhe der an südliche Eindrücke gewöhnten und
der Schlange nicht achtenden Herzogin und erwiderte nach einiger Sammlung:
    Benno von Asselyn fürchtet, an die bestrickende Olympia ein Herz zu
verlieren, das - ich will es Ihnen verraten - einem jungen jetzt in London
lebenden Mädchen gehört ... Sagen Sie aber nichts davon der Fürstin! ...
    Die Züge der Mutter konnten sich nicht beherrschen ... Sie verklärten sich
... In ihrem brieflichen Verkehr hatte sie nie auf eine Frage nach Benno's
Herzen deutliche Antwort erhalten ...
    Wen liebt - Signore - Benno? fragte sie mit einer sich bekämpfenden
Teilnahme, deren leidenschaftlichen Ausdruck jedoch ihr ganzes Antlitz verriet
...
    Er liebt unglücklich ... sagte Lucinde immer forschender und schon mit
triumphirenden Blitzen aus ihren dunkeln Augen hervorlugend ... Sein bester
Freund nächst dem Bischof und dem Dechanten Franz von Asselyn - Die Herzogin
schlug ihre Augen nieder - ist ein junger reicher Kaufherr, Tiebold de Jonge
... Beide wurden, ohne es zu wissen, zu gleicher Zeit von einer Liebe zu einem
Mädchen ergriffen, das damals noch halb ein Kind war ... Armgart von Hülleshoven
ist ihr Name ...
    Armgart von -? ...
    Lucinde musste den Namen wiederholen ... Der Mutter klopfte das Herz ...
    Armgart von Hülleshoven ... sagte die Listige, die sich rüstete, der
Herzogin ein für allemal das Geringschätzen ihrer Person zu verderben ... Sie
ist, hauchte sie, die zärtlichste Freundin jener Gräfin Paula, die die Gattin
des Grafen Hugo geworden ... Schon einmal gerieten beide Freunde um diese
Neigung in Streit ... Einer entsagte zu Gunsten des andern ... Darüber fand
Armgart Zeit, erst eine Jungfrau zu werden, die überhaupt an Liebe denken darf
... Ein wunderliches Aelternpaar hat sie aus Witoborn nach England geschickt, wo
sie im Hause einer Lady Elliot lebt und ihre Zärtlichkeit für zwei Liebhaber
zugleich an dem Widerstand gegen einen dritten prüfen kann ... Dieser hat das
glücklichere Loos getroffen, jetzt in ihrer Nähe leben zu dürfen ... Es ist dies
jener Wenzel von Terschka, der, wie man sagt, nur um ihretwillen Priestergelübde
und Religion und was nicht alles aufgab - ... - ...
    Pater Stanislaus? sagte hocherstaunt und sich ganz vergessend die Herzogin
...
    In der Ferne donnerten Böller und schmetterten rauschende Fanfaren ...
    Sollten Sie in Ihrem Briefwechsel mit Herrn von Asselyn - ... wagte sich
jetzt Lucinde ganz keck heraus ...
    Ich? ... Mit wem? ... fuhr die Herzogin auf ...
    Ja Sie, Hoheit, Sie allerdings - mit Benno von Asselyn - ... lächelte
Lucinde ...
    Die Herzogin war aufgesprungen ... Die Bewegung ihres Schreckens, die der
Furcht zunächst vor Olympien galt, war erklärlich ... Der Schrecken konnte aber
auch von etwas anderm kommen ... Die Zweige hatten in nächster Nähe gerauscht,
wie unter Berührung eines leise Dahinschleichenden ...
    Man ist doch sicher hier ... konnte noch die Herzogin ihren Schreck
maskirend, fragen ...
    Da deutete sie aber schon mit einem Aufschrei auf die grüne Decke des
Weinlaubs, aus der sich spitze Hüte und Männerköpfe erhoben ...
    Lucinde wollte im selben Augenblick entfliehen ... Vergebens ... Schon
hatten sie von hinten zwei Arme ergriffen ...
    Eine wilde Physiognomie, die nur die eines Räubers sein konnte, grinste sie
an ... Ein widerwärtiger, dem gemeinen Italiener eigner, vom Genuss der Zwiebel
und des Lauchs kommender Atem nahm ihr die Besinnung ... Sie konnte nicht von
der Stelle ...
    Die Herzogin war an den Aufgang der Altane gestürzt und rief:
    Räuber! Räuber! Räuber! ...
    Sie rief diese Worte - sie wusste selbst nicht, ob im Schrecken über den
Ueberfall oder in dem über Lucindens Voraussetzung eines Briefwechsels zwischen
ihr und Benno ... Sie wiederholte sie mutig, trotzdem dass unter dem Weinlaub
alles lebendig wurde, wilde Männer in abenteuerlichen Trachten den Rand der
Altane erkletterten, Pistolen und Dolche blitzten, Lucinde in die Arme eines
Atleten geworfen wurde, der die Mauer schon erklettert hatte, während der
erste, der bereits oben war und die im stillen Gespräch Verlorene von hinten
überfallen hatte, Miene machte, nun auch die Herzogin zu ergreifen ... Die
Räuber trugen die Tracht der Hirten, kurze Beinkleider, Strümpfe, Jacken, offene
blaue Brustemden; die Gesichtszüge waren von Bart und künstlichen Farben
entstellt; die braunen sehnigen Hände eines dritten, der dem zweiten
nachkletterte, stopften Lucinden, die vor Schrecken nicht einen Laut mehr von
sich geben konnte, ein buntes Tuch in den Mund ...
    Während die Herzogin, halb auf der Flucht, halb mutig wieder innehaltend,
ihre Hülferufe fortsetzte, sah sich Lucinde schon in den Armen des Riesen, der
sich, auf den Rücken zweier andern sich stützend, an die Wand feststemmte und
die Beute herunterzog mit den der Situation völlig widersprechenden
Beschwichtigungsworten:
    Haben Sie doch keine Furcht, schönste Altezza! ... Ei, Eure Excellenza
sollen so gut schlafen, wie in Ihrem eigenen Schloss ... Es ist nur ein Spass,
Signora Excellenza ... Tausend Zechinen ... Ei, das wird eine so schöne Dame
ihren Freunden schon wert sein ...
    Da Lucinde den Mut einer Frau sah, die doch von ihr soeben so scharf
verwundet worden, ergriff sie Beschämung ... Sie hielt sich an einem grossen
Oleanderstamm, der von draussen her an der Mauer aufwuchs, wühlte sich in dessen
schwanke Zweige, die sie nicht lassen wollte, und widerstand um so mehr dem
Räuber, als sie hinter sich ein wildes Geschrei hörte, das halb aus deutschen,
halb aus italienischen Lauten bestand ...
    Da liess der Riese loser und loser ... Lucinde hielt sich mit allen Kräften
... Hinter sich hörte sie ein Ringen, ein Kämpfen ... Eine Ahnung erfüllte sie
... Sie krallte sich fester und fester ... Da ein Schmerzensschrei wie von einem
Verwundeten in der Nähe ... Nun ein Pistolenschuss ... Jetzt stürzte sie selbst
von der Mauer ... Der Rauch um sie her, ihr Sturz, die Angst, die Hoffnung - sie
verlor die Besinnung ...
    Als sie wieder zu sich gekommen, lag sie noch auf dem Boden des Weinbergs
... Eben liess man von oben Leitern herab ... Die Terrasse oben stand voller
Menschen ... Waffen klirrten noch immer ... Graf Agostino, seiner schweren
Reiterstiefeln nicht achtend, stieg von oben hernieder ... Neben ihr lag in
seinem Blut der gewaltige Riese, den ein Pistolenschuss getroffen hatte von der
Hand eines Mönches. Der Mutige kniete neben einem andern Mönche, der verwundet
am Boden lag ... Da hüllte sich ihr wieder alles in Nacht ...
    Als sie aufs neue erwachte, befand sie sich in dem grossen Saale der Villa
...
    Wüst durcheinander standen die Tische und Sessel. Das Fest war zu Ende. Die
Kronleuchter brannten nur noch dunkel. Die Zahl von Menschen um sie her war
geringer geworden ... Düsterblickend stand Graf Sarzana ... Sein Auge hatte eine
Macht, vor dem sie das noch so schwache ihrige niederschlug ... Sie hörte
Ausbrüche des Erstaunens ... Wer hätte sich auch denken können, dass an einem so
lebhaften Abend, unter so vielen Tausenden von Menschen Räuber es wagen würden,
ihren gewöhnlichen Anschlag - Gefangennehmung von Personen, die sich durch
Lösegeld loskaufen mussten - in Ausführung zu bringen ... Die Räuber waren unter
dem dichten Weinlaubdach hinweggeschlichen, hatten sich der einsamsten Stelle
des Gartens genähert und würden ihren Raub wenigstens mit Lucinden ausgeführt
haben, wenn nicht die beiden Mönche, freilich auch ihrerseits in unerklärlicher
Absicht, den gleichen Weg genommen und so ihr die Freiheit erhalten hätten ...
Der Mönch mit dem Todtenkopf entriss einem der Banditen ein Pistol und schoss es
auf die gewaltige Gestalt ab, die Lucinden schon davontrug ... Ihn selbst hatte
dann ein leichter Messerstich verwundet ... Der jüngere Mönch aber, Pater
Sebastus, war lebensgefährlich von einem Stilet verwundet worden ... Lucinde
blieb unversehrt ... Sogar der Brief an Bonaventura war nicht aus ihrer Brust
geglitten ...
    Das gehört zu Italien! sprach eine Stimme ... Kommen Sie, wenn Sie können -
Ihr Wagen wartet schon ... Die Fürstin ist schon lange fort ... Graf, Sie
begleiten doch die Signora - ...
    Lucinde sah die Herzogin von Amarillas nicht ... Sie hörte aus diesen Worten
nur: Diese Signora - die die Tochter eines Schulmeisters vom Lande, eine
Abenteurerin ist - die ehemalige Braut des einen dieser Mönche - die Genossin
des andern bei gewissen, unentüllbaren, heimlichen Dingen! - Lassen Sie lieber
dies Geschöpf! ...
    Durch die geöffneten Fenster schimmerten die Sterne ... Hätte sich
allerdings Lucinde je einen solchen mit Klingsohr noch zu erlebenden Abend
träumen lassen können, als sie in ihrem Pavillon auf Schloss Neuhof unter den
Ulmen wohnte und H. Heine's Liederbuch las, das ihr Klingsohr geschenkt ...
Klingsohr - um ihretwillen jetzt vielleicht todt! ...
    Der Graf erbot sich voll Zuvorkommenheit zur Begleitung ... Die Mönche
bleiben hier; sagte er ... Der eine ist zu schwer verwundet, der andere leichter
... Aber Pater Vincente bewacht und pflegt sie beide ... Auch ist schon ein Arzt
bei ihnen ... Sie liegen drüben beim Haushofmeister ... Die Villa bleibt die
Nacht über bewacht ... Der Bargello lässt zehn Mann Wache zurück ... Sie werden,
denk' ich, ausreichen ...
    In der Tat war nun auch alles schon zerstoben und verflogen ... Der alte
Fürst Rucca war so rasch entflohen, als wenn er sich wirklich an der
adriatischen Küste befunden hätte ...
    Von dem getödteten Räuber versicherte man, es wäre der berüchtigte Pasquale
Grizzifalcone selbst gewesen ... Cardinal Ceccone hatte sich nach dieser
Recognition sofort von Lucindens Ohnmacht losgerissen, war in den Garten geeilt,
wo die Leiche lag, und hatte sich jeden Gegenstand verabfolgen lassen, der sich
in den Taschen des Gefallenen vorfand ... Dann war er eilends in seine glänzende
Carrosse gestiegen und mit seinen beiden »Caudatarien« (Schleppträgern) in seine
Wohnung gefahren, die mit der Sr. Heiligkeit unter einem Dache lag, nach dem
Vatican ...
    Graf Sarzana lächelte spöttisch bei diesem Bericht und bot Lucinden den Arm
... Sie schwankte ... Tief erschöpft schritt sie an den Wagen ...
    Beide fuhren nach dem Palazzo Rucca am Pasquino.
 
                                    Fussnoten
1 Cardinal Wisemann's »Erinnerungen«.
 
                                       4.
Ganz Rom war von der gestrigen Begebenheit erfüllt. Der Schrecken des
Kirchenstaats, Grizzifalcone, war getödtet worden von einem deutschen
Franciscanermönche! ...
    Der Messerstich, unter dem der Genosse des Mönchs zusammengesunken war,
hätte besser diesem gebührt! hiess es bei den Meisten ... Grizzifalcone wurde
bemitleidet! ... - »Der Aermste starb ohne Beichte -!« sagten selbst die, die
ihm vielleicht den längst verwirkten Tod gönnten ... Noch mehr! In der Sphäre
der Prälatur, des Adels, des gebildeten Gelehrtenstandes gingen seltsame
Versionen ... Da war Grizzifalcone nicht zufällig, sondern aus geheimen
Absichten »ermordet« worden ... Man sah die Kutsche des Cardinals hin und her
fahren ... »Was man solchen Staatsmännern alles aufbürdet! Man beschuldigt sie,
selbst ihre besten Freunde nicht zu schonen!« ... So lautete ein bittres Wort,
das aus der Sphäre der »Verschwörungen«, wir wissen nicht, ob des jungen oder
des alten Italien kam ...
    Die Aerzte, die der Cardinal in die fürstlich Rucca'sche Villa geschickt
hatte, erklärten, dass die Wunde, die der deutsche Mönch und Gefangene von
San-Pietro in Montorio empfangen, so besorgnisserregend wäre, dass sie einen
Transport desselben auf die Tiberinsel San-Bartolomeo zu den Benfratellen für
unerlässlich hielten ...
    Der Laienbruder Hubertus kam mit einem leichten Verband davon ... Er liess
sich diesen nach seinen ihm eigentümlich angehörenden chirurgischen Kenntnissen
anlegen und bedauerte nur, nicht gleichfalls zu den Benfratellen kommen zu
können, wofür nach Pater Vincente's Äusserung keine Hoffnung war ... Wenn der
Tragkorb den Pater Sebastus abholte, wollten sie ihm das Geleit geben und dann
in ihre luftige Höhe nach San-Pietro zurückkehren ... Der Sack des Klosters war
gestern über und über gefüllt gewesen; aber im Tumult des Ueberfalls, des
Schiessens, der allgemeinen Auflösung des Festes war er von irgend einer
vorsorglichen Seele aufbewahrt, d.h. gestohlen worden ...
    Der Stiletstich war dem verwundeten Pater Sebastus in die Rippen gedrungen
... Er hatte die Besinnung, atmete aber schwer und durfte nicht sprechen ...
Was in seiner Seele lebte, mühte sich Hubertus statt seiner zu sagen ... Er traf
nicht alles ... Pater Vincente, der neben den beiden auf Maisstrohbetten
ruhenden Verwundeten und mit dem Luxus einer auf der Erde ausgebreiteten
Matratze geschlafen hatte, berührte das Unsagbare schon näher, wenn er sprach:
»So ist es mit all unsrer Sehnsucht! Ich kann mir denken, dass ihr beide euer
Leben lang nach dem Anblick Roms geschmachtet habt, und die erste Nacht, wo euch
vergönnt war, euch am Ziel eurer Wünsche zu fühlen, musste so verderblich enden!
Im Coliseum priesen wir die menschlichere Zeit, die uns nicht mehr den wilden
Tieren vorwirft! Raub und Mord sind darum von diesem Boden nicht gewichen! ...«
»Man kann Italien nicht verwünschen, das neben Räubern auch einen Pater Vincente
hervorbringt ...« dachte Hubertus ... Das sah er wohl, Klingsohr's Bewegungen
kamen nicht von den Phantasieen des Wundfiebers allein her ... Lucinde in Rom!
... Lucinde in so glänzenden Verhältnissen! ...
    Hubertus hatte die Landsmännin bei ihrer Annäherung an die Bettlerschaaren
zuerst erkannt und Klingsohr auf sie aufmerksam gemacht ... Diesem war sie
anfangs eine Täuschung der Sinne, eine Luftspiegelung gewesen ... Soll diese
erste römische Nacht mich toll machen! rief er ... Bald aber sah er, dass auch
Lucinde sie erkannte, von dem Offizier, der sie begleitete, fortzukommen suchte
und ängstlich ihren Anblick vermied ... Nun wagte er dem mutigern Bruder
Hubertus zu folgen ... Sie umgingen den Stand des Feuerwerks, schlichen sich in
den Park, in den Garten, sahen, wie Lucinde sich von ihrer Gesellschaft frei
machte und entfloh ... Dennoch schnitten sie ihr den Weg ab ... Nun schien sie
ihnen wirklich Gehör geben zu wollen und schon hatte Hubertus manchem Fragenden
den Brief und die Landsmannschaft als einen äussern Grund bezeichnet, den ihr
Verlangen haben durfte, jene Dame zu sprechen ... Endlich riefen sie ihr zu,
redeten sie an - nun war sie gezwungen, sich ihnen zu stellen ... Hubertus
wusste, was sie Klingsohr gewesen ... Dieser sah, wie Lucinde, Rom schon längst
als das Höchste aus Erden an, als das Paradies der Seligen schon hienieden ...
Beim ersten Wort, beim ersten Gruss erging er sich in jenem Entzücken seines
geknickten Geistes, das ihm in so beglückender Situation, wie in den besten
Zeiten seiner Vergangenheit, wiederkehren musste ... Selbst die Eifersucht
loderte auf, als Lucinde nach den Offizieren spähte, dann die Aufschrift des
Briefes im Dunkeln zu erkennen suchte ... Zerreisse den Brief! rief er. Wir
wollen ihn nie, nie geschrieben haben! Bist du hier nicht mächtiger, als ein
Bischof! Wer feiert eine Hochzeit - als mit dir! Sieh diese Fackeln, diese
Feuerflammen - wie Nero möcht' ich Rom anzünden, um deine Epitalamien zu
singen! ... Jesus hilf, sprach diesmal voll Bangen Hubertus statt seiner ...
Dazwischen kam die Herzogin und bald der Trupp der Offiziere und der jungen
Prälaten ... Die beiden Bettler wurden verwiesen, hart bezeichnet mit den ihrer
Keckheit gebührenden Worten ... Aber die Ungeduld, die Freude, die Spannung auf
Verständigung nach so langer Trennung hatte sie beide wie im Wirbel ergriffen
... Diese wilde festliche Nacht konnte so nicht enden; sie schien alles zu
erlauben ... Sie liessen den Pater Vincente beim Sack des Klosters, den die
Köche, Diener und vornehmen Damen füllten ... Sie streiften zum Garten hinaus,
erkannten die Möglichkeit, ihm von der Landstrasse, vielleicht vom Feld her
beizukommen ... Nur ein Wort noch Lucinden, nur noch eine Bitte um Wiedersehen,
um die Begegnung in einer Kirche, etwa wie im Münster zu Witoborn zu den Füssen
des heiligen Ansgarius ... So sahen sie jene schleichenden Räuber, wurden Zeugen
des Ueberfalls, Lucindens Retter ... Klingsohr's Erinnerung an die Zeit der
Mensur stählte seinen entnervten Arm; ohne Waffe erhob er ihn, rang gegen das
geschwungene Stilet des Banditen, riss diesen nieder und erlag im Stürzen nur
einer grössern Gewandteit und der gereizten Wut der Entfliehenden, die den
Garten sich beleben sahen, während Hubertus schon den Riesen zugleich mit
Lucinden niederzog aus den Zweigen des Oleanders, in denen sie sich festalten
wollte ... Hubertus drückte das eroberte Pistol los - ohne Scheu, wie einem
Jäger geläufig war, der schon manchen Wilddieb niedergeschossen hatte ...
    Pater Vincente erfuhr, dass die gerettete Dame den beiden Deutschen wert und
näher bekannt war ... Wieder offenbarte er die Vertrauteit mit einigen
deutschen Worten ... Ueber sich selbst sprach Pater Vincente wenig ... Selbst
die Neigung des gesprächsamen Hubertus, sich, wo er nur konnte, in der Sprache
des Landes der Schönheit und der Banditen zu vervollkommnen, ergriff er nicht
als Anlass weltlicher Unterhaltung, sondern erinnerte ernst an jene Bitten, die
für Kranke zu sprechen die vorgeschriebene Regel des kirchlichen Lebens ist ...
Dann - ohne den Sack mit Lebensmitteln ins Kloster zurückzukehren -! Eine
Aussicht war das auch auf einen Dorn zur Märtyrerkrone mehr ...
    Um elf Uhr sollte der Tragkorb jener Benfratellen kommen, die einst auch
Wenzel von Terschka so wohl verpflegt hatten ... Wäre Klingsohr nicht Mönch und
bereits dem römischen Glauben gewonnen gewesen, so hätte man ihn jetzt in eine
Anstalt gebracht, wo in Rom »Neuzubekehrende« (Katechumeni und Convertendi) in
solchen Fällen leibliche und geistliche Pflege zu gleicher Zeit erhalten ... Das
Geringste doch, womit sie dann für die Genesung beim Scheiden danken können, ist
ein Uebertritt ...
    Um zehn Uhr schon kam die junge Signora vorgefahren, die gestern hatte von
Räubern entführt werden sollen und heute der Gegenstand des Gesprächs und der
Aufmerksamkeit für ganz Rom war ... Man nannte sie, wie solche Verwechselungen
vorkommen, bald eine Fürstin, bald eine »spanische Herzogin« ... Das »Diario di
Roma«, die Staatszeitung Sr. Heiligkeit, war noch nicht mit dem aufklärenden
Bericht erschienen, wenn die schweigsamste aller Zeitungen überhaupt von dem
ärgerlichen Vorfall Act nahm ...
    In Italien ist noch bei Hochzeiten die Sitte des »Lendemain« üblich ... Der
Palazzo Rucca am Pasquino wurde von Wägen und den Abgeordneten der fünftausend
privilegirten Bettler Roms (der »Clientela« der alten Römerzeit) den ganzen Tag
nicht frei ... Auch nach dem Befinden der Donna Lucinda musste gefragt werden ...
Sie selbst hatte ein Dankopfer darzubringen für ihre Rettung ... Der nächsten
Madonna gebührte der Sitte gemäss diese Huldigung ... So hörte sie die Messe in
San-Giovanni di Laterano, dem der Rettung nächstgelegenen Gottestempel ... Graf
Sarzana hatte sie auf diese Sitten beim Nachhausefahren aufmerksam gemacht ...
Er war im Wagen zurückhaltender gewesen, als in der Gesellschaft ... Am Pasquino
war er ausgestiegen ... Vom Wein, von den Abenteuern und dem Rendezvous bei der
Messe - so liessen sich denn doch wohl auch seine Andeutungen verstehen - erregt,
declamirte er Verse an die Säule des Hadrian, an die Obelisken des
Venetianerplatzes, an denen sie vorüberfuhren, misbrauchte aber nicht die
Vorteile des Alleinseins mit dem offenbar zum Tod erschöpften Mädchen ... Als
sie heute den Pasquinostein mit Gensdarmen besetzt fanden, sagte er: Ist diese
Wache nicht selbst schon eine Satire? ...
    Die Messe war wie immer in dem »stiefmütterlich« behandelten und gegen die
Sanct-Peterskirche zurückgesetzten Gottestempel am Lateran einsam und der grosse,
wie fast alle römischen Kirchen einem Concertsaal ähnliche Raum lag ganz in
jenem Schweigen, das die Sammlung unterstützen konnte ... Lucinde kniete und
träumte ... Graf Sarzana fehlte ... Er hatte sich in aller Frühe schon wegen
seines Ausbleibens entschuldigen lassen - Im Duft des Weihrauchs sammelte sie
sich ... Secreta - Canon - »Wandlung« - sie unterliess kein Kreuzeszeichen und
dachte an die noch schlummernden jungen Ehegatten - an die Morgengeschenke, die
Ceccone schon in aller Frühe für das junge Paar geschickt hatte - auch für sie
lag eine kostbare Broche, Venetianer Arbeit, dabei - An Graf Sarzana's
Schnurrbart und unheimliche Augen - An die schlaflose Nacht ihrer Feindin, der
Herzogin von Amarillas - An Hubertus und seine Vertrauteit mit der ältesten
Geschichte des Kronsyndikus - An Klingsohr's möglichen Tod - An Bonaventura ...
Dann sang der Priester: Ite Missa est! ...
    Mit gestärkter Kraft schritt Lucinde über die bunte Marmormosaik des
Fussbodens dahin ... Sie trat aus den Reihen der grossen Porphyrsäulen hinaus auf
den Platz der »heiligen Treppe« und liess sich von ihrem Bedienten in den Wagen
helfen ...
    Der Bediente erzählte, der ganze Weg bis zu Castel Gandolfo, wohin Se.
Heiligkeit heute frühe hinausgefahren, wäre des Räuberüberfalls von gestern
wegen mit Carabiniers besetzt und würde eben noch von einzelnen Trupps der
Leibwache bestrichen, unter denen sich auch Graf Sarzana befunden hätte ...
Deshalb hatte er bei der Messe fehlen müssen ... Lucinde konnte erwarten, dass
Se. Heiligkeit selbst sie nächstens beriefen und ihr persönlich seinen
Glückwunsch abstatteten ... Dass die Regierung hier über den Tod Grizzifalcone's
anders dachte, als jeder gewöhnliche Freund der Ordnung, wusste sie schon ...
Besonders sollte der alte Fürst Rucca daran auf verdriessliche Art beteiligt
gewesen sein ... Er hatte ihr kaum einen guten Morgen! gewünscht, als er ihr auf
der Marmortreppe seines Palazzo bei ihrer Ausfahrt begegnete und murmelnd in die
Bureaux seines Parterre schlich ...
    Die Fahrt zur Villa Rucca dauerte nur wenige Minuten ... Aber der Ueberblick
einer Welt konnte sich für ein Wesen wie Lucinde in sie zusammendrängen .... Das
Nächste: Sollte Klingsohr die Nacht über gestorben sein? war schon abgetan ...
Vor einigen Jahren hätte Lucinde darin eine Gunst des Zufalls gefunden ... Auf
ihrer jetzigen Höhe war ihr ein in Clausur eines strengen Klosters lebender
ehemaliger Verlobter kein zu gefährliches Schreckbild mehr ... Sie hätte ja
lieber mit Klingsohr und Hubertus mehr verhandelt ... Sie musste es auf alle
Fälle ... Der Herzogin von Amarillas wegen, die sie »unschädlich« machen wollte
...
    Wie stand sie überhaupt jetzt zu dieser »Posse des Lebens?« ...
    Sie lehnte in ihrem offnen Wagen, die Hände ineinandergeschlagen und auf
ihren weissseidnen Polstern ausgestreckt, wie eine Fürstin ... Das also bot ihr
denn doch in der Tat Rom! ... Sehet her, so lohnte sich jener Gang zu dem
Bischof, bei dem sie einst ihre »hessische Dorfreligion«, das Lutertum,
abgeschworen hatte ... Der »Augenblick«, der goldene »Augenblick«, wie er jetzt
dem auf dem goldenen Kreuz über der Kapelle »zur heiligen Treppe« blitzenden
Sonnenschein glich, gehörte ihr, ihr, der »vom Leben Erzogenen«, mit »Tränen
Getauften« - - wie sie im Beichtstuhl zu Maria Schnee in Wien, anzüglich genug
für - den ungetauften Bonaventura, gesprochen hatte. Sie wollte diesen
Augenblick ihr Eigentum nennen; sie wollte ihn sobald nicht wieder fahren
lassen ... Sie wusste, dass sie hinuntersteigen würde ... O, das kannte sie schon
als ihr altes Lebensloos ... Aber bei einem Sturz kommt es auf die Höhe an, von
wo herab! ... Die Bedingungen des künftigen Elends, das sie vollkommen
voraussah, richteten sich nach der Lage, die sie verliess... So dachte sie: Jetzt
oder nie! ...
    Was ist das mit dem Grafen Sarzana? ... Warum will mich die Herzogin von
Amarillas nicht bei sich behalten? ... Warum flüstert der Cardinal so lächelnd
mit dem interessanten, geistvollen Offizier, der mir offenbar den Hof macht und
doch - ... Warum lächelten beide so zweideutig? ... Seitdem Lucinde damals vor
Nück zu Veilchen Igelsheimer entflohen war, hatte sie für die Verwickelungen des
Lebens Gigantenmut bekommen ... Sie hatte auch den Mut, vor nichts mehr - zu
erröten ... Sie ahnte, was zwischen Ceccone und dem Grafen Sarzana vor sich
ging ... Dass sie nicht um Kleines zu erobern war, hatte sie wohl schon gezeigt
... Ja - hasste sie nicht eher die Männer überhaupt? ...
    In »Maria Schnee« hatte sie nicht Zeit gefunden, Folgendes zu beichten:
    Sie hatte das Kattendyk'sche Haus um den Tiebold'schen Streit über die
Kreuzessplitter verlassen ... Sie war zur Frau Oberprocurator Nück gezogen, die
sich schon längst ihre wärmste Freundin und Bewundrerin nannte ... »Jede kluge
Frau« - stand in Serlo's Denkwürdigkeiten - »macht die zu ihrer Freundin, die
ihrem Platz bei ihrem Manne gefährlich zu werden droht. Kühlt sich durch eine
nähere Bekanntschaft dann nicht an sich schon die Glut des Interesses beim einen
oder andern ab, so hat die Frau den Vorteil, der Welt die böse Nachrede zu
verderben ...« So dachte freilich die Oberprocuratorin nicht, aber die Wirkung
blieb dieselbe ... Lucinde war bei den täglichen, mit Frau Dr. Nück gepflogenen
Erörterungen über Kleiderstoffe, Farbenzusammenstellungen und die Echauffements
ihres Gesichts nirgends vor ihrem Mann sicherer, als in seinem eignen Hause ...
Dennoch verliess sie es, als sie eine grauenhafte Sage, die über Nück im Munde
des Volkes ging, bestätigt fand. Er selbst hatte es ihr einst gesagt, dass sich
ihm zuweilen eine Binde vor die Augen legte, die ihn verhinderte zu wissen, was
er täte .... Dann müsste er Hand an sich selbst legen ... Es waren wirkliche
Tränen - »der Nervenschwäche«, die ihm flossen, als er sagte, in solcher Lage
würd' er einmal sterben, wenn nicht ein Wesen um ihn wäre, das ihn vor Wahnsinn
bewahrte ... Was halfen die »Davidsteine« aus seiner Beichte bei Bonaventura -!
Was half die Erkenntnis, dass jeder, jeder Geist untergehen muss, der anders
spricht und handelt, als er denkt - ... Am achten Tag nach Lucindens Einzug in
sein Haus wollte sie ihm in seine Zimmer einen spätangekommenen Brief tragen und
fand ihn hängend unterm Kronleuchter. Das Sopha darunter, das auf Rollen ging,
war zurückgeglitten ... Der Anblick war furchtbar ... In Momenten der Gefahr
bewährte sich Lucinde nicht. Sie sah Hammaker den schwebenden Körper hin- und
herschaukeln; sie hörte die »Frau Hauptmännin« ein Wiegenlied auf ihrer Guitarre
dazu klimpern; die Blätter in Serlo's Erzählungen vom Pater Fulgentius und
Hubertus flogen auf ... Sie floh vor dem grauenhaften Anblick, ohne den Mut zu
haben Lärm zu machen ... Ja sie fühlte mit grausigem Gelüst der Tat des
Hubertus nach - ihn ruhig hängen zu lassen - den lebensmüden,
gewissenszerrütteten Mann - der sie in so entsetzliche Verwickelungen des Lebens
geführt, der so viel Verleumdungen und Zweifel über sie in Bonaventura's Urteil
verpflanzt hatte ... Aber nun vor sich selbst als dann einer Mörderin erbebend,
konnte sie nichts tun als die Flucht ergreifen ... Sie raffte ihre wichtigsten
Sachen zusammen, klingelte und lief wie von bösen Geistern verfolgt zu Veilchen
Igelsheimer in die Rumpelgasse ... Die Nacht über musste sie annehmen, dass der
Oberprocurator - durch ihre Schuld! - todt war ... Sie blieb einige Tage
versteckt, sie, die Mörderin des Verhassten ... Allmählich erfuhr sie, dass Nück
noch lebte und nur heftig erkrankt war ... Ueber diese Annäherungen ihres Lebens
an Brand und Mord verliess sie die Residenz des Kirchenfürsten. Sie folgte
Bonaventura nach Wien ... Gefeit gegen alles, zog sie Männertracht an und lebte
wie ein Mann ... Sie hatte seitdem nichts mehr von Nück gehört, als dass er,
zurückgezogen von den Geschäften, auf dem Lande wohnte ...
    So war sie reif für Rom! ... Ihrem Auge hatte sich die sittliche Welt aller
Hüllen entkleidet, wie nur einem katolischen Priester, der, um den Himmel
lehren zu können, in den Vorkommnissen der Hölle unterrichtet wird ... Sie hasste
und verachtete, was sie sah - und im Grunde nichts mehr, als die Männer ... Für
diese hohen Würdenträger der Kirche, für diese Tausende von ehelosen
Geistlichen, die Rom zählt, war ihr jeder Begriff von Tugend zur Täuschung
geworden. Ist Rom »mit Ablässen gepflastert«, wie jener Pilger zu Bruder
Federigo gesagt hatte, so sind die Sünden dort wie Strassenstaub ... Die
Beichtstühle der katolischen Welt scheinen in Rom mit den Geheimnissen der
Menschen seit zwei Jahrtausenden umgestürzt und ausgeschüttet worden zu sein ...
Ja sogar der Heiligste der Menschen, der Bischof von Castellungo, war -
»ungetauft«! ... Sein Rival, Pater Vincente, hatte für einen geträumten »Kuss in
der Beichte« gebüsst! ... Lucinde nahm nichts mehr, wie es sich gab; sie
zweifelte an Allem ...
    Dem »ungetauften Heiligen« hatte Lucinde in Wien Dinge gebeichtet, die bei
diesem allerdings ihren Besitz der Urkunde Leo Perl's in Schach halten konnten
...
    Bonaventura durfte nach diesen Geständnissen ruhiger werden ...
    Sie hatte in der Tat begonnen von ihrer Bonaventura schon bekannten
Begegnung mit Räubern ... Sie hatte erzählen müssen vom Eindruck, den auf eine
nicht von ihr genannte, aber leicht zu erkennende Person (Bonaventura ergänzte
sich: »Nück!«) die Mitteilung gemacht hätte, dass jener Hammaker seinem frühern
Gönner eine tödliche Verlegenheit hinterlassen wollte durch eine ins Archiv von
Westerhof einzuschwärzende falsche Urkunde ... Sie hatte Nück's Beteiligung als
eine nur passive dargestellt, ihren eigenen Zusammenhang sowol mit dem Brand wie
mit dem Fund des Falsificats nur als die äusserste Anstrengung, das Verbrechen zu
hindern ... Dennoch - sie gestand es, war es ausgeführt worden ...
    Ein kurzer Schauder Bonaventura's - ein Seufzen - »Was muss ein katolischer
Priester alles in der Beichte hören und verschweigen!« ...
    Dann fuhr sie fort und berichtete vollständig, Jean Picard hätte sogar für
seine Rettung und Flucht den Beistand eines Mannes gefunden, der zufällig in ihm
denjenigen erkannte, für dessen Wohl er noch die letzten Anstrengungen seines
Lebens hätte machen wollen ... (Bonaventura sagte sich: »Hubertus!« ...) Was aus
dem Brandstifter geworden, wusste sie nicht ... Nück hätte das Geschehene nicht
ohne die grösste Gefahr für seine Ehre aufdecken können, wäre auch durch nichts
dazu gedrängt worden, da sowol ein Ankläger fehlte wie die anfangs von ihm so
gefürchteten Gelderpressungen des Brandstifters, der sich von seinem Unternehmen
mit gutem Grund die stete Beunruhigung und Ausschröpfung Nück's hätte
versprechen dürfen ... Picard war in einem Grade verschollen, dass man selbst
seinen Tod - wer weiss, ob nicht von den Händen seines ungenannten, von
Bonaventura erratenen Retters - annehmen durfte ...
    Alle diese Vorgänge beichtete Lucinde in ihrer vollen Wahrheit, gedrängt von
den Drohungen des Grafen Hugo ... Sie warf ihre Sorge auf die heilige römische,
alleinseligmachende Kirche, auf die nahe Beziehung derselben zu Gott, auf den
Schatz der guten Werke, der die reichste Vergebung aller der Sünden gestattete,
die die weltliche Welt, die Welt des Gesetzes, die Welt der Fürsten, ihrer
Helfer und Helfershelfer nicht zu wissen braucht - - ...
    Das war die Lehre der Kirche, die ihr immer so wohlgetan ... Die gab ihr
jenen Mut und jenes Talent, eine »Beate« scheinen zu können ... Was auch an
Angst über diese Verbrechen in ihrer Seele lebte, sie warf alles auf Bonaventura
... Seiner Vermittelung der grauenhaften und für ihren Ruf, ihre Freiheit so
gefährlichen Vorgänge vertraute sie - seiner »vielleicht noch für sie
erwachenden« Liebe - seiner Furcht auch vor ihrem zweiten »Geheimnis« - über ihn
selbst ... Zu Entüllungen über die Ursachen der Flucht Lucindens aus dem
Nück'schen Hause blieb die Zeit nicht gegeben ...
    Den Ton der tiefsten Entfremdung gegen sie, einen Ton aus dem Urgrund der
Seele, den Bonaventura nicht überwinden konnte, milderten die priesterlichen
Formen ... Da erklang der sanfte Ton der Güte, da das stille Murmeln des
Gebetes, da die ernste Ermahnung ... Furcht über ihre Mitwissenschaft an seinem
eigenen tiefen Lebensunglück beherrschte ihn nicht ... Schon beim ersten Nennen
Bickert's unterbrach er sie mit den Worten: Jener Verbrecher, dessen Reue Sie
immer noch unvollständig machen durch das Zurückbehalten seines Raubes! Warum
erhielt ich nie, was Sie von ihm besitzen? Ist Ihr Bedürfnis, sich an mir zu
rächen, noch so lebhaft? Warum sagen Sie mir nicht, was ich aus dem beraubten
Sarge von Ihnen zu fürchten habe? ... Alle diese Fragen liess Lucinde ohne
Antwort und ihn selbst verhinderte sein Stolz, verhinderte sein Schmerz um
seines Vaters so schwer bedrohtes Schicksal anzudeuten, dass er den Inhalt der
Leo Perl'schen Schrift kannte ... Vollends mahnte die nächste Gefahr, die vom
Grafen Hugo mit Erneuerung des Processes drohte, zu dringend ... Zu dringend
sogar die Möglichkeit, dass Lucinde ihrer Freiheit beraubt werden und die
Beschlagnahme ihrer Papiere gewärtigen konnte ...
    Nachdem Lucinde in Bonaventura's Ohr geflüstert hatte, was sie vom Brand in
Westerhof und aus Nück's Mitteilungen über Hammaker's Vorhaben wusste, verlebte
sie Stunden der höchsten Angst ... Sie durfte irgend eine Unternehmung, irgend
eine Berührung mit dem Grafen Hugo erwarten ... Es wurden aber Tage daraus -
zuletzt Wochen ... Niemand mehr erkundigte sich nach ihr ... Weder der Graf,
noch Bonaventura ... Hatte dieser den Grafen so vollständig beruhigt, so ganz
die von ihr eingestandene Fälschung der Urkunde verschleiert? ... Sie hörte
Bonaventura's italienische Predigt; sie teilte die Bewunderung der Hörer sowol
über den Inhalt, wie über die Form; sie frischte selbst ihre alte Kenntnis des
Italienischen auf und nahm Unterricht darin ... Kein Wort aber kam vom Grafen,
kein Lebenszeichen von Bonaventura, der inzwischen nach Italien abgereist war -
ohne von ihr irgend einen Abschied gekommen zu haben ...
    Anfangs sandte sie ihm einen zornigen Fluch nach, dann erstickte der Schmerz
in Schadenfreude ... Graf Hugo war denn also wirklich nach Schloss Westerhof
gereist und alle Welt erklärte die Heirat zwischen dem Grafen und Comtesse
Paula für so gut wie geschlossen ... Paula vermählte sich! ... Es war das
Gespräch der ganzen Stadt ...
    Inzwischen fing sie an bittre Not zu leiden ... Ihre Geldmittel waren
erschöpft ... Was sollte sie beginnen? Welchen Weg einschlagen, um sich in
dieser so schwierigen Stellung eines alleinwohnenden Mädchens zu behaupten? ...
Durfte sie es ein Glück nennen, wenn sie hier plötzlich - Madame Serlo und ihren
Töchtern wieder begegnete? ... Wol durfte die teaterlustige Stadt beide alte
Gegnerinnen zusammenführen. Serlo's Kinder waren schnell herangewachsen und
gefällige Tänzerinnen geworden. Sie protegirten Lucinden, die sie herabgekommen,
eingeschüchtert, in schon schwindender Jugend sahen. Sie boten ihr nicht nur
ihren eigenen Beistand, sondern auch den - ihrer Beschützer. Die Kinder waren
leichtsinnig. Die Mutter »genoss« nun, wie sie sagte, ihr Leben nach langer
Entbehrung; sie genoss es auch im Behagen, prahlen zu können; ja - »Herz« zeigen
zu können, gewährte ihr, ganz nach Serlo's Teorie, eine eigene Genugtuung ...
Frau Serlo - das war ein elektrischer Leiter für die ganze begrabene
Vergangenheit Lucindens ... Sie erzählte jedem, was sie von Lucinden und
Klingsohr, von Jérôme von Wittekind, vom Kronsyndikus wusste ... Dass Dr.
Klingsohr in Rom gefangen sass, war allgemein bekannt; oft genug wurde Lucinde in
die Lage gebracht, über diese Beziehungen Rede zu stehen ...
    Sie wohnte in der ärmlichsten Vorstadt ... Empfehlungen von Beda Hunnius und
Joseph Niggl öffneten ihr wohl manches fromme Haus; die Gewohnheiten einer
Convertitin behielt sie bei; sie blieb eine der eifrigsten Besucherinnen der
Kirchen und Andachten; aber ihre Lage wollte sich nicht dadurch bessern ... Von
Nück wollte sie nichts begehren ... In ihrer steigenden Not dachte sie: Du
schreibst an den Dechanten, wie ihr damals Bonaventura durch Veilchen hatte
raten lassen ... Sie unterliess es ... »Wenn es nicht die Asselyns wären!« ...
Nun suchte sie selbst Stunden zu geben ... Ihre Musik suchte sie hervor ... Sie
versuchte sich sogar in dem ihr gänzlich versagten Gesange ... Dies Letztere, um
zugleich in der italienischen Sprache sich zu vervollkommnen und sich rüsten zu
können zu ihrer letzten »Pilgerfahrt nach Rom« - »vor'm Zusammenbrechen« ...
    Sie nahm Singstunden bei Professor Luigi Biancchi ... Sie waren bei diesem
gesuchten Maestro teuer ... Aber für jede Stunde, die sie in der Currentgasse
nahm, gab sie eine in der Weihburggasse, wo Serlo's Kinder wohnten ... Diese
wollten den Cavalieren gegenüber, die die Tänzerinnen des Kärntnertors
auszeichneten, ihre vernachlässigte Bildung nachholen ... Eine Weile ging das
alles leidlich ... Aber wie viel Stunden liessen die undankbaren Mädchen, die sie
einst auf ihrem Schoose geschaukelt und so oft auf ihrem Arm getragen hatte,
absagen und rechneten sie nicht an! ... Zum Glück - bei ihrer Manie für die
Ausbildung im Italienischen konnte sie so wohl sagen - wurden eines Morgens die
beiden alten Männer Biancchi und Dalschefski - verhaftet! ... Der Italiener, der
Pole verschwanden auf dem Spielberg bei Brünn, wo die »schwarze Commission« über
die Revolutionen tagte ...
    Das Aufsehen, das dieser Vorfall in ganz Wien machte, der Schrecken, den
darüber vorzugsweise Resi Kuchelmeister und Jenny Zickeles empfinden mussten,
führte Lucinden diesen beiden Damen näher ... Vielleicht würde sie ganz in das
Zickeles'sche Haus eingedrungen sein, wenn ihr nicht die noch bei Madame Bettina
Fuld verweilende Angelika Müller, »die diese Abenteurerin schon seit Hamburg
kannte«, mit mehr als drei Kreuzen entgegengetreten wäre ...
    Kurz nach Weihnachten hatte Lucinde Tage der Verzweiflung ... Sie sprach
italienisch, wie eine geborene Italienerin, aber sie hatte Schulden - Schulden -
bis zum Ausgewiesenwerden aus Wien ...
    Schulden machen den Menschen erfinderisch ... Sie wecken Genie bei Dem, der
dergleichen nicht zu besitzen glaubt ... Die Resultate des Nachdenkens jedoch
über die Mittel, sich zu helfen, sind nicht immer unserer moralischen
Vollkommenheit günstig ... Lucinde war nie »gut«; Mittel und Wege, entschieden
»schlecht« zu werden, boten sich ihr genug ... Das wohlfeilste darunter, sich
unter die Protection irgend eines Mannes, der sie zu lieben vorgab, zu begeben,
vermied sie - ... Aus zunehmender Abneigung gegen die Männer überhaupt? ... Wozu
hatte sie so gut Italienisch gelernt! - ... »Freund der Seele, ich komme, um
meinen Spuk mit dem Fund aus dem Sarge zu entkräften! Ich will ihn in deine
Hände zurückgeben! Ich will mit dir die Frage erörtern: Was ist diese Welt, was
Glaube, was unsere ganze dies- und jenseitige Seligkeit?« ... »Das blieb ihr
denn doch noch immer übrig, noch einmal nach Robillante und Castellungo
schreiben zu können ... Jetzt vollends, wo sich Paula in der Tat - dem
Verbrechen der Fälschung? - hatte opfern müssen« - ...
    Lucinde rechnete und wühlte ... Serlo's Kinder waren hübsch, aber ohne
Geist. Ihre Lehrerin brauchte nur bessere Kleider anzuziehen, als sie sich
erborgen konnte, und sie hätte schon die Aufmerksamkeit dauernder gefesselt ...
Wie sonst, so auch jetzt ... Lucinde konnte verschwinden und auffallen; sie
konnte als Magd und als Königin erscheinen; die Devotion war die Maske für
beides ... Blinzelte sie nur einmal mit der vollen Macht ihrer kohlschwarzen
Augen, gab sie sich mit dem ganzen Vollgefühl ihres übermütigen Geistes, so
erstaunten Grafen und Fürsten, die, mit Serlo's Töchtern und Madame Serlo
plaudernd, die schlanke schwarze Lehrerin im einfachen Merinokleide nicht
beachtet hatten ... Nach einem solchen Lächeln war ihr Mancher schon
nachgesprungen, wenn die schlanke Kopfhängerin mit ihren französischen, von den
Jesuiten de la Société de Marie herausgegebenen Geschichtsbüchern sich empfahl
... Madame Serlo hatte sie dann beim Wiederbesuch mit einem Hohngelächter
empfangen ... Wäre Lucinde sentimental gewesen, sie hätte über dies ganze
Familienleben ausrufen müssen: O wärst du noch zugegen, du abgeschiedener Geist
des armen Vaters dieser Kinder! Sähe dein erbittertes Gemüt eingetroffen, was
du schon alles ahntest, als du auf dem Sopha lagst - und ich die Uhr zog, die
ich vom Kronsyndikus damals noch hatte, um nach der Stunde zu sehen, wo du die
Arznei nehmen musstest! ... Wie oft hatte Serlo gesagt: Und gesetzt, ich würde
alt und erlebte, was ich voraussehe, ich kann mir denken, dass ich das Gnadenbrot
bei den Meinigen annehme! Nicht wie den alten Lear hinausjagen würden sie mich;
nein, ich bekäme die Reste von den Orgien, die sie feiern; ich würde lachen wie
ein Lustigmacher, würde leuchten bis zur Treppe und die Trinkgelder nehmen, die
dem Papa in die Hand gesteckt werden ... »Hunger - tut weh«! konnte Serlo dann
wimmern, wie Edgar im Lear ...
    An Menschenhass und Weltverachtung nahm Lucinde immer mehr zu ... Sie hatte
schon im Späterbst bei einem Besuch des Praters die Entdeckung gemacht, dass die
aufgeputzte Besitzerin jener Menagerie von einem jungen Mann begleitet war, über
den die alte Holländerin mit ängstlicher Eifersucht wachte ... Lucinde wagte
nicht ihn schärfer zu betrachten, seitdem sie entdeckte: Das war Oskar Binder,
der entlassene Sträfling, der spätere Spieler unter dem Namen »Herr von
Binnental«! ... Und von einem aufgehobenen Spielclub hatte sie gehört, den ein
Herr »Baron« von Gutmann hielt ... Die Entdeckung war bei einer polizeilichen
Recherche erfolgt, von der die ganze Stadt sprach ... Frau Bettina Fuld wünschte
bei ihrer Abreise Andenken zu hinterlassen und kaufte zu dem Ende allerlei
Schmucksachen. Sie wollte ihre Kasse nicht zu sehr in Contribution setzen und
wandte sich auf den Rat der praktischen »Frau von Zickeles«, ihrer Mutter, an
eine Auction im Versatzhause ... Wie erstaunte sie, dort jenes Armband
verkäuflich zu finden, das ihr vor einem Jahr in ihrer Villa zu Drusenheim
abhanden gekommen! ... Das verfallene Versatzstück war auf den Namen einer Frau
von Gutmann eingetragen, derselben, die damals bei ihr so gastlich aufgenommen
gewesen! ... Die Anzeige, die Arrestation erfolgte ... Lucinde las in den
Zeitungen die nähern Angaben ... Wie versetzte die Hellauflachende das alles in
ihre erste Jugendzeit ... Vom Lauscheraugenblick, als jene Frau vor ihrem
spätern Mann auf den Knieen lag, fing ja ihr ganzes dunkles Leben an ...
    Lucinde würde zur Verzweiflung gekommen sein, hätte ihr jenes Bild der
Jugend nicht auch Treudchen Lei als freundlichere Erinnerung vorgeführt ...
Durch diese beschloss sie sich zu helfen ... Sie schrieb an »Madame Piter
Kattendyk« nach Paris, erzählte, dass sie in der grössten Not wäre, und bat um
Hülfe ... Da kam ein unortographischer, liebevoller Brief, der einen Wechsel
auf hundert Dukaten einschloss ... »Das Glück liegt irgendwo, sagte sich Lucinde
- wer es nur fände!« ...
    In einem kurzen Sonnenschein des Glücks suchen wir die zuerst auf, denen wir
gefallen möchten ... So eilte Lucinde zu Resi Kuchelmeister, deren gesunder Ton
ihr in freundlicher Erinnerung geblieben war ... Sie fand diese in ausdauernder
schmerzlichster Trauer über das Schicksal der beiden alten Männer aus der
Currentgasse ... Resi war an sich so loyal, dass sie jedes dem Kaiserhause und
ihrem grossen schönen Vaterlande bedrohliche Unternehmen für eine Ausgeburt
absoluter Nichtswürdigkeit erklärte; seitdem sich aber Dalschefski und Biancchi
auf geheimen Umtrieben hatten betreten lassen, anerkannte sie wenigstens
psychologische Möglichkeiten solcher Verirrungen - Frauen beurteilen alles aus
dem Herzen ... Biancchi war denn nur geizig gewesen zum besten der
Conspirationen! ... Ein weitverzweigtes Netz von London über Paris, nach
Italien, Ungarn, Polen hatte sich auch um ihn geschlungen! ... Und Dalschefski
lächelte nur deshalb so ironisch, weil ein Greis mit Jugendmut in den
schmerzlichen Nachklängen des Finis Poloniae lebte ... Emissäre hatte »das arme
Lamm« nach Krakau und Galizien befördert, Flüchtlinge, Mitverbundene - Spione
... Dem »elenden Pötzl« schrieb Resi, vielleicht mit Unrecht, das Unglück der
beiden alten Männer zu, die mit ihren verwöhnten Bedürfnissen, mit ihren grossen
edlen Fähigkeiten jetzt in grauen Kitteln zwischen den Wällen des Spielbergs
leben mussten ... Resi's Unmut war ebenso gross, wie ihre Erbitterung über die
Gesinnungslosigkeit der Zickeles, wo Jenny plötzlich tat, als erinnerte sie
sich kaum des »Schöpfers ihrer Stimme« - sie hatte inzwischen einen neuen
Maestro gefunden, der die Metode des vorigen verwarf, wunderbare Entüllungen
machte über den falschen Gang ihrer bisherigen Tonbildung und ihres
Stimmansatzes - »eine dilettantische Sängerin ist zu allem fähig!« sagte Resi
... Aber auch die Bühne gab sie inzwischen jetzt selbst auf ...
    Wer kann den unglücklichen Männern helfen! ... dachte Resi ... Sie hatte so
vielfache Beziehungen - die einflussreichste, Graf Hugo, war nicht anwesend ...
Da fiel ihr ein: Die Herzogin von Amarillas hatte so treu ausgeharrt bei
Angiolinens Seelenmetten ...
    Zu dieser ging sie in den Palatinus ... Olympia, die sie immer noch die
Mörderin Angiolinens nannte, war glücklicherweise nicht anwesend ...
    Als die Herzogin die Bitte vernommen, die darauf hinausging, dass sie sich
für einen Landsmann beim Cardinal, dieser aber beim Staatskanzler verwenden
möchte, sagte sie voll Staunen: Luigi Biancchi! ... Sie hörte allem, was Resi in
leidlichem Italienisch von einem ihr so wohlbekannten Namen erzählte, mit
grösstem Interesse und versprach auch das Möglichste zu tun ...
    Die Herzogin konnte nichts tun ... Zu Olympien durfte kaum der Name
Biancchi ausgesprochen werden, ebenso wenig wie zu Ceccone ... Resi vergab ihr
den Nichterfolg um des Anteils willen, den die weiche Seele um Angiolinen
zeigte ... Resi erzählte das Leben ihrer Freundin, soweit es ihr bekannt war ...
Die Herzogin war über jede ihrer Mitteilungen zu Tränen gerührt ...
    Resi's leidliche Gewandteit im Italienischen bestimmte die Herzogin, von
einem Verlangen der Gräfin zu sprechen, eine Deutsche als Gesellschafterin zu
engagiren und sie vielleicht mit nach Rom zu nehmen ... Olympia glühte noch ganz
für Benno und Bonaventura ... Die Herzogin trug ihr diese Stellung an ... Resi
ergriff anfangs den Vorschlag und schien nicht abgeneigt ... Zuletzt legte sich
die Anhänglichkeit der Wienerin an ihre Vaterstadt verhindernd dazwischen und so
brachte sie »eine Schülerin Biancchi's«, ein Fräulein Lucinde Schwarz für diese
Stellung in Vorschlag ...
    Diese bewarb sich und reussirte ... Das System, sich anspruchslos,
unbedeutend, vorzugsweise nur an den Uebungen der Religion beteiligt zu
stellen, stand Lucinden bei allen Anfängen ihrer Unternehmungen bei ... So sehr
es aufregt, stets in einer fremden Sprache reden zu müssen; so mächtig Phantasie
und Herz von den Zaubern Italiens ergriffen wurden, sie beherrschte sich; sie
suchte weder Mistrauen noch Eifersucht zu erregen ... Der Cardinal reiste erst
später nach in Begleitung des jungen Fürsten Rucca ... Olympia, die Herzogin und
Lucinde gingen voraus ...
    Lucinde erkannte bald die Natur der Gräfin, die man flüsternd die Tochter
des Cardinals nannte ... Sie erstaunte über die Leidenschaft, die sie für Benno
von Asselyn zur Schau trug ... Jetzt erst erfuhr sie den eigentlichen
Zusammenhang, wie Bonaventura zu einem Bistum in Italien hatte kommen können
... Benno wurde in Rom erwartet; die Gräfin sprach von ihm, als sollte ihre
Vermählung nicht mit Ercolano Rucca, sondern mit Benno stattfinden ... Nun - war
er aber wieder entflohen ... Jetzt wurde sein Name mit Verwünschungen genannt
... Sie hütete sich wohl, von ihrer Bekanntschaft mit Benno zu viel zu verraten
... Bald war ihr der junge Principe Rucca eine Art Piter Kattendyk; der alte
Rucca ein Stück Kronsyndikus; die Fürstin Mutter eine der vielen alternden
Koketten, die sie in ihrem Leben schon kennen gelernt hatte ... Der allmächtige
Cardinal hatte geistig alles von Nück; nur in seinen Manieren war das Streben
nach Glanz und Anmut vorherrschend ... Sie hatte einigemal scharfe Urteile
gefällt, Ansichten über die Zeit, die Verhältnisse Deutschlands ausgesprochen;
bei einigen Festen ging sie in gewählter Toilette; da merkte sie - Ceccone warf
verstohlene, glühende Blicke auf sie ... Es liess sich ganz so an, als wenn sie
eines Tages seine Beute werden sollte - ... Sie dachte über die Bedingungen
eines so ausserordentlichen Sieges nach ... Hätte sie sich je dergleichen von Rom
träumen lassen! ... Nur die Herzogin von Amarillas wurde ihr mit einem
jeweiligen sonderbaren Lächeln bedenklich ...
    Den Lebensbeziehungen Bonaventura's war sie wieder in einem Grade nahe, der
ihr die glänzendste Genugtuung werden musste ... Sie sah, dass er sein Amt mit
einem auffallenden Streit gegen den Erzbischof von Coni begonnen hatte ... Der
Gegenstand desselben gehörte den Gerechtsamen der Inquisition an, die zwar nicht
mehr mit Scheiterhaufen, aber immer noch mit Einkerkerungen strafen kann ... Die
Dominicaner sind die Wächter des Glaubens; sie halten auf ihre Vorrechte um so
eifriger, als die Jesuiten sie im übrigen überflügelt haben ... Der gestürzte,
von Bonaventura befehdete Fefelotti war nicht im mindesten in dem Grade
unterlegen, wie Ceccone gewünscht hatte ... Gegen einen unruhigen Bischof seiner
Diöcese konnte ihn Rom vollends nicht fallen lassen ... Noch mehr; Fefelotti kam
in die unmittelbarste Nähe des Vaticans zurück. Er wurde der erste geistliche
Minister Sr. Heiligkeit, während Ceccone der weltliche war ... Jetzt wurde
Bonaventura's Lage vollends schwierig - ... Noch ein anderer Schlag gegen ihn
war in Vorbereitung, die Verurteilung der dem apostolischen Stuhl aus Witoborn
vorgelegten Frage über den Magnetismus - »ob sich ein Priester nicht durch
magnetisches Handauflegen verunreinige«1? ...
    Mitten im Gewirr dieser sich durchkreuzenden Gerüchte und leider nur
halbverbürgten Nachrichten, hörte Lucinde, dass Paula's Bund mit dem Grafen Hugo
wirklich im Frühjahr war geschlossen worden ... Resi Kuchelmeister schrieb ihr
autentisch diese Nachricht ... Resi schilderte, was sie gehört von der in der
Libori-Kapelle bei Westerhof stattgefundenen Trauung ... Sie schilderte Paula's
erstes Auftreten - in Wien - wie die geisterbleiche, mehr dem Himmel, als der
Erde angehörende Gräfin ein Aufsehen sondergleichen mache, wie sie alle
Schichten der Gesellschaft in Bewegung setze ... Lucinde befand sich im Glück;
das machte ihr Urteil milder ... Bonaventura hatte Paula aufgeben müssen; das
liess eine Weile ihre Eifersucht schweigen ... Auf der Höhe des Verständnisses
dieser unglücklichen Liebe stand sie ohnehin und wohl empfand sie, was in
Paula's Seele vorgehen musste ... Graf Hugo hatte ihr einmal eine schreckhafte
Stunde des Lebens bereitet, er hatte zornig und drohend mit ihr gesprochen und
so schrieb sie denn an Resi: »Das ist unser Frauenloos! Die Lilie vom See in
einen Stall verpflanzt! Veilchenkränze vom Bachesufer in ein mit Tabacksqualm
durchzogenes Zimmer! Hände, weich und weiss wie Schwanenflaum, blätternd jetzt in
einem abgegriffenen Lebensbuch! Aber gewiss! Der Graf wird sie schonen! All die
Künste der Egards, mit denen die Männer sich zu verstellen wissen, wird er
entfalten ... Er wird sich auf den Ton der Tugend und Achtung vor dem Schönen
stimmen! Wie wird er um sie her einen Tempel aus bunten Lügen-Wolken bauen,
einen Tempel mit schönen Säulen und Vorhängen, die undurchsichtig sind, um - den
Stall, die Cigarre, den Wein, die Untreue zu verbergen! ... Aber manchmal
verwickelt sich denn doch der Sporn des plumpen Fusses in die zarten Teppiche,
die auf dem Boden gebreitet sind; manchmal reisst er die Herrlichkeit der Lüge
zusammen. Da stürzen die alabasternen Vasen, zerbrechen die kleinen Hausgötter
des Friedens, der erlogene Seladon wird zum schnurrbärtigen Barbaren, wie ich
sie alle gefunden habe, diese Erlauchts, diese Excellenzen, diese Durchlauchts
... Dann kommen Dinge zu Tage, die für uns Frauen wie Offenbarungen aus der Welt
des Mondes sind! Seit dem Anfang der Welt belügen so die Männer die Frauen,
misbrauchen mit ungrossmütiger Kraft unsere urewige Schwäche, die immer wieder
die Füsse küsst, die uns getreten ... Vielleicht führt der Graf seine Rolle
wenigstens durch bis zum stillen Verlöschen des Lichts, das ihm der Himmel zu
hüten beschieden hat. Vielleicht besitzt er, da sie ihn gutmütig nennen,
wenigstens die Geduld des Ausharrens bis zum Ende ... Ich kann mir den Glauben
der Aerzte nicht geben, die diese Paula wie eine welk gewordene Blume an solchen
Küssen und Umarmungen aufleben sehen und eine gesunde Mutter mit sechs
pausbackigen Jungen in Perspective dieser Ehe erblicken. Zieht der Graf nach
Schloss Salem, so fällt aus der dortigen Luft allein schon ein Mehltau auf die
zarte Pflanze; selbst wenn sie nie erfährt, wer die andre arme Seele war, die
einst dort in den kleinen Entresols des Casinos gehaust hat« ... Resi
Kuchelmeister nahm diesen Brief sehr übel und antwortete nicht mehr ...
    Es war eben in der Welt nur Ein Mann, der Lucinden liebenswert erschien ...
Hochtronender denn je unter allem Elend und aller Schwäche dieser Erde lebte er
in seinem einsamen Alpentale ... Wie gern hätte sie ihn in seinem jetzigen
Glanz erblickt! In seiner langen weissen Dalmatica, mit seinem silbernen
Bischofsstab, unter seiner spitzen Bischofskrone, die ein Haar bedeckte, das
schon, wie sie bei ihrer Beichte zu Maria-Schnee gesehen, zu ergrauen anfing!
... Wie gegenwärtig war ihr alles, was Bonaventura über diesen Bund Paula's
empfinden musste ... Sie ängstigte sich um die Gefahren, die ihn bedrohten ...
Hätte sie nur mehr davon erfahren ... Sollte sie sich an den Cardinal wenden?
... Ceccone hatte den Kopf mit dem »Jungen Italien« und den Vorwürfen des
Staatskanzlers voll und Olympia sprach nur selten noch anders, als mit Hohn über
den von ihr zum »Heiligsten der Christen« und zum Bischof ernannten Deutschen
... Die Herzogin schien ihr eher eine Bundsgenossin; doch musste sie mit dieser -
»erst einen Vertrag abschliessen« ...
    Eines Tages hatte sich Lucinde, als Olympia nicht anwesend war, nach einem
kleinen Diner bei der Herzogin, dem der Cardinal, einige Prälaten und Offiziere
beiwohnten, den Scherz erlaubt, den grossen roten Cardinalshut des erstern
aufzusetzen und damit vor den Spiegel zu treten ... Das Gespräch war so lebhaft,
das Lachen so natürlich gewesen, dass Lucinde sich diesen kleinen Rückfall in
ihre alten »Hessenmädchen«-Naivetäten glaubte beikommen lassen zu dürfen ...
    Una porporata! rief Ceccone mit glühenden Augen und beifallklatschend ...
    Der grosse rote Sammtut mit den hängenden Troddeln von gleicher Farbe stand
dem schwarzen Kopfe in der Tat allerliebst ...
    »Die Päpstin Johanna!« sagte ein Offizier, der Lucinden zu Tisch geführt
hatte ... Er schien sich gut mit ihr unterhalten zu haben ... Man nannte ihn den
Grafen Sarzana ... Er stand bei der Nobelgarde und war noch nicht lange von
Reisen zurück ...
    Der Cardinal drohte ihm für sein Wort schelmisch mit dem Finger, sagte, wie
zur Strafe: »Nein! Die Gräfin Sarzana!« ... Damit setzte er Lucinden den schönen
Helm des Offiziers auf ...
    Eine Purpurglut überfloss sie ... Ihre verunglückte Johanna d'Arc auf der
Bühne stand wieder vor ihr ... Sie hatte keine Kraft, ein Wort zu sprechen,
keine Kraft, den Helm wieder abzunehmen, bis es Herzog Pumpeo tat ... Der
Cardinal hatte den seinigen ergriffen ...
    Seit dieser Zeit wurde sie mit »Gräfin Sarzana« geneckt und von niemand mehr
als von Ceccone ... Der Graf, der sie nach dieser Scene anfangs auffallend
gemieden hatte, fing plötzlich sogar selbst an, den Scherz wahrmachen zu wollen
... Er zeichnete sie aus ...
    Lucinde wusste, dass Don Agostino ein Graf »ohne Baldachin« war, d.h. ohne
Stellung zum hohen römischen Adel. Ein Marchese ist mehr als ein römischer Graf.
Sie wusste, dass Graf Sarzana arm war und unter Cavalieren nach dem Schlag des
alten Husarenrittmeisters von Enckefuss lebte. Galanterie und die Kunst, mit 1500
Scudi für sich und ihre Diener auszukommen, erfüllte das Leben dieser »armen
Ritter« - unter denen sich Frangipanis und Colonnas befinden ...
    Wie sich aber die Neckereien mit der »Gräfin Sarzana« mehrten, trat ihr die
Vergleichung des alten Enckefuss mit diesen römischen Rittern noch in einer
andern Beziehung entgegen ... Der alte Husarenrittmeister hatte Ehrgeiz,
Ritterlichkeit, Treue, Aufopferung für gute Freunde, Tugenden, die die Fehler
seines Leichtsinns vergessen liessen ... Seltsam aber, sagte sie sich, diese
romanische Art besitzt von alledem wenig oder gar nichts und regiert doch die
Welt! ... Die anständigsten Menschen hatte Lucinde hier gewinnsüchtig und
schmutzig geizig gefunden; ein gewisser Adel der Auffassungen, der ihr selbst
noch in der äussersten Entartung des heimischen Junkertums, im Kronsyndikus, bei
ernsten Krisen erinnerlich war, fehlte hier ... Sie sah anständig gekleidete
Männer Abends in die Kaffeehäuser zu den Gästen treten, die Achsel zucken und
den Hut hinhalten - um einen Bajocco zu erhalten ... Selbst die Herzogin von
Amarillas fand in solchen Vorkommnissen nichts als die allgemeine Consequenz des
südlichen Lebens ... Mit dem äussern Schein der Demut verband sich, wo Lucinde
hinblickte, eine Gewöhnlichkeit der Anschauungen, die selbst ihre leichte Art zu
denken und zu urteilen noch überschritt ... Im Teater, das sie wegen Olympiens
Koketterie besuchen musste, sah sie zwanzig Tage hintereinander dieselbe Oper
oder Farce ... An manchen Stellen, wo Rührung hervorgebracht werden sollte,
zitterten wohl die Stimmen der Sänger, der Schauspieler; die Taschentücher wurden
gezogen; aber meist waren es Ausbrüche von Klagen, die ihr weit eher lächerrlich
vorkamen ... Anderes wieder, das selbst für sie roh und herzlos erschien, ging
bejubelt oder als »grossartig« vorüber ... Massstab aller Beurteilungen war die
Klugheit oder Dummheit, die man bewiesen. Eine geschickt ausgeführte List
erntete Bewunderung ... Und nicht anders im täglichen Leben. Der alte Rucca war,
wie alle sagten, ein Gauner. Er stand im besten Einvernehmen mit den Cardinälen
... Sein Sohn hatte die Eitelkeit eines Affen. Seine Kameraden waren ebenso.
Anmassung, Unwissenheit überall ... Einige der römischen Junker trieben Politik
und hielten sich zur »nationalen« Partei. Ihre Unzufriedenheit bestand darin -
dass im Sanct-Peter bei grossen Festlichkeiten »die Gesandten und die Fremden die
Plätze erhielten, die ihnen gebührten«! ... Oder sie fanden, dass der
Kirchenstaat zu sehr von Paris, Neapel und Wien beherrscht wurde; sie wollten
die Herrschaft der alten Geschlechter wiederherstellen. Selten, dass sich einmal
bei der Herzogin eine unterrichtete Persönlichkeit einfand. Die »Prälaten«
besassen Kenntnisse, mehr noch, angeborenen Geist; aber eine Einbildung verband
sich damit, die jedes Mass überschritt. Nach ihnen war jede Wissenschaft zuerst
in Italien entdeckt worden ... Wenn Cardinal Ceccone »auf sein Alter Neuerungen
liebte«, so bestanden diese nur in dem eifrigsten Verlangen, den Einfluss der
fremden Cabinette zu beseitigen ... Seitdem hatte freilich der Staatskanzler
auch ihm von dem »Salz« gesprochen, das auf das dem Erdboden gleichzumachende
Mailand gesäet werden müsste ... Doch ging alles so keck, so sicher, so massgebend
her! ... Diese elende Verwaltung! ... Die Zölle befanden sich in den Händen von
Pächtern, die so rücksichtslos verfuhren, dass Zahlungsunfähige wider Willen zu
Flüchtlingen, Räubern und Mördern wurden ... Auf Anlass des gestern von Hubertus
niedergeschossenen Pasqualetto wusste Lucinde zwei Tatsachen. Einmal dass
sämmtliche fremde Weine, die Ceccone trank und seinen Gästen vorsetzte,
unversteuerte waren. Zweitens dass Graf Sarzana gesagt hatte: Diese Kugel hat den
Pasqualetto für seinen letzten Räuberspass zu früh gestraft! Er wollte ja von
morgen an ehrlich werden! Er war nur hier, um nach Porto d'Ascoli mit einer
Pension zurückzukehren! ...
    Die scharfen und freisinnigen Urteile des Grafen kamen nur in vereinzelten
Augenblicken ... Sie schienen einer Stimmung des Hasses gegen den Cardinal zu
entsprechen, des persönlichen Hasses; denn die sämmtlichen Sarzanas waren
Kreaturen des Cardinals und ihm auf Tod und Leben verpflichtet ... Don Agostino
hatte Verwandte, die nicht gerade des Abends in den Kaffeehäusern achselnzuckend
bettelten, aber für jede Gefälligkeit eine Bezahlung verlangten ... Die
Schwester des Grafen war eine Geliebte Ceccone's gewesen - alt geworden hütete
sie seine Landökonomieen ... Ein Bruder von ihm verwaltete des Cardinals
Oelmühlen - ... Als er sich zu viel Privatvorteil aus ihnen gepresst hatte, liess
ihm der Cardinal die Wahl zwischen dem Tribunal del Governo oder der Heirat
einer seiner vielen Nichten, die er nicht alle so auszeichnen und unterbringen
konnte wie Olympia ... Ceccone trieb, das entdeckte ganz aus sich selbst
Lucinde, die Ostentation mit dieser Nichte nur deshalb, weil so der Schein
gewonnen wurde, als hätte er überhaupt nur Eine dergleichen zu versorgen! ...
Der Cardinal lachte überlaut, als ihm Lucinde zwei Tage nach dem aufgesetzten
Purpurhut diese Andeutung mit einem verschämten Blinzeln durch die Finger ihrer
vors Gesicht gehaltenen linken Hand gab ... Ein dritter Verwandter des Grafen
war durch Verheiratung mit einer andern Geliebten des Cardinals Aufseher aller
Häfen geworden ... Und Don Agostino? ... Pah, dachte Lucinde, sieht Ceccone ein,
dass du nicht, wie hier Sitte ist, durch eine Verheiratung mit seinem Majorduomo
oder seinem Koch zu erobern bist? ... Sollst du deshalb, deshalb die Gräfin
Sarzana werden -? ... In diesen Grübeleien lebte sie jetzt ... Es gab
Entschlüsse zu fassen fürs Leben ... Es standen Erwägungen bevor, die die
ausserordentlichste Anstrengung des Verstandes, der List, der Berechnung,
vielleicht - des Herzens kosteten ...
    Sie hatte noch keinen klaren Entschluss gefasst - ... Aber das stand fest:
Benno von Asselyn urteilt gering über dich und seine Mutter infolge dessen
lächelt und zuckt dir die Achseln! ... Das soll nicht mehr sein! Dies Lächeln
der Herzogin von Amarillas soll ihr ein für allemal verdorben werden! ...
    Lucinde wollte auf Villa Rucca den beiden ihr so nahe stehenden Mönchen die
Teilnahme alter Freundschaft und Dankbarkeit nicht versagen, sich aber im
übrigen durch sie vergewissern, ob die Herzogin jene Betrogene von Altenkirchen,
jene Römerin war, von der auf Schloss Neuhof soviel Sagen gingen, die Hubertus
doch wohl wissen musste ...
    Einen fatalen Eindruck machte es ihr jetzt beim Anfahren, dass sie die Villa
Rucca keinesweges in der Stille antraf, die sie zur Ausführung ihrer
entschlossenen Absichten bedurft hätte ... Nicht nur wurden eben von einer Menge
Arbeiter die Spuren des gestrigen Festes, entfernt, sondern auch eine
Gerichtscommission war zugegen, die die gestrigen Vorfälle aufnahm und der nun
gerade ihr Erscheinen zu statten kam, um von ihr noch einige an sie gerichtete
Fragen beantworten zu lassen ... Der Cardinal sogar und der alte Fürst Rucca
waren zugegen ... Sie hörte schon, dass beide am Ort des gestrigen Ueberfalls mit
den Mönchen Hubertus und Vincente im Gespräch verweilten ... Ueber Sebastus
erfuhr sie, dass es mit seiner Wunde nicht gut stand und die Benfratellen jeden
Augenblick erwartet wurden, ihn abzuholen ...
    Auch dem Cardinal und dem Fürsten war sie im höchsten Grade und als
Dolmetscherin willkommen ... Beide suchten mit dem drolligen Laienbruder, dessen
Äußeres vom Dienertross belacht wurde, eine Verständigung, die Pater Vincente
nur mühsam vermittelte ... Lucinde wurde sofort gerufen, in den Garten zu kommen
...
    An der Stelle des gestrigen Erlebnisses harrten ihrer die drei geistlichen
Herren und der alte Rucca im lebhaftesten Gespräch ...
    Hubertus grüsste sie mit aufrichtigster Freude und drückte nur mit Trauer
Befürchtungen wegen seines Freundes Sebastus aus ... Seine Augen sagten: Sei
dankbar! Es geschah alles um dich! Bleibe uns ein guter Engel! Entsende den
Brief - wenn er noch nötig ist - Deinen Verbindungen gegenüber! Du weisst, was
wir beide seit Witoborn gemeinschaftlich zu tragen haben! ...
    Lucinde beglückte und beruhigte ihn durch einen ihrer gütigsten Blicke ...
    Pater Vincente und der Cardinal erhielten von ihr die Ehren, die der
kirchlichen Stellung derselben gebührten ... Pater Vincente - »der Rival Ihres
Bonaventura um die nächste vacante Heiligenkrone« -! wie neulich Olympia zur
Herzogin gespöttelt hatte - Ceccone das Bild des Versuchers, der mit einiger
Reserve über alle Schätze der Erde gebietet ... Lächelnd stand er und schien
Lucinden mit geheimnisvollen Zeichen begrüssen zu wollen ... Aber sie blieb voll
Demut ...
    Der alte Fürst war wie ein luftschnappender Hecht, der sich nicht in seinem
Elemente befindet ... Vor dem heiligen Pater Vincente musste er Ehrfurcht
bezeugen und ärgerte sich doch, dass dieser nicht geläufiger deutsch verstand ...
Mit gemachtem süsssauern Lächeln verwies er Lucinden auf den von Pater Vincente
vorgetragenen Stand einer Verhandlung, der zufolge sie erfuhr, dass der
Räuberhauptmann Pasquale Grizzifalcone in der Tat nach Rom gekommen war auf
Veranlassung - zunächst des Fürsten Rucca ...
    Sie traute ihrem Ohre nicht ... Der Fürst versicherte jedoch ungeduldig:
Ebbêne! und wendete sich zu Vincente mit einem drängenden Parla dunque! nach dem
andern ...
    Lucinde hörte, dass der berüchtigte Verbrecher, der schon vielfach sein Leben
verwirkt hatte, hier auf dieser Villa erwartet worden war zu einem friedlichen
Gespräch, das der Fürst mit ihm unter vier Augen hatte halten wollen ...
    Pasqualetto, wie er im Munde des Volkes hiess, hatte die Bürgschaft der
Sicherheit verlangt ... Diese hatte er erhalten auf das dem Fürsten gegebene
Ehrenwort - des Cardinals ...
    Dieser nickte ein Ja! und setzte sich jetzt ...
    Zur Summe, die der Räuber als Bedingung seines Erscheinens verlangte, hatte
dieser »dumme Kerl«, wie der Fürst sagte, noch eine »buona manchia« extra
verdienen wollen; eine Summe von einer der »Prinzessinnen«, die sich vielleicht
im Garten zu sicher dünkten ... Vielleicht auch - eine Geisel für seine
Sicherheit zu denen, die er schon in den Schluchten der Mark Ancona besass ...
Dies setzte der Fürst mit einem seltsamen Streiflicht auf das »Ehrenwort« des
Cardinals hinzu ...
    Sie hätten nun gestern beinahe noch zwei solcher Geiseln gefunden, aber
Pasqualetto hätte leider dran glauben müssen ... Leider! betonte der alte Fürst
in allem Ernst und corrigirte sich nur pro forma: Der Blutund! ... dabei sah er
über die Mauer, wo noch die Spuren der gestrigen Verwüstung nicht getilgt waren
...
    Der Nimmersatt! ergänzte Ceccone ironisch und liess zweifelhaft, wen er
meinte ...
    Lucinde orientirte sich allmählich ...
    Der Fürst erging sich in der heftigsten Anklage eines Menschen, der hier den
Staatsbehörden völlig in der Eigenschaft einer gleichberechtigten Macht
gegenüberstand ... dabei richtete er seine Vorwürfe geradezu wie die öffentliche
Meinung gegen Hubertus ...
    Dieser Arme verstand sie nicht und suchte nur mit seinen glühenden Augen,
die im Knochenschädel hin-und herfunkelten, zu deuten, was seine Ohren nicht
begreifen konnten ... So viel merkte er allmählich, dass er den hohen Herren wohl
gar keinen Gefallen mit seiner raschen Anwendung des Pistols getan hatte ...
    Der Cardinal wiegte sich im Sessel, brach über sich Lorberblätter, die er in
seiner flachen Hand zerklopfte, und beobachtete nur scharf fixirend Lucinden ...
Dass diese die Mönche Hubertus und Sebastus kannte, schien ihm darum von
Interesse, weil sich die kleinen pikanten Episoden der gewöhnlichen Devotion und
amazonenhaften Kälte dieses fremden Mädchens immer zahlreicher einzufinden
begannen ...
    Durch diesen Tod, krächzte der alte Fürst offen zu Hubertus heraus, haben
Sie die heilige Kirche um eine grosse Gelegenheit gebracht, Gerechtigkeit zu
üben! ... Sie hätten sich getrost von hier sollen entführen lassen, schöne
Signora! scherzte er, sich mässigend ... Ich würde mit Vergnügen das Lösegeld
gezahlt haben - Der Cardinal da hätte den Rest hinzugefügt - setzte er mit
sardonischem Lächeln und seine Aufregung zügelnd hinzu ...
    Senza il supplimento! ... Ohne das Agio! erwiderte der Cardinal ebenso
trocken ironisch ... Er streckte seine roten Strümpfe vor sich auf die unteren
Sprossen eines Sessels aus ... Sein Bein war noch untadelhaft ... Kopfnickend
bestätigte er alles Erzählte, nur mit einer gewissen ironischen Bitterkeit ...
    Sie können alles wieder gut machen, fuhr der alte Fürst zu Hubertus fort,
wenn Sie sich die Gnade des Pater Campistrano erwerben und wirklich diese Reise
nach Porto d'Ascoli unternehmen wollen ...
    Nach Porto d'Ascoli? fragte jetzt Lucinde staunend über die Anrede, die sie
übersetzt hatte ...
    Beim Namen des Pater Campistrano blickte Pater Vincente besonders
ehrfurchtsvoll - ...
    Hubertus stand unbeweglich, dem alten knorrigen Myrtenstamm nicht unähnlich,
an den er sich lehnte ... Er hatte schon vorhin von einer Reise nach der Küste
gesprochen - das war richtig - er verstand nur noch zu dunkel den Zweck und sah
auf Lucinden als Hülfe ...
    Diese wollte sich erst vollständiger zurecht finden, wollte auch die
Interessen des Cardinals erst sondiren, ehe sie vermittelnd eingriff ... Wie den
Cardinal diese Klugheit entzückte, die er vollkommen übersah! ... Ceccone schien
gleichgültig, spielte mit seinem Augenglase, fixirte bald Lucindens Toilette,
bald das Curiosum der Gesichtszüge und Gestalt des deutsch-holländischen
Laienbruders, das er belachte ...
    Hubertus hatte allerlei Dinge von einem Pilger, von einem Deutschen
gesprochen, die ihrerseits Lucinde nicht verstand ...
    Erst allmählich lüftete sich ihr folgender, grösstenteils von Pater Vincente
vermittelter Zusammenhang ...
    Der Räuber Pasqualetto war, wie im Musterstaat der Christenheit, im Eldorado
der katolischen Sehnsucht, üblich, unter dem Versprechen der Sicherheit nach
Rom entboten worden, um für eine bedeutende Summe dem Fürsten Rucca
Mitteilungen über die Lage seiner Interessen an der adriatischen Küste zu
machen ...
    Der Gewinn, den der gefürchtete Räuber von seinen Unternehmungen zog, musste
sonst mit seinen Gefährten geteilt werden; diesmal wollte er die Frucht langer
Verhandlungen, eine lebenslängliche Pension ganz für sich allein, wollte seine
Wohnung inskünftige in der frommen Stadt Ascoli nehmen und sein bisheriges Leben
der Nachsicht der Behörden empfehlen ... ... Solche letzte Friedensschlüsse der
Regierungen mit den Fra Diavolos der Landstrassen sind in Italien nichts Seltenes
und für Jedermann daselbst das Erwünschtere, weil Sicherste ... Wenn auch
zugestanden werden muss, dass sich Ceccone und das Tribunal gegen diese
Uebereinkunft sträubten, so wusste doch Fürst Rucca seinen Wünschen Nachdruck zu
geben und nicht bloss im Scherz sagte er zu den höchsten Richtern: Fürchtet ihr,
dass eure Namen auch auf der Liste derer stehen werden, die mir die Füllung des
Schatzes des Heiligen Vaters mit der Zeit unmöglich machen? ... Besonders sah
wohl gar Ceccone den Entüllungen des Pasqualetto mit unheimlicher Spannung
entgegen ... Der Fürst hatte heute ganz den übeln Humor, der jeden Gastgeber am
Morgen nach einem Feste, wenn es auch noch so schön ausfiel, zu erfüllen pflegt
... Er äusserte ihn in aller Offenheit mit den Worten: Ich glaube, diesen Mord
des armen Pasqualetto hat jemand auf dem Gewissen, der sich fürchtete, auf zehn
Jahre zurück seinen Champagner versteuern zu müssen! ...
    Der Cardinal zog verächtlich die Lippen ... Lucinde sah, dass, wenn der
Cardinal hier etwas fürchtete, mehr im Spiele sein musste als sein unversteuerter
Champagner ... Doch auch schon diese Beschuldigung durfte den Cardinal mit Recht
reizen ... Er verwünschte alle die, die der Kirche und ihren Cardinälen Uebles
nachsagten ...
    Hubertus horchte nur ...
    Der Räuber war, erfuhren er und Lucinde, am Tiberstrand mit einigen alten
Kameraden aus San-Martino, einem bekannten Räubernest im Albanergebirg, in
Berührung gekommen und hatte bloss den Spass am Feste seines versöhnten Feindes
noch als »Zugabe zum Fleisch« ausführen wollen ... Die Verständigung zwischen
dem Fürsten Rucca und Pasqualetto war auf brieflichem Wege vor sich gegangen -
wenn auch mit der grössten Schwierigkeit ... Der Schmuggler- und Räuberhauptmann
konnte natürlich selbst weder lesen noch schreiben ... Für sein Vorhaben, die
Hehler unter den Kaufleuten und die mit ihnen und den Schmugglern unter einer
Decke wirkenden Zollbedienten anzugeben, musste er sich eines verschwiegenen
Beistandes, der schreiben und lesen konnte, bedienen. Für solche Fälle gibt es
in Italien die Mönche, falls sie - schreiben können ... Aber selbst diesen hatte
Pasqualetto nicht getraut. In Ascoli wollte er seine Tage in Ruhe beschliessen;
er war wohl auch gerüstet, die Rache der von ihm Verratenen zeitlebens
gewärtigen zu müssen, hatte sich auch deshalb für die Schlimmsten unter den
Defraudatoren die Verzeihung erbeten; aber er vertraute sich sogar den Mönchen
nicht gern an. Wo fand sich auch bei ihnen der Mut, Vermittler eines so eine
ganze Provinz in Furcht und Schrecken versetzenden Strafgerichts zu werden! Die
Mönche mehrerer Klöster, bei denen er anklopfte, baten ihn himmelhoch, keine
dergleichen Torheit zu begehen und in solcher Form reuig werden zu wollen!
Wendet Euch doch an uns und die Madonna! sagten sogar die Aebte ... In der
Katedrale von Macerata gab es ein wundertätiges Marienbild, das alles vergab
... Kurz Pasqualetto war loyaler, als die ehrwürdigen Väter und vollends als die
einsam wohnenden Landpfarrer, die sich mit einer solchen Provocation der Rache
der Beteiligten am wenigsten einlassen wollten ... Wie sehnte sich der riesige
Pasqualetto, der eiserne Pfosten aus Brettern ausbrechen, nur nicht schreiben
konnte, nach einem Dolmetscher seiner Wünsche! ... Kaum dass er einige Mönche so
weit brachte, für die Verständigung mit dem Generalpächter der Steuern die
ersten Einleitungen zu treffen ...
    Hier wollte der Fürst wieder selbst erzählen ... Pater Vincente trug ihm
alle diese Geschichten mit einem zu elegisch eintönigen Klange und wie von der
Sündhaftigkeit dieser Welt wenig erbaut vor ...
    Man hörte indessen doch aus des Priesters Munde:
    Seine Hoheit waren seit lange in ihren Einnahmen nicht so verkürzt gewesen,
wie in den letzten Jahren. Während die statistischen Ausweise aller Staaten eine
Zunahme der Zollerträgnisse erwiesen, sanken in schreckenerregender Weise die
des Kirchenstaats. Ein Gewebe von Defraudationen hatte sich gebildet, das neben
dem geregelten Steuerwesen des Staats und der Pächter ein zweites der
Schmuggler, der treulosen Zollbedienten und Consumenten bildete. Fürst Rucca
schwur, dass er im vorigen Jahr den Ausfall einer halben Million gehabt und in
diesem Jahr würde das Uebel noch ärger werden. Er wollte ein Gericht mit
Schrecken halten. Wozu war Ceccone's Nichte seine Schwiegertochter geworden ...
    Pater Vincente sprach letzteres nicht alles ... Lucinde ahnte es ... Der
Pater senkte die langen schwarzen Augenwimpern ... Wie sah er so heilig aus ...
Ceccone fing an, ihn schärfer zu beobachten ... Er dachte: Fefelotti will Dich
zum Cardinal machen? ... Das ist von meinem Gegner teils Koketterie mit der
Mode der Frömmigkeit, teils eine erneute Schaustellung der Lebensweise
Olympiens und eine Verurteilung meines Systems ... Die geistliche Intrigue
ergreift jedes weltliche Mittel ... Ceccone versank in brütendes Nachsinnen ...
    Hubertus aber und Lucinde erfuhren:
    Pasqualetto wollte sich durchaus noch immer nicht nach Rom begeben, aber
auch seine Liste von Kaufleuten, reichen Grundbesitzern, vielen vornehmen
Männern in Rom, vorzugsweise von Zollbedienten und Helfershelfern der Schmuggler
blieb ungeschrieben ... Das Geschäft rückte nicht vorwärts ... Endlich begab
sich Pasqualetto mit seinen nächsten Vertrauten in die Gegend von Loretto ...
Dort wollte er nächtlich einen Pfarrer überfallen und ihn mit geladener Flinte
zwingen, niederzuschreiben, was ihm »unter dem Siegel der Beichte« dictirt
werden würde ... Da fiel ihm vor Loretto ein Haufe Pilger in die Hände. Diese,
so arm sie waren, plünderte man aus und entdeckte, dass einer derselben, der der
ärmste von allen schien, nur eine Bibel (ein verbotenes und allen Steuerbeamten
als zu confisciren bezeichnetes Buch) und ein Taschenschreibzeug besass ...
Diesen glücklichen Fund hielt man fest ... Ein Gefangener, der schreiben konnte!
... Ein Bettler, der sich, wenn es sein musste, aus der Welt schaffen liess, ohne
dass viel Nachfrage danach war ... Diesen Unglücklichen schleppten die Räuber mit
sich und hielten ihn seit Monden gefangen. Es war ein Greis, krank, hinfällig;
er kam von den Alpen her, hatte nach dem südlichen Italien gewollt - er nun war
der Vertraute einer hochwichtigen Staatsaffaire geworden ...
    Und hier eben war es, wo schon bei der früheren Erörterung dieser Dinge
Hubertus in seiner regsten Teilnahme aufgewallt war ...
    Ingleichen gab auch Vincente jetzt wie vorhin über diesen gefangenen, dem
Verderben preisgegebenen Pilger Zeichen eines gesteigerten Interesses ...
    Den Pilger zwangen die Räuber, Nachts über die wildesten und schroffsten
Felsenwände zu klettern und mit ihnen in einsamen Höhlen zu campiren ... In
einer verlassenen Zollwächterhütte am Meeresstrand fand sich nach drei Tagen das
notwendige Papier und nun begann die Correspondenz mit Rom ... Das war ein
Verkehr wie zwischen zwei Cabinetten ... Grizzifalcone ging vorsichtig zu Werke
... Die Actenstücke seines Verrates mehrten sich ... Der Pilger musste Namen und
Orte, alle Waaren, die seit Jahren nicht versteuert gewesen zu sein sich die
Schmuggler entsannen, alle Hehler, auch die Schlupfwinkel niederschreiben, wo
die Waaren geborgen wurden, Fischerhütten bei San-Benedetto, Leuchttürme am
Fosso Bagnolo, Felsenschluchten bei Grottamare, Zollwächterhäuser beim Hafen von
Monte d'Ardizza - nichts blieb ungenannt ... Der unglückliche Pilger hatte Bogen
vollgeschrieben mit Geständnissen, die dem Fürsten Rucca Gelegenheit zu einem
Strafgericht geben sollten ... War nun dies Convolut mit Pasqualetto
mitgekommen? ... Wo befand es sich? ... Es fehlte ...
    Hier fragte Lucinde, warum sich der Fürst diese Papiere nicht schon früher
hätte zuschicken lassen ...
    Er erwiderte, er mistrauete der Post ...
    Wer kann sich auf Eure Post verlassen! sagte er bitter und zornig ...
    Der Fürst, entgegnete Ceccone sich bekämpfend, wollte nur noch mehr vom
Pasqualetto erfahren, als was dieser wagen würde niederschreiben zu lassen ...
    Lucinde sah, dass es den alten Fürsten mächtig gereizt hatte, gerade die
Würdenträger der Kirche, die festesten Säulen der Prälatur, einer Aristokratie,
die noch immer in ihm den Nachkommen eines Bäckers sah, wenn nicht zu
compromittiren, doch necken und in Schach halten zu können ... Er glaubte nicht,
dass der Räuber schriftlich diese und ähnliche Namen angeben würde ... Deshalb
wünschte er das persönliche Erscheinen ...
    Vincente's Stimme erhöhte sich jetzt seltsam ... War es deshalb, weil sich
die Zahl der Unglücklichen, die in den Händen der Räuber lebten, mehrte und es
dem Frevel galt, dass sogar das gesalbte Haupt eines Bischofs in diese blutigen
Dinge verwickelt wurde? ...
    Lucinde hörte, dass Grizzifalcone endlich hatte kommen wollen ... Doch liess
er vorher noch den Bischof von Macerata verschwinden ... Vom Besuch eines
Weinbergs, zwischen den Bergen dahinreitend, war der hohe Prälat nicht wieder
nach Hause gekommen. Pasqualetto hatte sich seiner als einer Geisel versichert
... Im »Diario di Roma« wurde die Schuld dieses Ueberfalls allerdings nur dem
Pasqualetto zugeschrieben; aber wie sehr man versicherte, dass die bewaffnete
Macht ausgezogen sei, den gefangenen Prälaten zu befreien, man konnte seiner
nicht habhaft werden und wollte es auch nicht - das sagte sich Lucinde ... In
der officiellen Zeitung stand nichts von diesem geheimen Zusammenhang eines so
betrübenden Vorfalls mit einem grossen Staatsact der dreifachen Krone ...
    Nun endlich erscheint Pasqualetto. Vielleicht, um sich noch sicherer zu
stellen, raubt er vom Hochzeitsfest des Fürsten Rucca noch einen der Gäste ...
Da unterliegt er selbst! Alle Hoffnungen sind dahin! Die Verhandlungen eines
Jahres vereitelt! ...
    Der Stand der ganzen Frage beruhte jetzt auf dem Leben und der Freiheit
zweier Gefangenen, von denen der eine ein hoher kirchlicher Würdenträger war,
der andre die Kenntnis der Liste hatte ...
    Wäre nur diese Liste gerettet! seufzte der Fürst .... Die Gerichtspersonen
hatten ausgesagt, dass sich, als man die Kleider des Erschossenen untersuchte, in
den Taschen Amulete, Muttergottesbilder, geweihte Schaumünzen genug vorfanden,
auch sämmtliche Briefe eines Kochs des Fürsten, der die Correspondenz geführt
hatte; aber weder in den Taschen, noch in der Spelunke, wo Pasqualetto
abgestiegen war, noch bei gefangenen Complicen fand sich die Liste, auf die die
ganze Sehnsucht des Fürsten brannte ... Nun bereuete er, den schriftlichen
Verkehr durch die Post nicht vorgezogen zu haben. Nun bereuete er seine gestrige
Angst, die ihn bestimmte, so eilends zu entfliehen ... Wie bitter deutete er dem
Cardinal an, dass dieser die Liste wahrscheinlich gestern sogleich aus der Tasche
des Ermordeten selbst zu sich gesteckt hätte ...
    Es waren freilich nur Blicke und Flüsterworte, die die in Demut fern
Stehenden nicht hörten ... Lucinde verstand sie aber ...
    Der Cardinal nannte in allem Ernst den Zischelnden jetzt einen Hanswursten
und verlangte von ihm - ja von Ihnen, Altezza! - den Bischof von Macerata heraus
...
    Pater Vincente hatte vom Schicksal des Bischofs mit bebendem Ton gesprochen
...
    Pasqualetto ist todt! rief Ceccone. Wo finden wir das gesalbte Haupt eines
der frommsten Priester der Christenheit wieder! ...
    Und wo - wo find' ich - die von dem Pilger geschriebene Liste! fiel der
ergrimmte Fürst ein ...
    Der Koller des Zorns ergriff den kleinen Mann zum Schlagtreffen. Wenn er den
fremden Franciscanerbruder nicht um seine vorschnelle Art, hier in Rom auf
Spitzbuben Pistolen abzuschiessen, persönlich mishandelte, wenn er sich durch die
Ankunft der Donna Lucinde hindern liess, die Worte, die er vorhin gesprochen, zu
wiederholen: »Ihr hättet eine Zofe wie diese, und wäre es auch Eure spanische
Herzogin selbst gewesen, zehnmal sollen zum Teufel fahren lassen -! Wo in aller
Welt ergreifen hier Mönche die Waffen!« so war es, weil er wiederholt von
Hubertus verlangte, dass dieser seine Uebereilung durch eine Tat voll Mut,
Entschlossenheit und Discretion wieder gut machen sollte ...
    Hubertus stand erwartungsvoll und im höchsten Grade bereit dazu ...
    »Wie soll ich es?« fragte nur über die näheren Einzelheiten statt seiner
Lucinde ...
    Sie hörte jetzt noch mehr von jenem Pilger ... Hubertus hatte erklärt,
diesen Pilger zu kennen ... Unfehlbar müsse es derselbe gewesen sein, mit dem er
über die Apenninen geklettert und zuerst beim Besuch der »heiligen Orte« des
Sanct-Franciscus auf der Penna della Vernia zusammengetroffen war ... Das Leben
dieses Pilgers hing ohne Zweifel von einem Haar ab, falls er noch unter den
Räubern geblieben war und unter den Zollbedienten die Kunde seiner Beihülfe zum
Verrat sich verbreitete, die Kunde seines vielleicht abschriftlichen Besitzes
der Liste ... Hubertus hatte schon so viel von diesem Pilger erzählt, dass
Lucinde begreifen konnte, warum auch Pater Vincente lebhaft für ihn eingenommen
schien und einmal über das andere das Schicksal des armen Gefangenen beklagte
...
    Lucinde hörte das Gepolter des Fürsten ... Sie hörte, was sie übersetzen
sollte ... Die Schilderung der unzugänglichen Schluchten am Meer, wo Pasqualetto
zu hausen pflegte ... Die Schilderung der List und Verschlagenheit, mit der man
allein sich diesen eigentümlich organisirten Banden zu nähern vermochte ... Die
Schilderung der Ehren und Auszeichnungen, die den Pilger hier in Rom erwarten
sollten, wenn ihn Hubertus glücklich auffände und über die Gebirge brächte ...
Sie übersetzte eine wiederholte Aufforderung des Fürsten an Hubertus ... Reiset
nach der Gegend von Porto d'Ascoli! Sucht, da Ihr mutig und unerschrocken seid,
das Gefängnis des Bischofs von Macerata und des Pilgers von Loretto! Alle
Briefe, die Pasqualetto seit Monaten schon mit mir wechselt, sind von diesem
frommen Mann geschrieben, den die Räuber zu diesem Behuf gewiss in den
unwegsamsten Höhlen verborgen halten ...
    Ceccone ergänzte:
    Der Bischof von Macerata ist ein Greis - ...
    Der Bischof von Macerata ist ein Greis, sagen Seine Eminenz - fuhr Lucinde
fort ... Aber mit allen Fähigkeiten der Jugend ausgestattet, setzen Seine
Hoheit, den Pilger meinend, hinzu ... Seine Briefe - der Cardinal meinen die
Klagen des armen Bischofs - sind gewandt und in jeder Beziehung vollkommen,
meinen Seine Hoheit - Beide sprechen zu Euch: Kann eine fromme Seele dulden, dass
die Mittel, die den Stellvertreter Christi auf Erden in seiner notwendigen
Würde erhalten sollen, durch Schurken, ungetreue Haushalter, Judasse verkürzt
werden? ... O hätt' ich das Verzeichnis, spricht der Fürst, das dieser Mann
unter den Flinten der Räuber schreiben musste! Oder könnte den Pilger, wenn Ihr
ihn findet, Eure Entschlossenheit überreden, Euch die vorzüglichsten Namen zu
nennen, die auf diesem Papier zur Schande der Christenheit glänzten! Die Namen
von Herzögen und Excellenzen behält man doch wohl -! ... Ich will ihm hier in Rom
die glänzendste Wohnung einrichten, will ihn schadlos für alles halten, was er
erduldete! ... Suchtet Ihr den Pilger und - den Bischof, sagen der Cardinal, so
würdet Ihr eine Krone mehr im Himmel gewinnen! Ich fahre sofort, sagen Seine
Hoheit, nach Santa-Maria und werfe mich dem Pater Campistrano zu Füssen, um Eure
Verzeihung, Eure Freiheit zu gewinnen, damit Ihr einen Zweck vollführt, der Euch
in jeder Beziehung den Dank der Christenheit erwerben wird! ...
    Hubertus übersah jetzt in voller Klarheit das an ihn gestellte schwierige,
lebensgefährliche Begehren ...
    Aber seine Bereitwilligkeit, einer so ehrenvollen, wenn auch den Tod - und
nicht allein von Räuberhand - drohenden Aufgabe sich zu unterziehen, gab sich
mit der ihm eigenen Liebe zu Abenteuern um so mehr kund, als ihm die
Ueberzeugung innewohnte von einer Identität des Pilgers mit jenem Deutschen, den
er trotz seiner Ketzerei auf der Reise nach Rom liebgewonnen ... Zuletzt konnte
er hoffen, durch solche Dienste, die er dem Heiligen Vater leistete, auch für
seine Wünsche über die Person Wenzel's von Terschka ins Reine zu kommen ...
Hatte er bei seinem General die Freiheit gewonnen, so wollte er unerschrocken
seine desfallsigen Wünsche vortragen, ehe er die Reise antrat ... Das Vertrauen,
heil und gesund nach Rom zurückzukehren, besass er vollauf ...
    Jetzt ergänzte mit verklärten Augen Pater Vincente seine Mitteilungen ...
Alles, was Hubertus erzählt und Lucinde übersetzt hatte, traf auf die
Erinnerungen zu, die Pater Vincente vom Bruder Federigo zu Castellungo hatte ...
Auch Lucinde kannte ja diesen Deutschen, bei dem Porzia Biancchi sich die
Fähigkeit erworben, sich als Müllerin Hedemann in Witoborn mit ihren deutschen
Mägden verständlich zu machen ... Endlich sprach sogar zu ihrem höchsten
Erstaunen der Cardinal:
    Gelobt sei unsere gute Mutter Kirche! Diesem Pasqualetto verdanken wir, wie
es scheint, mehr als einen grossen Gewinn! Nicht dass ich Hoffnung habe, Eure
Hoheit in den Stand gesetzt sehen, Ihre Klagen über die Diener der Gerechtigkeit
und unsere Subalternen bestätigt zu erhalten - ich würde nur auf die Aussagen
eines Räubers am Fuss des Schaffots, nicht auf die Lügen eines Bösewichts etwas
geben, der sich mit lächerlichen Hoffnungen schmeichelte, ja noch als
Bürgermeister von Ascoli ein Leben der Achtung führen zu können wähnte -; aber
darin hat er uns einen grossen Gewinn verschafft, dass er den edeln Söhnen des
heiligen Dominicus Gelegenheit gibt, die Milde zu beweisen, die sie gegen Ketzer
schon zu lange ausüben! ... Signora, Sie fragten mich vor kurzem nach den
Streitigkeiten des Bischofs von Robillante? ... Hören Sie, was eintreffen muss!
... Wenn der apostolische Eifer des Herrn von Asselyn sein neues Vaterland
beschuldigt, dass Ungläubige hier spurlos in den Kerkern der Inquisition
verschwinden können - so erleben wir die glänzendste Genugtuung! Frommer
Bruder, rettet den Bischof von Macerata! Wagt Euch in die Klüfte, wo diese
Räuber hausen! Rettet aber auch diesen Pilger! Gebt den Beweis, dass dieser
Flüchtling, den von uns die sardinische Regierung reclamirt, den die
Gesandtschaften Englands, Schwedens, der Niederlande, Preussens in den Händen der
Dominicaner vermuten, in keinem heiligen Inquisitionsofficium, weder sonstwo,
noch hier in Rom, festgehalten wird! Er ist gefangen! Ja! Aber von Räubern! Er
muss, auf den Tod bedroht, diesen die Beförderung der öffentlichen Wohlfahrt
erleichtern, wodurch ihm Verzeihung werden könnte für die viele Mühe und Sorge,
die uns bereits die Nachfragen nach dem Verschollenen nicht bloss von Castellungo
und Robillante aus, sondern von Turin, London, Berlin und Wien gemacht haben!
Fefelotti wird mir, so wenig er es sonst um mich verdient hat, dankbar sein,
wenn ich ihm den Beweis an die Hand liefere, dass nichts mehr im Wege steht, sich
mit seinem feuerköpfigen Nachbar zu versöhnen! Guter Bruder! Ihr seid von einem
Blut, das Euch zu leicht in Euern schönen Kopf steigt! Wandert getrost, wandert
immerhin! Leiht dem Vorschlag eines Eurer drolligen Ohren! Lasst für Euch in
Santa-Maria Seine Hoheit jenen Fussfall tun! Euch wird es Segen bringen und
einem so vornehmen Mann, wie ihm, nichts schaden! ...
    Ceccone hatte sich lächelnd erhoben und schüttelte Hubertus, dessen Augen
vom Feuer seines Unternehmungseifers blitzten, die Hand ... Dieser küsste die
seinige voll Demut ... Pater Vincente stand aufhorchend und feierlich ...
Lucinde staunte des Zusammenhangs aller dieser seltsamen Unternehmungen ... Nur
der alte Rucca zweifelte - Ceccone schien ihm auf alle Fälle eine doppelte, ihm
wahrscheinlich nur feindliche Rolle zu spielen ...
    In diesem Augenblick hörte man in der Ferne das Läuten einer kleinen
Handglocke ...
    Das Glöcklein der Benfratellen! sagte der Cardinal. Sie kommen mit der
Tragbahre, den zweiten unsrer tapfern deutschen Lanzknechte des Heilands
abzuholen! ... Frater Hubertus, gebt ihm vorläufig das Geleite; grüsst Euern
Guardian in San-Pietro und dann - ans Werk! Ihr seid, bei Sanct-Peter, der
rechte Mann für diese Aufgabe, die ich Niemand in Rom so gut wie Euch
anzuvertrauen wüsste ... Ihr aber, Pater Vincente, wandte sich Ceccone
ehrerbietig zu diesem; - die junge Fürstin Rucca hatte gestern das dringendste
Verlangen nach Euerm Segen ... Ich hoffe, Euer Kloster wird mit dem Tier nicht
unzufrieden sein, das, statt Eines Sackes, Euch jetzt zwei zu tragen draussen
empfangen soll! ... Die Zeiten müssen wiederkehren, wo unsere roten Hüte auf
die Stirn von Priestern gedrückt werden, die dem Volk das Schauspiel der Demut
geben ... Lasst mir die Ehre, den roten Zaum von einem meiner Rosse zu nehmen
und den Esel zu schmücken, den Eure Hand durch die Strassen Roms führen wird! ...
    Dies war keine jener südländischen Artigkeiten, nach denen der Spanier sein
eigenes Haus demjenigen anbietet, der dessen Lage reizend findet; es versteht
sich von selbst, dass das Anerbieten abgelehnt wird ... Bei Pater Vincente lag in
der Tat eine Bezüglichkeit des Ernstes nahe. Er durfte voll Erröten und mit
Nachdruck die angebotene Auszeichnung ablehnen ...
    Grüssen Sie die junge Fürstin, sprach er leise zum Cardinal, und sagen Sie
ihr, dass ich oft für das Heil ihres neuen Bundes beten werde ...
    Er faltete die Hände ... Das Glöcklein der Benfratellen erklang düster und
traurig ... Vincente's Auge erhob sich, wie von einem sanften Liebesstrahl
entzündet ... Die beiden so weltlichgesinnten Männer mussten erleben, dass Pater
Vincente sie zum Beten zwang ... Ecce, Domine, sprach er mit dem Psalmisten in
einer eigentümlich erhöhten Stimmung, tu cognovisti omnia, novissima et
antiqua! Quo ibo a Spiritu tuo? Et quo a facie tua fugiam? Si ascendero in
coelum, tu illic es! Si descendero in infernum, ades! Vide, si via iniquitatis
in me est et deduc me in viam aeternam! Amen! ...
    Es war ein Gebet wie die Sühne für die sündhafte Weltlichkeit aller dieser
Verhandlungen ...
    Vincente's Augen blieben gehoben wie mit der Bitte, ein Strafgericht des
Himmels abzuwenden ... Der Geist Bartolomeo's von Saluzzo, der Geist des
Philippo Neri schien über ihn gekommen ... Sein schöner, weicher Mund betonte
scharf die Worte: »Via iniquitatis!« ... Er richtete damit die Falschheit und
Unreinheit dieser Welt und schüttelte fast den Staub von seinen Füssen, als er
dann Hubertus' Hand ergriff und ihn fast fortführte, als würde ihm eine Seele
abwendig gemacht, die ihm anvertraut war ...
    Bei alledem blieb es entschieden, dass der Fürst zum General der Franciscaner
fuhr und diesen unternehmenden Mönch sich auserbat, der den Grizzifalcone
getödtet hatte und nichtsdestoweniger den Mut besass, noch den Bischof von
Macerata und den Pilger von Loretto retten zu wollen ... In dem Mut, der zu
einer solchen Unternehmung gehörte, lag allein schon die Bürgschaft des Erfolgs
... Dem Italiener imponirt jede Kühnheit ... Bald mussten über den »Bruder
Todtenkopf in der braunen Kutte« Sagen hinausgehen - märchenhaft und wie ein
entwaffnender Schrecken ...
    Ceccone starrte mehr noch dem Pater Vincente ... Ist das Papst Sixtus V.,
der sich als Cardinal solange unbedeutend stellte, bis er als Papst die Maske
abwarf? dachte er ... Nun sah er sogar den alten Heuchler, den Fürsten Rucca,
beim Abschied an der Villa den Strick des Paters ergreifen, diesen küssen, dann
sogar niederknieen, Hubertus und Lucinden gleichfalls, alle um den Segen des
begeisterten Sprechers zu empfangen ...
    Diesen Segen erteilte Pater Vincente mit dem verzückten Liebesblick des
Sanct-Franciscus ...
    Die Jesuiten haben ihren Popanz für den Stuhl der Apostel gefunden! sagte
sich Ceccone ... Er blickte staunend den beiden Mönchen nach, die sich jetzt
empfahlen, begleitet von dem alten, gleich einem Aal sich bis in die Villa
windenden Fürsten Rucca ...
    Das Glöcklein der Benfratellen tönte draussen fort, und fort ...
    Miracolo! rief Ceccone Lucinden zu und pries galant die Dienste, die sie
geleistet ...
    Lucinde stand gedankenverloren ... Sie sah nun die Gefahren, die den Bischof
von Castellungo umgaben ...
    Der Cardinal konnte jetzt sich nicht weiter aussprechen ... Die
»Caudatarien«, die ihn an eine Sitzung im Vatican und die Anwesenheit seines
Secretärs zu erinnern hatten, standen harrend in der Nähe ...
    Ceccone plauderte, wie gleichgültig, von der heutigen Speisestunde im
Palazzo Rucca und seufzte über seine Sorgen ... Eine »Hochzeitsreise« hatte
Olympia abgelehnt. Sie feierte ihren »Lendemain« nach italischer Sitte .... Vor
hunderttausend Zeugen ... Heute Abend sollten zwei Musikchöre die halbe Nacht
hindurch am »Pasquino« spielen ... Grosse Feuerbecken beleuchteten dann den Platz
... Fässer, mit Reisholz gefüllt, Pechkränze wurden abgebrannt ... Der
Volksjubel sollte nicht enden ...
    Der Fürst war in der Tat schon nach Santa-Maria zum General der
Franciscaner gefahren ...
    Die Benfratellen befanden sich im Nebenbau, um den Pater Sebastus zu holen
...
    Pater Vincente leitete das bequemere Heraustragen ...
    Hubertus suchte noch einen Moment Lucinden beizukommen, der sich eben
Bischof Camuzzi genähert hatte ...
    Lucinde verbeugte sich ausweichend dem Priester, der sie gestern eine
»Creolin« genannt, und versicherte Hubertus, soweit es in der Eile ging, dass er
sich aus seiner Haft als entlassen betrachten dürfte. Den Brief an Bonaventura
gab sie darum nicht zurück ... Eine Gelegenheit, sich dem Bischof in Erinnerung
zu bringen, behielt sie fest ... Und konnte sie ihm doch auch jetzt Aufklärungen
und Warnungen über den Bruder Federigo schreiben ... Sie forderte Hubertus auf,
sie erst noch im Palazzo Rucca zu besuchen, wenn er wirklich den Bischof von
Macerata und den Pilger entdecken und befreien gehen wollte ... Ihr unternehmt
das Kühnste und doch tut ihr, als riet ich in Witoborn gut, als ich damals
sagte: Flieht in einen hohlen Baumstamm? fragte sie lächelnd ...
    Hubertus, der unruhige Waldbruder, hätte die endlich errungene Freiheit des
Wanderns und des Lebens wieder in freier Luft laut ausjubeln mögen ... Ohne die
mindeste Furcht bejahte er und zeigte nur traurig auf den verdeckten Tragkorb,
den eben die schwarzen Söhne des heiligen »Johannes von Gott« aus dem Hause
brachten ...
    Lucinde zuckte bedauerlich die Achseln und neigte sich auch diesen Mönchen
...
    Der Cardinal sprengte in seinem Wagen mit den weissen, purpurgeschirrten
Rossen zur Porta Laterana hin ... Die »Caudatarien« fuhren in einem zweiten
Wagen ... In einem dritten musste Monsignore Camuzzi, Bischof in partibus, der
erste Secretär des Cardinals, folgen ...
    Lucinde wartete, bis das Glöcklein der Benfratellen verklungen war ...
Hinter dem verdeckten Korbe, der ebenso eilends dahingetragen wurde, wie
Klingsohr in letzter, Nacht die Leiche hatte tragen sehen, trottete der vorher
erwähnte, von Ceccone's Majorduomo besorgte Esel mit den zwei mächtig gefüllten
Säcken ... Pater Vincente schritt mit demütig gesenktem Haupt und hielt den
Esel an einem einfachen Zügel ... Hubertus hatte einen Jasminblütenzweig am
Portal der Villa gebrochen und wehrte damit, gedankenvoll in sich selbst
verloren, dem Tier die Fliegen ab ...
    Nun setzte Lucinde sich in ihren Wagen und fuhr mit blitzschneller Eile an
dem unheimlichen Tragkorb und dem Esel vorüber ...
    Unter dem weissen ausgespannten Leintuch des Korbes lag Klingsohr -! ...
    Sie schauderte - als sie im Vorüberfahren wie auf ein Leichentuch blinzelte
...
    Der Wagen fuhr am Coliseum vorüber, durch den Bogen des Titus, die Basilika
entlang ... Der Kutscher liess das Capitol links und lenkte zur Säule des Trajan
...
    Lucinde lebte innenwärts ... Sie merkte nicht, dass sie schon an Piazza
Sciarra, dicht in der Nähe des »Schatzes der guten Werke« war ...
    Hier hielt der Wagen ...
    Der Kutscher blickte sich fragend um, ob sie nicht zur Herzogin von
Amarillas wollte, die hier wohnte ...
    Sie winkte: Weiter! Weiter! ...
    Sie musste zu Olympien ...
    Die höchste Zeit war es, diese nach ihrer Brautnacht zu begrüssen ...
    Sie durfte nicht fehlen zur Chocolade, die heute das junge Paar allen
Gästen, die ihre Aufwartung machten und die Neuverbundenen mit lächelnder
Zweideutigkeit nach ihrem Befinden fragten, in goldenen und silbernen Tassen mit
eigner Hand zu credenzen hatte.
 
                                    Fussnoten
1 Tatsache.
 
                                       5.
In dieser »Stadt der Wunder« bewohnte die Herzogin von Amarillas einen dem
Cardinal gehörenden, äusserlich dunkeln und ganz unansehnlichen Palast in einer
der den Corso durchschneidenden Strassen zwischen Piazza Sciarra und der Gegend
um Fontana Trevi ...
    Mit seiner verschwärzten Aussenseite stand aber das heitere und bequeme
Innere in Widerspruch ...
    War der Torweg geöffnet, so sah man wohl erst einen kleinen düstern Hof,
umgeben von einem hier und da von Marmorkaryatiden geschmückten viereckten
Arcadengang von Travertingestein, sah in der Mitte ein kleines
blumengeschmücktes Bassin, das ein wasserspritzender Triton aus Bronze dürftig
belebte, sah Remise und Stallung kaum von den Arcaden bedeckt; aber die hinteren
Fenster des einen Flügels gingen in einen hier ungeahnten kleinen Hausgarten von
Rosen, Myrten und Orangen hinaus. Sie hatten ein volles, schönes Licht und
gewährten im geräuschvollsten Teil der Stadt ein friedlich beschauliches
Daheim. Zudem war in der Einrichtung dieser hohen und geräumigen Zimmer nichts
gespart. Es war eine Wohnung, die verlassen zu müssen Schmerz verursachen durfte
...
    Und doch konnte die Herzogin dies Ende voraussehen ... ... Der Cardinal
behauptete seit einiger Zeit, ihre Augen nicht mehr ertragen zu können. Was
Olympia von ihm gesagt, das sagte er von der Herzogin ... Ihre Augen hätten für
ihn die Wirkung des »Malocchio« ... Der Italiener hat vor dem »bösen Blick« eine
selbst von Aufgeklärten nicht überwundene Furcht ...
    Diese üble Wirkung ihrer Augen, von der sie hörte, erläuterte die Herzogin
nur aus Ceccone's Gewissen. Wol müssen meine Augen einen giftigen Eindruck auf
ihn machen, sagte sie ihrem alten Diener Marco, der schon früher im Unglück bei
ihr gewesen und nur des Alters wegen nicht damals mit nach Wien gefolgt war ...
Meine Augen nennen ihn undankbar ...
    Keineswegs wollte die Herzogin sagen, dass der »böse Blick« eine Fabel ist.
Als echte Italienerin glaubte auch sie an Menschen, die »Jettatore« heissen.
Diese können Krankheit und Tod »anblicken« ... Sie hatte ihre alte Freundin und
Gesellschafterin Marietta Zurboni schon lange begraben, aber die Fabel- und
Traumbücher derselben waren ihr und dem alten Marco geblieben ... Konnte sie
doch zittern vor Angst, als eines Tages Olympia, die ebenso dachte wie sie,
sagte: »Seh' ich im Leben diesen Signore d'Asselyno wieder und er verrät, dass
ich Wahnwitzige ihm in zwei Tagen meine ganze Seele zum Geschenk gegeben, so
lass' ich die Erde aus der Stelle ausschneiden, die sein Fuss berührte, und hänge
sie - in den Schornstein! ...« Um Jesu willen! hatte die Herzogin erwidert, du
wirst solche Sünden unterlassen! ... Sie wusste, dass ein solcher Zauber einen
Abwesenden langsam zum Tod dahinsiechen lässt ...
    Olympia war nach dem ersten Rausch der Flitterwochen und den
vorauszusehenden Zankscenen mit ihren Schwiegerältern ins Sabinergebirg gezogen
... Dort und im Albanergebirg besassen die Ruccas und Ceccone prächtige Villen
... Der welt- und menschenkluge Cardinal hatte zur Zähmung des wilden Charakters
der jungen Fürstin angeraten, sie zu beschäftigen ... Er hatte (schon von der
ihm immer vertrauter werdenden Lucinde) einige anonyme Briefe an sie schreiben
lassen, in denen von Unterschleifen in der Verwaltung dieser Güter die Rede war
... Das wurde dann ein Feld für die erste unruhige Tatenlust der jungen Ehefrau
... Einige Wochen hindurch, vielleicht einige Monate konnte man Hoffnung hegen,
dass sie sich auf diese Art in ihrer neuen Stellung als Fürstin und Gattin
gefallen würde ... Bis dahin hatte sie ohne Zweifel mit den Aeltern vollständig
gebrochen, hatte das Personal in der Rucca'schen Verwaltung umgewandelt, hatte
soviel Scenen des Zanks, soviel angedrohte Dolchstösse, auch Fussfälle und
Handküsse erlebt, dass sie vollauf damit beschäftigt war ... Lucinde und der
Cardinal stimmten ganz in dem Serlo'schen Wort überein: »Die Seele des Menschen
will gefüttert werden, wie der Magen« ...
    Die Herzogin erzürnte den Cardinal immer mehr durch ihre Festigkeit,
Lucinden als Mitbewohnerin ihrer Behausung abzulehnen ... Lucindens neuliches
Wort von ihrem »Briefwechsel mit Benno« war beim Begegnen nicht wiederholt
worden ... Der Schrecken über den gleichzeitigen Ueberfall durch die Räuber
konnte ein Misverständniss veranlasst haben ... Das sagte sie sich zu ihrer
Beruhigung ... Die »Abenteurerin«, wie sie in der Tat Benno mehrmals genannt
hatte, wurde auch auf Villa Torresani, einem Erbgut der alten Fürstin Rucca, wo
die junge Fürstin wohnte, abgelehnt ... Lucinde wohnte mit der alten Fürstin
beim Wasserfall von Tivoli, in einer andern Rucca'schen Villa, Villa Tibur ...
Niemand kam nun noch zur Herzogin, da der Cardinal nicht kam ... Seltener und
seltener kam sie auch selbst aus ihrem Palast heraus, in dem es gespenstisch öde
und einsam wurde ... Wie musste sie bereuen, ein Wesen von so gefährlicher
Schmiegsamkeit in die Kreise ihres bisherigen Einflusses gezogen zu haben! ...
Lucinde wurde immer mehr die Seele in dem alten und dem jungen Rucca'schen
Kreise ... Und wenn sie sich geirrt hätte! Wenn Lucinde wirklich von einem
Briefwechsel zwischen ihr und Benno gesprochen! ... Dann fehlte nur noch das
eine Wort: Benno von Asselyn ist ja dein Sohn! und ihre Niederlage war
entschieden ... Olympia würde, erfuhr sie das von Lucinden, gesagt haben: Nun
versteh' ich alles! Du, du warst es, die den Angebeteten von mir entfernt
gehalten hat ...
    Dass den Cardinal, von dem sich die junge Fürstin nicht minder wie von ihr zu
befreien suchte, eine Leidenschaft für die fremde Abenteurerin ergriffen hatte,
wurde immer mehr ein öffentliches Geheimnis ... Und bei alledem konnte niemand
die Huldigung des Grafen Sarzana begreifen ... Hätte es sich um eine Scheinehe
gehandelt, die die Schulden eines leichtsinnigen Cavaliers decken sollte, so
würde man in Rom, in der Stadt der Heiligung des Priestercölibats, dies Benehmen
Don Agostino's begriffen haben; denn diese Arrangements kamen hier zu oft vor,
um aufzufallen - wenn auch die Contracte nicht in die Archive der Curie
niedergelegt wurden ... Don Agostino war aber keiner der Leichtsinnigsten unter
den »Achtzig« ... Da er Kenntnisse besass und sie zu vermehren liebte, galt er
seinen Kameraden für einen Pedanten ... Die Wartung seiner Uniform, seines
Pferdes, noch mehr seiner kleinen Häuslichkeit war bis in die minutiösesten
Dinge sauber und zierlich ... Seine Familie war verwildert, das wussten alle, die
Umstände hatten die Kreaturen geistlicher Würdenträger aus ihr gemacht, deren
Unregelmässigkeiten sie decken musste ... Graf Sarzana würde die Hand keiner Dame
auch nur zweiten oder dritten Ranges in Rom haben ansprechen können ... Aber
eine Geliebte des Cardinals zu nehmen zwang ihn nichts ... Noch weniger begriff
man seine Leidenschaft, wenn sie eine aufrichtige war. Lucinde konnte die
Capricen des ermüdeten Alters reizen, sie konnte die Vorstellung einer
Vernunftehe durch eine darum noch nicht ausgeschlossene Möglichkeit jugendlicher
Reminiscenzen mildern; was war sie aber einem jungen, noch in Lebensfrische
befindlichen Krieger? ... Sie besass freilich Geist, Belesenheit, Koketterie ...
Fesselte ihn das? ... Seine Kameraden pflegten ihn mit seinem Einsiedlerleben,
das der Lectüre gewidmet war, zu necken und sein wärmster Freund sogar, der
Herzog von Pumpeo, hatte ihm den Beinamen des »Küsters vom Regiment« gegeben ...
    Bei alledem liess es sich immer mehr dazu an, dass die Herzogin den Palast
würde zu verlassen und - dem jungen Ehepaar Sarzana einzuräumen haben ...
    Ihrem Julio Cäsare schrieb die Mutter von allen diesen ihren Leiden und
Befürchtungen nichts - nichts von den Gefahren, die ihr durch Lucinden drohten
... Einesteils wollte sie Benno's bei solcher Mitteilung leicht
vorauszusehende Absicht ihr zu helfen nicht früher hervorrufen, als nötig war;
andernteils vermochte es ihr Stolz nicht, Befürchtungen auszusprechen, die sie
mit dem grössten Zorn erfüllten, so oft sie nur an sie dachte ... Benno hatte ihr
die Versicherung gegeben, dass der einzige Vertraute ihres Briefwechsels nur
Bonaventura war ...
    Die Herzogin lag eines Morgens noch in ihren Hauskleidern auf einer Ottomane
und blätterte in den französischen Zeitungen, die in Rom verboten sind, vom
Cardinal aber gehalten und nach alter Gewohnheit, wenn sie benutzt waren, noch
an sie abgeliefert wurden ...
    Sie las um so lieber in ihnen, als die einheimischen Blätter fast von nichts
als von Festen und grossen Ceremonieen berichteten, zu denen sie nicht mehr
geladen wurde ... Auch bei einem grossen Ereignis, das vier Wochen nach Olympiens
Hochzeit stattatte, bei der wirklich erfolgten Einkleidung des Paters Vincente
- zum Cardinal hatte sie gefehlt ... Sie hatte gefehlt bei einem Fest, das
wiederum Rom in Bewegung setzte ... Bei einem Fest, wo Olympia und Lucinde die
üblichen Honneurs des ersten Cardinalempfanges machten ... Bei einem Feste, das
eine Woche dauerte und alle Zeitungen erfüllte ... Der neue Cardinal Vincente
Ambrosi fand sich voll Demut, aber ganz gewandt in seine neue Würde ...
    Unmutig warf die Herzogin die einheimischen Blätter fort; wieder auch war
im Gebirg eine grosse Kirchenfestlichkeit gewesen, bei der die junge Fürstin
Rucca als erster Stern am Himmel der Gnade und Wohltätigkeit geglänzt haben
sollte ...
    Schon ergriff sie die Feder und wollte dem Cardinal schreiben, sie bedürfte
Unterhaltung ... Sie bäte, wollte sie sich in ihrer Bitterkeit ausdrücken, um
einige Einlasskarten für den Tag, wo die Räuber guillotinirt werden würden, deren
man als Complicen Grizzifalcone's allmählich viele aufgegriffen hatte - Die
Mission des Bruders Hubertus war ihr durch die vorläufig erfolgte Befreiung des
Bischofs von Macerata bekannt geworden ... Sie wollte ihrem Schreiben
hinzufügen, der Cardinal vergässe seine Weine, die in ihrem Keller lagerten; es
waren unversteuerte ... Sie grübelte Ceccone's Intriguen nach ... Benno's
letzter Brief lag vor ihr, in dem dieser auf Anlass des von Lucinden an
Bonaventura eingesandten Briefs der beiden deutschen Flüchtlinge und eines
inhaltreichen Couverts, das sie hinzugefügt, geschrieben: »O fände sich doch
dieser Wanderer nach Loretto! Wäre es der, den mein Freund seit fast dreiviertel
Jahren sucht! Er wird es nicht sein ... Die Dominicaner haben ihre anderen
Gefangenen herausgeben müssen - diesen schickten sie nach Rom, wo ihre
Gefängnisse unzugänglicher sind, als hier ... Ceccone verweigerte bisjetzt die
Genehmigung, die Kerker des heiligen Officiums untersuchen und den Dominicanern
einen Beweis von Mistrauen geben zu lassen ... Fra Federigo schmachtet in ihren
Händen wie Galiläi, Bruno, Pignata und so viele andere Opfer der Unduldsamkeit!«
... ... Dass schreckenvolle Dinge in Rom möglich waren, wusste die Herzogin ...
Sie wusste, dass Ceccone mit dem Meisten, was er tat, eine andere Absicht
verband, als die man voraussetzte ... Zwischen dem alten Rucca und dem Cardinal
war es zu einer andauernden Spannung gekommen, seitdem Hubertus zwar durch eine
List den Bischof ans Tageslicht gebracht hatte, aber von einer Entdeckung des
Pilgers nichts hören und sehen liess, ja seit einiger Zeit von sich selbst nichts
mehr ... Schon war das Gerücht verbreitet, dass die Carabinieri der Grenzwache
vorgezogen hätten, statt den römischen Abgesandten in seinen Bemühungen zu
unterstützen, ihn - todt zu schlagen ...
    Sie sah überall Gewalt und Intrigue ... Sie kannte Ceccone's Ansichten über
die Zeit und die Menschen ... Menschenleben kümmerte ihn wenig, wo
durchgreifende Zwecke auf dem Spiele standen ... Durch einen der Verwandten
Sarzana's, eine der von ihm beförderten Kreaturen, hatte Ceccone alle Häfen auch
der Nordküste in seiner Obhut ... Wer konnte wissen, was aus dem Rucca'schen
Sendboten geworden war ... Jenseits der Apenninen, am Fuss des Monte Sasso, an
der Grenze der Abruzzen war jede Controle abgeschnitten ... Dortin hatten sich
in der Tat die letzten Wege des kühnen deutschen Mönches spurlos verloren ...
    Die Zeitungen waren »mit ihren Lügen«, wie die Herzogin vor sich hin sprach,
durchflogen ... Es war gegen Mittag ... Sie konnte an den Besuch einer Messe
denken ...
    Da bemerkte sie, dass im Hause laut gesprochen wurde ...
    Sie wollte klingeln ... Marco war beim Panteon auf den Gemüse- und
Fleischmarkt, um ein Mittagsessen einzukaufen; die Dienerinnen waren an der
Arbeit ...
    Schon hörte sie Schritte ... Schon unterschied sie die Stimme Olympiens ...
Dann war wieder alles still ...
    Die Herzogin glaubte sich getäuscht zu haben ... Schon öfter war ihr
geschehen, dass ihre aufgeregte Phantasie Menschen nicht nur hörte, sondern
deutlich vor sich sah, Menschen, die mit ihr sprachen ... Sie brauchte nur ihren
geheimen Schrank aufzuschliessen, brauchte nur Angiolinens blutiges Haar aus
einem grossen Pastell-Medaillon des Herzogs von Amarillas zu nehmen, dies Haar
nur eine Weile vor sich hinzulegen - und sie sah Angiolinen sich langsam an
ihren Tisch begeben und hörte sie laut mit ihr sprechen. Benno trat in dieser
Art jeden Abend in ihr Zimmer ... Sie hatte nach ihm die Sehnsucht einer Braut -
eine Sehnsucht voll Eifersucht ... Aber kein Madonnenbild mehr konnte sie sehen
in dieser madonnenreichen Stadt, ohne voll Zärtlichkeit an Armgart von
Hülleshoven zu denken, die ihr Lucinde als ihres Cesare Ideal bezeichnet hatte
...
    Die Stimmen kamen wieder näher ... Diesmal rief wirklich Olympia:
    Da nicht! Nein, nein! ... Dort geht der Kamin entlang! ... Die Hitze ist für
ein Bett unerträglich ...
    Was will - die Mörderin meiner Tochter? fuhr die Herzogin auf ... Weiss sie
wirklich noch, wo ich wohne? ... Will sie wohl wieder zu mir ziehen oder was soll
- das Bett - von dem sie spricht? ...
    Man rückte nebenan die Möbel ... An einer andern Stelle des Hauses hörte man
ein so starkes Hämmern, als sollten Mauern eingeschlagen werden ...
    Indem öffnete sich die Tür und aus dem Empfangssalon trat die kleine
Fürstin, in glänzend outrirter Toilette; Lucinde, nicht minder gewählt
gekleidet; die Schwiegermutter, eine noch immer anziehende, jedenfalls
gefallsüchtige Frau; Herzog Pumpeo, der für ihren Liebhaber galt; hinter ihnen
zwei junge elegante, wohlfrisirte Prälaten; zuletzt auch Graf Sarzana ...
    Alle schienen überrascht zu sein, die Herzogin zu finden ... Sie wollten
sogleich, Olympia ausgenommen, wieder zurück ... Sie hatten die Herzogin nicht
anwesend vermutet oder taten wenigstens so ... Olympia hielt sie jedoch fest,
schritt weiter, achtete nicht im mindesten auf die am Tisch beim Sopha erstaunt
Verharrende, sondern rief, das Zimmer durchschreitend:
    
    Hierher würd' ich raten, von jetzt an das Esszimmer zu verlegen ... Oeffnen
wir diesen Balcon, so hat man das beste, was dieser alberne Garten bieten kann,
etwas Kühle ... Chrysostomo! Wir nehmen hier ein Frühstück! Setzen Sie sich,
Lucinde! ... Graf, Sie werden hungrig sein! Kommen Sie doch! Wir sind ja, denk'
ich, bei uns! ...
    Mit Widerstreben und in offenbar ungekünstelter Verlegenheit war Graf
Sarzana gefolgt, hatte sich stumm der Herzogin, die hier nicht mehr wohnhaft
geglaubt wurde, verbeugt und trat in das Balconzimmer zu den übrigen, die
unterdrückt kicherten - Lucinde ausgenommen, die von einem der Prälaten geführt
wurde und scheu zur Erde blickte ...
    Die junge Fürstin, die kaum bis zum Türdrücker, einem schönen bronzenen
Greifen-Flügel, reichte, warf zornig die Tür zu ...
    Im ersten Augenblick hätte die Herzogin ihr nachspringen und sie zerreissen
können ... Viper, Schlange, Basilisk! zitterte es auf ihren Lippen ... Die Worte
erstickten ... Sie hatte in diesem Augenblick keine andere Waffe, als ein
lautes, gellendes Lachen ... Hahahaha! schallte es nebenan zur Antwort ...
Olympia erwiderte in gleichem Tone ...
    dabei klirrten Gläser, Messer, Gabeln ... Olympia hatte hieher ein Frühstück
beordert ... Der Mohr Chrysostomo wollte ihr durch eine andre Tür folgen ...
Schon trug er ein Plateau voll Gläser und silberner Gefässe ... Die Herzogin
ergriff wenigstens diesen und warf ihn zur Tür hinaus ... Dann schloss sie
sämmtliche Türen so hastig, als fürchtete sie, ermordet zu werden ...
    Nebenan lachte und sprach Olympia mit gellender Stimme fast immer allein ...
Sie tat wie jemand, der hier noch zu Hause war ... Demnach wurde die Herzogin,
da sie nicht von selbst ging, zum Hause hinausgeworfen ... Hatte Olympia
vielleicht erfahren, wer Benno war? ... Verdankte die Herzogin diese Demütigung
Lucinden? ... War diese wirklich in ihr Leben eingedrungen oder woher dieser
plötzliche Angriff, diese Scene ohne jede Vorbereitung? ...
    Die Herzogin besann sich, dass Olympia dergleichen Stücke auch ohne alle
Veranlassung auszuführen liebte ... Es konnte ein momentaner Einfall sein ...
Sie hatte sich wahrscheinlich für einige Tage mit ihrer Schwiegermutter
ausgesöhnt, hatte von dieser vielleicht eine Anerkennung für einen neuen pariser
Kleiderstoff gefunden; daher ein gemeinschaftlicher »Carnevalsspass« auf Kosten
einer Person, »die der Lächerlichkeit zu verfallen« anfing ...
    Die Herzogin weinte ... Sie dachte an die Jahre, die sie an dies Wesen
dahingegeben, an die sorgenvollen Stunden, wenn Olympia krank gewesen ... Sie
hätte, da sie deren Natur entschuldigen und Ceccone dafür verantwortlich machen
musste, diesem an den Hals fahren und ihn erwürgen können ... Sogar Lucindens Hass
auf sie liess sie gelten; denn sie hatte abgelehnt, der Deckmantel eines
Verhältnisses zum Cardinal zu sein ... Aber auch Lucinde wieder versöhnt mit
Olympia? ... Olympia hatte damals diese Erklärung der Herzogin gebilligt. Die
Herzogin hatte geglaubt, von Olympiens Eifersucht auf Lucinden Vorteil ziehen
zu können ... Nun sah sie das Leben dieser Menschen des Müssiggangs und des
Glücks, diese Zerwürfnisse, diese Versöhnungen um nichts ... Um irgend ein auf
der Villa Torresani gesprochenes Schmeichelwort Lucindens war Olympia im Stande
zu sagen: Was ist das nur mit der Herzogin? Ihr Palast soll jetzt bald nur Ihnen
und Sarzana gehören! Machen wir doch kurzen Prozess! ... Oder etwas dem
Aehnliches war vorgefallen ... Männer waren zugegen, Priester ... Graf Sarzana
sogar, der sie zwar immer kalt, aber doch höflich behandelt hatte ...
    Sich aus diesem Zimmer entfernen konnte die Herzogin nicht, da das ganze
Haus sich belebt hatte ... Von den Köchen der jungen Fürstin war ein Frühstück
überbracht worden ... Ein Tross von Dienerschaft schien aufgeboten ... dabei
arbeitete man im Nebenzimmer zur Linken, klopfte, hämmerte - Es waren Schreiner
und Tapezierer ... Die Gardinen wurden abgenommen, die Tapeten abgerissen ...
Das Ganze war eine Unterhaltung des Übermuts ... Wer konnte so schnell hier
einziehen wollen? ... Die Declaration des Grafen Sarzana war doch wohl noch in
einiger Entfernung ...
    Vernichtet sank die mit Gewalt Verjagte auf ihr Kanapee ... Ihre Brust hob
sich in hörbaren Atemzügen ... Sollte sie rufen: Megäre, lade noch deine Mutter
zu deinem Gelage, die tolle Nonne drüben aus den Gräbern der
»Lebendigbegrabenen«! ... Was half das alles! ... Sie hatte nicht einmal den
Mut, dem alten Marco zu erwidern, der ihr am Schlüsselloch wisperte ...
Sarzana, Sarzana! sprach sie wiederholt vor sich hin ... Auch Er lässt die
Mishandlung einer Frau zu und isst und trinkt und stösst mit dem Teufel in
Menschengestalt an! ... Sie malte sich das alles wenigstens so aus ...
    Mit doppelt starker Stimme, damit die Herzogin nebenan nichts davon verlor,
rief beim Mahle Olympia und fast immer allein sprechend:
    Wie viel Lösegeld würde wohl damals Don Pasquale für Sie gefordert haben,
Signora Lucinda? ...
    Wie sagen Sie, Graf? ...
    Zum Gelde würde es gar nicht gekommen sein? ...
    Sie hätten sie mit Ihrem Säbel herausgehauen? ...
    Haha! Ich weiss noch ein anderes Mittel, falls die Herzogin mit gefangen
gewesen wäre; ein Mittel, wodurch sie alles in die Flucht geschlagen hätte! ...
Durch eine ihrer alten Arien ...
    Schallendes Gelächter ...
    Gewiss hatte sie auf meiner Hochzeit die Hoffnung, zum Singen aufgefordert zu
werden ... Darüber vergass sie den Auftrag meines Mannes, mir die Anwesenheit des
Cardinals Ambrosi anzuzeigen ...
    Jetzt blieb alles still ...
    Das war der Grund dieses plötzlichen grausamen Einfalls? ... Nimmermehr!
sagte sich die Herzogin ... Oder doch -? ... Die Erhebung des Paters Vincente
war auffallend genug ... Man schrieb sie der Absicht zu, dem neuen
Grosspönitentiar, Fefelotti, zuvorzukommen, der diesen Mönch zur nächsten
Cardinalswahl empfohlen hatte ... Ceccone hatte sich rasch des neuen Cardinals
selbst bemächtigt ... Olympia hatte die Honneurs seiner Ernennung im dazu
hergeliehenen Palazzo Rucca gemacht; alle Welt war verliebt in den schönen
jungen Cardinal Ambrosi, der wie ein Ganymed, ein David im Purpur aussah; gar
nicht unmöglich, dass Olympia ihre erste Untreue als Frau zu einer geistigen
machte und wieder in leidenschaftlicher Andacht für einen Priester schwärmte,
den sie schon einmal so unglücklich gemacht hatte ...
    In der Tat - die Herzogin konnte hören:
    Zieht sonst niemand hier ein, den der Onkel lieb hat, so ist das kleine Haus
ganz geeignet, von einem so bescheidenen Priester bewohnt zu werden ... Ich
mache dem Cardinal Ambrosi seine ganze Einrichtung ...
    Cardinal Ambrosi soll hier wohnen! ... Benno's Nachfolger in deinem
oberflächlichen Herzen! ...
    In der Tat wurde das Gespräch rücksichtsvoller geführt ... Die Herzogin
verstand nichts mehr ...
    Herzog Pumpeo machte den Wirt und schenkte ein ...
    Trinken Sie, Graf Sarzana! rief er ... Oder haben Sie noch immer Ihre
geringe Meinung über den Champagner, den Sie damals auf unserer Landpartie nach
Subiaco - vor drei Jahren - das »Bier der Franzosen« nannten? ...
    Graf Sarzana, Sie sind überhaupt inconsequent! fiel Olympia ein ... Wie
konnten Sie je die Deutschen und die Franzosen so hassen! Jetzt lieben Sie - ein
deutsches -
    Halt, Principessa! unterbrach einer der Prälaten ... Wir lieben in diesem
Augenblick nichts als die Heiligen ... Die Signorina hier kennt alle Gebräuche
der Beatification vom Tu es Petrus an bis zur Rede des Advocatus Diaboli ...
    Wenn nächstens die Seele der Eusebia Recanati heilig gesprochen wird, fiel
der andere der Prälaten ein, wer wird da wohl die Rolle des Advocaten der Hölle
übernehmen? ...
    Schweigen Sie! Keine Lästerungen, Monsignore! unterbrach Olympia mit
energischem Ruf ...
    Die Herzogin lachte bitter auf und sprach für sich:
    Fürchtest du diese »heilige« Eusebia, weil sie dich - an deine Mutter
erinnert? ... Oder ängstigen dich die Ansprüche, die der Teufel selbst an die
Heiligen macht - wie vielmehr an deinesgleichen! ...
    Graf Sarzana's Stimme, ein voller wohlklingender Baryton, wurde mit den
Worten vernehmbar:
    Cardinal Ambrosi lebt noch vierzig Jahre ... Also erst in 140 Jahren ist es
möglich, auf seine Kanonisation anzutragen ... Auch bei ihm wird jemand den
Auftrag bekommen, geltend zu machen, welche Rechte auf ihn der Teufel hat ...
Abbate Predari! ... Gesetzt, Sie bekämen diese Aufgabe! Wie würden Sie Ihr Tema
anfassen? ... Halten Sie eine Rede gegen den Cardinal zum Besten der Hölle! ...
Vergessen Sie dabei nicht diesen schönen Palast! ...
    Und die nichtswürdige Art, wie er eingeweiht wurde! ergänzte die Herzogin
...
    Und die zerbrochenen Beine, als die Tribüne einstürzte, auf der die Menschen
bei seiner ersten Messe im Sanct-Peter standen! ... bemerkte die alte Fürstin
...
    Die schlechten Plätze, die gewöhnlich der römische Adel bekommt! ergänzte
der zweite der Prälaten, ein jüngerer Chigi ...
    Lassen Sie mich! rief sich räuspernd Abbate Predari ... Die Rede halte ich!
... Ich kann von Ambrosi's erster Jugend anfangen, von seinen ersten Ketzereien
bei den Waldensern ... Ich war sein Schulkamerad in Robillante ...
    Dann wird nur zu sehr die Stimme des Neides aus Ihnen sprechen! unterbrach
ihn Olympia, die befürchten musste, in dieser Rede selbst eine Rolle zu spielen
... Genug! Genug! unterbrach sie aufs neue die Ermunterungen zu einer Rede, die
durchaus Abbate Predari halten wollte ... Gewiss würde er sie nicht so gewandt
haben, als Advocat des Teufels zu sagen: Siehe, ich sandte dir einst eine meiner
Botinnen in den Beichtstuhl! ... Olympia wollte aber nichts von allen diesen
»Blasphemieen« hören und erklärte, jetzt denjenigen strafen zu wollen, der dies
Tema aufgebracht hätte, den Grafen Sarzana - ...
    Wissen Sie, Lucinde, wandte sie sich zu dieser, dass ich früher eine Neigung
für den Grafen hatte? ... Ich will es Ihnen nur gestehen! ... In meiner kurzen
Geschichte mit Don Pallante, die Sie kennen, machte dieser Herr da den
Vermittler und die Vermittler wissen oft die Tränen so gut zu trocknen, dass sie
selbst an die Stelle der Ungetreuen treten ... Ich liebte Don Agostino, den
Boten Pallante's - aber beruhigen Sie sich! - nur drei Tage lang ... O mir war
er zu gelehrt, zu pedantisch, zu spöttisch, zu eingebildet - er las zu viel ...
Viel lesen, das beweist, dass man wenig eigenen Geist hat ... Graf! Ich rate
Ihnen, sich bei der Entzifferung der Obelisken und Pyramiden anstellen zu lassen
... Wenn Sie nicht im nächsten Carneval tanzen, geb' ich Sie zu unsern gelehrten
Eminenzen oben am Braccio nuovo im Vatican in die Lehre, zu Angelo Mai und
Giuseppe Mezzofanti! ...
    Die Männer lachten dieser Spöttereien ... Die Schwiegermutter rief sogar:
Auf das Wohl des Küsters vom Regimente! ... Ihr Herzog Pumpeo hatte diesen Witz
gemacht ... Pumpeo bat um Frieden und brachte das Wohl aller schönen
Spötterinnen aus, denen sein Freund bereits vergeben hätte ...
    Die Empfindungen der völlig ignorirten Herzogin, die zuletzt nur noch das
Klappern der Schüsseln und Klingen der Gläser und ein Durcheinander von Witzen
und Anekdoten, in denen Pumpeo und die beiden Prälaten excellirten, hörte,
lösten sich wieder in Tränen auf ... Nur die Stille des präsumtiven
Sarzana'schen Ehepaars versöhnte sie ...
    Als das Frühstück beendet, die Gesellschaft entfernt, die Dienerschaft mit
den Resten der Mahlzeit gefolgt war, nahm die Herzogin die
Unschuldsbeteuerungen der ihr noch gebliebenen Dienerschaft entgegen, vor allen
die Versicherungen des fast weinend eintretenden alten Marco, und suchte noch am
selbigen Tage eine andere Wohnung. Sie wollte zu einem Mietbureau und dann in
der Runde zur Besichtigung von Wohnungen fahren ...
    Als sie den Wagen bestellt hatte, erfuhr sie, dass auch Wagen und Pferde auf
Befehl der jungen Fürstin Rucca fortgeführt wären ...
    Auf diese Nachricht sank sie in Ohnmacht ... Der »Intendente« des Hauses,
der bisher alles für sie bezahlt hatte, zuckte die Achseln; es war ein von
Ceccone eingesetzter Koch ... Er gestand, dass er schon lange vom Cardinal nur
mit Widerstreben die Zahlungen für die Bedürfnisse des Hauses erhalten hatte,
packte dann seine Sachen und zog nach Villa Torresani ins Gebirge, wo es hoch
und herrlich herging ... Die Erklärung hinterliess er, dass sich hier
wahrscheinlich das ganze Hauswesen zur Bedienung des Cardinals Ambrosi
neugestalten würde ...
    Marco machte Vorschläge von Wohnungen, die der Bedachtsame schon lange für
diesen voraussichtlichen Fall in Augenschein genommen ... Noch an demselben
Abend und bis in die Mitternacht zog die Herzogin um ... Sie nahm ein Stockwerk
von mehreren gesund gelegenen und schön möblirten Zimmern auf der Höhe des Monte
Pincio ... Die dortigen luftreinern Strassen konnte sie als Vorwand der
Veränderung nehmen ... Um sich nicht als zu tief gefallen darzustellen, setzte
sie alle ihre Ersparnisse daran ...
    Zu alledem läuteten nun die Glocken der dreihundertfünfundsechzig Kirchen
Roms - brausten die Orgeln - schmetterte die Janitscharenmusik der Hochämter -
wandelten unter Pfauenfederwedeln und Baldachinen die wohlgenährten Pairs der
Kirche - rannten die Engländer nach den Katakomben und convertirten - schwärmten
die Deutschen von den Bildern des Fiesole - knieten die Franzosen in Trinita di
Monti drüben und küssten die Hände einer Gräfin-Aebtissin der hier eingepfarrten
»Soeurs grises« aus den ersten Geschlechtern Frankreichs ... Rom spielt seine
äussere heilige Rolle mit Glanz ... Wer kennt das Innere ...! ...
    An Benno schrieb die vernichtete Frau auch noch jetzt nicht alles, was ihr
begegnet war ... Sie erschien sich zu tief gedemütigt ... Zu lange Jahre hatte
sie auch die den Umgang verscheuchende und die Menschen vereinsamende Wirkung
des Unglücks kennen gelernt ... Dann beredete sie sich, sie wollte lieber erst
die Antwort auf einen Brief an Ceccone abwarten, in dem sie von ihren
Empfindungen nichts zurückgehalten hatte ... Schliesslich hatte Benno selbst seit
Wochen nicht geschrieben ... Sie fing für die Sicherheit ihres Briefwechsels
immer mehr zu fürchten an ...
    Am vierten oder fünften Tage weckte sie aus einem Zustand der Erstarrung,
den das fortgesetzte Nichteintreffen eines Lebenszeichens von Benno mehrte, der
erste Besuch, den sie in ihrer neuen Wohnung empfing ... ...
    Eine glänzende Equipage stand am Hause ... Sie kam aus Villa Tibur und
brachte Lucinden ...
    Mit kalter Ruhe und Sammlung führte sich diese bei ihr mit den Worten ein,
der Cardinal hätte sie beauftragt, der Herzogin einen Jahrgehalt anzubieten, den
er ihr mit Dank für die geleisteten Dienste ausgesetzt hätte ... Er bedauerte,
fügte sie hinzu, den Einfall der jungen Fürstin, an dem er schuldlos wäre - wie
wir alle - sagte sie ... Olympia schwärme für den Cardinal Ambrosi und - wollte
wohl auch alle diejenigen strafen, die dem Bischof von Robillante den Ruf des
ersten Priesters der Christenheit gegeben hätten - setzte sie lächelnd hinzu ...
Cardinal Ceccone, schloss sie, würde selbst gekommen sein - ...
    Wenn er nicht meine bösen Augen fürchtete! unterbrach die Herzogin und in
der Tat konnte ihr Blick den Tod androhen ... Der ausgesetzte Jahrgehalt
reichte kaum für die Wohnung und die für Italiens Sitten so notwendige Equipage
aus ...
    Lucinde zuckte die Achseln ...
    Zu allzu vielen Erörterungen schien sie nicht aufgelegt ... Sie hatte Eile,
käme überhaupt selten in die Stadt - ihr ganzes Wesen war voll Unruhe, gemachter
Vornehmheit, Übermut ...
    Unter andern war sie eben bei Klingsohr gewesen ...
    Sie kam von Santa-Maria, dem Mutterkloster der Franciscaner ...
    Dort hatte sie den glücklich geheilten und zu Gunst und Gnaden angenommenen
Pater Sebastus am Sprachgitter gesprochen ...
    Sie hatte ernste Dinge mit dem vor Schwäche noch an den Händen Zitternden,
aber in ihrem Anblick Ueberglücklichen verhandelt ...
    Nach dem, was sie schon von Hubertus, als dieser von ihr Abschied genommen,
über die zweite Gemahlin des Kronsyndikus in Palazzo Rucca erfahren, liessen die
jetzt endlich möglichen Mitteilungen Klingsohr's keinen Zweifel, dass diese
zweite Gemahlin allerdings eine ehemalige kasseler Sängerin Fulvia Maldachini,
dann also die - Herzogin von Amarillas gewesen sein musste ... In dem
lateinischen Bekenntnis Leo Perl's hatten die Namen gefehlt und auch noch jetzt
bei Verständigung mit Klingsohr hütete sie sich, die Fingerzeige allzu grell zu
geben ... Sie musste dann auch den kaum Genesenen schonen ... Gab ihm das
Wiedersehen einen erhöhten Ausdruck der Spannung und Kraft, so forderte sein
todblasses Aussehen, seine gekrümmte Haltung, die der eines Greises glich, zur
Schonung auf ... Von Benno sprach sie zu Klingsohr nicht, da auch Hubertus
nichts von Kindern dieser zweiten Ehe gewusst hatte ... Noch war sie schreckhaft
erregt von Klingsohr's Hosiannah des Dankes für ihren Beistand, vom
Triumphgesang seiner Hoffnungen für eine neue Zukunft in Rom, wo »selbst der Tod
mit leichterer Hand abgewehrt würde, als anderswo« ... Er hatte ihre ihm durchs
Sprachgitter dargereichte Hand krampfhaft festgehalten und sie mit Versen
begrüsst, die schon bereit gehalten schienen, wenn er sie wiedersehen würde ...
Er gab Minerva, die Weisheit, Maria, den Glauben, hin - Sie, sie, die Botin
Aphrodite's, gäb' ihm allein die volle Lebenskraft ...
Pallas Atene! Wär' ich immer
Gefolgt nur Deinem Schild und Speer -
Ich wäre längst ein Abendschimmer,
Begraben in dem ew'gen Meer!
Was zog mich denn mit Zauberbanden
Hinauf zu Schnee und Alpenhöhn?
Was liess in fernen, heil'gen Landen
Mich Ziele noch und Wünsche sehn?
Todmatt und krank, gedörrt die Lunge -
Nahst Du dem Auge kaum, dem Ohr,
Raff' ich mich schon mit Löwensprunge
Ein Held zu neuer Tat empor ...
Was komme jetzt? Nur Du gebiete!
Zum Frühling wird des Kerkers Haft!
Maria -? Pallas -? Aphrodite,
Du bist die Lebens- - Liebeskraft!
    Sie sagte dem Wahnbetörten, fieberhaft Blickenden, von Reflexionen
Umgewirbelten lächelnd, dass ihn der Cardinal bei der Congregazione del' Indice
für die Beaufsichtigung deutscher Kunst und Wissenschaft verwenden wollte1...
Von Hubertus wusste man auch in Santa-Maria noch nichts ... Klingsohr
versicherte, die Entschlossenheit seines tapfern Freundes würde sich in jeder
Lage zu helfen wissen ...
    Sie wohnen hier sehr hübsch? ... fuhr Lucinde, sich im Empfangzimmer der
Herzogin umsehend und von ihrer Erschöpfung durch die empfangenen Eindrücke
sammelnd, fort ...
    Hundert Fuss vom Erdendunst entfernter, als an Piazza Sciarra ... lautete die
Antwort ...
    Lucinde drückte der Herzogin wiederholt ihr Bedauern über die neuliche Scene
mit Olympien aus und versicherte, ihrerseits angenommen zu haben, dass die
Herzogin bereits ausgezogen wäre ...
    Der Cardinal hatte, denk' ich, die Absicht, dies Palais - Ihnen als
Aussteuer anzubieten? sagte die Herzogin ...
    Immer hörte Lucinde von dieser Frau nur gewisse höhnische Betonungen ...
Immer nur gewisse Zweifel der Ironie ...
    Graf Sarzana wird den Dienst bei Seiner Heiligkeit nicht aufgeben? fuhr die
Herzogin fort ... Sie hoffen ein stilles und glückliches Leben führen zu können?
... ... Vergessen Sie nicht, wenn der Cardinal Ambrosi die Wohnung zu beziehen
ausschlagen sollte, einige Verbesserungen - des Küchenherdes im Palais
vorzunehmen ... Sonst ist alles gut im Stande ... Schwach sind die Frauen
wahrlich nicht, wenn sie ihre Empfindungen aussprechen ... Lucinde kannte auch
darauf hin ihre Mitschwestern ... Aber der »Küchenherd« schien ihr denn doch
eine Anspielung geradezu auf die Zeit, wo sie eine Magd war ...
    Sie sehen mehr, als ich, Hoheit! sagte sie, sich ergrimmt auf die Lippen
beissend ...
    Sind die Verhältnisse noch nicht so weit? ... fuhr die Herzogin fort ...
    Die Verhältnisse! ... Welche Verhältnisse? ... Eure Hoheit haben mich in
diese Verhältnisse empfohlen ...
    Sie sind auch dankbar dafür ... lächelte die Herzogin ironisch ...
    Sie aber sind nicht grossmütig, Hoheit! sagte Lucinde. Ich höre, dass Sie
diese mögliche Zukunft zu verhindern suchen und mich nickt für würdig halten,
eine Gräfin zu werden. Ich bin allerdings keine geborene Marchesina von
Montalto, wie Sie! Ich bin eine einfache deutsche Bäuerin - das ist wahr! Oder
hat man Ihnen aus Robillante anders geschrieben? ...
    Aus Robillante -? Mir? ... So hört' ich - also neulich am Hochzeitstage -
doch recht? ... Wie kommen - Sie denn - ...
    Sie stehen im Briefwechsel mit Robillante ... unterbrach Lucinde schnell und
entschieden ...
    Mit - Ihrem Bischof -? ... entgegnete die Herzogin, noch mit einer gewagten
Sicherheit, aber schon erzitternd ...
    Mit Ihrem Sohne Benno von Wittekind-Neuhof, mein' ich ... warf Lucinde wie
einen den Sieg verbürgenden Trumpf aus ...
    Die Herzogin wollte erst auflachen ... Dann deutete sie auf Lucindens Stirn,
als wenn ihr Verstand nicht in Ordnung wäre ...
    Lucinde erhielt sich in unbeweglicher Ruhe und wiederholte langsam, was sie
soeben gesprochen hatte ...
    Die Herzogin ergriff Lucindens Arm, starrte sie mit aufgerissenen Augen an
und schwankte an die Türen, um wenigstens diese fester anzuziehen ...
    Sie litt nicht für sich - was hatte sie zu fürchten! ... Sie litt für Benno,
der seines zweideutigen Ursprungs nicht froh zu werden schien ...
    Sie - sind - wirklich - ein Teufel! ... hauchte sie, sich halb ohnmächtig
niedersetzend ...
    An diesem »Wirklich«, sagte Lucinde, erkenn' ich die mich betreffenden
Stellen Ihres Briefwechsels ... Jenseits der Alpen ist man noch immer nicht im
Reinen, für welchen Ofen der Dante'schen Hölle ich passe ... Aber Ihr Sohn
ignorirte mich doch mit einer gewissen mitleidigen Toleranz ... Ein
vortrefflicher Mensch, nur mit dem Einen Fehler, dass er zu den Männern gehört,
die Verstand bei Frauen für Anmassung halten ...
    Eine lange Pause des Triumphes trat ein ... Die Herzogin raffte sich
allmählich empor und suchte, um Luft zu schöpfen, das Fenster ...
    Ich spreche eine Vermutung aus, die ich beweisen kann! ... fuhr Lucinde ihr
nachblickend fort ... Leo Perl hiess der Geistliche, der Sie traute ... Ein Jude
war es und es geschah auf dem Schloss Altenkirchen ... Ich kenne viele Folgen
dieses abscheulichen Betruges, arme Frau! ... Benno von Asselyn ist die beste
davon ... Ein trefflicher Mensch, sagt' ich, ob er gleich dem Kronsyndikus
ähnelt und - Ihnen ... Madame, Sie wissen, dass ich nur wenig Freunde im Leben
gefunden habe ... Lassen Sie mir die, die ich hier gewinne ... Ich verspreche
Ihnen, Sie werden von mir unbehelligt bleiben ... Ich weiss vom Cardinal, dass
hier nur die Jesuiten und der General der Franciscaner Ihr vergangenes Leben
kennen, Olympia im Allgemeinen ... Arme Frau! Aber da die erste Hochzeit falsch
war, konnte man Sie nicht der Bigamie anschuldigen, was Ihre und Ceccone's
Feinde tun wollten ... Sie wurden glorreich gerechtfertigt ... Ihr Geheimnis
dann mit Benno - das weiss niemand ausser mir ... Ich werde es zu bewahren wissen,
nur - bitt' ich von jetzt an und befehl' es Ihnen, lächeln Sie nicht mehr, wenn
mein Name genannt wird - genannt, ob nun in Verbindung mit dem Cardinal oder mit
dem Grafen ... Lassen Sie sich von Ihrem Sohn nichts über mich erzählen, was Sie
veranlassen könnte, etwaigen Hoffnungen, die ich habe, welche es auch sein
mögen, schaden zu wollen ... Das ist es, was ich Ihnen schon am Hochzeitsfest zu
sagen hatte und nur verschob, weil die Räuber uns hinderten und wir im Gebirge
kaum zur Besinnung kommen ... Noch Eins und in aller Aufrichtigkeit ... Erneuern
Sie die Warnungen für den Bischof von Robillante! ... Schreiben Sie Ihrem Sohn
davon! ... Man erwartet Fefelotti ... Dieser bringt die Einleitung eines
Processes auf Absetzung des Bischofs ... Das wäre entsetzlich, wenn sich Bischof
Bonaventura um eine ketzerische Persönlichkeit so fortreissen, von Gräfin
Erdmute auf Castellungo so bestimmen liesse ... Der Cardinal meinte es
aufrichtig, als wir den Pilger zu entdecken suchten ... Es ist nicht seine
Schuld, dass Hubertus so rätselhaft an der Grenze der Abruzzen verschwunden ist
... Hören Sie aus alledem, dass ich der Meinung bin: Wir sind Freunde,
Verbundene, Herzogin! ... Waffenstillstand, Friede zwischen uns! ... Kein Wort
an Olympien! Nimmermehr! Verlassen Sie sich auf mich! Das versprech' ich Ihnen
... Aber jetzt muss ich auf Villa Tibur zurück ... Der Weg ist weit ...
Achtundert Scudi nur, Herzogin; ich find' es erbärmlich! ... Aber - was kann
ich tun! ... Sagen Sie das Ihrem Sohne - Benno ... Sie sind glücklich, einen
solchen Sohn zu besitzen! ... Wo fanden Sie ihn? Wie erkannten Sie sich? ... Sie
haben recht; für die Fürstin war er zu gut ... Nie, nie darf sie davon erfahren
... Ihre Rache würde keine Grenzen kennen ... Regen wir uns nicht auf! ... Sie
kennen jetzt meine Wünsche - meine Befehle! ... Auf Wiedersehn! ...
    Lucinde war verschwunden, wie sie gekommen ... Sie hatte, um die Bedienung
in Bereitschaft zu halten, selbst geklingelt ...
    Die Herzogin blieb zurück, erstarrt - gebunden an Händen und Füssen ... Sie
fühlte ganz die Wirkung, die Lucinde beabsichtigt hatte ... Musste sie »diese
Schlange an ihrem Busen erwärmt« - sie selbst nach Rom geführt haben! ... Unter
diesem Damoklesschwert sollte sie nun leben! ... Was tun? Was um Benno's willen
unterlassen? ... Ihre Correspondenz schien ihr nicht mehr sicher, trotz der
Adressen, die an die geringsten Leute hier und in Robillante gingen ... Diese
Sprache, diese kurze Eröffnung, diese Schonungslosigkeit! ... Benno ihr Sohn!
... Von Angiolinen, der Lucinde selbst so ähnelte, hatte sie geschwiegen ...
Wusste sie nichts von ihr? ... Sie wusste genug, um sie in ewige Fesseln zu werfen
...
    Alles das musste die vereinsamte Frau nun in sich selbst verwinden ... Trotz
des Vorwands mit der »bessern Luft des Monte Pincio« verliessen sie alle ihre
Bekannte ... Sie hatte ohnehin nie die erste Rolle spielen dürfen, solange sie
mit Ceccone und Olympia lebte ... Was war sie der Welt! ... Jetzt bereuete sie
zu klug gewesen zu sein und sagte: Wie viel haben bei alledem die Menschen
voraus, die sich allein den Ausbrüchen ihres Temperaments hingeben! Sie erleben
immer noch etwas mehr Unglück und Demütigung, als wir andern, die wir so klug
sein wollen, das ist wahr; aber ihre Personen fesseln und lassen ihre
Verhältnisse vergessen ... Nicht einmal ein paar alte Prälaten hatten das
Bedürfnis, bei ihr zu speisen ... Von Benno keine Andeutung, wie sie sich
verhalten sollte ... Seine Briefe blieben aus ... Sie war in Verzweiflung ...
    Ihr Geist hatte seit einem Jahr ganz in dem geliebten Sohn gelebt ... Seine
Briefe waren wie an ein Ideal gerichtet. Nur einen einzigen Tag hatte er die
Mutter gesehen und gesprochen und gerade darum war ihm alles an ihr neu und
reizvoll geblieben ... Die ganze, seit so lange von ihm beklagte Heimatlosigkeit
seines Daseins fand in ihr Ruhe und Sammlung ... Und auch sie lebte nur in
seinen Mitteilungen und bildete sich aus ihnen, so fragmentarisch sie waren,
jetzt ihre Welt ... Sie las zitternd alle seine letzten Briefe ... Sie waren der
einzige beglückende Eindruck, der ihr noch geblieben ... Da lag die schöne
Alpengegend Piemonts ... Da lagen die Täler, die schattenreichen Kastanien- und
Nussbaumwälder, in denen sich der Geliebte mit Bonaventura erging ... Da
schilderte Benno das rege Leben der Bewohner und die blühendste Seidenzucht ...
Ort reihte sich an Ort - erkennbar war jeder Weiler an den viereckigen
Kirchtürmen mit heitern Glockenspielen ... Schlösser standen auf höchster Höhe,
gebrochene Zeugen der Wildheit des Mittelalters, tiefer abwärts von diesen
Trümmerstätten lagen wohnliche neue Sitze des Adels, darunter Castellungo,
erkennbar schon in weiter Ferne am wehenden Banner der Dorstes ... Wie oft hatte
der Kronsyndikus sie vor Jahren versichert, dass gerade um dieser Dorstes willen
seine zweite Ehe noch geheim bleiben musste ... Sie sah Benno hinüber- und
herüberreiten zwischen Robillante, einem freundlichen Städtchen, und Castellungo
... Die alte Gräfin Erdmute bediente sich seiner als Vermittlers zwischen ihr
und dem Bischof, den sie seltner sah, obgleich er ganz in ihrem Sinne wirkte und
Benno nicht genug von Bonaventura's Mut schreiben konnte, der jenen von der
Gräfin beschützten Waldensern ihre Gerechtsame wahrte ... Sie sah die Eichen von
Castellungo, die verlassene Einsiedlerhütte, die Processionen zur Kapelle der
»besten Maria« ... Seltsam durchschauerte sie etwas von Geheimnissen, die auf
allen diesen Beziehungen liegen mochten ... Sie wusste schon so viel, dass dem
Bischof jene Gräfin Paula wert gewesen, die inzwischen die Nachfolgerin ihres
Kindes geworden ... Sie fühlte die Dämmerungsschleier so vieles Zarten und
Ahnungsvollen, das auf jenen Gegenden lag, und die sich schon ihr selbst auf
Auge und Herz zu legen anfingen ... Selbst die Anstrengungen Bonaventura's,
jenen Eremiten den Händen der Inquisition zu entreissen, machten ihr einen
eigentümlich persönlichen Eindruck ... Wie ein stilles Abendläuten war alles,
was von dort herüberklang ... Nun sollte sie an Benno die unheimliche Nachricht
schreiben: Dein Geheimnis ist in den Händen dieser Lucinde, die mich entwaffnet,
versteinert hat - ich konnte ihr nicht widerreden - konnte dich nicht
verleugnen! Schien sie doch voll Anteil für unser aller Schicksal! ... Die
Nachricht, jene düstern Gemäuer von Coni, die erzbischöfliche Residenz würde
ihren Souverän, den grimmen Fefelotti entsenden und dieser würde neue Schalen
angesammelten Zornes bringen, um sie über die ihr so werten Menschen
auszugiessen, war wie das Anrollen eines Gewitters, das - »doch wohl auch Benno
selbst hören musste« ... Sie wusste nicht, was beginnen ... Wenn er nur endlich,
endlich selbst schriebe! ...
    Zunächst musste die Kraft ihres stillen Liebescultus für den Sohn und die
Erinnerung ihr helfen ... Sie legte sich schon lange auf, die Plätze zu
besuchen, von denen sie wusste, dass Benno bei seinem Aufentalt in Rom
vorzugsweise von ihnen gefesselt worden. Benno hatte an der Ripetta gewohnt, mit
der Aussicht auf die Peterskirche. Er hatte seine Betrachtungen an so manches
geknüpft, was sie bisher verhindert gewesen, wieder in Augenschein zu nehmen und
nach Benno's Weise auf sich wirken zu lassen. Sie staunte nun, alles so zu
finden, wie Er ihr geschrieben - in Briefen, die ihr ein Heiligtum wurden und
die sie in ihren einsamen Stunden wieder und wieder las. Jetzt sagte sie: Ja, er
hat Recht: Die Peterskirche macht keinen gewaltigen Eindruck! Die
gelbangestrichenen Säulenarcaden drücken sie zum Gewöhnlichen herab! ... Sie
sagte: Er hat Recht: Das Innere der Peterskirche ist kalt; man atmet hier nur
in der Sphäre des Stolzes und der Vermessenheit der Päpste! ... Er hat Recht:
Die Engelsburg ist wie ein Reitercircus! ... Er hat Recht, wenn er schreibt: Als
ich nach Rom kam, erschien mir der Engel auf ihrer Spitze wie ein Lobgesang auf
die Idee des Christentums, jetzt nur noch wie eine Satyre! ... Er hat Recht:
Die Kirchen sind Concertsäle; nicht eine hat die Erhabenheit eines deutschen
Domes! ... Er hat Recht, wenn er schreibt: Unter den Bildsäulen der Museen
verweilt' ich lieber, als unter den Bildern; sie lehren Vergänglichkeit und
Trauer und das Museum auf dem Capitol ist geradezu die heiligste Kirche Roms;
nur dort hab' ich Tränen geweint, unter den gespenstischen Marmorgöttern, den
Niobiden, den sterbenden Fechtern, den gefangenen Barbarenkönigen! ... Er hat
Recht: Kein christlicher Sarkophag hat mich so gerührt, wie im Lateran die
heidnischen Aschensärge mit den zärtlichsten Inschriften: »Gattin dem Gatten!«
... Er hat Recht: Nichts hass' ich wie das Coliseum! Ich kann es nicht mehr
sehen ... Er hat Recht: Wie wenig kann ich mich mit Michel Angelo befreunden! So
oft ich von ihm ein Werk erblicke, hab' ich das Gefühl, er hätte etwas geben
wollen, worauf die gewöhnlichen Vorstellungen vom Schönen nicht passen - Raphael
hat allein das Einfache und Richtige! Was ein Ding sein muss, das ist es bei
Raphael; bei Michel Angelo ist's immer etwas anderes, als das natürliche Gefühl
erwartet ... Raphael's Bilder betrachtete sie nun stundenlang - die Madonnen
waren dann Armgart - süsser heiliger Friede senkte sich auf Augenblicke in ihre
Brust - Dann fuhr sie wieder auf und ängstigte sich um die Ahnung, dass sie Benno
nicht wiedersehen würde ... Nun fehlte ein Brief schon seit Wochen von ihm ...
Und ihr Herz, ihre ganze Seele war so voll - so übervoll -! ...
    Es war die Zeit, wo in Rom jeder, der nur irgend kann, auf dem Lande lebt
... Die Herzogin musste sich diesen Schutz gegen die Wirkungen der »Malaria«
versagen ... Neulich war sie in ihrem vom Schrecken des Gemüts gehetzten
»Wiederaufsuchen Roms nach Benno's Anschauungen« beim Kloster der
»Lebendigbegrabenen« angekommen ... Sie fand da einen schönen, luftreinen Garten
... Oefters schon war sie hinübergegangen zu diesen Schwestern der »reformirten«
Franciscaner; sie wohnten an Piazza Navona, nahe der Tiber ... Sie, die
Mitwisserin eines schweren Geheimnisses, blieb dort gut aufgenommen, aber um
achtundert Scudi jährlich kauften die Andern ihr Schweigen ab ... Sie, sie war
es nun, die diesem Kloster die Last Olympiens abgenommen ... Nicht alle Gründe
hatte sie Benno erzählt, die die fromme Genossenschaft damals bestimmten, eine
so gewagte Handlung zu begehen wie die, eine Nonne einzukleiden, die ihnen eine
geheime Commission des peinlichen Tribunals als eines Attentats auf den
Inquisitor Ceccone verdächtig überwiesen hatte und die schon allein deshalb
abzuweisen war, weil sie möglicherweise niederkommen konnte. Nichts seltenes,
dass Verbrecher den Klöstern zur Aufbewahrung übergeben werden; aber eine Braut
des Himmals, die gesegneten Leibes war - von einem Monsignore, der einen
Mordanfall unter Umständen von ihr erlitten hatte, die keine nähere Untersuchung
des Frevels wünschen liessen ... Das Kind blieb am Leben und wurde nicht aus dem
geräumigen Kloster entfernt. Man hatte Gründe für diese Zurückbehaltung.
Vorzugsweise fürchtete man, solange man ein pflegbefohlenes Kind lieber selbst
hütete, weniger für den Ruf des Klosters, das leicht seine gegenwärtige
Auszeichnung, die Pallien weben zu dürfen, verlieren konnte und sie an andere
abtreten musste, die auf diese Ehre und den Gewinn eifersüchtig waren ...
Ausserdem hatte dies Kloster noch eine Ehrenaufgabe, auf welche die jungen
Prälaten neulich anspielten ... In der zu ihm gehörigen Kirche befand sich eine
»Mumie« ... Dies war der Leichnam der Stifterin des Klosters, einer
Franciscanerin, die im Jahr 1676 die strengere Regel Peter's von Alcantara
angenommen hatte. Bei zufälliger Öffnung ihres Sarges im Beginn dieses
Jahrhunderts fand man die Schwester Eusebia Recanati nicht verwest. Der Leichnam
hatte sich in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten, während die Gewänder, der
braune Rock, der schwarze Schleier, das weisse Kopf- und Halstuch zusammenfielen.
Ohne Zweifel ein Wunder. Seit dreissig Jahren petitionirte das Kloster um die
Heiligsprechung der Eusebia Recanati, die in einer Kapelle der Kirche, in einem
verschlossenen Schrank, unter Verglasung, in sitzender Stellung an gewissen
Tagen dem Volk gezeigt wurde. Seit dreissig Jahren bestand eine Commission zur
Prüfung der Ansprüche, die Eusebia Recanati auf den Schmuck des Heiligenscheines
hatte. Dem Kloster wäre die wirklich erfolgte Heiligsprechung und ein
unversehrter Heiligenleib zur Quelle des grössten Gewinns geworden. Aber die
Orden regten sich voll Eifersucht - die schwarzen Oblaten und Ursulinerinnen,
die weissen Camaldulenserinnen und Kartäuserinnen, die hellbraunen
Olivetanerinnen, die schwarzweissen Philippinen, die schwarzbraunen
Augustinerinnen die weissschwarzen Dominicanerinnen, die braunen Karmeliterinnen
und Kapuzinerinnen, die blauen Annunciaden, die roten Sakramentsanbeterinnen
und hinter ihnen die entsprechenden Mönchsorden mit allen ihren Generalen. Die
geringere blosse »Seligsprechung« der Mumie genügte den »Lebendigbegrabenen«
nicht, sie wollten der Christenheit eine heilige Eusebia geben, die in der Tat
dem Kalender noch fehlte. Sie bewiesen, dass diese schrecklich anzusehende,
verschrumpfte, braunem Leder gleichkommende Eusebia Recanati, ein Grauenbild,
geschmückt mit den glänzendsten Kleidern und mit goldenen Spangen befestigt,
Wunder verrichtete, Lahme gesund machte, Blinde sehend. Die Opposition blieb
aber zu stark ... Dreissig Jahre schmachteten die Nonnen schon nach Entscheidung
der Cardinäle! Als einen vorläufigen Ersatz erhielten sie das Pallienweben, in
dem sie sich, dreissig an der Zahl, auszeichneten wie Penelope auf Itaka;
Ceccone war es, der sie so in ihren Hoffnungen auf die Heiligsprechung der
Mumie, die sie nicht aufgaben, ermunterte. Auch wären sie gewiss schon
durchgedrungen, seitdem sie das Meisterstück ihres guten Willens, die
Verheimlichung eines Prälatenkindes, durchführten; wenn nur nicht auch Fefelotti
und die Jesuiten ihre Feinde geworden wären. Diese beschützten die neuen
vornehmen Orden, die Salesianerinnen, die Annunciaden, die
Sakramentsanbeterinnen, vorzugsweise die Damen vom Herzen Jesu. Die Jesuiten
liessen mit jenem Schein »wahrer Aufklärung«, der ihnen überall an geeigneter
Stelle so geläufig ist, alle Wunder, die die Mumie vollzogen haben sollte,
ärztlich untersuchen und erklärten sie für null und nichtig. Die Professoren der
Jesuiten lehrten auf der »Sapienza« (der Universität Roms) die Heilkunde und
Naturwissenschaften. Die Gutachten, die ihre Commission für die Heiligsprechung
der Eusebia Recanati übergab, waren von einer Freimütigkeit, als hätte sie
Humboldt verfasst. Die Waffen der Wissenschaft, die in den Händen der Jesuiten
glänzen, senken sie nur dann, wo es gilt höhere Zwecke zu salutiren ...
    In solchen Klöstern, wo ein Industriezweig getrieben wird, z.B.
Blumenmachen, sieht es wie in einer Fabrik aus. Man lässt anderwärts Zöglinge und
Kinder zur Mitülfe zu; die »Lebendigbegrabenen« repräsentirten ihr kleines
»Manchester« für sich ... Ihr Fleiss hielt gleichen Schritt mit der Sterblichkeit
unter den Bischöfen von 131 Millionen Seelen. Sie schoren und spannen und webten
und die Herzogin von Amarillas konnte einige Uralte unter ihnen nicht anders
betrachten, als unter dem Bild der Parzen Cloto, Lachesis und Atropos. Auch
Lucrezia Biancchi spann und spann ... Dazu sang sie alte Lieder -
Freiheitslieder, die sie von ihren Brüdern gelernt hatte, weniger von Napoleone,
als von Marco und Luigi ... Für einen kleinen Schwestersohn von ihr, den die
»schöne Wäscherin« vom Tiberstrand erzog, als sie die neue Judit zu spielen
begann, hatte der liebevolle Ceccone grossmütigst gesorgt ... Dieser war, als
seine Oheime Luigi und Napoleone nur durch die Flucht von den Galeeren
freikamen, als Marco sogar zum Tode verurteilt, dann zu den Galeeren begnadigt,
endlich verbannt wurde, erst sieben Jahre alt. Ceccone liess den kleinen Achille
Speroni verschneiden und zum Sopransänger der Sixtina machen ...
    Die Herzogin besuchte am Abend nach der Schreckensscene mit Lucinden den
Garten dieses Klosters ... Da sass die Mutter Olympia's, die Mutter eines Kindes,
dem ihre Seele fluchte, als sie es empfing, die irrsinnige, magere, hohläugige
Lucrezia und spann wie immer ... Selbst aufgeschreckt wie ein verfolgtes Wild,
erzählte sie ihr von ihres Bruders Luigi Gefangenschaft ... Die Spinnerin hielt
einen Augenblick inne und zeigte auf die Wolle am Rocken und auf den langen
Faden, den sie aufgewickelt hatte ... Das ist recht! Er muss Geduld haben! ...
sagte sie und feuchtete den Faden an ...
    Ja, sagte die Herzogin, du meinst die Zeit! Schwester Josepha - so war sie
beim Einkleiden getauft worden -, der lange Faden ist die Zeit! Auf den müssen
wir viel, viel aufreihen! ...
    Die drei Parzen in der Nähe lächelten und nickten Beifall ...
    Die Herzogin beneidete fast die Schwester Josepha ...
    Dies arme Wesen, das einst auf einen Mann, in dessen Arm sie ruhete, ein
Messer zücken konnte, wusste nichts von ihrem Kinde, das eine Fürstenkrone trug
und Menschen tyrannisirte ... Sie hatte die fixe Idee von ausbleibenden Briefen
- Briefen, die Gott, Jesus, St.-Johannes, die Heiligen an sie schrieben - es
waren die Briefe ihrer verbannten Brüder ... Ihrer Brüder, die in den
Gefängnissen Roms, unter den Torturen gesessen hatten, die vom Rechtswesen des
Mittelalters gerade im Kirchenstaat noch am längsten zurückgeblieben sind ...
    Als die Herzogin aus dem Klostergarten, von den kleinen Lämmern, von den
Webstühlen zurückkam, war sie über ausbleibende Briefe so trostlos wie Schwester
Josepha ... Nun musste sie auf alle Fälle Benno den Vorfall mit Lucinden,
überhaupt alles berichten, was ihr seit fünf Tagen widerfahren war ... Seit
Benno's letztem Brief waren Wochen verflossen ... Täglich fragte sie bei einem
Lotteriecollecteur, der eine grosse Correspondenz unverfänglich führen durfte, ob
nichts für sie angekommen wäre ... Endlich, endlich durfte doch wohl ein Brief -
morgen eintreffen ...
    Er kam aber auch morgen nicht ... Auch nicht am nächsten Tage ... Schon
fragte die Verzweifelnde und wie auf der Flucht vor sich selbst Dahinwankende
das Orakel der Karten, das sie stundenlang vor sich ausgebreitet hatte und bei
verschlossenen Türen durchforschte ... Sie nahm eines jener schöngeformten
eisernen Gestelle, in die man in Italien die Waschschüssel stellt, und stand wie
Pytia am Dreifuss, um an den Wellenschwingungen, die ins Wasser geworfene Kiesel
hervorbringen, zu erkennen, ob die Ringe, grosse oder kleine, Glück oder Unglück
bedeutende wären ... Sie nahm Asche vom Feuer des Herdes, streute sie Nachts auf
den Sims eines vom Wind bestrichenen Fensters und schrieb mit zitterndem Finger
die Frage, ob Benno gesund wäre ... »Sano?« ...
    Am Morgen dann las sie mit banger Erwartung, was der prophetische Wind aus
den Buchstaben gemacht haben würde ... Das Orakel antwortete: Santo ...
    Wie, dachte sie den Tag über - er ist doch nicht auch in ein Kloster
gegangen? ... Auch er will uns ein Priester werden? ...
    Damit quälte sie sich einen Tag ... Kein Brief kam ... Am Abend schrieb sie
wieder: Sano? ...
    Am Morgen las sie in dem verwehten Aschenstaube: Cane ...
    Himmel, dachte sie jetzt und raufte sich wie wahnsinnig das Haar, ein toller
Hund hat ihn gebissen! ...
    Am dritten Tage las sie: Caro ...
    Das machte sie ein wenig ruhiger ... So war er vielleicht nur verliebt und
vergass sie um - wessentwillen? ... Armgart's? ...
    Am vierten las sie: Sale - Salz oder Verstand -? ...
    Die Ironie des Zufalls lehrte sie nicht, dass sie ihre Torheiten lassen
sollte ... Sie grübelte, worin Benno's Schweigen gerade jetzt ein besonderer
Beweis von Verstand sein konnte ...
    Als sie am Tage, wo sie Sale gelesen hatte, von einer Corsofahrt nach Hause
kam, am Hause des Lotteriecollecteurs wieder nichts für sich gefunden hatte,
schleppte sie sich fast zusammenbrechend die Treppe hinauf ...
    Eben wollte sie ihre Hauskleider anlegen ... Da hörte sie von der Strasse her
einen Wagen anrollen und still halten ...
    Nach einer Weile klingelte es und Marco kam mit hochaufgerissenen Augen und
brachte die Wundermär:
    Cardinal - - Fefelotti! ...
    Die Herzogin traute ihrem Ohr nicht und erhob sich ...
    Es war in der Tat der Erzbischof Fefelotti, Cardinal und Grosspönitentiar
der Christenheit - in eigener Person ...
    Von solchem Besuch ahnte sie jetzt nichts Uebles ... Das »Salz« des Orakels
- »Verstand« traf zu ...
    Nicht besonders älter war Fefelotti geworden, seitdem die Herzogin ihn zum
letzten male gesehen ... Im Gegenteil, die Ruhe in Coni, die Sicherstellung
seiner Unternehmungen durch die Jesuiten, die Notwendigkeit, die gottseligste
Miene zu zeigen, hatte die sonst sehr lebhaften Verzerrungen seiner unschönen
Gesichtszüge gemildert ... Sind die Hunde aus den Wölfen entstanden, so stellte
Fefelotti jenen Uebergang dar, wo möglicherweise die Wölfe zuerst anfingen sich
in den Gewohnheiten des Haustiers zu versuchen ... Seine runde Nase, seine
buschigen Augenbrauen, sein von Pockennarben zerrissenes Gesicht war dasselbe
wie sonst, aber eine heilige, gesättigte Ruhe lag auf seinen Mienen ... Konnte
er doch wahrlich lächeln über seinen neuesten Sieg ... Konnte er doch lächeln
über seine Rückkehr aus einer Verbannung - wo er für den »schlechtesten
Christen« hatte gelten sollen, dem man den »besten« zur »Versöhnung der
Gotteit« gegenübergestellt! ... Konnte er doch lächeln über Ceccone's
ohnmächtiges Schnauben, von dem er sogleich andeutete, dass es sich jetzt schon
an Frauen auszutoben anfinge ... Das war nun jene Dame, zu der Fefelotti sonst
als Prälat so gern gegangen war, die aber seine Intrigue mit der »kleinen
Wölfin« bei den »Lebendigbegrabenen« und die Verhinderung der Cardinalserhebung
Ceccone's so eiligst gekreuzt hatte ...
    An ein Verschleiern seiner Empfindungen denkt in solchen Fällen kein
Italiener ... Fefelotti lachte sich weidlich aus ... Sowol über die Höhe der
Treppen, die er hatte ersteigen müssen, wie über die Möbel, wie über die
Dienerschaft und - ein »Sommerlogis« auf dem Monte Pincio ...
    Sie kluge Frau, sagte er, ich habe Sie immer so gern gehabt! Wie konnten Sie
sich nur von meiner Fahne entfernen! ... Sie haben sechzehn Jahre Ihres Lebens
verloren ... Wie hoch ist die Pension, die Ihnen mein alter Freund Don Tiburzio
zahlt? ...
    Die Herzogin hatte die Schule der Leiden in einem Grade durchgemacht, dass
sie sich weder über Fefelotti's Besuch allzu erstaunt zeigte, noch auch
Ceccone's Undankbarkeit ganz nach den Empfindungen schilderte, die sie darüber
hegte ... Sie wünschte dem Grosspönitentiar Glück zu seiner neuen Erhebung, liess
die von ihr betonte wahrscheinlich nahe bevorstehende Papstwahl nicht ohne
Bezüglichkeit für die Hoffnungen des ehrgeizigen Priesters - sie klagte aber
Ceccone keineswegs allzu heftig an ...
    Fefelotti sah die Schlauheit der weltgewandten Frau ... Sich mässigend schlug
er die Augen nieder, beklagte die Leiden Seiner Heiligkeit und gestand offen,
dass durch die Wiederherstellung des Jesuitenordens, dessen Affiliirter er schon
seit lange war, in die schwankenden und von den Persönlichkeiten der Päpste
abhängigen Zustände der Kirche endlich Festes und Dauerndes gekommen wäre ...
Seine eigene Wiederberufung bewiese, dass sich ohne den Rat des Al Gesù nichts
mehr in der katolischen Welt unternehmen lasse ...
    In der Art, wie Fefelotti es sich dann unter den von dem trippelnden Marco
inzwischen angezündeten Kerzenbüscheln bequem machte, wie er sogar herbeigeholte
Erfrischungen nicht ablehnte, lag das ganze Behagen ausgedrückt, sich bei einer
Frau zu befinden, die nach aller Berechnung menschlicher Natur seine Verbündete
werden musste ... Von Ceccone's »häuslichen« Verhältnissen liess er sich erzählen
... Er hatte seine Freude an dem kleinsten Verdruss, den »seinem Freunde« das
Schicksal bereitet hatte ... Er stellte sich wie ein in einem kleinen
Landstädtchen begraben Gewesener, nur um recht viel Neues, Ausführliches und
pikante kleine Details erfahren zu können ... Und die Herzogin war klug genug,
trotz ihrer Abneigung gegen den hässlichen Mann, dessen falsche Zähne nach jedem
Satz, den er sprach, ein eigenes Knacken der Kinnlade von sich gaben und gegen
den Ceccone noch jetzt ein Apoll war, doch dies Verlangen nach Befriedigung
seiner Schadenfreude nicht ganz unerfüllt zu lassen ... Sie gab eine ungefähre
Schilderung der Mühen und Sorgen, unter denen Ceccone's Ehrgeiz allerdings
stöhnte und schmachtete ...
    Fefelotti schlürfte Sorbett ... Seine Zähne bekamen vorübergehend einen
bessern Duft von den Orangen, aus denen es bereitet war und sie knackten jetzt
nur noch von der Berührung mit dem Löffel ... Immer mehr gewöhnte sich die
Herzogin an das Wiedersehen eines Mannes, der ohne Zweifel doch nur allein der
Anstifter der den Jesuiten nicht geglückten Verfolgung gegen sie wegen Bigamie
gewesen ... Kannte er alle Geheimnisse ihres Lebens? ... Kannte er die Existenz
Benno's? ... Ihr Anteil an seinem Kampf mit Bonaventura, gegen den er
vielleicht einen Prozess auf Absetzung instruirte, rüstete sich, ihn möglichst
unverfänglich über dies und anderes zu befragen ... Sie liess dem Gefährlichen
den Vorschmack der Annehmlichkeiten und Vorteile, die er denn doch durch diesen
Besuch gewinnen konnte ...
    Roms Lage ist schwierig, sagte Fefelotti bei Erwähnung des Ceccone'schen
Aufentalts in Wien ... Auf der einen Seite bilden wir das Centrum der Welt, auf
der andern das Centrum Italiens ... Wir sollen rein geistlich und für die
Ewigkeit auf die Gemüter wirken und sind von allen politischen Strudeln des
Tags ergriffen ... Die neue Zeit hat dem apostolischen Stuhl eine fast
unerschwingliche Aufgabe gestellt ... Ohne die weltliche Würde kann die geistige
Souveränetät des Heiligen Vaters nicht auf die Dauer bestehen ... Beides für die
Zukunft zu einen, erfordert die äusserste Anstrengung ... Ich billige ganz, wenn
Ceccone seine kleinen Koketterieen mit den sogenannten »Hoffnungen Italiens« zu
unterlassen angefangen hat ... Erzählen Sie mir noch mehr - von Wien! ...
    Die Herzogin bestätigte, dass Ceccone von Wien in seinen politischen
Neuerungstrieben bedeutend abgekühlt zurückgekehrt wäre. Der Fürst Staatskanzler
hätte ihn belehrt, dass die Tribunen Roms sich immer zuerst am Enttronen der
Päpste und am Halsabschneiden der Cardinäle geübt hätten ...
    Fefelotti lachte mit vollem Einverständnis ... Die Herzogin dachte an Benno
und seine Freunde ... Sie gab der guten Laune des Schrecklichen die gewünschte
Nahrung ... Sie erzählte: Ceccone hätte beim Nachhausefahren von einer solchen
Scene mit dem Staatskanzler immer nur Fefelotti! Fefelotti! gerufen ...
    Bestia! unterbrach der Cardinal ...
    Dann hätte Ceccone Olympien geschildert, was »politische Reformen« wären ...
»Nur Ein Bedienter für dich, monatlich nur Ein Paar neue Handschuhe und die
Notwendigkeit, deine Hemden selbst nähen zu müssen!« ...
    Fefelotti hielt sich die Seiten vor Lachen ...
    Ich bin mit Ceccone's politischer Haltung ganz einverstanden, sagte er ...
Sie ist jetzt streng und fest ... Sie lässt sich auf keine Transactionen mehr ein
... Rom ist unterwühlt von Verschwörungen ... Verbannung nur und Galeere können
helfen ... Das geringste ist das Verbot aller zweideutigen Schriften ... Wissen
Sie - apropos - nichts Näheres über - Grizzifalcone -? ...
    Die Herzogin hörte Gesinnungen, die sie hasste, verbarg jedoch ihre
Aufwallung hinter einem Erstaunen über das, was Grizzifalcone mit Roms - Politik
gemein haben könnte -? ...
    Der Cardinal drückte seine kleinen Rattenaugen zu ... Ein bedeutsames
Knacken seiner Zähne trat wieder an die Stelle seiner Worte ... Der Duft der
Orangen verflog ... Glücklicherweise nahm er eine zweite Schale Sorbett ...
    Die Herzogin musste die Geschichte der Gefahr erzählen, die sie an Olympiens
Hochzeitstage überstanden hatte ... Lucindens Name musste genannt werden ...
Dieser war ihm keineswegs unbekannt ...
    Eine Neubekehrte? warf er ein ...
    Sie hütete sich ein Wort der Misachtung zu sagen ...
    Fefelotti kehrte dringender auf Grizzifalcone zurück ... Glauben Sie, sagte
er, dass Ceccone jene für den Fürsten Rucca bestimmte Liste in den Taschen des
Räubers fand und einsteckte? ... Ich glaube nicht ... Diese Liste besass Ceccone
ohne allen Zweifel schon vorher in Abschriften genug ... Er brauchte sie ja -
Hm! ... Rätselhaft sind die Aufträge, die dem wilden deutschen
Franciscanerbruder gegeben wurden ... Nun sagt man ja, er wäre spurlos
verschwunden ... Mit jenem Pilger zugleich ... Hörten Sie davon? ... Der Pilger
und der Mönch sind von den Zollwächtern, die verraten zu werden fürchteten,
ohne Zweifel todt geschlagen worden ...
    Die Herzogin entsetzte sich ... Und warum »brauchte Ceccone die Liste«? ...
    Eine Weile verzog sich der bisherige heitere Ausdruck der Mienen
Fefelotti's, seine schwarzen Brauen senkten sich auf die kleinen Augen, die ein
verderbliches wildes Feuer zu verbergen schienen ...
    Dennoch suchte er die Stimmung des Scherzes zurückzuführen und sprach lieber
von Olympien, die er beschuldigte, in der »Argentina« bei allen neuen Opern die
Stellen zu beklatschen, die für die Tausende von Carbonaris, die auch in Rom
wären, oft ein Losungswort gäben ... Das Junge Italien hat allein zwölf Logen in
Rom! schaltete Fefelotti ein ... Doch erzählen Sie von Olympien! ...
    Die Herzogin hörte nur und hörte ...
    Fefelotti sah, dass die Herzogin in politischen Dingen nicht mehr Ceccone's
Vertrauen besessen hatte ... In die Argentina geht Olympia jetzt seltener, sagte
sie mit bitterer Erinnerung an den neulichen Spott Olympiens über ihre Beziehung
zur Musik ... Sie verlangte von mir, dass ich erklärte: Unsere neuere Musik
anhören zu müssen verdiente, dass die Componisten mit den Ohren angenagelt würden
...
    Diese Strafe trifft in der Türkei die Bäcker, wenn sie schlechtes Brot
backen! ... Dieser Witz wird den alten Rucca geärgert haben, wenn er ihn hörte
... sagte Fefelotti ...
    In dieser heitern Weise dauerte die Unterhaltung fort ... Auch auf den
Cardinal Ambrosi kam Fefelotti zu sprechen ...
    Ich habe ihm, sagte er, sofort eine Amtswohnung anweisen lassen, indem ich
ihn zum Vorstand der »Congregation der Reliquien und Katakomben« machte ...
Vielleicht ist er so galant, Olympien mit der Heiligsprechung der Eusebia
Recanati ein Gegengeschenk für seine Erhebung zu machen ... Sie wissen doch
noch, dass wir einst um die kleine »Wölfin« bei den »Lebendigbegrabenen«
auseinander gekommen sind - Sie schlimme Frau, die Sie mir auch in Wien einen
noch gottseligeren Priester auf Erden entdeckt haben - Ja Sie! Sie! Ich weiss es
- Meinen Nachbar bei Coni - den magnetischen Bischof Bonaventura von Asselyn ...
Sie haben ihn zuerst Olympien empfohlen ... Der Spott dabei auf mich kam
allerdings wohl nur von dem kleinen Grasaffen ...
    Die Herzogin spitzte ihr Ohr ... Jedes Wort in diesen leichten Scherzen und
drohenden Neckreden war bedeutungsvoll ... Ihr Palais an Piazza Sciarra stand
also noch leer ... Cardinal Ambrosi hatte sich Olympiens Verehrungscultus
entzogen ...
    Bonaventura's heiliger Ruf wurde keineswegs von ihr abgelehnt ... Mit einem
fast schelmischen Trotz berief sie sich auf das Urteil der deutschen Kirche ...
    Gut, dass ich mich an diesem Eindringling auf italienischen Boden habe
überzeugen können, wie gefahrvoll diese deutsche Kirche wird, erwiderte
Fefelotti ... Kaum in sein Amt eingeführt, begeht der Freche eine Untat nach
der andern ... Der Verbündete einer Ketzerin, die auf dem Schloss Castellungo
haust, wahrt er den durch die Milde der Zeiten übrig gebliebenen Resten einer
schismatischen Sekte die Rechte, die sie verbrieft besitzen wollen, bestreitet
das ihnen streng eingeschärfte Verbot, Proselyten zu machen, behauptet, die
Dominicaner hätten ausser diesen gefänglich eingezogenen, dann freigegebenen
religiösen Fanatikern noch einen Eremiten eingekerkert, der den Wohltäter des
Volkes machen wollte und nur ein Verbreiter ruchloser Lehren war ... Auch dieser
Eremit war ein Deutscher! ... England und Deutschland! Das wird unser Kampfplatz
werden! ... In Deutschland ist es schon wieder wie zur Zeit Luter's ... Ein
Priester ist aufgestanden, der dem Bischof von Trier die Aussetzung des Heiligen
Rocks zum Verbrechen am »Geist der Zeit« macht! ... Die ketzerischen Bewegungen
auf dem Gebiet der Lehre, ja des Cultus nehmen überhand ... Erkundigungen, die
wir über den Bischof von Robillante eingezogen haben, machen ihn zur Absetzung
reif ... Und der blinde Wahn dieses Mannes geht so weit, hieher nicht als ein
Angeklagter, sondern als ein Richter kommen zu wollen ...
    Hieher -? Er wird berufen? ... fragte die Herzogin erbebend vor Angst und
doch auch vor Freude ...
    Der Bischof behauptet, fuhr Fefelotti in gesteigerter Aufregung fort, die
Nachricht, dass man jenen Eremiten in der Mark Ancona als Pilger gesehen hätte,
wäre ein absichtlich ausgesprengter Irrtum ... Dieser Eremit wäre nach Rom
überführt worden und sässe hier in irgendeinem Kerker ... Der Pilger von Porto
d'Ascoli, erklärte er noch kürzlich, wäre ein anderer ... Seit man jetzt
verbreitet, er wäre ermordet worden, hatte ich eine Scene mit ihm, die zu seiner
sofortigen Verhaftung hätte führen müssen, wäre nicht die besonnene Vermittelung
eines seiner Verwandten von ihm dazwischen getreten ...
    Des Signore - Benno -? ... fragte die Mutter nach Gleichmut ringend ...
    Der Cardinal bestätigte diesen Namen ...
    Benno lebt denn also noch! ... dachte die Mutter und verbarg hinter
Bewegungen, die ihr als Wirtin eines so hohen Besuches zukommen durften, das
Gemisch ihrer Freude und Besorgnis ... Fefelotti sprach Benno's Namen harmlos
aus ... Er schleuderte nur seinen Bannstrahl über Deutschland und Bonaventura
... Dann fragte er wiederholt nach Lucinden ... Er wusste, dass sie dem Cardinal
nahe stand und Aussicht hatte, Gräfin Sarzana zu werden ... Nach den Berichten
der kirchlichen Fanatiker Deutschlands nannte er sie eine Hocherleuchtete, der
sich nur die eine Schwäche nachsagen liesse, für jenen Bischof von Robillante
eine unerwiderte Liebe im Herzen getragen zu haben ...
    Die Herzogin nahm ihm nichts von allen diesen Vorstellungen ... Sie sah, dem
Grosspönitentiar lag das Leben aller Menschen aufgedeckt ... Er fragte
wiederholt, was die Herzogin über Donna Lucinde wisse und ob sie gut mit ihr
stünde ...
    Die Herzogin sah, dass Fefelotti bei Ceccone eine Spionin suchte ...
Vielleicht fand er sie in Lucinden ... Sie hütete sich, Lucinden nach ihrer
Auffassung und eigenen Erfahrung zu charakterisiren ... Eine Vermittelung dieser
Bekanntschaft durfte sie aus nahe liegenden Gründen - um Ceccone's willen -
ablehnen ...
    Es war schon halb elf Uhr, als der Cardinal sich endlich erhob ... Er hatte
ein paar angenehme, höchst trauliche, für ihn mannichfach anregende Stunden
verbracht ... Er hatte sich schnell wieder in den römischen Dingen orientirt ...
Er versprach wiederzukommen ... Dann küsste er der Herzogin mit aller Galanterie
die Hand, sagte ihr die Tage und die Orte, wo er »zum ersten male aufträte« -
d.h. die Messe lesen oder sie mit Pomp anhören würde ... Das waren Schauspiele,
wo sich alles, was zur Gesellschaft gehörte, versammeln musste ... Er versprach
ihr die »besten Plätze«, unter andern zu einem morgenden Gebet von ihm in der
Sixtina ...
    Dass ich, sagte er beim Gehen, Ceccone's Feind nicht mehr sein will, beweise
ich dadurch, dass ich den Schein von ihm entferne, als könnte er einer Dame, der
er sich lebenslang verpflichtet fühlen sollte, wie Ihnen, undankbar gewesen sein
...
    Mit dieser artigen Wendung empfahl er sich ...
    Die ganze Dienerschaft, die der alte Marco rasch durch einige Hausgenossen
vermehrt hatte, stand in den Vorzimmern ... Die Umwohner hatten sich den Schlaf
versagt, um dem Schauspiel der Abfahrt eines Cardinals beizuwohnen ...
Fefelotti's Pferde trugen am Kopfgestell der Zäume die roten Quasten. Die
Kutsche war vergoldet; zwei Lakaien sprangen hinten auf, während ein dritter mit
dem Ombrellino an der Haustür wartete und beim Einsteigen den kleinen stämmigen
Priester begleitete, der seinerseits nur einfach, nur mit dem roten dreieckigen
Interimshut erschienen war ...
    Einige Freude empfand die gedemütigte Frau denn doch über diesen Besuch ...
Sah sie auch Gefahren über den Häuptern der ihr allein noch im Leben werten
Menschen sich zusammenziehen, so blitzte doch in solchen Nöten ein
Hoffnungsstrahl auf durch die Beziehung zu einem so mächtigen Mann, der
glücklicherweise ihren vollen Anteil an den Schicksalen der Bedrohten nicht
ahnte ... Benno hatte jener Scene beigewohnt und ihren schlimmen Ausgang
gemildert ... Sie wollte noch einen Tag warten und dann auf jede Gefahr hin dem
Sohn mitteilen, worin sie alles ihre Sorge auf ihn, seinen Rat und seinen
Beistand werfen müsste ... Die Vorladung Bonaventura's schien noch nicht
entschieden zu sein ...
    Am Abend nach dem Besuch Fefelotti's kam die Herzogin aus der Sixtinischen
Kapelle, wo Fefelotti sein »erstes Abendgebet« gehalten hatte ... Der kleine
Raum war überfüllt gewesen ... Der Qualm der Lichter die Atmosphäre so vieler
Menschen liessen sie fast ersticken ... Fefelotti hatte der Herzogin in aller
Frühe schon einen reservirten Sitz zur Verfügung gestellt ...
    Wie kräftig sprach er sein »Complet« - las den 90. Psalm Qui habitat in
adjutorio Domini, sang mit jenem conventionellen Ton, der vom Herzen sanft der
Rührung den Weg durch die Nase lässt, sein Gloria Patri, worauf die Kapelle mit
Simeon's Lobgesang: Nunc dimittis antiphonisch einfiel ... Nicht eine der zu
Ceccone's engeren Beziehungen gehörenden Persönlichkeiten war zugegen ...
Ceccone hatte die ersten Weihen, er nahm vor kurzem auch die letzten; er übte
sich täglich im Messelesen, um seinerseits mit den unerlässlichen Bedingungen zur
Papstwahl hinter andern nicht zurückzubleiben ... Fefelotti's Virtuosität in
allen kirchlichen Functionen war ihm ein Gegenstand besondern Neides ...
    Die Herzogin versank auch hier wieder in die schwärmerischste Sehnsucht nach
ihrem Sohn ... Gerade diese kleine Kapelle, die für die Hausandacht der Päpste
bestimmt ist, entielt Michel Angelo's »Jüngstes Gericht« ... Man sieht nur noch
ein wüstes Durcheinander dunkler Farben an den lampenrussgeschwärzten Wänden ...
Benno hatte ihr geschrieben, der berühmte Gesang in dieser Kapelle hätte ihm nie
die mindeste Erhebung gewährt; die unglücklichen Verstümmelten, die zur
päpstlichen Kapelle gehörten, hätten im Discant gesungen wie Hühner, die
plötzlich den Einfall bekämen, wie die Hähne zu krähen; die Bässe wären
küstermässig roh; die alten Weisen Durante's und Pergolese's kämen in ihrer
einfachen Erhabenheit unwürdig zu Gehör ... Und für alles das schwärme der
deutsche Sinn! Diese Sixtinischen Kapellenklänge allein schon wirkten wie ein
Zauber der Sehnsucht nach Deutschland hinüber! Erst der germanische Geist, der
schon sonst das Christentum überhaupt zur weltgeschichtlichen Sache des Gemüts
gemacht hätte, hätte auch hier wieder in das Abgestorbenste, in die
Kirchenmusik, neues Leben gebracht ... Wie klang das alles der Herzogin beim
Schlussgebet des Erzbischofs von Coni nach: Omnipotens, sempiterne Deus! ...
    Gestern Nacht hatte sie in die Asche »Sano?« geschrieben und der Wind hatte
in der Tat an diesem Morgen »Canto« daraus gemacht ... Darum war sie mit
Hoffnung in die Kapelle gefahren ... Sie war im Wagen die Treppe hinauf gekommen
an den salutirenden, hanswurstartig gekleideten Schweizern vorüber; sie hatte,
vorschriftsmässig vom schwarzen Schleier verhüllt, zur Menschenmenge nicht
aufgeblickt vom kleinen ihr reservirten Plätzchen aus ... Die von Michel Angelo
in die Hölle geschleuderten Bischöfe und Cardinäle waren ihr heute nicht wie
sonst Gegenstände der Zerstreuung, wenn sie in ihnen zum Sprechen ähnlich
getroffene noch lebende Würdenträger suchte ... Das verschrumpfte Antlitz
Achille Speroni's auf dem Singchor sah sie ohne Lächeln ... Speroni, der Cousin
der jungen Fürstin Rucca, stand in seinem violetten Rock mit dem weissen
Spitzenüberwurf und der roten Halsbinde anfangs wie ein Mann, sang auch eine
Zeit lang wie ein Mann: Maria, ad the clamamus exules filii Evae! ... Dann aber,
bei den für einen exul filius Evae doppelt rührenden Worten: »Maria zu dir
seufzen wir auf, weinend und flehend, in diesem Tal der Tränen!« sprang der
Unglückliche in die äusserste Kopfhöhe über, fistulirte eine Weile und war
zuletzt bei den für einen Entmannten erschütternden Worten: »Zeig' uns, Maria,
die gesegnete Frucht deines Leibes!« ein vollständiges Frauenzimmer ... Die
Herzogin kannte nicht wörtlich den Inhalt dieser für die Trinitatiszeit normalen
abendlichen Horengesänge; sie verstand nicht, wie die Worte in schneidender
Ironie zur Verstümmelung des Sängers standen; im Geist aber hörte sie Benno's
Äusserung: Schon um diese krähenden Hühner der Sixtinischen Kapelle allein muss
die römisch-katolische Kirche, wie sie jetzt ist, untergehen! ...
    Mancher lächelnde und ironische Blick haftete an der Herzogin ... Er sollte
ihrem Sturz gelten ... Sie dagegen durfte diesen Monsignores, Ordensgeneralen,
Uditores und Adjutantes di Camera nicht minder ironisch lächeln ... Wie nur eine
Hofdame bei einer grossen Cour die Geheimnisse all dieser so steif sich
verbeugenden Welt von ihrer Reversseite übersieht, so blickte auch sie auf alle
diese tonsurirten Häupter, die das Frauentum aus ihrem Leben ausgeschlossen zu
haben schienen und die alle, alle doch gerade vom Frauentum am meisten abhängig
waren - nächst ihrem Ehrgeiz ...
    Ihren Wagen behielt sie und befahl dem Kutscher, sie heute auf den Corso und
in den Park der Villa Borghese zu fahren ... Sie kam sich wie wiederhergestellt
vor ...
    Wie sie gegen neun Uhr nach Hause kam, hörte sie, dass ein Fremder nach ihr
verlangt hätte ... Er wollte morgen zeitig wiederkommen - hiess es ...
    Dem beschriebenen Wüchse nach war es Benno ... Ein dunkler, voller Bart, der
das ganze Gesicht beschattete, ein grauer Calabreserhut - das stimmte freilich
nicht zu ihrer Erinnerung ... Aber - wer konnte es denn anders sein? ...
    Zu Nacht speiste sie nichts vor Aufregung ...
    Mit zitternder Hand schrieb sie in ihre Asche: »Sano«?
    Kaum, dass sie einige Stunden schlief ...
    Am Morgen las sie: »Salve!« ...
    In der Tat lag sie einige Stunden später in Benno's Armen.
 
                                    Fussnoten
1 Die Stelle Augustin Teiners aus Schlesien.
 
                                       6.
Ein geliebter Freund, der aus weiter Ferne von Reisen zurückkehrt, breitet zuvor
seine Geschenke aus ... Benno brachte genueser Korallenschmuck und mailänder
Seidenstoffe ... Kostbarer aber, als alles, war sein eigenes Selbst ...
    Und war er es denn auch wirklich? ... War es jener liebenswürdige junge
Mann, der vor einem Jahr am Kärntnertor zu Wien aus dem vierspännigen Wagen
der Herzogin von Amarillas sprang? ... Äusserlich machte er geradezu den
Eindruck eines Italieners ... Gestern, frisch vom Postwagen gekommen, hatte er
noch einen Calabreser aufgehabt ... Heute hatte er der Mode zwar den Tribut
eines schwarzen Hutes gebracht, seinen verwilderten Bart ein wenig gestutzt;
aber das lange schwarze Haar, die Bräune des Antlitzes, die leichte, heitere
Beweglichkeit, alles das war nicht so, wie es die Mutter kannte aus den wenigen
unvergesslichen wiener Augenblicken des äussersten Schmerzes und der äussersten
Freude ... Aber es war schöner noch; es war verwandter, heimatlicher als in der
Erinnerung. Sie erstickte seine ersten Worte mit ihren Küssen und Umarmungen ...
Er war es - ihr Julio Cäsare ...
    Nichts ist anziehender als ein lebensmutiger, froher, sorgloser junger Mann
... Ihm gehört die Welt ... Alles, was die Gegenwart bietet, muss sich ihm zu
Gefallen ändern ... Der Tag rauscht dahin, Jahre vergehen; den Reichtum seiner
Lebenskraft scheint nichts zu berühren ... Gefühle, Leidenschaften, Gedanken,
mit denen das Alter geizt, von denen die Erfahrung nur noch Einzelnes und
Abgegrenztes entgegennimmt, ihm ist das alles noch eine in sich zusammenhängende
grosse Welt, die den ganzen Menschen ergreift, alle Sinne zu gleicher Zeit, die
Seele und den Leib - den Leib und die Seele ...
    Benno verriet anfangs nur die Stimmung, in die ihn die glückliche Lage
versetzen durfte, von seinem Bruder Wittekind anerkannt worden zu sein ... Seine
Geldmittel flossen nach Bedürfnis ... Schon hatte er sich bei Sopra Minerva eine
Wohnung gemietet ... Endlich - er war bei seiner Mutter ...
    Allmählich erstaunte er, die Mutter auf dem Monte Pincio zu finden ... Wie
oft hatte er im letzten Herbst den Palast betrachtet, wo er wusste dass sie wohnte
...
    Das ihm nun entüllte Schicksal der Mutter durfte ihm, was die Geldmittel
anbelangte, gleichgültig erscheinen ... Dennoch betraf es ihn tiefschmerzlich
... Mehr noch, er deutete fast mit Vorwurf an, wie verdriesslich es ihm war,
diese Veränderung erst jetzt zu erfahren ...
    Warum, mein Sohn -? fragte die Mutter voll Besorgnis ... ...
    Er wäre dann vielleicht nicht gekommen! sagte er ... Die Betroffene erzählte
ihm die Einzelheiten ihres Bruchs mit Ceccone ...
    Dieser Elende! rief Benno ... Dann aber sprach er dumpf vor sich hin: Hätte
ich - das geahnt! ...
    Aber was hast du? fragte immer besorgter die Mutter ... Du rechnetest auf
Olympiens Liebe -? setzte sie angstbeklommen, wenn auch lächelnd hinzu ...
    Benno errötete und erwiderte nichts ... In seinem Schweigen lag - ein
aufrichtiges Ja! ...
    Die Mutter stand mit bebenden Lippen vor ihm und hielt seine beiden Hände
...
    Benno verhiess jede Aufklärung ... Jetzt sprach er von einem Freund, der ihn
vielleicht bei dem jungen Fürsten Rucca schon angemeldet hätte ...
    Ich Törin! wehklagte die Mutter. Ich mistraute der Sicherheit unserer
Briefe und schrieb dir nichts ...
    Die Mutter wagte noch nicht von Lucinden zu sprechen ...
    Benno wurde zerstreuter und zerstreuter ... Er schützte für eine vorläufige
Entfernung das Suchenmüssen seines Freundes vor ... Dieser hatte bereits vor ihm
eintreffen wollen ... Er erzählte nur noch einiges von Bonaventura's schwieriger
Stellung, vom Dank, den sich sein Freund erworben durch die Befreiung einiger
Opfer der Inquisition, von Bonaventura's Mistrauen in die ihm von Rom durch
Lucinde und die Mutter gewordenen Mitteilungen über die Identität jenes Pilgers
mit dem Eremiten Fra Federigo, der sich nach allgemein dort verbreiteter Meinung
in den Kerkern der Inquisition zu Rom befinden müsse, von der bedenklichen
Feindschaft Fefelotti's, die es indessen zu einer förmlichen Anklage durch die
Congregazione de Vescovi e Regolari noch nicht hatte kommen lassen ...
    Die Mutter wagte sich mit einigen ihrer Erfahrungen hervor ... Sie erzählte
von Fefelotti ... Sie erzählte endlich auch - Lucindens Mitwissenschaft um das
Geheimnis seines wahren Namens ...
    Von dieser Seite konnte nur das Verhängnis kommen! erwiderte Benno mit den
lebhaftesten Zeichen der Betroffenheit ...
    Tat ich recht, mit einem solchen Dämon Frieden zu schliessen? fragte die
Mutter und las voll Angst in seinen Mienen ...
    Gewiss! gewiss! sagte er fast abwesend ...
    Er wollte gehen und den Freund suchen ... Offenbar kämpfte sein Inneres
irgend einen gewaltigen Kampf ... Die Mutter sah es und wollte ihn nichts lassen
...
    Als er dann aber doch gegangen war mit dem Versprechen, gegen Abend
zurückzukehren, als sie in die letzte Umarmung die ganze Empfindung ausgeströmt
hatte, die sie vorm Jahr nach ihrem: »Auf Wiedersehn!« in ihr Herz verschlossen
und angesammelt, überfiel sie jenes Bangen, von dem wir selbst nach der
mächtigsten Freude und dann ohne allen Grund erschreckt werden können. Salve!
Salve! rief sie ihm zwar nach und ihres Orakels dankbar gedenkend. Aber nun
wuchs das wiedereroberte Glück zu solcher Höhe, dass sie ein Schwindel ergriff.
Ist es denn möglich, rief sie, sein Vaterland scheint nicht mehr dieser kalte
Norden zu sein! Er spricht im Geist seiner Mutter, nicht bloss so schön in den
Lauten unserer Zunge! ...
    Dass sie in dieser Seligkeit nicht lange verweilen durfte, machte sie weinen
... Was hat er mit Ceccone - was mit Olympien? ...
    Zwei Stunden war er bei ihr gewesen ... Nun erst dachte sie allem nach, was
er gesprochen ...
    Er hatte politische Äusserungen fallen lassen ... Er hatte nach einigen
freisinnigen Namen, nach Lucian Bonaparte gefragt ... Himmel, rief sie, ich
sollte erleben, dass ich eine Römerin werde wie die Mutter der Gracchen! Cäsar,
Cäsar, ich bin nicht so stark wie Cornelia! Ich zittere vor Gefahren, in die du
dich begibst ...
    Was ist ihm nur verdorben durch meinen Bruch mit Ceccone -? grübelte sie ...
Bedarf er eines so Mächtigen? ... Fühlt er sich nicht sicher? ...
    Sie erschrak, dass er von einem Gang auf die österreichische Gesandtschaft
als von etwas für seine Lage Ueberflüssigem sprach ... Er lehnte den Wunsch
eines Zusammenhangs mit Deutschland ab ...
    Nun drängte sich anderes in ihre Erinnerung an diese seligen zwei Stunden
... Wie sinnig hatte er das Pastellmedaillon des Herzogs von Amarillas
betrachtet! ... Wie wehmutsvoll umflorte sich sein Auge, als sie dies Medaillon
öffnete und Angiolinens blutiges Haar hervorzog! ... Sie hatte ein geheimes Fach
eines Schreibsecretärs aufgezogen und ihm Erinnerungen an Kassel, Schloss Neuhof,
Altenkirchen gezeigt, die gefälschten Demissorialien, die Zeugenaussagen der
Freunde Wittekind's ... Alle dem sprach er Worte voll Ernst und Charakter ...
    Zuletzt nahm sie alles leichter ... Sein Lächeln war zu lieb und sicher
gewesen ... Er hatte sie zu innig umarmt, zu oft an den Spiegel geführt und sich
mit ihr verglichen; ihre Hände küsste sie an den Stellen, wo er sie geküsst hatte
... Sie fühlte ihre Jahre nicht mehr, sie gedachte ihrer grauen Haare nicht, sie
liebte Benno mit dem Feuer eines Mädchens, das ein Abbild ihrer Träume gefunden
... Zu Lucinden hätte sie hinausfahren und ihr rufen mögen: Was willst du uns!
... Ueber Armgart, von der sie sogleich gesprochen, hatte sich Benno nur
träumerisch ablehnend geäussert ...
    Alle ihre Unruhe sammelte sich jetzt in der Sorge um ein würdiges Empfangen
des Sohns für den Abend ... Er kam dann vielleicht mit seinem in Aussicht
gestellten und vielleicht gefundenen Freunde ... Letzterer hätte drei Tage schon
vor ihm in Rom sein sollen, hatte Benno erzählt und seinen Namen mehrmals
genannt ... Dass sie ihn behielt, war von einer Italienerin nicht zu verlangen
... Auch Marco und die andern Dienstboten, die befragt wurden, ob wohl jemand
nach Baron d'Asselyno im Hause gefragt hätte, behielten ihn, obgleich ihn Benno
auch ihnen nannte, nur unter dem Namen des vielleicht noch kommenden »Signore
biondo« - des »blonden Herrn« ... Sonst schien man wegen eines so
ausserordentlich warm begrüssten Fremden wie Benno im Hause nicht zu neugierig ...
Marco beherrschte sich ... Er war das Prachtexemplar eines italienischen
Bedienten ... Schon in den Vor-Ceccone'schen Zeiten der Herzogin hatte er Abends
ihren Kammerherrn, Vormittags die Scheuerfrau gemacht ... Jetzt sank er zwar
nicht ganz zu dieser Vielseitigkeit herab, aber den Koch musste er doch heute
Abend mit dem Kammerherrn zu verbinden wissen ... Er versprach ein Souper
herzurichten, wie es sich für eine Herzogin gebührte ... Die Mutter ordnete und
schmückte die Wohnung und - sich selbst ... Das Haus war in Aufregung ... Una
conoscenza della Padrona - aus Wien ... Wozu brauchte es weiterer Aufklärung ...
    Das beste Zimmer der Etage bot einen Ausgang auf eine prächtige Altane - das
Dach eines vorgebauten, niedrigeren Hauses ... Hier war die Plateforme mit
riesigen grossen Blumentöpfen bestellt, mit kleinen Orangen-, grossen
Oleanderbäumen ... Die geöffnete Tür liess die Wohlgerüche der Pinciogärten in
das einfache, heute doppelt sorgfältig geordnete Zimmer einziehen ... Noch
wurden Teppiche auf die Stellen gebreitet, die die Blumenstöcke leer liessen ...
Das die unschuldigste Nachahmung der »hängenden Gärten der Semiramis« ... Ein
ungehinderter Fernblick zeigte ein Häusermeer, aus dem die Kirchen, Säulen und
Obelisken, schon von der sinkenden Sonne beleuchtet und rosig verklärt,
emporragten ... Die Luft noch wie frühlingsmilde ... Die Mutter hätte der Welt
rufen mögen: Wo ist heute eine Festesfreude, wie bei mir! ...
    Marco lief hin und her und kaufte ein ... Mag er ein wenig die Ohren
spitzen, mag er sogar denken: Das ist wohl gar der Vielbesprochene, um den die
Fürstin Rucca so manche Tasse zerbrach und so manchen Teller an den Kopf der
Diener schleuderte! ... So dachte sie ...
    Aber nun: Was wird Olympia sagen! ...
    Da stand sie beim Arrangement ihrer Blumen still und flüsterte: Wohl! Wohl!
Was wird Olympia sagen! ... Mehr schon zu fassen und zu denken vermochte sie
noch nicht ...
    Benno kam dann rechtzeitig und noch vor dem Abend ...
    Der Freund war nicht angekommen ... Er hiess Tiebold de Jonge - »Tebaldo«,
wie man wenigstens den Vornamen behielt ...
    Ist es wohl der? fragte die Mutter und erzählte was sie von Lucinden über
Armgart's drei Freier wusste ...
    Benno zog die gelben Handschuhe aus, knöpfte den schwarzen Frack auf, strich
den langen lockigen Bart, der auf die weisse Weste niederglitt, und sagte:
    Es ist unwürdig, von Armgart in einem Augenblick zu sprechen, wo ich nur zu
sehr verrate, dass - ich bedauere, von Olympien vergessen worden zu sein ...
    Wieder dasselbe Rätsel, wie heute früh ...
    Die Mutter begriff diese Äusserung nicht ... Aber sie wusste, dass die
Aufklärung nicht fehlen sollte ... Jetzt hatte sie nur mit Benno's Person, mit
dem Glück, ihn zu besitzen, zu tun und war wie eine Braut mit ihm ... Eine
Braut ist in den ersten Tagen ihres Glücks ganz nur von stiller Prüfung und
Beobachtung erfüllt, wie sich der Geliebteste in der ihm jetzt gestatteten
engeren Vertraulichkeit des Umgangs ausnimmt; wie ihm die Berührung mit ihrem
eigenen kleinen Dasein steht; wie ihre Blumen, ihre Bücher, ihre kleinen
Pedanterieen am Nähtisch von ihm beurteilt werden; wie in die tägliche Ordnung
des Aelternhauses sein Wesen sich bescheiden oder vielleicht gar - o Wonne und
Glück! - ihre aparten Ansichten über diesen Brauch und jenen Misbrauch den
Aeltern gegenüber unterstützend fügt ... Wohl dem Bund, wo dann alles so still
beklommen Beobachtete die Seligkeit des Besitzes mehrt, kein plötzlich
ausbrechender Tränenstrom verrät, dass oft ein einziges, allzu sorglos
hingeworfenes Wort den Cultus eines ganzen ersten Jugendlebens stürzt - Welten
wie Spinneweben zerreisst ... Wohl dem Bund, wo die Harmonie der Herzen dann auch
eine des Geistes und unsers irdischen, oft allerdings launisch bedingten Daseins
wird! ...
    Benno spöttelte immer noch gern und war nie ein - Zwirnabwickler, wie
Armgart die Männer nannte, die sie nicht mochte. Aber »Mutter Gülpen« in der
Dechanei hatte ihn doch ein wenig für die Schwächen der Frauen erzogen. Wo er
musste, fügte er sich dem Ton, den die Frauen lieben. Auch Gräfin Erdmute hatte
nachgeholfen. Er kam so geschult, so rücksichtsvoll und artig, dass die Mutter
ihre Freude hatte zu sehen: So nimmt er sich aus vor andern! So gleicht er - dem
bösen Vater und so gleicht er ihm auch nicht! ... Das Haar unter dem grossen
Medaillon des mit Orden bedeckten weisslockigen Herzogs von Amarillas hatte er
sich wieder betrachten zu dürfen erbeten ... Benno sah ebenso voll Wehmut den
Inhalt der Kapsel, wie mit Interesse das Bild des greisen Herzogs, der in jedem
Zug den Spanier verriet ...
    Die Politik war in der Tat die Seele von allem, was Benno in längerer und
ausführlicherer Erörterung sprach ... Er sah sich um, ob sie unbelauscht blieben
... Die Mutter führte ihn auf die nun dunkelnde Altane hinaus ... Hier war alles
still ... Da sassen sie unter den duftenden Blüten ... Ihre Hände ruhten auf dem
Schoos der Mutter ineinander ...
    Benno's die Mutter ausserordentlich überraschende Berührung mit den
politischen Umtrieben der Jugend und den Flüchtlingen Italiens beruhte auf einem
persönlichen Erlebnis ... Nachdem er seiner Fürsorge für Bonaventura's Gefahr
noch einmal alles hatte berichten lassen, was die Mutter von Fefelotti
vorgestern gehört, erzählte er es ...
    Sein Grübeln über den Anlass aller dieser Lebenswirren - es war Bonaventura's
Schmerz um das traurige Geschick seines Vaters - unterbrach er fast gewaltsam
...
    Er erzählte, dass er vorm Jahre mit den Depeschen des Staatskanzlers nach
Triest und von dort zu Schiff nach Ancona gereist wäre - den kürzesten Weg, um
Rom in Zeit von acht Tagen zu erreichen ... Auf diesem Dampfboot hätte er eine
Bekanntschaft gemacht ... Ein hoher stattlicher Mann wäre ihm aufgefallen, ein
Greis mit weissen Haaren, aber kräftigen dunkelgebräunten Antlitzes, eine
Erscheinung, vor der die Bemannung des Schiffes ebenso wohl, wie die Passagiere
die grösste, wenn auch etwas scheue Hochachtung bezeugt hätten ... Bald hätte er
erfahren, dass dieser in einen grauen militärischen Oberrock, sonst in Civil
gekleidete Mann einer der ersten Namen des Kaiserreichs wäre, Admiral der
österreichischen Flotte, Francesco Bandiera1... Italiener von Geburt, Venetianer
aus den alten Geschlechtern, hatte Bandiera die angeborene Seemannsnatur zu
Gunsten des Staates ausgebildet, dem ihn die Geschicke Europas nach dem Sturz
Napoleon's zugewiesen ... Er hatte die kaiserliche Marine ebenso vervollkommnet,
wie ihrer Geschichte Lorbern errungen - er befehligte die österreichische
Fregatte »Bellona«, die noch vor kurzem ein englisches Bombardement von
Saint-Jean d'Acre unterstützte ... Reisen nach Amerika hatte er gemacht und
trug, wenn er sich in ganzer Repräsentation seiner Würde hätte zeigen wollen,
die Brust mit Orden bedeckt - ...
    Die Herzogin kannte die Lage dieses Mannes ... Sie wusste, warum sein Blick
so traurig und die Ehrfurcht vor ihm so scheu gewesen sein musste ...
    Zwei seiner Söhne, bestätigte Benno, hatten die Loyalität des hochgestellten
Vaters auf eine in Oesterreich mit Indignation, in Italien mit Jubel
aufgenommene Weise compromittirt ... Attilio und Aemilio Bandiera standen als
Marinelieutenants unter ihrem Vater.2 Mit dem Pistol in der Hand und im Bund mit
einigen Verschworenen hatten sie sich das Commando der Fregatte »Bellona«
erzwingen und mit ihr nach der Küste der Romagna segeln wollen, wo ein
gleichzeitig organisirter Aufstand den Versuch einer Insurrection erneuern
sollte, der schon einmal bei Forli und Rimini gescheitert war ... Bandiera
selbst, der Admiral, ihr Vater, hatte sich damals den für einen Italiener
zweifelhaften, für einen Oesterreicher achtbaren Ruhm erworben, die Trümmer der
in Rimini und Forli gesprengten Insurrection - Louis Napoleon Bonaparte war
unter den Entkommenen, sein älterer Bruder unter den Gefallenen - zur See
vernichtet zu haben ... Aber der Ueberfall der Fregatte »Bellona« mislang ...
Die beiden dem »Jungen Italien« affiliirten Söhne des Admirals entflohen ...
Bandiera, vor dem Kaiserstaat in seinen Söhnen compromittirt, riss sich im ersten
Anfall seines Schmerzes die Epauletten von den Schultern, band sich die goldene
Schärpe ab, legte seine Würde nieder und begab sich nach seinem Landgut
Campanede bei Mestre an den Lagunen Venedigs; er bekannte sich seiner Stellung
für nicht mehr würdig ...
    Die Herzogin kannte alle diese ergreifenden Vorfälle ...
    Wohl kannst du denken, fuhr Benno fort, wie mich der Anblick dieses Greises
erschütterte! ... Die markige Gestalt war vom tiefsten Schmerz gebeugt ... In
die Wellen blickte Francesco Bandiera wie Jemand, der den Tod einem Leben ohne
Ehre vorzieht ... Abgeschlossen hielt er sich von der ganzen Equipage des
Schiffs ... Ich hörte flüstern, er wollte nach Korfu, wohin seine Söhne geflohen
waren, wollte ihnen zureden, zurückzukehren, sich dem Kriegsgericht zu stellen,
das sie ohne Zweifel zum Tode verurteilen würde - er wollte sie ermuntern, sich
der Gnade des Kaisers zu empfehlen und eine Gefängnissstrafe zu büssen, die
vielleicht keine lebenslängliche war ... Auch ihm persönlich konnte dann noch
vielleicht möglich bleiben, eine Stellung zu behalten, die er trotz seiner Jahre
liebte ... Das Blut eines alten Seemanns fliesst unruhig und geht nicht im
gleichen Takt mit dem Leben auf dem Lande ...
    Die Mutter verstand die Schwere eines solchen Schicksals und horchte ...
»Eine Mutter«, sagte sie, »ist die Vorsehung ihres Kindes!« Das waren deine
Worte, mein Sohn, als wir an Angiolinens Leiche standen! ... Ein Vater aber,
fuhr sie fort, ist der Sohn selbst ... Das ist nur Eine Person mit ihm - Vater
und Sohn, beide haben nur eine und dieselbe Ehre - ...
    Benno seufzte ... Er verfiel auf Augenblicke in ein Sinnen. Nicht um den
Kronsyndikus, wie die Mutter dachte ... Ebenso hatte Bonaventura gesprochen, der
keine Ruhe mehr im Leben finden zu können erklärte, solange er wüsste, in einem
Kerker der Inquisition schmachtete sein Vater ... Benno teilte die
Ueberzeugung, dass Fra Federigo Friedrich von Asselyn war ... Er sah Conflicte
kommen mit Friedrich von Wittekind, der ihn todt glauben musste ... Sich
aufraffend fuhr er fort:
    Die Begegnung des Vaters mit seinen Söhnen schien eine Scene des höchsten
Schmerzes werden zu müssen ... Ich betrachtete den gebeugten Helden mit jener
Rührung, die das tragische Schicksal einflösst ... Doch gerade meinen Blick
vermied er ... Es hatte sich herumgesprochen, dass ich als Courier für die
Regierung reiste. Meine Tasche mit den Depeschen verriet mich; Geheimhaltung
war mir nicht anbefohlen worden ...
    Benno war schon so auf die Weise des politischen Lebens in Italien gestimmt
dass er den besorglichen Blick der Mutter wohl verstand ... Ein Courier mit
österreichischen Depeschen ist in Italien nicht vor dem Tode sicher ...
    Die Fahrt dauerte zwei Tage und zwei Nächte ... erzählte Benno. Die Küste
der Romagna kam und verschwand wieder. Die hohen Apenninen sah das Fernrohr
bald, bald verloren sich die zackigen, zuweilen schneebedeckten Höhen. Jenseits
derselben lag Rom! ... Auf die Länge war nicht zu vermeiden, dass Bandiera mit
mir in Gespräche verwickelt wurde. Er erkundigte sich nach meiner Heimat. Da er
sie nennen hörte, sprach er von einem mir unendlich teuren Namen, der aus
dortiger Gegend gebürtig ist. Den englischen Obersten Ulrich von Hülleshoven
hatte Bandiera auf der Rückreise von Rio Janeiro, wohin er die Erzherzogin
Leopoldine von Oesterreich als Kaiserin von Brasilien überführt hatte, in Canada
kennen gelernt ...
    Den Vater deiner Armgart! ... sagte die Mutter lächelnd ...
    Benno erwiderte:
    Du sahest wohl an Lucindens Schilderung, dass diese Liebe mehr ein Gegenstand
des Spottes als des Glückwunsches ist ... Schon hab' ich mich gewöhnt, sie wie
meinen Stern des Morgenlands zu betrachten, dem die Lebensreise unbewusst folgt
... Ich hoffe um so weniger auf Erfüllung, als der Freund, den ich jeden
Augenblick erwarte, ebenso leidet wie ich ...
    Mein Sohn, sagte die Mutter voll Teilnahme, es gibt in der Liebe vielerlei
Wege ... Die gerade Strasse führt nicht immer zu dem was für uns bestimmt ist ...
Hoffe! ...
    Benno hielt einen Augenblick inne und schüttelte seine ihm fast auf die
Schultern reichenden schwarzen Locken ... Nach einer Weile fuhr er fort:
    Auf diese Mitteilung, die mich ausserordentlich überraschte, wurde ich mit
Admiral Bandiera vertrauter ... Dass der vom Staatskanzler mir gegebene Auftrag
eine ganz zufällige Veranlassung hatte, schien ihn fast zu erfreuen ... Er fasste
Vertrauen, als ich ihm sagte: Die Jugend des jetzigen Europa wächst in neuen
Anschauungen auf! Zwei Offiziere, die ihren Eid brächen, könnte man freilich
nicht entschuldigen; aber wie oft hätten auch die Völker und die Fürsten in
diesen Zeiten ihre Eide brechen müssen! ... Nein, wallte er auf, ich schiesse sie
nieder, die Fahnenflüchtlinge, Verräter an ihrem Kaiser, ihrem Schiff, dem sie
angehörten, dem Palladium ihrer Ehre! ... Die Erregung, mit der der greise
Admiral diese Worte sprach, glich der des Brutus, der seine Söhne zu richten hat
... Dennoch könnt' ich erwarten, dass diese Reise nach Korfu, wo die Söhne ein
Asyl bei den Engländern gefunden hatten, die Wendung der Versöhnung nahm. Ich
bemitleidete den Greis, dessen Inneres von Folterqualen zerrissen schien ... Die
Mutter nahm schon längst Partei für die Söhne ... Sie machte eine jener
verächtlichen Mienen, von denen auch nur, wenn innerliche Abneigung sie
ergreift, die Südländerin ihre Gesichtszüge entstellen lässt ...
    Ihren Pahs! und Ehs! erwiderte Benno:
    Ich rechnete zu des Paters Leiden die mir vollkommen ersichtliche Liebe und
Teilnahme für seine Söhne ... Sie schienen die Augäpfel seines Lebens ... Beide
Söhne waren der Stolz der Mutter, die nach Mailand geeilt war, um die Gnade des
Vicekönigs anzurufen ... Sie hatte tröstende Versprechungen zurückgebracht,
falls die Flüchtlinge reuig wiederkehrten ... Ja im Stillen gährte in des Alten
Brust die Regung des geborenen Italieners. Er glaubte vollkommen an die
Möglichkeit dieser Verirrung, schrieb er sie auch nur auf Rechnung der
Verführung - Er, er wollte ihnen lieber die kaiserliche Kugel vor die Stirn
brennen lassen, rief er aus, als sie mit diesen Mordbrennern und Mördern in
London, Malta, Korfu, wo die Junten des »Jungen Italien« sässen, Hand in Hand
gehen zu sehen - Bald jedoch setzte er hinzu: Dort suchen und finden sie die
Kugel sichrer, als wenn sie nach Venedig zurückkehren, ihren Richtern sich
stellen und ihr Schicksal der Gnade des Kaisers empfehlen! ... Was tun solcher
Jugend, fuhr er wie - ein Italiener zu calculiren fort, ein paar verlorene
Jahre? Bis dahin ändert sich vieles. Aemilio, mein jüngerer, ist kräftig;
Attilio, der ältere, zarter - erst dreiundzwanzig Jahre alt ...
    Das Auge der Herzogin leuchtete hell auf ... Ihr Herz schlug für die jungen
Flüchtlinge, die zu jenem Bunde gehörten, von dem zwölf Logen auch in Rom wirken
sollten - zu jenen Verschwörungen, um derentwillen Fefelotti und Ceccone
scheinbar Frieden geschlossen ... Nur blieb sie besorglich gespannt ... Wie
konnte diese Begegnung Veranlassung sein, dass Benno so plötzlich nach Rom kam
und sogar, wünschen konnte, Ceccone und Olympien wieder zu begegnen ... Ihre
Augen, die wie glühende Fragezeichen auf dem sonnenverbrannten Antlitz des
Sohnes hafteten, sprachen: Was willst du mit alledem? ...
    Mutter, sagte Benno liebevoll, ich gestehe dir's, ich habe bei allen diesen
Beziehungen nur an dich gedacht, habe aus deinem Sinn heraus darüber geurteilt
- du hattest mich schon in Wien zum Italiener gemacht ...
    Divino! flüsterte die Herzogin und küsste Benno's Stirn ...
    Benno drückte ihre Hand und fuhr fort:
    Ich empfand Mitleid mit dem Vater und den Söhnen ... Auch die Söhne schienen
ihren Vater zu lieben und die Schande vollkommen zu erkennen, die sie ihm
bereiteten ... Er erzählte die rührendsten Züge ihrer Anhänglichkeit ... Wie
erkannt' ich das schöne Band, das einen Sohn an seinen Vater fesseln kann - wie
den Schmerz, nicht mit ihm dieselbe Bahn gehen zu dürfen! ... Ich
vergegenwärtigte mir den Mann, dessen Namen auch wir tragen sollten und sagte
mir: Hättest du ihn im Leben zur Rechenschaft fordern dürfen, wer weiss, ob sein
Anblick dich nicht entwaffnet hätte ...
    Orest tödtete seine Mutter! wallte die Herzogin auf ...
    Aber die Furien verfolgten ihn! entgegnete Benno ...
    Ein unheimliches Brüten trat in die Augen der Herzogin ... Sie schien sich
auf die Momente Wittekind's zu besinnen, von denen sie selbst erzählt hatte, dass
sie bestrickend sein konnten ... Sie brütete, ob sich Benno etwas daraus machen
würde, sich mit der Zeit einen Wittekind zu nennen ... Fefelotti konnte mit
einem Federstrich ihre Ehe legitimiren ... Für wissentliche und unwissentliche
Bigamie gab es in Rom dicht an der nächsten Strassenecke die officielle
Entsühnung ...
    In Ancona nahm ich Abschied von dem greisen Helden, fuhr inzwischen Benno
fort. Obgleich das Schiff einen Tag rastete, blieb der Admiral auf seinem
Elemente. Anconas Türme schreckten ihn. Er hatte die Fahne des »Jungen Italien«
auf ihnen gesehen. Er hatte die Flüchtlinge von Forli und Rimini aufgefangen und
an die Kerker des Spielbergs ausgeliefert ... So lohnte ihm die Nemesis ... Er
drückte meine Hand, ermahnte mich, wenn ich Aeltern hätte, ihnen Freude zu
machen, empfahl sich dem Obersten von Hülleshoven und zeigte nach Südost, zu den
jonischen Inseln hinüber. Die Heimat des Ulysses! sagte er ... Ihm würde keine
Ruhe mehr werden, deutete er damit an. Er wollte seiner Weinreben in Campanede
warten. Der Gedanke an seine Gattin, die Mutter dieser geliebten Söhne, füllte
sein Auge mit Tränen ...
    Die Herzogin machte eine Miene, als wollte sie sagen: Ah bah! Was hilft das
uns! Kümmere dich nicht um ihn! ...
    Ich erlitt in Ancona eine Verzögerung, fuhr Benno fort, weil gerade damals
Grizzifalcone den Weg nach Rom besonders unsicher machte ... Der Eilwagen fuhr
in Begleitung eines Detachements Carabiniers ...
    Ueber den Angriff bei Olympiens Hochzeit, über die Gefahr der Mutter, den
Tod des Räubers hatten sich die Briefe genugsam ausgesprochen ... Dennoch kam
Benno mit neuem Bedauern darauf zurück ... Dafür kürzte er die Schilderung
seines Aufentalts in Rom ab, der bis zum Carneval und bis zur Ankunft der
Mutter gedauert hatte ...
    Da entflohst du wieder! ... sagte sie. Bereitetest meiner Sehnsucht die
schmerzlichste Enttäuschung! ... Nun ich von deiner Liebe zu Armgart weiss,
versteh' ich es - und alles das nennst du deutsch! Deutsch ist euch die
Ehrlichkeit -! ... Dein Vater war nun auch ein Deutscher und dennoch - Doch
fahre fort! ... Ich ahne - sagte die Mutter mit zagender Stimme - du lerntest
die Gebrüder Bandiera selbst kennen ...
    Ich ging nach dem Süden, sprach Benno mit bejahender Miene, sah Neapel,
schwelgte in Sorrent, kletterte über die Felsen Capris und Ischias, lernte die
Sprache des Volks, die eine andere als die der Grammatik ist, und reiste nach
Sicilien ... Ich machte die Reise mit einigen Engländern, die ich in Sorrent
kennen gelernt hatte im Hause der Geburt Tasso's ... Wir stimmten beim Anblick
einer alten Bronzebüste des Dichters überein, dass nach diesem Abbild Tasso die
hässlichste Physiognomie von der Welt gehabt haben müsste und dadurch seine
Stellung zu Leonore d'Este eine neue und komische Beleuchtung erhielte ... Ich
blieb mit diesen heitern Engländern zusammen ... Wir reisten nach Palermo ...
Dort besuchten wir ein englisches Kriegsschiff, das im Hafen lag ... Wir
dinirten am Bord desselben; köstlicher und fröhlicher, als ich seit Jahren auf
dem Lande gelebt ... Der Wein floss in Strömen ... Die Engländer meiner
Bekanntschaft waren mit dem Kapitän von der Schule zu Eton her bekannt ... Am
Tisch sassen zwei junge Männer, Italiener, die bei dieser ausgelassenen
Schwelgerei die Zurückhaltung und Mässigkeit selbst waren ... Sie sprachen
Deutsch und Englisch, waren bildschön, hatten Augen von einem glühenden und doch
wieder so milden Feuer - ...
    Wie du! unterbrach die Mutter wie mit dem Ton der Eifersucht ... Sie weidete
sich an Benno's Anblick, der ein edler und männlicher war ...
    Sage, wie - verkleidete Angiolinen! ... entgegnete Benno ... Die Söhne
Bandiera's waren wie Castor und Pollux ... Redete man den einen an, so errötete
statt seiner der andere ... Nach Tisch wurde auf dem freien Element bei einem
Sonnenschein, der alle Herzen der Menschen mit Liebe und Versöhnung hätte
erfüllen sollen, politisirt ... In der Ferne lag das rauschende wilde Palermo
mit seinen Kuppeln und Türmen; sein Kauffahrteihafen mit Hunderten von Masten;
das englische Kriegsschiff mit achtzig Kanonen lag dicht am Castell und diente
zur Unterstützung einer Differenz des englischen Leoparden mit der Krone Neapels
3... Dicht lag es an dem abgesonderten Festungshafen Castellamare ... Ich
erzählte den Brüdern meine Begegnung mit ihrem Vater und fragte nach dem
Resultat ... Sie sehen es, sagten beide zu gleicher Zeit und zu gleicher Zeit
füllten sich beider Augen mit Tränen ... Abwechselnd, wie nach Verabredung und
doch nur infolge ihrer guten Erziehung und brüderlichen Eintracht, sprach immer
der eine und dann erst der andere. Ihr Gemüt schien ein einziges Uhrwerk zu
sein. Was auf dem Zifferblatt der eine zeigte, schlug mit dem Glockenhammer der
andere ... Sie erzählten, dass sie wohl gewusst hätten, welchen Kummer sie dem
Vater und der Mutter bereiteten und wie sie des erstern ehrenvolle Laufbahn
unterbrächen. Sie hätten aber schon lange keinen freien Willen mehr. Einmal
eingereiht in den Bund des »Jungen Italien« müssten sie vollziehen, was ihnen
befohlen würde. Die Befehle kämen von London, Malta und Korfu. Nur durch diese
blinde Unterwerfung und gänzliche Gefangengabe seiner eigenen Persönlichkeit
könnte eine grosse Zukunft erzielt werden. Italien müsste frei von den Fremden,
frei von seinen eigenen Unterdrückern, müsste einig werden und eine grosse
unteilbare Republik. Ich mochte, weil dieser Wahn zu eingewurzelt schien, ihn
nicht bekämpfen ...
    Wahn? unterbrach die Mutter. Glaubst du, dass diese Ceccones, diese
Fefelottis so zittern würden, wenn sie solche Hoffnungen für Wahn hielten? ...
Alle Cabinete Italiens fürchten sich vor diesen beiden Jünglingen ...
    Die Republik, sagte Benno, ist nur möglich für Völker, die in dieser
Staatsform eine Erleichterung für ihre übrige tägliche Sorge, für eine vom
Gewinn oder von der Furcht gestachelte einzelne Haupttätigkeit ihres geselligen
Verbandes finden. Sie ist möglich bei einem Volk, das in der Lage ist, sich
täglich verteidigen zu müssen, wie die Republiken Griechenlands; sie ist bei
leidenschaftlichen und den Erwerb liebenden Ackerbauern, wie in der Schweiz, bei
leidenschaftlichen Industriellen, wie in den Niederlanden und in England, bei
Handeltreibenden, wie in Holland und Amerika möglich. Jede Nation aber, die sich
Zeit zum Träumen lassen darf, die nichts erzielt, nichts hervorbringt, Nationen,
wie sie Südamerika, Spanien, Italien, selbst Deutschland bietet, sind unfähig
zur Republik ...
    Die Herzogin erwiderte:
    Der Italiener liebt den Gewinn mehr, wie Einer ...
    Italien sind nicht die Gastwirte! entgegnete Benno und wollte dem Tema
ausweichen ...
    Die Mutter aber hielt es fest und sah in Italien die Republik unter dem
Schutz eines verbesserten Papsttums wieder aufblühen ... Rom beherrscht noch
einmal die Welt! sagte sie. Das erhöhte, zur wahren Capitale der Christenheit
erhobene Rom! ...
    Mit oder ohne Jesuiten? ... fragte Benno ironisch ...
    Ein spanischer Jesuit lehrte, es sei erlaubt, Tyrannen zu morden ...
    Ketzerische Tyrannen! ...
    Marco hatte sein Souper beendigt, hatte sich in seinen schwarzen Frack
geworfen und ging lächelnd und schmunzelnd wie ein alter Hausfreund drinnen im
Salon auf und ab ...
    Mutter und Sohn mussten schweigen, weil der Alte näher kam, auf die
Blumenterrasse durch die halbgeöffnete Tür blickte und fragte:
    Altezza werden nicht mehr auf den Corso fahren -?
    Marco tat, als wäre es ganz in der Ordnung, wenn man hier jeden Abend ein
gewähltes Souper fand ...
    Hier ist unser Corso -! sagte die Mutter ...
    So will ich die Pferde ausspannen lassen ... blinzelte Marco und ging ...
    Die Pferde waren gar nicht angespannt gewesen ... Ein Mietkutscher in der
Nähe lieferte sie nach Bestellung ... Wurden sie nicht bestellt, so war es eine
kleine Ersparnis ...
    Benno, der diese kleinen Manöver, die Marco machte, um die Armut seiner
Gebieterin zu verbergen, mit Rührung bemerkt hatte, lenkte, da die Herzogin den
Nachtimbiss noch etwas verschieben zu wollen Marco nachgerufen hatte, wieder auf
seine Erzählung ein ... Er schilderte den Eindruck, den ihm die Brüder Bandiera
gemacht hätten, als einen so nachhaltigen, dass er seit jenem Besuch des
Kriegsschiffs in den Interessen dieser jungen Männer wie in denen seiner
ältesten Freunde lebte ... Ich habe, sagte er, an jungen Bekannten Deutschlands
die gleichen Stimmungen und Ueberzeugungen oft bespöttelt und ihnen keine
Lebensfähigkeit zugestanden; aber selten auch fand ich einen idealen Sinn in
solcher Reinheit, eine dem Unmöglichen zugewandte Ueberzeugung so fest und als
selbstverständlich aufrecht erhalten. Diese Brüder hatten sich ebenso zu
Kriegern wie zu Gelehrten gebildet. Sie sprachen von den Wurfgeschossen bei
Belagerungen mit derselben Sachkenntniss wie von Gioberti's Philosophie. Sie
hatten Ugo Foscolo, Leopardi, Silvio Pellico, alles, was die Censur in
Oesterreich verbietet, in ihr Lebensblut aufgenommen und bei alledem blieben sie
Jünglinge, die wie aus der Märchenwelt gekommen schienen. Dass sie sich unter den
Eindrücken der See, der rohen Matrosen, des zügellosen Hafenlebens so rein
hatten erhalten können, sprach für die Mutter, die sie bildete, für die strenge
Mannszucht, die der Vater übte ... Den Aeltern, sagten sie, hätten sie Lebewohl
sagen müssen für diese Erde ... Der Vater hätte sie anfangs begrüsst wie -
Schurken. Geschieden wäre er von ihnen wie ihr Bundsgenosse. Er wohne jetzt zu
Campanede wie ein Sklave, der nur schon zu alt wäre, noch seine, Fesseln zu
brechen. Die Mutter würde ihm die Freude an seinen wenig genossenen Blumen und
Früchten versüssen und ihn von seinen jungen Tagen erzählen lassen, da sie
fünfundzwanzig Jahre mit ihm verheiratet wäre und nicht fünf Jahre ihn besessen
hätte. Mögen Venedigs Gondeln, sprach Attilio, mit ihren geputzten
Sonntagsgästen, mit ihren Stutzern und Damen unter leuchtenden Sonnenschirmen,
an Mestre vorüberfahren und auf Campanede's kleine Häuser deuten, wo ihr Vater
wohne - sie würden nicht lachen, sie würden ihm - um ihretwillen stille Evvivas
bringen ...
    Ha ragione! sagte die Mutter fest und bestimmt ... Sie hatte keine
Teilnahme für den Vater, sondern nur für die Mutter und die Söhne ...
    Doch wollte sie diese nicht als Märtyrer, sondern als Sieger sehen ... Die
Rosse sollten ihnen vom Schicksal so wild und stolz gezäumt werden, wie den
olympischen, die sich drüben auf dem Monte Cavallo aus des Praxiteles Hand
bäumten ... Diese Evvivas, sagte sie, werden bald laut werden und Sieg bedeuten!
...
    Benno zuckte die Achseln ... In seinen Mienen lag der Ausdruck des Zweifels
... Es lag aber auch der Ausdruck der Kämpfe in ihnen, die schon lange in seinem
Innern vor sich gingen ... Er war nie ein Ghibelline gewesen im Sinn der
Bureaukratie Deutschlands wie sein Bruder, der Präsident - aber ein Welfe zu
werden, wie etwa Klingsohr, Lucinde, andere Abtrünnige, widerstand ihm ebenso
... Der Mutter konnte er seine irrenden Gedankengänge nicht mitteilen ... Er
erzählte nur ...
    Zunächst berichtete er, wie er die Brüder auf dem Kriegsschiff täglich
besucht und mit ihnen politisirt und philosophirt hätte, bis das Schiff die
Anker lichtete und nach Malta segelte ... Später, als die Hitze in Sicilien und
bei seinen Wanderungen auf den Aetna zu unerträglich geworden, wäre auch er
ihnen nach Malta gefolgt; er hätte sie auf dem felsigen Eiland mitten unter den
für sein Gefühl zweideutigen Elementen der emigrirten Verbannten wiedergefunden
wie zwei Engel des Lichtes ...
    Schreckhaft, fuhr er in seiner Darstellung fort, war die Seefahrt selbst ...
Nach Tagen der drückendsten Hitze sprang das Wetter um und ich erlebte einen
Sturm. Die Küste Siciliens wurde ein einziger Nebelball. Das dunkelgraue, bald
nur noch einem weissen Gischt gleichkommende Meer wälzte sich wie von einem
unterirdischen Erdbeben gehoben. Das Schiff, ein englischer Dampfer, sank und
stieg, wie von geheimen Schlünden ergriffen, die es bald hinunterzogen und
wieder ausspieen. Jeder Balken ächzte. Der Regen floss in Strömen. Das Arbeiten
der Maschine mehrte unsere Beklemmung, die den Untergang vor Augen sah.
Schreckhaft, wenn nur immer die Räder der Maschine hochauf ins Leere schaufelten
- man fühlte dann die furchtbare Gewalt des Dampfes, der keinen Gegenstand fand
und die Esse hätte sprengen müssen. Aber in diesem Toben und Rasen des Sturms
und des Wassers erkennt man die allgemeine Menschenohnmacht und ergibt sich
zuletzt - fast wie der Träger einer Schuld, die gleichsam unser Vorwitz schon
seit Jahrtausenden gegen die Natur auf sich geladen hat. Auf dem engen Lager der
Kajüte hingestreckt, erfüllte mich zuletzt Seelenruhe, auch wenn in der Nacht
das Schiff auf ein Riff oder ein ihm begegnendes Fahrzeug geschleudert worden
wäre. Der Tod infolge einer Naturnotwendigkeit hat, wenn man sich daran zu
gewöhnen Zeit bekommt, nichts Schreckhaftes mehr ... Ich erzähle das alles, weil
Aemilio Bandiera ganz ebenso vom Segeln auf den Wogen der Zeit sprach ...
    Die Mutter machte alle möglichen Zeichen der Abwehr und des Protestes gegen
eine solche Ergebung in das Unglück ... Mitgefühl und Aberglaube lagen auf den
gespannten Zügen ihres Antlitzes, das jedesmal, wenn eine edle Leidenschaft es
erregte, einen lichtverklärten Anhauch ehemaliger Schönheit erhielt ...
    Attilio setzte hinzu, fuhr Benno fort, bei solchen Schrecken stünden soviel
unsichtbare Engel zur Seite und fingen den Streich der Notwendigkeit auf und
soviel, Tausende riefen: Uns ging es ja ebenso! ... Oft, wenn ich mit den
Brüdern auf dem Molo von La Valette spazieren ging, rings das weite Meer wie
nach beruhigter Leidenschaft in lächelnder Majestät lag, wenn ich mich in allem
erschöpft hatte, was die Geschichte und die gesunde Vernunft gegen die
italienische Form, die Freiheit der Völker zu erringen, lehrten - antworteten
sie: Das mag auf euch passen, aber nicht auf uns! Und auch auf euch passt es nur
den Männern, nicht der Jugend! Die Jugend und ein unreifes Volk folgen der
Ueberlegung nicht, sondern dem Instinct. Wir wissen, dass unsere Einfälle, die
wir da oder dort in das Erbe der Tyrannen machen, noch scheitern müssen. Aber
weit entfernt, dass sie darum dem Spott unterliegen, lassen sie immer etwas
zurück, was dem nächstfolgenden Versuch zugute kommt. Immer ist wenigstens Ein
heroischer Zug, Ein überraschender kleiner momentaner Erfolg vorgekommen, der
dann für den nächsten Versuch ermunternd wirkt; man hatte ein Schiff, einen
Turm erobert, es waren einige der Gegner gefallen - Wenn Sie Recht haben
sollten, dass die Freiheit immer nur eine Folge eines andern historischen grossen
Impulses ist - wie Graf Cesar Balbi lehrt, der für Italien erst den Untergang
des osmanischen Reichs als erlösend betrachtet - so muss für eine solche
möglicherweise eintretende Krisis die Gesinnung vorbereitet sein. Wir müssen
diese Aufstände, so nutzlos sie scheinen, nur allein der Anregung wegen machen.
Sie werden noch lange Jahre hindurch scheitern, manche Kugel wird noch die
Besiegten mit verbundenen Augen in den Festungswällen niederstrecken, manches
Haupt wird auf dem Henkerblock fallen: das tut nichts; alles das hält nur die
Frage wach und bereitet vor für ihre künftige Entscheidung ...
    Die Mutter horchte voll Grauen ...
    Als ich entgegnete: Lehrt durch Schriften und Gedanken! - lachten beide und
erwiderten: Italien und ein Kind begreifen nur durch Beispiele! Der Buchstabe,
Dank der langen Beschränkung desselben, kommt unserm ungebildeten, wenn auch
geistesregen Volk nicht bei; hier will man sehen, hier mit Händen greifen, die
Wundenmale berühren! Von den Jesuiten erzogen, wird dies Volk belehrt, dass die
Patrioten lächerrlich und schwach wären. Aber das Beispiel eines Aufstands in
Genua oder Sicilien oder in der Romagna muss deshalb auf einige Tage das
Gegenteil beweisen. Italien bewundert Räuber um ihres Mutes willen! ergänzte
Attilio. Was ist der Tod! fiel Aemilio, der jüngere, wieder ein. Schreckhaft
nur, wenn man im Leben Dinge verfolgt, die sich ausschliesslich an unsere eigene
Person knüpfen. Aber schon der Krieger gewöhnt sich und sogar im Frieden durch
die Tausende, die mit ihm in gleicher Lage sind, von seinem Ich als einem völlig
Gleichgültigen zu abstrahiren. Einer da mehr oder weniger - wen darf das
schrecken! Vollends, sprach der ernstere und ruhigere Attilio, wenn man die
Philosophie zu Hülfe nimmt! Die Erde ist ein Atom im Weltgebäude; diese Luft,
diese Gestirne, diese Welten, diese Bäume, diese Menschen sind nur Schatten
eines andern wahren Seins, das mit unzerstörbarer Göttlichkeit über dieser Welt
der flüchtigen Erscheinungen tront! ...
    Die Herzogin erhob sich, überwältigt von den angeregten Empfindungen ... Sie
wollte, wenn von Italien die Rede war, nur vom Siege, nur von Kränzen des
Triumphes hören ... Der Tod ist nur für die Feigen da, für die Tyrannen! rief
sie ...
    Auch Benno war in höchster Erregung aufgestanden ... Auch durch seine Adern
pulste das Blut in mächtigerer Strömung ... Nach einigen Gängen hin und her auf
der dunkelgewordenen Altane beruhigte er sich und fuhr leiser sprechend fort:
    Ich blieb länger auf Malta als meine Ueberlegung hätte gestatten sollen ...
Die liebenswürdigen jungen Männer, mit denen ich auch über Deutschland, über
unsere Dichter und Denker so gut wie über Italien sprechen konnte, fesselten
mich zu lebhaft. Ich wusste nicht, um was ich sie mehr lieben sollte, ob um ihrer
Freundschaft und brüderlichen Eintracht willen oder um einen sich so
bewundernswert ruhig gebenden Fanatismus. Was nur Schönes in der Menschenbrust
leben kann, das hatten diese Jünglinge sich zu erhalten und auszubilden gewusst.
Die Schilderung der Sternennacht auf den Lagunen Venedigs, in der sie nach ihrer
von London erhaltenen Weisung beschliessen mussten, zu Verräter an ihren nächsten
Lebenspflichten, an ihres Vaters Ehre, an ihrer eigenen, am Herzen der Mutter zu
werden, war erschütternd - Sie erzählten, dass sie unschlüssig gewesen wären, ob
sie sich nicht selbst erschiessen sollten ... Ich nannte im Gegenteil das
Martyrium unserer Zeit: Sich dem nicht entziehen, worauf uns Geburt, Stellung
und das Vertrauen der Menschen angewiesen haben! ... Möglich, dass ich dies Axiom
zu sehr von Priestern entnahm, die unter dem Druck ihrer Gelübde leben müssen
und sie nicht brechen wollen - aus Furcht, einer Sache zu schaden, die sie in
ihrem Wesen lieben ... Mit einem Wort - ich liess ein Herz voll Freundschaft in
Malta zurück ... Auch voll Dankbarkeit ... Das felsige Eiland fesselte mich mit
seinen geschichtlichen Erinnerungen länger, als ich hätte bleiben sollen; bald
bildeten sich unter den Flüchtlingen zwei Parteien; eine, die das Vertrauen der
Brüder Bandiera zu mir teilte, eine andere, die mich für einen Spion erklären
wollte. Meine Kurierreise von Wien war bekannt geworden und sprach gegen mich.
Ich fing an mich verteidigen zu wollen und, wie in solchen Fällen es geht,
verwickelte mich dadurch nur desto mehr. Ich fürchtete Concessionen zu machen,
die über mein noch nicht reifes Nachdenken über diese Fragen hinausgingen. Die
Mischung der Charaktere, die ich antraf, war abenteuerlich genug. Kaum waren
reine und consequente Gesinnungen unter Menschen vorauszusetzen, unter denen ein
wankelmütiger, schwacher, aus Furcht vor seiner Schwäche wieder tückisch
gewaltsamer Mensch wie Wenzel von Terschka eine Hauptrolle zu spielen scheint
...
    Auch Pater Stanislaus war zugegen? ... wallte die Mutter erschreckend auf
...
    Nicht in Person - er dirigirt von London aus ...
    Wo er dein Nebenbuhler ist - ...
    Lucinde hat dich gut unterrichtet! ... sagte Benno ... Da sprach sie sicher
auch von Tiebold de Jonge? ...
    Auch von ihm ...
    Tiebold wurde die Ursache, dass ich endlich von Malta und den immer
bedenklicher gewordenen Verpflichtungen aufbrach ... Mein Freund war nach
Italien gekommen und wartete auf mich in Robillante ... Wenn ich dir die
Versicherung gebe, dass Tiebold de Jonge zwar das närrischste Italienisch
spricht, aber das beste Herz von der Welt und eine Freundschaft für mich hat,
wie sie nur die Brüder Bandiera gegeneinander besitzen, so wirst du mir
vergeben, wenn ich ihn zum Vertrauten - meiner ganzen Lebenslage gemacht habe
...
    Die Mutter horchte auf ...
    Noch mehr! fuhr Benno fort. Ich habe nur im vollen Einverständnis mit ihm
gewagt hierher zu reisen und einen Plan zu verfolgen, der - mir - eine Sache des
Herzens war ... Indessen - jetzt ...
    Welchen Plan? fragte die Mutter, noch immer der letzten Aufklärung harrend
...
    Marco meldete sich im Esszimmer mit dem Geklapper seiner Anrichtungen ...
    Benno sprach leiser:
    In so hastiger, völlig unüberlegter Eile hat mich die Freundschaft für die
Brüder Bandiera hergeführt ... Nachdem ich Malta verlassen, blieben sie mit mir
im Briefwechsel ... Ich kann sagen, es sind die ersten Männer, die mir im Leben
nächst meinem Freund Bonaventura imponirten. Selbst wo ich ihre Ansichten
verwerfen muss, rühren sie mich. Ich ordnete mich ihnen schon in Sicilien unter
... Ich möchte diese herrlichen Jünglinge ebenso meinem Leben, wie dem Leben der
Menschheit erhalten; ich möchte sie dem Vater, der Mutter erhalten, ihnen, die
zwar äusserlich tief gebeugt und voll Demut an den Ufern der Lagunen wandeln,
innerlich aber doch ihren Stolz auf »die Knaben« behalten haben - ... Mein Gott!
Die Stunden der armen Unglücklichen sind gezählt - ...
    Wie? Warum? ... rief die Mutter ...
    In wenig Wochen vielleicht schon - flüsterte Benno ...
    Ein Aufstand?! fuhr die Mutter empor und hielt Benno's Hand mit ihrer
eigenen krampfhaft ausgestreckten Rechten ...
    Ein umfassend vorbereiteter! sprach Benno leise ... Es gilt Rom selbst! Der
Herrschaft Ceccone's! Der Einschränkung dieses freiheitsfeindlichen Papstes ...
Man erwartet Mazzini in Genua, Romarino in Sardinien, erwartet einen Aufstand in
Sicilien ... Die Brüder Bandiera sind von Malta aufgebrochen ... Sie liessen
zweifelhaft, wohin sie gingen ... Einige ihrer Freunde waren weniger
gewissenhaft ... Sie dirigirten Flüchtlinge, die über die Alpen aus der Schweiz
kamen, nach Robillante ... Unter mancherlei Gestalten, als Pilger, als Mönche
reisen sie vorzugsweise nach der adriatischen Küste der Romagna ... Dort, bei
Porto d'Ascoli, dort, wo seltsamerweise jener Pilger und der deutsche Mönch
verschwunden sind, soll alles vorbereitet sein zu einem Handstreich ... Die
Brüder Bandiera werden eine Landung befehligen ... Ancona, Ravenna, Bologna
werden von den Verschworenen an einem und demselben Tage überfallen werden ...
Der Erfolg kann meiner Ueberzeugung nach kein glücklicher sein ...
    Warum nicht? rief die Mutter.
    Die Brüder werden in die Hand Ceccone's fallen ....
    Nimmermehr! ...
    Sie werden das Schaffot besteigen ... Die Führer all dieser Aufstände des
»Jungen Italien« sollen, das ist die gemeinschaftliche Verabredung der
beteiligten Cabinete, auch des Cabinets der gekreuzten Himmelsschlüssel, den
Tod durch Henkershand erleiden ...
    Jesu Maria! rief die Mutter ...
    Ich sehe diese edeln Jünglinge das Schaffot besteigen! ... Das ist die
Angst, die mich nach Rom geführt hat ...
    Die Mutter stürzte an den Hals ihres Sohnes ...
    Nun hatte sie die Ursache, warum Benno wünschte, sie wäre bei Olympien und -
Olympia begrüsste ihn noch mit ihrer frühern Neigung ...
    Benno hatte gehofft, so den Brüdern Bandiera das Leben retten zu können ...
    Marco! Einen Augenblick! Lass doch! Lass doch! rief die Mutter in den Salon
und warf die Glastür zu ...
    Als sie mit Benno auf der Altane abgeschlossen war, warf sie sich ihm
wiederum mit Ungestüm an die Brust ...
    Ich Olympien zürnen! sprach sie. Nimmermehr! Wenn du ihrer bedarfst, so hab'
ich nichts von ihr erduldet! Lass sie mich mit Füssen getreten haben - wenn sie
dich nur liebt, wenn sie deinen Wünschen nur Erhörung gibt - Jesu Maria, nur
diese Söhne Italiens vor dem Henkersschwert bewahrt ...
    Benno stand gedankenverloren ...
    Die Mutter fuhr fort:
    Ich weiss es, Ceccone brütet furchtbare Dinge ... Er muss es tun ...
Fefelotti, das Al Gesù, der Staatskanzler, seine eigene Liebe zur Macht treiben
ihn dazu ... Aber - sei ruhig, mein Sohn! ... Lass Olympien in deinen Armen
ruhen! Lass sie die Hände zu deinem stolzen Nacken erheben ... O sie sind zart,
diese Hände ... Sie mordeten - nur Lämmer ... Olympia ist ein Kind! Noch jetzt!
Noch jetzt! ... Vielleicht, dass du, du sie zum Guten erziehst! Vielleicht, dass
du mit deinem Liebeskuss das Eis ihres Herzens auftaust! ... Sie kann schön
sein, wenn sie liebt! sagt' ich dir schon in Wien ... Sie kann vielleicht auch
gut sein, wenn sie liebt! ... Mein Sohn, habe Mut, vertraue! Wir Frauen sind
alles, was ihr aus uns macht! ... Fliege hin zu ihr, höre das Jauchzen ihrer
gestillten Sehnsucht, fühle die Glut ihrer Zärtlichkeit, sei, sei, was sie will
-! ...
    Es ist zu spät -! erwiderte Benno ...
    Um meinetwillen zu spät? fuhr die Mutter fort und raunte ihm ins Ohr: Ich
beschwöre dich ... Ich habe dich hier nie als einen Rächer für mich erwartet ...
Pah! Attilio Bandiera hat Recht: Was sind unsere Personen! ... Das Vaterland ist
die Losung ... Sollen diese Jünglinge, deine Freunde, die Hoffnungen Italiens
verderben -? ... Nimmermehr! ... Ein Kuss von deinem Munde und Olympia zerreisst
alle Todesurteile! ...
    Benno strich sich das Haar in wildester Erregung ... Seine Augen glühten ...
Seine Brust hob sich ... Der Raum der Altane war zu eng für das mächtige
Ausschreiten seines Fusses ...
    Ist es denn aber auch gewiss, fragte die Mutter leise, gewiss, dass diese
Invasion bevorsteht? ...
    Die Küste der Adria ist reif zum Aufstand! flüsterte Benno ... Die
Zollbedrückungen Rucca's sollen unerträglich sein ... Die achtbarsten Kaufleute
arbeiten der Insurrection in die Hände ... Und hier in Rom -
    Zwölf Logen gibt es hier! ... fiel die Mutter ein ...
    Benno schwieg ... Er schien mehr zu wissen, als er sagte ...
    Die Brüder Bandiera, fuhr die Mutter fort, sind, wenn ihr Beginnen scheitert
und sie nicht fallen oder entfliehen können, nicht anders vorm Tode zu retten,
als durch Olympia ... Ich weiss es, selbst die Hand des Heiligen Vaters scheut
das Blut der Rache nicht mehr für die, die die dreifache Krone antasten - Auch
das zweischneidige Schwert Petri ist gezückt - Lass alles! Geh' zu dem jungen
Rucca! Verständige dich mit deinen wiener Freunden - Auch mit Lucinden! Kenne
mich nicht mehr in Rom! ... Ich verlange es! ...
    Benno stand, immer in dumpfes Brüten verloren ...
    Ich verlange es! wiederholte die Mutter ... Weiss ich dich nur in meiner
Nähe! Kann ich deine Stirn nur zuweilen küssen! ... Lass mich, mein Sohn - Du
fühlst wie ein Sohn meines Landes! Das macht mich allein schon glücklich! Benno
- Soll ich so dich nicht lieber nennen - nicht Cäsar? ... Wage du dich nicht
selbst an Dinge, die mich um das Glück deiner Liebe bringen müssen ... Oder -
doch? ... Tu, wie du musst! Nur geh' morgen zum jungen Rucca, den du - in Wien
vorm Tode durch einen Elefanten rettetest ... Dein Name, dein Anblick wird
Wunder wirken ... Ich kenne Olympiens verzehrende Sehnsucht ...
    Nach den Begriffen des italienischen Volks ist Grösse der Empfindung mit List
vollkommen vereinbar ... Wie ihr mir, so ich euch! lautet die Moral des Südens
... Die Herzogin schilderte die Lächerlichkeit des jungen Ercolano Rucca, sein
Prahlen mit jenem Angriff eines Elefanten auf ihn, die Sehnsucht, die er noch
immer nach dem Bestätiger seines Mutes ausspräche, seine Sorglosigkeit Olympien
gegenüber, die bald über sie gekommene Langeweile, die sie vorläufig im Gebirge
in Reformen der Ackerwirtschaft austobe ... Zwar wäre sie auf die Grille
gekommen, den ehemaligen Pater Vincente, von dem ich dir in Wien schon erzählte,
sagte sie; zum Cardinal zu erheben und ihn jetzt wie ihre Puppe zu behandeln,
die sie schmückt ... Aber dein erster Gruss löscht alle diese Flammen aus - ...
    Im Lauf der sich überstürzenden Schmeichel- und Ermutigungsreden der Mutter
bemerkte Benno:
    Von diesem Vincente Ambrosi hab' ich in Robillante seltsame Dinge gehört ...
Jener Eremit von Castellungo bekannte sich zu den Lehren der Waldenser, die das
erste apostolische Christentum besitzen wollen ... Eine zahlreiche Gemeinde
bildete sich ... Zu ihr gehörte ein junger Zögling des Collegs von Robillante,
der sich zum Priester bilden wollte. Die Lehren des Eremiten zogen ihn an ...
Oft soll er Tage und Nächte bei ihm im Walde zugebracht haben. Die Gesetze
verbieten aufs strengste den Uebertritt zu den Waldensern. Eines Tags verschwand
der junge Ambrosi und war Franciscaner geworden ... Man schickte ihn zu seiner
weitern Ausbildung nach Rom. Seine dortigen Schicksale erzähltest du ...
Ueberraschend ist es, dass mancher in Robillante glaubt, er hätte sich durch sein
Buss- und Leidensleben nur einem von jenem Eremiten ihm erteilten Auftrag
unterzogen und stünde noch jetzt mit ihm in Verbindung ...
    Die Herzogin hörte nichts mehr ... Sie war zu erfüllt von der einzigen
Notwendigkeit, dass Benno zu Olympien müsste ... Sie blieb bei ihrem Wort:
    Olympia lässt von allen, wenn du erscheinst! ... Du bleibst der Sieger! ...
    Wenn sich Benno im Lauf dieser Ermunterungen und Versicherungen allmählich
scheinbar für überwunden erklärte, ja sogar dem Ernst seiner Mienen einige
Streiflichter des Scherzes folgen liess, so war ein Gedankengang daran schuld,
den die Mutter nicht sofort verstehen konnte ... Er sagte, mit dem Kopf nickend:
    Bin ich nicht glücklich? ... Ich habe eine Mutter, die mich verzieht und mir
gegen alles Verdienst schmeichelt; einen Bruder, der mir bei Torlonia einen
Creditbrief offen hält, von dem ich dir die Pension Ceccone's verdoppeln zu
können hoffe; einen Oheim, der mich und Bonaventura zu seinen Erben macht, wenn
auch Frau von Gülpen bis an ihr Lebensende, die Nutzniessung seines Vermögens
behält; dann hab' ich in meinem jungen Leben schon vier wahre Freunde gefunden,
Bonaventura, Tiebold, Attilio, Aemilio ... Nun höre noch dies, Mutter! Ich
wollte nicht übermütig sein ... Ich wollte mich in die Strudel des Wiedersehens
der jungen Fürstin mit Vorsicht wagen ... Hatten wir Stunden der Trauer zu
erwarten, mein Freund Tiebold de Jonge sollte uns Erheiterung bringen ... Das
Idol seines Herzens - schon einmal hat er es mir geopfert ... Und auch jetzt
wollte er meinem Gewissen einen tapfern Beistand leisten ... Mit einer
Gemütsruhe, die nur verständlich ist, wenn man die persönliche Bekanntschaft
dieses närrischen Menschen gemacht hat, sprach er, als er meinen Kampf und die
Furcht sah, mich nach Rom zu begeben: Bester Freund - - ...
    Noch hatte Benno das Lieblingswort Tiebold's: »Ich kann mich vollkommen auf
Ihren Standpunkt versetzen« nicht ausgesprochen, als es draussen heftig klingelte
...
    Wer stört uns! rief die Herzogin, stand auf und wollte Befehle geben, die
sie für niemand anwesend sein liessen ...
    Schon aber klingelte es zum zweiten mal ...
    Mutter, sagte Benno, das kann nur mein stürmischer Freund sein! An dieser
kurzen Pause zwischen dem ersten und zweiten Klingeln erkenn' ich Tiebold ...
Gegen alle Verabredung hat er sich verspätet ... Ich ging zu Land, er den kurzen
Weg über Genua zu Wasser - ...
    Man hörte die laute Stimme eines radebrechenden Fremden, der nach »Ihrer
Hoheit der Herzogin von Amarillas« verlangte ...
    Er ist es! sagte Benno ... Ich bin wenigstens froh, dass er noch am Leben
ist! ...
    Die Mutter wusste, dass der alte Marco die Gewohnheit hatte, vertraute
Gespräche seiner Gebieterin nicht zu unterbrechen ... Sie wusste, dass er solche
Störungen mit völlig unklarem Bewusstsein, ob Altezza zu Hause wäre oder nicht,
zu beantworten pflegte ... So kam er auch jetzt mit einer fragenden Miene ...
Aber kaum sah er: Willkommen! im Antlitz seiner Gebieterin, so war er auch schon
wieder draussen und mit den heitersten Scherzen hörbar ... Die gute Laune kam
wieder, da er sah, es fing um seine Gebieterin an lebhafter zu werden ...
    Tiebold de Jonge trat ein ...
    Er sah aus wie ein Räuberhauptmann ... Nur mit dem Unterschied, dass dieser
einmal gelegentlich, etwa zum Behuf einer ihm von Aerzten vorgeschriebenen
Badereise, eine elegantere Toilette gemacht hat ... Sonst konnte er von seiner
»Verwilderung kein Hehl machen« ... Die Gesichtsfarbe war braun »wie ein
kupferner Kessel« ... Sein Bart wie die Mähne eines Löwen ... Sonst trug er sich
vom Kopf bis zum Fuss in Nankingstoffen ... Auf dem weissausgelegten Hemd von
bielefelder Leinwand blitzte eine Brustnadel von Diamanten, die abends jedem
Räuber eine Aufforderung zu einem kühnen Griff erscheinen durfte ... Weste,
Pantalons, gefirnisste Stiefel, alles war von jener Fashion, die dem Modejournal
und den heimatlichen Gewohnheiten entsprach ... Mindestens glich er bei alledem
doch einem »Schiffscapitän, der zweimal die Linie passirte« ... Mit einem
Gemisch von Worten, das wahrscheinlich bedeutete: »Ich muss tausendmal um
Entschuldigung bitten, Frau Herzogin!«
    kam er über die Schwelle des Salons gestolpert ... »Noch taumelte das kaum
verlassene Schiff mit ihm« ... An seinem Strohhut, den er, wie er Benno
zuraunte, »in erster Verlegenheit« zerdrückte, flatterten zwei rote Bänder, wie
am Hut eines Matrosen ... Seine Corpulenz hatte zugenommen ... Bei alledem war
er anziehend und für Italien als Blondin doppelt interessant ...
    Seinen Freund Benno noch in der Hauptsache ignorirend, radebreche er, immer
zur Herzogin gewandt, dass er eben angekommen wäre und seinen Freund aufgesucht
und dessen Spur bei Piazza Sciarra und endlich auf dem Monte Pincio aufgefunden
hätte ... Bitte, Hoheit, ich bin nur da, um ihm meine Adresse, die auf ein vis à
vis seiner Wohnung lautet, zu bringen oder etwa eine Verabredung für morgen zu
treffen oder falls Hoheit heute Abend noch Befehle hätten, sie auszuführen - Ich
werde überhaupt in Rom lieber Eurer Hoheit, als einem Menschen folgen, der mir
den Weg über Genua angeraten hatte, ohne zu wissen, dass die Dampfschiffe von
Genua nicht auf Passagiere warten, die sich von wunderbaren Kaffeehäusern und
Hotels in Nizza und Genua nicht gut trennen können ... So bin ich aus
Zerstreuung in Genua sitzen geblieben und wider Verabredung um fünf Tage zu spät
gekommen, hoffe indessen, dass der von meinem Freunde beabsichtigte Feldzug auch
ohne die Tranchéen, die ich - ...
    Dies schwierige Bild aus der Kriegstaktik auszuführen scheiterte nicht
gerade an Tiebold's Sprachkenntnissen, wohl aber an seinem Gedächtnis ... Er
hatte seine Rede italienisch gehalten und auswendig gelernt ... Die Ehren, die
er der Herzogin liess, waren ungefähr die, die er etwa in Deutschland einer
regierenden Landesmutter von Braunschweig oder Nassau hätte erweisen müssen ...
    Die Herzogin reichte dem närrischen Signore Tebaldo die Hand und bat ihn,
sogleich zum Souper zu bleiben ... Sie klingelte, liess ihr kleines Mahl
anrichten, trat am Arm Tebaldo's in ein Esszimmer, wo die kleine Tafel sinnig
geordnet war, und fand sich in ihn so gut, als hätte sie ihn seit Jahren gekannt
... Das Gefühl, in ihm einen Mitwisser des Geheimnisses zwischen ihr und Benno
zu sehen, durfte sie nicht stören; Signore Tebaldo war nur durch die ihm nicht
geläufige Sprache und die Anwesenheit der Diener verhindert, sofort jeden »Zwang
als bei ihm völlig überflüssig« zu bezeichnen und die »Sachlage« und die
»vollendete Tatsache« und überhaupt alles auf »seine natürlichen
Voraussetzungen zurückzuführen« ... Sein Sprachgemisch, zu dem sich als letzte
Aushülfe Französisch gesellte, sein Benehmen gegen Benno, die Art, wie er die
Terrasse »himmlisch« und »stellenweise die drei Treppen belohnend« fand, die
Kritik des »kühlen Speisesaals«, die Leichtigkeit, mit der er seinen Stuhl
ergriff und die entzückende Natur Italiens, selbst mit »radicaler
Unerträglichkeit« solcher Strecken wie von Civita-Vecchia bis hierher, die
Einfachheit der Sitten, die Frugalität der Soupers - »mit Ausnahmen« -
anerkannte, Roms Trümmerwelt als einen »das Auge mehr oder weniger beleidigenden
polizeilichen Skandal der Jahrhunderte« bezeichnete, alles das hatte etwas so
Vertrauenerweckendes und über jede Schwierigkeit sogleich Hinwegsetzendes, dass
die Herzogin nicht die mindeste Scheu vor ihm empfand ... Zwischen eine
Erzählung über seine Reiseabenteuer von Robillante bis hierher und die ersten
Erfahrungen in einem römischen Hotel, das er sofort verlassen hätte, weil der
»erste Cameriere sich gegen ihn das Benehmen eines Ministers erlaubt hätte«,
liess er bei Abwesenheit der beiden Diener die kühn stilisirten Worte fallen:
    Altezza, anch' io suon un' filio perduto, ma ritrovato! ... Auch ich hab
'nmal eine Mutter gehabt, die in einem Zeitalter gestorben ist, von dem ich mir
nur noch eine dunkle Erinnerung bewahrt habe! Jedoch an jedem Sterbetag der
frühvollendeten Dulderin hab' ich mit dem alten Mann, meinem Vater, eine Messe
für sie lesen lassen und ging in die Kirche, was sonst meine Gewohnheit weniger
ist ... Gott, das sind jetzt zwanzig Jahre her und oft hat mich schlechten
Menschen diese Gewohnheit genirt. Aber ich tat's um meines Vaters willen. So
lang' ich lebe und es noch Kirchen gibt, setz' ich diese Gewohnheit fort an
jedem vierzehnten October, Tag des heiligen Burkard, vorausgesetzt, dass unsere
Kalender stimmen, Hoheit! ... Ich bin nicht ganz so aufgeklärt, wie mein Freund
da - Asselyn. Ich kann Ihnen, wenn Sie es wünschen, Herzogin, auf jede Hostie -
selbst eine wundertätige - beschwören, dass ich mir die Ehre, Mitwisser Ihres
»übrigens längstgeahnten« Geheimnisses zu sein, durch eine Discretion verdienen
werde, die Ihnen möglicherweise selbst auf die Länge peinlich werden dürfte! ...
Unglaublich! Wirklich - der Kronsyndikus -! Na, wissen Sie, Benno, wie wir
damals bei dem Leichenbegängnis - ... Doch kein Wort! ... In der Kunst, sich
dumm zu stellen, hab' ich die Vorteile voraus, die einem gemeinschaftlichen
Freund von uns zugute kamen, der eines Tags die Entdeckung machte, dass durch
systematisches Ignoriren sich am besten die Ignoranz verdecken lässt! ... Bruto e
muto! ... So wahr wie -
    Marco's Kommen unterbrach einen, wie es schien, auf Haarsträubendes
berechneten Schwur ...
    Die Herzogin verstand aus den französischen Beimischungen seiner Rede, was
er andeuten wollte, und Benno küsste die Hand der Mutter - Tiebold bat um die
gleiche Gunst ... Die Glückliche sass, wie sie sagte, wie die Perle im Golde ...
    Marco schien ihr alles das von Herzen zu gönnen ... Er sah auf nichts, als
auf die Leistungen seiner Kochkunst ...
    Die trauervollste, ernsteste Stimmung musste durch Tiebold de Jonge immer
mehr gemildert werden ...
    Tiebold erzählte, bald italienisch, bald deutsch, bald französisch und noch
öfter Benno zum Uebersetzen veranlassend, von einem aus Paris von Pitern
vorgefundenen Brief ... Er verbreitete schon damit über die Züge der Herzogin
den Ausdruck einer Heiterkeit, die sie seit Jahren nicht gekannt hatte ...
Tiebold's Humor hatte die seltene Eigenschaft, beim Scherz dem etwaigen Ernst,
der eingehalten werden musste, nicht im mindesten seine Würde zu nehmen ... Jede
vom ab- und zugehenden Marco und seinem Genossen, der eine stattliche Livree
trug, gelassene Pause, benutzte er, die Saiten zu berühren, die in Benno's
Innern zu mächtig nachbebten ... Wie wuchs die Verehrung vor ihrem Sohn, als die
Mutter sah, dass Benno solche Freunde gewinnen konnte ... Tiebold äusserte in
noch verstärkterem Grade die Besorgnis, die Benno über das Schicksal der beiden
Männer hatte, die ihm so wert geworden ... Er teilte »unbekannterweise« ganz
diese Sympatie für die Gebrüder Bandiera - ohne allen Neid ... Er sah eine
Sorge im Gemüt des Freundes und suchte ihr abzuhelfen; das war ihm Aufgabe
genug ... Ohne selbst Politik zu treiben, konnte er sich »dergleichen
Wahngebilde von einem fremden Standpunkt aus vollständig erklären« ... Es war
der immer gleiche Trieb der Gefälligkeit, der in Tiebold's Herzen so
freundliche Wirkungen hervorbrachte. Dieser Trieb verband sich mit dem
behaglichen Gefühl seiner sorglosen Lebenslage, seiner reichlichen Mittel,
vorzugsweise dann freilich auch - mit dem ungewissen Halt seiner eigenen
Bildung. Sah er kluge Leute von einer Sache interessirt, so war er selbst klug
genug, ihren Meinungen »vollständig Rechnung zu tragen« ... Italien und Rom
»waren nun einmal da« ... Die Interessen dieses »überhjetzten und in einem
südlichen Klima gelegenen Landes« waren ebenso abzuwarten, wie der Hemmschuh des
Vetturins ... Vollends war »die Guillotine kein Spass« ... Tiebold besass jene
seltene Toleranz, die eine fremde Welt um so mehr achtet, je weniger sie davon
versteht ...
    Nur schade, dass die Herzogin der »neuerfundenen Mischsprache« Tiebold's
nicht immer folgen und so recht die Gegensätze und Natürlichkeiten geniessen
konnte, die in dieser empfänglichen Seele zu gleicher Zeit Platz hatten ...
    Die Nacht war herniedergestiegen ... Millionen Sterne funkelten am dunkeln
Himmel ... Auf der Altane, auf die man nach dem Souper, dem sogar Champagner
nicht fehlte, zurückkehrte, brannte eine Lampe ... Drei so traulich Verbundene
sassen unter dem Duft der Blumen und in dem ganzen Zauber südlicher Natur, der
sich selbst beim nächtlichen Gewirr der Städte nicht verliert ... Glocken
läuteten; die Luft, die nach dem Untergang der Sonne anfangs kühl geweht, hatte
wieder ihre alte Weiche gewonnen; die Lampe warf geheimnisvolle Reflexe in das
tiefdunkle Grün der hohen Zierpflanzen und zog schwirrende kleine Käfer an, die
in ihr eine lichtere Schlummerstätte zu finden glaubten, als die Orangen- und
Granatenblüten, in deren Kelchen sie schon gebettet lagen ... So erliegen wir
den Ausstrahlungen höherer Ziele, die ein Gesetz unserer schwachen, dem Irrtum
unterworfenen Natur rastlos uns auch dann noch suchen lässt, wenn wir uns schon
längst hätten genügen sollen ...
    Benno und die Mutter knüpften an die frühere, von Tiebold unterbrochene
Stimmung an ... Tiebold konnte nun selbst das sagen, was eben Benno als seine
Hülfe in der möglicherweise verhängnisvollen Wiederbegegnung mit Olympien hatte
berichten wollen ...
    Ja - Armgart -! seufzte Tiebold ... Wir lieben ein und dasselbe Mädchen,
Hoheit, und längst hab' ich entsagt zu Gunsten meines Freundes. Ich beanspruche
nur noch bei ihm Patenstelle ... Seine Grossmut lehnt nun freilich mein Opfer
ab und darin hat er Recht: Der Gegenstand unserer Liebe neckte einen mit dem
andern ... Diese Cigarrentasche, die von ihr ist - sehen Sie, Hoheit, diese so -
mangelhafte Arbeit - deutet auf eine Berechtigung, das Andenken der Geliebten
gleichsam zur Lebensgefährtin machen zu dürfen, während mein Freund einen
Aschenbecher erhielt, ein Mobiliar, das sich nur in den vier Wänden benutzen
lässt ... Er vergass es in Robillante - ich hab's mitgebracht, lieber Freund - ...
Andererseits könnte damit freilich das Princip der Häuslichkeit angedeutet sein
... Genug - »sei dem, wie ihm wolle« und wie sehr wir besorgen müssen, dass eine
raffinirte Natur wie die des Ex-Paters Stanislaus mit Hülfe der so fanatisch
lichtfreundlichen Aeltern uns beide aus dem Felde schlägt, ich habe meinem
Freund als einzigen Ausweg aus dem Labyrint seiner möglichen Verirrungen mit
Fürstin Rucca den Ariadnefaden meiner eigenen Liebe zu ihr vorgeschlagen ...
    Die Herzogin begriff nicht ...
    Altezza! Ich kenne überraschende Wirkungen der blonden Haare in Italien!
unterbrach Tiebold Benno's Erläuterung ... Ich habe haarsträubende Erfolge
erlebt! Ich werde noch mehr gewinnen, wenn ich Fortschritte in dieser verdammten
- göttlichen Sprache mache, die mich beschämend genug an mein altes Latein -
Secunda - erinnert ... Ich liebe die Fürstin Rucca bereits bis zur Narrheit! Ich
werde Benno's Erfolge paralysiren ...
    Die Herzogin fragte nach dem Sinn dieser Worte und fixirte den Sohn, den
Tiebold nicht aufkommen liess ...
    Es ist dies: Ich, ich liebe Gräfin Olympia Maldachini bereits aus dem Garten
von Schönbrunn, schon aus der Menagerie im Prater ... Die Erzählungen über sie
wirkten so auf mich, dass ihr die Wahl zwischen mir und Benno unmöglich werden
soll ... Schon vor fünf Tagen sollt' ich im Palazzo Rucca meine Karte und einen
Empfehlungsbrief von Benno an den jungen Elefantenkämpfer abgegeben haben ...
Nun ist es später geworden und der Fürst ist auf dem Lande ... Ich reise morgen
in erster Frühe nach Villa Torresani, auch nach Villa Tibur, wo Lucinde wohnt,
im Widerspruch mit allen, die sie verdammen, bekanntlich eine leidenschaftliche
Neigung von mir ... Scherz bei Seite, Hoheit, die Schilderung der Persönlichkeit
der Fürstin Olympia hat mehr, als meine Neugier erregt. Grüner Teint, blaue
Haare, Wuchs bis Benno's Taille - ich werde Lucinden sofort Erklärungen machen
und um die Vermittelung meiner Wünsche bitten. Ich mag diese kleinen Figuren!
Armgart ist auch nicht gross. Ich werde der Fürstin zeigen, was bei uns in
Deutschland schwärmen heisst. Weiss ich dann auch, dass mich die spätere Ankunft
Benno's, die ich in Aussicht stelle, aus dem Sattel heben wird, so werd' ich
doch sein Schicksal so lange durchkreuzen, aufhalten und nur über meine Leiche
hinweg ihn zum Sieger über diese gebietende Göttin des Kirchenstaates werden
lassen, dass darüber das Schicksal der Gebrüder Bandiera sich entschieden haben
dürfte ... Ich weiss nicht, ob ich deutlich gewesen bin, Hoheit? ...
    Die Mutter begriff halb und halb und sah lachend auf Benno, der eine
abwehrende Miene machte ...
    O, fuhr Tiebold auf, ich weiss durchaus nicht, ob es nach genommener
Verabredung ist, dass mich mein Freund Asselyn hier in unserm Plan durch ein
ironisches Lächeln unterstützt! ... In Robillante waren wir einig: Wir wagen uns
beide in die Höhle des Löwen! Wir bitten die Herzogin von Amarillas um ihre
Protection! Wir unterwerfen uns Sr. Eminenz dem Cardinal Ceccone in gebührender
Demut! Wir lassen in dieser grossen, vornehmen Welt, in der Sie leben, gnädigste
Frau Herzogin, unser Licht leuchten so gut es geht und sollte mir mein Freund
Asselyn wirklich von jenem grünen Teint und jenen blauen Haaren in Gefahr für
seine Tugend geraten, so verderb' ich ihm jedes Rendezvous und setze das so
lange fort, bis Rom entweder eine Republik geworden ist oder Ceccone, was mir
wahrscheinlicher erscheinen dürfte, die Sentenz für die Gebrüder Bandiera zu
unterschreiben hat - ...
    Die Herzogin sah den Irrtum Tiebold's über ihre gegenwärtige Lage,
unterstützte aber seinen überraschenden Einfall durch jede Geberde ... Sie
unterdrückte jede Einsprache Benno's, nannte Ceccone ihren Freund, ihren Gönner,
Olympia ihr treuestes Pflegekind ... Sie ermutigte beide, mit der jungen Frau
ihr Heil zu versuchen ...
    Es schlug nun elf Uhr ...
    Tiebold mahnte an den Aufbruch ...
    Benno blieb traurig und schien keinen Willen mehr zu haben ...
    Die Mutter liess ihn nur mit den Beruhigungen scheiden, die sie verlangte ...
Er musste versprechen, morgen im Palazzo Rucca nach dem Principe Ercolano zu
fragen und seine Karte abzugeben - Tiebold sollte inzwischen schon ins Gebirge
und auf die Villa Torresani reisen ...
    Das alles stand fest und unwiderruflich ... Die Mutter führte Benno an das
Medaillon des Herzogs von Amarillas, ergriff seine drei Schwurfinger und
flüsterte ihm - »bei Angiolinens Angedenken!« - einen Schwur ... Er sollte
geloben, dass er sich mit Lucinden verständigte und in die Welt Ceccone's und
Olympiens einträte, ohne die mindeste Rücksichtsnahme auf irgendetwas, was ihr
persönlich begegnet war ...
    Benno erwiderte: Rom ist die Tragikomödie der Welt! ... Er gab der Mutter in
dem, was sie vorläufig begehrte, nach ...
    Beim Nachhausegehen war Tiebold entzückt von dieser »seltenen Frau« ... Er
verwünschte seine mangelhaften Kenntnisse im Italienischen, schwur, täglich
sechs Stunden Unterricht nehmen zu wollen und erstaunte dann nicht wenig, als
ihm Benno beim Herabsteigen von jener grossen Treppe, die auf den spanischen
Platz führt, erzählte, dass sich die Stellung seiner Mutter zu Ceccone und
Olympia gänzlich verändert hätte ...
    Nun erst begriff Tiebold die kalte Aufnahme, die er an Piazza Sciarra
erfahren hatte, als er dort nach der Herzogin von Amarillas fragte ...
    Er verwünschte die römische Welt nicht wenig ...
    Dann verglich er Rom bei Nacht mit seiner Vaterstadt bei Nacht ... Die
Beleuchtung war hier »unter der Würde« - Rom verwarf bekanntlich damals als
»revolutionäre Neuerung« nicht bloss die Eisenbahnen, sondern auch die
Gasbeleuchtung4- ...
    Die Freunde verabredeten sich, morgen in alter Weise gemeinschaftlich zu
frühstücken und das Weitere ernst zu beraten ...
    Tiebold wollte zu Benno kommen ...
    Den Aschenbecher vergass ich in Robillante! rief Benno Tiebold nach, als
dieser schon an die Pforte seiner Wohnung geklopft hatte, die derjenigen Benno's
gegenüber lag ... Bringen Sie ihn doch morgen früh mit ...
    Das einzige Wort, mit dem Benno die zum Tod betrübte Stimmung seines Innern
verriet.
 
                                    Fussnoten
1 Geboren 1780 in Venedig.
2 Wir geben nur Tatsachen.
3 Die bekannte »Schwefelfrage«.
4 Tatsache.
 
                                       7.
Die Wirkung einer Karte, auf der zu lesen stand: »Monsieur Tiebold de Jonge,
recommandé par le Baron Benno d'Asselyn« war ausserordentlich ...
    Sie fiel in die Siestenstunde, wo auf Villa Torresani die junge Fürstin
Rucca bei herabgelassenen Jalousieen auf schwellenden Polstern ausgestreckt lag
und vielleicht in Liebesschauern vom schönen Cardinal Ambrosi träumte ...
    Sie fuhr empor ...
    Halbentkleidet lag sie auf einem Ruhebett ausgestreckt ... Dicht war sie
gegen die bösen »Zanzari« in Musselinvorhängen eingehüllt ... Mit
halbschlafendem Brüten hatte sie ein Deckenbild des Bettes, eine Amorettenscene
von Albani angestarrt ...
    Diese Villa war der Mittelpunkt einer durch Kunst und Natur zum reizendsten
Aufentalt bestimmten Schöpfung ...
    Die Villa Torresani lag auf Bergabhängen hingehaucht wie im tändelnden
Musenspiel ... Alles an ihr war leicht, zierlich und gleichsam ohne Mühe
geschaffen ... Die Treppenaufgänge waren in ihren Geländern mit zierlichster
Symmetrie durchbrochen, auf ihren Wangen mit Statuen, Aloë- und Cactustöpfen
geschmückt ... Wo sich bei jeder neuen Etage die Treppe zwiefach teilte,
plätscherten Springbrunnen oder muschelblasende Tritonen ... Oben auf der
gekieselten Plateforme erhob sich ein Bau voll Pracht und Schönheit, in zwei
Stockwerken, verschwenderisch geziert von Säulen, Nischen, Statuen,
abgeschlossen hoch oben von einer Attika, deren vier Ecken freischwebende
Marmorbilder begrenzten ... Eine silberweisse Herrlichkeit war es, weitin
leuchtend aus einem dunkeln Boschetto von Lorberhecken und urmächtigen Eichen
... Hier rauschten die Wasser, dort sangen die Vögel, summten die Käfer ... Weit
hinaus zur Ebene verfolgte das Auge die gelblichen Fernsichten herbstlicher
Stoppelfelder; sie milderten sich durch die quer hindurchlaufenden Weingehänge
und die breitastigen, nicht ängstlich beschnittenen Pappeln ... In der Ferne
erhob sich Rom, die Peterskuppel, sie, der immer hocherhobene Finger, der die
Welt aus dem Erdendunst gen Himmel weisen soll ... Wer aber schweift hinaus bei
so beglückender Nähe! ... Hier waltete die Kunst und die in ihren Weihemomenten
überraschte Natur ... Durch die zur Erde gehenden Fenster des Palastes sah man
die an den Capitälen bronzirten schwarzen Marmorsäulen eines grossen Speisesaals
mit dem weissschwarzen Marmorgetäfel des Fussbodens ... Nach hinten empfingen die
Schlaf-und Siestenzimmer die Kühle einer angrenzenden Cypressengruppe, den Duft
des zur Berglehne reichenden Blumengartens, in dem die Pflanzen eines noch
tieferen Südens im Winter durch Glasdächer geschützt wurden ... Dort reiften
Bananen ... Dicht am Fenster, wo Olympia schlief, hauchte eine Gruppe Gardenien
aus ihren weissen, grossmächtigen Blütentrichtern und aus der wollüstig feuchten
Wärme der fortdauernd zu erneuernden Berieselung einen Duft aus, gegen den der
Duft der Rose verschwand ...
    Olympia lachte im Halbschlaf - Sie lachte sogar des Cardinals Ambrosi, der
sich ihren Sorgen für eine seiner würdige Einrichtung durch den eifersüchtigen
Fefelotti hatte entziehen müssen ... Dann erschrak sie, weil den -
Cardinal-Conservator der Reliquien nichts als Todtenschädel umgaben ... Durch
eine nahe liegende Ideenverbindung kam sie auf den deutschen Mönch Hubertus und
Grizzifalcone ... Sie warf sich auf die andere Seite und wieder lachte sie ihrer
Schwiegermutter, die sie fortwährend hofmeistern wollte ... Sie lachte
Lucindens, des Cardinals und der Herzogin von Amarillas - ...
    Da eben erscholl das Klopfen des betressten Dieners - Da kam die Karte ...
    Drei, vier Klingeln gingen durcheinander, als sie die Karte gelesen hatte
... Portier, Diener, Kammerzofe - wem hatte sie nicht alles Befehle zu
erteilen! ...
    »Recommandé par le Baron d'Asselyn« ...
    Die Fürstin, ausser sich, weckte ihren nebenan schnarchenden Ercolano ...
    Für diesen war sogar ein Brief vom Signor d'Asselyno durch den draussen
harrenden mit Extrapost vorgefahrenen Monsieur Tiebold de Jonge selbst
überbracht worden ...
    Sie herrschte dem schlaftrunkenen Gatten zu, er sollte den Fremdling so
lange unterhalten, bis sie sich in Toilette geworfen hätte ... Den Brief nahm
sie selbst und erbrach ihn ...
    Benno von Asselyn beklagte in diesem Briefe sein bisheriges Los, das ihn in
der Welt hin- und herzureisen gezwungen und erst jetzt nach Rom zurückgeführt
hätte ... In acht Tagen spätestens würde er dem Fürsten seine Glückwünsche und
der Fürstin sich selbst zu Füssen legen ...
    So schallen auf der Insel Ceilon plötzlich wunderbare Klänge aus der Luft
... So richtet sich die Blume auf, die nach langer Dürre ein stürzender Regen
erfrischt ... Olympia flog in ihre Garderobe ...
    Tiebold de Jonge hatte inzwischen in einer Empfangsrotunde Gelegenheit, die
Geschichte der alten Kunst zu studiren ... Neun Marmorstatuen zierten sie,
geschmackvoll in Nischen angebracht; sie sowol wie der Mosaikfussboden gehörten
dem wirklichen Altertum an ... Hier war alles echt ... Das alte Rom war hier
noch nicht untergegangen ...
    Später hat es Tiebold oft erzählt, wie ihm der erste Anblick der »kleinen
Heuschrecke«, die nach einer halben Stunde in gelbnaturseidenen, mit grünen
Blättern und bunten Blüten bedruckten Gewändern hereinrauschte, Lexikon,
Grammatik, Alberti's Complimentirbuch in vollständigste Verwirrung brachte ...
Die »gelbe Hexe« wäre viel, viel anziehender gewesen, als er erwartet ...
    Dennoch musste er sich früh erholt haben ... Er »reussirte« schon beim ersten
Grusse ... Benno hätte sich getrost noch acht Tage in Rom können versteckt halten
... Tiebold beschäftigte den Fürsten und die Fürstin schon am ersten Tag mit
all den Erfolgen, die wir als die gewöhnliche Belohnung seiner geselligen
Talente kennen ... Sogar ein Begrüssen der Villa Tibur wurde ihm am ersten Tag
nicht möglich ... Das Französische unterstützte die Verständigung ... Olympia
und Ercolano liessen den liebenswürdigen »Baron« de Jonge nicht wieder frei ...
    Der Brief, die Ankunft Tiebold's hatten sich verspätet ... Folglich
erschien Benno schon am Tag nach dem Siestentraum ...
    Ercolano holte ihn aus Rom ab und er holte ihn im Triumph ... Da hatte denn
der junge Römer den Mann, der es möglich machte, die Geschichte von seinem
»Kampf mit einem Elefanten« zu wiederholen ... »Dies ist der Herr, der mich
damals in Wien -« ... Ercolano erdrückte Benno mit seinen Umarmungen ...
    Und siehe da! ... Als Benno auf Villa Torresani ankam, hatten sich gerade -
Tiebold und Olympia schon bei einem Ausflug in den Gebirgen verspätet ...
    Es konnte kein Wunder nehmen, dass in drei Tagen Tiebold und Benno schon auf
der Villa Torresani selbst wohnten ... Im Garten gab es mehrere, die reizendste
Aussicht gewährende Pavillons ... Diese allerliebsten kleinen Häuschen mit den
grünen Jalousieen! hatte Tiebold seltsam kokettirend zur Fürstin gesagt und
sogleich wurde eines für sie aufgeschlossen ... Es war die Zeit, wo alles auf
dem Lande lebte ... Was wollen Sie in Rom, was in Tivoli! - wo die Freunde sich
eingerichtet hatten im Gastof zur Sibylle - Sie wohnen bei uns! jubelte
Ercolano ... Lucinde wohnte tausend Schritte weiter von den Wasserstürzen
Tivolis ... Weder Benno noch Tiebold hatten sie begrüsst und schon wohnten sie
in dem Pavillon der Villa Torresani ... Die Italiener sind sonst nicht gastfrei
... Hier aber traten Gründe ein, diese beiden jungen Fremdlinge nicht wieder
frei zu lassen ... Schon das erste Zusammentreffen des Besuchs mit einer Visite
der Schwiegermutter, das Hinzukommen anderer Nachbarschaften entschied - ...
Alle sagten: Diese beiden Deutschen werden die Löwen der römischen Gesellschaft!
...
    Tiebold's Kunst, die Menschen und Verhältnisse in Verwirrung zu bringen,
ohne die erstern übermässig zu reizen und die letztern zu unglücklich ausgehen zu
lassen, bewährte sich auf eine bestrickende Art ... Benno konnte in der Tat
einige Tage zweifelhaft sein, ob nicht Tiebold den Sieg davontrug ... Tiebold
hatte sogar den Mut, des Abends sentimental zu werden ... Beim Anblick der
Wirkungen, die er damit auf die junge Fürstin machte, erleichterte sich ihm die
anfangs beklommene Brust, erheiterte sich sein Rundblick auf die Verhältnisse,
in die ihn die Sorge um zwei dem Tod bestimmte Freunde Benno's wider alle
Neigung gezwängt hatten ... Benno, dem die Fürstin noch gleichsam schmollte,
blieb ernst und düster ...
    Nun haben wir's, sagte Tiebold, als Benno das reizende Gartenhaus mit
seiner Aussicht auf das vom Kaiser Hadrian »Tempe« genannte glückselige Tal mit
ihm bezogen hatte und voll Verdruss die glänzende Einrichtung, die bronzirten
Sessel, die Sammtkissen, die Verschwendung an Marmor und Krystall sah, nun
werden Sie eifersüchtig auf mich! ...
    Wir streiten uns, entgegnete Benno, wie zwei Fechter, die zum Tode bestimmt
sind! Auf dem Programm der Niedermetzelungen geschieht dem einen weniger Ehre,
als dem andern! ... Bin ich darum wohl - etwa traurig? ...
    Das Verhältnis Olympia's zu Benno war in Wahrheit dies: Als sie mit Benno
zum ersten male allein war und von Wien zu reden begann, erbleichte sie,
zitterte und verliess, keines Wortes mächtig, das Zimmer ... Um nur Fassung zu
gewinnen, gab sie sich den Schein mit ihm zu schmollen ...
    Eine Täuschung nur ... Sie war auf dem Gipfel alles Erdenglücks ... Sie
ritt, sie fuhr, wie in ihrer fröhlichsten Zeit ... Tiebold machte sich zu ihrem
dienenden Cavalier und sie liess sich's gefallen ... Tiebold plauderte zu
amusant, war immer lebhaft und gefällig - immer »präsent« - das wollen die
Frauen - ... Sie konnte vollkommen mit zwei solchen jungen Männern zu gleicher
Zeit fertig werden ... Tiebold hatte Recht, wenn er sagte: Unsere Tugend rettet
ihr Embarras de richesses! ...
    An lange Einsamkeit und ein ungestörtes Begegnen war freilich wenig zu
denken ... Die Fürstin war eine Neuvermählte, Ercolano rauchte nicht eine
Cigarre ohne sie, trank nicht ein Glas deutscher »Birra« ohne Benno und sein
Leben bestand aus Trinken und Rauchen ... Reiter und Fuhrwerke belagerten die
Tore der Villa Torresani ... Zankte auch wohl der alte Fürst, der aus der Stadt
ab und zu kam, über einen Landaufentalt, der seinen Zweck, zu sparen, gänzlich
verfehlte, so war nun einmal Olympia die Nichte des regierenden Cardinals und
hatte als solche den Zustrom der Fremden und Einheimischen ... Da gab es hundert
Monsignori, die Carrière machen wollten; Aebte, Bischöfe kamen von nah und von
fern; Fefelotti sogar ordnete sich Ceccone's gesellschaftlicher Stellung unter
... Fremde kamen, die aus Kunstinteresse, andere, die aus Frömmigkeit, die
meisten, die aus Geselligkeitstrieb nach Rom wallfahrteten ... Das Princip der
römischen Aristokratie, so unzugänglich wie möglich zu sein, liess sich hier
nicht durchführen ... Olympia wollte nicht aufhören, die Beherrscherin Roms zu
bleiben ...
    Und wie war die Zeit bewegt ... Couriere kamen und gingen ...
Ausserordentliche Botschafter von Neapel, Florenz und Modena gab es zu empfangen
... Schon hörte man von Verhaftungen in Rom ... Von Aufhebung einzelner »Logen«
... Die Gefängnisse der Engelsburg und des Carcere nuovo füllten sich so, dass
die Gefangenen des Nachts, mit starken Escorten, nach Civitavecchia und
Terracina geschickt wurden ... Von ungewöhnlichen Streifcolonnen hörte man, die
durch die Gebirge zogen ... Die Marine Neapels, Sardiniens, Oesterreichs kreuzte
in den Gewässern von Genua, um Sicilien her und im Adriatischen Meere ... Schon
wurden allgemein die Brüder Bandiera als Anführer von Trupps genannt, die
demnächst an verschiedenen Stellen Italiens landen würden ...
    Ceccone, der Benno sehr artig begrüsst und dem devoteren Gefährten Tiebold
die Hand zum Kusse gereicht hatte, war, das beobachteten beide, in äusserster
Aufregung ... Seine Kutsche fuhr hin und her ... Sie wurde regelmässig von zwölf
Berittenen der Nobelgarde begleitet, wenn er nach Castel Gandolfo fuhr, wo der
Heilige Vater eingeschlossen lebte und mismutig über sein Körperleid die
Bullen, Breves und Allocutionen unterschrieb, die man ihm aus den verschiedenen
Collegien seiner Weltregierung überbrachte. Bücher wurden verboten,
Excommunicationen ausgesprochen ... Wächter der Kircheninteressen gab es genug
... Wenn auch der Hohepriester nichts las, als medicinische Schriften, nichts
hören wollte, als ärztliche Consultationen ... Seine Zuflucht war damals, wie
bekannt, ein deutscher Arzt geworden ...
    Olympia hatte in der Tat jetzt keine geringe Abneigung gegen die »Erhebung
Italiens« ... Sie räderte und köpfte - »Ein paar Handschuhe monatlich - Ein
Bedienter nur - Und deine Hemden selbst flicken -«? Mazzini, Guerazzi, Wenzel
von Terschka - jeden erwartete, wenn man seiner habhaft wurde, ein eigener
Galgen ... Bekanntlich unterschreibt der Heilige Vater nie die Todesurteile
selbst; man überreicht sie ihm - wenn er nichts dagegen einwendet, hat die
Gerechtigkeit ihren Lauf ... Man kann die Religion der Milde nicht milder
betrügen! sagte Benno ...
    Als Benno zum ersten mal mit Ceccone beim jungen Rucca dinirte, bedurfte er
der ganzen Erinnerung an die Verstellungskunst - des ihm schon einmal in seinem
Leid aufgegangenen Hamlet ... Er gab jede Auskunft, die der geschmeidige
Priester zu hören wünschte ... Er widersprach keinem Urteil, das sich ja auch
hier nicht berichtigen liess ... Er hörte nur mit Schrecken: Wir wissen alles!
Wir sind unterrichtet über die Personen! Wir kennen die Orte ... Wir wissen, wo
die Fackel der Empörung zuerst auflodern soll! ... Zwanzig Mitglieder der »Junta
der Wissenden« haben auf die Hostie geschworen, mich binnen einem Jahre zu
tödten! ... Ich weiss, dass geloost worden ist! Ich weiss, dass ein Mann in Rom, in
meiner unmittelbaren Nähe leben soll, der die Aufgabe hat, mich zu ermorden! ...
Nun wohlan! Ich will es aufgeben zu forschen - sonst mistrau' ich jedem, der
mich grüsst, jedem, der in die Nähe meines Atems kommt ...
    Eben war bei Tisch gesprochen worden von einigen Königsmördern, die kurz
hintereinander in Frankreich guillotinirt wurden ... Benno horchte, ob bei allen
diesen Schilderungen ein Advocat Clemente Bertinazzi würde genannt werden, der
ihm als Mittelpunkt der Verschwörer in Rom bezeichnet worden und - der ihn sogar
selbst erwarten durfte ... Er erblasste, als Cola Rienzi genannt - Rienzi's Haus
am Tiberstrand geschildert wurde - Bertinazzi wohnte dicht in der Nähe ...
    Niemand sprach von Bertinazzi ...
    Benno bedurfte der neuen Anmahnung seiner Mutter, um in dieser peinlichen
Lage harmlos und unbefangen zu bleiben ... Nur endlich zu Lucinden zu gehen,
beschwor sie ihn ... Immer noch war er nicht auf die Villa Tibur gekommen ...
Die Schwiegermutter Olympiens war wieder einmal mit ihrer Tochter im Streit -
Lucinde sollte »Farbe halten«, und nicht auf Villa Torresani erscheinen ... Das
verlangte die alte Fürstin ... Und die junge verlangte gleiches von ihren
Hausgenossen ... Ceccone emancipirte sich ... Das sahen Benno und Tiebold mit
Erstaunen - Nach den Diners fuhr Ceccone auf Villa Tibur ... Die Voraussetzung,
dass Graf Sarzana dennoch dieser Donna Lucinde in redlichster Absicht den Hof
machte, hörte Benno in der Tat ... Noch hatte er diesen Cavalier nicht gesehen
... Aber die Art, wie in Italien die Ehe geschlossen wird und um ihrer
Unauflöslichkeit willen sich mit allen Verirrungen der Leidenschaft vertragen
muss, hatte er genug beobachtet ... Lucinde - eine Gräfin! ... Er konnte sich
nicht genug die Wirkung davon in Witoborn, Kocher am Fall und in der Residenz
des endlich freigegebenen Kirchenfürsten ausmalen! ...
    Tiebold war nicht mehr zurückzuhalten, Lucinden zu besuchen ...
    Er kam von ihr zurück und hatte sie ausserordentlich vornehm gefunden ... Sie
gäbe Audienzen wie eine Fürstin ... Sie hätte sich höchst bitter über Benno
beklagt, der sie nicht zu begrüssen käme ... Nur die Nähe eines »Conclaves von
Prälaten«, darunter Fefelotti, hätte verhindert, dass er sich darüber ganz mit
seiner »alten Freundin« ausgesprochen - mit ihr, die ihm den Streit über die
Kreuzessplitter als Ursache ihrer gegenwärtigen Anwesenheit in Rom dankte ...
    Olympia hörte diesen Bericht voll Neid und sagte grimmig lachend:
    Benissimo! Die Kammerzofe meiner Schwiegermutter! ...
    Sie aber werden sie nicht sehen ... Ich verbiete es ... wandte sie sich zu
Benno ...
    Benno brauchte sich nicht zu verstellen, wenn er seine Geringschätzung
Lucindens andeutete ... Da aber mahnte jetzt sogar der Cardinal um den Besuch in
Villa Tibur ... Olympia hörte diese Flüsterworte und wollte aufs neue
widersprechen ...
    Benno warf einen einzigen Blick auf sie und sagte: Ich reite morgen hinüber,
Eminenz! ...
    Die junge Fürstin sah empor zu ihm, wollte bitter schmählen, dann schlich
sie still davon ... Welch ein Glück beherrscht zu werden von dem, den man liebt
... Wie gern hätte sie so ihr ganzes Leben ihm zu eigen gegeben ...
    Der Cardinal sah das und verstand alles ... Er lachte dieser demütig
niedergeschlagenen Augen, mit denen sein Kind, erst zornig aufwallend, sich
beherrschte und hinter den Säulen des Esssaals verschwand ... Dergleichen war ihm
an Olympien noch nicht vorgekommen ...
    Am andern Tage fuhr sie dann aber doch mit Tiebold und ihrem Mann nach Rom
- eines Modeartikels wegen, sagte sie - Sie schmollte mit Benno ... Als dieser
fest blieb und bat, ihm ein Pferd nach Villa Tibur bereit zu halten, weinte sie
und zog ihre Fahrt bis zum Abend hinaus ... Lucinde schien ihr die Einzige, die
ihren beiden Freunden gefährlich werden konnte ...
    Benno durfte hoffen, Lucinden allein zu finden ... Er hatte gehört, dass auch
die alte Fürstin in Rom war, wo sie öfter verweilte als auf dem Lande - Pumpeo's
wegen - Seine erste Aufwartung hatte Benno ihr in Rom gemacht ...
    Lucinde, die Benno in so vielen sich widersprechenden Situationen, in Demut
und Glück, in Verzweiflung und Übermut, schön und hässlich, fromm und
heuchlerisch, verführerisch und abstossend gesehen hatte - Sie jetzt auf solcher
Höhe! ... Ihr sich beugen zu müssen, von ihr durchschaut zu werden, sich und
seine Mutter abhängig von ihrer Grossmut, von ihrer Selbstbeherrschung zu wissen
- wohl durfte ihn das alles mit Bitterkeit und Mismut erfüllen ...
    Er umritt das schon im Abendgold schwimmende Tivoli und suchte dem Bett des
Anio von der Seite seines rauschenden Sturzes beizukommen ... Der Lärm des
Städtchens oben, die Schrei-Concerte der Esel, das Lachen und Schwatzen des
Volks, das Begegnen der Fremden hätten seiner Stimmung wenig entsprochen ...
    Anfangs musste er sich vom Rauschen des Wasserfalls in seinen verschiedenen
Spaltungen entfernen, dann kam er ihm wieder näher ... Vögel flogen über ihn
her, wie aufgeschreckt vom Donnerton der stürzenden Gewässer. Sie flogen zur
Linken - Unglücksboten, wie er nach antikem Glauben sich sagen durfte beim
Anblick des wohlerhaltenen Vestatempels, der oben auf der Höhe schimmerte, und
in Erinnerung an die Sibylle Albunea, die einst hier die Orakel verkündete ...
    Liegt die Villa Tibur so nahe dem Rauschen des Anio? sprach er zu sich
selbst und gedachte - Armgart's, die einst so im Rauschen der Mühlen von
Witoborn Ruhe und ihre Aeltern gefunden hatte ...
    Die schon dunkle Schlucht mit ihren silbernen Schaumterrassen, ihren
feuchtkühlen Grotten, ihrem wilden Baum- und Pflanzengewucher blieb zur Rechten
... Villa Tibur lag noch höher in die Berge hinaus ... Nur wie ein fernes
Meeresrauschen, immer gleich, immer rastlos, nie endend als nur durch die
einstige Zerstörung dieser Felsen beim Weltgericht - so musste der Sturz
vernommen werden in der kleinen Villa, die sich durch Olivenwälder und
Bergzacken endlich unterscheiden liess ...
    Hoch oben glänzte noch der goldene Sonnenschein, der hier unten im Geklüft
schon fehlte ... Die Cypressen an der endlich erreichten Torpforte standen so
ernst, wie nebenan einige Hermen ... Ein Reitknecht in Livree war zunächst zur
Hand, der schon ein Ross am Zügel hielt ... Das Ross des Grafen Sarzana! dachte
Benno ... In der Tat war dieser der Herr des Knechts ... Er erwartete ihn,
sagte er, jeden Augenblick von oben ... Gleich an der Pforte, lag ein
Wirtschaftsgebäude, wo, wie Benno sah, an Dienern kein Mangel war ... Ihnen gab
er zur Hut das Pferd aus Ercolano's, ihres jungen Fürsten, Stall ...
    Ueber sich schlängelnde und terrassirte Wege ging es aufwärts zur Villa, die
sich an Grossartigkeit mit Villa Torresani nicht messen konnte ... Sie war so
klein, dass Lucinde hier höchstens nur zwei Zimmer bewohnen konnte ... Schön aber
war auch sie, wenn auch altertümlicher, als die auf der andern Seite des Berges
... Die Decke des Vestibüls entielt Lunettenbilder von ersten Meistern ... Der
Garten bot Laubengänge und Boskets ... Man zeigte einen Gang hinunter, den die
Weinrebe aus lieblichen Guirlanden bildete ... Dort sollten Donna Lucinda und
Graf Sarzana verweilen ... Dieser Gang endete in einem Rundbogen von
geschnittenen Myrten ...
    Hob sich hier vom dunkelgrünen Hintergrund in blendendweissem carrarischen
Marmor eine in Schilfblättern kniende Nymphe mit einem Schöpfkrug als eine
Erinnerung an die Wasserwelt des fernher rauschenden Anio an sich schon
bedeutungsvoll ab, so noch mehr die an das Postament dieser Gruppe gelehnte
Gestalt Lucindens ...
    Benno sah, was das Glück vermochte ...
    Lucinde, die in St.-Wolfgang von der alten, über die Alpen ihrem Pflegling,
dem Bischof, gefolgten Renate verachtet wurde, von Grützmacher nach einem
Steckbrief verglichen, von Tante Gülpen aus der Dechanei verwiesen, Lucinde, die
sich in der Residenz des Kirchenfürsten nur durch Nück's Interesse für sie
erhielt, die nicht unverdächtig der Teilnahme an einem Verbrechen auf Schloss
Westerhof geblieben war - sein Beichtwissen durfte Bonaventura auch an Benno
nicht verraten - sie, die Bonaventura in Männerkleidern nach Wien gefolgt war -
soviel hatte Benno von ihm erfahren - sie, ein Kind der Armut, in ihrer ersten
Jugend eine Magd - ... Da stand sie jetzt - in einem purpurroten Kaschmirshawl,
den sie um beide Arme geschlungen hielt ... Ihr weisses Gewand lag eng an ihrer
schlanken Hüfte ... Ihr Haar, um den Kopf in Flechten gewunden, war frei ... Im
starren Auge lag die alte Unheimlichkeit des Blicks, ihre Rache an dieser Welt
für etwas, das sie vielleicht selbst nicht angeben konnte ... Ihre blinzelnde
Augenwimper, ihre leise, zurückhaltende Sprache ... Letztere schon in der
Todtenstille angedeutet, die Benno antraf, obgleich ihr gegenüber auf seinen
langen Degen sich stützend Graf Sarzana stand, den bebuschten silbernen Helm in
der Hand ... Dennoch unterhielten sie sich ... Benno konnte den Bewerber erst
erblicken, als sein Fuss schon in die Myrtenrotunde eingetreten war ... Vorher
stand nur Lucinde seinem Auge ersichtlich - Sie, die Richterin über das
Geheimste, was mit seinem Dasein zusammenhing ...
    Herr von Asselyn! sprach Lucinde Benno dem Grafen vorstellend - ohne einen
Schritt weiter zu gehen oder sich in ihrer Stellung zu verändern ...
    Zu Benno sagte sie lächelnd: Kommen Sie also endlich? ...
    Sie hatte den Ankommenden schon beim Absteigen vom Pferde gesehen und längst
ihrem Blute Ruhe geboten ...
    Graf Sarzana hatte sich eben entfernen wollen ...
    Benno betrachtete Lucinden, die so ruhig tat, als hätte sie ihn erst
gestern zum letzten mal gesehen, betrachtete den Cavalier, der in so seltsamer
Umstrickung lebte ... Beide mit dem grössten Befremden ... Graf Sarzana war ein
Mann zwischen den Dreissigen und Vierzigen ... Seine Augen ruhten auf Benno mehr
finster, als freundlich ...
    Er verneigte leicht sein Haupt und sagte, dass er schon von Signor d'Asselyno
gehört hätte ... Benno hatte auf den nahe liegenden Besitzungen des Cardinals
Verwandte des Grafen gesprochen, die da und dort die Oekonomie verwalteten ...
    Ein Brautpaar konnte Benno kaum zu sehen glauben ...
    Die Kälte und Ruhe Lucindens war der Ausdruck der höchsten Abspannung ...
    Graf Sarzana schien aufgeregter, wenigstens stand ein unausgesetztes
Streichen der Haare seines Helms mit seiner scheinbaren Ruhe im Widerspruch ...
    Unwillkürlich bot sich für Benno die Vergleichung mit Paula und dem Grafen
Hugo ... Wie anders dies Gegenbild! ...
    Der Abschied des Grafen verzögerte sich ...
    Benno's scharfes Auge glaubte einen gemachten Zug von Verachtung vor dem
sich Empfehlenden auf Lucindens Lippen zu sehen; sie wollte wohl nur damit an
ihre Liebe für Bonaventura erinnert haben ... Aber auch der Graf schien nur eine
eingelernte Rolle zu spielen ... Zwar blieb er artig und plauderte noch einige
Dinge, die einen Fremden interessiren durften. Die Stunden, wo der Heilige Vater
seine Segnungen erteilt, sind jedem Fremden in Rom von Wichtigkeit; sie sind
das, was anderswo die Wachparaden und Manöver. Einige Paläste, einige Sammlungen
sind schwer zugänglich ... Graf Sarzana's Erbieten zur Vermittelung war
freundlich ... Auch schien er unterrichtet und behauptete Sammler zu sein ... Er
bewunderte, wie beide Deutsche sich in die italienische Art gefunden hätten,
rühmte die deutschen Schulen und schien vorauszusetzen, dass Lucinde eine
Erziehung genossen hätte, die ihr die Kenntnis des Lateinischen schon durch die
Fürsorge des Staats verschafft hätte ... In allem, was er sprach, lag ein Anflug
von Ironie ...
    Graf Sarzana hatte auf ein Convolut von Papieren gedeutet, das auf einer
Bank lag ...
    Das sind deutsche Acten! sagte Lucinde und fuhr fort: Der Graf tut, als
wenn ich so frischweg die Gedichte lesen könnte, die drüben auf den Wasserfall
Catull gemacht hat! ... Ich verstehe das Breviarium - Das ist alles ...
    Der Graf tat, als hinderte ihn am Gehen eine Zärtlichkeit, die Benno für
gemacht halten musste ...
    Er wollte Lucinden die Hand küssen, die ihm diese mit Koketterie entzog ...
Ihre Reserve hatte immer etwas Anlockendes ... Der Graf hörte in der Ferne das
Stampfen und Wiehern seines schönen neapolitanischen Rosses und konnte nicht
fortkommen ...
    Unter anderm sprach er von einem Fest, das der Heilige Vater noch dem jungen
Rucca'schen Ehepaar nachträglich geben wollte ... Es war eine Gunstbezeugung,
die nicht zu selten erteilt wird, ein Mahl im Braccio nuovo des Vatican ... Die
dort aufgestellten Meisterwerke der alten Bildhauerkunst werden dann im Glanz
der festlichsten Beleuchtung gesehen ... Lucinde kannte diese Wirkung noch nicht
und bedauerte, dass nur Eine Dame, die die Honneurs macht, dabei zugegen sein
dürfte - diesmal Olympia ... Der Vatican, bestätigte Graf Sarzana, gilt
allerdings für ein Kloster ... Lucinde kannte allerlei Ausnahmen von der Regel
der Klöster ... Ihr Lächeln konnte beim Nennen der im Braccio nuovo
aufgestellten Sculpturen dem Vorfall mit dem von Torwaldsen restaurirten
Apollin gelten ... Sie tat, als sähe sie ganz die Furcht, die Benno schon in
Wien hatte, für die junge Fürstin das zu werden, was dem Übermut des Kindes
jene Statue gewesen ... Ihr Blick blieb forschend ... Inzwischen zeigte sich der
Graf unterrichtet über die Meister und die Schulen, denen jene Bildwerke
zugeschrieben werden ...
    Endlich ging er und bald hörte man nur noch das Klirren seiner Sporen, bald
nur noch den Hufschlag seines dahinsprengenden Rosses ...
    Nun kommen Sie! sagte Lucinde. Wir haben dort einen bequemeren Platz und ich
bin ermüdet ...
    Sie deutete an, dass sie den Grafen nicht im mindesten liebte und von seiner
Bewerbung nur fatiguirt würde ...
    Mit einigen Schritten befand man sich in einem ringsumschlossenen traulichen
und völlig einsamen Bosket, wo mehrere gusseiserne Sessel standen ...
    So finden wir uns wieder! ... sprach sie jetzt ... Und ich sehe schon - Sie
kommen voll Zorn auf mich! ... Hat mich die Herzogin so verklagt? ...
    Im Gegenteil, erwiderte Benno, des Mädchens, ihrer Umgebung, ihrer Haltung
staunend; meine Mutter riet mir, mit Ihnen Frieden zu schliessen ... Sie wissen,
ich habe das immer als das beste Mittel erkannt - mit Ihnen auszukommen ...
    Ein Lachen deutete an, dass sie sich nicht verletzt fühlen wollte ...
    Nun, nun, sagte sie, verwundern Sie sich nur erst recht aus! ... Ja, das ist
hier Italien, das ist Rom, die Villa des Mäcenas drüben - das hier Villa Tibur!
... Nicht wahr, wer das alles von Ihrem und unserm Leben geahnt hätte, als ich
unreifes Kind auf Schloss Neuhof lebte, unter Männern voll Grausamkeit und Tücke,
von denen der ärgste Ihr Vater war! ... Der beste von allen - war mein guter,
närrischer Jérôme, Ihr - Bruder! Seltsam! Ich hatte dort schon Träume, die mir
alles zeigten, was seiter eingetroffen ist ... Ich sah Ihre Mutter - wie oft! -
in den Kellern des Schlosses ... Ich sah die alte Hauptmännin Buschbeck mit der
Giftschale in der Hand ... Ich sah das Dasein Ihrer Mutter in den Visionen Ihres
Vaters ... Wie ich Ihnen dann zum ersten mal an der Maximinuskapelle begegnete!
... Wissen Sie noch? Sie trugen den roten Militärkragen jener blonden,
hellblauäugigen Sandlandsklugheit, der Sie Gott sei Dank! Valet gesagt haben ...
Frau von Gülpen ahnte schon meine Mitwissenschaft an so manchem und wies mich
deshalb aus der Dechanei ... Wie ich diese stille Stätte des Friedens und der
Hoffnung verlassen musste, brach mir das Herz ... Ihr Onkel war so gut ... Und
Ihnen ist er der Retter Ihres Lebens geworden! ... Ich liebe, im Vertrauen
gesagt, die Reue nicht, ganz wie die Spinozisten - alle Magdalenenbilder sind
mir schrecklich - Aber schön und ein ganzes Leben verklärend war Ihres
Pflegvaters Reue über einen schlimmen Anteil, den er doch wohl auch an Ihrem
Dasein hatte - denn der Kronsyndikus war sein intimster Freund ... Wie geht es
dem Dechanten? ...
    Er freut sich jeder frohen Botschaft aus Italien ...
    Grüssen Sie ihn von mir! ... »Frohe Botschaften aus Italien!« ... Kämen ihrer
nur mehr! ... Ich fürchte, ihr, ihr gerade siedet und kocht ihm nichts, was ihn
laben wird ... Euer Bischof bringt ein Ungestüm über die Berge, das diesseits
nicht am Platze ist ... Wer ist denn nur jener Eremit, um den er sich noch ins
Verderben stürzt? ... Ein Deutscher! ... Erinnern Sie sich Ihrer Scherze zu dem
Gypsfigurenhändler, als wir über den St.-Wolfgangberg keuchten? ... Halt!
unterbrach sie sich plötzlich ... Ich vergass die Papiere, wo wir standen ...
Holen Sie sie mir! ...
    Benno folgte, wie von einem mächtigen Willen regiert ... Er hörte und hörte
nur ... Ueber den Eremiten hatte sie harmlos und sozusagen waffenlos gesprochen
...
    Nach wenigen Schritten war Benno zurückgekehrt und gab Lucinden ein Pack
sauberer Velinpapierbogen, die deutsche Scripturen entielten ...
    Sie war aufgestanden und setzte sich wieder ...
    Sie ahnen schwerlich, was diese Papiere entalten! - sprach sie, das
Convolut neben sich legend ...
    Sie verwies ihn auf den nächsten Stuhl ...
    Ich höre, Sie und Klingsohr sind die Referenten der Curie in deutschen
Angelegenheiten geworden! erwiderte Benno ... Wir haben, wissen Sie gewiss, eine
Reformation in Deutschland ... Sind das die betreffenden Actenstücke? ...
    Sie schüttelte den Kopf, liess den angeregten Gegenstand fallen und fixirte
nur Benno mit prüfenden Blicken ...
    Seltsam! sagte sie ... Ihr Haar ist von der Mutter ... Die Augen haben Sie
vom Vater ... Ihr Blut scheint von Natur langsam zu fliessen, wie - durch Kunst
bei Ihrer Mutter ... Ihr Verstand, der ist hitzig, wie beim Kronsyndikus - und
wissen Sie, ich hätte Sie schon in St.-Wolfgang mit ruhigem Blut in allerlei
Unglück sehen können - Nicht dafür, weil Sie kein Interesse für mich hatten -
Armgart hatte es Ihnen schon damals angetan - Nein, Sie trugen den Kopf so
schrecklich hoch - um Ihrer Klugheit willen! ... Das haben Sie ganz von Ihrem
Vater ... Der konnte auch jedem einen Taler geben, wer ihn klug nannte ... Ich
lästere ihn nicht ... Mir war der Schreckliche gütig ... Nur zuletzt nicht mehr
... Hätt' er mich da noch aufrecht gehalten, ich würde nicht so elend in die
Welt hinausgefahren sein ... Es - ist - nun so ...
    Dafür machen Sie jetzt Ihren Weg! fiel Benno mit Bitterkeit ein ... Wann
werden Sie Gräfin Sarzana sein? ...
    Sie hörte auf diese Frage nicht, sondern sagte träumerisch:
    Wenn ich rachsüchtig wäre ...
    Manche bezweifeln Ihre Grossmut - ...
    Und wenn ich sie nun nicht hätte, habt ihr mich nicht dahin kommen lassen?
...
    Etwa auch meine arme Mutter? ...
    Der Herzogin, das ist wahr, war ich zu Dank verpflichtet; aber sie war nicht
gut gegen mich ... Wir Frauen wissen, dass wir Ursache haben, uns im Leben an
eine starke Hand zu halten ... Nun finde ich hier vielleicht eine solche ...
Konnt' ich ertragen, dass Ihre Mutter über mich lachte und ihrem Briefwechsel mit
Ihnen, den ich voraussetzen durfte, Ihre und des Bischofs Urteile über mich
entnahm und weiter verbreitete? ... Ich leugne nicht meine Herkunft und meine
ehemalige Lage ... Ich weiss auch, dass mich im Leben noch niemand gemocht hat,
und habe mir längst darüber mein System gemacht. Ich ahne sogar - im Vertrauen -
dass auch diese Herrlichkeit hier bald zu Ende sein wird ... Aber was ich mir an
Unglücksfällen ersparen kann, das will ich denn doch nicht unterlassen haben.
Ihrer Mutter, einer höchst gefährlichen, völlig in sich unklaren, halb
ehrlichen, halb listigen Frau, einer echten Italienerin, musst' ich einen
Vergleich anbieten ... Ich will wünschen, dass sie die Bedingungen ebenso hält,
wie ich sie halte ... Sie sind mit der jungen Fürstin Rucca intim, fragen Sie
sie in einer Schäferstunde, ob ich geplaudert! ... Selbst über Armgart werden
Sie sie nicht unterrichtet finden - Sie Ungetreuer! Was wird Armgart sagen!
Nicht nur Sie, sondern auch Herr de Jonge brechen ihr die Treue! ... Meine
Herren, sie erfährt alles! Darauf verlassen Sie sich ... Herr von Terschka wird
sie von allem in Kenntnis setzen ... Apropos, hüten Sie sich doch vor den
politischen Grillen Ihrer Mutter ...
    Benno musste anerkennen, dass der Ton des Wohlwollens durch alle diese Reden
klang ... Dennoch lag er auf der Folter und hätte mit einem einzigen Wort die
Maske seiner Selbstbeherrschung abwerfen mögen ...
    Werden Sie den Namen Asselyn behalten? fragte Lucinde nach einer Weile ...
    Benno konnte die quälende Erörterung nicht mehr pariren ... Auch sah er, dass
sich ihr Sinnen immer mehr und mehr auf den Bischof richtete ...
    Der Name Asselyn - erwiderte er - klingt dem Italiener nicht fremd - ...
    Der Präsident, Ihr Bruder, ist kinderlos - fuhr sie fort - Wenn Sie da -
Nein, nein - lassen Sie die Wittekinds aussterben! Bleiben Sie der rätselhafte
»Sohn der Spanierin«, der Neffe des guten Dechanten, ein Asselyn! ... Ich habe
mir viel Mühe gegeben, hinter Ihr Geheimnis zu kommen, das ist wahr ... Aber es
wissen nicht mehr darum, als der Bischof, ich, ohne Zweifel der Dechant und
meine alte Freundin, Frau von Gülpen ... Aber Tiebold de Jonge scheint
eingeweiht ... Das ist töricht ... Sie müssen ihn freilich erprobt haben ...
Ganz so dumm, wie Piter Kattendyk ist er nicht ... Sagen Sie, wie können Sie
Dergleichen um sich ertragen! ...
    Benno erhob sich und sagte halb scherzend, halb im Ernst:
    Nun wollen wir von den neuesten mailänder Moden sprechen ... Sonst erleben
Sie, dass ich Sie auf Pistolen fordere ...
    Pistolen! sagte sie kopfschüttelnd. Auch das kommt, in Italien nicht vor ...
Wer uns hier beleidigt, fällt durch das Stilet eines Rächers, den man dafür
bezahlt ... Das ist schrecklich und doch - ist es nicht eine unendliche Wonne,
aus den deutschen Verhältnissen erlöst zu sein? ... Rom hat seine Lügen, seine
Schlechtigkeiten - aber dieses Mass von schwatzhafter Tugend, eitler Sittsamkeit,
biederer Langeweile von jenseits der Berge gibt es hier gar nicht ... Erzählen
Sie mir aber -! ... Ja wie geht es Nück? Ich weiss durch Herrn de Jonge, dass er
ohne seine Frau in Wien ist und noch unentschlossen sein soll, ob er nach dem
Orient geht oder nach Rom ...
    Ein solches unentschlossenes Umherblicken wird seine Halsschmerzen vermehren
...
    Sie sind boshaft! ... Lucinde errötete und schwieg ...
    Woher erfuhren Sie die näheren Umstände meines Geheimnisses? Gewiss ist
vorzugsweise Nück beteiligt? ... begann Benno, der endlich mehr die Oberhand
gewann ...
    In diesem Augenblick läutete es von Tivoli herüber ... Lucinde senkte den
Blick und sprach für sich den englischen Gruss ...
    Benno durfte der frommen Sitte sich nicht entziehen ...
    Darüber hatte sie Zeit gewonnen und kam auf die verfängliche Frage wegen
Nück nicht zurück ...
    Die Dämmerung war hereingebrochen ... Ueber die Höhen des Gebirgs sah man
Streifen des Monds schimmern, die bald ihr mildes Licht über die dunkelnde
Schlucht verbreiteten ...
    Lässt mir der Bischof nichts, gar nichts sagen? begann Lucinde ...
    Nein! erwiderte Benno und sprach der Wahrheit gemäss ...
    So war es ja immer, sagte sie mit stockender Stimme ... Lieblos entzogt ihr
mir die rettende Hand! ... Hinweggeschleudert habt ihr mich wie ein Wesen ohne
Bildung! ... Wie hab' ich gerungen nach euerer Freundschaft, nach euerer
Schonung nur ... Kalt, grausam habt ihr mich zurückgestossen! ... Nun musst' ich
mir freilich selbst helfen ... Das ist die grösste Feigheit der Männer: Ein Weib
um ihrer Torheit willen leiden sehen und sie dann auf Vernunft und Besinnung
verweisen ... Vernunft und Besinnung haben wir ja nicht ... Nur in der Tat,
sei's der Tat der Liebe, sei's dem Rausch des Wahns oder dem Klagegeschrei der
Enttäuschung, nur in Handlungen und Zuständen sind wir, was wir sind ...
Vernunft und Besinnung! ... Nachdenken und Reflexion! ... Was soll das uns! ...
Ich vergebe dem Bischof - doch nie, was er alles, alles an mir getan hat ...
    Benno wusste kaum, was er einem weiblichen Wesen erwidern sollte, das auf
einen katolischen Priester Rechte der Liebe zu haben behauptete ... Er begnügte
sich, die Wildaufgeregte zu beruhigen mit einem einfachen und ironischen:
    Sie beteten doch eben voll Frömmigkeit das Ave Maria - und verlangen das
Unheiligste ... Sie haben nie das Gemüt dieses edelsten der Menschen verstanden
...
    Ein Gemüt ist's, wie das dieser Bildsäule! sagte Lucinde zornig ... Als
wenn ein Priester von seinen Gelübden sprechen könnte, der sie doch einer andern
gegenüber nicht hält! ... An jenem Abend auf dem Friedhof von St.-Wolfgang
schon, wo wir unter den - - Gräbern wandelten, funkelten die Sterne herab, als
wollten sie sagen: Halte sie doch fest, die Stunde der Versöhnung! ... Sieh,
dies wahnsinnige Weib, so sprachen die Sterne, hat zwei Jahre geschmachtet nach
Wiedervereinigung mit dir! Nun kommt sie und pocht, voll Hoffnung an deine
Hütte! Du - du opferst sie aber schon der alten Magd, die dich bedient! ...
Lachen Sie nicht! - Die Sterne sprachen mehr ... Sie sagten: Du schmähst ihre
Verehrung, die so ganz ohne Interesse, nur ein reines Opfer der Liebe ist! - Ich
bin um diesen Mann katolisch geworden - ich wäre schon glücklich gewesen, nur
dann und wann mit ihm sprechen zu dürfen ... Dass ich seine Magd hätte sein
können, mich wirklich als Bäuerin bei Renate verdingen, davon will ich gar nicht
reden ... Ich war heimisch in ihm, als ich ihn das erste mal sah ... Ich fand
einen Menschen wieder, der todt war und in ihm sein Testament zurückgelassen
hatte ... Schon damals, als Ihr Vetter geweiht wurde, kannte ich seine Zukunft;
ich kannte die ganze kommende Zerrissenheit seines Gemüts; wusste, dass er dort
enden würde, wo er jetzt steht - an einem furchtbaren Abgrund, den nur noch
seine äussere Würde deckt ... Ich kannte alles, was ihm über die Leiden dieses
Daseins hinweggeholfen hätte ... Er verschmähte es ... Nun folg' ich dem Ruf in
die Dechanei, erlebe die Demütigung, zum Hause hinausgeworfen zu werden; ich
klammere mich an den Saum seines Kleides, an den Teppich der Altäre, die sein
Fuss berührt; ich wage mich in die schwierigsten, demütigendsten
Lebensverhältnisse, nur um eine Erhörung meines - um Güte und Vertrauen - Gott,
ich sage nicht: um Liebe - verschmachtenden Herzens zu finden ... Keine Hülfe!
... Nichts als die kalte Sprache der Lehre und Ermahnung ... Mit der Zeit konnt'
ich ihm furchtbar erscheinen, konnte ihm drohen, ich tat es auch - ... Als ich
dennoch mich bekämpfte, dennoch von dem beweinenswerten, rasenden, wahnsinnigen
Gefühl für diesen Mann mich beherrschen lasse, alle meine Waffen senke, sind'
ich noch immer keine Regung der Versöhnung, kein Wort der Güte, keines des
Vertrauens! ... Noch in Wien stösst er den Nachen zurück, auf dem ich mich zu ihm
geflüchtet ... Das ist wahr - er nahm mir in Wien eine Bürde ab, die mich zum
Tod niederdrückte - aber kaum fliessen meine Tränen, so lässt er mich auch wieder
hinaus auf die stürmende See in ein Leben, das bisher nur Not und Demütigung
mir gebracht ... Jetzt hab' ich einen kurzen Augenblick des Glücks! Er macht -
euch alle schwindeln ... - Mich nicht! Ich weiss, was ich tue! ... Ja! Wie eine
Bettlerin - will ich nicht wieder vor euern Türen stehen! ...
    Lucinde war aufgestanden ...
    Benno erbebte vor ihrem Blick ... Er fürchtete für Bonaventura's schwierig
gewordene Stellung ...
    Sie sind bei alledem dem Bischof wert ... sagte er und mit voller
Ueberzeugung ...
    Sie anerkannte diese Äusserung, fuhr aber fort:
    Weil er mich fürchtet! Weil ihr alle mich fürchtet! ... Ich habe mich
freilich rüsten müssen gegen euch! Gesucht hab' ich nichts - ich fand alles von
selbst ... Auf dem Schloss Ihrer Väter hab' ich schon als Mädchen von sechzehn
Jahren die sibyllinischen Bücher aufgeschlagen gesehen und verstand nur noch
nicht die Zeichen, die in ihnen wie durchstochene blutige Herzen funkelten ...
Jetzt liegt mir jeder Traum der Kindheit offen ... Ich verstehe das Wimmern und
Seufzen in den Ulmen des Schlossparks von Neuhof, ich sehe die Verwirrung euerer
ganzen Familie und euer - tragisches Ende ... Mit dem Bischof hab' ich Mitleid
... Er liebt, ein umgekehrter Jupiter, statt eines Weibes eine Wolke ...
Erzählen Sie mir von Paula! Ich denke, ich verdiene, dass Sie sich's etwas kosten
lassen, mich wenigstens - zu unterhalten ...
    Diese Worte waren freundlich ... Benno musste ihr den vorangegangenen Ton des
übermütigen Emporkömmlings vergeben ...
    Sie setzte sich wieder ...
    Benno sollte es ebenfalls tun ... Angezogen hatte sie ihn niemals so wie
heute ... Die Leidenschaft verjüngte Lucinden zu ihrer ersten Jugendschönheit
... Ja sie fiel sogar in ihren naiven »Hessenmädchen«-Ton ...
    Also - Paula! Bitte, bitte! ... Erzählen Sie! ...
    Ich kann Ihnen nur erzählen, sagte Benno, was alle wissen! Ich ehre den
Bischof zu sehr, als dass ich ihm durch unberufene Fragen Gelegenheit geben
sollte, sich über Gefühle auszusprechen, die ihm schmerzlich sind - ...
    Die Wunde nicht berühren, heilt sie euch! ... schaltete Lucinde ein ...
    In den meisten Fällen ist es auch so ... Ob beim Bischof und bei Paula - ich
weiss es nicht ... Ich kann nur berichten, dass dieser Ihnen so undankbar
erscheinende Bonaventura an Verklärung und Hoheit der Gesinnung von Tage zu Tage
wächst ... Er entschwebt dem Irdischen und ich mag ihn durch Fragen nicht
niederziehen aus seinen reinen Höhen ... So viel aber weiss ich, dass doch Er es
war, der Sie vor allen mislichen Folgen Ihrer Verbindung mit Nück geschützt hat
... Ich weiss, Graf Hugo gab seine Absicht, die Urkunde anzuzweifeln, erst nach
einer langen Unterredung mit dem Bischof auf ...
    Lucinde horchte ...
    Sagen Sie selbst, fuhr Benno fort, was hätte den Bischof verhindern können,
dem Grafen zu raten: Handeln Sie getrost nach allem, was Ihnen Terschka
mitgeteilt hat! Zu offen lagen aller Welt die rätselhaften Vorgänge des
Brandes in Westerhof. War ich nicht selbst ein Zeuge derselben? Dieser Bruder
Hubertus - der - leider - so rätselhaft auch - jetzt verschollen ist - ...
    Den ich unter die Räuber und Mörder schickte? ... sagte Lucinde verächtlich
...
    In der Tat - überall stellen sich seiner Vernehmung eigentümliche
Hindernisse entgegen ... Den Dionysius Schneid hat er gerettet, hat die Hälfte
seiner Erbschaft aufgenommen und nach London geschickt, wohin dieser Mensch,
unzweifelhaft ein Brandstifter, über Bremen entkommen sein soll ...
    Also wer und was schützte mich - - vor dem Zuchtause? ... unterbrach
Lucinde ...
    Wenigstens vor der Anklagebank schützte Sie Graf Hugo von Salem-Camphausen
... Er tat dies infolge einer Bürgschaft, die doch ohne Zweifel nur der Bischof
für Sie übernahm ... Er mag dem Grafen Dinge über Sie gesagt haben, die Ihnen
nicht würden gefallen haben; aber sie bestimmten ihn, sich dem Unvermeidlichen
zu fügen ... Er hat die Urkunde anerkannt - ...
    Lucinde hätte gern gesagt: So kann also euer Bischof wirklich auch - lügen?
... Sie hörte nur voll Spannung über die Folge von Bekenntnissen, von denen
Benno nicht einmal zu wissen schien, dass sie in kirchlicher Form stattgefunden
hatten ...
    Dann, fuhr Benno fort, erfolgte die Verständigung mit Schloss Westerhof ...
    Worin lag zuletzt für Paula die Bürgschaft des Wertes, den Graf Hugo, nach
dem Zeugnis, das der Bischof ihm ausstellen sollte, ihr haben durfte? fragte
Lucinde ... Die Bedingung, die Paula gestellt haben soll, kannte ja die ganze
katolische Welt ...
    Ich denke in der Art, sagte Benno, wie Graf Hugo die Ergebnisse seiner
Rücksprache mit Ihnen aufnahm ... Beide Charaktere lernten sich zum ersten mal
kennen, sprachen sich aus und schätzten sich ...
    Ganz und ohne Rückhalt? zweifelte Lucinde lachend ...
    Ich traue ihm zu, dass er ehrlich zu Bonaventura sagte: Sie lieben die Gräfin
Paula! ...
    In der Tat? ...
    Sie freilich glauben nicht an Wahres und Gutes in dieser Welt ...
    Nie an den Sieg des Wahren und Guten ...
    So weiss ich keine andere Erklärung ... Der Graf kennt ebenso Paula's
Empfindungen für Bonaventura wie Bonaventura's für Paula ... Dieser blieb mit
jenem einen Tag auf Schloss Salem allein und die Folge war die Reise des Grafen
nach Westerhof ...
    Eine Andeutung, dass der Graf - katolisch werden wird! sagte Lucinde. Er hat
unsere Religion in den Bekenntnissen eines Priesters achten gelernt ... Was sagt
die Mutter dazu? ...
    Benno schwieg eine Weile ... Er wusste allerdings, dass der Graf seit jener
Unterredung von der tiefsten Verehrung Bonaventura's durchdrungen war ... Er
wusste, dass die alte Gräfin auf Castellungo sich auf Grund dieser Verehrung mit
bangem Herzen zum Bischof von Robillante verhielt und die Freundschaft des
Grafen für den Bischof nur deshalb nicht nachdrücklicher bekämpfte, weil dieser
ihre Teilnahme für die Waldenser und für den Eremiten Federigo teilte ...
    Benno erstaunte, dass Lucinde, die alles wusste, was ihn und Bonaventura
betraf, nicht in diesem Eremiten den Vater Bonaventura's sah ...
    Alle diese Rückhaltsempfindungen verbarg er unter den Worten:
    Die beste Religion, die wir haben könnten, wäre eine auf die Erkenntnis der
tiefsten und edelsten Möglichkeiten und Fähigkeiten unserer Menschenbrust
begründete! Liebe, Freundschaft, Vertrauen, alles Edle im Menschenherzen - ich
dächte, das ist die einzig wahre Bürgschaft der Gottesnähe ...
    Lucinde zeigte auf den kleinen Vestatempel, der auf der Höhe des Gebirges
über dem Katarakt wie ein weisser Nebelring schwebte ...
    Sogar Benno von Asselyn schwärmt! sagte sie. Nein, diese Religion, die Sie
da nennen, ist keine ... Oft schon hat die Gotteit versucht, ob sie sich im
reinen Menschentum offenbaren könnte ... Die Götter kamen auf die Erde in allem
Reiz der menschlichen Phantasie ... Da verwilderten sie ... Dann kamen sie noch
einmal im Reiz des menschlichen Duldens ... Auch das - im Vertrauen gesagt -
erlag - für den Denker ... Die Götter wohnen jenseits dieser Welt ...
    Es war still ringsum ... Das Dunkel mehrte sich ... Lucinde warf ihre
religiöse Maske ab ...
    Aber als wenn sie Reue darüber befiel, so ergriff sie die Papiere, erhob
sich und deutete auf einen Weg zur Villa, wo es heller war ...
    dabei sprach sie:
    Sie haben ganz Recht! Paula, Graf Hugo und Bonaventura gehören einer
einzigen Kirche an ...
    Doch die Kinder? sagte sie plötzlich, zu den Religionsformen der Erde
zurückkehrend und des oft an ihr nagenden Bundes gedenkend, den der heilige
Franz von Sales gerade mit einer verheirateten Frau, mit der Stifterin der
Visitandinen geschlossen - ...
    Nein! Nein! beantwortete sie sich selbst ihre Frage ... Die werden nicht
kommen! ... Wenigstens nach dem Urteil der Aerzte nicht - Die Gräfin hat ihre
Visionen noch immer ... Sogar jetzt in Witoborn, wohin sie nach dem wiener
Winter mit dem Grafen gereist ist ... Die in Salem heftig eintretende Rückkehr
ihrer Visionen, die Aufregung derselben für Wien, das Andrängen der Aerzte, die
Neugier der Forscher und Träumer brachten beim Grafen den Entschluss zu Wege,
seine Güter um Westerhof zu besuchen ... Vielleicht regte sich in Paula die
Sehnsucht nach des Obersten von Hülleshoven magnetischer Hand ...
    Ueberraschend! entgegnete Benno ... Diese Nachrichten hatten wir selbst noch
nicht in Robillante ... Woher wissen Sie alles das? ...
    Unwillkürlich fiel sein Blick auf die Papiere, die ihm Lucinde entzog ...
Seine Neugier musste sich steigern, als sie fortfuhr:
    Auch Sie sollten nun doch für immer in Rom bleiben und sich hier nützlich
machen ... Sie sollten Partei ergreifen ... Wem kann das Glück mehr lächeln als
Ihnen? ... Fürchten Sie sich doch nicht so sehr vor einem Roman mit Olympia
Rucca! ... Die Zeiten sind vorüber, wo böse Frauen ihre ausgenutzten Liebhaber
vom Turm zu Nesle stürzten ... Jetzt geben sie ihnen Anstellungen und manchmal
sogar - Frauen ... Bleiben Sie in Rom! Nehmen Sie hier eine Stelle, die nicht zu
gebunden ist! ... Schon liess Sie, hör' ich, der Staatskanzler in eine
verlockende Zauberlaterne blicken ... Für Ihre Heimat haben Sie seit Ihrer
Courierreise doch den Credit verloren ... Auf dem Venetianischen Platz kann ich
das grosse schöne Haus mit dem schwarzgelben Banner nie ansehen, ohne nicht die
Stelle wenigstens eines österreichischen Legationssecretärs an Sie zu vergeben
... Rom ist die Welt ... Und selbst wenn Sie Rom nur studiren wollten - ich
kenne Ihr Verhältnis zu Ihrem Bruder, dem Präsidenten von Wittekind nicht - so
brauchen Sie dazu ein Leben ... Sie können hier jeden Tag eine andere Inschrift,
jeden Tag einen andern Marmorstein vornehmen ... Und verstellen Sie sich nicht!
Ganz gleichgültig ist Ihnen Olympia keineswegs ... Man flieht nicht so eifrig
vor dem, was man verachtet ... Wär' ich ein Mann, mich würd' es sogar reizen,
diesen Panter zu bändigen ... Schwärmen Sie in der Tat noch immer für die
Lindenwerter - Kindereien? ...
    Da Sie alles wissen, erwiderte Benno mit dem Ausdruck jener Toleranz, die
Männer ein für allemal der kecken Rede aus Frauenmund zu gewähren haben, was
wissen Sie von Armgart? ...
    Von den englischen Cardinälen, entgegnete Lucinde, von jenen Aermsten, die
sich alle drei Jahr dem Martyrium aussetzen, sich in England von den Roheiten
John Bull's beschimpfen lassen zu müssen, hat Cardinal Talbot Armgart in London
gesehen ... Bei guter Laune verglich er sie dem Heiland, der als Kind im Tempel
predigte ... Sie legt die Bibel aus, wie ihre Mutter ... Eine Krankheit das -
nur findet sie bisjetzt noch immer das in der Bibel, was die Engländer erst
sehen, wenn sie in den Katakomben waren ... Wenn sie nicht auf die andern
Torheiten der Engländer einginge, würde man sie kaum dulden ...
Glücklicherweise reitet sie nicht nur und schiesst, sie schwimmt und angelt auch
... Sie könnte die Herzogin von Norfolk sein, hör' ich, wenn die Auswahl ihrer
Bewerber nicht zu gross wäre ... Ob sie für die beiden jungen Männer, die ihr
einmal eine Flucht aus der Pension erleichterten, noch die alte Pietät bewahrt,
zweifl' ich fast ... Im Bericht des Cardinals erfuhr ich nichts davon ... Mit
Baron Terschka hat sie sich ausgesöhnt ... Ja, ja, die Gefühle junger Mädchen
wollen ihre Nahrung haben. Tut man auch gar nichts, lieber Herr, um sie an
sich, zu erinnern, so unterhält solche kleine Koketten mehr noch der Hass, den
sie auf manche. Menschen werfen, als eine bald verklingende Liebe aus dem
Pensionat ...
    Benno widersprach nicht ... Er war in die Erinnerung an sein zu Armgart
gesprochenes Wort, sie würde noch einst lange in der Irre gehen und dann voll
Wehmut an ihn zurückdenken - so versunken, dass Lucinde eine Frage wiederholen
musste, die sie an ihn gerichtet hatte:
    Was halten Sie von Paula's Visionen? ...
    Ich glaube nicht an sie, aber sie können zutreffen, sagte Benno ...
    Das ist ein Widerspruch ...
    Nein! ... Niemand kann freilich sehen, was erst die Zukunft ins Leben rufen
muss ... Aber ein Auge wie Paula's blickt unbeirrt von den Verhältnissen, die uns
andere zerstreuen ... Wir würden alle ein wenig sozusagen allwissend sein,
schärften wir nur unser inneres Auge, jenes Auge, das nicht mit dem Verstand,
sondern mit dem Herzen sieht ...
    Nun - dann hoffen Sie! ... Paula sieht Armgart in ihren Visionen - immer nur
mit Ihnen verbunden ... Sie staunen? ... Ueber diese Papiere? ... Nun ja,
freilich, das sind Abschriften der Visionen Paula's ... Genau gesammelt seit
einer Reihe von Jahren und fortgeführt bis in die neueste Zeit ... Ich erwarte
schon morgen aus Witoborn eine neue Sendung ... Wer sie niederschreibt, weiss ich
nicht. Frau von Sicking - oder Norbert Müllenhoff in ihrem Auftrag - möglich ...
Sie wissen vielleicht nicht, dass Fefelotti die Frage zu entscheiden hat, ob das
magnetische Leben innerhalb des Christentums Berechtigung hat ... Ich fürchte,
man wird den Magnetismus verwerfen ... Die Concilien sprechen nichts davon ...
Mich ängstigen die Gefahren des Bischofs, wenn ich auch beim Lesen dieser
Blätter lachen - freilich auch viel mich ärgern muss ... Ich sehe die Zipfelmütze
des alten Onkels Levinus und seine gelehrten Forschungen - Ich sehe die Tante
Benigna und ihre Schweinemast ... Aber auch vieles Andere ... Nur seltsam! Die
wahren Verhältnisse der Asselyns und Wittekinds, wie ich sie kenne, sind Paula
unbekannt ...
    Benno wurde eben von einem der näher gekommenen Diener mit einem Blick
befragt, ob sein Pferd in Bereitschaft gehalten werden sollte ...
    Im Wandeln waren sie schon dicht bei der Torpforte angekommen ...
    Reiten Sie jetzt zurück! sagte Lucinde ... In Italien ist die Nacht
unheimlich ...
    Und Sie, Sie übersetzen diese Visionen ins Italienische? fragte Benno
erstaunt ...
    Im Auftrag Fefelotti's! bestätigte Lucinde ... Fefelotti ist es, der die
Kirche regiert ...
    Und glauben Sie nicht, dass man dem Bischof hier die Kerker der Inquisition
öffnet und jenen greisen Bewohner des Tals von Castellungo herausgibt? ...
    Das ist nicht möglich - und zwar deshalb nicht, weil man ihn gar nicht in
Gewahrsam hat ...
    Das glaubt der Bischof nicht ...
    Aber es ist so ... Als es hiess, Pasqualetto hätte den Vielbesprochenen in
Gestalt eines Pilgers von Loretto gefangen genommen, freuten wir uns alle des
Beweises, den jetzt die Dominicaner nicht mehr zu geben brauchten, indem sie
ihre Gefängnisse öffneten ... Letzteres tun sie nicht ... In Rom gewiss nicht,
verlassen Sie sich darauf ... Hubertus wurde entsandt, den Pilger aufzusuchen
... Seiter sind leider beide verschwunden ... Warnen Sie den Bischof, diesen
Streit nicht wieder aufzunehmen ... Fordert man ihn vor die Schranken eines
geistlichen Gerichts, schlägt man hier in den Archiven nach, wo über Tausende
von Seelen der katolischen Welt - Geständnisse und Aufklärungen liegen - ...
    Lucinde hielt inne ... Sie konnte nicht wissen, ob nicht in der Tat die
Curie von Witoborn von Leo Perl's Geständnissen damals nach Rom Bericht gemacht
hatte ...
    Dass man die Frage über den Magnetismus anregt, ist mir schon ein Beweis, wie
man in unsers Freundes Vergangenheit einzudringen sucht - fuhr sie nach einiger
Besinnung fort ... Ich wünsche ja aufrichtig, dass Bonaventura hier eine ganz
andere Krone als die des Märtyrers trägt ... Wäre er darum nach Italien
gekommen, um hier - in einem Kloster elend unterzugehen -? ... -? ...
    Die Wasser des Anio rauschten so mächtig, dass sie das Gespräch übertönten
... Beide hatten die Eingangspforte mehrmals umkreist ... Das Ross scharrte schon
im Kieselsande ...
    Es wird zu spät! sagte sie. Ich lade Sie nicht ein, bei mir zu einem
Nachtimbiss zu bleiben ... Auch ist die Fürstin Ihnen gram ... Sie hat ihrem Sohn
Vorstellungen gemacht über die Aufführung seiner jungen Frau ... Sie verlangt -
hören Sie's nur - dass Sie und Tiebold von Villa Torresani wegziehen ... Das
alles findet sich - besonders wenn Sie der guten Dame selbst ein wenig den Hof
machen ... Wir haben soviel gemeinschaftliche Sorgen! ... Aber - vielleicht auch
Freuden! ... Glückauf in Rom! ... Geben Sie mir die Hand! Lassen Sie uns
Verbundene bleiben! ...
    Benno reichte die erstarrte, kalte Hand ...
    Lucinde schied mit einer Miene der Protection, wirklicher Teilnahme und -
Koketterie ... Sie sagte:
    Versprechen Sie mir, dass Sie auf Villa Torresani nie anders von mir reden,
als so, dass ich Männern noch in einer einsamen Abendstunde gefährlich werden
könnte - ...
    Damit schlug sie nach ihm mit einer Päonienblüte, die sie am Wege
abgebrochen hatte und in ihrer gewohnten Weise zu zerzupfen anfing ...
    Der Diener hatte den Rücken gewendet ...
    Die deutsche Unterredung schützte beide vor dem verfänglichen Inhalt ihrer
Worte ...
    Benno schwang sich in den Sattel ...
    Lucindens »Auf Wiedersehn!« war wie ein Gruss zu einer Reihe der
unterhaltendsten und vertraulichsten Beziehungen auf lange, lange Zeit ...
    Benno schied halb ausserordentlich gefesselt, halb in der Hoffnung, binnen
wenig Wochen vom giftigen Hauch dieser ganzen Atmosphäre befreit zu sein - ...
    Der Weg war dunkel und abschüssig ...
    Er musste langsam reiten ...
    Hinter der finstern, scheinbar vom Silber des Wassersturzes mehr als vom
Mond erleuchteten Schlucht unterhalb Tivolis verbreiterte sich der Weg ... Die
Krümmungen des Anio hatten hier Anbau ... Zur Linken ragten die Trümmer der zu
einer Schmiede gewordenen Villa des Mäcenas mit dem Schimmer der Cascatellen,
die aus ihren Fenstern gleiten, und mit Feueressenglut auf ... Ringsum war es
still, doch nicht einsam ... Einzelne Wanderer hielten am Wege inne ... Da und
dort erhob sich aus den hohen, noch nicht abgeernteten Maisfeldern ein spitzer
Hut ...
    Benno ritt tief verloren in Gedanken ...
    Paula, Bonaventura, alles was ihm teuer war, umschwebte ihn ... Welche Welt
gestaltete sich in seiner Brust! Welches Chaos rang zum Lichte! Es waren nichts
als glühende Tropfen, die Lucinde auf seines Herzens geheimste Stätten hatte
fallen lassen ...
    Allmählich belästigte es Benno, von drei Reitern, in der Tracht römischer
Landbesitzer, mit hohen Flinten auf dem Rücken, ledernem Gürtel, Gamaschen bis
weit übers Knie, auf unruhigen, ohrspitzenden Maultieren, fast in die Mitte
genommen zu werden ... Eben wollte er seinem Ross die Sporen geben, um sich
dieser unfreiwilligen Begleitung zu entziehen, als die Reiter innehielten, wie
der Blitz abschwenkten und zur Schlucht zurückritten ...
    Hatten sie sich in seiner Person geirrt? ...
    Wenige Secunden und Benno begriff, dass ihr Auge und Ohr schärfer als das
seinige gewesen war ... Er hörte den gleichmässigen Trab bewaffneter Reiter ...
Bald sah er einen Trupp Carabinieri, denen in einiger Entfernung eine Kutsche
folgte ...
    Es war die Kutsche des Cardinals Ceccone ... Benno gab seinem Pferd die
Sporen ... Windschnell suchte er vorüberzufliegen ... Er musste vor einem zweiten
Reitertrupp abschwenken, der die Arrièregarde des Wagens bildete ...
    In die unheimlichsten Gespenster schienen sich ihm jetzt rings die Bäume und
Felsen zu verwandeln ... Wie von einem Höhnen der Natur verfolgt, sprengte er
dahin ... So schuldlos ihm sein eigenes Innere erscheinen durfte, immer mehr
Schrecken begehrten Einlass in seine Brust ... Ist das Rom, das gelobte
Zauberland der Christen -! ... Ceccone fuhr soeben zu Lucinden, die der Mann im
Purpur ohne Zweifel allein wusste ... Die Unterredung mit ihr hatte Benno's
ganzes Interesse gewonnen ... Er hatte erkannt, dass Lucinde in der Tat aus dem
Trieb ihrer Liebe zu Bonaventura auf Wegen wandeln könnte, wo man ihr eine
Anerkennung nicht versagen durfte ... Nun stürzte alles zusammen ... Er sah nur
noch - die Buhlerin ...
    Wie glücklich war er, als er, die hohen spitzen Aloes und Statuen
erblickend, die die Treppengelände der Villa Torresani zierten, unterschied, dass
in den Sälen kein Licht war ...
    So war Olympia doch noch nicht zurück ... Und sie blieb wohl über Nacht in
Rom ...
    Er sprang vom Pferde und flüchtete sich in die Einsamkeit seines Pavillons
...
    Wer waren die drei Reiter? ... Schwerlich Räuber ... Man kennt dich in den
geheimverbundenen Kreisen als einen Freund der Bandiera - du hast die
Begrüssungsformeln des »Jungen Italien« und dennoch weilst du in der Nähe eines
Mannes, den - Mord und Verrat umschleichen -! ...
    In seiner gewagten Doppelstellung glaubte Benno sich nicht mehr lange halten
zu können ... Es musste zu Entscheidungen, zu Entschlüssen fürs Leben kommen ...
    So suchte er die Ruhe, von der er wusste, dass er sie nicht finden würde ...
    Man brachte ihm noch einen Brief, der während seiner Abwesenheit angekommen
war ... Die verstellte Handschrift war die der Mutter ...
    Die Mutter schrieb, dass sich in seiner Wohnung, dann bei ihr selbst der
berühmte Advocat Clemente Bertinazzi hatte erkundigen lassen, ob Herr von
Asselyn nicht bald aus dem Gebirge zurückkehrte ...
    Das war eine Mahnung, der er sich entschliessen musste, Folge zu leisten ...
Sie konnte gefährliche Folgen nach sich ziehen, wenn er nicht auf sie hörte ...
 
                                       8.
Als nach Mitternacht Olympia von Rom zurückgekehrt war und sie ihm dann in der
Frühe beim Wandeln im Garten begegnete - Tiebold freilich immer in der Nähe,
heute mit dem Begiessen von Blumen beschäftigt - sah Benno wohl, dass auf die Länge
des Freundes Beistand nicht mehr vorhielt ... Mit der Giesskanne und ähnlichen
Hülfsmitteln konnte er nicht überall hin folgen ... Olympia wollte heute sogar
ihre Schmähungen über Lucinden Benno nur allein vertrauen ...
    Menschen wie Tiebold können für den Umgang unentbehrlich werden; doch
erfüllen sie nicht die Phantasie ... Sie lassen sich als Freunde, als Gatten,
nicht als Liebhaber denken ... Benno erhielt seinen vollen Platz in Olympiens
Herzen und die Stunde rückte näher und näher, wo die zunehmende Vertraulichkeit
um so mehr eine schwindelnde Höhe erreichen musste, als sein »bester Freund«
Ercolano plötzlich schüchtern und verlegen zu werden anfing. Die Mutter hatte in
der Tat seine Eifersucht angeregt ... Das Wohnen auf seiner Villa hatte sie
eine lächerlichen Beweis von Schwäche genannt ... Olympia trotzte der Zumutung,
die deutschen Freunde aus ihrer Nähe entfernen zu sollen ... Darüber ging
Ercolano wie in der Irre ...
    Tiebold war bald nur noch der Vertraute ihres Geheimnisses mit Benno ... Er
wurde nichts als eine »schöne Eigenschaft« seines Freundes mehr ... Tiebold
übernahm die Commissionen ihrer Launen, für die sie den Angebeteten selbst zu
hoch hielt ... Tiebold musste »das Verhältnis zum Cardinal Ambrosi« lösen, d.h.
die letzten Aufmerksamkeiten und Geschenke überbringen, die noch für dessen
Einrichtung bestimmt waren ... Sonst aber ärgerte sie sich schon lange über
Tiebold's Allgegenwart ... Bald hatte dieser Unbequeme gerade an derselben
Stelle, wo niemand anders als Benno erwartet wurde, seine Brillantnadel, bald
sein Portefeuille verloren; er suchte und fand den Freund immer an einer Stelle,
wo sie mit Benno allein zu sein hoffte ... Wenn sie geneigt wurde, beide aus dem
Pavillon der Villa Torresani nach einer ihr noch bequemeren Besitzung des
Cardinals umzulogiren, so war es, weil Tiebold wahrhaft Benno's Schatten blieb
...
    In Rom spielte selbst im Sommer eine Operntruppe ... Olympia besuchte diese
Vorstellungen wieder ... Das Sitzen in den Logen bot Zerstreuung, kokette
Unterhaltung, neckendes Fächerspiel, Gelegenheit zum Hin- und Herfahren,
Abholen, Sichbegleitenlassen, Verfehlen u.s.w. ...
    Da die Freunde trotz der Schönheiten des Landlebens doch von den
Merkwürdigkeiten Roms gefesselt sein mussten und manchen Tag in der Stadt
blieben, so wollte die junge Fürstin zu gleicher Zeit mit Villa Torresani auch
die »Brezel« an der Porta Laterana bewohnen ...
    Die Aeltern waren entschieden dagegen und beriefen sich auf die Ehepacten,
die jeden Punkt der Vergünstigungen bezeichneten ... Sie verlangten, dass ihre
Schwiegertochter die Villa Torresani bis zu einem bestimmten Tage nicht verliess
... Manchen Menschen, sagte Lucinde zu Tiebold, der hier vermitteln sollte, ist
es Bedürfnis, sich zu ärgern ... Wenn die Fürstin ihre Tochter in ihrer Nähe
entbehren sollte, entgeht ihr ein Motiv der Aufregung ... Die Mutter ist so gut
gewachsen, dass sie sich gern ihrer Schwiegertochter als Folie bedient ... Wir
Frauen heben nicht den Arm auf, ohne nicht zu berechnen, wie unser
herabströmendes Blut ihn weisser machen muss ... Bester Herr de Jonge, heiraten
Sie niemals! ...
    Vierzehn Tage - drei Wochen gingen in dieser Weise vorüber ...
    Zum Glück hatte man Anzeichen, dass die Nachricht einer Insurrection jeden
Augenblick von der Küste des Adriatischen Meers kommen musste ... Couriere gingen
und kamen; die bewaffnete Macht war aufgeboten, vervollständigt, marschfertig
... Die Consulta hielt täglich Sitzungen ... Der Verkehr mit den auswärtigen
Gesandten nahm Ceccone's ganze Aufmerksamkeit in Anspruch ... Von Angst und
Sorgen sah er in der Tat niedergedrückt aus ...
    Wie beim herannahenden Sturm jede Hand ihr Haus verschliesst und den Gefahren
der Zerstörung vorzubeugen sucht, so zeigte sich auch jetzt in den Umgebungen
dieser Machtaber mehr politisches Leben, als sonst ... Mancher Mund sprach
sogar beredt und frei ... Manche geheime Hoffnung sah eine Erfüllung voraus und
verriet vorschnell ihre Freude ... Jene grosse Mehrzahl von Menschen, die als
Ballast nur den ruhigeren Gang der Fahrt entscheidet, gleichviel unter welcher
Flagge ihre Fahrzeuge segeln, warf sich unruhig hin und her ... Vorahnend machte
sie gleichsam nur ihr Gepäck leichter, um bequemer von einem Lager ins andere
überlaufen zu können ... Wie richtig hatten diese Bandiera die Italiener
beurteilt! sagte sich Benno. Der Erfolg ist hier alles! Der Mut einer Tat
entscheidet ihre Bedeutung ...
    Nur in der Priestersphäre waltete unerschütterliche Zuversicht ... Dort
stand es fest, dass ein Kampf mit dem Interesse »Gottes« Jeden zerschmettern
müsse - »Selbst die Pforten der Hölle werden dich nicht überwinden!« lautete der
tägliche, seit dreihundert Jahren im Mund der Katoliken übliche Refrain, der
auch hier über das Antlitz der jungen und alten Prälatur einen lächelnden
Sonnenschein verbreitete ... Den »bösen Mächten« gehört ja die Welt, dem Zufall,
der Intrigue, der Selbstverstrickung alles Guten - Wie kann - gesetzt die
Revolution wäre das Gute - »in dieser Welt das Gute siegen!« hatte Lucinde ganz
im Geist der Jesuiten gesagt ...
    Unter den Freigesinnten gab es zwei Richtungen, die sich mit Schärfe
bekämpften. Für die ausführlichere Begründung ihrer Ansichten fanden sich in
England, in Frankreich, in der Schweiz und auf den Inseln um Italien
Gelegenheiten zum Druckenlassen ... Die eine Partei wollte ein einiges Italien,
an dessen Spitze der Heilige Vater als wahrer Friedensfürst und Verbreiter aller
Segnungen stehen sollte, die durch die Christuslehre dem Menschen verbürgt und
nur noch nicht genug anerkannt sind ... Die andere sah im apostolischen Stuhl
die gefährlichste Anlehnung der Despotie, verwies den Papst aus den Reihen der
Souveräne, liess ihm nur allein noch die Bedeutung, Pfarrer einer
Metropolitankirche der Christenheit, der Peterskirche, zu heissen und nahm seinen
irdischen Besitz in die allgemeine Verwaltung eines republikanisch regierten
Italiens ... Freiheit von Oesterreich wollten beide Parteien. Die Souveräne und
Würdenträger der Hierarchie waren auf die Hülfe dieses Staates angewiesen; die
Väter der Gesellschaft Jesu machten die Vermittler zwischen Wien und allen
denen, deren Besitz in Italien bedroht war ... Da die Jesuiten dem Staatskanzler
zu wesentliche Dinge überwachten, da sie zu viel Dämonen der Weltverwirrung ihm
mit gebundenen Händen überlieferten, so hatte er sich wohl gewöhnen müssen, sie
zu schonen und ihnen über seine eigene Macht hinaus den Pass zu gewähren, den sie
gewinnen wollten für die ganze Welt ... Das übrige Deutschland, selbst im
Norden, gehörte schon den Jesuiten ... Der Kirchenfürst war freigegeben ... Der
Protestantismus schien alles Ernstes zur Unterwerfung wieder unter Rom durch die
Innere Mission und die Wiederaufnahme der Romantik vorbereitet zu werden ...
    Das Wunderlichste war der Contrast, in welchem die Rücksichten der
Geselligkeit zu den Zerwürfnissen in der Rucca'schen Familie standen ... Selbst
wenn Ceccone keine Fremden zu bewirten hatte, keine Prälaten aus der Provinz,
keine Gesandten und hohe Reisende, so fehlten doch auf Villa Torresani
Ercolano's Freunde nicht, die jeunesse dorée Roms, Aristokraten, deren Leben nur
von Liebesabenteuern und den neuesten Moden erfüllt wurde ... Der Baron
d'Asselyno und der Marchese de Jonge wurden in alle Geheimnisse derselben
eingeweiht ... Niemand verbreitete mehr Geräusch von seinem Dasein, als die
jungen Prälaten ... Diese geistlichen Stutzer machten das Glück der Familien
zweifelhaft ... Der Eine nahm dabei die Miene eines Tartufe, der Andre die
stolze Zuversicht eines künftigen Papstes an ... Ehrgeiz und Selbstgefühl
drückte jede ihrer Lebensäusserungen aus ... Einige Jahre hatten sie in der
Gefangenschaft der Jesuiten gelebt, die die Studien an sich gerissen haben; dann
traten sie in die Welt mit all den Ansprüchen, die schon eine geringe Bildung
unter einem Volk voll Ignoranz geben darf ... Sie standen spät des Morgens auf,
machten wie Frauen ihre Toiletten, liessen sich stutzerhaft frisiren, schlugen in
ihren Listen nach, wo sie seit lange in diesem oder jenem Hause nicht zum Besuch
gewesen - Den Tag über rannten sie müssiggängerisch durch Rom und seine Kirchen
... Manche ihrer Liebesabenteuer nahmen sie ernst und führten duftende, oft
versificirte Correspondenzen ... Alles das verband sich auf das leichteste mit
einer ununterbrochenen Ehrfurcht vor diesem Altar, jenem Kruzifix, vor jeder
geweihten Stelle, die zu küssen die Sitte verlangte, selbst wenn damit kein
besonderer Ablass verbunden ... Die Religion ist in Rom ein Gesetz der
Höflichkeit, wie bei uns das Hutabnehmen und Grüssen vor Hochgestellten oder
guten Bekannten ...
    Ercolano hatte nach einer heftigen Scene mit seiner Mutter vorgezogen, dem
Baron d'Asselyno eine legitime Stellung als Ehrencavalier seiner Gattin zu geben
... Das ist in Italien eine sociale Position wie etwa die jedes
Geschäftscompagnons ... Ercolano wollte keinen Bruch. Er war im Stande, ausser
sich in den Gartenpavillon zu rennen und Benno zu beschwören, »besser« mit
seiner Frau zu sein, nachgiebiger, aufmerksamer ... Sie drohte, krank zu werden,
wenn Benno Zerstreuung, Abwesenheit, Melancholie verriet und sie
vernachlässigte ...
    Zwei Tage vor dem glänzenden Fest in dem Braccio Nuovo des Vatican war eine
grosse Gesellschaft auf Villa Torresani ...
    Olympia sass in den Reihen der Geladenen und lebte nur für Benno ... Ihre
Augen sogen sich den seinigen mit dem zärtlichsten Verlangen ein ... Die Mutter
Ercolano's verliess voll Verdruss darüber sogleich nach Tisch die Villa Torresani
... Herzog Pumpeo eilte ihr nach, um sie zu beruhigen ... Sogar Tiebold wollte
folgen ... Er hatte die Absicht, Lucindens Rat zu befolgen und die feindselige
Stimmung der alten Fürstin durch ein neues »Opfer seiner Tugend« zu paralysiren
... Lucinde hielt ihn jedoch zurück ... Der Augenblick war nicht günstig; Herzog
Pumpeo galt für einen Raufbold ... Sarzana fehlte gleichfalls nicht ... Lucinden
führte er zu Tisch ... Sein Benehmen war lebhafter, denn je ... Ausgelassenheit
stand ihm aber nicht ... Lucinde musste sagen: Benno überragt alle ...
    Nach der Tafel besuchte die Gesellschaft eine der grossartigsten
Trümmerstätten, die in jener Gegend das Altertum zurückgelassen hat, die nahe
Villa des Kaisers Hadrian ...
    Weitverzweigt ist dieser Riesenbau, den Benno in elegischer Reflexion das
Sanssouci jenes alten Kaisers genannt hatte ... Tiebold begann, diesen Gedanken
seines Freundes in die entsprechenden Einzelheiten zu zerlegen ... Die Zimmer
sah er, wo Kaiser Hadrian nach Tisch den Kaffee trank und junge hoffnungsvolle
Dichter und Künstler ermunterte, in ihren Studien fortzufahren ... Hier blies
Hadrian die Flöte! sagte er ... Hier lagen seine Lieblingshunde begraben! ...
Dort spielte er wahrscheinlich Billard! ... In der Tat war hier das Leben eines
Kaisers jener Universalmonarchie in allen Momenten beisammen ... Rats- und
Erholungssaal, Bäder, sogar die Kasernen fehlten nicht, in denen die zur
Bewachung commandirten Legionen untergebracht wurden ... Für allzu heisse Tage
schien gesorgt durch einen halbunterirdischen, bedeckten Gang, den einst die
kostbarsten Mosaikfussböden, die schönsten Frescobilder und eben jene Statuen
geziert hatten, die sich jetzt im Braccio Nuovo des Vatican versammelt finden
...
    Hier nun war es, wo sich plötzlich die Gesellschaft in den Gängen verirrte
und beim Lachen über die Vergleichungen des Marchese de Jonge, der eine ganz
neue Art von Altertumskunde lehrte, auseinander kam ...
    In einem Seitenraum dieser Gänge blieb Benno mit Olympia allein zurück ...
Tiebold's Stimme klang in weiter Ferne; kein Fusstritt wurde mehr hörbar ... Der
Augenblick, den Benno immer noch verstanden hatte, nur flüchtig andauern zu
lassen, der entscheidende, den seine eigene Selbstbeherrschung immer noch
vermieden, Tiebold's List durchkreuzt hatte, schien gekommen ... Jetzt, wo es
vielleicht nur noch acht Tage währte, dass die siegreiche oder gescheiterte
Unternehmung der Gebrüder Bandiera dieser falschen Position des Herzens und der
Gesinnung ein Ende machte ...
    Olympia hielt Benno zurück und sagte mit einer einzigen Geberde, die einem
Strom begeisterter Worte glich:
    Wir - sind - allein! ...
    Und ihr Flammenblick schien diese Trümmerwelt neu zu beleben ... Die
verwitterten Moose und Schnecken an den feuchten Wänden verschwanden ... Die
hier und da noch erkennbaren Farben der alten Wandgemälde glühten zu Bildern der
Mytenwelt auf ... Amor und Psyche, Venus und Adonis schwebten ringsum ...
Selbst der Fussboden wurde belebt zum kunstvollsten Mosaik ... Wohl konnten der
beglückten Phantasie noch die goldenen Armsessel stehen, vor denen die
schöngefleckten Felle der Leoparden und Tiger gebreitet lagen ...
    Benno musste seinen Arm um die luftige Gestalt winden, musste ihre Linke, eine
Kinderhand, weich wie Flaum, an sich ziehen und küssen ... Die junge Frau
blickte zu ihm auf mit jenem Ausdruck der Liebe, der in der Tat ihre Züge
verschönte ... Ihr Mund zitterte; ihre Augen waren von einem so hellen Glanz,
als spiegelten sich die Bilder, die sie aufnahmen, in einer reinen Seele ... Mit
weicher zitternder Stimme, die ihre Worte wie aus einem der Welt ganz an ihr
fremden Register der Stimme ertönen liess, hauchte sie:
    Ja, ich sollte dich hassen, du Treuloser! ... Wüsstest du - was ich alles um
dich gelitten - um dich für Torheiten beging ... Rom, die Welt hätt' ich
zerstören mögen und am meisten mich selbst ...
    Benno hatte schon Tausenderlei zu seiner Entschuldigung gesagt ... Auch
wollte sie jetzt nichts mehr vom Vergangenen hören ... Ihre Lippen wollten gar
keine Worte ... Sie verlangten nur die Berührung der seinigen ... Die blendend
weissen Zahnreihen blieben wie einer Erstarrten geöffnet stehen ... Liebe
verklärte jede Fiber ihres Körpers, wurde das Atmen der Brust, das ersterbende
Wort ihres Mundes - Das Geheimnis der Welt Liebe, Religion Liebe, Leben Liebe
... Sie senkte die langen Wimpern über die im träumerischen Vergessen
verschwimmenden, ihren Stern ganz innenwärts und hoch hinauf einziehenden Augen
...
    Leicht lag sie ihm im Arm wie eine Feder ...
    Benno, kaum noch seiner Sinne mächtig, zuckte absichtlich wie über eine
Störung ...
    Da die Fürstin nur in den Bewegungen des Geliebten lebte, machte sie die
gleiche Geberde ... Jeder Zug der Schönheit verschwand auf eine Secunde ... Das
Ohr spitzte sich ... Das Auge blickte gross und starr ...
    Alles blieb aber still ... Nur über die feuchten Mauertrümmer sickerte
draussen ein Wässerchen ... Und im Nu, wie von unsichtbarer Musik regiert,
verwandelten sich ihre Züge zur seligsten Harmonie ... Ihr Sein war nur Eine
Hingebung, Eine Hoffnung ... Die zartesten Sylphenglieder schwebten in Benno's
Armen ... Er hätte sie emporschleudern können; wie ein Kind würde sie sich um
seinen Nacken mit den Armen festgehalten haben ... Auf diesen ihren entblössten
Armen schimmerte ein grossmächtiges goldenes Armband - eine einzige Spange nur,
von unverhältnissmässiger Grösse ... Das Gold blitzte in Benno's Augen ... Er küsste
den Arm um dieses goldenen Glanzes willen, der wie ein Zauber auf ihn wirkte ...
Seine Knie wankten ... Erst jetzt war er in gleicher Höhe mit ihr ... Er verlor
die Besinnung ...
    Olympia war es, die sein glühendes Antlitz mit Küssen bedeckte ... Sie
nannte ihn Verräter! Treuloser! Geliebter! ... Sie versicherte, ihn nicht mehr
lassen zu können, ihn bis in den Tod lieben zu müssen - ... Benno! sagte sie
dann, fast die Buchstaben zählend, und nichts mehr anderes sprach sie ...
    Aber dennoch will das Glück seinen vollen Ausdruck haben ...
    Diese Statuen, die hier einst standen, rief sie endlich, kann ich nicht mehr
anrufen, Zeugen unserer Liebe und Hörer unserer Schwüre zu sein ... Vernimm,
mein Freund! Im Braccio Nuovo bin ich auf dem Fest des Heiligen Vaters! Ich bin
nur allein dort! Nur bis elf Uhr darf im Vatican der Fuss eines Weibes verweilen!
Die Männer werden sich so zeitig nicht von dem Bacchanal Sr. Heiligkeit trennen
wollen! Geliebter, mein Auge sieht dich auf dem Fest in allem, was die Statuen
Schönes bieten ... Antinous, Apollo bist nur du ... Das genügt - gehe du selbst
nicht auf dies Fest! ... Sei aber um die elfte Stunde an Villa Rucca, wo ich -
übernachten will ... Dort, an der Stelle, wo Pasqualetto Lucinden und die
Herzogin entführen wollte, ist ein leicht zu gewinnender Eingang in die Villa
... Ersteige die Mauer! ... Du kennst die Stelle an der Veranda ... Dortin
begeb' ich mich, wenn ich vom Fest zurückgekommen bin ... Ich werde vorschützen,
im Garten noch frische Luft schöpfen zu wollen und find' ich dann dich - so
bleibst du in meinen Armen - ... Schwöre mir's, dass du kommst! ... Zwei Nächte
noch - Schwöre! ...
    So lag einst Armgart an Benno's Brust - Sie »das Vögelchen« in seiner Hand,
wie er sie damals genannt ... Die Genien senkten die Fackeln ... Keine Störung,
keine Hülfe ... Feuer loderte durch Benno's Adern; die Berührung hatte die
Glieder seines Körpers mit elektrischen Strömen erfüllt ... Auf der Lippe
brannte ihm der Ausruf: Ich komme! ... Nur ihre Lippen hinderten ihn, ihn
wirklich auszusprechen ...
    Da zuckte sie aber plötzlich selbst auf ... Diesmal war es nicht der
sickernde Tropfenfall am moosbewachsenen Gestein, es war der Fuss eines eilend
Daherschreitenden ... Ich komme! war noch nicht gesprochen ... Die Fürstin nahm
sein Ja! aus seinen Augen, von seinen Lippen ... Die Störung verdross sie nicht
mehr ... Das junge Paar fuhr auseinander und gab sich die Miene, als wär' es
hier nur aufgehalten worden von einer gleichgültigen Absicht ... Benno liess die
Fürstin frei, trat seitwärts, suchte etwas Blinkendes unter den Steintrümmern an
der Bogenlichtung des Gemäuers ... Die Fürstin tat, als wartete sie nur auf
ihn, um weiter vorwärts zu schreiten ...
    Der Zeuge, der sie überraschte, war Lucinde ...
    Da ihr Antlitz glühte, so war sie rasch gegangen ...
    Als sie sah, dass sie das Paar zu stören fürchten musste, kam sie wie auf
einer harmlosen Promenade und tat, als suchte auch sie nur, selbst eine
Verirrte, auf diesem Weg zur übrigen Gesellschaft zurückzukommen ... ... Sie
leuchtete im festlichen Glanz ... Ein leichter Sommerhut mit kleinen Federn
schwebte lose auf ihrem gescheitelten Haar ... Ueber dem hellfarbigen seidenen
Kleid trug sie einen grossen breitgewebten Shwal von phantastisch bunten, grünen,
roten und gelben Querstreifen ... Indem sie scheinbar ruhig die Hände
übereinander legte, schlugen die beiden Flügel dieses Shawls zusammen und
machten den Eindruck einer Erscheinung aus der Zigeuner- oder Zauberwelt ...
    Sie wollte Olympien nicht erzürnen, vermied auch die leiseste Spur eines
Lächelns und sagte nur atemlos:
    Ich suchte Sie, Herr von Asselyn ... Ich bekam eben vom Cardinal, der sich
empfohlen hat, Mitteilungen, die nicht gut sind - ...
    Worüber? fragte Olympia ohne allen Verdruss ... Sie bot Benno den Arm, um
weiter zu wandeln ...
    In der Ferne hörte man die Annäherung der Gesellschaft ...
    Lucinde beherrschte ihre Erregung ... Konnte sie doch diesen Augenblick der
Leidenschaft Olympiens für Benno zu irgendeinem Vorteil benutzen ...
    Ich höre, sagte sie, dass die Gefahren Ihres Vetters, des Bischofs, immer
drohender heraufziehen ... In der Tat ist er förmlich nach Rom beordert und
befohlen worden ...
    Was kann ihm geschehen? fragte Olympia, sich an Benno's Arm pressend ...
    Benno wiederholte, wie mit Beschämung:
    Der Bischof von Robillante ist nach Rom beordert worden? ...
    Ich kann nicht sagen, fuhr Lucinde fort, ob wegen Prüfung des Magnetismus
von der Pönitentiarie oder wegen der Dominicaner und seiner Vorwürfe gegen die
Gerechtsame der Inquisition ...
    Der Bischof von Robillante? sagte Olympia leicht und obenhin ... Was tut
das ihm und uns! ... Tod seinen Feinden! ... Fefelotti soll ihm sein eigenes
Erzbistum abtreten müssen! ... Das will ich! Ich! Ich! Der Hut des Cardinals
soll ihn für jede Kränkung entschädigen ... Das will ich! Ich schütze ihn - und
seine Freunde ...
    Sie blickte voll Zärtlichkeit auf Benno ...
    Lucinde hielt ein Papier in Händen, das sie halb in ihrer Brust verborgen
getragen und zaghaft halb hervorgezogen hatte ... Es war ein in lateinischer
Sprache gedruckter kleiner Zettel ... Die an alle Cardinäle verteilte Anfrage
des Domkapitels von Witoborn über den Magnetismus! erklärte Lucinde, als Olympia
dies Papier ihr abgenommen hatte ...
    Benno nahm das Blatt, versprach, es Bonaventura zu senden und fragte, ob es
nicht möglich wäre, den Freund zu einer nur schriftlichen Verteidigung zu
veranlassen ...
    Nein! Nein! Er soll persönlich kommen! sagte Olympia ... Er soll seine neuen
Würden selbst mit nach Hause tragen! ... Ein Asselyn! ... Ein Kampf? ...
Divertimento! ... Wer sind seine Gegner? ...
    Nach einem Augenblick des Nachdenkens sagte sie lachend:
    Ha, ich besinne mich, die Dominicaner! ... Wohlan, reisen wir selbst nach
Porto d'Ascoli, um den deutschen Mönch und den Pilger zu suchen! ... Ich weiss,
worauf hier alles ankommt ...
    Olympia kannte die geheimnisvollen Umstände, unter denen Pasqualetto nach
Rom gekommen war ... Sie kannte das Interesse, das ihr Schwiegervater an jenem
Vermittler dieses Wagnisses, an dem Pilger von Loretto hatte ... Sie kannte die
Botschaft, die der deutsche Mönch Hubertus übernommen; kannte die mannichfachen
Deutungen, die man jetzt dem spurlosen Verschwinden sowol des Suchenden als des
zu Findenden geben wollte ...
    Mein Oheim soll alle seine Zweifel lösen! fuhr die Fürstin fort ... Noch
ist, denk' ich, Cardinal Ceccone, was er war ... Man sagt, eine Revolution ist
im Anzuge ... Nun wohl! Sie wird mit dem Schaffot endigen! Wer will uns hindern,
die Gesetze zu handhaben! ... Ich danke Ihnen, Signora, für Ihre Teilnahme zum
Besten der Asselyns ... Niemand soll diesem Heiligsten der Priester, der unter
meinem Schutze steht, ein Haar krümmen ... Nicht das erste mal, dass ich von den
Fusszehen des Heiligen Vaters nicht früher aufgestanden bin, bis ich nicht die
Gewährung meiner Bitten erhielt - und - die Zahl der Knienden nach mir war -
nicht klein ...
    Das alles, mit dem Ton des grössten Uebermutes gesprochen, klang wie
beruhigende Musik ... Lucinde fühlte ganz die Erquickung, die diese Worte gaben
... Auch Benno stellte sich, sie zu fühlen ... Olympia weidete sich an den
Wirkungen ihrer Macht ...
    Schon war inzwischen der nachgebliebene Rest der Gesellschaft sichtbar
geworden ... Graf Sarzana kam fast schmollend auf Lucinde zu und erklärte, sie
überall gesucht zu haben ... Er bot ihr den Arm und entführte sie fast wie mit
Eifersucht ...
    Tiebold bildete den Mittelpunkt der Lustwandelnden ... Er war in einem
nationalökonomischen Streit mit dem alten Rucca begriffen und zeigte sich nicht
im mindesten befangen, als »Marchese« seine Kenntnisse der Holzcultur zu
verraten ... Sah er doch auch nach allen Seiten hin diesen römischen Adel mit
Speculationen beschäftigt ... Einige der nähern Verwandten Ercolano's, die die
Nacht über auf Villa Torresani bleiben wollten, glichen vollkommen den Zickeles
und den Fulds ...
    An ein ungestörtes Alleinsein für den Ablauf des Tags mit Olympien war für
Benno glücklicherweise nicht mehr zu denken ... Der unheimliche, Benno zuweilen
mit zweideutigem Blick fixirende Sarzana war zwar mit Lucinden auf Villa Tibur
gefahren, andere fuhren nach Rom, die Nachbarn zerstreuten sich in ihre Villen,
aber genug blieben zurück, die Olympien in Anspruch nahmen ... Genug, die auch
unbefangen darüber plaudern konnten, dass Donna Lucinda und Graf Sarzana sicher
in kurzer Zeit durch das Band der Ehe verknüpft sein würden ... Schon im Herbst
würden sie das kleine Palais bei Piazza Sciarra beziehen, hiess es ... Olympia
hörte wenig darauf - Sie liess allen ihr Glück; hatte sie doch ihr eigenes ...
Jeder Blick aus ihren Augen verwies auf die elfte Stunde nach - noch zwei
Sonnenuntergängen ... Für Benno - die ausgelöschten Fackeln seines Lebens, denen
eine ewige Nacht folgen musste ...
    Einen Punkt in sich zu wissen, wo es nicht hell und rein im Gemüt ist, wird
dem edeln Sinn zum tiefsten Schmerz ... Jeder unbelauschte Gedanke fällt dann in
ein Grübeln zurück: Wie kannst du diesen Flecken von dir tilgen! Wie kannst du
Ruhe und Zufriedenheit mit dir selbst gewinnen! ... Jünglinge, Männer können
zuweilen in die Lage kommen, an Frauen Empfindungen zu verströmen, die nur
formelle Erwiderungen ohne wahre Beteiligung des Herzens sind ... Irgendeine
Schonung fremder Schwäche galt es da, irgendein mildes Entgegenkommen gegen
einen Wahn, der sich so schnell, wie wohl die Wahrheitsliebe mochte, nicht im
verirrten Frauengemüt heilen liess ... Verstrickt dann zu sein in die Folgen
solcher Unwahrheit, die sich das Herz, um seiner törichten Schwäche willen,
vorwerfen muss, leiden zu müssen um etwas, was man so gar nicht empfunden, so gar
nicht gewollt hatte, das sind Qualen der Seele, die an ihr brennen können wie
das Kleid des Nessus ...
    Nach dieser Scene in den dunkeln Gängen der Villa Hadriani sass Benno am
Whisttisch bei den geöffneten Fenstern des schönen Gesellschaftssaals der Villa
Torresani ... Da gab es einen Seitenflügel, dessen Zimmer ganz zur nächtlichen
Herberge der Verwandten und Gäste bestimmt waren ... So sass im Saal bis zur
neunten, zehnten Stunde noch eine grosse Gesellschaft beisammen ... Die milden
Düfte der Orangenbäume zogen in die Fenster ein ... Phalänen mit durchsichtigen
Flügeln schwirrten um die Glasglocken zweier hoher bronzener Lampen, die, aus
dem Boden zwischen den Säulen sich erhebend, hier einen Atlas vorstellten, der
die Weltkugel trägt, dort eine schwebende Eos, die zwei Leuchtgläser auf ihren
Fingerspitzen balancirt ... Auf schwellenden Ottomanen rings an den Wänden des
Saals entlang streckten sich die ermüdeten Schönen, die halbschlafend sich
keinen Zwang mehr anlegten ... Andere schlürften Sorbet und wehten sich mit
ihren Fächern Kühlung, hingegossen an den offenen Fenstern auf niedrigen
Sesseln, die kaum einen Fuss hoch über dem Marmorboden sich erhoben ... Weich und
lind zog die Nachtluft herein ... Bis in die Fenster wuchsen die üppigen Beete
ausgewählter Pflanzen mit ihren seltsam gestalteten Blütenkelchen, an sich schon
Symbolen der Freiheit der Natur, Symbolen des allbindenden alles entfesselnden
Liebestriebs - wer kann Blüten von Orchideen, Lilien, Nymphäen, Gardenien sehen,
ohne an die Mysterien des Lebens erinnert zu werden ... Ein fernes leises
Rauschen konnte vom Sturz des Anio kommen - es konnte auch der Sang der Cicaden
sein ...
    Trenta due! schnarrten die Metusalems der Rucca-Familie beim Spiel ... Der
Alte selbst war bei seinem Sohn geblieben und nicht nach Villa Tibur gefahren,
wo er überhaupt nur selten verweilte, weil er dort morgens nicht zum Auszanken
all seine Arbeiter beisammen hatte ... Aber auch diese genossen abendlich ihren
Lebenstraum ... Einige sangen in schmelzenden Tenortönen: »Amore re del mondo!«
... Andere spielten bei Laternenschimmer die Morra - leidenschaftlich und wild
und wie alles in Italien gleich auf Leben und Tod ...
    Felicissima notte! ... sprach endlich gegen halb elf Uhr Olympia zu Benno,
als sie von des schon halb schlafwandelnden Ercolano Arm entführt wurde ...
    Es klang wie der letzte Gruss - einer Braut vor dem Hochzeitstage ...
    Gegen Tiebold konnte sich Benno nicht mehr aussprechen ... Die Lose waren
zu ernst, zu furchtbar bestimmend gefallen ...
    Tiebold sprang dem zum Pavillon Vorauseilenden von der Gesellschaft
angeregt und lachend nach ...
    Benno erzählte, als sie durch den Garten huschten, von Bonaventura's Gefahr,
von seiner Berufung vor ein geistliches Gericht, vom Stab, der für immer über
Paula's Seelenleben gebrochen wurde ...
    Tiebold fand sich aus seinen römischen Verwickelungen mit Schwierigkeit in
die eigentliche Aufgabe der Freunde zurück ...
    Die aus Tiebold's Vaterstadt gekommene, an sich wohlwollende, die
Anschuldigungen der Frau von Sicking und des Cajetan Roter sogar zurückweisende
Anfrage entielt Stellen, die in deutscher Uebertragung lauteten:1
    »Ist die Person, über welche die Manetisirte gefragt wird, abwesend, so ist
dazu eine Haarlocke von deren Haupte vollkommen hinreichend. Sobald die
Haarlocke in ihrer Handfläche ruht, sieht sie schlafend und mit geschlossenen
Augen, wo diese Person verweilt und was sie tut« ...
    Eine Haarlocke! ... sprach Benno ...
    Schon ergrauten des teuren Freundes Locken ...
    Und seine eigenen -? ...
    Er sah den Aschenbecher Armgart's ... Gedachte des Abschieds - des
Briefwechsels durch - »ausgetauschtes Blut« ...
    Tiebold verstand Benno's heute so düsteres Leid nur aus Bonaventura's
Gefahr und vertröstete, übermüdet von den Huldigungen, die seine Galanterie so
vielen Contessinen und Principessen dargebracht hatte - und die wiederum auch
ihm zu Teil geworden waren, sich entkleidend, mit Olympiens und Ceccone's
Schutz ...
    »O so wolle«, übersetzte Benno eine andere Stelle, »eine hohe Curie nach
deren Weisheit, zur grössern Ehre des Allmächtigen, zur grössern Wohlfahrt der
Seelen, die unser Heiland so teuer erlöst hat, entscheiden, ob alles das eine
göttliche oder nur satanische Einwirkung ist« -2
    Benno schleuderte das Papier von sich ...
    Die Versicherung Tiebold's, dass Olympia alle schützen würde, konnte wenig
nachhaltenden Trost gewähren ...
    Tiebold ermunterte zum Ausharren ...
    Mit grösster Spannung sprach er von dem Fest im Braccio Nuovo, auf das er
sich nicht nur in der Toilette, sondern auch mit einem Handbuch der Antiquitäten
gründlich vorbereiten wollte ...
    Am folgenden Morgen - wieder ein Brief der Mutter und - unter dem mit
verstellter Handschrift geschriebenen Couvert, wieder die kurze Anzeige, dass
sich Advocat Clemente Bertinazzi aufs neue nach Signore d'Asselyno hätte
erkundigen lassen ...
    Benno kleidete sich rasch an, liess im Stall des Fürsten ein ihm immer zu
Gebot gestelltes Ross satteln, verbarg sich vor jedermann, selbst vor Tiebold,
und sprengte sofort und in höchster Eile nach Rom.
 
                                    Fussnoten
1 Dieser Anfrage wörtlich entlehnt.
2 Gleichfalls.
 
                                       9.
Unterweges hatte Benno ein Misgeschick mit seinem Pferde ... Er musste dem Tier,
das sich den Fuss verstauchte, mitten auf der Heide, in einer Schäferhütte der
Campagna, einige Stunden Ruhe gönnen ...
    So war es schon spät Nachmittag, fast Abend geworden, als er in Rom ankam
...
    Er musste sogleich das kranke Pferd in Palazzo Rucca den Leuten des alten
Fürsten übergeben ...
    Dann eilte er in seine Wohnung ...
    Sein Zustand war der der Verzweiflung ... Für morgen erwartete ihn die junge
Fürstin auf Villa Rucca ... Zu gleicher Zeit mahnten ihn die Freunde der
Gebrüder Bandiera ... Nicht umsonst war er in die Kreise der Revolution getreten
... Unsichtbare Geister nicht nur, nicht nur die Stimmen seines Innern, sondern
wirkliche Personen, die ihn beobachteten, ihn vielleicht richteten, verlangten
eine Entscheidung ....
    Todt blickte ihn die »Stadt der Städte« an ... Nur Opfer des geistigen
Despotismus sah er überall ... Jeder Abbate, der an ihm vorüberhuschte, lächelte
ihm wie mit geheimem Hohn ... Die Menschen gingen und kamen so gedankenlos und
leer ... Die Trümmer des Altertums waren ihm mehr denn je nur Gräberstätten -
und was war - die lebendige Gegenwart? Aus Gebetbüchern an den Schaufenstern der
Buchläden sprach sie ...
    Es war fast Abend ... Er fürchtete sich, zur Mutter zu gehen ... Die Scham,
eingestehen zu müssen, wie weit er mit Olympien gekommen, hielt ihn zurück ...
Aber dennoch, dennoch musste er nach einer Trennung von mehreren Tagen sie
begrüssen, musste um die auffallenden Mahnungen Bertinazzi's nähere Erkundigungen
einziehen ...
    Er nahm ein leichtes Mahl in der Nähe des Corso ...
    Im Winter besuchte er, um den Kaffee zu trinken, öfters das Café Greco ...
Sonst setzte er sich gern zu den deutschen Malern, die im Café Greco hausen ...
Aber auch hier war es ihm jetzt nur unheimlich geworden ... Die Monotonie
klappernder Dominosteine, das Rascheln der Tassen auf den schmuzigen
Marmorplatten der Tische, die rauhen Kellnerstimmen, die in den lächerlichsten
Tonschwingungen Erfrischungen, die aus der Küche herausgebracht werden sollen,
ausschreien, die phantastisch aufgeputzten Bettler an der Schwelle, die sich als
Modelle vermieten zu jener unwahren Welt, die die Romantik der Maler noch immer
in ihren Ateliers mit südlichen Staffagen gruppirt, während Italien diese
Trachten und Sitten naturwüchsig nur noch an wenig Stellen bewahrt hat -
vollends die Künstler selbst konnte Benno schon lange nicht mehr sehen, ohne
auch sie der Fortpflanzung jener lügenhaften Zauber anzuklagen, mit denen Rom
die Welt gefangen hält ... Die Akademie sage ihnen schon, was sie allein hier
finden sollten ... Selten, dass sich eine Urkraft gegen die Tradition erhöbe und
von Rom nicht bloss Lehren, sondern auch Warnungen mitnähme ... »Eine
phrasenhafte Welt, in die ich alle diese Künstler verstrickt gefunden habe!
Klingsohr - das wäre ihr Mann! Klingsohr müsste auch hier mit der Cigarre sitzen
und orakeln!« ...
    Benno begab sich, da er auf den Monte Pincio wollte, in ein Café am
Spanischen Platz ... Da konnte er eine deutsche Buchhandlung übersehen, besucht
von ab- und zukommenden Geistlichen, die sich nur Schriften kauften, die in
Wien, München, Regensburg, Münster und Köln erscheinen ... Er sah die augsburger
»Allgemeine Zeitung«, auf die ihn der Staatskanzler angewiesen hatte ... Er fand
in allem Deutschen nur noch die Spuren Klingsohr's ... Es war ihm jener
fortgesetzte Vatermord, dessen dieser sich fast in Wirklichkeit schuldig gemacht
hatte ... Er sah in Deutschland überall vom hohen Ross der gelehrten doctrinären
Anmassung die grünen Saaten der Neubildungen im Geistesleben der Völker zertreten
und was gab den geheimen Druck der Sporen? Das egoistische Interesse der
Fürsten, des Adels, der Geistlichkeit ... Die Bewegung um den »Trierschen Rock«
hatte immer mehr um sich gegriffen ... Die »Allgemeine Zeitung« verriet ihm,
wie selbst nach Witoborn die Bewegung hinüberzuckte ... Er dachte an Monika,
Ulrich von Hülleshoven, Hedemann ... An Gräfin Erdmute und - ihre
apokalyptischen Bilder über Rom ...
    Es gibt Naturen, die vom Zweifel und einer Weltauffassung der Ironie in
überraschender Plötzlichkeit zu einer Leidenschaft überspringen können, die an
ihnen völlig unvermittelt erscheint ... Es gibt Naturen, die jede Voraussetzung,
die sogar nur von ihrer Besonnenheit gehegt werden durfte, plötzlich durch die
törichtsten Handlungen Lügen strafen ...
    Die Umstände hatten Benno aus der Bahn des heimatlichen Lebens und Denkens
hinausgeworfen ...
    Jene Courierreise, von den Umständen so harmlos geboten, gab ihm den Anstoss
zu einer immer mehr um sich greifenden Revolution seines Innern ... Auf dem
Capitol beim Gesandten seines engern Vaterlandes war er deshalb vorm Jahr kalt
empfangen worden ... Aber auch auf dem Venetianer Platz beim Gesandten
Oesterreichs, wo er ausgezeichnet worden, erwartete man vergebens seine
Wiederkunft ... Durch ein zufälliges Begegniss, durch einen Anteil seines
Herzens, genährt durch die Erinnerung an seine Mutter, genährt durch die
Mahnung, dass römisches Blut in seinen Adern floss, hatte er sich den
hervorragenden Erscheinungen des »Jungen Italien« genähert - ... Schon hatte man
ihm mehr Vertrauen geschenkt, als er begehrte und als vielleicht von andern
gutgeheissen wurde ... Und dennoch lebte er in vertraulichster Beziehung zu
Menschen, die er hasste und die er aus Grund der Seele hätte meiden sollen ...
Diese Gegensätze unterwühlten seine Ruhe, brachen seinen Mut ... Auf seinem
Antlitz fühlte er eine brennende Maske, ein Mal der Scham ... Sein
Glaubensbekenntnis des Sichergebenmüssens in Lagen, in die uns die Laune des
Zufalls gestellt hätte, war dahin ... Nimm Partei! riefen ihm geheimnisvolle
innere Stimmen schon seit jener Stunde, als sich ihm die Mutter in Wien in der
ganzen Einseitigkeit ihrer Nationalität offenbart hatte ... Als er dann Italien
selbst gesehen, als er auch Bonaventura in so wunderbarer Schnelligkeit auf den
gleichen Boden verpflanzt gefunden, da führten die gemeinschaftlichen
Anschauungen, die übereinstimmenden Ergebnisse des Nachdenkens beide auf die
feste Ueberzeugung, dass nur in Italien und vorzugsweise aus der römischen Frage
heraus die Entscheidung der weltgeschichtlichen Schicksale Europas zu suchen
wäre ...
    »Die Zeit deiner grossen Revolutionen«, hatte Benno noch vor kurzem an den
Onkel Dechanten geschrieben, »ist näher, als Du in Deinem friedlichen Asyle
ahnst! ... Die Frage, um die sich Beda Hunnius so erhitzt, die Frage eines
Bruchs der deutschen Kirche mit Rom ist nur ein Symptom ... Rom und die grosse
Sache der Geistesfreiheit können zu ihrem Abschluss nur durch die politischen
Schicksale Italiens kommen ... Wird der Schemel der irdischen Macht dem
Stellvertreter Christi unter den Füssen weggerissen, dann kann ihm nichts mehr
von seinen alten, auch den geistigen Druck der Welt unterstützenden
Machtansprüchen bleiben ... Eine Weile wird er sich noch Patriarch von Rom
nennen dürfen; aber jede neue Phase der Geschichte nimmt ihm eine Würde nach der
andern ... Damit bricht der Bau der Hierarchie und das schon halbvollendete Werk
der Jesuiten zusammen« ...
    Ob auch der Katolicismus? ...
    Benno hatte seinen zwischen Katolicismus und Protestantismus in der Mitte
gehenden Standpunkt offen dargelegt ... Er hatte dem Onkel geschrieben:
    »Ich glaube nicht an die propagandistische Kraft des protestantischen
Geistes; ich zweifle sogar an dem entscheidenden Ausschlag, den die Völker der
germanischen Zunge überhaupt noch der Geschichte geben ... Das germanische
Mutterland ist in zwei Hälften gespalten: Oesterreich hat die Gedankengänge der
romanischen Welt angenommen; Preussen hat die kühne Neugestaltung Friedrich's des
Grossen nicht zu verfolgen gewagt ... Die germanische Welt wäre nur insofern
kraftvoll, als ausschliesslich mit ihr der Protestantismus geht ... Eine durch
Oesterreich vertretene germanische Welt ist keine oder der Name Deutschland wird
zum Schrecken jeder Nation, die ihre Freiheit anstrebt ... Nun aber lieb' ich
Deutschland, liebe seine Bildung, anerkenne seinen Beruf ... So seh' ich keine
Hülfe, die ihm geboten werden kann, als den Untergang Roms, die Zertrümmerung
derjenigen Bestandteile der katolischen Kirche, die uns Katoliken von einer
engern Gemeinschaft mit den Protestanten trennen ... Ein gestürztes Papsttum
wird Deutschland einigen; ein frei gewordenes Italien wird Oesterreich erinnern,
wo Kaiser Joseph die Kraft des Kaiserstaates suchte - in einer Fortsetzung des
Fridericianischen Zeitalters der Preussen ... Gibt es einen Katolicismus ohne
den Papst? ... Das ist die grosse Frage der Befreiung der Gewissen ... Und wird
sie in dem Sinne beantwortet, dass Rom aufhört, die Metropole der katolischen
Kirche zu sein, was kann, das ist die zweite Frage, von ihrem Leben
zurückbleiben, um die Schranken zwischen ihr und den Protestanten
niederzureissen? ... Bonaventura will die Bibel und eine geläuterte Messe ... Es
sind seine täglichen Gedanken - sie erfüllen ihn ganz ... Ich selbst besitze zu
wenig das Bedürfnis des - Cultus, um darüber ein Urteil zu haben« ...
    Benno fand die Mutter nicht daheim ... Marco, der ihn bei jedem Besuch mit
grösserm Befremden musterte, versicherte, er würde sie beim Kloster der
»Lebendigbegrabenen« oder vielleicht jenseits der Tiber finden ... Sie hätte
Sancta Cäcilia, der heiligen Sangesmuse, ihrer alten Schutzpatronin, »der sie so
vieles Gute dankte«, ihre Verehrung bezeugen wollen ... Von bedenklichen
Vorfällen meldete Marco nichts ... Der Advocat Bertinazzi hatte in der Tat
zweimal anfragen lassen ...
    Was ist Religion! sagte sich Benno - als er sich auf den Weg machte zu den
»Lebendigbegrabenen« ... Bei ihnen war heute die Mumie ausgestellt ... Die
Menschen standen noch bis auf die Strasse hinaus und jeder hatte dem gläsernen
Kasten ein Leiden vorzutragen ... Starr hing das braune Schreckbild der Eusebia
Recanati an seinen goldenen Klammern ... Die Menschen berührten den Glasschrank
und erwarteten Hülfe ... Selbst aus der Zahl der Falten ihrer Kleider suchten
sie sich die Nummern - die sie für die nächste Tombola setzen wollten! ... Die
Masse ist unverbesserlich! sagte sich Benno ... Die Eingeweide der Vögel oder
die Gewänder einer Mumie - gleichviel! Auch in der protestantischen Kirche lässt
die Hebamme unter dem Kissen des Täuflings die Nabelschnur der Gebärerin
mittaufen -! ... Nur auf die Verteilung der Herrschaft kommt es an, nur darauf,
was im Gesetz den Vorzug hat, die Vernunft oder die getaufte Nabelschnur - Alles
andere macht die Strömung der Luft, der Wind, das ansteckende Beispiel - Ohne
den Widerstand der Priester und der Doctrinäre könnte der Deutschkatolicismus
sogar den Rationalismus zu einer Art von Mystik erheben, deren die Menschheit
nicht scheint entbehren zu können ...
    Weder vor der Kirche, noch im Kloster bei Olympiens Mutter fand sich die
Herzogin ... Equipagen gab es genug; keine mit dem Wappen des Marquis Don
Albufera de Heñares, Herzogs von Amarillas, ein Wappen, das der Mietkutscher
auf seine Wägen zu setzen gestattet hatte ... Benno wollte nach Sancta Cäcilia,
zu welcher Kirche gleichfalls ein Kloster gehörte ...
    Es war nun in den Strassen dunkel geworden, obgleich die Abendröte noch
schimmerte ... Das Volksgewühl begann in dieser Gegend wie täglich bei Untergang
der Sonne ... Da wogten die Menschen durcheinander, da erscholl jener Lärm des
Südens - um ein Nichts, um ein Paar alte Schuhe, um Schwefelfaden, um etwas
Wasser mit einem Stückchen Eis ... Immer glaubt man, ein Kauffahrteischiff wäre
eben angekommen und lüde die Schätze beider Indien aus ... Schon dampften
Maccaroni in den auf offener Strasse errichteten Küchen ... Fische wurden
gesotten in Pfannen, über die - wende dich ab, deutscher Geschmack! - der
aufgekrämpte rotnackte Arm der Volksköchin die Oelflasche giesst ... So mancher
Arbeiter hält jetzt erst sein Mittagsmahl auf Piazza Navona ... Die
Fleischerbuden bieten noch feil ... Seltsam geformt und fast an die alten Arenen
erinnernd sind die zerteilten Stücke, an denen die Knochen mehr als bei uns
zurückbleiben ... »Unsere Sitten das und unsere Sitten sind gut!« - liegt auf
den Mienen dieser schreienden, singenden, schmausenden - dann auch dazwischen
wieder betenden Welt - ... Die Türen der erleuchteten Kirche Santa Agnese
stehen weit offen ... Auf ihren Stufen im herausströmenden Weihrauchduft lagert
sich in bequemster Behaglichkeit das südliche Abendleben ...
    Vorüber am Pasquino - am Palazzo Rucca - am Ufficio delle SS. Reliquie e dei
Catacombe, wo Cardinal Ambrosi wohnt ...
    Benno stand schon zu mehreren malen an dem grauen spanischen Gebäude mit den
vergitterten Fenstern ... Er dachte: Da hinten im düstern Hofe wohnt ein Mensch,
der ein Geheimnis ist! ... Bonaventura erfuhr sein Leben von mir ... Er floh vor
einem Sektirer - hatte die Mutter erzählt ... Und doch soll er mit Fra Federigo
im Einverständnis leben? ...
    So bilden sich die Sagen, so verknüpft der Volksglaube ... Das Volk kann das
Seltene sich nicht denken ohne unmittelbare Beziehung zu Gott; das Edle kann ihm
nie ohne Wunder sein; zwei grosse Menschen können ihm nicht ohne das Band des
Einverständnisses leben - ... Dieser einfache, ascetische Mönch erhielt eine
Geschichte, von der er schwerlich selbst eine Ahnung hatte ... Benno musste auf
den Beistand auch dieses Cardinals rechnen, wenn Bonaventura in Rom erscheinen
sollte ... Eine Regung der Dankbarkeit für Fra Federigo liess sich bei ihm
voraussetzen ...
    Und Fra Federigo selbst! ... Benno's eigene Erinnerungen trugen von
Friedrich von Asselyn kein Bild ... Nur aus Bonaventura's Charakter, nur aus dem
Bestreben seines Vaters, für die Welt seinem Weibe zu Liebe ein Gestorbener sein
zu wollen, konnte er sich die Züge erklären, die allgemein von jenem Einsiedler
unter dem Laubdach eines waldensischen Eichenhains erzählt wurden ... Von Gräfin
Erdmute wusste er, dass sie eines Tags vor längern Jahren aus einem waldensischen
Gottesdienst zu Fuss nach Hause kam, mit einem ihrer Diener auf dem Heimweg
deutsch sprach und darüber von einem Mann angeredet wurde, der hinter ihr her
ging, sich als Deutscher zu erkennen gab, auf einer Fusswanderung nach den
Seealpen begriffen zu sein erklärte und durch Zufall jener Predigt beigewohnt
hatte, die ein Geistlicher gehalten, der keinen katolischen Ornat trug ... Der
Fremdling konnte diese fast altluterischen Sitten des Gottesdienstes nicht
unterbringen und liess sich über die Waldenser von einer Dame unterrichten, in
der er mit Ueberraschung einer geborenen Freiin Hardenberg, aus altem
norddeutschen Geschlecht, begegnete ... Ihm selbst, sagte er, wären die Gedichte
eines Hardenberg (Novalis) von grösster Anregung gewesen ... Dann - bei einer
Kapelle - zur »besten Maria«, an der sie vorüber mussten - bekannte er sich der
über die Anerkennung eines Verwandten freudigerregten Frau zwar als Katoliken,
sagte aber: Was hat wohl Ihr frühvollendeter Vetter unter jener Maria verstanden,
die er zum Anstoss der Seinen so oft besang! Doch wohl nur Sophia von Kühn, die er
liebte und die ihm starb, noch ehe sie die Seine geworden! So wird unser eigenes
Leben zuletzt die lauterste Quelle unserer Religion ... Hardenberg-Novalis sang,
fuhr er fort:
»Wenn alle untreu werden,
So bleib' ich dir doch treu -!«
Er sang es in so persönlicher Freundschaft für den Erlöser, dass ich diesem Lied
mein Glaubensbekenntnis verdanke ... Die Religion muss für jeden Einzelnen sein
eigenes persönliches Verhältnis zu Gott werden und die Kirche soll nur so viel
dazu mittun und mitelfen, wie ein Wächter, der ein Stelldichein der Liebe
hütet! Alles andere, jede andere Einmischung in unsere innere Welt ist vom
Uebel! ... Die Gräfin, die ihren herrenhutischen Glauben annähernd richtig
gedeutet sah, bat den Fremdling, auf Castellungo einige Tage Rast zu halten ...
Er zögerte anfangs, folgte aber doch, da er ermüdet und offenbar im Beginn einer
Krankheit schien ... Diese überfiel ihn denn auch, als er das stolze Schloss
beschritten und die erste freundliche Bewirtung der Gräfin genossen hatte ...
Sein überreizter Zustand gab sich sogleich in einem heftigen Strom von Tränen
kund, dem ein Fieberfrost und eine lange Nervenkrankheit folgte ... Die Gräfin
widmete ihm die grösste Sorgfalt und erfüllte zugleich die Bitte, die sich in
einzelnen lichten Momenten von seinen fahlen Lippen stahl, dass sie keine
Nachforschungen über seinen Namen und seine Herkunft anstellen sollte ... Er
hätte keine Verwandte mehr, wollte todt sein und bäte, ihn nicht anders als
Friedrich zu nennen - Das Reich des Friedens, sagte er, find' ich nicht mehr auf
dieser Erde, ich zöge gern hinüber; mir selbst aber den Tod zu geben, wäre
vermessen; unsichtbare Fesseln halten mich auch noch - doch bin ich nicht mehr,
was ich war - ich bin ein Todter ... Die Gräfin hatte Benno erzählt, dass der
Fremdling damals wenig über vierzig Jahre zählte, eine seltene Bildung besass und
mit den Lehrsätzen seiner Kirche um persönlicher Erlebnisse willen in Spannung
schien ... Oft hätte sie ihn für einen flüchtigen Priester gehalten ... In ihn
zu drängen und Namen und Stand von ihm zu begehren, widersprach ihrer Sinnesart,
ja die Verehrung vor dem »Signor Federigo«, wie ihn sogleich die Schlossbewohner
nannten, wuchs bei ihr zu einer so innigen Freundschaft, dass die schon gereifte
Frau, damals Witwe, sein Scheiden nur mit grösster Betrübnis würde erlebt haben
... Er seinerseits fasste die gleiche Neigung für die edle Dame, deren religiöse
Denkweise nicht ganz mit der seinigen übereinstimmte, die aber
Verbindungsglieder gemeinschaftlicher Ansichten und Stimmungen bot ... So
knüpfte sich zwischen beiden ein seelisches Band, das aus den Erzählungen der
Gräfin mehr von Benno geahnt werden konnte, als ihre Worte schilderten ... Sie
liess die jedenfalls auf Friedrich von Asselyn passende Äusserung fallen, dass der
Fremdling die Wappen und Farben ihres Hauses von der ältern Linie her kannte,
sie oft mit Rührung betrachtet hätte und selbst wohl dem Adel angehörte ... Fast
wie aus Furcht vor Begegnungen, die gerade auf diesem Schloss nicht unmöglich
waren, hätte der Fremde sowol den langen Bart, der ihm in seiner Krankheit
gewachsen war, nicht entfernen, noch auch auf dem Schloss selbst länger wohnen
mögen ... Unter dem Schutz der Gesetze, die aus aufgeklärtern Zeiten, als die
unserigen, stammten und den die Gräfin so mutig wiedererobert hatte, verweilte
er eine halbe Meile vom Schloss entfernt in einem Hause, das er sich im Wald
aus Baumstämmen selbst gezimmert hatte ... Die Menschen der Umgegend nannten ihn
»Fra Federigo« ... Man rühmte seine Kenntnisse in der Heilkunde, in Sachen des
Ackerbaus und der Güterbewirtschaftung ... Er kannte das Recht, die Geschichte,
die Lehnsverhältnisse in allen europäischen Gesetzgebungen ... Anfangs liess er
sich nur mit Widerstreben von den Umwohnenden besuchen. Zuletzt, wenn die Gräfin
auf längere Zeit nach Wien musste, war sein Rat allen und ihren eigenen
Verwaltern unumgänglich ... Unter seiner Eiche hielt er eine Bienenzucht und
nahm in dieser summenden Gesellschaft, zu der noch eine Ziege und ein Hund
gehörten, immer mehr die Weise eines Eremiten an, der, geschieden von der Welt,
auch sein Äußeres nicht mehr nach den Gesetzen der Gesellschaft einrichtet ...
Briefe empfing er nicht; ebenso las er anfangs keine Zeitungen; später desto
teilnehmender, bis er sich, diese Lectüre versagte, nur um nicht den Reiz der
Rückkehr in die Welt zu mehren ... An Anfechtungen durch die Geistlichen und
Behörden fehlte es nicht ... Seine Anspruchslosigkeit und der Schutz der Gräfin
bewahrte ihn vor grössern Unbilden ... Bis dann freilich die Jesuiten immer
mächtiger und mächtiger wurden und die Eifersucht der Dominicaner reizten ...
Hof und Cabinet von Turin kamen in die Hände der Jesuiten ... Nun begannen
Verfolgungen, Einkerkerungen ... Bald nach Fefelotti's Erscheinen verschwand
plötzlich der inzwischen zum Greise gewordene gütige und allgeliebte
Waldbewohner ... Eines Morgens fand man seine Siedelei leer; seine Ziege hatte
noch ihr Futter für einige Tage, ebenso sein Hund, der angebunden war ... Als er
losgeschnitten wurde, rannte er schnurstracks nach Coni bis in das dortige
erzbischöfliche Ordinariat, wo die übrigen Gefangenen sassen ... Dort wurde er
festgehalten und eingesperrt ... Als man ihn eines Tags losgerissen fand,
behauptete man, ihn in Robillante gesehen zu haben und zwar, wie die Gräfin
Benno versicherte, mit eingeklemmtem Schweif, herabhängenden Ohren, trauernd
hinter einer düstern und verschlossenen Kutsche herlaufen, die von zwei
Gensdarmen begleitet wurde ... Die Kutsche kam aus dem Officium der Dominicaner
zu San-Onofrio und fuhr der grossen Strasse gen Osten zu ... Das Tier, sagte sie,
hatte die Witterung seines Herrn und konnte ihm in seiner verschlossenen Kutsche
nicht beikommen ... Selbst als man später vom Auftauchen Fra Federigo's bei
Loretto und unter den Räubern der Mark Ancona gehört hatte, liess sich die Gräfin
nicht nehmen, dass jene noch an einigen andern Orten auf ihrer geheimnisvollen
Fahrt gesehene Kutsche ihren Freund nach Rom abgeführt hätte - eine Ansicht, die
niemand mehr als Bonaventura teilte - er, der sie mit einem Schmerz nachfühlte,
dem Benno in Gegenwart der Gräfin nur einen unvollkommenen Ausdruck geben konnte
... Benno's Ansicht: Dein Vater erfuhr deine wunderbare Ernennung zum Bischof
von Robillante und floh aus eigenem Antrieb vor dir und vor dem möglichen
Wiedersehen deiner Mutter und Friedrich's von Wittekind! - liess Bonaventura in
einem Augenblick gelten, im andern trat ihm wieder das Bild der verschlossenen,
von Gensdarmen nach Rom geführten Kutsche wie eine Mahnung entgegen, nicht eher
zu ruhen und zu rasten bis sein greiser Vater aufgefunden war ...
    Benno wurde aufs mächtigste von diesen Rätseln ergriffen beim Hinblick auf
San-Pietro in Montorio, wo Bruder Hubertus gewohnt hatte ... Er hatte die Mutter
in Trastevere gesucht ... Auch in Santa-Cecilia, bei den Benedictinerinnen, fand
er sie nicht ... Nun wollte er einen Mietwagen nehmen und nach Monte Pincio
zurückfahren ... Da im allerletzten Abendsonnenstrahl leuchtete so schön und
verklärt, San-Pietro in Montorio auf ... Wo konnte er sich bessere Kunde vom
Bruder Hubertus holen, als dort oder vielleicht - bei Sebastus in Santa-Maria?
... Letztern zu meiden drängte ihn alles ...
    Er erstieg den Hügel, auf dem die Paolinischen Wasserleitungen sich sammeln,
klopfte an das Kloster, neben einer Kirche, der einst Raphael seine
Transfiguration gemalt ...
    Von den beim Nachtimbiss sitzenden Alcantarinern kam einer an das
Sprachgitter und sagte auf Benno's Fragen:
    Wir wissen von dem deutschen Bruder nur, dass man ihn noch in Ascoli sah ...
Die Leiden des Bischofs von Macerata sind im Druck erschienen und Ihr werdet sie
gelesen haben ... Seine Befreiung ist dem wundertätigen Marienbild von Macerata
beizuschreiben, das eines Tages spurlos verschwand1... Das Volk geriet in
Aufregung und beschuldigte das Kapitel von Macerata, das Bild weggeschlossen zu
haben, um auf diese Art die Räuber zu zwingen, den Bischof freizulassen ... In
der Tat bemächtigte sich eine solche Unruhe der Gegend, dass die Genossen des
Grizzifalcone Angst bekamen und sich herbeiliessen, lieber den Bischof auf freien
Fuss zu stellen ... Der Heilige hat viel dulden müssen - das Marienbild ist dann
wieder erschienen ... Von Bruder Hubertus, der dem Domkapitel jene Hülfe
angeraten hat und so ohne alle Mühe den Bischof rettete, ist seiter nichts
mehr vernommen worden ... Wir wissen, er hat den Grizzifalcone getödtet in einer
Nacht, wo wir ganz andere Dinge von ihm erwarteten ... Ein Tollkopf war's ... Er
auch nur allein konnte sich unter Räuber begeben, deren Hauptmann er getödtet
hatte ... Auch von dem Pilger wisst Ihr, der dem Grizzifalcone für seine
Bekehrung hat alles lesen und schreiben müssen? ... Ein Franciscanerbruder
sprach vor einigen Tagen bei uns vor und hat ausgesagt, man hätte den Mönch mit
dem Todtenkopf und mit ihm zugleich den Pilger jenseit der Grenze in den
Abruzzen gesehen ...
    Auf Benno's dringenderes Forschen rief der Pförtner den Guardian ...
    Dieser kam und versicherte, beide Verschollene wären auch schon lange nicht
mehr in den Abruzzen, sondern in Calabrien, wo sie ein Wallfahrer in dem
schluchtenreichen Silaswalde wollte gesehen haben ...
    Im Silaswalde! ... An der äussersten Grenze Italiens - Auf den
meerumbuchteten Landzungen Neapels schon - in den ältesten Hainen der Welt von
Eichen-und Kastanienbäumen - ... Immer weiter und weiter rückte die Beruhigung
des aufgeregten und selbst so düster bedrohten Freundes in Robillante ... Würde
Benno sich freier bewegt haben, er hätte sich an Ort und Stelle begeben, um nach
dem geheimnisvollen Pilger zu forschen ... Die Ungewissheit, der Einfall der
Gebrüder Bandiera, die Furcht vor Olympia's Rache, Bangen vor den Mahnungen
Bertinazzi's hielten ihn von der Ausführung dieses Vorsatzes ab ...
    Benno kämpfte mit sich, ob er die Mutter heute aufgeben und nicht lieber
sofort zu Bertinazzi gehen sollte, den er erst morgen in erster Frühe hatte
besuchen wollen ...
    Die volle Nacht war hereingebrochen, als Benno von San-Pietro niederstieg
...
    Die Einsamkeit des Weges beflügelte seinen Schritt ... Schon im
zweifelhaften Abendlicht sind die nächste Trümmerhaufen und Gartenmauern Roms
unheimlich ...
    Er wandte sein Auge vom Anblick der Peterskuppel ab ... Das Bild: Morgen um
diese Stunde werden dort die marmornen Bilder des Vatican lebendig! machte ihm
das Blut erstarren ... Er kannte diesen Braccio Nuovo ... Hundert lachende
Priester sah er in festlichen Gewändern, bei Fackel- und Kerzenschein, durch die
mit den Marmorsärgen der ersten Christen geschmückten Corridore schreiten ...
Die Statuen der römischen Kaiser wurden lebendig und schlossen sich ihnen an ...
Im Saal des Braccio Nuovo schimmerten Bankettische, Vasen voll Blumen, silberne
Urnen voll Eis mit dem »Bier der Franzosen«, wie Sarzana gesagt hatte; alles im
glänzenden Licht, ausgeströmt von zahllosen Kerzen ... Die Julien, Livien und
Agrippinen der Imperatorenzeit kamen mit ihren faltenreichen Gewändern in den
Saal und setzten sich zu den Zechenden ... Da tront Ceccone, mit dem Rücken
gelehnt an die berühmte Gruppe des Nil ... Sechszehn kleine Genien kugeln sich
übermütig auf dem kolossalen Sinnbild der Ueppigkeit und Fruchtbarkeit ... Der
lachende Silen blickt auf den neugeborenen Bacchus dicht neben Bischof Camuzzi
... Fefelotti liebäugelt mit der berühmten Statue des Demostenes, die soviel
zierliche Fältchen wirft; mehr, als ein Redner voll Natürlichkeit seiner Toga
erhalten konnte, als er gegen Philipp von Macedonien donnerte ... Nun trommelt
die Schweizergarde ... Immer neue Gäste kommen im Purpur vorgefahren und die
Medusenhäupter nicken ihnen den Gruss; die Atleten erheben sich, die
Isispriesterinnen verneigen sich ... Olympia - lässt lachend vor Erwartung den
Arm auf dem Sockel ihres Apollin ruhen - ... Oder blickt sie finster wie die
»verwundete Amazone« -? ... Er ahnte, dass sie diesmal seiner Flucht aus Villa
Torresani nicht im mindesten zürnte, sondern fest und sicher ihn für morgen
erwartete ...
    Die Qual der Entschlusslosigkeit trieb Benno dahin, wie von Furien gepeitscht
...
    Er kam der Tiber näher ... Die Brücken, die in die innere Stadt führten,
waren entlegen ... Hie und da ging eine Treppe nieder, wo in einem angebundenen
Kahn ein Schiffer sich streckte und auf einen Verdienst wartete ... Er wollte
sich übersetzen lassen ...
    Wie ein Träumender blickte er um sich ... Hier in der Nähe sind die Spitäler
... Es konnte nicht befremden, dass da und dort jene gespenstischen Gestalten der
Todtenbruderschaft auftauchten ... Die Begräbnisse finden des Nachts statt ...
Memento mori! ... Benno erblickte einige dieser bald weissen, bald schwarzen
Kutten in Kähnen auf dem gelblichen Strom dahingleiten ...
    Die Via Lungaretta schien ihm heute endlos ... Er hatte übersehen, dass er
die Abbiegung zur Bartolomäusbrücke schon hinter sich hatte und sich an Ponte
Rotto befand, einer Gegend, wo es schwerlich Fiaker gab ...
    Sollte er den Besuch der Mutter für heute aufgeben? ... Sollte er zu
Bertinazzi gehen? ...
    Da schritt wieder vor ihm her ein schwarzer Todtenbruder ... Er kam aus dem
engen Winkelwerk der Häuser heraus und stieg eine Treppe nieder ... Hier glänzte
die Tiber auf ... Im Abenddunkel boten die Lichter am Ufer und die in den Strom
hineingebauten Mühlen einen besonders lebhaften Anblick ... Eine Schar von
Bettlern und Strassenjungen zeigte Benno hinter einem Gebäude den Kahn, den der
Todtenbruder suchte ...
    Es zog auch ihn zum Tode ... Er musterte die stolze Haltung seines Gefährten
... Oft verbargen sich unter diesem Kleide die angesehensten Nobili, wenn sie
gerade die Reihe des Dienstes in der Bruderschaft ihres Viertels traf ...
    Benno rief dem Schiffer, ihn noch mitzunehmen und stieg die Stufen nieder
...
    Der schwarze Leichenbruder, eine hohe, schlanke Gestalt, hatte eben zum
Abfahren winken wollen ... Jetzt erst, da er noch einen Passagier sich
nachkommen sah, setzte er sich ...
    Auf dem trüben, ungleichen, strudelreichen Bett der Tiber glitt der leichte
Kahn dahin, geführt von einem jungen halbnackten Burschen, der den vom Kopf bis
zum Fuss verhüllten Todtenbruder scheu betrachtete und vor Freude über die
glückliche Eroberung zweier Passagiere statt eines eine Weile sprachlos blieb
... Rings funkelten immer heller und zahlreicher die Lichter von den Ufern auf
... Auch bei den Benfratellen drüben war Licht ... Mancher Leidende mochte dort
eben seinen letzten Seufzer aushauchen, mancher Genesende die Hände zum
Dankgebet erheben ... Die hie und da auftauchenden Sterne spiegelten sich nur
matt in den trüben Wogen, auf deren Grund so tausendfach die Reste der
Jahrhunderte schlummern, so mancher Fund, dessen Entdeckung das Entzücken des
Forschers sein würde ... Auf der Quattro-Capi-Brücke war es so lebhaft wie auf
Piazza Navona ... Noch stachelten verspätete Fuhrleute ihre riesigen weissen
Ochsen, deren stolzgewundene Hörner nur eines Kranzes bedurften, um den
Opfertieren Griechenlands zu gleichen ... Noch zankten Treiber mit ihren
schreienden, in Italien so heissblutigen Eseln ... Die Glocken läuteten ... Ein
solcher Abend scheint im Süden erst das Erwachen zum Leben zu sein ... Kähne
glitten dahin mit aufgehäuften Gemüsen und Früchten schon für den morgenden
Markt ... Die Ruderer mussten Acht haben; von den Tausenden von Trümmersteinen,
die in dem Bett des geschichtlichsten aller Ströme ruhen, ist die Fahrt auf ihm
keine ebenmässige ...
    Benno, tiefermüdet, redete den Todtenbruder, von dem er nur die Augen sehen
konnte, mit den Worten an:
    Dieser Dienst in der Nacht hat sicher seine Beschwerlichkeit ...
    Der Todtenbruder antwortete nicht ...
    Die Römer sind sonst höflich ... Benno glaubte nicht verstanden worden zu
sein, wiederholte seine Worte und setzte hinzu:
    Aber Sie lösen sich häufig ab? ...
    Der Todtenbruder zog statt der Antwort jetzt sogar seine schwarze
Kopfbedeckung so, dass selbst seine feurigen Augen verdeckt blieben ...
    Seltsam! dachte Benno ... Der Mann ist schwerlich taub ... Er trägt
vielleicht ein Leid wie du ...
    Benno schwieg und hörte auf den Schiffer, der in italienischer Gewohnheit
schon für jede andere Gelegenheit sich empfahl, wo die Herrschaften vielleicht
wieder die Tiber befahren wollten ... Er nannte sich Felice und beschrieb seinen
Vater, der den Stand an Quattro-Capi drüben hätte und der beste Schiffer von der
Welt wäre ... Benno kannte, was man alles bei solchen Gelegenheiten in Italien
zu hören bekommt; jede neue Kundschaft wird sogleich fürs Leben festgehalten ...
...
    Er war nicht in der Stimmung, die Unterhaltung mit Felice fortzuführen ...
Er sah auf den Todtenbruder, der vielleicht das Gelübde des Schweigens abgelegt
hatte ... Vielleicht war es ein Vornehmer, den sein nächtliches Amt verdross ...
    Wieder glitt eine Barke mit zwei Benfratellen, die von der Bartolomäusinsel
kamen, vorüber ... Auch diese hatten ihre Kapuzen über den Kopf gezogen ... Sie
wurden von einer dritten Barke gekreuzt, die gleichfalls ein Mitglied der
Todtenbruderschaft führte - in weisser Verhüllung ...
    Der Gedanke lag nahe, an eine grosse Sterblichkeit zu denken, die über Rom
gekommen ... Im Herbst pflegte sich seit einigen Jahren regelmässig die Cholera
einzustellen ...
    Felice besass den angeborenen Scharfsinn der Italiener ... Eine
angeschnittene Melone, die neben dem Mantel Felice's lag, betrachtete Benno mit
einem Blick, der bei so vielen Todeserinnerungen keinen Appetit danach
ausdrückte und Felice las sogleich die Gedanken in der Seele seines zweiten
Passagiers, denn er sagte:
    Eh! ... Sie kommt dies Jahr nicht wieder ...
    Benno wusste, was Felice meinte, mochte aber die Conversation nicht
fortführen ...
    Felice aber im Gegenteil ...
    Signore, flüsterte er, als handelte sich's um einen Gegenstand der grössten
Discretion, ich stehe drüben bei Capo di Bocca - dicht an der Apoteke ... Da,
wo meine Mutter die Melonen verkauft ... Saftige, Herr! ... Sehen Sie, versuchen
Sie! ... Signore! Nein, sie kommt dies Jahr nicht wieder ... Die Krankheit mein'
ich, Signore ... Der Padrone der Apoteke hat es selbst an die Leute gesagt ...
Signor, bei Capo di Bocca ... Rufen Sie nur immer: Felice! ...
    Woher weiss der Padrone der Apoteke, dass die Cholera diesmal nicht
wiederkommt? fragte Benno, um dem Redestrom ein Ende zu machen ...
    Signore! Weil sie kein Gift mehr verkaufen dürfen ... Er sagt' es gestern
erst dem Wirt der Navicella ... Signore, das ist das Kaffeehaus drüben, wo mich
jeder findet, der nur am Ufer nach Felice - ...
    Gift verkaufen? Wozu Gift -? unterbrach Benno, der sich die Pein dieser
Kundschaftsempfehlungen abkürzen wollte ...
    Haha! lachte Felice und stiess sein Ruder auf ein hartes Gestein, das -
vielleicht der Torso einer Statue des Praxiteles war ... Die Brunnen vergiften
sie nicht mehr ... Das glauben die dummen Leute ... Eh -! ... Die Brunnen! ...
Haha, Signore! ... Aber machen Sie eine Partie, Herr - Nach Ceri, Herr - Ceri
ist die älteste Stadt der Welt - Ich nehme meinen Bruder mit ... Morgen? ...
Meinen Bruder Beppo ...
    Warum sagt ihr: He? und lacht - Was glauben die klugen Leute über die
Cholera -? ...
    Felice machte eine Miene, als durchschaute er alle Geheimnisse der Welt ...
    Was ist's, wenn die Apoteker kein Gift mehr verkaufen dürfen? wiederholte
Benno ...
    Gift? ... Nicht verkaufen? ... Die Apoteker sagen's und die armen Leute
glauben's ... Aber die Reichen - die bekommen Gift, soviel sie wollen ... Und
die Aerzte - die brauchen's gar nicht aus der Pharmacia zu kaufen ...
    Die Armen? Die Reichen? Die Aerzte ... Wie hängt das alles zusammen? ...
    Felice machte Mienen, die Benno allmählich verstand ... Er liess nur einfach
die eine Hand vom Ruder los und fuhr damit hinter's Ohr mit ausgespreizten
Fingern ... Eine Miene, die etwa sagte: Wir sind nicht so dumm, wie wir aussehen
- die Aerzte vergiften zur Zeit der Cholera auf Befehl der Reichen die Armen -
... Signore - nach Ceri! fuhr Felice fort, als Benno verstanden zu haben schien
und seinerseits gleichfalls eine Geberde machte, die mit südländischer Offenheit
soviel sagte, als: Felice, du bist ein Esel! ... Ceri ist die älteste Stadt der
Welt! ... Vielleicht morgen - ich nehme noch meinen andern Bruder mit - Ausser
Beppo noch den dritten, den Giuseppe ...
    Die Cholera ist also eine Krankheit, die von obenher befohlen wird!
unterbrach Benno ... Alle Jahre soll einmal der Staatskörper von seinem
Ungeziefer gereinigt werden! Nicht so, ihr Toren? ...
    Die Miene und Betonung Felice's drückte das starrste Festalten seiner
Meinung aus ... Wie wenig ihm daran lag, seine Gesinnung über die Aerzte,
Apoteker und die Reichen in Rom geändert zu bekommen, sagte die Mahnung:
    Herr, die Tiber kennen selbst die Römer noch nicht alle ... Gewiss, Herr,
selbst wenn Sie ein Römer sind, haben Sie noch nicht Castellana gesehen ...
Civita Castellana ist das Wunder der Welt ... Wenn wir Morgens um vier Uhr einen
Kahn nehmen, natürlich - mit Beppo, mit Giuseppe und Francesco - Francesco,
Herr, ist mein vierter Bruder ...
    Das erzählt man allerdings aus der Cholerazeit, unterbrach Benno mit
Entschiedenheit ... Wer einen Feind hatte, tödtete ihn bei dieser Gelegenheit;
schlechte Frauen vergifteten ihre Männer, schlechte Männer ihre Frauen, ruchlose
Kinder ihre Aeltern ... Im allgemeinen jammervollen Klagen und Sterben ging eine
Leiche mit der andern, ohne dass man danach fragte, ob wohl das Gift, an dem sie
den Geist aufgeben mussten, aus der schlechten Luft oder - aus den Kellern kam,
wo nur die Ratten daran sterben sollten ... Sagt man nicht das? ...
    Diese Frage richtete Benno an den schwarzen Todtenbruder ...
    Fast getroffen von Benno's Worten hatte sich dieser von seinem Sitz erhoben
... Vom Nachtimmel sich abzeichnend stand die Gestalt in schöner, langer,
schlanker Haltung - ein Bote des Minos, ein Abgesandter des Richters aus der
Unterwelt ...
    Benno hatte noch einmal geglaubt den Versuch machen zu sollen, den stummen
Passagier zu einer Antwort zu bewegen ...
    Der Todtenbruder sprach in der Tat auf seine Frage ein leises und hohles:
    Man - sagt - das ...
    Benno horchte der Stimme und fuhr fort:
    Eine entsetzliche Vorstellung, sich so feige Mörder denken zu müssen, die
eine Zeit der allgemeinen Auflösung des Vertrauens, eine Zeit der Trauer
benutzen, um mit gedecktem Rücken einen dann wahrscheinlich sichern Mord
auszuführen ...
    Wieder schien der Todtenbruder von diesen Worten eigentümlich berührt ...
Er schwieg, fiel nicht zustimmend ein, drückte keine Verachtung eines so feigen
Mordes aus, sondern wandte sich nur ab, um durch seine kleinen Augenöffnungen
auf die bald erreichte Brücke der »Vier-Häupter« zu sehen ...
    Als sich nun auch Benno erhob, geriet der Kahn in ein Schwanken ...
    Felice spreitete rasch die Beine aus und hielt das Gleichgewicht ...
    Um seine ohnehin wie auf der Flucht vor dem Schmerzlichsten befindlichen
Gedanken nicht zu sehr aufzuregen, fragte Benno:
    Kennst du das Haus des Rienzi, Felice -? ...
    Im selben Augenblick sprach aber auch der Todtenbruder noch eine Antwort auf
Benno's Äusserung von vorhin ...
    Sie kam verspätet, kam aus der kleinen Öffnung der Kapuze, die nur allein
dem Mund und der Nase das Atmen erlaubte, dumpf und hohl ...
    O gewiss - es gibt - genug der Falschheit - in der Welt ...
    Diese Worte klangen seltsam ... Sie klangen wie von einem Ergrimmten ...
Wenigstens wurden sie durch die Zähne gesprochen ...
    Benno, der selbst eben gesprochen hatte, verstand nicht sogleich und fragte:
    Es gibt -? sagten Sie? - ...
    Genug der Falschheit in der Welt! wiederholte der Todtenbruder scharf und
gereizt ...
    Benno horchte auf ... Diesen Ton der Stimme glaubte er zu kennen ... Noch
kürzlich, vielleicht erst gestern hatte er diese Stimme gehört ... Wer ist das
-? sagte er sich staunend und haftete auf einer Erinnerung an einen der bei
Olympien gesehenen Gäste - Zunächst an den Fürsten Corsini - der in der Tat
seinen Palast jenseits der Tiber hatte ...
    Der Todtenbruder kehrte ihm jetzt den Rücken ...
    Eben fuhren sie unter der Brücke Quattro-Capi hinweg ...
    Wo liegt das Haus des Rienzi? wiederholte Benno noch einmal, sich zu Felice
wendend ... Er musste dabei dem Klang der Stimme nachdenken ...
    Signore, das Haus des Rienzi kenn' ich nicht, erwiderte Felice eiligst, aber
ich versichere Sie, nach Civita Castellana ist es die schönste Reise von der
Welt ... Auch Cicero hat da gewohnt ... Es geht gegen den Strom, aber wir nehmen
noch meinen fünften Bruder -
    Euere Brüder sind zahllos! unterbrach Benno ungeduldig ... Dann nach dem
Todtenbruder sich wendend, sagte er: Wo hat nicht alles in Italien Cicero
gewohnt! ... Cicero und Virgil sind dem Italiener geläufig wie die Heiligen ...
Aber Cola Rienzi, euer Volkstribun, ist euch unbekannt geblieben, Felice! ...
    Jetzt glaubte Benno für bestimmt annehmen zu dürfen, dass der schwarze
Leichenbruder unter seiner Kapuze lachte ...
    Es war ein Lachen des Hohns ...
    Prinz Corsini konnte das nicht sein ... Corsini gehörte zu den Freimütigen,
aber er war in seinen Manieren höflich ...
    Unter dem ersten Hermenkopf der »Vierhäupterbrücke«, eines alten Römerwerks,
stieg der Todtenbruder aus ... Er schien voll Ungeduld die Steintreppe erwartet
zu haben ... Beim Abschied bot er Benno auch nicht den leisesten Gruss ... Seinen
kupfernen Obolus warf er dem Schiffer in die Mitte des Kahns wie ein Almosen ...
    Felice's Grazie Eccellenza! sagte wenig über seinen Stand ...
    Benno zahlte mehr, als üblich ... Da durfte er sich nicht wundern, dass
Felice, den er fragte, ob er den Todtenbruder kenne, behauptete, diesen nicht
bloss öfters, sondern alle Tage zu fahren ... Er nannte ihn einen Herzog, einen
Principe, »wenn er auch nur zahlte, was in der Regel« ... Dass er Cardinäle
fahre, offen und geheim, Principessen, mit und ohne Schleier, setzte er
ermutigend hinzu ... In jener Unermüdlichkeit, mit der der Italiener seinen
Einen Gedanken des Gewinns, darin ganz dem Juden gleich, festält, kam er wieder
auf die Reize einer Stromfahrt von zwei Tagen bis zu dem Ort zurück, zu deren
Merkwürdigkeiten nun auch noch der Eingang in die Hölle gehören sollte ...
    Benno war endlich von ihm befreit und ging, umrauscht vom Lärm der Strassen
...
    Das Benehmen des Todtenbruders, sein stolzes, festes Dahinschreiten am Quai,
das Benno noch beobachten konnte, sein höhnisches Lachen, die scharfe Betonung
über die Falschheit der Welt veranlasste Benno, dem Unfreundlichen noch einige
Schritte weiter als nötig zu folgen ... Er hatte Worte gehört, die sein
Innerstes erschütterten ... Wandelte er denn auch auf Wegen, die offene und
gerade waren? ...
    In wenig Augenblicken war die gespenstische Erscheinung verschwunden ...
Benno sah ein offenes Tor, durch das der Todtenbruder mit seinem flatternden
schwarzen Gewande hindurchschritt ...
    Benno befand sich hier bei den Hinterpforten grösserer Häuser, die nach vorn
dem Teater des Marcellus zu liegen ... Hier gibt es kleine Gärten, kleine
Pavillons ... Die Dunkelheit verbarg den unschönen Anblick italienischer
Hinterfronten mit ihren schmutzigen Galerieen, ihren ausgehängten alten
Teppichen, ihrer aufgehängten zerrissenen Wäsche, ihren schmutzigen
Gerätschaften und jenem Colorit der Wände, dessen vorherrschender Ton ein
verfängliches Gelb ist ... Alles das vergisst man freilich in Italien um einer
einzigen Palme willen, die aus solchem Gewirr in einem kleinen Gärtchen
versteckt emporwächst ...
    Auch hinter jener Pforte, wo der Todtenbruder verschwunden war, lag, wie
Benno jetzt sah, ein solches Gärtchen ...
    Wer wohnt hier? fragte er einen am Wasser mit dem Ausladen eines verspätet
angekommenen Kahns Beschäftigten ...
    In diesem Palazzo -? erwiderte der Angeredete und bot sofort statt der
Antwort, auf die er sich die Miene gab, sich gründlich besinnen zu wollen,
vorerst seine Waaren an, die der Herr gerade hier am zweckmässigsten angetroffen
hätte ... Walzbreter zur Bereitung von Nudeln, hölzerne Löffel, einen Steinkrug
zur Aufbewahrung seines Oels ... Wer in Italien handelt, glaubt, dass man sich zu
jeder Zeit aus dem Gebiete gerade seiner Branche assortiren könne; in die
Eilwägen hinein reicht man zinnerne und blecherne Küchengegenstände, »die man
jetzt gerade wohlfeil haben könnte« ... Und auch dieser Mann wahrte erst seinen
Vorteil und zeigte auf hundert Schritte weiter seinen Laden ...
    Aber den Besitzer des »Palazzo« konnte er nicht nennen ... Dann war es eine
grossmütige Regung von ihm, dass er, als Benno keinen Steinkrug für sein Oel
mitnahm, doch einen andern Mann anrief und diesen fragte:
    Wer wohnt in dem Palazzo? ...
    Nach vorn hin, hatte Benno inzwischen gesehen, stand allerdings ein
stattliches Gebäude ...
    Ein Advocat ... Ein reicher Mann - hiess es ...
    Ein Advocat? ... Vielleicht Bertinazzi? dachte Benno und sah sich nach einem
mittelalterlichen alten Hause, dem des Rienzi, um ...
    Wie auch bei uns die Kinder in die Läden treten und fragen können: Wollen
Sie mir nicht sagen, wie viel die Uhr ist? und, wenn sie's gehört haben, als
Zugabe ihrer Frage ein Paar Rosinen verlangen, so tauschten sich auch hier mit
den paar Worten die Interessen der sich versammelnden Italiener aus ... Benno
bekam so viel Anerbietungen von Waaren, so viel Verlangen nach Bajocci, so viel
Anerbietungen zum Führen, zum Tragen, zum Helfen, dass er zu dem seiner Natur
wenig entsprechenden Mittel greifen musste, aus der Geberdensprache der Italiener
eine Miene zu wählen, die die einzige ist, der die unerträgliche Zudringlichkeit
weicht ... Macht jemand diese Miene, so ist der Italiener gewiss, einen Landsmann
vor sich zu haben, von dem er nichts zu erwarten hat ... Benno streckte nicht
gerade die Zunge aus, was in solchen Fällen, um vor dem italienischen
Bettelgesindel Ruhe zu bekommen, das allersicherste Mittel ist; er warf nur
einfach den Kopf in den Nacken mit der Miene eines gleichsam vor Hochmut
Närrischgewordenen ... Da liess man ihn gehen ...
    In der Tat hatte er aber doch erfahren, dass dieser Hausbesitzer, dieser
reiche Mann und Advocat - Signore Clemente Bertinazzi war ...
    Bertinazzi! ...
    Wieder blickte er auf die Pforte und siehe da, wieder trat jemand, diesmal
ein Mönch mit heraufgezogener Kapuze ein ...
    Das sind Verschworene! sagte sich Benno ...
    Der Gedanke überlief ihn wie siedende Glut ...
    Er sann und sann nun um so mehr: Wer war der schwarze Todtenbruder, der dich
offenbar kannte, der dir seine Verachtung ausdrückte - trotz deiner Erwähnung
Rienzi's ...
    Benno wandte sich in grösster Aufregung wieder der Brücke zu ... Hier hatte
er einen Fiaker zu finden gehofft ...
    Schon suchte er danach nicht mehr ... Es trieb ihn in die Strasse, nach der
hinaus das Wohnhaus des Advocaten seine Vorderfront hatte ...
    Auch hier bemerkte er, rasch nacheinander kommend, zwei weisse Todtenbrüder,
die in dem offenen Torweg des Hauses verschwanden ...
    Bertinazzi hält eben seine Loge ...
    Diese Vorstellung stand nun fest bei ihm ...
    Sollte er folgen? ...
    Er hatte das Losungswort ... Er trug in seinem Portefeuille ein Zeichen von
Silberblech mit einem aus den Flammen sich erhebenden Phönix ... Beides hatten
ihm die Brüder Bandiera für den Fall gegeben, dass er in Rom die Bekanntschaft
des Advocaten Bertinazzi machen wollte, dem sie aufs wärmste über ihn
geschrieben zu haben behaupteten ...
    Mit lautklopfendem Herzen kehrte er zur Flussseite zurück ...
    Hier war es jetzt stiller geworden ... Ruhig wogte der Strom ...
    Den Besuch der Mutter gab er auf ... Schon schlug es zehn ...
    Im Hause des Advocaten, dem er von der Gartenseite näher zu kommen suchte,
war alles still und dunkel ... Es musste eine gewaltige Tiefe haben; die
Entfernung vom Ende des Gärtchens bis zur Vorderseite war eine ansehnliche ...
    Wieder näherte sich ein Schatten der Gartenpforte - ... Wieder huschte
dieser an Benno vorüber und ging ins Haus ...
    Benno stand - wie am Scheidewege seines Lebens ... Der Gedanke an morgen war
ihm an sich schon der Tod - was verschlug es, wenn er den letzten Anlauf nahm
und sich in den Abgrund stürzte? ...
    Wo sollte er die Stimme, den Wuchs, den Gang des schwarzen Todtenbruders
hinbringen ...
    Eine fieberhafte Ideenverbindung zeigte ihm die drei Reiter, die ihm im
Gebirge so seltsam den Weg hatten abschneiden wollen ... Erschien sein Umgang
mit den Tyrannen Italiens denen verdächtig, an die er empfohlen war? ...
    Voll Unruhe begab sich Benno abermals nach vorn ...
    Jetzt sah er einen Kapuziner zu Bertinazzi eintreten ... ...
    Und nur ihm schien alles das aufzufallen; die Strasse hatte ganz ihr übliches
Leben ...
    Schon griff Benno nach seinem Portefeuille und überzeugte sich, dass er das
Symbol des Phönix bei sich hatte ...
    Einen in Hemdärmeln vor der Tür seiner Taverne stehenden Wirt fragte er:
    Ist das - da drüben - ein Kloster? ...
    Nein, Signore! war die Antwort ... Das Haus, des Advocaten Bertinazzi ...
    Ich sehe Mönche eintreten ...
    Bei einem Arzt und Advocaten, Herr, sagte der Wirt lachend, hat alle Welt
zu tun ... Und nicht jeder zeigt's dann gern ... Mancher Principe wartet auf
den Abend, wo er die Kutte des Todtenbruders umlegen darf - Und - nun - die
Pfaffen gar ...
    Der Wirt machte eine Miene, als wäre Rom einmal die Stadt des Carnevals und
der Carneval stünde nicht bloss im Februar im Kalender - sondern zu jeder Zeit
und dann hätten am meisten die Priester ihre Heimlichkeit ...
    Die Geberdensprache des Südens ist die Sprache der grössten Deutlichkeit ...
    Benno musste, um dem vertrauensvollen Manne zu danken, seinen Wein versuchen
...
    Es war nicht der Wirt der nahen Goete-Campanella ... ... Der Orvieto, den
Benno begehrte, war gut ... Stürmisch rollte das Blut in Benno's Adern auch ohne
den Wein ... Er war in einer Stimmung, die Welt herauszufordern ...
    In dem dunkeln Gewölbe der Kneipe sassen beim qualmenden Licht der Oellampe
Männer aus dem Volk ... Die Unterhaltung betraf noch immer den Grizzifalcone ...
Einige Häuser weiter hatte der Räuber gewohnt, als er die Courage gehabt, nach
Rom zu kommen ... Man erzählte seine Heldentaten ...
    Man rühmte auch den Mut der beiden deutschen Mönche ...
    Benno horchte und horchte ...
    Der Wirt pries sich glücklich, den Pasqualetto nicht beherbergt zu haben
... Die Polizei hätte jeden Winkel der Herberge an der Tiber nach dem Tode des
Räubers durchsucht ... Alle Welt wusste, dass niemand durch diesen Tod glücklicher
war, als die Zollbediente, auf deren Strafe der alte Rucca es abgesehen hatte
...
    Die Pfiffigen und Klugen haben hier immer Recht ... Um den Grizzifalcone
blieb es »Schade, dass er nicht - Gonfalionere in Ascoli geworden« ...
    Benno hörte lachen - die Gläser aufstampfen - hörte Gesinnungen, die denen
der Lazzaronis Neapels entsprachen ...
    In seinem Innern klangen die Worte des Attilio Bandiera: »Man muss die Völker
zur Freiheit zwingen!« ...
    Damals hatte er noch erwidert: »Mit der Guillotine?« ...
    Neue Welten waren in ihm aufgegangen ...
    In jenem Hause konnte er das Schicksal der Freunde erfahren, um die er sich
in so grosse Gefahren des Lebens und der Seele gewagt hatte ... Der Tag,
vielleicht die Stunde konnte ihm dort genannt werden, wann die Brüder in Porto
d'Ascoli landen mussten, wann Ravenna, Bologna sich erhoben ...
    Er sagte sich: Es ist der Weg des Todes! Sollst du ihn beschreiten? ...
    Und gehst du ihn nicht schon? antwortete eine Stimme seines Innern ...
Bleib' auf deiner Strasse - des Verhängnisses! ...
    Wild mit der Rechten durch seine Locken fahrend erhob er sich ... Stürmenden
Mutes verliess er die Schenke ... Sie rufen mich! sprach er vor sich hin und sah
- jene Geister des Beistands, von denen ihm Attilio gesprochen ...
    Auf der Höhe seines Lebens war er angekommen ... Dahin also hatten alle
Ziele seines Schicksals gedeutet ... Er sah seine ersten Anfänge wieder - fühlte
den Kuss jener schönen Frau, die sich trauernd über ihn beugte, wenn sie aus dem
Wagen gestiegen - Die in Spanien erworbenen goldenen Epaulettes seines
Adoptivvaters Max von Asselyn blitzten auf ... Zigeunerknabe, du bist in deiner
Heimat! klang es um ihn her wie aus tausend silbernen Glöckchen ... Dann wieder
waren es Geigentöne - wie sie damals der bucklige Stammer zwischen seinen
Erzählungen von der Frau, die nur die deutschen Worte: »Tar Teifel!« kannte, auf
dem Finkenhof strich ...
    Du gehst! sagte er sich und schritt dem Hause näher ...
    Und dennoch würde Benno vorübergegangen sein, wenn nicht die menschlichen
Entschliessungen unter dämonischen Gesetzen stünden ...
    Der eine Flügel des offen stehenden Haustors war soeben von einer nicht
sichtbaren Hand von innen geschlossen worden ... Eben bewegte sich der andere
Flügel, um gleichfalls zuzufallen ... Der Anblick dieser kleinen, noch eine
Secunde offen gelassenen Spalte bestimmte den wie vom Schwindel Ergriffenen und
halb Besinnungslosen rasch vorzutreten und die beiden Worte zu sprechen:
    Con permesa! ...
    Eine Stimme antwortete:
    Que commande? ...
    Eine kurze Pause folgte ...
    Die Schlange wechselt ihr altes Kleid! ...
    Das Erkennungswort des »Jungen Italien« war ausgesprochen ... ...
    Es war kein freier Wille gewesen, der diese verhängnisvollen Worte von
Benno's Lippen brachte ... Es war ein fremder Geist, der aus ihm sprach, ja -
der ihn diese Losung ganz deutlich und fest aussprechen liess ...
    Er trat in den wiedergeöffneten Flügel und befand sich in einem dunkeln
Gange ...
    Die Torpforte fiel hinter ihm zu ...
 
                                    Fussnoten
1 Tatsache.
 
                                      10.
Kommen Sie aus der Schweiz? fragte aus dem Dunkel heraus eine heisere rauhe
Stimme ...
    Das menschliche Wesen, dem die Stimme angehörte, entwickelte sich seinem
Auge erst allmählich als eine Frau ...
    Ich will Sie dem Herrn anmelden ... lautete die seinem Schweigen folgende
Rede ...
    Ein Schlorren, ein astmatisches Keuchen ... Ein langes Verhallen der
Schritte ... Diese Räume schienen endlos zu sein ...
    Es ist geschehen! sprach er zu sich selbst und sagte fast hörbar:
    Also nur die aus der Schweiz Kommenden erkennt man an diesem Losungswort,
das ich von den Bandiera weiss! ...
    Benno zog sein Portefeuille, um das Zeichen des Phönix zur Hand zu haben ...
    Die Flüchtlinge, die sich in Robillante an ihn wandten, um in allerlei
Verkleidungen weiter zu kommen, hatten auch ihm ein solches Zeichen
entgegengehalten ...
    Wenn die ohne Zweifel in diesem Augenblick hier versammelte Verschwörung
entdeckt - wenn er selbst mit den Mitgliedern derselben aufgehoben wurde! ...
    Darin sah die Zerrüttung seines Innern, die Hoffnungslosigkeit seiner Seele
kein Unglück mehr ...
    Beim Suchen nach dem Portefeuille fand Benno ein Mittel, sich Licht zu
machen ... Nach italienischer Sitte führte er ein Streichfeuerzeug bei sich ...
In den finstern grossen Häusern Italiens hilft man sich auf diese Art gegen die
überall mangelnde Beleuchtung ... Kleine brennende Wachsenden reichen aus für
jeden zu erkletternden vierten Stock ...
    Benno sah nun eine Halle, die in einen gedeckten und überbauten Hof führte
... Da hingen alte Bilder an den feuchten Wänden ... Sollte hier die Tiber
zuweilen so weit austreten, um diese Häuser überschwemmen zu können? ...
    Die Alte, die mit einer Lampe zurückkam, unterschied er nun ... Sie war vom
Alter gekrümmt und schien aus dem Reich der Nacht zu kommen ...
    Mit der Lampe den Fremdling beleuchtend, sagte sie:
    Der Herr soll wiederkommen -! ...
    War dein Losungswort eine Beschwörung, die nicht kräftig genug wirkte? sagte
sich Benno ...
    Jetzt überreichte er sein zweites Creditiv, das Zeichen von Silberblech und
eine Karte mit seinem Namen ...
    Die Alte nahm beides, betrachtete es flüchtig und entfernte sich wieder ...
    Inzwischen ging Benno in den Hof, der überbaut war ... Wieder sah er einen
langen Gang ... Sessel standen in diesem an den Wänden, ohne Zweifel für die
Clienten vom Lande, die an jedem Markttag die Schreibstuben der Advocaten
belagern ... Er verglich Nück's Lage mit der Bertinazzi's ... Jener der
leidenschaftliche Freund der Jesuiten und allen Umtrieben derselben ganz wie ein
geheimer Verschwörer zugetan; dieser, wie er wusste, ein Angehöriger der Familie
jenes Ganganelli, der als Papst die Jesuiten aufgehoben hatte, und im Geist
seines Ahnen fortwirkend ... Das System der Menschen- und Lebensverachtung musste
bei beiden dasselbe sein ...
    Die Alte kam zurück und winkte nun schweigend ... Sie zeigte nach hinten,
kehrte noch einmal in den Hof und zur Pforte um, die sie mit einem eisernen
Querbalken verschloss, und bedeutete Benno, der bei einer Stiege angekommen war,
diese nicht zu betreten, sondern auf eine Tür zuzugehen, die sie öffnete ... Es
war eine jener südlichen Matronen, die die Freude eines Baltasar Denner gewesen
wäre, des Runzelmalers ...
    Durch einige mit Büchern und Landkarten gefüllte Zimmer hindurch kam Benno
jetzt erst an eine andere Treppe, die er ersteigen musste, um endlich bei dem
unter den Römern hochberühmten Doctor der Rechte Clemente Bertinazzi einzutreten
...
    Dieser trat ihm lächelnd entgegen ...
    Benno fand einen langen, hagern Mann ... Der Ausdruck seiner Gesichtszüge
war der jener fanatischen und träumerischen Beharrlichkeit, die sich zunächst
als matematische, oft pedantische Strenge zu geben pflegt ... Ebenso verband
sich die Pedanterie mit Schwärmerei bei Luigi Biancchi, dem armen Gefangenen von
Brünn; ebenso leidenschaftlich war in seiner träumerischen Welt der trockene und
magere Püttmeier ... Diese Menschen wusste Benno unterzubringen ... Sie hatten
nicht die Schönheit der Willensäusserung, die Grazie der Lebensformen
Bonaventura's; aber der feste, beharrliche Sinn war derselbe ...
    Clemente Bertinazzi hätte in seinem langen Hauskleide, das ihm bequem um die
magern Glieder hing, ebenso einen alten Geizhals darstellen können, der über
seinen Schätzen wacht und sich nächtlich mit einer alten Dienerin in diesem
weitläufigen Hause ängstlich abschliesst ... Doch die allmählich erglühende Kraft
seiner Augen verriet edlere Eigenschaften ... Bald sah Benno, dass dem Mann ein
eigentümlicher Flor über seinen Augen und den untern Anfängen seiner Stirn lag,
jener geistige unbestimmte Dämmer, der sich vorzugsweise bei mystischen Naturen
findet ...
    Endlich, endlich, Signore d'Asselyno! sagte der Advocat und streckte die
Rechte aus zum traulichen Grusse und zugleich den Eindruck prüfend, den ihm der
junge Mann in Gestalt und Haltung machen würde ...
    Benno d'Asselyn! ... erwiderte dieser bestätigend und legte seine zitternde
Hand in die des Advocaten ...
    Warum kommen Sie erst jetzt? Ich weiss von Ihnen schon seit lange über Malta
her, wo sich die Brüder Bandiera für Sie verbürgt haben ... Man hat Sie dort
verdächtigen wollen ... Allerdings kann man Ihre Beziehungen zu unsern Tyrannen
zweideutig finden ... Ich hörte, Sie lernten unsere Machtaber in Wien kennen
und da dachte ich: Um so besser, wenn Sie diese Menschen beobachten ... Ich
vertraue jeder Bürgschaft, die die Bandiera leisten ...
    Kennen Sie meine Freunde persönlich? sprach Benno noch in Befangenheit und
ausweichend ...
    Nein ... erwiderte Bertinazzi und zog, um das Bild eines alten Garçon zu
vervollständigen, eine Tabacksdose ... Aber ich habe Ursache von Ihnen das Beste
zu denken ... Ja auch sonst hab' ich das Princip gehabt, fuhr er schnupfend und
von unten her Benno musternd fort, nicht zu weise sein zu wollen ... Die
Verschwörer, die überall Spione wittern, haben nie mein Vertrauen gehabt ...
Haben Sie noch ein drittes Erkennungszeichen ausser dem Gruss und dem Phönix? ...
    Benno verneinte ...
    So gehören Sie den Vertrauten an, nicht den Wissenden ...
    Die Zahl dieser Vertrauten, wusste Benno, war in Italien so gross, wie bei uns
die der Freimaurer ...
    Sind die Wissenden die oberste Spitze? fragte er ...
    Die oberste noch nicht! entgegnete Bertinazzi ... Sie haben durch den Phönix
den zweiten Grad - einen vorbereitenden - und vielleicht gar ohne Schwur ... Die
Wissenden sind erst der dritte ... Der vierte sind die Leitenden ... Erst der
fünfte ist der höchste ... Das ist der Grad der Namenlosen ... Zu diesem gehör'
ich nicht einmal selbst und weiss kaum, ob in Rom ein »Namenloser« existirt ...
    Diese Organisation kann sich halten und wird nicht verraten? ... fragte
Benno - unwillkürlich der Worte Ceccone's - über seinen Mörder gedenkend ...
    Sie kann an einzelnen Teilen verraten werden und wird es auch, antwortete
Bertinazzi ... Aber die Teile sind nicht das Ganze ... Einer kennt den andern
auch noch nicht auf dem Standpunkt der Wissenden ... Derjenige, der wie ich den
Grad der »Leitenden« hat, kennt immer nur zwölf Wissende ... Diese, die eine
Loge bilden, sind sich untereinander selbst völlig unbekannt ... Die Gruppe, zu
der Sie gehören, ist gross und an Vertrauten mögen wir wohl in Rom allein
dreitausend haben ... Der erste Grad vollends, derjenige, der die Losung kennt,
ist dem Verrat am meisten ausgesetzt ... Sie werden genug Priester und
Verdächtige in diesen Reihen finden ... Ich würde Ihnen auch noch auf den Phönix
nicht Gehör gegeben haben in so später Stunde, wenn ich nicht glaubte, dass Sie
irgendeine wichtige Sache zu mir führte ... Weiss man in den hohen Kreisen, dass
in diesen Tagen - ...
    Der Advocat hielt forschend inne ...
    Ich beunruhige mich über das Schicksal der Gebrüder Bandiera, sagte Benno
... Man erwartet ihren Einfall ... Wann findet er statt? ...
    Bertinazzi's Miene drückte eine Verlegenheit über diese Frage aus ... Er
sagte:
    Für solche Dinge haben Sie den Grad nicht ...
    Dann aber, und gleichsam, um seine Ablehnung zu mildern, kam er auf Benno's
Lebensverhältnisse ...
    Seltsam - Sie werden, hör' ich, von der kleinen Fürstin Rucca gefesselt ...
Der Unseligen! ... Nun, nun - Sie sind jung und pflücken die Kirschen, wo sie
reif sind! ... Von Geburt sind Sie ein Deutscher ...
    Meine Mutter ist eine Italienerin ...
    Gut - gut -! Und Sie bringen nichts, was mit Ceccone - Fefelotti - Rucca
oder irgendeinem unserer Tyrannen zusammenhängt? ...
    Benno schwieg ...
    Einige Zimmer weiter schien laut gesprochen zu werden ...
    Ohne Zweifel hatte Benno die Loge unterbrochen und störte Bertinazzi ...
    Dieser nahm auch eine Lampe vom Tisch und sagte aufhorchend und mit
ausweichender Miene:
    Ich habe mich gefreut - Sie besuchen mich wieder? ...
    Auf Benno's Lippen brannten die Fragen: Befindet sich hinter jenen Wänden
nicht jetzt die Loge -? ... Wer war jener schwarze Todtenbruder? ... Was hab'
ich zu tun, um die Stunde des beabsichtigten Aufstands zu erfahren? ...
    Natürlich, dass seine Stimmung diese Fragen unterdrückte ...
    Aber sein Zögern gab dem Advocaten Veranlassung zu den leicht hingeworfenen
Worten:
    Treten Sie doch in den dritten Grad! ... Sie schwören nur, die
Unabhängigkeit und Freiheit Italiens mit jedem Mittel zu fördern, das von den
Führern Ihnen vorgeschrieben wird ...
    Mit jedem Mittel -? ... Auch mit dem Mord? - sagte Benno nach einiger
Ueberlegung ...
    Das ist der vierte Grad ...
    Zu dem Sie gehören? ... wallte Benno auf ...
    Der vierte Grad anerkennt nur zuweilen die Notwendigkeit des Todes für
Verräter und Tyrannen ... Erst der fünfte Grad vollzieht ihn ... Ich sagte
schon, ein »Namenloser« befindet sich vielleicht in diesem Augenblick weder in
Rom noch in Italien ...
    Ceccone weiss, dass ihn ein Verschworener tödten soll ... sagte Benno ...
    Bertinazzi horchte auf, schüttelte dann aber den Kopf und sagte:
    Das spricht aus ihm die Furcht ... Sein Tod ist von niemand beschlossen
worden ... Er hat Feinde, die der sonst Allwissende vielleicht an seinem eigenen
Busen nährt ... In Italien sterben die Menschen zuweilen, etwa wie bei der
Cholera, aus gelegentlichem Versehen ... Ja, er soll sich in Acht nehmen ...
Aber nun bitt' ich - mich in der Tat zu entschuldigen ... Ich habe mich
gefreut, dass Sie an uns dachten -! Wirken Sie in Ihrem Kreise durch die
Gesinnung, soviel es geht und - verweilen Sie nicht zu lange in ihm! ... Man
könnte Sie falsch beurteilen wie schon einmal in Malta ...
    Benno's Blut liess sich nicht mehr beruhigen ...
    Wann landen die Gebrüder Bandiera -? sprach er mit drängender Hast ...
    Bertinazzi zuckte die Achseln und erwiderte:
    Darüber - muss ich schweigen ...
    Die Landung wird in Porto d'Ascoli stattfinden ...
    Haha! erwiderte Bertinazzi ... Das erwartet Ceccone -? ...
    Der Advocat stand von plötzlichem Zorne gerötet ... Ein krampfhaftes Zucken
glitt über seine Züge ...
    Doch Sie verstehen meinen Unwillen nicht - beruhigte er Benno und sich
selbst ... Die Loge erwartet mich ... Bleiben Sie der Gesinnung treu, deren mich
zwei edle Menschen über Sie versichert haben ... Und in allem Ernst - teilen
Sie mir aufrichtig die Gefahren mit, die uns von den Tyrannen drohen, wenn Sie
dergleichen durchschauen ... Für heute nun - gute Nacht! ...
    Benno hielt den Arm des Advocaten, der ihm freundlich hinausleuchten wollte
... Ein fernes Geräusch, das wohl aus der Loge kam, fesselte seine Aufmerksamkeit
...
    Warum konnte Bertinazzi so aufwallen über die Erwähnung jenes Hafens an der
adriatischen Küste? ...
    Alle Verwickelungen seines vergangenen, seines künftigen Lebens sah Benno
jetzt in einem einzigen Augenblick mit magischer Helle ...
    Geboren durch ein Verbrechen, geboren ohne einen Vater, auf den er sich mit
Ehren berufen konnte, geboren ohne eine Mutter, die er sorglos sein nennen
durfte, gehegt, gehütet von Frauen, von Priestern, hatte er eine Einwurzelung im
deutschen Leben um so weniger finden können, als auch daheim die Knechtschaft
waltete ... Alles, was damals in Deutschland rang und zum Lichte strebte, war in
diesem Augenblick sein Bundsgenosse ... Deutschland wollte frei sein von
demselben Geist, dessen Consequenzen Italien gefesselt hielten ... Von Italiens
Tyrannen gingen die Bannflüche über Freiheit und Aufklärung in die Welt aus ...
Drei Gestalten traten ihm schon immer aus der Geschichte vors Auge - sie lebten
und wirkten gleichzeitig: Friedrich Barbarossa, der Kaiser - Hadrian IV., der
Papst - Arnold von Brescia, der Tribun von Rom ... Wer sollte nicht die Grösse
des Hohenstaufenkaisers bewundern - und doch schloss Barbarossa Frieden mit
Hadrian, seinem wahren Feinde, und überlieferte ihm zur Besiegelung eines Actes
der Falschheit, den der nächste Augenblick zerriss, einen der edelsten Menschen,
Schüler Plato's, Petrarca's, einen Weisen, der nach langen Irrfahrten in
Frankreich und der Schweiz elf Jahre lang Rom ohne die Päpste regierte, der die
Kirche verbesserte, der Vorläufer der Waldenser und der Reformatoren wurde ...
Barbarossa sah mit seinen bluttriefenden Söldnerscharen den Scheiterhaufen
auflodern, mit dem sich unter dem schützenden Banner des deutschen Adlers
Hadrian an seinem geistigen Todfeind rächte ... Unsere Zeit kann nicht mehr mit
Friedrich Barbarossa, sie muss mit Arnold von Brescia gehen ... Auch Benno's
Vater war kein Ghibelline - Doch war er ein Welf im schlechten Sinne ... Wie der
Kronsyndikus wollte sich Benno nicht zu Ross schwingen und die eigene Fahne und
die Freiheit seiner Hufe wahren im Geist Heinrich's des Löwen, vor dem
Barbarossa einst kniete und vergebens um Hülfe die Hände rang ... Auch der
welfische Geist Klingsohr's war nicht der seine ... Er wollte die Vernichtung
des Ichs zum Besten des Allgemeinen ... Die Form der Freiheitstat, das lehrten
die Bandiera, ist in unsern Tagen die Verachtung der materiellen Welt ... Diese,
die nur anerkennt, was in Glanz und Würde steht, diese, die den Widerschein der
regierenden und mit momentaner Macht ausgestatteten Tatsachen in hohler
Gesinnung liebedienerisch auch auf sich zu lenken sucht, diese, die für
äusserstes Unglück hält, gehässig gekennzeichnet zu werden durch den Widerspruch
mit dem Gegebenen, hatte Benno schon längst verachten gelernt ... In diesem
einen magischen Augenblick hörte er eine himmlische Musik der Ermutigung ...
Voten des Friedens schwebten über die Erde und retteten ihn von allen Folgen
seiner falschen Stellung - retteten ihn vor den Schrecken - vielleicht des
nächsten Tags ... Bonaventura war unter diesen Seligen - Bonaventura, umringt
von den Erfüllungen seiner Träume, von den Tröstungen seiner Klagen ... Was in
so vielen stillen Nächten von Robillante nur von des Freundes beredten Lippen
gekommen, schien in himmlischen Gestalten verkörpert zu sein ... Bertinazzi's
erwartungsvoller Blick sagte: Ich rette dich vor dir - vor Olympien - vor dem
geistigen Tode - ... Und fändest du auch den wirklichen, wäre der nicht besser
als solch ein Leben -? ...
    Benno entschloss sich, nur noch Italiener zu sein und der Revolution den
Schwur des dritten Grades zu leisten ...
    Wenn Bertinazzi über diese Erklärung lachte, so war es ein Lachen ohne
Falsch ... Es war das Lachen über einen erwarteten und zutreffenden Erfolg ...
    Bertinazzi hob von der Wand über seinem Schreibtisch einen Spiegel und
stellte ihn auf die Erde ... Dann drückte er auf die scheinbar leere Wand ...
Sie öffnete sich ... Benno sah einen Schrank mit verschiedenen Schubfächern ...
    Das sind die Acten meiner Loge! sagte Bertinazzi und liess Benno in Papiere
einblicken, die mit allerhand mystischen Zeichen beschrieben waren ... Ohne
Zweifel eine Chiffreschrift, die ohne den dazu gehörigen Schlüssel nicht gelesen
werden konnte ... Den Schlüssel behauptete Bertinazzi in seinem Kopf zu tragen -
nur mit diesem allein würde man seine Geheimnisse entziffern ...
    Die Handbewegung auf seinen Kopf als Preis der Eroberung seiner Geheimnisse
war der Ausdruck höchster Entschlossenheit ...
    Benno sah in den Fächern einen leeren Raum, der seinem Schicksal bestimmt
sein konnte ... Bertinazzi schrieb verschiedene Adressen auf, die ihm Benno gab
und wieder andere, die dieser für Mitteilungen an ihn empfing ... Dann
verbrannte er vor Benno's Augen alles, was Benno selbst geschrieben hatte, auch
seine Visitenkarte ...
    Hierauf legte er ihm das Formular eines Eides vor und gab ihm als
Erkennungszeichen des dritten Grades einen gusseisernen Ring, den er auf den
kleinen Finger der linken Hand Benno's anpasste mit den Worten:
    Ein Stück der gebrochenen Sklavenkette der Welt ... Ich werde Sie den
Versammelten unter dem Namen Spartakus vorstellen ... Auch Spartakus, der zuerst
in Italien das Wort: Freiheit! ausgesprochen hat, war ein Fremder ... Den Eid
müssen Sie in der Loge selbst leisten ... Lesen Sie ihn zuvor! ...
    Benno nahm ein Papier, das ein Gelöbnis entielt, dem »Jungen Italien« als
ein »Wissender« zu dienen - mit Leib und Seele, mit Wort und Tat, mit der
Spitze des Schwerts im offenen Kampf, mit dem Beistand bürgerlicher Hülfsmittel
bis zum Betrag des vierten Teils seines eigenen Vermögens - endlich mit steter
Werbung zur Mehrung des Bundes ... Alles das auf die Unabhängigkeit Italiens von
fremder Herrschaft, Einheit im allgemeinen, Freiheit im besondern ... Die
republikanische Form blieb unerwähnt ... Der Eid wurde auf christliche Symbole
geleistet ...
    Es gibt eine Partei, sagte Bertinazzi, die den Schwur allein auf den
Todtenkopf vorziehen möchte ...
    In Benno's Ohr klang das Wort des alten Chorherrn wieder, der ihm in Wien
gesagt: Das Kreuz des Erlösers wird die Reform mittragen müssen! ... Auch
Bonaventura dachte so ... Ihm waren diese Formeln gleichgültig ...
    Nun erschloss Bertinazzi einen andern Schrank und nahm ein Hemd der
Todtenbruderschaft heraus, ein weisses, dazu eine gleichfarbige Kopfverhüllung -
nur mit zwei Oeffnungen für die Augen und einer für den Mund ...
    Nehmen Sie diese Kleidung! sagte er ... Legen Sie sie inzwischen an ... Wenn
Sie eine Klingel hören, treten Sie in diese Tür, durch die ich Sie jetzt
verlasse, um in die Loge zu gehen ... Sie haben Zeit genug, sich umzukleiden ...
Niemand wird Sie erkennen ... Ich führe Sie unter dem Namen »Spartakus« ein ...
    Bertinazzi ging und liess Benno allein ...
    Benno legte die Tracht an - Sie war ihm - sein Todtenhemd ... Der Schlag der
Stunden von den Türmen klang nicht so geheimnisvoll, wie der leise, singende
Ton einer Pendeluhr über dem Spiegel, der wieder an seine alte Stelle gehängt
war ...
    Ob du deinen Begleiter von der Tiber finden wirst? dachte Benno und sah
seine völlig unerkennbare Gestalt im Spiegel ... Es war ihm, als gliche er jetzt
erst dem Hamlet, jetzt erst dem Brutus ... Er schöpfte Mut - nicht bloss für den
nächsten Augenblick, sondern für morgen, für alles, was die Zukunft in ihrem
Schose trug ...
    Die Klingel erscholl ... Benno öffnete die Tür ...
    Anfangs nahm ihn ein Gemach auf, das des Advocaten Schlafzimmer schien ...
Ein grünseidener Vorhang trennte den kleinen Raum in zwei Teile ... Eine Lampe
zeigte ihm die Tür, die er noch mit seinem flatternden Kleide zu durchschreiten
hatte ... Vor seinem gespenstischen Bilde, das ihm ein anderer Spiegel
zurückwarf, erschrak er selbst ...
    Nun betrat er einen hellerleuchteten Saal, in welchem um einen Tisch, auf
dem sich ein Kruzifix, ein Todtenkopf und ein Rosenkranz befanden, auf Stühlen
im Kreise eine Anzahl der wunderlichsten Gestalten sass ...
    Alle, die Benno das Haus hatte betreten sehen; Todtenbrüder, wie er selbst,
Mönche in Kutten, einige als Bettler, andere als Kohlenbrenner, die Unverhüllten
mit schwarzen Masken ...
    Bertinazzi war in seiner gewöhnlichen Haustracht geblieben, allen erkennbar
...
    Schwarze Todtenbrüder erblickte er zwei ... Benno konnte den, mit dem er
über die Tiber gefahren war, nicht sogleich von dem andern unterscheiden ...
    Ihn selbst kannte ausser Bertinazzi Niemand ...
    Bertinazzi begann, man möchte das Omen nicht übel deuten, dass sie ihrer
dreizehn wären ... Der vierzehnte fehle einer Reise wegen ... Doch auch unser
Spartakus - wandte er sich zu Benno - ist vorurteilslos genug, einen
Aberglauben zu verachten, der nur die Toren schrecken kann ...
    Benno konnte sich nicht von dem Eindruck dieser Voraussetzung bei den
Genossen des nächtlichen Rates überzeugen ... Ihre Mienen blieben ihm verborgen
...
    Inzwischen hatte er sich gerade einem Sessel gegenüber gesetzt, auf dem er
die äussere Gestalt des Todtenbruders zu erkennen glaubte, mit dem er über die
Tiber gefahren ...
    Dieser selbst konnte nicht im mindesten annehmen, dass sein Mitpassagier ihm
gegenüber sass ... Bertinazzi hatte Niemand sagen dürfen, wer Spartakus war ...
    Den Schwur leistete Benno, indem er sich an den Tisch stellte und die ihm
schon bekannten Worte, die ihm noch einmal jetzt von Bertinazzi vorgesagt
wurden, mit einem Ja! bekräftigte ... Das Kreuz war ein Symbol der Leiden, die
man für seine Ueberzeugung nicht abzulehnen gelobte; der Todtenkopf drückte die
Verachtung jedes Erdenlooses aus, falls die gemeinschaftlichen Hoffnungen
scheitern sollten; der Rosenkranz bezeichnete all die Freuden, die im Siege der
Freiheit lägen ... Auch die Bewillkommnung durch die übrigen sprach Bertinazzi
vor und überliess den Anwesenden nur die Bekräftigung durch ein Ja! ...
    Die nächste Verhandlung knüpfte sich an einen während Bertinazzi's
Abwesenheit ausgebrochenen Streit ... Diese Männer schienen nicht mehr das volle
Bedürfnis zu haben, sich gegenseitig unbekannt zu bleiben, obgleich die Masken
und Umhüllungen die Stimme dämpften und veränderten ... Man sprach nach dem Act
der Aufnahme eines neuen Mitgliedes lebhaft durcheinander ... Benno sah, kaum
eingetreten, in der Einheit schon die Verschiedenheit ... Die schönen
italienischen Laute wurden mit Reinheit gesprochen, ein Beweis für die Bildung
der Genossen ... Der Gedanke an den Fürsten Corsini kehrte Benno zurück ... Er
erwartete die Stimme zu hören, deren Klang er nicht vergessen konnte ...
    Aber die schwarzen Todtenbrüder Benno gegenüber entielten sich ihrerseits
des Austauschs der Meinungen, die über manches nicht die gleichen waren, ganz
wie schon Bertinazzi angedeutet hatte ...
    In der Tat schien man über die Gebrüder Bandiera gesprochen zu haben ...
Benno glaubte von einer Aenderung der Pläne der Brüder zu hören ... Mehrfach
wurden die Jesuiten genannt ...
    Ein wie ein Kohlenbrenner und demnach als alter Carbonaro Gekleideter stiess
einen Stab auf den Fussboden und sagte, die Maske nur lose mit der Hand haltend:
    Und noch gibt es Stimmen, die das Heil Italiens, ja der Welt von Rom
erwarten? ... Diese dreifache Tiara soll der Friedens- und Freiheitshut der
Völker werden? ... Die Schlüssel Petri sollen die Zukunft der Menschheit
erschliessen? ... Ehe nicht der letzte Beichtstuhl der Peterskirche verbrannt
ist, kann über die Erde kein Friede kommen ...
    Wie immer schüttet Ihr das Kind mit dem Bade aus! hiess es unter einer der
mehreren, diese Meinung abwehrenden Kapuzen ...
    Und Ihr könnt Euch nicht trennen von dem Blendzauber Euerer Teorieen! fuhr
der Kohlenbrenner fort ...
    Sagt vielmehr, nicht von den Beweisen der Geschichte! ... erwiderte sein
Gegner ...
    Das Vergangene! sprach der Kohlenbrenner erregter ... Ha, die Abendröte ist
schön, sie verklärt zuweilen einen stürmischen Regentag; aber sie geht der Nacht
voran ... Wo Ihr hinseht, leidet die Menschheit an der Macht und dem Einfluss,
den sie noch dem römischen Zauberwesen gestattet! Von dem Tag an, wo sich ein
einziger Bischof über die Rechte der andern erheben konnte, gestützt auf das
alte Ansehen Roms und so manche Fälschung, die der Übermut schon damals wagte,
hat das Christentum seine Segnungen für die Menschheit verloren. Was die
Christuslehre der Menschheit brachte, ist wie Lesen, Schreiben, Rechnen ein
Erfordernis der allgemeinen Bildung geworden; die Institutionen, die uns die
Herkunft dieser Bildung, ewig ihre erste Geburt gegenwärtig erhalten wollen,
sind das Verderben der Jahrhunderte ... Einen Hirten empfehlt Ihr mit Wölfen
statt treuer Hunde? Einen Hohenpriester mit Scheiterhaufen und Schaffotten? Wir
Römer, wir gerade müssen die Welt zum drittenmal erobern, erobern durch die
Vernichtung der Hierarchie! ... Durch einen einzigen Messerschnitt müssen wir
vollbringen, was Europa durch Tausende von Büchern, Katedern, Kanzeln nicht
hervorbringen konnte! Wir kennen das Papsttum nur als eine weltliche Behörde;
als solche muss sie fallen; mit ihr fallen müssen die Cardinäle, die Generale der
Orden, die höchsten und mittelsten und untersten Spitzen dieser Anstalten der
Verdunkelung - erst dann ist die christliche Welt erlöst! Kommt uns nicht diese
Losung von unsern Obern, so ist alle Mühe vergebens! Ihr seht's an der ruchlosen
Intrigue von Porto d'Ascoli ...
    Benno konnte die leidenschaftliche Rede nicht mit der ihm auf der Lippe
schwebenden Frage unterbrechen, was in Porto d'Ascoli geschehen wäre ...
    Mehrere Stimmen riefen durcheinander:
    Sie wird kommen! ...
    Sie wird kommen und ihr Erfolg wird dennoch ausbleiben! sprach zur
Widerlegung des Kohlenbrenners mit einer feinen, eleganten Betonung eine andere
Maske, deren äussere Tracht einen Kapuziner vorstellte ... Ist der Sitz des
Papsttums nicht schon einmal in Avignon gewesen? War nicht Napoleon der
Schöpfer eines weltlichen Königtums von Rom? ... Mit je grösserer Demütigung
die dreifache Krone getragen wird, mit desto hellerem Heiligenschein umgibt sich
die Teokratie ... Die Menschheit sieht nun einmal im Papsttum einen zum ersten
Königsrang Erwählten aus dem Volke und kehrt immer wieder darauf zurück ... Sie
sieht einen Monarchen, den nur seine Tugenden auf den Tron beriefen ... Sie hat
an ihm einen Beistand gegen die Mächtigen der Erde ... Napoleon ras'the gegen
Pius und Pius sprach ruhig: Du Komödienspieler! Als Napoleon noch heftiger tobte
und mit dem Äussersten drohte, sagte er noch verächtlicher, wenn auch mit
gesteigertem Schmerz: Du Tragödienspieler! ... Wenn den Papst der Despotismus
tödtet, so bietet er ruhig die offene Brust; der Begriff lebt wieder auf in
seinem Nachfolger ... Aendert di Gesetze Roms, bessert die Sitten, lasst den
apostolischen Stuhl teilnehmen an allen Fortschritten der Zeit, macht
unmöglich, dass die Greuel von Porto d'Ascoli die Kunst des Regiments in Italien
heissen und wieder ein Segen kann der Menschheit werden, was man jetzt nur zu
voreilig ihren Fluch nennt! ...
    Benno staunte der Dinge, die in Porto d'Ascoli vorgefallen sein mussten ...
Wenn er nun auch zu fragen gewagt hätte - so war die Aufregung der Streitenden
ein Hindernis ... Sie war zu gross geworden ...
    Ich höre die träumerische Weisheit eures gemässigten Fortschritts! sprach der
Kohlenbrenner von vorhin ...
    Und von den beiden schwarz verhüllten Leichenbrüdern fiel jetzt der eine,
ihn unterstützend, ein:
    So habt ihr seit dreissig Jahren für die Freiheit Italiens declamirt,
geschrieben, gedichtet, gewinselt, gebetet! ... Das sind die frommen Wünsche
eurer freisinnigen Barone, eurer aufgeklärten Bischöfe! Da soll das Weihwasser
nur von unreinen Bestandteilen gesäubert, der Katolicismus nur wahrhaft zu
einem Liebesbund der Menschheit erhoben werden ... Und in dieser Gestalt
behaltet ihr alles, was ein Fluch der Menschheit geworden ist! ... Ihr behaltet
die Gebundenheit der Gewissen, die Gelübde, die Unfreiheit des menschlichen
Willens - alles, wovon eine kurze Weile die Praxis einen milden Sonnenschein
verbreiten kann, aber auf die Länge wird alles wieder wie die schwarze dunkele
Nacht werden! ... Ihr wollt die Hierarchie, Rom und die Cardinäle - nur nicht
die Jesuiten mehr? Werdet ihr die allein ausrotten können? Wodurch? Durch ein
Verbot? Wenn alles übrige bleibt? Hat das Zeitalter der Aufklärung, hat Voltaire
sie ausrotten können? Ich spreche nicht von dem Gift, an dem ein Ganganelli
starb; ich spreche von jener List, die aus Wölfen Schafe machte, von jener List,
die sich der Menschheit so unentbehrlich zu geben wusste, dass sogar die
aufgeklärtesten Staaten, Borussia unter Friedrich, Russia unter Katarina, die
Jesuiten als Lehrer beriefen! Sie sind unvertilgbar durch das Princip der
Wissenschaft, dessen Lüge sie als Fahne aufstecken. Ob sie nun diesen oder jenen
Namen tragen, bleiben sie unvertilgbar, solange überhaupt unsere Kirche besteht!
... Diese katolische Kirche, unter deren heiligster Oriflamme Menschen wie
Grizzifalcone für den Bestand des apostolischen Stuhls wirken durften! ...
    Der Sprecher war nicht der Mitpassagier von der Tiber gewesen ... Nun war es
also der, der fortdauernd schwieg ... Brütend sah dieser vor sich hin, blieb
unbeweglich und zog nur zuweilen seinen Fuss in die schwarze weite Umhüllung
zurück und streckte ihn wieder vor ...
    Letztere Geberde wiederholte sich, je lebhafter der Streit wurde ...
    Wollt ihr deshalb die katolische Kirche zerstören? riefen mehrere Stimmen
auf einmal ...
    Eine andere setzte hinzu:
    Sie ist wenigstens dem Italiener nicht zu nehmen ... Schreibt das nach
London, wo man glaubt uns protestantisch machen zu können! ...
    Wer will das? riefen andere Stimmen und unter ihnen aufs heftigste die des
Kohlenbrenners ...
    Der Italiener, fuhr der letzte Sprecher für die Kirche fort, ist und bleibt
Katolik ... Ich sage nicht: Geht und seht das Volk sich beugen vor einer Mumie,
die es anbetet! Geht und seht den Aberglauben, der die Stufen der heiligen
Treppe mit den Knieen hinaufrutscht! Seht den Schmerz, der sich einer ganzen
Stadt bemächtigen konnte, als ihm ein geliebtes Marienbild abhanden kam! ... Ich
finde den Aberglauben überall, selbst bei Sokrates, der an seinen Dämon, bei
Voltaire, der an sich selbst glaubte .... Nicht an sich selbst zu glauben, das
ist der Katolicismus, der unausrottbar ist, so lange das Christentum die Lehre
von einem Mittler zwischen Gott und dem Menschen aufstellt ... Hat Italien
irgend einen politischen Reformator gehabt, den ihr euch ohne Verehrung vor dem
Mysterium der Messe denken könnt? ... Selbst Savonarola war kein Huss und kein
Luter ... Der frostige Gedanke des Zweifels konnte nie die Oberherrschaft über
Gemüter gewinnen, die nur Phantasie und Leidenschaft sind ... Und wo nun der
Katolicismus sich nicht ausrotten lässt, da - ...
    Liesse sich nicht die Hierarchie ausrotten? riefen andere Stimmen. Das
bestreiten wir! ...
    Rom ist das reine Priestertum - fuhr der Verteidiger der Hierarchie fort
und liess sich nicht irre machen ... Rom kann der Duft, der höchste Auszug des
katolischen Priestertums bleiben ... Alles, was für die schweren Pflichten des
katolischen Priesters seine Belohnung, seine Erquickung, sein Entzücken ist,
ist der Blick auf die Würden, die er erklimmen kann - auf das letzte Ziel, das
ihm vom Tabernakel der Peterskirche in Rom leuchtet ... Die Teokratie ist kein
Gedanke der Macht, der Herrschaft, kein Gedanke der reinen Aeusserlichkeit und
Weltlichkeit - ... Sie ist - ...
    Ein Wahngebilde der Phantasten! Ein Schlupfwinkel der Räuber und Mörder!
donnerte der Kohlenbrenner ... Wie könnt ihr von einem geläuterten Papsttum
sprechen! Wie könnt ihr den Papst an die Spitze unserer Reform stellen! ... Das
wird vielleicht die Frauen gewinnen, die weichmütigen Seelen, aber nie gibt es
ein Fundament für die Hoffnungen Italiens ... Ein Menschenalter verrinnt und
wieder tauchen Ceccones und Fefelottis auf - ... Sie, die beiden Arme des
Papsttums, die sich verschränken konnten in Taten, wie dieser teuflische Plan
gegen die Gebrüder Bandiera war ...
    Die Bandiera? sprach jetzt Benno laut und vernehmlich dazwischen ...
    Die streitenden Principien - den Kampf der Lehren Gioberti's und Mazzini's -
verstand er, aber die Ursache desselben blieb ihm fremd ...
    Alle wandten sich ...
    Benno war es fast, als regte sich sein Gegenüber, der zweite der schwarzen
Leichenbrüder, noch lebhafter als bisher ...
    Aber die stürmende Rede des Kohlenbrenners übertönte alles - auch eine
Antwort auf Benno's Frage ...
    Rom bleibt so lange das Verderben der Welt, fuhr dieser fort, als seine
Gestalt nicht eine rein weltliche, der geistliche Hof für immer aufgehoben wird
... Ich bin im Princip für die Republik ... Doch ich werde gegen sie sein
müssen, weil leider sie es ist, die, auf die Massen und deren geringe Bildung
gebaut, uns immer und immer wieder in Rom die Macht der Päpste zurückgeführt hat
... Ich muss aus praktischen Gründen gegen sie sein ... Wir müssen nach Rom ein
weltliches Königtum in den Formen der Neuzeit verpflanzen ... Ha, die Könige! -
... Die, die ich so liebe, und besonders die, die mit der Lüge der
constitutionellen Formen gekräftigt sind, die wissen sich auszudehnen und zu
befestigen ... Das sind Schmarotzerpflanzen, die Boden und Luft brauchen und
beides nur zu bald gewinnen werden ... Die pflanzen an die Stelle der
geistlichen Legitimität ihre weltliche; die sorgen für ihr Geschlecht, für die,
die ihm dienen ... Wir müssen Rom einem Könige schenken, selbst wenn keiner die
Hand danach ausstreckt! Wir müssen ihm den Köder unserer eigenen Freiheit
bieten, die wir ihm eine Weile opfern! ... Ich gebe Rom an den, der das Meiste
bietet und das Wenigste verlangt ... Dem Türken, wenn er es begehrt! ... Nur
nicht einem Volkstribunen, der sich bisjetzt nur noch durch den Aberglauben der
Masse hat halten können und zuletzt so regiert, wie die Ceccones regierten -
durch die Räuber ... In hundert Jahren hat der Italiener eine Bildung und
Erziehung gewonnen, dann - ...
    Zwei Anhänger der Republik - einer darunter hatte deutlich die Stimme eines
Buonaparte, den noch vor kurzem Benno an Rucca's Tafel gesehen - stellten diese
retrogade Wendung, die auch noch jetzt die Republik nehmen würde, in Abrede ...
    Die Mehrzahl widersprach aber allen diesen Anschauungen ... Sie blieb bei
dem Glauben, dass gerade durch die dreifache Krone Italiens Zukunft am ehesten
gewinnen würde ... Die Fürsten böten keine Bürgschaft ... Die Läuterung des
Papsttums von seinen unreinen Elementen, die Sicherung einer bessern Wahl der
Umgebungen des Heiligen Vaters, die Auflösung des Jesuitenordens schien der
Mehrzahl die sicherste Aussicht für die Verwirklichung ihrer Hoffnungen ... In
der Abwehr der Fremden waren alle einig ... Diejenigen, die der Hierarchie
überhaupt, dem Priesterwesen und der katolischen Kirche abgeneigt waren,
blieben in der Minderzahl ... Und jetzt lachten sie selbst darüber, dass in
Italien besonders erhebliche Wirkungen durch Volksunterricht, Verbesserung der
Schulen, die Verbreitung nützlicher Schriften zu erreichen wären ...
    Benno sah, dass er sich unter Männern der höheren Gesellschaft befand, die in
der Mehrzahl sich noch vor äussersten Schritten hüteten ... Die Idee des
Papsttums möglichst von weltlichem Einflusse zu reinigen, die nächst
bevorstehende Wahl auf einen Italiener voll Nationalgefühl und politischer
Aufklärung zu lenken, die Cardinäle, die jetzt den meisten Einfluss hätten,
unschädlich zu machen und den Volksgeist so zu beleben, dass er an allem, was zur
Erhebung Italiens geschähe, ein Interesse nähme - das blieb die Losung der
Majorität ... Unter den Hoffnungen für die Papstwahl wurde Cardinal Ambrosi
genannt, den freilich wieder andere eine Kreatur der Intriguanten und Tyrannen
nannten ... La morte a Ceccone! La morte a Fefelotti! war die Schlussbekräftigung
... Dieser Ausruf kam einstimmig ... Er drückte einen Wunsch, eine moralische
Verurteilung, wie unser Pereat! - keine Losung zum Morde aus ...
    Dennoch folgte Todtenstille ...
    Jetzt fragte Benno, was den Unwillen der Versammlung in Betreff Porto
d'Ascoli's und der Brüder Bandiera veranlasst hätte ...
    Er hatte leise, wenn auch nicht verstellt, gesprochen ...
    Alle horchten dem wohllautenden Klang der Stimme des neuen »Spartakus« ...
    Bertinazzi nahm das Wort und sagte:
    Die Brüder Bandiera werden nicht in den Kirchenstaat einfallen ...
    Das überrascht mich ... sprach Benno voll freudiger Wallung überlaut und
vergessend, seine Stimme zu verändern ...
    Bertinazzi reichte Benno einen Brief Attilio's ... Benno übersah ihn ... In
jeder Zeile bekundete er seine Echteit ...
    Lest ihn! sprach Bertinazzi ... Ihr seid neu in unserm Kreise und wisst
nicht, wie tief Rom und die Welt, die sich noch von Rom beherrschen lässt,
gesunken sind ...
    Benno las mit starrem Auge ... Seine Hand zitterte ... Ceccone, Olympia
entschieden nicht über das Leben der Freunde -? ...
    Inzwischen liess Bertinazzi einige Schriften circuliren und teilte jedem
Exemplare aus ...
    Benno war solange seiner fieberhaften Erregung allein überlassen ...
    Er las, dass die Lenker des Kirchenstaats gemeinschaftlich mit den Jesuiten
einen Plan angezettelt hatten, demzufolge die »Verjüngung Italiens« als der
Wunsch - nur der Räuber und Mörder erscheinen sollte ... Grizzifalcone war
ausersehen worden, dies Werk in Ausführung zu bringen1... Bis nach London hin
verzweigte sich eine falsche Fährte, auf der die Verschwörer in die Lage kommen
sollten, Bundsgenossen nur der Schmuggler und der Räuber zu werden ... Man hatte
vom Vatican aus eine falsche Correspondenz mit Korfu angeknüpft, um das dortige
Comité glauben zu machen, an der Küste des Adriatischen Meers, in Porto
d'Ascoli, wäre alles reif, eine Invasion zu unterstützen ... Während der alte
Principe Rucca nur seine Zölle im Auge hatte, richtete Ceccone seine Blicke
weiter ... Auch ihm war das Erscheinen des Räubers in der Hauptstadt der
Christenheit willkommen ... Auch seine Verhandlungen mit ihm, die gleichfalls
jener Pilger geleitet hatte, bezweckten eine grosse Anerkennung des Reuigen ...
Die Liste, deren wesentlichen Inhalt er lange schon vor dem alten Rucca kannte,
sollte den Schrecken, den Grizzifalcone's Verrat unter den Zollbedienten und
Schmugglern verbreiten musste, zum Verderben der Revolution ausbeuten ... Ceccone
liess die Ortschaften, wo, wie ihm durch londoner Verrat bekannt geworden, die
Brüder Bandiera landen sollten, so durch die Anzeigen, die dem Fürsten Rucca
gemacht wurden, einschüchtern, dass die Räuber, die Schmuggler, die Zollbediente
die Fahne des Aufstands als Hülfe und Rettung begrüssen mussten ... Wie diese
Elemente die Revolution verstehen würden, lag auf der Hand ... Hier konnte nur
Mord, Brand, Plünderung im Gefolge der dreifarbigen Fahne gehen ... Die
reinsten, edelsten Zwecke mussten von Brandschatzungen, lodernden Flammen,
Zerstörung der Wohnstätten des Friedens begleitet sein ... Dies Mittel, die
Revolution zu entstellen, hatte man in Europa schon überall angewandt ... Die
Bauern Galiziens, entlassene Sträflinge hatten Mord und Brand über Paläste und
Hütten verbreitet ... Was Szela, der Schreckliche, später in den Eichen und
Graswäldern Podoliens wurde, sollte schon Grizzifalcone in der Romagna sein ...
Den Communismus schürten die Jesuiten, alle Extreme der freien Ideen förderten
sie, um die öffentliche Meinung vor den Neuerungen zu erschrecken ... Im
Kirchenstaat sollten alle, die durch das Strafgericht Rucca's bedroht waren, auf
das Signal warten, die Fackel der Anarchie zu schwingen ... Fermo, Ascoli,
Macerata sollten in Feuer aufgehen ... Italien sollte sich mit Schaudern von
Freiheitsbewegungen abwenden, die der Welt solche Schrecken brachten ...
    Aus dem ergreifenden Gemälde dieser von den Cardinälen der Christenheit, von
den Ratgebern des Heiligsten der Heiligen angezettelten Intrigue erhob sich der
Protest Attilio's Bandiera, wie die Taube weiss und rein am dunkeln
Gewitterhimmel aufsteigt - Attilio erklärte, noch zeitig genug gewarnt worden zu
sein ...
    Wie Benno mit bebenden Lippen diesen Protest las und sah, dass sich die
Losung verändert hatte - wie er las, dass eine Schar von entschlossenen Männern
den Versuch machen würde, von Calabrien aus nach Neapel vorzudringen - wie er
sogar den Silaswald genannt fand - ja wie sich ihm ein Flor vors Auge legte -
als die Namen Fra Hubertus - Fra Federigo auf dem Papier wie Irrlichter auf
dunkelm Moore tanzten - wie er ein Wort von einem »abgesandten
Franciscanerbruder« noch mit den letzten Stunden in San-Pietro in Montorio in
Verbindung bringen konnte und - ihn die Aufklärung über alles zu belohnen
schien, was Bonaventura's nächste Sorge war, da hörte plötzlich sein Ohr ein
dumpfes Murmeln um sich her ...
    Er blickte auf ...
    Die Männer waren schon vorher aufgestanden ... Jetzt befanden sie sich in
einer Gruppe ... Der schwarze Todtenbruder stand mitten unter ihnen in heftiger
Gesticulation ... Bertinazzi bat um Ruhe ... Vergebens ... Das
Durcheinanderflüstern mehrte sich ... Timoleon! rief Bertinazzi ... Nehmen wir
unsere Plätze ... Nein, nein! riefen andere ... Lasst Timoleon reden! ...
    Der schwarze Todtenbruder schien ungern lauter zu sprechen ... Doch nun
musste er es tun ... Alles stand erwartungsvoll ...
    Ich hatte nur die Absicht - - eine neue Loge zu stiften ... sagte er dumpf
und hohl ...
    Benno hörte die Stimme vom Nachen ... Die Augen des Sprechers funkelten
unheimlich durch die beiden Lücken seiner Kapuze ... Sie waren auf Bertinazzi
gerichtet, der mit diesem Wunsch einer neuen Logenbildung nicht einverstanden
schien und beschwichtigend rief:
    Lasst das! Lasst das! ...
    In diesem Augenblick streifte ein Rockärmel Benno's Wange ...
    Der Freund der Päpste, der Kapuziner war es, der seine Hand ausgestreckt,
Attilio's Brief ergriffen und das Papier in die Flamme eines der Lichter
gehalten hatte ...
    Benno, betäubt noch von dem nicht vollständig überlesenen Inhalt, erbebend
vor dem Anblick der Namen, die sein Innerstes erfüllten - vor dem Silaswald, in
dessen Nähe jetzt, an Punta dell Allice, die Invasion stattfinden sollte - zu
gleicher Zeit mit einer Erhebung in Sicilien und Genua - Benno wollte dies
Beginnen, ein Zeichen wohl gar des Mistrauens gegen ihn, verhindern und sprach:
    Soll ich diesen Brief nicht so gut kennen wie ihr? ...
    Da hatte die Flamme schon den Brief verzehrt ...
    Benno sah, dass das Flüstern vorhin, dies Entziehen des Briefes aus dem
Erkennen seiner Stimme durch den schwarzen Todtenbruder entstanden war ... Er
richtete vor Aufregung seine Augen so zu Bertinazzi, dass sie wie Flammen diesem
entgegenglühen mussten ... Denn auch ihm war der Ton seines Anklägers immer
bekannter und bekannter geworden ... Es fehlte nur noch ein einziges mal, dass
jener sprach, und ein unglaublicher Name, der Name eines offenbaren Verräters,
brannte ihm auf der Zunge ...
    Bertinazzi hatte sich in der Tat zu seinem Beistand erhoben ...
    Wieder drangen die Stimmen in den Leichenbruder, zu reden ...
    Dumpf sprach dieser:
    Wir sind in diesem Augenblick zu dreizehn ... Der vierzehnte, unser
Franciscaner, fehlt ... Wir dürfen eine neue Loge bilden ... Ja, dies will ich
... Ich tu' es ... Die dazu notwendigen Zwölf werd' ich finden - ...
    Benno starrte den Sprecher an ... Er wusste, wer gesprochen - - ...
    Dann ist Bertinazzi's Loge verpflichtet, Euch eine Hülfe zu geben! ...
sprach der Kapuziner ...
    Einer von uns trete zu Timoleon's neuer Loge! riefen mehrere ...
    Loost! Loost! ... erscholl es von anderer Seite ...
    Warum loosen! erwiderte der schwarze Todtenbruder, der den Namen »Timoleon«
führte ... Ich nehme jeden von euch, der sich freiwillig dazu erbietet - doch -
nicht - Spartakus! ...
    Wieder sprangen alle von ihren Sitzen ... Was vorhin nur schien einzelnen
angedeutet worden zu sein, erscholl jetzt vor aller Ohr ... Die Verschworenen
zogen dichter ihre Hüllen vor die Augen ... Sie traten auf Benno zu ... Schon
streckten sich einige Hände nach seiner Köpfverhüllung ...
    Zurück! rief Bertinazzi mit einer Stimme, die an den Wänden widerhallte ...
Ich bürge für Spartakus ...
    Für einen Verräter?! ... Einen Deutschen?! ... Einen Spion Osterreichs?!
... rief Timoleon ...
    Verräter -? Ich? ... Graf Sarzana! Wer ist hier - der Verräter? ...
    Sarzana! rief die ganze Loge voll Entsetzen ...
    Ein Augenblick und vier, fünf Dolche blitzten ... Sie blitzten nicht nur
Spartakus, sondern auch Timoleon entgegen ... Der Name »Sarzana« klang wie: Eine
Kreatur Ceccone's! ... Kaum hatte auch Benno jetzt noch den Beistand des
Meisters der Loge ... Einen Namen zu nennen war ein Bruch aller Gesetze ...
Bertinazzi trat den gezückten Dolchen entgegen und rief: Die Loge ist aufgelöst!
... Friede! Friede! Friede! ...
    Die Lichter wurden ausgelöscht ...
    Eine kraftvolle Hand drängte Benno aus dem wilden Tumult ... Eine Tür
sprang auf ... Mit dem Ausruf: Unglücklicher! stiess ihn sein Retter - der
Kohlenbrenner, wie Benno zu erkennen glaubte - in das Dunkel eines engen
Corridors ...
    Ein Augenblick der Besinnung ... Benno griff nach einer der kleinen
Wachskerzen, die er in der Tasche trug ... Damit tastete er vorwärts, um eine
Mauer zu finden, an der er das Wachslicht durch Anstreifen entzünden konnte ...
    Er fand die Mauer ... Er hatte Licht ... Er blickte um sich ... - -
    Am Ende des langen Corridors stand ein Trupp Gensdarmen, der mit
angeschlagenen Carabinern lautlos sich auf die Loge zu in Bewegung setzte.
                           Ende des siebenten Buchs.
 
                                    Fussnoten
1 Tatsache.
 
                                  Neunter Band
                                   Achtes Buch
                                        1.
Mühsam windet sich ein mit fünf Rossen bespannter Reisewagen die Höhen eines
kahlen Gebirges hinan ...
    Die Strasse ist es, die von Nizza über den Col de Tende nach dem Piemont
führt ...
    Kreidige Felsen, Reste vulkanischer Zerstörungen, heben sich schimmerndhell
vom tiefblauen Himmel ... Die Vegetation wird immer lebloser, je näher dem
höchsten Kamm der vom mächtigen Rückgrat der Schweizer- und Savoyer- sich
abzweigenden Seealpen ... Noch jetzt, noch am Ende des Juni, liegt Schnee in
einzelnen versteckten Spalten, die ein schneidend scharfer Wind bestreicht ...
    Zeitig waren die Passagiere von Sospello aufgebrochen ... Sie hatten
Vorspann nehmen müssen ... Bald verliessen sie den Wagen, um den Pferden die Last
zu erleichtern ... Drei Frauen, die rüstig zuschritten, schienen an
Anstrengungen gewöhnt ... Ein Kind, das bald ermüdete, liess man wieder einsitzen
... Die beiden Männer schritten anfangs mit wetteifernder Ausdauer ...
    Bald aber ermüdete auch von ihnen der eine ... Ein heftiger Husten zwang ihn
oft, still zu stehen ... Nun machten ihm die übrigen Vorwürfe über die
Anstrengungen, die er sich zumutete ... Er lächelte eine Weile, schüttelte den
Kopf, deutete an, es würde gehen ... Zuletzt zwang man ihn, in den Wagen zu
steigen ... In einen grauen Leibrock mit Metallknöpfen gekleidet, schien er ein
Diener zu sein - ein weisses Staubhemd darüber flatterte im Winde ...
    Im Wagen nahm er das etwa dreijährige Kind, ein heiteres, schwarzäugiges
Mädchen, auf den Schoss ... Eine der Frauen - man hätte sie für die Zofe der
beiden andern Damen halten dürfen - ging im ärgsten Staube neben dem Schlage des
Wagens und reichte zuweilen die Hand hinauf, die der Kranke dann mit Liebe
drückte, während gleichzeitig ein sanfter Blick seines Auges auf die Frauen
deutete, die seine Begleiterin nicht aus dem Auge verlieren sollte ...
    Jene aber nahmen die kürzeren Wege und kletterten wie die Ziegen, die in
Schaaren auf den kahlen Höhen die wenigen Stellen suchten, wo die Vegetation von
ihren üppigsten Entfaltungen, die die Reisenden noch gestern begleitet hatten,
in letzten Kräutern und Grashalmen erstarb ... Gestern noch Oliven, Gärten voll
Orangen, Gebüsche von Myrten und hier und da die einsam träumende Dattelpalme;
noch in Sospello die nächsten Anhöhen bewaldet von Kastanien - jetzt aber schon
seit einer Wanderung von zwei Stunden nichts als niedriges Buschwerk und selbst
die Alpenflora durch die grosse Trockenheit des Bodens gehindert ... ... Hier und
da leuchtete wohl das schöne Himmelblau der Genzianen ...
    Die beiden Frauen, in breitrandigen, am Kinn befestigten »Nizzahüten«, deren
Strohgeflecht fest genug ist, um von den jeweiligen Windstössen nicht bald diese,
bald jene Gestalt zu gewinnen, sammeln dem Kinde, der kleinen Erdmute, was sie
allenfalls an blauen, auch hier und da noch weissen und rosenroten Blumen
entdecken können ...
    Die Alpenrose findet sich hier nicht, sagte die ältere und kleinere Dame;
sie muss doch mehr Schnee und Eis haben, um fortzukommen ...
    Vielleicht jenseits - auf dem niedergehenden Abhang - entgegnete die jüngere
und nickte vertröstend der Kleinen zu, die verlangend von der Strasse her aus dem
Wagen ihr Händchen streckte, an ihrem hastigen Begehren durch den Fahrenden
gehindert, der sie auf seinem Schoss schaukelte ...
    Der Arme! Wie er hustet! seufzte die ältere der Frauen mit Hindeutung auf
den Mann im weissen Staubhemd ... Sie fügte hinzu: Er hätte gar nicht aussteigen
sollen ...
    Auch die Nähe eines Kranken kann bald zur Gewöhnung werden ... Selbst ein
hoffnungsloser Zustand wird zuletzt mit Ergebung in die einmal nicht zu ändernde
Lebensordnung seiner Umgebungen hingenommen ...
    Auf den schottischen Hochgebirgen fand ich, wie hier am Mittelmeer, nahm die
jüngere mit Beziehung auf die fehlende Alpenrose wieder die frühere Äusserung
auf, ganz die gleichen Blumen ... Dieselben Formen haben sie, dieselben Farben
... Auch die langen Wurzeln, mit denen sie sich festklammern müssen, um den
Stürmen zu trotzen ... Die Stiele sind immer kurz ... Keine wagt sich zu sehr
über den schützenden Boden hinaus ... Und siehe da! Die kleinen Sternblümchen
schon verwelkt! ... Alles wie in Schottland ... Ein kurzer schöner Frühling -
kein Sommer - gleich der Winter ...
    Die Mutter, die wir an ihren grauen Locken als Monika von Hülleshoven
erkennen, war schon an sich bewegt vor Erwartung des Ziels dieser Wanderung ...
Noch heute konnte sie hoffen, endlich nach langer, langer Trennung die greise,
dem Tod nahe Gräfin Erdmute von Salem-Camphausen auf Castellungo zu sehen, die
Pate da der kleinen Erdmute Hedemann ... Mehr als zehn Jahre nach den Tagen
damals in der Residenz des nun auch schon zu seinen Vätern versammelten
Kirchenfürsten, als die Gräfin so fest darauf gerechnet hatte, ihre geliebte
Monika würde schon den nächsten Frühling in Castellungo zubringen ... Was war
nicht alles dazwischengekommen, bis sie die edle Greisin endlich auf ihrem
schönen italienischen Schloss wiedersah ... Nun ergriff sie noch Armgart's
Wort: »Ein kurzer Frühling - ohne Sommer - gleich der Winter!« ... Auf wen wohl
passte die Vergleichung mit dem Leben der Alpenblumen mehr, als auf sie, die
jetzt - achtundzwanzigjährige - unvermählte Armgart! ... Sie hatte sich mit den
Jahren dem Vater da, der, um sich etwas zu verschnaufen, mit einem Ziegenhirten
plaudert, nachgebildet, war in Wuchs gekommen und ein hochaufgeschossenes,
schlankes Fräulein geworden, wofür sie nie Aussicht gegeben ... Um so zarter und
behender waren ihre Glieder geblieben ... Der Kopf unter dem Strohhut war wohl
jetzt vom Steigen rosig erglüht; sonst aber sah ihr Antlitz bei weitem blasser
aus, als in ihrer Jugend und als noch jetzt die Mutter aussieht, die an ihrer
apfelgleichen Frische und Rüstigkeit nichts eingebüsst hat ... Jenes ihr eigene
halbe Lächeln mit den beiden schimmernd weissen Vorderzähnen hatte Armgart
behalten, aber es gab ihr jetzt eher etwas Strenges; ihre schönen Augen waren
ernst und fast ein wenig starr geworden ... Eine Jungfrau, die mit ihren
Hoffnungen abschliesst, macht schmerzhafte Krisen der Seele durch ...
    Im übrigen würde Monika, die immer die Gegenwart und die nächste Pflicht im
Auge behielt, kaum so in Rührung gekommen sein über diese Vergleichung ... Noch
in Sospello, wo sie den Berg taxirte und dem Postalter, der drei Pferde
Vorspann begehrte, eines als einen Misbrauch abgehandelt hatte, war sie wie
immer laut und entschlossen gesprächsam gewesen ...
    Jetzt lag das Jenseits des hohen Kulms geheimnisvoll vorm Auge ... Nun
konnte sie nur mit Wehmut auf die da und dort sich sorglos bückende Armgart
sehen - konnte sich nur sagen: Arme Alpenblume auch du! Auch du hattest einen
schönen Mai- und Wonnemond, dann sogleich den Herbst und vielleicht - den ewigen
Winter! ...
    Armgart aber rief jetzt lachend:
    Fühlt ihr nun, dass der Col de Tende sich sehen lassen kann? ... Ich sagt' es
ja gleich nach allem, was ich in Nizza erzählen hörte ... Den Gipfel erreichen
wir noch vor drei Stunden nicht ... Seht ihr auch da oben noch das Haus? ... Da
füttert der Postillon noch eine Stunde und auch wir werden ohne Collation nicht
fortkommen ...
    Armgart schien die Ruhe und Ergebung selbst geworden zu sein ... Sie war
selbst um Paula und ihre liebe alte Gräfin, ihr ketzerisches »Grossmütterchen«,
nicht aufgeregt, die auch sie seit zehn Jahren nicht gesehen hatte und dort -
jenseits der kahlen Höhe morgen, eine Sterbende, finden sollte! ... Paula! Sogar
von ihrer geliebtesten Freundin hatte das Leben und die bewegte Zeit sie fast im
Geist verdrängen können ... Zu den bitteren Kämpfen, die sie alle und zumal ihre
Familie seit zehn Jahren durchgemacht, gehörte ein wehmütiger, wenn auch
unausgesprochener Zwiespalt Armgart's mit Paula, hervorgerufen durch die so
mannichfache Verschiedenheit der Meinungen und Ueberzeugungen ... Nächster Anlass
dieser Reise war keinesweges allein das dringende Bedürfnis, sich endlich
wiederzusehen, sondern mehr noch der zufällige Umstand, dass Hedemann, der sich
in einer bewegten Zeit dem Wohl des Obersten von Hülleshoven geopfert hatte,
heftig an der Brust erkrankt war, Genf, wo der Oberst mit den Seinigen seit den
letzten Jahren gewohnt hatte, erst mit Nizza vertauschte und dann in der Heimat
seiner Porzia für immer zurückbleiben - vielleicht dort sterben wollte ... Die
Aerzte hatten ihn aufgegeben ... Doch die Auflösung eines so kraftvoll gebauten
Körpers liess einen langen Kampf erwarten ...
    Ulrich von Hülleshoven, dessen Locken nun auch schon ergraut sind, schreitet
schon wieder wacker voraus ... Seit Jahren begleitete ihn auf solchen und
ähnlichen Wanderungen immer derselbe mächtige Alpenstab ... Er kehrte diesen
jetzt um, hielt das Ende mit der eisernen Spitze oben und streckte den Griff
seiner Frau und Tochter zu mit der scherzenden Aufforderung, sich
festzuklammern, er wollte sie hinaufziehen ... Aber Armgart stemmte im
Gegenteil beide Hände an seinen Rücken, um ihm hinaufzuhelfen ... Vorwärts!
Vorwärts! rief sie und ihre Kraft gab ihr das Zeugnis noch der Jugend ...
    Porzia unterhielt sich indessen mit dem Postillon über ihre endlich wieder
begrüsste Heimat, in der sie die Aeltern nicht, die in Deutschland waren, nicht
die alten Seidenwürmerkammern ihrer mütterlichen Hütte fand, aber die Patin
ihres Kindes, die edle Gräfin, die sie einst nach England mitgenommen hatte ...
Die kleine Erdmute plauderte bald deutsch, bald italienisch ... Da sie so viel
vom Sterben hörte, fragte sie, ob es von hier in den Himmel ginge ...
    Das war nun alles so, wie es war und nicht anders sein konnte ... Darum
brannte die Sonne so drückend wie nur in jedem Juni, pfiff ein scharfer, der
Hitze widersprechender Wind aus Nordost herüber - hüpften die Ziegen, zankten
die Hirten, grüssten die über den Berg gekommenen Fuhrleute, die in zweirädrigen,
maultierbespannten Karren den guten Wein von Coni und Robillante nach diesseits
führten, und - zankte auch wohl Monika, die, als der Postillon am Wirtshaus
wirklich hielt und die Locandiera auf die Bestellung einer Collazione lauerte,
sagte:
    Das muss man den Leuten ganz abgewöhnen, den Reisenden ihren freien Willen
rauben zu wollen ... In Italien soll man nur immer den Mut haben, in jeder Lage
Ja! oder Nein! zu sagen ...
    Sie liess der kleinen Erdmute nur Milch geben ...
    Mutter, entgegnete Armgart, milde lächelnd, dies Haus ist in der
Voraussetzung gebaut worden, dass man hier nach Eiern und Schinken, nach Wein und
vielleicht selbst nach einem kalten Huhn frägt ... Es zu bauen hat Mühe gekostet
... Die Galerie da, die Türen, die Verschläge sind von Holz und Holz wächst
hier nicht ... Unser Leben ist ja eine einzige grosse Verschwörung der
verbündeten Menschheit gegen den Schöpfer, der uns vieles doch so gar, gar
schwer gemacht hat, besonders die Existenz ... Muss denn nun immer alles so
regelrecht gehen? ... Wenn es nach mir ginge, ich kehrte in jedem Wirtshause
ein - ich bestelle auch hier Schinken, Eier und Wein ...
    Das waren nun so die kleinen Intermezzis des gemeinschaftlichen Reisens, wo
sich die gegenseitigen Stellungen ergaben ... Der Oberst ging gern auf den Ton
seiner Tochter ein, der ihm sympatisch war, wenn er auch wohl sich hütete, die
Mutter in solchen Fällen ganz Unrecht behalten zu lassen ...
    Der kleine Imbiss wurde bestellt ... Am öde und einsam gelegenen Wirtshause
wurde es mit der Zeit ganz lebhaft ... Die Weinfuhrleute richteten an den
abgestiegenen und sich ganz, als wäre er gesund und nur ein Diener, benehmenden
Hedemann die Frage, ob sie denn auch Neuigkeiten aus der Welt mitbrächten und
vor allem von Rom Entscheidendes über die Belagerung der ewigen Stadt durch die
Franzosen ...
    Armgart trat über diese Fragen zur Seite und Monika wusste, warum sie es tat
... Nun bestellte die Mutter selbst noch mehr, als Armgart gewollt hatte ...
    Auch der Oberst verstand Armgart's Beiseitetreten, seufzte und bedeutete
Hedemann, der den Fuhrleuten in gebrochenem Italienisch kurz erzählte, was er
wusste, dass er sich dem scharfen Winde nicht aussetzen und sogleich ins Zimmer
treten sollte ...
    Hedemann erwiderte mit einer Stimme, die seine alte Kraft und Männlichkeit
nicht mehr erkennen liess, dass ihm wohl wäre ... Auf dieser luftreinen Höhe,
unter dem blauen Dach des Himmels hatten aus dem Munde eines rettungslos
Dahinsiechenden die Worte der Ergebung einen doppelt wehmütigen Nachdruck ...
    Nach einer Rast von mehr als einer Stunde erklommen die Gefährten
neugestärkt die Spitze des nun immer noch kahler werdenden Passes ... Wie glich
ihr mühsames Aufwärtsschreiten den Kämpfen ihres eigenen Lebens selbst, denen
erst jetzt eine etwas glücklichere Ruhe gefolgt war! ...
    Aber Mut! leuchtete aus dem Auge Monika's, Hoffnung! aus dem Auge Armgart's
...
    Des Vaters kräftige Hand half jetzt den Klimmenden nach und mancher Scherz
über die Possirlichkeiten der Kleinen erheiterte die Stimmung, trotz Porzia's
Trauer, trotz Hedemann's wiederholtem: Die Gräfin ruht wohl schon in Gottes
Schoss! trotz aller der Mischungen von Freude und Schmerz, die ihnen die Nennung
der Namen Paula's, des Grafen Hugo und des jetzigen Erzbischofs von Coni,
Bonaventura von Asselyn, bereiten durften.
 
                                       2.
Das waren denn jene mutigen Menschen, die einige Jahre hindurch, schon vor
Paula's Vermählung, mit einer Stadt wie Witoborn, mit einer Landschaft wie die
um Kloster Himmelpfort und weit hinaus in die Ebene hin, einen geistigen Kampf
zu beginnen gewagt hatten, in dem sie auf alle Fälle unterliegen mussten ...
    Sie waren nur Sieger über sich selbst geworden oder trugen, wie Hedemann
sich ausdrückte, das Sterben des Herrn am eigenen Leibe, auf dass an ihnen auch
das Leben des Herrn offenbar würde ...
    Der Oberst hatte sein kleines Vermögen, auch fremdes, auf die Anlage einer
Papierfabrik verwandt ... Gerade deshalb, weil in jener Gegend diese Industrie
brach lag, hatte er geglaubt, die Wasserkraft der Witobach und die schon
vorhandenen Mühlenwerke für eine solche Unternehmung nutzen zu können ... Die
Kapitalien wurden vom Onkel Dechanten, sogar zuletzt vom Onkel Levinus
dargeboten, letztere allerdings nur von Paula entlehnt - vor dem mächtigen Blick
und der bündigen Rede Monika's verstummte auf Schloss Westerhof jeder Widerspruch
... Lenkte doch auch sie die so wünschenswert gewordene friedliche Ausgleichung
mit der jüngeren Linie der Camphausen in einer so entschiedenen Weise, dass
überall die nächsten äusserlichen Sorgen schwanden ... Endlich hatte auch der
Oberst magnetische Gewalt über Paula ... Unentbehrlich war er ihr geworden in
jenen Zeiten, wo sich in Paula's Herzen die schmerzlichsten Kämpfe vollzogen,
Kämpfe, die ihren Körper zu zerstören drohten - ihr Wachschlummer, ihre
Visionen, die sonst lindernd auf sie gewirkt hatten, traten nach und nach zurück
...
    Der Oberst musste seiner Pensionsansprüche wegen dann auf kurze Zeit eine
Reise nach England machen ... Um Paula's Leiden kehrte er zeitiger heim, als er
im Interesse Armgart's wünschen konnte ... Diese hatte er mitgenommen, da sie
trotz der Aussöhnung ihrer Aeltern, trotz der Befreiung von Terschka's Werbungen
ein tief in sich verschüchtertes Leben darbot und in ihrem Stift Heiligenkreuz
um so weniger sich heimisch fühlte, als Armgart, wie Lucinde, zu jenen Naturen
gehörte, die selten die Anerkennung der Frauen gewinnen ... Was sie tat, wurde
wenigstens in ihrer Heimat abenteuerlich gefunden; was sich an ihren Namen
knüpfte, wurde ihr zur Ungunst gedeutet ... Sie hatte, sagte man, Benno von
Asselyn, Tiebold de Jonge, vielleicht selbst Terschka »auf dem Gewissen« ...
Die Scheu der katolischen Rechtgläubigkeit vor allem, was den Nimbus ihrer
Kirche gefährden konnte, verhinderte, dass man um Witoborn offen von Terschka,
als von einem »Jesuiten der kurzen Robe« sprach, von einem Proselyten dann, der
Glauben und Gelübde in London gewechselt ... Die Aufregung der Gegend um die
Vorgänge auf Westerhof, um den Brand, um die Urkunde, den vielleicht erneuerten
Prozess, das mögliche Auftreten und Erstarken luterischer Elemente in dortiger
Gegend wurde so gross, dass Armgart den Vater auch ganz gern begleitete ... Er
liess sie zurück bei Gräfin Erdmute, die bei Lady Elliot teils in der Stadt,
teils auf dem Lande wohnte ...
    Armgart wurde allmählich den Töchtern der Lady unentbehrlich; sie hatte in
der Gesellschaft Erfolge, die die Aeltern nicht stören mochten ... Selbst die
Nähe Terschka's beunruhigte sie nicht ... Ihr Vater hatte ihn in London
wiedergesehen, hatte seinen Mut, mit den Jesuiten zu brechen, bewundert und
vermittelte eine Verständigung des Flüchtlings mit dem Grafen Hugo ... Letztere
gelang äusserlich, zumal da der Graf durch Terschka die Aufforderung erhielt, der
beim Brand von Westerhof gefundenen Urkunde entschieden zu mistrauen und
unerschrocken wieder aufs neue den Prozess zu beginnen ... Als man Terschka's
Einfluss auf diese von Wien verlautenden Drohungen erfuhr, wollten ihn zwar auf
Schloss Westerhof Tante Benigna und Onkel Levinus als einen unverbesserlichen
Sohn der Hölle darstellen, Monika aber fand sein Benehmen in der Ordnung und
erklärte, dass sie an des Grafen und Terschka's Stelle ebenso handeln, vor allem
Lucinden in Wien, den Mönch Hubertus in Rom, den Doctor Nück in der Residenz des
Kirchenfürsten vernehmen, ja verhaften lassen würde ... Als dann Bonaventura,
nach Lucindens Beichte zu Maria-Schnee in Wien, dies grosse Ärgernis von einer
der ersten Familien Deutschlands abgewandt hatte, als Graf Hugo plötzlich auf
Westerhof erschien und Paula nach dem ausdrücklich und wunderbarerweise von
Robillante gekommenen Zeugnis Bonaventura's: Dieser Mann darf dir gehören und du
ihm! jetzt willenlos geworden, ja durch Bonaventura's plötzliche Verpflanzung
auf einen Boden, auf den sie ihm gebührenderweise - als Gattin des Grafen -
sogar folgen durfte, überwältigt, ja davon wie berauscht, nachgegeben hatte,
gewannen der Oberst und Monika eine mächtige Anlehnung auch an den von ihnen
immer empfohlenen Grafen ... Dieser schätzte und verehrte schon lange die
ehemalige Bewohnerin des Klosters der Hospitaliterinnen in Wien ... Paula selbst
fand er dann unter dem magnetischen Rapport des Obersten ... Sein eigenes
beklommenes, tief verdüstertes, erst durch jenen mit Bonaventura auf Schloss
Salem hingebrachten »Einen Tag« dem Leben wiedergewonnenes Gemüt schloss sich
zuletzt besonders innig dem frischen, lebendigen Sinn der Bewohner Witoborns,
den »Papiermüllers« an, wie Oberst Hülleshoven und die Seinen spottend von der
ganzen Provinz und den adeligen Genossen genannt wurden ...
    Und anfangs machten sich die Verhältnisse ganz nach Wunsch ... Monika's Rat
war für die irrend hin-und hertastende Schwester Benigna, für den vom Erscheinen
des Grafen Hugo um alle Fassung gebrachten Levinus unerlasslich ... Paula's
Aufregung musste freilich die Freunde und Verwandte mit Schrecken erfüllen ...
Sie schlief zwei Wochen lang nicht eine Nacht und sprach und tat dabei doch
alles, was man verlangte, ordnete ihre Ausstattung, wobei sie selbst wie eine
Magd angriff, der ein höheres Geheiss geworden ... Wenn alles erstaunte: »Der
Domkapitular ist Bischof in Italien!« - wenn man lächelte: »Bischof in dem
Sprengel, wo die Güter der künftigen jungen Gräfin Salem-Camphausen liegen!«, so
hörte und sah Paula nichts von Alledem ... Graf Hugo wurde ihr in der Tat noch
der liebste von all den Menschen, die es ausser Bonaventura und Armgart in der
Welt gab - war er nicht der Bote, der Bevollmächtigte Bonaventura's - war er
nicht zart und rücksichtsvoll in seinem Benehmen ...? Paula war scheinbar so
lebensmutig geworden, dass sie selbst dem Trostworte Monika's nachdenken konnte:
»Un mariage de raison! Le comte renoncera à tout droit de possesion -!« ...
Freilich hörte sie nicht, was Monika zur Schwester Benigna hinzusetzte: Muss man
französisch sagen, was uns nicht erröten lassen soll! ... Sie hörte das
Schmollen nicht über die Unnatur des katolischen Priesterstandes, über die
Unnatur des Lebens der höhern Stände überhaupt ... Doch allerdings erklärte
Monika, hier keinen andern Weg zu wissen, als den »eurer üblichen Convenienz« -
... Die Familienzweige der Dorstes durften nicht auseinander gehen ...
    Niemand unterstützte diese Wendungen mehr, als Bonaventura's Mutter, die
Präsidentin von Wittekind-Neuhof ... Ihr war es fast, als könnten nur so die
düstren Schleier gewahrt bleiben, die sich inzwischen schon teilweise von
Angiolinen, von Benno und von der Herzogin von Amarillas gelüftet hatten ...
Wenn Graf Hugo fand, dass gerade er es »nicht um Benno und Bonaventura von
Asselyn verdient« hätte, auf Schloss Neuhof so scheu empfangen zu werden, so gab
seine »luterische Religion« einen Entschuldigungsgrund für eine Scheu, eben in
ihm den Pflegevater, den Geliebten Angiolinens zu sehen ... Durfte man doch die
Besorgnis hegen, ihn wohl gar von dem flüchtigen Terschka über alles unterrichtet
zu wissen, was damals in jener von Löb Seligmann belauschten Verhandlung zur
Sprache gekommen war ... Die kluge Präsidentin wollte ihren Gatten, den
»Büreaukraten«, wie er um Witoborn hiess, mit dem Geist der Provinz versöhnen und
nahm sogar an den Exercitien der ab- und zugehenden, seltsamerweise dem Schloss
Westerhof entschieden feindlichgesinnt bleibenden Frau von Sicking Teil ...
    Schon war Paula, opferfreudig und nunmehr in ihrem katolischen Sinn heilig
überzeugt, dass sie gerade durch ihre Heirat dem Abgott ihrer Seele, einem
Priester, noch eine Glorie des Himmels mehr gäbe - ihrem Gatten nach Wien
gefolgt, als man immer anregendere und überraschendere Mitteilungen aus England
erhielt ... Terschka spielte in London eine glänzende Rolle ... Auch dort
standen ihm fördernd seine geselligen Talente zur Seite ... Sein Bruch mit dem
katolischen Glauben, seine Flucht vor den Jesuiten, zu deren Orden er gehört
hatte, sein Anschluss an Giuseppe Mazzini, den italienischen Agitator, und dessen
Freunde, alles das gab ihm selbst in den Kreisen der englischen Aristokratie
einen Nimbus ... Armgart begegnete ihm in den hohen Kreisen, in denen sie lebte
... Freilich sah sie in ihm ihrerseits nur das Abbild jener düstern Tage, wo sie
geglaubt hatte, sie müsste sich dem ungewissesten Schicksal opfern, um nur ihre
Mutter vor einer Verirrung zu bewahren, die die Aussöhnung mit dem Vater
unmöglich machte ... Aber ihre ganze Verachtung vor dem innerlich hohlen, nur
gesellschaftlich verwendbaren Mann durfte sie ihm nicht ausdrücken, da die
Aeltern selbst zu viel auf seine gegenwärtige Gesinnungsänderung hielten, die
Gräfin Erdmute ihm verziehen hatte, Lady Elliot ihm eine Stellung über allen
Makel gab ...
    Die Briefe, die in Witoborn bei dem »Obersten Papiermüller« ankamen,
brachten immer überraschendere Mitteilungen ... Um Terschka fingen an sich
Gerüchte zu verbreiten, als spielte er eine doppelte Rolle ... Er hätte nicht
aufgehört das zu sein, was er war ... Ganz übereinstimmend mit jener vom alten
Zickeles in Wien zu Benno getanen Äusserung: »Die Jesuiten lassen ihn auch sein
Protestant!« ... Schon verlautete mancher Zweifel an seiner fanatisch zur Schau
getragenen luterischen Kirchlichkeit und italienischen Freiheitssympatie ...
Armgart sprach von ihm als von einem »ewig Gezeichneten« ... Sie lehnte seine
Begleitungen ab, schlug die Huldigungen aus, die ihr seine immer noch lebhafte
Galanterie und unbeugsame Elasticität im geselligen Verkehr brachte ... Manche
behaupteten, schrieb sie, Terschka spiele leidenschaftlich und wäre stets in
Verlegenheiten ... Letzteres musste wohl der Fall sein; denn man bemerkte, dass ihm
der Präsident von Wittekind Geld schickte ...
    Armgart selbst befand sich im Punkt der Religion immer noch da, wo sie
gleich anfangs mit ihrem, inzwischen nach Westerhof, Wien und Italien gegangenen
»ketzerischen Grossmütterchen« Gräfin Erdmute gestanden ... Lady Elliot besass
denselben Bekehrungseifer, wie Gräfin Erdmute - hätte sie nicht Gegner
gefunden, sie würde sie gesucht haben ... Da kam nun ihrer dogmatischen
Streitsucht ein geistesfrisches Mädchen nach Wunsch, das von den Entdeckungen,
die Armgart an dem Glauben ihrer Aeltern machte, in einer steten, oft, nach
Empfang von witoborner Briefen und Nachrichten, fieberhaft kampflustigen
Beunruhigung lebte ... Die Engländerinnen konnten Armgart um die Geltendmachung
ihrer noch ungebrochenen katolischen Gesinnung nicht zürnen; denn einmal war
und blieb sie in ihrem Wesen für eine weniger engherzige Beurteilung, als die
in Stift Heiligenkreuz, die Anmut selbst und ebenso bestrickend war die
eigentümliche Art ihres Wahrheitssinns, der seinerseits aus freiem Trieb selbst
nichts schonte, was ihr am katolischen Leben die flüchtige und entstellte
äussere Erscheinung war. Sie behauptete, nur den Kern festzuhalten, und rechnete
dann freilich dazu das Martyrium, ihren Umgebungen so beschränkt und lächerrlich
wie möglich zu erscheinen. Sie ass am Freitag kein Fleisch, sie machte ihre
Kreuze, sie ging in die Messen; sie sagte: Das ist bloss meine Religion, euch
lächerrlich zu erscheinen! ... Wenn man ihrer spottete und sie fragte: Wie viel
Jahre Ablass und Milderung für die Läuterung im Fegefeuer sie schon gewonnen
hätte? zeigte sie ihr Büchelchen und gab die Addition von einigen Millionen
Jahren an mit den Worten: Die Ewigkeit ist lang! ...
    Aber im Grunde der Seele wurde sie über dies und anderes doch ernster und
bekümmerter ... Aus ihrer sichern, ja trotzigen Lebens- und Denkweise, die von
einigen grossartigen, bis zum Anerbieten glänzender Heiratspartieen gehenden
Huldigungen unterbrochen wurde, weckten die, trotz ihres Protestes dagegen, doch
zur halben Engländerin Gewordene mehre der erschütterndsten Botschaften, die
fast zu gleicher Zeit in England eintrafen ...
    Die eine war die Nachricht von jener Bewegung um den »Trierschen Rock«, der
sich die Aeltern, Hedemann und einige Gleichgestimmte, selbst in dem
urkatolischen Witoborn, angeschlossen hatten ... Die Aeltern hatten in der Tat
förmlich mit der Kirche gebrochen ... Sie hatten eine deutschkatolische
Gemeinde gebildet, der sich auch Protestanten anschlossen ... Den Gottesdienst
leiteten abwechselnd durchreisende, von ihren Pfarreien oder Vikarieen gewichene
Kaplane ... Statt der Orgel spielte die Tochter des Pfarrers Huber die Harmonika
... Sogar Püttmeier wurde seinen Gönnern und geistigen Gefängnisswärtern
rebellisch und liess sich einigemale bei jenen Erbauungen betreffen, bis dann
Angelika Müller von den Adeligen aus Wien verschrieben wurde und die Rechte
einer zwanzigjährigen Verlobung geltend machte, um den grossen Mann in die Kirche
und die Beichtstühle von Eschede wieder zurückzuschmeicheln ... Manche in
gemischten Ehen lebende Gatten oder Brautpaare entschlossen sich, diesen Ausweg
einer neuen Kirche aus allerlei confessionellen Bedrängnissen zu ergreifen ...
Der protestantische Staat, damals überwiegend jesuitisch inspirirt, erschwerte
die Bildung auch dieser witoborner Gemeinde, konnte sie aber nicht hindern ...
    Für Witoborn und Umgebung war hiermit ein Ärgernis ohne gleichen gegeben
... Norbert Müllenhoff beteuerte auf der Kanzel der Liborikirche: Die Familie
des Obersten von Hülleshoven und sein Anhang müsste aus dieser rechtgläubigen
Gegend, wo bisher nur Gottes Atem geweht hätte, weichen, es kostete was es
wolle! ... Stutzig wurde er zwar, als die alte Hebamme, auch der buckelige
Stammer und sogar die Finkenhof-Lene der neuen Religion sich anschlossen - Das
ist das schmerzliche Verhängnis der besten Principien, dass sie anfangs die
umirrenden und moralisch heimatlosen Naturen zuerst anlocken! - Aber sein Wort
verhallte nicht und da die Familie Hülleshoven nicht wich, da die Gemeinde sich
durch die achtbarsten Elemente vergrösserte, so kam es zu Aufläufen, zu
Beschädigungen der Fabrik, zum Einschreiten der bewaffneten Macht ... Allen
diesen Prüfungen setzte die kleine Gemeinde, die ihre schlechten Elemente bald
ausschied, Mut und Entschlossenheit entgegen ... Sie vergrösserte sich durch die
Arbeiter der Fabrik, die aus fernen Gegenden genommen werden mussten, weil auf
Priestervorschrift heimische schon gar nicht mehr in sie eintreten durften ...
Damals holte sich Hedemann die Keime seiner Krankheit ... Der Vielgeprüfte, der
an seinen verkümmerten Aeltern erlebt hatte, wohin getäuschtes Vertrauen zur
Priesterwürde führen konnte, wollte nach beiden Richtungen hin auf dem Platze
bleiben, wollte den Betrieb des Geschäfts ebenso abwarten, wie den Ausbau einer
von Rom abgefallenen, apostolischen Kirche ... So gewaltig seine Körperkraft
war, sie erlag diesen Mühen, Beunruhigungen, Nachtwachen, Kämpfen, die bis zum
Handgemenge gingen ... In einer kalten Winternacht, als Hedemann im Mühlenwerk
noch spät allein gearbeitet hatte, ging er, über und über in Schweiss gebadet, in
seine nahe gelegene Wohnung ... Dort warf ihn ein auflauernder Haufe Fanatiker
in die an ihrem Ursprung nicht frierende, aber eiseskalte Witobach ... Mit
Stangen hatten sie den Unglücklichen verhindert, aus dem bis an seine Brust
gehenden Strom herauszukommen ... Sein Hülferuf, der Hülferuf Porzia's, die
schon im Bett lag und durch die lärmende Scene ans Fenster getrieben wurde,
verjagte die böse Rotte und endlich konnte der Misshandelte ans Ufer ...
Fieberfrost durchschauerte ihn; eine lange Krankheit warf ihn aufs Lager ... Von
dieser Nacht an schrieb sich der Keim einer Krankheit, die seine Lungen
zerstörte ...
    Noch aber würde vielleicht Armgart auf solche Schreckenskunden nicht aus
England zurückgekehrt sein, hätte sich nicht auch um dieselbe Zeit auf ihre
stillverschwiegene Liebe zu Benno und Tiebold - die seltsame Einigkeit beider
Namen dauerte fort - der trübste Schatten gesenkt ... Die Nachricht, dass sich
Benno in die Verschwörung der Brüder Bandiera eingelassen hätte, gefänglich
eingezogen und auf die Engelsburg gebracht war, hatte nur vorübergehend
erschütternd gewirkt; denn wenige Wochen darauf kam die frohe Botschaft seiner
Befreiung ... In diesen Wochen aber fühlte Armgart erst, dass es ihr wie Fürstin
Olympia Rucca ging und Tiebold doch nur »eine schöne Eigenschaft an Benno mehr«
war. Sie hatte Benno sonst nur, wie sie selbst glauben wollte, schwesterlich
geliebt; gibt es aber in der Liebe Stufen? ... Gott, Weib, Kind - es ist
dasselbe allzündende Feuer, entglommen demselben Altar, entlodert derselben
Sonne - nur verehren will dies Gefühl und zuletzt erst erkennt es sich ganz - in
der Sehnsucht nach Erwiderung ...
    Im stillen hatte sich diese Sehnsucht immer höher gesteigert ... Wer
schärfer beobachtete, sah, Armgart hatte ihre Heiligen, von denen sie sprach;
sie hatte noch Heiligere, von denen sie schwieg ... So war Paula ihrem
wehmütigen Blick schon lange der Sphäre des Irdischen entrückt - sie billigte
ihre Ehe, aber sie trauerte doch um sie ... »Katolisch sein heisst einen
geheiligten Willen haben«, hatte sie einst zu Lucinden gesagt - diese Lehre war
gross und doch in den meisten Fällen - schmerzlich ... Ebenso mit Benno und
Tiebold ... Sie hatte beide in ihrer Verblendung um Terschka's Willen gekränkt,
von beiden für immer Abschied genommen - wie gedachte sie jener Scene in der
Kapelle mit Tiebold, des Abschieds von Benno, als dieser sie so tief beklagte!
... Sie schrieben sich nun nicht, einer liess den andern nichts von sich hören -
und doch war alles, was Armgart erlebte, nur wie ein Stoff zum künftigen Bericht
an beide, deren sie als Freunde so gewiss zu bleiben glaubte wie ihres Schattens
... Sie tummelten sich ja jetzt nur in der Welt, wie sie; sie würden schon
wieder zusammenkommen und Benno würde dann alles vergeben, was zu vergeben war,
würde ausgleichen, was auszugleichen - Damals hatte sie einem alten Herzog, der
sie, für so arm und papistisch sie galt, zu seinem Range erheben wollte, gesagt,
sie wäre verlobt ...
    In jenen Wochen der Angst und Verzweiflung um Benno's Schicksal, hätte sie
sogar Terschka's Rat und Beistand angehen können; denn zu, zu verlassen fühlte
sie sich ... Wem sollte sie sagen, was ihr Benno von Asselyn gewesen und
geworden! ... Sie flatterte wie ein zum Tod verwundeter Vogel und suchte nun
auch Terschka selbst auf - sie schrieb ihm ... Aber gerade jetzt fehlte der
sonst so Zudringliche, jetzt verbarg er sich - wo und warum? ...
    Sie erhielt einen Brief von Schloss Neuhof, in welchem sich eine Einlage des
Präsidenten für Terschka befand ... Diese wollte sie ihm überschicken; es hiess,
Baron Terschka wäre verreist - einige Italiener sagten, seine Abwesenheit hinge
mit dem Aufstand der Brüder Bandiera zusammen, die von Korfu nach Calabrien
eingebrochen waren, mit ihrer kleinen Schaar geschlagen wurden, im Silaswalde
lange umirrten, dann von einigen Gefährten verraten und in Cosenza -
standrechtlich erschossen wurden1 - - ...
    Den Zusammenhang des Geschicks dieser edlen, damals von ganz Europa
bemitleideten Jünglinge mit Benno kannte sie nicht ... Sie hörte nur überall den
Schrei der Entrüstung über die Grausamkeit der Regierung Neapels ... Sie durfte
damals noch das Äusserste auch für Benno fürchten ... Im Begleitschreiben der
Einlage an Terschka las sie, dass der Präsident sofort die Vermittelung der
Regierung zu Gunsten Benno's in Anspruch genommen hatte, aber der traurige
Bescheid war gekommen, dass diese den ehemaligen Landwehrmann Benno von Asselyn
schon lange als fahnenflüchtig, zum mindesten als aus dem Untertanenverband
ausgeschieden betrachten und ihn seinem Schicksal überlassen müsse ... Man solle
sich an Oesterreich wenden, hatte es mit bitterer Betonung geheissen, in dessen
Diplomatie er eingetreten schiene seit seiner »Courierreise« nach Rom ...
    Bald aber kam die Kunde, Benno wäre befreit und von der Engelsburg entflohen
... Terschka war es, der diese Botschaft brachte ... Von ihrer Liebe konnte er
sich an Armgart's Jubel überzeugen ... Seiner Erzählung nach wurde Benno mit dem
Advocaten Bertinazzi und einigen angesehenen Männern gefangen genommen ... Ein
Graf Sarzana konnte sich nicht unter ihnen befunden haben; denn von Lucinden
erzählte Terschka zu gleicher Zeit, dass ihre schon in London bekannt gewordenen
Hoffnungen, eine Gräfin Sarzana zu werden, nicht die mindeste Störung erlitten
hätten ... Durch eine Falltür war es dem grössten Teil der überraschten Loge
möglich gewesen, einen aus dem Hause des Advocaten führenden geheimen Ausgang zu
gewinnen ... Nun aber wäre Benno frei, befände sich in Marseille und müsste in
diesem Augenblick in Paris sein ... Der Stachel, den Terschka mit den Worten:
»Man sagt, die allmächtige Nichte des Cardinals Ceccone hätte ihn befreit!« in
ihr Herz drückte, haftete nicht allzu lange, denn Terschka führte den Stich nur
zögernd; er schien vollauf mit dem Brief des Präsidenten beschäftigt - mit
welchem er über die von ihm noch zurückgehaltene vollere »Orientirung des Grafen
Hugo in Betreff Angiolinens und der Herzogin von Amarillas« schon lange
correspondirte und - rechnete ...
    Während Armgart nun von Tag zu Tag auf Nachrichten aus Marseille oder Paris
harrte oder wenigstens aus Witoborn oder Kocher am Fall - auch mit dem Onkel
Dechanten correspondirte sie - erfuhr sie die überraschende Anwesenheit Paula's
und ihres nunmehrigen Gatten wieder auf Schloss Westerhof ... Paula hatte sich in
Wien nicht heimisch fühlen können und war in ihre magnetischen Zustände
zurückverfallen ... Der Oberst stand mit ihr im Rapport - Graf Hugo sah ihr
jeden Wunsch am Auge ab ... Noch mehr, als die Provinz erleben sollte, der
deutschkatolische Oberst magnetisirte die Gräfin Dorste, entführte sie ihr
Gatte selbst diesen Conflicten und wollte mit ihr nach Italien ... Die Mutter
des Grafen sah darin nichts als die äusserste Schwäche ihres Sohnes, der sogar
seine Gattin dem Priester zuführe, den sie liebe ... In jenen Tagen geschah dies
alles, wo Bonaventura in Rom war, um sich zu verteidigen wegen seines Schutzes
waldensischer Sektirer, ja wegen seines Rufs, ein Magnetiseur gewesen zu sein
...
    Wie musste Armgart erstaunen, als Terschka die Botschaft brachte: Bischof
Bonaventura kehrt nach dem Tal von Castellungo als Erzbischof von Coni zurück!
An die Stelle seines grimmen Feindes Fefelotti! ... Wieder war es, wenigstens in
Terschka's Darstellung, Fürstin Olympia Rucca, die als die Retterin und
Vorsehung auch dieses Asselyns genannt wurde ... Schon setzte Terschka mit
zweideutigem Lächeln hinzu, Fürst Ercolano Rucca hätte sich zum Attaché der
Nuntiatur in Paris machen lassen und seine Frau wäre ihm vorausgeeilt, um in
Paris - eine Wohnung zu bestellen ...
    Noch glitt aller Verdacht von Armgart's reiner Seele ... Nur das Eine
begriff sie nicht, warum von Tiebold nichts verlautete, warum Benno nicht nach
London kam, wo sich doch alle Freunde Italiens sammelten, auch die Trümmer jener
so unglücklich gescheiterten Bandiera'schen Expedition ... Terschka konnte dann
nicht länger bei ihr gegen Benno wühlen ... Wieder war er für einige Zeit vom
Schauplatz der Gesellschaft Londons verschwunden ...
    Seit dann Bonaventura in der Tat mit glänzender Genugtuung Erzbischof von
Coni geworden war, hörte sie von Westerhof, mit Ausnahme der ihre Aeltern
betreffenden Nachrichten, eine Weile nur Frohes und Gutes ... Noch war Paula in
Westerhof ... Armgart schrieb ihr, sie möchte alles aufbieten, die Aeltern vor
dem Äussersten ihrer Unternehmungen zu bewahren ... Als sie Briefe erhielt, die
hier jede Möglichkeit der Einwirkung in Abrede stellten, kämpfte sie mit sich,
ob sie nicht sofort abreisen sollte ... Sie würde diesem Triebe gefolgt sein,
wenn nicht von ihrer Mutter das ausdrückliche Verbot gekommen wäre ... Die
Mutter fügte hinzu, dass sich auch gegen Paula's und des Grafen längeres
Verweilen in der Provinz Intriguen zeigten ... Die Geistlichen hätten gegen die
Wunderkraft Paula's gepredigt ... Der Zustrom derer, die Heilung begehrten,
hätte, seitdem überall in den Beichtstühlen der Besuch Westerhofs widerraten
würde, abgenommen ... Die Ehe mit einem Luteraner, die geistige Verbindung mit
einem Deutschkatoliken könnte ja auf alle Fälle nur Unheil bringen ... Man
trüge sich mit Abschriften der Gesichte, die Paula unter des Vaters magnetischer
Hand gehabt hätte, und fände in ihnen einen Himmel und eine Erde, die mit den
rechtgläubigen Bedingungen nichts gemein hätten ... Während Paula alle
Obliegenheiten ihres Glaubens noch immer erfülle, erschiene ihr in ihren Wahn-
und Ahnungsgebilden weder der blutende Christus, noch sein durchstochenes Herz,
weder das Lamm mit der Fahne, noch die Mutter Gottes ... Sie sähe Tempel, aber
sie wären ohne Hochaltar; sie sähe Opfer, aber sie schienen nichts als der Duft
der Blumen zu sein ... Paula behaupte, von jedem Dinge die Seele zu erblicken
und diese trüge nichts zur Schau von einem Verlangen nach Erlösung ... Meist
schwebte alles, was sie sähe und erkenne, über einen unermesslichen Regenbogen
hinweg ... Armgart's Bildung und Stimmung war reif genug, zu sagen: Sie sieht
aus den inneren Erfahrungen ihres Herzens das Land ihrer Sehnsucht, wo es keinen
Hass und keine Verfolgung mehr gibt! ... Die Mutter sagte: Sie sieht, unter
meines teuren Gatten Hand, das Land der Wahrheit ... Der Onkel Dechant schrieb:
Sie sieht - Italien! ...
    Die Gegensätze hatten, das erkannte Armgart, um Witoborn eine Höhe erreicht,
wo es keine friedliche Ausgleichung mehr gab ... Schon hatten Monika und
Benigna, Ulrich und Levinus Hülleshoven wieder ihre natürlichen Stellungen
eingenommen und trotzdem, dass oft der Oberst nach Westerhof kam, innerlich
gebrochen ... Selbst Graf Hugo war geneigt, für die Bewahrung des Alten Partei
zu nehmen, wenigstens keinen Anstoss erregen zu wollen durch zu auffallende
Begünstigung der kleinen Ketzergemeinde in Witoborn ... Und Monika sagte offen,
dass Paula noch den Grafen zu ihrem Bekenntnis hinüberziehen würde ... Briefe
voll äussersten Schmerzes kamen darüber aus Castellungo von des Grafen Mutter ...
Armgart schrieb hin und her zur Vermittelung, zur Aufklärung ... Vergebens; der
Bruch zwischen ihrer Mutter und Westerhof wurde unheilbar ... Graf Hugo konnte
sich nur mit Schwierigkeit, Oberst Hülleshoven unter keinerlei Bedingung mehr in
Witoborn halten ...
    Armgart's Aufregung wuchs, als der Onkel Dechant, der von allen diesen
Vorgängen, von Benno's Schicksalen, von den allmählichen Entdeckungen über
dessen Herkunft seine schon dem Erlöschen nahe Lebensflamme noch einmal neu und
nicht wohltuend geschürt sah, gerade ihr, der er sich, seit Armgart's
vertrauensvoller Bitte um seine Hülfe beim Aussöhnen ihrer Aeltern, besonders
teilnehmend zugewandt hatte, aus Kocher schrieb: »Zu den Mislichkeiten des
Kampfes deiner Aeltern gehört vorzugsweise die ausbleibende Unterstützung durch
den Staat ... So tiefe Wurzeln hat bereits die durch die katolische Reaction
geschürte Reue über den Abfall von Rom bei den massgebenden Protestanten
geschlagen, dass sich niemand findet, der diese grosse Bewegung einer Reform des
römischen Glaubens würdig unterstützt ... Die protestantischen Regierungen
fühlen ganz das, was die Jesuiten zum Staatskanzler gesagt haben sollen: Wir
sind Conservatoren! Wir erhalten und bekämpfen eben das, was ihr! ... Die
Fürsten Deutschlands suchen die kleinste Aenderung des Gegebenen zu hindern, im
Vorgefühl, dass ein einziges weggenommenes Sandkorn zur stürzenden Lavine
anwachsen könnte ... So muss diese denkwürdige Bewegung, da sie ohne den Beistand
tieferer Geister bleibt, in sich ersterben, ja sie wird zum Gewöhnlichen
herabgezogen und, ganz nach den Anweisungen der Jesuiten, zu einer Sache mehr
oder weniger nur des Pöbels gemacht werden« ...
    Die kindliche Liebe, die Bewunderung, die Armgart vor der treuverbundenen
Zärtlichkeit ihrer Aeltern erfüllte, entwaffnete ihren Widerspruch gegen alles,
was von den Aeltern unternommen wurde ... Wie es verzweifelte Aufgaben mit sich
zu bringen pflegen, die Wahl der Hülfsmittel, die die Aeltern ergriffen, konnte
sie unmöglich alle billigen ... Selbst der ruhige, kaltblütige Vater liess sich
vom trotzenden Sinn der Mutter zu Unbedachtem fortreissen ... Allen Adelsgenossen
der Gegend bot er das Schauspiel eines mit Absicht den Nimbus seiner Geburt
Zerstörenden ... An seiner Fabrik beteiligte er sich wie ein Arbeiter, liess
sich wie ein Schreiber in seinem kleinen Wohnhause mit der Feder hinterm Ohr
erblicken, unterschrieb die kleinsten geschäftlichen Veröffentlichungen mit
seinem vollen Namen und löste auf diese Art jeden Zusammenhang mit seinen
Standesgenossen ... Und doch rührte es Armgart, dass die Mutter bei allen diesen
Dingen gleichsam nachholte, was sie in zwölfjähriger Trennung ihrem Manne zu
sein unterlassen hatte ...
    Zur selben Zeit, als es dann plötzlich hiess, Paula ist wirklich nach Italien
gereist - es musste in schnellem Entschluss geschehen sein, da Armgart nicht
einmal von Paula selbst die Nachricht erhielt - erlebte Armgart den Schrecken,
dass Tiebold in London war und sie nicht besuchte ... Terschka war seit einiger
Zeit ihren Blicken ganz entschwunden, sie konnte von ihm über diese betrübende
Erfahrung keine Aufklärung erhalten ... Allmählich hörte sie, dass Tiebold in
jener trüben Gensdarmenzeit seinerseits in der Heimat sich auch nur mit Mühe von
politischem Verdacht über seinen Aufentalt in Rom hätte reinigen können ...
Ueber Benno hörte sie, dass der Präsident für ihn die freie Rückkehr zu erwirken
gesucht hätte, aber auch damit nicht durchdrang ... Die Mutter schrieb ihr nach
allerlei seltsamen Andeutungen über Benno's jetzt immer mehr sich lüftende
Herkunft, dass ihr alter Freund undankbar genug gegen diese Verwendungen
protestire; Benno wollte, hätte er aus Paris geschrieben, jetzt ganz nur noch
Italiener sein ... »Man weiss ja«, schrieb die Mutter, »wer alles seine Flucht
ermöglicht hat! ... Die dir wohl noch bekannte Lucinde Schwarz hat das römische
Staatsruder in Händen! ... Ist die Abenteurerin vielleicht einer Regung von
Dankbarkeit für die Familie gefolgt, die ihr und dem Doctor Abaddon, Herrn
Oberprocurator Nück, das Zuchtaus ersparte? ... Wie solche und ähnliche
Menschen Rom nach Gutdünken regieren, ersieht man ja aus Bonaventura's Laufbahn
... Trotz des Staatsverbrechens seines Anverwandten Benno, trotz der gegen ihn
erhobenen Anklage über seine Antecedentien als Magnetiseur, trotz seiner an und
für sich höchst achtbaren Unterstützung der waldensischen Bewegungen Italiens
ist er nach einem kurzen Aufentalt in der ewigen Stadt als Erzbischof in die
Täler seiner neuen Heimat zurückgekehrt, nachdem er vorher Lucinden in der
Kirche der Heiligen Apostel in Rom mit einem päpstlichen Gardisten getraut hat
... Freilich soll die in Paris verweilende Fürstin Olympia Rucca, die
Beherrscherin des Kirchenstaats, alles möglich machen - -«
    Hier brach der Brief mit rätselhaften Gedankenstrichen ab ... Centnerschwer
wälzten sie sich auf Armgart's vereinsamtes Herz ... Es folgten dann in dem
verbitterten, im Ton höchster Reizbarkeit geschriebenen Briefe noch Scherze über
den Onkel Levinus, der in allen Biblioteken nachschlüge, um eine klare
Vorstellung über das alte Cuneum, jetzt Cuneo oder Coni, zu gewinnen - Tante
Benigna vergliche die Ehrfurcht, die hier zu Lande vor dem enttronten
Kirchenfürsten geherrscht hätte, die Trauer über seinen nach seiner
Freisprechung bald erfolgten Tod, die Festlichkeiten der Intronisation seines
Nachfolgers mit dem Bilde der Festlichkeiten in Coni, zu denen wohl Paula nun
persönlich erscheinen würde - Paula's Gatte hätte vor seiner Abreise seine
Besitzantretung vollständig geordnet, hätte die Verträge mit den Agnaten
abgeschlossen, hätte das voraussichtliche Erlöschen seines Stammes mit dem
Präsidenten von Wittekind, dem nächsten Erben, zum Gegenstand gerichtlicher
Punktationen gemacht - und da dann auch der Präsident ohne Kinder wäre, so wäre
manche geheimnisvolle Seite aus dem Lebensbuch des verstorbenen Kronsyndikus,
des Tyrannen, jetzt zur offenen Kunde gelangt - Noch läge ihr zwar nicht offen,
warum in letzter Instanz das ausschliessliche Erbrecht Bonaventura's durch eine
anderweitige Beziehung gemodelt werden könnte - aber man spräche jetzt
allgemein, durch Hülfe des kanonischen Rechts könnte selbst Benno noch vor
Bonaventura die Vorhand gewinnen - Nicht unmöglich, schrieb die Mutter, dass eine
in Rom, jetzt in Paris lebende Herzogin von Amarillas, eine ehemalige Sängerin
aus Kassels westfälischer Zeit, mit dem Kronsyndikus eine geheime Ehe
geschlossen hat und Benno ihren Sohn nennen darf -! ... Benno Sohn des
Kronsyndikus! ... Ueber alle diese so rätselhaften und ganz nur abgerissen
mitgeteilten und mit religiösen Betrachtungen schliessenden Dunkelheiten durfte
Armgart wohl in eine Aufregung geraten, die sie der Mutter kaum schildern konnte
...
    Sie sah Benno in Rom - in Paris - in den Armen einer Mutter, die eine
Herzogin war - eine Fürstin hatte ihn gerettet - Lucinde war eine Gräfin Sarzana
geworden -! ... Noch flossen ihre Tränen nicht; noch glaubte sie an den Sieg
des Guten und Edeln; noch standen nur lichtverklärte Bilder vor ihren Augen ...
War nicht das Höchste möglich -: Graf Hugo führte Paula nach Coni zum Freund
ihrer Seele! ... Sie sah noch ihre magisch seraphische Welt, ihre in den Wolken
schwebenden Rosenkränze, ihre grossen Taten der Entsagung und der opfernden
Liebe ... Aber schon die Vorstellung: Benno ein Sohn des Kronsyndikus! - das war
ja ein Bild wie aus der Welt des Teufels, an die jetzt auch die Mutter nach
ihren religiösen Ausdrücken zu glauben schien ...
    Der Onkel Dechant, den Armgart's reife und inhaltreiche Briefe besonders zu
erfreuen schienen, schrieb ihr: »Nun hat deine sonst so treffliche Mutter gar
den Standpunkt einer blossen Vernunftopposition gegen den Katolicismus
verlassen! ... Der der deutschkatolischen Bewegung gemachte Vorwurf, es läge
ihr ja kein Bedürfnis nach Religion, am wenigsten nach dem Christentum, zu
Grunde, bestimmt sie, sich dem Einfluss unterzuordnen, den Hedemann um so mehr
auf sie ausübt, als die freudige Geduld und werktätige Liebe, mit der dieser
Treueste sich seinem Beruf widmet, allerdings jeden, der sein Leiden, den
schmerzlichen Hinblick auf die junge Frau sieht, die sich so innig ihm anschloss,
ergreifen und rühren muss ... Aber eine Monika verirrt sich in die trübe Lehre
von der Rechtfertigung durch den Glauben! ... Ich musste deiner Mutter schreiben:
Durch den Grundverderb unserer Kirche, den auch ich in unsern Ehegesetzen finde,
sind Sie aus dem Denken und Fühlen Ihrer Jugend hinausgedrängt worden - aber dass
Sie, Sie einen Teufel durch den andern austreiben, das ist beklagenswert! ...
Sie herrliche, klare, geistesfrische Frau, wie kommen Sie zu Hedemann's
Bibelgefangenschaft? ... So oft ich dem von Amerika angesteckten Quäker hier
beim Obersten begegnete, erkannte ich die unwürdigste Abhängigkeit des Menschen,
die vom Buchstaben ... Unsere Zeit ist nicht zu neuen Religionsschöpfungen
gemacht, die einzige Religion des Bruchs mit aller Religion etwa ausgenommen,
und was wir von Verbesserung unserer kirchlichen Zustände gewinnen können, wird
immer nur die Folge gelegentlicher Veranlassungen sein ... Selbst zu Luter's
Zeiten war es nicht anders ... Deutschland hatte sich damals in seiner
Reichsverfassung überlebt, die Fürsten waren zu mächtig geworden und suchten
sich zu kräftigen durch alles, was schwach und leicht zu erobern war; sie rissen
die geistlichen Güter an sich und so zerfiel der Zusammenhang mit Rom von selbst
... Aehnliche Umwälzungen werden auch wir wieder erleben und aus Benno's
traurigen Verirrungen erseh' ich wenigstens eine schöne und grosse Hoffnung ...
... Was er von Italien schreibt, der arme Verlorene, ist herrlich ... In der
Geschichte straucheln die Bewegungen der Massen und Interessen über einen
Strohhalm und ich juble im Geiste dem neuen Tag entgegen, wenn Italien dem
Papsttum selbst den Schemel unter den Füssen wegzieht ...«
    Wie erschrak Armgart! ... »Traurige Verirrungen?« ... »Der arme Verlorene?«
... Schon flossen ihre Tränen ... Sie schrieb an Bekannte in Paris, ihr von
einer gewissen Herzogin von Amarillas zu berichten ...
    Am Tage darauf kam wieder ein Brief aus Kocher am Fall ... Der Dechant, wie
aus Reue, die Mutter bei Armgart angeklagt zu haben, schickte ihr auch eine eben
erhaltene Antwort der Mutter auf seinen Brief ...
    Die Mutter hatte dem Dechanten geschrieben, dass sie sonst immer so gedacht
hätte, wie er, und mit Hedemann und Erdmute hätte sie in gleicher Weise
gestritten ... Indessen wäre der Vorwurf, dass die Gegner Roms ohne ein
religiöses Bedürfnis überhaupt wären, zu empfindlich für die Sache der geistigen
Freiheit geworden und deshalb hätten ihre Angehörigen den Beweis liefern müssen,
dass sie dem gemeinschaftlichen Urquell des Lichtes näher stünden, als ihre
Feinde ... »Ich erkannte«, las Armgart, »dass die Verneinung nur auf der Schärfe
eines Messers geht und dabei keinen Schritt vor dem Ausgleiten sicher ist ...
Das erkannt' ich, als ich in unsrer kleinen Gemeinde, die eines Tages ohne
Lehrer war, reden wollte ... Man kann nicht reden, wenn nicht aus der reichsten
Fülle des Stoffs ... Jede andre Belebung zum Sprechen ist todt und hülflos ...
Hier einen Satz zugeben, dort einen wegnehmen, da halb, da beinahe halb dies
oder jenes wollen oder sagen, das erzeugt vielleicht das Feuerwerk eines feinen
und ironischen Kopfes, aber es leuchtet nur eine Weile und verpufft ... Nun sah
ich, warum unser herrlicher Hedemann immer und immer sprechen kann ... Einfach
ist seine Rede, aber sie hat die Fülle der Beredsamkeit und erwärmt ... Warum?
Ich musste mir sagen: Aus dem Vollen nur kann ein lebendiger Glaube kommen und
sich auch im Aussprechen lebendig bewähren! ... Glaube ist nicht die blinde
Annahme des Übernatürlichen, sondern Versenkung in die ganze Erscheinung einer
Sache ... Das Evangelium wird dem Glaubenden wie ein Freund, auf den man
schwört, weil man ihn in einer grossen Probe einmal erkannt hat ... Die
Ueberzeugung, dass die Bewährung im Einen da ist, erleichtert das Vertrauen dann
auch auf die Bewährung im Andern ... So versenkt' ich mich in die Schrift und
die beiden Hauptgegenstände ihrer Verherrlichung, in Gott und seinen Sohn ...
Mehr braucht die Religion der Menschheit nicht ... Diese beiden grossen Bilder
haben so tausendfache zarte Pinselstriche, dass sie jede andere Weisheit
überflüssig machen ... Nicht dass ich Wissenschaft und Kunst zurückwiese und wie
Omar alle Bücher verbrennen wollte, wenn nur die Bibel bleibt; aber ein ganzes
volles Leben und ein Leben der Gemeinsamkeit zwischen vornehm und gering,
zwischen gelehrt und arm an Geist ist nur durch die Schrift möglich ... Und
dieses gemeinsame Feld ist nicht etwa eng und das Ergehen auf ihm bald ermüdend;
im Gegenteil, ich entdeckte einen Schatz nach dem andern, als ich die Bücher
noch einmal zu lesen begann, die ich früher als eine Quelle der Verdunkelung des
Verstandes geflohen war ... Ich finde die höchste Weisheit in dem, was uns
belohnt für das Gebot des Apostels: Forschet in der Schrift! ... Das menschliche
Herz will nun einmal Liebe und Liebe muss fühlen und Gebet ist Erhöhung des
Gefühls, Sammlung zum Aufblick. Worauf? Auf das Bessere und die Besseren ... Die
grosse Zahl von Besseren, die die Katoliken als Heilige verehren, sind die zu
üppige Erweiterung eines Gefühls, das an sich ganz richtig ist ... Die Liebe
gestaltet alles persönlich und das ist denn der persönliche Gott, der lebendige,
der unmittelbar auf uns wirkende, der Gott der Offenbarung ... Mein Glaube sieht
im persönlichen Gott keine irdische Gestalt, sie zieht das Unaussprechliche und
Unbegreifliche nicht in die Sprache der Dichter und Propheten herab; für mich
und für die, die fühlen wie ich, ist der persönliche Gott die Wirkung seines
Vorhandenseins in uns; seine grösste Offenbarung war die in jenem, der den Mut
hatte, sich deshalb auch geradezu Gottes Sohn zu nennen ... Nehmen Sie nur
einmal wieder die Evangelien in die Hand, mein teurer Freund, und nicht Ihren
Horaz und Virgil! Wischen Sie weg, was auf diese ehernen Tafeln der Witz, der
menschliche Spott und selbst die gelehrte Kritik geschrieben haben, und sehen
Sie dann, was übrig bleibt ... Von dem Tage an, wo ich priesterlich fühlte - und
jeder Religionsstifter muss priesterlich fühlen, keine Religion macht sich am
Teetisch - von dem Tage an ist mir die Erscheinung unseres Herrn und Heilandes
Jesu Christi aufgegangen wie die meines besten Freundes ... Ich wandle mit ihm
am See Tiberias, ich spreche mit ihm bei seinem Freunde Lazarus vor, ich sehe
die Fusstapfen, die er hinterlassen hat und die überall gesegnete sind ... Sein
Leiden ist ganz persönlich das meine; seinen Todeskampf ring' ich mit; er lehrt
mich am Kreuz lieben und vergeben ... Auf Liebe, Glaube, Hoffnung, begründet
durch Christus und einen persönlichen Gott, müssen wir unsere Kirche erbauen -«
... Darunter hatte denn der Onkel mit seiner alten zitternden Hand und in seinem
friedlichen Sinn geschrieben: »Im Grunde ganz unverfänglicher Glaube des Petrus
Waldus, in Ruhe gestorben um 1200, aber in seinen Anhängern, den Waldensern,
gekreuzigt, gerädert, gevierteilt, verbrannt bis auf den heutigen Tag. Fiat lux
in perpetuis!« ...
    Das Unkatolischste, was sich denken lässt, ist eine in der Kirche sprechende
Frau ... Aber Armgart, ohnehin schon in einem geknickten Zustande, fühlte sich
durch diesen Brief der Mutter vollends daniedergebeugt ... Weniger empfand sie
Rührung um das Bekenntnis der Mutter, als um den tiefinnern, soweit schon
gekommenen Schmerz, der ihm offen zu Grunde lag, um die ungeheure Aufregung, den
Bruch der Seele in dieser stolzen Frau zu erkennen zu geben ... Sie sah die
erbangende Liebe für den Vater, Liebe für den von seiner Krankheit gebeugten
Hedemann ... Ein schlichter, wissenschaftlich ungebildeter Mann hatte durch die
immer gleiche Gediegenheit seines Charakters und die unerschütterliche
Consequenz seiner Denkweise die Oberherrschaft über seine Umgebungen gewonnen
... Die Mutter wollte nichts mehr wissen von der Herrlichkeit und Einbildung
dieser Welt - sie wollte fühlen wie der geringsten einer und ihr Gatte folgte
dem Beispiel, das sie mit so beredten und feurigen Worten zu erläutern wusste ...
Armgart durfte sich bei Alledem wenigstens sagen: Du allein hast die Aeltern so
verbunden! ...
    Voll Rührung schrieb sie der Mutter, sie wolle nun zu ihnen kommen ...
    Die Mutter, ihr selbst sich nicht im mindesten ebenso weich offenbarend, wie
dem Onkel, entgegnete ihr: »Kind, du weisst, dass Paula, dein einziger hiesiger
Anhalt, den ich gestatten würde, in Italien ist ... Dass du deine Stelle im Stift
einnimmst, wieder mit Benigna, die dich mir einst schon raubte, in Westerhof
lebst, ist nicht möglich ... Es wäre ein Bruch mit allem, was unser Stolz,
unsere Erhebung geworden ist ... Diese Menschen hier sind ja wahnsinnig ... Gott
der Herr wird auch an ihnen gute Gründe finden, warum er sie nicht ganz
verwirft; ich verwerfe sie ... Im Stift Heiligenkreuz würdest du nur zu unserer
und deiner Kränkung deine Stelle einnehmen ... Glücklicherweise ist dir auch
gestattet, deine Pension auswärts zu verzehren ... Wir sehen jedoch ein, dass
unsere eigenen Wege für deine Jugend noch zu rauh sind! Bleibe also noch getrost
bei deiner trefflichen Lady!« ... Dann folgte eine Antwort auf die Frage nach
den rätselhaften Andeutungen über Benno's Ursprung in dem letzten Briefe der
Mutter, die Versicherung, dass Benno der Bruder des Präsidenten von Wittekind
wäre und noch eine Schwester besessen hätte, die einst Graf Hugo entdeckt,
erzogen, geliebt und dass er lange ihr trauriges Ende beweint hätte ...
    Das war, alle ihre Lebensgeister erschütternd, gerade der empfangene
Eindruck, als sie nun von jener Freundin in Paris, die von ihr um die Herzogin
von Amarillas befragt wurde, Aufklärungen erhielt, die diese, ohne das nähere
Interesse Armgart's zu kennen, in aller Harmlosigkeit gab ... Die Herzogin von
Amarillas, hiess es, hat aus erster Ehe einen Sohn, der sich Cäsar von Montalto
nennt und sie mit einer wahrhaft schwärmerischen Liebe verehrt ... Herr von
Montalto liess sich in Conspirationen ein und geriet in die Engelsburg ... Seine
Retterin, sagt man, war die Nichte des Cardinals Ceccone selbst, die ihm hierher
nachgereiste Fürstin Olympia Rucca ... Herr von Montalto soll anfangs nur an die
Hülfe seiner Mutter, der Herzogin von Amarillas, geglaubt haben ... Natürlich
ergriff er die Hand, die ihm die Mittel bot, aus einer so verzweifelten Lage zu
entfliehen ... Schon die Untersuchung, schon die bis zur Tortur gehenden Fragen
nach den übrigen Mitgliedern der nicht ganz gesprengten Loge, die Fragen nach
dem Zusammenhang seiner Verhältnisse mit denen jener in eine Falle gelockten
Gebrüder Bandiera, erzählte man uns, hätten jahrelang dauern können ... Herr von
Montalto erkannte erst durch die Bequemlichkeit der ihm gebotenen Hülfsmittel,
durch den Fund eines geregelten Passes, durch die sichere Einschiffung in
Civita-Vecchia auf einem nach Marseille bestimmten Handelsschiff die mächtige
Hand, die über ihm waltete ... Wenige Wochen und die pariser apostolische
Nuntiatur erhielt einen neuen Attaché im Fürsten Ercolano Rucca ... Seine
Gattin, eine allerliebste kleine Hexe, wenn ihr Teint auch fast grünlich ist und
ihr Wuchs einem Däumling gleicht, doch mit Augen wie funkelnde Diamanten und
einem wahrhaft märchenhaft blauschwarzen langen Haar, das sie in reizenden
Flechten trägt, und die Herzogin von Amarillas wohnen gemeinschaftlich in einem
und demselben Palais der Rue Saint-Honoré ... Beide stehen im Vordergrund der
pariser Gesellschaft ... Cäsar von Montalto wird täglich mit der wilden
Italienerin gesehen, die Furore macht ... Ich höre, die französische Regierung
hat von Metternich Befehl erhalten, alle italienischen Flüchtlinge auszuweisen
... Herr von Montalto wird dann wahrscheinlich mit seiner Mutter und der Fürstin
Rucca nach London kommen ...
    Düstere Nacht legte sich nach dieser Mitteilung auf Armgart's Auge ... Nun
wusste sie alles ... Und doch sollte sie ihre Geisteskraft zusammennehmen, um aus
London zu entfliehen ... Denn bleiben konnte sie nicht ... Sie lebte in der
grossen Welt, sie konnte, sie musste den Ankömmlingen begegnen ... Sie musste, vor
dem Verlorenen entweichend, in die Heimat zurück ... Nun erst verstand sie
gewisse Äusserungen in den Briefen des Onkel Dechanten, verstand, warum er ihr
überhaupt so oft und so eingehend schrieb - Er wollte sie zerstreuen,
vorbereiten auf die Entdeckung ... O mein Gott! Beteten ihre zitternden Lippen,
als sie nach diesen Briefen suchte ... »Wir Menschen«, hiess es noch vor kurzem
in einem derselben, »sind das Product unserer Verhältnisse ... Die Freiheit des
Willens ist eine Illusion ... Die Tugend, auf die Spitze getrieben, wird Laster
... Dem Mann gehört die Welt und gewisse Dinge müssen ihm kaum bis an die
Knöchel reichen ...« - - Das waren halbe Scherze, schienen nur Äusserungen zu
sein, um Frau von Gülpen zu necken oder den alten Windhack mit seinen auf dem
Monde entdeckten vorurteilslosen Sitten und Einrichtungen zu verteidigen; aber
- nun sah sie, ein wie bitterer Ernst ihnen zu Grunde lag -! Der Ernst, dass
Benno durch den Einfluss seiner Mutter, durch die Rührung und Liebe für sie,
endlich durch die Dankbarkeit für seine Retterin aus ihrem Lebensbuche
gestrichen war ...
    Es bestätigte sich, dass Fürst Ercolano Rucca Attaché in London wurde ... Sie
schrieb nichts darüber nach Witoborn ... Ein klares Gefühl wurde ihr überhaupt
nicht mehr zu Teil ... Auch nicht in den jeweiligen Anwandelungen des Hasses
gerade gegen Benno's Mutter, die von andern Bekanntschaften, die in Paris waren,
als eine hochmütige Frau geschildert wurde ... Dem Hass auf den Vater konnte sie
ihre Kinder opfern! sagte Armgart, nun den Verhältnissen immer vertrauter und
den von der Mutter und vom Dechanten erhaltenen Aufklärungen folgend. Gott hat
sie schon in Angiolinens Tod bestraft; sie wird auch noch Benno's Verderben
sein! ... Cäsar von Montalto! ...
    In Fieberhast flog Armgart nach Deutschland zurück ...
    Sie überraschte die Aeltern, die ihr Kommen nicht ahnten ... Sie fand die
ganze Verwirrung, die sie erwarten durfte - den Vater mit Pistolen bewaffnet ...
Das Besitztum verkauft; ein Anerbieten, sich an einer grossen Fabrik im
Magdeburgischen zu beteiligen, war vom Vater für sich und Hedemann angenommen
worden ... Sie wollten reisen ... Hedemann, ein Schatten gegen sonst, doch in
der Tat von einer wunderbaren Durchgeistigung ... Auch die Mutter gab sich
seltsam feierlich ... Nur der Vater blieb, wie immer, ruhig, natürlich und
entschieden ...
    Die Gründe, warum Armgart so rasch und unvorbereitet aus London kam, lagen
insofern auf der Hand, als über die Ausweisung der Flüchtlinge aus Frankreich
genug in den Zeitungen gesprochen wurde und Marco Biancchi, Porzia's in London
lebender Onkel, von einem Besuch bei Cäsar von Montalto schrieb, dem er vor
einigen Jahren den Rat zur schnellen Abreise aus Deutschland verdankte ... Doch
wurde aus Schonung von alledem nur ausweichend gesprochen ... Wie fühlte sie
aber diese Schonung! ... Wie durchbohrte sie die harmlose Frage der in Eschede
der Welt entrückten Angelika Müller nach Benno, als sie der seltsamsten Hochzeit
beiwohnte, die je geschlossen wurde, der zwischen Püttmeier und seiner alten
Verehrerin! ... Zwei in sich vertrocknete Menschen, die noch alle Stadien der
Aufregung, sogar der Eifersucht durchmachten! ... Frau von Sicking, Gräfin
Münnich, Präsidentin von Wittekind, Benigna von Ubbelohde, alle drangen auf die
Ehe Püttmeier's, die doch erst durch das Erringen des Hegel'schen Lehrstuhls
hatte möglich werden sollen; sie erwirkten eine Beförderung des von Pfarrer
Huber's harmonicaspielender Tochter bedenklich Begeisterten zum bischöflichen
Archivar in Witoborn und die Versetzung Huber's ... Wie war Armgart, durch ihren
dreijährigen Aufentalt in London, allen diesen kleinen Anschauungen entrückt
... In ihrem Stifte war sie nur einen Tag ... Nach Westerhof durfte sie der
Mutter wegen auch nur ein einziges mal - ... Tante Benigna und Onkel Levinus
umschlangen sie voll Inbrunst und hätten jetzt alles darum gegeben, das sonst so
viel gescholtene Kind bei sich zu behalten und schon fingen wieder die alten
Entführungspläne an ... Da entschied der Vater für den Ausweg, dass Armgart, die
zwar nicht zu den Deutschkatoliken übertreten, wohl aber mit Freuden in die
Gegenden der Elbe mitziehen wollte, wohin die Aeltern gingen, die Mühseligkeit
dieser Irrfahrten nicht teilen, sondern nach Kocher am Fall zum Onkel
Dechanten, zur lange schon kränkelnden »Tante Gülpen«, ziehen sollte ...
    Armgart erfüllte dies Gebot der Aeltern und zog nach Kocher am Fall ...
    Hier war sie denn des mit dem freudigsten Willkommen! sie aufnehmenden
Dechanten letzte und würdigste »Nichte« ... Tante Gülpen hatte sie nicht aus dem
Wochenblatt verschrieben, hatte sie nicht auf fremde Empfehlung in die Dechanei
geschmuggelt ... Sie war in Wahrheit eine nahe Verwandte und gab der immer
schroffer gewordenen Beurteilung gegen den Dechanten keinen Anstoss ... Franz
von Asselyn erklärte, sich auf seine letzten Lebenstage keiner solchen
»Eroberung« mehr gewärtig gewesen zu sein ... In dieser holden äussern Anmut
besass er alles, was seinem Auge, in Armgart's innerm Wesen, was seinem Herzen
wohltat ... Da waren einige gute Elemente der Feuernatur Lucindens ohne die
verheerenden Folgen derselben; da war die ewig dienende Natur Angelika Müller's
ohne deren trockene Regelmässigkeit ... Da hatte er eine der Seelen, von denen er
sagte: Die gehen in solche kleine Vögel über, wie sie unter meinem Baum am
Fenster nisten! ... Von Armgart's Seelenwanderung versprach er sich vorzugsweise
den Besuch seines Grabes, von dem er oft und gern sprach ... Er war gerüstet,
täglich hinabzusteigen ... Die Aufregungen der letzten Jahre waren für ihn zu
mächtige gewesen ... Seine heitere Laune kam schon seltener und währte nicht
lange ...
    Während nun der Oberst unter den mannichfachsten Bedrängnissen in
Deutschland umirrte - in Magdeburg lösten sich bald die angeknüpften
Verhältnisse - und sich zuletzt, ermüdet durch die gänzlich durch den
Protestantismus selbst zerstörte Hoffnung auf eine grosse geschichtliche Bewegung
der Geister, nach der Schweiz begeben hatte, verlebte Armgart noch einige Jahre
in Kocher am Fall ... Die Eindrücke hier waren nicht immer erhebend ... War auch
die Verbindung mit allen den ihr werten und teuren Menschen gerade durch die
Dechanei die lebhafteste, so erfolgten doch selten Mitteilungen, die eine wahre
Freude verbreiten durften ... Die schmerzlichsten von allen betrafen Benno ...
Sie waren so trüb, dass selbst Tiebold nur einmal nach Kocher kam ... Einmal
hatte sich Tiebold mit der ganzen Liebe und Hingebung seines Gemüts, wenn auch
wie immer als »närrischer Kerl« sich einführend, einige Tage zum Gast der
Dechanei gemacht, hatte, »über sich, als Mann, fast schamrot«, die Reife
Armgart's, ihre vorgeschrittene Bildung, die Sammlung ihres Charakters
bewundert, hatte italienische Anekdoten, Reiseabenteuer erzählt, von Nück
berichtet, dem in Italien, andere sagten im Orient Verschollenen, hatte von
Schnuphase, der eine Pilgerfahrt zum heiligen Grabe mit Stephan Lengenich und
mehreren andern Erleuchteten bezweckte, erzählt - aber die Art, wie er von
Benno's italienischer »Nationalisirung«, von den Erlebnissen in Rom, vom
gegenwärtigen londoner Wirken und Treiben Benno's als eines »mit Gott und der
Welt zerfallenen« Sonderlings und Grillenfängers sprach, überhaupt als von einem
Menschen, den man »nach dem allerdings bedauerlichen Ende der Gebrüder Bandiera«
gar nicht mehr wiedererkannte - alles das sagte genug, um sein einziges - das
dann »etwas deutlich gegebenes« Wort zu verstehen: »Als wir ja damals für immer
Abschied nahmen in der westerhofer Kapelle!« ... Armgart lächelte zustimmend,
sie verstand, was Tiebold mit »für immer« sagen wollte ... Tiebold war dann
nach dem kocherer Besuch gleich nach London gegangen, wo er oft monatelang
verweilte ... Von dem Luxus und den Extravaganzen Olympiens konnte sein Bericht
nicht genug erzählen ... Drei Briefe von Olympien wurden ihm nach Kocher mit
einem Carissimo nach dem andern nachgeschickt ...
    Für Armgart gab es in Kocher Zerstreuungen der in Wehmut erbangenden Seele
an sich genug ... Darunter freilich auch die erschütterndsten ... Der Onkel
wollte noch einmal vor seinem Ende nach seinem geliebten Wien, wohin ihn die
Curatverhältnisse des Doms von Sanct-Zeno riefen - da starb an einer Erkältung
Windhack ... Und als für das alte treue, gelehrte Factotum der Versuch mit einem
neuen Diener gemacht werden sollte und der Dechant dabei blieb, reisen zu
wollen, kam aus Wien die Nachricht, sein alter würdiger Gastfreund, Chorherr
Grödner, wäre dem österreichischen Landesspleen erlegen und hätte sich erhängt
... Die Schrecken mehrten sich dem tieferschütterten Greise; Frau von Gülpen
tat des Nachts, wo sie schon sonst um jedes kleine Geräusch aufstehen konnte
und nun nicht mehr den Lolo als Führer hatte und überall ihre Schwester, die
Hauptmännin, und ihren Mörder, den Hammaker, sah, und dennoch das nächtliche
Rumoren und Wandeln und Pochen an alle Türen, ob sie auch gut verschlossen
wären, nicht lassen konnte, einen unglücklichen Fall - woran sie starb ... Und
wenige Monate darauf legte sich auch der Dechant und hauchte seine edle Seele in
Armgart's Armen aus ...
    Sein Testament hatte Franz von Asselyn schon lange geändert und sein
ansehnliches Vermögen in drei Teile zerlegt, für Bonaventura, Benno und Armgart
... Benno, in einem Briefe Tiebold's, und Bonaventura, in directer Zuschrift an
Armgart, verzichteten zu ihren Gunsten ... Armgart war nun ein
vierundzwanzigjähriges wohlhabendes und mit einer auch von Heiligenkreuz sich
mehrenden Rente ausgestattetes Stiftsfräulein ...
    Alle diese erschütternden Vorgänge erlitten diejenigen Unterbrechungen, die
das Traurige haben - andere sagen das Gute -, das Leben selbst beim grössten
Schmerz immer noch erträglich und anziehend zu machen ... Die Sonne leuchtete
auch so und die Blumen blühten auch so ... Für Armgart gesellte sich zu den
Zerstreuungen der Dechanei, zu kleinen Reiseausflügen, zu Briefen von nah und
fern und zu jenen Fortschritten der innern Bildung, die uns sogar selbst
überraschen und erfreuen dürfen, die Steigerung des Interesses, das an ihrer
Person genommen wurde ... Mancher Offizier mit dem flatternden Husarendolman
ritt im Park der Dechanei täglich die Schule, um nur von ihren Fenstern aus
beobachtet werden zu können; mancher junge Beamte interessirte sich für die
alten Möpse und Papagaien der in Kocher lebenden Honoratioren, um nur auch bei
ihren Kaffees zuweilen der interessanten jungen Stiftsdame zu begegnen ...
Armgart blieb jugendlich wie ihre Mutter, wenn sie »im Geist auch schon eisgraue
Haare« hatte und über die Rosenzeit des ersten Mädchenfrühlings hinweg war ...
Sie gehörte dem Leben an, wo es sich nur regte, nicht um seine Freuden zu
geniessen, sondern um seine Rätsel zu belauschen und seine Aufgaben zu lösen ...
Am liebsten wandelte sie mit dem Onkel, wie er in seinen letzten Tagen liebte,
über den Friedhof ... Schon lange und seit dem Tode Windhack's und der Mutter
Gülpen sagte der Onkel nicht mehr: »Der allein richtige Gattungstrieb des
Menschen ist der, leben zu wollen; kommt der Tod, so ist er da und es kann ja
auch einmal eintreffen, dass gerade unsereins den Beweis führt, dass das
Sterbenmüssen seit Jahrtausenden nur ein blosses Versehen der Aerzte gewesen! Die
Wissenschaften machen so ausserordentliche Fortschritte!« ... Diese
Lebensfreudigkeit, sonst auch zu Benno und Bonaventura ausgesprochen, hielt im
letzten Jahre nicht mehr Stand ... Er liebte die Gräber und las ihre Inschriften
... Aus jeder ihrer goldenen Lettern hörte er seine eigene Grabschrift heraus,
bestellte sich, wie er die seine haben wollte, und sah im Geist die Leute an
einer solchen Stelle eines kleinen Kreuzgangs hinter dem Sanct-Zeno stehen und
lesen: »Hier ruht in Gott« - Nun setzte er wohl hinzu: »Der alte Narr, der -« ...
Eine Selbstkritik folgte ... Alles das plauderte er im langsamen Gehen und
bestellte sich in der Nähe des einst ihn im Kreuzgang deckenden Steines Rosen
und Vergissmeinnicht ... Armgart erfreute ihn dabei durch Eines - durch jenes
gründliche Eingehen auf seinen Tod und sein Begräbnis - eine Tugend, die viel
besser wirkt, als ein ewiges Weg- und Ausredenwollen des Sterbens ... »Darin
kann ich Karl V. ganz verstehen, dass er sich Probe begraben liess!« sagte sie ...
    Des Dechanten Hauptbeschäftigungen im letzten Lebensjahr waren seine Briefe
mit Cäsar von Montalto und Bonaventura ... Armgart erfuhr wenig von ihrem Inhalt
- aus den von Italien kommenden nur das, was Paula und Gräfin Erdmute betraf
... Oft fuhren Onkel und Nichte zusammen nach Sanct-Wolfgang, besuchten das
Pfarrhaus, auch das erbrochene, jetzt wohlerhaltene Grab des alten Mevissen ...
Ja noch ein Studium nahm der Dechant in seinem letzten Lebensjahre vor, die
italienische Sprache ... Oft sprach er von Bonaventura's Vater und versenkte
sich in dessen Entwickelungsgang. Als Paula einmal schrieb, sie lerne
provençalisch, die Sprache der Troubadours, rühmte der Dechant seinen
»verstorbenen«, im Schnee des Sanct-Bernhard »so elend verkommenen« Bruder, der
in seinem immer romantisch gewesenen Jugendsinn auch diese Sprache sich
angeeignet hätte vom dritten Bruder Max, dem Offizier, dem Adoptivvater Benno's,
der die Kenntnis derselben aus dem südlichen Frankreich und den Pyrenäen
mitbrachte ... Er las die Minnesänger und vergass seine Acten! sagte der Dechant
träumerisch von seinem Bruder Friedrich ... Es war ein Tema, über das er in ein
langes, seltsames Schweigen verfallen konnte ... Ueber Benno's Ursprung wurde
wenig gesprochen ... Die Erinnerung an die falsche Trauung im Park von
Altenkirchen war dem Greise zu unheimlich ...
    Kurz vor seinen letzten Stunden raffte der Greis noch den Rest seiner Kraft
zusammen und liess sich über mancherlei in einem langen Briefe an den Erzbischof
von Coni aus, den er schon teilweise Armgart dictiren musste ... An gewissen
Stellen nahm er selbst die Feder und liess Armgart nicht lesen, was seine
zitternde Hand geschrieben ... Er verbreitete sich über alles, was noch in
Bonaventura's Leben, nach seinem Wissen, unaufgelöst und zu verklingen übrig
blieb ... Auch die Losung: Fiat lux in perpetuis! wiederholte sein
entschwebender Geist still vor sich hinmurmelnd ... Armgart schrieb mit
Erstaunen und schon an Irrereden glaubend: Nun würde er diese Worte nicht mehr
unter den Eichen von Castellungo, sondern im Vorhof der Seligen hören; sein Huss-
und Savonarola-Scheiterhaufen würde die läuternde Flamme des gelösten
Weltenrätsels sein! Sollte Bonaventura noch einst, dictirte er, den Eremiten im
Silaswalde sehen, so mög' er ihm sagen: Im Leichenhause des grossen
Sanct-Bernhard hätte auch er eine neue Offenbarung über Gott und die Welt
gefunden - - Da besann sich der Greis und stockte ... Er liess sich die Feder in
die Hand geben und versuchte selbst weiter zu schreiben ... Die Hand versagte
den Dienst ... Armgart musste noch den Brief vor seinen Augen verschliessen und
dann sorgsam siegeln ...
    Man senkte den Greis unter die kalten Steine des Kreuzganges, pflanzte aber
um die Öffnung des Bogens, der in den Friedhof führte, Rosen und
Vergissmeinnicht ...
    Beda Hunnius, auf dem nun ganz von den Jesuiten eroberten Terrain, auch
jenseits der Elbe, wieder zu Ehren gekommen, wurde sein Nachfolger ... Zu seinem
Kaplan machte sich dieser neue Dechant den in Lüttich erzogenen Schifferknaben
von Lindenwert, den Turiferar von Drusenheim, Antonius Hilgers ... Der Arme
hatte die ganze Erziehung und Abrichtung erhalten, wie sie Rom für seine
Priester beansprucht ... Er war noch ärgerer Zelot als Müllenhoff ...
    In dem schweren Amt der Bestattung und der Uebernahme der Hinterlassenschaft
fand Armgart Beistand und überwand alles voll mutiger Entschlossenheit, noch
ehe ihr Vater zu ihrer Hülfe aus der Schweiz herbeigeeilt kam ... Armgart hatte
ganz Kocher zu Freunden ... Ihre Maxime war, bei jedem, der »ihr etwas zu haben
schien«, still zu stehen und zu fragen: Ist etwas zwischen uns? ... Das konnte
sie selbst dem hämischen Hunnius gegenüber, der mit ihr wie mit jeder »Nichte«
der Dechanei gegen deren Bewohner zu conspiriren suchte ... Sie erfreute ihn
durch ihre Empfänglichkeit für seine geistliche Poesie ... Die »Dichterapoteke«
von Weihrauch, Myrrhen, Narben, Aloë und ähnlichen Spezereien, die so stark aus
seinen Versen »stank«, wie der Onkel sagte, erinnerte sie doch noch immer an die
Zeit ihrer ersten Jugend, wo sie den Rosenkranz mit seinen fünf schmerzhaften,
fünf freuden- und fünf glorreichen Geheimnissen in alle Himmel ausgebreitet sah,
die Sonne als Monstranz und die Seelen als beflügelte Kreuze dem grossen Herzen
Gottes mit der lodernd über ihm tronenden Flamme zufliegend ... Die Zeiten
dieser Anschauungen waren freilich auch bei ihr vorüber ... Nur hielt sie an
ihrer allgemeinen Stimmung fest und die blieb eine gebundene - schon um Paula's
willen, die ihr in der Ferne wie eine leuchtende Glorie, ein Ziel der Sehnsucht
und heissesten Wünsche verblieb ...
    Unter den Beileidbezeugenden erschien auch Löb Seligmann ... Er war ja so
engverbunden der Dechanei, so engverbunden auch den Geheimnissen von Westerhof,
von Kloster Himmelpfort und Schloss Neuhof ... Seitdem man allgemein wusste, dass
Benno von Asselyn der Spross einer ruchlos geschlossenen Ehe des Kronsyndikus
war, hatte endlich auch Löb seine Miene vertraulicher Protection gegen den
Dechanten gemildert ... Diesem hatte er sich wirklich eines Tages ganz
offenbart, als er gerade von Reisen zurückkehrte und auch voll Wehmut Veilchen
Igelsheimer auf den Friedhof hatte tragen helfen ... Sein Auge weinte ... Die
sanfte Zimmerblume war an ihrer stillen Hektik dahin gegangen und hatte den
rauhen Natan von ihrem Husten befreit, den ihre zarte Schonung, sagte Löb, sich
nur des Nachts gestattete! Am Tag, da hielt sie jeder unter den lachenden Masken
und bunten Schellenkappen für wohlauf und gesund ... Bis zum letzten Augenblick
hatte Veilchen zum »Carneval des Lebens« gescherzt - und selbst noch im Tode
waren ihre langen Locken so schwarz wie in ihrer Jugend geblieben, wo sie in
eben diesem Park der Dechanei Spinoza kennen gelernt ... Der Dechant, nicht
wenig erschreckend über Seligmann's befremdliche Beichte, sagte damals zu ihm:
Auch daran trag' ich schuld, dass Leo Perl diese bescheidenen Mädchenträume nicht
erfüllte! ... Löb, durch und durch »Trauermarsch« aus »Montecchi und Capuletti«,
erzählte dem Dechanten mehreremale, in mannichfachen Variationen, was ihn das
Schicksal in Schloss Neuhof belauschen liess ... Er gab aber die Bürgschaft seiner
Discretion fürs ganze Leben und hatte gleich alles doppelt erzählt, gleich auch
für die, vor denen er zu schweigen gelobte ... Armgart wurde die besondere
Flamme Löb's ... Wie oft auch besuchte sie die noch lebende »Hasen-Jette« und
hörte dort die Neuigkeiten - über ein seidenes Kleid, das Frau Treudchen Piter
Kattendyk schickte, über die in Rom eine Gräfin gewordene »damalige Lucinde
Schwarz«, von der auch Veilchen noch oft gesprochen hätte, über die Barone von
Fuld, die den Seligmann zuweilen noch in Drusenheim sahen, aber nicht mehr zum
»Speisen« einluden, ohnehin, seitdem sie die Rotschilds stürzen wollten; vor
allem aber die Entzückungen der glücklichen Mutter über David, ihren Sohn ...
David Lippschütz war auf die Beine gekommen, hatte Schulen, hatte schon einige
Jahre die Universität besucht und war bereits ein berühmter Dichter ... David
Lippschütz und Percival Zickeles in Wien vertraten vorzugsweise diejenige
neueste lyrische Schule, der es »die Lorelei angetan« hat ... Allerdings
kostete diese Liebe zur Nixe des Rheins dem Onkel Seligmann viel Geld ... Monat
für Monat gingen seine mit einem frommen »Jehova« beschriebenen
Zehntalerscheine (ein bekannter jüdischer Heck-, Vermehrungs- und
Verlustabwendungs-Segen) in die Ferne und suchten den David unter nordischen
Tannen und südlichen Palmen, tiefunten am Kyffhäuser beim schlummernden Rotbart
oder auch »dort oben auf luft'gen Höh'n, wo Adler die Nester sich bau'n«, und
ähnlichen halsbrechenden Adressen auf ... Dafür war aber auch David Lippschütz
mit Percival Zickeles der Träger der neuesten Romantik, blies mächtig des Knaben
Wunderhorn in allen Zeitschriften und sorgte dafür, dass dem deutschen Volk seine
Nixen, Zwerge, Held Siegfried, sein Ritter Tannhäuser, vor allem aber die
Anerkennung solcher Bestrebungen nicht abhanden kam ... Ja Beda Hunnius sogar
blieb zuweilen auf dem Markt in Kocher am Fall stehen und fragte die ihm
begegnende Hasen-Jette: Ja, ist denn das da wirklich euer - es folgte ein
intolerantes und liebloses auf Reinlichkeit gehendes Eigenschaftswort - euer
David, der jetzt soviel die Nixe belauscht, so ihr Goldhaar strählt mit dem
silbernen Kamm? ... Die Mutter, allerdings gedenkend, wie ungern ihr David sonst
sich kämmen liess, bestätigte leuchtendes Auges die volle Identität ... Die
reiche Frau Piter Kattendyk, weiland Treudchen Lei, erzählte sie, hätte den
David auch in Wien - Piter, noch im Bruch mit seiner Familie, war meist auf
Reisen - »zur Tafel gehabt« ... Eine solche Hunnius'sche Anrede wirkte dann
unten im Ghetto von Kocher am Fall mit einem spät verklingenden Echo als
belohnender Ersatz für all die Summen, die der Onkel auf die Länge nicht mehr
ganz mit dem Humor in die grünen Fluten warf, mit dem er sonst beim Rasiren die
Barcarole sang: »Werft aus das Netz gar sein und leise« ...
    Der brave Grützmacher war nach der Gegend von Jüterbogk zurückversetzt
worden und wohlbestallter Schleusenmeister an einem jener Kanäle, die Elbe und
Oder verbinden ... Und Major Schulzendorf hatte das eigentümliche Loos gezogen,
eine grosse Strafanstalt für sittliche Verwahrlosung zu dirigiren, die zu den
Werken der »Innern Mission« gehörte, jener bekannten, hier offen, dort geheim
wirkenden Bundesgenossenschaft der Jesuiten ... Einer seiner Söhne, der die
Rechte studirt hatte, war bereits bis zum Präsidenten eines Regierungsbezirks,
als Nachfolger des Herrn von Wittekind-Neuhof, avancirt ... Dieser kluge Mann
hatte die Gewohnheit gehabt, auf Reisen, selbst an offner Table-d'hôte, vor der
Suppe erst die Hände zu falten und zu beten ... Diese Gewohnheit wurde in den
massgebenden Kreisen bekannt und so wohl aufgenommen, dass man ihn in seiner
Carrière einige Zwischenstufen überspringen liess ...
    Oberst Hülleshoven nahm nach des Dechanten Tode seine Tochter mit nach der
Schweiz, wo er und Hedemann, soweit letzterer noch konnte, sich in industriellen
Unternehmungen zu bewähren suchten und Monika jede Aufforderung ergriff,
teilzunehmen an irgendeinem Werk der Gesinnung und der auch den Frauen
gestatteten öffentlichen Bewährung ... Sie hatten abwechselnd in
Basel-Landschaft, dann im Aargau, zuletzt am Genfersee gewohnt ... Der Oberst
leitete Ingenieurarbeiten für die schweizerische Armee; Hedemann bebaute mit
Porzia's Hülfe das Feld; Monika reiste viel; sie hatte zuletzt eine grosse
Vorliebe für Genf und die calvinistischen Anschauungen ... Dass sie sich das
Denken durch eine immer weiter gehende Vertiefung in Christus vereinfachen zu
müssen erklärte, war teils die Rückwirkung Hedemann's, teils der auch jetzt
nicht nachlassende Trotz gegen Armgart ...
    Der unruhige Sinn der Aeltern ging glücklicherweise im gleichen Takt; uneins
mit der Welt und der Zeit, waren sie doch einig mit sich ... Sie kauften jetzt -
in jener Hast, die Monika eigen war - mit Armgart's bedeutendem Gelde sofort
eine herrliche Besitzung, die Armgart gehörte, dicht am Genfersee ... Es war das
Schloss Bex, das einem Patricier Berns gehört hatte - dicht in der Nähe jenes
Waldes, wo sich im Jahr 1689 von den aus ihren Tälern in Italien mit Feuer und
Schwert vertriebenen Waldensern 900 wieder sammelten und unter Heinrich Arnaud's
tapferer Führung jenen Heldenzug über den Genfersee, durch Savoyen hindurch und
zurück in ihre heimatlichen Täler unternahmen, eine Unternehmung, die nach dem
Aufgebot zweier Truppencorps Ludwig's XIV. und Victor Amadeus' vollständig vom
Siege gekrönt wurde ...
    Als sie das Schloss bezogen, entdeckte man freilich hundert Fehler und hätte
es gern wieder veräussert ... Aber Armgart sagte nun: Ihr reisst euch gleich das
Bein ab, wenn euch der Schuh drückt! ... Sie drang darauf, das Schloss, den Park,
die schönen Weinberge mit allem, was daran schadhaft war, zu behalten ... dabei
grenzte sie sich ihr Leben eigentümlich streng von dem der Aeltern ab ... Sie
hatte ihre eigenen Zimmer, Freitags ihre eigene Mahlzeit, manchen Abend sogar in
ihrem Flügel Gesellschaft für sich und die Aeltern eine andere in dem ihrigen
... Der Ton war mild, oft innig ... Die Aeltern wussten, was im Innern ihres
Kindes zu schonen war und woher sie den Anlass zu ihrem jetzt schon eigentümlich
gehaltenen, allmählich sogar spröden und ablehnenden Wesen nahm ... Benno von
Asselyn, überall anerkannt als Halbbruder Friedrichs von Wittekind und demgemäss
mit Lebensgütern reich gesegnet, verweilte nach wie vor als Cäsar von Montalto
in London - bei ihm die Mutter und die Fürstin ...
    Diese Existenz währte einige Jahre, bis eine unerwartete Wiederbegegnung den
schon mächtig hereinzubrechendrohenden Stillstand und Abschluss in Armgart's
jungfräulichem Leben unterbrach und überhaupt die Schicksale der ganzen kleinen
Colonie wieder in neue Bewegung brachte.
 
                                    Fussnoten
1 Tatsache.
 
                                       3.
Eines Winterabends herrschte auf Schloss Bex eine grosse Aufregung ...
    Sie galt einer Karte, die man, heimkehrend von einer Talfahrt an den See,
auf dem grossen grünverhangenen, von einer brennenden Ampel beschienenen Tische
des Eintrittsvestibüls vorgefunden hatte, wo regelmässig die Karten der
inzwischen dagewesenen Besucher niedergelegt wurden ...
    »Der Baron Wenzel von Terschka« lautete die Aufschrift ...
    Dazu sein Wappen und die mit »p.f.v.« bezeichnete Ecke eingebogen ...
    Terschka! ... rief Monika erstaunt und reichte Armgart die Karte ... Der
lebt noch! ...
    Seit lange hatte man von ihm nur gehört, dass er nach Amerika gegangen war
...
    Armgart, die nun schon über die Mitte der Zwanzig gerückte schlanke,
stattliche Herrin von Schloss Bex, schlug ihren Schleier auf, der sie beim
Heimfahren im offenen Wagen gegen die rauhe Winterluft geschützt hatte, und sah,
so errötet sie war, sogleich erblassend auf die Karte, die in ihren Händen
zitterte ...
    Erregt ergriff auch der Oberst die Karte ... Düster drückte er die
Augenbrauen zusammen und wiederholte mehrmals:
    Ist der aus Amerika zurück! ...
    Armgart hatte den Abend für sich allein sein wollen ... Es war der 28.
Januar, der Tag der heiligen Paula ... Sie hatte ihren Kalender, den sie auf
eigene Art einhielt ... Schon freute sie sich auf die Wärme ihres Zimmers ... Am
Kamin wollte sie sitzen, ihren Tee für sich allein nehmen, ihre alten
Angedenken hervorsuchen und über den Montblanc hinweg so stark und lebhaft nach
Castellungo und Coni, wo Paula mit ihrem Gatten in Bonaventura's unmittelbarer
Nähe wohnte, hinüberdenken, dass Paula, dachte sie, sie sehen müsste ... Schon
hatte sie sich ausgemalt, wie zu gleicher Zeit, während die Uhr über ihrem Sopha
tickte, Paula den Brief las, den sie ihr zu ihrem Namenstage geschrieben ...
Vielleicht war der, wie man hörte, in viele Händel verwickelte Erzbischof bei
ihr ... Schwerlich die alte Gräfin ... Aber gewiss alle Freunde und Verehrer, die
einer so hochgestellten Dame, wie Paula, auch dort nicht fehlen konnten ... Sie
hatte in jenem Briefe von Sancta-Paula geschrieben, jener römischen jungen
Witwe, die sich von ihren Kindern trennen konnte, um die Stätten Jerusalems zu
sehen und mit Hülfe des heiligen Hieronymus über dem Grab Christi ein Kloster zu
bauen ... Und um so lieber träumte sie von jenem eigentümlichen Verhältnis, in
dem ihre Lieben dort lebten, als sich vieles davon aus Paula's Briefen doch nur
zwischen den Zeilen ersehen liess und der immer und immer besprochene endliche
Besuch des Tals von Castellungo seine Mislichkeiten bot ... Ohne die Aeltern
mochte sie nicht gehen und mit ihnen hatte es der religiösen Differenzen wegen
ebenso seine Schwierigkeiten, wie in Rücksicht auf den Vater, der mit Paula im
magnetischen Rapport gestanden hatte ... Diese Zustände hatten in Italien
abgenommen; aber Gräfin Erdmute, so sehr sie die Familie der Hülleshovens
schätzte und liebte, schien eine verstärkte Rückkehr derselben zu befürchten,
wenn sich ihrer Schwiegertochter wieder die alten Elemente ihres Umgangs
näherten ... Die alte Gräfin trug schon schwer genug an Bonaventura, den sie
lieber ganz gemieden hätte, wäre nicht einst sein Eifer so mutvoll für ihren
Eremiten aufgetreten ... Die Reise über die Alpen war unter solchen Umständen
nur ein Sehnsuchtsziel der Familie geblieben ...
    Dies stille Abendträumen musste sich Armgart nun versagen ... Denn mit dem
Namen Terschka zog Beunruhigung ins ganze Haus, Schrecken vorzugsweise in ihre
eigene Seele ... Ein eisiger Winter war es wieder ... Sie sah sich wie damals im
frosterstarrten Walde zwischen Westerhof und ihrem Stifte, sah an ihrer Seite
den dämonischen Schmeichler, von dem sie damals mit Recht geglaubt hatte, dass er
die Mutter berückte ... Ein Schauder ergriff sie in Erinnerung an ihr Gelübde,
an ihr Suchen der Gefahr, an ihre Hingebung an diesen Mann ohne jede Spur der
Neigung, an alles, was sie um ihn verloren und freiwillig geopfert hatte ...
Wieder in ihrer Nähe dieser Schein der Harmlosigkeit, diese leichte zutrauliche
Manier, die nichts begehren zu wollen schien und eben deshalb sogleich alles
besass? ...
    Vater und Mutter, die sich mit politischen Dingen deshalb ausdrücklich nicht
befassten, weil ihrer religiösen Richtung vorgeworfen wurde, dass sie nur die
maskirte Revolution wäre, hatten nichts mehr über Terschka's Leben und Treiben
vernommen ... Nur das eine war ihnen zu Ohr gekommen, dass Terschka in
irgendeiner Weise, welche, wussten sie nicht, sogar mit dem Untergang der Brüder
Bandiera in Verbindung stand, einem Ereignis, an dem der Oberst den
schmerzlichsten Anteil nahm, da ihm in Amerika der Vater der Jünglinge bekannt
geworden war und durch Tiebold auch dessen an Benno aufgetragenen Grüsse ihm
ausgerichtet wurden ... Noch hatte man vernommen, dass Terschka in dem Augenblick
London verliess, als Benno dort ankam ... Eine grosse Geldsumme, die ihm später,
als er wieder zurückgekehrt war, von Witoborn aus zugekommen sein sollte, musste,
glaubte man im engern Kreise des Obersten, vom Präsidenten auf Neuhof herrühren,
der mit ihm über die Entüllungen der zweiten Heirat seines Vaters schon
längere Zeit in näherer Verbindung stand ... Dann war er nach Amerika gegangen
...
    Monika konnte nie wieder ganz das Bild jener wiener Zeiten bannen, wo Graf
Hugo und Terschka so heiter und sorglos verkehrten, die alte Gräfin trotz erster
Abneigung gegen Terschka für ihn schwärmte, ja sie selbst von ihm mit einer
Leidenschaft verehrt wurde, die ihr Herz in Unruhe, ihre Entschlüsse in
Schwankungen versetzte ... Dass Terschka, der schon immer und immer mit dem
Uebertritt umging, wie Monika selbst, die Hoffnungen auf ihre Gegenliebe damals,
als er Armgart und deren förmliches Sich-ihm-anbieten, um die Mutter von ihm
abzuziehen, kennen gelernt hatte, aufgab, schien ihr natürlich zu sein; eine
alte Teilnahme löscht sich im Frauengemüt nie aus; wo sie einmal Partei
genommen, sind ihre Entschuldigungen unerschöpflich ...
    Nur Armgart, die nun schon wieder ganz allein in ihrer Abneigung zu stehen
fürchtete, sagte: Er hat irgendeine Schuld auf seinem Gewissen! Diese jagt und
verfolgt ihn! Diese treibt ihn vom Guten auf, wenn er das Schlechte eben
verlassen hatte und das Gute lieben möchte! Diese macht ihn zum Werkzeug jedes
energischen Willens, der ihm imponirt! ...
    In ängstlicher Spannung sassen sie beim Tee; der Sturm mehrte sich, manche
Zweige an den ächzenden Pappeln, die in nächster Nähe des Schlosses standen,
brachen ... Jeden Augenblick, glaubte man, müsste die Glocke an der
Eingangspforte gezogen und Terschka's Rückkehr gemeldet werden ...
    Es wurde neun, zehn Uhr ... Schon wollte man zur Ruhe gehen, da zog es an
der Glocke ... Es war eine weibliche Stimme, die sich hören liess ... Porzia
Hedemann kam noch so spät aus ihrem dem See näher gelegenen Häuschen ... Sie
hatte sich nicht überwinden können, ihren teuren Gönnern und Beschützern noch
von einem Besuch des Barons von Terschka zu erzählen ... Freude strahlte aus
ihrem Auge und ergänzte ihre gebrochene deutsche Rede ... Terschka hatte in
gewohnter Weise die Spuren seines Erscheinens sogleich angenehm bezeichnet,
hatte von Mitteln gesprochen, die unfehlbar die kranke Brust Hedemann's heilen
müssten ... Alle Zauber Amerikas breiteten sich schon um ihn, als nun auch der
Oberst einräumte, die Indianer besässen Heilmittel, von denen sich die Weisheit
unserer Aerzte nichts träumen liesse ... So schwebte schon Terschka, noch ehe man
ihn wiedersah, in dem gewohnten Nimbus seiner Liebenswürdigkeit ...
    Am folgenden Tage erschien er in der Tat ...
    Er war in Genf abgestiegen, kam in einem Einspänner dahergeflogen, den er
selbst führte, und sah in seinem schnurbesetzten Pelzrock, von Wetter und Sturm
gerötet, trotz seiner fünfzig Jahre, noch immer ganz stattlich aus ... Die
kleinen Formen des Siebenmonatkindes konnten eher, als plastischer ausgebildete,
durch die Jahre zusammengehen ... Sein Auge hatte das alte lebhafte Feuer; sein
kurzgeschnittenes Haar war, trotz der Beängstigungen, die sein Gemüt die Reihe
von Jahren hindurch schon ausgestanden haben mochte, nur von einem leichten
Hauch der Verwandlung in Grau überflogen ... Mit einer Unbefangenheit gab er
sich, als setzte die Gegenwart die nur kurze Zeit unterbrochen gewesene und
völlig ungestört gebliebene Vergangenheit fort ...
    Die befangenen Mienen des Obersten klärten sich auf, als Terschka mit
Begeisterung von Amerika sprach ... Monika sah in jeder Freude ihres Gatten ihre
eigene und schürte dies Behagen ... Vom frühern Jesuiten, von der Umwandelung in
einen Protestanten, vom Freunde der italienischen Emigranten konnte um Armgart's
willen nicht lange die Rede sein ... Diese noch unverheiratet zu finden, sagte
Terschka, überraschte ihn nicht, denn er hätte sie und ihre Familie auch
jenseits des Oceans nicht aus dem Auge verloren ... Sein Wesen blieb harmlos;
nicht eine Miene verriet: Du liebtest einst diese Mutter, deren Locken nun
immer silberner geworden! Und wie nahe warst du, auch die Tochter, diese immer
noch blühende, schöne, reiche Herrin von Schloss Bex die Deine zu nennen! ...
    Hedemann wurde gerufen ... Trotz seines »Sterbens in Christo« kam er
neubelebt ... Porzia war hoch in der Hoffnung und der Gedanke des Todes, sonst
ein ihm so lieber und vertrauter, erfüllte ihn jetzt mit Trauer ... Terschka
versprach, ihn seines Mittels wegen zu besuchen ... Im Plaudern hatte er eine
noch auffallend genaue Kenntnis aller Verhältnisse und Personen, mit denen er
sonst gelebt, verraten und bedurfte darüber keines Unterrichts, den er eher
noch selbst erteilen konnte ... Ohne Schärfe liess er zuweilen und wie zufällig
eine Anspielung auf den natürlichen Sohn des Kronsyndikus, Cäsar von Montalto,
oder auf die Fürstin Rucca fallen ... Er übertrieb, bei Gelegenheit des Grafen
Hugo, das Princip der Dankbarkeit, sagte aber auch, in Anspielung auf Benno's
Dankbarkeit für seine Befreierin, die Fürstin Olympia:
    Meine Damen, als ich noch ein Jesuit war, kam im Colleg zu Rom die Frage auf
die Dankbarkeit ... Wir trieben Moral nach allen möglichen Unterscheidungen hin;
aber von Dankbarkeit war wenig die Rede ...
    »Seid dankbar in allen Dingen, denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu
an euch!« sagte Hedemann und freute sich der vorgeführten Bilder aus der alten
Zeit Witoborns ...
    Das ist aber die Dankbarkeit nicht, nahm die streitsüchtige, schon
ausserordentlich angeregte und ein gewähltes Mittagsmahl anordnende Monika auf,
die Terschka meint ... Sie wollte hören, wie es mit Terschka's religiösem Innern
stand ... Terschka hatte vom Tode Ceccone's gesprochen, der wohl auch die Ursache
gewesen sein mochte, sagte er harmlos, dass seine Nichte seit Jahren nicht nach
Rom zurückkehrte ... Ebenso lange war Ceccone todt - er war unter seltsamen
Umständen gestorben ...
    Auch der Oberst achtete nicht darauf, dass sich Armgart dem Fenster zuwandte;
er sah nur und freute sich dessen, wie geheimnisvoll seine Frau für den
Mittagstisch sorgte ...
    »Und seid gewurzelt und erbaut in ihm und seid fest im Glauben, wie ihr
gelehrt seid, und seid in demselben reichlich dankbar!« wiederholte Hedemann zum
festen Zeugnis, dass die Bibel die Jesuitenlehrer beschäme ...
    Die Mutter, während Armgart schwieg und am Fenster auf den See und die im
Violett strahlenden Schneeberge Savoyens blickte, wollte heute gar nicht
Hedemann's Partie nehmen und meinte, manches Verhältnis des modernen Lebens,
manche Verpflichtung unserer künstlichen und unnatürlichen Verhältnisse liesse
sich kaum aus der Bibel herleiten ... In diesen Gegenden, wo der Bibelglaube und
die religiöse Phrase fast an jedem Bissen Brot, den man in den Mund nimmt,
haftete, war Monika allerdings etwas weltlicher geworden; aber auch die
Erinnerung an die schönen Stunden, die sie in Wien verlebt, erregte sie ...
    Hedemann liess die Meinung nicht aufkommen, dass die Schrift nicht die
umfassendstverpflichtende Dankbarkeit anempföhle ... David war dankbar gegen
Abjatar, den Sohn Abimelech's, der für David gestorben ... David war dankbar
gegen Barsillai, den achtzigjährigen, den er mit nach Jerusalem in seine Burg
nehmen wollte, weil er ihm früher in Not gedient ... David war dankbar dem
Gedächtnis Jonatan's, des Sohnes Saul's, der ihm angehangen, und rief in alle
Lande: Wo ist jemand übriggeblieben von dem Hause Saul's, dass ich Barmherzigkeit
an ihm übe um Jonatan's willen?! ...
    Dennoch hielt Monika die Frage der Dankbarkeit in einem andern Sinne fest
und sagte:
    Die Dankbarkeit, die Terschka meint, heisst nicht das Erweisen von Wohltaten
an den, der auch uns Wohltaten erwies, sondern die Unterordnung des eigenen
Willens und Interesses unter den Willen und das Interesse eines andern für ein
ganzes Leben lang - ...
    Eine Stille trat darauf ein ... Terschka genoss ihre Wirkung und sagte, so
hätte er sich allerdings dem Grafen Hugo hingegeben und ganz von ihm regieren
lassen ... Unsre Professoren auf dem Collegium, fuhr er fort, liessen wenigstens
nicht mit offnen Worten, aber halt ziemlich deutlich keine Dankbarkeit gelten,
die eine eigene Benachteiligung voraussetzte ... Den Vorteil, den sie auf alle
Fälle gewahrt wissen wollten, nannten sie die eigene Vollkommenheit ... Hatten
wir nicht einen ganzen Tag Disputation über die Frage: Ist man verpflichtet,
hundert Zechinen einem Mörder auszuzahlen, der sich dafür erbot, einen Mord zu
begehen? ... Der erste Satz war natürlich: Solange der Mord nicht vollzogen ist,
kann auch von Zahlung gar keine Rede sein ...
    Man lachte ... Selbst Armgart musste es ...
    War aber halt der Mord vollzogen, fuhr Terschka fort - wie dann, wenn der
Anstifter in den Beichtstuhl kommt und, nachdem nun sein Vorteil bereits
gewahrt ist, jetzt keine rechte Lust mehr bezeugt, die hundert Zechinen zu
bezahlen? ... Darüber waren die Meinungen der Teologen geteilt ... Einige
glaubten, dass das Geld, ob vor oder nach der Tat, wenn auch versprochen, unter
keinerlei Umständen bezahlt zu werden brauchte ...
    Schändlich! rief Monika aufwallend ... Selbst dem Mörder muss man die Treue
halten ...
    Sie urteilen, meine Gnädigste, fiel Terschka ein, grad' wie der heilige
Liguori, der Stifter der Liguorianer, unser Schutzpatron, auch urteilte ...
Rund und fest hat der Liguori erklärt: Die hundert Zechinen müssen dem Mörder
unter allen Umständen bezahlt werden! ...
    Das beste Wort, das ich je von einem Jesuiten gehört habe! fiel die Mutter
ein und setzte die Entwickelung ihrer Moral der Hochherzigkeit und des
Edelmutes fort, bis der Oberst von der Dankbarkeit hinzugefügt hatte, dass er
Beispiele aus seinem eigenen Leben kenne, wo sie manche Charaktere vollständig
aus ihrer Bahn gelenkt hätte, wo Menschen, einmal verpflichtet, nie wieder ihren
freien Willen bekommen hätten, Offiziere, die das Opfer eines einmal unbedacht
geschlossenen Verhältnisses sogar mit ältern Damen geworden und elend
untergegangen wären ... Da erst verstanden denn Monika und Hedemann die
wechselnde Gesichtsfarbe Armgart's und setzten das Gespräch, dessen
Bezüglichkeiten sie sich jetzt auf Benno deuten konnten, nicht fort ...
    Aber von Lucinden und einem seltsamen Zusammenhang des überraschenden Todes
ihres Gönners, des Cardinals Ceccone, wusste nun Terschka Dinge zu erzählen, die,
wenn sie auch fragmentarisch bleiben mussten, weil sie für Armgart's Ohr nicht
gemacht waren, doch die ganze Behaglichkeit verbreiteten, durch Terschka wieder
in einen Zusammenhang mit der Welt zu kommen ... Armgart hörte aus dem Flüstern
nur, dass Graf Sarzana gleichfalls als Flüchtling in London und gleich in den
ersten Wochen seiner Vermählung von seiner Frau getrennt lebte ...
    Acht Tage verflossen und Terschka war in dieser und ähnlicher Art auf Schloss
Bex die Hauptperson geworden ... Die Mutter konnte schon sagen: Was sollte denn
nun auch werden, wenn jedem Menschen, der einmal strauchelte, der Kainsfluch
immer und ewig auf der Stirn gezeichnet bliebe! ... Warum gibt es denn keine
grossen Männer mehr? ... Weil die Keime dazu in unserer Civilisation falsch
aufblühen und leider zuweilen eher in den Zuchtäusern, als in den Walhallen
reifen! ... Verpflanzt doch nur einmal unsern Herrn und Heiland in das Zeitalter
der Gensdarmen! ... Würde Jesus von Nazaret drei Jahre haben lehren und hin-
und herwandeln können? ... Nicht drei Tage hätte sein hochheiliges Lehramt
gedauert ...
    Von Lucinden, Gräfin Sarzana, hatte Terschka, wie nun Armgart vertraulich
von der Mutter erfuhr, erzählt, dass die Klügste ihres Geschlechts das Opfer
einer Intrigue geworden war, die auch nur in Italien vorkommen konnte ... Graf
Sarzana war in der Tat ein Verschworener des »jungen Italien«, teils aus
Ueberzeugung, teils aus Rache gegen Ceccone, der seit Jahren seine Familie
entwürdigte und wahrhaft misbrauchte ... Auch ihm wollte der Cardinal die Hand
einer Frau geben, die nur ihm gehören sollte ... Hatte der Cardinal
Berechtigung, von Lucinden solche Hoffnungen zu hegen oder nicht, der Gardist
Sr. Heiligkeit ging wenigstens scheinbar auf den Vertrag ein ... Seine Rache
wollte einen erlaubten Anlass haben, Ceccone gelegentlich aus der Welt zu
schaffen ... Die Ehe wurde vollzogen; der gerade in Rom anwesende neuerhobene,
glänzend gerechtfertigte, wie von unsichtbaren Armen geschützte Erzbischof von
Coni hatte früher Gräfin Paula nicht trauen können - aber Lucinde wollte diesen
Vorzug geniessen und Terschka hatte sogar angedeutet, dass Lucinde Mittel besässe,
den Erzbischof zu allen möglichen Dingen zu zwingen ... Kaum hatte das
Sarzana'sche Ehepaar jenen Palast bezogen, in dem früher die Herzogin von
Amarillas wohnte, so verbreitete sich ein Gerücht, der Cardinal hätte bei einem
Abendbesuch in diesem Palast einen unglücklichen Fall getan ... Blutend fuhr er
nach Hause ... Wol ein Jahr hätte er sich dann elend hingeschleppt, hätte sehen
müssen, wie Fefelotti seinen ihm immer mehr abgerungenen Einfluss gewann und wäre
zuletzt still vom Schauplatz verschwunden und sogar ausserordentlich heilig
gestorben ... Bald aber nach jener Nachricht von dem »unglücklichen Fall« wäre
Graf Sarzana heimlich aus Rom entwichen, seine Gemahlin in ein Kloster, das der
»Lebendigbegrabenen«, gegangen, wohin schon einmal ein dunkler Vorfall aus dem
Leben des Cardinals sich der Welt entzogen hätte - ... Jetzt wisse es alle Welt,
hatte Terschka erzählt, Graf Sarzana hätte seine Gemahlin in einer »Scene« mit
dem Cardinal überrascht, die Tür gesprengt und auf frischer Tat auf ihn den
Degen gezückt ... Der Stoss war nicht tödtlich und erst nach einem Jahr erlag
Ceccone den Folgen der Wunde ... Gräfin Sarzana wäre seitdem noch gar nicht
lange erst wieder aus dem Kloster ans Tageslicht gekommen ...
    Armgart wusste freilich aus Briefen, die aus dem Tal von Castellungo kamen,
dass Gräfin Sarzana schon seit zwei Jahren in Genua lebte, ja sogar in Coni
erwartet wurde ... Sie sagte also: Alles das wird sich auch wohl noch anders
verhalten! ...
    Ueberhaupt kannte Terschka von den Verwickelungen im Leben der
Nahebefreundeten Monika's und Ulrich's mehr, als diese in ihrem reinen Sinn
hören mochten ... Selbst Lucinden liess der Oberst, der sich ihrer wenig entsann
und von der er nur hatte erzählen hören, das Urteil angedeihen: Wir wissen
nicht, ob die Menschen, die sie verurteilen, recht haben oder nicht; aber für
soviel Unglück, als auch gerade ihr beschieden zu sein scheint, könnte sie jeden
fast dauern und ihre Erbitterung gegen die Welt gar nicht wunder nehmen ...
    An den in jener Gegend üblichen Erbauungsstunden und religiösen
Versammlungen, an den Streitigkeiten über die Erbsünde und die Gnade nahm
Terschka, der nun eingebürgert blieb, ohne besonderes Interesse teil ...
Geistige Bedürfnisse lagen ihm überhaupt, wenn sie Ernst voraussetzten, fern ...
Wenn von Paris, London und Wien die Rede war, seufzte er sehnsuchtsvoll ...
Anfangs kehrte er immer wieder, wenn er Schloss Bex besucht hatte, nach Genf
zurück ... Zuweilen kam von dort mit ihm Gesellschaft, anfangs achtbare
Persönlichkeiten, die in einer mit Fremden überfüllten Stadt leicht gefunden
sind ... Der einförmige Kreis des Landlebens im Winter erhielt durch ihn
Belebung; sogar mehr, als man wünschen konnte ... Es stellte sich eben eine
Toleranz gegen den Erzähler seiner Abenteuer und Reisen wieder her, die alle
Bedenklichkeiten des Vergangenen vergessen zu haben schien ...
    Nur Armgart blieb gegen den nur zu schnell wieder zu Gnaden Angenommenen
kalt, vermied ihn, wo sie konnte, blieb, wenn er nicht noch vor Nacht nach Genf
heimkehrte, vorsichtig auf ihren Zimmern und lebte ihrer innern Welt, die sie
schon so früh verstanden hatte zu ihrem Universum zu machen ... Ein Kind, das
mit einem aus Baumrinde geschnittenen Schiffchen sich stundenlang den Ocean
träumen konnte, war sie sonst; jetzt kannte sie den grossen Ocean des Lebens und
suchte auf diesem nur ihre kleinen Schiffchen ...
    Der Oberst und Monika waren im Grunde doch nur Gemütsmenschen und
entbehrten, ungeachtet ihrer steten Berufung auf den Verstand, eines scharfen
psychologischen Blicks ... Sie übersahn, dass es eine Verkommenheit im Menschen
gibt, die dem Kenner selbst durch den äussern Schein des grössten Behagens
hindurchschimmert, wie eine nur scheinbar gepflegte Toilette durch eine
zerrissene Naht und ein nicht gehörig verstecktes Bändchen in ihren geheimen
Schäden sich verrät ... Eine solche im Sinken begriffene Natur lacht und
scherzt dann und am Übermass des Widerhalls lässt sich erst erkennen, wie
innerlich alles so hohl ... Jedes Wort hört der scheinbar so unbefangen
Sprechende dann gleichsam selbst zuerst; sein Gang ist berechnet; der Schatten,
den er wirft, ängstigt ihn ... Unruhig sucht er dann Haltpunkte und Anlehnungen
... Sie sind aber ganz wie im Zufall und wie im Traum gewählt ... Eine
alabasterne Vase, ein Spiegel, um im Bilde zu bleiben, ist von dem
Vorsichtigsten dann zertrümmert, er weiss nicht wie ...
    Für die sich ganz ebenso zeigende tiefinnere Verkommenheit Terschka's hatte
Armgart einen klarsehenden Blick ... Während der Unheimliche den Vater durch
seine Ställe und seine Vorschläge für die Oekonomie fesselte, die Mutter durch
hundert Aufträge, die von ihm für Genf übernommen wurden, Hedemann und Porzia
durch Heiltränke, die in der Tat vorübergehende Linderungen verschaften, sah
allein Armgart mit Schrecken, wie Terschka schon so im Zuge des Eingreifens in
alle Verhältnisse auf Schloss Bex war, dass ihr bereits die Geldsummen verloren
schienen, die ihm anvertraut wurden ... Sie sah eine Lebendigkeit um sich her,
die sie im höchsten Grade beunruhigte ... Terschka's Genossen, jetzt
grösstenteils Franzosen von unheimlichen Manieren, gingen ab und zu ... Schon
wurden Jagdpartieen arrangirt ... Oft war die Tafel, ohne irgend eine Einladung,
zwanzig Personen stark ... Der Oberst liebte die Jagd und Monika unterstützte
diese Neigung ohnehin, weil sie - sie sagte es scherzend - gutmachen wollte, dass
der Anfang ihres früheren Zerwürfnisses mit ihm ein Lachen über die Fehlschüsse
des eben Erheirateten war ... So ging es hinauf in die Schluchten der Berge,
gerade wie um Witoborn her in die Wälder ... Monika, der es an Gründen nie
fehlte, wenn etwas Inconsequentes durch Gesetze der Notwendigkeit entschuldigt
werden sollte, fand diese Bewegungen dem Gatten zuträglich, sorgend nur, dass
Armgart von den Zumutungen der Teilnahme verschont blieb ... Wohl kannte sie
Armgart's Erinnerung an jenen Tag, wo sie, todtbetrübt und die Mutter an
Terschka gebunden glaubend, sich infolge ihres Gelübdes in die gräflich
Münnich'sche Jagd stürzen konnte, um für die Erkorene Terschka's zu gelten ...
    Der Winter verstrich ... Armgart sass nicht immer mit ihren Büchern im Zimmer
... Sie unterstützte Hedemann und Porzia im Reinigen und Schwingen der
Sämereien, stieg in die Keller und wahrte die Wurzelgewächse gegen üble Wirkung
dumpfer und feuchter Luft, benutzte jeden sonnigen Tag, wo der Boden der grossen
Gemüsegärten sich auflockert, um die Aussaat solcher Pflanzen zu leiten, denen
längeres Verweilen des Samens im Schoos der Erde nützt, liess die Obstspaliere
und manche freischwebende junge Pflanzung mit Stroh umhüllen, unterstützte gegen
den Sturm, der oft aus dem Walliserland und vom grossen Sanct-Bernhard her mit
Ungestüm wehte, die jungen Obstbäume mit kräftigen Stecken, liess die Weinstöcke
niederlegen und gerade wenn ihr Blumengarten dicht voll Schnee lag, säete sie
die ersten Boten des Frühlings, Primeln und Aurikeln - ihr Same darf die Erde
nur leise berühren, nicht in sie eindringen - ... Bei diesen Beschäftigungen,
auch beim Pflegen der Hyacinten, die in ihren Zimmern, wie ehemals bei Paula,
die grünen Keime ansetzten, trug sie ihr seltsames Lebensloos und gab, wie in
einem spanischen Gedicht, das Bonaventura auf Westerhof einst ihr und Paula
vorgelesen, »Des Gärtners Lohn« - auf die Frage:
»Herr, unter Steinen und Moosen
Was schöpfst du soviel aus dem Born?«
durch Blick, Rede und ganze Haltung die Antwort:
»Dir will ich benetzen die Rosen! -
Mir will ich benetzen den Dorn!«
    Es war ein Nonnenleben ohne Klausur, das ihr Ideal zu werden schien ... Die
Welt hüllte sich ihr in eine Trauer, die sie nicht deuten, ja in einen Schmerz,
den sie kaum anerkennen mochte ... Sie wurde ablehnend und streng; vielen
erschien sie kalt ...
    Der Frühling war gekommen, die Hollunderbüsche blühten, die Kastanienbäume
setzten ihre braunen Knospen an, der Leman braute jene durchsichtigen, sonnigen
Nebel, die die wild aus den Bergen stürmende »Bise« nicht mehr zerriss ...
Terschka wohnte nun schon oft wochenlang auf dem mit allen Reizen der Natur sich
schmückenden Schloss Bex ... Zu andern Zeiten wieder überredete er den Obersten,
mit ihm nach dem fremdenüberfüllten Genf zu gehen ... Wer das Gefühl hat, mit
gegebenen Zuständen in Bruch zu leben, ergreift gern die Gelegenheit, aus seiner
Isolirung herauszutreten und da sich anzuschliessen, wo von den unbefangener
Urteilenden die langentbehrte Zustimmung nicht ausbleibt ... Diese reichen
Patricierfamilien Genfs mit ihren strengen calvinistischen, aber in andern
Dingen wieder republikanisch unbefangenen Formen wurden eine Welt, in der sich
Monika sorglos bewegen durfte ... Sie sprach gut französisch, konnte mit den
Professoren der Universität Streitigkeiten führen, die für jeden Zuhörer
genussreich waren, der Rat des Obersten wurde in mancher technologischen und
Ingenieurfrage begehrt, Terschka war die Seele der auch in Genf vorhandenen
aristokratischen Gesellschaft ... Von den Flüchtlingen, den Polen, Italienern,
Deutschen, hielten sich alle in Entfernung ...
    Aber gerade von dieser Seite aus gab es scharfe Augen und der geschmeidige,
lebensschlaue Böhme, der überall nach Macht, Einfluss, Stellung trachtete, musste
erleben, dass ihm schon manches fehl schlug ... Bald hiess es sogar auch hier: Er
spielt eine falsche Rolle! Er hat sie schon in London gespielt! Sein Gewerbe
kann nur das eines Spions sein! Er correspondirt mit Wien und Rom! ... War dem
nun so oder nicht, Terschka blieb jener Jesuitenzögling, der zwar mit scheuer
Vorsicht seinen Weg Schritt für Schritt macht, nie aus sich selbst heraus,
sondern immer nur aus den andern die Situationen seines Lebens entwickelt,
niemals kann er recht ein Herr werden, immer nur Diener ... Durch sein Dienen
verpflichtet man sich die Menschen und zuweilen sind die Menschen edel und heben
dafür den andern, der uns dient, wie einst mit ihm Graf Hugo getan; jetzt aber
hatte er zuletzt doch nur noch den Obersten und Monika für sich, hundert
Zerwürfnisse und Streitigkeiten schon gegen sich ... Bereits hiess es beim
Obersten und Monika: Man müsste doch aus dieser Gegend fort! Man müsste doch Bex
verkaufen, so schön es auch wäre! Schon wegen - Hedemann's sollte man in eine
mildere Gegend ziehen! ...
    Die Herrin von Schloss Bex hatte auch hier, trotz ihrer Schroffheit, Verehrer
und Bewerber ... Angesehene Namen aus Genfs Patricierfamilien, umwohnende
Grundbesitzer, Reisende, wiederum auch mancher Engländer, huldigten Armgart mit
oft masslosem Eifer ... Die Mutter wünschte die endliche Verheiratung; auch der
Vater; schon deshalb, um den Schein aufzuheben, als bestimmten sie die Tochter
ihres Vermögens halber unvermählt zu bleiben ... Alledem geberdete sich Terschka
trotz seiner fünfzig Jahre eifersüchtig, als scheute er mit der Jugend keinen
Wettkampf ... Nicht dass er seine eigene Liebe zur Schau trug - wenigstens warf
er ein: Ich werde so lächerrlich nicht sein! - immer aber hatte er Gründe, die
Bewerber zu verdächtigen und suchte Scenen herbeizuführen, die zuweilen so
ausarteten, dass die Frauen, vor allem Armgart, wahrhaft darunter litten ...
Conflicte gab es, wo man erstaunen musste, wie ein einziger Mensch, dem der wahre
innere Halt des Charakters fehlt, dennoch einen ganzen Lebenskreis verwirren und
beschäftigen kann ... Zuletzt standen auch endlich die Hülleshovens mit Terschka
so allein, dass ein Entweder-Oder sich ihnen als unabweisbar aufdrängen musste ...
Terschka, fünfzig Jahre alt, in Fällen, wo sein Benehmen Zeugen hatte, mutig
und entschlossen, wo er allein war, hinterlistig, feige sogar oder doch nur
schlau, konnte schon wieder die Hände vor die Augen legen, weinen wie ein Kind
und sein Lebensloos beklagen, sodass die Frauen entweder mit einstimmen oder
entfliehen mussten, um sich nur dem magischen Einfluss eines Gauklers zu
entziehen, der die besonnensten Menschen betörte, seine geschworensten Feinde
irre machte und, das sah man nun wohl, Armgart noch erobern wollte ...
    Terschka hatte Schulden; der Oberst konnte ihm nicht mehr helfen ... Monika
schmollte mit ihm tieferbittert, seitdem er, ganz nur wie zum Scherz, die
Äusserung hatte fallen lassen, er würde, wenn Armgart es beföhle, in den Schoos
der römischen Kirche zurückkehren ... Armgart besuchte zuweilen die Messe in
einem zwei Meilen höher hinauf gelegenen katolischen Dorfe ... Terschka fing
an, sie dortin zu begleiten ... An der Kirchtür wartete er dann, bis sie
zurückkam ... Wieder wurde ihr der Mann wie die Schlange, deren Atem den Vogel
besinnungslos macht ... Sie stand ohnehin mit ihrem katolischen Gefühl hier
allein und nun gesellte sich diesem, wie sympatisch ergriffen, Terschka zu ...
Monika sagte ihm seitdem, so oft er sich auf dem Schloss sehen liess, mit dem
Ton des gebietendsten Ernstes: Terschka, verlassen Sie uns endlich! ... Der
Oberst erklärte in Güte: Terschka, Ihre Rolle ist hier ausgespielt! Reisen Sie
mit Gott! ... In leisem, gemütlichem Ton konnte er dann seufzen: Ich gehe! ...
Er ging und kam wieder ... Nur einen Augenblick blieb er dann, schwieg und warf
einen Blick des tiefsten Schmerzes auf Armgart ... Nicht lange währte es, so
kniete er hinter ihr in der Messe des kleinen Kirchleins im Gebirge ... Armgart
erhob sich dann, sprach nicht mit ihm beim Verlassen des Gottesdienstes und wich
ihm für den Heimweg aus, aber sie sammelte nur mühsam die Kraft dazu, wankte,
wenn er sich ihr näherte, suchte zu entfliehen und konnte nicht von der Stelle
... Alles, alles, als wär' er durch sie und um ihretwillen im Begriff, wieder
Katolik zu werden und als wär' er's schon längst geworden, wenn er nur sicher
wüsste, ob er in diesem Fall seines Priestergelübdes entbunden würde ... Er
behauptete, deshalb in Genf alle Biblioteken nachzuschlagen ...
    So überraschte er Armgart einst auf ihrem Zimmer ... Seine Jahre
verwünschend, nannte er die Empfindungen, die ihn beherrschten, wahnsinnig,
dennoch erklärend, gewisse Namen, die gerade damals als Armgart's Bewerber
genannt wurden, tödten zu können; er drohte sich eine Kugel vor den Kopf zu
schiessen und hoffte bei solchen Worten nur, durch Armgart's Erklärung, dass sie
ihn für jung, lebensberechtigt und ihrer endlichen Erhörung für vollkommen
würdig hielte, aufgerichtet zu werden ... In wilder Hast ergriff er ein an der
Wand hängendes Kruzifix, küsste es mit leidenschaftlicher Inbrunst und bat dem
»heiligen Holze«, wie er es nannte, mit lauter Stimme ab, was seiter von ihm
ruchlos am katolischen Glauben verbrochen worden ... Seinen Priesterstand würde
er nicht zu erneuern brauchen, sagte er - weil er ihn ja ewig geschändet hätte
... Alles das kam mit einer Wahrheit von seinen Lippen, als machte er im Al-Gesù
eine jener rhetorischen Uebungen durch, wo sich ein Sprecher in einer von ihm
geschilderten Situation ganz wie ein Schauspieler verlieren muss ...
    Armgart stand am Fenster und zitterte ... Terschka sprach, als wäre sie
nicht anwesend ... Laut recitirte er eine Litanei an die allerseligste Jungfrau
... Er kniete nieder, um sein Gelübde auszusprechen, in den Schoos der von ihm
verlassenen Kirche zurückzukehren, auch wenn ihm, dem Leviten, nie wieder
Vergebung zu Teil werden würde ... Engel würden dann für ihn die Hände erheben
und vielleicht im Jenseits eine besonders begnadete Seele ihn rettend in ihren
Schoos nehmen ...
    Ohne Zweifel erwartete Terschka, dass Armgart ihn emporziehen, irgend mit ihm
einen Ausweg aus dem Labyrint seiner Verhältnisse bereden würde ... Aber so
sehr sich in ihr die alten Stimmungen des Selbstopfers, die Seligkeiten des
gebundenen Willens regten, die Jugendzeit mit ihren Schwärmereien war vorüber
... Mit einem verachtenden Ausdruck ihrer Augen, der den unverkennbarsten ewigen
Bruch zwischen ihr und Terschka verriet, rief sie: Nein! Nein! Nein! liess ihn
auf dem Teppich vor ihrem kleinen Hausaltar liegen und entfloh aus dem Zimmer
...
    Da begegnete ihr der Vater, sah ihre Aufregung, traf Terschka, noch mit dem
Kruzifix, das er unaufhörlich küsste, in der Hand, schleuderte ihm einige
Verwünschungen zu und wies ihm die Tür ...
    Terschka erhob sich von der Erde, auf der er gekniet hatte, schwankte eine
Weile, taumelte unentschlossen, mass den Obersten, halb als ob er an seinem Halse
sich ausweinen, halb - als ob er ihn tödten wollte ... Und als dieser wiederholt
rief: Sie sind ein unverbesserlicher Abenteurer! Man weiss alles von Ihnen! Sie
sind unter Räubern erzogen, Sie sind ein Kunstreiter - noch haben Sie nicht
aufgehört den Jesuiten zu dienen! Die Brüder Bandiera sind durch Sie verraten
worden - durch einen gewissen Jan Picard - ha, kennen Sie den Namen -? - da
erblasste Terschka, erhob sich lautlos und verschwand - ...
    Allgemein glaubte man, er sässe in Genf im Schuldgefängniss ... Seine Sucht,
sich in den vornehmsten Kreisen zu bewegen, Cavalier zu sein, Matador der
Gesellschaft, hatte ihn in nicht endende Verlegenheiten gestürzt ... Nach und
nach aber verbreiteten sich Gerüchte, er wäre in den Canton Freiburg gegangen
und hätte sich dort reuig in das dortige, damals allgewaltige Collegium der
Jesuiten zurückbegeben ... Die Strafen, die ihn in diesem Fall dort erwarteten,
mussten, wenn er nicht schon früher Verzeihung gefunden, furchtbare sein -
deshalb wurde auch von andern die Möglichkeit eines so gewagten Entschlusses
bezweifelt ...
    Auf Schloss Bex stellte sich der Friede wieder her und die Gegensätze
versöhnten sich in der einstimmigen Verwerfung eines sittlich Haltungslosen, an
den man vergebens Milde, Langmut, Wohltaten verschwendet hätte ... Die
Schulden, die Terschka beim Obersten nicht getilgt hatte, konnten als Vorwand
dienen, in Freiburg nach ihm Erkundigungen einzuziehen .... Man gab dort eine
kaltausweichende Antwort ... Der Übermut der im Steigen begriffenen klerikalen
Partei hatte gerade damals, in der von Bürgerkämpfen zerrissenen Schweiz, den
höchsten Grad erreicht ...
    Aber nur noch eine kurze Weile und es schlug die Stunde einer grossen
Bewegung ...
    Jener dreifachgekrönte arme leidende Mann mit dem tücherumwundenen Antlitz
auf dem apostolischen Stuhl hatte seinen letzten Seufzer ausgehaucht, wie ihn
die Stellvertreter Christi aushauchen - einsam, verlassen, in den schauerlich
öden Marmorsälen des Vaticans ein dem Reiz nach Neuem allzulang verweilender
Gast ... Draussen eine unruhige, grosser Umänderungen harrende Menge, die die neue
Bescherung, das beginnende Conclave und den Namen und die Person eines neuen
Trägers der Himmelsschlüssel erwartet ... Der Sterbende ist dann nur noch eine
leere Hülfe ... Nur noch einige geringe Würdenträger bleiben bei ihm, die auf
den Augenblick harren, wo ihnen gewisse Functionen für den Todesfall der Päpste
vorgeschrieben sind, das Zerbrechen der Siegel, das Aufbewahren des
Fischerrings, das Läutenlassen einer kleinen silbernen Glocke der Peterskirche
... Ertönt diese geheimnisvolle Glocke, dann müssen alle Gerichte aufhören, alle
Glocken Roms fallen mit schauerlichem Geläute ein; auf allen Tribunalen wird die
Feder ausgesprjetzt und nicht die Trauer, sondern - die Freude beginnt ... Armer
Stellvertreter des Gottessohns! ... Nun verlassen dich die Deinen, die sonst vor
dir knieten! ... Nun eilen sie sich, ihre gesammelten Schätze in Sicherheit zu
bringen ... Nun schleichen sie schon von deinem Sterbebett, noch ehe du erkaltet
bist! .. Noch einmal tastet dein erstarrter Arm nach einem Glockenzug, du
jammerst um einen Labetrunk Wassers und niemand will kommen, dir deine
verschmachtenden Lippen zu benetzen! ... Wo sind sie, die Köche, die
Haushofmeister, die Frauen deines Barbiers, des Allgewaltigen, den du zum
Camerlengo erhoben hattest? ... Sie sind beim Packen ihrer Papiere, bergen ihr
Gold, ihr Silber ... Sowie das Auge ihres Herrn gebrochen ist, verweist sie die
jahrtausendjährige Regel sofort aus dem Bereich der neuzulüftenden und frisch zu
reinigenden Gemächer des Nachfolgers ... Das ist der Brauch, der nach Rom von
Byzanz herübergekommen zu sein scheint - Im Orient ist der Tod das Gesetz, das
sich auch auf die Umgebungen eines sterbenden Sultans erstreckt ... Sogar seinem
Arzt sieht der sterbende Herr der Kirche an, dass ihn der Unmut drückt um den
Verlust seiner Stelle - diese alten Cardinäle haben seit Jahren schon ihr Leben
auf eigene Art eingerichtet und nichts verpflichtet sie, das Privatleben ihres
Vorgängers fortzusetzen oder zu ehren ... Nicht die jugendliche Sorglosigkeit
eines geborenen Erben nimmt Besitz vom Trone, nicht die Pietät eines
Verwandten, eines Bruders für einen Bruder, eines Neffen für seinen Onkel,
sondern ein fremder Greis folgt einem fremden Greise, die langjährige Verwöhnung
eines Hagestolzen und die vollkommen schon hartnäckig eingewurzelte Lebensart
eines Cardinals den Gewohnheiten und Launen eines dahingegangenen andern ...
    Neun Tage währt dann äusserlich Klage und Trauer, aber im Stillen läuft und
flüstert die Neugier und Intrigue von Haus zu Haus ... Wer wird der Nachfolger
sein! ... Couriere kommen und gehen, die Diplomatie hält Besprechungen, Parteien
bilden sich, Stimmen werden gezählt, die Frauen werben und stiften Versöhnungen,
alte Cardinäle vergessen, dass die Aerzte sie längst aufgaben, sie werden jung,
haben keine Gicht und keine Wassersucht mehr, die Frivolen werden fromm, die
Frommen weltlich - ... Welche Gedanken würden sichtbar werden, wenn diesen
Cardinälen (siebzig sollen es sein - nach der Zahl der Aeltesten der Stämme
Israels), die im Sanct-Peter die Messe um Erlangung des Heiligen Geistes für die
Neuwahl hören, die Decke der demütig gesenkten Häupter gelüftet würde! ... Nun
ziehen sie feierlich in den Quirinal und finden da die wunderlichsten
Holzverschläge für sich hergerichtet ... Schon haben tagelang die Maurer alle
Tore des Palastes ausser einem einzigen vermauert, schon sind mindestens
zweihundert Fenster in ihren Fugen mit Kalk und Mörtel verstrichen ... Die
vierzig oder funfzig anwesenden Wähler leben ohne frische Luft, wie ebenso viel
Mönche, und so lange abgesperrt von der Welt, bis der Geist der Erleuchtung zum
Siege, zur richtigen Stimmenzahl geholfen hat ... Sie leben in
schnellgezimmerten, auf die langen Corridore verpflanzten Zellen, die aussehen,
wie Messbuden ... Jede hat ein kleines Fenster auf den Corridor ... Die unbequeme
Lage ist peinlich und unterstützt die Neigung, einig zu werden ... Hass und
Abneigung schwinden mit dem Druck der Entbehrungen ... ... Fefelotti's Pracht-
und Bequemlichkeitsliebe, eingesperrt in einen solchen weihnachtlichen
Hirtenstall! Fefelotti ohne die Hülfsmittel - nur allein seiner Toilette! ...
Der einzige Cardinal Vincente Ambrosi und einige Ordensgenerale mochten wenig
den Unterschied von ihrer gewohnten Lebensweise spüren ...
    An dem Haupttor, gegenüber den Rossen des Monte-Cavallo, sind vier
Oeffnungen mit Drehrädern angebracht, durch welche die Speisen eingeschoben
werden ... Die Massen des Tag und Nacht ringslagernden Volkes sehen es wohl -
Fefelotti entbehrt kein einziges seiner Leibgerichte; die verdeckte Tragbahre
verbreitet den köstlichsten Duft ... Aber der seiter Allmächtige muss sich
gefallen lassen, dass ein mit der polizeilichen Controle des Conclaves seit
Jahrhunderten betrauter Fürst Chigi jede Pastete mit eigener Hand aufschneidet
und sich überzeugt, ob sie im Füllsel nichts Geschriebenes entält, keinen Brief
vom Staatskanzler des Kaisers von Oesterreich, keine Mahnung aus Frankreich oder
Spanien, kein Billet einer Verehrerin, die auf dem Corso Francesco
angstklopfenden Herzens wohnt und Mittel und Wege sucht, mit den heiligen
Holzverschlägen in Verbindung zu bleiben und die Stimmen zu addiren, ja von
aussen her den Cardinalbischof von Ostia mit dem Cardinalgeneral der Kapuziner,
den Cardinaldiakon der Santa-Maria in Via Lata mit dem Cardinalpriester von
Santa-Maria della Pace zu versöhnen ... Hülfe, Hülfe - durch die fremden, noch
nicht angekommenen Cardinäle! schrieb Fefelotti in einer mit der Gräfin Sarzana
verabredeten Chiffreschrift, die aus Compotkirschkernen, Geflügelknöchelchen und
andern Resten seiner Mahlzeit bestand ... Die Antworten erteilte ihm die Gräfin
und manche andere seiner Angehörigen unter der Etikette jener Weine, die ihm
nicht vorentalten werden durften ... Fürst Chigi betrachtete jede Flasche am
Lichte, ob sich nicht im Burgunder vielleicht unterm Kork ein verdächtiges
Telegramm befand - die Etiketten abzureissen unterliess sein Mitleid mit einem
Manne, der nicht einerlei Wein geniessen konnte und ohne Etikette vielleicht die
Sorten verwechselte - ...
    Anfänglich hatte der gottselige, heiligstrenge Sinn des Hüters der
Katakomben und Reliquien, des Cardinals Vincente Ambrosi, des geheimnisvollen
Flüchtlings vor dem Eremiten von Castellungo, des Beichtvaters der kleinen
Olympia Maldachini, des Gefangenen im Kerker des heiligen Bartolomäus von
Saluzzo und des dem Erzbischof von Coni seit sieben Jahren innigstverbundenen
Freundes die allermeisten Hoffnungen ... Aber eigentümlich, wie selbst die
Frommsten und Trefflichsten unter den heiligen Wählern nicht ganz der Meinung
leben, dass der zu Wählende ein durchgreifender Reformator sein müsse ... Man
wollte denen, die nur einen politischen Kopf, einen Lenker des Kirchenstaats,
einen Politiker im Geist der Cabinete Neapels und Modenas begehrten, ebenso
wenig das Feld räumen, wie einer kleinen Anzahl, die überzeugt war, es müsste ein
Freund der neuen politischen Ideen, der Hoffnungen Italiens gewählt werden ...
Die Verwirrung wurde die grösste ... Darin aber waren alle, jetzt wie immer,
einig, dass der Stellvertreter Christi ein Mittelwesen zwischen Hart und Weich,
zwischen Strenge und Milde sein müsste - Nicht zu heilig und nicht zu weltlich -!
Nil humani a me alienum! die Losung ... Fefelotti täuschte sich indessen
gründlich ... Bei jedem Scrutinium schmolz seine Stimmenzahl ... Auf die besten
Freunde war kein Verlass mehr ... Fefelotti legte sich ins Bett, um durch
Abwesenheit zu schrecken; dann, als dies Mittel fehl schlug, erklärte er sich
für in Wahrheit krank, so krank, dass man ihn nach Hause tragen sollte - nach der
Praxis früherer Wahlen war das eine erwägenswerte Empfehlung - denn um so
schneller machte er einem Nachfolger Platz ... Vergebens - Die Cardinäle lachten
- Fefelotti regierte draussen die katolische Christenheit, aber nicht mehr fünf
Stimmen im Conclave und er bedurfte zwei Drittel aller Stimmen! ...
    Seit sieben Jahren war Cardinal Vincente Ambrosi aus seiner früher im
Mönchsgewand so passiven Rolle mit überraschender Energie herausgetreten ... Er
hatte die Hoffnungen aller seiner Protectoren getäuscht ... Schon vor sieben
Jahren hatte der junge Cardinal mit Entschiedenheit Bonaventura's Partei
genommen und diesem kurz vor Lucindens Einsegnung in der Apostelkirche mit
unverhohlener Freude die Botschaft einer Genugtuung gebracht, die ihm der
Heilige Vater mit Einsetzung auf Fefelotti's verlassenen Hirtensitz schenkte ...
Ambrosi, nun schon graulockig, aber immer noch der »Ganymed unter den
Cardinälen« genannt, trat bei allen Gelegenheiten hervor, wo irgendein Misbrauch
abgestellt oder wenigstens öffentlich gerügt wurde ... Er sowol wie der
Erzbischof von Coni, dann ein neuer General der Dominicaner, auch der General
der Teatiner und mehre erste Pfarrer Roms, galten für mutige Kämpfer gegen die
Herrschaft der Jesuiten ... Nachdem noch selbst Cardinal Ceccone gegen sie
gestritten hatte, war mit Fefelotti Schule, Haus, Kirche, diesseitiges und
jenseitiges Leben dem Al-Gesù gebunden in die Hände gegeben worden ... Man trug
zwar ruhig, man beugte sich dem Joch Fefelotti's, das schwerer noch drückte, als
das Ceccone's; im Conclave aber hörte plötzlich alle Verstellung auf ... Da
zitterten die Mächtigen, da erhoben sich die Schwachen ... Nehmt Ambrosi oder -
mich! donnerte der lange weissbärtige, kahlköpfige General der Kapuziner, ein mit
kaustischem Witz begabter Greis ... Sich selbst zu empfehlen, seine eigenen
Tugenden zu preisen ist im Conclave durchaus erlaubt ... Das wispert dann nachts
auf den langen Corridoren ... Da schleichen die schlaflosen Greise von Tür zu
Tür; da wird geflüstert und hoch und teuer geschworen und Vorteile werden
versprochen und die Stimmen schon für künftige Aemter und Einnahmen ver- und
erkauft ... Ambrosi hatte bereits zwanzig Stimmen und bot sie dem General der
Kapuziner ... Darüber geriet das Conclave in Entsetzen ... Der? hiess es. Ein
neuer Sixtus V., der Rädern und Köpfen zur Tagesordnung macht! Nimmermehr!
scholl es durch die Bretterwände und verdriesslich legte sich nun auch dieser
Alte ins Bett und brummte: Wählt wen ihr wollt! ... Als er sich bald in sein
Schicksal gefunden hatte, pochte der General der Dominicaner, der die Jesuiten
über alles hasste, an seine Tür und bat: Bruder, wollt Ihr denn das Feld
verlassen? Wählen wir doch wenigstens einen, der uns vom Al-Gesù befreit! ...
Der alte Kapuziner erwiderte: Ihr seht ja, wie sie ihm alle verkauft sind! Aber
ihr habt Recht! Wollen wir nicht ganz erliegen, schlagt eine Tabula rasa vor,
einen Menschen, von dem bisher nichts gesprochen wurde! Einen Menschen, der
unter uns ist und den Niemand kennt! Geht alle Namen durch und von wem ihr nicht
wisst, ob er Jesuit oder Carbonaro oder Teologe oder Heide ist, den ruft durch
Inspiration aus! ... Das Ausrufen durch Inspiration ist eine eigentümliche
Wahlmetode; mitten im Debattiren, Beten, Singen springt plötzlich ein
Inspirirter auf und ruft: N.N. soll es sein! ... Diese an Luft, Bewegung, ihre
häusliche Ordnung gewöhnten Greise sind durch ihr gefangenes Beisammenleben und
die stete Spannung dann so nervenerregt, dass solche Rufe zuweilen Erfolg hatten
und unter Scenen krankhafter Verzückung Wahlen durch Acclamation zu Stande kamen
...
    Der Kapuziner kannte selbst keine solche Tabula rasa ... Aber General
Lanfranco kannte eine ... Es gab einen der jüngern Cardinäle, der während aller
dieser nun schon mehrtägigen Kämpfe der eingesperrten Priester wenig gesprochen
hatte und als Erzbischof aus der Provinz den meisten unbekannt geblieben war ...
Jeder dieser Gepurpurten hatte schon eine lange Chronik seines Lebens, der
heilige Cardinal der Katakomben die allbekannteste - ... Von diesem aber wusste
man nur, dass er einem Grafengeschlecht in einer kleinen Stadt an der nördlichen
Meeresküste, dem Schauplatz der Taten Grizzifalcone's, angehörte, in seiner
Jugend an dem Uebel der fallenden Sucht gelitten hatte, darum sowol vom Eintritt
bei der päpstlichen Nobelgarde, wie anfangs vom Priesterstande abgewiesen wurde,
dann in die besondere Pflege vornehmer Frauen geriet und durch deren Betrieb
endlich auch zum Priesteramte zugelassen wurde. Durch das Gebet der Fürstin
Colonna verlor er jene Krankheit ... Vollends verlor er sie durch eine Seereise,
eine Reise nach Amerika ... Zurückgekehrt erklomm er eine Würde nach der andern
und um Rom hatte er sich als Erzbischof von Spoleto das besondere Verdienst
erworben, dass er einen Revolutionshaufen unter Anführung Louis Napoleon's durch
Zahlung von 6000 Scudi an den Freund desselben, Sebregondi, von ihrem Marsch auf
Rom zurückgehalten haben soll1...
    Der Erwählte fiel in Ohnmacht, als auf begeisterte Empfehlung Ambrosi's und
der beiden Generale aus dem Scrutinium mit der vollen Stimmenzahl sein Name
hervorging ... Beinahe hätte sich gezeigt, dass das Gebet der Fürstin Colonna und
die Seereise noch nicht die volle Wirkung erlangt hatten ... Alle musste es
rühren, dass, nachdem man sich zugeflüstert hatte, in der ewigen Stadt wäre einst
ein Jüngling verzweifelnd am Strande der Tiber auf- und niedergegangen in der
Absicht sich in die Wogen zu stürzen - Militär und Klerus hatten ihn um sein
bemitleidenswertes Körperleiden abgewiesen - nun das Schicksal in dieser selben
Stadt die dreifache Krone auf sein Haupt hob! ... Der Erwählte erholte sich in
den Armen Ambrosi's und der Ordensgenerale; man legte ihm die Kleider seiner
neuen Würde an und nannte ihn der Welt und zeigte ihn den Völkern ...
    Dem Stuhl Petri, sagt man, naht sein Verhängnis ... Diesmal erst hatte ihn
ein Anhänger jener Partei bestiegen, die damals in Bertinazzi's Loge vom
Kohlenbrenner - es war Pater Ventura - die der Phantasten genannt wurde ...
Durch den Patriarchen von Rom sollte vorerst nur Italien erlöst und die
katolische Christenheit über das allen Völkern ihre Freiheit raubende Wirken
der Jesuiten beruhigt werden ... Liebenswürdig ist der Eindruck jedes guten und
gläubigen Willens ... Wie im rosigen Lichte schwimmt noch jede auf ihn gesetzte
Hoffnung ... Will sie scheitern, so müht sich die edle Absicht, ihr den Sieg zu
erleichtern, wirft aus dem zu schweren Fahrzeug Ballast über Ballast, will nur
das Glück, nur den Erfolg, nur den Sieg, den ewigen Sonnenschein ... Umrauscht
vom jauchzenden Zuruf der Völker hebt sich dann die Brust und wagt und wagt und
wofür sonst jeder Wille gefehlt haben würde, doch wird es vollzogen; Vertrauen
heisst die Hand, die den Zagenden weiter und weiter führt; schon kann er das
Läuten der Glocken, die Freudenfeuer, die donnernden Salven der Geschütze, das
tausendstimmige Hoch der Liebe nicht mehr entbehren ... Der neue Zauberer
vollzog das Verhängnis eines Wundertäters von grösserer Macht, der über die
Geschicke der Menschen tront ... In der Tat brachte nach Italien die erste
Botschaft vom Evangelium der Freiheit - ein Papst ...
    Doch es war und blieb - eine phantastische Wahl! ... Ein junger Student, ein
Graf, ein neugekleideter Priester hatte einst auf dem Marktplatz zu Sinigaglia
nachts seine Predigten gehalten, unter freiem Sternenhimmel umgeben von
erleuchteten, mit Tausenden von Menschen geschmückten Fenstern, an einem
improvisirten Altar, auf dem im Augenblick, wo in poetischen Bildern von seinem
beredten Munde das Fegefeuer geschildert wurde, eine grosse Schale von Spiritus
angezündet wurde, sodass hoch die blaue Flamme aufschlug und den Platz, die
Fenster, das Antlitz aller Hörer geisterhaft beleuchtete2... Nun aber schlugen
freilich andere Flammen auf ... Erst wurden die Kerker geöffnet, die Verbannten
zurückgerufen ... Bertinazzi hatte bis dahin auf der Engelsburg geschmachtet; er
wurde im Triumph durch die Strassen gezogen ... Die wenigen, die sich damals, als
Benno gefangen genommen wurde, durch eine Versenkung retteten - Graf Sarzana
hatte zu ihnen gehört, Benno hatte sich in dem Leichenbruder nicht geirrt -
waren grösstenteils nach England geflüchtet und kehrten nun zurück ... Auch
Sarzana, der, wie man sagte, »aus Misverständniss« der Mörder Ceccone's geworden,
kehrte heim - Benno dachte oft an sein stilles Tibergespräch mit dem
Unheimlichen »über die misverständlichen Morde zur Cholerazeit« - ... Die
Herzogin von Amarillas, die Fürstin Rucca, auch Cäsar Montalto kamen von London
... Rom war überfüllt mit Fremden, mit Flüchtlingen, Entusiasten ... Die
Freudenbezeugungen, die Feste, die Ovationen nahmen kein Ende ... Waren es doch
- - die Teaterflammen vom Markte zu Sinigaglia -? ...
    Anfangs machten sich die Ereignisse von selbst ... Es gibt Zeiten, die ohne
Hinzutun von Menschenwitz nur die Additionen der Vergangenheit sind ... Das
Anatem, das über so vieles bisher geschleudert worden, wurde ihm jetzt von
selbst zum Segen ... Nicht bloss die Eisenbahnen wurden von dem Bann der
Gottlosigkeit, der auf ihnen ruhen sollte, befreit, nicht bloss die von Rom als
Teufelswerk verworfene Gasbeleuchtung; nicht bloss die »materiellen Fortschritte
des neunzehnten Jahrhunderts«, wie Tiebold mit Satisfaction sagte, wurden
anerkannt ... Pater Ventura - General der Teatiner - predigte und entflammte
das Volk auf offener Strasse mit noch viel weiter greifenden Aufklärungen über
die neue Zeit ... Im Coliseum, wie Klingsohr einst verlangt hatte, sprach
Ventura's flammende Beredsamkeit und erläuterte den Römern, was ihrer geringen
Bildung zu begreifen fast noch versagt war ... Ein Fuhrmann aus Trastevere,
Brunetti, der jene Schenke liebte, wo Benno damals den Orvieto getrunken, ein
Freund des Wirts, dessen Weinkeller mit dem Bertinazzi's in Verbindung stand
und damals die Flucht eines Teils der Verschworenen ermöglichte, Retter des
»Kohlenbrenners«, des Grafen Terenzio Mamiani, des Advocaten Pietro Renzi, die
alle bei Bertinazzi zum »jungen Italien« geschworen hatten, schwang sich auf
seinen zweirädrigen Karren und wurde ein so beliebter Volksredner, dass sein Ruf
als »kleiner Cicero« (Ciceruacchio) durch die Welt erscholl ... Freisinnige
innere Reformen wurden versucht ... Der alte Rucca, ohnehin entsetzt über die
Rückkehr seiner Schwiegertochter aus London, wo sie fast das ganze Vermögen
ihres Onkels, des Cardinals, vergeudet hatte, verlor die Pacht her Zölle, die
ihm Fefelotti bereits für den ganzen Kirchenstaat verschafft hatte ... Der
Schrecken und der Widerspruch der Cardinäle, die Besorgnis der Gesandten wurde
durch vorsichtige Allocutionen niedergehalten ... Die Amnestie fand ihre
unbeschränkte Ausführung ... Aus Beetoven's »Fidelio« kennt ihr jene rührenden
Züge von Staatsgefangenen - Schaaren, zerlumpt, verhungert, hohläugig, gingen so
aus den überfüllten Kerkern hervor ... Das Volk holte sie im Triumph, hob sie
auf Wagen, schmückte und bekränzte sie ... Bürgerwachen wurden gebildet ... Ja
eine Aussicht auf eine Repräsentativverfassung zeigte sich, als eines Morgens
ein Dekret die Vorstände der Provinzen aufforderte, Männer des öffentlichen
Vertrauens zu bezeichnen, die die Regierung in den notwendigen Reformen des
Kirchenstaats durch Rat und Tat unterstützen sollten ... Die Bewegung griff
weiter und weiter ... In der Tat bewährte sich, wie noch die Welt durch Rom
getragen und regiert wird ... Mit dem, wie sonst im Schlechten, so hier im Guten
sich gleichbleibenden Zauber Roms griff die Bewegung über Italien hinaus,
stürzte den Julitron, rief in Frankreich die Republik hervor, brach die
Knechtschaft Deutschlands, verjagte den Staatskanzler, entfesselte alle Völker,
die in unnatürlicher Zusammenkoppelung zu dynastischen Zwecken mit Aufgebung
ihrer eigenen Nationalität um so weniger länger leben mochten, als gerade die
zunehmende Förderung der Volksbildung an nichts anderes zunächst angeknüpft
hatte, als an die Erhebung des Sinns für Sprache, Geschichte, eigentümliche
Volkslebensart ... Auch Dalschefski und der nunmehr ganz zusammengegangene,
mumienhaft vertrocknete Luigi Biancchi kamen vom Spielberg herunter und Resi
Kuchelmeister weinte in ihren Armen ... Auch sie gingen nach Rom, wo aus London
Marco Biancchi eintraf - Napoleone blieb bei seinen Gipsfiguren, bei seiner
Giuseppina, seinen Kindern und Ersparnissen in Deutschland und ohnehin war er
mit seiner Tochter Porzia Hedemann gespannt. Sie hatte sich nicht bereit finden
lassen, in Witoborn ein Depot für seine Heiligen zu übernehmen ... ... Da aber
bangte dem nächtlichen Schwärmer vom Marktplatz zu Sinigaglia - ... Die blaue
Teaterflamme war ihm wider Willen zu einem Fegefeuer schon hienieden für Gut
und Böse geworden ...
    Grösser und grösser wurde der Druck der Mahnungen von Fürsten und
Staatsmännern auf den Träger der dreifachen Krone ... Immer weiter griff der
Zwiespalt im geheimen Consistorium ... Fefelotti, das Al-Gesù, dessen Bewohner
sich beim ersten Anbruch der grossen Veränderungen geflüchtet hatten (die
jesuitischen Rundhüte sind seitdem ganz in Italien abgeschafft und eckige
geworden wie die Hüte aller andern Priester), alle Vertreter des geistigen und
weltlichen Despotismus suchten den dreifach gekrönten Schwärmer zur Besinnung zu
bringen ... In der Tat stutzte er ... Seine Wonne war zu sehr nur die äussere
Acclamation gewesen ... Diese blieb schon zuweilen aus; der tausendstimmige Mund
des Volks schwieg zuweilen bei seinen Segnungen und solche Kränkungen wurzeln im
Gemüt eines Mannes, der, wie alle Italiener, den Beifall liebt ... Schon
schmollte er zuweilen ... Er fand Freunde und Freundinnen, die sein Schmollen
für gerecht nahmen ... Noch nannte er seine Erfahrungen die gewöhnlichen
Belohnungen des Undanks ... Mit der Zeit vergrösserte sich die Zahl derjenigen,
die mit ihm nicht gern in der Minorität standen ... Endlich sollte gar sein
kleines Heer zu den Kämpfern stossen, die Oesterreich gegenüber mit den Waffen
behaupten wollten, was bisher nur in Liedern gesungen, in Declamationen
gesprochen worden ... Da fing die Hand, die die Fahnen zum Unabhängigkeitskriege
segnen sollte, zu zittern an ... Die Zeit der Dictatoren, der Consuln und
Tribunen Roms mit dem ganzen Gefolge der Demütigungen des geistlichen Primats
schien im Anzuge ... Nun rief der Heilige Vater vom Balcon des Quirinal herab:
»Gewisse Rufe, die nicht vom Volke, sondern von wenigen herrühren, kann ich,
darf ich, will ich nicht hören!« ...
    Es sanken die Fahnen der Erhebung Italiens gegen Oesterreich ... Die von
Sardinien erhobenen Banner mit dem weissen Malteserkreuz zersplitterten ... Das
»Schwert Italiens« brach in Stücke ... Das hatt' ich nimmermehr gewollt!
erklärte der Zauberer aller dieser Stürme; Prospero, der Beherrscher der Winde,
ging zum Sieger über ... Er dachte noch nicht wieder an Fefelotti, den er hasste;
noch bot eine starke Hand, die den Nachen Petri retten sollte, Pellegrino Rossi
... Als dieser vom Dolch eines Mörders durchbohrt, der Vatican von einer
Revolution belagert wurde, Kugeln in die Gemächer des Stellvertreters Christi
flogen - da verkleidete sich der Ueberwundene in den Diener eines deutschen
Grafen, täuschte seine Wächter und überliess die ewige Stadt ihrem Verhängnis,
den Siegern, den Bertinazzis, Venturas, Sarzanas, allen denen, die auf Kruzifix,
Todtenkopf und Rosenkranz geschworen hatten für eine Sache, der sie jetzt auf
dem Capitol als Rächer sassen - Sarzana, das wusste jetzt alle Welt, hatte an
Ceccone die geheiligte Rache eines Italieners geübt ...
    Rom war eine Republik geworden und stand unter dem Bann der kirchlichen
Excommunication ... Die Stadt selbst kümmerte die Ungnade des Himmels wenig; -
in einem mit Priestern und Mönchen überfüllten Lande fanden sich Hände genug,
die die notwendigsten Sakramente erteilten ... Das »Schwert Italiens« rüstete
sich am Fuss der Alpen zu einem zweiten Gange ... Viele Flüchtlinge der Staaten,
wo die frühere Ordnung schon wiederhergestellt war, strömten nach Rom ... Cäsar
von Montalto - Italiener geworden - nach manchem bittern Seelenkampfe - nun
schon mit ergrauendem Haar, fehlte nicht unter denen, deren Namen bei
Wahlversammlungen und Ehrenämtern auftauchten ...
    Alles das verlautete nach und nach bis zum Genfersee - dann aber nach Nizza
hin, wohin man von Schloss Bex in der Tat übersiedelte ...
    Monika hätte sich anfangs selbst in diese Bewegung stürzen mögen ... So
vieles sah sie, was, bei aller Uebereinstimmung, doch noch, nach ihrer Meinung,
anders, besonnener, vorsichtiger hätte unternommen sein können ... Jener Trieb,
der 1793 eine Manon Roland in den Rat der Männer und aufs Schaffot führte, regt
sich in grossen Krisen bei jeder Frau von Geist - und keine grosse Begebenheit der
Geschichte ist ohne die Mitwirkung der Frauen geblieben ... Aber die Besorgnis
um den Gatten, die Rücksicht auf den dahinsiechenden Hedemann, die Gewöhnung an
die biblischen Auffassungen der Ergebung in den Ratschluss Gottes hinderten die
Ausführung der sich anfangs wirr durchkreuzenden Entschlüsse, die zuletzt nur am
Ziel einer Entäusserung des Schlosses Bex anlangten ...
    Als die Franzosen der Republik gegen die Republik Rom zogen, sah die Familie
von Nizzas Molo aus die leuchtenden Segel ihrer Flotte ...
    Nizzas mildes Klima war für den Winter dem leidenden Freunde von einigem
Nutzen gewesen ... Der Oberst und Monika verschlangen die Zeitungen des Café
Royal ... Armgart hatte sich dem Zeichnen und Malen ergeben und hörte aus der
Welt nur das Allernotwendigste ... Sie wohnten in einem Gartenhause, nicht weit
vom Ufer des Meeres ... Tag und Nacht vernahmen sie den gleichmässigen Schlag der
Wogen an das Gemäuer der Meerterrasse ... Einen Winter gab es hier nicht ...
Selbst im Januar konnte Armgart im Freien, unter dem immergrünen Laub von
Lebenseichen ihre kleinen Landschaftsskizzen ausführen, während Erdmute,
Porzia's Kind, um sie her auf den mit zerbröckeltem Marmorkalk bestreuten Wegen
zwischen den buchsbaumumfriedigten Beeten des kleinen Ziergartens sich tummelte
... Armgart hörte, dass in Rom drei Männer das Heft in Händen hielten, Terschka's
früherer Beschützer, nach dem Untergang der Bandiera entschiedenster Gegner
Mazzini, mit ihm Saffi und Armellini ... Graf Sarzana befehligte einen Teil des
Heeres ... Oft wurde Cäsar Montalto genannt - einmal als Befehlshaber einer
Truppenabteilung, die in den Umgebungen Porto d'Ascolis eine Gegenrevolution
unterdrückte; die Räuberelemente wurden noch immer benutzt, um den gestürzten
Machtabern als Anhalt zu dienen und an andern Orten wurde, eine Veranstaltung
derselben Intrigue, der Fanatismus bis zur Schreckensherrschaft gesteigert -
Opfer über Opfer fielen dann unter den Dolchen dieser wahnsinnig Gemachten oder
Erkauften ... Alles das waren bekannte Stratageme aus dem geheimen, allerdings
ungeschriebenen, aber praktisch vorhandenen Codex der Monita secreta Loyola's
...
    In diese Schrecken der aufgeregten Leidenschaft donnerten nun die Kanonen
der Belagerung Roms ... Die Höhe, bis zu der die Bewegung durch Rom gekommen,
sollte selbst in den Augen der französischen Republik aufhören, die sich schon
für den Uebergang zum Kaiserreich rüstete ... Wir kommen als Freunde! riefen die
Abgeordneten der Franzosen - aber Rom antwortete durch eine Rüstung zum Kampf
auf Leben und Tod ... Avezzana, Garibaldi, Sarzana befehligten ... Der Kampf
entbrannte an der Porta San-Pancrazio zu einer Schlacht ... Die Römer siegten
... Die Franzosen, ohne Entusiasmus für ihre Aufgabe, zogen sich zurück ... Vom
Norden kamen die Heersäulen Oesterreichs, vom Süden die des Königs von Neapel
... Spanier landeten und die Franzosen erhielten Verstärkung ... Vergebens rief
das römische Triumvirat: »Ein fester Zug waltet im Herzen des römischen Volkes:
der Hass gegen die Priesterherrschaft, unter welcher Form sie auch auftrete, der
Widerwille gegen die weltliche Herrschaft der Päpste!«3... Der Kampf entbrannte
aufs neue ... Die Franzosen nahmen die Villa Pamfili und die Villa Corsini ...
Garibaldi stürzte sich mit seiner italienischen Legion auf die letztere und liess
sie wieder im Sturm angreifen ... Drei Stunden der äussersten Anstrengung und es
gelang, die Franzosen von den Wällen zu vertreiben, zwölfhundert Todte bedeckten
das Feld; wieder war der Sieg den Belagerten geblieben ... Aber die Uebermacht
war zu gross; nicht endender Kanonendonner verwirrte die Gemüter; glühende
Bomben flogen bei Tag und bei Nacht, die Luft war ein Feuermeer; unter
Schrecken, die dem entsetzten Volk dem Weltuntergang gleichzukommen schienen,
liessen sich über Rauch und Trümmern die ersten Franzosen in der Stadt sehen ...
Am 2. Juli empfing Oudinot die Capitulation ...
    Noch vor diesem Tage, während sich das blutige Schauspiel des untergehenden
republikanischen Roms vollzog, hatte sich die Aufregung der Gemüter nicht
länger in Nizza beruhigen können ... Der Aufentalt daselbst war ohnehin im
Sommer zu widerraten. Trockene scharfe Winde wehen von den Alpen her, die Luft
ist heiss, spärlich die Erquickung des Schattens, der kreidige Boden setzt einen
dem Atem beschwerlichen beizenden Staub ab - die kleine Colonie suchte sich
durch Ausflüge in die Berge zu helfen, suchte die kühleren, von einer üppigen
Vegetation geschmückten Schluchten der Cimiés auf - aber das Steigen ermüdete
Hedemann ... Blieb er auch meist daheim und atmete die Blumendüfte zahlloser
Gärten, wo allabendlich Tausende von Orangeblüten frisch gebrochen in die
Fabriken künstlicher Duftgewässer getragen werden - alles das, was man von
Schönheit und Wohlbehagen als Grund zum Bleiben sich einredete, half zuletzt
nichts, um die grosse Vereinsamung der Gemüter zu verbergen ... Nun schrieben
Paula und ihr Gatte von Gräfin Erdmutens zunehmender Schwäche, von einer
bedenklichen Erkrankung, bevorstehender Auflösung, vom dringendsten Verlangen
der Gräfin, sie alle noch einmal zu sehen - nun beschloss man, die bisher
aufrechterhaltenen Ueberzeugungen über die Schwierigkeit dieser Begegnungen,
alle Gründe dieses gegenseitigen langen Vermeidens zu durchbrechen und die Reise
anzutreten ... Paula war von ihrem magnetischen Leben befreit ... Was die Nähe
des Erzbischofs nicht mehr hervorrief, konnte doch wohl nicht mehr der Oberst
wecken ...
    Zu den Beweggründen der Reise gesellte sich ein nicht zu unterdrückendes
Interesse für Benno von Asselyn ... Bellona's Sichel war in mächtiger Arbeit ...
Graf Sarzana befand sich bereits, hiess es, unter den Gefallenen ... Benno's
Schicksal wurde selbst in Paula's Briefen für eine gemeinsame Sorge erklärt ...
Armgart irrte oft einsam wie die Möve am Meeresstrand ... Entsagt ein
Frauenherz, so bildet sich mit den Jahren ein Cultus des Gemüts, der unbewusst
die Rechte auf sein Verlorenes übertreibt, ja sich das, was nie besessen und
genossen, wie ein wirkliches, ein volles Glück ausmalt ...
    Und so erklomm denn jetzt die kleine, aus so eigentümlichen Elementen
bestehende Colonie den Col de Tende ...
    Sie alle trugen über die Felsen hinweg eine Welt voll Trauer ... Ihr
Innerstes war schwerbeladen und doch schienen sie am Nächsten interessirt ... An
Steinen, an Blumen, am Plaudern des Kindes ... Weiss man denn, was von den
Fähigkeiten unserer Natur mehr zu hassen ist, die schnelle Gewöhnung an Glück
oder die schnelle Gewöhnung an Unglück! ...
    Nun ist die Höhe erreicht ... Aber der niederwärtsgehende Weg blieb noch
unabsehbar bis zu den grünen prangenden Tälern, die erwartet werden durften ...
    Kahle und öde Gesteine ringsum ... Einsame Sennerhütten wechseln mit
Holzschuppen, Zufluchtstätten des Wanderers im Wintersturm ... Mächtige Steine
müssen an ihnen die Schindelbedachung gegen die Stürme festalten ... Zwischen
Felsen und Wasserstürzen, oft wunderbaren Lichtungen, wo überrascht der Blick
bis in die Cottischen Alpen hinüberschweift, zwischen Resten alter Römerbauten
und zerbrochenen Schlössern der rauhesten Zeit des Mittelalters hindurch, war
dann endlich gegen Mitternacht das Städtchen Limone erreicht ...
    Hier überraschte die Reisenden Graf Hugo, der die Aufmerksamkeit gehabt
hatte, ihnen entgegenzukommen ... Er kam ohne Paula ... Der alte freundliche,
herzliche Ton der Bewillkommnung half sogleich über die lange Reihe von Jahren
hinweg, wo man sich nicht gesehen hatte ... Armgart und der Graf sahen sich
sogar zum ersten mal - Sie staunten einander an ... Das ist das Grosse im
Menschen - zwei erdgeborene hülflose Wesen können sich betrachten, wie ein nur
einmal in der Welt vorhandenes Schauspiel der Natur und wie eine Begebenheit,
die so, wie in dieser Erscheinung, nirgend und niemals wiederkehrt ...
    Nach einer Versicherung des Grafen, dass die Mutter noch einige Tage leben
würde, überliessen sich die Ermüdeten dem aufgetürmten Maisstroh in einem
Wirtshause, das - in Limone! - den Namen führte »Grand Hôtel de l'Europe« ...
 
                                    Fussnoten
1 1831.
2 Préliminaires de la Question Romaine. London 1860.
3 Note an Lesseps vom 16. Mai 1849.
 
                                       4.
Im Widerspruch mit dem im goldensten Sonnenglanz strahlenden Limone lag am
frühen Morgen auf den Mienen der nach so langer Trennung sich Begrüssenden der
Ausdruck der Trauer ... Die Ankömmlinge sahen wohl, dass den Grafen gestern nur
die Besorgnis, die von seiner Mutter so heissersehnten Freunde möchten nicht mehr
rechtzeitig eintreffen, bis nach Limone getrieben hatte, von wo er über den Col
Stafetten aussenden wollte, als sie dann endlich ankamen ... In erster
Morgendämmerung hatte ein reitender Bote den Wink des Arztes gebracht, dass seine
eigene Rückkehr zu beschleunigen war ...
    Graf Hugo hatte gealtert ... Sein braunes Lockenhaar war lichter geworden
und an vielen Stellen ergraut ... Die stattliche Haltung war der
zurückgebliebenen Gewohnheit seines militärischen Standes zuzuschreiben; seiner
Stimmung entsprach sie nicht ... An seinen Antworten auf Monika's Bewunderung
der entzückenden Gegend sah man, dass Schloss Castellungo ein Ort der Trauer war
... Auch Paula war, erfuhren sie, von Coni, wo sie wohnte, heraufgekommen und
harrte ihrer in Castellungo ...
    Der italienischen Sitte gemäss, wo Rang und Reichtum ihren äussern Ausdruck
finden müssen, fuhr mit dem Reisewagen des Obersten auch ein Staatswagen, ein
Viergespann prächtiger Rosse vor und erlaubte die Teilung der Gesellschaft ...
Obgleich sich Armgart zum Grafen hingezogen fühlte, blieb sie doch bei den
Hedemanns ... Monika, der Oberst, Graf Hugo nahmen die Plätze der offenen grossen
Equipage ein, die von einem buntgekleideten Kutscher vom Sattel aus geführt
wurde ... Zwei Bediente leuchteten in neuen Livreen mit den Dorste'schen Farben
... Man konnte sich nach Westerhof versetzt glauben, wenn die schöne Natur und
der blaue Himmel nicht zu sehr an die Glückseligkeit Italiens erinnert hätte ...
    Die Gespräche ringsum, schon im Gastof und im Städtchen, berührten auch die
Weltbegebenheiten ... Armgart hatte gehört, dass die Kämpfe in Rom zwar noch
fortdauerten, aber schon für die Republik hoffnungslos waren ... An einem
geheimen Blick der Aeltern sah sie, dass auch von Benno gesprochen wurde ...
Zitternd stand sie, mochte hören und auch nicht - jetzt sass sie abwesend, fast
fiebernd, auch in Folge der gestrigen Anstrengung und einer nur kurzen Nachtruhe
.... Neben ihr suchte sich Porzia, in den Wonneschauern des Wiedersehens ihrer
Heimat, durch ein Durcheinandersprechen zu helfen; sie erklärte, jedes Haus,
jede Mühle und grüsste jeden Vorübergehenden, als müsste sie noch von allen
gekannt sein ... Erdmute langte nach den Früchten, die aus den Gärten blinkten
- Armgart nahm sie auf den Schoos, um sie zurückzuhalten ... dabei schwankte sie
doch selbst vor Freude und Bangen in ihrer hochgespannten Brust ...
    Nach zweistündiger Fahrt, die unter Kastanien-und Nussbäumen, oft wie unter
dem Laubdach eines Parkes dahinging, hielt plötzlich der vorausfahrende Wagen
des Grafen ... Eine Biegung des zuweilen von rauschenden Bergwässern
unterbrochenen Weges verhinderte noch, die Ursache des Haltens zu entdecken ...
Als Armgart's Wagen näher gekommen war, sah sie unter einer Pflanzung von
Eichen, die am Wege auf einer grünen Böschung standen, eine Gruppe sich herzlich
Bewillkommnender ... Eine Dame, die, vom blauen Sonnenäter sich abhebend,
hingegeben in den Armen des Vaters und der Mutter lag und doch zugleich mit
einem weissen Tuch in die Ferne wehte, um die noch Zurückgebliebenen schon zu
begrüssen, konnte wohl nur Paula sein ...
    Im ersten Augenblick hätte Armgart laut rufen und alle ihre krampfhaft
zusammengedrängten Empfindungen in einem Schrei lösen mögen ... Ihr Wagen flog
jetzt dahin und hielt ... Der Schlag wurde geöffnet; sie schwebte, sie wusste
nicht wie ... Paula lag überwältigt in ihren Armen und senkte ihr Haupt auf die
Schultern der atemlosen Freundin ...
    Dass beide weinten, trotz der Freude - lag es nur allein im Hinblick auf die
Sterbende in Castellungo? ... Angenommen wurde es ... Ihr krampfhaftes, in
kurzen Sätzen erfolgendes Schluchzen, das beiden ihre Empfindungen erleichterte,
sagte wohl mehr ...
    Ein dritter Wagen, mit dem nun noch Paula gekommen war, nahm diese und
Armgart allein auf ... Sie wollten für sich und hinter allen zurückbleiben ...
Die andern, dabei eine Italienerin, Begleiterin Paula's, fuhren voraus ... Nun
erst begrüssten sich die Freundinnen ganz so, wie sie es für sich allein
bedurften; nun erst sahen sie, was sie inzwischen geworden - sie spiegelten sich
in ihren tränenblinkenden Augen ... Paula trug keine Locken mehr ... Sie bot
vollkommen das Bild einer Dreissigjährigen ... Sie war noch nicht verblüht, hatte
aber Linien des Grams auf ihrer Stirn und um den Mund jene Einschnitte, die
nicht mehr weichen wollen ... Ein leichter, mit blauen Florentinerblumen
geschmückter Strohhut umrahmte ihr edles Antlitz ... Die Freundinnen prüften
sich fort und fort, Auge in Auge ... Wer beide beobachtete, konnte zweifelnd
bleiben: Sind das zwei Jungfrauen oder zwei Witwen? ...
    Das also das Land deiner Verheissungen! ... Das das Land - deiner Träume ...
begann Armgart sich nun erst findend und in der immer paradiesischeren Gegend
umblickend - ...
    Der Bediente war auf die andern Wägen geschickt worden ... Der Kutscher
hatte mit seinen Rossen zu tun ... Die Freundinnen konnten annehmen, dass sie
allein waren ...
    Seit ich hier bin, träum' ich schon lange nicht mehr, erwiderte Paula ...
Ich sehe irdisch wie alle ... Die Luft dieser Berge ist gesund ... Du und die
Aeltern, alle müsst ihr nun bei uns bleiben ... Mein Gatte - sagt' er es nicht
schon? - sehnt sich freilich in die Welt zurück ... Der Kriegslärm lockt ihn
schon lange, um wieder in die Armee zu treten ... Aber - ihr bleibt ...
    Die Beziehung zu dem Lande hier war im Kriegssturm gewiss die bitterste und
schwerste? unterbrach Armgart ...
    Die Mutter glich alles aus - erwiderte Paula ... Sie war - so hochverehrt
... War! ... O, dass ihr zu solcher Trauer kommt! ...
    Und auch wir bringen Leid ... Der arme Hedemann! ...
    Paula war voll herzlichsten Anteils ... Die Freundinnen sprachen
wehmutbewegt von Westerhof, Witoborn, vom Stift Heiligenkreuz ... Neuigkeiten
gab es genug ... Vom Erzbischof von Coni war noch nicht die Rede - nur von Coni
selbst, wo Paula wohnte ...
    Coni ist zwölf Miglien von hier ... sagte sie und bediente sich der
italienischen Bezeichnung für eine Entfernung, die Armgart auf drei deutsche
Meilen zu deuten wusste ... So weit lag etwa von Heiligenkreuz Schloss Neuhof
entfernt ... Jedes Wort, das die Freundinnen wechselten, weckte heilige
Erinnerungen ...
    Paula deutete auf einen zur Linken sich erhebenden grünen Hügel, auf den
sich terrassenförmig ein Stationsweg hinaufschlängelte und oben eine kleine
Kirche malerisch vom blauen Hintergrunde abhob ...
    Die Kapelle der »besten Maria!« erklärte Paula der den landschaftlichen
Reizen schon als Künstlerin lauschen den Freundin ...
    Diese konnte in einem Augenblick, wo sie schon soviel trübe mit dem
Religionszwiespalt zusammenhängende Verhältnisse teurer Angehöriger besprochen
hatten, in dieser Hindeutung auf die »beste Maria« nur einen Anlass finden, an
das unsichtbare und ohne Bild verehrte Princip der schmerzverklärten weiblichen
Liebe überhaupt zu denken ... Sie faltete die Hände und sagte:
    Das also der Altar, wo die Cocons gesegnet wurden, die dein Brautkleid
werden sollten! ...
    Paula errötete ...
    Armgart hielt eine Lobrede auf den Grafen, rühmte den Eindruck, den er
mache, seine Natürlichkeit, seine Trauer um die Mutter ...
    Er ist gut! bezeugte Paula ...
    Das der beste Schmuck eines Mannes! entgegnete Armgart mit Andeutung ihrer
eigenen trüben Lebenserfahrung ... ...
    Nun schwiegen die Freundinnen ... Was sie fühlten, verstanden sie ja ... Ihr
Briefwechsel hatte nichts von ihren tiefern Lebenslagen verschleiert, wenn sie
auch nicht in Allem gleicher Meinung waren ...
    Die Zahl der Wegwanderer, der Fahrenden, Reiter mehrte sich inzwischen ...
Obgleich die Embleme des katolischen Cultus nicht fehlten, bemerkte doch
Armgart Landleute, die einen eigenen Ausdruck der Mienen hatten und der ihr aus
Lausanne und Genf bekannt war ... Sie forschte für sich nach Waldensern - nach
der ganzen Sehnsucht Hedemann's und ihrer Aeltern ...
    Ein Städtchen kam mit einer mächtigen, dem Ort kaum angemessenen Katedrale
... Eine hochgewölbte Kuppel ragte weit über das ganze Städtchen hinweg ...
    Das ist Robillante! sagte Paula ...
    Armgart's Augen fanden schon von selbst vor dem Tor der Stadt das
bischöfliche Kapitel ... Ein mächtiges Gebäude im Jesuitenstyl, die Kirche
daneben mit Kuppel und schnörkelhafter Façade ... Die Kirche hatte ein
Glockenspiel und intonirte soeben mit kurzem Ansatz den Schlag der zehnten
Stunde, dem dann ein Musikstück, wie eine Galopade, folgte ...
    Das war nun in Italien nicht anders ... Bonaventura hatte hier als Bischof,
erzählte Paula, die Melodie geändert ... ... Sein Nachfolger hatte wieder die
Tänze zurückgeführt ...
    Mit dieser kurzen Erwähnung waren denn auch jene Kämpfe angedeutet, die der
fremde Eindringling auf diesem Boden zu bestehen hatte ... Im letzten
Revolutionssturm hatten sie nachgelassen ... Jetzt, nach Piemonts Demütigung,
begannen sie wieder ... Auch gegen die neue, in Turin im Bau begriffene
Waldenserkirche hatte der neue Bischof von Robillante energischen Protest
erlassen ...
    Armgart's Phantasie hatte inzwischen Spielraum, sich auszumalen, wie dort
Bonaventura in dem von ehrerbietig grüssenden Priestern umstandenen, nicht
endenden Palaste wohnte und wie auch einst Benno und Tiebold hinter jenen
stattlichen Fenstern mit den Balconen und grünen Jalousieen dort von ihm
aufgenommen wurden - ...
    Die Stadt selbst wurde umfahren ... Wieder glänzte im Sonnenschein Berg und
Flur ... Nur die vielen, um der Seidenwürmer willen entlaubten Maulbeerbäume
störten den malerischen Eindruck ... Wieder folgten die Grüsse von Landleuten,
die auf Armgart einen schweizerischen Eindruck machten ...
    Waldenser! bestätigte auch Paula ... Wohlhabende Leute darunter ... Dank der
Fürsorge der Mutter ... Unsere Gemeinde hier ist nur klein - ... Die Mehrzahl
wohnt dort oben ... In den Tälern um Pignerol sind ihrer Tausende ...
    Schon suchte Armgart's Auge nach Castellungo ... Viele Schlösser gab es, die
auf den grünen Hügeln, den Vorbergen hinterwärts aufstarrender schrofferer
Felswände, leuchteten ... Paula deutete auf einen schimmernden Punkt in weiter
Ferne - eine unter einem tiefdunkeln Waldkranz hervorragende Flagge ...
    So krank die Mutter ist, sagte sie, hat sie zu eurem Empfang das Aufziehen
aller Fahnen befohlen ... Auch eure Farben und die der Hardenbergs werdet ihr
finden ... Bei hohen Festen sind alle Zinnen damit geschmückt ... Bald wird die
schwarze Trauerfahne wehen ...
    Das Gespräch kam auf die Waldenser zurück und Paula sprach von ihnen, ohne
das mindeste Zeichen der Abneigung ... Alle diese Verhältnisse umschlang hier
schon lange das gemeinsame Band der Schonung und Familienrücksicht ... Eine
Frage wie die: Wird wohl Graf Hugo nach dem Tode seiner Mutter katolisch werden?
kam nicht von Armgart's Lippen; edle Bildung scheut nichts mehr, als das
Aussprechen des Namenlosen; sie lässt das Misliche an sich kommen, ohne es zu
rufen ... Wie Paula, ihr Gatte und der priesterliche Freund in Coni
zusammenlebten, wusste ja Armgart seit Jahren aus dem Briefwechsel der Freundin
... Sie kannte, was hier im Herzen edler Menschen möglich, freilich auch nach
der Anschauung ihrer Mutter und der Mutter des Grafen ein sprechender Beweis für
die tiefe Verwerflichkeit der katolischen Kirche war ...
    Um dieser Schonung ihres Verhältnisses zu Bonaventura willen berührte auch
noch Paula nichts, was zum Unaussprechlichen in Armgart's Seele gehörte ...
Seitdem Benno ein Opfer der Dankbarkeit für Olympia geworden, hatte er
aufgehört, für diese ohnehin im Politischen nicht mit dem herrschenden Zeitgeist
gehenden Kreise anders, als in den Bildern alter Zeit zu existiren ... Der Graf
hatte schon in Limone seine alte Anhänglichkeit an Oesterreich zu erkennen
gegeben ... Die Gegend würde ihn, sagte er, in dieser anarchischen Zeit mit dem
feindseligsten Mistrauen betrachtet haben, wäre die Mutter nicht so hochverehrt
... Paula verschwieg nun auch nicht, dass sie alle anfangs dem Ruf des
Erzbischofs geschadet hätten ... Armgart erkannte an allem, was sie so
abgebrochen hörte, dass nach dem Tode der Gräfin irgendeine grosse Entschliessung
im Werke war ... Der Tod Sarzana's wurde von Paula bestätigt ... Von Lucinde,
von Cäsar von Montalto hatte man keine Nachricht ...
    Im Austausch der durch alle diese Namen und Verhältnisse hervorgerufenen
Empfindungen entdeckte man endlich die deutlichen Umrisse des sich allmählich
als Beherrscher eines dichtbevölkerten Tals und einer kleinen Ortschaft
erhebenden, aber mehr den Bergen zugelegenen Schlosses ... Wohl konnte Armgart
begreifen, wie sich Graf Hugo's Vater mit diesem Prachtgebäude hatte in Schulden
stürzen müssen ... Castellungo gehörte der Gräfin, aber ihr Gatte hatte
beigetragen, es weit über ihre Mittel zu einem leuchtenden Mittelpunkt der
reizenden Landschaft zu erheben - es war der einzige Adelssitz, der hier noch an
die Zeiten der gebrochenen Burgen der Tenda und Saluzzo erinnern konnte ...
Türme erhoben sich mit gezackten Zinnen, mit Altanen, freischwebenden luftigen
Brücken - alles hätte, ohne den düstern Flor, der auf dem Ganzen lag, einen um
so anziehenderen Aufentalt verheissen können, als die Reize der Natur, wie ihm
schmeichelnd, sich rings um den mächtigen Bau lehnten ... Eine üppige
Fruchtbarkeit, gute, freundliche Menschen, die ihre Wohnungen bis weit hinauf
über die Berggelände hatten, alles das machte den wohltuendsten Eindruck ...
    Wie schmerzlich, dass die Diener, die den auf dem bequemsten Schlängelpfade
bis zum Schloss anfahrenden Wägen entgegeneilten, schon in ihren Mienen die
angebrochene letzte Stunde der Gräfin berichteten ...
    Hedemann, nach dem die Sterbende ein besonderes Verlangen trug, stand schon
an der Eingangspforte unter den mächtigen Wappenschildern von Marmor und sah
sich in der weiten schönen Gegend und in den blumengeschmückten Höfen des
Schlosses mit einem Blick um, als wollte er sagen: Hier wirst auch du dein
letztes Lager finden! ...
    Eilends stiegen alle aus ... Bangklopfenden Herzens folgte man dem Grafen,
der Monika den Arm bot ... Paula wurde vom Obersten geführt, der sich noch
scheute, sich ihr zu sehr zu nähern ... Aber Paula's gen Himmel erhobener Blick
schien den Dank aussprechen zu wollen, dass sich ihr Leben schon lange unter die
allgemeinen Bedingungen der Natur gestellt hätte ... Fest klammerte sie sich an
den ihr sympatischen Mann - den Vater ihrer geliebten, so langentbehrten
Armgart ... Auch der Mutter warf sie nur Blicke der Liebe und Versöhnung zu ...
    Der Aufgang, das Treppenhaus, alles gab sich in hohem Grade würdig ...
Decken lagen ausgebreitet auf Marmor und Granit ... Die Diener gingen leise auf
und ab in reicher Zahl ... Die alte Gräfin hielt auf den Glanz ihres Hauses;
zumal, seitdem die frühere Entbehrung geschwunden ... Ordnung und Sauberkeit
waltete auf allen Gängen ... Die steigende Mittagshitze verlor sich in Schatten
und Kühle ... Im Schmuck der dann betretenen hohen, luftigen und hellen Zimmer
herrschte ein gewählter Geschmack ... Graf Hugo's Liebhaberei waren schon in
Salem kunstvolle Möbel und gediegene Einrichtungen ... Schon in Limone deutete
er dem Obersten an, dass ihn Langeweile nie beschlichen hätte - zu tun gäb' es
bei grossem Besitz immer und oft fehle ihm die Zeit, alles allein zu besorgen -
Schloss Salem war unverkauft geblieben und seit diesen zehn Jahren jährlich von
ihm auf einige Wochen besucht worden ... Für die Ankömmlinge, die er gern für
immer gefesselt hätte, war ein ganzer Flügel des Schlosses eingerichtet ... In
einem hellleuchtenden, säulengeschmückten Saale stand dann eine von Silber und
Krystall glänzende, gedeckte Tafel ... Hier fanden sich alle Schlossbewohner
beisammen ... Und wohl sah man, dass der Todesengel waltete ... An einer hohen,
schwarzen, reich mit Holzschnittarbeit gezierten Tür standen weinende Frauen
... Einige davon erkannten sogleich von alten Zeiten her Porzia und begrüssten
sie ... Auch Monika und Armgart fanden Bekannte, jene aus Wien, diese aus London
... Inzwischen öffnete der Graf jene schwarze Tür und bedeutete die Freunde ihm
zu folgen ... In einem Vorzimmer sollten alle so lange verweilen, bis er die
Mutter auf die endliche Ankunft derselben vorbereitet hätte ...
    Von einem würdigen Manne in schwarzer Kleidung, der ein Prediger schien,
wurden zuerst der Oberst und Monika allein hereingerufen ... Paula schloss sich
ihnen an ...
    Nach einer Weile rief Paula auch Armgart herein ...
    Dann durften Hedemann und Porzia und mit ihnen das kleine Patenkind kommen
...
    In einem grünverhangenen Eckzimmer lag auf einem Rollsessel ausgestreckt die
Mutter des Grafen, schon einem ausgelebten Körper ähnlich ... Ihre knöchernen
Hände hatte sie auf der gepolsterten Lehne des Sessels liegen ... Sie fühlte wohl
kaum noch die Küsse, die die um sie her Stehenden oder Knieenden auf die kalten
Finger drückten ... Porzia schluchzte laut - die andern schwiegen
ehrfurchtsvoll, wenn auch ihre Augen voll Tränen standen ...
    Gräfin Erdmute winkte, dass niemand wieder hinaus gehen sollte; sie wollte
sie alle in ihrer Nähe behalten ... Die Augen lagen tief in ihren Höhlen ...
Doch erkannte sie jeden ... Lichtstrahlen der Freude, dass sie Menschen, die ihr
zu allen Zeiten so wert gewesen, noch einmal sehen konnte, brachen unverkennbar
aus ihren, schon halb erstarrten Zügen ...
    Wo gehst du denn hin? sprach die kleine Erdmute, da die Gräfin ihre Rede
mit einem mehrmaligen: »Ich gehe -« begonnen hatte ...
    In einen schönen - Garten -! ... antwortete die Sterbende mühsam jede Sylbe
betonend ...
    Wol in den, in den auch der Vater geht? ... fragte das Kind und wurde um
dieser Fragen willen leise von Porzia weggezogen ...
    Aber die Gräfin langte nach ihrem Patchen und wehrte allen, ihm sein
zutraulich Fragen zu verbieten ... ...
    Hedemann stand hinter dem Stuhl der Sterbenden und verriet sein Leiden
durch seinen Husten ... Die Gräfin hatte ihn mit besonderer Teilnahme begrüsst
... Da sie ihm nun, sich nach ihm wendend, zuflüsterte: »Ei - du - frommer - und
- getreuer Knecht!« fiel er, das Wort des Kindes bestätigend, ein: »Gehe ein zu
deines Herrn Freude!« ...
    Eine Pause trat ein, unterbrochen vom Weinen Porzia's, auch jetzt vom Weinen
des erschreckten Kindes ...
    Als es stiller geworden, winkte die Matrone dem Obersten, der ihr in
Witoborn und Westerhof immer einen so vorteilhaften Eindruck gemacht hatte und
dem sie schon aus Reue über ihre Absicht, Monika mit Terschka zu vermählen,
besonders ergeben war, und sprach mit ihm ... Es währte lange, bis der Oberst
verstand, was sie wollte ...
    Wie ist es - mit - Rom? verstand er endlich ...
    Er nannte ihr mit scharfbetonten Worten die gegenwärtige Sachlage des
Kampfes ... Der Sieg der Franzosen wäre, sagte er, so gut wie entschieden ...
    Sie überlegte lange, was gesprochen worden ...
    Monika erriet ihren Gedankengang und half dem Aussprechen desselben nach
... Dieser Sieg, sagte sie dicht am Ohr der Gräfin, wird noch einmal die
Herrschaft des Heiligen Vaters wieder zurückführen - bis - einst - ...
    Die Gräfin verfiel in einen röchelnden Husten, ergänzte aber, als der
krampfhafte Anfall vorüber war, mit einer überraschenden Kraft: Bis einst die
wahren Streiter kommen ... Das ist das Lamm auf dem Berge - und mit ihm hundert
- und vierzigtausend ohne andere - Waffen - als - ...
    Nun versagte die Stimme der Gräfin und Hedemann und Monika fielen ergänzend
ein:
    Als - den Namen des Herrn ...
    Den Namen des Herrn aus Monika's Munde zu vernehmen schien der Gräfin
ausserordentlich wohlzutun ... Sie hatte früher an ihr den »rechten Grund«
vermisst, wusste nun aber aus Briefen schon lange, um wie viel die jüngere
Freundin ihr näher gerückt war ...
    Der Sohn trat heran, um die Erregung der Mutter zu beschwichtigen ...
    Die Mutter hielt seine Hand fest und sah ihm mit weitgeöffneten Augen ins
Antlitz ...
    Warum läuten die Glocken? ... fragte sie ihn feierlich ...
    Es klangen keine Glocken ... Nur im Nebenzimmer regte sich der Arzt, der
hochberühmte Doctor Savelli aus Coni, der mit einem Glase näher trat, an dem nur
so der silberne Löffel erklang ...
    Die Mutter hörte wohl diesen Klang und deutete ihn auf das Läuten von Glocken
und starrte wie ins Leere ...
    Nimm, Mutter! sprach der Graf mit liebevoller Bitte und reichte ihr selbst
das Glas dar, das kräftig und würzig duftete ... Es war die letzte Stärkung
eines von seinen Lebensgeistern immer mehr Verlassenen - edler Tokayerwein ...
    Die Mutter betrachtete das Glas und erkannte wohl, dass das dargereichte
Getränk Tokayer war ... In ihrem Ideengang unterbrochen, sah sie den Sohn mit
einem schmelzenden Liebesblick an ... Nun zog sie ihn näher und heftete die
Augen auf ein gerade vor ihr befindliches lebensgrosses Bild, das den Vater
Hugo's in Generalsuniform darstellte ... Der Sohn verstand ihre Empfindungen ...
In Ungarn hatten ja er und der Vater gestanden ... Er trocknete den Schweiss vom
kalten Antlitz der immer mehr sich Aufregenden ...
    Hinter dem Arzt trat der Mann hervor, der alle anfangs empfangen hatte ...
Es war der Geistliche, der »Barbe« des jenseits des Waldes, der sich hinter dem
Schlossgarten erhob, gelegenen Waldenserdorfes, ein Herr Baldasseroni ... Er
hatte bisher für sich in Diodati's italienischer Bibel gelesen ...
    Die Mutter sah zu ihm hinüber, langte nach der Bibel, liess sie sich auf den
Schoos legen und setzte mit zitternden Händen das Glas mit dem Tokayerwein
darauf ... An seinem Inhalt, deutete sie an, wollte sie sich nach und nach
erquicken ... So sitzend hielt sie lange des Sohnes Hand ...
    Sie wiederholte aber, dass sie Glocken hörte, und murmelte, das Ohr gegen das
Fenster richtend:
    Glocken haben die Armen ja nicht - und keine Türme ... Nimm nicht die
Glocke - von Federigo's - Hütte ... hörst du, mein Sohn? ...
    Der Graf nickte mit einer Miene, die fast vorwurfsvoll war ... Er tat, als
traute sie ihm Unwürdiges zu ...
    Dann winkte sie Monika und Armgart, dass auch sie näher treten sollten ...
Beide nannte sie Du und langte nach Monika's Locken, streichelte ihr auch die
tränenfeuchte Wange und legte ihre und Armgart's Hände ineinander ... dabei
sprach sie langsam jenen ihren Lieblingsvers, der sie einst mit dem deutschen
Fremdling verbunden hatte:
Wenn alle untreu werden,
So bleib' ich dir doch treu,
Dass Dankbarkeit auf Erden
Nicht ausgestorben sei - ...
    Wieder trat eine Pause ein - jene Stille, die man den Engel nennt, der
durchs Zimmer geht ...
    Die Kleine verscheuchte ihn ... Da sie den Ernst der Scene störte, so
duldete jetzt die Leidende, dass Armgart und Porzia das Kind den Dienern im
Nebenzimmer zuführte ...
    Die Sterbende starrte wie tief innenwärts und hörte nur ihre Glocken ... Sie
war so abwesend, dass man sanft das Glas mit der Bibel von ihrem Schoose
fortnehmen konnte, ohne dass sie es bemerkte ...
    Ein grosses Wasser - sprach sie dann in abgerissenen Sätzen, wird gehen und
ein Donner wird ertönen - lass' - die Glocke unberührt - Zum Gericht - des Herrn
- Schwöre mir's, mein Sohn, auch - wenn - du dem Tiere folgst - ...
    Mutter -! rief der Graf voll äussersten Schmerzes - und vielleicht weniger
über den Verdacht, dass er seinen Glauben ändern könnte, als über die Sorgen, von
denen sich die Mutter noch in ihrer letzten Stunde beunruhigen liess ...
    Die Hochaufgerichtete fühlte den Stachel ihrer Worte in - Paula's Herzen
nach ... Diese stand bescheiden hinter ihrem Sessel und beugte trauernd ihr
lichtblondes Haupt auf die hohe schwarze Sammetlehne ... Jetzt zog sie ihr Gatte
näher und Paula kniete nieder ...
    Die Mutter gab ihr ein Zeichen versöhnlicher Gesinnung durch eine Äusserung,
die nur der Graf und die näher Eingeweihten als eine solche verstehen konnten
... Sie tastete nach dem Buche, das man weggenommen ... Als Baldasseroni es ihr
wiedergeben wollte, sagte sie:
    No! No! Signore! ... La Nobla - Leiçon ...
    Der »Barbe« ging in das dunklere Nebengemach und brachte ein altes kleines
Pergamentbändchen, in welchem er blätterte ...
    Sie -! ... sprach die Gräfin und deutete auf ihre Schwiegertochter ...
    Mit erstickter Stimme, vor der Sterbenden knieend, las Paula in einer
seltsamen Sprache aus diesem Buche vor ... Es war kein Italienisch und kein
Französisch, doch eine wohllautende Sprache ... Man hörte Reime ... Monika,
Armgart und der Oberst glaubten das Patois von Nizza zu erkennen ...
    Paula las allmählich mit Begeisterung ... Sie nur und Graf Hugo begriffen,
wie die Mutter gerade in dieser Zumutung, ihr aus der Nobla Leiçon vorzulesen,
eine Versöhnung mit Bonaventura aussprach, den die Mutter mit unausrottbaren
Gefühlen des Mistrauens verfolgte - trotz der damals alles für seine Stellung
aufs Spiel setzenden Verwendung desselben für den in Neapel verschollenen Frâ
Federigo, trotz seines zehnjährigen Kampfes gegen Lug und Trug im hierarchischen
Leben um ihn her - sie konnte eben nur die ihrem Sohn abgewandte Seele seiner
Gattin festalten, deren Kinderlosigkeit, die unmoralischen Consequenzen im
römischen Priesterleben, endlich die mögliche Gefahr, dass ihr Sohn nach ihrem
Tode übertrat und den mystischen Bund, der hier zwischen drei Personen waltete,
immer noch enger und enger schliessen half ...
    Die Nobla Leiçon ist das älteste in provençalischer Sprache geschriebene
Gedicht der Waldenser ... Niemand verstand einst die provençalische Sprache so
vollkommen und so rein und wusste den umwohnenden Waldensern ihre alten,
sämmtlich in der Sprache der Troubadours geschriebenen Werke so zu übersetzen
und zu erläutern wie Federigo, der diese Sprache kannte, noch ehe er von der
Sekte der Waldenser wusste ... Auch Bonaventura, immer von den Erinnerungen und
Sorgen um seinen Vater geleitet, auch in seinem Interesse für die Blüten der
alten Kirchenpoesie, kannte diese alte Mundart und Paula erlernte sie in Coni
ihm zu Liebe ... Dass nun die Mutter im Stande war, sich von ihr noch zum letzten
mal aus diesem Buche, einem für Paula allerdings ketzerischen, vorlesen zu
lassen, war ein Act der Liebe, der Versöhnung, ein Gruss an den Erzbischof ...
Ihre Aufforderung gab auch Paula wahrhaft Schwingen ... Sie las so laut die
schönen wohlklingenden Verse, als wollte sie sagen: Im Geist rufst du nun ja
auch noch Bonaventura an dein Lager und versöhnst dich mit dem edelsten der
Menschen! ...
    Als Paula bis zu den Worten gekommen war:
                         »Intrate in la sancta maison!«
blickte sie auf ...
    Die Mutter schien entschlummert ... Paula erhob sich ...
    Aber auch die Sterbende hob die Augen, sah eine Weile, als wäre sie
abwesend, starr um sich und sprach:
    »Ich bin - der Weg - die Wahrheit und das Leben - niemand kommt - zum Vater,
denn durch mich!« ...
    Das sahen alle, sie verweilte in den Erinnerungen an die Hütte jenes
Einsiedlers, den sie so wahrhaft verehrt und lieb gehabt und von dem sie seit
seiner Entweichung nichts mehr vernommen, als, in einem einzigen Abschiedsbriefe
für dies Leben, die Bitte an jeden, der ihm Gutes erwiesen und noch erweisen
wollte, nie, aber auch nie mehr nach ihm zu forschen ...
    Intrate in la sancta maison! ... wiederholte sie mit einem Aufblick gen
Himmel ...
    Monika und Armgart, die das noch im Nebenzimmer plaudernde Kind nun ganz
entfernt hatten, gingen hin und wieder ...
    Immer stiller wurde es - still wie schon im Grabe ... Jeder hielt den Atem
zurück ... Da noch einmal streckte die Sterbende die Hände aus und flüsterte mit
dem Hohenliede, sicher in Anregung ihres Gedächtnisses durch Armgart's Abbildung
der im Herzen Gottes als befiederte Kreuze aufsteigenden Seelen:
    »Hätt' - ich - Taubenflügel!« ...
    Mit diesen Worten sank sie, von Schmerzen überwältigt und nach Erlösung
ringend, zurück ... Lange noch wehrte sie Bilder ab, die sie beängstigten ...
Ihre Stimme blieb erstickt ... Ihre Hände sanken erstarrt ... An ihrem geöffnet
stehenbleibenden Munde traten kleine Schaumbläschen hervor ... Sie war noch
nicht ganz todt, aber schon zeigte ihr Antlitz jene herbe Strenge, die unsern
Gesichtszügen der Tod verleiht ...
    Der Arzt, der Geistliche traten eilends näher ... Leise begab sich alles aus
dem Zimmer und trat in den Saal zurück, während die Sterbende auf ihrem
Lehnsessel von Dienern unter Hugo's Leitung sanft zurückgerollt wurde in die
dunkleren Nebenzimmer ...
    »Ach, hätt' ich Taubenflügel!« ... wiederholte Hedemann ...
    Auch ihm erklang dies letzte Scheidewort der edlen Frau wie der Ruf nach
Erlösung von den Schmerzen, die auf seiner kranken Brust lasteten ...
    Im Saale, in welchen alle zurückkehrten, brach die Teilnahme in ihrer
ganzen bisher zurückgehaltenen Macht aus ... Die Frauen schluchzten ... Auch die
Männer traten bei Seite ... Monika trat bald zum Gatten, bald zu Hedemann, der
am Fenster sass und Weib und Kind liebevoll an sich gezogen hatte ...
    Es war dann ein Trauermahl, das in dem schönen Raume genommen wurde ...
Unsere menschliche Natur erscheint uns nie geringer, wird nie von uns unlieber
befriedigt, als wenn unsere himmelentstammte Seele aufjammern möchte vor Schmerz
und doch unser Leben und Sein unter dem Druck des physischen Erdenverhängnisses
steht ...
    Noch ehe das Mahl, dessen stärkende Wirkung alle bedurften, zu Ende war,
wurde dem Grafen heimlich eine Botschaft überbracht, die ihn bestimmte, sofort
aufzuspringen und sich zu entfernen ...
    Alle folgten ihm erschreckt ...
    Der Bote sagte, die Gräfin hätte vollendet ...
    Bebend folgte man dem Grafen ... Paula vor allen, deren Brust von so vielen
Schmerzen durchwühlt wurde, deren Gründe sich von den Andern wohl ahnen liessen
... In ernsten Krisen erkannte sie, wie sehr der Graf zu lieben war ...
    Der Arzt und der Geistliche lüfteten die Vorhänge des Schlafzimmers ... Der
schöne sonnenhelle Tag schien herein und beleuchtete die Züge der Entschlafenen
... Sie hatte, hörte man, noch versucht, die Worte nachzusprechen, die über
ihrem Bett unter ein Bild des ihr verwandten Dichters Novalis-Hardenberg
geschrieben waren:
»Und wenn Du Ihm dein Herz gegeben,
So ist auch Seines ewig dein!« ...
    Da stockte die Zunge wie gelähmt ... Sie hatte ausgehaucht ...
    Nun läuteten in der Tat fernher die Glocken ... Die ehernen Zungen eines
andern Bekenntnisses waren es ... Auch Gesänge mischten sich ein, dicht in der
Nähe ... Diese galten der Entschlafenen ... Ein Chor von Kindern stimmte ein
geistliches Lied unter ihren Fenstern an ... Regelmässig an jedem Nachmittag
hatte sich die Gräfin von den Kindern der Waldensergemeinde, die vom Gebirg
herunterkamen, diese Erquickung erbeten - der Pfarrer erklärte dies den Hörern
...
    Jetzt kam auch ein Herr Giorgio, der sogenannte Moderatore oder
Kirchenvorstand der kleinen Colonie und brachte zu aller Erstaunen eine Schrift,
die die Gräfin in seine Hand gelegt hatte mit dem Bedeuten, sie erst ihrem Sohne
zu zeigen, unmittelbar wenn sie die Augen geschlossen hätte ...
    Der Graf erbrach das unversehrte Siegel, las und teilte die Wünsche der
Mutter den Umstehenden mit ...
    Sie hatte befohlen, erst in der kleinen Kirche des Schlosses ausgestellt,
dann aber in der Kirche der Waldenser und nicht in der Schlosskirche begraben zu
werden ...
    Der Graf erkannte, dass dieser Bitte die Voraussetzung zum Grunde lag, er
würde Castellungo nicht behalten ... Aufregungen, wie sie mit dem Aussprechen
und Erörtern dieser Voraussetzung verbunden sein konnten, hatten sie jedenfalls
bestimmt, ihm ihr Verlangen nur schriftlich auszusprechen ...
    Porzia liess sich nicht nehmen, die Leiche zu entkleiden, Hedemann nicht, den
Katafalk zu ordnen, dem noch für denselben Abend im Betsaal des Schlosses jeder
nahen durfte, der der Abgeschiedenen seine letzte Ehrfurcht bezeugen wollte ...
    Es kamen ihrer von nah und fern ... Der Betsaal drückte die ganze Geschichte
und Richtung der Gräfin aus - schon an den Bildern, die rings an den Wänden
hingen ... Der tapfere Heinrich Arnaud in kriegerischer Tracht ... Bischof
Scipione Ricci, der die Souveränetät der Concilien gelehrt hat und vom römischen
Stuhl als Luteraner verdammt wurde ... Graf Guicciardini, der kürzlich in
Florenz Protestant geworden ... Der Engländer Oberst Beckwit, der sein ganzes
Vermögen den Waldensern schenkte ... Der mächtigste Beistand der Gräfin,
Friedrich Wilhelm III. von Preussen, hatte unter den Porträts den ersten Platz
...
    Die Reisenden richteten sich inzwischen in den für sie vorbereiteten Zimmern
ein ... Mit einer eigentümlich bedingten Teilnahme beobachteten sie, wie
eifrig Graf Hugo bemüht war, den Erzbischof in Coni noch vor Anbruch des Abends
über das Ableben seiner Mutter mit Angabe aller Einzelheiten in Kenntnis zu
setzen ... Ja er zeigte erst Paula den Brief und diese fügte noch die mehrmalige
Äusserung um die Glocke jenes Eremiten hinzu, um den sich Bonaventura so
verdient gemacht ... Ueber Paula's Lesen aus der Nobla Leiçon hatte schon Graf
Hugo geschrieben ...
    Paula schien in der Tat erkräftigt und gesund ... Sie ertrug den lange und
voll Rührung auf ihr ruhenden Blick und die unmittelbare Nähe des Obersten, ohne
die Befürchtungen zu bestätigen, die man so lange Jahre über diese
Wiederbegegnung gehegt hatte ... Monika sagte: Fast scheint es, als wäre eine
Kraft über sie gekommen, die sie früher nicht gekannt hat - die Kraft des
Willens ...
    Armgart trauerte ...
    Ob darüber, dass unter denen, auf deren Leben ein letzter Segen und eine
letzte versöhnte Erinnerung hier zurückgeblieben war, ein einziger ausgestossen
und unberücksichtigt blieb - Benno von Asselyn? ...
    Oder über ein unausgesprochenes, ersichtlich vorhandenes Leid der Freundin,
ihres Gatten und des hohen Geistlichen in Coni - ein Leid, das schon mit
gesteigerter Offenheit von ihrer Mutter als ein unerlaubt unnatürliches
verworfen wurde? ...
    Oder endlich über den Heimgang ihres »Grossmütterchens« nur allein? ...
    Der Aufentalt in Castellungo hatte jedenfalls erschütternd und
bedeutungsvoll begonnen ...
 
                                       5.
Nach Beisetzung der Gräfin in der von ihr selbst erbauten, oberhalb
Castellungo's in den Bergen liegenden Kirche der Waldenser, einer Feierlichkeit,
zu der aus den Bergen und aus der Tiefe des Tals auch die Rechtgläubigen, Jung
und Alt, herbeiströmten, aus den Tälern von Saluzzo und Pignerol, wo die
Waldenser in Masse wohnen, von allen Gemeinden die »Barben«, »Evangelisten«,
»Moderatoren« - nach diesem Tage hätten nun ruhigere Stunden eintreten können,
wenn nicht die politische Welt die Aufregung wach erhalten und nun auch
Hedemann's Abschied vom Leben sich genähert hätte ... Die Freude am Tod war bei
diesem wieder bereits eine solche, dass er sich in seinen Gebeten Vorwürfe
machte, ihn zu eifrig zu wünschen ...
    Rom war inzwischen gefallen ...
    Die letzten Spuren der Revolution wurden in ganz Italien getilgt ... Die
ersten Vorzeichen jener Zeit brachen an, die in drei Jahren wieder die Kerker
nur des Kirchenstaats allein mit sechstausend Menschen füllen sollte1...
Fefelotti ergriff jetzt auch noch das weltliche Ruder ausser dem geistlichen ...
Staat und Kirche gehörten ganz den zurückkehrenden Jesuiten ...
    Auch in der kirchlichen Sphäre der Umgegend zeigte sich manche Wiederkehr
des Alten ... Die Jesuiten hatten in Coni ein von Fefelotti begünstigtes
Collegium besessen, das sie freilich nicht wieder beziehen durften, da
Sardiniens Verfassung sie verbannte ... Aber schon war in Schule, Staat und
Kirche ihr dennoch geheimwirkender Einfluss bald wieder ersichtlich ...
Robillante und Pignerol waren zwei Bischofssitze, die ausdrücklich schon lange
durch Männer besetzt wurden, die dem deutschen Eindringling, dem Erzbischof von
Coni, wo sie nur konnten, wehren sollten2...
    Der Oberst und Monika konnten inzwischen dem Grafen im Ordnen des Nachlasses
seiner Mutter, in Auszahlung einer Menge von Legaten an die Gemeinden der Täler
hier und drüben am Fuss des Monte Viso behülflich sein ... Der Graf war es, der
am meisten darauf drängte, dass Paula nach ihrem Wohnhause in Coni zurück sollte
... Armgart wollte sie begleiten ... Wohl, sprach sie ihr dringendstes Bedürfnis
aus, den Erzbischof zu begrüssen, der sich, seiner Stellung gemäss, vom
Leichenbegängnis der Gräfin hatte entfernt halten müssen ...
    Monika, die zwar zu Paula's Heirat dringend geraten hatte, empfand und
tadelte doch, was sie das Anstössige dieser Beziehung nannte, im höchsten Grade
... Hatte sie schon sonst die Partie des Grafen genommen und ihn über das Meiste
entschuldigt, was sich seinen jungen Jahren vorwerfen liess, so erklärte sie
vollends mit ihm Mitleid zu fühlen, seitdem sich jenes mystische Dreiblatt
gebildet hatte, dem womöglich fern bleiben zu wollen sie sich auf Schloss Bex
gelobt hatte ... Nun sah sie dies Verhältnis einer »Standesehe« in nächster Nähe
... Und das sei denn die rechte Höhe, sprach sie schon eines Tages in Paula's
Gegenwart, Opfer über Opfer anzunehmen, nur deshalb, weil man wisse, sie würden
von schwachen Menschen ohne Murren gebracht ... Ja sie sagte schon zu ihrem
Gatten: Der Graf leidet, weil er Paula liebt - und zu Armgart: Auch Paula,
scheint es, ringt mit ihrem Herzen, weil sie den Grafen mehr als achten muss ...
    Dass Paula und Armgart zum nächstbevorstehenden Bonaventura-Tage in Coni sein
und der Celebration der Messe durch den Erzbischof an diesem Tage beiwohnen
wollten, konnte Monika nicht hindern ... Doch bekam es Armgart bitter zu hören,
warum sie gerade diesen Tag wählen wollten ... Die Mutter sagte, dass sie den
Doctor Seraphicus, wie Sanct-Bonaventura in der Vätergeschichte heisst, nicht im
mindesten zu jenen Bekennern und Märtyrern zählen könne, die allenfalls auch die
Freude evangelischen Sinnes sein dürften ...
    Ich schätze den heiligen Bonaventura noch höher, entgegnete Armgart, als die
andern Märtyrer, die nur zufällig in den Tod gingen und der Nachwelt nichts von
ihrem Leben hinterlassen haben ...
    Von ihrem Leben? entgegnete aufwallend die Mutter ... Dieser Johannes von
Fidanza ist ja das Prototyp aller katolischen Schwärmer! Dieser heilige
Bonaventura hat mit seinem sogenannten Gemüt alles verklären und verschönern
wollen, woran wir noch heute leiden ... Was nur immer Gregor und Innocenz aus
weltlichen Rücksichten für die Kirche erfunden haben, umgab dieser Italiener mit
dem Schein beinahe der Philosophie ... Mariendienst, Cölibat, Entziehung des
Kelches - alles, alles, was das Tridentinische Concil später in die todesstarren
Formeln gezwängt hat, brachte dieser heilige Bonaventura als Gemütssehnsucht in
Curs, gerade wie auch jetzt wieder mit dem Dogma der ohne Sünde geboren sein
sollenden Mutter Gottes geschieht ... Mir ein Rätsel, wie euer Erzbischof zu
den Freisinnigen zählen kann, schon in Deutschland unter den Anfechtungen der
Fanatiker leiden musste und immer noch seine Krone, immer noch seinen Krummstab
trägt ... Wären solche Männer vor einigen Jahren wahr gewesen und in den Zeiten
der Bedrängnis zu uns übergetreten, wie anders stünde es mit der Sache des
Lichts und des Evangeliums! ...
    Hedemann und der Vater dachten ebenso und sagten das Nämliche ...
    Armgart aber stritt schon lange nicht mehr gegen dies stete Verurteilen,
seitdem sie für ihre frühere Behauptung, dass Bonaventura seine Erhöhung weder
Lucinden noch Olympien verdankte, kürzlich Recht erhalten hatte. Ihr richtet und
richtet, wie ihr's eben versteht! sprach sie damals und verwies auf bessere
Erkenntnis der wahren Sachlagen, wenn sie auch leider meist im Leben zu spät
käme ... Hier in Castellungo wurde für bestimmt eine schon früher von Paula
brieflich ausgesprochene Versicherung wiederholt, dass der aus Robillante
gebürtige Cardinal Vincente Ambrosi vor zehn Jahren in Rom der eigentliche
Freund und Fürsprecher Bonaventura's gewesen ... Armgart verwies auch jetzt die
Ankläger auf die Siege, deren sie sich ja täglich rühmten ... War nicht vor
kurzem der vom greisen General der Kapuziner als Dekan der Studien über die
römischen Teologen als Examinator gesetzte de Sanctis, Professor der Teologie,
Parochus an Maddalena, Beichtvater in den Gefängnissen der römischen
Inquisition, von den Jesuiten in seinen wahren Gesinnungen erkannt, gefangen
gesetzt worden, entflohen und in Malta zum Protestantismus übergetreten -?3...
Wisset ihr, sagte sie mit Ironie, was in Bonaventura's Innern vorgeht und was
euch alles vielleicht noch von ihm werden kann? ...
    Die hinterlassene Bibliotek der Gräfin war eine Fundgrube der
interessantesten Anregungen für Monika, den Obersten und Hedemann ... Auch
Baldasseroni und Giorgio waren Männer, die auf Kosten der Gräfin in Genf,
Tübingen und Berlin studirt hatten ... Ihr Ton gab sich milde und rücksichtsvoll
- sie wussten, was bei ihrer jetzigen Schlossherrschaft zu schonen und zu achten
war ... Auch sie gaben dem Erzbischof das Zeugnis, dass allein schon sein
persönliches Erscheinen in Rom alle Intriguen hätte entwaffnen müssen und dass er
noch täglich diese Macht der Beschämung über seine Gegner übe ...
    Ein Glück, dass Armgart's Vater die Schroffheiten der Mutter milderte ...
Eine Rechtfertigung der amerikanischen Weise, sich zur Religion zu verhalten,
sagte er beim Durchmustern eines Schranks voll Altertümer und beim Anblick
einer kleinen Schaale, die wie eine Tasse aussah, aus der einst Huss den Wein
beim Abendmahl dargereicht haben sollte, find' ich in dem Schicksal des Kelches
... Das Trinken aus einem und demselben Gefäss ist vielleicht in der Tat nur
einer Gemeinde möglich, wo sich alles so persönlich nahe steht, wie zur Zeit der
Apostel und der ersten Bekenner ... Wo noch der Liebeskuss als Gruss der
Verbundenen möglich war, war auch die Erteilung des Kelches möglich ... Als
jedoch die christliche Lehre Staatskirche wurde, als ganze Völker im nächsten
besten Flusse getauft werden mussten, musste vieles von den ersten Satzungen des
Glaubens verloren gehen ... Welcher Reiche gab da noch seine Reichtümer hin und
warf sie, statt in die Kasse einer ihm befreundeten Gemeinde, in das weite,
wüste Meer, des Proletariats! ... Wer setzte noch gern die Lippe an ein Gefäss,
aus dem Hunderte und noch dazu zur Zeit der einst so allgemeinen Pest und des
Aussatzes tranken! ... Man hat das Christentum eine Weltreligion genannt; sie
ist es auch dem Geiste nach, nicht nach dem Buchstaben ... Wer den apostolischen
Anfängen nachgehen will, muss die Freiheit Amerikas wünschen, wo sich jede Form,
Gott zu dienen, auf eigene Art befestigen kann ... Geschieht es dort würdelos,
so ist nur der Mangel an Bildung schuld ... Unsere Gotteshäuser und die
Priester, die in ihnen lehren und Ceremonien abhalten, sollten, wie ich von
Ihnen höre - er wandte sich an Baldasseroni - nach dem Ausdruck des Bruders
Federigo nur noch Hüter und Wächter des Christentums sein, gleichsam die
Sänger, die Dichter, die Historiker der Kirche - ohne sich den mindesten
Eingriff in die Lebens- und Gesellschaftsformen gestatten zu dürfen ...
    Solcher Streitigkeiten gab es viele ... Sie konnten zu tagelangen
Verstimmungen führen - namentlich wenn Armgart sagte: Ein Einzelner gewonnen ist
nichts - Könige, die ohne ihre Krone kommen, sind vollends nichts; die müssen
gleich ihre Reiche mitbringen ... ...
    Wieder den heutigen Streit unterbrach Paula's Eintreten ... Schon hatte
Armgart musternd unter den waldensischen Schwertern, hussitischen Kelchen, den
alten Bibeln, Luter- und Zinzendorf-Ringen gesagt:
    Ihr habt doch auch eure Reliquien! ...
    Zu einer Erwiderung kam es nicht, da Paula allerlei Geschäfte mitbrachte,
die sich auf die sittlichen Zustände der Gegend bezogen ... Seit dieser langen
Reihe von Jahren hatte Graf Hugo für sich und Paula den Weg der Zerstreuung
eingeschlagen ... Nicht nur beschäftigte er sich und Paula mit einer umsichtigen
Pflege der hier so reizenden und reichen Natur, sondern auch mit den
Vorkommnissen seiner gesellschaftlichen Beziehungen, mit Aufgaben der
Wohltätigkeit ... Der gute Wille, nützlich sein zu wollen, ist bei gebildeten
und gutgearteten Vornehmen immer rege und hier kam ein fast ängstliches
Verlangen hinzu, durch solche äussere Werktätigkeit aus dem Versenken in zu
grosse Innerlichkeit entfliehen zu können ... Monika musste freilich schon wieder
lächeln, wenn sie sah, mit welcher emsigen Umständlichkeit und mit welchem
offenbaren Nichtberuf für praktische Bewährungen die junge Schlossherrin, nun die
souveräne Gebieterin von Castellungo, die an Glücksgütern gesegnete Herrin von
Westerhof, von Schloss Salem, Besitzerin eines Palastes in Coni, ihre
unerschöpfliche Wohltätigkeitsliebe zu einer segensreichen und mit Vorsicht
gespendeten zu machen sich mühte, wie sie in die Hütten der Armen trat,
momentane Hülfe, aber selten, nach Monika's Meinung, den rechten Rat und die
rechte Warnung brachte ... Sie weiss nicht, sagte sie, wie sie sich schon mit
ihrer Krone am Giebel der Eingangstür in solche Hütten den Kopf stösst,
vollends, wie sie zuletzt bei solchen Leuten mehr Aufsehen und Schrecken, als
Freude, wenn nicht gar Schlimmeres, zuweilen Spott, hinterlässt ... Sie spricht
mit diesen Menschen wie ein Buch ... Sie werden sie alle zu Gevatter bitten -
Das pflegt noch die nützlichste Folge solcher vornehmen Herablassungen zu sein
...
    Da nach dem Wunsch des Grafen, dem gleichfalls solche Herbigkeiten nicht
erspart wurden und der dann oft träumerisch von Wien als einem Ausweg aus allen
Labyrinten sprach, der Oberst fürs erste hier als Verwalter wohnen bleiben
sollte - auch gegen die winterlichen Verheerungen der Berggewässer sollten
Brücken und Wehre gebaut werden - so sammelte auf dem Schloss schon
allabendlich Monika die hervorragenderen Persönlichkeiten der Umgegend zu einem
behaglichen Kreise und hatte für diese sichere und feste Einwohnung ganz den
Beifall sowol des Grafen wie der gütigen Paula, deren weicher Sinn keiner ihrer
Schroffheiten aufbieten konnte ... Die italienische Sitte kennt nicht die
deutsche Unterscheidung zwischen den Ständen ... Der grösste Teil des
umwohnenden Adels war nach deutschem Gesichtspunkt eine wohlhabende Bauernschaft
- die Contes und Markeses ritten mit hohen Lederkamaschen über ihre Felder und
sprangen nicht selten ab, um bei den Arbeiten mit anzugreifen ... Aeltere Diener
gehörten mit zur Familie ... Gemeindevorsteher, Forstwarte, Recheneibeamte
sammelten sich allabendlich in den unteren Räumen des Schlosses und selbst der
Graf und der Oberst setzten sich manchmal zu ihnen und verschmähten nicht den
Trunk aus gemeinschaftlichem Krug ... Einige reiche Seidenweber, die zu den
Waldensern gehörten, hatten sich sonst allabendlich auf dem Schloss im engern
Kreise der verstorbenen Gräfin eingefunden; sie blieben auch jetzt nicht aus; um
so weniger, als in der Tat das Benehmen des Grafen die Besorgnis erwecken
durfte, die Mutter hätte in seiner Seele recht gelesen. Man sah ihm eine grosse
Unruhe an; man fürchtete allgemein den Verkauf Castellungos, ja sogar seinen
Religionsübertritt ... Wenigstens schiene ihm, sagte man, daran zu liegen, nicht
allein nach Oesterreich zurückzukehren, sondern nur mit Paula, für die es dann,
so offen lag allen das bekannte Verhältnis mit Coni, eine letzte grosse
Entscheidung geben müsste ...
    Des österreichischen Grafen vertrauliche Stellung zum Erzbischof hätte dem
letztern in den Augen der Italiener schaden müssen, wenn nicht die alte Gräfin
so beliebt gewesen wäre und seinerseits auch Bonaventura ein Anhalt aller
Freigesinnten ... Schon mit dem Hirtenstab des Bistums Robillante hatte er
gewagt, den Neuerungen Fefelotti's die Spitze zu bieten ... Als er dann zur
Verantwortung für die Vorwürfe, die er den Dominicanern wegen Frâ Federigo zu
machen gewagt hatte, nach Rom gefordert wurde und statt dort verurteilt zu
werden als Nachfolger Fefelotti's heimkehrte, hatte er den mutigsten Kampf
begonnen, den ein Fremder auf diesem gefahrvollen Boden nur wagen konnte ... Dem
Colleg San-Ignazio zu Coni entzog er sogleich eine Kirche, auf die die Patres
Jesuiten, damals noch nicht verbannt, Ansprüche machten - er setzte bei den
Stadtbehörden durch, dass diese ihn in seiner Weigerung unterstützten ... Ein
gewöhnliches Hülfsmittel der Jesuiten, das sie bei neuen Niederlassungen, um
sich die Herzen der Umwohner zu gewinnen, anwenden, besteht in dem Schein
bitterster Armut, den sie sich geben. Plötzlich erschallt dann durch die Stadt
die ängstliche Kunde, die unglücklichen Väter verhungerten hinter ihren Mauern.
Nun rennen fanatische Sammler durch die Häuser und rufen um Hülfe. Man bricht
fast gewaltsam mit dem gesammelten Gelde, den Speisen, den Kleidungsstücken in
das Colleg ein und findet auch in der Tat die armen Väter beim Gebet -
verschmachtet, abgezehrt, vom gezwungenen Fasten fast leblos4... Bonaventura
bewies jedoch dem Rector Pater Speziano, der dieselbe Komödie aufführte, und dem
Magistrat der Stadt, dass das Colleg aus dem Professhause in Genua eine
regelmässige Einnahme bezog, die weit über die Einkünfte der sämmtlichen andern
Klöster der Stadt zusammengenommen ging ... Den Bischof von Pignerol zwang er,
ein höchst gehässiges Institut zu schliessen. Man entzog unter allerlei Vorwänden
den Waldensern ihre Armenkinder, besonders ihre Waisen, taufte sie schnell nach
römischem Ritus und gab sie nicht wieder her ... Jedes uneheliche Kind der
Waldenser gehörte an sich schon diesem »Ospizio dei Catecumeni« ... Als
vorgekommen war, dass eine Gefallene, um ihr Kind zu behalten, sich auf die
höchsten Spitzen des Monte Viso vor den Gensdarmen geflüchtet hatte und Kind und
Mutter im Schnee elend umgekommen waren5, wallte Bonaventura's Zorn so auf, dass
er nicht eher ruhte, bis jenes Ospizio geschlossen wurde ... Das Verkommen im
Schnee - - gehörte ohnehin zu den erschütterndsten Vorstellungen seines Gemüts
und zumal, da seines Freundes, des Cardinals Vincente Ambrosi, Vater, Professor
der Matematik in Robillante (er erfuhr dies zu seiner höchsten Ueberraschung in
Rom), eines solchen Todes im Alpenschnee wirklich verstorben war ...
    Von Genua aus, wohin sich Gräfin Sarzana begeben hatte, als sie wagte,
wieder aus Tageslicht zu kommen von den »Lebendigbegrabenen«, in deren Kloster
sie sich geflüchtet hatte nach dem Attentat ihres Mannes auf Ceccone, wurde der
Kampf mit den freisinnigen Richtungen Italiens um so erbitterter geführt, als
Genua auch für die Pforte der Mazzini'schen Einflüsse und des englischen
Ketzertums galt ... Fefelotti bot alles auf, die weibliche Bundsgenossenschaft
der Jesuiten gerade in Genua zu mehren und zu kräftigen ... Ein Orden, der sich
offen »Jesuitessen« nannte, »Töchter Loyola's«, gestiftet vor zwei
Jahrhunderten, hatte sich nicht erhalten können; Papst Urban VIII. schaffte ihn
schon 1631 ab ... Aber unsere Zeit hat diesen Orden erneuert - vorzugsweise in
den Damen vom Heiligen Herzen Jesu (Sacré Coeur) ... Sie leiten, schaarenweise
von Frankreich kommend, die Erziehung der vornehmen Stände und halten auch
ausserhalb ihrer Klöster Schulen für die ärmere Klasse; sie sind in weiblicher
Sphäre das, was die Väter der Gesellschaft Jesu für die Erziehung in männlicher
... Wo diese Heiligen Schwestern vorangehen, folgen ihnen in noch nicht einer
Generation ihre Brüder, die Jesuiten, nach ... Sie bereiten ihnen den Weg; sie
wecken in den Familien, bei allen Müttern, Vätern, Kindern, eine solche
Sehnsucht nach diesen Ratgebern nicht nur der Seele für ihre jenseitige
Bestimmung, sondern des ganzen auch diesseitigen Lebens, dass die Berufung der
Väter nicht lange ausbleibt ... Umwälzungen folgen dann in den Familien, in der
Gesellschaft ... Der süsse Ton der Andacht, verbunden mit den feineren
Rücksichten der Geselligkeit und Eleganz, führt dieser Congregation des Sacré
Coeur alle jungen weiblichen Herzen zu ... Mütter, oft bereuend, was sie selbst
in ihrem Leben verschuldeten, glauben in ihren Töchtern durch so zeitige
Fürsorge alles nachholen zu können, was sie an sich selbst versäumten ... So
strömte auch in Genua und Turin die weibliche Jugend den Herz-Jesu-Damen zu ...
Zweigvereine bildeten sich unter dem Namen der »Doroteïnerinnen« bei den
Frauen, der »Raffaëliner« bei den Männern, der »Leonhardiner« unter den
Klerikern ... Die obere Leitung aller dieser weitverzweigten und auf ein System
gegenseitiger Ueberwachung (in den lieblichsten Ausdrücken, als: »Bewahre dir
den Duft der geistlichen Blume zur einstigen festlichen Ausstellung am Altare!«
d.h.: Lebe so, dass es dich nie verdriessen wird, in den Conduitenlisten von
andern nach deiner geistlichen Aufführung beurteilt zu werden!) begründeten
Genossenschaften hatten die Superioren der Jesuitenklöster ... Ihnen gehörte das
Beichtbedürfniss, Tod und Leben dieser Seelen und ihres ganzen Anhangs ...
    Die Stadt, das Land wussten, wie nahe der Erzbischof von Coni wiederum bei
den äussersten Gefahren für seine Stellung angekommen war, als die neue Aera der
Hoffnungen Italiens anbrach ... Schon vorher war eines Tages Lucinde - sie
zählte nun schon dreissig Jahre - in Coni erschienen und hatte, man sprach
wenigstens so, dem Erzbischof aus Rom die ernstesten Warnungen gebracht ... Die
Leiden, die ihm dieser fast ein Vierteljahr dauernde Aufentalt Lucindens in
Coni zuzog, gehörten seinem Innenleben an und konnten nur von wenigen verstanden
werden ... Graf Hugo war es, der die Gräfin Sarzana damals mit Gewalt aus der
Gegend vertrieb; er erinnerte sie an Nück und den Mordbrenner Picard ... Hier
erst erfuhr die kleine genfer Colonie, dass Lucinde von hier nach einem Abend
verschwunden war, wo auf Castellungo im Kreise der alten Gräfin, die sie nur
widerstrebend empfangen hatte, die Rede auf den Bruder Hubertus kam, der noch im
Silaswalde beim Eremiten Federigo leben sollte ... Man hatte erfahren, dass
Hubertus einen der Verräter der Brüder Bandiera entdeckt und in seinem wilden
Zornesmute gerichtet haben sollte - einen Belgier oder Franzosen, den die
Emigration aus London absandte, um von Korfu aus die Bandiera zu unterstützen
... Viele behaupteten - erst jetzt erfuhren dies die alten Bewohner Witoborns -
dass dieser Genosse Boccheciampo's6 jener Jan Picard gewesen, der ohne Zweifel
den Schlossbrand in Westerhof angelegt und damals spurlos verschwunden war ...
Allen schien ein Zusammenhang Lucindens mit diesen Vorgängen erwiesen ... Graf
Hugo lehnte die Aufklärungen ab, die von ihm den Freunden gegeben werden konnten
... Man drängte in ihn ... Erst als sogar Terschka's Name als dessen, der jenen
Picard der Emigration empfohlen und später Vorteile vom Scheitern der
Expedition gezogen haben sollte, mitgenannt wurde, brach man von den dunkeln,
Monika, den Obersten und Armgart erschreckenden Vorgängen ab ... Von Gräfin
Sarzana sah man wohl, dass ihr Mut, ja ihre Keckheit, auf Castellungo zu
erscheinen, ihr teuer zu stehen gekommen war ... Paula behandelte sie mit
Artigkeit, der Graf aber nur als eine Störerin der Ruhe seines Freundes
Bonaventura und die alte Gräfin vollends wandte der Apostatin den Rücken ...
Statt ihrer erschien dann die rechte Hand Fefelotti's selbst, Abbate Sturla aus
Genua ... Die Welt erzählte sich, dass Sturla's erster Besuch beim deutschen
Erzbischof einige Stunden gedauert und bei diesem eine Aufregung hinterlassen
hätte, die ihn mehrere Wochen aufs Krankenlager warf ...
    Bald nach Sturla's Abreise gingen dunkle Gerüchte von einer neuen Reise des
Erzbischofs nach Rom, ja von baldiger Niederlegung seiner hohen Kirchenwürde,
von seinem bevorstehenden Eintritt in den Benedictinerorden und seinem Uebergang
in ein deutsches Kloster ... Da brach die neue Aera an ... Abbate Sturla, der
inzwischen in Turin und Mailand gewesen (auch hier war der Erzbischof ein
Deutscher7) und über Coni nach Genua zurückkehren wollte, predigte in Robillante
... Sturla erlaubte sich am Schluss seiner Rede gegen das in wenig Wochen
umgewandelte Rom die Wendung: »Lasst uns beten für das Seelenheil des Heiligen
Vaters! Lasst uns beten, dass Gott ihn vor dem Schicksal, ein Ateist zu werden,
bewahren möge!«8 Da verlangte Bonaventura, dass der Bischof von Robillante dem
Abbate die Kanzel verbot und zeigte den Obern desselben in Genua an, Sturla
schiene ihm dem Wahnsinn nahe gekommen und müsste angehalten werden, sich
Geistesübungen zu unterwerfen ... Sturla floh mit der wachsenden Bewegung nach
Frankreich und Spanien9...
    Nach einer wilden, an Hoffnungen und ebenso vielen Täuschungen reichen Zeit,
wo namentlich Graf Hugo in der grössten Aufregung lebte und unter dem Druck
seines politischen Doppelverhältnisses bis zu sichtlicher Verzweiflung litt, war
Sturla der erste, der in Genua wieder die alten Umtriebe begann ... Noch ehe die
Franzosen im Kirchenstaat landeten, erhob schon die Reaction ihr Haupt ... Was
sich zwei Jahre wie die Schwalben im Sumpf versteckt gehalten, flog wieder auf
... Die Doroteïnerinnen hatten sich in Pisa, in der Nähe von Florenz,
niedergelassen ... Die Leonhardiner suchten wieder die Priester für das Gelübde
der »Ignoranz« zu gewinnen ... Die Raffaëliner waren jene füssliche Bruderschaft,
die dem Rosenbunde Schnuphase's entsprach, sich und andere als Blume pflegte und
begoss und die kleinen Insekten der Fehler und Sünden, die etwa dem Wuchs der
Nachbarblüte gefährlich werden konnten, in Form von Angebereien, letztere in
kleine beschriebene Zettel gewickelt, in eine monatlich am Altar aufgestellte
Büchse warf ... Diesen Bündnissen gehörte der mächtigste Einfluss auf die
politischen Wahlen für Staats- und Gemeindeleben ... Nach Toscana kehrte eine
Dynastie zurück, die sich gelobte, ganz nur die Jesuiten walten zu lassen ...
Jede Bibel, die in eines Katoliken Hand gefunden wurde, wurde verbrannt ...
Pater Speziano wagte aus der Schweiz nach Coni zu schreiben, er würde mit acht
Priestern, fünf Scholaren und sieben Laienbrüdern zu San-Ignazio wieder
einziehen und getrost das Martyrium des Kerkers erdulden ... Beichtstuhl,
Schule, Pensionat, Universität, Oberaufsicht der Nonnenklöster, Missionspredigt,
die ganze Richtung vorzugsweise dieses freisinnigen Staates sollte aufs neue zu
einem äussersten Kampf den Fehdehandschuh hingeworfen erhalten ... Nun war Rom
gefallen und die Einnahme der ewigen Stadt das Signal für die Rückkehr aller
alten Positionen Fefelotti's ...
    Das Interesse an Ruhe und Ordnung blieb allerdings bei den Possidenti das
überwiegende; selbst bei den Waldensern, grösstenteils fleissigen und
wohlhabenden Bauern ... Verwünschungen genug wurden gegen Garibaldi ausgestossen,
der den nur unnützen Widerstand durch das Sprengen der Tiberbrücken um einige
Tage hatte verlängern wollen ... Abendlich las man die Schilderungen aus dem »
Monitore Romano«, wie die einrückenden Soldaten zwar mit Zischen und den Rufen:
»Nieder mit den Pfaffen! Nieder mit den Fremden!« empfangen wurden; aber das
Drama der Befreiung Italiens von äussern und innern Feinden hatte ausgespielt ...
Die Verteidiger Roms hatten den Versuch gemacht, sich nordwärts durchzuschlagen
... Dort kamen ihnen die Colonnen der Oesterreicher entgegen ... Man erstaunte,
wie Garibaldi die Trümmer seines kleinen Heeres noch bis nach San-Marino führen
konnte, wo dann alles sich auflöste und wohin irgend möglich zu entkommen suchte
...
    Die ersten Acte der wiederhergestellten Priesterherrschaft wurden oft
besprochen ... Die flüchtigen Jesuiten, hörte man, waren im Al-Gesú wieder
eingezogen ... Statt des Monitore kam wieder das alte censurirte »Diario« ...
Auch Gräfin Sarzana, las man, kam nach Rom ... In den Todtenlisten, die
allmählich bekannt wurden, befand sich ihr Gatte als Gefallener ... Eines Abends
wurde unter den Verwundeten auch Cäsar von Montalto genannt ...
    Die Gesellschaft befand sich gerade am Vorabend des Bonaventuratages, an dem
in erster Morgenfrühe der Graf, Armgart und Paula nach Coni reisen wollten, im
grossen Speisesaal, als aus den Zeitungen diese Nachricht vorgelesen wurde ...
Das Gespräch war bunt durcheinandergegangen ... Einigen Gutsbesitzern der
Umgegend, die von Monika's Stellung zur Kirche keine rechte Vorstellung hatten
und von Hoffnungen sprachen, die man noch auf Se. Heiligkeit und dessen
persönlichen guten Willen setzen dürfte, hatte diese geradezu erwidert: Solche
Menschen sollen erst noch geboren werden, die, wenn sie von Natur eitel sind,
ertragen, dass man ihnen auch nur eine einzige ihrer gewohnten Huldigungen
entzieht ... Solche Naturen schmollen ewig, wie die Koketten, die uns ein Wort
über ihren Teint nicht vergeben können ... Von Dem erwarten Sie nichts mehr ...
    Paula war wegen Benno's aufgestanden ... Armgart erblasste sogleich und sass
still in sich versunken ... Graf Hugo nahm die Zeitungen, aus denen Baldasseroni
vorgelesen hatte und wiederholte voll Schmerz: Also - Cäsar Montalto - verwundet
...
    Der Vater, die Mutter sahen auf Armgart ... Paula wollte sich der Freundin
hülfreich erweisen; denn langsam erhob sich jetzt Armgart ...
    Man konnte zum Glück hinter der Teilnahme für eine Störung, die dem Grafen
wurde, die Betroffenheit verbergen ...
    Diesem hatte man eben einen Brief überbracht, mit dem Hinzufügen, auf der
Terrasse draussen harre der betreffende Herr, der ihn abgegeben, und wünsche den
Grafen selbst zu sprechen ...
    Graf Hugo hatte die wenigen Zeilen des Billets wieder und wieder überflogen
und stand halb auf dem Sprunge, zu gehen, halb kämpfte er mit sich zu bleiben -
ob aus Teilnahme für Benno, ob aus Interesse für Armgart, ob vor Erstaunen über
den Brief, liess sich nicht unterscheiden ... Erst auf Paula's an ihn gerichtete
Frage, wer so spät ihn noch zu sprechen käme, fasste er einen Entschluss ...
    Der sonst so Aufmerksame erwiderte seiner Gattin kein Wort ... Wie abwesend
verliess er den Saal ...
    Die übrige Gesellschaft fand in alledem kein Arg und blieb noch beisammen
... Angeregt plauderte man durcheinander, auch nachdem Paula und Armgart sich
entfernt hatten ... Stumm, doch innig teilnehmend hatten ihnen die Aeltern
nachgeblickt, blieben aber um so mehr im Saale, als jetzt auch der Graf fehlte
...
    Nur durch einige Zimmer brauchten die Freundinnen zu schreiten, um auf eine
Altane zu treten, von der sich in den Garten blicken liess ... Es war ein milder
Juliabend, der nach brennender Hitze des Tags die sanfteste Kühlung brachte ...
Der Mond, dessen vollen Strahl Paula noch immer vermied, war im abnehmenden
Licht ... Nur die Sterne erhellten die stille Nacht und weckten, wie sie so
dicht auf der Höhe der Seealpen lagen, Sehnsucht in die Ferne, Sehnsucht nach
dem grossen jenseitigen Meer ... Die Terrasse, auf die Graf Hugo hinausgerufen,
lag unter der Altane zur Seite und stiess an ein offenes Gewächshaus, in das man
eintreten konnte, um sich, wenn man wollte, dort auf Ruhebänken behaglich
niederzulassen ...
    Benno verwundet -! sprach jetzt Paula und zog liebevoll die tiefergriffene
Freundin an die Brust ...
    Alles geht hin -! Was bleibt übrig! ... hauchte Armgart leise und schien
gefasst ...
    Wird er sterben? ... lehnte Paula ab ...
    Ich begrub ihn längst - erwiderte Armgart, mit sich kämpfend, um nicht, wie
sie sagte, - »töricht« zu erscheinen ...
    Eine Träne aber perlte an ihrem Auge ... Die Freundin küsste ihre Stirn ...
So lagen sie eine Zeit lang aneinander ...
    Vom Saale herüber erscholl wieder die lebhafte Unterhaltung der Gesellschaft
...
    Wie wird dir's wohl tun, begann Armgart, um mit Gewalt die Gedanken an
Benno zu verscheuchen, wenn du wieder in deinem Hause in Coni bist! ... Ich
glaube nicht, dass dir für immer die hiesige Welt behagen könnte ...
    Der Graf und ich, erwiderte Paula im Gegenteil, wären dennoch lieber hier
... Aber müssen auch wir nicht in Coni um den Freund erbangen? ... Oft ist uns,
als könnte sein Lebenslicht in Einer Nacht erlöschen ...
    Nenne sie nicht beide zusammen! ... fiel Armgart ein ... Dann schwieg sie
lange und sagte entschuldigend: Benno liebte fast zu sehr seine Mutter ... In
ihr liebte er Italien ... Italien ist ein Gift ... O diese Mutter! ... Sie trägt
die Schuld an allem ... Sie hat ihn auch jetzt getödtet ...
    Paula hörte, was schon so oft von den Freundinnen besprochen worden ... Sie
kannte die Mutter Benno's nur aus den Schilderungen, die Bonaventura und Lucinde
von ihr gegeben ... Die aus dem Munde der letztern gekommenen waren wenig
vorteilhaft für die Herzogin von Amarillas - auch Angiolinens, ihres Kindes
Schicksal hinderte den Grafen, mit besonderer Anerkennung von ihr zu sprechen
... Alles das waren schmerzliche Erinnerungen, wehmütige Vorstellungen für
beide ...
    Armgart bekämpfte sich, schwieg und setzte sich, ihr Haupt aufstützend, auf
einen der gusseisernen Sessel, die unter einem zeltartigen Dach von gestreiftem
Zeuge standen ...
    Nach einer Weile fragte sie:
    Wer mag den Grafen so spät noch abgerufen haben? ...
    Man entdeckte den Grafen nicht ... Vielleicht war er weiter hinaus in den
Garten gegangen, der offen, in nächtlicher Stille und mit seinem berauschenden
Dufte vor ihnen lag ...
    Paula sagte, sie brauchten wohl über das Verbleiben des Grafen keine
Besorgnis zu hegen; sie setzte sich zu Armgart, die es beklagte, dem Erzbischof
zu morgen kein würdiges Geschenk bringen zu können ... Wol mochte sie inzwischen
an den Aschenbecher gedacht haben, den sie einst Benno gegeben ...
    Paula sagte:
    Dich selbst wieder zu sehen, wird ihm die liebste Gabe sein ...
    Wie fürcht' ich seine Begegnung mit meinen Aeltern! ... fuhr Armgart fort
...
    Paula bestätigte diese Furcht, wenn sie sagte:
    Oft spricht der Freund: Auch wenn zwei dasselbe sagen, ist es darum noch
nicht dasselbe! ...
    Sie deutete damit den verschiedenen Grund an, auf welchem von beiden
Parteien das Leben der Kirche gebessert werden sollte, setzte aber begütigend
hinzu:
    Aber auch mein Glaube ist schon längst, dass alles, was wir zu sehen und zu
begreifen wähnen, eine Täuschung ist ... Ist das ein Haus? Sind das Berge? Wir
nennen es so ...
    Das mein' ich nicht! widersprach Armgart ... Die Verstandeskräfte, die uns
nun einmal gegeben sind, sind unsere sichern Wegweiser ... Wir haben gar kein
Recht, ihnen zu mistrauen ... Für uns ist wahr, was sie sagen ... Gibt es eine
andere Wahrheit, so kommt sie uns gar nicht zu ...
    Waren es die gewöhnlichen Sinne, die mich einst bei wachem Auge schlafen und
wachen liessen bei geschossenem? entgegnete Paula ... Damals als dem heiligen
Stuhl meine Angelegenheit vorgelegt und mein Zustand verurteilt wurde,
glücklicherweise ohne Nachteil für Bonaventura, hab' ich ein Heft in die Hand
bekommen, wo vieles verzeichnet stand, was ich gesprochen haben soll ... Als ich
alles das las, war mir's doch wie einem Menschen, der sich an den Glauben
gewöhnen soll, schon einmal vor seiner Geburt gelebt zu haben ... Das glauben
freilich auch viele und trauen dem Schöpfer die Armut zu, den Stoff, aus dem er
Menschen bildete, so sparsam aufbewahren, so vorsichtig verwerten zu müssen ...
    Armgart gedachte lächelnd des Dechanten, dem sie Gleiches gesagt, als er sie
in einen Vogel verwandelt prophezeite ...
    Ich las damals, fuhr Paula fort, dass aus mir heraus eine Macht gesprochen
hätte, die Frau von Sicking die des Teufels nannte ... Meine angebliche
Wunderkraft, die Kraft des Gebets verlor sich in der Tat; schlimme Sagen wurden
über mich verbreitet; als ich gar den luterischen Grafen ins Land zog, erlosch
an mich der Glaube ganz ... Nun sah ich, was mein Traumreden war; es war die
stille Ansammlung von tausend unausgesprochen in mir lebenden Urteilen und die
für sich selbst fortarbeitende Unruhe des Geistes, der seine Eindrücke wider
Willen aussprach ... Ich sah einen neue Himmel und eine neue Erde; warum? Weil
ich eine Welt haben wollte für mich und Bonaventura ... Ich sah die
Kirchenväter; sie schlugen andere Bücher auf, als die wir kennen, lesen und
befolgen sollen ... Ich sprach, zumal aus der Seele deines Vaters, Dinge, die
ich glaube jetzt auch ohne Hellschlaf verkünden zu können - freilich fehlt mir
der Trieb dazu ... Die Sprache, die deine Mutter redet, ist die nicht, die ich
dann wählen möchte ... Doch glaube mir, Armgart, auch der Erzbischof denkt wie
deine Aeltern; oft verheisst er Zeiten der grössten Umgestaltung - nur müsse die
Kraft, die sich dann bewähre, eine gesammelte und vorbereitete sein ... Rüste
dich, manches an ihm zu entdecken, was dich überraschen wird - ...
    Dem Gedanken, meine Aeltern zu versöhnen, sagte Armgart, hab' ich meine
Jugend geopfert und es scheint, mein ganzes Leben wird diesem Opfer folgen ...
Trennen kann ich mich nicht mehr von dem milden und gütigen Sinn des Vaters und
dieser wieder hat alles in der Mutter, was ihm sein Leben noch zur Freude macht
... Was ihn sonst an ihr verletzte, gerade das ist jetzt seine Erhebung geworden
... Beide seh' ich treuverbunden und darum trag' ich alles und murre nicht und
durch Schweigen helf' ich mir oft mehr, als durch Worte ... So hoff' ich, komm'
ich auch mit dem Erzbischof aus, der mir ohnehin zu allen Zeiten mehr streng als
nachsichtig war ...
    Paula suchte der Freundin liebevoll diese Voraussetzung zu nehmen und
umarmte sie ... Beide standen schön und schlank im Abendlicht ... Paula schien
jetzt kleiner - doch war die Höhe der Freundinnen gleich ... Paula küsste
Armgart's Stirn ...
    Wie vieles von dem, was ich in meiner Krankheit sah, ist eingetroffen, sagte
sie, und nur das eine - eine Bild, wo ich dich und Benno immer nur verbunden
erblickte, traf nicht zu ...
    Du sahest mich mit ihm auf Felsen, entgegnete Armgart, sahest mich mit ihm am
Ufer des Meeres ... In jeder Gefahr war ich ihm zur Seite ... Ist das nicht
alles eingetroffen? Jetzt - bin ich auch bei ihm und bald - - bald - ...
    Armgart -! unterbrach Paula die düstere Erwartung und zog die Freundin an
sich, der ein Strom von Tränen entquoll ...
    Dann entwand sich Armgart mit stürmischer Geberde und trat an den Rand der
Altane, ihr Haupt auf die hohen Vasen der Blumen legend ...
    Eine Weile dauerte Paula's beruhigendes Streicheln der Stirn, der Wangen und
der Hände der Freundin ...
    Ein leichter Abendwind erhob sich und brachte noch würziger die Düfte der
Rosen und Orangen ... Nun wandte sich Armgart und erinnerte, dass sie schon in
aller Frühe aufbrechen müssten ... Sie wollten zur Ruhe gehen ...
    Da ist der Graf ... unterbrach sich Paula im Gehen und deutete auf den
Garten ...
    Armgart entdeckte unter den dunklen Schatten des Schlosses, heraustretend
aus einem Boskett von Lorberbüschen, die mit hochstämmigen Camellien durchzogen
waren, den Grafen mit einem Begleiter ...
    Kaum hatte sie hingeblickt, so stiess sie einen unterdrückten Schreckensruf
aus und sagte:
    Das ist ja - Terschka! ...
    Paula hatte Terschka's Bild im Gedächtnis fast verloren und lehnte die
Richtigkeit der Erkennung ab ...
    Armgart versicherte aber:
    Er ist es ... Verlass dich ... Das ist sein Gang ... Das seine Art, so mit
den Händen zu fechten ...
    Der Dämon seines Lebens -! sprach Paula dumpf und mit einer Teilnahme für
den Grafen, die die Macht der Gewöhnung über ihr Herz verriet ... Sie konnte
nicht liebevoller von einer Gefahr für Bonaventura sprechen, als jetzt von einer
für den Gatten ...
    Der nächste Gedanke an eine für den Grafen zu befürchtende persönliche
Gefahr konnte nicht lange anhalten ... Der Graf ging ruhig ... Nur der dunkle
kleine Schatten neben ihm schwankte - ... Jetzt standen die Wandelnden still ...
    Armgart fuhr von einigen hohen Cactustöpfen der Balustrade zurück, die sie
verbargen - erbebend vor dem Blick, den Terschka durch das Dunkel der Nacht auf
sie herüberwarf ...
    Was kann er wollen? ... fragte Paula ängstlicherregt ... Die Freundschaft,
die sie für ihren Gatten empfand, liess sie mit einem einzigen Blick die Gefahren
übersehen, die im Gefolg einer solchen Wiederbegegnung eintreten konnten ... Dass
Terschka zu den Jesuiten zurückgekehrt war und vielleicht in Freiburg, wo noch
vor kurzem Hunderte der vornehmsten Adligen erzogen wurden, streng, doch mit
offenen Armen, vorläufig - als Lehrer der Reitkunst aufgenommen wurde, hatte oft
Graf Hugo selbst gesagt ... Unmittelbar nach Terschka's vorausgesetzter Rückkehr
zum Orden brachen die Ereignisse an, die die Jesuiten von Freiburg verjagten ...
Paula kannte jetzt alles, was Pater Stanislaus einst bei ihrem Gatten im Auftrag
des Al-Gesú hatte sein sollen; gerade diese Gedankengänge hatten so oft
Veranlassung gegeben, im kirchlichen Glauben das Aechte vom Falschen zu
unterscheiden und Bonaventura's Entrüstung über die seelenmörderische Tätigkeit
der Jesuiten zu teilen ... ... Paula wusste, dass die verführerischen Plane des
Paters an ihres Gatten gesundkräftiger Natur und Terschka's Mangel an
Selbständigkeit scheiterten ... Was er wäre, hatte oft der Graf zu Paula gesagt,
verdankte er dem Leben und - dem Tode Angiolinens, dann freilich vorzugsweise
dem einen Tage, den Bonaventura mit ihm auf Schloss Salem zugebracht ... Verliess
sich auch Paula auf die Wahrheit dieser Worte, so war doch schon lange ein
trüber Stillstand in des Grafen Leben eingetreten ... Die unerwiderte
Zärtlichkeit für seine Gattin, sein mannichfach geteiltes Herz, die jetzige
Erfüllung aller seiner äussern Wünsche hatten einen Zustand der Mutlosigkeit
hervorgerufen, aus dem sich emporraffen zu wollen sein fester Wille schien ...
Der Tod der Mutter, die Ankunft des Obersten schien Pläne zu erleichtern, deren
Ausführung nun vielleicht in die Hand - Terschka's geriet? ... Paula geriet in
die heftigste Erregung ...
    Armgart, aus natürlichen Ursachen selbst erbebend, konnte nicht alles
übersehen, was sich so in Paula's Seele an Angstgedanken jagen konnte ... Aber
sie fühlte die Hand der Freundin erkalten, fühlte, dass in Paula's Brust eine
Teilnahme für den Gatten zitterte, die ihr schon lange viel mehr, als nur die
Folge der Gewöhnung an ihn schien ... Staunend und ihres eigenen Schreckens
nicht achtend sagte sie:
    Beruhige dich! Sieh, wie friedlich beide nebeneinander gehen ...
    Ausgesöhnt! ... Und - dem Walde zu! ... sprach Paula voll Bangen ...
    Eben gingen der Barbe Baldasseroni und der Aelteste der Waldenser denselben
Weg dem Walde zu ... Im untern Schloss wurde es lebendig; die Gesellschaft
trennte sich, Diener waren in Bewegung ... Armgart glaubte, dass man Paula's
Befürchtungen nicht zu teilen brauchte ... Sie stockte eine Weile, ob sie den
Aeltern von Terschka's Nähe sprechen sollte, unterliess es aber, aus Besorgnis,
dass ihnen mit dieser Nachricht die Nachtruhe geraubt würde ... Zu Paula's
Beruhigung zog sie zwei Diener ins Vertrauen, die sie beauftragte, in einiger
Entfernung dem Herrn und seinem Gast zu folgen ... Der Abendwind wurde frischer;
sie sollten dem Grafen und seinem Besuche Mäntel nachtragen ... Armgart zog die
Freundin in ihr Schlafgemach, dessen Türen auf die Altane hinausgingen ... So
lange wollte sie bei ihr bleiben, bis der Graf zurück wäre ... Schon allein das
Bedürfnis, sich über die gebundenen Stimmungen ihrer Seelen auszusprechen, hielt
sie inzwischen beide wach ...
    In der Tat hatte sich Armgart nicht geirrt ...
    Terschka war es - und in leichtem, unpriesterlichem Reisekleide ... Er hatte
den Grafen um einen unbemerkten Empfang gebeten und demzufolge ihn draussen auf
der Terrasse begrüsst ... Die Ruhe, die die Frauen am Grafen beobachtet hatten,
kam von einer innersten Erkältung her, mit der er dem entusiastischen Gruss und
der beredsamen Darstellung eines abenteuerlichen Irrgangs durchs Leben vom Tage
seiner Abreise nach Amerika an bis zum gegenwärtigen Augenblick gefolgt war ...
Damals als ich Ihnen riet: Greifen Sie die Urkunde an! Sie ist falsch! Lassen
Sie jene Lucinde verhaften! konnte alles noch anders werden; aber Sie folgten
mir nicht! hatte Terschka, an den durch die Abreise nach Amerika unterbrochenen
Briefwechsel anknüpfend, offen ausgesprochen und angedeutet, um wie viel weniger
grausam ihn dann die Schläge des Misgeschicks getroffen haben würden ...
    Graf Hugo war auch darin eine vornehme Natur, dass er sich sogar gegen das
Zweideutige und Schlechte nicht mit sofort aufwallender Entrüstung, nur mit
einer Art naiver Ironie, ja einer scheinbaren Toleranz verhielt, die jedoch tief
erkältend und alles Ungebührliche von sich ablehnend wirkte ... Ein sich immer
gleiches entwaffnendes Lächeln lag dann auf seinen Gesichtszügen, sein
wienerisch gemütlicher Accent bekam eine ironische Schärfe, die verwirrte ...
So bemerkte er auch jetzt mit einem Schein von Humor:
    Wirklich, mein alter guter Terschka, wenn ich Ihnen dienen kann, so sagen
Sie es offen! ... Ich bin ja reich ... Mama starb vor kurzem ... Verfügen Sie
über mich! ...
    Terschka kannte diese Manier, fürchtete sie und erwiderte nach einer Weile:
    Graf, das ist alles zu spät! ... Was ich brauche, brauchen darf, das hab'
ich ja ... Ich muss arm bleiben, wie mein unseliges Gelübde befiehlt ... Ja, ja,
Graf, ich kann nicht mehr zurück - bleibe, was ich war und - wieder bin ... O,
diese Kämpfe - diese Martern! ... Aber Graf - - Wenn Sie - Sie wollten - ...
    Ich? ... Was soll ich wollen? ... sagte der Graf ...
    Mit dem Ausdruck des höchsten Schmerzes stockte Terschka und sah sich um, ob
niemand ihnen folgte ...
    Der Graf wiederholte mit dem Ton der alten Sorglosigkeit, wenn auch scharf
aufhorchend, mehreremal:
    Sie sind also wieder Katolik, Priester, Jesuit - haben in dieser wilden
Zeit - wo? - in Tirol gelebt? ...
    Unter fremdem Namen leitete ich die Erziehung der Söhne eines Grafen von
Wallis in Steiermark ...
    Versteckten sich bei den Gemsen und auf den Eisfeldern der Tauern ... Hören
Sie, da taten Sie recht ... Ich hörte, dass Ihre alten Freunde in London einige
Dolche für Sie geschliffen hatten, die Ihnen - den Tod der Brüder Bandiera
heimzahlen sollten ...
    Sprechen auch Sie diese Verleumdung nach? ... wallte Terschka auf und
begleitete seine Rede mit den heftigsten Gesticulationen ...
    Durch wen sollte die Erhebung von Porto d'Ascoli zu einer Espèce
Räuberfeldzug werden? ... entgegnete der Graf mit Schärfe und wiederholte, was
durch Bonaventura und Benno's frühere Briefe ihm erinnerlich war ... Durch einen
gewissen Boccheciampo und Jan Picard, den man aus London nach Korfu geschickt
hatte, um an jener Expedition teilzunehmen ... Das Experiment misglückte ... Der
Einfall fand in Calabrien statt ... Aber doch ereilte die Nemesis einen Ihrer
Abgeordneten durch den Bruder Hubertus, der Ihnen, hör' ich, schon in Westerhof
eine unheimliche Erinnerung gewesen sein soll ... Was hatten Sie gegen den Mönch
mit dem Todtenkopf, den »Bruder Abtödter«? ... Ihren Sendling soll er wie den
Grizzifalcone in Rom bedient haben ... Dass die Italiener doch noch manchmal vor
uns Deutschen Respect bekommen! ...
    Alles das schrieb Cäsar Montalto aus London an den Erzbischof? ...
entgegnete Terschka mit funkelnden Augen ... Ich versichere Sie Graf! Es sind
Lügen ...
    Der Graf hatte die Anklage ausgesprochen, die Terschka seit einigen Jahren
verfolgte; die Anklage, die ihn nach Amerika getrieben; die Anklage, die ihn,
aus Furcht vor den Flüchtlingen in Genf, zuletzt die Pforten des Asyls von
Freiburg wieder aufsuchen, ja in den Zeiten der entfesselten Revolution sich
ganz in der Welt verbergen liess ... Der Graf tat dabei so, als wenn es ihm gar
nicht einfiele, Terschka's etwaige, höchst respectable Motive verdächtigen zu
wollen ...
    Man verlangte damals für die Bandiera, begann Terschka, entschlossene und
verzweifelte Männer ... Ich schickte einen solchen ... Es war ein Mensch, der
mir in London, ich gesteh' es, unbequem wurde ... Ich habe Ihnen nie ein Hehl
gemacht, Graf, dass, ohne meine Schuld, meine erste Jugend abenteuerlich war ...
Nun führte mich eine zufällige Begegnung mit einem Menschen zusammen, der sich
an mich klettete, mich auspresste, belästigte in jeder Weise ... Ich wusste ihm
nichts zu bieten, als das Handgeld der Verschwörer ... Noch mehr, ich suchte
diesen Picard zuerst in Londons Tavernen aus freien Stücken auf; ich war ihm als
Brandstifter von Westerhof auf der Spur ... Zwar leugnete er, vermass sich hoch
und teuer - ich setzte ihm aber - in Ihrem Interesse, Graf - so lange zu, bis
ich, ohne Ihre dringende Abmahnung, diesen Gegenstand weiter zu verfolgen, ohne
Zweifel der Wahrheit über den Schlossbrand auf den Grund gekommen wäre - ...
    Sie wussten, dass es ein Gauner war, sagte der Graf, und empfahlen ihn doch
jenen Flüchtlingen, deren Partei ich nicht nehme, die aber, mein' ich, einige
brave Menschen in ihren Reihen zählen ... Empfahlen ihnen einen Kerl, der ganz
gewiss jener Diener auf Westerhof war, Dionysius Schneid ja wohl, für den Ihr
alter Hubertus hätte verantwortlich gemacht werden müssen, wenn der alte Freund
und zuweilen nicht zurechnungsfähige Protector Ihrer Jugend, einer unter Räubern
zugebrachten Jugend, nicht damals mit dem Doctor - Klingsohr ja wohl - entflohen
wäre - ...
    Graf -! unterbrach Terschka mit verdrossener Geberde und hielt,
vorauseilend, beide Hände an seine Schläfe, als könnte er Dinge nicht hören, die
- das Mal auf seinem Arm erglühen machten ...
    Nun, nun, beruhigen Sie sich nur! rief ihm der Graf nach und folgte langsam
... Mein Vorwurf trifft nur die Möglichkeit, wie Sie Ihren Freunden in London
einen notorischen Bösewicht haben empfehlen können! ...
    Meine Freunde! wiederholte Terschka und lachte ... Was ist, was war mir
diese Freiheit Italiens! Diese Aufstände, diese Bewegungen! ... Ich bin zu
Grunde gegangen an meinem Bedürfnis, andere froh und glücklich zu sehen ...
Jesus, mein Ehrgeiz war schon da befriedigt, wenn ich unter dem Schein der
Freundschaft so viele Jahre nur Ihr Bedienter war ... Protestiren Sie nicht,
Graf! ... Ich liebte die Geselligkeit, habe die Rechte, die sie gab, nie
missbraucht, ich lebte ihren oft sehr schweren Pflichten ... Sie haben es gesagt,
das unglückliche Gespenst meiner geringen Herkunft ist es, das mich überall
verfolgt ... Sie haben sich gut erinnern -; ich gestand es Ihnen selbst -
damals, als Sie sich von dem lieblichen - Kinde in Zara nicht trennen konnten
...
    Terschka sah den Eindruck seiner an dieser Stelle in Weichheit übergehenden
Stimme am Stillstehen des Grafen ... Ein stürzendes Bergwasser begrenzte den
Garten ... Eine Erlenbrücke führte hinüber ... Der Graf lehnte sinnend über die
weissen Stämme dieser Brücke hinweg und blickte in die rauschende Flut ...
    Angiolina! fuhr Terschka in melancholischem Tone fort ... Ach, wenn du, du
noch lebtest! ... Nie würde dein alter, verwitterter, lebensmüder Freund so tief
ins Elend geraten sein! ... O, diese Zeiten! ... Graf, oft hör' ich sie noch im
Geiste weinen und - lachen ... Wie sie lachen konnte - die Angiolina - wie sie
halt wieder gut machte, was ihre Wildheit zerstört hatte ... O Graf, um
Angiolinen schont' ich ihren Bruder - noch vor drei Tagen sah ich ihr Bild wie
zum Verwechseln vor mir - in den Zügen dieses - mir immer nur impertinent
gewesenen Bruders - ...
    Sie sahen - Montalto? erhob sich der Graf vom Geländer der Brücke ... Wo?
... Er soll ja verwundet sein - ...
    So wissen Sie noch nicht, dass er in Coni beim Erzbischof ist? ...
    Wer? fuhr der Graf auf ... Benno von Asselyn? - in -? ...
    Coni! Auf meiner Fahrt von Genua hierher begegnet' ich ihm ... Vor wenig
Tagen ... Ich glaubte damals nicht, dass er noch den nächsten Tag überlebt ...
Aber er ist, verlassen Sie sich, in Coni - ...
    Der Graf geriet in die höchste Aufregung ... Dachte er auch nur an die
morgende Fahrt nach Coni, so war Grund genug vorhanden, sich zur Umkehr zu
wenden ...
    Lassen Sie mir diese letzte Stunde! bat Terschka und ergriff die Hand des
Grafen ... Es ist die letzte - meiner Freiheit! Graf, lassen Sie uns so nicht
scheiden! ... Ich bin eine elende Ruine, zu Grunde gerichtet, verloren ... Das
ist mein Unglück, ich kann ohne die Vorsehung anderer Menschen, ohne eine Kette
nicht leben ... O diese Kette - wie ist sie unendlich - und ach! - wie schwer -!
...
    Sie sind also in der Tat der Pater Stanislaus wieder! ... sagte der Graf
nicht ohne wärmeren Anteil ...
    Die Fessel ist dehnbar aber sie reisst - nie! ... antwortete Terschka im Tone
der Vernichtung ...
    Eine dumpfe Pause trat ein ... Eine öde Stille, ... Nur die Blätter der
Bäume fingen mächtiger und mächtiger zu rauschen an ...
    Der Graf empfand die ganze Verwerflichkeit eines Ordens, den er schon lange
gelernt hatte vom Katolicismus selbst zu unterscheiden ... Aber er empfand mit
Terschka persönlich Mitleid ...
    Sie Aermster gehen also nach Rom! ...
    Zum Gericht! fiel Terschka ein ...
    Und kommen direct? ...
    Von Genua - ...
    Da sahen Sie - Benno von Asselyn! ...
    Auf dem Wege nach Coni ... Ich sprach ihn natürlich nicht ... Schon in
Witoborn war er mein Todfeind ... Ich sah ja Armgart eben - auf der Altane ...
Graf, es wird kühl ... Schliessen Sie Ihr Kleid ... Armgart wird erstaunen -
ihren Benno wiederzusehen - ...
    Die nächtlichen Wanderer standen am Eingang zu jenem mächtig sich
ausdehnenden Eichenwalde, der die noch unzerstörte Einsiedelei des Eremiten barg
... Sie schritten in die sich mehrende Dunkelheit hinaus ... Eben gingen der
Pfarrer und der Gemeindeälteste an ihnen vorüber und sprachen, als beide
stillstanden und sie vorüberliessen, ein: Salute! ...
    Buon viaggio! durfte der Graf erwidern, da die Wanderer bis zu ihrem
Gebirgstale eine weite Strecke hatten ...
    Terschka wandte sich abseits, um nicht erkannt zu werden ... In früheren
Jahren war er nicht selten hier gewesen und geredet wurde noch oft genug von ihm
... Er kannte hier Weg und Steg ...
    Werden Sie denn auch für diese Schwärmer, fragte er den Vorausgehenden nach,
ebenso ein Protector sein, wie Ihre Mutter? ...
    Die Gesetze protegiren sie ... entgegnete der Graf und sah, nur noch Benno's
gedenkend, nach der Uhr ...
    Terschka wollte ihn nicht lassen ... Er suchte ihn in Interessen zu
verwickeln, die für beide gemeinschaftliche waren ...
    Man sagt, begann er, dass Ihre Freundschaft für den Erzbischof von Coni -
Ihre Zärtlichkeit für - Ihre Gemahlin jetzt vielleicht - nach dem Tode - Ihrer
Mutter - - ...
    Der Graf hörte nicht ... Seine Gedanken waren nur dem Schloss und Coni
zugewandt ...
    Warum bin ich nur so feige und tödte mich nicht selbst! ... unterbrach sich
Terschka mit wilder Geberde und weckte somit gewaltsam den Grafen aus seinem
fortgesetzten Brüten ...
    Sie erwarten wirklich jetzt erst in Rom die ganze Strenge Ihres Ordens für
Ihre Flucht! ... sagte der Graf, mit zerstreuter Teilnahme auf seine Worte
hörend ...
    Terschka erwiderte nichts, sondern blickte nieder ...
    Sie haben mir von den Exercitien des heiligen Ignatius erzählt! fuhr der
Graf, um ihn zu beruhigen, fort ... Werden Sie also in einer dunklen Zelle
zubringen müssen mit einem Todtenkopf auf Ihrem Betpult, mit dem Bild einer -
verwesenden Leiche in Ihrem Bett -?10...
    Terschka schwieg ...
    Das sind doch in der Tat nur kindische Dinge ... Auch hab' ich gehört, dass
Sie Ihren Uebertritt, Ihren Verrat am Orden, wenn Sie wollen, als eine
wohlberechnete Strategie darstellen dürfen, als ein Mittel, desto besser zu
Ihrem Ziel zu gelangen - ...
    Ja - was war - denn mein Ziel? fiel Terschka mit zustimmendem Aufhorchen ein
...
    Der Graf bereuete diese Andeutung gegeben zu haben ...
    Sie werden, begann Terschka anfangs lebhaft, bald aber seine Stimme
dämpfend, als könnten die Blätter der immer mehr bewegten Bäume seine Worte
weiter tragen, Sie werden in diesem Tal, in diesen öden Wäldern nicht ewig
bleiben wollen ... Ihre Liebe zu den Waffen wird sich wieder regen, zumal wenn
Sie sehen, dass eine Zeit kommt, wo nur noch die Waffen die Welt regieren ... Oft
schon sind Ihnen glänzende Anerbietungen zum Rücktritt in die Armee gemacht
worden ... Ihre Lage, zweien Staaten angehören zu sollen, zumal zweien, die sich
unausgesetzt befehden werden, wird Sie zuletzt zu einem Entschluss veranlassen
müssen ... Ich weiss nicht, wohin Sie Ihre Ueberzeugung zieht ... Katolisch
sein! ... Selbst in jenen lächerlichen Exercitien des Ignatius liegt ein -
dumpfer Ernst - mache nur Einer mit, was ich in Freiburg habe erleiden müssen
... Die Revolution machte dem schrecklichen Kinderspiel, das man mit mir trieb,
ein Ende ...
    Was in Freiburg unterbrochen wurde, wird in Rom wieder aufgenommen werden -?
...
    Ja Graf -! Aber gesetzt, Sie nähmen wieder bei Ihren alten Waffengefährten
Dienste, Sie lebten in Wien, wofür sich doch zuletzt die Sehnsucht Ihres Herzens
entscheiden wird - Gesetzt - Sie brauchten ja Castellungo nicht zu verkaufen -
die Notwendigkeit für Ihre Gemahlin, in des Erzbischofs Nähe leben zu müssen -
...
    Was reden - Sie! ... unterbrach der Graf ...
    Vergebung! schmiegte sich Terschka in demütiger Geberde ... Sie
misverstehen mich - Ich meine, der Oberst von Hülleshoven ist ein
Projectenmacher und eigensinnig wie seine Frau ... Hedemann wäre für die
Verwaltung Castellungos zu brauchen gewesen - Aber der ist - ja wohl auch todt?
...
    Sie sind - ein schneller - Reiter! ... entgegnete Graf Hugo, sich erst
langsam beruhigend ... Nie noch hatte jemand gewagt, ihm persönlich die
Notwendigkeit, Paula in des Erzbischofs Nähe zu lassen, so offen auszusprechen,
wie Terschka ... Ihm war Bonaventura notwendig, Er nur blieb in des Freundes
Nähe -! So und nie anders hatte sich seit Jahren das Verhältnis im Munde seiner
Umgebungen gestalten dürfen ...
    Wollen Sie diese herrliche Besitzung zu Grunde gehen lassen? fuhr Terschka
immer demütiger fort ... Konnten Sie über meine Art, in Westerhof zu Geld für
Sie zu kommen, klagen? ... Behalten Sie mich hier! ...
    Ich verstehe nicht - entgegnete der Graf ...
    Ich fürchte mich vor Rom ... Man wird Dinge von mir verlangen - die über
meine Kraft gehen ... Die einzige Möglichkeit der Rettung für mich wäre, dass ich
draussen in der Welt eine Aufgabe fortsetzte ... Was ich Ihnen früher im Geheimen
war, Graf, wenn ich es offen würde - und - sagen könnte -...
    Der Graf horchte auf ...
    Treten Sie über! ... Lassen Sie mein jahrelanges Werk endlich mit Erfolg
gekrönt sein! ... Tun Sie es öffentlich, so soll es mir nicht zu schwer werden,
es meinen Obern so darzustellen, als wenn alles, was ich mir seiter habe zu
Schulden kommen lassen, nur ein Mittel war zu höherm Zweck ... Tun Sie es
geheim, wohlan dann desto besser ... In diesem Fall würd' ich Ihr
Gewissensfreund bleiben, würde Ihr Wächter scheinen dürfen und könnte so
fortleben, wie bisher - selbst unterm Schein, Priesterstand und was nicht alles
verwirkt zu haben ... Oesterreich erhält die Weisung, meine Lage zu ignoriren -
Piemont schützt uns ohnehin ... Werden Sie katolisch, Graf! ...
    Graf Hugo brauste nicht auf und entsetzte sich nicht ... Es gab eine Stelle
in seinem Innern, die von Terschka's Vorschlägen elektrisch berührt wurde ...
Die Jesuiten waren ihm nicht der Katolicismus ... Religion nannte er übliche
Sitte und Landesart ... Der geselligen Spaltungen, die in seiner frühern
militärischen Stellung für ihn als Akatoliken lagen, erinnerte er sich ungern
... Den stolzen Mut seiner Mutter, gerade im Widerspruch mit weltlichen
Rücksichten zu leben, besass er nicht ... Mehr noch, wirkliche Liebe zu Paula
fing ihn zu bestimmen an ... Um sich, um die Mutter aus bedrängten Verhältnissen
zu reissen, hatte er eine Standesehe geschlossen, ohne Paula die Zumutungen
einer Gattin zu machen - ... Und die ersten Jahre war es ein Verhältnis gewesen,
wie auch nur je eine Vernunftehe unter hochgestellten Personen geschlossen wurde
... Als aber Paula in Italien, in Bonaventura's unmittelbarer Nähe lebte, als
sich die hochgespannte Leidenschaftlichkeit dieser Beziehung milderte, als die
bescheidene Unterordnung des Grafen unter den Erzbischof diesen nicht minder,
wie Paula rührte - die Jahre und die Reife des Geistes bringen allem
Menschlichen sein Mass und lehren uns die wahren Güter des Lebens in Höherem
suchen, als im persönlichen Glück - da hegte Graf Hugo Hoffnungen auf sein Weib
ganz mit der Werbung eines Liebenden ... Das Aussterben seines Stamms, die der
Möglichkeit, noch einen Erben zu gewinnen, immer mehr gezählten Stunden - schon
allein diese Rücksicht verlangte ein Entweder-Oder ... Und da glaubte denn Graf
Hugo schon lange, dass er sich und Paula diese Entschlüsse durch seinen
Uebertritt erleichtern würde ... Den kirchlichen Beziehungen seiner Mutter war
er entrückt; die fortzusetzende Verbindung mit den Waldensern setzte eine
grössere geistliche Neigung voraus, als er sie besass ... Aus solchem
Indifferentismus, verbunden mit Resignation des Gemütes, erfolgte schon oft ein
Uebertritt zur römischen Confession ... Und so konnte er Terschka's Vorschläge
hören, ohne sie sofort von sich zu weisen ... Hatte er nicht auch eine Reihe der
glücklichsten Jahre mit diesem Menschen verlebt, oft über seine Ratschläge den
Stab gebrochen, oft sie dennoch befolgt -? ... Zwischen ihm und Terschka hatte
von jeher die mitleidige Toleranz eines Herrn für einen erwiesenermassen nicht
immer ehrlichen, aber bei alledem in seiner Art unersetzlichen Diener geherrscht
...
    Der Abendwind erhob sich mehr und mehr ... Wolken legten sich über die
Sterne ...
    Graf Hugo liess Terschka reden - liess sich ihm bald raten, bald schmeicheln
- liess sich von ihm den Rock zuknöpfen, aus Besorgnis, der Graf möchte sich
»verkühlen« - Bald an dieser bald an jener Stelle seines Gemütes wurde er
berührt ... Auch das Glück schilderte Terschka, das er sonst hier gefunden haben
wollte bei des Grafen Mutter ...
    Die Herrliche, Gütige! sprach Terschka ... In London - - da lag ich
zerknirscht zu ihren Füssen ... Sie schickte mir einen Geistlichen, dem ich
meinen Glauben abschwören sollte ... Oeffentlich in einer Kirche hab' ich es
nicht getan - ich ging zum Abendmahl und nahm es in beiderlei Gestalt ... Graf,
darin sind wir - einig; was mich einst zum Priester machte - was war es? ... Für
mich waren die Weihen nichts, als eine Erlösung vom Gewöhnlichen ... Die klugen
Väter erkannten es zu spät und gaben mir einen Auftrag, der mich dem Weltleben
zurückgab ... Kann man den Jesuiten, den Soldaten der Kirche, verdenken, dass sie
Wert auf den Besitz eines Namens legen, wie des Ihrigen? ...
    Graf Hugo verabscheute, was er hörte, aber - er dachte an Paula und die
Zukunft seines Namens ... Der Zauber des gebundenen Willens lag schon lange auf
ihm ... Was jeder verworfen hätte, was Monika Unmoralität nannte, vertrug sich
bei ihm mit manchen geheimnisvollen Stimmungen der Seele ... Es gab keinen
andern Ausdruck für sein Gefühl, als den, dass die reinere Natur des
Katolicismus, die Natur, die selbst ein Terschka nicht entweihen konnte,
geheime und mystische edle Dinge verklärte ... »Der erste Beichtstuhl wurde aus
dem Baum der Erkenntnis gezimmert« hatte die Gräfin Sarzana vor einigen Jahren
hier gesagt ... Graf Hugo versank immer mehr in ein brütendes Nachdenken ...
    Terschka erging sich in Lobpreisungen des katolischen Glaubens vom
Standpunkt der Weltlichkeit, die beide früher so eng verbunden hatte ... Und
hätte ihn ein noch schlimmerer Ruf verfolgt, als der, den der Graf kannte, es
lag zu viel Gemeinsames in ihren Lebensbezügen, ihre Erinnerungen trafen so oft
auf einem Punkte zusammen, dass ihn der Graf nahm, wie er sich gab ... Terschka
knüpfte immer und immer an Angiolinen an ... Und der Graf wusste, wie energisch
Terschka auf Schloss Neuhof für sie gesprochen hatte ... Terschka kam auf
Angiolinens Mutter, die Herzogin von Amarillas, die aus London erwartet würde
und wieder in Rom wohnen wollte, wenn sie nicht, unterbrach er sich, wohl gar
noch hierher kommt, um ihren, wie ich glaube, hoffnungslosen Sohn aufzusuchen
...
    Der Graf gab alle diese Möglichkeiten zu, hörte sie aber voll Schrecken und
Wehmut ...
    Terschka erzählte von Fürstin Olympia, deren Verhältnis mit Benno schon seit
lange nicht mehr das alte gewesen sein sollte ...
    Der Graf hörte Terschka's welt- und herzenskundige Auffassungen; aber so
gross seine Teilnahme für Angiolinens Bruder war, so sehr er Benno's Seelenkraft
bewunderte seit jenem Schreckenstage auf Schloss Salem, wo Schwester und Mutter
in einem und demselben Augenblick von ihm gefunden und verloren wurden, so sehr
ihn der Eindruck ergriff, den nun Benno's Anwesenheit in Coni auf alle,
vornehmlich Armgart hervorrufen musste - sein Fragen und Forschen nach Diesem und
Jenem war nur ein Verbergenwollen der grösseren Sorgen, die sein Inneres um Paula
drückten ...
    Terschka sah seinen Einfluss wiederkehren, sah, wie Graf Hugo sich an seinen
Ton, seine alte Weise gewöhnte ... Er blickte um sich ... Sie waren tief im
Waldesdunkel vorgedrungen und Zeit hätte es werden müssen, an die Rückkehr zu
denken ... Immer mehr und mehr verstärkte sich der Wind, der von den Bergen
wehte ... Die schwanken Wipfel der Bäume liessen Raum hier und da zu
Durchsichten, wie in einem kunstvoll angelegten Park ... Die Wanderer gingen
einen Bach entlang, der behend unter den jetzt hin-und hergepeitschten
Blütenbüschen dahinschoss ... Nur allmählich erhob sich die grüne Bergwand ...
Schon war die Einsiedelei Federigo's in der Nähe ... Eine Gruppe der mächtigsten
Eichen stand auf der Höhe so dicht beieinander, dass ihre Baumkronen von fern her
zu einem jetzt im Winde den Einsturz drohenden Dach verwachsen schienen ... Ich
war vor drei Tagen noch in Genua, erzählte Terschka, des Brausens und Rauschens
um ihn her nicht achtend, wo eben Sturla aus Barcelona angekommen war ... Dort
schon hört' ich, dass sich Cäsar von Montalto, schwer verwundet, unter den
Trümmern der römischen Aufstandsarmee befand und auf dem Wege nach Coni war,
ohne Zweifel zum Erzbischof ... Auf der steilen Riviera di Ponente begegneten
wir ihm ...
    Wir? wiederholte der Graf ...
    Pater Speziano und ich - ...
    Pater Speziano! Wagt ihr euch so weit schon wieder ins Land! ...
    Wir stiegen in Robillante aus - wohin ich bis morgen früh - zurück muss ...
Incognito - bis - - nach Rom - Graf! ...
    Erzählen Sie! ...
    Durch Vintimiglia fuhren wir im Postwagen und hielten eine Weile, ohne
auszusteigen ... Vor einem Kaffeehause, wo unsere Pferde gewechselt wurden,
stand ein halb offner Wagen ... Sehen Sie da! rief Pater Speziano und deutete
auf den Wagen ... Ein Kranker lag in ihm zurückgelehnt ... Ich blicke näher -
mich schützten die Jalousieen des Postwagens - und erkenne den Bruder
Angiolinens ... Sollt' ich es wagen auszusteigen und ihn anzureden? ... Sein
Zustand sah dem eines Sterbenden ähnlich ... Speziano hielt mich zurück ...
    Der Graf geriet in eine Stimmung des unsaglichsten Schmerzes ... Sollte
alles dem Verhängnis verfallen, überall der Tod seine Opfer suchen! ...
    Wo sind Sie abgestiegen? fragte er noch einmal, ehe sie sich zur Rückkehr
wandten ...
    In Robillante - ... Aber für diese Nacht unten in San-Medardo beim Pfarrer
...
    Und die Herzogin - seine Mutter -? ...
    Ist mit Fürstin Olympia eilends aus London gekommen ... Die letzten
Nachrichten von diesen Frauen hatte man aus der Schweiz ... Erfuhren sie von
Montalto's Verwundung und Gefahr und seiner Reiseroute, so kommen sie ohne
Zweifel hierher ...
    Olympia -! rief der Graf und dachte an eine notwendig werdende Vorbereitung
Armgart's auf so erschreckende Möglichkeiten -.. Vielleicht klopfte er noch
jetzt dem Obersten und zog zunächst diesen ins Vertrauen ...
    Aber werden Sie katolisch, Graf! drängte Terschka ... Es ist die Religion
der reinen Menschlichkeit ... Krönen Sie mein Werk, dem ich dann achtzehn Jahre
meines Lebens geopfert habe - So lässt es sich wenigstens darstellen ... Die
Mittel, die ich anwandte, sind natürliche gewesen und ich bin gerettet - ... Sie
erlösen mich von Strafen, die alles überschreiten werden, was meine Natur
erträgt ... Das Al-Gesú macht ein Endurteil über mich - ... Ich habe keine
Kraft, einem Geschick zu trotzen, das mich in die Mitte der beiden mich
verfolgenden Parteien nimmt ... Wollt' ich auch zum zweiten male entfliehen, ich
wäre vor Mazzini's Rache ebenso wenig sicher wie vor der des Al-Gesú ... Graf,
werden Sie katolisch! ... So hab' ich wenigstens Ruhe vor Denen, die auf mich
die ersten Rechte hatten ...
    Terschka versicherte dann, dass ihn Pater Speziano nach Rom führen müsse wie
einen Gefangenen ...
    Der Graf stand schon lange wie eingewurzelt ... Er blickte um sich und sah,
dass er in dem Hain des Eremiten unter dem majestätischen Dach der uralten
»Eichen von Castellungo« stand ... Noch glänzte die von Birkenzweigen und
verwittertem Moos gebaute Hütte ... Noch lag wie sonst der Verschlag für
Federigo's treuen Hund, den »Sultan«, wie er hiess, unverändert; noch die Hütte
für die Ziege, beide Tiere, die die einzige lebende Gesellschaft des Freundes
seiner Mutter waren ... Eine mächtige runde Steinplatte, verwittert und mit
gelblichen Moosflechten überzogen, die als Altar zu dienen pflegte, stand in der
Mitte des mächtigen Rundes, über dem die Baumkronen sich schüttelten im
zunehmenden Sturm ... Noch hing in den ächzenden Zweigen des stärksten dieser
Bäume die Glocke, durch deren Ruf der Einsiedler in einiger Verbindung mit der
Welt blieb ... Die schlummernden Vögel auf den Zweigen schienen zu träumen,
mancher leise Laut erscholl, mancher Vogel flog erschreckt vom Neste ... Der
Wind bewegte durch die Zweige auch die Glocke ... Zuweilen schlug sie an -
leise, geheimnisvoll, geisterhaft - Graf Hugo sah ein ganzes Leben ihn hier wie
mit stiller Bitte mahnen; er hörte den Ruf der Mutter, als sie ihn um die
Erhaltung der Glocke - um die Erhaltung Castellungo's und des Glaubens seiner
Väter bat ...
    Terschka erkannte diese Zauber der Bestrickung für den Grafen ... Oft hatte
er hier selbst den Eremiten gesprochen, hatte sich mit dem »Sultan« in der Hütte
dort geneckt; er wusste, dass dies treue Tier dem vermeintlichen Gefangenen der
Inquisition gefolgt sein sollte ... Noch deutlich sah er die Gräfin auf einem
Sessel von Baumzweigen, auf dem sie hier oft stundenlang bei ihrem Schützling zu
verweilen liebte ... Gerade damals war Terschka hier zum ersten mal gewesen, als
sich die Sage von Vincente Ambrosi verbreitet hatte, der vor Frâ Federigo's
Lehren geflohen wäre ...
    Träumend stand der Graf und blickte auf die Glocke, deren Bewegungen immer
stärker und stärker wurden ... Er fuhr auf, als er Fusstritte hörte und die
beiden Diener sah, die gefolgt waren und jetzt näher kamen, um die Mäntel
anzubieten ...
    Mechanisch nahm er den einen und bot Terschka den andern ... Dieser nahm ihn
schnell, nur um die Diener zu entfernen ... Lebhafter und lebhafter drängte er
auf Entscheidung ... Er schilderte alles, was er wünschte, als ein Facit von
Umständen, die gebieterisch gegeben wären ...
    Der Graf lauschte der Glocke unter den Bäumen, die die heftigen Windstösse in
Bewegung erhielten ... Der ungleiche Klang war wie die unregelmässigen Atemzüge
einer von Angst bedrängten Seele ... Das Bild der sterbenden Mutter stand dem
Sohn vor Augen ... Ihr Wort: »Du wirst dem Tiere folgen!«, ihre Bitte für diese
Glocke, ihre Bitte für den jetzt schon in so wilder Störung begriffenen Frieden
dieses einsamen Ortes sprach ihm aus dem Wehen jedes zitternden Blattes ...
    Lassen Sie, Terschka! schnitt er jetzt, wie aus Träumen erwachend, alle
Vorstellungen ab, die ihm dieser im Ton einer unverstellten Verzweiflung machte
- Es war eine Proselytenwerbung so eigner Art, wie sie auch nur durch Jesuiten
veranstaltet werden konnte ... Keine Salbung, keine Ueberzeugung - eine Sache
nur der Etikette und der praktischen Psychologie ... Der Graf widerstand ...
Dort hinaus führen Sie meine Diener auf kürzerm Weg nach San-Medardo zurück,
sagte er ... Was die Zukunft bringen wird, weiss ich nicht ... So, wie Sie es
begehren, Terschka, wird und kann es nicht sein ...
    Graf! flehte Terschka ... Ist das Ihr letztes Wort ...
    Mein letztes, Terschka! Mein Inneres - Sie haben es erraten - ist zerrissen
und unglücklich ... Noch weiss ich nicht, was werden soll und ob ich länger mein
Loos ertrage ... Ich liebe - mein Weib! ... Aber Ihr Auskunftmittel - - Weiss ich
doch kaum, ob die Gräfin gerade dies noch begehren würde -! ...
    Graf, um so mehr! fiel Terschka ein. Allbekannt ist die Gesinnung des
Erzbischofs ... Auch die Gräfin, sie, die einst eine Seherin war, erkaltete in
ihrer alten Glut und Andacht für den Glauben ... Es ziehen Gefahren für Ihren
Freund herauf, denen er jetzt erliegen dürfte, jetzt, wo die Richtung der Zeit
sich ändern wird ... Verachten Sie meinen Beistand nicht - auch ein Sturla kann
mich kennen lernen ... Aber nehmen Sie mich wieder auf! Schützen Sie mich durch
Ihren geheimen Uebertritt! Ich lenke alles, was Ihr Herz, Ihre Natur, das Glück
Ihrer Freunde verlangt ... Und Monika, selbst den Obersten gewinn' ich - pah
durch einen einzigen Tag ... Selbst Armgart soll nicht vor mir entfliehen ...
Ich bin ja - ein Greis - alt - ich entwaffne halt jeden durch meine Ergebung -
durch meine Demut ... Graf, zum letzten mal, ich, ein Abtrünniger, rettungslos
Verlorener, ich darf mit einem grossen Zweck leben, wie und wo ich will - ich
darf mit den Waldensern gehen - Protestant scheinen ... Nur besuchen Sie die
Messe in Coni, in Robillante - wo Sie wollen - man liest sie Ihnen geheim ...
Dann gehen wir zuletzt alle nach Wien - Ihre Gattin folgt - Ihr erstes Kind wird
auf einen Heiligen getauft - Das ist die Sprache der Welt, der gesunden
Vernunft, der Verhältnisse, in denen Sie leben, die Sprache des Trostes, der
Erhebung für - die Gräfin selbst - ...
    Der Graf schüttelte den Kopf und entgegnete:
    Ein Abschied fürs Leben ... Wir sehen uns nicht wieder -! ...
    Haben Sie Mitleid mit mir -! rief Terschka ...
    Die Glocke schlug unausgesetzt ... Die Bäume rauschten im Sturme ... Die
Natur war im Aufruhr ... Der Graf ging jetzt und wie auf der Flucht ...
    In französischer Sprache rief ihm Terschka nach:
    Graf! Ich beschwöre Sie! ... Sie werden es einst aus eigenem Antriebe tun
... Tun Sie's jetzt um mich, um Ihren alten - treuen - unglücklichen Freund! ..
    Die Glocke tönte ... Mit hellen, mit klagenden, mit stärkeren, mit
schwächeren Klängen ...
    Noch einmal wandte sich der Graf zu Terschka, wartete, bis dieser näher kam,
bot ihm die Hand und sagte ihm ein letztes Lebewohl - ... Unsere Wege sind
getrennt, setzte er hinzu ... Erde und Himmel können vielleicht für mich bürgen
und für das, was ich tue oder lasse, Sie nicht mehr ... Das sag' ich alles ohne
Groll, Terschka, ohne Sie kränken oder verurteilen zu wollen; ich urteile, Sie
wissen es, über Menschen überhaupt nicht; lassen Sie alles wie es ist ...
Beschütze Sie jetzt der Himmel, Terschka! ... Sans adieu! Sans adieu! ...
    Der Graf schritt mächtig zu, gleichsam - um dem drohenden Unwetter zu
entfliehen ... Auch begann es in der Tat zu regnen ...
    Ein Diener blieb bei Terschka in dem wildbewegten Eichenhain zurück ...
    Der Graf sah sich nicht mehr um ... Ohnehin ging es bergab ... Er eilte wie
jetzt selbst vom Sturm ergriffen ...
    In einer halben Stunde hatte sein Fuss das Schloss erreicht ... Die Frauen
wachten noch ... Aber er wollte ihnen nicht die Nachtruhe nehmen durch die
Mitteilung über Benno ... Sein Mund blieb auch dem Obersten noch geschlossen
über alles, was er gehört ... Sein Auge durchwachte aber die ganze Nacht und
sein Ohr vertausendfachte ihm alles, was er vernommen ... Die grünen
sturmbewegten Wipfel der Eichen rauschten um ihn her wie ferne Donner ... Der
Geisterton der klagenden Glocke wurde eine Mahnung, als bedrohte eine
Feuersbrunst die Welt und - vor allem die teuersten Menschen, die um ihn her in
Ruhe schlummerten. - Hatte es also zehn Jahre und erst des Todes seiner Mutter
bedurft, um seinen ganzen innern Menschen so mächtig aus einem Zustande der
Letargie zu erwecken -! ...
    Terschka stand eine Weile vernichtet, bis er sich sammelte ... Endlich erhob
er trotzig sein Haupt, das nun schon durch die Jahre eine natürliche Tonsur
trug, griff in die Tasche - gab dem Diener ein Trinkgeld und liess sich im Gehen
erzählen von den Bewohnern des Schlosses, vom Tod der Gräfin, vom morgenden Fest
in Coni, von den Ueberraschungen für den Erzbischof, von den Reiseplänen des
Grafen, von der dem Obersten hier schon gegebenen Stellung, von Monika's
Reformen, von Armgart ... Auch von Federigo liess er den Diener plaudern, vom
Einsiedler, der noch im Silaswalde leben sollte, nachdem er in die Hände der
Räuber gefallen, aus denen ihn Frâ Hubertus - wie alle Welt erzählte, mit Hülfe
seines Hundes, des treuen Sultan - errettet haben sollte ... Terschka forschte
mit kurzen Fragen diesem unheimlichen Namen nach, forschte Allem, was von Franz
Bosbeck, seinem ehemaligen Retter, den die Nemesis schon zum Richter über Jan
Picard gemacht, im Volksmunde hier bekannt war ... Auch Frâ Hubertus mit dem
Todtenkopf sollte noch leben ... Er erstaunte - künstlich ... Alles, was er
hörte, war ihm schon bekannt - ...
    Frost durchschüttelte seine Glieder - Jetzt erst warf er des Dieners Mantel
um, den er bisher überm Arm getragen hatte, und bat um die Angabe eines kürzern
Weges, um ins Tal und dort zum Pfarrer zu gelangen ...
    Der Wind hatte aufgehört ... Regenströme ergossen sich ... Noch schützten
ihn und den Diener hier und da die Bäume der Alleen ... Sie umgingen das
geheimnisvoll nächtlich schlummernde Schloss ... Eine Weile sah es Terschka mit
dem Blick verzweifelnden Neides an ... Dann fragte er den Diener, ob er sich
auch der Gräfin Sarzana erinnern könnte ... Auch von ihr liess er sich einiges
erzählen ... Den im spottenden Ton gemachten Bericht über diesen Besuch
unterbrach er mit den dumpf vor sich hingesprochenen Worten: Auch sie - ist in
Rom! ...
    Terschka befahl jetzt dem Diener, ihn allein zu lassen ... Den Mantel sollte
er morgen vom Pfarrer im Tal abholen ... Es war über die elfte Stunde - rings
stichdunkel ... Durch ein labyrintisches Gewinde von Gärten, über schwellend
brausende Bäche - endlich an einem malerisch gelegenen Friedhof mit unheimlich
blitzenden Kreuzen vorüber erreichte er das Pfarrhaus San-Medardo ...
    Aus einem geöffneten Fenster, wo noch Licht brannte, begrüssten ihn die
heisern Worte:
    Ecco! Ecco! Al fine venuto! ...
    Sie kamen von Pater Speziano und klangen wie die Beruhigung eines
angsterfüllten Kerkermeisters, dem ein entflohener Gefangener endlich
wiederkehrt ...
 
                                    Fussnoten
1 Tatsache.
2 Monsignore Charvaz, Bischof von Pignerol, warf sich Karl Albert von Sardinien
zu Füssen, um ihn von seinen Begünstigungen gegen die Waldenser zurückzuhalten.
3 1847.
4 Vor einiger Zeit so zu Münster in Westfalen geschehen.
5 Tatsache.
6 Der den Verrat leitete.
7 Gaisruck.
8 Sturla's eigene Worte.
9 Tatsachen.
10 Kommt in Jesuitenhäusern vor.
 
                                       6.
Als derselbe Tag noch goldensonnig am unbewölkten Himmel geleuchtet hatte, fuhr
ein kleiner, mit Staub bedeckter Halbwagen langsam auf der Landstrasse zwischen
der Stura und dem Gesso dahin, zweien Bergströmen, die hinter Robillante in
ihrem Lauf miteinander wetteifern ... Um die Dämmerung gelangte das kleine
Gefährt an die Tore einer Stadt, die in frühern Jahrhunderten stark befestigt
gewesen sein musste ... Noch erhoben sich in dem alten Cuneum Römertürme; noch
erstreckten sich rund um die Stadt zackige Mauern und tiefe Gräben ...
    Die Strassen Conis, einer 15000 Einwohner zählenden Stadt, waren am südlichen
Tor eng und düster, aber belebt von einer schwatzenden, muntern Bevölkerung,
wie sie in Italien der Abend auf die Gasse lockt ... Kinder, Frauen, Greise,
nichts bleibt dann daheim im geschlossenen Raume; selbst die unterste
Volksklasse sitzt in Hemdärmeln, Manchesterjacken, Blousen vor Kaffeehäusern,
raucht, trinkt, schwatzt, streitet über die Tagesneuigkeiten, für deren Kunde
ein einziges Zeitungsblatt ausreicht, da unter zwanzig meist nur einer lesen
kann ...
    Gesang ertönte ... Drehorgeln durchkreuzten sich in ihren Melodieen ... Der
Kutscher erfuhr in dem Lärm erst von Andern, dass hinter ihm sein Passagier nach
ihm verlangte ...
    Er wandte sich teilnehmend ...
    Coni ist eine ansehnliche Stadt ... Aber die schlechtgepflasterte Strasse
musste dem Passagier, der ausgestreckt im Innern der Halbchaise lag, empfindlich
werden ... Der Kutscher erfuhr, er sollte langsamer fahren ... Zugleich wurde
nach dem Palast des Erzbischofs gefragt und von einem Dutzend Stimmen die
Antwort erteilt ... Man begleitete den Wagen, der einen Kranken führte ... Es
war ein todtbleiches, männlich gefurchtes Antlitz mit vollem wilden, hier und da
ergrauten Bart ... Benno war damals ein Mann von vierzig Jahren ...
    Die Strassenjugend folgte dem Wagen, der auf einen grossen Platz einbog, einen
Exercirplatz, wie es schien; rings war das mächtige Quarrée mit duftenden
Lindenbäumen besetzt ... Nicht zu entfernt von einer stattlichen Kirche lag
hinter einem gegitterten Vorhof ein grossartiges Gebäude, vor welchem der
Kutscher in seinem weissen Hute, seiner braunen Jacke, seiner roten Halsbinde
ebenso sicher anfuhr, wie der Führer einer sechsspännigen Carrosse ... Er wusste
ja, dass er dem Erzbischof einen teuren Verwandten brachte ...
    Ein Carabinier mit gezogenem Säbel hielt vor der hohen Eingangspforte des
Palastes Wache ... Er deutete auf die Klingel, die der Kutscher, der schon
abgesprungen war, nur anziehen sollte ... Ein Diener erschien ... In einer Art
Livree von schwarzem Frack, schwarzen Beinkleidern, schwarzen Strümpfen und
Schnallenschuhen ...
    Der Kutscher hatte schon eine Karte in Bereitschaft, die dem Diener zur
Anmeldung des Besuches übergeben werden sollte ... Zugleich bat er um Hülfe, den
Kranken aus dem Wagen zu schaffen ... So wie er da läge il povero, brächte er
ihn dritto aus Genua ... Miracolo! setzte er mit beredsamem Blick hinzu - er
brächte einen Mann, der nur durch ein Wunder noch lebte ...
    Benno, bleich, mit blassen Lippen, starren Gliedern, auf einer halb zum
Sitzen, halb zum Liegen eingerichteten Matratze, hörte und sah alles, was sein
Führer trieb, aber er schwieg ... In der Tat schien er an den äussersten Grad
der Erschöpfung angelangt ... Noch manches Jugendliche hatte sich in seinen
Zügen erhalten ... Schmächtig und mager schien er geblieben, aber sein Hauptaar
war fast grau, wie der mächtige Bart hier und da von gleicher Farbe ...
Geronimo, der Kutscher, erzählte den sich schon mehrenden Dienern, zu denen sich
Priester gesellten, der Kranke hätte in Rom einen Schuss in die Brust bekommen
und die Kugel sässe noch fest; die Aerzte hätten behauptet, der Verwundete würde,
nachdem die Anstrengungen der Flucht von Rom nach Genua ihn schon dem Tode nahe
gebracht, eine weitere Reise schwerlich überstehen, aber nichts hätte ihn
abbringen können, seinen Transport bis nach den Tälern von Piemont zu
verlangen. Ihn selbst zwar hätte das Hospital gemietet und ihm als Ziel seiner
Reise nur Nizza genannt. Dass es Coni und dort das erzbischöfliche Palais sein
sollte, erfuhr Geronimo erst vom Verwundeten selbst in Vintimiglia. Dieser
konnte die Arme nicht bewegen, konnte keine Briefe schreiben - sie aber von
andern schreiben zu lassen, hätte er abgelehnt. Niemand sollte erfahren, wohin
seine Reise ging. Selbst im Spital hätte man sein wahres Ziel nicht wissen
sollen ... Wenn der Verwundete jedem die Fährte der Nachfrage nach ihm
abschneiden wollte, so war es wohl die natürliche Lage eines politischen
Flüchtlings ...
    Schon wurde Benno emporgehoben und auch die Schildwache griff mit an ... Der
Leidende überwand die Schmerzen, die ihm diese Bewegungen zu verursachen
schienen ... War doch die Sehnsucht seines Herzens erfüllt, die letzte Freude
seines Lebens gewährt ... Geronimo hatte recht berichtet - Benno wollte allen
denen, die noch an seinem Leben Interesse haben konnten, selbst seiner Mutter,
verborgen bleiben ... Deshalb vertraute er selbst dem Spital in Genua nichts
über seine Absichten, am wenigsten der Post - ... Und selbst die Feder zu
führen, verbot ihm sein Zustand ... Still in Bonaventura's Armen zu sterben, war
alles, was er vom Leben noch begehrte ... Diesen hoffte er zu finden, auch ohne
sich ihm angekündigt zu haben ... So kam es, dass ihn hier niemand erwartete ...
    Die Diener jedoch, auch wenn sie den Namen »Cäsar Montalto«, der auf der
Karte stand, nicht zu deuten gewusst hätten, taten darum nicht befremdet ... Was
sollte nicht bei ihrem Herrn ein Sterbender seine letzte Zuflucht suchen können
-! ...
    Noch war der Fremde nicht bis an die grosse Marmortreppe getragen worden, als
auch schon von oben her, gefolgt von Priestern und Dienern, der Erzbischof in
seinem wallenden Hauskleid, einem priesterlichen Rock mit violettem Ueberwurf
und goldener Kette, in atemloser Hast erschien, sich über den unglücklichen
Freund warf, ihn in beide Arme schloss und unter Tränen an sein Herz drückte ...
    Mein Bruder -! rief er unausgesetzt ...
    Mehr konnte nicht von seinen Lippen kommen - und Mein Bruder! Mein Bruder!
hatte er auf der Stiege schon, abwechselnd in deutscher und in italienischer
Sprache, gerufen ... Italienisch, um seine Umgebungen über den Anlass eines so
aussergewöhnlich grossen Schmerzes und sein Verlassen aller Formen der Etikette,
die in diesem Hause waltete, gebührend aufzuklären und sie aufzufordern, in
seine Trauer miteinzustimmen ...
    Das Bedürfnis, zu helfen, drängte nun sofort jede andere Empfindung zurück
... Schon wurden die ersten Aerzte der Stadt gerufen ... Schon hörte man oben
Türenschlagen, ein emsiges Rennen, ein Klopfen und Hämmern, um Zurüstungen für
ein Lager zu treffen ... Das ganze, nur von Priestern bewohnte Haus war in
Bewegung ...
    Die Worte: Wie konntest du in diesem Zustand eine solche Reise unternehmen!
kamen nur halb von Bonaventura's Lippen ... Lasst! bat der Majorduomo, ein
stattlicher Herr mit einer silbernen Kette auf der Brust und wehrte der
Ueberzahl der helfenden Hände ... Nach Benno's Wunsch leitete dieser dann allein
den Transport ...
    Auch für den Erzbischof war Sorge zu tragen ... Am eisernen Geländer der
mächtigen Treppe hielt er sich mühsam aufrecht; anfangs vermochte er den
Männern, die Benno hinauftrugen, vor physischer Schwäche nicht zu folgen ... In
meine Schlafkammer! war alles, was er zu sagen vermochte, und wieder doch zum
Kutscher musste er sich wenden, der auf die Anrede des Majorduomo, woher sie
kämen, vor dem Erzbischof sein Knie beugte und Segen - und Trinkgeld begehrte
... Ohne den Auseinandersetzungen Geronimo's, so wichtig sie ihm waren, länger
zuzuhören, riss der Erzbischof unter seinem Ueberwurf sein Almosenbeutelchen
hervor und reichte dem Knienden den ganzen Inhalt ...
    Jetzt raffte sich der Erzbischof auf und schwankte am Geländer der Stiege
entlang ... In den hohen weiten Sälen des ersten Stockwerks standen alle Türen
geöffnet ... Die letzten Abendsonnenstrahlen beleuchteten die kostbaren Tapeten
von Seide, die bunten Malereien, die sich sein Vorgänger Fefelotti für die kurze
Zeit seines Verweilens in diesen Räumen hatte anfertigen lassen ... Die Fussböden
waren parquettirt ... Die Wände starrten von Bronze und Krystall ... Die Wohnung
eines Fürsten schien es zu sein und erst in dem mit grünen Vorhängen von einem
Bibliotekzimmer getrennten Schlafgemach des Erzbischofs sah es einfacher aus
... War auch hier nicht die rauhe Kasteiung sichtbar, die einst Bonaventura beim
Kirchenfürsten am grossen vaterländischen Strome beobachtet hatte und die in dem
dem Schönen abgeneigten Sinn desselben eher ihren Grund gehabt haben mochte, als
im ascetischen Bedürfnis, so hatte doch Bonaventura hier sowol wie in seinen
nächsten Zimmern die Spuren der Ueppigkeit seines Vorgängers so weit getilgt,
als das dem Palast erblich angehörende Mobiliar von ihm verändert oder entfernt
werden durfte ... Da lag nun Benno schon auf seinem einfachen Lager, verlangte
von allem, was ihm zur Erfrischung angeboten wurde, nur ein kühlendes
Citronenwasser, vor allem Ruhe und - allein zu sein mit dem geliebten Freunde,
der an sein Bett niederkniete, um Benno's glühheisse Hand zu küssen ... Alle
Umgebungen waren in Bestürzung über den Schmerz des Erzbischofs, - ... Noch dazu
wurde ihm dies Erlebnis am Abend seines Namenstages ...
    Der Majorduomo sorgte dafür, dass die Verwandten allein blieben und nur die
Aerzte noch zugelassen wurden ... Auch zu einem Kloster der Barmherzigen Brüder
wurde geschickt, um einen erfahrenen Krankenwärter zu holen ... Mit den von
Fefelotti eingeführten Töchtern des heiligen Vincenz von Paula hätte man dem
Erzbischof nicht kommen dürfen - ...
    Die Freunde waren allein - allein mit dem letzten Strahl der Sonne, der sich
durch die herabgelassenen Vorhänge stahl - allein mit dem Todesengel, dessen
dunkler Fittich seit einiger Zeit von Bonaventura's Lieben nicht mehr weichen zu
wollen schien - allein mit den Rückblicken auf ein so tief verfehltes Leben, wie
es Benno geführt, auf ein so tief vereinsamtes, wie es Bonaventura mitten im
rauschenden Gewühl der Zeit und der Welt führte ... Wie brachen die schönen
freundlichen Sterne der Jugend wieder aus den Wolken, die sie so lange
verschleiert gehalten hatten ... Wie klang ein Ton so wehmütig und klagend
durch die bangen Seelen der Freunde und sprach: Das, das wollten wir - und das
haben wir gefunden! ...
    Bonaventura's Lippen bebten, ob sie fragen sollten: Weisst du denn auch, wie
dein irrend Leben gerade jetzt hier angekommen ist bei seinen ersten Anfängen -
und dass die liebliche Armgart in unsrer Nähe weilt? Weisst du, dass ich aus
Deutschland den Besuch meiner erkrankten Mutter, den Besuch Friedrich's von
Wittekind, deines Bruders, soeben gemeldet erhielt? Wird dich denn auch, ohne
ihre letzten Küsse, deine in der Schweiz genannte Mutter sterben lassen? Wird
jene Verirrung, die für immer die Flügel deines Lebens knickte, Olympia, deinen
Tod ertragen können, jene Circe, die deine Sinne verwirrte mit dem Zaubertrank
ihrer - wer kennt den Inhalt der Mischungskünste, die eine Frauenhand bietet!
Oder - nun kehrten ihm Klänge des längst abgebrochenen Briefwechsels wieder -
war es deine eigene Seele, die dich berauschte, deine eigene Natur, die sich des
Höchsten vermass und sich doch besiegen liess von dem, was die Menschen dir immer
und du dir selbst als dein ärmstes deuteten - deinem Gemüt! ... Dankbar
wolltest du sein -! Deutscher nicht mehr bleiben - seit du eine von Deutschen
gemishandelte Mutter gefunden - und, fast möcht' ich nach deinen Briefen sagen,
mehr noch - seit die Bandiera deine Freunde geworden, die Bandiera, die die
Kugel des Henkertodes traf - Benno, Benno, welche Dämonen haben dich
fortgeschmeichelt von Deutschlands Herzen und hinüber in soviel Irrgänge deines
Lebens und in dies ersichtliche Ende! ...
    Zehn Jahre -! sprach jetzt Benno mit einer dumpfen, heisern Stimme, die sich
mühsam von seiner keuchenden Brust rang ...
    Rege dich nicht auf! entgegnete Bonaventura und setzte sich auf den Rand des
Bettes ... Schlummre! ... Du bedarfst nur der Ruhe! ...
    Benno winkte, dass Bonaventura die Vorhänge am Fenster lüften möchte ... Er
wollte den Erzbischof sehen, wollte vergleichen, wie auch ihn das Leben nach so
langer Trennung gezeichnet hätte ...
    Bonaventura erfüllte sein Verlangen und sah Benno's - noch volles, aber
ergrautes Haar - ... Sein eigenes, war ebenso gefärbt ... Die Magerkeit des
Erzbischofs hatte zugenommen ... Die glanzvollen Augen lagen tief in ihren
Höhlen ... Furchen umgaben den Mund ... Aber die edle Bildung des Kopfes, die
Gestalt selbst konnte durch die Spuren der Jahre nicht geändert werden und
vielleicht der jüngste und noch immer jugendlichste Kirchenfürst in Roms
Hierarchie blieb er nächst Vincente Ambrosi in Rom bei alledem ...
    Bonaventura sprach von der Kunst der hiesigen Aerzte .... Vom Doctor
Savelli, der das Leben der Gräfin Erdmute so lange erhalten hätte ... Von dem
Arzt der Garnison, der sich auf den letzten Schlachtfeldern bewährt hätte ...
    Benno schüttelte das Haupt und erwiderte:
    Die Kerze ist - nieder ...
    Bonaventura konnte solcher Schwäche gegenüber nichts entgegnen ... Man
brachte den Erquickungstrank ...
    Der Freund reichte ihn dem Verschmachteten und als er getrunken, winkte nach
einer Weile Benno selbst, dass das Fenster wieder verhangen würde ... Fieber
durchschüttelte ihn plötzlich ... Sogar auf die grünen Vorhänge des
Bibliotekzimmers, durch die sich zu viel Licht stahl, deutete er ... Sie wurden
zurückgeschlagen und dafür die Türflügel ganz geschlossen ... Die Erschöpfung
schien durch den Lichtreiz gemehrt zu werden ...
    Bonaventura bat ihn vor allem, nur zu schweigen ... Reden und Denken griffe
ihn ersichtlich an ... Nur fühlen, träumen sollte er - glücklich sein - ... Du
bist - bei mir! sprach er mit der ganzen Innigkeit liebevoller Sorge und fast
schon hätte er, an Armgart denkend, gesprochen: »Bei uns« - ...
    In Benno's Auge, das wohl von Armgart weit-, weitab irrte, traten Tränen ...
Er schwieg und lehnte das Haupt zur Seite, jetzt in der Tat, wie um zu
schlummern ...
    Nun fast störte es, dass die Aerzte kamen ...
    Sie nahten sich dem Lager, streiften die Decke auf und rieten, trotzdem dass
der Kranke sich nicht bewegen konnte und mochte, ihn ganz von seinen Kleidern zu
entblössen ... Die entzündete, den Lungen nahe Stelle, wo die Kugel sitzen musste,
war bald gefunden ... Der Kranke zuckte mit einem kurzen Schrei auf, als sie
berührt wurde ... Die Kugel herauszunehmen hätte den sofortigen Tod veranlasst
...
    Im Blick der Aerzte lag die Andeutung, dass auch so die Auflösung schwerlich
ausbleiben würde ... Die Ruhe, ja die starre, krampfartige Erschöpfung, in der
sie den Kranken fanden, verordneten sie durch nichts zu stören ... Zwei
Barmherzige Brüder, die inzwischen gekommen waren, wussten, was sie die Nacht
über zu beobachten hatten ... Jetzt galt es, den von der Untersuchung seiner
Wunde Ohnmächtigen sich allein zu überlassen ...
    Bonaventura kehrte, die Hände gen Himmel erhebend, in seine hohen, so
prachtvollen, durch die eigentümlichen Anordnungen, die er ihnen gegeben,
wohnlich umgestalteten Zimmer zurück ...
    Sein einfacher Abendimbiss, der inzwischen aufgetragen wurde, konnte ihn
nicht zum Niedersitzen bewegen ... Nur wie schwebend schritt er dahin, faltete
die Hände und sah nieder wie ein Verzweifelnder ... Ein einziger Augenblick -
wie hatte dieser so den Frieden um ihn her verwandeln können! ... Den Frieden!
... Hatte seine Seele Frieden? ... Erlosch um ihn her nicht ein Auge nach dem
andern? ... Das tragische Geschick, das über sein Haus und über sämmtliche
Angehörige desselben hereingebrochen schien, hatte er erst heute wieder gesehen,
als vom Präsidenten die Nachricht gekommen, dass die Aerzte seiner Mutter den
Aufentalt im Süden vorschrieben ... Sie würden nach Neapel gehen, hatte der
Präsident geschrieben ... So nahe dem Silaswalde! seufzte Bonaventura - und die
Mutter bat ihn inständigst, vorher noch in Rom mit ihr zusammenzutreffen -! ...
    Eben noch hatte Bonaventura an seinen Freund, den Cardinal Vincente Ambrosi,
geschrieben - hatte sich ihm auf Besuch angemeldet ... Eben noch hatte er ihm
die Nachricht mitgeteilt, dass Pater Speziano wagte, heimlich eine Nacht in
Robillante sich aufzuhalten, in Begleitung des Doppel-Apostaten Terschka ... Wie
musste bei solchen Bildern die Erinnerung an die alten Tage des Glücks und der
Hoffnung über ihn hereingebrochen sein ... Im Lehnsessel, am Schreibtisch, an
feinem hohen Fenster hatte er gesessen und beim Abendläuten in die rosige Glut
des Himmels geschaut ... Morgen war sein Namenstag ... An den schönen Strom der
Heimat hatte er denken müssen, an sein kleines erstes Pfarrdorf Sanct-Wolfgang,
an eine Gemeinde, wenn sie zum ersten mal den Namenstag ihres Seelsorgers feiert
... Das stille Leben eines Landpfarrers hatte ihm wieder als ein so
beneidenswertes Glück vorm Auge gestanden ... Er hörte die Frühglocke seiner
Kirche; von seinem Gärtchen aus zählte er die Reihe der Kirchgänger; fühlte
seine erste Pfarrersangst, ob ihrer auch genug kämen, um ihm die Beruhigung zu
geben, dass sie ihn liebten ... Wieder sah er sich auf dem engen, kaum zum
Umwenden ausreichenden Platz vor seinem Hochaltar, hörte seinen eigenen Gesang
und in der markigen edlen Sprache der Heimat, die er nun schon so lange auf
immer abgeschworen, seine Predigt ... Wie sah er denn auch nur gerade heute den
alten Mevissen so ernst und feierlich in seinem Stuhl sitzen, den treuen Hüter
der Geheimnisse, die so ganz, ganz anders, als vielleicht sein Vater gewollt, in
sein Leben griffen ... Auch seines Kainsmaals gedachte er, jener noch immer
unentüllten Beichte Leo Perl's, eines Spuks, der ihn freilich nicht mehr wie
sonst schreckte ... Die Jahre und die innern Revolutionen seiner Ueberzeugung
hatten ihn allmählich bewahrt, über die Torheit eines wahnwitzigen Priesters
dauernd in solcher Verzweiflung zu leben, wie anfangs ... Das erzbischöfliche
Pallium trug er nicht wie eine gleissnerische Hülle innerer Unwahrheit; mit
sichrem Vertrauen auf seine Lebenskraft hatte er sich ein Ziel gesteckt, dem er
nachlebte, ein Ziel, das nur durch den Hirtenstab eines mächtigen Bischofs
erreicht werden konnte, ein Ziel, dem die Entüllung seiner unvollendeten Taufe
eine Glorie mehr werden sollte ... Als Lucinde von ihm mit dem Grafen Sarzana
getraut wurde, hatte er mit ihr Frieden geschlossen (sie schickte ihm an jedem
Namenstage, anfangs aus dem Kloster, der Lebendigbegrabenen, später aus Genua,
dann aus Rom, das letzte mal aus Venedig, zu diesem Tage ein Angedenken und ihr
diesjähriges war bereits wieder von daher eingetroffen - von ihrer alten
Drohung, »ihn vernichten zu wollen«, war nichts mehr zurückgeblieben, als eine
Art Superiorität, die ihr wenigstens in des Erzbischofs Nähe, z.B. bei ihrem
Besuch in Coni eine Stellung sicherte, auch wenn andere sie eine Jesuitin, wohl
gar eine Brandstifterin nannten ... Ihr diesjähriges Geschenk war ein Kelch von
Krystall, umsponnen mit silberner Filigranarbeit, eine Arbeit aus den
Werkstätten Venedigs, von wo sie noch ihre Begleitzeilen datirt hatte ... Sie
wäre auf dem Wege nach Rom, hatte sie geschrieben, »um den Raben auf den
Leichenfeldern ihren Mann zu entziehen und ihn anständig begraben zu lassen« ...
Wie hatte sich das alles mit den Jahren umgewandt! ... So weilten Bonaventura's
Gedanken in fernen glücklicheren Zeiten - da kam diese neue trübe Mahnung an die
Gegenwart ...
    Bonaventura hatte nun den steten Anblick und Umgang Paula's, hatte die
seltenste Freundschaft des Grafen, hatte die unermüdliche Sorgfalt Aller für
sein Wohl, hatte die edelsten Freuden der Geselligkeit, jede nur erdenkliche
Fürsorge und Ueberraschung, die sonst nur einem Gatten von seinem Weibe, einem
Vater von seinen Kindern kommt - und doch fehlte das Glück ... Der Kampf mit
Roms Hierarchie war ihm an sich eine Freude - er hatte hier und da offene und
geheime Bundesgenossen - aber Inneres und Äußeres in ihm war nicht ausgeglichen
... Nur das Nächste brauchte er zu betrachten - im Grafen sah er Krisen
entstehen, die zu neuen Kämpfen der Seele führen mussten - und, blickte er in die
Ferne, war denn jenes in die Ferne gerückte Rätsel des Eremiten, seines Vaters,
gelöst? - - ...
    Friedrich von Asselyn, sein Vater, war damals nur vor seinem Sohn aus
Castellungo entflohen ... Er wollte todt sein und das Schicksal sendete ihm in
seine Verborgenheit gerade den eigenen Sohn! ... Er erblickte darin die
Entdeckung seines Geheimnisses ... Seit den lebensgefährlichen Abenteuern, die
er bestehen musste, lebte er jetzt im Silaswalde - ... Cardinal Ambrosi hatte
erst vor Kurzem wieder geschrieben, dass sein Jugendlehrer dem mutigen
Kirchenfürsten ewig Dank wissen werde für die Mühe und Sorge, die er ihm damals,
mit Gefahr seiner hohen Würde, gewidmet; dass er ihn aber fort und fort
beschwöre, bis zu einer bestimmten Stunde seiner Lebensspur nicht zu folgen, ja
dass er ihm das heilige Versprechen abnähme, ihn bis dahin nie mehr unter den
Lebenden zu suchen - ... Fiat lux in perpetuis! hatte diese erneute Bitte des
Eremiten geschlossen ... Das Losungswort der Briefe, die ihm und dem Onkel
Dechanten einst aus Italien gekommen waren - der Augenblick der Versammlung
unter den Eichen von »Castellungo« an einem Sanct-Bernhardstage ... Noch lag
dieser Tag um Jahre hinaus und doch musste er bestimmend und bindend wirken ...
Musste nicht Bonaventura des Vaters Bitte schon um seiner noch lebenden Mutter
willen erfüllen? ... Zu seiner Beruhigung diente, dass dem Vater ein treuer
Wächter im Silaswalde geblieben war, sein Retter aus Räuber- und Mörderhand,
jener kühne Laienbruder Hubertus ... Wie die Reise der Mutter nach Neapel in
diese Rätsel eingreifen konnte, hatte sich der Sohn mit banger Spannung eben
vergegenwärtigt ... Cardinal Ambrosi war inzwischen der innigste Vertraute
seines Lebens geworden - nur wusste derselbe nicht, dass Federigo des deutschen
Freundes Vater war; Vincente Ambrosi und Bonaventura hatten sich so gefunden,
dass in den Zeilen, die er ihm eben geschrieben, jene Beziehung ausgenommen,
sonst die geheimsten Saiten seines Innern widertönen durften ...
    Ein Erzbischof kann, wie ein Fürst, nicht frei gehen und wandeln; er ist der
Gefangene seiner Würde ... Im Speisezimmer wurde Licht angezündet und der
Haushofmeister kam mit bittender Miene, Excellenza möchte sich nicht dem Mahl
entziehen und die notwendige Stärkung zu sich nehmen ... Der Erzbischof ass
nicht allein ... Eine Anzahl Hausbewohner, Hülfspriester, Secretäre, Schüler,
waren seine regelmässigen Tischgenossen ...
    Gelassen gab Bonaventura den Bitten nach, setzte sich zur Tafel auf seinen
Ehrensessel und sah voll Wehmut auf ein neben ihm liegendes Buch, das er
befohlen hatte, heute Abend neben ihm aufzuschlagen ... Es war ein Teil der
Werke des heiligen Bonaventura, denen er sich seines Namenstages wegen hatte
widmen wollen ...
    Es ist mein Namenstag morgen - sprach er mit leiser Stimme und im reinsten
Italienisch; ich beschäftigte mich gerade mit unserm Doctor seraphicus ... Die
Stelle, die ich vorlesen wollte, - (er blätterte mit seinen magern weissen
Fingern) - ich kann sie nicht wiederfinden ... Lesen Sie, wandte er sich
erschöpft zu einem jungen Vicar, der bei ihm den Freitisch genoss - eine jede
Stelle wird auf unser Leben passen ...
    Der junge Mann las, was er fand: »O wär' ich doch jener Baum des Kreuzes und
wären die Hände und Füsse des Gekreuzigten an mich geheftet gewesen, so hätt' ich
zu jenen Menschen gesprochen, die ihn vom Kreuze abnahmen: Nimmermehr lass' ich
mich trennen von meinem Herrn; begrabt mich mit ihm! Doch da ich das dem Leibe
nach nicht tun kann, so tu' ich es der Seele nach. Drei Stätten will ich mir
im Gekreuzigten erwählen; die eine in den Füssen, die andere in den Händen, die
dritte in seiner Brust! Dort will ich atmen und ruhen! Dort wohnen, trinken aus
dem Quell ihrer unaussprechlichen Liebe! Oft wandelt mich Furcht an, ich möchte
herausfallen aus diesem Aufentalt! Glückselige Lanze, glückselige Nägel, die
ihr diesen Weg des Lebens uns öffnet! O wäre es mir vergönnt gewesen, jene Lanze
zu sein, nimmermehr wär' ich dann aus dieser göttlichen Brust zurückgekehrt!«
...
    Lästerung! unterbrach der Erzbischof plötzlich aufwallend und nahm das Buch
an sich ...
    Alle erschraken ... Doch bei näherer Besinnung war ihnen diese Kritik nicht
befremdlich an ihrem Oberhirten, der die Wärme der Religion nur beim Lichte
suchte ...
    Er winkte mit der Hand und deutete an, dass man unbehindert den Speisen
zusprechen sollte ... Da er selbst nur wenig ass, konnte er seinen Tischgenossen
sagen:
    Wohin verirrt sich nicht der spielende Witz einer Andacht, die mit der Feder
in der Hand betet! ... Wahrheit! Wahrheit! ... Und vor wem denn mehr, als vor
dem Herrn der Welten, vor dem Gedanken: Was ist die Ewigkeit! ...
    Dann erzählte er von Benno's Leben - bis seine Tränen ihn hinderten ...
    Der Haushofmeister, der am untern Ende der Tafel vorlegte, kannte Benno noch
von seinem Aufentalt in Robillante her ... Es war ein schlichter Mann, der dem
Erzbischof von dort gefolgt war und Ordnung und Sparsamkeit in Fefelotti's
Hinterlassenschaft gebracht hatte ... Dass der sich jetzt Cäsar von Montalto
nennende, verwundete Vetter des Erzbischofs vom Kriegsschauplatz in Rom kam, war
kein Geheimnis und mehrte das Interesse; in diesem Lande war das Urteil über
Italiens Angelegenheiten freigegeben ... Allgemein nahm man die Möglichkeit, in
so krankem Zustand von Rom bis hierher reisen zu können, für ein
Hoffnungszeichen möglicher Genesung ...
    Bonaventura dachte anders ... Es hat ihn nur gezogen, hier sein letztes
Lager zu suchen ... Noch einmal wollte er in seinen Anfang zurück ... So nur war
ihm dies Suchen eines letzten Wiedersehens erklärlich ...
    Das bescheidene Mahl war zu Ende, als das lebhafte Gehen der Türen nach dem
Schlafzimmer zu auf ein Vorkommniss im Zustand des Kranken schliessen liess ... Der
Erzbischof erhob sich eilends und ging in die anstossenden Zimmer ... Alle
folgten ... Einer der Brüder kam ihnen mit einem Gefäss voll Schnee entgegen, den
man anwenden wollte, um den Blutandrang zum Kopf des Kranken zu mildern ...
    Bonaventura hörte ihn laut phantasiren ... Als er näher gekommen war, fand
er Benno hochaufgerichtet im Arm des andern Bruders, seiner nicht bewusst - auch
Bonaventura nicht erkennend ... Es schien, als befehligte er noch auf den
Breschen der Mauern Roms - als riefe er die Wankenden zusammen ... Mit erhöhter
Stimme sprach er bald italienisch, bald deutsch, bald englisch ... Er redete
Personen an, die er leibhaft vor sich sah ... Sarzana! rief er und lachte sogar
... Da haben Sie's denn nun! ... Leichenbruder! ... Auch Hamlet hatte erst Mut,
als eine Ratte hinter der Wand raschelte! ... War's nicht so auch mit Ihnen,
Ihrer neuen Loge damals -? ... Stehen Sie jetzt auf, Sarzana! ... Ich bitte
Ihnen ab, dass ich Sie für einen Verräter hielt ... Ein tollerer Hamlet waren
Sie freilich noch als ich ... Achtung aber der Dame, die da kommt und die eine
Krone zu tragen würdig ist - Nein - es ist - ja nur die Kammerjungfer - ...
    Bonaventura las aus Benno's wilden und lachenden Mienen die Erinnerungen,
die ihn quälten ... Die letzteren schienen Lucinden zu gelten ... Er redete dem
Freunde zu, sich zu fassen ... Seine Hand strich ihm das Haar aus der Stirn ...
    Endlich schien der wie von Gespenstern verfolgte und wie um Hülfe bittende
Blick des Phantasirenden den Freund zu erkennen ... Seine wilde Rede stockte ...
... Das Auge starrte um sich; der Kopf neigte sich zum Kissen zurück und nur die
abwehrenden Hände verrieten, dass die Gedanken des Leidenden keine heitern waren
... Fort! Fort! rief er und suchte sich der Annäherung von Menschen zu erwehren,
dann murmelte er vor sich hin in jetzt nicht mehr zu verstehenden Lauten ...
Allmählich trat eine Entkräftung ein, so bedenklich, dass die hinzugekommenen
Aerzte dem Bewusstlosen Stärkungen einflössen mussten ... Darüber verfiel er in
einen Halbschlummer ...
    Inzwischen war im Nebenzimmer ein Bett aufgeschlagen worden ... Bonaventura
hatte angeordnet, dass hier, in seiner Bibliotek, sein Nachtlager sein sollte
... Man beschwor ihn, seiner selbst zu schonen - Morgen in erster Frühe wollte
er die Messe lesen ... Er erwiderte: Nachtwachen bin ich gewohnt ... Dann trat
er ans Fenster und deutete an, dass ein Unwetter heraufzöge; man möchte die
Fenster schliessen und sich zur Ruhe begeben ... In der Tat brauste ein
plötzlicher Wind, warf offenstehende Türen und Fenster ... Man entfernte sich
und ging scheinbar zur Ruhe ... In Wahrheit schmückte man heimlich den Palast
zum morgenden Feste ...
    Der Kranke lag, als Bonaventura an sein Lager zurückkehrte, in Schlummer
versunken ... Sein Atemzug ging schwer und ungleichmässig ... Die Brüder
schlossen nebenan die Fenster und Türen - das Brausen des Windes nahm zu ...
Auch die Tür, die das Schlafcabinet vom Bibliotekzimmer trennte, wurde wieder
geschlossen ... Bonaventura trat in letzteres zurück und war nun allein - unter
seinen Büchern, von denen die meisten ihm über die Alpen (ohne Renate, die
gutversorgt daheimgeblieben bald nach der Trennung von ihrem Pflegling starb)
nachgekommen ... Seine Studirlampe brannte auf dem grünbehangenen Tische ... Die
Glocken schlugen zehn ...
    »Nachtwachen bin ich gewohnt« ... Bonaventura war es schon in seinen
glücklicheren Tagen ... Wie viel mehr in denen, die seiner Reise nach Wien
folgten ... Seinen Brief an Ambrosi holte er hervor ... Ambrosi hatte dem
Heiligen Vater auf seiner Flucht folgen müssen ... Nun zog er wohl wieder mit ihm
in Rom ein ... In Rom, wohin auch ihn, den Sohn - die Mutter rief ...
Bonaventura hatte vor zehn Jahren Rom nur flüchtig kennen gelernt ... Damals war
er als ein Angeklagter erschienen, anfangs in seinen Schritten gehemmt, dann,
als sich alles zum Guten wandte, von Huldigungen der masslosesten Art, durch die
Herzogin von Amarillas, Olympien, Lucinden, am wenigsten freigegeben ...
    Damals war Benno bereits durch die Hülfe der Frauen gerettet ... Die
Herzogin von Amarillas hatte sich mit Olympien durch die Sorge um ihren Sohn
ausgesöhnt ... Dass Benno ihr Sohn, verkündete sie nun selbst; ihr verzweifelndes
Muttergefühl hatte ohne jedes Besinnen den Schleier des Geheimnisses zerrissen -
und Lucinde, die vorher so gefürchtete Mitwisserin des Geheimnisses, wurde nun
ohne Scheu die Dritte im Bunde; die Herzogin hatte jede Demütigung vergessen
... Zwei Menschen gab es nur, die helfen konnten, Olympia und Lucinde - ihr
erschienen sie jetzt wie Engel und gottgesandte Heilige ...
    Als Benno in Sicherheit war, errichteten die Frauen Pforten des Triumphes
für Bonaventura ... Fefelotti musste ihn von ganz Rom wie auf Händen getragen und
sogar vom Heiligen Vater begnadet sehen ... Ermüdet und beschämt von soviel
Glück und Erfolg, hatte Bonaventura den Trost, zu sehen, dass seine Sache
wenigstens von einigen unabhängigen Männern und Richtern aus Ueberzeugung
gefördert wurde ... Er hatte gehört, dass seine Angelegenheit besonders
freundlich Ambrosi vertrat ... Diesen seltsamen Menschen, für den er ja selbst
in Robillante Bischof geworden und von dem er mit doppelt begründeter Rührung
vernommen, dass sein Vater ein Professor in Robillante war, der auf einer
Alpenwanderung, wo Vermessungen von ihm vorgenommen werden sollten, umgekommen -
diesen besuchte er jetzt ... Wie drängte es ihn, zu hören, ob sein Vater, der
einen solchen Tod nur fingirt hatte, wirklich als Lehrer oder Verführer zu
ketzerischen Gesinnungen mit ihm in näherer Verbindung stand ...
    Im früheren germanischen Collegium liegt die »Custodia der Reliquien und
Katakomben« ... In dem untern Geschoss des düstern Palastes befinden sich lange,
an den Fenstern vergitterte Säle, in denen die alten Steinsärge ihres Inhalts
entleert, die vermoderten Knochen gesäubert und in grünangestrichene Kisten
gesammelt werden ... Nach den Inschriften der Särge werden die Namen der
Bekenner festgestellt ... Findet man kleine Phiolen mit einer eingetrockneten
Flüssigkeit, die vielleicht Blut war, so hegt man die Ueberzeugung, die Knochen
eines Märtyrers gewonnen zu haben ... Ueberall liegen hier Glassplitter,
zerbrochene tönerne Lampen, selbst Kleiderreste einer uralten Vergangenheit ...
    Soeben war Cardinal Ambrosi beschäftigt, einen von einem Professor des
Collegiums, einem Jesuiten, »getauften« heiligen »Xystus« nach Amerika zu
versenden, wo man in Mexico das dringendste Bedürfnis ausgesprochen und viel
Geld darum nach Rom gesandt hatte, für eine neugebaute Katedrale den
kostbarsten Schmuck in einem heiligen Reliquienleib zu besitzen ...
    Bonaventura wartete in einem Nebenzimmer und gedachte an das Wort: »Ich
ziehe in die Katakomben!« ein Wort, das Frâ Federigo zu Klingsohr und Hubertus
gesprochen hatte ... Ueber Hubertus hatte sich Bonaventura schon bei Klingsohr
beruhigt, den er mehrmals in Santa-Maria besuchen wollte, endlich nur im Archiv
des Vatican fand, wo Pater Sebastus die deutschen Schriften excerpirte, die Rom
auf den Index setzt - Wohl eine Tätigkeit, die Bonaventura an Benno's Wort vom
Vatermorde erinnern konnte, dessen dieser den Sohn des Deichgrafen mehr
bezichtigte, als seinen eigenen Vater, den Kronsyndikus ... Klingsohr's
demütiger Brief aus San-Pietro in Montorio nach Robillante, den Lucinde damals
besorgen sollte und besorgt hatte, stand im auffallendsten Widerspruch - mit
einer Cigarre, die Pater Sebastus am offenen Fenster in der Nähe der Loggien des
Raphael zu rauchen wagte ... Soviel stand fest - die Situation hier oben, dieser
Blick auf die Grösse Roms, dieser heraufströmende Duft aus den lieblichen Gärten
des Vatican - es verlohnte sich, mit dem deutschen Vaterland, mit Schiller,
Goete, Kant gebrochen zu haben ... Klingsohr analysirte sein Glück mit der
ganzen Kraft der ihm zu Gebote stehenden poetischen Reproduktion - ... Die
»dummen, albernen Wahngebilde« in den Büchern vor ihm, die ewige Schönheit
Raphael's um ihn her - auch Lucindens beseligende Nähe - alledem wusste der
kahlköpfige, hektisch hustende Mönch goldene Worte zu leihen ... Von Hubertus
berichtete er, dass dieser den Pilger von Loretto aus der Gefangenschaft der
Räuber mit Lebensgefahr befreit hatte, dann aber leider, den Verfolgern
ausweichend, mit dem Geretteten nach dem Süden verschlagen wäre ... Hubertus
unterhandelte damals mit dem General der Franciscaner um die Erlaubnis, in dem
Kloster San-Firmiano, am Eingang in den Silaswald, für immer bleiben zu dürfen
und schon hatte seine Bitte die Unterstützung Lucindens und Ceccone's gefunden -
Beide waren froh, den Unheimlichen in der Ferne zu wissen ... In ruhiger
Ergebenheit liess Bonaventura Klingsohrn die Gelegenheit, alle Erfahrungen seines
Gemütes gegen einen Mann durchzusprechen, der ihm so mannichfach nahe stand ...
Und wie orakelte Klingsohr! ... Am längsten verweilten seine Einfälle und
Paradoxen diesmal beim Leben - der »Tierseele« ... Hubertus sollte den Pilger
mit Hülfe eines Hundes, ohne Zweifel des seinem Herrn bis nach Loretto und dann
bis an die Bai von Ascoli nachgelaufenen »Sultan« entdeckt haben ... Den Pilger
selbst charakterisirte Klingsohr als einen Deutschen, der der alten Zeit des
Turnertums und der Romantik entlaufen wäre und »sozusagen Eichendorff ins
Protestantische übersetzt hätte -«, wahrscheinlich hätte er in Loretto »die
Andacht statistisch studiren« und das hochheilige Wunder von der durch die Lüfte
nach Loretto getragenen Heilandskrippe in der Darmstädter Kirchenzeitung
lächerrlich machen wollen ... Grizzifalcone hätte einen scharfen Blick verraten,
als er diesen Mann zu seinem Schreiber machte ...
    Bonaventura hielt seinen heftigsten Zorn und Unwillen zurück und rühmte nur
die Bildung des Verschollenen ...
    Klingsohr räumte diese ein und erzählte: Als wir in einer Nacht im Walde
campirten und ich nicht schlafen konnte, sang er, neben mir im Moose liegend,
ein provençalisches Lied ... Von einer edlen Dame, glaub' ich, der ein in den
Kreuzzug ziehender Ritter seinen Hund und seinen Falken zurücklässt ... Ich
übersetzte es - glaub' ich:
Weil ich Dich, Liebste, lassen muss,
Wie darf ich je noch fröhlich werden!
Nimm hin noch mit dem letzten Kuss
Das Liebste mir nach Dir auf Erden! - -
    Bonaventura ging dann erschüttert ... Er sah ja den Abschied des Vaters von
Gräfin Erdmute ... Als er erfahren hatte, dass sich in Santa-Maria vielleicht
eine Möglichkeit fand, mit dem Silaswald in Verbindung zu treten, als Klingsohr
mit elegischem Aufschlag seiner schwimmenden hellblauen Augen von Lucindens
Macht und Einfluss und, Bonaventura's fast spottend, von ihrer baldigen
Grafenkrone gesprochen hatte, verliess er ihn, um ihn nicht wiederzusehen ...
Klingsohr behandelte ihn, im Hinblick auf Lucinden, mit Vertraulichkeit, fast
Protection ...
    Es währte eine halbe Stunde, bis Ambrosi, den er für fernere Nachforschungen
im Silaswalde zu interessiren hoffte, sich ihm widmen konnte ... Er sah sich die
auch in seinem Wartezimmer befindlichen alten Marmorsärge an ... Auf allen
Verzierungen derselben fanden sich die nämlichen Embleme des Glaubens an
Auferstehung ... In roher Darstellung, ohne Zweifel von Fabrikhänden gefertigt,
waren die Verstorbenen als Jonas im Bauch des Walfisches dargestellt, ein
Mytus, der den Formen der Schönheit wenig entgegenkommt - ebensowenig wie der
auf allen Särgen wiederkehrende Fisch, der in seinem griechischen Namen die
Anfangsbuchstaben für Jesus und seine Erlöserwürde ausdrückt ...
    Endlich erschien der Cardinal ... Bonaventura fand eine kleine Gestalt, von
weiblichweichen Formen, von einer noch ebenmässigeren Schönheit, als sie ihm oft
war geschildert worden ... Ambrosi's Lächeln war sein, sarkastisch sogar, seine
Sprache sanft und melodisch ...
    Was er Bonaventura zur ersten Begrüssung sagte, schien ein Herzensbedürfniss
auszudrücken, das schon lange von ihm genährt wäre und in dem Wunsch nach
inniger Bekanntschaft mit einem Manne bestünde, der einen Bischofssitz einnahm,
der vor einem Jahre ihm bestimmt gewesen ...
    Nach Entschuldigungen dann für die Eile, die die Verpackung des heiligen
Xystus hätte, da ein Segelschiff in Civita-Vecchia nach Mexico bald die Anker
lichte, nach den ersten schärferen Forschungen in der Natur der beiden sich in
ihrem innern Grund bereits bekannten Männer, sagte Bonaventura beziehungsvoll:
    Es weht mich aus diesen Symbolen, so unschön die Formen sind und so - man
kann wohl sagen, roh, einem Bauer gleich, die Gestalt Jesu abgebildet wird, doch
eine seltsame Weihe an ... Man sieht einen nächtlichen Gottesdienst
geheimnisvoller Verbrüderung in einer unterirdischen Krypte ...
    Die nahe Erwartung des Heils liegt in diesen mystischen Zeichen! sprach
Ambrosi und führte seinen Besuch an den Steinsärgen entlang, auch an noch
uneröffneten ... Der Geruch in diesen Sälen war peinlich genug; die Stimmung
aller Anwesenden seltsam beklommen; nicht gerade des Moders wegen, sondern wie
im verschütteten Pompeji nicht Ein Glasscherben von den Arbeitern mitgenommen
werden darf, so hier keiner dieser einträglichen Knochen, die im Preise von
Juwelen standen ... Ein Priester musste den andern bewachen und die Wächter
hatten wieder über sich ihre Wächter ...
    In der Tat - als wenn man eine Orphische Nachtreligion mit geheimnisvollen
Wunderzeichen dargestellt sähe! sprach Bonaventura, staunend über die an den
Särgen angebrachten Basreliefs ...
    Der Cardinal unterrichtete seinen Besuch über die neuesten Forschungen in
den Katakomben ... Dann sagte er: Die Gleichheit aller Särge und die gemeinsame
Begräbnissstätte erweckt die Vorstellung von einer fast familienartig
zusammenhängenden Gemeinde ...
    Inzwischen wurden dem Cardinal eine Kerze und Siegelwachs entgegengehalten
... Ein grosses Petschaft zog er aus seinen Kleidern und versah mit dem Wappen
der gekreuzten Schlüssel und der dreifachen Krone die Stricke und die Nähte der
Emballage ...
    Nachdem wollte der Cardinal seinen Besuch in die obern Zimmer führen; wieder
fand sich eine Störung ... Gleichsam als käme alles zusammen, was den Gedanken
wecken musste: Sind denn das nicht Heuchler, die einen gottseligen Sinn haben
wollen und solchem Aberglauben huldigen? - traten ihm die Superiorin, die
Vicarin und Sacristanin der »Lebendigbegrabenen« in ihren braunen Röcken und
weissen Schleiern als Abgeordnete ihres Klosters entgegen, um das Fürwort des
jüngsten der Cardinäle für die Heiligsprechung ihrer Mumie zu gewinnen ... Sie
verneigten sich tief ... Ambrosi nahm ruhig ein Verzeichnis aller Wunder
entgegen, die weiland Eusebia Recanati schon bewirkt haben sollte ...
    Bonaventura sah, dass Ambrosi nicht lächelte, sondern ernst die Blätter
überflog, sie zu sich steckte und die Angelegenheit der Nonnen zu prüfen
versprach ... Beide begegneten sich als katolische Priester ... Beide waren
erzogen und emporgekommen in ihrem Beruf ... Jedenfalls kannten sie keine
Reform, als die auf Grundlage des katolischen Lebens ... An einen Uebertritt
zum Lutertum denkt nicht der alleraufgeklärteste, nicht der allerunabhängigste
unter den Katoliken ...
    Als die Nonnen sich entfernt hatten, sassen zwei Menschen, Heilige, wie sie
oft genannt wurden, sich gegenüber und forschend ruhten auf einander ihre Blicke
... Der eine war ein Märtyrer des Duldens und stand deshalb jetzt erhöht ... Der
andere wurde immer verfolgt und entfloh nur von Würde zu Würde ... Jener ein
contemplativer Charakter, dieser zum Handeln und zur praktischen Bewährung
geneigt ... Die Ruhe beider die gleiche; beim einen war sie ein Wachen wie über
einen Schatz von schönen Hoffnungen, die alles Leiden endlich belohnen würden,
beim andern wie über einen Schatz voll Ergebung, dem kein neues Leiden mehr eine
Ueberraschung bieten konnte ...
    Ambrosi lobte Bonaventura's Eifer für die Waldenser, nicht weil er ihre
Lehre billigte, sondern weil die Waldenser ihre Rechte hätten ... Voll
Teilnahme und beruhigend sprach er über den Eremiten, den er einen Landsmann
des neuen Erzbischofs nannte und im Silaswalde wusste ... Die Berichte, die er
gab, bestätigten, was Bonaventura inzwischen schon zu seiner Beruhigung erfahren
hatte ...
    Als Bonaventura von Frâ Federigo nähere Kunden zu hören wünschte, wich
allerdings sein Gönner aus und rühmte nur - die Gegend um Robillante ...
    Auf einsamen Wegwanderungen hab' ich da die grossen Begebenheiten kennen
gelernt, die dem Einsamen Stoff zur Betrachtung geben - sagte er ... Mein erstes
Evangelium war tagelang ein Vogel oder eine Wolke ... Als ich später in die
Schule, ins Seminar, ins Kloster kam, fand ich freilich, dass ich infolge dieses
Träumens alles, was eine Unternehmung werden sollte, linkisch anfasste; der
Erfolg war immer kleiner, als meine Absicht ... Da begann ich nichts mehr und
nun hatt' ich alles ...
    Gefahrvoll für die Welt, griffe solcher Quietismus um sich! ... sagte
Bonaventura mit aufrichtigem Tadel ...
    Darauf machte mich Frâ Federigo aufmerksam, dem ich mein Leiden klagte ...
fuhr der Cardinal mit voller Zustimmung, offenbar über seine Worte wachend, fort
...
    Warum suchten Sie ihn auf? ... fragte Bonaventura ...
    Ich wollte deutsch von ihm lernen, um in die Schweiz zu reisen ... Ich
brachte es nicht weit ... Ihre Heimatsprache ist schwer und wir plauderten wenig
über die Grammatik, mehr über Gott und die Welt ...
    Bonaventura sah den Einfluss seines Vaters auf den jungen Teologen und
fragte:
    Sie wussten, dass Sie mit einem Ketzer sprachen? ...
    Das wusst' ich ... Ich ging auch mit grosser Angst zu ihm ... War ich aber bei
ihm und es wurde Nacht und ich ging dann heim, so erschien ich mir wie Jakob,
der auf dem Felde einem Engel begegnete und im Nebel mit ihm rang ... Ich
kämpfte oft einen Riesenkampf gegen diese mächtige Erscheinung und doch suchte
ich meinen Gegner wieder auf, gerade weil ich bei ihm die Kraft fand, um mit
jenem Engel im Nebel, mit Gott zu ringen ... Jeder Schlag, den ich von Gottes
allmächtigem Geist empfing, verbreitete Kraft durch meine Glieder ... Sie hatten
Recht, mein teurer Bruder, sich für diesen edlen Landsmann zu verwenden ... Ich
denke, Sie sind jetzt über ihn beruhigt? ...
    Bonaventura's Brust hob sich mit dem Gefühl der Beseligung und zugleich der
Spannung auf die Möglichkeit, dass Ambrosi seine nähere Beziehung zum Eremiten
kannte ...
    Ist es wahr, begann er nach einigem Schweigen, während dessen seine Augen
umirrten, dass Sie doch zuletzt vor seinen Lehren geflohen sind? ...
    Der Cardinal errötete, wie öfters, so auch jetzt - gleich einem Mädchen ...
Dann wiegte er den schönen Kopf wie über die Seltsamkeit aller solcher Gerüchte
und über sein Antlitz verbreitete sich ein mildes Lächeln ... Er hatte
geschwiegen, aber seine Geberden sagten ein Ja! und wieder auch ein: Nein! ...
Nur ein Italiener oder ein Orientale besitzt die Fähigkeit eines so
ausdrucksvollen Mienenspiels ...
    Ein Mönch zu sein! fuhr Bonaventura beobachtend fort. Konnte - Sie das so
reizen - so zu den staunenswertesten Entbehrungen -? ...
    Ein Mönch in alten Tagen, unterbrach der Cardinal die ihm dargebrachte
Huldigung mit lächelnder Miene, war ein lebensmüder Einsiedler ... In den unsern
bedeutet er entweder weniger oder - mehr ... Ich stellte mir mit meinem
Verlangen nach Gott eine Aufgabe ... Ist es nicht mit unserm ganzen Glauben so,
dass wir unsere Schultern nur zum Tragen göttlicher und unsichtbarer Dinge
stärker machen wollen? ... Diese Reliquien, diese Seligsprechung, von der Sie
eben hörten - diese rechne ich auch zu dem, was mit dem Baldachin des Himmels,
der Offenbarung, der Verehrung für überirdische Dinge überhaupt zu tragen ist
... Warum tragen wir es noch und handeln danach? ...
    Noch? wiederholte Bonaventura ...
    Ein flüchtiges Zittern bewegte die Augen- und Mundwinkel des Cardinals ...
Wieder folgte ein vielsagendes Mienenspiel, ein beredsames Schweigen ... Wie mit
plötzlicher Erleuchtung glaubte Bonaventura eine Vision zu sehen ... Dieser
Priester, sagte er sich, ist ein Schüler deines Vaters! ... Alle Grundsätze
desselben hat er eingesogen! ... Um sie in die katolische Kirche einzuführen
trachtete er danach, eine hohe Würde zu erklimmen, die ihm möglich machte,
Reformator mit Erfolg zu sein ... Unter allen Mitteln, um zu steigen, wählte er
das - eines Lebens der Ascese ... Bonaventura gedachte der Mahnung an die Eichen
von Castellungo, an den Tag des heiligen Bernhard, an den Tag, wo Scheiterhaufen
oder göttliche Läuterungsflammen der Kirche sich erheben würden ... Fiat lux in
perpetuis! schwebte auf seinen Lippen ... Schon wollte er die geheimnisvolle
Losung aussprechen ...
    Da fuhr der Wagen mit dem heiligen Xystus vom Hause ab ... Nicht zu weit
entfernt vom Sopha, auf dem sie sassen, stand ein Tisch, auf dem eine Anzahl
jener gelben, wie Ockererde zerbröckelnden Reliquienknochen lag ... So musste er
seine Vision wohl als eine Vorstellung des Wahns wieder von seinen Augen bannen
...
    Sie sind befremdet, sprach der Cardinal, der ihn so in Gedanken verloren
fand, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich diesem Ihnen vielleicht verdriesslich
erscheinenden Amte sogar mit Liebe obliege? ... Es erinnert mich doch gewiss an
Eines - an den Tod, der unser aller sicherstes Loos ist ...
    Aber diese Reste der Vergangenheit verehren? entgegnete Bonaventura mit
wiederkehrendem Mute ... Sogar Wunder verlangen von diesen - todten Knochen?
... Ich habe in meinem Wirken als Pfarrer und Bischof die Reliquienanbetung -
nie unterstützt ...
    Es war ein gewagtes Wort, das Bonaventura gesprochen - ... Der Cardinal nahm
es ruhig hin ...
    Der Aufgeklärte und Denkende, sprach er, wird immer trauern, wenn er sieht,
dass diesen todten Resten der Vergangenheit eine göttliche Ehre erwiesen wird ...
Aber trägt man denn nicht auch den Ring einer Geliebten, das Haar einer teuren
Mutter, und treten Sie nicht mit feierlichem Gefühl in die Gruft der Scipionen,
die Sie auf der Via Appia finden? ... Ist nicht der Besuch der Gräber die
heiligste Gelegenheit, unsere irdischen Gedanken zu läutern und von uns so
vieles abzustreifen, dem wir allzu töricht nachjagen? ... So möcht' ich auch
diese Gebeine, die man tausend Jahre lang heilig hielt, nicht sofort, wie die
Sansculotten mit den Gräbern der französischen Könige in Sanct-Denis taten, auf
die Strasse werfen ... Aber den wahren Sinn des Sicherinnerns im Kirchenleben
wünsch' ich allerdings gedeutet und die Verehrung vor den Reliquien nur zu einer
Sache der Dankbarkeit gemacht ... Bewundert doch, möcht' ich rufen, den
Zusammenklang der Zeiten! Diese von uns fortgeführte Melodie alter Hoffnungen
und Tröstungen! ... Wer kann die Heiligen mit einem Federstrich tilgen! Sie
leben so gut wie Christus ... Aber auch hier: Sie können immer mehr dem rein
äusserlichen Bann ihrer Bilder entschweben, können immer mehr in ihren irdischen
Farben erbleichen und vergeistigt in die Herzen der Menschen einziehen - das
soll und muss und wird kommen - ... Aber wie soll unsere Kirche diese Formen so
schnell zertrümmern ohne Gefahr, auch das Gute zu verlieren, das sich an sie
knüpft? ... Zumal in südlichen Ländern, wo Jahrtausende hindurch die Religion
nur auf dem Weg der Phantasie in die Herzen zog ...
    Bonaventura sah die Richtung seiner eigenen Stimmungen ... Auch ihn band
Pietät ... Doch hatte sein Glaube angefangen, alles auf die Bibel zu geben ...
Und er sagte dies ...
    Sorgen Sie nur, dass sie alle lesen können! ... erwiderte der Cardinal mit
einem Seufzer ...
    Das Bild des Aberglaubens im Volke, der Unbildung der Massen lag nun ganz
vor den beiden freigesinnten Priestern ... Ambrosi hörte die beredte Schilderung
des Bischofs, wie Deutschland so weit voraus wäre ... Wie Italien dagegen
zurückstand, zeigte die Erinnerung an die Gefangenschaft Federigo's unter den
Räubern - alle ihre Qualen verdankte der Unglückliche allein seiner
Schreibekunst ...
    So sprachen beide noch lange fort und Bonaventura ahnte die Erfüllung seiner
kühnsten Träume in den Gedanken einer gleichgestimmten Seele ... Die Formen der
katolischen Kirche aufzugeben und so zu denken, wie Luter dachte, war ihnen
nicht gegeben - sie wollten diese Formen zurückgelenkt sehen in die Bedürfnisse
des Gemüts, diese geläutert durch einen Geist, dessen allgemeiner Ausdruck die
Anerkennung der bisher im katolischen Kirchenleben verpönten Bibel war ... Im
Hass gegen die Gesellschaft Jesu waren sich beide gleich; beide gelobten, sie mit
allen Mitteln bekämpfen zu wollen ... Das lässt mich meinen Krummstab lieben, dass
er in diesem Feldzuge ein Commandostab ist, keine schwache einzelne Kriegerwaffe
-! ... sagte Bonaventura ... Bald verriet Ambrosi's leuchtendes Auge, dass auch
ihm der Protest eines einzelnen Pfarrers oder Mönches nur ein Tropfen auf einen
glühenden Stein war; das zischt auf und hinterlässt nichts, als ein wenig Rauch
... In der Frage, die er dann an den Bischof richtete, ob er diesen oder jenen
Namen der Hierarchie schon kannte, lag die Andeutung, wie schon die Zahl der
Gegner Ceccone's und Fefelotti's im Wachsen war ...
    Bonaventura versprach, sich den genannten zu nähern ... Die hohe Wonne, die
dem Menschen Uebereinstimmung gewährt, verklärte sein Angesicht ... Noch mehr,
selten ist das Glück gewährt, noch in späteren Lebensjahren, in Stellungen, die
den Anschluss der Herzen nicht mehr erleichtern, eine Freundesbrust zu gewinnen
... Das hob ihm jetzt die seinige ... Das Gespräch wurde lebhafter und
zutraulicher ... Diesem Priester, den Bonaventura einen »heiligen
Scheinheiligen« hätte nennen mögen und mit mancher ähnlichen Erscheinung der
Kirchengeschichte, mit Philippo Neri verglich, hätte er sich ganz entdecken
mögen ... Kämpfend mit dem, was in ihm hindernd noch dazwischenlag und doch
schon auf sein Bedürfnis der vollen Hingebung zielend, sagte er:
    So vieles in unserm Glauben ist wie die Beichte ... Auch ihr liegt eine
Erfahrung des Gemüts zum Grunde, die ohne höhere Einbusse niemanden entzogen
werden kann ... Aber wie sie jetzt besteht, ist sie doch der unwürdigste Zwang
... Eine Zeit wird kommen, wo man erkennt, dass sie dem Priester das Unmögliche
zumutet ... Was drückt unsere innere Würde mehr als die Beichtbürden, die wir
tragen, ohne das Gute befördern, das Schlechte, das wir erfahren, verhindern zu
können ... Wenn die Unmöglichkeit und der notwendige Heuchelschein des
katolischen Priestertums erst erkannt sein wird, dann - ...
    Bonaventura brach ab und erhob sich, weil ein Geräusch vernehmbar wurde ...
    Auch der Cardinal erhob sich und betrachtete Bonaventura mit heissen,
glänzenden Augen ...
    Ich möchte nur von dem die Beichte hören, dem ich sie selber spräche, sagte
er ... Ein Austausch des Vertrauens unter Freunden - ...
    Ihnen - - könnt' ich wahr sein - ... wallte Bonaventura in seiner deutschen,
vom Herzen kommenden Regung auf und hielt dem Cardinal die Rechte hin ...
    Der Cardinal nahm sie zitterndbewegt - ...
    Da trat einer der Caudatarien ein und erinnerte an die vorgerückte Stunde
... Eine Sitzung des Consistoriums rief ihn ab ...
    Der Caudatar liess die Tür offen, durch die er gekommen und wieder gegangen
war, und harrte im Nebenzimmer ...
    Es handelt - sich heute - um Ihre Ernennung zum Erzbischof von Coni - sprach
Ambrosi tief bewegt. Sie sollen an die Stelle Fefelotti's kommen ...
    Bonaventura's Mienen drückten einen Schmerz aus, als trüg' er zu schwer
schon an seinem gegenwärtigen Kleide des Nessus ...
    Der Cardinal winkte ihm - zu schweigen - Die Zahl der Diener, die draussen
harrten, mehrte sich ...
    Denken Sie an Ihren Commandostab! sprach er ... Es muss ein Feldherrnstab
sein -, den wir in unsern Händen haben! Was ist ein - einzelnes Kriegerschwert!
...
    Der Ton dieser Worte war so mutig, so offen - dass Bonaventura seine Vision
bestätigt sah ... Ambrosi hatte Jahre lang sich selbst getödtet, um eine
Auferstehung zur Tat zu feiern ... Kein Zweifel, dass diese Annahme die richtige
war ... Und nun hätte er weiter forschen, von seinem Vater beginnen mögen,
fragen, ob nie über dessen Herkunft, über dessen frühere Verhältnisse von ihm
gesprochen wurde - nur seiner Mutter wegen hemmte er den Drang der Mitteilung,
der immer höher stieg - Endlich begann Ambrosi, der Umgebung lauschend, von
gleichgültigen Dingen ... Ein Schimmer von List sogar blitzte aus seinem Antlitz
... Einige Worte wagte er in deutscher Sprache; seine Gedanken wurden nicht
klar; er sprach wieder italienisch ... Anerkennend urteilte er von Klingsohr's
Gelehrsamkeit ... Vom Bruder Hubertus sagte er:
    Dem kommt es zu statten, dass der geistliche Stand im Süden Europas etwas
anderes ist, als im Norden ... Unsere Mönche sind schwer an ihre Regel zu bannen
... Sie ergreifen jede Gelegenheit, ihrem Temperament zu folgen und viele gibt
es, die immer unterweges sind ... Aufträge gibt es genug und wenn sonst kein
Entschuldigungsgrund vorliegt, wird dem Drang zum Betteln als einer heiligen
Vocation Gehör gegeben ... Ich war zugegen, wie der Todtenkopf den Auftrag
erhielt, den Bischof von Macerata zu befreien, und noch dringender, den
Gefangenen des Grizzifalcone, den Pilger von Loretto ... Eines gelang ihm durch
List, das andere, hör' ich, durch wunderbare Abenteuer, an denen - sogar die
Treue eines Hundes beteiligt ist ... Der Cardinal erzählte, was Bonaventura
durch Klingsohr wusste ...
    Die Vertraulichkeit kehrte wieder ganz zurück ... Mit leiser Stimme gaben
sich diese Gefangenen ihrer Würde der Geständnisse immer mehr ... Ambrosi gab
die Bestätigung der Schilderungen, die Bonaventura von Benno nach seiner
Befreiung von Frankreich aus über die Loge bei Bertinazzi und den Brief Attilio
Bandiera's erhalten hatte ... Bonaventura hörte die Vermutung, dass sein
unglücklicher Vater in seiner Gefangenschaft die Doppelrolle Grizzifalcone's
hatte unterstützen müssen, die Dienste, die er dem Fürsten Rucca im Interesse
der römischen Finanzen und die er dem Cardinal Ceccone im Interesse der Politik
leisten sollte ... Nur angedeutet zu werden brauchte diese Vermutung, um auch
die Gefahr auszusprechen, in die sich Federigo gestürzt haben würde, wenn er,
durch die Kunst der Federführung zum Vertrauten des verschmitzten, beutegierigen
Räubers geworden, nach Rom gekommen wäre und seine Geständnisse wirklich dem
alten Rucca hätte aus dem Gedächtnis wiederholen wollen ... Ich würde sagen,
schloss der Cardinal, vom erglühten Aufhorchen seines Besuches nicht zu
auffallend befremdet, ich würde sagen, beide, der Gefangene und sein mutiger
Befreier, verabscheuten die Rückkehr in eine so verderbte Welt, wenn nicht auch
der stille Waldesfriede, den sie dann gefunden haben, wiederum von menschlicher
Verworfenheit wäre heimgesucht worden; man sagt, dass im Silaswald der von
Grizzifalcone angelegte Verrat zum Ausbruch kam und auch dort der mutige Mönch
seine Mission der strafenden Gerechtigkeit an einem der gedungenen Verräter
vollziehen konnte ...
    Bonaventura hörte zum ersten mal von den näheren Umständen, unter denen die
Invasion der Bandiera gescheitert war ... Bisher hatte er nur gewusst, dass die
kleine Schaar durch einige aus ihrer Mitte verraten wurde ...
    Die Caudatarien hatten sich zurückgezogen, blieben jedoch hörbar ... Der
Cardinal sah auf die Uhr ... Er hatte nur noch einige Minuten Zeit ...
    Wir sehen uns leider so bald nicht wieder! sprach er mit Trauer ... Ich muss
einige Tage von Rom fort und auch Sie werden Eile haben, in Turin die Wünsche
des Consistoriums früher geltend zu machen, ehe dort die Intriguen Fefelotti's
ankommen ... Lassen Sie sich's nicht verdriessen, dass Ceccone es ist, der Ihre
Erhöhung fördern muss ... »Die Gottlosen richten ihre Schemel auf und erheben nur
die Gerechten« ...
    Nicht wiedersehen - Nach Turin eilen - dachte Bonaventura mit Schmerz und
stand im Kampf mit sich selbst ... Sollte er dem Cardinal sagen, dass es auch ihn
aufs mächtigste nach dem Silaswalde zog? ... Aber - wie konnte er es - da sein
Vater offenbar nur vor ihm, nur vor seines Sohnes wunderbarer Verpflanzung nach
Robillante geflohen war ...
    Cardinal Ambrosi sagte, dass er nichts unterlassen würde, sich durch die
Klöster über Federigo's Befinden zu unterrichten und dann seinem mutigen
Verteidiger über ihn Kunde zu geben ... Ohne das mindeste Anzeichen, als wäre
ihm Federigo's näheres Verhältnis zu seinem Besuche bekannt, kam er wieder auf
seine Heimat und seinen eignen Vater zurück ... Dieser war ein Lehrer der
Matematik auf dem Lyceum zu Robillante gewesen, hatte eine Alpenreise gemacht,
war nicht wiedergekehrt und nie wieder aufgefunden worden ... Um im Berner
Oberland, wo er Höhenmessungen hatte vornehmen wollen, Spuren seines Verbleibens
aufzufinden, hatte der junge Student des Seminars von Robillante bei Federigo
Deutsch lernen wollen ... Die Reise, die er dann wirklich gemacht, war ohne
Erfolg geblieben ...
    Bonaventura, der dies Verhältnis nie so vollständig übersehen hatte, wie
nach dieser Erzählung, stand wie an einem Abgrund ... Warum nur trat ihm die
furchtbare Morgue auf dem Sanct-Bernhard vors Auge! ... Er gedachte: Wie muss
diese Eröffnung des jungen Mannes damals auf den Vater gewirkt haben, der eine
mit dem Vater des Cardinals so ganz gleiche Lage - nur fingirt hatte - ...
    Federigo konnte damals - wohl noch nicht lange - bei Castellungo sein -?
fragte er ...
    Als ich ihn zuerst sah? ...
    Als Ihr Vater vermisst wurde - ...
    Einige Wochen erst ...
    Sprach Ihnen - Federigo - nie - von den Gefahren des Schnees - denen auch -
Er -? ...
    Ambrosi blieb dem plötzlich stockenden Wort ein unbefangener Hörer und
verweilte nur bei seinem eigenen Leid ... Ohne Mutter, ohne Verwandte, wär' er
nur der Zögling der Liebe seines Vaters gewesen ... Als er ihn verloren, hätte
er ein Gefühl der Teilnahme bei allen gefunden; doch ein solches, das ganz
seinem Schmerze gleichgekommen, nur bei Federigo ... Dieser Edle hätte seine
Tränen aufrichtig zu denen gemischt, die er selbst vergossen ... Er hätte ihn
seinen Sohn genannt - ...
    Bonaventura stand über eine dunkle Ahnung zitternd ...
    Er versicherte mich, fuhr Ambrosi, des Sichabwendens seines Besuchs nicht
achtend, fort, für bestimmt, dass mein Vater todt wäre, er säh' es im Geist, -
doch sollte ich ihn nur aufsuchen ... Verlorenes, wenn auch Unwiederbringliches
suchen wäre so gut wie es finden - - wenigstens fände man anderes, neue Schätze
... Seine Tränen deutete mein Gönner nicht allein auf die Teilnahme für den
Vater, sondern auch auf die Erkenntnis, dass auch ihm aus tiefster Reue über
seine begangenen Fehler, aus Suchen nach ewig Verlorenem erst die Kraft der
Erhebung geworden wäre ...
    Bonaventura verbarg die Tränen in seinem Auge - er verriet nichts von
einer Ahnung, dass des Vaters fingirter Tod - wohl gar mit dem wirklichen Tode des
Professors Ambrosi zusammenhing ... Wenn hier eine Schuld des Vaters vorläge?
dachte er schaudernd ... Seine Hände zitterten ... Das erbrochene Grab des alten
Mevissen, die aufgefundenen Angedenken, die Urkunde Leo Perl's, alles trat ihm
gespenstisch entgegen ... Sein Vater - konnte doch - kein - Verbrecher sein -!
...
    Ist Ihnen nicht wohl? fragte Ambrosi, ihm näher tretend ...
    Bonaventura hätte sich ihm an die Brust werfen, alles offenbaren, alles von
sich und von seinem Vater eingestehen mögen ... Aber diese neue Verwickelung
wieder - war zu beängstigend - sie zwang ihn, seine Worte zu hüten ... Nachdem
er sein Befinden als wohl bezeichnet, wagte er noch ein Entscheidendes, indem er
leise, gleichsam nur in Hindeutung auf den verschollenen Vater Ambrosi's, die
Worte sprach:
    Rätsel - Rätsel ... Fiat lux - in perpetuis! ...
    Eine Bewegung in den Mienen des Cardinals blieb aus ... Sein Antlitz blieb
ruhig ... Von einem besondern Sinn dieser Worte schien er nicht betroffen ...
    Nun mahnten die Caudatarien wiederholt ... Ambrosi musste Abschied nehmen und
sofort für längere Zeit, da ihn unmittelbar nach dem Consistorium Ausgrabungen
am untern Lauf der Tiber zu einer Reise veranlassten ... Noch sprach er sein
sichres Vertrauen aus, dass der an die Krone von Piemont gehende Vorschlag, das
Erzbistum Coni an den Bischof von Robillante zu geben, Erfolg haben würde -
riet aber, nach dem Entschluss des Papstes sofort nach Turin zu reisen ... Er
wünschte Bonaventura Glück und trennte sich von ihm, nur noch mit einer
bedeutungsvollen Erinnerung an die einst zwischen ihnen auszutauschende
Freundesbeichte und einer vollkommen unbefangenen Versicherung, dass es
aufgeklärte, brave und wohlwollende Priester auch in Rom gäbe ... Ueber den
Eremiten im Silaswalde würde er ihm unfehlbar binnen kurzem nach Coni schreiben
...
    Bonaventura wurde vom apostolischen Stuhl zum Erzbischof von Coni
vorgeschlagen ... Auch Ceccone verlangte, dass er, um Intriguen vorzubeugen,
sofort nach Turin eilte ... Den Cardinal Ambrosi hatte Bonaventura seitdem nicht
wiedergesehen ... Aber ihr Briefwechsel blieb der lebhafteste, blieb die
Fortsetzung ihrer ersten Begegnung ... Bonaventura sah das Wachsen des Lichts
und der Aufklärung auch in Italien ... Ambrosi gestand in aller Offenheit, dass
schon lange und noch immer eine fortgesetzte Beziehung zwischen ihm und Frâ
Federigo bestand ... Aber das Wort desselben: Er beschwöre den Erzbischof von
Coni, bis zu einer bestimmten Zeit seiner Spur nicht zu folgen! wurde von ihm
ohne die mindeste Ahnung der Verwandtschaft wiederholt; es wurde nur auf die
Lage des Erzbischofs, seine Teilnahme für einen Deutschen bezogen ... Unterwarf
sich Bonaventura diesem Befehl? ... Die Tat eines Mannes, sagte er sich zuletzt
über diese schmerzliche Lücke seines Lebens, darf nicht halb sein ... Darf ich
den Vater hindern, seinen Ausgang aus dem Leben so weit zu vollenden, als er ihm
ohne den Selbstmord möglich schien? ... Noch lebt die Mutter ... »Es ist eine
der grausamsten Handlungen, die es geben kann, jemand an einem schon begonnenen
Selbstmord hindern«, hatte ihm der Onkel Dechant geschrieben und noch in dem
letzten, teilweise Armgart dictirten Briefe an Bonaventura stand: »Ich nehme
dein Ehrenwort, Bona - nehme es nicht vom Priester, sondern vom Asselyn, dass du
vor dem Tod deiner Mutter den Eremiten vom Silaswalde nie suchst - nie kennst -«
... Bonaventura gelobte es ... Sein Brief kam zwar nach Kocher am Fall zu spät,
das Gelöbnis blieb aber gegeben ...
    Mit Freuden riss sich damals der so mannichfach gebundene und durch seinen
Beruf, durch das ihm auch in Rom geschenkte Vertrauen so mannichfach
willensunfrei gewordene Priester von der ewigen Stadt los ... Er sah die
Leidenschaft Olympiens für Benno - er sah die Aussöhnung der ihm schon in Wien
nur wenig sympatischen Mutter mit ihren ärgsten Feindinnen ... Er sah die
Zurüstungen der Reise, durch die Ercolano Rucca »an die Brust seines besten
Freundes zu gelangen« wünschte ... Er ahnte alles, was kommen musste, las es aus
den Mienen Lucindens, die wohl auch ganz offen sagte: »Benno liebt ja Olympien!
Man liebt mit Leidenschaft nur das, was man versucht sein könnte unter andern
Umständen zu hassen! Er sieht alle ihre Fehler, aber er wird sich überreden, sie
verbessern zu können. Und ist es unmöglich? Wir Frauen sind die Erzeugnisse
unseres Glücks oder unseres Unglücks!« ...
    Bonaventura traute Lucinden mit dem Grafen Sarzana, nachdem er die Bedingung
gemacht, dass ihm Beichte und Examen (beide müssen jeder Trauung vorangehen) vom
Pfarrer der Apostelkirche, der die Cession gegeben, abgenommen wurde ...
    Wie traten ihm die Stimmungen jener Tage aus dem Briefe wieder entgegen, mit
dem Lucinde ihr heutiges Geschenk begleitet hatte! ... Grade heute hatte sie ihm
geschrieben: »Dieser Sarzana! So hat er denn die Glorie seines Lebens gefunden,
der tückische Schurke, den sie in die Grube geworfen haben ordentlich mit Ehren!
An den Galgen gehörte er von Rechts wegen - wenn ich auch die Posse mitmachen
und ihm durch eine Beisetzung eine anständige Entsühnung geben will ... Ich
beschwöre Sie, mein hochverehrter Freund! Lassen Sie doch von nun an Ihre
kleinen Fehden gegen den Geist der Zeit! Mit unversöhnlicher Macht ergreift Rom
jetzt die Zügel und ich weiss, es wird niemand mehr geschont werden! Der
Schrecken wird die Welt regieren - und es ist gut so, denn die Tyrannen hab' ich
immer menschlicher gefunden, als die Philosophen, die Humanitätsschwärmer, die
Tugendhelden, die Volksfreunde, die Aufklärer, die Pietisten, die Gensdarmen,
die Vertreter der unendlich suffisanten Ordnung und Richtigkeit des Lebens - die
fand ich immer grausam, herzlos und da, wo sie recht tüchtig Widerstand finden,
recht feige und erzdumm ... Denken Sie nur allein an die Intrigue, die mich
damals zur Gräfin Sarzana machte - muss man nicht das italienische Volk gehen
lassen, wie es ist? Eine Bestie ist's und zum Gehorchen bestimmt ... Und, mein
Freund - die Kirche! Ich begreife in der Tat Ihr Reformen nicht! ... Die
katolische Kirche ist gerade darum so schön und rührend, weil sie ganz und gar
eine Antiquität ist. Mir ist sie nun auf die Art geradezu eine wurmstichige alte
Kommode geworden, in der ich meine liebsten Siebensachen, meine alten verblassten
Bänder, meine alten zerknitterten Ballblumen liegen habe ... Aus meinem im
Herzen noch manchmal wiederkehrenden Frühling leg' ich dann und wann eine Rose
in die alten Schubläden hinein und deren Duft durchzieht dann die alte
beweinenswerte Herrlichkeit ... Ein bisschen moderig bleibt's immer, nun ja!
aber der Duft der Rose dringt doch auch in das alte, wurmstichige Holz mit den
messingenen Ringen und schnörkligen Schildern dran ein - ach! auch schon manche
Träne ist mir in den alten Rumpelkasten gefallen ... Lassen Sie doch Ihre
Principien, hochverehrter Freund! Der alte Gott sorgt ja schon selbst für seine
Anerkennung! ... Der Vernünftigste, den ich seit lange beobachtet habe, war Ihr
Vetter Benno, von dem ich gar nicht einen solchen Cäsar Montalto erwartet hätte
- den dummen Rückfall ausgenommen, der ihn nach Rom unter die Narren von 47
trieb! ... Glauben Sie mir, er hat in Paris und London glückliche Stunden
verlebt; er nahm, was sich ihm bot, und reflectirte nicht ... Kommen Sie nun
auch endlich einmal ordentlich nach Rom? - Sie müssen Cardinal werden, und mehr!
Nur beschwör' ich Sie, machen Sie es einst, wenn Sie die dreifache Krone tragen,
wie es alle machten, nicht etwa wie unser jetziger Phantast, der sich auf den
Vatican, die Hochwarte des wenigstens mir sicher bekannten Universums, wie ein
Kind hinstellen und aus einem tönernen Pfeifenstummel Seifenblasen puhsten
konnte! ... Wie leben Sie denn, mein hochverehrter Freund? ... Ist die alte
Gräfin auf Castellungo entschlafen in jenem HErrn, bei dem nur sie allein
courfähig war? ... O, des Hochmuts dieser Frommen! ... Finden Sie nicht, mein
hochverehrter Freund, dass Jesus in den Evangelien eigentlich nur recht bei
denjenigen steht, die sich gegen Gesetz und Regel auflehnen, tief in der Irre
gehen und mit den respectabeln andern Leuten auf gespanntem Fusse leben? ...
Rauft einer am Sonntag Aehren aus, gleich entschuldigt er ihn; wäscht ihm eine
Frau die Füsse mit kostbaren Salben, gleich sagt er: Lasst doch die gute Närrin!
Alles, was Jesus tat, war, wie's die andern Leute nicht tun - ... Und das wäre
denn der Herr für diese wohlanständigen, vornehmen Seelen, deren Sünden
höchstens Neid und Hochmut sind? Nimmermehr! ... Auch das hat mich katolisch
gemacht, dass mein allersüssester Jesus Mein ganz aparter Freund ist ... Im Dunkel
einer kleinen Kapelle, da ein Gekennzeichneter, ein polizeilich Verfolgter, vom
vornehmen Pharisäervolk Gesteinigter wie ich, gehört er ausschliesslich Mir an
... Vor dem dunkelsten Altar, da, wo von einem Kruzifix, von einem schlechten
Tüncher geklext, die Tropfen Blutes am Haupt und in der Seite, zum Greifen dick,
herunterfliessen, da hab' ich den Liebling meiner Seele und hör' es, als sagte
er: Lucinde - Alte, wie geht es dir? Bist du immer noch in der Irre, immer noch
unverstanden und ohne Herzen, die dich lieben? ... Das ist wahr, vor der
allerseligsten Jungfrau, zu der Sie mir vor langen Jahren rieten, mich
besonders vertrauensvoll zu beugen, vor Maria entzündet sich noch immer nicht
ganz mein Herz, wie ich möchte ... Ach, die Königin des Himmels hat einen Sohn
verloren, hat den gelästert gesehen - das sind gewiss, gewiss grosse Leiden - aber
sie selbst litt nicht viel unter Lästerungen ... Maria ist noch immer meine
Feindin, wie alle Frauen ... Grüssen Sie Paula, die ich mehr liebe, als sie
glaubt ... Hindern Sie den Grafen nicht, katolisch zu werden ... Es wird sich
dann alles zwischen Ihnen leichter machen ... Die katolische Religion ist die
der menschlichen Schwäche - und eben in seiner Schwäche liegt die Grösse des
Menschengeschlechts ...«
    Jahr ein, Jahr aus kamen diese Ausbrüche einer erbitterten Welt- und
Lebensanschauung ... Näherer persönlicher, so innigst von ihr gesuchter Umgang
war ihm mit Lucinden vor einigen Jahren in Coni unmöglich gewesen - eben durch
die Art, wie sich ihre Denkund Gefühlsweise mit einer scheinbar tiefüberzeugten
Art, allen, selbst den bigottesten Vorschriften der Kirche nachzukommen, vertrug
und wie sie ihm dadurch den katolischen Glauben, dem er immer noch sein
Tieferes und Besseres abzuringen suchte, ganz verhasst machen konnte ...
    Unrichtig getauft zu sein hatte Bonaventura nur damals schrecken können, als
er es zuerst erfuhr und das Bekenntnis eines verbitterten Hypochonders in den
Händen einer rachsüchtigen Feindin wusste ... Diese Feindschaft hatte sich durch
Paula's Heirat, durch Lucindens notwendig gewordene Beichte zu Maria-Schnee in
Wien gemildert, ja sie hatte wieder der alten Hoffnung und dem alten Werben um
Bonaventura's Liebe das Feld geräumt ... In Bonaventura's Innern gingen soviel
Veränderungen vor, dass ihm an ein Verhältnis, das er nur zum grössten Triumph
derjenigen Richtungen hätte aufklären können, die er bekämpfte, die Gewöhnung
kam ... Einen Augenblick, der in den immer höher gesteigerten Wirren der Zeit
einst ihm noch kommen müsse, einen Augenblick grosser Entscheidungen dachte er
als ihm ganz gewiss beschieden. Dann wollte er zur Widerlegung des
tridentinischen Concils sich erheben und sagen: »Priester oder Gott - das ist
die Frage! Hat Christus seine Vertretung in der Gemeinde oder nur im geweihten
Vorstand derselben? Kann der Wille eines schwachen Menschen deshalb, weil er
gesalbt wurde, die Menschenseele zu seinem Spielball machen? Seht, ich bin
getauft nach allen Regeln der apostolischen Einsetzung der Taufe! Und doch, doch
bin ich ein Heide, wenn unsere Seele von Priestern abhängt! Unsere Kirche steht
und fällt mit der Entscheidung über mein Lebensschicksal!« ... Dann sich
denkend, dass alle seine Würden von ihm niedergelegt werden müssten, alle
kirchlichen Acte, die er vollzogen, für ungültig erklärt, sich vorstellend, dass
er in ein Kloster gehen, sich neu taufen, neu weihen lassen müsste, fühlte er das
mächtigste Verlangen, bei irgend einer grossen Krisis der Zeit seine Lage selbst
zu offenbaren ... Einstweilen hatte er Leo Perl's Beispiel befolgt und eine
Urkunde aufgesetzt, die nach seinem Tode erbrochen werden sollte ... In ihr
hatte er seinen Fall ausgeführt ... Noch wusste er nicht und kämpfte mit sich, ob
er dies Bekenntnis in die Hände des römischen Stuhls selbst oder nur in die
seiner näherverbundenen Freunde legen sollte ... Innerlich war er mit sich im
Reinen - er verachtete den Spuk des Zufalls ...
    Nur der höhnende Schatten desselben konnte ihn zuweilen schrecken - Lucinde
... Aber selbst als sie von Castellungo im äussersten Zorn damals geschieden war,
selbst da hatte sie zu Bonaventura, der sie, um Abschied von ihr zu nehmen, im
Kloster der Herz-Jesu-Damen besuchte, auf ein Kästchen gedeutet und versöhnt
gesagt: »Dort liegt mein Testament! Sie überleben mich und ich vermache Ihnen
alles, was ich hinterlasse - cum beneficio inventarii - meinen Schulden! Sie
finden Serlo's Denkwürdigkeiten, die, wie ich Ihnen schon vor Jahren sagte, die
Schule meiner Kunst wurden, Leiden zu ertragen. Glauben Sie mir, Tomas a Kempis
war nichts als der geistliche Serlo und Tomas a Kempis hat ganz die nämliche
Philosophie, nur dass der Mönch seine Verachtung der Welt und Menschen in
religiöse Vorschriften kleidete ... Wenn Tomas a Kempis anrät, Gott zu lieben,
so wollte er nur wie der Schauspieler Serlo sagen: Verachtet die Welt und die
Menschen! ... Dann finden Sie - noch -« setzte sie stockend und leise hinzu:
»die Hülfsmittel jener - Rache, die ich Ihnen einst in einem kindischen
Wahnsinnanfall geschworen hatte -« ... Und die Sie noch immer nicht Ceccone oder
Fefelotti auslieferten? warf Bonaventura ein ... Lucinde erhob sich, nahm einen
Schlüssel, der an dem immer auf ihrer Brust blinkenden goldenen Kreuze hing,
ging an ihr Kästchen und schloss es auf ... Nehmen Sie, sagte sie und deutete auf
ein gelbes, vielfach gebrochenes grosses Schreiben mit zerbröckeltem Siegel ...
    Es war ein Moment, an den Bonaventura oft zurückdenken musste ... Damals
drängte sich alles zusammen, was oft so centnerschwer auf seiner Brust lag und
nun - ein Augenblick der seligsten Erleichterung -! ... Aber wie ein Blitzstrahl
fuhr es auch zu gleicher Zeit durch sein Inneres: War und ist dein Leben und
Ringen wirklich nicht mehr, als die Furcht vor diesem zufälligen Verhängnis?
Bist du nicht Herr deines Willens, Schöpfer deiner Freuden und Leiden? Wie
kannst du erbangen vor einer Anklage, die du verachtest, weil sie die teuflische
Verhöhnung der christlichen Idee ist? ... Bonaventura wandte sich und sagte:
Behalten Sie! ... Lucinde verstand diese Weigerung im Sinn eines ihr geschenkten
Vertrauens und wurde davon so überwältigt, dass sie eine Weile hocherglühend und
in zitternder Unentschlossenheit stand, dann ihr Knie beugte und sich vor
Bonaventura zur Erde niederliess ... Gräfin, lassen Sie! bat er erbebend und der
alten Scenen gedenkend ... Lucinde neigte den Kopf bis auf seine Füsse ... Ein in
der Nähe entstandenes Geräusch musste sie bestimmen, sich zu erheben ... Man
hörte Schritte ... Noch ehe sie den Schrein geschlossen, den Schlüssel wieder zu
sich gesteckt hatte, trat die Aebtissin der Herz-Jesu-Damen ein, die nicht
verfehlen wollte, dem Erzbischof bei seinem Klosterbesuch die schuldige
Ehrfurcht zu bezeugen ...
    Einige Zeit nach einem ihm unvergesslichen Seelenblick, den damals Lucinde
auf ihn warf, war es Bonaventura, als fand sich in den Drohungen Sturla's, der
von Genua kam, ein Anklang an die Urkunde Leo Perl's ... Doch konnte er sich
auch irren ... Der kecke Jesuit hielt ihm ein Bild der deutschen Geistlichkeit
vor, dessen Züge auf den fremden Eindringling passen sollten, und unter anderm
lief die Bemerkung unter: »Unglaublich, was die Archive Roms von Deutschland
mitteilen könnten, hätte nicht die Kirche vor allem an ihren eigenen Organen
Ärgernis zu vermeiden!« ...
    Wie bitter, und sogar triumphirend waren im Briefe Lucindens die Andeutungen
über Paula! ... Auch er fühlte es ja nach, was die luterischen und abgefallenen
Freunde der Familie oft genug unter sich sagten: Solch ein unnatürliches, jede
Empfindung verletzendes Verhältnis ist nur auf katolischem Gebiete möglich! ...
An sich, vor den Augen der Welt war jede Rücksicht auf Misdeutung gewahrt -
Paula war die Nichte des Kronsyndikus, Bonaventura der Sohn des Präsidenten,
ihres Vetters - die Verwandtschaft war die allernächste des Blutes und Graf Hugo
durfte, ohne Anstoss zu erregen, in Coni einen schönen Palast bewohnen, wo im
Kreise einer Geselligkeit, die Paula mit Mitteln zu unterhalten wusste, die sich
ihr in dem fremden Lande mit sonst nicht gewohnter sicherer Beherrschung zu
Gebote stellten, allabendlich der Erzbischof verweilte ... Meist war Musik das
Organ der Verschmelzung oft schroffer Gegensätze, ja Paula wurde erfinderisch
und ergab sich jenem schönen Triebe, nach- und vorauszudenken allem, was über
rauhe Stunden des Lebens zerstreuend hinweghelfen kann ... Aber ein Vorwurf des
Gewissens fehlte nicht bei Alledem - es war ein Verhältnis, an dem, wie sich
Bonaventura sagte, »Gott keine Freude haben konnte« ...
    Ein zärtliches Ueberwallen der Liebe hatte sich in Bonaventura und Paula
längst gemildert ... Auf Entsagung blieb ihr Gefühl ja auch gleich anfangs
begründet ... Und lenkt nicht jede Liebe, selbst die leidenschaftlichste,
zuletzt die Flut in ruhiger wallende Strömung? ... Kuss und Umarmung! Was sind
sie denn, als ein letztes Ziel, ein Zerreissenwollen jedes Rückhaltgedankens, der
Brücke, die den geliebten Gegenstand noch einmal zur alten persönlichen Freiheit
zurückführen könnte; Kuss und Umarmung werden begehrt und gewährt, weil sie den
Begehrenden und Gewährenden als Ich vernichten, künstlich gleichsam eine
gemeinschaftliche Schuld erzeugen, die beide Teile fast zwingt, auf ewig Eins
zu sein ... Aber bald tritt die volle Beseligung der Liebe nur im Austausch des
seelischen Lebens ein. Ineinander zu leben ist dann nur noch ein Bedürfnis des
Herzens. Kommen erweckt ein Jauchzen der Brust und Gehen ist die Hoffnung nur
auf den Gruss, auf das Lächeln des Wiedersehens ... Dann zerlegt sich in seine
Stunden der Tag, in ihre Minuten die Stunde, jedes Atom der Zeit ist erfüllt vom
Glück der Gewöhnung an so viel willkommene Freuden und noch willkommenere Sorgen
- Das ist das Glück, das auch in der Ehe, lange schon vorm Ersterben der
Leidenschaft, Ausdruck des wahren Besitzes bleibt ...
    In diesem letzten Stadium des Verbundenseins der Liebe befand sich der
Erzbischof, nachdem er in jedem früheren längst überwunden hatte ... Jeden Abend
war er auf dem Schloss des Grafen, das mitten in der Stadt lag und einer der
vielen weiland grossen Familien des Landes gehört hatte, die im Lauf der Zeiten
zu Grunde gingen und nichts behielten, als die glänzende Hülle ihrer
Vergangenheit ... An diesen Palast schloss sich ein Garten, altmodischen
Geschmacks, wie die Gärten auf den Borromäischen Inseln ... Der Graf hatte eine
Aufgabe, diesen Garten der freien Natur zurückzugeben ... Ein geselliger Kreis
wurde vor dem Kriege durch nichts gestört ... Später blieben freilich nur
Einige, die sich durch die Empfindungen des Grafen nicht stören liessen ... Gewiss
wäre der Graf, als die Revolutionen ausbrachen, nach seinem deutschen Vaterland
zurückgekehrt, wenn nicht auch dort die Verwirrung für seine Denkweise das Mass
überschritten hätte ... Seit lange hatte Oesterreich gesiegt - er mässigte den
Ausdruck seiner Freude und konnte infolge dessen bleiben ... Bonaventura kannte
die Sehnsucht nach Tätigkeit, die den Grafen bestimmen musste, entscheidende
Entschlüsse zu fassen, ja er kannte des Grafen Sehnsucht - nach einem Erben -
... Noch mehr, Graf Hugo liebte Paula ... Es musste kommen, dass dies zehnjährige
Zusammenleben in Coni aufhörte ... Und doch, doch kannte er den Grafen dafür,
dass dieser im Stande war, die Nachricht von seiner Berufung zur Mutter nach Rom
mit den Worten aufzunehmen: Die Frau Präsidentin ist krank und Herr von
Wittekind in Rom? Das wird Ihre Kraft übersteigen, mein teurer Freund, wir
müssen Sie begleiten; wir gehen mit nach Rom ...
    In solchen, sein Inneres zerreissenden Stimmungen, zu denen sich an jedem der
ihm besonders wichtigen Gedenktage seines Lebens noch der Hinblick auf den mit
jedem Tag sich dem Abscheiden vom Leben nähernden Vater gesellte, verweilte
Bonaventura heute unter seinen Büchern ... Hier, wo ihn so oft die nächtliche
Stille geheimnisvoll umfing - hier, wo sein Gemüt der Muttersprache noch
zuweilen ein Opfer brachte, wie in den Versen:
Du wunderbare Stille,
Wer deutete dich schon,
Im Erd- und Himmelschweigen
Den Weltposaunenton!
Die namenlose Sehnsucht
In flücht'ger Welle Gang,
In stiller Brunnen Plätschern
Den mächt'gen Rededrang!
Wenn Mondenglanz die Rose
Sanft zu entschlummern ruft
Und Nachtviole trinket
Den Tau der Abendluft,
Wenn frei die Sterne treten
Aus ihrem blauen Zelt,
Worin das Licht der Sonne
Sie Tags gefangen hält -
Wie predigt da die Rose!
Viole singt im Chor;
Das kleinste Blatt hält Tafeln
Der Offenbarung vor!
Es rauschet und es klinget
Ein jeder todte Stein;
Der Stäubchen allgeringstes
Will nur verstanden sein!
Nur in die dunklen Schatten
Hat Gott das Licht gestellt,
Nur in die öde Wüste
Die Herrlichkeit der Welt;
Nur brechend nimmt ein Auge
Den rechten Lebenslauf!
O, schliesset euch, ihr Zauber
Der ew'gen Stille, auf!
    Der buntfarbigen Blume sich zu vergleichen, die, hochragend und stolz, doch
erst aus welken Blättern emporsteigt - so erhebt sich die Lilie über den am Fuss
des Schaftes schon beginnenden Tod - dafür besass seine Selbstschau zu viel
Demut und doch - nun schon wieder um ihn die »heilige Stille« und ein brechend
erst den rechten Lebenslauf nehmendes Auge - -! ...
    Ein wilder Sturm, wie er in Berggegenden oft ohne die mindeste Vorbereitung
entsteht, hatte sich erhoben und störte die Stille der Nacht ... Während die
Fensterläden des Palastes gerüttelt wurden, der Wind in den rauschenden Wipfeln
der Bäume des grossen Platzes tobte, konnte kein Schlaf über Bonaventura's Auge
kommen ... Und doch nahm der morgende Tag seine ganze Kraft in Anspruch. Er
wusste, dass sich Stadt und Umgegend nicht nehmen liessen, den Namenstag ihres
Oberhirten zu feiern ... Schon nach fünf Uhr wollte er die Messe lesen ... Nie
ergriffen ihn die Anfangsworte der Messe: »Der du meine Jugend erfreust, o
Herr!« mächtiger, als an diesem Tage der Jugenderinnerung ...
    Wo das Gehör einen Dienst der Liebe verrichtet, versagt die Natur den Schlaf
... Bonaventura mochte sich zuletzt auf seinem Lager noch so ermüdet strecken,
sein Ohr lauschte jeder Bewegung im Nebenzimmer ... Sturm und Regen hatten
aufgehört, der Morgen graute schon und noch hatte Bonaventura kein Auge
geschlossen ...
    Eben mochte sich vielleicht für einige Minuten die ermüdete Wimper gesenkt
haben, als sie sich sofort wieder erhob ... Bonaventura hatte das schnelle
Auftreten der dienenden Brüder gehört ... Erschreckend über eine mögliche
Verschlimmerung im Befinden des Kranken, sprang er, wie er war, halbangekleidet,
vom Lager ...
    Als er die Tür geöffnet hatte, fand er, von einem Licht beschienen, den
Leidenden aufgerichtet ... Die dienenden Brüder reichten ihm eben von einer
Arznei ... Benno lehnte das Glas ab ... Als er Bonaventura erkannte, sagte er,
er hätte lange und fest geschlafen ... In der Tat blickte sein Auge weniger
fieberhaft und seine Hand, die er in der Bonaventura's ruhen liess, hatte die
feuchte Wärme, die fast auf eine Krisis schliessen liess ...
    Welche Zeit ist's? fragte er ...
    Man sah auf die Uhr und nannte die vierte Stunde ...
    So geh zur Ruhe! bedeutete er den Freund ...
    Dieser nahm jedoch an seinem Lager Platz und sagte, dass er der Ruhe nicht
mehr bedürfe ...
    Auf dies beharrlich wiederholte Wort der Liebe wandte der Kranke sein Haupt
nach den beiden Mönchen und gab seinen Wunsch zu erkennen, mit dem Erzbischof
allein zu sein ...
    Ein Wink desselben und die Mönche traten in ein Nebencabinet, das nach Osten
lag ... Beim Oeffnen der Tür sah man den ersten Frührotschimmer der
aufgehenden Sonne ...
 
                                       7.
Ehe ich vom Leben scheide - begann Benno ...
    Mein teurer Freund, unterbrach ihn Bonaventura, du wirst leben! ...
    In deinem Gedächtnis - im Gedächtnis manches, der auf meine Zukunft
Hoffnungen setzte und schwer begreifen wird, warum sie nicht erfüllt wurden und
warum sie gerade so - so - endigen mussten ... Meine Minuten sind gezählt ...
Noch deinen Namenstag feir' ich, dann ist das Liebste da, was ich - vom
Weltgeist begehre ...
    Freund! ... unterbrach Bonaventura voll äussersten Schmerzes ... Diese Worte
Benno's wurden so zuversichtlich, so fest gesprochen, dass sie keine Widerlegung
zuliessen ...
    Ich will nicht sterben, sagte Benno, ohne mit den letzten Segnungen unserer
Kirche versehen zu sein ... Sorge dafür ... Die Rücksicht deines Hauses
erfordert es ... Wer mit den Priestern ein Leben des Kampfes geführt hat, mag
sich im Tode ihre Nähe verbitten; ich kämpfte nicht mit ihnen - meine Gegner
sucht' ich mir auf andern Schlachtfeldern auf ... Einem deiner Vicare werd' ich
beichten, dass ich nie an Religion beteiligt war ... Sie war mir kein Bedürfnis
...
    Bonaventura schwieg ... Er wusste, dass keine Confession so sehr religiösen
Indifferentismus bei Gebildeten erzeugt, wie die katolische ...
    Einen Kranken erquickt nichts mehr, als von seinen Umgebungen die
Anerkennung zu hören, dass er krank ist; einen Sterbenden nichts mehr, als die
Anerkennung, dass er stirbt ... So kam es, dass Benno mit jener Kraft der Stimme
sprach, die in letzten Augenblicken oft wunderbar wiederkehrt ...
    Ich erfülle, sagte er, das Geschick unseres Hauses - wie mir einst in Rom
der feindliche Dämon deines Lebens verheissen hat - als Lucinde jene Klagen
ausstiess, die ich dir vor Jahren - von London berichtete ... Vor - fast zehn
Jahren! ... Deinen letzten Brief hab' ich in meinem Portefeuille - und heute
erst beantwort' ich ihn durch mein - Testament ... Was könnt' ich dir sagen,
nachdem ich mit allem gebrochen, was andere von mir voraussetzten? ...
Skeptiker, Indifferentist - das gibt eine imposante Lebensstellung, wenn man in
die Lage kommt, nur reflectiren zu brauchen, sich die Zähne zu stochern, im
Salon die Beine übereinanderzuschlagen ... Stell' einen der Weisen, die im Chor
der Tragödie den Heroen so gute Lehren geben, selbst auf die Breter, er macht
die Tragödie zur Burleske ...
    Benno hielt inne, sammelte neue Kraft und lehnte Bonaventura's Entgegnungen
mit einem Zeichen der Hand ab ...
    Ich sass auf der Engelsburg, fuhr er fort, mit Räubern, deren Ungeziefer mich
die Freiheit ersehnen liess ... An sich ist die Freiheit zu verlieren kein
besondres Unglück ... Ich hätte Steine klopfen können, um ungestört über mich
und die Dinge und dann vielleicht endlich Gott nachzudenken ... Nur der Schmuz
des Gefängnisses entsetzte mich ...
    Wieder hielt der Kranke inne ... Wieder fuhr er, um des Freundes Nachsicht
bittend, nach einer Weile fort:
    Eines Tags stand die Tür meines Kerkers offen und eine Mutter war es, die
ich glücklich machte durch meine Flucht ... Selbst Lucinde nahm es ernst mit
meinem Schicksal, war ganz bei der Sache, ohne meiner Verkleidung zu spotten -
Der arme Bertinazzi erhielt die Galeere auf Lebenszeit ... Als ich die
Hinrichtung der Bandiera erfuhr, brach mein Lebensmut - die Mutter - konnte
mich damals - gängeln wie ein Kind - ...
    Bonaventura folgte aufmerksam allen diesen schmerzlichen Erinnerungen ...
    Man soll die Seinen nicht analysiren ... fuhr Benno fort in offenbarer
Wallung gegen seine Mutter ... Wo Übermass im Verkehr der Herzen waltet - da
welkt nur zu bald die Blüte ...
    Bonaventura wusste, dass Benno von London im tiefsten Bruch von seiner Mutter
und von Olympien sich losgerissen und gleichsam nach Rom nur entflohen war ...
Er hörte nun alles das, neigte sein Ohr dicht an den Mund des Freundes und bat
ihn nur, sich zu schonen ...
    Meine Retterin, fuhr Benno in Erregung fort, war die Fürstin Olympia Rucca
... Es hat schon oft Seelen gegeben, die plötzlich den Teufel in seiner Rechnung
betrogen - Die Heiligengeschichte erzählt von ihnen ... Eine Heilige ist Olympia
nun nicht geworden ... Aber aus einer Tyrannin wurde sie eine Sklavin ... Ich
habe nie so dienen sehen, wie Olympia ein Jahr lang dienen konnte ... An einem
Tigerkäfig hab' ich sie kennen gelernt; sie war nun selbst gezähmt zu einem der
jungen Lämmer, die sie - als Kind erwürgt haben soll - aus - Zärtlichkeit ...
Solche Frauen gibt es nicht - in - deiner germanischen Welt! ...
    In meiner? ... fragte Bonaventura mit leisem Vorwurf ...
    Benno schwieg eine Weile ... Dann sprach er einen Vers des Bonaventura'schen
Gedichtes:
»Einmal, eh' sie scheiden,
Färben sich die Blätter rot -«
    Er legte in den Ton der Recitation die Anerkennung deutschen Wesens im
Denken und Empfinden, fügte aber, hinzu:
    Als ich mein Lebensrätsel erfuhr, als ich meine todte Schwester sah, die
Mutter an ihrer Leiche kennen lernte, ergriff mich Hass gegen alles, wofür ich
bisher und worin ich gelebt hatte ... Ich brach mit einem Vater, der lügen und
morden konnte; ich brach mit einem Staat, der damals keine freien Bürger
duldete; ich brach mit einem Volke, das der Tyrann andrer Völker sein konnte;
ich folgte in allem meiner Mutter, deren Namen ich annahm ...
    Bonaventura kannte diese Umwandlung, die nicht der seinigen glich ...
    Nicht lange war ich in Paris, fuhr Benno fort, so erschien Olympia,
ausgesöhnt, engverbunden mit meiner Mutter, die mich anbetete ... Du musst wissen
- - als ich Olympien zum letzten mal gesehen hatte, war mir in - der Villa
Hadrians durch eine seltsame Scene - durch die Umgebungen - durch die Umstände,
die meine Sorge um das Schicksal der Bandiera heraufbeschworen, - - ein
Stelldichein von ihr aufgedrungen worden ... Es war ein Zwang, der sich nicht
ablehnen liess ... Was dem Mann Bettelpfennig, wird dem Weibe Krösusschatz - kann
ein Mann mit Bettelpfennigen geizen! ... Tugend -?! - - Ich fühlte eine mächtige
Hand, die mich zurückhielt - ich suchte fast den Tod, um dem Wiedersehn auf
Villa Rucca zu entfliehen - ... Olympia und das Schicksal hielten sich an mein
erzwungenes Ja! ... Nicht Nacht war es, als ich sie wiedersah in einem eleganten
Salon - in der Rue Rivoli zu Paris - sie hatte mich befreit - ich hiess Cäsar
Montalto, hasste die Tyrannen, liebte meine Mutter, Italien - dennoch wehte
Afrika's Wind vom Meer herüber, Millionen Blüten hauchten ihren Duft in linde
Abendstille ... Die Fürstin nahm sich den Dank, wie sie ihn begehrte ...
    Wieder trat eine Pause ein ... In Bonaventura's Blick lag die Anerkennung
alles dessen, was hier möglich gewesen ... Sass er nicht an einem Leichenstein,
der versöhnt -? ...
    Frankreich, England, das Land der schönsten Frauen konnte an sich kein
Schauplatz für die an Triumphe des persönlichen Erscheinens gewöhnte Nichte
Ceccone's sein ... Der Cardinal wurde ein Opfer der dir bekannten Italienerrache
... Olympia geriet in Bedrängnisse und die Reihe, ihr zu helfen, kam nun an
mich ... Einander nützlich sein - veredelt - bindet - fesselte hier aufs neue
... In Olympia kehrten Regungen des Gefühls, die sie schon dem Mönch Vincente
Ambrosi einst bewiesen hatte, zurück ... Sie ertrug den Verlust ihrer glänzenden
Lebensstellung, ertrug die ihr folgende Verringerung ihrer Hülfsmittel ...
Einige Jahre fand sie in der Tat in mir die Fülle ihres Glücks wie ein Kind ...
Diese abzuwehren war unmöglich ... Wie die Schlange ihr Opfer nicht lässt, fand
ich bei jeder Pforte, durch die ich hätte entfliehen wollen, meine Bestimmung
... Diese war verloren an - zwei Frauen ...
    So dachte auch die Welt und entschuldigte dich ... warf Bonaventura mit
mildem Tone ein ...
    Ein Zustand des Elends blieb es ... fuhr Benno fort, während seine Züge
einen Ausdruck des höchsten Schmerzes annahmen ... Jedes einzelne Leid fühlte
ich wie das natürliche Kettenglied der Folgen, die ich über mein Leben
heraufbeschworen hatte, als ich dem südlichen Blut in meinen Adern folgen wollte
... Ich wollte Partei nehmen für die betrogene Hälfte meines Erdenlebens und -
von Wahn zu Wahn, von Traumbild zu Traumbild lockte mich die mütterliche Welt,
die mir zuletzt ein Gift wurde, das mich - langsam tödtete - ...
    O mein Freund! war alles, was Bonaventura aus der Tiefe seines Herzens
entgegnen konnte ...
    Beklage mich nicht! sprach Benno ... Ich hatte zahllose, flüchtige Stunden
des Glücks; ich trotzte der Sehnsucht meines Gemüts ... Reich ist der
menschliche Geist an Gedanken, die einen Kampf gegen die innern Vorwürfe des
Gewissens unterstützen, ja auf Augenblicke ihn siegen und triumphiren lassen ...
Ich durfte mir ein - künstliches Pflichtenleben schauen - die brüderliche
Freigebigkeit des Präsidenten entzog mich den Sorgen für meine Erhaltung ... Ich
las, studirte, schrieb - ... Da ich für einen Italiener gelten wollte, hatte ich
Mühe und Verdruss genug durch die Vorbereitung zu dem, was nun - gescheitert ist
... Welche Menschen! Verunreinigend durch ihre Schwächen und Laster die heiligen
Dinge, die sie im Munde führen - ... Freilich - die Gegner -! Sind sie nicht
ebenso verächtlich? ... Ich kannte sie ja alle, die Diplomaten von Paris und
London ... Nur in den Formen liegt der Unterschied ... Oft gab es Stürme im
Glase Wasser - elende Streitigkeiten; doch konnten sie mit dem Schiffbruch der
Beteiligten enden ... Terschka - wo wohl mag - der Schurke - hingeraten sein -!
...
    Bonaventura liess dem Freund den Glauben an eine hienieden schon waltende
Nemesis ... Drängte es ihn auch, von Terschka's Beziehung zum Verrat der
Bandiera zu erfahren, so gab er es doch auf - denn die Kraft des Freundes drohte
zu versiegen ...
    Benno schloss eine Weile die Augen; dann erhob er sie wieder und liess die
irrenden Sterne derselben wie ausruhen an der Decke des immer mehr sich
erhellenden Zimmers; unbeweglich starrten sie wie in eine unergründliche Tiefe
...
    Es gab auch Edle unter diesen Kampfgenossen! begann er aufs neue wie mit
feierlicher Andacht ... Euch hab' ich folgen wollen, ihr Brüder, die ihr den
grausamsten Tod erlittet! Ihr leuchtetet mir voran, Dioskuren am Himmelszelt auf
weissen Rossen! ... Die Welt sich zu erschaffen aus freiem Willen - ist edler
Mannestrotz! ... Lernt' es auch, als ich, ein Katolik, dem heimatlichen Staate
trotzte ... Haben mir's später bitter heimgezahlt, als - dem Präsidenten - auf
seine Verwendung die Antwort - wurde: Ist ja österreichischer Cabinetscourier -!
... Warum wurde Germanien nur so - russisch ... Lebt - denn - noch - Nück? ...
Und - schreibe sogleich - wenn ich - ... an - Tiebold - ...
    Weiter reichte nicht mehr die erschöpfte Kraft, die sich übernommen hatte
...
    Die Aerzte kamen ... Schon läutete draussen von allen Türmen das Angelus ...
Es war fünf Uhr ... Der helle Tag lag hinter den Vorhängen der Fenster ... Benno
hatte sich eine zu grosse Anstrengung zugemutet und war erschöpft in die Kissen
gesunken ... Fast schien seine Zunge gelähmt ... Die Aerzte sagten, die letzte
Stunde liesse sich nicht vorausbestimmen ... Sie baten den Erzbischof, sich zu
schonen ...
    Bonaventura rief die Mönche und überliess ihnen und den Aerzten die Sorge für
den Geliebten, für den von heissen Qualen - der Seele Zerrissenen ... Zur
Frühmette wollt' er nun in den Dom, wo an diesem Tage seit Jahren die Stadt
gewohnt war, ihn erwarten zu dürfen ...
    Bonaventura's Aufmerksamkeit, in die Mitteilungen Benno's verloren, hatte
nichts vernommen von den Zurüstungen der Ueberraschungen, welche ihm Verehrung
und Liebe bereiteten ... In sein Wohnzimmer getreten, fand er die Wände mit
Blumen geschmückt ... Kostbare neue Teppiche lagen über die Stühle gebreitet ...
Geschenke von Gold und Silber standen auf den Tischen ... Alte Werke, seltene
Drucke und Holzschnitte hatte ihm Graf Hugo hinlegen lassen ... Der
Haushofmeister, die Caudatarien, ihre Glückwünsche erteilend, nannten die Namen
der Geber, unter denen Paula's Name obenan glänzte ...
    Es lag in seinem Berufe, dass sich Bonaventura in seine goldstarrenden
Gewänder werfen musste ... Die Bischofskrone prangte auf seinem Haupte ... Schon
spiegelte sich die nach der allmählich wieder ruhiger gewordenen Nacht goldig
aufgegangene Sonne in den kostbaren Edelsteinen ihrer Verzierung ... Unter einem
von sechs Knaben getragenen Baldachin, begleitet von allen im Treppenhause
versammelten Abgeordneten der Kirchen und Klöster der Stadt, den Civilbehörden,
den Oberoffizieren des Militärs, trat der Erzbischof, gebeugt und trauernd, aus
dem Eingang des Portals, das mit Guirlanden geschmückt war ... Der Vorhof
innerhalb des Gitters war leer, draussen wogte die Menschenmenge ... Die halbe
Stadt war in Bewegung ... Selbst einer vom Erzbischof sonst verfolgten Unsitte,
der rauschenden den Musik des Militärs bei Kirchenfesten, konnte heute, auf
Anlass eines solchen Freudentages, nicht gewehrt werden ... Jung und Alt schloss
sich der glänzenden Procession an, die in den Dom zog ... Bonaventura hatte
sonst diese Ueberraschungen an seinem Namenstag unmöglich machen wollen; hatte
kurz vorher Reisen angetreten oder war ein andermal in ein Kloster gegangen ...
Allmählich aber hatte er auch hierin der Landessitte nachgegeben und dem Onkel
Dechanten beigestimmt, der ihm geschrieben: »Nimm doch Liebe, wo sie geboten
wird! Ist die Zeit angetan, sich der Ernte seiner Saaten zu entziehen! -?« ...
Angeregt von solchem Zuspruch konnte er wohl einmal auch ausrufen und den
gewohnten Klageruf seiner Selbstgespräche unterbrechen:
Nimm an der Welt dein ganzes Teil,
Nimm es mit vollen Händen!
Was du verschmähst, wird nicht zum Heil,
Nicht zum Gewinn sich wenden!
Der Blüten nur im Lenz gedenk',
Die rings den Rasen decken,
Vom Apfelbaume ein Geschenk
Den Winden, sie zu necken!
Und doch im Herbst - der liebe Baum
Was er an Früchten spendet!
Erinnern kann er sich noch kaum
Der Blüten, die verschwendet.
Zur Erde blicke nicht hinab,
Wenn Götter dich umschweben!
Für jeden ist das kühle Grab,
Für jeden erst das Leben?
Für jeden dreifach ein Genuss
Und Einmal nur Beschwerde!
Es wogt ein sel'ger Überfluss
Der Freude durch die Erde!
    Heute dagegen trug er im Herzen »Maria's achtes Schwert«, wie er jene Leiden
nannte, die jedem nur allein verständliche, nur allein von Gott ihm zu tröstende
und zu heilende wären ... So schritt er in seinem Trauer-Triumphzug, unter dem
Geläut der Glocken dahin ... Die grosse, mit drei Kuppeln gebaute, dem vorigen
Jahrhundert angehörige Kirche war überfüllt ... Seine Ministranten waren heute
seine nächsten Würdenträger ... Den geheimnisvollen Ritus der Messe aus der
Kirche zu verbannen würde sich Bonaventura nicht verstanden haben ... In einem
gelegentlichen Streit mit Gräfin Erdmute hatte er gesagt: »Allerdings, die
Messe sollte in der Landessprache gelesen werden! Aber ich gebe auf die stummen
Augenblicke in der Messe mehr, als auf die gesprochenen ... Ein Gottesdienst muss
mehr als nur eine Predigt sein ... Unsrer Messe ist lediglich der Schein, dass
sie ein unblutiges Opfer wäre, sonst nichts von ihren mystischen Vorgängen zu
nehmen ... Kirchen, die nur um der Predigt willen da sind, müssen ja mit der
Zeit leer stehen - wer verbürgt denn nur dem Preise Gottes immer würdige
Sprecher, Zungen, die nicht anstossen, Kehlen, die nicht heiser und rauh
erklingen? ... Was macht die Gotteshäuser der Protestanten so leer? Die
alleinige Herrschaft der Kanzel und die Einsamkeit am Altar! ... Gott wohne
nicht in Häusern, von Menschenhänden gemacht? Gewiss! Aber der gewölbte Raum der
Kirche sagt Ihnen, dass Gott nich Ihr Gott allein ist, nicht der, den Sie in
Ihrem Kämmerlein sich zurecht gemacht haben, sondern der Gott des Universums!
... Gerade da muss Ihr Eifer, ihn persönlich für sich aus der Masse der um seine
Gunst Werbenden herauszugewinnen, um so lebendiger angefacht werden; die
Entschliessungen Ihrer Brust können erst in der Kirche erkennen, wie schwer es
ist, unter so vielen, die seine Liebe zu gewinnen suchen, gleichfalls mit Würde
zu bestehen ... Still dann zu sein in einer Kirche mit tausend andern Stillen -
das ist, denk' ich, die feierlichste Aufforderung zur Einkehr in sich selbst ...
Oder - soll die Religion ohne Formeln sein? Dann ist sie Philosophie ... Dass die
Philosophie eben Wahrheit des Lebens werde, zwingt sie, die Religion bestehen zu
lassen ... Der protestantische Gottesdienst sagt nur: Wir sind nicht katolisch!
- Das ist gewiss wahr und war historisch richtig - Soll aber diese Zeit des
Protestes ewig dauern? Kann ein Gottesdienst der ewigen Negation bei den
Protestanten Sinn haben, wenn die katolische Kirche sich läutert? ... Eure
Predigt wird sich unsere Messe zu Hülfe rufen müssen, um - schon allein die
Herrsch- und Streitsucht Eurer Parteien zum Schweigen zu bringen ... Dann werden
die Protestanten nicht mehr Nichtkatoliken, die Katoliken nicht mehr Nichtp
rotestanten, sondern beide erst wahre Christen sein -« ...
    Unter den Anwesenden waren Paula und Armgart zugegen ... Beide eben von
Castellungo angekommen - beide eben von der schmerzlichen Ueberraschung
unterrichtet, die ihrer harrte ... Der Graf hatte ihnen Benno's Anwesenheit und
Lebensgefahr erst gemeldet, als sie sich trennten, er, der Protestant, zu
Benno's Lager eilte, sie mit dieser Nachricht nun in die Messe schwankten ...
Erkundigungen, welche Graf Hugo auf der Herfahrt eingezogen, hatten ihm
bestätigt, dass Benno wirklich in Coni war ... Mit diesem Stich im Herzen sank
Armgart unter die tausend Beter nieder, die am Fuss des Hochaltars knieten ...
    Sollte sie weniger vermögen, als jener Priester dort, den die gleiche
Nachricht nicht hinderte, laut seine Psalmen zu singen? ...
    Als die Feierlichkeit vorüber und Bonaventura auf einem kürzern Wege,
unbemerkt und in einfacher Kleidung, in seine Wohnung zurückgeeilt war, fand er
den Grafen schon lange mit Benno beschäftigt ... Die beiden Frauen harrten in
einem Gemach, wo des Kirchenfürsten Audienzen gegeben wurden, vom Schmerz
überwältigt und in Tränen gebadet ... Natürlich hatte man bereits die
Veranstaltung getroffen, dass der Erzbischof heute nur noch seinen nächsten
Freunden gehörte ... Die Glückwünschenden wussten nun, welches Leid diesem Hause
an einem Freudentage beschieden war ...
    Graf Hugo hatte dem Sterbenden Armgart's Anwesenheit angezeigt ... Den
Frauen hatte er dann nicht verschwiegen, wie diese Nachricht Benno erschütterte
... Bonaventura richtete sein Auge auf Armgart - auch er hatte sie seit so
vielen Jahren nicht gesehen ... Sie war ihm aber wie gestern erst von ihm
geschieden ... Ihr gemeinsames Leid verband sie sofort und sein seelenvoll auf
sie gerichteter Blick schien fragen zu wollen: Aermste, wie trägst - nun gar
erst Du das alles -? ...
    Ein Gesang der christlichen Dichtkunst spricht aus, was edle Herzen bei
höchstem Leid erfüllt ... Das »Stabat mater« in seiner unnachahmlichen
Magniloquenz ... Jacopone da Todi war der Dichter dieser Trenodie der
verlassenen Liebe, die zurückgeblieben am letzten Rest ihres Daseins, dem todten
Leib des Geopferten, trauert ... Die Erde ist verfinstert; die Menschen, von
Furcht und Bangen erfüllt, sind geflohen - Gott hat seine grösste Offenbarung
gegeben und doch leiden und weinen grade diejenigen Menschen, denen seine grosse
Wohltat zuerst zugute kommt ... Wer kennt denn, was uns frommt -! ... Jacopone
hatte sein Stabat aus eigenem Schmerz gedichtet ... Zeitgenosse Dante's,
berühmter Rechtsgelehrter, Liebhaber der Weltfreuden, sah er bei einem Fest
eines vornehmen Hauses die Decke des Tanzsaals einstürzen, sah die edelsten
Frauen todt oder verwundet - und sein eigen Weib, eine blühende Schönheit,
hoffnungslos aus den Trümmern davongetragen ... Man entkleidete die Sterbende
und unter den rauschenden Prachtgewändern trug sie, die eben nach des Gatten
Wunsch noch heiter und scheinbar lebensfroh getanzt hatte, ein grobes
Büssergewand ... Jacopone, von Beschämung und Schmerz überwältigt, verlor den
Verstand ... Die Verwirrung seiner Gedanken hellte sich erst allmählich auf;
doch beherrschte ihn ein rätselhafter Zustand, welchen er nicht bewältigen
konnte; er redete in der Irre und wusste es, dass er so redete; er wusste die
Weisheit der Welt, aber er vermochte nicht, in ihr sich auszudrücken ... Endlich
meldete er sich am Tor eines Klosters, um als Mönch aufgenommen zu werden ...
Die eben neugegründete Regel des Franz von Assisi wies ihn ab, wenn er nicht
Beweise seines Verstandes gäbe ... Da zwang er den sich jagenden, fiebernden
Gedanken seiner Seele gewaltsamen Halt auf und dichtete, wie zu gleichem Zweck
einst Sophokles den Chor »Im rossprangenden Land«, so sein »Stabat mater« ... Nun
erhielt er die Aufnahme ... Beweise seines wiedergekehrten Geistes gab er dann
ferner genug, gab sie auch im Freimut seiner Gedichte ... Ueber die Sophisten
von Paris schwang er die Geissel seiner Satire ... Dem aus den Felsschluchten der
Abruzzen auf den apostolischen Stuhl berufenen Einsiedler Petrus von Morrone,
der als Cölestin V. dem verwilderten Rom die Zügel halten sollte, sagte er:
»Jetzo kommt an Tageshelle,
Was du sannst in stiller Zelle -
Ob du Gold, ob Kupfer, Eisen,
Muss sich jetzt der Welt beweisen!«
    Dante ging einst zu einem Turnier und blieb unterwegs im festlichen Gewande
an einer Goldschmiedbude stehen, um eine Spange zu kaufen, die noch seinem
Kleide fehlte ... Da sah er ein Buch auf der Lade des Goldschmieds liegen und
fing, während die Wagen und Reiter an ihm vorübersausten und der Goldschmied die
passende Spange suchte, zu lesen an ... Noch kannte er die Gedichte Jacopone's
nicht ... Immer mehr vertiefte er sich in die Ergüsse einer verwandten Seele,
überhörte die Mahnungen des Goldschmieds, sich zu eilen, und versäumte das
Turnier ... Als bereits die Kämpen mit zersplitterten Lanzen nach Hause ritten,
stand Dante noch immer in die Pergamentblätter verloren, die ihm der Goldschmied
nicht verkaufen wollte ... Lucinde, die Dante nicht leiden konnte, sagte bei
Erzählung dieser Geschichte: Da sieht man, wie die Dichter ihre Rivalen lesen!
Mit einem Neid, der ihnen Hören und Sehen vergehen lässt! ...
    Paula und Armgart wurden an Benno's Lager gerufen ...
    Armgart beugte sich über den todblassen Mann ... Die Tränen, die ihr sonst
versagten - rannen jetzt in Strömen ... Benno mit seinen grauen Locken lag starr
und drückte die Augen zu ... Seine Lippen sogen die Tropfen ein, die über seine
Wange aus Armgart's Augen rieselten ... Dass es Armgart war, die so weinte, wusste
er ... Er wusste auch, dass Paula in der Nähe stand ...
    Allmählich trat eine Todtenstille ein ...
    Des Sterbenden Stimme erhob sich wieder, aber die Worte, die noch verstanden
wurden, gaben den Entfernterstehenden keinen Zusammenhang ...
    Nur Armgart, die sich dicht über ihn beugte, verstand allmählich:
    Armgart - nordische - kalte - Maid! ...
    Lebe! Lebe! rief Armgart und küsste die Stirne Benno's, strich die grauen
Locken vom perlenden Schweisse zurück und weinte so heftig, als wollte sie jetzt
die Beweise ihrer Herzensglut nachholen ...
    Einst - warnt' ich dich - vor - deiner Zukunft, Mädchen! ... Ich - - Tor -!
...
    Die Worte, die noch folgten, blieben auch Armgart nicht vernehmlich ...
    Der Graf trat näher ... Paula wandte sich erschüttert zum Vorzimmer ...
    Indessen war Bonaventura eben eiligst abgerufen worden ...
    Auch Armgart wollte sich erheben und zurücktreten ... Der Sterbende liess
ihre Hand nicht frei ...
    Armgart starrte Alledem mit Blicken, die dem Grafen Sorge um sie selbst
einflössen mussten ... In ihrem Antlitz lag eine ihrer ganzen Natur fremde, fast
wilde Geberde ...
    Unser - guter - Tiebold! sprach Benno ... Schreib's - dem besten - Freund -
der Erde - ... Auch - Du - Mit - Bona -! ...
    Armgart versprach jeden seiner Aufträge zu erfüllen und setzte mit bitterm
Lächeln, ja wie mit prophetischem Schwünge hinzu:
    Stummes Rätsel der Frauenbrust! ... Starrer Mund, der nicht reden kann,
wenn doch ein Mädchenherz überquellen möchte vom Drang nach helfenden Worten!
... Lieber erstirbt das eigene Leben in uns, als dass die Lippe zu brechen wäre,
die Starrsinn schliesst! ... Ach nur dir, nur dir hab' ich jeden Gedanken meiner
Brust geweiht! Nur dir jeden Schlag des Herzens - dir hab' ich gesprochen in
öden, sternenlosen Nächten - ...
    Armgart -! hauchte Benno und erhob sich - geisterhaft und streckte seinen
Arm so aus, dass der Graf, aufs tiefste von diesem freien Bekenntnis der Liebe
überrascht, vom Zuspätkommen eines so heroischen Mutes erschüttert, sich
zwischen die Umschlungenen drängen musste ...
    Benno sah ihn lange und wildfremd an ...
    Freund - meiner - Schwester Angiolina! sprach er, wie jetzt ihn erst
erkennend ... Bezeuge - was - die - Liebe eines - Weibes - vermag -! ...
    Auch in des Grafen Augen traten Tränen ...
    Bona! Bona! wandte sich Benno an diesen, der eben zurückkehrte ... Dann sah
er sich fieberhaft um, sah Armgart mit dem zärtlichsten Blick der Liebe an und
sank in sein Kissen zurück, die Hand Armgart's krampfhaft festaltend ...
    Bonaventura kam, durch irgend eine neue Veranlassung sichtlich aufgeregt ...
Das Geflüster der Aerzte, die im Nebenzimmer sich befanden, mehrte sich ... Auch
verbreitete sich Weihrauchduft ... Der Priester, den Benno begehrt hatte, war in
der Nähe mit dem Sterbesakrament ...
    Aber noch eine andre Ursache schien Anlass der Erregung des Erzbischofs zu
sein ... Er nahm den Grafen bei Seite und flüsterte ihm, während Benno in
ekstatischer Begeisterung: »Einmal - eh' - sie - scheiden«, sprechen wollte und
auf Armgart als die »letzte Freude« seines Lebens deutete ...
    Dieser Taumelkelch des letzten Entzückens sollte entweder zu hoch
aufschwellen oder sich bitter - vergällen ... Bonaventura berichtete laut die
eben gemeldete Ankunft eines sechsspännigen Reisewagens, der, mit einigen Damen
besetzt, sofort am Portal des Hauses angefahren wäre ... Die eine der Damen, die
ältere, wäre schon in den Vorzimmern - während die andere noch im Wagen
verweilte ...
    Armgart erhob sich ... Eine Todtenstille trat ein ... Auf Bonaventura's
Lippen lag die Ergänzung des Berichtes: Die Fürstin Olympia - und die Herzogin
von Amarillas ...
    Alle blickten auf Benno, ob er gehört hätte - ...
    Das - Sakrament - ... sagte er leise ...
    Die Umstehenden, zu denen sich jetzt in höchster Angst auch Paula gesellte,
glaubten, dass Benno die Worte des Erzbischofs nicht verstanden hatte ...
    Deine Mutter ist da ... Bereite dich, sie zu empfangen ... wiederholte
Bonaventura mehrmals und dicht an seinem Ohre ...
    Schon vernahm man eine wehklagende Stimme in der Nähe, der sich die Stimmen
der Mönche gesellten, die nach vorn gegangen waren und die plötzliche Bestürmung
des Kranken hindern wollten ... Paula und der Oberst gingen schleunigst, um ihre
Bitte zu unterstützen ...
    Bonaventura hielt den Freund in seinen Armen, der mit Geberden, die denen
eines flehenden, fiebergeängsteten Kindes glichen, ihn ansah und sprach:
    Die besten Jahre - meines Lebens hab' ich ihnen - geschenkt - Der Tod - sei
wenigstens mein und - sei euer - Lasst mich - von ihnen - frei ... Fort! Fort!
... Beide! - Beide -! ...
    Eiligst war der Graf an die Tür, welche in die Bibliotek führte, getreten
und hatte diese verriegelt ...
    Benno sah diese Handlung, dankte mit zitternd ausgebreiteten Händen, sah
flehend in Bonaventura's Augen krampfte sich um seinen Hals wie ein
Schutzsuchende, wie ein Verfolgter, und wiederholte sein erschreckendes, wie
Gespenster verscheuchendes Fort! Fort! ...
    Bonaventura, ohne Fassung, tat jetzt nur alles, was Benno's nächsten Wunsch
unterstützen konnte, verriegelte auch noch die zweite Tür, die in jenes Cabinet
führte, in welchem die Mönche sich aufgehalten hatten und jetzt der Priester mit
dem Sakrament harrte ... Im Bibliotekzimmer wurde es still ...
    Bonaventura bat wiederholt, die Mutter und die Freundin nicht abzuweisen ...
    Rufe den Priester - entgegnete Benno - Ich kann - nicht mehr - italienisch -
sprechen ... Armgart - mein Cherub! Helft, helft mir -! ... Fort! - ... Und -
Beide! - ...
    Du wirst leben, Freund! beteuerte Bonaventura, in der Tat noch in Hoffnung
auf die grosse Kraft, die soviel Erregungen zu ertragen fähig war ... Wie
könntest du bei diesem Entschluss verharren? ...
    Ich riss mich - von meinen - Fesseln los und gelobte, sie - nie wieder -
anzulegen! ... Ich sehe dich, Schwester -! ... Mag die Selbstanklagen, die
wilden Worte nicht - hören ... Friede! - Friede! - Friede! ... Mein - Gefühl für
diese Mutter war - wie der angesammelte Schatz meiner unerwiderten Liebe zu
allen Menschen der Erde ... Was hab' ich ihr - nicht alles hingegeben ... Als
diese heiligen Flammen verloderten, sah ich nur die Asche - Berechnung -
Eigenwille - List, Rache, Hass ... Hab's - lange ertragen - ... Abgerechnet - nun
mit - ihr und - ihrem Schatten - ... Stille - nur Stille - um - mich her ... Ich
- ersticke - noch - vor - südlicher - Luft -! ...
    Bonaventura und Armgart erbebten ... Sie sahen zehn Jahre eines Lebens
voller Qualen, eines Lebens ohne Willen, eines Lebens der Gebundenheit und eine
furchtbar ausbrechende Reue ... Wie sollten sie helfen -! ... Eben musste auch
die Fürstin heraufgekommen sein - Wieder wurde es im Bibliotekzimmer unruhig
... Man hörte das Schluchzen und laute Reden italienischer Frauenstimmen ...
    Benno bat mit stummem Blick, die Tür nicht zu öffnen ... Die Kraft seines
Blicks stand in wunderbarem Contrast mit dem ersichtlichen Zunehmen seiner
Schwäche ...
    Ich will gehen, Freund ... sprach Armgart atemlos ... Lass' sie ein, sie,
denen du jahrelang ihr Glück gewesen bist ...
    Benno hielt krampfhaft ihre Hand fest und ebenso die des Erzbischofs ... Die
Frauenstimmen verhallten wieder und nun sagte Bonaventura, er wolle gehen und
sie beruhigen, Benno würde inzwischen selbst auf einen andern Entschluss kommen
...
    Nein ... Nein -! ... sprach dieser und fuhr in kurzen Unterbrechungen fort:
Priester! ... Wenn der letzte - Wunsch eines - Sterbenden - dir heilig ist,
bewahre mich vor diesen Klagerufen! ... Die Todten - hören noch lange - hören
die Klagen um - ihr - Abscheiden ... Angiolina, auch du vernahmst - den Ruf der
Mutter -! ... Abgerechnet - Stille - Stille - wie im Walde - die Blätter -
rauschen - an unserm - schönen - Strom - Armgart! - Lasst - - mich - ...
    Im Hinblick auf Hüneneck, Drusenheim und Lindenwert schien sein Bewusstsein
zu erlöschen ... Erschöpft sank Benno in die Kissen zurück ...
    Bonaventura fragte Armgart, ob sie die Kraft behalten würde, eine Weile
allein beim Freunde auszuharren, bis er den Vicar schicken würde ...
    Armgart verneigte bejahend das Haupt ...
    Bonaventura verliess durch die hintere Tür das Zimmer, machte einen Umweg
durch mehrere der Gemächer und kam in den Empfangssaal zu den Aerzten und den
Brüdern, die er glücklicherweise allein fand ... Er bedeutete sie, leise und
unbemerkt mit dem Priester und dem Sakrament zum Lager des Kranken zu treten ...
Dann ging er ins Nebenzimmer, aus dem die wildesten Weherufe der Frauen
erschallten ...
 
                                       8.
Vier Personen traf Bonaventura, die wohl die grössten Gegensätze der Charaktere
und der äusseren Erscheinung bildeten ...
    Olympia, die jetzt Dreissigjährige, in Reisekleidern ...
    Die Herzogin von Amarillas, eine weisshaarige Matrone - redend gegen die
verschlossene Tür, ja an ihr - mit den Nägeln kratzend ...
    Graf Hugo, der die Herzogin von Amarillas, nachdem sie ihm als Angiolinens
Mutter bekannt war, heute zum ersten male sah ...
    Die reine, nur in der Hoheit ihres Schmerzes strahlende Paula trostspendend
und versuchend die Frauen zu beruhigen ...
    Olympia ging, wie die Löwin im Käfig, auf und nieder ... Schmerz, Reue,
tiefbeleidigter Stolz kämpften in ihren Mienen ... Reue - denn sie hatte seit
einigen Jahren mit Benno in Streit gelebt, hatte ihm, als er ohne sie nach Rom
gegangen war, Lebewohl für immer gesagt ... Die kleine Gestalt war bewegt von
Atemzügen, die ihr mächtig die Brust hoben ... Ihre seidnen Gewänder rauschten
ganz schrillenden Tones ...
    Die Herzogin, ohnehin von der Reise erschöpft, sank zitternd, beengt von den
Umgebungen, auf einen Sessel ... Sie blickte auf den Grafen, auf die Tür ...
Ihr ganzes Benehmen drohte mit einem Ausbruch von Irrsinn ...
    Der Graf musste sich mit Paula beschäftigen, die keine Kraft besass, diesen
wilden südlichen Leidenschaften, denen, wie man deutlich ersah, Benno's Kraft
schon in Paris und London hatte erliegen müssen, länger die Spitze zu bieten ...
    Noch ahnten die Ankömmlinge nicht die Ablehnung Benno's ... Sie jammerten
nur um die lange Verzögerung, die Vorbereitung des Todkranken auf ihr Erscheinen
... Sie wussten doch, dass Armgart von Hülleshoven am Krankenlager war ... Olympia
kannte diese als Benno's Jugendliebe ... Ihre Mienen glichen dem elektrischen
Leuchten eines dunkeln Gewölks, das ein Ungewitter birgt ...
    Als die Herzogin und die Fürstin Bonaventura eintreten sahen, stürzten sie
auf ihn zu, warfen sich ihm an die Brust, umklammerten sogar sein Knie und
beschworen ihn, sie wissen zu lassen, wie es ihrem Cäsare erginge ... Sie
wollten den Geliebtesten sehen ...
    Graf Hugo und Paula traten in die vorderen Zimmer ... Sie sahen am Benehmen
des Erzbischofs eine feierliche Bewegung des Ueberlegens, eine ernste
Entschlussnahme ... Wohl kannten sie die Strenge, deren sein sonst so mildes
Gemüt unter Umständen fähig war, kannten die ganze Aufrichtigkeit, mit welcher
in solchen Lagen selbst der Schein der Grausamkeit von ihm nicht gescheut wurde
...
    Meine Damen! begann er in italienischer Sprache ... Welches traurige
Wiedersehen! ... Tröste Sie wenigstens die Gewissheit, dass mein edler Freund in
den Armen von Menschen weilt, die ihn lieben ...
    Mehr, mehr, als wir?! - Als wir?! - Lassen Sie uns zu ihm! riefen beide
Frauen zugleich und wie im Ton der wildesten Eifersucht ...
    Erfüllen Sie mir eine Bitte, sprach Bonaventura ... Die Augenblicke des
Geliebten sind gezählt ...
    Er stirbt? ... riefen beide zugleich und die Mutter brach in ein
krampfhaftes Schluchzen aus ...
    In wenig Stunden ist seine edle Seele hinüber ... Lassen Sie ihm die Ruhe -
die jetzt um ihn her waltet ... Eben versieht ihn - die Hand des Priesters ...
    Ohne mich, ohne - sein Weib? - fiel die Fürstin ein ...
    Sie konnte nicht ganz ihre Rede vollenden ... Ein strafender Blick traf sie
sowol aus dem Auge des Erzbischofs, wie aus dem des Grafen, der die Tür zuzog
... Dem Grafen war die Wiederbegegnung mit diesen Frauen eine so aufregende, dass
Paula jetzt ihn beruhigen musste ... Angiolinens Tod, der Ritt Olympiens durch
den Park von Schloss Salem stand vor seinen Augen ... Die Herzogin war im Casino
damals anfangs seinem Schmerz teilnehmend verbunden gewesen - die Zeit, die
Ueberlegung, die Beurteilung des Preisgebenkönnens ihrer Kinder hatte die
freundliche Stimmung des Grafen von damals verändert ...
    Beruhigen Sie sich beide, sprach der Erzbischof, ich achte die Ansprüche,
die Sie auf den letzten Händedruck des Freundes haben - ...
    Meines Sohnes! verbesserte die Herzogin und richtete ihr Auge auf die Tür,
die zu den nach Benno's Lager auf andrem Wege führenden Zimmern offen stand und
jetzt von Bonaventura geschlossen wurde, indem er sprach:
    Nehmen Sie an, Sie hätten für immer von Ihrem Sohne Abschied genommen - ...
    Für immer -? - riefen beide Frauen und Olympia fügte mit gellender Betonung
hinzu: ...
    Er will uns nicht sehen -? ...
    Bonaventura schwieg ...
    Die Mutter blickte wie geistesabwesend um sich ... Dann schien sie
nachzudenken, welche Empfindungen ihren Sohn zu dieser Erklärung hätten
bestimmen können ... Endlich raffte sie sich mit leidenschaftlichem Entschluss
auf und wollte an die Tür des Bibliotekzimmers ...
    Der Erzbischof vertrat ihr den Weg und wollte jedes störende Geräusch
verhindern ... Herzogin -! ... sprach er fest und bestimmt ...
    Dann seine Stimme mildernd und auf die der Herzogin sich anschliessende
Olympia blickend, begann er:
    Geben Sie diese Beweisführung Ihrer Liebe auf! ... Niemand zweifelt daran!
... Aber der letzte Augenblick eines Sterbenden, sein letzter Wille sei Ihnen
heilig ... Vereinigen Sie Ihre Klagen mit den unsrigen, weinen Sie mit uns -!
... An seinem Bett wacht die Liebe seiner Freunde - ... Lassen Sie ihm die
stille Ruhe des Abschieds vom Leben ... Er entschläft - in Gott ... Er bat nur
um Eines - um - ewige Ruhe ...
    Welche Liebe? wandte sich jetzt Olympia mit einer Miene, als hätte sie des
Erzbischofs Worte nicht verstanden ... Meinen Gatten will ich sehen - denn das
ist er -! ...
    Sie rasselte an der Tür, bis Graf Hugo eintrat und ihr nicht endendes Mia
anima! Mio cuore! zu beschwichtigen suchte ...
    Wie aus einer fremden Welt verhallten diese Klagelaute - ohne Echo, ohne ein
Zeichen, dass sie drüben vernommen und erhört wurden ...
    Graf Hugo schloss noch die von innen verriegelte Bibliotektür ab, steckte
den Schlüssel zu sich, ging zu Paula zurück und blickte nur im Vorübergehen auf
den Erzbischof, andeutend, ob er nicht besser täte, zu Benno zurückzukehren und
zu versuchen, ihn umzustimmen ...
    Aber Bonaventura stand regungslos ...
    Wir stören die heilige Handlung des Abbate Orsini, sagte er ... Beten können
wir auch hier ...
    Olympiens Augen wurden weiss vor Zorn ... Ihre Gestalt schien wie von Luft
... Sie schwebte hin und her und murmelte eine Reihe zusammenhangloser Worte,
die dem Erzbischof sehr wohl als Erinnerung an sein Emporkommen und
Verurteilung seiner Undankbarkeit verständlich waren ...
    Nichtsdestoweniger wiederholte er: Beten wir! ...
    Drüben hörte man die Klingel des Ministranten ... Weihrauchduft durchzog die
Zimmer ...
    Die Herzogin weinte nur noch ...
    Bonaventura sprach ihr mit weicher Stimme:
    Die Seele unseres Freundes ist ebenso krank, wie sein Körper ... Lassen Sie
ihm den letzten Frieden, um den er gebeten ... Mich, einen Priester, bat er, die
Mutter und die ehemalige Freundin selbst dann noch fernzuhalten, wenn sein Auge
gebrochen ist ... Es muss ihm ein heiliger Ernst mit diesen Wünschen sein ...
Kann ich etwas dagegen tun? ... In jener Zeit, wo der Freund nur noch Ihnen und
Italien angehörte, muss er schwer gelitten haben ...
    Wahnsinn! ... Wahnsinn! ... rief Olympia ...
    Sagen Sie: Verklärung und Erhebung vom Irdischen! entgegnete Bonaventura ...
Ein Gericht hat er nicht über Sie halten wollen, sondern über sich ... Sie
können nicht begreifen, wie sein Leben von Deutschlands heiligen Eichen ausging,
wie die Wipfel der Tannen, unter denen Sie einst betrogen wurden, Herzogin - wir
alle wissen es mit Beschämung - doch ihm die süssesten Märchenträume sangen ...
Anfangs wand er sich künstlich vom Zauber seiner Heimat, seines deutschen
Vaterlandes los und verbitterte künstlich sein Gemüt gegen die Welt, in der er
lebte ... Da fand er dann Sie und der künstliche Hass wurde ein scheinbar
natürlicher ... Ihnen, dem Lande seiner Mutter, Ihren Interessen, Ihren
Hoffnungen widmete er sich ganz ... Das wurde zum Fieberbrand, der ihn zuletzt
verzehrte ... Der nordischen Sehnsucht zum Süden ging es immer so ... Nun aber,
nun weht ihn noch einmal die Kühle aus den deutschen Eichen an - umgaukeln ihn
die Bilder aus den grünen Tannenwäldern der Heimat des Mannes, der ihn erzog,
seines wahren Vaters, des Dechanten - lassen Sie ihm diese letzte Erquickung des
Verlorenseins in seiner deutschen Jugend nach dem heissen Sonnenbrand, während
Sie drei ja einst - genug zusammen glücklich waren - ...
    Die Zauberei eines Mädchens seh' ich, das ihn in seinen letzten Augenblicken
bestrickt! unterbrach Olympia und ihre Zähne glänzten, wie sie der Wolf im
Anblick seiner Beute wetzt ...
    Lästern Sie nicht, Fürstin! sprach Bonaventura voll Unwillen, doch kehrte er
zur Milde zurück und sagte zur Mutter: Reisen Sie mit Gott, Herzogin! ... Sie
haben lange ein Herz besessen, das sich Ihnen opferte ... Wenn dies Herz im
letzten Augenblick umfangen sein will nur von jener Einsamkeit, die den armen
verstossenen Knaben, der sich selbst so oft einen Zigeuner im Leben nannte,
umfing, wenn er an die grünen Wälder zurückdenkt, die Sie verfluchten, weil Ihr
Ehrgeiz dort betrogen wurde, lassen Sie ihm diese Erinnerungen ... Armgart von
Hülleshoven schloss ebenso die Augen seines zweiten Vaters, des Dechanten ... Ich
vermochte nichts gegen einen Wunsch des Freundes, der so fest, so unwiderruflich
fest ausgesprochen wurde - ...
    Die Herzogin weinte und schien sich zu ergeben ... Sie erinnerte sich der
letzten Jahre in London, die unausgesetzt für Benno nur Qualen geboten hatten -
Olympia hatte wieder angefangen, ihre tyrannische Natur, Eifersucht und jede
Plage geltend zu machen - ... Die Mutter verstand, was Benno getan, als er
floh, und was er eben tat - sie verstand, warum sein schroff gewordener,
verdüsterter Sinn so und nicht anders aus dem Leben scheiden wollte ...
    Olympia fühlte die gleiche Berechtigung so harter Strafe, aber sie ergab
sich nicht ... Starr blickte sie zur Erde ... Sie hatte sich allmählich setzen
müssen ... Ihre Brust kochte vor Rache und Eifersucht ...
    Die Tränen der Herzogin rührten den Erzbischof ... Er gedachte der eigenen
Mutter, die nun auch vielleicht bald vom Leben schied und im brechenden Auge das
Gefühl einer grossen Schuld zeigen konnte ... Er bemerkte die wiederholt
bittenden Blicke des Grafen, der von Olympiens Kälte und ihrem drohenden
Schweigen allmählich das Schlimmste befürchtete ... Schon hatte er gehört, dass
sie in Verbindung mit Gräfin Sarzana stand ... Jetzt musste er sogar der
Terschka'schen Drohungen gedenken ... Bitte! sprach er zum Erzbischof und
deutete an, dass man besser täte, den Versuch zu machen, ob sich nicht Benno
umstimmen liesse ...
    Wollen Sie mir versprechen, sich ruhig zu verhalten? erwiderte Bonaventura
... Ich will noch einmal an Ihres Sohnes Lager treten ...
    Die Frauen hoben flehend die Hände, selbst Olympia ...
    Da trat Paula, die inzwischen durch die andre Verbindung der Zimmer in der
Nähe der Sakramentserteilung geweilt hatte, ihm entgegen und sank weinend in
die einzigen Arme, die sich ihr entgegenstrecken durften - die ihres Gatten ...
Sie sagte mit erstickter Stimme:
    Er ist hinüber ...
    Der Ausdruck des Schmerzes bei den beiden Italienerinnen war unverstellt ...
Sie schwiegen eine Weile, wie vom Strahl des Himmels getroffen - und in der Tat
wie bestraft für all' die Qual, welche Frauen, unter dem Vorwande der Liebe,
über die Freiheit des männlichen Willens und ein notwendiges Sichbewusstbleiben
seiner Kraft verhängen können - ...
    Sie drängten, Benno sehen zu wollen - die Mutter wie eine Irrsinnige - ...
    Bonaventura erinnerte sie, wie oft der Freund von Angiolinens Tod
gesprochen, wie oft er behauptet, die Schwester hätte die entsetzliche Scene
zwischen ihm und der Mutter noch hören müssen, die Todten verliessen die Erde
weit langsamer als wir glaubten ... Und eben noch hatte der Freund in diesem
Sinn um die Stille seines Sterbelagers gebeten ... Bonaventura bat die Frauen,
zu bleiben ... Selbst Klagen, selbst Tränen nicht in seiner Nähe! ... Er hätte
dies dem Freunde geloben müssen ...
    Abbate Orsini ging eben mit den Sterbesakramenten an der offengebliebenen
Tür vorüber ...
    Der Anblick der Monstranz gebot den verzweifelnden Frauen Ruhe und
Selbstbeherrschung ...
    Bonaventura benutzte diesen Moment, um sich zu entfernen ... Graf Hugo
begleitete ihn ... Es drängte beide an das Lager des todten Freundes ... Beide
durften es Paula überlassen, mit der ihr eigenen Güte des Tons, mit der ihr im
bittersten Leid eigenen Hoheit den zurückbleibenden Frauen Worte des Trostes zu
spenden ...
    Die Fürstin sah, dass die Herzogin dieser edlen Erscheinung gegenüber schon
lange die Fassung verloren hatte, ob sie gleich wusste, dass diese blonde Deutsche
die Ursache des Bruchs zwischen dem Grafen und Angiolinen war ... Oft, wenn von
ihrem Ritt durch den Park von Schloss Salem als Ursache des Todes Angiolinens
gesprochen wurde, hatte Olympia die Schuld auf diese Gräfin und ihr Geld
geworfen ... Jetzt auch sah Olympia allmählich schon verächtlich zu ihr empor
und sprach zur Herzogin, die auch von den Jahren schon tiefgebeugt schien, ein
Andiamo! nach dem andern; ja als diese mit den Nägeln in ihrem Antlitz wühlte,
brauchte sie die kalten Worte: Keine Schwäche! ... Die Nähe des nun wirklich
eingetretenen Todes beängstigte im Grunde niemanden mehr als Olympien ... Sie
hätte den ehemals heissgeliebten Freund vielleicht nicht einmal im Tod betrachten
können ... »Nichts ist schöner, als der Tod!« hatte einst die Mutter Benno's
gesagt, als sie zu Angiolinens Leiche trat ... Sie wiederholte dies Wort - ...
Sie kannte aber Olympiens abergläubische Furcht, ergab sich und sagte nun schon,
dass sie auch ihrerseits fürchtete, dem Anblick zu erliegen ... Die aufgeregt
hin- und hereilenden Bewohner und Diener des Hauses konnten es zuletzt natürlich
finden, dass die greise Dame, die zum allgemeinem Staunen die Mutter des
Hingeschiedenen war, langsam die Treppe niederstieg und am Portal in ihren Wagen
sank ... Die Fürstin ging der Schluchzenden zur Linken ... Paula begleitete sie
zur Rechten ...
    Auf der Mitte der Stiege waren ihnen noch der Erzbischof und der Graf
nachgekommen und begleiteten sie beide bis zum Portal ... Noch einmal bat
Bonaventura um Vergebung und lud die Frauen ein, in einigen Stunden
wiederzukommen - Graf Hugo träfe Anstalten, dem Geschiedenen einen militärischen
Katafalk zu errichten mit allen kriegerischen Reliquien, die sich noch in
Benno's Gepäck vorgefunden hätten ... Ohne Zweifel strömte die ganze Stadt
herbei, den römischen Republikaner zu sehen ... Die Herzogin versprach, in
einigen Stunden zu kommen ...
    Olympia schwieg ... Sie sah sich mit Verachtung und einer vor Zorn
bitterlächelnden Miene um ... Ihre Gedanken schienen abwesend ... Fast war es,
als wollte sie die Menschen messen, die sie sah, und etwa wahrnehmen, bis wie
weit sie an ihnen ihre Rache kühlen könnte ...
    Der Graf bot sofort den beiden Scheidenden eine Wohnung in seinem Palais an,
ja er traf in ihrer Gegenwart Anordnungen, sie bis zum Begräbnis und noch auf
längere Zeit würdig bei sich zu beherbergen ...
    Die Herzogin sah gerührt und bittend auf Olympien ... ... Diese nickte
gelassen mit dem Kopf und liess zum Hotel fahren ...
    Olympia hatte anders beschlossen ...
    Von den flehentlichsten, ja fussfälligen Bitten der Herzogin, dass sie beide
wenigstens bis zum Begräbnis blieben, erfuhren nur zufällige Lauscher an den
Türen des Hotels ... Trotz Benno's Beistand, trotz der Mittel, die ihr Benno
schon bei seiner Abreise nach Rom lebenslänglich ausgesetzt hatte, war die
Herzogin schon wieder nur die Duenna Olympiens ... Sie hatte gegen diesen wilden
Charakter keine Kraft des Widerstands ...
    Olympia fragte die gebeugte, reuevolle Frau mit durchbohrender Ironie, ob
sie Verlangen trüge, Armgart von Hülleshoven kennen zu lernen -? ...
    Alle Welt erstaunte, als sie dann Postpferde bestellte ... Diese kamen nicht
sofort und schon machte sie dem Wirt eine Scene ...
    Ihr Reisewagen fuhr an, sie bezahlte den Aufentalt dieser wenigen Stunden
und schritt ruhig die Treppe des Hotels nieder an den geöffneten, rings von
Menschen umstandenen Schlag ihres Reisewagens ... Die Herzogin kam nicht ...
Olympia liess den Postillon eine Mahnung blasen ... Zehn Minuten und die Herzogin
erschien ...
    Wären die Frauen noch einen Tag geblieben, so hätte sich ein Zwiespalt, der,
wie sämmtliche über diese Abreise erstaunten Freunde fürchten mussten, nicht ohne
Folgen bleiben konnte, durch eine glückliche Vermittlung vielleicht gelöst ...
Tiebold de Jonge traf am Morgen nach dem erschütternden Heimgang Benno's ein
und bot eine wahrhafte Erquickung allen trauererfüllten Herzen, die er hier
antraf ... Auch der Oberst und Monika waren von Castellungo herübergeeilt, sogar
Hedemann, der dem ersten Jugendleben Benno's so nahe gestanden hatte ...
Tiebold, der in innigster Verbindung mit Benno geblieben war, hatte kaum von
den ersten Opfern der Belagerung Roms an Porta Pancrazio gelesen, als er sich
»vom Geschäft« losriss und »bei allem Unglück den glücklichen Gedanken« hatte,
erst über Coni und Castellungo zu reisen ... Mit dem ganzen Schmerz der
hingebendsten, treuesten, bis über den Tod ausdauernden Freundschaft traf er den
Freund schon vom Leben geschieden ... Bebend trat er an den ausgestellten
Leichnam, weinte wie ein Kind - ordnete aber doch sogleich des Freundes graue
Locken mit seiner Linken und drückte mit der Rechten Armgart's Hand, die ihn
gewähren liess ... Fand er von allen gebeugten Herzen den Ton der natürlichen
Ergebung zuerst wieder und konnte, den teuren, mit seinem Leben so innig
verwachsenen Freund betrachtend, mit liebevollster Prosa sagen: »Merkwürdig;
eigentlich hat er sich nicht verändert!« so konnte er doch sein »Er hat mich
erzogen!« mit einem Schluchzen sprechen, wie eine mit vierzig Jahren »mutterlos
dastehende Waise« ... Die Verbindung mit Benno war ungetrübt geblieben; seine
von unermüdlichem Hin- und Herreisen begleitete Vermittlerschaft hatte in den
stürmischen letzten Lebensjahren des Freundes die äussersten Katastrophen zu
verhindern gewusst ... Jetzt war alles so gekommen, wie jener Scherz in den
zauberischen Tagen auf Villa Torresani bei Rom nicht ahnen liess und wie er doch,
nach den Regeln der Nemesis, hatte enden müssen ...
    Armgart und Tiebold konnten an Benno's Leiche noch manche Melodie aus alten
Zeiten vernehmen ... Diese Melodieen rissen freilich schmerzlich ab - »Durch
wessen Schuld -?« lag in Tiebold's Blicken, als er die hohe, so seltsam anders,
als er erwartet, entwickelte Gestalt Armgart's betrachtete und an den
rätselhaften Abschied erinnerte, den sie ihnen beiden einst im Schloss zu
Westerhof - ihres Gelübde wegen - hatte geben können ... Jetzt erdrückte ihn
fast eine Art »Ehrfurcht« vor Armgart's Geist und gereiftem Urteil ...
    Die Veränderung des tiefbetrübten Lebenskreises wurde die mächtigste, als
Bonaventura unmittelbar nach Benno's Bestattung zu seiner inzwischen in Rom
angekommenen Mutter gerufen wurde und in der Tat der Graf, trotz aller
Gährungen seines Innern, erklärte, das Bedürfnis zu haben, auch seinerseits den
Präsidenten zu begrüssen und deshalb mit Paula den Erzbischof zu begleiten ...
Monika erglühte über diese Ausrede, die einer ganz andern Rücksichtsnahme galt,
vor mächtigster Regung einer Entrüstung, die sie sich nur gerade jetzt in dieser
allgemeinen Trauerstimmung auszusprechen scheute ...
    Ein Glück, dass Tiebold's rege Fürsorge für alle und über alles wachte ...
Das Begräbnis des Freundes, die Ausschmückung des Grabes, das Errichten eines
Denksteins, alles das fiel auf seinen Teil und nichts liess er sich von dem,
»was sich ja von selbst verstände«, nehmen ... Er sagte: »Auf unserm
gegenseitigen Contocorrent hat Benno noch so viel Saldi und Ueberträge zu gute,
dass ich sie in diesem Leben nimmermehr auslöschen kann!« ...
    Armgart, wie die Sonne am herbstlichen Tag, dankte ihm voll wehmütiger
Freude - so für sein Kommen wie für sein längeres Bleiben - ...
 
                                       9.
Zwischen dem Ionischen und dem Mittelmeer erstreckt sich die eine Hufeisenhälfte
des südlichen Italien und berührt in ihrer Spitze beinahe das Haupt der alten
Trinacria, Siciliens ...
    Die Scheide zwischen beiden Meeren bilden die Ausläufe der Apenninen mit den
hohen Bergspitzen des Monte Januario und Monte Calabrese ...
    Zwischen beiden erhebt sich eine bewaldete, hier in schroffe Felsklüfte
zerspaltene, dort in grüne, weidenreiche, aber engumschlossene Täler sich
absenkende Gebirgskette, der Silaswald ...
    Wer da weiss, dass man auf dem Aetna, während unten die Dattelpalme und Feige
grünt, auf der Höhe von Schneestürmen überfallen werden' kann, begreift, dass
zwar auch der benachbarte Silaswald an seinen Füssen und an beiden Meeren hin die
ganze Pracht der südlichen Vegetation entfaltet, auf seinen Höhen aber und in
seinen Schluchten den Alpencharakter der Schweiz tragen muss - schmale, an
reissenden Berggewässern hingehende Wege, Täler, die von hohen Felsen umgeben
sind, auf denen Adler horsten, Wälder, an die sich seit Jahrhunderten die Axt
nicht legte, weil die Mittel und die Kräfte fehlen, die Stämme in die Ebene zu
führen ... Oft wirft die Sonne ihre südlichen Strahlen senkrecht in die feuchten
Felsritzen und lässt in ihnen eine tropische Luft entstehen, wie in einem
Treibhause; aber an anderen Stellen pfeift dann wieder durch die offenen Lücken
zwischen den von Zwergeichen umkränzten Spitzen des Hochgebirgs die Bora so
eisig, dass die Hirten ihre ungegerbten Schaffelle, mit denen sie den nackten
Körper bekleiden, über und über zusammenbinden müssen wie die Grönländer ...
Weisse spitze Hüte decken die schwarzbraunen, scharfgeschnittenen Köpfe mit ihren
dunkelbraunen Augen, deren lange schwarze Wimpern manchen Physiognomieen einen
sanften, gutmütigen Ausdruck geben ... Andere blicken dafür wieder desto wilder
... Die Schaffelle sind am Leib nach innen, an den Füssen nach aussen gekehrt und
bis zum groben Holzschuh hinunter durch Schnüre befestigt ... Ein braunroter
Mantel dient als Decke für die Nacht oder gegen die zuweilen urschnell
ausbrechenden Gewitter ... Die Tätigkeit der Silaswaldbewohner ist
grösstenteils Viehzucht ... Die Ziegen Calabriens, die zu Tausenden an den
schroffen Felsabhängen ihre Nahrung suchen, während die Hirten den Dudelsack
blasen oder auf der alten Pansflöte vielstimmiges Echo wecken, liefern jene
elegantesten Handschuhe von Paris und Mailand ...
    Wer im Silaswald nicht Ziegen treibt oder für Schafe und Rinder die fetteren
Weideplätze sucht oder Kohlen brennt, verlegt sich auf das einträgliche Gewerbe
des Schmuggels, seit uralten Tagen für dies buchtenreiche Land ein ebenso
überliefertes wie der Raub ... Hier weht die classische Luft, die uns umfängt,
wenn wir von den Taten des Hercules, der die Landstrassen säuberte, von Teseus,
von den strengen Gesetzen der Republiken des alten Griechenland lesen ... Von
Osten her weht hellenische Luft, vom Süden sarazenische ... Flibustiertum ist
die eigentliche Lebensbewährung aller dieser am Meer wohnenden Völker, die auch
schon deshalb das Leben nicht so ruhig, wie andere, nehmen können, weil unter
ihnen der Boden vulkanisch wankt und zu sagen scheint: Was du dir nicht heute
genommen vom Überfluss der Erde, das verschlingt vielleicht schon morgen der
uralte Neid der Götter auf unser Menschenglück - ...
    Wenn sich auf einem zweirädrigen, aber menschenüberfüllten, von einem Pferd
und einem Maultier zugleich gezogenen Karren, der in Kalkstaub gehüllt die
Felsenstrasse von Cosenza sich hinaufwindet, die Furcht ausspricht, dass auf dem
Wege bis Spezzano der Abend hereinbrechen würde und mancher seine kleine
Barschaft an ein mit Flintenläufen unterstütztes: Gott grüss! hingeben müsste, so
hatte sie vollkommene Begründung ... Nur dürfen ebenso die acht Personen, die an
dem zweirädrigen Karren wie Bienen an einem Baumast hängen, dem Impresario der
Gebirgsdiligença, Meister Scagnarello, Recht geben, der die unausgesetzten, bald
liebkosenden, bald drohenden Anstachelungen seiner Tiere mit einem lauten
Lachen unterbrach, als ein Handschuhmacher aus Messina in seinem sicilianischen
Dialekt noch von dem furchtbaren Räuber Giosafat Talarico zu meckern anfing und
vom Scagnarello hören musste:
    Das wisst ihr also noch drüben nicht, wer euer vornehmer Nachbar geworden
ist? ... Auf Lipari, dicht vor eurer Nase, könnt ihr den Vater Giosafat und
seine ganze Familie wie einen Prätore leben sehen ... Seine Excellenz der
Minister waren selbst von Neapel nach Cosenza gekommen, sprachen ein ernstes
Wort mit dem tapfern Mann und für achtzehn Ducati monatlich vergnügt er sich
jetzt auf der Jagd am Strand der See ... Sie klagen in Cosenza, dass seitdem so
wenig wilde Gänse mit dem Südwest zufliegen ...
    Die Gesellschaft, die auf dem Karren trotz eines Umfangs desselben von nur
acht Fuss Länge und sechs Fuss Breite doch in mehreren Stockwerken sass,
ordentlich, dem Preise nach, ein Coupé, ein Intérieur und eine Impériale hatte,
ja noch Körbe, Säcke und Felleisen in einer wahren Laokoon-Verschlingung
unterzubringen wusste, musste bestätigen, dass Meister Scagnarello vollkommen Recht
hatte ... Nachdem die Regierung in Cosenza damals an einem Tage zwanzig
Insurgenten, die Brüder Bandiera an der Spitze, hatte erschiessen lassen, musste
sie wohl des Blutes für einige Zeit genug haben ... Del Caretto, gewöhnlich der
»Henker Neapels« genannt, kam nach Cosenza, nahm die Fürbitte des Erzbischofs
für die durch einen glücklichen Zufall gefangene Bande des Giosafat Talarico,
der an Morden und unzähligen Räubereien mit Pasquale Grizzifalcone in der Mark
Ancona wetteifern konnte, in ernste Erwägung und vollzog es wirklich, was der
alte Principe Rucca in Rom und der selige Ceccone nur für eine erwägenswerte
Möglichkeit gehalten hatten ... Lipari erhielt den Giosafat zwar nicht als
Bürgermeister, wie sich, vor dem Schuss des deutschen Mönches Hubertus,
Grizzifalcone von Ascoli geträumt hatte, aber er lebte daselbst freier und
vergnüglicher, als Napoleon auf Sanct-Helena ... Mit den achtzehn Ducati hatte
es seine vollkommene Richtigkeit1...
    Darum war es aber im Silaswald noch nicht eben viel geheurer geworden ... In
Cosenza sah man ja hinter den Gittern eines Turms dieser alten Stadt, wo einst
am Busento Alarich, der Gotenkönig, sein geheimnisvolles Grab gefunden, genug
halbnackte Gefangene um Almosen betteln und, wenn sie keins erhielten, hinterher
eine höhnische Frazze schneiden ...
    Bis die Diligença Signors Scagnarello in der Notwendigkeit war, um der
engen Wege willen die Tiere so zu spannen, dass sein Maultier voran, sein
Rösslein hinterher ging, war die Zahl seiner Passagiere bedeutend
zusammengeschmolzen ... Der Handschuhmacher traf die Ziegen, die er erhandeln
wollte, schon in Pedaco, dann wollte er sich um den unheimlichen Silaswald herum
nach Rossano auf die grosse Ledermesse begeben - ein Männlein war's, wie die
feinen Leute dort gehen, in dunkelgrüner Jacke, kurzen braunen Beinkleidern,
braunen Strümpfen und schwarzen Kamaschen, mit einem braunen Mantel und einem
weissen Hut, so spitz wie ein Zuckerhut, eine rote Feder darauf, als gehörte
auch er zur Bande des Talarico ... Hinter ihm her wurde vielfach gelacht, auch
von zwei Priestern, die hier in vergnüglichster Weise ganz zum Volke gehören und
oft vertrauter mit den Räubern sind, als mit ihren Verfolgern ... Zuletzt blieb
dem Scagnarello von Männern nur noch ein Soldat treu, der den Weg von Cosenza zu
Wagen machte, obgleich er zu den berittenen Scharfschützen gehörte - Sein Pferd
lag hüftenlahm, erzählte er, in Spezzano, einem Oertchen, das sonst keine
Besatzung hatte, heute aber mit Soldaten überfüllt war - eine Erscheinung, die
die Passagiere nicht zu sehr überraschte, denn wo waren nicht die Truppen jetzt
nötig, um heute eine Verhaftnahme eines noch aus den kaum beschwichtigten
Stürmen der letzten Jahre zurückgebliebenen versteckten Compromittirten
vorzunehmen, morgen eine wiederum drohende neue Conspiration zu ersticken -
Sicilien und Calabrien hatten auch für ihre politischen Vulkane geheime
Zusammenhänge genug ...
    Ausser dem Soldaten blieb auf dem Karren noch eine Frau mit einem Kinde, die
weiter wollte als bis Spezzano und schon seit Cosenza mit Signore Scagnarello in
Unterhandlungen stand, was sie wohl zahlen würde, wenn sie die Diligença noch bis
in die letzte fahrbare Gegend des Gebirges benutzte, bis nach San-Giovanni in
Fiore hinauf ... Eigentlich wollte sie zum Franciscanerkloster San-Firmiano, wo
die hierorts bekannte Welt aufhörte; denn jenseits Firmianos begann die Wildnis,
die nur den Räubern, einigen Hirten und den Geistern gehört, sowol den alten
dortin gebannten classischen, als welche im Volksglauben besonders noch Cicero
und Virgil spuken, wie den neueren muselmännischen, besonders seeräuberischen,
vorzugsweise dem berüchtigten Renegaten Ulusch-Ali und ähnlichen Dämonen, die
schon manchen hier in die Hölle abholten ...
    Sechs Uhr war es und doch lag das enge Tal, aus dessen Mitte Spezzano auf
einem hochgelegenen Felsen hervorragte, schon in einiger Dämmerung ... Nur das
Städtchen selbst oben langte noch in den vollen goldenen Sonnenschein ... Der
Ort war schwer zu erreichen ... Langsam wand sich der Weg auf und ab, oft tief
hinunter über das brückenlose wilde Rauschen hier des Crates, dort des Busento,
die querdurch vom Wäglein mit Sack und Pack passirt werden mussten, bald wieder
hinauf in die steilste Höhe, wo es dann einen entzückenden, die Phantasie dieser
Reisenden wenig beschäftigenden Fernblick auf das dunkelblaue Meer bis hinüber
zu dem Felseneiland Lipari gab ... In den Schluchten war die Vegetation die
üppigste, aber kaum liess sich begreifen, wie sich an den schroffen Abhängen den
Kastanienbäumen beikommen liess, um die schweren Lasten, die sie trugen,
abzuernten ...
    In Spezzano, einem Oertchen von einigen hundert Seelen, einem Durcheinander
von Lumpen, Schmutz, von wie Wäsche aufgehängten frischgewalzten Nudeln, von
wildwuchernden riesigen Feigenbäumen an Schuttaufen alter Castellmauern, fanden
die beiden letzten Passagiere die grösste Aufregung durch die Soldaten, die schon
einen Tag hier campirten ... Das rasselte mit langen Säbeln über die höckerigen
Strassen, die fast erklettert werden mussten. Die Pferde konnten nur am Zügel
geführt werden ... Ausser den Reitern gab es ein Detachement Fussschützen, die zur
Schweizerarmee gehörten - Leute, die nicht eben heiter blickten, da die
militärische Zucht in den Schweizerregimentern von furchtbarer Strenge ist und
die Offiziere gegen die Gemeinen mit einer das deutsche Gemüt wahrhaft
verletzenden Unfreundlichkeit verfahren ... ... Fast scheint es, als hätten die
in der Schweiz so wenig bedeutenden höhern Ansprüche einiger alten
Adelsgeschlechter, besonders in den Urcantonen, durch die militärische
Organisation der Fremdenregimenter sich in Rom und Neapel eine Satisfaction für
die heimatliche Abschaffung des Mittelalters holen wollen ...
    Was aber mag denn nur vorgehen? fragte jetzt doch Signor Scagnarello, als er
seinen Pepe, das Maultier, und seine Gallina, das Rösslein, ausspannte und ganz
Spezzano zusammenlief, um die wichtigen Begebenheiten des Tränkens, Fütterns,
Verwünschens der Wege, Verwünschens der Fliegen, des Ausscheltens des noch
trinkscheuen »Pepe«, Schmeichelns der alten geduldigen »Gallina« lachend und
spottend mit durchzumachen - (in Italien geht das nicht anders und Neapel
scheint vollends die Stammschule aller Possenreisser zu sein und trotz der
schönen, edlen, malerischen Gestalten, die überall sich lehnten und kauerten,
den Uebergang vom Affen- zum Menschentum zu vertreten) ... Was mag nur
vorgehen? rief Scagnarello im Stall ... Die Kopfsteuer haben wir doch schon am
Ersten bezahlt und die Vettern des Talarico - die hoffen ja auch auf ihre
Anstellung beim Zollfach und halten sich ... Das Fest der Madonna von Spezzano
ist erst übermorgen und zu unserer Illumination, seh' ich, hilft von den
Soldaten Keiner, obgleich die Offiziere beim Pfarrer wohnen ... Die Swizzeri
bringen uns nie etwas, sondern holen nur ... Von Spezzano -! ... Unser armes,
frommes Spezzano! ... Bauen sie nicht schon wieder der heiligen Mutter Gottes
einen Triumphbogen und die Bora hat erst zu Maria Ascensione alle Lampen
zerbrochen -! ...
    Von den durch die letzten Abstrafungen revolutionärer Regungen gründlich
abgeschreckten Bewohnern Spezzanos konnte niemand diese starke Einquartierung
begreifen, noch auch von den Soldaten, die ihre eigene Verwendung nicht kannten,
darüber eine Aufklärung erhalten ... Ein bunter Kreis bildete sich um das von
Scagnarello gehaltene Gastaus, die »Croce di Malta«, wo seine Giacomina die
Militärchargen bewirtete und des Hausherrn Einmischung in ihr Departement nicht
litt ... Die Offiziere hörten dem Handel der von Cosenza mitgekommenen jungen
Frau zu, die, ihr Kindlein im Schose, auf einem verwitterten Steinblock sass und
ihre Weiterreise nach San-Giovanni in Fiore in die Wildnis hinein und zwar aufs
lebhafteste erörterte ... Alles bewunderte den Mut Scagnarello's, der sich
bereitwillig fand, nach einer einstündigen Rast seines Pepe, noch bis in die
späte Nacht hinaus in die Berge zu fahren. Die alte Gallina besass die Ausdauer
nicht, wie der wilde ohrenspitzende Pepe, dem die Freuden im »Torre del Mauro«,
dem besten und einzigen Wirtshaus von San-Giovanni in Fiore, so lebhaft von
seinem Herrn geschildert wurden, als müsste die ganze aussergewöhnliche
Unternehmung, die der Frau baare zwei Ducati (Taler) kostete, erst von seiner
gnädigsten Zustimmung abhängen ...
    Die Frau, die sich ihrerseits des freundlichsten Gesprächs der auf guten
Erwerb bedachten Giacomina zu erfreuen hatte, kam aus Nocera, das über Cosenza
hinaus dicht am Meere liegt ... Sie hätte ihrem Kinde zufolge noch jung sein
müssen; aber sie trug schon, wie hier überall die Frauen, die Spuren zeitigen
Verblühens ... Sie war die Frau eines Krämers in Nocera und konnte sich etwas zu
Gute tun auf die Feinheit ihres Hemdes, das mit schönen Spitzen besetzt teils
über ihr Mieder hinauslugte, teils an den Achseln sichtbar wurde, wo die Aermel
ihres braunen Kleides nur durch Schnüre am Leibchen befestigt waren ... Auf dem
Kopf trug sie ein rotgelbes Tuch, das in Ecken gelegt flach am schwarzen
Scheitel auflag und mit seinen Enden, die mit gleichfarbigen Franzen besetzt
waren, an sich gar schelmisch in den Nacken fiel ... Die schwarzen Augen der
sonst schmächtigen und behenden Frau gingen hin und her, schon vor Aufregung
über die wilde Bewegung in dem sonst so friedfertigen Spezzano ... Ihre kleine
Marietta zappelte bald nach den bunten Lampen, die schon an den Gerüsten für das
Madonnenfest hingen, bald nach den bunten Uniformen der Soldaten, von denen
einige Liebkosungen mit ihr wechselten wie »Bisch guët?« »Willsch Rössli reita?«
und ähnliche deutsche Herzenslaute, die auch keineswegs der Mutter in ihrem Sinn
verloren gingen; denn auch ohne Wörterbuch, und keinesweges nur durch den
Austausch von Blicken und Geberden, verstehen sich in guten Dingen alle Nationen
- nur Hass und Eigennutz hat die Verschiedenheit der Sprachen erfunden ... Durch
den dolmetschenden Beistand der Umstehenden kam es heraus, die Frau war an den
Gewürzkrämer Dionysio Mateucci in Nocera verheiratet, hiess ursprünglich Rosalia
Vigo und wollte nach San-Firmiano, wo ihr Bruder im Kloster lebte ...
    Auf diese Mitteilung hin belebten sich Scagnarello's Züge und niemanden
mehr, als dem Pepe wurde nun voll Staunen und Verwunderung die ganze Geschichte
dieser Frau erzählt ... Die Rosalia Vigo! Die Schwester des ehemaligen Pfarrers
von San-Giovanni in Fiore! ... Das ist nur gut, dass Herr Dom Sebastiano (der
Pfarrer von Spezzano) beim Erzbischof in Cosenza ist - denn noch in seiner
letzten Predigt an Mariä Ascensione nannte er ihren Bruder einen Unglücklichen,
der im Fegfeuer noch einmal so lange sitzen müsse als andere, weil ihm sein
geschorenes Haupt mit heiligem Priesteröl gesalbt wäre und bekanntlich Oel im
Feuer nicht eben löscht ... Scagnarello war nunmehr auf die interessantesten
Neuigkeiten und noch ein ganz besonders gutes Trinkgeld gefasst ...
    Vollends hörte er von der Absicht der Schwester des Pfarrers, ihren
geliebten Bruder wohl gar aus San-Firmiano ganz abzuholen und mitzunehmen ... Der
seitwärts schielenden Blicke einiger alten Bettler von Spezzano, des Murmelns
einiger Graubärte, der Bekreuzigungen einiger Matronen, die Hexen nicht
unähnlich sahen, achtete Scagnarello nicht - obgleich er alles zu deuten
verstand und vollkommen wusste, wie sehr es eine ganz eigene Bewandtnis hatte mit
der Geschichte des Pfarrers von San-Giovanni in Fiore ... Ach, auch Rosalia
Matteucci verstand, warum einige alte Schäfer, die in der Nähe standen und den
Soldaten gegenüber ihre Flinten, über ihre Schaffelle hinausragend, mit aller
Keckheit trugen - sie wollten zur Messe nach Rossano - auf ihre grossen Hunde
blickten und deren Blässe berührten, die der Pfarrer von Spezzano mit Weihwasser
besprengt hatte ... Pepe und die Gallina und alle Pferde, Esel und Maultiere,
alle Hunde und Katzen, überhaupt was nur irgend mit dem Menschen hier in näherem
Umgang lebte - das wilde Heer des nächsten Umgangs der Flöhe u.s.w. ausgenommen
- hat in Italien durch Priesters Hand die Heiligung empfangen2...
    Mit dem allgemeinen, die junge Frau mehr beschämenden, als erhebenden Rufe:
Das ist die Rosalia Vigo! Die Schwester des Pfarrers von San-Giovanni in Fiore!
fuhr die Schweigsame und nun recht in Gedanken Verlorene endlich nach sieben Uhr
aus dem noch hellsonnigen Spezzano in die schon dunkeln Felsenschluchten nieder
... Schauerlich durfte es ihr erklingen, als am Fuss des Felsens, auf dem
Spezzano liegt, ein Schweinehirt, der dem auf dem zerbröckelten Gestein des
Weges hin- und hergeschleuderten Karren Platz machte, ihr einen Willkommen
kommen und Abschied auf einer riesigen Meermuschel blies ...
    Scagnarello offenbarte im Fahren dem Hirten, der ihnen folgen konnte -
sogleich ging es wieder bergauf - sein abenteuerliches Unternehmen, noch in die
lichte Mondnacht hinaus bis in den Torre del Mauro von San-Giovanni fahren zu
wollen ... Rühmte er sich auch nicht, mitzuteilen, was er damit verdiente, so
schilderte er doch die Fahrt als eine, die sich schon allein durch die guten
Leute von San-Giovanni belohne ... Im Grunde alles nur, um die vollere
Zustimmung des Pepe zu gewinnen, dessen beide Ohren an dem furchtbaren Klange
der Muschel einen musikalischen Genuss empfunden haben mussten; Pepe schlich, wie
in sehnsuchtsvolle Gedanken verloren ...
    Auch Rosalia blieb nachdenklich ... Ohnehin an Unterhaltung durch den Lärm
der rauschenden Gewässer, die wieder ohne Brücken zu passiren waren, gehindert,
begann sie ihre Marietta in Schlummer zu singen ... Sie brachte dies zu Stande
nicht etwa durch ein heiteres Wiegenlied, sondern durch einen einzigen, lang
gehaltenen Ton in A ... Diesen setzt die italienische Mutter so lange endlos
fort, bis ihr Kindchen einschläft ... Eine Melodie würd' es ja wach erhalten -
...
    Auch Scagnarello rief seinem Pepe unausgesetzt ein Wort, das freilich im
Gegenteil ein Wachbleiben und muntres Traben hervorrufen sollte: Maccaroni! ...
Der Neapolitaner legt dabei den Ton auf die letzte Silbe ... Soll es dem
Zugtier die Hoffnung erwecken, am erreichten Ziel seines Führers
Lieblingsspeise teilen zu dürfen, oder ist es noch ein alter Rest der hier
einst üblich gewesenen Griechensprache, wo Makarie! ein Schmeichelwort war, wie:
»Du altes gutes Haus!« -? Gleichviel, Pepe tat sein Möglichstes ... An die
Stelle der Liebkosungen traten freilich auch zuweilen die in Italien üblichen
energischen Peitschenhiebe ...
    Zur Linken sah man nach einer Stunde nichts mehr, als einen Wald von
riesigen Farrenkräutern, die sich zum Ufer des auf dem Gebirgskamm
entspringenden Neto niederzogen ... Zur Rechten starrte die schroffe Felswand
... Jenseits der Anhöhe leuchteten noch in der Sonne die Kronen eines
Buchenwaldes, die dann jede weitere Aussicht versperrten ...
    Miracolo! ... begann jetzt Scagnarello; ihr sagt, Euer Bruder würde
San-Firmiano verlassen können und wieder nach San-Giovanni in seine Pfarre
kommen, die er vor zehn Jahren - der Aermste -! - hat verlieren müssen? Warum
doch? ...
    Die Frau unterbrach ihr Singen und musste die kleine Marietta aufheben, die
sich noch nicht ganz wollte zum Schlafen bändigen lassen ...
    Ihr glaubt, sagte sie, auf eine solche Pfarre, wo die Birnen aus nichts, als
kleinen Steinen bestehen? ... Nein, ich glaube nicht, dass in San-Giovanni auch
jetzt noch ein anderer Wein wächst, als den zu meiner Zeit kaum die Ziegen
getrunken hätten ... Signore! Nein! ... Seine Excellenza hat mir eine bessere
Hoffnung gemacht ... Mein Bruder wird Pfarrer zu San-Spiridion in Nocera ...
    Ho! Habt ihr Euch nicht versprochen, Frau? brach Scagnarello in Erstaunen
aus und Pepe benutzte ein Sichumwenden seines Herrn, um sogleich still zu halten
... San-Spiridion in Nocera? ... Da tauscht er ja mit keinem Erzbischof drüben
in Sicilien ... Dies setzte er mit einem Avanti! und einem tüchtigen
Peitschenhieb hinzu ... Freilich - in Sicilien hab' ich ein Kloster gekannt, wo
die Brüder verhungerten, wenn sie nicht abends mit der Flinte aufpassten, ob
Engländer vom Aetna kamen ... Aber in Nocera soll Euer Bruder Pfarrer werden!
...
    Scagnarello war gutmütig genug, seine Meinung: »Ich dachte, dass ihm sowol
im Jenseits, wie schon hienieden die ewige Verdammnis bestimmt ist« - nicht
auszusprechen ...
    Bei San-Gennaro! sagte die Schwester Paolo Vigo's; ich dächte, dass er sich
diese Auszeichnung redlich erworben hat ... Zehn Jahre hat er büssen müssen und
die Heiligkeit ist er selbst geworden ...
    Wisst Ihr für ganz gewiss, dass sie ihn losgeben? äusserte Scagnarello mit
bescheidenem Zweifel und der giftigen Rede des Pfarrers von Spezzano gedenkend
...
    Der heilige Erzbischof von Cosenza, fuhr die Frau fort und reichte ihrem
mildurteilenden Führer, der die schlimmen Ansichten der übrigen Bewohner von
Spezzano gegen ihren Bruder nicht zu teilen schien, eine Flasche Wein aus einem
ihr zu Füssen stehenden grossen Korbe, der mindestens auf eine Woche mit all' den
Dingen versehen war, die man, nach ihrer Erfahrung, hinter San-Giovanni in Fiore
nicht mehr als in der Welt auch nur gekannt vorauszusetzen berechtigt war - der
heilige Erzbischof von Cosenza, sagte sie zuversichtlich, hat es noch gestern
beteuert ... Ich bin dreimal von Nocera herübergekommen und jedes mal war der
heilige Herr liebreicher und gnädiger mit mir ... Alles hab' ich ihm erzählt,
warum mein Bruder ins Unglück gekommen ist - ...
    Redet nur nicht davon! ... unterbrach sie jetzt Scagnarello mit einigem
Schaudern, die Flasche zurückgebend, aus der er einen kräftigen Zug getan hatte
... Der Trunk hatte, schien es, sein Gedächtnis gestärkt, das ihm anfangs
versagte, als es sich um den Gewinn von zwei Ducati handelte ...
    Rosalia Mateucci nahm die Flasche, stellte sie wieder in den Korb und
schwieg in der Tat ... Sie verstand vollkommen, dass es gewisse unheimliche
Dinge im Leben ihres Bruders gab, von denen man in solcher Abenddämmerung und in
der stillen Gebirgswildniss nicht sprechen soll ... Ohnehin galt der Silaswald
für verzaubert ... Es ist dies die Ruhestätte, wo noch immer der »grosse Pan
schläft« ... In Abenddämmerung begegnen uns hier noch Satyrn mit Bocksfüssen und
Hörnern genug, sehen aus den Bäumen noch nickende langhaarige Dryaden, ertönt
oft noch ein schrilles Lachen in der Luft und niemand weiss, wo all die
vergessenen Schelmerein des Altertums am Tage sich versteckt halten; des Nachts
sind sie da ...
    Rosalia Mateucci begann wieder ihr Wiegenlied ...
    Die Sonne war höher und höher an die Buchengipfel gestiegen und endlich ganz
verschwunden ... Schon hatte der Mond sich in dem weiteren Himmel, der auf kurze
Zeit jetzt zur Rechten sichtbar wurde, mit silbernem Glanze gezeigt ... Die
Strasse, die eigentlich nur ein jetzt ausgetrocknetes Flussbett war, zwängte sich
durch zwei Felsen, die sich so nahe standen, dass sie oberhalb, einige hundert
Fuss höher, durch eine Brücke hätten verbunden werden können ...
    Scagnarello wusste nun allmählich im vollen Zusammenhang, dass seine
Passagierin Rosalia Vigo, die jüngste Schwester ihres Bruders Paolo Vigo war,
der in Neapel Teologie studirt hatte und doch nur die ärmste Pfarre der Welt,
zu San-Giovanni in Fiore im Silaswalde, gewann ... Ein feuriger, mutiger,
wissensdurstiger Jüngling, hatte er aber diese Pfarre bereitwilligst angetreten,
weil sie mit einer Aufsicht über das naheliegende Kloster San-Firmiano, eine Art
geistlicher Strafanstalt, verbunden war; andererseits weil das Innere des
teilweise unzugänglichen Silaswaldes noch von Ketzern bewohnt sein sollte,
welche sich aus urältesten Zeiten dort erhalten haben und mit zerstreuten
Anhängern in Verbindung standen, die an gewissen Tagen, auf nur ihnen bekannten
Wegen, dort zusammenkamen3... Seinem jugendlichen Glaubenseifer hatte sich die
Bekämpfung und Ausrottung dieser Secte gerade empfohlen ... Die Ketzer trieben
Zauberei, besonders mit Hülfe der Bibel ... Da erfuhr dann aber alle Welt, dass
im Gegenteil auch Paolo Vigo plötzlich von ihnen verwirrt wurde, die Bibel auf
die Kanzel von San-Giovanni mitbrachte und auf Denunciation des Pfarrers von
Spezzano suspendirt, ja nunmehr selbst in jenes Kloster der Pönitenten verwiesen
wurde, wo er hatte erziehen und bessern wollen ... Der Guardian dieses Klosters
musste in San-Giovanni solange die Messen übernehmen, während die übrigen
pfarramtlichen Handlungen von Spezzano aus verrichtet wurden ...
    Rosalia Mateucci wusste gegen die Auffassung des Pfarrers von Spezzano und
des Signor Scagnarello über ihren Bruder an sich nichts einzuwenden ... Doch
behauptete sie, dass ihr Bruder, wenn auch eine Zeit lang von Zauberern
verblendet, doch nie im Stande gewesen wäre, in die unkatolischen Greuel mit
einzustimmen ... Dass Paolo Vigo beschuldigt wurde, vorzugsweise gegen Einen, den
auch Scagnarello vollkommen als einen gefürchteten Hexenmeister kannte,
Nachsicht geübt zu haben - das alles liess sich nicht wegleugnen ... Auch nicht
die haarsträubende Geschichte von einem feuerschnaubenden, geradezu aus der
Hölle gekommenen Hunde, welcher auf dem Markt von San-Giovanni in Fiore einst
laut geredet und die Seele des Pfarrers in seine Gewalt zu bekommen begehrt
haben sollte, obgleich derselbe ihn dann mit eigener Hand todtschoss ...
Scagnarello wusste das alles und sagte beim Anstreifen an diese unheimlichen
Erinnerungen: Bitte! Bitte! - fragte aber doch, ob sich die Frau noch des
Skeletts erinnerte, das dazumal ihren Bruder um den Tod des höllischen Hundes so
in Harnisch gebracht hätte? ...
    Des Frâ Hubertus! sagte die Frau mit einem halb beklommenen, halb freudigen
Tone ... Er lebt noch ... Ich weiss es ja -! ...
    An seinen Knochen kann man zwar von Fleisch kein Pfund mehr zählen!
entgegnete Scagnarello, aber - gewiss lebt er noch - und ich will Euch nur
gestehen - ich hatte mich nicht heute Nacht noch in den Wald gewagt, könnten wir
nicht hoffen, noch den Bruder Hubertus einzuholen ...
    Heilige Mutter Gottes! rief die Frau freudig erregt und wagte die
gefährlichste Stellung von der Welt in Scagnarello's zweirädrigem Karren. Sie
stand auf, hielt ihre schlafende Marietta mit Gefahr, selbst überzustürzen, im
Arm und reckte spähend den Hals in die Weite ... Saht Ihr denn den Frâ Hubertus?
rief sie und lugte in die dunkle Ferne ...
    Beruhigt Euch! sprach Scagnarello und bezog diese Aufregung misverständlich
auf eine Anwandlung von Furcht ... Wenn ich meiner Frau, meinen Kindern und dem
Pepe zugemutet habe, mich bis Mitternacht noch auf die Strasse zwischen Spezzano
und San-Gio hinauszulassen, so ist es, aufrichtig gesagt, geschehen, weil ich
hörte, dass Frâ Hubertus uns ein paar hundert Schritte voraus ist ... Denn was
der Frate nun auch sein mag, ob ein Russe oder von Geburt ein Türke, wir alle
haben ihn hier anfangs gleichfalls für den leibhaftigen Boten der Hölle gehalten
- ja da erst gar, als er den fremden Mann nicht weit von hier in den Neto
gestossen -! ...
    Ich bitte Euch! ... sagte die Frau sich niedersetzend ...
    Aber habt darum keine Furcht! fuhr Scagnarello fort ... Holen wir den Bruder
ein, so haben wir mit ihm ein Regiment Soldaten ... Der Pfarrer von Spezzano, im
Vertrauen gesagt, mag ihn noch jetzt nicht - aber darum hat der Bruder, der
soeben in Neapel war, doch hohe Gönner und Beschützer und, was seine
Leibeskräfte anlangt, so kenn' ich manchen, der ihm noch jetzt abends aus dem
Wege geht - ...
    Er war in Neapel - Und ist zurück! ... Ich weiss es ja - weiss alles - ...
rief Rosalia freudig und verstummte dann. Letzteres zum Aerger Scagnarello's ...
Er merkte, dass es etwas ganz Neues aus dem Leben seiner Passagierin zu erfahren
gab ... Diese wich seinen Fragen aus und versank in eine wehmütige Stimmung ...
    Es knüpften sich ihr aus der Zeit, wo sie vor Jahren ihres Bruders
Wirtschaft in San-Giovanni geführt hatte, an diesen »Bruder mit dem Todtenkopf«
Erinnerungen voll Schrecken ... Ihr Bruder Paolo hatte lange liebevoll für die
Seinigen gesorgt, hatte ihnen jede Ersparnis nach Salerno, wo sie her waren,
geschickt, hatte, der gute Sohn, die Gebühren seiner ersten Messen nur seiner
Mutter verehrt ... Zwei Jahre war sie dann bei ihm im Silaswalde gewesen und
hatte das Ihrige getan, ihm einen so traurigen Aufentalt einigermassen
erträglich zu machen ... Aber Paolo Vigo verfiel in Melancholie, zumal durch die
Nähe des Klosters San-Firmiano selbst ... Seinem Gemüt musste es schmerzlich
sein, so viel verabscheuungswürdige Priester kennen zu lernen, die in jenem in
Felsen eingezwängten, eine melancholische Aussicht in eine düstere Waldgegend
bietenden Kloster leben mussten ... Ausserdem lebten hier alle ehrlichen Leute
damals im Kampf mit Giosafat Talarico ... Die Räuber der Abruzzen, die Genossen
des Grizzifalcone, standen mit denen Calabriens in einem Schutz- und
Trutzbündniss und bedrohten unausgesetzt die Sicherheit der Einsamwohnenden ...
Schon waren aus dem Kirchlein in San-Giovanni die heiligen Gerätschaften des
Opferdienstes gestohlen worden ... Kein Wunder, dass der Pfarrer sich mit Waffen
versah und zu jeder Zeit eine geladene Flinte über seinem Bett hängen hatte ...
Nun geschah es aber eines Tages, dass die Bewohner von San-Giovanni in der
grössten Aufregung durcheinander rannten, auf dem Marktplatz, dicht vorm Fenster
des Pfarrers auseinander flohen und sich in ihren Häusern versteckten ...
Rosalia und ihr Bruder traten ans Fenster und erkundigten sich nach dem Grund
des lauten Geschreis ... Da hiess es, im Orte wär' ein toller Hund ... Vom
Fenster aus erblickte man in der Tat ein wandelndes Tiergerippe, die Zunge
lang aus dem Munde hängend, die Haare borstig aufwärts gebäumt - es war ein
Hund, der einem verhungerten Wolfe glich ... Kaum konnte das entsetzliche Tier
sich aufrecht erhalten ... Schon knickte es zusammen und taumelte dann wieder
wildschnappend auf, bis es aufs neue zusammensank ... Der Pfarrer erwies den
Bewohnern von San-Giovanni die Wohltat, in rascher Regung die Flinte zu
ergreifen, abzudrücken und das Ungetüm niederzuschiessen ... Und eben die Folgen
dieser raschen Tat waren die seltsamsten ... Sie lagen in Schleier gehüllt,
endeten aber damit, dass Rosalia's Bruder oft tagelang abwesend war, mit dem
Bruder Hubertus gesehen wurde, sogar einen Ziegenhirten in San-Giovanni, der
schon seit lange für einen Ketzer galt, an seinen Tisch nahm, zuletzt mit der
Bibel auf der Kanzel erschien und in einer Weise predigte, die einen so grossen
Anstoss erregte, dass ihn sein Diöcesanbischof suspendiren musste ... Man liess ihn
bis auf Weiteres im nahgelegenen Kloster wohnen und verbot ihm seine kirchlichen
Functionen und Reden ... Aus dieser provisorischen Massregel wurde ein Zustand,
welcher Jahre dauerte und nicht mehr enden zu wollen schien ... Die Stolgebühren
von San-Giovanni behagten auch dem Dom Sebastiano von Spezzano ...
    Scagnarello war durch die Hoffnung, bald den riesenstarken Bruder Todtenkopf
einzuholen, so ermutigt, dass er, trotz der schauerlichen Einsamkeit, wagte, auf
alle diese unheimlichen Dinge anzuspielen ... Es ist eine Pflicht unserer
Seelenhirten, sagte er nach einer Betrachtung über feurige Hunde, die sich
öfters hier den Schäfern nächtlich zugesellen, für das geistige und leibliche
Wohl der Ihrigen zu sorgen ... Der Pfarrer in Spezzano ist gewiss ein Santo, aber
auch er heilt die Kröpfe und kann Geister bannen ... Meinen Pepe da hat er mit
allen Weihen versehen ...
    Rosalia Mateucci hatte das Tema des verhängnisvollen Hundes verlassen ...
Scagnarello richtete jedoch mit umspähender Miene an sie die Frage:
    Frau - noch seh' ich den Bruder Franciscaner nicht - sagt: Ist es wahr, hat
der den Hund ganz feierlich begraben -? ...
    Kaum war das aus der Hölle gekommene Tier, erzählte sie, gefallen, so kam,
wie wir damals glaubten, ein Abgesandter des Satans, der die ihm verfallene
unreine Seele abholen sollte ... Auf dem Platz erschien ein langer hagerer Mönch
mit einem Todtenkopf, der, wie die Magd erzählte, im Kloster Firmiano vor kurzem
erst Herberge gefunden hatte ... Die Kinder liefen ihm aus dem Wege - eine
Sprache hatte er, wie unser Trutahn, wenn ich mein rotes Kleid anziehe ...
    Das alles hat sich geändert! unterbrach Scagnarello ... Jetzt fürchten ihn
nur noch die Leute mit zu langen Flinten und besonders der Schmied von Spezzano
... Denn ein Hufeisen bricht er wie trockene Nudeln entzwei, wenn die Arbeit
schlecht ist ... Gäule heilt er, die schon unter den Galgen kommen sollten ...
Talarico! Der bekam Angst vor ihm, als er hörte, dass das der Frate war, der in
Rom dem Grizzifalcone den Garaus gemacht ... Nun, bei San-Firmiano! Der heilige
Vater hat ihn auch gewiss nur hergeschickt, dass er's dem Giosafat ebenso machen
sollte ... Signora, ich hörte aber doch - mit dem Hund hatt' es Dinge auf sich,
die einen guten Christen um die Absolution bringen können ... Andere meinen, der
Alte mit dem Todtenkopf hat wenigstens seitdem nichts mehr mit der Hölle ... Ein
Heiliger ist's geworden, wie nur der Erzbischof von Cosenza auch - und - Euer,
unter uns gesagt, vortrefflicher Bruder - ...
    In voller Glückseligkeit über diese Anerkennung sagte Rosalia:
    Ja, Signor! ... Ich glaube es für gewiss, dass Frâ Hubertus sich zu Gott
gebessert hat ... Gerade von ihm hat mir der heiligste Erzbischof von Cosenza
gesagt: Geht getrost, liebe Frau! Bis Ihr in San-Giovanni in Fiore seid, ist Frâ
Hubertus von Neapel zurück gekehrt ... Und nun ist er da ... Und ich denke doch,
es muss alles gut werden ...
    Scagnarello erhielt noch einmal die Flasche, leerte sie und lobte sehr den
Wein von Nocera ...
    Auf seine Frage, was nur der Todtenkopf in Neapel getan hätte, erhielt er
die Antwort:
    Der heilige Erzbischof schickte ihn nach Neapel, um sein Begehren beim
rechten Mann vorzubringen ...
    Beim rechten Mann? ... wiederholte der Kutscher ... Und welches Begehren -
...
    Dass die Bewohner von San-Firmiano nicht mehr - wie die Canarienvögel von
Cosenza gehalten werden ... Sind sie denn nicht alle Santi geworden? Hat mein
Bruder sie nicht bekehrt? Hat der Todtenkopf ihnen nicht allen die Schrecken der
Hölle zu Gemüt geführt, die er so gut kannte -? ... Ich sage Euch, bis nach
Nocera hin steht das Kloster im Geruch der Heiligkeit -! ...
    Scagnarello wusste vollkommen, dass unter den Canarienvögeln die
gelbgekleideten Galerensträflinge zu verstehen sind, die in Neapel öffentlich im
Dienst der Strassen- und Hafenpolizei arbeiten müssen ... Auch über die gute
Aufführung der Bewohner von San-Firmiano herrschte, nur Eine Stimme und Alle
wussten, dass Dom Sebastiano darüber nicht reden konnte, ohne so zornig zu werden
wie ein Puterhahn ... Nach einer seiner letzten Predigten gab es Tugenden, die
bloss vom Teufel kämen - ... Doch war Scagnarello vorsichtig und hielt seine
Meinung zurück ...
    Die Einsamkeit, welche dann und wann nur vom Gruss eines Hirten oder eines
mühsam ausbiegenden Eseltreibers unterbrochen wurde, hörte bei Annäherung an
San-Giovanni auf ... Es wurde lebhafter rings im Gebirge ... Zwar war die Nacht
nun ganz hereingebrochen, Nebel stiegen auf, welche die Feuchtigkeit der Luft so
vermehrten, dass Scagnarello und Rosalia ihre braunen Mäntel übernahmen; der
mondscheinblaue Luft- und Nebelhauch gab den grünen Waldabhängen, den einzelnen
Wiesenteppichen eine geisterhafte Beleuchtung; aber, wo der Strom der Gewässer
am Wege nicht zu rauschend stürzte, da hörte man deutlich und von mannichfachem
Echo weitergetragen, das Locken und Rufen der Hirten an ihre Heerden, die zur
Nachtruhe unter den mächtigen Eichen sich lagerten, hörte das Blasen einer
einsamen Schalmei oder an einer andern Stelle das unaufhaltsame und
unerschöpfliche Lungen voraussetzende Schnurren eines Dudelsacks ... Jagdschüsse
erschollen sogar zuweilen dicht über den Häuptern der Gefährten und machten den
Pepe stutzig und unterbrachen dann die Reise durch ein Intermezzo von
Apostrophen, die Scagnarello an die Vernunft des Tieres richtete ... Tüchtige
Peitschenhiebe unterstützten die Beweiskraft ...
    Um ein verhältnissmässiges Stück war man schon ganz in die Nähe San-Giovannis
gekommen ... Rosalia erkannte die Gegend ... Die mit Früchten überladenen
Kastanienbäume, die zuweilen am Wege standen, rauschten ihr wie mit vertrautem
Gruss ... Dort stand ein altes Gemäuer, das der urältesten Zeit
Gross-Griechenlands angehörte ... Der Mond schien durch die zerklüfteten Fenster
... Sie kannte jeden dieser, bald als Aufbewahrungsort des frischgemähten Heus,
bald als Versammlungsort der Hirten bei Unwettern benutzten Orte ... Ihr Herz
wurde ihr immer frohbanger und zagendhoffnungsvoller ...
    Scagnarello erzählte jetzt von einem Stein, an welchem sie bald angekommen
sein müssten, wo Frâ Hubertus vor Jahren mit jenen zwei Männern gerungen hätte,
die im Silaswald umirrten und die »Freimaurer«, welche später in Cosenza
erschossen wurden - die Bandiera und ihre Genossen - verraten wollten ... Denen
begegnete »dort oben am Kreuz«, erzählte er, der Bruder mit dem Todtenkopf,
redete den einen, den er kannte, in fremder, ich glaube russischer Sprache an
und warf ihn jählings von oben da am Kreuz hinunter in den Neto ...
    Die Bürgersfrau von Nocera, die sich auf Betrieb des Bruders vorteilhaft
mit einem Verwandten verheiratet hatte, war in diesen Ereignissen bewandert ...
Sie konnte lesen und schreiben und führte ihrem Mann sein Hauptbuch ... Was im
Silaswald vorging, hatte sie seit Jahren um des geliebten Bruders willen mit dem
grössten Interesse verfolgt ... Lebhaft stand ihr in Erinnerung, wie man sich
damals gewundert, warum der fremde Mönch, ein Sohn des heiligen Franciscus,
wiederum auch für diese wilde Tat so heil und ungestraft davonkam ... Diesmal
wie bei Gelegenheit der immerhin bedenklichen Todesart des Grizzifalcone ...
Rosalia sprach noch jetzt dies Erstaunen nach ...
    Er hat gute Freunde, sagte Scagnarello ... Er hat sie da, wo sie am meisten
nützen können - in Rom ... Und wenn man Rom hat, hat man Neapel ... Damals, als
der Freimaurer in den Neto flog, sah und hörte man lange nichts mehr vom Frâ
Hubertus ... Mit Einem mal war er wieder da und der Sindico von Spezzano zog den
Hut vor ihm ab ... Hätte der Bruder die Weihen, er wäre längst in San-Firmiano
Guardian ...
    Rosalia kannte alles das und schwieg, in Hoffnung auf die Geltendmachung
eines so grossen Einflusses in Neapel ...
    Nach einer Weile fragte Scagnarello:
    Signora - wart ihr denn auch schon dazumal an - den - ich meine, an den
Bluteichen -? ...
    Die Frau erschrak über diese Frage und schwieg ...
    Ich meine, habt Ihr ihn nie gesehen? fuhr Scagnarello leise und lächelnd
fort ...
    Die Frau wusste vollkommen, was und wen Scagnarello mit seiner Frage meinte
...
    Hm! Hm! räusperte er sich und fuhrt fort: Ich möcht' es, bei San-Gennaro,
auch einmal wagen und ihn besuchen ... Nur um die Nummern zu hören, die ich im
Lotto spielen soll ... Da war ein Mann von Cotrone - wisst Ihr, was er dem gesagt
hat, als der die nächsten Nummern hören wollte, die herauskommen -? ...
    Er sollte arbeiten und auf Gott vertrauen -? ... antwortete Rosalia ...
    Nein, entgegnete Scagnarello - Das kann sich Jeder selbst sagen -! Dem Mann
von Cotrone hat er gesagt: Wer gab dir früher deine Nummern? ... »Der Pfarrer
von San-Geminiano in Cotrone!« ... Kamen sie heraus? ... »Nein! Auch die auf den
Namen Mariä nicht!« ... Warum nicht auf den Namen Mariä? ... »Der Pfarrer
rechnete die Nummern nach den Buchstaben aus - M. war 12. Sie kamen aber nicht
heraus« ... Ich verstehe! Kannst du lesen? ... »Nein!« ... Auch nicht das ABC?
... »Nein!« ... Im Namen Maria kommt zweimal A vor - das gab zweimal 1 ... »Da
nahm der Pfarrer für das zweite 1 das Doppelte; manchmal das Dreifache; so hab'
ich zehn Jahre auf Maria und die Heiligen gesetzt, aber nicht mehr gewonnen, als
ausreichte, um den Pfarrer zu bezahlen -« ... -« ... Der Pfarrer liess sich
bezahlen? ... »Ich bezahlte die Messen, die meine Todten aus dem Feuer
erlösten!« ... Nun, mein Sohn, sagte der Alte von den Bluteichen, so nimm einmal
den Namen »Jesus!« Siehst du, das sind auch fünf Buchstaben, auch fünf Zahlen
und die letzte nimm dann gleichfalls doppelt - 9. 5. 18. 20. 36 ... - So hab'
ich sie behalten -! unterbrach sich Scagnarello - Gewinnst du, sagte der
Hexenmeister, dann danke deinem Erlöser durch gute Anwendung des Geldes!
Verlierst du aber, so nimm an, dass er dir eine christliche Lehre geben wollte
und dich bloss durch deine Arbeit reich machen wird! ... Der Mann aus Cotrone
spielte und gewann - eine Terne; es ist auch so ein ganz reicher Mann ... Das
Ding sprach sich aus; alles setzte auf den Namen Jesus; es hat aber keinem mehr
so glücken wollen, wie dem Mann aus Cotrone ...
    Rosalia seufzte über diese Zaubereien und sann über Scagnarello's Äusserung,
dass der Mann von Cotrone wohl noch eine besondere Anweisung bei diesem
kabbalistischen Spiel des Einsiedlers von den Bluteichen hinzu empfangen haben
müsste ... Sie hatte die vollkommene Geneigteit, dieser Meinung zuzustimmen ...
Zuletzt bat sie ihn beim Blut des heiligen Januarius, von solchen durch die
Hölle angeratenen Lottonummern, auch von den Bluteichen, von den nächtlichen
Versammlungen, welche dort die Geister hielten, besonders aber von dem
erschossenen feurigen Hunde und den blutigen Taten des Bruders Hubertus zu
schweigen und auf eine baldige glückliche Ankunft in San-Giovanni zu hoffen ...
    Nach einer halben Stunde, welche Scagnarello im schmollenden Gespräch mit
Pepe und zuletzt mit Klagen über die teuere Zeit und die von der Hitze
versengte zweite Heuernte zubrachte - letzteres im Interesse eines erhöhten
Trinkgeldes - deutete er mit der Peitsche auf einen im Mondlicht grell
beleuchteten Gegenstand an demselben Wege, welchen sie fuhren ...
    Schon lange hatte auch schon Rosalia ihr Auge auf diesen Punkt gerichtet und
fragte jetzt:
    Seht Ihr denn da etwas, Signor? ...
    Es ist - so wahr ich Napoleone heisse - endlich der braune Bruder ... Ich
wette um meinen Pepe - er ist's ...
    Sein Maccaroni wurde jetzt wacker durch die Peitsche unterstützt ...
    Die Frau konnte nicht umhin anzuerkennen, dass Scagnarello's Vermutung über
einen an einem hölzernen Kreuz auf einem Stein sitzenden Mönch
Wahrscheinlichkeit für sich hatte ... Die braune Kapuze war halb
niedergeschlagen; so schwarz und starr konnte darunter hervor nur ein Kopf
lugen, der so gut wie keiner war oder wenigstens nur dasjenige, was übrigbleibt
wenn von einem Kopf Haare und Fleisch weggenommen werden ...
    Scagnarello, jetzt vollends ermutigt und sogar von dem hinter den Felsen
her immer heller und heller läutenden Glockenturm von San-Gio schon angenehm
überrascht, schwang seine Peitsche und gab der hochgespannten Frau, die
glücklich war, schon jetzt dem Manne zu begegnen, welcher die gute Kunde aus
Neapel nach San-Firmiano bringen sollte, jede tröstliche Versicherung ...
    Ein Franciscaner, in Sandalen, mit brauner Kutte, den weissen wollenen Strick
um die magere Hüfte, sass in der Tat auf dem Stein am Wege ... Es war Frâ
Hubertus ... Er sass am Gedächtnisskreuz des von ihm vor Jahren hier in den
brausenden Neto geschleuderten Jân Picard ... Als er die Klingel des Pepe hörte,
stand er auf und ging fürbass ... Er schien keine Neigung zu haben, auf eine
verspätete Equipage zu warten und sich in seinen wahrscheinlich düster
angeregten Empfindungen stören zu lassen ...
    Ihn einzuholen wäre beim Bergauf unmöglich gewesen, wenn ihm nicht
Scagnarello alle möglichen Interjectionen nachgerufen hätte aus jenem
unerschöpflichen, in seinem Reichtum noch von keinem Gelehrten würdig
abgeschätzten Wörterbuch der neapolitanischen Natursprache ... Zu den
tatsächlichen Motiven, welche Scagnarello mit civilisirteren Worten einmischte,
um den rüstigen Greis zum Stehenbleiben zu bewegen, gehörte, in seltsamen
Abkürzungen freilich, die ganze Geschichte der Frau, welche hinter ihm
hochaufgerichtet stand, in der Linken mit dem schlafenden Kinde, in der Rechten
mit ihrem Tuch, mit dem sie unablässig wehte; gehörte endlich auch ein Gruss vom
Erzbischof von Cosenza und die ganze Ausmalung aller der Glückseligkeiten, die
sich nun in San-Firmiano und in San-Spiridion zu Nocera begeben würden ...
    Der lange hagere Knochenmann stand endlich still und lachte des tollen
Gewälschs ... Sein Kopf wurde darüber ein einziges - Gebiss von Zähnen ...
    In der »Campanischen« Sprache, jenem Italienisch der Neapolitaner, in
welchem die Buchstaben mit allen nur erdenklichen Freiheiten behandelt werden,
oft der eine ganz für den andern eintritt und statt »Michel« Kaspar gesagt wird,
hatte Hubertus in der Tat Fortschritte gemacht ... Er blieb stehen ...
    Dann freilich entsprach seinem ersten frohen Gruss an die ihm sehr wohl
erinnerliche Schwester Paolo Vigo's keineswegs sein fernerer Mitteilungsdrang
... Letzterer schüttelte er zwar als alter Freund die Hand und nahm das jetzt
erwachte, schreiende Kind auf den Arm, versichernd, dass seine Sehnsucht, den
trefflichen Bruder der Signora nach sechs Wochen wiederzusehen, nicht minder
gross, als die ihrige nach so vielen Jahren wäre - ja er kannte das schöne dem
Bruder winkende Gotteshaus zu San-Spiridion in Nocera vollkommen und gab zu, dass
der Erzbischof von Cosenza hinlänglich heilig wäre, um auch weissagen zu können
... Gewiss! Gewiss! Es wird alles gut werden! wiederholte er zum öftern ... Aber -
dem ganzen Wesen fehlte die rechte, von Innen kommende Freudigkeit ...
    So kommt Ihr von Neapel und habt noch nichts Bestimmtes erfahren? fragte die
Frau voll Bestürzung über dies Benehmen und lud den frommen Bruder ein, neben
ihr Platz zu nehmen ...
    Hubertus folgte dieser Aufforderung, nahm die noch an Schönheitsanschauungen
nicht gewöhnte und wenig vor ihm erschreckende kleine Marietta auf den Schoos,
sang ihr eine alte holländische Liedstrophe und versicherte, die Hoffnung wäre
das schönste Lebensgut, das sich der Mensch nur immer frisch in allen Nöten
bewahren müsse ...
    Die Hoffnung? ... Bei San-Gennaro! rief die Frau und zitterte ... Weiter
bringt Ihr nichts von Neapel zurück, als - Hoffnung? ...
    Und schöne Feigen! Seht die Feigen! erwiderte Hubertus und reichte deren aus
seiner Kutte Marietten eine Hand voll, während die Frau ihm bereits ihre
Esswaaren angeboten hatte ...
    Was kann mir alles das helfen? wehklagte Rosalia Mateucci ... Hab' ich darum
so viele Jahre die Reise von Nocera nach Cosenza gemacht? ... Haben wir darum
zwanzig Ducati an die Mutter Gottes Della Salute und abermals funfzehn an den
heiligen Gennaro von Cosenza bezahlt? ...
    Das wird sich einbringen, Frau ... Hofft in Gottes Namen! wiederholte
Hubertus ...
    Inzwischen fing er mit einem bei weitem dringlicheren Interesse an, dem
Meister Scagnarello sein Erstaunen über die neue Garnison von Spezzano
auszudrücken ... Was wollen nur all diese Reiter und Jäger wieder? Geht der Weg
nach Frankreich durch den Silaswald? ...
    Scagnarello deutete an, dass nicht gut von solchen Dingen zu reden wäre,
seitdem hier schon die besten Leute zu den »Canarienvögeln« in Neapel gekommen
wären ...
    Guter Bruder, was bringt Ihr von Neapel? ... drängte die Frau ... Ihr redet
von Canarienvögeln ... Nur zu wohl weiss ich, die Raben, die schwarzen, die
hacken dem heiligen Franciscus gern die Augen aus ...
    Steht das wo geschrieben? entgegnete Hubertus und schien betroffen von
dieser Rede, die er vollkommen verstand und für ebenso prophetisch hielt, wie
sie wohlgesetzt war ... Die Jesuiten (diese nur konnte Rosalia unter den
schwarzen Raben verstanden haben), hatten allerdings hier die Hauptentscheidung
... ... Auf den Spruch der Jesuiten hatte der Erzbischof von Cosenza als die
letzte Instanz verwiesen, von welcher hier alles abhängen würde ... Alle Welt
wusste, dass zwar in den Bewegungstagen zwanzig Kutschen voll Jesuiten aus Neapel
hatten entfliehen müssen, sie waren aber in vierzig wiedergekommen und die
rechte Hand des Herrschers über dies unglückliche Land blieb des Königs
Beichtvater, Monsignore Celestino Cocle, Erzbischof von Neapel, ein fanatischer
Agent des Al Gesú, eben jener »rechte Mann«, von welchem die Wünsche der
Bewohner San-Firmianos abhängen sollten ...
    Zehn Jahre, erzählte wehklagend die Frau, hab' ich meine Kniee gebeugt vor
dem heiligen Erzbischof von Cosenza ... Jeden Quatember, wenn neue Priester
geweiht wurden, lief ich zu Fuss die zehn Miglien von Nocera nach Cosenza und
beugte meine Kniee auch nach der Messe noch ... Wenn der heilige Herr in seinen
Palast ging, rief ich ihn um Gnade an für meinen unglücklichen Bruder ... Und
immer gab er mir seinen Segen und sagte: Ihr seht ja, liebe Frau, die Pfarre von
San-Giovanni bleibt ihm offen; das Sacro Officio prüft lange, aber gründlich -!
... Heiliger Gennaro! ... Zehn Jahre prüfte das Officio -! ... Ich wusste nicht,
ob mein Bruder noch lebt -! ... Wir schickten - mein Dionysio ist gut - was wir
nur vermochten - bald an den ehrwürdigen Guardian, bald an den heiligen
Erzbischof - - aber meines Paolo Briefe meldeten nichts von seiner baldigen
Freiheit ... Sogar damals, als doch alles frei wurde, als selbst die, denen
zeitlebens die Kugel am Fuss zu tragen besser gewesen wäre, zu Ehren kamen,
kehrte mein Bruder nicht aus dieser traurigen Einöde zurück ... Damals hatte nur
Marietta leider das Fieber, mein Dionysio musste unter die Guardia civica, Jeder
war froh, wenn in seinem Garten noch die Feigen wuchsen - Verdienst gab es nicht
... Dann aber, als die Ruhe wiederkehrte, als alle Welt erzählte, wie die
Gefangenen und Verwundeten in San-Firmiano christlich verpflegt wurden, da fiel
ich vor dem heiligen Erzbischof in der Kirche selbst auf die Kniee und bat vor
allem Volk um Paolo's Freiheit ... Zum Glück - verzeih' mir's die heilige
Jungfrau! - war gerade unser Pfarrer von San-Spiridion gestorben und weil ich
hörte, dass sich zehn Pfarrer um die Stelle bewarben und sie vorerst keiner
bekommen sollte, weil auf ein Jahr die Einkünfte auch dem heiligen Erzbischof
gutschmecken, kauft' ich nochmals, nach allem, was schon draufgegangen war, für
zehn Ducati Wachskerzen und schenkte sie in Cosenza der heiligen Rosalia ...
Seitdem hiess es: »Seid gutes Mutes, Frau, reist getrost nach San-Giovanni - In
San-Firmiano sind Wunder geschehen - Der Guardian hat einen Boten nach Neapel
geschickt an das heilige Officio. Wir wissen es ja, das ganze Kloster ist heilig
geworden - Sie bekommen alle die besten Stellen in der Christenheit, denn die
Mutter Kirche ist gütig und belohnt jeden, welcher sie liebt - ja, und ein Bote,
Frâ Hubertus, muss bald zurück sein von Neapel -« ... So sprach der Erzbischof
und das ganze Kapitel stimmte ein ... Da vertraut' ich denn und machte mich auf
den Weg und jetzt bin ich da und Ihr seid es auch und nun bringt Ihr doch nichts
und schweigt -? Ihr wisst, denk' ich, nur zu gut, dass mein guter Bruder nur durch
Euch ins Elend gekommen ist .... Ohne Euch könnte er längst in Nocera Bischof
sein ...
    Diese mutige, für Scagnarello zum Bewundern sachgemässe und kenntnissreiche,
nur am Schluss etwas frauenzimmerlich ausfallende Rede hatte Hubertus teils mit
seufzenden, teils mit begütigenden Worten begleitet ... Scagnarello hoffte, der
schwer Beleidigte würde mit einer Rechtfertigung früherer Misverständnisse, vor
allem mit Rückblicken auf die wunderbare Geschichte vom feurigen Hunde
vernehmbar werden; aber Hubertus beschäftigte sich allein mit dem Kinde und sang
seine »russischen« Lieder ...
    Rosalia Mateucci ersah nun wohl aus Allem, dass Hubertus kein Vertrauen auf
den Erfolg seiner Mission hatte, und fuhr in ihren Klagen über diese arge Welt
fort ... Sie liess dabei jedem seine äussere Ehre, bezeichnete ihn aber bei
näherer Betrachtung um so mehr als Spitzbuben ... Vom Standpunkt einer
vermögenden Krämerin von Nocera gab sie einen Rückblick auf die ganze bewegte
Zeit der letzten Jahre - namentlich auf die wilde Anarchie, welche damals
entstand, als die in Neapel durch Lazzaroniaufstand und Schweizerregimenter
gesprengte Nationalvertretung sich in Cosenza noch einmal, unterstützt von einem
Aufstand der Calabresen, wieder gesammelt hatte, doch von jenem ehemaligen
Räuber, spätern General Nunziante, im Süden, vom General Lanzi im Norden
angegriffen mehr durch Uneinigkeit, als Ueberlegenheit der Truppen sich auflöste
... Die Bewaffneten wurden damals zu Flüchtlingen, und wie es im Süden geht, zu
Wegelagerern und Räubern ... Dieser anarchische Zustand hatte im Silaswald erst
seit kurzem aufgehört ... Das Kloster San-Firmiano hatte lange Zeit nur ein
Gefängnis und Lazaret sein können, wo die Brüder sich wahrhafte Verdienste
erwarben ... Und nun sollten alle diese guten Taten ohne ihren Lohn bleiben?
Märtyrer sollten sich bewährt haben und keine Krone gewinnen -! Da müsste ja der
Giosafat von Lipari als ein wahrer Retter ersehnt werden und mit der Zeit in
Neapel am königlichen Schloss kein Stein mehr auf dem andern bleiben ...
    Hubertus entgegnete in leidlichem »Campanisch« auf diese unausgesetzten
Verwünschungen, die schon Marietta's Weinen und Scagnarello's loyalen Protest
zur Folge hatten:
    Beim heiligen Hubert, meinem Schutzpatron! Frau, ich kann Euch versichern,
dass ganz San-Giovanni und wer anders noch von damals am Leben ist, sich freuen
wird, Euch und die kleine Marietta zu sehen ... Euern heiligen Bruder nehm' ich
nicht aus, wenn ich auch zweifle, dass Eure Hoffnung, ihn als Pfarrer in
San-Spiridion nach Nocera zu bekommen, so bald in Erfüllung geht, zugleich auch,
ob dies seinen Wünschen entspricht ... Indessen beruhigt Euch! ... Ei, so weint
nicht! ... Ich will Euch sagen, wie es ist ... Ich hätte gute Freunde und Gönner
- sagt man? ... Nun, das San-Officio in Neapel war sackgrob - ... Aber gut - ich
fand immer, die Leute sind geneigter, uns Gehör zu geben, wenn sie grob sind ...
Leider, leider - kann ich dasselbe nicht vom Ohr und Mund Seiner Majestät,
Monsignore Celestino, sagen ... Das ist wahr, artig war er ... Dem musst' ich
haarklein erzählen, was seit Jahr und Tag hier in diesen Bergen vorgegangen ist!
... Und wenn ich jetzt so schlummerköpfig nachdenklich bin, so ist es bloss, weil
ich, aufrichtig gesagt, meine Erzdummheit bereue ... Ich ging auf alle seine
Artigkeiten ein ... »Gut! Gut! Das freut mich! Um so besser! Und was wünschen
die guten Brüder von San-Firmiano?« - ... Ich Tropf! Das hätt' ich mir doch
sagen sollen, dass es mit all diesen Süssigkeiten nur bitter stand -! ... Wir
Brüder haben in San-Firmiano um nichts gebeten, als um was die Hechte bitten,
wenn in einem Teich ihrer zu viel sind ... Lasst Euer Licht leuchten vor den
Leuten! hat schon unser allerheiligster Erlöser gesagt - und nur deshalb sehnen
sich unsere Gefangenen von San-Firmiano in ihre Klöster und Pfarreien zurück, um
zu zeigen, dass sie aus Wölfen gute Hirten geworden sind ... Seht nun, das alles
hab' ich in Neapel vorgetragen; aber - Ei was! Bei Alledem kann ich mich irren!
Es ist im Namen unsres heiligsten Erlösers gar nicht unmöglich - wir finden in
San-Firmiano fröhliche Gesichter und Euer edler Bruder lacht hellauf, wenn er
morgen früh - eher rat' ich nicht bei unserm Kloster anzupochen - die
Ueberraschung hat: Gelobt sei Jesu Christ! von seiner Schwester zu hören und gar
von der Kleinen da - wie heisst sie? ... Alles heisst hier Marietta ... Kommt
niemand von Euch auch einmal - auf den Namen - Hedwigis -? ...
    Diese Worte waren so gutmütig, endeten mit einem so elegischweichen Tone,
dass Rosalia Mateucci der wohltuenden Wirkung derselben sich nicht entziehen
konnte ... Sie sagte: Bei San-Gennaro! Hat denn San-Gio jetzt gar die neue
Beleuchtung von Neapel -! Seht, wie hell es da liegt! ... - Nun lachte sie
freudiglich ...
    Scagnarello fand die Aufnahme des Mönches beim Erzbischof von Neapel
ebenfalls nicht so bedenklich und im Gegenteil ausserordentlich schmeichelhaft
... Nun versteh' ich, sagte er, warum die Leute Recht haben, wenn sie sagen, dass
sogar Seine Heiligkeit in Rom ein alter Freund und Bekannter von Euch wäre und
Euch schon in Russland kannte; denn unser heiliger Vater ist weitgereist! - ...
Ja aber auch mit Recht! Habt Ihr nicht das hochheilige Erbe Petri vom
Grizzifalcone befreit? ... Wusste denn auch der Erzbischof das alles von Euch?
... Hm! auch vom Kreuz - da überm Neto? ... Und - hm! hm! - von Eurem - feurigen
Hunde? ...
    Auf den ich Euch manchmal aufbinden möchte! schnitt Hubertus die neugierige
Rede ab ... Was schlagt Ihr nur so grausam auf Euern armen Pepe! In Spezzano,
vor Eurer Abfahrt nach Cosenza, da konntet Ihr ihm gewiss schmeicheln! Da konntet
Ihr ihn nennen: Pepito! Mein zuckersüsses Brüderchen! Unterwegs aber ist alles
vergessen! ... Der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehs und Wort halten muss
man Jedermann - selbst seinem Maulesel! ... Ein alter Jäger weiss ich, dass im
Wald und auch draussen in der Welt unsere besten Freunde - wie oft - doch nur
unsere Pferde und unsere Hunde sind! - ...
    Hubertus sprach voll Scherz, aber auch voll Wehmut und hörbaren Anklangs an
einen Gegenstand, der ihn rührte - ... Doch kam er nicht auf den Hund ... Im
Gegenteil zeigte er Rosalien die sich jetzt ein wenig öffnende Gegend, an deren
östlicher und walddunkler Grenze, dicht unter den glänzendsten Sternbildern,
eine schwarze Turmspitze in die Höhe ragte - das Kloster San-Firmiano ...
    San-Giovanni war erreicht ... Ein Bergflecken, wo sich vor Jahrhunderten
einige Menschen um einige halbzerstörte Türme der Normannenzeit angesiedelt und
einige hundert Nachkommen hinterlassen haben, die keinen Anblick für Götter
bieten ... Aber ein Maler hätte darum doch seine Lust an diesem Städtchen gehabt
... Die Turmmauern ragten von Epheu überwuchert ... In riesiger Ausdehnung
spazierte der immergrüne Kletterer bis auf die Felsen hernieder und an diesen
wieder, wie eine einzige Wiese, entlang bis zu den rauschenden, sich hier
vereinigenden Gewässern des Neto und des Arvo ... Ein viereckiger Glockenturm
der Kirche war der Mittelpunkt einiger im wirren Durcheinander von den beiden
Wildbächen sich aufdachenden sogenannten »Strassen« ...
    Nun erst entdeckte man, warum es scheinen konnte, als wäre in San-Gio die
Gasbeleuchtung eingeführt ... Schon in einiger Entfernung hörte man die beim
Morraspiel üblichen, aber in San-Gio nie so laut vernommenen Flüche und
Verwünschungen ... Auch deutsche Laute wurden hörbar ... Pechkränze und
Bivouakfeuer loderten auf ...
    Auch San-Giovanni war von Soldaten überfüllt ...
    Hubertus sah das voll äussersten Erstaunens, sprang vom Wagen und eilte in
wilder Erregung auf den Marktplatz ...
 
                                    Fussnoten
1 Gregorovius' »Siciliana«.
2 Ueblicher Brauch.
3 Ph. J. von Rehfues' Schriften.
 
                                      10.
Der »Torre del Mauro« eine Locanda, die einer Scheune ähnlich sah, war erreicht
...
    Man fand sie von Soldaten in Beschlag genommen ...
    Ein Leutnant in einer jener überladenen südeuropäischen Uniformen, mit
Troddeln und Stickereien, die bei uns keinem Obersten zukommen würden, stand mit
der Cigarre im niedrigen rauchgeschwärzten Tor eines von brennenden Spänen
erleuchteten Hofraums ...
    Die Bivouakfeuer brannten auf dem Platz vor der Kirche ... Dünste von
gebratenem Speck, von Zwiebeln, von Käse liessen auf einen eben abgehaltenen
reichlichen Abendimbiss schliessen ... Viele der Soldaten, in Mäntel gehüllt,
schnarchten schon auf ausgebreitetem Stroh unter freiem Himmel ...
    Diese fliegenden Corps waren in den letzten Zeiten im Silaswalde so oft
gesehen worden, dass sie eigentlich niemanden besonders auffallen durften ... Nur
Hubertus, schon aufs bedenklichste aufgeregt, sah neues Unheil und Scagnarello,
der sich mit San-Gios Einwohnerschaft in lebhafteste Conversation versetzt
hatte, schürte jetzt seine Besorgnis - denn Dom Sebastiano von Spezzano hatte
allerdings kürzlich gepredigt, San-Gio müsste noch einmal untergehen wie Sodom
und Gomorrha ...
    Den Mönchen wurde von Del Caretto's und Celestino Cocle's Regierung wenig
getraut ... Ein Schweizeroffizier, welchen Hubertus in deutscher Sprache um die
Ursache dieser Expedition anging, schien zwar vom Laut der Muttersprache
freundlich berührt, aber Ordre hatte auch er, nichts verlauten zu lassen ... Auf
den im verlassenen Pfarrhaus einquartierten Oberoffizier verweisend, mischte er
sich unter die andern Offiziere, die sich mit ziemlich derben Spässen auf Kosten
einer Frau unterhielten, die »der schöne Mönch wohl nicht in sein Kloster
entführen, sondern ihnen überlassen würde -« ...
    Hubertus wandte sich einem Hause zu, das hier ein Ziegenhirt ersten Ranges,
ein »Rico«, ein Reicher bewohnte ... Messer Negrino hiess er; er war ihm
besonders befreundet ... Leider aber war dieser im Ruf der Ketzerei stehende
erste Bürger von San-Gio nicht zu Hause ... Mit seiner Heerde war er unterwegs
und vielleicht auf der Messe von Rossano ...
    Schon wusste ganz San-Gio, wer mit Scagnarello gekommen war ... Schon hatten
sich Gruppen von alten Bekannten gebildet, welche die Schwester ihres in
San-Firmiano wohnenden ehemaligen Pfarrers sehr wohl erkannten und sich zu
Teilnehmern einer Verhandlung über die Frage machten, ob es geratener wäre,
dass Rosalia Mateucci noch mit ihrem Kinde dem Bruder Hubertus folgen und am
Eingangstor des Klosters unter einem Dach, das die Madonna schützte,
übernachten oder in einem Bette bleiben sollte, das ihr der alte, hocherfreut
sie begrüssende Messner ihres Bruders in seinem niedrigen Häuschen anbot ...
Scagnarello hatte schon den Pepe ausgespannt und musste ihm die Streu im Freien
machen, da den Stall die Soldaten eingenommen hatten ... Als weltkundiger Mann
hatte er zum Bleiben geraten ... Es schien ihm, als würde Paolo Vigo schwerlich
sich ihm morgen als Rückpassagier anschliessen können ...
    Hubertus, vom Hause Negrino's zurückkehrend, scherzte bei allen diesen
Verhandlungen mit Jung und Alt, nahm die jetzt verdriesslich aus der Ruhe
gekommene Marietta auf den Arm, gab Auskunft über seine Reise sowol dem
»Sacristano« wie dem »Sindico«, welchem letztern er einige auf seine Reise
übernommene Aufträge ausgerichtet hatte - aber die Soldaten, deren Absichten
auch die erste Magistratsperson des Ortes nicht zu deuten wusste, beunruhigten
ihn so sehr, dass er von Rosalia Mateucci für heute Abschied nahm und sofort nach
San-Firmiano aufbrach, um, wie er versprach, schon beim Mitternachtgebet dem
Bruder die frohe Kunde zu bringen und diesem zur Ueberlegung Zeit zu lassen, wie
er am passendsten seine Schwester empfangen wollte ...
    Unter den Scherzen der Soldaten, die Hubertus seines Todtenkopfes wegen
schon gewohnt war, verliess er den Platz und begab sich in grosser Spannung nach
seinem Kloster ... Der Sindico, der zugleich die Post von San-Giovanni hielt,
hatte versichert, dass allerdings amtliche Briefe seit einigen Tagen für den
Guardian des Klosters genug angekommen wären ... Das gab ihm Hoffnung ... Der
Sindico wusste, Hubertus hatte die in San-Firmiano seit Jahren Eingekerkerten in
Neapel erlösen wollen ... Zöglinge waren sie alle der seltnen Strenge dieses
einfachen Mönches, Zöglinge des ihm von Frâ Federigo eingepflanzten leidlich
evangelischen und aufgeklärten Geistes ... Mit seiner Fürbitte war Hubertus von
Cosenza nach Neapel verwiesen worden ... Hier hatte er nur die Dominicaner
verdriesslich und unfreundlich, alle andern Behörden gütig und ganz erfüllt von
der ihm immer gewährten Nachsicht gefunden ... Allerdings wurde Hubertus von Rom
protegirt ... Seit Jahren hatte man ihm gestattet, in Firmiano zu leben; sogar
die Untersuchung über den Tod eines Genossen des Boccheciampo war ihm erlassen
worden; man gestattete ihm all die Freiheiten, ohne welche sein unruhiges
Temperament nicht leben zu können schien ... Der Sindico konnte nicht genug
schildern, was ihm die angekommenen Briefe schon von Aussen inhaltreich und
bedeutsam erschienen wären ...
    Hubertus verliess San-Gio ... Einsam ging er den dunkeln Weg ...
    Seine aufgeregte Phantasie brachte diese Soldaten mit seiner Reise in
Verbindung ... Der Erzbischof von Neapel hatte eine Menge Fragen an ihn
gerichtet - vorzugsweise über Frâ Federigo ... Dem hohen Herrn war alles bekannt
gewesen, was diesen Einsiedler betraf, der deutsche Ursprung desselben, seine
Flucht aus einem piemontesischen Tal, seine dortige Förderung ketzerischer
Bestrebungen, seine Gefangenschaft unter den Genossen Grizzifalcone's, dann
Hubertus' mutige Befreiung desselben ... Dass Frâ Federigo noch lebte, wusste der
Erzbischof nicht minder, ja er beschrieb mit genauester Ortskenntniss ein von
Bergen umschlossenes enges Tal im Silaswalde, wo jener Flüchtling unter den
sogenannten Bluteichen seit vielen Jahren einsiedlerisch lebte ... »Bluteichen«
hiessen jene uralten Stämme aus den Tagen, wo auch in Calabrien für die
evangelische Lehre Blutströme geflossen waren und Scheiterhaufen loderten ...
Paolo Vigo war infolge einer Bekanntschaft mit Frâ Federigo in seinen
Kanzelreden verdächtig und dem Kloster Firmiano zur Correction übergeben worden
... Allen diesen Verhältnissen hatte der Erzbischof seine volle Aufmerksamkeit
geschenkt, wusste, dass Cosenzas Kirchenfürst vom Guardian zu San-Firmiano Bericht
über Bericht über die Umwandlung erhielt, welche mit den unter seine Obhut
gegebenen Spielern, Fluchern, Gotteslästerern vor sich gegangen war und dennoch
gab er auf die Frage, ob nicht endlich die jetzt so anerkennenswerten Bewohner
des Klosters in ihre Aemter zurückkehren durften, keine entscheidende Antwort
...
    Bruder Hubertus hatte in San-Giovanni einige Stärkung zu sich genommen ...
Der alte Franz Bosbeck, der noch im hohen Alter einer ungebrochenen Kraft sich
rühmen zu können gehofft hatte, war er nicht mehr ... Die lange Kette seiner
Lebenserfahrungen war zu drückend und schwer geworden ...
    Schon war es über zehn Uhr - nach italienischem Zifferblatt die dritte
Stunde - seine Klostergenossen mussten schon schlafen - wecken wollte er niemand,
da ohnehin die Matutin in den nächsten zwei Stunden sie wach rief ... So
unterbrach er sein Steigen auf dem schmalen Felsenpfade und setzte sich auf
einen verwitterten, mit Moosflechten überzogenen Stein, traurig hinausblickend
in die grüne Wildnis, in die stille Mondnacht, in die rauschenden Wasserstürze
am Abhang des Felsens - hinaus in jene noch entlegenere Einsamkeit, wo ein
deutscher Schwärmer seit länger als zehn Jahren unter Büchern, Schriften und
ländlichen Beschäftigungen sich vergraben hatte - ...
    Alles nächste rundum und in der Ferne war grabesstill - auch San-Giovanni,
das zum Handausstrecken vor ihm liegen blieb, ob er gleich um eine Stunde Weges
schon von ihm entfernt war ... Die Schwester Paolo Vigo's wiedergesehen zu
haben, die Erwähnung des »feurigen Hundes«, der Anblick des Kreuzes über dem
Neto - alles das hatte mächtig die alten Erinnerungen seines Lebens geweckt -
...
    Welche Reihe von Schicksalen konnte er überblicken -! ...
    Seine Jugend verlebt unter Räubern ... Die einsame Mühle eines Diebshehlers
... Die Gefangennahme der Picard'schen Bande ... Das Hochgericht ... Die
Meeresfahrt des holländischen Rekruten ... Java mit seinen braunen Menschen,
Palmen, Löwen, Schlangenbeschwörern ... Wieder dann Europa ... Deutschland, zur
Zeit Napoleon's - Schloss Neuhof mit seinen grünen Wäldern - Der grimme Wittekind
- Hedwig, seine geopferte Liebe ... Brigitte von Gülpen's Betrug - ... Die
Flucht in ein schützendes Kloster - die Verwilderung der dortigen geistlichen
Zucht - sein treuer Beistand durch Abt Henricus - seine Reisen - seine Tat am
melancholischen Bruder Fulgentius, den seine Hand vom Riegel nicht losschnitt,
an dem er sich erhängt hatte - die Begegnung mit Hammaker, einem so
hochgebildeten Manne, der dennoch ein Mörder werden konnte - mit Klingsohr - mit
Lucinden - die Flucht in den blitzgespaltenen Eichbaum - die Flucht nach Italien
- die Gefangenschaft auf San- in Montorio - die Nacht auf Villa Rucca -
Pasqualetto's Tod - dann seine Reise, um den Bischof von Macerata und den Pilger
von Loretto zu entdecken - ...
    Wie führte ihn schon allein die Erwähnung des treuen »Sultan«, welcher durch
Paolo Vigo, den Pfarrer von San-Giovanni, ein so trauriges Ende nehmen sollte,
so lebhaft in die Tage zurück, wo Italiens Reiz dem »christlichen Schamanen«,
wie ihn Klingsohr genannt, die alte Abenteuerlust weckte -! ...
    Als damals Hubertus, entlassen und abgesandt vom Fürsten Rucca, vom Cardinal
Ceccone, von Lucinden und vom frommen Mönch Ambrosi, dem bischöflichen Kapitel
von Macerata geraten hatte, die wundertätige Madonna zu verbergen, hatte er
sich die Bevölkerung der nördlichen Felsenküste des Kirchenstaats zu
Bundesgenossen für die Ausführung der Befreiung des Bischofs gemacht ... Durch
die Volkswut über die fehlende Madonna geängstigt, lieferten die Anhänger
Grizzifalcone's den Bischof ohne Lösegeld aus ... Ueber den Pilger von Loretto
jedoch hatte Hubertus vergebens gesucht, irgend etwas in Erfahrung zu bringen
... Schon konnte sich Verdacht regen, dass wohl gar der gespenstische fremde
Mönch, der, ohne sich deutlich ausdrücken zu können bettelnd bald hier bald dort
auftauchte, selbst der Mörder des Grizzifalcone sein mochte ... Hubertus mied
die ausgestellten Wachen der Schmuggler, mied die Gensdarmen, welchen er
schwerlich, in Folge der Rucca'schen Drohungen, eine willkommene Erscheinung
sein konnte, und quartierte sich auf einer Strecke von zehn Miglien bald an der
Küste bei Fischern, Zöllnern ein, bald landeinwärts sich wagend, in Klöstern
oder bei einsamen Häuslern ...
    Vorausgeeilt war er der Kunde, dass Grizzifalcone in Rom von der Hand eines
Mönchs gefallen war ... Er vernahm sie zuerst im Kreise von zechenden und ihre
Beute teilenden Schmugglern ... An der Art, wie sie ihre Dolche schwangen und
ihm Rache schwuren, erkannte er seine Gefahr ... Von den vielen Wohnungen,
welche der Räuberhauptmann innezuhaben pflegte, hatte er eine nach der andern
durchspäht und nichts konnte er in ihnen von einem Gefangenen entdecken ...
    Da schloss sich ihm eines Morgens ein Hund an, der, von langer Wegwanderung
so hinfällig wie er selbst, ihm zur Seite schlich, anfangs ihm einen
unheimlichen Eindruck machte, dem er ausweichen musste, der aber dann immer mehr
sein Mitleid erregte ... Mit dem Wenigen, was er selbst noch an Esswaaren bei
sich trug, erquickte er das verhungerte Tier ... Der Hund umschnupperte ihn,
wie einen alten Bekannten ... Auffallend war ihm der stete Trieb des Tiers, zum
Meeresstrand zu gelangen ... Schon war vorgekommen, dass gegenüber kleinen
Eilanden, die vom Felsenufer abgerissen aus dem Meeresspiegel aufragten, sein
Begleiter ins Wasser sprang, hinüber zu schwimmen versuchte und vom mächtigen
Wogendrang zurückgeworfen, winselnd wieder zu seinen Füssen kroch ... Hubertus
war ein zu guter Jäger, um sich nicht zu sagen: Dem Tier muss irgend eine grosse
Sehnsucht inne wohnen, der nur die Sprache fehlt ...
    Jener Felseneilande gab es hie und da grössere ... Sie schienen bewohnt;
wenigstens wurden sie dann und wann, besonders im Abenddunkel, von Nachen
umfahren ... An einem der schroffsten, zu welchem gewiss eine schützende Bucht
gehörte, die sich, da sie dem Meere zulag, dem Auge nur entzog, entdeckte
Hubertus die Segel eines schon leidlich grossen Schiffes ... Das Benehmen des
Hundes, das Spitzen seines Ohrs, sein heiseres unterdrücktes Bellen erschien ihm
immer auffallender ... Schon nahm Hubertus an, das treue Tier hätte wohl gar dem
Pasqualetto selbst gehört und suchte zu den nächsten Verbündeten des Räubers
zurückzukommen ...
    Seine Erkundigungen machten ihm immer mehr und mehr wahrscheinlich, dass jene
wie ein riesiger Felsenzahn aus dem Meer aufragende Klippe die Stelle war, die
er suchte ... Eine unruhige, über Entschlüsse brütende Nacht verbrachte er auf
dem Steingeröll am felsigen Ufer ... Hubertus setzte sich der Gefahr aus, vom
Anwachsen der Flut verschlungen zu werden ... Ueber ihm ragten die starren
Häupter der Küste, umflattert von aufgeschreckten Seegeiern ... Zuweilen liessen
sich oben die Stimmen dort hantierender Menschen vernehmen ... Um Mitternacht
tauchten auf dem Wasserspiegel Segel auf ... Deutlich sah Hubertus, wie nur
immer und immer drüben die eine Klippe gesucht wurde ... Schon richtete sein bei
Nacht doppelt wachsamer Hund Auge und Ohr mit starrem Verlangen hinüber ...
    Plötzlich hörte Hubertus in der Nähe des Ufers ein Rauschen ... Er erhob
sich von seinem Versteck am Fuss des feuchten Felsens, den nur zu bald wieder die
herantretende Flut bespülen konnte, hielt dem Hund, um durch sein Bellen nicht
verraten zu werden, fest die Lefzen zusammen und lauschte, ob es wohl eine Barke
war, was am Kieselsand die Felsenküste entlang so anschlug und vom Wellenschlag
mehr geworfen, als getragen wurde ...
    Vom Seetang, auf welchem Hubertus ruhte, kroch er vor und entdeckte einen
Kahn, den ein einziger Ruderer mit grösster Anstrengung führte ... Ein Moment und
Hubertus rief sogleich in seiner humoristischen Zutraulichkeit: Heda, seid Ihr's
denn -? Endlich! Endlich! ...
    Ja, Tonello! lautete die Antwort ... Sind die Kisten herunter? ...
    Die Kisten herunter -? dachte Hubertus -. Sie lassen oben an Stricken die
Schmuggelwaaren herunter, die zu Wasser dann am Ufer entlang weiter geführt
werden sollen - ... Rasch hatte er seine Kutte ausgezogen, sie wie einen
Mantelsack zusammengerollt, auch die Sandalen von den Füssen geschnallt, alles,
um nicht auf den ersten Blick als Mönch erkannt zu werden ... Ebenso schnell
nahm er die volle Sprache eines Holländers an ... Da er der Tonello nicht sein
konnte, wollte er sich wenigstens für einen mit Tonello im Einvernehmen
stehenden fremden Matrosen geben ...
    Inzwischen war die Barke ganz um den Felsenvorsprung herumgekommen ... Ihr
Führer war ein junger Bursche ... Nicht wenig erstaunte er, hier statt des
Tonello einen halbnackten Menschen zu finden, der sich ihm durch unverständliche
Reden, aber deutliche Geberden, vorzugsweise durch ein Zeigen bald aufs Meer,
bald auf seinen Hals, dem gewiss die Schlinge drohe, als einen Ausreisser von
seinem Schiffe zu erkennen gab, der mit den oben vorausgesetzten Helfershelfern
im Einvernehmen stand ...
    Ohne weiteres deutete Hubertus an, der Schiffer möchte ihn ja in seine Barke
aufnehmen und auf den Felsen hinüberfahren, wohin schon lange die andern, so
sprach mit unwiderstehlicher Beredsamkeit sein Mienenspiel, voraus wären ...
    Durch sein Fragen bestimmte der Bursche schon immer selbst die Antworten,
die Hubertus geben konnte ... Und bald war die Barke dem Ufer so nahe, dass sein
Hund nur einen Satz brauchte, um hinüberzuspringen ... Hubertus folgte, ergriff
noch ein zweites Ruder, das am Boden lag, und deutete auf den Felsen, dem
zusteuern zu sollen der Bursche unausgesetzt in einer kauderwelschen Sprache von
ihm bedeutet wurde; die Genossen hier am Meer gehörten allen Nationen an;
vorzugsweise fehlten flüchtige Matrosen von Dalmatiens Küste nicht, deren
Sprache vielleicht nach des Knaben Meinung es war, die der halbnackte Mensch mit
dem grinsenden Todtengesicht sprach ... Hubertus hatte seine Kutte mit seiner
weissen Schnur umwickelt ...
    Je mehr Hubertus durcheinander sprach, desto sichrer wurde der Knabe und
noch sichrer musste ihn das Benehmen des Hundes machen, der mit vorgestreckter
Schnauze und aufgereckten Ohren wie auf dem Sprunge stand - keine Muskel rührte,
das Auge unverwandt dem Felsen zu gerichtet ... Die glückliche Erwartung des
Tiers verriet dann und wann ein leises kurzes Bellen ...
    Die Fahrt dauerte länger, als sich Hubertus vorgestellt ... Das Meer lag
durchaus ruhig und doch ging bis zum Landen eine Stunde hin ...
    Die wunderlichsten Bewegungen, Sprünge und das kurze Bellen des Hundes
mehrten sich ... Kaum war der Nachen an einem zum Landen geeigneten Vorsprung
des Ufers angekommen, so war Hubertus nicht mehr im Stande, dem Knaben Auskunft
zu geben; denn sein Hund sprang wie der Blitz aus dem Nachen und im Zanken
darüber, im Begehren, den Flüchtling festzuhalten, konnte ihm Hubertus nacheilen
ohne damit aufzufallen ... Satz über Satz ging es vorwärts, als wäre der Hund
auf der Insel zu Hause - ... Kaum konnte Hubertus folgen ...
    Nun musst' er wohl fürchten, der Hund möchte den Räubern gehören, deren
Anwesenheit ihm jetzt aus Tonnen, Waarenballen, grossen runden Flaschen, wie sie
auf Schiffen gebraucht werden, unzweifelhaft wurde ... Erkannte man ihn, so
hatte seine letzte Stunde geschlagen ...
    Alles blieb still ... Die Waaren lagen aufgespeichert unter den Wölbungen
hoher Felsgesteine, verborgen von wildwucherndem Strauchwerk ... Manche dieser
Wölbungen waren tiefgehende Höhlen ... Der hellste Mondschein liess alles
deutlich erkennen ... Im Schneckengang wand sich der oft schlüpfrige und unterm
Fuss zerbröckelnde Felsenpfad hinauf, bis endlich ein lautes Bellen des Tieres
anzeigte, dass seine Anstrengungen belohnt waren ... Hubertus folgte und sah, wie
der Hund an einem Holzgatter kratzte, das einen mannshohen Felsenspalt verschloss
... Offenbar war dieser hinterwärts sich erweiternde Raum eine menschliche
Wohnung ... Hell schien an einer andern Seite, der See zu, durch einen kleinern
Spalt das Licht des Mondes ...
    Kaum hatte Hubertus, den Hund beschwichtigend, die Pforte des Gitters
ergriffen und sie geschlossen gefunden, kaum einige Gerätschaften wie Tische,
Sessel unterschieden, so beschien auch vom jenseitigen, zum Meer gehenden Spalt
aus der Mond eine auf einem Lager am Boden ausgestreckte menschliche Gestalt ...
    Die Freude, die Aufregung des Hundes war nicht mehr zu stillen ... Hubertus
schwebte zwischen Leben und Tod - ... Gleichviel ob dort der Pilger, der
Gefangene Pasqualetto's, lag oder ein Angehöriger der Räuber, sein Leben hing an
einem Haar ... Er packte den Hund und erstickte ihn fast durch Zusammenwürgen
der Kehle ...
    Der Schläfer auf dem Lager erhob sich indessen ... Hubertus sah einen Kopf,
den ein langer weisser Bart umflutete ... Es war nicht möglich, die Gesichtszüge
zu erkennen ... Die Gestalt erhob sich allmählich ... Der Mondstrahl der
jenseitigen Felsöffnung beleuchtete sie ... Der Mann kam langsam näher und mit
einer Hubertus nun bekannten Stimme hörte er auf italienisch: Was ist dein
Begehr? - Weisst du nicht, dass der Eingang am andern Gitter ist -? ...
    Jetzt unterbrach der Gefangene sich schon selbst ... Er erkannte den Hund
und sank zu diesem nieder ... Machtlos streckte er durch das Gitter die Hände
nach ihm aus ...
    Hubertus liess die Kehle des Tieres jetzt frei und sagte in deutscher
Sprache: Mann! Mann! Du bist es! Gott gelobt! Ich komme, dich zu befreien!
Erhebe dich! Auf! Auf! Verweilen bringt Gefahr - ...
    Noch hatte Frâ Federigo, der es war, nicht die Sprache gewonnen; er sah nur
auf seinen Hund ... Aus Piemont bis hieher war ihm das treue Tier gefolgt ...
Hubertus konnte nun dem Tier nicht mehr wehren; durch lautes Bellen gab es
seine Freude kund ... Aber ohne Zweifel gab es auf dem einsamen Felsen Schläfer,
die geweckt werden konnten ... Auch Federigo erhob sich jetzt von seinem
Niederknieen, hielt seine Hände durchs Gitter, zog den sich aufbäumenden Sultan
zärtlich an sich und suchte ihn zu beruhigen ...
    Inzwischen entdeckte Hubertus die Stelle, wo ein Eingang hinter dem Felsen
an der Meeresseite lag und wie dieser zu erreichen war ... Er entdeckte ein Bret
das von den Räubern aufgelegt und wieder weggenommen werden konnte und das den
Zugang zur Höhle bildete ... Das Bret stand an die Felsenwand gelehnt und musste
über eine Spalte gelegt werden, unter welcher ein tiefer Abgrund gähnte ...
Hubertus hatte Mühe, den Hund zurückzuhalten, der schon Miene machte,
hinüberzuspringen ...
    Glücklicherweise schwieg jetzt Sultan und winselte nur vor Begier, über die
furchtbare Lücke zu kommen! ... Hubertus legte das Bret sorgfältig auf und
konnte auf eine andere Kante des Felsens gelangen, auf welcher sich bequem bis
zu jener dem Meere zu gelegenen Öffnung gehen liess, die in halber Manneshöhe
den Eingang bildete ...
    Da fand denn Hubertus seinen Reisegefährten, den Pilger von Loretto ... Er
fand den greisen, einem Schatten ähnlichen Bewohner dieses grausamen Behälters,
eines Nestes für Raubvögel - fand ihn in den Umarmungen seines Tieres, die
Augen voll Tränen und sprachlos vor Bewunderung und Freude ...
    Zu Verständigungen war keine Zeit gegeben ... Hubertus, gleichfalls vom
Pilger sofort als der Gefährte jenes deutschen Mönches Klingsohr erkannt,
drängte zu sofortiger Flucht ... Lasst mich hier sterben! sprach Federigo ...
Doch Hubertus zog ihn an die Öffnung und deutete auf Stimmen, die am Fuss des
Felsens ihm vernehmbar schienen ... Es ist die Welle, die brandet! sagte
Federigo und tastete schon unwillkürlich nach seinem Pilgerkleide, raffte einige
Wäsche zusammen und suchte seinen Stab ...
    Ich bringe Euch nach Rom! sprach Hubertus. Mich schicken Eure Befreier! Wer
weiss, ob diese Bösewichter, wenn ich auch den Kahn gewinne und allein entfliehen
wollte, Euch nicht inzwischen an einen andern Ort führen, falls ich auch morgen
mit der Küstenwache hier einträfe und Euch abholen wollte ... Kommt lieber
sogleich! ... Ihr habt Recht, nur die Brandung ist's! ... - Wohlan - Gut Heil -!
...
    Hubertus half dem Greise zusammenraffen, was um ihn her ausgebreitet lag und
nur irgend rasch zu erfassen war ... Selbst die Decken, auf denen er schlief,
bürdete er sich auf; die Papiere, auf die ihn Rucca so ausdrücklich verwiesen
hatte, ballte er zusammen ... Der Hund hüpfte und tänzelte nur um beide her und
schon waren sie zur Öffnung hinaus, schon schwankte Federigo auf dem schmalen
Stege über die grausige Tiefe - schon rafften sie die andern Sachen zusammen,
die sie ans Gitter der grösseren Öffnung geworfen hatten, schon schickten sie
sich an, in eilendem Schritt den Felsenpfad hinunter zu entfliehen und das Ufer
und den Nachen zu gewinnen ...
    Das kluge Tier, gleichsam als merkte es die Vorsicht, die hier zu üben war,
begleitete sein Laufen und Wiederlaufen, sein Springen und Schmeicheln nur mit
einem leisen freudigen Winseln ... Aber dennoch war es auf dem Eilande lebendig
geworden ... Federigo hielt inne ... Lichter schwankten unterwärts am Gestade
auf und nieder, Fackeln leuchteten auf, Laternen ... Durch einen Spalt des immer
noch schroffen Gesteins sah Hubertus, dass der Knabe den Nachen verlassen hatte
und wahrscheinlich zum Lager der Räuber gegangen war und diese geweckt hatte ...
Vorwärts! Vorwärts! trieb er den Befreiten an ... Dieser folgte, sprach aber
besorgt den Namen Grizzifalcone's aus ...
    Wisst Ihr denn nicht, dass Euer Peiniger todt ist? flüsterte Hubertus ...
    Er ist todt - seit acht Tagen - wiederholte er dem Staunenden und setzte
hinzu: Und ich bin es selbst, der ihn erlegte ...
    Unglücklicher! rief Federigo voll Entsetzen über diese Tollkühnheit und die
mögliche Rache seiner Genossen ... Er hielt aufs neue seine Schritte an ... Nun
aber war schon der Weg zu schroff, als dass sein Fuss sich noch selbst regieren
konnte; er musste vorwärts wider Willen ...
    Indessen wuchs der Lärm an den Stellen, wo man Licht bemerkt hatte ... Nur
noch hundert Schritte waren die Fliehenden entfernt vom Nachen; dennoch konnte
der kurze Weg den Tod bringen ... Die Gefahr wuchs, als Sultan die
Herbeieilenden bemerkte, wütend zu bellen anfing und sich zum Angriff rüstete
... Schon sprang er einigen Männern entgegen, die mit Pistolen und Flinten,
halbnackt und schlaftrunken, von einem Felsenvorsprung her sich näherten ...
    Indessen hatte Hubertus den Nachen gewonnen und den ermatteten Federigo mit
Gewalt vom Ufer zu sich herübergezogen ...
    Sultan! Sultan! riefen beide im schaukelnden Kahne, den Hubertus schon
losband ...
    Da blitzte Pulver auf den Feuerröhren der Ankommenden auf, Schüsse fielen,
Kugeln sausten ... Darüber flog der Nachen vom Ufer ...
    Sultan, der nachsprang und von Federigo's ausgestreckten beiden Armen
nachgezogen werden sollte, sank unter, getroffen von einer Kugel, die seinem
Herrn gegolten ... Von der unruhigen Brandung geschleudert flog der Nachen
machtlos in die Weite ... Das treue Tier blieb auf dem Meeresgrund oder in der
Gewalt der Verfolger zurück ...
    Mit einem Schmerz, der sich in lauten Jammertönen kund gab, brach Federigo
auf dem Boden des Fahrzeugs zusammen - ...
    Ja - dieser wunderbaren Nacht mit ihrem Gefolge von Freude und
herzzerreissendem Leid musste jetzt Hubertus gedenken auf dem stillsten Orte der
Welt, in diesem einsamen Gebirgstal Calabriens, ruhend auf einem Stein, um den
selbst die Eidechsen und Käfer jetzt schliefen ... Bilder des Kampfes, Bilder
neuer Gefahren traten vor sein erregtes Gemüt ... Eine Ahnung, welche mit dem
von Neapel hinweggenommenen Eindruck der Falschheit zusammenhing, sagte dem
schlichten Mann, der alles, nur kein Menschenkenner war: Wenn sich Federigo's
ruheloses Leben erneuerte! Wenn der hochbetagte Greis in seinem düstern
Waldesdunkel nicht länger sicher bliebe! ...
    Seit jener Flucht vom Felseneiland bei Ascoli waren fast zwölf Jahre
vergangen ... Doch traten gerade heute alle Einzelheiten derselben vor die Seele
des einsamen, hier wie am Grabe der Natur wachenden Wanderers ... Er gedachte,
wie damals der erste Schmerz um den Verlust des wie man glauben musste todten
Tieres alles andere überwog - wie die Flüchtlinge damals sich vorstellen
mussten, wie oft der brave Sultan gefangen gewesen sein musste, um ein Jahr zu
brauchen, die Spur seines Herrn von Piemont bis zur Mark Ancona wiederzufinden
-! ... Und am Ziel seines edlen Naturtriebes1 musste das treue Tier
zusammenbrechen - ...
    Aber Hubertus gedachte nun auch, wie damals mit dem anbrechenden Tage die
Sorge wuchs und ihre Kräfte nicht mehr ausreichten, den Nachen zu regieren - wie
der Nachen ans Ufer getrieben wurde und die Landung neue Gefahren brachte, da
Federigo dem Vorschlag, sich den Grenzbeamten zu überliefern und nach Rom zu
fliehen, aufs allerentschiedenste widersprach, immer und immer als das Ziel
seiner vor dreiviertel Jahren unterbrochenen Pilgerschaft nach Loretto, das er
sich nur der Merkwürdigkeit und des allgemeinen Pilgerstromes wegen hatte
ansehen wollen, nur den Silaswald in Calabrien bezeichnete ... Wie erbebte noch
jetzt des guten Bruders Teilnahme unter der Erinnerung an die seltsamen Gründe,
welche für diese Reise damals Federigo angab und Hubertus wohl schwerlich
sämmtlich erfahren hatte - ...
    Die von Ceccone geleiteten Fäden der Verlockung der Bandiera in einen
Aufstand der Räuber hatten ebenso in Federigo's Händen gelegen, wie die jener
Mittel, durch welche sich Grizzifalcone die Erkenntlichkeit des Fürsten Rucca
erwerben wollte ... Jene Listen, welche er dem Räuber hatte schreiben müssen,
besass er - er warf sie zu Hubertus' Erstaunen zerrissen ins Meer ... Lebhafter
war Federigo's Drang, die Insurgenten in Korfu zu warnen ... Federigo hoffte
irgendwo eine Post anzutreffen, um einen Brief nach Korfu an die ihm
wohlbekannten Adressen der Emigration zu schicken ... Dies tat er dann auch ...
Um die Landung in Porto d'Ascoli zu hintertreiben, um vor den Namen zu warnen,
die bisher nach Korfu gleichsam als Einverstandene und zur Invasion Ermunternde
geschrieben hatten, ergriff er die erste Gelegenheit, um einige Zeilen
aufzusetzen ... Hubertus erfuhr, dass der Gefangene in jener Höhle Briefe, deren
Zusammenhang und Bestimmung er nicht kannte, anfangs harmlos geschrieben ... Als
er die Absichten ahnte, die ihm die unheimlichsten schienen, zwangen ihm nur
noch die furchtbarsten Qualen und Drohungen der von Cardinal Ceccone gedungenen
Räuber die Feder in die Hand - ...
    Eine Folge der, des unsichern Postganges wegen, mehrfach aufgesetzten, aber
in Korfu richtig angekommenen Briefe war dann die Landung der Bandiera in
Calabrien ... In jenem Briefe Attilio's, von welchem damals in Bertinazzi's Loge
sich Benno so mächtig hatte aufregen lassen, waren diese Mitteilungen
Federigo's sämmtlich wiedergegeben worden ...
    Langsam kamen der Gerettete und Hubertus, welcher sich von seinem neuen
Freunde nicht zu trennen vermochte, durch die Abhänge des Monte Sasso und durch
die Abruzzen ... Endlich erreichten sie jenen alten Wald, in welchem Federigo
seine Tage beschliessen wollte ... Die religiösen Gespräche des Pilgers, seine
genaue Bekanntschaft mit jenem deutschen Landstrich, wo Hubertus soviel Freude
und Leid erfahren, des Pilgers Bekanntschaft mit soviel Personen, die in die
schmerzlichsten Schicksale seines Lebens verwickelt waren, fesselten ihn in dem
Grade an den deutschen greisen Sonderling, dass er sich nicht mehr von ihm
trennen mochte ... Durch ihn liess er dann an Lucinden nach Rom schreiben, bat
sie, seinen Aufentalt vorläufig noch dem Cardinal und dem Fürsten Rucca zu
verschweigen, fügte hinzu, sie möchte ihm insgeheim von seinem General die
Erlaubnis erwirken, in San-Firmiano, einem Franciscanerkloster, bleiben zu
dürfen, das glücklicherweise in der Nähe des Ortes lag, wo sich Federigo seine
Hütte gebaut ... Sein früherer Pflegling, Pater Sebastus, war genesen und hatte
eine seinen Wünschen entsprechende Stellung gefunden ... Lucinde vermittelte
alles, was er wünschte und seine Bitte wurde gewährt ...
    Durch eine wunderbare Fügung des Zufalls traf es sich auch, dass gerade dies
plötzliche Verschlagenwerden nach dem Süden Italiens zugleich die Anknüpfungen
an eine so lange von Hubertus verfolgte Absicht bot, sein von Brigitte von
Gülpen ererbtes Vermögen dem verhassten Kloster Himmelpfort zu entziehen und
zweien Personen zuzuwenden, die ihm seine von Gott ihm auf die Seele gebundenen
Kinder schienen, da sie einst in seinen Armen gerettet blieben bei jenem
verzweifelten Sprunge aus der Höhe eines brennenden Hauses in Holland ...
    Einer derselben hatte seine Güte nicht verdient ... Und doch hatte wiederum
Jân Picard, damals Dionysius Schneid genannt, aus dem Brand von Westerhof von
ihm gerettet werden müssen ... Andertalb Jahre war es damals her, dass Löb
Seligmann am Eingang zur Kirche des Klosters Himmelpfort jenes furchtbare
Krachen gehört und im Todtengewölbe Licht gesehen hatte ... Damals benutzte
Hubertus die gerade noch im Bau begriffene Begräbnissstätte des Kronsyndikus, um
den mutmasslichen Brandstifter im Todtengewölbe der Kirche zu verbergen ... Die
mächtige Marmorplatte, auf welche Namen und Würden des Geschiedenen gemeisselt
werden sollten, liess er oberhalb der Grube niederfallen, in die sein damals noch
unwiderstehlicher Arm den Verwundeten über die hinunterführende Leiter trug ...
Für einige Augenblicke machte er dann Licht und bereitete unter den Särgen dem
Kranken ein Lager ... Seine Drohungen musste Jân Picard aus einem so
entschlossenen Munde für Ernst nehmen ... Drei Tage und drei Nächte verpflegte
ihn Hubertus, ohne in den Verstockten dringen, ganz seine auf Westerhof
vollführte Tat erforschen zu können ... Sein Interesse für Terschka, seine
Sorge für den auf seiner Zelle und unter des Pater Maurus' Zucht verzweifelnden
Klingsohr bestimmten ihn, diese Last sich je eher je lieber abzuschütteln ...
Lucinden hatte er das Wort gegeben, ihn nicht zu verraten ... Zugleich
vertraute er dem Ton der Verstellung, die von einer dumpfen Bigotterie, die in
Picard lebte, unterstützt wurde, nahm von ihm das Gelöbnis der Besserung
entgegen, liess den gegen religiöse Eindrücke nicht Verschlossenen bei einem der
auf den Gräbern angebrachten Kreuze schwören und vertraute dem Versprechen, dass
der Zögling der Galeeren nach Amerika auswandern und dort mit Hülfe der grossen
Summe, die er ihm für diesen Fall bestimmt hatte, ein neues Leben beginnen wolle
... Diese Summe, vor kurzem erst erhoben, trug Hubertus in Papieren bei sich ...
Die Ueberraschung und Geldgier des Räubers nahm die Form einer Dankbarkeit an,
die aufrichtig schien ... Picard vermass sich hoch und teuer, an den Ufern
irgend eines der Ströme Amerikas Grundbesitz kaufen und sein Leben hinfort nur
noch der Reue und Arbeit widmen zu wollen ... Nach einigen Tagen, während ihn
Hubertus unter den Särgen verpflegt hatte, brachte er ihn mit grösster
Behutsamkeit auf den Weg nach Bremen ...
    Picard ging, wie wir wissen, über London und geriet unter seine gewohnte
Gesellschaft ... Er vertat die für England nicht zu grosse Summe in kurzer Zeit
... Ohne Mittel, fiel er in seine frühern Gewohnheiten zurück ... Die
französische Sprache, deren er mächtig war, die anfänglich ihm so reich zu
Gebote stehenden Summen hatten ihn in Verbindungen gebracht, die weit über die
Sphäre gingen, auf welche seine rohe Bildung angewiesen war ... So war es
möglich geworden, dass er Terschka begegnete, den er von Westerhof kannte ...
Ohne sich ihm als Dionysius Schneid zu erkennen zu geben - seine kunstreichen
Perücken sind uns vom Finkenhof her bekannt - knüpfte er an die ihm von Hubertus
ausgesprochenen Vermutungen über Terschka's Person an, erinnerte an ihre
gemeinschaftlich bei einem Müller, später bei einem Scharfrichter verlebte
Jugendzeit und hatte, da sich Terschka, trotz der lockenden Aufforderung, die
sein Jugendgespiele an ihn richtete, er sollte sich getrost die auch ihm
bestimmte Summe vom alten Jugendkameraden, Franz Bosbeck, dem jetzigen
närrischen Mönch Hubertus kommen lassen, befremdet und höchst entrüstet zeigte
und diese Reden zurückwies, die Frechheit, Terschka's Rock- und Hemdärmel
aufzureissen und ihm das holländische Brandmal der Verbrecher auf seinem Arm zu
zeigen ... Terschka, nun zum Schweigen verurteilt, kämpfte mit sich, was er
tun sollte ... Hubertus war nach Italien gegangen; eine Correspondenz mit dem
in Rom auf San-Pietro in Montorio Verweilenden war nicht möglich, ohne sein
Geheimnis noch mehr zu compromittiren; - die grosse Summe reizte ihn aber - für
ihn bestimmt war sie in Witoborn niedergelegt ... Terschka musste sie zu bekommen
suchen ...
    Einstweilen suchte sich Terschka Picard's selbst zu entledigen ... Die
Reihen der Emigrationen waren von je gemischt ... Mit dem Schein des politischen
Flüchtlings umgibt sich der betrügerische und flüchtige Bankrottirer, der Spion,
der falsche Spieler ... Unter den verbannten Karlisten und Sicilianern gab es
Charaktere, für deren erste Lebensanfänge niemand gutsagen konnte ... Nicht nur
Ceccone's Intrigue, die Intrigue der meisten Regierungen ging in England dahin,
irgendwie in das innere Getriebe der Conspirationen einzutreten. Zu Horchern und
Provocatoren geben sich dann reine Charaktere nicht her - so mussten sich den oft
phantastischen und der Welt unkundigen Edelgesinnten Betrüger zugesellen ... Das
grosse Weltgewühl erschwert die gegenseitigen Prüfungen ... Picard, der seit
Jahren schon verschiedene Namen geführt und in den abwechselndsten Lagen gelebt
hatte, schloss sich den für Malta und Korfu geworbenen entschlossenen
Revolutionären an ... Boccheciampo, ein ehemaliger sicilianischer Bravo, ging
wie jeder andere Flüchtling unter einer Mehrzahl unbescholtener und den reinsten
Ueberzeugungen lebender Männer .... Diesem schloss sich Picard an ... Mit
goldenen Ringen, Uhrketten überladen, nannte er sich einen Belgier van der
Meulen ... Boccheciampo leitete jene Intrigue des Cardinals Ceccone, der zufolge
mit den römischen Invasionen der Flüchtlinge, um sie zu compromittiren, die
Räuberelemente der Mark Ancona und der Abruzzen verbunden werden sollten ... Van
der Meulen reiste mit Boccheciampo über Gibraltar und Malta nach Korfu ... Hier
musterten die Bandiera ihr Fähnlein und beurteilten es im besten Vertrauen auf
die Bürgschaft der londoner Absender ... Schon sollte ein von ihnen gemietetes
und commandirtes Schiff nach Porto d'Ascoli in See stechen, als die Briefe des
von Hubertus befreiten Federigo ankamen und die Insurgenten vor einer ihnen
gelegten Falle warnten ... So spielte sich der Schauplatz der demnach schon im
Keim hoffnungslosen Unternehmung auf eine andere Stelle Italiens, wo eine
gleichzeitige Erhebung Siciliens in Aussicht gestellt wurde ...
    Hier offenbarten sich die schlechten Elemente, die sich unter den
Insurgenten befanden2... Mit der dreifarbigen Fahne marschirten die
Verschworenen, die in Punta d'Allice landeten, über Rossano auf Salerno zu, wo
gleichfalls eine Erhebung angesagt war ... Aber im Gegenteil; vorbereitet fand
man überall nur den Widerstand; sämmtliche Bürgergarden waren einberufen ...
Wuchs auch der Haufen der Insurgenten von Ort zu Ort, so konnte er doch die
erste Begegnung mit regulären Truppen nicht aushalten ... Die Trümmer des
zersprengten Corps suchten Schutz auf dem hohen Kamm der Apenninen ...
    Hier irrten sie bis auf die höchsten Gipfel und bis da hinauf, wo im
schmelzenden Schnee die Ströme des Neto, Leso, Arvo ihren Ursprung nehmen ...
Hubertus erfuhr im Kloster, dass die Bandiera mit zwanzig ihrer Angehörigen in
jene Schlucht gedrungen waren, wo unter den Bluteichen Frâ Federigo seine Hütte
erbaut hatte ... Unruhig, ob sich die Nachricht bestätigte, dass von Spezzano aus
eine Militärcolonne in den Wald rücken sollte, verliess Hubertus sein Kloster,
ging die Windungen des Neto entlang und begegnete zweien zerlumpten, Banditen
ähnlichen Männern, die in Eile daherlaufend und sich scheu umblickend ihn
anriefen: Sind in San-Giovanni Soldaten? ... Kaum waren sie so nahe, um unter
seine Kapuze zu blicken, so wandte sich der eine ... Die Stimme, die Hubertus
gehört, schien ihm bekannt; der flüchtige Blick hatte ihm eine selbst in solcher
Verwilderung erkennbare Physiognomie ins Gedächtnis gerufen ... Das ist ja
Picard! sagte er sich mit dem höchsten Erstaunen und beflügelte seine Schritte,
die Flüchtigen einzuholen ... Je lebhafter sie von ihm verfolgt wurden, desto
schneller eilten sie vorwärts ... Bei San-Giovanni machten sie einen Umweg und
schlichen unterwärts durch die Kornfelder ... Hubertus folgte rastlos; zumal da
er sah, wie sie sich furchtsam die Mauern entlang drückten und den Schutz der
Gärten suchten ... Es ist Picard! wiederholte er sich. Picard, den ich in
Amerika glaubte! Picard, der die Kraft meines Armes fürchtet! ...
    Der Ideenkreis unsres guten Hubertus war klein - aber klar trat ihm Picard's
Teilnahme an jener von Porto d'Ascoli aus irregeleiteten Unternehmung vors Auge
... Eine Gefahr, sowol für die ihm durch Federigo's Mitteilung
bemitleidenswert gewordenen Brüder Bandiera, wie für Federigo, welcher die der
deutschen Sprache Kundigen vielleicht gastlich aufgenommen - stand lebhaft vor
seinen Augen ... Ahnend, dass die Flüchtlinge trotz der Soldaten ausdrücklich
Spezzano suchten, schnitt er ihnen bei seiner schon gewonnenen Terrainkenntniss
den Weg ab ...
    Inzwischen kletterten die Flüchtlinge aus der Tiefe, die keinen Weg mehr
bot, zur obersten Saumtierstrasse empor ... Hier erwartete sie jedoch schon der
schreckhafte Mönch, ein Knochenskelett ... Hubertus trat ihnen mutig entgegen
... Picard! rief er, noch zweifelnd; aber Picard war es, er erkannte den Räuber
... Zurückbebend sagte dieser, und zum Tod erschrocken, in deutscher Sprache:
Jesus Maria! Seid Ihr es, Bosbeck? Ich glaubte Euch in Rom! Dort wollt' ich Euch
aufsuchen! Steht uns bei! Wir müssen nach Spezzano ... Sind Soldaten in
Spezzano? unterbrach der andere auf italienisch ... Picard fuhr fort: Ist alles
vorüber, Alter so erzähl' ich Euch, wie schlecht es mir am Ohio gegangen ... Und
wieder rief mit wildem Ungestüm der andere: Sagt rasch, rasch, rasch; sind
Soldaten in Spezzano? ...
    Was wollt ihr mit Soldaten? antwortete Hubertus, der wohl begriff, dass des
Italieners Worte nach Soldaten ein Verlangen nach ihnen und keine Besorgnis
ausdrückte ... Sie werden euch fangen -! setzte er forschend hinzu. Gewiss seid
ihr von der Bandiera-Bande aus Korfu ...
    Das mag recht sein! erwiderte der andere - es war Boccheciampo ... Aber nur
schnell! Schnell! Führt uns auf dem kürzesten Wege nach Spezzano! ...
    Aus Dem, was die atemlosen und erschöpften Männer sonst noch vorbrachten,
ersah Hubertus, dass sich beide von den übrigen Flüchtlingen getrennt hatten,
sich mit den ausgestellten Posten der bewaffneten Macht in Verbindung zu setzen
hofften und ohne Zweifel einen Zug anzeigen wollten, welchen, wie er erfuhr, der
Rest der Insurrection von den Bluteichen aus diese Nacht über den Kamm der
Montagne delle Porcine hinweg unternehmen wollte, um den Meerbusen von Squillace
und von dort die See zu gewinnen ... In San-Giovanni di Fiore, hörte er, würde
dieser Zug um Mitternacht ankommen und leicht von den Truppen aufgehoben werden
können, wenn diese ihm nicht sofort bis zu den Bluteichen entgegengehen wollten
... Hubertus sah die verräterische Absicht ...
    Diesen Zug wollt ihr angeben? fragte er und hielt schon Picard's Arm fest
...
    Picard kannte die Stärke des Mönchs und erblasste nicht wenig über die
funkelnden Augen, deren unheimliche, einer Kraftentfaltung vorausblitzende Macht
er aus seinen Jugenderinnerungen heute zum zweiten mal wieder erkennen sollte
...
    Mit dem Narren in die Hölle! rief Boccheciampo, Hubertus' Gesinnung ahnend,
zog ein Pistol und ergriff zu gleicher Zeit Picard's Arm, um seinen Gefährten zu
befreien und ihn sich nachzuziehen ...
    Einen Augenblick fuhr Hubertus vor dem Pistol zurück, sah auch, mit einem
zuckenden Blitz des Auges, dass Picard mit der Linken ein blankes Messer aus
seinen Lumpen zog ... Doch schon hatte den wilden Mönch der Anblick zweier
Bösewichter, die, um den Preis ihrer eigenen Freiheit, andere ins sichere
Verderben ziehen wollten, zur Wut entflammt ... Seine Hand drückte Picard's Arm
so mächtig, dass dieser aufschrie und seinen Arm für gebrochen erklärte ...
    Hubertus suchte am Felsen seinen Rücken zu decken, ohne dabei Picard's
rechten Arm loszulassen ...
    Lasst mich! schrie dieser, drängte vorwärts und drohte mit seinem blitzenden
Messer in der Linken ... Wie ein dem Ertrinken Naher, mit der ganzen
fieberhaften Kraft, deren selbst die Feigheit fähig ist, wenn sie sich vor
äusserster Gefahr zu retten sucht, suchte sich Picard loszuwinden und dem
Italiener zu folgen, dessen Pistol sich jetzt zur Mehrung seiner Wut als nicht
geladen erwies ...
    Nun musste Hubertus auch Boccheciampo abwehren ... Alle drei rangen ...
Hubertus gegen zwei ... Immer näher kam der wilde Knäul dem jähen Abgrund des
Felsenweges ... Mit verzweifelnder Anstrengung wollten sich die Ringenden der
andern Seite zuwenden, wo die Felswand wieder höher emporstieg ... Da riss sich
mit einer höhnischen Lache Boccheciampo plötzlich aus dem Knäul los, stürzte die
andern vom Rand des Weges in die Tiefe und entfloh ...
    Mit einem gellenden Schrei suchte Picard sich im Fall zu halten - Vergebens;
die beiden Sinkenden glitten tiefer und tiefer ... Unten rauschte die wilde Flut
des Neto ... Hubertus hielt sich an einer hervorragenden Strauchwurzel - ein
Moment - und er hörte, dass Picard, der die Besinnung verloren hatte,
unaufhaltsam in die zuletzt nur noch schroff sich absenkende Tiefe stürzte ...
    Eine Besinnung, eine Entschlussnahme war anfangs auch für Hubertus nicht
möglich ... Eine Viertelstunde verging, bis er so viel Kraft gesammelt hatte, um
sich wieder auf die Strasse hinaufzuarbeiten ... Da hörte er in der Ferne Schüsse
... Als er auf die Strasse kam, hatte sie ein Piket Soldaten besetzt und hielt
Boccheciampo gefangen ... Auch den Mönch nahm man mit und liess ihn streng
bewachen ...
    In der Nacht krönte sich Boccheciampo's Verrat ... Aus dem Turm zu
San-Giovanni, in welchen Hubertus, ohne die Flüchtlinge warnen zu können,
gefangen gesetzt wurde, vernahm er, wie oberhalb Firmiano's, wo ein einsamer,
unbekannter Waldweg über den höchsten Gebirgskamm führt, ein kurzer
verzweifelter Kampf der kleinen Schaar stattfand, die auf ihrem Wege gekreuzt
und zuletzt gefangen genommen wurde ... Boccheciampo hatte den Soldaten die
richtige Anzeige ihres nächtlichen Zugs gemacht ... Man führte die Verlorenen
nach Cosenza - ...
    Auch Frâ Hubertus wurde später dortin abgeführt ... Der Erzbischof nahm
sich des Klerikers an, berichtete an den General der Franciscaner nach Rom und
wieder kam die Weisung, den Worten des Bruders Hubertus vollen Glauben zu
schenken und ihm jede Nachsicht zu gewähren ... Die Nachforschung nach dem
verunglückten Gefährten des mit Pension nach Stromboli geschickten Boccheciampo
geriet ins Stocken ... Einige Wochen nach Hinrichtung der Bandiera, kam
Hubertus auf freien Fuss ...
    Wie Hubertus erst heute wieder jene Stelle des Ringkampfs gesehen, wie er
jetzt zu jenem Felsenpfade über sich emporblickte, der damals ein Todespfad für
zwanzig Menschen geworden war, brachte ihm die bange Stimmung seines Gemüts in
voller Gegenwärtigkeit auch den Augenblick zurück, wo er damals, nach Entlassung
aus seiner Haft in Cosenza, von jenem Kreuze aus, das er am verhängnisvollen
Orte vom Sindico zu San-Giovanni auf Befehl der Regierung errichtet fand, ein
Wagstück vollführte, welches allen, die davon erfuhren, unglaublich erschien ...
    Mit Stricken, Hacke und Beil stieg der Tollkühne am schroffen Felsabhang
nieder und suchte dem Opfer beizukommen, das dort unten noch im feuchten Schose
des an jener Stelle von Menschenfuss noch nicht berührten Neto ruhte ...
    Im Ringen hatte Hubertus bemerkt, dass Picard unter seinen zerlumpten
Kleidern ein Portefeuille trug, auch Geld und Geldeswert bei sich hatte ... An
letzterm lag ihm nichts; im erstern aber fand er vielleicht Aufklärungen über
die ihn wahrhaft empörende und mit höchstem Zorn erfüllende Täuschung, der er
sich hingegeben vor noch nicht zwei Jahren, als er glaubte, Picard wäre nach
Amerika gegangen ... Nur eine so von frühster Jugend gehärtete, an jede
Lebensgefahr gewöhnte Natur, wie die seinige, konnte die Schwierigkeit dieser
Unternehmung überwinden ... Hundertmal glitt sein halbnackter Fuss am zuletzt
völlig senkrechten, glücklicherweise strauchbewachsenen Abhang aus ... Nichts
hielt dann die Wucht des Körpers, als ein Zweig, eine Wurzel, welche die schon
blutig zerrissene Hand unterstützte ... Wo ein hervorragender Stein oder ein Ast
kräftig genug schien, befestigte der Mutige mitgenommene Stricke, die den
Rückweg erleichtern sollten, falls sich aus der Tiefe der Schlucht selbst kein
anderer Ausweg bot ... Ganz allein, und ohne irgend einen Zeugen sich an diese
mutige Unternehmung wagend, kam Hubertus, blutend an Armen und Füssen, endlich
bei den an dieser Stelle gehemmten, in einem Kessel wildtobenden Fall des Neto
an ...
    Hoch spritzte der Schaum des von zerrissenen Felsblöcken zurückgeworfenen
Gewässers auf - weitab nur vom Rande des Strombetts liess sich an den Büschen
mühsam weiterklettern ... Die Kohlenaugen des alten Jägers spähten rundum ...
Hubertus fand, dass der Wildbach irgendwo ein Hemmniss hatte ... Von
Weissdornbüschen wildüberwuchert zeigte sich ein Vorsprung, um den das schäumende
Gewässer sich herumzwängen musste ...
    Endlich fand sich - unter den Büschen das Schreckbild einer zerschmetterten
und verwesten Leiche ... Der Kopf war schon unkenntlich, aber die andern Glieder
hatten sich noch unzerstört erhalten - die kühle Wasserluft verzögerte die
Auflösung ...
    Eine Weile währte es, bis Hubertus es wagte näher zu treten und den vollen
Anblick des Schreckens dauernd zu ertragen ... Ein Dolch, den er nach
Landessitte in seiner Kutte trug, schnitt die Kleider der Leiche auseinander ...
In den Taschen lag noch Geld, eine Uhr; die Brieftasche war nicht zu finden ...
Hubertus durchsuchte den ganzen Körper ...
    Das Portefeuille war verschwunden ... Ohne Zweifel war es beim Sturze aus
der Tasche geglitten ... Aber auf dem steinigen Grund der krystallenen Woge
blinkte Gold auf ...
    Hubertus blickte weiter um sich ... Da lagen auch Blätter Papier,
eingeklemmt in die spitzen Steine ... Die nassen Blätter gingen beim Aufnehmen
auseinander ... Hubertus sah, dass es Bruchstücke waren, die einem Pass oder einem
ähnlichen Document angehörten ... Wieder suchte er mit spähendem Auge ... sie
fanden sich, jetzt auch am Ufer, einzelne zerstreute Blätter ... Vom Regen und
vom Schaum des Neto waren sie so aufgeweicht, dass sie schon beim Aufnehmen unter
der Hand auseinandergingen ... Dennoch nahm er alles vorsichtig an sich und
wickelte es zum Trocknen in sein Taschentuch ...
    Nach langem Suchen dann nichts mehr findend, nahm er einige wild
durcheinanderliegende Steine, bildete in Manneslänge in der Erde eine Höhlung,
warf in sie die Reste des verwesten Körpers und bedeckte alles mit den Steinen
und buschigen Weissdornzweigen, die er mit dem Dolch abschnitt ... Uhr und Geld
nahm er in sein Bündel noch hinzu, sprach einen kurzen Segen und machte sich auf
den Heimweg, dessen noch gesteigerte Schwierigkeiten die Gewandteit seines
Körpers überwand ...
    Von jener Brieftasche fand sich nichts mehr - er durfte sich sagen, dass die
Papierreste, die er gefunden, hinreichten, um einem so kleinen Behälter schon
einen ansehnlichen Umfang zu geben ... Das Geld floss dem nächsten Opferstock an
der Kirche von San-Giovanni zu; die Uhr und die Papiere wurden bei passender
Gelegenheit für einen Besuch bei Federigo aufgespart ... Sie zu lesen
verhinderten - natürliche Schwierigkeiten ...
    Nicht zu oft durfte es Hubertus wagen, die Bluteichen zu besuchen ... Nur
dann ging er, wenn ihn zu mächtig die Sorge für den immer mehr verwitternden
Greis ergriff - nach einem stürmischen Wetter, nach einem Briefe, deren zuweilen
welche für Federigo - dann waren sie eingelegt an Hubertus - beim Guardian
einliefen; diese kamen von Rom und waren, wie Hubertus gelegentlich bemerkte, in
seltsamen Chiffern geschrieben ...
    Als den Mönch eines Tages wieder die Hütte seines Freundes mit seinem, dem
Leichnam abgenommenen Funde beherbergte, betrachtete dieser die Uhr mit
äusserstem Erstaunen ... Der Eremit erkannte sie für die seinige ... Nicht dass
sie ihm jetzt geraubt war, sie hatte ihm vor vielen Jahren gehört ... Dass Picard
sie aus dem Grabe des alten Mevissen gestohlen, konnte durch die Mitteilungen
des Mönches teilweise erraten werden - Hubertus wusste, dass Picard auf dem
Friedhof eines deutschen Dorfes ein Grab erbrochen hatte ... War es das des
alten Mevissen -? dachte Federigo. Welche Verwickelungen konnten dann entstanden
sein, falls sein Vertrauter an solchen Erinnerungen noch mehr in die Grube mit
sich genommen hatte! - ... Mit einer Aufregung, die Hubertus an seinem Freunde
sonst nicht gewohnt war, durchflog dieser die Papierreste, die sich in Picard's
Nähe gefunden hatten ... Ihr Inhalt schien ihn allmählich zu beruhigen ...
    Aus einigen Brieffragmenten ergab sich aber eine Beziehung Picard's zu
Terschka ... Sie hatten sich, das ersah man deutlich, in London gekannt ... Die
Briefe waren vorsichtig abgefasst und entielten sogar besonnene Mahnungen,
manche Ablehnung der Picard'schen Zudringlichkeit - Terschka's Ton war hier in
hohem Grade vertrauenerweckend - ...
    Die nunmehrige Entdeckung der Tatsache, dass sich Hubertus damals auf Schloss
Westerhof in Terschka's Person nicht geirrt hatte, nahm ihn trotz Terschka's
damals so schroffer Ablehnung für ihn ein ... Die Klage Terschka's über seine
eigene hülflose Lage, auch die zufälligerweise in diesen Briefen von ihm
ausgesprochene Reue über seine schnöde Behandlung des »guten Franz Bosbeck«, der
ihm so wohlgesinnt gewesen, alles das konnte Hubertus nicht hören, ohne an sein
noch in Witoborn bei einem Advocaten stehendes Geld zu denken ... Auch Federigo
kannte von Castellungo her den Lebenslauf Terschka's, kannte seinen Uebertritt
zu einer Confession, die an Federigo und den Waldensern der nur in jüngeren
Jahren fanatisch katolische Mönch zu achten gelernt hatte, und riet dazu,
diesen Wink des Schicksals zu beachten ... Wenn Hubertus doch einmal sein
Vermögen dem Kloster Himmelpfort entziehen wollte - und nach seinem Tode würde
Pater Maurus in Himmelpfort sich schon zu Gunsten seiner Ansprüche regen und
geltend machen, dass Hubertus nur als ein auf Urlaub befindlicher Mönch seiner
Provinz betrachtet werden konnte - so sollte er sich eilen, dem Erben, den er
sich nun einmal gewählt und der hoffentlich besser damit verfahren würde, als
Jân Picard, seine, wie man sähe, dringend ersehnte Hoffnung nicht zu entziehen -
Die Parteilichkeit, die Gräfin Erdmute für Terschka von jeher gezeigt, hatte
sich auch dem Einsiedler mitgeteilt ...
    Durch ihn, als Schreibkundigen, zugleich durch den wohlgesinnten Guardian
des Klosters Firmiano, leitete Hubertus eine Verhandlung mit den Gerichten im
fernen Witoborn ein, der zufolge Terschka die Summe, die er diesem gleich
anfangs bestimmt hatte, richtig in London ausgezahlt erhielt ... Es währte ein
Jahr, bis diese Procedur zu Stande kam ... Terschka's Dankesbriefe hoben nicht
wenig das Gefühl des alten Mannes, der sich einer guten Tat bewusst war und oft
mit Schmerz von seinem Schicksal sprach, das ihn gerade über die, denen er Gutes
erweisen wollte, zum willenlosen und wie von Gott bestimmten Richter machte ...
    Die Rätsel, die den deutschen Pilger umgaben, hatten sich für Hubertus nur
teilweise gelüftet ... Bald nach dem Vorfall mit jener Uhr, einem
Zusammentreffen, das Federigo am wenigsten aufklären mochte, kam das Ende des
treuen Sultan, der, von seiner Wunde geheilt und einen Augenblick die Freiheit
nutzend, seinem Herrn wieder bis auf mehr als funfzig Meilen gefolgt war und am
Ziel seiner Sehnsucht durch den Pfarrer von San-Giovanni so misverständlich sein
Ende finden musste3...
    Lebhafter denn je gedachte Hubertus heute der Folgen, welche damals eine an
sich so entschuldigte Tat des edlen Paolo Vigo nach sich zog ... Er gedachte
seiner Klagen damals, als sein zufälliger Ausgang aus dem Kloster, um zu
terminiren, ihn nach San-Gio führte, ein Volkshaufe um den verendenden Hund
stand, er ihn erkannte, ins Kloster trug, ganz so, wie zuweilen Sanct-Philippo
Neri, mit dem ihn Klingsohr so oft verglichen, abgebildet wird ... Paolo Vigo
erfuhr die Geschichte des Hundes, war davon aufs tiefste ergriffen und besuchte
den Eremiten unter den Bluteichen, gleichsam um seine rasche Tat zu
entschuldigen ... So knüpfte sich zuletzt eine Freundschaft, die auch ihn ins
Strafkloster Firmiano brachte ...
    Hier aber zeigte sich die gute Wirkung solcher Nachbarschaft ... Jähzorn,
Völlerei, alle Leidenschaften, von denen das Amt des Priesters geschändet wird,
fingen dort allmählich zu verschwinden an ... Nicht genug konnte der Guardian,
ein milder gutgesinnter Mann, nach Cosenza rühmen, wie sich seine Pfleglinge
gebessert hätten ... Schickte man aber eben deshalb schon seit lange niemanden
mehr her? ... Nahm man eben deshalb niemanden mehr fort? ... Es war, als wenn
dies stille Waldkloster in der Welt vergessen war ... Hatte Hubertus Recht
getan, so ausdrücklich die Jesuiten an die Existenz desselben zu erinnern? ...
    Gerade Diesem vorzugsweise nachdenkend, hörte Hubertus jetzt die Uhr des
Klosters die vierte, d.i. die elfte Stunde schlagen und machte sich, von Unruhe
getrieben, noch früher auf den Weg, als er anfangs beabsichtigt hatte ... Ueber
die Höhen wehte ein frischer Nachtwind ... Noch eine halbe Stunde brauchte er,
bis er am Klostertor die Glocke zog ...
    Hier sollte ihn aber dann sogleich ein glücklicher Zufall begrüssen ... Es
war Paolo Vigo selbst, der heute den Pförtnerdienst verrichtete ... Eine edle
Gestalt voll ernster Würde, mager, abgezehrt, begrüsste ihn ... Der Pförtner trat
Hubertus mit dem frohesten Willkommen entgegen ...
    Hubertus sah ihn voll Erstaunen, band sich seine beim Steigen losgegangene
Kuttenschnur fester und sprach:
    Das muss ja dem Guardian ein Traum eingegeben haben, Euch gerade heute an die
Tür zu stellen! Ihr seid noch wach? Ich bitte Euch, bleibt es ja! ... Weckt
unsere Schlafsäcke die Matutin, so lasst Euch nur vom Guardian auf der Stelle
Urlaub geben - ...
    Nicht wahr? Um unsern Vater aufzusuchen -? ... fiel Paolo Vigo mit
lebhaftester Erregung ein ... Ich konnte mir doch denken, dass Ihr gerade zum
zwanzigsten August wieder zurücksein würdet ...
    Zum zwanzigsten August -? ... Verderbt mir den Willkomm nicht! entgegnete
erschreckend Bruder Hubertus ... Bei Sanct-Hubert! Wo hatt' ich meinen Kalender!
... Haben wir heute den heiligen Rupert und bei Witoborn die ersten Schnepfen -
-! Und ich - ich - - Esel -! ...
    Morgen ist doch Sanct-Bernhard! bestätigte Paolo Vigo. Wisst ihr das nicht -?
... Ich stehe wie ein Soldat auf Schildwacht und bitte Gott, mir eine gute
Ablösung zu geben ... Ihr seid voll guter Anschläge, Bruder; sagt, wie fang' ich
es an, sofort zu den Bluteichen zu kommen! ... Drei Nächte hatt' ich denselben
Traum und keinen guten mein' ich ... Ich hörte an meiner Zelle kratzen, wie von
einem Hunde, der herein wollte ... Ich sah im Geist den guten Sultan vor mir ...
Oeffnete ich dann, so fand ich nichts - ... Dreimal das hintereinander! - Ich
glaube an solche Dinge nicht - aber ich meine doch - Federigo ist krank oder es
geschieht ihm sonst nichts Gutes - ...
    Der heilige Bernhard ist morgen -! sprach Hubertus dumpf und vor sich
hinsinnend, immer besorgter und im Ton des härtesten Vorwurfs gegen sich selbst
... Leb' ich so in den Tag hinein! ... Ihr träumtet vom Sultan? Und ich träume
schon seit Neapel von nichts, als von Wölfen, die an den Bluteichen eine
Lämmerheerde fressen ... Wisst Ihr hier denn auch nicht, warum unser San-Giovanni
drüben so voll Soldaten steckt? ...
    San-Giovanni? ... entgegnete Paolo Vigo bestürzt ...
    Euer Pfarrhaus und alle Scheunen sind voll .... Auch in Spezzano siehts wie
im Lager aus ... Ist morgen Sanct-Bernhard -! ...
    Glaubtet Ihr, dass ich um irgendetwas Anderes Urlaub wünschte, als um an
diesem Tage - Nun Ihr wisst doch, dass ich jedesmal, wo ich an diesem Tage nicht
bei den Bluteichen war, erklärte, ein Jahr aus meinem Leben verloren zu haben -!
...
    Hubertus hatte sich inzwischen durch die niedrig und rundbogig gewölbten
Gänge zum Refectorium begeben, wo noch auf dem Speisetische die Lampe brannte
... Paolo Vigo folgte ihm in den anmutig kühlen, von kleinen gewundenen Säulen
arabischen Geschmacks getragenen Raum ... Ein Schrank entielt die Vorrichtung,
sich zu einem hier immer bereitstehenden Kruge voll Wein durch Drehen eines
Hahns frisches Quellwasser zur Mischung zu verschaffen ... Das Wasser tröpfelte
hörbar von den oberen Bergen zu ... Hubertus war erschöpft; Paolo füllte einen
der im Schrank stehenden hölzernen Becher mit Wein und Wasser und erwartete vom
so schweigsam gewordenen Sendboten nähere Aufklärungen über Verhältnisse, die
beiden gleich teuer und wert waren ...
    Alles ringsum blieb still ... Nur die Wasserleitung tröpfelte geheimnisvoll
und lauschig in dem wieder geschlossenen Schrank ... Düstere Schatten warf die
matte Lampe durch die altertümliche Halle ...
    Briefe sind ja von Cosenza gekommen? ... fragte Hubertus, der die Meldung
der Ankunft Rosalia Mateucci's über die andern, ihm viel wichtigeren Dinge
vergessen hatte ...
    Briefe von Cosenza? Nein! Aber vom Sacro Officio aus Neapel! entgegnete
Paolo Vigo und setzte hinzu: Leider! Sie geben dem Guardian keine Hoffnung ...
Spracht Ihr denn nicht den Monsignore? ...
    Die bange Vorstellung, die den Alten schon lange beschäftigte, es könnte
einen Schlag auf Federigo und seine geheimverbundenen Anhänger gelten, trat mit
quälender Gewissheit vor seine vom mühevollen Wandern ohnehin erhitzen
Vorstellungen; aus fieberhaftem Blut steigen nach körperlichen Anstrengungen
Wahnbilder und krankhafte Gedanken auf ... Der zwanzigste August war seit zehn
Jahren in den fast unzugänglichen Schluchten des Silaswaldes ein Tag, wo anfangs
nur drei oder vier Männer, jetzt schon oft zwanzig bis dreissig mit ihren
Familien sich versammelten ... Hubertus äusserte seine entschiedensten
Besorgnisse und Paolo Vigo redete sie ihm keinesweges aus ... Schon berechnete
Paolo, ob nicht vielleicht die Einquartierung in seinem Pfarrhause Anlass geben
könnte, den Guardian um Urlaub zu bitten - ... Sinnend fuhr er fort, man müsste
doch morgen in erster Frühe in San-Giovanni hören können, was die Soldaten
wollen ...
    Was sie wollen - hm! hm! fiel Hubertus ein - Wenn ich an die lachende Miene
des Monsignore denke und denke an den Golf von Neapel, der im Sonnenschein
funkelt wie ein Paradies und doch den Vesuv im Leibe hat, so wird mir bange wie
einer Mutter um ihr Kind ... Der zwanzigste August! ... Mein Sohn, ich bitte
Euch, mich dem Guardian nicht zu melden ... Ich bin noch nicht angekommen ...
Hört Ihr! ... Lebt jetzt wohl! In drei Stunden bin ich an Federigo's Hütte und
schicke Jeden nach Hause, der etwa heute oder morgen kommen sollte, um für die
Seelen der armen Märtyrer Pascal und Negrino zu beten ...
    Guter Bruder! entgegnete Paolo Vigo ablehnend und erklärte auch seinerseits
zu dieser Warnung bereit zu sein ... Ihr mutet Euch ein Übermass zu ... O, dass
ich statt Eurer hinauffliegen könnte! ... Soldaten! sagtet Ihr? ... Ich sagte ja
gleich, dass der aus Neapel vom Sacro Officio angekommene Brief ebenso
hinterhaltig ist, wie schon lange das Benehmen des Erzbischofs von Cosenza ...
Und der Monsignore gab Euch in Nichts einen tröstlichen Bescheid? ...
    So artig war er, sprach Hubertus, wie Papa Kattrepel in meiner alten Stadt
Gröningen, der jeden Armensünder, wenn er ihm den Kopf abschlug, erst um
Verzeihung bat ... Lasst mich doch jetzt nur sogleich gehen ... Schon hör' ich
den Rumor da oben ... Mitternacht muss vorüber sein ... Geht! Geht! ... Ja, all
ihr Heiligen, dass ich es nicht vergesse! Bei Sanct-Hubert's Bart, wo hab' ich
meine Gedanken! Gütiger Gott, mach' auf mein Alter keinen Schwabenkopf aus mir!
... Mein Sohn, lasst Euch getrost Urlaub geben nach San-Gio! ... Da werdet ihr ja
eine Person finden, die viel lieber hat, Euch schon morgen wie sonst in Eurem
Hause oder beim alten Meister Pallantio die Polenta auf den Tisch zu stellen -
lieber, als den steilen Weg hieher zum Kloster erst heraufzuklettern -! ...
    Eine Person? Die Polenta? Wer? fragte Paolo Vigo und liess sich von Hubertus
die überraschende Begegnung mit dem keuchenden Pepe, mit Scagnarello, Rosalia
und Marietta Mateucci erzählen ...
    Gütiger Himmel! rief Paolo Vigo in doppelter Freude - ... Erst aus Liebe zu
seiner seit Jahren nicht gesehenen Schwester - dann um die Gelegenheit, nun auf
alle Fälle Urlaub zu bekommen ...
    Hubertus musste sich jetzt verstecken, wollte er unangemeldet bleiben ...
Schon ertönte die Glocke, welche die sämmtlichen Bewohner des Klosters weckte
und in die Kirche rief, wo sie singen mussten ...
    Während Paolo Vigo in grösster Ueberraschung, in Spannung und Rührung stand
und jedenfalls entschlossen blieb, den Guardian um die sofortige Erlaubnis zu
bitten, seiner geliebten Schwester und ihrem holden, von ihm noch nie gesehenen
Kinde entgegenzugehen und ausserhalb des Klosters übernachten zu dürfen,
schlüpfte Hubertus eine vom Refectorium in die Zellen führende enge Wendeltreppe
hinauf, um wo möglich, ehe die Frate kamen, seine Zelle zu erreichen und dort
sich zu verbergen ... Schon hörte man einen Mönch, der heute das Amt des Weckers
hatte, in einem entfernten Gange an die Zellentüren pochen ... Der Regel des
heiligen Franciscus gemäss rief er alle Schläfer aus ihren süssesten Träumen ...
    Hubertus erreichte glücklich und unbemerkt seine dunkle Zelle ... Sie war
nicht breiter und nicht tiefer, als zwölf Fuss, und entielt als Bett einen Sack
von Maisstroh - die Decke darüber war so grob wie seine Kutte ... Von
Glasfenstern war keine Rede; nur eine rohgezimmerte Holzjalousie schützte gegen
die im Winter oft schneidend kalte Luft ...
    Hubertus warf sich auf sein Lager ... Er hatte vor Uebermüdung jene
Empfindung, die ihn an die Zeiten erinnerte, wo auch er sich in Java an Opium
gewöhnt hatte ... Traumartige Bilder traten vor die wachen Sinne ... Alles
schwebte um ihn in Licht und Farbe und Licht und Farbe war auch wieder wie Musik
... So soll einem an Erstickung Sterbenden der Tod sein ... Gestalten, die ihm
wie Hexen hätten erscheinen dürfen, waren ihm jetzt freundlich und nickten ihm
mit süssem Lächeln ... Mit seiner noch nicht besonders geläuterten Religion
nannte Hubertus das die Triumphe des Teufels, den er namentlich auch beim
nächtlichen Chorsingen um zwölf Uhr Mitternacht gern in Tätigkeit wusste und oft
schon hinter dem grossen Missale mit seinem Hörnerkopfe als einen höhnischen
Mitsänger oder am Weihwasserkessel, den verunreinigend, erblickt hatte ... Er
rüttelte sich wach und horchte nur, ob der Lobgesang in der Kirche bald vorüber
sein würde ...
    Die Lampen in den Händen, schlichen die Mönche und geistlichen Züchtlinge
erdfahl und schlaftaumelnd durch die Gänge ... Hubertus, der auch hier schon
manchen Verschlafenen - wie oft sonst Klingsohrn! - um solche Stunde auf den
Armen in den Chor getragen hatte, lauschte dem öden Widerhall ... Endlich sangen
einige zwanzig Stimmen ... In einfacher Cantilene wurde ein Psalm vom Guardian
verlesen und seinen Worten an bestimmten Stellen von den andern respondirt ...
    Als nun wieder alles nachtstill geworden war und jeder auf seiner Zelle
wieder sein Lager erreicht hatte, erhob sich Hubertus von dem seinigen ... Hatte
Paolo Vigo Urlaub erhalten, so musste ein andrer Pförtner für ihn eingetreten
sein und jedenfalls erwartete ihn dann der Beurlaubte nirgend anderswo, als in
seiner eignen Zelle ...
    Letztere erreichte Hubertus ungesehen, trat bei Paolo ein und fand ihn in
der Tat bereit, das Kloster zu verlassen ... Auf die freudige Botschaft, seine
teure Schwester wäre in San-Giovanni, war ihm die Erlaubnis erteilt worden,
ihrem Besuch zuvorzukommen und sie, wenn ihn sein Herz dazu triebe, überraschen
zu dürfen ... Bleibt aber Ihr zurück! setzte Paolo Vigo bittend hinzu ... Alter,
Ihr seid zu erschöpft ... Und nur darin steht mir bei; geht morgen früh meiner
Schwester entgegen und haltet sie vom Kloster eine Weile entfernt, bis ich um
die achte Stunde von den Bluteichen in San-Gio wieder zurück sein und Euch Alle
bei meinem alten Messner Pallantio begrüssen kann - ...
    Wie zwei Jünger, die für ihren Meister ihr Leben zu lassen bereit sind und
um den Vorzug in den Beweisen ihrer Liebe streiten, so standen sie am offenen
Fenster und stritten, ob es nicht geratener wäre, Paolo Vigo überliesse den Gang
nach den Bluteichen, um die am Morgen dort Versammelten zu warnen, an Hubertus
und ginge lieber selbst nach San-Gio zur Ueberraschung für seine Schwester ...
    Mein Sohn! bat Hubertus ... An mir ist wenig gelegen ... ... Wenn aber Euch
zum zweiten Mal eine Strafe träfe, wie sie Euch schon einmal so lange Eure
Freiheit gekostet hat! ... Jetzt brächet ihr ja geradezu auch das Herz Eurer
Schwester! ... Sie versprach, am Morgen zum Kloster zu kommen ... Ihr liebliches
Kind wird Euch die Wange küssen ... Wagt nichts Neues wieder, nachdem Ihr schon
so lange gebüsst habt ...
    Paolo Vigo hatte jedoch den Geist empfangen, der in edlen Dingen den
Menschen unwiderstehlich zum Selbstopfer treibt ... Eine heilige Glut
durchloderte ihn, seine Augen funkelten, wie die Sterne über den leise
Flüsternden ... Er ergriff die Hand des Greises und sprach:
    Weiss ich doch nicht - ich ahne die letzte Stunde unseres Freundes ... Krank
ist er zum Tod schon seit lange und es geht das Gerücht, dass sein stilles Wirken
entdeckt ist ... Seit jenem letzten Brief, den Ihr aus Rom brachtet, muss eine
grosse Veränderung mit ihm vorgegangen sein ... Ich sah ihn seitdem nur einmal -
und da schon wollte er Abschied nehmen für immer, wogegen meine Worte kaum
aufkommen konnten ... Es schien, als wenn er eine wichtige Kunde aus der Welt
empfangen hatte, die ihn zur Auferstehung, zur Beendigung seiner
Einsiedlerschaft und zur Rückkehr ins Leben rief ... Schon aus freien Stücken
schien er gehen zu wollen und nun ahn' ich, er hätte besser getan, dieser
Regung zu folgen - ... Wenn man ihn heute holte, am Tage der Versammlung, ihn in
die Kerker der Inquisition würfe -! Lebt wohl, Alter -! ...
    Nicht ohne mich -! ... sprach Hubertus und blieb dem Unheilverkündenden
unabweislich zur Seite ...
    Mein Fuss ist jünger, als der Euere! bat Paolo und wollte nicht dulden, dass
Hubertus weiter, als bis an die Zelle des Pförtners folgte ...
    Während noch beide, und mehr mit Geberden als mit Reden, die ohnehin
geflüstert werden mussten, stritten, erscholl in einiger Entfernung ausserhalb des
Klosters ein klagender musikalischer Ton ... Er kam von einer Pansflöte, wie sie
hier die Hirten blasen ... Aus kleinen Rohrstäben ist eine einfache Scala
zusammengesetzt, die unter geübten Lippen eine in nächtlicher Einsamkeit
wohllautende Wirkung hervorbringt ...
    Horch! rief Paolo Vigo und bedeutete Hubertus, Acht zu haben ...
    Die Flöte blies eine Melodie ... Es waren die einfachen Töne eines
Kirchenliedes ...
    Tanto - Christo - amiamo! ... sprach Paolo Vigo mit Ueberraschung der
Melodie nach ... Es ist die Erkennungslosung der Freunde ... Man ruft uns ...
Seht ihr, eine Gefahr ist da ... O - mein Gott -! ...
    Auch Hubertus lauschte voll höchster Betroffenheit und räumte ein, so könnte
sich nur ein Verbündeter zu erkennen geben ...
    Herüber von der Mauer des Klostergartens tönte die sanfte Flöte fort und
fort ... Sie blies das alte Waldenserlied »Tanto Christo amiamo -« zu Ende ...
    Pater Cölestino! rief nun schon Paolo Vigo mit starker Stimme in eine
Öffnung, die aus dem Corridor in die Zelle des Pförtners führte ... Ich gehe
... Bemüht Euch aber nicht ... Ich öffne schon ... Gelobt sei Jesu Christ! ...
    Amen! rief Pater Cölestino von drinnen her und liess getrost den Beurlaubten
den Riegel selbst zurückschieben ... Nur langsam erhob er sich, um ihn wieder
anzuziehen ...
    Doch auch Hubertus war inzwischen schon ungesehen entschlüpft und kaum
konnte Paolo Vigo ihm folgen ...
    Mit raschen Schritten gingen beide dem Orte zu, wo aufs Neue unausgesetzt
die Melodie der Hirtenflöte ertönte ...
    Endlich, an einem breitastigen, der Klostermauer sich anschmiegenden
türkischen Haselnussstrauch entdeckten sie einen alten Hirten und einen Knaben
... Letzterer war es, der die Flöte blies ...
    Der Hirt war ein wohlbekannter alter Freund ... Er gehörte zu den Nachkommen
des von den Waldensern hochgefeierten Negrino4... Ein äusserlich schlichter, doch
kluger und allgemein geachteter, auch wohlhabender Ziegenhirt, der alte Ambrogio
Negrino aus San-Gio ... Oft reiste der schlichte Mann mit seinen Heerden bis
Salerno und trieb einen einträglichen Handel mit den Gerbern selbst von Palermo
und Messina ... Heute, als Hubertus in seinem Hause vorsprechen wollte, hatte
man ihn auf der Messe zu Rossano geglaubt ... Inzwischen kam er heim und hatte
Veranlassung gefunden, sofort wieder die Flinte überzuwerfen, mit seinem
jüngsten Sohn Matteo aufzubrechen und, wie er ankündigte, nach den Bluteichen zu
eilen ...
    Ihr Herren! rief er den Ankommenden entgegen. Gott segn' es, dass ihr kommt!
... Ich sage euch! Es gibt eine grosse Gefahr für unsern Vater Federigo ... Die
Soldaten in San-Gio wissen von nichts, als von Morden, Brennen und
Gefangennehmen ... Und wen? - Das haben Offiziere im Weinrausch ausgeplaudert
... Um vier Uhr brechen sie auf und umzingeln die Bluteichen - ... Ueber den
Aspropotamo her kommen die andern - ... Wer mag ihnen verraten haben, dass heute
der zwanzigste des Monats ist! ... Bleibt daheim - Herr Pfarrer, und auch ihr,
guter Hubertus ... Nur deshalb raubte ich euch die Nachtruhe, weil ich euch
warnen wollte, falls euch der Geist getrieben hätte, heute auch an den Eichen zu
erscheinen ...
    Nimmermehr, wir gehen mit Euch! fielen Hubertus und Paolo Vigo in banger
Besorgnis ein ...
    Beide achteten der Bitten Ambrogio Negrino's nicht ... Sie verharrten dabei,
sich ihm anschliessen zu wollen - ... Unwiderstehlich zöge sie ihr Verlangen, dem
greisen Freunde in einer Stunde so grosser Gefahr nahe zu sein ... Ohne Clausur,
wie sie eben waren, wollten sie die glücklicherweise ihnen zu Gebote stehende
Freiheit nach dem Bedürfnis ihres Herzens benutzen ...
    Matteo! rief Paolo Vigo dem nach San-Gio zurückgeschickten Knaben nach; geh
sogleich zu Meister Pallantio, meinem Küster, wecke die Signora, die diesen
Abend bei ihm angekommen ist und sprich zu ihr: Sie sollte unter keinerlei
Antrieb morgen hinauf nach San-Firmiano gehen ... Morgen in erster Frühe, so
Gott will, um acht oder neun Uhr würd' ich schon selbst bei ihr vorsprechen -
...
    Ambrogio Negrino unterbrach:
    Heiliger Priester, wenn man Euch an den Bluteichen träfe - ...
    Wirst du ausrichten, Matteo, wiederholte Paolo Vigo, was du gehört hast?
Willst du einen herzlichen Gruss an meine liebe Schwester und die kleine Marietta
bestellen? ...
    Matteo gab jede Beruhigung und wandte sich mit diesen Aufträgen nach San-Gio
zurück ...
    Die drei Verbundenen gestatteten sich keinen längern Aufentalt, sondern
machten sich sofort auf den mühevollen Weg, der zu den Bluteichen führte ...
 
                                    Fussnoten
1 Ein Factum.
2 Mazzini hat über die Vorwürfe, die ihm wegen seiner mangelhaften Ausrüstung
der Bandiera'schen Expedition gemacht wurden, eine eigene Rechtfertigungsschrift
herausgegeben.
3 Gleichfalls Factum.
4 Starb den Hungertod in Cosenza.
 
                                      11.
Paolo Vigo's Wort: »Er nahm Abschied von mir wie auf ewig« wurde nun auch von
dem alten Ziegenhirten wiederholt ...
    Es fiel ihnen allen auf die Seele, als würden sie den Geliebten nicht
wiedersehen, wenn sie sich nicht eilten, es noch einmal jetzt zu tun ...
    Dass sie zu dem Ende die Würfel ihres eigenen Looses warfen, kümmerte sie
wenig ...
    Sie hofften jedoch auf ihr zeitiges Eintreffen ... Wenn noch Zeit zum
Ergreifen und Ausführen eines Entschlusses gelassen war, so sollte sich ihr
Freund, nach Negrino's Meinung, am sichersten über den Monte Gigante hinweg nach
dem Meerbusen von Squillace begeben oder im äussersten Fall in einer in der Nähe
befindlichen Höhle verbergen ...
    Jährlich nur einmal, am 20. August, fanden sich die letzten Trümmer der
einst so zahlreich im unteren Italien ausgebreiteten Söhne des Peter Waldus
zusammen ... Drei Jahrhunderte waren seit jenen Scheiterhaufen verflossen, die
auch die Fortschritte der Reformation in Calabrien geendet hatten ... Frâ
Federigo fand davon im Silaswalde keine andern noch ersichtlichen Spuren, als
die »Bluteichen«, wo einst Hunderte der Reformirten und Waldenser - wie die
Schafe mit dem Messer abgestochen wurden ... Zufällig begegnete ihm dort ein
alter Ziegenhirt, Ambrogio Negrino, der ihm diese Dinge erläuterte und sich dann
selbst als einen Nachkommen des Märtyrers Negrino zu erkennen gab ... Ihm
verdankte der Einsiedler die Bekanntschaft mit noch einigen andern Trümmern der
alten Sekte ... Gehörten sie auch alle der herrschenden Kirche an, so hatten
sich doch alte Gebräuche, Erkennungszeichen, Gebete, letztere meist in
provençalischer Sprache in ihren Familienkreisen erhalten - Ambrogio Negrino
besass ein altes Buch, das er selbst nicht lesen konnte - die waldensische Nobla
Leiçon ... Federigo übersetzte sie ihm - anfangs allein; bald brachte Negrino
andere mit, die gleichfalls diesen Gruss ihrer Vorvordern aus alten Jahrhunderten
aus seinem Munde vernehmen wollten ...
    Der Kreis von Verehrern und Freunden des Einsiedlers, der seinerseits noch
unter dem besonders über ihm wachenden Schutze des Mönchs Hubertus zu
San-Firmiano stand, mehrte sich wider Willen Federigo's ... Von Nah und Fern
wurde sein Rat begehrt ... Freilich hielten ihn die Meisten für einen
Hexenmeister ... Wie Paolo Vigo veranlasst wurde, ihn zu besuchen, wurde erzählt
... Aus seinen wiederholten Wanderungen in die Wildnis und den ihr folgenden
Erörterungen entstanden in Paolo Vigo Zweifel, ernste, kummervolle
Betrachtungen; er verriet die Resultate derselben in seinem Wirkungskreise und
erlitt die Strafe einer, wie wir gesehen, nicht endenden Suspension und
Einsperrung in San-Firmiano ...
    Der Einsiedler, erschreckt von solchen Vorkommnissen, bat fort und fort
seine Freunde, ihn der todesähnlichen Stille in seinem Waldtale zu überlassen
... Hubertus besorgte dann und wann einen Brief, den der deutsche Sonderling
nach Rom schrieb und von dorter beantwortet erhielt ... Das war des Eremiten
einziger Verkehr mit der Welt ... Er lebte vom Honig seiner Bienen, von
Früchten, die er selbst zog, von Vorräten, die seine Freunde ihm brachten ...
Zuletzt war es Sitte geworden, dass alle die, welche auf dreissig Miglien in der
Runde gleichsam unter des alten Ambrogio Negrino Controle standen, ihn
wenigstens einmal im Jahre besuchten, am 20. August, den er nach langem Sträuben
endlich als Erinnerungstag an die alte Schreckenszeit festgesetzt hatte ...
    Ich habe es immer gefürchtet, sprach Hubertus, die atemlose Eile des
Wanderns unterbrechend, und liess sich wiederholt erzählen, was der weltkundige,
weitgereiste Hirt, ein Greis mit langen weissen Locken, sonnenverbranntem braunem
Antlitz, von den Reden der Offiziere gehört hatte ... Um vier Uhr, wiederholte
Ambrogio Negrino in einer gewählteren Sprache, als dem hier üblichen Patois,
rücken die Truppen von San-Giovanni aus, verteilen sich in den Bergen und
wollen von verschiedenen Seiten dem Tal der Bluteichen so beizukommen suchen,
dass sie die ketzerische, dem Teufel opfernde Versammlung mitten in ihren Greueln
aufheben können ...
    Die Möglichkeit einer so irrtümlichen Auffassung ihrer Versammlungen war
ihnen nach dem Geist ihrer Umgebungen vollkommen erklärlich ... Sie verweilten
nicht bei dem Ausdruck ihres Schmerzes über ein so grosses Misverständniss; sie
überlegten nur ... Die Versammlung musste verhindert und Frâ Federigo, wenn sein
Entkommen unmöglich war, in einer Felsenspalte verborgen werden, welche Ambrogio
Negrino schon lange für diesen Fall aufgefunden und jedem Uneingeweihten
unzugänglich gemacht hatte ...
    So sehr auch die Männer eilten, sie konnten nicht hoffen, vor Anbruch des
Morgens an Ort und Stelle zu sein ... Auf dem kürzeren Pfade, den sie
einschlugen, um an die Abhänge der oft schneebedeckten Serra del Imperatore zu
kommen, begegneten sie Niemanden ... So durften sie annehmen, dass die
geheimverbundenen Getreuen sich längst schon auf den Weg gemacht, ja an der
Hütte ihres Meisters schon die Nacht verbracht hatten ...
    Die Wanderer kannten sich in ihrer Teilnahme für den einsamen Bewohner des
Waldes und hatten nicht nötig, diese noch durch viel Worte kundzugeben ... Sie
tauschten nur ihr Urteil über die kürzeren Wege aus, wenn die Wildnis überhaupt
noch etwas bot, was einen Weg sich nennen liess ... Nur kleine ausgetrocknete
Strombetten waren noch die besten dieser Wege; diese gingen verborgen unter
Gestrüpp und Büschen hin ...
    Die Nachtluft wurde frischer ... Nebel stiegen auf, die den
leichtbekleideten Wanderern ein frostiges Schauern verursachten ... Der Hirt bot
Paolo Vigo seinen langhaarigen Mantel, den dieser nicht abschlug ... Zum Glück
trug der Pfarrer Schuhe, nicht, wie Hubertus, Sandalen ...
    Hubertus hatte, als wäre ihm seine ganze Kraft ungeschwächt zurückgekehrt,
sein dolchartiges Messer gezogen ... An manchem Gebüsch von Steineichen, wo
durch die stachlichten Blätter schwer hindurchkommen war, schnitt er die Zweige
nieder und machte die Wildnis wegsam ... Dann kamen zuweilen Buchenhaine, die
wie zum nächtlichen Reigen der Elfen bestimmt schienen; so licht und traulich
glänzten sie im abnehmenden Mondlicht und unter den allmählich erblassenden
Sternen ...
    Eine Sorge der Verbundenen konnte sein, ob nicht auch den Lauf des Neto
herauf von Strongoli oder aus Umbriatico über den Aspropotamo und Gigante her
schon Corps Bewaffneter herüberkamen und das Tal der Bluteichen bereits früher
eingeschlossen hatten, als es von ihnen erreicht wurde ...
    Schon war es vier Uhr ... Schon sah man die zunehmende Helle ... Immer
matter wurde die Scheibe des Mondes, immer rötlicher erglänzten am blauenden
Himmel die Sterne ... Schon zeigte sich auf Serra del Imperatore, einem Berg,
der an manchen Stellen gen Ost offen und riesig gross vor ihnen lag, die
dunkelrote Glut der aufgehenden Sonne ... Die Spitze des Aspropotamo war die
erste, die vom Sonnenlicht hell aufleuchtete ... Aengstlich spähten sie rundum,
ob nicht irgendwo am Rand des von andern Seiten zugänglichen, in grünen und
grauen Nebeln schwimmenden Tales eine Waffe blitzte ...
    Wie sie fast erwartet hatten, so geschah es auch ... Als sie mit hellem
Tagesanbruch endlich in der Ferne die Bluteichen sahen, entdeckten sie ein reges
Gewimmel von Menschen unter den mächtigen Baumkronen ... Bald erscholl auch aus
der Tiefe, zu der sie niederstiegen, ein vielstimmiger Gesang ... Er erklang
gegen die dumpfe Litanei in San-Firmiano wie ein jubelndes Schwirren der Lerche
in blauer Luft verglichen mit dem trüben Ruf der Unke ... Reine helle Frauen-
und Kinderstimmen schwangen sich wie geflügelte Tongeister über die Laubdächer
... Sie sangen die auch ihnen wohlbekannten einfachen Hymnen, die aus alten
Zeiten stammend das Lob des Höchsten priesen und die heilsame Veranstaltung der
Erlösung und die Hoffnung aller Christen ... Dazwischen läutete ein Glöcklein,
von welchem sie wussten, dass es denen, die vielleicht noch entfernt waren, den
Weg zur Hütte andeuten sollte ... Alles das geschah wie im tiefsten Frieden ...
    Wol hätten die Wanderer sich sagen mögen: Wer wollte diese stille Andacht
stören! Wer könnte hier etwas finden wollen, was vor Gott oder Menschen ein
Verbrechen wäre! ... Dennoch mussten sie eilen, die gefahrvolle Feier zu
unterbrechen ...
    Nach einer kurzen Stille, welche die Wanderer durch einen die Betenden
erschreckenden Zuruf aus der Ferne nicht unterbrechen mochten, begannen die
Stimmen aufs neue und liessen nach einem vollen, mächtig an den Bergwänden
widerhallenden Gesang jene Pausen eintreten, von denen die Wanderer wussten, dass
sie die bis zu ihnen herauf nicht hörbare Stimme Federigo's füllte ... Federigo
sprach dann die Worte vor, die zu singen waren ... Alles das, erinnerungsfrisch
vor ihre Seele tretend, bewegte sie um so mächtiger, als noch immer der Anblick
der Hütte selbst verborgen blieb ...
    Endlich aber zeigten sich die Windungen von Radgleisen, die im grünen,
weichen, oft morastigen, dann von den herrlichsten Farrenkräutern überwucherten
Boden von kleinen Karren zurückgeblieben waren ... Es mussten heute von weitweg,
auch von Rossano und Conigliano die dem Ziegenhirten wohlbekannten Nachkommen
der Waldenser erschienen sein ... Der helle Lichtstrahl des immer höher und
höher über dem Meeresspiegel heraufgestiegenen Sonnengeschirrs fiel auf die
obern Ränder des Tals ... Die Nebel zerteilten sich und nun hatte ihr
besorgter und zugleich verklärter Blick die volle Aussicht auf die Gruppe der
Menschen, die da unten versammelt waren und die sie meist kannten ... Kinder
lagen im Grase; andre hielten die Mütter auf ihren Armen; Männer in zottigen
Schafspelzen, andere im kurzen Rock des Alpenjägers, Fischer, die vom Meer
herübergekommen, in ihren roten Mützen und ihren braunen Mänteln - alle
umstanden die Hütte ... Ein Haufe von nahezu achtzig Seelen, hochbetagte Greise
darunter; aller Mienen mit jenem Ausdruck, den eine gutmütige Denkart geben ...
Noch verdeckten sie das Bild des Mannes, der ihnen, auf die zufällige
Veranlassung seiner Begegnung mit Ambrogio Negrino, zehn Jahre lang hier nichts,
als nur die Geschichte ihrer unglücklichen Vorfahren erzählte und nicht hindern
konnte, dass sie von ihm Belehrung und Anleitung zu reinem Sinn, zur Beurteilung
des Glaubens begehrten, in welchem sie leben mussten ... Federigo entielt sich
jeder Aufwiegelung ihres an die Gebräuche der herrschenden Kirche gebundenen
Gewissens ... Auch war die Höhe der Bildung, die im Waldensertal bei
Castellungo geherrscht hatte, hier nicht anzutreffen ...
    Schon wollte Negrino hinunterrufen, da hinderte ihn die jetzt hörbar
werdende weiche, volle, innig zum Herzen dringende Stimme des Sprechers ... Die
dem Volk vollkommen verständliche, wenn auch fremdartige italienische Rede
desselben fesselte sie ... Was bestimmte nur die Warner, diese Feier nicht zu
unterbrechen! Was gab ihnen so urplötzlich ein felsenfestes Vertrauen auf den
Gott, der sich in jedem Menschenherzen, auch in dem der Verfolger, offenbaren
müsse -! ... Hubertus kündigte sich sonst durch scherzende Töne an, die ihn bei
Jung und Alt im Gebirge bekannt machten; jetzt beschien der erste Sonnenstrahl,
der sich durch den Imperatore und den Gigante stahl, die glänzende Stirn, die
weissen Locken des Freundes und Lehrers, sein unter weissen Brauen aufgeschlagenes
begeistertes Auge - jetzt stand er im Pilgerkleid von schwarzem rauhwollenem
Tuch, mit entblösstem Halse, um den Leib einen schwarzen Seidengürtel, so
hoheitsvoll und edel, dass alle drei aufhorchen und den Fuss hemmen mussten ... Die
Farbe des Antlitzes, die Hände, alles sah am Freunde blasser und krankhafter aus
als sonst ... Das von ihren Augen wieder aufgenommene teure Bild eines Greises,
den für seine letzten Lebenstage noch durch die Erregung seines Geistes ein
jugendliches Feuer durchglühte, schloss doch in der Tat die Besorgnis nicht aus,
dass diese Lebenstage kaum bis zum beginnenden Winter andauern konnten ...
    Federigo sah die Dahereilenden nicht ... Sein Blick war nach innen gewandt
... Schon sprach er Worte, welche die Kommenden allmählich im Zusammenhang
verstehen konnten ... Zu den Erweckungen der Waldenser hatten im Piemont gewisse
Formen einer öffentlichen Beichte gehört ... Wie die ersten Christen sich ein
Gemeindeleben aus ihren Privatbeziehungen bildeten und eine Oeffentlichkeit der
letzteren einführten, bei welcher nicht fehlen konnte, dass die persönlichsten
Leidenschaften zur Klage und Rüge kamen, so walteten die Diaconen und »Barben«
auch bei den Waldensern des Amts der Gerechtigkeit und des Auflegens von Bussen
und Strafen ... Ebenso trat auch hier bei diesen Versammlungen einer nach dem
andern vor und wurde entweder aus eigenem Antriebe oder durch Mahnung veranlasst,
sich zu verteidigen, sich zu erklären, Lehre oder Versöhnung anzunehmen ...
Hubertus und Paolo Vigo kannten den Segen, welchen diese Verständigungen der
kleinen Gemeinde unter ihren Gliedern schon seit lange hervorgebracht hatten1 -
...
    Unterwegs hatte Paolo Vigo seinen Begleitern, so wenig sie auch durch
Gespräch ihre Schritte hemmen mochten, doch gelegentlich wiedererzählt, warum
Frâ Federigo, als die Genossen Negrino's ihn endlich zur Abhaltung mindestens
Einer Versammlung im Jahre überredeten, gerade den Tag des heiligen Bernhard
dazu wählte ... Nicht nur, dass in der Höhe des August die wichtigsten Ernten
beendet waren, Frâ Federigo hatte ihm auch das Gedächtnis des Abtes Bernhard von
Clairvaux als ein festzuhaltendes Spiegelbild frommerer Zeiten dargestellt, wo
einsichtsvolle freimütige Priester noch zu heilsamen Zwecken in den Rat der
Grossen traten ... Siebenhundert Jahre war es her und in der Blütezeit des
Mittelalters, als ein hoher Ernst die Völker ergriff und Männer erstehen liess,
die in einer wilden, kriegerischen Epoche kaum von solcher Weihe und Tatkraft
erwartet werden durften ... Damals, als die Philosophie in Frankreich, England
und Italien erblühte, die Dichtkunst sogar über das rohere Deutschland hie und
da einen milden Glanz der Sitten verbreitete, die Kreuzzüge einen seltenen
Aufschwung des Gemüts und der Phantasie hervorriefen, zerstörte Rom und die
Herrschaft der Päpste noch nicht alle Hoffnungen der Völker und verdunkelte noch
nicht alle Lichtschimmer einer besseren Aufklärung ... Ein einfacher Bürger in
Lyon, Pierre Vaux (Peter Waldus), las damals die Bibel in einigen Abschnitten,
welche in die gewandteste und poesiefähigste Sprache damaliger Zeit, die
provençalische, übersetzt waren ... Ein wunderbarer Lichtglanz überfiel ihn beim
Lesen des den Laien gänzlich unbekannten Buches - gerade wie die Jünger, die
nach Christi Tod im Dunkeln wandelten, plötzlich an ihrer Seite einen Wanderer
bemerkten, der so mächtig die Schrift auslegte ... Waldus las seine Entdeckungen
Befreundeten vor, liess auf seine Kosten die Bibel noch vollständiger in die
Sprache seiner Landsleute übersetzen und nahm die einfachen Formen des ersten
apostolischen Christentums an ... Sein Vermögen gab er seiner Gemeinde; ihre
Priester, denen die Ehe unverboten blieb, wählte die Gemeinde selbst; von den
Sakramenten behielt man nur Taufe und Abendmahl; letzteres hörte auf ein
mystischer Act zu sein und blieb nur noch ein Opfer der Erinnerung; es war eine
Reformation ohne Schulgezänk, ohne Disputation der Teologen, eine Läuterung der
Lehre allein durch das Herz ... Mit reissender Schnelligkeit verbreitete sich das
Wirken der Waldenser ... Ein ganzer Gürtel Europas von den französischen
Abhängen der Pyrenäen an bis nach Süditalien fiel vom herrschenden
Kirchengeiste, vom weltlichen Streit der Päpste mit dem Kaiser und von
Geistlichen ab, die damals sogar die Waffen führten und oft im glänzenden
Harnisch zu Ross sassen, im wildesten Kampfgewühl die zum Segnen bestimmte Hand
mit Blut besudelnd ... Mit einem warmen, lebendigen Eifer für die apostolische
Reinheit der Lehre und des kirchlichen Lebens ging Hand in Hand die Gesittung
... Gerade dieser Gürtel Europas wurde der blühendste an Gewerbfleiss,
Erfindungen, in Künsten und Wissenschaften ... Immer weiter und weiter schwang
sich ein lichteller Iris-Bogen über Europa ... Burgund, Deutschland, Böhmen
erglänzten von seinem siebenfachen Strahl ... Wo der Webstuhl sauste, wo die
Industrie der Städte mit dem Betrieb des Ackerbaues zu regem Austausch ihrer
Erzeugnisse verkehrte, da erschollen auch bald die neugedichteten Lieder zum Lob
des Höchsten ... Ganze Städte, ganze Länderstrecken hatten schon keinen andern
Gottesdienst mehr, als den der Waldenser, der Humiliaten, Armen Brüder, der
selbst die Kirchen und ihre Pracht für überflüssig erklärte und jeden grünen
Rasenplatz, jedes Laubdach einer Eiche für eine Gott wohlgefällige Kapelle
erklärte ...
    Paolo Vigo schilderte die furchtbare Verfolgung, welche von Rom aus über
diese Bekenner des reinen Christentums anbrach ... Die Päpste nannte er, die
zum Morden aufforderten ... Jene Schreckenstaten des Abtes von Citeaux und
jenes Vorbildes eines Alba, des Grafen Simon von Montfort, schilderte er, wie
sie mit Feuer und Schwert Männer, Weiber, Kinder vertilgten ... Damals kam der
Satz der römischen Kirche auf: »Ketzern ist keine Treue zu halten«; päpstliche
Legaten schwuren auf die Hostie, dass, wenn die Ketzer ihnen die Mauern öffneten,
sie nur allein mit einigen Priestern einziehen würden, um die betörten Bewohner
zu bekehren; geschah es aber, so warfen sie die Priesterkleider ab, zogen
verborgene Schwerter, die Reisigen der fanatisirten Glaubensarmee brachen nach
und kein Säugling auf dem Mutterarm entkam dem allgemeinen Blutbade ...
Beutegier, Habsucht schürten die Verfolgung ... Simon von Montfort, Abt Arnold
schlugen herrenlos gewordene Länderstrecken zu Fürstentümern zusammen ...
Damals war Raimund, Graf von Toulouse, das unglückliche Oberhaupt der bedrängten
evangelischen Bekenner, wie späterhin das Haupt der Hugenotten Coligny ...
Endlich flüchteten sich die letzten Reste dieses unablässigen Mordens in die
Berge, die Pyrenäen, die Alpen, die Apenninen ... Jahrhundertelang erhielten sie
sich dort, trotz einer sie auch hier erreichenden zweiten blutigen Verfolgung,
die dann das Werk der neuen Kreuzritter wurde, der Jesuiten ... Damals griffen
sie in den Tälern Piemonts wieder zu den Waffen ... Zu den tapfern Namen, die
in älteren Tagen mit Maccabäermut ihre heilige Sache, Haus, Herd, Weib und Kind
verteidigten, gesellten sich neue, wie Heinrich Arnaud, der in offener Schlacht
mit einer kleinen Schaar Tausende zurückgeschlagen hatte, sich über die
steilsten Felsen Piemonts zurückzog, ein Lager in einer Schlucht wie eine
Festung erbaute, acht Monate lang, nur von Kräutern lebend, mit seiner kleinen
Schaar gegen die Kanonen kämpfte, die auf sein kleines Häuflein von den
Felswänden aus ein mörderisches Feuer unterhielten, bis sich Arnaud endlich mit
dem Rest seiner Schaar, 350 an der Zahl, einen ruhmvollen Abzug erkämpfte ...
Wie dann auch in Calabrien die Waldenser hingesunken waren, hatte Federigo oft
genug erzählt ... Damals starb Negrino in Cosenza den Hungertod, Pascal in Rom
auf dem Scheiterhaufen ... Oft hatte Federigo's rührende Stimme geklagt, dass
besonders solche Torheiten verderblich wären, die selbst in den Gemütern der
Edeldenkenden Raum gewinnen könnten ... Bernhard von Clairvaux, Abt eines
Klosters in Frankreich, Lehrer seines Jahrhunderts, ein Orakel der Fürsten, ein
Rat ihrer Ratgeber, ein Straf- und Bussprediger der Geistlichkeit, sogar den
Päpsten ein: Bis hierher und nicht weiter! gebietend; - ach! auch der, wie die
heilige und so edle Hildegard, sah in den Taten und Lehren der Waldenser nur
die Eingebungen des Teufels -! ... Ambrogio Negrino und Hubertus waren nicht
befähigt, sich zu all den Bildern und Erinnerungen aufzuschwingen, die von Paolo
Vigo's fiebernderregten Lippen kamen ...
    Herr, erleuchte die Weisen! verstanden jetzt auch die Ankömmlinge aus
Federigo's Rede ... Mildere ihr Vertrauen auf die eigene Kraft! Wecke dem Guten
und Gerechten Deine Fürsprecher im Rat der Grossen! Ersticke den Durst nach
Rache im Gemüt beleidigter Machtaber! ...
    Es schien in der Tat, als wollte Federigo von seinen Freunden Abschied
nehmen ... Mehr als sonst riss ihn heute seine Rede hin ... Er berührte
katolische Punkte, die er sonst vermieden hatte - er wollte Niemanden die
Möglichkeit nehmen, mit seinem Pfarrer in leidlicher Verbindung zu leben ...
    Mit grosser Wehmut sprach er:
    Der heilige Bernhard kann uns in vielem ein Vorbild sein - hochragend wie
jener Berg im Norden, der mit ewigem Schnee bedeckt, seinen Namen trägt ...
Wisset, dass Bernhard jene Lehre, nach welcher auch die Mutter Jesu ohne Sünde
empfangen sein soll, für Sünde hielt -! ... Ihr fragtet mich darum, weil der
Heilige Vater diese neue Lehre zu verehren befohlen hat -! Nun wohl! Eines
Weibes Name ist heilig, wohl trägt Maria die Erdkugel in Händen, wenn Maria die
Kraft bedeuten soll, deren ein schwaches Weib in seinem Aufschwung fähig ist ...
Wohl ist zu fassen möglich, wie die alte wilde grausame Zeit, die heidnische,
die selbst des Heilands spottete, der am Kreuze sich selbst nicht hätte helfen
können, doch vor einer Mutter erschrak, vor einer Mutter sich beugte - o noch
den Mörder befällt vor seiner Hinrichtung die Trauer um den Kummer, den er
seiner Mutter bereitete ...
    Hier stockte der Redner und wollte abbrechen ... Aber einige Stimmen
unterbrachen ihn und deutlich vernahm man aus einem schlichten Hirtenmunde, der
dazwischen sprach, die Worte:
    Wo Maria dann auch ganz die Königin des Himmels werden soll, wo bleibt ihr
Sohn? Wo kommt der wahre Mittler zu seiner ihm allein gebührenden Ehre? ...
    Im höchsten Grade gespannt horchten die Ankömmlinge und sogen die Worte ein,
welche Federigo erwiderte:
    Lasset das gehen -! ... Seht, es war ja sogar ein anderer Heiliger -
Bonaventura sein Name - ein Heiliger, der zur Zeit jenes Bernhard lebte - auch
der hat den Psalm David's genommen: »Herr, auf dich traue ich, lass mich
nimmermehr zu Schanden werden!« - und hat in jedem Seufzer des Vertrauens und
der Liebe zu Gott an die Stelle Gottes - ruchlos, um es nur auszusprechen - ein
Weib mit seinen menschlichen Fehlen und menschlichem Elend gesetzt: »Maria, auf
dich traue ich -! Mutter Gottes, du hast mich erlöset!« So den ganzen Psalm -!
... Und dennoch danken wir auch dem heiligen Bonaventura so viel Entsiegelungen
der frischesten Lebensbrunnen des christlichen Geistes - ...
    Nein, unterbrachen die Stimmen der Aufgeregten, er lästerte -! ...
    Ich beschwöre euch, rief Federigo, habt Mitleid mit jenen armen
Verblendeten, in deren Schoose ihr, kummervoll genug ihre Bräuche teilend, voll
Bangen und voll Zagen lebt ... Lasst sie die Altäre einer Frau zu Ehren mit
Zierrat und mit Bändern schmücken -! Lasst sie ihr Gebet des Morgens, des
Mittags und des Abends wenigstens an Etwas richten, was dem Heiland verwandt ist
-! ... Aber das ist wahr (nun erhob sich des Sprechers Stimme, von dem man sah,
dass ihn die Gesinnungen seiner Umgebungen fortrissen), wenn Maria es ist, die
uns erlöst und vor Gott vertreten soll, so konnten jene Räuber, die mit dem
Giosafat eure Hütten verbrannten, eure Heerden raubten, getrost auf ihrer
fühllosen Brust ihr Bildnis tragen -! ...
    Eine freudige Zustimmung ging mit Zornesruf durch die Reihen - ...
    Wehe einem Kind, fuhr Federigo, aufgeregt und ganz sich vergessend fort, das
für seine Bewährung im Leben nur die Nachsicht einer Mutter hat! ... Nie, nie,
wenn auch heute in Spezzano die Lampen brennen werden, nie sollt ihr auf
Fürsprache nur der Mutterschwäche hoffen! Denkt an die klugen Jungfrauen, die im
Dunkeln ihr Oel hüteten und die Lampen nur anzündeten, wenn ihr rechter
Bräutigam, der Heiland, kam! ... Nein, ich sehe es, ihr glaubt nicht an die
Wahrheit eines gotteslästerlichen Bildes, das sich in einer der grossen und
herrlichen Kirchen Milanos befindet und das einen Traum unsres heutigen heiligen
Bernhard darstellen soll -! ... Zwei Schiffe steuern dem Himmel zu; des einen
Steuer führt der Herr; des andern Maria ... Jenes bricht zusammen und seine
Mannschaft sinkt in den Abgrund; dieses gleitet sicher dem Hafen des Himmels zu
- Maria streckt ihre hülfreiche Hand nach den Scheiternden aus und nun kommen
auch sie in den Hafen der Gnade, sie, die mit Christo gingen, sie, die mit
Christo verloren sein sollen, sie, nur noch erlöst durch Maria -! ...
    Ein Ausruf des Schreckens über solche Lehren teilte sich selbst Negrino,
Hubertus und Paolo Vigo mit ...
    Zorn regt sich in eurer Brust? sprach Federigo - Eure Blicke sagen:
Nimmermehr kann solches ein Heiliger auch nur geträumt haben! ... Ihr sprecht:
Du von Rom verratener, von Rom auf das Steuer eines untergehenden Schiffes
verwiesener Heiland, du, du bist allein der wahre Führer! Deine Hand streckte
sich einst aus und liess über Wellen den Verzagenden sogar hinweggehen! Der
Nachen, den du, du gezimmert hast, Sohn des Zimmermanns, die Flagge, die du als
Wahrzeichen aufgesteckt, sie, die dein mit dem Blut beschriebenes Kreuz trägt,
sie sollte nicht die glückliche Fahrt, die Einkehr in den Hafen der Seligen
gewinnen? ... - Doch wohin verirren wir uns - meine Freunde -! Ihr müsst in eure
Wohnungen zurück - wieder sein, was euch drei Jahrhunderte zu sein zwangen -
müsst leben mit den schuldlosen Nachkommen der Mörder euerer Urväter - Vergebt
ihnen im Geiste der Liebe und Hoffnung -! Versagt euern Priestern nicht die
Spenden, die sie noch begehren dürfen! Auch die Spenden der Andacht nicht, die
in diesen Ländern üblich! Ein Korn Goldes ist immer noch bei dem schlechten Blei
verdorbener Lehre! Noch ist die Zeit nicht reif, wo der Schmelztiegel Gut und
Böse scheiden wird! Aber das Lamm wird bald das fünfte Siegel auftun, von
welchem ich euch schon oft gesprochen habe! Unter den Altären des Himmels werden
die Seelen derer, die erwürgt wurden um des Wortes Gottes willen zu zeugen
beginnen, dass es auf Erden weitin widerschalle! ... Die Stunde kommt näher -!
O, bald wird die Freiheit im Glauben und Denken auch für Italien anbrechen! Auch
in diese Täler wird der Lichtstrahl einer neuen Sonne dringen! Läutert euch für
diesen grossen Augenblick! Tut das Gute, tragt im Herzen euren reinen Sinn und
eure geläuterte Hoffnung! Wenn ich - ach! heute von euch scheide - ja, Geliebte
ich scheide von euch! Es ist das letzte, letzte - Mal - ...
    Warum musste nur das Ohr der drei Ankömmlinge und aller in Tränen gebadeten
Hörer so gebannt sein von dem allgemeinen Schluchzen, Wehklagen, von den Tränen
des Redners, dass jene sich still hinter einer der Bluteichen verbargen und die
Worte ihres Freundes und Lehrers nicht stören mochten -! ...
    Jetzt musste Hubertus, der Schärferspähende, die erstickte Abschiedsrede
Federigo's unterbrechen, musste auf die ihnen gegenüberliegenden waldbedeckten
Berge deuten und in wilder Hast wie ein Verzückter rufen:
    Besteigt den Nachen Jesu! Rettet, rettet euch! ...
    Und auch aus dem um den Greis zusammengedrängten Haufen mussten nun wohl
andere, die seinen Leib zu umfassen, seine Hände, seine Füsse zu küssen nicht
hindurchdringen konnten, ihr Auge auf die von Hubertus bezeichnete Stelle
gerichtet und unter den Bäumen an einzelnen offenen Stellen schon dieselbe
Störung erblickt haben ... Ihr Ruf fiel in den des Mönches ein ...
    Voll Entsetzen erkannten Paolo Vigo und Ambrogio Negrino, die mechanisch dem
voranstürmenden Hubertus gefolgt waren, die Flinten der gefürchteten Jäger von
Salerno, die in der Tat, unabhängig vom Corps in San-Giovanni, über den
Aspropotamo und Gigante gekommen waren ...
    Schon stand Hubertus mitten unter den in noch wildere Aufregung geratenden,
teilweise zu den Waffen greifenden Verbündeten ... Die Frauen flüchteten sich
zu ihren Karren ... Die Kinder drückten sich schreiend an ihre Väter, die
ratschlagend zusammentraten ... Hubertus hatte Federigo schnell begrüsst und
seine Hand ergriffen, um ihn den Weg zu führen, den Ambrogio zum Entkommen für
den sichersten hielt ...
    Federigo deutete gelassen auf eine andere Stelle des dichten Waldkranzes, wo
die roten Pünktchen sich mehrten, die Federbüsche an den Hüten der Jäger von
Salerno ... Die von San-Giovanni erwarteten Truppen hätten allerdings vor drei
Stunden noch nicht eintreffen können ... Dies war ein Detachement, das vom
Meerbusen von Squillace gekommen ...
    Nun war alles auseinander gesprengt und raffte die Karren, die ausgelegten
Gerätschaften, die Kinder zusammen ... Die Männer standen unentschlossen, ob
sie zur Flucht oder zu Widerstand schreiten sollten ... Heute zum erstenmal
hatte ihr stetes Drängen, dass ihr Freund und Ratgeber sie über Rom, über die
Priester und die Lehre der Kirche aufklären sollte, eine Erhörung gefunden - Den
Greis hatte der Schmerz der Trennung fortgerissen ... Vier Männer, unter ihnen
Ambrogio, schwangen ihre Flinten über Federigo's Haupt ... Die Hitze des
südlichen Temperaments war bei diesen Männern von ihrer religiösen Denkart nicht
überwunden worden ... Hatte man auch nur ein Dutzend Schusswaffen, funfzehn
Alpenstäbe waren mit Eisen beschlagen; Messer, welche die Fischer und
Kohlenbrenner am Gürtel trugen, waren lang und geschliffen ... Hubertus wartete
nur auf das Zeichen, das Federigo geben sollte ... Er selbst hatte sich mit
einem: Halt da! denen gegenübergestellt, die ihn nicht kennen mochten und das
Erscheinen eines Mönches und eines Priesters für die Vorboten einer
unentrinnbaren Gewalttat ansahen ...
    Meine Freunde! rief Federigo in die wilde Bewegung ... Verschlimmert die
Sache nicht noch mehr, als sie schon ist! ... Wir wissen, dass diese Krieger das
Gebirge durchstreifen seit den blutigen Aufständen an den Meeresküsten ... Wer
weiss, ob sie nur uns suchen ... Wo Weiber und Kinder zugegen sind, konnte nichts
Uebles geschehen ...
    Ambrogio Negrino musste ihm diese Voraussetzung nehmen ... Er erzählte, was
von ihm in San-Giovanni gehört worden ... Paolo Vigo und Hubertus rieten,
lieber sofort das Äusserste anzunehmen und die Sicherheit zu suchen ... Seit dem
Aufstand der Bandiera war nicht vorgekommen, dass sich zu gleicher Zeit eine so
grosse Anzahl von Soldaten in diesen Gegenden hatte erblicken lassen ... Viele
der Frauen hatten Soldaten im Leben nicht gesehen ... Sie standen starr vor
Entsetzen und mehrten die Ratlosigkeit der Männer, von denen die Mehrzahl sich
verteidigen wollte ...
    Federigo bat alle, sich der Sorge um ihn selbst zu entschlagen und nur auf
die eigene Rettung bedacht zu sein ... Den Zumutungen zur Flucht widerstand er
entschieden, ordnete die Leute so, dass sie in zerstreuten Haufen sich auf die
Heimkehr über solche Wege begaben, die nur ihm bekannt waren ... War auch das
Tal so eng, dass ein auf dem Gebirgskamm plötzlich fallender, schon als
Alarmzeichen dienender Schuss ringsum in siebenfachem Echo widerhallte, so
fehlten Auswege nicht und nicht alle Gebirgsspalten konnten zu gleicher Zeit
besetzt sein ...
    Inzwischen mehrten sich die verdächtigen Zeichen und schon wurden die
militärischen Commandos hörbar ...
    An ein Entrinnen ist nicht zu denken! sagte zu aller Schrecken der jetzt für
immer dem Verderben geweihte Pfarrer von San-Giovanni ... Ambrogio und Hubertus
schilderten zu wiederholter Bestätigung, was sie in San-Giovanni und Spezzano
gesehen hatten ...
    Inzwischen war von den Entschlosseneren unter den Männern ein Rückzug
angeordnet worden, der vielleicht über die Serra del Imperatore möglich war ...
Eiligst warf man die Gerätschaften auf die Karren, gebot den Kindern Ruhe,
brachte die Maultiere und Esel in Bewegung und in einer Viertelstunde war es um
Federigo's Hütte still geworden ... Nur noch Hubertus, Paolo Vigo und Ambrogio
Negrino blieben zurück ...
    Inständigst bat sie der Greis, jenen Felsenspalt, den er kannte und für
vollkommen sicher erklären musste, statt seiner aufzusuchen ... Eilt euch, meine
Freunde! sprach er ... Kümmert euch nicht mehr um mich ... Meine Stunden sind
gezählt und ich habe nicht einmal eine schlimme Hoffnung für mich - ich habe sie
nur für euch ...
    Wir sind dort alle sicher ... entgegnete Ambrogio ...
    Ich beschwöre euch, geht allein! wiederholte Federigo ... Ich suche mein
Ende ... Lasst, lasst mir, was beschieden ist -! ... Ich versichere euch, es wacht
nicht nur Gott über mich, sondern auch manche Freundesseele unter den Menschen
... Soll ich euch, meine geliebten, teuren Freunde, unglücklicher machen, als
ihr jetzt schon mit euerm geteilten, zaghaften Herzen seid? ... Gott ist mein
Zeuge, ich pflanzte nichts in euch, was nicht schon in euch war! ... Ich hielt
euch zurück, euch den grössten Gefahren preiszugeben ... Wenn ich mich dem
Drängen nach Entscheidung heute fügte, so ist es billig, dass mich die Folgen
allein treffen ... Flieht, flieht -! ... Bewahrt euer Geheimnis, lehrt diese
Menschen das ihrige hüten - bald brechen neue Zeiten an! ... Vielleicht vernimmt
noch Euer Ohr den Sieg des Evangeliums von Rom! ...
    In diesem Wettstreit - die Verehrer des Greises wollten sein Schicksal
teilen - mehrte sich die Unruhe ringsum ... Das Tal wurde lebendiger ... Von
Aexten getroffen brachen hie und da die Zweige zusammen ... Hier blitzten
Flinten auf, dort entluden sich welche ... Federigo wehrte Hubertus, der ihn auf
seinen Armen forttragen wollte ... Rettet nur euch! bat er wiederholt ... Für
mich ist gesorgt ...
    Alle starrten, als sie sahen, wie Federigo jetzt in seine Hütte trat, dort
ein brennendes Licht ergriff, die Flamme an die Wände hielt, die von dürrem
Moose gefugt waren, und seine Einsiedelei in Flammen steckte ...
    Paolo Vigo suchte das verzehrende Feuer abzuhalten von den Gedankenschätzen,
die hier in Büchern und Blättern aufgehäuft lagen und aus denen er jahrelang
Trost und Erhebung geschöpft hatte ... Aber die Papiere und Bücher brannten
schon und bald züngelte die Flamme um die ganze Hütte ...
    Gedanken an Rettung und Flucht verliessen nun die drei Freunde gänzlich ...
Willenlos liessen sie den Greis gewähren ... Sein Betragen war seltsam ... So
fast, als käme ihm dieser Ueberfall erwünscht, ja als wäre er früher oder später
auf einen solchen vorbereitet gewesen ...
    Aus dem Brande ergriff er einige wenige Bücher, um sie zu retten und
seltsamerweise noch drei Stäbe, von denen er jedem der Freunde einen einhändigte
mit den Worten:
    Schützt euer Leben und euere Freiheit - ... Bewahrt aber, jeder von euch,
wie irgend möglich, diesen Stab, den ich euch auf die Seele binde -! ...
    Nun vollends blieben sie wie angewurzelt stehen ...
    Er wiederholte seine Worte und setzte hinzu:
    Sucht mit äusserster Anstrengung euch diese Stäbe zu erhalten ... Wenn ihr
nicht entweichen wollt, ihr Armen, so bitt' ich nur noch dies ... Es kommt ein
Augenblick, wo ich oder irgendwer euch mitteilt, welche Anwendung ihr von
diesen Stäben machen sollt ...
    Die Hütte brannte nieder ... Eine Viertelstunde darauf waren auf einer
rauchenden Trümmerstätte alle vier die Gefangenen der Inquisition ...
    Fünfzehn auf der Flucht noch aufgegriffene Männer, an ihrer Spitze auf einem
und demselben Karren Federigo, Hubertus, Paolo Vigo und Ambrogio Negrino, kamen
am Abend desselben Tages zu Spezzano nicht nur von Reitern und Fussvolk geleitet
an, sondern vom Schwarm der Bewohner des halben Gebirgs ...
    Das Kirchenfest von Spezzano mit all den Spässen, die mit tausend Lichtern
und Lampen die Gotteit, wie die Chinesen den Neumond feiern, war im vollen
Gange ...
    Die Ketzer von den Bluteichen! hiess es - ... Und mancher staunte, darunter
einem alten Bekannten zu begegnen ... An der Spitze des Zugs befand sich der
»Hexenmeister, der von den Fanatikern verspottet, von den meisten mit
unheimlichem Grauen betrachtet wurde ... Die Mehrzahl wurde nach Cosenza
abgeführt ... Die vier verbundenen Freunde kamen nach Neapel ...
    Der Abschied, den sie alle von einander und von den Ihrigen nahmen, liess
selbst die von ihrem Pfarrer fanatisirten Bewohner von Spezzano glauben, dass die
Ketzer Menschen bleiben wie andere ... Das Weinen der Frauen steckte an ... Die
Volkshaufen konnten zuletzt von den Mönchen und Priestern, die anhetzen wollten,
nicht mehr recht zu Beschimpfungen entflammt werden ...
    Am meisten rührte der Abschied, den Rosalia Mateucci von ihrem in
San-Giovanni in solcher Lage begrüssten Bruder, dem Pfarrer Paolo Vigo, nahm ...
In Spezzano entriss ihm zwar eine Frau das Kind, das er segnen wollte, aber das
halbe San-Giovanni, das bis Spezzano mitgezogen war, trat dazwischen und
Scagnarello erbot sich sogar, die weinende Rosalia nach Cosenza umsonst zu
fahren ... Was sie an Geld bei sich trug, hatte sie dem heissgeliebten,
unglücklichen Bruder aufgezwungen, den in so unwürdiger, diesseits und jenseits
verlorner Erniedrigung wiederzusehen ihr das Herz brach ... Paolo Vigo sprach
laut über die Freude, leiden zu dürfen um des Heilands willen ... Als er laut
betete, senkten sich die Häupter ... Niemand unterbrach seine feierlich erhobene
Rede ...
    Paolo Vigo zog allem, was ihn treffen konnte, das Glück vor, bei Federigo zu
sein ... Alles hatte man ihm genommen, nur den Stab nicht, den auch die beiden
andern Gefangenen trugen ... Der Pfarrer von Spezzano zeigte dem Guardian von
San-Firmiano, der seinen beiden Klosterangehörigen bis Spezzano gefolgt war,
eine Vollmacht des Erzbischofs von Cosenza, der zufolge das Kloster die beiden
Leviten nicht reclamiren durfte ...
    Rosalia Mateucci schwur dem hochheiligsten Erzbischof von Cosenza eine Rache
- wie sie nur vom Blick einer Neapolitanerin begleitet sein konnte ...
    Transporte von Gefangenen waren und sind in diesem Lande an sich etwas
Gewöhnliches ...
    Der Wagen, begleitet von sechs Schweizer-Dragonern, glitt niederwärts - der
kreidigen, staubbedeckten Landstrasse und - den blauen Wogen des Meeres zu - hin
nach Neapel, wo Hubertus, mit Verzweiflung sich allein als den Urheber aller
dieser Schrecken anklagend, nur einen einzigen Gegenstand suchte - die
Rauchsäule des Vesuv« ...
 
                                    Fussnoten
1 Rehfues' »Neue Medea«.
 
                                      12.
Was Lucinde vor Jahren geahnt hatte, dass sie nach einer kurzen glänzenden
Periode des Glücks nur zu bald wieder in Elend versinken würde, war allerdings
nach dem Tode Ceccone's für einige Zeit eingetroffen ...
    Aber wie sie am Tage nach dem Hochzeitsfest Olympiens berechnet hatte, sie
war wenigstens die rechtmässige Gräfin Sarzana geblieben ... In ihrer Teilnahme
an den Demonstrationen modischer Kirchlichkeit lag eine Versöhnung für alles,
was in zweideutiger Weise ihren Ruf treffen konnte ... Sie war eine Büsserin,
trug nur dunkle Farben, senkte ihr ohnehin schon zur Erde sich neigendes Haupt
in dem Grad, dass die jetzt fast Sechsunddreissigjährige einen gekrümmten Rücken
bekommen zu haben schien und mit ihren noch immer blitzenden Feueraugen die
Menschen, das Leben und die Welt von unten her um so unheimlicher betrachtete
...
    Jetzt, wo Friede und Ruhe wieder in Rom eingezogen war, hatte sie sogar die
Mittel gefunden, eine Art »Kreis« um sich zu ziehen ... Die Sorge um einen
solchen »Kreis« ist nicht gering; sie ist mit steter Aufregung und mancherlei
Aerger verbunden ... Sie hatte einen Donnerstag proclamirt, an dem ihr Haus
allgemein und massenhaft zugänglich war, während sonst zu ihrem engern Kreise
nur wenige »Intimitäten« gehörten ...
    Diese Wiederherstellung war ihr in diesem Herbst und Winter nach vielen
Mühen gelungen ... Die »Donnerstage« der Gräfin Sarzana waren besucht ...
    Die Wohnung, die sie innehatte, gehörte dem ältesten Rom des Mittelalters an
und lag in der »Strasse der Kaufleute« ... Hier standen alte Paläste, die den
herabgekommenen Geschlechtern alter Tage gehörten; dunkle, verwitterte
Steinmassen, im Erdgeschoss und Bodengelass oft zu Waarenmagazinen benutzt,
umgeben von baufälligen Nachbarhäusern ... Es lag ein gewisser Nimbus um diese
altertümlichen Wohnungen und selbst im dritten Stock, den die Gräfin Sarzana
bewohnte, war einer dieser Paläste leidlich »anständig«, auch wenn man im
Eingang an den Fässern eines grossen Kaufmannsgeschäftes vorüber musste und die
Treppen mit Wollsäcken verengt fand, die innenwärts auf die oberen Böden
gewunden wurden ... Darum hatten die inneren Gemächer, zumal wenn sie erleuchtet
waren, doch durch Bauart und architektonische Ausschmückung ein beinahe
fürstliches Aussehen ... An ihren »Donnerstagen« bedienten mehre Diener in
Livree ... Für gewöhnlich hatte die Gräfin nur ihrer zwei ... Auch eine
Equipage, eine gemietete freilich, durfte nicht fehlen ...
    Es war ein Geheimnis, woher die Einnahmen dieser deutschen Dame flossen ...
Oft hatten ihr Bonaventura, Paula, Graf Hugo vergeblich Pensionen angeboten ...
Ceccone's letzter Wille verlangte, dass sie zeitlebens das kleine Palais
bewohnte, in welchem ihm Graf Sarzana den Tod gegeben ... Sie bezog es nicht;
verwertete aber die Vergünstigung durch Vermietung ... Als Olympia in London
selbst nicht mehr mit ihren Einnahmen auskommen konnte, stellte sie die
Bedingung, dass Gräfin Sarzana das Palais ihres Onkels entweder bezog oder die
Nutzniessung an sie, seine Erbin, abtrat ... Lucinde zog letzteres vor ... Nun,
wo ihr jährlich tausend Scudi fehlten, traten die harten Zeiten ein ... Ihre
»Missionsreisen« wurden ihr zwar bezahlt, sie wohnte in Ordenshäusern, auch
hatte sie eine Hülfe, die ihr manchmal in äussersten Fällen beistand - die alte
Fürstin Rucca ... Nur wurde auch diese vom Herzog Pumpeo so in Anspruch
genommen, dass sie Schulden hatte und dann im Gegenteil von Lucinden zu borgen
kam ... Lucinde nahm in solchen Fällen keinen Anstand, über die Börsen derer zu
gebieten, die unter ihren Bekanntschaften reich waren ... So bei Frau von
Sicking, die auf ihren geistlichen Tendenzreisen oft nach Rom kam und Lucindens
Protection begehrte ... Treudchen Lei, deren Gatte, Piter Kattendyk, sich nicht
nur in die ernste Lebensaufgabe geworfen hatte, Stadt- und Commerzienrat zu
werden, sondern sich auch mit der so schmählich von ihm beleidigten Kirche und
Religion auszusöhnen (Professor Guido Goldfinger hatte das Geschäft gerettet und
schwang sein Scepter über die Hauptbücher mit tyrannischer Gewalt), auch
Treudchen Piter Kattendyk liess ihrer Freundin Gräfin Lucinde Sarzana eine
regelmässige, wenn auch nur kleine Pension auszahlen ... Goldfinger hatte diese
als Tribut der Familie, desgleichen infolge letzten Willens der selig
verblichenen Schwiegermutter Wally Kattendyk, anerkannt und sogar etwas
vergrössert unter ausdrücklicher Nebenbedingung, dass Lucinde in der Peterskirche
an einem gewissen Altar für das Haus Kattendyk und die Angehörigen desselben
jährlich eine Messe lesen lassen sollte - sie erstand sie wohlfeiler, als von
Deutschland aus möglich war ...
    Alle diese Hülfsmittel würden nicht ausgereicht haben, z.B. dem Andenken des
Grafen Sarzana, trotzdem, dass er für die Sache des »Ateismus« gefallen war, auf
dem Kirchhof an Porta Pancrazio ein glänzendes Denkmal zu setzen, im eigenen
Wagen zu reisen, einen alten Palazzo in der Strada dei Mercanti zu bewohnen,
einen Jour fixe, regelmässig zwei Bediente und eine Equipage zu halten - wenn
nicht Lucinde noch einen Beistand gefunden hätte, welcher der frommen
Convertitin seltsamerweise - aus der Türkei kam ...
    Gräfin Sarzana kannte Italien und wusste, dass dort Speculation nicht schändet
... Sollte es allmählich herauskommen, dass sie einen Handel mit allerlei
kostbaren türkischen Waaren, Shwals, Seidenstoffen, Kleinodien trieb - was tat
ihr das -! ... Diese Dinge kamen ihr aus Kleinasien zu, wo in Brussa, an den
Abhängen des Olympos, da wo einst im ambrosischen Licht die Götter Homer's
getront, Abdallah Muschir Bei wohnte, ein vornehmer reicher Mann, Renegat,
niemand anders, als der ehemalige päpstliche Sporenritter und Oberprocurator
Dominicus Rück ...
    Wir kennen die Schreckensscene, als Ceccone, der ohne Lucindens Plaudereien
nicht leben konnte, in einem Cabinet, dessen Tür durch Zufallen von innen sich
von selbst verschloss, bei ihr verweilte, Sarzana mit blanker Klinge die Tür
sprengte und nach dem Cardinal stach ... Als damals Lucinde zu den
»Lebendigbegrabenen« geflohen war, liess sich eines Tages am Sprachgitter ein
Fremder melden, welcher seinen Namen nicht nennen mochte ... Ueberall Mord und
Verrat fürchtend, wagte sich Lucinde nicht ans Gitter, sondern liess sich
verleugnen ... Dieselbe Meldung kam acht Tage später wieder ... Als sie nun
tiefverschleiert und wie eine Nonne am Gitter erschien und den Mann erkannte,
welcher sie zu sprechen wünschte und den sie zum letzten mal gesehen als einen
fast von ihrer eigenen Hand Erhängten, erbebte sie, überflog in schneller
Fassung die gegenwärtige Stellung, in der sie sich befand, ihre Rücksichten, die
Gesinnung, die sie zur Schau tragen sollte, wechselte nur wenige kalte Worte mit
ihm und gab sich ganz den Nimbus, der ihr als Gräfin und Fromme gebührte ... Bei
einer dritten Meldung nahm sie den unheimlichen Besucher gar nicht an ...
Inzwischen blieb sie bei den alten Parzen des Klosters wohnen und sah die
wahnsinnige Lucrezia Biancchi in ihren Armen sterben ... Jetzt schrieb ihr Rück
... Ob sie denn ganz die deutsche Heimat vergessen hätte, ob sie ihn für
unwürdig hielte, dem Puppenspieler Weltgeist hinter die Coulissen zu sehen, mit
einzublicken in die Gedankenmaschinerie einer grossen, stolzen und die Welt
verachtenden Seele, wie die ihrige - oder ob sie Furcht haben könnte - vor wem?
- vor was? - Vor sich selbst - doch gewiss am wenigsten! - Wol gar vor ihm -! ...
Er bot ihr, die in so viele Geheimnisse seines Daseins eingeweiht war, die ihn
vor den schrecklichen Folgen der Rache Hammaker's vom Hochgericht hernieder
bewahrt hatte, den Mitgebrauch seines Vermögens, das er, nach einer Trennung von
seiner Frau, so weit an sich gebracht hatte, als ihm sein eigen Erworbenes nicht
entzogen werden konnte ... Zur Ehe nehmen konnte er Lucinden nur dann, wenn
beide die Religion wechselten ... Auch das schlug Nück vor ... Er schilderte den
»schwarzen Falken«, einen Indianerhäuptling voll Tapferkeit, Grossmut,
Gerechtigkeitliebe, der an nichts geglaubt hätte, als an den »grossen Geist« -
... Er erläuterte die Philosophie Buddha's mit wenig Federstrichen - ...
Jedenfalls schlug er nicht den verhassten »Rückschritt« des Protestantismus,
sondern, wenn sie wolle, Islam oder Judentum vor ... Lucinde war damals so
unglücklich, dass sie diese Zeilen lange mit Aufmerksamkeit betrachtete. Es war
ein Brief in den Wendungen, wie sie Nück liebte - Cynismus abwechselnd mit
Melancholie ... Offen gestand er, dass er sich daheim nicht mehr hätte halten
können; zu schlimme Gerüchte hätten ihn verfolgt; ein ruheloser, unstäter Geist
irre er jetzt von Stadt zu Stadt und wiche Jedem aus, der sich, weil er wisse,
dass er einen Kopf, zwei Arme und zwei Beine hätte, ein vernünftiges Wesen dünke
... Rom, für dessen Macht und Herrlichkeit er sonst seine eigene Vernunft
eingesetzt, erschiene ihm eine wüste Einöde ... Er müsse sein altes von Hause
mitgebrachtes Rom nehmen und über die langweilige Stadt, die er hier anträfe,
»überstülpen«, um hier nur auszuhalten ... Nur den ihm geistesverwandten
Klingsohr hätte er besucht und von diesem die Empfehlung eines ehemaligen
türkischen Priesters, der Christ geworden, erhalten ... Um seinerseits umgekehrt
vielleicht ein Türke zu werden, lerne er von diesem die türkische Sprache ... Er
bot Lucinden an, sein Weib zu werden und mit ihm nach Kairo zu gehen ...
    Sie antwortete ihm nicht und Nück verschwand dann aus Rom ... In Neapel
vervollkommnete er seine Kenntnisse im Türkischen, ging nach Stambul, von da
nach Brussa ... Ohne ihr die ihm bewiesene Kälte nachzutragen, schrieb er
Lucinden als Abdallah Muschir Bei ... Die beredtesten Schilderungen zeigten ihn
als leidlich glücklich; er beschrieb seine Einrichtung, den Harem seiner Frauen;
- nur bedauerte er, dass er krank und alt wäre ... Gerade dies von Erdbeben
heimgesuchte, jedoch über alle Beschreibung schöne Brussa hätte er gewählt, weil
die berühmten Schwefelquellen der Stadt »direct aus der Hölle flössen« ...
Seinen Justinian könne er nun nicht mehr verwerten und hätte auch nach so
langer Advocatenpraxis ein unwiderstehliches Bedürfnis nach Ehrlichkeit ...
Deshalb wolle er - Kaufmann werden, wie sein Schwager Guido Goldfinger - im
Orient befleissigte der Kaufmannsstand sich wirklich der Ehrlichkeit ... An den
berühmten Seidenwebereien Brussas beteiligte sich Abdallah Muschir Bei mit
Kapitalien ...
    Jetzt antwortete ihm Lucinde und es vergingen seitdem nie sechs Monate, wo
nicht über Stambul und Venedig her ein Geschenk an kostbaren Stoffen, seidenen
oder wollenen, an Teppichen und Shwals, auch an kostbaren Geschmeiden für sie
ankam ... Da in diesen Briefen jeder seinen Standpunkt beibehielt, so konnten
sie nicht ohne Reiz zur Fortsetzung bleiben ... Abdallah verharrte dabei, dass er
Lucinden geliebt hätte, liebe und lieben würde in Ewigkeit ... Auch noch jetzt
könnte er seinen Sklavinnen nur Geschmack abgewinnen, wenn seine Phantasie sie
in Lucinden verwandelte ... Die Geschenke Abdallah's zurückzuschicken oder
abzulehnen war zu umständlich - Lucinde behielt sie und verkaufte sie
gelegentlich, wenn sie in Not war ... Ein einziger Shwal half ihr dann auf
Monate ...
    Ihre demnach mit türkischem Geld unterhaltenen »ultramontanen Donnerstage«
wurden von allen jenen Menschen besucht, die nach Rom ziehen, wie die Weisen des
Morgenlands nach Betlehem ... Alle Nationen waren hier vertreten ... Die
süsslächelnden jesuitischen Abbés der Franzosen; die englischen
Katakombenwallerinnen, die im feuchtmodernden Tuffgestein die
andertalbjahrtausendalten Fusstapfen der Wiseman'schen »Fabiola« suchten;
deutsche Künstler, die den Untergang des Geschmacks von den zu weltlichen
Madonnen Raphael's herleiteten und an Giotto anknüpften; Gelehrte, die alle
gangbaren Geschichtsbücher umschrieben, so, dass sie immer das Gegenteil dessen,
was die deutschen Kaiser erstrebten, als das Richtigere darstellten, die Päpste
zu allen Zeiten Recht behalten liessen - meist fanatische, geistvolle Menschen -
und Gräfin Sarzana wusste selbst Die unter ihnen zu fesseln, die nicht die
Intrigue liebten ... Das Deutsche, mit dem sie oft begrüsst wurde, behauptete sie
vergessen zu haben; schon lange sprach sie ihr Italienisch mit Feinheit und
jedenfalls in jenem rauhen, tiefliegenden Ton, der am gewöhnlichen Organ der
Italienerinnen den bekannten Wohllaut ihres Gesangs bezweifeln lassen könnte ...
Ihre Kunst, einen Abend belebt zu machen, Niemanden zu lange im Schatten stehen
zu lassen, galt für musterhaft ... Gelehrte Streitigkeiten duldete sie bis zu
einem gewissen Grade, der jedoch bei weitem über den der Oberflächlichkeit
hinausging - ... Viel hockte sie unter Büchern, die ihr Klingsohr bis an seinen
vor einigen Jahren erfolgten Tod zutrug - die Hektik, die Cigarre und der
Orvieto untergruben ihn -; sie lernte unaufhörlich und konnte aus Bibel und
Kirchenvätern eine Menge Beispiele für Behauptungen anführen, die den grössten
Lichtern der Sapienza und des Collegio anregend waren ... Ihr Vorsprung war
dabei der, dass sie alles Vergangene so nahm, wie Gegenwärtiges ... Die Menschen
hatten nach ihrer Auffassung zu allen Zeiten dieselben Schwächen, dieselben
Bedürfnisse; die Forderungen der Natur waren sich zu allen Zeiten gleich ...
»Sonderbar!« sagte sie - »Die Gelehrten sind auf diese Voraussetzung so wenig
gerüstet! Für das Natürlichste, für den Gebrauch eines Nasentuches in der Hand
Cicero's, muss ihnen erst ein Citat aus einem alten Schriftsteller die
beruhigende Anlehnung geben!« ...
    Von Klingsohr, dem es gegangen, wie den deutschen Lanzknechten im
Mittelalter, wenn sie bis zu dem altgefährlichen Capua kamen, schrieb ihr
Abdallah Muschir Bei: »Ist er nun zu seinem Vater und zum Kronsyndikus! O,
dieses eitlen Prahlers! Er erstrebte eine Bedeutung, zu welcher ihm weniger
Fleiss und Beharrlichkeit, wie er vorgab, als schöpferisch geistige Kraft fehlte!
Statt letzteres offen einzugestehen, schmähte er die Trauben, die ihm zu hoch
hingen! Das ganze deutsche Volk ist wie Klingsohr und gewiss fressen es auch noch
einmal die Kalmücken und Tartaren!« ... Lucinde teilte diese Ansichten ... Als
sie die ihr von Klingsohr hinterlassene Habe desselben musterte, Brauchbares
verkaufte, seine Papiere, seine angefangenen philosophischen Werke unbarmherzig
ins Feuer warf, sogar seine Gedichte, in denen doch nur sie besungen war, liess
sie sich selbst von jener Brieftasche nicht rühren, die einst in Klingsohr's und
ihrem eigenen Jugendleben eine so grosse Rolle gespielt hatte ... Nachdem sie
einen Augenblick zweifelhaft gewesen, ob sie dies Angedenken an die düsteren
Verwickelungen im Hause der Asselyns und Wittekinds nicht gleichfalls mit in
jenes Kästchen von Ebenholz legen sollte, das ihren ganzen Lebensschatz entielt
- mit zu den noch unverkauften Gold- und Silbergeschenken Nück's - zu all den
Briefen und Blättchen, die sie von Bonaventura's Hand besass - zu Serlo's
Denkwürdigkeiten und zur Urkunde Leo Perl's - verbrannte sie es - gerade an
einem Tage, wo drei deutsche Pilger bei ihr vorgesprochen hatten, die zu Fuss
nach Rom gewallfahrtet kamen, Stephan Lengenich, Jean Baptiste Maria Schnuphase
und der Paramentensticker Calasantius Pelikan aus Wien ... - Alle drei erhielten
zeitig den gesandtschaftlichen Rat abzureisen - sie betranken sich täglich ...
    So gab es der Abwechselungen genug, zu denen sich dann die Reisen, der
Aufentalt in Genua, in Coni gesellte, bis die Revolutionen ausbrachen, wo sich
Lucinde in Venedig und glücklicherweise durch die Hülfe hielt, die ihr aus dem
Orient kam ...
    Jetzt war ein halbes Jahr seit »Wiederherstellung der göttlichen Ordnung«
verflossen ... Wieder war die römische Saison, kurz vor dem Carneval, in
aufsteigender Höhe ... Wieder war ein »Donnerstag« gewesen ...
    Lucinde sass, zufrieden mit der Zahl ihrer heutigen Gäste, mit der Erinnerung
an ihre eigenen Einfälle und Repliken, die sie zum Besten gegeben (was mustert
man nicht alles nach einem Gesellschaftsabend am Effect, den man im Leben machen
soll oder will!) ... Die Herzogin von Amarillas war zugegen gewesen, noch immer
tief in Trauer gehüllt - im übrigen starr, versteinert, bis zum Peinlichen
unbeweglich geworden ... Olympia Rucca, die zur Besserung ihrer Finanzen mit
ihren Schwiegerältern Frieden geschlossen hatte und sich gleichfalls noch
derselben Trauer widmete, die auch nicht Ercolano, ihr Gatte, um Cäsar Montalto
abgelegt hatte - Ercolano sah in Benno's Verhältnis zu Olympien nur eine
persönliche Aufopferung der Freundschaft zu Gunsten seines Friedens, zur
Vereinfachung seiner Sorgen um eine »nun einmal schwer zu behandelnde« Frau -
»Es gibt solche Ehemänner -!« sagte Lucinde ... Auch Fefelotti, der wiederum
allmächtige Cardinal, war dagewesen und hatte Lucinden durch eine heimlich
zugeflüsterte Mitteilung erfreut ... Sie hatte den Atem des Mannes zwar nicht
gern in ihrer Nähe, aber sie hörte doch mit Vergnügen, was er ihr heute
zugezischelt ... Es erfüllte sich also, dass (irgendwo in Europa) mit einem
hochbetagten luterischen Landesvater, bei dessen Hofteater die beiden Fräulein
Serlo als Tänzerinnen engagirt, dann im geheimen zu Freiinnen von *** erhoben
waren, durch Vermittelung dieser Favoritinnen ein für Rom günstiges Concordat
abgeschlossen werden sollte ... Hatte auch Lucinde, die dies Arrangement zu
Stande gebracht, gerade kein besonderes Interesse an der Summe, die man ihr
zahlen wollte, wenn die Freiinnen von *** nebst ihrer alten Mutter so lange
weinten und sich kasteiten und sich abhärmten und den alten Landesvater selbst
beim Champagner und nachts zwölf Uhr, wenn er im Mantel verhüllt nach Hause
schlich, durch ihre Gewissensbisse peinigten, bis dieser nachgab und den für ein
protestantisches Land schmählichen Vertrag mit Rom abschloss1 - ihr genügte
schon, sich die Curie gründlich verpflichtet zu haben und bitterlächelnd - an
Serlo's Phantasieen über die Zukunft seiner Töchter denken zu können - ...
    Heute war ein neuer Gast zum dritten mal dagewesen - Pater Stanislaus aus
dem Al Gesù, Wenzel von Terschka ... Sechs Monate hatte dieser Verlorene in Rom
verweilt, ohne dass ihn jemand erblickte ... Man sagte allgemein, er hätte eine
qualvolle Gefangenschaft, dann eine glorreiche Umänderung seines Sinnes zu
bestehen gehabt und nun wäre er nahezu ein Heiliger geworden ... Jedem, der etwa
erstaunte, wie hier möglich gewesen, dass ein Mann erst Priester, dann als
solcher weltlich beurlaubt, beauftragt, in kurzer Robe sich in die allgemeine
Gesellschaft zu mischen, dann in London zum Ketzertum übergetreten war, wieder
nach Rom zurückkehrte, sein altes Priesterkleid - »re quasi bene gesta« sagte
Lucinde - wieder anzog - Dem wurde erwidert: All diese Wandelungen im Leben
Wenzel von Terschka's beruhen auf Verleumdung! Nie war er vorher ein Priester!
Nie war er ein Protestant! Jetzt erst führte ihn das Bedürfnis der Heiligung
über ein leichtsinniges Leben in die geschlossenen Räume eines Busshauses! Erst
jetzt ist er geistlich geworden; jetzt in den Orden des heiligen Ignaz getreten
- und auch jetzt erst heisst er Pater Stanislaus ... Allen denen, die etwa an der
Richtigkeit dieser Darstellung zweifeln mochten, musste dieselbe glaubhaft
erscheinen, wenn sie die hohle Wange, das düster irrende Auge, den scheuen
Blick, den fast verstummten Mund, eine erschreckende Vernichtung an einem Mann
wiederfanden, der sonst in Gesellschaften wie Quecksilber glitt ... Der dritte
Donnerstag war es heute, wo der unheimlich brütende, willenlos gewordene - alte
Mann bei Gräfin Sarzana sass ... Mit dem Schlag der zehnten Stunde brach er
jedesmal auf; er, dem sonst die Nacht gehören musste ... Punkt fünfzehn Minuten
nach zehn musste Pater Stanislaus hinter seinen düstern Mauern sein ...
    Lucinde urteilte über diese Eindrücke, wie über etwas, was sich von selbst
verstand auf dem Gebiet ihres Wirkens und Lebens ... Sie, die ja auch in dieser
Weise zu den Wiedergeborenen gehörte, liess ganz ebenso Terschka gelten ... Sie
begrüsste ihn ohne jeden Schein einer Kritik und gab dem Pater Stanislaus die
Ehre, die seinem Stande gebührte ...
    Nur ein einziges nagendes Gefühl quälte Lucinden unausgesetzt ... Sie, die
sonst die Reue als »unnütze Selbstquälerei« verwarf, bereute doch Eines ... Es
war ein Wort, das ihr einst bei ihrer ersten Bekanntschaft mit Cardinal Ceccone
über den damaligen Bischof von Robillante entfallen war: »Ich besitze in meinen
Händen etwas, was ihn auf ewig vernichten kann!« ... Dass ihr dies Wort hatte
entschlüpfen können, war nur möglich gewesen im ersten Rausch über die ihr
gewordenen neuen Erfolge - auch im Zorn nur über Bonaventura's damalige Abreise
von Wien ... Bonaventura hatte sie in einer Stadt, wohin sie ihm verkleidet
durch ganz Deutschland nachgereist war, zurückgelassen, ohne sich weiter um sie
zu kümmern ...
    Oft hatte sie diese Äusserung, die sie auch aus Furcht vor den Drohungen des
Grafen Hugo tat, wenn sie daran erinnert wurde, in Abrede gestellt, hatte ihren
Sinn harmlos zu deuten gesucht; aber Ceccone, Olympia, die Herzogin von
Amarillas hatten die Äusserung behalten, oft wiederholt und so rückhaltlos
wiederholt, dass sie Fefelotti bekannt wurde ... Dieser, von Hass und Rache gegen
Bonaventura seit Jahren unveränderlich erfüllt, hatte der Vorgeschichte
Bonaventura's nachgespürt, dem Verschwinden seines Vaters, dem beraubten Sarge
auf dem Friedhof von Sanct-Wolfgang ... Nach ihrer fernern frühern Äusserung:
»Käme, was ich habe, zu Tage, so müsste der Unglückliche auf ewig in ein
Kloster!« fehlte nicht viel, dass die seit dem Tode Benno's zu einem grossen
Schlage der Rache Verbundenen, Fefelotti, Olympia, die Herzogin, schon aus sich
selbst heraus die volle Wahrheit trafen ... Zu einer solchen Entsagung konnte
nur Jemand gezwungen werden, der mit einem dem Priestertum widersprechenden
Makel behaftet war ... Selbst die Besuche Terschka's, sein lauerndes Umblicken
und grübelndes Schweigen schien dem Privatgefühl Lucindens, das von ihrer
öffentlich gespielten Rolle abwich, mit einer Verschwörung gegen Bonaventura -
sogar mit ihrem Kästchen in Verbindung zu stehen ...
    Bonaventura war noch in Rom - mannichfach begnadet und höher noch gehoben,
als er schon stand ... Im Sommer angekommen, hatte er seine Mutter sterbend
gefunden, sie aus dem Leben scheiden sehen, von seinem Stiefvater, der dann nach
Deutschland zurückkehrte, Abschied genommen und eben nach Neapel reisen wollen,
als er durch einen jener plötzlichen Einfälle, welche an dem inzwischen wieder
auf den Stuhl Petri zurückgekehrten Stattalter Christi alle Welt kannte, zum
Cardinal erhoben wurde ... Quid vobis videtur? hatte es aus des heiligen Vaters
Munde im Consistorium geheissen und alles blickte auf Fefelotti ... Die alte
Regel, zu solchen persönlichen Willensacten des Papstes zu schweigen und ihm die
volle Gerechtsame seines Herzens zu lassen, Cardinäle nach eigener Gemütsregung
zu ernennen, wurde auch hier innegehalten so sehr sich die Zeiten verändert und
die Porporati den Charakter einer Ständekammer angenommen hatten, aus deren
Majorität weltlichverpflichtete Minister kamen ... Die Trauer eines Sohnes um
seine Mutter war die nächste Ursache dieser Erhöhung ... Ein Erzbischof musste
hierher nach Rom zu solchem Leide kommen - -! Der heilige Vater konnte ihm dafür
nur den Purpur schenken ...
    Fefelotti schäumte vor Wut über die ewigen »Rückfälle« des
»unverbesserlichen Schwärmers«, der die dreifache Krone trug ... Er stürmte zu
Lucinden, warf ihr die Veränderung ihrer Gesinnungen für den Verhassten vor,
reizte sie durch Paula's Glück, die gleichfalls in Rom war, und verlangte von
ihr geradezu - jenes Gewisse, das sie gegen die »Kreatur einer ihm feindlichen
Partei«, wie er Bonaventura nannte, seit Jahren in Händen hätte ...
    Die düstern schwarzen Augenbrauen zusammenziehend stellte Lucinde ihre
ehemalige Äusserung wiederholt in Abrede ... Jetzt zumal, wo sie mit Bonaventura
auf dem Fuss neuer Hoffnungen stand ... Ihre Jahre schreckten sie nicht - ... Sie
hatte die drei verbundenen Freunde Bonaventura, den Grafen Hugo und Paula nicht
aus dem Auge verloren ... Sie beobachtete scharf ... Sie hatte in Erfahrung
gebracht, dass sich im Herzen dieser drei Verbundenen grosse Kämpfe vollzogen;
Bonaventura sprach für die Wünsche des Grafen, der ganz nach Wien übersiedeln
oder wieder in Militärdienste treten wollte ... Paula stand an einem Scheidewege
- ob Rom, ob Wien ... Ging sie nach Wien, so waren die Würfel gefallen - Diese
Ehe hatte dann ihre natürliche Ordnung gefunden ... Und Bonaventura -? ...
Lucinde war so erregt von dem Gedanken, Bonaventura wäre als Cardinal nun an Rom
gebunden, müsse dann und wann von Coni herüber kommen, könne sich ihr, ihrer
Macht, ihrem Einfluss nicht entziehen, dass sie Fefelotti mit Indignation von sich
wies und diesen Gegenstand nie wieder zu erwähnen bat ...
    Auffallend war es, dass der neuernannte Cardinal, dem am Tage der Uebergabe
des Purpurhutes eines der ersten Fürstenhäuser Roms die üblichen Honneurs machte
- Olympia, die Herzogin von Amarillas wohnten diesen Festen nicht bei - doch
noch so lange in Rom verblieb ... Der Herbst war gekommen - sogar auf den Winter
kehrte der jüngste der Cardinäle immer noch nicht nach seinem Erzbistum zurück
... Niemand wusste die Veranlassung dieser verzögerten Abreise ... Bonaventura
selbst schützte für sein Bleiben Studien über Rom vor ... Sein einziger Umgang
war Ambrosi und die Salem-Camphausen'sche Familie ... Selbst als es mit Olympia
zu den unangenehmsten gesellschaftlichen Reibungen kam, blieb dennoch
Bonaventura bis in das neue Jahr hinein ... Er will den Carneval sehen! hiess es
... Man beruhigte sich scheinbar, nur Fefelotti umgab ihn mit Spionen ...
    Auch Lucinde forschte ... Ganz leise hatte sie einige Fäden von einem
Verkehr aufgegriffen, welchen der neue Cardinal mit Neapel, ja mit dem
Silaswalde unterhielt ... Ende August schon hatte sie in Erfahrung gebracht, dass
Frâ Hubertus und jener Einsiedler, welcher ihnen vor Jahren soviel zu schaffen
gemacht, auf Befehl der Inquisition gefangen genommen worden ... Noch zuckte
Fefelotti, den sie deshalb befragte, die Achsel und sagte: Die Jesuiten liessen
diesen Ketzer allerdings gefangennehmen, mussten ihn aber mit seinen Genossen an
die Dominicaner ausliefern! Sie kennen die Eifersucht der weissen Kutten gegen
die schwarzen! ... Lucinde hörte, dass Bonaventura's Verbleiben in Rom mit
Geheimnissen des Sacro Officio zusammenhing; die klare Uebersicht des
Tatsächlichen fehlte ihr noch ... Sie durfte erbangen über ein Wiederbegegnen
mit Hubertus; aber sie wollte glücklich sein, wollte hoffen - fasste alles im
heitersten Sinne auf und fürchtete für nichts ...
    Heute sass sie in der allerlebhaftesten Spannung ... Der Grund, warum sie
heute noch nicht zur Ruhe gehen wollte und konnte, war kein anderer, als die
noch wie im Sturm der Mädchenbrust gefühlte Spannung ihrer Ungeduld, ob die für
morgen früh beim ersten Morgengrauen angesetzte endliche Abreise des Grafen -
mit oder ohne Paula stattfand - ...
    Das gräfliche Paar lebte sehr zurückgezogen in einem der grossen Hotels an
Piazza d'Espagna ... Der Schleier des Geheimnisvollen, welcher Bonaventura, der
seinerseits bei Ambrosi wohnte, und die Freunde umgab, war selbst für Lucinden
in den meisten Dingen undurchdringlich ... Lucinde hatte auch für die
gegenwärtige Situation nichts anderes erspähen können, als die Absicht des
Grafen, in erster Morgenfrühe die längst beabsichtigte und immer wieder
aufgeschobene Reise nach Deutschland anzutreten ... In erster Morgenfrühe sollte
ein Bekannter eines ihrer Bedienten von Piazza d'Espagna, wo dieser im Hotel
aufwartete, die Nachricht bringen, ob Graf Hugo - mit oder ohne seine Gemahlin
abgereist war ...
    Reiste der Graf mit Paula, so war es ihre Absicht, für ihre noch immer
glühende Liebe eine neue Demonstration zu versuchen ... Sie wollte beim Cardinal
Ambrosi vorfahren, wollte die Urkunde Leo Perl's, eingesiegelt, mit einem
Schreiben an Bonaventura versehen, am Palast der Reliquien abgeben - sie wollte
die Bitte hinzufügen, den Empfang ihr durch eine ausdrückliche Meldung an ihren
Wagenschlag oder einen Gruss am Fenster beantworten zu wollen ... Reiste Paula
nach Wien, so hatte sie die Absicht, sich aufs neue in der Glut ihrer nur mit
dem Tode ersterbenden Liebe zu zeigen, selbst mit Gefahr, den Bund, der sich
gegen Bonaventura verschworen zu haben schien, zu Gegnern zu bekommen und die
Protection Fefelotti's zu verlieren ... An ihre schon grauen Haare, an ihren
gekrümmten Rücken, an ihre sechsunddreissig Jahre sollte sie dabei denken -? ...
Was ist einem Weib von Geist - ihr Spiegel! Liebesfähigkeit gibt ihr der Wille
und des Willens ewige Jugend! ... Da scheut sie keinen Wettkampf mit der glatten
Wange des Mädchens - eine »Jungfrau« war sie ohnehin geblieben bei allen ihren
Herzensconflicten mit Oskar Binder, Klingsohr, Serlo, Nück, Ceccone, Fefelotti -
Gräfin Sarzana war sie nur am Altar geworden ...
    Lucinde nahm aus ihrem Schreibbureau ihr Kästchen ... Es hatte die Form
einer grössern Reisecassette, war von schwarzgefärbtem Holz und mit einem guten
Schloss versehen ... Sie schloss es auf - blätterte in Serlo's Papieren - liess
einige Brochen von Türkisen und Diamanten am Lichte funkeln - verlor sich in
Träume, überlegte den Brief, welchen sie schreiben wollte, verschloss ihr
Kästchen wieder und wollte nun zur Ruhe gehen ...
    Als sie in ihrem Schlafcabinet begonnen hatte sich zu entkleiden, hörte sie
in der Nähe ein Geräusch ... Es war ein eigentümlicher Ton, dessen Ursache sie
sich nicht erklären konnte ...
    Sie ergriff ihr Licht ...
    Indem sie um sich leuchtete, fiel ihr ein, dass sie im Nebenzimmer ihr
Schreibbureau offengelassen und ihr Kästchen nicht wieder eingeschlossen hatte -
...
    Darüber schon zitternd trat sie ins Nebenzimmer, fand hier alles still,
verschloss rasch ihr Kästchen und blickte um sich ... Wieder erscholl der
fremdartige leise Ton, der von irgend woher draussen und dicht neben ihrem
Fenster hörbar blieb ... Jetzt hätte sie den Ton so erklären mögen, als bewegte
der Wind einen Klingeldraht ...
    Da ein solcher nicht in der Nähe und die Luft still war, die Nacht eher
schwül, als windbewegt, so konnte jenes Geräusch vom Winde nicht herkommen ...
Es dauerte fort ... Sollten Diebe in der Nähe sein? ... Ihren Dienstboten zu
rufen, versagte ihr bei diesem Gedanken schon der Atem ... Sie wohnte zwar in
einer lebhaften Strasse, aber mit dem Gegenüber eines alten unbewohnten Palastes
... Lauter Ruf hätte auch vielleicht die Diebe entwischen lassen ...
    Jetzt bemerkte sie, während jener leise schnurrende Ton fortdauerte, am
Fenster einen Schatten, wie von einem Seil ...
    Ihr Auge blieb auf diesen hin- und herschwankenden Schatten starr gebannt
...
    Sie klingelte jetzt heftig ... Im gleichen Augenblick stürzte vom Dach über
ihr ein Ziegel oder sonst ein Gegenstand auf die Strasse, der unten zerbrach ...
    Auf ihren Balcon, der vielleicht gar durch ein Seil von oben her sollte
erstiegen werden, hinauszustürzen hatte sie keinen Mut ... Der grosse weite
Saal, zu welchem jener Balcon gehörte, war unheimlich; um zu den Bedienten und
Mädchen zu gelangen, musste sie ihn durchschreiten ...
    Sie klingelte wiederholt und bekam endlich die Hülfe ihrer Leute ...
    Vom Balcon aus entdeckte man in der Tat einen vom Plattdach herabhängenden
Strick ...
    Die Diener, leidlich beherzte Bursche aus dem Gebirg, sprangen, ungeachtet
alles Abmahnens, mit grossen Küchenmessern einen Stock höher und von dort, wo
sich die Waarenlager eines Tuchhändlers befanden, auf die Plattform ...
    Hier regte sich nichts ... Man hatte nur den freien, sternenhellen Himmel
und ein unabsehbares Durcheinander von Schornsteinen ... Der Dieb hatte sich
also bereits in eines der Nachbarhäuser geflüchtet ...
    Luigi, einer der Bedienten, fand das Seil, das mit dreifachem Knoten um
einen hohen Schornstein gewunden war und das jedenfalls einen Menschen halten
konnte, der sich - etwa auf diesem Wege zum Balcon hätte hinunterlassen wollen
...
    Ueber dem lauten Rufen und Erörtern wurde auch die nächste Nachbarschaft im
zweiten und dritten Stock lebendig ... Die Mägde machten sich durch das lauteste
Schreien Mut ...
    Die Nachforschungen, jetzt von den Nachbarn unterstützt, führten zu keiner
Entdeckung, welche den Strick erklären konnte ... Beim Schein des von Lucinden
in ihr Schlafcabinet getragenen und da erst von ihm entdeckten Lichtes hatte
sich ohne Zweifel der Dieb aus dem Staube gemacht ... Die Gräfin musste warnen,
die Untersuchungen auf dem Boden fortzusetzen, da die Lichter hin und her
flackerten ... Jetzt erst erkannte sie, in welcher feuergefährlichen
Nachbarschaft sie lebte -! ... Die Tuchhändler des Ghetto hatten hier ihre
Vorräte an Tuch und Wolle liegen ... Das Parterre war allerdings so verfallen,
dass dem Besitzer des Hauses auf anderm Wege für diese Räume keine Miete mehr
wurde ...
    Als es still geworden, der Strick abgeschnitten, die Schlösser und Riegel
der Schränke untersucht waren und alles wieder zur Ruhe ging, warf sich die
Gräfin in höchster Aufregung auf ihr Bett und liess sich von den schreckhaftesten
Bildern peinigen, die diesen Ueberfall als wirklich vollzogen ausmalten ...
    Und wenn er sich wiederholte -? Wenn der Dieb wohl gar im Hause, in den
Zimmern noch versteckt wäre? ...
    Sie hatte sich eingeriegelt und ihr kostbares Kästchen jetzt mit in ihr
Schlafcabinet genommen ...
    Allerdings lag es nahe, an ihre wunderlichen Handelsgeschäfte, an ihren
häufigen Verkauf von Pretiosen zu denken ... Ihr aber bildeten sich andere
Vorstellungen ... ... Sie dachte an die abenteuerlichsten Absichten - sie sah
einen Abgesandten Fefelotti's, der sich ihres Kästchens bemächtigen sollte ...
Die längst verbleichten Bilder Picard's, Hammaker's, Oskar Binder's tauchten mit
frischen Farben vor ihren Augen auf ...
    Der Morgen erst bot Beruhigung, der ermutigende, alles belebende
Sonnenschein ... Rings öffneten sich die an jedem Fenster in Rom angebrachten
Markisen, die sich Lucinde freuen konnte diese Nacht nicht geschlossen gehabt zu
haben; denn nur so hatte sie hören können, was am Fenster vorging ...
    Von allen Bewohnern der Strasse schien das nächtliche Ereignis erörtert zu
werden ... Neugierige sammelten sich, blickten nach oben und disputirten ...
Noch einmal suchte man auf den Dächern die Spur des Diebes und fand noch manchen
Ziegelstein losgerissen und manchen alten leeren Blumentopf zertrümmert ... Aber
die Öffnung, wo der Dieb niedergestiegen und entkommen sein musste, konnte in
einer Häuserreihe, welche sich bis an Piazza Navona zog, nicht entdeckt werden
...
    Um sechs Uhr kam eine Botschaft, welche die Teilnahme Lucindens für jede
andere Angelegenheit, selbst für den Besuch des Polizeimeisters (natürlich eines
Prälaten) und die Untersuchung des von ihm als corpus delicti entgegengenommenen
und vielleicht auf Entdeckungen führenden Stricks zurückdrängte ... Ihr
Kundschafter zeigte ihr an, dass Graf Hugo nach fünf Uhr in einem leichten
Reisewagen, welchen drei Pferde zogen und dem sich ein hochbepackter
vierspänniger, Gepäck und Dienerschaft führend, anschloss, abgereist war ...
Paula war nicht zurückgeblieben ... Sie folgte ihrem Gatten nach Wien ...
    So war denn die Entscheidung erfolgt - das jahrelang Keimende endlich zur
Reise gediehen - ... Neue Sterne - neue Bahnen ... Paula folgte den Mahnungen
ihres einst gegebenen Jaworts und zahlte die lang gestundete Schuld der Ehe ...
Lucinde erkannte die ganze Tragweite dieser Veränderungen; ihre Phantasie ging
über sie noch hinaus ... Nun galt es in Bonaventura's Leben die freigewordene
Stelle einnehmen ... Und wie ergriff sie die Aufgabe, die ihr ein neues Hoffen
stellte -! ... Entschieden und offen wollte sie den Geliebten vor den geheimen
Conspirationen der Herzogin und der Fürstin warnen, die schon seine Heimat,
Castellungo, Neapel und die Verliesse der Inquisition in den Kreis ihrer
Forschungen gezogen zu haben schienen ... Sie wollte ihm den nächtlichen
Ueberfall anzeigen, den sie heute erlebt hatte und Veranlassung daraus nehmen,
zunächst die Urkunde einzusiegeln und einen Augenblick zu erspähen, wo sie
Bonaventura bei seinem Freunde sicher zu Hause fand ... Auch sie hielt sich in
seiner Nähe einen Spion, einen Priester, welchen dem fremden Kirchenfürsten seit
einem halben Jahr die Congregation der Bischöfe zur Verfügung gestellt hatte ...
    Ihre tägliche Messe hörte sie - »um es mit keinem zu verderben« - bald hier,
bald dort ... Sie kleidete sich an und fuhr zunächst an einen Ort in der Nähe
des Ambrosi'schen Palastes, wo ihrer an jedem Morgen jener Priester harren und
ihr sagen musste, wo sie den Freund den Tag über sehen könnte, was er beginnen,
wo celebriren, wo in Gesellschaft sein würde ... Der junge Abbate sprang dann an
den Wagenschlag; sie lehnte ihm ihr Ohr hin und erfuhr, wo sie hoffen konnte
Bonaventura zu begegnen ...
    Heute hörte sie zwei Nachrichten ... Eine erfreuliche, die, dass beide
Cardinäle dem grossen Sprachenfest der Propaganda beiwohnen würden, sie also
Bonaventura sehen könnte - ... Dann eine erschreckende - beide Cardinäle würden
einen Ausflug nach Neapel machen ...
    Es war Winterszeit und letztres schon glaublich ... Konnte sie aber nicht
folgen? ... Konnte sie nicht den neuesten Ausbruch des Vesuv sehen wollen oder
vom römischen Winter, der diesmal sogar Eis gebracht hatte, gleichfalls
vertrieben werden? ... Andrerseits sah sie mit zunehmendem Befremden die
wichtige Rolle, die im Leben Bonaventura's Neapel zu spielen anfing - ...
    Mit diesen wichtigen Kunden fuhr sie in die nächste Kirche - die des
Al-Gesú, in der eigentlich Jeder die Messe hören musste, wenn er zum guten Ton,
namentlich zum triumphirenden der Reaction gehören wollte - ...
    Während sie dort, über ihre nächsten Entschlüsse brütend kniete, sass
Bonaventura in den düsteren Zimmern des Katakombenpalastes in der Tat voll
tiefster Trauer ...
    Die Unfähigkeit des Grafen, länger seine Liebe zu beherrschen, hatte im
Wettkampf dreier Herzen den Sieg davongetragen ... Noch vor einigen Tagen hatte
Paula vom Eintritt in ein Kloster gesprochen - ... Der Tod der Präsidentin von
Wittekind war unmittelbar und in der ganzen Herbigkeit eines sich nur ungern dem
Gesetz der Natur bequemenden Scheidens von den Freunden miterlebt worden - ...
Nun erfuhr Bonaventura, dass das stille Gute Nacht! des gestrigen Abends der Höhe
seines Lebens gegolten hatte ... Nun konnte es nur noch abwärts gehen ... Es war
zwischen den Freunden so verabredet worden, dass sie sich ganz ohne Abschied
trennten ...
    Die nächste Zerstreuung, die nächste Füllung der Lücke seines Innern bot die
Reise nach Neapel ...
    Ambrosi kannte jede Beziehung im Leben seines Freundes ... Als Bonaventura's
Mutter gestorben war, ging eine Anzeige dieser Entscheidung in den Silaswald ...
... Bonaventura würde die Botschaft selbst überbracht haben, hätte ihn nicht
noch des Präsidenten Gegenwart und tiefste Betrübnis zurückgehalten - dann, als
der Präsident abreiste und nun der Vater, wenigstens für ihn, auferstehen, der
Sohn ihm an die Brust sinken konnte, seine Ernennung zum Cardinal ...
    Federigo's Absicht, selbst nach Rom pilgern zu wollen, hatten die Freunde
nicht erfahren können ... Denn die jesuitische Reaction, die mit dem Jahre 1849
über Europa hereinbrach, drang selbst bis in jenen dunkeln Winkel eines
calabrischen Waldes und machte den Einsiedler zum Gefangenen ... Monsignore
Cocle, Bevollmächtigter Fefelotti's, hatte jene Versammlung des 20. August
gesprengt und sämmtliche Ketzer des Silaswaldes festnehmen lassen ...
    Ambrosi musste das Äusserste aufbieten, Bonaventura von unüberlegten
Schritten zurückzuhalten ... Sofort nach Neapel zu reisen, dort an die Pforte
der Inquisition zu klopfen, wie Bonaventura wollte - es war für einen Cardinal
und Erzbischof unmöglich, falls nicht davon zu gleicher Zeit Vater und Sohn die
grössten Nachteile haben sollten ... Ambrosi kannte aber den Hass der Dominicaner
gegen die Jesuiten, die Inquisition gehörte jenen; er zog den General-Inquisitor
ins Vertrauen ... Pater Lanfranco wirkte in der Tat im günstigsten Sinne nach
Neapel ... Bald wurde, zur Wut der Jesuiten, der alte Negrino freigegeben,
selbst Paolo Vigo sollte unter gewissen Bedingungen zu Ostern das Sacro Offizio
verlassen ... Von Frâ Federigo sowol wie von dem, auf Betrieb der Jesuiten, aufs
heftigste von den Franciscanern reclamirten Hubertus hiess es, beide würden nach
Rom geschickt werden, sobald die Acten spruchreif wären und den letzten Spruch
sollte dann das heilige Officium von Rom fällen ...
    Alles das wurde allerdings in einem Stil verhandelt, wie er den in solchen
Fällen ehemals üblichen Scheiterhaufen entsprach ... Im geheimen gab aber Pater
Lanfranco die Versicherung, dass schon bis zur Weihnachtszeit beide Gefangene in
Rom sein würden; schon jetzt würden sie besser gehalten, als jemals andere in
ähnlicher Lage ...
    Alles das geschah aus Achtung vor den Empfehlungen zweier Cardinäle und
vorzugsweise den Jesuiten zum Trotz - ... Eine sofortige Unterbrechung der
üblichen Proceduren war nicht möglich ... Federigo galt für einen Waldenser, war
beschuldigt, Proselyten gemacht zu haben, Bonaventura musste sich ergeben in Das,
was zunächst nicht zu ändern war ...
    Ambrosi bat den Freund in Rom auszuharren ... Er beschwor ihn, sein
Interesse für den unglücklichen Vater nicht zu sehr zu verraten - unfehlbar
würde er ihn damit nur verderben - ... Die beiden Frauen, die vor Jahren die
masslosesten Huldigungen vor dem Bischof von Robillante zur Schau getragen
hatten, sassen jetzt im Palast des alten, zum schäbigsten Wucherer gesunkenen
Rucca, auf Villa Tibur und Torresani, und ersannen nichts als Kränkungen für
einen Priester, dessen Erhöhung sie nicht hindern konnten ... Die Herzogin hatte
sich dem Präsidenten mit kalter vornehmer Haltung als seine Stiefmutter
vorgestellt ... Obschon Erbin eines Vermögens, das Friedrich von Wittekind
seinem natürlichen Bruder ausgesetzt hatte, gab sie sich doch die Miene, diese
Mittel nicht zu bedürfen ... Beide Frauen waren jetzt verbunden mit Fefelotti
... Sie sahen Terschka bei sich, sie hatten Geheimnisse, die selbst die schlau
aufmerkende, freilich immer sanft erscheinende, immer demütig ergebene Gräfin
Sarzana nicht erfuhr ... Ambrosi bat, alles seiner Führung und der nächsten,
sicher nicht zu entfernten Zeit zu überlassen ...
    Mit Ambrosi war jener Austausch der Freundesbeichten, von welchem sie vor
Jahren gesprochen hatten, wirklich erfolgt ... Einer sah auf den Grund des
andern ... Ja - Ambrosi war ein Schüler Federigo's und nur glücklicher, als
Paolo Vigo ... Ambrosi war ein Märtyrer geworden - um einst mehr zu sein, als
ein Mönch ... Was ist ein Dorfpfarrer, sagte er in der Tat, ganz nach
Bonaventura's Ahnung, der mit einem Bischof einen Streit beginnt! ... Nur ein
mit dem Papste Streit beginnender Bischof reformirt die Kirche! ... Das war
seine Losung ... Die politischen Stürme unterbrachen seine Entwickelung, aber
die Stunde reifte ... Vor dem 20. August 18** hatte auch er dem Bruder Federigo
geloben müssen, nichts zu sein, als Katolik wie die andern ...
    Bonaventura hatte dem Freunde offen gestanden, wer Federigo war ... Mehr
noch - er hatte ihm gesagt, dass ihm - die Taufe fehlte ... Getauft bist du mit
dem Geiste Gottes! war die Antwort des mutigen Priesters, der ihm ebenso offen
gestand, er hätte sein Leben daran gegeben - einst Stattalter Christi zu werden
... Sein Gebet um Kraft und Ausdauer war nichtsdestoweniger ein reines, ein
aufrichtiges ... Er brauchte seine Tugend nicht zu heucheln ... Einmal nur
strauchelte er, als Olympia von ihm gesagt hatte, seine Lippen hätten im
Beichtstuhl ihren Mund berührt ... Ach, er hätte sie geliebt! gestand er dem
Freunde. Er hätte sein Bekenntnis darüber, als er bestraft werden sollte, nicht
zurückgehalten - Aber - seltsam! selbst dieser Fanatismus, dem Geist einer
Sache, nicht ihrem Buchstaben wahr sein zu wollen, hätte sich ihm in Segen
verwandeln müssen - für um so heiliger hätte man ihn seitdem gehalten -! ...
Wenn Bonaventura sagte: Die Welt erkennt noch Heilige, wenn es ihrer nur gäbe -!
- so überhoben sich beide nicht - ihr Sinn war der der Läuterung, Demut und
Entsagung - ...
    Die Rettung der katolischen Kirche ist ein allgemeines Concil ... In dessen
Hände legt der Stattalter Christi seine Gewalt nieder - ... Das war ihre Losung
und beide liebten das Kreuz ... Dass die Religion nicht Philosophie sein könne,
verstand sich ihnen, ebenso von selbst, wie, dass der Katolicismus nicht zum
Lutertum übergeht ...
    Der treuverbundene Freund hatte dem Trauernden, dessen Liebe zu Paula aufs
tiefste aus den eigenen Entbehrungen seines Lebens von ihm nachgefühlt werden
konnte, unausgesetzt Nachrichten vom Vater aus Neapel gebracht, hatte ihn um
Mässigung gebeten, hatte alles getan, um die Ungeduld des Sohns von übereilten
Schritten zurückzuhalten ... Bis zur Weihnachtszeit wollte sich Bonaventura
zufrieden geben ... Aber die Roratemessen kamen, die Weihnachtskrippen, das neue
Jahr brach an - die Gefangenen kamen nicht. Nun wollten sie allerdings beide
selbst nach Neapel ...
    Den Vormittag des 6. Januar brachte Bonaventura mit geschäftlichen Briefen
zu, die an sein erzbischöfliches Kapitel gerichtet werden mussten ...
    Er speiste allein - Ambrosi war auswärts und durch sein Amt bis über Mittag
gehindert ...
    Als Ambrosi zurückkam, begleitete er den Freund zur Piazza d'Espagna, wo die
Missionäre der Propaganda ihr grosses Sprachenfest hielten ...
    Dort mussten sie Pater Lanfranco finden ... Erteilte ihnen dieser keine
Beruhigung, so wollten sie am nächsten Morgen nach Neapel reisen ...
    Der Saal war überfüllt ... Alle Welt ergreift in Rom die Gelegenheit,
Würdenträger der Kirche in reicher Anzahl versammelt zu sehen ... Erschienen sie
hier auch nicht in ihren grossen aussergewöhnlichen Prachtgewändern, so trugen
doch viele ihre regelmässigen Ordenskleider ... Griechen, Armenier, Kopten,
Maroniten befinden sich immer in ihren eigentümlichen Trachten ... Auch für den
Freund der Physiognomik gibt es schwerlich einen interessanteren Genuss, als
soviel markirte Priesterköpfe zu studiren ...
    Bonaventura und Ambrosi kamen an, als die Feierlichkeit schon im Gange war
...
    Die Schüler der Propaganda, jüngere und ältere Scholaren, darunter manche
bereits geweihte Kleriker, sprachen in all den Zungen, in welchen sie einst auf
Missionsreisen die Botschaft des Heils zu verkündigen hofften ... Wenigstens
konnten Proben von einem Viertelhundert Sprachen vernommen werden ...
    Ein erhabener Gedanke - ergreifend seine Bedeutung - aber die Ausführung
brachte Spässe mit sich ... Drollig erklang es dem italienischen Ohr, wenn ihm
Slavisch gesprochen wurde ... Ambrosi hatte Bonaventura in eine Falle gelockt
... Er wollte ihn aufheitern ... ... Als beide ankamen, lachte die Versammlung
grade über die Art, wie sich eine Lobpreisung des Höchsten im Polnischen ausnahm
...
    Bonaventura glaubte anfangs in einen Concertsaal zu treten ... Bald
entdeckte er die kleine Fürstin Rucca, die in elegantester Toilette neben ihrem
Ercolano sass und so vertraulich mit diesem lachte, als hätte die zehnjährige
Episode ihres Lebens mit Benno gar nicht stattgefunden ... In einer gestickten
ordenüberladenen Uniform sass Ercolano, lorgnettirte die Damen und klatschte wie
im Teater mit seinen hellen Glaçeehandschuhen Beifall, wenn eine gewandte Zunge
rasch über die schwierigen Passagen der fremden Idiome hinwegkam ... Neben
Olympien sass zur andern Seite die Herzogin von Amarillas mit schneeweissen
Haaren; sie blickte mit unversöhnlichem Groll auf Bonaventura ... Olympia beugte
sich demutsvoll dem Cardinal Ambrosi und verzehrte ihn noch jetzt mit
süsslächelndem Gruss - eine Geberde, die ihr auch jetzt noch angenehm stand; gegen
Bonaventura dagegen verwandelte sie die süssen Züge in jene ihr eigne plötzliche
Kälte und verneigte nicht einmal ihr Haupt, wie dies die Herzogin doch beiden
tat ...
    Gräfin Sarzana fehlte nicht ... Sie hatte in ihrer Nähe so viele, die sich
mit ihr unterhielten, dass ihr Olympia schon neidische Blicke zuschoss ... Der von
Ambrosi den Freunden bestellte Sitz war zufällig dem der Gräfin Sarzana so nahe,
dass sie mit Bonaventura einige Worte wechseln konnte ... Natürlich galten diese
der Abreise Paula's ... Schliesslich sagte sie:
    Morgen in der Frühe, um zwölf Uhr - find' ich Sie da in Ihrer Wohnung,
Eminenz? ... Zu keinem Besuch ... Nur einen gewissen Gegenstand wollt' ich an
Ihrem Portal abgeben und eine Beruhigung über den richtigen Empfang haben ...
Und denken Sie sich - diese Nacht sollte - bei mir - ...
    Ein schallendes Gelächter machte ihre fernere Rede für Bonaventura unhörbar
... Ein Neger hatte eben madagassisch gesprochen und Gurgeltöne hervorgebracht,
die noch kaum der menschlichen Sprache anzugehören schienen - ...
    Bonaventura war über Lucindens Anblick, ihre Rede, ihr Bedauern wegen
Paula's ergriffen ... Welche glänzende Toilette hatte die Gräfin gemacht -! ...
Sie trug ein schwersammetnes Kleid von dunkelroter Farbe ... Arme und Hals
waren frei ... Den allzu grellen Effect milderte ein schwarzer um den Hals
festzugehender Spitzenüberwurf ... Um den Nacken schlang sich eine Kette von
schwarzen Perlen - mit jenem goldenen Kreuze, das sie nie ablegte ... Hier und
da war ihr Haar schon grau; ein kleines schwarzes Spitzentuch, das an beiden
Seiten mit Brillantnadeln festgehalten wurde, lag darüber ... Die unter den
Spitzen vorschimmernden immer noch wohlgerundeten braunen Arme trugen am
Handgelenk kleine zierlich gewundene Schlangen aus schwarzer Lava ...
    Vorzugsweise schien Fürst Ercolano die Claque zu leiten ... Eine Côterie ihm
ähnlich aufgeputzter Dandies schlug auf seinen Wink die Hände zusammen, so oft
eine halsbrechende Passage ohne Stocken von den Lippen der Sprecher glitt, unter
denen sich Neger und Malaien befanden ... Selbst das heilige Hebräisch fand
keine Gnade vor den Ohren dieser Zuhörer, denen die andächtiger gestimmten
Fremden schon zuweilen zischen mussten ... Freilich klangen einzelne Sprachen
komisch genug; andere desto melodischer; z.B. Türkisch ... Als türkisch
gesprochen wurde, schlug Gräfin Sarzana die Augen nieder ... Fürchtete sie, um
Abdallah Muschir Bei beobachtet zu werden -? ... Das Arabische klang schroff,
rasch, »wie Rosseshuffschlag«2... Ein syrischer Priester sprach kurdisch; in
sanftem Wellenschlag flossen oft die Idiome der wildesten Völker ... Dunkel
dagegen und trübe erklangen die Sprachen des Nordens, das Englisch der Irländer
und Schotten ... Einige förmliche Wettreden wurden aufgeführt, an denen mehrere
Sprecher teilnahmen ... Auch das Holländische wurde hörbar - Deutsch durch den
rauhesten oberbairischen Dialekt, der nicht im mindesten Anklang fand und
vorzugsweise von Olympien lächerrlich gefunden wurde, indem sie höhnische Blicke
auf Bonaventura warf ...
    Ein unverkennbarer Blick aus den Augen der Gräfin Sarzana sagte: Sprächest
Du das Deutsche, so wär' es Wohllaut und die Sprache der Götter! ...
    Die Stimmung, in welcher sich Bonaventura befand (vor ihm lagen die Fenster
der von Paula heute verlassenen Wohnung; sie waren geöffnet, mit Spuren der
Abreise ihrer bisherigen Bewohner) bestimmte ihn, ihrem Blick durch milden
Ausdruck des seinigen zu erwidern ... War es eine durch die deutsche Sprache
geweckte Rührung beim Gedanken an die Heimat, beim Hinblick auf alles, was sein
Leben, das Leben seiner Nachbarin auf dem Boden des Vaterlandes schon
durchlaufen hatte und wie sie beide das Gewand einer fremden Nationalität
angezogen hatten und jetzt in der Tat durch ihre Lage Verbundene waren - oder
welches andere Gefühl ihn ergriffen haben mochte - sein Blick blieb voll Milde
und Anteil ... Lucinde hätte gewünscht, die Rückgabe der Urkunde schon für
heute angesagt zu haben ... Sie suchte nach einer Gelegenheit, sich ihm
verständlich zu machen und hatte ihn auf alle Fälle wegen Neapels zu befragen -
...
    Vor Bonaventura sassen mehre Mönche in schlichten Ordensgewändern ...
    Unter ihnen befand sich Pater Lanfranco, der General der Dominicaner ...
    Ambrosi blinzelte seitwärts auf Bonaventura und flüsterte ihm die Bitte, an
den General keine Frage wegen Federigo's zu richten ... Neben dem General sassen
zwei fremde, wie es schien, angesehene Weltpriester, denen sich anmerken liess,
dass sie zu den Affiliirten der Jesuiten gehörten ... Römischkatolische
Geistliche haben darin einen Blick, der sich selten täuscht ...
    Pater Lanfranco in seiner weissen Kutte sass mit gebeugtem Haupte,
unbeweglich; am kahlen Scheitel war ersichtlich nur sein Gehör in Tätigkeit ...
Ein südfranzösischer Kopf, scharf ausgeprägt ... Ein Schädel nicht rund, eher
länglich und nach oben viereckt auslaufend, wie die getrocknete Feige ... Bei
einem Lobgesang auf Maria in provençalischer Sprache wurde seine unbewegliche
Gestalt lebendiger ...
    Ein italienischer Zögling trat auf und sprach malaiisch - die Abwechslung
blieb die bunteste - ...
    Als der Redner in seinem wunderlich lautenden Vortrag stockte, sagte einer
der Nebenmänner des Generals:
    Im Sacro Officio sollen Ihre Brüder in Neapel einen Mönch haben, der diese
Sprache besser versteht! ...
    Sie kommt mir vor, entgegnete Lanfranco in fremdartigem Italienisch, als
balancirte ein Jongleur auf der Lippe mit geschliffenen Messern; da kann wohl
eins zur Erde fallen ...
    Bonaventura konnte nicht den Namen Neapels nennen hören ohne aufzuhorchen
... Noch dachte er nicht an den Bruder Hubertus, dessen ehemaliges Leben in Java
ihm bekannt sein durfte ...
    Nach einer Weile wurde auch ein auf dem Programm verzeichneter holländischer
Vortrag gehalten, für welchen der General der Jesuiten, ein Holländer, competent
gewesen wäre - er war nicht anwesend ...
    Diese Probe ging geläufiger ...
    Der General der Dominicaner sagte zu seinem Nebenmann:
    Ist Ihr Malaie nicht auch mit dem Holländischen vertraut? ...
    Gewiss! sagten seine beiden Nebenmänner zu gleicher Zeit und einer fügte
hinzu:
    Jener Bruder Franciscaner, der vor Jahren den Pasqualetto erschoss ...
    Bonaventura, erkennend, dass von Hubertus die Rede war, wollte sich in die
Unterhaltung einmischen, als ihn Ambrosi mit einer heimlichen Handbewegung
zurückhielt ...
    Merkt Ihr denn nicht, mein Freund, flüsterte er ihm zu, dass es nur darauf
abgesehen ist, Ihre Aufmerksamkeit zu erregen? ...
    In der Tat warfen die beiden Weltgeistlichen flüchtig schielende Blicke auf
die hinter ihnen Sitzenden und trugen ihre Plaudereien so stark auf, dass
Ambrosi's Verdacht sich bestätigte ...
    Der General schien wie Ambrosi zu denken und schwieg ...
    Doch nun wurden von seinen Nebenmännern auch die Ketzer des Silaswaldes
erwähnt ... Frâ Federigo's Name fiel, für beide, Bonaventura und Ambrosi, ein
elektrischer Schlag ...
    Immer wieder unterbrach der Redeactus, das Beifallklatschen und Lachen, das
Blättern in den Programmen eine Unterhaltung, die der General offenbar auf
andere Gegenstände zu lenken suchte, als die waren, an denen seine Nebenmänner
festielten ...
    Jetzt sagte der Gesprächigste, der dem General zur Linken sass:
    Eure Gnaden werden am besten die Bücher lesen können, welche bei jenem
Hexenmeister im Silaswald gefunden wurden; die meisten verbrannte er in seiner
Hütte ... Sie sind in provençalischer Sprache geschrieben ...
    Sind die Gefangenen eingetroffen? fragte jetzt der andere ...
    Ich hörte bei Monsignore Cocle, fuhr der erste fort, dass Einer von ihnen
kaum die Anstrengung der Reise überleben wird ...
    Dennoch sind sie da! sprach Lanfranco scharf und bestimmt und schnitt damit
das Gespräch ab ...
    Die Wirkung dieser Worte, wurden sie nun in berechneter Weise so betont
gesprochen oder nicht, war keine andere, als dass sich Bonaventura sofort erhob
und zum Gehen Bahn machte ...
    Das Aufsehen dieser Entfernung, der sich auch Cardinal Ambrosi anschloss, war
allgemein ... Jetzt sah man recht, wie diese beiden Priestererscheinungen das
Interesse der römischen Gesellschaft bildeten ... Für ihren hohen Rang zwei noch
so jugendliche und männlich schöne Gestalten ... Der eine schlank und ernst wie
die Cypresse, der andere blühend wie ein Rosenstrauch ... Von manchem Maler,
mancher englischen Touristin, wurden ihre Züge verstohlen aufgefangen ... Beide
senkten ihre Augen ... Jener, um nur seiner Sinne mächtig zu bleiben und im
überfüllten Saal nicht ohnmächtig zu werden; dieser mit der ihm eignen
lächelnden Schüchternheit, die ihm selbst in seinem jetzigen reiferen Alter
geblieben war ... Der Salonwitz nannte beide Freunde die »Inséparables«, andere
»Castor und Pollux«, andere »Orest und Pylades« - natürlich mit jenen
verdächtigen Nebenbeziehungen, die dem katolischen Priesterstand zur Strafe
anhaften werden, solange er das Weib verschmäht ...
    Im Vorsaal wurde dem Cardinal Ambrosi von einem Dominicaner ein Brief
übergeben ... Er erbrach ihn rasch ...
    Als die beiden Freunde in ihrer altertümlichen vergoldeten Kutsche sassen,
gab Ambrosi den Brief an Bonaventura ... Er entielt die Worte:
    »Die Männer von Calabrien sind angekommen ... Dem Besuch des Erzbischofs von
Coni bei seinem Diöcesanen, dem Einsiedler von Castellungo, steht nichts im Wege
- Leider findet er den Mann, trotz aller ärztlichen Bemühungen, dem Tode nahe
...«
    Zum Vatican! rief Bonaventura dem Kutscher mit fieberhaft
zusammenschlagenden Zähnen ...
    Beruhige dich -! sprach Ambrosi und zitterte doch selbst ...
    Wir treffen ihn sterbend -! ... Wie ich geahnt! - Meine Strafe -! ...
    Ambrosi versuchte Hoffnungen auszusprechen ... Die Stimme versagte ihm ...
Wie eine Mutter nach ihrer Geburtsstunde von Fieberschauern erschüttert wird, so
lag Bonaventura in Ambrosi's Armen ... Selbst dem Befremden, das Ambrosi über
die Reden der beiden Geistlichen aus Neapel auszudrücken versuchte, konnte sein
Ohr nicht mehr achten ...
    Der Wagen jagte über den Corso, der Tiberbrücke zu und zum Vatican - ...
    Für viele der beim Sprachenfest Zurückgebliebenen hatte die Sitzung durch
die Entfernung der beiden gefeierten jungen Cardinäle ihr Interesse verloren ...
Da sie nicht wiederkamen, so entfernten sich auch andere ... Sogar Olympiens
Wagen und der der Herzogin rollten bald dahin ... Vor ihnen hatten sich schon
die beiden Weltgeistlichen entfernt ... Nun ging auch der General der
Dominicaner ...
    Lucindens scharfes Auge beobachtete wohl, wie alles das in irgend einem
Zusammenhange stand, wie irgend etwas vorgefallen sein musste, was erschütternd
in das Leben ihres Heiligen griff ... Was konnte es sein -! Ihr konnte etwas
verloren gehen -? ... Was hatte Olympia im Werk? ... Auch ihr war nur ein
flüchtiger Gruss von ihr zu Teil geworden - ... Schon oft hatte auch Olympia
nach dem Inhalt ihres Kästchens verlangt - ... Schon oft hatte auch sie von den
Geheimnissen der Inquisition gesprochen und ihre Torheit verwünscht, die sie
vor Jahren die Dominicaner, um Bonaventura's willen, beleidigen liess - ...
    Lucinde, hochaufgeregt, erhob sich ... Dass sie am Palast der Katakomben
halten und durch ihren Bedienten hinaufsagen liess: Gräfin Sarzana erkundige
sich, ob Seine Eminenz ein Uebelbefinden betroffen hätte? war in der Ordnung ...
Sie erfuhr, dass beide Cardinäle noch nicht zurück waren ...
    So konnte der Gesundheit des Freundes nichts Bedenkliches begegnet sein -
...
    Sie sann den Gründen seiner schnellen Entfernung vergeblich nach und verlor
sich in Vorstellungen wunderlicher Art ... Und wie es dem Menschen geht, dass er
seine eigne Beteiligung am Schicksal andrer nur allein vor Augen hat und, sei's
im guten oder schlimmen Sinne, diese übertreibt, so stand ihr auch nur ihr
Geheimnis über Bonaventura's Taufe vor Augen. Es ist entdeckt -! sagte sie sich
... Sturla wusste davon ... Es fehlt noch die autentische Bestätigung - die
Urkunde aus meiner Hand -! ... Man wollte sie schon diese Nacht stehlen - ...
Sie hätte ihm Leo Perl's Brief noch heute zurückgeben mögen ...
    Bei alledem - welch glückliche Beziehung schien sich nun doch, ohne Paula,
wiederherzustellen -! ...
    Die Wonnen eines liebenden weiblichen Herzens sind nicht zu ermessen ... So
nur allein am Fenster des Geliebten einige Minuten harren, so nur die Kunde
empfangen zu dürfen, man würde die Anfrage ausrichten - er kommt - er denkt an
dich - er besinnt sich auf den gewissen Gegenstand - er lächelt - er erinnert
sich der beiden Abschiede, die ich von ihm nahm, jener beiden Male, wo ich vor
ihm auf der Erde lag - alles das schon allein kann eine Welt des Glücks für ein
wahnbetörtes, für die grössten Lebenshoffnungen von kleinen Almosen zehrendes
Herz werden ...
    Die Gräfin kam in ihre heute aus Besorgnis doppelt erhellte Wohnung gerade
zur rechten Zeit, um sich mit dem Monsignore Vice-Camerlengo, dem Gouverneur von
Rom, zu verständigen ... Auch dieser Beamte war ein Priester ... Er erteilte
den im Kirchenstaat in solchen Fällen üblichen Bescheid: Lassen Sie es auf sich
beruhen, Eccellenza -! Entdeckt man die Sache, wie sie ist, so könnte es - noch
schlimmer werden! ...
    Lucinde kannte Rom ... Der hohe Prälat blieb eine Weile zum Plaudern; dann
war sie allein - frei - schloss sich in ihr Zimmer ein und begann den Brief, der
die Urkunde begleiten sollte ... Sie hauchte in diese Zeilen ihr ganzes Leben
...
 
                                    Fussnoten
1 Ein Factum?
2 Neigebaur: »Der Papst und sein Reich.«
 
                                      13.
Besucht man in Rom die Peterskirche, lässt sich ihre geheimen Kammern
aufschliessen, die gleich fürstlichen Antichambren eingerichteten Sakristeien,
und schreitet man dann über einen kleinen, der deutschen Nation uralt
angehörenden Kirchhof und an Gebäuden vorüber, in denen die Wäsche des heiligen
Vaters und das Leingerät zum Kirchengebrauch im Sanct-Peter gereinigt und
getrocknet wird, so findet man in einer engen menschenleeren Gasse ein unschönes
Eckgebäude mit kleinen, unregelmässigen Fenstern - ein Gebäude, das einer alten
Kaserne gleicht ...
    Ein unförmliches Tor sieht vollends dem Eingang zu einer Festung ähnlich
... Im düstern Hofe befindet sich ein Wachtposten ... Man gefällt sich in Rom
darin, dies Gebäude der Welt als ein solches zu zeigen, das sich gleichsam
überlebt hätte ... Es ist der Palast der Inquisition ...
    Michael Ghislieri, als Pius V. Anstifter der Bartolomäusnacht, war einst der
Besitzer dieses Palastes und machte ihn den Dominicanern zum Geschenk ...
    Im vorderen Hause wohnen die Inquisitoren und ihre »Familiaren« ... Dann
kommen zwei Höfe, die von einem Mittelgebäude getrennt werden ... Im hintern
Hause liegen die Gefängnisse des Sacro Officio ... ...
    Im achtzehnten Jahrhundert war auch in die katolische Kirche der
freisinnige Geist der Zeit gedrungen - die Franzosen der Republik fanden 1797
die Gefängnisse der Inquisition leer ... Ihre Folterkammern und unterirdischen
Verliesse konnten nicht entfernt werden; sie blieben grauenvoll genug anzusehen,
wie nur ein alter Hungerturm von Florenz oder Pisa ... Die Römlinge behaupten,
die Revolution von 1848 hätte das Bedürfnis gehabt, wirkliche Gefangene, »Opfer
der Inquisition«, jedenfalls menschliche Gebeine, Todtenschädel, Zangen und
Folterinstrumente vorzufinden und die Dictatoren der Republik hätten zu dem Ende
das Arrangement getroffen, dergleichen vorfinden zu lassen ... Einige
Professoren der Sapienza sind noch jetzt bereit, zu erzählen, dass ein ganzer
Vorrat von Gerippen, Knochen, unter andern das Skelett einer Frau, von deren
Schädel noch das schönste Haar niederfloss, aus der Anatomie zu diesem Zweck wäre
geliefert worden ...
    Als noch lebenden Gefangenen entdeckte der stürmende Volkshaufe von 1848
einen einzigen ... Einen ägyptischen Erzbischof, der hier seit Jahren
eingekerkert sass; widerrechtlich hatte er die erzbischöfliche Weihe empfangen,
entkleidet konnte er derselben nicht mehr werden, der Duft der priesterlichen
Salbung verfliegt selbst am Verbrecher nicht - so musste der ägyptische falsche
Kirchenfürst sich gefallen lassen, hier im lebenslänglichen Kerker Erzbischof
eines Pyramidengrabes zu sein ... Die Aegypter lieben und verehren die Tiere
... Der Gefängnisswärter, ein Laienbruder der Dominicaner, besass einen Vogel ...
Diesem hatte der falsche Erzbischof die schönsten Weisen gelehrt, ihn täglich
gefüttert - einige Jahre lang ... Da brach der Volkshaufe ein, befreite ihn -
der Aegypter kehrte in die Welt zurück, wusste aber nicht, was er in ihr beginnen
sollte ... Er hatte Sehnsucht nach seinem Vogel und bat, ihn lebenslänglich in
seinen Kerker zurückzulassen1) ...
    Die alten Verliesse, in denen es einst nicht so idyllisch herging, sind noch
da; sogar die Reste des Neronischen Circus, auf welchen diese ganze Umgebung des
Vatican gebaut wurde ... Folterkammern, und nicht aus heidnischer, sondern
christlicher Zeit, eiserne Ringe an den Mauern, Inschriften an den Wänden, die
von den Gefangenen herrühren, wie: »Selig sind, die um Gerechtigkeit willen
leiden, denn das Himmelreich ist ihrer« - Alles das findet sich ... Auch die
Stätten sind da, wo die Bekenner des geläuterten Glaubens verbrannt wurden, wie
jener Luigi Pascal aus dem Silaswalde ... Hier liegen noch zu Tausenden die
Exemplare jener oft kaum noch aufzutreibenden Bücher, die Rom verbrennen liess
... Die Processacten aller Inquisitionsopfer liegen hier beisammen zu Kapiteln in
der Geschichte des menschlichen Geistes, die noch geschrieben werden sollen ...
Und noch jetzt stehen über der Schwelle jedes Kerkers Bibelsprüche, die gewiss
oft mit grausamem Hohn die Seele des Gefangenen verwunden mussten, wenn er sie
beschritt und las: »Du wirst verflucht sein, wenn du eingehst, und verflucht,
wenn du ausgehst!« -2) ...
    Die Verurteilung der Bibelleser und der Verbreiter des Protestantismus
durch die Inquisition fehlt allerdings auch noch jetzt keineswegs ... Die
Dominicaner von Florenz, die einst ihren eigenen Prior Savonarola verbrannten,
taten auch noch gegen das Madiai'sche Ehepaar3) ihre Pflicht ... Aber die
Folterwerkzeuge und Hinrichtungen sind jetzt in Italien an die politischen
Gefängnisse übergegangen ... Vorführungen und Verurteilungen im
schwarzverhangenen Saale des Tribunals mit dem Wappen Pius' V. und dem Porträt
des heiligen Dominicus kommen nur noch selten vor ... Die Qualificatoren und
Familiaren der Inquisition sitzen dann wie beim Gericht der Vehme ... Die
Fenster sind verhangen - Altar und Kruzifix stehen unter einem Baldachin von
schwarzem Sammet - sechs Wachskerzen sind angezündet ... Zur Seite erhebt sich
eine schwarze Estrade, auf welche der Pater Ankläger tritt, um die
Beschuldigungen vorzulesen ... Beginnt ein Gericht, so öffnet ein Official der
Inquisitoren die Tür und ruft: Ruhe! Ruhe! Ruhe! Es nahen die heiligen Väter!
... Dann treten diese, in ihren weissen Kutten, schwarzen Mänteln und Kapuzen,
feierlich ein, knieen vor dem Altar, beten, erheben sich, und ihr Führer, der
Inquisitor-Commissarius, beginnt den heiligen Erleuchtungsgesang: »Veni Creator
spiritus« ... Dann ergreift der Vorsitzende die silberne Klingel und die
Angeklagten müssen erscheinen - in braunen Kleidern, um den Hals den Strick, in
der Hand eine brennende Kerze ...
    Auch ein aus Neapel hereingebrachter »waldensischer Geistlicher« und ein
Laienbruder des heiligen Franciscus, der eines unsteten, abenteuerlichen Lebens
angeklagt: war, mit ihnen ein Geistlicher, welcher trotz seiner Klausur in einem
Strafkloster dennoch zu mehreren von jenem Geistlichen verführten ketzerischen
Seelen hielt, endlich ein alter Hirt aus Calabrien hatten allerdings so noch im
vorigen Jahr vor einem Gericht der dortigen Inquisition gestanden ...
    Das heilige Officium von Neapel lieferte sie auf höhere Weisung nach Rom -
wohin drei von ihnen vor kurzem angekommen waren ... Verschmachtet der Eine -
nicht infolge der an ihm verübten Martern oder peinlicher Entbehrungen, sondern
durch die Jahre ... Die beiden andern gedrückt durch Kummer und Sorge um diesen
ihren greisen Mitgefangenen ... Negrino wurde in den Silaswald zurückgeschickt
...
    Einen Tag vor ihrer Abreise von Neapel standen sie alle vier vor dem
dortigen Gericht zum letzten mal - ... Den Bruder Federigo mussten schon da die
Laienbrüder der Dominicaner tragen ... Was ihnen allen zur Last gelegt wurde,
hatten die Gefangenen eingestanden ... Der Spruch war nicht zu hart ... Die
Jesuiten wollten das Verderben dieser Leute - so trotzten die Dominicaner ...
Das ist die innere hierarchische Welt ... Hubertus sollte zu seinem gleichfalls
in Alarm gebrachten Orden zurück in die Strafzellen auf San-Pietro in Montorio
... Federigo sollte seinen Spruch in Rom empfangen ... Paolo Vigo hatte geloben
müssen, Italien zu verlassen ... Negrino wurde auf einige Jahre excommunicirt
und unter polizeiliche und kirchliche Aufsicht gestellt ...
    Die Oberaufsicht über die Gefängnisse der Inquisition hat nicht der General
der Dominicaner allein, sondern mit ihm ein Maestro del Sacro Palazzo,
gleichfalls ein Dominicaner, zu gleicher Zeit Haushofmeister des Papstes, nach
unserm Sprachgebrauch Kammerherr und Oberhofmarschall ... Die Aufsicht im
Inquisitionspalast selbst führt ein einfacher Prälat des Officiums ...
    Dieser war keinesweges erstaunt, in so eiliger Hast zwei Cardinäle vorfahren
zu sehen ... Der General, - dieser war es, der dem Cardinal Ambrosi geschrieben
- hatte bereits auch ihn instruirt ... Der Erzbischof von Coni hatte
ordnungsgemäss die seelsorgliche Competenz für den ehemaligen Eremiten von
Castellungo ... Waren vollends beide Deutsche, so konnte der Besuch ganz in der
Ordnung erscheinen ... Im Vatican waren Bonaventura und Ambrosi gerngesehen; der
Maestro del Sacro Palazzo, Hofmarschall Pater Tommaso hatte schon seit längerer
Zeit zu allen, jene Ketzer aus dem Silaswald betreffenden Wünschen Ambrosi's
seine Zustimmung gegeben ...
    Cardinal Ambrosi stieg zuerst aus und erklärte mit bewegter Stimme,
Monsignore d'Asselyno wünsche Einlass in die Zelle des sogenannten Frâ Federigo
...
    Der Prälat setzte der Erfüllung dieses Wunsches nichts entgegen und machte
dem noch im Wagen sitzenden Cardinal d'Asselyno die Anzeige, der General und
Pater Tommaso hätten bereits die entsprechenden Befehle gegeben ...
    Bonaventura stieg aus - ... Seine Caudatarien mussten ihm aus dem Wagen
helfen ...
    Ambrosi kannte Hubertus von ihrem Zusammenleben im Kloster San-Pietro in
Montorio her ... Nicht auffallen durfte es, wenn auch er wünschte, solange zu
einem der Gefangenen gelassen zu werden ... Hubertus war ein Mitglied des
Ordens, dem er selbst angehörte ...
    Der Prälat erklärte, dass Hubertus und Paolo Vigo versprochen hätten, sich
bis auf weiteres nach San- in Montorio zu begeben - aber der Aelteste der
Gefangenen, Frâ Federigo, wäre bedenklich erkrankt und schiene seinem Ende nah
... In Ambrosi's Antlitz zuckte es schmerzlich auf - er wollte die vielleicht
letzte Begegnung zwischen Vater und Sohn nicht stören ... Obschon selbst von
mächtigster Sehnsucht nach seinem alten Lehrer ergriffen, liess er Bonaventura
den Vortritt ...
    Der Prälat führte seinen hohen Besuch über den Hof eine Stiege hinauf, wo
sich die Cardinäle trennen mussten ... Noch geleitete Ambrosi den halb
ohnmächtigen Freund bis vor die Zelle, die er bat für diesen aufzuschliessen ...
Ueber ihr standen die grausamen Worte aus dem 109. Psalm: »Der Satan muss stehen
zu deiner Rechten!«4... Wie auch die Jesuiten alles aufboten, die Dominicaner
zur Ausübung ihrer alten Gerechtsame zu zwingen, doch konnte man sagen: Der
Katolicismus dieser Form ist todt und das Al-Gesú kann und wird ihn nicht
wieder lebendig machen ...
    Die Tür steht offen! sprach der Prälat ... Zwei Väter sind beschäftigt, dem
Unglücklichen die letzten Tröstungen zu geben ... Aerzte hat er abgelehnt ...
Doch sind deren in der Nähe ... Sie geben keine Hoffnung - ...
    Die letzten Tröstungen! - sprach für sich Ambrosi und setzte laut hinzu:
Ueberlasst die Vorbereitung seinem Oberhirten! ... In der Stille der Einsamkeit
wird die Seele des Armen seinen Mahnungen zugänglicher sein ...
    Der Prälat, einverstanden und verbindlich sich verbeugend, öffnete ohne
Argwohn die Tür ...
    Zwei weissgekleidete Mönche sassen in einem dunklen Vorgemach und lasen mit
lauter Stimme im Brevier ... Der Prälat winkte ihnen aufzuhören und ihm zu
folgen ... Sie traten mit ihm hinaus ...
    Bonaventura's Seele drohte den Körper zu verlassen ... Bewusstlos hob er den
Fuss über die Schwelle - Die Tür wurde leise hinter ihm angelehnt ... Hinter dem
dunklen Vorgemach folgte ein Zwischenzimmer ... Es wurde durch eine Lampe
erhellt, die in einem dritten Raum, in einem Alkoven stand ... Noch konnte der
atemlos und zitternd Stehende nicht das Lager entdecken, wo jener ihm nun
endlich zugängliche - Begriff lag, der einen Augenblick nach dem Gruss der Liebe
und des Erkennens vielleicht für immer aus dem Leben schied ... Ein Begriff -?
... Wenn die Person, die ihn erfüllte, dennoch eine andre war -? ...
    Eine Weile verharrte Bonaventura in einer unbeweglichen Stellung ... Alle
Lebensströme schienen in diesem Augenblick ihm zu stocken ... Eine unendliche
Freude und ein unendlicher Schmerz stritten um die Herrschaft in seinem Innern
...
    Qui - viene? ... erscholl es jetzt mit einem Ton, der dem Lauschenden durch
die Seele schnitt und der ihm nicht bekannt war ...
    Bonaventura schritt näher ... Jetzt sah er, dass in einem Winkel des Alkovens
ein Bett stand, auf welchem eine Gestalt in einem braunen, warmwollenen
Büsserkleide lag ... Er sah nur die langen weissen Haare des ihm abgewandten
Hauptes ... Auch eine erwärmende Decke lag auf dem ausgestreckten Körper ...
    Siete - voi, miei - cari - figliuoli? ... fragte die Stimme und setzte die
Anwesenheit der Mönche voraus ...
    Die Stimme durchschnitt des Sohnes Herz ... Nun war es doch wie ein Klang,
den er kennen musste - ein Klang wie die Erinnerung eines Weihnachtliedes der
Jugendzeit ...
    Legite dunque! ... La vostra lettura - non mi dispiace ... sprach der Greis
mit matter Stimme - Die Bewegung, welche die Rede unterbrach, schien von
Fieberfrost zu kommen ...
    Bonaventura trat einen Schritt vor und fragte, mit leiser Stimme und in
deutscher Sprache:
    Habt Ihr es kalt, mein - Vater -? ...
    »Kalt« und »caldo« die beiden Sprachen Gegensätze ... Bonaventura sprach so
leise, dass vernehmbar nur das Wort »kalt« von seinen Lippen kam ...
    Caldo! Caldo! sprach der Greis mit Misverständniss und deutete mit beruhigtem
Ton an, die Wärme der Decke genüge ihm ....
    Bonaventura sah nun vollkommen die langausgestreckte Gestalt - die sich ein
wenig wandte, da der Schatten, welchen der Angekommene auf die weissgetünchte
Wand fallen liess, den Greis zu befremden und aufzuregen schien ...
    Caldo - nahm Bonaventura, sich jetzt ein Herz fassend, das Wort wieder auf
und setzte in italienischer Sprache die verhängnisvolle, den Moment der
Erkennung, wenn es sein Vater war, entscheidende Frage hinzu: Caldo come sotto
una coperta di neve -! ...
    Auf dies Wort: »Warm wie unter einer Schneedecke?« - folgte erst eine
Todtenstille ... Dann richtete sich der Greis auf, sank, da die Kraft nicht
ausreichte, auf seine beiden Arme zurück, die sich gegen das Lager anstemmten,
und richtete die mit weissen Brauen umbuschten Augen weit aufgerissen auf die im
Glanz ihrer Cardinalswürde vor ihm stehende Gestalt ...
    Er mochte denken: Kommt ihr endlich - und bist du Ambrosi oder mein Sohn?
...
    Nun sah Bonaventura das von den Spuren des Alters, des Kummers und der
nahenden Auflösung zerstörte Angesicht, sah Züge, die nur mühsam aus dem weissen
Barte, aus dem langhinflutenden Haare zu erkennen waren - aber - es war sein
Vater ... Hatte ihm der Ton der Stimme schon die volle Bestätigung gegeben,
jetzt bedurfte es keiner weiteren Versicherung ... Langsam sank Bonaventura zur
Erde nieder und beugte sein Haupt vor dem Greise, der nur durch diese Zeichen
der Liebe und durch die kostbaren Gewänder seinen Sohn erkannte - ... Durch die
lange Reihe der Jahre hatte auch dieser eine Veränderung seines Ausdrucks
erfahren, die jenen Jüngling, dessen Bild der Vater im Herzen trug, nicht
wiedererkennen liess ...
    Bona -! hauchte der Greis ... Was weckst du - mich vom - Tode -! ... Ich
liege - unter dem Schnee - der Alpen ...
    Und der Tod der Mutter - erst - durfte den Schnee schmelzen! ... wehklagte
Bonaventura mit tränenerstickter Stimme und mit einem wie vorwurfsvollen, doch
innigzärtlichen Ton ...
    Der Greis legte die mageren, zitternden Finger auf das purpurrote
Sammetbaret und die Tonsur des Sohnes ... Wie ein Blinder, der durch Tasten sich
erfühlen muss, was sein Auge nicht erkennt ... Schon war er auf sein Lager
zurückgesunken, als er mit Tränen hauchte:
    Der Mensch ist sich - seine eigene Welt ... Was zürnst du mir -! ... Dann -
lange ihn betrachtend - fügte er fast scherzend und doch tief wehmütig hinzu:
Ich - kenne - dich nicht ...
    Mein Vater! rief Bonaventura, des Ortes, wo er sich befand, nicht mehr
achtend, beugte sich über den Greis und bedeckte ihn mit seinen Küssen ...
    Die Tränen mehrten sich in des Greises Augen, die sich wieder schliessen
mussten ... Leise sprach er:
    Nur eine - kurze - Auferstehung! ...
    Lebe, mein Vater! ... Ist denn kein Arzt hier? ... O, verschmähst du alles?
... Dass ich einen Heiligen Gottes nicht noch erhöht sehen soll -! ...
    Die rechte Hand des Greises deutete eine Weile nach oben - warnte zur
Vorsicht, wobei ein unendlich liebevoller Blick der Augen ihn unterstützte -
dann sank die Hand kraftlos auf die Decke ...
    Eine Pause trat ein, die nur vom stillen Weinen Bonaventura's und von den
liebkosenden Bewegungen seines Vaters unterbrochen wurde ...
    Hat dich Gott so erhöht! ... sprach der Greis, die Gewänder des wiederholt
Knienden berührend ... Und als dieser schwieg und die Zeichen seiner Würde mit
Geringschätzung betrachtete, setzte er hinzu:
    Als du - Bischof in Robillante wurdest, da - musst' ich fliehen ... Denn
eines Mannes - Tat soll - nicht halb sein ... Ich wollte nicht - mehr für die
Welt - am wenigsten die Meinen - am Leben sein ... Deine Mutter - wollt' ich
glücklich machen ...
    Sie wurde es nicht -! ... sprach der Sohn ...
    Der Greis erwiderte nichts ...
    Damals schon wollt' ich dich einem Schicksal entreissen, dem du nun doch
erlegen bist -! fuhr der Sohn fort und betrachtete die elende Umgebung ... Man
wird dich mir herausgeben müssen ... Man soll dich in einer Sänfte in meine
Wohnung, in die Wohnung deines edeln Ambrosi tragen - ...
    Ambrosi! sprach der Vater und faltete voll Verehrung die Hände ... Wo ist -
er -? ...
    Ich rufe ihn - fuhr Bonaventura fort ...
    Der Greis tastete nach seiner Hand und sprach:
    Zum - Ketzer - und mich - in das Haus - der Cardinäle? ... Ich sehe - auch
so - mit Freuden auf meine - Saat ... Herzen fand ich, in denen sie aufgegangen
... Auch in den euern ... Mein Geheimnis - bleibe bedeckt - vom - Grabe ...
    Vater! flehte Bonaventura, wir beide sehnen uns nach dem Martyrium! ... Auch
Vincente ist angekommen an der Grenze seiner grossen Gelübde ... Nur auf der Höhe
wollte er leiden, wie Jesus auf einem Berge litt ... Dank, Dank deiner Lehre ...
Er ist heilig - nicht ich! ...
    Der Greis faltete, allen diesen Worten scharf aufmerkend, seine Hände und
sprach:
    Die Zeugen des gekreuzigten - Lammes seh' ich - in weissen Gewändern ... Sind
das - die Glocken - der Peterskirche - die so läuten -? ... Kann - auf Erden -
Stolz wohl ewig - währen? ...
    Mit bangem Herzen hatte sich Bonaventura erhoben und eine hölzerne Bank dem
ärmlichen Bette nähergerückt ... Erschüttert von dem, auch ihm aus der Seele
gesprochenen Worte, dass die Peterskirche nur den Eindruck des Stolzes mache und
beschämt vom Pomp seiner bunten Kleider, bat er wiederholt:
    Schon die sechste Stunde ist es ... Alles ist dunkel ... Ich lasse eine
Sänfte bringen und sie tragen dich in die Wohnung Ambrosi's ... Und das Officium
gestattet es ... Mehr noch, ich bekenne dich als meinen Vater ...
    Mein Sohn! wiederholte abwehrend der Greis ... Unser Geheimnis decke das
Grab ... Schon um Wittekind's willen ... Ich habe den seligsten Tod ... Schöner,
als ich ihn je geträumt ... Konnt' ich nicht in meiner Wildnis - bittrer enden?
... In Castellungo - ... Horch, was - läuten - so - die Glocken -! ...
    Die Augen des Greises wandten sich wie innenwärts ...
    Jedes Wort ist ein ewiger Vorwurf meines Innern! nahm Bonaventura mit
äusserstem Schmerz die abbrechende Rede des ohne Zweifel in Erinnerungen an
Gräfin Erdmute und an seine Hütte bei Castellungo verlorenen Vaters auf ...
    Dieser betrachtete ihn und sprach liebevoll mit zurückkehrendem Bewusstsein:
    Nein, mein Sohn! ... Vor dem Tode - deiner Mutter dich wiederzusehen - das
hätt' ich nicht ertragen ... Lieber hätt' ich vor Schaam mir selbst den Tod
gegeben - den ich nun auch - in - Jesu Namen - ...
    Gib uns nicht den Schmerz, dass du nicht mehr leben willst -! unterbrach
Bonaventura ...
    Lass nur noch die beiden treuen Seelen - entgegnete der Greis, die mich so
oft - erquickt, so oft dem Leben - erhalten haben, nicht ohne deinen Schutz -
wenn du, hoff' ich, noch Schutz verleihen kannst, nachdem du - einem Ketzer -
deine Teilnahme bewiesen ...
    Einem Ketzer! Vater! ... sprach Bonaventura und setzte dicht am Ohr des
Greises hinzu: Ich selbst - bin ich - denn nicht - selbst - ein Ungetaufter! ...
    Der Greis wandte die Augen auf den Sohn voll Bestürzung ...
    Was Leo Perl einst - dem Bischof von Witoborn - bekannte - ich sollte es ja
erfahren! fuhr Bonaventura fort ... War es nicht dein Wunsch? ... Im Sarge
deines alten treuen Dieners fand sich ja - ...
    Mein Wunsch? unterbrach der Vater staunend und seine letzte Kraft
zusammenraffend ...
    Bonaventura hielt inne ... Die Aufmerksamkeit des Greises war zu erregt ...
Auch machte ihn ein oberhalb des Zimmers wie von einem Fusstritt vernehmbares
Geräusch einen Moment betroffen ...
    Dann begann er leise eine Erzählung vom ersten Eindruck, welchen damals das
Verschwinden des Vaters auf die Welt und ihn gemacht hätte, vom neuen Bund der
Mutter, von des Onkels Fürsorge für ihn, von seinem eigenen Entschluss, Priester
zu werden, von seiner Pfarre in Sanct-Wolfgang, einem Ort, wo dann zufällig des
Onkels Max ehemaliger Diener schon seit Jahren sich niedergelassen hatte ...
Bonaventura erzählte, wie treu der alte Mevissen sein Geheimnis gehütet - treu,
falls er gewusst, dass der Verschollene lebte ... Dann schilderte Bonaventura die
beim Tode Mevissen's vorgefallenen Dinge, welche durch Hubertus dem Vater nur
hatten unvollständig bekannt werden können ... Eben war er an die Beraubung des
Sarges angekommen, als ihm der veränderte Blick des Vaters auffiel ...
Bonaventura musste sich unterbrechen und fragen:
    Vater - wie ist dir -! ...
    Dieser antwortete schon nicht mehr und lag wie betäubt ...
    Bonaventura eilte, um nach Wasser zu suchen ... Aus einem Glase, das er mit
Wasser gefüllt fand, benetzte er dem Greise die Stirn ...
    Noch einmal schlug Friedrich von Asselyn die Augen auf ... Liebevoll liess er
das Beginnen des Sohnes gewähren ... Plötzlich starrten seine Augen nach einer
Uhr, die an der Wand hing, und er sprach:
    Lass dir - von meinen Begleitern - die ich deiner Liebe empfehle - ...
    Vater! ... unterbrach Bonaventura, voll Entsetzen die Veränderung der
Gesichtszüge, ein krampfhaftes Zucken des Kinns, ein Schütteln der Hände
bemerkend ...
    Die - Stunde - ist - - hauchte der Sterbende mit kaum noch vernehmbarem Ton
...
    Bonaventura wollte die Mönche und etwaigen andern heilkundigen Beistand
rufen ...
    Der Vater hielt noch krampfhaft seine rechte Hand fest ...
    Bonaventura's Linke nahm mit seinem Taschentuch vom Mund des Sterbenden
schon leichte Schaumbläschen ... Zugleich vernahm er noch die Worte:
    Lass dir von meinen Begleitern - lass dir von ihnen - die Pilgerstäbe geben
... Dort der meine ... Ich sehe ihn nicht ... Ist's ein Baum - ... Er grünt -
und wächst -! ... Sieh die kühlen - Schatten ... Die Zweige wie sie - dicht -
...
    Vater, dich täuscht dein Auge ...
    Bonaventura sah die Kennzeichen des Todes, deren er in kurzer Zeit so viele
hatte sammeln müssen ...
    Ein Baum - wie die Eichen in - Castellungo ... Ha! Sieh - das Feuer! ...
Sieh, von rosigen Wolken - alles bedeckt ... Von Licht - und - Wonne des
Triumphs ... Sie kommen von allen Zonen und bekennen das Lob des Höchsten ...
Ils - engendron - Dio - in lor - - mesêmes ... - In sich Gott und - Gott - in -
uns ... - Die - Nobla Leiçon - hörst du - der - Waldenser - Lobgesang - ...
    Vater! flehte Bonaventura und mühte sich, dem Sinn dieser Worte zu folgen -
- Ich rufe Ambrosi - den Arzt - ...
    Der Sterbende beherrschte noch einmal sein unaufhaltsam ihn fortreissendes
Irrereden und fuhr fort:
    Die Nobla Leiçon nimm - öffne die Wanderstäbe - meiner - Führer ... In ihnen
- findest du - mein Leben - und deines - ... Kennst - - die Nobla - Leiçon? ...
    Ich kenne sie ... hauchte Bonaventura mit stockendem Atem und die
schweissbedeckte Stirn des Vaters trocknend ... Er verstand, dass in den
Wanderstäben der Gefangenen ihm ein letzter Gruss gesagt werden sollte ...
    In kurzen abgerissenen Sätzen sprach der Vater:
    Sie können nicht lesen, was - die Chiffern sagen - ... Der Schlüssel - ist -
die Nobla Leiçon ... Im - Anfang - war das Wort - und das Wort - ...
    Bonaventura's Lebensgeister blieben in fieberhafter Spannung, während die
des Vaters entschwanden ...
    Die Nobla Leiçon - macht die Chiffern - der Pilgerstäbe - zu Worten ... O
frayres - entende - una - nobla. - A - und - B ... Mein Alpha und - Omega -
»Herr bleib - mit - Deiner - Gnade -« ...
    Der Irreredende erhob die Stimme zum Singen - ...
    Die ersten Worte der Nobla Leiçon entalten das Alphabet - des -
Testamentes, das du mir - hinterlassen wolltest -! sprach Bonaventura dicht am
Ohr des Sterbenden - ...
    Amen! sprach der Greis und sank zusammen ...
    Und wieder regte es sich in der Nähe ... Und wieder war es, als huschten
oberhalb schleichende Fusstritte ...
    Diesmal kam auch Geräusch von der Tür ... Ohne Zweifel setzten die
Harrenden voraus, dass die Beichte des Ketzers vorüber war .... Wenn sein
Seelenhirt noch länger blieb konnte es sein, dass ihm auch aus seiner Hand die
letzte Oelung und das Abendmahl erteilt wurde ...
    Die Tür öffnete sich ... Der General der Dominicaner trat selbst herein,
die Monstranz in der Hand ... Ein Assistent hinter, ihm mit den Werkzeugen der
letzten Oelung ... Die Tür blieb offen ... Draussen standen Cardinal Ambrosi,
der Prälat des Hauses - Bruder Hubertus und Paolo Vigo folgten - beide
freigegeben, um ihre Wanderung auf San-Pietro in Montorio anzutreten, wohin man
auch Paolo Vigo zunächst verwies ... Schon hielten beide ihre Habe und ihre
Stäbe in den Händen ... Alle Dominicanermönche murmelten draussen das Confiteor
...
    Der Sterbende erhielt noch einmal einen Augenblick seine Geisteskraft,
übersah, was geschehen sollte, übersah die Lage des Sohnes ... Mit letzter Kraft
der Stimme murmelte er - zuerst das lateinische Confiteor, dann begann er
italienisch und ging allmählich in die deutsche Sprache über mit den Worten:
    Lasset uns beten! ... Ich bekenne - an der - katolischen Kirche alles, was
wir ihr - schuldig sind - aus dem Geist der Liebe - und der Dankbarkeit ... Wer
in dieser Kirche - - geboren wurde - ...
    Weiter vermochte der Sterbende nicht zu reden ...
    Schon wollte Ambrosi von seinem Gefühl übermannt, vortreten, als ihn die
laute Rede des calabrischen Priesters veranlasste, diesem den Vortritt zu lassen
...
    Paolo Vigo trat vor, beugte sich am Sterbelager nieder und erhob die Stimme,
um zu vollenden, was zu sprechen nicht mehr in seines Lehrers Kraft stand ...
    Wer in dieser Kirche geboren wurde, sprach Paolo Vigo fest und bestimmt und
des Generals und der Cardinäle nicht achtend, der hat sie gelernt unter dem
Bilde einer Mutter verehren ... Nun wohl - ein reiferer Verstand des erwachsenen
Kindes erkennt die Schwächen seiner Aeltern; doch wird ein Sohn die silberne
Locke des Vaters schonen und selbst Flecken am Ruf ihrer Mutter die Tochter
übersehen ... Was die Kirche an heiligen Gebräuchen besitzt, seh' ich allmählich
- entkleidet seiner dunkeln, unnatürlichen Zauber - ... Priester! Legt die
Gewänder der Ueppigkeit und des Stolzes ab! Werdet Menschen! Redet die Sprache,
die euer Volk versteht, auf dass der Ruf: Sursum corda! auch wahrhaft zum Empor
der Herzen wird ... Lasst die Messe, wenn sie geläutert wird! Ein Zwiegespräch
sei sie mit Gott - ... Bilder des Gekreuzigten - tragt sie im Herzen -! Und
solange die Völker der Erde nicht aus eitel Weisen bestehen, solange noch Heide
und Muselman die strahlenden Ordenszeichen ihres Glaubens verehren, verehrt auch
äusserlich das Kreuz ... Macht es jedoch lebendiger noch in euch - ... Lebendig
macht alle Ströme des Heils -! ... Hinweg mit Dem, was das Herz erstarrt -! ...
Freiheit dem Gebundenen ... Sakrament sei nicht die eiserne Fessel -! ... Im Tod
rufe dir den Arzt der Seele - wenn ein Zeichen und ein Wort von ihm statt -
deiner reden soll ... Netzt sogar dem müden Wanderer, wie Magdalena dem Herrn,
die Glieder ... Erquickt ihn, wenn er es begehrt, durch - das Brot des Lebens! -
...
    Die Umstehenden erkannten aus diesen Worten der Verzückung wohl die
Irrlehren, für welche Paolo Vigo versprochen hatte, Italiens Boden zu verlassen
... Doch der General warf einen Blick auf die Mönche, die Paolo Vigo umringten
... Sein würdiges Benehmen gebot ihnen Ruhe ... Er übergab dem Erzbischof das
heilige Brot, das dieser dem Sterbenden reichte ...
    Auch mit dem Salböl benetzte Bonaventura die Stirn und die Hände des
Entschlafenden ... Heiliger, als dies Oel aus geweihtem Gefäss, liess er auf die
immer mehr erstarrenden Züge des Sterbenden seine Tränen rinnen, unbesorgt um
die rings im Kreise ersichtliche Befremdung ...
    Die Ceremonie jener gewaltsamen Bekehrungen wie sie hier in diesen Räumen
oft genug vorgekommen sein mochten, war vorüber - ... Die überfüllten engen
Räume entleerten sich ... Ein Arzt hielt dem Sterbenden den Puls ... Cardinal
Ambrosi, der dem Sohn bisjetzt in allem den Vorrang gelassen, beugte sich über
den Entschlummernden, der ihn nicht mehr erkannt hatte, und sprach:
    Er ist - hinüber - ...
    Pater Lanfranco wusste und erzählte, dass der Erzbischof in diesem Sterbenden
einen nahen Verwandten getroffen hatte ...
    Bonaventura wandte sich ... Als der Freund die Augenlider des Sterbenden
schloss, durchbrach sein Gefühl jede Rücksicht ... Zu mächtig zerriss der Schmerz
sein Inneres ... Ueber die ausgestreckt liegende erstarrte Gestalt warf er sich
und rief in italienischer Sprache, dass alle es hörten:
    Lebe - wohl - mein teurer Vater -! ...
    Die Priester, die Mönche und Aerzte sahen bestätigt, dass der deutsche
Cardinal in diesem waldensischen Prediger, der seiner Herkunft nach gleichfalls
ein Deutscher war, einen nahen Verwandten - padre, einen »Freund«, einen
»Gönner« - wiedergefunden hatte ... Ein Wunder war es, das ganz Rom beschäftigen
musste ... Aber selbst den Heiligen Vater durfte es rühren, zu hören - Cardinal
d'Asselyno hatte im Kerker der Inquisition einen ihm aus seiner Jugendzeit
unendlich werten Angehörigen gefunden und ihn in seiner letzten Stunde bekehrt
... So nur und nicht anders konnte seines Ruhmes neue Mehrung lauten ...
    General Lanfranco hatte sich zuerst entfernt ...
    Bonaventura war vom Freund emporgezogen worden ... Hubertus und Paolo Vigo,
jener in der Franciscaner-, dieser in der Büsserkutte, drückten ihre Lippen auf
die Wange des Gestorbenen - auch auf Bonaventura's beide Hände ...
Bedeutungsvoll gab ihm Paolo Vigo seinen Stab und sagte - er möchte sich darauf
stützen ...
    Bonaventura ergriff den Stab ... Der andere, den ebenso Hubertus trug,
konnte gefunden werden, von wem er wollte - niemand hätte seinen Inhalt
entziffern können ... Der dritte, der Stab Federigo's, war vielleicht in der
Tat nicht zu finden ... Niemand brauchte sich darum zu beunruhigen ...
    Dass die beiden Cardinäle noch länger blieben, war nicht zu rechtfertigen ...
Das Leben des Greises war entflohen ... Hubertus hatte sich über ihn gebeugt,
hatte eine Wollflocke seiner Kapuze an seinen Mund gelegt - sie bewegte sich
nicht mehr ...
    Mit einem letzten Scheideblick ebenso sprachloser wie, wenn die Sprache auch
nicht versagt hätte, unaussprechbarer Rührung rissen sich beide Cardinäle vom
ärmlichen Lager los, auf welchem sie den abenteuerlichsten Schwärmer, einen
Märtyrer der Ehegesetze der katolischen Kirche, als Leichnam zurückliessen ...
    Die Bestattung musste freilich an jener Stelle erfolgen, wo die Asche der
verbrannten Märtyrer, eines Pascal, eines Paleario moderte ... Aber bei allem,
was die Sachlage hier mit sich brachte, war doch für ein ehrenvolles Begräbnis,
wenn auch innerhalb dieser Mauern, gesorgt ... Schon morgen in allererster Frühe
wollten die Freunde zurückkehren ...
    Das düstere Gebäude war jetzt von Kerzen erhellt, die die Laienbrüder der
Dominicaner trugen ... Schon kamen einige derselben, um die Leiche in die
Todtenkammer zu bringen ...
    Hubertus hielt den die steinernen Stufen hinunterschwankenden Bonaventura,
den er in Witoborn als Domkapitular so oft gesehen und nun den leiblichen Sohn
seines geliebten Federigo nennen durfte - Ambrosi hatte ihm auf seiner Zelle
sein so lange verschlossenes Auge geöffnet, auch die Gründe genannt, die ein
Verschweigen des Geheimnisses und selbst noch in dieser Stunde, um des
Präsidenten von Wittekind willen, dringend anrieten - ... Jetzt begriff
Hubertus, wie mit dem Tod der Mutter Bonaventura's die Sehnsucht des Eremiten
sich regen durfte, in die Welt zurückzukehren; begriff, wie seine
Gefangennehmung im August ihm so willkommen, ja nach den Mitteilungen aus Rom,
die von Ambrosi kamen, nicht unerwartet erscheinen durfte; Hubertus begriff
schliesslich auch die Schonung, die ihnen allen zu Teil wurde ...
    Ambrosi nahm den zweiten Alpenstab ... Die Uhr des Verstorbenen hatte der
Prälat an sich genommen - sie gehörte, den Regeln des Hauses gemäss, den
Laienbrüdern ...
    Bonaventura stützte sich nicht auf den empfangenen Stab ... Er schritt voll
Fassung, wenn auch tief sein Haupt zur Erde neigend, dem Ausgang zu ...
    Inzwischen beschäftigte die Aufmerksamkeit der mit staunender Bewunderung
vor zwei für ihre fromme Opferfreudigkeit so wunderbar belohnten Cardinälen die
Treppe niedersteigenden Begleitung derselben ein Lärmen draussen auf der Strasse
... Eine Glocke der Peterskirche läutete in unablässiger Hast ... Es war die
Feuerglocke des grossen Doms ... Andere Glocken fielen mit gleicher Eile ein ...
An der nahen Porta Cavallaggieri, wo die Kasernen liegen, erscholl das Blasen
einer Trompete ... Trommeln lärmten ...
    Eine Feuersbrunst! hiess es ...
    Ein nicht zu häufiger Vorfall im steinernen Rom ...
    Die erst langsam dahinschreitende Begleitung bewegte sich allmählich rascher
... Bonaventura und Ambrosi blieben mit ihren nächsten Begleitern, langsamer
durch die Höfe schreitend, allein zurück ...
    Da verschwand plötzlich auch Hubertus ... Er war nicht dem Drängen nach dem
Haustor gefolgt ... Es hiess, er wäre zurückgekehrt ...
    Seht da! Wer ist der Mann? rief plötzlich, alle erschreckend, seine Stimme
von einer Galerie herab, die rings um den Hof ging ... Er rief diese Worte einem
Manne nach, der in gebückter Haltung an einer andern Stelle der Galerie durch
eine Tür verschwand ... Es war ein Mann in einem schwarzen, fast priesterlichen
Oberkleid gewesen ... Rasch war derselbe in eine hohe Glastür, die auf die
Galerie führte, zurückgetreten ...
    Ein einziger leidensvoller Blick, den Bonaventura vom Hofe aus in die Höhe
warf, liess in Ambrosi den Gedanken entstehen: Glaubt der Freund - dass er
belauscht wurde -? ...
    Hubertus blieb verschwunden ...
    Inzwischen aber waren die Cardinäle zu sehr ergriffen, um dem Zwischenfall
lange nachzudenken, und standen schon am geöffneten Schlage ihrer Kutsche ...
Auch die Caudatarien bestätigten eine Feuersbrunst ... Zugleich hatten sie von
einem soeben hier gestorbenen deutschen Verwandten des Cardinals d'Asselyno
gehört und durften nichts Auffallendes darin finden, dass die Cardinäle tief
erschüttert waren, herzlich von dem im Kreise einiger Dominicaner stehenden
Paolo Vigo Abschied nahmen, ebenso wenig, wie, dass ihnen letztrer als Andenken
an den Pilger von Loretto zwei Wanderstäbe in den Wagen nachreichte ...
    Hubertus war inzwischen nicht zu finden ... Die bestürzten Mönche, die ihn
und Paolo Vigo nach San-Pietro in Montorio escortiren sollten, suchten ihn ...
    Beide auf San-Pietro schon morgen zu besuchen und sie dem dortigen Guardian
zu empfehlen, wurde von Ambrosi versprochen ...
    So stiegen die Freunde ein ...
    Die Menschen ringsum rannten indessen der Piazza Navona zu ... Dort sollte
das Feuer sein ... Ueber die Tiberbrücke von der Engelsburg abschwenkend sahen
beide die Rauchsäule ...
    Bonaventura's Haupt lag auf den Schultern des Freundes ...
    Ambrosi liess ihn schweigend gewähren ... Worte des Trostes helfen nicht in
solcher Lage ... Auch ihn betrübte es, dass er nicht noch einmal Frâ Federigo
umarmen und ihm sagen konnte: Sieh, bis hieher kam ich durch deinen Rat und
deine Lehre! ... Er hatte vorgezogen, alle Gefahren zu bewachen, alle mislichen
Zeichen draussen den Dominicanern zum Guten zu deuten und dem Freund die Vorhand
zu lassen ... Er hatte sich in allem, was seiter geschehen, kraftvoll und
entschlossen gehalten ...
    Was sollen die Stäbe? fragte er endlich sanft, als sich der Wagen in den
Strassen mühsam durch das Gewühl der Menschen Bahn machte ...
    Bonaventura nahm sie und betrachtete sie voll Rührung ... Noch konnte er
nichts erwidern ...
    Inzwischen hatten sie den Corso erreicht, auf dem wenigstens für Wägen Platz
blieb ...
    Endlich in ihrer entlegenen Wohnung angelangt, schwankte Bonaventura aus dem
Wagen und sank, als beide allein waren, ohnmächtig zusammen ...
    Lange währte es, bis sich der Unglückliche erholte ...
    Auf Ambrosi's dringendes Verlangen musste er einige Stärkung zu sich nehmen
...
    Dann trat ein stilles Weinen ein ... Die Natur erholte sich erst, als sie
ihre Rechte gefordert hatte ...
    Mit den ersten Worten, deren er fähig war, bat Bonaventura um ein Exemplar
der »Nobla Leiçon« ...
 
                                    Fussnoten
1 Tatsache.
2 Wörtlich zu lesen.
3 1856.
4 Vorhandene Inschrift.
 
                                      14.
Zu seinem höchsten Erstaunen erfuhr der Freund die nähere Bewandtnis, die es mit
den Stäben haben sollte ...
    Es waren Hirtenstäbe, wie sie in Calabriens Bergen getragen werden ... Die
Griffe gewunden - die Spitzen von Eisen ...
    Griffe und Spitzen, das sah man bald, liessen sich abschrauben ... Das Innere
fand sich ausgehöhlt ...
    In beiden Stäben befand sich eine mit lateinischen Buchstaben beschriebene
Rolle Papier ...
    Das Geschriebene war ein Durcheinander von unaussprechbaren Wortformen ...
    Die »Nobla Leiçon« gab den Schlüssel ... Die Buchstabenordnung war dieselbe,
die bereits in dem zwischen Ambrosi und Federigo gepflogenen Briefwechsel
gewaltet hatte ... Beide Rollen hatten denselben Inhalt ...
    Schon entzifferte Ambrosi ein Wort nach dem andern und schrieb auf, was er
gefunden ... Er stockte ... Es war deutsch - die Ausübung einer schon lange
geläufigen Fertigkeit wurde gehindert ...
    Ambrosi bat den Freund, sich zu ruhen ... Inzwischen, sagte er, wollte er
versuchen, den Inhalt, soweit ihm möglich, mechanisch zu dechiffriren ... Das
Vertrauen des Freundes gehörte ihm in allem ... Es konnte auch hier kein
Geheimnis mehr geben, dessen Kunde sie nicht teilen wollten ...
    Nach wenigen Stunden schon, während die sonstige Stille der nach hinten
hinaus gelegenen Wohnzimmer des alten Gebäudes anfangs noch vom Lärm der Glocken
und Feuersignale gestört wurde, Bonaventura stillverzweifelnd sein Haupt
stützend und zum Tod erschöpft auf einem Ruhelager sich wand und sein ganzes
vergangenes und zukünftiges Leben an sich vorübergleiten liess, unterbrochen vom
Bild der letzten Liebesblicke des Vaters, kam Ambrosi in hoher Aufregung mit
einer Anzahl Blätter, auf welche bereits ein grosser Teil der Eröffnungen
Federigo's an seinen Sohn mechanisch niedergeschrieben war ... Die deutsche
Sprache kannte er zu wenig, um ganz zu verstehen, was, Buchstabe an Buchstabe
gereiht, seine Blätter bedeckte ...
    Es war nun auch von draussen her still geworden ... Schon mochte die zehnte
Stunde geschlagen haben ...
    Bonaventura konnte leicht die Buchstaben zu Worten fügen und die Sätze durch
Punkte trennen ... Durch gegenseitige Unterstützung kamen die Freunde zu
folgender Entzifferung:
    »Mein Sohn! Das ist ein Brief, den dein Vater dir aus dem Jenseits schickt
-! ... Höre - richte und gedenke mein -!« ...
    »Du erfuhrst von den Zeiten, wo ich einst beauftragt war, den Uebergang
Witoborns an unsere Regierung zu regeln ... Du kennst die Gründe, welche mich
damals den Tod wünschen liessen ... Oft, oft überfielen mich Gedanken an
Selbstmord -! .... Sie hafteten nicht, weil Selbstmord nur denkbar ist im
Zustand einer Verzweiflung, die mit dem ganzen Leben abzuschliessen vermag - Das
war nicht meine Lage ... Wohl ging mein Blut stürmisch, wenn ich sah, wie mein
Weib am besten meiner Freunde hing, dieser an ihr; dacht' ich aber an die
Mittel, mich solcher Schmach zu entziehen, so lockte mich wohl die Welle des
Stromes, der Blitz der tödtlichen Waffe eine Weile; bald aber erkannte ich dann
wieder, wenn nur die Gesetze unserer Kirche über die Ehescheidung andre wären,
dass der Anfang eines neuen Lebens voll neuer Bewährung für mich anbrechen könnte
- ... Ich wollte den Wunsch des geistig schon lange ehelich verbundenen Paares
erfüllen und würde eine Scheidung durch Confessionswechsel möglich gemacht haben
- aber in diesem Punkte würde die Mutter nicht meinem Beispiel haben folgen
können - aus innerem Triebe nicht - auch ihres neuen Gatten wegen nicht, der
sich kaum würde entschlossen haben, schon aus Rücksicht auf den schlimmen Ruf
seines Vaters, dem Geist der Provinz ein Ärgernis zu geben ... So kam ich,
ohnehin von manchem Misverhältniss zu meinem Beruf getrieben, auf den Entschluss,
mir den Schein des Todes zu geben - ...«
    Die Entzifferung ging noch bis jetzt aufs leichteste von statten ...
    »Ich liess dich einem neuen Vater und die Mutter einem neuen Gatten zurück,
der ein reicher Mann war und für euch beide sorgen konnte ... Ausserdem hattest
du den Onkel. Hatte zwar mein Bruder Franz schon den Adoptivsohn meines Bruders
Max, den dieser aus Spanien mitgebracht, in seine väterliche Obhut genommen -«
...
    Wie? unterbrach Bonaventura seine Worteinteilung und Uebersetzung des
Berichtes für den aufmerkenden und in Bonaventura's Familienverhältnissen völlig
heimischen Freund; kannte selbst der Vater nicht die Herkunft Benno's? ... Er
las staunend weiter:
    »- so gestattete ihm doch sein gutes Herz und seine Vermögenslage, auch dich
in deiner Laufbahn zu befördern, die dir ohnehin, da du Soldat werden solltest,
bald die volle Selbständigkeit geben konnte ... Zur Ausführung meines Vorhabens
bedurfte ich Beistand ... Ich konnte mich auf einen Menschen verlassen, der,
seines Zeichens ein einfacher Tischler, mit meinem Bruder Max unter Napoleon in
Spanien gedient hatte, ihm eine Rettung seines Lebens verdankte, aber auch ohne
diesen Anlass ein Muster von Pünktlichkeit und Verschwiegenheit gewesen wäre ...
Ihr alle, die ihr mich überleben werdet, vor allem auch du, Benno von Asselyn,
niemand von euch wird je geahnt haben, dass mit dem schweren Amt, einen kaum
geborenen Knaben aus Spanien mitzubringen, dieser alte treue Mevissen in
Verbindung stand - ... Selbst mir bekannte es der Brave nie, warum auf seinem
Todbett Max die Weisung hinterlassen, eine Summe, die ich ihm noch schuldete, in
besserer Zeit, wenn ich könnte, einem in der Nähe Kochers am Fall, in
Sanct-Wolfgang, wohnenden und von dort gebürtigen Tischler, einem ehemaligen
Soldaten seiner Compagnie, auszuzahlen ... Da die Zahlung nicht drängte, ich
auch die Summe nicht sofort besass, sprach ich zu niemand davon, am wenigsten zu
unserm guten Bruder Franz ... Letztrer würde die Summe gegeben, aber auch die
Verwendung derselben haben erfahren wollen ... Benno war schon damals zum Hüfner
Hedemann in Borkenhagen bei Witoborn gegeben ... Ohne Zweifel ist Benno entweder
das Kind einer spanischen vornehmen Frau oder einer Nonne ... Mevissen kannte
das Geheimnis; er hütete es wie ein Soldat die Parole seines Wachtpostens ...«
    Bonaventura musste voll Rührung ausrufen:
    Guter, kindlicher Sinn des Vaters -! ... Alle diese Dinge - wie waren sie so
ganz anders und nur dir blieben sie verborgen! ... Die Neugier seines ältesten
Bruders, meines freundlichen Erziehers war seine Furcht! ... Und gerade in
dessen Händen lagen, selbst dem Bruder verborgen, die Fäden aller der
Veranstaltungen, die für den armen geopferten Benno getroffen werden mussten -!
...
    Ambrosi kannte die Beziehungen und vermochte voll gesteigerten Anteils zu
folgen ...
    »Es drängte mich, endlich jene Schuld von einigen hundert Talern an den
alten Soldaten in Sanct-Wolfgang zu berichtigen ... Als ich Abschied von meinem
bisherigen Dasein und meinem Namen nehmen wollte, besuchte ich deshalb den
kleinen Ort, den Mevissen bewohnte ... Ich fand einen rätselhaft verschlossenen
Menschen; einfach und würdig sein Benehmen; obschon nicht mehr jung, hatte er
geheiratet, sein Weib war gestorben; ohne Kinder hielt er eine kleine
Tischlerwerkstatt für die einfachen Bedürfnisse des Landlebens, die ihn ernährte
... Die Summe, welche ich ihm schuldete, mochte er früher mehr bedurft haben,
als jetzt; dennoch hatte er nicht gedrängt ... Nach den ersten Verständigungen
sah ich wohl, dass sich Mevissen jene Summe durch irgend einen wertvollen
Beistand, den er dem Bruder geleistet, verdient hatte ... Ich suchte den Anlass
seiner Bewährung zu erfahren und zeigte mich voll Neugier schon aus Interesse
für Benno's Vater, meinen zu früh vollendeten Bruder Max ... Ich grübelte,
forschte - kein anderes Wort kam von den Lippen des schlichten Mannes, als dass
mein Bruder - sein bravster Chef gewesen ... Angezogen von soviel Ehrlichkeit
und Charakterstärke, beredete ich ihn, mich als Diener auf einer Schweizerreise,
die ich machen wollte, zu begleiten ... Er nahm diesen Vorschlag an und ihm
verdank' ich die Ausführung meines gewagten Unternehmens - ... Den Schein zu
erwecken, dass ich zu den Opfern der Lawinen des grossen Sanct-Bernhard gehörte,
das war die Aufgabe ...«
    Ambrosi seufzte ... Bonaventura's Herz klopfte voll gespannter Erwartung ...
Es war die noch nicht ganz entüllte Stelle im Leben des Vaters ...
    »Im Canton Wallis, zu Martigny, legt' ich alles ab, was an mich erinnern
konnte. Ich hatte mir neue Kleider gekauft, die in einem Packet verborgen werden
mussten, das Mevissen trug - Das meiste, was mein Koffer entielt, hatten wir
verbrannt - ... Der Dunst, den die verbrannten Papiere und die sengenden Kleider
verbreiteten, fiel im Gastof zu Martigny auf; so hielten wir mit unsern
Zerstörungen inne ... Einiges musste auch für das Leichenhaus auf dem grossen
Sanct-Bernhard zurückbehalten werden ... Mevissen's Handschlag durfte mir
genügen, um die Gewissheit zu haben, dass von ihm sein Geheimnis würde mit ins
Grab genommen werden ... Unter dem Zurückbehaltenen befand sich vielleicht eine
seltsame Urkunde, von welcher ich dir reden muss - aus Gründen, die du erfahren
sollst - ...«
    Bonaventura verstand das schmerzliche Lächeln seines Freundes ... Es galt
der Erinnerung an die Qualen, die sich früher, in seinem jetzt überwundenen
Glauben, der unrichtig Getaufte über seine Lage bereitet hatte ...
    »Mein Sohn! Ich rufe dir mit der Schrift: Wer Ohren hat, zu hören, der höre!
- - Ich hatte in Witoborn mit dem Husarenrittmeister von Enckefuss, dem neuen
Landrat des neugebildeten Kreises, die Besitzergreifung, namentlich die Archive
aus einer heillosen Verwirrung zu ordnen, in welche sie während des Krieges
geraten waren, wo man die wichtigsten Acten zu Streu für die Pferde benutzt
hatte ... Bischof Konrad war ein wohlwollender, aufgeklärter Mann ... Ich hatte
sein Vertrauen gewonnen; auch er liebte, wie ich, alte Drucke, Miniaturen,
kunstvolle Heiligenschreine, ohne dass er darum, wie ich, auch geistig unter den
Ranken und Blüten der damals modischen Romantik und Phantastik wohnte ... Auf
einem Krankenlager, von welchem er nicht wieder erstehen sollte, übergibt mir
der Bischof einen soeben empfangenen Brief des am selben Tage zur Ruhe
bestatteten Pfarrers von Borkenhagen, eines getauften Juden ... Nehmen Sie das!
sprach der Bischof. Es ist das Testament eines Narren! Ich soll es nach Rom
schicken! Wahnsinn! Doch - da manches Geheimnis Ihrer Familie beteiligt ist -
zerreissen Sie die Stilübung -! Sie ist lateinisch geschrieben - ...«
    »Ich las den Erguss eines melancholischen Gemütes, das, zerfallen mit sich
selbst und mit der Welt, in diesem Brief das Judentum für die vollkommenste
Religion erklärte, die Lehre Jesu nur eine von Jesus nicht beabsichtigte
Abweichung vom Judentum nannte und sich in seiner letzten Stunde von einem
Gaukelspiel lossagte, das er jahrelang mit Bewusstsein getrieben hätte ... In
dieser Ueberzeugung, hiess es in dem merkwürdigen Briefe, hätte er zwar nicht
damals gehandelt, als er den Glauben gewechselt - damals hätte er Jesus und der
christlichen Kirche etwas abzubitten gehabt - aber die Erinnerung an seine
Verwandte, die Tränen einer verlassenen Geliebten hätten ihn bestimmen sollen,
wenigstens nicht auch Priester zu werden ... Er hätte es werden müssen; er hätte
die Weihen annehmen müssen aus Furcht vor einem Tyrannen, dem Kronsyndikus auf
Schloss Neuhof ... Misshandlung, Drohung, sogar Weinen und Flehen dieses Mannes
hätten ihm so lange zugesetzt, bis er Priester wurde ... Jahrelang aber hätte er
sein Amt mit Unlust und ohne Ueberzeugung geführt ... In diesem Sinne, schrieb
er, hätte er die Sakramente erteilt, ohne die entsprechende Richtung des
Willens ... Getauft hätt' er in bestimmter Voraussetzung, dass das, was er tat,
eine leere Formel war ... So zunächst alle Verwandte des Kronsyndikus - sogleich
seinen ersten Täufling, Bonaventura von Asselyn ... Seine erste Trauung,
zwischen Ulrich von Hülleshoven und Monika von Ubbelohde, gleichfalls Verwandte
seines Peinigers, wäre von ihm vollzogen worden, ohne den Willen und die
Ueberzeugung, dass er wollte, was er tat ... Mit diesem bittern Hohn gegen sein
Geschick, zu welchem sich die Andeutung über eine unrichtige Ehe gesellte, die
einst irgendwo von ihm vorher schon hätte geschlossen werden müssen - und wie zu
vermuten war, auch diese auf Anstiften des Krönsyndikus - wollte der
menschenfeindliche Mann, der ein Rabbiner, ja, wie man aus einigen Stellen
seines Briefes ersah, ein Kabbalist geblieben war, aus dem Leben scheiden ...«
    Bonaventura erkannte jetzt die Gründe, warum Lucinde vor Jahren, damals, als
sie seinen Epheu zerstörte, von Monika's Ehe als von einer löslichen gesprochen
...
    »Meine Empfindungen waren damals noch so katolisch, dass ich über diese
Entdeckung den grössten Schmerz empfand und darüber anders dachte, als mein
hochbetagter freidenkerischer Bischof, der einige Tage nach Uebergabe der
Urkunde an mich gleichfalls aus dem Leben schied ... Aber sollte ich meiner
Familie, meinem eigenen Kinde noch einen neuen, von mir mit Entsetzen
empfundenen Makel anhängen? ... ... Ich dankte der Vorsehung für diese
glückliche Wendung, die ein so wichtiges Document in meine Hand gelangen liess
... Sollte ich sie zerstören? Daran verhinderte mich mein rechtgläubiges Gemüt,
ja der feste Entschluss, eines Tages deine richtige Taufe nachholen zu wollen ...
Und in diese Schrecken und Beunruhigungen meines Gewissens mischte sich die
immer mehr gesteigerte Trauer um mein unseliges Verhältnis zu deiner Mutter ...
Ein treuer, aufrichtiger Freund, den ich um so mehr liebte, als seine kühle und
verständige Natur zu meinem eigenen Wesen die heilsamste Ergänzung bot, konnte
sich einer Leidenschaft nicht entwinden, die die einzige war, welche ihn
vielleicht je überkommen ... Noch mehr, ich war von ihm abhängig; die Güter des
Lebens, die ich nie zu verwalten wusste, verbanden uns, während alles andere uns
hätte raten müssen, uns zu trennen ... Eine Lage entstand, die vor der Welt
meine Ehre in einem Grade blossstellte, der mich über mich selbst verzweifeln
machte ... Ich sprach nie von dem, was mich drückte, und doch erkannte ich
alles, was vorging ... Ich sah, dass Wittekind meinen Haushalt bestritt, meine
Schulden bezahlte, die Entscheidungen in jeder Frage gab, wo meine Zustimmung
kaum noch begehrt wurde ... Schon gab ich mir die Miene, solche Zustimmungen von
meiner Seite gar nicht mehr zu beanspruchen - ich vergebe deiner Mutter; sie
folgte ihrem weiblichen Sinn, der sich an Starkes und Verwandtes halten will -
unwahr ist es, dass sich nur die Gegensätze lieben - ...«
    Die Freundschaft der Lesenden, grade die aus dem Gefühl entsprungen war,
sich verwandt zu sein, musste diesen Ausspruch bestätigen ... Bonaventura dachte
an die Sterbeaugenblicke seiner Mutter, die in Einem Punkte ruhigere gewesen
waren, als er erwartet hatte - ihr zweiter Gatte hatte mit der Ueberzeugung von
ihr Abschied nehmen dürfen, dass ihr ganzes Glück und ihre wahre Lebensbestimmung
nur er gewesen ... Bonaventura gedachte des Tages, wo auf Schloss Westerhof die
Mutter ihm gesagt hatte, gern beuge sich ein Weib dem Worte: »Und er soll dein
Herr sein!« - wenn der Gatte es nur wäre -! ...
    »O mein Sohn, damals verehrte ich noch eine Kirche, die einer Form zu Liebe
zwei Menschen, und wenn sie sich hassen und wenn sie sich zum Anlass ewiger
Verwilderung werden, doch aneinanderschmiedet - eine Kirche, die dem frivolsten
Priesterwillen eine Macht über unser ewiges und zeitliches Wohl gibt ... Aber
mein Sinn sollte sich ändern ... Er änderte sich in dem Grade, dass ich nicht für
mich allein der Wohltat der Erleuchtung teilhaftig werden wollte ... Als du
Geistlicher wurdest, als ich hörte, du hättest dich den Römlingen angeschlossen,
da erfreute es mich zu vernehmen, dass Mevissen jene Urkunde damals beim
Verbrennen meiner Effecten im Gastof zur Balance zu Martigny zurückbehalten
hatte ... Mein braver Begleiter schrieb mir zuweilen und unter anderm meldete
er: Einiges hab' ich nicht verbrennen mögen ... Besonders auch Geschriebenes
nicht ... Es ist bei mir sicher wie im Grabe ... Und sollte sich einst noch
einmal Ihr Wille ändern oder eine andere Zeit kommen, wo Sie bereuen, was Sie
getan - dann lassen Sie in Gottes und seiner Heiligen Namen mein Grab öffnen.
Was ich nicht vernichtete, finden Sie dort! ... Und dies Grab ist erbrochen
worden -! ... Ich weiss es - ein Räuber, dessen Hand mein treuer Hubertus
richtete, hat die Witterung gehabt, dass ein Schatz - der Liebe mit diesem armen
Manne begraben wurde -! Dass es zu spät sein musste, ihn zur Verantwortung zu
ziehen und mich zu beruhigen über das Verbleiben jener Urkunde -! In deinem
eignen Dorfe musste ein Fluch zu Tage kommen, den deinem Leben ein wahnwitziger
Priester geschleudert -! Hast du ihn nie vernommen, so vernimm ihn von mir! ...
Bona, du bist Würdenträger einer Kirche, die ein Recht beansprucht, dich sofort
aus ihrem Schoose auszustossen ... Warum? ... Weil es ein Priester so wollte -!
Mit einem Zucken seiner Miene, einem tückischen Hinterhalt seiner Gedanken
wollte -! Bona, verkünde diese Vermessenheit des katolischen Priestertums -!
... Verkünde sie der Welt! Zeige, wohin die Anmassung der Concilien und der
Päpste geführt hat! Frage, ob alle die neugetauft werden müssen, die du tauftest
- alle die neu verbunden, die du verbandest - alle Sünden noch einmal vergeben,
die du vergeben -! ... Ich wünschte, dass die dreifache Krone dein Haupt zierte
und du sagen könntest: Höre, höre, Christenheit - wenn Roms Gesetze Recht
behalten, so ist sein oberster Priester jetzt - ein Heide -! ...«
    Tieferschüttert hielten die Freunde in ihrer Arbeit inne ... Schon schlug
die mitternächtige Stunde ... Eisige Schauer überliefen sie ... Ein Diener kam
und schürte die schon erloschene Flamme im Kamin ... Einen kurzen Bericht, den
er vom jetzt gelöschten Brande an Piazza Navona gab, hörten die Tiefergriffenen
kaum ... Abwesend war ihr Geist, ergriffen ihr Ohr und ihr Auge von dem, was sie
dem entrollten Papier entzifferten, ebenso wie von den Andeutungen eines
Zukunftbildes, das sich mit himmlischen Farben vor ihrem geistigen Blick
entrollte ...
    »Doch«, fuhr Bonaventura fort, die Buchstaben zu lesen und zu übersetzen,
die Ambrosi mit Geschicklichkeit zu Papier brachte - »kehre mit mir zurück auf
den Tag meines scheinbaren Todes! ... Gefahrvolle Schneestürme hatten geweht und
mühsam erklommen wir die mächtige Höhe ... In der Nähe des Hospizes warfen wir
Pilgermäntel über, liessen uns die Morgue aufschliessen und, während Mevissen
beschäftigt war, den führenden Augustinerbruder nach einem der dort
aufgestellten Gerippe, vor welchen alles, was an und bei ihnen gefunden wurde,
beisammen lag, zu fragen und ihn zu zerstreuen, legte ich vor einen der jüngst
Verunglückten, der mir an Wuchs ziemlich glich und an dem durch seinen Sturz
zerschmetterten Kopf völlig unkenntlich war, mein Portefeuille und den Trauring
deiner Mutter - ...«
    Ambrosi sagte:
    Vor meinen Vater -! ... Wie hat das Schicksal uns so wunderbar verbunden -!
... -
    Bonaventura, erlöst von dem jahrelang ihn quälenden Bilde eines
unheimlicheren Zusammenhangs der Todesarten ihrer Väter, der natürlichen des
Professors Ambrosi, der künstlichen Friedrich's von Asselyn - konnte nur mit
seinen zitternden beiden Händen die linke Hand Ambrosi's ergreifen und mit
stummer Geberde aussprechen, was er empfand ...
    »Als ich dann noch die Portefeuilles vertauscht hatte, fiel mir erst die
ganze Schwere meiner Tat aufs Gewissen ... Mein Führer, mutvoller als ich,
mahnte zum Gehen - seine Absicht musste sein, soviel als möglich für die
Augustiner nicht wiedererkennbar zu erscheinen ... Am Hospiz, wo uns die Mönche
einluden, einzutreten, trennte sich Mevissen - er musste es schnell tun, um
unsere Physiognomieen nicht zu lange dem Gedächtnis der Nachblickenden
einzuprägen ... ... Es war ein Abschied für ewig und dennoch ging Mevissen - wie
zu einem Wiedersehn auf den folgenden Tag - ...«
    Solche Treue lebte jahrelang neben mir und dem Onkel - ohne ihres Ruhmes zu
begehren -! schaltete Bonaventura ein ...
    »Aber, der Gedanke: Die Spur jenes Unglücklichen, für welchen du nun
genommen werden wirst, blieb vielleicht den Seinigen auf ewig verloren - du hast
ein Verbrechen auf dich geladen, grösser, als dein Selbstmord gewesen wäre! - der
verfolgte mich bald mit allen Schrecken eines bösen Gewissens ... Im
Portefeuille des Todten, für welchen man mich nehmen konnte und sollte, fand ich
keinen Namen, nur Höhenmessungen und Zahlenreihen ... Noch im ersten Eifer
meiner scheinbaren Selbstvernichtung warf ich diese Anklage gegen mich in die
Tiefe eines Waldstroms ... Ringend, mich in die Stimmung meines alten
Leichtsinns, meiner romantischen Sorglosigkeit, meiner angebornen lässigen Natur
zurückzuschmeicheln, umging ich Turin ... Die Täler, die ich mit meinen neuen
Kleidern durchwanderte, waren zufällig Waldensertäler ... Ich kannte die
romanische Sprache ... Aber ich floh vor allem, was mich an Religion erinnerte
... Nur mein romantischer Trieb gab mir Kraft, nur jener phantastische Sinn, der
dem Schönen und Reizvollen sich ergibt und moralischer Imputationen nicht achtet
... Ich wollte nach Genua, wollte mit dem Rest meiner Barschaft zu Schiff gehen
und mir in Südamerika ein neues Leben begründen ... Ueber Coni hinaus wurde ich
krank; seelisch und körperlich angegriffen, schleppt' ich mich jetzt nur noch
langsam vorwärts ... Scheu mied ich die grosse Strasse und ruhte mich oft in
Wäldern ... Da war es denn, wo ich in einem einsamen Tale aus einem schönen
Hause einen vollstimmigen Choral vernahm ... Ich trat in einen neugebauten Raum,
wo ein Redner geistliche Erweckungen hielt ... Der Gottesdienst war bald zu Ende
... Ich sah eine hohe stolze Dame, der, als sie aus dem Hause trat, alle
ehrerbietig auswichen, ich grüsste sie und folgte ihr ... Zu meinem Erstaunen
sprach sie mit ihrem Diener deutsch ... Ich redete sie in gleicher Sprache an
... Dies getan zu haben, bereute ich freilich sofort, denn ich hörte ihren
Namen und musste erstaunen, mich in der Nähe eines entfernten Zweigs meiner
eigenen Familie zu befinden ... Entfliehen konnte ich nicht; ich war zu
hinfällig, wurde krank, kam dem Tod nahe und befand mich monatelang in einem
Zustand fast der Geistesabwesenheit ... Als ich genas, war ich so von
Dankbarkeit und Ehrfurcht vor dieser edlen Frau erfüllt, dass ich mich nicht mehr
von ihr trennen konnte ... Da ich mich als Katoliken bekannt hatte, durfte sie
in meiner Absicht, als Einsiedler in ihrer Nähe zu leben, nichts Auffallendes
finden ...«
    In Bonaventura's Innern klangen die Lieder des Dichters Novalis ... Sein
Vater klagte sich nur allein an ... Was sein träumerischphantastischer Sinn
hätte aus dem Geist der Zeit entschuldigen können, ergänzte nur die Liebe und
Bildung des Sohnes ...
    »Die Gewissensschuld, der Schmerz um meine Tat auf dem Hospiz, die
Gewissheit, dass aus meinem geglaubten und bestätigten Tode bereits ein neues
Leben in der aufgegebenen Heimat erblüht war (die Gräfin erzählte mir von einer
Heirat des Präsidenten von Wittekind, eines Cousins der reichen Erbin, mit der
sie zu processiren angefangen - eine Zeitungsannonce nannte den Namen der Gattin
Friedrich's von Wittekind -) alles das gab mir eine tiefe Traurigkeit und mehrte
den Abschluss mit dem Leben ... So entstand die Neigung, mich um die Lehre der
Waldenser zu kümmern ... Gräfin Erdmute gab mir die alten Schriften, die sie
gesammelt hatte und die in ihrem Text vielleicht niemand so verstand, wie ich
...«
    Auch Ambrosi war in ein tiefes Erinnern versunken und schien kaum zuzuhören
...
    Bonaventura chiffrirte inzwischen für sich weiter und las ...
    Die Darstellung des Vaters lenkte jedoch auf jene Empfindungen zurück, die
sich in Ambrosi's Innern angesponnen haben mussten; deshalb begann der Freund
aufs neue die laute Mitteilung ...
    »Ich würde vergebens gerungen haben, aus meinen durch die Ehegesetze
geweckten Zweifeln an Roms Hierarchie zu einer Versöhnung mit dem ewigen Grund
aller Dinge, der in unserm Gewissen den einzigen Weg zu seiner Erkenntnis
vorgezeichnet hat, zu gelangen, wenn nicht ein wunderbares Erlebnis mich zum
Frieden mit mir selbst gebracht hätte ... Alle Schätze der Erde sind nichts
gegen die Seligkeit eines erlösten Schuldbewusstseins ... Dann streckt jubelnd
die Dankbarkeit ihre Hände gen Himmel und ruft: Verhängnis, Zufall oder wie dein
Name sein mag, ewiges Gesetz des Lebens, ich bringe dir den Dank einer befreiten
Seele bis in den Sphärensang der Sterne -! ... Unter den vielen, die in meine
Waldhütte kamen, um sich Rats zu erholen, wie ich ihn grade geben konnte, kam
auch ein anmutiger Jüngling ... Seine Mienen hatten einen melancholisch
trauernden Ausdruck ... Ich konnte ihn nicht sehen, ohne sogleich mit tiefster
Wehmut auch deiner zu gedenken ... Es war verboten, dass sich die geistlichen
Schüler von Robillante, überhaupt rechtgläubige Seelen meiner Hütte nahten -
dennoch geschah es - ich wurde ein Beichtiger wider Willen ... Auch diese
Schüler, die sich oft in den Wäldern tummelten, gingen nicht, ehe ich nicht
jedem getan oder geraten, wie und was er wollte ... Vielen Umwohnern musst' ich
Briefe schreiben, andern über ihre Geldsachen raten, manchen lehrte ich die
Sprachen, auch deutsch - Knaben wie Mädchen ... Jener Schüler aus Robillante
wollte Deutsch lernen ... Die Gabe der Sprachen schien dem jungen Novizen
versagt; desto reger war sein Forschereifer in Aufgaben der Phantasie und des
Gemüts ... Vincente Ambrosi wollte Mönch werden; ich tat nichts, um ihn in
diesem Entschluss wankend zu machen, kämpfte auch nicht gegen seinen Glauben, den
er mit Hingebung und innerlich ergriff ... In ihm liebte ich dich ... Schon
lange bewohnte ich meine einsame Hütte und war noch ohne Seelenruhe, immer noch
gefoltert vom Hinblick auf den Sanct-Bernhard und meinen Betrug ... Meine
Tränen feuchteten oft mein nächtliches Lager ... Oft trieb es mich, nach dem
Hospiz zurückzukehren und nach allem zu forschen, was seiter dort geschehen war
... Aber die Vorstellung: Deine Gattin hat sich mit dem Freund vermählt und darf
nicht in Bigamie leben! schreckte mich; man konnte mich erkennen; diese einsam
wohnenden Mönche behalten die wenigen Eindrücke, die ihnen werden, desto
lebhafter ... Immer und immer aber sah mein gefoltertes Gewissen die grössten
Verwickelungen entstanden aus den verwechselten Portefeuilles, aus dem Hinlegen
meines Ringes unter die Sachen, die einem andern gehörten, dessen Spur nun
verloren und der, für mich geltend, begraben wurde ... Was half mir das Glück
meines äusseren Schicksals, die liebevolle Sorge und der Schutz meiner Gräfin -
... Mir fehlte Seelenfriede ... Diesen fand ich erst, als mich wieder jener
Priesterzögling besuchte, der oft in diese Gegend Almosen zu suchen ausgeschickt
wurde ... Er klagte über die Nichtbefriedigung seines Innern und erschloss mir
zum ersten mal, warum sein Gemüt stets so krank, sein Sinn so traurig war ...
Er hatte bei unsrer ersten Begegnung früher Deutsch von mir lernen wollen, weil
er nur zu sehr bedauerte, es in einer ernsten Sache, von der er damals nicht
sprach - es liess sich an den Selbstmord des Vaters denken - nicht verstanden zu
haben ... Er wäre das einzige Kind seiner Aeltern; seine Mutter, eine Frau von
hoher Bildung, wäre eben aus dem Leben geschieden gewesen, sein Vater, Lehrer
der Matematik am Colleg zu Robillante, um sich in seinem tiefen Schmerz
aufzurichten, hätte ihn ins Seminar gegeben und eine Fussreise in die Alpen
angetreten ... Um die Savoyer und Deutschen Alpenzu vergleichen, hätte er vier
Wochen ausbleiben wollen und wäre nicht zurückgekehrt ... Da alle
Nachforschungen ohne Resultat blieben, machte sich nach einigen Monaten der Sohn
auf den Weg, um wenigstens Einiges über des Unglücklichen Schicksal in Erfahrung
zu bringen ... Der Vater war die Strasse über den kleinen Bernhard, den
Bernhardin, gegangen, hatte von da aus die Walliser, die Berner Alpen besucht -
überall fand er des Vaters Spuren, auch auf der Heimkehr noch am Genfersee, noch
in Martigny, ja bis zum Hospiz hinauf ... Da war dann plötzlich derjenige, von
welchem er geglaubt hatte, dass es unfehlbar nur sein unglücklicher Vater hätte
sein müssen - ein anderer, den gleichfalls der Schneesturm überfallen, ein von
einem deutschen Domherrn und seinem Diener damals erst vor einigen Wochen in
Saint-Remy begrabener, ein Deutscher, Friedrich von Asselyn genannt - Den Namen
hatte er deutlich und richtig aufgeschrieben; er stand in Saint-Remy auf meinem
vom Bruder Franz gesetzten Grabstein - ...«
    Die Freunde konnten an dieser Stelle nichts tun, als sich gerührt die Hände
drücken ...
    »Weinen durfte ich bei der Erzählung des Jünglings - denn sein Leid hätte
jeden gerührt ... Mein Weinen war aber ein Weinen der Freude, das der junge
Geistliche nicht begreifen konnte ... Ich rief ihm, da mein Entschluss, mein
Geheimnis zu hüten, so lange deine Mutter lebte, feststehen sollte: Ich kann dir
nicht sagen, mein Vincente, dass dein Vater lebt; aber glaube mir, die Stunde der
Trauer, als alles dir zu sagen schien: Du findest ihn, wenn auch im
schreckhaftesten Bild des Todes, und du sahest dich dann doch in deiner
schmerzlichen Hoffnung getäuscht - diese Stunde, mein Sohn, wird dir gelohnt
werden mit ewigen Himmelskronen! ... Der Jüngling deutete alles im Bilde ... Ich
wurde ihm näher verbunden und tiefer verloren wir uns in die grossen Aufgaben des
Lebens ... Von dieser Zeit an erhob sich mein Inneres zum Dank gegen Gott ...
Denn Dank gegen Gott, das ist das Gefühl, dessen Ausdruck wir tausendmal im
Munde führen und doch nur selten verstehen, selten in die Ursachen seiner wahren
Beseligung zergliedern können ...«
    Wieder hielten die Freunde inne ... Wieder besiegelte ihr Händedruck den
gottgeschlossenen Bund ihres Lebens ...
    »Nun wagte ich, auch an die Läuterung Anderer, an die der Kirche zu denken
... Gräfin Erdmutens Glaube überträgt unser Glück auf die Wohltat der Erlösung
durch die Gnade ... Dies Bild der Gnade begriff ich und pries am Glauben der
Protestanten, dass sie, die so Vieles aufgaben, was sie noch wie andere Christen
hätten hüten und tragen sollen, sich das Bewusstsein einer fast persönlichen Wahl
und Führung Gottes gewonnen hatten ... Ich sah die Hand der Vergebung vor mir,
ich fühlte an mir selbst die wider Verdienst geschenkte Gnade des grossen
Erlösungswerkes ... Nun verstand ich die reinen, andächtigen Bücher der
Waldenser, kindliche Hingebungen an die Schrift ... Die Bibel wurde mir ein Buch
göttlich geführter Menschenschicksale ... Liebe, Glaube und Hoffnung wurde mein
Evangelium ... - Warum mehr? Und wozu irgend etwas, was nicht auf diesem Grunde
ruht? ... So lehrte ich an manchen Tagen unter meinen alten Eichen und die
Menschen kamen von nah und von fern, bis die Verfolgungen sie hinderten ... Da
hätt' ich denn schon den wirklichen Tod suchen können, wenn in dieser Welt auf
solchen Drang der Tod gesetzt ist ... Immer entschlossener teilt' ich die
Ueberzeugung der Gräfin, dass das Verderben der Welt der Stuhl des Antichrists in
Rom ist ... Die Fortschritte der Bibelverbreitung, das Wirken englischer
Missionäre gerade auf italienischem Boden, die enge Verbindung zwischen Politik
und Religion gerade in diesem Lande, der erwachende Freiheitsdrang Italiens, der
nur allein über die Zerstörung der Priesterherrschaft Roms hinweg sein ersehntes
Ziel des Volks-und Bürgerwohls erringen kann, alles das erfüllte mich mit hoher
Spannung ... Ja, in einer solchen Stunde kam mir der Gedanke, nicht allein
meinen zweiten Sohn, Vincente Ambrosi, für die Sache einer grossen Reform zu
gewinnen - ihn nannt' ich auch in diesem Sinn schon mein - sondern auch meinen
ersten, der, wie ich hörte, in die Netze der Römlinge gefallen war ... Noch
schob ich es auf, bis ich hörte, dass sich Dein Wahn sogar an den Unternehmungen
jenes Kirchenfürsten beteiligte, von denen mir die Gräfin in höchster Aufregung
leidenschaftlichster Parteinahme für den gekrönten Vorkämpfer des
Protestantismus in Deutschland erzählte ... Da schrieb ich dem Bruder Franz und
dir, Bonaventura, sub sigillo confessionis eine Aufforderung zu einem Tag des
Concils unter den Eichen von Castellungo ... Es war eine Tat, die selbst die
Möglichkeit, mich, deine Mutter, uns alle zu beschämen, nicht scheute, eine Tat
der Uebereilung gewiss, geschehen in jener alten Hast, die ich noch nicht ganz
überwunden hatte - Ach, es sollten Prüfungen kommen, die mein Blut in ruhigere
Wallung, mein Denken in kühlere Erwägung brachten - ...«
    Cardinal Ambrosi musste bestätigen, dass Bonaventura's Vater schon damals von
seiner baldigen Entfernung aus Castellungo gesprochen ...
    Die Geständnisse kehrten auf den in heftigste Erregung geratenen, auf und
niederschreitenden Vincente selbst zurück ...
    »Wie aber erreicht man ein allgemeines Concil? Wie setzt man die Majestät
dreier Jahrhunderte des Lichts zum Richter über das Concil von Trident? Arme
Mönche und Landpfarrer haben keine Stimme im Rat der Kirche! Ein Cardinal, ein
Papst muss es sein, der dem Schöpfer das Wort nachstammelt: Es werde Licht! Und
wie wird man Cardinal, wie Papst -!- So sprach mein Schüler eines Tags mit
bebender Stimme. Dazu sind alle Wege offen! erwiderte ich lächelnd. Keiner ist
freilich sicher! Einer, setzte ich hinzu, wäre neu, der: In Rom ein Mönch im
alten Sinn der Väter zu sein! Werde ein Heiliger, mein Sohn! sprach ich ... Das
will ich werden! antwortete Vincente ... Ich erschrak, ergriff seine Hand und
fuhr fort: Mein Sohn, kein Urteil über die Menschen und Dinge dieser Erde darf
dann früher über deine Lippen kommen, bis die kühle Erde oder der Purpur deine
Stirn bedeckt! Das schwör' ich zum dreieinigen Gott! sprach Vincente Ambrosi und
ging nach Rom - ...«
    Ambrosi hatte sich niedergelassen, legte sein Haupt auf den Tisch und
faltete die Hände ...
    Auch Bonaventura's Schweigen war ein Gebet ...
    Nach einer feierlichen Stille sagte er:
    Und ich, ich musste dir das letzte Wiedersehen deines Vorläufers und Apostels
rauben -! Den Blick - der Bewunderung -! ...
    Er ist jetzt unter uns! sprach Ambrosi mit verklärtem Blick gen Himmel ...
Und wie bald - einigt uns alle - das grosse Gottesherz -! ...
    Eine lange Pause trat ein ...
    Dann mahnte Ambrosi selbst, dass der Freund fortfuhr ...
    Dieser las: »Als mein treuer Schüler nach Rom zu den strengen Alcantarinern
gepilgert war, hätte ich in hoher, göttlicher Freude in meiner Klause leben
können, wenn ich mich nicht einige Jahre später hätte zu jenen Briefen hinreissen
lassen ... So lebte ich mit Zittern und Zagen unter den Eichen von Castellungo,
hoffend und wieder erbangend, erbangend, dass meine Entdeckung nahe war ...
Mevissen musste todt sein - ich hörte nichts von ihm ... So ging noch ein Jahr,
noch ein zweites hin ... Da kam plötzlich die Nachricht, dass mein eigener Sohn
als Bischof in Robillante erwartet wird -! ... Ich wusste nichts vom Zusammenhang
dieser wunderbaren Wendung, ich sah nur die Wirkung meiner Mahnung an die Eichen
von Castellungo ... Dein Denken, dein Fühlen entnahm ich aus dem, was ich allein
von dir wusste ... Es war mir verhasst; ich hätte fürchten müssen, dich in die
traurigsten Conflicte zu verwickeln ... So entfloh ich ... Ich bot alles auf,
dir, deiner Mutter, deinem zweiten Vater die volle Freiheit eueres Lebens zu
lassen, mir nur den Schein meines Todes ... Ambrosi wurde der treue Vermittler
zwischen deiner Liebe und meiner Furcht ... Ich hörte von deiner veränderten
Richtung, von deinen Kämpfen, deinen Siegen ... Ist es nicht gut, zu entbehren
um einen Gewinn? ... Sah ich dich nicht, ob hier, ob dort, in meinen Armen,
vereint mit dir in jenen grossen Opfern, die nie ausbleiben werden, solange die
Erde in ihren Bahnen der Dunkelheit und der Sehnsucht zum unsterblichen Lichte
rollt -! ... Ich fürchtete nichts von den Schrecken dieser Welt - nichts von den
Schrecken Italiens ... Müssen sich nicht selbst die Drohnisse der Natur in
Quellen der Freude verwandeln, wenn sie uns die Gemeinsamkeit des Erdenlooses
lehren und das Bild eines grossen Zweckes aufstellen, dem aus Tod erst an der
ewigen Schöpfungsquelle die Erfüllung wird! ... Wenn ich dir schildern sollte,
wie ich auf meinem Pilgergang nach Loretto, in der Gefangenschaft der Räuber, im
Silaswald in jener Waldeinsamkeit, die ich in meinen Jugendträumen so oft
gepriesen und ersehnt, hin und her bewegt wurde von einer Welt andringender,
mich stets beschäftigender Tatsachen, wie ich namentlich im Hinblick auf dich
und deine grosse Laufbahn von Zweifel, Hoffnung, innigster Vater- ja
Freundesliebe bewegt wurde - dann soviel freundliche Genien fand, die mich auch
wiederum einen Jüngling wie Ambrosi, entsagungsmutig, willensstark und
willensrein finden liessen - Paolo Vigo - wie ich nun drei schon einem
Gottesreiche gewonnen sah, das mit klingenden Harfen näher und näher den Nebeln
der Erde kommt - ...«
    Bis hierher hatten die Freunde gelesen, als die Lampe erlosch und sie sahen,
dass der helle Morgen tagte ...
    Sie hatten das Schwinden der Zeit nicht bemerkt ... Auch das Verglimmen des
Feuers im Kamin nicht ... Nun meldeten sich die Rechte der Natur im Gefühl, dass
es Winter war ...
    Draussen läuteten die Morgenglocken ... Sie waren so selig ergriffen von
Freundschaft, Liebe und Hoffnung, dass ihnen die Besinnung auf die Welt, sogar
der Hinblick auf die in den öden Mauern des Inquisitionspalastes liegende Hülle
der edlen, schwärmerischen Seele, die hier zu ihnen sprach, wie ein Traum, eine
märchenhafte Jugenderinnerung war ...
    Den Rest der Blätter wollten sie auf den stilleren Abend lassen und wenige
Stunden noch ruhen ... Dann hatten sie die Absicht, zunächst zum General der
Dominicaner zu fahren und dem zu danken ... Hierauf wollten sie in den
Inquisitionspalast, später nach San-Pietro in Montorio ...
    Schon hörte man von der Strasse her den Lärm des Tages ...
    Eben wollten die Freunde sich trennen, als sie bemerkten, dass der Diener,
welcher die auf dem entlegenen Zimmer Eingeschlossenen nicht ferner hatte stören
dürfen und auch inzwischen geruht hatte und sie staunend noch nicht zu Bett
gegangen wiederfand, noch eine Eröffnung für sie bereitzuhalten schien ... Er
sagte, dass die trübe Nachricht erst nach Mitternacht gekommen wäre und er nicht
sofort sie zu melden gewagt hätte ...
    Es war verhängt, dass sich keine Ruhe auf die leidüberladenen Herzen senken
sollte ...
    Die Feuersbrunst hatte auf Via dei Mercanti stattgefunden ... ... Sie war
seit Jahren eine der grössten, die in Rom stattgefunden ... Die daselbst in einem
alten Palast befindlichen Waarenmagazine waren von den wütenden Flammen
zerstört worden ... Von oben und unten sich begegnend hatten sie die Stiegen
unbetretbar gemacht ... Man beklagte Verlust an Menschenleben ...
    Ambrosi und Bonaventura fragten nach Gräfin Sarzana ...
    Der Diener berichtete ihren Tod ...
    Ein Franciscanerbruder, erzählte er und die sich mehrende Dienerschaft
ergänzte seinen Bericht, hätte retten wollen ... Mutig stürzte sich der Mönch
in die Flammen, zumal als man zu sehen glaubte, dass eine Dame, die oben einen
Ausgang aus der Zerstörung suchte, einem Räuber ein Kästchen entriss, das sie mit
Verzweiflung und hülferufend vor ihm zu wahren suchte ... Auf einer mit
Eisenblech beschlagenen Leiter erreichte der Mönch den Balcon, der schon mit
brennendem, zur Rettung bestimmtem Gerät überhäuft war, kletterte in ein vom
wirbelnden Qualm und mit knisternden Funken erfülltes Zimmer, wo durch die
zersprungenen Fensterscheiben hindurch deutlich das Ringen der Dame mit einem
Mann erblickt werden konnte, dem sie jenes Kästchen nicht überlassen zu wollen
schien ... Der Mönch machte sich Bahn, ergriff den kleinen Schrein, warf ihn auf
die Strasse - in die verzehrende Glut, die ihn sofort zerstörte ... Die Flamme
loderte so hoch auf, dass bereits die glühend gewordene Leiter brannte ... Eine
neue versuchte man anzulegen ... Vergebens ... Noch einmal hörte man aus dem
allgemeinen Lärm der Verwüstung und Zerstörung heraus die Stimme des Mönchs, der
seine schon brennende Kutte abgerissen hatte, hörte den mächtigen Ausruf: »Schon
einmal gelang es, Brüderchen!« ... Da verloren sich die italienischen Worte, die
der Mutige noch verständlich gerufen hatte, in eine fremde Sprache ... Mit dem
einen Arm ergriff der Mönch den Räuber, mit dem andern die Gräfin Sarzana, hob
beide hochhinweg über die brennenden Gerätschaften auf dem Balcon und schickte
sich zum Sprunge an ... Die Balken des Daches stürzen, die Flamme sucht mit
gierigem Schlund die schon Erstickenden ... Jetzt, mit dem Ausruf: Noch einmal
in Jesu Namen! springt der Rettende in die Tiefe ... Mit zerschmetterten
Gliedern lagen drei Menschen auf der Strasse - bedeckt von den brennenden Balken
und dem Schutt der Zerstörung - ... Sie lagen todt - ...
    Während Bonaventura erstarrt zur Bildsäule, von Ambrosi gehalten, jedes Wort
wie die Spitze eines Dolches fühlte, doch mit dem innigsten Anteil sein Ohr
darhielt, fuhr der Bericht fort:
    Nun stellte es sich heraus, dass der eine der beiden Männer jener deutsche
Mönch war, der einst den Grizzifalcone erschossen hat, Frâ Hubertus ... Der
andere hat sich keineswegs als Räuber herausgestellt ... Es war - ein Freund der
unglücklichen frommen Gräfin, der nur allein zum Helfen gekommen war - ein
Priester des Al-Gesú, Pater Stanislaus ... Die Gräfin Sarzana wurde über die
Engelsbrücke getragen, noch hatte sie einige Besinnung; sie erreichte das
Krankenhaus der Deutschen nicht mehr ... An den Stufen der Peterskirche hielt
die Bahre ... Dort ist sie verschieden ...
    Bonaventura war auf einen Sessel gesunken ...
    Den todten Pater Stanislaus, hiess es, holten seine Ordensbrüder ... Frâ
Hubertus hätte, versicherte man, mit seinem Mut und seiner unbändigen Kraft den
schreckhaften Ausgang auf alle Fälle verhindert, wär' er nur anfangs auf dem
Brandplatz verblieben ... Aber mitten im Gewühl behauptete er die Spur eines
Mannes verloren zu haben, dem sein leichtbeschwingter Fuss aus dem Sacro Officio
gefolgt war und den er im Gedräng der Menschen aus den Augen verlor ... Darüber
verstrich die Zeit ... Endlich erblickte er in jenem vermeintlichen Kampf mit
Gräfin Sarzana den Gesuchten, rief Worte in einer unverständlichen Sprache
hinauf, kletterte in die Höhe - alles stand entsetzt ... Es war - als wenn der
Tod, ein Knochengeripp, beleuchtet vom blutroten Schein der Flammen, die schon
brennenden Sprossen der Leiter herabklimmen wollte, zwei Leben im Arm - Der
Erfolg des Sprunges gab dem Sensenmann, was er suchte - ...
    Die Erzählenden hielten auf einen Wink Ambrosi's inne ...
    Bonaventura vernahm nichts mehr.
 
                                  Neuntes Buch
                                       18??
Selbst am brausenden Donnerton des Wassersturzes nistet ein Vogel im traulichen
Versteck ...
    Die ermüdete Menschenseele, Erquickung bedürfend, sucht sich ihre Ordnung
aus den Schrecken der Zerstörung, sucht - und findet ihre alte, ihr so
wohlbekannte Gewöhnung an Freud' und Leid - auch in Sturm und Ungewitter ...
    Am Fuss eines alten unschönen Gemäuers in Rom, die Pyramide des Cestius
genannt und, der Inschrift zufolge, das Grabdenkmal eines wohlhabenden Kochs aus
Kaiser Augustus' Zeit, schmettert in die blaue sonnige Frühlingsluft eine
Nachtigall ...
    Die Sängerin der Haine würde vielleicht entfliehen, wenn die Fittiche der
Nachtunholde, das ringelnde Schleichen einer Schlange sie umkreisten - die
Wildheit der Menschen stört sie nicht ...
    Kanonen donnern - ... Wilde Lieder erschallen - ... Tausende von Menschen
üben sich im Dienst der Waffen ... Die Nachtigall singt ihre Klage unter
Rosenbüschen ...
    Am Fuss des alten Gemäuers breitet sich ein Kirchhof aus ...
    Wohlgewählt dieser Platz beim alten Cajus Cestius, Koch und Gastwirt in dem
alten Rom -! Auch Herberge gab er ohne Zweifel den Fremden - den Griechen,
Persern, Afrikanern ... Und dieser Kirchhof hier gibt jetzt den Juden und
Ketzern Herberge, wenn sie in Rom ihr Auge schlossen ... Diese Rosen und Lilien
an dem alten Gemäuer, wo die Nachtigall schlägt, gehören dem Kirchhof der
Protestanten ...
    Rom ist in Waffen ...
    Ein Dictator ist erstanden ... Eben steht er oben und überschaut an diesem
entlegenen Ende der Stadt, vom Monte Testaccio aus, die Ebene mit seinem
Fernrohr ... Eine kräftige, gedrungene Gestalt mit gebräuntem Antlitz,
schlichtem, schon weissem Haar, fast deutschen Augen ... Ein Italiener ist's mit
dem grauen Reiterhut und einer roten wallenden Feder drauf ... Sein
militärischer Stab begleitet ihn ...
    Von hier aus sieht man deutlich drei Heere zu gleicher Zeit, die in Latiums
grosser Ebene, der Campagna, so lagern, wie einst die Cimbern und Teutonen hier
und zur Zeit der Völkerwanderung die Hunnen lagerten ... Dem Meere zu liegt das
Heer der Franken ... Dem Gebirge zu das Heer der »Deutschen« - was eben
»Deutsche« unter Oesterreichs Fahnen sind - ... An der südlichen Seite liegt das
Heer der Italiener, im Bund mit der Erhebung in Rom und seinem sieggewohnten
Führer ...
    Der Monte Testaccio ist ein seltsamer Berg ... Vom Abfall der Küchen, die
eine Verwaltung, die im Altertum sorgsamer als die spätere päpstliche war, hier
auf einen Haufen an die Tore der Stadt schaffen liess, hat sich ein Hügel
erhoben, in welchem Unkraut wuchert auf angeflogener Erde, die, in die Ritzen
eingedrungen, den Mörtel dieser zu einem Ganzen vereinigten Scherben bildet ...
Wie mancher schöne Henkelkrug liegt da in Trümmern -! ... Wessen Hand mag ihn
einst an die dürstende Lippe gesetzt haben -! ...
    Noch sind die Götter des friedlichen Hauses nicht ganz von diesen Gefässen
gewichen, die ihnen einst geweiht waren ... Der Monte Testaccio ist ausgehöhlt
und verbreitet süssen Kelterduft aus zahllosen Weinkellern ... Hier hatte
vielleicht schon Cajus Cestius seine Weinvorräte ... Ueber diese Trümmer gibt
es Treppen, Estraden, Lauben von Akazien- und Holunderbüschen, wo die, die einen
Guten im Kühlen zu schätzen wissen, in Hemdärmeln sitzen und das schöne »Aller
Weisheit sich entschlagen« üben, das in Rom von jeher beim Becher geliebt wurde
...
    Auch heute fehlen, wie nicht die Nachtigall und die Rosen unter den Gräbern,
so auch die Trinker nicht ... Massenhaft durchforschen sie die heiteren
Katakomben des Testaccio ... Wilde und sanfte Gestalten gemischt - Priester und
Mönche sogar - in Waffen, die meisten mit roter Blouse - die Büchsen sind in
Haufen zusammengestellt ... Der nahe Kirchhof stört da Niemanden - hat doch der
Tod seit Jahren in Italien furchtbare Ernten gehalten ... Trone brachen
zusammen ... Völker kämpften gegen Völker ... Die letzte Entscheidung über
Italiens Wiedergeburt ist nahe herbeigekommen ...
    Die Waffenruhe trat ein durch den Tod des Stellvertreters Christi ...
    Ihrer mehre sind sich in kurzer Frist gefolgt ... Einige Greise sanken in
stürmischer Zeit dahin, wie schon sonst ein Stephan II. nur drei Tage auf jenem
Stuhl sass, auf welchem man, nach Innocenz' III. Wort, »zwar weniger, als Gott,
aber mehr, als ein Mensch ist« - Bonifaz VII. ermordete ihn. Auch dieser wich in
einem Jahre schon vor Donus II. Auch Clemens II. Freiherr von Horneburg, ein
Deutscher, blieb in jener Schwebe zwischen Himmel und Erde nur ein Jahr; Gregor
VIII. nur wenige Wochen ... So herab bis zu Pius VIII., der gleichfalls nur
wenig über ein Jahr die Himmelsschlüssel trug ... Seitdem kamen andere und schon
hatte Frankreich in Avignon, Oesterreich in Salzburg einen oder den andern
wählen und krönen lassen ...
    Das neuntägige Trauergeläut unterbrach den Kanonendonner in der Campagna und
Roms Dictator, bestürmt von seinen Kriegern, bestürmt vom freisinnigen Teil
Europas, dass Er am wenigsten noch in Rom eine Papstwahl dulden möchte, erhob
dennoch sein Schwert und sprach:
    Der letzte der Reihe! ... Doch hört sein Wort! Ist es ein Prätendent auf die
weltliche Herrschaft Roms, wie sie alle waren, so senden wir ihn zu den beiden
Heersäulen draussen, deren Bajonnete ihn halten mögen, den Schatten ohne Macht
und Würde ... Ist es aber ein Nachfolger Petri im Geiste Petri, ein
Friedensfürst und Apostel, so soll die Welt seine segnende Hand nicht entbehren
... Dann wird unser Schild ihn tragen ... Unser ihm zujubelnder Beifall feiert
eine Erlösungsstunde der Menschheit ...
    Drei Tage dauerte nun schon das Conclave von nur noch dreissig Cardinälen ...
Immer noch eine ansehnliche Zahl von Anwesenden unter den meist unvollständigen
Siebzig - in solcher Zeit -! ... Offen und ehrlich hatte der Dictator in die
Welt gerufen, dass jeder, der den Purpur trüge, unbekümmert an die Tore Roms
pochen dürfe; Rom würde ihm öffnen und ihn schützen ...
    So ruhten denn nun seit zwölf Tagen die Waffen und an das Schreckensvolle,
an brennende Dächer, stürzende Türme, an die Verheerungen der Seuchen, hatte
sich die bedrängte Stadt schon wieder so gewöhnt, dass zwölf Ruhe- und Trauertage
Festtage schienen ... An die Tore, die mit haushohen Barrikaden befestigt
waren, hinter die Schanzkörbe der Mauern wagten sich die Frauen, die Kinder, die
Greise ... Bang und erwartungsvoll umstanden sie die Batterieen, die mit
brennenden Lunten den Monte Cavallo umgaben, wo die Cardinäle eingemauert und
den Heiligen Geist erwartend sassen ...
    Der Dictator hatte wieder sein Ross bestiegen und sprengte mit seinem Stab
vom Fuss des Testaccio dem Tor der Bocca della Veritâ zu und zur Stadt zurück
... Er blickte sorglos ... Durch nichts verriet er, dass die Welt in diesem
Augenblick einer Mine glich, die ein einziger Funke in die Luft sprengen und ihn
vor allem selbst vernichten konnte ...
    Lächelnd grüsste er zwei ihm wohlbekannte Damen in Trauer, welche die
allgemeine Erlösung vom Schrecken dieser Tage benutzten, um den Sonnenschein,
die Nachtigall, die Rosen und die Gräber zu besuchen ... Von bebenden
Hoffnungen, schmerzlichen Erinnerungen bewegt, suchten sie Erholung auf dem
Friedhof ...
    Ein blühender Knabe von sieben bis acht Jahren sass munter und ruhig vor
ihnen ...
    Die Reiter bogen aus und liessen den offenen Wagen hindurch ... Mitten durch
die Zelte und Gruppen der singenden oder sich im Kriegsspiel übenden Krieger
hindurchfahrend, steigen die Frauen, der Knabe und ein Diener am Tor des
Friedhofs der Protestanten aus ... Sie tragen Kränze in den Händen ...
    Der kleine grüne Fleck dieses Todtenackers war in den letzten Stürmen
sichtlich verschont geblieben ... Manche der Ahornbäume, die seine Alleen
bildeten, lagen zwar niedergesägt; ebenso Sträucher mit verwelkten Schneeballen
oder Jasmindolden; die Gräber waren verschont geblieben ... Der stille
Geisterhauch, der doppelt geheimnisvoll über diese in der Fremde Gestorbenen
hinweht, schien ruhige Grüsse der Sehnsucht nach dem Vaterlande hinüber oder von
dorter zurückzutragen ... Aeltern, Geschwister, Kinder der hier Ruhenden weilen
in der Ferne ... Manchem jenseits der Alpen Weinenden ruht hier sein ganzes
Glück - unter einem - wie oft! - nur einfachen grünen Hügel ... Doch prangen
auch auf marmornem Monument die Bildnisse berühmter Künstler, Gelehrten,
hochgefeierter Staatsmänner ... Meist sind die Züge der Abgebildeten leidend -
man sieht es, der Geschiedene hatte noch auf diese milde weiche Luft, auf diesen
heitern Sonnenschein seine Hoffnung gesetzt und sie betrog ihn - ... Dürftige
Holzkreuze mahnen an manchen armen jungen Maler, der in Italien sein Ideal
gesucht und in einem römischen Spital in einer einzigen Fiebernacht es finden
sollte ...
    Jetzt halten die beiden Damen in Trauer - hohe, schlanke, edle Gestalten,
gefolgt vom Diener und geführt vom voranspringenden Knaben - vor einem
Denkstein, auf welchem der Name zu lesen steht:
    »Graf Hugo von Salem-Camphausen.«
    Sie nehmen dem Diener ihre Rosen und Lorberkränze ab, die dieser aus dem
Wagen mitgebracht, und legen sie auf das Grab, das erst kürzlich seine
Vollendung erhalten hatte ... Graf Hugo, nicht in die Dienste seiner Armee
zurückgetreten, hatte auf Schloss Salem seiner Gattin gelebt und dem Sohn, den
sie ihm gebar ... Benno Tiebold Bonaventura Graf von Dorste-Salem-Camphausen
wurde luterisch getauft ... Graf Hugo starb bei allem Glück an einem Siechtum
des Herzens - es hatte seit Jahren der Kämpfe zu viel bestanden ... In Rom hatte
er Genesung gehofft und heute vor einem Jahr erlosch sein Auge ... Das da ist
sein lieber Sohn - er wird erzogen von zwei Müttern statt einer - ... Von Paula
und von Armgart ... Letztere ist nun auch schon von grauen und nicht (wie bei
ihrem auf Castellungo noch mit dem Vater lebenden streitbar rührsamen
Mütterchen) verfrühten Locken ...
    Das heutige Opfer der Freundschaft und Dankbarkeit konnte nicht lange
währen; denn die bangen weiblichen Herzen entdeckten bald, dass sie zu allein
waren in so wildem Kriegerjubel - ... Es war eine Stunde Allerseelen ... Sie
gedachten voll Innigkeit aller Todtenhügel, die sich ihnen in der Welt schon
erhoben ... In der Ferne das noch immer von Armgart mit Rosen und
Vergissmeinnicht umfriedigte Grab des Onkels Dechanten - Benno's - der Tante
Benigna, des Onkel Levinus - des Präsidenten von Wittekind - ... - ... Auch in
der Nähe gab es trauervolle Erinnerungen ... Nicht weit von hier, auf dem
Kirchhof der Laterangemeinde, lag ein Hügel, der die Herzogin von Amarillas
bedeckte, von welcher man sagte, dass sie ein Jahr vor ihrem Ende nachts wie ein
verstörter Geist in ihren Zimmern umirrte und die Ruhe suchte, die ihr nur noch
der Tod geben konnte ... Am Vatican befand sich Lucindens Grab ... Im
Inquisitionspalast ein Hügel, der Bonaventura's Vater deckte .... Bruder
Hubertus' Asche ruhte auf San-Pietro in Montorio ... Terschka's Ruhestätte
kannte man nicht ... Die Frauen suchten und forschten auch nicht nach ihr -
ebenso wenig, wie nach den Umständen, unter denen Lucinde, Terschka und Hubertus
aus dem Leben gingen ... Es gab darüber grauenvolle Sagen - Armgart und Paula
glaubten ihnen nicht; nicht mehr um der Religion willen, sondern deshalb, weil
ein weibliches Herz die Schleier böser Dinge ungern gelüstet sieht ... Wo ist
der Widerhall zu finden, die ganze Grabesrede, die jedem dieser Menschen
gebührte! ... Nur in Gott ruhen sie; nachfühlen und von ihnen träumen mag der
Dichter ... Paula und Armgart waren gerechter als andere - was man von Lucinden
sprach, erschöpfte selbst ihrem Urteil nicht die volle Wahrheit ...
    Oder sollte Lucinde wirklich den Tod gefunden haben, überrascht bei einem
Briefe, den sie gerade an Bonaventura schrieb -? ... Vor einem offenen Kästchen,
in welchem Documente lagen, die - mit den Schicksalen der Familien Wittekind und
Asselyn zusammenhingen, mit Benno's Ursprung, wie man glaubte, mit seines Vaters
betrügerischer zweiter Ehe, mit dem scheinbaren Tod des weiland Regierungsrats
von Asselyn -! Was liess sich nicht alles an unheimlichen Stellen im Leid dieser
Familien auffinden -! ... Oder sollte es wahr sein, dass Fefelotti, das Al-Gesú
und Olympia im Bunde jenes Kästchen bei Gelegenheit einer Feuersbrunst ebenso
wollten verloren gehen lassen, wie die verhängnisvolle falsche Urkunde, die
Hammaker geschrieben, einst bei jenem Brande zu Westerhof gefunden wurde -? ...
War es wirklich Terschka, der diesen Raub hatte auf sich nehmen wollen - -
müssen - ihn schon lange versuchte -? ... Hatte Terschka's Ohr im
Inquisitionspalast, in welchen nur die Verschlagenheit des ehemaligen Anwohners
der Porta Cavallagieri sich einzuschleichen wusste, die Beziehungen belauschen
sollen, die zwischen Bonaventura, und dem deutschen Einsiedler aus dem Silaswald
obwalteten -? ... Und hatte die Feuersbrunst zu früh begonnen und der Mönch mit
dem Todtenkopf, der alte Freund aus ihrer Jugendzeit, der zwischen Westerhof und
Himmelpfort so oft im wogenden Kornfeld traulich mit ihnen plauderte und
scherzend ihnen Cyanenkränze wand, seinen seit Jahren gesuchten zweiten
Schützling in dem Augenblick wiedergefunden, wo ihn zugleich auch über diesen
der Himmel zum Richter machte - freilich mit dem Einsatz seines eignen Endes -?
...
    Wandte sich alledem ein grübelndes Forschen und Staunen zu, so liessen die
beiden Frauen andere die geheimen Fäden offen und klar darlegen; sie selbst
verglichen das Meiste, was im Schoose Gottes ruht, dem stillwaltenden
Naturgeheimniss, das oft ein einfaches Summen schwärmender Käfer im heissen
Sommerbrand tiefer auszudrücken scheint, als Biblioteken voll Menschenweisheit
- ... Mochten sie nicht glauben, dass ein Falter, der von Blume zu Blume fliegt,
vom All mehr schon erfahren hat, als wir -? ...
    So war es ihnen, wenn man von Lucinde sprach ...
    Eine Stunde verging ... Die düstern Vorstellungen schwanden im Hinblick auf
die Entüllungen des Conclave ... Bonaventura, der mutige Bekämpfer der jetzt
überall aus Italien vertriebenen und nur noch in Spanien und Deutschland
nistenden Jesuiten, Bonaventura, der noch immer in Coni wohnende Segner alles
dessen, was Fefelotti von Trident und Brixen, zuletzt von Salzburg, Wien und
Würzburg verdammte - auch er war eingezogen in den wiederum vermauerten Palast
des Quirinal ...
    Von ihrer Wohnung aus, die sie in Palazzo Ruspigliosi genommen, hatten die
Frauen den Einzug der Cardinäle mit angesehen ... Die lange Procession war durch
die Krieger hindurchgegangen, deren drohendes Toben der Dictator beschwichtigten
musste ... Tausende bis in die höchsten Dächer und Schornsteine hinauf blickten
nieder auf die seit lange zum ersten mal wieder zusammengekommenen höchsten
Würdenträger der in Auflösung begriffenen Hierarchie ... Noch befanden sich
unter ihnen manche der Alten und Unverbesserlichen ... Da eine hagere,
leichenfahle Gestalt, gebeugt von der Last der Jahre, aber funkelnden
ehrgeizigen Auges ... Dort eine beleibte, freundlich lächelnde, selbst mit dem
Bäuchlein grüssende und nicht minder hoffnungsvolle - trotz der Sorgen, die auf
dieser erledigten Krone lasteten ... Hier eine mit wirklichem Schmerz
niederblickende, der schweren Zeit gedenkend - ... Geprüft waren sie alle, diese
»letzten Märtyrer«, durch die bittersten Erfahrungen, zum mindesten durch ihre
ungewohnten Entbehrungen ... In dieser diesmaligen Wahl entschied sich die Frage
der säcularisirten Hierarchie für immer ...
    Unter ihnen schritt Cardinal Vincente Ambrosi - gern als der künftige
Stellvertreter Christi bezeichnet ... Noch immer gab er ein wohltuendes Bild
männlicher Schönheit ... Schneeweiss sein Haar, schwarz die scharfe Augenbraue
... Ihm galt der Zuruf der Römer - ... Um so mehr, da man wusste, dass das alte
Recht der drei grossen rechtgläubigen Dynastieen Frankreich, Oesterreich und
Spanien gegen ihn geübt werden sollte - das Recht, dass, als Bevollmächtigter
einer dieser Monarchieen, ein Cardinal gegen ihn protestiren durfte ... Gegen
Einen nur und Einmal nur durfte protestirt werden - dann »stirbt die Biene, wenn
sie den Stachel in ihren Feind senkte«, wie Cardinal Wiseman sagt ...
    Auch Fefelotti folgte ... Krumm, ganz vom Alter gebeugt, citronengelb,
geführt von zwei Conclavisten ... Ein Zischen und Höhnen der Masse verfolgte
ihn, wie mit Spiessruten; jeder Mund hatte eine andere böse Tat von ihm zu
erzählen ... Auch die Feuersbrunst vor Jahren auf Strada dei Mercanti wurde nur
ihm, nur der Fürstin Olympia Rucca mit ihm im Bunde zugeschrieben ... Letztere
war nach Spanien entflohen und lebte ihre angeborene Natur, vielleicht auch
innern Schmerz, jedenfalls die Zerstörung und den gänzlichen Verfall, den
solchen Naturen das Alter verhängt, in den Stiergefechten von Madrid, im Mut
der Espadas und Picadoren aus ... Alle Trümmer des ehemaligen Roms verendeten in
Spanien - Der junge Rucca befand sich dort mit seinen Orden, mit seinen Titeln
und dem klingenden Wert aller seiner verkauften Güter - ...
    Ein Glück für Fefelotti, dass ihm im Zug der Cardinäle Bonaventura d'Asselyno
folgte - sein Gegner, ein Name, den Italien verehrte - ... Sogleich verstummte
der Hohn, als die rollenden Augen dieser wilden Menschen den Erzbischof von Coni
sahen ... Auf Bonaventura passten die Worte Samuelis: »Sieh nicht auf sein
Angesicht, noch auf die Höhe seiner Gestalt - sieh auf sein Herz« ... Angesicht
und Gestalt ragten im Zuge majestätisch und doch sprach nur jeder von seinem
mutigen Geist, von seinem edlen Herzen - Nach des Präsidenten von Wittekind
Tode wusste alle Welt die Geschichte Federigo's ...
    Drei Tage hatte das Volk durch einen kleinen Schornstein am Quirinal den
aufsteigenden Rauch beobachtet, der vom Verbrennen der Wahlzettel im Ofen der
Kapelle des Conclave kommt ... Im kleinen Garten, der zu dem von seinem Besitzer
verlassenen und deshalb leicht zu ermietenden Palast Ruspigliosi gehörte,
wandelten Paula und Armgart schon seit drei Tagen auf und nieder wie mit
Flügeln, die ihr Wille gewaltsam niederhalten musste; bangfrohe Sehnsucht und
Erwartung hob ihre Seelen, als wäre nur noch der Aeter ihr Bereich ...
    Die dreifache Krone gewinnt nur Er -! sprach Armgart zur Freundin, der sie
Führerin und Lenkerin aller ihrer Lebensentschlüsse geworden ... In deinen
Jugendträumen hast du ihn so gesehen; so wird es sich auch erfüllen! ...
    Was sah' ich nicht alles und die Erfüllung - - blieb aus! ... sprach Paula
...
    Alles kam anders - als wir erwarteten, aber es traf zu - zum Guten -! ...
    Armgart durfte gewiss so sprechen in Rücksicht auf den eignen Frieden, der in
ihr Inneres eingezogen war ... Tiebold's Hand hatte sie abgelehnt, aber die
fortdauernden Beweise seiner Freundschaft liess sie sich gefallen; wenn die
Trennungen zu lange dauerten, konnte sie seine erheiternde Nähe kaum entbehren
... Tiebold, reich und guter Laune, gefällig, alles zum Besten wendend, reiste
zwischen den »letzten Trümmern seiner schöneren Vergangenheit« hin und her ...
    Sein Pate, Benno, wie er genannt wurde, hatte jetzt nur die Krieger im
Auge, die Kanonen an den Schanzkörben hinter dem braunen Gestein der
Cestiuspyramide, die dreifarbigen Fahnen und die blitzenden Bajonnete auf dem
nahegelegenen alten Römertor ...
    Als ich heute in unserm Hause das Bild des Guido an der Decke betrachtete,
sprach Paula, den Aufgang Aurorens über die Gewässer, musst' ich deiner Erzählung
gedenken, die du nach dem Schreckenstage des Westerhofer Brandes vom Jagdgelag
auf Münnichhof gabst - an des seligen Onkels Schilderung der Farben, die dem
Aufgang der Sonne über Meereswogen vorangehen ... So geh' ich auch heute ganz in
Licht und Purpur ...
    Armgart drückte die Hand der Freundin und sprach:
    Wir sind bis zu Gräbern gekommen und haben immer noch Hoffnungen für diese
Erde -! ...
    Während sie so plauderten auf dem marmornen Sarkophage, versunken in Träume
und Erinnerungen, und ihre Augen dem Knaben folgten, der nach Schmetterlingen
haschte, erbebte plötzlich die Luft vom Donner eines Kanonenschusses ...
    Die Krieger ringsum griffen zu den Waffen ... Auch auf dem Monte Testaccio
wurde es lebendig ... Der Schuss kam von der inneren Stadt ...
    Bald fielen, während die Kanonenschüsse sich wiederholten, Glocken ein ...
Immer mehr und mehr der ehernen Zungen begannen auf allen Türmen zu läuten ...
Ueber die ganze Stadt wehte ein einziger klingender Luftstrom ...
    Die Wahl ist vollzogen! rief Armgart und brach auf ... Der Knabe wurde
gerufen ...
    Sicher war es jetzt kaum zum Hindurchkommen, wenn man auf den Monte Cavallo
zurückfahren wollte ... Paula musste schon geführt werden ... Sie schwankte in
zitternder Erwartung ...
    Der Donner der Kanonen, das Läuten der Glocken währte fort ...
    Pfeilgeschwind schoss der Wagen durch die Vorstädte ... Im Innern der Stadt
musst' es langsamer gehen ...
    Haben wir das versäumt! klagte Armgart und zugleich erwartungsvoll
forschend, so oft der Wagen im Gewühl der Truppen, der Bivouaks, der Volksmassen
halten musste ... Sie fragte, was man wisse ...
    Man hörte nur Trommeln, Commandowörter, Drohungen sogar - ...
    Zu den Waffen! schrie das Volk und von Trastevere stürmten die Menschen in
wilder Wut über die Brücken ...
    Was mag es geben! fragten sich die Frauen, voll Bangen über eine unerwartete
Wendung ...
    Dass zur bestimmten Stunde aus dem kleinen Schornstein nicht Rauch gekommen
war, galt bis jetzt für das einzige Zeichen, dass Jemand das richtige Zweidrittel
der Stimmen für die Wahl erhalten hatte ... Wer es war? wusste noch niemand ...
War es Fefelotti - dann Tod und Verderben -! ...
    Dem Monte Cavallo zu, wo nur denen Platz gelassen wurde, die beweisen
konnten, dass sie dort wohnten, hiess es:
    Fefelotti ist es nicht ...
    Aber auch Ambrosi war es nicht ...
    Man hatte gehört, dass von den drei weissen Gewändern, die für den
neugewählten Papst bereitgehalten werden müssen, nicht dasjenige geholt worden
war, das zu einer kleinen Gestalt passte ... Anfangs hiess es: Man holte das
mittlere ... Endlich, schon an dem von Truppen umlagerten vermauerten Palast,
lärmten die Rufe wie bei den Vorbereitungen zu einem Bühnenspiel durcheinander:
La roba grande! ...
    Halb ohnmächtig über die Schlussfolgerungen, die sich aus diesem üblichen
Vorspiel eines überlebten Vorgangs ziehen liessen, kam Paula am Tor des Palazzo
Ruspigliosi an ... Armgart sprang aus dem Wagen - eilte durch die Säle, riss
eines der von den Dienern und deren Freunden und Angehörigen nicht belagerten
Fenster auf und blickte in den schon vom Abendlicht beleuchteten
menschenübersäeten Platz ... Hoch und herrlich bäumten sich über dem Gewühl von
Menschen, Rossen, Kanonen, Waffen aller Art, wehenden Fahnen die Kolosse der
Dioskuren, die Phidias und Praxiteles geschaffen ... Jeder der ehernen
Rossebändiger hatte in der einen freien Hand die dreifarbige Fahne ...
    Armgart rief nach Paula ...
    Diese schwankte näher - krampfhaft ihren Sohn umfassend ... Ueber dem Portal
des päpstlichen Palastes am grossen Fenster wurde es lebendig ... Eine Mauer, vor
wenig Tagen erst aufgeführt, rissen in wilder Hast Arbeiter im Schurzfell,
nieder ... Stein auf Stein fiel ... Die Balcontür wird frei ... Ein
lieblichster Abendsonnenstrahl fällt auf die bunten Gewänder der Männer, die
jetzt auf dem Balcon erscheinen ...
    Cardinal Ambrosi tritt hervor, jubelnd vom Volk bewillkommt ... Er trägt
eine Rolle in der Hand ... Trotz des Purpurstrahls der Sonne und seiner Gewänder
erschien er vor Aufregung hocherrötet ...
    Das Jauchzen, das Rufen der Menge, die ihn gleichsam für eine getäuschte
Hoffnung schadlos hielt - er konnte nicht der Gewählte sein - hörte endlich auf
... Todtenstille trat ein, unterbrochen vom Krachen der Kanonen auf der
Engelsburg, vom Läuten der Glocken ...
    Ambrosi, wie Johannes der Täufer den Ruhm seines Freundes Jesus verkündete,
rief mit lauter Stimme:
    Annuncio vobis gaudium maximum! ... Habemus Papam eminentissimum Cardinalem
Archiepiscopum Cuneensem Dominum Bonaventuram d'Asselyno ...
    Trommeln wirbelten, Trompeten schmetterten - Fahnen flatterten ...
    Von seinem Ross herab salutirte der Dictator mit seinem im Sonnenstrahl
blinkenden Schwert dem neuen Bischof Roms, einem Deutschen ...
    Wohlgefällig und neugierig murmelnd ging es durch die Reihen ... Der Name
war bekannt und in seinem Ruf bewährt ... Es war eine Wahl, die zugleich ein
Symbol der Universalität und Unparteilichkeit der Kirche erscheinen durfte ...
    In italienischer Sprache fuhr Ambrosi fort:
    Der erste Papst, der nicht heilig gesprochen wurde, hiess Liberius I .... Der
neue Bischof von Rom nennt sich in Demut Liberius II ....
    Die Spannung mehrte sich ...
    Ambrosi fuhr fort:
    Liberius II. nimmt die Wahl unter der von den Cardinälen zugestandenen
Bedingung an, dass seine erste Tat als gekrönter Bischof von Rom die Berufung
eines allgemeinen Concils ist ...
    Der Dictator schwang sein Schwert ... Ein Sturm der freudigsten
Unterbrechung folgte ... Die Krieger riefen wie mit ehernen Zungen: Evviva! ...
    Ambrosi fuhr fort:
    Auf dass sich jedes katolische Herz auf die seit dreihundert Jahren ruhende
Frage der Kirche und Lehre, auf eine Kirchenverbesserung nach dem Wort Gottes,
Christi und der Apostel vorbereite, gibt das versammelte Conclave der zweiten
Bedingung des neuen Herrschers der Kirche die Zustimmung: In allen Sprachen der
Christenheit ist das Lesen der Bibel gestattet! Von allen Kanzeln der
katolischen Christenheit sollen die Völker ausdrücklich sieben Wochen lang und
in jeder Abendstunde dazu aufgefordert und angeleitet werden -! ...
    Der Dictator nahm seinen Reiterhut mit der wallenden Feder vom greisen
Haupte ... Geisterhaft lag ein heiliges Schweigen über dem Menschenmeer ...
    Endlich schloss Ambrosi:
    Und dass das Concil in heiliger Stille, fern vom Geräusch der Waffen und
weltlichen Störungen gehalten werde, so ist dafür ein stilles Alpental Italiens
bestimmt in der Erzdiöcese des Gewählten ... Zwischen Coni und Robillante im
Piemont liegt das Schloss Castellungo ... Dortin und zum 20. August dieses
Jahres, zum Tag des heiligen Bernhard von Clairvaux ist die Versammlung der
Bischöfe der Christenheit ausgeschrieben! ... Betet, dass der Geist Gottes die
Stätte und die Stunde segnen möge! ...
    Der Jubelruf nahm an Kraft und lufterschütternder Macht noch zu, als, von
den üblichen Gewohnheiten der Papstwahl abweichend, diesmal der Gewählte selbst
vom Cardinalvicar vorgeführt wurde und an dem riesigen Fenster in den Kleidern
seiner Würde erschien ...
    Diese Kleider sind eines Zauberers Tracht - In Persien tragen sich so die
Eingeweihten der Geheimnisse der Natur ...
    Aber der neue Zauberer von Rom erschien, ob auch unter silbergesticktem,
weissen Traghimmel, ob auch in der Sottana von weissem Moor, ob auch die weisse
Mozzetta auf der Brust, ob auch mit dem rotsammetnen Baret auf, dem edlen
Dulderhaupt, doch wie ein Mensch der Demut und Schwäche, wie ein Vater, ein
Freund, ein Bruder aller Menschen - ...
    Alle blickten zu ihm auf voll Liebe ... Lang umflossen die weissen Locken das
allmählich freudig niederlächelnde Haupt des Gewählten ... Die Hände streckten
sich segnend über die in endlosen Jubel ausbrechende Menge; an der Rechten
blitzte der mächtige Fischerring Petri - ...
    Die Abendsonne beglänzte einen Verklärten ... Als ihre Strahlen sein braunes
Auge trafen, musste er es schliessen ... Er schloss es auch um des tränenvollen
Blickes willen auf jene beiden Frauen am wohlbekannten Fenster, deren weisse
Tücher ihm: Hosiannah, Sieger und Ueberwinder -! entgegenwinkten - ...
    Das sah der letzte der Päpste wohl nicht, wie hinter den Frauen ein kräftiger
Männerarm sich Bahn machte und einen Knaben emporhielt ... Tiebold war es,
plötzlich angekommen und keine Gefahr des Krieges scheuend ... Wie konnte Er -
fehlen bei solchem Augenblick der Verheissungen und Erfüllungen -! ...
    Endlos war der Jubelruf des Volks ...
    Ging es zum Frieden mit der Welt oder zur letzten Entscheidung mit dem
Schwert - die hier Versammelten riefen die Forderung der Jahrhunderte, die
unvertilgbar ewige Losung und das gottgegebene Erbe der Menschheit:
    Freiheit -! Freiheit -! Freiheit -!
                                     Ende.
 
    