
        
                                 Wilhelm Raabe
                         Die Chronik der Sperlingsgasse
                                                                  Am 15. November
Es ist eigentlich eine böse Zeit! Das Lachen ist teuer geworden in der Welt,
Stirnrunzeln und Seufzen gar wohlfeil. Auf der Ferne liegen blutig dunkel die
Donnerwolken des Krieges, und über die Nähe haben Krankheit, Hunger und Not
ihren unheimlichen Schleier gelegt; - es ist eine böse Zeit! Dazu ist's Herbst,
trauriger melancholischer Herbst, und ein feiner, kalter Vorwinterregen rieselt
schon wochenlang herab auf die grosse Stadt; - es ist eine böse Zeit! Die
Menschen haben lange Gesichter und schwere Herzen, und wenn sich zwei Bekannte
begegnen, zucken sie die Achsel und eilen fast ohne Gruss aneinander vorüber; -
es ist eine böse Zeit! - Missmutig hatte ich die Zeitung weggeworfen, mir eine
frische Pfeife gestopft, ein Buch herangenommen und aufgeschlagen, Es war ein
einfaches altes Buch, in welches Meister Daniel Chodowiecki gar hübsche Bilder
gezeichnet hatte: Asmus omnia sua secum portans, der prächtige Wandsbecker Bote
des alten Mattias Claudius, weiland homme de lettres zu Wandsbeck, und recht
ein Tag war's, darin zu blättern. Der Regen, das Brummen und Poltern des Feuers
im Ofen, der Widerschein desselben auf dem Boden und an den Wänden - alles trug
dazu bei, mich die Welt da draussen ganz vergessen zu machen und mich ganz in die
Welt von Herz und Gemüt auf den Blättern vor mir zu versenken.
    Aufs Geratewohl schlug ich eine Seite auf: Sieh! - Da ist der herbstliche
Garten zu Wandsbeck. Es ist ebenso nebelig und trübe wie heute; leise sinken die
gelben Blätter zur Erde, als bräche eine unsichtbare Hand sie ab, eins nach dem
andern. Wer kommt da den Gang herauf im geblümten bunten Schlafrock, die weisse
Zipfelmütze über dem Ohr? - Er ist's - Mattias Claudius, der wackere Asmus
selbst! - Bedächtiglich schreitet er einher, von Zeit zu Zeit stehenbleibend;
jetzt ein welkes Blatt aufnehmend und das zierliche Geäder desselben
betrachtend; jetzt in die nebelige Luft hinaufschauend. Er scheint in Gedanken
versunken zu sein. Denkt er vielleicht an den Vetter oder den Freund Hein, an
den Invaliden Görgel mit der Pudelmütze und dem neuen Stelzbein, denkt er an die
neue Kanone oder an das Ohr des schuftigen Hofmarschalls Albiboghoi? Wer weiss! -
Sieh! Wieder bleibt er stehen. Was fällt ihm ein!? Lustig wirft er die weisse
Zipfelmütze in die Luft und tut einen kleinen Sprung: ein grosser Gedanke ist ihm
»aufs Herz geschossen« - das grosse neue Fest der Herbstling ist erfunden der
Herbstling, so anmutig zu feiern, wenn der erste Schnee fällt, mit Kinderjubel
und Bratäpfeln und Lächeln auf den Gesichtern von jung und alt! -
    Wenn der erste Schnee fällt - - - wie ich in diesem Augenblick wieder einmal
einen Blick zur grauen Himmelsdecke hinaufwerfe, da - kommt er herunter -
wirklich herunter, der erste Schnee!
    Schnee! Schnee! Der erste Schnee! -
    In grossen wässrigen Flocken, dem Regen untermischt, schlägt er an die
Scheiben, grüssend wie ein alter Bekannter, der aus weiter Ferne nach langer
Abwesenheit zurückkommt. Schnell springe ich auf und ans Fenster. Welche
Veränderung da draussen! Die Leute, die eben noch mürrisch und unzufrieden mit
sich und der Welt umherschlichen, sehen jetzt ganz anders aus. Gegen den Regen
suchte jeder sich durch Mäntel und Schirme auf alle Weise zu schützen, dem
Schnee aber kehrt man lustig und verwegen das Gesicht zu.
    Der erste Schnee! Der erste Schnee!
    An den Fenstern erscheinen lachende Kindergesichter, kleine Händchen
klatschen fröhlich zusammen: welche Gedanken an weisse Dächer und grüne,
funkelnde Tannenbäume! Wie phantastisch die Sperlingsgasse in dem wirbelnden,
weissen Gestöber aussieht! Wie die wasserholenden Dienstmädchen am Brunnen
kichern! Der fatale Wind! -
    »Gehorsamster Diener, Herr Professor Niepeguck! Auch im ersten Schnee?«
    »Ärztliche Verordnung!« brummt der Weise und lächelt herauf zu mir, so gut
es Würde und Hypochondrie erlauben.
    Auf der Sophienkirche schlägt's jetzt! - Erst vier? Und schon fast Nacht! -
»Vier!« wiederholen die Glocken dumpf über die ganze Stadt. Jetzt sind die
Schulen zu Ende! Hurra - hinaus in den beginnenden Winter: die Buben wild und
unbändig, die Mädchen ängstlich und trippelnd, dicht sich an den Häuserwänden
hinwindend.
    Hier und dort blitzt nun schon in einem dunkeln Laden ein Licht auf, immer
geisterhafter wird das Aussehen der Sperlingsgasse.
    Da kommt der Lehrer selbst, seine Bücher unter dem Arm; aufmerksam
betrachtet er das Zerschmelzen einer Flocke auf seinem fadenscheinigen schwarzen
Rockärmel. Jetzt ist die Zeit für einen Märchenerzähler, für einen Dichter. -
Ganz aufgeregt schritt ich hin und her; vergessen war die böse Zeit; - auch mir
war, wie weiland dem ehrlichen Mattias, ein grosser Gedanke »aufs Herz
geschossen«. »Ich führe ihn aus, ich führe ihn aus!« brummte ich vor mich hin,
während ich auf und ab lief, wie verwundert mich auch alle meine Quartanten und
Folianten von den Büchergestellen anglotzten, wie spöttisch auch das
Allongeperückengesicht auf dem Titelblatt der dort aufgeschlagenen Schwarte
hergrinste!
    »Ein Bilderbuch der Sperlingsgasse!«
    »Eine Chronik der Sperlingsgasse!«
    Ein Kinderkopf drückt sich drüben im Hause gegen die Scheibe, und der
Lampenschein dahinter wirft den runden Schatten über die Gasse in mein dunkles
Fenster und über die Büchergestelle an der entgegengesetzten Wand. Ein gutes,
ein glückliches Omen! Grinst nur, ihr Meister in Folio und Quarto, ihr Aldinen
und Elzevire! Ein Bilderbuch der Sperlingsgasse; eine Chronik der
Sperlingsgasse! Ich musste mich wirklich setzen, so arg war mir die Aufregung in
die alten Beine gefahren, und benutzte das gleich, um ein Buch Papier zu falzen
für meinen grossen Gedanken und einen letzten Blick hinauszuwerfen in den ersten
Schnee. Bah! - Wo war er geblieben? Wie ein guter Diener war er, nachdem er die
Ankunft seines Meisters, des gestrengen Herrn Winters, verkündet hatte,
zurückgekehrt, ohne eine Spur zu hinterlassen. - - -
Ich bin ein einsamer alter Mann geworden! Die bunten, ewig wechselnden, ewig
neuen Bilder dieses grossen Bilderbuches, Welt genannt, werden meinen alten Augen
dunkler und dunkler; mehr und mehr verschwimmen sie, mehr und mehr fliessen sie
ineinander. Ich bin mit meinem Leben da angelangt, wo, wie in jenem Übergang vom
Wachen zum Schlaf, die Erlebnisse des Tages sich noch dumpf im Gehirn des Müden
kreuzen, wo aber bereits die dunkle, traum-und geistervolle Nacht über alles,
Gutes und Böses, ihren Schleier breitet. Ich bin alt und müde; es ist die Zeit,
wo die Erinnerung an die Stelle der Hoffnung tritt.
    Schaue ich auf aus meinen Träumen, so sehe ich zwar dasselbe Lächeln,
dasselbe Schmerzenszucken auf den Menschengesichtern um mich her wie vor langen,
blühenderen Jahren, aber wenn auch Freude und Leid dieselben geblieben sind auf
der alten Mutter Erde: die Gesichter selbst sind mir fremd - ich bin allein! -
Allein - und doch nicht allein. Aus der dämmerigen Nacht des Vergessens taucht
es auf und klingt es; Gestalten, Töne, Stimmen, die ich kannte, die ich vernahm,
die ich einst gern sah und hörte in vergangenen bösen und guten Tagen, werden
wieder wach und lebendig; tote, begrabene Frühlinge fangen wieder an zu grünen
und zu blühen; vergessener Kindermärchen entsinne ich mich: ich werde jung und -
fahre auf und - erwache!
    Versunken ist dann die Welt der Erinnerung, mich fröstelt in der kalten,
traurigen Gegenwart, drückender fühle ich meine Einsamkeit, und weder meine
Folianten noch meine anderen mühsam aufgestapelten gelehrten Schätze vermögen
es, die aufsteigenden Kobolde und Quälgeister des Greisenalters zu verscheuchen.
Sie zu bannen, schreibe ich die folgenden Blätter, und ich schreibe, wie das
Alter schwatzt. Für einen Freund will ich diese Bogen ansehen, für einen Freund,
mit dem ich plaudere, der Geduld mit mir hat und nicht spöttelt über
Wiederholungen - ach, das Alter wiederholt ja so gern -, der nicht zum Aufbruch
treibt, wo die vertrocknete Blume irgendeiner süssen Erinnerung mich fesselt, der
nicht zum Bleiben nötigt, wo ein trübes Angedenken unter der Asche der
Vergessenheit noch leise fortglimmt. Eine Chronik aber nenne ich diese Bogen,
weil ihr Inhalt, was den Zusammenhang betrifft, gar sehr jenen alten naiven
Aufzeichnungen gleichen wird, die in bunter Folge die Begebenheiten aus
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzählen: die jetzt eine Schlacht
mitliefern, jetzt das Erscheinen eines wundersamen Himmelszeichens beobachten;
die bald über den nahen Weltuntergang predigen, bald wieder sich über ein
Stachelschwein, welches die deutsche Kaiserin im Klostergarten vorführen lässt,
wundern und freuen. Und wie die alten Mönche hier und da zwischen die
Pergamentblätter ihrer Historien und Messbücher hübsche, farbige, zierlich
ausgeschnittene Heiligenbilder legten, so will auch ich ähnliche Blätter
einflechten und durch die eintönigen, farblosen Aufzeichnungen meiner alten Tage
frischere, blütenvollere Ranken schlingen.
    Ich, der Greis - der zweiten Kindheit nahe, will von einem Kinde erzählen,
dessen Leben durch das meinige ging wie ein Sonnenstrahl, den an einem Regentage
Wind und Wolken über die Fluren jagen; der im Vorbeigleiten Blumen und Steine
küsst und in derselben Minute das glückliche Gesicht der Mutter über der Wiege,
die heisse Stirn des Denkers über seinem Buche und die bleichen Züge des
Sterbenden streifen kann. Ich schreibe keinen Roman und kann mich wenig um den
schriftstellerischen Kontrapunkt bekümmern; was mir die Vergangenheit gebracht
hat, was mir die Gegenwart gibt, will ich hier, in hübsche Rahmen gefasst,
zusammenheften, und bin ich müde - nun so schlage ich dieses Heft zu, wühle
weiter in meiner schweinsledernen Gelehrsamkeit und kompiliere lustig fort an
meinem wichtigen Werke De vanitate hominum, einem ausnehmend - dicken
Gegenstande.
                                                                 Am 20. November
Ich liebe in grossen Städten diese ältern Stadtteile mit ihren engen, krummen,
dunkeln Gassen, in welche der Sonnenschein nur verstohlen hineinzublicken wagt;
ich liebe sie mit ihren Giebelhäusern und wundersamen Dachtraufen, mit ihren
alten Kartaunen und Feldschlangen, welche man als Prellsteine an die Ecken
gesetzt hat. Ich liebe diesen Mittelpunkt einer vergangenen Zeit, um welchen
sich ein neues Leben in liniengraden, parademässig aufmarschierten Strassen und
Plätzen angesetzt hat, und nie kann ich um die Ecke meiner Sperlingsgasse
biegen, ohne den alten Geschützlauf mit der Jahreszahl 1589, der dort lehnt,
liebkosend mit der Hand zu berühren. Selbst die Bewohner des ältern Stadtteils
scheinen noch ein originelleres, sonderbareres Völkchen zu sein als die Leute
der modernen Viertel. Hier in diesen winkligen Gassen wohnt das Volk des
Leichtsinns dicht neben dem der Arbeit und des Ernsts, und der
zusammengedrängtere Verkehr reibt die Menschen in tolleren, ergötzlicheren
Szenen aneinander als in den vornehmern, aber auch öderen Strassen. Hier gibt es
noch die alten Patrizierhäuser - die Geschlechter selbst sind freilich meistens
lange dahin -, welche nach einer Eigentümlichkeit ihrer Bauart oder sonst einem
Wahrzeichen unter irgendeiner naiven, merkwürdigen Benennung im Munde des Volks
fortleben. Hier sind die dunkeln, verrauchten Kontore der alten gewichtigen
Handelsfirmen, hier ist das wahre Reich der Keller- und Dachwohnungen. Die
Dämmerung, die Nacht produzieren hier wundersamere Beleuchtungen durch
Lampenlicht und Mondschein, seltsamere Töne als anderswo. Das Klirren und Ächzen
der verrosteten Wetterfahnen, das Klappern des Windes mit den Dachziegeln, das
Weinen der Kinder, das Miauen der Katzen, das Gekeif der Weiber, wo klingt es
passender - man möchte sagen, dem Ort angemessener - als hier in diesen engen
Gassen, zwischen diesen hohen Häusern, wo jeder Winkel, jede Ecke, jeder
Vorsprung den Ton auffängt, bricht und verändert zurückwirft! -
    Horch, wie in dem Augenblick, wo ich dieses niederschreibe, drunten in jenem
gewölbten Torwege die Drehorgel beginnt; wie sie ihre klagenden, an diesem Ort
wahrhaft melodischen Tonwogen über das dumpfe Murren und Rollen der Arbeit
hinwälzt! - Die Stimme Gottes spricht zwar vernehmlich genug im Rauschen des
Windes, im Brausen der Wellen und im Donner, aber nicht vernehmlicher als in
diesen unbestimmten Tönen, welche das Getriebe der Menschenwelt hervorbringt.
Ich behaupte, ein angehender Dichter oder Maler - ein Musiker, das ist freilich
eine andere Sache - dürfe nirgend anders wohnen als hier! Und fragst du auch, wo
die frischesten, originellsten Schöpfaugen in allen Künsten entstanden sind, so
wird meistens die Antwort sein: in einer Dachstube! - In einer Dachstube im
Wineoffice Court war es, wo Oliver Goldsmit, von seiner Wirtin wegen der
rückständigen Miete eingesperrt, dem Dr. Johnson unter alten Papieren,
abgetragenen Röcken, geleerten Madeiraflaschen und Plunder aller Art ein
besudeltes Manuskript hervorsuchte mit der Überschrift: Der Landprediger von
Wakefield.
    In einer Dachstube schrieb Jean-Jacques Rousseau seine glühendsten,
erschütterndsten Bücher. In einer Dachstube lernte Jean Paul den Armenadvokat
Siebenkäs zeichnen und das Schulmeisterlein Wuz und das Leben Fibels! - -
Die Sperlingsgasse ist ein kurzer, enger Durchgang, der die Kronenstrasse mit
einem Ufer des Flusses verknüpft, welcher in vielen Armen und Kanälen die grosse
Stadt durchwindet. Sie ist bevölkert und lebendig genug, einen mit nervösem
Kopfweh Behafteten wahnsinnig zu machen und ihn im Irrenhause enden zu lassen;
mir aber ist sie seit vielen Jahren eine unschätzbare Bühne des Weltlebens, wo
Krieg und Friede, Elend und Glück, Hunger und Überfluss, alle Antinomien des
Daseins sich widerspiegeln.
    »In der Natur liegt alles ins Unendliche auseinander, im Geist konzentriert
sich das Universum in einem Punkt«, dozierte einst mein alter Professor der
Logik. Ich schrieb das damals zwar gewissenhaft nach in meinem Heft, bekümmerte
mich aber nicht viel um die Wahrheit dieses Satzes. Damals war ich jung, und
Marie, die niedliche kleine Putzmacherin, wohnte mir gegenüber und nähte
gewöhnlich am Fenster, während ich, Kants »Kritik der reinen Vernunft« vor der
Nase, die Augen nur bei ihr hatte. Sehr kurzsichtig und zu arm, mir für diese
Fensterstudien eine Brille, ein Fernglas oder einen Operngucker zuzulegen, war
ich in Verzweiflung. Ich begriff, was es heisst: Alles liegt ins Unendliche
auseinander.
    Da stand ich eines schönen Nachmittags, wie gewöhnlich, am Fenster, die Nase
gegen die Scheibe drückend, und drüben unter Blumen, in einem lustigen, hellen
Sonnenstrahl, sass meine in Wahrheit ombra adorata. Was hätte ich darum gegeben,
zu wissen, ob sie herüberlächele!
    Auf einmal fiel mein Blick auf eines jener kleinen Bläschen, die sich oft in
den Glasscheiben finden. Zufällig schaute ich hindurch nach meiner kleinen
Putzmacherin, und - ich begriff, dass das Universum sich in einem Punkt
konzentrieren könne.
    So ist es auch mit diesem Traum- und Bilderbuch der Sperlingsgasse. Die
Bühne ist klein, der darauf Erscheinenden sind wenig, und doch können sie eine
Welt von Interesse in sich begreifen für den Schreiber und eine Welt von
Langeweile für den Fremden, den Unberufenen, dem einmal diese Blätter in die
Hände fallen sollten.
                                                                 Am 30. November
Der Regen schlägt leise an meine Scheiben. Was und wer der sonderbare lange
Gesell ist, der vorgestern da drüben in Nr. elf eingezogen ist, in jene Wohnung,
wo auch ich einmal hauste, wo einst auch der Doktor Wimmer sein Wesen trieb, hab
ich noch nicht herausgebracht. - Es ist recht eine Zeit, zu träumen. Ich sitze,
den Kopf auf die Hand gestützt, am Fenster und lasse mich allmählich immer mehr
einlullen von der monotonen Musik des Regens da draussen, bis ich endlich der
Gegenwart vollständig entrückt bin. Ein Bild nach dem andern zieht wie in einer
Laterna magica an mir vorbei, verschwindend, wenn ich mich bestrebe, es
festzuhalten. Oh, es ist wahrlich nicht das, was mich am meisten fesselt und
hinreisst, was ich auf das Papier festbannen kann; - ein ganz anderer Maler müsste
ich sein, um das zu vermögen.
    Das verschlingt sich, um sich zu lösen; das verdichtet sich, um zu verwehen;
das leuchtet auf, um zu verfliegen, und jeder nächste Augenblick bringt etwas
anderes. Oft ertappe ich mich auf Gedanken, welche aufgeschrieben kindisch,
albern, trivial erscheinen würden, die aber mir, dem alten Mann, in ihrem
flüchtigen Vorübergleiten so süss, so heimlich, so beseligend sind, dass ich um
keinen Preis mich ihnen entreissen könnte.
    Nur das Konkreteste vermag ich dann und wann festzuhalten, und diesmal sind
es Bilder aus meinem eigenen Leben, die ich hier dem Papier anvertraue.
    Was ist das für eine kleine Stadt zwischen den grünen buchenbewachsenen
Bergen? Die roten Dächer schimmern in der Abendsonne; da und dort laufen die
Kornfelder an den Berghalden hinauf; aus einem Tal kommt rauschend und
plätschernd ein klarer Bach, der mitten durch die Stadt hüpft, einen kleinen
Teich bildet, bedeckt am Rande mit Binsen und gelben Wasserlilien, und in einem
andern Tal verschwindet. Ich kenne das alles; ich kann die Bewohner der meisten
Häuser mit Namen nennen; ich weiss, wie es klingen wird, wenn man in dem spitzen,
schiefergedeckten Turm jener hübschen alten Kirche anfangen wird zu läuten. Habe
ich nicht oft genug mich von den Glockenseilen hin und her schwingen lassen?
    Das ist Ulfelden, die Stadt meiner Kindheit - das ist meine Vaterstadt!
    Und schau, dort oben in dem Garten, der sich von jenem zerbröckelnden, noch
stehenden Teil der Stadtmauer aus den Berg hinanzieht, gelagert unter einem
blühenden Holunderstrauch, die drei Kinder. Da sitzt ein kleines Mädchen mit
grossen, glänzenden Augen, dem wilden Franz aus dem Walde zuhörend. Franz Ralff,
aufgewachsen im Wald und jetzt in der Zucht bei dem Vater der kleinen Marie, dem
strengen lateinischen Stadtrektor Volkmann, erzählt, ein gewaltiges angebissenes
Butterbrot in der Hand, kauend und zugleich durch seinen eigenen Vortrag
gerührt, eine seiner wunderbaren Geschichten, die er aus der Waldeinsamkeit
mitgebracht hat und mit denen er uns kleines Volk stets zum »Gruseln« brachte
oder zu bringen versuchte.
    Und nun sieh da, im Grase ausgestreckt, da bin auch ich, der kleine Hans
Wachholder, der Sohn aus dem Pfarrhause, blinzelnd zu dem blauen Himmel
hinaufschauend und den kleinen weissen »Schäfchen« in der reinen Luft
nachträumend.
    Die Glocken der heimkehrenden Herden erklingen zwischen den Bergen,
ringsumher summt und tönt unendliches Leben, im Gras, in den Bäumen, in der
Luft; und das Kinderherz verstellt alles, es ist ja noch eins mit der Natur,
eins mit - Gott!
    Aber warum öffnet sich nicht dort unten die braune Tür, die aus dem
hübschen, vom Weinstock übersponnenen Hause mit den hellglänzenden Fenstern in
den Garten führt?
    Wo ist der alte Mann mit den ehrwürdigen grauen Haaren, der da allabendlich
seine Blumen zu begiessen pflegt?
    Wo ist - wo ist meine Mutter? Meine Mutter!
    Keine freundliche Stimme antwortet! Ich selbst habe ja graue Haare. Vater
und Mutter schlummern lange in ihren vergessenen, eingesunkenen Gräbern auf dem
kleinen Stadtkirchhof zu Ulfelden. Jüngere Geschlechter sind seitdem
hinabgegangen.
    Plötzlich verändert sich das sonnige, sommerliche Bild.
    Da ist schon die grosse Stadt! Diesmal ist es nicht Frühling, nicht blühender
Sommer, sondern eine stürmische, dunkle Herbstnacht; - vielleicht wird eine
ähnliche auf den heutigen Tag folgen. - In dieser Nacht sitzt hoch oben in einem
kleinen, mehr drei- als viereckigen Dachstübchen ein Student vor einem
gewaltigen schweinsledernen Folianten, über welchen er hinwegstarrt. Wo wandern
seine Gedanken? Draussen jagt der Wind die Wolken vor dem Monde her, rüttelt an
den Dachziegeln, schüttelt den zerlumpten Schlafrock, welchen der erfinderische
Musensohn, um sich und seine Studien ganz von der Aussenwelt abzusperren, vor dem
Fensterkreuz festgenagelt hat - kurz, gebärdet sich so unbändig, wie nur ein
Wind, der den Auftrag hat, das letzte Laub von den Bäumen in Gärten und Wäldern
zu reissen, sich gebärden kann. Lange hat der Musensohn in tiefe Gedanken
versunken dagesessen; jetzt springt er plötzlich auf und dreht mir das Gesicht
zu - - - das bin ich wieder: Johannes Wachholder, ein Student der Philosophie in
der grossen Haupt- und Universitätsstadt. Sehr aufgeregt scheint der Doppelgänger
meiner Jugend zu sein; mit so gewaltigen Schritten, als das enge, wunderlich
ausstaffierte Gemach nur erlaubt, rennt er auf und ab.
    Plötzlich springt er auf das Fenster zu, reisst den improvisierten Vortang
herunter und lässt einen prächtigen Mondenstrahl, der in diesem Augenblick durch
die zerrissenen Wolken fällt, herein.
    »Marie! Marie!« flüstert mein Schattenbild leise, die Arme gegen ein schwach
erleuchtetes Fenster drüben ausstreckend, gegen dessen herabgelassene Gardine
der kaum bemerkbare Schatten einer menschlichen Gestalt fällt, und - -
    Es ist eine gefährliche Sache, in den Momenten ungewöhnlicher Aufregung -
sei es Freude oder Schmerz, Hass oder Liebe - sich dem klaren, weissen Licht des
Mondes auszusetzen. Das Volk sagt: Man wird dumm davon. Wirklich, wundersame
Gedanken bringt dieser reine Schein mit sich; allerlei tolles Zeug gewinnt
Macht, sich des Geistes zu bemächtigen und ihn unfähig zu machen, fürderhin
gemütlich auf der ausgetretenen Strasse des Alltagslebens weiterzutraben. »Man
wird dumm davon!« -Zauberhafte Aussichten in phantastische, nebelhafte Gründe
öffnen sich zu beiden Seiten; nie gehörte Stimmen werden wach, locken mit
Sirenensang, flüstern unwiderstehlich, winken den Wanderer ab vom sicheren Wege,
und bald irrt der Bezauberte in den unentrinnbaren Armidengärten der Fee
Phantasie.
    »Ich liebe dich«, flüstert mein Schattenbild, »ich will dich reich, ich will
dich glücklich, ich will dich berühmt machen, ich will« - der schreibende Greis
kann jetzt nur lächeln - »die Welt für dich gewinnen, Marie!«
    Mehr noch flüstert mein Doppelgänger, die Stirn an die Scheiben drückend,
hinüber nach dem kleinen Stübchen, wo die Jugendgespielin, fortgerissen von dem
kalten Arm des Lebens aus der waldumgebenen, friedlichen Heimat, einsam in der
dunkeln, stürmischen Nacht arbeitet, als ein anderer Schatten seine Träume von
Glück und Ruhm durchkreuzt.
    Da ist eine andere Gestalt; schwarze, dichte Locken umgeben ein
sonnverbranntes Gesicht, die Augen blitzen von Lebenslust und Lebenskraft, es
ist der Maler Franz Ralff, der, aus Italien zurückkehrend, voll der göttlichen
Welt des Altertums und voll der grossen Gedanken einer ebenso göttlichen jüngern
Zeit, den Freund umarmt.
    Und weiter schweift mein Geist. - Ich sehe noch immer die junge Waise in
ihrem kleinen Stübchen unter Blumen arbeitend. Ich sehe zwei Männer im Strom des
Lebens kämpfen, ein Lächeln von ihr zu gewinnen; und ich sehe endlich den einen
mit keuchender Brust sich ans Ufer ringen und den schönen Preis erfassen,
während der andere weitergetrieben, willenlos und wissenlos auf einer kahlen,
skeptischen Sandbank sich wiederfindet. - Ich sehe mich, einen blöden Grübler,
der sich nur durch erborgte und erheuchelte Stacheln zu schützen weiss, bis er
endlich, nach langem Umherschweifen in der Welt, hervorgeht aus dem Kampf, ein
ernster, sehender Mann, der Freund seines Freundes und dessen jungen Weibes.
    Ich lebe durch kurze Jahre von schmerzlich süssem Glück; ich sehe während
dieser Jahre eine feine blondlockige Gestalt lächelnd, wie unser guter Genius,
Franz und mich umschweben und ihre schützende Hand ausstrecken über seine leicht
auflodernde Wildheit und meine hinbrütende Traurigkeit; - ich sehe bald ein
kleines Kind - Elise genannt in den Blättern dieser Chronik - des Abends aus den
Armen der Mutter in die des Vaters und aus den Armen des Vaters in die des
Freundes übergehen, mit grossen, verwunderten Augen zu uns aufschauend - - -
    Plötzlich hört der Regen auf, an die Fenster zu schlagen; ich schrecke empor
- es ist späte Nacht. Einen letzten Blick werfe ich noch in die Gasse hinunter.
Sie ist dunkel und öde; der unzureichende Schein der einen Gaslaterne spiegelt
sich in den Sümpfen des Pflasters, in den Rinnsteinen wider. Eine verhüllte
Gestalt schleicht langsam und vorsichtig dicht an den Häusern hin. Von Zeit zu
Zeit blickt sie sich um. Geht sie zu einem Verbrechen oder geht sie, ein gutes
Werk zu tun? Eine andere Gestalt kommt um die Ecke; - ein leiser Pfiff -
    »Du hast mich lange warten lassen, Riekchen!«
    »Ich konnte nicht eher, die Mutter ist erst eben eingeschlafen...«
    Ein in der Ferne rollender Wagen macht das übrige unhörbar. Die Figuren
treten aus dem Schatten; ich sehe Ballputz unter den dunkelen Mänteln.
    Sie verschwinden um die Ecke, und ich schliesse das Fenster.
    So endet das erste Blatt der Chronik, die wie die Geschichte der Menschheit,
wie die Geschichte des einzelnen beginnt mit - einem Traume.
                                                                  Am 2. Dezember
Es ist heute für mich der Jahrestag eines grossen Schmerzes, und doch trat heute
morgen der Humor auf meine Schwelle, schüttelte seine Schellen, schwang seine
Pritsche und sagte:
    »Lache, lache, Johannes, du bist alt und hast keine Zeit mehr zu verlieren.«
    Jener sonderbare lange Mensch von drüben, im abgetragenen grauen Flausrock,
einen ziemlich rot und schäbig blickenden Hut unter dem Arme, klopfte an meine
Tür, kündigte sich als der Karikaturenzeichner Ulrich Strobel an, breitete eine
Menge der tollsten Blätter auf dem Tische vor mir aus und verlangte, ich solle
ihm für den Winter - den Sommer über bummele er draussen herum - eine Stelle als
Zeichner bei einem der hiesigen illustrierten Blätter verschaffen. Er
behauptete, meinen dicken Freund, den Doktor Wimmer in München, sehr gut zu
kennen, und malte wirklich als Wahrzeichen das heitere Gesicht des
vortrefflichen Schriftstellers sogleich auf die innere Seite des Deckels eines
daliegenden Buches. Ich versprach dem wunderlichen Burschen, dessen
Federzeichnungen wirklich ganz prächtig waren, von meinem geringen Ansehen in
der Literatur hiesiger Stadt für ihn den möglichst besten Gebrauch zu machen,
und er schied, indem er in der Tür mir die Hand drückte, mich süss-säuerlich
anlächelte und sagte:
    »Sie tun sehr wohl, mich so zu verbinden, verehrtester Herr, denn als braver
Nachbar würde ich doch manche angenehme Seite an Ihnen entdecken, die, zu Papier
gebracht, sich sehr gut ausnehmen könnte. Gute Nachbarn werden wir übrigens
diesen Winter hindurch wohl sein, teuerster Herr Wachholder, denn - Sie sehen
gern aus dem Fenster, eine Eigentümlichkeit aller der Leute, mit welchen sich
auf die eine oder die andere Weise leicht leben lässt. Guten Morgen!«
    Um eine originelle Bekanntschaft reicher kehrte ich zu meiner Chronik zurück
mit der Gewissheit, dem Meister Strobel von Zeit zu Zeit darin wieder zu
begegnen.
                                                                   Am Nachmittag
Es ist heute Jahrestag. Ich werde die Erinnerung nicht los, sie verfolgt mich,
wo ich gehe und stehe.
    Es war ein ebenso trüber, regenfarbiger Winternachmittag wie jetzt, als ich
traurig dort drüben in jenem Fenster sass - vor langen Jahren -, dort drüben in
jenem Fenster, von welchem aus mir eben der Zeichner Strobel zunickt - und
traurig hinaufblickte zu der grauen, eintönigen Himmelsdecke. Die Gasse sah
damals wohl nicht viel anders aus als heute; doch sind viele Gesichter, deren
ich mich noch gar gut erinnere, verschwunden und haben andern Platz gemacht, und
nur einzelne, wie zum Beispiel der alte Kesselschmied Marquart im Keller
drunten, der heute wie vor so vielen Jahren lustig sein Eisen hämmert, haben
sich erhalten in diesem ununterbrochenen Strom des Gehens und Kommens. Diese
sind denn auch mit die Anhaltepunkte, an welche ich bei meinem Rückgedenken den
stellenweis unterbrochenen Faden meiner Chronik wieder anknüpfe.
    Einem Wässerchen will ich diese Chronik vergleichen, einem Wässerchen,
welches sich aus dem Schoss der Erde mühevoll losringt und, anfangs trübe, noch
die Spuren seiner dunklen, schmerzenvollen Geburtsstätte an sich trägt. Bald
aber wird es in das helle Sonnenlicht sprudeln, Blumen werden sich in ihm
spiegeln, Vögelchen werden ihre Schnäbel in ihm netzen. An dieser Stelle werdet
ihr es fast zu verlieren glauben, an jener wird es fröhlich wieder hervorhüpfen.
Es wird seine eigene Sprache reden in wagehalsigen Sprüngen über Felsen, im
listigen Suchen und Finden der Auswege - Gott bewahre es nur vor dem Verlaufen
im Sande!...
    So fahre ich fort:
    Es war, wie gesagt, ein trauriger, unheimlicher Tag, aber nicht er war es,
der damals so schwer auf meine Seele drückte. An jenem Tage sah ich von dem
Fenster dort drüben die Fenster der Kammer meiner jetzigen Wohnung weit geöffnet
trotz der Kälte, trotz dem Regen. Die weissen Vorhänge waren herabgelassen und an
den Seiten befestigt, damit der Wind, welcher sie heftig hin und her bewegte,
sie nicht abreisse.
    Der Tod hatte seine finstere, kalte Hand trennend auf ein glückliches
Zusammenleben gelegt: der kleine Stuhl dort unter dem Efeugitter auf dem
Fenstertritt vor dem Nähtischchen war leer geworden.
    Marie Ralff war tot! - -
    Ich sah von meinem Fenster aus hier eine Gestalt im Zimmer auf und ab gehen.
Armer Franz! Armes kleines Kind! Armer -Johannes! - Sie war so lieblich, so
jungfräulich-frauenhaft mit ihrem Kindchen im Arm!
    Da hängt im Museum der Stadt ein kleines Madonnenbild, wo die »Unberührbare«
den auf ihrem Schoss stehenden kleinen Jesus gar liebend-verwundert und
mütterlich-stolz betrachtet. Dem Bilde glich sie, die ebenso blondlockig, ebenso
heilig, ebenso schön war, und oft genug bleibe ich vor diesem Bilde, einem Werk
des spanischen Meisters Morales, den seine Zeitgenossen el divino nannten,
stehen, alter vergangener schöner Zeit gedenkend.
    Oh, ich liebte sie so, ich hatte so gelitten, als sie mich nur »Freund« und
ihn, meinen Freund Franz Ralff, »Geliebter« nannte. Und jetzt war sie tot;
einsam hatte sie uns zurückgelassen! Der Abend sank tiefer herab, und die
Dämmerung legte sich zwischen mich und das Drüben. Ich hielt es nicht mehr aus,
ich musste hinüber! Als ich eintrat, schritt Franz immer noch auf und ab; er
schien mich nicht zu bemerken, und still setzte ich mich in den Winkel neben die
Wiege, wo Marta, die Wärterin, über dem Kinde wachte, welches ruhig schlief und
die kleinen Hände zum Mündchen hinaufgezogen hatte.
    Ich weiss nicht, wie lange ich da gesessen habe, ich weiss von keinem meiner
Gedanken in jener Nacht Rechenschaft zu geben. Die tiefe Stille, die auf der
grossen Stadt lag, liess nur das Gefühl mich überkommen, als ob das Leben auch
dieses zuckende, bewegte Herz eines ganzen grossen Landes verlassen habe, als ob
das leise Picken der Wanduhr das letzte verklingende Getön des Weltenrades sei
und die ewige Stille nun binnen kurzem alles Leben zurückgeschlürft haben würde.
    Das leise Weinen des Kindes neben mir erweckte mich endlich; Franz legte mir
die Hand auf die Schulter und fiel dann plötzlich erschöpft auf einen Stuhl
neben mir.
    »Gute Nacht, Johannes«, sagte er, den Kopf an meine Brust legend, »morgen
wollen wir sie begraben!« -
    Es waren die ersten Worte, die er an dem Tage sprach!
                                                                  Am 3. Dezember
O cara, cara Maria, vale!
Vale, cara Maria!
Cara, cara Maria, vale!
Es war ein berühmter Dichter, der dies auf den Grabstein einer geliebten
Abgeschiedenen setzte, er hatte treffliche, herzerschütternde Gesänge gesungen;
hier wusste er nichts weiter als diese drei Worte, herzzerreissend wiederkehrend.
Und jenes: Morgen! dämmerte. Das Leben der grossen Stadt begann wieder seinen
gewöhnlichen Gang; der Reichtum gähnte auf seinen Kissen oder hatte auch wohl
das Herz ebenso schwer als die Armut, die jetzt aus ihrem dunkeln Winkel
huschte, um einen neuen Ring der Kette ihres Leidens, einen neuen Tag ihrem
Dasein anzuschmieden. Die Gewerbe fassten ihr Handwerkszeug; die grossen Maschinen
begannen wieder zu hämmern und zu rauschen; die Wagen rollten in den Strassen,
und der Taufzug begegnete dem Totenwagen; denn es war nicht die einzige Leiche
drüben in der kleinen Kammer, die in der menschenvollen Stadt im letzten Schlaf
ausgestreckt lag.
    Ich ging hinüber. Der Kesselschmied Marquart - er war damals noch jünger und
kräftiger als heute - hatte sein Hämmern eingestellt und lehnte traurig in der
niedrigen Tür, die in seine unterirdische Werkstatt hinabführt; er liebte die
tote Marie so gut wie alle, die mit ihr je in Berührung gekommen waren. Hatte
sie nicht für jeden fremden Schmerz eine Träne, für jede fremde Freude ein
teilnehmendes Lächeln? War sie nicht in der dunkeln Sperlingsgasse wie jene
sonnige, gute, kleine Fee, die überall, wo sie hintrat, eine Blume aus dem Boden
hervorrief?
    Auf dem Hausflur standen flüsternde Frauen, die mir traurig, als ich
vorüberging, zunickten, und auf einer Treppenstufe sass ein kleines schluchzendes
Mädchen, eine zerbrochene Puppe im Schoss. Oh, ich weiss das alles noch! Und jetzt
trat ich ein -
    Da lag sie in ihrem weissen, mit roten Schleifen besetzten Kleide, eine
aufgeblühte Rose auf der Brust, in ihrem schwarzen Sarge, die einst so klaren
und innigen Augen geschlossen, die ewige, ernste Ruhe des Todes auf der reinen
Stirn! Franz fiel mir weinend um den Hals; junge Nachbarinnen in weissen
Sonntagskleidern befestigten Girlanden von Tannenzweigen und Immergrün, aus
denen hier und da eine einsame Blume hervorschaute, um den schwarzen Schrein.
    Ach, die Armut und der Winter erlaubten nicht, allzuviel »Süsses der Süssen«
zu streuen!
    Der junge Tischler Rudolf unten aus dem Hause stand, die Augen mit der
Linken bedeckend. Hammer und Nägel in der Rechten, zur Seite; seine junge Braut
lehnte schluchzend das Haupt auf seine Schulter. Oh, ich weiss das alles, alles
noch! - Einen letzten, langen, langen Blick warf ich auf die schöne, bleiche,
stille Gespielin meiner Kindheit, die Heilige meiner Jünglingsjahre, die
Trösterin meines Mannesalters, dann hob ich leise Franz von ihrer Brust, über
die er hingesunken war, auf und führte ihn an die Wiege seines Kindes. - Rudolf
der Tischler begann sein trauriges Werk. Unter dumpfen Hammerschlägen legte sich
der Deckel über dies Reliquiarium eines Menschenlebens. Ein kalter Schauer
überlief mich! Vale, vale, cara Maria!
    Die Träger kamen, hoben die leichte Last auf die Schultern und trugen sie
die schmale, enge Treppe hinab; die Frauen schluchzten, Kinderköpfe lugten
verwundert-ernst durch die Haustür und wichen scheu zur Seite, als der traurige
Zug hinaustrat auf die Strasse. Freunde und Bekannte hatten sich eingefunden, das
Weib des Malers auf dem letzten Wege zu begleiten; der Kesselschmied zog das
Mützchen ab und strich mit seiner schwarzen, schwieligen Hand über die Augen.
Den wie in einem bösen Traum gehenden Franz führend, schritt ich dem
Bretterhäuschen nach, welches unser Liebstes barg. Oh, ich weiss das alles noch
ganz genau! So ist das Menschenherz! Viele Jahre sind vorübergegangen seit jenem
traurigen Tage, und heute noch erinnere ich mich an alle die finsteren Gedanken,
die damals durch meine Brust zogen, während ich so manche jüngere Freude
vergessen habe!
    Es lernt und sieht sich so manches auf einem solchen Gange für den, der es
versteht, auf den Gesichtern der Begegnenden und Nachschauenden zu lesen.
    Sieh dort an der Ecke die arme, mit Lumpen bekleidete Frau aus dem Volk, wie
sie ihr Kind fester an sich drückt und flüstert: »Was sollte aus dir werden,
mein kleines Herz, wenn ich heute so still läge wie die, welche man da
fortträgt.«
    Dort kommt eine elegante Equipage, Kutscher und Bediente in prächtiger
Livree mit Blumensträussen im Knopfloch. Bunte Hochzeitsbänder flattern an den
Kopfgeschirren der Pferde: der junge vornehme Mann führt seine schöne Braut zur
Trauung: ihr Auge trifft den Sarg, der langsam auf den Schultern der Träger
daherschwankt, und die junge Verlobte birgt zitternd ihr juwelenblitzendes Haupt
an der Brust neben ihr.
    Sieh den Arbeiter, der dort das Beil sinken lässt und stier dem Zuge des
Todes nachsieht. Schaffe weiter, Proletarier, auch drin Weib liegt zu Hause
sterbend: schaffe weiter, du hast keine Zeit zu verlieren; der Tod ist schnell,
aber du musst schneller sein, Mann der Arbeit, wenn du sie in ihren letzten
Stunden vor dem Hunger schützen willst.
    Beugt das Haupt und tretet zur Seite, ihr kettenklirrenden Verbrecher! Der
Tod zieht vorüber! Er wird auch euch einst von euern Ketten befreien! Beugt das
Haupt, ihr armen Geschöpfe der Nacht, der Tod zieht vorüber, und auch euch hebt
er einst, den erborgten Flitterputz, den armen beschmutzten Körper, die Sünde
der Gesellschaft euch abstreifend, rein und heilig empor aus der Dunkelheit, dem
Schmutz und dem Elend.
    Von dir, du Spötter mit dem faden Lächeln auf den Lippen, fordere ich nicht,
dass du zur Seite tretest! Der Zug des Todes mag dir ausweichen - du bist würdig,
dein Leben doppelt und dreifach zu leben!
    Es ist ein langer Weg aus der Mitte der grossen Stadt bis zu dem
Johanniskirchhofe draussen, und nie ist mir ein Weg so lang und doch zugleich so
kurz vorgekommen. Ich dachte an den Verurteilten, der dem Richtplatz näher und
näher kommt, dem jede Minute eine Ewigkeit und der stundenlange Weg ein
Augenblick ist. Ach, wir armen Menschen, ist nicht das ganze Leben ein solcher
Gang zum Richtplatz? Und doch freuen wir uns und jubeln über die Blumen am Wege
und sehen in jedem Tautropfen, der in ihnen hängt, Himmel und Erde! Armes
glückliches Menschenherz!
    Die schweren, massigen Regenwolken wälzten sich dicht über der Erde weg, als
wir aus dem Tor traten. Grau in grau Himmel und Erde! Grau in grau Herz und
Welt!
    Die Bäume streckten ihre leeren Äste wehmütig empor, eine Meise flog von Ast
zu Ast vor dem Zuge her.
    Und jetzt waren wir angelangt vor der Pforte des Friedhofes. Langsam wand
der Zug sich den Weg entlang, an frischen und eingesunkenen Hügeln, stolzen
Monumenten und dürftig naivem Putz vorüber der Stelle zu, wo die Hülle der toten
Marie ruhen sollte. Im folgenden Frühling machten wir einen hübschen, lieblichen
Ort daraus, wo die Goldregenbüsche ihre duftenden Trauben herabhängen liessen und
die Vögel in den Rosensträuchern zwitscherten, heute jedoch war's ringsumher gar
traurig und unheimlich. Auf dem Grunde der Grube, die unser Liebstes aufnehmen
sollte, stand ein kleiner Sumpf Regenwasser, in welchem sich aber plötzlich eine
lichte blaue Stelle, die oben am Himmel zwischen den ziehenden Wolken
durchlugte, widerspiegelte. - - Ich habe nichts, nichts vergessen!
    Und nun, ihr Männer, lasst den Sarg hinabgleiten; gebt der alten schaffenden
Mutter Erde ihr schönes Kind zurück! Und nun, Franz, wirf drei Hände voll Erde
auf die versinkende Welt deiner Freude! - Ergreift die Schaufeln, ihr Clowns,
und vollendet euer Geschäft! Du alter, rotnäsiger Bursch, bemühe dich nicht, ein
wehmütiges Gesicht zu ziehen, winke nur deinem Gefährten, dass er die Flasche bei
Yaughan füllen lasse, und brumme leise dein altes Totengräberlied in den Bart!
    Wie die Schollen dumpfer und dumpfer auf den Sarg poltern, und wie jeder Ton
das arme Herz erzittern lässt in seinen tiefsten Tiefen! Wie das Auge sich
anklammert an den letzten Schein des schwarzen Holzes, der durch die bedeckende
Erde schimmert, bis endlich jede Spur verschwindet, die hinabgeworfene Erde nur
noch Erde trifft, die Höhle sich allmählich füllt und endlich der Hügel sich
erhebt, der von nun an mit dem geliebten begrabenen Wesen in unsern Gedanken
identisch ist!
    Wunderliches Menschenvolk, so gross und so klein in demselben Augenblick!
Welch eine Tragödie, welch ein Kampf, welch ein - Puppenspiel jedes Leben, von
dem des Kindes, das vergeblich nach der glänzenden Mondscheibe verlangt und
verwelkt, ehe es das Wort »ich« aussprechen kann, bis zu dem des grübelnden
Philosophen, der in dasselbe Wörtchen »ich« das Universum legt und
zusammenbricht, ein körper- und geistesschwacher Greis, welcher kaum noch das
Gefühl für Wärme und Kälte behalten hat.
    Sieh um dich, Johannes: Verkehrt auf dem grauen Esel »Zeit« sitzend, reitet
die Menschheit ihrem Ziele zu. Horch, wie lustig die Schellen und Glöckchen am
Sattelschmuck klingen, den Kronen, Tiaren, phrygische Mützen - Männer- und
Weiberkappen bilden. Welchem Ziel schleicht das graue Tier entgegen? Ist's das
wiedergewonnene Paradies, ist's das Schafott? Die Reiterin kennt es nicht; sie -
will es nicht kennen! Das Gesicht dem zurückgelegten Wege, der dunkeln
Vergangenheit zugewandt, lauscht sie den Glöckchen, mag das Tier über blumige
Friedensauen traben oder durch das Blut der Schlachtfelder waten sie lauscht und
träumt! Ja, sie träumt. Ein Traum ist das Leben der Menschheit, ein Traum ist
das Leben des Individuums. Wie und wo wird das Erwachen sein?
    Auf einem Berliner Friedhofe liegt über der Asche eines volkstümlichen
Tonkünstlers, der auch viel erdulden musste in seinem Leben, ein Stein, auf
welchen eine Freundeshand geschrieben hat:
Sein Lied war deutsch und deutsch sein Leid,
Sein Leben Kampf mit Not und Neid,
Das Leid flieht diesen Friedensort,
Der Kampf ist aus - das Lied tönt fort! -
Ich lege die Feder nieder und wiederhole leise diese Zeilen. Ich kann heute
nicht weiterschreiben.
                                                                  Am 5. Dezember
Meinem Versprechen gemäss hatte ich der Redaktion der Welken Blätter -
Wimmerianischen Angedenkens - einige der Federzeichnungen meines Nachbars
Strobel vorgelegt und konnte heute schon ihm seine Aufnahme unter die Zeichner
jenes witzigen Journals ankündigen. Da ich seine Nase hinter den Scheiben seiner
Fenster einige Male hatte hervorlugen sehen, so machte ich mich auf den Weg
hinüber zu meiner alten Wohnung, in der ich, seit ich sie verlassen, so viele
ein- und ausziehen gesehen habe.
    Die dicke Madam Pimpernell hat es aufgegeben, in eigener, gewichtiger Person
über den Vorräten des Viktualienladens zu tronen, sie hat sich in einen
gewaltigen, ausgepolsterten Lehnstuhl hinter dem Ofen zurückgezogen, von wo aus
sie oft genug Dorette - auch Rettchen genannt -, ihre hagere Tochter und
Nachfolgerin im Reich der Käse, der Butter und der Milch, zur Verzweiflung zu
bringen vermag.
    Das mittlere Stockwerk des Hauses Nr. elf steht augenblicklich leer, indem
nach heftigen Kämpfen mit dem Parterre, treppauf und -ab, die letzten
Einwohnerinnen: die verwitwete Geheime Oberfinanzsekretärin Trampel und ihre
zwei sehr ältlichen und sehr ansäuerlichen Töchter Heloise und Klara - Öllise
und Knarre von der Madam Pimpernell genannt -, abgezogen sind. Klavier, Harfe
und Gitarre, die drei Marterinstrumente der Sperlingsgasse, nahmen sie
glücklicherweise mit, sowie auch den edlen Kater Eros und den ebenso edlen,
schiefbeinigen Teckelhund Anteros - Geschenke eines neuen und doch schon
antediluvianischen Abälards und Egmonts.
    Wie oft bin ich einst diese steilen, engen Treppen hinauf- und
hinabgeklettert, jetzt einen Haufen Bücher unter dem Arm, jetzt einen, wie ich
glaubte, Furore machen sollenden Leitartikel in der Rocktasche. Wie oft haben
Mariens kleine Füsse diese schmutzigen Stufen betreten, wenn sie mit Franz zu
einem prächtigen Teeabend kam, dem ich immer mit so untadelhafter,
hausväterlicher Würde vorzustehen wusste! Wie ich dann ihr helles Lachen, welches
die feuchten, schwarzen Wände so fröhlich wiedergaben, erwartete; wie sie so
reizend über meine verwilderte Stube spötteln konnte und dann trotz aller meiner
vorherigen stundenlangen Bemühungen erst durch fünf Minuten ihrer Anwesenheit
einen menschlichen Aufentaltsort daraus machte! Wie ich dann später von der
kleinen Quälerin gezwungen wurde, eine unglückliche Flöte hervorzuholen und
steinerweichend eine klägliche Nachahmung von »Guter Mond, du gehst so stille«
hervorzujammern, bis Franz Einspruch tat oder mir der Atem ausging oder der
kleinen Tyrannin die Kraft zu lachen! Es waren selige Abende, und ich nahm das
Andenken daran mit hinauf bis zur Tür des Zeichners. Auf mein Anklopfen
erschallte drinnen ein unverständliches Gebrumme; ich trat ein.
    Manche Junggesellenwirtschaft habe ich kennengelernt und kann viel vertragen
in dieser Hinsicht. Den Doktor Wimmer, den Schauspieler Müller, den Musiker
Schmidt, den Kandidaten der Teologie Schulze habe ich in ihrer Häuslichkeit
gesehen, von meiner eigenen Unordnung nicht zu sprechen, aber eine solche
malerische Liederlichkeit war mir doch noch nicht vorgekommen. Eine Phantasie,
durch Justinus Kerners kakodämonischen Magnetismus in Verwirrung geraten, könnte
- gefroren, versteinert, verkörpert in einem anatomischen Museum ausgestellt -
keinen tolleren Anblick gewähren! Auf einem unaussprechlich lächerlichen Sofa,
viel zu kurz für ihn, lag, den Kopf gegen die Tür, die Beine über die Lehne
weggestreckt und die Füsse gegen die Fensterwand gestemmt, der lange Zeichner,
die Zigarre, die grosse Trostspenderin des neunzehnten Jahrhunderts, im Munde,
ein Zeichenbrett auf den Knien und den Stift in der Hand. Ein dreibeiniger
Tisch, der ohne Zweifel einst unter die Quadrupeden gehört hatte, war an diese
Lagerstatt gezogen; ein leerer Bierkrug, eine halbgeleerte Zigarrenkiste,
Tuschnäpfchen, bekritzelte Papiere und andere heterogene Gegenstände bedeckten
ihn im reizendsten Mischmasch. Drei verschieden gestaltete Stühle hatte die
»Bude« aufzuweisen; der eine aus der Rokokozeit diente als Bibliotek, der
andere, ein grünangestrichener Gartenstuhl, verrichtete die Dienste eines
Kleiderschranks und der dritte, von dessen früherem Polster nur noch der
zerfetzte Überzug herabhing, war, o horror! - zur - Toilette entwürdigt, und ein
Waschnapf, Seife, Kämme und Zahnbürsten machten sich viel breiter auf ihm, als
irgend nötig war. In einer Ecke des Zimmers lehnte der Ziegenhainer des
wanderlustigen Karikaturenzeichners, und auf ihm hing sein breitrandiger Filz.
In einem andern Winkel hing eine umfangreiche Reisetasche, und die Wände entlang
war mit Stecknadeln eine tolle Zeichnung neben der andern festgenagelt. Das
Ganze ein wahres Pandämonium von Humor und skurrilem Unsinn.
    »Ah, mein Nachbar!« rief Meister Strobel, bei meinem Eintritt von seinem
Sofa aufspringend, mit der einen Hand das Zeichenbrett fortlehnend, mit der
andern den wackelnden Tisch am Fallen hindernd. »Das ist sehr edel von Ihnen,
dass Sie meinen Besuch so bald erwidern; seien Sie herzlichst gegrüsst und nehmen
Sie Platz!« Mit diesen Worten liess er die Last des Bibliotekstuhls zur Erde
gleiten und zog ihn an den Tisch, von dem er ebenfalls die meisten Gegenstände
an beliebige Plätze schleuderte.
    »Ich bin gekommen, Ihnen mitzuteilen, Herr Strobel, dass Ihre Blätter grossen
Anklang bei der Redaktion der Welken Blätter gefunden haben und dass dieselbe
stolz sein wird, Sie unter ihre Mitarbeiter zu zählen.«
    »Sehr verbunden«, sagte der Zeichner, der sich auf mysteriöse Weise eben am
Ofen beschäftigte, »bitte, nehmen Sie eine Zigarre und erlauben Sie mir, Ihnen
eine Tasse Kaffee anzubieten.«
    Er sah und roch in einen sehr verdächtig aussehenden Topf, den er aus der
Ofenröhre nahm. - »O weh«, rief er, während ich alle Heiligen des Kalenders
anrief, »die Quelle ist versiegt!«
    »Bitte, machen Sie keine Umstände, Ihre Zigarren sind ausgezeichnet!«
    »Ja«, sagte Strobel, sich nun wieder auf sein Sofa setzend, »das ist der
einzige Luxus, den ich nicht entbehren könnte, und ich preise meinen Stern, der
mich in einer Zeit geboren werden liess, wo man die Redensart Kein Vergnügen ohne
die Damen, in die jedenfalls passendere Kein Vergnügen ohne eine Zigarre
umgeändert hat.«
    »Sind Sie ein solcher Weiberfeind?«
    »Keineswegs; im Gegenteil, ich beuge mich ganz und gar dem französischen
Wort Ce que femme veut, Dieu le veut und ziehe - deshalb gerade - die nicht so
anspruchsvolle Zigarre vor, die für uns glüht, ohne das gleiche zu verlangen,
die interessant ist, ohne interessiert sein zu wollen, und so weiter, und so
weiter!«
    »Sie sind wirklich ein echtes Kind unserer Zeit, die durch zu viele und zu
verschiedenartige Anspannungen im ganzen bei dem einzelnen das Gehenlassen, die
Ataumasie, die Apatie zur Gotteit gemacht hat.«
    »Puh«, sagte der Zeichner, eine gewaltige Dampfwolke fortblasend, »ich
konnt's mir denken, da sind wir schon in einem solchen Gespräche, wie sie alles
Zusammenleben jetzt verbittern: übrigens ist unsere Zeit durchaus nicht
apatisch, aber der einzelne fängt an, das wahre Prinzip herauszufinden, dass
nämlich die Sache durch die Sache gehen muss. - Nicht jeder erste und taliter
qualiter beste soll sich fähig glauben, den Wegweiser spielen zu können, den Arm
ausstrecken und schreien: Holla, da lauft, dort geht der rechte Weg, dortin
liegt das Ziel!«
    »Und die seitwärts abführenden Holzwege?...«
    »Laufen alle der grossen Strasse wieder zu, nachdem sie an irgendeiner
schönen, merkwürdigen, lehrreichen Stelle vorübergeführt haben. Ich, der
Fusswanderer, habe nie soviel Erfahrungen für den Geist, soviel Skizzen für meine
Mappe heimgebracht, als wenn ich mich verirrt hatte.«
    »Sie müssen ein eigentümliches Leben geführt haben und führen!« sagte ich,
den sonderbaren Menschen vor mir ansehend. Er strich mit der Hand über das
sonnverbrannte, verschrumpfte Gesicht und lächelte.
    
    »Ein Leben, das gern auf Irrwegen geht, ist stets eigentümlich!« sagte er.
»Übrigens wird jeder Mensch mit irgendeiner Eigentümlichkeit geboren, die, wenn
man sie gewähren lässt - was gewöhnlich nicht geschieht -, sich durch das ganze
Leben zu ranken vermag, hier Blüten treibend, dort Stacheln ansetzend, dort -
von aussen gestochen - Galläpfel. Was mich betrifft, so bin ich von frühester
Jugend auf mit der unwiderstehlichsten Neigung behaftet gewesen, mein Leben auf
dem Rücken liegend hinzubringen und im Stehen und Gehen die Hände in die
Hosentaschen zu stecken. Sie lächeln - aber was ich bin, bin ich dadurch
geworden.«
    »Ich lächelte nur über die Richtigkeit Ihrer Bemerkung. Wir alle sind
Sonntagskinder, in jedem liegt ein Keim der Fähigkeit, das Geistervolk zu
belauschen, aber es ist freilich ein zarter Keim, und das Pflänzchen kommt nicht
gut fort unter dem Staub der Heerstrasse und dem Lärm des Marktes.«
    »Holla«, rief der Zeichner, plötzlich aufspringend und nach dem Fenster
eilend, »sehen Sie, welch ein Bild!«
    In der Dachwohnung über der meinigen drüben hatte sich ein Fenster geöffnet.
Die kleine Ballettänzerin, welche dort wohnt, liess ihr hübsches Kindchen nach
dem leise herabsinkenden Schneeflocken greifen. Das Kind streckte die Ärmchen
aus und jubelte, wenn sich einer der grossen weissen Sterne auf seine Händchen
legte oder auf sein Näschen. Die arme, ohne die Schminke der Bühne so bleiche
Mutter sah so glücklich aus, dass niemand in diesem Augenblick die traurige
Geschichte des jungen Weibes geahnt hätte.
    »Ich habe auf ihrem Schreibtische Blätter gesehen mit der Überschrift:
Chronik der Sperlingsgasse«, sagte Strobel; »das Bild da drüben gehört hinein,
wie es in meine Skizzenmappe gehört.«
    »In meinen Blättern würde es eine dunkle Seite bilden«, antwortete ich, »und
die Chronik hat deren genug. Wie wär's aber, wenn Sie Mitarbeiter dieser Chronik
der Sperlingsgasse würden; Sie haben ein gar glückliches Auge!«
    »Glauben Sie?« fragte der Karikaturenzeichner, der den Kleiderschrankstuhl
an das Fenster gezogen hatte und emsig auf einem Papier kritzelte. »Sie wollen
keine dunkeln Blätter; - kennen Sie vielleicht die Geschichte jenes englischen
Zerrbildzeichners, der vor dem Spiegel an seinem eigenen Gesichte die Fratzen
der menschlichen Leidenschaften studierte?«
    »Nein, ich kenne die Geschichte nicht. Was ward mit ihm?«
    »Er - schnitt sich den Hals ab«, sagte der Zeichner dumpf, seine vollendete
Skizze fortlegend.
    Verwundert schaute ich auf. Das Gesicht Strobels hatte einen Ausdruck von
Trübsinn angenommen, der mich fast erschreckte. Er sprach nicht weiter, und es
trat eine Pause ein, während welcher drüben das Kind lachte und jubelte und die
Tänzerin den Spatzen, die sich zwitschernd auf die Dachrinne setzten, Brotkrumen
streute. Ich sah, dass der Zeichner allein sein wollte, und ging; der sonderbare
Mensch begleitete mich bis zur Treppe. Dort sagte er, mir die Hand drückend und
lächelnd:
    »Ich will aber doch Mitarbeiter Ihrer Chronik werden, Signore!«
    So endete mein erster Besuch bei dem Karikaturenzeichner Ulrich Strobel.
                                                                 Am 10. Dezember
Es ist jetzt vollständig Winter geworden; der Schnee liegt zu hoch in den
Strassen, als dass man den Schritt der verspäteten Fussgänger, das Rollen der Wagen
hören könnte. Es ist tiefe Nacht.
    Was ist das für ein bleiches, verfallenes Gesicht, welches da vor mir
auftaucht? Ist das Franz - der lebensmutige, lebensglühende Franz Ralff, den ich
einst kannte?
    Drei Monate waren hingegangen, seit man die tote Marie zu ihrer stillen
Ruhestätte hinausgestragen hatte. Ich sass neben meinem Freunde, der, auf die
graugrundierte Leinwand vor ihm starrend, plötzlich begann:
    »Höre, Johannes, ich muss dir eine Geschichte erzählen. Es wird gut sein, dass
du sie kennst; auch könnte wohl der Fall eintreten, dass mein Kind sie erfahren
müsste. Letzteres will ich dann dir überlassen, Johannes.
    Ich muss weit dazu ausholen, ich muss in unsere früheste Jugendzeit
zurückgehen, wo wir glückliche, ahnungslose Kinder waren. O Johannes, lass mich
sie zurückrufen, diese seligen Tage! Klingt es dir nicht auch bei jeder
Erinnerung daran wie das Läuten jener im Wald verlorenen Kirche? Oh, mein
Jugend-Waldleben! - Wie ich es jetzt vor mir sehe, dieses alte, braune,
verfallende Jägerhaus mitten in der grünen, duftenden Einsamkeit!
Vorbeiplätschernd der klare Bach, der dann tiefer im Walde den stillen Teich
bildet, den die Sage so wundersam umschlungen hat! Wie oft bin ich, das
Kinderherz voll geheimnisvollen Bebens, an funkelnden Mondscheinabenden, wenn
die Bewohner des Jägerhauses vor der Tür sassen und der alte Burchhard das
Waldhorn - du weisst wie schön - blies, dem durch das Dunkel glitzernden Bach
nachgeschlichen, dem stillen Wasser zu, das Treiben der Nixen und Elfen zu
belauschen. Wie fuhr ich zusammen, wenn eine Eidechse im Grase raschelte oder
ein Nachtvogel schwerfälligen Flugs über den glänzenden Spiegel des Teichs
hinflatterte, indem ich dachte, jetzt müsse das wundersame Geheimnis ans Licht
treten und sein Wesen und Wehen beginnen um die volle Scheibe des Mondes, die in
der klaren, stillen Flut widergespiegelt lag. Erst später erfuhr ich, woher der
tiefe, geheime Zug in mir nach diesem Waldwasser stamme.
    Wie oft bin ich, wenn der Sturm in den Bäumen rauschte, hinaufgestiegen in
eine hohe Tanne, um mich, die Arme fest um den rauhen, harzigen Stamm
geschlungen, das Herz gepresst von Angst und unsäglicher Seligkeit - hin und her
schleudern zu lassen vom Winde.
    Und dann, wenn draussen die heisse Julisonne, die in diese Waldnacht nur
vorsichtig neugierig hineinzulugen wagte, auf der Welt lag: welch ein Träumen
war das! Welch eine Wonne war's, im Grase zu liegen, während der Rauhbach an
meiner Seite rauschte und murmelte und seine Kiesel langsam weiterschob, während
die Sonnenlichter an den schlanken Buchenstämmen oder über den Wellchen des
Baches spielten und zitterten, die Wasserjungfer über mich hinschoss, ringsumher
die Glockenblumen ihre blauen Kelche der Erde zuneigten und der stolze Fingerhut
sich trotzend in seiner Pracht erhob, als spreche er jeden verirrten Strahl der
Sonne für sein Eigentum an.
    Welche Winterabende waren das, wenn ich dem alten, weissbärtigen Mann, den
ich Oheim nannte, auf dem Knie sass, mit den Quasten seiner kurzen Jägerpfeife
spielte und seinen Geschichten und Sagen lauschte, während die Hunde zu unsern
Füssen schliefen und träumten und nur von Zeit zu Zeit aufhorchten, wenn der alte
Karo draussen anschlug.
    Es war ein glückliches Leben, dieses Leben im Walde, und es ist von grossem
Einfluss auf meine spätere künstlerische Entwickelung gewesen. Noch gar gut
erinnere ich mich des Tages, an welchem ich mein erstes Kunstwerk an der
Stalltür zustande brachte. Es war ein Porträt unseres alten Burchhards und
seines getreuen Begleiters, des kleinen Dachshundes, der die Eigentümlichkeit
hatte, gar keinen Namen zu besitzen, sondern nur auf einen besondern Pfiff
seines Herrn hörte.
    Der folgende Zeitraum meiner Geschichte, Johannes, ist dir fast so gut als
mir bekannt, und ich könnte schneller darüber weggehen, wenn es mich nicht
überall, wo ihr Bild auftaucht, so gewaltig festielte.
    Wieviel heimliche Tränen - der Oheim liebte das Weinen nicht - wischte ich
mir aus den Augen, als der Tag kam, an welchem ich meiner grünen Waldesnacht Ade
sagen musste. Gern hätte ich mich an jeden Baum, an jeden Strauch, an welchem der
Weg aus dem Walde heraus vorbeiführte, festgeklammert. Wie unermesslich weit und
gross kam mir die Welt vor! Wie eine Eule, die man aus ihrer dunkeln Höhle in den
Sonnenschein gezerrt hat, schien ich mir anfangs in Ulfelden. Ich war
unglücklich, wie ein Kind von zwölf Jahren es nur sein kann, ehe ich mich in das
ungewohnte Leben hineinfand.
    Wie deutlich steht mir der erste Abend in unserer Kindheitsstadt noch vor
dem Gedächtnis! Der Oheim war zurückgekehrt in sein einsames Waldhaus, die Frau
Rektorin wirtschaftete in der Küche, der alte Rektor sass oben in seinem kleinen
Studierstübchen über dem Tacitus, seinem Lieblingsschriftsteller, wie ich später
erfuhr, und - ich kauerte einsam mit verquollenen, tränenden Augen auf der
grünen Bank vor dem Hause und blickte in dumpfem Hinbrüten den vorbeischiessenden
Schwalben nach: als auf einmal ein kleines, etwas schmutziges Händchen mir einen
angebissenen rotbackigen Apfel hinhielt, ein Lockenköpfchen sich unter meine
Nase drängte und ein feines Stimmchen sagte:
    Nicht weinen... Junge... Mama auch Eierkuchen backen.
    Ich hatte damals grosse Lust, die kleine Trösterin zurückzustossen, sie liess
sich aber nicht abweisen, und als ich über ihr Mitgefühl stärker zu schluchzen
anfing, fing auch sie an zu weinen. Unter diesem Tränenstrom wurden wir von dem
alten Rektor überrascht, welcher plötzlich in seinem rotgeblümten Schlafrock -
ein Porträt von ihm gibt es dort unter meinen Skizzen- und mit der langen Pfeife
im Munde hinter uns stand.
    Nun, kleines Volk, sagte er lächelnd, das ist ja eine prächtige Freundschaft
zwischen euch, die so mit Heulen anfängt! Wer hat denn dem andern etwas zuleide
getan?
    Diese diplomatische Wendung der Sache brachte auf einmal meinen Tränenstrom
zum Stehen, und auch die kleine Marie lächelte sogleich wieder durch die hellen
Tropfen, die ihr über beide Backen rollten.
    Wird schon gehen, wird schon gehen! brummte der alte Scholarch, fuhr mit der
Hand über meine Haare und ging dann zurück ins Haus, um seiner Frau beim
Eierkuchenbacken zuzusehen.
    Die kleine Marie aber führte mich zu ihrem Garten im Winkel, grub eine
keimende Bohne hervor, zeigte sie mir jubelnd und versprach mir ein ähnliches
Feld für meine Tätigkeit. Dann zogen wir uns in die Geissblattlaube zurück, wo
der Tisch gedeckt war. Da fand ich neben dem Nähzeuge der Frau Rektorin ein Buch
auf der Bank - ein Bilderbuch, welches mich den Wald, das Jägerhaus, den Ohm,
den alten Burchhard, mein ganzes Heimweh zuerst vergessen liess. Es war ein
zerlesener und zerblätterter Band des welt- und kinderbekannten Bertuchschen
Werts. Welch eine neue Welt ging mir da auf! - Und die kleine Marie lehnte neben
mir, lachte, erklärte und kitzelte mich mit Strohhalmen; dann kam die Frau
Rektorin mit dem Eierkuchen, und der Rektor verliess seinen Tacitus; die Glocken
der alten Stadtkirche läuteten den morgenden Sonntag ein - ich hatte mich
gefunden! - Erinnerst du dich wohl noch, Hans, dieses Sonntagmorgens, der auf
meinen ersten Tag in Ulfelden folgte? Weisst du wohl noch, wie du mir in der
Kirche zunicktest und beim Nachhausegehen unsere Freundschaft ihren Anfang nahm
durch eine Handvoll Kletten, welche du mir in die Haare warfest? Weisst du wohl,
Johannes, wie ich aus dem blöden Waldjungen zu dem tollsten, verwegensten
Schlingel der ganzen Gegend heranwuchs und nur duckte, wenn mich die kleine
Marie aus ihren grossen Augen so traurig ansah? Es war eine prächtige Zeit, und -
das Latein war durchaus keine so böse Krankheit wie das Scharlachfriesel - ich
hatte diese Vorstellung aus dem Walde mitgebracht -, sondern höchstens ein
leichter Schnupfen, der bald wieder auszuschwitzen war.
    Dann kamen die Zeichenstunden bei dem alten Maler Gruner, der mir zuerst die
Welt des Schönen deutlicher vor die Augen legte, der in seiner trockenen,
kaustischen Weise das Leben, welches er sehr wohl kannte, an mir vorübergleiten
liess, dass ich verlangte und mich hinaussehnte in diese so schön blühende Welt,
wo man nur die Hand auszustrecken brauchte, um Glück, Ruhm und Reichtum zu
erfassen.
    Den Wald hatte ich fast ganz vergessen; ich sehnte mich gar nicht zurück;
hinaus wollte ich in die Welt, Maler werden, tausend Träume hatte ich, und in
allen schwebte Mariens holdes Bild!
    Da wurde ich eines Tages zurückgerufen in das einsame Jägerhaus und fand
meinen alten Oheim auf dem Sterbebette. Eine Erkältung, die er sich zugezogen
und nicht beachtet, hatte bei seinem vorgerückten Alter eine tödliche Wendung
genommen. Alle ärztliche und geistliche Hülfe verschmähend, hatte er nur nach
mir verlangt. Eine schreckliche Entüllung erwartete mich am Bette des Mannes,
an dessen Seite ich nur den alten Burchhard traf, während die Waldgrete, die
bejahrte Magd des Försterhauses, ab- und zuging.
    Als ich - jetzt ein neunzehnjähriger Jüngling - an das Lager meines Ohms
trat, sah mich dieser, eben aus einem kurzen, unruhigen Schlummer erwachend,
starr an.
    Er gleicht ihm immer mehr, murmelte er. Als ich mich über ihn beugte, küsste
mich der alte, strenge Mann und sagte mit erloschener Stimme:
    Franz - du siehst, es ist vorbei mit mir: ich brauche den Jagdranzen nicht
zu füllen und nicht für Schiesszeug zu sorgen für den Gang, den ich jetzt gehen
muss. Heule nicht, Junge; weisst, ich hab's nie leiden können. Ist Weibermode! Ich
möchte dir aber noch etwas sagen, eh ich abmarschiere vom Anstand; kannst dann
daraus machen, was du willst. Setze dich und höre zu! Schau, da hinten - der
Alte zeigte durch das offene Fenster, in welches grüne Zweige schlugen und die
Abendsonne zitterte, während ein Buchfink davor sang -, da hinten hinter dem
Walde kommst du in die grosse Ebene, wo du tagelang gehen kannst, ohne einen Berg
zu sehen. Die Leute nennen's ein schönes Land; - mag sein, hab's aber nie leiden
können und mag den Wald lieber. Einen Hügel aber gibt's doch da, mitten in dem
flachen Lande und den Kornfeldern, mit einem Schloss, Seeburg geheissen, und am
Fusse des Hügels ein Dorf desselbigen Namens. Daher stammt unsere Familie, da bin
ich geboren, da ist auch Burchhard her.
    Der Letzterwähnte nickte hier mit dem Kopfe und brummte vor sich hin: Beides
'ne gute Art, die Ralffs und Burchhards!
    Hast recht, Alter, fuhr mein Oheim fort, hoffe auch, der da (er wies auf
mich) soll nicht aus der Art schlagen, wenn er gleich unrecht Blut in den Adern
hat. Höre weiter, Junge: War ein stolz Volk, die Grafen Seeburg, die da seit
alter Zeit auf dem Neste sassen. Hab's gelesen in alten Chroniken, wie sie die
Leute plagten und die Kaufleute fingen. Trieb's auch die neue Art, die damals in
seidenen Strümpfen und Schuhen ging, nicht viel besser, wenn auch anders. Halt
's Maul, Burchhard, weiss, was du sagen willst. - Ich war damals ein schmucker
Bursch, wusste trefflich mit der Büchse umzugehen, und war Andreas Ralff bekannt
als Meisterschütze auf Kirchweihen und Vogelschiessen weit und breit, wie deine
Mutter, Franz, meine Schwester, als das schönste Mädchen im Lande. Sagte mir
damals der junge Graf, der eben von Reisen zurückkam: "Hör, Andreas, tritt in
meinen Dienst, will dich gut halten, und soll es dein Schaden nicht sein." Da
fasste mich der Satan, dass ich's für mein Glück hielt und einschlug.
    Der Alte stöhnte hier laut auf und barg den Kopf in den Kissen, während
Burchhard aufstand und leise eine Jägerweise aus dem Fenster pfiff. Ich beschwor
den Ohm, seine Erzählung abzubrechen und zu verschieben.
    Hab das nie getan, sagte der alte, eiserne Mann, ist nicht rechte
Jägermanier, eine Kreatur angeschossen umherlaufen zu lassen. Reine Büchse,
reiner Schuss. Schuf's der böse Feind, dass der Graf die Luise zu sehen kriegte,
und - Burchhard, erzähl's dem Jungen weiter...
    Dieser, der wieder neben dem Bette seines alten Freundes sass, nickte finster
und fuhr fort in der unterbrochenen Erzählung, den Blick auf den Boden geheftet.
    Waren wir zusammen aufgewachsen, und hatte ich sie gar lieb, die Luise, mit
ihren schwarzen Haaren und schwarzen Augen. Hatte aber nicht den Mut, ihr zu
sagen: Herzlieb, wolltest du mich nicht zum Manne nehmen? Wollte dich auch auf
'n Händen tragen! Stand ich also immer und guckte ihr nach auf den Kirchwegen
und allentalben, wenn sie durch das Dorf hüpfte, lachend und schäkernd, flink
wie ein Reh, lustig wie eine Amsel!...
    Der Kranke seufzte tief auf, Burchhard legte ihm das Kopfkissen zurecht und
schwieg dann, von seiner Erinnerung überwältigt, einige Minuten, während draussen
die Vögel gar lustig zwitscherten und die Sonne immer glühender dem Untergange
zusank.
    Plötzlich fuhr der Erzähler fast barsch auf:
    Was ist da weiter zu berichten! War sie ein jung Blut, und hatte ihr der
Pastor mehr Gutes als Böses von den Menschen erzählt... Wurde Andreas in den
Wald geschickt auf Antrieb des Grafen; jubelte er mächtig, denn von je war's
sein Wunsch gewesen, ein Jägersmann zu sein, und zog er sogleich fort von
Seeburg, das alte verfallene Haus, so man ihm gab, instand zu setzen, dass die
Luise nachfolgen könne. War ich damals nicht daheim, sondern im fremden
Franzosenland, wo das Volk der Plackerei und Adelswirtschaft müde geworden war
und reinen Tisch machte; schlug ich mich herum in der Champagne in dem Regiment
Weimar-Kürassiere, bis der Herzog von Braunschweig und die Preussen und alle
retirieren mussten durch Dreck und Regen. Kam ich zurück auf Urlaub, stellte mein
Pferd ab im Goldenen Hirschen, putzte den Staub von den hohen Stiefeln, rieb den
Harnisch so blank als möglich, setzte den Dreimaster verwegen aufs Ohr und fasste
mir ein Herz - war ich nicht Wachtmeister in der sechsten Schwadron? -, meinen
heimlichen Schatz zu bitten um seine hübsche, weisse Hand. Sahen mich die Leute
so sonderbar an, als ich durch das Dorf schritt dem kleinen Häusel zu, wo mein
Schatz wohnte, und begegnete mir auch der Kastellan vom Schloss, der mich nicht
leiden konnte, und grinste er mich so höhnisch an, dass ich den Pallasch fester
fasste und einen welschen Fluch brummte. Ahnte ich aber nichts und schob alles
auf die Verwunderung über mein martialisch Ansehen und schritt mit einem Herzen,
das halb freudig, halb furchtsam klopfte, der kleinen Türe in dem Zaune zu, der
das Ralffsche Haus umgab. Hörte ich aus dem kleinen Stübchen eine Stimme singen,
die mir gar fremd und doch gar bekannt vorkam. Sang die Stimme immer nur den
Anfang eines alten Liedes:
Es trägt mein Lieb ein schwarzes Kleid,
Darunter trägt sie gross Herzenleid
In ihren jungen Tagen...
Nahm ich den Hut ab und trat in die Hausflur. Grüss Gott, Jungfer Lieschen, bin
zurück aus Franzosenland - wollte ich sagen, sprach aber kein Wort, sondern fiel
mir der Hut zur Erde, und musste ich mich am Pfosten halten, um nicht selbst zu
fallen. Da sass ein bleiches Wesen mit eingefallenen Wangen im Winkel, hatte die
Hände im Schoss gefaltet und zitterte, als ob ein heftiger Frost es schüttle.
    "Luise, Luise!" schrie ich auf, in die Knie vor ihr stürzend, in
unmenschlicher Angst.
    Die Gestalt erhob sich, kam schwankend auf mich zu und sagte, indem sie mit
eiskalter Hand mir über die Stirn strich:
    "Ei, mein schön's Lieb, bist zurück aus fremdem Land? Hab lange auf dich
gewartet, mein blankes Herz!"
    Schlug mir das Herz, dass mir der Harnisch zu springen drohte, den betastete
sie, und über dessen Glanz schien sie sich zu freuen.
    Was weiter vorging, weiss ich nicht; noch eine Zeitlang hörte ich den Gesang
wie aus weiter Ferne:
Es trägt mein Lieb ein schwarzes Kleid,
Darunter trägt sie gross Herzenleid
- dann vergingen mir die Sinne; - das war meine Heimkehr aus dem Franzosenkrieg.
Ich erwachte am Abend in meinem eigenen Häuschen, das ich vermietet hatte, und
die alte Frau, die damals drinnen wohnte, sass neben mir. Glaubte ich geträumt zu
haben - einen bösen, bösen Traum; besann mich erst allmählich wieder, und fügte
es Gott, dass ich weinen konnte. Erzählte mir die gute Frau den Eingang und
Ausgang des Leidens, und schaute ich nach meinen Pistolen, den bübisschen Grafen
hinzuschicken vor Gottes Richterstuhl, erfuhr ich aber, dass er auf und davon sei
in ferne Länder; habe es ihn nicht mehr rasten und ruhen lassen, und sei er auf
einmal spurlos verschwunden gewesen, ohne über sein Verbleiben etwas zu
hinterlassen...
    Und hat ihn Gott davor behütet, uns vor die Augen zu kommen, fiel mein Oheim
mit abgewandtem Gesicht ein.
    Schrieb ich dem Andreas am andern Morgen das Geschehene, denn er wusste noch
nichts davon; es war ein feiges Volk, so ihm auf vier Meilen Weges nichts
vermeldet hatte.
    Der Kranke im Bett stöhnte, als ob ihm das Herz zerbreche, während ich
schwindelnd und wortlos dasass...
    Verkauften wir unsere Liegenschaften und brachten wir die Luise und die,
Franz, ihr kleines Kind, hierher in den grünen Wald, allwo uns des Fürsten
Durchlaucht einen Unterschlupf gab. Die Luise war immer still vor sich hin und
ward immer stiller; sie sang nicht mehr ihre alten Liederverse und sass am
liebsten in der Sonne und hielt ihre armen magern Finger gegen das Sonnenlicht.
Dann lachte sie wohl und sagte:
    "Noch immer - noch immer - wie es rinnt, rinnt!"
    Und eines Morgens - - - Ja, wie war's denn, was ich einmal im Franzosenland
von einem den Offizieren vorlesen hörte, als ich Wache vor dem Zelt stand. Ich
glaube. Herr Goete oder so nannten sie ihn, der es las (er zog mit des Herzogs
Durchlaucht), und es handelte von einer dänischen Prinzessin, die wahnsinnig
wurde, weil ihr Liebster sich wahnsinnig gestellt hatte...
    Bleib bei der Stange, Burchhard, rief mein Oheim plötzlich, sich aufrichtend
- eines Morgens lag sie am Rande des Hungerteiches ertrunken im Wasser!
    Laut aufschreiend stürzte ich auf die Knie und verbarg den Kopf in dem
Kissen des alten sterbenden Mannes. Dieser sass jetzt auf den Ellenbogen gelehnt
aufrecht, unterstützt von der weinenden Waldgrete, seine Augen funkelten; er
legte mir die Hand auf den Kopf und sagte leise:
    Er war jünger als Burchhard und ich; er wird leben - - such ihn!
    Damit sank er erschöpft zurück, während ich betäubt liegenblieb.
    Endlich legte mir der alte Burchhard die Hand auf die Schulter und führte
mich hinaus.
    Ich will dir ein Wahrzeichen geben, sagte er, als wir unter den grünen
Bäumen waren, die auf jene Tragödie ebenso grün und lustig herabgesehen hatten.
Wieder einmal folgte ich dem Laufe des Baches durch die freudige Wildnis. Mit
welchen Gefühlen?! - Jetzt wusste ich, woher der tiefinnere Zug nach dem stillen
Waldteiche in mir kam! Da lag die klare Fläche in der Abendglut vor uns, der
leise Wind flüsterte in den Binsen, schlug die gelben Irisglocken aneinander und
schaukelte die auf ihren breiten, saftigen Blättern schwimmenden Wasserrosen;
das war alles so friedlich, so heimlich, so schön, und doch - welch unnennbares
Grauen gewährte mir der Anblick!
    Als ich sie da fand, sagte Burchhard, hielt sie die eine Hand fest zu, und
das Gold eines Ringes schimmerte durch die starren Finger. Komm mit!
    Der Alte führte mich seitab in den Wald, wo ein Stein, mit einem Kreuz
bezeichnet, im Moose lag. Er kniete nieder, hob ihn weg und wühlte eine Zeitlang
in der Erde.
    Da! rief er plötzlich und schleuderte den kleinen goldenen Reif, als habe er
eine Schlange berührt, ins Gras. Es war auch eine Schlange, die einen
wappengeschmückten Rubin mit Kopf und Schweifende umschlang. Du wirst ihn in
diesem Kästchen finden, Johannes!
    
    An jenem Abend noch starb mein Oheim, und ich führte seine Leiche, wie du
weisst, Johannes, nach Ulfelden. Ich weiss nicht, der Tod des alten Mannes
erschien mir als gleichgültig im Vergleich mit dem Schrecklichen, welches mir
entüllt war. - Es war übrigens ein seltsamer Zug; wir hatten den schwarzen Sarg
auf einen niedern Wagen, mit Zweigen und Waldblumen geschmückt, gestellt; die
Holzhauer mit ihren Äxten, die umwohnenden Köhler mit ihren Schürstangen gaben
ihm das Geleit. Dicht hinter dem Sarg schritt der alte Burchhard, die Büchse und
das Waldhorn über der Schulter, die Hunde um ihn her. Von Zeit zu Zeit blies er
eine lustige schmetternde Jägerweise, die er dann ergreifend und seltsam in
einen Choral übergehen liess. Unter den letzten Bäumen hielt er an, die Holzhauer
und Köhler um ihn her; noch einmal blies er einen fröhlichen Jagdgruss, dann
drückte er mir schweigend die Hand und sagte dumpf: Lebe wohl, Franz Ralff, und
schritt langsam in den Wald zurück, und immer ferner hörte ich die Töne seines
Hornes verklingen. Der Ohm wurde auf dem Ulfeldener Kirchhof, dicht neben seiner
Schwester, meiner Mutter, begraben. Den alten Burchhard habe ich nicht wieder
gesehen; ich hielt's nun gar nicht mehr aus in der engen Welt um mich her, ich
ging nach Italien. Burchhard aber zog nach dem Harz, wo Verwandte von ihm lebten
und wo er auch bald gestorben ist.
    Das, Johannes, ist der Teil meiner Geschichte, den selbst du, mein Freund,
nicht kanntest. Ich überlasse dir nun, welche Anwendung du davon einst für mein
Kind wirst machen können; von jenem Mann habe ich nie eine Spur entdecken
können. Versunken und vergessen! Das Schloss Seeburg ist jetzt eine Fabrik!«
Da liegt das alte vergilbte Heft vor mir, aus welchem ich diese Bogen der
Chronik der Sperlingsgasse abgeschrieben habe. Lange sass ich noch an jenem Tage
neben meinem Freunde, er sprach viel von seinem Tode und lächelte oft trübe vor
sich hin. Während seiner Erzählung hatte er mit der Reisskohle die Umrisse eines
Kopfes auf der Leinwand vor ihm gezogen. »Das Bild male ich dir erst noch,
Johannes«, sagte er. Ich kannte die milden Züge zu wohl, um sie nicht selbst in
diesen leichten Linien zu erkennen.
    Und so geschah es! Je heller und sonniger die Farben auf der Leinwand
aufblühten, je lieblicher der Lockenkopf Mariens aus dem Grau auftauchte, desto
bleicher wurden die Wangen meines Freundes, und eines Morgens - war er ihr
hinabgefolgt und hatte sein kleines Kind und seinen Freund allein
zurückgelassen.
                                Have, pia anima
                                                                 Am 24. Dezember
Weihnachten! - Welch ein prächtiges Wort! - Immer höher türmt sich der Schnee in
den Strassen; immer länger werden die Eiszapfen an den Dachtraufen; immer
schwerer tauen am Morgen die gefrorenen Fensterscheiben auf! Ach in vielen armen
Wohnungen tun sie es gar nicht mehr. Hinter den meisten Fenstern lugen
erwartungsvolle Kindergesichter hervor; da und dort liegt auf der weissen Decke
des Pflasters ein verlorner Tannenzweig. Es wird viel Goldschaum verkauft, und
bedeckte Platten von Eisenblech, die vorbeigetragen werden, verbreiten einen
wundervollen Duft.
    »Was ist ein echter Hamburger Seelöwe?« fragte Strobel, der bei mir eintrat
und beim Abnehmen des Hutes ein Miniaturschneegestöber hervorbrachte.
    »Ein Hamburger Seelöwe?« fragte ich verwundert. »Doch nicht etwa ein
Mitglied des Rats der Oberalten?«
    »Beinahe!« lachte der Zeichner. »Ein Hamburger Seelöwe ist eine Hasenpfote,
auf welche oben ein menschenähnliches Gesicht geleimt ist. Ein solches
Individuum versteht an einem Tischrande gar anmutige Bewegungen zu machen. Sehen
Sie hier!«
    dabei zog er den Gegenstand unsres Gesprächs hervor, hing ihn an meinen
Schreibtisch und brachte ihn durch einen Stoss wie eine Art Pendel in Bewegung.
    »Ist das nicht eine wundervolle Erfindung?«
    »Prächtig«, sagte ich, »in meiner Jugend brachte man aber denselben Effekt
durch den abgenagten Brustknochen eines Gänsebratens, in welchen man eine Gabel
steckte, hervor; aber die Kultur muss ja fortschreiten.«
    »Ja, die Kultur schreitet fort!« seufzte der Zeichner. »Sogar die einfachen
Tannen machen allmählich diesen Pyramiden von bunten Papierschnitzeln Platz.
Papier, Papier überall! Aber was ich sagen wollte: wäre es nicht eigentlich die
Pflicht zweier Mitarbeiter der Welken Blätter, jetzt auf die Weihnachtswandrung
zu gehen?«
    »Auch ich wollte Sie eben dazu auffordern«, sagte ich.
    »Vorwärts!« rief Strobel und stülpte seinen Filz wieder auf, während ich
meinen Mantel und roten, baumwollenen Regenschirm hervorsuchte.
    Wir gingen. Den Hamburger Seelöwen liessen wir ruhig am Tisch fortbaumeln,
nachdem ihm Strobel noch einen letzten Stoss gegeben hatte. Zur Weihnachtszeit
habe ich gern ein solches Spielzeug in der Nähe, erfreute sich doch auch der alt
und grau gewordene Jean Paul zu solcher Zeit gern an dem Farbenduft einer
hölzernen Kindertrompete.
    Welch ein Gang war das, den ich mit dem tollen Karikaturenzeichner in der
Dämmerung des Abends machte! In wieviel Keller- und andere Fenster musste der
Mensch gucken; in wieviel kleine frostgerötete Hände, die sich an den Ecken und
aus den Torwegen uns entgegenstreckten, liess er seine Viergroschenstücke
gleiten! Welch ein Gang war das! Die Geister, die den alten Scrooge des Meister
Boz über die Weihnachtswelt führten, hätten mich nicht besser leiten können als
Herr Ulrich Strobel. Jetzt betrachteten wir die phantastische Ausstellung eines
Ladens, jetzt die staunenden, verlangenden Gesichter davor; jetzt entdeckte
Strobel eine neue Idee in der Anfertigung eines Spielzeugs, jetzt ich; es war
wundervoll!
    An der Ecke des Weihnachtsmarktes blieben wir stehen, in das fröhliche
Getümmel, welches sich dort umhertrieb, hineinblickend. Im ununterbrochenen Zuge
strömte das Volk an uns vorbei: Väter, auf jedem Arme und an jedem Rockschoss ein
Kind. Handwerksgesellen mit dem Schatz, den sie aus der Küche der »Gnädigen«
weggestohlen hatten, ehrliche, unbeschreiblich gutmütig und dumm lächelnde
Infanteristen, feine, schmucke Garde-Schützen, schwere Dragoner und »klobige«
Artillerie. - Hier und da wanden sich junge Mädchen zierlich durch das Getümmel;
jedes Alter, jeder Stand war vertreten, ja sogar die vornehmste Welt überschritt
einmal ihre närrischen Grenzen und zeigte ihren Kindern die - Freude des Volks.
    Der Zeichner war auf einmal sehr ernst geworden. »Sehen Sie«, sagte er, »da
strömt die Quelle, aus welcher die Kinderwelt ihr erstes Christentum schöpft!
Nicht dadurch, dass man ihnen von Gott und so weiter Unverständliches
vorräsoniert, sie Bibel- oder Gesangbuchverse auswendig lernen lässt, nicht
dadurch, dass man sie - womöglich in den Windeln - in die Kirchen schleppt, legt
man den Keim der wunderbaren Religion in ihre Herzen. An das Gewühl vor den
Buden, an den grünen funkelnden Tannenbaum knüpft das junge Gemüt seine ersten,
wahren - und was mehr sagen will, wahrhaft kindlichen Begriffe davon!«
    Ich wollte eben darauf etwas erwidern, als plötzlich eine Gestalt, in einen
dunkeln Mantel gehüllt, ein Kind auf dem Arme tragend, an uns vorbeischlüpfen
wollte. Ein Strahl der nächsten Gaslaterne fiel auf ihr Gesicht, es war die
kleine Tänzerin aus der Sperlingsgasse. Ich freute mich über die Begegnung und
rief sie an:
    »Das ist prächtig, Fräulein Rosalie, dass wir Sie treffen. Vielleicht werden
Sie uns erlauben, dass wir Sie begleiten; denn um die Mysterien eines
Weihnachtsmarktes zu durchdringen, ist es jedenfalls nötig, ein Kind bei sich zu
haben.«
    Die Tänzerin knickste und sagte: »Oh, Sie sind zu gütig, meine Herren;
Alfred hat mir den ganzen Tag keine Ruhe gelassen, und da kein Teater ist, so
musste ich ihm doch die Herrlichkeit zeigen.«
    »Ja, Mann« - sagte Alfred, unter einer dicken Pudelmütze gar verwegen
hervorschauend -, »mitgehen!«
    Ich stellte der Tänzerin den Nachbar Zeichner vor, und das vierblättrige
Kleeblatt war bald in der Stimmung, die ein Weihnachtsmarkt erfordert. Was für
ein Talent, Kinder vor Entzücken ausser sich zu bringen, entwickelte jetzt der
Karikaturenzeichner! Er hatte der Mutter den dicken Bengel sogleich abgenommen,
liess ihn nun gar nicht aus dem Aufkreischen herauskommen und schleppte ihn hoch
auf der Schulter durch das Gewühl voran. »O ich bin Ihnen so dankbar, so
dankbar, Herr Wachholder«, flüsterte die kleine Tänzerin, zu deren Beschützer
ich mich sehr gravitätisch aufwarf.
    »Liebes Kind«, sagte ich »ein Paar solcher Junggesellen wie ich und mein
Freund würden solche Abende wie dieser sehr übel zubringen, wenn nicht dann
ausdrücklich eine Vorsehung über sie wachte. Sie sollen einmal sehen, wie
prächtig wir heute abend noch Weihnachten feiern werden - hören Sie nur, wie
Alfred jubelt; sehen Sie, wie stolz und glücklich er unter der Pickelhaube
vorguckt, die ihm eben der Herr Strobel übergestülpt hat!«
    Der Karikaturenzeichner hätte sich in diesem Augenblick sehr gut selbst
abkonterfeien können - er tat es auch, aber später. Wundervoll sah er aus. Im
Knopfloche baumelte ein gewaltiger Hampelmann, in der rechten Hand hatte er eine
grosse Knarre, die er energisch schwenkte, während auf seinem linken Arm Alfred
mit aller Macht auf eine Trommel paukte.
    »Kleine Dame«, sagte der Zeichner jetzt zu unserer Begleiterin, »stecken Sie
mir doch einmal jene Düte in die Rocktasche, ich komme nicht dazu! Heda, alter
Wachholder«, schrie er dann mich an, »gleiche ich nicht aufs Haar einer
Kammerverhandlung? Rechts Geknarre, links Getrommel, und für das Fassen und
Einsacken der begehrten Süssigkeiten weder Kraft noch Platz!«
    »Mama, der Onkel aber mal rechter Onkel!« rief der Kleine entzückt von
seiner Höhe herab, als Rosalie der Anforderung Strobels nachkam und ich
ebenfalls die Taschen mit allerlei füllte.
    So ging es weiter, bis uns endlich die Kälte zu heftig wurde. Der Zeichner
löste sich auf - wie er's nannte - und überlieferte mir die spielzeugbehangene
Linke, behielt jedoch die Knarre in der Rechten, und nun ging's durch die
menschen- und lichtererfüllten Strassen nach Hause. Wie glänzte heute abend die
alte, dunkle Sperlingsgasse! Von den Kellern bis zum sechsten Stock, bis in die
kleinste Dachstube war die Weihnachtszeit eingekehrt; freilich nicht
allentalben auf gleich »fröhliche, selige, gnadenbringende« Weise. Welch einen
Abend feierten wir nun! Wir liessen unsere kleine Begleiterin natürlich nicht zu
ihrem kaltgewordenen Stübchen hinaufsteigen. War ich nicht schon auf der
Universität meines famosen Punschmachens wegen berühmt gewesen? (Eine Kunst, die
mir mein Vater mit auf den Lebensweg gegeben hatte.) Der Karikaturenzeichner
holte einen Tannenzweig, den er auf der Strasse gefunden hatte, hervor und hielt
ihn ins Licht.
    »Das ist der wahre Weihnachtsduft«, sagte er, »und in Ermangelung eines
Bessern muss man sich zu helfen wissen.«
    Horch! Was trappelt auf einmal da draussen auf der Treppe? Ein leises Kichern
erschallt auf dem Vorsaal und scheint noch eine Treppe höher steigen zu wollen.
»Zu mir?« sagt Rosalie und springt verwundert nach der Tür.
    »Ach, da ist sie?!« schallt es draussen, und auch ich stecke meinen Kopf
heraus.
    »Guten Abend, alter Herr! Guten Abend, Rosalie! Guten Abend, Röschen!«
erschallt ein Chor heller, lustiger Stimmen.
    »Wo ist Alfred, wir bringen ihm einen Weihnachtsbaum!«
    
    »Hurra, das ist's, was wir eben brauchen!« schreit der Zeichner, seine
Knarre schwingend. »Schönen guten Abend, meine Damen, und fröhliche
Weihnachten!«
    Aus dunkeln Mänteln und Schals und Pelzkragen entwickelt sich jetzt ein
halbes Dutzend kleiner Teaterfeen, die alle jubelnd und lachend meine Stube
füllen und - auf einmal alle ein verschiedenes Musikinstrument hervorholen,
welches sie auf dem Weihnachtsmarkt erstanden haben. Ein Heidenlärm bricht los;
das knarrt und quickt und plärrt und klappert, dass die Wände widerhallen und
Rosalie, welche beschwörend von einer der kleinen Ratten zur andern läuft,
zuletzt, die Ohren zuhaltend in dem fernsten Winkel sich verkriecht.
    Endlich logt sich der Skandal mit dem ausgehenden Atem und der ausgehenden
Kraft des Karikaturenzeichners, der vor Wonne über das Pandämonium kaum noch
seine Knarre schwingen kann.
    Welch ein Punsch war das! Welche Gesundheiten wurden ausgebracht! Welche
Geschichten wurden erzählt! Vom Souffleur Flüstervogel bis zum Ballettmeister
Spolpato, ja bis zu Seiner Exzellenz dem Herrn Intendanten hinauf.
    Heute abend malte Strobel keine Karikaturen, aber sich selbst machte er oft
genug zu einer. Beim Versuch, sich auf einer mit dem Halse auf der Erde
stehenden Flasche sitzend zu drehen, beim Zuckerreiben, beim Versuch, den
glimmenden Docht eines ausgeputzten Wachslichtes wieder anzublasen, und bei
anderen Kunststücken.
    Alfred, der durch Unterlegung von Pufendorfs und Bayles schweinslederner
Gelehrsamkeit und durch Auftürmung verschiedener dickbändiger Erziehungsteorien
dazu gebracht war, neben seiner kleinen Mutter sitzend, über den Tisch blicken
zu können, jubelte mit, bis ihm die Augen zufielen und er auf meinem Sofa ein-
und weiterschlief bis elf Uhr, wo das Fest endete, die kleinen Gäste wieder in
ihre Mäntel krochen, mich für einen »gottvollen alten Herrn« erklärten, Röschen
küssten und nach einem vielstimmigen »gute Nacht« die Treppe hinabtrippelten.
Darauf trug Strobel den schlafenden Alfred eine Treppe höher (wozu ich
leuchtete) und - auch dieser Weihnachtsabend der Sperlingsgasse war vorbei.
                                                                    Am 1. Januar
Neujahrstag! - Ich habe einen Brief bekommen aus dem fernen Italien, ein
köstliches Neujahrsgeschenk. Er spricht von der alten dunkeln Sperlingsgasse und
Glück und Wiedersehen, und eine Frauenhand hat diese feinen, zierlichen
Buchstaben gekritzelt. Den Namen der Schreiberin nenne ich aber noch nicht,
sondern fahre in meinem Gedenkbuch fort, wozu ich diesmal eine neue Mappe
hervorsuchen muss. -
    So war ich denn allein mit der kleinen Elise, die unbewusst ihres Waisentums
und des unbehülflichen Pflegevaters auf Martas Schoss tanzte, als ich auch von
dem Begräbnisse zurückkehrte in diese vor kurzem noch so fröhliche, jetzt so öde
Wohnung in Nr. sieben der Sperlingsgasse. Da stand - es steht noch da - auf dem
Fenstertritt Mariens kleines Nähtischchen mit unvollendeten Arbeiten,
Zwirnknäulchen, Nadeln und Bändern, wie sie es an jenem Abend, über Kopfweh
klagend, verlassen hatte, um nicht wieder davor zu sitzen, nicht wieder durch
die Rosen-und Resedastöcke und das Efeugitter in die dunkle Gasse hinauszusehen.
Da waren noch allentalben die Spuren ihrer zierlichen Geschäftigkeit. Franz
hatte die letzten drei Monate wie ein Argus über ihre Erhaltung gewacht. - Dort
auf jenem Stuhl hing ihr Hütchen, dort das Handkörbchen, welches sie bei ihren
Einkäufen mit sich führte.
    Im zweiten Fenster stand Franzens Staffelei: das vollendete Bild Mariens -
lächelnd, wie sie nur lächeln konnte - darauf lehnend. Seine farbenbedeckte
Palette hing daneben, seine Skizzenmappen und Rollen lehnten und lagen
allentalben. Hinter der Tür hing sein zerdrückter Biber, den wir so oft auf
unsern Spaziergängen mit Blumen und Laubgewinden umkränzten und der Marien,
seines jämmerlichen, manchen-sturmdurchlebten Aussehens wegen, ein solcher Dorn
im Auge war.
    Kein Fleckchen, kein Gerät ohne seine traurig süsse Erinnerung. Zerbrochenes
Kinderspielzeug auf dem Boden... und ich allein mit dem Kinde in dieser kleinen
Welt eines verlornen Glücks - Erbe von soviel Schmerz und Tränen und
Verlassenheit!
    Aber jetzt galt es zu handeln, nicht zu träumen, Ich musste mich aufraffen.
Ich nahm der Wärterin das kleine Lieschen aus den Armen, küsste es und versprach
mir leise dabei, dem Kinde meiner Freunde ein treuer Helfer zu sein im Glück und
Unglück, bei Nacht und bei Tage, und ich glaube den Schwur gehalten zu haben.
Das Kind sah mich mit seinen grossen blauen - denen der Mutter so ähnlichen Augen
lächelnd an, griff mit beiden Händchen mir in die Haare und begann lustig zu
zausen, wobei die alte Marta mit gefalteten Händen zusah. Marta war schon
Mariens Wärterin im Rektorhause zu Ulfelden gewesen, war mit ihr zur Stadt
gekommen und hatte sie nicht verlassen bis an ihren Tod.
    Da meine Wohnung drüben in Nr. elf zu beschränkt war, um die ganze kleine
Welt dahin überzusiedeln, so hielt ich zuerst mit der Marta einen Rat, dessen
Resultat war, dass ich meine Bücher, Herbarien, Pfeifen und unleserlichen
Manuskripte nach Nr. sieben herüberholte, worauf Marta alles aufs beste
einrichtete. Indem ich alle Liebe für die Eltern nun in dem Kinde konzentrierte,
hoffte ich, auf den Trümmern des zusammengestürzten Glücks ein neues
hervorblühen sehen zu können. Drüben blieb die Wohnung nicht lange leer; mein
dicker Freund, der Doktor Wimmer, zog ein und spielte eine geraume Zeit den
Hauptelden und Faxenmacher der Sperlingsgasse.
                                                                    Am 5. Januar
Elise! - Sooft ich diesen Namen niederschreibe, klingt es wieder in der immer
dunkler herabsinkenden Nacht meines Alters wie ein Kindermärchen, wie
Lerchenjubel und Nachtigallenklage, umgaukelt es mich so duftig, so leicht, so
elfenhaft... Elise, Elise, komm zurück! Sieh, ich bin alt und einsam! Weisst du
nicht, dass ich dich auf den Armen schaukelte, dass ich über dir wachte in langen
Nächten, wie nur eine Mutter über ihrem Kinde wachen kann? - Und aus weiter
Ferne glaube ich oft eine zärtliche, wie Musik tönende Stimme zu vernehmen: Ich
komme! Ich komme! Geduld, nur noch eine kurze Zeit!
    Und ich warte und hoffe und fülle diese Blätter mit den Namen meines Kindes
Elise.
    So tauche denn auf aus dem Dunkel, du Idyll, bringe mit dir deine
Märchenwelt, dein Lächeln durch Tränen! Komm, mein kleines Herz - aus den
schweinsledernen Folianten lassen sich so hübsche Puppenstuben bauen; schau
einmal her, was für ein prächtiges Bett gibt mein Papierkorb ab für die Jungfern
Anna, Laura, Josephine, und wie die kleiegefüllten Donnen sonst heissen! Einen
niedlichen, goldgelben Kanarienvogel schenke ich dir, wenn du nicht weinen
willst und hübsch herzhaft den Löffel voll brauner Medizin herunterschluckst! -
Weine nicht, Liebchen, sieh, wie der Efeu aus deiner Mutter Heimatswalde
Blättchen an Blättchen ansetzt und immer höher an der Fensterwand sich
emporrankt. Schau, wie der Sonnenschein hindurchzittert und auf dem Fussboden
tanzt und flimmert; es ist wie im grünen Wald - Sonnenschein und blauer Himmel!
Du musst aber auch lächeln!
    Und wie der Efeu höher und höher emporsteigt, so wächst auch du, mein
kleines Lieb; schon umgeben ebenso feine lichtbraune Locken, wie die auf jenem
Bilde, dein Köpfchen. Wer hat dich gelehrt, dieses Köpfchen so hinüberhängen zu
lassen nach der linken Seite, wie sie es tat?
    Schüttle die Locken nicht so und gucke mich nicht so schelmisch an aus
deinen grossen, glänzenden Augen! Soll das ein R sein, dieses Ungetüm? Oh, welch
ein Klecks, Schriftstellerin! Welche Dintenverschwendung von den Händen bis auf
die Nasenspitze! Wie wird die alte Marta waschen müssen! Du sagst, du habest
nun genug Buchstaben gemalt, du müssest jetzt hinunter in die Gasse; du meinst,
sogar die Fliegen hielten es nicht mehr aus in der Stube, du sähest wohl, wie
sie mit den Köpfen gegen die Scheiben stiessen?!
    Nun so lauf und fall nicht, Wildfang; ich sehe ein, wir müssen dich doch
wohl zu dem Herrn Roder in die Schule schicken, damit du das Stillsitzen lernst.
    Was ist das auf einmal für ein helles Stimmchen, welches drüben aus dem
Fenster meiner alten Wohnung in Nr. elf ruft:
    »Onkel Wachholder, Onkel Wachholder! Ausgehen, ausgehen!«
    Quält die kleine Hexe nicht schon wieder den Doktor der Philosophie Heinrich
Wimmer, der da drüben seine guten Leitartikel und schlechten Romane schreibt?
Wirklich, es ist so. Eine Bassstimme brummt herüber:
    »Wachholder, 's ist 'ne absolute Unmöglichkeit, bei dem Heidenlärm, den Euer
Mädchen hier mit dem Buchdruckerjungen und dem Rezensenten - (Rezensent heisst
der Hund des Doktors, ein ehrbarer schwarzer Pudel) - treibt, weiterzuschreiben.
Ich bin mitten in einer der sentimentalsten Phrasen abgeschnappt - die kleine
Range ist aus Rand und Band, und dabei grinst der Himmel Fritze im Winkel und
will Manuskript für die morgende Nummer.«
    »Schicken Sie doch das Mädchen fort, Doktor, und riegeln Sie Ihren
Musentempel hinter ihr zu!« lache ich hinüber.
    »Dummes Zeug«, brummt der Doktor, der eine echte zeitungsschreibende
Bummelnatur ist und dem die Störung durchaus nicht missfällt. »Dummes Zeug; ich
schreibe Fortsetzung folgt, und wir führen die Dirne in Schreiers Hunde- und
Affenkomödie; der Rezensent hat's auch nötig, dass seine ästetische Bildung
aufgefrischt werde, wie ein Pack verflucht sonderbar riechender Zeitungsnummern
in der Ecke zur Genüge beweist. Machen Sie sich fertig, Verehrtester!«
    Damit verschwindet der Doktor vom Fenster; ich höre drüben auf der Treppe
ein Getrappel kleiner Füsschen, und Liese erscheint, begleitet vom Rezensenten,
in der Haustür. Mit einem Satz ist sie über die Gasse, ebenso schnell bei mir
und im Handumdrehen fertig, wenn's sein müsste, eine Reise um die Welt
anzutreten.
    Einige Minuten später stürzt Fritze, der Druckerjunge, aus der Tür von
Nummer elf mit einem Blatt Papier, welches noch sehr nass zu sein scheint, denn
er trägt es gar vorsichtig und hält es mit beiden Händen weit von sich ab. Jetzt
erscheint der Doktor ebenfalls in der Gasse, den östreichischen Landsturm
pfeifend, die Zigarre im Munde und mit dem Hakenstock sehr burschikose
Fechterübungen gegen einen eingebildeten Gegner machend. Er brüllt herauf:
    »Wetter, edler Philosoph, lassen Sie die deutsche Presse nicht zu
unvernünftig lange warten.«
    Halb gezogen von Lieschen, halb umgeworfen vom Rezensenten, der, wie es
scheint, seiner höheren Bildungsschule sehr ungeduldig entgegengeht, stolpere
ich die Treppe hinunter über Eimer und Besen, über Kinder und Körbe. Aus allen
Türen blicken alte und junge, männliche und weibliche Köpfe, die alle der
kleinen Liese Ralff freundlich zunicken. Und wirklich, sie ist auch - wie einst
ihre Mutter, nur jetzt noch auf andere Weise - das bewegende Prinzip der ganzen
Hausgenossenschaft. Auf der Gasse taucht der Klempner Marquart aus seiner Höhle
auf und erhält von der Liese Gruss und Handschlag, nicht aber vom Rezensenten,
der den Feuerarbeiter hasst und, wie es so oft in der Welt geschieht, das
Werkzeug für die Ursache nimmt. Hat nicht Marquart auf hohe polizeiliche
Anordnung ihm, dem ehrbaren, soliden Rezensenten, dem Muster aller Pudel, den
Maulkorb mit der Steuermarke um die beschnurrbartete Schnauze geschlossen? Wer
verdenkt es dem braven Köter, wenn er wehmütigwütig vor dem Keller den
husarenfederbuschartig zugeschnittenen Schwanz zwischen die Beine zieht und
seitwärts schielend vorbeischleicht, »sich in die Büsche schlägt«, wie Seume und
mein Freund Wimmer sagen? Und nun durch die Gassen! Himmel, was sollen wir der
Kleinen nicht alles versprochen haben! Da eine »reizende« Gliederpuppe mit
Wachsgesicht, an jenem Laden wieder ein »wonniges« kleines Puppenservice von
gemaltem Porzellan und so fort, dass der Doktor ganz wehmütig den Hut auf die
Seite schiebt und sich hinter dem Ohr kratzt.
    »Ja, kucke nur, Onkel Wimmer, hast du nicht gesagt, du wolltest mir solch
ein hübsches Kaffeegeschirr kaufen, wenn ich nicht wieder aus deinen alten,
schmutzigen Schreibbüchern dem Rezensenten einen Federhut machen wolle?«
    »Denken Sie, Wachholder« - sagt der Doktor zu mir -, »da hatte die
Herostratin vorgestern einen ganzen Bogen Manuskript, das ganze zwanzigste
Kapitel der Flodoardine zu dem eben von ihr erwähnten Zwecke vermissbraucht!
Denken Sie sich meine Verblüffteit, als der Köter so geschmückt aus seinem
Winkel mir entgegenstolziert, auf den Stuhl mir gegenüber springt und einen
verachtenden Blick über den Schreibtisch und die noch übrigen Bogen wirft, als
wolle er sagen: Pah, aus dem andern Schund machen wir eine ganz famose Jacke!«
    »Kriege ich mein Geschirr?« ruft der kleine Verzug zwischen uns ungeduldig.
    »Ja«, sagte der Doktor gravitätisch; »mit der zweiten Auflage der
Flodoardine!«
    »Ach«, mault die Kleine, wehmütig über diese dunkle, ihr unverständliche
Vertröstung, »ich sehe schon, du hast wieder mal kein Geld!«
    Lachend marschierte ich weiter, während der Doktor ebenfalls etwas
Unverständliches in den Bart brummte.
    Und jetzt sind wir am Eingange der buntgeschmückten Bude angekommen und
einen Augenblick, darauf auch drinnen. Affen und Äffinnen, Hunde und Hündinnen
machten ihre Kunststücke, und die Bretter bedeuteten auch hier eine Welt, und
Affe und Äffin, Hund und Hündin betrugen sich wie Menschen. Die kleine Elise
jauchzte, und Rezensent starrte verwundert seinen Stammesgenossen auf der Bühne
zu. Er schien ganz perplex, und von Zeit zu Zeit stiess er einen heulenden Laut
aus, den der Doktor verdolmetschte:
    »Berichterstatter war ausser sich vor Entzücken.«
    Bellte der gelehrte Pudel kurz und schroff, so meinte der Doktor, das
bedeute:
    »Berichterstatter war ausser sich über die Insolenz eines so unreifen
Künstlers, vor einem so kritisch gebildeten Publikum, wie das unserer Residenz,
zu erscheinen.«
    Wedelte das rezensierende Vieh mit seinem Husarenbusch, so hiess das:
    »Diese junge Künstlerin verdient alle Ermunterung. Bei fortgesetztem
fleissigem Studium verspricht sie etwas Grosses zu leisten.«
    Gähnte der Köter, so sagte der Doktor:
    »Berichterstatter rät dem Verfasser dieses geistvollen Stücks, sein elendes
Machwerk nicht für dramatische Poesie auszugehen. Mit einer Tragödie hat es
nichts gemein als fünf Akte!«
    Als am Schluss der Vorstellung das grosse und kleine Publikum sich erhob und
Beifall klatschte, der Pudel aber, wie von einer grossen Verpflichtung befreit,
unter die Bank sprang, erklärte der Doktor, das bedeute:
    »Gottlob, dass die Geschichte vorbei ist. Jetzt kann man sich doch mit
Gemütsruhe eine Zigarre anzünden und zu Butter und Wagener am Gänsemarkt gehen.«
    Und das tat der Doktor auch. Vorher aber hob er die kleine Elise noch zu
sich empor und gab ihr - wie sehr sie sich auch sträubte - einen tüchtigen
Schmatz.
    »Also bei der zweiten Auflage der Flodoardine schaffen wir uns ein neues
Teeservice an«, sagte er lachend.
    Rezensent schien erst im Zweifel mit sich zu liegen, welcher von beiden
Parteien er folgen solle. Zuletzt gewann aber der Gedanke an Wurstschelle und so
weiter die Oberhand. Er trabte dem Doktor nach.
    Wir aber gehen nicht zu Butter und Wagener am Gänsemarkt. Wir kaufen noch
Obst von der alten Hökerfrau an der Ecke und kehren glücklich - das kleine Herz
voll vom Affen Kätz mit der Laterne und dem Spitz Hudiwudri, der lustigen Madame
Pompadour und all den andern Wundern - zurück in unsere Sperlingsgasse und
schlafen, müde vom Gehen, Lachen und Jubeln, schon beim Auskleiden ein.
    Dann steigt der volle, reine Mond über den Dächern auf. Der Abendwind weht
frischere Lüfte über die grosse Stadt. Der Lärm des Tages ist vorbei; manche
bedrückte Brust atmet leichter in der dämmerigen Kühle. Mancher sehnige
Mannsarm, der den Tag über den Hammer, das Beil, die Feile regierte, legt sich
sanft um ein befreundetes Wesen, das ihm neuen Mut im harten Kampf gegen die
Materie gibt; manche harte Hände heben kleine, schlaftrunkene Kindchen aus den
ärmlichen Bettchen, um an den kleinen Lippen Hoffnung und Mut zum neuen Schaffen
zu saugen! Und auch ich beuge mich dann über meine schlafende Pflegetochter, den
leisen, ruhigen Atemzügen der kleinen Brust lauschend, während die alte Marta
am Fussende des Bettes strickt.
    Das Lockenköpfchen des Kindes liegt auf dem rechten Ärmchen, das Gesichtchen
ist in dem Kopfkissen vergraben; ich kann die lieblichen, reinen Züge nicht
sehen. - -
    Da sieh! Plötzlich wendet sich das Kind um und dreht mir voll das Gesicht zu
- es murmelt etwas. »Mama!« flüstert es leise, und ein heiliges, glückseliges
Lächeln gleitet über das Gesichtchen.
    Wer raunt der Waise das süsse Wort zu? - Die alte Marta hat die Hände
gefaltet und betet leise. - »Mama, liebe, liebe Mama!« flüstert das Kind wieder,
das Ärmchen ausstreckend.
    Ist es ein Traum, oder kommt die erdentote Mutter zurück, über ihrem Kinde
zu schweben?
    Dann fällt wohl ein Mondstrahl glänzend durch das Efeugitter auf das Bild
Mariens, der Kanarienvogel zwitschert auch wie im Traume auf, eine Wolke legt
sich vor den Mond, der Strahl verschwindet - das Kind versenkt, sich umdrehend,
das Köpfchen wieder in die Kissen.
    »Gute Nacht, Elise! Felicissima notte, sagen sie in dem schönen Italien, wo
du heute weilst, eine glückliche, liebende Frau: Felicissima notte, Elise!«
                                                                   Am 10. Januar
Seit ich jene Mappe, überschrieben »Ein Kinderleben«, hervorgenommen habe, ist
in meinem bisherigen Fenster- und Gassenstudium eine Pause eingetreten. Es soll
draussen sehr kalter Winter sein; Strobel behauptet es, auch Rosalie ist nicht
dagegen. Ich kann nicht sagen, dass ich viel davon wüsste. In diesen vergilbten
Blättern hier vor mir ist es sonniger Frühling und blühender Sommer. Es macht
mir Freude, mich darin zu verlieren, und ich erzähle deshalb weiter.
    Da ist so ein altes Blatt:
    Wir sind sehr ungnädig. Ein alter, dicker, lächelnder Herr ist dagewesen,
hat uns den Puls gefühlt, noch mehr gelächelt, einigemal mit seinem
spiegelblanken Stockknopf seine Nasenspitze berührt, hat Dinte und Papier
gefordert und kurze Zeit auf einem länglichen Papierstreifchen gekritzelt.
Marta hat diesen Zettel darauf fortgetragen, der Alte hat uns auf das Köpfchen
geklopft und gesagt: »Schwitzen, schwitzen!«
    »Brr!« -
    Mühe genug hat's dem Onkel Wachholder gekostet, einen solchen kleinen,
strampelnden Wildfang zur Räson und ins Bett zu bringen. 's ist auch zuviel
verlangt, die Arme so ruhig unter die Decken zu halten und nur den Kopf frei zu
haben. - Himmel, was bringt Marta da für einen kleinen, braunen Kerl an! Er
gleicht fast dem Sem, dem Ham oder dem Japhet aus dem Noahkasten, trägt ein
rotes Mützchen über das Gesicht gezogen und mit einem Faden umbunden und
schleppt hinter sich her einen langen papiernen Zopf. Was ist's für ein Glück,
dass wir noch nicht imstande sind, die Inschrift darauf zu lesen:
                             Fräulein Elise Ralff.
                                                 Alle 2 St. einen Esslöffel voll.
Wir sehen den Burschen aber doch misstrauisch genug aus unserm Bettchen an, und
der Onkel Wimmer, der zur Hülfe herübergekommen ist (natürlich begleitet vom
Rezensenten), meint gegen mich gewandt:
    »Geben Sie acht, Wachholder, ohne Spektakel wird's nicht abgehen. Das Volk
hat sich erkältet oder erhitzt; einerlei! Schwitzen, schwitzen! Schweiss und
Blut! Probatum est.«
    Marta kommt nun mit einem Löffel, einem Glas Wasser und einem Stück Zucker,
während die Kleine in ihrem Bette immer unruhiger wird und Rezensent immer
gespannter auf die Entwickelung der Dinge zu warten scheint.
    »Ich mag nicht einnehmen!« wehklagt jetzt Liese, als ich dem Meister Sem die
rote Mütze abziehe - »es schmeckt so scheusslich!«
    »Aha«, lacht der Doktor Wimmer - »die oktroyierte Verfassung!«
    Während ich mich mit dem Löffel voll Medizin der Kleinen, die sich immer
weiter zurückzieht, nähere, suche ich vergeblich alle möglichen Gründe für das
schnelle Herunterschlucken hervor.
    »Gib's dem Rezensenten, er war auch gestern mit im Regen!« ruft Lieschen
endlich weinerlich.
    »Ja, das ist auch wahr: kommen Sie, Onkel Wachholder! Der Redaktionspudel
soll's wenigstens kosten, damit die Liese sieht, dass es den Hals nicht gilt.«
    Und der Doktor nimmt, den Rücken der Kleinen zukehrend, den Köter zwischen
die Knie, tut, als ob er ihm einen Löffel voll Mixtur eingösse, und liebkost den
Pudel dabei, dass dieser freudig aufspringt und lustig bellt.
    »Siehst du. Jungfer, wie prächtig es ihm geschmeckt hat! Allons, kleine
Donna! Frisch herunter! - - - Eins, zwei, drei und...«
    Herunter war's. Schnell das Glas Wasser und das Stück Zucker dahinterher!
    »Du hässlicher Hund!« sagt die Kleine ärgerlich, den Mund in dem Deckbett
abwischend, während die alte Marta sie fester wieder zudeckt.
    Der Doktor geht nun zurück zu seinen Korrekturbogen, aber der Hund begleitet
ihn diesmal nicht, sondern springt auf den Stuhl neben dem Bettchen seiner
grollenden Gespielin und schaut gar ehrbar auf sie herab.
    »Ja, kucke mich nur so an und lecke deinen Schnurrbart«, sagt Lieschen. »Es
schmeckte ja doch bitter?! Warte nur, wenn ich erst wieder aus dem Bett darf.«
    Da Rezensent nicht antwortet, so nehme ich für ihn das Wort:
    »Vielleicht freute sich das arme Tier nur, dass es nun auch bald wieder
gesund werden könne, es war doch ebenso nass geworden wie du und hat gewiss auch
die ganze Nacht hindurch gehustet.«
    »Nein«, sagte die Kleine, »er tat's nur, weil ich ihm meine Schürze über den
Kopf gebunden hatte. Sieh nur, wie er sich freut, wie er seinen Schnurrbart
leckt!«
    Dagegen lässt sich nichts einwenden, das Redaktionsvieh leckt wirklich mit
ungeheuerm Behagen die Schnauze, und ich ziehe es vor, die moralische Seite
herauszukehren.
    »Das war aber auch sehr unrecht von dir, Elise! Was hatte dir denn das arme
Tier getan? Eigentlich dürfte ich dir nun die schöne Geschichte, die ich weiss,
gar nicht erzählen.«
    »Wir wollen uns wieder vertragen«, sagt Elise wehmütig und nickt dem Pudel
zu. »Nicht wahr, du?«
    Glücklicherweise legt Rezensent gravitätisch seine schwarze Pfote auf die
Bettdecke, und so nehme ich den Frieden für geschlossen an.
    »Gut denn, wenn du hübsch artig und still liegenbleiben und weder Händchen
noch Füsschen hervorstrecken willst, so werde ich dir eine wunderbare Geschichte
erzählen, die noch dazu ganz und gar wahr ist.
    Höre:
    Es war einmal ein - Küchenschrank, ein sehr vortrefflicher, alter,
ehrenfester Küchenschrank, und er stand und steht - draussen in unserer Küche, wo
wir ihn uns morgen ansehen wollen! - Er war fest verschlossen, welches von zwei
sehr wichtigen und angesehenen Personen, die davorstanden, für das einzige Übel
an ihm erklärt wurde. Marta hatte aber die Schlüssel in ihrer Tasche, und beide
Personen, die ich dir sogleich näher beschreiben will, erklärten das einstimmig
- sie waren sonst selten einer Meinung - für sehr unangenehm, sehr unrecht und
sehr Misstrauen und Verachtung erregend.
    Ich habe schon gesagt, dass beide davorsitzende Personen von grossem Ansehen
und Gewicht waren sowohl in der Küche wie auf dem Hofe und dem Boden. Beide
machten sich oft nützlich, oft aber auch sehr unnütz. Jede hatte ein Amt zu
verwalten und verwaltete es auch - das war ihre Pflicht; jede mischte sich aber
auch nur zu gern in Dinge, die sie durchaus nichts angingen, und das - war sehr
unartig. Vor dem Küchenschrank zum Beispiel hatten sie in diesem Augenblick
durchaus nichts zu tun, und doch waren sie da, guckten ihn an, guckten darunter,
guckten an ihm herauf. Es roch aber auch gar zu lieblich daraus hervor!
    Die eine dieser Personen war mit einem schönen weissen Pelz beneidet, einen
kleinen Schnurrbart trug sie um das Stumpfnäschen und schritt ganz leise, leise
auf vier Pfoten mit scharfen Krallen einher. Einen schönen, langen, spitzen
Schwanz hatte sie auch, und sie schwang ihn in diesem Augenblick heftig hin und
her, denn sie ärgerte sich eben sehr, und zwar über drei Dinge:
    erstens: über den verschlossenen Schrank, zweitens: über die andere Person,
    drittens: über sich selbst.
Es war, es war... nun, Lieschen, wer war es?«
    »Die Katze, die Katze!«
    »Richtig, die Katze, Miez, der Madam Pimpernell ihre Katze. (Holla,
Rezensent! Du brauchst nicht aufzustehen!) Die andere Person war etwas grösser
als Miez, hatte einen braunen Pelz an, marschierte auch auf vier Beinen einher
wie Miez, aber lange nicht so leise, und sie ärgerte sich auch über drei Dinge:
das Schloss am Schranke, die Katze und sich selbst. Ihren Schwanz hätte sie
ebenfalls gern hin und her geschleudert, aber sie konnte es leider nicht, denn
sie besass nur einen ganz kleinen Stummel, nicht der Rede wert. Das machte sie
fast noch ergrimmter als Miez, denn die konnte doch wenigstens ihrem Zorn Luft
machen.
    Nun, wer mochte diese zweite Person wohl sein, Liese?«
    »Der Hund, Marquarts Bello!« schrie Elise ganz entzückt.
    »Geraten, es war Bello, der Edle, ein weitläufiger Verwandter vom
Rezensenten und sonst auch ein ganz netter Kerl, aber - wie gesagt - vor dem
Schrank hatte er nichts zu suchen!
    Nun? sagte Miez, den Bello anguckend.
    Nun? sagte Bello, die Miez anguckend.
    Miau! klagte Miez, den Schrank anguckend.
    Wau! heulte Bello, den Schrank anguckend.
    So weit waren sie; sie wollten aber dabei nicht bleiben!
    Packen Sie sich auf den Hof, sagte die Katze, was haben Sie hier zu gaffen?
    Sie hätte ich Lust zu packen, schrie der Hund, scheren Sie sich gefälligst
auf Ihren Boden und fangen Sie Mäuse. Auf kriegen Sie ihn doch nicht!
    Pah! sagte die Katze und schleuderte ihren schönen Schweif dem Hunde zu,
welches soviel heissen sollte als: Armer Kurzstummel, wenn ich nur wollte! Das
war aber dem armen Bello zuviel, denn jede Anspielung auf seinen Stummel machte
ihn wütend, wie auch der Swinegel, der, wie du weisst, mit dem Hasen auf der
Buxtehuder Heide um die Wette lief, nichts auf seine krummen Beine kommen liess.
    Auf sprang also Bello, heulte furchtbar und wollte eben der Miez an ihr
schönes glattes Fell, als auf einmal... Piep, piep, piep! es im Schranke
ertönte.
    Mause, Mi-ause, Mi-ause am Braten drinnen - und ich dri-aussen, dri-aussen,
dri-i-i-aussen! jammerte die Katze.
    Wau, wau; das kommt von Ihrem albernen Betragen und Ihrer Nachlässigkeit!
heulte der Hund, und dann - kam Marta vom Markte zurück, und Hund und Katze
gingen hin, wo sie hergekommen waren.
    Jetzt aber, mein Kind, schlaf ein und schwitze recht tüchtig, damit wir
morgen die Stelle besehen können, wo diese merkwürdige Geschichte vorgefallen
ist.« Und so geschah's; Lieschen schlief ein, ich aber freute mich, wieder
einmal ein Märchen beendet zu haben, wie ein wahres Märchen enden muss, nämlich
ohne allzu klugen Schluss und ohne Moral. Dass der Doktor nicht bei meiner
Erzählung zugegen war, konnte mir ebenfalls nur lieb sein. Jedenfalls hätte er
wieder schnöde politische Vergleiche und Anspielungen losgelassen, was mir sehr
unangenehm gewesen wäre.
    »Herr Wachholder«, sagte Marta auf einmal ganz treuherzig - »das Loch im
Schranke hat der Tischler Rudolf schon wieder zugemacht. Die Mäuse können nun
nicht mehr hinein.«
    »Bis sie sich wieder durchgefressen haben, Marta!« Ich dachte an den Doktor
und seine Anspielungen.
                                                                   Am 11. Januar
Wie der Efeu aus dem Ulfeldener Walde höher und höher hinaufsteigt an der Wand
des Fensters, geküsst von der warmen Sonne, getränkt von kleinen, sorgenden
Händen, welche alle verwelkten gelben Blätter abpflücken, dass die Pflanze immer
frisch und jung dastehe!
    Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre, und das junge
Menschenkind wächst und entfaltet sich schöner und blühender als die
köstlichste, wundersamste Pflanze. Die alte Marta wird immer älter und
gebückter, und graues Haar mischt sich mehr und mehr unter mein braunes. Zum
erstenmal ist der Tod an mein Kind herangetreten. Es hat über der ersten Leiche
geweint. Der hübsche, goldgelbe Kanarienvogel, der so zahm und lieb war, lag
eines Morgens kalt und erstarrt auf dem Boden seines kleinen Hauses.
    So fand ihn Elise und schrie auf, nahm ihn in ihre Hände hauchte ihn an und
suchte ihn zu erwärmen - ach, armes Kind die Toten kommen nicht wieder!
    Leg ihn nieder, deinen kleinen Freund; auch dir jungem Wesen ist es jetzt
schon nicht mehr vergönnt, zu klagen und zu trauern, wie du wohl möchtest; auch
dich hat das Leben jetzt schon erfasst und in seine Wirbel gezogen; - gehe hin
mit deinem gedrückten kleinen Herzen - dass du die Schule nicht versäumst! - Elf
Jahre alt ist mein Kind jetzt in den Blättern der Chronik. Das runde Gesichtchen
zieht sich schon mehr und mehr zu jenem Oval, welches das Bild dort an der Wand
so lieblich macht; aus Lieschens Kinderstimme klingt mir nun oftmals - wenn sie
sich wundert, sich freut oder klagt - ein Ton entgegen, der mich fast erschreckt
auffahren lässt. Es ist derselbe Ausruf, den sie an sich hatte! Wer hat ihn dich
gelehrt, kleines Herz? Diesen Ton, den ich für ewig verklungen hielt und welcher
jetzt nach so langen Jahren wieder frisch und lebendig wird?
    Weine nicht mehr, Lieschen, sieh, ich will dich an ernstere Gräber führen,
draussen vor der Stadt. Da wollen wir uns hinsetzen unter die blühenden
Rosenbüsche und denken, dass die Welt so gross, so unendlich gross sei und doch
nichts darin verlorengehe! Da wollen wir auch dem toten Vogel sein kleines Grab
graben und uns vorstellen, dass im nächsten Frühlinge aus seinem Leibe eine
hübsche goldgelbe Blume aufspriessen werde: zur Freude des bunten, winzigen
Schmetterlings und des grossen, ewigen Gottes.
    Stecke dein Butterbrot in deine Korbtasche, Lieschen (wenn du es heute
vielleicht auch verschenken wirst) - gib mir einen Kuss und grüsse den Herrn
Lehrer Roder. Du kannst ihn auch fragen, ob er nicht morgen am Sonntag mit uns
hinausgehen wolle in den Wald und vielleicht noch weiter.
    Lieschen nickte und ging - noch immer schluchzend: ich aber machte mich auf
den Weg zur Expedition der Welken Blätter, ohne eine Ahnung von dem neuen
tragischen Ereignis, welches den Tag noch wichtig machen sollte.
    Mohrenstrasse Nr. 66 war damals schon und ist auch heut noch das Büro dieses
bekannten Blattes. Ich hatte bald meine Geschäfte abgemacht mit dem
Hauptredakteur, dem Doktor Brummer, einem kleinen, quecksilbrigen Individuum mit
goldener Brille und roter Perücke - jetzt lange tot -, und schwatzte noch mit
den anwesenden Journalisten und den Künstlern beiderlei Geschlechts, die gelobt
sein wollten, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und der Doktor Wimmer
erschien, begleitet von dem uns nur zu wohl bekannten dicken, hochrotgesichtigen
Polizeikommissar Stulpnase. Da sie miteinander eintraten, war es nicht
ausgemacht, wer von beiden den andern eigentlich mitschleppe.
    »Meine Herren«, schrie, einen gestempelten Bogen schwingend, der Doktor,
»ausgewiesen!«
    »Ausgewiesen!?« ertönte es im Chor verwundert und fragend.
    »Ausgewiesen? Was das sein, Signore dottore?« fragte Signora Lucia
Pollastra, die jüngst angekommene Basssängerin.
    »Ausgewiesen - ausgewiesen - das heisst - cela veut dire: -eliminito!« sagte
der Hauptredakteur, der alle Sprachen zu kennen glaubte.
    »Dio mio!« rief die Sängerin, die so klug als zuvor war.
    »Sehen Sie, Wimmer, ich hab's mir gleich gedacht!« schrie eine feine
sächsische Stimme, die dem zweiten Redakteur Flussmann aus »Dresen« zugehörte -
»wie konnten Sie aber auch das schreiben?«
    Der Journalist nahm die letzte Nummer der Welken Blätter und las:
    ... Und wenn alle Esel dieser Massregel Beifall brüllen sollten: ich kann sie
nur »bewimmern«!
    »Und er hatte seinen Lohn dahin und wurde selbst gemassregelt!« sagte der
Doktor, welcher sehr gemütlich, den Hut auf einem Ohr, die Zigarre im Munde, auf
einem hohen Dreibein sass.
    »Ich hätte das deinetwegen schon nicht aufnehmen sollen, Wimmer!« sagte
Brummer.
    »Dann hättest du ja selbst unter die Beifallsbrüller gehört, Alter!«
    Jetzt mischte sich aber die hohe Polizei ein, welche bis dahin
stillgeschwiegen und nur mit Würde geschnauft hatte.
    »Also in vierundzwanzig Stunden, Herr Doktor...«
    »Habe ich das Nest hinter mir, Edelster! Seien Sie unbesorgt!« lachte der
Doktor. »Aber halt, Verehrtester, würden Sie mir vielleicht wohl erlauben, Ihnen
jetzt noch eine kleine Rede zu halten? - Fritze, Lümmel! Gib dem Herrn Kommissar
einen Stuhl!«
    Fritze, der unendlich selig grinste, kam dem Gebote nach; die Polizei liess
sich schnaufend nieder, und ihr Opfer - begann:
    »Ich habe in Jena studiert, Herr Polizeikommissarius. Das ist eine
allgemeinhistorische Tatsache, aber es knüpft sich Bemerkenswertes daran. Damals
gab es dort einen raffiniert groben Philister, Deppe genannt, der alle
Augenblicke eine sehr drastische Redensart herausdonnerte, übrigens aber der
Gott aller der wilden Völkerschaften: Vandalen, Hunnen, Alanen, Viso-, Möso- und
Ostrogoten usw. usw. war. Verehrtester Herr Kommissarius, der deutsche Student,
viel zu zartfühlend, viel zu sehr von Albertis Komplimentierbuch angekränkelt,
konnte unmöglich diese Redensart adoptieren. Ebensowenig aber konnte er auch den
Effekt derselben auf Pedelle, Manichäer und dergleichen Gesindel entbehren. Was
tat er? - Er deckte Rosen auf den Molch und sagte: Deppe! - Deppe überall! Deppe
konnte jeder Rektor magnificus, Deppe jeder Professor, Deppe jede
Professorentochter sagen. Also, Herr Polizeikommissarius: Deppe! - 'n Morgen,
meine Herren! Addio, Signora Pollastra, brüllen auch Sie wohl! Ich muss packen!«
    Damit schob sich der Doktor der Philosophie Heinrich Wimmer und verliess das
Expeditionszimmer der »Welken Blätter«, um es nie wieder zu betreten.
    Nie aber habe ich ein solches Gesicht wiedergesehen als das des edlen
Stulpnase. Sprachlos sass er da; auf einmal aber sprang er auf, stülpte den
Dreimaster über und schrie:
    »Man soll ja nicht denken, seinen Spass mit einer hohen Behörde treiben zu
können!« Damit stürzte auch er fort.
    »Wenn er nur nicht herausbringt, was Deppe heisst!« sagte der Hauptredakteur
unter dem unendlichen Gelächter der Redaktion und der Anwesenden, und die
Versammlung löste sich auf. -
    Nach Hause zurückgekehrt, traf ich die kleine Liese, die bereits aus ihrer
Schule heimgekommen war, über einer bunten Pappschachtel an, in welche Marta
den Vogel gelegt hatte. Den Doktor hörte ich drüben gewaltig rumoren, und von
Zeit zu Zeit erschien er am Fenster, blies eine Rauchwolke zum blauen
Sommerhimmel hinauf oder pfiff eine Passage aus dem östreichischen Landsturm,
seinem Lieblingsstück. Der kleinen Liese sagte ich von dem Schicksal ihres
dicken Freundes noch nichts; ich wollte ihr das Herz nicht noch schwerer machen.
Mittags konnte sie schon so vor Betrübnis nichts essen, obgleich sie ihr
Butterbrot richtig weggeschenkt hatte. Alle Augenblicke richteten sich ihre
Augen auf die bunte Schachtel, worin das tote Tier lag.
    Am Abend begruben wir es unter dem blühenden Rosenstrauch zu den Füssen der
Gräber von Franz und Marie. Die roten Abendwolken segelten über uns weg, die
Rosen dufteten so herrlich, überall Licht und Blumen. Ich sass auf dem Bänkchen
neben den Gräbern; Elise hatte ihr Köpfchen an meine Brust gelegt, sie hatte
sich so müde getrauert, dass sie - o glückliche Kindheit! - die Augen schloss und
einschlummerte.
    Eine schöne, ältere, bleiche, schwarzgekleidete Dame kam und kniete an einem
einfachen Denkmale nieder; arme Kinder legten, weiter weg an der Kirchhofsmauer,
Walblumenkränze auf das Grab des toten Vaters; ein Greis schritt gebückt unter
den Steinen und Kreuzen umher, die Aufschriften lesend.
    In der Stadt verkündeten alle Glocken den morgenden Sonntag; voll und rein
wogten die feierlichen Klänge, die in den Strassen im Rollen und Rauschen der
Arbeit ersticken, über diese stille Welt hinweg. Immer goldner glänzte der
Himmel im Westen, immer tiefer sank die Sonne dem Horizont zu. Nacht ward's auf
der einen Hälfte dieses drehenden Balles, während auf dem grossen Atlantischen
Ozean vielleicht eben ein Schiff, dem jungen Amerika entgegensegelnd, die Sonne
aufsteigend begrüsste. Vielleicht ist es nur ein Schiff, das jetzt im jungen Tage
segelt, während hier die Nacht sich über so viele Millionen legt. Dort steht der
Führer auf dem Verdeck, das Fernrohr in der Hand; im Mastkorb schaut ein
freudiges Auge nach dem ersehnten Lande aus, überall Leben und Bewegung. - -
Hier zündet der einsame Denker seine Lampe an und schlägt die Bücher der
Vergangenheit auf, die Zukunft daraus zu enträtseln, und findet vielleicht, dass
die Nacht, die auf den Völkern liegt, ewig dauern wird, in demselben Augenblick,
wo auf jenem einsamen Schiff der Willkommensschuss donnert, »Amerika!« die zu dem
Schiffsrand stürzende Auswandrerschar ruft und eine Mutter ihr kleines,
lächelndes Kind in die Morgensonne und dem neuen Vaterland entgegenhält!
    Das Gras fängt an, feucht zu werden, ich muss meine kleine Schläferin
aufwecken. Die bleiche Frau erhebt sich ebenfalls; sie kommt auf uns zu. Wir
kennen uns nicht; aber hier auf dem Kirchhof scheut sie sich nicht, sich über
mich und das schlummernde Kind zu beugen.
    »Lassen Sie mich die Kleine küssen!« sagt sie.
    Ich sehe sie unter den Bäumen verschwinden, ein Tuch vor den Augen.
    Elise erwacht: »O wie schön!« ruft sie, in die Glut des Abends schauend.
    »Gute Nacht, Franz! Gute Nacht, Maria!«
    Holla! Was ist in der Sperlingsgasse los? Als wir nach Haus kommen, herrscht
ein Tumult darin, wie ich ihn noch nie darin erlebt habe. In allen Haustüren
schwatzende Gruppen, jede Arbeit eingestellt: Salatwaschen, Schuhflicken,
Strümpfestopfen, Hämmern, Sägen, Federkritzeln, alles ins Stocken geraten, nur
nicht - die Zungen!
    »O je, o je, Herr Wachholder, sehen Sie mal da oben!« schreit Marta, die
auf der Treppe unserer Haustür, umgeben von einem Kreis Nachbarinnen, Posto
gefasst hat, mir schon von weitem zu.
    »Was gibt's denn, Marta? Was ist los?« rufe ich ihr entgegen.
    »Der Herr Doktor Wimmer ist los!« jubeln zwanzig Stimmen um mich her, und
zwanzig Finger zeigen nach dem Fenster des vortrefflichen Burschen, welcher bis
jetzt der »bunte Hund« der ganzen Gasse war.
    Ein grosser Bogen Papier flattert dort oben, und darauf steht mit gewaltigen
Buchstaben:
                                   DR. WIMMER
                                    P. P. C.
Aus dem offenen Fenster aber beugt sich - Herrn Polizeikommissarius Stulpnases
ehrwürdiges Vollmondgesicht, und seine weissbehandschuhten Hände sind bemüht, den
Zettel abzunehmen.
    Ich überliefere schnell die verwunderte Liese der alten Marta und steige
die Treppen zu der Wohnung des Doktors hinauf, welches sehr langsam geht, denn
vor mir her schiebt sich eine unheschreibliche, wunderbare Masse von
Kleidungsstücken ächzend und stöhnend den engen Weg langsam, langsam hinauf.
    Das war die dicke Madam Pimpernell, die das Ereignis seit langen Jahren zum
ersten Male wieder in die obern Räume ihres Hauses trieb.
    Das Zimmer beschrieb ich neulich bei meinem Besuch des Zeichners Strobel und
brauche daher jetzt nur zu sagen, dass der Nachlass des Doktors in einem
zerspaltenen Stiefelknecht, einer leeren Zigarrenkiste Fumadores regalia und -
einem Exemplar der »Flodoardine« bestand.
    Stulpnase sass da auf einem Stuhl, schaute das leere Nest wehmütig-grimmig an
und ächzte:
    »Ausgewiesen! Nun gar ausgekniffen! Donnerwetter - ohne erst für seinen
Deppe gesessen zu haben.«
    »Jotte, einer armen Witfrau ihren besten Mieter abzutreiben, is das in der
Ordnung, Herr Kumzarius? Habe ich darum Ihrer Frau die Butter immer um 'nen
Dreier billiger gelassen?« greint die dicke Madam Pimpernell, die ebenfalls dem
Beamten gegenüber auf einen Stuhl gesunken ist.
    »Halte Sie das Maul. Frau!« schnauzt Stulpnase, worauf die Dicke ein Gesicht
macht, wie es einst jedes brave korintische Weib geschnitten haben muss, als es
das Wort des Apostels Paulus hörte: Mulier taceat in ecclesia.
    Nach einer feierlichen Stille von einigen Minuten stösst Stulpnase ein
dumpfes Geheul aus und seufzt in sich: »Deppe.« Plötzlich aber, mit Wut auf
seine Brusttasche schlagend, schreit er: »Und hier hab ich den Verhaftsbefehl:
Beleidigung eines Beamten im Dienst, und - ausgekniffen!«
    Ich wage es nicht, den aufgebrachten Leuen durch Lachen noch mehr zu reizen,
verschwinde und platze erst auf der Treppe los, die beiden Würdigen einander
gegenüber sitzen lassend.
    In der Gasse steckt mir Marquart ein Billett zu und flüstert geheimnisvoll,
nach dem Fenster des Doktors deutend:
    »Das hat er zurückgelassen für Sie, Herr Wachholder!«
    Der Zettel lautet:
»Liebster Freund!
Eine hohe Polizei weiss, was Deppe heisst, obgleich es nicht im
Konversationslexikon steht. Ein Freund hat mich gewarnt - ich verschwinde! - In
den böhmischen Wäldern sehen wir uns wieder!
                                                                     Dr. Wimmer.
P. Scr. Der Redaktionspudel begleitet mich!«
»Onkel, was soll denn das alles bedeuten, wo ist denn der Onkel Doktor?« fragt
die kleine Liese, welche, obgleich schon im Nachtzeug, nicht vom Fenster
weggekommen ist.
    Ich schreibe: pour prendre congé auf einen Zettel, und Lieschen, die jetzt
schon eine kleine Gelehrte ist, hat mit Hülfe eines Diktionärs noch vor dem
Schlafengehen heraus: »Um - nehmen - Abschied.«
    »Der Onkel Wimmer muss eine kleine Reise machen, Schatz!«
    Damit geht Elise getröstet zu Bette und verschläft und verträumt sanft ihren
ersten Schmerz, In diesem Alter genügt noch eine Nacht, ihn zu begraben.
                                                                   Am 12. Januar
Ich hab's mir wohl gedacht, als ich diese Bogen falzte, und ich hab's auch wohl
mit aufgeschrieben, dass ihr Inhalt nicht viel Zusammenhang haben würde. Ich
weile in der Minute und springe über Jahre fort: ich male Bilder und bringe
keine Handlung; ich breche ab, ohne den alten Ton ausklingen zu lassen: ich will
nicht lehren, sondern ich will vergessen, ich - schreibe keinen Roman!
    Heute werfe ich zum erstenmal einen prüfenden Blick zurück und muss selber
lächeln. Alter Kopf, was machst du? Was werden die vernünftigen Leute sagen,
wenn diese Blätter einmal das Unglück haben sollten, hinauszugeraten unter sie?
    Doch - einerlei! Lass sie sprechen, was sie wollen: ich segne doch die
Stunde, wo ich den Entschluss fasste, diese Blätter zu bekritzeln, mit einem Fuss
in der Gegenwart und Wirklichkeit, mit dem andern im Traum und in der
Vergangenheit! - Wieviel trabe, einsame Stunden sind mir dadurch nicht
vorübergeschlüpft sonnig und hell, ein Bild das andere nachziehend, dieses
festgehalten, jenes entgleitend: ein buntes, freundliches Wechselspiel! So
schreibe ich weiter.
    Manche alte verstaubte Mappe mit Büchern, Heften, Zeichnungen, vertrockneten
Blumen und Bändern liegt da: ich brauche nur hineinzugreifen, um eine süsse oder
traurige Erinnerung aufsteigen zu lassen, keine aber so duftig, so waldfrisch
als die folgende, welche ich überschreibe:
                                Ein Tag im Walde
»Fahren wir, oder gehen wir?« hatte Lieschen am Abend jenes auf den vorigen
Seiten beschriebenen, so ereignisvollen Tages noch gefragt.
    »Wir fahren!« war die Antwort gewesen, und glücklich darüber hatte das Kind
das Näschen nach der Wand gekehrt und war eingeschlafen.
    Mit dem Wagen erschien am andern Morgen auch Roder, der Lehrer Elisens, den
leichten Strohhut auf dem Kopf, die grüne Botanisierbüchse auf dem Rücken, schon
an der Ecke lustig nach dem Fenster hinaufwinkend.
    Die alte Marta hatte den Kaffee fertig, und Lieschen, die bei ihrem Eifer,
ebenfalls fertig zu sein, diesmal mehr Hülfe als gewöhnlich nötig gehabt hatte,
sprang die Treppe hinunter und erschien nun, den Lehrer hinter sich herziehend.
    Roder ist einer jener Volkslehrer, wie sie nur Deutschland hervorbringt. Er
ist, wie es sich fast von selbst versteht, der Sohn eines Schulmeisters, der
wiederum der Sohn eines Schulmeisters war; denn wenn es einen Stand gibt, der
sich durch Generationen fortpflanzt, so ist es das deutsche Volkslehrertum. Da
bringt der Vater vom Lande einen seiner gewöhnlich sehr zahlreichen Söhne in die
Stadt mit einer Bibel, einem Gesangbuch und vor allem einem Choralbuch als
Bibliotek. Der Junge ist der Stolz seines Vaters. Wer hat ein grösseres Talent,
die Orgel zu spielen? Wer hat eine bessere Stimme - wenn sie auch gerade sich
setzt? So ausgerüstet betritt der junge Gelehrte den Schauplatz seiner weitern
Ausbildung; gewaltig packt ihn anfangs das Heimweh unter der wilden Bande seiner
Mitschüler, die ihn hänseln und zum besten haben in seiner Gutmütigkeit und
Unerfahrenheit. Das Leben ist ihm anfangs nur ein erster April, wo man die
Narren »umherschickt - in den April«. Selbst der Zuwachs seiner Bibliotek,
bestehend aus den Schulbüchern seiner Klasse und Funkes Naturgeschichte, vermag
ihn nur mittelmässig zu trösten; ein grösserer Freund ist ihm in dieser Epoche
seines Daseins das alte wacklige Klavier, welches ihm der Vater für ein billiges
gemietet und in sein Dachstübchen gestellt hat. Davor sitzt der Arme und spielt
seine Choräle und Volksweisen - letztere nach dem Gehör, und denkt zurück an
sein Dorf, an seine Eltern und Geschwister und vor allem an die Schule, wo er
der Erste war - ja sogar in der Ernte den Vater zuweilen vertreten durfte;
während er hier - er, der grosse Bengel! - ganz unten seinen Platz unter den
Kleinsten, Dummsten und Faulsten bekommen hat!
    Warte nur, armer Kerl - sieh, da bricht schon der erste freudige Strahl in
dein dunkles Sein. Gewöhnlich gibt es auf jeder Schule einen Lehrer, der ein
Original, ein Sammler, vielleicht ein leidenschaftlicher Naturfreund ist, womit
meistens die Gabe der Mitteilung sich verbindet, dem begegne, du armes einsames
Gemüt, und du wirst einen Freund gefunden haben. Jetzt verändert sich alles!
    Welch ein Schweifen nun über Berg und Tal; welch ein Versenken in all die
kleinen und kleinsten gewaltigen Wunder in der Luft, im Wasser, auf und unter
der Erde! Wie sich das Dachstübchen füllt mit Käfern, Schmetterlingen, Herbarien
usw. Welch eine selige Ermüdung an jedem Abend, welch ein Träumen in der Nacht,
welch ein Erwachen am Morgen!
    Nun zieht eine Wissenschaft alle andern nach sich; die Klassen werden
durchflogen - den Schiller lernen wir auswendig, und die Welt dehnt sich immer
schöner und weiter vor uns aus. - Ach, ein Faust zu sein, ist es nicht nötig,
alles studiert zu haben: das Wollen allein genügt, den Mephistopheles aus dem
Nebel hervortreten zu lassen!
    Stütze nur die heisse Stirn auf die Hand, du Sohn Deutschlands, in langen
durchwachten Nächten, beschwöre nur die Geister alter und neuer Zeit herauf, sie
sind doch stets um dich, die Gespenster: Lebensnot und Zweifel und vergebliches
Streben!
    Der Arm der Notwendigkeit fasst dich und schleudert dich mit deinem
Wissensdrang in ein kleines abgelegenes Walddorf oder an die Armenschule einer
grossen Stadt; da begrab dein volles Herz und suche - zu vergessen!
    Glücklich, wenn du's kannst; glücklicher aber vielleicht doch, wenn es dir
gegeben ist, auch hier weiterzusuchen. Der Pulsschlag des Weltgeistes pocht ja
überall: »Suchet, so werdet ihr ihn finden!« sagt das schönste der Bücher, das
so leicht zu verstehen ist und so schwer verstanden wird.
    Ungeduldig klatscht der Kutscher unten vor der Tür, ungeduldig treibt Elise;
während Marta noch immer Zurüstungen macht wie zu einer Reise nach dem Nordpol.
Endlich aber steigen wir in den Wagen.
    Unsere Sonntagsodyssee beginnt.
    »Hätte der Onkel Doktor nicht morgen abreisen können?« fragt noch Lieschen,
nach dem Zettel droben schauend, auf welchem die Madam Pimpernell ankündigt:
    »Hier ist eine Stube mit Kabinett zu vermieten.«
    Roder lächelt, scheint etwas auf dem Herzen zu haben, aber sich gegenwärtig
auf Weiteres nicht einlassen zu wollen, und so rollen wir durch die noch stillen
Strassen dem Tore zu. An den Wochentagen ist's um diese Zeit schon lebendig
genug, heute aber schläft das Volk der Arbeit in den Morgen und den Sonntag
hinein; es hat das Recht dazu nach sechs Schöpfungstagen.
    Jetzt sind wir in den grünen Anlagen, die sich rings um die Stadt ziehen.
Landhäuser und Gärten fassen auf beiden Seiten die Strasse ein. Eine
Eisenbahnlinie geht mitten über den Weg, und wir müssen anhalten, denn ein Zug
fliegt eben brausend und schnaubend dem Bahnhofe zu. Der Sonntag, der den
Städter hinausführt, bringt den Landmann hinein in die Stadt, und alle die
Tausende, die heute ein- und ausfliegen werden, suchen alle ein anderes Ziel des
Genusses, jeder die Freude auf eine andere Weise.
    Schon haben wir die letzten Gärten hinter uns und fahren nun langsam die
Pappelallee hinauf den Höhen zu, welche im weiten Umkreis die grosse Ebene und
die grosse Stadt umgrenzen. Die Sonne steigt empor über dem Walde; die Knospen,
die Blätter, die Blumen tragen alle einen Tautropfen, das Geschenk der Nacht;
die Lerche erhebt sich jubelnd in die blaue frische Luft, und auch sie schüttelt
Tau von den Flügeln. Wenn wir zurückblicken, liegt die grosse Stadt noch verhüllt
in dem silbergrauen Duftschleier, den sie selbst sich weht und den sie, wie
Penelope den ihrigen, nur zertrennt, um ihn von neuem zu knüpfen. Wie eingewebte
Goldsterne blitzen die Kreuze der Türme - die Zeichen des Leids - darauf. - Wir
aber fahren schon im vollen Sonnenschein, und jetzt sind wir am Rande des Waldes
angekommen; nun brauchen wir den Wagen nicht mehr, und schnell rollt er die
Höhen wieder hinab der Stadt zu.
    Was trappelt auf einmal vor uns und raschelt durch das welke Laub des
vorigen Jahres, das den Boden bedeckt? Was bricht da durchs Gebüsch, die Ohren
und den schwarzen Pelz nass vom Morgentau, lustig jetzt um uns her bellend und
springend und die hellen, blitzenden Tropfen abschüttelnd?
    »Hurra! Willkommen im Walde!« ruft eine wohlbekannte Bassstimme.
    Wer trabt da lachend her - hinter einer kleinen Rauchwolke, eine hohe,
schwankende Königskerze auf dem Hut - auf dem Fusspfade, der seitab tiefer ins
Holz führt?
    »Willkommen, fahrender Recke!« ruft Roder, den Hut schwingend.
    »Allerseits schönsten guten Morgen!« grüsst der ausgewiesene Doktor, den
abgenommenen Maulkorb des Pudels in die Höhe schleudernd und wiederfangend.
    »Hast du mit Rezensent im Walde geschlafen?« fragt die kleine Liese.
    »Der Herr Polizeikommissarius lässt Sie grüssen, Wimmer!« lache ich.
    Jeder hat zu gleicher Zeit zu fragen und zu antworten, und jeder tut es
auch, während Rezensent sich immer dicht an Elise hält, von Zeit zu Zeit ein
kurzes fideles Gebell ausstösst und fest unsern Proviantkorb im Auge behält.
    Mit patetischer Gebärde tritt jetzt der Doktor an den Rand der Höhe,
streckt den Arm gegen die Stadt aus und deklamiert: »Ha, da liegt sie - die
Undankbare, sie, wo ich meine Nächte durchwachte und meine Tage verschlief
Sänger und Sängerinnen, Schauspieler und Schauspielerinnen, Ballettänzer und
Ballettänzerinnen lobte oder herunterriss - wo ich so manchen Leitartikel schrieb
- wo ich so manche Pfeife rauchte! Da liegt sie wollüstig träumend im
Morgenschlummer, während ich umherirre, verbannt, vertrieben, an die Luft
gesetzt, eliminito, wie der Doktor Brummer sagte, gejagt, gemassregelt - ein Lamm
im scharfen Nordwind. Nest! - Brüste dich mit deinen Gardeleutnants, deiner
famosen Musenbude, die ich dort über die Dächer zwischen dem Pfeffer- und
Salzfasse ragen sehe - ich verachte dich, ein deutscher Zeitungsschreiber! Mache
in der Liste deiner unter polizeilicher Aufsicht Stehenden ein dickes Kreuz
hinter dem Namen: Heinrich Teobald Wimmer Dr. phil., setze ein dreimal
unterstrichenes Ausgewiesen dahinter; ich schüttle deinen Staub Von meinen
Füssen, ich Verachte dich! - Bin ich nicht heimatsberechtigt in München an der
Isar, stehen nicht viele Löcher offen im edlen Was-ist-des-Deutschen-Vaterland?
Zeugt nicht dieser solide Bauch« (hier schlug sich der Doktor auf den erwähnten
Körperteil) »Von Bayern? Es lebe München! - Ha, prophetisch verkünde ich dir,
ausweisender Pascha von soundsoviel Rossschweifen: ein Schmächtigerer, aber
Giftigerer wird meine Stelle einnehmen. Erfahren sollst du,
zeitungenüberwachende Behörde, dass das, was ihr Unkraut nennt, wenigstens auch
die Tugend desselben hat: nämlich nicht zu verderben und auszugehen! Fort in die
Bresche, mein unbekannter Mitkämpfer! Mein Segen begleitet dich! Dixi, ich habe
gesprochen! - Komm, Lieschen!«
    Damit warf der Doktor den Maulkorb den Berg hinunter der Stadt zu, hob die
Kleine empor, setzte sie mit ihrer Tasche und den ersten während seiner Rede von
ihr gepflückten Blumen auf seine Schulter und schrie: »Allons, meine Herren;
hinein in den Wald! Kehren wir dem Neste den Rücken zu!«
    Mit diesen Worten trabte der tolle Gesell auf dem Fusspfad, auf dem er
gekommen war, zurück ins Holz; Roder und ich folgten lachend. Der
Exredaktionspudel sprang auch wie toll hinter uns her; »gaudeamus igitur« tönte
des Doktors Bass in das beginnende Konzert der Vögel, unser Sommersonntag im
Walde hatte begonnen.
    Welch ein Tag war das!
    Dieses erste Eintreten in die grüne Blätterwelt - dieses Aufatmen aus voller
Brust! Der Doktor hatte mit der sich gewaltig sträubenden Liese einen
ordentlichen Galopp angeschlagen und war unsern Augen entschwunden, unsern Ohren
aber nicht. Die Kleine lachte - wurde ärgerlich - bat; der Pudel bellte aus
Leibeskräften, und der Doktor fiel aus einem seiner Studentenlieder ins andere.
    Mit seiner Ausweisung schien der alte Jenenser Bursch alle
gesellschaftlichen Bande für aufgelöst zu halten.
    »Das ist ein sonderbarer Menschentypus«, sagte Roder lächelnd, als wir
langsamer hinterhergingen: »die personifizierte Gutmütigkeit unter dieser
tollen, barocken Maske. Wir sind Jugendfreunde, welches sonderbar scheinen kann,
da er in Lumpenhausen das Gymnasium besuchte, während ich auf dem Seminar mich
zum Schulmeisterlein einpuppte. Ebensogut hätte ein Guelfe mit einem Ghibellinen
Arm in Arm auf der via dei malcontenti in Florenz spazierengehen können. - Aber
es war so, er lehrte mich Zigarren drehen, ich dagegen brachte ihm bei, sich auf
dem Klavier mit einem Finger zu dem famosen Liede zu begleiten:
Mihi est propositum
In taberna mori...
Später verlor ich ihn aus den Augen; ich wurde Hülfslehrer in Lammsdorf, er ging
auf die Universität. Da sass ich eines Abends und untersuchte Moose durch die
Lupe, als mich plötzlich jemand auf die Schulter klopfte und eine Bierbassstimme
- wie weiland Leibgeber zum Armenadvokat Siebenkäs - 'n Morgen, Roder hinter mir
sagte. Es war Wimmer, der, wegen Übertretung der Duellgesetze relegiert, die
grosse Tour machte, wie er sagte. Geld besass er schon damals nicht, aber viel
Humor und guten Mut, und so hat das Schicksal uns öfters wieder einander in den
Weg geführt, und immer war der Doktor Wimmer - derselbe...«
    »Und aussterben wird diese Art nicht in Deutschland, solange man noch die
Namen: Bier, Romantik und Politik nennen hört«, sagte ich.
    »Halt«, rief der Lehrer, »welch ein prächtiges Aconitum, entschuldigen Sie!«
Damit sprang er ins Gebüsch, die Pflanze auszugraben, während ich in den Bart
murmelte:
    »Und auch deine Art, deutsche Seele, wird nicht ausgehen, solange noch in
eine Blüte das deutsche Gemüt sich versenken kann zwischen Weichsel und Rhein.«
    »Onkel Wachholder, Onkel Wachholder! Kommt alle schnell, schnell einmal
her!« rief jetzt Lieschen in der Ferne.
    »Was gibt's denn, Liese?« ruft Roder, seine Blume in die Botanisierbüchse
legend.
    »Ein wunder-wunderhübsches Vogelnest hat der Onkel Doktor gefunden!« schallt
es wieder, und wir setzten uns in Trab.
    Auf einem kleinen sonnigen Platz seitab vom Wege stand der Doktor, hochrot
vom Singen und Rennen, und liess die Kleine in einen Fliederbusch schauen. Liese,
den Atem anhaltend, um die kleine piepende Welt nicht zu stören, guckte selig
durch die Zweige, während der Rezensent das Wunder weiter unten suchte und, den
Kopf und Leib im Laubwerk verborgen, nur die Hinterbeine und den wedelnden
Husarenbusch zeigte.
    »Nicht wahr, Liese, das musste ich dir doch zeigen? 's ist doch prächtig,
wenn einen die Polizei so früh hinausjagt in den Wald!«
    Ein Buch guckte dem Doktor hinten aus der Rocktasche, und der Lehrer zog's
ihm heraus. Es war - »Reineke de Voss«, des Doktors ewiger Begleiter auf allen
seinen Fahrten, den er fast auswendig wusste. Bei der Berührung des Lehrers sah
er sich auch sogleich um und begann:
De quad deit, de schuwet gern dat licht:
Also dede ok Reinke de bösewicht.
He hadde in de stad so vele missdan,
Dat he dar nicht dorfte kamen noch gan.
He schuwede seer des Konniges hoff
Darin he hadde seer kranken loff! -
»Aber hier, Liese, ist's was anderes; wenn wir hier ein Vogelnest finden, so
dürfen wir auch hineingucken und unsere Meinung darüber sagen.«
    »O das ist wunder-wunderhübsch«, ruft die Kleine, welche gar nicht hört, was
der Doktor sagt. »Sieh, der alte Vogel fürchtet sich gar nicht - oh, welche
grosse Schnäbel - er sitzt ganz still zwischen seinen Jungen und sieht nur nach
dem Rezensenten hinunter! - Er tut dir nichts, kleiner Vogel, bleib ruhig
sitzen!« -
    Jetzt liess der Doktor das Kind auf den Boden gleiten: »Nun lauf zu Fuss«,
sagte er, »das Gras ist trocken.«
    Welch ein Tag! Noch zogen weisse Wölkchen über die Baumwelt weg, bald aber
hatte die Sonne sie verzehrt, und das ewige Blau lächelte rein und klar auf uns
herab. Immer tiefer versenkten wir uns in die duftende Wildnis: »Wo lassen wir
alle die Blumen, die wir pflücken, Lieschen?« - Die Händchen sind schon so voll,
dass wir bei jedem Schritt eine verlieren und dass der Doktor sagen muss:
    »Ist's nicht wie im Märchen, wo der Vater die verlorenen Kinder durch
hingestreute Steinchen wiederfindet? Ein verfolgter Zeitungsschreiber -
schrecklich - die Häscher sind ihm auf den Fersen - wo hat er sich hingewendet?
- Ha, sagt der erfahrenste der Spürer, ein wahrer Pfadfinder auf der
Vagabondenjagd - seht die Blumen - untermischt mit Zigarrenenden! Lasst uns
dieser Spur folgen, Bruder! - Ha, seht hier im weichen Boden die Hundetapfen! -
Er ist's, er ist's. - Fort, ihm nach! - Schrecklich!«
    »Bravo, Wimmer!« lachte der Lehrer, der wieder eine Pflanze im Gehen
zerlegte. »Welcher Stoff für dein nächstes Werk: wo du es auch schreiben magst,
ich hoffe auf ein Exemplar.«
    »In München werde ich es schreiben, Verehrtester! Habe ich nicht einen
Kontrakt mit dem Buchhändler und Eigentümer der Knospen - Gabriel Pümpel, in der
Tasche? Ist nicht Gabriel Pümpel mein Onkel? Ist nicht Nannette Pümpel meine
Kusine? Wetter, ich sehne mich ordentlich nach dem Nannerl!«
    »Doktor! Doktor!« rufe ich lächelnd.
    »Wahrhaftig«, seufzt der eliminierte Schriftsteller, »ich habe heute
ordentlich Lust, solid zu werden.«
    Ehrlicher alter Bursch!
    »Also das waren deine Gedanken«, sagt der Lehrer lächelnd und gerührt, »als
du gestern den ganzen Nachmittag auf meinem Sofa lagst? Ich konnte dich vor
Tabaksqualm nicht recht sehen, aber du schienst mir aussergewöhnlich nachdenklich
und träumerisch. Gottlob, wenn diese Exilierung so ausschlüge.«
    »Hurra«, schreit der Doktor, den Hut in die Luft werfend: »Es leben die
Knospen! Es lebe das Bockbier! Es lebe das Haus Pümpel und Kompanie!«
    Der Exredaktionspudel ist ausser sich; jetzt hat er die grösste Lust, Elise
vor Wonne über den Haufen zu werfen, jetzt springt er an seinem Herrn in die
Höhe, jetzt ist er im Gebüsch verschwunden, jetzt kommt er auf der andern Seite
wieder zum Vorschein! Bums - da liegt er im Grase, wälzt sich, dass man nicht
weiss, was oben oder unten. Beine oder Rücken, Kopf oder Schwanz ist!
    »Wer hat eine Uhr? Niemand? Desto besser, der Magen ist unsere Uhr. Hier
unter dieser prächtigen Buche wollen wir uns lagern. Wie das Moos so weich ist!
Ausgepackt die Taschen, den Korb, die Botanisierbüchse! Eine Flasche Wein
erscheint. Wer hat einen Korkzieher? Niemand? Desto besser, wir schlagen ihr den
Hals ab; ein niedliches Glas hat Elise mitgebracht.«
    »Holla, Roder, aufgepasst! Rezensent hat den Kopf in Ihrer Rocktasche!«
    »Welch Behagen, sich so im weichen Grase auszustrecken! Wie das schmeckt im
grünen Walde! - Die alte Marta soll leben, sie hat prächtig gesorgt.«
    »Komm, Kind, unsere kleinen Beine sind doch wohl müde! Was bedeuten diese
Faden? Aha, jetzt werden wir Kränze winden. Welche prächtigen wilden Rosen!«
    »Sieh, da kriecht ein Marienkäfer auf deinem Arm, Lieschen; - er entfaltet
die Flügel - prr, dahin geht er, ein kleines rotes Pünktchen im Sonnenstrahl.«
    Elise schaut ihm nach und fängt an zu singen:
Marienvogel kleine,
Rühre deine Beine,
Kriech an meinem Finger 'nauf,
Setz dich als das Knöpflein drauf!
Ist er nicht ein hoher Turm
Für so kleinen roten Wurm?
Und dann mit ganz feiner Stimme:
Roten Purpur trag ich,
Flüglein viere schlag ich!
Gar kein Flüglein regst du,
Nur zwei Bein bewegst du -
Sechs Beine rühr ich,
Sieben Punkte führ ich,
Fliege höher als der Turm!
Wer ist nun der kleine Wurm? - Etsch!
Die Sonne muss draussen gar heiss und drückend sein, sie steht hoch im Mittage.
Hier aber hat sie die Herrschaft mit dem Schatten zu teilen, und zwar so, dass
man gar nicht mehr weiss, wo Dunkel, wo Licht ist, so flimmert und zuckt beides
durcheinander.
    »Wirst du müde, Lieschen? Berauscht dich der Waldduft, kleines Herz? Komm,
lege dein Köpfchen hierher: keine Mücke, keine Fliege, und wenn sie noch so
golden wäre, soll dich im Schlummer stören. Schliesse dreist die Augen und träume
einen hübschen Elfentraum von Schmetterlingen und Blumen und kleinen Vögeln.«
    Wie behaglich der Pudel gähnt und, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt, mit
den Augen blinzelt.
    »'s ist doch ein ganz ander Ding ohne Maulkorb, nicht wahr, Rezensent?«
    Wie, der Doktor so nachdenklich die blauen Zigarrenwölkchen von sich bläst!
Denkt er an seinen ersten Aufsatz in den »Knospen«, denkt er an die Münchener
Kusine?
    Wie sich der Lehrer mit leuchtenden Augen in die Pflanzenschätze seiner
Botanisierbüchse vertieft!
    »Heda, Roder, was für ein Heft schaut da zwischen den Blättern und
Wurzelwerk hervor?«
    »Her damit!«
    Der Lehrer errötet und reicht lächelnd das Heft herüber.
    »Was sehe ich! Vermag der Schulstaub solche Blüten zu treiben?!«
    Grinsend streckte der Doktor Wimmer den Kopf über meine Schulter und machte
nach einigen Blicken auf das Manuskript sogleich Anstalt, es für die »Knospen«
mit Beschlag zu belegen, aber der Lehrer tat gewaltig Einsprache dagegen. Später
schenkte er es mir. Soll ich ein Blatt daraus der Chronik einschieben?
    Es sei! Da ist eins.
»Ich lag am Rande des Bachs und sann nach über die Geschicke der Völker und
Könige und über - meine Liebe. Hinten in der Türkei lagen jene einander in den
Haaren, und drüben in der kleinen Gartenlaube sass mein Schatz und schmollte. Ah!
    Lippe-Detmold ist mein Vaterland - was geht mich die Orientalische Frage an
und der General Sabalkanskoi und die Schlacht bei Navarino?!
    Aber das Frauenzimmer dort?
    Beim grossen Pan, damit muss es anders werden!
    Rot wie die Liebe ist der Abendhimmel: goldne Wölkchen, weisse Tauben
schweben darin hin und wider wie Liebesgedanken... Wo sind meine Diplomaten, wo
meine Kabinettskuriere?
    Es schwanken die Gräser - es regt sich - es läuft, es kriecht, es klettert,
es hüpft, es flattert und fliegt - tausendbeinig, tausendflügelig! Es zwitschert
und summt tausendtönig!
    Dichter-Minister, Frühlings-Räte, Liebes-Gesandte versammeln sich um mich zu
Rat und Tat.
    Wohlan - die Konferenzen sind eröffnet! Allen Gegenwärtigen und Zukünftigen
Gruss! Wen send ich zuerst an jene dort hinter, den Holunderblüten?
    Ach! Du da - fort mit dir zu ihr hin - du mein leichtgeflügelter, magenloser
Herold, du, den sie den roten Augenspiegel nennen, zeig ihr auf deinen weissen
Schwingen die beiden Purpurtropfen, sag ihr, es sei Herzblut - mein Herzblut aus
dem wilden Kampf um die Liebe, die rote Liebe! Da flattert der Bote der Laube
zu; es zittert mein Herz, mein banges Herz. - (Sie - niest!!!) O Dank, Dank, ihr
ewigen, guten Götter, Dank für, das Omen! (Erkälte dich nicht, Luise, nimm ein
Tuch um, hörst du?)
    Wer ist der zweite meiner Boten? Schnell, schnell, meine kleine emsige Biene
- hin zu ihr - summe ihr ins Ohr Honiggedanken, Hausgedanken, Leinen- und
Drellgedanken!
    (Was hat das Frauenzimmer zu lachen über ihrem Nähzeuge in der kleinen
Laube?)
    Und nun mein letzter Bote, mein schwarzer Trauermantel, flattere hin zu ihr!
Hör, was du ihr sagen sollst. Sag ihr: Luise, Luise, der Tag ist zu Ende - die
Eintagsfliegen wurden müde, todmüde - der Bach schaukelt ihre armen kleinen
Leiber fort, vorüber an den Blumen, über denen sie vor einer Stunde noch tanzten
und spielten. Luise, Luise, das Leben ist kurz; Luise, die Nacht bricht herein;
sieh den rotfinstern Streif im Westen, sieh, wie es im Osten unheimlich zuckt
und leuchtet - horch, wie es grollt!
    (Es regt sich in der kleinen Laube! Sie seufzt!) Luise, Luise!
    (Sie tritt heraus!)
    Luise, Luise!
    Die Bäume schütteln ihre Blüten herab auf sie: Ave Luisa! Der Abendwind
flüstert ihr zu: Ave Luisa! Die Blumen des Tages neigen sich ihr: Ave Luisa! Die
Blumen der Nacht öffnen ihre Weihrauchkelche ihr - Ave Luisa! Ave Luisa! (Sie
winkt... sie lächelt...)
    Friede!
    Friede!
    Friede! Läutet die Glocken im Reich!!! Erleuchtet die grossen Städte, die
Dörfer; erleuchtet jedes einsame Haus, Orgelklang in allen Domen, Kirchen und
Kapellen! Auf die Knie, auf die Knie alles Volk! Männer, Weiber, Greise, Kinder.
Jünglinge und Jungfrauen!
Herr Gott! Dich loben wir!
Herr Gott! Wir danken dir!
Friede! Friede im Himmel und auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!«
Ich kannte diese »Luise« des Lehrers gar gut. War sie nicht Gouvernante bei den
Kindern des Baron Silberheim? Hat sie nicht später den Lehrer Roder geheiratet?
Hat sie nicht Glück und Kummer und Verbannung mit ihm geteilt?
    Seid gegrüsst, Otto und Luise Roder, wo ihr auch weilen mögt!
    »Ei, das war schön!« sagte Lieschen erwachend und das Köpfchen aufrichtend.
Sie dachte an ihren Traum im Grünen, nicht an des Lehrers Phantasien - die hatte
sie richtig verschlafen.
    »Was hat dir denn geträumt, Lieschen?« fragte der Doktor, und das Kind
blickte ihn verwundert an.
    »Hab ich denn geschlafen?« fragte sie.
    »Das kann man bei solchem kleinen Mädchen, wie du bist, Liese, niemals recht
wissen. Was hat du denn gesehen und gehört? Erzähle mal!« sagte ich.
    »Oh, es war wunderschön, was ich gesehen habe! Ich konnte gar nicht über das
Gras weggucken; es war wie ein kleiner Wald, und welch eine Menge kleiner Tiere
lief darin herum! Und wenn ich die Augen zumachte, wurde alles so rot, als
brennte der ganze Himmel, dass ich sie schnell wieder aufmachen musste. Ich
dachte, ich wäre ganz allein, da kam auf einmal ein wunderschöner gelber
Schmetterling mit zwei grossen Augen in den Flügeln, die unten ganz spitz
zuliefen, der setzte sich dicht vor meinem Gesicht auf einen Halm und sagte mit
ganz feiner, feiner Stimme:
    Ein schönes Kompliment, kleines Fräulein, und ob Sie nicht zum Tee kommen
wollten zur Waldrosenkönigin?
    Der Herr Lehrer las in diesem Augenblick was vor, ich hätte gern weiter
zugehört und sagte es dem Schmetterling auch. Der aber sagte: bei der Königin
sässe ein gelehrter Herr, namens Brennessel, der hielte gar nichts von der
Geschichte, ich solle daher nur dreist mitkommen. Ich fragte den Schmetterling,
ob's sehr weit wäre; er meinte: weit wär's nicht, aber wir müssten einen Umweg
machen, da läge ein gross schwarz Tier im Grase, das habe greulich nach ihm
geschnappt, als er vorübergeflogen sei. Das war der arme Rezensent! Dann sagte
der Schmetterling: er müsse auch den giftigen Wolken ausweichen, die da
herumzögen und ihm seine hübschen Flügel ganz schwarz machten. Das war des Onkel
Wimmers Zigarrendampf! - Ich war auf einmal so klein geworden, dass mich der
schöne gelbe Schmetterling ganz leicht auf seinen Rücken nehmen und forttragen
konnte zu dem Rosenbusch dort bei der Buche. Da war eine gar niedliche vornehme
Gesellschaft bei der Königin. Da war der brummige, böse, alte Herr Brennessel,
dem jeder gern auswich; da war die dicke Madam Klatschrose, die dicht hinter der
hübschen Königin stand. Fräulein Elise, sagte die Königin, ich freue mich sehr,
Ihre Bekanntschaft zu machen. Ist das Ihr Onkel dorten, der den hässlichen Dampf
ausbläst? - Nein, sagte ich, das ist der Onkel Doktor, den sie weggejagt haben
aus der Stadt; er schreibt Bücher und ist unartig gewesen und hat zuviel Kleckse
und Schreibfehler gemacht! - So, er schreibt Bücher? Dann will ich ihn mal
besuchen! sagte der kluge Herr Brennessel böse...«
    »Alle Wetter«, lachte der Doktor hier, halb ärgerlich über Liesens Traum,
und griff mit der Hand hinter sich, um sich aufzurichten. »Au, Teufel!« schrie
er plötzlich. Er hatte wirklich mit der Hand in einen Brennesselbusch gefasst!
    Wir lachten herzlich, und nur Lieschen sagte ganz ernst: »Siehst du, Onkel
Wimmer, das war er!« Dann fuhr sie fort:
    »Wir tranken nun Tee aus wunderniedlichem Geschirr (Onkel Wachholder, gib
mir noch ein Butterbrot!), und jeder erzählte eine hübsche Geschichte vom
Frühling, Sommer oder Herbst; vom Winter aber wussten sie nichts - da schlafen
sie. dabei hörte ich aber immer den Herrn Lehrer lesen, und Herr Brennnessel
brummte dann dazwischen. Der war auch der einzige, welcher vom Winter erzählen
wollte, es ward aber nicht gelitten. - Auf einmal hörte Herr Roder auf zu lesen,
und ich lag wieder bei dir, Onkel Wachholder, im Grase, und Rezensent steckte
dicht vor meinem Gesicht seine schwarze Nase zwischen den Halmen durch und
guckte mich gross an. Das habe ich gesehen! - War das nicht hübsch? Und nun, Herr
Roder - lesen Sie Ihre Geschichten noch einmal - bitte, bitte!«
    »Danke schön«, sagte lachend der Lehrer. »Der kluge Herr Brennessel hatte
ganz recht, und jetzt sehe ich auch ein: meine Geschichten sind gar nicht
hübsch.«
    Wie lange haben wir so geträumt und erzählt und im grünen Gras und weichen
Moos gelegen? - Schon steigt die Sonne wieder abwärts am blauen Himmel! Muss
nicht der Doktor heute noch durch den Wald nach der nächsten Eisenbahnstation? -
Auf, Liese, winde dem Rezensenten den letzten Kranz um den schwarzen Pelz! Lasst
nichts zurück von euern Sachen! Vorwärts! - Auf engen, schattigen Waldpfaden
geht's nun quer durch das Holz, bis wir endlich das Rollen der Wagen auf der
grossen Landstrasse hören und zuletzt den weissen Streif durch die Stämme schimmern
sehen. Horch, Geigen- und Hornmusik! Im Weissen Ross mitten im Wald an der
Chaussee ist Tanz. Die Haustür ist mit Laubgewinden geschmückt; Stadtvolk und
Landvolk drängt sich allentalben davor und dadrinnen, im Haus und im Garten.
Wir erobern noch eine schattige Laube, und der Doktor gerät in sein Element.
Jetzt ist er oben im Saal, schwenkt sich lustig herum mit einer frischen
Landdirne oder einer kleinen bleichen Nähterin aus der Stadt; jetzt erregt er
unter den Kegelnden ein schallendes Gelächter durch einen wohlangebrachten Witz;
jetzt sitzt er wieder bei uns, den Rock ausgezogen, glühend, pustend, fächelnd.
Und überall, wo der Doktor ist, ist auch der Pudel. Jetzt oben im Saal wie toll
zwischen die Tanzenden fahrend, jetzt, ausgewiesen wie sein Herr aus der Stadt,
steckt er seine feuchte Schnauze unter unserm Tische hervor.
    Immer tiefer sinkt die Sonne herab. Doktor, Doktor, wir müssen scheiden!
    Und der Doktor zieht den Rock wieder an und hängt die Reisetasche um. Wir
alle stehen auf.
    »Also musst du wirklich fort, Onkel Wimmer?« fragt Elise weinerlich.
    »Jaja, liebes Kind!« sagt der wunderliche Mensch plötzlich ernst. Er hebt
die Kleine empor, die sich diesmal nicht sträubt, sondern selbst ihm einen
herzhaften Kuss gibt.
    »Wirst du auch wohl zuweilen an den Pudel und mich denken, Lieschen?«
    »Ganz gewiss«, schluchzt Lieschen, »und ich will schreiben, und der Pudel -
nein, du musst's auch tun!« Der Doktor setzt die Kleine vorsichtig wieder auf
ihren Stuhl. »Lebt wohl, Wachholder«, sagt er, »leb wohl, Roder, alter Freund!«
    Der Pudel blickt ganz verblüfft von seinem ernsten Herrn auf uns und wieder
zurück: es muss etwas nicht ganz in der Ordnung sein.
    »Lebt alle wohl! Ein fröhliches Wiedersehen! Alle! En avant, Rezensent!«
schreit der Doktor, über die Gartenhecke und den Chausseegraben springend, und
rennt, ohne sich umzusehen dem Walde zu. Am Rande bleibt er noch einmal stehen
und schwenkt den Hut.
    »Smollis!« ruft der Lehrer, ihm mit einem Glase zuwinkend. »Grüss die
Münchener Kusine, die hübsche Nannerl!«
    »Fiducit! Soll geschehen!« ruft der Doktor zurück und verschwindet hinter
den Büschen. Rezensent steht noch am Rande, blickt nach uns herüber und stösst
ein kurzes Gebell aus.
    Jetzt ist auch er verschwunden.
    Wir sitzen noch eine Weile still allein.
    »Gott gehe dem ehrlichen alten Gesellen Glück!« sagt der Lehrer vor sich
hin. Ein Omnibus will eben nach der Stadt abfahren. Was sollen wir noch hier?
Wir nehmen Plätze und steigen ein.
    Zurück geht's nun nach der grossen Stadt, die staubige Landstrasse hinunter.
Fröhliche Gesichter jedes Alters und Geschlechts um uns her im dichtbepackten
Wagen! Wie die Sonne so prächtig untergeht! Ade, du schöner Wald! Ade, du alter
Freund Wimmer!
    Da sind wir schon in den Anlagen. Welche sonntäglich geputzte Menge noch
ein- und ausströmt! Wir steigen aus auf dem freien Platz vor dem Tor; den Weg
durch die Stadt bis in unsere Sperlingsgasse können wir wohl noch zu Fusse
machen.
    Da sind wir, als es eben dämmerig wird. Sieh, dort steht die alte Marta
strickend in der Tür; sie erblickt uns und ruft:
    »Guten Abend, guten Abend!«
    »Ach, Marta, das war schön - und - der Onkel Doktor ist fort!« sagt die
kleine müde Elise. Auch der Lehrer sagt jetzt gute Nacht und kehrt zurück in
sein einsames Stübchen, eine lange Woche mühsamer Arbeit vor sich.
    Das war ein Sommertag im Walde, den ich hier aufzeichne in einer öden kalten
Winternacht.
                                                                   Am 25. Januar
Die Kälte ist aufs höchste gestiegen. Wenige Nasen werden in der Sperlingsgasse
herausgestreckt, und die es werden, laufen rot und blau an. Welch ein Künstler
der Winter ist! Die Spatzen fährt er gelb und den freien Deutschen macht er
ausrufen: Mein Haus ist meine Burg!
    Was kann ein Chronikenschreiber bei so bewandten Umständen Besseres tun, als
sein Haus einzig und allein zum Gegenstand seiner Aufzeichnungen zu machen und
die grosse Welt draussen, die allgemeine Gassengeschichte, gehen zu lassen, wie
sie will?
    Im Jahre der Gnade 1619 verbrannten sie zu Rom einen Gottesleugner, genannt
Julius Cäsar Vanini, der hob, auf seinem Scheiterhaufen stehend, einen Strohhalm
zwischen den Holzklötzen auf und sagte lächelnd: »Wenn ich auch das Dasein
Gottes leugnen würde, dieser Halm würde es beweisen!« - Die Geschichte eines
Hauses ist die Geschichte seiner Bewohner, die Geschichte seiner Bewohner ist
die Geschichte der Zeit, in welcher sie lebten und leben, die Geschichte der
Zeiten ist die Geschichte der Menschheit, und die Geschichte der Menschheit ist
die Geschichte - Gottes! Wohin führt uns das? Kehren wir schnell um und steigen
wir die Treppen hinunter in das unterste Stockwerk.
    Da sitzt in dem vorderen Zimmer des Hauswirts und Tischlermeisters Werner
eine weisshaarige, gebückte Frau in ihrem Lehnstuhl hinter dem Ofen, spinnend vom
Morgen bis zum Abend. Das ist die alte Mutter, der Hausfrau, die Tochter des
Erbauers des Hauses, welche, den Grundstein legen und den Knopf auf die
Giebelspitze setzen sah und mit dem Hause und seiner Geschichte verwachsen ist
durch und durch.
    Manche Leiche hat sie in den langen Jahren ihres Lebens hinaustragen sehen:
ihre Eltern und alle ihre Geschwister, ihren Mann und alle ihre Kinder bis auf
eins, die Anna, die Frau des jetzigen Besitzers. Sie hat den Sarg Mariens mit
schmücken helfen und den Sarg Franzens; sie hat ihre Freundin, meine alte
Marta, mit hinausbegleitet zum Johanniskirchhof, wo dieselbe begraben ward an
der Seite ihrer Herrin, und manchen andern vom Dachstübchen bis zur
Kellerwohnung.
    Einst war sie das schönste Mädchen der Gasse - wie sie jetzt noch die
schönste alte Frau ist -, und als der Hausknopf geschlossen werden sollte und
jedes Glied der damals zahlreichen Familie ein Gedenkzeichen hineintat, legte
sie errötend und unbemerkt ein kleines Blättchen hinzu, welches aus fernem Land
gekommen war und die Überschrift trug:
            »Dieses kleine Briefelein kommt an die
            Herzallerliebste in Herz und Liebe.«
und schloss:
»... meiner Liebsten noch einen Gruss und Kuss, und hoff ich zu kommen im Frühling
mit den Schwalben und Hochzeit zu feiern freudiglich mit meinen Schatz, den
grüsst und küsst in Gedankensinn sein herzlieber
                                                               Gottfried Karsten
                                                               Tischlergeselle.«
Oft, wenn der Wind die alte Wetterfahne knirschen und kreischen lässt, mag sie
wohl an das Blättchen im Knopf darunter denken und an den, der's schrieb und der
nun auch schon so lange tot und begraben ist.
    An wie manches Kindbett im Hause aber auch ist die alte Margarete Karsten
gerufen, und wie manches junge Leben hat sie aufblühen sehen im Hause Nr. sieben
in der Sperlingsgasse!
    Wer weiss soviel Wiegenlieder wie sie? Wer weiss soviel Märchen, die alle
anfangen: »Es war einmal« und damit enden dass jemand in ein Fass mit Nägeln und
Ottern gesteckt und den Berg hinabgerollt wird? Wer im Hause hat zu allen
Tageszeiten so viele Kinder um sich, die den Geschichten lauschen, dem
schnurrenden Rade zusehen und abends mit der zunehmenden Dämmerung immer dichter
an den grossen Lehnstuhl sich drängen? Wie oft habe ich einst da die kleine Elise
mit Rezensent an ihrer Seite gefunden, andächtig lauschend, und wie oft, wenn
ich mit der besten Absicht kam, sie heraufzuholen zu Bett bin ich selbst sitzen
geblieben, den Schluss einer Historie ab wartend, bis endlich auch noch Marta
herabkam und es uns fast ging wie dem Herrn, welcher den Jochen ausschickte, den
Pudel zu holen.
    Heute freilich treffe ich die kleine Liese nicht auf der Fussbank am
Lehnstuhl sitzend, auch die alte Marta kommt nicht mehr herunter, uns beide
abzuholen; aber einen anderen treffe ich häufig genug seit Mitte des vorigen
Herbstes, und dieser andere ist kein Geringerer als unser Freund und Nachbar,
der Karikaturenzeichner Strobel. In der Werkstatt bei Meister und Gesellen, in
der Küche bei der Hausmutter, überall ist der Zeichner ein willkommener Gast.
Die Gesellen porträtiert er für ihre respektiven Schätze, mit dem Meister
politisiert er, die Meisterin lehrt er neue Gerichte fabrizieren - er hat unter
seiner Bibliotek ein dickes Kochbuch -, und der Grossmutter - hört er zu.
    So traf ich ihn heute abend, als ich herunterkam, einen geborgten Leimtopf
wieder abzuliefern. Da es Feierabend war, so war die ganze Familie in der Stube
versammelt, der Zeichner hatte alle seine Gesprächselemente beieinander und
plätscherte mit Wonne darin herum.
    »... Also Meister«, sagte er, als ich eintrat, »Wer, meinen Sie, kriegt
dabei die Prügel?«
    »Der Russe nicht!« antwortete nach einer kleinen Pause bedächtig der
Meister, der mit der Brille auf der Nase die Zeitung hinter das Licht hielt, um
besser zu sehen.
    »Also die Alliierten?«
    Der Meister nimmt eine Prise, und da seine Erinnerungen nur bis zu den
Befreiungskriegen gehen, sieht er verwundert auf, es scheint ihm auch das
unwahrscheinlich. Plötzlich aber besinnt er sich.
    »Donnerwetter, da sind ja jetzt auch die Franzosen bei!« ruft er. »Himmel!
Das hat sich ja auf einmal ganz umgedreht!«
    »Richtig, Meister«, sagt der Zeichner, den Tischlermeister auf die Schulter
klopfend. »Richtig! Alles in der Welt dreht sich von Zeit zu Zeit um.«
    »Meisterin, die Kartoffeln brennen an!« unterbricht Anton, der Lehrjunge,
die Politik.
    »Wir kommen gleich!« ruft Strobel lachend. - »Ich gehe auch mit, Meisterin,
und die Kinder auch! Vorwärts! En avant! On wit you, boys! Hinaus in - die
Küche!«
    So werden die Kartoffeln gerettet, der Meister studiert seine Zeitung
weiter, und das Spinnrad summt und schnurrt im Winkel wie immer. Endlich kommen
Strobel, die Frau Anna und die Kinder zurück, und die Alte fragt:
    »Also der Franzos ist auch wieder dabei? Ist das derselbe, der Anno sechs
hier war?«
    »Nein«, sagt Strobel, »jetzt trägt er rote Hosen.«
    »Und der Napoleon - ich meine, der ist lange tot?«
    »Ja, Mutter«, sagt der Meister, von seiner Zeitung aufsehend, »das ist auch
ein anderer.«
    »Gott«, sagt die Grossmutter, »wenn ich noch daran denke, wie das kleine,
gelbe, schwarze Volk hier war und in den Strassen kauderwelschte, und eine Sorte
hatte in ihren Hüten grosse Kochlöffel stecken, und acht hatten wir hier im
Haus.«
    Strobel, der jetzt die Alte da hat, wo sie ihm interessant wird, rückt einen
Schemel an ihren Lehnstuhl und sagt: »Grossmutter, es ist noch früh, erzählen Sie
uns noch etwas von den achten; wenn der Meister seine Zeitung liest, ist gar
kein Auskommen mit ihm. Kommen Sie, Wachholder, rücken Sie her. Burschen, seht,
wo ihr Plätze findet, und haltet das Maul, die Grossmutter will von den acht
Franzosen in Numero sieben erzählen!«
    Die Alte lächelt und bringt ihr Rad wieder in Gang: »Solchen gelehrten
Herren soll ich erzählen? Die haben ja alles viel besser in Büchern gelesen; von
allen achten weiss ich auch nichts.«
    »Grossmutter, was ich in Büchern gelesen, habe ich gottlob nun bald wieder
vergessen«, sagt der Zeichner, »und wenn Sie von allen achten nichts wissen, so
sind wir auch mit vier zufrieden oder mit so viel, als Sie wollen; erzählen Sie
nur.«
    »Nun, wenn Sie's denn wollen, so muss ich mich mal besinnen. - Gut!
    Also es war Anno sechs, als der Franzos im Lande rumorte und drunten
schrecklich hausen sollte, denn er hatte einen grossen Sieg erfochten und
glaubte, das Recht dazu zu haben. Die Leute fürchteten sich alle sehr, gruben
ihre Löffel weg und näheten ihren Kindern jedem ein Goldstück in den Rocksaum,
auf den Fall, dass sie abhanden kämen oder mitgenommen würden. Aber mein Seliger
tat gar nicht, als ob ihn das was anginge. - Wenn sie kommen, sind sie da -
sagte er, und dabei blieb er, und wenn die Nachbarn kamen und klagten und
jammerten, sagte er nur: Einmal wir, einmal sie! Und wenn sie ihm die Ohren zu
voll schrien, zog er eine weisse Zipfelmütze, die er zu meiner Verwunderung seit
kurzer Zeit immer in der Tasche führte - darüber und tat, als ob er einschliefe.
Es war immer ein sonderlicher Mann, Annchen, dein Vater.
    Gut. Eines Morgens erhub sich ein Lärm: Sie sind da! Heiliger Gott, mir
fuhr's ordentlich in die Knie; meine Jungen (Gott hab sie selig) in allen
Gassen, Gott weiss wo, und nur mein Annchen hatt ich in der Wiege; mein Alter
hatte mal wieder die Zipfelmütze hervorgekriegt und übergezogen und sägete im
Hofe.
    Gottfried, Gottfried! schreie ich, sie sind da! sie sind da! Er tat, als ob
er's nicht hörte, obgleich ich dichte bei ihm stand. In meiner Angst und auch
vor Ärger riss ich ihm die dumme Mütze ab, warf sie auf die Erde und schrie
wieder: Und die Jungen sind auf der Strasse - heiliger Vater! - und unsere Löffel
- Mann! - Mann!
    Er hob ganz ruhig seine Mütze auf, klopfte die Sägespäne an mir ab, setzte
sie ruhig wieder auf und sagte: Ja - wenn's so ist, werden sie wohl durchs
Wassertor kommen, daher geht der Weg von Jena. Ich glaube, so hiess es. Dann
sägt' er weiter.
    Richtig, da trommelte es schon die lange Strasse vom Wassertor her herunter -
mir zitterte das Herz immer mehr! -
    Meister Karsten! Meister Karsten! Schnell, schnell! schrien plötzlich
mehrere Nachbarn, die in den Hof stürzten im besten Sonntagsstaat. Ihr sollt
kommen, Ihr sollt mit zur Depentatschon an den französchen General!
    So?! sagt mein Gottfried, stellte seine Säge hin und ging langsam in das
Haus, gefolgt von den Nachbarn, dem Herrn Sekretär Schreiber, dem Herrn Rat
Pusteback, dem Schornsteinfeger Blachdorf und dem Schmied Pruster und andern,
Alle zogen mit meinem Alten in die Stuben, weil sie dachten, er würde nun gleich
in den Bratenrock fahren und mitrennen. Aber proste Mahlzeit! - An den
Tabakskasten ging mein Alter, stopfte sich eine Pfeife, schlug langsam Feuer und
sagte:
    Nun, so kommt, meine Herren!
    Die standen alle mit offenen Mäulern da, aber mein Gottfried liess sich nicht
irremachen. In Schlafrock und Pantoffeln marschierte er ruhig - ich sehe ihn wie
heute - voran bis an die nächste Strassenecke. Da blieb er stehen und die
Nachbarn um ihn herum, zeigte mit der Pfeifenspitze auf einen Zettel, der da
klebte und auf welchem stand:
                       Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!
oder so was - ich hab's vergessen -, klappte seinen Pfeifendeckel zu, drehte
sich langsam um und ging ins Haus zurück. Meine beiden Jungen brachte er mit,
worüber ich seelenfroh war. Da, Mutter, sagte er, als er sie in die Türe schob.
Heb sie mir auf, sagte er, wir brauchen sie einst mal.
    Ich wusste damals nicht, was das heissen sollte; später erfuhr ich's!«
    Hier traten der alten Frau die Tränen in die Augen, und ihr Spinnrad hörte
auf zu schnurren. Es herrschte eine tiefe Stille im Zimmer.
    »Gut. Von nun ab bekümmerte sich mein alter Seliger um nichts mehr draussen,
sondern ging wieder zu seinem Sägebock und sägte weiter, bis die Einquartierung
kam. Herr meines Lebens, da hättet ihr den Mann sehen sollen! Das ganze Haus kam
in Aufruhr; das Beste, was Küch und Keller hielt, ward aufgetischt, und je mehr
die kleinen gelben Kerle schwadronierten und sakermentierten, desto fröhlicher
wurde mein Alter.
    Das ist die rechte Sorte! rief er immer, sich die Hände reibend. Solche
mussten's sein! Wenn nur genug von ihnen da sind!
    Französisch hatt er etwas von der Wanderschaft mitgebracht, und so waren sie
bald die besten Freunde miteinander und auf du und du, dass die Nachbarn
ordentlich die Nasen rümpften. Die aber gingen zu allen Depentatschonen und
illuminierten und bekränzten ihre Häuser und so - das tat aber mein Gottfried
nicht, und wenn er einen vom Rat der Stadt sah, zog er jedesmal richtig die
Zipfelmütze herunter über die Ohren. Gut, da war ein Franzos zwischen den
andern, der war von daher, wo sie halb deutsch, halb französch sprechen, den
konnt ich auch verstehen, und es war so gut, als wenn ich französch gekonnt
hätte. Was geschieht? Eines Abends sitzen sie alle zusammen, und mein Alter
mitten drinnen, und kauderwelschten, dass einem Hören und Sehen verging, und sass
ich im Winkel und strickte, und die Jungen spielten im Winkel. Spricht mein
Alter auf einmal zu dem Deutschfranzos: Nun sagt mal, Kamerad, wie lange denkt
ihr denn eigentlich noch in Deutschland zu bleiben?
    Der Deutschfranzos stiess mit den andern den Kopf zusammen, und sie
schnatterten was in ihrer Sprache. Dann lachten sie aus vollem Halse.
    Immer bleiben wir da! sagt der Deutschfranzos. Wir sein einmal da; wir gehen
nit raus wieder!
    Woui! schrien die andern und hielten sich die Bäuche. Nit raus, nit raus!
    Ne, sagt mein Alter, immer nicht. Ihr seid zwar da, und unsereins kann
unserm Herrgott nur dankbar sein, dass er euch geschickt hat, aber immer -
    Nit raus, nit raus! schrien die Franzosen.
    Lasset euch handeln! sagt mein Alter, ich biete zwölf Jahr - höchstens!
    Nit raus, nit raus! kauderwelschten die wieder.
    Willem! Ludwig! Kommt mal her! rief mein Alter jetzt die Jungen, die
sogleich angesprungen kamen und sich an seine Knie stellten.
    Richt't euch! rief mein Alter. Augen rechts! Seht mal, Jungens, die da - das
sind Franzosen, die eigentlich hier nicht in unsere Stube gehören. Das kleine
Annchen kann gar nicht schlafen vor ihrem Spektakel - - und doch haben sie Lust,
immer dazubleiben! Was meint ihr, Jungens - wenn ihr stark genug wäret?
    Kuckten meine Jungen gewaltig wunderbar aus den Augen und die Franzmänner an
und dann sich und dann meinen Alten!
    Das sich finden - ich gross werden - ich schon Pustebacks Teodor zwinge,
sagte Willem, mein Kleinster, Ludwig, mein Ältester, sagte gar nichts, aber auf
einmal rann ihm eine dicke Träne über die Backe, und sein Vater klopfte ihn auf
die Schulter und sagte:
    Warte nur, mein Junge, du kommst zuerst.
    Die Franzosen hatten ihren Heidenjubel; und besonders einer - sie nannten
ihn Piär oder so - wusste sich gar nicht zu helfen vor Lachen. Mein Alter aber
war sehr ernst geworden und sprach den ganzen Abend kein Wort mehr. Die andere
Woche zogen die Franzmänner ab und lachten noch beim Abschied, als sie uns allen
die Hand drückten und ordentlich sich bedankten für gute Bewirtung:
    Nit raus, nit raus!
    Wird sich finden, sagte mein Alter. Wird sich finden! schrien meine beiden
Jungen.
    Gut, nun kamen lange Jahre und immer andere Franzosen.
    Bald ist's genug, brummte mein Gottfried. Und einmal zogen sie alle hinauf
nach Norden, aber zurück kam keiner. Und dann fing's auf einmal an zu rumoren im
Lande, und an den Ecken klebten ganz andere Zettel, die mein Alter immer las und
wobei er mit dem Kopf nickte. Er war die Zeit nicht viel zu Haus.
    Da kam er eines Tages zurück und rief den Ludwig aus der Werkstatt, und sie
kamen beide in die Küche zu mir.
    Sieh, Mutter, sagte mein Gottfried, 's ist gut, dass dein Feuer brennt! Pass
auf, Ludchen! Damit zog mein Alter seine Zipfelmütze aus der Tasche und warf sie
unter meinen Topf, dass sie verschwielte und das ganze Haus voll Qualm ward; dann
ging er mit meinem Ludwig fort und kam allein und ganz still wieder.
    Am andern Morgen zog ein Trupp schwarzer Reiter in die Stadt - auch durch
das Wassertor. Einer kam zu Pferd hier in die Sperlingsgasse vor unser Haus und
stieg ab - mir sank das Herz in die Knie - es war mein Ludwig!
    Adjes, Mutter! Adjes, Vater! rief er - behüt euch Gott, 's wird sich schon
machen! - und dann ritt er fort den andern nach, die schon durch das Grüne Tor
zogen.
    Da geht's nach Frankreich, Alte! rief mein Mann, während ich heulte und
jammerte. Aber es war noch so weit nicht.
    Wir hörten lange Zeit nichts, bis eines Tages alle Glocken in der Stadt
läuteten und auch im ganzen Land, wie sie sagten. Es war eine grosse Schlacht
gewesen, und unsere hatten gewonnen, und mein Ludwig war - tot!
    Der erste, sagte mein Alter.
    Wieder ging ein Jahr hin, und einmal kam das Kanonenschiessen so nahe, dass
die Leute vor das Tor liefen, es zu hören; natürlich liefen mein Gottfried und
ich mit. Da kamen bald aus der Gegend her, wo es so rollte und donnerte, Wagen
mit Verwundeten, Freund und Feind durcheinander, und immer mehr und mehr. Die
wurden alle in die Stadt gebracht.
    Herr, mein Heiland! musste ich auf einmal ausrufen, ist das nicht der Piär
von damals, von Anno sechs?
    Richtig, er war's. Mit abgeschossenem Bein lag er auf dem Stroh und wimmerte
ganz jämmerlich. Den nehm ich mit, sagte mein Alter und bat ihn sich aus, und
wir brachten ihn hier ins Haus - in Ihre Stube, Herr Wachholder. Da kurierten
wir ihn. Als er besser wurde, hatte mein Mann oft seine Reden mit ihm. Einmal
war der Franzos obenauf, einmal mein Alter. Da hiess es plötzlich, die Deutschen
seien wieder geschlagen und der Napoleon abermals Obermeister. Mein Alter sah
den Willem bedenklich an, als ginge er mit sich zu Rat; als aber in der Nacht
die Sturmglocken auf allen Dörfern läuteten, wusste ich, was geschehen würde, und
weinte die ganze Nacht, und am Morgen zog auch mein Willem fort mit den grünen
Jägern zu Fuss, und Minchen Schmidt, die mit ihrer alten Mutter in Ihrer Stube
drüben wohnte, Herr Strobel, weinte auch und winkte mit dem Taschentuch. Vorher
aber führte ihn mein Alter noch an das Bett des Franzosen und sagte Das ist der
zweite! - Der Franzos schaute ganz kurios und bewildert drein und sagte gar
nichts, sondern drehte sich nach der Wand.
    Das Kanonenschiessen kam nun nicht wieder so nah, und der Willem schrieb von
grossen Schlachten, wo viele tausend Menschen zu Tod kamen, aber er nicht, und
die Briefe kamen immer ferner her, und auf einmal standen gar welsche Namen
darauf. Die brachte mein Alter dem Franzos herauf, der nun schon ganz gut
Deutsch konnte, und sagte lachend zu ihm: Nun, Gevatter! Nit raus? Nit raus? Und
der Franzos machte ein gar erbärmlich Gesicht und sagte, den Brief in der Hand:
Das sein mein 'Eimatsort, da wohnen mein Vater und mein Mutter. Mein Alter aber
sass am Bett und rechnete an den Fingern: Eins, zwei, vier - acht. Acht Jahr,
Gevatter Franzos! Warum habt Ihr dunnemalen meine zwölf nicht genommen?
    Die Briefe von unserm Willem kamen nun immer seltener, und auf einmal
blieben sie ganz aus, und eines Tages kommt mein Alter nach Haus, setzet sich an
den Tisch, legt den Kopf auf beide Arme und weint. - Ich dachte, der Himmel
fiele über mich - - - der und weinen!
    Der andere! stöhnte mein Alter in sich hinein, und ich fiel in Ohnmacht zu
Boden.
    Da vor der grossen Franzosenstadt Paris muss ein Berg sein - ich kann den
Namen nicht ordentlich aussprechen -, von wo man die Stadt ganz übersehen kann.
Da schossen sie zum letztenmal aufeinander, und da ist auch dem Willem eine
Kugel mitten durch die Brust gegangen, wie der Kamerad schrieb, und ist er da
begraben mit vielen, vielen andern aus Deutschland. - Das ist meine Geschichte!
Den Franzosen aber kurierten wir aus, und mein Alter gab ihm einen Zehrpfennig
und brachte ihn an das Tor, wo der Weg nach Frankreich geht, den auch meine
Jungen gezogen waren, sah ihn da abhumpeln und kam wieder nach Haus, murmelnd:
Nit raus, nit raus! - Gott hab ihn selig, den Mann, es war ein wunderlicher,
dein Vater, Annchen.«
    So erzählte die alte Margarete Karsten, und wir alle sassen um sie herum, als
sie geendet hatte, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend. Der Meister hatte
längst seine Zeitung weggelegt, und auch die Gesellen, die nach und nach
eingetreten und gewöhnlich ziemlich fröhlich und laut waren, standen und sassen
diesmal ganz still umher.
    »Nun will ich noch was erzählen!« rief plötzlich die Alte, deren Augen durch
die wachgewordenen Erinnerungen in einem seltsamen Glanz leuchteten. »Ich will
was erzählen, was lange nachher geschah und doch mit dazu gehört! - Wenn die
Fensterscheiben nicht so gefroren wären, könntet ihr den Turm der neuen
Sophienkirche sehen, die gebaut wurde, nachdem die alte abgebrannt ist. In der
alten war's, wo eine Tafel an der Wand hing, wo die Namen aller der drauf
standen, welche in dem Franzosenkriege aus unserm Viertel gefallen waren und
worunter auch meine Jungen waren: Ludwig Friedrich Karl Karsten und Wilhelm
Johannes Albert Karsten. Die Tafel hatten wir unserm Kirchstuhl grade gegenüber,
und des Sonntags schauten wir immer darauf und dachten an unsre braven Jungen,
und mein Alter war stolz auf die Tafel und ich auch, wenn ich auch genug darüber
geweint hatte und noch weinte. Aber es blieb nicht so bei meinem Gottfried. Es
kam eine Zeit, .da schlich er an der Tafel vorbei, ohne aufzukucken, und wenn
wir an unserm Platze sassen und sein Blick fiel mal drauf hin, sah er schnell weg
oder auf den Boden oder murmelte etwas, was ich nicht verstand.
    Gut, eines Tages gegen Abend stand ein schreckbares Gewitter über der Stadt;
es donnerte und blitzte unbändig, und auf einmal hiess es: in der Sophienkirche
hat's eingeschlagen! - Richtig - da brannte sie lichterloh. Mein Alter, der
sonst bei so was immer vorn dran war, rührte diesmal nicht Hand, nicht Fuss, und
es hätte auch nichts geholfen. Er hatte mich unterm Arm, und wir standen in der
Menschenmenge und sahen zu. Auf einmal schwankt der Turm, der wie eine Fackel
war, hin und her und stürzt dann herunter auf das Kirchendach mit einem Krach,
dass Menschen und Pferde in die Knie schossen und ich mit. Mein Alter aber blieb
aufrecht stehen und kehrte sich um und brachte mich nach Hause. Als wir in
unserer Stube waren, ging er den ganzen Abend auf und ab, bis er plötzlich vor
mir stehenblieb und sagte:
    Mutter, gottlob, die Tafel ist verbrannt! Mutter, ich konnt sie nicht mehr
ansehen! - Gute Nacht, Mutter! - Ich verstand ihn gar nicht und fragte, was das
bedeuten solle, aber er schüttelte nur mit dem Kopf und ging zu Bett. Und das
will ich auch tun, mein Flachs ist zu Ende! Gute Nacht, ihr Herrn, gute Nacht,
Kinder! - Komm, Annechen!« - Damit erhob sich die alte Frau und ging, auf ihren
Stock und den Arm ihrer Tochter gestützt, hinaus ihrer kleinen Kammer zu, um von
ihrem alten Gottfried mit dem eisernen Herzen, um von den beiden erschossenen
Freiheitskämpfern weiterzuträumen. Der Karikaturenzeichner machte heute abend
keinen Witz mehr, der Meister sog an der erloschenen Pfeife. Es war, als wage
keiner sich von seinem Platz zu rühren; es war, als müsse nun gleich die Tür
sich öffnen und der alte gewaltige Mann hereintreten mit dem schwarzen Reiter
und dem grünen Jäger an seiner Seite, von denen der eine an der Oder und der
andere dicht vor Paris begraben liegt auf dem Montmartre.
    »Ich weiss, warum der Meister Karsten die Tafel nicht mehr ansehen konntet«
rief plötzlich eine klangvolle Mannsstimme, dass alle fast erschrocken aufsahen.
Es war Rudolf, der Altgeselle, der sich in seinem Winkel hoch aufgerichtet
hatte.
    »Ich auch!« rief Bernhard, der zweite Gesell, seinem Gefährten die Hand auf
die Schulter legend.
    »Ich auch!« rief Strobel aufspringend. »Wieviel Wissende noch?«
    »Ich auch!« rief der Meister. »Ich auch!« sagte ich. »In dem Wissen liegt
die Zukunft - Gott segne das Vaterland!« Und dann - - - kam die Meisterin mit
den Kartoffeln.
                                                                  Am 10. Februar
Und wieder überschreibe ich ein Blatt der Chronik:
                                     Elise
Wir haben gejubelt und gelacht, auch wohl geweint über kleine Schmerzen und
verunglückte Freuden! - Wie die Jahre kommen und gehen!
    Der Efeu hat nun eine ordentliche, schattige, grüne Laube gebildet: rote und
blaue Wachsbilder hat eine kleine schmückende Hand zwischen das Blätterwerk
gehängt; wieder flattert ein zahmer Kanarienvogel in der Stube hin und her, von
meinen Büchern und Schreibereien auf eine hübsche runde Schulter im Fenster oder
auf einen niedlichen Finger, der ihm winkend hingehalten wird. - Elise ist nun
dreizehn Jahr alt auf den Blättern dieser Chronik. Oft, wenn ein lustiger
Sonnenstrahl über das Blätterwerk schiesst, zwitschert wohl Flämmchen - so heisst
der neue kleine Freund - fröhlich auf, hüpft aus seinem Bauer, dreht das
Köpfchen mit den funkelnden kohlschwarzen Äuglein einigemal hin und her und
flattert dann zum offenen Fenster hinaus. Einen Augenblick glänzt es, hin und
her schiessend, wie ein Goldpünktchen im Sonnenschein, dann flattert es nach der
jenseitigen Häuserreihe und verschwindet in einem Fenster des mittleren
Stockwerkes in Nr. zwölf. Von dort ward es herübergebracht, auch dort hat es ein
kleines Messingbauer.
    Neue Gesichter sind aufgetaucht, neue Fäden schlingen sich wundersam in
unser Leben und damit heute an diesem regnichten, windigen Februartage auch in
diese Blätter.
    Was tot war, wird lebendig; was Fluch war, wird Segen; die Sünde der Väter
wird nicht heimgesucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied!
    Eine helle, frische Stimme erschallt unten im Hause; ein leichter Schritt
kommt die Treppe herauf - Elise horcht. Nach einigen Minuten erschallt plötzlich
draussen ein Gepolter, Martas Stimme lässt sich hören, klagend und ärgerlich. Da
ist er - der Taugenichts der Gasse!
    Die Tür wird halb aufgerissen, und herein schaut ein lachendes,
kerngesundes, mit unzähligen Sommerflecken bedecktes Knabengesicht.
    »Nun, Gustav, was gibt's wieder?«
    »O gar nichts!« sagt das mauvais sujet, den Mund von einem Ohr bis zum
andern ziehend, während Marta jetzt kläglich draussen nach Elisen ruft. »Was mag
er nur angefangen haben?« sagt diese aufspringend und hinausgehend. Ein helles,
herzliches Gelächter, in welches ich sie draussen ausbrechen höre, zwingt auch
mich, von meinen Büchern aufzustehen, während Gustav sich ganz ehrbar in einen
Band von Beckers Weltgeschichte vertieft zu haben scheint. Ich nehme die möglich
ernsteste Miene an und schreite hinaus. Welch ein Anblick erwartet mich!
    Die gute Alte hat höchstwahrscheinlich ihre Mittagsruhe gehalten und ist,
das Strickzeug im Schoss, eingeschlafen. Diesen günstigen Augenblick zu benutzen,
hat der Taugenichts, der vielleicht mit sehr guten Vorsätzen die Treppe
heraufkam, doch nicht unterlassen können.
    Festgebunden sitzt die Unglückliche in ihrem Stuhle; Handtücher, Bindfaden,
das Garn ihres Strickzeuges, kurz alles nur mögliche Bindematerial ist benutzt,
sie unvermögend zu machen, sich zu rühren. Vor ihr auf einem noch dazu sehr
zierlich gedeckten Tischchen steht ein grosser Napf Milch, der
höchstwahrscheinlich zu den wichtigsten kulinarischen Zwecken bestimmt war, und
um ihn im Kreis sitzt schlürfend und schmatzend - die ganze Katzenwelt des
Hauses, von Zeit zu Zeit einen höhnenden Blick nach dem Lehnstuhl werfend, wo
die gefesselte Küchentyrannin strampelt und droht in wahrhaft tantalischen
Qualen.
    »Lieschen - so jag sie doch weg -« (Elise hat vor Lachen die Kraft gar nicht
dazu und sitzt atemlos auf einem Schemel) »o der Schlingel - aber, Herr
Wachholder, jagen Sie sie doch weg - es bleibt ja nichts übrig - o meine schöne
Milch - der Bösewicht!« Ja, der Bösewicht - wo war er, als diese Tragikomödie zu
Ende gekommen war und man sich nach dem Urheber umsah? Der Band von Beckers
Weltgeschichte lag freilich noch aufgeschlagen da, aber von Gustav - nirgends
eine Spur!
Wer ist dieser Gustav?
    Der Enkel eines Mannes, dessen Name schon einmal gar unheimlich in diese
Blätter hineingeklungen ist, der Enkel des Grafen Friedrich Seeburg.
    Es war im Jahr 1842, als in die Wohnung drüben in Nr. zwölf, in deren
Fenster später der Kanarienvogel so oft hinüberflatterte, eine schöne, schwarz
gekleidete, bleiche Frau zog, welche sich Helene Berg nannte, die Witwe eines
vor kurzem verstorbenen Mediziners. Sie war es, die schon einmal durch unser
Leben und durch die Blätter dieser Chronik geglitten ist mit jenem Sonnabend im
Sommer 1841, als wir den toten kleinen Vogel auf dem Johanniskirchhofe begruben
zu den Fussen der Gräber von Franz und Marie. Sie küsste damals die kleine Elise,
aber wir kannten einander nicht. - »Georg Berg« stand auf dem Grabstein, an
welchem sie gekniet und geweint hatte, und in der ärmlichen Wohnung drüben in
Nr. zwölf, in der engen, dunkeln Sperlingsgasse verklingt die letzte Saite der
unheilvollen, wilden Geschichte, die einst der sterbende Jäger dem Maler Franz
Ralff erzählte. - Ist das Lied vorbei? Eine junge, fröhlichere Weise nahm den
letzten Ton auf, und »Gustav und Elise Berg« wird die neue Melodie lauten!
    Wie die Letzte aus dem stolzen Hause der Grafen Seeburg das Zusammenhängen
ihres Schicksals mit dem kleinen Mädchen an meiner Seite erfuhr? - Ihre
Geschichte?
    Ich fürchte mich fast, die Decke, die über soviel kaum vergessenem und
begrabenem Unheil liegt, wieder aufzuritzen.
    »Sieh, welch ein schöner Ring!« sagte einmal Elise, der Frau Helene, die bei
uns sass, jenen Reif zeigend, den vor langen, langen Jahren der alte Burchhard am
Hungerteiche im Ulfeldener Walde der toten Luise aus der erstarrten Hand gezogen
hatte, der so lange Jahre unter jenem bekreuzten Stein gelegen hatte und der,
das Wappen des Grafen von Seeburg trug! - Ich habe nicht nötig aufzuschreiben,
was folgte! - - - - Wir trennten uns damals so bald nicht. Den ganzen Abend liess
die weinende Helene die kleine Elise nicht aus den Armen, und Gustav - Gustav,
der Taugenichts der Gasse, begrüsste jubelnd seine Kusine auf seine Weise.
    Nachdem er lange unstet sich umhergetrieben hatte, heiratete in Italien der
Graf Friedrich Seeburg eine schöne, vornehme, aber arme Italienerin; sie ward
die Mutter Helenens und starb, sie gebärend, im zweiten Jahr ihrer Ehe. Die
Griechen dachten sich die Kluft zwischen Gott und dem Menschtum ausgefüllt durch
ein Vermittelndes, das Dämonische: da schwebten, »damit das Ganze in sich selbst
verbunden sei«, Geister »viel und vielerlei« auf und nieder, strafende und
lohnende Boten der Gotteit, und niemand entging seinen Taten. Diese Geister
Verfolgten auch den Grafen: Reue, Ruhelosigkeit, Lebensüberdruss hiessen sie, und
auf jede Lebensfreude legten sie ihre ertötende Hand. Wieder zog der Graf über
die Alpen nach Deutschland. Das Schloss Seeburg war verkauft - er kam nach Wien,
wo er menschenscheu und finster in einem einsamen kleinen Hause wohnte. Oft
hörte ihn seine Tochter auf und ab gehen in der Nacht; sie hatte keine
Bekanntinnen, keine Freundin; eine alte Dienerin ihrer Mutter war ihr ganzer
Umgang. So verlebte sie ihre ersten Jugendjahre fast ganz sich selbst
überlassen, während ihr Vater immer finsterer und finsterer ward. Er verbot ihr
zu singen, zu spielen; sie seufzte und fügte sich. Da wurde eines Morgens der
alte Graf Seeburg tot im Bett gefunden; kein Mensch war bei seinen letzten
Augenblicken zugegen gewesen, er war gestorben, wie ihn Helene nur gekannt hatte
- einsam und allein. Einsam und verlassen war aber auch sie jetzt, ein junges
Mädchen in einer grossen, fremden Stadt, die sie nicht kannte, wo niemand sie
kannte. Es fand sich, dass die Hinterlassenschaft ihres Vaters kaum hinreichte,
die während seines Aufentalts in Wien gemachten Schulden zu bezahlen.
    Unter den wenigen, die von Zeit zu Zeit das Haus ihres Vaters betreten
hatten, war ein Doktor Berg, ein nicht mehr ganz junger Mann, und dieser war der
einzige, der, an das Totenbett des alten Grafen gerufen, nachdem er ihm die
Augen zugedrückt hatte, sich der jungen Waise annahm. Er brachte ihre
Vermögensverhältnisse in Ordnung; er führte sie, die ebenfalls fast
menschenscheu Gewordene, zu guten Menschen, zu seiner alten freundlichen Mutter.
Er schien alles, was er tat, nur als seine Pflicht anzusehen, und er, der ihr
anfangs gleichgültig war, gewann ihre Zuneigung mehr und mehr. Da bot er ihr
seine Hand, und die Gräfin Helene Seeburg ward seine zufriedene, glückliche
Gattin, bald noch glücklicher durch die Geburt eines Sohnes, der Gustav genannt
wurde. Da zwangen Verhältnisse - auch seine Mutter war gestorben - den Doktor
Berg, Wien zu verlassen; er zog hierher und bemühte sich, eine Praxis zu
gewinnen. Eben schien es ihm zu gelingen, als eine heftige Seuche, die
verheerend von Osten kam und über das ganze Land todbringend zog, auch ihn
wegraffte; er liess seine Frau und seinen Sohn fast unbemittelt zurück. Auf dem
Johanniskirchhof, zwanzig Schritte von Franz und Marie Ralff, ward er begraben.
    Das war es, was die Frau Helene Berg erzählte, während der Ring mit dem
Wappen der Grafen Seeburg, die Schlange, die den Rubin umwand, vor ihr auf dem
Tische funkelte. Noch an demselben Abend trug ich ihn auf die Königsbrücke und
warf ihn weitin in den Strom, nachdem ich ihn in zwei Stücke zerbrochen hatte.
Helene lehnte neben mir am Geländer, und schweigend gingen wir zurück in die
Sperlingsgasse zu - unsern Kindern.
War's nicht ein hübsches, ein glückliches Vorzeichen, dieser kleine goldgelbe
Vogel, der zwischen den beiden Wohnungen hin und her flatterte, der seine
Wohnung dort und hier hatte, oft ein kleiner treuer Bote war und an seinem
beweglichen Hälschen gar wichtige Nachrichten, Fragen oder Antworten hinüber-
und herübertrug?
    »Schau mal nach, Liese, das Flämmchen trägt wieder einen Zettel am Halse.
Jetzt werden wir wohl erfahren, wo der Bösewicht, über den ich die alte Marta
draussen noch brummen höre, steckt.«
    Zwitschernd hüpft Flämmchen auf Elisens Hand. Sie nimmt ihm den Zettel ab,
und in einer weitbeinigen Knabenhandschrift lautet die Botschaft:
»Liese!
Da ich mich vor morgen bei Euch nicht zu zeigen wage und noch dazu leider
gezwungen bin (scheusslich!), 3 Seiten, schreibe drei Seiten, voll lateinischen
Unsinns zu übersetzen (ich möchte nur wissen, wozu ein Maler, und ich will einer
werden, Latein braucht?????), so bitte ich Dich, den Onkel (Du brauchst ihm
diesen Brief nicht zu zeigen) ebenso auf seinem Lehnstuhl festzubinden, wie ich
die alte Marta festgebunden habe, und so bald als möglich vor die Tür zu
kommen. - Ich will Dir mal was Wichtiges sagen.
                                                                          Gustav
P. Scr. Ich passe auf, und wenn ich Deine Nasenspitze sehe, schleiche ich an den
Häusern hin zu Euerer Tür! Komme bald!!
P. Scr. Bring Deine Korbtasche mit!«
»Was mag er nur wollen?« fragt Lieschen, die schon nach dem Nagel guckt, an
welchem ihre Tasche hängt, während ich trotz des warnenden Passus den Brief des
Übeltäters und seine echte Tertianerlogik studiere. Es ist prächtig: weil ich
ein Exerzitium von bedenklichster Länge machen muss - so komme so bald als
möglich! Und dann die kleine Heuchlerin, die recht gut weiss, was der Faulpelz
will!
    »Was für einen Tag haben wir heute, Lieschen?«
    »Ah - Sonnabend!« ruft Elise. »Jetzt weiss ich's! Er hat sein Taschengeld
gekriegt.«
    »Welches eigentlich die alte Marta konfiszieren müsste. Höre, Lieschen;
schreib ihm als Bedingung Deines Kommens vor, dass die scheussliche Arbeit fertig
sein müsse.«
    »Wie lange dauert das wohl, Onkel?« fragt die Liese ganz bedenklich; sie
zöge das »So bald als möglich« unbedingt vor.
    »Nun - zwei Stunden; mindestens!«
    »Oh, oh, zwei Stunden?!«
    »Ja, und dann wimmelt sie doch noch von Fehlern, einer immer schlimmer als
der andere.«
    »Onkel, Gustav sagt aber: je länger er an einer Arbeit sässe, desto mehr
Böcke mache er.«
    »Nun denn, wenn er das sagt, so soll er sie fürs erste nur fertigmachen und
mit herüberbringen. Schreib ihm das!«
    Elise stellt jetzt eine grosse Auswahl unter meinen Federn an und beklagt
sich sehr über »unsere« schlechte Dinte, während Flämmchen, auf einer Stuhllehne
sitzend, anfangs geduldig wartet, dann aber, als ihm die Sache zu lange dauert,
sich bemüht, über dem Tisch flatternd, ebenfalls in das Tintenfass zu schauen, um
den Grund der Zögerung zu erfahren. Endlich jedoch ist Elise mit ihren
Vorbereitungen fertig und schreibt:
»Lieber Gustav!
Dein Brief ist glücklich angekommen. Flämmchen hat ihn gebracht. Die alte Marta
hat einen nassen Waschlappen im Fenster liegen; sie will Dich tüchtig waschen,
wenn Du kommst. Den Onkel kann ich nicht festbinden, er rennt heute immer in der
Stube auf und ab und sitzt keinen Augenblick still. Du sollst erst Dein
Exerzitium fertigmachen und es mitbringen, eher soll ich nicht kommen! Mach
schnell!!! Meine Tasche bringe ich mit!
                                                                          Elise«
Auch diese Botschaft wird dem Flämmchen umgehängt - - die Praxis hat es gelehrig
gemacht; zwitschernd schüttelt es das Köpfchen, als wolle es sagen: nun ist's
aber genug, jetzt komme ich nicht wieder, und - verschwunden ist's. Elise sitzt
wartend vor ihrem Nähtischchen unter der Efeulaube, ich vertiefe mich wieder in
meine Bücher, aber keine halbe Stunde vergeht, da ertönt unterm Fenster ein
heller Pfiff, und Elise springt auf und schaut hinaus.
    »Da ist er schon!« ruft sie halb zurück mir zu.
    »Komm herauf, Gustav!« ruft sie hinunter.
    »Dieses weniger!« erschallt unten die Schülerredensart, und mich wundert
wirklich, dass der Bengel diesmal nicht die noch dazugehörende weise
Benachrichtigung damit Verbindet; aber mein Bruder bläst die Flöte.
    »Hast du dein Exer?« (scilicet zitium) ruft Elise.
    »Versteht sich; fix und fertig, komm herunter, du kannst es ihm
hinaufbringen.«
    Elise sieht mich fragend an, und ich nicke. Herunter ist sie wie der Blitz,
und ich gehe ans offene Fenster, hüte mich aber wohl, etwas von meiner werten
Persönlichkeit sehen zu lassen.
    »Du bist aber schnell damit fertig geworden, Gustav!« sagt Elise, und ich
stelle mir oben lebhaft vor, wie der Schlingel grinst, als er ihr sein Machwerk
einhändigt.
Mit Geduld und Spucke
Fängt man jede Mucke!
lautet die Antwort: »Hier, nimm dich in acht, es ist noch nass; und höre,
Lieschen - komm schnell wieder herunter, eh er hineingekuckt hat: er könnte mich
noch zurückrufen!«
    »Taugenichts! Das mag was Schönes sein!« moralisiert Elise, die ich nun die
Treppe heraufkommen höre.
    »Da ist's, Onkel!« ruft sie in die kaum handbreit geöffnete Tür, wirft das
edle Manuskript auf den nächsten Stuhl, schlägt die Tür zu und - in drei Sätzen
ist sie die Treppe hinunter.
    »Liese, Lieschen, Elise!« rufe ich, aber wer nicht hört, ist Fräulein Elise
Johanne Ralff.
    »Komm schnell, er ruft schon!« sagt unten der Schlingel, sie am Arm fassend,
und fort sind sie um die Ecke!
    Da liegt nun das blaue Heft, auf dem Umschlag: »Gustav Berg« und drunter die
geniale Übersetzung Gustavus Mons mit Angabe von Wohnort, Datum und Jahreszahl.
Ich schlage es auf, und es ist in der Tat zweifelhaft, ob der Kollaborator
Besenmeier es mit roter Dinte oder ob es Meister Gustavus Mons mit schwarzer
geschrieben hat. - Hier sind die neuesten Seiten. Reizend! Ita uno tempore
quatuor locibus (Schlingel!) pugnabatur etc. etc. Als Schulmeister müsste ich
ausrufen: »Was soll aus dem Jungen werden?« Als Nichtschulmeister aber halte ich
mich an das - Löschblatt und rufe aus: »Was kann aus dem Jungen werden!« - Hier
»an vier Orten« schlagen sie ebenfalls, Römer, Kartager, Mazedonier, Sarden,
und zwar besser als im Latein: Pferde, Menschen, Hannibal ante portas, Triarier,
Veliten, Principes! Ausgezeichnet! Ich werde dem Schlingel eine tüchtige Rede
halten sowohl über seine »locibus«, als auch über die Unverschämteit, ein Heft
mit solch beschmiertem Löschblatt drin »abliefern« zu wollen. Das letztere aber
werde ich konfiszieren, und Zeichenstunde soll der Junge auch haben; dieser
Signifer hat doch etwas zu lange Arme.
    Eine halbe Stunde sitze ich nun noch arbeitend, dann schlägt es auf der
Sophienkirche sechs. Ich weiss nicht, ist es das schlechte Beispiel, welches mir
da eben gegeben wurde, oder der blaue Sommerhimmel und die Sonne draussen; auf
meinem Papier rucke ich nicht weiter, wohl aber unruhig auf dem Stuhl hin und
her. Elise hat übrigens auch recht: »unsere« Dinte ist wirklich abscheulich. Ich
schlage meine Bücher zu, ziehe den Rock an und gehe den Tönen eines Fortepianos
nach, welche von drüben herüberklingen. Wenn ich in Nr. zwölf die Treppe
hinaufgestiegen bin, so finde ich dort in dem einfach, aber hübsch
ausgestatteten Zimmer des ersten Stocks eine Dame vor dem Klavier sitzen, die
mir freundlich zunickt, ohne sich in ihren Phantasien stören zu lassen. Ich
setze mich neben die Rosen- und Resedatöpfe im Fenster, der Musik lauschend, und
kann dabei zugleich einen musternden Blick über das Zimmer gleiten lassen. Hier
gleich neben mir unter den Blumen steht Flämmchens Messingbauer, in welchem der
kleine Vogel bereits auf der Stange sitzt und das Köpfchen unter den Flügel
gezogen hat. Müde von den Anstrengungen des Tages, ist er früh zu Bett gegangen.
Im zweiten Fenster mir gegenüber steht ein ähnliches Nähtischen wie das, vor
welchem ich sitze; ein Stickrahmen mit angefangener Arbeit liegt darauf. Das ist
Elisens Platz; auch sie hat wie Flämmchen hier eine zweite Behausung. Zwischen
beiden Fenstern, gegen das Licht gezogen, macht sich ein einst rot bemalt
gewesener Tisch breit; bedeckt mit Büchern, Schreibzeug, Heften, Federmessern
usw. usw., bekritzelt, zerschnitten, zerhackt, ist er der Schauplatz von Gustavs
»stillen Freuden«.
    Hier brütet das Genie über seinen »locibus«, den Kopf auf beide Fäuste
gestützt und in den Haaren wühlend; hier füllen sich die Blätter mit Fratzen
aller Art statt mit lateinischen Phrasen; hier werden alle die Dummheiten
ausgebrütet, welche die Gasse in Verwunderung und Verwirrung setzen sollen; hier
werden mit dem demütigsten Gesicht, der reuevollsten Miene die Ermahnungen und
Vorwürfe, welche die Mutter von ihrem Tron herab auf das Haupt des Taugenichts
der Sperlingsgasse schüttet, in Empfang genommen und richtig quittiert durch -
einen tollen Streich eine Viertelstunde nachher; hier, kurz hier - ist Gustav
Bergs Schreibtisch!
    Als die Tante Helene ihr Spiel beendet hat, erzähle ich ihr die Geschichte
des Katzendiners, von dem sie natürlich noch nicht das mindeste weiss.
    »Ich kann ihn nicht mehr bändigen!« ruft sie halb lachend, halb in
Verzweiflung aus. »Und die Elise verdirbt er mir auch ganz! Statt zu sticken und
Vokabeln aufzuschlagen, schiessen sie sich mit Papierkugeln: wenn er ihr einen
Käfer in den Nacken gleiten lässt, bin ich sicher, dass sie ihm einen Zopf
ansteckt oder einen Eselskopf auf den Rücken malt. Ich spreche und schelte mich
heiser und müde, aber es hilft nichts! Tante, er hat angefangen, ich sass ganz
ruhig! Mutter, 's ist nicht wahr, sie hat zuerst geschossen! So geht das den
ganzen lieben Tag! Wo mögen sie nur jetzt wieder stecken?«
    »Wenn man den Wolf an die Wand malt, so kommt er um die Ecke!« sagt das
Sprichwort, und unsere Altvordern wussten, was sie taten, als sie es aufbrachten.
Mit Helenens Frage öffnet sich die Tür, oder vielmehr sie wird aufgerissen, und
herein, hochrot, stürzen - Windbeutel und Wildfang! Kaum erblickt mich aber
Freund Gustav, so macht er kehrt und sucht schleunigst die Tür wiederzugewinnen,
glücklicherweise aber bin ich diesmal schneller.
    »Halt, Meister! Hiergeblieben!«
    »Ja, hiergeblieben, Gustav!« ruft die Mutter.
    Ich beginne nun das Verhör.
    »Wie alt bist du jetzt, Gustav? Antwort!«
    »Vierzehn und ein halb!«
    »Welchen Platz in der Klasse hast du jetzt?«
    »Ich bin der Vierundzwanzigste von oben!«
    »Und von unten?«
    »Der - der - der Fünfte!« - (Pause.)
    Ich lege nun ein Gesicht an wie Zeus Kronion, wenn's lange heiss gewesen ist
und er donnern will, und beginne eine Rede, die anfängt: Als ich in deinem Alter
war (wie notabene alle Väter und Erzieher beginnen, seit Adam seinen
Erstgeborenen »rüffelte«); ich flechte die Milchgeschichte ein, gehe dann zu den
»locibus« in der letzten Arbeit über, bringe einen kleinen Seitenhieb auf Elise
an und ende, indem ich die rührend-patetische Seite - den Kummer der Mutter -
herauskehre.
    Während der ganzen Dauer dieser »Pauke« hat mein Missetäter, bald auf dem
einen, bald auf dem andern Fuss stehend, mit einem dummpfiffigreuigwehmütigen
Gesicht angestrengt einen Punkt oben an der Decke, der ihm sehr merkwürdig
erscheinen muss, ins Auge gefasst. Kaum aber habe ich geendet, so verliert auch
besagter Punkt alles Interesse für den Schlingel, »die Erde hat ihn wieder«, er
schiebt sich hinter Elise, die fortwährend mit ihrer Schürze zu tun gehabt hat,
und dann zu seiner Mutter, die ihm bemerkt:
    »Siehst du; ich hab's dir oft gesagt, aber auf mich hörst du nicht. Wie heiss
ihr seid! Geh aus dem Zugwind, Elise, Kind, du erkältest dich! Wo habt ihr
eigentlich gesteckt?«
    »Wir sind nur auf dem Fontänenplatz gewesen!« sagt Elise, mit dem Rücken der
Hand über den Mund fahrend.
    »So! - Und was habt ihr da gemacht?«
    »Wir haben die Goldfische gefüttert!«
    »Die Goldfische?! - Gustav, wieviel von deinem Taschengeld hast du noch?«
    Bei dieser Wendung des Gesprächs steht Gustav auf einmal wieder auf einem
Bein und scheint sehr zu bedauern, dass er sich nicht wie die Gänse mit dem
andern hinterm Ohr kratzen kann. Langsam fährt er mit der Hand in die Tasche,
besinnt sich aber und zieht sie schnell zurück.
    »Nun?«
    »Hast du's mir zum Ausgehen gegeben, Mama?« fragt der Schlingel, den seine
Erziehung Weiberlogik kennengelehrt hat.
    »Freilich - aber- aber - - -«
    »Nun, ausgegeben hab ich's! Liese kann es bezeugen!«
    »Ja, das kann ich!« ruft Lieschen ganz eifrig. »Darüber braucht ihr ihn
nicht auszuschelten!«
    Ich komme jetzt der bedrängten Tante zu Hülfe.
    »Ausgeben kann er's freilich, aber das Wie ist jetzt die Frage. Was habt ihr
mit dem Gelde angefangen?«
    Das Paar sieht sich stumm an. Plötzlich greift Liese in ihre Tasche, zieht
einen Kirschkern hervor und schnellt ihn Gustav an die Nase. Die Frage ist
gelöst.
    »Ach so!« ruft die Tante Berg. »Nun, es ist gut, dass es fort ist, so kann er
wenigstens nicht wieder Zigarren dafür kaufen wie vorige Woche.«
    Auch ich bin ganz damit einverstanden, während Elise dem Vetter den
Ellenbogen in die Seite stösst und ihm zuflüstert: »Warte nur, morgen kriege ich
meins!«
Glückliche Kindheit! Alle späteren Lebensalter, die eine einsame Minute fröhlich
verträumen wollen, lassen dich vor sich aufsteigen, und ich - der alternde
Greis, fülle diese Bogen mit längst vergangenen, längst vergessenen
Kindergedanken und Kindersorgen! Träumt nicht sogar die Menschheit von einem
»goldenen Zeitalter«, einer längst untergegangenen glücklichen Kinder-Welt?
                                                                  Am 28. Februar
Es ist gar kein übler Monat, dieser Februar, man muss ihn nur zu nehmen wissen! -
Da ist erstlich die ungeheuere Merkwürdigkeit der fehlenden Tage. Wie habe ich
mir einst, vor langen Jahren, den Kopf über ihr Verbleiben zerbrochen! Jeder
andere Monat passte aufs Haar mit Einunddreissig auf den Knöchel der Hand, mit
Dreissig in, das Grübchen, und nur dieser eine Februar - 's war zu merkwürdig! -
Das ist ein Stück aus der formellen Seite der Vorzüge dieses Monats, jetzt
wollen wir aber auch die inhaltvolle in Betrachtung ziehen. Was ist an diesem
Regen auszusetzen? Tut er nicht sein möglichstes, die Pflicht eines braven
Regens zu erfüllen? Macht er nicht nass, was das Zeug halten will und mehr? Der
alte Marquart in seinem Keller ist freilich übel dran, seine Barrikaden und
Dämme, die er brummend errichtet, werden weggeschwemmt, seine Treppe verwandelt
sich in einen Niagarafall. Alles, was Loch heisst, nimmt der Regen von Gottes
Gnaden in Besitz. Immer ist er da; seine Ausdauer grenzt fast an Hartnäckigkeit!
Man sollte meinen, nachts würde er sich doch wohl etwas Ruhe gönnen. Bewahre! Da
pladdert und plätschert er erst recht. Da wäscht er Nachtschwärmer von aussen,
nachdem sie sich von innen gewaschen haben; da wäscht er Doktoren und Hebammen
auf ihren Berufswegen; da wäscht er Kutscher und Pferde, Herren und Damen -
maskiert und unmaskiert; da wäscht er Katzen auf den Dächern und Ratten in den
Rinnsteinen; da wäscht er Nachtwächter und Schildwachen selbst in ihrem
Schilderhaus. Alles, was er erreichen kann, wäscht er! Kurz: »Bei Tag und Nacht
allgemeiner Scheuertag, und Hausmütterchen Natur so unliebenswürdig, wie nur
eine Hausfrau um drei Uhr nachmittags an einem Sonnabend sein kann.« Das ist das
Bulletin des Februars, den man einst mensis purgatorius nannte. - Jetzt finde
ich auch einen Vergleich für das Aussehen der grossen Stadt. Lange genug hab ich
mich besonnen, keiner schien passend. Nun aber hab ich's! Aufs Haar gleicht sie
einem unglücklichen Hausvater, den die Fluten des sonnabendlichen Scheuerns auf
einen Stuhl am kalten Ofen geschwemmt haben, wo er sitzt - ein neuer Robinson
Crusoe - mit Kind, Hund. Katze und Dompfaffenbauer, die Beine auf einem hohen
Schemel stehend und die Schlafrockenden herabhängend in die Wogen.
    Brr! - Das ist mal wieder ein Wetter, um in alten Mappen zu wühlen, und ich
wühle auch darin schon seit geraumer Zeit! Da muss ein Brief sein, den ich trotz
aller Mühe nicht finden kann und der doch eigentlich schon früher der Chronik
hätte eingelegt werden sollen. Briefe mit späterm Datum von derselben Hand finde
ich genug; sie berichten von Kindtaufen, und einer auch von dem Hinscheiden
eines ehrwürdigen Pudels. »Rezensent« genannt. Ich möchte aber gern ein älteres
Schreiben haben, welches noch nicht von Kindtaufen erzählt! Gottlob, hier ist's!
Die Chronik hätte es, wie gesagt, viel früher aufnehmen müssen, aber was tut's?
Je älter solche Briefe werden, je älter ihr Schreiber selbst geworden ist, desto
frischer klingen sie!
    Hier ist das Skriptum:
                    »Unter Verantwortlichkeit der Redaktion.
Liebe und Getreue!
    Eben hatte ich diesen Anfang Liebe und Getreue gemacht, als sich auf einmal
ein kleines Patschhändchen auf meine Schulter legte, ein brauner Lockenkopf sich
vorbeugte und ein Stimmen ganz fein sagte:
    Erlaube, liebes Kind (liebes Kind, das bin ich, der Dr. Wimmer) - erlaube,
liebes Kind, an was für ein Frauenzimmer willst du da schreiben? Ich sah
verwundert auf und erblickte eine kleine runde Dame (sie sitzt jetzt neben mir
und zieht mich für das rund tüchtig am Ohr), die ein allerliebstes Mäulchen
machte:
    Liebes Kind, ich möcht's halt gern wissen!
    Sollst du auch, Schatz, sagte ich lachend. Gib acht, es ist eine seltsame
Geschichte! - Es war einmal ein Mann, der lief in der Welt herum, und die Leute
nannten ihn Dr. Heinrich Wimmer; einige freilich titulierten ihn auch Esel oder
so. Das waren aber nur die, welchen er, dasselbe Epiteton gegeben hatte - was
er oft sogar schriftlich, schwarz auf weiss, tat. Gut, dieser Mensch hatte
eigentlich nur wenig wahre Freunde (Bekannte genug), denn er war so eine Art von
Vagabond, wenn auch nicht in der schlimmsten Bedeutung des Worts. Er war ein
Literat. Zu den Freunden, die ihn ertrugen und nicht Esel nannten, gehörte
erstens ein Schulmeister namens Roder, zweitens ein ältlicher Herr, Wachholder
genannt, und drittens - ein junges Mädchen (beruhige dich, Nannette, sie war
höchstens elf Jahr alt, als wir schieden), namens Elise Ralff. Wir wohnten in
einer grossen Stadt, wo es viel Staub gibt und aus der sie mich,
höchstwahrscheinlich aus Sorge um meine Gesundheit, wegjagten, weil jener Staub
mich stets zum Husten brachte, ziemlich dicht zusammen und betrugen uns
gegeneinander, wie gute Freunde sich betragen müssen. Sogar der Pudel Rezensent,
mein vierter Freund, fühlte oft eine menschliche Rührung darüber, wie es in der
Tat ein vortreffliches Vieh ist, was du auch dagegen sagen magst, Nannerl!
    Und nun höre - grimme Otelloin, das Liebe und Getreue gilt den drei
Freunden und halt nicht einem Frauenzimmer, du Eifersucht!
    Da wir nun aber einmal dabei sind, so lass dir auch weitererzählen, liebe
Nannette. Mit diesen Freunden lag ich an dem Tage, an welchem ich den letzten
Staub von den Füssen über jene Sand-Stadt schüttelte, in einem Holze, wo wir den
ganzen Tag über Vogelnester gesucht, Blumen gepflückt und Märchen erzählt
hatten, als auf einmal ein Gefühl bodenloser Einsamkeit und moralischen
Katzenjammers usw. usw. über mich kam. Da stieg plötzlich, mitten im grünen
Walde, wo die Vögel so lustig sangen und die Sonne so hell und fröhlich durch
die Zweige schien, ein Gedanke in mir auf, ein Gedanke an ein kleines hübsches
Mädchen, mit welchem ich einst zusammen gespielt und an das ich oft - oft
gedacht hatte in spätern Jahren. - Daran aber dacht ich in dem Augenblick nicht,
dass zwischen dem Kinderspiel und dem Waldtage so lange Zeit lag; - ich dachte -
ich dachte: Heinrich, warum gehst du nicht nach München, wo du geboren bist, wo
dein - Onkel Pümpel, wo dein - kleines liebes Mühmchen Nannette wohnt?
    Wie ein Lichtstrahl, viel heller und fröhlicher als die Sonne -durchzuckte
mich das, ich sprang auf, warf den Hut in die Luft und schrie: Hurra, ich gehe
nach München zu meinem Onkel Pümpel, zu meiner Kusine Nannerl! - Die Freunde
sahen mich verwundert und lächelnd an, und der Lehrer Roder sagte: Junge, das
wäre prächtig, wenn du - solide würdest!
    (Gib mir einen Kuss, Schatz, und ich erzähle weiter.)
    Sieh, da wand die kleine Liese Ralff dem Pudel einen hübschen
Waldblumenkranz um den Pelz, sie drückten mir alle die Hand - das kleine Mädchen
weinte sogar - und - - - ich ging nach München.
    Lange Jahre waren hingegangen, seit ich meine Vaterstadt nicht gesehen
hatte, und ganz wehmütig gestimmt schritt ich in der Abenddämmerung durch die
alten bekannten Gassen der Altstadt. Da lag das Haus meiner Eltern - Fremde
wohnten darin. Ich lugte durch die Ritze eines Fensterladens und sah zwei
Kinder, die allein am Tische bei der Lampe sassen; sie waren sehr eifrig in ein
Gänsespiel vertieft, und ich dachte an unsere Jugend, Nannerl, und das Herz ward
mir immer schwerer. - Seidelgasse Nr. 20, da stand ich nun vor einem andern
Haus. Dort hing ein altes wohlbekanntes Schild, Pümpel's Buchhandlung darauf
gemalt. Der Laden war bereits geschlossen, der Onkel jedenfalls schon im
Hofbräuhaus; ein Lichtschein erhellte noch die Fenster des obern Stockwerks.
    Ich wagte kaum die Klingel zu ziehen. Endlich tat ich's aber doch. Mein
Gott, ebenso jämmerlich klang die Glocke schon vor zehn Jahren. Schlürfende
Schritte näherten sich - die Tür ging auf; wahrhaftig, da war sie noch, die
dicke Waberl, eher jünger als älter! Der Pudel und ich hätten sie beinah über
den Haufen geworfen; sie kannte mich nicht und stand starr vor Schrecken und
Verwunderung, als ich mit meinem vierbeinigen Begleiter in zwei Sätzen die
Treppe hinauf war.
    Eine kleine, runde... (Au, mein Ohr! Hör einmal, Nannette, das ist das Ohr,
in welches es bei mir hineingeht, was wird das für eine Ehe abgehen, wenn du mir
das abkneifst! Nannette, ich würde in deiner Stelle mal das andere, zu welchem
es herausgeht, nehmen!) Dame trat mir entgegen:
    Der Vater ist nicht zu Haus, mein Herr! - - - Ich antwortete nicht, sondern
nahm ihr das Licht aus der Hand - die kleine runde Dame erschrak ebenfalls gar
sehr - und hielt es so, dass mir der Schein voll ins Gesicht fiel.
    Herr Gott, der Vetter Heinrich! rief die kleine, rrr... Dame. (Nannette, sag
mal, ich glaube, ich habe dir in dem Augenblick einen Kuss gegeben?)
    O welch abscheulicher Bart - - und eine Brille trägt er auch! Waberl,
Waberl, schnell nach dem Bräuhaus: der Vetter Wimmer sei da!
    Ja, er war da, der Vetter Heinrich Wimmer, und der alte Onkel kam auch; er
umarmte den Landläufer und steckte ihn in seinen Sonntagsschlafrock: er wollte -
- ja, was wollte er nicht alles! Der Pudel sprang wie toll und machte sogleich
als ein vernünftiger Köter Freundschaft mit dem dicken Pümpelschen Kater Hinz.
    Und dann - dann ward ich Redakteur der Knospen, unter der Bedingung, den
fatalen politischen Husten vorher erst auszuschwitzen; dann ward ich von deinem
Papa, meinem guten, dicken, vortrefflichen Onkel, in den deutschen Buchhandel
eingeschossen, und dann -- Nun, Nannette, und dann? - - - - - - - - - - - - -
Meine Herren und Freunde, was hab ich Ihnen, da geschrieben! - So geht's, wenn
man verlobt ist und neben seiner Braut einen Brief schreiben will! Die reine
Unmöglichkeit! Statt eines soliden, nach allen Regeln der Logik und
Briefschreibekunst abgefassten Berichts schmiere ich Ihnen meine Unterhaltung mit
dem Frauenzimmer. 's ist göttlich!
    Nun - was tut's? Die Hauptmomente meiner Geschichte habt Ihr doch bei der
Gelegenheit erfahren. Ich habe eine neue Seite meines Lebens aufgeschlagen; und
wer hat diese vita nuova bewirkt? Der edle Polizeikommissar Stulpnase nebst
seinen Myrmidonen und - meine kleine Beatrice, genannt Nannette Pümpel! Gesegnet
sei das Haus Pümpel & Komp. bis ins tausendste Glied!! -
    Ich schliesse. Meine gentilissima verlangt ebenfalls Platz auf diesem Bogen.
Mich soll's wundern, was sie schreiben wird; ihre Augen leuchten gar arglistig.
                                                                      Dr. Wimmer
Liebe, kleine Elise!
    Obgleich wir uns noch nicht mit Augen gesehen haben, so kann ich doch halt
nicht unterlassen, Dir, Herz, diesen ganz kleinen Brief zu schreiben, der böse
Mensch hat nicht viel Raum übergelassen. So ganz böse freilich ist er doch
nicht, denn er hat mir viel Gutes und Schönes von Dir erzählt, aber sage doch
den beiden Herren, die ich auch nicht kenne, dass sie das törichte Zeuch, was er
alles geschrieben hat, halt nicht alles glauben. Ich hab ihn durchaus nicht
soviel ins Ohr gekneift, als er sagt. - Liebes Kind, Ihr müsst uns einmal alle
besuchen. Ich habe zwei Kanarienvögel und einen Stieglitz, der sich sein Futter
selbst heraufzieht. Ich hätte Dir gern eins von den Vögelchen geschickt, aber
der Onkel Doktor meint, sie könnten das Fahren nicht vertragen, das könnte
selbst sein hässlicher Puhdel nicht. Es ist nur gut, dass das schwarze Tier sich
so vor meinem schönen bunten Hinz fürchtet; sie beissen sich zwar halt nicht,
aber sie sehen sich oft schief an von der Seite. Liebes Kind, besuche uns einmal
und grüsse den Herrn Onkel Wachholder und den Herrn Lehrer recht schön!
                                                       Deine unbekannte Freundin
                                                                     Nannette P.
P. Scr. Verehrtester, überreichen Sie doch meiner dicken Freundin, der Madam
Pimpernell, beifolgende drei Fünftalerscheine; da wird ein noch zu tilgender
Schuldenrest sein.
                                                                          Dr. W.
P. Scr. Ich muss in die Küche, sonst hätte ich mich eben noch recht über den
Doktor zu beklagen. Er ist recht böse. Gestern hat er sein Tintenfass über meine
beste Tischdecke gegossen. Das geht mein Lebtag nicht wieder heraus! - Aber das
ist das wenigste. - 's ist nur gut, dass ich den Tabaksdampf gewohnt bin, auch
mein Papa macht furchtbare Wolken, und die Gardinen müssen nun noch einmal so
bald gewaschen werden. Adieu!
                                                                        Nannette
P. Scr. Der Onkel Pümpel hat sich's in den Kopf gesetzt, dem armen Puhdel, wie
Nann'l schreibt - auf seine alten Tage noch das Totstellen beizubringen.
                                                                          Dr. W.
P. Scr. Bier mag er schon! (Ich meine halt den Pudehl - so wird's wohl recht
geschrieben sein.) Gott, ich muss wirklich in die Küchen!
                                                                              N.
P. Scr. Nannette ist fort! Meine lieben Freunde, ich bin sehr glücklich und
fidel! Ich hoffe auf baldige Nachrichten von Euch allen. Gruss und Brüderschaft!
                        Euer
 H. Wimmer«
Welchen Jubel hatte einst dieser Doppelbrief mit seinen Postskripten in der
Sperlingsgasse erregt! Wie tanzte an jenem Augustnachmittag im Jahr 1841, als er
ankam, der Lehrer Roder mit der kleinen Elise im Zimmer herum! Heute, wo ich ihn
wieder hervorsuchte, ist weder Roder bei mir - sie haben ihn im Jahr
Achtzehnhundertundneunundvierzig nach Amerika gejagt, sie fürchteten sich
gewaltig vor ihm -, noch guckt das kleine Lieschen, auf einem Stuhl stehend, mir
über die Schulter. Aber allein bin ich doch nicht beim Wiederlesen; trotz dem
Regen hat sich der Zeichner Strobel herausgewagt und ist, da das Glück dem
Kühnen lächelt, wohlbehalten, wenn auch etwas durchnässt, bei mir angekommen.
    »Es ist ein prächtiges Ehepaar geworden«, sagte er lächelnd, indem er mir
die Nadel einfädelte, mit welcher ich das Dokument der Chronik anheften wollte.
»Seit der Doktor den bösen politischen Husten, der ihn sonst plagte, losgeworden
ist, hat er einen Umfang gewonnen, dem nur das Embonpoint der kleinen fidelen
Frau Doktorin Nannerl nahe kommt. Und diese kleinen, fetten Wimmerleins: Hansl,
Fritzl und Eliserl, das jüngste Wurm, wie der Doktor sagt! - Und diese
Nachkommenschaft des edeln Rezensent! - Für jedes Wimmerlein ein Pudel, einer
immer schwärzer und schnurrbärtiger als der andere. Wie heissen sie doch?
Richtig: Stulpnas (gewöhnlich Stulp abgekürzt), Dinte und Quirl. Es ist ein
Schauspiel für Götter, die Familie spazierengehen zu sehen. Voran schreitet der
Doktor mit dem alten Grossvater Pümpel, dann folgen Dinte und Quirl, die den
Korbwagen ziehen, in welchem das Kroop Elise liegt. Neben ihnen trabt Stulp mit
des Doktors Hut und Stock, und zuletzt kommt die Nannerl, an der Rechten den
Hans, an der Linken den Fritz. Von Zeit zu Zeit treibt sie mit dem Sonnenschirm
das Paar der Zugtiere an oder ruft dem Doktor zu:
    Wimmer, du wirst gleich dein Taschentuch verlieren!
    Oder:
    Wimmer, renne nicht so mit dem Vater. Wir kommen halt nicht mit!
    Oder:
    Wimmer, Stulp hat nur noch deinen Stock!
    Dann dreht sich der Doktor gravitätisch um, wirft einen Feldherrnblick über
den langsam daherziehenden Heereszug, pustet und fächelt, knöpft die Weste auf,
bindet das Halstuch ab oder zieht wohl gar den Rock aus und sagt:
    Schatz, das Spazierengehen müssen wir aufstecken. Beim Zeus, es wird zu
angreifend für unsereinen! - Stulp, Schlingel, hol meinen Hut - dort, allons!
    Während nun der Zug so lange hält, bis Stulp mit dem Verlorenen zurückkommt,
sagt der Alte wohl:
    Heinerich, pass auf, das neue Komplimentierbuch geht nicht!
    Weshalb nicht, Papa?
    Wir sind hierzulande nicht recht dran gewöhnt! lautet die Antwort.
    Das weiss ich schon aus den Nibelungen und dem Parzival, sagt der Doktor,
eine gewaltige Rauchwolke auspuffend. Es soll aber schon gehen, Onkel und
Schwiegerpapa Pümpel! Das Ungewohnte und Ungewöhnliche macht am meisten Glück.
Fritzl, lass den Frosch in Ruhe, setz ihn wieder ins Gras, sonst kriegst du ihn
gebraten zum Abendessen, was keinem jungen Bayern angenehm sein kann! -
Vorwärts! Yankee doodle doodle dandy! Damit setzt sich das Haus Pümpel &
Komp. wieder in Marsch.«
    Ich lachte herzlich über diese Schilderung. »Es wachse, blühe und grüne das
Haus Pümpel & Kompanie wie - wie - -«
    »Hopfen! - Vivat hoch!« schrie der Zeichner, nahm den Hut und trabte wieder
davon. Wo er gesessen hatte, stand ein kleiner Sumpf Regenwasser: einen Schirm
brauchte ich ihm also nicht anzubieten.
                                                                   Abends 11 Uhr
Wie traurig hat dieser Tag geendet! Ich wollte die Geschichte der armen Tänzerin
über mir, die wir einst auf den Weihnachtsmarkt begleiten, nicht erzählen, aus
Furcht, diesem Bilderbuch eine dunkle Seite mehr zu schaffen; aber die
unsichtbare Hand, welche die gewaltigen Blätter des Buches Welt und Leben eins
nach dem andern umwendet, mit ihren zertretenen Generationen, gemordeten Völkern
und gestorbenen Individuen, will es anders als der kleine nachzeichnende Mensch.
Dunkel wird doch dieses Blatt, dunkel - wie der Tod!
    »Herr Wachholder«, sagte die Frau Anna Werner, die um neun Uhr abends an
meiner Tür klopfte. »Herr Wachholder, das Kind der Tänzerin stirbt in dieser
Nacht! Der Doktor Ehrhard, der eben oben ist, hat's gesagt. Ist's nicht
schrecklich, dass die Mutter in diesem Augenblick tanzen muss? Sie haben ihr nicht
erlauben wollen, die schlechten Menschen, wegzubleiben diesen Abend: es wäre
heute der Geburtstag der Königin, sie müsse tanzen!«
    Arme, arme Mutter! Ein hübscher, leichtsinniger Schmetterling, gaukeltest
du, bist die Verführung kam und siegte. Verlassen, verspottet, suchtest du dein
Glück nur in den Augen, in dem Lächeln deines Kindes, und jetzt nimmt dir der
Tod auch das!
    Arme, arme Mutter! Mit geschminkten Wangen und den Tod im Herzen zu tanzen!
Du hörst nicht die tausend jubelnden Stimmen der Menge, du hörst nicht die
rauschende Musik: das Ächzen des winzigen, sterbenden Wesens in der fernen
Dachstube übertönt alles. - Ich steige die enge, dunkle Treppe hinauf, die zu
der Wohnung der Tänzerin führt. Frau Anna und der gute, alte Doktor Ehrhard
sitzen an dem Bettchen des kranken Kindes. Eine verdeckte Lampe wirft ein trübes
Licht über das kleine Zimmerchen; hier und da liegt auf den Stühlen
phantastischer Putz, eine schwarze Halbmaske unter den Arzneigläsern auf dem
Tische. Der Doktor legt das Ohr dem Knaben auf die Brust und lauscht den
schweren, ängstlichen Atemzügen; ich stehe am Fenster und horche in die Nacht
hinaus. Der Regen schlägt noch immer gegen die Scheiben; aus einem Tanzlokal der
niedrigsten Volksklasse dringen die schrillen, schneidenden Töne einer Geige bis
hier herauf. - Jetzt zieht der Doktor die Uhr hervor und sagt leise und ernst:
    »Sie muss sich beeilen!«
    Das Kind stöhnt in seinem unruhigen Schlaf; die Hand des Todes drückt schwer
und schwerer auf das kleine unwissende Herz, dem sich gleich ein Geheimnis
entüllen wird, vor welchem alle Weisheit der Erde ratlos steht.
    Auf der Sophienkirche schlägt es dumpf zehn. Der Wind macht sich plötzlich
auf und rüttelt an den schlechtverwahrten Fenstern. Die Februarnacht wird immer
unheimlicher und düsterer.
    Unter Blumenkränzen sich verneigend, steht jetzt im Teater die grosse,
berühmte Künstlerin, die Menge jubelt und klatscht Beifall; der König, die
Königin, das Publikum haben sich erhoben - der schwere, goldbesternte Vorhang
rollt langsam nieder. Die bleiche Königin ist müde in ihren Wagen gestiegen; die
grosse Künstlerin nimmt die Glückwünsche und Schmeicheleien der sie Umgebenden in
Empfang; leer wird das eben noch so menschengefüllte Opernhaus, und - die arme
Choristin ist halb bewusstlos an einer Kulisse zu Boden gesunken, um, wie aus
wildem Traume zu noch wilderer Wirklichkeit erwachend, mit dem herzzerreissenden
Schrei: »Mein Kind, mein Kind!« fortzustürzen. - Wir in dem kleinen Dachstübchen
haben das nicht gesehen, nicht gehört, aber jeder kürzer werdende Atemzug des
sterbenden Kindes sagte uns, was dort in dem lichterglänzenden, musikerfüllten
Gebäude am andern Ende der grossen Stadt geschehe.
    Horch! Ein Wagen rasselt heran; er hält drunten.
    »Die Mutter«, sagt der Doktor aufstehend. »Es war Zeit!«
    Ein eiliger Schritt kommt die Treppe herauf; eine Frau, in einen dunkeln
Mantel gehüllt, erscheint todbleich und atemlos in der Tür. Sie lässt den
regenfeuchten Mantel fallen, und im phantastischen Kostüm der Teufelinnen, wie
wir es in »Satanella« sahen, stürzt sie auf das Bettchen zu.
    »Mein Kind! Mein Kind!« flüstert sie, in grässlicher Angst den Doktor
ansehend. Sie beugt sich, sie hört den leisen Atem des Kindes: Es lebt noch! -
Das schwarze Lockenhaupt mit dem Flitterputz von Glasdiamanten und feuerroten
Bändern sinkt auf das ärmliche Kissen.
    »Mama, liebe Mama!« stöhnt das sterbende Kind, mit den kleinen fieberheissen
Händchen durch die schwarzen Haare der Mutter greifend, dass die Steine darin
blitzen und funkeln. - - Jetzt läuft ein Schauer über den kleinen Körper - -
    »Vorüber!« - sagt der alte Doktor dumpf, mir die Hand drückend.
    Frau Anna und eine Nachbarin blieben die Nacht bei der armen, bewusstlosen
Mutter.
                                                                      Am 7. März
Gestern nachmittag begannen die schweren Regenwolken, die wochenlang über der
grossen Stadt gehangen hatten, sich zu heben. Sie zerrissen im Norden wie ein
Vorhang und wälzten sich langsam und schwerfällig dem Süden zu. Ein Sonnenstrahl
glitt pfeilschnell über die Fenster und Wände mir gegenüber, um ebenso schnell
zu schwinden; ein anderer von etwas längerer Dauer folgte ihm, und jetzt liegt
der prächtigste Frühlingssonnenschein auf den Dächern und in den Strassen der
Stadt. Wahrlich, jetzt gleicht die Stadt nicht mehr einem scheuergeplagten
Ehemann; sie gleicht vielmehr seiner bessern Hälfte, die nun ihre Pflicht getan
zu haben meint, erschöpft auf einen Stuhl zum Kaffeetrinken niedersinkt und
lispelt: »Puh! Hab ich mich abgequält, aber gottlob, nun ist's auch mal wieder
rein!«
    Ja, rein ist's! Verschwunden ist der Schnee, der zuletzt doch gar zu grau
und unansehnlich geworden war; viel missmutige, verdrossene Gesichter haben sich
aufgehellt, und - die kleine Leiche von oben ist fort. Die alte Grossmutter
Karsten hat auch ihr nachgeblickt; sie hat die arme Mutter auf die Stirn geküsst,
als man den Sarg hinabtrug, und hat, gleichsam als wundere sie sich über etwas,
lange das Haupt geschüttelt. Wer weiss, wieviel jüngere Leben sie noch
dahinschwinden sieht!
    Ich habe diese Blätter, glaub ich, einmal ein Traumbuch genannt - wahrlich,
sie sind es auch.
    Wie Schatten ziehen die Bilder bald hell und sonnig, bald finster und
traurig vorüber. Jetzt ist der dunkle Grund, aus dem sie sich ablösen, ganz
bedeckt von Leben und Jubel; jetzt taucht wieder die unheimliche finstere Folie
auf. Die Freude verstummt, der Jubel verhallt, es ist tote Nacht allentalben,
die nur dann und wann ein Klagelaut unterbricht. Sei die Nacht aber auch noch so
dunkel, ein Stern funkelt stets hinein: Elise! - Ich brauche nur in meine alte
Mappen und Erinnerungsbücher mich zu versenken, und die Gespenster entfliehen,
die Nebel sinken, und es wird wieder fröhlicher Tag in mir.
                                     Elise!
Die Knospe, die hundert duftige Blumenblätter in ihrer grünen Hülle einschloss,
entfaltet sich wie ein süsses, liebliches Geheimnis. Noch ein warmer Kuss der
Sonne, und die Zentifolie, den reinen Tautropfen der Jugend und der Unschuld im
Busen, ist die schönste der Erdenblüten.
    Ich glaube an keine Offenbarung als an die, welche wir im Auge des geliebten
Wesens lesen; sie allein ist wahr, sie allein ist untrüglich; in dem Auge der
Liebe allein schauen wir Gott »von Angesicht zu Angesicht«. Die Zunge ist
schwach und des Menschen Sprache unvollkommen; die Schrift ist noch schwächer
und unvollkommener, und ein Blatt Papier zum Urquell der Erkenntnis des ewigen
Geistes machen zu wollen ist ein arm töricht Beginnen. Ich drücke die Augen zu,
und - sie ist vor mir mit ihrem süssen Lächeln, sie schlägt sie auf, diese grossen
blauen Augen, in denen ich Trost suche und finde. Elise, Elise, nun bist du ein
grosses, schönes Mädchen geworden, und das Bild dort, welches, dein toter Vater
von deiner toten Mutter malte, gleicht einem Spiegel, wenn du so sinnend davor
stehst und so süsstraurig lächelnd zu ihm emporblickst. Die wilden Spiele, die
tollen Streiche in dem Hause und auf der Gasse sind vorüber (wenn auch noch
nicht ganz, Schelm); wo du sonst lachtest, Elise, lächelst du jetzt, wo du sonst
weintest und klagtest, senkst du jetzt die Augen und träumst; wo du sonst den
Schürzenzipfel in den Mund stecktest oder die Ärmchen auf dem Rücken ineinander
wandest, fliegt jetzt ein hohes Rot über deine Wangen - du bist eine Jungfrau
geworden in den Blättern der Chronik, Elise!
Oftmals lässest du, vor dem Nähtischchen deiner Mutter unter der Efeulaube
sitzend, die Arbeit lauschend in den Schoss sinken, das Köpfchen in das dichteste
Blätterwerk verbergend. Eine helle, frische Stimme klingt dann von drüben
herüber, ein Studentenlied anstimmend. Wo will Flämmchen hin, Elise? - Einen
Augenblick; sitzt es auf ihrer Schulter, ihr ins Ohr zwitschernd, als habe es
ihr ein wichtiges, ein gar wichtiges Geheimnis mitzuteilen, dann verschwindet es
aus dem Fenster. Wo ist es geblieben?
    Die Stimme drüben, die plötzlich mitten in ihrem Gesang abbricht, gibt
Antwort darauf. Ein wohlbekanntes, wenig verändertes, braunes Gesicht, von
dunkeln Locken umwallt, erscheint in Nr. zwölf am Fenster; es ist der junge
Maler Gustav Berg, der Vetter Gustav, der einstige Taugenichts der Gasse, jetzt
ein »denkender« Künstler und, wie man munkelt, oft genug der »Taugenichts des
Ateliers« beim Meister Frei in der Rosenstrasse.
    »Kusine, Kusine Elise! Onkel Wachholder!« ruft er. »Die Mama ist ausser sich!
Flämmchen hat ein Leinölglas umgestossen und - Unordnung über Unordnung - nicht
nur eine sehr angenehme Verschönerung auf dem Fussboden, sondern auch eine sehr
unangenehme Verbesserung auf meiner Zeichnung angebracht. Es ist keine
Möglichkeit, weiterzuarbeiten! Wie wär's mit einem Spaziergang?«
    Ich denke lächelnd an den Doktor Wimmer, der auch einst oft genug Ähnliches
von drüben herüberrief; die Chronik der Sperlingsgasse hat ihre Wiederholungen
wie alles in der Welt. - Elise setzt ihren Strohhut auf, und wir gehen hinüber.
Auf der Treppe schon empfängt uns Gustav, noch im leichten farbebeschmutzten
Malrock, den Kanarienvogel auf dem Finger.
    »Da ist der Verbrecher«, lacht er. »Sieh, Lieschen, wie unschuldig er
aussieht, grade wie du, die doch auch um kein Haarbreit besser ist als er.«
    »Was? - Was hab ich denn verbrochen?« fragt Elise.
    »Höre nicht auf den bösen Menschen«, sagt die Tante Helene, die jetzt in der
Tür erscheint.
    »So; - das ist ja prächtig, Mama! Höre nicht auf den bösen Menschen! Das ist
himmlisch! Onkel Wachholder, das Frauenzimmervolk hängt wie Pech zusammen; ich
rufe Sie zum Richter auf. Aber kommen Sie herein, die Sache ist zu wichtig, als
dass man sie auf der Treppe abmachen könnte.«
    Wir treten ein, jeder sucht sich einen Platz, und Gustav beginnt:
    »Hören Sie zu, Onkel! Heute morgen gehe ich, mit meiner Zeichenmappe unter
dem Arm, ganz solide von hier weg. Die besten Vorsätze und Gesinnungen bewegten
meinen Busen, und ich rechnete mir innerlich für den immensen Fleiss, den ich
heute beweisen wollte, verschiedene Bummeleien zugute. Ich wollte, ich hätte das
Selbstgespräch, welches ich hielt, stenographieren können, es würde mir jetzt
von grossem Nutzen sein. An mancher Scylla und Charybdis, wo meine guten Vorsätze
sonst dann und wann gescheitert waren, war ich diesmal glücklich vorbeigesegelt.
Als mich Tomas Helldorf aus seinem Fenster anbrüllte, hatte ich mich taub
gestellt, als aus Schnollys Konditorei Leopold Dunkel mir zuwinkte, hatte ich
mich blind gestellt; gefühllos zu sein, hatte ich geheuchelt, als Richard
Breimüller mich in die Seite stiess und mir den Arm fast ausrenkte, um mich mit
zu einem grossartigen Frühstück zu ziehen, welches die unmoralischen Menschen,
die Freiwilligen von den Zweiunddreissigern, gaben. Ich entwickelte eine riesige
Moral! Da biege ich im vollen Gefühl meiner Sittlichkeit um, die Ecke, die auf
den Gemüsemarkt führt, und - renne gegen einen Korb oder vielmehr eine
Korbträgerin, die mir entgegenkommt und mir ohne weiteres mit ihrem Sonnenschirm
den Weg versperrt...«
    »O dieser Lügner!« fällt hier Elise ein. »Wer hat dir den Weg versperrt?
Hast du mich nicht angehalten? Hast du mir nicht meinen Korb weggenommen? Du...«
    »... die mir also den Weg versperrt und...«
    »Verleumder! - Hast du mir nicht meinen ganzen Korb umgekramt und die grösste
Mohrrübe hervorgezogen, um sie auf der Stelle mit deinem Messer...«
    »... die mir, wie gesagt, den Weg versperrt und sagt: .Sieh, das ist
prächtig. Gustav; jetzt sollst du wider deinen Willen einmal zu etwas nützlich
sein; hier, nimm meinen Korb! -  Kannst du das leugnen, Liese?«
    »Onkel, er lügt entsetzlich«, sagt Elise, »er verdreht die ganze Geschichte.
Ich hätte ihn doch nicht den Korb tragen lassen?! Er war es, der ihn nicht
wieder herausgab, und da er noch dazu zwischen jedem Biss, den er an seine
Mohrrübe tat, an einem Rosenstrauch roch, welchen er ebenfalls herausgewühlt
hatte, so sagte ich: Ich habe keine Zeit mehr...«
    »Onkel Wachholder«, unterbricht jetzt Gustav, »ich verband das Schöne mit
dem Nützlichen! Mama, sind rohe Mohrrüben nicht etwa gut gegen - gegen alles
mögliche?«
    »... ich habe keine Zeit mehr, und wenn du den Korb einmal nicht wieder
herausgehen willst, so behalte ihn und schleppe ihn meinetwegen!«
    »Siehst du! Seht ihr! Da gesteht sie ihre Schlechtigkeit selbst ein. Denken
Sie, Onkel Wachholder, auf einmal dreht sie sich um, rennt davon wie eine
Gazelle und lässt mich an der Ecke stehen wie ein Kamel, beladen mit Rosen von
Schiras und Gemüse aus dem Tal von Schâm. Elise, Lieschen, Kusine Ralff! rufe
ich aus vollem Halse; Liese, mit dem Korb kann ich doch nicht ins Atelier gehen!
Himmlische Kusine Lieschen, befreie mich von diesem Stilleben! - Wer aber nicht
hört, ist Elise. Was war zu tun? Ich setze mich in Trab; mit Korb und Mappe, mit
Rüben und Rosen hinter ihr her. Solch eine Jagd! - Von Zeit zu Zeit sehe ich
ihren Strohhut oder ihr blaues Kleid zwischen dem Schwefelholz-, Herings-,
Butter- und Käsehandel - - ich glaube sie zu haben - Täuschung, da ist sie
wieder hinter einer Bude verschwunden! Ich fange an, dem kaufenden und
verkaufenden Publikum sehr lächerrlich zu werden mit meiner Mohrrübe, die ich
noch immer krampfhaft in der Hand halte. Ich trete in einen Eierkorb! Riesiger
Skandal! - Die Polizei erscheint! Verkoofen Se Ihr Grünkraut sachte, sagt
grinsend Polizeimann Nr. 69, immer langtemang! - Ich bezahle für den Eierkorb
mit blutendem Herzen und gelben Stiefeln; von Elise keine Spur! - Neue Jagd -
ich glitsche über einen Kohlstrunk aus - baff, da liege ich mit Korb und Mappe;
Kohlrüben, Rosen, Zwiebeln, meine Zeichnungen und Elisens Marktrechnungen im
malerischen Durcheinander um mich her. O Jotte, det arme Kind, sagte eine dicke
Gemüsefrau, ebent in die Eier und nu in den..! Soll ich Se ufhelfen, Männeken? -
Immer langtemang, grinst wieder der Polizeimann Nr. 69, der mir wie mein böses
Prinzip gefolgt ist. - Ich suche meine Schätze, die ich zu allen Teufeln
wünsche, gleich im Liegen auf und erhebe mich dann in einer wirklich anmutigen
Verfassung. Ausser Atem und hinkend schlage ich mich durch die Menge und sinke
auf den Eckstein an derselben Ecke, wo mein Leiden begonnen hatte. Ich stelle
den Korb zwischen die Beine und starre mit äusserst bitterm Gefühl hinein. Soll
ich das Ungetüm wirklich hinschleppen nach der Sperlingsgasse? Vorüber an der
Kaserne der Zweiunddreissiger und an Schnollys Konditorei? - Einen Spitznamen
hätte ich und meine ganze Nachkommenschaft weg - drei Ellen lang! Mein innerster
Mensch sträubte sich zu mächtig dagegen. Eine Droschke konnte ich nicht nehmen,
denn meinen Geldvorrat hatte das Eierunglück aufgefressen, es blieb mir nichts
anderes übrig, als eine neue Mohrrübe abzukratzen, meine Verzweiflung an ihr zu
verbeissen. Das kommt davon, wenn man mit soliden Vorsätzen von Hause weggeht!
Wie gemütlich hätte ich in dem Augenblick statt auf diesem fatalen Eckstein bei
dem Frühstück der Freiwilligen sitzen können! Ich weiss nicht, wie lange ich so
brütend da gekauert habe, als ich plötzlich, um zum Himmel zu schauen, meinen
Blick aufschlage, aber ihn halbwegs erstarrt ruhen lasse! - - Da sass sie! -
Kichernd lehnt sie an dem Eckstein der andern Strassenecke mir gegenüber, eine
grosse, grüne, angebissene Birne in der Hand! Guten Morgen, Vetter! lacht sie,
ohne sich vom Fleck zu rühren. Könntest du mir jetzt vielleicht meinen Korb
geben? Ich muss wirklich nach Haus; der Onkel kriegt sonst nichts zu essen! - 
Ich fahre mit der Hand über die Stirn, ich muss wirklich erst meine Sinne
zusammensuchen; ich stosse einen tiefen Seufzer aus - da erhebt sie sich, als
schicke sie sich an, wieder fortzurennen. In Todesangst springe ich auf, bin in
einem Satz mit dem verdammten Korb an ihrer Seite, hänge ihn ihr an den Arm und
sinke nun auf den Eckstein neben ihr, um auch ihn als Sitzmittel zu probieren. -
Hab ich dich aber gesucht, Gustav! hohnlächelt die Boshafte. Gott, wie siehst du
aus? Wo hast du denn gesteckt? - Daimonih! murmele ich dumpf, während es noch
dumpfer auf der unierten Kirche elf schlägt und die Atelierszeit ihrem Ende
naht; und so ziehen wir nach Haus, Elise immer kichernd voran, ich hinkend
hinter ihr her, meine Rockschösse vorsichtig zusammenhaltend. Eine derangierte
Toilette, ein leerer Geldbeutel, müde Beine, ein grässlicher Nachgeschmack von
den fatalen Mohrrüben und das bodenlose Gefühl, mich unendlich lächerrlich
gemacht zu haben, das waren die Ergebnisse dieses Morgens! Und nun richten Sie,
Onkel Johannes!«
    »Onkel, lass das Richten nur sein«, sagt Elise. »Er hat sich schon selbst
gerichtet. Hat er nicht?«
    »Ich glaube auch«, sagt die Tante Berg.
    »Ich desgleichen«, gehe ich mein Verdikt ab.
    »Das dachte ich wohl«, brummt der denkende Künstler. »Wann hätte je die
Unschuld gesiegt?! Abgemacht. Wie wird's nun mit unserm Spaziergang?«
    »Ja, wo wollen wir hin?« ruft Elise, und Gustav meint:
    »Ein Vorschlag zur Güte: wir gehen nach dem Wasserhof; da ist bal champêtre!
Was meinst du, Lieschen?«
    
    »Kann man da hingehen?« fragt die Tante Berg bedenklich.
    »Warum nicht? Sind wir doch dabei!« sagt der denkende Künstler, gravitätisch
den Halskragen in die Höhe zupfend. »Übrigens ist heute auch das Atelier mit
seinen Schwestern da: ebenso der Professor Frei mit seinen sechs Nichten,
und...«
    »Nach dem Wasserhof!« rufe ich elektrisiert. »Tante Berg, man kann dahin
gehen!«
    Und wir gehen hin. -
    Wer kennt nicht den Wasserhof? Hat ihn nicht Goete im »Faust« unsterblich
gemacht? »Der Weg dahin ist gar nicht schön.« Welcher Weg um diese Stadt ist
schön? Es lebe der Wasserhof! Da gibt es Schatten und kühle Lauben am Tage,
Musik, bunte Lampen und fliegende Johanniswürmer am Abend; da gibt es Kellner
mit einst weissen Servietten, die in der rechten Hosentasche stecken; da gibt es
vor allem einen - prächtigen Tanzplatz im Grünen!
    »Lieschen, heute morgen hast du mir einen Korb gegeben; ich will dir das
verzeihen, wenn du mir jetzt keinen anhängen willst: Mein Fräulein, darf ich um
den ersten Walzer bitten?«
    »Lass uns erst ankommen, Vetter!« sagt Lieschen, die auf dem ganzen Wege
stets die Vorderste wäre, wenn nicht Gustav gleichen Schritt mit ihr hielte. - -
    Da sind wir! Heda, da sitzt schon der alte Meister Frei mit der langen
Pfeife hinter einer Flasche Wein, behaglich dem lustigen Treiben zuschauend und
lächelnd das schwarze Käppchen auf den langen weissen Haaren hin und her
schiebend. Schon aus der Ferne winkt er uns, als wir uns durch die Menge
drängen, und ruft uns sein »Willkommen« entgegen. Hurra, da ist das »Atelier mit
seinen Schwestern«, wie Gustav sagt, und die sechs Nichten des Professors. Eine
lustige Gruppe: lange Haare, schwarze Sammetröcke, Kalabreser mit gewaltigen
Troddeln, dann wieder weisse Kleider, bunte Bänder, Strohhüte und Gustav und
Elise natürlich sogleich mitten dazwischen. Beim heiligen Vocabulus, ist das
nicht der lange Oberlehrer Besenmeier, der da, aptus adliciendis feminarum
animis, der dicken Frau Rektorin Dippelmann einen Stuhl erobert? Wahrlich, er
ist's, und da ist der Rektor selbst, der Ruten und Beile so vollständig abgelegt
hat, dass ihn in diesem Augenblick jeder Sekundaner ohne böse Folgen um - Feuer
für seine Zigarre bitten könnte. Wen haben wir hier? Darf ich meinen Augen
trauen? Der königliche Professor der Gottesgelehrteit, Hof- und Domprediger Dr.
Niepeguck!? - Wirklich, er ist's; mit Frau und Kindern steuert er durch die
Menge. »Weg die Dogmatik!« lautet das Studentenlied: warum sollte der alte
Hallenser das an einem solchen prächtigen Abend nicht auch noch einmal in - das
Doppelkinn summen dürfen? Wie die Universität vertreten ist! Professoren
Privatdozenten und Studenten von allen Fakultäten und Verbindungen! Dacht ich
mir's doch, da sind auch die »unmoralischen Menschen«, die Freiwilligen!
Natürlich durften sie nicht fehlen! -
    »Guten Abend, Cäcilie, Anna! Guten Abend, Elise, Johanne, Klärchen,
Josephine! Das ist ja prächtig, dass ihr auch da seid!« schwirrt und summt das
durcheinander.
    »Gott, wo bleibt mein Tänzer! Der abscheuliche Mensch wird mich doch nicht 
sitzen lassen?!«
    »Auf keinen Fall, mein Fräulein!« sagt der Auskultator Krippenstapel, sein
ambrosisches Haupt über die Schulter der erschrockenen Sprecherin streckend und
etwas von »nur Personalarrest« murmelnd.
    »Lieschen, keinen Korb - bitte!« ruft Gustav, ein Paar wundersame Handschuh
anziehend und eine Rosenknospe ins Knopfloch steckend.
    »Nun, Vetter - wenn's denn nicht anders sein kann - so komm schnell, die
Musik fängt schon an.«
    »Höre, Peter van Laar«, sagt Gustav schon im Rennen zu einem wohlbeleibten
Kunstjünger, »wenn du mich wieder auf den Fuss trittst wie neulich, stecke ich
dich morgen mit der Nase in dein Terpentinfass! Komm, Lieschen!« -
    Prr - davon sind sie: »Mutwill'ge Sommervögel.«
    Ich habe unterdessen mit der Tante Helene Platz am Tische des Meister Frei
genommen, der eben unter schallendem Gelächter eine Schnurre aus seinem
italischen Wanderleben beendet. Der Domprediger redet über die Wirkungen des
Weissbiers auf seine Konstitution, während Petrus und Paulus, seine Sprösslinge,
sich unter dem Tisch wälzen und balgen und die Frau Domprediger sich darüber
aufhält, dass die Kellner sich mit der Hand schneuzen.
    »Es ist immer noch besser als in die Serviette!« sagt der Rektor Dippelmann,
eine Prise nehmend und in der Zerstreuung die Dose der Tante Helene anbietend.
An ein und demselben Punkt werden nun zwei Gespräche angeknüpft: die Weiber
plumpsen in die grosse Wäsche und der Domprediger mit dem Rektor Dippelmann in
die - Teologie.
    »Kommen Sie, Wachholder«, sagt der Professor Frei, »wir wollen lieber den
Kindern beim Tanzen zusehen! Mir wird wässerig und schwül zugleich.«
    Da ich wirklich etwas Ähnliches in mir spüre, nehme ich den Vorschlag mit
Freuden an, und wir wandeln durch die Gänge mit den bunten Lampen und
Laubgewinden dem Tanzplatz zu. Da ist ein lustiges Treiben.
    »Welche prächtigen Reflexe!« ruft der alte Maler ganz entusiasmiert. »Sehen
Sie, Wachholder, da kommt der Berg, aus dem ich Ihnen trotz seiner sporadischen
Bummelei und Liederlichkeit doch noch einen echten Künstler mache. Nun,
fanello«, wendet er sich an den Herbeieilenden, »ich hoffe, Ihr werdet meine
Mädchen nicht dörren lassen - wie sie sagen!«
    Der denkende Künstler grinst auf eine unbeschreibliche Weise:
    »Wir tun unser möglichstes, Herr Professor. Sehen Sie nur den Peter Laar!
Segelt er nicht wie ein wahrer Fapresto mit Fräulein Julie dahin? Hier können
Sie sich doch wahrlich nicht beklagen, dass er keine Fortschritte mache. Sehen
Sie nur, wie er weiterkommt. Sehen Sie, wie - buff! Dacht ich's doch! Da bohrt
er den Auskultator Krippenstapel mit seiner Donna zu Grund! Alle Wetter! Das
gibt Skandal! Da muss ich retten!«
    »Herr!« schreit der königliche Auskultator, wütend aufspringend und seine
Tänzerin trostlos-lächerrlich auf ihrem »séant« sitzen lassend. »Herr, können Sie
nicht sehen, haben Sie keine Augen im Kopfe, Sie...«
    »Halt, Krippenstapel!« fällt hier Gustav ein, den gefallenen Engel des
Juristen aufhebend. »Sie sollen fürchterlich gerächt werden, ich gebe Ihnen mein
Ehrenwort! Peter Holzmann, Bamboccio, Ungetüm! Ein schreckliches Los harrt
morgen deiner! - Mein Fräulein, Sie haben sich doch nicht weh getan? Wollen Sie
eine kalte Messerklinge auflegen, das soll gut sein gegen Beulen? - Fräulein
Julie, gehen Sie doch gefälligst dem dicken Ungeheuer an Ihrer Seite einen
tüchtigen Nasenstüber als Vorgeschmack! Krippenstapel, sei'n Sie ein guter Kerl
und fangen Sie keinen Lärm an; kommen Sie, lassen Sie sich von Ihrer Dame eine
Stecknadel geben, ehe Sie weiterschweben. Vergessen Sie's nicht, es ist wichtig;
ich als Ästetiker muss das wissen!«
    Ein allgemeines Gelächter löst die Sache in Wohlgefallen auf. Krippenstapel
schleicht mit seiner Stecknadel ingrimmig ins Gebüsch: seine Dame verkündet
hinter ihrem Taschentuch, keine kalte Messerklinge anwenden zu wollen; Peter
Holzmann stolpert mit Fräulein Julie zu einem Sitz, und alle übrigen Paare
ordnen sich zu einem neuen Tanz.
    Schon während des Verlaufs dieser Szene habe ich mich gewundert, nirgends
Elisens Lockenkopf hervorlugen zu sehen, nirgends ihr helles Lachen zu hören;
als nun ein neuer Tanz beginnt und sie auch jetzt nicht erscheint, wird mir die
Sache bedenklich.
    »Gustav, heda hier! Wo hast du denn meine Liese gelassen?«
    »Ich? - Onkel, fragen Sie lieber: wo hat dich die Liese gelassen. Sie
behauptet böse zu sein und ist mit Fräulein Henriette Frei weggelaufen, nachdem
sie mich einen - einen Teekessel genannt hat.«
    »So? - Was habt ihr denn wieder vorgehabt?«
    »Ich kann mich auf Weiteres nicht einlassen!« sagt der »denkende Künstler«,
zieht ein wehmütig-sein-sollendes Gesicht und verschwindet unter der Menge.
    »Wenn die Sachen so stehen«, lacht der alte Frei, »so werden die Mädchen
jetzt wohl bei der Wäsche und Teologie sitzen. Kommen Sie, wir müssen uns doch
erkundigen, was der Friedensstifter (machte er seine Sache nicht prächtig?) da
für Unheil und Unfrieden angestiftet hat!«
    »Ich kann's mir schon vorstellen«, brumme ich in den Bart, und so schlagen
wir uns seitwärts ins Gebüsch und gelangen zu unserm Tisch zurück.
    »Richtig, da sitzen die Turteltäubchen!« ruft der Professor. »Wie andächtig
sie dem Oberlehrer Besenmeier zuzuhören scheinen und doch ganz woanders sind!
Kurre, kurre, kurre, Fräulein Elise, mein Täubchen, was hat Ihnen denn ein
gewisser - hm - gewisser Teekessel getan?«
    »Wer?« fragt Lieschen, die sich dicht an die Tante gedrängt hat und von ihr
mit einem gewaltigen Tuche umwickelt ist, während Henriette an ihrer andern
Seite emsig sich mit ihrer Teetasse beschäftigt.
    »Wer? fragst du!« nehme ich das Wort. »Nun, wir begegneten eben jemand, der
ziemlich nahe am - Überkochen war.«
    »Ach, du meinst den Vetter! - Pah - der!«
    »Nun, was hat's gegeben? Tante Helene, hat sie Ihnen vielleicht schon ihr
Herz ausgeschüttet?«
    »Nein!« sagt die Tante. »Haben sie sich wieder gezankt?«
    »Es scheint so! Fräulein Henriette, Sie wissen gewiss etwas Näheres davon?«
    »Soll ich's sagen, Lieschen?« fragt kichernd Henriette, ihre Freundin am Ohr
zupfend.
    »Meinetwegen!« sagt Elise, mit einem Gesicht wie Menschenhass und Reue einen
Nachtschmetterling verscheuchend, der ihr um den Kopf flattert und mit aller
Gewalt sich in ihren Locken fangen will.
    »Er hat - Herr Gustav hat gesagt; - wenn er ihr nicht die Tänzer schicke und
Propaganda (ich glaube, so heisst's) für sie mache, so wurde sie - ihr Lebtag
ausser ihm keinen kriegen. Sie müsse daher hübsch dankbar und zuvorkommend gegen
ihn sein und«
    Ein Ausruf des Entsetzens entringt sich allen.
    »Abscheulich!« ruft die Tante Berg. »Finis mundi!« lacht der Rektor
Dippelmann. »Schändlich! ächzt die Frau Rektorin:
    Grässlich!« die Frau Dompredigerin. »Beim Himmel, das ist stark!« meint ihr
Gemahl. »Das hätte ich nicht gedacht!« brumm ich. »Das soll er büssen«, ruft der
Professor Frei, »und...«
    »Er büsst es schon!« sagt eine Stimme, und der Übeltäter guckt durch das
Gebüsch hinter Elisens Platze. »Teilweise hat er es sogar schon gebüsst!«
    Mit diesen Worten windet sich der Blasphemist vollends hervor, schiebt sich
ganz sachte zwischen seine Mutter und Elise, die schnell nach der andern Seite
rückt, wohin er ihr ebenso schnell folgt. Seinen Arm um sie legend, hält er
folgende Rede: »Lieschen, englische Kusine Ralff, ich beschwöre dich, höre mich!
- Glaubst du etwa, ich habe, nachdem du jenem Schauplatz eitler Freuden den
Rücken gewandt, weitergewalzt? Du irrst! Du irrst! Gute Werke habe ich getan,
meine Schuld zu sühnen: den edlen Holzmann - Holzmann, komm mal her und gib mir
die Schachtel mit den feurigen Tränen! -, den edlen Holzmann habe ich aus den
Klauen des racheschnaubenden Krippenstapels gerettet; Fräulein Tekla Stichel
habe ich aus der amüsantesten aller Lagen, oder vielmehr Sitzungen,
emporgezogen; als mitten im Contretanz dem Freiwilligen Breimüller der Steg riss
und ihm die Unnennbare bis zum Knie hinaufschnurrte, habe ich ihm eine Droschke
herbeigepfiffen; kurz überall, wo Tränen zu trocknen waren, war auch ich - wie
gesagt, nur um meine Schuld zu büssen. Und hier, Lieschen (Holzmann, gib mir die
Schachtel), nicht allein getrocknet habe ich Tränen, auch gesammelt habe ich
welche! - Sieh, Lieschen!«
    Einen Ausruf der Verwunderung und Freude stösst Elise trotz ihrem Groll aus,
als ihr der Bösewicht den Inhalt seiner Schachtel in den Schoss schüttet und
unzählige funkelnde, leuchtende Johanniswürmer um sie herum kriechen und
schwirren.
    Die Lampen sind weit genug entfernt, dass die Tierchen in ihrem ganzen Glanz
erscheinen können, und es ist wirklich ein hübscher Anblick - diese besternte
Elise!
    »Das sind meine Reuetränen, und du - kriegst Tänzer leider zu viel - ohne
mich! - und ich bin ein Teekessel und et cetera - Lieschen?! - Lieschen, gucke
mich mal an!«
    »Taugenichts!« sagt Elise, dem Sünder in die Haare greifend, und - der
Friede ist geschlossen! -
    War denn der alte Meister Frei an diesem Abend ganz aus Rand und Band? Auf
einmal verkündete er, dass er seinen morgenden 69sten Geburtstag (es war der
letzte seines Lebens) jetzt feiern wolle, da bei solchen Gelegenheiten das
Improvisieren den wahren Genuss und Jubel hervorbringe. Das halbe Atelier machte
er halb betrunken, die ganze weibliche Welt ganz angeheitert. Ein Kranz wurde
ihm aufgesetzt trotz allem Sträuben - ein Kranz, der nur so sein musste. Der
Domprediger hielt eine Rede, die »Verehrter Greis« anfing und ähnlich endete,
und Reden wurden losgelassen und Toaste ausgebracht bis zwölf Uhr. Dann erhob
sich das alte bekränzte Geburtstagskind, beklagte sich über Nachtkühle und
Nachtfeuchte, und - das Fest war vorbei.
Vorbei! Wo sind heute alle die, welche es feierten?
    Tot ist der alte Meister Frei, zerstreut in alle Welt sind seine Schüler.
Peter Holzmann, genannt Peter van Laar oder auch Bamboccio, ist 1849 in einer
römischen Villa von französischen Plünderern erstochen, als er eine Raffaelsche
Madonna vor ihrer Zerstörungswut schützen wollte. Der Domprediger ist noch immer
nicht zum Mormonentum übergetreten, und der Oberlehrer Besenmeier hat Fräulein
Julie Frei geheiratet und steht - »mit dem Gürtel, mit dem Schleier reisst der
schöne Wahn entzwei« - fürchterlich unter dem Pantoffel. Die Frau Rektor
Dippelmann knüpft noch wie immer alle Morgen ihrem Gemahl die Halsbinde um,
steckt ihm das Butterbrot, in die gestrige Zeitung gewickelt, in die Rocktasche
und sieht ihm stolz nach aus dem Fenster, wie er über die Friedensbrücke nach
dem Schimmelstädtischen Gymnasium wandelt.
    Und Gustav und Elise? - - - Ich werde nachher dieses Blatt der Chronik
hinübertragen zu jener schönen ältlichen Frau in Nr. zwölf der Sperlingsgasse,
deren Fortepianoklänge sich schon den ganzen Nachmittag über in meine Gedanken
verwoben haben. Dann werden wir von Gustav und Elise sprechen!
                                                                     Am 14. März
»Hören Sie, Wachholder«, sagte heute Strobel, mit den zusammengehefteten Bogen
der Chronik aufs Knie schlagend, »wenn Ihnen einmal Freund Hein das Lebenslicht
ausgeblasen hat, irgend jemand unter Ihrem Nachlass diese Blätter aufwühlt und er
sich die Mühe gibt, hineinzugucken, ehe er sie zu gemeinnützigen Zwecken
verwendet, so wird er in demselben Fall sein wie der alte Albrecht Dürer, der
ein Jagdbild lobte, aber sich zugleich beklagte, er könne nicht recht
unterscheiden, was eigentlich die Hunde und was die Hasen sein sollten. Sie
würfeln wirklich Traum und Historie, Vergangenheit und Gegenwart zu toll
durcheinander, Teuerster; wer darüber nicht konfus wird, der ist es schon! Und
wenn Sie noch Ihre Bilder einfach hinstellten wie ein alter, vernünftiger,
gelangweilter Herr und Memoirenschreiber! Aber nein, da rennt Ihnen Ihr
Mitarbeitertum der Welken Blätter zwischen die Beine, da putzen Sie Ihre
Erinnerungen auf mit dem, was Ihnen der Augenblick eingibt, hängen hier ein
Glöckchen an und da eins, und ehe man's sich versieht, haben Sie ein Ding
hingestellt wie - wie ein Gebäude aus den bunten Steinen eines Kinderbaukastens.
Das ist hübsch und bunt, aber - es passt nichts recht zusammen, und wenn man es
genau besieht - puh! - Nehmen Sie's nicht übel, aber manchmal gleicht Ihre
Chronik doch dem Machwerk eines angehenden literarischen Lichts, das sich mit
Rousseau getröstet hat: Avec quelque talent qu'on puisse être né, l'art d'écrire
ne s'apprend pas tout d'un coup.«
    Ich hatte dieser langen Rede des Karikaturenzeichners geduldig zugehört,
jetzt sagte ich, während ich erbost meine Pfeife ausklopfte: »Sie haben vor
einiger Zeit versprochen, ein Mitarbeiter meiner Chronik werden zu wollen, ich
nehme Sie jetzt nach Ihrer so tief eingehenden Kritik sogleich beim Wort und -
lasse Sie mit Dinte, Feder und Papier allein, dass Sie Ihren Beitrag derselben
auf der Stelle anhängen. Der einst Konfuswerdende mag auch von Ihnen etwas mit
aufwühlen. Guten Abend!«
    Der Karikaturenmaler lachte, sagte »fiat« und begann eine Feder zu
schneiden, während ich Hut und Stock nahm und abzog mit dem Gefühl eines
Menschen, der eine belebte Strasse hinabzieht unter der festen Überzeugung, dass
ihm hinten ein ungreifbares, ellenlanges Band vom Vorhemde über den Rockkragen
baumelt. »Und recht hat er doch!« brummte ich, indem ich die Treppe hinabstieg.
»Wenn nur die Liese erst wieder da wäre! Komm zurück, Schlingel von Gustav, und
bringe sie mit, dass euer alter Onkel ruhig wieder an seinem Werke de vanitate
weiterschreiben kann!«
    Damit trat ich aus dem Hause und zog eben die Handschuh an, als sich oben
mein Fenster öffnete, der Karikaturenzeichner den Kopf heraussteckte und
herunterrief:
    »Hören Sie, alter Herr, ich kann Sie so nicht weggehen lassen - ich habe
Gewissensbisse und muss erst Öl in Ihre Wunden giessen! Hören Sie, meine Tante
teilt die Bücher in zwei Arten: gute, über welchen sie nach Tisch einschlafen
kann, und schlechte, bei denen das nicht geht. Ihre Chronik würde sie unter die
ersteren rechnen, wenn sie, aufgewühlt, ihr in die Hände fallen sollte. Adieu!«
    Ich wandte dem unverschämten Gesellen lachend den Rücken und marschierte ab.
                                                                        Am Abend
Ich bin zurückgekommen von meinem Spaziergang und sitze wieder allein und einsam
vor den zerstreuten Bogen meiner Chronik. Der Karikaturenzeichner hat wirklich
ein Blatt vollgekritzelt, alle meine Federn verdorben, einen Dintenklecks auf
den Fussboden gemacht, meinen Siegellackvorrat zerbissen, zerdreht und zerbrochen
und - eine Ecke von meinem Schreibtisch abgeschnitzelt. - Er hat mir fast die
Fortsetzung der Aufzeichnung meiner Phantasien verleidet, und es war doch so
süss, wenn der Blick an irgendeinen Gegenstand meines Zimmers, dort an jenes
kleine leere Messingbauer, an jenen Sessel vor dem Nähtischchen, an ein altes
Blatt, eine vertrocknete Blume, eine bunte Zeichnung in meiner Mappe sich
festing und allmählich eine Erinnerung nach der andern aufstieg und sich
blühend und grünend darumschlang. Wir sind doch törichte Menschen! Wie oft
durchkreuzt die Furcht vor dem Lächerrlichwerden unsere innigsten, zartesten
Gefühle! Man schämt sich der Träne und spottet; man schämt sich des fröhlichen
Lachens und - schneidet ein langweiliges Gesicht; die Tragödien des Lebens sucht
man hinter der komischen Maske zu spielen, die Komödien hinter der tragischen;
man ist ein Betrüger und Selbstquäler zugleich! - Mit einem Kinderbaukasten
verglich Strobel diese bunten Blätter ohne Zusammenhang? Gut, gut - mag es sein
- ich werde weiter damit spielen, weiter luftige, tolle Gebäude damit bauen, da
die fern sind welche mir die farbigsten Steine dazu lieferten! Ich werde von der
Vergangenheit im Präsens und von der Gegenwart im Imperfektum sprechen, ich
werde Märchen erzählen und daran glauben, Wahres zu einem Märchen machen und
zuerst - die bekritzelten Blätter des Meisters Strobel der Chronik anheften!
Hier sind sie:
                                  Strobeliana
3 Uhr. - Ich habe mir eine Zigarre angezündet, den Bogen neben mich ins Fenster
gelegt und beginne meine Beobachtungen. Zuerst bringe ich zu Papier natürlich
das Wetter: das holdseligste Himmelblau, den prächtigsten Sonnenschein. Hätte
ich nur einen Funken poetischen Feuers in mir, so würde ich mir beide durch ein
junges, schönes Paar personifizieren, welches da hoch oben im Himmelszelt auf
seinem weissen, weichen Wolkendivan tändelt und kost und total vergessen hat, dass
noch soviel hunderttausend deutsche Hausfrauen auf - Märzschnee warten zum
Seifekochen! Wahrhaftig, da ist ja eine Fliege! Welch ein Fund für einen
Chronikenschreiber! Summend stösst sie gegen die sonnebeschienenen Scheiben, die
wir schnell schliessen wollen, um das arme Tierchen zu seinem Besten vor dem
heuchlerischen Frühling da draussen zu bewahren. Sie scheint auch jetzt ihre
Torheit einzusehen, sie lässt ab und umfliegt mich. Halt, jetzt setzt sie sich
auf meine Knie nach mehreren vergeblichen Angriffen auf meine Nasenspitze; sie
nimmt den Kopf zwischen beide Vorderbeine, kratzt sich hinter den Ohren und - -
- kleiner.....! - Dahin geht sie, eine Spur hinterlassend auf meinem Knie und -
in der Chronik der Sperlingsgasse. Ich wollte, es gäbe ein Sprichwort: »Schämt
euch vor den Fliegen an der Wand.« Um wieviel menschliche Tollheiten und
Torheiten schnurren diese winzigen Flügelwesen! Wer weiss, was der Punkt, den der
kleine Tourist da eben niedergelegt hat, eigentlich bedeutet? Wer weiss, ob es
nicht ein deponiertes Tagebuch ist, voll der geistreichsten Bemerkungen, ein
Tagebuch, das man nur aufzurollen und zu entziffern brauchte wie einen
ägyptischen Papyrus, um wunderbare, unerhörte Dinge zu erfahren? Welch eine
Revolution wurde es hervorbringen, wenn dem so wäre, wenn man sich vor den
Fliegen an der Wand schämen müsste! Wie würden die Fliegenklatschen in Gang
kommen! Arme Fliegen! Kein »redlicher Greis in gestreifter kalmankener Jacke«
würde euch mehr verschonen »zur Wintergesellschaft«. Wie den Vogel Dudu würde
man euch ausrotten und höchstens einige, in Uniform gesteckt, mit einer Kokarde
auf jedem Flügel, als Regierungsbeamte besolden. Es wäre schrecklich, und ich
breche ab. -
    3 1/4 Uhr. - Welche Reisegedanken dieser blaue Himmel schon wieder in mir
erweckt! An solchen Vorfrühlingstagen, wo der Geist die Last des Winters noch
nicht ganz abgeschüttelt hat, ist's, wo die Sehnsucht nach der Ferne uns am
mächtigsten ergreift. Es ist ein sonderbares Ding um diese Sehnsucht, die wir
nie verlieren, so alt wir sein mögen. Da zupft etwas an unserm tiefsten Innern:
Komm heraus, komm heraus, was sitzest du so still, du Tor, und hältst Maulaffen
feil? Hier findest du nicht, worüber du grübelst, wonach du dich sehnst, ohne es
zu kennen Sieh, wie blau, wie duftig die Ferne! Viel, viel weiter liegt's! Komm
heraus, heraus!
    Bah, diese blaue, duftige Ferne: wie oft hab ich mich von ihr verlocken
lassen. Die Erde lässt uns ja nicht los; wir sind ihre Kinder, und sie ist nichts
ohne uns, wir nichts ohne sie. - Folge jetzt der lockenden Stimme, deine Füsse
werden schon in den weichen Boden versinken; närrische Sprünge wirst du mit den
Erdklössen an den Stiefeln machen! Fühle, dass zur Zeit, wo die Sehnsucht am
stärksten ist, auch die Fesseln am stärksten sind; kehre um, ziehe Pantoffeln an
und nimm die gestrige Zeitung vor die Nase: das Glück liegt nicht in der ferne,
nicht über dem »wechselnden Mond«! -
    3 1/2 Uhr. - Da höre ich eben unten in der Gasse eine merkwürdige Redensart
aus dem Munde eines Tagelöhners, der einen andern, sehr übelgelaunt Aussehenden
mit den Worten auf die Schulter klopft: »Man muss nie verzweifeln; kommt's nicht
gut, so kommt's doch schlecht heraus!« In demselben Augenblick öffnet sich
nebenan ein Fenster. Eine beschmierte rote Sammetmütze auf einem Wald schwarzer
Haare beugt sich hervor; es ist mein würdiger Freund Monsieur Anastase
Tourbillon, seines Zeichens ein französischer Sprachlehrer. Er scheint die
Redensart drunten auch gehört und - verstanden zu haben und gähnt: »Ah, ouf,
quelle bête allemande! Eh vogue la galère, jusqu'à la mort tout est vie!«
    Da habt ihr die beiden Nationen und..... Wetter! - da gebe ich nicht acht,
und - meine Fliege von vorhin entschlüpft summend aus dem wiedergeöffneten
Fenster! Nie mehr wird sie wieder meinen Freund Wachholder umschwirren, nie mehr
auf dem Rande der Zuckerdose umherspazieren oder gegen die Scheiben stossen! Sie
hat, was sie wollte - unbegrenzte Freiheit, aber ach - heute abend - keinen
warmen Ofen mehr, sich daran zu wärmen: in den Rinnsteinen der Sperlingsgasse
fliesst weder Milch noch Honig! - Verflucht sei die Freiheit! Amen! -
    3 3/4 Uhr. - Die meisten Dichterwerke der neusten Zeit gleichen dem Bilde
jenes italischen Meisters, der seine Geliebte malte als Herodias und sich in dem
Kopfe des Täufers auf der Schüssel porträtierte. Da pinseln uns die Herren ein
Weibsbild, Tendenz genannt, hin, welches anzubeten sie heucheln und welches auf
dem Präsentierteller hochachtungsvoll und ergebenst uns das Verzerrte Haupt des
werten Schriftstellers selbst überreicht. Die Nützlichkeit solchen Treibens lässt
sich nicht abstreiten, also - nur immer zu! - Wie komm ich darauf? -
    4 Uhr. - Es ist merkwürdig; seit ich dieses Blatt bemale, ist dieselbe
Traumseligkeit über mich gekommen, die dieser Chronik ein so zerfetztes,
zerlumptes Ansehen gegeben hat. Wachholder hat recht, es ist ein eigentümlich
behagliches Gefühl, seinen Gedankenspielen sich so ganz und gar hinzugehen, ohne
sich, Geist herausquälend, im Kreise zu drehn wie ein hartleibiger Pudel.
    Wo war ich eben, als das Kindergeschrei drunten auf der Strasse mich
aufweckte? Ich will versuchen, es der Chronik einzuverleiben, worin zugleich für
meinen ehrenwerten Freund Wachholder die grösste Genugtuung für meine vorigen
Reden liegen wird.
    Es war an einem Sonntagmorgen im Juli, als ich auf braunschweigschem Grund
und Boden am Uferrand der Weser lag und hinüberblickte nach dem jenseitigen
Westfalen. Früh vor Sonnenaufgang war ich, über Berg und Tal streifend, mit dem
ersten Strahl im Osten in ein gleichgültiges Dorf hinabgestiegen. Ich hatte
Kaffee getrunken unter der Linde vor dem Dorfkrug, hatte behaglich das Treiben
des Sonntagsmorgens im Dorf belauscht und andächtig der kleinen Glocke zugehört,
die in dem spitzen, schiefergedeckten Kirchturm läutete. Manchem hübschen,
drallen niedersächsischen Mädchen, das sich über den sonderbaren, plötzlich ins
Dorf geschneiten Fremdling wunderte, hatte ich lächelnd zugenickt; ich hatte
Bekanntschaft mit der gesamten Kinder-, Hühner-, Gänse- und Entenwelt des
»Krugs« gemacht, dem weissen Spitz den Pelz gestreichelt und manche Frage über
»Woher und Wohin« beantwortet. Mit meinem Wirt (der zugleich Ortsvorsteher war)
hatte ich das Bienenhaus besucht, darauf die Gemeinde, den Kantor und Pastor in
die Kirche gehen sehen und hatte mich zuletzt allein im Hofe unter der Linde
gefunden, nur umgehen von der quackenden, piepsenden geflügelten Schar des
Federviehs. Aus diesem dolce far niente hatte mich plötzlich das Schreien eines
Kindes aufgeschreckt. Es drang aus dem Haus hinter mir und bewog mich,
aufzustehen und in das niedere, vom Weinstock umsponnene Fenster zu sehen. Eine
alte Frau war eben beschäftigt, einen widerspenstigen, heulenden, strampelnden
Bengel von vier Jahren mit Wasser, Seife und einem wollenen Lappen tüchtig zu
waschen, welcher Prozedur drei bis vier andere kleine »Blaen« angstvoll zusahn,
wartend, bis die Reihe an sie kommen würde.
    »Nun, Mutter«, sagte ich, mich auf die Fensterbank lehnend; »und Ihr seid
nicht in der Kirche?«
    Die Alte sah auf und sagte lachend: »Et geit nich immer; ek mott düsse
lüttgen Panzen waschen und antrecken - Herre - Kinderschrieen is ok een
Gesangbauksversch!«
    Ich nahm den Hut ab und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Welch eine
wunderbar schöne Predigt lag in den fünf Worten des alten Weibes! Eine Schwalbe
beschrieb eben ihren Bogen um mich, ihrem Neste unter dem niedrigen Dachrande
zu, und klammerte sich, ihre Beute im Schnabel, an die Tür ihrer kleinen
Wohnung, begrüsst von dem jubelnden Gezwitscher der federlosen Brut. Ich konnte
der alten Frau kein Wort mehr sagen.
    »Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch!« murmelte ich leise, zu meinem
Tisch unter der Linde zurückgehend. Ich riss ein Blatt aus meiner Brieftasche,
schrieb darauf: Kinderschreien is ok een Gesangbauksversch, und zog es mit einem
Strauss Waldblumen unter das Hutband.
    Träumend schritt ich dann durch die Tür des Dorfkirchhofs, vorüber an den
bunten, geputzten Gräbern, zu dem offnen Kirchtor (auf dem Lande braucht der
Protestantismus seine Kirchen während des Gottesdienstes noch nicht zu
schliessen) und lehnte andächtig an der Esche davor. Mit grosser Freude hörte ich,
wie der junge Pastor eine Gellertsche Fabel in das Gleichnis aus dem fernen
Orient schlang, während die Schwalben in dem heiligen Gebäude hin und her
schossen und ein verirrter Schmetterling seinen Weg durch die geöffnete Kirchtür
eben wieder zurückfand.
    »Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch!« rief ich, über die niedere
Mauer in das freie Feld springend und durch die gelben Kornwogen mit ihrem Kranz
von Flatterrosen am Rande der Weser zu wandernd. Da hatte ich mich ins Gras
unter einen Weidenbusch geworfen und träumte in das Murren des alten Stromes
neben mir hinein, während drüben im katolischen Lande eine Prozession singend
den Kapellenberg zu dem Marienbild hinaufzog und hinter mir die protestantischen
Orgeltöne leise verklangen. Welch ein wundervoller, blauer, lächelnder Himmel
über beiden Ufern, über beiden Religionen, welch eine wogende Gefühlswelt im
Busen, anknüpfend an die fünf Worte der alten Bäuerin! Ich war damals jünger als
jetzt und legte das Gesicht in die Hände:
Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Namen
Dafür! Gefühl ist alles - - -
Ein näher kommender Gesang weckte mich plötzlich: ich blickte auf. Brausend und
schnaufend, die gelben Fluten gewaltig peitschend, kam der »Hermann« die Weser
herunter. Der Kapitän stand auf dem Räderkasten und griff grüssend an den Hut,
als das Schiff vorbeischoss. Hunderte von Auswandrern trug der Dampfer an mir
vorüber, hinunter den Strom, der einst so viele Römerleichen der Nordsee
zugewälzt hatte. Ein Männerchor sang: »Was ist des Deutschen Vaterland«, und die
alten Eichen schienen traurig die Wipfel zu schütteln; sie wussten keine Antwort
darauf zu geben, und das Schiff flog weiter. Die Weser trägt keine fremden
Leichen mehr zur Nordsee hinab, wohl aber murrend und grollend ihre eigenen
unglücklichen Söhne und Töchter! - Ich verliess meinen Ruheplatz und ging durch
den Buchenwald den nächsten Berg hinauf bis zu einer freien Stelle, von wo aus
der Blick weit hinausschweifen konnte ins schöne Land des Sachsengaus. Welch
eine Scholle deutscher Erde! Dort jene blauen Höhenzüge - der Teutoburger Wald!
Dort jene schlanken Türme - die grosse germanische Kulturstätte, das Kloster
Corvei! Dort jene Berggruppe - der It, cui Idistaviso nomen, sagt Tacitus. Ich
bevölkerte die Gegend mit den Gestalten der Vorzeit. Ich sah die achtzehnte,
neunzehnte und zwanzigste Legion unter dem Prokonsul Varus gegen die Weser
ziehen und lauschte ihrem fern verhallenden Todesschrei. Ich sah den Germanicus
denselben Weg kommen und lauschte dem Schlachtlärm am Idistavisus, bis der grosse
Arminius, der »turbator Germaniae«, durch die Legionen und den Urwald sein
weisses Ross spornte, das Gesicht unkenntlich durch das eigene herabrieselnde
Blut, geschlagen, todmüde. Ich sah, wie er die Cheruska von neuem aufrief zum
neuen Kampf gegen die »urbs«, wie das Volk zu den Waffen griff: Pugnam volunt,
arma rapiunt plebes, primores, juventus, senes!
    Aber wo ist denn die Puppe? kam mir damit plötzlich in den Sinn. Ich
schleuderte den Tacitus ins Gras, stellte mich auf die Zehen, reckte den Hals
aus, so lang als möglich, und schaute hinüber nach dem Teutoburger Walde. Da
eine vorliegende »Bergdruffel« (wie Joach. Heinr. Campe sagt) mir einen Teil der
fernen, blauen Höhen verbarg, gab ich mir sogar die Mühe, in eine hohe Buche
hinaufzusteigen, wo ich auch das Fernglas zu Hülfe nahm. Vergeblich - nirgends
eine Spur vom Hermannsbild! Alles, was ich zu sehen bekam, war der grosse
Christoffel bei Kassel, und mit einem leisen Fluch kletterte ich wieder herunter
von meinem luftigen Auslug. Hatte ich aber eben einen leisen Segenswunsch von
mir gegeben, so liess ich jetzt einen um so lautern los. Ich sah schön aus! »Das
hat man davon«, brummte ich, während ich mir das Blut aus dem aufgerjetzten
Daumen sog, »das hat man davon, wenn man sich nach deutscher Grösse umguckt:
einen Dorn stösst man sich in den Finger, die Hosen zerreisst man, und zu sehen
kriegt man nichts als - den grossen Christoffel.« Ärgerlich schob ich mein
Fernglas zusammen, steckte den Tacitus zurück in die Tasche und ging hinkend den
Berg hinunter wieder der Weser zu. Ärgerlich warf ich mich, am Rande des Flusses
angekommen, abermals ins Gras. Was hatte sich alles zwischen die gefühlsselige
Stimmung von vorhin und den jetzigen Augenblick gedrängt! Der Himmel war noch
ebenso blau, die Berge noch ebenso grün, der Papierstreifen von vorhin steckte
noch neben den Waldblumen an meinem Hute, und doch - wie verändert blickte mich
das alles an! Hätte das Dampfschiff mit seinen Auswandrern nicht später kommen
können, da es doch sonst immer lange genug auf sich warten lässt? Hätte ich Narr
nicht unterlassen können, nach dem Hermannsbild auszuschauen? Wie ruhig könnte
ich dann jetzt im Grase meinen Mittagsschlaf halten, ohne mich über den grossen
Christoffel, den so viele brave Katten mit ihrem Blute bezahlt haben, zu ärgern!
- Ich versuchte mancherlei, um meinen Gleichmut wiederzugewinnen; ich kitzelte
mich mit einem Grashalm am Nasenwinkel, ich porträtierte einen dicken,
gemütlichen Frosch, der sich unter einem Klettenbusch sonnte - es half alles
nichts! - Der Dämon Missmut liess mich nicht los, wütend sprang ich auf, schrie:
Hole der Henker die Wirtschaft! und marschierte brummend auf Rühle zu - - -
Wetter, was ist das für ein Lärm in der Sperlingsgasse?! Heda - da ist ein
Hundefuhrwerk in einen Viktualienkeller hinabgepoltert, und ich - ich, der
Karikaturenzeichner Ulrich Strobel, sitze hier und schmiere Unsinn zusammen! Hol
der Henker auch die Chronik der Sperlingsgasse! - Adieu, Wachholder!
                                                              Am 21. März. Abend
Es gibt ein Märchen - ich weiss nicht, wer es erzählt hat - von einem, der nach
grossem Unglück sich wünschte, die Erinnerung zu verlieren, und dem in einer
dunkeln Nacht sein Wunsch gewährt ward. Er empfand von da an keinen Schmerz,
keine Freude mehr; er verlernte zu weinen und zu lachen; es ward ihm einerlei,
ob er Blumenknospen oder Menschenherzen zertrat: alles das hübsche Spielzeug,
welches das Leben seinen Kindern mitgibt auf ihrem Wege von der Wiege bis zum
Grabe, zerbrach ihm in den Händen mit der Erinnerung. Das ist eine schreckliche
Vorstellung! Ihr Weisen und Prediger der Völker, nicht der Gedanke an Glück oder
Unheil in der Zukunft ist's, der liebevoll, rein, heilig macht; nie ist dieser
Gedanke rein von Egoismus, und über jede Blüte, die das Menschenherz treiben
soll, legt er den Mehltau der Selbstsucht: die wahre, lautere Quelle jeder
Tugend, jeder wahren Aufopferung ist die traurig süsse Vergangenheit mit ihren
erloschenen Bildern, mit ihren ganz oder halb verklungenen Taten und Träumen.
Wer könnte ein Kind beleidigen, der daran denkt, dass er einst selbst sich an die
Mutterbrust geschmiegt, dass ein Mutterauge auf ihn herabgelächelt hat? Die
Erinnerung ist das Gewinde, welches die Wiege mit dem Grabe verknüpft, und mag
das dunkle, stachlichte Grün des Leidens, des Irrtums noch so vorwaltend sein,
niemals wird's hier und da an einer hervorleuchtenden Blume fehlen, bei welcher
wir verweilen und flüstern können: »Wie lieblich und heilig ist diese Stätte!«
    Ich habe meine kleine Lampe angezündet und träume wieder über den Blättern
meiner Chronik. Das, was die ältliche, freundlich-schöne Frau, die mir heute den
Strauss junger Veilchenknospen herüberbrachte, auf den Wogen ihrer Melodien sich
schaukeln lässt, kann ich ja nur auf diese Weise festalten. - Ich habe bis jetzt
Bilder gezeichnet aus unserer Kinder Kinderleben, heute will ich ein anderes
farbiges Blatt malen, wie ein Zauberspiegel voll blühenden Lebens, voll süssen
Flüsterns, voll träumenden Sehnens und lächelnden Träumens - ein einziges Blatt
aus der vollen Pracht des Herzensfrühlings, ein einziges Blatt aus der Zeit der
jungen Liebe!
Oh, dass sie ewig grünen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!
sang der Dichter, und überall treffen wir den Spruch an, auf Kaffeetassen, in
Stammbüchern und auf Pfeifenköpfen. Das soll kein Spott sein! Was das Volk
erfasst hat, will es auch vor sich sehen, es spielt mit ihm, es spricht den
gereimten Gedanken, den es zu seinem Eigentum gemacht hat, oft zwar mit einem
Lächeln auf den Lippen aus, aber es trägt ihn darum doch tief im Herzen. Das
Volk steigt nicht zu dem Wahren und Schönen hinauf, sondern zieht es zu sich
herab, aber nicht, um es unter die Füsse zu treten, sondern um es zu herzen, zu
liebkosen, um es im ewig wechselnden Spiel zu drehen und zu wenden und sich über
seinen Glanz zu wundern und zu freuen. Ober der Wiege des ewigen Kindes
»Menschheit« schweben die guten Genien, die grossen Weltdichter, schütten aus
ihren Füllhörnern die goldenen Weihnachtsfrüchte herab und sind mit ihren
Wiegenliedern stets da, wenn hässliche schwarze Kobolde erschreckend
dazwischengelugt haben.
    Schön ist die Zeit der jungen Liebe! Sie ist gleich der Morgendämmerung, wo
der Himmel im Osten leise sich rötet, wo Knospen, Blumen und alles Leben dem
kommenden Tage in die Arme schlummern und nur hin und wieder eine Lerche, den
Tau von den Flügeln schüttelnd, jubelnd, glückverkündend emporsteigt. Noch
bedeckt der Nebelduft zauberhaft, geheimnisvoll alle Abgründe und öden Stellen
des Lebens; die jungen Herzen glauben nur Blumen und flatternde Schmetterlinge
und bunte nesterbauende Vöglein unter dem Schleier der Zukunft verborgen.
    »Süsses Geliebtsein, süsseres Lieben!« hat ein anderer Dichter einmal
ausgerufen, und ich, ein alter, einsamer Mann, bedecke die Augen mit der Hand,
denke an die Gräber auf dem Johanniskirchhof, denke an den Stern meiner Jugend:
»Maria!« - - - Würde ich diese Erinnerung mit all ihrem Schmerz für der ganzen
Welt Macht, Reichtum, Weisheit lassen? - - - Ich glaube nicht. -
    Der Mond kommt wieder hervor über die Dächer und vermischt sein weisses Licht
mit dem kleinen Schein meiner Lampe; über und durch den alten immergrünen Efeu
aus dem Ulfeldener Walde schiesst er seine blanken Strahlen, seltsame Schatten
auf den Fussboden und an die Wände werfend. Mit sich bringt er das heutige Blatt
der Chronik der Sperlingsgasse.
Dort auf dem Stühlchen im Fenster zeichnet sich die feine, liebliche Gestalt
Elisens dunkel in der Monddämmerung eines lange vergangenen Abends ab, während
auf einem andern Stuhl niedriger neben ihr eine andere Gestalt sitzt. Was haben
die beiden so heimlich, so leise sich zuzuraunen, was haben sie zu kichern? Ein
Garnknäuel, das von Lieschens Nähtisch fällt und über den Boden rollend um
Stuhl- und andere Beine sich schlingt, ein verirrter Nachtschmetterling, eine
vorbeischiessende Fledermaus, ein Ball, der von der Strasse ins Zimmer fliegt und
über dessen Herausgabe Gustav mit dem unvorsichtigen Besitzer kapituliert,
alles, alles wird in dieser Mondscheindämmerung zu einem Märchen, zu einem
Traum. Ist nicht die Dämmerung die Zeit der Märchen; ist nicht die Zeit der
jungen Liebe die Zeit des Traums? -
    »Liebe kleine Elise!« flüstert Gustav, in das mondbeglänzte, zu ihm sich
herabbeugende Gesicht schauend.
    »Lieber grosser Junge!« lächelt Elise, indem sie dem vormaligen Taugenichts
der Gasse die Locken aus der Stirn streicht. Sie sagen einander weiter nichts,
aber diese abgebrochenen Worte entalten alles, was das Menschenherz in seinen
heiligsten Augenblicken bewegt.
    »Ich liebe dich so!« flüstert Gustav wieder, worauf Elise nichts erwidert,
sondern den Kopf in die Blätter ihres Efeus verbirgt. Der Mond kann sich in
diesem Augenblick wahrscheinlich in einem flimmernden Perlentröpfchen, das in
einem blauen Auge hängt, spiegeln, und als das Köpfchen sich wieder erhebt aus
dem grünen Blätterwerk, ist an Gustav die Reihe, Elise die Locken aus der Stirn
zu streichen.
    »Sieh, wie der Mond da oben schwimmt«, sagt Elise. »Warum macht er uns oft
so tiefes Heimweh, als ob wir hier auf der Erde gar nicht recht zu Hause wären,
Gustav? Sieh, da ist nur noch ein einziger kleiner Stern, mutterseelenallein,
wie ein goldener Funken. Sieh - rechts vom Monde!«
    »Ich sehe noch zwei!« sagt Gustav. »Ganz nah und habe darum auch gar kein
Heimweh und - willst du wohl wieder die Augen aufmachen, Blondkopf! - Sieh, das
hast du davon; was ich noch Weises sagen wollte, hab ich nun rein vergessen!«
    »Dann war's gewiss eine Lüge, Braunkopf!« meint Elise lachend. »Und nun steh
auf, der Onkel und die Tante sitzen da den ganzen Abend im Dunkeln; - es ist
sehr unrecht, dass wir uns gar nicht um sie bekümmern. Komm, wir müssen wirklich
zusehen, ob sie nicht eingeschlafen sind.«
    Gewiss waren sie nicht eingeschlafen. Nur das Spinnrad der alten Marta hatte
aufgehört zu schnurren, und schlummernd sass sie in ihrem Winkel.
    »Soll ich euch Licht anzünden, oder - sollen wir wieder einmal einen
Mondscheingang machen?« fragt Elise, mir den Arm um die Schulter legend.
    »Euch?« fragt die Tante Helene. »Warum denn nur euch Licht anzünden?«
    »Das will ich dir sagen, Mama«, mischt sich Gustav ein. »Du kannst
bekanntlich keine Mäuse sehen, und da es seit einiger Zeit hier beim Onkel
Wachholder ordentlich von ihnen wimmelt, so sind wir deinetwegen so aufopfernd,
im Dunkeln zu sitzen.«
    »Waren das etwa Mäuse, was wir da am Fenster knuspern und pispern hörten?«
frage ich.
    »Ich habe nichts gehört!« sagt Lieschen treuherzig, während Gustav:
»Versteht sich!« ruft und den Inhalt eines Obstkörbchens in seine Taschen
ausleert.
    »Was machst du da, Mäusekönig?« fragt seine Mutter.
    »Ich verproviantiere mich zu unserer Mondscheinfahrt, Mama; Lieschens Frage
war natürlich höchst überflüssig. Da, Liese, nimm den Rest - ich kann nicht mehr
lassen.«
    Elise lässt sich das nicht zweimal sagen und scheint in der Tat ihre Frage
für unnötig zu halten. Nach einigen Einwendungen der Tante wegen kalter
Abendluft usw. machen wir uns auf, hinaus in die Sommermondscheinnacht!
    Die scharfen Schatten auf dem Pflaster und an den Häuserwänden, das Glitzern
der Fensterscheiben, die ziehenden, beleuchteten Wolken am dunkeln Nachtimmel,
die flüsternden Gruppen in den Haustüren und an den Strassenecken, alles wird nun
zu einen Bilde für Gustav, zu einem Märchen für Elise. Da beleben sich die
Strassen, Gassen und Plätze mit den wundersamsten Gestalten; auf den Ecksteinen
lauern zusammengekauert grimbärtige Kobolde; aus den dunkeln Torwegen der alten
Patrizierhäuser treten seltsame Gesellen mit nickenden Federn und weiten
Mänteln, und schöne Damen besteigen weisse Zelter, in die Nacht davonreitend;
Söldner im Harnisch, die Partisanen auf den Schultern, ziehen über den Markt;
Prozessionen vermummter Mönche winden sich langsam aus dem Domportal, und -
alles liegt morgen in den hübschesten Skizzen festgebannt auf Elisens
Nähtischchen oder treibt sich auf dem Fussboden umher.
    Natürlich sind Gustav und Elise uns immer einige Schritte voraus, und nur
von Zeit zu Zeit kann ich abgerissene Sätze ihrer Unterhaltung erfassen. Ich
denke an Paul und Virginie unter den Palmbäumen von Isle-de-France: ich denke an
die beiden süssern Gestalten des deutschen Märchens, an Jorinde und Joringel, von
denen es heisst: »Sie waren in den Brauttagen, und sie hatten ihr grösstes
Vergnügen eins am andern.« - Nachdem wir manche Strasse durchstreift und vor dem
erleuchteten Opernhause die ein- und ausströmende Menge, die harrenden
Equipagen, die Blumen und Zuckerwerk verkaufenden Kinder betrachtet haben,
finden wir uns zuletzt auf dem Schlossplatz an dem Becken des lustig im
Mondschein sprudelnden Springbrunnens zusammen. Von den Rasenplätzen bringt ein
warmer Luftzug den Duft der Nachtviolen, der Holunder- und Goldregenbüsche zu
uns herüber; am südlichen Himmel wetterleuchtet eine dunkle Wolke prächtig in
die Mondnacht hinein, und neben uns plätschert und murmelt - als wolle er sich
selbst in den Schlaf sprechen - der Springbrunnen. Es ist eine herrliche
Sommernacht!
    Woran denkt Elise? Wie nachdenklich sie, das Kinn in die Hand gelegt, dem
schwatzenden Wasserspiel zuschaut!
    »Lieschen, woran denkst du?« fragt die Tante Helene.
    »Ihr würdet lachen«, antwortet Elise. »Es ist ein Traum und ein Märchen.«
    »Erzählen! Erzählen!« ruft Gustav, den Arm ihr um die Hüfte legend.
Was soll ich anfangen heute an diesem einsamen Abend? Ich ergreife ein Heftchen
von blassrotem Papier, bedeckt mit mädchenhaft zierlichen Schriftzügen,
durchwoben mit hübschen feinen Federzeichnungen. Da ist's. So erzählte Elise an
jenem fernen Abend, als der Brunnen neben uns plätscherte:
    »Ich sass neulich mal des Abends ganz allein. Du warst ausgegangen, Onkel;
Gustav war am Morgen schon mit seiner grossen Mappe angezogen, um Bäume und
Bauerhäuser zu zeichnen; wo die Tante war, weiss ich nicht; kurz, ich war
mutterseelenallein, und nur mein guter, dicker Kater schnurrte auf der Fussbank
neben mir und putzte sich den Schnauzbart. Ich hatte eine Menge Augen an meinem
Strickzeug fallen lassen und durchaus keine Lust, sie wieder aufzunehmen. So
schrob ich denn die Lampe tief herunter und blickte aus dem Fenster in den Mond,
der nicht ganz so voll wie heute über die Dächer und Schornsteine heraufkam. Es
war ganz dämmerig in der Stube, und nur zuweilen tanzte ein Lichtschein aus den
Fenstern drüben über die Wände. Da plötzlich war der Mond hoch genug gestiegen,
ein glänzender, lustiger Strahl schoss wie ein weisser Blitz über meinen Topf mit
Nachtviolen und ein Glas mit Waldblumen, welches neben mir stand, und - mit ihm
kam mein Märchen oder mein Traum. Es war zu hübsch! - Zuerst guckte ich eine
ganze Weile in die glänzende Strasse auf dem Boden, die immer weiter rückte, als
- auf einmal - ihr glaubt's gewiss nicht - der ganze Strahl von unzähligen,
kleinen, zierlichen, durchsichtigen Flügelgestalten lebte, die darin auf- und
abschwebten und durch ihren Glanz selbst die Bahn bildeten. Halb erschrocken und
halb erfreut sah ich diesem wundersamen Weben zu, als plötzlich das Blumenglas
im Fenster einen schrillen, langanhaltenden Ton, wie er entsteht, wenn man mit
dem Finger um den Rand eines Glases streicht, von sich gab. Das Wasser darin hob
und senkte sich, blitzte, funkelte und bewegte die Waldrosen hin und her; die
Blüten der Nachtviolen öffneten sich, und aus jeder schwebte ebenfalls ein
zierlich geflügeltes Wesen, fast noch feiner als die Lichtgeisterchen. Nach
allen Seiten flatterten sie, den köstlichsten Duft verbreitend. Währenddessen
tönte der schrille Ton des Glases fort, bis er mit einem Male aufhörte, gleich
einem Faden durchschnitten, worauf eine tiefe Stille eintrat. - Jetzt hatte der
Mondstrahl deinen Schreibtisch erreicht, Onkelchen; das kleine Geistervolk
tanzte lustig über deinen Büchern und Papieren, und so weit hatte ich mich schon
von meiner Verwunderung erholt, dass ich herzlich über die sonderbaren Kapriolen
einiger der winzigen Dingerchen lachen konnte, die auf alle Weise sich bemühten,
in unser grosses Tintenfass zu gucken, ohne den Mut zu haben, sich in die Nähe zu
wagen. Andere wieder schwebten über den Federn, und noch andere machten sich um
einen recht dicken, abscheulichen Dintenklecks zu schaffen, welcher nicht
trocknen wollte; sie schienen ihm das Lebenslicht mit aller Macht ausblasen zu
wollen. Ich weiss nicht, wie lange ich diesen zauberischen Wesen zugesehen hatte,
als eine Menge feiner Stimmchen Folge, folge! rief und ich, immer kleiner
werdend, endlich selbst als ein solches geflügeltes Figürchen in den Tanz
gezogen wurde und mit den Geistern des Mondlichts und den Duftgeistern der
Waldblumen und der Nachtviolen langsam dem Fenster zuschwebte. Denn wie der Mond
noch höher stieg, zog sich auch der Strahl mit seinen glänzenden Bewohnern
wieder zurück und lief hinab an der Hauswand, um in die Gasse hinunterzusteigen.
- Ich hatte durchaus keine Furcht, trotzdem dass es da draussen wie eine
verzauberte Welt war. - Die ganze Gasse war ein Gewirr von Tönen und Licht, und
nichts von dem Leben und Weben des Geistervolks war mir mehr verborgen, und von
Geistervolk lebte und wehte alles! dabei hatte ich auch nicht die Fähigkeit
verloren, die gröbere, gewöhnliche Welt zu schauen und zu vernehmen; ich kannte
und belauschte die Leute in den Haustüren, die Kinderköpfe in den Fenstern, die
schlafenden Sperlinge und Schwalben in ihren Nestern; es war wunderhübsch! -
Jetzt zog der Strahl mit seinen Bewohnern schräg über unsere Wand fort und glitt
auf die Fenster unserer Nachbarn zu. Halb zehn Uhr hörte ich's schlagen, als der
Reigen vor dem Fenster der armen Frau Nudhart, die mit ihrem kranken Kind da
wohnt, ankam und zitternd über einen knospenden Rosenbusch in das kleine Zimmer
glitt. Leise singend schwebten die Geisterchen des Lichts, und ich mit ihnen,
über den Fussboden hin, jagten sich um den Schatten des Rosenbusches auf dem
Boden, küssten das bleiche Kindergesicht auf dem Bettchen und die ebenso bleichen
Züge der darüber hingebeugten, armen, sorgenvollen Mutter. Wir bringen Hoffnung,
wir bringen Genesung, wir bringen Leben! flüsterten die Geister. Das kranke Kind
legte seine magern Händchen lächelnd in den zitternden Strahl auf seinem Kissen.
Wir bringen Hoffnung, Genesung, wir bringen Leben, sang ich mit im Chor, und
fast widerstrebend folgte ich dem zurückweichenden Strahl. Noch einen letzten
Blick konnte ich zurück ins Zimmer werfen, und im nächsten Augenblick schwebte
ich schon wieder in der Gasse. Die Tante aber musste jetzt wohl nach Haus
gekommen sein, denn plötzlich mischten sich die Töne ihres Flügels in den
Reigen: ich hörte, wie der alte Marquart drunten vor seinem Keller die Jungen
zur Ruhe ermahnte. Aber mein Abenteuer war noch nicht zu Ende. Wir waren jetzt
vor dem Fenster des ersten Stockes unseres Nachbarhauses; ein heller
Lampenschein drang aus dem Zimmer hervor, und über ein Glas mit Goldfischen und
das Strickzeug in den Händen der Frau Hofrätin Zehrbein schwebten wir hinein
lustig und glänzend ohne eine Ahnung des Schrecklichen, welches uns bevorstand.
Mein Fräulein, lispelte eine Stimme, in deren Inhaber ich den Assessor Kluckhuhn
erkannte. Mein Fräulein, inkommodiert Sie diese abominable schwüle Luft nicht zu
sehr, bitte, so lassen Sie uns noch einmal jene köstliche Barcarole aus "Haydée"
hören. - Um Gottes willen! dachte ich, aber schon war's zu spät, meinen winzigen
Begleitern das Drohende mitzuteilen und zu schneller Flucht zu raten; schon
hatte Eulalia begonnen:
Das Lido-Fest ist heute,
Lust und Vergnügen ringsum lächelt...
Entsetzen fasste die Geisterschar; ihre schillernden, glänzenden Farben
verblichen; von dem Resonanzboden des ächzenden Musikkastens (wie Gustav sagt)
und zwischen den Lippen der Sängerin entwickelte sich eine missgestaltete
Gnomenschar, die, gespenstisch kreischend und jammernd, sich in der Luft
überstürzte und überschlug und grimmig über die Geister des Lichts herfiel. Es
war schrecklich! Schon fühlte ich mich von einem koboldartigen C, welches mich
an dem Hals gepackt hielt, halb erdrosselt und zappelte wie eine unglückliche
Mücke in den Krallen der Spinne; da - erhob sich die Frau Hofrätin: die weisse
Gardine sank herab: wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es mich und das
ganze Heer des Lichts! Gerettet! - An der Aussenseite des Tuchs hing der Strahl
mit seinen Kindern, bleich und angegriffen; drinnen aber tönte es fort:
Ein schöner Herr, ein holder Jüngling,
Mit mildem, liebendem Aug
Umflattert mich, mit schmeichelnder Zunge!...
Schnell und schneller sank jetzt der Strahl herab, und eben berührte er die
Erde, da - erwachte ich, und Gustav, dicht vor mir, den Kopf auf beide Fäuste
gestützt, grinste mich an. - (Au! Nein, du hast mich nicht angegrinst?) Eine
dicke schwarze Wolke stand vor dem Mond, und mein Traum war zu Ende, mein
Märchen ist zu Ende!«
Das Märchen war zu Ende, aber noch nicht unser Mondscheinabend damals.
    »Und nun, Gustav, Quälgeist... hier... da...«
    Mit diesen Worten greift Elise in das Wasserbecken neben ihr und schleudert
eine Handvoll blitzender Tropfen ihrem nichts ahnenden Gefährten ins Gesicht.
Erschrocken und prustend springt dieser zur Seite, worauf die Übeltäterin, böse
Folgen ahnend, sogleich, um das Becken herum, die Flucht ergreift.
    »Ihr seid Zeugen, dass sie angefangen hat!« ruft Gustav, ebenfalls die Hand
ins Wasser tauchend und Elisen nacheilend.
    »Tante! Tante! - Onkel, Hülfe!« schreit diese, mit der abgebundenen Schürze
den Verfolger im Rennen abwehrend und ihn mit der andern, freien Hand
unaufhörlich bespritzend.
    »Warte, Wasserjungfer!« ruft Gustav und bemächtigt sich der Schürze. »Das
sollst du büssen, Verräterin!«
    Mit einem Schrei lässt Elise ihre Ägide fahren, und - wie ein Reh ist sie
seitwärts im Gebüsch hinter den Holundersträuchen verschwunden, doch nicht, ohne
ihren durchnässten Verfolger auf den Fersen zu haben.
    »Diese Wildfänge!« seufzt die Tante Helene, auf eine Bank sinkend, während
ich Taschentuch, Arbeitskörbchen und umherrollende Äpfel, welches alles das
Frauenzimmer, den Ausgang ihres Attentats vorhersehend, sogleich zu Boden
geworfen hat, aufsuche, wie es einem guten Onkel und Vormund geziemt. »Hören Sie
nur, wie das Mädchen kreischt!«
    Indem wir noch der wilden Jagd zwischen den Büschen lauschen, belebt sich
plötzlich die Szene, und andere Figuren kommen durch die Monddämmerung. Mädchen-
und Männerstimmen, kichernd und summend und Opernmelodien pfeifend! Jetzt treten
die Kommenden aus dem Schatten in den hellern Lichtkreis um das Fontänenbecken
»Der Onkel Wachholder!« rufen verwundert mehrere Stimmen, und im nächsten
Augenblick sind wir von den Nachtschwärmern und Abendfaltern umgehen und
erkennen in ihnen wohlbekannte Freunde und Freundinnen von Gustav und Elise. Ein
Gewirr von Begrüssungen und Fragen erhebt sich nun. »Wo ist Fräulein Ralff, wo
ist Lieschen, wo ist die Liese, wo ist Herr Gustav, wo steckt der Mensch?«
schwirrt das durcheinander und wird beantwortet, bis endlich Gustav und Elise
zurückkommen von ihrer wilden Jagd, keuchend und rot, die Haare in Unordnung,
Elise mit einem grossen Riss im Kleide, aber beide Arm in Arm wie artige,
verträgliche Kinder. - Jetzt geht der Jubel erst recht an! »Das ist schön, das
ist prächtig, das ist ausgezeichnet; guten Abend, Natalie; guten Abend, Ida; ich
grüsse Sie, mein Fräulein; wo kommt ihr her, ihr Herumtreiber, usw usw.«
    Wie ist doch die Jugend so schön; wie wenig bedarf sie, um glücklich zu
sein! Ein bisschen Mondschein, ein paar klingende Wassertropfen, die Strophe
eines Liedes, und die jungen Herzen fühlen Gedichte, wie sie noch nie dem Papier
anvertraut werden konnten. Ich, der alte Mann, welch ein Dichter, welch ein
Maler müsste ich sein, wenn ich alle diese frischen, blühenden Gestalten, die da
heute an diesem einsamen Abend wieder um mich her auftauchen, mit ihrem
fröhlichen Lachen, ihren kleinen Sorgen und Freuden, ihren kleinen Sünden und
Tugenden, mit ihren verstohlenen Seufzern, noch verstohleneren Zärtlichkeiten
und ihren lauten Neckereien auf die Blätter dieser Chronik festbannen wollte!
Wie abgeblasst und schal sieht alles aus, was ich bis jetzt zusammengetragen und
niedergeschrieben habe; wie farbenbunt und frisch erlebte es sich!
Aber wo war auf einmal der Mond geblieben? Die dunkeln Wolkenmassen, die im
Süden lange genug gedroht hatten, hatten sich unbemerkt herangewälzt; es grollte
und murrte in der Ferne, und schwere warme Regentropfen schlugen vereinzelt in
die lenes susurros sub noctem, in das leise Geflüster im Schatten der Nacht.
    Kennt ihr das »Rette sich, wer kann!« bei einem plötzlich hereinbrechenden
Gewitter in einer grossen Stadt? Alle Gruppen lösen sich - Schürzen werden über
den Kopf, Taschentücher über die Hüte gebunden; hier flüchtet ein Pärchen unter
eine laubige Akazie, dort ein dicker alter Herr unter den Vorsprung eines
Hauses; hier schlüpft leichtfüssig ein junges Mädchen dicht an den Häuserwänden
hin, dort wandelt langsam und gleichmütig ein Naturmensch daher, nichts vor dem
Regen schützend als seine glühende Zigarre.
    Die Droschken scheinen sich zu vervielfältigen, und - »süss ist's, vom
sichern Hafen Schiffbrüchige zu sehen« - an allen Fenstern erscheinen lachende
Gesichter. Studenten, Referendare, junge Teologen usw. wischen ihre Brillen ab;
Maler verlassen ihre Paletten und Staffeleien und machen Studien nach dem Leben;
Tanten und Mütter schelten über Indezenz. - Platsch, platsch! Alle Dachrinnen
senden wie hämische Ungeheuer ihre Wassergüsse der dahertrabenden Menschheit in
den Nacken. Es ist lächerrlich-schrecklich bei Tage, schrecklich bei Nacht!
    »Siehst du, Lieschen, das hast du erst gewollt - so lange hast du mit dem
Wasser gespielt! Das kommt davon!« ruft ärgerlich die Tante Helene. Gustavs
Jubel erreicht den höchsten Grad, und lachend schleppt er seine Mutter nach,
während diesmal ich mit Liesen vorauslaufe. Nach allen Seiten haben sich unsere
Freunde und Freundinnen von vorhin zerstreut. Das Gewitter kommt immer näher,
der Donner brummt ganz artig, und die Blitze sind gar nicht übel. Selbst Gustav
meint: »Gottlob, da ist die Sperlingsgasse!« Welche Überschwemmung! - Gute Nacht
und keine langen Worte! - Gustav verschwindet mit seiner Mutter hinter ihrer
Haustür, und auch wir erreichen glücklich die unsrige.
    »Gott, Herr Wachholder, was habe ich für 'ne Angst gehabt!« ruft die alte
Marta uns von der Treppe entgegen.
    Lieschen pustet und ächzt und lacht, hält Arme und Hände weit ab vom Leibe
und wird so schnell als möglich ins Bett geschickt. Gustav ruft natürlich von
drüben noch einige Fragen herüber, auf welche wir aber nicht antworten, und der
Mondschein-Spaziergang ist zu Ende.
                                                                    Am 15. April
Der April, der einst mensis novarum hiess, ist der wahre Monat des Humors. Regen
und Sonnenschein, Lachen und Weinen trägt er in einem Sack; und Regenschauer und
Sonnenblicke, Gelächter und Tränen brachte er auch diesmal mit, und manch einer
bekam sein Teil davon. Ich liebe diesen janusköpfigen Monat, welcher mit dem
einen Gesichte grau und mürrisch in den endenden Winter zurückschaut, mit dem
andern jugendlich fröhlich dem nahen Frühling entgegenlächelt. Wie ein Gedicht
Jean Pauls greift er hinein in seine Schätze und schlingt ineinander Reif und
keimendes Grün, verirrte Schneeflocken und kleine Marienblümchen, Regentropfen
und Veilchenknospen, flackerndes Ofenfeuer und Schneeglöckchen,
Aschermittwochsklagen und Auferstehungsglocken. Ich liebe den April, den sie den
Veränderlichen, den Unbeständigen nennen und den sie mit »Herrengunst und
Frauenlieb« in einen so böswilligen Reim gebracht haben. -
    Ich wurde diesen Morgen schon ziemlich früh durch das Geräusch des Regens,
der an meine Fenster schlug, erweckt, blieb aber noch eine geraume Zeit liegen
und träumte zwischen Schlaf und Wachen in diese monotone Musik hinein. Das
benutzte ein schadenfroher Dämon des Trübsinns und des Ärgernisses, um mich in
ein Netz trauriger, regenfarbiger Gedanken einzuspinnen, welches mir Welt und
Leben in einem so jämmerlichen Lichte vorspiegelte und so drückend wurde, dass
ich mich zuletzt nur durch einen herzhaften Sprung aus dem Bette daraus erretten
konnte. - Aprilwetter! Die Hosen zog ich - wie weiland Freund Yorick - bereits
wieder als ein Philosoph an, und der erste Sonnenblick, der pfeilschnell über
die Fenster der gegenüberliegenden Häuser und die Nase des mir zuwinkenden
Strobels glitt, vertrieb alle die Nebel, welche auf meiner Seele gelastet
hatten. Frischen Mutes konnte ich mich wieder an meine Vanitas setzen, und als
ich gar in einem der schweinsledernen, verstaubten Tröster, die ich gestern von
der Königlichen Bibliotek mitgebracht hatte, eine alte vertrocknete Blume aus
einem vergangenen Frühling fand, konnte ich schon wieder die seltsamsten
Mutmassungen über die Art und Weise, wie das tote Frühlingskind zwischen diese
Blätter kam, anstellen. Hatte sie vielleicht an einem lang vergangenen Feiertage
ein uralter, längst vermoderter Kollege mitgebracht von einem lustigen Feldwege,
oder hatte sie vielleicht eins seiner Kinder spielend in dem Folianten des
gelehrten Vaters gepresst? Hatte sie etwa ein Student von der Geliebten erhalten
und hier aufbewahrt und vergessen? Welche Vermutungen! Hübsch und anmutig, und
um so hübscher und anmutiger, als sie nicht unwahrscheinlich sind.
    Oh, versteht es nur, Blumen zwischen die öden Blätter des Lebens zu legen:
fürchtet euch nicht, kindisch zu heissen bei zu klugen Köpfen; ihr werdet keine
Reue empfinden, wenn ihr zurückblättert und auf die vergilbten Angedenken
trefft!
    Sei mir gegrüsst, wechselnder April, du verzogenes Kind der alten Mutter Zeit
und - -
    »Beschütze deinen Sohn Ulrich Georg Strobel! - Guten Morgen, Meister
Wachholder!« sagte eine Stimme hinter mir.
    Es war der Karikaturenzeichner, der, den grauen Filz auf dem Kopf, die
Reisetasche über der Schulter, den Eichenstock in der Hand, hinter mir stand.
    »Ach Gott, nun ist meine Zeit vorbei!« fuhr er lachend fort. »Ich komme,
Ihnen Lebewohl zu sagen, alter Herr.«
    »Was, Sie wollen fort? Was fällt Ihnen ein?«
Kann Deutschland nit finden,
Rutsch allweil drauf 'rum!
sang der Zeichner und zeigte auf eine lustige blaue Stelle zwischen den
ziehenden Wolken. »Es ist nicht anders; haben Sie einen Gruss an die freie, weite
Welt zu bestellen, heraus damit! Oder noch besser: kommen Sie - dort steht Ihr
Regenschirm -, begleiten Sie mich! Hören Sie, wie lustig der Spatz da ins
Fenster pfeift!«
    Was sollte ich machen; ich schlug meinen Folianten zu, der tolle Vagabond
bot mir seinen Arm, und wir traten hinaus in die Gasse.
    »Leben Sie wohl, Mama; viel Glück, mein Fräulein!« rief der Zeichner seiner
Hausgenossenschaft zu, die ganz aufgeregt in der Tür stand. »Gott grüss Euch,
Freund Marquart: lebt wohl, Mutter Karsten; lebt wohl, Meister und Meisterin;
lebt wohl, lebt wohl!« rief er nach rechts und links hinüber. An der Ecke warf
er noch einen letzten Blick hinauf nach seiner verlassenen Wohnung, wo die
Fenster offenstanden und eine zerrissene Gardine lustig im Frühlingswinde
flatterte, und brummte: »Zum Teufel, du Nest!«
    »Und wo wollen Sie nun hin?« fragte ich meinen wunderlichen Begleiter.
    Der Zeichner lachte. »Was meinen Sie«, sagte er, »wenn ich mir das
Völkergewühl im Orient ein wenig ansähe, Kostüme zeichnete und über das Bemühen
lachte, einen neu eintretenden Faktor der Menschheitsentwicklung durch
Lancasterkanonen und Kriegsschiffe aufhalten zu wollen?«
    »Was?!« rief ich mit offnem Munde.
    »Wem gilt das Was?« lachte Strobel. »Meinem Vorhaben oder meiner Meinung?«
    »Sie glauben...«
    »Ich glaube, dass die Erde jung ist, alter Freund! Wir brauchen frisches Blut
und wollen nicht meinen, dass, weil man uns nur Geschichte der Vergangenheit
lehrt, es keine der Zukunft geben werde. Wir leben uns gar zu gern in alles ein:
in unsern Rock, in unsern Körper, in unsere Familie, in unser Volk: wir freuen
uns, wenn ein kleiner verwandter Mitbürger das Licht der Welt erblickt; wir
ärgern uns, wenn wir den Rock zerreissen oder ein Krähenauge bekommen; wir
betrüben uns, wenn unser Vater, unsere Mutter stirbt; aber wir halten das alles
für natürlich - bloss weil wir es leichter übersehen können. Soll nun auf einmal
in dem Krähenaugenkriegen, Geborenwerden und Sterben der grossen Völkerfamilie
der Erde ein Stillstand eintreten ein deus ex machina mit Manschetten in das
ewige Werden fahren und sagen: Stop! Halt da! Entwickelt euch in euch selbst und
- entschlaft an Eutanasie? Bah!«
    Der Redner blies eine gewaltige Rauchwolke aus seiner Zigarre und fuhr fort,
während ich den Kopf bedachtsam schüttelte:
    »Es hat den Griechen nichts geholfen, die besten Dichter, Bildhauer und
Maler zu sein, die geistreichsten philosophischen Systeme aufstellen zu können:
die eisernen Männer Roms klopften an, stellten die griechische Bildung sub
hasta, spielten Würfel auf den Gemälden, fabrizierten korintisches Erz aus den
Metallstatuen, und - die Weltgeschichte ging einen Schritt vorwärts. Es hat den
Römern nichts geholfen, die grössten Kriegs- und Verwaltungskünstler zu sein -
Zündnadelgewehre und Lancasterkanonen sind Spielzeug im Kampf gegen die eine
Macht im Weltall, welche die Gestirne treibt und die Wandervögel und welche die
Völker bewegt zur rechten Zeit. Die Barbaren kümmerten sich nicht um
Kommandowörter: sie stürmten die Tore Roms, und - die Weltgeschichte ging einen
Schritt weiter!«
    Ich schüttelte wieder das Haupt und brummte: »Immer zertrümmern,
zertrümmern!«
    »Meine Mutter starb, indem sie mich gebar!« sagte der Zeichner grimmig und
stand still. Wir hatten den Ausgang der Sperlingsgasse erreicht; ein kleiner
Handwagen, mit Kisten und Kasten beladen, versperrte uns den Weg. »Jetzt will
ich Ihnen auch sagen, wo ich in der Tat hin will, nicht, wohin ich gehen könnte
«, sagte Strobel. »Kommen Sie!«
    Verwundert folgte ich dem in eine dunkle Kellerwohnung Hinabsteigenden.
    So ist das menschliche Leben. Lange, lange Jahre hatte ich in dieser Gasse
gewohnt, täglich fast war ich vor diesem Hause, vor diesen trüben Fenstern
vorbeigegangen, und heute, am letzten Tage, den die arme hier wohnende Familie
dahinter zubringt, steige ich zum ersten Male die feuchten Stufen hinab zu ihr.
Der Zeichner stellte mich dem Hausherrn vor, dem Schuhmacher Burger, einem
Manne, welchem eine ganze Passionsgeschichte vom Gesichte abzulesen war. Heute
abend führt ihn und die Seinigen die Eisenbahn der Seestadt zu, von wo sie ein
Schiff nach einer neuen Heimat, nach dem jungen Amerika bringen soll; und der
Zeichner - will die Familie begleiten nach Hamburg.
    Die wenigen des Mitnehmens werten Habseligkeiten der ärmlichen Wohnung waren
schon zusammengepackt; die bleichen, traurigen Gesichter der Eltern, das
teilnahmlose der alten Grossmutter, die auch heute noch am gewohnten Platz hinter
dem Ofen spann, die Kinder, welche verwundert in den Winkeln kauerten, alles
machte einen tiefen wehmütigen Eindruck auf mich.
    Es ist nicht mehr die alte germanische Wander- und Abenteuerlust, welche das
Volk forttreibt von Haus und Hof, aus den Städten und vom Lande, die den Köhler
aus seinem Walde, den Bergmann aus seinem dunkeln Schacht reisst, die den Hirten
herabzieht von seinen Alpenweiden und sie alle fortwirbelt, dem fernen Westen
zu: Not, Elend und Druck sind's, welche jetzt das Volk geisseln, dass es mit
blutendem Herzen die Heimat verlässt. Mit blutendem Herzen; denn trotz der
Stammzerrissenheit, trotz aller Biegsamkeit des Nationalcharakters, der so
leicht sich fremden Eigentümlichkeiten anschmiegt und unterwirft - worin
übrigens in diesem Augenblick vielleicht allein die weltistorische Bedeutung
Deutschlands liegt -, trotz alledem hängt kein Volk so an seinem Vaterland als
das deutsche.
    In englischen Schriften läuft Deutschland öfters als »the faterland« kat'
exoxhn. Das wird zwar mit einem gewissen »sneer« gesagt, aber es ist eine Ehre
für unsere Nation, und wir können stolz darauf sein.
    O ihr Dichter und Schriftsteller Deutschlands, sagt und schreibt nichts,
euer Volk zu entmutigen, wie es leider von euch, die ihr die stolzesten Namen in
Poesie und Wissenschaften führt, so oft geschieht! Scheltet, spottet, geisselt,
aber hütet euch, jene schwächliche Resignation, von welcher der nächste Schritt
zur Gleichgültigkeit führt, zu befördern oder gar sie hervorrufen zu wollen.
    Als die Juden an den Wassern zu Babel sassen und ihre Harfen an die Weiden
hingen, weinten sie, aber sie riefen:
Vergesse ich dein, Jerusalem,
so werde meiner Rechten vergessen!
Die Worte waren kräftig genug, selbst die zuckenden Glieder eines Volkes durch
die Jahrtausende zu erhalten.
    Ihr habt die Gewohnheit, ihr Prediger und Vormünder des Volks, den
Wegziehenden einen Bibelvers in das Gesangbuch des Heimatdorfs zu schreiben;
schreibt:
Vergesse ich dein, Deutschland, grosses Vaterland:
so werde meiner Rechten vergessen!
Der Spruch in aller Herzen, und - das Vaterland ist ewig!
Das letzte Hausgerät war zusammengebunden und auf den kleinen Wagen in der Gasse
gelegt. Traurig schauten sich die armen Leute in ihrer verödeten Wohnung, die
alle Leiden und Freuden der Familie gesehen hatte, um.
    »'s ist 'n hart Ding, 's ist 'n hart Ding!« sagte seufzend der Meister, und
Strobel klopfte ihn leise auf die Schulter.
    »Es ist Zeit, Mann! Fasst Euch ein Herz, geht Eurer Frau mit einem guten
Beispiel voran.«
    »Der Totengräber hat versprochen, er will unseres Fritzen Hügel draussen
nicht verrotten lassen!« schluchzte die Frau.
    Burger wischte sich mit dem Ärmel über die Augen, erhob sich aus seinem
Hinbrüten und ging, seine alte Mutter hinaufzuführen auf die Gasse; seine Frau
weinte laut, brach einen Zweig von der verkümmerten Myrte im Fenster, legte ihn
in ihr Gebetbuch und nahm ihr jüngstes Kind auf den Arm, während sich die andern
an ihre Schürze und ihren Rock hingen. Die Familie stieg die enge, schwarze
Treppe, welche auf die Strasse führte, hinauf - sie hatte ihren langen Weg
begonnen!
    Draussen wechselte Regen mit Sonnenschein, wie der April es mit sich brachte.
Der Meister zog seinen Wagen voraus, wir andern folgten. Einen letzten Blick
werft zurück in die enge, dunkle, arme Sperlingsgasse - ihr werdet wohl oft
genug an sie denken -, und dann hinaus in die weite Welt, ihr Wanderer!
    Bis an das Tor brachte ich den Zeichner und seine Schützlinge. Ein letzter
Händedruck, ein letzter Gruss! Wer weiss, ob wir nicht noch einmal uns
wiedersehen, Strobel! Lebt wohl, lebt wohl! - Und wieder einmal konnte ich
einsam und allein zurückkehren, einsam und allein dies Blatt der Chronik der
Sperlingsgasse aufzuzeichnen.
                                                                Am 1. Mai. Abend
Ich sass heute nachmittag draussen im Park in den warmen Sonnenstrahlen, die hell
und lustig durch die noch kahlen Zweige der höheren Bäume und durch das mit
zartem, frischem Grün bedeckte niedere Gesträuch fielen. Kinder mit Sträussen von
Frühlingsblumen zogen an mir vorüber: ein Maikäfer, mit einem Zwirnfaden am
Bein, hing schlaftrunken an einem Zweige mir zur Seite, und ein
stubengesichtiger junger Mann, dem ein Buch hinten aus der Rocktasche guckte,
grub sorgsam eine Pflanze aus. Es war ein prächtiger Frühlingsnachmittag. Da
begannen auf einmal in der Stadt die Glocken zu läuten, den morgenden Sonntag zu
verkünden, und wieder schwebte, von den »Himmelstönen« getragen, eine süsse
Erinnerung heran.
    Es war auch ein erster Mai. Da war der Frühling gekommen mit jungem Grün,
bauenden Schwalben und einem - Hochzeitstage in der alten, dunklen
Sperlingsgasse. Sie hatten Blumen gestreut und mit Blumen und Laubkränzen die
Pfosten umwunden: sie hatten Sonntagskleider angezogen in der Sperlingsgasse,
und alle hatten fröhliche, fröhliche Gesichter. Und der Himmel war blau, und die
Sonne schien strahlend durch den Efeu, welchen vor so langen Jahren Marie Ralff
im Ulfeldener Walde ausgegraben hatte; aber weder Himmelsblau noch Sonnenschein
kamen an heiliger Reinheit dem Gesichtchen gleich, das sich an jenem ersten Mai
an meine Schulter schmiegte und durch Tränen lächelnd zu mir aufschaute. Das
Bild der Mutter sah aus seinem Rahmen und den Kränzen, die es heute umwanden,
ebenfalls lächelnd auf uns herab. Lächeln, Lächeln überall! Und als das junge
Herzchen an meiner Brust pochte, auf der andern Seite Gustav mir den Arm um die
Schulter legte, als Helene weinend der jungen Braut den Kranz in die Locken
drückte, da war es mir, als sei nun ein lange dunkles Rätsel gelöst, und ich
senkte das Haupt vor der geheimnisvollen Macht, welche die Geschicke lenkt und
ein Auge hat für das Kind in der Wiege und die Nation im Todeskampf. Wie die
Fäden laufen mussten, um hier in der armen Gasse sich zusamenzuschürzen zu einem
neuen Bunde! Wie so viele Herzen fast brechen wollten, um ein neues Glück
aufspriessen zu lassen! Das ist die grosse, ewige Melodie, welche der Weltgeist
greift auf der Harfe des Lebens und welche die Mutter im Lächeln ihres Kindes,
der Denker in den Blättern der Natur und Geschichte wahrnimmt. -
    Wir sprachen an jenem Tage nicht viel! Das Glück ist stumm, und was die
Liebe - die wahre Offenbarung Gottes - sich zuflüstert, hat noch kein Dichter
auf Papyrus, Pergament oder Papier festgehalten. Die kleine Kirche war gar
feierlich heilig, als der junge Maler - er dachte in dem Augenblick gewiss nicht
an sein gefeiertes Bild: Milton, den Galilei im Gefängnis zu Rom besuchend -,
als der junge Maler seine schöne Braut hineinführte an den geschmückten,
lichterglänzenden Altar. Und niemand fehlte in dem Kreise teilnehmender
Gesichter umher! Da war das Atelier, da waren Elisens Freundinnen, da war vor
allem die alte Marta und die Hausgenossenschaft und Nachbarschaft der
Sperlingsgasse. Die Orgel begann den Choral - und die Jungfrau Elise Johanna
Ralff und Herr Gustav Teodor Maximilian Berg wurden durch ein ganz leises,
leises Ja und ein anderes viel lauteres auf eine gar verfängliche Frage Mann und
Frau! -
Die Chronik der Gasse nähert sich ihrem Ende. Was sollte ich auch noch vieles
erzählen? Unsere Kinder sind glücklich in dem schönen Italien; die alte Marta
schläft nicht weit von Mariens Grabe auf dem Johanniskirchhofe: ich bin alt und
grau. Wenn ein Paket von Rom gekommen ist, so gehe ich hinüber zu der
freundlichen, schönen, weisshaarigen Frau, die da drüben in Nr. zwölf gewöhnlich
strickend am Fenster sitzt, und unsere alten Herzen schlagen höher bei dem
frischen Lebensglück, welches uns aus den engbeschriebenen Bogen
entgegenleuchtet. Wir folgen den Kindern durch alle die alten und neuen
Herrlichkeiten, wir stehen mit ihnen vor dem Laokoon, wir steigen mit ihnen zum
Kapitol hinauf, unsere Schritte hallen an ihrer Seite in den Sälen des Vatikans,
in den Loggien Raffaels wider. Wie eine reizende Märchenarabeske ist jeder Brief
blauer Himmel und Sonne und ein fröhliches Lachen auf jeder Seite!
    Es ist spät in der Nacht, als ich dieses schreibe; tiefe Dunkelheit herrscht
in der Gasse; kein einziges erhelltes Fenster ist zu erblicken. Der einzige
Laut, den ich vernehme, ist das Schlagen der Turmuhren oder der Pfiff des
Nachtwächters. Da liegen alle die bekritzelten Bogen vor mir - bunt genug sehen
sie aus! -
    Was sollte ich noch viel hinzufügen? Wenn die alten Chronikenschreiber ihre
Aufzeichnungen bis zu ihren Tagen fortgeführt und ihr Werk beendet hatten,
hefteten sie noch einige weisse Bogen hinten an, damit der künftige Besitzer die
»wenigen« Ereignisse, welche vor dem Untergang der Welt noch geschehen würden,
darauf nachtragen könne. Das nachzuahmen habe ich nicht im Sinn. Diese Erde wird
sich noch lange drehen, in dieser engen Gasse wird noch manches Kind geboren
werden, manche Leiche wird man hinaustragen und unter den letzteren vielleicht
in nicht langer Zeit auch den, welchen sie Johannes Wachholder nannten. - Was
die paar Tage, die mir noch übrig sind, bringen werden, will ich in Ruhe
erwarten: viel Neues können sie mir nicht zeigen. -
    Ich öffne das Fenster und blicke in die dunkle, stille, warme Nacht hinaus.
Hier und da flimmert ein einsamer Stern an der schwarzen Himmelsdecke. Wie
feierlich der Glockenton in der Nacht klingt! Zwölf Uhr. In wieviel Träume mag
sich dieser Schall verschlingen? Der grübelnde Gelehrte wird von seinem Buche
verwirrt aufsehen, das junge Mädchen wird von Tanz- und Ballmusik träumen, der
arme Kranke wird von dem kommenden Tage Genesung erflehen, die Mutter wird im
Schlaf ihr kleines Kind fester an sich drücken, und der Herrscher, die Stirn
wund vom Druck einer Krone des Zeitalters der Revolution, wird das Haupt in die
Kissen senken und seufzen: Ein neuer Tag! -
    Meine Lampe flackert und ist dem Erlöschen nahe. Mit müder Hand schliesse ich
das Fenster und schreibe diese letzten Zeilen nieder:
    Seid gegrüsst, alle ihr Herzen bei Tage und bei Nacht; sei gegrüsst, du
grosses, träumendes Vaterland; sei gegrüsst, du kleine, enge, dunkle Gasse; sei
gegrüsst, du grosse, schaffende Gewalt, die du die ewige Liebe bist! - Amen! Das
sei das Ende der Chronik der Sperlingsgasse! - -
 
    