
        
                               Bertold Auerbach
                                   Barfüssele
                            1. Die Kinder klopfen an.
Morgens früh im Herbstnebel wandern zwei Kinder von sechs bis sieben Jahren, ein
Knabe und ein Mädchen, Hand in Hand durch die Gartenwege zum Dorf hinaus. Das
Mädchen, um ein Merkliches älter, hält Schiefertafel, Bücher und Schreibhefte
unter dem Arm; der Knabe hat das Gleiche in einem offenen grauleinenen Beutel,
der ihm über die Schulter hängt. Das Mädchen hat eine Haube von weissem Drill,
die fast bis an die Stirn reicht und die weit vorstehende Wölbung der Stirn um
so schärfer hervortreten lässt; der Knabe ist barhaupt. Man hört nur Einen
Schritt, denn der Knabe hat feste Schuhe an, das Mädchen aber ist barfuss. So oft
es der Weg gestattet, gehen die Kinder neben einander, sind aber die Hecken zu
eng, geht das Mädchen immer voraus.
    Auf dem falben Laub an den Sträuchern liegt ein weisser Duft und die
Mehlbeeren und Pfaffenhütchen, besonders aber die aufrechtstehenden Hagebutten
auf nacktem Stengel sind wie versilbert. Die Sperlinge in den Hecken zwitschern
und fliegen in unruhigen Haufen auf beim Herannahen der Kinder und setzen sich
wieder nicht weit von ihnen, bis sie von Neuem aufschwirren und endlich sich
hinein in einen Garten werfen, wo sie sich auf einem Apfelbaum niederlassen, dass
die Blätter raschelnd niederfallen. Eine Elster fliegt rasch auf vom Weg,
feldein auf den grossen Holzbirnenbaum, wo die Raben still hocken; sie muss ihnen
etwas mitgeteilt haben, denn die Raben fliegen auf, kreisen um den Baum und ein
Alter lässt sich nieder auf der höchsten schwankenden Kronenspitze und die
anderen finden auf den niederen Aesten auch gute Plätze zum Ausschauen. Es
verlangt sie wohl auch zu wissen, warum die Kinder mit dem Schulzeug den
verkehrten Weg einschlagen und zum Dorfe hinauswandern; ja ein Rabe fliegt wie
ein Kundschafter voraus und setzt sich auf eine geköpfte Weide am Weiher. Die
Kinder aber gehen still ihres Weges bis da, wo sie am Weiher bei den Erlen die
Fahrstrasse erreichen, sie gehen über die Strasse nach einem jenseits stehenden
niedrigen Hause. Das Haus ist verschlossen und die Kinder stehen an der Haustür
und klopfen leise an. Das Mädchen ruft beherzt: »Vater! Mutter!« und der Knabe
ruft zaghaft nach: »Vater! Mutter!« Das Mädchen fasst die bereifte Türklinke und
drückt erst leise; die Bretter an der Türe knittern, es horcht auf, aber es
folgt Nichts nach, und jetzt wagt es in raschen Schlägen die Klinke auf und
nieder zu drücken, aber die Töne verhallen in der öden Hausflur; keine
Menschenstimme antwortet, und den Mund an einen Türspalt legend ruft der Knabe:
»Vater! Mutter!« Er schaut fragend auf zur Schwester, sein Hauch an der Tür ist
auch zu Reif geworden, wie er niederblickt.
    Aus dem nebelbedeckten Dorf tönt der Taktschlag der Drescher, bald wie
rascher sich überstürzender Wirbel, bald langsam und müde sich nachschleppend,
bald hell knatternd und dann wieder dumpf und hohl; jetzt tönen nur noch
einzelne Schläge, aber rasch fällt Alles wiederum ein von da und dort. Die
Kinder stehen wie verloren. Endlich lassen sie ab von Klopfen und Rufen und
setzen sich auf ausgegrabene Baumstümpfe. Diese liegen auf einem Haufen rings um
den Stamm des Vogelbeerbaums, der an der Seite des Hauses steht und jetzt mit
seinen roten Beeren prangt. Die Kinder heften den Blick noch immer auf die
Türe, aber diese bleibt verschlossen.
    »Die hat der Vater im Moos-Brunnenwald geholt,« sagt das Mädchen auf die
Baumstümpfe zeigend; und mit altkluger Miene setzt es hinzu: »Die geben gut
warm, die sind was wert, da ist viel Kien drin, das brennt wie eine Kerze; aber
der Spalterlohn ist das Grösste dabei.«
    »Wenn ich nur schon gross wär',« erwidert der Knabe, »da nähm' ich des Vaters
grosse Axt und den buchenen Schlägel und die zwei eisernen Speidel (Keile) und
den eschenen und da muss Alles auseinander wie Glas, und dann mach' ich daraus
einen schönen spitzigen Haufen wie der Kohlenbrenner Mates im Wald und wenn der
Vater heimkommt, der wird sich aber freuen!« Die Schwester schien doch schon
eine dämmernde Ahnung davon zu haben, dass es mit dem Warten auf Vater und Mutter
nicht geheuer sein könne, denn sie sah den Bruder gar traurig an und da ihr
Blick an den Schuhen haftete, sagte sie: »Dann musst du auch des Vaters Stiefel
anhaben. Aber komm', wir wollen Bräutle lösen. Und wirst sehen, ich kann weiter
werfen als du.«
    Im Fortgehen sagte das Mädchen: »Ich will dir ein Rätsel aufgeben: welches
Holz macht heiss, ohne dass man's verbrennt?«
    »Des Schullehrers Lineal, wenn man Tatzen kriegt,« erwiderte der Knabe.
    »Nein, das mein' ich nicht; das Holz, das man spaltet, das macht heiss, ohne
dass man's verbrennt.« Und bei der Hecke stehen bleibend, fragte sie: »Es sitzt
auf einem Stöckchen, hat ein rotes Röckchen, und das Bäuchlein voll Stein, was
mag das sein?«
    Der Knabe besann sich ganz ernstlich und rief: »Halt, du darfst mir's nicht
sagen, was es ist ... Das ist ja eine Hagebutte.«
    Das Mädchen nickte beifällig und machte ein Gesicht, als ob sie ihm das
Rätsel zum Erstenmal aufgegeben hätte, während sie es doch schon oft getan
hatte und nur immer wieder aufnahm, um ihn damit zu erheitern.
    Die Sonne hatte grade die Nebel zerteilt und das kleine Tal stand in
hellglitzernder Pracht, als die Kinder nach dem Teiche gingen, um flache Steine
auf dem Wasser tanzen zu machen. Im Vorübergehen drückte das Mädchen nochmals an
der Hausklinke, aber sie öffnete sich noch immer nicht und auch am Fenster
zeigte sich nichts. Jetzt spielten die Kinder voll Jubel und Lachen am Teich und
das Mädchen schien eigentlich zufrieden, dass der Bruder noch immer geschickter
war und darüber triumphirte und ganz hitzig wurde; ja das Mädchen machte sich
offenbar ungeschickter als es wirklich war, denn seine Steine plumpsten fast
immer beim ersten Anwurf in die Tiefe, worüber es weidlich ausgelacht wurde. Im
Eifer des Spiels vergassen die Kinder ganz, wo sie waren und warum sie eigentlich
dahergekommen. Und doch war Beides so traurig als seltsam.
    In dem jetzt verschlossenen Hause wohnten noch vor Kurzem der Josenhans mit
seiner Frau und seinen beiden Kindern Amrei (Anna Marie) und Dami (Damian). Der
Vater war Holzhauer im Walde, dabei aber auch anstellig zu allerlei Gewerk, denn
das Haus, das er in verwahrlostem Zustand erkauft, hatte er noch selber verputzt
und das Dach umgedeckt und noch im Herbst wollte er's von innen frisch
ausweissen: der Kalk dazu liegt schon dort in der mit rötlichem Reissig
überdeckten Grube. Die Frau war eine der besten Taglöhnerinnen im Dorfe, Tag und
Nacht in Leid und Freud' zu Allem bei der Hand; denn sie hatte ihre Kinder und
besonders die Amrei gut gewöhnt, dass sie schon früh für sich selber sorgen
konnten. Erwerb und haushälterische Genügsamkeit machten das Haus zu einem der
glücklichsten im Dorf. Da warf eine schleichende Krankheit die Mutter nieder und
am andern Abend auch den Vater, und nach wenigen Tagen trug man zwei Särge aus
dem kleinen Hause. Man hatte die Kinder alsbald in das Nachbarhaus zum
Kohlenmates gebracht und sie erfuhren den Tod der Eltern erst, als man sie
sonntäglich ankleidete, um hinter den Leichen drein zu gehen.
    Der Josenhans und seine Frau hatten keine nahen Verwandten im Ort und doch
hörte man laut weinen und die Verstorbenen rühmen, und der Schulteiss führte die
beiden Kinder hüben und drüben an der Hand, als sie hinter den Särgen drein
gingen. Noch am Grabe waren die Kinder still und harmlos, ja sie waren fast
heiter, wenn sie auch oft nach Vater und Mutter fragten; denn sie assen beim
Schulteiss am Tisch und Jedermann war überaus freundlich gegen sie, und als sie
vom Tisch aufstanden, bekamen sie noch Küchle in ein Papier gewickelt zum
Mitnehmen. Als indes am Abend, auf Anordnung des Gemeinderats, der
Krappenzacher den Dami mitnahm und die schwarze Marann' die Amrei abholte, da
wollten sich die Kinder nicht trennen und weinten laut und wollten heim. Der
Dami liess sich bald durch allerlei Vorspiegelungen beschwichtigen, Amrei aber
musste mit Gewalt gezwungen werden, ja sie ging nicht vom Fleck und der
Grossknecht des Schulteissen trug sie endlich auf dem Arm in das Haus der
schwarzen Marann'. Dort fand sie zwar ihr Bett aus dem Elternhause, aber sie
wollte sich nicht hineinlegen, bis sie vom Weinen müde auf dem Boden einschlief
und man sie mitsammt den Kleidern in's Bett steckte. Auch den Dami hörte man
beim Krappenzacher laut weinen, worauf er dann jämmerlich schrie und bald darauf
ward er still. Die vielverschrieene schwarze Marann' bewies aber schon an diesem
ersten Abend, wie still bedacht sie für ihren Pflegling war. Sie hatte schon
viele, viele Jahre kein Kind mehr in ihrer Umgebung gehabt und jetzt stand sie
vor dem schlafenden und sagte fast laut: »Glücklicher Kinderschlaf! Das weint
noch, und gleich darauf, im Umsehen, ist es eingeschlafen, ohne Dämmern, ohne
Hin- und Herwerfen.«
    Sie seufzte schwer.
    Am andern Morgen ging Amrei frühzeitig zu ihrem Bruder und half ihn
ankleiden und tröstete ihn über das was ihm geschehen war; wenn der Vater käme,
werde er den Krappenzacher schon bezahlen. Dann gingen die beiden Kinder hinaus
an das elterliche Haus, klopften an die Türe und weinten laut, bis der
Kohlenmates, der in der Nähe wohnte, herzukam und die Kinder in die Schule
brachte. Er bat den Lehrer, den Kindern zu erklären, dass ihre Eltern todt seien,
er selber wisse ihnen das nicht deutlich zu machen und besonders die Amrei
scheine es gar nicht begreifen zu wollen. Der Lehrer tat sein Mögliches und die
Kinder waren ruhig. Aber von der Schule gingen sie doch wieder nach dem
Elternhaus und warteten dort hungernd wie verirrt, bis man sie abholte.
    Das Haus des Josenhans musste der Hypotekengläubiger wieder an sich ziehen,
die Anzahlung, die der Verstorbene darauf gemacht, ging verloren, denn durch die
Auswanderungen ist namentlich der Häuserwert beispiellos gesunken; es stehen
viele Häuser im Dorfe leer und so blieb auch das Haus des Josenhans unbewohnt.
Alle fahrende Habe war verkauft und daraus ein kleines Erbe für die Kinder
erlöst worden; das reichte aber bei weitem nicht aus, das Kostgeld für sie zu
erschwingen, sie waren Kinder der Gemeinde und darum brachte man sie unter bei
denen, die sie am billigsten nahmen.
    Amrei verkündete eines Tages ihrem Bruder mit Jubel, sie wisse jetzt, wo die
Kukuksuhr der Eltern sei, der Kohlenmates habe sie gekauft; und noch am Abend
standen die Kinder draussen am Hause und warteten bis der Kukuk rief, dann
lachten sie einander an.
    Und jeden Morgen gingen die Kinder nach dem elterlichen Haus, klopften an
und spielten dort am Weiher, wie wir sie heute sehen. Aber jetzt horchen sie
auf: das ist ein Ruf, den man in dieser Jahreszeit sonst nicht hört, denn der
Kukuk beim Kohlenmates ruft achtmal.
    »Wir müssen in die Schule,« sagte Amrei und wanderte mit ihrem Bruder rasch
wiederum den Gartenweg hinein in das Dorf. An der hintern Scheuer des
Rodelbauern sagte Dami: »Bei unserm Pfleger haben sie heute schon viel
gedroschen.« Er deutete dabei auf die Wieden der abgedroschenen Garben, die wie
Merkzeichen über dem Halbtore der Scheuer hingen. Amrei nickte still.
 
                              2. Die ferne Seele.
Der Rodelbauer, dessen Haus mit dem rotangestrichenen Gebälk und einem frommen
Spruch in grosser Herzform, nicht weit vom Hause des Josenhans stand, hatte sich
vom Gemeinderat zum Pfleger der verwaisten Kinder ernennen lassen. Er weigerte
das um so weniger, da Josenhans vordem als Anderknecht bei ihm gedient hatte.
Seine Pflegschaft bestand aber in weiter nichts, als dass er die unverkauften
Kleider des Vaters aufbewahrte und manchmal, wenn er Einem der Kinder begegnete,
im Vorübergehen fragte: »bist brav?« und ohne die Antwort abzuwarten, weiter
schritt. Dennoch war in den Kindern ein seltsamer Stolz, da sie erfuhren, dass
der Grossbauer ihr Pfleger sei; sie kamen sich dadurch als etwas ganz Besonderes,
fast Fürnehmes vor. Sie standen oft abseits bei dem grossen Hause und schauten
verlangend hinauf, als erwarteten sie Etwas und wussten nicht was; und bei den
Eggen und Pflügen neben der Scheune sassen die Kinder oft und lasen immer wieder
den Bibelspruch am Hause. Das Haus redete doch mit ihnen, wenn auch sonst
Niemand daraus.
    Es war am Sonntag vor Allerseelen, als die Kinder wiederum vor dem
verschlossenen Elternhaus spielten - sie waren wie an den Ort gebannt - da kam
die Landfriedbäuerin den Hochdorfer Weg herein; sie trug einen grossen roten
Regenschirm unterm Arm und ein schwarzes Gesangbuch in der Hand. Sie machte den
letzten Besuch in ihrem Geburtsorte, denn schon gestern hatte der Knecht auf
einem vierspännigen Wagen den gesammten Hausrat zum Dorf hinausgefahren und
morgen in der Frühe wollte sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf das
neuerkaufte Gut im fernen Allgäu ziehen. Schon von weitem bei der Hanfbreche
nickte die Landfriedbäuerin den Kindern zu, denn Kinder sind ein guter »Angang«
- so nennt man die erste Begegnung - aber die Kinder konnten nichts davon sehen,
so wenig als von den wehmutsvollen Mienen der Bäuerin. Als sie jetzt bei den
Kindern stand, sagte sie: »Grüss Gott, Kinder! Was tut denn ihr schon da? Wem
gehöret ihr?«
    »Da dem Josenhans,« antwortete Amrei, auf das Haus deutend.
    »O ihr armen Kinder,« rief die Bäuerin, die Hände zusammenschlagend; »dich
hätt' ich kennen sollen, Mädle, grad so hat deine Mutter ausgesehen, wie sie mit
mir in die Schul' gegangen ist. Wir sind gute Kamrädinnen gewesen und euer Vater
hat ja bei meinem Vetter, dem Rodelbauer, gedient. Ich weiss Alles von euch. Aber
sag' Amrei, warum hast du keine Schuhe an? Du kannst ja krank werden bei dem
Wetter? Sag' der Marann', die Landfriedbäuerin von Hochdorf liesse ihr sagen, es
sei nicht brav, dass sie dich so herum laufen lässt. Nein, brauchst Nichts sagen,
ich will schon selber mit ihr reden. Aber Amrei, du musst jetzt gross und
gescheidt sein und selber auf dich Acht geben. Denk' daran, wenn das deine
Mutter wüsst', dass du in solcher Jahrszeit so barfuss herumlaufst!« Das Kind
schaute die Bäuerin gross an, als wollte es sagen: weiss denn die Mutter Nichts
davon? Die Bäuerin aber fuhr fort: »Das ist noch das Aergste, dass ihr nicht
einmal wissen könnet, was für rechtschaffene Eltern ihr gehabt: drum müssen's
euch ältere Leute sagen. Denket daran, dass ihr euren Eltern erst die rechte
Seligkeit gebt, wenn sie im Himmel droben hören, wie hier unten die Menschen
sagen: des Josenhansen Kinder, die sind die Probe von allem Guten, da sieht man
recht deutlich den Segen der rechtschaffenen Eltern.«
    Rasche Tränen rannen bei diesen letzten Worten der Bäuerin von den Wangen.
Die schmerzliche Rührung in ihrer Seele, die noch einen ganz andern Grund hatte,
brach jetzt bei diesen Gedanken und Worten unaufhaltsam hervor, und Eigenes und
Fremdes floss ineinander. Sie legte ihre Hand auf das Haupt des Mädchens, das im
Anblick der weinenden Frau auch heftig zu weinen begann; es mochte fühlen, wie
sich eine gute Seele ihm zuwendete, und eine dämmernde Ahnung, dass es wirklich
seine Eltern verloren, begann ihm aufzugehen.
    Das Angesicht der Frau aber leuchtete plötzlich auf. Sie richtete das Auge,
in dem noch Tränen hingen, zum Himmel auf und sagte: »Guter Gott, das schickst
Du mir.« Dann fuhr sie zu dem Kind gewendet fort: »Horch, ich will dich
mitnehmen. Meine Lisbet ist mir in deinem Alter genommen worden. Sag, willst du
mit mir in's Allgäu gehen und bei mir bleiben?«
    »Ja,« sagte Amrei entschlossen.
    Da fühlte sie sich von hinten angefasst und geschlagen.
    »Du darfst nicht,« rief Dami, der sie umfasste und sein ganzes Wesen
zitterte.
    »Sei stet,« beruhigte Amrei, »die gute Frau nimmt dich ja auch mit. Nicht
wahr, mein Dami geht auch mit uns?«
    »Nein, Kind, das geht nicht, ich hab' Buben genug.«
    »Dann bleib' ich auch da,« sagte Amrei und fasste ihren Bruder an der Hand.
    Die fremde Frau war in sich zusammengeschauert und jetzt sah sie mit einer
Art von Erleichterung auf das Kind. In überwallender Empfindung, vom reinsten
Zuge des Wohltuns erfasst, hatte sie eine Tat und eine Verpflichtung auf sich
nehmen wollen, deren Schwere und Bedeutung sie nicht sattsam überlegt hatte, und
namentlich wie ihr Mann, ohne vorher gefragt zu sein, das aufnehmen werde. Als
jetzt das Kind selber sich weigerte, trat eine Ernüchterung ein und ihr ward
Alles rasch klar; darum ging sie mit einer gewissen Erleichterung schnell auf
die Abwehr ihres Unternehmens ein. Sie hatte ihrem Herzen genügt, indem sie die
Tat tun wollte, und jetzt, da sich Hindernisse entgegenstellten, hatte sie
eine eigene Art von Befriedigung, dass die Tat unterblieb, ohne dass sie selbst
ihr Wort zurücknahm.
    »Wie du willst,« sagte die Bäuerin. »Ich will dich nicht überreden. Wer
weiss, vielleicht ist es auch besser so, dass du zuerst gross wirst. In der Jugend
Not ertragen lernen, das tut gut, das Bessere nimmt sich leicht an; wer noch
etwas Rechtes geworden ist, hat in der Jugend Schweres erfahren müssen. Sei nur
brav. Aber das behalt' im Andenken, dass du allzeit, wenn du brav bist, um deiner
Eltern willen eine Unterkunft bei mir haben sollst, so lang mir Gott das Leben
lässt. Denk' daran, dass du nicht verlassen bist auf der Welt, wenn dir's übel
geht. Merk' dir nur die Landfriedbäuerin in Zusmarshofen im Allgäu. Und noch
Eins. Sag' im Dorf nichts davon, dass ich dich hab' annehmen wollen; es ist auch
wegen der Leute, sie werden dir's übel nehmen, dass du nicht mitgegangen bist.
Aber es ist schon gut so. Wart', ich will dir noch was geben, dass du an mich
denkst.« Sie suchte in den Taschen, aber plötzlich fuhr sie sich an den Hals und
sagte: »Nein, nimm nur das.« Sie hauchte sich mehrmals in die steifen Finger,
bis sie es zu Stande brachte, denn sie nestelte eine fünfreihige Granatschnur,
daran ein gehenkelter Schweden-Dukaten hing, vom Halse und schlang das
Geschmeide um den Hals des Kindes, wobei sie es küsste. Amrei sah wie verzaubert
drein unter all diesen Hantierungen. »Für dich hab' ich leider Nichts,« sagte
die Frau zu Dami, der eine Gerte, die er in der Hand hielt, in immer kleinere
Stücke zerbrach, »aber ich schicke dir ein Paar lederne Hosen von meinem
Johannes, sie sind noch ganz gut. Du kannst sie tragen, wenn du grösser bist.
Jetzt b'hüt euch Gott, ihr lieben Kinder. Wenn's möglich ist, komme ich noch zu
dir Amrei. Schicke mir nach der Kirche jedenfalls die Marann.' Bleibet brav und
betet fleissig für eure Eltern in der Ewigkeit und vergesset nicht, dass ihr im
Himmel und auf Erden noch Annehmer habt.«
    Die Bäuerin, die zum behenden Gang ihren Oberrock in Zwickel aufgesteckt
hatte, liess ihn jetzt beim Eingange des Dorfes herab, und mit raschen Schritten
ging sie das Dorf hinein und wendete sich nicht mehr um.
    Amrei fasste sich an den Hals, beugte das Gesicht nieder und wollte immer die
Denkmünze betrachten, aber es gelang ihr nicht ganz. Dami kaute an dem letzten
Stück seiner Gerte, und als ihn jetzt die Schwester betrachtete und Tränen in
seinen Augen sah, sagte sie:
    »Wirst sehen, du kriegst das schönste Paar Hosen im Dorf.«
    »Und ich nehm' sie nicht,« sagte Dami und spie dabei ein Stück Holz aus.
    »Ich will ihr schon sagen, dass sie dir auch ein Messer kaufen muss. Ich
bleib' heut' den ganzen Tag daheim, sie kommt ja noch zu uns.«
    »Ja, wenn sie schon da wär',« entgegnete Dami, ohne zu wissen was er sagte;
nur sein Zorn und das Gefühl der Zurücksetzung hatte ihm diesen misstrauischen
Vorwurf eingegeben.
    Es läutete schon zum Erstenmal, die Kinder eilten ins Dorf zurück. Amrei
übergab mit kurzem Bericht den neugewonnenen Schmuck der Marann', und diese
sagte:
    »Du bist ja ein Glückskind! Ich will dir's gut aufheben. Jetzt hurtig in die
Kirche.«
    Während des Gottesdienstes sahen die beiden Kinder immer nach der
Landfriedbäuerin und beim Ausgang warteten sie an der Tür; aber die vornehme
Bäuerin war von so vielen Menschen umringt, die alle in sie hineinredeten, dass
sie sich immer im Kreise drehen musste, um bald da, bald dort zu antworten. Für
den wartenden Blick der Kinder und deren ständiges Nicken fand sie keine
Aufmerksamkeit.
    Die Landfriedbäuerin hatte das jüngste Töchterchen des Rodelbauern, die
Rosel, an der Hand; sie war um ein Jahr älter als Amrei und diese stiess in der
Entfernung immer vor sich hin, als müsste sie die Zudringliche, die ihren Platz
einnahm, wegdrängen. Oder hatte die vornehme Bäuerin nur ein Auge für Amrei
draussen beim letzten Haus in der Einsamkeit, aber mitten unter den Menschen
kannte sie sie nicht? Gelten da nur die Kinder reicher Leute, die Kinder der
Verwandten? Amrei erschrak, als sie diesen leise sich regenden Gedanken
plötzlich laut hörte, denn Dami sprach ihn aus; aber während sie mit dem Bruder
in ziemlicher Entfernung dem grossen Trupp folgte, der die Landfriedbäuerin
umgab, suchte sie den bösen Gedanken dem Bruder und wohl damit auch sich
auszureden. Die Landfriedbäuerin verschwand endlich im Hause des Rodelbauern und
die Kinder kehrten still zurück, bis Dami plötzlich sagte:
    »Wenn sie zu dir kommt, sag' nur auch, dass sie auch zum Krappenzacher gehen
muss und ihm sagen, dass er gut gegen mich sein soll.«
    Amrei nickte und die Kinder trennten sich, ein Jedes ging nach dem Hause, wo
es eine Unterkunft gefunden hatte.
    Die Nebel, die sich am Morgen verzogen hatten, kamen am Mittag als voller
Regenguss hernieder.
    Der grosse rote Regenschirm der Landfriedbäuerin bewegte sich aufgespannt
hin und her im Dorf und man sah kaum die Gestalt, die darunter war. Die schwarze
Marann' hatte die Landfriedbäuerin nicht getroffen und sagte bei der Heimkunft:
»Sie kann ja auch zu mir kommen, ich will Nichts von ihr.« Die beiden Kinder
wanderten wieder hinaus nach dem elterlichen Haus und sassen dort
zusammengekauert auf der Türschwelle und redeten fast kein Wort. Wieder
schienen sie zu ahnen, dass die Eltern doch nicht wieder kämen und Dami wollte
zählen wie viel Tropfen von der Dachtraufe fielen; aber es ging ihm allzuschnell
und er machte sich's leicht und schrie auf Einmal: »Tausend Millionen!«
    »Da muss sie vorbei, wenn sie heimgeht,« sagte Amrei, »und da rufen wir sie;
schrei' nur auch recht mit, und dann wollen wir schon weiter mit ihr reden.« So
sagte Amrei, denn die Kinder warteten hier noch auf die Landfriedbäuerin.
    Es klatschte eine Peitsche im Dorf. Man hörte jenes nachspritzende
Pferdegetrapp im aufgeweichten Wege und ein Wagen rollte herbei.
    »Wirst sehen, der Vater und die Mutter kommen in einer Kutsche und holen
uns,« rief Dami.
    Amrei schaute traurig nach ihrem Bruder um und sagte: »Schwätz nicht so
viel.« Als sie sich umwendete, war der Wagen ganz nahe, es winkte Jemand von
demselben unter einem roten Regenschirm hervor, und fort rollte das Gefährte
und nur der Spitz des Kohlenmates bellte ihm eine Weile nach und tat als
wollte er mit seinen Zähnen die Speichen aufhalten; aber am Weiher kehrte er
wieder zurück, bellte noch einmal hinaus unter der Haustüre und schlüpfte dann
hinein in's Haus.
    »Haidi! fort ist sie!« sagte Dami wie triumphirend; es war ja die
Landfriedbäuerin. »Hast des Rodelbauern Rappen nicht gekannt? Die haben sie
davon geführt. Vergiss meine ledernen Hosen nicht!« schrie er noch laut mit aller
Kraft seiner Stimme, obgleich der Wagen bereits im Tale verschwunden war und
jetzt schon die kleine Anhöhe am Holderwasen hinaufkroch.
    Die Kinder kehrten still in's Dorf zurück.
 
                          3. Vom Baum am Elternhause.
Am Tage vor Allerseelen sagte die schwarze Marann' zu den Kindern:
    »Jetzt holt ordentlich Vogelbeeren, morgen brauchen wir sie auf dem
Kirchhof.«
    »Ich weiss wo, ich kann holen,« sagte Dami mit einer wahrhaft gierigen Freude
und rannte zum Dorf hinaus, dass ihn Amrei kaum erreichen konnte. Als sie am
elterlichen Hause ankam, war er schon oben auf dem Baum und neckte sie stolz,
sie solle auch heraufkommen, weil er wusste, dass sie das nicht könne. Er pflückte
nun die roten Beeren und warf sie hinab in die Schürze der Schwester. Sie bat
ihn, er möge auch die Stiele mit abpflücken, sie wolle einen Kranz machen. Er
sagte: »Das tu' ich nicht!« Und doch kam fortan keine Beere ohne Stiel mehr
herunter.
    »Horch wie die Spatzen schelten!« rief Dami vom Baume, »die ärgern sich, dass
ich ihnen ihr Futter wegnehme.« Und als er endlich Alles abgepflückt hatte,
sagte er: »Ich gehe nicht mehr herunter, ich bleib' da oben Tag und Nacht, bis
ich todt herunter falle, und komme gar nicht mehr zu dir, wenn du mir nicht was
versprichst.«
    »Was denn?«
    »Dass du deinen Anhenker von der Landfriedbäuerin nie trägst, so lange ich's
sehe; versprichst du mir das?«
    »Nein!«
    »So komm' ich nicht mehr herunter!«
    »Meinetwegen!« sagte Amrei und ging mit den Vogelbeeren davon. Sie setzte
sich aber nicht weit entfernt hinter einen Holzstoss, wand einen Kranz und
schielte dabei immer hinaus, ob Dami nicht endlich käme. Sie setzte sich den
Kranz auf und plötzlich überfiel sie eine unnennbare Angst wegen Dami. Sie
rannte zurück, Dami sass rittlings auf einem Ast an den Stamm zurückgelehnt und
die Arme übereinander geschlagen.
    »Komm herunter, ich verspreche dir, was du willst!« rief Amrei und in einem
Nu war Dami bei ihr auf dem Boden.
    Zu Hause schalt die schwarze Marann' über das alberne Kind, das sich aus den
Beeren, die man zum Grabe der Eltern brauche, einen Kranz gemacht habe. Sie
zerriss denselben schnell und sprach dabei einige unverständliche Worte; dann
nahm sie beide Kinder an der Hand und führte sie hinaus nach dem Kirchhof. Wo
zwei Erdhaufen nahe an einander waren sagte sie:
    »Da sind Eure Eltern.« Die Kinder sahen sich staunend an. Die Marann' machte
nun mit einem Stock Furchen in Kreuzesform auf den Gräbern und wies die Kinder
an, die Beeren da hinein zu stecken. Dami war behend dabei und triumphirte, da
er mit seinem roten Kreuze früher fertig war als die Schwester. Amrei schaute
ihn nur gross an und erwiderte Nichts, und erst als Dami sagte: »Das wird den
Vater freuen,« schlug sie ihn hinterrücks und rief: »Sei still.« Dami weinte,
vielleicht ärger als es ihm ernst war; da rief Amrei laut: »Um Gotteswillen
verzeih mir, verzeih mir, dass ich dir das getan hab'. Hier, da verspreche ich
dir, ich will dir mein Lebenlang Alles tun was ich kann, und Alles geben was
ich hab'; gelt Dami, ich hab' dir nicht weh getan? Kannst dich drauf verlassen,
es geschieht nie mehr so lang ich lebe, nie mehr, nie. O Mutter, o Vater, ich
will brav sein, ich versprech's euch; o Mutter, o Vater.« - Sie konnte nicht
weiter reden, aber sie weinte nicht laut, nur sah man, es gab ihr einen Herzstoss
nach dem andern und erst als die schwarze Marann' laut weinte, weinte Amrei mit
ihr.
    Sie gingen heim und als Dami »gute Nacht« sagte, raunte ihm Amrei leise in's
Ohr:
    »Jetzt weiss ich's wir sehen unsere Eltern nie mehr auf dieser Welt;« aber
noch in dieser Mitteilung lag eine gewisse kindische Freude, ein Kinderstolz,
der sich damit brüstet, Etwas zu wissen; und doch war in der Seele dieses Kindes
Etwas aufgetaucht vom Bewusstsein jenes auf ewig abgeschnittenen Zusammenhanges
mit dem Leben, das sich auftut im Gedanken der Elternlosigkeit.
    Wenn der Tod die Lippen geschlossen, die dich Kind nennen mussten, ist dir
ein Lebensatem verschwunden, der nimmer wiederkehrt.
    Noch als die schwarze Marann' bei Amrei am Bette sass, sagte diese: »Ich
mein' ich fall' und fall' jetzt immerfort, lasset mir nur Eure Hand;« und sie
hielt die Hand fest und begann zu schlummern, aber so oft die schwarze Marann'
ihre Hand zurückziehen wollte, haschte sie wieder darnach. Die Marann' verstand,
was das Gefühl vom endlosen Fallen bei dem Kinde zu bedeuten hatte: das ist ja
beim Innewerden vom Tode der Eltern als schwebte man im Wurfe, man weiss nicht
woher und weiss nicht wohin.
    Erst spät gegen Mitternacht konnte die schwarze Marann' das Bett des Kindes
verlassen, nachdem sie ihre gewohnten zwölf Vaterunser wer weiss zum wievielten
mal wiederholt hatte.
    Ein strenger Trotz lag auf dem Gesicht des schlafenden Kindes. Es hatte die
eine Hand auf die Brust gelegt und die schwarze Marann' hob sie ihm leise weg
und sagte halblaut vor sich hin:
    »Wenn nur immer ein Auge, das über dich wacht, und eine Hand die dir helfen
will, dir so wie jetzt im Schlaf, ohne dass du es weisst, die Schwere vom Herzen
nehmen könnte! Das kann aber kein Mensch, das kann nur Er ... Tu' du meinem
Kind in der Fremde was ich diesem da tue.«
    Die schwarze Marann' war eine »geschiechene« Frau, d.h. die Leute fürchteten
sich fast vor ihr, so herb erschien sie in ihrem Wesen. Sie hatte vor bald
achtzehn Jahren ihren Mann verloren, der bei einem räuberischen Anfall den er
mit Genossen auf den Eilwagen gemacht hatte, erschossen worden war. Die Marann'
trug ein Kind unter dem Herzen als die Leiche ihres Mannes mit dem
schwarzberussten Gesicht ins Dorf gebracht wurde; aber sie fasste sich und wusch
dem Todten das Gesicht rein, als könnte sie damit auch seine schwarze Schuld
abwaschen. Drei Töchter starben ihr und nur das Kind, das sie damals unter dem
Herzen getragen, war noch am Leben. Es war ein schmucker Bursch geworden, wenn
auch mit seltsam schwärzlichem Gesicht und er war jetzt als Maurergesell in der
Fremde. Denn von der Zeit Brosi's her, und namentlich seit dessen Sohn Severin
sich mit dem Steinhammer zu so hohen Ehrenstellen hinaufgearbeitet, hatte sich
ein grosser Teil des Nachwuchses in Haldenbrunn dem Maurerhandwerk gewidmet.
Unter den Kindern war allezeit von Severin die Rede, wie von dem Prinzen im
Mährchen. So war auch das einzige Kind der schwarzen Marann' trotz deren
Widerrede Maurer geworden und jetzt auf der Wanderschaft, und sie die ihr
Lebenlang nicht aus dem Dorfe gekommen war und auch kein Verlangen hatte hinaus
zu kommen, sagte manchmal: sie komme sich vor, wie eine Henne, die eine Ente
ausgebrütet; aber sie gluckste fast immer in sich hinein.
    Man sollte es kaum glauben, dass die schwarze Marann' eine der heitersten
Personen im Dorf war; man sah sie nie traurig, sie gönnte es den Menschen nicht,
dass sie Mitleid mit ihr haben sollten. Und darum war sie ihnen unheimlich. Sie
war im Winter die fleissigste Spinnerin im Dorf und im Sommer die emsigste
Holzsammlerin, so dass sie noch einen guten Teil davon verkaufen konnte, und
»mein Johannes,« (so hiess ihr noch lebender Sohn) »mein Johannes,« hörte man in
jeder ihrer Reden. Die kleine Amrei hatte sie, wie sie sagte, nicht aus
Gutmütigkeit zu sich genommen, sondern nur weil sie ein lebendiges Wesen um
sich haben wollte. Sie tat gern recht rauh vor den Leuten und war stolz darauf,
vor sich selber besser zu sein, als sie dafür galt.
    Der gerade Gegensatz zu ihr war der Krappenzacher, bei dem Dami ein
Unterkommen gefunden; der stellte sich draussen vor der Welt gern als der
gutmütigste Allesverschenker, im Geheimen aber knuffte und misshandelte er seine
Angehörigen und besonders den Dami, für den er nur ein geringes Kostgeld
erhielt. Er hiess eigentlich Zacharias und hatte seinen Spitznamen davon, weil er
einst seiner Frau ein Paar fein hergerichtete Tauben als Braten heimgebracht
hatte; es waren dies aber ein Paar gerupfte Raben, hier zu Lande Krappen
genannt. Der Krappenzacher, der einen Stelzfuss hatte, verbrachte seine meiste
Zeit damit, dass er wollene Strümpfe und Jacken strickte, und so sass er mit
seinem Strickzeuge überall im Dorfe herum, wo es was zu plaudern gab; und dieses
Geplauder, bei dem er allerlei hörte, diente ihm zu sehr einträglichen
Nebengeschäften. Er war der sogenannte Heiratsmacher in der Gegend, denn
namentlich da, wo sich noch die grossen geschlossenen Güter finden, geschehen die
Heiraten in der Regel durch Vermittler, die die entsprechenden
Vermögensverhältnisse genau auskundschaften und Alles vorher bestimmen. Und wenn
dann eine solche Heirat zu Stande gebracht war, spielte der Krappenzacher noch
bei der Hochzeit die Geige auf, denn darin war er ein landeskundiger Meister. Er
verstand aber auch die Clarinette und das Horn zu blasen, wenn ihm die Hände vom
Geigen müde waren. Er war eben ein Allerweltsmensch.
    Das weinerliche und empfindliche Wesen Dami's war dem Krappenzacher höchlich
zuwider und er wollte es ihm damit austreiben, dass er ihn recht viel weinen
machte und ihn neckte, wo er nur konnte.
    So waren die beiden Stämmchen, aus demselben Boden erwachsen, in
verschiedenes Erdreich verpflanzt. Standort und Bodensaft und die eigene Natur,
die sie in sich trugen, liessen sie verschiedenartig gedeihen.
 
                               4. Tu' dich auf.
Am Allerseelentag, er war trübe und neblig, waren die Kinder mitten unter den
Versammelten auf dem Kirchhof. Der Krappenzacher hatte Dami an der Hand dahin
geführt. Amrei aber war allein gekommen ohne die schwarze Marann' und Viele
schimpften über die harterzige Frau, und einige trafen einen Teil der
Wahrheit, indem sie sagten: die Marann' wolle nichts von dem Besuchen der
Gräber, weil sie nicht wisse wo das Grab ihres Mannes sei. Amrei war still und
vergoss keine Träne, während Dami bei den mitleidigen Reden der Menschen
jämmerlich weinte, freilich auch, wenn ihn der Krappenzacher mehrmals heimlich
geknufft und gezwickt hatte. Amrei starrte eine Zeitlang träumerisch vergessen
hinein in die Lichter zu Häupten der Gräber und sah staunend, wie die Flamme das
Wachs auffrisst, der Docht immer mehr verkohlt, bis endlich das Licht ganz
herabgebrannt ist.
    Unter den Versammelten bewegte sich auch ein Mann in vornehmer städtischer
Kleidung, mit einem Band im Knopfloch; es war der Oberbaurat Severin, der auf
einer Inspectionsreise begriffen, hier das Grab seiner Eltern, Brosi und Moni,
besuchte. Seine Geschwister und deren Angehörigen umgaben ihn stets mit einer
gewissen Ehrerbietung und die Andacht war fast ganz abgelenkt und auf diesen
Vornehmen alle Aufmerksamkeit gerichtet.
    Auch Amrei betrachtete ihn und fragte den Krappenzacher: »Ist das ein
Hochzeiter?«
    »Warum?«
    »Weil er ein Bändel im Knopfloch hat.«
    Statt aller Antwort hatte der Krappenzacher nichts Eiligeres zu tun, als
auf eine Gruppe loszugehen und zu sagen, welch' eine dumme Rede da das Kind
getan habe. Und mitten unter den Gräbern erscholl lautes Gelächter über solche
Albernheit. Nur die Rodelbäuerin sagte: »Ich finde das gar nicht so hirnlos.
Wenn's auch ein Ehrenzeichen ist, was der Severin hat, es bleibt doch
wunderlich, da auf dem Kirchhof mit einer Auszeichnung herumzulaufen; da, wo
sich zeigt, was aus uns Allen wird, habe man im Leben Kleider von Seide oder von
Zwillich angehabt. Es hat mich schon verdrossen, dass er damit in der Kirche war;
so Etwas muss man abtun, ehe man in die Kirche geht, um wie viel mehr auf dem
Kirchhof.«
    Die Kunde von der Frage der kleinen Amrei musste doch auch bis zu Severin
gedrungen sein, denn man sah ihn hastig seinen Oberrock zuknöpfen und dabei
nickte er nach dem Kinde hin. Jetzt hörte man ihn fragen, wer das sei und kaum
hatte er die Antwort vernommen, als er auf die beiden Kinder an den frischen
Gräbern zueilte und zu Amrei sagte: »Komm her, Kind, mach' deine Hand auf, hier
schenke ich dir einen Dukaten; davon schaffe dir an, was du brauchst.«
    Das Kind starrte drein und antwortete nicht. Und kaum hatte Severin den
Rücken gewendet, als es ihm halblaut nachrief: »Ich nehm' nichts geschenkt,« und
ihm dabei den Dukaten nachschleuderte. Viele, die das gesehen hatten, kamen auf
Amrei zu und schimpften auf sie hinein und eben als sie daran waren, sie zu
misshandeln, wurde sie wiederum von der Rodelbäuerin, die sie schon einmal mit
Worten beschützt hatte, vor den rohen Händen gerettet. Auch sie verlangte indes,
dass Amrei wenigstens Severin nacheile und ihm danke; doch Amrei gab auf
keinerlei Rede eine Antwort; sie blieb starr, so dass auch ihre Beschützerin von
ihr abliess. Nur mit grosser Mühe fand man den Dukaten wieder und ein
Gemeinderat, der zugegen war, nahm ihn sogleich in Verwahrung, um ihn dem
Pfleger der Kinder zu übergeben.
    Dieses Ereignis brachte der kleinen Amrei einen seltsamen Ruf im Dorf. Man
sagte, sie sei doch erst wenige Tage bei der schwarzen Marann' und habe schon
ganz deren Art und Weise. Man fand es unerhört, dass ein Kind aus solcher
Armutei einen solchen Stolz haben könne; und indem man ihr diesen Stolz auf
allen Wegen und Stegen vorwarf, ward sie dessen erst recht inne, und in der
jungen Kinderseele regte sich ein Trotz, ihn nur desto mehr zu bewahren. Die
schwarze Marann' tat auch das Ihre, um solche Stimmung zu befestigen, denn sie
sagte: »Es kann einem Armen kein grösseres Glück geschehen, als wenn man es für
stolz hält; dadurch ist man davor bewahrt, dass Jedes auf einem herumtrampelt und
noch verlangt, dass man sich dafür bedanke.«
    Im Winter war Amrei sehr viel bei dem Krappenzacher und hörte ihn besonders
gern geigen. Ja der Krappenzacher sagte ihr einmal das grosse Lob: »Du bist nicht
dumm,« denn Amrei hatte nach einem langen Geigenspiel bemerkt: »Was doch so eine
Geige den Atem so lang anhalten kann; das kann ich nicht.« Und wenn daheim in
stillen Winternächten die schwarze Marann' funkelnde und schauererregende
Zaubergeschichten erzählte, da horchte Amrei mit offenem Munde und mehrmals rief
sie die Alte zurückhaltend: »O Marann' haltet ein, ich muss wieder schnaufen.«
    Niemand achtete sehr auf Amrei, und diese konnte träumen, wie es ihr in den
Sinn kam und nur der Lehrer sagte einmal in der Gemeinderatssitzung: solch' ein
Kind sei ihm noch nicht vorgekommen; es sei trotzig und nachgiebig, träumerisch
und wachsam. In der Tat bildete sich schon früh bei allem kindischen
Selbstvergessen ein Gefühl der Selbstverantwortlichkeit, eine Wehrhaftigkeit im
Gegensatze zur Welt, zu ihrer Güte und Bosheit in der kleinen Amrei aus, während
Dami bei allen kleinen Anlässen weinend zur Schwester kam und ihr klagte. Er
hatte immer Mitleid mit sich selber, und wenn er in Raufhändel von Spielgenossen
niedergeworfen wurde, klagte er: »Ja, weil ich ein Waisenkind bin, schlagen sie
mich. O wenn das mein Vater, meine Mutter wüsste!« Und dann weinte er doppelt
über die erfahrene Unbill. Dami liess sich von allen Menschen zu essen schenken
und wurde dadurch gefrässig, während Amrei mit Wenigem vorlieb nahm und sich
dadurch äusserst mässig gewöhnte. Selbst die wildesten Buben fürchteten Amrei,
ohne dass man wusste, woran sie ihre Kraft bewiesen hatte, während Dami vor ganz
kleinen Jungen davon lief. In der Schule war Dami stets spielerisch, er bewegte
die Füsse und bog mit der Hand die Ecken der Blätter um, während er las. Amrei
dagegen war stets zierlich und gewandt, aber sie weinte oft in der Schule, nicht
wegen der Strafen, die sie selbst bekam, sondern so oft Dami gestraft wurde.
    Am meisten konnte Amrei den Dami vergnügen, wenn sie ihm Rätsel schenkte.
Noch immer sassen die beiden Kinder viel am Hause ihres reichen Pflegers, bald
bei den Wagen, bald beim Backofen hinter dem Haus, an dem sie sich von aussen
wärmten, besonders im Herbste. Und Amrei fragte: »Was ist das Beste am
Backofen?«
    »Du weisst ja, ich kann nichts erraten,« erwiderte Dami klagend.
    »So will ich dir's sagen: Das Beste am Backofen ist, dass er das Brod nicht
selber frisst.« Und auf den Wagen vor dem Hause deutend fragte Amrei: »Was ist
lauter Loch und hält doch?«
    Ohne lange auf Antwort zu warten, setzte sie gleich hinzu: »Das ist die
Kette.«
    »Jetzt diese Rätsel schenkst du mir,« sagte Dami und Amrei erwiderte: »Ja,
du darfst sie aufgeben. Aber siehst du dort die Schafe kommen? Jetzt weiss ich
noch ein Rätsel.«
    »Nein,« rief Dami, »nein, ich kann nicht drei behalten, ich hab' genug an
zweien.«
    »Nein, das musst noch hören, sonst nehm' ich die andern wieder.« Und Dami
sagte ängstlich in sich hinein, um es ja nicht zu vergessen: »Kette.
Selberfressen,« während Amrei fragte: »Auf welcher Seite haben die Schafe die
meiste Wolle? - Mäh! Mäh! auf der auswendigen!« setzte sie sogleich mit
scherzendem Gesang hinzu, und Dami sprang davon, um seinen Kameraden die Rätsel
aufzugeben. Er hielt beide Hände fest zu Fäusten zusammengepresst als hätte er
darin die Rätsel und wolle sie nicht verlieren. Als er aber bei den Kameraden
ankam, wusste er doch nur noch das von der Kette, und des Rodelbauern Aeltester,
den er gar nicht gefragt hatte und der viel zu gross dazu war, sagte schnell die
Auflösung und Dami kam wieder weinend zur Schwester zurück.
    Die Rätselkunst der kleinen Amrei blieb aber nicht lange verborgen im Dorf
und selbst reiche, ernstafte Bauern, die sonst mit Niemand, am wenigsten mit
einem armen Kind viel Worte machen, liessen sich herbei, da und dort der kleinen
Amrei ein Rätsel aufzugeben. Dass sie selber viele dergleichen wusste, das konnte
sie von der schwarzen Marann' haben; aber dass sie neugesetzte so oft zu
beantworten verstand, das erregte allgemeine Verwunderung. Amrei hätte nicht
mehr unaufgehalten über die Strasse oder auf's Feld gehen können, wenn sie nicht
bald ein Mittel dagegen gefunden hätte. Sie stellte als Gesetz fest, dass sie
Niemand ein Rätsel löse, dem sie nicht auch eins aufgeben dürfe. Sie aber wusste
solche zu drechseln, dass man wie gebannt war. Noch nie war im Dorf einem armen
Kinde so viel Beachtung zugewendet worden, als der kleinen Amrei. Aber je mehr
sie heran wuchs, um so weniger Aufmerksamkeit wurde ihr geschenkt; denn die
Menschen betrachten nur die Blüten und die Früchte mit teilnehmendem Auge,
nicht aber jenen langen Uebergang, wo das Eine zum Andern wird. -
    Amrei ging in ihr vierzehntes Jahr und war aus der Schule entlassen worden.
Die Ermahnungen, die dabei an sie gerichtet wurden, machten nur wenig Eindruck.
Das Verhalten der Selbstverantwortlichkeit, das sonst das Kinderherz so mächtig
und rätselvoll bewegt, war ihr nicht neu; sie war von früh an darauf
hingewiesen. Und jetzt eben in diesen Tagen gab ihr das Schicksal ein Rätsel
auf, das schwer zu lösen war.
    Die Kinder hatten einen Ohm, der sieben Stunden von Haldenbrunn, in Fluorn
Holzhauer war; sie hatten ihn nur Einmal gesehen bei dem Begräbnis der Eltern,
er ging hinter dem Schulteiss, der die Kinder an der Hand führte. Seitdem
träumten die Kinder viel von dem Ohm in Fluorn. Man sagte ihnen oft, er sähe dem
Vater ähnlich und nun waren sie noch begieriger, ihn zu sehen. Denn wenn sie
auch noch manchmal glaubten, Vater und Mutter müssten plötzlich kommen, es könne
ja gar nicht sein, dass sie nicht mehr da wären, so gewöhnten sie sich doch nach
und nach daran, die Hoffnung aufzugeben und das um so mehr, je öfter der
Allerseelentag wiedergekehrt war, zu dem sie das Grab der Eltern mit Vogelbeeren
besteckten, und nachdem sie schon lange auf ein und demselben schwarzen Kreuze
den Namen der Eltern lesen konnten. Aber auch den Ohm in Fluorn vergassen sie
endlich fast ganz, denn sie hörten viele Jahre nichts von ihm. Da wurden die
beiden Kinder eines Tages in das Haus ihres Pflegers gerufen. Dort sass ein Mann,
gross und lang und mit braunem Gesicht.
    »Kommet her, Kinder,« rief der Mann den Eintretenden zu. Er hatte eine
rauhe, trockene Stimme. »Kennet ihr mich nicht mehr?«
    Die Kinder sahen ihn mit aufgerissenen Augen an. Erwachte in ihnen eine
Erinnerung an den Klang der väterlichen Stimme?
    Der Mann fuhr fort: »Ich bin ja eures Vaters Bruder. Komm her, Lisbet! Und
auch du, Dami!«
    »Ich heisse nicht Lisbet! Ich heisse Amrei!« sagte das Mädchen und weinte. Es
gab dem Ohm keine Hand. Ein Gefühl der Verfremdung machte es zittern, weil der
Ohm es bei falschem Namen genannt.
    »Wenn Ihr mein Ohm seid, warum wisset Ihr denn nicht mehr wie ich heisse?«
fragte Amrei nochmals.
    »Du bist ein dummes Kind, gleich gehst du hin und giebst ihm die Hand,«
herrschte der Rodelbauer und setzte dann zu dem Fremden halblaut hinzu: »Es ist
ein unebenes Kind. Die schwarze Marann' hat ihm allerlei Wunderliches in den
Kopf gesetzt und du weisst ja, es ist nicht geheuer bei ihr.«
    Amrei schaute sich verwundert um, und gab dem Ohm zitternd die Hand. Dami
hatte das schon, früher getan und fragte jetzt: »Ohm, hast du uns auch was
mitgebracht?«
    »Hab' nicht viel zum Mitbringen; ich bring' euch selber mit, ihr geht mit
mir. Weisst du, Amrei, dass das gar nicht brav ist, dass du deinen Ohm nicht gern
hast? Du hast ja sonst Niemand auf der Welt. Wen hast du denn sonst noch? Komm
besser her, da setz' dich neben mich - noch näher. Siehst du? dein Dami der ist
viel gescheiter. Er sieht auch mehr in unsere Familie, aber du gehörst doch auch
zu uns.«
    Eine Magd kam und brachte viele Mannskleider und legte sie auf den Tisch.
    »Das sind deines Bruders Kleider,« sagte der Rodelbauer zu dem Fremden und
dieser fuhr zu Amrei fort: »Siehst du? das sind deines Vaters Kleider, die
nehmen wir jetzt mit und ihr geht auch mit, zuerst nach Fluorn und dann über den
Bach.«
    Amrei berührte zitternd den Rock des Vaters und dessen blaugestreifte Weste.
Der Ohm aber hob die Kleider auf, wies auf die zertragenen Ellenbogen hin und
sagte zum Rodelbauer: »Diese sind nicht viel wert, die lasse ich mir nicht hoch
anschlagen, und ich weiss nicht einmal, ob ich die drüben in Amerika tragen kann
ohne ausgespottet zu werden.«
    Amrei fasste krampfhaft einen Rockzipfel. Dass man die Kleider ihres Vaters,
an die sie wie an ein kostbares und unbezahlbares Kleinod gedacht hatte, wenig
wert nannte, das schien sie zu kränken, und dass diese Kleider in Amerika
getragen und dort ausgespottet werden sollten, das Alles verwirrte sie fast; und
überhaupt, was sollte denn das mit Amerika?
    Sie wurde darüber bald aufgeklärt, denn die Rodelbäuerin kam und mit ihr die
schwarze Marann', und die Rodelbäuerin sagte: »Hör einmal, Mann, ich meine, das
geht nicht so schnell, dass man die Kinder da mit dem Mann nach Amerika schickt.«
    »Es ist ja ihr einziger leiblicher Verwandter, der Bruder des Josenhans.«
    »Ja freilich, aber er hat bis jetzt nicht viel davon gezeigt, dass er ein
Verwandter; und ich meine, man kann das nicht ohne den Gemeinderat, und der
kann's nicht einmal allein. Die Kinder haben hier ein Heimatsrecht, und das
kann man ihnen nicht im Schlaf nehmen, denn die Kinder können ja noch nicht
selber sagen, was sie wollen. Das heisst Einen im Schlaf forttragen.«
    »Meine Amrei ist aufgeweckt genug, die ist jetzt dreizehn Jahr alt, aber
gescheiter als eine andere von dreissig, die weiss was sie will,« sagte die
schwarze Marann'.
    »Ihr Beide hättet sollen Gemeinderat werden,« sagte der Rodelbauer, »aber
ich bin auch der Meinung, dass man die Kinder nicht wie Kälber am Strick nimmt
und fortzieht. Gut, lasset den Mann selber mit ihnen reden, nachher lässt sich
schon weiter sehen was zu machen ist; er ist einmal ihr natürlicher Annehmer und
hat das Recht Vaterstelle an ihnen zu vertreten, wenn er will. Hör' einmal, geh'
du jetzt mit deinen Bruderskindern ein wenig vor's Dorf hinaus und ihr Weiber
bleibet da, es rede ihnen Keines zu und Keines ab.«
    Der Holzhauer nahm die beiden Kinder an der Hand und verliess mit ihnen Stube
und Haus.
    »Wohin wollen wir gehen?« fragte er die Kinder auf der Strasse.
    »Wenn du unser Vater sein willst, geh' mit uns heim; da drunten ist unser
Haus,« sagte Dami.
    »Ist es denn offen?« fragte der Ohm.
    »Nein, aber der Kohlenmates hat den Schlüssel, er hat uns aber noch nie
hineingelassen. Ich springe voraus und hole den Schlüssel.« Und behend machte
sich Dami los und sprang davon.
    Amrei kam sich wie gefesselt vor an der Hand des Ohms und dieser redete doch
jetzt mit zutraulicher Innigkeit in sie hinein; er erzählte fast wie zu seiner
Entschuldigung, dass er selber eine schwere Familie habe, so dass er sich mit Frau
und fünf Kindern nur mit Not fortbringen könnte. Nun aber erhalte er von einem
Mann, der grosse Waldungen in Amerika besitze, freie Ueberfahrt und nach fünf
Jahren, wenn er den Wald umgerodet habe, ein grosses Ackergut vom besten Boden
als freies Eigentum. Als Dank gegen Gott, der ihm das für sich und seine Kinder
bescherte, habe er sich sogleich vorgesetzt, eine Wohltat zu tun und die
Kinder seines Bruders mitzunehmen: er wolle sie aber nicht zwingen, und nehme
sie überhaupt nur mit, wenn sie ihn von ganzem Herzen gern hätten und ihn als
ihren zweiten Vater betrachteten. Amrei sah ihn nach diesen Worten gross an. Wenn
sie es nur hätte machen können, dass sie diesen Mann liebte! Aber sie fürchtete
sich fast vor ihm; sie wusste Nichts dagegen zu tun. Und dass er so plötzlich wie
aus den Wolken fiel und verlangte: hab' mich lieb! das machte sie eher
widersacherisch gegen ihn.
    »Wo ist denn deine Frau?« fragte Amrei. Sie mochte wohl fühlen, dass eine
Frau sie milder und allmäliger angefasst hätte.
    »Ich will dir nur ehrlich sagen,« erwiderte der Ohm, »meine Frau mengt sich
nicht in diese Sache, sie hat gesagt, sie rede mir nicht zu und nicht ab. Sie
ist ein bisschen herb, aber nur von Anfang, und wenn du gut gegen sie bist, und
du bist ja gescheit, so kannst du sie um den Finger wickeln. Und wenn dir auch
einmal etwas geschieht, was dir nicht recht ist, denk' du bist bei deines Vaters
Bruder und sag' mir's ganz allein, und ich will dir helfen wo ich kann. Aber du
wirst sehen, du fängst jetzt erst zu leben an.«
    Amrei standen die Tränen in den Augen bei diesen Worten und doch konnte sie
nichts sagen; sie fühlte sich fremd diesem Manne gegenüber. Seine Stimme bewegte
sie, aber wenn sie ihn ansah, wäre sie gerne entflohen.
    Da kam Dami mit dem Schlüssel. Amrei wollte ihm denselben abnehmen, aber er
gab ihn nicht her. In der eigentümlichen pedantischen Gewissenhaftigkeit der
Kinder sagte er, dass er des Kohlenmatesen Frau heilig versprochen habe, den
Schlüssel nur dem Ohm zu geben. Dieser empfing ihn und Amrei war's, als ob sich
ein zaubervolles Geheimnis auftue, da der Schlüssel zum Erstenmal im Schloss
rasselte und jetzt sich drehte - die Klinke bog sich nieder und die Türe ging
auf. Eine eigentümliche Gruftkälte hauchte aus dem schwarzen Hausflur, der
zugleich als Küche gedient hatte. Auf dem Herde lag noch ein Häufchen Asche, an
der Stubentüre waren noch die Anfangsbuchstaben vom Caspar, Melchior, Baltes
und darunter die Jahrzahl vom Tode der Eltern mit Kreide angeschrieben. Amrei
las sie laut; das hatte noch der Vater angeschrieben. »Schau,« rief Dami, »der
Achter ist grade so gezogen, wie du ihn machst, und wie's der Lehrer nicht
leiden will, so von rechts nach links.« Amrei winkte ihm still zu sein. Sie fand
es fürchterlich und sündhaft, dass der Dami hier so leicht sprach, hier, wo es
ihr war wie in der Kirche, ja wie mitten in der Ewigkeit, ganz ausserhalb der
Welt und doch mitten drin. Sie öffnete selber die Stubentüre. Die Stube war
finster wie ein Grab, denn die Laden waren geschlossen und nur durch eine Ritze
drang ein zitternder Sonnenstrahl herein und just auf einen Engelkopf am
Kachelofen, so dass der Engel zu lachen schien. Amrei fiel erschrocken nieder,
und als sie sich aufrichtete, hatte der Ohm einen Fensterladen geöffnet und
warme Luft drang von aussen herein. Hier innen war es so kalt. In der Stube war
nichts mehr von Hausrat als eine an die Wand genagelte Bank. - Dort hatte die
Mutter gesponnen und dort hatte sie die Händchen Amrei's zusamengefügt und sie
stricken gelehrt.
    »So, Kinder, jetzt wollen wir wieder gehen,« sagte der Ohm, »da ist nicht
gut sein. Kommet mit zum Bäcker, ich kauf' Jedem ein Weissbrod; oder wollet ihr
lieber eine Brezel?«
    »Nein, noch eine Weile dableiben,« sprach Amrei und streichelte immer den
Platz, worauf die Mutter gesessen hatte. Auf einen weissen Fleck an der Wand
deutend, fuhr sie dann halblaut fort: »Da hat unsere Kukuksuhr gehangen und dort
der Soldatenabschied von unserm Vater und da die Stränge Garn, die die Mutter
gesponnen hat; sie hat noch feiner spinnen können als die schwarze Marann', ja
die schwarze Marann' hat's selber gesagt: immer einen Schneller mehr aus dem
Pfund als jedes Andere und Alles so gleichling - da ist kein Knötele drin
gewesen, und siehst den Ring da oben an der Decke? Das ist schön gewesen, wenn
sie da den Zwirn gemacht hat. Wenn ich damals schon bei Verstand gewesen wäre,
hätte ich nicht zugegeben, dass man der Mutter ihre Kunkel verkauft, es wäre mein
Erbstück; aber es hat sich eben Niemand unserer angenommen. O Mutter! o Vater!
wenn ihr es wüsstet, wie wir herumgestossen worden sind, es täte euch noch
jammern in der Seligkeit.«
    Amrei fing laut an zu weinen und Dami weinte mit. Selbst der Ohm trocknete
sich eine Träne und drang nochmals darauf, dass man jetzt fortgehe, denn es
ärgerte ihn zugleich, dass er sich und den Kindern dieses unnötige Herzeleid
gemacht; Amrei aber sagte heftig: »Wenn Ihr auch geht, ich gehe nicht mit.«
    »Wie meinst du das? Du willst gar nicht mitgehen?«
    Amrei erschrack, sie ward erst inne, was sie gesagt hatte, aber sie
erwiderte bald:
    »Nein, vom Andern weiss ich noch nichts. Ich meine nur so: gutwillig gehe ich
jetzt nicht aus dem Haus, bis ich Alles wiedergesehen habe. Komm, Dami, du bist
ja mein Bruder, komm mit auf den Speicher, weisst? wo wir Versteckens gespielt
haben, hinterm Kamin; und dann wollen wir zum Fenster 'nausgucken, wo wir die
Morcheln getrocknet haben. Weisst nicht mehr, das schöne Guldenstück, das der
Vater dafür bekommen hat?«
    Es raschelte Etwas und kollerte über der Decke. Alle Drei erschracken. Aber
der Ohm sagte schnell: »Bleib' da, Dami, und du auch. Was wollet ihr da oben?
Höret ihr nicht, wie die Mäus' rasseln?«
    »Komm du nur mit, die werden uns nicht fressen,« drängte Amrei; aber Dami
erklärte, dass er nicht mitgehe, und obgleich Amrei innerlich Furcht hatte, fasste
sie sich doch ein Herz und ging allein nach dem Speicher hinauf. Sie kam aber
bald wieder zurück, leichenblass, und hatte nichts als einen Büschel altes
Kümmelstroh in der Hand.
    »Der Dami geht mit mir nach Amerika,« sagte der Ohm zu der Hinzutretenden,
und diese erwiderte, das Stroh in der Hand zerbrechend: »Ich habe nichts
dagegen. Ich weiss noch nicht was ich tue, aber er kann auch allein gehen.«
    »Nein,« rief Dami, »das tu' ich nicht. Du bist damals mit der
Landfriedbäuerin nicht gegangen, wie sie dich hat mitnehmen wollen, und so gehe
ich auch nicht allein, aber mit dir.«
    »Nun denn, so überleg' dir's, du bist gescheit genug,« schloss der Ohm,
verriegelte wiederum den Laden, so dass man im Finstern stand, drängte dann die
Kinder zur Stubentür und zum Hausflur hinaus, verschloss die Haustür und ging,
dem Kohlenmates den Schlüssel wieder zu bringen und dann mit Dami allein in's
Dorf hinein. Noch aus der Ferne rief er Amrei zu: »Du hast noch bis Morgen früh
Zeit, dann geh' ich fort, ob ihr mitgehet oder nicht.«
    Amrei war allein und sie schaute den Weggehenden nach, und es kam ihr
seltsam vor, dass ein Mensch vom andern weggehen kann. »Dort geht er hin und er
gehört doch zu dir und du zu ihm.«
    Seltsam! Wie es im wirklichen Traume geschieht, dass das bloss leise Angeregte
sich in ihm erneuert und mit allerlei Wunderlichkeiten verflicht, so erging es
jetzt Amrei im wachen Traum. Nur ganz flüchtig hatte Dami von der Begegnung mit
der Landfriedbäuerin gesprochen; ihr Gedenken war halb erloschen in der
Erinnerung, und jetzt wachte es wieder hell auf wie ein Bild aus vergangenem
vorgeträumtem Leben. Amrei sagte sich fast laut: »Wer weiss, ob sie nicht auch
manchmal so plötzlich, man kann nicht sagen woher, an dich denkt, und vielleicht
jetzt eben in dieser Minute; und hier, dort unten hat sie dir's ja versprochen,
dass sie dir eine Annehmerin sein will, wenn du kommst, dort bei den Kopfweiden.
Warum bleiben nur die Bäume stehen, dass man sie allzeit sieht? Warum wird nicht
auch ein Wort so Etwas wie ein Baum, das steht fest und man kann sich dran
halten? Ja, es kommt nur darauf an, ob man will, da hat man's so gut wie einen
Baum .... Und was so eine ehrenhafte Bäuerin sagt, das ist fest und getreu; und
sie hat doch auch geweint, weil sie fort gemusst von der Heimat, und ist doch
schon lang hinaus verheiratet aus dem Dorf und hat Kinder, ja, und der eine
heisst Johannes.« Amrei stand an dem Vogelbeerbaum und legte die Hand an den
Stamm und sagte: »Du, warum gehst denn du nicht fort? warum heissen dich die
Menschen nicht auch auswandern? Vielleicht wäre dir's auch besser anderswo. Aber
freilich, du bist zu gross und du hast dich nicht selber hergesetzt, und wer
weiss, ob du nicht an einem andern Orte verkämest. Man kann dich nur umhacken und
nicht versetzen. Dummes Zeug! Ich hab' ja auch von da weggemusst. Ja, wenn's mein
Vater wäre, da müsst' ich mit ihm gehen. Er hat mich nicht zu fragen, und wer
viel fragt, geht viel irr'. Es kann mir Niemand raten, auch die Marann' nicht.
Und beim Ohm ist's doch so, er denkt: ich tu dir Gutes und du musst mir's wieder
bezahlen. Wenn er hart gegen mich ist und gegen den Dami, weil er ungeschickt
ist, und wir gehen auf und davon .... wohin sollen wir dann in der wilden
fremden Welt? Und hier kennt uns jeder Mensch und jede Hecke, jeder Baum hat ein
bekanntes Gesicht. Gelt, du kennst mich?« sagte sie wieder aufschauend zu dem
Baum. »O wenn du reden könntest! Du bist doch auch von Gott geschaffen, o warum
kannst du nicht reden? Du hast doch auch meinen Vater und meine Mutter so gut
gekannt, warum kannst du mir nicht sagen, was sie mir raten würden? O lieber
Vater, o liebe Mutter, mir ist so weh, dass ich fort soll. Ich habe doch hier
Nichts und fast Niemand; aber mir ist's, als müsst' ich aus dem warmen Bett in
den kalten Schnee. Ist das, was mir so weh tut, ein Zeichen, dass ich nicht fort
soll? Ist das das rechte Gewissen, oder ist es nur eine dumme Angst? Wenn jetzt
nur eine Stimme vom Himmel käm' und tät mir's sagen.«
    Das dreizehnjährige Kind zitterte von innerer Angst und der Zwiespalt des
Lebens tat sich zum Erstenmal schreiend in ihm auf. Und wieder sprach sie halb,
halb dachte sie, aber jetzt entschlossen:
    »Wenn ich allein wäre, da weiss ich fest, ich ginge nicht, ich bliebe da; es
tut mir zu weh; und ich kann mir schon allein fortelfen. Gut, merk' dir das.
Also Eins hast du fest, mit dir selber bist du im Reinen. Ja, aber was ist das
für ein dummes Denken! Wie kann ich mir's denken, dass ich allein wäre ohne den
Dami? Ich bin ja gar nicht allein da, der Dami gehört zu mir und ich zu ihm. Und
für den Dami wär's doch besser, er wäre in einer Vatersgewalt; das tät' ihn
aufrichten. Wozu brauchst du aber einen Andern? kannst du nicht selber für ihn
sorgen, wenn's nötig ist? Und wenn er so eingeheimst wird, ich seh' schon, da
bleibt er sein Lebenlang nichts als ein Knecht, der Pudel für andere Leute; und
wer weiss, wie die Kinder des Ohms gegen uns sind. Weil sie selber arme Leute
sind, werden sie die Herren gegen uns spielen. Nein, nein, sie sind gewiss brav
und das ist schön, wenn man so sagen kann: guten Tag, Vetter, guten Morgen,
Bas'. Wenn nur der Ohm eins von den Kindern mitgebracht hätt', da könnt' ich
viel besser reden, und könnte auch Alles besser erkundschaften. O wie ist das
Alles auf Einmal so schwer ...«
    Amrei setzte sich nieder am Baum und ein Buchfink kam dahergetrippelt,
pickte sich ein Körnchen auf, schaute sich um und flog davon. Ueber das Gesicht
Amrei's kroch Etwas, sie wischte es ab. Es war ein Abgottskäfer. Sie liess ihn
auf ihrer Hand herumkriechen, zwischen Berg und Tal ihrer Finger, bis er auf
die Spitze des Fingers kam und davon flog. »Was der wohl erzählen wird, wo er
gewesen sei,« dachte Amrei, »und so ein Tierchen hat es gut: wo es hinfliegt,
ist es daheim. Und horch! wie die Lerchen singen, die haben's gut, die brauchen
sich nicht zu besinnen was sie zu sagen und was sie zu tun haben. Und dort
treibt der Metzger mit seinem Hund ein Kalb aus dem Dorfe. Der Metzgerhund hat
eine ganz andere Stimme als die Lerche ...«
    »Wohin mit dem Füllen?« rief der Kohlenmates aus dem Fenster einem jungen
Burschen zu, der ein schönes junges Füllen am Halfter führte.
    »Der Rodelbauer hat's verkauft,« lautet die Antwort, und bald wieherte das
Füllen weiter unten im Tale. Amrei, die das hörte, musste wiederum denken: »Ja,
so ein Tier verkauft man von der Mutter weg und die Mutter weiss es kaum; und
wer's bezahlt, der hat's eigen; aber einen Menschen kann man nicht kaufen und
wer nicht will, für den gibt's kein Halfter. Und dort kommt jetzt der
Rodelbauer mit seinen Pferden, und das grosse Füllen springt nebenher. Du wirst
auch bald eingespannt. Und vielleicht wirst du auch verkauft. Ein Mensch wird
nicht gekauft, er verdingt sich bloss. So ein Tier kriegt für seine Arbeit
keinen andern Lohn als Essen und Trinken und braucht auch sonst nichts, aber ein
Mensch kriegt noch Geld dazu als Lohn. Ja, ich kann jetzt Magd sein und von
meinem Lohn tue ich den Dami in die Lehre, er will ja auch Maurer werden. Und
wenn wir beim Ohm sind, ist der Dami nicht mehr so mein wie jetzt. Und horch,
jetzt fliegt der Staar heim, da oben in's Haus, das ihm noch der Vater
hergerichtet und er singt noch einmal lustig. Und der Vater hat das Haus aus
alten Brettern gemacht. Ich weiss noch, wie er gesagt hat, dass ein Staar nicht in
ein Haus von neuen Brettern zieht, und so ist mir's auch ... Du Baum, jetzt weiss
ich's: wenn du rauschest, so lange ich heute noch da bin, so bleibe ich da.« ...
Und Amrei horchte tief auf. Bald war's ihr, als rauschte der Baum, dann aber sah
sie nach den Zweigen und diese waren unbewegt, sie wusste nicht mehr was sie
hörte.
    Mit lärmendem Geschnatter kam es jetzt herbei und eine Staubwolke ging
voraus. Es war die Gänseheerde, die vom Holderwasen hereinkam. Amrei ahmte vor
sich hin lange das Geschnatter nach.
    Die Augen fielen ihr zu, sie war eingeschlummert.
    Ein ganzer Frühling von Blüten war aufgebrochen in dieser Seele und die
Blütenbäume im Tale, die den Nachttau einsogen, schickten ihre Düfte hinüber
zu dem Kinde, das eingeschlafen war auf der Heimaterde, von der es sich nicht
trennen konnte.
    Es war schon lange Nacht als sie erwachte und eine Stimme rief: »Amrei, wo
bist du?« Sie richtete sich auf und antwortete nicht. Sie schaute verwundert
nach den Sternen, und es war ihr, als ob diese Stimme vom Himmel käme; erst als
sich der Ruf wiederholte, erkannte sie den Ton der Marann' und antwortete: »Da
bin ich!« Und jetzt kam die schwarze Marann' und sagte: »O das ist gut, dass ich
dich gefunden habe. Im ganzen Dorf sind sie wie närrisch. Der Eine sagt: er habe
dich im Wald gesehen; der Andere ist dir im Feld begegnet, wie du jammernd dahin
gerannt bist und auf keinen Ruf dich umgekehrt hast. Und mir ist's gewesen als
wenn du in den Teich gesprungen wärst. Brauchst dich nicht zu fürchten, du armes
Kind, brauchst nicht davon zu laufen. Es kann dich Niemand zwingen, dass du mit
deinem Ohm gehst.«
    »Wer hat denn gesagt, dass ich nicht will?«
    Plötzlich fuhr ein rascher Windhauch durch den Baum, dass er mächtig
rauschte.
    »Und freilich will ich nicht!« schloss Amrei und hielt die Hand an den Baum.
    »Komm heim, es bricht ein arges Wetter los, der Wind wird's gleich da
haben,« drängte die schwarze Marann'.
    Wie taumelnd ging Amrei mit der schwarzen Marann' in's Dorf hinein. Was war
denn das, dass die Menschen sie durch Feld und Wald irrend gesehen haben wollten
oder sprach das nur die Marann'? Die Nacht war stockdunkel und nur plötzlich
leuchteten rasche Blitze und liessen die Häuser im hellen Tageslicht erscheinen,
so dass das Auge geblendet wurde und man stillstehen musste, und war der Blitz
verschwunden, so sah man gar nichts mehr. Im eigenen Heimatsdorf waren die
Beiden wie in der Fremde verirrt und schritten nur unsicher vorwärts. Dazu
wirbelte ein Staub auf, so dass man vor Betäubung fast nicht vom Fleck kam; in
Schweiss gebadet arbeiteten sie sich vorwärts und kamen endlich unter schwer
fallenden Tropfen an ihrer Behausung an.
    Ein Windstoss riss die Haustür auf und Amrei sagte:
    »Tu' dich auf.«
    Sie mochte an ein Mährchen gedacht haben, wo sich auf ein Rätselwort das
Zauberschloss auftut.
 
                            5. Auf dem Holderwasen.
Als am andern Morgen der Ohm kam, erklärte ihm Amrei, dass sie dableibe. - Es lag
eine seltsame Mischung von Bitterkeit und Wohlwollen darin als der Ohm sagte:
»Freilich du artest deiner Mutter nach, und die hat nie Etwas von uns wissen
wollen; aber ich kann den Dami allein nicht mitnehmen, wenn er auch ginge. Der
kann noch lange nichts als Brod essen; du hättest es auch verdienen können.«
    Amrei entgegnete, dass sie das vor der Hand hier zu Lande wolle, und dass sie
mit ihrem Bruder ja später, wenn der Ohm noch so gut gesinnt bleibe, zu ihm
kommen könne.
    In der Art, wie nun der Ohm seine Teilnahme für die Kinder ausdrückte,
wurde der Entschluss Amrei's wieder etwas schwankend, aber sie wagte das nicht
kund zu geben; sie sagte nur: »Grüsset mir auch Eure Kinder und saget ihnen, dass
es mir recht hart ist, dass ich meine nächsten Anverwandten gar nie gesehen hab',
und dass sie jetzt weit über's Meer ziehen und ich sie jetzt vielleicht mein
Lebenlang nicht mehr sehe.«
    Der Ohm machte sich rasch auf und gab Amrei nur noch den Auftrag, den Dami
von ihm zu grüssen, er habe keine Zeit mehr, ihm Lebewohl zu sagen.
    Er ging davon.
    Als bald darauf Dami kam und die Abreise des Ohms erfuhr, wollte er ihm
nachrennen und selbst Amrei war fast entschlossen dazu; aber sie bezwang sich
wieder, dem nicht nachzugeben. Sie redete und tat, als ob Jemand ihr jedes Wort
und jede Regung befohlen hätte, und doch schweiften ihre Gedanken fort die Wege
nach, die jetzt der Ohm ging. Sie ging mit ihrem Bruder Hand in Hand durch das
Dorf und nickte allen Leuten zu, die ihr begegneten. Sie war ja jetzt erst
wieder zu Allen zurückgekehrt. Man hatte sie ja forrtreissen wollen und sie
meinte, alle Anderen müssten ebenso froh sein wie sie selber; aber sie merkte
bald, dass man sie nicht nur gern gehen liess, sondern dass man ihr sogar zürnte,
weil sie nicht gegangen war. Der Krappenzacher machte ihr die Augen auf, indem
er sagte: »Ja Kind, du hast einen Trotzkopf und das ganze Dorf ist dir bös, weil
du dein Glück mit Füssen von dir gestossen hast. Wer weiss, ob's ein Glück gewesen
wär', aber sie nennen's jetzt so, und wer dich ansieht, rechnet dir vor, was du
Alles aus der Gemeinde hast. Darum mach', dass du bald aus dem öffentlichen
Almosen kommst.«
    »Ja was soll ich machen?«
    »Die Rodelbäuerin möchte dich gern in Dienst nehmen, aber der Bauer will
nicht.«
    Amrei mochte fühlen, dass sie sich fortan doppelt tapfer halten müsse, damit
sie kein Vorwurf treffe, weder von sich noch von Andern, und sie fragte daher
abermals: »Wisset Ihr denn gar Nichts?«
    »Freilich, du musst dich nur vor Nichts scheuen als vor'm Betteln. Hast denn
nicht gehört, dass der närrische Fridolin gestern der Kirchbäuerin zwei Gänse
todtgeschlagen hat? Der Ganshirtendienst wär' jetzt leer und ich rate dir, nimm
du ihn.«
    Das war nun bald geschehen und am Mittag trieb Amrei die Gänse auf den
Holderwasen, wie man den Weideplatz auf der kleinen Anhöhe beim Hungerbrunnen
nannte. Dami half der Schwester getreulich dabei.
    Die schwarze Marann' war indes sehr unzufrieden mit dieser neuen Bedienstung
und behauptete, wohl nicht mit Unrecht: »Es geht Einem sein Leben lang nach,
wenn man so einen Dienst gehabt hat; die Leute vergessen's Einem nie und sehen
Einen immer drauf an, und es besinnt sich Jedes, dich einmal in Dienst zu
nehmen, weil es heissen wird: das ist ja die Gänsehirtin; und wenn man dich auch
aus Barmherzigkeit nimmt, kriegst du schlechten Lohn und schlechte Behandlung,
da heisst es immer, das ist gut genug für die Gänsehirtin.«
    »Das wird nicht so arg sein,« erwiderte Amrei, »und Ihr habt mir ja viel
hundert Geschichten erzählt wie eine Gänsehirtin Königin geworden ist.«
    »Das war in alten Zeiten. Aber wer weiss, du bist noch von der alten Welt;
manchmal ist mir's gar nicht, als wärst du ein Kind, wer weiss, du alte Seele,
vielleicht geschieht dir noch ein Wunder.«
    Der Hinweis, dass sie noch nicht auf der untersten Stufe der Ehrenleiter
gestanden, sondern dass es noch etwas gebe, wodurch sie herabsteige, machte Amrei
plötzlich stutzig. Für sich selber eroberte sie nichts weiter daraus, aber sie
duldete es fortan nicht mehr, dass Dami mit ihr die Gänse hütete. Er war ein
Mann, er sollte einer werden, und ihm konnte es schaden, wenn man ihm einst
nachsagte, dass er vormals die Gänse gehütet habe. Aber mit allem Eifer konnte
sie ihm das nicht klar machen, und er trutzte mit ihr; denn so ist es immer:
gerade an dem Punkt, wo das Verständnis aufhört, beginnt eine innere
Verdrossenheit. Die innere Unmacht übersetzt sich gern in die Einbildung äussern
Unrechts und erfahrener Kränkung.
    Dami bekam indes auch bald ein Amt. Er wurde von seinem Pfleger, dem
Rodelbauer, als Vogelscheuche benutzt: er durfte im Baumgarten des Rodelbauern
den ganzen Tag die Rassel drehen, um die Sperlinge von den Frühkirschen und aus
den Salatbeeten zu verscheuchen, aber gab das Amt, das ihn Anfangs als Spiel
vergnügt hatte, bald wieder auf.
    Es war ein fröhliches aber auch ein mühsames Amt, das Amrei übernommen
hatte, besonders war es ihr oft schwer, dass sie Nichts zu machen wusste, wodurch
sie die Tiere an sich fesselte. Ja, sie waren kaum von einander zu
unterscheiden. Und es war nicht uneben, was ihr einst die schwarze Marann', als
sie aus dem Moosbrunnenwalde kam, darüber sagte: »Die Tiere, die in Heerden
leben, sind alle Jedes für sich allein dumm.«
    »Und ich mein' auch,« setzte Amrei fort, »die Gänse sind deswegen dumm, weil
sie zu vielerlei können; sie können schwimmen und laufen und fliegen, sind aber
nicht im Wasser, nicht auf dem Boden und nicht in der Luft recht daheim und das
macht sie dumm.«
    »Ich bleib' dabei,« entgegnete die schwarze Marann', »in dir steckt noch ein
alter Einsiedel.«
    In der Tat bildete sich auch ein einsiedlerisches Träumen in Amrei aus,
seltsam durchzogen von allerlei heller Lebensberechnung. Wie sie bei allem
Träumen und Betrachten emsig fortstrickte und keine Masche fallen liess, und wie
hier an der Ecke beim Holzbirnenbaum der betäubende Nachtschatten und die
erfrischende Erdbeere so nahe beieinander wachsen, dass sie fast aus derselben
Wurzel zu sprossen scheinen, so waren klares Ausschauen und träumerisches
Hindämmern im Herzen des Kindes nahe beisammen.
    Der Holderwasen war kein einsam abgelegener Platz, den die stille
Märchenwelt, draus es glimmt und glitzert, gern heimsucht. Mitten durch den
Holderwasen führte ein Feldweg nach Endringen und nicht weit davon standen die
verschiedenfarbigen Grenzpfähle mit den Wappenschildern zweier Herren, deren
Länder hier an einander stiessen. Mit Ackerfuhrwerk allerlei Art zogen hier die
Bauern vorüber, und Männer, Frauen und Mädchen gingen hin und her mit Hacke,
Sense und Sichel. Die Landjäger der beiden Länder kamen auch oft vorüber und der
Flintenlauf glitzerte von fernher und noch weit nach. Ja Amrei wurde fast immer
vom Endringer Landjäger begrüsst, wenn sie am Wege sass, und sie sollte manchmal
Auskunft geben ob nicht Dieser oder Jener hier vorbeigekommen sei; aber sie
wusste nie Bescheid, vielleicht auch verhehlte sie ihn aus jener innern Abneigung
des Volkes und besonders der Dorfkinder, denen die Landjäger für allzeit
gewaffnete Feinde der Menschheit erscheinen, die da umgehen und suchen wen sie
verschlingen.
    Der Teisles-Manz, der hier am Weg die Steine klopfte, redete fast kein Wort
mit Amrei; er ging verdrossen von Steinhaufen zu Steinhaufen und sein Klopfen
war noch unaufhörlicher als das Picken des Spechts im Moosbrunnenwald und
gehörte mit zu dem Schrillen und Zirpen der Heuschrecken in den nahen Wiesen und
Kleefeldern.
    Ueber alles menschliche Getriebe hinweg wurde Amrei doch oft in's Reich der
Träume getragen. Frei schwang sich ihre Seele hinauf und wiegte sich in
ungemessenen Bezirken. Wie die Lerchen in der Luft singen und jubeln und Nichts
davon wollen: wo ist die Grenze des Ackers von Diesem und Jenem? ja wie sie sich
hinwegschwingen über die Grenzpfähle ganzer Länder, so wusste die Seele des
Kindes Nichts mehr von den Schranken, die das beengte Leben der Wirklichkeit
setzt. Das Gewohnte wird zum Wunder, das Wunder wird zum Alltäglichen. Horch!
wie der Kukuck ruft! Das ist das lebendige Echo des Waldes, das sich selbst ruft
und antwortet; und jetzt sitzt der Vogel über dir im Holzbirnenbaum, darfst aber
nicht aufschauen, sonst fliegt er fort. Wie er so laut ruft, so unermüdlich! wie
weit das tönt, wie weit man das hört! der kleine Vogel hat eine stärkere Stimme
als ein Mensch. Setz' dich auf den Baum, ahme ihm nach, man hört dich nicht so
weit als den faustgrossen Vogel. Still, vielleicht ist es doch ein verzauberter
Prinz und plötzlich fängt er an zu reden. Ja, gieb du mir nur Rätsel auf, lass
mich nur besinnen, ich finde schon die Auflösung und dann erlöse ich dich, und
wir ziehen in dein goldenes Schloss und nehmen die schwarze Marann' und den Dami
mit und der Dami heiratet die Prinzessin, deine Schwester; und wir lassen der
schwarzen Marann' ihren Johannes in der ganzen Welt suchen und wer ihn findet,
kriegt ein Königreich. Ach, warum ist denn das Alles nicht wahr? und warum hat
man denn das Alles ausgedacht, wenn es nicht wahr ist?
    Während die Gedanken Amrei's über alle Grenzen hinausgegangen waren, fühlten
sich auch die Gänse unbeschränkt und taten sich gütlich an benachbarten Klee-
oder gar Gersten- und Haferäckern. Aus ihren Träumen erwachend scheuchte dann
Amrei mit schwerer Mühe die Gänse wieder zurück, und wenn diese Freibeuter bei
ihrem Regimente angekommen waren, wussten sie gar viel zu erzählen von dem
gelobten Lande, wo sie sich gütlich getan; da war des Erzählens und Schnatterns
kein Ende und noch lange sprach da und dort eine Gans wie träumend ein
bedeutsames Wort vor sich hin und da und dort steckte eine den Schnabel unter
den Flügel und träumte in sich hinein. Und wieder trug es Amrei hinauf. Schau,
dort fliegen die Vögel, kein Vogel in der Luft strauchelt, auch die Schwalbe
nicht in ihrem Kreuzfluge; immer sicher, immer frei. O! wer nur auch fliegen
könnte! Wie müsste die Welt aussehen von da oben, wo die Lerche ist. Juchhe!
Immer höher, immer höher und weiter und weiter! Ich fliege in die weite Welt zu
der Landfriedbäuerin, und sehe was sie macht und frage, ob sie noch mein
gedenkt.
»Gedenkst du mein in fernen Landen?«
So sang Amrei plötzlich aus all dem Denken, Schwirren und Sinnen heraus. Und ihr
Atem, der beim Gedanken des Fluges tiefer und rascher gegangen war, als schwebe
sie schon wirklich in höherer Luftschicht, wurde wieder ruhig und gemessen.
    Aber nicht immer glühten die Wangen in wachen Träumen, nicht immer leuchtete
die Sonne hell in die offenen Blüten und in die wogende Saat. Noch im Frühling
kamen jene nasskalten Tage, in denen die Blütenbäume wie frierende Fremdlinge
stehen und Tagelang lässt sich die Sonne kaum blicken und ein starres Frösteln
geht durch die Natur, nur bisweilen unterbrochen vom Aufzucken eines Windstosses,
der Blüten von den Bäumen reisst und fortträgt. Die Lerche allein jubilirt noch
in den Lüften, wohl über den Wolken, und der Fink stösst seinen klagenden Ton aus
vom Holzbirnenbaum, an dessen Stamm gelehnt Amrei steht. Der Teisles-Manz hat
sich weiter unten beim rotangestrichenen hölzernen Kreuz unter die Linde
gestellt und jetzt in streifweisen Schüttern prasselt der Hagel hernieder, und
die Gänse strecken die Schnäbel empor, wie man sagt, damit es ihnen das weiche
Hirn nicht einschlage; aber da drüben hinter Endringen ist's schon hell und die
Sonne bricht bald hervor, und die Berge, der Wald, die Felder, Alles sieht aus
wie ein Menschenantlitz, das sich ausgeweint hat und nun hellglänzend in Freude
strahlt. Die Vögel in der Luft und von den Bäumen jubeln und die Gänse, die sich
im Wetterschauer zusammengedrängt und die Schnäbel verwundert aufgestreckt
hatten, wagen sich wieder auseinander, und grasen und schnattern und besprechen
das vorübergegangene Ereignis mit der jungen flaumweichen Brut, die dergleichen
noch nicht erlebt hat.
    Gleich nachdem Amrei vom ersten Unwetter überfallen worden war, hatte sie
für künftige Fälle Vorsorge getroffen. Sie trug von nun an immer einen leeren
Kornsack, den sie noch vom Vater ererbt hatte, mit hinaus auf den Ganstrieb.
Zwei gekreuzte Aexte mit dem Namen des Vaters waren noch deutlich auf dem Sack
abgemalt, und bei Gewittern deckte sie sich mit dem Sacke zu und wickelte sich
fast hinein; da sass sie dann wie unter einem schützenden Dach und schaute hinein
in den unfassbaren wilden Kampf am Himmel. Ein kalter Schauer, der in Wehmut
überging, wollte sich gar oft ihrer bemächtigen, sie wollte weinen über ihr
Schicksal, das sie so allein, verlassen von Vater und Mutter, hinaus gestellt;
aber sie gewann schon früh eine Kunst und eine Kraft, die sich schwer lernt und
übt: die Tränen hinabwürgen. Das macht die Augen frisch und doppelt hell mitten
in allem Trübsal und aus ihm heraus.
    Amrei bezwang ihre Wehmut besonders in Erinnerung an einen Spruch der
schwarzen Marann': wer nicht will, dass ihm die Hände frieren, muss eine Faust
machen. Amrei tat so, geistig und körperlich, sah trotzig in die Welt hinein
und bald kam Heiterkeit über ihr Antlitz; sie freute sich der prächtigen Blitze
und ahmte leise vor sich den Donner nach. Die Gänse, die sich wieder
zusammengeduckt hatten, schauten wieder seltsam drein, sie hatten's aber doch
gut: alle Kleider, die sie brauchen, sind ihnen auf den Leib gewachsen und für
das was man ihnen im Frühling ausgerupft hat, ist schon wieder anders da, und
jetzt da das Wetter vorüber ist, jubelt wieder Alles in der Luft und auf den
Bäumen und die Gänse machen sich's im warmen Sonnenschein bequem, sie setzen
sich nieder und fressen sitzend das neugewürzte Gras im Umkreise.
    Von dem tausendfältigen Sinnen, das in Amrei lebte, erhielt nur die schwarze
Marann' bisweilen Kunde, wenn sie vom Wald kommend ihre Holzlast und ihren Sack
mit gefangenen Maikäfern und Würmern bei der Hirtin abstellte. Da sagte Amrei
eines Tages: »Bas', wisset ihr auch warum der Wind weht?«
    »Nein, weisst denn du's?«
    »Ja, ich hab's gemerkt. Gucket, Alles was wächst muss sich umtun. Der Vogel
da fliegt, der Käfer da kriecht, der Has', der Hirsch, das Pferd und alle Tiere
die laufen, und der Fisch schwimmt und der Frosch auch, und da steht der Baum
und das Korn und das Gras und das kann nicht fort und soll doch wachsen und sich
umtun, und da kommt der Wind und sagt: bleib' du nur stehen, ich will dich
schon umtun, so. Siehst du, wie ich dich drehe und wende und biege und
schüttle? Sei froh, dass ich komm', du müsstest sonst verhocken und es würde
nichts aus dir; es tut dir gut, wenn ich dich müd mache, du wirst es schon
spüren.«
    Die schwarze Marann' sagte darauf nichts weiter als ihren gewohnten Spruch:
»Ich bleibe dabei, in dir steckt die Seele von einem alten Einsiedel.«
    Nur einmal half die Marann' den stillen Betrachtungen der Amrei auf eine
andere Spur.
    Die Wachtel schlug bereits im hohen Roggenfeld und neben Amrei sang fast
einen ganzen Tag unaufhörlich eine Feldlerche am Boden, sie wanderte hin und her
und sang immer so innig, so in's tiefste Herz hinein, es war wie ein Saugen der
Lebenslust. Das klang noch viel schöner als die Töne der Himmelslerche, die sich
aufschwingt in die Luft, und oftmals kam der Vogel ganz nahe und Amrei sagte
fast laut vor sich hin: »Warum kann ich dir's nicht sagen, dass ich dir nichts
tun will? bleib' nur da!« Aber der Vogel war scheu und versteckte sich immer
wieder. Und Amrei sagte schnell überlegt vor sich hin: »Es ist doch wieder gut,
dass die Vögel scheu sind; man könnte ja sonst die diebischen Sperlinge nicht
vertreiben.« Als am Mittag die Marann' kam, sagte Amrei: »Ich möcht' nur wissen,
was so ein Vogel den lieben langen Tag zu sagen hat, und er schwätzt sich gar
nicht aus.«
    Darauf erwiderte die Marann': »Schau, so ein Tierlein kann nichts bei sich
behalten und in sich hinein reden, im Menschen aber spricht sich auch immer
etwas in ihm fort, das hört auch nie auf, aber es wird nicht laut; da sind
Gedanken, die singen, weinen und reden, aber ganz still, man hört's selber kaum;
so ein Vogel aber, wenn er zu singen aufgehört hat, ist fertig und frisst oder
schläft.«
    Als die schwarze Marann' mit ihrer Holztraget fortging, schaute ihr Amrei
lächelnd nach: »Die ist jetzt ein stillsingender Vogel,« dachte sie und Niemand
als die Sonne sah wie das Kind noch lange vor sich hinlächelte.
    Tag auf Tag lebte Amrei so dahin, stundenlang konnte sie träumerisch
zusehen, wie der Schatten vom Gezweige des Holzbirnenbaums sich von dem Winde
auf der Erde bewegte, dass die dunkeln Punkte wie Ameisen durcheinanderkrochen;
dann starrte sie wieder auf eine feststehende Wolkenbank, die am Himmel glänzte,
oder auf jagende flüchtige Wolken, die einander fortschoben. Und wie draussen im
weiten Raum, so standen und jagten, stiegen und zerflossen auch in der Seele des
Kindes allerlei Wolkenbilder, unfasslich und nur vom Augenblick Dasein und
Gestalt empfangend. Wer aber weiss, wie die Wolkenbildungen draussen in der Weite
und im engen Herzensraum zerfliessen und sich wandeln?
    Wenn der Frühling anbricht über der Erde, du kannst nicht fassen all das
tausendfältige Keimen und Sprossen auf dem Grund, all das Singen und Jubeln auf
den Zweigen und in den Lüften. Eine einzige Lerche fasse fest mit Aug und Ohr,
sie schwingt sich auf, eine Weile siehst du sie noch wie sie die Flügel schlägt,
eine Weile unterscheidest du sie noch als dunkeln Punkt, dann aber ist sie
verschwunden dem Auge und auch dem Ohr. Du hörst nur noch ein Singen und weisst
nicht von wannen es kommt. Und könntest du nur einer einzigen Lerche im freien
Raum einen ganzen Tag lauschen, du würdest hören, dass sie am Morgen, am Mittag
und am Abend ganz anders singt; und könntest du ihr nachspüren vom ersten
zaghaften Frühlingsjauchzen an, du würdest hören, wie ganz andere Töne sie im
Frühling, im Sommer und im Herbst in ihren Gesang mischt. Und schon über den
ersten Stoppelfeldern singt eine neue Lerchenbrut.
    Und wenn der Frühling anbricht in einem Menschengemüte, wenn die ganze Welt
sich auftut, vor ihm, in ihm, du kannst die tausend Stimmen, die es umfliessen,
das tausendfältige Knospen auf dem Grunde und wie es immer weiter gedeiht, nicht
fassen und festalten. Du weisst nur noch, dass es singt, dass es sprosst.
    Und wie still lebt sich's dann wieder, wie eine festgewurzelte Pflanze. Da
ist der Wiesenzaun beim Holzbirnenbaum, die Schlehen blühen früh auf und werden
nur selten zeitig. Und welch eine schöne Blüte hatte die Mehlbeere, wie kräftig
duftete das und jetzt sind schon kleine Birnen daraus geworden und schon färben
sie sich rot und auch die giftige Eimbeere beginnt schon schwarz zu werden. Es
kommen jene hellen, schnittreifen Erntetage, wo der Himmel so wolkenlos blau,
dass man oft den ganzen Tag den Mond wie ein feingezirkeltes Wölkchen am Himmel
sieht. Draussen in der Natur und im Menschengemüt ist es wie leises
Atemanhalten vor einem Ziele.
    Das war bald ein Leben auf dem Wege, der durch den Holderwasen führt!
Schnellrasselnd fuhren die leeren Leiterwagen dahin und darauf sassen Frauen und
Kinder und lachten, auf- und niedergehoben vom Schüttern des Wagens wie vom
Lachen, und dann fuhren die garbenbeladenen Wagen leise und nur manchmal
krächzend heimwärts und Schnitter und Schnitterinnen gingen nebenher.
    Amrei hatte von der reichen Ernte fast nicht mehr als ihre Gänse, die sich
manchmal in kecker Zudringlichkeit an die beladenen Wagen herandrängten und eine
herunterhängende Aehre abrauften.
    Wenn das erste Stoppelfeld draussen im Feldgebreite sich auftut, kommt bei
aller Freude über den eingeheimsten Erntesegen doch auch ein gewisses Bangen in
das Menschengemüt: die Erwartung ist Erfüllung geworden, und wo alles so wogend
stand, wird es nun kahl. Die Zeit wandelt sich. Der Sommer wendet sich zur
Neige.
    Der Brunnen auf dem Holderwasen, in dessen Abfluss sich die Gänse behaglich
tummelten, hatte das beste Wasser in der Gegend und die Vorüberziehenden
versäumten selten, an der breiten Röhre zu trinken, während ihr Zugvieh indes
vorauslief; sich den Mund abwischend und den Davongeeilten nachschreiend lief
man ihm dann nach. Andere tränkten vom Feld heimkehrend hier Zugvieh.
    Amrei erwarb sich die Gunst vieler Menschen durch einen kleinen irdenen
Topf, den sie sich von der schwarzen Marann' erbettelt hatte, und so oft nun ein
Vorüberziehender sich nach dem Brunnen begab, kam Amrei herbei und sagte: »Da
könnet Ihr besser trinken.« Bei Rückgabe des Topfes ruhte mancher freundliche
Blick bald länger bald kürzer auf ihr und das tat ihr so wohl, dass sie fast
böse wurde, wenn Leute vorübergingen ohne zu trinken. Sie stand dann mit ihrem
Topfe beim Brunnen, liess voll laufen und goss aus und wenn all dieses
Zeichengeben nichts half, überraschte sie die Gänse mit einem unverhofften Bade
und überschüttete sie.
    Eines Tages kam ein Bernerwägelein mit zwei stattlichen Schimmeln daher
gefahren, ein breiter oberländischer Bauer nahm den Doppelsitz fast völlig ein.
Er hielt am Weg und fragte:
    »Mädle! hast du nichts, dass man da trinken kann?«
    »Freilich, ich hol' schon.« Behend brachte Amrei ihr Gefäss voll Wasser
herbei.
    »Ah!« sagte der Oberländer, nachdem er einen guten Zug getan und absetzte,
und mit triefendem Munde fuhr er dann, halb in den Krug hinein sprechend, fort:
»Es gibt doch in der ganzen Welt kein solches Wasser mehr.«
    Er setzte wieder an und winkte dabei Amrei, dass sie still sein solle, denn
er hatte eben wieder mächtig zu trinken begonnen, und es gehört zu den besondern
Unannehmlichkeiten, während des Trinkens angesprochen zu werden. Man trinkt in
Hast und spürt ein Drücken davon.
    Das Kind schien das zu verstehen und erst nachdem der Bauer den Krug
zurückgegeben, sagte es:
    »Ja, das Wasser ist gut und gesund, und wenn Ihr Eure Pferde tränken wollt,
für die ist es besonders gut; sie kriegen keinen Strängel.«
    »Meine Gäul' sind heiss und dürfen jetzt nicht saufen. Bist du von
Haldenbrunn, Mädle?«
    »Freilich!«
    »Und wie heisst du?«
    »Amrei.«
    »Und wem gehörst du?«
    »Niemand mehr. Mein Vater ist der Josenhans gewesen.«
    »Der Josenhans, der beim Rodelbauer gedient hat?«
    »Ja!«
    »Hab' ihn gut gekannt. Ist hart, dass er so früh hat sterben müssen. Wart',
Kind, ich geb' dir was.« Er holte einen grossen Lederbeutel aus der Tasche,
suchte lange darin und sagte endlich: »Säh! da nimm!«
    »Ich will nichts geschenkt, ich danke, ich nehm' nichts.«
    »Nimm nur, von mir kannst schon nehmen. Ist nicht der Rodelbauer dein
Pfleger?«
    »Ja wohl.«
    »Hätt' auch was Gescheiteres tun können, als dich zur Ganshirtin zu machen.
Behüt dich Gott!«
    Fort rollte der Wagen und Amrei hielt eine Münze in der Hand.
    »Von mir kannst schon nehmen ... Wer ist denn der Mann, dass er das sagt, und
warum gibt er sich nicht zu erkennen? Ei das ist ein Groschen, da ist ein Vogel
drauf. Nun, er wird nicht arm davon und ich nicht reich.«
    Den ganzen Tag bot Amrei keinem Vorüberziehenden mehr ihren Topf an. Sie
hatte eine geheime Scheu, dass sie wieder beschenkt werden könnte.
    Als sie am Abend heim kam, sagte ihr die schwarze Marann', dass der
Rodelbauer nach ihr geschickt habe, sie solle gleich zu ihm kommen.
    Amrei eilte zu ihm und der Rodelbauer sagte zu ihr beim Eintritt:
    »Was hast du dem Landfriedbauer gesagt?«
    »Ich kenne keinen Landfriedbauer.«
    »Er ist ja heut bei dir gewesen auf dem Holderwasen und hat dir was
geschenkt.«
    »Ich hab' nicht gewusst wer es ist und da ist sein Geld noch.«
    »Das geht mich nichts an. Sag offen und ehrlich du Teufelsmädle: habe ich
dir zugeredet, dass du Ganshirtin werden sollst? Und wenn du es nicht noch heut'
am Tage aufgiebst, bin ich dein Pfleger nicht mehr. Ich lasse mir so was nicht
nachsagen.«
    »Ich werde allen Menschen berichten, dass Ihr nicht dran Schuld seid; aber
den Dienst aufgeben, das kann ich nicht, den Sommer über wenigstens bleib' ich
dabei. Ich muss ausführen, was ich angefangen hab'.«
    »Du bist ein hagebüchenes Gewächs,« schloss der Bauer und verliess die Stube;
die Bäuerin aber, die krank im Bette lag, rief: »Du hast Recht, bleib' nur so,
ich prophezeie dir's, dass dir's noch gut geht. Man wird noch in hundert Jahren
von Einem, das Glück hat, im Dorfe sagen: Dem geht's wie des Brosi's Severin und
wie des Josenhansen Amrei. Dir fällt dein trocken Brod noch in den Honigtopf.«
    Die kranke Rodelbäuerin galt für überhirnt; und von einer wahren
Gespensterfurcht gepackt, eilte Amrei davon, ohne eine Antwort zu geben.
    Der schwarzen Marann' erzählte Amrei, dass ihr ein Wunder geschehen sei: der
Landfriedbauer, an dessen Frau sie oft denke, habe mit ihr geredet, sich ihrer
beim Rodelbauer angenommen und ihr Etwas geschenkt. Sie zeigte nun das
Geldstück. Da rief die Marann' lachend:
    »Ja, das hätt' ich von selbst erraten, dass das der Landfriedbauer gewesen
ist. Das ist der Aechte! Schenkt der dem armen Kind einen falschen Groschen!«
    »Warum ist er denn falsch?« fragte Amrei und Tränen schossen ihr in die
Augen.
    »Das ist ein abschätziger Vögeles-Groschen, der ist nur andertalb Kreuzer
wert.«
    »Er hat mir eben nur andertalb Kreuzer schenken wollen,« sagte Amrei
trotzig. Und hier zum Erstenmal zeigte sich ein innerer Widerspruch Amrei's mit
der schwarzen Marann'. Diese freute sich fast über jede Boshaftigkeit, die sie
von den Menschen hörte, Amrei dagegen legte gern Alles zum Guten aus, sie war
immer glücklich, und so sehr sie sich auch in der Einsamkeit in Träume verlor,
sie erwartete doch in der Tat Nichts; sie war überrascht von Allem was sie
bekam und war stets dankbar dafür.
    »Er hat mir nur andertalb Kreuzer schenken wollen, nicht mehr, und das ist
genug und ich bin zufrieden.« Das sagte sie noch oft herb vor sich hin, während
sie einsam ihre Suppe ass, als spräche sie noch mit der Marann', die gar nicht in
der Stube war und unterdess ihre Ziege molk.
    Noch in der Nacht nähte sich Amrei zwei Flicken zusammen und den Groschen
dazwischen, hing das wie ein Amulett um den Hals und verbarg es an der Brust. Es
war, als ob der geprägte Vogel auf der Münze allerlei in der Brust, darauf er
ruhte, wecke; denn voll innerer Lust sang und summte Amrei allerlei Lieder,
Tagelang vom Morgen bis zum Abend, und dabei dachte sie immer wieder hinaus zu
dem Landfriedbauer; sie kannte jetzt den Bauer und die Bäuerin und hatte von
Beiden ein Andenken, und es war ihr immer, als liesse man sie nur noch eine Weile
da, dann kommt wieder das Bernerwägelein mit den zwei Schimmeln, drinn sitzen
die Bauersleute und holen sie ab und sagen: Du bist unser Kind; denn gewiss
erzählt jetzt der Bauer daheim von dem Begegniss mit ihr.
    Mit seltsamen Blicken starrte sie oft in den Herbstimmel, er war so hell,
so wolkenrein; und auf der Erde, da sind die Wiesen noch so grün und der Hanf
liegt zum Dörren darüber gebreitet wie ein feines Netz, die Zeitlosen schauen
dazwischen auf und die Raben fliegen darüber hin und ihr schwarzes Gefieder
glitzert hell im Sonnenglanz; kein Luftzug weht, die Kühe weiden auf den
Stoppeläckern, Peitschenknallen und Singen tönt von allen Aeckern und der
Holzbirnenbaum schauert still in sich zusammen und schüttelt die Blätter ab. Der
Herbst ist da.
    So oft Amrei jetzt Abends heimkehrte, schaute sie die schwarze Marann'
fragend an, sie meinte, diese müsse ihr sagen, dass der Landfriedbauer geschickt
habe, um sie abzuholen, und mit schwerem Herzen trieb sie die Gänse auf die
Stoppelfelder, die so entfernt waren vom Weg und immer wieder lenkte sie nach
dem Holderwasen. Aber schon standen die Hecken blätterlos, die Lerchen
zwitscherten kaum mehr in schwerem niederem Fluge, und noch immer kam keine
Nachricht, und Amrei hatte ein tiefes Bangen vor dem Winter, als wie vor einem
Kerker. Sie tröstete sich nur mit dem Lohne, den sie jetzt erhielt, und der war
allerdings reichlich. Keine ihrer Untergebenen war gefallen, ja nicht einmal
eine flügellahm geworden. Die schwarze Marann' verkaufte die Federn, die Amrei
gesammelt hatte, zu gutem Preise, und wies Amrei an, sich neben dem bräuchlichen
Geldlohn, das gewöhnliche Stück Kirchweihkuchen für jede einzelne Gans, die sie
gehütet, in Brod verwandeln zu lassen. Und so hatten sie fast den ganzen Winter
vollauf Brod, freilich oft sehr altbackenes, aber Amrei hatte, wie die schwarze
Marann' sagte, lauter gesunde Mauszähne, mit denen sie Alles knuppern konnte.
 
                             6. Die Eigenbrätlerin.
Eine Frau, die ein einsam abgeschiedenes Leben führt und sich ihre Nahrung ganz
allein kocht und brät, nennt man eine Eigenbrätlerin und eine solche hat in der
Regel auch noch allerlei Besonderheiten. Niemand hatte mehr Recht und mehr
Neigung eine Eigenbrätlerin zu sein, als die schwarze Marann', obgleich sie nie
Etwas zu braten hatte, denn Habermus und Kartoffeln und Kartoffeln und Habermus
waren ihre einzigen Speisen. Sie lebte immer abgesondert in sich hinein und
verkehrte nicht gern mit den Menschen. Nur gegen den Herbst war sie stets voll
hastiger Unruhe, sie plauderte um diese Zeit viel vor sich hin und redete auch
die Menschen von freien Stücken an, besonders Fremde, die durch das Dorf gingen;
denn sie erkundigte sich, ob die Maurer von da und dort schon zur Winterrast
heimgekehrt seien und ob sie nichts von ihrem Johannes berichtet hätten. Wenn
sie die Leinwand, die sie den Sommer über gebleicht hatte, noch einmal kochte
und auswusch und dabei die ganze Nacht aufblieb, murmelte sie stets vor sich
hin. Man verstand nichts davon, nur der Zwischenruf war deutlich, denn da hiess
es: »Das ist für dich und das ist für mich;« sie sprach nämlich täglich zwölf
Vaterunser für ihren Johannes, aber in der Waschnacht da wurden sie zu
unzähligen. Und wenn der erste Schnee fiel, war sie immer besonders heiter.
Jetzt gibt's keine Arbeit mehr draussen, jetzt kommt er gewiss heim. Sie sprach
dann oft mit einer weissen Henne im Gitter und sagte ihr, dass sie sterben müsse,
wenn der Johannes komme.
    So trieb sie's nun schon viele Jahre und die Leute im Dorfe liessen ab, ihr
vorzuhalten, dass es närrisch sei, immer an die Heimkehr des Johannes zu denken,
denn sie war doch nicht zu bekehren und sie wurde den Menschen unheimlich.
    In diesem Herbst wurden es nun achtzehn Jahre, seit der Johannes davon
gegangen war, und jedes Jahr wurde Johann Michael Winkler als verschollen
ausgeschrieben in der Zeitung bis zu seinem fünfzigsten Jahre. Er stand jetzt
gerade im sechs und dreissigsten.
    Im Dorfe ging die Sage, Johannes sei unter die Zigeuner gegangen, und die
Mutter hielt auch einmal einen jungen Zigeuner, der dem Verschollenen auffallend
ähnlich sah, für denselben; er war auch so »pfostig« (untersetzt), hatte die
gleiche dunkle Gesichtsfarbe und schien es nicht ungern zu haben, dass man ihn
für den Johannes hielt; aber die Mutter hatte ihn auf die Probe gestellt, sie
hatte noch das Gesangbuch und den Corfirmandenspruch des Johannes und wer den
nicht kennt und nicht anzugeben weiss, wer seine Paten sind, und was mit ihm
geschehen ist an dem Tage, als des Brosi's Severin mit der Engländerin ankam und
später als der neue Rathausbrunnen gegraben wurde, wer diese und andere
Wahrzeichen nicht kennt, das ist der Falsche. Dennoch beherbergte die Marann'
immer den jungen Zigeuner so oft er in das Dorf kam und die Kinder auf der
Strasse schrieen ihm: Johannes! nach.
    Der Johannes wurde als militärpflichtig auch als Ausreisser ausgeschrieben
und obgleich die Mutter sagte, dass er »zu klein« und unter dem Maass
durchgeschlüpft wäre, wusste sie doch, dass er bei der Heimkehr einer Strafe nicht
entgehe und sie meinte, er käme nur deswegen nicht wieder. Es war nun gar
seltsam, wie sie in einem Atem um das Wohl des Sohnes und um den Tod des
Landesfürsten betete; denn man hatte ihr gesagt, dass wenn der regierende Fürst
stürbe, der Tronfolger beim Regierungsantritt allgemeinen Straferlass für alles
Geschehene verkünden werde.
    Jedes Jahr liess sich die Marann' vom Schullehrer das Blatt schenken, in dem
Johannes ausgeschrieben war, und sie legte es zu seinem Gesangbuch; aber dieses
Jahr war es gut, dass die Marann' nicht lesen konnte, und der Lehrer schickte ihr
ein anderes Blatt statt des gewünschten. Denn ein seltsames Gemurmel ging durch
das ganze Dorf. Wo Zwei bei einander standen, sprach man davon und da hiess es:
»Der schwarzen Marann' sagt man nichts. Das bringt sie um. Das macht sie
närrisch.« Es war nämlich ein Bericht des Gesandten aus Paris von einer
Mitteilung aus Algier angekommen, und nun ging durch alle hohen und niederen
Aemter bis zum Gemeinderat die Nachricht: dass Johannes Winkler von Haldenbrunn
in Algier bei einem Vorpostengefechte gefallen sei.
    Man sprach im Dorfe viel davon, wie wunderlich es sei, dass so viele hohe
Aemter sich jetzt um den todten Johannes so viel bemühten. Aber am Schlusse des
so wohlgeleiteten Berichtestroms hielt man ihn auf. In der Gemeinderats-Sitzung
wurde beschlossen, dass man der schwarzen Marann' nichts davon sage. Es wäre
Unrecht, ihr noch die paar Jahre ihres Lebens zu verbittern, indem man ihr den
letzten Trost raube.
    Statt aber die Nachricht geheim zu halten, hatten die Gemeinderäte nichts
Eiligeres zu tun, als es daheim auszuplaudern und nun wusste das ganze Dorf
davon bis auf die schwarze Marann' allein. Ein Jeder betrachtete sie mit
seltsamem Blick; man fürchtete, sich vor ihr zu verraten, man redete sie nicht
an, man dankte kaum ihrem Grusse. Es bedurfte der ganzen eigentümlichen Art der
schwarzen Marann', um dadurch nicht verwirrt zu werden. Und sprach ja einmal
Jemand mit ihr und liess sich verleiten vom Tode des Johannes zu reden, so
geschah es nur in jener Weise des Vermutens und Beschwichtigens, die schon seit
Jahren gäng und gäbe war, und die Marann' glaubte jetzt eben so wenig daran als
ehedem, denn von dem Todtenschein sprach ja Niemand.
    Es wäre wohl besser gewesen, auch Amrei hätte nichts davon gewusst; aber es
lag ein eigener verführerischer Reiz darin, dem Unberührbaren so nahe als
möglich zu kommen und darum sprach Jedes mit Amrei von dem traurigen Ereignis,
warnte sie, der schwarzen Marann' etwas davon zu sagen und wollte wissen, ob die
Mutter keine Ahnungen, keine Träume habe, ob es nicht umgehe im Hause. Amrei war
immer innerlich voll Zittern und Beben. Sie allein war der schwarzen Marann' so
nahe und hatte Etwas was sie vor ihr verborgen halten musste. Auch die Leute, bei
denen die schwarze Marann' eine Stube zur Miete hatte, hielten es nicht mehr
aus in ihrer Nähe, und sie bekundeten ihr Mitleid zuerst damit, dass sie ihr die
Miete kündigten. Aber wie seltsam hängen die Dinge im Leben zusammen! Eben
durch dieses Ereignis erfuhr Amrei Leid und Lust, denn das elterliche Haus
öffnete sich ihr wieder; die schwarze Marann' zog in dasselbe und Amrei, die
Anfangs voll Beben darin hin- und herging, und wenn sie Feuer anmachte und wenn
sie Wasser holte, immer glaubte: jetzt müsse die Mutter kommen und der Vater,
fand sich doch nach und nach wieder ganz heimisch in demselben. Sie spann Tag
und Nacht, bis sie so viel erübrigt hatte, um vom Kohlenmates die Kukuksuhr,
die ihren Eltern gehört hatte, wieder zu kaufen. Jetzt hatte sie doch auch
wieder ein Stück eigenen Hausrat. Aber der Kukuk hatte Not gelitten in der
Fremde, er hatte die Hälfte seiner Stimme verloren, die andere Hälfte blieb ihm
im Halse stecken; er rief nur noch »Kuk,« und so oft er das tat, setzte Amrei
in der ersten Zeit immer das andere »Kuk« fast unwillkürlich hinzu. Als Amrei
darüber klagte, dass die Kukuksuhr nur noch halb tönte und überhaupt nicht mehr
so schön sei wie in ihrer frühen Kindheit, da sagte die Marann':
    »Wer weiss, wenn man in späteren Jahren das wieder bekäme, was Einen in der
Kindheit ganz glücklich gemacht hat, ich glaube, es hätte auch nur noch den
halben Schlag wie deine Kukuksuhr. Wenn ich's dich nur lehren könnte, Kind! Aber
so etwas kann man nicht schenken. Es hat mich viel gekostet, bis ich's gelernt
habe: Wünsch' dir nichts von gestern. Viel Schweiss, viel Tränen. Und du wirst's
auch nicht anders kriegen. Häng' dich an Nichts, an keinen Menschen und an keine
Sache, dann kannst du fliegen.«
    Die Reden der Marann' waren wild und scheu zugleich und sie kamen nur heraus
in der Dämmerzeit, wie das Wild im Walde.
    Es gelang Amrei nur schwer, sich an sie zu gewöhnen.
    
    Die schwarze Marann' konnte das Kukukrufen nicht leiden und hing das
Schlaggewicht an der Uhr ganz aus, so dass die Uhr nur noch mit dem Pendelschlag
hin und herpickte, aber keine Stunde mehr laut angab. Der schwarzen Marann' war
das Sprechen der Uhr zuwider, ja sogar das Ticken störte sie und die Uhr blieb
endlich ganz unaufgezogen, denn die Marann' sagte, sie habe allzeit die Uhr im
Kopf und es war in der Tat wunderbar wie das eintraf. Sie wusste zu jeder Minute
anzugeben, wie viel es an der Zeit sei, obgleich ihr das sehr gleichgültig sein
konnte; aber es lag eine besondere Geweckteit in der Harrenden und wie sie
immer hinaushorchte, um ihren Sohn kommen zu hören, so war sie eigentümlich
wach, und obgleich sie Niemand im Dorfe besuchte und mit Niemand sprach, wusste
sie doch Alles, selbst das Geheimste was im Dorfe vorging. Sie erriet es aus
der Art, wie sich die Menschen begegneten, aus abgerissenen Worten. Und weil
dies wunderbar erschien, war sie gefürchtet und gemieden. Sie bezeichnete sich
selbst gern nach einem landläufigen Ausdruck als eine »alterlebte Frau,« und
doch war sie äusserst behend. Jahraus jahrein ass sie täglich einige
Wachholderbeeren und man sagte: davon sei sie so munter und man sehe ihr ihre 66
Jahre nicht an. Eben dass jetzt die beiden Sechse beisammen standen, brachte sie
auch nach einem alten Wortspiele in den Ruf einer Hexe, obgleich man nicht mehr
recht daran glauben wollte. Man sagte: sie melke ihre schwarze Ziege oft
stundenlang und diese gebe immer gar viel Milch, aber die schwarze Marann' ziehe
während sie melke nur immer den Kühen dessen, den sie hasse, die Milch aus dem
Euter; besonders auf des Rodelbauern Vieh habe sie es abgesehen. Und die grosse
Hühnerzucht, die die schwarze Marann' trieb, galt auch für Hexerei; denn woher
nahm sie das Futter dazu, und woher konnte sie immer Eier und Hühner verkaufen?
Freilich sah man sie oft im Sommer Maikäfer, Heuschrecken und allerlei Würmer
sammeln, und in mondlosen Nächten wie ein Irrlicht durch die Gräben schleichen;
sie trug einen brennenden Span und sammelte die Regenwürmer die da
herausschlichen, und murmelte allerlei dabei. Ja, man sagt, dass sie in stillen
Winternächten mit ihrer Ziege und ihren Hühnern, die sie bei sich in der Stube
überwinterte, allerlei wunderliche Gespräche hielte. Das ganze von der
Schulbildung verscheuchte wilde Heer der Hexen- und Zaubergeschichten wachte
wieder auf und wurde an die schwarze Marann' geheftet.
    Amrei fürchtete sich auch manchmal in langen stillen Winternächten, wenn sie
spinnend bei der Marann' sass und man nichts hörte als manchmal das verschlafene
Glucksen der Hühner und ein traumhaftes Mekern der Ziege; und es erschien in der
Tat zauberisch, wie schnell die Marann' immer spann. »Ja,« sagte sie einmal,
»ich meine, mein Johannes hilft mir spinnen,« und doch klagte sie wieder, dass
sie in diesem Winter zum Erstenmal nicht mehr so ganz und immer an ihren
Johannes denke. Sie machte sich Vorwürfe darüber und sagte: sie sei eine
schlechte Mutter und klagte, es wäre ihr immer, als wenn ihr die Gesichtszüge
ihres Johannes nach und nach verschwinden, und als ob sie vergesse, was er da
und da getan habe, wie er gelacht, gesungen und geweint und wie er auf den Baum
geklettert und in den Graben gesprungen sei.
    »Es wäre doch schrecklich,« sagte sie, »wenn Einem das nach und nach so
verschwinden könnte, dass man nichts Rechtes mehr davon weiss,« und sie erzählte
dann Amrei mit sichtlichem Zwang alles bis auf's Kleinste und Amrei war es tief
unheimlich, immer und immer wieder von einem Todten so reden zu hören, als ob er
noch lebte. Und wieder klagte die Marann': »Es ist doch sündlich, dass ich gar
nicht mehr weinen kann um meinen Johannes. Ich habe einmal gehört, dass man um
einen Verlorenen weinen kann, so lang er lebt und bis er verfault ist. Ist er
wieder zur Erde geworden, so hört auch das Weinen auf. Nein, das kann nicht
sein, das darf nicht sein, mein Johannes kann nicht todt sein; das darfst du mir
nicht antun, du dort oben, oder ich werf' dir den Bettel vor die Tür. Da, da,
vor meiner Tür, da sitzt der Tod, da ist der Weiher und da kann ich mich
ersäufen wie einen blinden Hund, und das geschieht, wenn du mir das antust;
aber nein, verzeih mir's guter Gott, dass ich so wider die Wand renne, aber mach'
da einmal eine Tür' auf, mach' auf und lass meinen Johannes hereinkommen. O die
Freud'! Komm, da setz' dich her, Johannes. Erzähl' mir gar nichts, ich will gar
nichts wissen, du bist da; und jetzt ist's gut. Die langen langen Jahre sind nur
eine Minute gewesen. Was geht's mich an, wo du gewandert bist? Wo du gewesen
bist, da bin Ich nicht gewesen, und jetzt bist du da. Und ich lasse dich nicht
mehr von der Hand bis sie kalt ist. O Amrei, und mein Johannes muss warten, bis
du gross bist, ich sag' weiter nichts. Warum red'st du nichts?«
    Amrei war die Kehle wie zugeschnürt. Es war ihr immer, als ob der Todte
dastünde, gespensterhaft; auf ihren Lippen ruhte das Geheimnis und sie konnte es
anrufen und die Decke fiel ein und alles war begraben.
    Manchmal war die Marann' aber auch gesprächsam in anderer Weise, obgleich
Alles auf dem einen Grunde ruhte, auf dem Andenken an ihren Sohn. Und schwer
stellte sich hier die Frage der Weltordnung heraus: »Warum hier ein Kind todt,
auf das die Mutter wartet, so zitternd, mit ganzer Seele wartet, und ich und
mein Dami wir sind verlorene Kinder, möchten so gern die Hand der Mutter fassen
und diese Hand ist Staub geworden?« ...
    Das war ein dumpfes mächtiges Gebiet, wohin das Denken des armen Kindes
getrieben wurde und es wusste sich nicht anders aus dem Wirrsal zu helfen, als
indem es leise das Einmaleins vor sich hin sagte.
    Besonders an Samstagabenden erzählte die schwarze Marann' gern. Nach altem
Aberglauben spann sie am Samstagabend nie, da strickte sie immer, und wenn sie
eine Geschichte zu erzählen hatte, wickelte sie zuerst ein gut Teil von ihrem
Garnknäuel ab, um nicht aufgehalten zu sein und dann erzählte sie am Faden fort
ohne Unterbrechung.
    »O Kind,« schloss sie dann oft, »merk' dir Etwas, in dir steckt ja auch ein
Einsiedel: wer gut grad fort leben will, der sollte ganz allein sein, Niemand
gern haben und von Niemand was mögen. Weisst du, wer reich ist? Wer nichts
braucht, als was er aus sich hat. Und wer ist arm? Wer auf Fremdes wartet, was
ihm zukommt. Da sitzt Einer und wartet auf seine Hände, die ein Anderer am Leib
hat, und wartet auf seine Augen, die einem Andern im Kopf stecken. Bleib' allein
für dich, dann hast du deine Hände immer bei dir, dann brauchst du keine
anderen, kannst dir selber helfen. Wer auf Etwas hofft, was ihm von einem Andern
kommen soll, der ist ein Bettler; hoffe nur etwas vom Glück, von einem
Geschwister, ja von Gott selbst; du bist ein Bettler, du stehst da und hälst die
Hand auf bis dir etwas hineinfliegt. Bleib' allein, das ist das Beste, da hast
du Alles in Einem; allein, o wie gut ist Allein! Schau, tief im Ameisenhaufen
liegt ein klein winziger funkelnder Stein, wer den findet, kann sich unsichtbar
machen und kann ihm Niemand was anhaben; aber das kriecht durcheinander, wer
findet ihn? Und es gibt ein Geheimnis in der Welt, aber wer kann's fassen?
Nimm's auf, nimm's zu dir. Es gibt kein Glück und kein Unglück. Jeder kann sich
Alles selber machen, wenn er sich recht kennt und die andern Menschen auch, aber
nur unter Einem Beding: er muss allein bleiben. Allein! Allein! Sonst hilft's
nichts.«
    Aus dem Tiefsten langjähriger schwerer Vereinsamung heraus gab die Marann'
dem eben erst aus dem Kinde entwachsenen Mädchen noch halbverschlossene Worte;
das Mädchen konnte sie nicht fassen; aber wer weiss, was auch von
Halbverstandenem in aufmerksam offener Seele haften bleibt? Und nach wildem
Umschauen fuhr die schwarze Marann' fort: »O könnt' ich nur allein sein! Aber
ich habe mich vergeben, ein Stück von mir ist unterm Boden und ein anderes läuft
in der Welt herum, wer weiss wo? Ich wollt' ich wäre die schwarze Ziege da.«
    So freundlich und hell auch die schwarze Marann' begann, immer ging der
Schluss ihrer Rede wieder in dumpfes Hadern und Trauern über, und sie, die allein
sein wollte, an Nichts denken und Nichts lieben, lebte doch nur im Denken an
ihren Sohn und in der Liebe zu ihm.
    Amrei ergriff ein entscheidendes Mittel, um aus diesem unheimlichen
Alleinsein mit der schwarzen Marann' erlöst zu werden; sie verlangte, dass auch
Dami ins Haus genommen werde, und so heftig sich die schwarze Marann' auch
dagegen wehrte, Amrei drohte, selber das Haus zu verlassen und schmeichelte der
schwarzen Marann' so kindlich und tat ihr was sie an den Augen absehen konnte,
bis sie endlich nachgab.
    Dami, der vom Krappenzacher das Wollstricken gelernt hatte, sass nun mit in
der elterlichen Stube; und Nachts, wenn die Geschwister auf dem Speicher
schliefen, weckte Eines das Andere, wenn sie die schwarze Marann' drunten
murmeln und hin- und herlaufen hörten.
    Durch die Uebersiedelung Dami's zur schwarzen Marann' kam indes neues
Ungemach. Dami war überaus unzufrieden, dass er dies elende Handwerk, das nur für
einen Krüppel tauge, habe lernen müssen; er wollte auch Maurer werden, und
obgleich Amrei sehr dagegen sprach, denn sie ahnte, dass ihr Bruder nicht dabei
aushalten werde, bestärkte ihn die schwarze Marann' darin. Sie hätte gern alle
jungen Bursche zu Maurern gemacht, um sie in die Fremde zu schicken, damit sie
Kundschaft erhalte von ihrem Johannes.
    Die schwarze Marann' ging selten in die Kirche, aber sie liebte es, wenn man
ihr Gesangbuch entlehnte, um damit in die Kirche zu gehen; es schien ihr ein
eigenes Genügen, dass ihr Gesangbuch dort sei, und eine besondere Freude hatte
sie, wenn ein fremder Handwerksbursch, der im Ort arbeitete, das
zurückgebliebene Gesangbuch des Johannes zu gleichem Zweck entlehnte; es schien
ihr als ob ihr Johannes bete in der heimatlichen Kirche, weil aus seinem
Gesangbuch die Worte gesprochen und gesungen wurden, und Dami musste nun jeden
Sonntag zweimal mit dem Gesangbuch des Johannes in die Kirche.
    Ging aber die schwarze Marann' nicht zur Kirche, so war sie bei Einer
Feierlichkeit im Dorfe selbst und in den Nachbardörfern immer zu sehen. Es gab
nämlich kein Leichenbegängnis, bei dem die schwarze Marann' nicht leidtragend
mitging und bei Predigt und Einsegnung, selbst am Grabe eines kleinen Kindes,
weinte sie so heftig, als wäre sie die nächste Angehörige; aber dann war sie auf
dem Heimweg immer wieder ganz besonders aufgeräumt; dieses Weinen schien ihr
eine wahre Erleichterung zu sein. Sie schluckte das ganze Jahr so viel stille
Trauer hinunter, dass sie dankbar dafür war, wenn sie wirklich weinen konnte.
    War es nun den Menschen zu verargen, dass sie sie für eine unheimliche
Erscheinung hielten und zumal da sie noch dazu ein Geheimnis gegen sie auf den
Lippen hatten? Auch auf Amrei ging ein Teil dieser Gemiedenheit über, und in
manchen Häusern, wo sie sich helfend oder mitteilend auf Besuch einstellte,
liess man sie nicht undeutlich merken, dass man ihre Anwesenheit nicht wünsche,
zumal da sie schon jetzt eine Seltsamkeit zeigte, die Allen im Dorf wunderbar
vorkam. Sie ging mit Ausnahme des höchsten Winters stets barfuss und man sagte,
sie müsse ein Geheimmittel haben, dass sie nicht krank werde und sterbe.
    Nur in des Rodelbauern Haus wurde sie noch gern geduldet; war ja der
Rodelbauer ihr Vormund. Aber die Rodelbäuerin, die sich ihrer immer angenommen
und ihr versprochen hatte, sie einst zu sich zu nehmen, wenn sie erwachsen sei,
konnte diesen Plan nicht ausführen. Sie selber wurde von einem Andern
angenommen; der Tod nahm sie zu sich. Während sonst erst im späteren Leben sich
die Schwere des Daseins auftut, wie da und dort ein Anhang abfällt und nur noch
ein Gedanken daran verbleibt, erfuhr dies Amrei schon in der Jugendfrühe und
heftiger als alle Angehörigen weinten die schwarze Marann' und Amrei bei dem
Begräbnis der Rodelbäuerin.
    Der Rodelbauer klagte immer fast nur, wie herb es sei, dass er jetzt schon
das Gut abgeben müsse. Und noch war keines seiner drei Kinder verheiratet. Aber
kaum war ein Jahr vorüber - der Dami arbeitete schon den zweiten Frühling im
Steinbruch - als eine Doppelhochzeit im Dorfe gefeiert wurde; denn der
Rodelbauer verheiratete seine älteste Tochter und zugleich seinen einzigen Sohn
dem er am Hochzeitstage das Gut übergab; da wurde Amrei eben auf dieser
Doppelhochzeit neu benamt und in ein anderes Leben übergeführt.
    Auf dem Vorplatz des grossen Tanzbodens waren die Kinder versammelt und
während die Erwachsenen drin tanzten und jauchzten, ahmten die Kinder hier das
Gleiche nach. Aber seltsam! mit Amrei wollte kein Knabe und kein Mädchen tanzen,
und man wusste nicht, wer es zuerst gesagt, aber man hatte es gehört, dass eine
Stimme rief: »Mit dir tanzt Keiner, du bist ja das Barfüssele« und: »Barfüssele!
Barfüssele! Barfüssele!« schrie es nun von allen Seiten. Amrei stand das Weinen in
den Augen, aber hier übte sie schnell wieder jene Kraft, mit der sie Spott und
Kränkung bezwang; sie drückte die Tränen hinab, fasste hüben und drüben ihre
Schürze, tanzte mit sich allein herum und so zierlich, so biegsam, dass alle
Kinder inne hielten. Und bald nickten die Erwachsenen unter der Tür einander
zu, und ein Kreis von Männern und Frauen bildete sich um Amrei und besonders der
Rodelbauer, der sich an diesem Tage doppelt gütlich getan, schnalzte mit den
Händen und pfiff lustig den Walzer, den die Musik drin aufspielte, und Amrei
tanzte unaufhörlich fort und schien gar keine Müdigkeit zu kennen. Als endlich
die Musik verstummte, fasste der Rodelbauer Amrei an der Hand und fragte: »Du
Blitzmädle, wer hat dich denn das so schön gelehrt?«
    »Niemand.«
    »Warum tanzest du denn mit Niemand?«
    »Es ist besser man tut's allein, da braucht man auf Niemand zu warten und
hat seinen Tänzer immer bei sich.«
    »Hast schon was von der Hochzeit bekommen?« fragte der Rodelbauer
wohlgefällig schmunzelnd.
    »Nein.«
    »Komm herein und iss,« sagte der stolze Bauer und führte das arme Kind hinein
und setzte es an den Hochzeitstisch, auf den immerfort den ganzen Tag
aufgetragen wurde. Amrei ass nicht viel und der Rodelbauer wollte sich den Spass
bereiten, das Kind trunken zu machen, es erwiderte aber keck:
    »Wenn ich noch mehr trinke, kann ich nicht mehr allein gehen und die Marann'
sagt: allein ist das beste Fuhrwerk, da ist immer eingespannt.«
    Alles staunte über die Weisheit des Kindes.
    Der junge Rodelbauer kam mit seiner Frau und fragte das Kind neckisch: »Hast
du uns auch ein Hochzeitgeschenk gebracht? Wenn man so isst, muss man auch ein
Hochzeitgeschenk bringen.«
    Der Hochzeitsvater steckte in unbegreiflicher Grossmut dem Kinde bei dieser
Frage heimlich einen Sechsbätzner zu. Amrei aber behielt den Sechsbätzner fest
in der Hand, nickte gegen den Alten und sagte dann dem jungen Paare: »Ich hab'
das Wort und ein Drangeld. Eure Mutter selig hat mir immer versprochen, dass ich
bei ihr dienen und niemand Anders als ich Kindsmagd bei ihrem ersten Enkelchen
sein soll.«
    »Ja, das hat die Bäuerin selig immer gewollt,« sagte der Alte und redete zu.
Was er aus Furcht, dass er die Waise dann versorgen müsse, seiner Frau ihr
Lebenlang versagt hatte, das tat er jetzt, wo er ihr keine Freude mehr damit
machen konnte, und gab sich vor den Leuten den Anschein, als ob er's zu ihrem
Gedenken tue. Aber er tat's auch jetzt noch nicht aus Güte, sondern in der
richtigen Berechnung, dass die Waise ihm, dem enttronten Bauer, der ihr Pfleger
war, dienstgefällig sein werde, und die Last ihrer Versorgung, die die blosse
Ablohnung überstieg, fiel Anderen zu, nicht ihm selber.
    Die jungen Brautleute sahen einander an, und der junge Rodelbauer sagte:
»Bring' morgen dein Bündel in unser Haus. Du kannst bei uns einstehen.«
    »Gut,« sagte Amrei, »morgen bring' ich mein Bündel; aber jetzt' möcht ich
mein Bündel mitnehmen. Gebet mir da ein Fläschchen Wein und das Fleisch will ich
einwickeln und es der Marann' und meinem Dami bringen.«
    Man willfahrte Amrei, aber der alte Rodelbauer sagte ihr jetzt leise: »Gieb
mir meinen Sechsbätzner wieder. Ich hab' gemeint, du willst ihn schenken.«
    »Ich will ihn als Drangeld von Euch behalten,« erwiderte Amrei schlau, »und
Ihr werdet sehen, ich will ihn euch schon wett machen.«
    Der Rodelbauer lachte halb ärgerlich in sich hinein und Amrei ging mit Geld,
Wein und Fleisch davon zu der schwarzen Marann'.
    Das Haus war verschlossen, und es war ein grosser Abstand, zwischen dem
lauten musikschallenden Lärmen und Schmausen im Hochzeitause und der stillen
Oede hier. Amrei wusste, wo sie die Marann' erwarten konnte auf ihrem Heimwege;
sie ging fast immer nach dem Steinbruch und sass dort eine Zeitlang hinter der
Hecke und hörte zu wie Spitzhammer und Meisel arbeiteten. Das war ihr wie eine
Melodie, die aus den Zeiten klang, wo Johannes einst auch hier gearbeitet hatte
und da sass sie oft lange und hörte es picken.
    Amrei traf hier richtig die Marann' und noch eine halbe Stunde vor
Feierabend rief sie auch den Dami aus dem Steinbruch und hier draussen bei den
Felsen wurde ein Hochzeitmahl gehalten, fröhlicher als drin bei der rauschenden
Musik. Besonders Dami jauchzte laut und die Marann' tat auch heiter, nur trank
sie keinen Tropfen Wein, sie wollte nicht eher einen Tropfen Wein über die
Lippen bringen, als bis zur Hochzeit des Johannes. Als Amrei nun unter
Heiterkeit erzählte, dass sie einen Dienst bei dem jungen Rodelbauer bekommen
habe und morgen antrete, da erhob sich die schwarze Marann' in wildem Zorn und
einen Stein aufhebend und ihn an die Brust drückend sagte sie: »Es wäre
tausendmal besser, ich hätte dich da drinnen, so einen Stein, als ein lebendig
Herz. Warum kann ich nicht allein sein? Warum habe ich mich wieder verführen
lassen, Jemand gern zu haben? Aber jetzt ist's vorbei, auf ewig! Wie ich den
Stein da hinunterschleudere, so schleudere ich fort alle Anhänglichkeit an
irgend einen Menschen. Du falsches treuloses Kind! Kaum kann es die Flügel
heben, fort fliegt's. Aber es ist gut so, ich bin allein und mein Johannes soll
auch allein bleiben, wenn er kommt, und es ist Nichts was ich gewollt hab'.«
    Und fort rannte sie dem Dorfe zu.
    »Es ist doch eine Hexe,« sagte Dami hinter ihr drein, »ich will den Wein
nicht mehr trinken, wer weiss ob sie ihn nicht verhext hat.«
    »Trink' du ihn nur, sie ist eine strenge Eigenbrätlerin und hat ein schweres
Kreuz auf sich; ich will sie schon wieder gut machen.«
    So tröstete Amrei.
 
                         7. Die barmherzige Schwester.
Das war nun ein volles Leben im Hause des Rodelbauern. Barfüssele, so hiess man
nun fortan Amrei, war zu allem anstellig und wusste sich gleich bei Allen beliebt
zu machen: sie wusste der jungen Bäuerin, die fremd in's Dorf und in's Haus
gekommen war, zu sagen, was hier der Brauch sei, lehrte sie die Eigenschaften
ihrer nächsten Angehörigen kennen und sich danach richten, und dem alten
Rodelbauer, der den ganzen Tag trotzte und sich nicht zufrieden geben konnte,
weil er sich so frühe zur Ruhe gesetzt, wusste sie allerlei Gefälligkeiten zu
erweisen und ihm zu erzählen, wie gar gut die Söhnerin sei, und es nur nicht so
von sich zu geben wisse; und als nach kaum einem Jahre das erste Kind kam,
zeigte sich Amrei darüber so glücklich und in allen Erfordernissen so geschickt,
dass Jedes im Hause ihres Lobes voll war; aber nach Art dieser Leute so voll, dass
man sie bei dem kleinsten Ungeschick eher dafür auszankte, als dass man sie je in
der Tat lobte.
    Aber Amrei wartete auch nicht darauf; und namentlich dem Grossvater wusste sie
das erste Enkelchen immer so gut zuzutragen und zur geschickten Zeit wieder zu
entziehen, dass man seine Freude daran haben musste. Beim ersten Zahne des Enkels,
den sie dem Rodelbauer zeigen konnte, sagte dieser: »Ich schenke dir einen
Sechsbätzner, weil du mir die Freude machst. Aber weisst du? den, den du mir
gestohlen hast an der Hochzeit; jetzt darfst du ihn ehrlich behalten.«
    dabei war aber die schwarze Marann' nicht vergessen. Es war allerdings ein
schwer Stück Arbeit, mit ihr wieder in's Geleise zu kommen. Die Marann' wollte
vom Barfüssele nichts mehr wissen, und ihre neue Herrschaft wollte es nicht
dulden, dass sie zu ihr hinginge, besonders nicht mit dem Kinde, da man noch
immer fürchtete, dass ihm durch die Hexe ein Leid geschehe. Es bedurfte grosser
Kunst und Ausdauer, um diese Feindseligkeit zu besiegen; aber es gelang dennoch.
Ja, Barfüssele wusste es dahin zu bringen, dass der Rodelbauer die schwarze Marann'
mehrmals besuchte. Das wurde als ein wahres Wunder im ganzen Dorf berichtet.
Aber die Besuche wurden bald wieder eingestellt, denn die schwarze Marann' sagte
einmal: »Ich bin jetzt bald siebzig Jahre und ohne die Freundschaft eines
Grossbauern ausgekommen; es ist mir nicht der Mühe wert, das noch zu ändern.«
    Auch Dami war natürlich oft bei seiner Schwester, aber der junge Rodelbauer
wollte das nicht dulden, denn er sagte nicht mit Unrecht, er müsse dadurch den
grossgewachsenen Burschen auch ernähren, man in einem solchen Hause nicht
aufpassen, ob ein Dienstbote ihm nicht allerlei zustecke. Er verbot daher ausser
Sonntag Nachmittags Dami den Besuch des Hauses. Dami hatte indes selbst zu sehr
in das Behagen hineingeschaut, in einem so reich erfüllten Bauernwesen zu
stehen; ihm wässerte der Mund danach, auch so mitten drinn zu sein und sei es
nur als Knecht. Das Steinmetzenleben war gar so hungrig. Barfüssele hatte viel zu
widersprechen; er solle bedenken, dass er nun schon das zweite Handwerk habe und
dabei bleiben müsse; das sei nichts, dass man immer wieder Anderes anfange und
glaube, dabei sei man glücklich; man müsse auf dem Fleck, auf dem man steht, es
sein, sonst werde man es nie. Dami liess sich eine Zeitlang beschwichtigen, und
so gross war bereits die unwillkürliche Geltung Barfüssele's, und so natürlich die
Annahme, dass sie für ihren Bruder sorge, dass man ihn immer nur »des Barfüssele's
Dami« hiess, als wäre er nicht ihr Bruder, sondern ihr Sohn, und doch war er um
einen Kopf grösser als sie, und tat nicht als ob er ihr untertan sei. Ja, er
sprach es oft aus, wie es ihn wurme, dass man ihn für geringer halte als sie,
weil er nicht solch Maulwerk habe. Die Unzufriedenheit mit sich und seinem Beruf
liess er zuerst und immer an der Schwester aus. Sie trug es geduldig, und weil er
nun vor der Welt zeigte, dass sie ihm gehorchen müsse, gewann sie dadurch nur
immermehr an Ansehen und Uebermacht in der Oeffentlichkeit. Denn Jeder sagte: es
sei brav von dem Barfüssele, was sie an ihrem Bruder täte, und sie stieg dadurch
noch, dass sie sich von ihm gewalttätig behandeln liess, während sie für ihn
sorgte wie eine Mutter. Sie wusch und nähte ihm in den Nächten, dass er zu den
Saubersten im Dorf gehörte, und bei zwei Paar Rahmenschuhen, die sie als Teil
ihres Lohnes jedes halbe Jahr bekam, hatte sie beim Schuhmacher noch
daraufbezahlt, damit er solche ihrem Dami mache, und sie selber ging allzeit
barfuss und nur selten sah man sie einmal des Sonntags in Schuhen in die Kirche
gehen. Barfüssele hatte viel Kummer davon, dass Dami, man wusste nicht wie,
allgemeine Zielscheibe des Spottes und der Neckerei im Dorfe geworden war. Sie
liess ihn scharf darum an, dass er das nicht dulden solle, er aber verlangte: sie
möge es den Leuten wehren und nicht ihm, er könne nicht dagegen aufkommen. Das
war nun nicht tunlich, und innerlich war es dem Dami auch eigentlich gar nicht
unlieb, dass er überall gehänselt wurde; es kränkte ihn zwar manchmal, wenn Alles
über ihn lachte und viel Jüngere sich etwas gegen ihn herausnahmen, aber es
wurmte ihn noch weit mehr, wenn man ihn gar nicht beachtete, und dann machte er
sich gewaltsam zum Narren und gab sich der Neckerei preis.
    Bei Barfüssele dagegen war allerdings die Gefahr, der Einsiedel zu werden,
den die Marann' immer in ihr erkennen wollte. Sie hatte sich an eine einzige
Gespielin angeschlossen, es war die Tochter des Kohlenmates, die aber nun schon
seit Jahren in einer Fabrik im Elsass arbeitete und man hörte nichts mehr von
ihr. Barfüssele lebte so für sich, dass man sie gar nicht zur Jugend im Dorfe
zählte; sie war mit ihren Altersgenossen freundlich und gesprächsam, aber ihre
eigentliche Gespielin war doch nur die schwarze Marann'. Und eben weil Barfüssele
so abgeschieden lebte, hatte sie keinen Einfluss auf das Verhalten Dami's, der,
wenn auch geneckt und gehänselt, doch immer des Anschlusses bedürftig war und
nie allein sein konnte wie seine Schwester.
    Jetzt aber hatte sich Dami plötzlich ganz frei gemacht, und eines schönen
Sonntags zeigte er seiner Schwester die Drangabe, die er bekommen hatte, denn er
hatte sich als Knecht zum Scheckennarr von Hirlingen verdungen.
    »Hättest du mir das gesagt,« sagte Barfüssele, »ich hätte einen bessern
Dienst für dich gewusst. Ich hätte dir einen Brief gegeben an die
Landfriedbäuerin im Allgäu, und da hättest du's gehabt wie der Sohn vom Haus.«
    »O schweig' nur von der,« sagte Dami hart, »die ist mir nun schon bald
dreizehn Jahr ein paar lederne Hosen schuldig, die sie mir versprochen hat.
Weisst du noch? Damals, wie wir klein gewesen sind und gemeint haben, wir könnten
noch klopfen, dass Vater und Mutter aufmachen. Schweig' mir von der
Landfriedbäuerin, wer weiss, ob die noch mit Einem Wort an uns denkt, wer weiss ob
sie gar noch lebt.«
    »Ja sie lebt noch, sie ist ja eine Verwandte von meinem Haus und es wird oft
von ihr gesprochen, und sie hat alle ihre Kinder verheiratet bis auf einen
einzigen Sohn, der den Hof kriegt.«
    »Jetzt willst du mir nur meinen neuen Dienst verleiden,« klagte Dami, »und
sagst mir, ich hätte einen bessern kriegen können. Ist das recht?« Seine Stimme
zitterte.
    »O, sei nicht immer so weichmütig,« sagte Barfüssele. »Schwätz' ich dir denn
was von deinem Glück herunter? Du tust immer gleich, als ob dich die Gänse
beissen. Ich will dir nur noch sagen: jetzt bleib' einmal bei dem was du hast,
sei darauf bedacht, dass du auf deinem Platz bleibst. Das ist nichts, so wie ein
Kukuk jede Nacht auf einem andern Baum schlafen. Ich könnt' auch andere Plätze
kriegen, aber ich will nicht, und ich hab's dahin gebracht, dass mir's hier gut
geht. Schau, wer jede Minut' auf einen andern Platz springt, den behandelt man
auch wie einen Fremden; man weiss, dass er morgen nicht mehr zum Haus gehören kann
und da ist er schon heut nicht daheim drin.«
    »Ich brauch' deine Predigt nicht,« sagte Dami, und wollte zornig davon
gehen. »Gegen mich tust du immer kratzig und gegen die ganze Welt bist du
geschmeidig.«
    »Weil du eben mein Bruder bist,« sagte Barfüssele lachend.
    Es gelang ihr jetzt den Bruder zu beschwichtigen und sie sagte: »Schau, mir
fällt was ein, aber du musst vorher gut sein, denn auf einem bösen Herzen darf
der Rock nicht ligen. Der Rodelbauer hat ja noch die Kleider von unserm Vater
selig; du bist ja gross, die sind dir jetzt grad recht und du giebst dir auch ein
Ansehen, wenn du mit solchem rechtschaffenen Gewand auf den Hof kommst, da sehen
deine Nebendiensten auch, wo du her bist und was du für ordentliche Eltern
gehabt hast.«
    Das leuchtete Dami ein, und trotz vielem Widerspruch, denn er wollte die
Kleider jetzt noch nicht hergeben, brachte Barfüssele den alten Nodelbauer dazu,
dass er dieselben Dami einhändigte und dann führte Barfüssele den Dami hinauf in
ihre Kammer und er musste sogleich den Rock und die Weste des Vaters anziehen; er
widerstrebte, aber was sie einmal wollte, das musste doch geschehen. Nur den Hut
liess sich Dami nicht aufzwingen, und als er den Rock anhatte, legte sie die Hand
auf die Schulter und sagte:
    »So, jetzt bist du mein Bruder und mein Vater, und jetzt geht der Rock zum
Erstenmal wieder über Feld und es ist ein neuer Mensch drum. Schau Dami, du hast
das schönste Ehrenkleid, was es geben kann auf der Welt; halt' es in Ehren, sei
drin so rechtschaffen wie unser Vater selig gewesen ist.«
    Sie konnte nicht mehr weiter sprechen und legte ihr Haupt auf die Schulter
des Bruders und Tränen fielen auf das Kleid des Vaters.
    »Du sagst, ich sei weichmütig,« tröstete sie Dami, »und du bist es weit
eher.«
    Allerdings war Barfüssele von Allem schnell tief ergriffen, aber sie war
dabei auch stark und leichtlebig wie ein Kind; es war wie damals die Marann' bei
ihrem ersten Einschlafen bemerkt hatte, Wachen und Schlafen, Weinen und Lachen
hart neben einander; sie ging in jedem Ereignis und jeder Empfindung voll auf,
kam aber auch rasch wieder darüber hinweg und in's Gleichgewicht.
    Sie weinte noch immer.
    »Du machst Einem das Herz so schwer,« jammerte Dami, »und es ist schon
schwer genug, dass ich fort muss aus der Heimat unter fremde Menschen. Du hättest
mich eher aufheitern sollen, als jetzt so, so -«
    »Rechtschaffenes Denken ist die beste Aufheiterung,« sagte Barfüssele, »das
macht gar nicht schwer. Aber du hast Recht, du hast geladen genug, und da kann
ein einziges Pfund, das man darauf tut, Einen niederreissen. Aber komm, ich will
jetzt sehen, was die Sonne dazu sagt, wenn der Vater jetzt zum Erstenmal wieder
vor sie kommt. Nein, das hab' ich ja nicht sagen wollen. Komm, jetzt wirst schon
wissen, wo wir noch hingehen wollen, wo du noch Abschied nehmen musst; und wenn
du nur eine Stunde weit fortgehst, du gehst doch aus dem Ort, und da muss man
dort Abschied nehmen. Ist mir auch schwer genug, dass ich dich nicht mehr bei mir
haben soll, nein, ich meine, dass ich nicht mehr bei dir sein soll; ich will dich
nicht regieren, wie die Leute sagen. Ja, ja, die alte Marann' hat doch Recht:
allein, das ist ein grosses Wort, das lernt man nicht aus was da drin steckt. So
lang du noch da drüben über der Gasse gewesen bist, und wenn ich dich oft acht
Tage nicht gesehen habe, was tut's? Ich kann dich jede Minute haben, das ist so
gut als wenn man bei einander ist; aber jetzt? Nun, es ist ja nicht aus der
Welt. Aber ich bitt' dich, verhebe dich nicht, dass du keinen Schaden leidest,
und wenn du was zerrissen hast, schick' mir's nur; ich flick' und strick' dir
noch, und jetzt komm', jetzt wollen wir auf den Kirchhof.«
    Dami wehrte sich dagegen und wieder mit dem Vorhalte, dass es im schon schwer
genug sei, und dass er sich's nicht noch schwerer machen wolle. Barfüssele
willfahrte auch hierin. Er zog die Kleider des Vaters wieder aus und Barfüssele
packte sie in den Sack, den sie einst beim Gänsehüten als Mantel getragen hatte
und auf dem noch der Name des Vaters stand. Sie beschwor aber Dami, dass er ihr
den Sack mit nächster Gelegenheit wieder zurückschicke.
    Die Geschmister gingen mit einander fort. Ein Hirlinger Fuhrwerk fuhr durch
das Dorf. Dami rief es an und packte schnell seine Habseligkeiten auf. Dann ging
er Hand in Hand mit der Schwester das Dorf hinaus und Barfüssele suchte ihn zu
erheitern, indem sie sagte:
    »Weisst du noch, was ich dir da beim Backofen für ein Rätsel aufgegeben
habe?«
    »Nein!«
    »Besinn' dich: was ist das Beste am Backofen? Weisst's nicht mehr?«
    »Nein!«
    »Das Beste am Backofen ist, dass er das Brod nicht selber frisst.«
    »Ja, ja, du kannst lustig sein, du bleibst daheim.«
    »Du hast's ja gewollt, und du kannst auch lustig sein; wolle du nur recht.«
    Still geleitete sie ihren Bruder bis auf den Holderwasen, dort beim
Holzbirnenbaum sagte sie:
    »Hier wollen wir Abschied nehmen. Behüt' dich Gott und fürcht' dich vor
keinem Teufel.«
    Sie schüttelten sich wacker die Hände und Dami ging Hirlingen zu, Barfüssele
nach dem Dorf. Erst unten am Berg, wo Dami sie nicht mehr sehen konnte, wagte
sie es, die Schürze aufzuheben und sich die Tränen abzutrocknen, die ihr die
Wangen herabrollten, und laut vor sich hin sagte sie:
    »Verzeih' mir's Gott, dass ich das von dem Allein auch gesagt hab'; ich danke
dir, dass du mir einen Bruder gegeben hast. Lass mir ihn nur, so lang ich lebe.«
    Sie kehrte in's Dorf zurück, es kam ihr leer vor, und in der Dämmerung, als
sie die Kinder des Rodelbauern einwiegte, konnte sie nicht ein einziges Lied
über die Lippen bringen, während sie sonst immer sang wie eine Lerche. Sie musste
immer denken, wo jetzt ihr Bruder sei, was man mit ihm rede, wie man ihn
empfange, und doch konnte sie sich das nicht vorstellen. Sie wäre gern hingeeilt
und hätte gern allen Menschen gesagt, wie gut er sei und dass sie gegen ihn auch
gut sein mögen; aber sie tröstete sich wieder, dass Niemand ganz und überall für
den Andern sorgen könne. Und sie hoffte, es würde ihm gut tun, dass er sich
selber fortelfe.
    Als es schon Nacht war, ging sie in ihre Kammer, wusch sich auf's Neue,
zöpfte sich frisch und kleidete sich nochmals an, als ob es Morgen wäre; und mit
dieser seltsamen Verdoppelung des neuen Tages begann ihr fast nochmals ein neues
Erwachen.
    Als Alles schlief, ging sie noch einmal hinüber zur schwarzen Marann' und
ohne Licht sass sie Stundenlang bei ihr am Bett in der dunklen Stube; sie
sprachen davon wie das sei, wenn man einen Menschen draussen in der Welt habe,
der doch ein Stück von Einem sei, und erst als die Marann' eingeschlafen war,
schlich sich Barfüssele davon. Sie nahm aber noch den Kübel und trug Wasser für
die Marann' und legte das Holz auf den Herd und so geschichtet, dass es am andern
Morgen nur angezündet zu werden brauchte. Dann erst ging sie nach Hause.
    Was ist Wohltätigkeit, die in Geldspenden besteht? Eine in die Hand gelegte
fremde Kraft, die wiederum von ihr entäussert wird. Wie anders ist es, die
eingeborne Kraft selbst einzusetzen, ein Stück Leben hinzugeben und noch dazu
das einzige das verblieben ist. Die Stunden der Ruhe, die Sonntagsfreiheit, die
Barfüssele gegeben war, opferte sie alle der schwarzen Marann' und sie liess sich
dabei noch zanken und schelten, wenn sie Etwas gegen die Gewohnheit der
Eigenbrätlerin getan hatte; und es fiel ihr nicht ein, dabei zu denken oder zu
sagen: wie könnt' Ihr mich noch zanken und schelten über etwas was ich Euch
schenke? Ja sie wusste kaum mehr dass sie es tat. Nur wenn sie an Sonntagsabenden
bei der Vereinsamten still vor dem Hause sass und zum Tausendstenmale gehört
hatte, welch ein schmucker Bursch der Johannes am Sonntag gewesen sei und wenn
dann die jungen Burschen und Mädchen durch das Dorf zogen und allerlei Lieder
sangen, da wurde sie etwas davon gewahr, dass sie hier sass und ihre Lustbarkeit
opferte und sie sang leise vor sich hin die Lieder mit, die von den Wandelnden
im Verein gesungen wurden; aber wenn sie die Marann' ansah, hielt sie inne und
sie dachte darüber nach, wie es doch eigentlich gut wäre, dass der Dami nicht
mehr im Dorf sei. Er war nicht mehr die Zielscheibe allgemeiner Neckerei und
wenn er zurückkam, war er gewiss ein Bursch vor dem alle Respekt haben mussten.
    An Winterabenden, wenn im Hause des Rodelbauern gesponnen und gesungen
wurde, da allein durfte Barfüssele mitsingen, und obgleich sie einen hellen,
lauten Ton hatte, liess sie sich doch dazu herbei, fast immer die zweite Stimme
zu singen. Die Rosel, des Rodelbauern noch ledige Schwester, die um ein Jahr
älter als Barfüssele war, sang immer die erste Stimme, und es verstand sich von
selbst, dass auch die Stimme Barfüssele's ihr dienen musste, wie denn überhaupt die
Rosel, eine stolze und schneidige Person, das Barfüssele durchaus als Lasttier
im Hause betrachtete und behandelte; allerdings weniger vor den Leuten als im
Geheimen. Und eben weil Barfüssele im ganzen Dorf dafür angesehen war, dass sie im
Hauswesen des Rodelbauern wacker angriff und Alles in Stand hielt, war es eine
Hauptangelegenheit der Rosel, sich bei den Leuten zu berühmen, wie viel Geduld
man mit dem Barfüssele haben müsse; wie ihm die Gänsehirtin in allen Stücken
nachginge, und wie sie es als ein Werk der Barmherzigkeit betrachte, das
Barfüssele nicht so vor den Augen der Welt erscheinen zu lassen wie es eigentlich
sei.
    Ein besonderer Gegenstand des Aufziehens und des nicht immer wähligen
Spottes waren die Schuhe des Barfüssele. Trotzdem es fast immer barfuss ging, und
höchstens im Winter in abgeschnittenen Stiefeln des Bauern, liess es sich dennoch
bei jedem halbjährigen Lohne die gebräuchlichen Rahmenschuhe geben; sie standen
aber oben in der Kammer unberührt und Barfüssele ging doch so stolz, als hätte es
alle die Schuhe auf Einmal an.
    Sechs Paar Schuhe standen neben einander seitdem Dami beim Scheckennarren
diente. Die Schuhe waren mit Heu ausgestopft und von Zeit zu Zeit tränkte sie
Barfüssele mit Fett, damit sie geschmeidig blieben. Barfüssele war vollauf
herangewachsen, nicht sehr hoch, aber stämmig untersetzt. Sie kleidete sich
immer ärmlich, aber sauber und anmutig, und Anmut ist die Pracht der Armut,
die nichts kostet und nicht zu kaufen ist. Nur weil der Rodelbauer es der Ehre
des Hauses angemessen hielt, zog Barfüssele des Sonntags ein besseres Kleid an,
um sich vor den Leuten zu zeigten; dann aber kleidete sie sich rasch wieder um,
und sass bei der schwarzen Marann' in ihrem Werktagskleide oder sie stand auch
bei ihren Blumen, die sie vor ihrem Dachfenster in alten Töpfen pflegte. Nelken,
Gelbveigelein und Rosmarin gediehen hier vortrefflich, und wenn sie auch manchen
Ableger davon auf das Grab der Eltern gepflanzt hatte, es wucherte Alles doppelt
nach, und die Nelken hingen in windenartigen Büscheln fast hinab bis auf den
Laubengang, der sich um das ganze Haus zog. Das weit vorgeneigte Strohdach des
Hauses bildete aber auch einen vortrefflichen Schutz für die Blumen und wenn
Barfüssele daheim war, fiel im Sommer kein warmer Regen, bei dem sie nicht die
Blumenscherben in den Garten trug, um sie dort ganz nahe dem mütterlichen Boden
vollregnen zu lassen. Besonders ein kleiner Rosmarinstock, der in dem Topfe war,
den einst Barfüssele auf dem Holderwasen zum allgemeinen Gebrauch bei sich gehabt
hatte, besonders dieser Rosmarinstock war äusserst zierlich gebaut wie ein
kleiner Baum, und Barfüssele ballte oft die rechte Faust und schlug die andere
Hand darüber, indem sie vor sich hin sagte:
    »Wenn's eine Hochzeit gibt von meinen Nächsten, ja von meinem Dami, dann
steck' ich den an.« Ein anderer Gedanke stieg in ihr auf, vor dem sie errötete
bis in die Schläfe hinein und sie beugte sich und roch an dem Rosmarin: wie
einen Duft aus der Zukunft sog sie Etwas aus ihm ein und mit wilder Hast
versteckte sie das Rosmarinstämmchen zwischen die andern grossen Pflanzen, dass
sie es nicht mehr sah und eben schloss sie das Fenster, da läutete es Sturm.
    »Es brennt beim Scheckennarren in Hirlingen!« hiess es bald. Die Spritze
wurde herausgetan und Barfüssele fuhr auf derselben mit der Löschmannschaft
davon.
    »Mein Dami! mein Dami!« jammerte sie immer in sich hinein, aber es war ja
Tag und bei Tag konnten Menschen nicht in einem Brande verunglücken. Und
richtig! als man bei Hirlingen ankam, war das Haus schon niedergebrannt, aber am
Wege in einem Baumgarten stand Dami und band eben die beiden Schecken, schöne,
stattliche Pferde an einen Baum, und rings herum lief Alles scheckig, Ochsen,
Kühe und Rinder.
    Man hielt an, Barfüssele durfte absteigen, und mit einem: »Gottlob, dass dir
nichts geschehen ist,« eilte sie auf den Bruder zu. Dieser aber antwortete ihr
nicht und hielt beide Hände auf den Hals des einen Gaules gelegt.
    »Was ist? Warum redest du nicht? hast du dir Schaden getan?«
    »Ich nicht, aber das Feuer.«
    »Was ist denn?«
    »All mein Sach' ist verbrannt, meine Kleider und mein bisschen Geld. Ich habe
nichts als was ich auf dem Leib trage.«
    »Und des Vaters Kleider sind auch verbrannt?«
    »Sind sie denn feuerfest?« sagte Dami zornig. »Frage nicht so dumm.«
    Barfüssele wollte weinen über dieses harte Anlassen des Bruders, aber sie
fühlte rasch, wie durch einen Naturtrieb, dass Unglück sehr oft im ersten Anprall
unwirsch, hart und händelsüchtig macht; sie sagte daher nur:
    »Dank' Gott, dass du dein Leben noch hast, des Vaters Kleider, freilich, da
ist was mit verbrannt, was man sich nicht mehr erwerben kann, aber sie wären
doch auch einmal zu Grunde gegangen, so oder so.«
    »All dein Geschwätz ist für die Katz',« sagte Dami und streichelte immer das
Pferd. »Da steh' ich nun wie der Gott verlass mich nicht. Da, wenn die Gäule
reden könnten, die würden anders reden, aber ich bin eben zum Unglück geboren.
Was ich gut tue, ist nichts, und doch« -
    Er konnte nicht mehr reden, es erstickte ihm die Stimme.
    »Was ist denn geschehen?«
    »Da die Gäule und die Kühe und Ochsen, ja es ist uns kein Stückle Vieh
verbrannt ausser den Schweinen, die haben wir nicht retten können. Schau, der
Gaul da drüben, der hat mir da mein Hemd aufgerissen, wie ich ihn aus dem Stall
ziehe, mein zuderhändiger Gaul der hat mir nichts getan, der kennt mich. Gelt,
du kennst mich, Humpele? Gelt wir kennen einander?« Der Gaul legte seinen Kopf
über den Hals des andern und schaute Dami gross an, der jetzt fortfuhr:
    »Und wie ich dem Bauer mit Freude berichte, dass ich das Vieh alles gerettet
habe, da sagt er: das war nicht nötig, ist Alles versichert und gut, hätt' mir
besser bezahlt werden müssen! Ja, denk' ich bei mir, aber dass das unschuldige
Vieh sterben soll, ist denn das nichts? Ist's denn, wenn's bezahlt ist, Alles?
Ist denn das Leben nichts? Der Bauer muss mir was angesehen haben von dem was ich
denk', und da fragt er mich: du hast doch dein Gewand und dein Sach' gerettet?
und da sag' ich: nein, nein, kein Fädele, ich bin gleich in den Stall
gesprungen, und da sagt er: du bist ein Tralle! Wie? sag' ich, Ihr seid ja
versichert, wenn das Vieh bezahlt worden wäre, da werden doch auch meine Kleider
bezahlt und es sind auch noch Kleider von meinem Vater selig dabei und vierzehn
Gulden, meine Taschenuhr und meine Pfeife. Und da sagt er: rauch draus! Mein
Sach' ist versichert und nicht das von den Dienstboten! Ich sag': das wird sich
zeigen, und ich lass' es auf einen Prozess ankommen, und da sagt er: so jetzt
kannst du gleich gehen. Wer einen Prozess anfangen will, hat aufgekündigt. Ich
hätte dir ein paar Gulden geschenkt, aber so kriegst du keinen Heller. Jetzt
mach', dass du fortkommst! ... Da bin ich nun, und ich mein', ich sollt' meinen
zuderhändigen Gaul mitnehmen, ich hab' ihm das Leben gerettet, und er ging' gern
mit mir. Gelt du? Aber ich habe das Stehlen nicht gelernt, und ich wüsst' mir
auch nicht zu helfen, und es wäre am besten, ich spränge jetzt in's Wasser. Ich
komme mein Lebtag zu nichts und ich hab' nichts.«
    »Aber ich hab' noch und will dir helfen.«
    »Nein, das tu' ich nicht mehr, dass ich dich aussauge; du musst dir's auch
sauer verdienen.«
    Es gelang Barfüssele ihren Bruder zu trösten und ihn so weit zu bringen, dass
er mit ihr heimging; aber kaum waren sie hundert Schritte gegangen, als etwas
hinter ihnen drein trabte. Der Gaul hatte sich losgerissen und war Dami gefolgt
und dieser musste das Tier, das er so sehr liebte, mit Steinwürfen zurückjagen.
    Dami schämte sich seines Unglücks und liess sich fast vor keinem Menschen
sehen. Weil er sein Unglück nicht verbergen konnte und Spott darüber fürchtete,
versteckte er sich selber.
    Nur an den ersten Häusern des Dorfes hielt er sich auf. Die schwarze Marann'
schenkte ihm einen Rock ihres erschossenen Mannes. Dami hatte einen
unüberwindlichen Abscheu davor, ihn anzuziehen, aber Barfüssele, die ehedem den
Rock des Vaters als ein Heiligtum betrachtet und gepriesen hatte, fand jetzt
eben so viel Gründe zu beweisen, dass ein Rock doch eigentlich nichts sei, dass
gar nichts darauf ankäme, wer ihn einst auf dem Leibe gehabt.
    Der Kohlenmates, der nicht weit von der schwarzen Marann' wohnte, nahm Dami
mit als Gehülfen beim Holzschlagen und Kohlenbrennen. Dami war das abgeschiedene
Leben am willkommensten; er wollte nur noch ausharren, bis er Soldat werden
musste und dann wollte er als Einsteher eintreten und auf Lebenszeit Soldat
bleiben; beim Soldatenleben ist doch Gerechtigkeit und Ordnung und da hat
Niemand Geschwister und Niemand ein eigen Haus und man ist in Kleidung und
Speise und Trank versorgt und wenn's Krieg gibt, ist ein frischer Soldatentod
noch das Beste.
    Das war es was Dami am Sonntag im Moosbrunnenwalde aussprach, wenn Barfüssele
hinabkam zum Meiler, ihm Schmalz und Mehl und Rauchtabak brachte und ihn oft
belehren wollte, wie er ausser der gewöhnlichen Speise der Waldköhler, die in
schmalzgebähtem Brod besteht, auch die Knödel die er sich selbst bereitete,
schmackhafter machen könne; aber Dami wollte das nicht, gerade so wie sie
auskamen, war es ihm recht: er würgte gern Schlechtes hinab, obgleich er hätte
Besseres essen können und überhaupt gefiel er sich in einer Selbstverwahrlosung,
bis er einst zum Soldaten herausgeputzt würde. Barfüssele kämpfte gegen dieses
ewige Hinausschauen nach einer kommenden Zeit und das Verlorengehenlassen der
Gegenwart, sie wollte den Dami, der sich in innerer Schlaffheit wohlgefiel und
sich dabei selbst bemitleidete, immer aufrichten; aber diesem schien in dem
inneren Zerfallen fast wohl zu sein. Er konnte sich eben dabei recht
bemitleiden, und bedurfte keiner Kraftanstrengung. Nur mit Mühe brachte es
Barfüssele dahin, dass sich Dami von seinem Verdienste wenigstens eine eigene Axt
erwarb und zwar die des Vaters, die der Kohlenmates bei der Versteigerung
gekauft hatte.
    In tiefer Verzweiflung kehrte oft Barfüssele aus dem Walde zurück, aber sie
hielt nicht lange an; die innere Zuversicht und der frohe Mut der in ihr lebte,
drängte sich unwillkürlich als heller Gesang auf ihre Lippen, und wer es nicht
wusste, hätte nie gemerkt, dass Barfüssele je einen Kummer gehabt oder je einen
habe. Die Freudigkeit, die aus der unbewussten Empfindung floss, dass sie straff
und unverdrossen ihre Pflicht tat und Wohltätigkeit übte an der schwarzen
Marann' und an Dami, prägte ihrem Antlitz eine unvertilgbare Heiterkeit auf. Im
ganzen Hause konnte Niemand so gut, lachen als das Barfüssele, und der alte
Rodelbauer sagte: ihr Lachen töne just wie Wachtel schlag, und weil sie ihm
allzeit dienstfertig und ehrerbietig war, gab er ihr zu verstehen, dass er sie
einstmals in sein Testament setze. Barfüssele kümmerte sich nicht darum und baute
nicht viel darauf, sie erwartete nur den Lohn, den sie mit Recht und Sicherheit
ansprechen konnte, und was sie Gutes tat, tat sie aus einem innern Wohlwollen
ohne auf Entgelt zu warten.
 
                                8. Sack und Axt.
Das Haus des Scheckennarren war wieder aufgebaut, stattlicher als je; der Winter
kam herbei und die Loosung der Rekruten. Noch nie war mehr Betrübnis über ein
glückliches Loos entstanden als da Dami sich freispielte. Er war wie verzweifelt
und Barfüssele fast mit ihm, denn auch ihr war der Soldatenstand als treffliches
Mittel erschienen, um das lässige Wesen Dami's aufzurichten; dennoch sagte sie
ihm jetzt:
    »Nimm das als Fingerzeig, du sollst jetzt für dich selber als Mann
einstehen. Aber du tust noch immer wie ein kleines Kind, das nicht allein essen
kann und dem man zu essen geben muss.«
    »Du wirfst mir vor, dass ich dich ausfresse?«
    »Nein, das mein ich nicht. Sei nicht immer so leidmütig, steh' nicht immer
da: wer will mir was tun? Gutes oder Böses? Schlag' selber um dich!«
    »Und das will ich auch und ich hole weit aus!« schloss Dami. Er gab lange
nicht kund, was er eigentlich vorhatte, aber er ging seltsam aufrecht durch das
Dorf und sprach frei mit Jedem, er arbeitete fleissig im Walde bei den
Holzschlägern, er hatte die Axt des Vaters und mit ihr fast die Kraft dessen,
der sie ehedem so rüstig gehandhabt.
    Als ihm Barfüssele einmal im Frühlingsanfang bei der Heimkehr vom
Moosbrunnenwald begegnete, sagte er, die Axt von der Schulter nehmend: »Was
meinst, wo die hingeht?«
    »In's Holz!« antwortete Barfüssele. »Aber sie geht nicht allein, man muss sie
hacken.«
    »Hast Recht, aber sie geht zu ihrem Bruder, und der Eine hackt hüben und der
Andere drüben und da krachen die Bäume wie geladene Kanonen und du hörst nichts
davon, oder wenn du willst, ja aber sonst Keiner im Ort.«
    »Ich verstehe dich vom Simri kein Mässle,« antwortete Barfüssele. »Ich bin zu
alt zum Rätselaufgeben. Red' deutlich.«
    »Ja, ich gehe zum Ohm nach Amerika.«
    »So? Gleich heut?« scherzte Barfüssele. »Weisst wie des Maurers Martin einmal
seiner Mutter zum Fenster hinaufgerufen hat: Mutter, wirf mir ein frisches
Sacktuch 'raus, ich will nach Amerika spaziren? Die so leicht fliegen wollen,
sind alle noch da.«
    »Wirst schon sehen, wie lang' ich noch da bin,« sagte Dami und ging ohne
Weiteres fort in das Haus des Kohlenmates. Barfüssele wollte sich über den
lächerlichen Plan Dami's lustig machen, aber es gelang ihr nicht; sie fühlte,
dass etwas Ernst dabei sei, und noch in der Nacht, als Alles schon im Bett lag,
eilte sie zu ihrem Bruder und erklärte ihm ein für allemal, dass sie nicht
mitgehe. Sie glaubte ihn dadurch plötzlich besiegt zu haben, aber Dami sagte
kurzweg: »Ich bin dir nicht angewachsen.« Sein Plan wurde immer fester.
    In Barfüssele war auf einmal wieder all das Wogen von Ueberlegungen, das sie
schon einmal in der Kindheit befallen hatte; aber jetzt sprach sie nicht mehr
mit dem Vogelbeerbaum, als ob er ihr Antwort geben könne, und aus allen
Erwägungen heraus lautete der Schluss: »Er hat Recht, dass er geht; ich hab' aber
auch Recht, dass ich da bleibe!« Sie freute sich eigentlich innerlich, dass Dami
einen so kühnen Entschluss fassen könne, das zeigte doch von männlicher Kraft;
und tat es ihr auch tief wehe, fortan vielleicht allein zu sein in der weiten
Welt, so fand sie es doch Recht, dass der Bruder mit gesundem Mut hinausgriff.
Dennoch glaubte sie ihm noch nicht ganz. Am andern Abend passte sie ihm ab und
sagte ihm:
    »Sprich nur mit keinem Menschen von deinem Auswanderungsplan, sonst wirst du
ausgelacht, wenn du's nicht ausführst.«
    »Hast Recht!« sagte Dami, »aber nicht deswegen; ich fürchte mich nicht
davor, mich vor andern Menschen zu binden; so gewiss als ich die fünf Finger da
an der Hand habe, so gewiss gehe ich, ehe hier die Kirschen zeitig sind; und wenn
ich mich durchbetteln und wenn ich mich durchstehlen muss, dass ich fortkomme. Nur
das Eine tut mir weh, dass ich fort muss und nicht dem Scheckennarren einen Tuck
antun kann, den er sein Leben lang spürt.«
    »Das ist die rechte Grossmännigkeit,« eiferte Barfüssele, »das ist die echte
Herzensliederlichkeit, einen Rachegedanken hinter sich zu lassen. Dort, dort
drüben liegen unsere Eltern, komm' mit, komm' mit auf ihr Grab und sage das dort
noch einmal, wenn du kannst. Weisst, wer der Nichtsnutzigste ist? Wer sich
verderben lässt. Gieb die Axt her, du bist nicht wert da die Hand zu haben, wo
der Vater seine Hand gehabt hat, wenn du das nicht gleich mit Stumpf und Stiel
aus der Seele reissest! Die Axt gieb her! Die soll kein Mensch haben, der von
Stehlen und Morden spricht. Die Axt gieb her! Oder ich weiss nicht was ich tue.«
    Kleinlaut sagte Dami: »Es ist nur so ein Gedanke gewesen. Glaub' mir, ich
hab's nicht gewollt, ich kann ja das auch nicht; aber weil sie mich immer so den
Kegelbuben heissen, da hab' ich gemeint, ich müsse auch einmal wettern und
dreinfluchen und dreinhauen. Aber du hast Recht. Sieh, wenn du willst, gehe ich
noch heut Nacht hin zum Scheckennarren und sage ihm, dass ich keinen bösen
Gedanken im Herzen gegen ihn hab'.«
    »Das brauchst du nicht, das ist wieder zu viel; aber weil du so Einsicht
annimmst, so will ich dir helfen was ich kann.«
    »Das Beste wäre, du gingest mit.«
    »Nein, das kann ich nicht, ich weiss nicht warum, aber ich kann nicht. Aber
das habe ich nicht verschworen: wenn du mir schreibst, dass dir's beim Ohm gut
geht, da komme ich nach. So in den Nebel hinein, wo man nichts weiss ... ich
ändere nicht gern, und ich hab's ja eigentlich gut hier. Aber jetzt lass uns
überlegen, wie du fort kommst.«
    Es ist eine Eigenheit vieler Auswandernden, und gibt Zeugnis von einer
finstern Seite der Menschennatur überhaupt und unserer vaterländischen Zustände
insbesondere, dass die lebendig Scheidenden gern noch vor ihrem Abgang ungestraft
Rache nehmen, und bei Vielen ist es das Erste was sie in der neuen Welt tun,
dass sie nach der alten Welt an die Gerichte schreiben, und allerlei Angebereien
über geheimgebliebene Verbrechen machen.
    Es waren schreckliche Beispiele dieser Art in der Gegend vorgekommen, und
Barfüssele flammte darum doppelt im Zorn auf, weil auch ihr Bruder sich zu den
aus dem Verstecke Schiessenden hatte gesellen wollen. Darum war sie jetzt doppelt
zufrieden, als sie den bösen Willen Dami's besiegt hatte; denn tiefer als alle
Wohltat erquickt das innere Gefühl, einen Andern von Laster und Irrweg
zurückgeführt zu haben.
    Mit der ganzen sichern Klarheit ihres Wesens erwog sie nun alle Umstände.
Die Frau des Ohms hatte an ihre Schwester geschrieben, dass es ihnen wohlgehe,
und so wusste man den Aufentaltsort des Ohms.
    Die Ersparnisse Dami's waren sehr gering, und auch die Barfüssele's reichten
nicht voll aus. Dami sprach davon, dass die Gemeinde ihm eine namhafte Beisteuer
geben müsse; die Schwester wollte nichts davon wissen, und sie sagte: »Das soll
das Letzte sein, wenn alles Anders fehlgeschlagen hat.« Sie erklärte nicht, was
sie noch sonst versuchen könne. Ihr erster Gedanke war allerdings, sich an die
Landfriedbäuerin in Zusmarshofen zu wenden; aber sie wusste, wie solch ein
Bettelbrief einer reichen Bäuerin erscheinen müsse, die vielleicht auch nicht
einmal baar Geld habe; dann dachte sie an den Rodelbauer, der ihr versprochen
hatte, sie in sein Testament zu setzen, er sollte ihr das Zugedachte jetzt
geben, und wenn es auch weniger sei. Dann fiel ihr wieder ein, dass man
vielleicht den Scheckennarren, dem es wieder überaus wohl erging, zu einer
Beisteuer bewegen könne. Sie sagte von alledem dem Dami nichts, aber wie sie
sein Gewand musterte, wie sie mit vieler Mühe der schwarzen Marann' von ihrer
aufgespeicherten Leinwand ein Stück auf Borg abkaufte, alsbald zuschnitt und in
der Nacht vernähte, alle diese entschiedenen Vorbereitungen machten Dami fast
zittern. Er hatte freilich getan, als ob der Auswanderungsplan bei ihm
unerschütterlich fest sei, und doch kam er sich jetzt wie gebunden, wie
gezwungen vor, als ob er durch den festen Willen der Schwester zur Ausführung
genötigt würde. Ja, die Schwester erschien ihm fast harterzig, als ob sie ihn
fortdränge, ihn los sein wolle. Er wagte jedoch nicht, dies deutlich zu sagen,
er wusste nur allerlei Quengeleien vorzubringen und Barfüssele deutete diese als
das verdeckte Wehe des Abschieds, das kleine Hindernisse gern als Nötigung
annimmt, um sich von einem Vorhaben abbringen zu lassen und doch dabei eine
Entschuldigung vor sich zu haben. Sie machte sich nun vor Allem an den alten
Rodelbauer und verlangte geradezu, dass er ihr das Erbstück, welches er schon
lange versprochen, jetzt gebe.
    Der alte Rodelbauer sagte: »Was pressirst du so? Kannst nicht warten? Was
hast?«
    »Nichts hab' ich und kann nicht warten.« Sie erzählte, dass sie ihren Bruder
aussteuern wolle, der nach Amerika auswandere. Das war ein glücklicher Griff für
den alten Rodelbauer; er konnte seine Zähigkeit noch als Gutmütigkeit, als
weise Fürsorge hinstellen, und bedeutete Barfüssele, dass er ihr jetzt keinen
roten Heller gebe, er wolle nicht schuld sein, dass sie sich ganz ausziehe für
ihren Bruder. Nun bat Barfüssele, dass er der Fürsprech sei beim Scheckennarren;
dazu liess er sich endlich herbei, und tat gross damit, dass er sich zum Betteln
hergebe bei einem fremden Mann für einen fremden Menschen; aber die Ausführung
verschob er von Tag zu Tag, bis er sich endlich, da Barfüssele nicht abliess, auf
den Weg machte. Wie vorauszusehen war, kam er mit leerer Hand zurück, denn des
Scheckennarren erste Frage war natürlich: was denn der Rodelbauer gebe? Und als
dieser geradezu sagte, dass er sich vor der Hand zu nichts verstehe, so war das
der gewiesene Weg und der Scheckennarr blieb auch auf demselben. Als Barfüssele
ihren Kummer über diese Harterzigkeit der schwarzen Marann' klagte, rief diese
aus: »Ja, so sind die Menschen! Wenn morgen Einer in's Wasser springt, und man
zieht ihn todt heraus, da sagt ein Jedes: hätt' er mir's nur gesagt, was ihm
fehlt, ich hätt's ihm ja gern gegeben und ihm in Allem geholfen. Was gab' ich
nicht drum, wenn ich ihn wieder in's Leben bringen könnte! - Aber ihn beim Leben
erhalten, dazu wollte sich keine Hand auftun.«
    Und eben dadurch, dass sich Barfüssele die ganze Schwere der Dinge immer voll
auf tat, lernte sie sie leicht ertragen. »Drum muss man sich nur auf sich selbst
verlassen,« war ihr innerer Wahlspruch, und statt sich niederdrücken zu lassen
von Hindernissen, wurde sie dadurch nur immer schnellkräftiger. Sie raffte
zusammen und machte zu Gelde, was sie nur hatte, und der reiche Anhenker, den
sie einst von der Landfriedbäuerin erhalten, wanderte zur Wittwe des alten
Heiligenpflegers, die sich in ihrem Wittwenstande an einem ergiebigen Wucher auf
Faustpfänder erfreute. Auch der Dukaten, den sie dem Oberbaurat auf dem
Kirchhofe einst nachgeworfen hatte, wurde jetzt wieder gefordert und seltsamer
Weise erbot sich nun der Rodelbauer, beim Gemeinderat in dem er sass, eine
namhafte Unterstützung für den auswandernden Dami zu erwirken. Mit öffentlichen
Geldern war er gern grossmütig und tugendhaft. Dennoch erschrak Barfüssele, als
er ihr nach wenigen Tagen verkündete, es sei beim Gemeinderat Alles bewilligt,
aber nur auf die Bedingung hin, dass Dami das Heimatsrecht im Dorf aufgebe. Das
hatte sich von selbst verstanden, man hatte gar nicht anders gedacht; aber
jetzt, da es eine Bedingung war, erschien es als ein Schreckbild: nirgends mehr
daheim zu sein. Dem Dami sagte Barfüssele nichts von diesen ihren Gedanken und
Dami schien wieder froh und wohlgemut. Besonders die schwarze Marann' redete
ihm viel zu, denn sie hätte gern das ganze Dorf in die Fremde geschickt, um
endlich Kunde von ihrem Johannes zu bekommen; und jetzt glaubte sie steif und
fest, dass ihr Johannes über dem Meer sei. Der Krappenzacher hatte ihr gesagt:
das Meer, die salzige Flut, Verhindere die Tränen, die man um Einen weinen
wolle, der am andern Ufer sei.
    Barfüssele erhielt von ihrer Diensterrschaft die Erlaubnis, den Bruder zu
begleiten, als er seinen Ueberfahrtsvertrag mit dem Agenten in der Stadt
abschliessen wollte. Wie erstaunten sie aber, als sie hier hörten, dass dies
bereits geschehen sei. Der Gemeinderat hatte es schon bewerkstelligt, und Dami
genoss des Armenrechtes und der entsprechenden Verpflichtungen. Er musste vom
Schiff aus, bevor dasselbe in's weite Meer segelte, eine Bescheinigung seiner
Abfahrt unterzeichnen und erst dann wurde das Geld ausgezahlt.
    Traurig kehrten die Geschwister heim in's Dorf, schweigend gingen sie dahin.
Dami war von Verdrossenheit überfallen, dass nun Etwas geschehen müsse, weil er's
einmal gesagt, und Barfüssele empfand ein tiefes Wehe, dass doch ihr Bruder
eigentlich wie auf dem Schub fortgeschaft würde. An der Gemarkung sagte Dami
laut zu dem Stock, auf dem der Ortsname und Amtsbezirk stand:
    »Du da! Behüt' dich Gott! Ich bin nicht mehr bei dir daheim, und alle
Menschen da drin die, sind mir jetzt grad so viel wie du.«
    Barfüssele weinte, aber sie nahm sich vor, dass dies das Letztemal sein solle
bis zur Abreise Dami's und auch bei dieser selbst. Sie hielt Wort. Die Leute im
Dorfe sagten: das Barfüssele müsse kein Herz im Leibe haben, denn es waren ihr
die Augen nicht nass geworden als ihr Bruder schied und die Leute wollen gern
selbst die Tränen sehen. Was kümmern sie die heimlich geweinten? Barfüssele aber
hielt sich wach und straff. Nur in den letzten Tagen vor der Abreise Dami's
versäumte sie zum Erstenmal ihre Pflicht, denn sie vernachlässigte ihre Arbeit
und war immer beim Dami; sie liess sich von der Rosel darüber ausschelten und
sagte nur: »Du hast Recht.« Sie lief aber doch ihrem Bruder überall nach, sie
wollte keine Minute verlieren, da er noch da war, sie meinte, sie könne ihm in
jedem Augenblick noch etwas Besonderes erweisen, noch etwas Besonderes sagen für
Lebenlang, und quälte sich wieder, dass sie ganz gewöhnliche Sachen sprach, ja,
dass sie sogar manchmal mit ihm stritt.
    O diese Abschiedsstunden, wie bedrücken sie das Herz, wie presst sich da alle
Vergangenheit und Zukunft in einen Augenblick zusammen und man weiss nirgends
anzufassen und nur ein Blick, eine Berührung muss Alles sagen!
    Amrei gewann indes doch noch Worte. Als sie ihrem Bruder das Leinenzeug
vorzählte, sagte sie: »Das sind gute saubere Hemden, halt' dich gut und sauber
drin.« Und als sie Alles in den grossen Sack packte, auf dem noch der Name des
Vaters stand, sagte sie: »Bring' den wieder mit, voll lauter Gimgold. Wirst
sehen, wie gern du dann hier wieder die Bürgerannahme bekommst, und des
Rodelbauern Rosel, wenn sie bis dahin noch ledig ist, springt dir über sieben
Häuser nach.« Und als sie die Axt des Vaters in die grosse Kiste legte, sagte
sie: »O wie glatt ist der Stiel! Wie oft ist er durch des Vaters Hand gegangen
und ich mein', ich spür' noch seine Hand da drauf. So, jetzt hab' ich das
Wahrzeichen: Sack und Axt. Arbeiten und Einsammeln das ist das Beste und da
bleibt man lustig und gesund und glücklich. Behüt' dich Gott und sag' auch recht
oft vor dich hin: Sack und Axt. Ich will's auch oft tun und das soll unser
Gedenken sein, unser Zuruf, wenn wir weit, weit von einander sind, bis du mir
schreibst oder mich holst oder wie du's kannst, wie's eben Gott will, Sack und
Axt! da drin steckt Alles. Da kann man Alles hineintun, alle Gedanken und Alles
was man erworben hat.«
    Und noch als Dami auf dem Wagen sass und sie ihm zum Letztenmal die Hand
reichte, die sie lange nicht lassen wollte, bis er endlich davon fuhr, da rief
sie ihm noch mit heller Stimme nach: »Sack und Axt! Vergiss das nicht.« Er
schaute zurück und winkte, und - war verschwunden.
 
                            9. Ein ungebetener Gast.
Gelobt sei Amerika! rief der Nachtwächter zum Ergötzen Aller mehrere Nächte beim
Stundenanrufen aus, statt des üblichen Dankspruches gegen Gott. Und der
Krappenzacher, der, weil er selber nichts galt, gern bei den »rechten« Leuten
auf die Armen schimpfte, sagte am Sonntag beim Ausgang aus der Kirche und
Nachmittags auf der langen Bank vor dem Auerhahn: »Der Columbus ist ein wahrer
Heiland gewesen. Von was kann der Einen nicht Alles erlösen! Ja, das Amerika ist
der Saukübel von der alten Welt, da schüttet man hinein, was man in der Küche
nicht mehr brauchen kann: Kraut und Rüben und Alles durcheinander und für die,
wo im Schloss hinterm Haus wohnen und Französisch verstehen oui! oui! ist es noch
ein gutes Fressen.«
    Bei der Armut an Gesprächstoffen war natürlich der ausgewanderte Dami
geraume Zeit Gegenstand der Unterhaltung; und wer zum Gemeinderat gehörte,
pries seine Weisheit, dass er sich von einem Menschen befreit habe, der gewiss
einmal der Gemeinde zur Last gefallen wäre. Denn wer in allerlei Gewerben
herumkutschirt, fährt in's Elend.
    Natürlich gab es viele gutmütige Menschen, die Barfüssele Alles berichteten,
was man über ihren Bruder sagte und wie man über ihn spottete. Aber Barfüssele
lachte darüber, und als von Bremen aus ein schöner Brief von Dami kam - man
hätte es gar nicht geglaubt, dass er Alles so ordentlich setzen kann - da
triumphirte sie vor den Augen der Menschen und las den Brief mehrmals vor.
Innerlich aber war sie traurig, einen solchen Bruder wohl auf ewig verloren zu
haben. Sie machte sich Vorwürfe, dass sie ihn nicht genug habe aufkommen lassen,
dass sie ihn nicht genug vorn hin gestellt habe; denn das zeigte sich jetzt,
welch ein geweckter Bursch der Dami war und dabei so gut. Er, der von Allem im
Dorf hatte Abschied nehmen wollen wie von dem Stock an der Gemarkung, füllte
jetzt fast eine ganze Seite mit lauter Grüssen an Einzelne und Jeder hiess der
»Liebe« und der »Gute« und der »Brave« und Barfüssele erntete viel Lob, überall
wo sie die Grüsse ausrichtete und dabei immer genau zeigte: »Seht, da steht's!«
    Barfüssele war eine Zeitlang still und in sich gekehrt, es schien sie zu
gereuen, dass sie den Bruder fortgelassen oder nicht mit ihm gegangen war. Sonst
hörte man sie in Stall und Scheune und Küche und Kammer und beim Ausgang, mit
der Sense über der Schulter und dem Grastuch unter'm Arm, immer singen; jetzt
war sie still. Sie schien das gewaltsam zurückzuhalten. Aber es gab ein gutes
Mittel, die Lieder wieder hinaustönen zu lassen. Am Abend schläferte sie die
Kinder des Rodelbauern ein und dabei sang sie unaufhörlich, wenn die Kinder auch
schon lange schliefen. Dann eilte sie noch zur schwarzen Marann' und versorgte
sie mit Holz und Wasser und Allem was sie bedurfte.
    An Sonntag-Nachmittagen, wenn Alles sich vergnügte, stand Barfüssele oft
still und unbewegt an der Türpfoste ihres Hauses und schaute hinein in die Welt
und den Himmel und sah wie die Vögel flogen und träumte so vor sich hin, bald
hinaus in's Weite, wo der Dami jetzt sei und wie es ihm ergehe, und dann konnte
sie wieder unverwandten Blickes lange Zeit einen umgelegten Pflug betrachten und
einem Huhn, das sich in den Sand eingrub, zuschauen. Wenn ein Fuhrwerk durch's
Dorf fuhr, schaute sie auf und sagte fast laut: »Die fahren zu Jemand! Auf allen
Strassen der Welt geht kein Mensch zu mir, denkt kein Mensch an mich; und gehör'
ich denn nicht auch her?« Und dann war's ihr immer als erwarte sie Etwas, ihr
Herz pochte schneller wie einem Ankommenden entgegen. Und unwillkürlich sang
sie:
Alle Wässerlein auf Erden
Die haben ihren Lauf;
Kein Mensch ist ja auf Erden,
Der mir mein Herz macht auf.
    »Ich wollte, ich wäre so alt wie Ihr,« sagte sie einmal aus solchen Träumen
heraus, als sie bei der schwarzen Marann' ankam.
    »Sei froh, dass der Wunsch kein Wahr ist,« erwiderte die schwarze Marann'.
»Wie ich so alt war wie du, da war ich lustig und hab' drunten in der Gipsmühle
132 Pfund gewogen.«
    »Ihr seid doch Einmal wie das Andermal und ich bin gar nicht gleich.«
    »Wenn man gleich sein will, muss man sich die Nase abschneiden, da ist man im
ganzen Gesicht gleich. Du Närrle, gräm' dir deine jungen Jahre nicht ab, es
gibt sie dir Keiner wieder heraus. Die alten kommen schon von selber.«
    Es gelang der schwarzen Marann' leicht, Barfüssele zu trösten. Nur wenn sie
allein war, lag noch ein seltsames Bangen auf ihr. Was soll das werden?
    Ein wunderliches Hin- und Herreden ging durch das Dorf. Man sprach seit
vielen Tagen davon, dass es in Endringen eine Nachhochzeit gebe, wie seit
Menschengedenken keine in der Gegend gewesen sei. Die älteste Tochter des
Dominik und des Ameile heiratete einen reichen Holzhändler im Murgtal und man
sagte, das gäbe eine Lustbarkeit wie man sie noch nie erfahren.
    Der Tag rückte immer näher heran. Wo sich zwei Mädchen begegnen, ziehen sie
sich hinter eine Hecke, eine Heuflur und können gar kein Ende finden und
behaupten doch stets, dass sie gewaltig Eile hätten. Man sagt, es käme Alles aus
dem Oberlande und aus dem ganzen Murgtal und von dreissig Stunden Wegs her, denn
das sei eine grosse Familie. Am Rathausbrunnen, da war erst das rechte Leben, da
wollte kein Mädchen ein neues Kleidungsstück haben, um sich andern Tages
umsomehr an der Ueberraschung und dem Staunen zu erfreuen. Vor lauter Fragen und
Hin-und Herreden vergass man das Wasserschöpfen, und Barfüssele, die am spätesten
gekommen war, ging am frühesten mit vollem Kübel wieder heim. Was ging sie der
Tanz an! Und doch war's ihr immer, als hörte sie überall Musik.
    Am andern Tag hatte Barfüssele viel im Hause hin und her zu rennen, denn sie
sollte die Rosel aufputzen. Sie erhielt manchen heimlichen Knuff beim Zöpfen,
aber sie ertrug es still.
    Die Rosel hatte ein gewaltiges Haar und das sollte auch gewaltig prangen.
Sie wollte heute etwas Neues damit probiren. Sie wollte einen
Maria-Teresienzopf haben, wie man hier zu Lande ein kunstreiches Geflecht aus
vierzehn Strängen nennt, das sollte als neu Aufsehen erregen. Es gelang
Barfüssele das schwere Kunstwerk zu Stande zu bringen; aber kaum war es fertig,
als die Rosel es im Unmut wieder aufriss und sie sah wild aus wie ihr die
Stränge über den ganzen Kopf und über das Gesicht hingen, dabei war sie aber
doch schön und stattlich und gewaltig im Umfang, und ihr ganzes Gebühren sprach
es aus: minder als vier Rosse können nicht in dem Hause sein, in das ich einmal
heirate! Und in der Tat warben viele Hofsöhne um sie, aber sie schien noch
keine Lust zu haben, sich für irgend Einen zu bestimmen. Sie blieb nun bei den
landesüblichen zwei Zöpfen, die den Rücken hinabhingen, mit eingeflochtenen
roten Bändern, die fast bis an den Boden hinabreichten. Sie stand fertig
geschmückt da und nun verlangte sie einen Blumenstrauss. Sie selbst hatte die ihr
zugehörigen Blumen verwildern lassen, und trotz aller Einsprache musste Barfüssele
doch endlich nachgeben und ihre schöngehegten Blumen vor dem Fenster fast aller
Blüten berauben. Auch das kleine Rosmarinstöckchen verlangte Rosel zu haben,
aber Barfüssele wollte sich eher zerreissen lassen, ehe sie das hergab; und die
Rosel spottete und lachte, schimpfte und schalt über die einfältige Ganshirtin,
die so eigenwillig tue und die man doch um Gotteswillen im Hause habe.
Barfüssele antwortete nicht und sie sah Rosel nur an mit einem Blick, vor dem
Rosel die Augen niederschlug. Jetzt hatte sich eine rote Wollrose auf dem
linken Schuh verschoben und Barfüssele war eben niedergekniet, um sie behutsam
festzunähen; da sagte die Rosel halb in Reue über ihr Benehmen, halb doch noch
im Spott:
    »Barfüssele, heut' tu' ich's nicht anders, heut musst du mit zum Tanz.«
    »Spotte nicht so, was willst du denn von mir?«
    »Ich spotte nicht,« beteuerts die Rosel noch halb neckisch, »du solltest
auch einmal tanzen, bist ja auch ein junges Mädle, und es wird auch
Deinesgleichen auf dem Tanz sein; unser Rossbub geht ja auch und es kann auch ein
Bauernsohn mit dir tanzen, ich will schon einen Ueberzähligen schicken.«
    »Lass mich in Frieden oder ich steche dich,« mahnte Barfüssele am Boden,
zitternd vor Freude und Trauer.
    »Die Schwägerin hat Recht,« nahm die junge Bäuerin nun das Wort, die bis
jetzt zu Allem geschwiegen hatte, »und ich gebe dir kein gutes Wort mehr, wenn
du heute nicht mit zum Tanz gehst. Komm, da setz' dich hin, ich will dich auch
einmal bedienen.«
    Und einmal über das andere übergoss Barfüssele eine Flammenröte, wie sie so
da sass und ihre Meisterin sie bediente; und als sie ihr die Haare aus dem
Gesicht tat und sie alle nach hinten wendete, wollte Barfüssele fast vom Stuhl
sinken, da die Bäuerin sagte: »Ich zöpf' dich, wie die Allgäuerinnen gehen. Das
wird dich ganz gut herausputzen, und du siehst auch so aus wie eins Allgäuerin;
so untersetzt und so braun und so kugelig; du siehst aus wie die Tochter von der
Landfriedbäuerin in Zusmarshofen.«
    »Was die? warum wie die?« fragte Barfüssele und zitterte am ganzen Leib. Was
war's, warum sie jetzt gerade an die Bäuerin erinnert wurde, die ihr von Kind
auf im Sinne lag und die ihr damals erschienen war wie eine wohltätige Fee aus
dem Märchen? Aber sie hatte keinen Ring den sie drehen konnte, damit sie
erscheinen müsse; sie konnte sie nur innerlich herbannen, und das geschah oft
fast unwillkürlich.
    »Halt' dich ruhig, sonst rupf' ich dich,« befahl die Bäuerin, und Barfüssele
hielt still und atmete kaum. Und wie ihr die Haare so mitten durch geteilt
wurden, und wie sie so da sass, die Hände zusammengepresst und Alles mit sich
machen lassen musste, und die hochschwangere Frau sie bald warm anhauchte, bald
an ihr herumbosselte, da kam sie sich vor als würde sie plötzlich verzaubert,
und sie redete kein Wort, als dürfe sie den Zauber nicht verscheuchen, und
senkte demütig den Blick.
    »Ich wollt', ich könnte dich zu deiner Hochzeit so einkleiden!« sagte die
Bäuerin, die heute von lauter Güte überfloss. »Ich möchte dir einen
rechtschaffenen Hof gönnen und es wäre Keiner mit dir angeführt; aber heutigen
Tages geschieht das nicht mehr. Da springt das Geld nach dem Geld. Nun sei du
nur zufrieden. So lang mir ein Auge offen steht, soll dir bei mir nichts fehlen,
und wenn ich sterbe - ich weiss nicht, es ist mir diesmal so bang um die schwere
Stunde - gelt, du verläss'st meine Kinder nicht und vertrittst an ihnen
Mutterstelle?«
    »O Gott im Himmel, wie könnt Ihr nur so was denken!« rief Barfüssele und
Tränen rannen ihr aus den Augen. »Das ist eine Sünde, und man kann auch
sündigen, dass man Gedanken über sich kommen lässt, die nicht recht sind.«
    »Ja, ja, du hast recht,« sagte die Bäuerin, »aber wart' noch, sitz' noch
still, ich will dir meinen Anhenker holen und den will ich dir um den Hals
tun.«
    »Nein, um Gotteswillen nicht; ich trage nichts was nicht mein ist. Ich tät'
mich in den Boden hinein schämen vor mir selber.«
    »Ja, aber so kannst du nicht gehen. Oder hast du vielleicht noch selber
Etwas?«
    Barfüssele erzählte, dass sie allerdings einen Anhenker habe, den sie als Kind
von der Landfriedbäuerin erhalten, der aber wegen Dami's Auswanderung verpfändet
sei bei der Wittwe des Heiligenpflegers.
    Barfüssele musste nun stillsitzen und versprechen, sich nicht im Spiegel zu
sehen, bis die Bäuerin wieder käme, die nun forteilte, um das Kleinod zu holen
und selber für das Darlehen zu bürgen.
    Welche Schauer flossen nun durch die Seele Barfüssele's, wie sie so da sass,
sie, die allzeit Dienende nun bedient, und in der Tat fast wie verzaubert. Sie
fürchtete sich fast vor dem Tanz, sie war jetzt so gut und so freundlich
behandelt - wer weiss wie sie herumgestossen wird und Keiner sieht nach ihr um,
und all ihr äusserer Schmuck und ihre innere Lust ist vergebens! »Nein,« sagte
sie vor sich hin, »und wenn ich weiter nichts habe als dass ich mich gefreut
habe, das ist auch genug; und wenn ich mich gleich wieder ausziehen und daheim
bleiben müsste, ich wäre schon glückselig.«
    Die Bäuerin kam mit dem Schmuck und das Lob des Schmuckes und Schimpfen auf
die Heiligenpflegerin, die einem armen Mädchen solche Blutzinsen abnehme, ging
seltsam durcheinander. Sie versprach, noch heute das Darlehen zu bezahlen und es
Barfüssele allmälig am Lohn abzuziehen.
    Jetzt endlich durfte Barfüssele sich betrachten. Die Frau hielt ihr selber
den Spiegel vor und aus den Mienen Beider glänzte es und sprach es wie ein
jauchzender Wechselgesang der Freude.
    »Ich kenn' mich gar nicht! ich kenn' mich gar nicht!« sagte Barfüssele immer
und betastete sich auf und nieder mit beiden Händen im Gesicht. »Ach Gott, wenn
nur mein' Mutter mich so sehen könnte! Aber sie wird Euch gewiss vom Himmel herab
segnen, dass Ihr so gut zu mir seid, und sie wird Euch beistehen in der schweren
Stunde; brauchet nichts zu fürchten.«
    »Jetzt mach' aber ein ander Gesicht,« sagte die Bäuerin, »nicht so ein
Gotteserbarm; aber es wird schon kommen, wenn du die Musik hörst.«
    »Ich mein', ich höre sie schon,« sagte Barfüssele. »Ja, horchet, da ist sie.«
In der Tat fuhr eben ein grosser Leiterwagen mit grünen Reisern besteckt durch
das Dorf und darauf sass die ganze Musik, und der Krappenzacher stand mitten
zwischen den Musikanten und blies die Trompete, dass es schmetterte.
    Nun war kein Halt mehr im Dorf, Alles machte sich eilig davon. Die
Bernerwägelein, einspännig und zweispännig, aus dem Dorf selber und aus den
benachbarten, die hier durch mussten, jagten einander fast wie im Wettrennen.
Rosel stieg zu ihrem Bruder auf den Vordersitz und Barfüssele sass hinten im
Korbe. Sie schaute immer vor sich nieder, so lange man durch das Dorf fuhr, so
schämte sie sich. Nur beim Elternhause wagte sie aufzublicken: die schwarze
Marann' grüsste heraus, der rote Gockelhahn krähte auf der Holzbeuge und der
Vogelbeerbaum nickte: »Glück auf den Weg!«
    Jetzt fuhr man durch das Tal, wo der Manz die Steine klopfte, jetzt über
den Holderwasen, wo eine alte Frau die Gänse hütete. Barfüssele nickte ihr
freundlich. Ach Gott, wie komm' denn ich dazu, dass ich hier so stolz und
geschmückt vorbeifahre, und ist's denn nicht eine gute Stunde bis Endringen und
man meint doch, man wäre kaum eingesessen und jetzt heisst's schon absteigen! und
die Rosel ist schon begrüsst und umstanden von allerlei Gefreundeten und: »Ist
das eine Schwester deiner Schwägerin, die du da bei dir hast?« heisst es
vielfach.
    »Nein, es ist nur unsere Magd,« antwortete Rosel. Mehrere Bettler aus
Haldenbrunn die hier waren, betrachteten Barfüssele staunend; sie kannten sie
offenbar nicht und erst als sie sie lange angesehen hatten riefen sie: »Ei, das
ist ja das Barfüssele.«
    »Das ist nur unsere Magd.« Dieses Wörtchen »nur« war Barfüssele tief in's
Herz gedrungen, aber sie fasste sich schnell und lächelte, denn in ihr sprach es:
»Lass dir nicht von einem Wörtchen deine Freude verderben. Wenn du das anfängst,
da trittst du überall auf Dornen.« Die Rosel nahm Barfüssele bei Seite und sagte:
    »Geh' du nur einstweilen auf den Tanzboden, oder anderswohin wenn du sonst
Bekannte im Ort hast. Bei der Musik sehe ich dich hernach schon wieder.«
    Ja, da stand Barfüssele wie verlassen und sie kam sich vor, als hätte sie
ihre Kleider gestohlen und gehöre gar nicht daher, sie war ein Eindringling.
»Wie kommst du dazu, dass du zu so einer Hochzeit gehst?« fragte sie sich und sie
wäre am liebsten wieder heimgekehrt. Sie ging durch das Dorf aus und ein, dort
an dem schönen Hause vorbei, das für den Brosi erbaut worden war und worin auch
heute viel Leben sich zeigte; denn die Oberbaurätin hielt mit ihren Söhnen und
Töchtern hier ihre Sommerfrische. Barfüssele ging wieder das Dorf hinein und
schaute sich nicht um und doch wünschte sie, dass Jemand sie anrufe, damit sie
sich zu ihm geselle.
    Am Ende des Dorfes begegnete ihr ein schmucker Reiter auf einem Schimmel,
der das Dorf hereinritt. Er trug eine fremde Bauerntracht und sah stolz drein;
jetzt hielt er an, stemmte die Rechte mit der Reitgerte in die Seite, mit der
linken klaschte er den Hals seines Pferdes und sagte: »Guten Morgen, schönes
Jungferle! Schon müde vom Tanz?«
    »Das ist leicht gefragt vom Gaul herunter,« lautete die Antwort.
    Der Reiter ritt davon und Barfüssele sass lange Zeit hinter einer Haselhecke
und musste Allerlei in sich hineindenken und ihre Wangen glühten von einer Röte,
die der Aerger über sich selbst, über die spitze Antwort auf eine harmlose
Frage, die Betroffenheit und ein unbegreifliches inneres Wogen anfachte: Was
kann der gute Mensch dafür, dass du so verdriesslich bist? Und gut ist er. Er hat
so eine herzliche Stimme gehabt. Und schmuck ist er auch. Aber was geht das
Alles mich an? Ich will von der ganzen Welt nichts mehr, von gar nichts ...
    So zu Jubel gespannt hatte sie den Tag begonnen und jetzt wünschte sie sich
den Tod. »Hier hinter der Hecke einschlafen und nicht mehr sein, o wie herrlich
wäre das! Du sollst keine Freude haben, warum noch so lange herumlaufen?« Wie
zirpen die Heimchen im Grase und ein warmer Dampf steigt auf von der Erde und
eine Grasmücke zwitschert immer fort und es ist als ob sie mit ihrer Stimme
immer in sich hinein lange und frische noch innigere Töne heraushole und sich
gar nicht genug tun könne, das so recht von ganzem Herzen zu sagen was sie zu
sagen hat, und droben singen die Lerchen und jeder Vogel singt für sich und
Keiner hört auf den Andern und Keiner stimmt dem Andern bei und doch ist Alles
...
    Noch nie in ihrem Leben war Amrei am hellen Tag und nun gar des Morgens
eingeschlafen und jetzt, sie hatte ihr Kopftuch über die Augen gezogen, und
jetzt küsste der Sonnenstrahl ihre geschlossenen Lippen, die im Schlafe noch
immer wie trotzig gepresst waren und die Röte auf ihrem Kinn färbte sich röter.
Sie schlief wohl eine Stunde, da wachte sie zuckend plötzlich auf. Der Reiter
auf dem Schimmel war auf sie zugeritten und jetzt eben hob das Pferd seine
beiden Vorderfüsse, um sie auf ihre Brust zu stellen. Es war nur ein Traum
gewesen und Amrei schaute sich um, als wäre sie plötzlich vom Himmel gefallen;
sie sah staunend wo sie war, betrachtete verwundert sich selbst; aber Musikklang
aus dem Dorfe weckte schnell Alles und sie ging neu gekräftigt in's Dorf zurück,
wo bereits Alles noch lebendiger geworden war. Sie spürte es, sie hatte sich
ausgeruht von dem Allerlei was heute schon mit ihr vorgegangen war. Jetzt
sollten sie nur kommen die Tänzer! Sie wollte tanzen bis zum andern Morgen und
nicht ausruhen und nicht müde werden.
    Die frische Röte eines Kinderschlafes lag auf ihrem Angesicht und Alles sah
sie staunend an. Sie ging nach dem Tanzboden; da tönte die Musik, aber in den
leeren Raum, es waren keine Tänzer da. Nur die Mädchen, die heute zur Bedienung
der Gäste gedungen waren, tanzten miteinander herum. Der Krappenzacher
betrachtete Barfüssele lange und schüttelte den Kopf. Er schien sie offenbar
nicht zu kennen. Amrei drückte sich an den Wänden hin und wieder hinaus. Sie
begegnete Dominik dem Furchenbauer, der heut' in voller Freude strahlte.
    »Mit Verlaub,« sagte er, »gehört die Jungfer zu den Hochzeitgästen?«
    »Nein, ich bin nur eine Magd, und bin mit meiner Haustochter, des
Rodelbauern Rosel gekommen.«
    »Gut, so geh' hinauf auf den Hof zur Bäuerin, und sag' ihr, ich schick'
dich, du wolltest ihr helfen; man kann heute nicht Hände genug in unserm Hause
haben.«
    »Weil Ihr es seid, recht gern,« sagte Amrei und machte sich auf den Weg.
Unterwegs musste sie viel daran denken, dass der Dominik auch Knecht gewesen sei
und ... »Ja, so Etwas kommt nur alle hundert Jahr' Einmal vor. Und es hat viel
Blut gekostet ehe er zu dem Hof gekommen ist, dass ist doch arg.«
    Die Furchenbäuerin Ameile hiess die Ankommende, die im Anerbieten ihrer
Dienste zugleich die Jacke abzog und sich eine grosse Schürze mit Brustlatz
ausbat, freundlich willkommen; aber die Bäuerin tat es nicht anders, Amrei
musste vorher selber sattsam Hunger und Durst stillen; bevor sie Andere bediente.
Amrei willfahrte ohne viel Umstände und schon mit den ersten Worten gewann sie
die Furchenbäuerin, denn sie sagte: »Ich will nur gleich zugreifen, ich muss
gestehen, ich bin hungrig und ich will Euch nicht viel Mühe machen mit Zureden.«
    Amrei blieb nun in der Küche und gab den Auftragenden Alles so geschickt in
die Hand und wusste bald Alles so zu stellen und zu greifen, dass die Bäuerin
sagte: »Ihr beiden Amrei's, du da und meine Bruderstochter, Ihr könnt jetzt
schon Alles machen und ich will bei den Gästen bleiben.«
    Die Amrei von Siebenhöfen, die sogenante Schmalzgräfin, die weit und breit
als stolz und trotzig bekannt war, benahm sich ausnehmend freundlich gegen
Barfüssele und die Furchenbäuerin sagte einmal zu Barfüssele: »Es list schad, dass
du kein Bursch bist; ich glaub', die Amrei tät' dich auf dem Fleck heiraten
und dich nicht heimschicken wie alle anderen Freier.«
    »Ich hab' einen Bruder, der ist noch zu haben, aber er ist in Amerika,«
scherzte Barfüssele.
    »Lass ihn drüben,« sagte die Schmalzgräfin, »am besten wär's, man könnte alle
Mannsleute hinüberschicken und wir blieben allein da.«
    Amrei verliess den Hof nicht, bis wieder Alles an Platz gestellt war und als
sie ihre Schürze auszog, war sie noch so weiss und unzerknittert wie beim
Anziehen.
    »Du wirst müd sein und nimmer tanzen können,« sagte die Bäuerin, als Amrei
endlich mit einem Geschenk Abschied nahm, und diese sagte:
    »Was müd sein? Das ist ja nur gespielt. Und glaubt mir, es ist mir jetzt
wohler, dass ich heut schon Etwas geschafft habe. So einen ganzen Tag bloss zur
Lustbarkeit, ich wüsst' ihn nicht herumzubringen, und das ist's gewiss auch
gewesen, warum ich heute Morgen so traurig war, es hat mir was gefehlt; aber
jetzt bin ich vollauf zum Feiertag aufgelegt, ganz aus dem Geschirr, jetzt wäre
ich erst recht aufgelegt zum Tanzen - wenn ich nur Tänzer kriege.«
    Ameile wusste Barfüssele keine bessere Ehre anzutun, als indem sie sie wie
eine vornehme Bäuerin im Hause herumführte und in der Brautstube zeigte sie ihr
die grosse Kiste mit den Kunkelschenken (Hochzeitsgeschenken) und öffnete die
hohen, blaugemalten Schränke, drauf Name und Jahrzahl geschrieben war und darin
vollgestopft die Aussteuer und zahlreiches Linnenzeug, Alles mit bunten Bändern
gebunden und mit künstlichen Nelken besteckt. Im Kleiderschranke mindestens
dreissig Kleider, daneben die hohen Betten, die Wiege, die Kunkel mit den schönen
Spindeln um und um mit Kinderzeug behangen, das die Gespielen geschenkt hatten.
    »O lieber Gott!« sagte Barfüssele, »wie glücklich ist doch so ein Kind aus so
einem Haus.«
    »Bist du neidisch?« fragte die Bäuerin und im Andenken, dass sie das Alles
einer Armen zeige, setzte sie hinzu: »Glaub' mir, das viele Sach' macht es nicht
aus; es sind Viele glücklicher, die keinen Strumpf von den Eltern bekommen.«
    »Ja wohl, das weiss ich, und bin auch nicht neidisch um das viele Gut, weit
eher darum, dass Euer Kind Euch und so vielen Menschen danken kann für das Gute,
was es von ihnen hat. Solche Gewänder von der Mutter müssen doppelt warm
halten.«
    Die Bäuerin zeigte ihr Wohlgefallen an Barfüssele dadurch, dass sie ihr das
Geleite gab bis vor den Hof, ebensogut als Einer, die acht Rossköpfe im Stall
hatte.
    Es tummelte sich schon Alles wild durcheinander als Amrei auf den Tanzboden
kam. Sie blieb zuerst schüchtern auf der Flur stehen. Wo ist denn die
Kinderschaar, die sonst sich hier erlustigte und die Vorfreude des künftigen
Lebens im Vorhof genoss? Ach freilich, das ist ja jetzt von der hohen
Staatsregierung verboten, das Kirchen- und Schulamt hat die Kinder verbannt, dass
sie nicht zusehen dürfen oder gar sich selbst nach den Tanzweisen drehen wie
einst noch in der Kinderzeit Amrei's.
    Es ist das auch einer jener stillen Mordschläge vom grünen Tisch.
    Auf der leeren Flur, über die nur manchmal Einer hin und her eilt, wandelt
der Landjäger einsam auf und ab.
    Als der Landjäger Amrei so daher kommen sah, wie lauter Licht im Angesichte,
ging er auf sie zu und sagte:
    »Guten Abend, Amrei! So? kommst auch?«
    Amrei schauderte zusammen und stand leichenblass: hatte sie etwas
Straffälliges getan? Sie durchforschte ihr ganzes Leben und wusste nichts und er
tat doch so vertraut, als ob er sie schon einmal transportirt hätte. In diesen
Gedanken stand sie schaudernd da als müsste sie eine Verbrecherin sein und
erwiderte endlich: »Dank' schön, ich weiss nichts davon, dass wir uns dutzen.
Wollt Ihr was?«
    »Oho wie stolz, ich fress' dich nicht, darfst mir ordentlich Antwort geben.
Warum bist denn so bös? Was?«
    »Ich bin nicht bös, ich will Niemand was zu leid tun, ich bin halt ein
dummes Mädle.«
    »Stell' dich nicht so duckmäuserig.«
    »Woher wisset Ihr denn was ich bin?«
    »Weil du so mit dem Licht flankirst.«
    »Was? Wo? Wo hab' ich mit dem Licht flankirt? Ich nehm' immer eine Laterne
wenn ich in den Stall gehe.«
    Der Landjäger lachte und sagte: »Da, da, mit deinen braunen Guckerle, da
flankirst du mit dem Licht, deine Augen, die sind ja wie zwei Feuerkugeln.«
    »Gehet aus dem Weg, dass Ihr nicht anbrennet, Ihr könntet in die Luft fahren
mit Eurem Pulver da in der Patrontasche.«
    »Es ist nichts drin,« sagte der Landjäger in Verlegenheit, um doch Etwas zu
sagen. »Aber mich hast du schon versengt.«
    »Ich sehe nichts davon, es ist Alles noch ganz. Es ist genug, lasset mich
gehen.«
    »Ich halt' dich nicht, du Krippenbeisserle; du könntest Einem das Leben sauer
machen, der dich gern hat.«
    »Braucht mich Niemand gern zu haben,« sagte Amrei und riss sich los, als wäre
sie plözlich von Ketten befreit. Sie stellte sich unter die Türe wo noch viele
Zuschauer sich zusammendrängten. Eben begann wieder ein neuer Tanz, sie wiegte
sich auf dem Platze nach dem Takt hin und her; das Gefühl, Einen abgetrumpft zu
haben, machte sie neu lustig, sie hätte es mit der ganzen Welt aufgenommen und
nicht nur mit einem einzigen Landjäger. Dieser war aber auch bald wieder da, und
stellte sich hinter Amrei und redete Allerlei zu ihr; sie gab keine Antwort und
tat als ob sie gar nichts höre, sie nickte den Vorübertanzenden zu als ob sie
von ihnen begrüsst worden wäre. Nur als der Landjäger sagte: »Wenn ich heiraten
dürfte, dich tät ich nehmen,« da sagte sie:
    »Was nehmen? Ich geb' mich aber nicht her.«
    Der Landjäger war froh, wenigstens wieder eine Antwort zu haben, und er fuhr
fort:
    »Wenn ich nur einmal tanzen dürfte, ich tät gleich Einen mit dir machen.«
    »Ich kann nicht tanzen,« sagte Amrei.
    Eben schwieg die Musik und Amrei stiess die Vordern mächtig an, drängte sich
hinein, um ein verborgnes Plätzchen zu suchen; sie hörte nur noch hinter sich
sagen: »Die kann tanzen, besser als eine landauf und landab.«
 
                           10. Nur ein einziger Tanz.
Der Krappenzacher reichte Barfüssele, die er jetzt erkannte, von der Musikbühne
herab das Glas. Sie nippte und gab es zurück und der Krappenzacher sagte: »Wenn
du tanzest, Amrei, da spiele ich alle meine Instrumente durch, dass die Engel vom
Himmel herunter kämen und mittäten.«
    »Ja, wenn kein Engel vom Himmel herunter kommt und mich auffordert, werde
ich keinen Tänzer kriegen,« sagte Amrei halb spöttisch, halb schwermütig, und
jetzt dachte sie darüber nach, warum denn ein Landjäger beim Tanze sein müsse.
Sie hielt sich aber bei diesem Gedanken nicht auf und dachte gleich weiter: er
ist doch auch ein Mensch wie andere, wenn er auch einen Säbel um hat, und bevor
er Landjäger worden ist, war er doch auch ein Bursch wie Andere, und es ist doch
eine Plag' für ihn, dass er nicht mittanzen darf. Aber was geht das mich an? Ich
muss auch zugucken und ich krieg' kein Geld dafür.
    Eine kurze Weile ging Alles viel stiller und gemässigter auf dem Tanzboden
her, denn »die englische Frau,« so hiess Agy, die Frau des Oberbaurats Severin,
noch immer im Dorf und in der ganzen Umgegend, war mit ihren Kindern auf den
Tanz gekommen. Die vornehmen Holzhändler liessen Champagner knallen und brachten
der Engländerin ein Glas, sie trank auf das Wohl des jungen Paares und wusste
dann Jeden durch ein huldvolles Wort zu beglücken. In den Mienen aller
Anwesenden stand ein stetiges wohlgefälliges Lächeln. Agy tat manchem Burschen,
der ihr im blumenbekränzten Glase zutrank, mit Nippen Bescheid, und die alten
Weiber in der Nähe Barfüssele's wussten viel Lob von der englischen Frau zu sagen
und waren schon lange aufgestanden, ehe sie sich ihnen nahte und ein paar Worte
mit ihnen sprach. Und als Agy weggegangen war, brach der Jubel, Singen, Tanzen
und Stampfen und Jauchzen mit neuer Macht los.
    Der Oberknecht des Rodelbauern kam auf Amrei zu und sie schauerte schon in
sich zusammen, voller Erwartung, aber der Oberknecht sagte:
    »Da Barfüssele, heb' mir meine Pfeif' auf bis ich getanzt habe.« Und viele
junge Mädchen aus dem Orte kamen und von der Einen erhielt sie eine Jacke, von
der Andern eine Haube, ein Halstuch, einen Hausschlüssel, Alles liess sie sich
aufhalsen und sie stand immer mehr bepackt da, je mehr ein Tanz nach dem andern
vorüberging. Sie lächelte immer vor sich hin, aber es kam Niemand. Jetzt wurde
ein Walzer aufgespielt, so weich, das geht ja wie wenn man drauf schwimmen
könnte. Und jetzt ein Hopfer, wer kann noch ruhig stehen? Hei! wie da Alles
hüpft und stampft und springt, wie sie Alle in Lust hoch aufatmen, wie die
Augen glänzen und die alten Weiber die in der Ecke sitzen, wo Amrei steht,
klagen über Staub und Hitze, gehen aber doch nicht heim. Da ... Amrei zuckt
zusammen, ihr Blick ist auf einen schönen Burschen geheftet, der jetzt stolz in
dem Getümmel hin und hergeht. Das ist ja der Reiter, der ihr heute Morgen
begegnete, und den sie so schnippisch abgefertigt. Alle Blicke sind auf ihn
gerichtet, wie er die linke Hand auf dem Rücken, mit der rechten die
silberbeschlagene Pfeife hält, sein silbernes Uhrgehänge tanzt hin und her, und
wie schön ist die schwarzsammtne Jacke und die schwarzsammtnen weiten
Beinkleider und die rote Weste. Aber schöner ist noch sein runder Kopf, mit
gerolltem braunem Haar, die Stirn ist schneeweiss, von den Augen an aber das
Antlitz tief gebräunt und ein leichter voller Bart bedeckt Kinn und Wange.
    »Das ist ein Staatsmensch,« sagte eine der alten Frauen.
    »Und was hat der für himmelblaue Augen!« ergänzte eine Andere, »die sind so
schelmisch und so guterzig zugleich.«
    »Woher der nur sein mag? Aus der hiesigen Gegend ist er nicht,« sprach eine
Dritte, und eine Vierte fügte hinzu:
    »Das ist gewiss wieder ein Freier für die Amrei.«
    Barfüssele zuckte zusammen. Was soll das sein? Was soll das heissen? Sie wird
bald belehrt was damit gemeint ist, denn die Erste sagte wieder:
    »Da dauert er mich, die Schmalzgräfin führt alle Mannsleut' am Narrenseil
herum.«
    Ja, auch die Schmalzgräfin heisst Amrei.
    Der Bursche war mehrmals durch den Saal gegangen und liess die Augen um und
um schweifen, da plötzlich bleibt er stehen, nicht weit von Barfüssele, er winkt
ihr, es überläuft sie siedend heiss, aber sie ist wie festgebannt, sie regt sich
nicht. Und nein, er hat gewiss Jemand hinter dir gewinkt, dich meint er gewiss
nicht. Er drängt vor, Amrei macht Platz. Er sucht gewiss eine Andere.
    »Nein, dich will ich,« sagte der Bursche ihre Hand fassend. »Willst du?«
    Amrei kann nicht reden, aber was braucht's dessen auch? Sie wirft schnell
Alles was sie in den Händen hat in einen Winkel: Jacken, Halstücher, Hauben,
Tabakspfeifen und Hausschlüssel. Sie steht flügge da und der Bursche wirft einen
Taler zu den Musikanten hinauf und kaum sieht der Krappenzacher Amrei an der
Hand des fremden Tänzers, als er in die Trompete stösst, dass die Wände zittern,
und fröhlicher kann es den Seligen nicht erklingen beim jüngsten Gericht als
jetzt Amrei; sie drehte sich, sie wusste nicht wie, sie war wie getragen von der
Berührung des Fremden und schwebte von selbst, und es war ja gar Niemand sonst
da. Freilich, die Beiden tanzten so schön, dass Alle unwillkürlich anhielten und
ihnen zuschauten.
    »Wir sind allein,« sagte Amrei während des Tanzes und gleich darauf spürte
sie den heissen Atem des Tänzers, der ihr erwiederte:
    »O wären wir allein, allein auf der Welt! Warum kann man nicht so fort
tanzen bis in den Tod hinein?«
    »Es ist mir jetzt grad,« sagte Amrei, »wie wenn wir zwei Tauben wären, die
in der Luft fliegen. Juhu! fort, in den Himmel hinein« und »Juhu!« jauchzte der
Bursche laut, dass es aufschoss, wie eine feurige Rakete, die zum Himmel
aufspringt und Juhu! jauchzte Amrei mit und immer seliger schwangen sie sich und
Amrei sagte: »Sag' ist denn auch noch Musik? Spielen denn die Musikanten noch?
Ich höre sie gar nicht mehr.«
    »Freilich spielen sie noch, hörst du denn nichts?«
    »Ja, jetzt, ja,« sagte Amrei und sie hielten inne, ihr Tänzer mochte fühlen,
dass es ihr vor Glückseligkeit fast schwindelig zu Mute werden wollte.
    Der Fremde führte Amrei an den Tisch und gab ihr zu trinken, er liess dabei
ihre Hand nicht los. Er fasste den Schweden-Dukaten an ihrem Halsgeschmeide und
sagte: »Der hat einen guten Platz.«
    »Es ist auch von guter Hand,« erwiderte Barfüssele, »ich hab' den Anhenker
geschenkt gekriegt als kleines Kind.«
    »Von einem Verwandten?«
    »Nein, die Bäuerin ist nicht mit mir verwandt.«
    »Das Tanzen tut dir wohl, wie es scheint?«
    »O wie wohl! Denk' nur, man muss das ganze Jahr so viel springen und es
spielt Einem Niemand auf dazu. Jetzt tut das doppelt wohl.«
    »Du siehst kugelig rund aus,« sagte der Fremde scherzend, »du musst gut im
Futter stehen.«
    Rasch erwiderte Amrei: »Das Futter macht's nicht aus, aber wie's Einem
schmeckt.«
    Der Fremde nickte und nach einer Weile sagte er wieder halb fragend: »Du
bist des Bauern Tochter von ...?«
    »Nein, ich dien',« sagte Amrei und schaute ihm fest in's Auge, er aber
wollte das seine niederschlagen, die Wimper zuckte, und er hielt das Auge
gewaltsam auf, und dieser Kampf und Sieg des leiblichen Auges schien das Abbild
dessen was in ihm vorging; er wollte fast das Mädchen stehen lassen, doch wie im
Selbsttrotze sich zwingend sagte er:
    »Komm', wir wollen noch einen tanzen.«
    Er hielt ihre Hand fest und nun begann von Neuem Jubel und Lust, aber
diesesmal ruhiger und stetiger. Die Beiden fühlten, dass die Gehobenheit in den
Himmel nun wohl zu Ende sei, und wie aus diesen Gedanken heraus sagte Amrei:
    »Wir sind doch glückselig mit einander gewesen, wenn wir uns auch unser
Lebtag nimmer wieder sehen und Keines weiss wie das Andere heisst.«
    Der Bursche nickte und sagte: »Ja wohl.«
    Amrei nahm in Verlegenheit ihren linken Zopf in den Mund und sagte wieder
nach einer Weile:
    »Was man einmal gehabt hat, das kann man Einem nicht mehr nehmen, und sei du
auch wer du bist, lass dich's nicht gereuen, du hast einem armen Mädchen für sein
Lebenlang ein Gutes geschenkt.«
    »Es reut mich nicht,« sagte der Bursche, »aber dich hat's gereut, wie du
mich heute Morgen so abgetrumpft hast.«
    »O ja, da hast du Gottes Recht!« sagte Amrei, und der Bursche fragte:
    »Getraust du dir mit mir in's Feld zu gehen?«
    »Ja.«
    »Und traust du mir?«
    »Ja.«
    »Was werden aber die Deinigen dazu sagen?«
    »Ich hab' mich vor Niemand zu verantworten als vor mir selber, ich bin ein
Waisenkind.«
    Hand in Hand verliessen die Beiden den Tanzsaal. Barfüssele hörte
verschiedentlich hinter sich flüstern und pispern und sie hielt die Augen auf
den Boden geheftet. Sie hatte sich doch wohl zu viel zugetraut.
    Draussen zwischen den Kornfeldern, wo eben kaum die ersten Aehren aufschossen
und noch halb verhüllt in den Deckblättern lagen, da schauten die Beiden
einander stumm an. Sie redeten lange kein Wort und der Bursche fragte zuerst
wieder halb für sich:
    »Ich möcht' nur wissen: woher es kommt, dass man einem Menschen beim ersten
Anblick gleich, ich weiss nicht wie, gleich so ... gleich so ... vertraulich sein
kann. Woher weiss man denn, was in dem Gesicht geschrieben steht?«
    »Da haben wir eine arme Seele erlöst,« rief Amrei, »denn du weisst ja, wenn
Zwei in derselben Minute das Gleiche denken, erlösen sie eine arme Seele, und
just auf das Wort hin hab' ich dasselbe was du sagst, bei mir gedacht.«
    »So? und weisst du nun warum?«
    »Ja.«
    »Willst du mir's sagen?«
    »Warum nicht? Schau, ich bin Ganshirtin gewesen ...«
    Bei diesen Worten zuckte der Bursche wieder zusammen, aber er tat als ob
ihm was in's Auge geflogen wäre und rieb sich die Augen und Barfüssele fuhr
unverzagt fort:
    »Schau, wenn man so allein draussen sitzt und liegt im Feld, da sinnt man
über Hunderterlei und da kommen Einem wunderliche Gedanken und da hab' ich ganz
deutlich gesehen: - gieb nur acht darauf, und du wirst es auch finden - jeder
Fruchtbaum sieht, wenn man ihn so überhaupt und im Ganzen betrachtet, just aus
wie die Frucht die er trägt. Schau den Apfelbaum, sieht er nicht aus, so in's
Breite gelegt, so mit Schrundenschnitten, wie ein Apfel selber? Und so der
Birnenbaum und so der Kirschenbaum. Sieh sie nur einmal drauf an; schau, was der
Kirschenbaum einen langen Stiel hat, wie die Kirsche selber. Und so mein' ich
auch« ...
    »Ja, was meinst du?«
    »Lach' mich nicht aus. Wie die Fruchtbäume aussehen wie die Früchte die sie
tragen, so wäre es auch bei den Menschen, und man sieht es ihnen gleich an. Aber
freilich, die Bäume haben ihr ehrlich Gesicht und die Menschen können sich
verstellen. Aber gelt, ich schwätz' dummes Zeug?«
    »Nein, du hast nicht umsonst die Gänse gehütet,« sagte der Bursche in
seltsam gemischter Empfindung, »mit dir lässt sich gut reden. Ich möchte dir gern
einen Kuss geben, wenn ich mich nicht einer Sünde fürchten tät'.«
    Barfüssele zitterte am ganzen Leib; sie bückte sich um eine Blume zu brechen,
liess aber wieder ab. Es entstand eine lange Pause und der Bursche fuhr fort:
    »Wir sehen uns wohl niemals wieder, drum ist's besser so.«
    Hand in Hand gingen die Beiden wieder zurück in den Tanzsaal. Und nun
tanzten sie noch einmal ohne ein Wort zu reden und als der Tanz zu Ende war,
führte sie der Bursche wieder an den Tisch und sprach: »Jetzt sag' ich dir
Lebewohl! Aber verschnaufe nur und dann trink noch einmal.«
    Er reichte ihr das Glas und als sie es absetzte sagte er:
    »Du musst austrinken, mir zu lieb, ganz bis auf den Grund.«
    Amrei trank fort und fort und als sie endlich das leere Glas in der Hand
hatte und sich umschaute, war der fremde Bursche verschwunden. Sie ging hinab
vor das Haus und da sah sie ihn noch nicht weit entfernt auf seinem Schimmel
davon reiten; aber er wendete sich nicht mehr um.
    Die Nebel zogen wie Schleierwolken auf dem Wiesental dahin, die Sonne war
schon hinab, Barfüssele sagte fast laut vor sich hin:
    »Ich wollt' es sollte gar nicht wieder morgen werden, immer heut, immer
heut!« und sie stand in Träumen verloren. Die Nacht kam rasch herbei. Der Mond
wie eine dünne Sichel stand schon auf den dunkeln Bergen und nicht weit von ihm,
Haldenbrunn zu, der Abendstern. - Ein Bernerwägelchen nach dem andern fuhr
wieder davon. Barfüssele hielt sich zum Gefährte ihres Meisters, das eben auch
angespannt wurde. Da kam Rosel und sagte ihrem Bruder, dass sie den Burschen und
Mädchen aus dem Dorfe versprochen habe: heute gemeinsam mit ihnen heimzugehen,
und es verstand sich nun von selbst, dass der Bauer nicht allein mit der Magd
fuhr. Das Bernerwägelchen rasselte heim. Die Rosel musste Barfüssele gesehen
haben, aber sie tat, als ob sie nicht da wäre und Barfüssele ging noch einmal
hinaus, den Weg, den der fremde Reiter dahin geritten war. Wohin ist er nur
geritten? Wie viel hundert Dörfer und Weiler liegen hier nach diesem Weg hinaus,
wer kann sagen, wo er sich hingewendet? Barfüssele fand die Stelle, wo er sie
heute früh zum Erstenmal begrüsst; sie wiederholte laut seine Anrede vor sich
hin. Sie sass noch einmal dort hinter der Haselhecke, wo sie heute Morgen
geschlafen und geträumt. Eine Goldammer sass auf einer schlanken Spitze und ihre
sechs Töne lauteten gerade: was tust denn du noch da? Was tust denn du noch
da? Barfüssele hatte heute eine ganze Lebensgeschichte erlebt. War denn das nur
ein einziger Tag? Sie kehrte wieder zurück zum Tanze, aber sie ging nicht mehr
hinauf, sie ging allein heimwärts nach Haldenbrunn, wohl den halben Weg, aber
plötzlich kehrte sie wieder um, sie schien nicht fortzukönnen von dem Ort, wo
sie so glückselig gewesen war, und sie sagte sich nur, es schicke sich nicht,
dass sie allein heimkehre. Sie wollte gemeinsam mit den Burschen und Mädchen
ihres Dorfes gehen. Als sie wieder vor dem Wirtshaus in Endringen ankam, waren
bereits Mehrere aus ihrem Orte versammelt. Und: So? Bist auch da, Barfüssele? das
war der einzige Gruss, der ihr ward. Nun gab es ein Hin- und Herlaufen, denn
Manche, die gedrängt hatten, dass man heimkehre, tanzten noch oben, und jetzt
kamen noch fremde Bursche und baten und bettelten und drängten, dass man nur noch
diesen Tanz dableibe. Und in der Tat willfahrte man und Barfüssele ging mit
hinauf, aber sie sah nur zu. Endlich hiess es: wer jetzt noch tanzt, den lassen
wir da! Und mit vieler Mühe, mit Hin- und Herrennen war endlich der ganze
Haldenbrunner Trupp beisammen vor dem Hause. Ein Teil der Musik gab ihnen das
Geleite bis vor das Dorf und mancher verschlafene Hausvater sah noch heraus, und
da und dort kam eine hier verheiratete Gespielin, die nicht mehr zum Tanze
ging, an das Fenster und rief: Glück auf den Weg!
    Die Nacht war dunkel. Man hatte lange Kieferspäne als Fackeln mitgenommen,
und die Burschen, die sie trugen, tanzten damit auf und nieder und jauchzten.
Kaum aber war die Musik zurückgekehrt, kaum war man eine Strecke vor Endringen
hinausgekommen, als es hiess: »Die Fackeln blenden nur!« und besonders zwei
beurlaubte Soldaten, die in ganzer Uniform unter dem Trupp waren, spotteten im
Bewusstsein ihrer angehängten Säbel über die Fackeln. Man verlöschte sie in einem
Graben. Nun fehlte noch Dieser und Jener und Diese und Jene. Man rief ihnen zu
und sie antworteten aus der Ferne. Die Rosel wurde von des Kappelbauern Sohn von
Lauterbach begleitet, aber kaum war er fort und kaum war sie bei ihren
Ortsangehörigen, als sie laut sagte: »Ich will Nichts von Dem.« Einige Bursche
stimmten ein Lied an und Einzelne sangen mit, aber es war kein rechter
Zusammenhalt mehr, denn die Soldaten wollten neue Lieder zum Besten geben. Es
wurde nur manchmal laut gelacht, denn einer der Soldaten war ein Enkel des
lustigen Brosi, der Sohn der Gypsmüllerin Monika, und der brachte allerlei Witze
vor, denen besonders der Schneiderjörg, der mit ging, zum Stichblatt dienen
musste. Und wieder wurde gesungen und jetzt schien man sich geeinigt zu haben,
denn es tönte voll und hell.
    Barfüssele ging immer hinter drein, eine gute Strecke von ihren
Ortsangehörigen entfernt. Man liess sie gewähren und das war das Beste, was man
ihr antun konnte. Sie war bei ihren Ortsangehörigen und doch allein und sie
schaute sich oft um nach den Feldern und Wäldern: wie war das wunderlich jetzt
in der Nacht, so fremd, und doch wieder so vertraut. Die ganze Welt war ihr so
wunderlich wie sie sich selbst geworden war. Und wie sie ging, einen Schritt
nach dem andern, wie fortgeschoben und gezogen, und nicht wusste, dass sie sich
bewegte; so bewegten sich die Gedanken in ihr von selbst, hin und her; das
schwirrte von selbst so fort, sie konnte es nicht fassen, nicht leiten; sie
wusste nicht was es war. Ihre Wangen erglühten, als ob jeder Stern am Himmelszelt
eine heissstrahlende Sonne wäre und in ihr entstammte das Herz. Und jetzt, ja als
hätte sie's selbst angegeben, als hätte sie's selbst angestimmt, sangen ihre
vorausgehenden Ortsgenossen das Lied, das ihr am Morgen auf die Lippen gekommen
war.
Es waren zwei Liebchen im Allgäu,
Und die hatten einander so lieb.
Und der junge Knab zog in Kriege:
»Und wann kommst du wiederum heim?
Das kann ich dir ja nicht sagen
Welches Jahr, welchen Tag, welche Stund« ...
    Und jetzt wurde das Nachtlied gesungen und Amrei sang mit aus der Ferne:
Zur schönen guten Nacht, Schatz lebe wohl!
Wenn alle Leute schlafen
So muss ich wachen,
Muss traurig sein.
Zur schönen guten Nacht, Schatz lebe wohl!
Leb immer in Freuden
Und ich muss dich meiden
Bis ich wiederum komm.
Wenn ich wiederum komm, komm ich recht zu dir,
Und dann tu ich dich küssen
Und das schmeckt so süsse,
Schatz, du bist mein.
Schatz du bist mein und ich bin dein!
Und das tut mich erfreuen
Und du wirst's nicht bereuen,
Schatz, lebe wohl!
    Man kam endlich am Dorfe an und eine Gruppe nach der andern fiel ab.
Barfüssele blieb an ihrem Elternhause bei dem Vogelbeerbaum noch lange sinnend
und träumend stehen. Sie wollte hinein und der Marann' Alles sagen, gab es
jedoch auf. Warum heute noch die Nachtruhe stören und wozu soll's? Sie ging
still heimwärts, Alles lag in festem Schlaf.
    Als sie endlich in das Haus eintrat, kam ihr Alles noch viel seltsamer vor
als draussen: so fremd, so gar nicht dazu gehörig. »Warum kommst du denn wieder
heim? Was willst du denn eigentlich da?« Es war ein wundersames Fragen, das in
jedem Tone für sie lag, wie der Hund bellte und wie die Treppe knackte, wie die
Kühe im Stalle brummten, das Alles war ein Fragen: »Wer kommt denn da heim? Wer
ist denn das?« Und als sie endlich in ihrer Kammer war, da sass sie still nieder
und starrte in's Licht und plötzlich stand sie auf, fasste die Ampel und
leuchtete damit in den Spiegel und sah darin ihr Antlitz und sie selber fragte
fast immer: »Wer ist denn das? ... Und so hat er mich gesehen, so siehst du
aus,« setzte ein zweiter Gedanke hinzu. »Es muss ihm doch was an dir gefallen
haben, warum hätt' er dich sonst so angesehen?« Ein stilles Gefühl der
Befriedigung stieg in ihr auf, das noch gesteigert wurde durch den Gedanken: »Du
bist doch jetzt auch einmal als eine Person angesehen worden, du bist bis daher
immer nur zum Dienen und Helfen für Andere dagewesen. Gut Nacht, Amrei, das war
einmal ein Tag!« Aber es musste doch endlich dieser Tag ein Ende haben.
Mitternacht war vorüber und Barfüssele legte ein Stück nach dem andern von ihrer
Kleidung gar sorglich wieder zusammen. »Ei, das ist ja noch die Musik, horch,
wie der wiegende Walzer tönt!« Sie öffnete das Fenster. Es tönt keine Musik, sie
liegt ihr nur in den Ohren. Drunten bei der schwarzen Marann' kräht schon der
Hahn, die Frösche quaken, es nahen Schritte von Männern die des Weges kommen,
das sind wohl späte Heimgänger von der Hochzeit, die Schritte tönen so laut in
der Nacht. Die jungen Gänse im Hause schnattern in der Steige. Ja, die Gänse
schlafen nur stundenweise, so bei Tag, so bei Nacht. Die Bäume stehen still,
unbewegt. Wie ist doch so ein Baum ganz anders in der Nacht als am Tage! Solch
eine geschlossene dunkle Masse, wie ein Riese in seinem Mantel. Wie muss das sich
regen in dem unbewegt stehenden Baume. Was ist das für eine Welt, in der solches
ist! - Kein Windhauch regt sich, und doch ist es wieder wie ein Tropfen von den
Bäumen; das sind wohl Raupen und Käfer, die niederfallen. Eine Wachtel schlägt,
das kann keine andere sein, als die beim Auerhahnwirt eingesperrte. Sie weiss
nicht, dass es Nacht ist. Und schau, der Abendstern der bei Sonnenuntergang
entfernt und tief unter dem Monde stand, steht jetzt nahe und über ihm, und je
mehr man ihn ansieht, je mehr glänzt er. Spürt er wohl den Blick eines Menschen?
Jetzt still, horch, wie die Nachtigall schlägt, das ist ein Gesang, so tief, so
weit; ist es denn nur ein einziger Vogel? Und jetzt - Amrei schaudert zusammen -
mit dem Glockenschlag Ein Uhr rutscht ein Ziegel vom Dach und fällt klatschend
auf den Boden. Amrei zittert, wie von Gespensterfurcht gepackt, sie zwingt sich,
noch eine Weile der Nachtigall zuzuhorchen, dann aber schliesst sie das Fenster.
Ein Nachtfalter, der wie eine grosse fliegende Raupe mit vielen Flügeln aussieht,
hat sich mit in das Dachstübchen gewagt und fliegt um das Licht, angezogen und
abgestossen, so grau und grauenhaft. Amrei fasst ihn endlich und wirft ihn hinaus
in die Nacht.
    Indem sie nun Haube, Goller und Jacke in eine Truhe legte, ergriff sie
unwillkürlich ihr altes Schreibebuch von der Schule her, das sie noch aufbewahrt
hatte, und sie las darin, sie wusste selbst nicht warum, allerlei Sittensprüche.
Wie steif und sorglich waren die dahin gezeichnet. Ja, es mochte sie aus diesen
Blättern etwas anmuten, dass sie doch einmal eine Vergangenheit gehabt, denn es
schien, dass das Alles verschwunden war.
    »Jetzt hurtig in's Bett!« rief sie sich zu; aber mit der ganzen
Bedachtsamkeit ihres Wesens knüpfte sie die Bänder alle leise und ruhig auf, und
verknotete sich einmal eine Schlinge, sie liess nicht ab bis sie mit Fingern,
Zähnen und Nadeln auseinander gebracht war. Noch nie in ihrem Leben hatte sie
einen Knoten entzwei geschnitten, und noch jetzt in ihrer hohen Erregung verliess
sie ihr bedachtsamer Ordnungssinn nicht, und es gelang ihr das anscheinend
Unentwirrbarste zu lösen. Endlich löschte sie ruhig und behutsam die Ampel und
lag im Bett; aber sie fand keine Ruhe, rasch sprang sie wieder heraus und legte
sich unter das offene Fenster, hineinstarrend in die dunkle Nacht und in das
Sternengeflimmer, und in keuscher Schamhaftigkeit vor sich selber bedeckte sie
Busen und Hals mit beiden Händen.
    Das war ein Schauen und Sinnen, so schrankenlos, so wortlos, so
nichtswollend und doch Alles fassend. Eine Minute Gestorbensein und Leben im
All, in der Ewigkeit.
    In der Seele dieser armen Magd in der Dachkammer hatte sich aufgetan alles
unendliche Leben, alle Hoheit und alle Seligkeit, die der Mensch in sich
schliesst, und diese Hoheit fragt nicht, wer ist es, aus dem ich erstehe, und die
ewigen Sterne erglänzen über der niedersten Hütte ....
    Ein Windzug der das Fenster klappend zuschlug, weckte Amrei auf, sie wusste
nicht, wie sie in's Bett gekommen war, und jetzt war Tag.
 
                           11. Wie's im Liede steht.
»Kein Feuer, keine Kohle
Kann brennen so heiss,
Als heimlich stille Liebe,
Von der Niemand nichts weiss.«
    So sang Amrei Morgens am Herdfeuer stehend, während Alles im Hause noch
schlief.
    Der Rossbub, der den Pferden zum Erstenmal Futter aufsteckte, kam in die
Küche und holte sich eine Kohls für seine Pfeife.
    »Was tust denn du schon so früh auf, wenn die Spatzen murren?« fragte er
Barfüssele.
    »Ich mache eine Tränke für die Kälberkuh,« antwortete Barfüssele, Mehl und
Kleie einrührend, ohne sich umzuschauen.
    »Ich und der Oberknecht wir haben dich gestern Abend beim Tanz noch gesucht,
aber du bist nirgends zu finden gewesen,« fragte der Rossbub. »Freilich, du hast
nimmer tanzen wollen; du bist zufrieden, dass dich der fremde Prinz zum Narren
gehalten hat.«
    »Es ist kein Prinz und er hat mich nicht zum Narren gehabt. Und wäre das
auch, ich möcht' lieber von so Einem zum Narren, als von dir und dem Oberknecht
zum Gescheiten gehabt sein.«
    »Warum hat er dir aber nicht gesagt, wer er ist?«
    »Weil ich ihn nicht gefragt habe,« erwiderte Barfüssele.
    Der Rossbub machte einen derben Witz und lachte selber darüber; denn es gibt
Gebiete, in denen der Einfältigste noch witzig ist. Das Antlitz Barfüssele's
flammte auf in doppelter Röte, angeglüht vom Herdfeuer und von innerer Flamme,
sie knirschte die Zähne über einander und jetzt sagte sie:
    »Ich will dir was sagen: du musst selber wissen was du wert bist und ich
kann dir's nicht verbieten, dass du vor dir selber keinen Respect hast; aber das
kann ich dir verbieten, dass du vor mir keinen Respect hast. Das sag' ich dir.
Und jetzt gehst du hinaus aus der Küche, du hast hier nichts zu tun, und wenn
du nicht gleich gehst, will ich dir zeigen, wie man hinauskommt.«
    »Willst du die Meistersleute wecken?«
    »Ich brauch' sie nicht,« rief Barfüssele und hob ein brennendes Scheit vom
Herde, das knatternd Funken sprühte. »Fort, oder ich zeichne dich.«
    Der Rossbub schlich mit gezwungenem Lachen davon. Barfüssele aber schürzte
sich hoch auf und ging schwer aufatmend mit der dampfenden Tränke hinab in den
Stall.
    Die Kälberkuh schien es mit Dank zu empfinden, dass sie schon in so früher
Stunde bedacht wurde, sie brummte, setzte mehrmals ab im Saufen und schaute
Barfüssele mit grossen Augen an.
    »Ja, jetzt werd' ich viel gefragt und gehänselt werden,« sagte Barfüssele vor
sich hin, »aber was tut's?«
    Mit dem Melkkübel auf eine andere Kuh losgehend sang sie:
»Dreh dich um und dreh dich um
Rotg'scheckete Kuh,
Wer wird dich denn melken
Wenn ich heiraten tu?«
    »Was da! Einfältiges Zeug!« setzte sie dann, wie sich selbst ausscheltend
hinzu. Sie vollführte ihre Arbeit nun still, und allmälig erwachte das Leben im
Hause, und kaum war Rosel erwacht, als sie Barfüssele nachlief und sie ausschalt,
denn Rosel hatte ein schönes Halstuch verloren. Sie behauptete, sie habe es
Barfüssele zum Aufbewahren gegeben, diese aber habe in ihrer Mannstollheit Alles
weggeworfen als der Fremde sie aufforderte, und wer weiss ob's nicht ein Dieb
war, der den Gaul und die Kleider gestohlen hat und den man morgen in Ketten
einbringt, und es sei eine Schande gewesen, wie Barfüssele laut beim Tanze
gejauchzt habe, und sie solle sich in Acht nehmen, denn der Enzian-Valentin habe
gesagt: wenn eine Henne kräht wie ein Hahn, schlägt das Wetter ein und gibt's
Unglück. Sie habe sie zum Ersten- und Letztenmale mit zum Tanz genommen; sie
habe sich fast die Augen aus dem Kopf geschämt, dass sie sich überall habe müssen
sagen lassen: so Eine dient bei Euch! Wenn ihr die Schwägerin nicht die Stange
hielte und es ihr nachginge, müsste die Gänshirtin sogleich fort aus dem Haus.
    Barfüssele liess alles ruhig über sich ergehen, sie hatte heute schon die
beiden Endpunkte dessen wahrgenommen, was sie nun erfahren müsse, und sie hatte
darauf von selbst getan, wie sie es nun immer halten wollte: wer sie
ausschimpfte, den schüttelte sie mit Schweigen von sich; wer sie ausspottete,
den trumpfte sie ab. Hatte sie auch nicht immer ein brennendes Scheit bei der
Hand wie beim Rossbuben; sie hatte Blicke und Worte, die den gleichen Dienst
taten.
    Barfüssele konnte der schwarzen Marann' nicht genug erzählen, was ihr die
Rosel antat, und da sie es zu Hause nicht tun konnte, liess Barfüssele hier ihre
Zunge los und schalt auf die Rosel mit den heftigsten Worten. Schnell aber
besann sie sich wieder und sagte:
    »Ach Gott, das ist nicht recht, die macht mich jetzt auch so schlecht, dass
ich solche Worte in den Mund nehme.«
    Die Marann' aber tröstete: »Dass du so schimpfest, das ist brav. Schau, wenn
man etwas Ekelhaftes sieht, muss man ausspeien, sonst wird man krank, und wenn
man etwas Schlechtes sieht und hört und erfährt, da muss man schimpfen, da muss
die Seele auch ausspeien, sonst wird sie schlecht.«
    Barfüssele musste lachen über die wunderlichen Tröstungen der schwarzen
Marann'.
    Tag um Tag verging in alter Weise und man vergass bald Hochzeit und Tanz und
Alles was dabei geschehen war. Barfüssele aber spürte ein ewiges Hinausdenken,
das sie gar nicht bewältigen konnte.
    Es war gut, dass sie der schwarzen Marann' Alles anvertrauen konnte. »Ich
meine, ich habe mich versündigt, dass ich damals so über Alles hinaus lustig
war,« klagte sie einmal.
    »An wem hast dich versündigt?«
    »Ich meine, Gott straft mich dafür.«
    »O Kind, was machst du da? Gott liebt die Menschen wie seine Kinder. Giebt
es für Eltern eine grössere Freude als ihre Kinder lustig zu sehen? Ein Vater,
eine Mutter, die ihre Kinder fröhlich tanzen sehen, sind doppelt glücklich, und
so denk' auch: Gott hat dir zugesehen wie du getanzt hast und hat sich recht
gefreut und deine Eltern haben dich auch tanzen sehen und haben sich auch
gefreut. Lass du die ungestorbenen Menschen reden was sie wollen. Wenn mein
Johannes kommt, hei, der kann tanzen! Aber ich sage nichts. Du hast an mir einen
Menschen, der dir recht gibt; was brauchst du denn mehr?«
    Freilich, Wort und Beistand der schwarzen Marann' waren tröstlich, aber
Barfüssele hatte ihr doch nicht Alles gesagt; es war ihr nicht bloss um das Gerede
der Menschen zu tun, und es war nicht mehr wahr, dass sie sich daran genügen
liess: nur Einmal vollauf glücklich gewesen zu sein. Sie sehnte sich doch wieder
nach dem Manne, der ihr wie eine erlösende Erscheinung gekommen war, der sie so
ganz verändert hatte, und nun nichts mehr von ihr wusste.
    Ja, Barfüssele war sehr verändert. Sie liess es an keiner Arbeit fehlen, man
konnte ihr nichts nachreden; aber eine tiefe Schwermut setzte sich in ihr fest.
Jetzt kam noch ein anderer Grund dazu, der sich vor der Welt offen geltend
machen durfte. Dami hatte von Amerika aus noch kein Wort geschrieben und sie
vergass sich so weit, dass sie einmal zur schwarzen Marann' sagte:
    »Es heisst nicht umsonst im Sprüchwort, wenn man Feuer unter einem leeren
Topf hat, verbrennt eine arme Seel'. Unter meinem Herzen brennt ein Feuer und
meine arme Seele verbrennt.«
    »Was ist denn?«
    »Dass der Dami auch nicht schreibt! Das Warten, das ist die schrecklichst
gemordete Zeit, es gibt keine, die man ärger umbringen kann als mit dem Warten;
da ist man ja in keiner Stunde, in keiner Minute mehr daheim, auf keinem Boden
mehr fest, und immer mit einem Fuss in der Luft.«
    »O Kind! Sag' das nicht,« jammerte die Marann'. »Was willst denn du vom
Warten reden? Denk' an mich und ich warte geduldig und ich warte bis zu meiner
letzten Stunde und geb's nicht auf.«
    In der Erkenntnis fremden Kummers löste sich der Schmerz Barfüssele's in
Tränen auf und sie klagte: »Mir ist so schwer, ich denk' jetzt immer an's
Sterben. Wie viel tausend Kübel Wasser muss ich noch holen und wie viel Sonntage
gibt's noch? Man sollte sich eigentlich gar nicht so viel grämen, das Leben hat
ja so bald ein Ende, und wenn die Rosel zankt, denk' ich: ja zank' du nur, wir
sterben Beide bald, dann hat's ein End'. Und dann überfällt mich wieder eine
Angst, dass ich mich so arg vor dem Sterben fürchte. Wenn ich so liege und will
mir denken, wie es ist, wenn ich todt bin: ich höre nichts, ich sehe nichts,
dieses Auge, dieses Ohr ist todt. Alles da um mich her ist nicht mehr da, es
wird Tag und ich weiss nichts mehr davon; man mäht, man erntet, ich bin nicht
mehr dabei. O warum ist denn das Sterben!.. Was willst du machen? Haben andere
auch sterben müssen und die waren noch mehr als du. Man muss es ruhig ertragen. -
Horch, der Schütz schellt aus,« so unterbrach sich Barfüssele in der seltsamen
Klage, und sie, die eben sterben wollte und wieder nicht sterben wollte, hätte
doch gern erfahren, was der Dorfschütz noch ausschellt.
    »Lass ihn schellen, er bringt dir doch nichts,« sagte die Alte wehmütig
lächelnd. »O was ist der Mensch! Wie muss Jeder wieder die harte Nuss aufzuknacken
suchen und sie doch endlich ungeöffnet bei Seite legen! Ich will dir sagen,
Amrei, was mit dir ist: du bist jetzt sterbensverliebt. Sei froh, so gut wird es
wenigen Menschen, es wird wenigen Menschen so wohl, dass sie eine rechte Liebe in
sich spüren; aber nimm dir ein Beispiel an mir, lass die Hoffnung nicht fahren.
Weisst, wer schon bei lebendigem Leib gestorben ist? Wer nicht von jedem Tag,
absonderlich wer nicht von jedem Frühling meint: jetzt fängt das Leben erst
recht an, jetzt kommt etwas, was noch gar nie dagewesen ist. Dir muss es noch gut
gehen, du tust ja lauter Gottestaten. Was hast du an deinem Bruder getan, was
an mir, was am alten Rodelbauer, was an allen Menschen! Aber es ist gut, dass du
nicht weisst, was du tust. Wer Gutes tut und betet und immer daran
    denkt und sich was drauf einbildet, der betet sich durch den Himmel durch
und muss auf der andern Seite die Gänse hüten.«
    »Das hab' ich schon hier getan, davon bin ich erlöst,« lachte Barfüssele uud
die Alte fuhr fort:
    »Mir sagt eine Stimme, dass der, der mit dir getanzt hat, mein Johannes
gewesen ist, kein anderer Mensch. Und ich will dir's nur sagen: wenn er nicht
verheiratet ist, dich muss er nehmen. Sammetkleider hat mein Johannes immer gern
gehabt und ich denk' jetzt so: er läuft jetzt um die Grenze herum, bis unser
König stirbt, dann kommt er herein in's Land: aber Unrecht ist's, dass er mir
nichts sagen lässt und es tut mir so and (bang) nach ihm.«
    Barfüssele schauderte vor der unverwüstlichen Hoffnungskraft der schwarzen
Marann' und wie sie sich immer und immer an ihr festielt.
    Sie erwähnte fortan selten den Fremden, nur wenn sie von der Hoffnung auf
Wiederkehr sprach und dabei Dami nannte, konnte sie sich nicht entalten, dabei
auch zugleich an den Fremden zu denken. Er war ja nicht über dem Meer und konnte
doch auch wiederkommen und schreiben; aber freilich, er hat dich ja nicht
gefragt: wo du her bist. Wieviel tausend Städte und Dörfer und Einsiedelhöfe
gibt's in der Welt, vielleicht sucht er dich und findet dich nimmer wieder.
Aber nein, er kann ja in Endringen fragen. Er kann nur den Dominik fragen und
das Ameile und die werden ihm gut Bescheid geben. Aber ich weiss nicht, wo er
ist, ich kann nichts tun.«
    Es war wieder Frühling geworden und Amrei stand bei ihren Blumen am Fenster,
da kam eine Biene daher geflogen und saugte sich fest an dem offenen Kelch. Ja
so ist's, dachte Barfüssele, so ein Mädchen ist wie eine Pflanze festgewachsen an
den Ort, das kann nicht herumgehen und suchen, das muss warten bis das da
zufliegt.
»Wenn ich ein Vöglein wär'
Und auch zwei Flügelein hätt',
Flög ich zu dir;
Weil's aber nicht kann sein,
Bleib ich allhier.
Bin ich gleich weit von dir,
Bin ich doch im Tranrn bei dir
Und red' mit dir;
Wenn ich erwachen tu',
Bin ich allein.
Es vergeht kein' Stund in der Nacht,
Dass nicht mein Herz erwacht
Und an dich denkt -
    So sang Barfüssele.
    Es war wunderbar, wie jetzt alle Lieder auf Barfüssele gesetzt waren, und wie
viel Tausend haben sich diese schon aus der Seele gesungen und wie viel Tausende
werden sie sich noch aus der Seele singen. Ihr, die ihr euch sehnt und endlich
ein Herz umschlungen haltet, ihr haltet damit umschlungen das Lieben aller
derer, die je waren und sein werden.
 
                              12. Er ist gekommen.
Barfüssele stand eines Sonntags Nachmittags nach ihrer Gewohnheit an die
Türpfoste des Hauses gelehnt und schaute träumend vor sich hin; da kam der
Enkel des Kohlenmates das Dorf herausgesprungen und winkte schon von fern und
rief:
    »Er ist gekommen! Barfüssele, er ist gekommen!«
    Barfüssele zitterten die Kniee und mit bebender Stimme rief sie: »Wo ist er?
wo?«
    »Bei meinem Grossvater im Moosbrunnenwald.«
    »Wo? Wer? Wer schickt dich?«
    »Dein Dami. Er ist drunten im Wald.«
    Barfüssele musste sich auf die Steinbank vor dem Hause setzen, aber nur eine
Minute, dann bezwang sie sich selbst, richtete sich straff auf mit den Worten:
»Mein Dami? Mein Bruder?«
    »Ja, des Barfüssele's Dami,« sagte der Knabe treuherzig, »und er hat mir
versprochen, du gäbest mir einen Kreuzer, wenn ich zu dir Boten gehe und es dir
sage; jetzt gieb mir einen Kreuzer.«
    »Mein Dami wird dir schon drei dafür geben.«
    »O nein,« sagte der Knabe, »er hat ja zu meinem Grossvater geheult, weil er
keinen Kreuzer mehr habe.«
    »Ich habe jetzt auch keinen,« sagte Bafüssele, »aber ich bleib' dir gut
dafür.«
    Sie ging schnell zurück in's Haus, bat die Neben magd an ihrer Statt die
Kühe zu melken, wenn sie zum Abend nicht wieder da sei; sie müsse schnell einen
Gang machen. Mit Herzklopfen, bald im Zorn auf Dami, bald in Wehmut über ihn
und sein Ungeschick, bald in Aerger, dass er wieder da sei und dann wieder in
Vorwürfen, dass sie ihrem einzigen Bruder so begegne, ging Barfüssele das Feld
hinaus, das Tal hinab nach dem Moosbrunnenwald. Der Weg zum Kohlenmates war
nicht zu verfehlen, ob man gleich von dem Fussweg abseits gehen musste. Der Geruch
des Meilers führte unfehlbar zu ihm.
    Wie singen die Vögel in den Bäumen und ein jammerndes Menschenkind wandelt
drunter hin, und wie traurig muss es Dami sein, der das Alles wiedersteht, und es
muss ihm hart gegangen sein, wenn er keinen andern Ausweg mehr weiss, als heim und
sich an dich hängen und dich aussaugen. Andre Schwestern haben an den Brüdern
eine Hülfe und ich ... Aber ich will dir jetzt schon zeigen, Dami, du musst
bleiben wo ich dich hinstelle und darfst nicht zucken.
    In solcherlei Gedanken ging Barfüssele dahin und war endlich beim
Kohlenmates angekommen. Aber sie sah hier keinen Menschen ausser dem
Kohlenmates, der vor seiner Blockhütte beim Meiler sass und seine Holzpfeife mit
beiden Händen hielt und rauchte, denn ein Köhler tut es seinem Meiler nach und
raucht immer.
    »Hat mich Jemand zum Narren gehabt?« fragte sich Barfüssele. »O das wäre
schändlich! Was tue ich denn den Menschen, dass sie mich zum Narren haben? Aber
ich krieg's schon heraus, wer das angestellt hat; der soll mir's büssen.«
    Mit geballter Faust und flammenrotem Gesicht stand sie jetzt vor dem
Kohlenmates. Dieser hob kaum das Antlitz nach ihr, viel weniger dass er ein Wort
redete; er war, so lang die Sonne schien, fast immer wortlos und nur des Nachts,
wenn ihm Niemand in's Auge sehen konnte, sprach er viel und gern.
    Barfüssele starrte eine Minute in das schwarze Antlitz des Köhlers und dann
fragte sie zornig: »Wo ist mein Dami?«
    Der Alte schüttelte mit dem Kopfe verneinend. Da fragte Barfüssele nochmals
mit dem Fusse aufstampfend: »Ist mein Dami bei Euch?«
    Der Alte legte die Hände aus einander und zeigte rechts und links, dass er
nicht da sei.
    »Wer hat denn zu mir geschickt?« fragte Barfüssele immer heftiger: »So redet
doch!«
    Der Köhler wies mit dem rechten Daumen nach der Seite, wo ein Fussweg sich um
den Berg hinzog.
    »Um Gotteswillen, saget doch ein Wort,« drängte Barfüssele vor Zorn weinend,
»nur ein einziges Wort. Ist mein Dami da oder wo ist er?«
    Endlich sagte der Alte: »Er ist da, dir entgegengegangen, den Fussweg,« und
gleich als hätte er viel zu viel gesprochen, presste er rasch die Lippen zusammen
und ging um den Meiler.
    Da stand nun Barfüssele und lachte höhnisch und wehmütig über den
einfältigen Bruder. »Er schickt nach mir und bleibt doch nicht an einer Stelle,
wo man ihn finden kann; und wenn ich jetzt den Weg hinauf gehe - wie konnte er
nur glauben, dass ich den Fussweg gehe? das ist ihm jetzt gewiss auch eingefallen
und er geht einen andern und ist nicht mehr zu finden und wir laufen um ein
ander herum wie im Nebel.«
    Barfüssele setzte sich still auf einen Baumstumpf und in ihr brannte es wie
in dem Meiler, die Flamme konnte nicht ausschlagen, sie musste still in sich
verkohlen. Die Vögel sangen, der Wald rauschte, ach, was ist das Alles, wenn
kein heller Ton im Herzen klingt ... wie aus einem Traum erinnerte sich jetzt
Barfüssele, wie sie einst Liebesgedanken nachgehangen. Wie kommst du dazu, so
etwas in dir aufkommen zu lassen? Hast du nicht Elend genug an dir und an deinem
Bruder? Und der Gedanke dieser Liebe war ihr jetzt wie mitten im Winter die
Erinnerung an einen hellen Sommertag. Man kann's nur glauben, dass es einst so
sonnig warm gewesen, aber man weiss nichts mehr davon. Jetzt musste sie lernen was
»Warten« heisst: hoch oben auf einer Spitze, wo kaum eine Hand breit Boden; und
wenn du erst weisst wie es ist, bist du im alten Elend und in noch grösserem ...
    Sie ging hinein in die Blockhütte des Köhlers, da lag ein Sack locker und
kaum halb voll, und auf dem Sacke stand der Name des Vaters.
    »O wie bist du herumgeschleppt!« sagte sie fast laut. Sie kam aber schnell
über die Erregung des Gemütes hinweg und wollte sehen, was denn Dami wieder mit
zurückgebracht. »Er hat doch mindestens die guten Hemden noch, die du ihm von
der Leinwand der schwarzen Marann' hast machen lassen? Und vielleicht ist auch
ein Geschenk von dem Ohm aus Amerika darin. Aber wenn er noch etwas Ordentliches
hätte, wäre er dann zuerst zum Kohlenmates im Wald? Hätte er sich nicht gleich
im Dorf gezeigt?«
    Barfüssele hatte Zeit diesen Gedanken nachzuhängen, denn das Sackbändel war
wahrhaft kunstmässig verknotet, und nur ihrer gewohnten Geschicklichkeit und
Unablässigkeit gelang es, ihn endlich zu entwirren. Sie tat Alles heraus was in
dem Sacke war und mit zornigem Blicke sagte sie vor sich hin: »O du Garnichts!
da ist ja kein heiles Hemd mehr. Du hast jetzt die Wahl, ob du Bettellump oder
Lumpenbettler heissen willst.«
    Das war keine gute Stimmung, in der sie den Bruder wieder begrüssen konnte,
und dieser mochte es fühlen, denn er stand lauernd am Eingang der Blockhütte bis
Barfüssele wieder Alles in den Sack getan hatte. Dann trat er auf sie zu und
sagte: »Grüss Gott Amrei! Ich bringe dir nichts als schwarze Wäsche, aber du bist
sauber und wirst mich auch wieder ...«
    »O lieber Dami, wie siehst du aus!« schrie Barfüssele und lag an seinem
Halse, aber schnell riss sie sich wieder los und sagte:
    »Um Gotteswillen, du riechst ja nach Branntwein. Bist du schon so weit?«
    »Nein, der Kohlenmates hat mir nur ein bisschen Wachholdergeist gegeben, ich
hab' auf keinem Bein mehr stehen können; es ist mir schlecht gegangen, aber
schlecht bin ich drum nicht geworden, das glaub' mir, ich kann dir's freilich
nicht beweisen.«
    »Ich glaub' dir. Du wirst doch das Einzige was du auf der Welt hast, nicht
betrügen? O wie verwildert und elend siehst du aus! Du hast ja einen grossen Bart
wie ein Scherenschleifer. Das leid' ich nicht, den musst du heruntermachen. Du
bist doch sonst gesund? Es fehlt dir doch nichts?«
    »Gesund bin ich und will Soldat werden.«
    »Was du bist und was du wirst, das wollen wir schon noch überlegen, jetzt
sag', wie es dir ergangen ist.«
    Dami stiess ein Scheit halbverbranntes Holz, von den sogenannten
unbrauchbaren Bränden mit dem Fusse weg und sagte: »Siehst du? Grad so bin ich;
nicht ganz Kohle geworden und doch auch kein frisch Holz mehr.«
    Barfüssele ermahnte ihn, er soll ohne Klage erzählen, und nun berichtete Dami
eine lange, lange Geschichte, wie er es beim Ohm nicht ausgehalten, wie
harterzig und eigennützig der sei, besonders aber, wie ihm die Frau jeden
Bissen missgönnt habe, den er im Hause genoss, wie er dann da und dort gearbeitet,
aber immer mehr die Harterzigkeit der Menschen erfahren habe; in Amerika da
könnte ein Mensch den Andern im Elend verkommen sehen und er schaut nicht nach
ihm um. Barfüssele musste fast lachen als in der Erzählung immer und immer wieder
der Endreim vorkam: »Und da haben sie mich auf die Strasse geworfen.« Sie konnte
nicht umhin einzuschalten: »Ja, so bist du, du lässt dich immer werfen. Bist
schon als Kind so gewesen: wenn du einmal gestolpert bist, da hast du dich
fallen lassen wie ein Stück Holz. Man muss aus dem Stolper auch einen Hopser
machen, drum sagt man ja im Sprüchwort: von Stolpe nach Danzig (tanz ich). Sei
lustig. Weisst, was man tun muss, wenn Einem die Menschen weh tun wollen?«
    »Man muss ihnen aus dem Weg gehen.«
    »Nein, man muss ihnen weh tun, wenn man kann, und am wehesten tut man
ihnen, wenn man sich aufrecht erhält und was vor sich bringt. Aber du stellst
dich immer hin und sagst zur Welt: tu' mir gut, tu' mir bös, küss' mich,
schlag' mich, wie du willst. - Das ist leicht. Du lässest dir Alles geschehen
und dann hast du Erbarmen mit dir selbst. Wär' mir auch recht, wenn mich ein
Anderes da und dort hinstellte, wenn ich's nicht selbst zu tun hätte; aber du
musst jetzt selbst Einsteher für dich sein, hast dich genug in der Welt
herumstossen lassen, jetzt zeig' einmal den Meister.«
    Vorwürfe und Lehren werden einem Unglücklichen gegenüber oft zu ungerechten
Härten und auch Dami nahm die Worte der Schwester als solche. Es war
fürchterlich, dass sie es nicht einsah, wie er der unglücklichste Mensch auf der
Welt sei. Sie mochte ihm noch so streng vorhalten, dass er das nicht glauben möge
und wenn er es nicht glaube, so sei es auch nicht der Fall. Aber das
Schwierigste von Allem ist: einem Menschen den Glauben an sich beizubringen; die
Meisten gewinnen ihn erst, nachdem ihnen Etwas gelungen ist.
    Dami wollte der herzlosen Schwester kein Wort weiter erzählen und erst
später gelang es ihr, dass er ausführlich von seinen Fahrten und Schicksalen
berichtete und wie er zuletzt als Heizer auf einem Dampfschiff nach der alten
Welt zurückgekehrt sei. Indem sie ihm jetzt seine selbstquälerische
Weichmütigkeit vorhielt, ward sie inne, dass auch sie nicht frei davon war.
    Durch den fast ausschliesslichen Verkehr mit der schwarzen Marann' hatte sie
sich gewöhnt, immer so viel von sich zu reden und an sich zu denken, und sie war
in ein schweres Wesen geraten. Jetzt, indem sie den Bruder aufrichtete, tat
sie es auch unwillkürlich mit sich selbst; denn das ist die geheimnisvolle Macht
des Menschenzusammenhanges, dass wir immer, indem wir Anderen helfen, uns selbst
mit helfen.
    »Wir haben vier gesunde Hände,« schloss sie, »und da wollen wir sehen, ob wir
uns nicht durch die Welt durchschlagen, und durchschlagen ist tausendmal besser
als sich durchbetteln. Jetzt komm', Dami; jetzt komm' mit heim.«
    Dami wollte sich im Orte gar nicht zeigen, er fürchtete sich vor dem
Gespötte, das von allen Seiten auf ihn losbreche, er wollte vor der Hand noch
versteckt bleiben; aber Barfüssele sagte ihm: »Jetzt gehst mit, am hellen
Sonntag, und mitten durch das Dorf, und lässst dich ausspotten. Lass sie nur reden
und deuten und lachen, dann bist du fertig und bist's los, hast den bittern
Kolben auf einmal verschluckt und nicht tropfenweis.«
    Erst nach vielem und heftigem Widerstreben und erst nachdem der schweigsame
Kohlenmates auch sein Wort und Barfüssele Recht gegeben hatte, liess Dami sich
führen. Und in der Tat hagelte und regnete es von allen Seiten bald grob, bald
spitz auf des Barfüssele's Dami los, der auf Gemeindekosten eine Vergnügungsreise
nach Amerika gemacht habe. Nur die schwarze Marann' nahm ihn freundlich auf und
ihr zweites Wort war: »Hast du nichts von meinem Johannes gehört?«
    Dami konnte keine Kunde geben. Und in doppelter Weise musste Dami heute Haar
lassen, denn noch am Abend brachte Barfüssele den Bader, der ihm den wilden
Vollbart abnehmen und ihm das landesübliche glatte Gesicht geben musste.
    Schon am andern Morgen wurde Dami auf's Rathaus beschieden, und da er davor
zitterte, er wusste nicht warum, versprach Barfüssele ihn zu begleiten und das war
gut, wenn es gleich nicht viel half.
    Der Gemeinderat verkündete Dami, dass er aus dem Ort ausgewiesen sei; er
habe kein Recht hier zu bleiben, um vielleicht der Gemeinde wieder zur Last zu
fallen.
    Alle Gemeinderäte staunten, da Barfüssele hierauf erwiderte:
    »Ja wohl, Ihr könnet ihn ausweisen; aber wisset Ihr wann? Wenn Ihr
hinausgehen könnt auf den Kirchhof, dort wo unser Vater und unsere Mutter liegt
und wenn Ihr zu den Begrabenen sagen könnt: Auf! geht fort mit Eurem Kind! -
Dann könnt Ihr ihn ausweisen. Man kann Niemand ausweisen aus dem Ort, wo seine
Eltern begraben sind, da ist er mehr als daheim; und wenn's tausend und
tausendmal da in den Büchern steht (sie deutete auf die gebundenen
Regierungsblätter) und anders stehen mag, es geht doch nicht und Ihr könnet
nicht.«
    Ein Gemeinderat sagte dem Schullehrer in's Ohr: »Diese Reden hat das
Barfüssele von niemand Anders gelernt als von der schwarzen Marann'!« Und der
Heiligenpfleger neigte sich zum Schulteiss und sagte: »Warum duldest du, dass das
Aschenbuttel so schreit? Klingle dem Schütz, er soll sie in's Narrenhäusle
stecken.«
    Der Schulteiss aber lächelte und erklärte Barfüssele, dass sich die Gemeinde
von allen Ueberlasten, die ihr durch den Dami werden könnten, losgekauft habe,
indem sie den grössten Teil des Ueberfahrtsgeldes für ihn auslegte.
    »Ja, wo ist er denn jetzt daheim?« fragte Barfüssele.
    »Wo man ihn annimmt, aber hier nicht und vor der Hand nirgends.«
    »Ja, ich bin nirgends daheim,« sagte Dami, dem es fast wohl tat, immer noch
mehr unglücklich zu sein. Jetzt konnte es doch Niemand läugnen, dass es keinem
Menschen auf der Welt schlechter ginge als ihm.
    Barfüssele kämpfte noch dagegen, aber sie sah bald, hier half nichts, das
Gesetz schien wider sie und nun beteuerte sie, dass ihr eher das Blut unter den
Nägeln hervorfliessen solle, ehe sie je wieder etwas für sich und ihren Bruder
von der Gemeinde annehme und sie versprach alles Erhaltene zurückzuerstatten.
    »Soll ich das auch in's Protokoll nehmen?« fragte der Gemeindeschreiber die
Umsitzenden und Barfüssele antwortete: »Ja, schreibet's nur, bei euch gilt ja
doch nur das Geschriebene.« Barfüssele unterzeichnete das Protokoll, aber als
dies geschehen war, wurde Dami dennoch verkündet, dass er als Fremder die
Erlaubnis habe: drei Tage im Dorfe zu bleiben, wenn er bis dahin kein
Unterkommen gefunden, werde er ausgewiesen und nötigenfalls mit Zwangsmitteln
über die Grenze gebracht.
    Ohne weiter ein Wort zu sagen verliess Barfüssele mit Dami das Rathaus, und
Dami weinte darüber, dass sie ihn unnötig gezwungen habe, in's Dorf
zurückzukehren; er wäre besser im Wald geblieben und hätte sich damit den Spott
und jetzt den Kummer erspart, zu wissen, dass er aus seinem Heimatsort als
Fremder ausgewiesen sei. Barfüssele wollte ihm erwidern, dass es besser sei, wenn
man Alles klar wisse und sei es auch das Herbste; aber sie verschluckte das, sie
selber fühlte, dass sie alle Kraft brauche, um sich aufrecht zu erhalten; sie
fühlte sich auch ausgewiesen mit ihrem Bruder und sie empfand es, dass sie einer
Welt gegenüber stand, die sich auf Macht und Gesetze stützte und sie selber
hatte nur die leere Hand; aber sie hielt sich jetzt aufrechter als je.
    Das Ungeschick und Missgeschick Dami's drückte sie nicht nieder, denn so ist
der Mensch: hat er ein Schmerzen das ihn ganz erfüllt, dann trägt er ein
anderes, und sei es noch so schwer, oft leichter, als wenn es allein gekommen
wäre. Und weil Barfüssele ein unnennbares Wehe empfand, gegen das sie nichts tun
konnte, trug sie das nennbare, gegen das sie wirken konnte, um so williger und
freier. Sie gönnte sich keine Minute der Träumerei mehr und ging immer mit
straffen Armen und mit geballter Faust hin und her, als wollte sie sagen: wo ist
denn die Arbeit und sei es auch die schwerste, ich nehme sie über mich, wenn ich
nur mich und meinen Bruder aus der Abhängigkeit und Verlassenheit herausbringe.
Sie dachte jetzt selber daran mit Dami in's Elsass zu wandern und dort in einer
Fabrik zu arbeiten. Es kam ihr schrecklich vor, dass sie das sollte; aber sie
wollte sich dazu zwingen. Wenn nur der Sommer vorüber war, dann sollte es
fortgehen, und Lebewohl Heimat! Wir sind ja auch daheim in der Fremde.
    Der nächste Annehmer, den die beiden Waisen in der Ortsregierung gehabt
hatten, war jetzt machtlos. Der alte Rodelbauer lag schwer krank danieder und in
der Nacht nach der stürmischen Gemeinderatssitzung verschied er.
    Barfüssele und die schwarze Marann' waren diejenigen, die am meisten bei
seiner Beerdigung auf dem Kirchhofe weinten. Die schwarze Marann' sagte auf dem
Heimwege noch als besonderen Grund: »Der Rodelbauer ist der letzte noch Lebende
gewesen, mit dem ich einstmals in meinen jungen Jahren getanzt habe. Mein
letzter Tänzer ist nun gestorben.«
    Bald aber hielt sie ihm eine andere Nachrede, denn es zeigte sich, dass der
Rodelbauer, der Barfüssele so jahrelang darauf vertröstet, sie in seinem
Testamente gar nicht erwähnt, viel weniger ihr etwas vererbt hatte. Als die
schwarze Marann' gar nicht aufhören wollte mit Klagen und Schelten, sagte
Barfüssele: »Das geht jetzt in Einem hin, es ist nun einmal so, es hagelt jetzt
von allen Seiten auf mich los; aber die Sonne wird schon wieder scheinen.«
    Die Erben des Rodelbauern schenkten indes Barfüssele einige Kleider des
Alten; sie hätte sie gern zurückgewiesen, aber durfte sie es wagen, jetzt noch
mehr Trotz kund zu geben? Auch Dami wollte die Kleider nicht annehmen, aber er
musste nachgeben. Es schien einmal sein Loos, in den Kleidern allerlei
Abgeschiedener sein Leben zu verbringen.
    Der Kohlenmates nahm Dami zu sich in den Wald zum Meiler, und Zuträger
sagten dem Dami, er solle nur einen Prozess anfangen, man könne ihn nicht
ausweisen, weil er noch an keinem andern Orte angenommen sei, das sei
stillschweigende Voraussetzung beim Aufgeben des Heimatsrechtes.
    Die Leute schienen sich fast daran zu erlustigen, dass die armen Waisen weder
Zeit noch Geld hatten, einen Rechtsstreit anzufangen.
    Dami schien sich wohlzugefallen in der Einsamkeit des Waldes. Es war so nach
seiner Art, dass man sich nicht an- und auszuziehen brauchte, und jedesmal am
Sonntag Nachmittag kostete es Barfüssele einen Kampf, bis sich Dami nur ein
bisschen reinigte; dann sass sie bei ihm und dem Mates, und man sprach wenig, und
Barfüssele konnte ihre Gedanken nicht abhalten, dass sie in der Irre umhergingen
in der Welt und Den suchten, der sie einst einen ganzen Tag so glücklich gemacht
und in den Himmel gehoben hatte. Wusste er nichts mehr von ihr und dachte er
nicht mehr an sie? Kann denn der Mensch den andern vergessen, mit dem er einmal
so glücklich war?
    Es war am Sonntag Morgen gegen Ende Mai, Alles war in der Kirche. Es hatte
am Tage vorher geregnet. Ein frischer erquickender Atem hauchte von Berg und
Tal, denn die Sonne schien hell hernieder. Auch Barfüssele hatte in die Kirche
gehen wollen, aber sie lag wie festgebannt unter dem Fenster, während es
läutete, und sie versäumte die Kirche. Das war seltsam und noch nie geschehen.
Nun da es zu spät war, entschloss sie sich, allein zu bleiben und daheim in ihrem
Gesangbuch zu lesen. Sie kramte in ihrer Truhe und war überrascht von allerlei
Sachen, die sie besass. Sie sass auf dem Boden und las eben einen Gesang und
summte ihn halb laut vor sich hin, da regte sich etwas am Fenster. Sie schaute
sich um: eine weisse Taube steht auf dem Simse und schaut nach ihr, und wie sich
die Blicke des Mädchens und der Taube begegnen, fliegt die Taube davon und
Barfüssele schaut ihr nach, wie sie hinausfliegt über das Feld und sich dort
niederlässt. Dieses Begegniss, das doch so natürlich war, macht sie plötzlich ganz
froh, und sie nickt immer hinaus in's Weite nach den Bergen, nach Feld und Wald.
Sie ist den ganzen Tag ungewöhnlich heiter. Sie kann nicht sagen warum, es ist
ihr, als ob ihr eine Freude in der Seele jauchzte, sie weiss nicht woher sie kam.
Und so oft sie auch am Mittag an die Türpfoste gelehnt, den Kopf schüttelt über
die seltsame Erregung die sie spürt: sie weicht nicht von ihr. »Es muss sein, es
muss doch sein, dass so Jemand an dich gedacht hat; und warum kann das nicht sein,
dass so eine Taube der stille Bote ist, der mir das sagt? Die Tiere leben doch
auch auf der Welt, wo die Gedanken der Menschen hin und her stiegen, und wer
weiss, ob sie nicht Alles still davon tragen.«
    Die Menschen, die an Barfüssele vorübergingen, konnten nicht ahnen, was für
ein seltsames Sinnen sich in ihr bewegte.
 
                          13. Aus einem Mutterherzen.
Während Barfüssele im Dorf und in Feld und Wald träumte und sorgte und kümmerte,
bald von seltsamen Freudenschauern sich durchrieselt fühlte, bald sich wie
ausgestossen vorkam in der weiten Welt, schickten Eltern ihr Kind fort, freilich,
damit es um so reicher wiederkomme.
    Droben im Allgäu, auf dem grossen Bauernhofe, genannt zur »wilden Reute,«
sass der Landfriedbauer mit seiner Frau bei ihrem jüngsten Sohne, und der Bauer
sagte: »Hör' einmal Johannes, jetzt ist mehr als ein Jahr um, seitdem du
zurückgekehrt bist, und ich weiss nicht, was mit dir ist; du bist damals wie ein
geschlagener Hund heimgekommen und hast gesagt, du wollest dir lieber hier in
der Gegend eine Frau suchen, aber ich sehe nichts davon. Willst du mir noch
einmal folgen, dann will ich dir kein Wort mehr zureden.«
    »Ja, ich will,« sagte der junge Mann, ohne sich aufzurichten.
    »Nun gut, versuch's noch einmal; Einmal ist Keinmal, und ich sage dir, du
machst mich und die Mutter glücklich, wenn du dir eine Frau nimmst aus unserer
Gegend, und am liebsten, wo die Mutter her ist. Ich kann dir's schon in's
Gesicht sagen, Bäuerin, es gibt in der ganzen Welt nur Einen guten Schlag
Weibsleut', und der ist bei uns daheim, und du bist gescheit, Johannes, du wirst
schon eine Rechtschaffene finden, und dann wirst du es uns noch auf dem
Todtenbett danken, dass wir dich in unsere Heimat geschickt haben, dir eine Frau
zu holen. Wenn ich nur fort könnte, ich ginge mit dir, und wir Beide fänden
schon die Rechte. Aber ich hab' mit unserm Jörg geredet; er will mit dir gehen,
wenn du ihn darum ansprichst. Reit' hinüber und sag's ihm.«
    »Wenn ich meine Meinung sagen darf,« erwiderte der Sohn, »wenn ich noch
einmal gehen soll, möcht' ich wieder allein. Ich bin einmal so. Das verträgt bei
mir kein anderes Aug', ich möcht' mit Niemand darüber reden. Wenn's möglich
wär', möcht' ich am liebsten ungesehen und stumm Alles erkundschaften; und kommt
man nun gar zu Zweit', da ist's so gut, wie wenn man's ausschellen liess', und
Alles putzt sich auf.«
    »Wie du willst,« sagte der Vater, »du bist einmal so aus der Art. Weisst was?
Mach' dich jetzt gleich auf den Weg; es fehlt uns ein Gespann zu unserm
Schimmel, such' dir einen dazu, aber nicht auf dem Markt; und wenn du so in den
Häusern herumkommst, kannst du schon viel sehen und kannst auch auf dem Heimweg
ein Bernerwägelein kaufen. - Der Dominik in Endringen soll ja noch drei Töchter
haben wie die Orgelpfeifen, such' dir Eine aus, aus Dem Haus wäre uns eine
Tochter recht.«
    »Ja,« ergänzte die Mutter; »das Ameile hat gewiss brave Töchter.«
    »Und besser wär's,« fuhr der Vater fort, »du siehst dir einmal in
Siebenhöfen die Amrei an, des Schmalzgrafen Tochter, die hat einen ganzen Hof,
den könnte man gut verkaufen, die Siebenhöfener Bauern, die schlecken die Finger
darnach, wenn sie nur noch Aecker kriegen könnten, und da ist baar Geld, da
gibt's keine Zieler; aber ich red' dir weiter nichts zu, du hast ja deine Augen
selber bei dir. Komm', mach' dich gleich auf den Weg. Ich füll' dir die
Geldgurt' voll. Zweihundert Kronentaler werden genug sein, und der Dominik
leiht dir, wenn du mehr brauchst. Gieb dich nur zu erkennen. Ich kann's noch
nicht verstehen, dass du dich damals auf der Hochzeit nicht zu erkennen gegeben
hast; es muss dir was geschehen sein, aber ich will nichts wissen.«
    »Ja, weil er's nicht sagt,« ergänzte die Mutter lächelnd.
    Der Bauer machte sich nun gleich daran, die Geldgurte zu füllen. Er brach
zwei gestösselte Rollen auf und man sah es ihm an, es tat ihm wohl, wie er so
die grobe Münze von der einen Hand in die andere laufen liess. Er machte Häufchen
von je zehn Talern und zählte sie zwei- dreimal ab, um sich ja nicht zu irren.
    »Nun meinetwegen,« sagte der junge Mann und richtete sich auf - Es ist der
fremde Tänzer von der Hochzeit in Endringen. Bald bringt er den gesattelten
Schimmel aus dem Stall, schnallt noch den Mantelsack darauf und ein schöner
Wolfshund springt dabei an ihm empor und leckt ihm die Hände.
    »Ja, ja, ich nehm' dich mit,« sagte der Bursche zu dem Hund und erschien zum
Erstenmal im ganzen Gesicht freundlich und er rief zum Vater hinein in die
Stube: »Vater, darf ich den Lux mitnehmen?«
    »Ja, wie du willst,« lautete von drinnen die Antwort aus dem Klingen der
Taler heraus. Der Hund schien Hin- und Widerrede verstanden zu haben. Er sprang
bellend und sich im Kreise drehend im Hof umher.
    Der Bursche ging hinein in die Stube und indem er sich die Geldgurte
umschnallte, sagte er: »Ihr habt Recht, Vater, es wird mir jetzt schon wohler,
weil ich jetzt aus dem So-hinleben mich herausmache, und ich weiss nicht, man
soll freilich keinen Aberglauben haben, aber es hat mir doch wohlgetan, dass der
Schimmel sich nach mir wendet wie ich in den Stall komme und wiehert, und dass
der Hund so auch mit will; es ist doch ein gutes Zeichen, und wenn man die
Tiere befragen könnte, wer weiss, ob die Einem nicht den besten Rat geben
könnten.«
    Die Mutter lächelte, aber der Vater sagte: »Vergiss nicht, dass du dich an den
Krappenzacher hältst und geh' nicht voran und bind' dich nicht, ehe du ihn
befragt hast; der kennt das Inwendige aller Menschen auf zehn Stunden Wegs im
Umkreis und ist ein lebendiges Hypotekenbuch. Jetzt behüt' dich Gott und lass
dir Zeit, du kannst auf zehn Tag ausbleiben.«
    Vater und Sohn schüttelten sich die Hände und die Mutter sagte: »Ich geb'
dir noch ein Stück das Geleite.«
    Der Bursche führte nun das Pferd am Zügel und ging neben der Mutter her,
still bis hinaus vor den Hof und erst bei einer Biegung des Weges sagte die
Mutter zagend: »Ich möchte dir gern Anweisungen geben.«
    »Ja, ja, nur zu, ich höre gern drauf.«
    Nun begann die Mutter, indem sie die Hand des Sohnes fasste: »Bleib' stehen,
ich kann im Gehen nicht gut reden. - Schau, dass sie dir gefällt, das ist
natürlich das Erste: ohne Lieb' ist keine Freud', und ich bin nun eine alte
Frau, gelt ich darf Alles sagen?«
    »Ja, ja!«
    »Wenn du dich nicht drauf freust und es nicht wie ein Gnadengeschenk vom
Himmel ansiehst, dass du ihr einen Kuss geben darfst, da ist's die rechte Liebe
nicht, aber ... bleib' doch stehen ... und auch diese Liebe reicht noch nicht
aus, da kann sich noch etwas Anderes dahinter verstecken. Glaub' mir ...« Die
alte Frau hielt stotternd inne und wurde flammrot im Gesichte. »Schau, wo der
rechte Respekt nicht ist, und wo man nicht Freud daran hat, dass eine Frau grad
so eine Sache in die Hand nimmt und grad so wegstellt und nicht anders, da
geht's schwer; und vor Allem achte darauf, wie sie sich zu den Dienstboten
stellt.«
    »Ich will Euch immer abnehmen und in klein Geld wechseln, was Ihr meint ,
Mutter; das Sprechen wird Euch schwer. Jetzt das verstehe ich schon. Sie darf
nicht zu stolz und nicht zu vertraut sein.«
    »Das freilich, aber ich seh's Einer am Mund an, ob der Mund schon geflucht
und geschimpft und gescholten hat, und ob er's gern tut. Ja, wenn du sie im
Aerger weinen sehen, wenn du sie im Zorn ertappen könntest, da wäre sie am
besten kennen zu lernen; da springt der versteckte inwendige Mensch heraus und
das ist oft einer mit Geierkrallen wie ein Teufel. O Kind! Ich hab' viel
erfahren und in's Aug' gefasst. Ich seh' daran, wie Eine das Licht auslöscht,
wie's in ihr aussieht und was sie für ein Gemüt hat. Die so im Vorbeigehen mit
einem Hui das Licht ausbläst, mag's fünkeln und blaken, das ist Eine, die sich
auf ihr schnelles Schaffen was einbildet und sie tut doch Alles nur halb und
hat keine Ruhe im Gemüt.«
    »Ja, Mutter, das machet Ihr mir zu schwer; eine Lotterie ist und bleibt es
immer.«
    »Ja, ja, du brauchst auch nicht Alles zu behalten, was ich mein', nur so
obenhin; wenn dir's nachher vorkommt, wirst schon finden, wie ich's gemeint
habe. Und dann pass auf: ob sie gut beim Arbeiten redet, ob sie etwas in die Hand
nimmt, wenn sie mit dir spricht, und nicht allemal still hält, wenn sie ein Wort
sagt, und nicht eine Scheinarbeit tut. Ich sage dir, Arbeitsamkeit ist bei
einer Frau Alles. Meiner Mutter Red' ist immer gewesen: ein Mädchen darf nie mit
leeren Händen gehen und muss über drei Zäune springen, um ein Federchen
aufzulesen. Und dabei muss sie doch beim Schaffen ruhig und stetig sein, nicht so
um sich rasen und aufbegehren, als wolle sie jetzt grad' ein Stück von der Welt
herunter reissen. Und wenn sie dir Red' und Antwort gibt, merk' auf, ob sie
nicht zu blöd und nicht zu keck ist. Du glaubst gar nicht, die Mädchen sind ganz
anders, wenn sie einen Mannshut sehen, als wenn sie unter sich sind; und die wo
immer gar so tun, als ob sie bei Jedem sagen wollten: friss mich nicht! das sind
die Schlimmsten; aber die so ein gewetztes Mundstück haben und die meinen, wenn
Jemand in der Stube sei, dürfte das Maul gar nicht still stehen, die sind noch
ärger.«
    Der Bursche lachte und sagte: »Mutter, Ihr solltet einmal predigen gehen in
der Welt herum und Kirche halten für die Mädchen allein.«
    »Ja, das könnte ich auch,« sagte die Mutter ebenfalls lachend, »aber ich
bringe das Letzte zuerst vor. Natürlich, dass du zuerst drauf siehst, wie sie zu
Eltern und Geschwistern steht; du bist ja selber ein gutes Kind, da brauch' ich
dir nichts zu sagen. Das vierte Gebot kennst du.«
    »Ja, Mutter, da seid ruhig und da habe ich mein besonderes Merkzeichen: die
viel Wesens von der Elternliebe machen, da ist's nichts; das zeigt sich am
besten wie man tut; und wer viel davon schwätzt, ist müd und matt, wenn's an's
Tun geht.«
    »Du bist ja gescheit,« sagte die Mutter in spöttischer Glückseligkeit, legte
die Hand auf die Brust und schaute zu ihrem Sohn auf: »Soll ich dir noch mehr
sagen?«
    »Ja, ich hör' Euch immer gern.«
    »Mir ist, wie wenn ich heut' zum Erstenmal so recht mit dir reden könnte,
und wenn ich sterbe, so habe ich nichts mehr hinter mir was ich vergessen habe.
Das vierte Gebot! ja, da fällt mir ein, was mein Vater einmal gesagt hat. O, der
hat Alles verstanden und viel in Schriften gelesen und ich habe einmal zugehört
wie er zum Pfarrer, der oft bei ihm war, gesagt hat: »Ich weiss den Grund, warum
beim vierten Gebot allein eine Belohnung ausgesetzt ist, und man meint doch da
wäre es grad am unnötigsten, denn das ist ja das natürlichste. Aber es heisst:
Ehre Vater und Mutter damit du lange lebest!.. damit ist nicht gemeint, dass ein
braves Kind siebzig oder achtzig Jahr alt wird; nein, wer Vater und Mutter ehrt,
lebt lange, aber rückwärts. Er hat das Leben von seinen Eltern in sich, in der
Erinnerung, in Gedanken, und das kann ihm nicht genommen werden und er lebt
lange auf Erden, wie alt er auch sei. Und wer Vater und Mutter nicht ehrt, der
ist erst heut auf die Welt gekommen und morgen nicht mehr da.«
    »Mutter, das ist ein gutes Wort, das verstehe ich und werde es auch nicht
vergessen und meine Kinder sollen's auch lernen; aber je mehr Ihr so redet, je
schwerer wird mir's, dass ich Eine finde; ich meine sie müsste so sein wie Ihr.«
    »O Kind, sei nicht so einfältig! Mit neunzehn, zwanzig Jahren bin ich auch
noch ganz anders gewesen, wild und eigenwillig, und auch jetzt bin ich noch
nicht wie ich sein möchte! Aber was ich dir noch sagen wollte? ja, von wegen der
Frau. Es ist wunderlich, warum es gerade dir so schwer wird. Aber dir ist von
Klein auf Alles schwerer geworden, du hast erst mit zwei Jahren laufen gelernt
und kannst doch jetzt springen wie ein Füllen. Nur noch ein paar Kleinigkeiten,
aber da kennt man oft Grosses draus. Merk' auf, wie sie lacht; nicht so
pflatschig zum Ausschütten, und nicht so spitzig zum Schnäbelchen machen, nein,
so von innen heraus. Ich wollt', du wüsstest wie du lachst, dann könntest du's
schon abmerken.«
    Der Sohn musste hierbei laut auflachen und die Mutter sagte immer: »Ja, ja,
so ist's, so hat grad mein Vater auch gelacht, so hat's ihm den Buckel
geschüttelt und die Achseln gehoben.« Und je mehr die Mutter das sagte, um so
mehr musste der Sohn lachen und sie stimmte endlich selbst mit ein und so oft das
Eine aufhörte, steckte das fortgesetzte Lachen des Andern es wieder an. Sie
setzten sich an einen Wegrain, liessen das Pferd grasen und indem die Mutter ein
Maasliebchen abpflückte und damit in der Hand spielte, sagte sie: »Ja, das ist
auch was, das hat viel zu bedeuten. Gieb Acht, ob ihr Blumen gedeihen, da steckt
viel drin, mehr als man glaubt.«
    Man hörte in der Ferne Mädchen singen und die Mutter sagte: »Merk' auch auf,
ob sie beim Singen gern gleich die zweite Stimme singt; die wo gern immer den
Ton angeben, das hat etwas zu bedeuten; und schau! da kommen Schulkinder, die
sagen mir auch was. Wenn du's erkundschaften kannst, ob sie ihr Schreibbuch aus
der Schule noch hat, das ist auch wichtig.«
    »Ja, Mutter, Ihr nehmt noch die ganze Welt zum Wahrzeichen. Was soll denn
das jetzt zu bedeuten haben, ob sie ihr Schreibbuch noch hat?«
    »Dass du noch fragst, das zeigt, dass du noch nicht ganz gescheit bist. Ein
Mädchen, das nicht gern Alles aufbewahrt, was einmal gegolten hat, das hat kein
rechtes Herz.«
    Der Sohn hatte während des Redens versucht, die Treibschnur an der Peitsche,
die sich verknotet hatte, aufzuknüpfen, jetzt holte er das Messer aus der Tasche
und schnitt den Knoten entzwei. Mit dem Finger darauf hindeutend, sagte die
Mutter:
    »Siehst du? das darfst du tun, aber das Mädchen nicht. Gieb Acht, ob sie
einen Knoten schnell zerschneidet; da liegt ein Geheimnis drin.«
    »Das kann ich erraten,« sagte der Sohn. »Aber Euer Schuhbändel ist Euch
aufgegangen und wir müssen jetzt fort.«
    »Ja, und du bringst mich damit noch auf was,« sagte die Mutter. »Schau, das
ist noch eins der besten Zeichen: gieb Acht, wie sie die Schuhe vertritt, nach
innen oder nach aussen, und ob sie schlurkt und viel Schuhwerk zerreisst.«
    »Da müsste ich zum Schuhmacher laufen,« sagte der Sohn lächelnd, »o Mutter,
alles Das, was Ihr sagt, das findet man nicht bei einander.«
    »Ja, ja, ich red' zu viel und du brauchst ja nicht Alles behalten, es soll
dich nur daran erinnern, wenn's dir vorkommt. Ich meine nur: nicht was Eine hat
oder erbt ist die Hauptsache, sondern was Eine braucht. Jetzt aber, du weisst,
ich habe dich ruhig gehen lassen, jetzt mach' mir dein Herz auf und sag': was
ist dir denn geschehen, dass du voriges Jahr von der Hochzeit in Endringen
heimgekommen bist wie behext und seitdem nicht mehr der alte Bursch bist von
ehedem? Sag's, vielleicht kann ich dir helfen.«
    »O Mutter, das könnet Ihr nicht, aber ich will's Euch sagen. Ich hab' Eine
gesehen, die die Rechte gewesen wäre, aber es ist die Unrechte gewesen.«
    »Um Gotteswillen! Du hast dich doch nicht in eine Ehefrau verliebt?«
    »Nein, es ist aber doch die Unrechte gewesen. Was soll ich da viel drum
herum reden? Es war eine Magd.«
    Der Sohn atmete tief auf und Mutter und Sohn schwiegen eine geraume Weile;
endlich legte die Mutter die Hand auf seine Schulter und sagte: »O du bist brav,
ich danke Gott, dass er dich so hat werden lassen. Das hast du brav gemacht, dass
du dir das aus dem Sinn geschlagen. Dein Vater hätt' das nie zugegeben und du
weisst ja, was Vatersegen zu bedeuten hat.«
    »Nein, Mutter, ich will mich nicht braver machen als ich bin; es hat mir
selber ganz allein nicht gefallen, dass sie eine Magd ist; das geht nicht und
drum bin ich fort. Aber es ist mir doch härter geworden, mir das aus dem Sinn zu
bringen als ich geglaubt habe, aber jetzt ist's vorbei, und es muss vorbei sein,
ich habe mir das Wort gegeben, dass ich mich nicht nach ihr erkundige, Niemand
frage wo sie ist und wer sie ist, ich bringe Euch, will's Gott, eine rechte
Bauerntochter.«
    
    »Du hast doch den Rechtschaffenen an dem Mädchen gemacht und hast ihm nicht
den Kopf verwirrt?«
    »Mutter, da, meine Hand, ich habe mir nichts vorzuwerfen.«
    »Ich glaube dir,« sagte die Mutter, und drückte mehrmals seine Hand, »und
Glück und Segen auf den Weg.«
    Der Sohn stieg auf und die Mutter sah ihm nach, und jetzt rief sie: »Halt',
ich muss dir noch was sagen, ich habe das Beste vergessen.«
    Der Sohn wendete das Pferd, und bei der Mutter angekommen, sagte er
lächelnd: »Aber nicht wahr, Mutter, das ist das Letzte?«
    »Ja, und die beste Probe. Frage das Mädchen auch nach den Armen im Ort und
dann lauf' herum und horch die Armen aus was sie über sie reden. Das muss eine
schlechte Bauerntochter sein, die nicht ein Armes an der Hand hat, dem sie Gutes
tut. Merk' dir das, und jetzt behüt' dich Gott und reit' scharf zu.«
    Und wie er nun davon ritt, sprach die Mutter noch ein Gebet auf seinen Weg,
dann kehrte sie zurück nach dem Hof.
    »Ich hätt' ihm doch noch sagen sollen, dass er sich auch nach des Josenhansen
Kindern erkundigen soll, was aus Denen geworden ist,« sagte die Mutter in
seltsamer Erregung vor sich hin, und wer weiss die verborgenen Wege, die die
Seele geht, die Strömungen die hinziehen über unserer erkennbaren Schicht oder
tief unter ihr? Es erwacht eine längst verklungene Lied- und Tanzweise in deiner
Erinnerung, du kannst sie nicht laut singen, du bringst die Töne nicht zusammen,
aber innerlich erklingt es dir ganz deutlich und es ist dir als ob du es
hörtest. Was ist's, das plötzlich diese verklungenen Töne in dir erweckte?
    Warum dachte gerade jetzt die Mutter an diese Kinder, die schon längst aus
ihrem Gedächtnis entschwunden waren? War die andächtige Stimmung von jetzt wie
eine Erinnerung an eine andere längst verklungene und erweckte sie damit die
begleitenden Umstände derselben? Wer kann die unwägbaren und unsichtbaren
Elemente fassen, die hin und her, von Mensch zu Mensch, von Erinnerung zu
Erinnnerung schweben und schwingen.
    Als die Mutter in den Hof zurückkam zu dem Bauer, sagte dieser spöttisch:
    »Du hast ihm gewiss noch viel Unterweisung gegeben, wie man die Beste fischt;
ich habe auch dafür vorgesorgt, ich habe voraus an den Krappenzacher
geschrieben, der wird ihn schon in die rechten Häuser bringen. Er muss Eine
bringen, die brav Batzen hat.«
    »Das Batzenhaben macht die Bravheit nicht aus,« entgegegnete die Mutter.
    »So gescheit bin ich auch,« höhnte der Bauer, »aber warum soll Eine nicht
brav sein können und doch auch brav Batzen haben?«
    Die Mutter schwieg. Nach einer Weile aber sagte sie:
    »An den Krappenzacher hast ihn gewiesen? Beim Krappenzacher ist der Bub vom
Josenhans untergebracht gewesen.« So knüpfte sie jetzt durch den Namen laut an
ihre frühere Erinnerung an und jetzt erst wurde sie sich bewusst, wessen sie sich
erinnert hatte.
    »Ich weiss nicht, was du redest,« sagte der Bauer, »was hast du mit dem Kind
vom Josenhans beim Krappenzacher? Warum sagst du jetzt nicht, dass ich das
gescheit gemacht habe?«
    »Ja, ja, das ist gescheit,« bestätigte die Frau, aber dem Alten genügte das
nachträgliche Lob nicht, und er ging brummend hinaus.
    Ein gewisses ärgerliches Bangen, dass es doch mit dem Johannes schief gehen
könne, und dass man sich vielleicht zu sehr übereilt habe, machte den Alten
unwirsch für die Gegenwart und für Alles was ihn umgab.
 
                            14. Der Schimmelreiter.
Am Abend desselben Tages, an dem Johannes ausgeritten war von Zusmarshofen, kam
der Krappenzacher in's Haus des Rodelbauern und sass mit diesem lange im
Hinterstübchen und las ihm leise einen Brief vor.
    »Hundert Kronentaler musst du mir geben, wenn die Sache in's Reine kommt,
und das will ich schriftlich,« sagte der Krappenzacher.
    »Ich meine, fünfzig Kronentaler wären auch genug, das ist ein schön Stück
Geld.«
    »Nein, keinen roten Heller weniger als runde Hundert, und ich schenke dir
dabei noch gut und gern hundert, aber ich gönne es dir und deiner Schwester, und
tue gern Einem im Ort einen Gefallen. Ich bekäme in Endringen und in
Siebenhöfen gut und gern das Doppelte. Deine Rosel ist eine rechte
Bauerntochter, da kann man nichts dagegen sagen, aber was Besonderes ist sie
nicht, da kann man fragen: was kostet das Dutzend von denen?«
    »Sei still, das leid' ich nicht.«
    »Ja, ja, will still sein, und dich nicht im Schreiben verwirren. Jetzt
schreib' gleich.«
    Der Rodelbauer musste dem Krappenzacher willfahren und als er geschrieben
hatte, sagte er:
    »Wie meinst, soll ich meiner Rosel etwas davon sagen?«
    »Freilich musst du das, aber sie soll sich nichts merken lassen, und auch
Niemand im Ort; das verträgt das Schnaufen nicht, und ein Jedes hat seine
Feinde, du und deine Schwester auch. Kannst mir's glauben. Sag' der Rosel, sie
soll sich alltagsmässig anziehen, und die Kühe melken, wenn er kommt. Ich lasse
ihn allein zu dir in's Haus; hast ja gelesen, dass der Landfriedbauer schreibt:
er habe seinen eigenen Kopf, und liefe gleich davon, wenn er merke, dass da etwas
angelegt sei. Musst aber noch schnell heut' Abend hinüberschicken nach
Lauterbach, und dir den Schimmel von deinem Schwager holen lassen; ich will den
Freier dann schon durch einen Unterhändler nach einem Gaul zu dir schicken. Lass
du dir auch nichts merken.«
    Der Krappenzacher ging weg und der Rodelbauer rief seine Schwester und seine
Frau in's Hinterstübchen und teilte ihnen unter Auferlegung der Geheimhaltung
mit, dass morgen ein Freier für die Rosel käme, und zwar ein Mensch wie ein
Prinz, der einen Hof habe, wie es keinen zweiten gebe, mit einem Wort, des
Landfriedbauern Johannes von Zusmarshofen. Er gab nun die weiteren Anordnungen,
wie sie der Krappenzacher bestimmt hatte, und empfahl nochmals das strengste
Geheimhalten.
    Nach dem Nachtessen konnte sich indes Rosel nicht entalten, das Barfüssele
zu fragen, ob sie, wenn sie heirate, gern mit ihr ginge als Magd; sie gäbe ihr
doppelt mehr Lohn als sie jetzt habe, und sie brauche dann auch nicht über den
Rhein in eine Fabrik. Barfüssele gab ausweichende Antwort, denn sie war nicht
geneigt mit der Rosel zu gehen und wusste, dass diese bei ihrem Antrag noch andere
Absichten hatte: sie wollte zuerst ihren Triumph anbringen, dass sie einen Mann
kriege, und was für Einen, und dann sollte Barfüssele ihr das Hauswesen in Stand
halten, um das sie sich bisher fast gar nichts bekümmert hatte. Das hätte nun
Barfüssele gern getan für eine ihr zugeneigte Herrin, aber nicht für Rosel; und
sollte sie einmal von ihrer jetzigen Meisterin fort, dann wollte sie nicht mehr
in Dienst, dann lieber für sich, sei es auch in der Fabrik mit ihrem Bruder.
    Und noch als sich Barfüssele zu Bette legen wollte, rief sie die Meisterin,
und vertraute ihr das Geheimnis mit dem Hinzufügen: »Du hast zwar immer Geduld
gehabt mit der Rosel, jetzt aber hab' doppelte, so lange der Freier da ist, dass
es keinen Lärmen im Hause gibt.«
    »Ja, ich finde es aber schlecht, dass sie jetzt das Einzigemal die Kühe
melken will; das heisst ja den guten Menschen betrügen, und sie kann ja gar nicht
melken.«
    »Du und ich wir können die Welt nicht ändern,« sagte die Meisterin, »ich
mein', du hast für dich allein schwer genug; lass du Andre treiben was sie
wollen.«
    Barfüssele legte sich mit dem schweren Gedanken nieder, wie doch die Menschen
sich gar kein Gewissen daraus machen, einander zu betrügen. Sie wusste zwar
nicht, wer der Betrogene sein würde; aber sie hatte tiefes Mitleid mit dem armen
jungen Mann und schwarz wurde es ihr vor den Augen als sie denken musste: wer
weiss, vielleicht wird die Rosel mit ihm ebenso angeführt, als er mit ihr.
    Am Morgen als Barfüssele in aller Frühe zum Fenster hinaus sah, schrak sie
plötzlich zurück als wäre ihr ein Schuss an die Stirn gefahren. »Himmel was ist
denn das?« Sie rieb sich hastig die Augen und riss sie wieder auf und fragte
sich, ob sie noch träume. »Das ist ja der Schimmelreiter von der Endringer
Hochzeit, er kommt daher in's Dorf, er holt dich, nein, er weiss nichts; aber er
soll's wissen. Nein, nein, was willst du?« Er kommt näher, immer näher, er
schaut nicht auf ... »Eine doppelt aufgeblühte Nelke fällt von der Hand
Barfüssele's über dem Fensterbrett auf ihn nieder, sie trifft den Mantelsack
seines Pferdes, aber er sieht sie nicht, und sie fällt auf die Strasse und
Barfüssele eilt hinab und nimmt das verräterische Zeichen wieder zu sich, und
jetzt geht es ihr auf wie ein neuer fürchterlicher Tag: das ist ja der Freier
der Rosel, der ist's, den sie gemeint hat am gestrigen Abend. Sie hatte ihn
nicht genannt, aber es kann kein Anderer sein, Keiner, und der soll betrogen
werden? Im Schuppen auf dem grünen Klee, den sie den Kühen aufstecken wollte,
kniete Barfüssele und betete inbrünstig zu Gott, er möge ihn davor bewahren, dass
er die Rosel bekäme. Dass er ihr eigen werden sollte - sie wagte es nicht sich
dem Gedanken hinzugeben und nicht ihn zu verscheuchen.«
    Kaum hatte sie gemolken, als sie zur schwarzen Marann' hinüber eilte; sie
wollte sie fragen, was sie tun solle; die schwarze Marann' lag schwer krank,
sie war fast taub geworden und verstand kaum mehr zusammenhängende Worte, und
Barfüssele wagte es nicht, das Geheimnis, das ihr halb anvertraut worden und das
sie halb erraten hatte, so laut zu schreien, dass es die schwarze Marann'
verstehen konnte. Es konnten Leute von der Strasse es hören. Ratlos kehrte sie
wieder nach Hause zurück.
    Barfüssele musste in's Feld und den ganzen Tag draussen bleiben beim
Einpflanzen der Rübensetzlinge. Bei jedem Schritte fast zögerte sie und wollte
zurück und dem Fremden Alles sagen; aber das Gebot der Untertänigkeit drängte
sie fort zu der angewiesenen Pflicht, und dann dachte sie: wenn er so einfältig
und unbesonnen ist, dass er so fahrlässig hineinrennt, dann ist ihm nicht zu
helfen, dann verdient er's nicht besser und - versprochen ist ja noch nicht
geheiratet, tröstete sie sich zuletzt. Sie war aber den ganzen Tag voll Unruhe,
und als sie Abends heimgekehrt die Kühe melkte und Rosel mit dem vollen Kübel an
einer ausgemolkenen Kuh sass und hell sang, da hörte sie den Fremden mit dem
Bauer im benachbarten Pferdestall. Es handelte sich um einen Schimmel. Aber
woher kam denn der Schimmel in den Stall? sie hatten ja bisher keinen? Jetzt
fragte der Fremde: »Wer ist das, das daneben singt?«
    »Das ist meine Schwester,« sagte der Bauer und auf dieses Wort hin fiel
Barfüssele ein und sang die zweite Stimme, so mächtig, so trotzig, dass sie ihn
zwingen wollte, dass er auch fragen müsse, wer denn drüben das sei; aber das
Singen hatte den Uebelstand, dass man dadurch nicht hören konnte, ob er denn
wirklich gefragt habe. Und als Rosel mit dem vollen Kübel über den Hof ging, wo
eben jetzt der Schimmel vorgeführt und beschaut wurde, sagte der Bauer:
    »Da, die da, das ist meine Schwester. Rosel! Stell' ab und richt' was zum
Nachtessen, wir haben einen Verwandten zum Gast, ich will ihn schon
hinaufbringen.«
    »Und die Kleine da hat wohl die zweite Stimme gesungen?« fragte der Fremde.
»Ist das auch eine Schwester?«
    »Nein, das ist so halb und halb ein angenommenes Kind; mein Vater ist sein
Pfleger gewesen.«
    Der Bauer wusste recht wohl, dass solche Mildtätigkeit ein schöner Ruhm eines
Hauses sei und darum hatte er es vermieden, Barfüssele gradaus Magd zu nennen.
    Barfüssele war aber innerlichst froh, dass der Fremde nun doch von ihr wusste.
Wenn er gescheit ist, muss er sich bei mir nach der Rosel erkundigen, berechnete
sie richtig, und dann war die Anknüpfung gegeben, und er war wenigstens vor
Unglück bewahrt.
    Rosel trug das Essen auf, und der Fremde war gar erstaunt, dass so schnell
eine so schöne Gasterei hergerichtet sei; er konnte nicht wissen, dass Alles
vorbereitet war, und Rosel entschuldigte, dass er einstweilen fürlieb nehmen
sollte mit der geringen Aufwartung, er sei's gewiss zu Hause besser gewohnt. Sie
rechnete nicht ohne Klugheit, dass das Hervorheben eines weltbekannten Ruhmes
Jedem wohltue.
    Barfüssele musste heute in der Küche bleiben und Rosel Alles in die Hand geben
und immer und immer bat sie: »So sag' mir doch um Gotteswillen, wer ist's denn?
Wie heisst er denn?« Aber Rosel gab keine Antwort, und die Meisterin löste
endlich das Geheimnis, indem sie erklärte: »Jetzt kannst du's schon sagen, es
ist des Landfriedbauern Johannes von Zusmarshofen. Nicht wahr, Amrei, du hast
noch ein Andenken von seiner Mutter?«
    »Ja, ja,« sagte Barfüssele, und sie musste sich auf den Herd niedersetzen, so
war es ihr in die Kniee gefahren. Wie wunderbar war das Alles! Also der Sohn
ihrer ersten Wohltäterin ist es. »Nun muss ihm geholfen werden, und wenn das
ganze Dorf mich steinigt, ich leid's nicht!« sprach sie in sich hinein.
    Der Fremde ging fort, man gab ihm das Geleite, aber noch auf der Treppe
kehrte er wieder um und sagte: »Meine Pfeife ist mir ausgegangen, und ich zünd'
mir sie am liebsten mit einer Kohle an.« Er wollte offenbar mustern, wie es in
der Küche aussähe. Die Rosel drängte sich vor ihm herein, und reichte ihm mit
einer Zange eine Kohle, sie stand gerade vor Barfüssele, das hinten an der Esse
auf dem Herd sass.
    Und noch spät in der Nacht, als Alles im Hause schon schlief, verliess
Barfüssele dasselbe und rannte im Dorfe hin und her. Sie sucht Jemand, dem sie es
sagen könnte, damit er den Johannes warne, aber sie weiss Niemand. Halt, da wohnt
der Heiligenpfleger, der ist ein Feind des Rodelbauern, und der weiss Alles
geschmälzt anzubringen; aber.. zu einem Feinde deines Meisters gehst du nicht,
und überhaupt zu Keinem hier. Hast schon Feinde genug von der
Gemeinderatssitzung her wegen des Dami. Ja, der Dami, der kann's. Warum nicht?
Ein Mann kann eher davon reden, was kann man ihm Hinterhältiges zutrauen? Und
der Johannes, ja, so heisst er, er wird ihm das nicht vergessen, ja, und dann hat
der Dami einen Annehmer, und was für einen! So einen Mann! So eine Familie! Da
kann's ihm nicht mehr fehlen. Nein, der Dami darf sich nicht in's Dorf wagen. O
lieber Gott! er ist ja ausgewiesen! Aber der Kohlenmates, der könnte es, und
vielleicht doch der Dami.
    Hin und her wie ein Irrlicht schweifte ihr Denken, und sie selber irrte
durch die Feldwege, ohne zu wissen wohin, und es war ihr heute so schreckhaft,
wie das immer ist, wenn man nichts weiss von der Welt und in Gedanken so dahin
geht; sie erschrak vor jedem Tone, die Frösche im Weiher krächzten so
fürchterlich, und die Schnarren in den Wiesen so heimtückisch, die Bäume stehen
so schwarz in die Nacht hinein. Es hat heute gegen Endringen Zu gewittert. Der
Himmel ist von fliegenden Wolken überzogen, nur manchmal blinkt ein Stern
hervor. Barfüssele eilt durch das Feld in den Wald, sie will doch zum Dami, sie
muss sich wenigstens mit einem Menschen davon ausreden. Wie ist es im Wald so
dunkel! Was ist das für ein Vogel, der jetzt in der Nacht zwitschert, fast wie
eine Amsel, wenn sie am Abend heimfliegt, und »ich komm' komm' komm'; komm'
schon, komm' schon!« lautet der Klang? Und jetzt schlägt die Nachtigall, so ohne
Atemholen, so von innen heraus, quellend, sprudelnd, leise rieselnd, wie ein
Waldquell, der aus dem Innersten der Erde gespeist wird.
    Mehr hin und her schlängelten sich nicht die Wurzeln auf dem Waldwege, als
die Gedanken Barfüssele's durcheinander liefen.
    »Nein, der Plan ist nichts! Geh' nur wieder heim,« sagte sie sich endlich,
und kehrte um, aber noch lange wanderte sie in den Feldern umher; sie glaubte
nicht mehr an Irrlichter, aber heute war es doch, als ob eines sie hin- und
herführte, und heute zum Erstenmal spürte sie auch, dass sie im Nachttau so
lange barfuss umherging, und dabei brannten ihr die Wangen. In Schweiss gebadet
kam sie endlich heim in ihre Kammer.
 
                            15. Gebannt und erlöst.
Am Morgen als Barfüssele erwachte, lag das Halsgeschmeide, das sie einst von der
Landfriedbäuerin erhalten, auf ihrem Bett; sie musste sich lange besinnen, bis
sie sich erinnerte, dass sie dasselbe noch gestern Abend herausgenommen und lange
betrachtet hatte.
    Als sie sich aufrichten wollte, waren ihr alle Glieder wie zerschlagen und
die Hände mühsam in einander klammernd jammerte sie:
    »Um Gotteswillen nur jetzt nicht krank sein! Ich habe keine Zeit dazu, ich
kann jetzt nicht.« Wie im Zorn gegen ihren Körper, ihn mit der Willenskraft
gewaltsam bezwingend, stand sie auf; aber wie erschrack sie, als sie sich jetzt
in dem kleinen Spiegel betrachtete. Ihr ganzes Gesicht war geschwollen. »Das ist
die Strafe, weil du gestern Nacht noch so herumgelaufen bist und hast fremde
Menschen und auch böse zu Hülfe rufen wollen.« Sie schlug sich wie zur
Züchtigung in's schmerzende Gesicht, nun aber verband sie sich über und über und
ging an ihre Arbeit.
    Als die Meisterin sie sah, wollte sie, dass sie sich zu Bette lege; aber die
Rosel schimpfte, das sei eine Bosheit des Barfüssele, dass sie jetzt krank sein
wolle, sie habe das zum Possen getan, weil sie wisse, dass man sie jetzt nötig
habe. Barfüssele war still und als sie im Schuppen war und Klee in die Raufe
steckte, da sagte eine helle Stimme: »Guten Morgen! Schon fleissig?«
    Es war seine Stimme.
    »Nur ein bisle,« antwortete Barfüssele und biss dann die Zähne über einander,
vor Allem über den neidischen Teufel, der sie so verhext und entstellt hatte,
dass er sie unmöglich erkennen konnte.
    Sollte sie sich jetzt zu erkennen geben?
    Man muss es abwarten.
    Während sie nun molk, fragte Johannes Allerlei. Zuerst über das
Milchergebniss der Kühe und ob man verkaufe und wie, und wer buttere und ob
vielleicht Eines im Hause Buch darüber führe.
    Barfüssele zitterte, es war jetzt in ihrer Hand, ihre Nebenbuhlerin zu
beseitigen, indem sie zeigte wie sie war; aber wie seltsam zusammengesponnen
sind die Fäden alles Tuns! Sie schämte sich vor Allem, über ihre Meistersleute
schlecht zu sprechen, obgleich sie nur eigentlich die Rosel getroffen hätte,
denn die Anderen waren brav; aber sie wusste, dass es auch einen Dienstboten
schändet, wenn er das innere Wesen des Hauses zur Schande preisgibt. Sie
sicherte sich daher, indem sie zuerst sagte: das stehe einem Dienstboten nicht
wohl an, seine Meistersleute zu beurteilen; »und guterzig sind sie Alle,«
setzte sie in innerem Gerechtigkeitssinn hinzu; denn in der Tat war dies auch
Rosel trotz ihres heftigen und herrischen Wesens. Jetzt fiel ihr was Gutes ein.
Sagte sie gleich wie die Rosel sei, so reiste er schnell wieder ab, er war dann
freilich von der Rosel los, aber er war dann auch fort, und mit kluger Rede
sagte sie daher:
    »Ihr scheint mir bedachtsam, wie auch Eure Eltern den Namen dafür haben. Ihr
wisset aber, dass man kein Stückle Vieh in einem Tag recht kennt; so mein' ich,
Ihr solltet ein bisschen hier bleiben und nachher können auch wir Zwei einander
besser kennen lernen und da wird dann schon ein Wort das andre geben, und wenn
ich Euch dienstlich sein kann, an mir soll's nicht fehlen. Ich weiss zwar nicht,
warum Ihr so viel ausfraget ...«
    »O du bist ein Schelm, aber du gefällst mir,« sagte Johannes.
    Barfüssele zuckte zusammen, so dass die Kuh vor ihr zurückwich und sie fast
den Melkkübel verschüttete.
    »Und du sollst auch ein gutes Trinkgeld haben,« setzte Johannes hinzu und
liess einen Taler, den er schon in der Hand gehabt, wieder in die Tasche fallen.
    »Ich will Euch noch 'was sagen,« begann Barfüssele nochmals, als sie sich zu
einer andern Kuh begab. »Der Heiligenpfleger ist ein Feind von meinem Meister,
dass Ihr das ja wisset, wenn er sich an Euch anklammern will.«
    »Ja, ja, ich seh' schon, mit dir kann man reden; aber du hast ja ein
geschwollenes Gesicht, den Kopf verbinden, das hilft dir Nichts, wenn du so
barfuss gehst.«
    »Ich bin's so gewohnt,« sagte Barfüssele, »aber ich will Euch folgen. Ich
danke.«
    Man hörte oben Schritte nahen. »Wir reden schon noch mehr mit einander,«
schloss der Bursche und ging davon.
    »Ich danke dir, dicker Backen!« sagte Barfüssele hinter ihm drein und
streichelte die geschwollene Wange, »du bist gescheit gewesen; durch dich kann
ich ja mit ihm reden, wie wenn ich nicht da wäre, unter der Larve wie der
Fastnachtshansel. Juchhe! das ist lustig.«
    Wunderbar war's, wie diese innere Freudigkeit ihr körperliches Fiebern fast
auflöste; nur müde war sie, unsäglich müde und es war ihr lieb und tat ihr wehe
zugleich als sie den Oberknecht das Bernerwägelein schmieren sah und hörte, dass
der Meister jetzt gleich mit dem Fremden über Land fahren wolle. Sie eilte in
die Küche und da hörte sie, wie in der Stube der Bauer zu Johannes sagte: »Wenn
du reiten willst, Johannes, das wäre ganz geschickt; da könntest du zu mir auf's
Bernerwägelein sitzen, Rosel, und du Johannes reitest nebenher.«
    »Da fährt die Bäuerin aber auch mit,« setzte Johannes nach einer Pause
hinzu.
    »Ich hab ein Kind an der Brust, ich kann nicht weg,« sagte die Bäuerin.
    »Und ich mag auch nicht so am Werktag im Land herumfahren,« ergänzte Rosel.
    »Oh was! Wenn so ein Vetter da ist, darfst du schon einen freien Tag
machen,« drängte der Bauer, denn er wollte, dass Johannes alsbald mit der Rosel
beim Furchenbauer ankomme, damit sich dieser keine Hoffnung mache für eine
seiner Töchter; zugleich wusste er auch, dass so eine kleine Ausfahrt über Land
ihr Gutes habe und die Leute rascher zusammenbringe als achttägiger Besuch im
Hause. Johannes schwieg und der Bauer in seinem innern Drängen stiess ihn an und
sagte halblaut: »Red' ihr doch zu; es kann sein, sie folgt dir eher und geht
mit.«
    »Ich mein',« sagte Johannes laut, »deine Schwester hat Recht, dass sie nicht
so mitten in der Woche im Land herumfahren will. Ich spann meinen Schimmel zu
deinem, dann können wir auch sehen wie sie mit einander gehen und zum Nachtessen
sind wir wieder da, wenn nicht schon früher.«
    Barfüssele, die das Alles hörte, biss sich auf die Lippen und konnte sich fast
gar nicht halten vor Lachen über die Rede des Johannes, »ja, dachte sie vor sich
hin. Den habt ihr noch nicht am Halfter, geschweige denn am Zaum, der lässt sich
nicht gleich in der Welt herumführen wie versprochen, dass er nicht mehr
zurückkann.«
    Sie musste ihr Tuch von dem Gesichte abtun, so heiss wurde es ihr vor Freude.
    Das war nun ein seltsamer Tag heute im Hause und Rosel erzählte halb
ärgerlich, was für wunderliche Fragen der Johannes an sie gestellt habe, und
Barfüssele jubele innerlich, denn alles Das was er wissen wollte und wovon sie
sich recht gut abnehmen konnte, warum er es fragte, alles Das war ja in ihr
erfüllt. Aber was nützt das? Er kennt dich nicht, und wenn er dich auch kennt,
du bist ein armes Waisenkind und in Dienst, da kann nimmer was draus werden. Er
kennt dich nicht und wird dich nicht fragen.
    Am Abend als die beiden Männer zurückkehrten, hatte Barfüssele schon das Tuch
um die Stirne abnehmen können, nur das um Kinn und Schläfe gebundene musste sie
noch behalten und breit vorziehen.
    Johannes schien jetzt weder Wort noch Blick für sie zu haben. Dagegen war
sein Hund bei ihr in der Küche und sie gab ihm zu fressen und streichelte ihn
und redete auf ihn hinein: »Ja! Wenn du ihm nur Alles sagen könntest, du würdest
ihm gewiss Alles treu berichten!«
    Der Hund legte seinen Kopf in den Schoss Barfüssele's und schaute sie mit
verständnissreichen Augen an, dann schüttelte er den Kopf, wie wenn er sagen
wollte: es ist hart, ich kann leider Gottes nicht reden.
    Jetzt ging Barfüssele hinein in die Kammer und sang die Kinder, die schon
lange schliefen, noch einmal ein mit allerlei Liedern; aber den Walzer, den sie
einst mit Johannes getanzt, sang sie am meisten. Johannes horchte wie verwirrt
darauf hin und schien abwesend in seinen Reden. Rosel ging in die Kammer und
hiess Barfüssele schweigen.
    Noch spät in der Nacht, als Barfüssele eben für die schwarze Marann' Wasser
geholt hatte und mit dem vollen Kübel auf dem Kopf nach dem Elternhause ging,
begegnete ihr eben Johannes, der sich nach dem Wirtshause begab. Mit gepresster
Stimme sagte sie: »Guten Abend!«
    »Ei, du bist's?« sagte Johannes, »wohin denn noch mit dem Wasser?«
    »Zu der schwarzen Marann'.«
    »Wer ist denn das?«
    »Eine arme bettlägerige Frau.«
    »Die Rosel hat mir ja gesagt, es gebe hier keine Armen?«
    »O, lieber Gott, mehr als genug; aber die Rosel hat's gewiss nur gesagt, weil
sie meint, es wäre eine Schande für das Dorf. Gutmütig ist sie, das könnt Ihr
mir glauben, sie schenkt gern weg.«
    »Du bist eine gute Verteidigung, aber bleib' nicht stehen mit dem schweren
Kübel. Darf ich mit dir gehen?«
    »Warum nicht?«
    »Du hast Recht, du gehst einen guten Weg und da bist du behütet, und vor mir
brauchst du dich gar nicht zu fürchten.«
    »Ich fürchte mich vor Niemand und am wenigsten vor Euch. Ich hab's Euch
heute angesehen, dass Ihr gut seid.«
    »Wo denn?«
    »Weil Ihr mir geraten habt, wie ich das geschwollene Gesicht wegbringe; es
hat mir schon geholfen, ich hab' jetzt Schuhe an.«
    »Das ist brav von dir, dass du folgst,« sagte Johannes mit Wohlgefallen und
der Hund schien das Wohlgefallen an Barfüssele zu bemerken, denn er sprang an ihr
hinauf und leckte ihre freie Hand.
    »Kommm her, Lux,« befahl Johannes.
    »Nein, lasset ihn nur,« entgegnete Barfüssele, »wir sind schon gute Freunde,
er ist heute bei mir in der Küche gewesen; mich und meinen Bruder haben die
Hunde alle gern.«
    »So? du hast auch noch einen Bruder?«
    »Ja, und da hab' ich Euch bitten wollen, Ihr tätet Euch einen Gotteslohn
erwerben, wenn Ihr ihn als Knecht zu Euch nehmen könntet; er wird Euch gewiss
sein Lebenlang treu dienen.«
    »Wo ist denn dein Bruder?«
    »Da drunten im Wald, er ist vor der Hand Kohlenbrenner.«
    »Ja, wir haben wenig Wald und gar keine Köhlerei, einen Senn' könnt' ich
eher brauchen.«
    »Ja, dazu wird er sich auch anschicken. Jetzt, da ist das Haus.«
    »Ich warte, bis du wieder kommst,« sagte Johannes und Barfüssele ging hinein,
das Wasser abzustellen, das Feuer herzurichten, und der Marann' frisch zu
betten.
    Als sie heraus kam, war Johannes noch da, der Hund sprang ihr entgegen, und
lange stand sie hier noch bei Johannes an dem Vogelbeerbaum; der flüsterte so
still und wiegte seine Zweige, und sie sprachen über allerlei, und Johannes
lobte ihre Klugheit und ihren regen Sinn, und sagte zuletzt: »Wenn du einmal
deinen Platz ändern willst, du wärst die rechte Person für meine Mutter.«
    »Das ist das grösste Lob, was mir ein Mensch auf der Welt hätte sagen könen,«
beteuerte Barfüssele, »und ich habe noch ein Andenken von ihr.« Sie erzählte nun
die Begebenheit aus der Kinderzeit, und Beide lachten, als Barfüssele bemerkte,
wie der Dami es nicht vergessen wolle, dass die Landfriedbäuerin ihm noch ein
Paar lederne Hosen schuldig sei.
    »Er soll sie haben,« beteuerte Johannes.
    Sie gingen noch mit einander das Dorf hinein, und Johannes gab ihr eine Hand
zur »Guten Nacht.«
    Barfüssele wollte ihm sagen, dass er ihr schon einmal eine Hand gegeben, aber
wie von dem Gedanken erschreckt, flog sie davon und hinein in's Haus. Sie gab
ihm keine Antwort auf seine Gute Nacht! Johannes ging sinnend und innerlich
verwirrt in seine Herberge im Auerhahn.
    Barfüssele aber fand am andern Morgen den dicken Backen wie weggeblasen, und
lustiger trällerte es noch nie durch Haus, Hof und Stall und Scheuer, als am
heutigen Tage, und heute auch sollte sich's entscheiden, heute musste sich
Johannes erklären. Der Nodelbauer wollte seine Schwester nicht länger in's
Geschrei bringen, wenn's vielleicht doch nichts wäre.
    Fast den ganzen Tag sass Johannes drin in der Stube bei der Rosel; sie nähte
an einem Mannshemde, und gegen Abend kamen die Schwiegereltern des Rodelbauern
und andere Gefreundete. Es muss sich entscheiden.
    In der Küche prozelte der Braten, und das Fichtenholz knackte, und die
Wangen Barfüsseles brannten von dem Feuer auf dem Herde und von innerem Feuer
angefacht. Der Krappenzacher ging ab und zu, herauf und herunter in grosser
Geschäftigkeit, er tat im ganzen Hause wie daheim, und rauchte aus der Pfeife
des Rodelbauern.
    »Also ist's doch entschieden!« klagte Barfüssele in sich hinein.
    Es war Nacht geworden und viele Lichter brannten im Hause, Rosel ging hoch
aufgeputzt zwischen Stube und Küche hin und her und wusste doch nichts
anzurühren. Eine alte Frau, die ehemals als Köchin in der Stadt gedient hatte,
war mit zum Kochen angenommen worden. Es war Alles bereit.
    Jetzt sagte die junge Bäuerin zu Barfüssele: »Geh nauf und mach' dich
g'sunntigt« (sonntäglich angekleidet).
    »Warum?«
    »Du musst heute aufwarten, du kriegst dann auch ein besser Letzgeld.«
    »Ich möchte in der Küche bleiben.«
    »Nein, tu' was ich dir gesagt habe, und mach' hurtig.«
    Amrei ging in ihre Kammer, und todtmüde setzte sie sich eine Minute
verschnaufend auf ihre Truhe; es war ihr so bang, so schwer,- wenn sie nur jetzt
einschlafen und nimmer aufwachen könnte. Aber die Pflicht rief, und kaum hatte
sie das erste Stück ihres Sonntagsgewandes in der Hand, als Freude in ihr
aufblitzte, und das Abendrot, das einen hellen Strahl in die Dachkammer
schickte, zitterte auf den hochgeröteten Wangen Amrei's.
    »Mach dich g'sunntigt!« Sie hatte nur Ein Sonntagskleid, und das war jenes,
das sie damals beim Tanz auf der Nachhochzeit in Endringen angehabt, und jedes
Biegen und Rauschen des Gewandes tönte Freude und jenen Walzer, den sie damals
getanzt; aber wie die Nacht rasch hereinsank und Amrei nur noch im Dunkeln Alles
festknüpfte, so bannte sie auch wieder alle Freude hinweg, und sie sagte sich
nur, dass sie Johannes zu Ehren sich so ankleide, und um ihm zu zeigen, wie sehr
sie Alles hochhalte, was aus seiner Familie kommt, band sie zuletzt auch noch
den Anhenker um.
    So kam Barfüssele geschmückt, wie damals zum Tanze in Endringen, von ihrer
Kammer herab.
    »Was ist das? Was hast du, dich so anzuziehen?« schrie Rosel im Aerger und
in der Unruhe, dass der Bräutigam so lang ausblieb. »Was hast du deinen ganzen
Reichtum an? Ist das eine Magd, die so ein Halsband an hat und so eine
Denkmünze? Was muss er davon denken! Gleich tust du das herunter!«
    »Nein, das tu' ich nicht, das hat mir seine Mutter geschenkt, wie ich noch
ein kleines Kind war und das hab' ich angehabt, wie wir in Endringen mit
einander getanzt haben.«
    Man hörte ein Geräusch auf der Treppe, aber Niemand achtete darauf, denn
Rosel schrie jetzt:
    »So, du nichtsnutzige verteufelte Hex', du wärst ja in Lumpen verfault, wenn
man dich nicht herausgenommen hätte, du willst mir meinen Bräutigam wegnehmen?«
    »Heiss' ihn nicht so, ehe er's ist,« antwortete Amrei mit einer seltsamen
Mischung von Tönen und die alte Köchin aus der Küche rief: »Das Barfüssele hat
Recht, man darf ein Kind nicht bei seinem Namen nennen, eh' es getauft ist: das
ist lebensgefährlich.«
    Amrei lachte und die Rosel schrie:
    »Warum lachst du?«
    »Soll ich heulen?« sagte Barfüssele, »ich hätte Grund genug, aber ich mag
nicht.«
    »Wart', ich will dir zeigen was du musst,« schrie Rosel: »da!« und sie riss
Barfüssele nieder auf den Boden und schlug ihr in's Gesicht.
    »Ich will mich ja ausziehen, lass los!« schrie Barfüssele, aber Rosel liess
ohnedies ab, denn wie aus dem Boden herausgewachsen, stand jetzt Johannes vor
ihr.
    Er war leichenblass, seine Lippen bebten, er konnte kein Wort hervorbringen
und legte nur die Hand schützend auf Barfüssele, die noch auf der Erde kniete.
Endlich rief er mit gepresstem Atem:
    »Sag', bist du's wirklich? Die von Endringen? Du bist da? Da im Haus bist
du? Und so geht man mit dir um? Red' doch ein Wort! Nur ein Wort!«
    »Johannes!« rief Barfüssele und er hob sie mit beiden Armen empor und mit
mächtiger Stimme sagte er:
    »So, jetzt weiss ich wo ich bin. Ja, und mit mir gehst du, und mein bist du!
Willst du? Ich hab' dich gefunden und habe dich nicht gesucht! und jetzt bleibst
du bei mir, meine Frau. Das hat Gott gewollt.«
    Wer jetzt in das Auge Barfüsseles hätte sehen können! Aber noch hat kein
sterbliches Auge den Blitz am Himmel völlig erfasst, und erwarte es ihn noch so
fest, es wird doch geblendet; und es gibt Blitze im Menschenauge, die nie und
nimmer fest gesehen, es gibt Regungen im Menschengemüte, die nie und nimmer
fest gefasst werden; sie schwingen sich über die Welt und lassen sich nicht
halten.
    Ein rascher Freudenblitz, wie er in dem Auge erglänzen müsste, dem sich der
Himmel auftut, hatte aus dem Antlitze Amrei's gezuckt und jetzt bedeckte sie
das Gesicht mit beiden Händen und die Tränen quollen ihr zwischen den Fingern:
hervor. Johannes hielt seine Hand auf ihr.
    Alle Gefreundeten waren herzugekommen, und sahen staunend was hier vorging.
    »Was ist denn das mit dem Barfüssele? Was ist denn da?« lärmte der
Rodelbauer.
    »So? Barfüssele heisst du?« jauchzte Johannes, er lachte laut und heftig und
rief wieder: »Jetzt komm'. Willst du mich? Sag's nur hier gleich, da sind Zeugen
und die müssen's bestätigen. Sag Ja! und nur der Tod soll uns von einander
scheiden.«
    »Ja! und nur der Tod soll uns von einander scheiden!« rief Barfüssele und
warf sich an seinen Hals.
    »Gut, so nimm sie gleich aus dem Haus!« schrie der Rodelbauer schäumend vor
Zorn.
    »Ja, und das brauchst du mir nicht zu heissen, und ich dank' dir für die gute
Aufwartung, Vetter; wenn du einmal zu uns kommst, wollen wir's wett machen.« So
erwiderte Johannes. Er fasste sich mit beiden Händen an den Kopf und rief: »Herr
Gott! O Mutter, Mutter! Was wirst Du dich freuen!«
    »Geh hinauf, Barfüssele, und nimm deine Truhe gleich mit, es soll nichts mehr
von dir im Haus sein,« befahl der Rodelbauer.
    »Ja wohl, und mit weniger Geschrei geschieht das auch,« erwiderte Johannes.
»Komm', ich geh' mit dir, Barfüssele, sag', wie heisst denn du eigentlich?«
    »Amrei!«
    »Ich hätt' schon einmal eine Amrei haben sollen, das ist die Schmalzgräfin,
und du bist meine Salzgräfin. Juchhe! Jetzt komm', ich will auch deine Kammer
sehen, wo du so lang gelebt hast; jetzt kriegst du ein weitmächtiges grosses
Haus.«
    Der Hund ging immer mit borstig aufstehenden Rückenhaaren um den Rodelbauer
herum, er merkte wohl, dass der Rodelbauer eigentlich gern den Johannes erwürgt
hätte; und erst als Johannes und Barfüssele die Treppe hinauf waren, ging der
Hund ihnen nach.
    Johannes liess die Kiste stehen, weil er sie nicht auf's Pferd nehmen, konnte
und packte alle Habseligkeiten Barfüsseles in den Sack, den sie noch vom Vater
ererbt hatte und Barfüssele erzählte dabei durcheinander, was der Sack schon
Alles mitgemacht habe und die ganze Welt drängte sich zusammen in eine Minute
und war ein tausendjähriges Wunder. Barfüssele sah staunend drein als Johannes
ihr Schreibebuch aus der Kindheit mit Freude begrüsste und dabei rief: »Das
bring' ich meiner Mutter, das hat sie geahnt; es gibt noch Wunder in der Welt.«
    Barfüssele fragte nicht weiter danach. War denn nicht Alles ein Wunder, was
mit ihr geschah? Und als wüsste sie, dass die Rosel alsbald die Blumen ausreissen
und auf die Strasse werfen würde, so fuhr sie noch einmal mit der Hand über die
Pflanzen alle hin, sie kühlten ihre Hand mit Nachttau, und jetzt ging sie mit
dem Johannes hinab und eben als sie das Haus verlassen wollte, drückte ihr noch
Jemand im Finstern still die Hand; es war die Bäuerin, die ihr so noch Lebewohl
sagte.
    Auf der Schwelle rief noch Barfüssele, indem sie die Hand an der Türpfoste
hielt, an der sie so oft träumend gelehnt hatte: »Möge Gott diesem Hause alles
Gute vergelten und alles Böse vergeben!« Aber kaum war sie einige Schritte
entfernt als sie rief: »Ach Gott, ich habe ja alle meine Schuhe vergessen; die
stehen oben auf dem Brett.« Und noch hatte sie diese Worte kaum ausgesprochen
als wie nachtrabend die Schuhe von dem Fenster herabflogen auf die Strasse.
    »Lauf' drin zum Teufel!« schrie eine Stimme aus dem Dachfenster. Die Stimme
tönte tief und heiser, und doch war's die Rosel.
    Barfüssele las die Schuhe zusammen und trug sie mit Johannes, der den Sack
auf dem Rücken hatte, nach dem Wirtshaus.
    Der Mond schien hell und im Dorfe war bereits Alles still.
    Barfüssele wollte nicht im Wirtshaus bleiben.
    »Und ich möchte am liebsten heut noch fort,« setzte Johannes hinzu.
    »Ich will bei der Marann' bleiben,« entgegnete Barfüssele, »das ist mein
Elternhaus, und du lässt mir deinen Hund. Gelt, du bleibst bei mir, Lux? Ich
fürchte, sie tun mir heute Nacht was an, wenn ich hier bleibe.«
    »Ich wach' vor dem Haus,« entgegnete Johannes, »aber es wäre besser, wir
gingen jetzt gleich; was willst du denn noch hier?«
    »Vor Allem muss ich noch zu der Marann'. Sie hat Mutterstelle an mir
vertreten und ich hab' sie heute den ganzen Tag noch nicht gesehen und nichts
für sie sorgen können, und sie ist noch krank dazu. Ach Gott, es ist hart, dass
ich sie allein lassen muss. Aber was will ich machen? Komm', geh mit zu ihr.«
    Sie gingen mit einander durch das schlafende mondbeschienene Dorf Hand in
Hand. Nicht weit von dem Elternhause blieb Barfüssele stehen und sagte: »Siehst
du? Auf diesem Fleck da, da hat mir deine Mutter den Anhenker geschenkt und
einen Kuss gegeben.«
    »So? Und da hast noch einen und noch einen.«
    Selig umarmten sich die Liebenden. Der Vogelbeerbaum rauschte drein, und vom
Wald her tönte Nachtigallenschlag.
    »So, jetzt ist's genug, nur noch den und dann gehst mit herein zur Marann'.
O lieber Gott im siebenten Himel! Was wird die sich freuen!«
    Sie gingen mit einander hinein in das Haus und als Barfüssele die Stubentür
öffnete, fiel eben wieder, wie damals der Sonnenstrahl, jetzt ein breiter
Mondstrahl auf den Engel am Kachelofen, und er schien jetzt noch fröhlicher zu
lachen und zu tanzen; und jetzt rief Barfüssele mit mächtiger Stimme: »Marann'!
Marann'! Wachet auf! Marann', Glück und Segen ist da. Wachet auf!«
    Die Alte richtete sich auf, der Mondstrahl fiel auf ihr Antlitz und ihren
Hals, sie riss die Augen weit auf und fragte: »Was ist? Was ist? Wer ruft?«
    »Freut Euch, da bring' ich Euch meinen Johannes!«
    »Meinen Johannes!« schrie die Alte gellend. »Lieber Gott, meinen Johannes!
Wie lang ... wie lang ... ich hab' dich, ich hab' dich, ich danke Dir Gott
tausend und tausendmal! O mein Kind! Ich sehe dich mit tausend Augen und
tausendfach ... Nein da, da deine Hand! ... Komm' her! dort in der Kiste die
Aussteuer ... Nehmt das Tuch ... Mein Sohn! Mein Sohn! Ja, ja, die ist dein ...
Johannes, mein Sohn! mein Sohn!« Sie lachte krampfhaft auf und fiel zurück in's
Bett. Amrei und Johannes waren davor niedergekniet und als sie sich aufrichteten
und sich über die Alte beugten, atmete sie nicht mehr.
    »O Gott, sie ist todt, die Freude hat sie getödtet!« schrie Barfüssele, »und
sie hat dich für ihren Sohn gehalten. Sie ist glücklich gestorben. O! wie ist
denn das Alles in der Welt, o wie ist das Alles!« Sie sank wiederum am Bett
nieder und weinte und schluchzte bitterlich.
    Endlich richtete sie Johannes auf und Barfüssele drückte der Todten die Augen
zu. Sie stand lange mit Johannes still am Bette, dann sagte sie:
    »Komm', ich will Leute wecken, dass sie bei der Leiche wachen. Gott hat's
wunderbar gut gemacht. Sie hat Niemand mehr gehabt, der für sie sorgt, wenn ich
fort bin, und Gott hat ihr noch die höchste Freude in der letzten Minute
gegeben. Wie lang, wie lang hat sie auf diese Freude gewartet!«
    »Ja, jetzt kannst aber heute nicht hier bleiben,« sagte Johannes, »und jetzt
folgst mir und gehst gleich heute noch mit mir.«
    Barfüssele weckte die Frau des Todtengräbers und schickte sie zur schwarzen
Marann', und sie war so wunderbar gefasst, dass sie dieser sogleich sagte, man
solle die Blumen, die auf ihrem Fensterbrett stehen, auf das Grab der schwarzen
Marann' pflanzen und nicht vergessen, dass man ihr, wie sie immer gewünscht
hätte, ihr Gesangbuch und das ihres Sohnes unter den Kopf lege.
    Als sie endlich Alles angeordnet hatte, richtete sie sich hoch auf, streckte
und bäumte sich, und sagte: »So! Jetzt ist Alles fertig; aber verzeih mir nur,
du guter Mensch, dass du jetzt gleich so mit mir in das Elend hinein sehen musst
und verzeih mir auch, wenn ich jetzt nicht so bin wie ich eigentlich sein
möcht'; ich seh' wohl, es ist Alles gut, und Gott hätt's nicht besser machen
können, aber der Schreck liegt mir noch in allen Gliedern, und Sterben ist doch
gar eine harte Sache, du kannst nicht glauben, wie ich mir darüber fast das Hirn
aus dem Kopf gedacht habe. Aber jetzt ist's schon gut, ich will schon wieder
heiter sein, ich bin ja die glückseligste Braut auf Erden.«
    »Ja, du hast Recht, komm, wir wollen fort. Willst du mit mir auf dem Gaul
sitzen?« fragte Johannes.
    »Ja. Ist das noch der Schimmel den du auf der Endringer Hochzeit gehabt
hast?«
    »Freilich.«
    »Und o! der Rodelbauer! Schickt der noch in der Nacht eh du kommst nach
Lauterbach und lässt sich einen Schimmel holen, damit du in's Haus kommen kannst.
Hotto! Schimmele, geh' nur wieder heim,« schloss sie fast freudig, und so kehrten
sie in Denken und Empfinden wieder in's gewöhnliche Leben zurück und lernten aus
ihm ihre Glückseligkeit neu kennen.
 
                                16. Silbertrab.
»Nicht wahr, es ist kein Traum? Wir sind Beide mit einander wach, und morgen
wird's Tag und dann wieder ein Tag und so tausendmal fort? So sprach Barfüssle
mit dem Lux, der bei ihr verblieben war, während Johannes drin im Stall den
Schimmel aufschirrte. Jetzt kam er heraus, packte den Sack auf und sagte: Da
sitz' ich drauf und du sitzest vor mir im Sattel.«
    »Lass mich lieber auf meinem Sack sitzen.«
    »Wie du willst.«
    Er schwang sich hinauf, dann sagte er: »So, jetzt tritt auf meinen Fuss,
tritt nur fest drauf und gieb mir deine beiden Hände,« und leicht schwang sie
sich hinauf und er hob sie empor und küsste sie und sagte dann: »Jetzt kann ich
mit dir machen was ich will, du bist in meiner Gewalt.«
    »Ich fürchte mich nicht,« sagte Barfüssele, »und du bist auch in meiner
Gewalt.«
    Schweigend ritten sie mit einander durch das Dorf hinaus. Im letzten Haus
brannte noch ein Licht, dort wachte die Todtengräberin bei der Leiche der
Marann' und Johannes liess Barfüssele sich ausweinen.
    Erst als sie über den Holderwasen ritten, sagte Barfüssele: »Da hab' ich
einen ganzen Sommer die Gänse gehütet und da hab' ich einmal deinem Vater zu
trinken gegeben aus dem Brunnen dort. Behüt' dich Gott du Holzbirnenbaum, und
euch, ihr Felder und ihr Wälder! Es ist mir, wie wenn ich Alles nur geträumt
hätte, und verzeih mir nur, lieber Johannes, ich möcht' mich freuen und kann
doch nicht und darf doch nicht, wenn ich denk', dass da drin eine Todte liegt; es
ist eine Sünde wenn ich mich freue und eine Sünde, wenn ich mich nicht freue.
Weisst was, Johannes? Ich sag', es ist schon ein Jahr um und ich freue mich; aber
nein, über's Jahr ist schön und heut' ist auch schön, ich freue mich heut',
just. Jetzt reiten wir in den Himmel hinein! Ach, was hab' ich da auf dem
Holderwasen für Träume gehabt, dass der Kukuk vielleicht ein verzauberter Prinz
sei, und jetzt sitz' ich auf dem Gaul und jetzt bin ich Salzgräfin geworden. Das
freut mich, dass du mich Salzgräfin geheissen hast; ich weiss, dass sie jetzt in
Haldenbrunn darüber spötteln, aber mir ist's recht, dass du mich Salzgräfin
geheissen hast. Kennst du denn auch die Geschichte von dem: so lieb wie das
Salz?«
    »Nein, was ist denn das?«
    »Es ist einmal ein König gewesen und der fragt seine Tochter: wie lieb hast
du mich denn?« und da sagte sie: ich hab' dich so lieb ... so lieb wie das Salz.
Der König denkt, das ist eine einfältige Antwort und ist bös darüber. Es vergeht
nicht lange Zeit, da gibt der König eine grosse Gasterei und die Tochter macht
es, dass alle Speisen ungesalzen auf den Tisch kommen. Da hat's natürlich dem
König nicht geschmeckt und er fragt die Tochter: warum ist denn heut Alles so
schlecht gekocht? das schmeckt ja Alles nach gar nichts - und da sagt sie: seht
Ihr nun? Weil das Salz fehlt. Und hab' ich nun nicht Recht gehabt, dass ich
gesagt habe, ich hab' Euch so lieb, so lieb wie das Salz? Der König hat ihr
Recht gegeben und darum sagt man noch heutigen Tages: so lieb wie das Salz. Die
Geschichte hat mir die schwarze Marann' erzählt. Ach Gott, die kann jetzt nicht
mehr erzählen. Da drin liegt eine Todte und horch! dort schlägt die Nachtigall,
so glückselig. Aber jetzt vorbei. Ich will schon deine Salzgräfin sein,
Johannes. Du sollst es schon spüren. Ja, ich bin glückselig, just, o die Marann'
hat ja auch gesagt: Gott freut sich, wenn die Menschen lustig sind, wie sich
Eltern freuen, wenn ihre Kinder tanzen und singen; getanzt haben wir schon und
jetzt komm', jetzt wollen wir singen. Wend' jetzt da links ab in den Wald, wir
reiten zu meinem Bruder, sie haben jetzt den Meiler da unten an der Strasse. -
Sing' Nachtigall! wir singen mit!
»Nachtigall, ich hör' dich singen;
Das Herz im Leib möcht' mir zerspringen;
Komm nur bald und sag mir wohl,
Wie ich mich verhalten soll!«
    Und die Beiden sangen allerlei Lieder, traurig und lustig, ohne Aufhören,
und Barfüssele sang die zweite Stimme ebenso wie die erste. Am meisten aber
sangen sie den Ländler, den sie auf der Endringer Hochzeit dreimal mit einander
getanzt und so oft sie absetzten, berichtete bald das Eine bald das Andere wie
es des Fernen gedacht und Johannes sagte:
    »Es ist mir schwer geworden, den Ländler aus dem Kopf zu kriegen, denn da
hast du immer drin herum getanzt. Ich hab' keine Magd zur Frau haben wollen,
denn ich muss dir nur sagen, ich bin stolz.«
    »Das ist recht, ich bin's auch.«
    Nun erzählte Johannes, wie er mit sich gekämpft habe, wie das aber nun gut
sei, denn jetzt sei Alles vorbei. Er berichtete, wie er zum Ersten- und
Zweitenmal in die Heimat der Mutter geschickt worden, um sich von da eine Frau
zu holen. Wie ihm Barfüssele damals beim Antritt in Endringen gleich in's Herz
gestiegen sei, er habe es gespürt und sich darum nicht zu erkennen gegeben, als
er gehört, dass sie eine Magd sei.
    Barfüssele berichtete dagegen von dem Benehmen der Rosel in Endringen und wie
sie's damals zum erstenmal gekränkt habe, dass die Nosel sagte: es ist nur unsere
Magd; und wie sie dann ihren Missmut zuerst an ihm ausgelassen und doch dann von
ihm geträumt und es ihm doppelt angerechnet habe, dass er so gut gegen sie war.
Und nach allerlei beweglicher Hin-und Widerrede schloss Johannes: »Ich könnte
närrisch werden, wenn ich mir denken will, es hätte anders kommen können. Wie
könnte das nur sein, ich zöge mit einer andern als du heimwärts? Wie wäre das
nur möglich?«
    Nach ihrer besonnenen Art sagte Barfüssele:
    »Denk' nicht zu viel, wie's hätt' anders sein können; so und so, und anders.
Wie's einmal ist, ist es recht und muss recht sein, sei's Freud' oder Leid, und
Gott hat's so gewollt und jetzt ist's an uns, dass wir's weiter recht machen.«
    »Ja,« sagte Johannes, »wenn ich die Augen zumache und dich so reden höre, so
meine ich, ich höre meine Mutter. Grade so hätte sie auch gesagt. Und auch deine
Stimme ist fast so.«
    »Sie muss jetzt von uns träumen,« sagte Barfüssele. »Ich glaub's ganz gewiss
und fest.« Und nach ihrer Art inmitten aller lebenssichern Fassung doch erfüllt
von allerlei Wundersamem, mit dem ihre Jugend vollgepfropft war, sagte sie
jetzt:
    »Wie heisst denn dein Gaul?«
    »Wie er aussieht.«
    »Nein, wir wollen ihm einen Namen geben, und weisst du wie? Silbertrab.«
    Und nach der Weise des Ländlers, den sie mit einander getanzt, sang jetzt
Johannes immer und immer das eine Wort: Silbertrab! Silbertrab! und Barfüssele
sang mit, und eben jetzt indem sie keinerlei Worte mehr sangen, die irgend was
sagten, ward ihre Lustigkeit die reine, volle, unbegrenzte, sie konnten allerlei
Jubel hineinlegen und hinausklingen lassen. Und wieder hing sich allerlei Jodeln
daran; denn es gibt ein Glockengeläute in der Seele, das keinen
zusammenhängenden Ton mehr hat, keine bestimmte Weise und doch Alles in sich
schliesst; und hin und her und auf und ab in Jubeltönen schwang und wiegte sich
das Herz der Liebenden. Und wieder ging's an Schelmenlieder und Amrei sang:
»Mein Schatz halt' ich fest,
Wie der Baum seine Aest,
Wie der Apfel seinen Kern,
Ich hab' ihn so gern.«
    Und Johannes erwiderte:
»In Ewigkeit lass ich mein Schätzele net (nicht)
Und wenn es der Teufel am Kettele hät;
Am Kettele, am Schnürle, am Bändele, am Seil,
In Ewigkeit mir mein Schätzle nicht feil.«
    Und wieder sang Amrei:
»Tausendmal denk' ich dran,
Wie mein Schatz tanzen kann
'rum und 'num hin und her,
Wie ich's begehr'.«
    Johannes sang wieder:
»Und alleweil ein bisle lustig
Und alleweil fidel,
Der Teufel ist g'storben,
's kommt niemand in d'Höll'!«
    Und jetzt sangen sie gemeinsam in langgezogenen Tönen das tiefe Lied:
»Auf Trauern folgt grosse Freud,
Das tröstet mich allezeit;
Weiss mir ein schwarzbraunes Mägdelein
Die hat zwei schwarzbraune Aeugelein,
Die mir mein Herz erfreut.«
»Mein eigen will sie sein,
Keinem Andern mehr als mein,
Und so leben wir in Freud und Leid
Bis uns der Tod von einander scheidt.«
    Das war ein helles Klingen im Wald wo der Mondschein durch die Wipfel
spielte und an Zweigen und Stämmen hing und zwei fröhliche Menschenkinder mit
der Nachtigall um die Wette sangen. -
    Und drunten beim Meiler sass noch in stiller Nacht der Dami beim
Kohlenbrenner und der Kohlenbrenner, der in der Nacht gern sprach, erzählte
allerlei Wundergeschichten aus der Vergangenheit, wo der Wald hier zu Lande noch
so geschlossen bestanden war, dass ein Eichhörnchen ohne auf den Boden zu kommen
von Baum zu Baum vom Neckar bis zum Bodensee hüpfen konnte und jetzt eben
berichtete er die Geschichte vom Schimmelreiter, der eine Wandlung des alten
Heidengottes ist und überall Glanz und Pracht verbreitet und Glück ausgiesst.
    Es gibt Sagen und Märchen, die sind für die Seele, was für das Auge das
Hineinstarren in ein loderndes Feuer: wie das züngelt und sich verschlingt und
in bunten Farben spielt, hier verlischt und dort wieder ausbricht und plötzlich
wieder Alles in eine Flammenwoge sich erhebt. Und wendest du dich ab von der
Flamme, so ist die Nacht noch dunkler.
    So hörte Dami zu und so schaute er sich manchmal um, und der Kohlenmates
erzählte eintönig fort.
    Da hielt er inne, dort kam vom Berg herab ein Schimmel und drauf sang es so
lieblich. Will die Wunderwelt herabsteigen? Und immer näher kam das Pferd und
darauf sah ein wunderlicher Reiter, so breit und hatte zwei Köpfe, und das kam
immer näher und jetzt rief bald eine Männerstimme bald eine Frauenstimme: Dami!
Dami! Dami! Die Beiden wollten in den Boden sinken vor Schreck, sie konnten sich
nicht bewegen, und jetzt war es da, und jetzt stieg es ab und: »Dami, ich
bin's!« rief Barfüssele und erzählte Alles was geschehen war.
    Dami hatte gar nichts zu sagen und streichelte nur bald das Pferd und bald
den Hund und nickte als Johannes versprach: er wolle ihn zu sich nehmen und ihn
zum Almhirten machen, er solle dreissig Kühe auf der Alm haben und Buttern und
Käsen lernen.
    »Du kommst aus dem Schwarzen in's Weisse,« sagte Barfüssele, »da könnte man
ein Rätsel daraus machen.«
    Dami gewann endlich die Sprache und sagte: »Und ein Paar lederne Hosen
auch.« Alle lachten und er erklärte, dass ihm die Landfriedbäuerin noch ein Paar
lederne Hosen schuldig sei.
    »Ich geb' dir einstweilen meine Pfeife, da, das soll die Schwagerpfeife
sein,« sagte Johannes und reichte Dami seine Pfeife.
    »Ja, dann hast du ja keine,« sagte Amrei in halber Einrede.
    »Ich brauch' jetzt keine.«
    Wie selig sprang Dami in die Höhe und in die Blockhütte hinein, mit seiner
silberbeschlagenen Pfeife, aber man hätte es nicht glauben sollen, dass er einen
so fröhlichen Spass machen könne; nach einer Weile kam er wieder und hatte den
Hut des Kohlenmates auf und seinen langen Rock an und in jeder Hand eine lange
Fackel. Mit gravitätischem Gang und Ton liess er nun die Brautleute an: »Was ist
das? Da, Johannes, da hab' ich zwei Fackeln, da will ich dir mit heimleuchten.
Wie kommst du dazu, so mir nichts dir nichts meinem Schwester fortzunehmen? Ich
bin der grossjährige Bruder und bei mir musst du um sie anhalten und ehe ich Ja!
gesagt habe gilt Alles nichts.«
    Amrei lachte fröhlich und Johannes hielt förmlich bei Dami um die Hand
seiner Schwester an.
    Dami wollte den Scherz noch weiter treiben, denn er gefiel sich in der
Rolle, in der ihm einmal so Etwas gelungen war. Aber Amrei wusste, dass da kein
Verlass auf ihn war; er konnte allerlei Albernheit vorbringen und den Scherz in
sein Gegenteil verkehren. Sie sah schon, wie der Dami mehrmals die Hand auf und
zu machend nach dem Uhrgehänge des Johannes griff und immer wieder, bevor er es
gefasst, zurückzog; sie sagte daher streng, wie man einem tollenden Kinde wehrt:
»Jetzt ist's genug: das hast du gut gemacht, jetzt lass es dabei!«
    Dami entlarvte sich wieder und sagte nur noch zu Johannes: »So ist's recht!
Du hast eine stahlbeschlagene Frau und ich eine silberbeschlagene Pfeife.« Als
Niemand lachte, setzte er hinzu: »Gelt, Schwager, das hättest du nicht geglaubt,
dass du so einen gescheiten Schwager hast? Ja, sie hat's nicht allein, wir sind
in Einem Topf gekocht. Ja Schwager!«
    Er schien als wollte er die Freude: Schwager! sagen zu können, völlig
auskosten.
    Man stieg endlich wieder auf, denn das Brautpaar wollte noch nach der Stadt
und schon als sie ein Stück weg waren, schrie Dami in den Wald: »Schwager!
Vergiss meine ledernen Hosen nicht!« Helles Lachen antwortete, und wiederum tönte
Gesang und die Brautleute ritten fort und fort in die Mondnacht hinein.
 
                            17. Ueber Berg und Tal.
Es lässt sich nicht so fortleben in gleichem Atem, es wechseln Nacht und Tag,
lautlose Ruhe und wildes Rauschen und Brausen und die Jahreszeiten alle. So im
Leben der Natur, so im Menschenherzen, und wohl dem Menschenherzen, das auch in
aller Bewegung sich nicht aus seiner Bahn verirrt.
    Es war Tag geworden, als die beiden Liebenden vor der Stadt ankamen und
schon eine weite Strecke vorher, als ihnen der erste Mensch begegnete, waren sie
abgestiegen. Sie fühlten, dass ihre Auffahrt gar seltsam erscheinen musste und der
erste Mensch war ihnen wie ein Bote der Erinnerung, dass sie sich wieder
einfinden müssten in die gewohnte Ordnung der Menschen und ihre
Herkömmlichkeiten. Johannes führte das Pferd an der einen Hand, mit der andern
hielt er Amrei, sie gingen lautlos dahin, und so oft sie einander ansahen,
erglänzten ihre Gesichter wie die von Kindern, die aus dem Schlaf erwachen. So
oft sie aber wieder vor sich niederschauten, waren sie gedankenvoll und
bekümmert um das, was nun werden sollte.
    Als ob sie mit Johannes schon darüber gesprochen hätte, und in der
unmitelbaren Zuversicht, dass er das Gleiche gedacht haben müsse, wie sie, sagte
jetzt Amrei:
    »Freilich wohl wär's gescheiter gewesen, wir hätten die Sache ruhiger
gemacht; du wärst zuerst heim und ich war' derweil wo geblieben, meinetwegen
wenn nicht anders beim Kohlenmates im Wald, und du hättest mich dann abgeholt
mit deiner Mutter oder mir geschrieben und ich wäre nachgekommen mit meinem Dami
Aber weisst du, was ich denk'?«
    »Just Alles weiss ich noch nicht.«
    »Ich denke, dass Reue das Dümmste ist, was man in sich aufkommen lassen kann.
Wenn man sich den Kopf herunter reisst, man kann Gestern nicht mehr zu Heute
machen. Was wir getan haben, so mitten drin, in dem Jubel, das ist recht
gewesen und muss recht bleiben. Da kann man jetzt, wenn man ein bisschen nüchtern
ist, nicht darüber schimpfen. Jetzt müssen wir nur daran denken, wie wir weiter
Alles gut machen und du bist ja so ein gerader Mensch, du wirst sehen, kannst
Alles mit mir überlegen, sag' mir nur Alles frei heraus. Kannst mir sagen was du
willst; du tust mir nicht weh damit; aber wenn du mir Etwas nicht sagst, da
tust mir weh damit. Gelt du hast auch keine Reue?«
    »Kannst du ein Rätsel lösen?« fragte Johannes.
    »Ja, das habe ich als Kind gut können.«
    »Nun so sag' mir: was ist das? Es ist ein einfaches Wort, tut man den
ersten Buchstaben vorn 'runter, da möcht' man sich den Kopf 'runter reissen, und
tut man ihn wieder auf, da ist alles fest.«
    »Das ist leicht,« sagte Barfüssele, »kinderleicht, das ist Reu' und Treu'.«
Und wie die Lerchen über ihnen zu singen begannen, so sangen sie jetzt auch das
Rätsellied und Johannes begann:
»Ei Jungfrau, ich will dir was aufzuraten geben,
Wann du es erratest so heirat' ich dich:
Was ist weisser als der Schnee?
Was ist grüner als der Klee?
Was ist schwärzer als die Kohl'?
Willst du mein Weibchen sein.
Erraten wirst du's wohl.«
    Amrei:
»Die Kirschenblust (Blüte) ist weisser als der Schnee
Und wann sie verblühet hat grüner als der Klee,
Und wann sie verreifet hat schwärzer als die Kohl',
Weil ich dein Weiblein bin, erraten kann ich's wohl.«
    Johannes:
»Was für ein König hat keinen Tron?
Was für ein Knecht hat keinen Lohn?«
    Amrei:
»Der König in dem Kartenspiel hat keinen Tron,
Der Stiefelknecht hat keinen Lohn.«
    Johannes:
»Welches Feuer hat keine Hitz?
Und welches Messer hat keine Spitz?«
    Amrei:
»Ein abgemaltes Feuer hat keine Hitz,
Ein abgebrochenes Messer hat keine Spitz.«
    Plötzlich schnalzte Johannes mit den Fingern und sagte: »Jetzt gieb Acht,«
und er sang:
»Was hat keinen Kopf und doch einen Hals?
Und was schmeckt gut ohne Salz und Schmalz?«
    Amrei erwiderte rasch:
»Die Flasch' hat keinen Kopf und doch einen Hals,
Und Alles was gezuckert ist schmeckt ohne Schmalz und Salz.«
    »Du hast's nur halb erraten,« lachte Johannes, »bist in der Küche stecken
geblieben«; ich hab's so gemeint:
    »Die Flasch' hat keinen Kopf und doch einen Hals,
    Und der Kuss von deinem Mund schmeckt ohne Schmalz und Salz.«
    Und nun sangen sie noch den letzten Vers des vielgewundenen Rätselliedes:
»Was für ein Herz tut keinen Schlag?
Was für ein Tag hat keine Nacht?«
»Das Herz an der Schnalle tut keinen Schlag,
Der allerjüngste Tag hat keine Nacht.«
»Ei Jungfrau, ich kann ihr nichts aufzuraten geben,
Und ist es ihr wie mir, so heiraten wir.«
»Ich bin ja keine Schnalle, mein Herz tut manchen Schlag,
Und eine schöne Nacht hat auch der Hochzeitstag.«
    Am ersten Wirtshaus vor dem Tor kehrten sie ein und Amrei sagte, als sie
mit Johannes in der Stube war und dieser einen guten Kaffee bestellt hatte:
    »Die Welt ist doch prächtig eingerichtet! Da haben die Leute ein Haus
hergestellt und Stühle und Bänke und Tische und eine Küche, darauf brennt das
Feuer und da haben sie Kaffee und Milch und Zucker und das schöne Geschirr und
das richten sie Alles her, wie wenn wir's bestellt hätten, und wenn wir weiter
kommen, sind immer wieder Leute da und Häuser und Alles drin. Es ist gerade wie
im Mährlein: Tischlein deck' dich!«
    »Aber Knüppel aus dem Sack! gehört auch dazu,« sagte Johannes, griff in die
Tasche und holte eine Hand voll Geld heraus, »ohne das kriegst du nichts.«
    »Ja freilich,« sagte Amrei, »wer diese Räder hat, der kann durch die Welt
rollen. Sag' Johannes, hat dir je in deinem Leben ein Kaffee so geschmeckt, wie
der? Und das frische Weissbrod! Du hast nur zu viel bestellt; wir kennen das
nicht Alles ermachen; das Weissbrod das steck' ich zu mir, aber es ist schad um
den guten Kaffee; o! wie manchem Armen tät' der wohl, und wir müssen ihn da
stehen lassen und du musst ihn doch bezahlen.«
    »Das macht nichts, man kann's nicht so genau nehmen in der Welt.«
    »Ja, ja, du hast Recht, ich bin halt noch genau gewöhnt; musst mir's nicht
übel nehmen; wenn ich so was sage, es geschieht im Unverstand.«
    »Das hast du leicht sagen, weil du weisst, dass du gescheit bist.«
    Amrei stand bald auf, sie glühte vor Hitze, und als sie jetzt vor dem
Spiegel stand, rief sie laut: »O lieber Gott! bin denn ich das? Ich kenn' mich
gar nicht mehr.«
    »Aber ich kenn' dich,« sagte Johannes, »du heisst Amrei und Barfüssele und
Salzgräfin, aber das ist noch nicht genug, du kriegst jetzt noch einen Namen
dazu: Landfriedbäuerin ist auch nicht übel.«
    »O lieber Gott! kann denn das sein? Ich meine jetzt, es wäre nicht möglich.«
    »Ja es gibt noch harte Bretter zu bohren, aber das ficht mich nichts an.
Jetzt leg' dich ein wenig schlafen, ich will derweil nach einem Bernerwägele
umschauen; du kannst am Tag nicht mit mir reiten, und wir brauchen ohnedies
eins.«
    »Ich kann nicht schlafen, ich muss noch einen Brief nach Haldenbrunn
schreiben; ich bin so fort und hab' doch auch viel Gutes genossen da, und hab'
auch noch andre Sachen anzugeben.«
    »Ja, mach' das, bis ich wieder komm'.«
    Johannes ging davon, und Amrei schaute ihm mit seltsamen Gedanken nach: da
geht er und gehört doch zu dir, und wie er so stolz geht! Ist es denn möglich,
dass es wahr ist, er ist dein? Er schaut nicht mehr um, aber der Hund, der mit
ihm geht; Amrei winkt ihm und lockt ihn, und richtig, da kommt er zurück
gerannt. Sie ging ihm vor das Haus entgegen, und als er an ihr hinauf sprang,
sagte sie: »Ja, ja, schon gut, es ist recht von dir, dass du bei mir bleibst, dass
ich nicht so allein bin; aber jetzt komm' herein, ich muss schreiben.«
    Sie schrieb einen grossen Brief an den Schulteiss in Haldenbrunn, dankte der
ganzen Gemeinde für die Wohltaten, die sie empfangen, und versprach: einstens
ein Kind aus dem Ort zu sich zu nehmen, wenn sie es machen könne, und
verpflichtete nochmals den Schulteiss, dass man der schwarzen Marann' ihr
Gesangbuch unter den Kopf lege. Als sie den Brief zusiegelte, presste sie ihre
Lippen dabei zusammen und sagte: »So, jetzt bin ich fertig mit dem was in
Haldenbrunn noch lebt.« Sie riss aber doch schnell den Brief wieder auf, denn sie
hielt es für Pflicht, Johannes zu zeigen, was sie geschrieben. Dieser aber kam
lange nicht und Amrei errötete, als die gesprächsame Wirtin sagte: »Ihr Mann
hat wohl auf dem Amt zu tun?« Dass Johannes zum Erstenmal ihr Mann genannt
wurde, das traf sie tief in's Herz.
    Sie konnte nicht antworten, und die Wirtin sah sie staunend an. Amrei wusste
sich vor ihren seltsamen Blicken nicht anders zu flüchten, als indem sie vor das
Haus ging und dort auf aufgeschichteten Brettern mit dem Hunde sass und auf
Johannes wartete. Sie streichelte den Hund, und schaute ihm tief glücklich in
die treuen Augen. - Kein Tier sucht und verträgt den anhaltenden Menschenblick,
nur dem Hunde scheint das gegeben, aber auch sein Auge zuckt bald und er
blinzelt gern aus der Ferne.
    Wie ist doch die Welt auf Einmal so rätselvoll und so offenbar!
    Amrei ging mit dem Hunde hinein in den Stall, sah zu wie der Schimmel frass,
und sagte: »Ja, lieber Silbertrab, lass dir's nur schmecken, und bring' uns gut
heim, und Gott gebe, dass es uns Allen gut geht.«
    Johannes kam lange nicht, und als sie ihn endlich sah, ging sie auf ihn zu
und sagte: »Gelt, wenn du wieder was zu besorgen hast auf der Reise, nimmst mich
mit?«
    »So! Ist dir's bang geworden? Hast gemeint, ich wär' davon? Ha, wie wär's,
wenn ich dich jetzt da sitzen liess' und davon ritt'?«
    Amrei zuckte zusammen, dann sagte sie streng: »Just witzig bist du nicht.
Mit so Etwas seinen Spass haben, das ist zum Erbarmen einfältig! Du dauerst mich,
dass du das getan hast, du hast dir damit was getan, es ist bös, wenn du es
weisst, und bös, wenn du es nicht weisst. Du willst mir davon reiten und meinst,
jetzt soll ich zum Spass heulen? Meinst du vielleicht, weil du den Gaul hast und
Geld, wärst du der Herr? Nein, dein Gaul hat uns Beide mitgenommen, und ich bin
mit dir gegangen. Wie meinst, wenn ich den Spass machen und sagen tät': wie
wär's, wenn ich dich da sitzen liess'? Du dauerst mich, dass du den Spass gemacht
hast.«
    »Ja, ja, du sollst Recht haben, aber hör' doch jetzt einmal auf.«
    »Nein, ich red' so lang noch was in mir ist von einer Sache, wo ich die
Beleidigte bin, und an mir ist es, von der Sache aufzuhören, wenn ich will. Und
dich selber hast du auch beleidigt, Den der du sein sollst und der du auch bist.
Wenn ein Anderes was sagt, was nicht recht ist, kann ich drüber weg springen;
aber an dir darf kein Schmutzfleckchen sein, und glaub' mir, mit so etwas Spass
machen, das ist grad, wie wenn man mit dem Kruzifix da Puppe spielen wollte.«
    »Oho! So arg ist's nicht; aber allem Anschein nach verstehst du keinen
Spass.«
    »Ich versteh' wohl, das wirst du schon erfahren, aber nicht mit so Etwas,
und jetzt ist's gut. Jetzt bin ich fertig und denke nicht mehr dran.«
    Dieser kleine Zwischenfall zeigte Beiden schon früh, dass sie bei aller
liebenden Hingebung sich doch vor einander zusammennehmen mussten, und Amrei
fühlte, dass sie zu heftig gewesen war, und ebenso Johannes, dass es ihm nicht
anstand, mit der Verlassenheit Amrei's und ihrer völligen Hingegebenheit an ihn
ein Spiel zu treiben. Sie sagten das einander nicht, aber Jedes fühlte es dem
Andern ab.
    Das kleine Morgenwölkchen, das aufgestiegen war, zerfloss bald vor der
helldurchbrechenden Sonne, und Amrei jubelte wie ein Kind, als ein schönes
grünes Bernerwägelein kam, mit einem halbrunden gepolsterten Sitz drauf. Noch
bevor angespannt war, setzte sie sich hinauf und klatschte in die Hände vor
Freude. »Jetzt musst mich nur noch fliegen machen,« sagte sie zu Johannes, der
den Schimmel einspannte, »ich bin mit dir geritten, jetzt fahr' ich, und nun
bleibt nichts als Fliegen.«
    Und im hellen Morgen fuhren sie auf schöngebahnter Strasse dahin. Dem
Schimmel schien das Fahren leicht, und Lux bellte vor Freude immer vor ihm her.
    »Denk' nur, Johannes,« sagte Amrei nach einer Strecke, »denk' nur, die
Wirtin hat mich schon für deine Frau gehalten.«
    »Und das bist du schon, und darum frag' ich nichts danach, was sie Alle dazu
sagen mögen. Du Himmel und ihr Lerchen und ihr Bäume und ihr Felder und Berge!
Schaut her, das ist mein Weible! Und wenn sie zankt, ist sie grad so lieb, wie
wenn sie Einem was Schönes sagt. O meine Mutter ist eine weise Frau, o die hat's
gewusst: sie hat gesagt, ich soll darauf achten, wie sie im Zorn weint, da kommt
der inwendige Mensch heraus. Das war ein lieber, scharfer, schöner, böser, der
heute bei dir herausgekommen ist, wie du dort gezankt hast. Jetzt kenn' ich die
ganze Sippschaft, die in dir steckt, und sie ist mir recht. O du ganze weite
Welt! Ich dank' dir, dass du da bist, du Alles, Alles. Welt! Ich frag' dich, hast
du, so lang du stehst, so ein lieb Weible gesehen? Juchhe, juchhe!«
    Und wo Einer am Wege ging, an dem man vorbei fuhr, fasste Johannes Amrei an,
und rief: »Schau, schau, das ist mein Weible!« bis ihn Amrei dringend bat, das
zu lassen, er aber sagte: »Ich weiss mir vor Freude nicht zu helfen. Ich könnte
es der ganzen Welt zurufen, dass Alles mit mir jubelt, und ich weiss gar nicht,
wie können die Menschen da nur noch zu Acker fahren und Holz spalten und Alles,
und wissen nicht, wie selig ich bin.«
    Amrei sah eine arme Frau am Wege gehen, knüpfte schnell ein Paar ihrer so
sehr geliebten Schuhe ab, und warf sie der Armen hin, die den Davoneilenden
staunend nachsah und dankte. Es berührte Amrei wie eine selige Empfindung, dass
sie zum Erstenmal in ihrem Leben eine Wertsache, die sie selber noch wohl
brauchen konnte, verschenkt hatte. Anfangs, als sie es so rasch weggegeben und
darüber nachsann, dachte sie vor Allem nur daran, und das kam noch oft wieder,
wie viel eigentlich die Schuhe wert gewesen seien; das Besitztum wollte sich
nicht leicht ablösen von ihr, sie hatte es zu fest in Gedanken besessen, und sie
dachte gar nicht mehr daran, wie viel sie eigentlich an der schwarzen Marann'
getan - dass sie die Schuhe hergegeben, erschien ihr als ihre erste Wohltat,
und die Empfindung derselben beglückte sie gewiss noch mehr als die Empfängerin;
sie lächelte immer vor sich hin, sie hatte ein geheimes Geschenk in der Seele,
das ihr Herz in Freuden hüpfen machte, und als sie Johannes fragte: »Was hast
denn? Warum lachst denn immer so wie ein Kind im Schlaf?« sagte sie:
    »O Gott, es ist ja auch Alles wie ein Traum. Ich kann jetzt herschenken. Ich
gehe in Gedanken noch jetzt immer mit der Frau, und weiss wie sie sich freut.«
    »Das ist brav, dass du gern schenkst.«
    »O was will denn das heissen: im Glück herschenken, das ist wie wenn ein
volles Glas überfliesst: ich bin so voll, ich möcht' gern Alles herschenken, ich
möcht' auch wie du gern alle Menschen anrufen. Ich meine, ich könnte sie alle
speisen und tränken. Ich meine, ich sässe an einer langen Hochzeittafel ganz
allein mit dir, und ich bin so voll, ich kann gar nichts essen, ich bin satt.«
    »Ja, ja, das ist gut,« sagte Johannes. »Aber schenke keine von deinen
Schuhen mehr weg. Wenn ich sie ansehe, denk' ich an die vielen schönen guten
Jahre, die drin stecken, da kannst du viele schöne Jahre herumlaufen, bis sie
zerrissen sind.«
    »Wie kommst du jetzt darauf? Wieviel hundertmal hab' ich das gedacht, wenn
ich die Schuhe angesehen hab'. Aber jetzt erzähl' mir auch von deinem Daheim,
sonst schwätz' ich immer von mir. Erzähl'.«
    Das tat Johannes gern, und während er erzählte und Amrei mit weit offenen
Augen zuhörte, tanzte mitten durch Alles in ihrem Geist immer ein glückseliges
Bild neben her, das war die Arme am Wege in den geschenkten neuen Schuhen.
    Nachdem Johannes die Menschen daheim geschildert, rühmte er vor Allem das
Vieh und sagte: »Das ist Alles so wohlgenährt und gesund und rund, dass kein
Tropfen Wasser drauf stehen bleibt.«
    »Mir will's gar nicht in den Sinn«, sagte Amrei, »dass ich auf Einmal so
reich sein soll. Wenn ich bedenke, dass ich selber so viel eigene Felder und Kühe
und Mehl und Schmalz und Obst und Kisten und Kasten haben soll, da mein' ich,
ich hätte bisher mein Lebenlang geschlafen, und wäre jetzt auf Einmal
aufgewacht. Nein, nein, das ist nicht so. Mir kommt es schrecklich vor, dass ich
auf Einmal für so Vieles verantwortlich sein soll. Gelt, deine Mutter hilft mir
noch? Sie ist ja noch gut bei der Hand. Ich weiss gar nicht, wie man's macht, dass
ich nicht Alles an die Armen verschenke; aber nein, das geht nicht, es ist ja
nicht mein. Ich hab's ja auch nur geschenkt.«
    »Almosengeben armet nicht! ist ein Sprüchwort meiner Mutter,« erwiderte
Johannes.
    Es lässt sich nicht sagen, mit welchem Jubel die beiden Liebenden
dahinfuhren. Jedes Wort machte sie glücklich. Als Amrei fragte: »Habt ihr auch
Schwalben am Haus?« und Johannes dies bejahte mit dem Beisatze, dass sie auch ein
Storchennest hätten, da war Amrei ganz glücklich, und ahmte das
Storchengeschnatter nach, und schilderte gar lustig, wie der Storch mit
ernstaftem Gesicht auf einem Bein stehe und von oben herunter in sein Haus
schaue.
    War es eine Verabredung, oder war es die innere Macht des Augenblicks? Sie
sprachen nichts davon, wie nun die eigentliche Auffahrt und das Eintreten in's
elterliche Haus vor sich gehen sollte, bis sie gegen Abend in den Amtsbezirk
kamen, in dem Zusmarshofen lag. Erst jetzt, als Johannes schon einigen Leuten
begegnete, die ihn kannten, ihn grüssten, und ihn verwundert anschauten, erklärte
er Amrei, dass er sich zweierlei ausgedacht habe, wie man die Sache am besten
anfange. Entweder wolle er Amrei zu seiner Schwester bringen, die hier abseits
wohnte - man sah den Kirchturm ihres Dorfes hinter einem Vorberge - er wollte
dann allein nach Hause und Alles erklären; oder er wolle Amrei gleich mit in's
Haus nehmen, das heisst, sie sollte eine Viertelstunde vorher absteigen und als
Magd in's Haus kommen.
    Amrei zeigte ihre ganze Klugheit, indem sie auseinandersetzte, was zu diesem
Verfahren bestimme und was daraus hervorgehen könne. Halte sie sich bei der
Schwester auf, so hätte sie zuerst eine Person zu gewinnen, die nicht die
entscheidende sei und es könnte allerlei Hin- und Herzerrereien geben, die nicht
zu berechnen wären, abgesehen davon, dass es in späteren Zeiten immer eine
missliche Erinnerung, und in der ganzen Umgegend ein Gerede bleibe, dass sie sich
nicht geradezu in's Haus gewagt habe. Da scheine der zweite Weg besser. Aber es
gehe ihr wider die Seele, mit einer Lüge in's Hans zu kommen. Freilich habe ihr
die Mutter vor Jahren versprochen, sie in Dienst zu nehmen; aber sie wolle ja
jetzt nicht in Dienst und es sei wie ein Diebstahl, wenn sie sich in die Gunst
der Eltern einschleichen wolle, und sie wisse gewiss, dass sie in dieser
Verlarvung Alles ungeschickt täte. Sie könne dabei nicht gradaus sein, und wenn
sie dem Vater nur einen Stuhl stellen wolle, werfe sie ihn gewiss um, denn sie
müsse immer dabei denken: du tust's, um ihn zu hintergehen. Und wenn alles Das
auch noch ginge: wie sie denn vor den Dienstleuten erscheinen müsse, wenn sie
später hören, dass die Meisterin sich als Magd in's Haus eingeschmuggelt habe und
sie könne mit Johannes während der ganzen Zeit kein Wort reden.
    Diese ganze Auseinandersetzung schloss sie mit den Worten: »Ich hab' dir das
Alles nur gesagt, weil du auch meine Gedanken hören willst, und wenn du Etwas
mit mir überlegst, so muss ich doch frei herausreden; ich sage dir aber auch
gleich: was Du willst, wenn du es fest sagst, so tue ich es, und wenn du sagst
so, tu' ich's auch. Ich folge dir ohne Widerrede und ich will's so gut machen
als ich kann, was du mir auferlegst.«
    »Ja, ja, du hast Recht,« sagte Johannes im schweren Besinnen, »es ist Beides
ein ungerader Weg, der erste weniger; und wir sind jetzt schon so nahe, dass wir
uns schnell besinnen müssen. Siehst du dort die Waldblösse da drüben auf dem Berg
mit der kleinen Hütte? Du siehst auch die Kühe, so ganz klein wie Käfer? Da ist
unsere Frühalm, da will ich unsern Dami hinsetzen.«
    Staunend sagte Amrei: »O Gott wohin wagen sich nicht die Menschen! Das muss
aber ein gut Grasgelände sein.«
    »Freilich, aber wenn mir der Vater das Gut übergibt, führe ich doch mehr
Stallfütterung ein, es ist nützlicher; aber die alten Leute bleiben gern beim
Alten. Ach! Was schwätzen wir da? Wir sind jetzt schon so nah. Hätten wir uns
nur früher besonnen. Mir brennt der Kopf.«
    »Bleib' nur ruhig, wir müssen uns in Ruhe besinnen; ich habe schon eine Spur
wie's zu machen wär', nur noch nicht ganz deutlich.«
    »Was? Wie meinst?«
    »Nein, besinn' du dich; vielleicht kommst du selber drauf. Es gehört dir,
dass du's einrichtest und wir sind jetzt Beide so in Wirrwar, dass wir einen Halt
dran haben, wenn wir Beide zugleich draufkommen.«
    »Ja mir fällt schon was ein. Da im zweitnächsten Ort ist ein Pfarrer, den
ich gut kenne, der wird uns am besten raten. Aber halt! So ist's besser! Ich
bleib' unten im Tal beim Müller, und du gehst allein hinauf auf den Hof zu
meinen Eltern und sagst ihnen Alles gradaus, rund und klein. Meine Mutter hast
du gleich an der Hand, aber du bist ja gescheit, du wirst auch den Vater so
herumkriegen, dass du ihn um den Finger wickelst. So ist Alles besser. Wir
brauchen nicht zu warten und haben keine fremden Menschen zu Hülfe genommen! Ist
dir das recht? Ist dir das nicht zu viel?«
    »Das ist auch ganz mein Gedanke gewesen. Aber jetzt wird nichts mehr
überlegt, gar nichts; das steht fest wie geschrieben und das wird ausgeführt,
und frisch an's Werk macht den Meister. So ist's recht. O du weisst gar nicht,
was du für ein lieber, guter, prächtiger, ehrlicher Kerl bist.«
    »Nein du! Aber es ist jetzt Eins, wir sind jetzt Beide zusammen ein einziger
braver Mensch und das wollen wir bleiben. Da guck, hier gieb mir die Hand, so,
da die Wiese ist unser erstes Feld. Grüss Gott, Weible, so, jetzt bist du daheim.
Und Juchhe! da ist unser Storch und fliegt auf. Storch! Sag' grüss Gott! Da ist
die neue Meisterin. Ich will dir später schon noch mehr sagen. - Jetzt Amrei,
mach' nur nicht so lang oben und schick' mir gleich Eins in die Mühle; wenn der
Rossbub daheim ist, am besten den, der kann springen wie ein Has'. So, siehst du
dort das Haus mit dem Storchennest und die zwei Scheuern dort am Berg, links vom
Wald? Es ist eine Linde am Haus, siehst du's?«
    »Ja!«
    »Das ist unser Haus. Jetzt komm, steig ab, du kannst den Weg jetzt nicht
mehr fehlen.«
    Johannes stieg ab und half auch Amrei von dem Wagen und diese hielt das
Halsgeschmeide, das sie in die Tasche gesteckt hatte, wie einen Rosenkranz
zwischen den gefalteten Händen und betete leise. Auch Johannes zog den Hut ab
und seine Lippen bewegten sich.
    Die Beiden sprachen kein Wort mehr und Amrei ging voraus. Johannes stand
noch lange an den Schimmel gelehnt und schaute ihr nach. Jetzt wendete sie sich
und scheuchte den Hund zurück, der ihr gefolgt war, er wollte aber nicht gehen,
rannte in's Feld abseits und wieder zu ihr, bis Johannes ihm pfiff, dann erst
kam das Tier zurück.
    Johannes fuhr nach der Mühle und hielt dort an. Er hörte, dass sein Vater vor
einer Stunde da gewesen sei, um ihn hier zu erwarten; er sei aber wieder
umgekehrt. Johannes freute sich, dass sein Vater wieder wohl auf den Beinen war
und dass Amrei nun beide Eltern zu Hause träfe. Die Leute in der Mühle wussten
nicht, was das mit Johannes war, dass er bei ihnen anhielt und doch fast auf kein
Wort hörte. Er ging bald in das Haus, bald aus demselben, bald auf den Weg nach
dem Hofe, bald kehrte er wieder zurück. Denn Johannes war voll Unruhe, er zählte
die Schritte, die Amrei ging. Jetzt war sie an diesem Felde, und jetzt an
diesem, jetzt am Buchenhage, jetzt sprach sie mit den Eltern ... Es liess sich
doch nicht ausdenken wie es war.
    Und plötzlich war Johannes aus der Mühle verschwunden und das Fuhrwerk blieb
zurück ....
 
                            18. Das erste Herdfeuer.
Amrei war unterdess wie traumverloren dahin gegangen. Sie schaute wie fragend
nach den Bäumen auf; die stehen so ruhig auf dem Fleck und die werden so stehen
und auf dich niederschauen, Jahre, Jahrzehnte, dein ganzes Leben lang als deine
Lebensgenossen; und was wirst du derweil erfahren!
    Amrei war aber doch schon so alt geworden, dass sie nicht mehr nach einem
Halt in der Aussenwelt tastete. Es war schon lange, seitdem sie mit dem
Vogelbeerbaum gesprochen hatte. - Sie wollte ihre Gedanken wegbannen von Allem
was sie umgab, und doch starrte sie wieder hinein in die Felder, die ihr eigen
werden sollten, und wollte sich immer vordenken, was nun kommen sollte; Eintritt
und Empfang, Anrede und Antwort, hin und her. Wie ein Wirrwarr von tausend
Möglichkeiten schwirrte Alles um sie her und sie sagte endlich fast laut, und
der Silbertrabwalzer spielte sich ihr im Kopfe: »Was da, was da, vorher
besinnen? Wenn aufgespielt wird, tanz' ich - Hopser oder Walzer. Ich weiss nicht,
wie ich die Füsse setze, sie tun's allein; und ich kann mir's nicht denken, und
ich will mir's nicht denken, wie ich vielleicht in einer Stunde den Weg da
wieder zurückkehre, und die Seele ist mir aus dem Leibe genommen, und ich muss
doch gehen, einen Schritt nach dem andern. Genug! Jetzt lass kommen, was kommen
will; ich bin ja auch dabei.«
    Und es lag noch mehr als diese ausgesprochene Zuversicht in ihrem Wesen; sie
hatte nicht umsonst von Kindheit an Rätsel gelöst und von Tag zu Tag mit dem
Leben gerungen. Die ganze Kraft dessen, was sie geworden, ruhte still und
sichertreffend in ihr. Ohne weitere Frage, wie man einer Notwendigkeit entgegen
geht, still in sich zusammengefasst, ging sie mutig und festen Schrittes dahin.
    Sie war noch nicht weit gegangen, da sass ein Bauer mit einem roten
Schleedornstock zwischen den Füssen und beide Hände und das Kinn darauf stützend
am Weg.
    »Grüss Gott!« sagte Amrei, »tut das Ausruhen gut?«
    »Ja. Wohin willst?«
    »Dahinauf auf den Hof. Wollet Ihr mit? Ihr könnet Euch an mir führen.«
    »Ja, so ist's!« grinste der Alte, »vor dreissig Jahren wäre mir das lieber
gewesen, wenn mir so ein schönes Mädle das gesagt hätte, da wäre ich gesprungen
wie ein Füllen.«
    »Zu denen, die springen können wie die Füllen, sagt man das aber nicht!«
lachte Amrei.
    »Du bist reich,« sagte der Alte, der eine müssige Unterhaltung am heissen
Mittag zu lieben schien. Er nahm vergnüglich eine Prise aus seiner Horndose.
    »Woher seht Ihr, dass ich reich bin?«
    »Deine Zähne sind zehntausend Gulden wert, es gäbe Mancher zehntausend
Gulden drum, wenn er sie im Maul hätte.«
    »Ich hab' jetzt keine Zeit zum Spassen. Behüt' Euch Gott.«
    »Wart' nur, ich geh' mit, aber musst nicht schnell laufen.«
    Amrei half nun dem Alten behutsam auf und der Alte sagte: »Du bist stark.«
Er hatte sich in seiner neckischen Weise noch schwerer und unbehülflicher
gemacht, als er war. Im Gehen fragte er jetzt: »Zu wem willst du denn auf dem
Hof?«
    »Zum Bauern und zu der Bäuerin.«
    »Was willst du denn von ihnen?«
    »Das will ich ihnen selber sagen.«
    »Wenn du was geschenkt haben willst, da kehr' lieber gleich wieder um; die
Bäuerin gäb' dir schon, aber sie ist über Nichts Meister, und der Bauer der ist
zäh, der hat ein Sperrholz im Genick und einen steifen Daumen dazu.«
    »Ich will nichts geschenkt, ich bring' ihnen was,« sagte Amrei.
    Es begegnete den Beiden ein älterer Mann, der mit der Sense in's Feld ging,
und der Alte neben Amrei rief ihn an und fragte ihn mit seltsamem Augenzwinkern:
»Weisst nicht, ist der geizige Landfriedbauer nicht daheim?« »Ich glaub', aber
ich weiss es nicht,« lautete die Antwort des Mannes mit der Sense, und er ging
davon feldein. Es zuckte etwas in seinem Gesichte, und noch jetzt, als er so
hinwandelte, schüttelte es ihm den Rücken auf und nieder, er lachte offenbar und
Amrei schaute starr in das Antlitz ihres Begleiters und gewahrte die Schelmerei
darin und plötzlich erkannte sie in den eingefallenen Zügen die jenes Mannes,
dem sie einst auf dem Holderwasen zu trinken gegeben hatte, und leise mit den
Fingern schnalzend, dachte sie: »Wart, dich krieg' ich,« und laut sagte sie:
»das ist schlecht von Euch, dass ihr so von dem Bauer redet, zu einem Fremden,
wie ich, das Ihr nicht kennet, und das vielleicht eine Verwandte von ihm ist,
und es ist auch gewiss gelogen, was Ihr saget; freilich soll der Bauer zäh sein,
aber wenn's drauf ankommt, hat er gewiss auch ein rechtschaffenes Herz und hängt
nur nicht an die grosse Glocke, was er Gutes tut, und wer so brave Kinder hat,
wie man die Seinen berühmt, der muss auch rechtschaffen sein, und es kann sein,
er macht sich vor der Welt gern schlecht, weil es ihm nicht der Mühe wert ist,
was Andere von ihm denken, und ich kann ihm das nicht übel nehmen.«
    »Du hast dein Maul nicht vergessen. Woher bist denn?«
    »Nicht aus der Gegend, vom Schwarzwald her.«
    »Wie heisst der Ort?«
    »Haldenbrunn.«
    »So? Und du bist zu Fuss daher gekommen?«
    »Nein, es hat mich unterwegs Einer mitfahren lassen, es ist der Sohn von dem
Bauern da. Ein gerader braver Mensch.«
    »So? Ich hätte dich in seinen Jahren auch mitfahren lassen.«
    Man war am Hofe angekommen und der Alte ging mit Amrei in die Stube und
rief: »Mutter, wo bist?«
    Die Frau kam aus der Kammer und die Hand Amrei's zuckte, sie wäre ihr gern
um den Hals gefallen, aber sie konnte nicht, sie durfte nicht, und der Alte
sagte unter herzerschütterndem Lachen: »Denk' nur Bäuerin, das ist ein Mädle aus
Haldenbrunn, und es hat dem Landfriedbauer und der Bäuerin was zu sagen, aber
mir will's nichts davon kund geben. Jetzt sag' du, wie man mich heisst.«
    »Das ist ja der Bauer,« sagte die Bäuerin, nahm als Zeichen des Willkomms
dem Alten den Hut vom Kopfe und hing den Hut an das Ofengeländer.
    »Ja, merkst's jetzt?« sagte der Alte triumphirend gegen Amrei, »jetzt sag',
was du willst.«
    »Setz' dich,« sagte die Mutter, und wies Amrei auf einen Stuhl. Mit schwerem
Atemholen begann diese nun:
    »Ihr könnt mir's glauben, dass kein Kind mehr hat an Euch denken können als
ich, schon vorher, schon vor den letzten Tagen. Erinnert Ihr Euch des
Josenhansen am Weiher, wo der Fahrweg gegen Endringen geht?«
    »Freilich, freilich,« sagten die beiden Alten.
    »Und ich bin des Josenhansen Tochter.«
    »Guck', ist mir doch gewesen, als ob ich dich kenn',« sagte die Alte. »Grüss
Gott!« Sie reichte die Hand und fuhr fort: »Bist ein starkes saubres Mädle
geworden. Jetzt sag', was führt dich denn so weit daher?«
    »Sie ist ein Stück mit unserm Johannes gefahren,« sprach der Bauer
dazwischen, »er kommt bald nach.«
    Die Mutter erschrak, sie ahnte Etwas und erinnerte ihren Mann, dass sie
damals, als Johannes weggeritten sei, an des Josenhansen Kinder gedacht habe.
    »Und ich habe ja auch noch ein Andenken von Euch Beiden,« sagte Amrei und
holte den Anhenker und ein eingewickeltes Geldstück aus der Tasche. »Das da habt
Ihr mir damals geschenkt, wie Ihr zum Letztenmal im Ort gewesen seid.«
    »Guck' und hast mich angelogen und hast gesagt, du habest es verloren,«
schalt der Bauer zu seiner Frau.
    »Und da,« fuhr Amrei fort, ihm den eingewickelten Groschen hinreichend, »da
ist das Geldstück, das Ihr mir geschenkt habt, wie ich auf dem Holderwasen die
Gänse gehütet und Euch am Brunnen Wasser geschöpft hab'.«
    »Ja, ja, ist Alles richtig, aber was soll denn jetzt das Alles? Was dir
geschenkt ist, kannst du behalten,« sagte der Bauer.
    Amrei stand auf und sagte: »Ich habe aber jetzt noch eine Bitte, lasset mich
ein paar Minuten reden, ganz frei. Darf ich?«
    »Ja, warum nicht?«
    »Schaut, Euer Johannes hat mich mitnehmen wollen und zu Euch bringen als
Magd, und ich hätt' auch gern bei Euch gedient zu andern Zeiten, lieber als
sonstwo; aber jetzt wär's unehrlich gewesen, und gegen Wen ich mein Lebenlang
ehrlich sein will, Dem will ich nicht zum Erstenmal unehrlich mit einer Lüge
gekommen sein. Jetzt muss Alles sonnenklar sein. Mit Einem Wort: der Johannes und
ich, wir haben uns von Grund des Herzens gern und er will mich zur Frau haben
...«
    »Oha!« schrie der Bauer und stand rasch auf; man hätte es deutlich sehen
können, dass seine frühere Unbeholfenheit nur geheuchelt war. »Oha!« schrie er
nochmals, als ob ihm ein Gaul durchginge. Die Mutter aber hielt ihn bei der Hand
fest und sagte: »Lass sie doch ausreden.«
    Und Amrei fuhr fort:
    »Glaubet mir, ich bin gescheit genug, und ich weiss, dass man Eines nicht aus
Mitleid zur Schwiegertochter machen kann; Ihr könnet mir was schenken, viel
schenken, aber zur Schwiegertochter machen aus Barmherzigkeit, das kann man
nicht, und das will ich auch nicht. Ich habe keinen Groschen Geld - ei ja doch
den Groschen, den Ihr mir auf dem Holderwasen geschenkt habt, den hab' ich noch,
es hat ihn Niemand für einen Groschen nehmen wollen,« sagte sie zum Bauer
gewendet, und dieser musste unwillkürlich lächeln. »Ich habe nichts, ja noch
mehr, ich habe einen Bruder, der wohl gesund und stark ist, für den ich aber
doch noch sorgen muss, und ich habe die Gänse gehütet und war das Geringste im
Ort, das ist Alles; aber das geringste Unrecht kann man mir auch nicht
nachsagen, und das ist auch wieder Alles - und was dem Menschen eigentlich von
Gott gegeben ist, darin sag' ich zu jeder Prinzessin: ich stell' mich um kein
Haar breit gegen dich zurück, und wenn du sieben goldene Kronen auf dem Kopf
hast. Es wäre mir lieber, es tät' ein Anderes für mich reden, ich red' nicht
gern; aber ich hab' mein Lebenlang für mich allein Annehmer sein müssen, und
tue es heut' zum Letztenmal, wo es sich entscheidet über Leben und Tod. Heisst
das, versteht mich nicht falsch: wollt Ihr mich nicht, so gehe ich in Ruhe fort,
ich tue mir kein Leid an, ich springe nicht in's Wasser und ich hänge mich
nicht; ich suche mir wieder einen Dienst, und will Gott danken, dass mich einmal
so ein braver Mensch hat zur Frau haben wollen, und will annehmen, es ist Gottes
Wille nicht gewesen ...« Die Stimme Amrei's zitterte, und ihre Gestalt wurde
grösser, und ihre Stimme wurde mächtiger, als sie sich jetzt zusammennahm und
rief: »Aber prüfet Euch, fraget Euch tief im Herzensgrund, ob das Gottes Wille
ist, was Ihr tut. Weiter sage ich nichts.« -
    Amrei setzte sich nieder. Alle drei waren still und der Alte sagte: »Du
kannst ja predigen wie ein Pfarrer.« Die Mutter aber trocknete sich die Augen
mit der Schürze und sagte: »Warum nicht? die Pfarrer haben auch nicht mehr als
Ein Hirn und Ein Herz.«
    »Ja du!« höhnte der Alte, »du hast ja auch so was Geistliches; wenn man dir
mit so ein paar Reden kommt, da bist du gleich gekocht.«
    »Und du tust, wie wenn du nicht gar werden wolltest vor deinem Ende,« sagte
die Bäuerin im Trotze.
    »So?« höhnte der Alte. »Guck, du Heilige vom Unterland! du bringst schönen
Frieden in unser Haus. Jetzt hast's gleich fertig gebracht, dass Die da scharf
gegen mich aufsjetzt; die hast du schon gefangen. Nun, ihr werdet warten können,
bis mich der Tod gestreckt hat, dann könnt ihr ja machen, was ihr wollt.«
    »Nein,« rief Amrei, »das will ich nicht, so wenig ich will, dass mich der
Johannes zur Frau nehme ohne Euren Segen, so wenig will ich, dass die Sünde in
unseren Herzen sei, dass wir Beide auf Euren Tod warten. Ich habe meine Eltern
kaum gekannt, ich kann mich ihrer nicht mehr erinnern; ich habe sie nur lieb,
wie man Gott lieb hat, ohne dass man ihn je gesehen hat. Aber ich weiss doch auch,
was Sterben ist. Gestern in der Nacht hab' ich der schwarzen Marann' die Augen
zugedrückt; ich habe ihr mein Lebenlang getan, was sie gewollt hat, und jetzt,
wo sie todt ist, da habe ich doch schon oft denken müssen: wie manchmal bist du
unwillig und herb gegen sie gewesen, wie hättest du ihr noch manches Gute tun
können, und jetzt liegt sie da, und jetzt ist's vorbei; du kannst nichts mehr
tun, und nichts mehr abbitten. Ich weiss, was Sterben ist, und will nicht ...«
    »Aber Ich will!« schrie der Alte, und ballte die Fäuste und knirschte die
Zähne. »Aber Ich will,« schrie er nochmals. »Da bleibst, und unser bist! Und
jetzt mag kommen, was da will, mag reden wer da will. Du kriegst meinen
Johannes, und keine Andere.«
    Die Mutter rannte auf den Alten los und umarmte ihn, und dieser, der das gar
nicht gewohnt war, rief unwillkürlich: »Was machst du da?«
    »Dir einen Kuss geben, du verdienst's, du bist braver, als du dich geben
willst.«
    Der Alte, der während der ganzen Zeit eine Prise zwischen den Fingern
gehabt, wollte die Prise nicht verschwenden, er schnupfte sie daher schnell und
sagte: »Nun, meinetwegen,« dann aber setzte er hinzu: »Aber jetzt hast du den
Abschied, ich habe eine viel Jüngere, und von der schmeckt's viel besser. Komm
her, du verstellter Pfarrer.«
    »Ich komm' schon, aber ruft mich zuerst bei meinem Namen.«
    »Ja, wie heisst du denn?«
    »Das brauchet Ihr nicht zu wissen, Ihr könnet mir ja selber einen Namen
geben, wisset schon welchen.«
    »Du bist gescheit! Nun meinetwegen, so komm her, Söhnerin. Ist dir der Name
recht?«
    Und als Antwort flog Amrei aus ihn zu.
    »Und ich, ich werde gar nicht gefragt?« schalt die Mutter in heller
Glückseligkeit und der Alte war ganz übermütig geworden in seiner Freude. Er
nahm Amrei an der Hand und sagte in nachspottendem Predigertone:
    »Nun frage ich Sie wohlehrsame Cordula Katarina, genannt Landfriedbäuerin:
wollen Sie hier diese« - er fragte das Mädchen bei Seite - »ja wie heisst du denn
eigentlich mit dem Taufnamen?«
    »Amrei!«
    Und der Alte fuhr fort in gleichem Tone: »Wollen Sie hier diese Amrei
Josenhans von Haldenbrunn zu Ihrer Schwiegertochter annehmen, sie nicht zu Worte
kommen lassen wie Sie bei Ihrem Manne tun, sie schlecht füttern, ausschimpfen,
unterdrücken, und überhaupt was man so nennt in das Haus metzgen?«
    Der Alte schien wie närrisch, es war etwas ganz Seltsames mit ihm
vorgegangen und während Amrei an dem Halse der Mutter hing und gar nicht von ihr
los lassen wollte, schlug der Alte mit seinem Rotdornstock auf den Tisch und
schrie polternd: »Wo bleibt denn der nichtsnutzige Bub, der Johannes? Schickt
uns der Bursch seine Braut auf den Hals und fährt derweil in der Welt herum? Ist
das erhört?«
    Jetzt riss sich Amrei los und sagte, dass man sogleich den Rossbub oder ein
Anderes nach der Mühle schicken solle, dort warte Johannes.
    Der Vater behauptete, er müsse mindestens noch drei Stunden da in der Mühle
zappeln; das müsse seine Strafe sein, weil er sich so feig hinter die Schürze
versteckt habe. Wenn er heimkehre, müsse man ihm eine Haube aufsetzen; überhaupt
wollte er ihn jetzt noch gar nicht dahaben, denn wenn der Johannes da sei, da
habe er nichts mehr von der Braut und es sei ihm schon jetzt ärgerlich, wenn er
an das Getue denke.
    Die Mutter wusste sich indes hinauszuschleichen und wollte den schnellfüssigen
Rossbuben nach der Mühle schicken; aber sie traf hier auf Johannes, der auf
Umwegen Amrei nachgegangen war. Er hatte sie doch nicht allein den Wechselfällen
der Entscheidung aussetzen wollen. Jetzt musste er sich auf den Wunsch der Mutter
nochmals verstecken, um dem Vater seine Freude zu lassen.
    Die Mutter kehrte in die Stube zurück und sie erinnerte daran, dass doch
Amrei auch was essen müsse. Sie wollte schnell einen Eierkuchen machen, aber
Amrei bat, dass sie ihr gestatte, das erste Feuer im Hause, das ihr was bereite,
selber anzuzünden, zugleich auch um den Eltern Etwas zu kochen.
    Es wurde ihr willfahrt und die beiden Alten gingen mit ihr in die Küche und
sie wusste Alles so geschickt anzufassen, sah mit einem Blicke, wo Alles stand,
und hatte fast gar nichts zu fragen, und Alles, was sie tat, tat sie so fest
und so zierlich, dass der Alte immer seiner Frau zunickte und einmal sagte: »Die
ist in der Haushaltung auf Noten eingespielt, die kann Alles vom Blatt weg, wie
der neue Schullehrer.«
    Am hell lodernden Feuer standen die Drei, als Johannes herzutrat. Und Heller
loderte die Flamme nicht auf dem Herde, als die innerste Glückseligkeit in den
Augen Aller glänzte. Der Herd mit seinem Feuer ward zum heiligen Altar, um den
andächtige Menschen standen, die doch nur lachten und einander neckten.
 
                              19. Geheime Schätze.
Amrei wusste sich im Hause bald so heimisch zu machen, dass sie schon am zweiten
Tage darin lebte, als wäre sie von Kindheit an hier aufgewachsen, und der Alte
träppelte ihr überall nach und schaute ihr zu, wie sie Alles so geschickt
aufnahm und so stet und gemessen vollführte; ohne Hast und ohne Rast.
    Es gibt Menschen, die, wenn sie gehen und nur das Kleinste holen, einen
Teller, einen Krug, da scheuchen sie die Gedanken aller Sitzenden auf, sie
schleppen so zu sagen Blick und Gedanken der Sitzenden und Zuschauenden mit sich
herum. Amrei dagegen verstand Alles so zu tun und zu leisten, dass man bei ihrem
Hantieren die Ruhe nur um so mehr empfand und ihr für Jegliches nur um so
dankbarer war.
    Wie oft und oft hatte der Bauer darüber gescholten, dass allemal, wenn man
Salz brauche, Eines vom Tische aufstehen müsse. Amrei deckte den Tisch und auf
das ausgebreitete Tischtuch stellte sie immer zuerst das Salzfass. Als der Bauer
Amrei darüber lobte, sagte die Bäuerin lächelnd: »Du tust jetzt, als ob du
vorher gar nicht gelebt hättest, als ob du Alles hättest ungesalzen und
ungeschmalzen essen müssen,« und der Johannes erzählte, dass man Amrei auch die
Salzgräfin hiesse, und fügte dann die Geschichte von dem König und seiner Tochter
hinzu.
    Das war ein glückseliges Beisammensein in der Stube, im Hof und auf dem
Felde, und der Bauer sagte immer: es habe ihm seit Jahren das Essen nicht so
geschmeckt wie jetzt, und er liess sich von Amrei drei- viermal des Tages, zu
ganz ungewöhnlichen Zeiten Etwas herrichten und sie musste bei ihm sitzen bis er
gegessen hatte.
    Die Bäuerin führte Amrei mit innerstem Behagen in den Milchkeller und in die
Vorratskammern und auch einen grossen buntgemalten Schrank voll schön
geschichteter Leinwand öffnete sie und sagte: »Das ist deine Aussteuer; es fehlt
nichts als die Schuhe. Mich freut's besonders, dass du dir deine Dienstschuhe so
aufgespart hast. Ich habe da meinen besondern Aberglauben.«
    Wenn Amrei sie über Alles fragte wie es bisher im Hause gehalten worden,
nickte sie und schluckte dabei vor Behagen, sie drückte aber ihre Freude als
solche nicht aus, sondern nur in dem ganzen anheimelnden Ton, mit dem die
gewöhnlichsten Dinge gesprochen wurden, lag die Freude selbst als innewohnender
Herzschlag. Und als sie nun begann Barfüssele Einzelnes im Hauswesen zu
übergeben, sagte sie: »Kind, ich will dir was sagen: wenn dir was im Hauswesen
nicht gefällt, an der Ordnung wie's bis jetzt gewesen ist, mach's nur ohne Scheu
anders wie dir's ansteht; ich gehöre nicht zu denen, die meinen, wie sie's
eingerichtet haben, so müsse es ewig bleiben und da liesse sich gar nichts daran
ändern. Du hast freie Hand und es wird mich freuen, wenn ich frischen Vorspann
sehe. Aber wenn du mir folgen willst, ich rat' dir's zu Gutem, tu's nach und
nach.«
    Das war eine wohltuende Empfindung, in der sich geistig und körperlich
jugendfrische und allbewährte Kraft die Hand reichten, indem Amrei von Grund des
Herzens erklärte, dass sie Alles wohlbestellt finde und dass sie hochbeglückt und
beseligt sein werde, wenn sie einst als alterlebte Mutter das Hauswesen in einem
solchen Zustande wie jetzt zeigen könne.
    »Du denkst weit hinaus,« sagte die Alte. »Aber das ist gut, wer weit vor
denkt, denkt auch weit zurück und du wirst mich nicht vergessen, wenn ich einmal
nicht mehr bin.« -
    Es waren Boten ausgegangen, um den Söhnen und dem Schwiegersohne des Hauses
das Familienereigniss anzukündigen und sie auf nächsten Sonntag nach Zusmarshofen
zu entbieten und seitdem träppelte der Alte immer noch mehr um Amrei herum, er
schien Etwas auf dem Herzen zu haben und es wurde ihm schwer, es
herauszubringen.
    Man sagt von vergrabenen Schätzen, dass ein schwarzes Untier darauf hockt
und in den heiligen Nächten erscheint auf der Oberfläche, wo solch ein Schatz
begraben ist, ein blaues Flämmchen und ein Sonntagskind kann es sehen, und wenn
es sich dabei ruhig und unerschütterlich verhält, kann es den Schatz heben. Man
hätte es nicht glauben sollen, dass in dem alten Landfriedbauer auch solch ein
Schatz vergraben wäre und darauf hockte der schwarze Trotz und die
Menschenverachtung, und Amrei sah das blaue Flämmchen darüber schweben und sie
wusste sich so zu verhalten, dass sie den Schatz erlöste. Es liess sich nicht
sagen, wie sie's dem Alten angetan, dass er das sichtliche Bestreben hatte: vor
ihr als besonders gut und treumeinend zu erscheinen; schon dass er sich um ein
armes Mädchen so viel Mühe gab, das war ja fast ein Wunder. Und nur das war
Amrei klar: er wollte es seiner Frau nicht gönnen, dass sie allein als die
Gerechte und Liebreiche erschien und er als der Bissige und Wilde, vor dem man
sich fürchten müsse; und eben das, dass Amrei bevor sie ihn erkannt, ihm gesagt
hatte: sie glaube, es sei ihm nicht der Mühe wert, vor den Menschen gut zu
erscheinen - eben das machte ihm das Herz auf. Er wusste, so oft er sie allein
traf, jetzt so viel zu reden, es war als hätte er alle seine Gedanken in einem
Spartopf gehabt, den er nun aufmachte: und da waren gar wunderliche alte
abgeschätzte Münzen, grosse Denkmünzen, die gar nicht im Umlauf sind, die nur bei
denkwürdigen Gelegenheiten geprägt wurden, auch unvergriffene und zwar ganz von
Silber, ohne Kupferzutat. Er konnte seine Sache nicht so gut vorbringen wie
damals die Mutter zu Johannes. Seine Sprache war steif in allen Gelenken, aber
er wusste doch Alles zu treffen und er benahm sich fast, als ob er der Annehmer
Amrei's gegen die Mutter sein müsse und es war nicht uneben als er ihr sagte:
»Schau, die Bäuerin ist die gut Stund' selber, aber die gut Stund' ist noch
nicht gut Tag, gute Woch' und gut Jahr. Es ist halt ein Weibsbild, bei denen ist
immer Aprilwetter und ein Weibsbild ist nur ein halber Mensch, darauf besteh'
ich, und da bringt mich Keines davon.«
    »Ihr redet uns schönes Lob nach,« sagte Amrei.
    »Ja, es ist wahr,« sagte der Alte, »ich red' ja zu Dir, aber wie gesagt: die
Bäuerin ist seelengut, nur zu viel, und da verdriesst sie's gleich, wenn man
nicht macht, was sie will, weil sie's doch so gut meint, und sie glaubt, man
wisse nicht wie gut sie sei, wenn man ihr nicht folgt. Sie kann sich nicht
denken, dass man ihr eben nicht folgt, weil's manchmal ungeschickt ist was sie
will, wenn sie's auch noch so gut meint. Und das merk' dir besonders: tu' ihr
nichts nach grad so wie sie's macht, mach's auf deine eigene Art wie's recht
ist, das hat sie viel lieber. Sie hat's gar nicht gern, wenn's den Schein hat
als ob man ihr untertänig sei, aber das wirst du Alles schon merken. Und wenn
dir was vorkommt, um Gotteswillen, mach' deinen Mann nicht wirbelsinnig; es
gibt nichts Aergeres, als wenn der Mann dasteht zwischen der Mutter und der
Söhnerin und die Mutter sagt: ich gelte nichts mehr vor der Söhnerin, ja die
Kinder werden Einem untreu - und die Söhnerin sagt: jetzt seh' ich wer du bist,
du lässt deine Frau unterdrücken. Ich rate dir, wenn dir einmal so etwas
vorkommt, was du nicht allein klein kriegen kannst, sag's mir im Stillen; ich
will dir schon helfen; aber mach' deinen Mann nicht wirbelsinnig, er ist
ohnedies ein bisschen stark verkindelt von seiner Mutter, aber er wird jetzt
schon herber werden, fahre du nur langsam und lass dich's immer dünken: ich wäre
von deiner Familie und bin dein natürlicher Annehmer und es ist auch so: von
deiner Mutter Seite her bin ich weitläufig etwas verwandt mit dir.«
    Und nun suchte er eine seltsam gegliederte Verwandtschaft
auseinanderzuhaspeln, aber er fand den rechten Faden nicht und verwirrte die
Gliederung immer mehr wie einen Strang Garn, und dann schloss er immer zuletzt
mit den Worten: »Du kannst mir's auf's Wort glauben, dass wir verwandt sind; ja
wir sind verwandt, aber ich kann's nur nicht so aufzählen.«
    Es war nun doch noch vor seinem Ende die Zeit gekommen, dass er nicht mehr
bloss die falschen Groschen aus seinem Besitztum herschenkte; es tat ihm wohl,
nun endlich das wirklich Geltende und Wertvolle anzugreifen.
    Eines Abends rief er Amrei zu sich hinter das Haus und sagte zu ihr: »Schau,
Mädle, du bist brav und gescheit, aber du kannst doch nicht wissen, wie ein Mann
ist. Mein Johannes hat ein gutes Herz, aber es kann ihn doch einmal wurmen, dass
du so gar nichts gehabt hast. Da, komm her, da nimm das, sag' aber keiner
Menschenseele was davon, von wem es ist. Sag', du habest es mit Fleiss verborgen.
Da nimm!« Und er reichte ihr einen vollgestopften Strumpf voll Kronentaler und
setzte noch hinzu: »Man hätte das erst nach meinem Tod finden sollen, aber es
ist besser, er kriegt es jetzt und meint, es wäre von dir. Eure ganze Geschichte
ist ja gegen alle gewöhnliche Art, dass auch das noch dabei sein kann, dass du
einen geheimen Schatz gehabt hast. Vergiss aber nicht, es sind auch zwei und
dreissig Federntaler dabei, die gelten einen Groschen mehr als gewöhnliche
Taler. Heb's nur gut auf, tu's in den Schrank, wo die Leinwand drin ist, und
trag' den Schlüssel immer bei dir. Und am Sonntag, wenn die Sippschaft bei
einander ist, schüttest du's auf den Tisch aus.«
    »Ich tue das nicht gern, ich mein' das sollte der Johannes tun, wenn's
überhaupt nötig ist.«
    »Es ist nötig, aber mag's meinetwegen der Johannes tun; aber still,
versteck's schnell, da, tu's in deine Schürze, ich hör' den Johannes, ich
glaub', er ist eifersüchtig.«
    Die Beiden trennten sich rasch.
    Noch am selben Abend nahm die Mutter Amrei mit auf den Speicher und holte
einen ziemlich schweren Sack aus einer Truhe; das Band daran war auf's
Abenteuerlichste verknüpft und sie sagte zu Amrei: »Mach' mir das Band auf.«
    Amrei versuchte, es ging schwer.
    »Wart, ich will eine Scheere nehmen, wir wollen's aufschneiden.«
    »Nein,« sagte Amrei, »das tu' ich nicht gern; habt nur ein bisschen Geduld,
Schwieger, werdet schon sehen, ich bring's auf.«
    Die Mutter lächelte, während Amrei mit vieler Mühe, aber mit kunstgeübter
Hand den Knoten doch endlich aufbrachte, und jetzt sagte sie: »So, das ist brav,
und jetzt schau einmal hinein was drin ist.«
    Amrei sah Silber- und Goldstücke, und die Mutter fuhr fort: »Schau Kind, du
hast am Bauer ein Wunder getan, ich kann's noch nicht verstehen, wie er's
zugegeben hat; aber ganz hast du ihn doch noch nicht bekehrt. Mein Mann redet
immer drauf herum, dass es doch gar so arg sei, dass du so gar Nichts habest; er
kann's noch nicht verwinden, er meint immer, du müsstest im Geheimen ein schönes
Vermögen besitzen und du habest uns nur angeführt, um uns auf die Probe zu
stellen, ob wir dich allein ohne Alles gern annehmen; er lässt sich das nicht
ausreden und da bin ich auf einen Gedanken gefallen. Gott wird uns dies nicht
zur Sünde anrechnen. Schau, das hab' ich mir erspart in den sechs und dreissig
Jahren, die wir mit einander hausen, ohne Unterschleif und es ist auch noch
Erbstück von meiner Mutter dabei. Und jetzt nimm du's und sag' nur, es sei dein
Eigentum. Das wird den Bauer ganz glücklich machen, besonders weil er so
gescheit gewesen ist und das im Voraus geahnt hat. Was guckst du so verwirrt
drein? Glaub' mir, wenn ich dir was sage, kannst du es tun, es ist kein
Unrecht, ich hab' mir's überlegt hin und her; jetzt versteck's und red' mir kein
Wort dagegen, gar kein Wort, sag mir keinen Dank und gar nichts, es ist ja eins,
ob's mein Kind jetzt kriegt oder später, und es macht meinem Mann noch bei
Lebzeiten eine Freud'. Jetzt fertig, bind's wieder zu.«
    Am andern Morgen in der Frühe erzählte Amrei dem Johannes Alles was die
Eltern ihr gesagt und gegeben hatten, und Johannes jubelte: »O Gott im Himmel
verzeih' mir! Von meiner Mutter hätt' ich so was glauben können, aber von meinem
Vater hätte ich mir das nie träumen lassen. Du bist ja eine wahre Hexe, und
schau, es bleibt dabei, dass wir Keinem vom Andern etwas sagen, und das ist noch
das Prächtige, dass Eins das Andere anführen will, und Jedes ist wirklich
angeführt, denn Jedes muss meinen: Du habest das andere Geld noch wirklich im
Geheimen für dich gehabt. Juchhe! Das ist lustig zum Kehraus. -«
    Mitten in aller Freude im Hause herrschte aber doch auch wieder allerlei
Besorgnis.
 
                            20. Im Familiengeleise.
Nicht die Sittlichkeit regiert die Welt, sondern eine verhärtete Form derselben:
die Sitte. Wie die Welt nun einmal geworden ist, verzeiht sie eher eine
Verletzung der Sittlichkeit als eine Verletzung der Sitte. Wohl den Zeiten und
den Völkern, in denen Sitte und Sittlichkeit noch Eins ist. Aller Kampf, der
sich im Grossen wie im Kleinen, im Allgemeinen wie im Einzelnen abspielt, dreht
sich darum, den Widerspruch dieser Beiden wieder aufzuheben und die erstarrte
Form der Sitte wieder für die innere Sittlichkeit flüssig zu machen, das
Geprägte nach seinem innern Wertgehalte neu zu bestimmen.
    Auch hier in dieser kleinen Geschichte von Menschen, die dem grossen
Weltgewirr abseits liegen, spiegelt sich das wiederum ab.
    Die Mutter, die innerlich am meisten sich freute mit der glücklichen
Erfüllung, war doch wieder voll eigentümlicher Besorgnis wegen der Weltmeinung.
»Ihr habt's doch leichtsinnig gemacht,« klagte sie zu Amrei, »dass du so in's
Haus gekommen bist und dass man dich nicht abholen kann zur Hochzeit. Das ist
halt nicht schön und ist nicht der Brauch. Wenn ich dich nur noch fortschicken
könnte auf einige Zeit oder auch den Johannes, dass Alles mehr Schick bekäme.«
Und dem Johannes klagte sie: »Ich höre schon, was es für Gerede gibt, wenn du
so schnell heiratest: zweimal aufgeboten und das Drittemal abgekauft. Alles so
kurz angebunden, das tun liederliche Menschen.«
    Sie liess sich aber in Beidem wieder beschwichtigen und sie lächelte, als
Johannes sagte: »Ihr habt doch sonst Alles so gut durchstudirt wie ein Pfarrer;
jetzt Mutter, warum sollen denn ehrliche Leute eine Sache lassen, weil sich
unehrliche dahinter verstecken? Kann man mir was Böses nachreden!«
    »Nein, du bist dein Leben lang brav gewesen.«
    »Gut. Drum soll man jetzt auch in Etwas an mich glauben, und glauben, dass
das auch brav sei, was nicht im ersten Augenmass so aussehen mag; ich kann das
verlangen. Und wie ich und meine Amrei zusammengekommen sind, das ist einmal so
aus der Ordnung, das hat seinen besonderen Weg von der Landstrasse ab. Und es ist
kein schlechter Weg. Das ist ja wie ein Wunder, wenn man Alles recht bedenkt,
und was geht uns das an, wenn die Leute heut' kein Wunder mehr wollen, und da
allerlei Unsauberkeit finden möchten? Man muss Courage haben und nicht in Allem
nach der Welt fragen. Der Pfarrer von Hirlingen hat einmal gesagt: wenn heutigen
Tages ein Prophet aufstünde, müsste er vorher sein Staatsexamen machen, ob's auch
in der alten Ordnung ist, was er will. Jetzt, Mutter, wenn man bei sich weiss,
dass Etwas recht ist, da geht man grad durch und stösst hüben und drüben weg, was
Einem im Weg ist. Lass sie nur eine Weile verwundert dreinglotzen, sie werden
sich mit der Zeit schon anders besinnen.«
    Die Mutter mochte fühlen, dass ein Wunder wohl als glückliche plötzliche
Erscheinung gelten könne, dass aber auch das Ungewöhnlichste sich allmälig doch
wieder einfügen müsse in die Gesetze des Herkommens und des gewohnten stetigen
Ganges, dass die Hochzeit wohl wie ein Wunder erscheinen könne, die Ehe aber
nicht, die eine geregelte Fortsetzung in sich schliesst. Sie sagte daher: »Mit
all' den Leuten, die du jetzt gering ansiehst und stolz, weil du weisst, du tust
das Rechte, mit denen musst du noch wieder leben und verlangst, dass sie dich
nicht scheel ansehen, und dir deine Ehre lassen; und dafür, dass die Menschen das
tun, musst du ihnen das Gehörige auch geben und lassen; du kannst sie nicht
zwingen, dass sie an dir eine Ausnahme sehen sollen, und du kannst nicht Jedem
nachlaufen und ihm sagen: wenn du wüsstest, wie's gekommen ist, du würdest mir
rechtschaffen Recht geben.« Johannes aber erwiderte:
    »Ihr werdet es erfahren, dass Niemand gegen meine Amrei was haben kann, der
sie nur eine Stunde gesehen hat.« Und er hatte ein gutes Mittel, die Mutter
nicht nur zu beschwichtigen, sondern auch innerlichst zu erquicken, indem er ihr
berichtete, wie alles Das, was sie als Mahnung und Erwartung ausgesprochen habe,
wie »angefremt« (bestellt) eingetroffen sei, und sie musste lachen, als er
schloss: »Ihr habt den Leisten im Kopf gehabt, nach dem die Schuhe da oben
gemacht sind; und die drin herumlaufen soll, passt wie gegossen darauf.«
    Die Mutter liess sich beruhigen, und am Samstag Morgen vor dem Familienrat
kam Dann, er musste aber sogleich wieder zurück nach Haldenbrunn, um dort bei
Schulteiss und Amt alle nötigen Papiere zu besorgen.
    Der erste Sonntag war ein schwerer Tag auf dem Hofe des Landfriedbauern. Die
Alten hatten Amrei angenommen, aber wie wird es mit der Familie werden? Es ist
nicht leicht in solch eine schwere Familie zu kommen, wenn man nicht mit Ross und
Wagen hineinfährt und allerlei Hausrat und Geld und eine breite Verwandtschaft
Bahn macht.
    Das war ein Fahren am nächsten Sonntag vom Oberland und Unterland her zum
Landfriedbauern. Es kamen angefahren die Schwäger und Schwägerinnen mit ihrer
Sippe. »Der Johannes hat sich eine Frau geholt und hat sie gleich mitgebracht,
ohne dass Eltern, ohne dass Pfarrer, ohne dass Obrigkeit ein Wort dazu gesagt. Das
muss eine Schöne sein, die er hinter dem Zaun gefunden.« So hiess es allerwärts.
Die Pferde an den Wagen spürten, was beim Landfriedbauern geschehen war, sie
bekamen manchen Hieb, und wenn sie ausschlugen, ging es ihnen noch ärger, und
wer da fuhr, hieb drauf los, bis ihm der Arm müde wurde, und dann gab's noch
manchen Zank mit der Frau, die daneben sass und über solch ungebührliches,
waghalsiges Dreinfahren schimpfte und weinte. - Eine kleine Wagenburg stand im
Hofe des Landfriedbauern und drin in der Stube war die ganze schwere Familie
versammelt. Mit hohen Wasserstiefeln, mit nägelbeschlagenen Schnürschuhen, mit
dreieckigen Hüten, wo bei dem Einen die Spitze, bei dem Andern die Breite nach
vorn sass, war man beisammen. Die Frauen pisperten unter einander und winkten
dann ihren Männern oder sagten ihnen leise: sie sollten nur sie machen lassen,
sie wollten den fremden Vogel schon hinausbeissen, und es war ein bitterböses
Lachen, das entstand, als man bald da, bald dort hörte, dass Amrei die Gänse
gehütet habe.
    Endlich kam Amrei, aber sie konnte Niemand die Hand reichen. Sie trug eine
grosse Glasflasche voll Rotwein unterm Arm und so viel Gläser und zwei Teller
mit Backwerk, dass es schien, sie habe ganz allein sieben Hände, jedes
Fingergelenk war eine Hand, und sie stellte Alles so ruhig und geräuschlos auf
den Tisch, auf dem die Schwiegermutter ein weisses Tuch ausgebreitet hatte, dass
Alle sie staunend betrachteten. Sie schenkte ruhig alle Gläser voll, sie
zitterte nicht dabei, und jetzt sagte sie: »Die Eltern haben mir das Recht
gegeben. Euch von Herzen willkommen zu heissen. Jetzt trinket.«
    »Wir sind's nicht gewohnt des Morgens!« sagte ein schwerer Mann mit
ungewöhnlich grosser Nase und flätzte sich auf seinem Stuhle weit aus. Es war
Jörg, der älteste Bruder des Johannes.
    »Wir trinken nur Gänsewein!« sagte eine der Frauen und ein nicht sehr
verhaltenes Lachen entstand.
    Amrei fühlte den Stich wohl, aber sie hielt an sich und die Schwester des
Johannes war die Erste, die ihr Bescheid tat und das Glas ergriff. Sie stiess
zuerst mit Johannes an: »Gesegne dir's Gott!« Nur halb stiess sie mit Amrei an,
die auch ihr Glas hinhielt. Nun hielten es die andern Frauen für unhöflich, ja
sogar für sündhaft - denn es gilt beim ersten Trunk - dem sogenannten
Johannestrunke, für sündhaft, nicht Bescheid zu tun - nicht auch zuzugreifen
und auch die Männer liessen sich dazu bewegen, und man hörte eine Zeitlang Gläser
klingen und wieder absetzen.
    »Der Vater hat Recht,« sagte endlich die alte Landfriedbäuerin zu ihrer
Tochter, »die Amrei sieht doch aus, wie wenn sie deine Schwester wär', aber
eigentlich noch mehr sieht sie der verstorbenen Lisbet ähnlich.«
    »Ja es ist Keines verkürzt. Wenn ja die Lisbet am Leben geblieben wär',
wär' das Vermögen ja auch um einen Teil geringer,« sagte der Vater und die
Mutter setzte hinzu:
    »Jetzt haben wir sie aber wieder.«
    Der Alte traf den Punkt, der Alle wurmte, obgleich sie sich Alle einredeten,
dass sie gegen Amrei nur eingenommen seien, weil sie so familienlos
dahergekommen. Und während Amrei mit der Schwester des Johannes sprach, sagte
der Alte leise zu seinem ältesten Sohne:
    »Der sieht man nicht an, was hinter ihr steckt. Denk' nur, sie hat im
Geheimen einen gehauften Sack voll Kronentaler gehabt; aber musst Niemand was
davon sagen.« Das ward so unweigerlich befolgt, dass binnen wenigen Minuten Alle
in der Stube es wussten, bis auf die Schwester des Johannes, die sich später viel
zu Gute drauf tat, dass sie mit Amrei so gewesen sei, obgleich sie geglaubt
hatte, dass Amrei keinen Heller besitze.
    Richtig! Johannes war hinausgegangen und jetzt kam er wieder mit einem
Sacke, auf dem der Name: »Josenhans von Haldenbrunn« geschrieben war, und er
leerte den reichen Inhalt desselben klirrend und rasselnd auf den Tisch und
Alles staunte, am meisten aber der Vater und die Mutter.
    So hatte Amrei also wirklich einen geheimen Schatz gehabt! Denn das war ja
viel mehr als Jedes ihr gegeben!
    Amrei wagte es nicht aufzuschauen und Jedes lobte sie über ihre beispiellose
Bescheidenheit. Nun gelang es Amrei, Alle nach und nach für sich zu gewinnen und
als die schwere Familie am Abend Abschied nahm, sagte ihr Jedes im Geheimen:
»Schau, ich bin's nicht gewesen, der gegen dich war, weil du Nichts hast, Der
und Der und Die und Die haben dir's immer vorgehalten. Ich sag' jetzt wie ich
früher gedacht und auch gesagt habe: wenn du auch nichts gehabt hättest als was
du auf dem Leib trägst, du bist wie gedrechselt für unsere Familie und eine
bessere Frau für den Johannes und eine bessere Söhnerin für die Eltern hätt' ich
mir nicht wünschen mögen.«
    Das war freilich jetzt leicht, weil sie Alle glaubten, dass Amrei ein
namhaftes baares Vermögen beibrachte. -
    Im Allgäu redete man noch Jahrelang von der wunderbaren Art wie der junge
Landfriedbauer sich seine Frau geholt und wie er und seine Frau an ihrer eigenen
Hochzeit so schön mit einander getanzt hatten, und besonders einen Walzer, den
sie »Silbertrab« nannten, und sie hatten sich dazu vom Unterland her die Musik
kommen lassen.
    Und Dami? Er ist einer der ruhmvollsten Hirten im Allgäu und hat einen hohen
Namen, denn er heisst hier zu Lande der »Geierdami,« denn Dami hat schon zwei
gefährliche Geierhorste ausgehoben zur Rache dafür, weil ihm zweimal
nacheinander frischgeworfene Lämmer davon getragen wurden. Wenn es noch
Ritterschlag gäbe, er hiesse: Damian von Geierhorst; aber der Mannesstamm derer
Josenhansen von Geierhorst stirbt mit ihm aus, denn er bleibt ledig, ist aber
ein guter Ohm, besser als der in Amerika. Wenn das Vieh gesommert hat, weiss er
zur Winterszeit den Kindern seiner Schwester viel zu erzählen vom Leben in
Amerika, vom Kohlenmates im Moosbrunnenwald und von Hirtenfahrten im
Allgäugebirge; da weiss er besonders viel kluge Streiche von seiner sogenannten
»Heerkuh,« die die tiefklingende Vorschelle trägt. Und Dami sagte einst seiner
Schwester: »Bäuerin,« denn so nennt er sie stets, »Bäuerin, dein ältester Bub
artet dir nach, der hat auch so Worte wie du. Denk' nur, sagt mir der Bursche
heute: gelt Ohm, deine Heerkuh ist deine Herzkuh? Ja, der ist ganz nach deinem
Model.«
    Der Landfriedbauer Johannes wollte sein erstes Töchterchen gern »Barfüssele«
taufen lassen, aber es ist nicht mehr gestattet, dass man neue Namen aus
Lebensereignissen bilde; der Name Barfüssele wurde nicht angenommen im
Kirchenregister und Johannes liess das Kind »Barbara« nennen, änderte das aber
aus eigener Machtvollkommenheit in »Barfüssele.«
 
    