
        
                           Joseph Viktor von Scheffel
                                    Ekkehard
                                     Vorwort.
Dies Buch ward verfasst in dem guten Glauben, dass es weder der
Geschichtschreibung noch der Poesie etwas schaden kann, wenn sie innige
Freundschaft miteinander schliessen und sich zu gemeinsamer Arbeit vereinen.
    Seit Jahrzehnten ist die Hinterlassenschaft unserer Vorfahren Gegenstand
allseitiger Forschung; ein Schwarm fröhlicher Maulwürfe hat den Boden des
Mittelalters nach allen Richtungen durchwühlt und in fleissiger Bergmanns arbeit
eine solche Masse alten Stoffes zutage gefördert, dass die Sammelnden oft selbst
davor erstaunten: eine ganze, schöne, in sich abgeschlossene Literatur, eine
Fülle von Denkmalen bildender Kunst, ein organisch in sich aufgebautes
politisches und soziales Leben liegt ausgebreitet vor unsern Augen. Und doch ist
es all der guten auf diese Bestrebungen gerichteten Kraft kaum gelungen, die
Freude am geschichtlichen Verständnis auch in weitere Kreise zu tragen; die
zahllosen Bände stehen ruhig auf den Brettern unserer Biblioteken, da und dort
hat sich schon wieder gedeihliches Spinnweb angesetzt, und der Staub, der
mitleidlos alles bedeckende, ist auch nicht ausgeblieben, so dass der Gedanke
nicht zu den undenkbaren gehört, die ganze altdeutsche Herrlichkeit, kaum erst
ans Tageslicht zurückbeschworen, möchte eines Morgens, wenn der Hahn kräht,
wieder versunken sein in Schutt und Moder der Vergessenheit, gleich jenem
gespenstigen Kloster am See, von dem nur ein leise klingendes Glöcklein tief
unter den Wellen dunkle Kunde gibt.
    Es ist hier nicht der Ort zu untersuchen, inwiefern der Grund dieser
Erscheinung dem Treiben und der Metode unserer Gelehrsamkeit beizumessen.
    Das Sammeln altertümlichen Stoffes kann wie das Sammeln von Goldkörnern zu
einer Leidenschaft werden, die zusammenträgt und zusammenscharrt, eben um
zusammen zu scharren, und ganz vergisst, dass das gewonnene Metall auch gereinigt,
umgeschmolzen und verwertet werden soll. Denn was wird sonst erreicht?
    Ein ewiges Befangenbleiben im Rohmaterial, eine Gleichwertschätzung des
Unbedeutenden wie des Bedeutenden, eine Scheu vor irgendeinem fertigen
Abschliessen, weil ja da oder dort noch ein Fetzen beigebracht werden könnte, der
neuen Aufschluss gibt, und im ganzen - eine Literatur von Gelehrten für Gelehrte,
an der die Mehrzahl der Nation teilnahmslos vorübergeht und mit einem Blick zum
blauen Himmel ihrem Schöpfer dankt, dass sie nichts davon zu lesen braucht.
    Der Schreiber dieses Buches ist in sonnigen Jugendtagen einstmals mit
etlichen Freunden durch die römische Campagna gestrichen. Da stiessen sie auf
Reste eines alten Grabmals, und unter Schutt und Trümmern lag auch, von
graugrünem Akantus überrankt, ein Haufe auseinandergerissener Mosaiksteine, die
ehedem in stattlichem Bild und Ornamentenwerk des Grabes Fussboden geschmückt. Es
erhub sich ein lebhaftes Gespräch darüber, was all die zerstreuten gewürfelten
Steinchen in ihrem Zusammenhang dargestellt haben mochten. Einer, der ein
Archäolog war, hob die einzelnen Stücke gegen's Licht und prüfte, ob weisser, ob
schwarzer Marmor; ein anderer, der sich mit Geschichtforschung plagte, sprach
gelehrt über Grabdenkmale der Alten, - derweil war ein dritter schweigsam auf
dem Backsteingemäuer gesessen, der zog sein Skizzenbuch und zeichnete ein
stolzes Viergespann mit schnaubenden Rossen und Wettkämpfern und viele schöne
jonische Ornamentik darum; er hatte in der einen Ecke des Fussbodens einen
unscheinbaren Rest des alten Bildes erschaut: Pferdefüsse und eines Wagenrades
Fragmente, da stand das Ganze klar vor seiner Seele, und er warf's mit kecken
Strichen hin, derweil die andern in Worten kramten ...
    Bei jener Gelegenheit war einiger Aufschluss zu gewinnen über die Frage, wie
mit Erfolg an der geschichtlichen Wiederbelebung der Vergangenheit zu arbeiten
sei.
    Gewisslich nur dann, wenn einer schöpferisch wiederherstellenden Phantasie
ihre Rechte nicht verkümmert werden, wenn der, der die alten Gebeine ausgräbt,
sie zugleich auch mit dem Atemzug einer lebendigen Seele anhaucht, auf dass sie
sich erheben und kräftigen Schrittes als auferweckte Tote einherwandeln.
    In diesem Sinn nun kann der historische Roman das sein, was in blühender
Jugendzeit der Völker die epische Dichtung, ein Stück nationaler Geschichte in
der Auffassung des Künstlers, der im gegebenen Raume eine Reihe Gestalten scharf
gezeichnet und farbenhell vorüberführt, also dass im Leben und Ringen und Leiden
der einzelnen zugleich der Inhalt des Zeitraumes sich wie zum Spiegelbild
zusammenfasst.
    Auf der Grundlage historischer Studien das Schöne und Darstellbare einer
Epoche umspannend, darf der Roman auch wohl verlangen, als ebenbürtiger Bruder
der Geschichte anerkannt zu werden, und wer ihn achselzuckend als das Werk
willkürlicher und fälschender Laune zurückweisen wollte, der mag sich dabei
getrösten, dass die Geschichte, wie sie bei uns geschrieben zu werden pflegt,
eben auch nur eine herkömmliche Zusammenschmiedung von Wahrem und Falschem ist,
der nur zu viel Schwerfälligkeit anklebt, als dass sie es, wie die Dichtung,
wagen darf, ihre Lücken spielend auszufüllen.
    Wenn nicht alle Zeichen trügen, so ist unsere Zeit in einem eigentümlichen
Läuterungsprozess begriffen.
    In allen Gebieten schlägt die Erkenntnis durch, wie unsäglich unser Denken
und Empfinden unter der Herrschaft der Abstraktion und der Phrase geschädigt
worden; da und dort Rüstung zur Umkehr aus dem Abgezogenen, Blassen,
Begrifflichen zum Konkreten, Farbigen, Sinnlichen, statt müssiger
Selbstbeschauung des Geistes Beziehung auf Leben und Gegenwart, statt Formeln
und Schablonen naturgeschichtliche Analyse, statt der Kritik schöpferische
Produktion, und unsere Enkel erleben vielleicht noch die Stunde, wo man von
manchem Koloss seiteriger Wissenschaft mit der gleichen lächelnden Ehrfurcht
spricht, wie von den Resten eines vorsündflutlichen Riesengetiers, und wo man
ohne Gefahr, als Barbar verschrien zu werden, behaupten darf, in einem Steinkrug
alten Weines ruhe nicht weniger Vernunft als in mancher umfangreichen Leistung
formaler Weisheit.
    Zur Herstellung fröhlicher, unbefangener, von Poesie verklärter Anschauung
der Dinge möchte nun auch die vorliegende Arbeit einen Beitrag geben, und zwar
aus dem Gebiet unserer deutschen Vergangenheit.
    Unter dem unzähligen Wertvollen, was die grossen Folianten der von Pertz
herausgegebenen »Monumenta Germaniae« bergen, glänzen gleich einer Perlenschnur
die sanktgallischen Klostergeschichten, die der Mönch Ratpert begonnen und
Ekkehard der Jüngere (oder, zur Unterscheidung von drei gleichnamigen
Mitgliedern des Klosters, der Vierte benannt) bis ans Ende des zehnten
Jahrhunderts fortgeführt hat. Wer sich durch die unerquicklichen und vielfältig
dürren Jahrbücher anderer Klöster mühsam durchgearbeitet hat, mag mit Behagen
und innerem Wohlgefallen an jenen Aufzeichnungen verweilen. Da ist trotz
mannigfacher Befangenheit und Unbehilflichkeit eine Fülle anmutiger, aus der
Überlieferung älterer Zeitgenossen und den Berichten von Augenzeugen geschöpfter
Erzählungen, Personen und Zustände mit groben, aber deutlichen Strichen
gezeichnet, viel unbewusste Poesie, treuherzige brave Welt- und Lebensansicht,
naive Frische, die dem Niedergeschriebenen überall das Gepräge der Echteit
verleiht, selbst dann, wenn Personen und Zeiträume etwas leichtsinnig
durcheinandergewürfelt worden und ein handgreiflicher Anachronismus dem Erzähler
gar keinen Schmerz verursacht.
    Ohne es aber zu beabsichtigen, führen jene Schilderungen zugleich über die
Schranken der Klostermauern hinaus und entrollen das Leben und Treiben, Bildung
und Sitte des damaligen alemannischen Landes mit der Treue eines nach der Natur
gemalten Bildes.
    Es war damals eine vergnügliche und einen jeden, der ringende, unvollendete,
aber gesunde Kraft geleckter Fertigkeit vorzieht, anmutende Zeit im
südwestlichen Deutschland. Anfänge von Kirche und Staat bei namhafter, aber
gemütreicher Roheit der bürgerlichen Gesellschaft, - der aller spätern
Entwickelung so gefährliche Geist des Feudalwesens noch harmlos im ersten
Entfalten, kein geschraubtes, übermütiges und geistig schwächliches Rittertum,
keine üppige unwissende Geistlichkeit, wohl aber ehrliche grobe Gesellen, deren
sozialer Verkehr zwar oftmals in einem sehr ausgedehnten System von Verbal- und
Realinjurien bestand, die aber in rauher Hülle einen tüchtigen, für alles Edle
empfänglichen Kern bargen, - Gelehrte, die morgens den Aristoteles verdeutschen
und abends zur Erholung auf die Wolfsjagd ziehen, vornehme Frauen, die für das
Studium der Klassiker begeistert sind, Bauern, in deren Erinnerung das Heidentum
ihrer Vorväter ungetilgt neben dem neuen Glauben fortlebt, - überall naive,
starke Zustände, denen man ohne rationalistischen Ingrimm selbst ihren Glauben
an Teufel und Dämonenspuk zugute halten darf. dabei zwar politische Zerklüftung
und Gleichgiltigkeit gegen das Reich, dessen Schwerpunkt sich nach Sachsen
übertragen hatte, aber tapferer Mannesmut im Unglück, der selbst die Mönche in
den Klosterzellen stählt, das Psalterbuch mit dem Schwert zu vertauschen und
gegen die ungarische Verwüstung zu Feld zu rücken, - trotz reichlicher
Gelegenheit zur Verwilderung eine dem Studium der Alten mit Begeisterung
zugewandte Wissenschaft, die in den zahlreich besuchten Klosterschulen eifrige
Jünger fand und in ihren humanen Strebungen an die besten Zeiten des sechzehnten
Jahrhunderts erinnert, leises Emporblühen der bildenden Künste, vereinzeltes
Aufblitzen bedeutender Geister, vom Wust der Gelehrsamkeit unerstickte Freude an
der Dichtung, fröhliche Pflege nationaler Stoffe, wenn auch meist in
fremdländischem Gewand.
    Kein Wunder, dass es dem Verfasser dieses Buches, als er bei Gelegenheit
anderer Studien über die Anfänge des Mittelalters mit dieser Epoche vertraut
wurde, erging wie einem Manne, der nach langer Wanderung durch unwirtsames Land
auf eine Herberge stösst, die, wohnsam und gut bestellt in Küche und Keller, mit
liebreizender Aussicht vor den Fenstern, alles bietet, was sein Herz begehrt.
    Er begann, sich häuslich drin einzurichten und durch mannigfaltige Ausflüge
in verwandtes Gebiet sich möglichst vollständig in Land und Leute einzuleben.
    Den Poeten aber ereilt ein eigenes Schicksal, wenn er sich mit der
Vergangenheit genau bekannt macht.
    Wo andere, denen die Natur gelehrtes Scheidewasser in die Adern gemischt,
viel allgemeine Sätze und lehrreiche Betrachtungen als Preis der Arbeit
herausätzen, wachsen ihm Gestalten empor, erst von wallendem Nebel umflossen,
dann klar und durchsichtig, und sie schauen ihn ringend an und umtanzen ihn in
mitternächtigen Stunden und sprechen: Verdicht' uns!
    So kam es auch hier. Aus den naiven lateinischen Zeilen jener
Klostergeschichten hob und baute es sich empor wie Turm und Mauern des
Gotteshauses Sankt Gallen, viele altersgraue ehrwürdige Häupter wandelten in den
Kreuzgängen auf und ab, hinter den alten Handschriften sassen die, die sie einst
geschrieben, die Klosterschüler tummelten sich im Hofe, Horasang ertönte aus dem
Chor und des Wächters Hornruf vom Turme. Vor allen anderen aber trat leuchtend
hervor jene hohe gestrenge Frau, die sich den jugendschönen Lehrer aus des
heiligen Gallus Klosterfrieden entführte, um auf ihrem Klingsteinfelsen am
Bodensee klassischen Dichtern eine Stätte sinniger Pflege zu bereiten; die
schlichte Erzählung der Klosterchronik von jenem dem Virgil gewidmeten Stilleben
ist selbst wieder ein Stück Poesie, so schön und echt, als sie irgend unter
Menschen zu finden.
    Wer aber von solchen Erscheinungen heimgesucht wird, dem bleibt nichts
übrig, als sie zu beschwören und zu bannen. Und in den alten Geschichten hatte
ich nicht umsonst gelesen, auf welche Art Notker, der Stammler, einst ähnlichen
Visionen zu Leibe ging: er ergriff einen knorrigen Haselstock und hieb tapfer
auf die Dämonen ein, bis sie ihm die schönsten Lieder offenbartenA1.
    Darum griff auch ich zu meinem Handgewaffen, der Stahlfeder, und sagte eines
Morgens den Folianten, den Quellen der Gestaltenseherei, Valet und zog hinaus
auf den Boden, den einst die Herzogin Hadwig und ihre Zeitgenossen beschritten;
und sass in der ehrwürdigen Bücherei des heiligen Gallus und fuhr in schaukelndem
Kahn über den Bodensee und nistete mich bei der alten Linde am Abhang des
Hohentwiel ein, wo jetzt ein trefflicher schwäbischer Schulteiss die Trümmer der
alten Feste behütetA2, und stieg schliesslich auch zu den luftigen Alpenhöhen des
Säntis, wo das Wildkirchlein keck wie ein Adlerhorst herunterschaut auf die
grünen Appenzeller Täler. Dort in den Revieren des Schwäbisschen Meeres, die
Seele erfüllt von dem Walten erloschener Geschlechter, das Herz erquickt von
warmem Sonnenschein und würziger Bergluft, hab' ich diese Erzählung entworfen
und zum grössten Teil niedergeschrieben.
    Dass nicht viel darin gesagt ist, was sich nicht auf gewissenhafte
kulturgeschichtliche Studien stützt, darf wohl behauptet werden, wenn auch
Personen und Jahrzahlen, vielleicht Jahrzehnte mitunter ein weniges ineinander
verschoben wurden. Der Dichter darf sich, der inneren Ökonomie seines Werkes
zulieb', manches erlauben, was dem strengen Historiker als Sünde anzurechnen
wäre. Sagt doch selbst der unübertroffene Geschichtschreiber Macaulay: Gern will
ich den Vorwurf tragen, die würdige Höhe der Geschichte nicht eingehalten zu
haben, wenn es mir nur gelingt, den Engländern des neunzehnten Jahrhunderts ein
treues Gemälde des Lebens ihrer Vorfahren vorzuführen.
    Dem Wunsche sachverständiger Freunde entsprechend, sind in Anmerkungen
einige Zeugnisse und Nachweise der Quellen angeführt, zur Beruhigung derer, die
sonst nur Fabel und müssige Erfindung in dem Dargestellten zu wittern geneigt
sein könnten. Wer aber auch ohne solche Nachweise Vertrauen auf eine gewisse
Echteit des Inhalts setzt, der wird ersucht, sich in die Noten nicht weiter zu
vertiefen, sie sind Nebensache und wären überflüssig, wenn das Ganze nicht als
Roman in die Welt ginge, der die Vermutung leichtsinnigen Spiels mit den
Tatsachen wider sich zu haben pflegt.
    Den Vorwürfen der Kritik wird mit Gemütsruhe entgegengesehen. »Eine
Geschichte aus dem zehnten Jahrhundert?« werden sie rufen, »wer reitet so spät
durch Nacht und Wind?« Und steht's nicht im neuesten Handbuch der
Nationalliteratur im Kapitel vom vaterländischen RomanA3 gedruckt zu lesen:
»Fragen wir, welche Zeiten vorzugsweise geeignet sein dürften in der deutschen
Geschichte das Lokale mit dem Nationalinteresse zu versöhnen, so werden wir wohl
zunächst das eigentliche Mittelalter ausschliessen müssen. Selbst die
Hohenstaufenzeit lässt sich nur noch lyrisch anwenden, ihre Zeichnung fällt immer
düsseldorfisch aus.«
    Auf all die Einwände und Bedenken derer, die ein scharfes Benagen harmlosem
Geniessen vorziehen, und den deutschen Geist mit vollen Segeln in ein
alexandrinisches oder byzantinisches Zeitalter hineinzurudern sich abmühen, hat
bereits eine literarische Dame des zehnten Jahrhunderts, die ehrwürdige Nonne
Hroswita von Gandersheim, im fröhlichen Selbstgefühl eigenen Schaffens die
richtige Antwort gegeben. Sie sagt in der Vorrede zu ihren anmutigen Komödien:
»Si enim alicui placet mea devotio, gaudebo. Si autem pro mei abiectione vel pro
viciosi sermonis rusticitate nulli placet: memet ipsam tamen iuvat quod feci«.
Zu deutsch: »Wofern nun jemand an meiner bescheidenen Arbeit Wohlgefallen
findet, so wird mir dies sehr angenehm sein; sollte sie aber wegen der
Verleugnung meiner selbst oder der Rauheit eines unvollkommenen Stils niemanden
gefallen, so hab' ich doch selber meine Freude an dem, was ich geschaffen!«
    Heidelberg, im Februar 1855.
                                    Fussnoten
A1 Ekkehardi IV. »Casus, S. Galli«, cap. 3., bei Pertz, »Mon.«, II, 98.
A2 Vgl. das Gedicht »Poetennot«, Bd. 1, S. 244 dieser Ausgabe.
A3 Julian Schmidt, »Geschichte der deutschen Literatur im 19. Jahrhundert.« 1.
Band, S. 424 (Leipzig 1853).
 
                                Erstes Kapitel.
                         Hadwig, Herzogin von Schwaben.
Es war vor beinahe tausend Jahren. Die Welt wusste weder von Schiesspulver noch
von Buchdruckerkunst.
    Über dem Hegau lag ein trüber, bleischwerer Himmel, doch war von der
Finsternis, die bekanntlich über dem ganzen Mittelalter lastete, im einzelnen
nichts wahrzunehmen. Vom Bodensee her wogten die Nebel übers Ries und verdeckten
Land und Leute. Auch der Turm vom jungen Gotteshaus Radolfszelle war eingehüllt,
aber das Frühglöcklein war lustig durch Dunst und Dampf erklungen, wie das Wort
eines verständigen Mannes durch verfinsternden Nebel der Toren.
    Es ist ein schönes Stück deutscher Erde, was dort zwischen Schwarzwald und
Schwäbischem Meer sich auftut. Wer's mit einem falschen Gleichnis nicht allzu
genau nimmt, mag sich der Worte des DichtersA1 erinnern:
    »Das Land der Alemannen mit seiner Berge Schnee,
    Mit seinem blauen Auge, dem klaren Bodensee,
    Mit seinen gelben Haaren, dem Ährenschmuck der Auen,
    Recht wie ein deutsches Antlitz ist solches Land zu schauen.«
- wiewohl die Fortführung dieses Bildes Veranlassung werden könnte, die Hegauer
Berge als die Nasen in diesem Antlitz zu preisen.
    Düster ragte die Kuppe des hohen Twiel mit ihren Klingsteinzacken in die
Lüfte. Als Denkstein stürmischer Vorgeschichte unserer alten Mutter Erde stehen
jene schroffen malerischen Bergkegel in der Niederung, die einst gleich dem
jetzigen Becken des Sees von wogender Flut überströmt war. Für Fische und
Wassermöven mag's ein denkwürdiger Tag gewesen sein, da es in den Tiefen brauste
und zischte, und die basaltischen Massen glühend durch der Erdrinde Spalten sich
ihren Weg über die Wasserspiegel bahnten. Aber das ist schon lange her. Es ist
Gras gewachsen über die Leiden derer, die bei jener Umwälzung mitleidlos
vernichtet wurden; nur die Berge stehen noch immer, ohne Zusammenhang mit ihren
Nachbarn, einsam und trotzig wie alle, die mit feurigem Kern im Herzen die
Schranken des Vorhandenen durchbrechen, und ihr Gestein klingt, als sässe noch
ein Gedächtnis an die fröhliche Jugendzeit drin, da sie zuerst der Pracht der
Schöpfung entgegengejubelt.
    Zur Zeit, da unsere Geschichte anhebt, trug der hohe Twiel schon Turm und
Mauern, eine feste Burg. Dort hatte Herr Burkhard gehaust, der Herzog in
Schwaben. Er war ein fester Degen gewesen und hatte manchen Kriegszug getan; die
Feinde des Kaisers waren auch die seinen, und dabei gab es immer Arbeit: wenn's
in Welschland ruhig war, fingen oben die Normänner an, und wenn die geworfen
waren, kam etwann der Ungar geritten, oder es war einmal ein Bischof übermütig
oder ein Grafe widerspenstig, - so war Herr Burkhard zeitlebens mehr im Sattel
als im Lehnstuhl gesessen. Demgemäss ist erklärlich, dass er sich keinen sanften
Leumund geschaffen.
    In Schwaben sprachen sie, er habe die Herrschaft geführt, sozusagen als ein
Zwingherr, und im fernen Sachsen schrieben die Mönche in ihre Chroniken, er sei
ein kaum zu ertragender Kriegsmann gewesen1.
    Bevor Herr Burkhard zu seinen Vätern versammelt ward, hatte er sich noch ein
Ehgemahl erlesen. Das war die junge Frau Hadwig, Tochter des Herzogs in Bayern.
Aber in das Abendrot eines Lebens, das zur Neige geht, mag der Morgenstern nicht
freudig scheinen. Das hat seinen natürlichen Grund2. Darum hatte Frau Hadwig den
alten Herzog in Schwaben genommen ihrem Vater zu Gefallen, hatte ihn auch gehegt
und gepflegt, wie es einem grauen Haupt zukam, aber wie der Alte zu sterben
ging, hat ihr der Kummer das Herz nicht gebrochen.
    Da begrub sie ihn in der Gruft seiner Väter und liess ihm von grauem
Sandstein ein Grabmal setzen und stiftete eine ewige Lampe über das Grab; kam
auch noch etliche Male zum Beten herunter, aber nicht allzuoft.
    Dann sass Frau Hadwig allein auf der Burg Hohentwiel; es waren ihr die
Erbgüter des Hauses und mannigfalt Befugnis, im Land zu schalten und zu walten,
verblieben, sowie die Schutzvogtei über das Hochstift Konstanz und die Klöster
um den See, und hatte ihr der Kaiser gebrieft und gesiegelt zugesagt, dass sie
als Reichsverweserin in Schwaben gebieten solle, solange der Witwenstuhl
unverrückt bleibe. Die junge Witib war von adeligem Gemüt und nicht gewöhnlicher
Schönheit. Aber die Nase brach unvermerkt kurz und stumpflich im Antlitz ab, und
der holdselige Mund war ein wenig aufgeworfen, und das Kinn sprang mit kühner
Form vor, also, dass das anmutige Grüblein, so den Frauen so minnig ansteht, bei
ihr nicht zu finden war. Und wessen Antlitz also geschaffen, der trägt bei
scharfem Geist ein rauhes Herz im Busen und sein Wesen neigt zur Strenge. Darum
flösste auch die Herzogin manchem ihres Landes trotz der lichten Röte ihrer
Wangen einen sonderbaren Schreck ein3.
    An jenem nebligen Tag stand Frau Hadwig im KlosettA2 ihrer Burg und schaute
in die Ferne hinaus. Sie trug ein stahlgrau Unterkleid, das in leichten Wellen
über die gestickten Sandalen wallte, drüber schmiegte sich eine bis zum Knie
reichende schwarze Tunika; im Gürtel, der die Hüften umschloss, glänzte ein
kostbarer Beryll. Ein goldfadengestricktes Netz hielt das kastanienbraune Haar
umfangen, doch unverwehrt umspielten sorgsam gewundene Locken die lichte Stirn.
    Auf dem Marmortischlein am Fenster stand ein phantastisch geformtes
dunkelgrün gebeiztes Metallgefäss, drin brannte ein fremdländisch Räucherwerk und
wirbelte seine duftig weissen Wölklein zur Decke des Gemachs. Die Wände waren mit
buntfarbigen gewirkten Teppichen umhangen.
    Es gibt Tage, wo der Mensch mit jeglichem unzufrieden ist, und wenn er in
Mittelpunkt des Paradiesgartens gesetzt würde, es wär' ihm auch nicht recht. Da
fliegen die Gedanken missmutig von dem zu jenem und wissen nicht, wo sie anhalten
sollen, - aus jedem Winkel grinst ein Fratzengesicht herfür, und wenn einer ein
fein Gehör hat, so mag er auch der Kobolde Gelächter vernehmen. Man sagt
dortlands, der schiefe Verlauf solcher Tage rühre gewöhnlich davon her, dass man
frühmorgens mit dem linken Fuss zuerst aus dem Bett gesprungen sei, was
bestimmtem Naturgesetz zuwider.
    Die Herzogin hatte heute ihren Tag. Sie wollte zum Fenster hinausschauen, da
blies ihr ein feiner Luftzug den Nebel ins Angesicht; das war ihr nicht recht.
Sie hub einen zürnenden Husten an. Wenn Sonnenschein weit übers Land geglänzt
hätte, sie würde auch an ihm etwas ausgesetzt haben.
    Der Kämmerer Spazzo war eingetreten und stand ehrerbietig am Eingang. Er
warf einen wohlgefälligen Blick auf seine Gewandung, als wär' er sicher, seiner
Gebieterin Augen heut auf sich zu lenken, denn er hatte ein gestickt Hemde von
Glanzleinwand angelegt und ein saphirfarbiges Oberkleid mit purpurnen Säumen,
alles nach neustem Schnitt; erst gestern war des Bischofs Schneider von Konstanz
damit herübergekommen4.
    Der Wolfshund dessen von Fridingen hatte zwei Lämmer der Burgherde
zerrissen, da gedachte Herr Spazzo pünktlichen Vortrag zu erstatten und Frau
Hadwigs fürstliches Gutachten einzuholen, ob er in friedlichem Austrag sich mit
dem Herrn des Schädigers vergleichen oder am nächsten Gaugericht Wehrgeld und
Busse einklagen solle5. Er hub seinen Spruch an. Aber eh' und bevor er zu Ende
gekommen, sah er, dass ihm die Fürstin ein Zeichen machte, dessen Bedeutung einem
verständigen Mann nicht fremd bleiben konnte. Sie fuhr mit dem Zeigefinger der
Rechten erst nach der Stirn, dann wies sie mit gleichem Finger nach der Tür. Da
merkte der Kämmerer, dass es seinem eigenen Witz anheimgestellt sei, nicht nur
den Bescheid wegen der Lämmer zu finden, sondern auch sich mit möglichster
Beschleunigung zu entfernen. Er verbeugte sich und ging.
    Mit heller Stimme rief Frau Hadwig jetzt: »Praxedis!« - Und wie's nicht
sogleich die Stufen zum Saal herauf huschte, rief sie noch einmal schärfer:
»Praxedis!«
    Es dauerte nicht lange, so schwebte die Gerufene ins Klosett herein.
    Praxedis war der Herzogin in Schwaben Kammerfrau, von griechischer Nation,
ein lebend Angedenken, dass einst des Byzantiner Kaisers Vasilius Sohn um Hadwigs
Hand geworben6. Der hatte das des Gesangs und weiblicher Kunstfertigkeit
erfahrene Kind samt vielen Kleinodien und Schätzen der deutschen Herzogstochter
geschenkt und als Gegengabe einen Korb erbeutet. Man konnte damals Menschen
verschenken, auch kaufen. Freiheit war nicht jedem zu eigen. Aber eine
Unfreiheit, wie sie das Griechenkind auf der schwäbischen Herzogsburg zu tragen
hatte, war nicht drückend.
    Praxedis war ein blasses feingezeichnetes Köpfchen, aus dem zwei grosse
dunkle Augen unsäglich wehmütig und lustig zugleich in die Welt vorschauten. Das
Haar trug sie in Flechten um die Stirn geschlungen; sie war schön.
    »Praxedis, wo ist der Star?« sprach Frau Hadwig.
    »Ich werd' ihn bringen«, sagte die Griechin. Und sie ging und brachte den
schwarzen Gesellen, der sass so breit und frech in seinem Käfig, als wenn sein
Dasein im Weltganzen eine klaffende Lücke auszufüllen hätte. Der Star hatte bei
Hadwigs Hochzeit sein Glück gemacht7. Ein alter Fiedelmann und Gaukler hatte ihm
unter langwieriger Mühsal einen lateinischen Hochzeitsgruss eingetrichtert; das
gab einen grossen Jubel, wie beim Festschmaus der Käfig auf den Tisch gestellt
ward und der Vogel seinen Spruch sprach: »Es ist ein neuer Stern am
Schwabenhimmel aufgegangen, der Stern heisst Hadwig, Heil ihm!« und so weiter.
    Der Star war aber tiefer gebildet. Er konnte ausser dem gereimten Klingklang
auch das Vaterunser hersagen. Der Star war auch hartnäckig und konnte seine
Grillen haben, so gut wie eine Herzogin in Schwaben.
    Heute musste dieser eine Erinnerung an alte Zeit durch den Sinn geflogen
sein, der Star sollte den Hochzeitsspruch sagen. Der Star aber hatte seinen
frommen Tag. Und wie ihn Praxedis ins Gemach trug, rief er feierlich: »Amen!«
und wie Frau Hadwig ihm ein Stück Honigkuchen in den Käfig reichte und
schmeichelnd fragte: »Wie war's mit dem Stern am schwäbischen Himmel, Freund
Star?« da sprach er langsam: »Führe uns nicht in Versuchung!« Wie sie aber zur
Ergänzung seines Gedächtnisses ihm zuflüsterte: »Der Stern heisst Hadwig, Heil
ihm!« - da fuhr der Star in seiner Melodie fort und intonierte würdig: »Erlöse
uns von dem Übel!«
    »Fürwahr, das fehlt noch, dass auch die Vögel heutigentages unverschämt
werden«, rief Frau Hadwig, »Burgkatze, wo steckst du?« und sie lockte die
schwarze Katze herbei, der war der Star schon lange ein Dorn im Auge, mit
funkelnden Augen kam sie geschlichen.
    Frau Hadwig erschloss den Käfig und überantwortete ihr den Vogel, der Star
aber, dem schon die scharfen Krallen das Gefieder zausten und etliche
Schwungfedern geknickt hatten, ersah noch ein Gelegenheitlein und entwischte
durch einen Spalt am Fenster.
    Bald war er verschwunden, ein schwarzer Punkt im Nebel.
    »Eigentlich«, sprach Frau Hadwig, »hätt' ich ihn auch im Käfig behalten
können. Praxedis, was meinst du?«
    »Meine Herrin hat bei allem recht, was sie tut«, erwiderte diese.
    »Praxedis«, fuhr Frau Hadwig fort, »hol' mir meinen Schmuck. Mich gelustet,
eine goldene Armspange anzulegen.«
    Da ging Praxedis, die immerwillige, und brachte der Herzogin
Schmuckkästchen. Das war von getriebenem Silber, mit starken unfertigen Strichen
waren etliche Gestalten darin angebracht in erhabener Arbeit, der Heiland als
guter Hirt und Petrus mit dem Schlüssel und Paulus mit dem Schwert, samt
allerhand Blattwerk und reich verschlungener Zierart, als wenn es früher zur
Aufbewahrung von Reliquien gedient hätte. Es war durch Herrn Burkhard
eingebracht worden, doch sprach er nie gern davon, denn er kam zu selber Zeit
von einer Fehde heimgeritten, darin er einen burgundischen Bischof schwer
überrannt und niedergeworfen hatte.
    Wie die Herzogin das Kästchen aufschlug, gleissten und glänzten die
Kleinodien mannigfalt auf dem roten Sammtfutter. Bei solchen Denkzeichen der
Erinnerung kommen allerhand alte Geschichten herangeschwirrt. Auch das Bildnis
des griechischen Prinzen Konstantin lag dort, zierlich, geleckt und sonder Geist
vom Byzantiner Meister auf Goldgrund gemalt.
    »Praxedis«, sprach Frau Hadwig, »wie wär's geworden, wenn ich deinem
spitznasigen, gelbwangigen Prinzen die Hand gereicht hätte?«
    »Meine Herrin«, war Praxedis' Antwort, »es wäre sicher gut geworden.«
    »Ei«, fuhr Frau Hadwig fort, »erzähl' mir etwas von deiner langweiligen
Heimat, ich möchte mir gern vorstellen, was ich für einen Einzug in
Konstantinopolis gehalten hätte.«
    »O Fürstin«, sprach Praxedis, »meine Heimat ist schön« - wehmütig liess sie
ihr dunkles Aug' in die neblige Ferne gleiten - »und solch trüber Himmel
wenigstens wär' Euch am Ufer des Marmormeers für immer erspart. Auch Ihr hättet
den Schrei des Staunens nicht unterdrückt, wenn wir auf stolzer Galeere
dahingefahren wären: an den sieben Türmen vorbei, da heben sich zuerst die
dunklen Massen, Paläste, Kuppeln, Gotteshäuser, alles im blendend weissen Marmor,
aus den Brüchen der Insel Prokonnesos, gross und stolz steigt die Lilie des
Meeres aus dem blauen Grunde auf, dort ein dunkler Wald von Zypressen, hier die
riesige Wölbung der hagia Sophia, auf und ab das weite Vorgebirg' des Goldenen
Horns; gegenüber am asiatischen Gestade grüsst eine zweite Stadt, und als
blaugoldener Gürtel schlingt sich das schiffbelastete Meer um den Zauber - o
Herrin, auch im Traum vermag ich hier im schwäbischen Land den Glanz jenes
Anblicks nicht wieder zu schauen.
    Und dann, wenn die Sonne niedergestiegen und über flimmernden Meereswellen
die schnelle Nacht aufgeht, der Königsbraut zu Ehren alles im blaufahlen Glanz
griechischen Feuers, - jetzt fahren wir in Hafen ein, die grosse Kette, die ihn
sonst absperrt, löst sich dem Brautschiff, Fackeln sprühen am Ufer, dort steht
des Kaisers Leibwache, die Waräger mit ihren zweischneidigen Streitäxten, und
die blauäugigen Normänner, dort der Patriarch mit zahllosen Priestern, überall
Musik und Jubelruf, und der Königssohn im Schmucke der Jugend empfängt die
Verlobte, nach dem Palaste von Blacharnae wallt der Festzug ...«
    »Und all diese Herrlichkeit habe ich versäumt«, spottete Frau Hadwig.
»Praxedis, dein Bild ist nicht vollständig. Und schon des andern Tags kommt der
Patriarch und erteilt der abendländischen Christin einen scharfen
Glaubensunterricht, was von all den Ketzereien zu halten, die auf eurem
verstandesdürren Erdreich aufspriessen wie Stechapfel und Bilsenkraut, - und was
von den Bildern der Mönche und dem Konzilschluss zu Chalcedon und Nicaea; dann
kommt die Grosshofmeisterin und lehrt die Gesetze der Sitte und Bewegung: so die
Stirn gefaltet und so die Schleppe getragen, diesen Fussfall vor dem Kaiser und
jene Umarmung der Frau Schwiegermutter und diese Höflichkeit gegen jenen
Günstling und jene gigantische Redensart gegen dieses Untier: Eure Gravität,
Eure Eminenz, Eure erhabene und wunderbare Grösse! - was am Menschen Lebenslust
und Kraft heisst, wird abgetötet, und der Herr Gemahl gibt sich auch als
gefirnisstes Püppchen zu erkennen, eines Tages steht der Feind vor den Toren oder
der Tronfolger ist den Blauen und Grünen des Zirkus nicht genehm, der Aufstand
tobt durch die Strassen, und die deutsche Herzogstochter wird geblendet ins
Kloster gesteckt ... Was frommt's ihr dann, dass ihre Kinder schon in der Wiege
mit dem Titel Alleredelster begrüsst wurden? Praxedis, ich weiss, warum ich nicht
nach Konstantinopolis ging.«
    »Der Kaiser ist der Herr der Welt«, sprach die Griechin; »was der Wille
seiner Ewigkeit ordnet, ist wohlgetan: so hat man mich gelehrt.«
    »Hast du auch schon darüber nachgedacht, dass es dem Menschen ein kostbar Gut
ist, sein eigener Herr zu sein?«
    »Nein«, sprach Praxedis.
    Das angeregte Gespräch behagte der Herzogin.
    »Was hat denn«, fuhr sie fort, »euer Byzantiner Maler für einen Bescheid
heimgebracht, da er mein Konterfei fertigen sollte?«
    Die Griechin schien die Frage überhört zu haben. Sie hatte sich erhoben und
stand am Fenster.
    »Praxedis«, sprach Frau Hadwig scharf, »antworte!«
    Da lächelte die Gefragte mild und sagte: »Das ist schon eine lange Zeit her,
aber Herr Michael Tallelaios hat wenig Gutes von Euch gesprochen. Die schönsten
Farben habe er bereitgehalten, so erzählt er uns, und die feinsten
Goldblättchen, Ihr seiet ein reizend Kind gewesen, wie man Euch zum Gemaltwerden
vor ihn führte, und es hab' ihn feierlich angemutet, als sollt' er seine ganze
Kunst zusammennehmen, wie damals, als er die Mutter Gottes fürs Atoskloster
malte. Aber die Prinzessin Hadwig hätten geruht, die Augen zu verdrehen, und wie
er eine bescheidene Einwendung erhoben, hätten Eure Gnaden die Zunge gewiesen
und beide Hände mit gestreckten Fingern an die Nase gehalten und in anmutig
gebrochenem Griechisch gesagt, das sei die rechte Stellung.
    Der Herr Hofmaler nahm Veranlassung, vieles über den Mangel an Bildung in
deutschen Landen dran zu knüpfen, und hat einen hohen Schwur getan, dass er
zeitlebens dort kein Fräulein mehr malen wolle. Und der Kaiser Basilius hat auf
den Bericht hin grimmig in seinen Bart gebrummt ...8«
    »Lass Seine Majestät brummen«, sprach die Herzogin. »Und flehe zum Himmel,
dass er jeder andern die Geduld verleihen möge, die mir damals ausging. Ich habe
noch nicht Gelegenheit gehabt, einen Affen zu sehen, aber allem zufolge, was
glaubwürdige Männer erzählen, reicht Herrn Michaels Ahnentafel zu jenen
Mitgliedern der Schöpfung hinauf.«
    Sie hatte inzwischen die Armspange angelegt, es waren zwei ineinander
verstrickte Schlangen, die sich küssen, jede trug ein Krönlein auf dem Haupt9.
Da ihr unter dem vielen Geschmucke jetzt ein schwerer silberner Pfeil unter die
Hände geraten war, so musste auch er seinen Aufentalt im Gefängnis des Schreins
mit anderem Platze vertauschen. Er ward in die Maschen des goldfadigen
Haarnetzes gezogen.
    Als wollte sie des Schmuckes Wirkung prüfen, ging Frau Hadwig mit grossen
Schritten durchs Gemach. Ihr Gang war herausfordernd. Aber der Saal war leer;
selbst die Burgkatze war von dannen geschlichen. Spiegel waren keine an den
Wänden. Der Zustand wohnlicher Einrichtung überhaupt liess damals manches zu
wünschen übrig.
    Praxedis' Gedanken waren noch bei der vorigen Geschichte. »Gnädige
Gebieterin«, sprach sie, »er hat mich doch gedauert.«
    »Wer?«
    »Des Kaisers Sohn. Ihr seid ihm im Traum erschienen«, sagt' er, »und all
sein Glück hab' er von Euch erhofft. Er hat auch geweint ...«
    »Lass die Toten ruhen«, sprach Frau Hadwig ärgerlich. »Nimm lieber die Laute
und sing mir das griechische Liedlein:«
»Konstantin, du armer Knabe,
Konstantin, und lass das Weinen!«
    »Sie ist zersprungen«, war die Antwort, »und alle Saiten zugrund' gerichtet,
seit die Frau Herzogin geruhten, sie ...«
    »Sie dem Grafen Boso von Burgund an Kopf zu - werfen«, ergänzte Hadwig. »Dem
ist nicht zu viel geschehen, 's war gar nicht notwendig, dass er uneingeladen zur
Leichenfeier Herrn Burkhards kam und mir Trost zusprechen wollte, als wär' er
ein Heiliger. Lass die Laute flicken.«
    »Sag' mir indes, du griechische Goldblume, warum hab' ich heut den
festlichen Schmuck angelegt?«
    »Gott ist allwissend«, sprach die Griechin, »ich weiss es nicht.« Sie
schwieg. Frau Hadwig schwieg auch. Da trat eine jener schwülen inhaltsvollen
Pausen ein, wie sie der Selbsterkenntnis vorangehen. Endlich sprach die
Herzogin: »Ich weiss es auch nicht!«
    Sie schlug missmutig die Augen nieder: »Ich glaube, es geschah aus langer
Weile. Der Gipfel unseres Hohentwiel ist aber auch ein gar zu betrübtes Nest -
zumal für eine Witib. Praxedis, weisst du ein Mittel gegen die lange Weile?«
    »Ich habe einmal von einem weisen Prediger gehört«, sprach Praxedis, »es
gäb' mannigfalte Mittel dawider: Schlafen, Trinken, Reisen - das beste sei
Fasten und Beten.«
    Da stützte Frau Hadwig ihr Haupt auf die lilienweisse Hand, sah die
dienstbereite Griechin scharf an und sprach: »Morgen reisen wir!«
 
                                    Fussnoten
A1 Gustav Schwab.
A2 Verschliessbares Gemach, Kabinett. Die jetzt gewöhnliche Bedeutung ist ganz
jung.
 
                                Zweites Kapitel.
                        Die Jünger des heiligen Gallus.
Des andern Tages fuhr die Herzogin samt Praxedis und grosser Gefolgschaft im
lichten Schein des Frühmorgens über den Bodensee. Der See war prächtig blau, die
Wimpel flaggten lustig, und war viel Kurzweil auf dem Schiff. Wer sollt' auch
traurig sein, wenn er über die kristallklare Wasserfläche dahinschwebt, die
baumumsäumten Gestade mit Mauern und Türmen ziehen im bunten Wechsel an ihm
vorbei, fern dämmern die schneeigen Firnen und der Widerschein des weissen Segels
verzittert im Spiele der Wellen?
    Keines wusste, wo das Ziel der Fahrt. Sie waren's! aber so gewohnt.
    Wie sie an der Bucht von Rorschach10 anfuhren, hiess die Herzogin einlenken.
Zum Ufer steuerte das Schiff, übers schwanke Brett stieg sie ans Land. Und der
Wasserzoller kam herbei, der dort den Welschlandfahrern das Durchgangsgeld
abnahm, und der Weibel des Marktes und wer immer am jungen Hafenplatz sesshaft
war, sie riefen der Landesherrin ein rauhes: »Heil Herro! Heil Liebo11!« zu und
schwangen mächtige Tannenzweige. Grüssend schritt sie durch die Reihen und gebot
ihrem Kämmerer, etliche Silbermünzen auszuwerfen, aber es galt kein langes
Verweilen. Schon standen die Rosse bereit, die waren zur Nachtzeit insgeheim
vorausgeschickt worden; wie alle im Sattel sassen, sprach Frau Hadwig: »Zum
heiligen Gallus!« Da schauten sich die Dienstleute verwundert an: Was soll uns
die Wallfahrt? Zum Antworten war's nicht Zeit, schon ging's im Trab das hügelige
Stück Landes hinauf, dem Gotteshause entgegen.
    Sankt Benedikt und seine Schüler haben die bauliche Anlage ihrer Klöster
wohl verstanden. Land ab, Land auf, so irgendwo eine Ansiedelung steht, die
gleich einer Festung einen ganzen Strich beherrscht, als Schlüssel zu einem Tal,
als Mittelpunkt sich kreuzender Heerstrassen, als Hort des feinsten Weinwuchses:
so mag der Vorüberwandernde bis auf weitere Widerlegung die Vermutung
aussprechen, dass sotanes Gotteshaus dem Orden Benedicti zugehöre oder vielmehr
zugehört habe, denn heutigentages sind die Klöster seltener und die Wirtshäuser
häufiger, was mit steigender Bildung zusammenhängt.
    Auch der irische Gallus hatte einen löblichen Platz erwählt, da er, nach
Waldluft gierig12, in helvetischer Einöde sich festsetzte; ein hochgelegenes
Tal, durch dunkle Bergrücken von den milderen Gestaden des Sees gesondert,
steinige Waldbäche brausen vorüber, und die riesigen Wände des Alpsteins, dessen
Spitzen mit ewigem Schnee umhüllt im Gewölke verschwinden, erheben sich als
schirmende Mauer zur Seite.
    Es war ein sonderbarer Zug, der jene Glaubensboten von Albion und Erin aufs
germanische Festland führte. Genau besehen ist's ihnen kaum zu allzu hohem
Verdienst anzurechnen. »Die Gewohnheit, in die Fremde zu ziehen, ist den Briten
so in die Natur gewachsen, dass sie nicht anders können13«, schrieb schon in Karl
des Grossen Tagen ein unbefangener schwäbischer Mann. Sie kamen als Vorfahren der
heutigen Touristen, man kannte sie schon von weitem am fremdartig
zugeschnittenen Felleisen14. Und ein mancher blieb haften und ging nimmer heim,
wiewohl die ehrsamen Landesbewohner ihn für sehr unnötig halten mochten. Aber
die grössere Zähigkeit, das Erbteil des britischen Wesens, lebensgewandte Kunst,
sich einzurichten, und beim Volk die mystische Ehrfurcht vor dem Fremden gab
ihren Strebungen im Dienst der Kirche Bestand.
    Andere Zeiten, andere Lieder! Heute bauen die Enkel jener Heiligen den
Schweizern für gutes eidgenössisches Geld die Eisenbahn15.
    Aus der schmucklosen Zelle an der Steinach, wo der irische Einsiedel seine
Abenteuer mit Dornen, Bären und gespenstigen Wasserweibern bestand, war ein
umfangreich Kloster emporgewachsen. Stattlich ragte der achteckige Turm der
Kirche aus schindelgedeckten Dächern der Wohngebäude; Schulhäuser und
Kornspeicher, Kellerei und Scheunen waren daran gebaut, auch ein klappernd
Mühlrad liess sich hören, denn aller Bedarf zum Lebensunterhalt muss in des
Klosters nächster Nähe bereitet werden, auf dass es den Mönchen nicht notwendig
falle, in die Ferne zu schweifen, was ihrem Seelenheil undiensam. Eine feste
Ringmauer mit Turm und Tor umschloss das Ganze, minder des Zierats als der
Sicherheit halber, massen mancher Gewaltige im Land das Gebot: »Lass dich nicht
gelüsten deines Nachbars Gut!« dazumal nicht allzustrenge einhielt.
    Es war Mittagszeit vorüber, schweigende Ruhe lag über dem Tal. Des heiligen
Benedikt Regel ordnet für diese Stunde, dass ein jeder sich still auf seinem
Lager halte, und wiewohl von der gliederlösenden Glut italischer Mittagssonne,
die Menschen und Tier in des Schlummers Arme treibt, diesseits der Alpen wenig
zu verspüren, folgten sie im Kloster doch pflichtgemäss dem Gebot16.
    Nur der Wächter auf dem Torturm stand, wie immer, treulich und aufrecht im
mückendurchsummten Stüblein.
    Der Wächter hiess Romeias und hielt gute Wacht. Da hörte er durch den nahen
Tannwald ein Rossgetrabe; er spitzte sein Ohr nach der Richtung. »Acht oder zehn
Berittene!« sprach er nach prüfendem Lauschen; er liess das Fallgatter vom Tor
herniederrasseln, zog das Brücklein, was über den Wassergraben führte, auf und
langte sein Horn vom Nagel. Und weil sich einiges Spinnweb' drin festgesetzt
hatte, reinigte er dasselbe.
    Jetzt kamen die vordersten des Zuges am Waldsaum zum Vorschein. Da fuhr
Romeias mit der Rechten über die Stirn und tat einen sonderbarlichen Blick
hinunter. Das Endergebnis seines Blickes war ein Wort: »Weibervölker!?« - er
sprach's halb fragend, halb als Ausruf, und lag weder Freudigkeit noch
Auferbauung in seinem Worte. Er griff sein Horn und blies dreimal hinein. Es war
ein ungefüger stiermässiger Ton, den er hervorlockte, und war dem Hornblasen
deutlich zu entnehmen, dass weder Musen noch Grazien die Wiege des Romeias zu
Villingen im Schwarzwald umstanden hatten.
    Wenn einer im Wald sich umgeschaut hat, so hat er sicher schon das Getrieb
eines Ameisenhaufens angesehen. Da ist alles wohlgeordnet und geht seinen
gemeinsamen Gang und freut sich der Ruhe in der Bewegung: jetzt fährst du mit
deinem Stab darein und scheuchest die vordersten: da bricht Verwirrung aus,
Rennen und wimmelnder Zusammenlauf - alles hat der eine Stoss verstört. Also und
nicht anders fuhr der Stoss aus Romeias Horn aufjagend ins stille Kloster.
    Da füllten sich die Fenster am Saal der Klosterschulen mit neugierigen
jungen Gesichtern, manch lieblicher Traum in einsamer Zelle entschwebte, ohne
seinen Schluss zu finden, manch tiefsinnige Meditation halbwachender Denker
desgleichen; der böse Sindolt, der in dieser Stunde auf seinem SchragenA1 des
Ovidius verboten Büchlein »Von der Kunst, zu lieben« zu ergründen pflegte,
rollte eiligst die pergamentnen Blätter zusammen und barg sie im schützenden
Versteck seines Strohsacks.
    Der Abt Cralo sprang aus seinem Lehnstuhl und reckte seine Arme der Decke
seines Gemachs entgegen, ein schlaftrunkener Mann; auf schwerem Steintisch stund
ein prachtvoll silbern Wasserbecken17, darein tauchte er den Zeigefinger und
netzte die Augen, des Schlummers Rest zu vertreiben. Dann hinkte er zum offenen
Söller seines Erkers und schaute hinab.
    Und er ward betrüblich überrascht, als wär' ihm eine Walnuss aufs Haupt
gefallen: »Heiliger Benedikt, sei mir gnädig, meine Base, die Herzogin!«
    Sofort schürzte er seine Kutte, strich den schmalen Buschel Haare zurecht,
der ihm inmitten des kahlen Scheitels noch stattlich emporwuchs gleich einer
Fichte im öden Sandfeld18, hing das güldene Kettlein mit dem Klostersigill um,
nahm seinen Abtsstab von Apfelbaumholz, dran der reichverzierte Elfenbeingriff
erglänzte, und stieg in den Hof hernieder.
    »Wird's bald?«, rief einer der Berittenen draussen. Da gebot er dem Wächter,
dass er die Angekommenen nach ihrem Begehr frage. Romeias tat's.
    Jetzt ward draussen ins Horn gestossen, der Kämmerer Spazzo ritt als Herold
ans Tor und rief mit tiefer Stimme:
    »Die Herzogin und Verweserin des Reichs in Schwabenland entbeut dem heiligen
Gallus ihren Gruss. Schaffet Einlass!«
    Der Abt seufzte leise auf. Er stieg auf Romeias' Warte; an seinen Stab
gelehnt gab er denen vor dem Tor den Segen und sprach:
    »Im Namen des heiligen Gallus dankt der unwürdigste seiner Jünger für den
erlauchten Gruss. Aber sein Kloster ist keine Arche, drin jegliche Gattung von
Lebendigem, Reines und Unreines, Männlein und Weiblein Eingang findet. Darum -
ob auch das Herz von Betrübnis erfüllt wird - ist Einlassschaffen ein unmöglich
Ding. Der Abt muss am Tag des Gerichts Rechenschaft ablegen über die seiner Hut
vertrauten Seelen. Die Nähe einer Frau, und wär' sie auch die erlauchteste im
Lande, und der hinfällige Scherz der Kinder dieser Welt wär' allzu grosse
Versuchung für die, so zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit
trachten müssen. Beschweret das Gewissen des Hirten nicht, der um seine Lämmer
Sorge trägt. Kanonische Satzung sperrt das Tor.
    Die gnädige Herzogin wird in Trogen oder Rorschach des Klosters Villa zu
ihrer Verfügung finden ...«
    Frau Hadwig sass schon lange ungeduldig im Sattel; jetzt schlug sie mit der
Reitgerte ihren weissen Zelter, dass er sich mässig bäumte, und rief lachenden
Mundes:
    »Spart die Umschweife, Vetter Cralo, ich will das Kloster sehen!«
    Wehmütig hub der Abt an: »Wehe dem, durch welchen Ärgernis in die Welt
kommt. Ihm wäre heilsamer, dass an seinem Hals ein Mühlstein ...«
    Aber seine Warnung kam nicht zu Ende. Frau Hadwig änderte den Ton ihrer
Stimme: »Herr Abt, die Herzogin in Schwaben muss das Kloster sehen!« sprach sie
scharf.
    Da ward es dem Schwergeprüften klar, dass weiterer Widerspruch kaum möglich
ohne grosse Gefahr für des Gotteshauses Zukunft. Noch sträubte sich sein
Gewissen. Wenn einer in zweifelhafter Lage aus sich selber keine Auskunft zu
schöpfen weiss, ist's dem schwanken Gemüt wohltätig, andere zu gutem Rat
beizuziehen, das nimmt die Verantwortung und deckt den Rücken.
    Darum rief Herr Cralo jetzt hinunter: »Da Ihr hartnäckig darauf besteht, muss
ich's der Ratsversammlung der Brüder vortragen. Bis dahin geduldet Euch!«
    Er schritt zurück über den Hof, im Herzen den stillen Wunsch, dass eine
Sündflut vom Himmel die Heerstrasse zerstören möge, die so leichtlich unberufenen
Besuch herbeiführe. Sein hinkender Gang war eilig und aufgeregt, und es ist
nicht zu verwundern, dass berichtet wird, er sei in selber Zeit in dem
Klostergang auf- und abgeflattert wie ein Schwälblein vor dem Gewitter19.
    Fünfmal erklang jetzt das Glöcklein von des heiligen Otmar Kapelle neben
der Hauptkirche und rief die Brüder zum Kapitelsaal. Und der einsame Kreuzgang
belebte sich mit einherwandelnden Gestalten; gegenüber vom sechseckigen Ausbau,
wo unter säulengetragenen Rundbogen der Springquell anmutig in die metallene
Schale niederplätscherte, war der Ort der Versammlung, eine einfache graue
Halle; auf erhöhtem Ziegelsteinboden hob sich des Abtes Marmorstuhl, dran zwei
rohe Löwenköpfe ausgehauen, Stufen führten hinauf. Vergnüglich streifte das Auge
von dort an den dunkeln Pfeilern und Säulen vorüber ins Grün des Gärtleins im
innern Hofe; Rosen und Malven blühten drin empor; die Natur sucht gütig auch die
heim, die sich ihr abgekehrt.
    In scharfem Gegensatz der Farbe hoben sich die weissen Kutten und
dunkelfarbigen Oberkleider vom Steingrau der Wände; lautlos traten die Berufenen
ein, flüchtig Nicken des Hauptes war der gegenseitige Gruss; wärmender
Sonnenstrahl fiel durchs schmale Fenster auf ihre Reihen.
    Es waren erprobte Männer, ein heiliger und Gott wohlgefälliger Senat20.
    Der mit dem schmächtigen Körper und dem scharfen, von Fasten und Nachtwachen
geblassten Antlitz war Notker, der Stammler; ein wehmütig Zucken spielte um seine
Lippen, lange Übung der Askesis hatte seinen Geist der Gegenwart entrückt.
Früher hatte er gar schöne Singweisen erdacht, jetzt war er verdüstert und ging
in der Stille der Nacht den Dämonen nach, mit ihnen zu kämpfen; in der Krypta
des heiligen Gallus hatte er jüngst den Teufel erreicht und so
darniedergeschlagen, dass er mit lautem Auwehschrei in einen Winkel sich barg;
und seine Neider sagten, auch sein schwermütiges Lied, »Media vitaA2« sei
unheimlichen Ursprungs und vom bösen Feind geoffenbart als Lösegeld, da er ihn
in seiner Zelle siegreich zusammengetreten unter starkem Fusse festielt.
    Aber neben ihm lächelte ein gutmütig ehrenfest Gesicht aus eisgrauem Bart
herfür; der starke Tutilo war's, der sass am liebsten vor der Schnitzbank und
schnitzte die wunderfeinen Bildwerke in Elfenbein, noch gibt das Diptychon mit
Marias Himmelfahrt und dem Bären des heiligen Gallus Zeugnis von seiner Kunst.
Aber wenn ihm der Rücken sich krümmen wollte von der Arbeit Last, zog er singend
hinab auf die Wolfsjagd oder suchte einen ehrlichen Faustkampf zur Erholung, er
focht lieber mit bösen Menschen als mit nächtlichem Spuk und sagte oft im
Vertrauen zu seinem Freund Notker: »Wer so manchem in Christenheit und
Heidenschaft ein blaues Denkzeichen verabreicht, wie ich, kann der Dämonomachia
A3 entbehren.«
    Auch Ratpert kam herzu, der lang' erprobte Lehrer der Schule, der immer
unwillig auffuhr, wenn ihn das Kapitelglöcklein von seinen Geschichtsbüchern
abrief. In vornehmer Haltung trug er das Haupt; er und die beiden andern waren
ein Herz und eine Seele, ein dreiblättriger Klosterklee, so verschieden auch ihr
Wesen21. Weil er unter den letzten in den Saal trat, kam Ratpert neben seinen
Widersacher zu stehen, den bösen Sindolt, der tat, als sähe er ihn nicht, und
flüsterte seinem Nachbar etwas zu; der war ein klein Männlein mit einem Gesicht
wie eine Spitzmaus und kniff den Mund zusammen, denn Sindolt hatte ihm soeben
zugeraunt, im grossen Wörterbuch des Bischofs Salomo22 sei zu der Glosse:
»Rabulista bedeutet einen, der über jeglich Ding der Welt disputieren will«, von
unbekannter Hand zugeschrieben worden: »Wie Radolt, unser Denkmann.«
    Aus dem Dunkel im Saalesgrund ragte Sintram hervor, der unermüdliche
Schönschreiber, dessen Schriftzüge die ganze zisalpinische Welt bewunderte23;
die grössten von Sankt Gallus Jüngern an Mass des Körpers waren die Schotten, die
am Eingang ihren Stand nahmen, Fortegian und Failan, Dubslan und Brendan und wie
sie alle hiessen, eine untrennbare Landsmannschaft, aber missvergnügt über
Zurücksetzung; auch der rotbärtige Dubduin stand dabei, der trotz der schweren
eisernen Busskette nicht zum Propst gewählt ward und zur Strafe für seine
beissenden Schmähverse auf die deutschen Mitbrüder drei Jahre lang den dürren
Pfirsichbaum im Klostergarten begiessen musste.
    Und Notker, der Arzt, stund unter den Versammelten, der erst jüngst des Abts
hinkendem Fuss die grosse Heilkur verordnet hatte mit Einreibung von Fischgehirn
und Umschlag einer frisch abgezogenen Wolfshaut, auf dass die Wärme des Pelzes
die gekrümmten Sehnen gerad biege24: sie hiessen ihn das Pfefferkorn ob seiner
Strenge in Handhabung der Klosterzucht; - und Wolo, der keine Frau ansehen
konnte und keine reifen Äpfel25, und Engelbert, der Einrichter des Tiergartens,
und Gerhard, der Prediger, und Folkard, der Maler: Wer kennt sie alle, die
löblichen Meister, bei deren Aufzählung schon das nächstfolgende
Klostergeschlecht wehmütig bekannte, dass solche Männer von Tag zu Tag seltener
würden?
    Jetzo bestieg der Abt seinen ragenden Steinsitz, und sie ratschlagten, was
zu tun. Der Fall war schwierig. Ratpert trat auf und wies aus den Aufzeichnungen
vergangener Zeit nach, auf welche Art einst dem grossen Kaiser Karl ermöglicht
worden, in des Klosters Inneres zu kommen26. »Damals«, sprach er, »ward
angenommen, er sei ein Ordensbruder, solang' er in unsern Räumen weile, und alle
taten, als ob sie ihn nicht kenneten; kein Wort ward gesprochen von kaiserlicher
Würde und Kriegstaten oder demütiger Huldigung, er musste einherwandeln wie ein
anderer auch, und dass er des nicht beleidigt war, ist der Schutzbrief, den er
beim Abzug über die Mauern hineinwarf, Zeuge.«
    Aber damit war das grosse Bedenken, dass jetzt eine Frau Einlass begehrte,
nicht gelöst. Die strengeren Brüder murrten, und Notker, das Pfefferkorn,
sprach: »Sie ist die Witib jenes Landverwüsters und Klosterschädigers, der den
kostbaren Kelch bei uns als Kriegssteuer erhob27 und höhnend dazu sagte: Gott
isst nicht und trinkt nicht, was nützen ihm die güldenen Gefässe? Lasst ihr das Tor
geschlossen!«
    Das war jedoch dem Abt nicht recht. Er suchte einen Ausweg. Die Beratung
ward stürmisch, sie sprachen hin und her. Der Bruder Wolo, da er hörte, dass von
einer Frau die Rede, schlich leis von dannen und schloss sich in seine Zelle.
    Da hob sich unter den jüngeren einer und erbat das Wort.
    »Sprechet, Bruder Ekkehard28«, rief der Abt.
    Und das wogende Gemurmel verstummte; alle hörten den Ekkehard gern. Er war
jung an Jahren, von schöner Gestalt und fesselte jeden, der ihn schaute, durch
sittige Anmut; dabei weise und beredt, von klugverständigem Rat und ein scharfer
Gelehrter. An der Klosterschule lehrte er den Virgilius, und wiewohl in der
Ordensregel geschrieben stund: zum Pörtner soll ein weiser Greis erwählt werden,
dem gesetztes Alter das Irrlichtelieren unmöglich macht, damit die Ankommenden
mit gutem Bescheid empfangen seien, so waren die Brüder eins, dass er die
erforderlichen Eigenschaften besitze, und hatten ihm auch das Pörtneramt
übertragen.
    Ein kaum sichtbares Lächeln war über seinen Lippen gelegen, dieweil die
Alten sich stritten. Jetzt erhob er seine Stimme und sprach:
    »Die Herzogin in Schwaben ist des Klosters Schirmvogt und gilt in solcher
Eigenschaft als wie ein Mann. Und wenn in unserer Satzung streng geboten ist,
dass kein Weib den Fuss über des Klosters Schwelle setze: man kann sie ja darüber
tragen.«
    Da heiterten sich die Stirnen der Alten, als wäre jedem ein Stein vom Herzen
gefallen, beifällig nickten die Kapuzen, auch der Abt war des verständigen
Wortes nicht unbewegt und sprach:
    »Fürwahr, oftmals offenbart der Herr einem Jüngeren das Dienlichste29,
Bruder Ekkehard, Ihr seid sanft wie die Taube, aber klug wie die Schlange, so
sollt Ihr des eigenen Rats Vollstrecker sein. Wir geben Euch Dispens.«
    Dem Pörtner schoss das Blut in die Wangen, er verbeugte sich, seinen Gehorsam
anzudeuten.
    »Und der Herzogin weibliche Begleitung?« frug der Abt weiter. Da wurde der
Konvent eins, dass für diese auch die freimütigste Gesetzesauslegung keine
Möglichkeit des Eintritts eröffne. Der böse Sindolt aber sprach: »Die mögen
indessen zu den Klausnerinnen auf den Irenhügel gehen; wenn des heiligen Gallus
Herde von einer Landplage heimgesucht wird, soll die fromme Wiborad auch ein
Teil daran leiden.«
    Der Abt pflog noch eine lange flüsternde Verhandlung! mit Gerold, dem
Schaffner, wegen des Vesperimbisses; dann stieg er von seinem Steinsitz und zog
mit der Brüder Schar den Gästen entgegen. Die waren draussen schon dreimal um des
Klosters Umfriedung herumgeritten und hatten sich mit Glimpf und Scherz des
Wartens Ungeduld vertrieben.
    In der Tonweise: »Justus germinavit« kamen jetzt die eintönigen schweren
Klänge des Lobliedes auf den heiligen Benedictus aus dem Klosterhof zu den
Wartenden gezogen, das schwere Tor knarrte auf, heraus schritt der Abt,
paarweise langsamen Ganges der Zug der Brüder, die beiden Reihen erwiderten sich
die Strophen des Hymnus.
    Dann gab der Abt ein Zeichen, dass der Gesang verstumme. »Wie geht's Euch,
Vetter Cralo«, rief die Herzogin leichtfertig vom Ross, »hab' Euch lange nicht
gesehen. Hinket Ihr noch?«
    Cralo aber sprach ernst: »Es ist besser, der Hirt hinke als die Herde30.
Vernehmet des Klosters Beschluss.«
    Und er eröffnete die Bedingung, die sie auf den Eintritt gesetzt. Da sprach
Frau Hadwig lächelnd: »Solang' ich den Scepter führe in Schwabenland, ist mir
ein solcher Vorschlag nicht gemacht worden. Aber Eures Ordens Vorschrift soll
von uns kein Leides geschehen, welchem der Brüder habt Ihr's zugewiesen, die
Landesherrin über die Schwelle zu tragen?«
    Sie liess ihr funkelnd Auge über die geistliche Heerschar streifen. Wie sie
auf Notker, des Stammlers, unheimlich Schwärmerantlitz traf, flüsterte sie leise
der Griechin zu: »Möglich, dass wir gleich wieder umkehren!«
    Da sprach der Abt: »Das ist des Pörtners Amt, dort steht er.«
    Frau Hadwig wandte den Blick in der Richtung, die des Abts Zeigefinger wies,
gesenkten Hauptes stund Ekkehard; sie erschaute die sinnige Gestalt im
rotwangigen Schimmer der Jugend, es war ein langer Blick, mit dem sie über die
gedankenbewegten Züge und das wallende gelbliche Hauptaar und die breite Tonsur
streifte.
    »Wir kehren nicht um!« nickte sie zu ihrer Begleiterin, und bevor der
kurzhalsige Kämmerer, der meistenteils den guten Willen und das Zuspätkommen
hatte, vom Gaul herab und ihrem Schimmel genaht war, sprang sie anmutig aus dem
Bügel, trat auf den Pörtner zu und sprach: »So tut, was Eures Amtes!«
    Ekkehard hatte sich auf eine Anrede besonnen und gedachte mit Anwendung
tadellosen Lateins die sonderbare Freiheit zu rechtfertigen, aber wie sie stolz
und gebietend vor ihm stand, versagte ihm die Stimme, und die Rede blieb, wo sie
entstanden - in seinen Gedanken. Aber er war unverzagten Mutes und umfasste mit
starkem Arm die Herzogin, die schmiegte sich vergnüglich an ihren Träger und
lehnte den rechten Arm auf seine Schulter. Fröhlich schritt er unter seiner
Bürde über die Schwelle, die kein Frauenfuss berühren durfte, der Abt ihm zur
Seite, Kämmerer und Dienstmannen folgten, hoch schwangen die dienenden Knaben
ihre Weihrauchfässer, und die Mönche wandelten in gedoppelter Reihe, wie sie
gekommen, hinterdrein, die letzten Strophen ihres Loblieds singend.
    Es war ein wundersam Bild, wie es vor und nachmals in des Klosters
Geschichte nicht wieder vorkam, und liessen sich von Freunden unnützer Worte an
den Mönch, der die Herzogin trug, erspriessliche Bemerkungen anknüpfen über das
Verhältnis der Kirche zum Staat in damaligen Zeiten und dessen Änderung in der
Gegenwart ...
    Die Naturverständigen sagen, dass durch Annäherung lebender Körper unsichtbar
wirkende Kräfte tätig werden, ausströmen, ineinander übergehen und seltsamliche
Beziehungen herstellen. Das mochte sich auch an der Herzogin und dem Pörtner
bewähren; dieweil sie sich in seinen Armen wiegte, gedachte sie leise: »Fürwahr,
noch keinem hat Sankt Benedikts Kapuze anmutiger gesessen als diesem31«, und wie
er im kühlen Klostergang seine Bürde mit schüchternem Anstand absetzte, fiel ihm
nichts auf, als dass ihm die Strecke vom Tor bis hierher noch niemals so kurz
vorgekommen.
    »Ich bin Euch wohl schwer gefallen?« sprach die Herzogin sanft.
    »Hohe Herrin, Ihr mögt kecklich sagen, wie da geschrieben steht: mein Joch
ist sanft und meine Bürde ist leicht«, war seine Erwiderung.
    »Ich hätte nicht gedacht«, sprach sie darauf, »dass Ihr die Worte der Schrift
zu einer Schmeichelrede anwendet. Wie heisset Ihr?«
    Er antwortete: »Sie nennen mich Ekkehard.«
    »Ekkehard! ich danke Euch!« sagte die Herzogin mit anmutvoller Handbewegung.
    Er trat zurück an ein Bogenfenster im Kreuzgang und schaute hinaus ins
Gärtlein. War's ein Zufall, dass ihm jetzt der heilige Christophorus vor die
Gedanken trat?
    Dem deuchte seine Bürde auch leicht, da er anhub, das fremde Kindlein auf
starker Schulter über den Strom zu tragen, aber schwer und schwerer senkte sich
die Last auf seinen Nacken und presste ihn hinab in die brausende Flut, tief,
tief, dass sein Mut sich neigen wollte zu verzweifeln ...
    Der Abt hatte einen köstlichen Henkelkrug bringen lassen, damit ging er
selber zum Springquell, füllte ihn und trat vor die Herzogin: »Der Abt soll den
Fremden das Wasser darbringen, ihre Hand zu netzen«, sprach er, »und sich samt
der ganzen Brüderschaft zur Fusswaschung -«
    »Wir danken«, fiel ihm Frau Hadwig in die Rede. Sie sprach's mit
entschiedenem Ton. Indes hatten zwei der Brüder eine Truhe herabgeholt, sie
stand geöffnet im Gang. Drein griff jetzt der Abt, zog eine funkelneue Kutte
herfür und sprach: »So ernenne ich denn unseres Klosters erlauchten Schirmvogt
zum Mitglied und zugeschriebenen Bruder und schmück' ihn dessen zum Zeugnis mit
des Ordens Gewandung32.
    Frau Hadwig fügte sich. Leicht bog sie das Knie, da sie die Kutte aus seinen
Händen empfing; sie warf das ungewohnte Kleidungsstück um, es stand ihr gut,
faltig war's und weit, wie die Regel besagt: Der Abt soll ein scharfes Auge
haben, dass die Gewänder nicht zu kurz seien für ihre Träger, sondern
wohlgemessen.
    Reizend sah das lichte Frauenantlitz aus der dunkeln Kapuze«.
    »Für Euch gilt das Gleiche!« rief nun der Abt zu der Herzogin Gefolge. Da
hatte der böse Sindolt seine Freude dran, Herrn Spazzo einzukleiden. »Und wisst
Ihr auch«, raunte er ihm ins Ohr, »was die Kutte für Euch zu bedeuten hat? - Dass
Ihr die Gelüste der Welt abschwöret und einen mässigen, armen und keuschen Wandel
gelobet für immerdar!«
    Herr Spazzo war schon mit dem rechten Arm in das faltige Ordensgewand
gefahren, schnell zog er ihn wieder zurück: »Halt' an«, zürnte er, »da muss ich
Einsprache tun!« Sindolt schlug ein Gelächter auf, da merkte der Kämmerer, es
sei so ernst nicht gemeint, und sprach: »Bruder, Ihr seid ein Schalk!«
    Bald prangten auch die Gefolgsmänner im Schmuck des Ordenskleides, manchem
der neuerschaffenen Mönche hing der lange Bart ordnungswidrig bis an den Gürtel,
und das sittige Niederschlagen des Blicks gelang noch nicht ganz nach Vorschrift
33.
    Der Abt geleitete seine Gäste zuerst zur Kirche.
 
                                    Fussnoten
A1 Auf seinem Lager.
A2 »Mitten im Leben« (sind wir vom Tode umfangen). Vgl. Scheffels Anmerkung 188,
wo der gesamte Text mitgeteilt ist.
A3 Des Kampfes mit Dämonen.
 
                                Drittes Kapitel.
                               Wiborada Reclusa.
Einer von denen, die am wenigsten sich des unerwarteten Besuches ergötzten, war
Romeias, der Wächter am Tor. Er wusste ungefähr, was ihm bevorstand, aber nicht
alles. Während der Abt die Herzogin empfing, kam Gerold, der Schaffner, zu ihm
und sprach: »Romeias, rüstet Euch, auszuziehen! Ihr sollt auf den nächsten
Meierhöfen ansagen, dass sie noch heut vor Abend die schuldigen Hühner34 zur
Ausschmückung der Mahlzeit schicken, und sollt einen guten Bissen Wildbret
beschaffen.«
    Des war Romeias zufrieden. Es fügte sich nicht zum ersten Male, dass er das
Gastuhn zu heischen ging, und die Meyer und Kellerer auf den Höfen duckten sich
des Romeias Worten, denn er hatte eine kräftige Sprache zum Anbefehlen. Des
Weidwerks aber freute er sich zu jeder Zeit. Darum nahm Romeias seinen
Jagdspiess, hing die Armbrust über und wollte gehen, ein Rudel Hunde zu lösen.
Gerold, der Schaffner, aber zupfte ihn am Gewand und sagte: »Romeias, noch
etwas! Ihr sollet auch der Herzogin Frauenzimmer, denen der Eintritt verwehrt
ist, hinauf ins Schwarzatal führen und der frommen Wiborad vorstellen, dass sie
bei ihr Kurzweil finden, bis der Abend kommt. Und sollet fein artig sein,
Romeias, es ist eine Griechin dabei mit gar dunkeln Augen ...«
    Da legten sich drei tiefe Falten über Romeias' Stirn, und er stiess den
Jagdspiess auf den Boden, dass es klirrte: »Weibervölker begleiten?« rief er, -
»dazu ist der Wächter am Tor des heiligen Gallus nicht nutz!«
    Gerold aber nickte ihm bedeutungsvoll zu und sprach: »Ihr müsst's versuchen,
Romeias. Ist's nicht schon zugetroffen, dass Wächter, die ihren Auftrag
getreulich erfüllten, des Abends einen grossen Steinkrug Klosterwein in ihrem
Stüblein vorfanden? Hallo, Romeias!«
    Des Missmutigen Antlitz heiterte sich. Und er ging hinab in den Hof und löste
die Hunde; der Spürhund und der Leitund sprangen an ihm hinauf, auch das
Biberhündlein kläffte vergnüglich und wollte mit ausziehen35, aber verächtlich
jagte er's heim, der Fischteich und seine Insassen gingen den Weidmann nichts
an. Von seinen Rüden umbellt schritt er vors Tor.
    Praxedis und die anderen dienenden Frauen der Herzogin waren von den Pferden
gestiegen und sassen auf einem Rain im Sonnenschein und hatten viel miteinander
zu schwatzen von Mönchen und Kutten und Bärten und sonderbaren Launen ihrer
Herrschaft. Da trat Romeias vor sie hin und sprach: »Vorwärts!«
    Praxedis musterte den wilden Jägersmann und war sich nicht klar, was sie aus
ihm machen sollte; mit schnippischer Stimme fragte sie: »Wohin, guter Freund?«
Romeias aber hob seinen Spiess und deutete nach einem nahen Hügel hinter dem
Walde und sagte nichts. Da sprach Praxedis: »Sind die Worte bei Euch in Sankt
Gallen so teuer zu kaufen, dass Ihr keinen andern Bescheid gebt?«
    Die Dienerinnen lachten.
    Da sprach Romeias ernst: »Möcht' euch doch allzusamt ein Donnerwetter sieben
Klafter tief in Erdboden hinein verschlagen!«
    Praxedis erwiderte: »Wir danken Euch, guter Freund!« Hiemit war die
schickliche Einleitung zu einem Gespräch gefunden. Romeias eröffnete seinen
Auftrag, die Frauen folgten ihm willig.
    Und allmählich fand der Wächter, dass es nicht der härteste Dienst sei,
solche Gäste zu geleiten, und wie die Griechin ihn des Näheren über Wächterei
und Jagdhantierung befragte, ward seine Zunge gelöst, und er erzählte von Bären
und Wildschweinen, dass es eine Freude war, und erzählte sogar sein grosses
Jagdstück von dem furchtbaren Eber, dem er einst den Speer in die Seite geworfen
und ihn doch nicht zu erlegen vermocht, denn er hatte Füsse, einer Wagenlast an
Masse gleich, und Borsten, so hoch wie die Tannen des Forstes, und Zähne, zwölf
Ellen lang36, - und ward zusehends artiger, denn, wie die Griechin einmal ihren
Schritt hemmte, um einer Drossel Schlag zu belauschen, hielt auch Romeias
geduldig an, wiewohl ihm sonst ein Singvogel ein viel zu erbärmlich Stück Wild
war, als dass er ihn grossen Aufmerkens gewürdigt. Und wie Praxedis sich nach
einem schönen Goldkäfer bückte, der im rötlichen Moos herumkletterte, wollte ihr
Romeias dienstwillig den Käfer mit schwerbesohltem Fuss zur Hand schieben, und
dass er ihn bei solcher Gelegenheit zertrat, war nicht seine Absicht.
    Sie stiegen einen düstern Bergpfad hinauf; über zerklüftete Nagelfluhfelsen
rann die Schwarza zu Tale. An jenem Abhang war einst der heilige Gall in die
Dornen gefallen und hatte zum Begleiter, der ihn aufrichten wollte, gesprochen:
»Lass mich liegen, hier soll meine Ruhe sein und mein Haus für alle Zeit37!«
    Sie waren nicht lang' bergan geklommen, da kamen sie an einen freien,
tannwaldumsäumten Platz. An schirmende Felswand angelehnt, stand dort eine
schlichte Kapelle in Form eines Kreuzes. Nah dabei war ein viereckig Häuslein
gemauert, das mit der Rückseite auch an den Fels anstiess; nur eine einzige
niedere Fensteröffnung, mit einem Holzladen verschliessbar, war dran zu schauen;
nirgends eine Türe oder anderweiter Eingang, und war nicht abzusehen, wie ein
Mensch in solch Gebäu Einlass finden mochte, wofern er nicht durch eine Lucke im
Dach von seiten der Felswand sich hinabliess. Gegenüber stund ein gleiches Gelass,
so ebenfalls nur ein einzig Fensterlein hatte.
    Es war häufiger Brauch dazumal, dass solche, die Neigung zum Mönchsleben
verspürten, und die sich, wie der heilige Benedikt sagt38, stark genug fühlten,
den Kampf mit dem Teufel ohne Beihilfe frommer Genossenschaft auf eigene Faust
zu bestehen, sich in solch einen GadenA1 einmauern liessen. Man hiess sie
Reclausi, Eingeschlossene, Klausner, und war ihre Nutzbarkeit und Lebensabsicht
der der Säulenheiligen in Ägyptenland zu vergleichen; scharfer Winterswind und
Schneefall macht freilich diesseits der Alpen die Absperrung in frischer Luft
unmöglich, das Anachoretengelüst war nicht minder stark39.
    In den vier engen Wänden hier auf dem Irenhügel hauste nun die Schwester
Wiborad40, eine vielgepriesene Klausnerin ihrer Zeit.
    Sie stammte aus Klingnau im Aargau und war eine stolze, spröde Jungfrau
gewesen, in mancher Kunst bewandert, und hatte von ihrem Bruder Hitto alle
Psalmen lateinisch beten gelernt und war ehedem nicht abgeneigt, einem Mann sein
Leben zu versüssen, wenn sie den rechten finden möchte, aber die Blüte
aargauischer Landeskraft fand keine Gnade vor ihren Augen, und sie tat eine
Wallfahrt gen Rom. Und dort muss ihr unstet Gemüt durchschüttert worden sein,
keiner der Zeitgenossen hat erfahren wie; - drei Tage lang rannte ihr Bruder
Hitto das Forum auf und nieder und durch die Hallen des Kolosseum und unter
Konstantins Triumphbogen durch bis zum vierstirnigen Janus an der Tiber unten
und suchte seine Schwester und fand sie nicht; am Morgen des vierten Tags kam
sie zum Salarischen Tor herein und trug ihr Haupt hoch und ihre Augen leuchtend
und sprach, es sei alles nichts auf der Welt, solang' nicht dem heiligen
Martinus die Ehre erwiesen werde, die seinem Verdienst gebühre.
    Wie sie aber zurückkehrte in die Heimat, verschrieb sie ihr Hab und Gut der
Bischofskirche zu Konstanz mit dem Bedingnis, dass die geistlichen Herren jeweils
am eilften jedes Herbstmonates dem heiligen Martin ein besonder Fest halten
sollten; sie selber trat in ein eng Häuslein, wo die Klausnerin Zilia sich
sesshaft gemacht, und führte ein klösterlich Leben. Und wie es ihr dort nimmer
zuträglich war, verzog sie sich ins Tal des heiligen Gallus; der Bischof selbst
gab ihr das Geleit und tat ihr den schwarzen Schleier um und führte sie an der
Hand in die Zelle am Irenhügel und sprach den Segen, darüber; mit der Mauerkelle
tat er den ersten Schlag auf die Steine, mit denen der Eingang vermauert ward,
und drückte viermal sein Sigill auf das Blei, damit sie die Fugen löteten, und
schied sie von der Welt, und die Mönche sangen dazu, als würd' einer begraben,
dumpf und traurig.
    Die Leute ringsum aber hielten die Klausnerin hoch in Ehren; sie sei eine
hartgeschmiedete Meisterin41, sagten sie, und an manchem Sonntag stund Haupt an
Haupt auf dem Wiesenplan, und Wiborad stund an ihrem Fensterlein und predigte
ihnen, und andere Frauen siedelten sich in die Nähe und suchten bei ihr
Anleitung zur Tugend.
    »Wir sind an Ort und Stelle«, sprach Romeias. Da blickte Praxedis mit ihren
Begleiterinnen um. Kein menschlich Wesen war zu erschauen; verspätete
Schmetterlinge und Käfer summten im Sonnenschein, und die Grille zirpte
flügelwetzend im Gras. An Wiborads Zelle war der Fensterladen angelehnt, so dass
nur ein schmaler Streif Sonnenlicht hineinfallen konnte. Dumpfes, langsam und
halb durch die Nase gesungenes Psalmodieren tönte durch die Einsamkeit.
    Romeias klopfte mit seinem Jagdspiess an den Fensterladen, der blieb, wie er
war, angelehnt; das Psalmodieren tönte fort. Da sprach der Wächter: »Wir müssen
sie anderweitig herausklopfen!«
    Romeias war ein Mann von ungeschliffener Lebensart, sonst hätte er nicht
getan, was er jetzt tat.
    Er begann ein Lied zu singen, womit er oftmals die Klosterschüler ergötzte,
wenn sie in seine Turmstube entwischten, ihn am Bart zu zupfen und mit dem
grossen Wächterhorn zu spielen. Es war eine jener Kantilenen, wie deren, seit dass
es eine deutsche Zunge gibt, auf freier Heerstrasse, an Wegscheiden und Waldecken
und draus auf weiter Heide schon manches gute Tausend in Wind gesungen und
wieder verweht worden, und lautete also:
»Ich weiss einen Stamm im Eichenschlag,
Der steht im grünesten Laube,
Dort lockt und lacht den ganzen Tag
Eine schöne wilde Taube.
Ich weiss einen Fels, draus schillt und schallt
Nur Krächzen und Geheule,
Dort haust fahlgrau und missgestalt
Eine heis're Schleiereule.
Des Jägers Horn bringt süssen Klang,
Des Jägers Pfeil Verderben:
Die Taube grüss' ich mit Gesang,
Die Eul' muss mir ersterben!«
    Romeias' Lied hatte ungefähr die Wirkung, als wenn er einen Feldstein in
Wiborads Laden geworfen. Alsbald erschien eine Gestalt an der viereckigen
Fensteröffnung, auf hagerem Halse hob sich ein blasses, vergilbtes
Frauenantlitz, in dem der Mund eine feindselige Richtung aufwärts gegen die Nase
genommen; von dunklem Schleier vermummt, beugte sie sich weit aus dem
Fensterlein, die Augen glänzten unheimlich. »Schon wieder, Satanas?« rief sie.
    Da trat Romeias vor und sprach mit gemütlichem Ausdruck: »Der böse Feind
weiss keine so schönen Lieder wie Romeias, der Klosterwächter. Beruhigt Euch,
Schwester Wiborad, ich bring' ein paar seine Jungfräulein, die Herren im Kloster
lassen sie Euch zu annehmlicher Unterhaltung empfohlen sein.«
    »Hebet euch weg, ihr Truggestalten!« rief die Klausnerin. »Wir kennen die
Schlingen, die der Versucher legt. Weichet, weichet!«
    Praxedis aber näherte sich der Zelle und neigte sich sittig vor der dürren
Bewohnerin: sie komme nicht aus der Hölle, sondern vom Hohen Twiel herüber,
setzte sie ihr auseinand. Ein wenig falsch konnte das Griechenkind auch sein,
denn wiewohl ihre Kenntnis von der Klause im Schwarzatal sich erst von heute
herschrieb, fügte sie doch bei, sie hätte von dem auferbaulichen Wandel der
Schwester Wiborad schon so viel vernommen, dass sie die erste Gelegenheit
genutzt, bei ihr anzusprechen.
    Da schien es, als wollten sich einige Runzeln auf Wiborads Stirn glätten.
»Reich mir deine Hand, Fremde!« sprach sie und reckte ihren Arm zum Fensterlein
hinaus. Die Kutte streifte sich ein weniges zurück, da war er in seiner ganzen
fleischlosen Magerkeit dem Sonnenschein ausgesetzt.
    Praxedis reichte ihr die Rechte. Wie der junge, lebenswarme Pulsschlag der
weissen Hand an der Klausnerin dürre Finger anschlug, ward sie langsam von der
Griechin Menschlichkeit überzeugt.
    Romeias merkte die Wendung zum Besseren, er wälzte etliche Felsstücke unter
das Fenster der Zelle. »In zwei Stunden hol' ich euch wieder ab; behüt' Gott,
ihr Jungfräulein!« sprach er. »Und erschreckt nicht, wenn sie in Verzuckung
kommt«, flüsterte er der Griechin zu.
    Hiemit pfiff Romeias seinen Hunden und schritt ins Waldesdickicht. Er legte
auch etwa dreissig Schritte ohne Hindernis zurück, aber dann drehte er sein
struppig Haupt und wandte den ganzen Menschen um; auf den Spiess gestemmt,
schaute er unverrückt nach dem Platz vor der Klause, als hätt' er etwas
verloren. Hatte aber nichts zurückgelassen.
    Praxedis lächelte und warf dem gröbsten aller Wächter eine Kusshand zu. Da
machte Romeias kehrt, wollte seinen Spiess schultern, liess ihn fallen, hob ihn
auf, stolperte, erholte sich wieder und verschwand in gutem Trab jenseits der
moosverwachsenen Stämme.
    »O Kind der Welt, das in Finsternis wandelt«, schalt die Klausnerin herab,
»was soll die Bewegung deiner Hand?«
    »Ein Scherz ...«, sprach Praxedis unbefangen.
    »Eine Sünde!« rief Wiborad mit rauher Stimme. Praxedis erschrak.
    »O Teufelswerk und Verblendung!« fuhr jene predigend fort. »Da lasset Ihr
Eure Augen listig herumstreifen, bis sie dem Manne als wie ein Blitz ins Herz
fahren, und werft ihm eine Kusshand zu, als wenn das nichts wäre. Ist das nichts,
wenn einer rückwärts schaut, der vorwärts schauen sollte? Wer die Hand an den
Pflug zu legen hat und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes
42! Ein Scherz?! O reichet mir YsopA2, Euch zu entsündigen, und Schnee, Euch
rein zu waschen!«
    »Daran hab' ich nicht gedacht«, sprach Praxedis errötend.
    »Ihr denkt noch an vieles nicht«, sprach Wiborad. Sie schaute Praxedis mit
einem musternden Blick von oben bis unten an. »Ihr denkt auch nicht, dass Ihr
heut ein grüngelb Gewand traget, und dass solch herausfordernde Farbe
weltabgewandten Augen ein Greuel ist, und dass Ihr den Gürtel so lose und
nachlässig drum geschlungen habet, als wäret Ihr eine landfahrende Tänzerin.
Wachet und betet!«
    Die Klausnerin verschwand eine Weile, dann kehrte sie zurück und reichte
einen grobgedrehten Strick heraus. »Du dauerst mich, arme Lachtaube«, sprach
sie. »Reiss ab die seidegestickte Umwindung und empfah' hier den Gürtel der
Entsagung aus Wiborads Händen; der soll dir eine Mahnung sein, dass du unnützem
Schwatzen und Tun den Abschied gebest. Kommt aber wieder eine Versuchung eitlen
Herzens über dich, Wächtern Kusshände zuzuwerfen, so wende dein Haupt gen
Sonnenaufgang und singe den Psalm: Herr, zu meinem Beistand eile herbei! - und
will auch dann der Friede nicht bei dir einkehren, so brenn' ein Wachslicht an
und halt' den Zeigefinger über die Flamme, so wirst du sicher sein zur Stunde43.
Das Feuer heilt das Feuer.«
    Praxedis schlug die Augen nieder.
    »Eure Worte sind bitter«, sprach sie.
    »Bitter!« rief die Klausnerin, »gelobt sei der Herr, dass auf meinen Lippen
kein süsser Schmack wohnt! Der Mund der Heiligen muss bitter sein. Da Pachomius in
der Wüste sass, trat der Engel des Herrn zu ihm und brach die Blätter des
Lorbeerbaums und schrieb die Worte des Gebets drauf und gab sie dem Pachomius
und sprach: Verschling' die Blätter; sie werden schmecken in deinem Mund wie
Galle, aber dein Herz wird erfüllt werden vom Überschwall wahrer Weisheit. Und
Pachomius nahm die Blätter und ass sie, und von Stund' an blieb sein Mund bitter,
sein Herz aber füllte sich mit Süsse und er pries den Herrn44.«
    Praxedis schwieg. Es blieb eine Zeitlang still. Die andern Frauen der
Herzogin waren nicht mehr zu sehen. Wie die Klausnerin ihren Gürtel
herausreichte, hatten sie einand mit dem Ellbogen angestossen und waren leise um
das Häuslein geschlichen. Sie pflückten einen grossen Strauss Heidekraut und
Herbstblumen im Walde und kicherten dazu.
    »Wollen wir auch einen solchen Gürtel umlegen?« sprach die eine.
    »Wenn die Sonne schwarz aufgeht«, sprach die andere.
    Praxedis hatte den Strick ins Gras gelegt. »Ich will Euch Eures Gürtels
nicht berauben«, sprach sie jetzt schüchtern zum Fenster der Zelle hinauf.
    »O harmlos Gemüt«, sprach Wiborad, »der Gürtel, den wir tragen, ist kein
Kinderspiel wie der, den ich dir reichte; der Gürtel Wiborads ist ein eiserner
Reif mit stumpfen Stacheln und klirrt wie eine Kette und schneidet ein; - deine
Augen erschauerten seines Anblicks45.«
    Praxedis schaute nach dem Wald, als wolle sie spähen, ob Romeias nicht bald
zurückkehre. Die Klausnerin mochte bemerken, dass es ihrem Gast nicht allzu
behaglich war, sie reichte ein Brett aus ihrem Fensterlein, drauf war ein halb
Dutzend rotgrüner Äpfel gelegt.
    »Wird dir die Zeit lang, Tochter der Welt?« sprach sie. »Greif' zu, wenn die
Worte des Heils dich nicht sättigen. Backwerk und Süssigkeiten hab' ich nicht,
aber auch diese Äpfel gefallen dem Herrn wohl, sie sind die Speise der Armen.«
    Die Griechin wusste, was der Anstand erheischt. Aber es waren Holzäpfel. Wie
sie den ersten zur Hälfte verzehrt, verzog sich ihr anmutiger Mund, und
unfreiwillige Tränen perlten in den Augen.
    »Wie schmecken sie?« rief die Klausnerin. Da tat Praxedis, als ob des Apfels
Rest zufällig ihrer Hand entfalle: »Wenn der Schöpfer allen solche Herbigkeit
anerschaffen, so hätte Eva nimmermehr vom Apfel gekostet«, sprach sie mit
sauersüssem Lächeln.
    Wiborad war beleidigt. »Gut!« erwiderte sie, »dass du der Eva Angedenken
nicht erlöschen lässest. Die hat denselben Geschmack gehabt wie du, drum ist
auch die Sünde in die Welt gekommen46.«
    Die Griechin blickte nach dem Himmel. Aber nicht aus Rührung. Ein Falke
kreiste einsam über Wiborads Zelle. »O könnt' ich mit dir über den Bodensee
fliegen«, dachte sie. Dann wiegte sie schalkhaft ihr Haupt.
    »Wie muss ich's anfangen«, fragte sie, »dass ich vollkommen werde wie Ihr?«
    »Der Welt gründlich entsagen«, antwortete Wiborad, »ist eine Gnade von oben;
der Mensch kann sich's nicht geben. Fasten, Quellwasser trinken, das Fleisch
abtöten, Psalmen beten, das all sind nur Vorbereitungen. Das Wichtigste ist ein
guter Schutzheiliger. Wir Frauen sind ein zerbrechlich Volk, aber eindringlich
Gebet ruft die Streiter Gottes an unsere Seite, die helfen. Schau her ans kleine
Fenster, da steht er oft in nächtlicher Stille, der Erlesene meiner Gedanken,
der tapfere Bischof Martinus, und hält Schild und Lanze wider die anstürmenden
Teufel; ein blauer Strahlenkranz geht von seinem Haupte aus, es zuckt durchs
Dunkel wie Wetterleuchten, wenn er naht, und grunzend entfliehen die Dämonen.
Und wenn der Kampf geendet, dann pflegt er gar traulichen Zwiespruch; ich klag'
ihm, was das Herz bedrängt, all die Not, die ich mit den Nachbarinnen habe, und
alles Leid, das mir die Klosterleute zufügen, und der Heilige nickt und
schüttelt die wallenden Locken und nimmt alles mit sich himmelaufwärts und teilt
es seinem Freund, dem Erzengel Michael, mit, der hat jeden Montag die Wache am
Tron Gott Vaters47, so kommt's an den rechten Ort, und Wiborad, die Letzte der
Letzten im Dienste des Hochtronenden, ist nicht vergessen ...«
    »Da will ich den heiligen Martinus auch zu meinem Schutzpatron erwählen«,
sprach Praxedis. Aber darauf hatte Wiborads Lobspruch nicht gezielt. Sie warf
einen verächtlich eifersüchtigen Blick auf die roten Wangen der Griechin: »Der
Herr verzeih' Euch Eure Anmassung«, sprach sie mit gefalteten Händen; - »glaubt
Ihr, das ist mit einem leichtfertigen Wort und mit einem glatten Gesicht getan?
Unerhört! Viel lange Jahre hab' ich gerungen und die Falten der Askesis wie
Narben auf der Stirn getragen und war noch nicht von ihm begnadigt, dass er mir
nur einen Blick zuwarf. Es ist ein fürnehmer Heiliger und ein tapferer
Kriegsmann vor dem Herrn, der schaut nur auf erprobte Streiterinnen.«
    »Er wird mein Gebet nicht gröblich abweisen«, warf Praxedis ein.
    »Ihr sollt aber nicht zu ihm beten«, rief Wiborad zornig, »Ihr dürft nicht
zu ihm beten. Was hat er mit Euch zu schaffen? Für Euresgleichen sind andere
Schutzheilige. Ich will Euch einen sagen. Nehmt Ihr den frommen Vater Pachomius
zum Patron.«
    »Den kenn' ich nicht«, sagte Praxedis.
    »Schlimm genug, so lern' ihn jetzt kennen. Der war ein ehrwürdiger Einsiedel
in der tebaischen Wüste, ass Wurzeln und Heuschrecken und war so fromm, dass er
schon bei Lebzeiten die Harmonie der Sphären und Planeten erklingen hörte, und
sprach oft: Wenn alle Menschen das hören könnten, was meine Ohren zu hören
gewürdigt sind, sie liessen Haus und Hof, und wer den rechten Schuh angezogen,
liesse den linken und liefe in Orient. In Alexandria aber war eine Maid, die hiess
Taïs, und niemand wusste, was unendlicher an ihr, die Schönheit oder der
Leichtsinn. Da sprach Pachomius: Eine solche ist dem ganzen Land Ägypten eine
Plage, und machte sich auf, schnitt seinen Bart, salbte sich und bestieg sein
Krokodil, das er durch Kraft des Gebets dienstbar gemacht; das trug ihn auf
schuppigem Rücken den Nil hinab, und er ging zu ihr, als wär' er ein Liebhaber.
Seinen grossen Palmstock hatte er auch mitgenommen und erschütterte das Herz der
Sünderin dermassen, dass sie ihre Seidengewande verbrannte und ihren Schmuck dazu
und dem Pachomius folgte wie ein Zicklein dem Hirten. Und er schloss sie in ein
Felsengrab ein, daran liess er nur ein klein Fenster und unterwies sie im Gebet,
und nach fünf Jahren war der Taïs Läuterung zu Ende und vier Engel trugen ihre
Seele gerettet gen Himmel48.«
    Aber Praxedis war nicht sehr auferbaut. Der alte Wüstenvater mit seinem
struppigen Bart und den bittern Lippen ist ihr nicht vornehm genug: da soll ich
mit ihm vorliebnehmen, dachte sie. Sie wagte nicht, es auszusprechen.
    Jetzt tönte die Vesperglocke vom Kloster durch den Tannenwald herauf. Da
trat die Klausnerin vom Fenster ab und schloss ihren Laden. Dumpfes Psalmbeten
ward drinnen hörbar, untermischt mit einem Geräusch wie von niederfallenden
Streichen. Sie geisselte sich.
    Inzwischen hatte Romeias im fernen Gehölz das Gejaid begonnen und warf
seinen Spiess; aber er hatte einen Eichstrunk für ein Rehlein angesehen. Zürnend
zog er sein Geschoss aus dem widerstrebenden Holz, - es war das erstemal in
seinem Leben, dass ihm solches vorkam.
    Vor Wiborads Klause war's lange still. Dann tönte ihre Stimme wieder, aber
wie verwandelt, mit klangvoller Leidenschaft: »Steig' hernieder, heiliger
Martinus, tapferer Kriegstribun, du meine Trösteinsamkeit, Stern im Dunkel der
Zeit! steig' hernieder, meine Seele ist gerüstet, dich zu erschauen, meine Augen
dürsten nach dir49.«
    Und wieder war's still auf dem Plan - da schreckte Praxedis zusammen. Ein
dumpfer Schrei klang in der Zelle auf. Sie sprang ans Fenster und schaute
hinein: die Klausnerin war in die Kniee gesunken, die Arme hoch erhoben, ihr
Auge gläsern starrend. Neben ihr lag die Geissel, das Werkzeug der Busse.
    »Um Gottes willen!« rief Praxedis, »was ist Euch?«
    Wiborad fuhr empor und presste der Griechin Hand krampfhaft. »Menschenkind«,
sprach sie mit gebrochenem Ton, »die du Wiborads Schmerzen zu sehen gewürdigt
bist, klopf' an deine Brust, es ist ein Zeichen geschehen. Ausgeblieben ist der
Erwählte meiner Gedanken, er zürnt, dass sein Name von unheiligen Lippen entweiht
ward, aber der heilige Gallus ist dem Aug' meiner Seele erschienen, er, der noch
niemals Einkehr hier genommen - und sein Antlitz war das eines Dulders und sein
Gewand zerrissen und brandig. Seinem Kloster droht ein Unheil. Wir müssen eine
Fürbitte tun, dass seine Jünger nicht straucheln auf dem Pfad der Gerechten.«
    Sie beugte sich aus dem schmalen Fenster und rief zur nachbarlichen Klause
hinüber: »Schwester Wendelgard!«
    Da schob sich drüben das Lädlein zurück, ein ältlich Antlitz erschien, das
war die brave Frau Wendelgard, die dort um ihren Ehegemahl trauerte, der vom
letzten Heereszug nimmer heimgekommen.
    »Schwester Wendelgard«, sprach Wiborad, »lass uns dreimal singen den Psalm:
Sei mir gnädig, o Gott, nach deiner Huld.«
    Aber die Schwester Wendelgard hatte just mit träumender Sehnsucht ihres
Eheherrn gedacht; sie wusste in festem Gottvertrauen, dass er dereinst noch
heimkehren werde aus der Hunnen Landen, und hätte am liebsten jetzt schon die
Pforte ihrer Klause eingetreten, hinauszuschreiten in die wehende Luft, ihm
entgegen.
    »Es ist nicht die Stunde des Psallierens«, rief sie hinüber.
    »Desto lieblicher klingt freiwillige Andacht zum Himmel empor«, sprach
Wiborad. Und sie intonierte mit rauher Stimme den Psalm. Aber die Antwort blieb
aus. »Was stimmst du nicht in Davids Schallgesang?«
    »Ich mag nicht«, war Wendelgards einfache Antwort. Es war ihr in
langjährigem Klausnertum allmählich schwül geworden. Viel tausend Psalmen hatte
sie auf Wiborads Geheiss gesungen, dass der heilige Martinus ihren Ehegespons
heraushaue aus der Feinde Gewalt, aber die Sonne ging auf, die Sonne ging nieder
- noch immer blieb er aus. Und die hagere Nachbarin mit ihren Phantasmen war ihr
verleidet.
    Wiborad aber wandte ihre Augen unverrückt dem Himmel zu, gleich einem, der
am hellen Tage einen Kometen zu entdecken gedenkt: »O Gefäss voll Ungehorsam und
Bosheit«, rief sie, »ich will für dich beten, dass die bösen Geister von dir
gebannet werden. Dein Aug' ist blind, dein Sinn ist wirr.«
    Doch ruhig antwortete die Gescholtene: »Richtet nicht, auf dass auch ihr
nicht gerichtet werdet. Mein Aug' ist noch so scharf wie vor Jahresfrist, da es
Euch in mondumglänzter Nacht erschauen konnte, wie Ihr aus dem Fenster der
Klause stieget und hinausgewandelt seid, Gott weiss wohin, - und mein Sinn erwägt
noch wohl, ob Psalmengesang aus solchem Munde ein Wunder zu wirken imstande.«
    Da verzog sich Wiborads bleiches Antlitz, als ob sie auf einen Kieselstein
gebissen hätte. »Weh dir, Teufelgeblendete!« schrie sie, ein Schwall scheltender
Reden entströmte ihren Lippen; die Nachbarin blieb keine Antwort schuldig,
schneller und schneller kam Wort auf Wort geflogen, verschlang sich, verwirrte
sich; von den Felswänden klang unharmonischer Widerhall drein und schreckte ein
Käuzleinpaar auf, das dort in den Spalten horstete und scharf krächzend von
dannen flatterte ... am Portal des Münsters zu Worms, da die Königinnen einander
schalten, ging's sänftlicher zu als jetzo.
    Mit stummem Erstaunen horchte Praxedis dem Lärm; gern wäre sie
beschwichtigend dazwischen getreten, aber Sanftes taugt nicht, um Schneidiges zu
trennen.
    Da tönte vergnüglicher Schall des Hiftorns vom Walde her und kläffendes
Rüdengebell; langsam kam des Romeias hohe Gestalt geschritten. Das zweitemal, da
er den Spiess geworfen, war's kein Baumstrunk, sondern ein stattlicher Zehnender;
der Hirsch hing ihm auf dem Rücken, sechs lebende Hasen, die der Klostermeier
von Tablatt in Schlingen gefangen, trug er gefestigt am Gürtel.
    Und wie der Weidmann die Klausnerinnen erschaute, freute sich sein Herz;
kein Wörtchen sprach er, wohl aber löste er der lebenden Häslein zwei ihrer
Bande; einen in der Rechten, einen in der Linken schwingend, warf er sie so
sicher durch die engen Klausfenster der Streitenden, dass Wiborad, vom weichen
Fell elektrisch am Haupte berührt, mit lautem Aufschrei zurückfuhr. Der braven
Wendelgard hatte sich in währender Hitze des Zwiespruchs der schwarze Habit
gelöst, der Hase fuhr ihr so plötzlich zwischen Hals und Kapuze und verfing sich
in der Gewandung und suchte einen Ausweg und wusste nicht wohin, dass auch sie ein
jäher Schreck überfiel. Da stellten beide die Scheltung ein, die Fensterläden
schlossen sich, ruhig ward's auf dem Hügel50.
    »Wir wollen heim«, spach Romeias zur Griechin, »es will Abend werden.«
Praxedis war weder vom Gezänk noch von Romeias' Friedestiftung so auferbaut, dass
sie länger zu bleiben gewünscht hätte. Ihre Begleiterinnen hatten bereits auf
eigene Faust den Rückzug angetreten.
    »Die Hasen gelten bei Euch nicht viel«, sprach sie zum Wächter, »dass Ihr sie
so grob in die Welt hinauswerfet.«
    »Nicht viel«, lachte Romeias, »doch wär' das Geschenk eines Dankes wert.«
    Zu selber Zeit hob sich die Dachluke an Wiborads Zelle, die hagere Gestalt
ward zur Hälfte sichtbar, ein mässiger Feldstein flog über Romeias Haupt hin, er
traf ihn nicht. Das war der Dank für den Hasen.
    Man ersieht daraus, dass die Formen geselligen Verkehrs mannigfach von den
heutigen verschieden waren.
    Praxedis sprach ihr Befremden aus.
    »So etwas kommt alle paar Wochen einmal vor«, erwiderte Romeias. »Mässiger
Geifer und Zorn schafft alten Einsiedlerinnen neue Lebenskraft; es ist ein gut
Werk, zu Erregung derselben beizutragen.«
    »Aber sie ist eine Heilige«, sagte Praxedis scheu.
    Da brummte Romeias in Bart. »Sie soll froh sein«, sprach er, »wenn sie's
ist. Ich will ihr das Fell ihrer Heiligkeit nicht abziehen51. Aber seit ich in
Konstanz meiner Mutter Schwester besucht, hab' ich allerhand erfahren, was mir
nicht grün aussieht. Es ist dort noch nicht vergessen, wie sie vor des Bischofs
Gericht sich verantworten musste wegen dem und jenem, was mich nichts angeht, und
die Konstanzer Kaufleute erzählen, ohne dass man sie fragt, wie ihnen die
Klausnerinnen am Münster das Almosengeld, das fromme Pilgrime zutrugen, gegen
Wucherzins ausgeliehen52. Was kann ich dafür, dass mir schon in Knabenzeit im
Steinbruch ein seltsam grosser Kiesel in die Hände kam? Wie ich den aufgehämmert,
sass eine Kröte drin und machte verwunderte Augen. Seitdem weiss ich, was eine
Klausnerin ist. Schnipp, schnapp - trari, trara!«
    Romeias geleitete seine neue Freundin zur Pforte des ausser Klosterbann
gelegenen Hauses, das zu ihrer Herbergung bestimmt war. Dort standen die
Dienerinnen, der Strauss Waldblumen, den sie gepflückt, lag auf dem Steintisch am
Eingang.
    »Wir müssen Abschied nehmen«, sagte der Wächter.
    »Lebt wohl«, sprach Praxedis.
    Da ging er. Nach dreissig Schritten schaute er scharf zurück. Aber zweimal
geht die Sonne an einem Tage nicht auf, am wenigsten für einen Wächter am
Klostertor. Es ward ihm keine Kusshand mehr zugeworfen. Praxedis war ins Haus
gegangen.
    Da wandelte Romeias langsam zurück, griff, ohne anzufragen, den Blumenstrauss
vom Steintisch und zog ab. Den Hirsch und die vier Hasen lieferte er der
Klosterküche. Dann bezog er seine Wächterstube, nagelte den Strauss an die Wand
und malte mit Kohle ein Herz dazu, das hatte zwei Augen und einen langen Strich
als Nase und einen Querstrich als Mund.
    Der Klosterschüler Burkard kam herauf, mit ihm zu spielen. Den fasste er mit
gewaltiger Hand, reichte ihm die Kohle, stellte ihn vor die Wand und sprach:
»Schreib den Namen drunter!«
    »Was für einen Namen?« frug der Knabe.
    »Ihren!« sprach Romeias.
    »Was weiss ich von ihr und ihrem Namen«, sagte der Klosterschüler
verdriesslich.
    »Da sieht man's wieder«, brummte Romeias, »wozu das Studieren gut ist! Sitzt
der Bub' jeden Tag acht Stunden hinter seinen Eselshäuten und weiss nicht einmal,
wie ein fremdes Frauenzimmer heisst! ...«
 
                                    Fussnoten
A1 Kleines Haus, Gemach.
A2 Pflanze, zur Reinigung dienend (nach 3. Mos. 14, 52).
 
                                Viertes Kapitel.
                                  Im Kloster.
Frau Hadwig hatte inzwischen am Grab des heiligen Gallus ihre Andacht
verrichtet. Dann gedachte der Abt, ihr einen Gang im schattigen Klostergarten
vorzuschlagen; aber sie bat, ihr zuvörderst den Kirchenschatz zu zeigen. Der
Frauen Gemüt, wie hoch es auch genaturt sein mag, erfreut sich allzeit an
Schmuck, Zierat und prächtiger Gewandung. Da wollte der Abt mit einiger Ausrede
ihren Sinn ablenken, vermeinend, sie seien nur ein arm Klösterlein und seine
Base werde auf ihren Fahrten im Reich und am Kaiserhof schon Preiswürdigeres
erschaut haben: es half ihm nicht.
    Sie traten in die Sakristei.
    Er liess die gebräunten Schränke öffnen, da war viel zu bewundern an
purpurnen Messgewändern, an Priesterkleidern mit Stickerei und gewirkten
Darstellungen aus heiliger Geschichte. War auch manches darauf abgebildet, was
noch nahe an römisches Heidentum anstreifte, zum Beispiel die Hochzeit des
Merkurius mit der PhilologieA1.
    Hernach wurden die Truhen aufgeschlossen, da glänzte es vom Schein edler
Metalle, silberne Ampeln gleissten herfür und Kronen, Streifen getriebenen Goldes
zur Einfassung der Evangelienbücher und der Altarverzierung53; Mönche des
Klosters hatten sie, ums Knie gebunden, aus welschen Landen über unsichere
Alpenpfade sicher eingebracht; - köstliche Gefässe in seltsamen Formen, Leuchter
in Delphinengestalt, säulengetragene Schalen, Leuchttürmen gleich,
Weihrauchbehälter und viel anderes - ein reicher Schatz. Auch ein Kelch von
Bernstein war dabei54, der schimmerte lieblich, so man ihn ans Licht hielt; am
Rand war ein Stück ausgebrochen.
    »Als mein Vorgänger Hartmut am Sterben lag«, sprach der Abt, »ward's
gepulvert und ihm mit Wein und Honig eingegeben, das Fieber zu stillen.«
    Mitten im Bernstein sass ein Mücklein, so fein erhalten, als wär's erst
neulich hereingeflogen, und hat sich dies Insekt, wie es in vorgeschichtlichen
Zeiten vergnüglich auf seinem Grashalm sass und vom zähflüssigen Erdharz
überströmt ward, auch nicht träumen lassen, dass es in solcher Weise auf die
Nachwelt übergehen werde.
    Auf derlei stummes Zeugnis wirkender Naturkraft ward aber damals kein
aufmerkend Auge gerichtet; wenigstens war der Kämmerer Spazzo, der ebenfalls mit
Sorgfalt alles musterte, mit andern Dingen beschäftigt. Er dachte, um wieviel
ergötzlicher es sein möcht', mit diesen frommen Männern in Fehde zu liegen und,
statt als Gastfreund einzureiten, Platz und Schatz mit stürmender Hand zu
nehmen. Und weil er schon manchen Umschlag vornehmer Freundschaft erlebt,
bereitete er sein Gemüt auf diese Möglichkeit, fasste den Eingang der Sakristei
genau ins Aug' und murmelte: »Also vom Chor die erste Pforte zur Rechten!«
    Der Abt mochte auch der Ansicht sein, dass lang' fortgesetzter Anblick von
Gold und Silber Hunger nach Besitz errege; er liess die letzte Truhe, welche der
Kostbarkeiten vorzüglichste barg, nicht mehr erschliessen und drängte, dass sie
ins Freie kamen.
    Sie lenkten ihre Schritte zum Klostergarten. Der war weitschichtig angelegt
und trug an Kraut und Gemüse viel nach Bedarf der Küche; zudem auch nützliches
Arzneigewächs und heilbringende Wurzeln.
    Beim Baumgarten war ein grosser Raum abgeteilt für wild Getier und Gevögel,
wie solches teils in den nahen Alpen hauste, teils als Geschenk fremder Gäste
dem Garten verehrt war55.
    Da erfreute sich Frau Hadwig am ungeschlachten Wesen der Bären: in
närrischen Sprüngen kletterten sie am Baum ihres Twingers auf und nieder;
daneben erging sich ein kurznasiger Affe, der mit einer Meerkatze zusammen an
einer Kette durchs Leben tollte, - zwei Geschöpfe, von denen ein Dichter
damaliger Zeit sagt, dass weder das eine noch das andere eine Spur nutzbringender
Anlage als Berechtigungsgrund seines Vorhandenseins aufzuweisen vermöge56.
    Ein alter Steinbock stund in seines Raumes Enge, der Sohn der Hochalpe
senkte sein Haupt, still und geduckt; seit er die schneidige Luft der Gletscher
entbehren musste, war er blind geworden, denn nicht jedweder gedeiht in den
Niederungen der Menschen.
    In anderem Behältnis waren dickhäutige Dachse angebaut; der böse Sindolt
lachte, wie sie vorüberkamen: »Sei gegrüsst, du kleines, niederträchtig Getier«,
sprach er, »du erlesen Wildbret der Klosterknechte!«
    Wieder anderswo pfiff es durchdringend. Ein Rudel Murmeltiere lief den
Ritzen zwischen den künstlich geschichteten Felsen zu. Frau Hadwig hatte solch
kurzweilig Geschöpf noch nicht erschaut. Da erklärte ihr der Abt deren
Lebensart:
    »Die schlafen mehr als jede andere Kreatur«, sprach er; »auch wenn sie
wachen, mögen sie ohne Phantasieren nicht sein, und so der Winter herzustreicht,
lesen sie allentalb Halm und Heu zusammen, und eines von ihnen legt sich auf
den Rücken, richtet die vier Füsse ob sich, die andern legen auf es alles, so sie
zusammengeraspelt haben, nehmen es danach beim Schweif und ziehen's wie einen
geladenen Frachtwagen zu ihrer Höhle57.«
    Da sprach Sindolt zum dicken Kämmerer Spazzo: »Wie schade, dass Ihr keine
Bergmaus geworden, das wär' eine anmutige Verrichtung für Euch!«
    Wie der Abt sich abgewendet, hub der böse Sindolt eine neue Art der
Erklärung an: »Das ist unser Tutilo!« sprach er und deutete auf einen Bären, der
soeben seinen Nebenbär rücklings zu Boden geworfen, - »das der blinde Tieto!«
er deutete auf den Steinbock; eben wollte er auch seinem Abte die Ehre einer
nicht schmeichelhaften Vergleichung erweisen, da fiel ihm die Herzogin in die
Rede: »Wenn Ihr alles zu vergleichen wisset, habt Ihr auch für mich ein
Sinnbild?«
    Sindolt ward verlegen. Zum guten Glück stand bei den Kranichen und Reihern
ein schmucker Silberfasan und wiegte sein perlgrau glänzend Gefieder im
Sonnenschein.
    »Dort!« sprach Sindolt.
    Aber die Herzogin wandte sich zu Ekkehard, der träumerisch in das Gewimmel
der Tierwelt schaute: »Einverstanden?« frug sie. Er fuhr auf: »O Herrin«, sprach
er mit weicher Stimme, »wer ist so vermessen, unter dem, was da kreucht und
fleucht, ein Sinnbild für Euch zu suchen?«
    »Wenn Wir's aber verlangen ...«
    »Dann weiss ich nur einen Vogel«, sprach Ekkehard, »wir haben ihn nicht und
niemand hat ihn; in klaren Mitternächten fliegt er hoch zu unsern Häuptern und
streift mit den Schwingen den Himmel. Der Vogel heisst Caradrion; wenn seine
Fittiche sich zur Erde senken, soll ein siecher Mann genesen: da kehret sich der
Vogel zu dem Manne und tut seinen Schnabel über des Mannes Mund, nimmt des
Mannes Unkraft an sich und fährt auf zur Sonne und läutert sich im ew'gen Licht:
da ist der Mann gerettet58.«
    Der Abt kam wieder herbei und unterbrach weitere Sinnreden. Auf einem
Apfelbaum sass ein dienender Bruder, pflückte die Äpfel und sammelte sie in
Körbe. Wie sich die Herzogin zum Schatten der Bäume wandte, wollte er
herniedersteigen, aber sie winkte ihm, zu bleiben. Jetzt ertönte es wie Gesang
zarter Knabenstimmen in des Gartens Niederung: die Zöglinge der innern
Klosterschule kamen heran, der Herzogin ihre Huldigung zu bringen; blutjunge
Bürschlein, trugen sie bereits die Kutte, und mancher hatte die Tonsur aufs
eilfjährige Haupt geschoren. Wie sie aber in Prozession daherzogen, die
rotbackigen Äbtlein der Zukunft, geführt von ihren Lehrern, den Blick zur Erde
niedergeschlagen, und wie sie so ernst und langsam ihre Sequenzen sangen: da
flog ein leiser Spott über Frau Hadwigs Antlitz, mit starkem Fuss stiess sie den
nahestehenden Korb um, dass die Äpfel lustig unter den Zug der Schüler rollten
und an ihren Kapuzen emporsprangen. Aber unbeirrt zogen sie ihres Weges; nur der
kleinsten einer wollte sich bücken nach der lockenden Frucht, doch streng hielt
ihn sein Nebenmännlein am Gürtel59.
    Wohlgefällig sah der Abt die Haltung des jungen Volkes und sprach:
»Disziplin unterscheidet den Menschen vom Tier60! und wenn Ihr der Hesperiden
Äpfel unter sie werfen wolltet, sie blieben fest.«
    Frau Hadwig war gerührt. »Sind alle Eure Schüler so gut gezogen?« frug sie.
    »So Ihr Euch überzeugen wollt«, sprach der Abt, »die grossen in der äusseren
Schule wissen nicht minder, was Zucht und Gehorsam ist.«
    Die Herzogin nickte. Da führte sie der Abt zur äussern Klosterschule, wo
zumeist vornehmer Laien Söhne und diejenigen erzogen wurden, die sich
weltgeistlichem Stand widmen wollten.
    Sie traten in die Klasse der Ältesten ein. Auf der Lehrkanzel stand Ratpert,
der Vielgelehrte, und unterwies seine Jugend im Verständnis von Aristoteles'
»Logica«. Geduckt sassen die Schüler über ihren Pergamenten, kaum wandten sich
die Häupter nach den Eingetretenen. Der Lehrmeister gedachte Ehre einzulegen.
»Notker Labeo!« rief er. Der war die Perle seiner Schüler, die Hoffnung der
Wissenschaft; auf schmächtigem Körper ein mächtiges Haupt, dran eine gewaltige
Unterlippe kritisch in die Welt hervorragte, das Wahrzeichen strenger Ausdauer
auf den steinigen Pfaden des Forschens und Ursache seines Übernamens.
    »Der wird brav«, flüsterte der Abt, »die ganze Welt sei ein Buch, hat er
schon im zwölften Jahre gesagt, und die Klöster die klassischen Stellen drin61.«
    Der Aufgerufene liess seine klugen Äuglein über den griechischen Text
hingleiten und übersetzte mit gewichtigem Ernst den stagiritischen Tiefsinn:
    »... Findest du an einem Holze oder Steine einen als Linie laufenden Strich,
der ist der eben liegenden Teile so gemeine March. Spaltet sich an dem Striche
der Stein oder das Holz entzwei, so sehen wir strichweise zwei Durchschnitte an
dem sichtbaren Spalte, die vorher nur ein Strich und Linie waren. Und überdies
sehen wir zwo neue Oberflächen, die also breit sind, als dick der Körper war, da
man vor die neue Oberfläche nicht sah. Darum erhellet, dass dieser Körper vorhin
zusammenhängend war62.«
    Aber wie dieser Begriff des Zusammenhängenden glücklich herausgeklaubt war,
streckten etliche der jungen Logiker die Köpfe zusammen und flüsterten und
flüsterten lauter, - selbst der Klosterschüler Hepidan, der unbeirrt von Notkers
trefflicher Verdeutschung seine ganze Mühe aufwandte, einen Teufel mit doppeltem
Flügelpaar und Ringelschwanz in die Bank einzuschneiden, stellte seine Arbeit
ein ... jetzt wandte der Lehrmeister sich an den Folgenden: »Wie wird aber die
Oberfläche eine gemeine March?« Da las der seinen griechischen Text, aber die
Bewegung in den Schulbänken ward stärker, es summte und brummte wie ferne
Sturmglocken, zur Übersetzung kam's nicht mehr, plötzlich stürmten die Zöglinge
Ratperts lärmend vor, sie stürmten auf die Herzogin ein, rissen sie von des Abts
und ihres Kämmerers Seite: »Gefangen! gefangen!« schrie die holde Jugend und
begann sich mit den Schulbänken zu verschanzen: »Gefangen! wir haben die
Herzogin in Schwaben gefangen! Was soll ihr Lösegeld sein?«
    Frau Hadwig hatte sich schon in mancherlei Lebenslagen befunden. Dass sie als
Gefangene unter Schulknaben fallen könne, war ihr noch nicht zu Sinn gekommen.
Weil die Sache neu war, hatte sie Reiz für sie; sie fügte sich.
    Ratpert, der Lehrmeister, holte aus seinem Holzverschlag eine mächtige Rute
hervor, schwang sie dräuend zur Umkehr und rief, ein zweiter Neptunus, die
virgilischen VerseA2 ins Getümmel:
»So weit hat das Vertrauen auf euer Geschlecht euch verleitet?
Himmel und Erde sogar, ohn' alles Geheiss von mir selber,
Wagt ihr zu mischen, ihr Winde, und solchen Tumult zu erheben?!
Quos ego!!«
    Erneuter Halloruf war die Antwort. Schon war der Saal durch Schulbänke und
Schemel abgesperrt. Herr Spazzo überlegte den Gedanken eines Sturms und
kräftiger Faustschläge an die Haupträdelsführer. Der Abt war sprachlos, die
Keckheit war ihm lähmend in die Glieder gefahren.
    Die hohe Gefangene stand am andern Ende des Hörsaals in einer Fensternische,
umringt von ihren fünfzehnjährigen Entführern.
    »Was soll das alles, ihr schlimmen Knaben?« frug sie lächelnd.
    Da trat einer der Aufrührer vor, beugte sein Knie und sprach demütig: »Wer
als Fremder kommt, ist sonder Schutz und Friede, und friedlose Leute hält man
gefangen, bis sie sich der Unfreiheit lösen63.«
    »Lernt ihr das auch aus euern griechischen Büchern?«
    »Nein, Herrin, das ist deutscher Brauch.«
    »So will ich mich denn auslösen«, lachte Frau Hadwig, erfasste den
rotwangigen Logiker und zog ihn zu sich heran, ihn zu küssen; der aber riss sich
von ihr los, sprang in den Kreis der lärmenden Genossen und rief:
    »Die Münze kennen wir nicht!«
    »Was heischet ihr denn für ein Lösegeld?« fragte die Herzogin. Sie war der
Ungeduld nahe.
    »Der Bischof Salomo von Konstanz war auch unser Gefangener«, sprach der
Schüler, »der hat uns drei weitere Vakanztage erwirkt im Jahre und eine
Rekreation an Fleisch und Brot, und hat's in seinem Testament gebrieft und
angewiesen64.«
    »O nimmersatte Jugend!« sprach Frau Hadwig, »so muss ich's zum mindesten dem
Bischof gleichtun. Habt ihr schon Felchen aus dem Bodensee verspeist?«
    »Nein!« riefen die Jungen.
    »So sollt ihr jährlich sechs Felchen zum Angedenken an mich erhalten. Der
Fisch ist gut für junge Schnäbel.«
    »Gebt Ihr's mit Brief und Siegel?«
    »Wenn's sein muss!«
    »Langes Leben der Frau Herzogin in Schwaben! Heil ihr!« rief's von allen
Seiten, »Heil, sie ist frei!« Die Schulbänke wurden in Ordnung gestellt, der
Ausgang gelichtet, springend und jubelnd geleiteten sie die Gefangene zurück. Im
Hintergrund flogen die Pergamentblätter der »Logica« als Freudenzeichen in die
Höhe, selbst Notker Labeos Mundwinkel neigten sich zu einem gröblichen Lachen,
und Frau Hadwig sprach: »Sie waren recht huldvoll, die jungen Herren; wollet die
Rute wieder in Verschlag tun, Herr Professor!«
    An ein Weitererklären des Aristoteles war heut nicht mehr zu denken. Ob die
Ausgelassenheit der Schüler nicht in nahem Zusammenhang mit ihrem Studium der
Logik stand? Der Ernst ist oftmals ein gar zu dürrer, blattloser, hohler Stamm,
sonst hätt' die Torheit nicht Raum, ihn üppig grün zu umranken ...
    Wie die Herzogin mit dem Abt den Hörsaal verlassen, sprach dieser: »Es
übrigt noch, Euch des Klosters Bücherei zu zeigen, die Arzneikammer
lernbegieriger Seelen, das Zeughaus für die Waffen des Wissens.« Aber Frau
Hadwig war ermüdet, sie dankte. »Ich muss mein Wort halten«, sprach sie, »und die
Schenkung an Eure Schulknaben urkundlich machen. Wollet die Handfeste aufsetzen
lassen, dass wir sie mit Unterschrift und Sigill versehen.«
    Herr Cralo führte seinen Gast nach seinen Gemächern. Den Kreuzgang entlang
wandelnd, kamen sie an einem Gelass vorüber, des Türe war offen. An kahler Wand
stand eine niedere Säule, von der in halber Mannshöhe eine Kette niederhing.
Über dem Portal war in verblassten Farben eine Gestalt gemalt, sie hielt in
magern Fingern eine Rute. »Wen der Herr lieb hat, züchtigt er; er stäupet einen
jeglichen, den er zum Sohne annimmt« (Hebr. XII, 6), war in grossen Buchstaben
darunter geschrieben.
    Frau Hadwig warf dem Abt einen fragenden Blick zu.
    »Die Geisselkammer65!« sprach er.
    »Ist keiner der Brüder zur Zeit einer Strafe verfallen«, fragte sie, »es
möcht' ein lehrreich Beispiel sein ...«
    Da zuckte der böse Sindolt mit dem rechten Fuss, als wär' er in einen Dorn
getreten, rückte sein Ohr rückwärts, wie wenn von dort eine Stimme ihm riefe,
sprach: »Ich komme sogleich«, und enteilte ins Dunkel des Ganges.
    Er wusste warum.
    Notker, der Stammler, hatte nach jähriger Arbeit die Abschreibung eines
Psalterbuchs vollendet und es mit zierlich feinen Federzeichnungen geziert; das
hatte der neidische Sindolt nächtlicherweile zerschnitten und die Weinkanne
drüber geschüttet. Drob war er zu dreimaliger Geisselstrafe verdammt, der letzten
Vollzug stand noch aus: er kannte das Örtlein und die Busswerkzeuge, die ihrem
Rang nach an der Wand hingen, vom neunfältigen »Skorpion« herab bis zur
einfachen »Wespe«.
    Der Abt drängte, dass sie vorüberkamen. Seine Prunkgemächer waren mit Blumen
geschmückt. Frau Hadwig warf sich in den einfachen Lehnstuhl, auszuruhen vom
Wechsel des Erschauten. Sie hatte in wenig Stunden viel erlebt. Es war noch eine
halbe Stunde zum Abendimbiss.
    Wer zu dieser Frist einen Rundgang durch des Klosters Zellen gemacht, der
hätte sich überzeugen mögen, wie kein einziger Bewohner des Stiftes unberührt
vom Eindruck des vornehmen Besuchs geblieben. Auch die weltabgeschiedensten
Gemüter fühlen, dass einer Frau Huldigung gebührt.
    Dem grauen Tutilo war's beim Empfang schwer aufs Herz gefallen, dass der
linke Ärmel seiner Kutte mit einem Loch geschmückt war; sonst wär's wohl bis zum
nächsten hohen Festtag ungeflickt geblieben, aber jetzt galt kein Verzug; mit
Nadel und Zwirn gewaffnet sass er auf dem Schragen und besserte den Schaden.
    Und weil er gerade im Zug war, legte er auch seinen Sandalen eine neue Sohle
an und festigte sie mit Nägeln. Er summte eine Melodei, dass die Arbeit besser
gedieh.
    Radolt, das Denkmännlein, ging mit gerunzelter Stirn auf seiner Zelle auf
und nieder, vermeinend, es werde sich eine Gelegenheit ergeben, in frei
ersonnener Rede des hohen Gastes Ruhm zu preisen. Den Eindruck unmittelbaren
Ergusses zu erhöhen, studierte er sie vorher. Er wollte des Tacitus Spruch von
den Germanen66 zugrund' legen: »Sie glauben auch, dass den Frauen etwas Heiliges
und Zukunftvoraussehendes inwohne, darum verschmähen sie niemals ihren Rat und
fügen sich ihren Bescheiden.« Es war dies fast das einzige, was er aus
Hörensagen von den Frauen wusste, aber er zwinkte mit den Eichhörnleinsaugen und
war sicher, von dort unter etlichen bissigen Ausfällen auf seine Mitbrüder einen
Übergang zum Lob der Herzogin zu finden. Leider blieb die Gelegenheit zur
Anbringung einer Rede aus, weil er sie nicht zu finden verstand.
    In anderer Zelle sassen der Brüder sechs unter dem riesigen Elfenbeinkamm67,
der an eiserner Kette von der Decke herabhing, - Abt Hartmuts nützliche
Stiftung - die vorgeschriebenen Gebete murmelnd, erwies einer dem andern den
Dienst sorglicher Glättung des Hauptaares. Ward auch manch überwachsene Tonsur
in jener Zeit zu strahlendem Glanze erneut.
    In der Küche aber ward unter Gerold, des Schaffners, Leitung eine Tätigkeit
entwickelt, die nichts zu wünschen übrigliess.
    Jetzo läutete das Glöcklein, dessen Ton auch von den frömmsten Brüdern noch
keiner unwillig gehört, der Ruf zur Abendmahlzeit. Abt Cralo geleitete die
Herzogin ins Refektorium. Sieben Säulen teilten den luftigen Saal hälftig ab, an
vierzehn Tischen standen, wie Heerscharen der streitenden Kirche, des Klosters
Mitglieder, Priester und Diakonen; sie erwiesen dem hohen Gast keine sonderliche
Aufmerksamkeit.
    Das Amt des Vorlesers68 vor dem Imbiss stund in dieser Woche bei Ekkehard,
dem Pörtner. Der Herzogin zu Ehren hatte er den vierundvierzigsten Psalm
erkoren; er trat auf und sprach einleitend: »Herr, öffne meine Lippen, auf dass
mein Mund dein Lob verkünde«, und alle sprachen's ihm murmelnd nach, als Segen
zu seiner Lesung.
    Nun erhub er seine Stimme und begann den Psalm, den die Schrift selber einen
lieblichen Gesang nennet:
    »Es quillet mein Herz eine schöne Rede, ich will reden mein Gedicht dem
Könige, meine Zunge sei der Griffel des Geschwindschreibers.
    Der Schönste bist du von den Söhnen des Menschen, Anmut ist gegossen über
deine Lippen, denn Gott hat dich gesegnet ewig.
    Gürte um die Hüfte dein Schwert, du Held, deinen Ruhm und deinen Schmuck.
Und geschmückt zeuch aus, ein Hort der Wahrheit, Milde und des Rechts.
    Ja, Wunder wird zeigen deine Rechte! Deine Pfeile seien geschärft, Völker
sollen unter dir stürzen, die im Herzen Feinde des Königs sind.
    Dein Tron vor Gott steht immer und ewig, ein gerechter Scepter ist der
Scepter deines Reichs.
    Du liebest das Recht und hassest das Unrecht, drum hat dich Gott, dein Gott,
gesalbt mit dem Öl der Freude, mehr denn alle Genossen; Myrrhen, Aloe und Cassia
duften all deine Kleider, aus elfenbeinernen Palästen erfreuen Saiten dich ...69
«
    Die Herzogin schien die Huldigung zu verstehen; als wenn sie selber mit den
Worten des Psalms angeredet wäre, hefteten sich ihre Augen auf Ekkehard. Aber
auch dem Abt war's nicht entgangen, da gab er ein Zeichen abzubrechen, und der
Psalm blieb unbeendet, als sich männiglich zu Tisch setzte.
    Das aber konnte Herr Cralo nicht hindern, dass Frau Hadwig dem emsigen
Vorleser befahl, an ihrer Seite Platz zu nehmen; es war zwar der Rangstufung
folgend der Sitz zu ihrer Linken dem alten Dekan Gozbert zugedacht, aber dem
war's schon lang zumute, als käm' er auf glühende Kohlen zu sitzen, denn er
hatte mit Frau Hadwigs seligem Gemahl dereinst einen gröblichen Wortwechsel
gepflogen, wie der dem Klosterschatz das unfreiwillige Kriegsanlehen auflegte,
und war von damals auch der Herzogin giftig gestimmt, - kaum merkte er die
Absicht, so drückte er sich vergnüglich seitwärts und schob den Pörtner auf den
Dekanssitz. Neben Ekkehard kam der Herzogin Kämmerer Spazzo zu sitzen, dem zur
Seite der Mönch Sindolt.
    Die Mahlzeit begann. Der Küchenmeister, wohl wissend, wie bei Ankunft
fremder Gäste Erweiterung der schmalen Klosterkost gestattet sei, hatte es nicht
beim üblichen Mus mit Hülsenfrüchten70 bewenden lassen. Auch der strenge
Küchenzettel des seligen Abt Hartmut ward nicht eingehalten.
    Wohl erschien zuerst ein dampfender Hirsebrei, auf dass, wer gewissenhaft bei
der Regel71 bleiben wollte, sich daran ersättige; aber Schüssel auf Schüssel
folgte, bei mächtigem Hirschziemer fehlte der Bärenschinken nicht, sogar der
Biber vom obern Fischteich hatte sein Leben lassen müssen; Fasanen, Rebhühner,
Turteltauben und des Vogelherds kleinere Ausbeute folgten, der Fische aber eine
unendliche Auswahl, so dass schliesslich ein jeglich Getier, watendes, fliegendes,
schwimmendes und kriechendes, auf der Klostertafel seine Vertretung fand.
    Und mancher der Brüder kämpfte damals einen schweren Kampf in seines Gemütes
Tiefe; selbst Gozbert, der alte Dekan ... des Hirsebreis war er gesättigt und
hatte mit mächtigem Stirnrunzeln des Hirsches Braten und des Bären Schinken
weggeschoben, als wär's eine Versuchung des bösen Feindes: aber wie auch ein
schön bräunlich gebraten Birkhuhn in seine Nähe gestellt ward, da schlug der
Bratenduft träumerisch an seine Nase, mit dem Duft hielten die Geschichten
seiner Jugend bei ihm Rückkehr: wie er selber vor vierzig Jahren dem Weidwerk
oblag und in frühem Morgennebel dem balzenden Auerhahn nachstellte, und die
Geschichte von des Försters Töchterlein, die ihm damals begegnet, und ...
zweimal noch kämpfte er des Arms Bewegung zurück, das drittemal hielt's nimmer,
des Birkhuhns Hälfte lag vor ihm und ward in Eile verzehrt.
    Der Kämmerer Spazzo hatte Beifall nickend der Schüsseln mannigfache Zahl
erscheinen sehen, ein grosser Rheinlank72, der Fische besten einer, war schier
unter seinen Händen verschwunden, fragend schaute er sich nach einigem Getränk
um, da zog Sindolt, sein Nachbar, ein steinern Krüglein herbei, schenkte ihm den
metallenen Becher voll, stiess mit ihm an und sprach: »Des Klosterweins Auslese!«
Herr Spazzo gedachte einen mächtigen Zug zu tun, aber es schüttelte ihn wie
Fieberfrost, und den Becher absetzend, sagte er: »Da möchte der Teufel
Klosterbruder sein!« Der böse Sindolt hatte ihm ein saures Apfelweinlein mit dem
Saft von Brombeeren gemischt vorgesetzt. Wie aber Herr Spazzo ihm schier mit
einem Faustschlag gelohnt hätte, holte er, ihn zu sänftigen, des dunkelroten
Valtelliners einen Henkelkrug. Der Valtelliner ist ein wackerer Wein, in dem
schon der Kaiser Augustus seinen Schmerz über die Varusschlacht niedergetrunken
73; und allmählich versöhnte sich Herr Spazzo, trank auch auf das Wohlergehen
des Bischofs von Chur, dem das Kloster diesen Wein verdankte, ohne dass er ihm
sonst näher bekannt war, seinen Becher leer, und Sindolt tat wacker Bescheid.
    »Was sagt euer Patron zu solchem Trinken?« fragte der Kämmerer.
    »Sankt Benedikt war ein weiser Mann«, sprach Sindolt. »Darum schrieb er in
sein Gesetz: Wiewohl zu lesen steht, dass der Wein überhaupt kein Trunk für
Mönche sei, so mag dies doch heutigentages keinem einzigen mehr mit Überzeugung
eingeredet werden. Darum, und schwächlicheren Gemütes Hinfälligkeit erwägend,
ordnen wir dem einzelnen eine halbe Mass für den Tag zu. Keiner aber soll trinken
bis zur Sättigkeit, denn der Wein macht auch den Weisesten abtrünnig vom Pfade
der Weisheit ...74«
    »Gut!« sprach Spazzo und trank seinen Becher aus.
    »Wisst Ihr aber auch«, frug Sindolt, »was den Brüdern zu tun vorgeschrieben
steht, in deren Gegend wenig oder gar kein Rebensaft gedeihen mag? Die sollen
Gott loben und preisen und nicht murren.«
    »Auch gut!« sprach Spazzo und trank wiederholt seinen Becher aus.
    Der Abt suchte inzwischen seine fürnehme Base nach Kräften zu unterhalten.
Er fing an, Herrn Burkhards trefflichen Eigenschaften einen Nachruf zu halten.
Aber Frau Hadwigs Antworten waren karg und einsilbig. Da merkte der Abt, dass
alles seine Zeit habe, namentlich die Liebe einer Witib zum verstorbenen
Ehemann. Er wandte das Gespräch und fragte, wie ihr des Klosters Schulen
gefallen.
    »Mich dauert das junge Völklein«, sprach die Herzogin, »dass es in jungen
Tagen so vieles erlernen muss. Ist das nicht wie eine Last, die Ihr ihnen
aufbürdet, an der sie zeitlebens keuchend schleppen müssen?«
    »Erlaubet, edle Base«, erwiderte der Abt, »dass ich Euch als Freund und
Blutsverwandter gemahne, weniger in den Tag hinein zu reden. Das Studium der
Wissenschaft ist dem jungen Menschen kein lästiger Zwang, es ist wie Erdbeeren;
je mehr er geniesst, desto grösser der Hunger.«
    »Was hat aber die heidnische Kunst Logica mit der Gottesgelehrteit zu
schaffen?« frug Frau Hadwig.
    »Die wird in rechten Händen zur Waffe, die Kirche Gottes zu schützen«,
sprach der Abt. »Mit ihren Künsten haben der Ketzer viele die Gläubigen
angefochten, jetzt fechten wir mit gleichem Rüstzeug wider sie, und glaubt mir,
ein sauber Griechisch oder Latein ist eine feinere Waffe als unsere einheimische
Sprache, die sich auch in des Gewandtesten Hand nur wie eine Keule schwingt.«
    »Ei«, sprach die Herzogin, »müssen Wir noch bei Euch lernen, was fein sei?
Ich habe seiter gelebt, ohne Latein zu sprechen, Herr Vetter.«
    »Es möcht' Euch nicht schaden, wenn Ihr's noch lerntet«, sprach der Abt.
»Und wenn die ersten Wohlklänge der Latinität Euer Gehör erquickt haben, werdet
Ihr zugeben, dass unsere Muttersprache ein junger Bär ist, der nicht stehen und
gehen lernt, wenn ihn nicht klassische Zunge beleckt75. Zudem lehrt alter Römer
Mund Weisheit, fraget einmal den Mann zu Eurer Linken.«
    »Ist's wahr?« wandte sich Frau Hadwig an Ekkehard, der schweigend dem
Zwiespruch gelauscht hatte.
    »Es wäre wahr, hohe Herrin!« sprach er mit Feuer, »so es Euch vonnöten wäre,
Weisheit zu lernen.«
    Frau Hadwig drohte mit dem Finger: »Habt Ihr selber denn Erquickung aus den
alten Pergamenten geschöpft?«
    »Erquickung und Glück!« sprach Ekkehard, und seine Augen leuchteten.
»Glaubet mir, Herrin, es tut in allen Lebenslagen wohl, sich bei den Klassikern
Rats zu erholen; lehrt uns nicht Cicero auf den verschlungenen Pfaden weltlicher
Klugheit den rechten Steg wandeln? Schöpfen wir nicht aus Sallust und Livius
Anweisung zu Mannesmut und Stärke, aus Virgils Gesängen die Ahnung
unvergänglicher Schönheit? Die Schrift ist uns Leitstern des Glaubens, die Alten
aber leuchten zu uns herüber wie das Spätrot einer Sonne, die auch nach ihrem
Niedergang noch mit erquickendem Widerschein in des Menschen Gemüt strahlt ...«
    Ekkehard sprach mit Bewegung. Die Herzogin hatte seit dem Tag, als der alte
Herzog Burkhard um ihre Hand anhielt, keinen Menschen mehr gesehen, der für
etwas begeistert war. Sie trug einen hohen Geist in sich, der sich leicht auch
Fremdartigem zuwandte. Griechisch hatte sie in jungen Tagen der byzantinischen
Werbung wegen schnell gelernt. Latein flösste ihr eine Art Ehrfurcht ein, weil es
ihr fremd war. Unbekanntes imponiert, Erkenntnis führt auf den wahren Wert, der
meist geringer ist als der geahnte. Mit dem Namen Virgilius war auch der Begriff
des Zauberhaften verbunden ...
    In jener Stunde stieg in Hadwigs Herz der Entschluss auf, Lateinisch zu
lernen. Zeit dazu hatte sie. Wie sie ihren Nachbarn Ekkehard noch einmal
angeschaut hatte, wusste sie auch, wer ihr Lehrer sein sollte ...
    Der stattliche Nachtisch, auf dem Pfirsiche, Melonen und trockene Feigen
geprangt hatten, war verzehrt. Lebhaftes Gespräch an den andern Tischen deutete
auf nicht unfleissiges Kreisen des Weinkrugs.
    Auch nach der Mahlzeit - so wollte es des Ordens Regel - war zur Erbauung
der Gemüter ein Abschnitt aus der Schrift oder dem Leben heiliger Väter zu
verlesen.
    Ekkehard hatte am Tag zuvor das Leben des heiligen Benediktus begonnen, das
einst Papst Gregorius abgefasst. Die Brüder rückten die Tische zusammen, der
Weinkrug stand unbewegt und es ward still in der Runde. Ekkehard fuhr mit dem
zweiten Kapitel76 fort:
    »Eines Tages aber, dieweil er allein war, nahte ihm der Versucher. Denn ein
schwarzer kleiner Vogel, der gemeiniglich Krähe geheissen ist, begann um sein
Haupt zu flattern und setzte ihm so unablässig zu, dass ihn der heilige Mann mit
der Hand hätte ergreifen mögen, so er ihn fangen gewollt.
    Er aber schlug das Zeichen des Kreuzes, da wich der Vogel.
    Wie aber derselbe Vogel verschwunden war, folgte eine so grosse Versuchung
des Fleisches, wie sie der heilige Mann noch niemalen erprobt. Denn vor langer
Zeit hatte er eine gewisse Frau erschauet. Diese stellte ihm der böse Feind
jetzo vor die Augen des Geistes und entzündete das Herz des Knechtes Gottes
durch jene Gestalt mit solchem Feuer, dass eine verzehrende Liebe in ihm zu
glühen begann und er, von Lust und Sehnsucht bewältigt, seinen Einsiedelstand
jäh zu verlassen gedachte.
    Da warf plötzlich des Himmels Gnade einen Schein auf ihn, dass er zu sich
selber rückkehrte. Und er sah ihm zur Seite ein dicht Gebüsch von Brennesseln
und Dörnern stehen, zog sein Gewand aus und warf sich nackt in die Stacheln des
Gedörns und den Brand der Nesseln, bis dass er am ganzen Körper verwundet von
dannen ging.
    Also löschete er des Geistes Wunde durch die Wunden der Haut und siegte ob
der Sünde ...«
    Frau Hadwig war von dieser Vorlesung nicht erbaut; sie liess ihre Augen
gelangweilt im Saal die Runde machen. Der Kämmerer Spazzo - deuchte auch ihm die
Wahl des Kapitels unpassend, oder war ihm der Valtelliner zu Häupten gestiegen?
- schlug unversehens dem Vorleser das Buch zu, dass der holzbeschlagene Deckel
klappte, hob ihm seinen Pokal entgegen und sprach: »Soll leben der heilige
Benedikt!« und wie ihn Ekkehard vorwurfsvoll ansah, stimmte schon die jüngere
Mannschaft der Klosterbrüder lärmend ein, sie hielten den Trinkspruch für ernst;
da und dort ward das Loblied auf den heiligen Mann intoniert, diesmal als
fröhlicher Zechgesang, und lauter Jubel klang durch den Saal.
    Dieweil aber Abt Cralo bedenklich umschaute und Herr Spazzo immer noch
beschäftigt war, mit den jungen Klerikern auf das Wohl ihres Schutzpatrons zu
trinken, neigte sich Frau Hadwig zu Ekkehard und frug ihn mit nicht allzulauter
Stimme:
    »Würdet Ihr mich das Lateinische lehren, junger Verehrer des Altertums, wenn
ich's lernen wollte77?«
    Da klang es in Ekkehards Herz wie ein Widerhall des Gelesenen: »Wirf dich in
die Nesseln und Dornen und sag' nein!« er aber sprach:
    »Befehlet, ich gehorche!«
    Die Herzogin schaute den jungen Mönch noch einmal mit einem sonderbar
flüchtigen Blicke an, wandte sich dann zum Abt und sprach über gleichgültige
Dinge.
    Die Klosterbrüder zeigten noch kein Verlangen, des Tages günstige
Gelegenheit unbenutzt verstreichen zu lassen. In des Abts Augen mochte ein
gnädig milder Schein leuchten, und der Kellermeister schob auch keinen Riegel
für, wenn sie mit leeren Krügen die Stufen hinabstiegen. Am vierten Tisch begann
der alte Tutilo gemütlich zu werden und erzählte seine unvermeidliche Geschichte
mit den zwei Räubern78; immer lauter klang seine starke Stimme durch den Saal:
»Der eine also zur Flucht sich gewendet - ich ihm nach mit meinem Eichpfahl - er
Spiess und Schild weg zu Boden, - ich ihn am Hals gefasst - den weggeworfenen
Spiess in seine Faust gedrückt: du Schlingel von einem Räuber, zu was bist auf
der Welt? Fechten sollst mit mir! ...«
    Aber sie hatten's schon allzuoft hören müssen, wie er dann dem
Kampfgenötigten den Schädel eingeschlagen, und zupften und nötigten an ihm, sie
wollten ein schönes Lied anstimmen; wie er endlich mit dem Haupte nickte,
stürmten etliche hinaus: bald kamen sie wieder mit Instrumenten. Der brachte
eine Laute, jener ein Geiglein, worauf nur eine Saite gespannt, ein anderer eine
Art Hackbrett mit eingeschlagenen Metallstiften, zu deren Anschlag ein
Stimmschlüssel dienlich war, wiederum ein anderer eine kleine zehnsaitige Harfe,
Psalter hiessen sie das seltsam geformte Instrument und sahen in seiner
dreieckigen Gestalt ein Symbol der Dreieinigkeit79.
    Und sie reichten ihm seinen dunkeln Taktstab von Ebenholz. Da erhob sich
lächelnd der graue Künstler und gab ihnen das Zeichen zu einer Musica, die er
selbst in jungen Tagen aufgesetzet; mit Freudigkeit hörten's die andern80. Nur
Gerold, dem Schaffner, ward's mit dem Aufklingen der Melodien melancholisch zu
Gemüte, er überzählte die abgetragenen Schüsseln und die geleerten Steinkrüge,
und wie ein Text zur Singweise flog's ihm durch den Sinn: Wieviel hat dieser Tag
verschlungen an Klostergeld und Gut81? Leise schlug er mit sandalenbeschwertem
Fusse den Takt, bis der letzte Ton verklang.
    Zu unterst am Tische sass ein stiller Gast mit blassgelbem Angesicht und
schwarzkrausem Gelock; er war aus Welschland und hatte von des Klosters Gütern
im Lombardischen die Saumtiere mit Kastanien und Öl herübergeleitet. In
wehmütigem Schweigen liess er die Flut der Töne über sich erbrausen.
    »Nun, Meister Johannes«, sprach Folkard, der Maler, zu ihm, »ist die welsche
Feinfühligkeit jetzt zufrieden gestellt? Den Kaiser Julianus mutete einst
unserer Vorväter Gesang an wie das Geschrei wilder VögelA3, aber seitdem haben
wir's gelernt. Klingt's Euch nicht lieblicher als Sang der Schwanen82?«
    »Lieblicher - als Sang der Schwanen - -« wiederholte der Fremde wie im
Traum. Dann erhob er sich und schlich leise von dannen. Es hat's keiner im
Kloster zu lesen bekommen, was er in jener Nacht noch ins Tagebuch seiner Reise
eintrug:
    »Diese Männer diesseits der Alpen«, schrieb er, »wenn sie auch den Donner
ihrer Stimmen hoch gegen Himmel erdröhnen lassen, können sich doch nimmer zur
Süsse einer gehobenen Modulation erschwingen. Wahrhaft barbarisch ist die Rauheit
solch abgetrunkener Kehlen; wenn sie durch Beugung und Wiederaufrichtung des
Tons einen sanften Gesang zu ermöglichen suchen, schauert die Natur und es
klingt wie das Fahren eines Wagens, der in Winterszeit über gefrorenes Pflaster
dahin knarrt ...83«
    Herr Spazzo gedachte, was löblich begonnen, auch löblich zu enden, er
schlich sich fort über den Hof in das Gebäude, wo Praxedis und die Dienerinnen
waren, und sprach: »Ihr sollet zur Herzogin kommen, und zwar gleich« - sie
lachten erst ob seiner Kutte, folgten ihm aber zum Saal, und war keiner, der sie
von der Schwelle zurückhielt. Und wie die Mägdlein an des Refektoriums Eingang
sichtbar wurden, entstand ein Gemurmel und ein Kopfwenden im Saal, als sollte
jetzo ein Tanzen und Springen anheben, wie es diese Wände noch nicht erschaut.
    Herr Cralo, der Abt, aber wandte sich an die Herzogin und sprach: »Frau
Base?!« - und sprach's mit so duldender Wehmut, dass sie aus ihren Gedanken
auffuhr. Und sie sah auf einmal ihren Kämmerer und sich selber in der
Mönchskutte mit andern Augen an denn zuvor, und schaute die Reihen trinkender
Männer, dem entferntesten verdeckte der Kapuze vorstehender Rand das Antlitz,
dass es aussah, als werde der Wein in leeren Gewandes Abgrund geschüttet, und die
Musik klang ihr gellend in die Ohren, als würde hier ein Mummenschanz gefeiert,
der schon allzulang' gedauert ...
    Da sprach sie: »Es ist Zeit schlafen zu gehen!« und ging mit ihrem Gefolg
nach dem Schulhaus hinüber, wo ihr Nachtlager sein sollte.
    »Wisst Ihr auch, was des Tanzens Lohn gewesen wär'?« frug Sindolt einen der
Mönche, der ob dieser Wendung der Dinge höchlich betrübt schien. Der schaute ihn
starr an. Da machte ihm Sindolt eine unverkennbare Gebärde, die hiess:
»Geisselung«!
 
                                    Fussnoten
A1 Unter dieser Allegorie hatte der Afrikaner Martianus Capella im 5.
Jahrhundert eine Enzyklopädie der sieben freien Künste gegeben, die im
Mittelalter als Schulbuch viel benutzt ward; Notker Labeo übersetzte sie ins
Deutsche. Eine Alba mit Darstellungen daraus hatte Hadwig nach Kapitel 90 der
»Casus S. Galli« dem Ekkehard geschenkt.
A2 »Äneis« 1, 132 ff. Worte Neptuns.
A3 Flavius Julianus Apostata, Kaiser 361-363, vergleicht in seinem »Misopogon«
den Gesang der Alemannen dem Rufe rauh krächzender Vögel.
 
                                Fünftes Kapitel.
                               Ekkehards Auszug.
Frühmorgens darauf sass die Herzogin samt ihren Leuten im Sattel, heimzureiten,
und der Abt hatte keine Einwendung erhoben, da sie sich jegliche
Abschiedsfeierlichkeit verbat. Darum lag das Kloster in stiller Ruhe, als drüben
schon die Rosse wieherten, nur Herr Cralo kam pflichtschuldig herüber. Er wusste,
was die Sitte gebot.
    Zwei Brüder begleiteten ihn.
    Der eine trug einen schmucken Becher von Kristall, mit silbergetriebenem Fuss
und Aufsatz geschmückt, und sass manches gute Stücklein Onyx und Smaragd in der
silbernen Umfassung; der andere trug ein Krüglein mit Wein. Und der Abt schöpfte
ein weniges in den Becher, wünschte seiner erlauchten Base einen gesegneten Tag
und bat, mit ihm des Abschieds Minne zu trinken und den Becher zu freundlichem
Angedenken zu behalten84.
    Für den Fall, dass das Geschenk nicht genügend befunden werden sollte, hatte
er noch ein seltsam Schaustück im Rückhalt, das war silbern zwar, doch
unansehnlicher Gestalt und täuschend einem schlichten Brote gleichgeformt, innen
aber gefüllt mit güldenen Byzantinern bis zum Rande85; - vorerst liess der Abt
nichts davon vermerken und trug's sorglich verborgen in der Kutte.
    Frau Hadwig nahm den dargebotenen Becher, tat, als wenn sie daran nippte,
gab ihn aber wieder zurück und sprach: »Erlaubet, teurer Vetter, was soll der
Frau das Trinkgefäss? Ich heische ein anderweit Gastgeschenk. Habet Ihr nicht
gestern von Quellen der Weisheit gesprochen?«
    »Ihr sollet mir aus des Klosters Bücherei einen Virgilius verehren!«
    »Immer zu Scherz geneigt«, sagte Herr Cralo, der eine gewichtigere Forderung
erwartet hatte, »was soll Euch der Virgilius, so Ihr der Sprache nicht kundig
seid?«
    »Es versteht sich, dass Ihr mir den Lehrer dazu gebet«, sprach die Herzogin
ernst.
    Da schüttelte der Abt bedenklich das Haupt: »Seit wann werden die Jünger des
heiligen Gall als Gastgeschenke vergeben?«
    Sie aber sprach: »Ihr werdet mich verstanden haben. Der blonde Pörtner wird
mein Lehrer sein, und heut am dritten Tage längstens wird der Virgilius und er
sich bei mir einstellen! Gedenket, dass des Klosters Streit um die Güter im
Rheintal und die Bestätigung seiner Freiheiten in Schwaben in meiner Hand ruhet,
und dass ich nicht abgeneigt, auch auf dem Twieler Felsen den Jüngern Sankt
Benedikts ein Klösterlein herzurichten ...
    Lebet wohl, Herr Vetter!«
    Da winkte Herr Cralo betrübt dem dienenden Bruder: »Traget den Kelch in die
Schatzkammer zurück.« Frau Hadwig reichte ihm anmutig die Rechte, die Rosse
stampften, Herr Spazzo schwang den Hut - in leichtem Trab ritt der Zug aus des
Klosters Bann heimwärts.
    Von des Wächters Turmstube ward ein mächtiger Strauss in die Abreitenden
geworfen, dran allein an Sonnenblumen die Hälfte eines Dutzends prangte, der
Astern nicht zu gedenken, aber niemand fing ihn auf, und der Rosse Huf brauste
drüber hin ...
    Im trockenen Graben vor dem Tor hatten sich die Schüler der äusseren
Klosterschule versteckt. »Langes Leben der Frau Herzogin in Schwaben! Heil ihr!
... und sie soll die Felchen bald schicken! Heil!« klang ihr Ruf gellend in der
Scheidenden Ohr.
    »Wem für ein ungezogen Benehmen drei Feiertage und die besten Seefische
bewilligt sind, der hat gut schreien«, sprach Herr Spazzo.
    Langsam ging der Abt ins Kloster zurück; er liess Ekkehard, den Pörtner, zu
sich rufen und sprach zu ihm: »Es ist eine Fügung über Euch ergangen. Ihr sollet
der Herzogin Hadwig einen Virgilius überbringen und ihr Lehrer werden.
    Die alten Lieder des Maro mögen mit lieblichem Sang die skytischen Sitten
besänften, heisst's im SidoniusA1. Es ist nicht Euer Wunsch ...«
    Ekkehard schlug die Augen nieder, seine Wangen röteten sich -
    »Aber den Mächtigen der Erde dürfen wir keinen Anstoss geben. Morgen reiset
Ihr ab. Ich verliere Euch ungern; Ihr wäret der brävsten und würdigsten einer.
Der heilige Gallus wird Euch den Dienst gedenken, den Ihr seinem Stift leistet.
Vergesst auch nicht, aus dem Virgilius das Titelblatt wegzuschneiden mit der
Verwünschung gegen den, der das Buch dem Kloster verschleppt ...86«
    Was des Menschen Herzenswunsch ist, dazu lässt er sich gern befehligen.
    »Des Gehorsams Gelübde«, sprach Ekkehard, »heisst mich des Vorgesetzten
Willen sonder Zagen und Aufschub, sonder Lauheit und Murren vollziehen.«
    Er beugte sein Knie vor dem Abte.
    Dann ging er nach seiner Zelle. Es war ihm, als hätte er geträumt. Seit
gestern war ihm fast zu vieles begegnet. Es geht noch andern ebenso: lang'
einförmig schleicht das Leben, - wenn des Schicksals Wendungen kommen, folgt
Schlag auf Schlag. Er rüstete sich zur Reise. »Was du begonnen, lass unvollendet
zurück, zieh ab deine Hand vom Geschäft, darin sie tätig war, zeuch aus im
Schritt des Gehorsams«, es war ihm kaum Not, sich diesen Satz seiner Regel
vorzuhalten.
    Auf seiner Zelle lagen die Pergamente des Psalmenbuchs87, das Folkard mit
Meisterhand geschrieben und mit feinen Bildwerken verziert hatte. Ekkehard war
beauftragt, mit der wertvollen Goldfarbe, die der Abt jüngst von venezianischen
Handelsleuten erkauft hatte, die Anfangsbuchstaben auszumalen und den Figuren
durch leisen Goldstrich an Krone, Scepter, Schwert und Mantelsaum die letzte
Vollendung zu geben.
    Er nahm Pergament und Farben und trug's seinem Gefährten hinüber, dass er
statt seiner die letzte Hand ans Begonnene lege; Folkard war gerade daran, ein
neues Bild zu entwerfen, wie David vor der Bundeslade tanzt und die Laute
spielt, - er schaute nicht auf. Schweigend verliess Ekkehard seine Künstlerstube.
    Er wandte sich zur Bibliotek, den Virgil auszulesen. Wie er droben stand im
hochgewölbten Saal, einsam unter den schweigenden Pergamenten, da kam ein Gefühl
der Wehmut über ihn; auch das Leblose stellt sich bei Abschied und Wiedersehen
vor den Menschen, als trüg's eine Seele in sich und nähme Anteil an dem, was ihn
bewegt.
    Die Bücher waren seine besten Freunde. Er kannte sie alle und wusste, wer sie
geschrieben; - manche der Schriftzüge erinnerten an einen vom Tode schon
entführten Gefährten ...
    »Was wird das neue Leben bescheren, das von morgen für mich anhebt?« Eine
Träne stand ihm im Auge. Jetzt fiel sein Blick auf das kleine, in metallene
Decke gebundene Glossarium, in dem einst der heilige Gallus, der am Bodensee
üblichen Landessprache unkundig, sich vom Pfarrherrn zu Arbon die notwendigsten
Worte hatte verdeutschen lassen88. Da gedachte Ekkehard, wie des Klosters
Stifter mit so wenig Ausrüstung und Hilfe dereinst ausgezogen, ein fremder Mann
unter die Heiden, und wie sein Gott und sein unverzagt Herz in Not und
Fährlichkeit ihn immerdar frisch gehalten ... sein Mut stärkte sich, er küsste
das Büchlein, nahm den Virgil aus dem Schrein und wandte sich, zu gehen. »Wer
dies Buch wegträgt, den sollen tausend Peitschenhiebe treffen und Lähmung und
Aussatz dazu!« stand auf dem ersten Blatte. Er schnitt's weg.
    Noch einmal schaute er um, als wollten ihm von Brett und Kasten die Bücher
einen Gruss zuwinken. Da hub sich ein Knistern an der Wand, der grosse Bauriss89,
den der Architekt Gehrung einst auf drei Schuh langer Tierhaut zu des Abt
Hartmut neuem Klosterbau angefertigt hatte, löste sich von dem festaltenden
Nagel und stürzte nieder, dass eine Staubwolke daraus emporstieg.
    Ekkehard machte sich keine Gedanken drüber.
    Wie er den Gang des obern Stockwerks entlang schritt, kam er an einem
offenen Gemach vorüber. Das war der Winkel der Alten. Der blinde Tieto90 sass
drin, einst des Klosters Abt, bis schwindendes Augenlicht ihn abzudanken
nötigte. Ein Fenster war geöffnet, dass der Greis sich der sonnenwarmen Luft
erfreue. Bei ihm hatte Ekkehard manche Stunde in traulichem Gespräch verbracht.
Der Blinde kannte ihn am Schritt und rief ihn zu sich. »Wohin?« frug er.
    »Hinunter, - und morgen fort ins Weite. Gebt mir Eure Hand, ich komme auf
den hohen Twiel.«
    »Schlimm«, sprach der Blinde, »sehr schlimm!«
    »Warum, Vater Tieto?«
    »Frauendienst ist ein schlimm Ding für den, der gerecht bleiben will,
Hofdienst noch schlimmer - was ist Frauen- und Hofdienst zugleich?«
    »Es ist mein Schicksal«, sprach Ekkehard.
    »Sankt Gallus behüte und schirme Euch«, sagte Tieto. »Ich will für Euch
beten. Gebt mir meinen Stab.«
    Ekkehard wollte ihm seinen Arm bieten, den lehnte er ab; er erhob sich und
schritt zu einer Nische in der Wand, dort stund ein schmucklos Fläschlein. Er
nahm's herab und gab's ihm:
    »'s ist Wasser aus dem Jordan, das ich selber einst geschöpft. Wenn Euch der
Staub der Welt überflogen hat und Eure Augen trüb werden wollen, so läutert Euch
damit. Meinen hilft's nicht mehr. Fahret wohl!«
    Am Abend desselben Tages ging Ekkehard auf den Berg, an den sich das Kloster
anlehnt. Seit langer Zeit war das sein Lieblingsgang. In den Fischweihern, die
dort zur Spendung klösterlicher Fastenspeise künstlich angelegt sind, spiegelten
sich die Tannen; ein leiser Luftzug kräuselte die Wellen, die Fische tummelten
sich. Lächelnd ging er vorüber: »Wann werd' ich wohl wieder einen von euch
verzehren?«
    Im Tannwald oben auf dem Freudenberg war's feierlich still. Da hielt er an.
Ein weites Rundbild tat sich auf.
    Zu Füssen lag das Kloster mit all seinen Gebäuden und Ringmauern; hier sprang
der wohlbekannte Springquell im Hofe, dort blühten die Herbstblumen im Garten -
dort in langer Reihe die Fenster der Klosterzellen, er kannte jedwede und sah
auch die seinige: »Behüt' dich Gott, stilles Gelass!«
    Der Ort, wo Tage strebsamer Jugend verlebt wurden, wirkt wie Magnetstein
aufs Herz; es braucht so wenig, um angezogen zu sein, nur der ist arm, dem das
grosse Treiben der Welt nicht Zeit vergönnt, sich örtlich und geistig an einem
stillen Platz niederzulassen.
    Ekkehard hob sein Auge. Hoch aus der Ferne, wie reiche Zukunft, glänzte des
Bodensees Spiegel herüber, in verschwommenen Duft war die Linie des
anderseitigen Ufers und seiner Höhenzüge gehüllt, nur da und dort haftete ein
heller Schein und ein Widerschein im Wasser, die Niederlassungen der Menschen
andeutend.
    »Aber was will das Dunkel in meinem Rücken?« Er schaute sich um, rückwärts
hinter den tannigen Vorbergen reckte der Säntis seine Zacken und Hörner empor,
auf den verwitterten Felswänden hüpfte warmer Sonnenstrahl unstet im Kampf mit
dem Gewölke und strahlte vorüberfliehend auf die Massen alten Schnees, die in
den Schluchten neuem Winter entgegenharrten ... Über dem Kamor stand eine dunkle
Wolke, sie dehnte und streckte sich, bald war die Sonne verdeckt, grau und matt
wurden die Bergspitzen gefärbt, es schickte sich an, zu wetterleuchten ...
    »Soll mir das ein Zeichen sein?« sprach Ekkehard, »ich verstehe es nicht.
Mein Weg geht nicht zum Säntis.«
    Nachdenkend schritt er den Berg hinunter.
    In der Nacht betete er am Grabe des heiligen Gallus. Frühmorgens nahm er
Abschied. Der Virgilius und Tietos Fläschlein waren in die Reisetasche
verpackt, sein übrig Gepäck kurz beisammen.
    Wem selbst nicht der Körper, die Wünsche und Begierden zu eigener Verfügung
stehen dürfen, soll auch weder an fahrender Habe noch an liegendem Gut ein eigen
Besitztum ausüben.
    Der Abt schenkte ihm zwei Goldschillinge und etliche Silberdenare als Zehr-
und Notpfennig.
    Mit einem Kornschiff des Klosters fuhr er über den See, - die Segel von
günstigem Wind, die Brust von Mut und Wanderlust geschwellt.
    Mittag war's, da rückte das Kastell von Konstanz und Dom und Mauerzinnen
immer deutlicher vor den Augen der Schiffahrer auf. Wohlgemut sprang Ekkehard
ans Land.
    In Konstanz hätt' er sich verweilen, im Hof des Bischofs Gastfreundschaft
ansprechen mögen. Er tat's nicht. Der Ort war ihm zuwider, zuwider von Grund
seines Herzens; nicht wegen seiner Lage oder etwaiger Missgestalt, denn an
Schönheit wetteifert er kühnlich mit jeglicher Stadt am See, sondern wegen der
Erinnerung an einen Mann, dem er gram.
    Das war der Bischof Salomo, sie hatten ihn kürzlich mit grossem Prunk im
Münster begraben. Ekkehard war ein schlichter, gerader, frommer Mensch. Im
Dienst der Kirche stolz und hochfahrend werden, schien ihm Unrecht, ihn mit
weltlichen Kniffen und Ränken verbinden, verwerflich, - trotz aller
Herzensverworfenheit ein weitberühmter Mann bleiben: sonderbar. Solcher Art aber
war des Bischofs Salomo Treiben gewesen. Ekkehard erinnerte sich noch wohl aus
den Erzählungen älterer Genossen, mit welcher Zudringlichkeit sich der junge
Edelmann in das Kloster eingeschlichen, den Späher gemacht, sich beim Kaiser als
unentbehrlicher Mann darzustellen gewusst, bis die Insul eines Abts von Sankt
Gallen mit der Mitra eines Bischofs von Konstanz auf seinem Haupt vereinigt war.
    Und vom grossen Schicksal der Kammerboten sangen die Kinder auf den Strassen.
Die hatte der ränkespinnende Prälat gereizt und gekränkt, bis sie in der Fehde
Recht suchten und ihn fingen: aber wiewohl Herrn Erchangers Gemahlin Berchta ihn
in der Gefangenschaft hegte und pflegte wie ihren Herrn und den Friedenskuss von
ihm erbat und aus einer Schüssel mit ihm ass, war sein Gemüt der Rache nicht
gesättigt, bis dass des Kaisers Gericht zu Adingen seinen rauhen Feinden die
Häupter vor die Füsse gelegt.
    Und die Tochter, die dem frommen Mann aus lustiger Studentenzeit erwachsen,
war jetzt noch Äbtissin am Münster zu Zürich91.
    All das wusste Ekkehard; in der Kirche, wo der Mann begraben lag, mocht' er
nicht beten.
    Es mag ungerecht sein, den Hass, der den Menschen gebührt, auf das Stück Land
überzutragen, wo sie gelebt und gestorben, aber es ist erklärlich.
    Er schüttelte den Konstanzer Staub von den Füssen und wanderte zum Tor
hinaus; dem sich kaum dem See entwindenden jungen Rhein blieb er zur Linken.
    Von mächtiger Haselstaude schnitt er sich einen festen Wanderstab: »wie die
Rute Aarons, da sie im Tempel Gottes aufgrünte, sein Geschlecht schied von den
abtrünnigen Juden, so möge dieser Stab, geweiht mit der Fülle göttlicher Gnade,
mir ein Hort sein wider die Ungerechten am Wege«, sprach er mit den Worten eines
alten Stocksegens92. Vergnügt schlug ihm das Herz, wie er einsam fürbass zog.
    Wie hoffnungsgrün und beseligt ist der Mensch, der in jungen Tagen auf
unbekannten Pfaden unbekannter Zukunft entgegenzieht, - die weite Welt vor sich,
der Himmel blau und das Herz frisch, als müsst' sein Wanderstab überall, wo er
ihn ins Erdreich einstösst, Laub und Blüten treiben und das Glück als goldnen
Apfel in seinen Zweigen tragen. Wandre nur immer zu! Auch du wirst einstmals
müden Fusses im Staub der Heerstrasse einherschleichen, und dein Stab ist ein
dürrer Stecken, dein Antlitz welk, und die Kinder zeigen mit Fingern auf dich
und lachen und fragen: wo ist der goldene Apfel? ...
    Ekkehard war in der Tat vergnügt. Wanderlieder zu singen, war für einen Mann
geistlichen Standes nicht üblich, aber der Gesang Davids, den er jetzt
anstimmte: »Jehova ist mein Hirt, mir mangelt nichts. Auf grünen Triften lässt er
mich lagern, zu stillen Gewässern führt er mich« - mag ihm im Himmel in das
gleiche Buch des Verdienstes verzeichnet worden sein, in das die Engel der
Jugend fahrender Schüler und wandernder Gesellen Lieder einzutragen pflegen.
    Durch Wiesen und an hohem Schilfgelände vorüber führte ihn sein Pfad. Lang
und niedrig streckte sich im See eine Insel, die Reichenau; Turm und Mauern des
Klosters spiegelten sich im ruhigen Gewässer; Rebhügel, Matten und Obstgärten
wiesen dem Auge den Fleiss der Bewohner.
    Vor zweihundert Jahren war die Au noch wüst und leer gestanden, in feuchtem
Grunde die Herberge von Gewürm und bösen Schlangen. Der austrasische Landvogt
Sintlaz aber wies den wandernden Bischof Pirminius hinüber, der sprach einen
schweren Segen über das Eiland, da zogen Schlangen und Würmer in vollem
Heereshaufen aus, die Tausendfüssler im Plänklerzug voran, Ohrklemmer, Skorpione,
Lurche und was sonst kreucht, in geordneten Säulen mit, Kröten und Salamander in
der Nachhut: des Pirminius Spruch konnten sie nicht bestehen, zum Gestade, wo
später die Burg Schopfeln gebaut ward, wälzte sich der Schwarm, dann hinab in
die grüne Seeflut - und der Fisch weitum hat damals einen guten Tag gehabt ...
    Seiter war des Pirminius Stift aufgeblüht, eine Pflanzstätte, klösterlicher
Zucht von gutem Klang in deutschen Landen.
    »Reichenau, grünendes Eiland, wie bist du vor andern gesegnet,
    Reich an Schätzen des Wissens und heiligem Sinn der Bewohner,
    Reich an des Obstbaums Frucht und schwellender Traube des Weinbergs:
    Immerdar blüht es auf dir und spiegelt im See sich die Lilie,
    Weitin schallet dein Ruhm bis ins neblige Land der Britannen«
hatte schon in Ludwigs des Deutschen Tagen der gelahrte Mönch Ermenrich93
gesungen, da ihn auf seiner Abtei Ellwangen Heimweh nach den schimmernden Fluten
des Bodensees beschlich.
    Ekkehard beschloss, dieser Nebenbuhlerin seines Klosters einen Besuch
abzustatten. Am weisssandigen Gestad von Ermatingen stand ein Fischer im Kahn und
schöpfte das Wasser aus. Da deutete Ekkehard mit seinem Stab nach dem Eiland:
»Führt mich hinüber, guter Freund!«
    Mönchshabit verlieh damals jeder Aufforderung Nachdruck.
    Der Fischer aber schüttelte verdrossen das Haupt: »Ich fahre keinen mehr von
euch, seit ihr mich am letzten Ruggericht um einen Schilling gebüsst ...«
    »Warum haben sie Euch gebüsst?«
    »Wegen dem Kreuzmann!«
    »Wer ist der Kreuzmann?«
    »Der Allmann.«
    »Auch der ist mir unbekannt«, sprach Ekkehard, »wie sieht er aus?«
    »Aus Erz ist er gegossen«, brummte der Fischer, »von zweier Spannen Höhe,
und hält drei Seerosen in der Hand. Der stund im alten Weidenbaum zu
Allmannsdorf, und 's war gut, dass er dort stund, aber seit dem letzten
Ruggericht haben sie ihn aus dem Baum gehauen und ins Kloster verschleppt. Jetzt
steht er auf des welschen Bischofs Grab in Niederzell, was soll er dort? Toten
Heiligen Fische fangen helfen94?! ...«
    Da merkte Ekkehard, dass des Fischers Christenglaube noch nicht felsenfest
stand, und mochte sich erklären, warum das eherne Götzenbild ihm die
Schillingsbusse eingetragen - er hatte ihm ein Zicklein nächtlich als Opfer
geschlachtet, damit seine Fischzüge mit Felchen, Forellen und Braxmannen
gesegnet würden, und die Rugmänner hatten nach kaiserlicher Verordnung solch
heidnisch Rückerinnern geahndet.
    »Seid vernünftig, alter Freund«, sprach Ekkehard, »und vergesset den
Allmann. Ich will Euch ein gut Teil Eures Schillings geben, so Ihr mich
übersetzet.«
    »Was ich rede«, sprach der Alte, »soll sich nicht drehen lassen wie ein Ring
am Finger. Ich fahre keinen von euch. Mein Bub kann's tun, wenn er will.«
    Er pfiff durch die Finger, da kam sein Bub, ein hochstämmiger Ferge, der
führte Ekkehard hinüber.
    Wie sie das Schifflein angelegt, ging Ekkehard dem Kloster zu, das zwischen
Obstbäumen und Rebhügeln versteckt inmitten des Eilandes aufgebaut steht. Es war
die Zeit des Späterbstes, alt und jung auf der Insel mit der Weinlese
beschäftigt, da und dort hob sich die Kapuze eines dienenden Bruders dunkel vom
rotgelben Reblaub ab. Auf der Hochwarte standen die Väter der Insel truppweise
beisammen und ergötzten sich am Getrieb der traubensammelnden Leute; sie hatten
unter Umtragung eines mächtigen Marmorgefässes, das für einen Krug von der
kananäischen Hochzeit galt, die Einsegnung des neuen Weines95 abgehalten.
Fröhlicher Zuruf und fernes Jauchzen klang aus den Rebbergen.
    Unbemerkt kam Ekkehard zum Kloster, auf wenig Schritte war er ihm genaht, da
erst ragte der schwerfällige Turm mit seinen Vorhallen, deren Rundbogen
abwechselnd mit grauen und roten Sandsteinquadern geschmückt sind, vor ihm auf.
    Im Klosterhof war alles stumm und still. Ein grosser Hund wedelte am fremden
Gast hinauf, ohne Laut zu geben, er bellte keine Kutte an; die Einwohner
allesamt hatte der linde Herbsttag hinausgelockt96.
    Da trat Ekkehard in die gewölbte Fremdenstube am Eingang. Auch des Pförtners
Gelass nebenan war leer. Offene Fässer standen aufgepflanzt, manche schon mit
süssem Moste gefüllt. Hinter ihnen war ein steinern Bänklein an der Wand;
Ekkehard war frisch ausgeschritten und die Seeluft hatte ihm zehrend ums Haupt
geweht, da kam ein Zug des Schlummers mächtig über ihn, er lehnte den Wanderstab
an den Arm, streckte sich ein weniges und nickte ein.
    Derweil zog sich's mit langsamem Schritt in die kühle Stube, das war der
ehrenwerte Bruder Rudimann, des Klosters Kellermeister. Er trug ein steinern
Krüglein in der Rechten und ging seines Amtes nach, Mostprobe zu halten. Das
Lächeln eines mit der Welt und sich versöhnten Mannes lag auf seinen Lippen und
sein Bauch war fröhlich gediehen, wie das Hauswesen des Fleissigen, einen weissen
Schurz hatte er darüber geschlungen, gewichtiger Schlüsselbund klapperte an
seiner linken Seite.
    »Zum Kellermeister soll erwählt werden ein weiser Mann von reifen Sitten,
nüchtern und nicht vieler Speise gierig, kein Zänker und kein Schelter, kein
Träger und kein Vergeuder, sondern ein Gottesfürchtiger, der der gesamten
Bruderschaft sei als wie ein Vater97« - und soweit es des Fleisches Schwäche
hienieden möglich macht, war Rudimann bemüht, sotane Kellermeisterseigenschaften
in sich zu vereinen. dabei aber trug er das herbe Amt eines Strafvollziehers,
und wenn einer der Brüder der Geisselung sich schuldig gemacht, band er ihn an
die Säule und konnte sich keiner über die Milde seines Armes beklagen. Dass er
ausserdem mit boshafter Zunge dann und wann boshaftige Gedanken aussprach und den
Abt mit Verdächtigung der Mitbrüder zu unterhalten wusste, wie das Eichhörnlein
Ratatöskr der Edda98, - das auf-und abrennt an der Esche Yggdrasil und des
Adlers zürnende Worte im Wipfel herniederträgt zu Nidhöggr, dem Drachen in der
Tiefe: das war nicht seines Amtes, das tat er aus freien Stücken.
    Heute aber schaute er gar vergnüglich drein, des trug die Güte der Weinlese
schuld. Und er tauchte sein Krüglein in ein offenes Fass, hielt's gegen das
Fenster und schlürfte bedächtig den unklaren Stoff. Des schlafenden Gastes nahm
er nicht wahr.
    »Auch dieser ist süss«, sprach er, »und kommt doch vom mitternächtigen Abhang
der Hügel. Gelobt sei der Herr, der vom Notstand seiner Knechte auf dieser Au
eine billige Einsicht nahm und nach so viel magern Jahren ein fettes schuf, und
frei von Säure!«
    Inzwischen ging draussen Kerhildis, die Obermagd, vorüber, sie trug eine
traubengefüllte Butte zur Kelter. »Kerhildis«, sprach der Kellermeister leise,
»getreueste aller Mägde, nimm mein Krüglein und füll' es mit dem - Neuen vom
Wartberg, der drüben an der Kelter steht, auf dass ich ihn mit diesem
vergleiche.«
    Kerhildis, die Obermagd, stellte ihre Last ab und ging und kam und stand vor
Rudimann, reichte ihm das Krüglein, schaute schalkhaft an ihm hinauf, denn er
überragte sie um eines Kopfes Länge, und sprach: »Wohl bekomm's!«
    Rudimann tat einen langen, frommen, vergleichenden Zug, so dass ihm der Neue
auf den Lippen schmelzen mochte wie Schnee in der Märzensonne; »alle miteinander
werden süss und gut«, sprach er, und seine Augen hoben sich gerührt, und dass sie
an der Obermagd strahlendem Antlitz haftenblieben, daran trug der Kellermeister
kaum Schuld, denn diese hätte sich inzwischen auch zurückziehen können.
    Da fuhr er mit Salbung fort: »So ich aber Euch anschaue, Kerhildis, so wird
mein Herz doppelt froh, denn auch Ihr gedeihet wie der Klosterwein in diesem
Herbst, und Eure Bäcklein sind rot wie Granatäpfel, die des Pflückenden harren.
Preiset mit mir des Jahrgangs Güte, so getreuste aller Mägde!«
    Und der Kellermeister schlang seinen Arm um der schwarzbraunen Obermagd
Hüfte99, die wehrte sich dessen nicht gross - was liegt an einem Kuss im Herbste?
- und sie wusste, dass Rudimann ein Mann von reifen Sitten war und alles mässig
tat, wie es einem Kellermeister geziemt.
    Da fuhr der Schläfer auf der Steinbank aus seinem Schlummer. Ein
eigentümlich Geräusch, das von nichts anderem herrühren kann als von einem
wohlaufgesetzten verständigen Kuss, schlug an sein Ohr, er schaute zwischen den
Fässern durch, da sah er des Kellermeisters Gewandung und ein Paar fliegende
Zöpfe, die nicht zu diesem Habit gehörten ... er richtete sich auf, ein
ungestümer Zorn kam über ihn, denn Ekkehard war jung und eifrig, und in Sankt
Gallen war strenge Sitte, und es hatte ihm noch nie als möglich vorgeschwebt,
dass ein Mann im Ordenskleid ein Weib küssen möge.
    Sein wuchtiger Haselstock ruhte ihm noch im Arm; jetzt sprang er vor und
schlug dem Kellermeister einen wohlgefügen Streich, der zog sich von der rechten
Schulter nach der linken Hüfte und sass fest und gut wie ein auf Bestellung
gelieferter Rock - und bevor sich jener der ersten Überraschung erholt, folgte
ein zweiter und dritter von gleichem Schrot ... er liess sein steinern Geschirr
fallen, dass es am Pflaster zerschellte; Kerhildis entfloh.
    »Beim Krug von der Hochzeit zu Kana!« rief Rudimann, »was ist das?« und
wandte sich gegen den Angreifer. Jetzt erst schauten sich die beiden von
Angesicht zu Angesicht.
    »Ein Gastgeschenk ist's«, sprach Ekkehard ingrimmig, »das der heilige Gall
dem heiligen Pirmin sendet100!« und er erhub seinen Stab von neuem.
    »Dacht' ich's doch«, schalt der Kellermeister, »sankt gallische Holzäpfel!
Man kennt euch an den Früchten: Boden hart, Glaube roh, Leute grob101! Wartet
des Gegengeschenks.«
    Er sah nach etwas Greifbarem um, ein namhafter Besen stand in der Ecke, mit
dem waffnete er sich und gedachte auf den Störer seines Friedens einzudringen
...
    Da rief's gebietend von der Pforte her: »Halt! Friede mit euch!« Und eine
zweite Stimme frug mit fremder Betonung: »Was ist hier für ein Holofernes aus
dem Boden gewachsen?«
    Es war der Abt Wazmann, der mit seinem Freund Simon Bardo, dem ehemaligen
Protospatar102 des griechischen Kaisers, von der Einsegnung der Weinlese
zurückkehrte. Das Geräusch des Streits unterbrach eine gelehrte
Auseinandersetzung des Griechen über die Belagerung der Stadt Hai durch Josua
und die strategischen Fehler des Königs von Hai, da er mit seinem Heer auszog
wider die Wüste. Der alte Griechenfeldherr, der die Heimat verlassen, um im
byzantinischen Ruhestand nicht an Mattigkeit der Seele zu ersterben, lag in
seinen Mussestunden im deutschen Kloster eifrig dem Studium der Taktik ob; sie
hiessen ihn scherzweise den Hauptmann von Kapernaum, wiewohl er das Ordenskleid
genommen.
    »Gebt dem Streite Raum«, sprach Simon Bardo, der mit Bedauern den Zweikampf
unterbrochen sah, zum Abte: »ich hab' heut im Traume ein Sprühen von Feuerfunken
erschaut, das deutet Schläge ...«
    Der Abt aber, in dessen Augen die Eigenmacht jüngerer ein Greuel war, gebot
Ruhe und liess den Streitfall zur Schlichtung vortragen.
    Da hob Rudimann an zu erzählen, was geschehen, und verschwieg nichts.
    »Leichtes Vergehen«, murmelte der Abt; »Hauptstück sechsundvierzig: von dem,
was bei der Arbeit, beim Gärtnen oder Fischfang, in Küche oder Keller gesündigt
wird - alemannisches Gesetz: von dem, was mit Mägden geschieht ... der Gegner
spreche!«
    Da trug auch Ekkehard vor, wie er die Sache angeschaut und in gerechtem Zorn
dreingefahren.
    »Verwickelt!« murmelte der Abt, »Hauptstück siebenzig: kein Bruder nehme
sich heraus, den Mitbruder sonder Ermächtigung des Abts zu schlagen, Hauptstück
zweiundsiebenzig: von demjenigen Eifer, der einem Mönch wohl ansteht und zum
ewigen Leben führt ... Wieviel Jahre zählt Ihr?«
    »Dreiundzwanzig!«
    Da sprach der Abt ernstaft: »Der Streit ist aus. Ihr, Bruder Kellermeister,
habt Eure Streiche als wohlverdient Entgelt Eurer Zerstreuteit aufzunehmen; -
Euch, Fremdling des heiligen Gallus, vermöchte ich füglich anzuweisen, Eures
Weges weiter zu ziehen, denn es stehet geschrieben: Wenn ein fremder Mönch aus
anderweiten Provinzen ankommt, soll er zufrieden sein mit dem, was er im Kloster
vorfindet, sich nur einen demütigen Tadel erlauben und sich in keiner Weise
überflüssig machen. In Erwägung Eurer Jugend und untadeligen Beweggrundes aber
mögt Ihr zur Sühnung am Hauptaltar unserer Kirche eine einstündige Abendandacht
verrichten: dann seid als Gastfreund willkommen!«
    Dem Abte erging es mit seinem Schiedsspruch wie manchem gerechten Richter.
Keiner der Beteiligten war zufrieden; sie gehorchten, aber unversöhnt. Wie
Ekkehard in der Kirche sein Sühngebet tat, mochten ihm allerlei Gedanken durch
die Sinne ziehen vom guten Herzen, vom rechtzeitigen Eifer und von andrer Leute
Urteil drüber. Es war eine der ersten Lehren, die er im Zusammenstoss mit
Menschen erlitt. Durch eine Seitenpforte ging er - ins Kloster zurück.
    Was Kerhildis, die Obermagd, an jenem Abend den dienstbaren Frauen im
Nähsaal zu Oberzell erzählte, allwo sie beim flackernden Scheine des Kienspans
ein Dutzend neue Mönchsgewänder zu fertigen hatten, war mit so beleidigenden
Ausfällen gegen die Jünger des heiligen Gallus untermischt, dass es besser
verschwiegen bleibt ...
 
                                    Fussnoten
A1 Apollinaris Sidonius, etwa 430-480, gallisch-römischer Dichter, Bischof von
Clermont.
 
                               Sechstes Kapitel.
                                    Moengal.
Um dieselbe Zeit, da Ekkehard in der Klosterkirche der Insel eine unfreiwillige
Andacht abhielt, war Frau Hadwig auf dem Söller von Hohentwiel gestanden und
hatte lange hinausgeschaut - aber nicht nach der untergehenden Sonne. Die ging
ihr im Rücken, hinter den dunkeln Bergen des Schwarzwaldes zur Ruhe. Frau Hadwig
aber schaute erwartungsvoll nach dem Untersee und nach dem Pfad, der von seinem
Ausgang sich dem Hohentwieler Fels entgegen zog. Die Aussicht schien ihr nicht
zu genügen; wie's dunkel ward, ging sie unwillig103 zurück, liess ihren Kämmerer
rufen und verhandelte lang' mit ihm ...
    Am frühen Morgen des andern Tages stund Ekkehard gerüstet zu weiterer Fahrt
an der Schwelle des Klosters. Der Abt war auch schon wach und machte einen
Frühgang im Gärtlein. Der Richterernst des gestrigen Tages lag nicht mehr auf
seiner Stirne. Ekkehard sagte ihm Valet. Da raunte ihm der Abt lächelnd ins Ohr:
»Seliger, der du eine solche Schülerin die Grammatik lehren darfst!« Das schnitt
in Ekkehards Herz. Eine alte Geschichte stieg in seiner Erinnerung auf, - auch
in den Klostermauern gab's böse Zungen und überlieferte Stücklein, die vom einen
zum andern die Runde machten.
    »Ihr gedenket wohl der Zeit, heiliger Herr«, sprach er höhnisch, »da Ihr die
Nonne Clotildis in der Dialektik unterrichtet104?«
    Damit ging er hinab zu seinem Schiffe. Der Abt hätte lieber ein Büchslein
mit Pfeffer zum Frühmahl eingenommen als diese Erinnerung. »Glückliche Reise!«
rief er dem Scheidenden nach.
    Von dieser Zeit hatte Ekkehard es mit den Reichenauer Klosterleuten
verdorben. Er liess sich's nicht kümmern und fuhr mit seinem Ermatinger Fergen
den Untersee hinab.
    Träumerisch schaute er aus seinem Schifflein hinaus ins Weite. Im
durchsichtigen Duft des Morgens wogte der See, zur Linken hoben sich die
schlanken Türmchen von Eginos Klause Niederzell, - dort streckt das Eiland seine
letzten Spitzen ins Gewässer hinaus, eine steinerne Pfalz schaute aus den
Weidenbüschen vor - aber Ekkehards Blick haftete auf der Ferne, der er
zusteuerte; gross, stolz, in steiler kecker Linie trat ein felsiger Bergrücken
aus dem Gehügel des Ufers vor, gleich dem Gedanken eines Geistesgewaltigen, der
wuchtig und tatenschwer flache Umgebung überragt, die Frühsonne warf helle
Streiflichter auf Felskanten und Gemäuer. Fern zur Rechten hoben sich etliche
niedere Kuppen von gleicher Form, bescheiden, als wären sie Feldwachen, die der
Grosse ausgesendet.
    »Der Hohentwiel!« sprach der Fährmann zu Ekkehard. Der hatte das Ziel seiner
Fahrt in früheren Tagen noch niemals erschaut, aber es brauchte des Schiffers
Wort nicht, um's ihm zu sagen. So musste der Berg sein, den sie zu ihrem Sitze
erkoren. Eine ernste Stimmung kam über Ekkehard. Züge des Gebirges, weite
Flächen, Wasser und Himmel, grosse Landschaft wirkt jederzeit Ernst im Gemüt, nur
des Menschen Getrieb ruft ein Lächeln auf des Beschauers Lippe. Er gedachte des
Apostel Johannes, wie der einst der Felseninsel Patmos entgegengefahren, und wie
ihm dort eine Offenbarung aufgegangen ...
    Der Fährmann steuerte rüstig vorwärts. Schon waren sie dem Ufervorsprung,
der die Zelle Radolfs und die wenig umliegenden Behausungen trägt, nahe. Da
trieb ein seltsam Schifflein im See, roh, ein hohler Baumstamm, aber ganz
verdeckt und überbaut mit grünem Gezweig und Schilfrohr, und war kein Ruderer zu
erschauen, der es lenkte. Der Wind schaukelte es dem Geröhricht am Gestade
entgegen.
    Ekkehard hiess seinen Fergen das absonderliche Fahrzeug anhalten. Da stiess
derselbe mit seiner Ruderstange in die grüne Verhüllung.
    »Pest und Aussatz Euch ins Gebein!« fluchte es mit tiefer Stimme aus der
Höhlung hervor, »oleum et operam perdidi, Hopfen und Malz ist verloren. Wildgans
und Kriekente sind des Teufels!«
    Ein Zug Wasservögel, der mit heiserem Geschnatter in der Nähe aufstieg und
landeinwärts flog, bestätigte des Fluchenden Ausspruch.
    Im Buschwerk des Schiffleins aber knisterte es und hob sich auf, ein
wettergebräuntes, runzeldurchfurchtes Antlitz schaute herüber, um den Leib
schmiegte sich ein verblichen geistlich Kleid, das, an den Knieen mit unsicherem
Messerschnitt gekürzt, zerzaust herabhing; im Gürtel stak ein Köcher statt des
Rosenkranzes, die gespannte Armbrust lag auf des Schiffleins Vorderteil.
    »Pest und Aussatz« - wollte des Fahrzeugs Insasse nochmals anheben, da
schaute er Ekkehards Tonsur und Benediktinergewand und änderte den Ton: »Hoiho!
salve confrater! Beim Bart des heiligen Patrik von Armagh, so mich Euer Fürwitz
noch eine Viertelstunde länger ungehindert gelassen, könnt' ich Euch zu einem
weidlichen Bissen Seewildbret einladen.« Mit Bewegung schaute er den in die
Ferne streichenden Wildenten nach.
    Ekkehard aber hob lächelnd den Zeigefinger: »Ne clericus venationi incumbat!
Kein Geweihter des Herrn soll der Jagd pflegen105.«
    »Stubenweisheit«, rief der andere, »gilt nicht bei uns am Untersee. Seid Ihr
etwann gesendet, beim Leutpriester zu Radolfszelle Kirchenschau zu halten?«
    »Beim Leutpriester zu Radolfszelle?« frug Ekkehard. »Steht hier der Bruder
Marcellus vor mir?« Er tat einen Seitenblick auf des Weidmanns rechten Arm, an
dem sich die Kutte zurückgestreift hatte; in rauhen Linien war ein von einer
Schlange umwundenes Heilandbild eingeätzt und stund mit punktierten Buchstaben
drüber Christus vindex106.
    »Bruder Marcellus?« lachte der Gefragte und strich mit der Hand über die
Stirn, »fuimus TroesA1, willkommen in Moengals Revier!«
    Er stieg aus seinem hohlen Baum in Ekkehards Schiff hinüber. »Der heilige
Gallus soll leben!« sprach er und küsste ihn auf Wange und Stirn, »lasset uns ans
Land fahren, Ihr seid mein Gast, wenn auch ohne Wildenten.«
    »Euch hab' ich mir anders vorgestellt«, sprach Ekkehard. Das war kein
Wunder.
    Nichts gibt ein falscher Bild von Menschen, als nach ihnen an denselben Ort
kommen, wo sie einstens gewirkt, vereinzelte Reste ihrer Tätigkeit sehen und aus
dem Gerede der Zurückgebliebenen sich eine Vorstellung des Weggegangenen
schaffen. Tiefstes und Eigenstes bleibt dritten meist unbeachtet, auch wenn's
offen zutag' liegt, in der Überlieferung schwindet's ganz. Als Ekkehard ins
Kloster trat, war der Bruder Marcellus schon nach der verlassenen Zelle Radolfs
als Pfarrherr abgegangen. Etliche zierlich geschriebene Urkunden, Ciceros Buch
von den Pflichten, und ein lateinischer Priscianus mit irischer Schrift zwischen
den Zeilen erhielten sein Andenken. Viel verehrt lebte sein Name noch an der
innern Klosterschule, er war der tüchtigsten Lehrer einer gewesen, tadellos sein
Wandel. Seiter war er in Sankt Gallen verschollen. Darum hatte sich Ekkehard
statt des Weidmanns im See einen ernsten, hagern, blassen Gelehrten erwartet.
    Das Gestad von Radolfs Zelle war erreicht; eine dünne, nur auf einer Seite
geprägte Silbermünze stellte den Fährmann zufrieden107. Sie gingen ans Land.
Wenig Häuser und schmucklose Fischerhütten standen um das Grabkirchlein, das
Radolfs Gebeine birgt.
    »Wir sind an Moengals Pfarrhaus«, sprach der Alte, »tretet ein. Ihr werdet
hoffentlich dem Bischof zu Konstanz keinen Bericht von meinem Hauswesen
erstatten wie jener Dekan von Rheinau, der behauptete, er habe bei mir Krüge und
Trinkhörner von einer jedem Zeitalter verhassten Grösse erschauen müssen108.«
    Sie traten in eine holzgetäfelte Halle. Hirschgeweih und Auerochsenhörner
hingen über dem Eingang, Jagdspiesse, Leimruten, Fischgarne lehnten in
malerischer Unordnung an den Wänden, an das umgestürzte Fässlein im Winkel
schmiegte sich der Würfelbecher: wäre es nicht des Leutpriesters Behausung
gewesen, so hätte füglich auch der Förster des kaiserlichen Bannwaldes hier
wohnen können.
    In kurzem stund ein Krug säuerlichen Weines auf dem Eichentisch, auch Brot
und Butter lieferte die Vorratskammer. Dann kam der Leutpriester aus der Küche
zurück, hielt sein Gewand wie eine gefüllte Schürze und schüttete einen
Platzregen von geräucherten Gangfischen vor seinen Gast. »Heu, quod anseres
fugasti antvogelosque et horotumblum! Weh, dass du mir die Wildgänse verscheucht
und die Enten samt der Rohrdommel109!« sprach er, »aber wenn einer nur die Wahl
zwischen Gangfisch und gar nichts hat, greift er immer noch zum erstern.«
    Glieder derselben Genossenschaft sind schnell befreundet. Ein lebhaft
Gespräch erhob sich beim Imbiss. Aber der Alte hatte mehr zu fragen, als Ekkehard
beantworten konnte; von so manchem seiner alten Brüder war nichts mehr zu
berichten, als dass sein Sarg eingemauert stand bei dem der andern und ein Kreuz
an der Wand und ein Eintrag im Totenbuch die einzige Spur, dass er gelebt; - die
Geschichten und Spässlein und Klosterfehden, wie sie vor dreissig Jahren erzählt
wurden, waren durch neue ersetzt, und was seit damals geschehen, liess ihn
gleichgültig. Nur wie Ekkehard von dem Zweck und Ziel seiner Fahrt sprach, rief
er: »Hoiho, Konfrater, was habt Ihr wider die Jagd gesprochen und ziehet ja
selber auf Edelwild aus!«
    Aber Ekkehard lenkte ab. »Habt Ihr noch nie Heimweh nach des Klosters Stille
und Wissenschaft verspürt?« frug er.
    Da flammte des Leutpriesters Aug': »Ward Catilina von Heimweh nach den
Holzbänken des römischen Senats geplagt, nachdem von ihm gesagt war: excessit,
evasit, erupitA2? Junges Blut versteht das nicht. Fleischtöpfe Ägyptens?! ille
terrarum mihi praeter omnesA3... sprach der Hund zum Stall, in dem er sieben
Jahre gelegen.«
    »Ich versteh' Euch allerdings nicht«, sprach Ekkehard. »Was schuf Euch
solche Änderung der Sinnesart?« Er warf einen Seitenblick auf das Jagdgerät.
    »Die Zeit«, gab der Leutpriester zurück und klopfte seinen Gangfisch auf dem
Eichentisch mürb, - »die Zeit und wachsende Erkenntnis. Das braucht Ihr aber
Eurem Abte nicht zu berichten. Bin auch einmal ein Bursch gewesen wie Ihr,
Irland zieht fromme Leute, sie wissen's hierzulande. Eheu, wie war ich
untadligen Gemütes, wie ich mit Oheim Marcus von der Wallfahrt gen Rom zurückkam
110. Hättet den jungen Moengal sehen sollen, die ganze Welt war ihm keinen
Gründling wert, aber Psallieren, Vigilien singen, geistliche Übungen halten: das
war mein Labsal. Da ritten wir in Gallus' Kloster ein - einem heiligen Landsmann
zu Ehren macht ein braver Irländer schon ein paar Meilen um, - ich aber bin ganz
dort hängengeblieben. Kleider, Bücher, Gold und Wissen, der ganze Mensch ward
des Klosters, und der irische Moengal ward Marcellus geheissen und warf seines
Oheims silberne und goldene Pfennige zum Fenster hinaus, dass die Brücke
abgebrochen sei, die zur Welt zurückführt. Waren schöne Jahre, sag' ich Euch,
hab' gewacht und gebetet und studiert nach Herzenslust.
    Aber viel Sitzen ist schädlich dem Menschen, und viel Wissen macht
überflüssige Arbeit. Manchen Abend hab' ich gegrübelt wie ein Bohrwurm und
disputiert wie eine Elster, nichts war unergründlich: wo das Haupt Johannis, des
Täufers, begraben liege, und in welcher Sprache die Schlange zu Adam gesprochen
- alles klar erörtert, nur daran war ich nicht zu denken geraten, dass der Mensch
auch Knochen und Fleisch und Blut mit sich in die Welt bekommen. Hoiho,
Konfrater, da kamen böse Stunden, mögen sie Euch erspart bleiben! der Kopf ward
schwer, die Hände unruhig, am Schreibtisch kein Bleiben, in der Kirche kein
Knieen - fort! hiess es, nur fort und hinaus! Dem alten Tieto sagt' ich
dereinst, ich habe eine Entdeckung gemacht. Was für eine? Dass es jenseits
unserer Mauern frische Luft gebe ... Da versagten sie mir den Ausgang, aber
manche Nacht bin ich heimlich auf den Glockenturm gestiegen111 und hab'
hinausgeschaut und die Fledermäuse beneidet, die in Tannenwald hinüber flogen
... Konfrater, dagegen hilft kein Fasten und kein Beten, was im Menschen steckt,
muss heraus.
    Der vorige Abt hat billige Einsicht genommen und mich auf Jahresfrist
hierher geschickt, aber der Bruder Marcellus kam nimmer heim. Wie ich hier im
Schweiss meines Angesichtes den Tannbaum fällte und den Nachen zimmerte und den
Strichvogel aus den Lüften herunterholte, da ist mir ein Licht aufgegangen, was
gesund sein heisst - Fischfang und Weidwerk beizen die unnützen Mücken aus dem
Kopf - so stehe ich seit dreissig Jahren der Zelle Radolfi vor, rusticitate
quadam imbutus, einer gewissen Verbauerung ausgesetzt, was verficht's? Ich bin
gleich der Kropfgans in der Wüste, gleich der Eule, die in Trümmern nistet, sagt
der Psalmist, aber frisch und stark, und der alte Moengal gedenkt sobald noch
nicht ein stummer Mann zu werden und weiss, dass er wenigstens vor einem Unglück
sicher sein darf ...«
    »Was meint Ihr für ein Unglück?« frug Ekkehard.
    »Dass ihm Sankt Petrus dereinst den himmlischen Torschlüssel vor die Stirn
schlägt und spricht: Hinaus mit dir, der du unnütz und eitel Philosophie
getrieben!«
    Ekkehard liess sich auf Moengals Herzensergiessungen nicht näher ein. »Ihr
habet wohl rauhen Dienst in Sorge der Seelen«, sprach er, »verstockte Herzen,
Heidentum und Ketzerei ...«
    »'s geht an«, sprach der Alte, »im Mund der Bischöfe und kaiserlichen Räte,
in den Kapitularien und Synodal beschlüssen nimmt sich's haarsträubend aus, wenn
sie den heidnischen Irrwahn abzeichnen und mit Strafsatzung bedräuen. 's ist
eben alter Glaube hierlands, im Baum und Fluss und auf lustiger Bergeshöhe der
Gotteit nachzuspüren. Jeder auf der Welt muh seine Apokalypsis haben, die
Hegauer suchen sie draussen ... es lässt sich auch etwas dabei denken, wenn der
Mensch frühmorgens im Schilfe steht und die Sonne über ihm aufgeht ...
    Deshalb kommen sie am Tage des Herrn doch zu mir und singen die Messe mit,
und wenn der Sendbote ihnen nicht so manchen Strafschilling aus dem Sack
zwickte, würden sie noch fröhlicher sich zum Evangelium wenden. -
    Stosst an, Konfrater, die frische Luft ...«
    »Erlaubt«, sprach Ekkehard mit seiner Wendung, »dass ich das Wohl Marcellus',
des Lehrers an der Klosterschule, des Verfassers der irischen Übersetzung des
Priscianus trinke.«
    »Mir auch recht«, lachte Moengal. »Was aber die irische Übersetzung
betrifft, die möchte einen Haken haben112.«
    In Ekkehard war das Verlangen gross, seinen hohen Twiel zu erreichen. Kurz
vor dem Ziele weiter Fahrt hat noch selten einer lange Rast gehalten. »Der Berg
steht fest in der Erden«, sprach zwar Moengal, »der entfleucht Euch nimmer.«
    Aber Moengals Wein und seine Lehre von der frischen Luft hatten für den, der
einer Herzogin entgegen sollte, wenig Verstrickendes. Er brach auf.
    »Ich geh' mit Euch bis an des Pfarrsprengels Grenze«, sagte der
Leutpriester, »heute dürft Ihr mir noch zur Seite gehen, trotz meines
verblichenen Gewandes; wenn Ihr auf dem Berg droben festsitzet, dann werdet Ihr
meinen, die Verklärung sei über Euch gekommen, und werdet ein vornehmer Herr
werden, und wenn Ihr dereinst an Frau Hadwigs Seite gen Radolfs Zelle geritten
kommet, und der alte Moengal steht an der Schwelle, so wird ihm eine gnädige
Handbewegung als Almosen zugeworfen - der Welt Lauf! Wenn der Heuerling gross
geworden, heisst er Felchen und frisst die Kleinen seines Geschlechts.«
    »Das sollt Ihr nicht sagen«, sprach Ekkehard und küsste den irischen
Mitbruder.
    Da gingen sie zusammen, und der Leutpriester nahm seine Leimruten mit, im
Rückweg den Vögeln des Waldes Nachstellung zu bereiten. Es war ein langer Weg
durch den Tannenwald, lang und still.
    Wie sich das Gehölz lichtete, da stand in dunkler Masse der hohe Twiel und
warf ihnen seinen Schatten entgegen. Moengal aber schaute mit scharfem Aug' den
Waldpfad entlang durch die Lichtung der Tannen. »Es streicht was durchs Revier«,
sprach er.
    Sie waren wieder etliche Schritte gegangen, da griff Moengal seinen
Gefährten am Arm, stellte ihn, deutete vorwärts und sprach: »Das sind keine
Wildenten noch Tiere des Waldes!«
    Es kam ein Ton herüber, als wenn fernab ein Ross gewiehert ... Moengal sprang
seitwärts, schlich sich ein gut Stück im jungen Gehölz vorwärts, legte sich auf
den Boden und spähte.
    »Weidmanns Torheit«, sprach Ekkehard und wartete seiner. Jetzt kam er
zurück. »Bruder«, sprach er »liegt der heilige Gall in Fehde mit einem der
Gewaltigen dieses Landes?«
    »Nein.«
    »Habt Ihr einen beleidigt?«
    »Nein.«
    »Sonderbar«, sprach der Alte, »es kommen drei Gewaffnete geritten.«
    »Es werden Boten der Herzogin sein, mich zu empfangen«, sprach Ekkehard mit
stolzem Lächeln.
    »Hoiho!« brummte Moengal, »fehlgeschossen! Das ist nicht herzoglicher
Dienstmannen Kleid, der Helm ist sonder Abzeichen. Und im grauen Mantel reitet
kein Twieler!«
    Er hemmte seinen Schritt.
    »Vorwärts!« sprach Ekkehard. »Wes Herz ohne Schuld, den geleiten die Engel
des Herrn.«
    »Im Hegau nicht immer!« war des Alten Antwort. Es war keine Gelegenheit zu
weiterem Zwiegespräch, Hufschlag tönte, der Boden klirrte, drei Reitersmänner
kamen gesprengt, den Helm geschlossen, das Schwert gezogen ...
    »Folgt mir«, rief der Leutpriester, »maturate fugamA4!« Er warf seine
Leimruten zu Boden und wollte Ekkehard mit zur Seite ziehen. Der aber wandte
sich nicht. Da sprang Moengal allein ins Buschwerk hinüber, die Dornen zogen ihm
zu den alten Rissen ins morsche Gewand etliche neue, er wand sich los, mit den
Sprüngen eines Eichhorns setzte er ins Dickicht. Er kannte die Schliche.
    »Er ist's!« rief der vorderste der Reiter, da sprangen die andern von den
Rossen, stolz sah ihnen Ekkehard entgegen: »Was wollt Ihr?« - keine Antwort; er
griff zum Kruzifix, das ihm im Gürtel hing. »Im Namen des Gekreuzigten! ...«
wollte er anheben, aber schon war er zu Boden geworfen, unsanfte Fäuste hielten
ihn, ein Strick ward um seine Hände geschlungen, bald lagen sie geknebelt auf
dem Rücken - eine weisse Binde umschloss seine Augen knapp und fest, dass es dunkel
um ihn ward - »Vorwärts!« die Überraschung des Augenblicks beugte ihm die Kniee,
unsicher schritt er, da hoben sie ihn und trugen ihn ein Stück weit. Am Beginn
des Waldes stunden vier Männer mit einer Sänfte, in die warfen sie den
Betroffenen und weiter ging's durch die Ebene, am steten Hufschlag zur Seite
merkte Ekkehard, dass die Reiter ihren Fang geleiteten.
    Derweil Moengal durch den Wald floh, hüpften die Meisen so zutraulich auf
den Zweigen, und heller Drosselschlag umtönte ihn, da vergass er der Gefahr, und
sein Herz kränkte sich, dass er die Leimruten fahren gelassen.
    Wie er aber auch noch die Wachtel ihr: Quakkara! Quakkara113 rufen hörte,
klang ihm das geradezu herausfordernd, und er wandte seinen Schritt zum Platze
des Überfalls. Es war still dort, als wäre nichts geschehen. In der Ferne sah er
die Kriegsleute abziehen. Die Helme glänzten.
    Es werden aber viele, so die ersten waren, die letzten sein, sprach er
kopfschüttelnd und las seine Leimruten zusammen. Zu einer Fürstin Saal gedachte
er zu gehen und das Gefängnis nimmt ihn auf. »Heiliger Gallus, bitt' für uns!«
    Weiter zerbrach sich Moengal den Kopf nicht. Derlei Vergewaltigung war
häufig wie Schlüsselblumen im Frühling.
    Es schwamm einmal ein Fisch klaftertief unten im Bodensee, der könnt' sich's
gar nicht erklären, was den Kormoran zu ihm hinabführte, der schwarze
Tauchervogel hatte ihn schon im Schnabel und flog mit ihm hoch durch die Lüfte
weg: noch war's ihm unbegreiflich. So lag Ekkehard in der Sänfte, ein gebundener
Mann; je mehr er über seines Geschickes Wendung nachsann, desto weniger mocht'
er's fassen.
    Dräuend stieg der Gedanke in ihm auf, es möchte wohl einer im Hegau sitzen,
ein Freund oder Blutsverwandter der Kammerboten, und jetzt am unschuldigen
Jünger des heiligen Gallus Rache nehmen, denn Salomo, der Ursächer ihres
schmählichen Todes, war zugleich Abt jenes Klosters gewesen. Für den Fall mochte
sich Ekkehard auf das Schlimmste bereit halten, er wusste, wie manchen
priesterlichen Standes nicht die Tonsur, nicht geistlich Gewand vor dem
Ausstechen der Augen oder Abhauen der Hände geschützt, wenn's um Rache ging.
    Er gedachte aus Sterben. Mit seinem Gewissen war er versöhnt, der Tod trug
ihm kein Schrecknis zu, aber tief im Herzen klang doch eine leise Frage: »Warum
nicht erst in Jahresfrist, nachdem mein Fuss den Twiel betrat?« -
    Jetzt gingen die Träger der Sänfte langsamen Schrittes, es mochte einen Berg
hinan gehen. »Auf welches der Felsennester dieses Landes schleppen sie mich?«
Ein halb Stündlein mochten sie aufwärts gestiegen sein, da schlug der Huftritt
der Reiter rasselnd und hohl auf, wie wenn sie über eine hölzerne Brücke ritten.
Noch blieb's still, kein Wächterruf, - die Entscheidung konnte nimmer fern sein.
Da kam ein starkes Vertrauen über Ekkehard, die Worte des Psalms traten vor ihn:
»Gott ist unsere Zuflucht und Stärke, als Hilfe in Nöten mächtig erfunden. Darum
fürchten wir nichts, ob auch die Erde wechselte und die Berge wankten im Herzen
des Meers. Mögen brausen die Gewässer, die Berge beben bei seinem Ungestüm.
Jehovah ist mit uns, unsere Zuflucht der Gott Jakobs, Sela ...«
    Über eine zweite Brücke ging's. Ein Tor ward aufgetan, die Sänfte stand. Da
huben sie ihren Gefangenen herfür, sein Fuss berührte den Boden, es war Gras -
ein Flüstern schlug an sein Ohr, als wär' viel Volk in der Nähe versammelt, der
Strick um seine Hände ward gelöst. »Nehmt Euch die Binde von den Augen!« sprach
einer seiner Begleiter, er tat's - Herz, jauchze nicht! er stand im Schlosshof
von Hohentwiel ... Fröhlich rauschte es im! Geäst der alten Linde, ein zeltartig
Getüch war darein gespannt, Kränze von Eppich und Weinlaub hingen hernieder, der
Burg Insassen standen gedrängt herum, auf steinerner Bank sass die Herzogin, der
purpurdunkle Fürstenmantel wallte von den Schultern, mildes Lächeln umspielte
die herben Züge - jetzt erhob sich die herrliche Gestalt, sie schritt Ekkehard
entgegen: »Willkommen in Hadwigs Burgfrieden!« Er wusste kaum, wie ihm geschah,
und wollte ins Knie sinken, huldreich hob sie ihn empor und winkte dem Kämmerer
Spazzo, der warf seinen grauen Reitermantel ab, ging auf Ekkehard zu und umarmte
ihn wie einen alten Freund: »Im Namen unserer Gebieterin empfahet den
Friedenskuss!«
    Flüchtig zuckte in Ekkehard der Gedanke: »Soll hier ein Spiel mit mir
gespielt werden?« aber die Herzogin rief scherzend:
    »Ihr seid mit gleicher Münze bezahlt. Habt Ihr vor drei Tagen die Herzogin
in Schwaben nicht anders als getragen über des heiligen Gallus Schwelle kommen
lassen, so war's billig, dass auch sie den Mann von Sankt Gallen in ihr Schloss
tragen liess.«
    Und Herr Spazzo schüttelte ihm nochmals die Hand und sprach: »Nichts für
ungut, es war strenger Befehl so!« - Er hatte erst den Überfall befehligt und
wirkte jetzt zum herzlichen Empfang, beides mit gleich unveränderter, gewichtiger
Miene, denn ein Kämmerer muss gewandt sein und auch das Widersprechende in Form
zu bringen wissen.
    Ekkehard lächelte: »Für einen Scherz«, sagte er, »habt Ihr's recht ernstaft
ausgeführt.« Er gedachte dabei insbesondere, wie ihm einer der Reitersmänner, da
sie ihn in die Sänfte warfen, mit erzbeschlagenem Lanzenschaft einen schweren
Stoss in die Seite versetzt. Das stand freilich nicht in der Herzogin Befehl,
aber der Reitknecht war schon unter Luitfried, des Kammerboten Neffen, dabei
gewesen, wie sie den Bischof Salomo einstmals niederwarfen, und hatte sich von
dazumal die irrige Meinung eingeprägt, bei Niederwerfung geistlicher Herren
gehöre ein fester Faustschlag, Stoss oder Fusstritt unumgänglich zum Landbrauch114
.
    Jetzt führte Frau Hadwig ihren Gast an der Hand durch den Schlosshof und wies
ihm ihre lustige Behausung und die stolze Fernsicht nach Bodensee und
Alpenkuppen, und der Burg Leute baten um seinen Segen - auch die Reitknechte
kamen und die Träger der Sänfte, und er segnete sie alle.
    Dann geleitete ihn die Herzogin bis an den Eingang. Ein Bad war ihm
zurechtgemacht115 und frische Gewandung bereitet; sie hieb ihn sich pflegen und
ausruhen, und Ekkehard war fröhlich und guter Dinge nach leicht erstandener
Gefahr ...
    In der Nacht, die jenem Tage folgte, trug sich's im Kloster Sankt Gallen zu,
dass Romeias, der Wächter, ohn' allen Anlass von seiner Matte auffuhr und grimmig
in sein Horn stiess, so dass die Hunde im Klosterhof anschlugen und alles wach
wurde und zusammenlief - und war doch weit und breit niemand, der Einlass
begehrte. Der Abt schrieb's auf Rechnung böser Geister, liess aber zugleich des
Romeias Vespertrunk sechs Tage lang auf die Hälfte herabsetzen, - eine Massregel,
die jedoch auf Voraussetzung eines gänzlich unrichtigen Grundes beruhte.
 
                                    Fussnoten
A1 »Gewesen sind wir Troer«, sagt der Priester Pantus bei der Eroberung Iliums
(»Äneis« 2, 325).
A2 Cicero in der zweiten Catilinarischen Rede.
A3 Aus einer Ode des Horaz (II, 6): »Dies Plätzchen gefällt mir vor allen ...«
A4 Fliehet eiligst!
 
                               Siebentes Kapitel.
                         Virgilius auf dem hohen Twiel.
Wenn einer seine Übersiedlung an neuen Wohnsitz glücklich bewerkstelligt hat,
dann ist's ein anmutig und reizend Geschäft, sich wohnlich einzurichten.
    Ist auch gar nicht so gleichgültig, in was Stube und Umgebung einer haust,
und wessen Fenster auf die Heerstrasse zielen, wo die Lastwagen fahren und die
Steine geklopft werden, bei dem halten sicherlich mehr graue und verstäubte als
buntfarbige Gedanken Einkehr.
    Darüber hatte sich nun Ekkehard keine Sorge zu machen, denn die Herzogsburg
auf dem Twiel lag luftig und hoch und einsam, - aber ganz zufrieden war er auch
nicht, als ihm Frau Hadwig tags nach seiner Ankunft seinen Wohnsitz anwies.
    Es war ein gross luftig Gemach mit säulendurchteiltem Rundbogenfenster, aber
an demselben Gang gelegen, an den auch der Herzogin Saal und Zimmer stiessen. Der
Eindruck, den einer aus abgeschiedener Klosterzelle mitnimmt, lässt sich nicht
über Nacht verwischen. Und Ekkehard gedachte, wie er oftmals möge von seiner
Betrachtung abgezogen werden, wenn geharnischter Fusstritt und Sporenklang oder
leises Huschen dienender Mägde an seiner Tür vorüberstreife, oder wenn er sie
selber, die Herrin der Burg, möge einhergehen hören - unbefangen wandte er sich
an Frau Hadwig: »Ich hab' ein Anliegen, hohe Frau!«
    »Redet«, sagte sie mild.
    »Möchtet Ihr mir nicht zu sotanem Gelass ein fern gelegen Stüblein zuweisen,
- und wenn's unterm Dach oder in einem der Warttürme wäre. Der Wissenschaft, wie
des Gebetes Pflege heischt einsame Stille, Ihr kennet ja des Klosters Brauch.«
    Da legte sich eine leise Falte über Frau Hadwigs Stirn, eine Wolke war's
nicht, aber ein Wölklein. »Ihr sehnet Euch danach, oftmals allein zu sein?« frug
sie spöttisch. »Warum seid Ihr nicht in Sankt Gallen geblieben?«
    Ekkehard neigte sich und schwieg.
    »Halt an«, rief Frau Hadwig, »es soll Euch geholfen werden. Seht Euch das
Gelass an, in dem Vincentius, unser Kapellan, bis an sein selig End' gehaust hat,
der hat auch so einen Raubvogelgeschmack gehabt und war lieber der höchste auf
Twiel als der bequemste. Praxedis, hol' den grossen Schlüsselbund und geleite
unsern Gast.«
    Praxedis tat nach dem Gebot. Das Gemach des seligen Kapellans war hoch oben
im viereckigen Hauptturm der Burg; langsam stieg sie mit Ekkehard die finstere
Wendeltreppe hinauf, der Schlüssel knarrte schwer im lang' nicht gedrehten
Schloss. Sie traten ein. Da sah's gut aus.
    Wo ein gelehrter Mann gehaust, braucht's ein Stück Zeit, um seine Spuren zu
verwischen. Es war ein mässiger Geviertraum, weisse Wände, wenig Hausrat, Staub
und Spinnweb allentalb; auf dem Eichentisch stand ein Büchslein mit
Schreibsaft, längst war's eingetrocknet, im Winkel ein Krug, drin vielleicht
einst Wein gefunkelt, auf einem Brett der Wandnische glänzten einige Bücher,
aufgeschlagene Pergamentrollen lagen dabei, aber, o Leidwesen! der Sturm hatte
das Fensterlein zerschlagen, der Patz in Vincentius' Stube war seit seinem Tod
für Sonne und Regen, Mücken und Vögel frei geworden; eine Schar Tauben war
eingezogen, in ungestörter Besitzergreifung hatten sie sich zwischen der
Bücherweisheit angesiedelt, auf den Briefen des heiligen Paulus und auf Julius
Cäsars »Gallischem Krieg« nisteten sie und schauten verwundert den Eingetretenen
entgegen.
    Der Tür gegenüber war mit Kohle ein Sprüchlein an die Wand geschrieben.
»Marta, Marta, du machst dir um vielerlei Sorge und Unruh'!« las Ekkehard;
»soll das des Verstorbenen letzter Wille sein?« frug er seine liebliche
Wegweiserin.
    Praxedis lachte: »'s war gar ein behaglicher Herr«, sprach sie, »der Herr
Vincentius selig. Ruhe ist mehr wert als ein Talent Silbers116, hat er oft
gesagt. Die Frau Herzogin aber hat ihm arg zugesetzt, immer gefragt und was
anderes gefragt: heut von den Sternen am Himmel, morgen von Arzneikraut und
Heilmitteln, übermorgen aus der Heiligen Schrift und Überlieferung der Kirche -
wozu habt Ihr studiert, wenn Ihr keinen Bescheid wisset? dräute sie, und Herr
Vincentius hat einen schweren Stand gehabt -«
    Praxedis deutete schalkhaft mit dem Zeigefinger nach der Stirn -
    »Mitten im Land Asia«, hat er meistens erwidert, »liegt ein schwarzer
Marmelstein; wer den aufhebt, der weiss alles und braucht nicht mehr zu fragen
... Er war aus Bayerland, der Herr Vincentius, den Bibelspruch hat er wohl zu
seinem Trost hingeschrieben.«
    »Pflegt die Herzogin so viel zu fragen?« sprach Ekkehard zerstreut.
    »Ihr werdet's wahrnehmen«, sagte Praxedis.
    Ekkehard musterte die zurückgebliebenen Bücher. »Es tut mir leid um die
Tauben, die werden abziehen müssen.«
    »Warum?«
    »Sie haben das ganze erste Buch des, Gallischen Kriegs' verdorben, und der
Brief an die Korinter ist mit untilgbaren Flecken belastet ...«
    »Ist das ein grosser Schaden?« frug Praxedis.
    »Ein sehr grosser!«
    »O ihr arme böse Tauben«, scherzte die Griechin, »kommt her zu mir, eh' der
fromme Mann euch hinausjagt unter die Häher und Falken.«
    Und sie lockte den Vögeln, die unbefangen in der Büchernische verblieben
waren, und wie sie nicht kamen, warf sie einen weissen Wollknäuel auf den Tisch,
da flog der Tauber herüber, vermeinend, es sei eine neue Taube angekommen, und
ging dem Knäuel mit gemessenen Schritten entgegen, zwei vor und einen zurück,
und verbeugte sich und grüsste mit langgezogenem Gurren. Praxedis aber nahm den
Knäuel an sich, da flog ihr der Vogel auf den Kopf.
    Da hub sie leise an, eine griechische Singweise zu summen; es war das Lied
des alten, ewig jungen Sängers von TejosA1:
»Ei sieh, du holdes Täubchen,
Wo kommst du hergeflogen?
Woher die Salbendüfte,
Die du, die Luft durchwandelnd,
Aushauchst und niederträufelst?
Wer bist du? was beliebt dir?«
    Ekkehard horchte hoch auf und warf einen schier erschrockenen Blick von dem
Kodex, den er durchblätterte, herüber; wäre sein Aug' für natürliche Anmut
geübter gewesen, so hätt' es wohl länger auf der Griechin haften dürfen. Der
Tauber war ihr auf die Hand gehüpft, sie hielt ihn mit gebogenem Arm in die Höhe
- Anakreons alter Landsmann, der dereinst den parischen Marmorblock zur Venus
von Knidos umschuf, hätte das Bild dauernd seinem Gedächtnis eingeprägt.
    »Was singt Ihr?« fragte Ekkehard. »Das klingt ja wie fremde Sprache.«
    »Warum soll's nicht so klingen?«
    »Griechisch?!«
    »Warum soll ich nicht Griechisch singen?« gab ihm Praxedis schnippisch
zurück.
    »Bei der Leier des Homerus«, sprach Ekkehard verwundert, »wo in aller Welt
habt Ihr das erlernet, unserer Gelehrsamkeit höchstes Ziel?«
    »Zu Hause! ...« sagte Praxedis gelassen und liess die Taube zurückfliegen.
    Da schaute Ekkehard noch einmal in scheuer Hochachtung herüber. Bei
Aristoteles und Plato war's ihm seiter kaum eingefallen, dass auch zur Zeit noch
lebende Menschen griechischer Zunge auf der Welt seien. Wie eine Ahnung zog's
durch seinen Sinn, dass hier etwas verkörpert vor ihm stehe, das ihm trotz aller
geistlichen und weltlichen Weisheit fremd, unerreichbar ...
    »Ich glaubte als Lehrer gen Twiel zu kommen«, sprach er wehmütig, »und finde
meine Meister. Wollt Ihr von Eurer Muttersprache mir nicht auch dann und wann
ein Körnlein zuwenden?«
    »Wenn Ihr die Tauben nicht aus der Stube verjagt«, sprach Praxedis. »Ihr
könnt ja ein Drahtgitterlein vor die Nische ziehen, wenn sie Euch ums Haupt
fliegen wollen.«
    »Am eines reinen Griechisch willen ...« wollte Ekkehard erwidern, aber die
Türe der engen Klause war aufgegangen. -
    »Was wird hier von Tauben und reinem Griechisch verhandelt?« klang Frau
Hadwigs scharfe Stimme. »Braucht man so viel Zeit, um diese vier Wände
anzuschauen? Nun, Herr Ekkehard, taugt Euch die Höhle?«
    Er nickte bejahend.
    »Dann soll sie gesäubert und in Stand gesetzt werden«, fuhr Frau Hadwig
fort. »Auf, Praxedis, die Hände gerührt und vor allem das Taubenvolk verjagt!«
    Ekkehard wollte es wagen, ein Wort für die Tauben einzulegen.
    »Ei so«, sprach Frau Hadwig, »Ihr wünschet allein zu sein und Tauben zu
hegen. Soll man Euch nicht auch eine Laute an die Wand hängen und Rosenblätter
in Wein streuen? Gut, wir wollen sie nicht verjagen; aber heute abend sollen sie
gebraten unsern Tisch zieren.«
    Praxedis tat, als habe sie nichts gehört.
    »Wie war's mit dem reinen Griechisch?« frug nun die Herzogin. Unbefangen
erzählte ihr Ekkehard, um was er die Griechin angegangen, da zogen die
Stirnfalten wieder bei Frau Hadwig auf: »Wenn Ihr so wissbegierig seid, so mögt
Ihr mich fragen«, sagte sie, »auch mir ist die Sprache geläufig.« Ekkehard
sprach nichts dagegen. In ihrer Rede lag meistens eine Schärfe, die das Wort der
Erwiderung im Munde abschnitt. -
    Die Herzogin war streng und genau in allem. Schon in den ersten Tagen nach
Ekkehards Ankunft entwarf sie, einen Plan, in welcher Art sie zur Erlernung der
lateinischen Sprache vorschreiten wolle. Da fanden sie es am besten, eine Stunde
des Tages der löblichen Grammatik zu bestimmen, eine zweite der Lesung des
Virgilius. Auf letztere freute sich Ekkehard sehr, er gedachte sich
zusammenzufassen und mit Aufbietung von Wissen, Schärfe und Feinheit der
Herzogin die Pfade des Verständnisses zu ebnen.
    »Es ist doch kein unnütz Werk«, sprach er, »was die alten Poeten getan; wie
mühsam wäre es, eine Sprache zu erlernen, wenn sie uns nur im Wörterbuch
überliefert wäre, wie die Getreidekörner in einem Sack, und wir die Mühe hätten,
Mehl daraus zu malen und Brot daraus zu backen ... Der Poet aber stellt alles
wohlgefügt an seinen Platz, da ist sein ersonnener Plan und Inhalt, und die Form
klingt lieblich drein wie Saitenspiel; woran wir uns sonst die Zähne auszureissen
hätten, das schlürfen wir aus Dichters Hand wie Honigseim, und es schmeckt
süsse.«
    Das Herbe der Grammatik zu lindern, wusste Ekkehard keinen Ausweg. Für jeden
Tag schrieb er der Herzogin die Aufgabe auf ein Pergamentblatt, sie war des
Lernens begierig, und wenn die Frühsonne über dem Bodensee aufstieg und ihre
ersten Strahlen auf den hohen Twiel warf, stund sie schon in des Fensters
Wölbung und lernte, was ihr vorgeschrieben war, leise und laut, bis zu Ekkehards
Saal klang einst ihr einförmig Hersagen: amo, amas, amat, amamus ...
    Praxedis aber hatte schwere Stunden. Sich zur Anregung, aber ihr zu nicht
geringer Langeweile, befahl ihr Frau Hadwig, jeweils das gleiche Stück Grammatik
zu lernen. Kaum Schülerin, freute es sie, mit dem, was sie erlernt, ihre
Dienerin zu meistern, und nie war sie zufriedener, als wenn Praxedis ein
Hauptwort für ein Beiwort ansah oder ein unregelmässig Zeitwort regelmässig
abwandelte.
    Des Abends kam die Herzogin hinüber in Ekkehards Gemach. Da musste alles
bereit sein zur Lesung des Virgil, Praxedis kam mit ihr, und da in Vincentius'
nachgelassenen Büchern ein lateinisch Wörterbuch nicht vorhanden war, ward sie
mit Anfertigung eines solchen beauftragt, denn sie hatte in jungen Tagen des
Schreibens Kunst erlernt. Frau Hadwig war dessen minder erfahren: »Wozu wären
die geistlichen Männer«, sprach sie, »wenn ein jeder die Kunst verstünde, die
ihrem Stand zukommt? Schmieden sollen die Schmiede, fechten die Krieger und
schreiben die Schreiber, und soll kein Durcheinander entstehen.« Doch hatte Frau
Hadwig sich wohlgeübt, ihren Namenszug in künstlich verschlungenen grossen
Buchstaben den siegelbehangenen Urkunden als Herrin des Landes beizufügen.
    Praxedis zerteilte eine Pergamentrolle in kleine Blätter, zog auf jedes
Blatt zwei Striche, also, dass drei Abteilungen geschaffen wurden, um nach
Ekkehards Vortrag jedes lateinische Wort einzutragen, daneben das deutsche, in
die dritte Reihe das entsprechende griechisch. Letzteres war der Herzogin
Anordnung, ihm zu beweisen, dass die Frauen auch ohne seine Beihilfe schon
löbliche Kenntnis erworben.
    So begann der Unterricht117.
    Die Türe von Ekkehards Gemach nach dem Gang hin hatte Praxedis weit
aufgesperrt. Er ging hin und wollte sie zulehnen, die Herzogin aber hielt ihn
zurück: »Kennet Ihr die Welt noch nicht?«
    Ekkehard wusste nicht, was das heissen solle.
    Jetzt las er ihnen das erste Buch von Virgilius' Heldendichtung. Äneas, der
Troer, hub sich vor ihren Augen, wie ihn siebenjährige Irrfahrt
umhergeschleudert auf dem Tyrrhener Meer und wie es so unsäglicher Mühsal
gekostet, des römischen Volkes Gründer zu werden. Es kam der Zorn der Juno, wie
sie an Äolus bittweise sich wendet und dem Gebietiger von Wind und Sturm die
schönste ihrer Nymphen verspricht, wenn er der Troer Schiffe verderben wolle -
Gewitter, Sturm, Schiffbruch, Zerschellen der Kiele, ringsum schwimmen umher
sparsam in unendlicher Meeresflut Waffen des Kriegs und Gebälk und troischer
Prunk durch die Brandung. Und der Wogen Gemurr dringt zu Neptunus hinunter, tief
in Grund, er kommt emporgestiegen und schaut die Verwirrung, des Äolus Winde
jagt er mit Schimpf und Schande nach Hause, wie der Aufruhr beim Wort des
verdienten Mannes legt sich das Toben der Wässer, an Libyens Küste landet der
Schiffe Rest ...
    Soweit hatte Ekkehard gelesen und erklärt. Seine Stimme war voll und tönend
und klang ein wohltuend Gefühl inneren Verständnisses durch. Es war spät
geworden, die Lampe flackerte, da hob Frau Hadwig den Vortrag auf.
    »Wie gefällt meiner Herrin des heidnischen Poeten Erzählung?« frug Ekkehard.
    »Ich will's Euch morgen sagen«, sprach sie. Sie hätte es auch schon heute
sagen können, denn fest und bestimmt stand der Eindruck des Gelesenen ihrem
Gemüte eingeprägt, sie tat's aber nicht, um ihn nicht zu kränken. »Lasset Euch
was Gutes träumen«, rief sie dem Weggehenden nach.
    Ekkehard aber ging noch hinauf in des Vincentius Turmstube. Die war sauber
hergerichtet, die letzte Spur vom Nisten der Tauben getilgt; er wollte sich
sammeln zu stiller Betrachtung, wie ehemals im Kloster, aber sein Haupt war
heiss, vor seiner Seele stand die hohe Gestalt der Herzogin, und wenn er sie
recht ins Auge fasste, so schaute auch Praxedis' schwarzäugig Köpflein über ihrer
Herrin Schulter zu ihm herüber - »was aus all dem noch werden soll?« Er trat ans
Fenster, eine kühle Herbstluft wehte ihm entgegen, ein dunkler eherner
unendlicher Himmel spannte sich über das schweigende Land, die Sterne funkelten,
nah, fern, licht, matt; so gross hatte er das Himmelsgewölbe noch niemals
erschaut - auf Bergesgipfeln ändert sich das Mass der Dinge - lang' stand er so,
da ward's ihm unheimlich, als wollten ihn die Gestirne hinaufziehen zu sich, als
sollt' er leicht und geflügelt der Stube entschweben ... er schloss das Fenster,
bekreuzte sich und ging schlafen.
    Des andern Tages kam Frau Hadwig mit Praxedis, der Grammatik zu pflegen. Sie
hatte Wörter gelernt und Deklinationen und wusste ihre Aufgabe. Aber sie schien
zerstreut.
    »Habt Ihr etwas geträumt?« frug sie den Lehrer, wie die Stunde abgelaufen
war.
    »Nein.«
    »Gestern auch nicht?«
    »Nein.«
    »Ist schade, es soll eine Vorbedeutung in dem liegen, was einer in den
ersten Tagen am neuen Wohnort träumt ... Höret«, fuhr sie nach einer Pause fort,
»seid Ihr nicht ein recht ungeschickter Mensch?«
    »Ich?« fuhr Ekkehard betroffen auf.
    »Ihr geht mit Dichtern um, warum habt Ihr nicht einen anmutigen Traum
ersonnen und mir erzählt; Dichtung ist soviel wie Traum, es hätt' mir Freude
gemacht.«
    »Ihr befehlet«, sprach Ekkehard, »so Ihr mich wieder fraget, will ich einen
Traum erzählen, auch wenn ich ihn nicht geträumt habe.«
    Solcherlei Gespräch war für Ekkehard neu, unklar.
    »Ihr habt mir Eure Ansicht vom Virgilius gestern vorentalten«, sprach er.
    »Ja so«, sprach Frau Hadwig. »Höret, wenn ich Herrin im Römerland gewesen,
ich weiss nicht, ob ich nicht die Gesänge verbrannt und den Mann für immer
schweigen geheissen hätte ...«
    Ekkehard sah sie starr verwundert an.
    »Es ist mein Ernst!« fuhr sie fort. »Wisst Ihr warum? - weil er die Götter
seines Landes schlecht macht. Ich hab' gute Acht gehabt, wie Ihr der Juno Reden
gestern vortruget. Des Herrn aller Götter Ehefrau - und trägt eine Wunde im
Gemüt, dass ein troischer Hirtenknab' sie nicht für die Schönste erklärt, und ist
nicht imstande, aus eigener Macht einen Sturm zu befehlen, dass die paar
Schifflein zertrümmert werden, und muss den Äolus durch Antragung einer Nymphe
verführen ... und Neptun will Herrscher der Meere sein und lässt sich von fremdem
Gewind Sturm und Wetter in sein Reich blasen und merkt's erst, wie es fast
vorbei ist - was ist all das für ein Wesen? Als Herzogin sag' ich Euch, in dem
Reich, dessen Götter gescholten werden, möcht' ich den Scepter nicht führen.«
    Ekkehard schien um eine Antwort verlegen. Was das Altertum an Schriftwerk
überliefert, stand ihm da als ein Festes, Unerschütterliches, wie altes Gebirg';
er war zufrieden, sich in Bedeutung und Verständnis einzuarbeiten, - nun solche
Zweifel!
    »Erlaubet, Herrin«, sprach er, »wir haben noch nicht weit gelesen, es steht
zu hoffen, dass Euch die Menschen der Äneis besser gefallen. Wollet auch
bedenken, dass zur Zeit, wo Augustus, der Kaiser, seine Untertanen aufzeichnen
liess, das Licht der Welt zu Betlehem zu leuchten anhub; es geht die Sage, dass
auch auf Virgilius ein Strahl davon gefallen, da mochten ihm die alten Götter
nicht mehr gross sein ...«
    Frau Hadwig hatte gesprochen nach dem ersten Eindruck. Mit dem Lehrer
streiten mochte sie nicht.
    »Praxedis«, sprach sie scherzend, »was ist deine Meinung?«
    »Mein Denken geht nicht so hoch«, sprach die Griechin. »Mir kam alles so
natürlich vor, drum war mir's lieb. Und am besten hat mir gefallen, wie die Frau
Juno ihrer Nymphe den Äolus zum Ehgemahl verschafft; wenn er auch ein wenig alt
ist, so ist er doch ein König der Winde und sie ist gewisslich gut bei ihm
versorgt gewesen ...«
    »Gewiss! -« sprach Frau Hadwig und winkte ihr, zu schweigen. »Nun wissen wir
doch auch, wie Kammerfrauen den Virgilius lesen.«
    Ekkehard war durch der Herzogin Widerspruch zu grösserem Eifer gereizt. Mit
Begeisterung las er am Abend des weiteren, wie der fromme Äneas auf Erspähung
des libyschen Landes auszog und ihm seine Mutter Venus entgegentritt in Gewand
und Waffen einer Sparterjungfrau, den leichten Bogen um die Schulter, den
wallenden Busen kaum in des aufgeschürzten Gewandes Knüpfung verborgen - und wie
sie des Sohnes Schritt der tyrischen Fürstin entgegenlenkt. Und weiter las er,
wie Äneas zu spät die göttliche Mutter erkannte - vergebens ruft er ihr nach,
sie aber hüllt ihn in Nebel, dass er unerkannt zur neuen Stadt gelange ... wo die
Tyrerin zu Junos Ehren den mächtigen Tempel gründet, steht er und schaut, von
Künstlerhand gemalt, die Schlachten von Troja; am leeren Abbild vergangener
Kampfarbeit weidet sich seine Seele.
    Jetzt naht sie selber, Dido, die Herrin des Landes, antreibend das Werk und
die künftige Herrschaft:
    »Und an der Pforte der Göttin, bedeckt vom Gewölbe des Tempels,
    Sah sie, mit Waffen umschart, auf des Trones hochragendem Sessel,
    Urteil sprach sie den Männern und Recht, und die Mühen der Arbeit
    Teilte sie jeglichem gleich nach Billigkeit ...«
    »Leset mir das nochmals«, sprach die Herzogin. Ekkehard wiederholte es.
    »Steht's so geschrieben?« frug sie. »Ich hätte nichts eingewendet, wenn
Ihr's selber so eingeschaltet hättet. Glaubt' ich doch schier ein Abbild eigener
Herrschaftführung zu hören ... Mit den Menschen Eures Dichters bin ich wohl
zufrieden.«
    »Es wird wohl leichter sein, sie abzuzeichnen als die Götter«, sprach
Ekkehard. »Es gibt so viel Menschen auf der Welt ...«
    Sie winkte ihm, fortzufahren. Da las er, wie des Äneas Gefährten herankamen,
der Königin gastlichen Schutz anstehend, und wie sie ihres Führers Ruhm künden,
der, von der Wolke verhüllt, nahe stand.
    Und Dido öffnet ihre Stadt den Hilfesuchenden, und der Wunsch steigt in ihr
auf: Wäre doch selbst der König, vom selbigen Sturme gedränget, euer Äneas
allhier! also, dass sehnendes Verlangen den Helden treibt, die Wolke zu
durchbrechen ...
    Doch wie Ekkehard begonnen hatte:
»Kaum war solches gesagt, als schnell des umwallenden Nebels Hülle zerreibt ...«
da kam ein schwerer Tritt den Gang herauf: Herr Spazzo, der Kämmerer, trat ein,
er wollte die neuen Studien seiner Gebieterin beaugenscheinigen - beim Wein
mochte er auch gesessen haben: sein Aug' war starr, der Gruss erstarb ihm auf den
Lippen. Es war nicht seine Schuld. Schon in der Frühe hatte er ein Brennen und
Zucken in der Nase verspürt, und das bedeutet sonder Widerrede einen trunkenen
Abend.
    »Bleibet stehen!« rief die Herzogin, »und Ihr, Ekkehard, leset weiter.«
    Er las, ernst, mit Ausdruck:
    »Siehe! da stand Äneas und strahlt' in der Helle des Tages,
    Hehr an Schulter und Haupt, wie ein Gott, denn die himmlische Mutter
    Hatt' anmutige Locken dem Sohn und blühender Jugend
    Purpurlicht und heitere Würd' in die Augen geatmet:
    So wie das Elfenbein durch Kunst sich verschönet, wie Silber
    Prangt und parischer Stein in des rötlichen Goldes Umrandung.
    Drauf zur Königin wandt' er das Wort und allen ein Wunder
    Redet er plötzlich und sprach: Hier schauet mich, welchen Ihr suchet,
    Mich, den Troer Äneas, gerettet aus libyscher Woge.«
    Herr Spazzo stand verwirrt. Um Praxedis' Lippen schwebte ein verhaltenes
Kichern.
    »Wenn Euch der Weg wieder herführt«, rief die Herzogin, »so wählet eine
schicklichere Stelle zum Eintritt, dass wir nicht versucht werden, zu glauben,
Ihr seid Äneas, der Troer, gerettet aus libyscher Woge!«
    Herr Spazzo trat seinen Rückzug an. »Äneas, der Troer!« murmelte er im Gang;
»hat wieder einmal ein rheinfränkischer Landfahrer sich einen erlogenen
Stammbaum gemacht? Troja!? - umwallender Nebel? ... Äneas, der Troer, wir werden
eine Lanze brechen, wenn wir uns treffen! Mord und Brand!«
 
                                    Fussnoten
A1 Poten, pilh peleia
 Poten, poten petasai usw.
 
                                Achtes Kapitel.
                                    Audifax.
In jener Zeit lebte auf dem Hohentwiel ein Knabe, der hiess Audifax. Er war
eigener Leute Kind, Vater und Mutter waren ihm weggestorben, da war er wild
aufgewachsen, und die Leute hatten sein nicht viel acht, er gehörte zur Burg wie
die Hauswurz, die auf dem Dach wächst, und der Efeu, der sich um die Mauern
schlingt. Man hatte ihm aber die Ziegen zu hüten angewiesen. Die trieb er auch
getreulich hinaus und herein und war schweigsam und scheu. Er hatte ein blass
Gesicht und kurz geschnitten blondes Hauptaar, denn nur der Freigeborene durfte
sich mit wallenden Locken schmücken118.
    Im Frühjahr, wenn neuer Schuss und Trieb in Baum und Strauch waltete, sass
Audifax vergnüglich draussen und schnitt Sackpfeifen aus dem jungen Holz und
blies darauf; es war ein einsam schwermütiges Getön, und Frau Hadwig war einmal
schier eines Mittags Länge oben auf dem Söller gestanden und hatte ihm
gelauscht, vielleicht, dass ihre Stimmung der Melodie der Sackpfeife entsprach -
und wie Audifax des Abends seine Ziegen eintrieb, sprach sie zu ihm: »Heische
dir eine Gnade!« Da bat er um ein Glöcklein für eine seiner Ziegen, die hiess
Schwarzfuss. Der Schwarzfuss bekam das Glöcklein, seiter war in Audifax' Leben
nichts von Belang vorgefallen. Aber er ward zusehends scheuer, im letzten
Frühjahr hatte er auch sein Pfeifenblasen eingestellt.
    Jetzt war ein sonniger Späterbsttag, da trieb er seine Ziegen an den
felsigen Hang des Berges und sass auf einem Steinblock und schaute hinaus ins
Land; hinter dunkelm Tannenwald leuchtete der Bodensee, vorn war alles
herbstlich gefärbt - dürres rotes Laub trieb im Winde. Audifax aber sass und
weinte bitterlich.
    Damals hütete, was an Gänsen und Enten zum Hofe der Burg gehörte, ein
Mägdlein, des Name war Hadumot, die war einer alten Magd Tochter und hatte
ihren Vater nie gesehen. Es war Hadumot ein braves Kind, rotwangig, blauäugig,
und liess das Haar in zwei Zöpfe geflochten vom Haupt herunterfallen. Ihre Gänse
hielt sie in Zucht und guter Ordnung, sie reckten manchem den langen Hals
entgegen und schnatterten wie törichte Weiber, aber der Hirtin trotzte keine;
wenn sie ihren Stab schwang, gingen sie züchtig und sittsam einher und
entielten sich jeglichen Lärmens. Oft weideten sie vermischt zwischen den
Ziegen des Audifax, denn Hadumot hatte den kurzgeschorenen Ziegenhirten nicht
ungern und sah oft bei ihm und schaute mit ihm in die blaue Luft hinaus - - und
die Tiere merkten, wie ihre Hüter zusammenstanden, da hielten auch sie
Freundschaft miteinand. Jetzt trieb Hadumot ihre Gänse auf die Berghalde
herunter, und da sie der Ziegen Glöcklein drüben läuten hörte, sah sie sich nach
dem Hirten um. Und sie erschaute ihn, wie er weinte, und ging hinüber, setzte
sich zu ihm und sprach: »Audifax, warum weinst du?« Der gab keine Antwort. Da
legte Hadumot ihren Arm um seine Schulter, wendete sein lockenloses Haupt zu
sich herüber und sprach betrübt: »Audifax, wenn du weinst, so will ich mit dir
weinen.«
    Audifax aber suchte seine Tränen zu trocknen: »Du brauchst nicht zu weinen«,
sagte er, »ich muss. Es ist etwas in mir, dass ich weinen muss.«
    »Was ist in dir, dass du weinen musst?« frug sie. Da nahm er einen der Steine,
wie sie von den Twieler Felswänden abgelöst dalagen, und warf ihn auf die
anderen Steine. Der Stein war dünn und gab einen Klang.
    »Hast du's gehört?«
    »Ich hab's gehört«, sagte Hadumot, »es klingt wie immer.«
    »Hast du den Klang auch verstanden?«
    »Nein.«
    »Ich aber versteh' ihn, und darum muss ich weinen«, sprach Audifax. »Es ist
schon viele Wochen her, da bin ich drüben gesessen auf dem Felsen im Tale, da
ist's zuerst in mich gezogen, ich kann nicht sagen wie, aber es muh aus der
Tiefe gekommen sein, jetzt ist mir's oft, als wär' Aug' und Ohr anders geworden,
und in den Händen flimmert's wie fliegende Funken; wenn ich übers Feld geh', so
hör' ich's unter meinen Füssen rieseln, als flösse ein Quell unten; wenn ich am
Fels steh', so sehe ich durchs Gestein, da ziehen viel Arme und Adern hinunter,
und drunten hämmert's und pocht's, das müssen die Zwerge sein, von denen der
Grossvater erzählt hat, und von ganz unten leuchtet ein glühroter Schein empor
... Hadumot, ich muss einen grossen Schatz finden, und weil ich ihn nicht finden
kann, drum weine ich.«
    Hadumot schlug ein Kreuz. »Dir ist was angetan worden«, sprach sie. »Du
hast nach Sonnenuntergang auf dem Boden geschlafen, da hat einer der
Unterirdischen Macht über dich bekommen ... Wart', ich weiss dir was Besseres als
Weinen.«
    Sie sprang den Berg hinauf, in kurzem kam sie wieder herab und hatte ein
Töpflein mit Wasser und ein Stücklein Seife, das ihr Praxedis einst geschenkt,
und etliche Strohhalme. Und sie schlug einen hellen Schaum auf, nahm sich einen
Halm, gab dem Audifax einen und sprach: »Lass uns mit Seifenblasen spielen wie
ehedem. Weisst du noch, wie wir beisammen sassen und um die Wette geblasen haben,
und zuletzt konnten wir's so schön, dass sie gross und farbig übers Tal flogen und
glänzten wie ein Regenbogen, und 's war schier zum Weinen, wenn sie platzten
...«
    Audifax hatte schweigend den Strohhalm genommen, duftig wie Tautropfen hing
der Seifenschaum am Ende, er hielt ihn in die Luft hinaus, die Sonne glänzte
drauf.
    »Weisst du auch, Audifax«, fuhr die Hirtin fort, »was du einmal gesagt hast,
wie wir unsern Schaum verblasen hatten und es war Abend und Nacht geworden, und
die Sterne zogen am Himmel auf? Das sind auch Seifenblasen, hast du gesagt, der
liebe Gott sitzt auf einem hohen Berge, der bläst sie und kann's besser als wir
...«
    »Das weiss ich nicht mehr«, sprach Audifax.
    Er neigte sein Haupt zur Brust herab und fing wiederum an zu weinen. »Wie
muh ich's anfangen, dass ich den Schatz gewinne?« klagte er.
    »Sei gescheit«, sprach Hadumot, »was wolltest du auch mit dem Schatz
beginnen, wenn er gewonnen ist?«
    »Dann kauf' ich mich frei«, sprach er gelassen, »und dich auch, und der Frau
Herzogin kauf' ich ihr Herzogtum ab und den ganzen Berg mit allem, was drauf
steht, und dir lass' ich eine güldene Krone machen und jeder Ziege ein gülden
Glöcklein und mir eine Sackpfeife von Ebenholz und lauterem Golde ...«
    »Von lauterem Golde« - scherzte Hadumot, »weisst du denn, wie Gold
aussieht?«
    Da deutete Audifax mit dem Finger nach dem Mund: »Kannst du schweigen?« Sie
nickte bejahend. »Gib mir die Hand drauf.« Sie gab ihm die Hand. »So will ich
dir zeigen, wie Gold aussieht«, sprach der Hirtenknabe, griff in seine
Busentasche und zog ein Stücklein hervor, rund wie eine mässige Münze, aber
gewölbt wie eine Schale, und waren etliche unverständliche verwischte Zeichen
darauf, es gleisste und glänzte und war wirklich Gold. Hadumot wog das Stück auf
dem Zeigefinger.
    »Das hab' ich auf dem Feld gefunden, weit da drüben«, sprach Audifax, »nach
dem Gewitter. Wenn der Regenbogen mit seinem Farbenglanz sich zu uns
niederwölbt, dann kommen zwei Engel, wo seine Enden sich auf die Erde senken,
halten sie ihm ein gülden Schüsselein unter, dass er nicht auf dem verregneten
rauhen Boden aufstehen muss - und wenn er ausgeglänzt hat, dann lassen sie die
Schüsselein im Felde stehen, zweimal dürfen sie's nicht brauchen, das würde der
Regenbogen übelnehmen119...«
    Hadumot begann an den Beruf ihres Gespielen zum Schatzfinden zu glauben.
»Audifax«, sprach sie und gab ihm das Regenbogenschüsselein zurück, »das frommt
dir alles nichts. Wer einen Schatz finden will, muss den Zauber wissen - in der
Tiefe unten wird alles gut gehütet, sie geben's nicht los, wenn sie nicht
niedergezwungen werden.«
    »Ja, der Zauber«, sagte Audifax mit tränendem Aug' - »wer ihn wüsste ...«
    »Hast du den heiligen Mann schon gesehen?« frug Hadumot.
    »Nein.«
    »Seit vier Tagen ist der heilige Mann in der Burg, der weiss allen Zauber.
Ein grosses Buch hat er mitgebracht, das liest er unserer Herzogin vor, da steht
alles drin geschrieben, wie man die in der Luft zwingt und die in der Erde und
die im Wasser und Feuer, die lange Friderun hat's den Knechten heimlich erzählt,
die Herzogin hab' ihn verschrieben, dass das Herzogtum fester werde und grösser,
und dass sie jung und schön bleibe und ewig zu leben komme ...«
    »Ich will zum heiligen Mann gehen«, sprach Audifax.
    »Sie werden dich schlagen«, warnte Hadumot.
    »Sie werden mich nicht schlagen«, sagte er, »ich weiss etwas, das biet' ich
ihm, wenn er mir den Zauber weist ...«
    Es war Abend worden. Die Kinder standen von ihrem Steinsitz auf - Ziegen und
Gänse wurden zusammengerufen, wohlgeordnet, wie eine Heerschar, zogen sie den
Burgweg hinauf und rückten in ihren Ställen ein. -
    Desselben Abends las Ekkehard der Herzogin den Schluss des ersten Buchs der
Äneide, den Herr Spazzo tagszuvor unterbrochen: wie die Sidonierin Dido erstaunt
bei des Helden Anblick ihn und die Seinen unter ihr gastlich Dach einladet, und
beifällig nickte Frau Hadwig zu Didos Worten:
    »Mich auch hat ein gleiches Geschick durch mancherlei Trübsal
    Umgeschüttelt und endlich im Lande hier ruhen geheissen;
    Fremd nicht blieb ich dem Kummer und lernt' Unglücklichen beistehn.«
Jetzt sendet Äneas den Achates zu den Schiffen, dass er's dem Sohn Ascanius
ansage, denn ganz auf Ascanius ruht die zärtliche Sorge des Vaters. Frau Venus
aber bewegt neue List im Busen, in Didos Herz soll der Liebe Flamme entzündet
werden, da entrückt sie den Ascanius weit in den Hain Idalia und wandelt den
Gott der Liebe in Ascanius' Gestalt, die Flügel legt er ab, an Schritt und Gang
ihm gleich stellt er sich mit den Troern in Kartagos Königsburg und eilt zur
Königin hin -
»mit den Augen an ihm, mit der Seele
Haftet sie, oft auch im Schoss erwärmt ihn Dido und weiss nicht,
Welch ein Gott ihr genaht, der Elenden! Er, sich erinnernd
Dein, acidalische Mutter, vertilgt des Sichäus Gedächtnis
Allgemach und mit lebender Glut zu gewinnen versucht er
Ihr längst kühleres Herz und der Seel' entwöhnete Regung«.
    »Haltet ein«, sprach Frau Hadwig. »Das ist wieder recht schwach
ausgesonnen.«
    »Schwach?« frug Ekkehard.
    »Was braucht's den Gott Amor selber«, sprach sie. »Könnt' es sich nicht
ereignen, dass auch ohne Trug und List und sein Einschreiten des ersten Gemahls
Gedächtnis in einer Witib Herzen zurückgedrängt würde?«
    »Wenn der Gott selber das Unheil anstiftet«, sprach Ekkehard, »so ist Frau
Dido entschuldigt und sozusagen gerechtfertigt - das hat wohl der Dichter
andeuten wollen ...« Ekkehard mochte glauben, er habe eine feine Bemerkung
gemacht. Frau Hadwig aber stand auf. »Das ist etwas anderes«, sprach sie
spitzig, »sie bedarf also einer Entschuldigung. An das habe ich nicht gedacht.
Gute Nacht!«
    Stolz ging sie durch den Saal, vorwurfsvoll rauschte ihr langes Gewand.
»Sonderbar«, dachte Ekkehard, »mit Frauen den teuren Virgilius lesen, hat
Schwierigkeit.« Weiter gingen seine Gedanken nicht ...
    Andern Tags schritt er durch den Burghof, da trat Audifax, der Hirtenknabe
zu ihm, hob das Ende seines Gewandes, küsste es und sah fragend an ihm hinauf.
    »Was hast du?« frug Ekkehard.
    »Ich möcht' den Zauber haben«, sprach Audifax schüchtern.
    »Was für einen Zauber?«
    »Den Schatz zu heben in der Tiefe.«
    »Den möcht' ich auch haben«, sprach Ekkehard lachend.
    »O, Ihr habt ihn, heiliger Mann«, sprach der Knabe. »Habet Ihr nicht das
grosse Buch, aus dem Ihr unserer Herrin des Abends vorleset?«
    Ekkehard schaute ihn scharf an, er ward misstrauisch und gedachte der Art,
wie er auf dem hohen Twiel eingeführt worden. »Hat dir's jemand eingegeben«,
fragte er, »dass du so zu mir redest?«
    »Ja.«
    »Wer?«
    Da fing Audifax an zu weinen: »Hadumot!« sprach er. Ekkehard verstand ihn
nicht.
    »Wer ist Hadumot?«
    »Die Ganshirtin«, sprach der Knabe schluchzend.
    »Du redest Torheit, geh deiner Wege ...«
    Aber Audifax ging nicht.
    »Ihr sollt mir's nicht umsonst geben«, sagte er, »ich will Euch was Schönes
zeigen. Es müssen viele Schätze im Berg sein, ich weiss einen, der ist aber nicht
der rechte. Ich möcht' den rechten finden.«
    Ekkehard ward aufmerksam: »Zeig' mir, was du weisst!« Audifax deutete
bergabwärts. Da ging Ekkehard mit ihm zum Burghof hinaus und die Stufen des
Burgwegs hinunter; auf des Berges Rückseite, wo der Blick zu des hohen Stoffeln
tannigem Haupt hinüberstreift und zum hohen Höwen, bog Audifax vom Weg ab, sie
gingen durchs Gebüsch, kahl, in verwittertem Grau strebte die Felswand vor ihnen
zur Himmelsbläue empor.
    Audifax bog einen Strauch zurück und riss das Moos auf; in dem grauen
Klingstein, der des Berges Kern ist, ward eine gelbe Ader sichtbar; in eines
Fingers Breite zog sie durchs Gestein. - Audifax löste ein Stück ab, versteinten
Tropfen gleich sass der eingesprengte Stoff in der Spalte, strahlend, rundlich,
goldgelb, und in weissrötlicher Druse hafteten Opalkristalle.
    Prüfend sah Ekkehard auf das abgelöste Stück. Der Stein war ihm fremd.
Edelstein war's nicht; die gelehrten Männer haben ihn später Natrolit getauft.
    »Seht Ihr, dass ich etwas weiss!« sprach Audifax.
    »Was soll ich damit?« fragte Ekkehard.
    »Das wisst Ihr besser als ich, Ihr könnt's schleifen lassen und Eure grossen
Bücher damit verzieren - gebt Ihr mir jetzt den Zauber?«
    Ekkehard musste des Knaben lachen. »Du sollst Bergknappe werden«, sprach er
und wollte gehen.
    Aber Audifax hielt ihn am Gewand.
    »Ihr müsst mich jetzt aus Eurem Buch lehren!«
    »Was?«
    »Den stärksten Spruch ...«
    Eine Anwandlung des Scherzes kam über Ekkehards ernstes Antlitz. »Komm mit
mir«, sprach er, »du sollst ihn haben, den stärksten Spruch.«
    Frohlockend ging Audifax mit ihm. Da sagte ihm Ekkehard lachend den
virgilianischen Vers:
»Auri sacra fames, quid non mortalia cogis PectoraA1?«
und mit eiserner Geduld sagte Audifax die fremden Worte her, bis er sie
sprachrichtig dem Gedächtnis eingeprägt.
    »Schreibt mir's auf, dass ich's auf dem Leib tragen kann«, bat er ihn.
    Ekkehard gedachte den Scherz vollständig zu machen und schrieb ihm die Worte
auf einen dünnen Pergamentstreif, der Knabe barg's in seiner Brusttasche; hoch
schlug sein Herz, wiederum küsste er Ekkehards Gewand - in Sprüngen, wie sie die
kletterfroheste Ziege nicht machte, sprang er aus dem Hofe.
    »Bei diesem Kinde gilt Virgilius mehr als bei der Herzogin«, dachte
Ekkehard.
    Des Mittags sah Audifax wieder auf seinem Steinblock. Aber es perlten keine
Tränen mehr in seinen scheuen Angen; seit langem zum erstenmal war die alte
Sackpfeife wieder mit ihm auf die Ziegenhut ausgezogen, der Wind trug die Klänge
ins Tal hinab. Vergnügt kam seine Freundin Hadumot zu ihm herüber. »Wollen wir
wieder Seifenblasen machen?« frug sie ihn.
    »Ich mache keine Seifenblasen mehr!« sprach Audifax und blies auf seiner
Pfeife weiter. Dann stund er auf, sah sich sorgsam um, zog Hadumot zu sich -
sein Auge glänzte seltsam: »Ich bin beim heiligen Mann gewesen«, raunte er ihr
ins Ohr, »heute nacht heben wir den Schatz, du gehst mit.« Hadumot versprach's
ihm.
    Der dienenden Leute Nachtessen in der Gesindestube war zu Ende; gleichzeitig
standen sie alle von ihren Bänken auf und stellten sich in die Reihe; zu unterst
waren Audifax und Hadumot gesessen, die junge Hirtin sprach den grobkörnigen
Menschen das Gebet vor, sie zitterte heut mit der Stimme ...
    Eh' der Tisch abgeräumt war, huschte es wie zwei Schatten zu dem noch
unverschlossenen Burgtor hinaus, es waren die zwei Kinder, Audifax ging voran.
»Die Nacht wird kalt sein«, hatte er zu Hadumot gesagt und ihr ein langhaariges
Ziegenfell umgeworfen. Da, wo der Berg jäh nach Süden hin abfällt, war ein alter
Erdwall gezogen, dort machte Audifax halt - sie waren vor dem Herbstwind
geschützt. Er streckte seinen Arm in gerader Richtung aus: »Ich meine, hier
soll's sein!« sprach er. »Wir müssen noch lang' warten, bis Mitternacht.«
    Hadumot sprach nichts. Die beiden setzten sich dicht nebeneinander. Der
Mond war aufgegangen, sein Licht zitterte durch halbdurchsichtiges Gewölk. Auf
der Burg oben waren etliche Fenster hell, sie sassen wieder über dem Virgilius
droben ... am Berg war's still, selten strich der Schleiereule heiserer Ruf
herüber. Nach langer Frist fragte Hadumot schüchtern: »Wie wird's werden,
Audifax?«
    »Ich weiss nicht«, war die Antwort. »Es wird einer herkommen und wird ihn
herbringen, oder die Erde tut sich auf und wir steigen hinunter, oder ...«
    »Sei still«, sprach Hadumot, »ich fürcht' mich.«
    Und wieder war eine gute Frist vergangen, Hadumot hatte ihr Haupt an
Audifax' Brust gelehnt und war eingeschlummert, er aber rieb sich den Schlaf aus
den Augen, dann schüttelte er seine Gefährtin. »Hadumot«, sprach er, »die Nacht
ist lang, erzähl' mir was.«
    »Mir ist was Böses eingefallen«, sprach sie. »Es war einmal ein Mann, der
ging pflügen ums Morgenrot, da pflügte er den Goldzwerg aus der Furche, der
stand vor ihm und grinste ihn freundlich an und sprach: Nimm mich mit! Wer uns
nicht sucht, dem gehören wir, wer uns sucht, den erwürgen wir ... Audifax, ich
furcht' mich.«
    »Gib mir deine Hand«, sagte Audifax, »dass du mutig bleibest.«
    Die Lichter auf der Burg waren erloschen. Dumpfer Hornruf des Wächters auf
dem Turm kündete Mitternacht. Da kniete Audifax nieder, und Hadumot kniete
neben ihn, er hatte seinen Holzschuh vom rechten Fuss gezogen, dass er mit nackter
Sohle auf dem dunkeln Erdreich aufstand, den Pergamentstreifen hielt er in der
Hand, und mit fester Stimme sprach er die Worte, deren Sinn ihm fremd:
»Auri sacra fames, quid non mortalia cogis Pectora?«
er hatte sie wohl behalten. Und auf den Knien blieben die beiden und harrten
dessen, was da kommen sollte ... Aber es kam kein Zwerg und kein Riese und die
Erde tat sich auch nicht auf; die Gestirne glänzten zu ihren Häupten kalt und
fern, kühl wehte die Nachtluft ... Doch über einen Glauben so fest und tief, wie
den der beiden Kinder, soll niemand lachen, auch wenn damit keine Berge versetzt
und keine Schätze gefunden werden.
    Jetzt Hub sich ein unsicheres Leuchten am Himmelsgewölb', eine Sternschnuppe
kam geflogen, ein flimmernder Glanzstreif zeichnete ihre Bahn, viel andere
folgten nach - »es kommt von oben«, flüsterte Audifax und presste krampfhaft das
Hirtenkind an sich, »auri sacra fames ...« rief er noch einmal in die Nacht
hinaus, strahlend kreuzten sich die Meteore, das erste erlosch, das zweite
erlosch - es war wieder ruhig am Himmel wie zuvor ...
    Lang' und scharf sah sich Audifax um. Dann stand er betrübt auf. »Es ist
nichts«, sagte er mit zitternder Stimme, »sie sind in See gefallen. Sie gönnen
uns nichts. Wir werden Hirten bleiben.«
    »Hast du des heiligen Mannes Spruch auch recht gesagt?« fragte ihn Hadumot.
    »Wie er ihn mich lehrte.«
    »Dann hat er dich nicht den rechten gelehrt. Er wird den Schatz selber
heben. Vielleicht hat er ein Netz dortin gelegt, wo die Sterne fielen ...«
    »Das glaub' ich nicht«, sprach Audifax. »Sein Antlitz ist mild und gut, und
seine Lippen sprechen kein Falsch.«
    Hadumot sann nach.
    »Vielleicht weiss er den rechten Spruch nicht?«
    »Warum?«
    »Weil er den rechten Gott nicht hat. Er hat den neuen Gott. Die alten Götter
waren auch stark.«
    Audifax hielt seiner Gefährtin den Finger auf die Lippen. »Schweig!« sprach
er.
    »Ich fürchte mich nicht mehr«, sagte Hadumot. »Ich weiss noch eine andere,
die versteht sich auch auf Sprüche.«
    »Wen?«
    Hadumot deutete hinüber, wo aus lang gestrecktem Tannensaum ein dunkler
Bergkegel steil aufstieg. »Die Waldfrau!« antwortete sie.
    »Die Waldfrau?« sprach Audifax erschrocken. »Die, die das grosse Gewitter
gemacht, wo die check so gross wie Taubeneier ins Feld einschlugen, und die
den Centgrafen von Hilzingen gefressen hat, dass er nimmer heimkam?«
    »Eben darum. Wir wollen sie fragen. Die Burg ist uns doch verschlossen und
die Nacht kalt.«
    Das Hirtenmägdlein war keck und mutig geworden. Das Mitleid um Audifax war
gross in ihr; sie hätte ihm so gern zu seiner Wünsche Erfüllung verholfen.
»Komm!« sprach sie lebhaft, »wenn dir's bange wird im Wald, so blas' auf deiner
Pfeife. Die Vögel antworten. Es geht dem Morgen entgegen.«
    Audifax erhob keinen Einwand mehr. Da gingen sie miteinand durchs dichte
Gehölz nordwärts, es war ein dunkler Tannenwald, sie kannten den Pfad. Niemand
war des Weges. Nur ein alter Fuchs stand lauernd auf einem Rain, aber er war vom
Erscheinen der beiden Kinder so wenig befriedigt, als diese von den schnell
verflogenen Sternschnuppen.
    Auch bei Füchsen kommt oft etwas ganz anderes, als sie wünschen und
erwarten. Darum zog er seinen Schweif ein und schlug sich seitwärts.
    Sie waren eine Stunde weit gegangen, da stunden sie vor dem Fels
Hohenkrähen. Zwischen Bäumen versteckt stund ein steinern Hauslein; sie hielten.
»Der Hund wird Laut geben!« sprach Hadumot. Aber kein Hund rührte sich. Sie
traten näher, die Tür stand offen.
    »Die Waldfrau ist fort!« sprachen sie. Aber auf dem Fels Hohenkrähen brannte
ein verglimmend Feuerlein. Dunkle Gestalten regten sich. Da schlichen die Kinder
den Felspfad hinauf.
    Schon stand ein heller Luftstreif hinter den Bergen am Bodensee. Es ging
steil in die Höhe. Oben, wo das Feuer glimmte, war ein Felsenvorsprung. Eine
breitgipflige Eiche breitete ihre dunklen Äste aus. Da duckten sich Audifax und
Hadumot hinter einen Stein und schauten hinüber. Es war ein Tier geschlachtet
worden, ein Haupt, wie das eines Pferdes, war an den Eichstamm genagelt, Spiesse
standen über dem Feuer, Knochen lagen umher. In einem Gefäss war Blut.
    Am einen zugehauenen Felsblock sassen viele Männer, ein Kessel mit Bier stand
auf dem Stein120, sie schöpften daraus mit steinernen Krügen.
    An der Eiche kauerte ein Weib. Sie war nicht so liebreizend wie jene
alemannische Jungfrau Bissula, die dem römischen Staatsmann Ausonius einst trotz
seiner sechzig Jahre das Herz berückte, dass er idyllendichtend auf seiner
Präfekturkanzlei einherschritt und sang: »Sie ist von Augen himmelblau, und
golden das rötliche Haar, ein Barbarenkind, hoch über allen Puppen Latiums, der
sie malen will, muss Rosen und Lilien mischen121.« Das Weib auf dem Hohenkrähen
war alt und struppig.
    Die Männer schauten nach ihr. Zusehends hellte sich der Himmel im Osten. In
die Nebel über dem See kam Bewegung. Jetzt warf die Sonne ihre ersten Strahlen
vergüldend über die Berge, bald stieg der feurige Ball empor, da sprang das Weib
auf, die Männer erhoben sich schweigend; sie schwang einen Strauss von Mistel und
Tannreis, tauchte ihn in das Gefäss mit Blut, sprengte dreimal der Sonne
entgegen, dreimal über die Männer, dann goss sie des Gefässes Inhalt in das
Wurzelwerk der Eiche.
    Die Männer hatten ihre Krüge ergriffen, sie rieben sie in einförmiger Weise
dreimal auf dem geglätteten Fels, dass ein summendes Getön entstand, hoben sie
gleichzeitig der Sonne entgegen und tranken aus; im gleichen Takte setzte jeder
den Krug nieder, es klang wie ein einziger Schlag. Dann warf ein jeglicher
seinen Mantel um, schweigend zogen sie den Fels hinab122.
    Es war die Nacht des ersten November.
    Wie es still geworden auf dem Platz, wollten die Kinder vortreten zur
Waldfrau. Audifax hatte sein Streiflein Pergament zur Hand genommen - aber das
Weib riss einen Feuerbrand aus der Asche und schritt ihnen drohend entgegen.
    Da flohen sie in Hast den Berg hinunter.
 
                                    Fussnoten
A1 Gräulicher Hunger nach Golde, wozu nicht zwingst du der Menschen nimmersattes
Gemüt?
 
                                Neuntes Kapitel.
                                 Die Waldfrau.
Audifax und Hadumot waren in die Burg von Twiel zurückgekehrt. Ihres
nächtlichen Ausbleibens war nicht geachtet worden. Sie schwiegen von den
Begegnissen jener Nacht. Auch unter sich. Audifax hatte viel nachzudenken.
    In seiner Ziegen Hut war er säumig. Eine seiner Untergebenen verlief sich
nach den platten Hügeln hin, die den Lauf des dem Bodensee entströmenden Rheines
umsäumen. Da ging er, sie zu suchen; einen Tag blieb er aus, dann kehrte er mit
der Entronnenen zurück.
    Hadumot freute sich des Erfolges, der ihrem Gefährten Schläge ersparte. Der
Winter kam mählich heran, die Tiere blieben im Stall. Eines Tages sassen die
Kinder am Kaminfeuer in der Knechtstube. Sie waren allein.
    »Du denkst noch immer an Schatz und Spruch?« sagte Hadumot. Da zog sie
Audifax geheimnisvoll zu sich: »Der heilige Mann hat doch den rechten Gott!«
sprach er.
    »Warum?« frug Hadumot.
    Er ging in seine Kammer hinüber; im Stroh seines Lagers hatte er allerhand
Gestein untergebracht, er griff einen heraus und brachte ihn herüber: »Schau
an!« sprach er. Es war ein glimmeriger grauer Schieferstein, er umschloss die
Reste eines Fisches, in zartem Umriss waren Haupt, Flossen und Gräten dem
Schiefer eingedrückt. Den hab' ich drüben am Schiener Berg123 mitgenommen, da
ich die Ziege suchen ging. Der muss von der Flut sein, von der der Vater
Vincentius einmal gepredigt hat, und die Flut hat der Herr Himmels und der Erde
über die Welt gehen lassen, da er den Noah das grosse Schiff bauen liess, davon
weiss die Waldfrau nichts.
    Hadumot wurde nachdenklich: »Dann ist die Waldfrau schuld, dass uns die
Sterne nicht in den Schoss gefallen sind, wir wollen sie beim heiligen Mann
verklagen.«
    Da gingen die beiden zu Ekkehard und berichteten ihm, was in jener Nacht auf
dem Hohenkrähen vorgegangen. Er hörte sie freundlich an. Des Abends erzählte
er's der Herzogin. Frau Hadwig lächelte.
    »Sie haben einen seltsamen Geschmack, meine treuen Untertanen«, sprach sie.
»Überall sind ihnen schmucke Kirchen gebaut, sanft und eindringlich wird das
Wort Gottes verkündet, stattlicher Gesang, grosse Feste, Bittgänge mit Kreuz und
Fahnen durch wogendes Kornfeld und Flur, - und doch ist's nicht genug. Da müssen
sie noch in kalter Nacht auf ihren Berggipfeln sitzen und wissen selber nicht,
was sie dort treiben, ausser dass Bier getrunken wird. Wir kennen das. Was haltet
Ihr von der Sache, frommer Ekkehard?«
    »Aberglaube!« sprach der Gefragte, »den der böse Feind noch immer in
abtrünnige Gemüter säet. Ich hab' in unsern Büchern gelesen von den Werken der
Heiden, wie sie im Dunkel der Wälder, an einsamen Wegscheiden und Quellen und
selbst an den dunkeln Gräbern der Toten ihre zaub'rischen Listen treiben.«
    »Sie sind keine Heiden mehr«, sagte Frau Hadwig. »Ein jeder ist getauft und
seinem Pfarrherrn zugewiesen. Aber es lebt noch ein Stück alte Erinnerung in
ihnen, die ist sinnlos geworden und zieht sich doch durch ihr Denken und Tun,
gleich dem Rhein, wenn er in Winterszeit tief unter des Bodensees Eisdecke
geräuschlos weiter fliesst. Was wollt Ihr mit ihnen beginnen?«
    »Vertilgen!« sprach Ekkehard. »Wer seinen Christenglauben bricht und dem
Gelübde seiner Taufe untreu wird, soll fahren in die ewige Verdammnis.«
    »Halt an, junger Eiferer«, sagte Frau Hadwig; »meinen Hegauer Mannen sollt
Ihr darum das Haupt noch nicht abschlagen, dass sie die erste Nacht des
Herbstmonats lieber auf dem kalten hohen Krähen sitzen, als auf ihrem Strohlager
schlafen; sie tun doch, was sie müssen, und schon im Heerbann des grossen Kaiser
Karl haben sie dereinst gegen die heidnischen Sachsen gefochten, als wär' ein
jeder zum erlesenen Rüstzeug der Kirche geweiht.«
    »Mit dem Teufel«, rief Ekkehard hochfahrend, »ist kein Friede. Wollet Ihr
lau im Glauben sein, Herrin?«
    »Im Regieren einer Landschaft«, sprach sie mit leisem Spott, »lernt sich
manches, das in Euren Büchern nicht steht. Wisst Ihr auch, dass der Schwache
wirksamer durch seine Schwäche geschlagen wird als durch die Schneide des
Schwerts? Wie der heilige Gallus einst in die Trümmer von Bregenz drüben einzog,
da lag der heiligen Aurelia Altar zerstört, drei eherne Götzenbilder stunden
aufgerichtet; um den grossen Bierkessel, der niemals fehlen darf, so oft man
hierlands in alter Weise fromm sein will, sassen sie und tranken. Der heilige
Gall hat keinem ein Leides getan, aber ihre Bilder hat er in Stücke geschlagen
und hinausgeschleudert, dass sie zischend einfuhren ins grüne Gewoge des Sees,
und in ihren Bierkessel hat er ein Loch gehaucht und das Evangelium gepredigt an
derselben Stelle; es fiel kein Feuer vom Himmel, ihn zu verzehren, sie aber
sahen, dass ihre Sache nichts war, und bekehrten sich124. Verständig sein heisst
nicht lau im Glauben sein ...«
    »Das war damals« ... begann Ekkehard.
    »Und jetzt« - fiel ihm Frau Hadwig ins Wort, »jetzt steht die Kirche
aufgerichtet vom Rhein bis ans nördliche Meer, stärker als die Kastelle der
Römer zieht sich eine Kette von Klöstern durchs Land, Festungen des Glaubens;
bis in die Wildnisse des Schwarzwalds ist längst das Wort christlicher Bekenner
gedrungen, was wollt Ihr mit den Nachzüglern vergangener Zeiten so schweren
Kampf fechten125?«
    »So belohnet sie denn«, sprach Ekkehard bitter.
    »Belohnen?« sagte die Herzogin. »Zwischen entweder und oder führt noch
manches Strässlein. Wir müssen einschreiten gegen den nächtlichen Unfug. Warum?
Kein Reich mag gut bestehen bei zweierlei Glauben, das führt die Gemüter
gegeneinand in Schlachtordnung und ist unnötig, solange draussen Feinde genug
lauern. Des Landes Gesetz hat ihnen das törichte Wesen untersagt, sie sollen
merken, dass unser Gebot und Verbot nicht in Wind gesprochen ist.«
    Ekkehard schien von dieser Weisheit nicht befriedigt. Ein Zug von Missmut
flog über sein Antlitz.
    »Höret«, fuhr die Herzogin fort, »was ist Eure Meinung von der Zauberei
überhaupt?«
    »Die Zauberei«, sprach Ekkehard mit Ernst und schwerem Atemzug, der auf den
Vorsatz einer längeren Rede zu deuten schien, »ist eine verdammliche Kunst,
wodurch der Mensch sich die Dämonen, die allentalb in der Natur walten und
nisten, dienstbar macht. Auch im Anlebendigen ruht Lebendiges verborgen, wir
hören es nicht und sehen es nicht, aber verführend weht es an unbewachtes Gemüt,
mehr zu erfahren und mehr zu wirken, als ein treuer Knecht Gottes erfahren und
wirken kann - das ist das alte Blendwerk der Schlange und der Mächte der
Finsternis; wer sich ihnen zu eigen macht, kann ein Stück von ihrer Gewalt
erlangen, aber er herrscht über die Teufel durch deren Obersten und verfällt
ihm, wenn seine Zeit aus ist. Darum ist die Zauberei so alt wie die Sünde, und
statt dass der eine wahre Glaube sei auf der Welt und die eine Mildigkeit der
Werke, anzubeten den dreieinigen Gott, gehen noch Weissager umher und
Traumdeuter und Traumscheider und Liedersetzer und Rätsellöser, vor allem aber
sind unter den Töchtern Evas die Anhängerinnen solcher Künste zu suchen ...«
    »Ihr werdet artig«, unterbrach ihn Frau Hadwig -
    »Denn der Frauen Gemüt«, fuhr Ekkehard fort, »ist allzeit neugieriger
Erforschung und Ausübung verbotener Dinge zugewendet. Wenn wir mit Lesung des
Virgilius fortschreiten, werdet Ihr den Ausbund der Zauberei in Gestalt des
Weibes Circe angedeutet sehen, die auf unzugänglichem Vorgebirg' singend haust,
lieblich duftender Span von Zedernholz erleuchtet die dunkeln Gemächer, mit
fleissigem Weberschifflein webt sie viel zartes Gezeug, aber draussen im Hof tönt
seufzendes Knurren von Löwen und Wölfen und der Schweine Gegrunz, die sie alle
aus Menschen durch zauberischen Trank in der Tiere Gestalt verwandelt ...«
    »Ihr sprechet ja wie ein Buch«, sagte die Herzogin spitz. »Ihr sollet Eure
Wissenschaft von der Zauberei weiter bilden. Reitet denn auf den hohen Krähen
hinüber und untersuchet, ob die Waldfrau eine Circe, und regieret in unserem
Namen, wir sind neugierig, was Eure Weisheit ordnet.«
    »Es ist nicht meine Wissenschaft«, erwiderte er ausweichend, »wie man die
Völker regiert und die Dinge der Welt gebietend schlichtet.«
    »Das findet sich«, sprach Frau Hadwig, »es hat noch selten einen in
Verlegenheit gebracht, am wenigsten einen Sohn der Kirche.«
    Ekkehard fügte sich. Der Auftrag war ihm ein Beweis von Vertrauen. Andern
Morgens ritt er nach dem hohen Krähen. Den Audifax nahm er mit, dass er ihm den
Weg zeige. »Glückliche Reise, Herr Reichskanzler!« rief ihm eine lachende Stimme
nach. Es war Praxedis.
    Bald kamen sie vor der Waldfrau Behausung. Auf einem Vorsprung, in halber
Höhe des steilen Felsens, stand ihre steinerne Hütte, mächtige Eich- und
Buchstämme breiteten ihre Äste darüber und verdeckten den ragenden Gipfel des
hohen Krähen. Drei wie Stufen geschichtete Klingsteinplatten führten ins Innere.
Es war eine hohe dunkle Stube. Viel getrocknete Waldkräuter lagen aufgehäuft,
würziger Geruch entströmte ihnen; drei weissgebleichte Pferdeschädel grinsten
gespenstig von den Pfeilern der Wand herab126, ein riesig Hirschgeweih hing
dabei. In den hölzernen Türpfosten war ein verschlungenes Doppeldreieck
geschnitten. Ein zahmer Waldspecht hüpfte in der Stube umher, ein Rabe, dem die
Schwingen gekürzt, war sein Genosse.
    Die Inwohnerin sass am glimmenden Feuer des Herdes und nähte an einem Gewand.
Ein hoher behauener, halb verwitterter Stein stand ihr zur Seite. Von Zeit zu
Zeit bückte sie sich zum Herde und hielt ihre magere Hand über die Kohlen;
Novemberkälte lag auf Berg und Wald. Die Zweige einer alten Buche neigten sich
schier zum Fenster herein, ein leiser Windeshauch bewegte sie, das Laub war
herbstgelb und morsch und zitterte und brach ab, etliche welke Blätter wirbelten
in die Stube.
    Und die Waldfrau war einsam und alt und mochte frieren: »Da liegt ihr nun
verachtet und welk und tot«, sprach sie zu den Blättern, »und ich gleiche euch.«
Ein fremdartiger Zug umflog ihr runzlig Antlitz. Sie dachte vergangener Zeiten,
da auch sie jung und frühlingsgrün gewesen und einen Liebsten gehabt - aber den
hatte sein Schicksal weit hinausgetrieben aus dem heimischen Tannwald, raubende
Nordmänner, die einst mit Sengen und Brennen den Rhein herauffuhren, hatten ihn
und viel andere Heerbannleute gefangen mitgeschleppt, und er war bei ihnen
geblieben über Jahresfrist und hatte den Seemannsdienst gelernt und war wild und
trotzig geworden in der Strandluft des Meeres, und wie sie ihn wieder frei
gaben, trug er die Nordseesehnsucht mit sich in schwäbischen Wald, - die
Gesichter der Heimat gefielen ihm nimmer wieder, die der Mönche und Priester am
wenigsten, und das Unglück fügte es, dass er in zornigem Aufbrausen einen
wandernden Mönch erschlug, der ihn gescholten, da war seines Bleibens nicht
fürder.
    Der Waldfrau Gedanken hafteten heut immerdar auf jener letzten Stunde, die
ihn von ihr geschieden. Da hatten ihn die Gerichtsmänner vor seine Hütte im
Weiterdinger Wald geführt, sechshundert Schillinge sollte er als Wehrgeld für
den Erschlagenen zahlen, und wies ihnen statt dessen Haus und Hofmark zu und
schwur mit zwölf Eideshelfern, dass er nichts unter und nichts ober der Erde mehr
zu eigen habe. Drauf ging er in sein Haus, sammelte eine Hand voll Erde, stand
auf die Schwelle und warf mit der Linken die Erde über seine Schultern auf
seines Vaters Bruder, als Zeichen, dass seine Schuld auf diesen seinen einzigen
Blutsverwandten übergehen solle, er aber griff einen Stab und sprang im leinenen
Hemde ohne Gürtel und Schuhe über den Zaun seines Hofes; das Recht der chrene
chruda127 schrieb's so vor, und damit war er seiner Heimat ledig und ging in
Wälder und Wüsten - ein landflüchtiger Mann, und ging wieder ins Dänenland zu
seinen Nordmännern und kam nimmer zurück. Nur eine dunkle Kunde sagte, er sei
mit ihnen nach Island hinübergefahren, wo die tapfern Seefahrer, die ihren
Nacken nicht beugen wollten vor neuem Glauben und neuer Herrschaft, sich ein
kaltes Asyl gegründet.
    Das war schon lange, lange her, aber der Waldfrau war es, als sähe sie ihren
Friduhelm noch, wie er ins Waldesdunkel sprang; sie hatte damals ins
Weiterdinger Kirchlein einen Kranz von Eisenkraut gehängt und viel Tränen
vergossen ... kein anderer hatte sein Bild aus ihrer Seele verdrängt. Die
traurige Jahreszeit gemahnte sie an ein altes Nordmännerlied, das er sie einst
gelehrt; das summte sie jetzt vor sich hin:
»Der Abend kommt und die Herbstluft weht,
Reifkälte spinnt um die Tannen,
O Kreuz und Buch und Mönchsgebet -
Wir müssen alle von dannen.
Die Heimat wird dämmernd und dunkel und alt,
Trüb rinnen die heiligen Quellen:
Du götterumschwebter, du grünender Wald,
Schon blitzt die Axt, dich zu fällen!
Und wir ziehen stumm, ein geschlagen Heer,
Erloschen sind unsere Sterne -
O Island, du eisiger Fels im Meer,
Steig' auf aus nächtiger Ferne.
Steig' auf und empfah unser reisig Geschlecht -
Auf geschnäbelten Schiffen kommen
Die alten Götter, das alte Recht,
Die alten Nordmänner geschwommen.
Wo der Feuerberg loht, Glutasche fällt,
Sturmwogen die Ufer umschäumen:
Auf dir, du trotziges Ende der Welt,
Die Winternacht woll'n wir verträumen!«
    Ekkehard war indes draussen abgestiegen und hatte sein Ross an eine Tanne
gebunden. Jetzt trat er über die Schwelle; scheu ging Audifax hinter ihm drein.
Die Waldfrau warf das Gewand über den Stein, faltete die Hände in ihren Schoss
und sah starr dem eintretenden Mann im Mönchsgewand entgegen. Sie stand nicht
auf.
    »Gelobt sei Jesus Christ!« sprach Ekkehard als Gruss und Ablenkung etwaigen
Zaubers. Unwillkürlich schlug er den Daumen der Rechten ein und schloss die Hand,
er fürchtete das böse Auge128 und seine Gewalt; Audifax hatte ihm erzählt, die
Leute sagten von ihr, dass sie mit einem Blick ein ganzes Grasfeld dürre zu
machen vermöge.
    Sie antwortete nicht auf den Gruss.
    »Was schafft Ihr Gutes?« hub Ekkehard das Gespräch an.
    »Einen Rock bessern«, sprach die Alte, »er ist schadhaft geworden.«
    »Ihr sucht auch Kräuter?«
    »Such' auch Kräuter.« - »Seid Ihr ein Kräutermann? Dort liegen viele:
Habichtskraut und Schneckenklee, Bocksbart und Mäuseohr, auch dürrer
Waldmeister, so Ihr begehrt.«
    »Ich bin kein Kräutermann«, sprach Ekkehard. »Was macht Ihr mit den
Kräutern?«
    »Braucht Ihr zu fragen, wozu Kräuter gut sind?« sprach die Alte, »Euer einer
weiss das auch. Es stünd' schlimm um kranke Menschen und krankes Tier und schlimm
um Abwehr nächtiger Unholde und Stillung liebender Sehnsucht, wenn keine Kräuter
wären.«
    »Und Ihr seid getauft?« fuhr Ekkehard ungeduldig fort.
    »Sie werden mich auch getauft haben ...«
    »Und wenn Ihr getauft seid«, rief er mit erhobener Stimme, »und dem Teufel
versagt habt und allen seinen Werken und allen seinen Gezierden, was soll das?«
Er deutete mit seinem Stab nach den Pferdeschädeln an der Wand und stiess einen
heftig an, dass er herunterfiel und in Stücke brach; die weissen Zähne rollten auf
dem Fussboden umher.
    »Der Schädel eines Rosses«, antwortete die Alte gelassen, »den Ihr jetzt
zertrümmert habt. Es war ein junges Tier, Ihr könnt's am Gebiss noch sehen.«
    »Und der Rosse Fleisch schmeckt Euch?« frug Ekkehard.
    »Es ist kein unrein Tier«, sagte die Waldfrau, »und sein Genuss nicht
verboten.«
    »Weib!« rief Ekkehard und trat hart vor sie hin - »du treibst Zauberkunst
und Hexenwerk!«
    Da stand die Alte auf. Ihre Stirn runzelte sich, unheimlich glänzten die
grauen Augen. »Ihr tragt ein geistlich Gewand«, sprach sie, »Ihr möget mir das
sagen. Gegen Euch hat eine alte Waldfrau kein Recht. Es heisst sonst, das sei ein
gross Scheltwort, was Ihr mir ins Antlitz geworfen, und das Landrecht büsst den
Schelter129...«
    Audifax war indessen scheu an der Tür gestanden. Da kam der Waldfrau Rabe
auf ihn zugehüpft, so dass er sich fürchtete; er lief zu Ekkehard hin. Am Herde
sah er den behauenen Stein. An einem Stein herumzuspüren, hätte ihn auch die
Furcht vor zwanzig Raben nicht abgehalten. Er hob das Gewand, das drüber
gebreitet war. Verwitterte Gestalten kamen zum Vorschein.
    Ekkehard lenkte seinen Blick darauf.
    Es war ein römischer Altar. Kohorten, die fern aus üppigem asischem
Standlager des allmächtigen Kriegsherrn Gebot an den unwirtlichen Bodensee
versetzt, mochten ihn einst in diesen Höhen aufgestellt haben - ein Jüngling in
fliegendem Mantel und phrygischer Mütze kniete auf einem niedergeworfenen Stier:
der persische Lichtgott Mitras, an den der sinkende Römerglaube neue Hoffnung
anknüpfte, als das andere abgenutzt war.
    Eine Inschrift war nicht sichtbar. Lang' schaute ihn Ekkehard an, sein Aug'
hatte ausser der güldenen Vespasianusmünze, die Untergebene des Klosters einst im
Torfmoos bei Rapperswyl gefunden, und etlichen geschnittenen Steinen im
Kirchenschatz noch kein Bildwerk des Altertums erschaut, aber er ahnte an Form
und Bildung den stummen Zeugen einer vergangenen Welt.
    »Woher der Stein?« frug er.
    »Ich bin genug gefragt«, sagte die Waldfrau trotzig, »schafft Euch selber
Antwort.«
    ... Der Stein hätte auch mancherlei antworten können, wenn Steine Zungen
hätten. Es haftet ein gut Stück Geschichte an solch verwittertem Gebild. Was
lehrt es? Dass der Menschen Geschlechter kommen und zergehen wie die Blätter, die
der Frühling bringt und der Herbst verweht, und dass ihr Denken und Tun nur eine
Spanne weit reicht; dann kommen andere und reden in andern Zungen und schaffen
in andern Formen; Heiliges wird geächtet, Geächtetes heilig, neue Götter steigen
auf den Tron: wohl ihnen, wenn er nicht über allzuviel Opfern sich aufrichtet
...
    Ekkehard deutete das Dasein des Römersteins in der Waldfrau Hütte anders.
    »Den Mann auf dem Stier betet Ihr an«, rief er heftig.
    Die Waldfrau griff einen Stab, der am Herde stand, nahm ein Messer und
schnitt zwei Kerbschnitte hinein: »Die zweite Beschimpfung, die Ihr mir antut!«
sprach sie dumpf. »Was haben wir mit dem Steinbild zu schaffen?«
    »So redet«, sagte der Mönch, »wie kommt der Stein in Eure Hütte?«
    »Weil er uns gedauert hat«, sagte die Waldfrau. »Das mögt Ihr nicht
verstehen, die Ihr das Haupt kahl geschoren traget. Der Stein ist drauss
gestanden auf dem Felsvorsprung, es war ein zugerichteter Platz und wird mancher
in alten Tagen dort gekniet haben, aber jetzt hat sich keiner mehr um ihn
gekümmert, die Leute des Waldes haben Holzäpfel drauf gedörrt und Späne drauf
gespalten, wie's kam, und des Regens Unbill hat die Bilder verwaschen. Der Stein
dauert mich, hat meine Mutter gesagt, er war einmal was Heiliges; aber die
Knochen derer, die den Mann drauf gekannt und verehrt haben und den Stein, sind
längst weiss gebleicht, - es wird ihn frieren den Mann mit dem fliegenden Mantel.
Da haben wir ihn ausgehoben und an Herd gestellt: er hat uns noch kein Leids
gebracht. - Wir wissen, wie es den alten Göttern zu Mut ist, unsere gelten auch
nicht mehr. Lasst Ihr dem Stein seine Ruhe!«
    »Eure Götter?« fuhr Ekkehard in seinem Fragen fort - »wer sind Eure Götter?«
    »Das müsst Ihr wissen«, sprach die Alte. »Ihr habt sie vertrieben und in See
gebannt: in der Fluten Tiefe liegt alles begraben, der Hort alter Zeit und die
alten Götter, wir sehen sie nicht mehr und wissen nur noch die Plätze, wo unsere
Väter sie verehrt, eh' der Franke kam und die Männer in den Kutten. Aber wenn
der Wind die Wipfel des Eichbaums droben schüttelt, dann kommt's wie Stimmen
durch die Lüfte, das ist ihr Klagen - und in gefeiten Nächten rauscht und
brauset es und der Wald leuchtet, Schlangen winden sich an den Stämmen empor, da
jagt's über die Berge wie ein Zug verzweifelter Geister, die nach der alten
Heimat schauen ...«
    Ekkehard bekreuzte sich.
    »Ich sag's, wie ich's weiss«, sprach die Alte. »Ich will' den Heiland nicht
beleidigen; aber er ist als ein Fremder ins Land gekommen, Ihr dienet ihm in
fremder Sprache, die verstehen wir nicht. Wenn er auf unserem Grund und Boden
erwachsen wäre, dann könnten wir zu ihm reden und wären seine treuesten Diener,
und es stünd' besser ums alemannische Wesen.«
    »Weib!« rief Ekkehard zürnend, »wir werden Euch verbrennen lassen ...«
    »Wenn's in Euren Büchern steht«, war die Antwort, »dass das Holz des Waldes
aufwächst, um alte Frauen zu verbrennen: ich hab' genug gelebt. Der Blitz hat
neulich Einkehr bei der Waldfrau genommen« - fuhr sie fort und deutete auf einen
schwärzlichen Streif an der Wand - »der Blitz hat die Waldfrau verschont.«
    Sie kauerte am Herd nieder und blieb starr und unbeweglich sitzen. Die
glühenden Kohlen warfen ein scharfes Streiflicht auf die runzligen Züge.
    »Es ist gut!« sprach Ekkehard. Er verliess die Stube. Audifax war froh, als
er wieder blauen Himmel über sich sah. »Dort sind sie gesessen!« sprach er und
deutete den Berg hinaus. »Ich werd's ansehen«, sprach Ekkehard. »Du gehst zum
hohen Twiel zurück und bestellst zwei Knechte her mit Hacke und Beil und
Otfried, den Diakon von Singen, er soll eine Stola mitbringen und sein Messbuch.«
    Audifax sprang davon. Ekkehard stieg auf den hohen Krähen.
    In der Burg zu Hohentwiel war indes die Herzogin an der Mittagstafel
gesessen. Sie hatte oft unstet herumgeschaut, als wenn ihr etwas fehle. Die
Mahlzeit war kurz. Wie Frau Hadwig mit Praxedis allein war, hub sie an:
    »Wie gefällt dir unser neuer Lehrer, Praxedis?«
    Die Griechin lächelte.
    »Rede!« sprach die Herzogin gebietend.
    »Ich hab' in Konstantinopolis schon manchen Schulmeister gesehen«, sprach
Praxedis wegwerfend.
    Frau Hadwig drohte mit dem Finger: »Ich werd' dich aus meinen Augen
verbannen ob so unehrerbietiger Rede. Was hast du über Schulmeister zu lästern?«
    »Verzeihet«, sprach Praxedis, »es ist nicht schlimm gemeint. Aber wenn ich
so einen Mann der Bücher sehe, wie der ernstaft einherschreitet und einen
Anlauf nimmt, um aus seinen Schriften das herauszugraben, von dem wir ungefähr
auch ahnen, dass es kommen muss, und wie er mit seinen Pergamenten
zusammengewachsen ist, als wär's ihm angetan worden, und seine Augen nur für die
Buchstaben einen Blick haben und kaum für die Menschen, die um ihn sind: so
steht mir das Lachen nahe. Wenn ich nicht weiss, ob Mitleid am rechten Platze, so
lach' ich. Des Mitleids wird er auch nicht bedürfen, er versteht ja mehr als
ich.«
    »Ein Lehrer muss ernst sein«, sagte die Herzogin, »das gehört dazu, wie der
Schnee zu unsern Alpen.«
    »Ernst, ja wohl!« erwiderte die Griechin, »in diesem Land, wo der Schnee die
Berggipfel deckt, muss alles ernst sein. Wär' ich doch gelehrt wie Herr Ekkehard,
um Euch zu sagen, was ich meine. Ich meine, man sollte auch im Scherz lernen
können, spielend, ohne den Schweisstropfen der Anstrengung auf der Stirn - was
schön ist, muss gefallen und wahr zugleich sein. Ich meine, das Wissen ist wie
Honig, verschiedene können ihn holen, der Schmetterling summt um den Blumenkelch
und findet ihn auch, doch so ein deutscher weiser Mann kommt mir vor wie ein
Bär, der schwerfällig in den Bienenstock hineingreift und, die Tatzen leckt -
ich hab' an Bären keinen Gefallen.«
    »Du bist ein leichtsinnig Mägdlein«, sprach Frau Hadwig, »und unlustig des
Lernens. Wie gefällt dir denn Ekkehard sonst - ich meine, er sei schön?«
    Praxedis sah zu ihrer Gebieterin hinüber: »Ich hab' noch keinen Mönch drum
angeschaut, ob er schön sei.«
    »Warum?«
    »Ich hab's für unnötig gehalten.«
    »Du gibst heute sonderbare Antworten«, sprach Frau Hadwig und erhob sich.
Sie trat ans Fenster und blickte nordwärts. Jenseits der dunkeln Tannenwälder
schaute in plumper Steile der Fels von Hohenkrähen zu ihr herüber.
    »Der Hirtenbub war vorhin da, er hat Leute hinüber bestellt«, sprach
Praxedis.
    »Der Nachmittag ist mild und sonnig geworden«, sagte die Herzogin, »lass die
Pferde rüsten, wir wollen hinüber, reiten und sehen, was sie treiben. Oder - ich
hab' vergessen, dass du dich über die Mühsal beklagt im Sattel zu sitzen, da wir
vom heiligen Gallus heimkehrten: ich werd' alleine ausreiten ...«
    Ekkehard hatte sich auf dem Hohenkrähen den Schauplatz des nächtlichen
Gelages betrachtet. Wenig Spuren waren übrig. Das Erdreich um den Eichbaum war
rötlich angefeuchtet. Reste von Kohlen und Asche deuteten auf den Feuerplatz. In
den Ästen der Eiche sah er mit Befremden da und dort kleine Wachsbilder von
menschlichen Gliedmassen versteckt hangen, Füsse und Hände, Abbilder von Pferden
und Kühen, - Gelöbnisse für Heilung von Krankheit an Menschen und Tier, die der
bäuerliche Aberglaube damals noch am altersgeweihten Baume lieber löste als in
der Kirche des Tales.
    Zwei Männer mit Haugeräte kamen heran. »Wir sind bestellt«, sprachen sie.
»Vom Hohentwiel?« fragte Ekkehard. - »Wir arbeiten der Herrschaft, unser Sitz
ist drüben am Hohenhöwen, wo der Rauch der Kohlenmeiler aufsteigt.«
    »Gut«, sagte Ekkehard, »ihr sollt mir die Eiche hier fällen.« Die Männer
sahen ihn verlegen an. »Vorwärts«, rief er, »und sputet euch! Bis die Nacht
anbricht, muss sie umgehauen liegen.«
    Da gingen die zwei mit ihren Beilen zu der Eiche hin. Mit offenem Munde
standen sie vor dem stolzen Baum. Einer liess sein Beil zur Erde fallen.
    »Kommt dir der Platz nicht bekannt vor, Chomuli?« frug er seinen Nebenmann.
    »Warum bekannt, Woveli?«
    Der Holzhacker deutete nach Sonnenaufgang, setzte die geballte Rechte an den
Mund, hob sie, als wenn er trinke und sprach: »Darum, Chomuli.«
    Da sah der andere nach Ekkehard hinunter und zwinkte mit dem Aug': »Wir
wissen von nichts, Woveli!« - »Aber er wird's wissen, Chomuli«, sprach der
erste. »Abwarten, Woveli«, sagte der andere.
    »Es ist Sünd' und schade«, fuhr sein Gefährte fort, »um den Eichbaum, schon
an die zweihundert Jahre steht er und hat manch lustig flackernd Mai- und
Herbstfeuer erlebt. Ich bring's schier nicht übers Herz, Chomuli.«
    »Sei kein Tor«, tröstete der andere und tat den ersten Hieb, »wir müssen
dran. Je schärfer wir dem Baum ins Fleisch hauen, desto weniger glaubt's der in
der Kutte dort, dass wir selber in nächtlicher Andacht unter seinen Wipfeln
sassen. Und der Strafschilling?! ... Klug muss der Mensch sein, Woveli!«
    Das leuchtete dem ersten ein. »Klug muss der Mensch sein, Chomuli!« sprach er
und hieb auf den Baum seiner Verehrung. Zehn Tage vorher hatte er ein Wachsbild
dran gehängt, dass ihm seine braune Kuh vom Fieber genese. - Die Späne flogen, in
dumpfem Takt krachten die einschlagenden Hiebe der beiden.
    Der Diakon von Singen war auch herübergekommen mit Messbuch und Stola.
Ekkehard winkte ihm, dass er mit eintrete zur Waldfrau. Die sass noch starr an
ihrem Herde. Ein scharfer Windzug erhob sich, da die beiden durch die geöffnete
Tür eintraten, und verlöschte ihr Feuer.
    »Waldfrau«, rief Ekkehard gebietend, »bestellt Euer Haus und schnüret Euren
Bündel, Ihr müsst fort.«
    Die Alte griff nach ihrem Stab und schnitt den dritten Kerbschnitt ein. »Wer
beschimpft mich zum drittenmal«, sprach sie dumpf, »und will mich aus meiner
Mutter Hause werfen wie einen herrenlosen Hund?«
    »Im Namen der Herzogin in Schwaben«, fuhr Ekkehard feierlich fort, »spreche
ich über Euch wegen Hegung heidnischen Aberglaubens und nächtlichen
Götzendienstes die Verweisung aus Haus und Hof und Gau und Land aus. Euer Stuhl
sei gesetzt vor die Tür Eurer Hütte, ziehen sollt Ihr unstet, soweit der Himmel
blau ist, soweit Christen die Kirche besuchen, soweit der Falke fliegt am
Frühlingstag, wenn der Wind unter beiden Flügeln ihn dahin treibt. Kein gastlich
Tor soll sich Euch öffnen, kein Feuer am Herd brenne für Euch, kein Wasser des
Quells rausche für Euch, bis dass Ihr Eures Frevels Euch abgetan und Euren
Frieden gefestet mit dem dreieinigen Gott, dem Richter der Lebenden und Toten.«
    Die Waldfrau hatte ihm ohne grosse Erregung zugehört. »Ein gesalbter Mann
wird dir dreimal Schimpf antun unter deinem eigenen Dach«, murmelte sie, »des
sollt du ein Zeichen in den Stab schneiden und mit selbem Stab sollt du
ausziehen gen Niedergang, denn sie werden dir nicht lassen, wo du dein Haupt
niederlegest. O Mutter, meine Mutter!«
    Sie raffte ihren Plunder in ein Bündel zusammen, griff den Stab und rüstete
sich zu gehen. Den Diakon von Singen kam eine Rührung an. »Rufet Gott durch
seine Diener um Verzeihung an«, sprach er »und tut eine christliche Pönitenz,
dass Ihr in Gnade gesund werdet.«
    »Dafür ist die Waldfrau zu alt130«, sagte sie und lockte ihren Specht, der
flog ihr um die Schulter, und der Rabe hüpfte ängstlich hinter ihr drein; schon
war die Tür aufgerissen, noch einen Blick auf Wand und Herd und Kräuter und
Pferdsschädel - sie stiess den Stab auf die Schwelle, dass die Steinplatten
erdröhnten: »Seid verflucht, ihr Hunde!« klang's vernehmlich den
Zurückbleibenden; sie wandte sich mit ihren Vögeln dem Walde zu und verschwand.
»Und wir ziehen stumm, ein geschlagen Heer,
Erloschen sind unsere Sterne -
O Island, eisiger Fels im Meer,
Steig' auf aus nächtiger Ferne!«
tönte leis murmelnder Gesang durch die entlaubten Stämme herüber.
    Ekkehard aber liess sich vom Diakon die Stola umhängen und das Messbuch
vortragen, er hielt einen Umgang durch Stube und Kammer, die Wände weihte er mit
dem Zeichen des Kreuzes, auf dass das Getriebe böser Geister gebannt sei für
immer, dann sprach er unter Gebeten den grossen Exorzismus über die Stätte.
    Das fromme Werk hatte lang' gedauert. Dem Diakon stand der Angstschweiss auf
der Stirn, als er Ekkehard die Stola wieder abnahm, er hatte so grosse Worte noch
nie gehört. Jetzt tönte Pferdegetrab durch den Wald.
    Es war die Herzogin, von einem einzigen Diener geleitet. Ekkehard ging ihr
entgegen; der Diakon von Singen trat seinen Heimweg an. »Ihr seid lange
ausgeblieben«, rief die Herzogin gnädig, »ich muss wohl selber sehen, was Ihr
geschlichtet und gerichtet.«
    Die zwei Holzhauer hatten indes ihre Arbeit beendigt und schlichen auf des
Berges Rückseite von dannen; sie fürchteten die Herzogin. Ekkehard erzählte ihr
der Waldfrau Wesen und Haushalt, und wie er sie ausgetrieben.
    »Ihr seid streng«, sprach Frau Hadwig.
    »Ich glaubte mild zu sein«, erwiderte Ekkehard.
    »Wir genehmigen, was Ihr geordnet«, sprach die Herzogin. »Was fanget Ihr mit
dem verlassenen Hause an?« Sie warf einen flüchtigen Blick auf das steinerne
Gemäuer.
    »Die Kraft böser Geister ist gebannt und beschworen«, sagte Ekkehard. »Ich
will es zu einer Kapelle der heiligen Hadwig weihen.«
    Die Herzogin sah ihn wohlwollend an: »Wie kommt Ihr auf den Gedanken?«
    »Es ist mir so beigefallen ... Die Eiche Hab' ich umhauen lassen.«
    »Wir wollen den Platz besichtigen«, sprach sie. »Ich denke, wir werden auch
das Umhauen der Eiche genehmigen.«
    Sie stieg mit Ekkehard den steinigen Pfad hinauf, der auf den Gipfel des
hohen Krähen führt. Oben lag die Eiche gefällt, schier sperrten ihre mächtigen
Äste den Platz. Eine Felsplatte, wenig Schritte im Umfang, ist der Gipfel des
seltsam geformten Berges. Sie standen oben. Steil senkten sich die Felswände
unter ihren Füssen abwärts; es war eine schier schwindelnde Höhe, kein Stein oder
Baum zum Anlehnen; in die blaue Luft hinaus ragten die zwei Gestalten, der Mönch
im dunkeln Gewand, die Herzogin, den hellen farbigen Mantel faltig umgeschlagen,
Schweigend standen sie beisammen. Ein gewaltiger Anblick tat sich vor ihren
Augen auf. Tief unten streckte sich die Ebene, in Schlangenlinie zog das
Flüsslein Aach durch die wiesengrüne Fläche, Dächer und Giebel der Häuser im Tal
waren winzig fern, wie Punkte auf einer Landkarte; drüben reckte sich der
bekannte Gipfel des Hohentwiel dunkel empor, ein stolzer Mittelgrund; blaue
platte Bergrücken erhoben sich mauergleich hinter dem Gewaltigen, ein Damm, der
den Rhein auf seiner Flucht aus dem See dem Beschauer verdeckt. Glänzend trat
der Untersee mit der Insel Reichenau hervor, und leise, wie hingehaucht,
zeichneten sich ferne riesige Berggestalten im dünnen Gewölk, sie wurden
deutlicher und deutlicher, lichter Glanz säumte die Kanten ihrer Höhen, die
Sonne neigte zum Untergang ... schmelzend, duftig flimmerte die Landschaft ...
    Frau Hadwig war bewegt. Ein Stück grosser weiter Natur sagte ihrem grossen
Herzen zu. Die Gefühle aber ruhen nahe beieinander. Ein zarter Hauch zog durch
ihr Denken; ihre Blicke wandten sich von den schneeigen Häuptern der Alpen auf
Ekkehard. »Er will der heiligen Hadwig eine Kapelle weihen!« so klang es immer
und immer wieder in ihr.
    Sie trat einen Schritt vor, als fürchte sie den Schwindel, lehnte den
rechten Arm auf Ekkehards Schulter und stützte sich fest auf ihn. Ihr Auge
flammte auf die kurze Entfernung in das seine hinüber. »Was denkt mein Freund?«
sprach sie mit weicher Stimme.
    Ekkehard stand zerstreut. Er fuhr auf.
    »Ich bin nie auf solcher Höhe gestanden«, sprach er, »bei dem Anblick musst'
ich der Schrift gedenken: Hernach führte ihn der Teufel auf einen sehr hohen
Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Pracht und sprach zu ihm: Dies
alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Er aber
antwortete und sprach: Weg von mir, Satan! denn es steht geschrieben: Du sollst
den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen.«
    Starr trat die Herzogin zurück. Das Feuer ihres Auges wandelte sich, als
hätte sie den Mönch hinabstossen mögen in den Abgrund.
    »Ekkehard!« rief sie, »Ihr seid ein Kind - oder ein Tor!«
    Sie wandte sich und stieg schnellen, unmutigen Ganges hinunter. Sie ritt
allein zur Feste Twiel zurück, sausend, im Galopp; kaum mochte der Diener
folgen.
    Ekkehard wusste nicht, wie ihm geschehen. Er fuhr mit der Hand über die
Augen, als lägen Schuppen davor.
    Wie er in stiller Nacht auf seiner Hohentwieler Turmstube sass und den Tag
überdachte, flammte ein ferner Feuerschein herüber. Er schaute hinaus. Aus den
Tannen am hohen Krähen schlug die feurige Lohe.
    Die Waldfrau hatte der künftigen Kapelle zur heiligen Hadwig ihren letzten
Besuch erstattet.
 
                                Zehntes Kapitel.
                                  Weihnachten.
Der Abend auf dem Hohenkrähen klang noch etliche Tage in der Herzogin Gemüt
fort. Misstöne werden schwer vergeben, zumal von dem, der sie selber
angeschlagen. Darum sass Frau Hadwig einige Tage verstimmt in ihrem Saal.
Grammatik und Virgilius ruhten. Sie scherzte mit Praxedis über die Schulmeister
in Konstantinopel angelegentlicher denn früher. Ekkehard fragte an, ob er zur
Fortsetzung des Unterrichts sich einstellen solle. »Ich habe Zahnweh«, sprach
die Herzogin. »Die rauhe Späterbstluft werde schuld daran sein«, meinte er
bedauernd.
    Er fragte jeden Tag etliche Male nach seiner Gebieterin Befinden. Das rührte
die Herzogin wieder. »Woher kommt's«, sprach sie einmal zu Praxedis, »dass einer
mehr wert sein kann, als er selber aus sich zu machen weiss?«
    »Vom Mangel an Grazie«, sagte die Griechin. »In andern Ländern hab' ich das
Umgekehrte wahrgenommen, aber hier sind die Menschen zu träge, mit jedem
Schritt, mit jeder Handbewegung, mit jedem Wort auszusprechen: das bin ich. Sie
denken's lieber und meinen, es müsste dann die ganze Welt auf ihrer Stirn lesen,
was dahinter webt und strebt.«
    »Wir sind doch sonst so fleissig«, sprach Frau Hadwig wohlgefällig.
    »Die Büffel schaffen auch den ganzen Tag«, hätte Praxedis schier erwidert,
aber in diesem Falle begnügte sie sich damit, es gedacht zu haben.
    Ekkehard war unbefangen. Es fiel ihm nicht ein, dass er der Herzogin
ungeeignet geantwortet. Er hatte wirklich an das Gleichnis der Schrift gedacht
und übersehen, dass es dem leisen Ausdruck einer Zuneigung gegenüber nicht
zweckmässig ist, die Schrift anzuführen. Er verehrte die Herzogin, aber mehr als
den verkörperten Begriff der Hoheit, denn als Frau. Dass Hohes Anbetung fordert,
war ihm nicht eingefallen, noch weniger, dass auch die höchste Erscheinung oft
mit einfacher Liebe zufrieden ist. Frau Hadwigs üble Laune nahm er wahr. Er
begnügte sich, seine Wahrnehmung in dem allgemeinen Satz niederzulegen, dass der
Umgang mit einer Herzogin schwieriger sei als der mit Ordensbrüdern nach der
Regel des heiligen Benedikt. Aus Vincentius' nachgelassenen Büchern studierte er
die Briefe des Apostels Paulus. Herr Spazzo ging in jener Zeit hochmütiger an
ihm vorüber denn früher.
    Frau Hadwig fand, dass es besser sei, ins frühere Geleis zurückzukehren. »Es
war doch ein mächtiger Anblick«, sprach sie eines Tages zu Ekkehard, »wie wir
vom hohen Krähen nach den Schneegebirgen schauten. Kennt Ihr aber das
Hohentwieler Wetterzeichen? Wenn die Alpen recht klar und nah am Himmel sich
abzeichnen, schlägt die Witterung um. Es sind wirklich schlechte Tage darauf
gefolgt. Wir wollen wieder Virgilius lesen.«
    Da holte Ekkehard vergnügt seinen schweren metallbeschlagenen Virgilius und
sie setzten die Studien fort. Er erklärte den Frauen der Äneïde zweites Buch,
den Fall der hohen Troja, das hölzerne Pferd und Simons List und Laokoons
bittres Verderben, den nächtlichen Kampf, Cassandras Geschick und Priamus' Tod,
die Flucht mit dem greisen Anchises.
    Mit sichtbarer Teilnahme lauschte Frau Hadwig der spannenden Erzählung. Nur
mit dem Verschwinden von Äneas' Ehegemahlin Kreusa war sie nicht ganz zufrieden.
»Das braucht er vor der Königin Dido nicht so breit zu erzählen«, sprach sie,
»die Lebende hat sicher nicht gern gehört, dass er der Entschwundenen so lange
nachgelaufen. Verloren ist verloren.«
    Indessen zog der Winter mit scharfem Schritt heran. Der Himmel blieb trüb
und bleigrau, die Ferne verhüllt; erst zogen die Berggipfel rings die weisse
Schneedecke um, dann folgte Feld und Tal dem Beispiel. Junge Eiszapfen prüften
das Gebälke unter dem Dach, ob sie sich für etliche Monate ungestört dran
niederlassen möchten; die alte Linde im Schlosshof hatte längst wie ein
fürsichtiger Hausvater, der die abgetragenen Gewandungen dem Hebräer überlässt,
ihre welken Blätter dem Spiel der Winde hingeschüttelt - es war ein grosser
Bündel, sie zerzausten ihn in alle Lüfte. An ihre Äste kamen krächzend die Raben
aus den nahen Wäldern geflogen, spähend, ob nicht aus der Burg Küche dann und
wann ein Knöchlein für sie abfalle. Einmal kam einer mit den schwarzen Brüdern,
dessen Flug war schwierig, die Schwungfedern verstümmelt - da ging Ekkehard über
den Schlosshof, der Rabe aber flog schreiend auf und suchte das Weite, er hatte
den Mönchshabit schon früher gesehen und war ihm nicht hold.
    Des Winters Nächte sind lang und dunkel. Dann und wann blitzt ein Nordlicht
auf. Aber leuchtender als alles Nordlicht steht jene Nacht in der Menschen
Gemüt, da die Engel niederstiegen zu den Hirten auf der Feldwacht und ihnen den
Grüss brachten: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden allen, die eines
guten Willens sind.«
    Auf dem hohen Twiel rüsteten sie zur Feier der Weihnacht durch freundliches
Geschenk. Das Jahr ist lang und zählt der Tage viel, in denen man sich
Freundliches erweisen kann, aber der Deutschen Sinnesart will auch dafür einen
Tag vorgeschrieben haben, darum ist bei ihnen vor anderem Volk die Sitte der
Bescherung eingeführt. Das gute Herz hat sein besonder Landrecht.
    In jener Zeit hatte Frau Hadwig die Grammatica schier beiseite gelegt; es
wurde im Frauensaal viel genäht und gestickt, Knäuel von Goldfaden und schwarzer
Seide lagen umher, und wie Ekkehard einsmals unvermerkt eintrat, sprang Praxedis
vor ihn hin und wies ihm die Tür, Frau Hadwig aber verbarg ein angefangen Werk
der Nadel in einem Körblein.
    Da ward Ekkehard aufmerksam und zog nicht ohne Grund den Schluss, es werde
etwas zum Geschenk für ihn hergerichtet. Darum sann er darauf, dasselbe zu
erwidern und alles aufzubieten, was ihm an Wissen und Kunstfertigkeit zu Gebot
stand; er schickte seinem Freund und Lehrer Folkard in Sankt Gallen Bericht, dass
ihm der zusende Pergament und Farben und Pinsel und köstliche Tinte. Jener
tat's. Ekkehard aber sass manches Stündlein der Nacht in seiner Turmstube und
besann sich auf ein lateinisches Reimwerk, das er der Herzogin widmen wollte -
und sollten ihr darin etliche feine Huldigungen dargebracht werden. Es ging aber
nicht so leicht.
    Einmal hatte er begonnen und wollte in kurzem Zug von Erschaffung der Welt
bis auf Antritt des Herzogtums in Schwabenland durch Frau Hadwig gelangen, aber
es hatte ein paar hundert Hexameter gekostet, da war er noch nicht beim König
David angelangt, und das Werk hätte wohl erst Weihnachten über drei Jahre fertig
werden können. Ein anderes Mal wollte er alle Frauen aufzählen, die durch Kraft
oder Liebreiz in der Völker Geschichte eingegriffen, von der Königin Semiramis
an mit Erwähnung der amazonischen Jungfrauen, der heldenmütigen Judit und der
melodischen Sängerin Sappho, aber zu seinem Leidwesen fand er, dass, bis sein
Griffel zu Frau Hadwig sich durchgearbeitet hätte, er unmöglich noch etwas Neues
zu deren Lob und Preis vorzubringen vermöchte. Da ging er sehr betrübt und
niedergeschlagen umher.
    »Habt Ihr eine Spinne verschluckt, Perle aller Professoren?« frug ihn
Praxedis einmal, wie sie dem Verstörten begegnete.
    »Ihr habt gut scherzen«, sprach Ekkehard traurig, - und unter dem Siegel der
Verschwiegenheit klagte er ihr seine Not. Praxedis musste lachen:
    »Bei den sechsunddreissigtausend Bänden der Bibliotek zu Konstantinopolis!«
sagte sie, - »Ihr wollet ja ganze Wälder umhauen, wo es nur ein paar Blümlein
zum Strauss erfordert. Macht's einfach, ungelehrt, lieblich - wie es Euer
geliebter Virgilius ausgedacht hätte!« - Sie sprang davon.
    Ekkehard setzte sich wieder auf seine Stube. »Wie Virgil?« dachte er. Aber
in der ganzen Äneïde war kein Beispiel für solchen Fall vorgezeichnet. Er las
etliche Gesänge. Dann sass er träumerisch da. Da kam ihm ein guter Gedanke. »Ich
hab's!« rief er, »der teure Sänger selber soll die Huldigung darbringen!« Er
schrieb das Gedicht nieder, als wenn Virgilius ihm in seiner Turmeinsamkeit
erschienen wäre, freudig darüber, dass in deutschen Landen seine Gesänge
fortlebten, der hohen Frau dankend, die sein pflege. In wenig Minuten war's
fertig.
    Das Gedicht wollte Ekkehard mit einer schönen Malerei verziert zu Pergament
bringen. Er sann ein Bild aus: die Herzogin mit Krone und Scepter auf hohem
Trone sitzend, ihr kommt Virgilius im weissen Gewand, den Lorbeer in den Locken,
entgegen und neigt das Haupt; an der Rechten aber führt er den Ekkehard, der
bescheiden wie der Schüler mit dem Lehrer einherschreitet, ebenfalls tief sich
verneigend.
    In der strengen Weise des trefflichen Folkard entwarf er die Zeichnung. Er
erinnerte sich an ein Bild im Psalterbuch, wie der junge David vor den König
Abimelech tritt131. So ordnete er die Gestalten; die Herzogin zeichnete er Zwei
Finger breit höher als Virgilius, und der Ekkehard des Entwurfs war hinwiederum
ein Beträchtliches kleiner als der heidnische Poet; - anfangende Kunst, der es
an anderem Mittel des Ausdrucks gebricht, spricht Rang und Grösse äusserlich aus.
    Den Virgilius bracht' er leidlich zuwege. Sie hatten sich in Sankt Gallen
bei ihren Malereien stets an Überlieferung alten Bilderwerks gehalten und für
Gewandung, Faltenwurf und Bezeichnung der Gestalt einen gleichmässig sich
wiederholenden Zug angenommen. Ebenso gelang es ihm mit seinem eigenen Abbild,
sofern er wenigstens eine Figur im Mönchshabit, kenntlich durch eine Tonsur,
herstellte.
    Aber ein verzweifelt Probleme war ihm die richtige Darstellung einer
königlichen Frauengestalt, denn in die klösterliche Kunst hatte noch kein Abbild
einer Frau, selbst nicht das der Gottesmutter Maria, Einlass erhalten. David und
Abimelech, die er so gut im Zug hatte, halfen ihm nichts, bei ihnen brach der
Königsmantel schon hoch über dem Knie ab, und er wusste nicht, wie den Faltenwurf
tiefer herabsenken.
    Da lagerte sich wiederum Kümmernis auf seine Stirn. »Nun?« fragte Praxedis
eines Tages.
    »Das Lied ist fertig«, sprach Ekkehard. »Jetzt fehlt mir was anderes?«
    »Was fehlt denn?«
    »Ich sollte wissen«, sprach er wehmütig, »in welcher Weise sich der Frauen
Gewand um den zarten Leib schmiegt.«
    »Ihr sprecht ja ganz abscheulich, erlesenes Gefäss der Tugend«, schalt ihn
Praxedis. Ekkehard aber erklärte ihr seinen Kummer deutlicher. Da machte die
Griechin eine Handbewegung, als wolle sie die Augenlider in die Höhe ziehen.
»Macht die Augen auf«, sagte sie, »und seht Euch das Leben an.« Der Rat war
einfach und doch neu für einen, der seine ganze Kunst auf einsamer Stube
erlernt. Ekkehard schaute seine Ratgeberin lang' und abmessend an. »Es frommt
mir nichts«, sprach er, »Ihr tragt keinen Königsmantel.«
    Da erbarmte sich die Griechin des zweifelerfüllten Künstlers. »Wartet«,
sagte sie, »die Frau Herzogin ist drunten im Garten, ich will ihren Staatsmantel
umlegen, da kann Euch geholfen werden.« Sie huschte fort; in wenig Minuten war
sie wieder da, der schwere Purpurmantel mit goldener Verbrämung hing ihr
nachlässig um die Schultern. In gemessenem Schritt ging sie durch das Gemach,
ein eherner Leuchter stand auf dem Tisch, sie nahm ihn wie einen Szepter, das
Haupt auf die Schulter zurückgeworfen, trat sie vor den Mönch.
    Der hatte seine Feder ergriffen und ein Stücklein Pergament. »Wendet Euch
ein wenig gegen das Licht«, sprach er, und begann emsig seine Striche zu ziehen.
    Jedesmal aber, wenn er nach seinem anmutigen Vorbild scheute, warf ihm dies
einen blitzenden Blick zu. Er zeichnete langsamer. Praxedis schaute nach dem
Fenster: »Und da unsere Nebenbuhlerin im Reich«, sprach sie mit künstlich
erhobener Stimme, »bereits den Burghof verlässt und uns zu überfallen droht, so
befehlen wir Euch bei Strafe der Entauptung, Eure Zeichnung in eines
Augenblicks Frist zu vollenden«.
    »Ich danke Euch«, sprach Ekkehard und legte die Feder nieder.
    Praxedis trat zu ihm unb beugte sich vor, in sein Blatt zu sehen.
»Schändlicher Verrat«, sprach sie, »das Bild hat ja keinen Kopf.«
    »Ich brauche nur den Faltenwurf«, sagte Ekkehard.
    »Ihr habt Euer Glück versäumt«, scherzte Praxedis im früheren Ton; »das
Antlitz treu abgebildet und wer weiss, ob wir in fürstlicher Gnade Euch nicht zum
Patriarchen von Konstantinopel ernannt hätten.«
    Es wurden Schritte hörbar. Schnell riss Praxedis den Mantel von den
Schultern, dass er auf den Arm niedersank. Schon stand die Herzogin vor den
Heiden.
    »Wollt Ihr wieder Griechisch lernen?« sprach sie vorwurfsvoll zu Ekkehard.
    »Ich hab' ihm den edeln Sardonyx an meiner Herrin Mantel Agraffe gezeigt; es
ist so ein feingeschnittener Kopf«, sagte Praxedis, »Herr Ekkehard versteht sich
aufs Altertum. Er hat das Antlitz recht gelobt ...«
    Auch Audifax traf seine Vorbereitungen für Weihnachten. Seine Hoffnung auf
Schätze war sehr geschwunden. Er hielt sich jetzt an das wirklich Vorhandene.
Darum stieg er oft nächtlich ins Tal hinunter ans Ufer der Aach, die mit trägem
Lauf dem See entgegenschleicht. Beim morschen Steg stand ein hohler Weidenbaum.
Dort lauerte Audifax manches Stündlein, den erhobenen Rebstecken nach des Baumes
Öffnung gerichtet. Er stellte einem Fischotter nach. Aber keinem Denker ist die
Erforschung der letzten Gründe alles Seins so schwierig geworden, wie dem
Hirtenknaben seine Otterjagd. Denn aus dem hohlen Ufer zogen sich noch allerhand
Ausgänge in den Fluss, die der Otter wusste, Audifax nicht. Und wenn Audifax oft
vor Kälte zitternd sprach: »Itzt muss er kommen!«, so kam weit stromaufwärts ein
Gebrause hergetönt, das war sein Freund, der dort die Schnauze übers Wasser
streckte und Atem holte; und wenn Audifax leise dem Ton nachschlich, hatte sich
der Otter inzwischen auf den Rücken gelegt und liess sich gemächlich stromab
treiben ...
    In der Hohentwieler Küche war Leben und Bewegung, wie im Zelt des Feldherrn
am Vorabend der Schlacht. Frau Hadwig selbst stand unter den dienenden Mägden,
sie trug keinen Herzogsmantel, wohl aber einen weissen Schurz, teilte Mehl und
Honig aus und ordnete die Backung der Lebkuchen an. Praxedis mischte Ingwer,
Pfeffer und Zimt zur Würze des Teigs.
    »Was nehmen wir für eine Form?« frug sie. »Das Viereck mit den Schlangen?«
    »Das grosse Herz132 ist schöner«, sprach Frau Hadwig. Da wurden die
Weihnachtlebkuchen in der Herzform gebacken, den schönsten spickte Frau Hadwig
eigenhändig mit Mandeln und Kardamomen.
    Eines Morgens kam Audifax ganz erfroren in die Küche und suchte sich ein
Plätzlein am Herdfeuer; seine Lippen zitterten wie in Fieberschauer, aber er war
wohlgemut und freudig. »Rüste dich, Büblein«, sprach Praxedis zu ihm, »du musst
heut nachmittag hinüber in den Wald und ein Tännlein hauen.«
    »Das ist nicht meines Amtes«, sprach Audifax stolz, »ich will's aber tun,
wenn Ihr mir auch einen Gefallen tut.«
    »Was befiehlt der Herr Ziegenhirt?« fragte Praxedis.
    Audifax sprang hinaus, dann kam er wieder und hielt einen dunkelbraunen Balg
siegesfroh in die Höhe, das kurze glatte Haar glänzte daran, dicht und weich
war's anzufühlen.
    »Woher das Rauchwerk?« fragte Praxedis.
    »Selbst gefangen«, sprach Audifax und sah wohlgefällig auf seine Beute. »Ihr
sollt eine Pelzhaube für die Hadumot daraus machen.«
    Die Griechin war ihm wohlgesinnt und versprach Erfüllung der Bitte.
    Der Weihnachtsbaum war gefällt; sie schmückten ihn mit Äpfeln und Lichtlein,
die Herzogin richtete alles im grossen Saal. Ein Mann von Stein am Rhein kam
herüber und brachte einen Korb, der mit Leinwand zugenäht war. »Es sei von Sankt
Gallen«, sprach er, »für Herrn Ekkehard.« Frau Hadwig liess den Korb uneröffnet
zu den andern Gaben stellen.
    Der heilige Abend war gekommen. Die gesamten Insassen der Burg versammelten
sich in festlichem Gewand, zwischen Herrschaft und Gesind' sollte heut keine
Trennung sein. Ekkehard las ihnen das Evangelium von des Heilands Geburt, dann
gingen sie paarweise in den grossen Saal hinüber, da flammte heller Lichtglanz
und festlich leuchtete der dunkle Tannenbaum - als die letzten traten Audifax
und Hadumot ein, ein Blättlein Goldschaum vom Vergolden der Nüsse lag an der
Schwelle, Audifax bückte sich darnach, es zerging ihm unter den Fingern. »Das
ist dem Christkind von den Flügeln abgefallen«, sprach Hadumot leise zu ihm.
    Auf grossen Tischen lagen die Geschenke für die dienenden Leute, ein Stück
Leinwand oder gewoben Tuch und einiges Gebäck; sie freuten sich des nicht
allzeit so milden Sinnes der Gebieterin. Bei Hadumots Anteil lag richtig die
Pelzhaube. Sie weinte, als Praxedis ihr freundlich den Geber verriet. »Ich hab'
nichts für dich«, sagte sie zu Audifax. »Es ist statt der Goldkrone«, sprach
der. Knechte und Mägde dankten der Herzogin und gingen in die Gesindestube
hinunter.
    Frau Hadwig nahm Ekkehard bei der Hand und führte ihn an ein Tischlein. »Das
ist für Euch«, sprach sie. Beim mandelgespickten Lebkuchenherz und dem Korb lag
ein schmuckes priesterliches Samtbarett und eine prächtige Stola, Grund und
Fransen waren von Goldfaden, dunkle Punkte waren mit schwarzer Seide drein
gestickt, einige mit Perlen ausgeziert, sie war eines Bischofs wert.
    »Lasst sehen, wie Ihr Euch ausnehmt«, sprach Praxedis. Trotz der kirchlichen
Bestimmung setzte sie ihm das Barett auf und warf ihm die Stola um. Ekkehard
schlug die Augen nieder. »Meisterhaft!« rief sie, »Ihr dürft Euch bedanken.«
    Er aber legte scheu die geweihten Gaben wieder ab, aus seinem weiten Gewand
zog er die Pergamentrolle und reichte sie schüchtern der Herzogin dar. Frau
Hadwig hielt sie unentfaltet. »Erst den Korb öffnen! das Beste -« sprach sie,
freundlich auf das Pergament deutend, »soll zuletzt kommen.«
    Da schnitten sie den Korb auf; in Heu begraben und durch des Winters Kälte
wohlerhalten, lag ein mächtiger Auerhahn drin, Ekkehard hob ihn in die Höhe, mit
ausgebreiteten Flügeln reichte er über eines Mannes Länge. Ein Brieflein war bei
dem stattlichen Stück Federwild.
    »Vorlesen!« sprach die Herzogin neugierig.
    Ekkehard öffnete das unkenntliche Sigill und las:
        »Dem ehrwürdigen Bruder Ekkehard auf dem hohen Twiel durch Burkard, den
            Klosterschüler, Romeias, der Wächter am Tor.
    Wenn es zwei wären, so wäre einer für Euch. Da es aber auf zwei nicht
geglückt hat, so ist der eine nicht für Euch und Eurer kommt nach. Gesendet wird
er an Euch wegen Unwissenheit des Namens. Sie war aber mit der Frau Herzogin
damals im Kloster und trug ein Gewand von Farbe eines Grünspechts, den Zopf um
die Stirn geflochten.
    Derselben den Vogel. Wegen fortwährender Gedenkung dessen, der ihn
geschossen, an stattgefundene Begleitung zu den Klausnerinnen. Er muss aber stark
eingebeizt und mürb gebraten werden, weil sonst zähe; bei Zuzug von Gästen soll
sie das weisse Fleisch am Rückgrat selber verzehren, da dies das beste, und das
braune von harzigem Geschmack.
    Dazu Glück und Segen. Euch, ehrwürdiger Bruder, auch. Wenn auf Eurer Burg
ein Wächter, Turmwart oder Forstwart zu wenig, so empfehlet der Herzogin den
Romeias, dem wegen Verspottung durch den Schaffner und Verklagung durch den
Drachen Wiborad Veränderung des Dienstes wünschenswert. Übung im Tordienst,
Einlass und Hinauswerfung fremden Besuchs betreffend, kann bezeugt werden. Ebenso
was Jagd angeht. Und er schaut jetzt schon nach dem hohen Twiel, als zöge ihn
ein Seil dortin. - Langes Leben Euch und der Frau Herzogin. Lebet wohl.«
    Fröhlich Lachen schloss die Vorlesung. Praxedis aber war rot geworden. »Das
ist ein schlechter Dank von Euch«, sprach sie bissig zu Ekkehard, »dass Ihr
Briefe in anderer Leute Namen schreibt und mich beleidiget.«
    »Haltet ein«, sprach er, »warum soll der Brief nicht echt sein?«
    »Es wär' nicht der erste, den ein Mönch gefälscht«, war Praxedis' gereizte
Antwort. »Was braucht Ihr Euch über den groben Jägersmann lustig zu machen? Er
war gar nicht so übel.«
    »Praxedis, sei vernünftig«, sprach die Herzogin. »Schau' dir den Auerhahn
an, der ist nicht im Hegau geschossen, und Ekkehard führt eine andere Feder.
Wollen wir den Bittsteller auf unser Schloss versetzen?«
    »Das verbitt' ich mir«, rief Praxedis eifrig. »Es soll niemand meinen, dass
...«
    »Gut«, sprach Frau Hadwig mit Schweigen gebietendem Ton. Sie rollte
Ekkehards Pergament auf. Die Malerei am Anfang war leidlich gelungen, Zweifel
über, deren Bedeutung beseitigte die Darüberschreibung der Namen Hadwigis,
Virgilius, Ekkehard. Eine kühne Initiale mit verschlungenem goldenen Geäste
eröffnete die Schrift.
    Die Herzogin war höchlich erfreut. Ekkehard hatte seiter über den Besitz
solcher Kunst nichts verlauten lassen. Praxedis schaute nach dem purpurnen
Mantel, den die gemalte Herzogin trug, und lächelte, als wüsste sie was
Besonderes.
    Frau Hadwig winkte, dass Ekkehard sein Geschriebenes vorlese und erkläre. Er
las.
    Verdeutscht lautet's also:
In nächt'ger Stille sah ich jüngst allein
Und ziffert' an den Schriften alter Zeit,
Da flammte hell ein geisterhafter Schein
In mein Gemach. 's war nicht des Mondes Licht, -
Und vor mich trat ein leuchtend Menschenbild,
Unsterblich Lächeln schwebt' um seinen Mund,
In dunkler Fülle wallte das Gelock,
Als Diadem trug er den Lorbeerkranz.
Hindeutend auf das aufgeschlagne Buch,
Sprach er zu mir: »Sei guten Muts, mein Freund,
Ich bin kein Geist, der deinen Frieden stört,
Ich bringe dir nur Gruss und Segenswunsch.
Was toter Buchstab' dort dir noch erzählt,
Das schrieb ich selbst mit warmem Herzblut einst:
Der Troer Waffen, des Äneas Fahrt,
Der Götter Zorn, der stolzen Rom Beginn.
Schon ein Jahrtausend schier ist abgerollt,
Der Sänger starb, es starb sein ganzes Volk.
Still ist mein Grab. Nur selten dringt ein Klang
Zu mir herab von froher Winzer Fest,
Vom Wogenschlag am nahen Kap Misen.
Doch jüngst hat mich der Nordwind aufgestört,
Er brachte Kunde, dass in fremden Gau'n
Man des Äneas Schicksal wieder liest,
Dass eine Fürstin, stolz und hochgemut,
Des Landes Sprache als ein neu Gewand
Um meine Worte gnädig schmiegen heisst.
Wir glaubten einst, am Fuss der Alpen sei
Nur Sumpf des Rheins und ein barbarisch Volk;
Jetzt hat die Heimat selber uns vergessen
Und bei den Fremden leben neu wir auf.
Des Euch zu danken bin ich heute hier:
Das höchste Kleinod, was dem Sänger wird,
Ist Anerkennung einer hohen Frau.
Heil deiner Herrin, der das seltne Gut
Der Stärke und der Weisheit ward beschert,
Die gleich Minerva in der Götter Reih'n,
In Erz gerüstet eine Kriegerin,
Der Friedenskünste Hort und Schutz zugleich.
Noch lange Fahre mög' ihr Szepter walten,
Es blüh' um sie ein stark und sittig Volk,
Und kommt Euch einst ein fremd Getön gerauscht,
Wie Heldenlied und fernes Saitenspiel,
Dann denket mein, es grüsst Italia Euch,
Es grüsst Virgil den Fels von Hohentwiel.«
Er sprach's und winkte freundlich und verschwand.
Ich aber schrieb noch in derselben Nacht,
Was er gesprochen. Meiner Herrin sei's
Als Festgeschenk jetzt schüchtern dargebracht
Von ihrem treuen Dienstmann Ekkehard.
    Eine kurze Pause erhob sich, als er die Lesung seines Gedichts beendet. Dann
trat die Herzogin auf ihn zu und reichte ihm die Hand. »Ekkehard, ich danke
Euch!« sprach sie; es waren dieselben Worte, die sie einst im Klosterhof zu
Sankt Gallen zu ihm gesprochen, aber der Ton war noch milder wie damals, und der
Blick war strahlend und ihr Lächeln wundersam wie das zaubervoller Feien, von
dem die Sage geht, ein Schneeregen blühender Rosen müsse drauf folgen.
    Sie wandte sich dann zu Praxedis: »Und dich sollte ich verurteilen, jetzt
einen abbittenden Fussfall zu tun, die du jüngst so geringschätzend von den
gelehrten geistlichen Männern gesprochen.« Aber die Griechin blickte schelmisch
drein, wohl wissend, dass ohne ihren weisen Rat und Beistand der scheue Mönch
sich kaum zu seiner Dichtung erschwungen.
    »In aller Zukunft«, sprach sie, »werde ich seinem Verdienste die gebührende
Achtung zollen. Auch einen Kranz will ich ihm flechten, so Ihr gebietet.«
    Als Ekkehard hinausgegangen war in seine Turmstube und die stille
Mitternacht herannahte, sassen die Frauen noch beieinand. Und die Griechin
brachte eine Schale mit Wasser und etliche Stücklein Blei und einen metallenen
Löffel. »Das Bleigiessen vom vorigen Jahr ist gut eingetroffen«, sprach sie, »wir
mochten's uns damals kaum erklären, welch eine sonderbare Form das geschmolzene
Stück im Wasser annahm, aber ich meine jetzt mehr und mehr, es habe einer
Mönchskapuze geglichen, und die ist unserer Burg geworden.«
    Die Herzogin war nachdenkend. Sie lauschte, ob Ekkehard nicht etwa durch den
Gang zurückkehre.
    »Es ist doch nur eitel Spielerei«, sprach sie ...
    »Wenn es meiner Herrin nicht gefällt«, sagte die Griechin, »so mag sie
unsern Lehrer beauftragen, uns mit Besserem zu erfreuen; sein Virgilius ist
freilich ein zuverlässiger Orakel der Zukunft als unser Blei, wenn er in
geweihter Nacht mit Segensspruch und Gebet aufgeschlagen wird. Ich wäre fast
neugierig, welch ein Stück seiner Dichtung uns die Geschicke des nächsten Jahrs
offenbaren würde ...«
    »Schweig«, sagte die Herzogin. »Er hat neulich so streng über Zauberei
gesprochen, er würde uns auslachen ...«
    »Dann werden wir beim alten bleiben müssen«, sprach Praxedis und hielt den
Löffel mit dem Blei über das Licht der Lampe. Das Blei schmolz und bewegte sich
zitternd, da stund sie auf, murmelte etliche unverständliche Worte und goss es
herab. Zischend sprühte das flüssige Metall in die Wasserschale.
    Frau Hadwig wandte ihren Blick in scheinbarer Gleichgültigkeit. Praxedis
hielt die Schale aus Lampenlicht: statt in seltsame Schlacken zu splittern, war
das Blei zusammenhängend geblieben, ein länglich zugespjetzter Tropfen. Matt
glänzte es in Frau Hadwigs Hand.
    »Das ist wiederum ein Rätsel, bis die Lösung kommt«, scherzte Praxedis. »Die
Zukunft sieht ja für diesesmal fast aus wie ein Tannenzapfen.«
    »Wie eine Träne!« sprach die Herzogin ernst und stützte ihr Haupt auf die
Rechte133.
    Lauter Lärm im Erdgeschoss der Burg unterbrach das weitere Prüfen der
Vorbedeutung; Gekicher und Aufschrei der dienenden Mägde, rauhes Gebrumm
männlicher Stimmen, schriller Lautenschlag: so tönte es verworren den Gang
herauf; ehrerbietig und schutzflehend hielt der fliehende Schwarm der
Dienerinnen an des Saales Schwelle, die lange Friderun unterdrückte mühsam ein
lautes Schelten, die junge Hadumot weinte - tappend kam eine Gestalt hinter
ihnen drein, schwerfälligen zweibeinigen Schritts, in rauhe Bärenhaut gehüllt,
eine bemalte hölzerne Maske mit namhafter Schnauze vor dem Antlitz; sie brummte
und murrte wie ein hungriger Braun, der auf Beute ausgeht, und tat dann und wann
einen ungefügen Griff in die Laute, die an rotem Band über die zottigen
Schultern gehängt war - aber wie des Weihnachtssaals Türe sich auftat und der
Herzogin Gewand entgegenrauschte, machte der nächtliche Spuk kehrt und polterte
langsam durch den dröhnenden Gang zurück.
    Die alte Schaffnerin ergriff das Wort und trug ihrer Gebieterin vor, dass sie
fröhlich unten gesessen und sich der Weihnachtsgaben erfreut, da sei das Ungetüm
eingebrochen und habe erst zum eigenen Lautenspiel einen seinen Tanz aufgeführt,
hernach aber die Lichter ausgeblasen und die erschrockenen Maiden mit Kuss und
Umarmung bedroht und sei so wild und unersättlich geworden, dass es sie alle zur
Flucht genötigt; dem rauhen Lachen des Bären aber sei mit Grund zu entnehmen,
dass unter der Wildschur Herr Spazzo, der Kämmerer, verborgen stecke, der nach
einem scharfen Weintrunk hiemit sein Weihnachtvergnügen beschlossen.
    Frau Hadwig beruhigte den Unwillen ihres Gesindes und hiess sie schlafen
gehen. Vom Hofe aber tönte noch einmal verwunderter Aufruf; alle standen in
einer Gruppe beisammen und schauten unverrückt auf den Turm, denn der
schreckhafte Bär war hinaufgestiegen und erging sich jetzo auf den Zinnen der
Warte und reckte sein struppiges Haupt nach den Sternen, als wolle er seinem
Namensgenossen droben, dem Grossen Bären, einen Gruss hinüberwinken ins
Unermessliche.
    Die dunkle Vermummung hob sich in deutlichem Umriss vom fahlen glanzerhellten
Himmelsgrunde, gespenstig klang ihr Brummen in die schweigende Nacht; doch
keinem der Sterblichen ward kund, was die leuchtenden Gestirne dem weinschweren
Haupte Herrn Spazzo, des Kämmerers, geoffenbart ...
    Um dieselbe Mitternachtstunde kniete Ekkehard vor dem Altar der Burgkapelle
und sang leise die Hymnen der Christmette134, wie es die Übung der Kirche
vorschrieb.
 
                                Elftes Kapitel.
                          Der Alte in der Heidenhöhle.
Der Rest des Winters ging auf dem hohen Twiel einförmig, darum schnell vorüber.
Sie beteten und arbeiteten, lasen Virgil und studierten Grammatik, wie es die
Zeit brachte. Frau Hadwig stellte keine verfänglichen Fragen mehr.
    In der Faschingszeit kamen die benachbarten Grossen, der Herzogin ihren
Besuch abzustatten, die von der Nellenburg und von Veringen, der alte Graf im
Argengau mit seinen Töchtern, die sieben Welfen von Ravensburg überm See und
manch anderer135. Da wurde viel geschmaust und noch mehr getrunken.
    Dann ward's wieder einsam oben.
    Der März kam heran, schwere Stürme sausten übers Land, in der ersten klaren
Sternennacht stand ein Komet am Himmel136, und der Storch, der auf der Burg
Dachfirst wohlgemut hauste, war acht Tage nach seiner Rückkunst wieder von
dannen geflogen; die Leute schüttelten den Kopf. Dann trieb der Schäfer von
Eugen seine Herde am Berg vorüber; der erzählte, dass er dem Heerwurm137
begegnet: das bedeutet Krieg.
    Unheimliche Stimmung lagerte sich über die Gemüter. Drohendes Erdbeben wird
auch in weiter Entfernung vorausgespürt; hier Ausbleiben einer Quelle, dort
scheuer Vogelflug: ebenso ahnt sich Gefahr des Krieges.
    Herr Spazzo, der im Februar tapfer hinter den Weinkrügen turniert hatte,
ging jetzo tiefsinnig umher. »Ihr sollt mir einen Dienst erweisen«, sprach er
eines Abends zu Ekkehard. »Ich hab' im Traum einen toten Fisch gesehen, der auf
dem Rücken schwamm. Ich will mein Testament machen. Die Welt ist alt geworden
und steht nur noch auf einem Bein, das wird nächstens auch zusammenknacken. Gute
Nacht, Firnewein! Zum tausendjährigen Reich ist's ohnedem nicht mehr weit; es
ist lustig gelebt worden, vielleicht werden die letzten Jahre doppelt gerechnet.
    Weiter kann's die Menschheit auch nicht mehr bringen. Die Bildung ist so
weit gediehen, dass auf dem einen Schloss Hohentwiel mehr als ein halb Dutzend
Bücher aufgehäuft liegen, und wenn einer blutrünstig geschlagen wird, so läuft
er zum Gaugericht und klagt's ein, statt seinem Schädiger Haus und Hof überm
Kopf zusammenzubrennen. Da hört die Welt von selber auf138.«
    »Wer soll Euer Erbe sein, wenn alle zugrunde gehen?« hatte ihn Ekkehard
gefragt.
    Ein Mann von Augsburg kam nach der Reichenau, der brachte schlimme
Kundschaft. Der Bischof Ulrich hatte dem Kloster ein kostbar Heiligtum zugesagt,
den rechten Vorderarm des heiligen Teopontus, reich in Silber und Edelstein
gefasst. Das Land sei unsicher, liess er vermelden, er traue sich nicht, das
Geschenk zu senden.
    Der Abt wies den Mann nach dem hohen Twiel, der Herzogin Bericht zu
erstatten.
    »Was bringt Ihr Gutes?« frug sie ihn.
    »Nicht viel, möchte lieber was mitnehmen: den schwäbischen Heerbann, Ross und
Reiter, so viel ihrer Schild und Speer an der Wand hängen haben. Sie sind wieder
auf dem Weg zwischen Donau und Rhein ...«
    »Wer?«
    »Die alten Freunde von drüben herüber; die kleinen mit den tiefliegenden
Augen und den stumpfen Nasen. Es wird wieder viel roh Fleisch unter dem Sattel
mürb geritten werden dieses Jahr.«
    Er zog ein seltsam geformtes kleines Hufeisen mit hohem Absatz aus dem
Gewand: »Kennt Ihr das Wahrzeichen? Kleiner Huf und kleines Ross, krummer Säbel,
spitz Geschoss - blitzesschnell und sattelfest: schirm uns Herr vor dieser Pest!«
    »Die Hunnen139?!« fragte die Herzogin betroffen.
    »So Ihr sie lieber die Ungrer heissen wollt oder die Hungrer, ist mir's auch
recht«, sprach der Bote. »Der Bischof Pilgrim hat's von Passau nach Freising
melden lassen, von dort kam uns die Mär'. Über die Donau sind sie schon
geschwommen, wie die Heuschrecken fallen sie aufs deutsche Land, geschwinde wie
geflügelte Teufel sind sie auch, eher fängst du den Wind auf der Ebene und den
Vogel in der Luft, heisst's bei uns von früher her. Dass Koller und Dampf ihre
kleinen Rosse heimsuchte! ... Mich dauert nur meiner Schwester Kind, die schöne
Berta in Passau ...«
    »Es ist nicht möglich!« sagte Frau Hadwig. »Haben sie schon vergessen, wie
ihnen die Kammerboten Erchanger und Berchtold den Bescheid gaben: Wir haben
Eisen und Schwerter und fünf Finger in der Faust? In der Schlacht am Inn ward's
ihnen deutlich auf die Köpfe geschrieben ...«
    »Eben darum«, sprach der Mann. »Wer tüchtig geschlagen worden, kommt gern
wieder, um das zweitemal selber zu schlagen. Itzt sind andere Zeiten. Den
Kammerboten hat man zum Dank für ihre Tapferkeit später das Haupt vor die Füsse
gelegt, wer wird sich noch voranstellen?«
    »Auch wir wissen den Weg, auf dem unsere Vorgänger gegen den Feind geritten
sind«, sprach die Herzogin stolz.
    Sie entliess den Mann von Augsburg mit einem Geschenk. Dann berief sie
Ekkehard zu sich.
    »Virgilius wird eine Zeitlang in Ruhe kommen«, sprach sie zu ihm und teilte
ihm die Nachricht von der Hunnen Gefahr mit. Die Lage der Dinge war nicht
erfreulich.
    Die Grossen des Reichs hatten in langen Fehden verlernt, zu gemeinsamem
Handeln einzustehen; der Kaiser, aus sächsischem Stamm und den Schwaben nicht
sonderlich hold, schlug sich fern von den deutschen Grenzen in Italien herum,
die Strasse nach dem Bodensee stund den fremden Gästen offen. An ihrem Namen
haftete der Schreck. Seit Jahren schwärmten ihre Haufen wie Irrlichter durch das
zerrüttete Reich, das Karl der Grosse unfähigen Nachfolgern hinterlassen; von den
Ufern der Nordsee, wo die Trümmerstätte von Bremen Zeugnis ihres Einfalls gab,
bis hinab an die Südspitze Kalabriens, wo der Landeingeborene ihnen Mann für
Mann ein Lösegeld für seinen Kopf zahlen musste, zeichnete Brand und Plünderung
ihre Spur ...
    »Wenn der fromme Bischof Ulrich keine Gespenster gesehen hat«, sprach die
Herzogin, »so kommen sie auch zu uns, was ist zu tun? In Kampf ziehen? Auch
Tapferkeit ist Torheit, wenn der Feind übermächtig. Durch Tribut und Goldzins
Frieden kaufen und sie auf der Nachbarn Grenzen hetzen? Andere haben's getan;
wir haben von Ehr' und Unehr' andere Meinung.«
    »Uns auf dem Twiel verschanzen und das Land preisgeben? Es sind unsere
Untertanen, denen wir herzoglichen Schutz gelobt. Ratet!«
    »Mein Wissen ist auf solchen Fall nicht gerüstet«, sprach Ekkehard betrübt.
    Die Herzogin war aufgeregt. »O Schulmeister«, rief sie vorwurfsvoll, »warum
hat Euch der Himmel nicht zum Kriegsmann werden lassen? Es wäre vieles besser!«
    Da wollte Ekkehard verletzt von dannen gehen. Das Wort war ihm ins Herz
gefahren wie ein Pfeil und setzte sich tief darin fest. Es lag ein Stück
Wahrheit in dem Vorwurf, darum schmerzte er.
    »Ekkehard!« rief ihm Frau Hadwig nach, »Ihr sollt nicht gehen. Ihr sollt mit
Eurem Wissen der Heimat dienen; und was Ihr noch nicht wisst, sollt Ihr lernen.
Ich will Euch zu einem schicken, der weiss Bescheid in solchen Dingen, wenn er
noch lebt. Wollt Ihr meinen Auftrag bestellen?«
    Ekkehard hatte sich umgewandt. »Ich war noch nie säumig, meiner Herrin zu
dienen«, sprach er.
    »Ihr dürft aber nicht erschrecken, wenn er Euch spröd und rauh anlässt, er
hat viel Unbill erfahren von früheren Geschlechtern, die heutigen kennen ihn
nicht mehr. Dürft auch nicht erschrecken, wenn er Euch gar alt und fett
erscheint.«
    Er hatte aufmerksam zugehört: »Ich verstehe Euch nicht ganz ...«
    »Tut nichts«, sprach die Herzogin. »Ihr sollt morgen nach dem Sipplinger Hof
hinüber, drüben am Überlinger See, wo die Felswand sich steil in die Flut
herabsenkt, ist aus alten Zeiten allerhand Gelass zu menschlicher Wohnung in den
Stein gehauen. Wenn Ihr den Rauch eines Herdfeuers aus dem Berg aufsteigen
sehet, so geht hinauf. Dort findet Ihr, den ich meine, redet mit ihm von wegen
der Hunnen ...«
    »Zu wem sendet mich meine Herrin?« fragte Ekkehard gespannt.
    »Zum Alten in der Heidenhöhle«, sagte Frau Hadwig. »Man weiss hierlands
keinen andern Namen von ihm. Aber halt!« fuhr sie fort, »ich muss Euch auch das
Wort mitgeben für den Fall, dass er den Einlass weigert.«
    Sie ging zu ihrem Schrank und stöberte unter Schmuck und Gerätschaften; dann
brachte sie ein Schiefertäflein, drauf standen etliche Buchstaben gekritzelt:
»Das sollt Ihr zu ihm sagen und einen Gruss von mir.«
    Ekkehard las. Es waren die zwei unverständlichen lateinischen Worte: »Neque
enim!« sonst nichts. »Das hat keinen Sinn«, sprach er.
    »Tut nichts«, sagte Frau Hadwig, »der Alte weiss, was es ihm bedeutet ...«
    Bevor der Hahn den Morgen anrief, war Ekkehard schon durchs Tor von
Hohentwiel ausgeritten. Kühle Frühluft wehte ihm ums Antlitz; er hüllte sich
tief in die Kapuze. »Warum hat Euch der Himmel nicht zum Kriegsmann werden
lassen? Es wäre vieles besser!« Das Wort der Herzogin ging mit ihm wie sein
Schatten. Es war ihm ein Sporn zu mutigen Entschlüssen. Wenn die Gefahr kommt,
dachte er, soll sie den Schulmeister nicht hinter seinen Büchern sehen!
    Sein Ross trabte gut. In wenigen Stunden ritt er über die waldigen Höhen, die
den Untersee von dem See von Überlingen trennen. Am herzoglichen Meierhof
Sernatingen grüsste ihn die blaue Flut des Sees, er liess sein Ross dem Meyer und
schritt den Pfad voran, der hart am Ufer hinführte.
    An einem Vorsprung hielt er eine Weile, gefesselt von der weiten Umschau.
Der Blick flog unbegrenzt über die Wasserfläche bis zu den Rätischen Alpen, die,
eine kristallklare Mauer, sich als Ende der Landschaft himmelan türmen.
    Wo die Sandsteinfelsen senkrecht aus dem See emporstiegen, lenkte sich der
Pfad aufwärts. Stufen im Fels erleichterten den Schritt, gehauene
Fensteröffnungen, mit dunkeln Schatten in der Tiefe die Lichte der Felswand
unterbrechend, wiesen ihm den Ort, dran einst in Zeiten römischer Herrschaft
unbekannte Männer sich in Weise der Katakomben ein Höhlenasyl eingegraben140.
    Das Aufsteigen war beschwerlich. Jetzt trat er auf einen ebenen Geviertraum,
wenig Schritte im Umfang, von jungem Gras bewachsen. Vor ihm öffnete sich ein
mannshoher Eingang in den Felsen, aber ein riesiger schwarzer Hund sprang
bellend hervor, zwei Schritte vor Ekkehard hielt er, zu Sprung und Biss bereit,
seine Augen starr auf den Mönch gerichtet; der durfte keinen Schritt vorwärts
machen, so fuhr ihm der Hund an den Hals. Die Stellung war nicht beneidenswert,
Rückzug unmöglich, Waffen trug Ekkehard nicht. So blieb er seinem Gegner
gegenüber eine Weile starr stehen; da schaute aus der Fensteröffnung zur Seite
eines Mannes Angesicht: ein Graukopf war's mit stechenden Augen und rötlichem
Bart.
    »Gebietet dem Tier Ruhe!« rief Ekkehard.
    Dauerte nicht lange, so erschien der Graukopf unter dem Eingang. Er war mit
einem Spiess bewaffnet.
    »Rückwärts, Mummolin!« rief er.
    Ungern gehorchte das grosse Tier. Erst wie ihm der Graue den Spiess zeigte,
zog sich's knurrend zurück.
    »Man sollt' Euch den Hund erschlagen und neun Schuh hoch über Euer Tor
hängen, bis er verfaulte und stückweis auf Euch herunterfiele141«, sprach
Ekkehard zürnend, »schier hat er mich ins Wasser gestürzt.« Er sah sich um, in
senkrechter Tiefe rauschte der See zu seinen Füssen.
    »In den Heidenhöhlen gilt kein Landrecht!« gab der Graue trotzig zurück.
»Bei uns heisst's: Zwei Mannslängen vom Leib, oder wir schlagen Euch den Schädel
ein.«
    Ekkehard wollte vorwärts gehen.
    »Halt an!« fuhr der Mann unterm Eingang fort und hielt den Spiess vor, »so
schnell geht's nicht. Wohin des Wegs?«
    »Zum Alten in der Heidenhöhle«, sprach Ekkehard.
    »Zum Alten in der Heidenhöhle?« schalt der andere, »habt Ihr kein
ehrerbietiger Wort für ihren Inwohner, gelbschnäbliger Kuttenträger?«
    »Ich weiss nicht anders«, sagte Ekkehard betroffen. »Mein Gruss heisst neque
enim!«
    »Das lautet besser«, sprach der Graue treuherzig und reichte ihm die Hand.
»Woher des Wegs?«
    »Vom hohen Twiel. Ich soll Euch ...«
    »Halt an, ich bin nicht, den Ihr suchet, bin nur sein Dienstmann Rauching.
Ich werd' Euch anmelden.«
    Angesichts der starren Felswände und des schwarzen Hundes war diese
Förmlichkeit befremdend. Ekkehard stand harrend, es dauerte eine gute Weile,
schier als wenn Vorbereitungen zum Empfang getroffen würden. Dann erschien
Rauching wieder: »Wollet eintreten.« Sie gingen den dunkeln Gang entlang, dann
weitete sich der Höhlenraum, ein Gemach war von Menschenhänden in den Fels
gehauen, hoch, stattlich, in spitzbogiger Wölbung; ein rohes Gesimse zog sich um
die Wände, die Fensteröffnungen weit und luftig; wie von einer Rahme umfasst
glänzte ein Stück blauer See und gegenüberliegendes Waldgebirge herein, eine
flimmernde Schichte Sonnenlicht drang durch sie in des Gemaches Dunkel. Spuren
von Steinbänken waren da und dort sichtbar, nah beim Fenster stund ein hoher
steinerner Lehnstuhl, ähnlich dem eines Bischofs in alten Kirchen, eine Gestalt
sah drin. Es war ein fremdartig Menschenbild, mächtigen Umfangs, schwer sass das
schwere Haupt zwischen den Schultern, Runzeln durchfurchten Stirn und Wangen,
spärlich weisses Hauptaar lockte sich um den Scheitel, schier zahnlos der Mund:
der Mann musste steinalt sein. Ein Mantel von unkenntlicher Farbe hing um des
Greisen Schulter, die Rückseite, die des Stuhles Lehne verdeckte, mochte stark
Fadenschein tragen, in Saum und Faltenwurf sassen Spuren vergangener Flickung.
Seine Füsse waren mit rauhem Stiefelwerk bekleidet, ein alter Hut, mit
verstäubtem Fuchspelz verbrämt, lag zur Seite. Eine Nische der Felsvertiefung
trug ein Schachzabelbrett mit elfenbeingeschnittenen Figuren, es war eine Partie
zu Ende gespielt worden, noch stand der König matt gesetzt durch einen Turm und
zwei Läufer ...
    »Wer kommt zu den Vergessenen?« fragte der Greis mit dünner Stimme. Da
neigte sich Ekkehard vor ihm und nannte seinen Namen und wer ihn gesandt.
    »Ihr habt ein böses Losungswort mit Euch gebracht. Erzählen die Leute
draussen noch vom Luitward von Vercelli?«
    »Dessen Seele Gott verdammen möge!« fiel Rauching ergänzend ein.
    »Ich habe nichts von ihm gehört«, sprach Ekkehard.
    »Sag's ihm, Rauching, wer der Luitward war, 's wär' schade, wenn sein
Gedächtnis ausstürbe bei den Menschen.«
    »Der grösste Schurke, den je ein Sonnenstrahl beschienen«, war Rauchings
Antwort.
    »Sag' ihm auch, was neque enim heisst.«
    »Es gibt keinen Dank auf dieser Welt, und von eines Kaisers Freunden ist
auch der beste ein Verräter!«
    »Auch der beste ein Verräter«, sprach der Alte in Gedanken. Sein Blick fiel
auf das nahestehende Schachbrett. »Jawohl!« murmelte er leise, »matt gesetzt,
durch Läufer und Überläufer matt gesetzt ...« er ballte die Faust, als wolle er
aufspringen, dann seufzte er laut und fuhr mit der welken Hand nach der Stirn
und stützte sein schweres Haupt auf.
    »Das Kopfweh!« sprach er ... »das verfluchte Kopfweh!«
    »Mummolin!« rief Rauching.
    Mit grossen Sätzen kam der schwarze Hund vom Eingang her gesprungen; wie er
den Alten mit aufgestülptem Haupt gewahrte, trat er schmeichelnd heran und
leckte ihm die Stirn. »Es ist gut«, sprach der Greis nach einer Weile und
richtete sich wieder auf.
    »Seid Ihr krank?« fragte Ekkehard teilnehmend.
    »Krank?« sprach der Alte - »'s mag eine Krankheit sein. Mich sucht's schon
so lang' heim, dass mir's wie ein alter Bekannter erscheint. Habt Ihr auch schon
Kopfweh gehabt? Ich rate Euch, zieht niemals zu Felde, wenn Euch Kopfweh plagt,
und schliesst keinen Frieden, es kann ein Reich kosten, das Kopfweh ...«
    »Soll Euch kein Arzt ...« wollte Ekkehard fragen.
    »Der Ärzte Weisheit ist erschöpft. Sie haben's gut mit mir gemeint.«
    Er wies auf seine Stirn; zwei alte Narben kreuzten sich darauf. »Schaut her!
und wenn sie Euch das verordnen wollen, müsst's nicht anwenden! An den Füssen bin
ich aufgehangen worden in jungen Tagen, dann die Einschnitte im Kopf - ein Stück
Blut und ein Stück Verstand haben sie mir genommen: nichts geholfen!«
    »In Cremona - Zedekias hat der hebräische Weise geheissen - haben sie die
Sterne gefragt und mich in dämmernder Mitternacht unter einen Maulbeerbaum
gestellt; 's war ein langer Spruch, mit dem sie das Kopfweh in den Baum hinein
verfluchten: nichts geholfen!
    In deutschen Landen gepulverte Krebsaugen verordnet, gemischt mit etlichem
Staub von des heiligen Markus Grab und einen Trunk Seewein drauf142: auch
nichts. Jetzt bin ich's gewöhnt. Das ärgste leckt des Mummolin rauhe Zunge
hinweg. Komm her, braver Mummolin, der mich noch nicht verraten hat ...«
    Er schwieg atemschöpfend und streichelte den Hund.
    »Meine Botschaft ...« hub Ekkehard an.
    Der Greis aber winkte ihm: »Geduldet Euch, nüchtern ist nicht gut reden. Ihr
werdet hungrig sein. Nichts ist niederträchtiger und heiliger als der Hunger143!
hat jener Dekan gesagt, da sein Gastfreund von sechs Forellen fünf ass und ihm
die kleinste zurückliess. Wer mit der Welt draussen zu tun gehabt, vergisst den
Spruch nicht. Rauching, richt' unser Mahl!«
    Der ging hinüber in ein anstossend Felsengemach, das war zur Küche
hergerichtet; in etlichen Nischen stunden seine Vorräte; bald wirbelte aus dem
Höhlenschornstein eine weisse Rauchwolke dem blauen Himmel entgegen, und das Werk
des Kochens war beendet. Eine Steinplatte musste als Tisch gelten. Als des Mahles
Krone prangte ein Hecht, aber der Hecht war alt und trug Moos auf dem Haupt,
sein Fleisch schmeckte zäh wie Leder. Auch einen Krug rötlichen Weines brachte
Rauching herbei, aber der wuchs auf den Sipplinger Hügeln, und die erfreuen sich
noch heute des Leumunds, dass ihr Wein der sauern sauerster am ganzen See144.
Rauching wartete auf und sass nicht zu ihnen nieder.
    »Was bringt Ihr mir?« frug der Alte, wie die schmale Mahlzeit beendet.
    »Schlimme Botschaft; die Hunnen sind ins Land gebrochen, bald treten ihre
Hufe die schwäbische Erde.«
    »Recht!« sprach der Greis, »das gehört euch. Sind die Nordmänner auch wieder
auf der Fahrt?«
    »Ihr sprechet sonderbar«, sagte Ekkehard.
    Des Alten Aug' ward glänzender. »Und wenn euch die Feinde wie Schwämme aus
der Erde wachsen, ihr habt's verdient, ihr und eure Herren. Rauching, füll' dein
Glas, die Hunnen kommen ... neque enim! Nun soll euch die Suppe schmecken, die
eure Herren gesalzen haben. Ein grosses stolzes Reich ist aufgerichtet gestanden,
vom Ebro bis an die Raab und bis hinauf an die dänische Mark, keine Rattmaus
hätt' einschleichen dürfen, ohne dass treue Wächter sie gefangen, so hat's der
grosse Kaiser Karl ...«
    »Den Gott segnen möge!« fiel Rauching ein.
    »... gefestigt hingestellt; die Stämme, die dem Römer einst zusammen den
Garaus gemacht, ein Ganzes, wie sich's gehört, damals hat der Hunn scheu hinter
seinem Landhag an der Donau gelauert, 's war kein Wetter für ihn, und wie sie
sich rühren wollten, ist von ihrer hölzernen Lagerstatt tief in Pannonien drin
kein Span mehr übriggeblieben, so hat die fränkische Landwehr drein gewettert
...145 aber die Grossen in der Heimat hat's gedrückt, dass nicht ein jeder der
Herr der Welt sein kann; da hat's innerhalb des eigenen Zauns probiert sein
müssen - Aufruhr, Empörung und Reichsverrat, das schmeckt besser, den letzten
von Karls Stamme, der des Weltreichs Zügel führte, haben sie abgesetzt - das
Symbolum der Reichseinheit ist ein Bettelmann worden und muss ungeschmälzte
Wassersuppen essen - nun, und eure Herren, denen der Bastard Arnulf und ihr
eigener Übermut lieber war, haben die Hunnen auf dem Nacken, und die alten
Zeiten kommen wieder, wie sie schon der König Etzel malen liess. Kennt Ihr das
Bild im Mailänder Palast?
    Dort war der römische Kaiser gemalt, wie er auf seinem Tron sass und die
skytischen Fürsten ihm zu Füssen lagen; da kam der König Etzel des Wegs geritten
und sah die Malerei lang' an und lachte und sprach: Ganz recht; nur eine kleine
Änderung! Und er liess dem Mann auf dem Tron sein eigen Antlitz geben, und die
vor ihm knieten und die Säcke voll Zinsgold vor seinem Tron ausleerten, waren
die römischen Cäsaren146...
    Das Bild ist heut noch zu schauen ...«
    »Ihr denkt an alte Geschichten«, sprach Ekkehard.
    »Alte Geschichten!« rief der Greis: »Für mich hat's seit vierzig Jahren
nichts Neues gegeben als Not und Elend. Alte Geschichten! 's ist gut, wer sie
noch weiss, dass er sehen kann, wie der Väter Sünden gerächt werden an Kind und
Kindeskind. Wisst Ihr, warum der grosse Karl das einemal in seinem Leben geweint
hat? Solange ich lebe, sind's Narrenpossen, sprach er, da sie ihm der
nordmännischen Seeräuber Ankunft meldeten, aber mich dauern meine Enkel147!«
    »Noch haben wir einen Kaiser und ein Reich«, warf Ekkehard ein.
    »Habt ihr noch einen?« sprach der Greis und trank seinen Schluck sauern
Sipplinger und schüttelte sich: »Ich wünsch' ihm Glück. Die Ecksteine sind
gesplittert, das Gebäu ist morsch. Mit übermütigen Herren kann kein Reich
bestehen; die gehorchen sollen, herrschen, und der Herrschen soll, muss
schmeicheln statt gebieten. Ich hab' von einem gehört, dem haben seine getreuen
Untertanen den Tribut in Kieselsteinen statt in Silber geschickt, und der Kopf
des Grafen, der ihn heischen sollte, lag dabei im Sack. Wer hat's gerächt? ...«
    »Der Kaiser«, sprach Ekkehard, »zieht in Welschland zu Felde und erwirbt
grossen Ruhm.«
    »O Welschland, Welschland!« fuhr der Alte fort, »das wird noch ein schlimmer
Pfahl im deutschen Fleische werden. Jenes einemal hat sich der grosse Karl ...«
    »Den Gott segnen möge!« fiel Rauching ein.
    »... einen blauen Dunst vormachen lassen. 's war ein schlimmer Tag, wie sie
ihm in Rom die Krone aufsetzten, und hat keiner gelacht, wie der auf Petri
Stuhl. Der hat uns nötig gehabt - aber was haben wir mit Welschland zu schaffen?
Schaut hinaus: ist die Gebirgsmauer dort für nichts himmelan gebaut? Das
jenseits gehört denen in Byzantium, und von Rechts wegen; griechische List wird
dort eher fertig als deutsche Kraft; aber die Nachfolgenden haben nichts zu tun,
als des grossen Karl Irrtum ewig zu machen. Was er Vernünftiges gewiesen, haben
sie mit Füssen getreten, in Ost und Nord war vollauf zu tun, aber nach Welschland
muh gerannt werden, als säss' in den Bergen hinter Rom der grosse Magnetstein. Ich
hab' oft drüber nachgedacht, was uns in die falsche Bahn gewiesen; - wenn's
nicht der Teufel ist, kann's nur der gute Wein sein148.«
    Ekkehard war betrübt geworden ob des Alten Reden. Der schien es zu merken.
»Lasst Euch nicht anfechten, was ein Begrabener sagt«, sprach er zu ihm, »wir in
der Heidenhöhle machen's nicht anders, aber die Wahrheit hat schon manchesmal in
Höhlen gehaust, wenn draussen der Unsinn mit grossen Schritten durchs Land ging.«
    »Ein Begrabener?« sprach Ekkehard fragend.
    »Deshalb könnt Ihr doch mit ihm anstossen«, sprach der Alte scherzend. »'s
war nötig, dass ich vor der Welt gestorben bin, das Kopfweh und die Schurken
haben mich in Unehren gebracht. Braucht mich darum nicht so anzusehen,
Mönchlein. Setzt Euch her auf die Steinbank, ich will Euch eine schöne
Geschichte erzählen - Ihr könnt ein Lied zur Laute darüber machen ...
    Es war einmal ein Kaiser, der hatte wenig frohe Tage, denn sein Reich war
gross und er selber war dick und stark und das Kopfweh plagte ihn, seit dass er
auf dem Tron sah. Darum nahm er sich einen Erzkanzler, der war ein feiner Kopf
und konnte mehr denken als sein Herr, denn er war dünn und hager wie eine Stange
und hatte kein Kopfweh. Und der Kaiser hatte ihn aus dunkler Herkunft
emporgehoben, denn er war eines Hufschmieds Sohn, und erwies ihm Gutes und tat
alles, was er ihm riet; und schloss sogar einen elendigen Frieden mit den
Nordmännern: denn der Kanzler sagte ihm, das sei unbedeutend, er habe wichtigere
Geschäfte, als sich um ein paar Seeräuber zu kümmern. Der Kanzler ging nämlich
in selber Zeit zu des Kaisers Ehgemahlin und berückte ihr schwaches Herz und
vertrieb ihr die Zeit mit Saitenspiel und liess nebenbei der edlen Alemannen
Töchter entführen und verschwor sich mit seines Kaisers Widersachern. Und wie
dieser endlich einen Reichstag ausschrieb, um der Not zu steuern, stund sein
hagerer Kanzler dort unter den ersten, die wider ihn sprachen; mit neque enim
begann er seine Rede und bewies, sie müssten ihn absetzen, und sprach so giftig
und schlangenklug gegen den Nordmännerfrieden, den er selber geschlossen, dass
sie alle von ihrem rechtmässigen Herrn abfielen wie welke Blätter, wenn der
Herbstwind die Wipfel schüttelt. Und sie schrieen, die Zeit der Dicken sei
vorbei und setzten ihn ab, mit dreifacher Krone auf dem Haupt war der Kaiser in
Tribur eingeritten, wie er von dannen zog, nannte er nicht Mehres sein, als was
er auf dem Leib trug, und sass zu Mainz vor des Bischofs Pfalz und war froh, da
sie ihm eine Suppe zum Schiebfenster herausreichten.
    Der brave Kanzler hat Luitward von Vercelli geheissen - Gott lohn' ihm seine
Treue nach Verdienst und der Kaiserin Richardis auch und allen zusamm'149!
    Wie sie aber im Schwabenland sich des Verstossenen erbarmten und ihm ein
notdürftig Gütlein schenkten, sein Leben zu fristen, und wie sie dran dachten,
mit Heeresmacht für sein gekränktes Recht zu streiten, da sandte der Luitward
auch noch Mörder wider ihn. 's war eine schöne Nacht im Neidinger Hofe, der
Sturm brach die Äste im Forst und die Fensterladen klapperten, der abgesetzte
Kaiser konnte vor Kopfweh nicht schlafen und war aufs Dach gestiegen, dass ihm
der Sturm Kühlung zublase: da brachen sie ein und fahten auf ihn: 's ist ein
anmutig Gefühl, sag' ich Euch, mit schwerem Haupt auf kaltem Dach sitzen und
zuhören, wie sie drunten bedauern, einen nicht strangulieren und am Ziehbrunnen
aufknüpfen zu können ...
    Wer das erlebt hat, der tut am besten, er stirbt.
    Und der dicke Meginhart zu Neidingen war grab zu rechter Zeit vom Baum herab
zu Tod gefallen, dass man ihn auf den Schragen legen konnt' und im Land
verkünden, der abgesetzte Kaiser sei des Todes verblichen. Es soll ein schöner
Leichenzug gewesen sein, wie sie ihn in die Reichenau trugen; der Himmel tat
sich auf, ein Lichtstrahl fiel auf die Bahre, und sie haben eine rührende
Leichenrede gehalten, da sie ihn einsenkten rechts vom Altar: dass er seiner
Würden entblösst und seines Reiches beraubt ward, war eine Fügung des Himmels,
ihm zur Läuterung und Probe, und da er's geduldig trug, steht zu hoffen, dass ihn
der Herr mit der Krone des ewigen Lebens für die belohnt, die er hienieden
verloren ... so predigten sie in der Klosterkirche150 und wussten nicht, dass in
derselben Stunde der, den sie zu begraben meinten, mit Sack und Pack und einem
Fluch auf die Welt in der Einsamkeit der Heidenhöhlen einzog.«
    Der Greis lachte: »Hier ist's sicher und ruhig, um an alte Geschichten zu
denken; stosst an: die Toten sollen leben! Und der Luitward ist doch betrogen;
wenn sein Kaiser auch einen alten Hut trägt statt güldenem Reif und Sipplinger
trinkt statt goldigem Rheinwein, so lebt er doch noch: dieweil die Hageren und
ihr ganzes Geschlecht vom Tode gerafft sind. Und die Sterne werden ihr Recht
behalten, in denen bei seiner Geburt gelesen ward, dass er im Tosen der
Reiterschlacht aus der falschen Welt abscheiden werde. Die Hunnen kommen ...
komm bald auch, du fröhlich Ende!«
    Ekkehard hatte mit Spannung zugehört. »Herr! wie wunderbar sind deine Wege!«
rief er. Er wollte vor ihm niederknieen und seine Hand küssen, der Alte litt's
nicht: »Das gilt alles nicht mehr! nehmt Euch ein Beispiel ...«
    »Deutschland hat Euch und Eurem Stamm grosse Unbill angetan ...« wollte
Ekkehard trösten.
    »Deutschland!« sprach der Alte, »ich bin ihm nicht gram, mög' es gedeihen
und blühen, von keinem Feind bedräut, und einen Herrscher finden, der's zu Ehren
bringt und kein Kopfweh hat, wenn die Nordmänner wiederkommen, und keinen
Kanzler, der Luitward von Vercelli heisst. Nur die, die seine Kleider unter sich
geteilt und das Los um sein Gewand geworfen -«
    »Möge der Himmel strafen mit Feuer und schwefligem Regen151!« sprach
Rauching im Hintergrund.
    »Welchen Bescheid bring' ich meiner Herrin von Euch?« fragte Ekkehard,
nachdem er seinen Becher geleert.
    »Von wegen der Hunnen?« sagte der Greis. »Ich glaube, das ist einfach. Sagt
Eurer Herzogin, sie soll in Wald gehen und sehen, wie es der Igel macht, wenn
ihm ein Feind zu nahe kommt. Er rollt sich auf wie eine Kugel und starrt in
Stacheln, wer nach ihm greift, sticht sich. Das Schwabenland hat Lanzen genug.
Macht's ebenso! Euch Mönchen kann's auch nichts schaden, wenn ihr den Spiess
tragt.
    Und wenn Eure Herrin noch mehr wissen will, so sagt ihr den Spruch, der in
der Heidenhöhle gilt. Rauching, wie heisst er?«
    »Zwei Mannslängen vom Leib, oder wir schlagen euch die Schädel entzwei«,
ergänzte der Gefragte.
    »Und wenn von Frieden die Rede ist, so sagt ihr, der Alte in der Heidenhöhle
hätt' einmal einen schlechten geschlossen, er tät's nicht wieder, trotzdem ihn
sein Kopfweh noch plagt wie damals; er woll' jetzt lieber selber seinen Gaul
satteln, wenn die Schlachtdrommeten blasen - lest eine Messe für ihn, wenn Ihr
seinen letzten Ritt überlebt.«
    Der Alte hatte gesprochen mit seltsamer Lebendigkeit. Plötzlich stockte die
Stimme, sein Atem ward kurz, fast stöhnend, er neigte sein Haupt. »Es kommt
wieder!« sprach er.
    Rauching, der Dienstmanne, sprang ihm bei und brachte einen Trunk Wassers.
Die Beklemmung liess nicht ab.
    »Wir müssen das Mittel anwenden«, sprach Rauching. Er wälzte aus der
Höhlentiefe einen schweren Steinblock vor, von eines Mannes Höhe, der trug
Spuren von Bildhauerwerk; sie hatten ihn in der Höhle als unerklärtes Denkmal
früherer Bewohner vorgefunden. Er stellte ihn aufrecht an die Felswand; es war,
als sei eines Menschen Haupt dran angedeutet und eine Bischofsmitra. Und
Rauching griff einen gewaltigen knorrigen Stock und gab dem Alten einen zu
Handen und begann auf das Steinbild einzubrechen und sprach einen Spruch dazu,
langsam und ernst wie eine Litanei: »Luitward von Vercelli: Reichsverräter,
Ehebrecher, neque enim! Nonnenräuber, Machterschleicher, neque enim! ...« Dicht
fielen die Streiche, da legte sich ein Lächeln um des Alten welke Züge, er erhob
sich und schlug mit matten Armen ebenfalls drauf.
    »Es steht geschrieben: ein Bischof muss tadellos sein«, sprach er in
Rauchings Ton, - »das für den Nordmänner-Frieden! das für der Kaiserin Richardis
Verführung, neque enim! Das für den Reichstag zu Tribur, das für Arnulfs
Kaiserwahl! neque enim!!«
    Die Höhle widerhallte vom dumpfen Klang; fest stand das Steinbild im Hagel
der Schläge, dem Alten ward's leicht und leichter, er hieb sich warm am alten
Hass, der ihm seit Fahren ein dürftig Leben fristete.
    Ekkehard verstand den Hergang nicht ganz. Es ward ihm unheimlich. Er empfahl
sich und ging.
    »Habt wohl schöne Kurzweil gefunden beim alten Narren droben«, sprach der
Meyer von Sernatingen zu ihm, da er sein Ross gesattelt vorführte: »vermeint er
immer noch, er hab' eine Krone verspielt und ein Reich? Ha ha152!«
    Ekkehard ritt von dannen. Im Buchwald sprosste das junge Grün des nahenden
Frühlings. Ein jugendlicher Mönch aus der Reichenau ging desselben Weges. Keck,
wie Waffenklirren, tönte sein Sang durch die Waldeinsamkeit:
»O tapfre junge Landeskraft, nun halt' dich brav!
Mit Wächterruf und Feldgeschrei verscheuch' den Schlaf,
Und mach die Rund' zu jeder Stund' um Tor und Turm!
Der Feind ist klug und schleicht mit Trug heran zum Sturm.
Von Wall und Zinnen schalle laut dein: Halt! Werda!
Das Echo widerhalle: eia vigila153!!«
    Es war das Lied, das die Nachtwachen zu Mutina in Welschland sangen, da der
Hunnen Heer vor der Bischofsstadt lag. Der Mönch hatte selber vor drei Jahren
dort Schildwache gestanden am Tor des heiligen Geminianus und kannte das Zischen
der hunnischen Pfeile: wenn die Ahnung neuen Kampfes durch die Luft zieht,
fallen einem die alten Lieder wieder ein. -
 
                               Zwölftes Kapitel.
                              Der Hunnen Heranzug.
»Der Alte hat recht«, sprach Frau Hadwig, als ihr Ekkehard Bericht von seiner
Sendung Erfolg erstattete. »Wenn der Feind droht, rüsten; wenn er angreift, aufs
Haupt schlagen, das ist so einfach, dass man eigentlich keinen drum zu fragen
braucht. Ich glaube, das viele Bedenken und Erwägen hat der böse Feind als
Unkraut auf die deutsche Erde gestreut. Wer schwankt, ist dem Fallen nah, und
wer's zu sein machen will, der gräbt sich selbst sein Grab: Wir rüsten!«
    Die bewegte und bald gefährliche Lage schuf der Herzogin eine freudige
Stimmung: so ist die Forelle wohlgemut im rauschenden Giessbach, der über Fels
und Trümmer schäumt, im stillen Wasser verkommt sie. Und Beispiel, fester
Entschlossenheit oben ist nie vergeblich. Da trafen sie ihre Vorbereitung zum
Empfang des Feindes. Vom Turm des hohen Twiel wehte die Kriegsfahne154 weit ins
Land hinaus; durch Wald und Feld bis an die fernsten in den Talgründen
versteckten Meierhöfe klang das Heerhorn, die Mannen aufzubieten; nur Armut
befreite von Kriegspflicht. Wer mehr als zwei Mansen LandA1 sein eigen nannte,
ward befehligt, beim ersten Ruf in Wehr und Waffen sich zu stellen. Der
Hohentwiel sollte der Sammelplatz sein, ihn hatte die Natur dazu gefestet. Boten
durchflogen das Hegau. Das Land hub an, sich zu rühren; hinten im Tannwald
standen die Köhler beisammen, den schweren Schürhaken schwang einer überm Haupt
wie zum Einhauen. »Es tut sich!« sprach er, »ich geh' auch mit!«
    An die Türen der Pfarrherrn, der Alten und Brestaften ward geklopft; wer
nicht ausziehen kann, soll beten; an alle Ufer des Sees ging die Kunde, auch
hinüber nach Sankt Gallen.
    Auf die friedliche Insel Reichenau ging Ekkehard; die Herzogin gebot's. Der
Gang wär' ihm sauer gefallen, hätt' es sich um anderes gehandelt. Er brachte dem
gesamten Kloster die Einladung auf den hohen Twiel für die Zeit der Gefahr.
    Dort war schon alles in Bewegung. Beim Springbrunnen im Klostergarten
ergingen sich die Brüder; es war ein linder Frühlingstag; aber keiner dachte
ernstaft dran, sich des blauen Himmels zu freuen, sie sprachen von den bösen
Zeiten und ratschlagten; es wollt' ihnen schwer einleuchten, dass sie aus ihren
stillen Mauern ausziehen sollten.
    Der heilige Marcus, hatte einer gesagt, wird seine Schutzbefohlenen schirmen
und den Feind mit Blindheit schlagen, dass er vorbeireitet, oder das Grundgewelle
des Bodensees aufschäumen lassen, dass es ihn verschlinge wie das Rote Meer die
Ägypter.
    Aber der alte Simon Bardo sprach: »Die Rechnung ist nicht ganz sicher, und
wenn ein Platz nicht sonst mit Turm und Mauern umwallt ist, bleibt Abziehen
rätlicher. Wo aber noch eines Schillings Wert zu finden ist, da reitet kein
Hunne vorbei; legt einem Toten ein Goldstück aufs Grab, so wächst ihm noch die
Hand aus der Erde und greift danach.«
    »Heiliger Pirminius!« klagte der Bruder Gärtner, »wer soll den Kraut- und
Gemüsgarten bestellen, wenn wir fort müssen?«- »Und die Hühner?« sprach ein
anderer, dessen teuerste Kurzweil in Pflege des Hühnerhofes bestund, »haben wir
die drei Dutzend welsche Hahnen für den Feind ankaufen müssen?«
    »Wenn man ihnen einen eindringlichen Brief schriebe«, meinte ein dritter;
»sie werden doch keine solche Unmenschen sein, Gott und seine Heiligen zu
kränken.«
    Simon Bardo lächelte: »Werd' ein Lämmerhirt«, sprach er mitleidig, »und
trink' einen Absud vom Kraut Camvmilla, der du den Hunnen eindringliche Briefe
schreiben willst. O, dass ich meinen alten Oberfeuerwerker Kedrenos mit über die
Alpen gebracht! Da wollten wir ein Licht wider den Feind ausgehen lassen,
schärfer als der milde Mondschein über dem Krautgärtlein, der dem seligen Abt
Walafrid155 so weiche Erinnerungen an seine Freundin in der Seele wach rief.
Dort an der Landzunge ein paar Schiffe versenkt, hier am Hafenplatz desgleichen,
- und mit den langen Brandröhren den Uferplatz bestrichen: hei, wie würden sie
auseinanderstieben, wenn's durch die Luft flöge wie ein feuriger Drache und
seinen Naphtabrandregen aussprühte! Aber was weiss euer einer von griechischem
Feuer156?! O Kedrenos, Feuerwerker Kedrenos!«
    Ekkehard war ins Kloster eingetreten. Er fragte nach dem Abt. Ein dienender
Bruder wies ihm dessen Gemächer. Er war nicht drinnen und auch anderwärts nicht
zu finden.
    »Er wird in der Rüstkammer sein«, sprach ein Mönch im Vorübergehen zu ihnen.
Da führte der dienende Bruder Ekkehard in die Rüstkammer; sie war auf dem hohen
Klosterspeicher, viel Harnisch und Gewaffen lag droben aufgehäuft, mit denen das
Kloster seine Kriegsleute zum Heerbann ausstattete.
    Abt Wazmann stand drin, eine Staubwolke verhüllte ihn dem Blick der
Eintretenden, er hatte die Rüstungen von den Wänden abnehmen lassen und
gemustert. Staub und Rost waren Zeuge, dass sie lange Ruhe gehabt. Beim Mustern
hatte der Abt schon an sich selber gedacht; sein Obergewand lag ausgezogen vor
ihm, der blonde Klosterschüler hatte ihm einen Ringpanzer umgeworfen, er reckte
seine Arme, ob er ihm fest und bequemlich sitze.
    »Tretet näher!« rief er Ekkehard zu, »andere Zeiten, anderer Empfang!«
    Ekkehard teilte ihm der Herzogin Aufforderung mit.
    »Ich hätt' selber auf dem hohen Twiel drum nachgesucht, wenn Ihr nicht
gekommen wäret«, sprach der Abt. Er hatte ein langes Schwert ergriffen und
schlug einen Luftieb, dass Ekkehard etliche Schritte zurückwich; dem scharfen
Pfeifen der Luft war zu entnehmen, dass es nicht der erste, den er in seinem
Leben führte.
    »'s wird Ernst«, sprach er. »Zu Altdorf im Schussental sind sie schon
eingekehrt; bald wird sich die Flamme von Lindau im See spiegeln. Wollt Ihr Euch
auch einen Harnisch auslesen? Der Mit dem Wehrgehenk dort fängt Stich und Hieb
so gut wie das feinste NotemdA2, das je eine Jungfrau spann.«
    Ekkehard dankte. Der Abt stieg mit ihm aus der Rüstkammer hinunter. Der
Ringelpanzer behagte ihm, er warf die braune Kapuze drüber um; so trat er in den
Garten unter die zagenden Brüder wie ein Riese des Herrn157.
    »Der heilige Marcus ist heut nacht vor mein Lager, getreten«, rief der Abt;
»nach dem hohen Twiel hat er gedeutet; dortin wollen meine Gebeine, dass keines
Heiden Hand sie entweihe. Auf und rüstet euch! In Gebet und Gottvertrauen hat
seiter eure Seele den Kampf mit dem bösen Feind gekämpft, jetzt sollen eure
Fäuste weisen, dass ihr Kämpfer seid. Denn die da kommen, sind Söhne der Teufel;
Alraunen und Dämonen in asischer Wüste haben sie erzeugt; Teufelswerk ist ihr
Treiben, zur Hölle werden sie zurückfahren, wenn ihre Zeit um158!«
    Da ward auch dem sorglosesten der Brüder deutlich, dass eine Gefahr im Anzug.
Beifällig Murmeln ging durch die Reihen, sie waren von Pflege der Wissenschaft
noch nicht so weich gemacht, dass ihnen ein Kriegszug nicht als löbliche
Abwechslung erschienen wäre.
    An einen Apfelbaum gelehnt stand Rudimann, der Kellermeister, bedenkliche
Falten auf der Stirn. Ekkehard ersah ihn, schritt auf ihn zu und wollte ihn
umarmen als Zeichen, dass gemeinsame Not alten Zwist ausebne. Rudimann aber
winkte ihm ab: »Ich weiss, was Ihr wollet!« - Aus dem Saum seiner Kutte zog er
einen groben härenen Faden, warf ihn auf die Erde und trat darauf. »Solang' ein
hunnisch Ross die deutsche Erde stampft«, sprach er, »soll alle Feindschaft aus
meinem Herzen gerissen sein, wie dieser Faden aus meinem Gewand159; überleben
wir den Streit, so mag's wieder eingefädelt werden, wie sich's geziemt!«
    Er wandte sich und schritt nach seinem Keller zu wichtiger Arbeit. In Reih'
und Glied lagen dort den hochgewölbten Raum entlang die Stückfässer als wie in
Schlachtordnung, und keines klang hohl, so man anklopfte. Rudimann hatte etliche
Maurer bestellt; jetzt liess er einen Vorplatz, wo sonst Kraut und Frucht bewahrt
lag, herrichten, als wär' das der Klosterkeller; zwei Fässlein und ein Fass
pflanzten sie drin auf. Findet der Feind gar nichts vor, so schöpft er Verdacht,
also hatte der Kellermeister bei sich überlegt, - und wenn die Sipplinger
Auslese, die ich preisgebe, ihre Schuldigkeit tut, wird manch ein hunnischer
Mann ein bös Weiterreiten haben.
    Schon hatten die Werkleute die Quadersteine gerichtet zu Vermauerung der
inneren Kellertür, - noch einmal ging Rudimann hinein; aus einem verwitterten
Fass zapfte er sein Krüglein und leerte es wehmütig; dann faltete er die Hände
wie zum Gebet: »Behüt dich Gott, roter Meersburger!!« sprach er. Eine Träne
stund in seinen Augen ...
    Rühriges Treiben ging allentalben durchs Kloster. In der Rüstkammer wurden
die Waffen verteilt, es waren viel Häupter und wenig Helme, der Vorrat reichte
nicht. Auch war viel Lederwerk zerfressen und musste erst geflickt' werden.
    In der Schatzkammer liess der Abt die Kostbarkeiten und Heiligtümer
verpacken: viel schwere Truhen wurden gefüllt, das güldne Kreuz mit dem heiligen
Blut, die weisse Marmorurne, aus der einst die Hochzeitgäste in Cana den Wein
schöpften, Reliquiensärge, Abtsstab, Monstranz - alles ward sorglich eingetan
und auf die Schiffe verbracht. Sie schleppten auch den schweren, durchsichtig
grünen Smaragd bei, achtundzwanzig Pfund wog er. »Den mögt ihr zurücklassen«,
sprach der Abt.
    »Das Gastgeschenk des grossen Kaiser Karl? des Münsters seltenstes Kleinod,
wie keines mehr in den Tiefen der Gebirge verborgen ruht?« fragte der dienende
Bruder.
    »Ich weiss einen Glaser in Venezia, der kann einen neuen machen, wenn diesen
die Hunnen fortschleppen160«, erwiderte leichtin der Abt.
    Sie stellten das Juwel in den Schrank zurück.
    Noch war's nicht Abend worden, da stund alles zum Abzug bereit. Der Abt hiess
die Brüder im Hofe zusammentreten, sämtliche erschienen bis auf einen. »Wo ist
Heribald?« frug er.
    Heribald war ein frommer Bruder, dessen Wesen schon manchem den Ernst auf
der Stirn in Heiterkeit verwandelte161. In jungen Tagen hatte ihn die Amme
einmal aufs Steinpflaster fallen lassen, davon war ihm ein gelinder Blödsinn
zurückgeblieben, eine »Kopfsinnierung« aber er war guten Herzens und hatte an
Gottes schöner Welt seine Freude, so gut wie ein Geistesgewaltiger.
    Da gingen sie, den Heribald zu suchen.
    Er war auf seiner Zelle. Die gelbbraune Klosterkatze schien ihm ein Leides
zugefügt zu haben, er hatte ihr den Strick, der sein Gewand zusammenhalten
sollte, um den Leib geschnürt und sie an einen Nagel an seines Gemaches Decke
aufgehängt; in die leere Luft herab hing das alte Tier, das schrie und miaute
betrüblich, er aber schaukelte es sänftlich hin und her und sprach Lateinisch
mit ihm.
    »Vorwärts, Heribald!« riefen die Genossen, »wir müssen die Fusel verlassen.«
    »Fliehe, wer will!« sprach der Blödsinnige, »Heribald flieht nicht mit.«
    »Sei brav, Heribald, und folg' uns; der Abt hat's anbefohlen.«
    Da zog Heribald seinen Schuh aus und hielt ihn den Brüdern entgegen: »Der
Schuh ist schon im vorigen Jahr zerrissen«, sprach er, »da ist Heribald zum
Camerarius gegangen, gib Mir mein jährlich Leder, hat Heribald gesagt dass ich
mir ein Paar Schuhe anfertige, da hat der Camerarius gesagt: Tritt du deine
Schuhe nicht krumm, so werden sie nicht reissen, und hat das Leder geweigert, und
wie Heribald den Camerarius beim Abt verklagt, hat ihm der gesagt: Ein Narr, wie
du, kann barfuss laufen! Jetzt hat Heribald kein ordentlich Fusswerk und mit
zerrissenem geht er nicht unter fremde Leute162 ...«
    Solchen Gründen war keine stichhaltige Widerlegung entgegenzusetzen. Da
umschlangen ihn die Brüder mit starkem Arm, ihn hinabzutragen; im Gang aber riss
er sich los und floh mit Windeseile hinab in die Kirche und die Treppen hinauf,
die auf den Kirchturm führten. Zu oberst setzte er sich fest und zog das
hölzerne Stieglein empor; es war ihm nimmer beizukommen.
    Sie erstatteten dem Abte Bericht. »Lasset ihn zurück«,. sprach der Abt,
»über Kinder und Toren wacht ein besonderer Schutzengel.«
    Zwei grosse LädinenA3 lagen am Ufer, die Abziehenden aufzunehmen:
wohlgerüstete Schiffe mit Ruder und Segelbaum. In kleinen Kähnen hatten sich des
Klosters dienende Leute und was sonst noch auf der Reichenau hauste, mit Hab und
Gut eingeschifft; es war ein wirres Durcheinander.
    Ein Nachen voll von Mägden und befehligt von Kerhildis, der Obermagd, war
bereits abgefahren; sie wussten selber nicht wohin, aber die Furcht war diesmal
grösser als die Neugier, die Schnurrbärte fremder Reitersmänner zu sehen.
    Jetzt zogen die Klosterbrüder heran; es war ein seltsamer Anblick: die
meisten in Wehr und Waffen, Litanei betend andere, den Sarg des heiligen Marcus
tragend, der Abt mit Ekkehard und den Zöglingen der Klosterschule - betrübt
schauten sie noch einmal nach der langjährigen Heimat, dann stiegen sie zu
Schiffe.
    Wie sie aber in den See ausfuhren, huben alle Glocken an zu tönen, der
blödsinnige Heribald läutete ihnen den Abschiedsgruss; dann erschien er auf den
Zinnen des Münsterturmes: »Domonus vobiscum!« rief er mit starker Stimme herab
und in gewohnter Weise antwortete da und dort einer: »Et cum spiritu tuo!«
    Ein scharfer Luftzug kräuselte die Wellen des Sees. Erst vor kurzem war er
aufgefroren, noch schwammen viel schwere Eisblöcke drin herum und die Schiffe
hatten grosse Mühe, sich durchzuarbeiten.
    Geduckt sahen die Mönche, die den Sarg des heiligen Marcus hüteten,
etlichemal schlug die Woge zu ihnen herein, aber aufgerichtet und keck stand Abt
Wazmanns hohe Gestalt, die Kapuze flatterte im Winde.
    »Der Herr geht vor uns her«, sprach er, »wie er in der Feuersäule vor dem
Volk Israel ging; er ist mit uns auf der Flucht, er wird mit uns sein auf
fröhlicher Rückkehr! ...«
    In Heller Mondnacht stieg der Reichenauer Mönche Schar den Berg von
Hohentwiel hinaus. Für Unterkunft war gesorgt. In der Burg Kirchlein stellten
sie den Sarg ihres Heiligen ab; sechs der Brüder wurden zu Wacht und Gebet bei
ihm befehligt.
    Der Hofraum ward in den nächsten Tagen zum fröhlichen Heerlager. An
aufgebotenen Dienstmannen lagen schon etliche hundert oben, der Reichenauer
Zuzug brachte einen Zuwachs von neunzig streitbaren Männern. Emsig ward
geschafft an allem, was des baldigen Kampfes Notdurft heischte. Schon eh' die
Sonne aufstieg, weckte der Schmiede Gehämmer die Schläfer. Pfeile und
Lanzenspitzen wurden gefertigt; beim Brunnen im Hofe stand der grosse
Schleifstein, dran wetzten sie die rostigen Klingen. Der, alte Korbmacher von
Weiterdingen war auch herausgeholt worden, der sass mit seinen Buben unter der
Linde, die langen, zu Schilden zugeschnittenen Bretter übersponnen sie mit
hartem Flechtwerk von Weidengezweig, dann ward ein gegerbtes Fell darüber
genagelt: der Schild war fertig. Am lustigen Feuer sassen andere und gossen Blei
in die Formen zu spitzem Wurfgeschoss für die Schleuder, - eschene Knittel und
Keulen wurden in den Flammen gehärtet163: »Wenn der an eines Heiden Schädel
anklopft«, sprach Rudimann und schwang den Prügel, »so wird ihm aufgetan!«
    Wer früher schon im Heerbann, gedient sammelte sich um Simon Bardo, den
griechischen Feldhauptmann. »Zu euch nach Deutschland muss einer gehen, wenn er
seine greisen Tage in Ruhe verleben will«, hatte er scherzend zur Herzogin
gesagt. Der Waffenlärm aber stärkte sein Gemüt wie alter Rheinwein und richtete
ihn auf; mit scharfer Sorge liess er die Unerfahrenen sich in den Waffen üben,
des Burghofs Pflaster widerhallte vom schweren Schritt der Mönche, die in
geschlossenen Reihen des Speerangriffs unterwiesen wurden. »Wände könnt' man mit
euch einrennen«, sprach der Alte Beifall nickend, »wenn ihr einmal warm geworden
seid.«
    Wer von den Jüngern eines sichern Auges und beweglicher Knochen sich
erfreute, ward den Pfeilschützen zugeteilt. Fleissig übten sie sich. Heller Jubel
klang einmal von des Hofes anderem Ende zu den Speerträgern herüber: das lose
Volk hatte einen Strohmann angefertigt, eine Krone von Eulenfedern im Haupt,
eine sechsfältige Peitsche in der Hand, einen roten Lappen in Herzform auf der
Brust, war er ihre Zielscheibe.
    »Der Hunnen König Etzel«, riefen die Schützen, »wer trifft ihn ins Herz?«
    »Spottet nur«, sprach Frau Hadwig, die vom Balkon herab zuschaute; »hat ihn
auch in schlimmer Brautnacht der Schlag darnieder gestreckt, so geht sein Geist
fort und fort mächtig durch die Welt; die nach uns kommen, werden noch an ihm zu
beschwören haben.«
    »Wenn sie nur auch so scharf auf ihn schiessen, wie die da unten!« sagte
Praxedis - und Halloruf klang vom Hofe herauf, der Strohmann wankte und fiel,
ein Pfeil hatte das Herz getroffen.
    Ekkehard kam in den Saal herauf. Er war wacker mitmarschiert, sein Antlitz
glühte, der ungewohnte Helm hatte einen roten Streif auf der Stirn
zurückgelassen. In der Erregung des Tages vergass er seine Lanze draussen
abzustellen. Mit Wohlgefallen sah Frau Hadwig auf ihn; es war nicht mehr der
zage Lehrer der Grammatik ... Er neigte sich vor seiner Gebieterin: »Die
Reichenauer Mitbrüder im Herrn«, sprach er, »lassen melden, dass sich Durst in
ihren Reihen eingestellt.«
    Frau Hadwig lachte. »Lasst eine Tonne kühlen Bieres im Hof aufstellen; bis
die Hunnen wieder heimgejagt sind, soll unser Kellermeister keine Klage über
Verschwinden seiner Fässer führen.«
    Sie deutete auf das stürmische Treiben im Burghof:
    »Das Leben bringt doch mannigfachere Bilder als alle Poeten«, sprach sie zu
Ekkehard; - »auf solchen Wandel der Dinge wart Ihr nicht vorbereitet?«
    Aber Ekkehard liess seinem teuren Virgilius nicht zu nahe treten.
    »Erlaubet«, sprach er, auf seinen Speer gelehnt, »es steht alles wortgetreu
in der Änïs vorgezeichnet, als wenn es nichts Neues unter der Sonne geben sollt!
Würdet Ihr nicht glauben, Virgilius sei hier auf dem Söller gestanden und habe
hinabgeschaut ins Getümmel, wie er vom Beginn des Krieges in Latium sang:«
    »Dort wird gehöhlt dem Haupte der Schirm - dort flechten sie wölbend
    Weidener Schilde Verband - dort ziehn sie den ehernen Harnisch,
    Dort hellblinkende Schienen aus zähem Silber gehämmert.
    Sichel und Schar wird jetzo entehrt, und die Liebe des Pfluges
    Weicht - um schmiedet die Esse verrostete Klingen der Väter.
    Hornruf schmettert durchs Land und es geht die kriegerische Losung164.«
    »Das passt freilich gut«, sprach Frau Hadwig. »Könnt Ihr auch den Gang des
Streites aus Eurem Heldenbuche vorhersagen?« wollte sie noch fragen, aber in
Zeiten des Durcheinander ist nicht gut über Dichtungen sprechen. Der Schaffner
war eingetreten. »Das Fleisch sei aufgezehrt bis auf den letzten Bissen«,
lautete sein Bericht, »ob er zwei Ochsen schlachten dürfe ...«
    Nach wenig Tagen war Simon Bardos Mannschaft so geschult, dass er sie der
Herzogin zur Musterung vorführen konnte. Es war auch Zeit, dass sie ihre Zeit
nutzten; schon waren sie die verflossene Nacht aufgestört worden, eine helle
Röte stand am Himmel fern überm See, wie eine feurige Wolke hielt sich das
Brandzeichen etliche Stunden lang, es mochte weit in Helvetien drüben sein. Die
Mönche stritten miteinand; es sei eine Erscheinung am Himmel, sagten die einen,
ein feuriger Stern zur Warnung der Christenheit. Es brennt im Rheintal, sprachen
andere: ein Bruder, der mit feinerer Nase begabt war, behauptete sogar den
Brandgeruch zu spüren. Erst lang' nach Mitternacht erlosch die Röte.
    Auf des Berges südlichem Abhang war eine mässig weite Halde, die ersten
Frühlingsblumen blühten drauf, in den Talmulden lag noch alter Schnee; das
sollte der Platz der Musterung sein. Hoch zu Rosse sah Frau Hadwig, bei ihr
hielten wohlgerüstet etliche Edelknechte, die zum Aufgebot gestossen waren, der
von Randegg, der von Hoewen und der dürre Fridinger; der Reichenauer Abt sah
stolz auf seinem Zelter, ein wohlberittener Mann Gottes165; Herr Spazzo, der
Kämmerer, bemühte sich, es ihm an Haltung und Bewegung gleich zu tun, denn sein
Gebaren war vornehm und ritterlich. Auch Ekkehard sollte die Herzogin begleiten,
es war ihm ein Ross vorgeführt worden; allein er hatte es abgelehnt, dass kein
Neid entstünde unter den Mönchen.
    Jetzt tat sich das äussere Burgtor knarrend auf, und die Scharen zogen herab.
Voraus die Bogen- und Armbrustschützen; lustige Klänge erschallten, ernsten
Antlitzes schritt Audifax als Sackpfeifer mit den Hornisten, in geschlossenem
Zug ging's vorbei. Dann liess Simon Bardo ein Signal blasen, da lösten sich ihre
Glieder und schwärmten aus wie ein wilder Wespenschwarm und hielten Busch und
Hecken besetzt.
    Dann kam die Kohorte der Mönche, festen Schrittes, in Helm und Harnisch, die
Kutte drüber, den Schild auf dem Rücken, den Spiess gefällt: eine sturmgewaltige
Schar; hoch flatterte ihr Fähnlein, ein rotes Kreuz im weissen Feld. Pünktlich
marschierten sie, als wär' es seit Fahren ihr Handwerk - bei starken Menschen
ist auch die geistige Zucht gute Vorübung zum Kriegerstand. Nur einer am linken
Flügel vermochte nicht Schritt zu halten, seine Lanze ragte uneben aus der
geraden Reihe der andern: »'s ist nicht seine Schuld«, sprach Abt Wazmann zur
Herzogin, »er hat in Zeit von sechs Wochen ein ganz Messbuch abgeschrieben, da
flog ihm der Schreibkrampf in die Finger.«
    Ekkehard schritt auf dem rechten Flügel; wie sie an der Herzogin
vorüberkamen, traf ihn ein Blick aus den leuchtenden Augen, der kaum der ganzen
Schar gegolten.
    In drei Haufen folgten die Dienstmannen und aufgebotenen Heerbannleute;
mächtige Stierhörner wurden geblasen, seltsam Rüstzeug kam zum Vorschein, manch
ein Waffenstück war schon in den Feldzügen des grossen Kaiser Karl eingeweiht
worden, mancher aber trug auch einen mächtigen Knittel und sonst nichts.
    Herr Spazzo hatte indes scharfen Auges in das Tal hinuntergeschaut. »'s ist
gut, dass wir gerade beisammen sind, ich glaub', 's gibt Arbeit!« sprach er und
deutete hinüber in die Tiefe, wo die Dächer des Weilers Hilzingen hinter
hügeligen Gründen aufstiegen. Ein dunkler Streif zog sich heran ... Da hiess Herr
Simon Bardo seine Heerschar halten und spähte nach der Richtung: »Das sind keine
Hunnen, sie kommen unberitten«. Zu grösserer Fürsicht aber hiess er seine
Bogenschützen den Abhang des Berges besetzen.
    Aber wie der fremde Zug näher rückte, ward auch in ihren Reihen des heiligen
Benedikt Ordensgewand sichtbar, ein gülden Kreuz ragte als Standarte aus den
Lanzen, Kyrie eleison! klang ihre Litanei den Berg herauf ... »Meine Brüder!«
rief Ekkehard, da lösten sich die Glieder der Reichenauer Kohorte, sie rannten
den Berg hinunter mit stürmischem Jubelschrei - wie sie aneinander waren,
überall freudiges Umarmen: Wiedersehen in Stunde der Gefahr ringt dem Herzen ein
fröhlicher Jauchzen ab denn sonst.
    Arm in Arm mit den Reichenauern stiegen die fremden Gäste den Berg empor,
ihren Abt Cralo an der Spitze; auf schwerfälligem Ochsenwagen in der Nachhut
führten sie den blinden Tieto mit. »Gott zum Gruss, erlauchte Frau Base«, sprach
Abt Cralo und neigte sich vor ihr; »wer hätt' vor eines halben Jahres Frist
gedacht, dass ich mit dem gesamten Kloster Euren Besuch erwidern würde? Aber der
Gott Israels spricht: ausziehen lass mein Volk, auf dass es mir getreu bleibe!«
    Frau Hadwig reichte ihm bewegt vom Rosse herab die Hand. »Zeiten der
Prüfung!« sprach sie. »Seid willkommen!«
    Verstärkt durch die neuen Ankömmlinge zog die Hohentwieler Heerschar in der
Burg schirmende Mauern zurück. Praxedis war in den Hof heruntergestiegen. Bei
der Linde stand sie und schaute auf die einziehenden Männer; schon waren die von
Sankt Gallen alle im Hofraum versammelt, unverwandt schaute sie nach dem Tor,
als müsse noch einer nachkommen; doch der, den ihr Blick suchte, war nicht unter
denen, die da kamen.
    In der Burg ging es an ein Einrichten und Unterbringen der Gäste. Der Raum
war spärlich gemessen. Im runden Hauptturm war eine lustige Halle, dort wurde
mit aufgeschüttetem Stroh für notdürftig Nachtlager gesorgt. »Wenn das so
fortgeht«, hatte der Schaffner gebrummt, der bald nicht mehr wusste, wo ihm der
Kopf stand, »so haben wir bald die ganze Pfaffheit Europas auf unserem Fels
beisammen.«
    Küche und Keller gaben, was sie hatten.
    Unten sassen Mönche und Kriegsleute bei lärmender Mahlzeit. Frau Hadwig hatte
die beiden Äbte und wer von edeln Gästen sich bei ihr eingefunden, in ihrem
Saale vereinigt; es war viel zu besprechen und zu beraten, ein Summen und
Schwirren von Frag' und Antwort.
    Da erzählte Abt Cralo die Geschicke seines Klosters166.
    »Diesmal«, sprach er, »ist uns die Gefahr schier übers Haupt gewachsen. Kaum
ward von den Hunnen gesprochen, so tönte der Boden schon vom Hufe ihrer Rosse.
Itzt galt's. Die Klosterschule hab' ich in die feste Verschanzung von Wasserburg
geschickt, Aristoteles und Cicero werden eine Zeitlang Staub ansetzen, die
Jungen mögen Fische im Bodensee fangen, wenn's nicht noch schärfere Arbeit gibt,
die alten Professoren sind zu rechter Zeit mit ihnen übers Wasser. Wir aber
hatten uns ein festes Kastell als Unterschlupf hergerichtet; wo der Sitterbach
durch tannbewaldet enges Tal schäumt, war ein trefflich Plätzlein,
waldabgeschieden, als wenn keine heidnische Spürnase den Pfad jemals finden
sollt', dort bauten wir ein festes Haus mit Turm und Mauer und weihten es der
heiligen Dreieinigkeit - mög' sie ihm fürder ihren Schutz leihen!«
    »Noch war's nicht unter Dach und Fach, da kamen schon die Boten vom See:
Flieht, die Hunnen sind da! und vom Rheintal kamen andere: Flieht! war die
Losung, der Himmel rot von Brand und Wachtfeuer, die Luft erfüllt vom
Wehgeschrei flüchtender Leute und Knarren enteilenden Fuhrwerks. Da zogen wir
aus. Gold und Kleinodien, Sankt Gallus' und Sankt Otmars Sarg und Gebein, der
ganze Schatz ward noch sicher geborgen, die Bücher haben die Jungen nach der
Wasserburg mitgenommen - aber an Essen und Trinken ward nicht viel gedacht, nur
schmaler Mundvorrat war in die Waldburg geschafft; eiligst flohen wir dortin.
Erst unterwegs merkten die Brüder, dass wir Tieto, den Blinden, im Winkel der
Alten vergessen, aber keiner ging mehr zurück, der Boden brannte unter den
Füssen. So lagen wir etliche Tage still im tannversteckten Turm, oftmals
nächtlich sprangen wir zu den Waffen, als stünde der Feind vor dem Tor, aber es
war nur der Sitter Rauschen oder des Windes Strich in den Tannenwipfeln. Einmal
aber rief's mit heller Stimme um Einlass. Verscheucht und todmüd' kam Burkard,
der Klosterschüler. Aus Freundschaft zu Romeias, dem Wächter am Tor, war er
zurückgeblieben, wir hatten des nicht wahrgenommen. Er brachte schlimme Kunde;
vom Schreck, den er erlebt, waren etliche Haare auf dem jungen Haupte über Nacht
grau geworden.«
    Abt Cralos Stimme wollte zittern. Er hielt an und trank einen Schluck
Weines. »Der Herr sei allen christgläubigen Abgestorbenen gnädig«, fuhr er
bewegt fort, »sein Licht leuchte ihnen, er lasse sie ruhen in Frieden!«
    »Amen!« sprachen die Tischgenossen. »Wen meint Ihr?« fragte die Herzogin.
Praxedis war aufgestanden, sie trat hinter ihrer Gebieterin Lehnstuhl, lauschend
hing ihr Blick an des Erzählers Lippen.
    »Erst wenn einer tot ist, merken die Zurückgebliebenen, was er wert war«,
sprach Cralo und nahm den Faden wieder auf: »Romeias, der trefflichste aller
Wächter, war nicht mit uns ausgezogen. Will meinen Posten halten bis zum Schluss,
hatte er gesagt; des Klosters Zugänge verschloss er, schaffte in sichern
Versteck, was wegzuschaffen war, und machte die Runde um die Mauern, Burkard,
der Klosterschüler, mit ihm; dann hielt er gewaffnet Wacht in seiner Turmstube.
Da kam der helle Haufen hunnischer Reiter vor die Mauern geritten, vorsichtig
schwärmend; Romeias tat die üblichen Hornstösse, dann sprang er nach der
Ringmauer anderem Ende und stiess abermals ins Horn, als wär' alles wohl gehütet
und besetzt: jetzt ist's Zeit zum Abzug! sprach er zum Schüler. Einen alten
welken Strauss hatte er an den Eisenhut gesteckt, erzählte Burkard, da gingen die
zwei zum blinden Tieto hinüber, der wollte den Winkel der Alten nimmer
verlassen, sie aber setzten ihn auf zwei Speere und trugen ihn fort - zum
hinteren Pförtlein hinaus, das Schwarzatal aufwärts fliehend.
    »Schon waren die Hunnen von den Rossen gestiegen und kletterten über die
Mauern; wie sich nichts regte, schwärmten sie ein wie die Mücken auf den
Honigtropfen, aber Romeias ging gelassenen Schrittes mit seiner greisen Bürde
bergan. Niemand soll vom Klosterwächter sagen, dass er struppigen Heidenhunden
zulieb einen Trab angeschlagen - so sprach er seinem jungen Freunde Mut zu. Aber
bald waren ihm die Hunnen auf der Fährte, wild Geschrei erscholl durch die
Talschlucht, - wieder ein Stück weit, da pfiffen die ersten Pfeile. So kamen sie
bis an den Felsen der Klausnerinnen. Dort aber staunte selbst Romeias. Als wär'
nichts geschehen, tönte ihnen Wiborads dumpfes Psalmodieren entgegen. In
himmlischer Erscheinung war ihr Not und Tod geoffenbart worden, selbst der
fromme Gewissensrat Waldram vermochte ihren Sinn nicht zur Flucht zu wenden.
Meine Zelle ist das Schlachtfeld, wo ich gegen der Menschheit alten Feind
gestritten, ein Streiter Gottes deckt's mit seinem Leibe167, so sprach sie und
verharrte in der Wildnis, als alles entwich.
    »Die Waldburg war nimmer zu erreichen, da suchte Romeias das abgelegenste
Häuslein aus. Auf den Fels tretend liess er den blinden Tieto sorglich durchs
Dach hinab, er küsste den Greisen, eh' er sich von ihm wandte - dann hiess er den
Klosterschüler sich auf die Flucht machen: es könnt' mir was Menschliches
zustossen; sag' denen in der Waldburg, dass sie nach dem Blinden sehen. Vergeblich
flehte Burkard zu ihm und zitierte den Nisus und Euryalus, die auch vor der
Übermacht volskischer Reiter in nächtiges Waldesdunkel geflohenA4. Ich müsst' zu
schnell laufen, sprach Romeias, Erhitzung ist ungesund und schafft
Brustschmerzen, ich muss ein Wörtlein mit den Söhnen des Teufels reden.
    Er ging an Wiborads Zelle und klopfte an den Laden. Reich' mir die Hand,
alter Drache, rief er hinein wir wollen Friede machen! und Wiborad streckte ihm
ihre verwelkte Rechte hinaus ... dann wälzte Romeias etliche Felsblöcke an des
steilen Pfades Ausgang, so dass der Zutritt von der Schwarzaschlucht gesperrt
war, nahm den Schild vom Rücken und richtete die Speere; mit wehendem Hauptaar
stand er in der Umwallung und blies noch einmal auf dem grossen Wächterhorn, erst
zürnend und kampfschnaubend, dann weich und sänftlich, bis ein Pfeil in des
Hornes Krümmung hineingellte. Ein Regen von Geschossen überdeckte ihn und
spickte seinen Schild, er schüttelte sie ab; da und dort klomm einer der Hunnen
auf die Nagelfluhfelsen, ihm beizukommen, Romeias' Speerwurf holte sie herunter,
- der Angriff mehrte sich, wild toste der Kampf, aber unverzagt sang Wiborad
ihren Psalm:
    Vertilge sie im Grimm, o Herr, vertilge sie, dass sie nicht mehr sind, damit
man erkenne, dass Gott über Israel herrsche bis an die Grenzen der Erde, Sela ...
    Soweit hatte Burkard des Kampfes Verlauf mit angeschaut, dann wandte er sich
zur Flucht. Da wurden wir in der Waldburg sehr betrübt und schickten noch in der
Nacht eine Schar aus, nach dem blinden Tieto zu schauen. Es war still auf dem
Hügel der Klausnerinnen, wie sie heranschlichen; der Mond leuchtete auf die
Körper erschlagener Hunnen, da fanden die Brüder ...«
    Ein lautes Schluchzen unterbrach den Erzähler. Praxedis hielt sich mühsam an
der Herzogin Lehnstuhl und weinte bitterlich.
    »... Da fanden sie«, fuhr der Abt fort, »des Romeias verstümmelten Leichnam;
sein Haupt hatten die Feinde abgehauen und mitgeschleppt, er lag auf seinem
Schild, den welken Strauss, seine Helmzier, krampfhaft geballt in der Rechten.
Gott hab ihn selig: wes Leib mit Treuen ein Ende nimmt, ein solcher dem
Himmelreich geziemt! An Wiborads Laden klopften sie vergeblich, die Ziegel am
Dach ihrer Klause waren zertrümmert, da stieg einer aufs Dach und schaute hinab,
vor dem kleinen Altar der Zelle lag die Klausnerin in ihrem Blut, drei
Schwertiebe klafften auf dem Scheitel, der Herr hat sie gewürdigt, unter den
Streichen der Heiden des Martyriums Krone zu erringen.«
    Die Anwesenden schwiegen bewegt. Auch Frau Hadwig war gerührt.
    »Ich hab' Euch der Seligen Schleier mitgebracht«, sprach Cralo, »geweiht vom
Blut ihrer Wunden, Ihr mögt ihn in der Kapelle der Burg aufhängen. Nur Tieto,
der Blinde, war unverletzt geblieben: unentdeckt vom Feind schlummerte er in der
Klause am Fels. Ich hab' geträumt, es sei ein ewiger Friede über die Welt
gekommen, sprach er zu den Brüdern, wie sie ihn weckten.
    Aber im abgelegenen Sittertal blieb's nimmer lang' still; die Hunnen fanden
den Weg zu uns: das war ein Schwärmen und Pfeifen und Grunzen, wie's der
Tannwald noch nie gehört. Unsere Mauern waren fest und unser Mut stark, doch
hungrige Männer werden des Velagertseins unlustig, vorgestern war unser Vorrat
aufgezehrt; wie es dunkelte, sahen wir die Rauchsäule aufsteigen vom Brand
unseres Klosters; da brachen wir nächtlicherweile durch den Feind, der Herr war
mit uns und bahnte den Weg, unsere Schwerter halfen auch dazu: so sind wir zu
Euch gekommen ...«
    Der Abt neigte sich gegen Frau Hadwig -
    »... heimatlos und verwaist wie Vögel, in deren Nest der Blitz geschlagen,
und bringen Euch nichts mit als die Kunde, dass der Hunne, den Gott vernichten
möge, uns auf den Fersen nachfolgt ...«
    »Je eher er kommt, je besser!« sprach der Reichenauer Abt trotzig und hob
seinen Becher.
    »Sieg den tapfern Waffen der Streiter Gottes!« sprach die Herzogin und stiess
mit ihnen an.
    »Und Rache für den braven Romeias!« sagte Praxedis leise mit Tränen im Aug',
wie der dürre Fridinger sein Glas an das ihrige klingen liess.
    Es war spät geworden. Wilder Gesang und Kriegslärm erschallte noch im untern
Saal. Der junge Bruder, der von Mutina in Welschland nach der Reichenau gekommen
war, hatte sein Wächterlied wieder angestimmt.
    Die Gelegenheit zu ernster Tat sollte nicht lange mehr auf sich warten
lassen.
 
                                    Fussnoten
A1 Hufen Landes.
A2 Unverwundbar machendes Hemd, von reinen Jungfrauen in der Christnacht unter
besonderen Förmlichkeiten gesponnen.
A3 Bezeichnung für grosse Lastschiffe auf Bodensee und Rhein (gewöhnlich Lädine,
Einzahl Lädi zu laden ).
A4 Nisus und Euryalus, durch hingebende Freundestreue ausgezeichnet, ziehen
sich, nachdem sie im Lager der Feinde Heldentaten verrichtet haben, zurück
(»Äneis«, Buch 9, Vers 366); später wird Nisus von den Reitern des Volscens
getötet; Volscens erliegt dem rächenden Schwert des selbst tödlich verwundeten
Euryalus.
 
                              Dreizehntes Kapitel.
                           Heribald und seine Gäste.
Auf der Insel Reichenau war's still und öde, nachdem des Klosters Insassen
abgezogen. Der blödsinnige Heribald war Herr und Meister des Eilands. Er gefiel
sich in seiner Einsamkeit. Stundenlang sass er am Seeufer und warf flache
Kieselsteine über die Wellen, dass sie drauf tanzten. Wenn sie gleich anfangs
untersanken, schalt er sie.
    Mit den Hühnern im Hof pflog er manchen Zwiespruch, er fütterte sie
pünktlich. »Wenn ihr brav seid«, sprach er einmal, »und wenn die Brüder nicht
heimkommen, so wird euch Heribald eine Predigt halten.« Im Kloster trieb er
allerhand Kurzweil - an einem Tag der Einsamkeit lassen sich gar mancherlei
nützliche Gedanken aushecken - der Camerarius hatte ihn geärgert, dass er ihm
sein Leder zum Schuhwerk geweigert, da ging Heribald auf des Camerarius Zelle,
seinen grossen steinernen Wasserkrug schlug er in Trümmer, die drei Blumentöpfe
desgleichen und trennte den Strohsack auf des Camerarius Nachtlager entzwei und
füllte ihn mit den Scherben. Dann versuchte er, wie sich darauf liege: der harte
Inhalt war scharf zu verspüren - da lächelte er zufrieden und ging in des Abt
Wazmann Gemächer.
    Auch dem Abte war er gram, dieweil er ihm manche Züchtigung zu verdanken
hatte, aber es war alles wohl aufgeräumt und in Verschluss getan, da blieb ihm
nichts übrig, als dem gepolsterten Lehnstuhl einen Fuss abzuschlagen. Er fügte
ihn wieder künstlich an, als wäre nichts geschehen. »Das wird anmutig mit ihm
zusammenbrechen, wenn er heimkommt und sich bequemlich niederlassen will. Den
Leib sollst du züchtigen, sagt der heilige Benedikt. Aber Heribald hat den
Stuhlfuss nicht abgeschlagen, das haben die Hunnen getan ...«
    Gebet, Andacht und Psalmensingen verrichtete er, wie des Ordens Regel gebot.
Die sieben Tageszeiten hielt der Einsame ängstlich ein, als möcht' er gestraft
werden ob deren Versäumnis, auch zur Vigilie stieg er nach Mitternacht hinunter
in die Klosterkirche.
    Zur Zeit, als seine Mitbrüder auf der Herzogsburg mit den Sankt Gallischen
zechten, stand Heribald im Chor; unheimlich Grauen der Nacht lag über der Halle,
düster flackerte die ewige Lampe: er aber stimmte unverdrossen und mit Heller
Stimme den Eingangsvers an: »Herr, neige dich zu meinem Beistand! Herr, eile
heran zu meiner Hilfe!« und sang den dritten Psalm, den einst David gesungen, da
er floh vor Absalom, seinem Sohn. Wie er an die Stelle kam, wo Übung des
Psallierens gemäss die Antiphonie ertönen sollte, hielt er nach alter Gewohnheit
an und wartete des Gegengesangs, aber es blieb ruhig und stumm; da fuhr er mit
der Hand nach der Stirn. »Ja so«, sprach der Blödsinnige, »sie sind fort und
Heribald ist allein ...« Jetzt wollte er auch noch den vierundneunzigsten Psalm
singen, wie es die Vorschrift nächtlichen Horadienstes erheischte, da erlosch
die ewige Lampe, eine Fledermaus war drüber hingestreift. Draussen Regen und
Sturm. Schwere Tropfen fielen auf das Dach der Kirche und schlugen an die
Fenster, da ward's ihm unheimlich zu Mut: »Heiliger Benedikt«, rief er, »nimm
ein gnädig Einsehen, dass Heribald nicht schuld ist, wenn die Antiphonie
ungesungen blieb.« Er schritt in der Dunkelheit aus dem Chor; ein schriller Wind
pfiff durch ein Fensterlein der Krypta unter dem Hochaltar, ein heulender Ton
kam heraus. Wie Heribald vorwärts ging, fasste ein Luftzug sein Gewand: »Bist du
wieder da, höllischer Versucher?« rief er, »muss wieder gefochten sein168?«
    Unverzagt schritt er zum Altar und fasste ein hölzern Kreuz, das der Abt
nicht hatte wegnehmen lassen: »Im Namen der Dreieinigkeit, komm heran, Larve des
Satans, Heribald erwartet dich!« Festen Mutes stand er an des Altares Stufen,
der Wind heulte fort, der Teufel blieb aus ... »Er hat noch genug vom
letztenmal!« sprach der Blödsinnige lächelnd. Vor Jahresfrist war ihm der böse
Feind erschienen in Gestalt eines grossen Hofhundes und hatte ihn angebellt, aber
Heribald hatte ihn bestanden mit einer Stange und ihm mit so tapfern Hieben
zugesetzt, dass die Stange zerbrochen war ...
    Da rief Heribald noch eine Auslese beleidigender Reden nach der Richtung
hin, wo der Luftzug stöhnte; wie sich aber nichts nahte, ihn anzufechten,
stellte er das Kreuz wieder auf den Altar, beugte sein Knie und ging, Kyrie
eleison murmelnd, in seine Zelle zurück. Bis in den hellen Morgen hinein schlief
er dort den Schlaf des Gerechten.
    Die Sonne stand hoch am Himmel, da wandelte Heribald vergnüglich vor dem
Kloster auf und nieder. Seit dass er sich von den Schulbänken weg der Vakanz
hatte erfreuen mögen, war ihm wenig Gelegenheit zum Ausruhen mehr geworden. Ruhe
ist der Seele grösste Feindin! hatte Sankt Benedikt gesagt und darum seinen
Schülern streng vorgeschrieben, die Stunden des Tages, die nicht der Andacht
galten, mit Arbeit der Hände auszufüllen. Heribald war keiner Kunst oder
Handwerksgriffe kundig, darum hatten sie ihn zum Holzspalten und ähnlich
nutzbringender Tätigkeit angehalten - jetzt aber schritt er, die Arme gekreuzt,
an den aufgebeugten Scheitern vorüber und schaute lächelnd nach einem
Klosterfenster hinauf: »So komm doch herunter, Vater Rudimann!« rief er, »und
halte den Heribald zum Holzhauen an! Du hast ja so trefflich Aufsicht gehalten
über die Brüder und den Heribald so oft einen unnützen Knecht Gottes gescholten,
wenn er den Wolken nachschaute, statt die Axt zu führen, warum tust du nicht,
was deines Amtes?«
    Kein Echo gab dem Blödsinnigen Antwort; da zog er von den Scheitern der
untersten einige heraus, rasselnd stürzte die hochgeschichtete Beuge zusammen:
»Fallet nur«, fuhr er im Selbstgespräch fort, »Heribald macht Feiertag heut und
setzt nichts wieder auf. Der Abt ist durchgegangen, die Brüder sind
durchgegangen, es geschieht ihnen recht, wenn alles zusammenstürzt.«
    Nach solch löblicher Verrichtung wandte sich Heribald zum Klostergarten.
Eine anderweite Erwägung beschäftigte seinen Geist: er gedachte ein paar
liebliche Stöcke Salates zu seinem Mittagsmahl zu schneiden und sie feiner
zuzubereiten, als in Anwesenheit des Pater Küchenmeister je geschehen wäre.
Lockend malte er sich die Arbeit aus, wie er das Ölkrüglein sonder Schonung
angreifen und der grössten Zwiebeln einige mitleidslos zerschneiden wollte: da
wirbelte drüben am weisssandigen Ufer eine Staubwolke auf, Gestalten von Ross und
Reitern wurden sichtbar ...
    »Seid ihr schon da?« sprach der Mönch und schlug ein Kreuz, seine Lippen
bewegten sich zu einem hastigen Gebete; aber bald lag die gewohnte Miene
zufriedenen Lächelns wieder auf seinem Antlitz.
    »Fremden Wanderern und Pilgersmännern soll am Tor des Gotteshauses ein
christlicher Bescheid erteilt werden169«, murmelte er, - »ich werde sie
erwarten.«
    Ein neuer Einfall flog jetzt durch sein Gemüt; er fuhr mit der Hand über die
Stirn: »Bin ich nicht in der Klosterschule über den Geschichten des Altertums
gesessen und hab' gehört, wie die römischen Senatoren der senonischen Gallier
Einbruch erwartet? Den Mantel umgeschlagen, den Elfenbeinszepter in der Faust,
sassen die Greise in ihren Stühlen, unbewegten Auges, wie eherne Götzenbilder:
der lateinische Lehrer soll uns nicht umsonst vorgepredigt haben, das sei ein
würdiger Empfang gewesen! Heribald kann's auch!«
    ... Gelinder Blödsinn ist dann und wann eine neidenswerte Mitgift fürs
Leben: was andere, schwarz schauen, scheint ihm blau oder grün, zickzackig ist
sein Pfad, aber von den Schlangen, die im Gras lauern, merkt er nichts, und über
den Abgrund, in den der weise Mann regelrichtig hineinstürzt, stolpert er
hinüber sonder Ahnung der Gefahr ... Ein kurulischer Stuhl war zur Zeit im
Kloster nicht vorhanden. Heribald schob einen mächtigen Eichstamm an die Pforte,
die in Hof führte. »Zu was Zweck und Nutzen haben wir die weltliche Geschichte
gelernt, so wir keinen guten Rat draus schöpfen?« murmelte er, setzte sich
gelassen auf seinen Block und wartete der Dinge, die da kommen sollten.
    Drüben am nahen Seeufer hielt ein Trupp Reiter; die Zügel in Arm
geschlungen, den Pfeil auf der Bogensehne, waren sie spähend herangesprengt, der
hunnischen Heerschar Vortrab. Wie kein Hinterhalt aus dem weidenumbuschten Ufer
vorbrach, hielten sie die Rosse eine Weile an zum Verschnaufen; der Pfeil ward
in den Köcher gelegt, der krumme Säbel mit den Zähnen gefasst, die Sporen
eingepresst - so ging's in den See. Hurtig arbeiteten sich die Rosse durch die
blauen Wogen, - jetzt war der vorderste am Land und sprang vom Gaul und
schüttelte sich dreimal wie ein Pudel, der vom kühlen Bad zurückkommt; mit
schneidigem Hurraruf zogen sie in der schweigenden Reichenau ein.
    Wie in Stein gehauen sass Heribald und schaute unverzagt den seltsamen
Gestalten entgegen. Nachdenken über vollendete menschliche Schönheit hatte ihm
noch keine schlaflose Nacht verursacht, aber was jetzt auf ihn zukam, deuchte
ihn so hässlich, dass er ein langgedehntes: »Erbarme dich unser, o Herr, nach
deiner Barmherzigkeit Grösse!« nicht zu unterdrücken vermochte.
    In den Sattel gebückt sassen die fremden Gäste, aus Tierfellen das Gewand,
hager, dürr und klein die Gestalt, viereckig der Schädel, das Haar steif
struppig herabhängend; gelb glänzte das unfertige Gesicht, als wär' es mit Talg
gesalbt; - der vordersten einer hatte durch freiwilligen Einschnitt seinen
aufgeworfenen Mund um ein Erkleckliches nach den Ohren hin verlängert;
verdächtig schauten sie aus den kleinen tiefliegenden Augen in die Welt hinaus.
    Ebensogut könnt' man statt eines Hunnen einen Lehmklumpen halb viereckig in
den Händen formen, etwas wie eine Nase dran aufstülpen und das Kinn einschlagen,
dachte Heribald: da standen sie vor ihm. Er verstand ihre zischende Sprache
nicht und lächelte ruhig, als ging' ihn die ganze Bande nichts an. Sie starrten
eine Zeitlang verwundert auf den närrischen Gesellen, wie die Männer kritischen
Handwerks auf einen neuen Poeten, von dem noch nicht klar, in welchem Schubfach
vorrätiger Urteile sie ihn unterbringen sollen. Itzt erschaute einer die
kahlgeschorene Stelle auf Heribalds Haupt und deutete mit dem krummen Säbel
drauf hin, sie erhoben ein grinsendes Gelächter, einer griff nach Bogen und
Pfeil und legte auf den Mönch an, da ging Heribalds Geduld aus, ein Anflug
germanischen Stolzes gegenüber solchem Gesindel kam über ihn: »Bei der Tonsur
des heiligen Benedikt«, rief er aufspringend, »die Krone meines Hauptes soll
kein Heidenhund lästern!« er fiel dem vordersten in die Zügel, riss ihm den
krummen Säbel von der Seite, kampfbereit wollte er sich aufpflanzen ... aber
schneller denn der Blitz hatte ihm der Hunnen einer eine starke Schlinge übers
Haupt geworfen und riss ihn nieder; sie stürzten über ihn her, knebelten seine
Hände auf den Rücken: schon waren todbringende Waffen geschwungen - da hub sich
ein fernes Gesumm und Getöse wie von einer mächtig heranrückenden Schar, das zog
die Reiter von dem Blödsinnigen ab, sie warfen ihn als wie einen Sack gebunden
zu seinem Eichstamm und jagten im Galopp zum Seeufer zurück.
    Der ganze Tross des hunnischen Heerhaufens war drüben angelangt; die vom
Vortrab gaben durch gellend Pfeifen ein Zeichen hinüber, dass alles sicher; sie
erspähten an der Insel schilfbewachsenem Ende eine Furt, schier trocknen Fusses
zu durchreiten, den Pfad wiesen sie ihren Gesellen. Itzt kam's herüber gebraust
wie das wilde Heer, viele hundert Reitersmänner. An Augsburgs Wällen und des
Bischofs Gebet waren ihre vereinten Waffen zerstiebt170, jetzt durchzogen sie
hordenweis das Land. An Gestalt, Antlitz und Art zu Pferd zu sitzen, glich einer
dem andern - bei rohen Nationen sind die Gesichtszüge aller wie aus einem Guss,
da es der einzelnen Beruf, in der Masse aufzugehen, nicht von ihr sich
abzuheben.
    Da glänzten zwischen den Obstbäumen und Gartenfeldern der Insel, wo sonst
der Mönch Brevier betend gewandelt, zum erstenmal des Hunnenheeres fremde
Waffen, schlangengleich wand sich der reisige Zug über den schmalen Pfad vom
Festland herüber, ein wildes Klingen, wie Zymbalschlag und Geigenton, zog mit
ihnen, es klang schrill und scharf wie Essig, denn der Hunnen Ohr war gross, aber
nicht feinfühlig, und zur Musika wurden nur die verwendet, die des Reiterdiensts
untüchtig.
    Hoch über dem Heerhaufen wallte die Fahne mit der grünen Katze im roten
Feld, bei ihr ritten etliche der Anführer, Ellaks und Hornebogs hervorragende
Gestalten.
    Ellak mit scharfer unhunnischer Nase, eine Cirkassierin war seine Mutter
gewesen, ihr dankte er das blasse, schier denkerartige Antlitz und den
durchbohrenden Blick; er war der leitende Verstand des Haufens; dass die alte
Welt umgepflügt werden müsse mit Feuer und Schwert, und dass es besser Pflüger
als Dung zu sein, seine Lebensüberzeugung. Hornebog, schmal und schmächtig, das
schwarze Hauptaar auf beiden Seiten des Angesichts zu zwei grossen einsamen
Locken zusammengedreht, drüber einen glänzenden Helm mit weitin starrenden
Adlerflügeln, hunnischer Reiterkunst ein Vorbild; ihm war der Sattel Heimat,
Zelt und Palast, er schoss den Vogel im Flug und trennte mit krummem Säbel ein
Haupt vom Rumpf im Vorbeisprengen. Im Halfter wiegte sich ruhig die sechsfältige
geknutete Peitsche, ein sinnig Symbol befehlshabender Gewalt.
    Über der Rosse Rücken hatten die Hauptmänner köstlich gewirkte Decken
hangen, auch Messgewänder, ein lebendig Zeugnis, dass sie schon anderwärts
Klosterbesuch abgestattet. In etlichen Wägen wurde die Kriegsbeute mitgeführt;
grosser Tross schloss den Zug.
    Auf maultiergezogenem Gefährt bei den kupfernen Feldkesseln und anderweitem
Küchengerät sass ein alt runzlig Weib. Sie hielt die Hand über die Augen und
schaute gegen die Sonne, dort ragten die Bergkegel des Hegau herüber, sie kannte
ihre Kuppen ... das Weib war die Waldfrau. Ausgetrieben von Ekkehard war sie in
die Fremde gezogen, Rache der Gedanke, mit dem sie des Morgens vom Schlafe
erwachte und des Abends sich niederlegte, so kam sie unstet wandernd vor
Augsburg, am Fuss des Berges, drauf einst die Schwabengöttin Zisa171 ihren
Holztempel gehabt, brannten der Hunnen Lagerfeuer: sie fand sich zu ihnen.
    Auf stattlichem Rappen ritt bei der Waldfrau ein Mägdlein, kurz
aufgeschürzt, in kecker Fülle gesunden Reiterlebens, unter stumpfem Näslein ein
verführerisch Lippenpaar, die Augen funkelnd, das Haar zu einer wallenden
Flechte geschlungen, die von rotem Band durchwoben in der Luft flatterte wie
Wimpel eines Meerschiffs. Über das lose Mieder hing Bogen und Köcher, so
tummelte sie ihr Tier, eine hunnische Artemis. Das war Erica, das Heideblümlein,
sie war nicht hunnischen Stammes, in den Steppen Pannoniens hatten die Reiter
sie als ein verlassen Kind aufgelesen, und sie war mitgezogen und gross geworden,
ohne zu wissen warum: wen sie gern hatte, den streichelte sie, wer ihr missfiel,
den biss sie in den Arm. Botund, der alte Hunnenwachtmeister, hatte sie geliebt,
Irkund, der junge, schlug den Botund wegen des Heideblümleins tot, aber wie
Irkund sich ihrer Liebe erfreuen wollt' kam Zobolsu und tat ihm mit spitzer
Lanze denselben Dienst, den Irkund dem Botund ohne sein Ansuchen erwiesen - so
waren Ericas Schicksale mannigfalt, neue Wege, neue Länder, neue Liebe, aber sie
war dem Reitertrupp zugewachsen, als wär' sie sein guter Geist, und stund in
abergläubischer Verehrung - »solang' die Heideblume bei uns blüht, besiegen wir
die Welt«, sprachen die Hunnen, »vorwärts!«
    Bei der Klosterpforte lag indes Heribald, der Geknebelte. Seine
Betrachtungen waren traurig, eine grosse Stechfliege summte um sein Haupt, mit
auf den Rücken gebundenen Händen vermochte er nicht ihr zu wehren. Heribald hat
sich würdig betragen, dachte er, wie ein alter Römer ist er dagesessen, den
Feind zu empfangen, jetzt liegt er geknebelt auf dem Pflaster und die Fliege
sitzt ungescheut auf seiner Nase: das ist der Lohn für das Würdige! Heribald
wird zeitlebens nimmer würdig sein! Unter Stachelschweinen ist Würde ein gar
überflüssig Ding!
    Wie ein Waldbach bei gehobener Schleuse wälzte sich jetzt der Hunnenzug in
den Klosterhof.
    Da ward's dem guten Heribald nimmer ganz geheuer: »O Camerarius!« fuhr er in
seinen Betrachtungen fort - »und weigerst du mir das nächstemal ausser dem
Schuhleder auch noch Hemd und Kutte, so flieh' ich doch, ein nackter Mann, von
dannen.«
    Die vom Vortrab traten zu Ellak und meldeten, wie sie den einsamen Mönch
getroffen. Er winkte, ihn beizubringen, da lösten sie ihm den Strick, stellten
ihn aufrecht in den Hof und deuteten durch Faustschläge die Richtung nach dem
Anführer. Langsam schritt der Unglückliche vorwärts, er stiess ein unwillig
Murren aus.
    Ein unsäglich spöttischer Zug flog über des Hunnenführers Lippen, wie er vor
ihm stand; lässig liess er die Zügel über des Rosses Hals hangen und wandte sich
rückwärts:
    »Schau doch, wie ein Vertreter deutscher Kunst und Wissenschaft aussieht!«
rief er zu Erica hinüber. - Auf mehrfachen Raubzügen hatte Ellak notdürftig des
deutschen Landes Sprache erlernt. »Wo sind die Bewohner der Insel?« fragte er
gebieterisch.
    Heribald deutete nach dem fernen Hegau.
    »Gewaffnet?« fragte Ellak weiter.
    »Die Diener Gottes sind stets gewaffnet, der Herr ist ihnen Schild und
Schwert.«
    »Gut gesagt!« lachte der Hunne: »Warum bist du zurückgeblieben?« Heribald
ward verlegen. Den wahren Grund von wegen seiner zerrissenen Schuhe anzugeben,
gestattete ihm sein Ehrgefühl nicht, »Heribald ist fürwitzig«, sprach er,
»Heribald wollte schauen, wie die Söhne der Teufel aussehen ...«
    Ellak teilte seinen Gefährten des Mönchs höfliche Worte mit. Ein wiehernd
Gelächter erscholl.
    »Ihr braucht nicht zu lachen«, rief Heribald verdriesslich, »wir wissen recht
wohl, wer ihr seid, der Abt Wazmann hat's uns gesagt.«
    »Ich werd' dich totschlagen lassen«, sprach Ellak gleichgültig.
    »Das wird mir recht geschehen!« sprach Heribald, »warum bin ich nicht
durchgegangen!«
    Ellak musterte den störrischen Gesellen mit prüfendem Blick, da fiel ihm ein
anderer Gedanke bei. Er winkte dem Bannerträger, dass er näher trete. Der kam und
schwang die Fahne mit der grünen Katze. Die war einst dem Hunnenkönig Etzel in
seiner Jugend erschienen: träumerisch sass er in seines Oheim Rugilas Zelt, er
war schwermutig und überlegte sich, ob er nicht ein Christ werden und Gott und
der Wissenschaft dienen solle, da kam die Katze. Unter Rugilas Kleinodien hatte
sie den goldenen Reichsapfel vorgeholt, ein Beutestück von Byzanz, sie hielt ihn
in den Krallen und spielte damit und rollte ihn hin und her. Und eine Stimme
sprach in Etzel: »Du sollst kein Mönch werden, du sollst mit der Erdkugel dein
Spiel treiben wie dieses Tier!«, und er merkte, dass ihm der Hunnengott Kutka
erschienen war, ging hin, schwang sein Schwert nach den vier Weltteilen, liess
seine Fingernägel wachsen und wurde, was er werden sollte, Attila, König der
Hunnen, die Geissel Gottes! ...
    »Knie nieder, elender Mönch«, rief Ellak vom Ross - herunter, »der hier
gemalt steht auf dem Banner, den, sollst du anbeten!«
    Aber festgewurzelt stand Heribald.
    »Ich kenne ihn nicht«, sprach er mit dumpfem Lachen.
    »Der Hunnen Gott!« rief der Anführer zürnend. »Auf die Knie, Kuttenträger!
oder ...« er deutete auf sein krummes Schwert.
    Heribald lachte abermals und fuhr mit dem Zeigefinger nach der Stirn: »Da
kennt Ihr Heribald schlecht«, sagte er, »wenn Ihr glaubt, dass er sich das
aufbinden lasse. Es steht geschrieben: als Gott Himmel und Erde erschaffen und
Finsternis über den Abgründen lag, da sprach er: es werde Licht! Wenn Gott eine
Katze wäre, hätt' er nicht gesagt: es werde Licht. Heribald kniet nicht! ...«
Ein hunnischer Reiter trat unbemerkt bei, zupfte den Mönch am Gewand und raunte
ihm leise, aber auf gut schwäbisch ins Ohr: »Landsmann, ich tät' knieen an
deiner Stell' es sind gar lebensgefährliche Leut'.« Der Warner hiess eigentlich
Snewelin und war von Ellwangen im Riessgau, seiner Geburt nach ein fester
Schwabe, aber im Lauf der Zeiten ein Hunne geworden und stand sich ganz gut
dabei. Und er sprach's mit etwas windigem Ton in der Stimme, denn es fehlten ihm
vier Vorderzähne und auch der Backenzähne etliche, und das war eigentlich die
Ursache, dass er unter den Hunnen zu finden. In jungen Tagen nämlich, da er noch
als friedlicher Fuhrmann des Heimatlichen Salvatorklösterleins sein Dasein
fristete, war er mit einer Ladung schillernden Neckarweines unter guter
Bedeckung und kaiserlichem Schutz nordwärts geschickt worden auf den grossen
Markt zu Magdeburg172. Dortin kamen die Priester der heidnischen Pommern und
Wenden, ihren Opferwein zu kaufen, und er machte ein gut Geschäft, da er seine
Ladung an den weissbärtigen Oberpriester des dreiköpfigen Gottes Triglaff173 für
den grossen Tempel bei Stettin losschlug. Aber dann blieb er mit dem weissbärtigen
Heiden bei der Weinprobe sitzen, und dem schmeckte der schwäbische Nektar, und
er kam in die! Begeisterung und hub an, ihm die Herrlichkeit seiner Heimat zu
Preisen, und sagte, bei ihnen zwischen Spree und Oder fange eigentlich, die Welt
erst an, und wollte ihn bekehren zum Dienste Triglaffs, des Dreiköpfigen, und
des schwarzweissen Sonnengottes Radegast und der Radomysl, der Göttin der
lieblichen Gedanken - da ward's dem Mann von Ellwangen zu bunt: »Ihr seid ja ein
scheusslicher wendischer Windmüller!« rief er und warf den Zechtisch um und fuhr
an ihn, gleichwie der junge Recke Siegfried, da er den langbärtigen wilden
Gezwerg Allberich anlief, und ward handgemein mit ihm und riss ihm mit starkem
Ruck seines Graubarts Hälfte aus. Jener aber rief Triglaff, den Dreiköpfigen, an
und schlug ihm mit eisenbeschlagenem Opferstab einen Streich auf die Kinnlade,
der die Zier seiner Zähne für immer zerstörte. Und ehe der zahnlose schwäbische
Fuhrmann sich wieder erholte, war sein weissbärtiger Widersacher von dannen
gefahren, und er konnte sich nimmer an ihm rächen; aber wie er zu Magdeburgs Tor
hinausging, ballte er seine Faust nordwärts und sprach: »Wir kommen auch wieder
zusammen!« In der Heimat lachten sie ihn wegen seiner Zahnlücke noch gröblich
aus, da ging er im hellen Verdruss unter die Hunnen und gedachte, wenn die einmal
gen Norden ritten, mit dem dreiköpfigen Triglaff und allem, was ihm diente, eine
furchtbare Rechnung abzumachen ...
    Heribald hörte nicht auf den seltsamen Reitersmann. Die Waldfrau war von
ihrem Wagen heruntergesprungen und trat vor Ellak; grinsend schaute sie nach dem
Mönch: »Ich hab' nach den Sternen geschaut«, rief sie, »von kahlgeschorenen
Männern droht uns Unheil. Ihr sollt zur Abwendung diesen Elenden an des Klosters
Pforte aufhängen lassen, mit dem Gesicht nach dem Gebirg' gewendet!«
    »Knüpft ihn auf!« riefen viele im Haufen, die der Waldfrau Gebärden
verstanden.
    Ellak hatte sich wieder zu Erica hinüber gewendet: »Dies Ungeheuer hat auch
Grundsätze«, sprach er höhnisch; »es gilt seinen Tod und er weigert, das Knie zu
beugen. Lassen wir ihn aufknüpfen, Blume der Heide?«
    Heribalds Leben hing an schwachen Fäden. Er sah rings die unheimlichen
Gesichter, sein blöder Mut begann zu schwinden, das Weinen stand ihm nah, aber
ein richtiger Zug liegt auch im Törichtsten zur Stunde der Gefahr - wie ein
Stern glänzte ihm der Heideblume rotwangig Antlitz herüber, da sprang er mit
angstvollen Schritten durchs Getümmel zu Erica. Vor ihr kam's ihm nicht schwer
zu knieen, ihr Liebreiz schuf ihm Vertrauen, mit ausgestreckten Armen flehte er
um Schutz.
    »Seht, seht!« rief die Heideblume, »der Mann der Insel ist nicht so töricht,
als er ausschaut. Er kniet lieber vor Erica als vor der grünroten Fahne.« Sie
sah gnädig auf den Mitleidswerten, sprang vom Ross und streichelte ihn wie ein
halbwild Tier. »Fürcht' dich nicht«, sprach sie, »du sollst am Leben bleiben,
alter Schwarzrock!« und Heribald las aus ihren Augen, dass ihre Versicherung
ernst war. Er deutete nach der Waldfrau, die ihm am meisten bang gemacht; Erica
schüttelte das Haupt: »Die darf dir nichts tun!« Da sprang Heribald wohlgemut an
die Mauer, Frührosen blühten dort und Flieder, schnell riss er etlich Gezweig ab
und reichte es der hunnischen Maid. Schallender Jubel hob sich im Klosterhof174:
»Der Heideblume Heil!« riefen sie und klirrten mit den Waffen. »Schrei mit!«
raunte der Mann von Ellwangen dem Geretteten zu - jetzt hub auch Heribald seine
Stimme und rief ein heiseres Heil! Tränen standen ihm im Aug'.
    Die Hunnen sattelten ab. Wie die Meute der Hunde am Abend der Jagd des
Augenblicks harrt, wo der ausgeweidete Hirsch ihnen als Beute vorgeworfen wird,
hier zerrt einer am haltenden Strick, dort bellt ein anderer laut vor Ungeduld,
so standen sie vor dem Kloster. Jetzt gab Ellak das Zeichen, dass die Plünderung
beginnen möge. In wildem Ungestüm stürmten sie durcheinand, die Gänge entlang,
die Stufen hinauf, in die Kirche hinein. Verworren Geschrei erscholl von
vermeintlichem Fund und getäuschter Hoffnung; die Zellen der Brüder wurden
durchsucht, nur spärlicher Haushalt war drinnen.
    »Zeig' uns die Schatzkammer!« sprachen sie zu Heribald. Der tat's gern, er
wusste, dass das Kostbarste geflüchtet war. Nur versilberte Leuchter und der grosse
Smaragd von Glasfluss waren noch vorhanden. »Schlecht Kloster!« rief einer,
»Bettelvolk!« und trat mit gewappnetem Fuss auf den unechten Edelstein, dass ein
mächtiger Sprung hineinklirrte. Den Heribald lohnten sie mit Faustschlägen, dass
er betrübt hinwegschlich.
    Im Kreuzgang kam ihm der Hunne Snewelin entgegen: »Landsmann«, rief er, »ich
bin ein alter Weinfuhrmann, sagt an, wo ist euer Keller?« Heribald führte ihn
hinab, vergnüglich lachte er, da er den Haupteingang vermauert sah, und nickte
dem frisch aufgetragenen Kalk vertraulich zu, als wisse er sein Geheimnis. Der
Mann von Ellwangen prüfte nicht lang', er schnitt die Siegel von dem einen Fass,
stach den Hahnen drein und schöpfte seinen Helm voll. Es war ein langer, langer
Zug, den er tat. »O Hahnenkamm und Heidenheim!« sprach er, sich schüttelnd wie
ein Fieberkranker, »von wegen dem Getränk hätt' ich nicht unter die Hunnen zu
gehen brauchen!« - Er hiess die Gefährten die Fässer hinausschleppen, aber
besorgt trat Heribald vor und zupfte einen der Plünderer am Gewand: »Erlaube,
guter Mann«, sprach er mit wehmütigem Ausdruck, »was soll ich denn trinken, wenn
ihr wieder abgezogen seid175?!«
    Lachend erklärte Snewelin des Mönchs Besorgnis den andern. »Der Narr muss
auch was haben!« sprachen sie und legten ihm das kleinste von den drei Fässern
unangetastet zurück; er aber ward gerührt ob solcher Rücksicht und schüttelte
ihnen die Hände.
    Droben im Hofe hub sich ein wilder Lärm; etliche hatten die Kirche
durchsucht, auch eine Grabplatte aufgehoben, da schaute ein verwitterter Schädel
aus dunkler Kutte zu ihnen empor: das schreckte selbst die Hunnen zurück. Zwei
von den Gesellen stiegen auf den Kirchturm, dessen Spitze nach herkömmlichem
Brauch ein vergoldeter Wetterhahn zierte. Mochten sie ihn für den Schutzgott des
Klosters oder für echtes Gold halten, sie kletterten auf das Turmdach, verwegen
sassen die zwei Gestalten oben und stachen mit ihren Lanzen nach dem Hahn ... da
fasste sie plötzlicher Schwindel, den gehobenen Arm liess einer sinken - ein
Schwanken - ein Schrei, er stürzte herab, der andere ihm nach, gebrochenen
Genickes lagen sie im Klosterhof176.
    »Schlimm Vorzeichen!« sprach Ellak für sich. Die Hunnen schrieen auf; doch
nach wenig Augenblicken war der Unfall wieder vergessen, das Schwert hatte schon
so manchen von seiner Genossen Seite gerafft, was war an zwei mehr oder weniger
gelegen? Sie trugen die Leichname in Klostergarten. Aus den Holzstämmen, die
Heribald in der Frühe umgeworfen, ward ein Scheiterhaufe geschichtet; aus des
Klosters Bücherei waren die übriggebliebenen Codices in Hof heruntergeworfen
worden, die brachten sie als nützlichen Brandstoff herbei und füllten damit die
Lücken am Holzstosse.
    Ellak und Hornebog schritten durch die Reihen. Eingeklemmt zwischen den
Scheitern, schaute eine sauber geschriebene Handschrift betrüblich herfür, die
goldenen Initalen glänzten an den umgeknickten Blättern. Da zog Hornebog sein
krummes Schwert und stach das Pergament heraus: auf der Spitze der Klinge hielt
er's seinem Gefährten entgegen.
    »Zu was die Haken und Hühnerfüsse, Herr Bruder?« sprach er.
    Ellak nahm das gespiesste Buch und blätterte drin, er war auch des
Lateinischen kundig.
    »Abendländische Weisheit!« sprach er. »Einer namens Boetius hat's
geschrieben; es stehen schöne Sachen drin vom Trost der Philosophie.«
    »Philo-sophie, Herr Bruder«, sprach Hornebog, »was ist das für ein Trost?«
    »Ein schönes Weib ist's nicht, auch kein gebranntes Wasser«, war Eklats
Antwort. »Es ist auf hunnisch schwer zu beschreiben ... wenn einer nicht weiss,
warum er auf der Welt ist, und sich auf den Kopf stellt, um's zu erfahren, das
ist ungefähr, was die im Abendland Philosophie heissen. Den, der sich damit
getröstet in seinem Wasserturm zu Pavia, haben sie deswegen doch dereinst mit
Keulen totgeschlagen ...A1«
    »Mög's ihm wohlbekommen«, sprach Hornebog. »Wer den Säbel in der Faust und
das Ross zwischen den Schenkeln hat, weiss auch, warum er auf der Welt ist. Und
wenn wir's nicht besser wüssten wie diejenigen, die solche, Haken auf Eselshaut
klecksen, so wären sie an der Donau uns auf den Fersen und wir tränkten unsere
Rosse nicht aus dem Schwäbisschen Meer.«
    »Wisst Ihr auch, dass es ein Glück ist, dass solches Zeug angefertigt wird?«
fuhr Ellak fort und warf den Boëtius auf den Scheiterhaufen zurück. »Warum?«
fragte Hornebog.
    »Weil die Hand, die die Rohrfeder führt, nimmer taugt, einen Schwertieb zu
tun, der ins Fleisch geht, und ist der Unsinn, den der einzelne Kopf ausheckt,
einmal gebucht, so verbrennen sich noch hundert andere das Hirn dran. Hundert
Strohköpfe mehr, macht hundert Reiter weniger: das ist dann unser Vorteil, wenn
wir über die Grenze brechen. Solang' sie im Abendland Bücher schreiben und
Synoden halten, mögen meine Kinder ruhig ihr so Zeltlager vorwärtsrücken! so
hat's schon der grosse Etzel seinen Enkeln hinterlassen.«
    »Gelobt sei der grosse Etzel!« sprach Hornebog ehrerbietig.
    Da rief eine Stimme: »Lasset die Toten ruhen!« Tändelnden Schrittes kam
Erica zu den beiden. Sie hatte die Klosterbeute gemustert, eine Altardecke aus
rotem Seidenzeug fand Gnade vor ihren Augen, sie trug sie wie einen Mantel
umgeschlagen, die Enden leicht über die Schultern geworfen.
    »Wie gefall' ich euch?« sprach sie und wandte ihr Haupt selbstgefällig.
    »Die Heideblume braucht keinen Schmuck schwäbischer Götzendiener, um zu
gefallen«, sprach Ellak finster. Da sprang sie an ihm hinauf, streichelte sein
straffes, schwarzes Haar und rief: »Vorwärts, das Mahl ist gerichtet!«
    Sie schritten zum Hofe. Den ganzen Heuvorrat des Klosters hatten die Hunnen
umhergestreut und lagerten drauf, des Mahles gewärtig. Mit gekreuzten Armen
stand Heribald und schaute zu ihnen nieder: »Die Teufelsbrut kann nicht einmal
sitzen, wies einem Christenmenschen ziemt, wenn er sein täglich Brot verzehrt«,
- so dachte er, doch sprach er's nicht aus. Erfahrung häufiger Schläge lehrt
Schweigsamkeit.
    »Leg' dich nieder, Schwarzrock, du darfst mitessen«, rief Erica und machte
ihm ein Zeichen, dass er der andern Beispiel folge. Er schaute nach dem Mann von
Ellwangen, der lag mit verschränkten Beinen, als hätt' er's nie anders gelernt -
da machte Heribald einen Versuch, aber bald stund er wieder auf, das Liegen
deuchte ihm allzu unwürdig. Er holte sich im Kloster einen Stuhl und setzte sich
zu ihnen.
    Ein Ochse war am Spiess gebraten. Was sonst der Klosterküche Vorrat bot, ward
gereicht; sie fielen hungrig drüber her. Mit kurzem Säbel ward das Fleisch
herunter gehauen, die Finger der Hand vertraten bei den Schmausenden die Stelle
von Messer und Gabel. Aufrecht stund das grosse Weinfass im Hofe, ein jeder
schöpfte draus, soviel ihm beliebte, da und dort kam ein kunstgeformter Kelch
als Trinkgefäss zum Vorschein. Auch dem Heribald brachten sie Weines die Hülle
und Fülle, wie er aber stillvergnügt dran nippte, flog ihm ein halb genagter
Knochen an den Kopf - er schaute schmerzlich auf, aber er schaute, dass noch
manchen der Schmausenden ein gleiches Schicksal ereilte; sich mit den Knochen
werfen, war hunnischer Brauch anstatt eines Nachtisches.
    Weinwarm begannen sie drauf ein ungefüges Singen177. Zwei der jüngern
Reitersmänner trugen ein altes Lied zum Preis des König Etzel vor; es hiess drin,
dass er nicht nur mit dem Schwerte, sondern auch durch Liebreiz ein Sieger
gewesen allentalb, und kam eine höhnische Strophe über eines römischen Kaisers
Schwester, die ihm Hand und Herz aus verliebter Ferne entgegentrug, ohne dass
er's annahm.
    Wie Eulenschrei und Unkenruf klang der Chorus; dann traten etliche auf
Heribald zu und machten ihm deutlich, dass auch von ihm ein Gesang verlangt
werde. Er wollte sich weigern, es half nichts. Da stimmte er ernst und mit
schier weinender Stimme den Antiphon zu Ehren des heiligen Kreuzes an, der da
beginnt: »Sanctifica nos!« Staunend horchten die Trunkenen den langen ganzen
Tönen des alten Kirchengesangs, wie eine Stimme aus der Wüste klang die fremde
Weise. Zürnend hörte es auch die Waldfrau beim kupfernen Kessel, mit ihrem
Messer schlich sie herüber, fasste Heribalds Hauptaar und wollte ihm das Gelock
verschneiden - der höchste Schimpf, der eines Geistlichen durch die Tonsur
geweihtem Haupte widerfahren konnte.
    Aber Heribald stiess sie zurück und sang unverdrossen weiter. Das gefiel den
Versammelten, sie jauchzten auf, Zimbal und Geige fielen ein, jetzt kam Erica auf
den Mönch zu, der einförmige Sang war ihr langweilig geworden, mit schalkhaftem
Mitleid fasste sie ihn. »Nach Sang kommt Tanz«, rief sie und riss ihn in den
Wirbel betäubenden Reigentanzes178. Heribald wusste nicht, wie ihm geschah. Der
Heideblume Busen wogte ihm entgegen: »Ob Heribald tanzt oder nicht, es ist nur
ein kleiner Ring in der grossen Kette des Greuls« - da schwang er seine
sandalenschweren Füsse wacker mit, die Kutte wirbelte um ihn her, fest und fester
presste er die hunnische Maid, wer weiss, was noch geschehen wäre ... mit
geröteten Wangen hielt sie endlich an, gab dem Blödsinnigen einen leichten
Schlag ins Antlitz und sprang zu den Heerführern, die ernst in den tobenden
Schwarm schauten.
    Der Jubel ging zu Ende, der Wein war verraucht, da gebot Ellak, die Toten zu
verbrennen. In eines Augenblicks Schnelle sass der Schwarm zu Rosse, in Reih' und
Glied ritten sie zum Scheiterhaufen. Vom Ältesten der Hunnen wurden der Toten
Pferde erstochen und zu ihrer Herren Leichen gelegt; einen schauerlichen
Weihespruch rief der greise Hunn' über die Versammelten, dann schwang er den
Feuerbrand und entzündete den Holzstoss - Boëtius' Trost der Philosophie,
Tannenscheiter Handschriften und Leichname wetteiferten in prasselndem
Aufflammen, eine mächtige Rauchsäule stieg gen Himmel.
    Mit Ringkampf, Waffenspiel und Wettrennen ward der Toten Gedächtnis
gefeiert. Die Sonne neigte sich zum Untergehen. Die Hunnenschar verblieb die
Nacht im Kloster. -
    - Es war am Donnerstag vor Ostern, als dies auf der Insel Reichenau sich
zutrug. Die Kunde vom Überfall kam schnell in die Fischerhütten um Radolts
Zelle. Wie Moengal, der Leutpriester, den Frühgottesdienst hielt, zählte er
seiner andächtigen Zuhörer noch sechs in der Kirche, des Nachmittags waren's
drei, ihn mit eingerechnet.
    Zürnend sah er in der Wohnstube, drin er einst Ekkehard freundlich bewirtet.
Da stieg die Rauchwolke vom hunnischen Totenbrand auf, er trat aus Fenster ...
Es qualmte, als wenn das ganze Kloster in Flammen stünde, brandiger Geruch kam
über den See. »Hihahoi!!« rief Moengal, »iam proximus ardet Ucalegon! schon
brennt' es beim Nachbar UkalegonA2! So muss auch ich mein Haus bestellen. Heraus
jetzt, alte Cambutta179!!«
    Die Cambutta war keine dienende Magd, sondern ein nach irischer Weise
zugeschnittener riesiger Keulenstock, Moengals liebstes Handgewaffen.
    Er verpackte Messkelch und Ziborium in die rehfellene Jagdtasche; weiter war
an Gold und Geld nichts vorrätig. Dann versammelte er seine Jagdhunde, den zur
Reiherbeize geübten Habicht und die zwei Falken; was seine Vorratkammer an
Fleisch und Fischen bot, warf er ihnen vor. »Fresst euch satt, Kinder! dass nichts
für die gottverfluchten Landplagen übrigbleibt!«
    Das Fass im Keller schlug er entzwei, dass der funkelnde Wein herausströmte.
»Nicht einen Tropfen Seeweins sollen die Teufel in Moengals Pfarrhaus zu
schlucken bekommen!« Nur den Essig im Krug liess er unversehrt stehen.
    Über die kristallhelle Butter in der Holztonne schüttete er eine Schicht
Asche. Angelhaken und Jagdgerät vergrub er, dann schlug er die Fenster ein und
streute die spitzen Glasscherben sorglich durch die Gemächer, andere steckte er
zwischen die Spalten der Dielen, - die Spitze nach oben - alles den Hunnen zu
Ehren. Habicht und Falken liess er hinausfliegen: »Lebt wohl«, rief er, »und
haltet euch gut in der Nähe, bald gibt's tote Heiden zu benagen!«
    So war das Haus bestellt. Die Tasche umgeworfen, eine lederne hibernische
Feldflasche drüber, zwei Spiesse in der Faust, die Keule Cambutta auf den Rücken
geschnallt: so schritt Moengal, der Alte, aus seinem langjährigen Pfarrsitz, ein
rechtschaffener Streiter des Herrn.
    Ein Stück Weges hatte er zurückgelegt; der Himmel war verdüstert von Brand
und Rauch. »Halt an!« sprach er, »ich hab' etwas vergessen!«
    Er ging wieder zurück. Einen Gruss zum Empfang ist das gelbgesichtige
Gesindel doch wert! Ein Stück Rötel zog er aus seiner Tasche und schrieb damit
in irischer Schrift ein paar Worte auf die graue Sandsteinplatte über dem Portal
des Pfarrhofs. Gewitterregen hat sie später verwaschen und niemand hat sie
entziffert, aber sicher war's ein inhaltschwerer Spruch, den Moengal, der Alte,
in irischen Runen zurückliess. -
    Er schlug einen scharfen Schritt an und wandte sich dem hohen Twiel zu.
 
                                    Fussnoten
A1 Boetius, der Verfasser des Werkes »De consolatione philosophiae«, wurde des
Hochverrats angeklagt und auf Befehl des Teodorich nach langer Einkerkerung 62
n. Chr. zu Pavia getötet.
A2 Aus Virgils »Äneis«, 2. Gesang, V. 311 f.
 
                              Vierzehntes Kapitel.
                              Die Hunnenschlacht.
Karfreitagmorgen war angebrochen. Des Erlösers Todestag ward heute auf dem hohen
Twiel nicht in der stillen Weise begangen, wie es der Kirche Vorschrift
heischte. Des alten Moengal Ankunft hatte alle Zweifel gelöst, ob der Feind
herannahe; noch in später Nacht hatten sie Kriegsrat gehalten und waren eins
geworden, den Hunnen entgegenzurücken und sie in offenem Feldstreit zu bestehen.
    Trüb ging die Sonne auf, bald war sie wieder verhüllt. Sturmwind zog übers
Land und jagte das Gewölk, dass es sich über den fernen Bodensee niedersenkte,
als wenn Wasser und Luft eins werden wollten. Dann und wann schlug ein
Sonnenstrahl durch; es war des Frühlings noch unentschiedener Kampf mit des
Winters Gewalten. Die Männer hatten sich vom Lager erhoben und rüsteten zu des
ernsten Tages Arbeit.
    In seiner Turmstube ging Ekkehard schweigsam auf und nieder, die Hände zum
Gebet gefaltet. Ein ehrenvoller Auftrag war ihm geworden. Er sollte zum
versammelten Kriegsvolke die Predigt halten, bevor man auszöge zum Streit: da
betete er um Stärke und mutigen Flug der Gedanken, dass sein Wort werde zum
glühenden Funken, der in aller Herz die Flamme der Streitlust entfache.
    Plötzlich tat sich die Türe seines Gemaches auf. Herein trat die Herzogin
ohne Praxedis' Begleitung; einen faltigen Mantel hatte sie über das Morgengewand
umgeworfen als Schutz gegen die Kühle der Frühstunde, vielleicht auch, dass sie
den fremden Gästen unerkannt sein wollte, wie sie zum Turme schritt. Ein leicht
Erröten überflog sie, wie sie allein ihrem jungen Lehrer gegenüberstand.
    »Ihr zieht heute mit in den Kampf?« fragte sie.
    »Ich ziehe mit«, sprach Ekkehard.
    »Ich würd' Euch verachten, müsst' ich eine andere Antwort hören«, sprach die
hohe Frau, - »und Ihr habt wohl vorausgesehen, dass es nicht notwendig, Urlaub
von mir zu solchem Gang zu erbitten. Auch ans Abschiednehmen denkt Ihr nicht?«
fuhr sie mit leis vorwurfsvollem Ton fort.
    Ekkehard stand verlegen. »Es ziehen fürnehmere und bessere Männer heute aus
Eurer Burg«, sagte er; »die Äbte und die Edeln werden um Euch sein, wie konnt'
ich an besondern Abschied denken, auch wenn es ...« seine Stimme stockte.
    Die Herzogin schaute ihn an. Beide schwiegen.
    »Ich bring' Euch etwas, das Euch im Kampfe dienlich sein soll«, sprach sie
nach einer Weile. Sie trug unter ihrem Mantel ein kostbar Schwert in reichem
Wehrgehäng, ein milchweisser Achatstein erglänzte am Griff. »Es ist das Schwert
Herrn Burkhards, meines seligen Gemahls. Von allen Waffenstücken hielt er das am
höchsten. Mit der Klinge lassen sich Felsen spalten, sie splittert nicht, hat er
oft gesagt. Ihr sollt ihm Ehre machen!«
    Sie reichte ihm die Waffe dar. Ekkehard nahm sie schweigend hin. Schon trug
er den Harnisch unter der Kutte, jetzt schnallte er das Wehrgehäng um und fuhr
mit der Rechten nach dem Schwertgriff, als stünd' ihm bereits der Feind
gegenüber.
    »Und noch etwas«, sprach Frau Hadwig.
    An seidener Schnur trug sie ein goldgefasst Kleinod um den Hals, das zog sie
aus ihrem Busen; es war ein Kristall, der einen unscheinbaren Splitter barg.
»Wenn mein Gebet nicht ausreicht, so mög' Euch die Reliquie Schutz verleihen. Es
ist ein Splitter vom heiligen Kreuz, das die Kaiserin Helena einst aufgefunden.
Wo auch immer dies Heiligtum sein wird, da wird Friede sich einstellen und
Mehrung des Anwesens und Gesundheit der Luft180, so stand im Schreiben, mit dem
der griechische Patriarch die Echteit beglaubigte. Mög' es auch im Krieg Segen
spenden!«
    Sie neigte sich, dem Mönch das Kleinod umzuhängen. Er beugte sein Knie;
längst hing's um seinen Hals, er kniete noch. Sie streifte leicht mit der Hand
über sein lockig Haar, ein Zug von Milde und Wehmut lag über ihrem strengen
Antlitz - Ekkehard hatte vor dem Namen des heiligen Kreuzes sein Knie gebeugt,
jetzt war's ihm, als müsse er sich ein zweitesmal niederwerfen, niederwerfen vor
ihr, die so huldvoll seiner gedachte. Aufkeimende Neigung braucht Zeit, sich
über sich selbst klar zu werden, und in Dingen der Liebe hatte er nicht rechnen
und abzählen gelernt wie in den Versmassen des Virgilius, sonst hätte er sich
sagen mögen, dass, wer ihn aus des Klosters Stille zu sich gezogen, wer an jenem
Abend auf Hohenkrähen, wer am Morgen der Schlacht so vor ihm stand, wie Frau
Hadwig, jetzt wohl ein Wort aus der Tiefe des Herzens, vielleicht mehr als ein
Wort von ihm erwarten mochte.
    Seine Gedanken jagten sich, alle Pulse schlugen.
    Wenn früher etwas wie Liebe sich in ihm geregt, so war die Ehrfurcht vor
seiner Gebieterin herangetreten, es zurückjagend wie der Sturm, der dem scheu
zum Dachfenster herausschauenden Kind den Laden vor der Nase zuwirft. An die
Ehrfurcht dachte er jetzt nicht, eher daran, wie er die Herzogin einst mit
keckem Arm durch den Klosterhof getragen. Auch an sein Mönchsgelübde dachte er
nimmer, es regte sich in ihm, als sollt' er ihr in die Arme fliegen und sie
jauchzend ans Herz pressen - Herrn Burkhards Schwert brannte ihm an der Seite.
Wirf ab die Scheu, dem Kühnen gehört die Welt! War's nicht so in Frau Hadwigs
Augen zu lesen?
    Er stand auf, stark, gross, frei - so hatte sie ihn noch nie gesehen ... Aber
es war nur eine Sekunde, noch war kein Laut vom Sturm des Herzens über die
Lippen geflohen, da fiel sein Blick auf das dunkle Kreuz von Ebenholz, das
Vincentius einst in seiner Turmstube aufgehängt: »Es ist der Tag des Herrn, und
du sollst heute reden vor dem Volk!« - die Erinnerung an seine Pflicht schlug
alles nieder ...
    Es kam einmal ein Frost am Sommermorgen und Halm und Blatt und Blüten wurden
schwarz, bevor die Sonne drüber aufging ...
    Zag wie ehedem, ergriff er Frau Hadwigs Hand.
    »Wie soll ich meiner Herrin danken?« sprach er mit gebrochener Stimme.
    Sie schaute ihn durchbohrend an. Der weiche Zug war vom Antlitz entflogen,
die alte Strenge lagerte wieder auf der Stirn, als wolle sie antworten: »Wenn
Ihr's nicht wisst, ich werd's Euch nicht verkünden« - aber sie schwieg.
    Noch hielt Ekkehard ihre Rechte gefasst. Sie zog sie zurück.
    »Seid fromm und tapfer!« sprach sie, aus dem Gemache schreitend. Es klang
wie Hohn ...
    Kaum länger als einer braucht, um das Vaterunser zu beten, war die Herzogin
bei Ekkehard gewesen, aber es war mehr geschehen, als er ahnen mochte.
    Er schritt wieder in der Turmstube auf und ab; »Du sollst dich selbst
verleugnen und dem Herrn nachfolgen«: so war's in Benedikts Regel in der Zahl
der guten Werke mit aufgezählt - er wollte schier stolz sein auf den Sieg, den
er über sich errungen, aber Frau Hadwig war gekränkt die Stufen der Wendeltreppe
hinabgestiegen, und wo ein hochfahrend Gemüt sich verschmäht glaubt, da sind
böse Tage im Anzug.
    Es war die siebente Stunde des Morgens, da hielten sie im Hof von Hohentwiel
den Gottesdienst vor dem Auszug. Unter der Linde war der Altar aufgeschlagen,
die geflüchteten Heiligtümer standen drauf zum Trost der Gläubigen. Der Hof
erfüllte sich mit Gewaffneten, Mann an Mann standen die Rotten der Streiter, wie
Simon Bardo sie abgeteilt. Wie dumpf Gewitterrollen tönte der Gesang der Mönche
zum Eingang. Der Abt der Reichenau, so das schwarze Pallium mit weissem Kreuz
übergeworfen, zelebrierte das Hochamt.
    Hernach trat Ekkehard auf die Stufen des Altars; bewegt gleitete sein Auge
über die Häupter der Versammelten, noch einmal zog's ihm durch die Erinnerung,
wie er vor kurzer Frist im einsamen Gemach der Herzogin gegenübergestanden, dann
las er das Evangelium vom Leiden und Tod des Erlösers. Mählich ward seine Stimme
klar und hell, er küsste das Buch und gab's dem Diakon, dass er's zurücklege auf
dass seidene Kissen; sein Blick flog gen Himmel - dann hub er die Predigt an.
    Lautlos horchte die Menge.
    »Schier tausend Jahre sind vorüber«, rief er, »seit der Sohn Gottes sein
Haupt am Kreuzesstamm neigte und sprach: Es ist vollbracht! Aber wir haben der
Erlösung keine Stätte bereitet in unsern Gemütern, in Sünden sind wir gewandelt
und die Ärgernisse, die wir gaben in unserer Herzenshärtigkeit, haben gen Himmel
geschrieen.
    Darum ist eine Zeit der Trübsal emporgewachsen, blanke Schwerter blitzen
wider uns, heidnische Ungeheuer sind in christliches Land eingefallen.
    Aber statt zürnend zu fragen: Wie gross ist des Herren Langmut, dass er
solchen Scheusalen die liebreizende Heimaterde preisgibt? - klopfe ein jeglicher
an die Brust und spreche: Um unserer Verderbnis willen sind sie gesendet. Und
wollet ihr von ihnen erlöset sein, so gedenket an des Heilands tapfern Tod.
Fasset den Griff eurer Schwerter, so wie er einst das Kreuz fasste und hinaustrug
zur Schädelstätte, schauet auf und suchet auch ihr euer Golgata!! ...«
    Er deutete nach den Ufern des Sees hinüber. Dann strömte seine Rede in
Worten des Trosts und der Verheissung, stark wie der Schrei des Löwen im Gebirge:
    »Die Zeiten erfüllen sich, von denen geschrieben steht: Und wenn die tausend
Jahre zu Ende gehn, wird Satan aus seinem Kerker losgelassen werden und ausgehn,
zu verführen die Völker in den äussersten Gegenden der Erde - den Gog und den
Magog, und sie zum Streite versammeln. Ihre Zahl ist wie des Meeres Sand; sie
ziehen über die weite Erde daher, umringen das Lager der Streiter Gottes und die
geliebte Stadt. Aber Feuer fährt aus dem Himmel nieder und verzehrt sie, und der
Teufel, ihr Verführer, wird in den Schwefelsee geworfen, wo auch das Tier und
der Lügenprophet ist, und sie werden gequält werden Tag und Nacht bis in die
ewige Ewigkeit181.
    Und was der Seher auf PatmosA1 ahnend geoffenbart, das ist uns Bürgschaft
und Gewähr des Sieges, so wir sündegeläutert ausziehen zum Kampf. Lasset sie
anstürmen auf ihren schnellen Rossen, was verficht's? Zu Söhnen der Hölle hat
sie der Herr gestempelt, darum ist ihr Antlitz nur die Fratze von eines Menschen
Antlitz, die Ernte unserer Felder können sie niedertreten und die Altäre unserer
Kirchen schänden, aber den Arm gottesmutiger Männer können sie nicht bestehen.
    Seid eingedenk also, dass wir Schwaben allezeit vorfechten182 müssen, wo um
des Reiches Not gestritten wird; wenn es in andern Zeiten ein Greuel vor dem
Herrn wäre, an seinem Feiertag den Harnisch umzuschnallen, - heute segnet er
unsere Waffen und sendet seine Heiligen zum Beistand und streitet selber mit
uns, er, der Herr der Heerscharen, der den Blitz vom Himmel schmetternd
niederfahren heisst und die klaffenden Abgründe der Tiefe auftut, wenn die Stunde
der Erfüllung gekommen.«
    Mit erlesenen Beispielen ruhmreicher Kämpfe feuerte dann Ekkehard seine
Zuhörer an, und manche Faust presste den Speer und mancher Fuss hob sich
ungeduldig zum Abzug, wie er von Josuas Heerzug sprach, der unter des Herren
Schirm einunddreissig Könige schlug in der Landmark jenseits des Jordan, - und
von Gideon, der beim Schall der Posaunen ins Lager der Midianiter brach und sie
jagte bis Betseba und Tebbat - und vom Ausfall der Männer von Betulia, die
nach Judits ruhmreicher Tat die Assyrer schlugen mit der Schärfe des Schwerts.
    Zum Schluss aber rief er, was Judas, der Makkabäer, zu seinem Volk gerufen,
da sie bei Emaus ihr Lager schlugen wider des Antiochus Heer: »Umgürtet euch
drum und seid tapfere Männer und seid bereit, gegen den Morgen früh wider die
Völker zu streiten, die heranziehen, unser Heiligtum auszutilgen, denn es ist
uns besser, im Streit umzukommen, als das Elend sehen an unserm Heiligtum -
Amen!«
    Eines Augenblickes Länge blieb's still, wie er geendet; dann hob sich ein
Klirren und Klingen, sie schlugen Schwert und Schild aneinand, hoben die Speere
hoch und schwenkten die Feldzeichen - alte Sitte freudiger Zustimmung.
    »Amen!« scholl es tönend durch die Reihen, dann neigten sie die Kniee, das
Hochamt ging zu Ende; schauerlich klangen die hölzernen Klappern statt des
üblichen Glockentones zur Feier. Wer sich noch nicht in österlicher Andacht mit
dem Leib des Herrn gestärkt, trat vor zum Altar, ihn zu empfangen. Da rief's vom
Turm: »Waffen! Waffen! Feindio183! - Vom See kommt's schwarz herangezogen, Ross
und Reiter, Feindio! -« jetzt war kein Halt mehr und keine Ruhe, sie stürmten
nach dem Tor, wie vom Geist getrieben; kaum mochte Abt Wazmann den Segen
erteilen.
    So stürmt in unsern Tagen der wendische Fischer aus der Sonntagskirche, die
am rügianischen Dünengestad' sein Geistlicher hält, zur Zeit, wo des Herings
Heersäulen im Anzug sind. »Der Fisch kommt!« ruft die schildwache am sandweissen
Ufer, da wogt's und rennt's nach den Barken, verlassen steht der Prediger und
schaut ins Getümmel, da schneidet auch er der Andacht Faden ab und greift seine
Netze und eilt zum Schifflein, die Schuppenträger zu bekriegen ...
    Schlachtfroh rückten sie aus dem Hofe, in jedem Herzen jene Mark und Fibern
schwellende Spannung, dass es einem grossen Augenblick entgegengehe. Und waren der
Mönche von Sankt Gallen vierundsechzig, derer von Reichenau neunzig und an
Heerbannleuten mehr denn fünfhundert. Beim Feldzeichen der Sankt Gallischen
Brüder schritt Ekkehard; es war ein florverhüllt Kruzifix mit schwarzen Wimpeln,
da des Klosters Banner zurückgeblieben. Auf dem Söller der Burg stand die
Herzogin und liess ein weisses Tuch in die Lüfte wehen. Ekkehard wandte sich nach
ihr, aber ihr Blick mied den seinen und der Abschiedsgruss galt nicht ihm.
    Ans untere Burgtor hatten dienende Brüder den Sarg mit des heiligen Markus
Gebein getragen: Wer immer vorüberschritt, berührte ihn mit Schwert und
Lanzenspitze, dann ging's schweren Tritts den Burgweg hinab.
    In der weiten Ebene, die sich nach dem See hinstreckt, ordnete Simon Bardo
die Scharen seiner Streiter. Hei! wie wohlig war's dem alten Feldhauptmann, dass
statt der Kutte wieder der gewohnte Panzer sich um die narbenbedeckte Brust
schmiegte. Zu fremdartig geformter, spitz zugehender Stahlkappe kam er geritten,
sein breiter, edelsteingeschmückter Gürtel und der güldene Knauf des Schwertes
zeigten den ehemaligen Heerführer.
    »Ihr leset die Alten der Grammatika halber«, hatte er zu den Äbten gesagt,
die hoch zu Rotz bei ihm hielten, »ich hab' mein Handwerk von ihnen gelernt. Mit
Frontinus' und Vegetius'A2 guten Ratschlägen lässt sich noch heutigentages was
ausrichten. Für den Anfang soll's heut mit der Schlachtordnung der römischen
Legionen erprobt sein, dabei lässt sich am besten abwarten, wie sich der Feind zu
erkennen gibt. Wir können dann noch immer tun, wie wir wollen, die Sache geht
nicht in einer halben Stunde zu End'.«
    Er hiess die leichte Mannschaft der Bogenschützen und Schleuderer
vorausrücken; sie sollten den Waldsaum besetzen, vom Tannendickicht gegen
Reiterangriff geschützt. »Zielt nieder!« sprach er, »wenn ihr auch statt des
Mannes das Ross trefft, 's ist immer etwas!«
    Beim Klang der Waldhörner schwärmte die Schar vorwärts, noch war kein Feind
zu sehen.
    Die Männer des Aufgebots ordnete er in zwei Heersäulen; dichtgeschlossen,
den Speer gefällt und langsam rückten sie vor, von der vordern Säule zur zweiten
ein Abstand weniger Schritte. Der von Randegg und der dürre Fridinger führten
sie.
    Die Mönche hiess er zu einem Haufen zusammentreten und stellte sie in die
Rückhut.
    »Warum das?« fragte der Abt Wazmann; er kränkte sich, dass ihnen nicht die
Ehre des vordersten Angriffs zugeteilt ward.
    Da lächelte der Kriegserfahrene. »Das sind meine TriarierA3«, sprach er;
»nicht, weil altgediente Soldaten, wohl aber, weil sie um Rückkehr ins warme
Nest streiten. Von Haus und Hof und Bett verjagt sein, macht die Hiebe am
schwersten und die Stiche am tiefsten. Habt keine Sorge, die Wucht des Streites
kommt noch früh genug an die Mannschaft des heiligen Benediktus!«
    Die Hunnen hatten bei Tagesgrauen das Reichenauer Kloster geräumt. Die
Vorräte waren aufgezehrt, der Wein getrunken, die Kirche geplündert: ihr
Tagewerk war getan. Auf Heribalds Stirn ward manche Runzel glatt, wie der letzte
Reiter dem Tor entritt. Er warf ihnen ein Goldstück nach, das ihm der Mann von
Ellwangen im Vertrauen zugesteckt. »Landsmann«, hatte Snewelin zu ihm gesagt,
»wenn du hörst, dass mir ein Unglück zugestossen ist, so lass ein Dutzend Messen
für meine arme Seel' lesen. Ich hab's immer gut gemeint mit euch und euerm
Wesen, und dass ich unter die Heiden geraten bin, geschah mir, ich weiss selber
nicht wie. Der Ellwanger Boden ist leider zu rauh, als dass Heilige darauf
erwachsen können.«
    Aber Heribald wollte nichts von ihm wissen. Im Garten schaufelte er Knochen
und Asche der Verbrannten und ihrer Rosse zusammen und streute sie in den See,
während die Hunnen noch drüben einherzogen. »Kein Staub von einem Heiden soll
auf der Insel bleiben«, sprach er. Dann ging er in den Klosterhof und schaute
sich tiefsinnig den Platz an, wo er gestern zum Tanz gezwungen wurde.
    Der Hunnen Ritt ging durch den dunklen Tannwald dem Hohentwiel entgegen.
Aber wie sie sorglos dahintrabten, prallte da und dort ein Ross auf; Pfeile und
Schleuderkugeln, von unsichtbaren Schützen geschossen, fuhren in den Schwarm.
Der Vortrab wollte stutzig werden. »Was kümmert euch der Mückenstich?« rief
Ellak und spornte sein Ross, »vorwärts, die Ebene ist das Feld, der
Reiterschlacht!« Ein Dutzend seiner Leute hiess er mit dem Tross zurückbleiben zum
Geplänkel mit denen im Wald. Die Erde dröhnte vom Hufschlag der vorwärts
sausenden Horde; im Blachfeld breitete sich der Schwarm und sprengte mit Geheul
auf den anrückenden Heerbann. Weit voraus ritt Ellak mit dem hunnischen
Bannerträger, der schwenkte die grünrote Fahne über ihm, er aber hob sich hoch
im Sattel und tat einen wilden Schrei und schoss den ersten Pfeilschuss ab, auf
dass der Kampf nach altem Brauch eröffnet sei184. Es begann das Morden der
Feldschlacht. Aber wenig frommte es den schwäbischen Kriegern, dass sie
unerschüttert standhielten, ein starrender Lanzenwald; war der Reiter Angriff
abgeprallt, so kam aus der Ferne ein Pfeilregen geschwirrt; halb aufgerichtet im
Bügel standen die Hunnen trotz Rossestrab, den Zaum über des Gauls Nacken
geworfen zielten sie, der Schuss traf.
    Andere schwärmten von der Seite ein - weh dem Gefallenen, den seine Brüder
nicht in die Mitte nahmen.
    Da gedachten die Leichtbewaffneten vom Walde den Hunnen in den Rücken zu
brechen. Hörnerruf rief sie zur Sammlung, sie rückten vor - aber mit eines
Gedankens Schnelle waren die feindlichen Rosse gewendet, Pfeilregen prasselte in
die Anrückenden, sie stutzten, wenige schritten weiter, auch sie wurden
geworfen, nur Audifax marschierte vorwärts, die Pfeile zischten um ihn, er
schaute nicht auf und nicht zurück, er blies die Sackpfeife zum Angriff, wie es
seines Amtes war; so kam er mitten ins Gewühl der feindlichen Reiter.
    Da stockte sein Blasen - im Vorübersprengen hatte ihm einer die Schlinge um
den Hals geworfen und riss ihn an sich; widerstrebend schaute Audifax um, kein
einziger seines Häufleins war hinter ihm zu erspähen - »O Hadumot!« rief er
betrübt. Den Reiter jammerte des mutigen blonden Knaben, statt ihm das Haupt zu
spalten, hob er ihn zu sich aufs Ross und jagte mit ihm zurück. Von einem Hügel
gedeckt hielt der hunnische Tross. Hoch aufgerichtet stund die Waldfrau auf ihrem
Wagen und spähte hinaus in die wogende Schlacht, sie hatte die ersten
Verwundeten gepflegt und kräftige Heilsprüche gesungen über das rinnende Blut.
    »Ich bring' Euch einen, der kann die Feldkessel fegen!« rief der hunnische
Reiter und warf den Hirtenknaben vom Ross hinüber, dass er der Alten vor die Füsse
flog in den strohumflochtenen Korb des Wagens.
    »Willkommen, du giftiges Krötlein«, rief sie grimmig, »du sollst den Lohn
empfahen dafür, dass du den Kuttenmann auf meinen Fels gewiesen!« Sie hatte ihn
erkannt, zerrte ihn an der Schlinge zu sich und band ihn an des Wagens Gestell.
    Audifax schwieg. Aber bittere Tränen perlten im Auge, er weinte, nicht ob
seiner Gefangenschaft, er weinte ob abermals getäuschter Hoffnung. »O Hadumot!«
seufzte er abermals. - Verwichene Mitternacht war er bei der jungen Hirtin
gesessen, versteckt am glimmenden Herdfeuer: »Du sollst fest werden«, hatte
Hadumot gesagt, »gefeit gegen Hieb und Stich!« Sie hatte eine braune Schlange
zerkocht und ihm mit dem Fette Stirn und Schulter und Brust bestrichen. »Morgen
abend erwarte ich dich hier am selbigen Plätzlein, du kommst mir heil zurück.
Kein Eisen ist wider Schlangenfett!«
    Und Audifax hatte ihr die Hand gegeben und war so wohlgemut mit seiner
Sackpfeife ausgerückt in den Kampf - und jetzt! ...
    Noch wogte der Feldstreit draussen im Talgrund. Schier wankten die
schwäbischen Reihen, ermüdet des ungewohnten Fechtens. Bedenklich schaute Simon
Bardo drüber hin und schüttelte das Haupt: »Die schönste Strategie«, brummte er,
»ist vergeudet an diese Zentauren, - das sprengt ab und zu und schiesst aus der
Ferne, als wär' meine dreifache Schlachtordnung für nichts da; es täte wahrhaft
not, dass man des Kaiser LeoA4 Buch über die Taktik ein eigen Kapitel vom
Hunnenangriff zufügte!«
    Er ritt zu den Mönchen und schied sie wieder in zwei Heerhaufen; die von
Sankt Gallen sollten zur Rechten, die Reichenauer zur Linken des
Heerbanntreffens vorrücken, dann schwenken, dass der Feind, den Wald im Rücken,
in weitem Halbkreis eingeschlossen sei. »So wir sie nicht einklemmen, halten sie
nicht stand«, rief er und schwang sein breites Schlachtschwert; »auf und drauf
denn!«
    Wildes Feuer leuchtete aus aller Augen. Marschbereit standen die Reihen.
Jetzt warf sich noch ein jeglicher ins Knie, griff eine Scholle vom Boden auf
und streute sie rückwärts über sein Haupt, dass es geweiht und gefeit sei durch
die vaterländische Erde185, - dann ging's in Kampf.
    Die von Sankt Gallen stimmten den frommen Schlachtgesang »Media vita« an.
Notker, der Stammler, war dereinst durch die Schluchten beim heimischen
Martinstobel gestiegen, sie wölbten einen Brückenbogen herüber, über
schwindelnder Tiefe schwebten die Bauleute, da stand es als Bild vor seiner
Seele, wie zu unserem Leben jeden Augenblickes des Todes Abgrund aufgähnt, und
er dichtete das Lied. Jetzt galt's als Zaubersang, Schirm eigenen Lebens,
Untergang dem Feinde.
    Dumpf klang's von den anrückenden Männern in die Hunnenschlacht:
»Ach, unser Leben ist nur ein halbes Leben!
Des Todes Boten ständig uns umschweben.
Wen mögen wir als Helfer uns erflehen,
Als dich, o Herr! den Richter der Vergehen?
Heiliger Gott!«
und vom andern Flügel sangen die Reichenauer Mönche entgegen:
»Dein harrten unsre Väter schon mit Sehnen,
Und du erlöstest sie von ihren Tränen,
Zu dir hinauf erging ihr Schreien und Rufen,
Du warfst sie nicht von deines Trones Stufen
Starker Sott!«
und von rechts und links klang's zusammen - schon tönte Schwertieb und dumpfer
Fall Getroffener dazwischen:
»Verlass uns nicht, wenn Unkraft uns befallen,
Wenn unser Mut entfleucht, sei Stab uns allen:
O gib uns nicht dem bittern Tod zum Raube,
Barmherz'ger Gott, du unser Hort und Glaube!
Heiliger Gott, heiliger starker Gott!
Heiliger barmherziger Gott, erbarme dich unser186!«
    So standen sie im Handgemeng'. Staunig hatten die Hunnen die herannahenden
dunkeln Scharen erschaut, Geheul und der zischende teuflische Ruf: »Hui! hui187
!« war ihre Antwort auf die »Media vita«, auch Ellak teilte seine Reiter zum
Angriff und ringsum tobte der Kampf. Drein gespornte Rosse durchbrachen das
schwache Häuflein derer von Sankt Gallen, grimmes einzelnes Streiten begann, es
rang die Kraft mit der Schnelle, germanische Ungelenkheit mit hunnischer List.
    Da trank die Hegauer Erde manch frommen Mannes Blut. Tutilo, der Starke, lag
erschlagen, er hatte eines Hunnen Ross unterlaufen, den Reiter an den Füssen
heruntergerissen und schwang den Krummgesichtigen durch die Lüfte, ihm das Haupt
an einem Feldstein zerschmetternd - aber ein Pfeil flog dem greisen Künstler
durch die Schläfe, wie Siegsgesang himmlischer Heerscharen ertönte es durchs
wunde Gehirn, dann sank er auf den erschlagenen Feind. Sindolt, der Böse, sühnte
mit der Wunde auf der Brust manch schlimme Tücke, die er sonst an den Gefährten
geübt; nichts frommte es dem Schotten Dubslan, dass er sich dem heiligen
Minwaldius vergelübdet, barfuss gen Rom zu wallfahren, wenn er ihn heut beschütze
- durchschossen trugen sie ihn aus dem Getümmel.
    Wie's von Hieben auf die Helme prasselte, gleich Hagelschlag auf lockres
Schieferdach, da zog Moengal, der Alte, die Kapuze übers Haupt, dass er nicht zur
Rechten schaue und nicht zur Linken, sein Speer war verworfen: »Heraus jetzt,
alte Cambutta!« rief er ingrimmig und schnallte die Keule los, die über den
Rücken gefestigt ihn begleitet, und stand im Gewühl wie ein Drescher in der
Tenne. Lang' schon war ein Reiter um ihn geschwärmt, »Kyrie eleison!« sang der
Alte und schlug des Rosses Schädel entzwei, mit gleichen Füssen sprang der Reiter
zur Erde, ein leichter Hieb von krummem Säbel streifte Moengals Arm. »Hoiho!«
schrie er auf, »im Lenzmonat ist gut Aderlassen, sieh dich für, Ärztlein!« und
er tat einen Keulenschlag, als wollt' er seinen Gegner klaftertief in die Erde
hineinschlagen. Der Hunnenkämpe bog dem Hieb aus, da fiel der Helm - ein
rotbackig Gesicht schaute zu dem Keulenschwinger hinüber, wallendes Hauptaar
quoll drüber vor, von rotem Band durchflochten; eh' er einen zweiten Hieb
führte, sprang's an Moengal hinauf wie eine Tigerkatze, das junge Gesichtlein
hob sich vor dem seinen, als sollt' ihm in alten Tagen noch eines Kusses
Gelegenheit beschert sein - da fuhr ein Biss in seine Wange, scharf und gut, er
umfasste den Angreifer - das war wie weibliche Hüften. »Weiche von mir, Unhold«,
rief er, »hat die Hölle auch Teufelinnen ausgespien?« da sass ein zweiter Biss auf
der linken Wange, gestörtes Gleichmass herzustellen. Er fuhr zurück, sie lachte
ihn an, ein ledig Ross sprang vorüber - eh' Moengal, der Alte, die Keule wiederum
gehoben, sass Erica im Sattel und ritt davon wie ein Traum der Nacht, wenn der
Hahn kräht ...
    Beim Heerbann im Mitteltreffen focht Herr Spazzo, der Kämmerer, als Führer
einer Rotte. Das langsame Vorrücken hatte ihm behagt, wie der Kampf aber gar
kein Ende nehmen wollt' und alles ineinand verbissen war, wie Meute und Edelwild
auf der Hetzjagd, da ward's ihm schier zu viel. Eine idyllische Stimmung kam
über ihn mitten unter Tod und Todesnot. Erst wie ihm einer im Vorbeireiten den
Helm als Beutestück abriss, ward er aufgerüttelt aus seiner Betrachtung, und wie
derselbe, den Versuch erneuernd, ihm auch noch den Mantel wegzerren wollte, rief
er unwillig: »Ist's noch nicht genug, du Scharfschütz des Teufels?« und tat
einen Stich nach ihm, dass des Hunnen Schenkel von der langen Schwertklinge an
sein Ross angeheftet ward. Jetzt gedachte er, ihm den Todesstoss zu geben, doch
wie er sein Antlitz schaute, war es also hässlich, dass er beschloss, ihn als
lebendige Erinnerung des Tages seiner Gebieterin mitzubringen. Da machte er den
wunden Mann zum Gefangenen; er hiess Cappan und schmiegte seinen Hals unter Herrn
Spazzos Arm, als Zeichen der Unterwerfung, und grinste mit den weissen Zähnen,
wie ihm sein Leben geschenkt ward.
    Gegen die Brüder der Reichenau führte Hornebog seinen Schwarm. Dort hielt
der Tod reiche Ernte. Des Klosters Mauern glänzten fern aus dem See herüber zu
den Streitern, wie eine Mahnung zu wuchtigem Dreinschlag, und der Hunnen
mancher, der in Schwertes Bereich kam, merkte, dass er auf schwäbischem Boden
stund, wo der Streiche gediegenste wild wachsen wie die Erdbeeren im Wald. Doch
auch in der Brüder Reihen ward's lichter: da ruhte Quirinus, der Schreiber, für
immer vom Schreibkrampf, der die Lanze in seiner Rechten zittern gemacht, da
sank Wiprecht, der Sternkundige, und Kerimold, der Meister im Forellenfang, und
Wittigowo, der Bauverständige - wer kennt sie alle, die Namenlosen, die
freudigen Todes starben?
    Nur einem gedieh ein hunnischer Pfeil zum Heile; das war der Bruder
Pilgeram. Zu Köln am Rhein war er geboren und hatte seinen Wissensdurst und
einen mächtigen Kropf auf Pirmins Eiland getragen, der frömmsten und
gelahrtesten Mönche einer, doch wuchs sein Kropf, und über Aristoteles' »Etik«
war er tiefsinnig geworden, dass Heribald oft mitleidig zu ihm gesagt: »Pilgeram,
du dauerst mich!« Jetzt durchschnitt ihm ein Pfeil des Halses Überhang: »Fahr'
wohl, Freund meiner Jugend!« rief er und sank. Doch war's keine schwere Wunde,
und wie er wieder erwachte, war's leicht am Hals und leicht im Kopf, und seinen
Aristoteles schlug er zeitlebens nimmer auf.
    Am das sankt-gallische Feldzeichen war ein erlesen Häuflein geschart. Noch
flatterten die schwarzen Wimpel vom Bild des Gekreuzigten, aber der Kampf war
hart. Mit Wort und Tat feuerte Ekkehard die Genossen an, Widerpart zu halten; es
war Ellak selber, der gegen sie anritt. Leichen erschlagener Männer und Rosse
lagen in wildem Durcheinander; wer überlebte, hatte seine Schuldigkeit getan,
und wo alle brav, ragt keine Einzeltat, besonderen Ruhm erheischend aus dem
Geschehenen herfür. Herrn Burkhards Schwert hatte in Ekkehards Händen neue
Bluttaufe errungen, doch vergeblich war er auf Ellak, den Heerführer,
eingedrungen, nur wenig Hiebe wechselten sie, da trennte das Wogen der Schlacht
die Streitenden. Schon wankte das hochgehaltene Kreuz, von unablässigen
Geschossen umschwirrt - da ging durch die Reihen ein Schrei des Staunens: vom
Hügel, der den Turm von Hohenfridingen trägt, kamen zwei Reiter gesprengt, fremd
an Gestalt und Rüstung. Schwerfällig und mächtigen Umfangs sass der eine zu Ross,
von veralteter Form war Schild und Harnisch, doch verblichene Vergüldung zeigte
den vornehmen Kriegsmann. Ein goldner Reif schlang sich um den Helm, vom roten
Busch umwallt. Der Mantel flog im Wind; den Speer eingelegt, ritt er einher, ein
Bild aus alten Zeiten, wie der König Saul in Folkards Psalmenbuch, da er
ausreitet wider David188. Sorgsam ihm zur Seite ritt der andere, zu Schirm und
Deckung bereit als getreuer Dienstmann.
    »Der Erzengel Michael!« rief's in der christlichen Heerschar, und sie fassten
zu neuer Kraft sich zusammen. Die Sonne leuchtete auf des fremden Reitersmannes
Gewaffen wie Verheissung des Siegs - jetzt waren die zwei im Getümmel, als wollte
der Goldgerüstete einen Gegner suchen. Der blieb ihm nicht aus. Wie ihn des
Hunnenführers scharfes Auge erschaut, war auch schon sein Ross ihm
entgegengewandt, des fremden Rittersmannes Speer fuhr an ihm vorüber, schon hub
Ellak das Schwert zu tödlichem Hieb. Doch der Dienstmann warf sich dazwischen,
sein breites Schlachtschwert erreichte nur des Hunnen Ross, da beugte er sein
Haupt vor und fing den Schlag, der dem Gebieter galt; in den Hals getroffen ging
der treue Schildknappe in Tod.
    In klirrendem Fall rasselte Ellaks Pferd zu Boden, doch eh' der Schall
verhallt war, stund der Hunne wieder aufrecht, der unbekannte Kämpe schwang den
Streitkolben, ihn zu zerschmettern, Ellak, den linken Fuss auf den erschlagenen
Renner gestemmt, presste ihm mit nerviger Faust den Arm zurück und strebte ihn
vom Saul zu reissen: Mann an Mann hub sich ein Ringen der beiden Gewaltigen, dass
die Kämpfer ringsum, die Schlachtarbeit einstellend, hinüberschauten.
    Jetzt hatte Ellak in listiger Wendung das kurze Halbschwert gegriffen, das
ihm nach hunnischem Brauch zur Rechten hing, aber wie er zu neuem Stoss ausholte,
senkte sich schwer und langsam seines Gegners Streitkolben auf sein Haupt - noch
führte die Faust des Getroffenen den Stoss, dann fuhr sie zur Stirn, Blut
überströmte sie, auf sein Streitross taumelte der Hunnenführer nieder und
verhauchte unwillig sein Leben.
    »Hie Schwert des Herrn und Sankt Michael!« scholl's brausend jetzt von Mönch
und Heerbannleuten, zu letztem verzweifeltem Angriff drangen sie vor, noch war
der Goldgerüstete der vorderste im Treffen. Des Anführers Fall schuf den Hunnen
panischen Schreck, rückwärts wandten sie sich, rückwärts in toller Flucht.
    Schon hatte die Waldfrau des Feldstreits Ausgang erspäht, die Rosse standen
geschirrt, sie warf einen zornmütigen Blick auf die anrückenden Mönche und ihren
heimatlichen Fels, und scharfen Trabes fuhr sie dem Rheine zu, der Tross ihr nach
- zum Rhein! war die Losung der fliehenden Reiter; zuletzt und ungern kehrte
Hornebog mit den Seinen der Schlacht und dem hohen Twiel den Rücken. »Auf
Wiedersehen übers Jahr!« rief er höhnend zu den Reichenauer Männern.
    Der Sieg war errungen. Doch der, den sie als Erzengel wähnten, vom Himmel
niedergestiegen aufs hegauische Blachfeld, neigte sein schweres Haupt auf des
Streitrosses Rücken, Zügel und Kolben entsanken den Händen, war's des Hunnen
letzter Stoss, war's Erstickung in Hitze des Kampfes - sie huben ihn als einen
Toten vom Ross. Sein Visier war gelüftet, ein freudig Lächeln schwebte um das
runzelgefurchte mächtige greise Haupt ... von dieser Stunde hatte des Alten aus
der Heidenhöhle Kopfweh ein End'. Er hatte in ehrlichem Reiterstod die Schuld
vergangener Zeiten gesühnt, das schuf ihm ein fröhlich Sterben.
    Ein schwarzer Hund lief suchend über die Walstatt, bis er des Alten Leichnam
gefunden, und leckte ihm wehmütig heulend die Stirn, und Ekkehard stand dabei,
die Träne im Aug', und sprach das Gebet um's Heil seiner Seele ...
    Mit Tannenreis am Helm zogen die Sieger auf ihre Bergfeste zurück. Der
Mönche zwölf liessen sie unten im Tal, Totenwache auf der Walstatt zu halten; und
waren im Streit gefallen der Hunnen einhundertundachtzig, des schwäbischen
Heerbanns sechsundneunzig, derer von der Reichenau achtzehn, derer von Sankt
Gallen zwanzig, der Alte und Rauching, sein Dienstmann.
    Mit verbundener Wange schritt Moengal übers Feld, auf seine Keule wie auf
einen Wanderstab sich stützend. Er beschaute die Erschlagenen. »Hast du keinen
Hunnen drunter getroffen, der eigentlich eine Hunnin ist?« fragte er einen der
wachehaltenden Brüder.
    »Nein!« war der Bescheid.
    »Dann kann ich heimgehen!« sprach Moengal.
 
                                    Fussnoten
A1 Auf der Sporaheninsel Patmos soll Johannes seine »Offenbarung« geschrieben
haben.
A2 Römische Kriegsschriftsteller des 1. und 5. Jahrhunderts. -
A3 Das aus den erfahrensten Soldaten bestehende dritte Treffen.
A4 Leos VI., des Weisen, Kaisers von Byzanz 886-911.
 
                              Fünfzehntes Kapitel.
                                   Hadumot.
Die Nacht ging zu Ende. Lang und bang war sie für die gewesen, denen der
Walstatt Hut anvertraut worden. Unheimlich Grauen lag über Erde und Menschen.
»Der Herr sei ihrer Seele gnädig!« so tönte leiser Ruf des Wächters durch die
Stille des Gefildes. »Und erlöse sie von des Fegfeuers Pein, Amen!« antwortete
es vom Waldessaum, wo die Gefährten ums Wachfeuer kauerten. Schwere Schatten der
Nacht deckten die Erschlagenen, als wolle der Himmel mitleidig verhüllen, was
der Menschen Hände da unten geschafft. Dann jagten die Wolken von dannen, als
wären sie selber von Grauen getrieben über den Anblick unter ihnen - andere
folgten, auch sie zogen fort, Gestalt und Formen wechselnd, verlierend, in neue
übergehend ... Alles ist unstet, nur im Tod ewige eherne Ruhe. Die auf dem
Blachfeld lagen still, Freund und Feind, wie das Wogen des Streits sie gebettet.
    Eine Gestalt sah der Wächter über die Walstatt huschen, wie die eines
Kindes. Sie beugte sich nieder und ging weiter und beugte sich abermals und
wandelte auf und ab, aber es grauste ihm, sie anzurufen. Er stand wie gebannt.
Es wird der Engel sein, der die Stirn der Toten zeichnet mit dem Buchstaben, auf
dass man sie erkenne, wann der Geist dereinst ihr Gebein anbläst, dass sie wieder
leben und auf den Füssen stehen und ein Heer sind wie ehedem; so dachte er nach
dem Bild des Propheten, bekreuzte sich und schwieg. Die Gestalt verschwand aus
seinen Augen.
    Der Morgen graute, da kamen viel Männer vom Heerbann, die Mönche abzulösen.
Die Herzogin sandte sie. Herr Simon Bardo war zwar nicht einverstanden. »Sieg
ist nur halber Sieg, so er nicht benutzt wird, wir müssen den Fliehenden
nachrücken, bis der Letzte von ihnen getilgt ist«, hatte er gesagt. Aber die
Mönche drangen auf Rückkehr, der Ostertage wegen, und die andern sprachen: »Bis
wir die mit ihren schnellen Rossen einholen, mögen wir weit ziehen, sie sind
gekommen, wir haben sie gehauen, kommen sie wieder, sind neue Hiebe vorrätig -
die Arbeit von gestern ist ihrer Ruhe wert.« Da ward beschlossen, die Toten zu
begraben vor Anbruch des Osterfestes.
    Die Männer trugen Karst und Spaten und schaufelten zwei grosse Gräber. Es war
eine verlassene Kiesgrube seitwärts im Feld, die weiteten sie aus zu geräumigem
Ruheplatz. Dortin trugen sie der Hunnen Leichname. Waffen und Rüstung wurden
abgetan und gesammelt, viel Traglasten von Beutestücken. Und sie warfen die
Toten in die Grube, sonder Rücksicht, wie sie gebracht wurden - es war ein wild
verschlungener Knäuel von Gliedmassen, Ross und Menschen durcheinander verstrickt,
ein Gewühl wie beim Höllensturz der abtrünnigen Engel. Die Tiefe füllte sich.
Einer der Schaufelnden kam und brachte ein einzeln Haupt; grimmig schaute es
drein, mit so zerspellter Stirn. »Es wird auch zu den Heiden gehören und mag
seinen Rumpf suchen!« rief er und schleuderte es zu den Leichen.
    Wie das ganze Feld abgesucht und kein hunnischer Mann mehr zu finden war,
scharrten sie die Grube zu; es war ein Begräbnis ohne Sang und Klang - nur
etliche Flüche tönten als Nachruf hinab und Raben und Raubvögel krächzten heiser
drein; die in den Felsspalten des hohen Krähen nisteten, waren herübergeflogen,
und die im Tannwald horsteten, auch Moengals Habicht war dabei, sie wollten
Einsprache erheben, dass die Beerdigung sie verkürze. Dumpf dröhnten die
Erdschollen und Kieselgesteine in das weite Grab. Dann kam der Diakon von Singen
mit dem Kessel geweihten Wassers, den Geviertraum schritt er auf und nieder und
besprengte ihn zur Bannung der Dämonen und Niederhaltung der fremden Toten in
der fremden Erde.
    Ein verwittert Felsstück war vorzeiten vom Hohentwieler Berg abgelöst zu Tal
gestürzt, das wälzten sie aufs Hunnengrab, dann wandten sie sich schauernd von
der Stätte und richteten das zweite Grab. Das sollte die gebliebenen Söhne des
Landes empfangen. Für die Erschlagenen geistlichen Standes war die Klosterkirche
auf Reichenau zum Ruheplatz bestimmt.
    Zur selben Stunde, in der gestrigen Tags der Kampf begonnen, stieg ein
düsterer Zug vom hohen Twiel hernieder. Es waren die Männer, so die Schlacht
geschlagen. In derselben Ordnung rückten sie an, aber ihr Schritt war langsam
und ihre Banner trauerfarben. Auf den Zinnen der Burg war die schwarze Fahne
aufgezogen. Auch die Herzogin ritt mit hernieder, streng und ernst kleidete sie
der dunkle Mantel. Die toten Mönche trugen sie auf Bahren herzu und stellten sie
zu seiten des grossen Grabes ab, auf dass auch sie teilnähmen an der letzten Ehre
der Kampfgenossen. Wie die Litanei verklungen, trat der Abt Wazmann ans offene
Grab, er rief den sechsundneunzig, die blass und still drin geschichtet lagen,
den letzten Gruss und Dank der Überlebenden hinab: »Ihr Gedächtnis sei gesegnet
und ihr Gebein grüne an seinem Ort! Ihr Name bleibe in Ewigkeit und die Ehre der
heiligen Männer komme auf ihre Kinder!« so sprach er mit den Worten des
Predigers, dann tat er den ersten Erdwurf hinunter, die Herzogin nach ihm, dann
die andern der Reihe nach. Drauf feierliche Stille. Vom Grab der Brüder hinweg
wollten die, so gestern vereint gestritten, auseinandergehen; manch hartes
Antlitz ward gerührt, Kuss und Handschlag gewechselt, dann zogen zuerst die von
der reichen Au nach ihrem Kloster. Die Bahren ihrer Toten wurden mit ihnen
getragen, Brüder mit brennenden Kerzen schritten psalmsingend zur Seite, auch
des Alten aus der Heidenhöhle kampfmüden Leichnam führten sie mit sich,
gesenkten Hauptes ging das Streitross des ungekannten Kriegsmannes, mit schwarzem
Tuch umhangen, im Zug - es war ein düstrer Anblick, wie das Totengeleite mählich
ins Waldesdunkel einbog.
    Dann nahmen die vom Heerbann Abschied von der Herzogin. Der dürre Fridinger,
den Arm in der Binde, führte eine Schar landabwärts, nur der von Randegg mit
etlichen Leuten sollte als Besatzung des hohen Twiel zurückbleiben.
    Bewegt schaute Frau Hadwig den Abziehenden nach. Dann ritt sie langsam übers
Schlachtfeld. Sie war gestern auf dem Turm der Burg gestanden und gespannten
Auges dem Toben des Kampfes gefolgt. Itzt musste ihr Herr Spazzo noch vieles
erklären. Dem kam's auf etliche Übertreibungen nicht an, aber sie war's
zufrieden. Mit Ekkehard sprach sie nicht.
    ... Wie auch sie heimgeritten, war's wieder still und öde auf dem Plan, als
wär' nichts geschehen. Nur hufzerstampftes Gras, feucht rötliche Erde und die
zwei grossen Gräber gaben Zeugnis von der Ernte, die der Tod hier gehalten. Hat
nicht lange gedauert, so ist das Blut aufgetrocknet und das Gras neu gewachsen,
über die Hügel der Toten hat sich Moos gesponnen und Gestrüpp, Vögel und Wind
haben Samenkorn hingetragen und Busch und Bäume sind üppig aufgespriesst - wo
Tote so liegen, gedeiht der Pflanzen Wuchs. - Aber unverwischt lebt die Kunde
von der Hunnenschlacht in den nachgeborenen Geschlechtern189, den »Heidenbuck«
heisst der Mann im Hegau den Hügel, den der Felsblock als Grabplatte deckt, und
in der Nacht vom Karfreitag geht keiner dort durchs Tal. Da gehört Erde und Luft
den Toten; sie steigen aus dem alten Grab, hier schwärmen die kleinen Rosse
wieder, dort rücken im Keil die Streiter zu Fuss an, und der Harnisch blitzt
unter verwittertem Mönchsgewand, Waffengelärm und wilder Kampfruf weht durch den
Sturm, tosend schwingt sich die Geisterschlacht durch die Lüfte; da kommt
plötzlich von der Insel im See einer dreingesaust im güldenen Harnisch auf
schwarzem Ross, der jagt sie hinunter in kühle Ruhe - noch will sich der
Hunnenführer gegen ihn wehren und schwingt zürnend sein krummes Schwert, da
fährt ihm der Streitammer aufs Haupt, auch er muss hinab ... und alles ist still
wie zuvor, nur der Birke junges Laub zittert im Winde ...
    Ostersonntag ging trüb und ernst vorbei. Des Abends sah Frau Hadwig im Saal
mit Ekkehard, Herrn Spazzo, dem Kämmerer, und dem von Randegg. Es ist zu denken,
was sie sprachen. Die grosse Geschichte der letzten Tage klang in aller Reden
wider gleich dem Schall am Lurleifelsen: hat er an der einen Wand ausgehallt, so
hebt sich ein dumpfes Rollen an der benachbarten, und in ferner Schlucht
wiederholt sich's und will nirgend ein Ende nehmen.
    Der Abt von der Reichenau hatte einen Boten geschickt, zu vermelden, wie sie
das Kloster in mässiger Verwüstung, doch vom Feuer unzerstört, angetroffen, mit
geweihtem Wasser und Umtragung der heiligen Gebeine die hunnischen Spuren
getilgt, die Beisetzung ihrer Toten abgehalten.
    »Und der zurückgebliebene Bruder?« fragte die Herzogin.
    »An dem hat Gott der Herr erwiesen, dass seine Allmacht inmitten von Krieg
und Feindesschwert auch einfältiger Gemüter nicht vergisst. An der Schwelle stand
er bei unserer Rückkunft, als wär' ihm nichts begegnet. Wie haben dir die Hunnen
gefallen? rief ihm einer zu. Da sprach er mit dem wohlbekannten Lächeln: Eia,
sehr gut haben sie mir gefallen. Niemals hab' ich vergnügtere Leute gesehen, und
Speise und Trank messen sie ganz menschenfreundlich zu - der Pater Kellermeister
hat zeitlebens meinen Durst Durst sein lassen, die gaben mir Wein die Hülle und
Fülle - und wenn sie mich auch mit Faustschlag und Backenstreich geschädigt, so
haben sie's mit dem Wein wieder gutgemacht - und das tät' keiner von euch. Nur
die Disziplin fehlt ihnen, und sich still verhalten in der Kirche haben sie auch
nicht ganz gelernt ... Er wisse noch manches zum Preis der fremden Gäste, hat
Heribald weiter gesprochen, aber nur im Beichtstuhl werd' er's offenbaren ...«
    Frau Hadwig war noch nicht zur Heiterkeit gestimmt. Gnädig entliess sie den
Boten. Sie gab ihm das geringelte Panzerhemd und den Schild des erschlagenen
Hunnenführers mit, auf dass es in der Klosterkirche aufgehängt werde als ewiges
Wahrzeichen. Das Schiedsrichteramt bei Verteilung der Beute war ihr zugewiesen.
    Herr Spazzo, dessen Zunge seiter nicht müssig war, seine Kriegstaten zu
rühmen - und die Zahl der von ihm Erschlagenen wuchs mit jeder neuen Erzählung
gleich einer Lawine - sprach würdig: »Ich habe auch noch ein Beutestück -
einzuliefern, es ist meiner gnädigen Herrin bestimmt.«
    Er schritt hinab zu den untern Kammern, dort lag Cappan, sein Gefangener,
auf dem Stroh, seine Wunde war verbunden und nicht gefährlich. »Steh auf, Sohn
des Teufels!« rief Herr Spazzo und gab ihm einen unsanften Stoss. Der Hunn' erhob
sich und schnitt ein zweifelhaft Gesicht, er schätzte seine Lebensdauer auf
keine allzulange Zeit mehr; an einem Krückenstock hinkte er durch die Stube.
»Vorwärts!« deutete ihm Herr Spazzo und führte ihn hinauf. Er marschierte in den
Saal ein. »Halt!« rief Herr Spazzo. Da stand der Unglückliche still und liess
verwundert seine Augen Umschau halten.
    Teilnehmend besah Frau Hadwig das fremde Menschenkind. Auch Praxedis war
herbeigekommen: »Schön ist Euer Beutestück nicht«, hatte sie zu Herrn Spazzo
gesagt, »aber merkwürdig.« Die Herzogin faltete ihre Hände: - »Und vor dieser
Nation hat das deutsche Land gezittert!« sprach sie.
    »Die Menge schuf den Schreck und ihr Zusammenhalten«, sagte der von Randegg,
»sie werden nimmer wiederkommen.«
    »Seid Ihr des so gewiss?« sagte sie spitzig.
    Der Hunn' verstand nicht viel vom Gespräch. Sein wunder Fuss schmerzte, er
wagte nicht, sich niederzulassen. Praxedis sprach ihn griechisch an, er schwieg
scheu und schüttelte sein Haupt. Sie begann durch Zeichen und Winke ein
Verständnis anzuknüpfen - er liess sich nicht darauf ein. »Erlaubet«, sprach sie
zur Herzogin, »ich weiss doch ein Mittel, ihm ein Lebenszeichen abzugewinnen, in
Konstantinopel hab' ich davon erzählen gehört.« Sie huschte aus dem Saal und
erschien wieder, einen Becher tragend, spöttisch kredenzte sie den dem stummen
Gefangenen.
    Es war ein stark Wasser, gebrannt aus Kirschen und Steinobst; der selige
Burgkaplan Vincentius hatte manch solches Essenzlein bereitet. Da verklärte sich
des Hunnen Antlitz, die stumpfe Nase sog den Duft ein, er leerte den Becher, als
ob er's für einen Friedenstrunk ansehe, die Arme über die Brust gekreuzt, warf
er sich vor Praxedis nieder und küsste ihren Schuh.
    Sie gab ihm ein Zeichen, dass die Huldigung der Herzogin gebühre, da wollte
er auch dort seinen Dank wiederholen, Frau Hadwig aber wich zurück und winkte
dem Kämmerer, dass er seinen Mann abführe.
    »Ihr habt närrische Einfälle«, sprach sie zu Herrn Spazzo, wie er
zurückkehrte, - »doch war's artig, dass Ihr in währendem Streite meiner
gedachtet.«
    Ekkehard sass währenddem stumm am Fenster und schaute ins Land hinaus. Herrn
Spazzos Art verdross ihn. Auch Praxedis hatte ihm weh getan. Uns zu demütigen,
dachte er, hat der Herr die Kinder der Wüste herübergesandt, - eine Mahnung zu
lernen und in sich zu gehen und auf den Trümmern des Vergänglichen dem sich
zuzuwenden, was mit dem Hauch des Ewigen gefeit ist; - noch liegt die Erde
frisch auf dem Grab der Gefallenen, und schon treibt das Völklein wieder seine
Spässe, als wär' alles nur Schaum und Traum gewesen ...
    Praxedis war zu ihm herangetreten. »Warum habt Ihr uns nicht auch ein
Angedenken aus der Schlacht mitgebracht, Professor?« sprach sie leicht. »Es soll
eine sonderbare hunnische Amazone drin herumgetobt haben, so Ihr die gefangen,
hätten wir jetzt ein Pärlein.« »Ekkehard hat an Höheres zu denken als an
hunnische Frauen«, sprach die Herzogin in bitterm Ton, »und er weiss zu schweigen
wie einer, der ein Gelübde getan. Was brauchen wir zu erfahren, wie es ihm in
der Schlacht erging?«
    Die schneidige Rede kränkte den Ernsten. - Scherz zu unrechter Zeit wirkt
wie Essig auf Honigseim. Er ging schweigend hinaus, holte Herrn Burkhards
Schwert, entblösste es seiner Scheide und warf's unwillig auf den Tisch vor Frau
Hadwig. Frischrote Flecken glänzten feucht auf der braven Klinge und junge
Scharten waren in den Rand gehauen. »Ob der Schulmeister müssig ging«, sprach er,
»mag der da bezeugen! ich hab' meine Zunge nicht zum Herold meiner Tat ernannt.«
    Die Herzogin war betroffen. Sie trug noch einen Missmut auf dem Herzen, es
zuckte und drängte, ihm zürnend Luft zu schaffen - aber das Schwert Herrn
Burkhards weckte mannigfache Gedanken, sie hielt den Groll an sich und reichte
Ekkehard die Hand.
    »Ich wollt' Euch nicht kränken«, sprach sie.
    Die Milde der Stimme klang ihm vorwurfsvoll, er zögerte, die dargebotene
Rechte zu ergreifen. Schier hätt' er um Verzeihung gebeten für seine Rauheit,
aber das Wort stockte ihm; - da ging die Türe des Saales auf, es ward ihm alles
Weitere erspart.
    Hadumot, das Hirtenkind, trat ein. Schüchtern stand sie am Eingang,
übernächtig und verweint das Antlitz; sie getraute sich nicht zu reden.
    »Was hast du, arm Kind?« rief Frau Hadwig. »Komm näher!«
    Da ging die Hirtin vorwärts. Sie küsste der Herzogin Hand. Dann ersah sie
Ekkehard, dessen geistlich Gewand ihr Scheu einflösste, sie nahte sich auch ihm,
seine Hand zu küssen, sie wollte reden, Schluchzen hemmte die Stimme.
    »Fürcht' dich nicht«, sprach die Herzogin tröstend. Da fand sie Worte.
    »Ich kann die Gänse nimmer hüten«, sprach sie, »ich muss fortgehen. Du sollst
mir ein Goldstück schenken, so gross du eines hast. Wenn ich wieder heimkomm'
will ich zeitlebens dafür schaffen. Ich kann nichts dafür, dass ich fort muss.«
    »Warum willst du fort, Kind?« fragte die Herzogin, - »haben sie dir was
Leides getan?«
    »Er ist nicht mehr heimgekommen.«
    »Es sind viele nicht mehr heimgekommen; darum musst du nicht fort. Die
draussen blieben, sind bei Gott im Himmel und sind in einem schönen lustigen
Garten und wohlauf und haben's besser denn wir.«
    Aber das Hirtenkind schüttelte sein junges Haupt. »Audifax ist nicht bei
Gott«, sprach's, »er ist bei den Hunnen. Ich hab' nach ihm geschaut drunten im
Feld, er war nicht bei den toten Männern, und des Kohlenbrenners Bub' von
Hohenstoffeln, der auch mit den Schützen zog, hat's gesehen, wie ihn einer fing
... Ich muss ihn dort holen, es lässt mir keine Ruh' mehr.«
    »Wo willst du ihn holen?«
    »Das weiss ich nicht. Ich will gehen, wo die andern hingeritten sind, die
Welt ist gross, am Ende find' ich ihn doch, das weiss ich. Das Goldstück, das du
mir schenken sollst, will ich den Hunnen geben und sagen: Lasst mir den Audifax
frei; und wenn ich ihn hab', kommen wir beide heim.«
    Frau Hadwig hatte ihr Wohlgefallen am Ausserordentlichen. »Von diesem Kind
mögen wir alle lernen!« sprach sie, hob die scheue Hadumot zu sich empor und
küsste sie auf die Stirn. »Mit dir ist Gott, darum sind deine Gedanken gross und
kühn und du weisst nicht darum. Wer hat ein Goldstück von euch bei der Hand?«
    Der von Randegg nestelte eines herfür. 's war ein grosser Goldtaler, und war
der Kaiser Karl daraufgeprägt mit einem grimmen Antlitz und gross offenen
Schlitzaugen, und auf der Rückseite war ein gekrönt Frauenbild zu schauen und
eine Schrift. »'s ist mein letzter!« sprach der Randegger lachend zu Praxedis.
Die Herzogin gab ihn dem Kind: »Zeuch aus im Herrn, es ist eine Fügung.«
    Es ward ihnen feierlich zumute, und Ekkehard legte seine Hände auf Hadumots
Haupt wie zum Segen.
    »Ich dank' euch!« sprach sie und wollte gehen. Noch einmal wandte sie sich
um: »Wenn sie mir aber den Audifax für das eine Goldstück nicht herausgeben?«
    »Dann schenk' ich dir ein zweites«, sagte die Herzogin.
    Da ging das Kind zuversichtlich von dannen.
    Und Hadumot zog in die unbekannte Welt hinaus, das Goldstück ins Mieder
eingenäht, die Hirtentasche mit Brot gefüllt; - den Stab hatte ihr Audifax einst
aus, dunkelgrüner Stechpalme geschnitzt. Ob Weg und Steg ihr unbekannt, ob
Speise und Obdach zweifelhaft, darum hatte sie nicht Zeit sich zu kümmern. Die
Hunnen sind gegen Sonnenuntergang gezogen und haben ihn mitgenommen, das war ihr
einzig Denken, der Lauf des Rheins und der Sonne Untergang ihr Wegweiser,
Audifax ihr Ziel.
    Mählich ward ihr die Gegend fremd. Ferner und schmäler glänzte der Bodensee
vor ihrem Blick, neue Bergrücken schoben sich vor und verdeckten ihr die
gewohnten stolzen Formen des heimatlichen Felsens: da schaute sie etliche Male
zurück. Noch einmal luegte die Kuppe des hohen Twiel mit Turm und Mauer und
Zinnen zu ihr herüber, von blauem Duft umzogen, dann schwand sie.
    Ein unbekanntes Tal tat sich auf, weite schwarze Tannwälder zogen sich
drüber hin, niedere Hütten mit tief herabhangenden Strohdächern lagen versteckt
im Waldesdunkel - unverzagt ging Hadumot weiter und winkte den Hegauer Bergen
den letzten Gruss zu.
    Wie die Sonne jenseits der Wälder zur Ruhe gegangen war, hielt sie eine
Weile: »Jetzt läuten sie zu Hause den Abendsegen«, sprach sie, »ich will beten.«
Und sie kniete in der Bergeinsamkeit und betete, erst für Audifax, dann für die
Herzogin, dann für sich - und alles war still ringsum. Sie hörte nur ihr eigen
pochend Herz.
    »Wie wird's meinen Gänsen ergehen?« dachte sie beim Aufstehen; »jetzt ist
die Stunde, sie einzutreiben.« Dann trat wieder Audifax vor ihre Seele, an
dessen Seite sie so oft von der Weide zu Berg gefahren, und sie ging schneller.
    In den Meierhöfen im Tal rührte sich niemand. Nur vor einer Strohdachhütte
sass ein altes Weib. »Du sollst mich heut nacht bei dir behalten, Grossmutter«,
sprach Hadumot zutraulich. Die gab ihr keine Antwort, doch ein Zeichen, dass sie
bleiben könne. Sie war taub und alleine zurückgeblieben, die Männer fort ins
höhere Gebirg', der Hunnen wegen.
    Aber vor Tagesgrauen war Hadumot wieder unterwegs. Und sie ging durch
lange, lange Wälder, drin wollte es kein Ende nehmen mit Tannen und war das
erste lautlose Weben des Frühlings im Walde, die ersten Blumen streckten ihre
Häupter aus dem Moos herfür, die ersten Käfer flogen leise summend drüber, und
ein Harzgeruch, kräftig und anmutend, zog wehend herum, als wär' er ein
Weihrauch, den die Tannen der Sonne hinaufschickten zum Dank für alles, was sie
zu ihren Füssen lustig hervorgetrieben.
    Der Hirtin gefiel's nicht. »Hier ist's zu schön«, sprach sie, »hier können
die Hunnen nicht sein.«
    Sie lenkte ihren Schritt vom Gebirg' abwärts und kam auf einen Platz, da war
der Wald licht und weite Umschau. Tief unten in der Ferne floss der Rhein
gekrümmt gleich einer Schlange, eingeklemmt zwischen doppelter Strömung trug
eine Insel viel stattliche Mauern wie von Kirche und Kloster, der Hirtin
scharfes Aug' sah, dass das Mauerwerk geschwärzt und fleckig war und kein Dach
mehr trug. Eine blaue Rauchwolke stand unbeweglich drüber.
    »Wie ist's hier geheissen?« fragte sie einen Mann, der aus dem Walde kam.
    »Schwarzwald!« sagte der Mann.
    »Und drüben?«
    »Rheinau.«
    »Die Hunnen sind drüben gewesen?«
    »Vorgestern.«
    »Wo jetzt?«
    Der Mann hatte sich auf seinen Stab gestemmt und schaute das Kind scharf an.
Er deutete rheinabwärts. »Warum?« fragte er.
    »Ich will zu ihnen.« - Er hob seinen Stab und ging seines Weges weiter.
»Heiliger Fintan, bitt' für uns!« murmelte er im Fortgehen.
    Und wiederum schritt Hadumot unverdrossen weiter. Sie hatte von der Höhe
erschaut, dass der Rhein in grossem Bogen vorwärts strömte; da ging sie quer über
das Gebirg', den Hunnen einen Vorsprung abzugewinnen, und war zwei Tage
unterwegs, die Nacht im Walde auf Moos gebettet, und schier keinem Menschen
begegnet. Aber viel wilde Talschluchten traf sie und rinnend Gewässer und alte
Stämme, die der Sturmwind gefällt; am Platze, wo sie sonst ihre Wipfel hoch gen
Himmel gereckt, faulten sie und leuchteten grauweiss unheimlich im Dunkel. Sie
liess den Mut nicht.
    Das Gebirg' ward minder steil und flachte sich zu einer Hochebene ab, da
strich oft rauher Luftzug drüber und Schnee lag in den Talmulden: sie ging
weiter.
    Das letzte Stück Brot war verzehrt, da kam sie auf einen Bergrücken und sah
wieder den Rhein in der Ferne. Jetzt wollte sie dem entgegen; aber wie ein Riss
im Erdreich tat sich eine enge Kluft diesseits des Berges auf, ein Waldstrom
schäumte in der Tiefe. Junger Schuss von Stauden und Brombeer und dornigem
Gestrüpp hielt den Abhang dicht besetzt; sie bahnte sich einen Weg durch. Es
kostete Mühe und Schweiss, die Sonne stand hoch am Himmel, die Dornen rissen am
Gewand. Wenn der Fuss unwillig still stehen wollte, sprach sie: »Audifax!« und
hob ihn vorwärts.
    Jetzt war sie unten, zu Füssen dunkler Felswände. Das Wildwasser hatte sich
Bahn durch sie gebrochen und stürzte in klarem Fall drüber weg; die verwitterten
Steine glänzten im Wasserduft, rötliches Moos hatte sich dran festgenistet wie
eine Vergoldung; die Flut leckte hinauf und brauste wechselnd drüber hin, bis
sie wenig Schritte davon in tiefgrün durchsichtigem Becken still hielt und
ausruhte, wie ein müder Mann, der sich und seines Lebens Tollheiten klar
beschauen will. Üppige Pflanzen mit grossen Blättern spriessten auf; der
Wasserschaum funkelte in farbigen Tautropfen drin. Blaugeflügelte Libellen
flogen auf und ab, als wären sie die Geister verstorbener Elfen.
    Träumerisch hallte das einsame Stürzen des Bachs ins Herz des hungernden
Kindes. Mit dem Bach sollte sie weitergehen hinab zum Rhein. Alles war
verwachsen, wie wenn nie ein Mensch seinen Fuss hieher getragen ... da lachte ein
trocken grünes Plätzlein zu Hadumot herüber, sie legte sich nieder. Es rauschte
so kühl und lang', es rauschte sie in Schlummer. Den rechten Arm ausgestreckt,
dass das Haupt drauf ruhte, lag sie da, Lächeln auf dem müden Antlitz. Sie
träumte. Von wem? - die blauen Wasserjungfern haben nichts verplaudert ...
    Ein leichter Wasserguss aus hohler Hand scheuchte sie aus ihrem Traum. Wie
sie langsam die Augen aufschlug, stund ein Mann vor ihr mit langem Bart, in
grobzwilchenem TschobenA1, die Füsse nackt bis übers Knie. Angelruten, Netz und
ein hölzern Legel, drin blaugetupfte Forellen schwammen, lagen im Grase bei ihm.
Er hatte die Schläferin lang' betrachtet. Zweifelhaft, ob sie ein Menschenkind,
ging er, Wasser zu schöpfen, und weckte sie.
    »Wo bin ich?« fragte Hadumot sonder Furcht.
    »Am Wieladinger Strahl!« sprach der Fischer. »Das Wasser ist die Murg und
hat gute Forellen und geht in den Rhein. Wie kommst aber du auf den Wald,
Mägdlein? bist vom Himmel heruntergefallen?«
    »Ich komm' weiter; bei uns sind die Berge anders und wachsen einzeln und
steil aus der Ebene auf und steht ein jeder für sich, - und die Forellen
schwimmen im See und sind grösser: Hegau heissen's die Leute.«
    Der Fischer schüttelte das Haupt. »Das muss weit weg sein«, sprach er. »Wohin
jetzt?«
    »Wo die Hunnen sind«, sagte Hadumot und erzählte ihm treuherzig, warum sie
ausgezogen und wen sie suche.
    Da schüttelte der Fischer sein Haupt noch stärker denn zuvor. »Beim Leben
meiner Mutter!« sprach er, »das ist ein böser Gang!« Aber Hadumot faltete die
Hände und sagte: »Fischer, du musst mir den Weg zeigen, wo sie sind.«
    Da ward der Bärtige weich. »Wenn's sein muss«, brummte er, »gar fern sind sie
nicht. Komm mit!«
    Er packte sein Fischgerät zusammen und ging mit der Hirtin dem Lauf des
Waldbachs entlang. Wenn Baum und Busch zu dicht die Ufer sperrten oder
Felsblöcke aufgetürmt lagen, hub er das Mägdlein auf den Arm und schritt durchs
schäumende Wasser. Dann liessen sie die Talschlucht zur Rechten. Sie standen auf
einem der Vorberge, die sich zum Rhein hinuntersenken. »Schau hin, Kind«, sprach
er und deutete über den Rhein hinüber, wo ein flach abgeschnittener Gebirgszug
sich streckte: »dort geht's ins Fricktal hinein, zum Bötzberg hin. Dort steht
ihr Lager geschlagen. Gestern ist das Laufenburger Kastell ausgeflammt worden
... Aber weiter sollen uns die Mordbrenner nimmer traben«, fuhr er grimmig fort.
    Sie gingen noch eine Weile, da hielt Hadumots Geleitsmann an einem felsigen
Vorsprung. »Warte!« sprach er zu ihr. Er schleppte etliche Stämme dürres
Tannenholz zusammen und schichtete sie auf, Reisig und Kienspäne reichlich
dazwischen, doch liess er's unangezündet. Das gleiche tat er an andern Plätzen.
Hadumot sah ihm zu; sie wusste nicht, warum er's tat.
    Dann stiegen sie zu den Ufern des Rheins hinunter.
    »Ist's dein Ernst mit den Hunnen?« frug er noch einmal. »Ja!« sprach
Hadumot. Da löste er einen im Gebüsch verborgenen Kahn und fuhr sie über. Am
andern Ufer war's waldig; er ging ein Stück einwärts und schaute sorgfältig um.
Auch dort lag ein Holzstoss geschichtet und Kienfackeln dabei, von grünen Zweigen
verdeckt. Er nickte zufrieden und kam zu Hadumot: »Weiter geh' ich nicht mit,
dort ist Fricktal und Hunnenlager. Mach', dass sie deinen Buben herausgeben, eher
heut als morgen, 's könnt' sonst zu spät werden. Behüet' dich Gott! du bist ein
tapfer Kind.«
    »Ich dank' dir«, sprach Hadumot und drückte seine schwielige Hand. »Warum
gehst du nicht mit?«
    »Ich komm' später!« sagte der Fischer mit bedeutsamem Ton und stieg in
seinen Kahn.
    Am Eingang zum Tal war der Hunnen Lager geschlagen, wenig Gezelte und
etliche grosse Hütten aus Buschwerk und Stroh, in Blockhäusern von Tannstämmen
die Pferde. Es lehnte sich im Rücken an einen Berg, nach vorn war ein Graben
gezogen als Schutzwehr und mit Verhack, Pfählen und dazwischen geworfenen
Felsblöcken nach Art des hunnischen Landhags190 gesperrt. Bis weit hinaus ritten
die Vorposten auf und nieder: halb war es das Bedürfnis der Ruhe nach Ritt und
Kampf, halb ein Anschlag aufs Kloster des heiligen Fridolin drüben, was sie dort
festielt. Ein Teil der Mannschaft baute Schiffe und Flösse am Rhein.
    In seinem Zelt lag Hornebog, der Führer seit Ellaks Fall. Decken und Polster
waren aufgetürmt, er freute sich keiner Ruhe. Erica, die Heideblume, sass bei ihm
und spielte mit einem güldenen Kleinod, das sie an seidener Schnur um den Hals
trug.
    »Ich weiss nicht«, sagte Hornebog zu ihr, »es ist sehr ungemütlich worden.
Die Kahlgeschorenen am See haben zu wütend dreingeschlagen. Wir müssen sachter
tun191. Hier trau' ich auch nicht; 's ist mir zu ruhig, und Ruhe geht vor dem
Sturm. Mit dir ist's auch nichts mehr, seit sie den Ellak erschlagen. Solltest
mich jetzt lieben wie ihn, als er der erste war - und bist wie ein ausgebrannt
Kohlenfeuer.«
    Erica schnellte das Kleinod an seiner Schnur weit von sich, dass es tönend an
die Brust zurückprallte, und summte was Hunnisches vor sich hin.
    Da trat ein wachehaltender Kriegsmann ins Zelt, Hadumot, die Hirtin, mit
ihm und Snewelin von Ellwangen als Dolmetsch. Das Kind war ins Lager gekommen,
durch Vorposten und Wacheruf unverzagt durchschreitend, bis sie's festielten.
Snewelin trug Hadumots Begehr um den gefangenen Knaben vor; er war mitleidig
und weich gestimmt, als wär' er noch in der Heimat und begehe den
Aschermittwoch, denn er hatte heut sämtliche Untaten im Lauf seines Hunnenlebens
überrechnet, die ausgebrannten Klöster begannen ihm schwer auf dem Gewissen zu
lasten.
    »Sag' ihm auch, dass ich ein Lösegeld zahlen kann«, sprach Hadumot und
trennte des Mieders Naht auf, drin der Goldtaler war. Sie reichte ihn dem
Anführer dar. Der lachte. Auch die Heideblume lachte.
    »Verrücktes Land!« sprach Hornebog. »Die Männer scheren das Haupt, und die
Kinder tun, was Kriegern geziemte. Wären uns die Gewaffneten vom See nachgezogen
statt dieses Mägdleins, es hätt' uns in Verlegenheit bringen mögen.«
    Er sah das Kind misstrauisch an. »Wenn sie zu spähen käme ...!« rief er. Aber
Erica fuhr dazwischen und streichelte Hadumots Stirn. »Du sollst bei mir
bleiben«, sagte sie, »ich brauch' was zum Spielen, seit mein schwarzer Rapp' tot
und mein Ellak tot ...«
    »schafft mir das Gezeug hinaus«, rief Hornebog unmutig. »Sind wir am Rhein,
um mit Hirtenkindern zu spielen?!«
    Da merkte Erica, dass beim Anführer ein Ungewitter im Anzug war; sie nahm das
Mägdlein bei der Hand und ging mit ihr.
    Wo das Lager sich an den Berg hinstreckte, war zwischen aufgehäuften
Steinplatten die Feldküche errichtet. Dort schaltete die Waldfrau, Audifax
kniete beim grössten der Kessel und blies das Feuer an, die Abendsuppe brodelte
drin. Jetzt sprang er auf und tat einen Schrei. Er hatte seine Gefährtin
erschaut. Aber die Waldfrau reckte ihr Haupt hinter dem andern Kessel vor, das
war mehr als ein Haltruf. Er stand unbeweglich, griff nach einem geschälten Ast
und rührte die Suppe, wie's ihm vorgeschrieben war; - ein Bild stummen Jammers,
er war blass und hager geworden, die Augen trüb von Tränen, die niemanden
gerührt.
    »Dass Ihr mir den Kindern nichts zuleide tut, alte Meerkatze!« rief Erica der
Waldfrau zu.
    Da ging Hadumot hinüber. Der Hirtenknabe liess seinen kunstlosen Löffel
fallen und reichte ihr die Hand stumm und still, aber aus den tiefdunkeln Augen
blitzte es zu ihr hinüber wie eine grosse Geschichte von Gfangenschaft, Duldung
und schweifendem Wunsch des Befreitseins. Hadumot stand unbeweglich vor ihm;
sie hatte sich viel Rührendes gedacht vom Augenblick des Wiedersehens; das alles
schwand - die grösste Freude jubelt schweigend ihr Lied himmelan. »Gib mir eine
Schüssel von deiner Suppe, Audifax«, sprach sie, »mich hungert!«
    Die Waldfrau liess es geschehen, dass er ihr eine hölzerne Schüssel aus dem
Feldkessel füllte. Das hungrige Kind stärkte sich dran und ward guten Mutes und
erschrak nicht über die wilden Gesichter der hunnischen Reiter, die da kamen,
ihre Abendsuppe zu schöpfen. Nachher setzte sie sich dicht zu Audifax hin. Er
war stumm und zurückhaltend, erst wie es dunkel ward und seine Dräuerin von
dannen ging, lösten sich die Fesseln seiner Zunge. »O, ich weiss viel, Hadumot!«
sagte er leise und sah sich scheu um - »ich weiss den Hunnenschatz! Die Waldfrau
hat ihn in Verwahrung, zwei Truhen stehen unter ihrem Lager im Zweighaus; ich
hab' selber hineingeschaut, es glänzt drin von Spangen und Vorhängkleinodien und
güldenem Geschirr. Auch ein silbern Huhn mit Küchlein und Eiern ist dabei, das
hat einer im Lombardenland mitgenommen, und viel Prächtiges sonst ... ich hab's
teuer gebüsst, den Schatz zu sehen ...«
    Er lüpfte seinen ledernen Schlapphut. Sein rechtes Ohr war halb
abgeschnitten.
    »... Die Waldfrau kam heim, eh' ich die Truhe zuschlagen konnte. Das sei
dein Lohn, sprach sie und zuckte die Schere wider mein Ohr. 's hat weh getan,
Hadumot. Aber ich zahl's ihr heim!«
    »Ich helf' dir!« sprach die Gefährtin.
    Lange noch plauderten die beiden; der Schlummer floh die Augen der
Glücklichen. Der Lärm des Lagers schwieg. Dämmernde Schatten waren über das Tal
gebreitet. Da sprach Hadumot: »Ich muss immer und immer denken, es sei jene
Nacht, wo die Sterne fielen.«
    Audifax seufzte. »Ich gewinn' meinen Schatz doch noch«, sprach er; »ich weiss
es.«
    Und wieder sassen sie eine Weile, da schreckte Audifax zusammen, Hadumot
spürte das Zittern seiner Hand. - Über dem Rheine auf dunkelm Berggipfel flammte
ein Feuerzeichen auf, es war wie eine Fackel, die ein Mann in kreisendem Bogen
schwingt und in die Lüfte hinausschleudert.
    »Jetzt ist's erloschen!« sprach Audifax leis.
    »Aber dort!« sagte Hadumot erschrocken und wies rückwärts.
    Von des Botzbergs Höhe schlug eine Lohe empor und kreiste feurig und sprühte
in Funken. Es war dasselbe Zeichen. Und drüben auf dem Schwarzwald hub sich an
dem Platze, wo die Fackel geschwungen worden, eine hohe Flamme himmelan und
leuchtete durch die sternlose Nacht. Von der Wache im Tal draussen scholl ein
gellender Pfiff. Im Lager regte sich's. Die Waldfrau kam herein. »Was träumst du
noch, Bub'!« rief sie drohend, »schirr' unser Gespann und rüste das Saumross!«
    Schweigend gehorchte Audifax.
    Der Wagen stand geschirrt, das Saumross an den Pfahl gebunden; vorsichtig
schlich die Alte heran und hing ihm zwei Körbe um und trug zwei Truhen herzu,
die packte sie in die Körbe und tat Heu drüber. Sie spähte lauernd hinaus. Es
war wieder still. Der Fricktaler Wein schaffte den Hunnen einen festen Schlaf.
    »Es ist nichts!« brummte die Waldfrau, »wir können die Gäule wieder zur Ruhe
bringen.« Da fuhr sie auf wie geblendet. Der Berg über dem Lager war lebendig
geworden, es blitzte und sprühte von viel hundert Fackeln und Feuerbränden192
und donnerte mit wütendem Schlachtruf dazwischen, - vom Rhein her wälzten sich
dunkle Massen, auf allen Gipfeln flammte es gen Himmel. - Heraus, ihr Schläfer!
... es war zu spät - schon flog der helle Brand ins Hunnenlager, - klagend
Gewieher der Rosse tönte auf - der grosse Stall stand in Flammen dunkle Gestalten
brechen ein, fackelglanzbeschienen kommt heute der Tod; - das ist der alte
Irminger, Herr im Frickgau, der ihn bringt, er, der starke Vater sechs starker
Söhne, der wie Mattatias mit seinen Makkabäern das Elend seines Volkes nicht
länger erschauen wollte; - und von ihnen geführt die Männer von Hornussen und
Herznach und die aus dem Aartal und von Brugg und von Badens heissen Quellen und
weit von der Giselaflueh her. In sicherm Waldversteck waren sie gelegen, bis auf
dem Eggberg drüben die Fackel schwirrte, das war des Schwarzwalds nachbarliche
Hilfe - da ging's vorwärts zum Sturm.
    Graunvoll tönte der Überfallenen Schrei in den Sturmruf. Blutigen Hauptes
sprengte Snewelin vorüber, ein wohlgeschleuderter Pechbrand haftete an seiner
Gewandung und flackerte weiter, dass er aussah wie ein feurig Gespenst: »Die Welt
geht unter!« rief er, »das tausendjährige Reich bricht an, Herr, sei meiner
armen Seele gnädig!«
    »Verloren, alles verloren!« sprach die Waldfrau vor sich hin und fuhr mit
der Hand über die Stirn. Dann band sie das Saumross los, um es auch noch vor
ihren Wagen zu schirren. Im Dunkel stand Audifax, er biss die Zähne zusammen, um
nicht jubelnd hinauszujauchzen in das Geheul des nächtlichen Überfalls;
zitternder Widerschein des Feuers spielte um sein Antlitz; es kochte in ihm.
Eine Weile schaute er starr ins Rennen und Wogen und Kämpfen der dunkeln Männer
- »jetzt weiss ich's!« sprach er leise zu Hadumot; er hatte einen Feldstein
aufgerafft, katzenschnell sprang er an der Waldfrau hinauf und schlug sie
nieder, das Saumross riss er weg und hob mit Mannesstärke die knieende Hadumot
hinauf. »Halt' dich fest am Sattelknopf!« - er sprang aufs Ross und griff die
Zügel, das fühlte die ungewohnten Reiter, scheu von Brand und Glanz sprengte es
davon in die Nacht. - Audifax wankte nicht, sein Herz pochte in lautem Schlag,
er schloss die Augen vor dem qualmenden Rauch - über Erschlagene ging's und
durchs Gewühl streitender Männer ... jetzt tobte der Schlachtenlärm entfernter,
das Ross schlug langsameren Schritt an, dem Rheine entgegen trug es die Kinder -
sie waren gerettet.
    Und sie ritten die lange bange Nacht durch und schauten nicht um. Audifax
hielt schweigsam die Zügel, es war ihm oft, als wär' alles ein Traum gewesen; er
legte die Linke auf Hadumots Haupt und klopfte an die Truhe im Hängkorb, es gab
einen Klang von Metall, da erst wusste er wieder, dass er nicht geträumt. Und das
Ross war brav und trug seine Last willig, über Feld und Heide ging der Weg und
durch finstere Wälder, immer dem strömenden Rhein entgegen.
    Wie sie lang' und weit geritten waren, da kam ein kühler Luftzug, dass sie
zusammenschauerten: das war des Morgens Vorbote193. Hadumot schlug die Augen
auf. »Wo sind wir?« fragte sie. »Ich weiss es nicht«, sagte Audifax.
    Jetzt hörten sie ein Rauschen und Tosen wie fernen Donner, aber es war nicht
von einem Gewitter; der Himmel hellte sich, die Sternlein verblassten und
schwanden. Der Donner ward lauter und näher, sie ritten an einem Kastell
vorüber, das sah stattlich in die Gewässer herunter, dann bog ihr Pfad um einen
Bergrücken, da kam der Rhein in breiter Strömung daher und stürzte mit Hall' und
Schall und sprühendem Geschäume über dunkles zernagtes Gefels194; perlender
Wasserstaub stäubte herüber und alles stand in feuchtem Duft ... das Ross hielt
an, als wolle es den gewaltigen Anblick bedachtsam in sich aufnehmen; Audifax
sprang herab, hob die müde Hadumot herunter, stellte die Hängkörbe zur Erde und
liess das brave Tier grasen.
    Und die Kinder standen vor dem Fall des Stromes, Hadumot hielt ihres
Gefährten Rechte in ihrer Linken, lang und lautlos schauten sie hinein. Und die
Sonne warf ihre ersten Strahlen über die stürzende Flut, die fing sie auf und
fügte sie zu farbigem Regenbogen zusammen und spielte mit dem schillernden Licht
...
    Audifax aber ging jetzt zu den Körben, nahm eine Truhe herfür und schlug sie
auf - es war eitel Gold und Geschmeide drin - der Schatz, der langersehnte, war
gehoben und war sein eigen, nicht durch Zauberformel und nächtige Beschwörung,
eigen durch kräftig Rühren der Hände und Dreinschlagen und Nutzung des günstigen
Augenblicks. Er schaute in den güldenen Flimmer: Es überraschte ihn nicht, er
wusste ja seit Monden, dass ihm ein solches beschieden war ... Von jeglicher Art
der güldenen Stücke las er eines aus, von Gefässen eines, von Ringen einen, von
Münzen und Armspangen eine und trug sie vor ans Ufer.
    »Hadumot«, sprach er, »hier muss Gott sein, sein Regenbogen schwebt über dem
Wasser. Ich will ihm ein Dankopfer bringen.«
    Er trat vor auf einen Felsblock am Rande des Stromes und schleuderte mit
starkem Arm das Gefäss in die brausende Rheinflut und den Ring und die Münze und
die Spange - dann kniete er auf die Erde und Hadumot kniete zu ihm und sie
beteten eine lange Zeit und dankten Gott ...
 
                                    Fussnoten
A1 Jacke.
 
                              Sechzehntes Kapitel.
                            Cappan wird verheiratet.
Wenn das Gewitter vorüber ist, kommen die Bäche trüb und erdfarbig daher
geflossen. So folgt auf landerschütternde Bewegung meist eine Zeit kleiner
verdriesslicher Geschäfte, bis das alte Geleise allentalb wiederhergestellt
worden.
    Auch Frau Hadwig musste das erfahren.
    Es war viel zu richten und schlichten nach Vertreibung der Hunnen. Sie
unterzog sich dem gerne, ihr beweglicher Geist und die Freude am eigenen
Eingreifen erleichterten die Sorge des Regierens.
    Witwen und Waisen der gefallenen Heerbannmänner kamen, und wem der rote Hahn
aufs Dach der Hütte geflogen und wem die junge Saat von Rosseshuf zerstampft
war: es ward Hilfe geschafft, so viel möglich! Boten an den Kaiser gingen ab mit
Bericht über das Geschehene und Vorschlag künftiger Abwehr, der Burg
Befestigung, wo sie sich mangelhaft erwiesen, ward gebessert, die Waffenbeute
bemessen und verteilt, die Stiftung einer Kapelle auf dem Grabhügel der
christlichen Kriegsmänner beschlossen.
    Mit Reichenau und Sankt Gallen war viel Verhandlung; geistliche Freunde
vergessen niemals Rechnung zu stellen für erwiesenen Dienst. Sie wussten
eindringlich zu jammern und wehklagen über die Schädigung der Gotteshäuser und
unerschwingliche Einbusse an Hab' und Gut: dass eine Schenkung von Grund und Boden
den bedrängten Gottesmännern sehr erwünscht käme, ward der Herzogin täglich ins
Gehör geträufelt. Fern im Rheintal, wo der Berg von Breisach mit seinen dunkel
ausgebrannten Felsrücken der Strömung sich entgegenstemmt, war der Herzogin das
Hofgut Saspach195. Auf vulkanischem Boden gedeiht die Rebe, - das hätte den
frommen Brüdern auf der Aue wohl getaugt; schon um den Unterschied des
rheinischen Weines von dem am See erproben zu können, ausserdem als geringer
Ersatz für tapferes Streiten und die nötigen Seelenmessen um die Gebliebenen.
    Und wie sich Frau Hadwig eines Tages dem Vorschlag, es abzutreten, nicht
ganz abgeneigt erwiesen, kam schon des andern mit dem frühsten der Subprior
geritten und bracht' ein grosses Pergament, drauf stund die ganze Formel der
Schenkung, und klang recht stattlich, wie alles dem heiligen Pirminius solle
zugewiesen sein, Haus und Hof und aller Zubehör, gerodet Land und ungerodet,
Wald und Weinberg, Weide und Wieswuchs und der Lauf der Gewässer samt
Mühlenbetrieb und Fischfang, und was von eigenen Leuten männlichen und
weiblichen Geschlechtes auf den Huben sesshaft ... und fehlte auch die übliche
Verwünschung nicht: »So sich einer vermessen sollt«, hiess es, »die Schenkung
anzuzweifeln oder gar dem Kloster zu entziehen, über den sei Anatema Maranata
gesprochen, der Zorn des Allmächtigen und aller heiligen Engel treffe ihn, mit
Aussatz werde er geschlagen wie Naëmann, der Syrer, mit Gicht und Tod wie
Ananias und Sapphira, und ein Pfund Goldes zahle er zur Sühne des Frevels dem
Fiskus196.«
    »Der Herr Abt hat seiner gnädigen Herrin die Mühe sparen wollen, den
Schenkbrief selbst aufzusetzen«, - sprach der Subprior, »es ist freier Raum
gelassen, Namen und Grenzen des Gutes einzutragen die Unterschriften der
Parteien und Zeugen beizufügen, die Sigille dranzuhängen.«
    »Wisset ihr euch bei allen Geschäften so zu sputen?« erwiderte Frau Hadwig.
»Ich werd' mir euer Pergament bei Gelegenheit ansehen.«
    »Es wäre dem Abte ein liebsam und erwünscht Ding, so ich ihm heute schon die
Schrift von Euch gezeichnet und gesiegelt zurückbringen könnte. Es ist wegen der
Ordnung im Klosterarchiv, hat er gesagt.«
    Frau Hadwig schaute den Mann von oben herab an. »Sagt Euerm Abt«, sprach
sie, »dass ich eben die Rechnung stellen lasse, um wie viel der Brüder
Einlagerung auf dem hohen Twiel mich an Küche und Keller geschädigt. Sagt ihm
ausserdem, dass wir unsere eigenen Schreibverständigen haben, so es uns zu Sinne
kommt, Hofgüter am Rhein zu verschenken, und dass ...«
    Es lagen ihr noch etliche bittere Worte auf der Zunge. Der Subprior fiel
beschwichtigend ein und gedachte, eine Reihe von Fällen aufzuzählen, wo
erleuchtete Herren und Fürsten desgleichen getan, - wie die Könige in Francien
drüben dem heiligen Martinus von Tours reichlichst den Schaden ersetzt, den er
durch der Normänner Plünderung erlitten, und wie erklecklich durch solche
Schenkung dem Heil der Seele Vorschub geleistet sei, denn wie das Feuer durchs
Wasser gelöscht werde, so die Sünde durchs Almosen ...
    Die Herzogin wandte ihm den Rücken und liess ihn samt seinen unerzählten
Beispielen im Saale stehen. »Zuviel Eifer ist vom Übel!« murmelte der Mönch;
»langsam gefahren, sicher gefahren!« Da wandte sich Frau Hadwig! noch einmal. Es
war eine unbeschreibliche Handbewegung, mit der sie sprach: »Wollet Ihr mich
verlassen, so geht auch gleich und ganz!«
    Er trat seinen Rückzug an.
    Den Abt zu ärgern, übersandte sie noch desselben Tages dem greisen Simon
Bardo für glückliche Lenkung der Schlacht eine güldene Kette.
    Ein Mann, mit dessen Schicksal sich die Herzogin gern beschäftigte, war der
gefangene Hunne Cappan. Der hatte anfangs böse Tage durchlebt; es war ihm noch
nicht klar, warum man ihn am Leben gelassen, er lief scheu umher wie einer, der
kein Recht auf sich selber mehr hat, und wenn er auf seinem Strohlager
schlummerte, kamen schöne Träume über ihn: Da sah er weite blumige Gefilde, aus
denen wuchsen Galgen ohne Zahl wie Disteln in die Höhe, und an jedem hing einer
seiner Landsleute, und am höchsten hing er selber und fand's ganz in der
Ordnung, dass er dran hing, denn das war das Los Kriegsgefangener in selben Tagen
197. Es ward aber keiner für ihn errichtet. Noch etliche Zeit schaute er
misstrauisch auf die Linde im Burghof, die hatte einen stattlichen kahlen Ast und
es deuchte ihm oftmals, als winke ihm der Ast herauf und sage: »Hei! wie
taugtest du, mich zu schmücken!«
    Allmählich fand er jedoch, dass die Linde ein schöner schattiger Baum sei,
und ward zutraulicher. Sein durchstochener Fuss heilte, er trieb sich in Hof und
Küche herum und schaute mit stumpfer Verwunderung in das Getrieb deutschen
Hauswesens. Er vermeinte zwar auf hunnisch, eines Mannes Heimat solle der Rücken
des Rosses sein und für Weib und Kind genüge ein fellumhangener Wagen, aber
wenn's regnete oder die Abendkühle kam, schien ihm das Herdfeuer und die vier
Wände nicht zu verachten, ein Trunk Wein besser als Stutenmilch und ein wollenes
Wams weicher als ein Wolfspelz. So schwand die Sehnsucht des Fliehens; vor
Heimweh war er geschützt, weil ihm ein Vaterland fremd.
    In Hof und Garten schaltete dazumal eine Maid, die hiess Friderun und war
hoch wie ein Gebäu von mehreren Stockwerken, drauf ein spitzes Dach sitzt, denn
ihr Haupt hatte die Gestalt einer Birne und glänzte nicht mehr im Schimmer
erster Jugend; wenn der breite Mund sich zu Wort oder Gelächter auftat, ragte
ein Stockzahn herfür als Markstein gesetzten Alters. Die bösen Zungen raunten
sich zu, sie sei einst Herrn Spazzos Freundin gewesen, aber das war schon lange
her; seit Jahren war ihre Huld einem Knecht zugewandt, den hatten in den Reihen
des Heerbannes die Hunnen erschossen - jetzt stand ihr Herz verwaist.
    Grosse Menschen sind gutmütig und leiden nicht unter den Verheerungen
allzuscharfen Denkens. Da lenkte sie ihre Augen auf den Hunnen, der sich einsam
im Schlosshof umtrieb, und ihr Gemüt blieb mitleidig an ihm haften wie der
funkelnde Tautropfen am Fliegenschwamm. Sie suchte ihn heranzubilden zu den
Künsten, die ihr selber geläufig, und wenn sie im Garten gejätet und gehackt,
geschah es, dass sie ihre Hacke dem Cappan übergab; der tat, wie er's von seiner
Meisterin gesehen. Auch im Abschneiden von Bohnen und Kräutern folgte er ihrem
Beispiel, - und nach wenig Tagen, wenn Wasser vom Brunnen beigeschaft werden
sollte, brauchte die schlanke Friderun nur auf den hölzernen Kübel zu deuten, so
hatte ihn Cappan aufs Haupt gehoben und schritt damit zum plätschernden Brunnen
im Hofe.
    Nur in der Küche ward am gelehrigen Schüler keine Freude erlebt, denn wie
ihm einsmal ein Stück Wildbret zugewiesen war, dass er's mit hölzernem Schlegel
mürb schlage, kamen alte Erinnerungen über ihn und er zehrte ein Stück davon roh
auf samt Zwiebeln und Lauch, die zu des Bratens Würze bereit standen.
    »Ich glaub', mein Gefangener gefällt dir«, rief ihr Herr Spazzo eines
Morgens zu, als der Hunn' fleissig mit Holzspalten beschäftigt war. Dunkelrot
färbten sich die Wangen der hohen Gestalt. Sie schlug die Augen nieder. - »Wenn
der Bursch deutsch reden könnt und kein verdammter Heidenmensch wär' ... « fuhr
Herr Spazzo fort.
    Die Schlanke schwieg verschämt.
    »Ich weiss, dass du ein Glück verdienst, Friderun ....« sprach Herr Spazzo
weiter. Da löste sich Frideruns Zunge: »Von wegen des Deutschredens ...« sagte
sie mit fortwährend gesenktem Blick, »auf die Sprache käm' mir's gar nicht an.
Und wenn er ein Heide ist, so braucht er ja keiner zu bleiben. Aber ...«
    »Was aber?«
    »Er kann nicht sitzen beim Essen wie ein vernünftiger Mensch. Er liegt immer
den langen Weg auf dem Boden, wenn's ihm schmecken soll.«
    »Das wird ihm ein Ehegespons, wie du, sattsam austreiben. Habt ihr euch
schon verständigt?«
    Friderun schwieg abermals. Plötzlich lief sie davon wie ein gehetztes Wild,
die Holzschuhe klapperten auf dem Steinpflaster des Hofes. Da ging Herr Spazzo
zum holzspaltenden Cappan, schlug ihm auf die Schulter, dass er aufschaute,
deutete mit gehobenem Zeigefinger auf die Fliehende, nickte mit dem Haupt
fragend und blickte ihn scharf an. Der Hunn' aber fuhr mit dem rechten Arm auf
die Brust, neigte sich, tat dann einen mächtigen Satz in die Höhe, dass er sich
um sich selber herumdrehte, wie der Erdball um seine Achse, und verzog seinen
Mund zu fröhlichem Grinsen.
    Da wusste Herr Spazzo, wie es mit beider Gemüt beschaffen war198. Friderun
hatte des Hunnen Luftsprung nicht erschaut. Zweifel lasteten noch auf ihrer
Seele, darum erging sie sich vor dem Burgtor; sie hatte eine Wiesenblume
gepflückt und zupfte die weissen Blumenblättlein, eines nach dem andern: »Er
liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich.« Wie sie alle ein Spiel der
Winde geworden bis aufs letzte, hörte ihr Gemurmel auf; sie sah den kahlen
Blumenrest mit dem einen kleinen weissen Blättlein verklärt an199 und nickte
wohlgefällig lächelnd darauf nieder. Spazzo, der Kämmerer, aber trug die Sache
seines Gefangenen der Herzogin vor. Geschäftigen Geistes gedachte sie sogleich
dessen Schicksal zu gestalten. Der Hunn' hatte im Garten Proben einer löblichen
Kunst abgelegt; er wusste dem treulos unterirdischen Wühlen der Maulwürfe Einhalt
zu tun - mit eingebogenen Weidenruten, dran er eine Schlinge festigte, hatte er
manchem der schwarzen Gesellen ein unerwünscht Lebensend' bereitet, aufgestellt
baumelten sie im gleichen Augenblick zu Sonnenlicht, Galgen und Tod empor. Auch
flocht er aus Draht treffliche Fallen der Mäuse und zeigte sich in allem, was
niedere und niederste Jagd angeht, wohlerfahren.
    »Wir weisen ihm etliche Huben Landes drüben am Stofflerberge zu«, sprach
Frau Hadwig. »Als Fron-und Felddienst soll er dafür den Krieg gegen alles
saatverderbende Getier führen, so weit unser Twing und Bann reicht. Und wenn die
lange Friderun Gefallen an ihm hat, mag sie ihn nehmen; es wird schwerlich schon
eine andere aus den Jungfrauen unseres Landes ein Aug' auf ihn geworfen haben.«
    Sie gab Ekkehard die Weisung, den Gefangenen vorzubereiten, dass er seines
Heidentums ledig in die christliche Gemeinschaft aufgenommen werden möge. Der
schüttelte zwar bedenklich das Haupt, aber Frau Hadwig sprach: »Der Wille muss
für das gut sein, was an der Einsicht abgeht! den Unterricht möget Ihr kurz
halten, so viel als den Sachsen, die der grosse Karl in die Weser treiben liess,
wird ihm auch deutlich werden.«
    Ekkehard tat, wie ihm geheissen, und seine Lehre fiel auf gutes Erdreich.
Cappan hatte auf seinen Heerzügen manch ein deutsches Wort aufgelesen und hatte,
wie alle seine Landsleute, einen eigenen Sinn zu erraten, was anderer Absicht,
auch wenn die Sprache nicht ganz verstanden ward. Zeichen und Bild ergänzte
vieles; wenn Ekkehard vor ihm sass, das metallbeschlagene Evangelienbuch mit den
goldgemalten Buchstaben aufgeschlagen, und gen Himmel deutete, so wusste der
Hunn', wovon die Rede, das Abbild des Teufels verstand er und gab in Gebärden
kund, dass der zu verabscheuen sei, vor dem Zeichen des Kreuzes warf er sich, wie
er von andern gesehen, in die Kniee. So gedieh der Unterricht.
    Wie Cappan seinerseits sich auszudrücken vermochte, stellte sich freilich
heraus, dass seine Vergangenheit eine sehr schlimme. Er nickte bejahend auf die
Frage, ob er Wohlgefallen an der Zerstörung von Kirchen und Klöstern gehabt, und
an den ausgereckten Fingern war abzuzählen, dass er mehr denn einmal bei solchem
Frevel mitgewirkt.
    Unter Zeichen aufrichtiger Reue aber tat er zu wissen, dass er in jüngeren
Tagen zu Heilung von schlimmem Wundfieber ein Stück vom Herzen eines
erschlagenen Klerikers aufgezehrt200; zur Sühne lernte er jetzt desto emsiger
die offene Schuld aussprechen, wenn ein Wort fehlte, half ihm Friderun, und bald
konnte Ekkehard erklären, dass er mit ihm zufrieden, wenn auch nicht alles in
seinem Gemüt Eingang gefunden, was der Kirchenvater Augustiuns in seinem Buch
von Unterweisung der im Glauben Rohen verlangt.
    Da ordneten sie einen Tag zu gleichzeitigem Vollzug von Taufe und Hochzeit.
Nach der Herzogin Geheiss sollten ihm drei Taufpaten gegeben sein, einer vom
Kloster Reichenau, einer von Sankt Gallen und einer vom Heerbann, zum Gedächtnis
an die Schlacht, drin sie ihn gefangen. Die Reichenauer sandten Rudimann, den
Kellermeister; für den Heerbann trat Herr Spazzo ein. Und weil die Paten sich
nicht einigen konnten, welch einen neuen Namen der Täufling führen sollte, ob
Pirmin, zu Ehren der Reichenau, oder Gallus, brachten sie es vor die Herzogin
zum Austrag, die sprach: »Heisst ihn Paulus, denn auch er ist schnaubend von Wut
und Mord gegen die Jünger des Herrn ins Land gezogen, bis dass ihm die Schuppen
von den Augen fielen.«
    Es war ein Sonnabend, da führten sie den Cappan, der während des ganzen
Tages gefastet, zur Kapelle der Burg und verbrachten abwechselnd die Nacht mit
ihm im Gebete. Der Hunn' war ergeben und fromm und trug sich mit ernsten
Gedanken und vermeinte, der Geist seiner Mutter sei ihm erschienen in
Lämmerfelle gehüllt, und hab ihm zugerufen: »Dein Bogen ist zerbrochen, duck'
dich, arm Reiterlein, die dich vom Ross gestochen, soll'n deine Herren sein!«
    Zu stiller Sonntagsfrühe aber, als noch perlender Tau die Halme netzte und
kaum ein erstes Lerchlein sich zum reinen Morgenhimmel aufschwang, wallte eine
kleine Schar mit Kreuz und Fahne den Burgweg hinab - diesmal kein Trauerzug.
    Ekkehard voraus im violetten Priestergewand, inmitten seiner Paten der
Hunne, so schritten sie durch den üppigen Wieswuchs ans Ufer des Flüssleins Aach.
Dort pflanzten sie das Kreuz in weissen Sandboden und traten im Halbkreis um den,
der heute zum letztenmal Cappan heissen sollte; hell klang ihre Litanei durch die
Morgenstille zu Gott auf, dass er gnädig herabschaue zu dem, der jetzt seinen
Nacken vor ihm beuge und sich nach Befreiung sehne vom Joch des Heidentums und
der Sünde.
    Dann hiessen sie den Täufling sich entkleiden bis auf die Umgürtung der
Lenden. Er kniete im Ufersand, Ekkehard sprach die Beschwörung im Namen dessen,
den Engel und Erzengel fürchten, vor dem Himmel und Erde erzittern und die
Abgründe sich auftun, auf dass der böse Geist die letzte Gewalt über ihn
verliere, dann hauchte er ihn dreimal an, reichte geweihtes Salz seinem Munde,
als Sinnbild neuer Weisheit und neuen Denkens, und salbte ihm Stirn und Brust
mit heiligem Öle. Der Täufling war wie erschüttert und wagte kaum zu atmen, so
schlug ihm die Wucht der Feier ins Gemüt. Wie ihm darauf Ekkehard die Formel der
Abschwörung vorsprach: »Versagst du dem Teufel und allen seinen Werken und allen
seinen Gezierden?« antwortete er mit Heller Stimme: »Ich versag' ihm!« und
sprach, so gut er's vermochte, die Worte des Bekenntnisses nach, drauf tauchte
ihn Ekkehard in die kühle Flut des Flüssleins, die Taufe war ausgesprochen, der
neue Paulus stieg aus dem Gewässer ... einen wehmütigen Blick warf er nach dem
frischen Grabhügel, der sich drüben am Waldsaum türmte, dann zogen ihn die
Taufpaten herauf und hüllten den Zitternden in ein blendend linnen Gewand.
Vergnüglich stand er unter seinen neuen Brüdern. Ekkehard hielt eine Ansprache
nach den Worten der Schrift: »Der ist selig, welcher sein Gewand treu behütet,
damit er nicht nackend gehe201« und mahnte ihn, dass er von nun an das makellose
Linnen trage als Gewand der Wiedergeburt in Rechtschaffenheit und Güte, wie es
die Taufe ihm verliehen, - und legte ihm die Hände auf. Mit schallendem Lobsang
führten sie den Neubekehrten zur Burg zurück.
    In der gewölbten Fensternische eines Gemachs im Erdgeschoss sass indessen
Friderun, die lange. Praxedis huschte auf und ab wie ein unstetes Irrlicht; sie
hatte sich's von der Herzogin erbeten, die ungeschlachte Braut zu ihrem Ehrentag
zu schmücken. Schon waren die Haare eingeflochten in rote Stränge von Garn, der
unendlich faltenreiche Schurz wallte bis zu den hochabsätzigen Schuhen, drüber
prangte der dunkle Schappelgürtel mit seiner güldfadenen Einfassung - nur wer
die Braut erstreitet, darf ihn lösen - jetzt griff Praxedis die glitzernde
glasperlenbehängte Krone voll farbiger Steine und Flittergold: »Heilige Mutter
Gottes von Byzanzium!« rief sie, »muss das auch noch aufgesteckt werden? Wenn du
mit dem Kopfschmuck einherschreitest, Friderun, werden sie in der Ferne glauben,
es sei ein Festungsturm lebendig geworden und wandle zur Trauung.«
    »Es muss sein!« sprach Friderun.
    »Warum muss es sein?« fragte die Griechin. »Ich hab' daheim manch schmucke
Braut gesehen, die trug den Myrtenkranz oder den silbergrünen Olivenzweig in den
Locken, und es war gut so. Freilich in euren harzigen russigen schwärzlichen
Tannenwäldern wächst nicht Myrte und nicht Olive, aber Efeu wär' auch schön,
Friderun?«
    Die drehte sich zürnend im Stuhl. »Lieber ledig bleiben«, sprach sie, »als
mit Blatt und Gras im Haar zur Kirche gehn. Das mögt Ihr hergelaufenem Volk
raten, aber wenn ein Hegauer Kind Hochzeit macht, muss die Schappelkrone sein
Haupt schmücken, das gilt von jeher, seit der Rhein durch den Bodensee rinnt und
die Berge stehen. Wir Schwaben sind all ein königlich Geschlecht, hat mein Vater
immer gesagt.«
    »Euer Wille geschehe«, sprach Praxedis und heftete ihr die Flitterkrone auf.
    Die grosse Braut erhob sich, aber Falten lagerten über ihrer Stirn wie ein
Schatten eilenden Gewölks, der sein vorübergehend Dunkel auf die sonnbeglänzte
Ebene wirft.
    »Willst du jetzt schon weinen«, fragte die Griechin, »auf dass dir in der Ehe
die Tränen gespart werden?«
    Friderun machte ein ernst Gesicht und der unholde Mund zog sich betrübt in
die Länge, dass Praxedis Müh' hatte, nicht zu lachen.
    »Mir ist so bang«, sprach die Braut des Hunnen.
    »Was soll dir bang machen, zukünftige Nebenbuhlerin der Tannen am
Stofflerberg?«
    »Ich fürcht', die Burschen des Gaus tun mir einen Spuk an, dass ich den
Fremden heirate. Wie der Klostermeier vom Schlangenhof die alte Witfrau vom
Bregenzer Wald heimgeführt hat, sind sie ihm in der Hochzeitnacht vors Haus
gezogen und haben mit Stierhörnern und Kupferkesseln und grossen Meermuscheln
eine Höllenmusik gemacht, wie wenn ein Hagelwetter weg zu drommeten wär'; und
wie der Rielasinger Müller am ersten Tag seines Ehestands vors Haus trat, stand
ein Maienbaum gepflanzt, der war kahl und dürr, und statt Blumen hing ein
Strohwisch dran und ein zerlumpt grüngelb Schürzlein.«
    »Sei gescheit!« tröstete Praxedis.
    Aber Friderun jammerte weiter: »Und wenn sie mir's machen wie des
Bannförsters Witib, da sie den Jägersknaben nahm? Der haben sie nachts das
Strohdach entzweigeschnitten oben auf dem Hausfirst, halb zur Rechten, halb zur
Linken ist's heruntergerollt, der blaue Himmel hat in ihr Hochzeitbett
geleuchtet, ohne dass sie wussten warum, und die Krähen sind ihnen zu Häupten
geflogen202.«
    Praxedis lachte. »Du wirst doch ein gut Gewissen haben, Friderun?« sprach
sie bedeutsam.
    Aber der stand das Weinen näher.
    »Und wer weiss«, sprach sie ausweichend, »was mein Cappan ...«
    »Paulus«, verbesserte Praxedis.
    »... in jungen Tagen für Streiche gemacht? Gestern nacht hat mir geträumt,
er habe mich fest in seinen Armen gehalten, da sei ein hunnisch Weib gekommen,
gelb von Gesicht und schwarz von Haar, und hab' ihn weggerissen. Mein gehört er!
drohte sie, und wie ich ihn nicht lassen wollte, ward sie zur Schlange und
ringelte sich fest an ihm auf ...«
    »Lass die Schlangen und Hunnenweiber«, unterbrach sie Praxedis, »und mach
dich fertig, sie kommen schon den Berg herauf ... Vergiss den Rosmarinzweig nicht
und das weisse Tuch!«
    Hell glänzte draussen im Burghof des Cappan weisses Festgewand. Da gab
Friderun den trüben Gedanken Valet und schritt hinaus; die Ehrenmägde empfingen
sie im Hof, der Neugetaufte lachte ihr fröhlich entgegen, das Glöcklein der
Burgkapelle läutete, es ging zur Hochzeit203.
    Die Trauung war beendet, mit strahlendem Antlitz verliess das neue Ehepaar
die Burg. Frideruns ganze Sippschaft war erschienen, stämmige Leute, die an Höhe
des Wuchses der Braut nicht nachstanden; sie sassen als Meyer und Bauern auf den
nachbarlichen Höfen; jetzt zogen sie nach dem Gütlein am Fuss des hohen Stoffeln,
das erste Feuer zur Einweihung des neuen Herdes anzuzünden und das Hochzeitfest
zu feiern. Voraus im Zug wurde auf bekränztem Wagen der Brautschatz geführt; da
fehlte die grosse Bettstatt von Tannenbrettern nicht, Rosen und Trudenfüsse als
Abwehr von Alp und Wichtelmännern und andern nächtlichen Unholden waren drauf
gemalt; - an Kisten und Kasten folgte ein mannigfacher Hausrat.
    Die Ehrenmägde trugen die Kunkel mit angelegtem Flachs und den schön
gezierten Brautbesen von weissen Reisern, einfache Sinnbilder von Fleiss und
Ordnung fürs künftige Hauswesen.
    An Jauchzen und Jubelruf liessen es die Geleitsmänner nicht fehlen; dem
Cappan aber war's zu Sinn, als hätten die Fluten der Taufe in früher
Morgenstund' alle Erinnerung weggespült, dass er je streifend und schweifend ein
Ross getummelt, er schritt ehrsam und bürgerlich mit Schwägern und Schwiegern,
als wär' er von Jugend ein Fronvogt oder Schulteiss im Hegau gewesen.
    Noch war der Lärm der bergab Ziehenden nicht verklungen, da traten zwei
schmucke Bursche vor die Herzogin und ihre klösterlichen Gäste, des Schaffners
auf der kaiserlichen Burg Bodmann Söhne und Frideruns Gevattern. Sie kamen als
Hochzeitbitter, jeder eine gelbe Schlüsselblume hinters Ohr gesteckt und einen
Strauss am zwilchenen Gewand.
    Verlegen blieben sie unter des Saales Eingang stehen, die Herzogin winkte,
da traten sie etliche Schritte vor, dann noch etliche, und scharrten eine
Verbeugung und sprachen den alterkömmlichen Ladspruch zum Ehrentag ihrer Base
und baten, ihnen hinüberzufolgen über Weg und Steg, über Gassen und Strassen,
Brück' und Wasser zum Hochzeitshaus; dort werd' man auftragen ein Kraut und
Brot, wie selbes geschaffen der allmächtige Gott, ein Fass werd' rinnen und
Geigen drein klingen, ein Tanzen und Springen, Jubilieren und Singen. »Wir
bitten Euch, lasst zwei schlechte Boten sein für einen guten, gelobt sei Jesus
Christ!« so schloss ihr Spruch, und ohne den Bescheid zu erwarten, scharrten sie
die zweite Verbeugung und enteilten.
    »Erweisen wir unserm jüngsten christlichen Untertan die Ehre des Besuchs?«
fragte Frau Hadwig heiter. Die Gäste wussten, dass auf Fragen, die sie so
freundlich stellte, keine Verneinung zieme. Da ritten sie des Nachmittags
hinüber. Auch Rudimann, der Abgesandte von Pirminius' Kloster, ritt mit, er
hielt sich schweigsam und lauernd, seine Rechnung mit Ekkehard war noch nicht
abgemacht.
    Der Stoffler Berg ragt stolz und lustig mit seinen drei Basaltkuppen, von
dunkelm Tannwald umsäumt, ins Land hinaus. Die Burgen, deren Trümmer jetzt sein
Rücken trägt, waren noch nicht gebaut, nur auf dem höchsten stand ein
verlassener Turm. Auf dem zweiten Bergvorsprung aber war ein bescheiden Häuslein
im Waldversteck - des neuen Ehepaars Sitz. Als Zins und Zeichen, dass der
Einziehende der Herzogin Mann, war ihm gesetzt, alljährlich fünfzig
Maulwurfsfelle einzuliefern und auf Sankt Gallus' Festtag einen lebenden
Zaunkönig.
    Auf grüner Waldwiese hatte die Hochzeitsippe ihr Lager aufgeschlagen; in
grossen Kesseln ward gesotten und gebraten, wem keine Platte oder Teller zuteil
ward, der schmauste von tannenem Brett, wo die Gabel fehlte, ward zweizinkige
Haselstaude zu deren Rang erhoben.
    Cappan war mühsam zu Tisch gesessen und hielt sich aufrecht an seiner
Ehefrau Seite; aber in des Gemütes Tiefe bewegte er den Gedanken, ob er nicht
nach etlichen Tagen die Gewohnheit des Liegens zur Mahlzeit wieder zum alten
Recht erheben wolle.
    In den langen Zwischenräumen von einem Gericht zum andern - der Schmaus
begann mit der Mittagstunde und sollte zum Sonnenuntergang noch nicht beendet
sein - schuf der Hunne seinen vom Sitzen gequälten Gliedmassen durch Tanzen Luft.
    Von bäuerlicher Musika empfangen, kam die Herzogin angeritten. Sie schaute
vom Ross herab auf die Fröhlichen, da zeigte ihr der neue Paulus seine wilde
Kunst. Die Musika genügte ihm nicht, er pfiff und jauchzte sich selber den Takt;
sein langes Ehgemahl drehte er in labyrintischer Verschlingung, ein wandelnder
Turm und eine Katze des Waldes, so tanzte die Langsame mit dem Behenden, bald
beisammen, bald fliehend, bald Brust gegen Brust, bald Rücken gegen Rücken -
dann stiess er seine Tänzerin von sich, die Holzschuhe im Schweben
zusammenklirrend, tat er sieben wirbelnde Luftsprünge, einen höher als den
andern, zum Beschluss liess er sich vor Frau Hadwig ins Knie fallen und beugte
sein Haupt zur Erde, als wollt' er den Staub küssen, den ihres Rosses Huf
berührt. Es sollte sein Dank sein.
    Die Hegauer Vettern aber schöpften ein Beispiel löblicher Anregung aus dem
ungewohnten Tanz. Es mag sein, dass mancher später sich nähere Unterweisung drin
erbat, denn aus fernem Mittelalter klingt noch die Sage herüber von den »sieben
Sprüng« oder dem »hunnischen Hupfauf«, der als Abwechslung vom einförmigen
Drehen des Schwäbisschen und als Krone der Feste seit jenen Tagen dort landüblich
ward.
    »Wo ist Ekkehard?« fragte die Herzogin, nachdem sie, vom Zelter gestiegen,
die Reihen ihrer Leute durchwandelt hatte. Praxedis deutete hinüber nach einem
schattigen Rain. Eine riesige Tanne wiegte ihre schwarzgrünen Wipfel, ihr zu
Füssen im verschlungenen Wurzelwerk sass der Mönch. Lauter Jubel und
Menschengewühl presste ihm beklemmend die Brust, er wusste nicht weshalb - er
hatte sich seitab gewandt und schaute hinaus über die waldigen Rücken in die
Alpenferne.
    Es war einer jener duftigen Abende, wie sie hernachmals Herr Burkart von
Hohenvels auf seinem riesigen Turm überm See belauscht hat, »da die Luft mit
Sonnenfeuer getempert und gemischet204«. Die Ferne schwamm in leisem Glanz. Wer
einmal hinausgeschaut von jenen stillen Berggipfeln, wenn bei blauem Himmel die
Sonne glutstrahlend zur Rüste geht, purpurne Schatten die Tiefen der Täler
füllen und flüssiges Gold den Schnee der Alpen umsäumt, dem muss noch spät im
Nebeldunst seiner vier Wände die Erinnerung tönen und klingen, lieblich wie ein
Sang in den schmelzenden Lauten des Südens.
    Ekkehard aber sass ernst, das Haupt gestützt in der Rechten.
    »Er ist nicht mehr wie früher!« sagte Frau Hadwig zur Griechin.
    »Er ist nicht mehr wie früher!« sprach Praxedis gedankenlos ihr nach. Sie
hatte auf die hegauischen Weiber zu schauen und ihren Festschmuck und überlegte
an diesen hohen Miedern und fassartig gesteiften Röcken und der unnennbaren
Haltung beim Tanz, ob der Genius guten Geschmackes händeringend für immer dies
Land verlassen oder ob sein Fuss es noch gar nie betreten habe.
    Frau Hadwig trat vor Ekkehard. Er fuhr auf seinem Moossitz empor, als wär'
ihm ein Geist erschienen.
    »Einsam und fern von den Fröhlichen?« frug sie. »Was treibet Ihr?«
    »Ich denke darüber nach, wo das Glück sei«, sprach Ekkehard.
    »Das Glück?« sprach Frau Hadwig, »das Glück kommt von ohngefähr wohl über
neunzig Stunden her, heisst's im Sprichwort. Fehlt's Euch?«
    »Es wäre möglich«, sprach der Mönch und schaute ins Moos hinab. Erneute
Musik und Jauchzen der Tanzenden tönte herüber.
    »Die dort das Erdreich stampfen«, fuhr er fort, »und mit den Füssen
auszusprechen wissen, was ihnen das Herz bewegt, sind glücklich; es gehört wohl
wenig dazu, um's zu sein, vor allem -« er deutete nach den schimmernden Häuptern
der Alpen - »keine Fernsicht auf Höhen, die unser Fuss niemals erreichen darf.«
    »Ich versteh' Euch nicht«, sagte die Herzogin trocken. Ihr Herz dachte
anders als ihre Zunge. »Wie geht es Eurem Virgilius?« sprach sie, die Rede
ablenkend; »es hat sich wohl Staub und Spinnweb über ihn gesetzt in der Not der
vergangenen Tage?«
    »In meinem Herzen ist er wohl geborgen«, sprach Ekkehard, »wenn das
Pergament auch modert. Erst vorhin sind mir seine Verse zum Lob des Landbaus
durch die Gedanken gezogen: Dort das waldumschattete Häuslein, am Bergeshang der
Felder schwarzfettes Erdreich, ein neu vermählt Paar mit Hacke und Pflug, der
Mutter Erde den Unterhalt abzwingend - neidig musst' ich des Virgilius Bild vor
mir sehen:
- ein truglos gleitendes Leben,
Reich an mancherlei Gut. Und Musse bei räumigen Feldern,
Grotten und lebende Teich', ein Kühlung atmendes Tempe,
Rindergebrüll und unter dem Baum sanft winkender Schlummer.«
    »Ihr wisst sinnig zu erklären«, sprach Frau Hadwig. »Des Cappan
Lehenspflicht, ringsum den Maulwurf zu fahen und die nagende Feldmaus, hat Euer
Neid wohl übersehen. Und die Winterfreuden! wenn der Schnee mauergleich bis an
das Strohdach sich türmt, dass der helle Tag sich verlegen umschaut, durch
welchen Spalt er ins Haus schlüpfen soll ...«
    »Auch in solche Not wüsste ich mich zu finden«, sprach Ekkehard. »Virgilius
weiss es auch:
    Mancher verbleibet dann lang' beim späten Geflimmer des Feuers
    Wach im Winter und schnjetzt sich Fackeln mit schneidendem Eisen,
    Während sein Weib mit Gesang sich der Arbeit Weile verkürzend
    Rasch des Gewebs Aufzug durchschiesst mit sausendem Kamme.«
    »Sein Weib?« sprach die Herzogin boshaft. »Wenn er aber kein Weib hat?«
    Drüben erscholl ein brausend Jubelgelächter. Sie hatten den hunnischen
Vetter auf ein Brett gesetzt und trugen ihn erhoben, wie einst den Heerführer
auf dem Schild bei der Königswahl, über die Wiese. Er tat etliche Freudensprünge
über ihren Häuptern.
    »- und kein Weib haben darf?« sprach Ekkehard zerstreut. Seine Stirn glühte.
Er deckte sie mit der Rechten. Wohin er schaute, schmerzte ihn das Aug'. Dort
das Gewirre des Hochzeitjubels - hier die Herzogin, fern die leuchtenden
Gebirge: es war ihm unendlich weh, aber seine Lippen blieben geschlossen. »Sei
stark und still!« sprach er zu sich selber.
    Er war in Wahrheit nicht mehr wie früher. Der stille Bücherfriede der
Mönchsklause war von ihm gewichen, Kampf und Hunnennot hatten sein Denken
geweitet, der Herzogin Zeichen von Huld sein Herz entzweit. Im Gang des Tages,
im Traum der Nacht verfolgte ihn das Bild, wie sie ihm Reliquie und Schwert des
Gatten umgehangen, und in bösen Stunden zogen Vorwürfe nebelgleich durch seine
Seele, dass er's so schweigend hingenommen. Frau Hadwig ahnte nicht, was in ihm
kochte; sie dachte gleichgültiger von ihm, seit vermeintliches Nichtverstehen
ihres Zuvorkommens sie gedemütigt; aber wenn sie ihn wieder sah, Kummer auf der
hohen Stirn und fragende Schwermut im Aug', so erneute sich das alte Spiel.
    »Wenn Ihr solche Freude am Landbau habt«, sprach sie leicht, »ich wüsst' Euch
Rat. Der Abt von Reichenau hat mich geärgert, die Perle meiner Hofgüter mir
abschwatzen wollen, als wär's eine Brotkrume, die man vom Tisch schüttelt, ohne
umzuschauen!«
    - Es rauschte im Gebüsch, sie nahmen es nicht wahr. Ein dunkler Schimmer zog
sich durch die Blätter - war's ein Fuchs oder eines Mönchs Gewand?
    »Ich will Euch als Verwalter drauf setzen«, fuhr Frau Hadwig fort, »da habt
Ihr all die Herrlichkeit vollauf, deren Anblick Euch heute schwermütig macht,
und noch mehr. Mein Saspach liegt fröhlich am Rhein, der alte Kaiserstuhl rühmt
sich der Ehre, dass er zuerst in all unsern Landen die Weinrebe trug, - und sind
ehrliche Leute dort, wenn sie auch eine unfeine Sprache sprechen.«
    Ekkehard sah vor sich nieder.
    »Ich kann's Euch auch ausmalen, ohne dass ich zu schildern weiss wie
Virgilius. Denkt Euch, es ist Herbst - Ihr habt ein gesund Leben geführt, mit
der Sonne heraus, mit den Hühnern zu Bett - jetzt kommt die Weinlese, von allen
Bergrücken steigen Knechte und Mägde zu Euch hernieder, den Hängkorb gefüllt mit
Trauben, Ihr steht am Tor ...«
    Es rauschte wieder im Gebüsch.
    »... und denket darüber nach, wie der Wein wird, und besinnt Euch, auf
wessen Wohl Ihr ihn trinken wollt, der Vogesenwald schaut so licht und blau zu
Euch herüber, wie hier die Hörner der Alpen, da kommt's mit Ross und Wagen vom
alten Breisach her, die Heerstrasse stäubt, Ihr hebet das Haupt, nun, Meister
Ekkehard, wer wird angezogen kommen?«
    Der Gefragte war kaum der Schilderung gefolgt. »Wer?« sagte er scheu.
    »Wer anders als Eure Gebieterin, die sich ihr herzoglich Recht nicht
vergeben wird zu prüfen, wie ihre Diener schalten.«
    »Und dann?« fragte er weiter.
    »Dann? dann werd' ich Erkundigungen einziehen, wie Meister Ekkehard seiner
Pflicht oblag, und sie werden alle sagen: Er ist brav und ernst, und wenn er
nicht so viel denken und sinnen und in seinen Pergamenten lesen wollte, wär' er
uns noch lieber ...«
    »Und dann?« fragte er noch einmal. Sein Ton war seltsam.
    »Dann werd' ich sprechen mit den Worten der Schrift: Wohl, du guter und
getreuer Knecht! Du warst treu über weniges, ich will dich über vieles setzen.
Zeuch ein zum Freudenmahl deines Herrn.«
    Ekkehard stand gleich einem Betäubten. Er hob seinen Arm, er liess ihn wieder
sinken, eine Träne zitterte in seinem Aug'. Er war sehr unglücklich.
    ... Zu selber Zeit schritt ein Mann vorsichtig aus dem Gebüsch heraus. Wie
er wieder Wiesengrund unter den Füssen fühlte, liess er die gehobene Kutte
niederfallen. Er schaute bedeutsam auf die beiden zurück und nickte mit dem
Haupte, wie einer, der eine Entdeckung gemacht. Er war auch nicht hingegangen,
um Veilchen zu pflücken.
    Das Hochzeitfest war in stufenweiser Entwicklung bis dahin gediehen, wo
Chaos einzubrechen droht. Der Met wirkte in den Gemütern. Einer hing sein
Obergewand an einen Baumast und fühlte unwiderstehliche Neigung, alles zu
zertrümmern, ein anderer hingegen strebte, alles zu umarmen, ein dritter, der
vor zehn Jahren manchen Kuss von Frideruns Wangen gepflückt zu haben sich
erinnerte, sass trübsinnig am Tisch und hatte viel getrunken und sah den Ameisen
zu, die ihm zu Füssen wimmelten, und sprach: »Kling, klang, gloria! Keine ist was
nutz ...« Die jungen Leute, die in der Frühe so verschämt als Hochzeitbitter bei
der Herzogin waren, führten mit ihrem hunnischen Anverwandten ein germanisches
Schalksspiel aus: sie hatten ein grosses linnenes Laken aus einer der
Hochzeittruhen gerissen, den Cappan drauf, an den vier Ecken hielten sie's starr
und schleuderten den Unseligen von der prallen Decke empor, dass er in die blauen
Lüfte hinaufwirbelte wie eine Lerche205. Er hielt's für den landesüblichen
Ausdruck verwandtschaftlicher Hochachtung und schwang sich gewandt auf und
nieder.
    Da plötzlich tat die lange Friderun einen lauten Schrei. Alle Köpfe wandten
sich, schier liessen die Vettern den Aufgeschnellten hinab ins kühle Erdreich
sausen, ein Freudenjubel brach aus, ungeheuer und dröhnend, dass es schien, als
wollten selber die verwitterten Basaltfelsen im Tannenwald verwundert umschauen,
und die hatten in Sturm und Wetter schon manch tüchtigen Lärm gehört. Audifax
und Hadumot kamen auf ihrer Flucht aus hunnischer Hand des Wegs gezogen.
Audifax führte den Gaul mit der Schatztruhe am Zügel, glückselig gingen die
Kinder nebeneinand, sie hatten heut zum erstenmal den Gipfel des hohen Twiel
wieder erschaut und mit frohem Aufjauchzen begrüsst. »Erzähl' ihnen nicht alles!«
flüsterte Audifax seiner Gefährtin zu und flocht dichtes Weidengezweig um die
Körbe. Schon war die lange Friderun herbeigesprungen und trug die Hadumot halb
auf den Armen weg: »Grüss Gott, verloren Söhnlein! Trink Sackpfeifer, trink
Sturmläufer!« rief's aus aller Mund dem Audifax zu - sie wussten von des Jungen
Gefangenschaft und reichten ihm die grossen Steinkrüge zum Willkomm.
    Die Kinder hatten unterwegs beredet, wie sie der Herzogin zu Haus
entgegentreten wollten. »Wir müssen ihr schön danken«, hatte die Hirtin gesagt,
»und ich muss ihr den Goldtaler zurückgeben, ich hab' den Audifax umsonst
bekommen, werd' ich ihr sagen.«
    »Nein«, hatte Audifax erwidert, »wir legen vom Hunnengold noch die zwei
grössten Münzen darauf und bringen ihr die dar: sie möcht' uns gnädig bleiben wie
bisher, das sei unser Dank und Busse in den Herzogsschatz, dass ich die Waldfrau
erschlagen.«
    Sie hatten das Gold schon gerüstet.
    Jetzt sahen sie die Herzogin bei Ekkehard unter der Tanne stehen. Der
tobende Lärm der Mannen unterbrach das landwirtschaftliche Gespräch der beiden.
Praxedis kam gesprungen und kündete die wunderbare Mär. Jetzt kamen die jungen
Flüchtlinge selber, sie führten sich. Vor Frau Hadwig knieten sie nieder,
Hadumot hielt ihren Taler empor, Audifax zwei grosse güldene Schaumünzen; er
wollte sprechen, die Worte blieben aus ... Da wandte sich Frau Hadwig mit
stolzer Anmut zu den Umstehenden:
    »Die Narretei meiner zwei jungen Untertanen schafft mir Gelegenheit, ihnen
meine Gnade zu beweisen. Seid dessen Zeugen!«
    Sie brach einen Haselzweig vom Strauch, tat einen Schritt vor, schüttelte
dem Hirtenknaben und seiner Gefährtin die Münzen aus der Hand, dass sie weit
hinüberflogen ins Gras, und berührte beider Scheitel mit dem Zweig: »Stehet
auf«, sprach sie, »keine Schere soll von heut an euer Hauptaar mehr kürzen, als
der Burg Hohentwiel eigene Leute seid ihr gekniet, als freigesprochene und freie
erhebt euch und behaltet einand so lieb in der Freiheit wie ehedem.«
    Es waren die Formen der Freilassung nach salischem Recht206. Schon der
Kaiser Lotarius hatte seiner alten Magd Doda den güldenen Denar aus der Hand
und damit das Joch der Sklaverei vom Nacken geschüttelt. Audifax aber war
fränkischer Abstammung, darum hatte sich Frau Hadwig nicht nach ihrem
alemannischen Landrecht gerichtet.
    Die beiden standen auf. Sie begriffen, was vorgegangen. Dem Hirtenknaben
wollte es schwarz vor den Augen werden, der Traum seiner Jugend, Freiheit,
Goldschatz ... alles Wahrheit geworden, dauernde Wahrheit für jetzt und
immerwährendes Immer! ... Er sah Ekkehards ernstes Antlitz und warf sich mit
Hadumot vor ihm nieder: »Vater Ekkehard«, rief er, »wir danken auch Euch, dass
Ihr's wohl mit uns gemeint!«
    »Wie schade, dass es schon zu spät worden«, rief Praxedis herüber, »Ihr
könntet gleich noch ein Paar mit dem Band der Ehe zusammenschmieden oder
wenigstens feierlich verloben, die taugen so gut zueinand wie die zwei da
drüben.«
    Ekkehard liess sein blaues Aug' lange auf den beiden ruhen. Er legte ihnen
die Hand auf und machte das Zeichen des Kreuzes über sie. »Wo ist das Glück?«
sprach er leise vor sich hin. - -
    In später Nacht ritt Rudimann, der Kellermeister, in sein Kloster zurück.
Die Furt war trocken, er konnte zu Ross hinüber. Von des Abts Zelle glänzte noch
ein Lichtschimmer in den See nieder. Er klopfte bei ihm an, öffnete die Tür halb
und sprach: »Meine Ohren haben heute mehr hören müssen, als ihnen lieb war. Mit
dem Hofgut zu Saspach am Rheine wird's nichts! Sie setzt das Milchgesicht von
Sankt Gallen drauf ...«
    »Varium et mutabile semper femina! Wankelmütig und veränderlich stets ist
das Weib207!« murmelte der Abt, ohne sich umzuschauen. »Gute Nacht!«
 
                              Siebzehntes Kapitel.
                             Gunzo wider Ekkehard.
Zu den Zeiten, da all das seiter Erzählte an den Ufern des Bodensees sich
zugetragen, sah fern in belgischen Landen im Kloster des heiligen Amandus sur
l'ElnonA1 ein Mönch in seiner Zelle. Tagaus, tagein, wenn die Pflicht der
Klosterregel ihn freiliess, sass er dort wie festgebannt; Wintersturm war
gekommen, die Flüsse zugefroren, Schnee, so weit das Auge reichte - er hatte
dessen keine Acht; der Frühling trieb den Winter aus - es kümmerte ihn nicht;
die Brüder plauderten von Krieg und schlimmer Botschaft aus dem befreundeten
Land am Rhein - er hatte kein Ohr für sie. Auf seiner Zelle lag Stuhl und
Schragen mit Pergamenten überdeckt, des Klosters ganze Bücherei war zu ihm
herabgewandert, er las und las und las, als wollt' er den letzten Grund der
Dinge ergründen; - zur Rechten die Psalmen und heiligen Schriften, zur Linken
die Reste heidnischer Weisheit, alles ward durchwühlt; dann und wann machte ein
höhnisch Lächeln dem Ernst seiner Studien Platz, und er schrieb sich auf schmale
Streifen Pergamentes hastig etliche Zeilen heraus. Waren es Goldkörner und
Edelsteine, die er auf seiner Bergmannsarbeit aus den Schachten alten Wissens
grub? Nein.
    »Was mag dem Bruder Gunzo widerfahren sein?« sprachen seine Genossen,
»ehedem ist seine Zunge gegangen wie ein Mühlrad, und die Bücher haben Ruhe vor
ihm gehabt: Sie können mir doch nur bieten, was ich längst weiss, hat er sich oft
gerühmt - und jetzt? Jetzt knarrt und scharrt seine Feder, dass bis im vorderen
Kreuzgang der Widerhall ihres Kratzens gehört wird. Gedenkt er des Kaisers
Protonotar und Erzkanzler zu werden? sucht er den Stein der Weisen oder schreibt
er seine italische Reise?«
    Aber der Bruder Gunzo blieb an seinem Werk. Unverdrossen trank er seinen
Wasserkrug leer und las seine Klassiker, - die ersten Gewitter kamen und
mahnten, dass der Sommer mit seiner Schwüle vor der Türe stehe; er liess donnern
und blitzen und sass fest wie zuvor. Den Schlummer der Nacht brach er zuweilen
und sprang auf zu seinem Tintenfass, als hätt' er im Traum Gedanken erhascht; oft
waren sie wieder verschwunden, bevor ihm das Niederschreiben gelang, aber sein
Sinn war fest aufs Ziel gerichtet. »Kommen wird einstens der Tag« ... mit der
homerischen Verheissung sich tröstend, schlich er auf sein Lager zurück.
    Gunzo war im kräftigen Mannesalter, eine mässig grosse, gedrungene Gestalt,
wohlbeleibt; wenn er des Morgens vor seinem fein geschliffenen Metallspiegel
stund und mehr als notwendig die Augen auf dem eigenen Abbild haften liess,
strich er oft seinen rötlichen Bart, als woll' er zu Fehde und fährlichem
Streitandel ausreiten.
    Fränkisch Blut mit gallischem vermischt rollte in seinen Adern: das schuf
ihm ein Stück von jener Beweglichkeit und Immerlebendigkeit, die dem Germanen
reinen Stammes abgeht. Darum hatte er auch in währender Schreibarbeit mehr
Federn zerbissen und Schnipfel zerzaust und Selbstgespräche geführt, als ein
Genosse in deutschem Kloster in gleicher Frist getan hätte. Aber er hielt seines
Fleisches natürliche Unruhe nieder und zwang seine Füsse mannhaft, unter dem
bücherschweren Tisch standzuhalten.
    Es war ein linder Sommerabend; wiederum war seine Feder wie ein Irrlicht
über das geduldige Pergament gehüpft, es knisterte vom Ziehen der Buchstaben -
da hub sie an, langsamer zu gehen, - jetzt eine Pause, dann noch einige Züge -
und einen gewaltigen Schnirkel zog er über den unbeschriebenen übrigen Raum, dass
die Tinte unfreiwillig einen Schwarm von Flecken gleich schwarzen Sternbildern
drüber schwirrte. Er hatte das Wort Finis! geschrieben; mit langgedehntem
Atemzug erhob er sich vom Stuhl gleich einem Mann, dem ein Zentnerstein vom
Herzen gefallen, er überschaute, was schwarz auf weiss vor ihm lag: »Gelobt sei
der heilige Amandus!« rief er feierlich, »wir sind gerächt!«
    Er hatte in diesem erhebenden Augenblick - eine Schmähschrift vollendet,
eine Schmähschrift, zugeeignet der ehrwürdigen Bruderschaft auf der Reichenau,
gerichtet gegen - Ekkehard, den Pörtner zu Sankt Gallen. Als der blonde Erklärer
des Virgilius Abschied nahm von seinem Kloster und zur Herzogin übersiedelte,
konnte es ihm unmöglich zu Sinne kommen - und hätt' er sein Gedächtnis auch
umgeschüttelt bis in die verborgensten Falten, dass ein Mann auf der Welt sei,
dessen Dichten und Trachten darauf ausging, an ihm Rache zu nehmen, denn er war
harmlos und sanft und tat keiner Mücke ein Leides. Und doch war es so; denn
zwischen Himmel und Erde und im Gemüt eines Schriftgelehrten gehn viele Dinge
vor, davon sich der Verstand der Verständigen nichts träumen lässt.
    Die Geschichte hat ihre Launen im Erhalten wie im Zerstören. Die deutschen
Lieder und Heldensagen, die durch des grossen Kaiser Karl Fürsorge aufgezeichnet
standen, mussten im Schutte der Zeiten untergehen, Gunzos Werk, das noch keinem
der wenigen, die es gelesen, Freude bereitet, ist auf die Nachwelt gekommen208.
Mag denn der ungeheuerliche Anlass, der des welschen Gelehrten Rache aufrief, mit
seinen eigenen Worten erzählt sein:
    »Schon lange« - also schreibt er seinen Reichenauer Freunden - »betrieb es
der verehrungswerte teure König Otto bei den Fürsten Italiens, dass er mich in
seine Reiche herüber berufe. Da ich aber keinem so untertan, noch auch so
niedrigen Standes war, dass man mich hätte zwingen mögen, wandte er sich an mich
mit bittender Anzeige, also dass er mein Versprechen als Unterpfand des Kommens
empfing. So geschah es auch, als er Welschland verliess, dass ich ihm folgte. Und
ich folgte ihm, gedenkend, dass mein Kommen keinem zum Schaden, vielen zu Nutzen
gereichen möge, denn wozu treibt uns nicht die Liebe und der Wunsch, den
Mitbrüdern genehm zu sein? Und ich zog meines Wegs, nicht wie ein Britanne
gespickt mit den Geschossen des Tadels, sondern im Dienste der Liebe und
Wissenschaft.
    Über steiles Joch der Gebirge und abschüssige Schluchten und Täler kam ich
endlich vor des heiligen Gallus Kloster an, und zwar so erschöpft, dass die vom
eisigen Hauch der Bergluft erstarrten Hände den Dienst versagten und fremde
Hilfleistung mich vom Saumtier heben musste.
    Des Ankommenden Hoffnung war friedlich Ausruhen am Ort klösterlicher
Niederlassung. Auch sah ich dort häufiges Neigen der Häupter, sittig geordnete
Kapuzen, sanftes Einherschreiten und seltenen Gebrauch der Rede, also dass ich
keines Unheils gewärtig stund, nur dass des Juvenalis Spruch gegen die falschen
Philosophen:
    Spärlich ist ihnen das Wort, - doch Bosheit steckt in dem Schweigen
heimlich an meinem Gemüt nagen wollte. Und wer sollte glauben, dass jenem Heiden
vorahnende Kenntnis von kuttentragender Verkehrteit inwohnte?
    Doch freute ich mich harmlos meines Lebens, erwartend, ob nicht unter dem
spärlichen Gemurmel der Brüder etliche Funken philosophischer Strebungen
aufblitzen möchten. Es blitzte aber nichts auf, sie rüsteten am Rüstzeug der
Hinterlist.
    Unter anderen war auch ein junger Schülerknab' anwesend und ein älterer, der
- - je nun! er war, wie er war; sie hiessen ihn einen braven Lehrer des Klosters,
wiewohl er mir in die Welt zu schauen schien mit den Augen einer Turteltaube.
Von diesem schmachtend blickenden Gelehrten habe ich nunmehr zu reden. Höret
seine Tat. Ab- und zugehend machte er den Schüler zum Gefährten eines tückischen
Anschlages.
    Nacht war's, es nahte die Zeit des sorgenstillenden Schlummers,
    Wohlgesättigt des Mahls, zollten wir Bacchus sein Recht -
da verführte mich ein ungünstig Geschick, dass ich im Hin- und Herreden
lateinischen Tischgespräches eines Verstosses im Gebrauch eines Kasus schuldig
ward und einen Akkusativus setzte, wo ein Ablativus sich geziemt hätte.
    Nun ward offenbar, in welcher Art Künsten jener vielberühmte Lehrer den
ganzen Tag seinen Schüler unterwiesen. Solch Verbrechen wider Sprache und
Grammatik verdiene die Schulgeissel! also spottete das benannte Studentlein mich,
den Erprobten, und kramte bei diesem Anlass ein höhnisches Spottgedicht aus, das
ihm eben jener Lehrer eingeblasen, also dass ein rauhes zisalpinisches Gelächter
über den fremden Gastfreund durchs Refektorium erschallte.
    Wem aber ist unbekannt, welcher Beschaffenheit die Verse übermütig
gewordener Mönche sind? Was weiss ein solcher von der inneren Haushaltung eines
Gedichtes, wo ein Stück Purpur ans andere zu setzen ist, auf dass es glänze und
gleisse? was von der Würde der Dichtkunst? - er spitzt die Lippen und spuckt ein
Poem aus, gleich dem LuciliusA2, den Horatius brandmarkt, dass er oftmals auf
einem Fuss stehend zweihundert Verse diktierte und mehr noch, bevor ein Stündlein
abgelaufen. Ermesset nun, ehrwürdige Brüder, welch ein Mass von Unrecht man mir
angetan, und was der für ein Mensch sein muss, der seinem Nebenmenschen den
Irrtum eines Ablativus vorhält!«
    Der Mensch, der in harmlosem Scherz diesen Frevel begangen, war Ekkehard;
wenig Wochen bevor ihn seines Schicksals Wendung auf den hohen Twiel rief,
geschah die Untat. Mit des folgenden Morgens Frührot war das Tischgespräch mit
dem übermütigen Welschen vergessen, aber in der Brust dessen, den sie des
falschen Akkusativus überwiesen, sass ein Groll, so herb und nagend, wie der ob
der Waffen Achills, der einst den Telamonier Aias in sein Schwert gejagt und
noch bei den Schatten der Unterwelt seitab zürnen liess; er zog aus dem Tal, das
die Sitter durchströmt, nordwärts, er sah Bodensee und Rhein - und dachte des
Akkusativus; er ritt in den altersgrauen Toren von Köln ein und ritt hinüber auf
belgische Erde, der falsche Akkusativus ritt hinter ihm auf dem Bug seines
Rosses wie ein Alp; die Klostermauern des heiligen Amandus taten ihm ihren
Frieden auf: im Psalmsingen der Frühmette, in der Litanei der Vesperandacht
stieg der Akkusativus vor ihm auf und heischte sein Sühnopfer.
    Von allen unfrohen Lebenstagen prägen sich die am tiefsten der Seele ein, wo
durch eigen Verschulden eine Beschämung veranlasst ward; statt mit sich selber
drüber zu grollen, wird allen, die unfreiwillige Zeugen waren, eine bittere
Verstimmung zugewendet, das liebe Menschenherz gesteht sich so schwer, so schwer
die eigene Schwäche, und manchem, der ruhig an Kampf und Totschlag zurückdenkt,
schiesst alles Blut zu Haupte beim Gedanken an ein töricht Wort, das ihm an einer
Stelle entfuhr, wo er gern mit einem verständigen geglänzt.
    Darum nahm Gunzo seine Rache an Ekkehard. Und er führte eine scharfe,
tapfere Feder und hatte vieler Monde Frist auf sein Werk verwandt, dass es in
seiner Art ein Meisterstück ward, eine schwarze Suppe von viel hundert gelahrten
Brocken, reichlich gewürzt mit Pfeffer und Wermut und all den Bitterkeiten, die
den Streitschriften geistlicher Herren vor denen anderer so lieblichen Schmack
verleihen.
    Und ging ein wohltuender Zug von Grobheit durchs Ganze, also dass dem Leser
zumut' werden kann, als höre er, wie in naher Scheune ein Mensch mit Flegeln der
Drescher gedroschen werde - was von der feinen Art neuerer Zeit, wo das Gift in
vergüldeten Pillen gereicht wird und die Streiter den Hut voreinand abziehen,
eh' sie anheben, sich die Rippen einzuschlagen, rühmlich absticht.
    Es waren aber zwei Teile, der erste dem Ekkehard zum Nachweis, dass nur ein
roher und unwissender Mensch sich an Verwechslung eines Kasus stossen könne, der
zweite der Welt zur Überzeugung, dass der Verfasser Gunzo der gelahrteste,
weiseste und frömmste der Zeitgenossen.
    Und darum hatte er im Schweiss seines Angesichtes die Klassiker gelesen und
die heiligen Schriften, dass er alle Stellen verzeichnen möge, in denen
gleichfalls dichterische Laune oder Nachlässigkeit einen fälschlichen
Akkusativus gebraucht. Brachte auch der Beispiele aus Virgilius zwei, aus Homer
eines, aus Terentius eines, aus Priscianus eines, ferner aus Persius eines, wo
ein Vokativ statt eines Nominativ, und aus Sallustius eines, wo ein Ablativ
statt des Genitiv gesetzt ward - desgleichen aus den Büchern Moses und den
Psalmen. »Und, wenn solches sogar in den Reihen heiliger Schriften zu finden,
wer ist so ruchlos, dass er solche Weise des Sprechens zu tadeln wage oder zu
verändern? Mit Falschheit also glaubt des heiligen Gallus Mönchlein, dass mir die
Kunst der Grammatik fern, mag meine Zunge auch dann und wann gehemmt sein durch
die Gewohnheit meiner heimischen Sprache, die der lateinischen nur verwandt ist.
Verstösse aber kommen vor durch Nachlässigkeit und menschliche Unvollendeteit im
allgemeinen, wie Priscianus sehr richtig sagt: Ich glaube nicht, dass von
menschlichen Erfindungen etwas nach allen Teilen Vollendetes erfunden werden
möge. Auch hat schon Horatius Nachlässigkeiten der Schreibart und Sprache bei
bedeutenderen Männern entschuldigt: Zuweilen schlummert auch der gute Homer. Und
Aristoteles sagt in seinem Buch über die hermeneiaA3: Alles, was unsere Zunge
ausspricht, ist nur ein Ausdruck für das, was unserer Seele eingeprägt ist. Der
Begriff einer Sache aber ist früher vorhanden als der Ausdruck, und somit die
Sache höher zu schätzen denn das Wort. Wo aber der Sinn dunkel, sollst du ihm
mit Geduld und erläuterndem Verstand behilflich sein, die wahre Meinung zu
ermitteln.«
    Folgte sodann ein Schwall klassischer Beispiele von ungeschicktem und
nachlässigem Ausdruck des Gedankens, deren Reihe mit dem Spruch des Apostels
schliesst, der sich selber ungeschickt im Reden, aber nicht ungeschickt an Wissen
genannt.
    »Betrachtet man hienach das Benehmen meines sanktgallischen Widersachers, so
möchte man glauben, er sei einmal in den Garten eines weisen Mannes eingebrochen
und habe vom Mistbeet einen Rettich gestohlen, der ihm den Magen verdorben und
Galle angesetzt. Hüte darum jeder sein Gärtlein vor solchen Gesellen! Schlechte
Gespräche verderben gute Sitten.
    Möglich auch, dass er durchaus nicht anders sich benehmen konnte. Er hat wohl
den ganzen Tag in den Schlupfwinkeln seiner Kutte nachgesucht, womit er den
Gastfreund bewirten möge, aber weil er nichts anderes als verborgene List und
Bosheit drin vorfand, setzte er eben davon ein Pröbchen vor. Schlechte Menschen
haben schlechte Schätze.
    Mit solchem Wesen stimmt denn sein äusseres Erscheinen, das wir sorgsam zu
mustern nicht unterliessen. Sein Antlitz trug einen fahlen Glanz wie schlechtes
Metall, das zur Fälschung des echten dient, seine Haare gekräuselt, die Kapuze
feiner und sauberer denn nötig, die Schuhe leicht - auf dass alle Anzeichen
vorhanden, die dem heiligen Hieronymus Ärgernis gaben, da er schrieb: Leider
sind auch in meinem Sprengel etliche Kleriker, deren Sorge darauf gerichtet ist,
ob ihre Kleider herrlich duften, die Nägel ihrer Finger glänzen, das krause
Hauptaar mit Balsam gesalbt und gesänftigt sei und der gestickte Schuh knapp am
Füsslein sitze. Ein solcher Aufzug geziemt sich aber kaum für einen Stutzer und
Bräutigam, geschweige für einen Geweihten des Herrn.
    Weiter hab' ich erwogen, ob nicht auch der Laut seines eigenen Namens mit
seiner Handlungsweise übereinstimme. Und wie? Ekkehard oder Akhar hiess der Mann,
als wäre ihm schon bei der Taufe der Name eines Übeltäters vorahnungsvoll
aufgeprägt worden. Denn wer kennt nicht jenen Akhar, der aus der Beute von
Jericho einen purpurnen Mantel entwendet und zweihundert Beutel Silbers samt
einer güldenen Rute, also dass ihn Josua hinausführen liess in ein abgelegen Tal
und ganz Israel steinigte ihn, und alles, was er hatte, ward mit Feuer
verbrannt? Solchen Vorgängers hat sich der Akhar von Sankt Gallen würdig
erzeigt, dieweil, wer die Gebote einer höflichen Lebensart verachtet, so übel
tut als ein Dieb: er veruntreut das Gold wahrer Weisheit.
    Wäre es erlaubt, an die Seelenwanderung des Pytagoras zu glauben, so stünde
ausser allem Zweifel, dass die Seele jenes hebräischen Akhar in diesen Ekkhard
gefahren, und sie wäre ernstaft darob zu bedauern, denn besser den Körper eines
Fuchses zum Aufentalt erwählen als den eines hinterlistigen Mönches. All dies
sei übrigens ohne Hass gesagt; mein Hass geht nur auf die dem Manne anklebende
Schlechtigkeit, also nur auf ein Akzidens, nicht auf die Substanz selbst, in der
wir ja nach den Worten der Schrift ein Ebenbild der Gotteit anzuerkennen
haben«.
    »Merket nun«, so fuhr Gunzo in seines Buches zweitem Teile fort, »wie
unsinnig mein Feind gegen Nutz und Frommen der Wissenschaft gehandelt. Mehr als
hundert geschriebene Bände führte ich bei meiner Reise über die Alpen mit mir,
Waffen des Friedens, darunter des Marcianus blumenreiche Unterweisung in den
sieben freien Künsten, des Plato unergründliche Tiefe im Timäus, des Aristoteles
zu unseren Zeiten kaum aufgehellte dunkle Weisheit im Buch von der hermeneia,
und Ciceros rednerische Würde in der Topik. Wie ernst und fruchtbringend hätte
die Unterhaltung gedeihen mögen, wenn sie mich über solche Schätze befragt! Wie
konnte ich glauben, dass sie mich, dem Gott so vieles verliehen, ob der
Verwechslung eines Kasus durchhecheln würden, mich, der den Donat und Priscian
von innen und aussen kennt! Es mag freilich jener Aufgeblasene wähnen, dass er die
ganze Grammatika in seiner Kapuze mit sich trage - teure Mitbrüder! kaum ihren
Rücken hat er von ferne erschaut und wollte er eilen, einen Blick ihres hehren
Angesichts zu erhaschen, er würde über den eigenen täppischen Fuss stolpernd zu
Boden sinken. Die Grammatik ist ein hohes Weib, anders erscheint sie
Holzhackern, anders einem Aristoteles.
    Soll ich euch aber von der Schwester der Grammatik, von der Dialektik reden,
die jener griechische Meister die Amme seines Geistes genannt? O edle Kunst, die
den Toren in ihren Schlingen fängt, dem Weisen aber zeigt, wie er die Schlinge
meide; die uns die verborgenen Fäden aufdeckt, durch welche das Sein mit dem
Nichtsein verknüpft ist! Freilich davon weiss jener Kuttenträger nichts, - nichts
von jener subtilen Feinheit, die mit neunzehn Gattungen von Schlüssen alles zu
erledigen versteht, was je gedacht und was denkbar. Gott ist gütig, er entzieht
ihm solches Wissen, weil er's doch nur zu Lug und Trug nützen würde ...«
    In solcher Weise wies der gelahrte Welsche seine Überlegenheit in allen
freien Künsten nach; der Rhetorik und ihren Herrlichkeiten war ein Abschnitt
gewidmet, worin wieder stark von solchen die Rede, denen die Göttin Minerva
einmal von weitem im Traum erschienen, und von Toren, die da glauben, Kürze des
Ausdrucks sei Zeichen von Weisheit. Dann aber ging's auf Aritmetik, Geometrie
und Astronomie, mit Einschaltung tiefsinniger Abhandlungen über die Frage, ob
die Himmelskörper mit Seele, Vernunft und Anspruch auf Unsterblichkeit begabt,
und ferner, ob damals, als Josua geboten: »Bewege dich nicht, Sonne, gegen
Gabaon, noch du, Mond, gegen das Tal Aialon«, gleichzeitig auch den andern fünf
Planeten Stillstand auferlegt worden, oder ob diese ihren Kreislauf fortsetzen
durften.
    Gründliche Prüfung dieses Problems gab dann Anlass, auf die Harmonie der
Sphären und damit auf die Musik, als letzte der sieben Künste, einzugehen, und
so konnte das Schifflein der Rache auf wogendem Schwall der Gewässer endlich dem
Ziele entgegensteuern.
    »Wozu nun hab' ich all dies angeführt?« frug er zum Schlusse.
    »Nicht um die Elemente der freien Künste darzutun, sondern um die Torheit
eines Unwissenden blosszulegen, der da vorzog, grammatischen Schnitzern
nachzujagen, statt wahre Wissenschaft von seinem Gastfreund zu erlauschen. Wenn
ihm auch innerlich die Kunst für ewig versagt ist, hätt' er sich doch von aussen
einen Widerschein von mir erwerben können. Aber ihn blähte allzu grosser Übermut,
dass er vorzog, unter den Seinigen für einen Weisen zu gelten, gleich dem
Frosche, der in seinem Sumpf zweifelsohne glaubt, dass er an Grösse den Stier
übertreffe. Ach, niemals ist der Mitleidwerte auf freien Höhen des Wissens
gestanden und hat die Stimme Gottes zu sich reden gehört: in der Wildnis ist er
geboren, unter blödem Murmeln aufgewachsen, und seine Seele bewahrt die Sitte
der Tiere des Waldes; in tätigem Leben der Welt wollte er nicht beharren, zu
innerlicher Beschaulichkeit ist er verdorben, der Feind des Menschengeschlechts
hat ihm sein Zeichen aufgebrannt. Gern würde ich euch ermahnen, ihm die Hilfe
heilender Arznei angedeihen zu lassen, aber ich fürchte, ich fürchte, seine
Krankheit ist zu tief eingewurzelt.
    Und auf verhärtetes Fell wirkt selber die Nieswurz vergeblich
sagt Persius.
    Möget ihr nun, ehrwürdige Brüder, aus allem, was ich mitteile, ersehen, ob
ich ein solcher bin, der die Behandlung und das Gelächter jenes Toren verdient
hat. Euerem Urteil stell' ich ihn und mich anheim: Im Urteil der Gerechten
schwindet der Tor in sein verdientes Nichts. Finis!«
    »... Gelobt sei der heilige Amandus!« sprach Gunzo nochmals, als das letzte
Wort seines Werkes geschrieben vor ihm stand. Die alte Schlange hätte sicherlich
ihre Freude an ihm gehabt, wenn sie ihn in seiner Gottähnlichkeit hätte
belauschen können, da er den letzten Punkt anfügte. »Und Gott sah alles, was er
gemacht hatte. Und es war sehr gut.« Und Gunzo? - Er tat desgleichen.
    Dann schritt er zu seinem Metallspiegel und beschaute sich lange, als wär'
es ihm von äusserster Wichtigkeit, das Antlitz dessen kennenzulernen, der den
Ekkehard von Sankt Gallen vernichtet. Er verneigte sich achtungsvoll vor seinem
Spiegelbild.
    Die Glocke im Refektorium hatte längst zur Abendmahlzeit gerufen, Psalm und
Tischgebet waren gebetet, schon sassen die Brüder beim sanften Hirsebrei, da erst
trat Gunzo in den Saal. Sein Antlitz strahlte. Der Dekan deutete ihm schweigend
vom gewohnten Platz hinüber in den Winkel, denn wer allzuoft versäumte, sich
rechtzeitig einzufinden, der ward zur Busse von der Speisenden Gemeinschaft
gesondert und sein Wein den Armen verabreicht209. Aber ohne Murren setzte sich
Gunzo hinüber und trank sein belgisch Brunnenwasser, sein Büchlein lag ja
vollendet oben, das tröstete.
    Nach aufgehobenem Mahl zog er seiner Freunde einige zu sich auf die Zelle,
geheimnisvoll, als gält' es, verborgenen Schatz zu heben, er las ihnen das Werk
vor.
    Des heiligen Gallus Kloster mit seinen Büchern, Schulen, Gottesgelehrten war
in damaliger Christenheit viel zu gut beleumdet, als dass die Jünger des heiligen
Amandus nicht mit leiser Freude das Zischen von Gunzos Geschossen vernommen.
Tüchtigkeit und vorragender Wandel beleidigt die Welt oft noch tiefer als Frevel
und Sünde.
    Darum nickten sie beifällig mit den grauen Häuptern, wie Gunzo die
Kernstellen vortrug.
    »Es wär' schon lang' an der Zeit gewesen, den Bären im Helvetierland einen
Tanz aufzuspielen«, sprach der eine, »Übermut mit Grobheit gepaart verdient
keine andere Musik.«
    Gunzo las weiter. »Bene, optime, aristotelicissime!« murmelten die
Versammelten, als er geendet. »Vergnügte Mahlzeit, Bruder Akhar«, sprach ein
anderer, »belgisch Gewürz zum helvetischen Käse der Alpen!«
    Der Bruder Küchenmeister umarmte den Gunzo und weinte vor Rührung. So
gelehrt und so tief und so schön sei noch nichts aus den Mauern des heiligen
Amandus in die Welt hinausgegangen. Nur ein einziger der Brüder stand
unbeweglich an der Mauer.
    »Nun?« fragte Gunzo.
    »Wo bleibt die Liebe?« sprach der Bruder leise, dann schwieg er. Gunzo
fühlte den Vorwurf.
    »Du hast recht, Hucbald!« sprach er, »es soll geholfen werden. Die Liebe
gebeut, für unsere Feinde zu beten. Ich werd' noch ein Gebet für den armen Toren
an den Schluss der Schrift setzen, das wird sich versöhnlich ausnehmen und weiche
Gemüter bestechen. Wie?«
    Der Bruder schwieg. Es war spät in der Nacht geworden. Sie gingen auf den
Zehen aus der Zelle.
    Gunzo wollte den, der von der Liebe gesprochen, zurückhalten, es war ihm an
seinem Urteil gelegen, aber der wandte sich und folgte den andern.
    »Mattäus dreiundzwanzig, fünfundzwanzigA4!« sprach er vor sich hin, wie
sein Fuss die Schwelle überschritten. Niemand hörte ihn.
    Aber Gunzo, den Vielgelehrten, floh der Schlummer, wieder und wieder las er
die Blätter seines Fleisses, er wusste bald, an welchem Fleck jedes einzelne Wort
stand, und doch kamen seine Augen nicht los von den bekannten Zügen. Dann griff
er zur Feder: »Einen frömmern Schluss!« sprach er - »sei es denn!« Er besann
sich, dann durchmass er die Stube mit bedachtsamem Schritt. »Es sollen künstliche
Hexameter werden; wer hat je würdiger eine Beleidigung vergelten sehen?«
    Jetzt setzte er sich hin und schrieb. Ein Gebet für seinen Feind wollte er
schreiben. Aber wider seine Natur kann niemand. Da las er seine Blätter noch
einmal durch - sie waren allzu gelungen. Dann schrieb er den Nachtrag. Der Hahn
krähte ins Morgengrau, da war auch dieser vollendet; prasselnder Mönchsverse
zwei Dutzend und ein halbes. Dass seine Gedanken vom Gebet für den Gegner auf ihn
selbst und den Ruhm seiner Arbeit zu reden kamen, ist bei einem Mann von
Selbstgefühl ein natürlicher Übergang.
    Mit Salbung schrieb er die fünf letzten Zeilen:
    »Zeuch nun hinaus in die Welt, mein Büchlein, und triffst du auf Leute,
    Die mit hämischem Zahn mein glorreich Leben benagen,
    Diesen zerschmettre das Haupt und wirf sie besiegt in den Staub hin,
    Bis dein Verfasser dereinst zur verheissenen Seligkeit eingeht,
    Die dem Manne gebührt, der sein Talent nicht verscharrt hat.«
    Das Pergament war rauh und sträubte sich, er musste die Rohrfeder breit
aufdrücken, dass es die Buchstaben annahm.
    Anderen Tages verpackte Gunzo seine geharnischte Epistel in eine Kapsel von
Blech und diese in einen leinenen Umschlag. Ein Dienstmann des Klosters, der
seinen Bruder erschlagen, hatte das Gelübde getan, zu den Gräbern von zwölf
Heiligen zu wallen, den rechten Arm an die rechte Hüfte gekettet, und dort zu
beten, bis ihm ein himmlisch Gnadenzeichen werde210. Er pilgerte rheinaufwärts.
Dem hing Gunzo die Kapsel um; nach wenig Wochen ward sie richtig und unversehrt
an der Klosterpforte der Reichenau dem Pörtner eingehändigt. Gunzo kannte seine
Leute dort. Darum hatte er ihnen die Schrift gewidmet.
    Der alte Moengal hatte dazumal auch Geschäfte im Kloster. Im Gaststüblein
sass der belgische Pilgersmann, sie hatten ihm ein Fischsüpplein gereicht, mühsam
arbeitete er sich dran ab, seine Ketten klirrten, wenn er den Arm hob.
    »Geh' du wieder heim, Mordbüsser«, sprach Moengal zu ihm, »und heirat' die
Witib des Erschlagenen, das wird eine bessere Sühne sein, als mit klirrendem
Eisen einen Narrengang durch die weite Welt tun.«
    Der Pilger schüttelte schweigend das Haupt, als dächte er, das schüfe ihm
noch schwerere Ketten, als die der Schmied geschmiedet.
    Moengal liess sich beim Abt melden. »Er ist im Lesen vertieft«, hiess es. Doch
liess man ihn eintreten.
    »Setzt Euch, Leutpriester«, sprach der Abt gnädig, »Ihr seid ein Freund von
Gebeiztem und Gesalzenem - ich hab' was für Euch.«
    Er las ihm die frisch angekommene Schrift Gunzos vor. Der Alte horchte;
seine Augenbrauen zogen sich in die Höhe, die Nasenflügel traten weit und weiter
auf.
    Den Abt schüttelte ein Lachen, wie er an die Schilderung von Ekkehards
krausem Haar und seinem Schuhwerk kam. Moengal sass ernst, es zogen drei Falten
auf der Stirn auf, wie Wolken vor dem Gewitter.
    »Nun?« sprach der Abt. »dem Bürschlein wird der Hochmut aus der Kutte
geklopft! Sublim! ganz sublim! Und eine Fülle von Wissenschaft, das trifft.
Darauf gibt's gar keine Antwort.«
    »Doch!« sprach der Leutpriester finster.
    »Welche?« fragte der Abt gespannt.
    Moengal machte eine schlimme Gebärde. »Einen Stechpalmstock von der Hecke
schneiden«, rief er, »oder eine brave Hasel und rheinabwärts ziehen, bis
zwischen dem schwäbischen Holz und des welschen Schreibers Rücken nur noch eine
Armslänge Entfernung ist! Dann aber ...« er schloss seine Rede sinnbildlich.
    »Ihr seid grob, Leutpriester«, sprach der Abt, »und habet keinen Sinn für
Gelehrsamkeit. So etwas kann freilich nur ein eleganter Geist schreiben.
Respekt!«
    »Hoiho!« fing Moengal, der Alte, an, er war fuchswild geworden,
»Gelehrsamkeit? Aufgeblasene Lippen und dabei ein boshaftig Herz sind als wie
ein irden Gefäss mit Silberschaum überzogen, spricht Salomo. Gelehrsamkeit? So
gelehrt ist mein Pfarrwald auch mit seinen Hagebuchen, der schreit auch hinaus,
wie man in ihn hineingeschrieen, und ist wenigstens ein lieblich Echo. Wir
kennen die belgischen Pfauen! kommen anderwärts auch vor. Die Federn sind
gestohlen, und was sie selber krähen, trotz Rad und Schweif und Regenbogen am
Steiss, ist heiser und bleibt heiser, da hilft kein Halskragenblähen. Vor meiner
grossen Gesundkur hab' ich auch geglaubt, es sei gesungen statt gekrächzt, wenn
einer mit Grammatik und Dialektik die Backen aufblies, - aber jetzt: Gute Nacht,
Marcianus Capella! heisst's bei uns in Radolfs Zelle!«
    »Ihr werdet wohl bald an Euren Heimweg denken müssen«, sprach der Abt, »es
zieht schon ganz schwarz über Konstanz hin.«
    Da merkte der Leutpriester, dass er mit seinen Ansichten von Gesundsein und
von der Wissenschaft nicht an rechten Mann geraten war. Er empfahl sich.
    »Hätt'st auch in deinem Kloster Benchor auf der grünen Insel bleiben können,
irischer Hartknochen!« dachte der Abt Wazmann und entliess ihn sehr kühl.
    »Rudimann!« rief er dann in den dunkeln Gang hinaus. Der Gerufene erschien.
    »Ihr gedenket noch der Weinlese«, redete ihn der Abt an, »und des Streiches,
den Euch ein gewisses Milchgesicht geschlagen, dem eine phantasiereiche Herzogin
jetzt gewisse Grundstücke zuwenden will ...«
    »Ich gedenke des Streichs«, sprach Rudimann, verschämt schmunzelnd, wie eine
Jungfrau, die nach dem Geliebten gefragt wird.
    »Den Streich hat einer zurückgegeben, saftig und scharf, Ihr könnet
zufrieden sein. Lest.« Er reichte ihm des Gunzo Pergamentblätter.
    »Mit Erlaubnis!« sprach Rudimann und trat ans Fenster. Er hatte schon
manchen braven Wein gekostet der Pater Kellermeister, seit dass er sein Amt
führte, aber selbst damals, als ihm der Bischof von Cremona etliche Krüge
dunkelbraun schäumenden Asti übersendet, hatte sein Antlitz nicht so rötlich
froh gestrahlt wie jetzo.
    »Es ist doch eine herrliche Gottesgabe um ein gründlich Wissen und einen
schönen Stil«, sagte er. »Das Ekkehardlein ist fertig. Es kann sich nimmer an
freier Luft sehen lassen.«
    »Noch nicht ganz«, sagte der Abt, »aber was nicht ist, kann werden. Der
gelehrte Bruder Gunzo hilft uns dazu. Seine Epistel darf nicht ungelesen
vermodern, lasset etliche Abschriften nehmen, lieber sechs als drei. Der junge
Herr muss von Hohentwiel weggebissen werden. Ich liebe die jungen Schnäbel nicht,
die feiner singen wollen als die Alten. Schnee auf die Tonsur! das soll ihm gut
tun. Wir werden unserem Mitbruder in Sankt Gallen ein Brieflein schicken, dass er
ihm die Rückkehr anbefehle. Wie steht's mit seinem Sündenregister?«
    Rudimann hob bedächtig die linke Hand auf und begann mit den Fingern zu
zählen. »Soll ich's hersagen? Zum ersten: In währender Weinlese den Frieden
unseres Klosters gestört, indem er ...«
    »Halt!« sprach der Abt, »das ist abgetan. Alles, was vor der Hunnenschlacht
geschehen und anhängig worden, sei erledigt, ab und zur Ruhe! So haben's einst
die Burgunder in ihr Gesetz211 geschrieben, das soll auch bei uns noch gelten.«
    »Dann ohne Fingerzählung«, sagte der Kellermeister. »Des heiligen Gallus
Pörtner ist, seit er sein Kloster liess, dem Hochmut und der Anmassung untertan
worden, ohne Gruss der Lippen geht er an Brüdern vorüber, deren Alter und
Verstand seine Reverenz fordern, er hat sich herausgenommen, am heiligen Tag, da
wir die Hunnen schlugen, die Heerpredigt zu halten, wiewohl ein so wichtig Amt
der Rede einem der hochwürdigen Äbte zugestanden wäre; hat sich ferner
herausgenommen, einen heidnischen Gefangenen zu taufen, wiewohl die Taufe
vorgenommen werden soll vom ordentlichen Pfarrer des Bezirks, und nicht von
einem, der an die Pforte des heiligen Gallus gehört.
    Was aber aus stetiger Berührung des vorlauten Jünglings mit seiner neuen
Gebieterin noch werden mag, weiss nur der, der Herz und Nieren prüft! Bereits hat
man bei der Hochzeit jenes getauften Heiden wahrgenommen, wie er sich der
einsamen Unterredung mit jener Herrin in Israel nicht entzieht und etlichemal
geseufzt hat gleich einem angeschossenen Damhirsch. Auch hat man mit Betrübnis
gesehen, wie eine unstet irrlichtelnde griechische Jungfrau, genannt Praxedis,
um ihn her ihr Wesen treibt; was die Herrin unverdorben lässt, mag die Dienerin
einreissen, von der nicht einmal sicher ist, ob sie eines ortodoxen Glaubens
sich erfreue. Ein leichtfertig Weib aber ist bitterer denn der Tod, sie ist ein
Strick der Jäger, ihr Herz ein Netz, ihre Hände sind Bande, nur wer Gott
gefällt, mag ihr entrinnen.«
    Es stund Rudimann, dem Beschützer der Obermagd Kerhildis, wohl an, dass er
die Worte des Predigers so getreulich im Herzen trug.
    »Genug«, sprach der Abt. »Hauptstück neunundzwanzig: Von der Rückberufung
auswärts Weilender. Es wird durchschlagen. Mir ahnt und schwant, bald wird die
wetterwendische Herrin droben um ihren Felsen herumflattern wie eine alte
Schwalbe, der ihr Junges aus dem Nest gefallen, - Ade Herzkäfer! ... und Saspach
wird des Klosters!«
    »Amen!« murmelte Rudimann.
 
                                    Fussnoten
A1 Heute Saint-Amand-les-Eaux im französischen Departement Nord.
A2 Römischer Satiriker, 180-102 v. Chr. Die angezogene Äusserung in Horaz'
»Satiren«, 1, 4, 9 f.
A3 D.h. Auslegung.
A4 »Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr die Becher
und Schüsseln auswendig reinlich hattet, inwendig aber ist's voll Raubes und
Frasses!«
 
                              Achtzehntes Kapitel.
                  Herrn Spazzo, des Kämmerers, Gesandtschaft.
An einem kühlen Sommermorgen schritt Ekkehard den Burgweg entlang in die wehende
Frühluft hinaus. Eine schlaflose Nacht lag hinter ihm; er war auf seiner Stube
auf und nieder geschritten, die Herzogin hatte wilde Gedanken in ihm aufgejagt.
In seinem Kopf summte und schwirrte es, als streiche ein Flug Wildenten drin
herum. Er mied Frau Hadwigs Anblick und sehnte sich doch in jeder Minute, da er
fern, in ihre Nähe. Die alte frohe Unbefangenheit war verflogen, sein Wesen
zerstreut und fahrig geworden; jene Zeit, die noch keinem Sterblichen erspart
ward, die der brave Gottfried von Strassburg hernachmals ein »stetes Leid bei
stetiglicher Seligkeit« geheissen, brach über ihn herein.
    Vor sinkender Nacht hatte ein Gewitter getobt. Er hatte sein Fensterlein
geöffnet und sich der Blitze erfreut, wenn sie das Dunkel durchzuckten, dass ein
greller Schein die Ufer des Sees hell heraushob, und hatte gelacht, wenn's
wieder finster ward und der Donner schütternd über die Berggipfel rollte.
    Jetzt war sonniger Morgen. Auf dem Gras perlten tauige Tropfen,
zwischendrein im Schatten auch dann und wann ein ungeschmolzenes Eiskorn.
Schweigend lag Berg und Tal, aber die gebräunte Frucht der Felder liess ihre
Halme geknickt zu Boden hangen, Hagelschlag hatte in der hochstrebenden Ernte
gewütet. Aus den Felsen des Berges rieselten trübfarbige Bächlein talabwärts.
    Noch regte sich's nicht auf der Flur: es war kaum nach dem ersten
Hahnenschrei. Nur fern über das Hügelland, das im Rücken des hohen Twiel sich
wellenförmig ausdehnt, kam ein Mann geschritten. Das war der Hunn' Cappan. Er
trug Weidengerten und allerhand Schlingen und ging an seine Arbeit, den
Feldmäusen nachzustellen. Fröhlich pfiff er auf einem Lindenblatt, - das Bild
eines glücklichen Neuvermählten, ihm war in der langen Friderun Armen ein neues
Leben aufgegangen.
    »Wie geht's?« fragte ihn Ekkehard mild, als er an ihm vorüberschritt und ihn
demütig grüsste. Der Hunn' deutete in die blaue Luft hinauf: »Wie im Himmel!«
sagte er und drehte sich vergnügt auf seinem Holzschuh. Ekkehard wandte sich.
Noch lang' tönte des Schermausfängers Pfeifen durch die Morgenstille, er aber
schritt zum Abhang der Felsen. Dort lag ein verwitterter Stein; ein Fliederbusch
wölbte sich drüber mit üppig weissen Blüten. Ekkehard setzte sich. Lang' schaute
er in die Ferne, dann zog er ein von zierlicher Decke umfasstes Büchlein aus
seiner Kutte und hub an zu lesen. Es war kein Brevier und kein Psalterium. »Das
hohe Lied Salomonis!« hiess die Überschrift; das war kein gut Buch für ihn. Sie
hatten ihn zwar einstens gelehrt, der lilienduftige Sang gelte dem brünstigen
Sehnen nach der Kirche, der wahren Braut der Seele; er hatte es auch in jungen
Tagen studiert, unangefochten von den Gazellenaugen und taubenweichen Wangen und
palmbaumschlanken Hüften der Sulamitin; jetzt las er's mit anderem Sinne. Ein
süsses Träumen umfing ihn.
    »Wer ist die, welche hervortritt wie die aufgehende Morgenröte, schön wie
der Mond, erwählet wie die Sonne und schrecklich wie eine wohlgeordnete
Schlachtordnung?« Er schaute hinauf zu den Zinnen des hohen Twiel, die im
Frührot glänzten, und wusste die Antwort.
    Und wieder las er: »Ich schlafe, aber mein Herz wachet. Da ist die Stimme
meines Geliebten, der anklopfet: Tue mir auf, meine Schwester, meine Freundin,
meine Taube, denn meine Stirn ist voll Taues und meine Haarlocken voll perlender
Tropfen.« Ein Luftzug schüttelte ihm die weissen Fliederblüten aufs Büchlein,
Ekkehard schüttelte sie nicht ab, er neigte sein Haupt und sass regungslos ...
    Unterdes hatte Cappan wohlgemut sein Tagewerk begonnen. Es war ein
Grundstück drunten in der Ebene an der Grenze des Hohentwieler Bannes; dort
hatten die Feldmäuse ihr Heerlager aufgeschlagen, die Hamster schleppten ganze
Wintervorräte des guten Korns in ihren Backentaschen von dannen, und die
Maulwürfe zogen ihre Schachte in den kiesigen Boden. Dahin war Cappan beordert.
Wie ein Staatsmann in aufruhrdurchwühlter Provinz sollte er ein geordnet
Verhältnis herstellen und das Land säubern vom Gesindel. Die Fluten des
Gewitters hatten die verborgenen Gänge aufgespült; leise grub er nach und schlug
manch eine Feldmaus im Frührotscheine tot, ehe sie sich dessen versah, dann
stellte er sorgsam seine Schlingen und Weidenruten, an andere Orte streute er
ein giftig Lockspeislein, das er aus Aaronswurz und Einbeer zusammengekocht, und
pfiff fröhlich zu seinem Mordwerk und ahnte nicht, was für schwere Wolken sich
über seinem Haupte zusammenzogen.
    Das Grundstück, wo er hantierte, stiess an Reichenauer Feldmark. Wo der alte
Eichwald seine Wipfel regte, ragten etliche Strohdächer ins Waldesgrün hinein:
das war der Schlangenhof. Der gehörte dem Kloster zu mit viel Huben Ackerland
und Waldes; eine fromme Witfrau hatte ihn dem heiligen Pirminius zum Heil ihrer
Seele vergabt. Jetzt sass ein Klostermeier darauf, ein wilder Mann mit knorrigem
Schädel und harten Gedanken drin; er hatte viel Knechte und Mägde und Ross und
Zugvieh und gedieh wohl, denn die kupferbraunen Schlangen, die in Stall und Hof
nisteten, pflegte er rechtschaffen und liess die Milchschüssel in der Stallecke
nie leer werden, also dass sie ganz zahm und fröhlich in dem Stroh herumspielten
und niemanden ein Leides taten. »Die Schlangen sind des Hofes Segen«, sprach der
Alte oftmals, »das ist bei uns Bauern anders als an des Kaisers Hof.«
    Seit zwei Tagen aber hatte der Klostermeier keine gute Stunde mehr gehabt.
Die schweren Gewitter schufen ihm Sorge für Frucht und Feld. Als ihrer drei
sonder Schaden vorübergegangen waren, liess er anspannen und einen Sack
vormjährigen Roggen aufladen und fuhr hinüber zum Diakon am Singener Kirchlein.
Der lachte auf seinem Stockzahn, wie des Klostermeiers Gespann aus dem Walde
vorgefahren kam, er kannte seinen Kunden. Seine Pfründe war mager, aber aus der
Menschen Torheit fiel ihm immer noch ein Hinlängliches ab, dass er seine
Wassersuppen schmälzen konnte.
    Der Klostermeier hatte seinen Kornsack bei ihm abgeladen und gesagt:
»Meister Otfried, Ihr habt Euer Sach' brav gemacht und von meinen Äckern das
Wetter ordentlich weggebetet. Vergesst mich nicht, wenn's wiederum zu donnern
kommt.«
    Und der Diakonus hatte ihm geantwortet: »Ich denk', Ihr habt mich gesehen,
wie ich unter dem Kirchentürlein stand, nach dem Schlangenhof gewendet, und aus
dem Weihbrunn drei Kreuze gegen das Wetter gesprjetzt hab' und den Spruch von den
heiligen drei Nägeln dazu, der hat Schauer und Hagel landabwärts gejagt212. Euer
Roggen könnt' ein gut Brot geben, Klostermeier, wenn noch ein Stümplein
Gerstenkorn dazugefügt wäre.«
    Da war der Klostermeier wieder heimgefahren und gedachte just ein Säcklein
mit Gerste zu richten als verdiente Zulage für seinen Anwalt beim Himmel. Aber
schon wieder türmte sich ein giftschwarz Gewölk auf, und wie es tiefdunkel über
dem Eichwald stand, kam ein weissgrau Wölklein heraufgezüngelt, das hatte fünf
Zacken, wie Finger einer Hand, und schwoll an und schoss Blitze und war ein
Hagelwetter, fährlicher als alles frühere. Der Klostermeier war zuversichtlich
unter seiner Einfahrt gestanden: »Der von Singen sprengt mir's wieder weg«,
hatte er gedacht; aber wie die schweren Eisgeschosse in sein Kornfeld
einschlugen und die Ähren umsanken wie pfeilerschossene Jugend im Feldstreit,
und alles geknickt lag, da schlug er mit geballter Faust auf den Eichentisch:
»Verflucht sei der Lügner in Singen!« In heller Verzweiflung wollt' er jetzt ein
altegauisches Hausmittel anwenden, nachdem des Diakon Zauber fruchtlos: Er riss
ein paar Eichenzweige vom nächsten Stamm und zupfte das Laub zu einer Streu
zusammen, das tat er in sein altehrwürdiges Hochzeitgewand und hing's an die
mächtige Hauseiche. Aber die Hagelkörner schlugen fort und fort in die Kornernte
trotz Hochzeitrock und Eichblattstreu. Wie festgebannt schaute der Klostermeier
auf den im Regen schwebenden Bündel, ob sich der Wind draus erhebe, der den
Regen verjagt: der Schönwetterwind blieb aus. Da zogen sich seine Augbrauen
grimmig zusammen, er biss sich die Lippen und schritt in seine Stube. Die Knechte
wichen ihm auf zehn Schritte aus, sie wussten, was es hiess, wenn ihr Meister die
Lippen biss. Schier zusammengebrochen warf er sich an den eichenen Tisch und
sprach lang' kein Wort. Dann tat er einen fürchterlichen Fluch. Wenn der
Klostermeier fluchte, war's schon besser. Der Grossknecht kam schüchtern herbei
und stellte sich ihm gegenüber; er war ein riesiger Sohn Enaks, aber vor seinem
Meister stand er blöd wie ein Kind.
    »Wenn ich die Hexe wüsste!« sprach der Meyer, »die Wetterhexe, die
Wolkentrude! Die sollte ihren Rock nicht umsonst über den Schlangenhof
ausgeschüttet haben ... Dass ihr die Zunge im Mund verdorre!«
    »Braucht's eine Hexe zu sein?« sagte der Grossknecht. »Seit das Waldweib am
Krähen drüben landflüchtig worden, lässt sich keine mehr gespüren.«
    »Schweig!« schalt der Klostermeier grimmig, »bis du gefragt bist.«
    Der Knecht blieb stehen, er wusste, dass es noch an ihn kommen werde. Sie
schwiegen eine Zeit. Dann fuhr ihn der Alte an: »Was weisst?«
    »Ich weiss, was ich weiss«, sagte der Knecht pfiffig.
    Sie schwiegen wiederum eine Weile. Der Klostermeier hatte zum Fenster
hinausgeschaut, die Ernte war vernichtet. Er wandte sich.
    »Sag's!« rief er.
    »Habt Ihr die Wetterwolke gesehen«, sprach der Knecht, »wie sie übers Dunkel
hingefahren ist? Was war's? Das Nebelschiff war's! Es hat einer unser Korn den
Nebelschiffern verhandelt ...«
    Der Klostermeier schlug ein Kreuz, als wollt' er ihm die weitere Rede
wehren.
    »Ich kenn's von meiner Grossmutter her«, fuhr der Knecht fort. »Die hat's im
Elsass drüben oft erzählen hören, wenn das Wetter über den Odilienberg sauste.
Aus dem Land Magonia kommt's hergesegelt, das Nebelschiff, weiss über die
schwarzen Wolken, Fasolt und Mermut sitzen drinnen, die hageln die Körner aus
den Halmen, wenn ihnen der Wetterzauberer Macht drüber gegeben, und heben unser
Getreide ins Luftschiff hinauf und fahren wieder heim nach Magonia und zahlen
einen guten Lohn213. Das Nebelschiff rufen, trägt mehr ein, als Messe lesen; uns
aber bleiben die Hülsen.«
    Der Klostermeier ward nachdenklich. Dann griff er den Knecht am Kragen und
schüttelte ihn.
    »Wer?« rief er heftig.
    Der Knecht aber legte den Finger auf den Mund. Es war späte Nacht geworden.
    In der gleichen Frühstunde, da Cappan dem Ekkehard begegnet war, ging der
Klostermeier mit dem Grossknecht über die Felder, den Schaden zu beschauen. Sie
sprachen kein Wort. Der Schaden war gross. Aber das Land jenseits war minder
verheert, als ob die Eichen des Waldes eine Grenzscheide für Einschlag des
Hagels gezogen. Auf dem nahen Grundstück trieb Cappan seine Arbeit. Er hatte das
Stellen der Fallen beendet und gedachte eine Weile zu ruhen. Er zog aus dem
Gürtel ein Stück schwarz Brot und eine Speckseite, die glänzte weich und weiss
wie frischgefallener Schnee, und war so schön, dass er mit Rührung seiner neuen
Ehefrau gedenken musste, die ihm solche Atzung zugesteckt. Und er dachte an
allerlei, was sich seit der Hochzeit zwischen ihm und ihr zugetragen, und
schaute sehnsüchtig zu den Lerchen empor, als sollten sie hinüberfliegen zur
Kuppe des hohen Stoffeln und ihm Haus und Ehebett grüssen, und es ward ihm so
wohl zumut', dass er wieder einen mächtigen Luftsprung tat. Weil sein schlankes
Ehgemahl nicht anwesend, gedachte er sich jetzt des langen Weges zur Erde zu
legen, um seinen Imbiss zu verzehren, denn daheim hatte er sich immer noch zum
Sitzen bequemen müssen, so sauer es ihm auch ward. Da schoss ihm durch den Sinn,
dass ihm Friderun zu besserem Segen bei seiner Hantierung einen Spruch gelehrt,
das Ungeziefer zu beschwören, und ihm streng aufs Herz gelegt, solchen Spruch
nicht zu versäumen.
    Sein Frühmahl hätt' ihm nimmer geschmeckt, bevor er dem Befehl gehorchet.
    An des Feldes Grenze war ein Stein, drein ein Halbmond gehauen, Frau Hadwigs
Herrschaftszeichen. Er trat vor, zog seinen Holzschuh vom rechten Fuss, trat
barfüssig auf den Grenzstein und hob die Arme nach dem Wald hin. Der Klostermeier
und sein Knecht gingen zwischen den Eichen; sie blieben stehen, er sah sie nicht
und sprach den Spruch, wie Friderun ihn gelehrt: »Aius, sanctus, cardia
cardiani! Maus und Mäusin, Talp und Talpin, Hamster und Frau Hamsterin, lasset
das Feld, wie es bestellt; fahrt in die Welt! Fahret hinunter, hinüber ins Moor,
Fieber und Gicht lass euch nimmer hervor! Afrias, aestrias, palamiasit214!«
    Der Klostermeier und der Grossknecht hatten hinter den Eichen der Beschwörung
gelauscht; jetzt schlichen sie näher. »Afrias, aestrias, palamiasit!« sprach
Cappan zum zweitenmal, da fuhr ihm ein Schlag ins Genick, dass er zu Boden
stürzte, seltsame Laute klangen an des Überraschten Ohr, vier Fäuste arbeiteten
sich müd auf seinem Rücken, wie Flegel der Drescher in der Scheune215.
    »Gesteh's, Kornmörder!« rief der Klostermeier dem Hunnen zu, der nicht
wusste, wie ihm geschah, »was hat dir der Schlangenhof für Leids getan,
Wettermacher, Mausverhetzer, Teufelsbraten?«
    Cappan hatte keine Antwort, ihm schwindelte. Das erzürnte den Alten noch
mehr.
    »Schau ihm ins Aug'!« rief er dem Knecht zu, »ob's trieft und ob's dich
verkehrt abspiegelt, den Kopf nach unten.« - Der Knecht tat, wie geheissen. Aber
er war ehrlich: »Im Aug' sitzt's nicht«, sprach er.
    »So lupf' ihm den Arm!«
    Er riss dem Darniedergeschlagenen das Obergewand ab und prüfte den Arm: Wer
mit bösen Geistern Verbindung pflog, war irgendwo am Leib gezeichnet. Aber sie
fanden kein Fehl an dem Mitleidswerten, nur etliche altvernarbte Wunden. Da
wären sie schier wieder zu seinen Gunsten gestimmt worden; die Menschen waren
dazumal, wie ein Geschichtschreiber sagt, in ihren Leidenschaften nach Art der
Wilden auffahrend und jäh veränderlich. Aber des Knechts Blick fiel von ungefähr
aufs Erdreich, da kroch ein grosser Hornschröter des Weges; violschwarz glänzten
die Flügeldecken und die rötlichen Hörner standen ihm stolz, wie ein Geweih. Er
hatte sich des Cappan Misshandlung angeschaut und wollte jetzt feldeinwärts, denn
er fand kein Wohlgefallen dran.
    Der Knecht aber fuhr erschrocken zurück.
    »Der Donnergugi!« rief er.
    »Der Donnerkäfer!« rief der Klostermeier desgleichen. Jetzt war Cappan
verloren. Dass er mit dem Käfer das Wetter gemacht, litt keinen Zweifel mehr,
Hornschröter zieht Blitz und Hagel nieder.
    »Mach' Reu' und Leid, Heidenhund!« sprach der Meyer und griff nach seinem
Messer. Es fiel ihm etwas ein: »Auf dem Grab seiner Brüder soll er's büssen«,
sprach er weiter. »Er hat das Wetter beschworen, die Hunnenschlacht zu rächen,
Art lässt nicht von Art.«
    Der Knecht hatte indes den Hornschröter zwischen zwei platten Feldkieseln
zermalmt und grub die Steine in den Boden216. Jetzt schleppten sie den Cappan
vorwärts übers Blachfeld und schleppten ihn zum hunnischen Grabhügel und
schnürten ihm mit Weidenruten Hand und Fuss zusammen; dann sprang der Knecht zum
Schlangenhof hinüber und rief seine Mitknechte. Wild und mordlustig kamen sie
heran, etliche davon hatten auf Cappans Hochzeit getanzt, das stand nicht im
Weg, dass sie jetzt zu seiner Steinigung auszogen.
    Cappan fing an nachzudenken. Was ihm zur Last gelegt ward, begriff er nicht,
wohl aber, dass Gefahr da. Darum tat er einen Schrei, der klang gell und
durchdringend durch die Luft, wie der Schrei eines wunden Rosses in der
Todesstunde; davon ward Ekkehard aus seinen Träumen unter dem Fliederbaum
aufgejagt, er kannte die Stimme seines Täuflings und schaute hinunter. Ein
zweites Mal klang Cappans Schrei auf, da vergass Ekkehard sein hohes Lied und
eilte die Berghalde hinab.
    Er kam zu rechter Zeit. Sie hatten den Cappan an das Felsstück gelehnt, das
den Hügel deckte, und standen im Halbkreis dabei. Der Klostermeier tat kund, wie
er ihn auf handhafter Tat des Wettermachens betroffen, und fragte herum, da
sprachen sie ihn schuldig, gesteinigt zu werden.
    In die unheimliche Versammlung sprang Ekkehard. Die Männer geistlichen
Standes waren dazumal minder verblendet, als etliche hundert Jahre später, wo
Tausende unter gleich begründeter Anschuldigung auf dem Scheiterhaufen verenden
mussten und der Staat sein »von Rechts wegen« drunter setzte und die Kirche ihren
Segen dazu gab. Und Ekkehard, so sehr er sonst an zauberische Kunst glaubte,
hatte selber einstmals im Kloster des frommen Bischofs Agobard Schrift gegen
unsinnige Volksmeinung von Hagel und Wetter abgeschrieben; zürnender Unwille
schuf ihm Beredsamkeit.
    »Was tut ihr, Unsinnige, die ihr richten wollet, wo euch zu beten geziemt,
dass ihr nicht selber möget gerichtet werden! Hat der Mann gefrevelt, so wartet
bis zum Neumond, wenn der Leutpriester von Radolfszell das Sendgericht217 hält,
dort mögen ihn die sieben Eidmänner verbotener Kunst zeihen, wie es des Kaisers
und der Kirche Vorschrift!«
    Aber die Männer vom Schlangenhof trauten ihm nicht. Ein drohend Murren erhob
sich.
    Da gedachte Ekkehard in den wilden Gemütern eine andere Saite anzuklingen.
    »Und glaubt ihr wirklich, ihr, die Söhne des Landes der Heiligen, der Gott
wohlgefälligen schwäbischen Erde, dass ein so arm hergelaufener Hunnenmensch
Macht haben könnte, unsere Wolken zu beschwören? Glaubt ihr, dass die Wolken ihm
gehorchen? dass nicht vielmehr ein guter Hegauer Blitz ihm das Haupt
zerschmettert hätte zur Strafe des Frevels, dass ein fremder Mann ihn angerufen?«
    Wenig fehlte, so hätte dieser Grund den heimatstolzen Gemütern
eingeleuchtet. Aber der Klostermeier rief: »Der Donnerkäfer! Der Donnerkäfer!
Wir haben ihn mit eigenen Augen zu seinen Füssen kriechen sehen!« Da erscholl es
von neuem: »Steiniget ihn!« Ein Feldstein flog herüber und schlug den Armen
blutrünstig. Da warf sich Ekkehard unverzagt über seinen Täufling und schirmte
ihn mit seinem eigenen Leib. Das wirkte.
    Die Männer vom Schlangenhof schauten einander an; allmählich wurden sie
stumm, dann machte einer im Kreise kehrt und ging feldeinwärts, andere folgten,
zuletzt stand der Klostermeier allein: »Ihr haltet's mit dem Landverderber!«
rief er zürnend, aber Ekkehard antwortete nicht, da liess auch er den erhobenen
Stein zur Erde sinken und ging brummend von dannen.
    Cappan war übel zugerichtet. Auf einem Rücken, den alemannische Bauernfäuste
durchgearbeitet, wächst jahrelang kein Gras. Der Steinwurf hatte eine Wunde in
den Kopf geschlagen, die blutete stark. Ekkehard wusch ihm das Haupt mit
Regenwasser und machte das Zeichen des Kreuzes drüber, das rinnende Blut zu
stillen, dann verband er ihn notdürftig. Er gedachte ans Evangelium vom
barmherzigen Samariter. Der wunde Mann schaute dankbar aus den gekniffenen Augen
zu ihm empor. Langsam führte ihn Ekkehard zur Burg hinauf, er musste ihm zureden,
bis er's wagte, sich auf seinen Arm zu stützen. Auch der Fuss mit der Narbe aus
der Hunnenschlacht tat ihm weh, stöhnend hinkte er bergaufwärts.
    Auf dem hohen Twiel gab's grossen Lärm, wie sie ankamen. Alle waren dem
Hunnen gut. Die Herzogin kam in den Hof herunter, sie nickte Ekkehard freundlich
zu ob seiner Barmherzigkeit. Der Klosterleute Frevel an ihrem Untertan versetzte
sie in zürnende Aufregung.
    »Das soll nicht vergessen sein«, sprach sie; »sei getrost, Mausfänger! Sie
sollen dir ein Wehrgeld zahlen für den wunden Schädel, das einer Aussteuer
gleichkommt. Und für den gestörten Herzogsfrieden setzen wir ihnen die höchste
Busse, zehn Pfund Silbers soll nicht genug sein. Die Klosterleute werden frech
wie ihre Herren.«
    Am wildesten war Herr Spazzo, der Kämmerer. »Hab' ich darum mein Schwert von
seinem Haupt zurückgezuckt«, schalt er, »wie er mit zerstochenem Schenkel vor
mir lag, dass ihm's die Lümmel vom Schlangenhof mit Feldsteinen pflastern sollen?
Und wenn er auch unser Feind war, jetzt ist er getauft, und ich bin sein Pate
und hab' für seiner Seele und seines Leibes Heil Sorge zu tragen. Sei vergnügt,
Patenkind!« rief er ihm zu und klirrte mit seinem Schwert auf dem Steinboden,
»wenn deine Schramme geflickt ist, begleit' ich dich zum ersten Spaziergang, da
wollen wir mit dem Klostermeier rechnen, Hagel und Wetter, rechnen wollen wir,
dass ihm die Späne vom Kopf fliegen! Mit den Meiern kann's so nicht mehr
fortgehen! Die Burschen führen Schild und Waffen wie Edelleute, richten statt
ziemender Bauernjagd Hunde auf Wildschweine und Bären und blasen auf ihren
Weidhörnern, als wären sie die Könige der Welt. Wo einer den Kopf am höchsten
trägt, ist's ein Meyer, man mag darauf wetten218!«
    »Wo ist der Frevel geschehen?« fragte die Herzogin.
    
    »Sie haben ihn von der Feldmark, wo der Halbmond ausgehauen steht, bis an
den hunnischen Grabhügel geschleppt«, sagte Ekkehard.
    »Also mitten auf unserem Grund und Boden«, zürnte Frau Hadwig, »das ist zu
viel! Herr Spazzo, Ihr werdet reiten!«
    »Wir werden reiten!« sprach der Kämmerer grimmig.
    »Und vom Abt auf der Reichenau noch heute Wehrgeld und Friedbruchbusse und
volle Genugtuung verlangen. Unsern landesherrlichen Rechten soll durch
klösterliche Anmassung kein Eintrag geschehen!«
    »... durch klösterliche Anmassung kein Eintrag geschehen!« wiederholte Herr
Spazzo noch grimmiger denn zuvor.
    Selten war ihm ein annehmlicherer Auftrag geworden. Er strich seinen Bart.
»Wir werden reiten, Herr Abt!« sprach er und ging hinauf, sich zu rüsten.
    Aber sein grünsamtnes Unterwams und seinen goldverbrämten Kämmerermantel
liess er geruhig im Kasten hängen; er suchte ein abgetragen grau Jagdgewand aus
und legte die grossen Beinschienen an, mit denen er in die Schlacht geritten, und
die grössten Sporen dran und probierte etlichemal einen festen Tritt. Auf den
Eisenhut aber steckte er der wallendsten Federn drei und tat sein
Schlachtschwert um.
    So kam er in den Burghof herunter.
    »Schaut mich einmal an, holdselige Jungfrau Praxedis«, sprach er zu dieser,
»was mach' ich heut für ein Gesicht?« Er hatte den Eisenhut aufs linke Ohr
gerückt und sein Haupt hochfahrend über die rechte Schulter gedreht.
    »Sehr ein unverschämtes, Herr Kämmerer«, war der Griechin Antwort.
    »Dann ist's recht!« sprach Herr Spazzo und schwang sich auf den Gaul. Er
ritt aus dem Burgtor, dass die Funken stoben, mit dem erfreulichen Gefühl, dass
heute Unverschämteit Pflicht sei.
    Unterweges übte er sich. Das Wetter hatte eine Tanne niedergeworfen; im
Wurzelwerk haftete noch das vom Sturz mit aufgerissene Erdreich. Die schweren
Äste sperrten den Pfad.
    »Aus dem Weg, geistlicher Holzklotz!« rief Herr Spazzo der Tanne zu. Wie die
sich nicht rührte, zog er sein Schwert. »Vorwärts, Falada!« spornte er die Mähre
und setzte in kühnem Satze über den Baum. Im Drüberspringen tat er einen
Schwertieb ins Geäst, dass die Zweige herumflogen.
    Nach weniger denn andertalb Stunden war er schon vor der Klosterpforte. Der
schmale Streif Landes, der bei niederem Wasserstand des Sees das Ufer mit der
Insel verbindet, war frei von Überschwemmung und gestattete das Hinüberreiten.
    Ein dienender Bruder tat ihm auf. Es war um Mittagszeit. Der blödsinnige
Heribald kam neugierig aus dem Klostergarten hergelaufen, zu schauen, wer der
fremde Reiter. Er drängte sich nah' ans Ross, wie Herr Spazzo absprang. Der
Hofhund tobte an seiner Kette mit Gebell dem Rappen des Kämmerers entgegen, dass
er sich aufbäumte. Schier hätte Herr Spazzo Schaden genommen. Wie er mit beiden
Füssen auf die Erde gesprungen war, griff er seine Schwertscheide und hieb dem
Heribald flach über den Rücken.
    »Es ist nicht für Euch!« rief er und strich seinen Bart, »es ist für den
Hofhund. Gebt's weiter!«
    Heribald stand betroffen und griff nach seiner Schulter. »Heiliger Pirmin!«
jammerte er.
    »Es gibt heute keinen heiligen Pirmin!« sprach Herr Spazzo entschieden.
    Da lachte Heribald, als wenn er seinen Mann kennte. »Eia, gnädiger Herr, die
Hunnen sind auch bei uns gewesen, und war niemand da als Heribald, sie zu
empfangen, aber so gottlos haben sie nicht mit ihm gesprochen.«
    »Die Hunnen, sind keine herzoglichen Kämmerer!« sprach Herr Spazzo mit
Stolz.
    In Heribalds blödsinnigem Gehirn begann der Gedanke aufzudämmern, die Hunnen
seien nicht die schlimmsten Gäste auf deutscher Erde. Er schwieg und ging in den
Garten. Dort riss er ein paar Salbeiblätter ab und rieb seinen Rücken.
    Herr Spazzo schritt über den Klosterhof zum Tor, das durch den Kreuzgang ins
Innere führte. Er trat fest auf. Die Glocke zum Mittagsmahl läutete. Einer der
Brüder kam schnellen Ganges über den Hof. Herr Spazzo fasste ihn am dunkeln
Gewand.
    »Rufet mir den Abt herunter!« sprach er. Der Mönch sah ihn verwundert an und
tat einen Seitenblick auf des Kämmerers abgetragen Jagdhabit.
    »Es ist die Stunde der Mahlzeit«, sprach er. »Wenn Ihr geladen seid, was ich
aber ...« er schaute wiederum etwas spöttisch auf Spazzos Jagdrock; der Schluss
ward ihm erspart, der Kämmerer würdigte den hungrigen Bruder eines gediegenen
Faustschlages, dass er taumelnd von der Schwelle in den Hof hinausflog wie ein
wohlgeschleuderter Federball. Die Mittagssonne schien auf des Gefallenen Tonsur.
    Dem Abt war bereits gemeldet worden, welch einen Frevel der Klostermeier
sich an der Herzogin Mann erlaubt. Jetzt vernahm er den Tumult im Klosterhof.
Wie er an sein Fenster trat, erschaute er just den frommen Bruder Yvo
faustschlagbefördert in den Hof hinausfliegen. Glücklich, wer der Dinge
geheimste Ursachen erkannt hat, singt Virgilius. Abt Wazmann erkannte sie, er
hatte aus dem Dunkel des Kreuzgangs Herrn Spazzos Helmzier drohend herübernicken
gesehen.
    
    »Ruft mir den Abt herunter!« rief's zum zweitenmal vom Hofe herauf, dass die
Scheiben der Zellenfenster klirrten. Unterdessen ward die Reichenauer
Mittagssuppe kalt; die im Refektorium Versammelten griffen endlich zu, ohne des
Abts zu warten.
    Der Abt Wazmann hatte Rudimann, den Kellermeister, zu sich entboten. »Das
alles«, sprach er, »hat uns der Grünspecht von Sankt Gallen wieder angezettelt.
O Gunzo, Gunzo! Keiner soll seinem Nächsten ein Leid wünschen, aber doch
überdenkt mein Gemüt die Frage, ob unsere Hofbauern, das riesige Geschlecht vor
dem Herrn, nicht wohlgetan hätten, dem Gleisner Ekkehard die Steine an den Kopf
zu werfen, die sie dem hunnischen Hexenmeister bestimmt ...«
    Ein Mönch trat scheu in des Abts Gemach.
    »Ihr sollt herunterkommen«, sagte er leise, »es ist einer drunten und tobt
und griesgramt wie ein Gewaltiger.«
    Da wandte sich der Abt zu Rudimann, dem Kellermeister, und sprach: »Es muss
schlecht Wetter sein bei der Herzogin; ich kenne den Kämmerer, der ist ein
sicher Wetterzeichen. Wenn seine Herrin ihren stolzen Mund zur Heiterkeit
zuspjetzt, so lacht er mit dem ganzen Gesicht, und wenn Wolken über ihre Stirn
ziehen, so geht bei ihm ein volles Donnerwetter los ...«
    »... und schlägt ein«, ergänzte Rudimann. Schwere Tritte klirrten durch den
Gang.
    »Es ist keine Zeit mehr zu verlieren«, sprach der Abt. »Macht Euch schnell
auf den Weg, Kellermeister, reitet hinüber und drückt der Herzogin unser
Bedauern aus; nehmt ein paar Silberlinge aus der Klostertruhe mit als
Schmerzensgeld für den Zerschlagenen und saget, dass man für seine Genesung beten
wolle. Vorwärts, Ihr seid ja sein Pate und ein kluger Mann.«
    »Es wird schwer halten«, sprach Rudimann. »Sie wird recht giftig sein.«
    »Bringt ihr ein Geschenk mit«, sprach der Abt. »Kinder und Frauen lassen
sich gern die Augen blenden.«
    »Was für eines?« wollte Rudimann fragen, da ward die Tür aufgerissen. Herr
Spazzo trat ein. Sein Gesicht lag in den richtigen Falten.
    »Beim Leben meiner Herzogin!!« rief er, »hat der Abt dieses Rattennestes
heute Blei in seine Ohren gegossen, oder ist ihm Gichtbruch in die Füsse
gefahren? Was kommet Ihr nicht, Euern Besuch zu empfangen?«
    »Wir sind überrascht«, sprach der Abt, »lasst Euch willkommen heissen.« Er hob
den rechten Zeigefinger, ihm den Segen zu erteilen.
    »Brauch keinen Willkomm!« gab ihm Herr Spazzo zurück. »Der Teufel ist heute
Schutzpatron des Tages. Wir sind gekränkt! schwer gekränkt! Wir heischen Busse,
zweihundert Pfund Silbers zum mindesten. Heraus damit!! Mord und Weltbrand! den
landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmassung kein Eintrag
geschehen! Wir sind Gesandter.«
    Er klirrte mit den Sporen auf dem Fussboden.
    »Verzeihet«, sprach der Abt, »wir haben am grauen Jagdrock die Tracht des
Gesandten nicht zu erkennen vermocht.«
    »Beim kamelhärenen Kleid des Täufers Johannes!« brauste Herr Spazzo auf,
»und wenn ich im Hemd angeritten käme, so wär' die Gewandung noch stolz genug,
um vor euch schwarze Kutten als Herold zu treten.«
    Er setzte seinen Helm auf. Die Federn nickten: »Zahlet, damit ich weiters
kann. Es ist schlechte Luft hier, schlecht, sehr schlecht ...«
    »Erlaubet«, sagte der Abt, »im Zorn lassen wir keinen Gast von der Insel
reiten. Ihr seid scharf, weil Ihr noch nichts gegessen habt. Lasset Euch ein
Klostermahl nicht gereuen. Nachher von Geschäften.«
    Dass einer für seine Grobheit freundlich zum Mittagsmahl eingeladen wird,
machte dem Kämmerer einigen Eindruck. Er nahm seinen Helm wieder ab. »Den
landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmassung kein Eintrag
geschehen!« sprach er noch einmal, aber der Abt deutete hinüber: da sah man die
offene Klosterküche, der blonde Küchenjunge drehte den Spiess am Feuer und
schnalzte mit der Zunge, denn ein lieblicher Bratenduft war in seiner Nase
aufgestiegen - ahnungsvoll standen etliche verdeckte Schüsseln im Hintergrund, -
ein Mönch wandelte mit riesigem Steinkrug vom Keller her durch den Hof. Das Bild
war allzu lockend.
    Da vergass Herr Spazzo die amtlichen Stirnfalten und nahm die Einladung an.
    Bei der dritten Schüssel strömten seine Grobheiten spärlicher. Wie der rote
Meersburger im Pokal glänzte, versiegten sie ganz. Der rote Meersburger war gut.
-
    Unterdes ritt Rudimann, der Kellermeister, aus dem Kloster. Der Fischer von
Ermatingen hatte einen riesigen Lachs gefangen, frisch und prächtig lag er im
kühlen Keller verwahrt, den hatte Rudimann erlesen als Geschenk zur
Beschwichtigung der Herzogin. Auf dem Schreibzimmer des Klosters hatte er auch
noch zu schaffen, bevor er ausritt. Ein Laienbruder musste ihn begleiten, das in
Stroh verpackte Seeungetüm quer über sein Maultier gelegt. Herr Spazzo war
hochmütig herübergeritten, demütig ritt Rudimann hinüber. Er sprach leise und
schüchtern, wie er nach der Herzogin fragte. »Sie ist im Garten«, hiess es.
    »Und mein frommer Mitbruder Ekkehard?« frug der Kellermeister.
    »Der hat den wunden Cappan in seine Hütte am Hohenstoffeln geleitet und
pflegt ihn, er kommt vor Nacht nicht heim.«
    »Das tut mir leid«, sprach Rudimann. Höhnisch verzog er seine Lippen. Er
liess den Lachs auspacken und auf die Granitplatte des Tisches im Hofe legen; die
Linde warf ihren Schatten drüber, die Schuppen des Seegewaltigen glänzten, es
war, als ob sein kühles Auge noch Leben hätte und schmerzlich stumm vom
Berggipfel nach den blauen Wogen drüben schaute. Der Fisch war über eines Mannes
Länge; Praxedis hatte einen hellen Schrei getan, wie die Strohhülle von ihm
genommen ward. »Er kommt vor Nacht nicht heim!« murmelte Rudimann und brach
einen starken Lindenzweig und sperrte mit eingeschobenem Holze dem Lachs den
Rachen, dass er weit aufgerissen hinausgähnte. Mit grünem Lindenblatt verzierte
er das Fischmaul, dann griff er in seinen Busen, dort trug er die
Pergamentblätter von Gunzos Schmähschrift, er rollte sie säuberlich zusammen und
schob sie in den offenen Rachen. Neugierig sah ihm Praxedis zu; das war ihr noch
nicht vorgekommen.
    Jetzt nahte die Herzogin. Demütig ging ihr Rudimann entgegen, er bat um
Nachsicht für die Klosterleute, es tue dem Abt leid, er sprach mit Anerkennung
von dem Verwundeten, mit Zweifel vom Wetterzauber, mit Erfolg im ganzen. »Und
mög' Euch ein unwürdig Geschenk wenigstens den guten Willen des Euch stets
getreuen Gotteshauses beweisen«, schloss er und trat zurück, dass der Lachs in
seiner vollen Pracht sichtbar wurde. Die Herzogin lächelte halb versöhnt.
    Jetzt sah sie das Pergament dem Rachen entragen. »Und das?« sprach sie
fragend.
    »Das Neueste der Literatur! ...« sprach Rudimann. Er neigte sich mit
Anstand, ging zu seinem Saumtier und beeilte sich des Heimritts.
    Der rote Meersburger war gut. Und Herr Spazzo, nahm's nicht als eine leichte
Sache, beim Wein zu sitzen, er dauerte aus vor den Krügen wie ein
Städtebelagerer und sass festgegossen auf seiner Bank und trank als ein Mann, der
sprudelnd Aufschäumen den Knaben überlässt, ernst aber viel.
    »Der Rote ist die verständigste Einrichtung im ganzen Kloster, habt Ihr noch
mehr im Keller?« hatte er den Abt gefragt, wie der erste Krug leer war. Es
sollte eine Höflichkeit sein, ein Zeichen der Versöhnung, dass er weiter trank.
Da kam der zweite Krug.
    »Unbeschadet der landesherrlichen Rechte!« sprach er grimm, wie er mit dem
Abt anstiess. »Unbeschadet!« antwortete der mit einem Seitenblick.
    Es war die fünfte Abendstunde, da schallte ein Glöcklein durchs Kloster.
»Verzeihet«, sprach der Abt, »wir müssen zur Vesper, wollet Ihr mit?«
    »Ich werd' Euch lieber erwarten«, entgegnete Herr Spazzo und schaute in den
dunkeln Hals des Steinkrugs. Es wogte drin noch sattsamer Bedarf für eine
Stunde. Da liess er die Mönche ihren Vespersang halten und trank einsam weiter.
    Wieder war eine Stunde abgelaufen, da besann er sich, weshalb er eigentlich
ins Kloster herübergeritten. Es fiel ihm nimmer deutlich ein. Jetzt kam der Abt
zu ihm zurück.
    »Wie habt Ihr Euch unterhalten?« fragte er.
    »Gut!« sprach Herr Spazzo. Der Krug war leer.
    »Ich weiss nicht ...« begann der Abt.
    »Doch!« sprach Herr Spazzo und nickte mit dem Haupt. Da kam der dritte Krug.
    Inzwischen kehrte Rudimann von seinem Ausritt heim, die Abendsonne neigte
sich zum Untergehen, der Himmel färbte sich glühend, purpurne Streiflichter
fielen durchs schmale Fenster auf die Zechenden.
    Wie Herr Spazzo wieder mit dem Abte anstiess, glänzte der Rotwein wie feurig
Gold im Pokal, und er sah einen Schein der Verklärung um des Abts Haupt
flimmern. Er besann sich. »Beim Leben Hadwigs219«, sprach er feierlich, »wer
seid Ihr?«
    Der Abt verstand ihn nicht. »Was habt Ihr gesagt?« fragte er. Da kannte Herr
Spazzo die Stimme wieder. »Ja so!« rief er und schlug mit der Faust auf den
Tisch, »den landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmassung kein
Eintrag geschehen!«
    »Gewiss nicht!« sagte der Abt.
    Da fühlte der Kämmerer einen fliegenden Stich in der Stirn220, den kannte er
wohl und pflegte ihn den »Wecker« zu heissen. Der Wecker kam nur, wenn er beim
Weine sass; wenn er durchs Haupt brauste, so war's ein Signal, dass in Frist einer
halben Stunde die Zunge gelähmt sei und das Wort versage. Kam der Wecker zum
zweitenmal, so drohte die Lähmung den Füssen. Da erhob er sich.
    »Die Freude sollen die Kutten nicht erleben«, dachte er, »dass vor ihrem
Klosterwein eines herzoglichen Dienstmannes Zunge stille steht!« Er stand fest
auf den Füssen.
    »Halt an«, sprach der Abt, »des Abschieds Minne!«
    Da kam der vierte Krug. Herr Spazzo war zwar aufgestanden, aber zwischen
Aufstehen und Fortgehen kann sich noch vieles zutragen. Er trank wieder. Wie er
seinen Pokal absetzen wollte, stellte er ihn bedächtig in die blaue Luft hinein,
dass er auf die Steinplatten des Fussbodens fiel und zerschellte. Da ward Herr
Spazzo grimmig. Verschiedenes rauchte und rauschte ihm durch den Sinn.
    »Wo habt Ihr ihn?« fuhr er den Abt an.
    »Wen?«
    »Den Klostermeier! Gebt ihn heraus, den groben Bauer, der mein Taufpatenkind
hat umbringen wollen!« Er ging drohend auf den Abt los. Nur einen einzigen
Fehltritt tat er.
    »Der sitzt auf dem Schlangenhofe«, sprach der Abt lächelnd. »Er sei Euch
ausgeliefert. Ihr müsst aber selber ausziehen und ihn holen.«
    »Mord und Weltbrand! wir werden ihn holen«, polterte Herr Spazzo und schlug
ans Schwert, indem er nach der Türe schritt. »Aus dem Bett werden wir ihn
greifen, den Bärenhäuter, und wenn er gegriffen ist, beim Tornister des heiligen
Gallus! wenn er ... dann ... sag' ich Euch ...«
    Die Rede kam nimmer zum Schluss. Die Sprache stand ihm still wie die Sonne in
der Amorrhiter Schlacht, da Josua ihr gebot.
    Er griff nach des Abtes Becher und trank ihn leer.
    Die Sprache kam nicht wieder. Ein süsses Lächeln lagerte sich auf des
Kämmerers Lippen. Er schritt auf den Abt zu und umarmte ihn.
    »Freund und Bruder! vielgeliebter alter Steinkrug! wie wär's, wenn ich Euch
ein Aug' ausstäche?« wollte er mit kämpfender Zunge zu ihm sagen; es gelang ihm
nimmer, verständlich zu sein. Er presste den Abt fest und trat ihm dabei mit dem
bespornten Stiefel auf den Fuss. Abt Wazmann hatte bereits den Gedanken überlegt,
ob er dem Erschöpften ein Nachtlager wolle anweisen, die Umarmung und der
Schmerz seiner Zehen änderte ihm den Sinn, er sorgte, dass des Kämmerers Rückzug
beginne.
    Im Klosterhof ward sein Ross gesattelt. Der blödsinnige Heribald schlich sich
draussen herum, er hatte ein gross Stück Zunder in der Küche geholt und gedachte
dasselbe brennend des Kämmerers Ross in die Nüstern zu legen, dass es ihn räche
für den flachen Hieb. Jetzt kam Herr Spazzo heraus, er hatte die Reste seiner
Würde zusammengerafft. Ein Diener mit einer Fackel leuchtete.
    Der Abt hatte ihm an der obern Pforte Valet gewinkt.
    Herr Spazzo stieg auf seinen treuen Rappen Falada, ebenso schnell gleitete
er auf der rechten Seite wieder herab. Heribald sprang bei, ihn aufzufangen, der
Kämmerer fiel ihm in die Arme, des Mönchs Bart streifte stechend seine Stirn.
    »Bist du auch da, Elbentrötsch221! weiser König Salomo!« lallte Herr Spazzo,
»sei mein Freund!« Er küsste ihn, da hob ihn Heribald aufs Ross und warf seinen
Zunder weg und trat darauf. »Eia, gnädiger Herr«, rief er ihm zu, »kommt recht
wohl nach Hause! Ihr seid anders bei uns eingeritten wie die Hunnen, darum
reitet Ihr aber auch anders von dannen wie sie, und sie haben sich doch auch
aufs Weintrinken verstanden.«
    Herr Spazzo drückte den Eisenhut aufs Haupt, fest griff er die Zügel; es
presste ihm noch etwas das Herz, er kämpfte mit der lahmgewordenen Zunge. Itzt
kam ein Stück verlorener Kraft wieder, er hob sich im Sattel, die Stimme
gehorchte.
    »Und den landesherrlichen Rechten soll durch klösterliche Anmassung kein
Eintrag geschehen!« rief er, dass es durch die stille Nacht des Klosterhofs
dröhnte.
    Zu derselben Zeit berichtete Rudimann dem Abt über den Erfolg seiner Sendung
zur Herzogin.
    Herr Spazzo ritt ab. Dem Diener, der mit der Fackel leuchtete, hatte er
einen güldenen Fingerring zugeworfen. Darum ging der Fackelträger noch weit mit
ihm bis zum schmalen Pfad, der über den See führte.
    Bald war er am jenseitigen Ufer. Kühl wehte die Nachtluft um das heisse Haupt
des Reiters. Er lachte vor sich hin. Die Zügel hielt er gepresst in der Rechten.
Der Mond schien auf den Weg. Dunkel Gewölk ballte sich fern um die Häupter der
helvetischen Berge. Jetzt ritt Herr Spazzo in den Tannwald ein. Laut und
gemessen schallte des Kuckucks Stimme durch die Stille. Herr Spazzo lachte.
War's fröhliche Erinnerung oder sehnende Hoffnung der Zukunft, die sein Lächeln
so süss machte? Er hielt sein Ross an.
    »Wann soll die Hochzeit sein?« rief er zum Baum hinüber, drauf der Rufer sass
222. Er zählte die Rufe, aber der Kuckuck war heute unermüdlich. Schon hatte
Herr Spazzo zwölf gezählt, da begann seine Geduld auf die Neige zu gehen.
    »Schweig', schlechter Gauch!« rief er.
    Da tönte des Kuckucks Ruf zum dreizehnten Male.
    »Der Jahre fünfundvierzig haben wir schon, und dreizehn macht
achtundfünfzig«, sprach Herr Spazzo zornig. »Das gäb' späten Brautstand.«
    Der Kuckuck rief zum vierzehnten. Ein anderer war vom Rufen wach geworden
und liess jetzt auch seine Stimme erklingen, ein dritter stimmte ein, das hallte
und schallte neckisch um den trunkenen Kämmerer herum und war nicht mehr zu
zählen.
    Da ging ihm die Geduld gänzlich aus.
    »Lügner seid ihr und Ehebrecher und Bäckerknechte alle zusammen!« schalt er
die Vögel, »schert euch zum Teufel!«
    Er spornte sein Ross zum Trab. Der Wald schloss sich dichter. Fetzt zogen die
Wolken herauf, schwer und dunkel, sie zogen gegen den Mond. Es ward
stockfinster; geisterhaft ragten die Tannen, alles lag schwarz und still. Gern
hätte Herr Spazzo jetzt noch den Kuckuck gehört, der nächtliche Ruhestörer war
fortgeflogen - da ward's dem Heimreitenden unheimlich; eine ungestalte Wolke kam
gegen den Mond geschlichen und hüllte ihn ganz ein, da fiel Herrn Spazzo ein,
was ihm die Amme in erster Jugend erzählt, wie der böse Wolf Hati und Managarm,
der Mondhund, dem leuchtenden Gestirn nachjagen, er sah wieder auf, da sah er
den Wolf und den Mondhund deutlich am Himmel; jetzt hielten sie den armen Tröster
der Nacht im Rachen ... Herr Spazzo schauderte. Er zog sein Schwert. »Vince
luna! Siege, o Mond!« schrie er! mit heller Stimme und rasselte mit Schwert und
Beinschienen, »vince luna« vince luna223!
    Sein Geschrei war laut und sein ehern Gerassel scharf, aber die
Wolkenungetüme liessen den Mond nicht, nur des Kämmerers Ross ward scheu und
sprengte sausend mit ihm durch die Waldesnacht.
    Wie Herr Spazzo des andern Morgens erwachte, lag er am Fuss des hunnischen
Grabhügels. Auf der Wiese sah er seinen Reitersmantel liegen, sein schwarzes
Rösslein Falada erging sich fern am Waldessaum, der Sattel hing unten am Bauch,
die Zügel waren zerrissen; es frass die jungen Wiesenblumen. Langsam wandte der
schlafmüde Mann sein Haupt und schaute sich gähnend um. Der Klosterturm der
Reichenau spiegelte sich so ruhig und fern im See, als wenn nichts geschehen
wäre. Er aber riss einen Büschel Gras aus und hielt die tauigen Halme an die
Stirn. »Vince luna!« sprach er mit bittersüssem Lächeln. Er hatte schwer Kopfweh.
 
                              Neunzehntes Kapitel.
                          Burkard, der Klosterschüler.
Rudimann, der Kellermeister, war kein falscher Rechner. Eine Rolle Pergament in
einem Lachsrachen muss Neugier erregen. Während Herr Spazzo den Reichenauer
Klosterwein getrunken, war seine Gebieterin mit Praxedis im stillen Closet an
Entzifferung der Gunzoschen Schrift gesessen; die Schülerinnen Ekkehards hatten
des Lateinischen genug gelernt, um die Hauptsachen zu verstehen; was grammatisch
unklar blieb, errieten sie, was nicht zu erraten war, setzten sie nach eigenem
Gutdünken zusammen.
    Praxedis war empört: »Ist denn die Nation der Gelehrten überall wie in
Byzanzium?« sprach sie. »Erst die Mücke zum Elefanten gemacht und dann einen
Feldzug gegen das selbstgeschaffene Ungetüm begonnen! Das Reichenauer Geschenk
schmeckt essigsauer.« - Sie verzog den lieblichen Mund wie damals, da sie
Wiborads Holzäpfel kosten musste.
    Frau Hadwig war sonderbar bewegt. Ein unheimlich Gefühl sagte ihr, dass in
Gunzos Blättern ein Geist sein Wesen treibe, der nicht vom Guten, aber sie
gönnte Ekkehard die Demütigung.
    »Ich glaube, er hat die Zurechtweisung verdient«, sprach sie.
    Da sprang Praxedis auf: »Unser braver Lehrer verdient manche
Zurechtweisung«, rief sie, »aber das sollte unsere Sache sein. Wenn wir ihm
seine blöde Schwerfälligkeit wegschulmeistern, tun wir ein gutes Werk. Aber wenn
einer mit dem Balken im Aug' dem andern den Splitter vorwirft, das ist zu arg.
Die bösen Mönche haben das nur angebracht, um ihn anzuschwärzen. Darf ich's zum
Fenster hinauswerfen, gnädige Herrin?«
    »Wir haben Euch weder um Ekkehards Erziehung noch um Werfung eines
Gastgeschenks zum Fenster hinaus ersucht«, sprach die Herzogin bitter. Praxedis
schwieg.
    Die Herzogin konnte sich von der eleganten Schmähschrift lange nicht
trennen. Ihre Gedanken waren dem blonden Mönch nicht mehr zugewendet wie damals,
als er sie über den Hof des heimischen Klosters trug. Im Augenblick
überschwenglichen Gefühls nicht verstanden werden, ist gleich der Verschmähung,
der Stachel weicht nicht wieder. Wenn sie ihn jetzt erschaute, pochte das Herz
nicht in höherem Schlag; oft war's Mitleid, was ihre Blicke ihm noch zuführte,
aber nicht jenes süsse Mitleid, aus dem die Liebe aufspriesst wie aus kühlem
Grunde die Lilie - es barg einen bösen Keim von Geringschätzung in sich.
    Durch Gunzos Schmähschrift ward auch das Wissen, das die Frauen seiter hoch
an ihm gehalten, in Staub gezogen, was blieb noch Gutes? Das stille Weben und
Träumen seiner Seele verstand die Herzogin nicht, zarte Scheu ist in anderer
Augen Torheit. Dass er in der Frühe ausgegangen, das hohe Lied zu lesen, war zu
spät; er hätte das im vorigen Herbst tun sollen ...
    Der Abend dunkelte.
    »Ist Ekkehard heimgekehrt?« fragte die Herzogin.
    »Nein«, sprach Praxedis, »Herr Spazzo auch nicht.«
    »Dann nimm den Leuchter«, befahl Frau Hadwig, »und trage die
Pergamentblätter auf Ekkehards Turmstube. Er darf nicht ununterrichtet bleiben
von seiner Mitbrüder Werken.«
    Die Griechin gehorchte, aber unfroh. In der Turmstube droben war schwüle
Hitze. Ungeordnet lagen Bücher und Gerätschaften umher. Auf dem Eichentisch war
das Evangelium des Mattäus aufgeschlagen: »Am Geburtsfest des Herodes aber
tanzte der Herodias Tochter vor der Gesellschaft, und sie gefiel dem Herodes,
dass er ihr mit einem Eidschwur verhiess zu geben, um was sie bitten wollte, und
sie sprach: Gib mir auf einer Schüssel den Kopf Johannes des Täufers! ...«
    Die priesterliche Stola, Ekkehards Weihnachtsgeschenk von der Herzogin, lag
daneben, die goldgewirkten Fransen hingen über das Fläschlein mit Jordanwasser,
das ihm der alte Tieto einst mitgegeben.
    Da schob Praxedis alles zurück und legte Gunzos Epistel auf den Tisch; es
tat ihr leid, wie sie alles geordnet. Beim Fortgehen wandte sie sich, tat das
Fenster auf, riss ein Zweiglein von dem üppig am Turm sich emporschlingenden
Efeugerank und warf's drüber hin.
    Ekkehard war spät heimgekommen. Er hatte den wunden Cappan gepflegt; noch
grössere Arbeit war es ihm, des Hunnen langes Ehegemahl zu trösten. Nachdem das
erste Wehgeheul verstummt und ihre Tränen getrocknet, war bis nach
Sonnenuntergang ihre Rede nur ein einziger grosser Fluch auf den Klostermeier,
und wenn sie ihren starken Arm gen Himmel hob und von Augauskratzen und
Bilsenkraut in die Ohren giessen und Zähneeinschlagen sprach, und ihre braunen
Zöpfe wildbedrohlich im Winde flatterten, so bedurfte es eindringlichen
Zuspruchs, sie zu beruhigen. Doch war's gelungen.
    In der Stille der Nacht las Ekkehard die Blätter, die ihm die Griechin in
seine Stube gelegt. Seine Hand spielte mit einer wilden Rose, die er heimgehend
im Tannenwald gepflückt, während sein Auge die geharnischten Angriffe des
welschen Gelehrten aufnahm.
    Woher mag es kommen, dachte er und sog den Duft der Blume ein, dass so vieles
der Tinte Entsprossenes seinen Ursprung nicht verleugnen kann? Alle Tinte kommt
vom Gallapfel und aller Gallapfel vom bösen Wespenstich ...
    Mit heiterem Antlitz legte er schliesslich die gelben Pergamentblätter weg:
Eine gute Arbeit - eine recht fleissige gute Arbeit - o, der Wiedehopf ist auch
eine wichtige Person unter dem fliegenden Getier. Aber die Nachtigall hat kein
Ohr für seinen Gesang ... Er schlief ausgezeichnet gut nach seiner Lesung.
    Wie er des andern Morgens von der Burgkapelle zurückschritt über den Hof,
traf er auf Praxedis.
    »Wie geht's Euch, Hunnentäufer?« sprach sie leicht, »ich bin ernstlich um
Euch besorgt. Es hat mir geträumt, ein grosser brauner Meerkrebs sei den Rhein
herauf geschwommen und aus dem Rhein in den Bodensee, und vom Bodensee sei er
auf unsere Burg gekrochen und hätt' schneidige Scheren und hätt' Euch drein
geklemmt und scharf ins Fleisch geschnitten. Der Seekrebs heisst Gunzo. Habt Ihr
noch viel so gute Freunde?«
    Ekkehard lächelte.
    »Ich missfalle manchem Mann, der mir auch nicht gefallen kann«, sprach er.
»Wer an russige Kessel anstösst, kann leichtlich schwarz werden.«
    »Scheint Euch aber ganz gleichgültig zu sein« - sprach Praxedis. »Ihr
solltet Euch schon heut auf eine Antwort besinnen. Siedet den Krebs rot ab, dann
beisst er nimmer.«
    »Die Antwort«, erwiderte Ekkehard, »hat ein anderer für mich gegeben. Wer zu
seinem Bruder spricht: Rakka! wird des hohen Rates schuldig sein, und wer sagt:
du Narr! wird des höllischen Feuers schuldig sein.«
    »Ihr seid recht fromm und mild«, sagte Praxedis, »aber sehet zu, wie weit
Ihr damit in der Welt kommet. Wer sich seiner Haut nicht wehret, dem wird sie
abgezogen. Auch den schlechten Feind sollt Ihr nicht gering anschlagen: Sieben
Wespen zusammen stechen ein Ross tot.«
    Die Griechin hatte recht. Stumme Verachtung unwürdigen Angreifers gilt
allzuleicht für Schwäche. Aber es war Ekkehards Natur so.
    Praxedis trat einen Schritt auf ihn zu, dass er betroffen zurückwich. »Soll
ich Euch noch einen guten Rat geben, Ehrwürdigster?« sprach sie. Er nickte
schweigend.
    »Ihr schreitet wieder viel zu ernst einher; es möchte einer glauben, Ihr
wollet mit Sonne und Mond Kegel schieben, wenn Ihr des Weges kommt. 's ist
heisser Sommer jetzt, die Kapuze macht Euch schwül. Lasset Euch ein linnen Gewand
beschaffen und meinetwegen auch den Schlossbrunnen übers Haupt rieseln, aber seid
fröhlich und guter Dinge. Die Herrin möchte sonst recht gleichgültig für Euch
werden.«
    Ekkehard wollte ihr die Hand reichen; es deuchte ihm zuweilen, als sei
Praxedis sein guter Engel. Da kam langsamen Hufschlages Herr Spazzo in den
Burghof eingeritten. Sein Haupt senkte sich dem Sattelknopf entgegen, bleiernes
Lächeln war über das müde Antlitz gegossen, halb schlief er.
    »Euer Gesicht hat sich namhaft verändert seit gestern«, rief ihm Praxedis
zu. »Warum fliegen keine Funken mehr unter Faladas Huf?«
    Er schaute mit stieren Augen zu ihr herab. Es flimmerte vor seinem Blick.
    »Bringt Ihr auch ein erklecklich Schmerzensgeld mit, Herr Kämmerer?« fragte
Praxedis.
    »Schmerzensgeld? für wen?« fragte Herr Spazzo stumpf.
    »Für den armen Cappan! Ich glaube, Ihr habt eine Hand voll Mohnkörner
gegessen, dass Ihr nimmer wisset, warum Ihr ausgeritten ...«
    »Mohnkörner?« sprach Herr Spazzo mit dem gleichen Ausdruck, »Mohnkörner?
Nein. Aber Meersburger, roten Meersburger, ungefügigen, hundertschlündig224 zu
trinkenden roten Meersburger! ja!«
    Er stieg schwerfällig vom Ross und zog sich in seine Gemächer zurück. Der
Bericht über seiner Sendung Erfolg blieb unerstattet. Praxedis schaute dem
Kämmerer nach, sie begriff den Grund seiner bleischweren Gemütstimmung nicht
ganz.
    »Habt Ihr noch nie davon erzählen gehört, dass einem gesetzten Manne Gras,
Blumen und Klee und aller Kräuter Meisterschaft, die Würze und aller Steine
Kraft, der Wald und alle Vögelein - nicht so zur Erquickung frommen als ein
alter Wein?« sprach Ekkehard zur Ergänzung. »Aber schon der jüdische
Prophetenknabe sprach zum König Darius, da die Kriegsleute und Amtmänner aus
Morgenland um den Tron standen und stritten, wer der stärkste sei: der Wein ist
der stärkste, der überwältigt die Männer, die ihn trinken, und führt ihre
Gemüter in Irrtum.«
    Praxedis hatte sich weggewendet und stand an den Zinnen der Mauerbrüstung.
    »Seht einmal hinunter, Sonne der Wissenschaft«, sprach sie zu Ekkehard, »was
kommt dort für ein sauber geistlich Männlein gewandelt?«
    Ekkehard beugte sich über die Mauer und schaute an der senkrecht
aufstrebenden Felswand hinab. Zwischen den Stauden am Burgweg wandelte ein
braunlockiger Knabe; er trug ein Mönchsröcklein, das bis an die Knöchel reichte,
Sandalen am nackten Fuss, einen ledernen Ranzen auf dem Rücken, den
eisenbeschlagenen Wanderstab in der Hand. Ekkehard kannte ihn noch nicht.
    Nach einer Weile stand er am Burgtor.
    Er hielt die Hand vor die Augen und schaute in das weite schöne Land hinaus.
Dann trat er in den Hof und ging gemessenen Schrittes auf Ekkehard zu.
    Es war Burkard, der Klosterschüler, Ekkehards Schwestersohn, der von
Konstanz herüberkam, seinem jungen Oheim einen Ferienbesuch abzustatten.
    Er machte ein feierlich Gesicht und sprach den Begrüssungsspruch, als hätte
er ihn auswendig gelernt.
    Ekkehard küsste den wohlerzogenen Schüler, der in den fünfzehn Jahren seines
Lebens noch keinen einzigen dummen Streich begangen. Burkard richtete Grüsse von
Sankt Gallen aus und brachte eine Epistel Meister Ratperts, der sich behufs
vergleichender Studien von Ekkehard Auskunft erbat, in welcherlei Fassung und
Wortlaut er gewisse schwierige Stellen im Virgilius zu übersetzen pflege. »Heil,
Gedeihen und Fortschritt in der Erkenntnis225!« lautete des Briefes
Abschiedsgruss.
    Ekkehard begann ein langes Fragen nach seinen dortigen Brüdern. Aber
Praxedis fiel ihm in die Rede.
    »Lasset doch den frommen jungen Mann ausruhen. Trockene Zunge erzählt nicht
gern. Kommmit mir, Männlein, du sollst uns ein lieberer Besuch sein als der böse
Rudimann von der Reichenau.«
    »Vater Rudimann?« sprach der Knabe, »den kenne ich auch.«
    »Woher?« fragte Ekkehard.
    »Er ist vor wenig Tagen bei uns gewesen und hat dem Abt ein grosses Schreiben
überbracht und eine Schrift; es soll vieles über Euch drin stehen, liebwerter
Ohm, und nicht lauter Schönes.«
    »Hört!« sprach Praxedis.
    »... und wie er Abschied genommen, ist er nur bis zur Kirche gegangen; dort
hat er gebetet, bis dass es dunkel war. Er muss aber alle Gänge und Schliche im
Kloster kennen, wie die Glocke die Schlafstunde angeläutet, ist er heimlich und
auf den Zehen ins grosse Dormitorium geschlichen, um zu lauschen, was die Brüder
vor Einschlafen über Euch und über das, was in seiner Schrift stand, zusammen
sprechen würden. Die Nachtkerze hat trüb geflackert, dass er im Verborgenen
niedersitzen konnte. Aber um Mitternacht ist der Vater Notker Pfefferkorn
gekommen, der hat die Runde gemacht, nachzuschauen, ob jeder seinen Gürtel fest
ums Gewand geschlungen, und ob kein Messer oder schädlich Gewaffen im
Schlafgemach sei. Der hat den Fremden hervorgezogen aus seinem Versteck, und die
Brüder sind aufgewacht, und die grosse Abtslaterne ist angezündet worden, mit
Stecken und Stangen und der siebenfältigen Geissel aus der Geisselkammer sind sie
herbeigesprungen und war ein grosser Lärm und Geschrei, trotzdem dass der Dekan
und die Alten abwinkten. Notker Pfefferkorn selber war hoch ergrimmt: Der Teufel
geht lauernd umher und sucht, wen er verschlinge, rief er wir haben den Teufel,
züchtiget ihn!«
    »Vater Rudimann aber ist noch recht höhnisch gewesen: Ich gestehe,
treffliche Jünglinge, hat er gesagt, wenn ich wüsste, wo der Zimmermann einen Weg
offen gelassen, so würde ich auf Händen und Füssen von dannen gehen; nun aber, da
ich gern oder ungern euch in die Hände fiel, so gedenket, dass ihr eurem
Gastfreund keine Schande antuet226. Da wurden sie alle wild und schleppten ihn
in die Geisselkammer; nur auf den Knien konnt' er sich losbitten, und als endlich
der Abt sprach: Wir wollen das Füchslein heimspringen lassen in seinen Bau, hat
er sich höflich bedankt.
    Ich bin gestern einem Fuhrwerk mit zwei grossen Weinfässern vorbeigekommen:
der Kellermeister der Reichenau schicke das dem heiligen Gallus für
freundschaftliche Aufnahme, hat der Fuhrmann zu mir gesagt ...«
    »Davon hat Herr Rudimann nichts gemunkelt, wie er gestern bei uns war«,
sprach Praxedis. »Für die Geschichte verdienst du ein Stück Kuchen, Goldsohn, du
erzählst ja wie ein Jubelgreis.«
    »O«, sprach der Klosterschüler halb beleidigt, »es heisst nichts. Aber ich
werde ein Gedicht darüber machen: Des Wolfs Einbruch im Schafstall und Strafe, -
ich hab's schon halb im Kopf, das muss schön werden.«
    »Du machst auch Gedichte, junger Neffe?« sprach Ekkehard heiter.
    »Das wär' kein guter Klosterschüler«, gab der Junge zur Antwort, »der
vierzehn Jahre alt würde und keine Gedichte machen könnte. Meinen Lobgesang auf
den Erzengel Michael in doppelt gereimten Hexametern hab' ich dem Abte vorlesen
dürfen; er hat meine Verse eine glänzende Perlenschnur geheissen. Und meine
sapphische Ode zu Ehren der frommen Wiborad ist auch recht schön, soll ich sie
vortragen?«
    »Um Gottes willen!« sprach Praxedis, »glaubst du, man fällt bei uns nur zum
Burgtor herein und trägt gleich Oden vor? Wart' erst dein Stück Kuchen ab.«
    Sie sprang zur Küche und liess den gelehrten Neffen Ekkehards im Gespräch mit
seinem Oheim unter der Linde zurück. Der plauderte denn ein Namhaftes von
Trivium und Quadruvium; weil gerade der Fels von Hohentwiel im Morgenlicht einen
feingezeichneten Schatten über das flache Land warf, erging sich der
Klosterschüler in einer weitläufigeren Disputation über den Grund des Schattens,
als welchen er mit Sicherheit einen dem Licht entgegenstehenden Körper
bezeichnete und alle andere Definitionen in ihrer Nichtigkeit nachwies.
    Wie ein Springquell entströmte dem jugendlichen Munde die Flut der
Wissenschaft. Auch in der Astronomie war er bewandert; das Lob Zoroasters von
Baktrien und des Königs Ptolemäus von Ägyptenland musste der Oheim geduldig
anhören, über Form und Verwendung des Astrolabiums ward ihm scharf auf den Zahn
gefühlt227; auch begann der braungelockte Schwestersohn auseinanderzusetzen, wie
faselnd die Meinung derer sei, die da glauben, dass auf der Rückseite des
Erdglobus das ehrenwerte Geschlecht der Antipoden228 hause - vor fünf Tagen
hatte er all' die schönen Sachen gelernt: aber schliesslich erging es dem Oheim
wie dem tapfern Kaiser Otto, da der weltweise Bischof Gerbert von Reims und
Otrich, der Domschulmeister von Magdeburg, vor ihm und viel hundert gelahrten
Äbten und Scholastern ihren Wettkampf über Einteilung und Grund der
teoretischen Philosophie229 abhielten - er gähnte.
    Jetzt kam Praxedis mit einem herrlichen Kirschkuchen und einem Körbchen
Früchte, das gab den Gedanken des fünfzehnjährigen Weltweisen eine Wendung zum
Natürlicheren; als wohlerzogener Knabe sprach er erst den Hymnus230 vor dem
Essen, wie er in der Klosterschule üblich, dann vertiefte er sich ganz in des
Kuchens Aufzehrung und überliess die Frage von den Antipoden einer späteren
Zukunft ...
    Praxedis wandte sich zu Ekkehard: »Die Herzogin lässt Euch kundtun«, sprach
sie mit verstelltem Ernst, »dass sie gesonnen, zum Studium des Virgilius
zurückzukehren; sie ist begierig zu vernehmen, wie der Königin Dido Geschicke
sich weiter abspinnen. Heute abend beginnen wir; Ihr sollt ein freundlich
Gesicht dazu machen«, fuhr sie leiseren Tones fort, »es ist eine zarte
Aufmerksamkeit, Euch zu beweisen, dass trotz der Schriften gewisser Herren das
Vertrauen auf Euere Wissenschaft nicht geschwunden.«
    Es war so. Ekkehard aber erschrak. Wieder in der alten Weise mit den zwei
Frauen zusammen sein: schon der Gedanke tat ihm weh. Er konnte noch immer nicht
vergessen, dass einst ein Karfreitagmorgen gewesen.
    Da schlug er seinen Neffen auf die Schulter, dass der zusammenfuhr. »Du
kommst hier nicht in die Ferien zum Fischfangen und Vogelstellen, Burkard!«
sprach er, »heute nachmittag lesen wir Virgil mit der gnädigen Herzogin, du
wirst dabei sein.«
    Er gedachte den Knaben als schirmende Abwehr zwischen die Herzogin und seine
Gedanken zu stellen.
    »Wohl!« sprach Burkard mit kirschrotblauen Lippen, »Virgilius ist mir lieber
als Jagen und Reiten, und ich werd' die Frau Herzogin bitten, mir von ihrem
Griechischen etwas zu lehren. Nach jenem Besuch, wo sie Euch mit fortgenommen,
haben die Klosterschüler oftmals gesagt, sie wisse mehr Griechisch als alle
ehrwürdigen Väter des Klosters zusammen, sie habe es durch Zauberei erlernt. Und
wenn ich auch im Griechischen der erste bin ...«
    »Dann kann dir's nicht fehlen, dass du in fünf Jahren Abt und in zwanzig
Jahren heiliger Vater zu Rom wirst«, sprach Praxedis spottend. »Einstweilen
fliesst dort der Burgbrunnen, das Blau deiner Lippen zu tilgen ...«
    Um die vierte Abendstunde harrte Ekkehard im säulengetragenen Gemach seiner
Gebieterin, die Lesung der Äneïde wieder aufzunehmen. Über ein halb Jahr war
abgelaufen, dass Virgilius Ruhe gehabt. Ekkehard war beklommen, er hatte die
Fenster weit aufgetan. Wohltuende Kühle des Abends strömte herein.
    Der Klosterschüler blätterte in der lateinischen Handschrift.
    »Wenn die Herzogin mit dir spricht, sei fein artig«, sprach Ekkehard.
    Er aber antwortete mit Selbstgefühl: »Mit einer so vornehmen Frau red' ich
nur in Versen. Sie soll sich überzeugen, dass ein Zögling der inneren Schule vor
ihr steht.«
    Jetzt trat die Herzogin ein, gefolgt von Praxedis. Sie grüsste mit leichtem
Kopfnicken. Ohne dass sie Ekkehards hoffnungsvollen Neffen zu bemerken schien,
liess sie sich im schnitzwerkverzierten Lehnstuhl nieder. Burkard hatte sich
zierlich verneigt und stand am Ende des Tisches.
    Ekkehard schlug den Virgilius auf. Da fragte die Herzogin gleichgültigen
Tones: »Was soll der Knab'?«
    »Ein demütiger Zuhörer«, sprach Ekkehard, »dem die Sehnsucht, das
Griechische zu erlernen, Mut gibt, so erlauchter Lehrerin sich zu nahen. Er wird
glücklich sein, wenn er von Eueren Lippen ...«
    Aber bevor Ekkehard seine Rede geendet, war Burkard vor die Herzogin
getreten, befangen und keck zugleich sprach er mit niedergeschlagenen Augen und
genauer Betonung des Silbenmasses:
»Esse velim Graecus, cum vix sim, dom'na, LatinusA1, 231.«
    Es war ein tadelloser Hexameter.
    Frau Hadwig hörte ihm halb erstaunt zu. Ein braunlockiger Knabe, der einen
Hexameter sprach, war in alemannischen Landen etwas Ungewohntes. Und er hatte
ihr zu Ehren die Daktylen und Spondäen aus dem Stegreif ersonnen. Darum ergötzte
sie sich an dem jungen Verseschmied.
    »Lass dich einmal näher beschauen«, sprach sie und zog ihn zu sich. Er gefiel
ihr; es war ein lieblich Knabenantlitz, durchsichtig Rot auf den Wangen, so fein
und zart, dass das blaue Geäder in leichtem Umriss drunter zu erschauen war, üppig
wallten die Locken um die Stirn, eine kecke Adlernase ragte über den gelehrten
jungen Lippen wie ein Hohn auf das, was unter ihr gesprochen werde, in die Luft.
Da schlang Frau Hadwig ihren Arm um den Knaben, hob ihn empor und küsste ihn auf
Lippe und Wange und tat schier kindisch mit ihm; dann schob sie den gepolsterten
Schemel hart an ihre Seite und setzte ihn drauf: »Einstweilen sollst du von
meinen Lippen etwas anderes pflücken als Griechisch«, sprach sie scherzend und
küsste ihn noch einmal, - »jetzt sei aber so brav wie vorhin und sag' schnell
noch ein paar leichtingleitende Verse.«
    Sie strich ihm die Locken zurück. Der Klosterschüler war errötet, aber seine
Metrik kam durch einer Herzogin Kuss nicht aus der Fassung. Ekkehard war ans
Fenster getreten und schaute nach den Alpen, Burkard aber sprach, ohne sich zu
besinnen:
»Non possum prorsus dignos componere versus,
Nam nimis expavi duce me libante suaviA2.«
Es waren wiederum zwei tadellose Hexameter.
    Die Herzogin lachte laut auf: »Du hast sicher schon das Licht der Welt mit
lateinischem Vers begrüsst; das klingt und strömt ja, als wäre Virgil aus dem
Grabe gestiegen. Warum erschrickst du denn, wenn ich dich küsse?«
    »Weil Ihr so vornehm und stolz und schön seid«, sprach der Knabe.
    »Sei zufrieden«, entgegnete die Herzogin, »wer mit frisch glühendem Kuss auf
den Lippen so regelrechte Verse aus dem Ärmel schüttelt, dem hat der Schreck
nicht tief ins Herz geschlagen.« Sie stellte ihn sich gegenüber. »Warum begehrst
du so eifrig, das Griechische zu erlernen?«
    »Sie sagen, wenn einer Griechisch versteht, kann er so gescheit werden, dass
er das Gras wachsen hört«, war des Klosterschülers Antwort. »Seit mein älterer
Mitschüler Notker mit der grossen Lippe sich gerühmt hat, er wolle dereinst den
ganzen Aristoteles auswendig lernen und verdeutschen, lässt mir's keine Ruhe
mehr.«
    Da lachte Frau Hadwig: »Vorwärts denn! Weisst du den Antiphon: Ihr Meere und
Flüsse, lobet den Herren!«
    »Ja«, erwiderte Burkard.
    »So sprich mir nach: Talassi ke potami, eulogite ton kyrion!« Der Knabe
sprach's nach.
    »Jetzt sing' es!« Er sang es.
    Ekkehard schaute vorwurfsvoll auf die Gruppe herüber. Die Herzogin verstand
den Blick.
    »So, nun hast du bereits sechs Worte gelernt«, sprach sie zu Burkard. »Wenn
du wieder in Hexametern drum bittest, soll dir ein Mehreres verabreicht sein.
Setz' dich jetzo mir zu Füssen und hör' andächtig zu. Wir werden Virgilius
lesen.«
    Da begann Ekkehard mit der Äneïde viertem Gesang und las die Sorgen der
Dido, wie immerdar der Gedanke an den edeln Trojaner Gast sie umschwebt und fest
im innersten Busen sein Antlitz haftet und Wort. Und sie klagt ihr Leid der
Schwester:
    »Wenn's nicht fest in der Seele und unabänderlich stünde,
    Keinem wollt' ich hinfort durch ehliches Band mich gesellen,
    Seit mit dem Erstgeliebten mir Freud' und Hoffnung dahinstarb,
    Wenn nicht verhasst Brautkammer und Hochzeitfackel mir wäre:
    Dieser einen Versuchung vielleicht noch könnt' ich erliegen.
    Anna, ich will es gestehn: nachdem mein armer Sichäus
    Sank, der Gemahl, und troffen in Bruderblut die Penaten,
    Hat er allein mir gewendet den Sinn und die wankende Seele
    Mir bewegt, ich erkenne die Spur vormaliger Flammen.«
    ...
    Aber Frau Hadwig war wenig ergötzt von den Schmerzen der kartagischen
Königswitwe. Sie warf sich in ihrem Lehnstuhl zurück und schaute zur Decke
empor. Sie fand keine Beziehungen mehr zwischen sich und der Frauengestalt des
Dichters.
    »Haltet an!« rief sie dem Vorlesenden zu, »man merkt wieder, dass ein Mann
das geschrieben. Er will die Frau demütigen. Alles falsch. Wer wird sich so in
einen fremden Gast vernarren?«
    »Das mag Virgilius verantworten«, sprach Ekkehard. »Die Geschichte wird's
ihm so überliefert haben.«
    »Dann lebt jetzt ein stärker Frauengeschlecht«, sagte die Herzogin und
winkte ihm weiterzulesen. Sie war fast beleidigt von Virgilius' Schilderung,
vielleicht dass sie sich selber didonischer Anwandlungen erinnerte. Es war nicht
immer gewesen wie heute.
    Und er las, wie Anna der Schwester zusprach, nicht vergeblich wider
gefällige Liebe zu streiten, wie an der Götter Altären Friede und Heil durch
Opfer erfleht wird, dieweil die geschmeidige Flamme fortzehrt im Mark und die
alte Wunde nicht vernarbt. Und wieder will die Betörte von den Kämpfen um Ilium
vernehmen und hängt am Mund des Erzählers -
    »Wenn sie darauf sich getrennt und ihr Licht die erdunkelnde Luna
    Jetzo gesenkt und zum Schlaf die sinkenden Sterne ermahnen,
    Trauert sie einsam im leeren Gemach - aufs verlassene Lager
    Wirft sie sich, jenen entfernt den Entferneten hört sie und schaut sie.
    Oft den Ascanius auch, von des Vaters Bilde bezaubert,
    Hält sie im Schoss, um zu täuschen die unaussprechliche Liebe.«
    Ein leises Kichern unterbrach die Vorlesung. Der Klosterschüler war
aufmerksam zu der Herzogin Füssen gesessen, schier angeschmiegt an ihr wallend
Gewand, jetzt hatte er gekämpft, ein aufsteigend Lachen zu unterdrücken, es
misslang, er platzte heraus und hielt die Hände vergeblich vors Antlitz, sich zu
decken.
    »Was gibt's, junger Versemacher?« sprach Frau Hadwig.
    »Ich habe denken müssen«, sprach der Junge verlegen, »wenn meine hohe Herrin
die Königin Dido wäre, so wär' ich vorhin der Ascanius gewesen, da Ihr mich zu
herzen und küssen geruhtet.«
    Die Herzogin schaute scharf auf den Knaben herab. »Will man ungezogen
werden? Kein Wunder -« schalt sie mit einem Fingerzeig auf seine Locken, »die
junge Altklugheit trägt ja schon graue Haare auf dem Scheitel.«
    »... Das ist von der Nacht, da sie den Romeias erschlugen«, wollte der
Klosterschüler sagen.
    »Das ist vom Fürwitz, der törichte Dinge redet, wo er schweigen sollte«,
fuhr die Herzogin drein. »Steh auf, Schülerlein!«
    Burkard erhob sich vom Schemel und stand errötend vor ihr. »So«, sprach sie,
»jetzt geh zu der Jungfrau Praxedis und melde ihr, es müssten dir zur Strafe alle
grauen Haare abgeschnitten werden, und bitte schön, dass sie dir's tue. Das wird
gut sein für unzeitig Lachen.«
    Dem Knaben standen die hellen Tränen in den Augen. Er wagte keine Widerrede.
Er ging zu Praxedis hin, die hegte Teilnahme für ihn, seit sie gehört, dass er
des Romeias Gefährte bei seinem letzten Gang gewesen: »Ich tu' dir nicht weh,
kleiner Heiliger«, flüsterte sie ihm zu und zog ihn zu sich. Das junge Haupt in
ihren Schoss gebeugt, musste er vor ihr knien, da griff sie eine mächtige Schere
aus ihrem strohgeflochtenen Nähkorb und vollzog die Strafe.
    Betrüblich klang erst des Klosterschülers Schluchzen,- wer sein Hauptaar
von fremder Hand berühren liess, galt eigentlich für schwer beschimpft232 - aber
Praxedis' weiche Hand fuhr ihm streichelnd über die Wangen, nachdem sie das
Gelock zerzaust hatte, da ward ihm bei aller Strafe so seltsam zu Mut, dass sein
Mund lächelnd die letzte niederrollende Träne auffing.
    Ekkehard sah eine Weile stumm vor sich hin. Das Spiel leichtfertiger Anmut
macht den Traurigen trauriger. Er war verletzt, dass die Herzogin so sein Lesen
unterbrochen. Aus ihren Augen las er keinen Trost: »sie spielt mit dir, wie sie
mit dem Knaben spielt«, dachte er und schlug seinen Virgilius zu und erhob sich.
    »Ihr habt recht«, sprach er zu Frau Hadwig, »es ist alles falsch. Dido
sollte lachen und Äneas sollte hingehen und sich ins Schwert stürzen, dann wäre
es richtig.«
    Sie blickte unstet auf. »Was habt Ihr?« fragte sie.
    »Ich kann nicht weiter lesen«, erwiderte er.
    Die Herzogin war aufgestanden.
    »Wenn Ihr nicht mehr lesen möget«, sprach sie mit scheinbar gelangweiltem
Ausdruck, »es gibt noch mannigfache Mittel und Wege, uns Kurzweil zu schaffen.
Wie wär' es, wenn ich Euch aufgäbe, uns etwas Anmutiges zu erzählen, - Ihr möget
dabei auslesen, was Euch gefällt, es gibt so viel Liebreizendes und Gewaltiges
noch ausser Euerem Virgil. Oder geht hin und dichtet selber etwas. Euch drückt
irgendeine Last, Ihr mögt nicht erklären, Ihr mögt nicht aufs Land gehen, alles
tut Euern Augen weh, Eurem Geist fehlt eine grosse Aufgabe, wir wollen sie Euch
setzen.«
    »Was sollt' ich dichten?« erwiderte Ekkehard. »Ist's nicht schon Glück
genug, das Echo eines Meisters, wie Virgilius, zu sein?« Er sah mit umflortem
Auge auf die Herzogin. »Ich wüsste nur Elegien zu singen, sehr traurige.«
    »Sonst nichts?« fragte Frau Hadwig vorwurfsvoll. »Haben unsere Vorfahren
keine Kriegszüge getan und ihr Heerhorn mit Sturmschall durch die Welt erklingen
lassen und Schlachten geschlagen, so viel wert wie die des Landfahrers Äneas?
Glaubt Ihr, der grosse Kaiser Karl hätte die uralten Lieder der Völker sammeln
und singen lassen, wenn nur leeres Stroh darin steckte? Müsst Ihr zu allem Eure
lateinischen Bücher haben?«
    »Ich weiss nichts«, wiederholte Ekkehard.
    »Ihr sollt aber etwas wissen«, sagte die Herzogin. »Es stünde doch zu
verwundern, wenn nur wir Hausgenossen der Burg einen Abend zusammensässen und von
den alten Geschichten und Sagen plauderten, ob da nicht mehr zusammenkäme, als
in der ganzen Äneïde steht? Des Kaiser Karl frommer Sohn hat freilich vom alten
Heldensang nichts mehr wissen wollen233 und lieber schnarrendem Psalmodieren
sein Ohr geliehen und ist an Leib und Seele verkümmert gestorben, aber uns allen
haften von Kindesbeinen noch jene Geschichten an. Erzählet uns eine solche,
Meister Ekkehard, dann erlassen wir Euch den Virgil samt der liebesiechen
Königin Dido.«
    Aber Ekkehards Gedanken flogen weit anderwärts. Er schüttelte sein Haupt wie
ein Träumender.
    »Ich sehe, Ihr brauchet Anstoss«, sprach die Herzogin. »Es soll Euch von
allen ein gut Beispiel gegeben werden. Praxedis, halt' dich bereit und künde es
dem Kämmerer Spazzo an, wir wollen uns morgen an Erzählung alter Sagen erfreuen.
Ein jedes sei gerüstet.«
    Sie griff den Virgilius und warf ihn feierlich unter den Tisch, als Zeichen,
dass eine neue Ära beginne. Ihr Gedanke war gut und anregend. Nur dem
Klosterschüler, der während der Herzogin Rede sein Haupt in Praxedis' Schoss
hatte ruhen lassen, war es nicht ganz deutlich. »Wann darf ich weiter Griechisch
lernen, gnädige Herrin?« sagte er. »Talassi ke potami ...«
    »Wenn die grauen Haare wieder gewachsen sind«, sprach sie heiter und küsste
ihn wiederum.
    Ekkehard ging mit grossen Schritten aus dem Saal.
 
                                    Fussnoten
A1 Der ich kaum ein Lateiner bin, ein Grieche möcht' ich werden.
A2 Ich finde keinen Vers mehr, es stockt der Rede Fluss,
 Zu tief hat mich erschreckt der Herrin süsser Kuss.
 
                              Zwanzigstes Kapitel.
                           Von deutscher Heldensage.
Auf dem Gipfel des hohen Twiel innerhalb der Burgmauern war ein zierlich
Gärtlein angelegt; ein steiler Felsvorsprung, von Mauerwerk eingefasst, umschloss
den mässigen Raum. Es war ein feiner Platz, als wie eine Hochwacht, denn steil
abwärts sprang der Fels, also, dass man über die Brüstung gelehnt einen Stein
mochte hinabschleudern ins tiefe Tal, und wer sich am Ausspähen erfreute, der
mochte Umschau halten über Berg und Fläche und See und Alpengipfel, keine
Schranke hemmte den Blick.
    Im Eckwinkel des Gärtleins liess ein alter Ahorn vergnüglich seine Wipfel im
Winde rauschen, schon war das beflügelte Samenkorn reif und gebräunt und
wirbelte auf die schwarze Blumenerde hernieder; - eine Leiter war an den
grüngrauen Stamm gelehnt, zu Füssen stand Praxedis und hielt die Enden eines
schweren langen Zeltgetüchs, in den Ästen aber sass Burkard, der Klosterschüler,
mit Nagel und Hammer und suchte das Tuch festzunageln.
    »Achtung!« rief Praxedis, »ich glaube, du schauest dem Storch nach, der dem
Kirchturm von Radolfs Zelle entgegenfliegt. Pass auf, du Ehrenpreis aller
lateinischen Schüler, und schlag' mir den Nagel nicht neben den Ast.«
    Praxedis hatte das Tuch mit der Linken emporgehalten, jetzt liess es der
Klosterschüler fahren, da zog sich's gewichtig herab, riss von dem lässig
eingeschlagenen Nagel und sank schwerfällig, so dass die Griechin schier ganz
drein begraben ward.
    »Warte, Pfuscher!« schalt Praxedis, wie sie sich aus der groben Umhüllung
vorgewickelt, »ich werd' einmal nachsehen, ob es keine grauen Haare mehr
abzuschneiden gibt.«
    Kaum war das letzte Wort gesprochen, so ward der Klosterschüler auf der
Leiter sichtbar, er kletterte die Sprossen bis zur Hälfte nieder, dann sprang er
mit gleichen Füssen auf das Tuch und stand vor Praxedis.
    »Setzt Euch«, sprach er, »ich will mich gern wieder strafen lassen. Ich hab'
heut nacht geträumt, Ihr hättet mir alle Haare ausgerauft und ich wär' mit einem
Kahlkopf in die Schule gekommen und es hätt' mich gar nicht gereut.«
    Praxedis schlug ihm leicht auf das Haupt.
    »Werd' nicht zu üppig in den Ferien, Männlein, sonst wird dein Rücken ein
Tanzboden für die Rute, wenn du wieder im Kloster bist.«
    Aber der Klosterschüler dachte nicht an den kühlen Schatten seiner Hörsäle.
Er stund unbeweglich vor Praxedis.
    »Nun?« sprach sie, »was gibt's noch? Was begehrt man?«
    »Einen Kuss!« antwortete der Zögling der freien Künste.
    »Hört mir den Zaunkönig an!« scherzte Praxedis. »Was hat Eure Weisheit für
Gründe zu solchem Begehr?«
    »Die Frau Herzogin hat's auch getan«, sagte Burkard, »und Ihr habt mich
schon über ein dutzendmal aufgefordert, ich soll Euch die Geschichte erzählen,
wie ich mit meinem alten Freund Romeias vor den Hunnen geflohen und wie er als
ein tapferer Held gestritten hat. Das erzähl' ich Euch aber nur um einen Kuss.«
    »Höre«, sprach die Griechin mit ernst verzogener Miene, »ich muss dir etwas
sehr Merkwürdiges mitteilen.«
    »Was?« frug der Knabe hastig.
    »Du bist der törichtste Schlingel, der je seinen Fuss über eine
Klosterschulschwelle gesetzt! ...« sprach sie, verstrickte ihn schnell in ihre
weissen Arme und küsste ihn derb auf die Nase.
    »Wohl bekomm's!« rief eine tiefe Bassstimme von der Gartenpforte her, wie sie
den Knaben schalkhaft von sich stiess. Es war Herr Spazzo.
    »Schönen Dank!« sprach Praxedis unbetrübt. »Ihr kommt gerade recht, Herr
Kämmerer, um bei Aufrichtung des Zelttuchs zu helfen. Mit dem törichten Knaben
bring' ich's heut nicht mehr zustand.«
    »So scheint es!« sprach Herr Spazzo mit einem dreischneidigen Blick auf den
Klosterschüler. Der hatte Angst vor des Kämmerers grimm gestrichenem Schnurrbart
und drehte sich einem Rosengebüsch zu. Astronomie und Metrik, Aristoteles in der
Ursprache und rote Frauenlippen schwebten in tanzendem Durcheinander durch das
fünfzehnjährige Gemüt.
    »Gibt's keine besseren Leute zu küssen im Hohentwieler Burgfrieden,
Jungfräulein?« fragte Herr Spazzo.
    »Wenn man je eine Sehnsucht hätte«, war Praxedis' Antwort, »so sind die
besseren Leute ausgeritten und fahren in Nacht und Nebel herum und kommen erst
am hellen Tag in einem Aussehen wieder heim, dass man meinen könnt', sie hätten
Irrlichter einfangen wollen.«
    Da hatte Herr Spazzo seinen Teil. Er hatte aber ein Gelübde getan, von
seinem nächtlichen Ritt samt Kuckucksruf und »Vince luna« kein Wörtlein zu
verplaudern. »Wozu soll ich Euch helfen?« fragte er demütig.
    »Eine Laube herrichten!« sprach Praxedis. »In abendlicher Sommerkühle will
die Herzogin hier Hof halten - es sollen Geschichten erzählt werden, alte
Geschichten, Herr Kämmerer, je wunderbarer desto besser! Unsere Herrin hat das
Lateinische satt bekommen, sie will was anderes, Ungeschriebenes, Einheimisches
... Ihr müsst auch Euer Scherflein beitragen.«
    »Gott sei meiner Seele gnädig!« sprach Herr Spazzo, »wenn unter einer Frauen
Herrschaftsführung nicht alles wunderbar herginge, so möcht' man sich noch
verwundern. Gibt's keine fahrenden Sänger und Saitenspieler mehr, die um einen
Helm voll Weines und eine Hirschkeule die Kehle heiser singen von derlei Mären?
Da steigen wir hoch im Wert! Landflüchtige Possenreisser, Barden und derlei
müssige Gesellschaft soll man mit Ruten aushauen, und wenn sie drum klagen, sei
ihnen der Schatten eines Mannes an der Wand234 verabreicht als Entgelt. Ich
dank' für die Ehre.«
    »Ihr werdet tun, was befohlen wird, als getreuer Dienstmann, der noch
Rechenschaft schuldig ist über gewisse Geschäftsführungen beim klösterlichen
Weinkrug«, sprach Praxedis. »Es ist doch lustiger, als Latein buchstabieren.
Habt Ihr keine Lust, den gelehrten Herrn Ekkehard auszustechen?«
    Der Wink leuchtete dem Kämmerer ziemlich ein. »Gebt mir den Tuchzipfel«,
sprach er, »dass wir das Zeltdach spannen.« Er stieg zum Ahorn auf und festigte
die Enden im Geäst. Gegenüber waren hohe Stangen eingeschlagen, von blauer
Bohnenblüte umrankt, dahin trug Praxedis das Getüch an seinen andern Enden; in
kurzem hing die schattige Decke über den luftigen Raum, die grauweisse Leinwand
schimmerte anmutig zum Gelbgrün der Blätter und Ranken, es war eine lustige
Gartenfrische.
    »Der Vesperwein möchte sich anmutig hier trinken lassen«, sagte Herr Spazzo
halb betrübt über das, was bevorstand. Praxedis aber ordnete Tisch und Sitze;
der Herzogin Polsterstuhl mit dem durchbrochenen Schnitzwerk lehnte sie an den
Stamm des Ahorns, niedrige Schemel für die andern, ihre Laute holte sie herunter
und legte sie auf den Tisch, Burkard aber musste einen grossen Blumenstrauss
binden, der ward vor den Herzogssitz gestellt. Dann band die Griechin einen
roten Seidenfaden um den Baumstamm, zog ihn bis zur Bohnenhecke hinüber und von
dort zur Mauer, so dass nur ein schmaler Durchgang frei blieb. »So!« sprach sie
vergnügt, »jetzt ist unser Plaudersaal umgrenzt und umfriedet, wie König Laurins
Rosengarten235, die Mauern sind wohlfeil herzustellen.«
    Die Herzogin freute sich ihres Einfalls und schmückte sich mit einer
gewissen Absicht. Es war noch früh am Abend, da stieg sie zur Laube hinab.
Blendend rauschte die stolze Erscheinung einher, sie hatte ein weites Gewand
umgetan, Saum und Ärmel mit schimmerndem Gold durchstickt, ein stahlgrauer
mantelartiger Überwurf wallte bis zum Boden herab, von edelsteinbesetzten
Agraffen gehalten; übers Haupt trug sie ein schleierartig Gewebe, licht und
durchsichtig, von güldenem Stirnband anschmiegend zusammengefaltet. Sie griff
eine Rose aus Burkards Strauss und heftete sie zwischen Band und Schleier.
    Der Klosterschüler, der schon nahe daran war, Klassiker und freie Künste zu
vergessen, hatte sich die Gnade erbeten, der Herzogin Schleppe zu tragen, und
ihr zu Ehren ein Paar abenteuerliche Schnabelschuhe, an beiden Seiten mit Ohren
versehen, angelegt236 und machte sich verschiedene Gedanken über das Glück,
einer solchen Gebieterin als frommer Edelknabe zu dienen.
    Praxedis und Herr Spazzo traten mit ein. Die Herzogin schaute sich flüchtig
um: »Ist Meister Ekkehard, zu dessen Belehrung wir den Abend geordnet,
unsichtbar?«
    Er war nicht erschienen.
    »Mein Oheim muss krank sein«, sprach Burkard. »Er ist gestern abend mit
grossen Schritten in seiner Turmstube auf und nieder gegangen, und wie ich ihm
die Sternbilder vor dem Fenster erklären wollt', den Bär und Orion und den
mattschimmernden Fleck der Plejaden, hat er mir keine Antwort gegeben. Dann hat
er sich angekleidet aufs Lager geworfen und im Schlaf gesprochen.«
    »Was hat er gesprochen?« fragte die Herzogin.
    »Meine Taube, hat er gesagt die du in den Spalten der Felsen dich verbirgst
und den Ritzen des Gesteines, zeig' mir dein Angesicht, lass deine Stimme klingen
in meine Ohren, denn die Stimme ist süss und dein Angesicht schön, und ein
andermal hat er gesagt: Warum küssest du den Knaben vor meinen Augen? was hoff'
ich und säum' ich noch in libyschen Landen?«
    »Da schaut's gut aus«, flüsterte Herr Spazzo der Griechin zu, »habt Ihr das
auf dem Gewissen?«
    Die Herzogin aber sprach zu Burkard: »Du wirst selber geträumt haben.
Spring' hinauf und such' deinen Ohm, dass er heruntersteige, wo wir seiner
warten.«
    Sie liess sich anmutig auf dem tronartigen Sitz nieder. Da kam Ekkehard mit
dem Klosterschüler in den Garten. Er sah blass aus; sein Blick war unstet und
trüb. Er neigte sich stumm und setzte sich an des Tisches entgegengesetzt Ende.
Burkard wollte seinen Schemel zu Füssen der Herzogin rücken wie gestern, da sie
Virgil lasen, aber Ekkehard stund auf und zog ihn an der Hand zu sich herüber.
»Hierher!« sprach er. Die Herzogin liess ihn gewähren.
    Sie schaute in die Runde. »Wir haben gestern behauptet«, sprach sie, »dass
wir in unsern deutschen Sagen und Geschichten so viel schöne Gelegenheit zu
Kurzweil besitzen, als weiland die Römer in ihrem Heldenlied vom Äneas. Und
sicher weiss ein jedes von uns etwas von schneller Helden Fechten und fester
Burgen Brechen, von treuer Liebsten Scheidung und reicher Könige Zergängnis; des
Menschen Herz ist mannigfach geartet, was der eine seitab liegen lässt, mutet den
andern an. Darum haben wir die heutige Tagfahrt geordnet, dass von jedem unserer
Getreuen, wie das Los entscheidet, ein anmutig Stück erzählt werde, und behalten
uns vor, dem liebreizendsten einen Preis auszusetzen. Siegt einer von euch
Männern, so mög' er das uralte Trinkhorn gewinnen, das aus König Dagoberts
Zeiten her droben im grossen Saal hängt; siegt meine treue Praxedis, so wird ein
Schmuckstück ihrer harren. Halmzug bestimme den Anfang!«
    Praxedis hatte vier Grashalme von verschiedener Länge geordnet und reichte
sie der Herzogin.
    »Soll ich für den jungen Verskünstler auch ein Hälmlein beifügen?« fragte
sie.
    Aber Burkard sprach mit weinerlicher Stimme:
    »Ich bitt' Euch, verschonet mich. Denn wenn meine Lehrer in Sankt Gallen
erfahren möchten, dass ich mich wiederum an unnützen Mären ergötzt, so würd' ich
gestraft wie damals, als wir auf Romeias' Wächterstube die Geschichte vom alten
Hildebrand und seinem Sohn Hadubrand aufführten. Der Wächter hat immer seine
Freude dran gehabt und hat uns selber die hölzernen Rosse geschnitzt und die
langen dreieckigen Schilde; ich bin der Sohn Hadubrand gewesen und mein
Mitschüler Notker machte den alten Hildebrand, weil er eine so grosse Unterlippe
hat wie ein alter Mann. Und wir sind aufeinand' eingeritten, dass eine Staubwolke
zu des Romeias Fenster hinauswirbelte; just hatte Notker den Armring losgelöst
und mir als Gabe gereicht, wie das Lied es vorschreibt237, und ich sprach zu
ihm:
    Du scheinst mir, alter Heune, doch allzu schlau; lockest mich mit deinen
Worten, willst mich mit deinem Speere werfen; bist du so zum Alter gekommen, dass
du immer trogest? mir kündeten Seefahrende westlich über den Wendelsee: hinweg
nahm ihn der Krieg, tot ist Hildebrand, Heribrands Erzeugter! -
    Da kam Herr Ratolt, unser Lehrer der Rhetorika, heraufgeschlichen und fuhr
mit seiner grossen Rute so grimmig zwischen uns, dass Ross und Schild und Schwert
den Händen entfielen: den Romeias schalt er einen altväterischen Bärenhäuter,
der uns von nützlichem Studium ablenke, und mein Kamerad Notker und ich sind
drei Tage bei Wasser und Brot eingesperrt gesessen und haben zur Strafe fürs
Hildebrandspiel jeder hundertundfünfzig lateinische Hexameter zu Ehren des
heiligen Otmar anfertigen müssen ...«
    Die Herzogin lächelte. »Da sei Gott für, dass wir dich wiederum zu solcher
Sünde verleiten«, sprach sie.
    Sie fasste die Halme in der Rechten zusammen und reichte sie anmutig den
andern zum Ziehen. Ekkehards Augen hafteten unverrückt auf der Rose am
Stirnband, wie er vor sie trat. Sie musste ihn zweimal auffordern, bis er zog.
    »Mord und Brand und Weltende!« wollte Herr Spazzo herausfahren; er hatte den
kürzesten Halm gegriffen. Aber er wusste, dass keine Ausrede ihn loswinden könne,
und schaute betrüblich über die steile Felswand hinunter ins Tal, als ob sich
von dort ein Ausweg auftun müsse. Praxedis hatte die Laute gestimmt und spielte
ein Präludium, das klang lieblich zum Rauschen der alten Ahornwipfel.
    »Unser Herr Kämmerer hat keine Strafen zu fürchten wie der Klosterzögling,
wenn er uns etwas Schönes bringt«, sprach die Herzogin. »Nun denn!«
    Da neigte sich Herr Spazzo vorwärts, stellte sein Schwert mit dem breiten
Griff vor sich, so dass er seine Arme drauf stemmen konnte, strich seinen Bart
und hub an:
    »Wiewohl ich an alten Geschichten keine absonderliche Freude gewonnen und es
lieber höre, wenn zwei Schwerter aufeinanderklirren oder ein Hahnen ins volle
Fass geschlagen wird, so hab' ich doch einmal eine schöne Mär aufgelesen. Musste
dereinst in jungen Tagen ins Welschland hinunterreiten, da ging mein Weg durchs
Tirol und über den Brennerberg, und war ein rauher, steiniger Saumpfad, der über
Kluft und Gefelse zog, also dass mein Ross ein Hufeisen einbüsste. Und war Abend
worden, so kam ich an ein Dörflein, heisst Gotensass oder Gloggensachsen, so aus
den Zeiten Herrn Dietrichs von Bern dort inmitten alter Lärchenwälder wie im
Versteck steht. An Rücken des Berges gelehnt war zu äusserst ein burgartig Haus,
davor lagen viel Eisenschlacken und sprühte ein Feuer drinnen und ward stark
gehämmert. Da rief ich den Schmied herfür, dass er mein Ross beschlage, und wie
sich niemand rührte, tat ich einen Lanzenstoss nach der Tür, dass sie sperrweit
auffuhr, und tat dazu einen starken Fluch mit Mord und Brand und allem Bösen: so
stund plötzlich ein Mann vor mir mit zottigem Haar und schwarzem Schurzfell, und
war ich sein kaum ansichtig, so war auch schon meine Lanze niedergeschlagen, dass
sie zersplitterte wie sprödes Glas, und eine Eisenstange über meinem Haupt
geschwungen, und an des Mannes nackten Armen sprangen Sehnen herfür, als könnt'
er einen Amboss sechzehn Klafter tief in die Erde hineinschmettern.
    Da vermeinte ich, unter solchen Umständen möcht' ein höflich Wort nicht vom
Übel sein, und sprach daher: Ich wollt' Euch nur um die Gewogenheit ersuchen,
dass Ihr mein Ross beschlaget. Drauf stiess der Schmied seine Stange in den
Erdboden und sprach: Das lautet anders und schafft Euch Rat. Aber Grobheit gilt
nichts in Welands Schmiede, das mögt Ihr in Eurer Heimat weiter sagen.
    Er beschlug mein Ross und ich sah, dass er ein ehrenwerter Schmied war, und
ward ihm gut befreundet und liess das Rösslein in seinem Stall stehen und blieb
bei ihm in der Nachterberge. Und wir tranken scharf bis in die Nacht hinein,
der Wein hiess Terlaner und er schenkte ihn aus einem Schlauche. In währendem
Trinken befrug ich den russigen Gastfreund um Gelegenheit und Namen seiner
Schmiede. Da lachte er hell auf und erzählte die Geschichte vom Schmied Weland.
Fein war sie nicht, aber schön.«
    Herr Spazzo hielt eine Weile an und warf einen Blick auf den Tisch, wie
einer, der sich nach einem Trunk Weines umschaut, trockene Lippen zu feuchten.
Aber es war keiner zur Hand und man verstand den Blick nicht. Da fuhr er fort:
    »Woher der Weland gekommen, sprach der Mann von Gotensass damals zu mir, ist
hierlands nicht bekannt. Sie sagen, in nordischen Meeren, im Land Schonen sei
der Riese Vade sein Vater gewesen, seine Grossmutter aber eine Meerfrau, die kam
aus der Tiefe, wie er geboren ward, und sass eine lange Nacht auf der Klippe und
harfte: jung Weland muss ein Schmied werden! Da brachte Vade den Jungen zu Mimer,
dem Schmiedungsverständigen, der hauste im dunkeln Tann zwanzig Meilen hinter
Toledo und lehrte ihn viel mannigfache Kunst. Wie er aber sein erst Schwert
geschmiedet, hiess ihn Mimer selber weiter ziehen, auf dass er die letzte
Meisterschaft bei den Zwergen erringe. Und Weland ging zu den Zwergen und gewann
viel Ruhm.
    Da brachen die Riesen ins Zwergenland, dass Weland weichen musste, und blieb
ihm nichts als sein breites Schwert Mimung, das schnallte er über den Rücken und
kam ins Land Tirol. Zwischen Eisack, Etsch und Inn aber sass dazumal der König
Elberich, der nahm den Weland freundlich auf und wies ihm die Waldschmiede zu am
Brenner, und Eisen und Erz und was sonst in des Gebirges Adern verborgen ruht,
sollte all des Weland sein.
    Und dem Weland ward's wohl und fröhlich ums Herz in den Tiroler Bergen; die
Wildwasser rauschten zu ihm heran und trieben das Radwerk, der Sturm blies ihm
das Herdfeuer an und die Sterne sprachen: wir müssen uns anstrengen, sonst
glänzen die Funken, die Weland schlägt, heller denn wir.
    So gedieh Welands Arbeit wohl. Schildesrand und Schwert, Messer und Pokal
und was an Kleinod eines Königs Hofburg ziert, wirkte der Sinnige, und war kein
Schmied, so weit die Sonne auf Alpenschnee glänzt, sich mit Weland zu messen.
Elberich aber hatte viel böse Feinde, die einten sich und setzten den einäugigen
Amilias zu ihrem Führer und brachen ins Land ein. Und Elberich trug grosses
Herzeleid und sprach: »Wer mir des Amilias Haupt brächte, mein einzig
Töchterlein sollt' ihn dafür küssen als Ehgemahl!« Da löschte Weland sein
Schmiedfeuer, schnallte sein breites Schwert Mimung um und zog aus gegen
Elberichs Widersacher. Und das Schwert war brav und schlug dem Amilias das Haupt
ab, dass aller Feind über Joch und Klausen heimlief. Weland aber brachte seinem
König das Haupt. Da sprach der zürnend: »Was ich von meiner Tochter angelobet,
das hat der Wind verweht; ein Schmied kann nicht mein Sohn sein, des würden
meine Hände russig, wenn er den Gruss mir bieten wollt'. Aber als Lohn sollst du
drei Goldpfennige haben, dafür kann ein Mann turnieren und stechen, reigen und
tanzen, zieren und pflanzen und eine Dirne sich kaufen am Markt.« Weland warf
ihm die drei Goldpfennige vor die Füsse, dass sie unter den Tron rollten, und
sprach: »Behüt' Euch Gott, auf Nimmerwiedersehen!« und wandte sich, aus dem
Lande zu gehen. Der König aber wollte den Schmied nicht missen, darum liess er
ihn niederwerfen und die Sehnen am Fuss durchschneiden, dass er hinkend ward und
ungemut und des Fliehens vergessen musst'.
    Und Weland schleppte sich traurig in die Waldschmiede heim und zündete sein
Feuer wieder an, aber er pfiff und sang nimmer, wenn er mit schwerem Hammer das
Eisen schlug, und sein Gemüt ward ingrimmig. Da kam einsmals des Königs Sohn,
der war ein rotwangiger Knab' und war allein in den Wald gezogen und sprach:
»Weland, ich will dir zuschauen.« Da sprach der Schmied tückisch: »Stell' dich
an Amboss, so schaust du alles am besten«, - und zog die glühende Eisenstange aus
den Flammen und stiess sie dem Königsknaben durchs Herz. Sein Gebein bleichte er
und goss um die Knochen viel Erz und Silber, dass sie zu Säulen der Leuchter
wurden, um den Schädel aber fügte er einen Goldrand, da ward der Schädel zum
Becher. All dies aber sandte Weland dem Elberich, und wie die Boten geritten
kamen und nach dem Knaben fragten, sprach er: »Ich sah ihn nimmer, er ist zu
Wald gerannt.«
    Zu selber Zeit erging sich des Königs Tochter in ihrem Garten, die war so
schön, dass sich die Lilien vor ihr neigten. Am Zeigefinger trug sie einen Ring
von Gold, gestaltet wie eine Schlange, und ein Karfunkel blitzte im
Schlangenhaupt, den hatte Elberich selbst eingefügt und hielt den Ring teurer
als ein Königreich und schenkte ihn seiner Tochter nur, weil sie in ihrer Schöne
ihm über alles lieb war. Dieweil sie aber eine Rose pflückte, sprang der Ring
von der Jungfrau Finger und hüpfte mit hellem Schein über das Gestein und
zerbrach; und der Karfunkel fiel aus der güldenen Fassung, dass die Maid die
Hände rang und bitterlich wehklagte und sich nicht traute heimzugehen, denn sie
fürchtete ihres Vaters Zorn.
    Da sprachen die dienenden Frauen: »Geh' heimlich zum Schmied Weland, der
weiss Rat dafür.« So trat die Königstochter in Welands Schmiede und klagte ihre
Not. Der nahm den Ring und fügte ihn zusammen und schmolz Gold und Erz und der
Karfunkel blitzte wieder im Schlangenhaupt. Aber Welands Stirn war tief
gefurcht, und wie die Jungfrau ihm freundlich zulachte und gehen wollt', da
sprach er: »Hei! wie kommst du mir geschlichen!« und warf die feste Tür ins
Schloss und legte Riegel vor und griff die Königstochter mit starker Hand und
trug sie in die Kammer, wo Moos und Farrenkraut geschichtet lag. Und wie sie von
dannen ging, weinte sie und raufte ihr seidenweich Haar ...«
    Ein Geräusch unterbrach Herrn Spazzo. Praxedis hatte zur Herzogin
aufgeschaut, ob sie nicht etwa errötend aufspringen und Herrn Spazzo den Mund
schliessen solle; doch aus dem strengen Antlitz war nichts zu lesen. Darum
trommelte sie ungeduldig mit den Fingern auf ihrer Laute.
    »... und es war eine Gewalttat geschehen«, fuhr Herr Spazzo unbeirrt fort.
Da hub Weland ein Singen und Jodeln an, wie die Waldschmiede es nimmer gehört,
seit ihm die Sehnen zerschnitten worden. Dann liess er Schwerter und Schilde
unvollendet und schmiedete Tag und Nacht und schmiedete zwei grosse Flügel und
war kaum fertig, so kam Elberich mit Heeresmacht den Brenner herabgeritten. Da
band sich Weland die Flügel an und hing sein Schwert Mimung um und trat auf die
Zinne, dass die Leute riefen: »Sehet, der Weland ist ein Vogel worden!«
    Er aber rief mit starker Stimme vom Turm: »Behüt' Euch Gott, König Elberich!
Ihr werdet des Schmiedes gedenken. Den Sohn hat er erschlagen, die Tochter trägt
ein Kind von ihm. Ade, ich lass' sie grüssen!« rief's und seine ehernen Flügel
hoben sich und rauschten wie Sturmwind, und er fuhr durch die Lüfte. Der König
griff seinen Bogen und alle Ritter spannten in grimmer Eil', wie ein Heer
fliegender Drachen schossen die Pfeile ihm nach, doch Weland hob die Schwingen,
kein Eisen traf ihn nicht, und flog heim nach Schonen auf seines Vaters Schloss
und ward nicht mehr gesehen. Und Elberich hat seiner Tochter den Gruss nicht
ausgerichtet. Sie aber genas noch in demselben Jahrgang eines Knaben, der hiess
Wittich und ward ein starker Held, wie sein Vater.
    »Das ist der Mär' von Weland Ende238!«
    Herr Spazzo lehnte sich zurück und tat einen langen behaglichen Atemzug. Ein
zweites Mal werden sie mich in Ruhe lassen, dachte er. Der Eindruck des
Erzählten war verschieden. Die Herzogin sprach sich lobend aus, des Schmiedes
Rache mutete sie an; Praxedis schalt, es sei eine rechte Grobschmiedsgeschichte,
man sollte dem Kämmerer verbieten, sich noch vor Frauen sehen zu lassen.
Ekkehard sprach: »Ich weiss nicht, mir ist, als hätt' ich Ähnliches gehört, aber
da hiess der König Nidung und die Schmiedwerkstätte stand am Kaukasus.«
    Da rief der Kämmerer zürnend: »Wenn Euch der Kaukasus vornehmer ist wie
Gloggensachsen, so mögt Ihr's dortin verlegen; ich weiss noch recht wohl, wie
mir mein Tiroler Freund den Ort genau gewiesen239. Über der Kammertür war eine
geknickte Rose von Erz geschmiedet und auf dem Turm ein eiserner Adlerflügel,
und stand eingegraben: Hie flog der Schmied von dannen. Dann und wann kommen
Leute hinabgewallfahrtet und beten und glauben, der Weland sei ein grosser
Heiliger gewesen240.«
    »Lasset sehen, wer Herrn Spazzo den Preis jetzt streitig machen soll«,
sprach die Herzogin und mischte die Lose. Sie zogen. Der kleinste Halm blieb in
Praxedis' Hand. Die tat weder verlegen, noch bat sie um Nachsicht; sie fuhr mit
der weissen Hand über die dunkeln Haarflechten und begann:
    »Mir haben zwar die Ammen keine Wiegenlieder von alten Recken gesungen und
in Waldschmieden bin ich, Gott sei es gedankt, niemalen eingekehrt, aber selbst
in Konstantinopel geht die Rede von solcherlei Abenteuer. Und wie ich am
Kaiserhof unterwiesen ward in allen Künsten, die dienenden Maiden wohl anstehen,
da war eine alte Schlüsselverwahrerin, die hiess Glycerium, die sprach oft zu
uns:
    Höret, Mägdlein, so ihr je einer Prinzessin dienet, und ihr Herz ist in
heimlicher Minne entbrannt, und sie kann den nicht sehen, den sie begehrt, so
müsst ihr schlau sein und bedachtsam wie die Kammerfrau Herlindis, da der König
Roter um des Kaiser Konstantinus Tochter geworben. Und wenn wir im Frauensaal
beisammensassen, da ward gewispert und geflüstert, bis Glycerium, die Alte,
erzählte vom König Roter.«
    »Vor alten Zeiten sass in der Meerburg am Bosporus der Kaiser Konstantinus,
der hatte eine wunderbar schöne Tochter, und die Leute sprachen von ihr, sie sei
strahlend wie der Abendstern und leuchte unter allen Maiden wie der Goldfaden in
der Seiden. Da kam eines Tages ein Schiff gefahren, daraus stiegen zwölf edle
Grafen und zwölf Ritter und ritten in Konstantinus' Hof ein, und einer ritt
voran, der hiess Lupolt. Und alles Volk der Hauptstadt staunte über sie, denn
Mäntel und Gewande waren schwer von Edelstein und JachantenA1 besetzt, und an
den Sätteln der Rosse klang's von goldenen Schellen. Das waren die Boten des
Königs Roter von Wikingland, und Lupolt sprang vom Ross und sprach zum Kaiser:
    Uns schickt unser König, geheissen Roter, der ist der schönste Mann, der je
vom Weibe kam, ihm dienen die besten Helden und an seinem Hof ist Ball und
Schall und Federspiel, so viel das Herz begehrt. Er aber ist unbeweibt und sein
Herz steht einsam: Ihr solltet ihm Eure Tochter geben!« Konstantinus aber war
ein zornmütiger Herr; grimm warf er seinen Reichsapfel zu Boden und sprach: »Um
meine Tochter hat noch keiner geworben, der nicht den Kopf verloren, was bringt
Ihr mir solchen Schimpf über das Meer? Ihr seid alle gefangen!« Und liess sie in
einen Kerker werfen, da schien weder Sonne noch Mond drein, und bekamen nur
Wasser, sich zu laben, und weinten sehr.
    Wie die Kunde zum König Roter kam, da ward ihm sein Herz sehr traurig und
er sass auf einem Stein und sprach zu niemand. Dann fasste er den Entschluss, in
Reckenweise über Meer zu fahren, um seinen getreuen Sendboten beizuspringen. Und
er war verwarnt vor den Griechen, dass man dort die Wahrheit übergülden müsse, so
man etwas beschaffen wolle, darum hiess er seine Recken eidlich angeloben, dass
sie alle vorgäben, er heisse nicht Roter, sondern Dietrich, und sei landflüchtig
vor dem König Roter und gehre Hilfe bei dem Griechenkaiser. Also fuhren sie
über Meer.
    Und Roter nahm seine Harfe an Schiffes Bord, denn bevor seine zwölf
Gesandten die Anker gelichtet, war er mit der Harfe an den Strand gekommen und
hatte drei Singweisen gegriffen, das sollte ihnen ein Angedenken sein: und
kommet ihr je in Not und höret die Weisen erklingen, so ist Roter helfend euch
nah!
    Es war ein Ostertag und der Kaiser Konstantin war nach dem Hippodrom
ausgeritten, da hielt Roter seinen Einzug. Und alle Bürgersleute von
Konstantinopel liefen zusammen; das war noch nie erschaut, denn Roter brachte
auch seine Riesen mit sich: der erste hiess Asprian und trug eine Stahlstange,
die war vierundzwanzig Ellen lang, der zweite hiess Widolt und war so wildwütig,
dass sie ihn in Ketten mitführen mussten, der dritte hiess Abendrot.
    Und viel tapfere Degen kamen mit Roter geritten, und zwölf Wagen mit
Schätzen fuhren an, und war solche Pracht, dass die Kaiserin sprach: »O weh, wie
dumm sind, wir gewesen, dass wir unsere Tochter dem König Roter versagten; was
muss der für ein Mann sein, der solche Helden vertreibt über die Meere!«
    König Roter trug einen güldenen Harnisch und einen purpurnen Waffenrock und
zwei Reihen schöner Ringe am Arm und beugte sein Knie vor dem Griechenkaiser und
sprach: »Mich Fürsten Dietrich hat ein König in Acht getan, der heisst Roter,
nun ist alles, was ich gearbeitet, zu meinem Schaden. Ich biet' Euch meine
Dienste an«.
    Da lud Konstantinus die Helden alle zum Hippodromushof und hielt sie in
hohen Ehren und hiess sie zu Tisch sitzen. Es lief aber da ein zahmer Löwe herum,
der gewohnt war, den Knechten das Brot wegzufressen. Der kam auch an Asprians
Teller, ihn aufzulecken. Da griff Asprian den Löwen an der Mähne und warf ihn an
des Saales Wand, dass er zerbrach. And die Kämmerer sprachen zueinand': »Wer
nicht an die Wand fliegen will, lasse dieses Mannes Teller unberührt«.
    König Roter aber teilte den Griechen viel schöne Geschenke aus; jedem, der
ihn auf der Herberge besuchte, hiess er einen Mantel verehren oder ein Stück
Gewaffen. Es kam auch ein landflüchtiger Grafe daher, dem schenkte er tausend
Mark Silber und nahm ihn in Dienst, also dass viel hundert Ritter in sein Gefolge
traten. So war in aller Munde des vermeinten Dietrichs Preis, und unter den
Frauen hob sich ein Wispern und Raunen, es war keine Kemenate, dass die Wände
nicht Herrn Dietrich rühmen hörten.
    Da sprach die goldlockige Kaiserstochter zu Herlindis, ihrer Kammerfrau: »O
weh mir! wie soll ich es anfangen, dass ich desselben Herren ansichtig werde, den
sie alle preisen?«
    Herlindis aber entgegnete: »Nun bitte deinen Vater, dass er ein Freudenfest
gebe am Hofe und den Helden dazu lade, so magst du ihn am besten ersehen«.
    Die Kaiserstochter tat nach Herlindis' Rat und Konstantinus nickte ihr zu
und entbot seine Herzoge und Grafen zum Hippodromushofe und die fremden Helden
dazu. All' die Geladenen kamen, da hob sich ein unsäglich Gedränge um den, den
sie Dietrich nannten, und wie die Kaisertochter mit ihren hundert Frauen
eintrat, geziert mit güldener Krone und gold-und zyklatgesticktemA2 Mantel,
brach gerade ein ungefüger Lärm aus: Asprian, den Riesen, hatte ein Kämmerer auf
seiner Bank rücken geheissen, dass andere Leute auch Platz bekämen, da schlug
Asprian dem Kämmerer einen Ohrschlag, dass ihm der Kopf entzweibrach, und es gab
ein bös Durcheinander, so dass Dietrich Ruhe stiften musst'.
    Darum konnte die Kaiserstochter des Helden nicht ansichtig werden und hätte
ihn doch so gern gesehen.
    Da sprach sie daheime wieder zu Herlindis: »O weh mir, nun hege ich Tag und
Nacht Sorgen und habe keine Ruh', bis meine Augen den tugendsamen Mann erschaut.
Der möcht' einen schönen Botenlohn verdienen, der mir den Helden zur Kammer
führen wollt'.«
    Herlindis aber lachte und sprach: »Den Botengang will ich in Treuen tun, ich
geh' zu seiner Herberg'.« Und die Vielschlaue legte ihr zierlichstes Gewand an
und ging zu dem Herrn Dietrich. Der empfing sie frömmiglich und sie setzte sich
viel nahe zu ihm und sprach ihm ins Ohr: »Meine Herrin, des Kaisers Tochter,
entbeut dir viel holde Minne; sie ist der Freundschaft zu dir Untertan, du
sollst dich aufmachen und hingehen zu ihr.«
    Aber Dietrich sprach: »Frau, du sündigest dich. Ich bin in andern Tagen zu
mancher Kemenate gegangen, da es wohl sein mocht', was spottest du jetzt des
heimatlosen Mannes? An des Kaisers Hofe ist edler Herzoge und Fürsten eine grosse
Zahl: nie gedachte deine Frau der Rede.«
    Und als Herlindis ihm minniglich zuredete, sagte Herr Dietrich: »Hier sind
der Merker so viele; wer seine Ehr' behalten will, muss wohlgezogen tun;
Konstantinus möcht' mir das Reich verbieten. Darum wär' es misshellig, so ich
deine Frau sehen wollte. Vermelde ihr das, so sehr ich ihr zu dienen begehre.
    Herlindis wollte von dannen gehen, da hiess der König seine Goldschmiede zwei
Schuhe giessen von Silber und zwei von Golde, und schenkte ihr von jedem Paar
einen, dazu einen Mantel und zwölf güldene Spangen, denn er war artigen Gemütes
und wusste, dass man einer Fürstin Kammerfrau, die in Sachen der Minne Botengang
tut, wohl ehren soll.«
    ... Praxedis hielt eine Weile an, denn Herr Spazzo, der seit einiger Zeit
mit seines Schwertes Scheide viel grossnasige Gesichter in den Sand gezeichnet,
hatte ein vernehmlich Räuspern erhoben. Da er aber keine weitere Einsprache tat,
fuhr sie fort:
    »... Und Herlindis sprang fröhlich heim und sprach zu Hause zu ihrer Herrin:
»Hart und fleissig pflegt der gute Held seiner Ehren, ihm ist des Kaisers Huld zu
lieb. Aber schauet her, wie er mir Liebes tat; die Schuhe, den Mantel, die zwölf
Spangen: o wohl wir, dass ich zu ihm kam! Ich mag wohl auf der weiten Erde keinen
schöneren Ritter erschauen. Gott verzeih' mir, dass ich ihn angaffete, als wär'
er ein Engel.«
    »O weh mir!« sprach die Kaiserstochter, »soll ich denn nimmermehr selig
sein? So sollst du mir zum mindesten die Schuhe geben, die dir des edlen Degens
Huld verlieh, ich füll' sie dir mit Golde.«
    Da ward der Kauf geschlossen: sie zog den güldenen Schuh an und nahm auch
den silbernen, doch der ging an denselben Fuss. »O weh mir!« klagte die Holde,
»es ward ein Missgriff getan, ich bring' ihn nimmer an, du musst wiederum gehen
und Herrn Dietrich bitten, dass er dir den andern gebe und selber komme.«
    »Das wird die Lästerer freuen«, lachte Herlindis. »Was tut's? Ich gehe« -
und sie hob ihr Gewand schier bis ans Knie und schritt, als hätte sie fraulichen
Ganges vergessen, über den regenfeuchten Hof zu Dietrich. Und der werte Held
wusste wohl, warum sie kam, er tat aber, als sähe er's nicht. Herlindis sprach zu
ihm: »Ich muss noch mehr Botengänge tun, es ist ein Missgriff geschehen: jetzt
heisst dich meine Herrin mahnen, dass du den andern Schuh gebest und sie gesehest
selber.« - »Hei, wie tät ich's gerne«, sprach er, »aber des Kaisers Kämmerer
werden mich melden.« - »O nie!« sagte Herlindis, »die tummeln sich im Hof und
schiessen den Speerschaft, nimm du zwei Diener und heb' dich leis mir nach, bei
Schall und Kampfspiel misset dich keiner.«
    Jetzt wollte die Getreue von dannen gehen. Doch der Held sprach: »Ich will
erst nach den Schuhen fragen.« Da rief Asprian draussen: »Was liegt an einem
alten Schuh? Viel tausend haben wir geschmiedet, die trägt das Ingesind; ich
will den rechten suchen.« Und er brachte ihn, und Dietrich schenkte der
Kammerfrau wiederum einen Mantel und zwölf Spangen.
    Da ging sie voraus und kündigte ihrer Herrin die erwünschte Märe. Herr
Dietrich aber hiess im Hippodromushofe einen grossen Schall anheben und hiess die
Riesen ausgehen; da fuhr Widolt mit der Stange heraus und gebärdete sich
schreckentlich, und Asprian schlug einen Purzelbaum in die blaue Luft, und
Abendrot warf einen ungefügen Stein von viel hundert Pfunden und ersprang ihn
zwölf Klafter weit, so dass keiner der Merker Herrn Dietrich wahrnehmen mochte.
    Der ging züchtiglich über den Hof. Am Fenster erschaute ihn die harrende
Kaisertochter, da schlug ihr Herz, und die Kemenate ward ihm aufgetan und sie
sprach zu ihm: »Willkomm', edler Herr! wie seh' ich Euch gerne. Nun sollt Ihr
mir die schönen Schuhe selber anziehen.«
    »Mit Freuden!« sprach der Held »und setzte sich zu ihren Füssen, und sein
Gebaren war gar schön, und sie stellte ihren Fuss auf sein Knie, der Fuss war
zierlich und die Schuhe passten wohl, da fügte sie Herr Dietrich ihr an.«
    »Nun sage mir, vieledle Jungfrau«, begann drauf der Listige, »dich hat
sicher schon gebeten manch ein Mann, du sollest zu seinem Willen stahn, welcher
unter allen hat dir am besten gefallen?«
    Da sprach des Kaisers Tochter ernstaft: »Herr! auf die Seele mein, so wahr
ich getauft bin, so man alle Recken der Welt zusammenstehen hiesse, es möchte
keiner wert sein, dein Genosse zu heissen. Du bist der Tugend ein auserwählter
Mann, - und doch, so die Wahl bei mir stünde, so nähme ich einen Helden, des muss
ich denken mit jedem neuen Tag; seine Boten hat er ausgeschickt, um mich zu
werben, die liegen jetzt in tiefem Kerker. Er heisst Roter und sitzt über dem
Meer - wird mir der nicht, so bleib' ich eine Maid immerdar.«
    »Eia«, sprach Dietrich, »willst du den Roter minnen, den schaff' ich dir
zur Stelle. Wir haben als Freunde fröhlich gelebt, er war mir gnädig und gut,
wenngleich er dann mich Landes vertrieb.«
    Da sprach die Kaisertochter: »Höre, wie kann dir der Mann lieb sein, wenn er
dich vertrieben? Ich merke wohl, du bist ein Bote, hergesandt von König Roter,
nun sprich und verhehle mir nichts: was du mir heut auch sagest, ist wohl bei
mir vertaget bis an den Jüngsten Tag.«
    Da tat der Held einen festen Blick nach ihr und sagte: »Nun stell' ich alle
meine Dinge Gottes Gnade und der deinen anheim. Wohl denn! es stehen deine Füsse
in König Roters Schoss!«
    Hart erschrak die Vielholde; den Fuss zuckte sie auf und klagte: »O weh mir,
nun war ich so ungezogen, mich trog der Übermut, dass ich den Fuss gesetzt auf
deinen Schoss. Hat dich Gott hergesendet, das wär' mir innig lieb. Doch wie mag
ich dir getrauen? So du die Wahrheit probtest, noch heute wollt' ich mit dir
meines Vaters Reich räumen; es lebet kein Mann, den ich nähme, so du König
Roter wärest genannt - aber vorerst bleibt's wohl ungetan.«
    »Wie soll ich's besser proben«, erwiderte der König, »als durch meine
Freunde im Kerker? So die mich erschauen könnten, dir würde bald kund, dass ich
wahr geredet.«
    »So will ich meinen Vater bereden, dass er sie heraus lasse«, sprach des
Kaisers Tochter. »Aber wer wird Bürge sein, dass sie nicht entrinnen?«
    »Ich will sie über mich nehmen«, sprach er.
    Da küsste des Kaisers Tochter den Helden und er schied mit Ehren aus ihrer
Kemenaten und ging auf seine Herberge und war ihm gar wonniglich zumute. Als
aber der Morgen graute, nahm die Jungfrau einen Stab und schlüpfte in ein
schwarz Trauergewand und legte einen Pilgerkragen über die Achsel, als wolle sie
aus dem Lande abscheiden, und sah bleich und betrübt drein und ging zum Kaiser
Konstantinus hinüber, klopfte an seine Türe und sprach listig zu ihm: »Mein
lieber Herr Vater, nun muss ich bei lebendem Leib ins Verderben. Mir ist gar
elend, wer tröstet meine Seele? Im Traume treten die eingekerkerten Boten des
König Roter vor mich und sind abgezehrt und elend und lassen mir keine Ruhe;
ich muss fort, dass sie mich nimmer quälen, es sei denn, Ihr lasset mich die Armen
mit Speisung, Wein und Bad erquicken. Gebet sie heraus, wenn auch nur auf drei
Tage.«
    Da antwortete der Kaiser: »Das will ich dulden, so du mir einen Bürgen
stellest, dass sie am dritten Tage wieder niedersteigen zum Kerker.«
    Dieweil man nun zu Tische ging im Kaisersaal, kam auch der vermeinte Herr
Dietrich mit seinen Mannen, und als die Mahlzeit vollendet und man die Hände
wusch, ging die Jungfrau um die Tische, als wolle sie unter den reichen Herzogen
und Herrn den Bürgen suchen, und sprach zu Dietrich: »Nun gedenke, dass du mir
aus der Not helfest, und nimm die Boten auf dein Leben.«
    Er aber sprach: »Ich bürge dir, du allerschönste Maid.«
    Und er gab dem Kaiser sein Haupt zum Pfand, und der Kaiser schickte seine
Mannen mit ihm, dass sie den Kerker öffneten.
    Drin lagen die Gesandten elend und in Unkräften; als man die Kerkertüren
einbrach, schien der helle Tag ins Verlies, der blendete die Armen, denn sie
waren sein nicht mehr gewohnt. Da nahmen sie die zwölf Grafen und liessen sie aus
dem Kerker gehen; jedwedem folgte ein Rittersmann und das Gehen fiel ihnen
sauer. Voran schritt Lupolt, ihr Führer, der hatte ein zerrissen Schürzlein um
die Lenden geschlungen, und sein Bart war lang und struppig, der Leib aber
zerschunden. Herr Dietrich stund traurig und wandte sich zur Seite, dass sie ihn
nicht erkenneten, und hielt mit Gewalt die Tränen an, denn noch niemals war ihm
das Leid so nah gestanden. Er hiess sie zur Herberge führen und pflegen und die
Grafen sprachen: »Wer war der, der seitab stand? der will uns sicher wohl.« Und
sie lachten in Freud' und Leid zugleich, aber kannten ihn nicht.
    Anderen Tages nun lud die Kaiserstochter die Vielgeprüften zu Hofe und
schenkte ihnen gute funkelnde Gewänder und liess sie in die warme Badstube setzen
und einen Tisch richten, sie zu atzen. Wie nun die Herren sassen und ihres Leids
ein Teil vergassen, nahm Dietrich seine Harfe und schlich hinter den Umhang und
liess die Saiten erklingen: er griff die Singweise, die er einst gegriffen am
Meeresstrand. Lupolt hatte den Becher erhoben, da entsank er seiner Hand, dass er
den Wein niedergoss auf den Tisch, und einer, der das Brot schnitt, liess sein
Messer fallen und alle horchten staunend: voller und heller erklang ihres Königs
Singweise. Da sprang Lupolt über den Tisch und alle Grafen und Ritter ihm nach,
als wär' ein Hauch alter Kraft plötzlich über sie gekommen, und sie rissen den
Umhang nieder und küssten den Harfner und knieten vor ihm und des Jubels war kein
Ende.
    Da wusste die Jungfrau, dass er treu und wahrhaft der König Roter von
Wikingland war und tat einen lauten Freudenruf, dass Konstantinus, ihr Vater,
herzugelaufen kam - er mochte wollen oder nicht, so musste er sie zusammengeben,
und die Gesandten stiegen nimmermehr in ihren Kerker, und Roter hiess nimmermehr
Dietrich und küsste seine Braut und fuhr mit ihr heim übers Meer und war ein
glückseliger Mann und hielt sie hoch in Ehren, und wenn sie in Minne beisammen
sassen, sprachen sie: »Gelobt sei Gott und Mannesmut und kluger Kammerfrauen
List«!«
    »Das ist die Mär vom König Roter241!«
    ... Praxedis hatte lang' erzählt.
    »Wir sind wohl zufrieden«, sprach die Herzogin, »und ob der Schmied Weland
den Preis davontragen wird, scheint uns nach König Roters Geschichte ein
weniges zweifelhaft.«
    Herr Spazzo ward drob nicht böse. »Die Kammerfrauen in Konstantinopel
scheinen die Feinheit mit Löffeln gegessen zu haben«, sprach er. »Aber sollt'
ich auch besiegt sein, der letzte hat noch nicht gesungen.«
    Er sah auf Ekkehard hinüber. Aber der sass wie ein Traumbild in sich
versunken. Er hatte vom König Roter wenig vernommen, der Herzogin Stirnband mit
der Rose war das Ziel seiner Augen gewesen, dieweil Praxedis erzählte.
    »... Übrigens glaub' ich die Geschichte kaum«, fuhr Herr Spazzo fort. »Vor
Jahren bin ich im Bischofshof zu Konstanz drüben beim Wein gesessen, da kam ein
griechischer Reliquienverkäufer, der hiess Daniel und hatte viel heilige Leiber
und Kirchenschmuck und künstlich Geräte bei sich. dabei war auch ein
altertümlich Schwert mit edelsteinbesetzter Scheide, das wollt' er mir
aufschwatzen und sprach, es sei das Schwert des König Roter, und wären die
güldenen Taler bei mir nicht ebenso dünn gesäet gewesen wie die Haare auf des
Griechen Scheitel, ich hätt' es gekauft. Der Mann erzählte, mit dem Schwert hab'
Herr Roter mit dem König Ymelot von Babylon gestritten um des Kaisers Tochter,
aber von goldenen Schuhen und Kammerfrauen und Harfenspiel hat er nichts
gewusst.«
    »Es wird noch vieles auf der Welt wahr sein, ohne dass Ihr Kenntnis davon
habt«, sprach Praxedis leicht.
    Der Abend dunkelte. Mit gelbem Schein war der Mond aufgestiegen, würziger
Duft durchströmte die Lüfte, im Gebüsch und am Felshang flimmerte es von
Leuchtkäfern, die sich anschickten, auszufliegen. Ein Diener kam herab und
brachte Windlichter; von ölgetränktem Linnen wie von einer Laterne umfangen,
brannten die Kerzen. Es war lind und lieblich im Garten.
    Der Klosterschüler sass vergnügt auf seinem Schemel und hielt die Hände
gefaltet wie in Andacht.
    »Was meint unser junger Gast?« fragte die Herzogin.
    »Ich wollte mein schönstes lateinisches Buch geben«, sprach er, »wenn ich es
hätte mit ansehen können, wie der Riese Asprian den Löwen an die Wand warf.«
    »Du musst ein Recke werden und selber auf Riesen und Drachen ausziehen«,
scherzte die Herzogin.
    Aber das leuchtete ihm nicht ein: »Wir bekommen mit dem Teufel zu streiten«,
sagte er, »das ist mehr.«
    Frau Hadwig war noch nicht gestimmt, aufzubrechen. Sie knickte ein Zweiglein
vom Ahorn in zwei ungleiche Stücke und trat zu Ekkehard. Der fuhr verwirrt auf.
    »Nun«, sprach die Herzogin, »ziehet! Ihr oder ich.«
    »Ihr oder ich!« sprach Ekkehard stumpf. Er zog das kürzere Ende. Es gleitete
ihm aus der Hand; er liess sich wieder auf seinen Sitz nieder und schwieg.
    »Ekkehard!« sprach die Herzogin scharf.
    Er schaute auf.
    »Ihr sollet erzählen.«
    »Ich soll erzählen!« murmelte er und fuhr mit der Rechten über die Stirn.
Sie war heiss; es stürmte drin.
    »Jawohl, - erzählen! Wer spielt mir die Laute dazu?«
    Er stand auf und sah in die Mondnacht hinaus. Verwundert schauten die
anderen sein Gebaren. Er aber hub mit klangloser Stimme an:
    »Es ist eine kurze Geschichte. Es war einmal ein Licht, das leuchtete hell
und leuchtete von einem Berg hernieder und leuchtete in Regenbogenfarben und
trug eine Rose im Stirnband ...«
    »Eine Rose im Stirnband?!« brummte Herr Spazzo kopfschüttelnd.
    »... Und es war einmal ein dunkler Nachtfalter«, fuhr Ekkehard in gleichem
Ton fort, »der flog zum Berg hinauf und flog um das Licht und wusste, dass er
verbrennen müsse, wenn er hineinfliege, und flog doch hinein, und das Licht
verbrannte den Nachtfalter, da ward er zur Asche und vergass des Fliegens. Amen!«
    Frau Hadwig sprang unwillig auf.
    »Ist das Eure ganze Geschichte?« fragte sie.
    »Meine ganze Geschichte!« sprach er mit unveränderter Stimme.
    »Es ist Zeit, dass wir hinaufgehen«, sagte Frau Hadwig stolz. »Die Nachtluft
schafft Fieber.«
    Sie schritt mit verächtlichem Blick an Ekkehard vorüber. Burkard trug ihr
die Schleppe. Ekkehard stand unbeweglich. Der Kämmerer Spazzo klopfte ihm auf
die Schulter: »Der Nachtfalter war ein dummer Teufel, Herr Kaplan!« sprach er
mitleidig. Ein Windstoss kam und blies die Lichter aus. »Es war ein Mönch!«
sprach Ekkehard gleichgültig, »schlafet wohl!« -
 
                                    Fussnoten
A1 D.i. Hyazinten (Zirkon).
A2 Mittelhochdeutsch zyklat, sigelat (aus grisch.-lat. cyclas, »das Rundkleid«)
bedeutet einen golddurchwirkten Seidenstoff.
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel.
                             Verstossung und Flucht.
Ekkehard war noch lang' in der Gartenlaube gesessen, dann war er hinausgerannt
in die Nacht. Er wusste nicht, wohin der Gang gehen sollte. Des Morgens fand er
sich auf dem Fels Hohenkrähen, der ragte in stiller Einsamkeit seit der Waldfrau
Abzug. Die Trümmer des ausgebrannten Hauses lagen verwirrt übereinander; wo
einst die Wohnstube, stand noch der Römerstein mit dem Mitras, Farrenkraut und
Riedgras war darübergerankt, eine Blindschleiche lief züngelnd an dem
wettergedunkelten Götterbild hinauf.
    Ekkehard fuhr in hellem Hohn zusammen: »Die Kapelle der heiligen Hadwig!«
rief er und schlug sich mit der Faust an die Brust, »so muss sie sein!« Er stiess
den Römerstein um und stieg auf die Felskuppe; dort warf er sich nieder und
presste die Stirn ins kühle Erdreich, das einst Frau Hadwigs Fuss berührt. Lange
blieb er dort; als die Sonne in der Mittagshöhe herunterbrannte, lag er noch
oben und - schlief.
    Vor Abend kam er auf den Hohentwiel zurück, heiss, verstört, unsicheren
Ganges. Grashalme hafteten wirr in dem härenen Geweb' seiner Kutte. Die Leute
der Burg wichen scheu vor ihm zurück, wie vor einem, dem des Unglücks Finger ein
Zeichen auf die Stirn geschrieben. Sonst pflegten sie ihm entgegenzugehen und
baten um seinen Segen.
    Die Herzogin hatte sein Fortsein wahrgenommen, aber nicht nach ihm gefragt.
Er ging in seine Turmstube hinauf; er griff ein Pergament, als ob er lesen
wolle. Es war Gunzos Schrift wider ihn. »Gern würde ich Euch ermahnen, ihm die
Hilfe heilender Arzneien angedeihen zu lassen, aber ich fürchte, seine Krankheit
ist zu tief eingewurzelt«, las er drin. Er lachte. Die gewölbte Decke gab einen
Widerhall, da sprang er auf, als wollt' er erspähen, wer gelacht. Dann trat er
ans Fenster und schaute in die Tiefe; es ging weit, weit hinab. Ein Schwindel
wollte ihn fassen, da wich er zurück.
    Des alten Tieto Fläschlein stand bei den Büchern, das machte ihn wehmütig.
Er gedachte des Blinden. Frauendienst ist ein schlimm Ding für den, der gerecht
bleiben will, hatte der einst zu ihm gesprochen, wie er Abschied nahm.
    Er riss das Siegel von dem Fläschlein und goss sich das Jordanwasser übers
Haupt und netzte die Augen. Es war zu spät. Auch die Flut heiliger Ströme löscht
die Glut des Herzens nicht; nur dem, der sich hinunterstürzt, um nimmer
aufzutauchen ... Doch kam ein Anflug von Ruhe über ihn. »Ich will beten!« sprach
er, »es ist eine Versuchung.« Er warf sich auf die Knie, aber bald war's ihm,
als schwirrten die Tauben um sein Haupt, wie damals, als er zuerst die Turmstube
betrat, aber sie hatten jetzt grinsende Gesichter und einen höhnischen Zug um die
Schnäbel.
    Er stand auf und ging langsam die Wendeltreppe hinunter zur Burgkapelle. Der
Altar drunten war Zeuge frommer Andacht an manchem guten Tag. In der Kapelle
war's wie ehedem, dunkel und still. Sechs schwere Säulen mit würfelförmigem
laubwerkverziertem Knauf trugen die niedere Wölbung; ein feiner Streif
Tageslicht fiel durchs schmale Fenster herein. Die Tiefe der Nische, wo der
Altar stund, war schwach erleuchtet; nur der Goldgrund um das Mosaikbild des
Erlösers glänzte in mattem Flimmern. Griechische Künstler hatten die Formen
ihrer Kirchenausschmückung einst auf den deutschen Fels getragen: in weissem
wallendem Gewand, goldroten Schein ums Haupt, hob sich des Heilands hagere
Gestalt, die Finger der Rechten segnend ausgestreckt.
    Ekkehard neigte sich vor den Stufen des Altars; seine Stirn ruhte auf den
Steinplatten - so blieb er, in sich versunken. »Der du die Leiden der Welt auf
dich genommen, lass ausgehn einen Strahl der Gnade auf mich Unwürdigen!« Er hob
den Blick und schaute starr hinauf, als müsse das ernste Gebild' aus der Wand
niedersteigen und ihm die Hand reichen. »Ich liege vor dir, wie Petrus vom
Seesturm umbraust, die Wellen tragen mich nicht, Herr, rette mich! Rette mich
wie jenen, da du über die Sturmflut wandelnd ihm die Hand gereicht und
gesprochen: Kleingläubiger, warum Zweifelst du?«
    Aber es geschah kein Zeichen.
    Ekkehards Denken war zerrüttet.
    Es rauschte durch die Kapelle wie Frauengewand. Er hörte nichts.
    Frau Hadwig war heruntergestiegen, eine seltsame Anwandlung trieb sie. Seit
sie dem Mönch gram geworden, stand das Bild ihres alten seligen Ehgemahls öfter
vor ihrer Seele denn ehedem. Natürlich. Wenn sich dieser niederlegt, muss sich
jener heben. Das neuerliche Lesen im Virgilius hatte auch dazu beigetragen; es
war so mannigfach vom Gedächtnis an Sichäus die Rede.
    Morgen neute sich der Todestag Herrn Burkhards. In der Kapelle lag der alte
Herzog mit Schild und Lanze begraben. Eine rohe Platte deckte sein Grab
seitwärts vom Altar. Matt brannte die ewige Lampe drüber. Ein Sarkophag aus
grauem Sandstein stand dabei, unförmliche kleine Halbsäulen mit jonisch
gewundenem Knauf waren an den Ecken angefügt; sie ruhten auf fratzenhaften
Tiergestalten. Den Steinsarg hatte Frau Hadwig einst für sich selber anfertigen
lassen. Jeweils an des Herzogs Gedächtnistag liess sie ihn mit Korn und Früchten
gefüllt hinauftragen und verteilte seinen Inhalt den Armen - die Mittel zum
Leben aus der Ruhstatt der Toten: es war ein frommer Brauch so242.
    Sie wollte heute an ihres Gatten Grab beten. Des Ortes Halbdunkel deckte den
knieenden Ekkehard. Sie sah ihn nicht.
    Da schreckte sie auf aus ihrer Andacht. Halblaut, aber schneidig schlug ein
Lachen an ihr Ohr, sie kannte die Stimme. Ekkehard hatte sich erhoben, er sprach
jetzt die Worte des Psalms: »Beschirme mich, o Herr, unter dem Schatten deiner
Flügel, beschirme mich vor dem Antlitz der Gottlosen, die mich plagen. Meine
Feinde haben meine Seele umgeben; ihr Herz ist mir verschlossen, ihr Mund hat
Hochmut geredet.« Er sprach's mit bösem Tone. Das war kein Beten mehr.
    Frau Hadwig neigte sich zum Sarkophag. Sie hätte gern einen zweiten drauf
getürmt, dass er sie verberge vor Ekkehards Blick. Sie wünschte kein Alleinsein
mehr. Ihr Herz schlug ruhig.
    Er ging zur Pforte.
    Da plötzlich wandte er sich; die ewige Lampe schwebte leise über Frau
Hadwigs Haupt hin und her, das schwebende Dämmerlicht hatte sein Aug' getroffen
... mit einem Sprung, mächtiger als der, den der heilige Bernhard in späteren
Tagen durch den Dom zu Speier tat, da ihm das Marienbild gewinkt, stand er vor
der Herzogin. Er schaute sie lang' und durchbohrend an. Sie erhob sich vom
Boden, mit der Rechten den Rand des Steinsarges fassend, stand sie ihm
gegenüber, an seidener Schnur wiegte sich die ewige Lampe über ihrem Haupt.
    »Glückselig sind die Toten, man betet für sie!« brach Ekkehard das
Schweigen.
    Frau Hadwig erwiderte nichts243.
    »Betet Ihr auch für mich, wenn ich tot bin?« fuhr er fort. »O, Ihr sollt
nicht für mich beten! ... einen Pokal lasst Euch aus meinem Schädel machen, und
wenn Ihr wieder einen Pörtner holt aus dem Kloster des heiligen Gallus, so müsst
Ihr ihm den Willkommtrunk draus reichen - ich lass' ihn grüssen! Dürft auch
selber Eure Lippen dran setzen, er springt nicht. Aber das Stirnband müsst Ihr
dabei ums Haupt tragen und die Rose drin ...«
    »Ekkehard!« sprach die Herzogin, - »Ihr frevelt!«
    Er fuhr mit der Rechten an die Stirn: »O!« sprach er wehmütig - »o ja! ...
der Rhein frevelt auch: sie haben ihm mit riesigen Felsen den Lauf verbaut, aber
er hat sie durchnagt und braust drüber weg in Schaum und Sturz und Vernichtung,
Glück auf, du freier Jugendmut! ... Und Gott frevelt auch, denn er hat den Rhein
werden lassen und den hohen Twiel und die Herzogin von Schwaben und die Tonsur
auf meinem Haupt.«
    Der Herzogin begann es zu grausen. Solchen Ausbruch zurückgepressten Gefühles
hatte sie nicht erwartet. Aber es war zu spät. Sie blieb gleichgültig.
    »Ihr seid krank!« sprach sie.
    »Krank?« sprach er - »es ist nur eine Vergeltung. Vor Jahr und Tag am
Pfingstfest, da es noch keinen hohen Twiel für mich gab, hab' ich beim
festlichen Umgang aus unserer Klosterkirche den Sarg des heiligen Gallus
getragen, da hat sich ein Weib vor mir niedergeworfen: Steh auf! hab' ich ihr
zugerufen, aber sie blieb liegen im Staub; schreit' über mich, Priester, mit
deinem Heiltum, dass ich gesunde! sprach sie, und mein Fuss ging über sie hinweg
244. Sie hat am Herzweh gelitten, die Frau. Jetzt ist's umgekehrt ...«
    Tränen unterbrachen seine Stimme. Er konnte nicht weiter sprechen. Er warf
sich zu Frau Hadwigs Füssen und umschlang den Saum ihres Gewandes. Der ganze
Mensch zitterte.
    Frau Hadwig wurde mild, mild gegen ihren Willen, als zucke es vom Saum des
Gewandes zu ihr herauf von unsäglichem Herzeleid.
    »Steht auf«, sprach sie, »und denkt an anderes. Ihr seid uns noch eine
Geschichte schuldig. Verwindet's!«
    Da lachte Ekkehard in seinen Tränen.
    »Eine Geschichte«, rief er - »o, eine Geschichte! Aber nicht erzählen ...
kommt, lasst sie uns tun, die Geschichte! Droben von des Turmes Zinnen schaut
sich's so weit in die Lande und so tief hinunter, so süss und tief und lockend,
was hat die Herzogsburg uns zu halten? Keiner braucht mehr zu zählen als drei,
der hinunter will ... und wir schweben und gleiten in den Tod, dann bin ich kein
Mönch mehr und darf den Arm schlingen um Euch -«
    Er schlug mit der Faust auf Herrn Burkhards Grab: - »Und der da unten
schläft, soll mir's nicht wehren! Wenn er kommt, der Alte: ich lass' Euch nicht,
und wir schweben wieder zum Turm empor und sitzen, wo wir sassen, und lesen den
Virgil zu Ende, und Ihr müsst die Rose im Stirnband tragen, als wär' nichts
geschehen ... Dem Herzog schliessen wir's Tor zu und über alle böse Zungen lachen
wir, und die Menschen sprechen dann, wenn sie am Winterofen sitzen: Das ist eine
schöne Geschichte vom treuen Ekkehard, der hat den Kaiser Ermanrich erschlagen,
da er die Harlungen aufhing, und dann ist er mit seinem weissen Stab vor Frau
Venus Berg gesessen, viel hundert Jahr und hat gemeint, er wolle bis zum
Jüngsten Tag die Leute warnen, die zum Berg wallen245; aber hernachmals ist's
ihm langweilig worden, und er ging durch und ward ein Mönch in Sankt Gallen und
fiel sich zu Tode, und jetzt sitzt er bei einer blassen Frau und liest Virgil,
und es klingt mitternächtig durchs Hegau: »Den unsäglichen Schmerz zu erneuen,
gebeutst du, o Königin, mir!« und sie muss ihn küssen, ob sie will oder nicht -
der Tod holt nach, was das Leben versäumt!«
    Er hatte gesprochen mit irrem Blick. Jetzt brach er zusammen in leisem
Weinen. Frau Hadwig war unbewegt gestanden, es war, als ob ein Flimmer von
Mitleid ihr kaltes Aug' durchleuchte, sie beugte sich nieder.
    »Ekkehard!« sprach sie, »Ihr sollt nicht vom Tod sprechen. Das ist Wahnsinn.
Wir leben, Ihr und ich ...«
    Er bewegte sich nicht. Da legte sich ihre Hand leicht über das fieberheisse
Haupt. Es strömte und flutete durch sein Gehirn. Er sprang auf.
    »Ihr habt recht!« rief er, »wir leben. Ihr und ich!« Tanzende Nacht legte
sich um seinen Blick; er tat einen Schritt vor, seine Arme schlangen sich um das
stolze Frauenbild, wütend presste er sie an sich, sein Kuss flammte auf ihre
Lippen, ungehört verklang der Widerspruch.
    Er hob sie hoch gegen den Altar, als wäre sie ein Weihgeschenk, das er
darbringen wollte: »Was hältst du die goldglänzenden Finger so ruhig und segnest
uns nicht?« rief er zum düster ernsten Mosaikbild hinauf ...
    Die Herzogin war zusammengeschrocken wie ein wundes Reh; - ein Augenblick,
da ballte und bäumte sich alles in ihr von gekränktem Stolz; sie stiess den
Rasenden mit starker Hand vor die Stirn und entstrickte sich seinem Arm.
    Noch hielt er ihre Hüfte umschlungen, da tat sich die Pforte der Kirche auf;
ein greller Strahl Tageslicht drang ins Düster - sie waren nicht mehr allein.
    Rudimann, der Kellermeister von Reichenau, trat über die Schwelle, Gestalten
erschienen im Grunde des Burghofs.
    Die Herzogin war entfärbt in Scham und Zorn, eine Flechte ihres dunkeln
Hauptaars wallte aufgelöst über den Nacken.
    »Entschuldigt«, sprach der Mann von Reichenau mit grinsend höflichem
Ausdruck, »meine Augen haben nichts geschaut!«
    Da rang Frau Hadwig sich von Ekkehard los. »Doch - und doch - und doch!
Einen Wahnsinnigen habt Ihr geschaut, der sich und Gott vergessen ... Es wär'
mir leid um Eure Augen, ich müsste sie ausstechen lassen, wenn sie nichts
erschaut ...«
    Es war eine unsäglich kalte Hoheit, mit der sie's dem Betroffenen
entgegenrief.
    Da erklärte sich Rudimann den seltsamen Vorgang.
    »Ich habe vergessen«, sprach er mit Hohn, »dass dort einer von denen steht,
auf die weise Männer das Wort des heiligen Hieronymus gezogen: Ihr Gebaren ziemt
sich mehr für einen Stutzer und Bräutigam denn für einen Geweihten des Herrn.«
    Ekkehard stand an eine Säule gelehnt, die Arme in die Luft erhoben wie
Odysseus, da er den Schatten seiner Mutter umfahen wollte; Rudimanns Wort riss
ihn aus dem Fiebertraum. »Wer tritt zwischen mich und sie?« rief er drohend.
Aber Rudimann klopfte ihm mit unverschämter Vertraulichkeit auf die Schulter:
»Beruhigt Euch, guter Freund, wir haben nur ein Brieflein an Euch abzugeben, der
heilige Gallus kann seinen weisesten Schüler nicht länger draussen lassen in der
wankenden, schwankenden Welt, Ihr seid heimgerufen! - Vergesst den Stock nicht,
mit dem Ihr die Mitbrüder misshandelt, die im Herbst gern einen Kuss pflücken,
keuscher Sittenrichter!« flüsterte er ihm ins Ohr.
    Ekkehard trat zurück. Sehnsucht, Wut der Trennung, glühend Verlangen und
daraufgegossener Hohn stürmten in ihm; er rannte auf Frau Hadwig, aber schon
füllte sich die Kapelle. Der Abt von Reichenau war selber gekommen, die Freude
von Ekkehards Heimrufung zu erleben. »Es wird schwer halten, dass wir ihn
losbekommen«, hatte er zum Kellermeister gesagt. Es ward leicht. Mönche und
Gefolgsleute traten mit ein.
    »Sacrilegium!« rief ihnen Rudimann entgegen, »er hat vor dem Altar die
buhlerische Hand zu seiner Gebieterin erhoben!«
    Da schäumte Ekkehard auf. Der Herzens heiligst Geheimnis von frecher Roheit
entweiht, eine Perle vor die Schweine geworfen ... er riss die ewige Lampe
herunter, wie eine Schleuder schwang er das eherne Gefäss; das Licht darin
erlosch - ein dumpfer Schrei hallte auf, der Kellermeister lag blutigen Hauptes
auf den Steinplatten, die Lampe klirrte neben ihm ... Ringen, Zerren, wilde
Verwirrung ... es ging mit Ekkehard zu Ende.
    Sie hatten ihn überwältigt; den Gürtel der Kutte rissen sie ihm ab und
banden ihn. Da stand er, die jugendschöne Gestalt, jetzt ein Bild des Jammers,
dem flügellahmen Adler gleich. Einen matten, traurigen, fragenden Blick liess er
zur Herzogin hinübergleiten ... die wandte sich ab.
    »Tut, was Eures Amtes ist!« sprach sie zum Abt und schritt durch die Reihen.
    Eine Rauchwolke zog ihr entgegen. Lärm und Jubel schallte vor dem Burgtor,
ein Feuer brannte draussen, von harzigen Tannenscheitern geschichtet. Das
Ingesinde der Burg tanzte darum und warf Blumen drein, eben hatte Audifax die
Genossin seines Schicksals jubelnd in Arm gefasst und war mit ihr durch die
hochaufschlagende Flamme gesprungen.
    »Was soll der Rauch?« sprach Frau Hadwig zur herbeigeeilten Praxedis.
    »Sonnenwende246!« antwortete die Griechin.
    Es war ein trüber, verstimmter Abend. Die Herzogin hatte sich in ihr Closet
verschlossen und liess niemand vor sich, Ekkehard war von den Leuten des Abts in
ein Verlies geschleppt worden, in demselben Turm, in dessen luftigem Stockwerk
sein Stübchen eingerichtet stund, war ein feuchter finsterer Gewahrsam, Trümmer
alter Grabsteine, bei früherem Umbau der Burgkapelle dortin verbracht, lagen
unheimlich umher. Man hatte ihm einen Bund Stroh hineingeworfen. Ein Mönch sass
vor dem Eingang und hielt Wache.
    Burkard, der Klosterschüler, lief auf und nieder und rang klagend die Hände,
er konnte seines Ohms Geschick nicht fassen. Die Leute der Burg steckten die
Köpfe zusammen und wisperten und führten törichte Reden, als ob die
hundertzüngige Fama auf dem Giebel des Burgdaches gesessen und ihre Lügen
ausgestreut hätte: »Er hat die Herrin ermorden wollen«, sprach der eine; »er hat
des Teufels Künste getrieben mit seinem grossen Buch«, sprach ein anderer, »heut
ist Sankt Johannistag, da hat der Teufel keine Macht und konnte ihm nicht aus
der Klemme helfen.«
    Am Brunnen im Burghof stand Rudimann, der Kellermeister, und liess das klare
Wasser über sein Haupt strömen; Ekkehard hatte ihm eine scharfe Schramme
gehauen, zäh und unwillig rieselte sein Blut in den fremden Quell.
    Praxedis kam herunter, blass und trüb; sie war die einzige Seele, die ein
aufrichtig Mitleid um den Gefangenen trug. Wie sie den Kellermeister ersah, ging
sie in den Garten, riss eine blaue Kornblume mit der Wurzel aus und brachte sie
ihm: »Nehmet«, sprach sie, »und haltet sie mit der Rechten, bis sie drin
erwarmt, das stillet Euer Blut. Oder soll ich ein Linnen zum Verband bringen?«
    Er schüttelte das Haupt.
    »Es wird von selber aufhören, wenn's Zeit ist«, sagte er, »es ist nicht mein
erster Aderlass. Behaltet Eure Kornblumen für Euch!«
    Aber Praxedis gedachte den Feind Ekkehards milde zu stimmen. Sie holte
Leinwand. Da liess er sich verbinden. Er sprach keinen Dank.
    »Lasst Ihr den Ekkehard heut nimmer frei?« fragte sie.
    »Heut?« sprach Rudimann höhnisch. »Drängt es Euch, einen Kranz zu winden für
den Bannerträger des Antichrist, den Vorspann am Wagen des Satan, den Ihr da
oben gehegt und geheckt, als wär' er der herzliebe Sohn Benjamin? Heut? fraget
einmal nach Monatfrist drüben an.«
    Er deutete nach den helvetischen Bergen. Praxedis erschrak. »Was wollet Ihr
mit ihm anfangen?«
    »Was recht ist«, sprach Rudimann mit finsterm Blicke. »Buhlerei, Gewalttat,
Ungehorsam, Hochmut, Kirchenschändung, Lästerung Gottes: es gibt der Namen nicht
genug für seine Frevel, aber Mittel zur Sühnung, Gott sei es gedankt, gibt es!«
    Er fuhr mit dem Arm aus wie zu einem Streich.
    »... jawohl, Mittel zur Sühnung, wonnesame Jungfrau! Wir werden ihm einen
Denkzettel aufs Fell schreiben.«
    »Habt Mitleid«, sprach Praxedis, »er ist ein kranker Mann.«
    »Gerade deswegen heilen wir ihn. Wenn er erst an die Säule gebunden, den
Rücken krümmt und ein halb Dutzend Ruten drauf zerschlagen sind, das treibt
Grillen und Teufelswerk aus dem Kopf ...«
    »Um Gottes willen!« jammerte die Griechin.
    »Beruhigt Euch, es kommt noch besser. Ein entlaufen Schaf gehört in seinen
Stall geliefert, dort sind gute Hirten, die besorgen das Weitere: Schafschur,
Jungfräulein, Schafschur! Dort schneiden sie ihm die Haare ab, das schafft dem
Haupte Kühlung, und wenn Ihr einmal in Jahresfrist zum heiligen Gallus
wallfahren wollt, so wird sonn- und feiertags einer mit blossen Füssen vor der
Kirchentür stehen und sein Kopf wird kahl sein wie ein Stoppelfeld und das
Bussgewand wird ihn zierlich kleiden. Was meint Ihr? Die Heidenwirtschaft mit dem
Virgilius hat ein Ende.«
    »Er ist unschuldig«, sagte Praxedis.
    »O«, sprach der Kellermeister spöttisch, »der Unschuld krümmen wir kein
Haar. Er braucht sie nur durchs Gottesurteil zu beweisen; wenn er mit heilem Arm
den goldenen Ring aus dem Kessel mit siedendem Wasser herausfängt, gibt ihm
unser Abt selber den Segen und ich werd' sagen, es war nur Nebelbild und
Teufelsspuk, dass meine Augen in der Kapelle seine Heiligkeit den Bruder Ekkehard
sahen, wie er Eure Herrin umfangen hielt.«
    Praxedis weinte. »Lieber, ehrwürdiger Herr Kellermeister ...«, sprach sie
bittend. Er senkte einen schiefen Blick auf sie, der blieb an der Griechin Busen
haften.
    »So ist es!« sagte er mit gekniffenen Lippen. »Ich wollte übrigens eine
Fürbitte beim Abt einlegen, wenn ...«
    »Wenn?« fragte Praxedis gespannt.
    »Wenn Ihr heut abend geruhen wolltet, Eure Kammer nicht zu verschliessen, dass
ich Euch Bericht bringen kann vom Erfolg.«
    Er zog wie spielend die grossen Falten seiner Kutte zusammen, dass die
geschnürten Hüften hervortraten247, und nahm eine selbstgefällige erwartende
Haltung an. Praxedis trat zurück. Ihr Fuss stampfte die blaue Kornblume, die am
Boden lag.
    »Ihr seid ein schlechter Mensch, Herr Kellermeister!«, sprach sie und drehte
ihm den Rücken. Rudimann verstand sich auf Gesichter. Aus dem Zucken von
Praxedis' Augenlid und den drei bitterbösen Stirnfalten ward ihm klar, dass ihre
Kammer für alle Kellermeister der Christenheit jetzt und immerdar verschlossen
bleibe.
    Sie ging. »Habt Ihr noch etwas zu befehlen?« sprach sie im Fortgehen.
    »Jawohl, griechisches Insekt«, antwortete er mit kühlem Ton, »einen Krug
Essig, wenn es gefällig ist. Ich will meine Ruten drin einweichen, es schreibt
sich dann besser und vernarbt schwerer. Ich hab' noch keinen Erklärer des
Virgilius ausgehauen; der verdient schon eine besondere Ehre.«
    Unter der Linde sass Burkard, der Klosterschüler, und schluchzte noch immer.
Praxedis küsste ihn im Vorbeigehen. Es geschah dem Kellermeister zuleid.
    Sie ging hinauf zur Herzogin und gedachte einen Fussfall zu tun und für
Ekkehard zu bitten. Aber das Closet blieb verschlossen. Frau Hadwig war tief
erzürnt; wenn die Mönche der Reichenau nicht dazu gekommen, hätte sie Ekkehards
Kühnheit verzeihen mögen, sie selber hatte ja den Keim zu allem gelegt, was
jetzt aufgewachsen war - aber jetzt war Ärgernis gegeben, das heischte Strafe.
Scheu vor bösen Zungen hat schon manch Ding gewendet.
    Der Abt hatte ihr das Schreiben von Sankt Gallen zustellen lassen.
Benediktus' Regel, so stand geschrieben, verlange nicht nur den äusseren Schein
mönchischen Lebens, sondern ein Mönchtum mit Leib und Seele: Ekkehard sei heim
gerufen. Aus Gunzos Schrift war etliches wider ihn angeführt.
    Es war ihr gleichgültig. Was ihm in den Händen seiner Gegner bevorstehe,
wusste sie. Sie war entschlossen, nichts für ihn zu tun. Praxedis klopfte zum
zweitenmal an. Es ward nicht aufgetan. »O du armer Nachtfalter!« sprach sie
traurig.
    Ekkehard lag in seiner Kerkerhaft wie einer, der einen wirren Traum geträumt
hat. Vier kahle Wände waren um ihn, von oben ein schwacher Lichtschimmer. Oft
zitterte er noch, als schüttle ihn Frost. Allmählich legte sich ein wehmütig
Lächeln der Entsagung um die Lippen; es blieb sich nicht gleich - mitunter
ballte er die Faust in heftiger Zorneserregung.
    Es ist mit des Menschen Gemüt wie mit dem Meere. Hat der Sturm auch
ausgetobt, so wogt und brandet es noch lange stärker als sonst und untereinmal
schäumt wieder ein nachzügelnder Wellensturz gewaltig auf und jagt die Möwen vom
Fels.
    Aber Ekkehards Herz war noch nicht gebrochen. Dafür war es zu jung. Er
begann die Lage zu überdenken. Die Aussicht in die Zukunft war sehr
unerquicklich: er kannte seines Ordens Regel und geistlichen Brauch und kannte
die Männer der Reichenau, dass sie seine Feinde waren.
    Mit grossen Schritten durchmass er den engen Raum: »Allmächtiger Gott, den wir
anrufen dürfen in der Heimsuchung, wie soll das enden?« Er schloss die Augen und
warf sich auf sein Lager. Wirre Bilder zogen an seiner Seele vorbei.
    Und er schaute mit dem inneren Gesichte des Geistes, wie sie ihn in der
Morgenfrühe hinausschleppten; auf hohem Steinstuhl sass der Abt und hielt seinen
Hakenstab, als Zeichen, dass Gericht sei, und sie lasen eine lange Anklage vor
... Alles in demselben Burghof, in dem er einst jubelnden Herzens aus der Sänfte
gesprungen, in dem er am düstern Karfreitag die Predigt wider die Hunnen
gehalten, - und die Männer des Gerichts fletschten die Zähne wider ihn.
    »Was werd' ich tun?« dachte er weiter. »Die Hand aufs Herz, den Blick zum
Himmel, werd' ich rufen: Ekkehard ist ohne Schuld! Aber die Richter sprechen:
Probe es! Der grosse Kupferkessel wird vorgeschleppt, das Feuer unter ihm
angezündet, hoch wallt und zischt das Wasser, der Abt zieht den güldenen Ring
vom Finger, sie streifen ihm den Ärmel der Kutte zurück, Busspsalmen tönen dumpf
dazwischen: Ich beschwöre dich, Kreatur des Wassers, dass der Teufel weiche aus
dir und du dem Herrn dienest zu Offenbarung der Wahrheit gleich dem Feuerofen
des Königs von Babylon, da er die drei Jünglinge hineinwerfen liess! Also
bespricht der Abt die kochende Flut, und tauch' ein den Arm und suche den Ring!«
befiehlt er dem Angeklagten ...
    »Gerechter Gott, wie wird dein Urteil sprechen?« Wilde Zweifel nagten an
Ekkehards Gemüt. Er glaubte an sich und sein gutes Recht; minder fest an die
schaurigen Mittel, in denen Priesterwitz und Gesetzgebung den Wahrspruch der
Gotteit zu finden meinten.
    Auf der Bücherei seines heimischen Klosters lag ein Büchlein, das die
Aufschrift trug: »Gegen die ordnungswidrige Meinung derer, die da glauben, dass
durch Feuer oder Wasser oder Zweikampf die Wahrheit göttlichen Gerichtes
geoffenbart werde.« Das Büchlein hatte er einst gelesen und wohl behalten; es
war der Nachweis, dass bei all diesen, uraltem Heidentum entstammenden Proben,
wie später der treffliche Gottfried von Strassburg es benamste: »Der heilig
Christ windschaffen wie ein Ärmel ist.«
    Und wenn kein Wunder geschieht??
    Sein Denken neigte sich zu kleinmütiger Zagnis. Verbrannten Armes und
schuldig gesprochen, den Staupenschlag erleiden müssen ... und sie steht oben
auf dem Söller und schaut drauf hernieder, als geschehe es einem wildfremden
Mann: »Herr des Himmels und der Erde, sende deine Blitze!«
    Aber die Hoffnung leuchtet auch dem Elendesten noch. Da ward's ihm wieder,
als töne in all den Jammer ein gelles Halt! sie stürzt herunter in fliegendem
Gelock und rauschendem Herzogsmantel und treibt die Peiniger auseinander wie der
Heiland die Wucherer im Tempel und reicht ihm Hand und Lippen zum Kuss der
Versöhnung ... lang und schön und glühend malte er sich's aus, ein Hauch von
Trost kam über ihn, er sprach mit den Worten des Predigers: »Im Ofen werden die
Geschirre des Töpfers bewährt und gerechte Menschen in Anfechtung der Trübsal248
: Wir wollen unbeirrt erwarten, was da kommt.«
    Er hörte ein Geräusch im Gemach vor seinem Kerker. Ein Steinkrug ward
aufgesetzt. »Ihr sollt tapfer trinken!« sprach eine Stimme zum wachhaltenden
Klosterbruder, »in Sankt Johannis Nacht gehen allerhand Überirdische durch die
Luft und streichen an unserer Burg vorbei, macht, dass Ihr Mut behaltet; es steht
noch ein zweiter Krug bereit.« Es war Praxedis, die den Wein brachte.
    Ekkehard verstand nicht, was sie wollte. »Auch sie ist falsch«, dachte er.
»Gott behüte mich!«
    Er schloss seine Augen zum Schlummer. Nach einer guten Weile ward er
aufgeweckt. Dem Klosterbruder draussen musste der Wein geschmeckt haben, er sang
ein Lied zum Preis der vier Goldschmiede249, die in Rom einst die Fertigung
heidnischer Götzenbilder geweigert und das Martyrium erlitten, und schlug mit
dem sandalenbeschwerten Fuss den Takt auf die Steinplatten. Ekkehard hörte, dass
dem Mann ein zweiter Krug gebracht ward. Sein Gesang ward laut und stürmisch.
Dann hielt er ein Selbstgespräch, worin viel von Welschland und guten Bissen und
der heiligen Agnese vor den Mauern die Rede war. Dann verstummte er. Sein
Schnarchen tönte vernehmlich durch die Steinwände zum Gefangenen herüber.
    Die Burg lag still. Es ging auf Mitternacht. Ekkehard ruhte in leisem
Halbschlummer, da ward's ihm, als würde der Riegel sachte zurückgeschoben: er
blieb auf seinem Lager. Eine Gestalt trat ein, eine weiche Hand fuhr über des
Schlummernden Stirn. Er sprang auf.
    »Still!« flüsterte die Eingetretene.
    Wie alles zu schlafen ging, hatte Praxedis gewacht. Der schlechte
Kellermeister soll die Freude nicht haben, unsern schwermütigen Lehrer zu
züchtigen, das war ihr Denken. Frauenlist findet Mittel und Wege zu dem, was sie
ausgesonnen. Den grauen Mantel umgeschlagen, schlich sie herunter, es brauchte
keiner besonderen Täuschungen. Der Klosterbruder schlief als wie ein Gerechter.
Hätte er nicht geschlafen, so hätte ihn die Griechin durch einen Spuk scheu
gemacht, so war ihr Plan.
    »Ihr müsst fliehen!« sprach sie zu Ekkehard. »Sie drohen Euch das
Schlimmste.«
    »Ich weiss es!« sagte der Überraschte wehmütig.
    »Auf denn!«
    Er schüttelte das Haupt: »Ich will dulden«, sprach er.
    »Seid kein Narr!« flüsterte Praxedis. »Erst habt Ihr Euer Haus auf den
schimmernden Regenbogen gezimmert, und nun es zusammengefallen, wollt Ihr Euch
auch noch misshandeln lassen? Als wenn die ein Recht hätten, Euch zu geisseln und
fortzuschleppen! und wollt ihnen die Freude machen, Eure Erniedrigung zu sehen
... 's wär' freilich ein schönes Schauspiel, man würde es Euch gönnen! Einen
braven Mann sieht man nicht alle Tage hinrichten, hat einmal in Konstantinopel
einer zu mir gesagt, wie ich fragte, warum er so springe.«
    »Wohin soll ich mich wenden?« fragte Ekkehard.
    »Nach der Reichenau nicht und nach Eurem Kloster auch nicht«, sagte
Praxedis. »Es gibt noch manchen Unterschlupf auf der Welt.« Sie war ungeduldig
worden, ergriff Ekkehards Hand und zog ihn mit sich. »Vorwärts!« raunte sie ihm
zu. Er liess sich von ihr führen. Sie schlichen am schlafenden Wächter vorüber.
Jetzt standen sie im Burghof. Der Brunnen plätscherte hell. Ekkehard beugte sich
übers Rohr und trank einen langen Schluck des kühlen Wassers250. »Alles vorbei!«
sprach er. »Jetzt bergab!«
    Es war eine stürmische Nacht. »Den Torweg könnt Ihr nicht hinunter, die
Brücke ist aufgezogen«, sprach Praxedis, »aber zwischen den Felsen an der
Morgenseite ist's möglich, unser Hirtenknab' hat den Weg auch schon versucht.«
    Sie gingen in das Gärtlein. Ein Windstoss fuhr rauschend durch die Wipfel des
Ahorn. Ekkehard wusste kaum, wie ihm geschah; er schwang sich auf die Brustwehr,
steil und zackig senkten sich die Klingsteinfelsen in die Tiefe, dunkler Abgrund
gähnte zu ihm herauf, am düstern Himmel jagten sich die Wolken, es waren
unheimliche plumpe Massen, fratzenhaft, als wenn zwei Bären einen geflügelten
Drachen verfolgten ... dann verschwammen die Gebilde ineinander, der Wind
peitschte sie zu dem matt in der Ferne schimmernden Bodensee. In dunklem Umriss
lag die Landschaft.
    »Gesegnet sei Euer Weg!« sprach Praxedis.
    Ekkehard sass starr auf der niedern Mauerzinne, er zog seine Hand nicht von
der der Griechin, wehmütiger Dank durchwogte sein ausgestürmt Herz. Da schmiegte
sich ihre Wange an die seine, auf seinen Lippen zitterte ein Kuss, eine Träne
perlte drauf nieder. Sanft wand sich Praxedis von ihm.
    »Vergesset nicht«, sprach sie, »dass Ihr noch eine Geschichte schuldig seid.
Mög' Euch Gott bald wieder zu diesem Gartenplatz geleiten, dass wir sie aus Eurem
Munde vernehmen.«
    Jetzt liess sich Ekkehard nieder; noch einmal winkte er mit der Hand, dann
schwand er aus ihren Augen. Die Stille der Nacht unterbrach ein Dröhnen und
Klingen am Gefelse, die Griechin schaute hinab: eine Felsplatte hatte sich
losgelöst und stürzte schmetternd zu Tal, eine zweite folgte langsameren Falles,
oben auf der zweiten sass Ekkehard und lenkte sie wie ein Reiter sein Ross, so
ging's den schiefen Verghang hinunter ins Dunkel der Nacht ... Fahr wohl!
    Sie bekreuzte sich und ging zurück, lächelnd in aller Betrübnis. Der
Klosterbruder schlief noch immer. Im Vorbeigehen sah Praxedis den Aschenkorb im
Hofe stehen, den griff sie, schlich in Ekkehards Verlies und schüttete ihn
inmitten des Gemaches aus, als wäre das alles, was von des Gefangenen
sterblichem Teil übriggeblieben.
    »Warum schnarchst du so stark, Hochachtbarer?« sprach sie und enteilte.
 
                          Zweiundzwanzigstes Kapitel.
                             Auf dem Wildkirchlein.
Jetzund, vielteurer Leser, umgürte deine Lenden, greif' zum Wanderstab und fahr'
mit uns zu Berge. Aus den Niederungen des Bodensees zieht unsere Geschichte ins
helvetische Alpenland hinüber: dort ragt der hohe Säntis vergnüglich in die
Himmelsbläue, wenn er just' nicht vorzieht, die Nebelkappe ums Haupt zu hüllen,
und schaut lächelnd in die Tiefen, wo der Menschen Städte zu eines
Ameisenhaufens Grösse zusammenschrumpfen; und um ihn steht eine Landsgemeinde
stolzer Gesellen versammelt von gleichem Schrot und Korn, die recken ihre kahlen
Scheitel einander entgegen und blasen sich Nebelwolken zu, ein Rauschen und
Sausen zieht durch ihre Schlüfte, und was sie über menschliches Dichten und
Treiben sich zuflüstern, klang vor tausend Jahren schon ziemlich verächtlich und
hat sich seiter nicht um vieles gebessert.
    Ohngefähr zehn Tage, nachdem die Mönche der Reichenau im Hohentwieler
Burgturm an Stelle eines Gefangenen ein Häufchen Asche vorgefunden und viel
Verhandlung gepflogen hatten, ob ihn in böser Mitternacht der Teufel bewältigt
und zu Asche verbrannt, oder ob er entwichen sei, schritt ein Mann längs dem
weissgrünschäumenden Sitterbach über spriessende Matten und Felsgestein
bergaufwärts.
    Er trug einen Mantel aus Wolfsfell über ein mönchisch Gewand, eine lederne
Tasche, umgeschlagen, in der Rechten einen Speer. Oftmals stiess er die eherne
Spitze ins Erdreich und stemmte sich am schafft, die Waffe als Bergstock nutzend.
    Rings um ihn stille tiefe Einsamkeit. Langgestreckte Nebelstreifen lagen
über dem wilden Tal, wo die Sitter dem Seealpsee entspringt, aber hoch drüber
weg schauten grimmige Steinwände, von spärlichem Grün umsäumt, himmelan. Die
Berghalden, wo jetzt in schindelumhüllten Hütten ein fröhlich Hirtenvolk
zahlreich nistet, waren damals zumeist öde und spärlich bewohnt; nur fern in der
Niederung des Tals stund die Zelle des Abts von Sankt Gallen und wenig
Behausungen dabei. Nach der blutigen Feldschlacht bei Zülpich war eine kleine
Schar freiheitsliebender alemannischer Männer, die dem Franken ihren Nacken zu
beugen nimmer erlernen mochten, in diese Einöde gezogen251; in zerstreuten
Ansiedelungen sassen ihre Nachkommen und trieben in Sommerszeit ihre Herden zur
Alp, kräftig verständige Bergbewohner, die unangetastet vom Lärm der Welt ein
einfach freies Leben genossen und den folgenden Geschlechtern vererbten.
    Steiler und rauher ward der Pfad, den der Mann einschlug. Jetzt stund er
unter senkrecht aufstarrender Felswand; ein schwerer Wassertropfen war aus dem
Kalkgestein auf sein Haupt niedergetrauft, da schaute er prüfend empor, ob der
grauenhafte Überhang noch anhalte mit dem Einsturz, bis er vorüber. Aber
Felswände vermögen länger im schiefen Zustand zu verharren als das, was
Menschenhände bauen; es stürzte nichts herab als ein zweiter Tropfen.
    Mit der Linken am Gestein sich anlehnend, schritt der Mann vorwärts. Immer
schmäler ward der Steig, der schwarze Abgrund zur Seite rückte näher,
schwindelnde Tiefe gähnte herauf ... jetzt schwand auch die letzte Spur eines
Pfades. Zwei mächtige Fichtenstämme waren als Brücke über den Abgrund gelegt.
»Es muss sein!« sprach der Mann und schritt unverzagt drüber. Er atmete hoch auf,
wie er drüben wieder Boden unter den Füssen verspürte, und machte Halt, um sich
den grausigen Platz zu betrachten. Es war ein schmaler Felsvorsprung, über und
unter ihm senkrechte gelbgraue Steinwand, in der Tiefe, kaum sichtbar, ein
Silberstreif im Grün des Tales, der Waldbach Sitter, und scheu versteckt im
Tannendunkel der meerfarbige Spiegel des Seealpsee. Genüber gepanzert und
gewappnet die Schar der Bergesriesen - die Feder will zu fröhlichem Sang
aufjodeln, da sie ihre Namen schreiben soll: der langgestreckte rätselvolle
Kamor, die gewaltigen Mauern der Boghartenfirst und Sigels Alp und Maarwiese,
auf deren Zinnen wie Moos auf den Dächern würziger Graswuchs grünt, dann der
Hüter des Seegeheimnisses, der »alte Mann« mit runzelgefurchter Steinstirn und
weissumschneitem Haupt, des hohen Säntis Kanzler und Busenfreund.
    »Ihr Berge des Herrn, benedeiet den Herrn!« sprach der Wandersmann,
ergriffen von der Wucht des Eindrucks. Viel hundert Bergschwalben flatterten aus
den Spalten des Gesteins. Ihr Flug soll gute Vorbedeutung sein.
    Er tat etliche Schritte vorwärts. Da war die Felswand mächtig zerklüftet,
eine doppelte Höhle tat sich auf, aus rohem schafft zusammengefügt stand ein
schmucklos Kreuz dabei, Tannenstämme an der einen Höhlenwand zum Blockhaus
geschichtet und nach Art der damals üblichen Kriegsgerüste oder Belagerungstürme
mit zusammengefügtem Flechtwerk überdacht, deuteten auf menschliches Anwesen.
Kein Laut unterbrach die Stille.
    Der Fremde kniete vor dem Kreuz nieder und betete lang.
    Es war Ekkehard, - der Ort, wo er betete, das Wildkirchlein.
    Unversehrt war er auf seinem Bergrutsch, als ihn Praxedis befreit, in die
Tiefe gefahren; der andere Morgen fand ihn erschöpft beim alten Moengal in
Radolfzelle. »Ach, dass ich in der Wüste ein Hüttlein der Wandersleute haben
könnte, so wollte ich mein Volk verlassen und mich von ihnen absondern, denn sie
sind Lügner und treulos zusammen«, sprach er mit den Worten des Propheten252,
nachdem er dem Leutpriester sein Leid geklagt.
    Da wies ihm der Alte den Säntis.
    »Hast recht«, sprach Moengal. »Der heilige Gallus hat's ebenso gemacht. In
der Einsamkeit will ich verharren und auf den warten, der meine Seele gesund
machen soll253; er wär' vielleicht kein Heiliger geworden, wenn er anders gesagt
und getan hätte. Verbeiss' deinen Schmerz. Wenn der Adler siech wird und seine
Augen dunkeln und seine Federn zergehen wollen, steigt er himmelan, so weit ihn
seine Schwingen tragen254. Sonnennähe verjüngt. Tue desgleichen. Ich weiss dir
ein gut Plätzlein zum Gesunden.«
    Er beschrieb ihm den Weg.
    »Du wirst einen droben finden«, fuhr er fort, »der seit zwanzig Jahren nicht
mehr viel von der Welt gesehen hat, er heisst Gottschalk. Grüss ihn von mir; so
Gott will, sind seine Sünden vergeben.«
    Der Leutpriester verschwieg aber, um welcher Sünden willen sein ehemaliger
Freund dort Busse tat. Den hatte in teuren Zeiten das Kloster einst ins
Welschland gesendet, Korn einzukaufen, da kam er gen Verona und ward gut
aufgenommen vom streitsüchtigen Bischof Raterius, und tat seine Andacht in der
ehrwürdigen Katedralkirche. Dort lag unverschlossen im güldenen Sarg der Leib
der heiligen Anastasia, und die Kirche war leer und den Gottschalk verführte der
Teufel, dass er nach Deutschland wollte ein Angedenken mitbringen, da nahm er von
der Heiligen Leib soviel er unter seiner Kutte mitschleppen konnte255: einen Arm
und einen Fuss und etliche Wirbelknochen, und fuhr heimlich von dannen256. Aber
seine Ruhe war verloren von jener Stunde, in Wachen und Traum stand die Heilige
vor ihm, sie ging an der Krücke verstümmelt und zerrissen und forderte ihren Arm
zurück und ihren Fuss - über Schluchten und Alpenpässe folgte sie ihm, an der
Schwelle des heimischen Klosters trat sie ihm dräuend entgegen; da warf er halb
wahnsinnig die Reliquienbeute von sich und floh auf die Höhen beim Säntis, den
Lebensrest büssend zu verbringen, und schuf sich dort seine Klause.
    Zwei Tage hatte der alte Moengal seinen jungen Freund beherbergt, dann
schaffte er ihn nächtlich über den See. »Geh' mir nicht ins Kloster zurück«,
sprach er beim Auseinandergehen, »dass dich das dumme Gerede nicht umbringt.
Spott schadet mehr als Strafe. Es gehört dir ein Denkzettel, aber die frische
Luft soll dir ihn bringen, die hat ein Recht dazu, die andern nicht.« Speer und
Wolfspelz schenkte er ihm zum Abschied.
    Scheu und heimlich zog Ekkehard von dannen. Es war eine bittere Empfindung,
da er nächtlich an seinem noch halb in Trümmern liegenden Kloster
vorüberschlich; etliche Lichter glänzten zu ihm herüber, er beflügelte seinen
Schritt. Auch an der Abtszelle im Gebirgsland zog er ohne Ankehr vorbei, er
wollte von des Klosters Leuten nicht erkannt sein.
    ... Jetzt war sein Gebet beendigt. Er schaute erwartungsvoll nach dem
Höhleneingang, ob Gottschalk, der Einsiedel, nicht heraustrete und den neuen
Ankömmling begrüsse. Es regte sich nichts, die Höhle stund leer. »Sancta
Anastasia, ignosce raptori!« »Heilige Anastasia, verzeihe deinem Räuber!« war
mit eingetrocknetem Kräutersaft an die lichte Felswand angeschrieben. Ein
steingehauener Trog fing das herabtropfende Felswasser; es lief über den Rand
herab.
    Er trat in die Kammer. Etliche tönerne Schüsseln standen bei einer
Steinplatte, die als Herd gedient haben mochte. Ein grobgarniges Fischnetz lag
in der Ecke, Hammer, Spaten, ein verrostet Beil dabei, auch viel zugeschnittene
Kienspäne.
    Auf tannenen Scheitern war eine Streu geschüttelt, von Moder und Gewürm
zerfressen. Zwei Ratten sprangen, vom Eintretenden verscheucht, in eine Spalte
des Bodens.
    »Gottschalk!« rief Ekkehard durch die hohle Hand. Dann tat er einen Schrei,
wie er unter Leuten im Gebirg' als Anruf üblich ist. Aber niemand erschien.
Nähere Umschau zeigte, dass der Einsiedel nicht erst seit heute die Klause
verlassen. In einem Krug war Milch zur Kruste eingetrocknet. Da trat Ekkehard
betrübt wieder auf den schmalen Streif Erdreich, der zwischen Höhle und Abgrund
das Stehen ermöglichte. Sein Blick wandte sich zur Linken. In weiter Ferne
blaute ein Stück Bodensee über den Bergrücken. Die Pracht der Gebirgswelt
vermochte nicht ein Gefühl von unendlichem Weh zu bannen. Einsam und
gottverlassen stand er auf der jachen Höhe. Er reckte sein Ohr, als müsse er
eines Menschen Stimme erlauschen. Aber nur das einförmig leise Rauschen des
Windes durch die Tannen der Tiefe tönte herauf.
    Seine Augen wurden feucht.
    Es war spät geworden. Wohin? ... Ein starker Hunger zerstreute seine
Gedanken. Er trug noch für drei Tage Speise bei sich. Da setzte er sich vor die
Höhle und verzehrte unter Tränen seinen Abendimbiss. Sein Berg warf lange blaue
Schatten auf die Wände genüber, nur die steinernen Gipfel glühten noch im
Sonnenlicht.
    »Solang' das Kreuz am Felsen steht, werd' ich nie ganz verlassen sein!«
sprach er. Er trug etliches Gras vom Abhang zusammen und richtete sich ein Lager
auf die Stelle des vermoderten. Kühle Nachtluft zog herauf. Da hüllte er sich in
Moengals geschenkten Mantel und legte sich nieder. Der Schlaf ist ein gutes
Heilmittel für die Leiden der Jugend. Er kam auch über Ekkehard trotz Herzeleid
und einsamer Felswildnis.
    Die erste Dämmerung des Morgens zog über dem Haupte des Kamor auf, nur der
Tagstern257 schien noch in schöner Farbe, da fuhr Ekkehard aus dem Schlummer. Es
war ihm, als hab' er ein lustig scharfes Hirtenjauchzen gehört. Dann glänzte im
tiefen dunkeln Grund der Höhle ein Licht auf. Er glaubte zu träumen, als läg' er
noch im Kerker, und Praxedis nahe befreiend. Aber das Licht kam näher,
Fackelglanz brennenden Kienspans; eine hochgeschürzte Maid trug die einfache
Leuchte. Er sprang auf. Unerschrocken stand sie vor ihm und sprach: »Gott
willkommen!«
    Es war ein keck halbwildes Wesen von gelblicher Hautfarbe und sprühenden
Augen, aus den Flechten des dunkelschwarzen Haares glänzte eine schwere silberne
Nadel in Form eines Löffels, der geflochtene Korb auf dem Rücken und der
Alpstock in der Rechten bezeichnete die Bewohnerin der Berge.
    »Heiliger Gallus beschirme mich vor neuer Versuchung!« dachte Ekkehard, aber
sie rief vergnügt: »Gott willkommen noch einmal! Der Vater wird recht froh sein,
dass wir einen neuen Bergbruder haben. Man merkt's an der wenigen Milch der Kühe,
sagt er immer, dass der alte Gottschalk tot ist.«
    Es klang nicht wie die Stimme eines weiblichen Dämon.
    Ekkehard war noch schlaftrunken. Er gähnte. »Vergelt's Gott!« sprach die
Maid. »Warum vergelt's Gott?« fragte er.
    »Weil Ihr mich soeben nicht verschluckt habt!« lachte sie, und eh' er weiter
fragen konnte, woher und wohin, sprang sie mit dem Kienspan zurück und
verschwand in der Höhle.
    Bald kam sie wieder. Ein graubärtiger Senn, in eine Decke von Lämmerfell
gehüllt, folgte ihr.
    »Der Vater will's nicht glauben!« rief sie Ekkehard entgegen.
    Bedächtig schaute der Hirt auf den fremden Gast. Er war ein rauher Mann, der
einst in grüner Jugendzeit beim alterkömmlichen Kraftspiel des Steinstossens den
hundertpfündigen Feldstein wohl über zwanzig Schritte weit von sich
geschleudert, ohne einen Fuss zu verrücken; sein gebräuntes Antlitz und seine
sehnigen nackten Arme waren jetzt noch Denkzeichen alter ungeschwächter Kraft.
    »Ihr wollt unser Bergbruder sein?« sprach er gutmütig zu Ekkehard und
reichte ihm die Hand. »Recht so!«
    Ekkehard war verlegen ob der wilden Erscheinung.
    »Ich gedachte den Bruder Gottschalk zu besuchen«, erwiderte er.
    »Beim Strahl! da kommt Ihr zu spät«, sprach der Senn. »Der hat sich
verfallen im vorigen Herbst258, es war eine böse Geschichte. Schaut auf!« er
wies ihm eine Felswand in die Tiefe, - »auf jenen Hang ist er ins Laubsammeln
gegangen, ich hab' ihm selber geholfen: da fuhr er auf einmal empor, als hätt'
ihn eine Schlange gebissen, gegenüber auf den hohen Kasten hat er gedeutet,
Heilige Anastasia, rief er, du bist wieder ganz und stehst auf beiden Füssen und
winkst mit beiden Armen! ... auf und davon ist er gesprungen, als wär' zwischen
dem Fels unten und dem hohen Kasten drüben kein Tal und kein Abgrund, mit kyrie
eleison! ging's in die greuliche Tiefe - Gott hab' ihn selig! Aber erst im
heurigen Frühjahr haben wir den Leichnam gefunden, zerklemmt in den Felsen, und
die Lämmergeier waren drüber und haben einen Arm und ein Bein vertragen, kein
Mensch weiss wohin ...«
    »Mach' ihm keine Angst!« sprach die Maid und stiess den Sennen an.
    »Deswegen mögt Ihr Euch doch bei uns festsetzen«, sprach der Senn. »Ihr
bekommt, was wir dem Gottschalk gaben, Milch und Käs und drei Ziegen in den
Stall, die mögen grasen, wo sie wollen. Im Notfall mögt Ihr auch mehr heischen,
wir hier oben sind keine Geizkrägen und Musmehlspalter. Ihr predigt uns dafür an
den Sonntagen und sprecht den Segen über Alm und Weiden, dass Wetter und
Bergsturz kein Verderb bringen, und läutet die Tagszeit.«
    Ekkehard sah zweifelhaft in den starren Höhlenraum. Es tat ihm wunderwohl,
Menschen in der Nähe zu wissen, aber rätselhaft war's, woher sie kamen. »Sind
Eure Almen in des Berges Tiefe?« fragte er lächelnd.
    »Er weiss nicht, wo die Ebenalp steht!« sprach das Hirtenkind mitleidig. »Ich
will's Euch zeigen!«
    Ihr Kienspan brannte noch.
    Sie wandte sich dem Innern der Höhle zu, die Männer folgten ihr. Da ging's
durch enge dunkle Wölbung ins Innere des Berges, niedergestürztes Gestein
sperrte den Pfad, oft mussten sie gebückt weiter kriechen. Scharfe rötliche
Streiflichter zuckten auf den Kanten der Wände, - dann fiel fahler Schimmer des
Tages herein. Es ging in die Höhe, dort öffnete sich ein Ausgang. Die Hirtin
stiess ihren Span an die seltsam geformten Tropfsteingebilde, die von der Decke
niederhingen, dass er erlosch ... noch etliche Schritte, und sie stunden auf
weiter herrlicher Alp.
    Würziger Duft von Alpenpflanzen umströmte sie, da blühte Mannstreu und
Knabenkraut und blauer Eisenhut, der prächtige Alpenschmetterling Apollo mit dem
rotleuchtenden Auge auf den Flügeln wiegte sich über den Blumenkelchen - nach
enger Höhlennacht erquickte ein weites, unendliches Rundbild den Blick.
    Noch lag der Frühnebel in den Tälern, schwer, unbeweglich, zusammengeballt,
als hätte überall ein gewaltiges Meer geströmt, und wäre im Augenblick, da es zu
sprühendem Schaum aufwogte, versteinert worden; aber klar und scharf schnitten
die Häupter der Berge ihren Umriss in das tiefe Blau der Himmelsdecke, wie
riesige Inseln dem Schoss des Nebelmeers entsteigend. Auch der Bodensee war
umnebelt, in leisem Duft türmten sich die Reihen der fernen Gebirge an rätischer
Landmark mit ihren zackigen Felshörnern übereinand. Friedlich tönte weidender
Herden Geläut von den Halden herauf. In Ekkehards Gemüt klang es wie ein stolz
demütiges Morgengebet.
    »Ihr bleibet bei uns«, sprach der alte Senn, »ich seh' Euch's an den Augen
an.«
    »Ich bin ein landfremder Mann«, erwiderte Ekkehard traurig, »mich hat der
Abt nicht gesendet.«
    »Das gilt gleich«, rief der Alte. »Wenn's uns recht ist und dem Säntis dort
droben, so hat niemand was drein zu reden. Des Abts Twing und Bann reicht nicht
in unsere Höhen, wir zahlen ihm den Herdenzins, wenn seine Vögte am
Milchprüfungstag259 zur Schau unserer Senntümer heraufkommen, weil's alter
Brauch ist, aber sonst: Sein' Grund und Boden pflanz' ich nicht, nach seiner
Pfeife tanz' ich nicht260, heisst's hierzulande.«
    »Schaut her!« - er wies Ekkehard eine graue Bergspitze, die aus
langgestreckten Eisfeldern einsam aufragte - »das ist der hohe Säntis, der ist
Herr in den Bergen, vor dem schwenken wir den Hut, sonst vor niemand. Dort zur
Rechten ist der blaue Schnee; da war früher Alm und Weide und sass ein
übermütiger Mann drauf, der war ein Riese und ihm wuchsen die Herden und der
Stolz, dass er sprach: ich will König sein über alles, was mein Auge umfasst! Aber
in des Säntis Tiefen hub sich ein Donnern und Beben und der Felsgrund regte sich
und Eisströme rannen hervor und deckten den Riesen samt Hütte und Stall und Vieh
und Alm, und vom blauen Schnee weht's jetzt noch frierend herunter, - ein
Denkzeichen, dass neben dem Alten der Berge keiner zur Herrschaft berufen!«
    Der Hirt schuf Ekkehard Vertrauen. Trotzige Kraft und gutes Herz strömte in
seinen Worten. Sein Kind hatte einen Strauss Alpenrosen gepflückt und reichte sie
Ekkehard dar.
    »Wie heisst du?« fragte er.
    »Benedicta«, sprach sie.
    »Das ist ein guter Name«, sagte Ekkehard und steckte die Alpenrosen in den
Gürtel seiner Kutte; »ich bleibe bei euch!«
    Da schüttelte ihm der alte Senne die Rechte, dass sie in ihren Grundfesten
erbebte, dann griff er das Alphorn, das er an rohhäutigem Riemen auf der
Schulter trug, und blies ein seltsam klingendes Zeichen. Aus Höhen und Tiefen
klang's antwortend herüber, die benachbarten Sennen kamen herbei, starke wilde
Hirten, und standen zu dem Alten, den sie in der Frühlingszeit seiner
Tüchtigkeit halber zum Alpmeister und Aufseher über die Bergweiden der Ebenalp
erwählt.
    »Wir haben einen Bergbrüder überkommen«, sprach er, »es wird keiner von euch
dawider schelten und tosen261?«
    Und sie erhoben alle die Hände als Zeichen der Zustimmung und gingen auf
Ekkehard zu und hiessen ihn willkommen, und er ward gerührt und machte das
Zeichen des Kreuzes über sie.
    So ward Ekkehard Einsiedel auf dem Wildkirchlein und wusste eigentlich selber
nicht wie. Der Senn von der Ebenalp hielt Wort und half ihm, sich einzurichten,
und stellte ihm drei Ziegen ein und wies ihm den Pfad zwischen Kluft und Spalt
zum Seealpsee hinunter, wo die grossen Forellen schwimmen, und schindelte ihm die
Lücken zu, die tropfend Gewässer und Unbill des Wetters in das Dach von
Gottschalks Blockhaus geschlagen. Mählich gewöhnte sich Ekkehard an die Enge des
Raumes vor seiner Behausung, und wie der nächste Sonntag kam, trug er das
hölzerne Kreuz ins Innere der vorderen Höhle, wand einen Kranz Blumen drum, zog
die Glocke, die aus Gottschalks Zeiten am Eingang hing - (sie trug das Zeichen
Tanchos, des tückischen Glockengiessers von Sankt Gallen), und als seine Sennen
mit Buben und Mägdlein beisammen waren, hielt er der kleinen Gemeinde eine
Predigt über das Evangelium von der Verklärung und sprach darüber, dass ein jeder
Mensch, der mit rechtem Sinn zu Bergeshöhen steige, ein verklärter werde. »Und
wenn auch Moses und Elias nicht zu uns herabtreten«, rief er, »so haben wir den
Säntis und den Kamor bei uns stehen, das sind auch Männer eines alten Bundes und
es ist gut bei ihnen sein!«
    Seine Worte waren gross und keck, und er wunderte sich, dass sie ihm so
entströmten, denn es war schier ketzerisch und er hatte in keinem Kirchenvater
solch Gleichnis gelesen. Aber den Sennen war's recht und den Bergen auch und
niemand tat Einsprache.
    Des Mittags kam Benedicta, das Hirtenkind; ein silbern Kettlein schmückte
das Sonntagsmieder, das wie ein Panzer die Brust umschloss. Sie brachte einen
saubern eschenholzenen Milchkübel, drauf war in kunstlosen Linien eine Kuh
geschnitzt. »Den schickt Euch der Vater«, sagte sie, »darum, dass Ihr so
auferbaulich geprediget und von den Bergen Gutes gesprochen - und wenn Euch
einer was Leides tun will, sollt Ihr wissen, wo die Ebenalp steht.«
    Sie warf etliche Handvoll Haselnüsse aus ihrer Schurztasche in das
Milchgefäss: »die hab' ich für Euch gepflückt«, sagte sie, »und ich weiss noch
mehr, wenn sie Euch schmecken«.
    Bevor sich Ekkehard bedanken konnte, war sie in der Höhlentiefe
verschwunden.
»Schwarzbraun sind die Haselnüss',
Und schwarzbraun bin auch ich,
Und wenn mich einer lieben will,
So muss er sein wie ich«,
tönte verklingend ihr schalkhafter Gesang durch die Klause.
    Ekkehard lächelte wehmütig.
    Aber ganz war der Sturm in seinem Herzen noch nicht geschwichtigt; es hallte
und tönte in ihm nach wie der Donner des Alpengewitters, der an ferner Bergwand
zu neuem Dröhnen sich zusammenrafft.
    Eine riesige Felsplatte war bei der Höhle niedergestürzt, schmelzendes
Schneewässer hatte sie im Frühling losgenagt, sie sah aus wie die Decke eines
Grabmals. Dort sass er oft, er nannte sie stillschweigend das Grab seiner Liebe;
oft kam's ihm vor, als ruhe die Herzogin und er selber in kühlem Schlaf der
Toten darunter, und er sass drauf und schaute über die tannumsäumten grünen
Rücken nach dem Bodensee hinüber und träumte. Es war ihm nicht gut, dass er den
See von seiner Klause erschauen konnte, wunde Rückerinnerung durchschmerzte sein
Inneres. Oft wollt' er zornig aufbrausen, oft bog er sich abendlich um die Ecke
seines Felsens in der Richtung des Untersees und hauchte Grüsse hinaus262. Wem
galten sie?
    Der Traum der Nacht war wirr und bewegt. Er sah sich wieder in der
Burgkapelle und die ewige Lampe schwebte über der Herzogin Haupt wie damals, und
wie er auf seine Gebieterin zustürzen wollte, hatte sie das Antlitz der Waldfrau
und lachte ihm höhnisch ins Gesicht; und wenn er frühmorgens von seinem
Streulager aufsprang, hörte er sein eigen Herz pochen und das Wort Frau Hadwigs:
»O Schulmeister, warum bist du kein Kriegsmann worden?« verfolgte ihn, bis die
Sonne hoch am Himmel stand oder der Anblick Benedictas es verscheuchte.
    Oft warf er sich ins kurze schwellende Gras am Abhang und überdachte die
letzten Monate; in läuternder Schärfe der Alpenluft prägten sich Gestalten und
Ereignisse klar vor seinem Denken, es peinigte ihn das Gefühl, dass er sich zag
und scheu und töricht benommen und nicht einmal die Aufgabe gelöst, eine
Geschichte zu erzählen, wie Herr Spazzo und Praxedis. »Ekkehard, du bist
lächerrlich geworden«, sprach er höhnisch leise zu sich selber und vermeinte
dabei, er müsse an den Felswänden sein Gehirn anrennen.
    Melancholisch Gemüt zehrt lang' an erlittener Beschädigung und vergisst in
seinem Brüten, dass tadelhafte Tat nur durch nachfolgende bessere im Gemüt der
Menschen verwischt wird.
    Darum war Ekkehard noch nicht reif für die klärenden Wonnen der Einsamkeit.
Der haftende Eindruck vergangenen Leids tat eine seltsame Wirkung; wenn er in
seiner Höhlenstille sass, glaubte er Stimmen zu hören, die spottend mit ihm
plauderten von törichten Hoffnungen und den Täuschungen der Welt, Flug und Ruf
der Vögel klang ihm wie kreischender Schrei der Dämonen und sein Gebet half
nicht dawider. Wenn Schauer der Wildnis den Geist erfüllt, täuscht sich Ohr und
Auge und glaubt die alten Sagen, dass alles von Mitte der Luft bis hernieder und
die Erde selber, da wo sie unbauhaft263, erfüllt sei vom Reigentanz ewig
lebender Geister.
    Es war eine weiche würzige Spätsommernacht, er wollte sich auf sein einfach
Lager werfen, da schien der Mond in scharfem Glanz die Höhle an, zwei weisse
Wolken zogen langsam einander nach, er hörte, wie sie zueinander sprachen, und
die eine Wolke war Frau Hadwig, die andere Praxedis. »Ich will doch sehen, wie
die Ruhestatt eines flüchtigen Toren aussieht«, sprach die vordere weisse Wolke
und streifte eilend über die Scheitel der wagrechten Wände und stand gegenüber
der Höhle über dem Kamor, dann senkte sie sich nieder zu den Tannen, die talab
in unzähligen Reihen standen: »Er ist's!« rief die Wolke, »greifet den Frevler!«
und die Tannen wurden lauter Mönche, tausend und aber tausend, und wurden
lebendig und zogen wimmelnd aus und begannen die Abhänge des Wildkirchlein zu
ersteigen, psalmend und rutenschwingend - da sprang Ekkehard schauernd auf und
griff seinen Speer - jetzt war's, als wenn Irrlichter aus der Höhlentiefe
vorhüpften: »hinaus aus den Alpen!« rief's hinter ihm - alle Adern fieberten, da
rannte er fort über den schmalen Steg an den dräuenden Felsüberhängen hinaus in
die Nacht wie ein Verzweifelter. Noch stand die zweite Wolke beim Mond: »Ich
kann dir nicht helfen«, sprach sie mit Praxedis' Stimme, »ich weiss den Weg nicht
...«
    Er rannte bergab, das Leben war ihm eine Qual, und doch tastete er am
abspringenden Boden und stemmte den Speer ein, um nicht hinabzustürzen und den
herankletternden Spukgestalten in die Hände zu fallen.
    Der nächtliche Rutsch den Hohentwiel hinab war ein Kinderspiel gegen dieses
Klimmen; über schwindelnden Abgrund, der Gefahr unwissend, kam er zur Tiefe. Die
Ziegen stürzen dort in zerschmetterndem Fall zu Tale, wenn sie die Augen von
Gras und Berghang weg zur halsbrechenden Schlucht wenden.
    Jetzt stand er unten; da lag geheimnisvoll lockend der grüne Seealpsee, vom
Mondlicht umzittert. Von den verfaulten Stämmen am Ufer ging ein gespenstig
Scheinen. Es ward trüb vor Ekkehards Blick. »Nimm du mich auf!« rief er, »mein
Herz will Ruhe!«
    Er rannte hinein in die stille glatte Flut, - aber der Boden wich nicht
unter ihm, wohltätig kühlend drang ihm des Bergsees Frische durch Mark und Bein.
    Schon stund er bis an die Brust im Wasser, da hemmte er seinen Schritt. Wirr
schaute er auf, die weissen Wolken waren verschwunden, vom Mond in Duft zerlöst,
traurig prächtig funkelte Stern an Stern ihm zu Häupten.
    In kühn phantastischer Linie schwang die Möglisalp ihren bis zur höchsten
Höhe grasumwachsenen Gipfel mondaufwärts; ihr zur Linken ruhig und ernst das
durchfurchte Haupt des alten Mann, zur Rechten aus gedoppeltem Eisfeld sich
emportürmend die graue Pyramide des Säntis, Zacken und Felshörner ringsum wie
furchtbare Schrecken der Nacht. Da knieete Ekkehard auf den Steinboden des Sees,
dass ihm die Flut über dem Haupt zusammenschlug, dann tauchte er wieder auf und
stund unbeweglich, die Arme hoch erhoben wie ein Beter264.
    Der Mond ging über dem Säntis unter, bläulicher Schimmer leuchtete auf dem
alten Schnee der Gletscher, da zuckte ein stechender Schmerz durch Ekkehards
Gehirn, die Berge um ihn tanzten und schwankten, sausendes Getön strömte durch
die Wälder, aufschäumte der See, viel tausend werdende Frösche in schwarzer
Kaulquappengestalt wimmelten in den Wogen ... Aber in tauiger Schöne stieg die
Gestalt eines Weibes265 empor und entschwebte bis zum Gipfel der Möglisalp, dort
sass sie im samtweichen Grün und strich das Wasser aus dem langen triefenden Haar
und flocht sich einen Kranz aus Alpenblumen, in den Schluchten hob sich ein
Krachen, der Säntis reckte sich auf, der alte Mann zur Rechten nicht minder,
Gestalten himmelstürmenden Ursprungs tobten sie gegeneinand, der Säntis griff
seine Wände und schleuderte sie hinüber, und der alte Mann riss sich sein Haupt
ab und warf's auf die Säntispyramide - jetzt stund der Säntis zur Rechten und der
alte Mann floh vor ihm zur Linken, aber die Jungfrau des Sees sass in lächelnder
Ruhe auf ihrer Alpe und spottete der steinernen Zweikämpfer und rang ihr
felsgelbes Gelock, draus entströmte perlender Wasserfall und strömte stärker und
strömte wilder und wirbelte die Maid mit den feuchten Augen rauschend hinab in
den See - da schwichtigte sich das Toben der Berge, der Altmann griff sein
weggeworfenes Haupt und setzte es auf und wandelte schmerztraurig jodelnd zurück
zur Kluft, in die er gehörte, und der Säntis stund wieder am alten Platz und
seine Schneefelder leuchteten wie vordem.
    ... Als Ekkehard des andern Tages erwachte, lag er in seiner Höhle, von
fiebrigem Frost durchschüttelt - in den Knieen todmüde Zerbrochenheit.
    Die Sonne stand in der Mittagshöhe.
    Benedicta huschte draussen vorbei und sah ihn zitternd daliegen, den
Wolfspelz umgeschlagen. Die Kutte hing triefend und wasserschwer über einem
Felsstück.
    »Wenn Ihr wieder Forellen im Seealpsee fangen wollt, Bergbruder«, sprach
sie, »so lasst mich's wissen, dass ich Euch führe. Der Handbub, der Euch vor
Sonnenaufgang begegnete, hat gesagt, Ihr seid den Berg heraufgewankt wie ein
Nachtwandler.«
    Sie ging und läutete die Mittagglocke für ihn.
 
                          Dreiundzwanzigstes Kapitel.
                                Auf der Ebenalp.
Sechs Tage lang war Ekkehard krank gelegen. Die Sennen pflegten ihn, ein Trank
aus blauem Enzian gekocht, schwichtigte das Fieber. Die Alpenluft tat das ihre.
Eine starke Erschütterung war ihm notwendig gewesen, um an Körper und Geist das
gestörte Gleichgewicht herzustellen. Jetzt war's in Ordnung. Er hörte keine
Stimmen und sah keine Phantasmen mehr. Lindes Gefühl von Ruhe und aufsprossender
Gesundheit durchströmte ihn; es war jener Zustand sanfter Ankraft, der
schwermütigen genesenden Menschen so wohl ansteht. Sein Denken war ernst, aber
nimmer bitter.
    »Ich hab' von den Bergen was gelernt«, sprach er zu sich selber, »Toben
hilft nicht, wenn auch die zauberreichste Maid vor uns sitzt, der Mensch muss von
Stein werden, wie der Säntis, und kühlenden Eispanzer ums Herz legen, kaum der
Traum der Nacht soll wissen, wie es drinnen kocht und glüht, das ist besser.«
    Und mählich ward ihm die Trübsal der letzten Vergangenheit in mildem Duft
verklärt; er dachte an die Herzogin und alles, was auf dem hohen Twiel
geschehen, es tat ihm nimmer weh. Und das ist das Fürtreffliche gewaltiger
Natur, dass sie nicht nur sich selber als ein mächtig wirkend Bild vor den
Beschauenden stellt, sondern den Geist überhaupt ausweitend anregt und
fernliegende verschwundene Zeit im Gedächtnis wieder heraufbeschwört. Ekkehard
hatte lang' nimmer auf die Tage' seiner Jugend rückgeschaut, jetzt flüchtete
sich sein Denken am liebsten dortin, als wär' es ein Paradiesgarten, aus dem
ihn der Sturm des Lebens hinausgeweht. Er hatte etliche Jahre in der
Klosterschule zu Lorsch am Rheine verbracht; damals ahnte er nicht, was in der
Frauen dunkeln Augen für herzverzehrende Glut verborgen glimmt, die alten
Pergamente waren seine Welt.
    Aber eine Gestalt stand ihm schon damals fest ins Herz geschrieben, das war
der Bruder Konrad von Alzei. An ihn, den wenig Jahre älteren, hatte Ekkehard die
erste Neigung junger Freundschaft geheftet; ihr Lebensweg ging auseinand, es war
Gras gewachsen über die Tage von Lorsch, jetzt tauchten sie strahlend vor der
Betrachtung auf, gleich dem dunkeln Hügelland der Fläche, wenn die Morgensonne
ihre Strahlen drauf geworfen.
    Es ist mit des Menschen Geist wie mit der Rinde der alten Erde; auf den
Anschwemmungen der Kindheit türmen sich in stürmischer Hebung neue Schichten
auf, Fels und Grat und hohe Bergwand, die bis in den Himmel zu reichen wähnt,
und der Boden, drauf sie ruht, ist mit Trümmern überschüttet und vergessen, -
aber wie die starren Gipfel der Alpen oft sehnsüchtig zu Tale schauen und sich
heimwehbewältigt hinabstürzen in die Tiefe, der sie entstiegen, so fährt die
Erinnerung zurück in die Jugend und gräbt nach den Schätzen, die sie unbeachtet
beim tauben Gestein zurückliess.
    Jetzt flog Ekkehards Denken oftmals zu seinem treuen Gespan, er stund wieder
mit ihm, unter der rundbogigen säulengetragenen Vorhalle, er betete mit ihm an
den alten Königsgräbern und am Steinsarg des blinden Herzog Tassilo, er
wandelte mit ihm durch die schattigen Gänge des Klostergartens und lauschte
seinen Worten, - und was Konrad damals gesprochen, war hehr und gut, denn er
schaute mit dem Aug' eines Dichters in die Welt, und es war, als müssten Blumen
am Wege aufspriessen und die Vögel lustig begleitend drein schmettern, wenn sein
Mund sich auftat zu honigsüsser Rede.
    »Schau auf, Kind Gottes!« hatte Konrad einmal zum jungen Freund gesagt, da
sie von der Warte des Gartens hinabschauten ins Land, »dort, wo die weissen
Sanddünen aus dem Feld aufragen, ist ehemals Fluss gewesen und Strömung des
Neckar: so geht die Spur vergangener Menschengeschichten durch die Felder der
Nachkommen, und es ist schön, wenn sie des achtaben. Und hier am Rhein ist
heiliger Boden, es wäre Zeit, dass wir das sammeln, was drauf gewachsen, eh' uns
das leidige Trivium und Quadruvium den Sinn dafür abtötet.«
    Und an fröhlichen Vakanztagen war Konrad mit ihm in den Odenwald gewandert,
da rieselte im grünen Birkental versteckt eine Quelle, draus tranken sie, und
Konrad sprach: »Neige dein Haupt, hier ist der Totenhain und Hagens Buche und
Siegfrieds Bronn, hier ward dem besten aller Recken vom grimmen Hagen der Speer
in den Rücken gerannt, dass die Blumen allentalb von rotem Blut ertauten, dort
auf dem Sedelhof hat Chriemhildis um den Erschlagenen getrauert, bis des
Hunnenkönigs Boten kamen, um die junge Witib zu werben« - und er erzählte ihm
all' die alten Mären von der Königsburg zu Worms und vom Nibelungenschatz und
von Chriemhildis' Rache, und seine Augen sprühten: »Schlag' ein!« rief er dem
jungen Freunde zu, »wenn wir Männer sind und des Sanges geübt, wollen wir ein
Denkmal setzen den Geschichten am Rhein; es gärt und braust schon in mir wie ein
gewaltig Lied von Heldentapferkeit und Not und Rache und Tod, und die Kunst des
hörnen Siegfried, sich zu festen und zu feien, weiss ich, wenn's auch keine
Drachen mehr zu erschlagen und kein Blut mehr abzukochen gibt: wer mit heiligem
Sinn die Waldluft schlürft und die Stirn mit dem Morgentaue netzt, dem geht das
gleiche Verständnis auf, er hört, was die Vögel von den Zweigen singen und was
der Sturmwind von alten Mären kündet, und wird stark und so fest, und wenn er
das Herz am rechten Fleck hat, schreibt er's nieder zu Nutz und Frommen der
anderen.«
    Ekkehard aber hatte schier furchtsam den fröhlich Übermütigen angeschaut und
gesagt: »Mir wird schier schwindlig, wenn ich dir zuhöre, wie du ein anderer
Homerus zu werden gedenkst.« Und Konrad sprach lächelnd: »Eine Ilias soll keiner
singen nach Homerus, aber das Lied der Nibelungen ist noch nicht gesungen und
mein Arm ist grün und mein Mut ist stark, und wer weiss, was die Folge der Zeiten
bringt!«
    Und ein andermal gingen sie am Gestade des Rheines und die Sonne spiegelte
sich über den Bergen des Wasgauwaldes herunter in den Wellen, da sprach Konrad:
»Für dich wüsst' ich auch einen Sang, der ist einfach und nicht allzu herb und
passt zu deinem Gemüt, denn du horchst lieber dem Schalle des Jagdhorns als dem
Rollen des Donners. Schau auf! so wie heute hat einst die Zinne von Worms
herübergeglänzt, da der Held Waltari von Aquitanien aus der
Hunnengefangenschaft fliehend ins Frankenland ritt; hier hat ihn der Ferg'
übergefahren samt seiner Liebsten und seinem Goldschatz, nach dem Walde ist er
geritten, der dort blaudunkel ragt, das gab am Wasichenstein ein hartes Fechten
und Funkensprühen von Helm und Schilden, da ihm die Wormser nachrückten, aber
die Lieb' und ein gut Gewissen hat den Waltari stark gemacht, dass er sie alle
bestand, den König Gunter und Hagen selbst, den Grimmen.«
    Und er hatte ihm die Sage weitläufig erzählt; »um grosse Riesenbäume treibt
allerhand wilder Schoss«, sprach er, »so ist auch um die Nibelungensage ringsum
viel ander Buschwerk aufgespriesst, aus dem sich etwas zuschneiden lässt, wenn
einer Freude dran hat; sing' du den Waltari!«
    Aber Ekkehard liess damals Kiesel über die Rheinflut tanzen und verstand
seinen Freund nur halb; er war ein frommer Schüler und sein Sinn aufs nächste
gerichtet. Die Zeit trennte die beiden, und Konrad musste die Klosterschule
fliehen, weil er einst gesagt, des Aristoteles Logika sei eitel leeres Stroh,
und war in die weite Welt gegangen, niemand wusste wohin, und Ekkehard kam nach
Sankt Gallen und hatte fort und fort studiert und war ein verständiger junger
Mann geworden, den sie zum Professor tauglich fanden, und dachte an den Alzeier
Konrad oft schier mit einem vornehmen Mitleid.
    Aber ein triebkräftig Samenkorn kann in des Menschen Herz lange verborgen
ruhen und geht zuletzt doch auf, wie der Weizen aus den Mumiensärgen
Ägyptenlands.
    Dass Ekkehard jetzo freudig jener Erinnerungen pflegte, war ein Zeichen, dass
er seiter auch ein anderer geworden.
    Und es war gut so. Die Launen der Herzogin und Praxedis' unbefangene Grazie
hatten sein blödes, schwerfällig gründliches Wesen geläutert, die grosse Zeit,
die er durchlebt, das Sausen der Hunnenschlacht hatten Schwung in seine
Gesinnung getragen und ihn das Getrieb kleinen Ehrgeizes verachten gelehrt,
jetzt trug er einen grossen Schmerz in sich, der ausgetobt sein musste - so war
der Klostergelehrte trotz Kutte und Tonsur in der glücklichen Umwandlung zum
Dichter begriffen und schritt einher gleich der Schlange, die sich aus der alten
Umhäutung losgerungen und nur der Gelegenheit wartet, ihre ganze Hülle wie einen
abgetragenen Rock an der Hecke abzustreifen.
    Täglich und stündlich, wenn er die allezeit schönen Gipfel seiner Berge
anschaute und die reine Luft mit vollen Zügen einsog, kam es ihm mehr als ein
Rätsel vor, dass er seines Lebens Glück erst im Erklären und Deuten vergilbter
Schriften gesucht und hernachmals an einer stolzen Frau schier den Verstand
eingebüsst; »lass stürzen, Herz«, sprach er, »was nicht mehr stehen mag, und bau'
dir eine neue Welt, bau' sie dir tief innen, luftig, stolz und weit, strömen und
verrinnen lass die alte Zeit!«
    Er ging wieder vergnügt in seiner Klause umher, eines Abends hatte er die
Vesperzeit geläutet, da kam der Senn von der Ebenalp; er trug etwas sorgsam in
einem Tuch. »Gott grüss, Bergbruder!« sprach er, »es hat Euch ordentlich
geschüttelt, hab' heut was für Euch aufgelesen zur Nachkur, aber Eure Backen
sind rot und Eure Augen fröhlich, da ist's nimmer nötig.« Er öffnete sein Tuch,
es war ein wimmelnder Ameisenhaufen, alt und jung, samt trockenen Fichtennadeln;
er schüttelte das fleissige Völklein die Felswand hinunter.
    »Ihr hättet sonst heute nacht drauf schlafen müssen«, sprach er lachend,
»das beizt die letzte Spur von Fieber hinweg.«
    »Es ist vorbei«, sprach Ekkehard, »ich dank' Euch für die Medizin.«
    »Aber macht Euch warm ein«, sagte der Senn, »es streicht eine schwarze Wolke
über den Brülltobel her und die Kröten schleichen aus den Steinritzen vor, das
Wetter will umschlagen.«
    Am andern Morgen glänzten alle Gipfel in frischem blendendem Weiss. Es war
ein starker Schnee gefallen. Aber für Winters Anfang war's noch viel zu früh.
Die Sonne stieg lustig drüber auf und peinigte den Schnee mit ihren Strahlen,
dass es ihn schier gereute, gefallen zu sein. Wie Ekkehard abends beim
Kienspanlicht sass, schlug ein Krachen und Dröhnen an sein Ohr, als wollten die
Berge einstürzen. Er fuhr zusammen und legte die Hand an die Stirn, ob das
Fieber nicht wiederkomme.
    Aber es war kein Spuk kranker Einbildung.
    Dumpfer Widerhall wälzte sich genüber durch die Schluchten der Sigelsalp und
Maarwiese, dann klang's wie ein Zusammenbrechen mächtiger Baumstämme und
schütternder Fall - und verklang. Aber ein leis klagendes Brummen tönte die
ganze Nacht durch vom Tal herauf.
    Ekkehard schlief nicht. Seit er am Seealpsee herumgeirrt, traute er sich
nimmer. In aller Frühe ging er zur Ebenalp hinauf. Benedicta stand vor der
Sennhütte und warf ihm einen Schneeball in die Kutte. Der Senn lachte, als er
ihn ob des nächtlichen Lärms befragte.
    »Die Musik werdet Ihr noch oft hören«, sprach er, »es ist eine Lawine zu Tal
gestürzt.«
    »Und das Brummen?«
    »Wird Euer eigen Schnarchen gewesen sein.«
    »Ich hab' nicht geschlafen«, sagte Ekkehard. Da gingen sie mit ihm hinunter
und horchten. Es war ein fernes Stöhnen im Schnee.
    »Sonderbar«, sprach der Senn, »es ist was Lebendiges verschüttet.«
    »Wenn der Pater Lucius von Quaradaves noch lebte« - sagte Benedicta, »der
hat so eine sanfte Bärenstimme gehabt.«
    »Schweig, du wilde Hummel!« drohte ihr Vater. Sie holten Schaufel und
Bergstock, der Alte nahm sein Handbeil mit, so stiegen sie mit Ekkehard den
Spuren der Lawine nach. Die war von der Felswand zum Äscher herabgefahren über
Grund und Steingerölle und hatte die niedrigen Fichtenstämme geknickt wie
Strohhalme; drei mächtige Blöcke, die gleich Schildwachen ins Tal hinabschauten,
hemmten den Sturz, dort hatte sich der wandernde Schnee zürnend aufgebäumt,
weniges war auch über diese Schranke weggesaust, der Kern, zerbröckelt von der
Wucht des Anpralls, lag in trümmerhafter Masse getürmt. Der Senn legte sein Ohr
an die Schneedecke, dann trat er etliche Schritte hinein, stiess den Bergstock
ein und rief: »Hier graben wir!«
    Und sie gruben eine gute Weile und gruben einen Schacht, also, dass sie tief
drinnen standen und über ihren Häuptern die Schneemauer sich erhob, und bliesen
oftmals in die Hände bei der kalten Arbeit. Da jodelte der Senn hell auf und
Ekkehard tat einen Schrei - ein schwarzer Fleck kam zum Vorschein, der Senn
sprang zum Beil, noch etliche Schaufelstösse, da hob sich's in zottiger
Schwerfälligkeit und richtete sich brummend auf und reckte seine Vordertatzen
weit empor gen Himmel, wie einer, der sich schweren Schlaf aus den Gliedern
bannen will, und stieg langsam zu dem Fels und setzte sich drauf.
    Es war eine mächtige Bärin, die auf nächtlichem Gang zu den Forellen des
Seealpsees samt ihrem Ehgemahl dort überschüttet worden. Aber der Bär rührte
sich nimmer, der war an ihrer Seite erstickt und lag in kühlem Todesschlaf,
einen trotzigen Zug um die Schnauze, als wär' er mit einem Fluch auf allzu
frühen Schneefall vom süssen Dasein geschieden.
    Der Senn wollte mit seinem Beil wider die Bärin ausziehen, aber Ekkehard
hielt ihn zurück und sprach: »Lasset ihr das Leben, wir haben genug an dem da!«
und sie zogen ihn herfür und mochten ihn kaum selbander von der Stelle bringen.
Die Bärin sass auf ihrem Stein und schaute betrübt herunter und brummte und warf
einen feuchten Blick auf Ekkehard, als habe sie ihn verstanden. Dann stieg sie
hernieder, aber nicht wie zum Angriff; die Männer banden Fichtengezweig zu einer
Schlinge zusammen, die Beute fortzuschleifen, sie traten zurück, Beil und Speer
geschwungen, die Bärenwitib aber beugte sich über den toten Ehegespons und biss
ihm das rechte Ohr ab und frass es auf zu ewigem Angedenken an glückliches
Ehemals, dann wandte sie sich gegen Ekkehard, auf den Hinterfüssen
einherwandelnd. Er erschrak, als drohte ihm eine Umarmung, da schlug er ein
Kreuz und sprach den Bärensegen des heiligen Gallus wider sie: »Zeuch aus und
weiche von unserem Tal, du Ungetüm des Waldes, Berg und Alpenschlucht seien dein
Revier, uns aber lass in Ruh' und die Herden der Alm266.« Und die Bärin war still
gestanden, im Aug' einen bitter wehmütigen Blick, als wäre sie gekränkt ob der
Verschmähung ihres Gefühls, sie liess die Tatzen zur Erde sinken, drehte dem
Bannenden den Rücken und schritt auf allen vieren von dannen. Noch zweimal hatte
sie umgeschaut, ehe sie aus dem Blick der Bergbewohner verschwand.
    »So ein Tier hat zwölf Männer Verstand und sieht dem Menschen, an den Augen
an, was er will«, sprach der Senn, sonst würd' ich sagen: »Ihr seid ein heiliger
Mann, dass Euch die Völkerschaften der Wildnis gehorchen.«
    Er wiegte die Tatzen des Toten prüfend im Arm:
    »Juhuhu, das wird ein Festschmaus. Die verzehren wir am nächsten Sonntag,
Bergbruder, und ein Salätlein von Alpenkräutern dazu. Das Fleisch gibt
Wintervorrat für uns zweibeide, ums Fell losen wir.«
    Wie sie das Opfer der Lawine zum Wildkirchlein emporschleiften, sang
Benedicta:
»Und wer Schneeglöcklein graben will
Und hat das Glück dabei,
Der gräbt wohl einen Bären aus
Und gräbt auch ihrer zwei.«
    Der Schnee war ein luftiger Flutterschnee267 gewesen und war in Bälde wieder
zerschmolzen, Spätsommer zog noch einmal mit herzwärmender Kraft in den Bergen
ein, ein stiller Sonntagfriede lag über dem Hochland.
    Ekkehard hatte des Mittags mit dem Senn und seiner Tochter die Bärentatzen
verzehrt, eine lecker kräftige Speise, rauh, aber stark, wie die Altvorderen
selber; dann war er hinaufgestiegen auf den Gipfel der Ebenalp und hatte sich
ins duftende Gras geworfen und schaute behaglich in die Himmelsbläue, von
wohligem Hauch der Gesundheit erquickt. Um ihn weideten Benedictas Ziegen;
schier war's zu hören, wie das Alpengras zwischen den Zähnen der Kauenden sich
bog und zerbrach. Unstetes Gewölk zog an den Bergwänden herum, - auf weisser
Kalksteinplatte, dem Säntis zugewendet, sass Benedicta; sie blies auf der
Schwegelpfeife. Einfach, melodisch wie ein Klang aus ferner Jugendzeit tönte die
Weise, mit zwei hölzernen Milchlöffeln in der Linken schlug sie den Takt dazu.
Sie war Meisterin in dieser Kunst, und ihr Vater pflegte oftmals mit Bedauern zu
sagen: »Es ist schade, sie verdiente Benedictus zu heissen, - sie hätt' wahrlich
einen tollen Handbuben gegeben.«
    Wenn die Tonweise rhytmisch zu Ende ging, tat sie einen scharfen Jodelruf
zur benachbarten Alp, dann schallte von dort sanftkräftiges Blasen des Alphorns
herüber, ihr Liebster, der Senn auf der Klus, stand unter dem zwergigen
Fichtenbaum und blies den Kuhreigen268 - jenen seltsamen Naturlaut, der, keiner
Melodei vergleichbar, erst dumpfes Geräusch scheint, als sässe eine Hummel oder
ein Käfer im Horn eingesperrt und suche summend den Ausweg, der aber mählich und
mählich das grosse Lied von Sehnsucht, Liebe und Heimweh in alle Gänge des
Menschenherzens hinein drommetet, dass es aufjubelt oder zerbricht.
    »Ich glaube, Euch ist wieder ganz wohl, Bergbruder«, rief Benedicta zu
Ekkehard herauf, »dass Ihr Euch so vergnügt auf den Rücken strecket. Gefällt's
Euch?«
    »Ja«, sprach Ekkehard, »pfeif weiter.«
    Er konnte sich nicht satt schauen an all' der Pracht. Zur Linken stund in
schweigender Grösse der Säntis mit seiner Sippe, - er kannte schon all' die
einzelnen Häupter bei ihren Namen und hiess sie seine lieben Nachbarn; vor ihm
breitete sich ein Gewimmel niedrigerer Berge und Hügel aus, grünes üppiges
Mattenland und dunkle Wälder, ein Stück Rheintal glänzte herauf, von den Höhen
des Arlbergs und fernen Rätischen Alpen umsäumt, - ein dunstiger Streif Nebel
deutete das Becken des Bodensees an, das er umhüllte - alles war weit und gross
und schön.
    Wer das Geheimnis erlauscht hat, das auf luftiger Berghöhe waltet und des
Menschen Herz weitet und dehnt und himmelan hebt in freiem Schwung der Gedanken,
den fasst ein lächelnd Mitleid, wenn er derer gedenkt, die drunten in der Tiefe
Ziegel und Sand zum Bau neuer babylonischer Türme beischleppen, und er stimmt
ein in jenes rechtschaffene Jauchzen, von dem die Hirten sagen, dass es vor Gott
gelte wie ein Vaterunser.
    Die Sonne stund über dem Kronberg und neigte sich zum Untergang und sprühte
ein glühgolden Feuer an den Himmel und schoss lustig ihre Strahlen in den Nebel
über dem Bodensee. Itzt riss die weisse Umhüllung, in leiser, ahnungsvoller Bläue
lag der Untersee vor Ekkehards Blick; sein Auge schärfte sich im Glanz des
Abends, er sah einen verschwindenden dunkeln Punkt, das war die Reichenau, er
sah einen Berg, kaum hob er sich am Himmelsgrund, aber er kannte ihn - es war
der hohe Twiel.
    Und der Kuhreigen tönte ins Herdengeläut und wärmer und wärmer färbte sich
alles auf der Alp, goldbraungrün leuchteten die Matten, leiser Abglanz der Röte
warf sich auf die grauen Kalksteinwände des Kamor, da hub sich auch in Ekkehards
Seele ein Leuchten und Glänzen, - die Gedanken flogen hinüber ins ferne Hegau
und weiter, es war ihm, als sässe er wieder bei Frau Hadwig auf dem Hohenstoffeln
wie damals, als sie des Hunnen Cappan Hochzeit feierten, als käme Audifax mit
Hadumot aus der Hunnennot heimgeritten, als säh' er das Glück in Gestalt jener
zwei verkörpert, und aus dem Schutt vergangener Zeit tauchte auf, was der
sinnige Konrad von Alzei ihm dereinst von Waltari und Hiltgunde erzählt, mit
Sang und Klang zog der Geist der Dichtung bei ihm ein, er sprang auf und tat
einen Satz in die Luft, dass der Säntis seine Freude an ihm haben mochte: »Im
Bild der Dichtung soll das arme Herz sich dessen freuen, was ihm das Leben
nimmer bieten kann, an Reckenkampf und Minnelohn, - ich will das Lied vom
Waltari von Aquitanien singen!« rief er der scheidenden Sonne zu, und es war
ihm, als stünde drüben in der Gemsenlucke zwischen Sigelsalp und Maarwies
glanzumwallt der Freund seiner Jugend, der Meister Konrad, und winke ihm mild
lächelnd herüber und spreche: »Tu's!«
    Und Ekkehard ging fröhlich ans Werk. »Was bei uns geschieht, muss recht
geschehen oder gar nicht, sonst lachen uns die Berge aus« - so hatte der Senn
eines Tages zu ihm gesprochen, und er hatte beifällig dazu genickt. Der Handbub
ward ins Tal geschickt, Eier und Honig zu holen, da bat ihn Ekkehard für einen
Tag bei seinem Meister frei und gab ihm einen Brief nach Sankt Gallen an seinen
Neffen. Er schrieb ihn in damals üblicher dort wohlbekannter Stabrunenschrift269
, damit ihn kein Unberufener lese. Darin aber stand:
    »Dem Klosterschüler Burkard Heil und Segen.
    Der du ein Augenzeuge von deines Oheims Leid gewesen, wisse zu schweigen.
Und wo er weilet, frage nicht - Gottes Hand reicht weit. Du hast im Procopius270
gelesen vom Vandalenkönig Gelimer; da er im numidischen Gebirg' eingeschlossen
sass und sein Elend gross war, heischte er von den Belagerern eine Harfe, seinen
Schmerz zu versingen. Gedenke dabei deines Ohms und wolle dem Überbringer eine
eurer kleinen Harfen mitgeben und etliche Bogen reinen Pergamentes samt Farbe
und Rohrfeder, denn mein Herz ist wohlgemutet zu singen in der Einsamkeit.
Verbrenne das Blatt. Die Gnade Gottes sei mit dir! Leb' wohl!«
    »Musst schlau und fürsichtig sein, als wenn du eines Adlers Nest beschleichen
wolltest, um die Jungen auszuheben«, sprach Ekkehard zum Handbuben. »Erkunde den
Klosterschüler, der mit dem Wächter Romeias war, da die Hunnen kamen, dem
entbiete den Brief. Sonst soll niemand drum wissen.«
    Der Handbub legte den Zeigefinger auf die Lippen: »Bei uns wird nichts
verplaudert!« sprach er, »Bergluft macht still.«
    Nach zwei Tagen kam er wieder bergan gestiegen. Er packte den Inhalt seines
Tragkorbes vor Ekkehards Höhle aus. Eine kleine Harfe war unter grünen
Eichzweigen verborgen, dreieckig, der Gestalt des griechischen Delta
nachgebildet, mit zehn Saiten besaitet, Farbe und Schreibgerät dabei und viel
Blätter saubern weichen Pergamentes, sorgsam waren die Linien drein punktiert,
dass die Buchstaben gerade und eben drauf zu stehen kämen.
    Aber der Handbub sah finster und trotzig drein.
    »Hast's brav gemacht«, sagte Ekkehard.
    »Ein zweites Mal lass' ich mich nicht mehr dort hinunterschicken«, murrte
der Bub und ballte die junge Faust.
    »Warum?«
    »Weil dort keine Luft geht für unsereins. Im Stüblein der Wandersleut' hab'
ich mir den Schüler erkundet und hab' den Auftrag bestellt. Hernach aber wollt'
ich erschauen, was das für eine heilige junge Zunft sei, die dort in Kutten zur
Schule geht, und bin in den Klostergarten gegangen, dort haben die jungen Herren
mit Würfeln gespielt und Wein getrunken, es war ein Ergötzungstag271. Da hab'
ich zugesehen, und wie sie Steine nach dem Ziel warfen und das Stockspiel
trieben, hab' ich laut auflachen müssen, weil alles schwach und spottmässig war.
Und sie wollten wissen, warum ich lache, da hab' ich einen Stein gegriffen und
hab' ihn zwanzig Schritt weiter geworfen als der beste von ihnen, und hab'
gesagt: Was seid ihr für Wachholderdrosseln, wollt ein rechtschaffen Spiel
spielen und habt lange Kutten an, euch kann ich ja nicht einmal zum Hosenlupf
ausfordern oder zu einem gehörigen Schwingen: euer Sach' ist nichts! Da sind sie
mit Stöcken auf mich los, aber den nächsten hab' ich gegriffen und durch die
Lüfte geworfen, dass er ins Gras flog wie ein flügellahmer Bergrabe; und sie
erhoben ein gross Geschrei und sagten, ich sei ein grober Bergbub, ihre Stärke
sei Wissenschaft und Geist. Da hab' ich wissen wollen, was der Geist sei, und
sie sprachen: Trink' Wein, dann schreiben wir dir's auf den Rücken! Und der
Klosterwein war gut, ein paar Krüge hab' ich ihnen weggetrunken, dann haben sie
mir etwas auf den Rücken geschrieben, ich weiss nimmer, wie's zuging, aber andern
Morgens hab' ich nur einen schweren Kopf gehabt und weiss von ihrem Geist im
Kloster so wenig denn vorher.«
    Der Handbub streifte sein rauhes Flachshemd zurück und wies Ekkehard seinen
Rücken. Der trug in grossem Lapidarstil mit schwarzer Wagensalbe aufgetragen die
Inschrift:
»Abatiscellani, homines pagani,
vani et insani, turgidi villaniA1.«
    Es war ein Klosterwitz. Ekkehard musste lachen. »Lass dich's nicht
verdriessen«, sprach er, »und denke, dass du selber schuld bist, weil du zu tief
in den Weinkrug geschaut.«
    Der Handbub war nicht beruhigt. »Meine schwarzen Ziegen sind mir lieber als
all' die Herrlein«, sprach er und knüpfte sein Hemd wieder zu. »Aber wenn mir so
ein Hasenfuss, so ein Lappi auf die Ebenalp kommt, dem schreib' ich mit
ungebrannter Asche ein Wahrzeichen auf die Haut, dass er zeitlebens dran denken
soll, und wenn's ihm nicht recht ist, kann er den Bergtobel hinabsausen wie ein
Schneesturz im Frühling.«
    Brummend ging der Bub von dannen.
    Ekkehard aber nahm die Harfe und setzte sich unter das Kreuz vor die Höhle
und griff eine fröhliche Tagweise; er hatte lange nimmer die Saiten gerührt, es
tat ihm wundersam wohl, der mächtigen Einsamkeit gegenüber in leisen Tönen
auszusprechen, was ihm im Herzen lebte, und die Musika war ein guter Verbündeter
dem Werke der Dichtung; das Waltarilied, das erst wie ferner Nebel ihm
vorgeschwebt, verdichtete sich und nahm Gestaltung an und zog in
lebendurchatmeten Bildern an ihm vorüber; er schloss die Augen, um besser zu
sehen, da sah er die Hunnen anreiten, ein reisig fröhlich Reitervolk und minder
abscheulich als die, gegen die er selber vor wenig Monaten in der Feldschlacht
gestanden, und sie nahmen die Königskinder in Franken und Aquitanien als Geiseln
mit und jung Hiltgund, die Wonne von Burgund - und wie er stärker die Saiten
anschlug, da erschaute er auch den König Etzel, der war ein leidlich
Menschenbild, zu Glimpf und Becherfreuden wohl aufgelegt -, und die Königskinder
wuchsen an der Hunnen Hofburg auf, und wie sie gross geworden, kam ein stilles
Heimatsehnen über sie, und sie gedachten, dass sie von alters einand verlobt -
jetzt hub sich ein Klingen und Drommeten, die Hunnen sassen beim Bankett und
König Etzel trank den grossen Humpen und alle folgten seinem Vorbild, Schlummer
trunkener Männer tönte durch die Hallen - jetzt sah er, wie im Mondschein der
junge Aquitaner Held das Streitross waffnete, und Hildegunde kam und brachte den
hunnischen Goldschatz, er hub sie in den Sattel - hei! wie prächtig entritten
sie der Gefangenschaft ...
    Und fern und ferner wogte es noch wie Fährlichkeit und Flucht und Fahrt über
den Rhein und schwerer Kampf mit dem habsüchtigen König Gunter: In grossen
markigen Zügen stund die Geschichte vor ihm, die er in schlichtem Heldengesang
zu verherrlichen gedachte. Noch in derselbigen Nacht blieb Ekkehard beim
Kienspanlicht sitzen und begann sein Werk, und eine Freude kam über ihn, wie die
Gestalten unter seiner Hand Leben annahmen, eine ehrliche grosse Freude, denn in
fröhlicher Arbeit der Dichtung erhebt sich der Mensch zur Tat des Schöpfers, der
eine Welt aus dem Nichts hervorgerufen.
    Der nächste Tag fand ihn vergnüglich über den ersten Abenteuern, er konnte
sich selber nicht Rechenschaft geben, nach welchem Gesetz er die Fäden seines
Gedichtes ineinanderwob, - es ist auch nicht nötig, von allem das Warum und Weil
zu wissen: der Wind wehet, wo er will, und du hörest sein Getöse, aber du weisst
nicht, woher er kommt und wohin er geht; so verhält es sich auch mit jedem, der
im Geiste geboren ist - sagt das Evangelium Johannis272.
    Und wenn es zwischen ein wieder dunkelte vor den Augen des Geistes und
Zagheit ihn beschlich - denn er war ängstlich von Natur und vermeinte noch
manchmal, es sei kaum möglich, etwas zustand zu bringen ohne Hilfe von Büchern
und gelahrtem Vorbild -, dann wandelte er auf dem schmalen Fusssteig draussen auf
und nieder und liess den Blick auf den Riesenwänden seiner Berge haften, die
gaben ihm Trost und Mass und er gedachte: »Bei allem, was ich sing' und dichte,
will ich mich fragen, ob's dem Säntis und Kamor drüben recht ist.« Und damit war
er auf der rechten Spur: wer von der alten Mutter Natur seine Offenbarung
schöpft, dessen Dichtung ist wahr und echt, wenn auch die Leinweber und
Steinklopfer und hochverständigen Strohspalter in den Tiefen drunten sie
zehntausendmal für Hirngespinst verschreien.
    Etliche Tage vergingen in emsigem Schaffen. In lateinischen Vers des
Virgilius goss er die Gestalten der Sage, die Pfade deutscher Muttersprache
deuchten ihm noch zu rauh und zu wenig geebnet für den gleichmässig schreitenden
Gang des Heldenliedes. Mehr und mehr bevölkerte sich seine Einsamkeit; er
gedachte in ununterbrochenem Anlauf Tag und Nacht fort zu arbeiten, aber der
leibliche Mensch hat auch sein Recht. Darum sprach er: »Wer arbeitet, soll sein
Tagwerk richten nach der Sonne.« Und wenn die Schatten des Abends auf die
nachbarlichen Höhen fielen, brach er ab, griff seine Harfe und klomm durch die
Höhlenwildnis zur Ebenalp hinauf. Der Platz, wo der erste Gedanke des Sangs in
ihm aufgestiegen, war ihm vor allen teuer.
    Benedicta freute sich, wie er zuerst mit der Harfe kam. »Ich versteh' Euch,
Bergbruder«, sagte sie, »weil Ihr keine Liebste haben dürfet, habt Ihr Euch die
Harfe eingetan und sprechet zu der, was Euch das Herz schwellt. Aber umsonst
sollt Ihr kein Spielmann geworden sein.«
    Sie pfiff durch die Finger und tat einen schönen Lockruf zu der niedern
Hütte auf der Klus hinüber, da kam ihr Liebster, der Senn, das Alphorn
umgehangen, ein frisches junges Blut, im rechten Ohr trug er den schweren
silbernen Ring, des Sennen Ehrenzeichen, die Schlange, die an silbernem Kettlein
den schwanken Milchlöffel hält, und um die Lenden glänzte der breite Gürtel,
drauf in getriebenem Metall ein kuhähnlich Ungetüm zu schauen war273; scheu
neugierig stund er vor Ekkehard, aber Benedicta sprach: »Jetzt spielet uns einen
Tanz auf, Bergbruder; wir haben uns schon lang' geärgert, dass wir's nicht selber
können, aber wenn er das Alphorn bläst, kann er mich nicht zugleich fassen und
lustig umschwingen, und wenn ich die Schwegelpfeife tönen lasse, hab' ich auch
keinen Arm frei.«
    Und Ekkehard erquickte sich an der gesunden Fröhlichkeit der Kinder vom Berg
und griff wacker in die Saiten, und sie tanzten im weichen Gras der Matten, bis
der Mond in gelber Schöne sich über die Maarwiese hob, den grüssten sie mit
Jauchzen und Zauren274 und tanzten weiter in vergnüglichem Wechselgesang:
»Und das Eis kam gewachsen
Bis zur Alpe daher,
Wie schad' um das Mägdlein,
Wenn's eingefroren wär'!«
summte Benedictas Tänzer in den leichtinschwebenden Reigen;
»Und der Föhn hat geblasen,
Kein Hüttlein mehr steht -
Wie schad' um den Buben,
Wenn's auch ihn hätt' verweht!«
sang sie antwortend in gleicher Tonart. Und wie sie müde vor dem angehenden
Dichter ausruhten, sprach Benedicta: »Ihr sollt auch Euern Lohn überkommen,
herzlieber Harfeniste. Es geht ein alt Gerede auf unsern Bergen, dass alle
hundert Jahr' auf kahlem Hang eine wundersame blaue Blume blühe, und wer die
Blume hat, dem steht plötzlich Ein- und Ausgang des Berges offen, drinnen glänzt
es mit hellem Schein und die Schätze der Tiefe heben sich zu ihm herauf, davon
mag er greifen, so viel sein Herz begehrt, und seinen Hut bis zum Rande füllen.
Wenn ich die Blume finde, bring' ich sie Euch, dann werdet Ihr ein steinreicher
Mann, ich kann sie doch nicht brauchen« - sie schlang ihren Arm um den jungen
Senn - »ich hab' den Schatz schon gefunden.«
    Aber Ekkehard sprach: »Ich kann sie auch nicht brauchen!«
    Er hatte recht. Wem die Kunst zu eigen ward, der hat die echte blaue Blume:
wo für andere Stein und Fels sich auftürmt, tut sich ihm das weite Reich des
Schönen auf, dort liegen Schätze, die kein Rost verzehrt, und er ist reicher als
die Wechsler und Mäkler und Goldgewaltigen der Welt, wenn auch in seiner Tasche
oftmals der Pfennig mit dem Heller betrüblich Hochzeit feiert.
    »Ja, was fangen wir dann mit der Wunderblume an?« sprach Benedicta.
    »Gib sie den Ziegen zu fressen oder dem grossen Stierkalb«, lachte der Senn,
»denen ist auch was zu gönnen.«
    Und wiederum hoben sie die Füsse zum Tanz und schwangen sich im Mondschein,
bis Benedictas Vater heraufgestiegen kam. Der hatte nach vollbrachtem Tagewerk
den seiter von der Sonne gebleichten Schädel des Bären über die niedere Tür
seiner Sennhütte genagelt275 und ihm mit einem Tropfstein den Rachen
aufgesperrt, dass Ziegen und Kühe scheu vor der neuen Wandverzierung davonliefen.
    »Ihr gumpet und ruguset276 ja, dass der Säntis zu wanken und schüttern
anhebt«, rief der alte Alpmeister schon von weitem, »was ist das für ein
Gelärme?« Gutmütig scheltend trieb er sie in die Hütte.
    Das Waltarilied schritt rasch vorwärts. Wenn das Herz erfüllt ist von Sang
und Klang, hat die Hand sich zu sputen, dem Flug der Gedanken nachzukommen.
    Eines Mittags wollte Ekkehard seinen schmalen Felssteig entlang wandeln: da
kam ihm ein sonderbarer Gast entgegen. Es war die Bärin, die er aus dem Schnee
gegraben, langsam stieg sie den Pfad herauf, sie trug etwas in der Schnauze. Er
sprang zur Höhle zurück und griff seinen Speer, aber die Bärin kam nicht als
Feind, achtungsvoll machte sie Halt am Höhleneingang und legte auf die
vorspringende Felskante ein fettes Murmeltier, das sie beim Spielen im sonnigen
Gras erschnappt. War's ein Geschenk für die Lebensrettung, war's Ausdruck
anderweiter Anwandlungen, wer weiss es? Ekkehard hatte freilich mitgeholfen, die
sterblichen Reste des Ehgemahls der Verwitibten zu verzehren; - ob dadurch ein
Stück Neigung auf ihn übergelenkt werden konnte? - wir kennen die Gesetze der
Wahlverwandtschaft zu wenig. Die Bärin setzte sich schüchtern vor der Höhle
nieder und schaute unbeweglich hinein! Da ward Ekkehard gerührt, er schob ihr,
immer den Speer in der Faust, ein hölzern Schüsselein mit Honig in die Nähe,
aber sie schüttelte gekränkt das Haupt, der Blick aus ihren kleinen Augen, denen
das Augenlid fehlte, war traurig erheiternd, so dass Ekkehard seine Harfe von der
Wand holte und anfing, den Reigen zu spielen, den sich Benedicta von ihm
erbeten. Das labte der Verlassenen Gemüt, sie erhob sich und ging aufrecht in
rhytmischer Grazie bald vorwärts, bald zurück, und Ekkehard spielte schneller
und stürmischer, aber da blickte sie verschämt zur Erde; zu tanzen gestattete
ihr dreissigjähriges Bärengewissen nimmer, sie streckte sich wieder wie zuvor vor
der Höhle, als wollte sie das Lob verdienen, das der Verfasser des Hymnus zu
Ehren des heiligen Gall einst den Bären gezollt, da er sie Tiere von
bewundernswerter Bescheidenheit nannte277.
    »Wir passen zueinand«, rief Ekkehard, »du hast dein Liebstes im Schnee
verloren, ich im Sturm, - ich will dir noch eines harfen.« Er spielte eine
wehmütige Weise, des war sie wohl zufrieden und brummte beifällig; er aber,
immer seiner Dichtung gedenkend, sprach: »Ich hab' mich heut eine lange Zeit auf
den Namen besonnen für die Hunnenkönigin, in deren Obhut jung Hiltgund zu stehen
kam, jetzt weiss ich ihn: sie soll Ospirin heissen, die göttliche Bärin278!
Verstehst du mich?«
    Die Bärin sah ihn an, als wäre sie einverstanden, da griff Ekkehard seine
Pergamentblätter und fügte den Namen ein. Das Bedürfnis, einer lebenden Seele
die Schöpfung seines Geistes mitzuteilen, war schon lange rege in ihm: hier in
der ungeheuern Bergwelt, dachte er, mag auch eine Bärin die Stelle einnehmen, zu
der sonst ein gelehrtes Haupt erforderlich wäre, und er trat an sein Blockhaus,
und auf den Speer gestemmt, las er der Bärin die Anfänge des Waltarilieds, und
las mit lauter Stimme und begeistert, und sie lauschte mit löblicher Ausdauer.
    Da las er denn weiter und weiter, wie die Wormser Recken den Waltari
verfolgend im Wasgauwald nachritten und an seiner Felsburg mit ihm stritten -
noch horchte sie geduldig, aber wie des Einzelkampfes gar kein Ende ward, wie
Ekkefrid von Sachsen erschlagen ins Gras sank zu seiner Vorgänger Leichen, und
Hadwart und Patafrid, des Hagen Schwestersohn, das Los der Genossen teilten, da
erhub sich die Bärin langsam, als wäre selbst ihr des Mordens zuviel für ein
lieblich Gedicht, und schritt würdigen Ganges talab.
    Auf der Sigelsalp drüben in einsamer Felsritze stund ihre Behausung; dortin
entkletterte sie, sich zum Winterschlaf vorzubereiten.
    Das Heldenlied aber, das von allen sterblichen Wesen zuerst die Bärin auf
der Sigelsalp vernommen, hat der Schreiber dieses Buches zur Kurzweil an langen
Winterabenden in deutschen Reim gebracht, und wiewohl sich schon manch anderer
wackerer Verdeutscher derselben Aufgabe beflissen, so darf er's doch im
Zusammenhang der Geschichte dem Leser nicht vorentalten, auf dass er daraus
ersehe, wie im zehnten Jahrhundert ebensogut wie in der Folge der Zeiten der
Geist der Dichtung sich im Gemüt erlesener Männer eine Stätte zu bereiten wusste.
 
                                    Fussnoten
A1 Die bei des Abtes Zellen
 Sind heidnische Gesellen,
 Grobe, ungescheite,
 Hochmüt'ge Bauersleute.
 
                          Vierundzwanzigstes Kapitel.
                              Das Waltarilied279.
Das war der König Etzel im fröhlichen Hunnenreich,
Der liess das Heerhorn blasen: »Ihr Mannen, rüstet euch!
Wohlauf zu Ross, zu Felde, nach Franken geht der Zug,
Wir machen zu Worms am Rheine uneingeladen Besuch!«
Der Frankenkönig Gibich sass dort auf hohem Tron,
Sein Herze wollt' sich freuen, ihm war geboren ein Sohn,
Da kam unfrohe Kunde gerauscht an Gibichs Ohr:
Es wälzt ein Schwarm von Feinden sich von der Donau vor,
Es steht auf fränkischer Erde der Hunnen reisig Heer,
Zahllos wie Stern' am Himmel, zahllos wie Sand am Meer.
Da blassten Gibichs Wangen. Die Seinen rief er bei
Und pflog mit ihnen Rates, was zu beginnen sei.
Da stimmten all' die Mannen: »Ein Bündnis nur uns frommt,
Wir müssen Handschlag zollen dem Hunnen, wenn er kommt;
Wir müssen Geiseln stellen und zahlen den Königszins,
Des freuen wir noch immer uns grösseren Gewinns,
Als dass, ungleiche Kämpfer, wir Land zugleich und Leben
Und Weib und Kind und alles dem Feind zu Handen geben.«
Des Königs Söhnlein Gunter war noch zu schwach und klein,
Noch lag's an Mutterbrüsten, das mocht' nicht Geisel sein;
Doch war des Königs Vetter, Herr Hagen hochgemut
Von Trojer Heldenstamme, ein adlig junges Blut.
Sie richteten viel Schätze und fassen drauf den Schluss,
Dass der als Pfand des Friedens zu Etzel ziehen muss.
Zur Zeit als dies geschah, da trug mit fester Hand
Den Szepter König Herrich in der Burgunden Land.
Ihm wuchs die einzige Tochter, benamst jung Hildegund,
Die war der Mägdlein schönstes im weiten Reich Burgund.
Die sollt' als Erbin einst, dem Volk zu Nutz und Segen,
So Gott es fügen wollt', der alten Herrschaft pflegen.
Derweil nun mit den Franken der Friede gefestigt war,
So rückt' auf Herrichs Grenzmark der Hunnen kampfliche Schar.
Voraus mit flinkem Zügel lenkt' König Etzel sein Ross,
Ihm folgt' im gleichen Schritte der Heeresfürsten Tross.
Von Rosseshuf zerstampft die Erde gab seufzenden Schall,
Die zage Luft durchtönte Schildklirren als Widerhall.
Im Blachfeld funkelte ein eherner Lanzenwald,
Wie wenn die Frührotsonne auf tauige Wiesen strahlt,
Und so ein Berg sich türmte: er wurde überklommen,
Die Saone und die Rhone: es wurde durchgeschwommen.
Zu Chalons sass Fürst Herrich, da rief der Wächter vom Turm:
»Ich seh' von Staub eine Wolke, die Wolke kündet Sturm,
Feind ist ins Land gebrochen, ihr Leute, seht euch vor,
Und wem ein Haus zu eigen, der schliesse Tür und Tor!«
Der Franken Unterwerfung, dem Fürsten war sie kund;
Er rief die Lehenträger und sprach mit weisem Mund:
»Die Franken, niemand zweifelt's, sind tapfre Kriegesleute,
Doch mochte keiner dort dem Hunnen stehn zum Streite,
Und wenn die also taten, da werden wir allein
Dem Tode uns zu opfern auch nicht die Narren sein.
Ich hab' ein einzig Kind nur, doch für das Vaterland
Geb' ich es hin, es werde des Friedens Unterpfand.«
Da gingen die Gesandten, barhäuptig, ohne Schwert,
Den Hunnen zu entbieten, was Herrich sie gelehrt.
Höflich empfing sie Etzel, es war das so sein Brauch,
Sprach: »Mehr als Krieg taugt Bündnis, das sag' ich selber auch,
Auch ich bin Mann des Friedens, nur wer sich meiner Macht
Töricht entgegenstemmt, dem wird der Garaus gemacht.
Drum eures Königs Bitte gewähret Etzel gern.«
Da gingen die Gesandten, es kündend ihrem Herrn.
Dem Tor entschritt Fürst Herrich, viel köstliches Gestein
Bracht' er den Hunnen dar, dazu die Tochter sein -
Der Friede ward beschworen, - fahr' wohl, schön Hildegund!
So zog in die Verbannung die Perle von Burgund.
Wie dort Vertrag und Bündnis geordnet war zum besten,
Entführte König Etzel sein reisig Volk gen Westen.
Im Land der Aquitanen herrscht Alpher, der strenge Mann,
Dem wuchs ein Sohn Waltari im Jugendschmuck heran.
Herrich und Alpher hatten sich manch einen Boten geschickt
Und sich mit feierlichem Eidschwur einand verstrickt:
Sobald die Zeit des Freiens dereinst sich stellet ein,
So sollen unsre Kinder ein fröhlich Brautpaar sein.
Betrübt sass König Alpher jetzt bei der Hunnen Not:
»O weh mir, dass ich Alter nicht finde Schwertes Tod -
Ein schlechtes Beispiel gaben Burgund und Frankenland,
Itzt muss ich gleiches tun, und ist doch eine Schand'.
Ich muss Gesandte schicken und Friede heischen und Bund,
Und muss den eignen Sprossen als Geisel stellen zur Stund'.«
So sprach der strenge Alpher, und also ward's getan,
Mit Gold belastet traten die Hunnen den Rückzug an,
Sie führten Waltari und Hiltgund und Hagen in sichrer Hut
Und grüssten wildfroh jauchzend die heimische Donauflut.
Nachdem nun König Etzel der Heimat sich erfreut,
Pflegt er die fremden Kinder mit grosser Biederkeit,
Wie seine eignen Erben liess er sie auferziehn,
Die Jungfrau anempfahl er der Königin Ospirin.
Die jungen Recken aber behielt er scharf im Auge,
Dass jeder zu des Krieges und Friedens Künsten tauge.
Die wuchsen auch an Jahren und Weisheit wohl heran,
Ihr Arm bezwang den stärksten, ihr Witz den witzigsten Mann.
Derwegen liebt der König die beiden Knaben sehr
Und schuf sie zu den ersten in seiner Hunnen Heer.
Es ward mit Gottes Beistand auch die gefangene Maid
Der trutzigen Hunnenfürstin ein' wahre Augenweid',
An Tugend reich und Züchten, so ward Hiltgund zuletzt
Als Schaffnerin dem Schatze der Hofburg vorgesetzt.
Und wenig fehlte nur, so war sie in dem Reich
Die höchste - was sie wünschte, erfüllt ward's allsogleich.
Derweil starb König Gibich, ihm folgte Gunter sein Sohn,
Der brach das Hunnenbündnis und weigert den Zins mit Hohn,
Die Kunde kam geflogen zu Hagen in der Fern',
Da nahm er nächtlich Reissaus und floh zu seinem Herrn.
Am Tag, da er verschwunden, erfreute sich nur wenig
Frau Ospirin und listig sprach sie zu Etzel dem König:
»O königliche Weisheit, habt Acht, habt scharfe Acht,
Dass unsres Reiches Säule zu Fall nicht werde gebracht,
Ich fürchte, auch Waltari, der Hunnen bester Held,
Sucht wie der schlaue Hagen, sein Freund, das weite Feld.
Ihr müsst ihn sesshaft machen, durch süsse Bande und Haft,
Ihr müsst mit solchen Worten bereden Waltaris Kraft:
Du trugst in unserm Dienste viel Müh' und Fährlichkeit,
Drum merk', wie dein Gebieter huldvollen Dank dir beut,
Der Hunnentöchter beste sollst du zum Weib erkiesen
Und reich an Land und Ehren verdienter Ruh' geniessen.
Und was du gehrst an Gute, umsonst nicht sei dein Bitten,
Gewährt sei volles Mass dir, du hast es wohl erstritten.«
Das Wort gefiel dem König, es deucht' ihm fein und schlau,
Es weiss in derlei Dingen das Weiseste stets die Frau.
Der König jung Waltari mit solchem Rat empfing,
Doch dessen Dichten auf ganz andre Dinge ging,
Er merkte, dass ihm Etzel die Wege wollt' verlegen,
Drum kam dem Prüfenden ablenkend er entgegen:
»O Fürst, was ich getan, ist grossen Ruhmes ledig,
Dass Ihr so hoch es anschlagt, ist huldvoll zwar und gnädig,
Doch muss ein Weib ich wählen nach Eurem Machtgebot,
Werd' ich umstrickt von Sorge und süsser Minne Not.
Da muss ein Haus ich zimmern und muss den Acker baun,
Ich kann des Herren Auge nur selten wiederschaun.
Und wer der Lieb' gekostet, dem fehlet Kraft und Stärke,
Mit Freuden obzuliegen dem edeln Kriegsgewerke.
Nichts Süsseres auf Erden, als hold gewärtig und treu
Dem Diensterrn überall folgen, drum bitt' ich, lasst mich frei.
So Ihr am späten Abend, so Ihr in Mitternächten
Befehl schickt, bin ich willig, wo Ihr nur wollt, zu fechten.
Mir soll im Schlachtenwetter nicht Sorg' um Kind und Weib
Die Blicke rückwärts wenden und lähmen meinen Leib.
Bei Eurem Leben fleh' ich, bei Eurem tapfern Land:
Lasst mir die Hochzeitsfackel, o König, ungebrannt.«
Da weichte Etzels Herze, das Wort behagt' ihm sehr,
Er sprach getrost: »Waltari entfleucht mir nimmermehr.«
Inzwischen hatte sich ein fernes Volk empört,
Da ward des Schwertes Schneide gen diesen Feind gekehrt,
Da wurde jung Waltari zum Feldhauptmann gemacht,
Und dauerte nicht lange, so schlugen sie die Schlacht.
Vorwärts drang ihre Heerschar als wie ein spitzer Keil,
Es zitterten die Lüfte von wildem Schlachtgeheul.
Hellauf klang die Drommete, die Speere flogen wild,
Aufleuchtet's wie ein Blitzstrahl von manch gespaltnem Schild,
Und wie bei Nordsturms Sausen ein dichter Hagel fällt,
So ward zahlloser Pfeilschwarm herüber hinüber geschnellt.
Dann ging's zum Handgemenge, gezogen ward das Schwert,
Da lag zerspellten Hauptes manch ein gewappnet Pferd,
Da lag zerspellten Hauptes beim Schild manch fester Ritter.
Hei, wie das Feld durchmähst du, Waltari, tapfrer Schnitter!
Als stünd' mit seiner Sense der Tod leibhaft im Streit,
So schauten ihn zag die Feinde bei seiner Blutarbeit.
Zur Linken und zur Rechten, wohin er sich gewendet,
Hub sich ein jähes Flüchten, so ward der Kampf geendet,
Dem Hunnenvolke war ruhmvoller Sieg bereitet
Und von erschlagenem Feind manch preislich Stück erbeutet.
Drauf liess der Führer blasen zur Ruh' vom Waffentanz,
Er schmückte seine Schläfe mit grünem Eichlaubkranz,
Und Fahnenträger und Mannschaft, sie taten all' wie er,
So zog im Siegesschmucke bekränzt nach Hause das Heer.
Jedweder suchte froh des Hauses gastlich Dach,
Zu König Etzels Hofburg Waltari schritt gemach.
Sieh da, wie eilig rannten die Diener aus dem Schloss,
Sie labten sich des Anblicks und hielten ihm das Ross;
Derweil aus hohem Sattel Waltari niederstieg,
So frugen sie neugierig: »Gewannen wir den Sieg?«
Er warf just für die Neugier ein mässig Bröcklein hin
Und ging zum Königssaale, gar müd' war ihm zu Sinn.
Hiltgund traf er alleine, da küsst' er sie und sprach:
»Beschaff' mir einen Trunk, das war ein heisser Tag.«
Da füllte sie den Becher, er trank den Firnewein,
Jach, wie den Wassertropfen einsaugt der glühe Stein,
Dann schloss er in die seine der Jungfrau weisse Hand,
Beid' wussten, dass von alters verlobt sie seien einand.
Errötend stand und schwieg sie. Da sprach er zu der Maid:
»Schon lange tragen wir der Fremde herbes Leid
Und sollten doch nach Rechten einander sein zu eigen:
Ich hab' das Wort gesprochen! nicht länger mag ich's schweigen.«
Die Jungfrau stand betrüblich, als wär's nur Spott und Hohn,
Aufflammt ihr blaues Auge, sie sprach mit herbem Ton:
»Was heuchelt deine Zunge, was nie dein Herz begehrt?
Viel besserer Verlobten hältst, Schlauer, du dich wert.«
Da blickte treu und minnig, da sprach der tapfre Mann:
»Fern sei, was du gedenkest, o hör' mich huldvoll an:
In meines Herzens Grunde haust weder Falsch noch Arg,
Niemal ich mit dem Munde den wahren Sinn verbarg.
Kein Späher weilt im Saale, nur wir zwei beid' allein,
Ich wüsst' ein süss Geheimnis, wollt'st du verschwiegen sein.«
Da stürzte ihm zu Füssen Hiltgund und weint' und sprach:
»Wohin du mich berufest, o Herr, ich folge dir nach.«
Er hob sie auf mild tröstend: »Ich bin der Fremde müd',
Ein süsses Heimatsehnen die Seele mir durchglüht,
Doch ohne Hiltgund nimmer steht mir zur Flucht mein Sinn,
So du zurückebliebest, des schöpft' ich Ungewinn.«
Da lacht' sie in die Tränen: »O Herr, du sprichst mit Fug
Das Wort, das ich seit Jahren geheim im Busen trug,
Gebiete denn die Flucht, mit dir will ich sie wagen,
Durch Not und Fährlichkeit muss uns die Liebe tragen.«
Und weiter sprach Waltari, doch flüsternd nur, nicht laut:
»Dieweil sie dir zu hüten den Hunnenschatz vertraut,
So stell' des Königs Helm mir und Waffenhemd zurück
Und seinen Riemenpanzer, des Schmiedes Meisterstück.
Dann fülle du zwei Schreine mit Spangen und Gold zu Hauf,
Dass du sie kaum vom Boden zur Brust magst heben auf,
Auch sollt du mir beschaffen vier Paare starker Schuh',
- Der Weg wird lang - gleichviele richt' für dich selber zu;
Darüber magst du weiter kostbar Gefäss verpacken,
Beim Schmiede aber heische krummspitze Angelhaken,
Du wirst auf unsern Fahrten erschauen deinen Gesellen,
Wegzehrung uns gewinnen mit Fischen und Vogelstellen.
Dies all sei vorbereitet heut über sieben Tage,
Da sitzt mit seinen Mannen der König beim Gelage
Und schlafen weinbewältigt sie all' in trunkner Ruh' ...
Glück auf! dann reiten wir dem Land im Westen zu!«
Die Stunde kam des Schmauses. Mit Tüchern mannigfalt
Verhänget war die Halle. Eintrat Herr Etzel bald,
Er setzte auf den Tron sich, den Woll' und Purpur deckt,
Auf hundert Polstern rings die Hunnen lagen gestreckt.
Schier beugten sich die Tische den Speisen sonder Zahl,
Viel süsser Labtrank dampfte im güldenen Pokal,
Mit bunten Fähnlein waren die Schüsseln ausgeziert,
So hub die Mahlzeit an - Waltari machte den Wirt.
Und wie der Schmaus zu Ende, die Tische weggeräumt,
Da sprach zu König Etzel Waltari ungesäumt:
»Nun, edler Herr und König, erteilt uns Euren Segen,
Dass alle hier im Saale der Zechlust mögen pflegen.«
Der Humpen allergrössten reicht er ihm knieend dar,
Darauf aus alten Mären manch Bild geschnitzet war.
Da lacht' der alte Zecher: »Fürwahr, Ihr meint es gut,
Als wie ein Meer im Sturme entgegenschäumt mir die Flut.«
Doch sonder Zagen stand er, ein Fels am wogenden Strand,
Und lüpft' den Riesenhumpen und wiegt' ihn in der Hand,
Und trank mit tapferm Zuge ihn bis zum Grunde leer
Und macht' die Nagelprobe. Da floss kein Tropfen mehr.
»Itzt tut mir's nach, ihr Jungen!« so rief der alte Held,
Da war ein lobwert Beispiel den andern aufgestellt.
Hurtig und hurtiger, dem Winde gleich, dem schnellen,
Sah man den Saal durchrennen den Mundschenk samt Gesellen.
Sie nahmen die Pokale, sie füllten sie aufs neu',
Da hub sich in dem Saale ein scharfes Weinturnei.
Bald lallte manche Zunge, die sonst viel Ruhm gewann,
Bald wankte in den Knieen manch heldenkühner Mann;
Es kam die Mitternacht, noch zechten sie und sungen,
Dann sanken sie zur Beute dem Schlafe, weinbezwungen.
Und hätt' Waltari jetzt die Burg in Brand gesteckt:
Kein Mann war da so nüchtern, dass er ihn drob entdeckt.
Waltari rief Hiltgunden fürsichtig nun zu sich:
»Wohlauf bring' das Geräte, wohlauf und rüste dich!«
Dann führt er aus dem Stall sein Ross, der Löwe hiess es,
Hufscharrend stand's und schäumend in seine Zügel biss es.
Er wappnete mit Erze des Rosses Stirn und Seite,
Vom Bug hernieder hing er goldschwer die Schreine beide,
Dazu ein Körbchen Speise - dann gab er die wallenden Zügel
Der Jungfrau in die Hand und hob sie in den Bügel,
Er selber sass zu Rosse, vom roten Helmbusch umwallt,
Bepanzert und beschienet in riesiger Gestalt.
Zur Linken hing gegürtet ein Schwert, zur Rechten auch
Ein scharfer krummer Säbel nach hunnischem Gebrauch.
Jetzt schwang er Schild und Lanze, es ritten auf einem Ross
Waltari und Hiltgunde aus König Etzels Schloss.
Sie ritten aus dem Schloss, sie ritten die ganze Nacht.
Die Jungfrau lenkt' das Streitross und hatt' der Schätze acht,
Und sorgsam auch zuhanden hielt sie die Fischergerte,
Dieweil das viele Gewaffen Waltari schier beschwerte.
Als nun die Morgensonne aufging mit lichtem Funkel,
Entbogen sie der Heerstrass' zu tiefem Waldesdunkel,
Und hätte Hass der Fremde und Heimweh nicht gedrängt,
So hätte schier Hiltgunde das Ross nicht weiter gelenkt.
Wo nur ein Lüftlein rauschte, wo ein Waldvogel sang,
Wo schrill ein Baumast knarrte, da seufzete sie bang.
So mieden sie der Menschen Behausung und Gehege
Und suchten in bahnlosem Gebirg' sich Weg und Stege.
Noch schwieg der Hunnen Hofburg. Es war schon hoch am Tag,
Da wurde König Etzel von allen der erste wach.
Er wiegt' in beiden Händen sein Haupt, das nebelschwere,
Und schritt aus dem Gemach: »Ruft mir Waltari here,
Er teile als Genosse heut seines Königs Jammer,
Er soll den Frühtrunk reichen mir in der Waffenkammer.«
Da rieben sich die Diener die Augen und liefen und sahen
Und suchten allerorten, sie trafen ihn nicht an.
Jetzund kam auch die Fürstin Frau Ospirin gehinkt:
»Wo säumt und träumt denn Hiltgund, dass sie kein Kleid mir bringt?«
Da flüsterten die Diener, da ward's der Königin klar,
Dass Hiltgund mit Waltari nächtlich entflohen war.
Da hub sie an: »O Fluch dem Gastmahl, und dreimal Fluch
Dem Wein, der meine Hunnen so schwer darnieder schlug!
Was ich den König warnte, liegt offen jetzt zutag',
Von unsres Reiches Stützen die stolzeste Säule brach!«
Der alte König Etzel, von bösem Zorn entbrannt,
Zerriss den Purpurmantel und warf ihn an die Wand,
Und wie der Staub vom Sturme gewirbelt wird zuhauf,
So wirbelte ihm im Herzen ein Schwarm von Sorgen sich auf.
Kein Wörtlein konnt er sprechen, zu mächtig war sein Grimm,
Und Speise und Getränk stund unberührt vor ihm.
Die Nacht kam angeflogen, noch fand er keine Ruh',
Er lag auf seinem Pfühle und schloss kein Auge zu,
Er warf sich bald zur Rechten, bald zu der Linken nieder,
Als hätt' ein Pfeil durchschossen die stolzen Heldenglieder,
Dann sass er wieder aufrecht, der grambetörte Greis,
Dann sprang er aus dem Lager, er lief herum im Kreis.
So ward dem Hunnenkönig der süsse Schlaf verleidet,
Derweil das Flüchtlingspaar schweigsam dem Land entreitet.
Doch wie am andern Morgen aufstieg der lichte Tag,
Hiess er der Hunnen älteste zusammenkommen und sprach:
»Wer mir in Banden brächte, Waltari, den schlauen Fuchs,
Als wie vom Wald der Jäger den hinterlistigen Luchs,
Dem schüfe ich zur Stunde ein golddurchwirkt Gewand
Und wollt mit Gold ihn decken von Haupt zu Fuss so sehr,
Dass ihm von Goldeshaufen der Weg gesperret wär'.«
Doch in den weiten Landen fand sich kein einz'ger Grafe,
Kein Heerfürst oder Ritter, kein Knappe oder Sklave,
Der sich vermass, Waltari verfolgend nachzugehn
Und mit des Schwertes Schneide dem Zürnenden zu stehn.
Und was der König flehte, gesprochen war's in Wind,
Die hohen Goldeshaufen - sie blieben unverdient.
Waltari ritt bei Nachtzeit weiter und weiter in Hast,
Des Tags in dichtem Walde und Buschwerk hielt er Rast,
Nah flogen ihm die Vögel, lieblich klang sein Gelock,
Er fing sie mit Leimruten und mit gespaltnem Stock,
Und wo in krummem Laufe ein Strom vorüberfloss,
Eintaucht' er seine Angel und reiche Beute genoss.
So kürzten sich die Tage mit Fischfang und Gejaid,
Das schafft dem Hunger Stillung, dem Herzen Nüchternheit,
Und auf der ganzen Fahrt hat nimmermehr begehrt
Die Jungfrau zu umarmen der Recke ehrenwert.
Schon vierzig Male war der Sonne Lauf vollendet,
Seit dass er sonder Abschied von Etzel sich gewendet,
Da glänzt aus lichtem Waldsaum im Abenddämmerschein
Ein Fluss zu ihm herüber - das war der Vater Rhein,
Das war der Rhein, und jenseits am fernen Ufer stand
Die Königsburg von Worms, Hauptstadt in Frankenland.
Ein Schiffer kam gerudert auf breitgebautem Kahn,
Die letztgefangnen Fische bot ihm Waltari an,
Da fuhr ihn jener über, er war zufrieden der Gabe,
Und weiter flüchtend spornt Waltari das Ross zum Trabe.
Der Fährmann andern Tages nach Worms gegangen war,
Des Königs Leib- und Mundkoch bracht' er die Fische dar,
Der würzt' und salzte sie und setzte sie als Mahl
Dem König Gunter vor; erstaunt sprach der im Saal:
»Seit dass ich herrsche in Franken, nie sah ich einen Fisch
Von solcherlei Gestalt und Schmack auf meinem Tisch,
Der muss aus fremden Landen zu uns gekommen sein.
Sag' an, mein Koch, geschwinde, wer brachte den herein?«
Da wies der Koch den Fergen, der König rief ihn her,
Genau verkündet' der dem Fragenden die Mär:
»Ich sass am Rheinesstrande noch gestern abend spat,
Da kam ein fremder Mann geritten den Uferpfad,
Als käm' er just vom Kriege, so schaut' er trutzig wild,
Er starrte ganz in Erze und führte Speer und Schild.
Schwer mocht' die Wucht der Rüstung auf seinen Schultern lasten,
Doch ritt er scharfen Schrittes und mochte nimmer rasten.
Dem Mann folgt eine Maid, schön wie der Sonne Scheinen,
Sie sitzt auf gleichem Gaul, schier streift ihr Fuss den seinen.
Die lenket mit dem Zügel das riesig starke Ross,
Von dessen Rücken hangen zwei Schreine mässig gross.
Doch wie aufbäumend es den Nacken schütteln wollte,
Da hört' ich drin ein Klingen von Edelstein und Golde.
Den Mann hab' ich gefahren. Der gab mir solche Fische.«
Das Wort erlauschte Hagen. Er rief am Königstische:
»Freut euch mit mir Genossen, die Sache wird klar und hell,
Aus Hunnenland heimreitet Waltari, mein Gesell.«
Er rief's, da schallte Jubel hellauf im hohen Saal,
Doch übermütigen Sinnes der König Gunter befahl:
»Freut euch mit mir viel lieber, der ich dies durft' erleben:
Den Schatz, den einst mein Vater den Hunnen musste geben,
Den hat ein guter Gott zurück mir jetzt gebracht! -«
Sprach's, und gehobenen Fusses umstiess er den Zechtisch mit Macht,
Und hiess die Rosse satteln und las aus seinem Volk
Erprobter Mannen zwölfe als starkes Heergefolg'.
Er wählt den Hagen auch, der bat vergeblich ihn,
- Des alten Freunds gedenkend - zu ändern seinen Sinn.
Doch Gunter polterte: »Frisch vorwärts! drauf und drein!
Hüllt eure Heldenknochen in Eisenrüstung ein,
Schirmt mit dem Schuppenpanzer Rücken euch und Brust,
Des Frankenschatzes Räuber zu jagen ist mein Gelust!«
Da rückte aus dem Tor die Schar, die wohlbewehrte.
Waltari, edel Wild - Feind ist auf deiner Fährte!
Waltari ritt indessen landeinwärts von dem Rhein,
In einem schattig finstern Forste ritt er ein.
Das war des Weidmanns Freude, der alte Wasichenwald,
Wo zu der Hunde Bellen das Jagdhorn lustig schallt.
Dort ragen dicht beisammen zwei Berge in die Luft,
Es spaltet sich dazwischen anmutig eine Schluft,
Umwölbt von zackigen Felsen, umschlungen von Geäst
Und grünem Strauch und Grase, ein rechtes Räubernest.
Er schaut' den festen Platz. »Hier«, sprach er, »lass uns rasten,
Des süssen Schlafes musst' ich schon allzulange fasten;
Das war seit vierzig Nächten auf hartem Rosses Rücken
Über den Schild gelehnet, ein unerquicklich Nicken.«
Ab tat er Wehr und Waffen und in der Jungfrau Schoss
Lehnt' er sein müdes Haupt: »Nun, teurer Fluchtgenoss
Hiltgund, halt sorgsam Wacht! und steigt vom Tal herauf
Fahldunkle Staubeswolke, dann wecke leis mich auf;
Doch käm' auch angeritten ein ganzes Heer von Recken,
So sollt' du doch, Vielteure, nicht allzu schnell mich wecken.
Ich traue deinen Augen. Die sind gar scharf und rein,
Die schaun weit in die Lande ...« So schlief Waltari ein.
Im Sand sah König Gunter die Spur von Hufestritt,
Anspornend trieb den Renner er nun zu schnellerm Schritt.
»Herbei«, rief er, »ihr Mannen! noch heute fahn wir ihn
Samt den gestohlenen Schätzen, er soll uns nicht entfliehn.«
Umsonst entgegnet Hagen: »Das geht so glatt nicht ab;
Manch einen tapfern Degen warf jener in das Grab.
Zu oft hab' ich erschauet Waltari in Schlachtenwut,
Ich weiss, er handhabt Lanze und Schwert nur allzu gut.«
Doch nimmer liess sich warnen der vielverstockte Mann:
Im Glanz des Mittags ritten sie vor der Felsburg an.
Vom Bergesgipfel schaute Hiltgund zum Tal hinab,
Da hub sich Staubeswirbel und ferner Rossestrab,
Sie strich mit leisem Finger des Schläfers braunes Haar:
»Wach' auf, wach' auf, Waltari! es naht uns eine Schar.«
Der rieb sich aus den Augen des süssen Schlafes Rest
Und griff nach seinen Waffen und rüstete sich fest,
Und durch die leeren Lüfte schwang er den Speer mit Macht,
Das war ein lustig Vorspiel vor bitterernster Schlacht.
Hiltgund, wie sie von weitem Lanzen blitzen sah,
Warf klagend sich zu Boden: »Nun sind die Hunnen da!
Nun fleh' ich, mein Gebieter, hau' ab mein junges Haupt,
Dass, so ich dein nicht werde, kein andrer Mann mich raubt! -«
»Gebiete deiner Furcht«, sprach mild der junge Recke,
»Fern sei, dass schuldlos Blut die Klinge mir beflecke.
Der in so manchen Nöten ein starker Hort mir war,
Wird mich auch heute stärken, zu werfen diese Schar.
Nicht Hunnen sind die Feinde, es sind nur dumme Jungen,
Die hier im Lande wohnen, sind fränkische Nibelungen.«
Drauf deutet er mit Lachen nach einem Helm auf dem Plan:
»Das ist fürwahr der Hagen, mein alter Hunnenkumpan.«
Nun trat zum Höhleneingang der Held und sprach von dort:
»Vor diesem Tore künd' ich nunmehr ein stolzes Wort:
Kein Franke soll entrinnend sich rühmen seinem Weib,
Er hab' Waltaris Schätze gegriffen bei lebendem Leib,
Und ...« doch die Sprache hemmt' er und kniete zum Gebete,
Gott um Verzeihung flehend für solche Frevelrede.
Dann hub er sich und schaute prüfend der Feinde Reihn:
»Von allen diesen Kämpen fürcht' ich den Hagen allein,
Der weiss viel böse Listen und kennt den Brauch des Streits,
Doch ausser ihm, o Hiltgund, tut keiner uns ein Leids.«
Derweil Waltari dräuend Wacht hielt am Felsentor,
Sprach Hagen zu dem König: »O Herr, noch seht Euch vor!
Schickt einen Boten ihm, und friedlich sei's geschlichtet.
Vielleicht dass jener selber sich bittend an Euch richtet
Und Euch den Schatz ausfolgt. Die Antwort zeige den Mann,
Es ist noch immer Zeit, mit Waffen ihn zu fahn.«
Da hiess der König ausziehn Herrn Camelo von Metz,
Der dort als Frankenrichter verwaltet das Gesetz.
Der flog als wie die Windsbraut zu jung Waltari hin:
»Wer bist du, fremder Degen, sag' an, woher, wohin?«
Der Held ihm drauf erwidert: »Erst künde du die Mär:
Kommst du aus eignem Willen, schickt dich ein andrer her?«
Stolz sprach Herr Camelo: »Mich hat hierher entsandt
Als Herold König Gunter, der Herr in Frankenland.«
Waltari ihm entgegen: »Fürwahr, was ficht Euch an,
Zu spähn und auszuforschen den fremden Wandersmann?
Ich bin von Aquitanien Waltari hochgemut,
Als Geisel gab der Vater mich in der Hunnen Hut,
Dort musst' ich seit verweilen. Itzt wandt' ich mich zu gehn,
Ich will die süsse Heimat, die Eltern wieder sehn.«
Da sprach der Bote trocken: »Wohlan, so sei bereit,
Den Goldschrein mir zu liefern, dein Ross auch und die Maid.
Nur so du schnell dich sputest, dies alles herzugeben,
Will dir mein Herr belassen die Glieder und das Leben.«
Da rief Waltari kecklich: »Nie hört' ich grössern Toren!
Wie kann dein König bieten, was ich noch nicht verloren?
Ist er ein Gott denn, dass er mich also will berücken?
Noch trag' ich nicht die Fäuste gefesselt auf dem Rücken,
Noch duld' ich nicht, gewundet, des Kerkers Herzeleid -
Doch billig ist mein Denken: Und lässt er von dem Streit,
Goldroter Spangen hundert will ich ihm gern gewähren,
Ich weiss als fremder Mann des Königs Namen zu ehren.«
Der Bote ritt hinunter und brachte den Bescheid.
Da sprach zum König Hagen: »O nimm, was er dir beut,
Ich ahne Unheil sonst, mir hat verwichene Nacht
Ein Traum um dich, Gebieter, viel schwere Sorge gebracht.
Sch sah selband uns reiten und jagen im Geheg,
Da trat ein grosser Bär dir, hoher Herr, in Weg;
Das war ein hitzig Streiten, es hat das Tier zuletzt
Das Bein dir bis zur Hüfte zerhauen und zerfetzt.
Und wie gefällten Speeres ich beisprang dir im Strauss,
Riss er mir selbst ein Auge mit scharfem Zahne aus.«
Stolz schalt der König: »Wahrlich, du bist des Vaters wert,
Auch der focht mit der Zunge viel lieber als mit dem Schwert!«
Drob zog in Hagens Herzen ein bitter Zürnen ein:
»Wohlan«, sprach er, »so mögt Ihr des Kampfes denn Euch freu'n.
Dort steht vor Euren Augen, des Euch gelustet, der Mann,
Ich will des Ausgangs harren und keine Beute ha'n.«
Sprach's und zum nahen Hügel lenkt er sein Ross in Ruh',
Sprang ab und sah gelassen, im Grase sitzend, zu.
Der König Gunter winkte den Camelo nun her:
»Zeuch aus und künde jenem: den ganzen Schatz ich gehr',
Und so er noch sich weigert, so bist du Manns genug,
Dass du ihn kampflich angehst und niederwirfst mit Fug.«
Von Metz, der Bischofstadt, Herr Camelo zog ab,
Fahl nickt' vom blauen Helme sein gelber Busch herab.
Von fern schon rief er laut: »Heda! mein Freund - heraus!
Dem Frankenkönig liefre den ganzen Goldschatz aus!«
Waltari hört's und schwieg. Da ritt er näher bei:
»Den ganzen Goldschatz liefre!« so rief er ihm aufs neu'.
Dem riss jetzt die Geduld: »Lass ab dein Schrei'n und Johlen,
Hab' ich dem König Gunter den Schatz etwann gestohlen,
Hat er ein Darlehn mir geliehn habgier'gen Sinns,
Dass er mir jetzo heischet so schnöden Wucherzins?
Hab' ich das Land geschädigt und Häuser weggebrannt,
Dass Ihr mir Busse fordert mit übermüt'ger Hand?
Das muss ein schäbig Volk sein, das mir den Durchgang neidet
Und keinen fremden Mann auf seinem Boden leidet.
Ich will ums Wegrecht markten: Zweihundert Spangen wohlan
Biet' ich jetzt deinem König. Vernimm's und zeig's ihm an!«
»Du sollt noch mehr uns bieten!« rief Camelo in Wut,
»Des Redens bin ich satt. Itzt gilt's dein Gut und Blut.«
Er deckte seinen Arm mit dem dreifältigen Schild
Und raffte seinen Speer und schüttelte ihn wild
Und zielte genau und warf. Ihm bog Waltari aus,
Er fuhr in grünen Rasen mit schneidigem Gesaus.
»Wohlan denn!« rief Waltari, - »es sei, wie's euch gefällt!«
Und seine dunkle Lanze schoss der junge Held.
Die fuhr zur linken Seite durch den Schildesrand
Und nagelt' an die Hüfte Camelos rechte Hand
Und drang dem Gaul in Rücken - ausschlagend bäumt sich der
Und hätt' ihn abgeschüttelt, doch fest hielt ihn der Speer.
Indes liess Camelo den Schild zu Boden sinken,
Und strebte sich des Speeres zu ledigen mit der Linken.
Doch jener stürzt' heran und stemmt den Fuss und tief
Stiess er ihm in den Leib das Schlachtschwert bis zum Griff.
Zog's dann zusamt der Lanze aus der Todeswunde,
- Da sanken Ross und Reiter wohl in derselben Stunde.
So musst' ins grüne Gras Herr Camelo dort beissen.
Ihn sah sein Neffe Kimo, auch Scaramund geheissen.
»Ha! das traf mich!« so rief er, »zurück, ihr andern all',
Jetzt sterb' ich oder sühne des teuren Blutsfreunds Fall.«
Weinend sprang er hinauf, der Weg war hohl und enge,
Dass ihm kein andrer konnt' beistehn im Handgemenge.
Er knirschte mit den Zähnen: »Nicht will ich Schatz und Gut,
Ich komme als ein Rächer für meines Oheims Blut.«
Zwei Speere schwang er hoch, am Helm die Mähne zittert;
Doch fest stand dort Waltari und sagte unerschüttert:
»War ich des Kampfs Beginner, geb' ich mich gern verloren,
Es soll mich noch zur Stunde dein Lanzenwurf durchbohren!«
Da warf in rascher Folge die Lanzen Scaramund,
Die eine traf den Schild nur, die andre flog in Grund.
Dann mit gezücktem Schwerte ritt er Waltari an,
Doch bracht' er's nicht zuwege, die Stirn ihm durchzuschla'n.
Der Hieb sass auf dem Helme, das dröhnte und das klang,
Und Feuerfunken sprühten den dunkeln Wald entlang.
Jetzt fuhr ihm wie ein Blitz Waltaris Speer in Hals
Und hob ihn aus dem Sattel, da fiel er dumpfen Falls.
Nichts half ihm mehr die Bitte, sein Haupt hieb jener ab,
So sank bei seinem Ohme der Neffe früh ins Grab.
»Vorwärts!« rief König Gunter, »und lasst ihm keinen Frieden,
Bis dass wir Schatz und Leben geraubt dem Kampfesmüden.«
Da kam als dritter Kämpe Werinhard gezogen,
Des Speerwurfs ein Verächter trug er nur Pfeil und Bogen.
Er richtet' auf Waltari von ferne manch Geschoss,
Gedeckt vom riesigen Schilde gab der sich nirgends bloss.
Und eh' der Schütz ihm beikam, war schon sein Köcher leer,
Des zürnend stürmt er jetzo mit blankem Schwert einher:
»Und sind dir meine Pfeile zu luftig und zu leicht,
Pass auf, ob nicht mein Hieb dir vollgewichtig deucht!«
»Schon lange wart' ich, dass dem Kampf sein Recht geschehe«,
Waltari rief's entgegen - und schleudert aus der Nähe
Den Speer. Der traf das Ross. Hufschlagend bäumt sich's auf,
Warf in den Staub den Reiter und stürzte oben drauf.
Dem Fallenden entriss der Held sein Schwert in Hast,
Löst ihm den Helm - am blonden Gelock er stark ihn fasst':
»Zu spät kommt jetzt dein Jammern, den Bitten bin ich taub!«
Und abgeschlagnen Hauptes lag Werinhard im Staub.
Drei Leichen lagen schon. Des Streitens noch nicht müd,
Entsandt' als vierten Kämpen Gunter den Ekkefrid.
Der hatt' im Sachsenlande den Herzog einst erschlagen
Und der Verbannung Leid am Frankenhof getragen.
Der trabte stolz einher auf rötlichbraunem Schecken,
Den kampfbereiten Mann tat er erst spöttisch necken:
»Bist du gefestet, Unhold? trügst du durch Luft und Wind?
Bist ein Waldteufel du? bist du ein Menschenkind?« -
Hohnlachend rief Waltari: »Ich kenne solches Welschen,
Ihr seid das rechte Volk zum Trügen und zum Fälschen -
Heran denn! Deinen Sachsen sollt du erzählen bald,
Was du dereinst für Teufel erschaut im Wasichenwald!«
»Wir wollen es erproben«, sprach Ekkefrid, und scharf
Schwang er die Eisenlanze am Riemen, holt' aus und warf,
Doch sie zerbrach am Schilde, der Schild war allzu hart,
Zurück warf sie Waltari und lachte in den Bart:
»Schau' an, wie dir der Waldgeist heimgibt, was du geschenkt,
Sie mag wohl tiefer fahren, wenn meine Faust sie lenkt.«
Gespalten von dem Wurf des Schildes Stierhaut klafft',
Der Rock zerriss - es fuhr tief in die Lunge der schafft,
Todwund sank Ekkefrid, ein Blutstrom sich ergoss,
Als Beute nahm Waltari mit sich des Toten Ross.
Der fünfte Kämpe war Hadwart. Er liess zurück
Den Speer und hofft' allein vom scharfen Schwert sein Glück.
Erst sprach er zu dem König: »So ich den Sieg gewinne,
Belass des Feindes Schild mir, nach diesem steht mein Sinne.«
Zu Rosse drang er vor, doch seinen Pfad versperrten
Die Leichen der Erschlagenen. Da sprang er zu der Erden.
Des lobt Waltari ihn. Doch Hadwart rief und schalt:
»Du liegst wie eine Natter im Kreis zusammengeballt
Und denkst, o schlaue Schlange, Pfeil und Geschoss zu meiden -
Des sollt von meiner Rechten du herbe Schläge leiden.
Den schönbemalten Schild leg' ab jetzt unverweilt,
Als Kampfpreis ist er mir vom König zugeteilt,
Er soll nicht Schaden nehmen, gar wohl gefällt er mir.
Und wollt' sich's anders wenden, und unterläg' ich dir:
Dort stehen die Genossen. Du fristest nicht dein Leben,
Und wollt'st du auch als Vogel befiedert uns umschweben.«
Furchtlos sprach da Waltari: »Den Schild, den lass' ich nicht!
Dem bin ich als ein Schuldner zu grossem Dank verpflicht't.
Der schirmte mich vorm Feinde gar oft in heissen Tagen,
Die Wunden, die mir galten, liess er sich willig schlagen;
Du sollt noch heut erkennen, wie nützlich dieser mir,
So ich den Schild nicht hätte, ich stünde nimmer hier.«
Drauf Hadwart: »Unfreiwillig sollt du ihn balde missen
Und Ross und Gold und Jungfrau in unsern Handen wissen.
Noch einmal rat' ich dir: leg' ab, leg' ab die Last,
Die du so weiten Weges bis heut getragen hast.«
Sprach's und vom Leder zog er. Das war ein Fechten schwer,
Er kämpfte mit dem Schwerte, Waltari mit dem Speer,
Im Wasichenwalde nimmer solche Blitze sprühten,
Staunend sahen die Franken auf den Nimmermüden.
Das hat von Helm und Schilden geklungen und gegellt,
Wie wenn mit scharfem Beile ein Mann die Eiche fällt.
Aufsprang der Wormser Kämpe und schwang des Schwertes Schneide,
Auf dass mit einem Hieb der Zweikampf sich entscheide.
Waltari fing den Streich und zwang ihm aus der Faust
Die Klinge, dass sie weit seitab ins Buschwerk saust.
Dahin floh Hadawart. Doch Alphers Sohn, der schnelle,
Ihm nach: »Wo fleuchst du hin? da, nimm den Schild, Geselle!«
Sprach's und mit beiden Händen hob er den Speer und stach,
Da ging der Kampf zu Ende. Der sank mit dumpfem Krach,
Ihm setzte auf den Nacken den Fuss Waltari und dann
Spiesst' an den Boden er zusamt dem Schilde den Mann.
Als sechster in den Kampf ging jetzo Patafrid,
Des Hagen Schwestersohn. Wie den sein Oheim sieht,
Gedachte er mit Bitten zu wenden ihm den Sinn:
»Schau, wie der Tod dich anlacht! lass ab, wo eilst du hin?
Lass ab, lass ab, o Neffe, dich täuscht dein Jugendmut,
Zu zwingen den Waltari, braucht's andere Kraft und Glut.
Des Zuspruchs ungerührt, der Jüngling ging von hinnen,
Sein einzig Trachten war, sich Ehre zu gewinnen.
Bekümmert sass drum Hagen und seufzte tief und grollte:
O nimmersatte Habgier, o schnöder Durst nach Golde,
O schlänge doch die Hölle das güldne Erz in Rachen,
Und gäb' es statt den Menschen zur Hut den alten Drachen!
Niemand hat mehr genug. Sie schaffen und sie scharren
Sich täglich mehr zusammen und sind doch arme Narren!
Wie reitest in den Tod auch du mein Neffe so blind,
Was soll ich deiner Mutter für Kunde bringen vom Kind?
Und was dem jungen Weibe, das traurig deiner harrt,
Dem noch zu schwachem Troste der erste Spross nicht ward?«
Sprach's, und die Träne rollt' ihm langsam in Schoss hinab:
»Fahr' wohl auf lange!« seufzt' er, »fahr' wohl, du schöner Knab'!«
Aus weiter Fern' Waltari des Freundes Klage vernahm,
Gerührt sprach er zum Kämpen, der jetzt gestürmet kam:
»Steh' ab, mein tapfrer Junge, ich mag dir's redlich raten,
Aufspare deine Kraft zu anderweiten Taten,
Schau' auf! hier liegt erschlagen manch ein gewalt'ger Held,
Ich müsste Leides tragen, wenn du dich beigesellt.«
»Was kümmert dich mein Sterben?« rief jener, »steh' und ficht!
Zum Streit bin ich gekommen, zu losem Schwatzen nicht.«
Und mit dem Worte flog auch die knorrige Lanze einher,
Zur Seite schlug Waltari sie mit dem eignen Speer;
Von Wurfs Gewalt getragen und von des Windes Kraft
Flog bis zur Felsenhöhle zu Hiltgunds Füssen der schafft.
Aufschrie vor Furcht die Jungfrau; dann aus der Felsenspalte
Lugt' sie fürsichtig, ob Waltari sich noch halte.
Noch einmal warnte dieser den ungestümen Mann,
Doch er, bedachtlos wütend, stürmt mit dem Schwerte an.
Da schirmte sich Waltari und schwieg, doch mocht sein Schweigen
Dem Zähneknirschen des gehetzten Keulers gleichen.
Zu mächtigem Schwertstreich holte Patavrid jetzt aus,
Da duckte sich Waltari ins Knie und bog ihm aus,
Dass ihn des leeren Streiches Wucht zu Boden riss.
Auf sprang der Held mit Macht. Da war der Sieg gewiss.
Zwar wollt' zu neuem Fechten auch Patavrid sich heben,
Umsonst. In Bauch getroffen liess er das süsse Leben,
Die Seele flog von dannen, es ward sein junger Leib
Dem wilden Waldgetiere ein Frass und Zeitvertreib.
Des Toten Fall zu rächen kam Gerwig jetzt gesprengt,
Er sprengte über die Leichen, die dort den Steg geengt!
Derweil des Toten Haupt vom Rumpf Waltari fällt,
Warf er die doppelschneidige Streitaxt nach dem Held,
- Die war in jenen Zeiten der Franken liebst Gewaffen. -
Schnell hob den Schild Waltari, sich Deckung zu verschaffen,
Rückspringend nach der Lanze, an sich die teure riss er,
Die blutige Schwertesklinge ins grüne Riedgras stiess er
Und stellte sich dem Angriff. Da fiel kein unnütz Wort,
So grimmig nach dem Kampfe lechzten die beiden dort.
Der focht den Freund zu rächen, der schirmte Leib und Leben,
Viel schwere Hiebe wurden gehauen und rückgegeben.
Waltaris Speer war länger, doch tummelte sein Pferd
Der Franke rings im Kreis, dass jener müde werd'.
Zuletzt ersah Waltari, dass er den Schild ihm hob,
Durch Gerwigs Weichen jetzt das grimme Eisen schnob.
Hinsank er auf den Rücken, ein Schrei entfuhr dem Mund,
Des Todes unfroh stampfte er den durchfurchten Grund.
Auch diesem tät der Held das Haupt vom Rumpfe lösen,
- Er war ein stolzer Graf im Wormser Gau gewesen.
Nun stutzten erst die Franken und baten ihren Herrn,
Vom Streite abzustehen. Doch dem war Gunter fern,
»He!« zürnte er, »ihr tapfre, ihr vielerprobte Seelen,
schafft euch das Unglück Furcht, anstatt zum Zorn zu stählen?
Soll aus dem Wasichenwalde ich so mich werfen lassen,
Und als geschlagner Mann durchziehn die Wormser Gassen?
Erst wollt' ich jenen Fremden des Goldes sehn verlurstig,
Jetzt dürst' ich seines Blutes. Und ihr, seid ihr nicht durstig?
Den Tod sühnt nur der Tod. Blut heischet wieder Blut!«
Er sprach's, da wurden alle entflammt zu neuem Mut.
Als ging's zu lust'gem Spiele, zu Wettkampf und Turnei'n,
So wollte jetzt ein jeder im Tod der erste sein.
Den Felspfad aufwärts ritten sie nacheinand' im Trab,
Indessen nahm Waltari den Helm vom Haupte ab
Und hing ihn an den Baum. Den würz'gen Waldesduft
Sog er mit vollen Zügen und kühlt' sich an der Luft.
Da rannt auf schnellem Rosse Herr Randolf jach heran,
Mit schwerer Eisenstange stürmt' er Waltari an
Und hätt' ihn schier durchbohrt. Doch auf der Brust zum Glück
Trug er ein schwer Geschmeide, Schmied Welands Meisterstück.
Leicht fasste sich der Held und hielt den Schild bereit,
Den Helm sich aufzusetzen hatt' er nimmer Zeit.
Schon sauste Randolfs Klinge um Waltaris Ohren,
Da wurden dem Barhäupt'gen zwei Locken abgeschoren.
Doch unverwundet blieb er. Es fuhr der zweite Hieb
So mächtig in den Schildrand, dass er drin steckenblieb.
Dem Blitz gleich sprang Waltari zurück und wieder vor,
Und riss ihn von dem Gaule, dass er das Schwert verlor,
Und presst' ihn auf den Boden, trat ihm die Brust mit Füssen:
»Jetzt sollt du für die Glatze mir mit dem Scheitel büssen
Und dieses Stückleins nimmer prahlen deinem Weibe!«
Sprach's und hieb den Kopf von des Besiegten Leibe.
Als Neunter in den Kampf sprang Helmnod vor in Eile,
Er schleppte einen Dreizack an vielgewundnem Seile,
Das hielt zu seinem Rücken der Freunde kleiner Rest.
Sie dachten, wenn die Haken im Schilde sässen fest,
Das Seil dann anzuziehen mit so gewaltiger Macht,
Dass drob Waltari leicht zu Falle werd' gebracht.
Den Arm reckt Helmnod aus und warf den Zack im Bogen:
»Pass auf, du kahler Mann! da kommt dein Tod geflogen!«
Stolz durch die Lüfte kam das Wurfgeschoss gesaust,
Als wie die Schlange zischend vom Baum herunter braust.
Gespalten ward der Nagel am Schild. Er war getroffen.
Scharf zerrten an dem Seil die Franken schweissumtroffen,
Im Waldgebirg' erscholl ihr siegesfroher Schrei.
Der König selbst gesellte den Ziehenden sich bei.
Doch festgewurzelt stund, als wie die Riesenesche,
Des Lärmens unbekümmert Waltari in der Bresche,
Er stund und wankte nicht. Da dachte dort der Schwarm,
Zum mind'sten ihm den Schild zu reissen von dem Arm.
Von zwölf Gesellen so die letzten viere kamen
Zu ungestümem Streit. Der Sang nennt ihre Namen:
Der neunte war Herr Helmnod, Eleuter auch benannt,
Der zehnte Mann war Trogus, von Strassburg hergesandt.
Von Speier an dem Rhein Herr Tannast war der elfte,
Und König Gunter war an Hagens Statt der zwölfte.
Solch eiteln Streitens ward Waltari endlich wild.
Barhäuptig war er schon. Jetzt liess er auch den Schild
Und auf die Rüstung nur und seinen Speer vertrauend,
Sprang er in Feind, zuerst nach dem Eleuter hauend.
Er spaltet' ihm den Helm und Haupt und Nacken zugleich,
Zerspaltet' auch die Brust mit einem einz'gen Streich.
Dann stürmt' er auf den Trogus. Verwickelt in dem Seil
Hing der, ihm brachte nimmer das Flüchten Glück und Heil,
Sie hatten bei dem Seilzug sich abgetan der Waffen;
Vergebens sprang er jetzt, sich diese zu erraffen,
Waltari holt' ihn ein, und tiefe Wunde schlug er
In beide Waden ihm, und seinen Schild wegtrug er,
Bevor ihn Trogus griff. - In Wut ersah der Wunde
Sich einen riesigen Feldstein. Den hob er von dem Grunde
Und stemmte sich und warf ihn so sicher auf den Held,
Dass er den eignen Schild inmitten ihm zerschellt'.
Im Grase kriechend Trogus sein Schwert dann wieder' fand,
Er nahm's, und durch die Lüfte schwang er's mit starker Hand.
Zwar konnt' er seine Mannheit nicht mehr durch Taten weisen,
Doch kündet Herz und Mund sattsam den Mann von Eisen.
Und als die Todesgeister er noch nicht lachen sah
Rief er: »O wär' ein Schild - o wär' ein Freund mir nah!
Zufall, nicht Tapferkeit hat dir den Sieg bereitet,
Noch hast zu meinem Schild das Schwert du nicht erbeutet.«
»Bald komm' ich!« sprach Waltari, und flog den Weg herab,
Dem furchtlos Hauenden schlug er die Rechte ab;
Schon sollt' ein zweiter Streich der Seele öffnen das Tor
Zum ew'gen Abschied. Sieh, da sprang Herr Tannast vor.
Der hatte gleich dem König die Waffen aufgenommen
Und war den Freund zu schirmen mit seinem Schild gekommen.
Unwillig wandte sich Waltari gegen ihn,
Mit tief durchhauner Schulter sank Herr Tannast dahin
Und mit durchstochner Seite: »Ich grüss' dich tausendmal!«
Noch leise murmelt er's, dann war er tot und fahl.
Verzweifelnd stiess nun Trogus viel bittre Schmähung aus.
»So stirb denn«, rief Waltari, »und meld' im Höllenhaus,
Wie du den Freunden warst ein Rächer und Vergelter! -«
Rief's - und mit güldner Kette erdrosselt er den Schelter.
So lagen die Genossen erschlagen allzumal,
Da seufzte laut der König und floh hinab ins Tal,
Auf des bewehrten Rosses Rücken schwang er sich
Und ritt zu Hagen hin und weinte bitterlich.
Er strebt' ihn zu erweichen mit Bitten mannigfalt
Und ihn zur Schlacht zu stacheln. Doch jener sagte kalt:
»Zu kämpfen hindert mich der Ahnen schnöd Geschlecht,
Mir lähmt ja kühles Blut den Arm zu dem Gefecht.
Bleich war ja schon mein Vater, wenn er die Lanzen schaute,
Und schwatzte feig, derweil ihm vor der Feldschlacht graute -
O König, wie du also geprahlt vor den Genossen:
Für immer in die Scheide hast du mein Schwert gestossen!«
Von neuem ging der König den Grimmen flehend an:
»Lass ab von deinem Grolle - lass ab und sei ein Mann!
Und schuf dir auch mein Schelten viel Zorn und Ungeduld,
Ich will mit reicher Gabe wettschlagen meine Schuld.
Zu viel des edeln Blutes ward heute schon vergossen,
Magst du das alles schauen so müssig und verdrossen?
Fürwahr den Schimpf wird nimmer das Frankenland verwinden,
Schon hör' ich unsre Feinde zischend die Mär verkünden:
Es kam ein fremder Mann, man wusste nicht woher,
Der tilgte ungestraft der Franken ganzes Heer.«
Noch wollte Hagen zaudern. Er sass und übersann,
Wie ihm Waltari einst in Treuen zugetan.
Doch als sein Herr und König mit aufgehobnen Armen
Kniefällig zu ihm bat, - da fasst' ihn ein Erbarmen,
Da brach das Eis im Herzen, sein Antlitz färbt' sich rot -
So er noch länger säumte, die Ehre litte Not.
»Wohin du auch mich rufest - o Fürst, ich werde gehn,
Was nimmer sonst geschah, die Treue heisst's geschehn!
Doch wer war je so töricht, dass er ins offne Grab,
So wie es hier aufgähnet, freiwillig sprang hinab?
Solang' Waltari dort die Felsburg innehält,
Zieht auch ein Heer vergebens wider ihn zu Feld.
Und wenn die Franken all', Fussvolk und Reiterei,
An jenem Platze stünden, es käm' ihm keiner bei.
Doch weil Beschämung dich und Schmerz darnieder drücken,
Ersinn' ich einen Weg, auf dem wird's besser glücken.
Fürwahr, ich ginge nimmer, beschworene Treu' zu brechen,
Selbst nicht, - ich sag' es frank - des Neffen Tod zu rächen,
Für dich nur, Herr und Fürst, will der Gefahr ich stehn,
Drum auf und lass uns erst von dieser Walstatt gehn.
Es mögen unsre Rosse dort auf der Warte weiden,
Dann wähnt er uns gegangen - und wird von dannen reiten.
So er die enge Burg verlassen, dann wohlan,
Wir folgen ihm und greifen im offnen Feld ihn an.
Dann magst nach Herzenslust und mehr selbst, als dich freut,
Du mit Waltari fechten; nicht schenkt er uns den Streit.«
Dem Könige gefiel des Hagen schlaues Wort,
Er sänftigte ihn vollends mit einem Kuss sofort,
Dann wichen beide und spähten sich sichern Hinterhalt,
Die Rosse liessen sie frei grasen in dem Wald.
Gesunken war die Sonne. Einbrach die dunkle Nacht.
Der müde Held Waltari stand prüfend und bedacht':
Ob er in sichrer Felsburg schweigsam verweilen möge,
Ob er durch öde Wildnis versuche neue Wege.
Er scheute bloss den Hagen und ahnte böse List,
Dass ihn der König dort umarmet und geküsst.
Des fürchte ich, so dacht' er, dass sie zur Stadt entreiten
Und morgen früh den Kampf erneun mit frischen Leuten,
Wofern sie nicht schon jetzt im Hinterhalte lauern. -
Auch schuf der wilde Wald ihm ein gelindes Schauern,
Als dräut' es drin ringsum von Dorn und wilden Tieren,
Dass er dort hilflos irrend, die Jungfrau möcht' verlieren.
Dies alles wohlgeprüft und wohlerwogen sprach er:
»Wie es auch gehen mag, hier sei bis mor'n mein Lager,
Dass nicht der König prahle, ich sei dem Diebe gleich
Entflohn bei Nacht und Nebel aus dem Frankenreich.«
Er sprach's, und Dorn und Strauchwerk hieb er sich rings vom Hag
Und schloss den engen Pfad mit stachligem Verhack.
Mit bitterm Seufzen wandt' er sich zu den Leichen dann.
Jedwedem Rumpfe fügte sein Haupt er wieder an;
Gen Sonnenaufgang warf er kniend sich zur Erde
Und sprach das Sühngebet mit scharfentblösstem Schwerte:
»O Schöpfer dieser Welt, der alles lenkt und richtet,
Gen dessen hohen Willen sich nichts hienieden schlichtet,
Hab' Dank, dass heute ich mit deinem Schutz bezwungen
Der ungerechten Feinde Geschoss und böse Zungen!
O Herr, der du die Sünde austilgst mit starken Armen,
Doch nicht den Sünder selbst - dich fleh' ich um Erbarmen:
Lass diese Toten hier zu deinem Reich eingehn,
Dass ich am Himmelssitze sie möge wiedersehn.«
So betete Waltari. Dann trieb er allsogleich
Der Toten Rosse ein und band sie mit Gezweig.
Noch sechse waren übrig. Zwei waren umgekommen,
Drei hatte König Gunter mit auf die Flucht genommen.
Dann löst' er seine Rüstung. Das war dem Hitzigen gut,
Mit frohem Zuspruch schöpft' er der Jungfrau Trost und Mut,
Mit Speise und mit Trank labt' er die müden Glieder,
Und auf den Schild gelagert warf er zum Schlaf sich nieder.
Den ersten Schlummer sollte Hiltgunde ihm behüten,
Denn allzusehr nach Ruhe gelüstet's den Vielmüden.
Er selbst behielt sich vor die Wacht am frühen Morgen,
Er wusst', da drohten ihm erneuten Kampfes Sorgen.
Zu Haupt ihm sitzend wachte Hiltgund die Nacht entlang
Und scheuchte von den Augen den Schlaf sich mit Gesang.
Bald hub Waltari sich und brach des Schlummers Rest
Und hiess die Jungfrau ruhen und griff zum Speere fest
Und wandelt' ab und auf. Bald schaut' er nach den Rossen,
Bald lauscht' er an dem Walle. So war die Nacht umflossen.
Der Morgen dämmerte. Es fiel ein linder Tau
Auf Busch und Blatt und Halm hernieder in die Au.
Zu der Erschlagenen Leichen schritt jetzt Waltari hin,
Die Waffen und den Schmuck zu rauben war sein Sinn.
Die Panzer samt den Helmen, die Spangen nahm er zur Hand
Und Schwert und Wehrgehenk. Doch liess er das Gewand.
Er nahm der Rosse viere und lastet' sie damit,
Hiltgund aufs fünfte hob er, das sechste er selbst beschritt.
Erst ritt er aus dem Walle, die Gegend zu erspähn,
Und liess die Falkenaugen sich rings im Kreis ergehn.
Nach Wind und Lüften hielt er das Ohr gereckt und lauschte,
Ob nichts geschlichen käme, ob nichts im Grase rauschte,
Ob nicht von schwerem Zügel sich hob' ein fernes Tönen,
Oder von Rosseshuf die Erde möcht' erdröhnen.
Doch rings lag alles still. Die Rosse schwer beladen
Trieb er jetzt vor und sandte Hiltgund auf gleichen Pfaden,
Er selber führt den Gaul, der ihm den Goldschrein trug,
Und schloss in Wehr und Waffen als Hüter den reisigen Zug.
Sie hatten tausend Schritte etwann zurückgelegt,
Da schaute Hiltgund um, sie war vor Furcht bewegt,
Da schaute sie vom Hügel herab zwei Männer eilen,
Die ritten scharf des Weges und mochten nicht verweilen.
Und zu Waltari rief die Jungfrau schreckensbleich:
»Das Ende kommt, o Herr! Zur Flucht jetzt sputet Euch.«
Waltari wandte sich. Die Feinde nahm er wahr:
»Ich will ins Antlitz mir beschauen die Gefahr.
Und winkt mir auch der Tod: viel besser ist's, zu streiten,
Als Hab und Guts verlustig, einsam von dannen reiten.
Du, Hiltgund, nimm die Zügel und treib' das Goldross fort,
Der dichte Hain dort drüben beut sichern Zufluchtsort.
Ich will am Bergeshang mir einen Stand erkiesen
Und harren, wer da kommt, und ritterlich sie grüssen.«
Die Jungfrau tat sofort, wie sie Waltari hiess.
Der machte unbefangen zurecht jetzt Schild und Spiess
Und ritt des Weges weiter als wie ein fremder Mann.
Da schrie ihn schon von ferne der König Gunter an:
»Jetzt ist dein Unterschlupf benommen, grimmer Held,
Aus dem du zähneweisend als wie ein Hund gebellt.
Heraus ins offne Feld, dein warten neue Streiche,
Noch steht zu proben, ob das End' dem Anfang gleiche.
Du weisest ja Ergebung und Flucht so schnöd zurück,
Lass sehn, ob du auch heute um Lohn gedungen das Glück!«
Verächtlich tät Waltari kein Wort dawider sagen,
Als wär' er taub geworden. Er wandte sich an Hagen:
»O Hagen, alter Freund, sag' an, was ist geschehn,
Dass also umgewandelt ich dich muss wiedersehn?
Der tränend einst beim Abschied in meinen Armen lag,
Verrennt gewaffnet mir den Weg an diesem Tag?
Fürwahr ich dachte einst, käm' heimwärts ich gegangen,
Du würdest grüssend mich mit offnem Arm umfangen,
Und gastlich mich bewirten und pflegen mich in Freuden
Und reich beschenkt den Freund ins Heimatland geleiten.
Ich zog auf fremden Wegen. Oft wollt' das Herz mir schlagen:
O wär' ich bei den Franken, dort lebt mein Freund, der Hagen!
Gedenkst du nimmermehr der alten Knabenspiele,
Wo wir einmütig einst gestrebt nach gleichem Ziele?
Nicht mehr der Freundschaft? O, wenn ich dein Antlitz sah,
So deuchten mir die Eltern, die teure Heimat nah.
Ich wahrte dir die Treue am Hof und vor dem Feind,
Lass ab drum von dem Frevel und sei mein alter Freund!
Des werd' ich hoch dich preisen, und bist du mir zu Willen,
Werd' ich mit rotem Golde den hohlen Schild dir füllen.«
Mit finsterm Blick und zürnend sah ihn Hagen an:
»Erst übest du Gewalt und schwatzest listig dann;
Die Treu' hast du gebrochen. Du wusstest mich zugegen,
War dir an meinen Freunden, am Neffen nichts gelegen?
Nicht magst du dich entschuld'gen, wenn ich auch ferne stand,
An Waffen und Gestalt war ich dir gut bekannt.
Und doch hat mir dein Schwert den zarten Spross gemäht,
Den teuren blonden Jungen. Da war die Freundschaft wett.
Drum heisch' ich jetzt von dir nicht Gold, nicht Bruderbund,
Von deiner Hand verlang' ich den toten Neffen zur Stund'!«
Von Rosses Rücken schwang sich Hagen nun zur Erde,
Da liessen auch Waltari und König Gunter die Pferde.
Zum Fusskampf standen sie, zwei wider einen Mann.
Die zweite Frühstund' war's, da hub das Streiten an.
Erst brach den Frieden Hagen und warf mit Macht den Speer,
Der flog in hohem Bogen mit Zisch und Zasch daher.
Waltari mochte nicht ausbeugen, doch er hielt
Zu schräger Richtung ihm entgegen seinen Schild;
Rückprallte das Geschoss, als wie von Marmelstein,
Und wühlte bis an den Nagel sich in den nahen Rain.
Dann warf auch König Gunter den schweren Eschenschaft,
Er warf ihn kecken Mutes, doch nur mit schwacher Kraft,
Den Schildrand traf er nur, und konnt' ihn nicht zerreissen,
Waltari schüttelte, da fiel das matte Eisen.
Das war ein schlimmes Zeichen. Itzt griffen sie zum Schwerte,
Doch grimmen Blicks Waltari sich mit der Lanze wehrte.
Die Klingen waren kurz, sie reichten nicht an ihn,
Da fuhr ein schlimmer Plan dem König durch den Sinn.
Sein abgeschossner Speer lag vor Waltaris Füssen,
Den hätt' er heimlich gern zu sich zurückgerissen -
Er winkte mit dem Aug', dass Hagen vorwärts dringe,
Und stiess zurück zur Scheide die goldgeschmückte Klinge,
Da ward die Rechte frei zum Diebsgriff - und den schafft
Hielt er schon festgepackt - und hätt' ihn auch errafft.
Doch auf den Hagen stürmte Waltari plötzlich her
Und trat mit starkem Fuss auf den gegriffnen Speer.
Der Überraschung ward der König sehr erschrocken,
Die Kniee wankten ihm, sein Atem wollte stocken,
Schon war der Tod ihm nah. Doch sprang in schnellem Lauf
Ihm schirmend Hagen bei. Da stund er zitternd auf,
Es ward der bittre Kampf jetzt ungesäumt erneut,
Fest stand Waltari noch, doch ungleich war der Streit -
Er stand: so steht der Bär, gejagt von wilder Hatze,
Unwillig vor der Meute und droht mit scharfer Tatze,
Und duckt das Haupt und knurrt. Weh dem, der an ihn schwirrt:
Er presst ihn und umarmt ihn, bis er sich nimmer rührt,
Scheu flieht der Rüden Schar mit heulendem Gebelle. -
So flutete die Schlacht schon auf der höchsten Welle,
Dreifache Not des Todes auf jeder Stirne stand:
Die Wut, die Last des Kampfes und glüher Sonnenbrand.
Gepressten Herzens schaute bereits Waltari um,
Ob sich kein Ausweg öffne. Zu Hagen rief er drum:
»O Hagdorn, grün im Laub, du magst so gern mich stechen
Und mir die Heldenkraft mit schlauen Sprüngen brechen,
So schwerer Mühe satt, will ich mit dir jetzt ringen -
Und bist du riesenstark, ich will dich näher bringen!«
Er sprach's und hochaufspringend warf er die Lanze keck,
Sie traf und riss ein Stück ihm von der Rüstung weg
Und streifte seine Haut, doch nur ein wenig, an,
Dieweil gar starken Panzer sich Hagen umgetan.
Waltari aber riss das Schwert aus seiner Scheide
Und stürmt auf Gunter ein und schlug den Schild beiseite -
So wundersam gewalt'gen Schwertschlag tat er behende,
Dass er ihm Bein und Schenkel ganz von der Hüfte trennte.
Halbtot auf seinem Schilde lag König Gunter da,
Selbst Hagen wurde blass, wie solchen Schlag er sah.
Hoch schwang Waltari jetzt die blutgefleckte Klinge,
Auf dass der wunde König den Todesstreich empfinge,
Doch Hagen warf dem Hieb das eigne Haupt entgegen,
Da sprühte von dem Helm hoch auf ein Funkenregen;
Der Helm war hart geschmiedet. Drum brach das Schwert mit Klirren,
Durch Luft und Busch und Gras zahllose Trümmer schwirren.
Waltari, wie ihm so die Klinge war zersplittert,
Fuhr unwirsch auf, es ward sein Herz von Zorn durchschüttert,
Wegwarf verächtlich er den Griff - was sollt' er nützen,
Ob er auch kunstgefüget von Golde mocht' erblitzen?
Doch wie er unbedacht die Hand zum Wurf ausreckte,
Tat Hagen einen Hieb, der sie zu Boden streckte.
Da lag die tapfre Rechte, so furchtbar manchem Land,
So siegespreisgeschmückt - nun blutend in dem Sand.
Ob zwar ein linker Mann - Waltari war noch nicht
Der Kunst des Fliehens kundig, starr blieb sein Angesicht,
Er biss den Schmerz zusamm' und in den Schild einschob er
Den blut'gen Stumpf, und schnell mit linker Faust erhob er
Das krumme Halbschwert, das er einst im Hunnenland
Als Notbehelf sich um die rechte Hüfte band.
Das rächte ihn am Feind. Da ward dem grimmen Hagen
Sein rechtes Auge ganz aus dem Gesicht geschlagen,
Zersäbelt war die Stirn - die Lippen aufgeschlissen,
Dazu sechs Backenzähne ihm aus dem Mund gerissen.
So ward der Kampf geschlichtet - wohl durften beide ruhn.
Laut mahnten Durst und Wunden, die Waffen abzutun.
Da schieden hochgemut die Helden aus dem Streit,
An Kraft der Arme gleich und gleich an Tapferkeit.
Wahrzeichen liess jedweder zurück von dem Gefechte,
Hier lag des Königs Fuss - dort lag Waltaris Rechte,
Dort zuckte Hagens Aug': so hob an jenem Platz
Sich jeder seinen Teil vom grossen Hunnenschatz.
Die beiden setzten sich. Der dritte lag am Grunde.
Mit Blumen stillten sie den Blutstrom aus der Wunde.
Hiltgund, der zagen Maid, laut rief Waltari dann,
Die kam und legte guten Verband den Recken an.
Waltari drauf befahl: »Jetzt misch' uns einen Wein,
Wir haben ihn verdienet, er soll uns heilsam sein.
Es sei der erste Trunk dem Hagen zugebracht,
Der war dem König treu und tapfer in der Schlacht.
Dann reich' ihn mir, der ich das Schwerste hab' erlitten,
Zuletzt mag Gunter trinken, der lässig nur gestritten.«
Die Jungfrau folgt dem Winke, und bracht's dem Hagen dar,
Da sprach der Held, wie sehr er von Durst gequält auch war:
»Waltari, deinem Herrn, sei erst der Trunk gereicht,
Braver als ich und alle hat der sich heut erzeigt!«
Zwar müd, doch frischen Geists sass jetzt beim Wein geeint
Hagen, der Dornige, mit seinem alten Freund.
Nach Lärm und Kampfgetös, Schildklang und schweren Hieben
Zum Becher dort die zwei viel Scherz und Kurzweil trieben.
»Zukünftig«, sprach der Franke, »magst du den Hirsch erjagen,
O Freund! und von dem Fell den Lederhandschuh tragen,
Und so du dir mit Wolle ausstopfest deine Rechte,
So meint noch mancher Mann, die Hand sei eine echte.
O weh, auch musst fortan du allem Brauch entgegen
Am deine rechte Hüfte das breite Schlachtschwert legen,
Und will Hiltgunde einst dir in die Arme sinken,
So musst du sie verkehrt umarmen mit der Linken,
Und alles, was du tust, muss schief und linkisch sein ...«
Waltari ihm erwidert: »O Einaug', halte ein!
Noch werd' ich manchen Hirsch als Linker niederstrecken,
Doch dir wird nimmermehr des Ebers Braten schmecken.
Schon seh' ich queren Auges dich mit den Dienern schelten
Und tapfrer Helden Gruss mit scheelem Blick entgelten.
Doch alter Treu' gedenkend schöpf' ich dir guten Rat:
Bist du der Heimat erst und deinem Herd genaht,
Dann lass von Mehl und Milch den Kindleinbrei dir kochen,
Der schmeckt zahnlosem Mann und stärkt ihm seine Knochen.«
So ward der alte Treubund erneut mit Glimpf und Scherz,
Dann trugen sie den König, dem schuf die Wunde Schmerz,
Und hoben sänftlich ihn aufs Ross und ritten aus,
Nach Worms die Franken zogen, Waltari ritt nach Haus.
Da ward mit hohen Ehren begrüsst der junge Held,
Und bald ward auch Hiltgunde dem Treuen anvermählt.
Nach seines Vaters Tod tat er der Herrschaft pflegen
Und führte dreissig Jahre sein Volk mit Glück und Segen;
Noch in manch schwerem Kampfe gewann er Sieg und Ruhm,
Doch stumpf ist meine Feder und billig schweig' ich drum.
Hochweiser Leser du, schenk' meinem Werke Gnade!
Wohl gleicht mein rauher Reim dem Sang nur der Zikade,
Doch für das Höchste ist mein junger Sinn erglüht.
Gelobt sei Jesus Christ! - So schliesst Waltaris Lied.
                          Fünfundzwanzigstes Kapitel.
                              Ausklingen und Ende.
»So schliesst Waltaris Lied.« - Er hat brav gesungen, unser Einsiedel Ekkehard,
und sein Waltarilied ist ein ehrwürdig Denkmal deutschen Geistes, die erste
grosse Dichtung aus dem Kreis heimischer Heldensage, die trotz verzehrendem Roste
der Zeit unversehrt der Nachwelt erhalten ward. Freilich sind andere Töne darin
angeschlagen als in den goldverbrämten Büchlein, die der epigonische Poet
ausheckt, - der Geist grosser Heldenzeit weht drin, wild und fast schaurig, wie
Rauschen des Sturmes im Eichwald, es klingt und sprüht von Schwerteshieb und
zerspelltem Helm und Schildrand ein Erkleckliches und ist von minniglichem
Flötenton so wenig zu verspüren als von angegeistetem Schwatzen über Gott und
die Welt und sonst noch einiges: riesenhafter Kampf und riesenhafter Spass, altes
Reckentum in seiner schlichtfürchterlichen Art, ehrliche fromme schweigende
Liebe und echter dreinschlagender Hass, das waren Ekkehards Bausteine; aber darum
ist sein Werk auch gesund und gewaltig worden und steht am Eingang der
altdeutschen Dichtung, gross und ehrenfest, wie einer jener erzgewappneten
Riesen, die die bildende Kunst späterer Zeiten als Torhüter vor der Paläste
Eingang zu stellen pflegt.
    Und wen die Herbigkeit alter, oft schier heidnischer Anschauung unlieblich
anmuten möchte, gleich einem rauhen Luftzug an den Dünen des Meers, draus der
frackumhüllte Mensch Erkältung schöpft und ein Hüstlein, der möge bedenken, dass
einer das Lied sang, der selber in der Hunnenschlacht gefochten, und dass er's
sang, die Locken umsaust vom Winde, der über die Schneefelder des Säntis
gestrichen, viel hundert Klafter über den Niederungen des Tales, die Wolfshaut
zum Mantel, den Felsblock der Höhle zum Schreibtisch, die Bärin zum Zuhörer.
    Es ist schade, dass die neckenden Geister und Kobolde schon lange ihr
frohsames Handwerk eingestellt haben, sonst möcht' es manch einem Schreibersmann
unserer Tage nicht ungedeihlich sein, wenn ihn plötzlich unsichtbare Hände vom
Mahagonitisch hinwegtrügen auf die grünen Matten der Ebenalp; - dort droben, wo
der alte Mann in seiner Berggewaltigkeit dem Poeten ins Konzept schaut, wo die
Abgründe gähnen, der Donner zwölffältig durch die Schluchten rollt und der
Lämmergeier in einsam stolzem Kreisen dem Regenbogen zufliegt, dort muss einer
etwas Grosses, Kerniges, Bärenmässiges singen oder reuig in die Kniee sinken wie
der verlorene Sohn und vor der gewaltigen Natur bekennen, dass er gesündigt. - -
    Unsere Erzählung neigt sich zum Ende.
    Es wär' ihr vielleicht ein Gefallen geschehen, wenn Ekkehard jetzt nach
Vollendung seines Sanges eines sänftlichen Todes verblichen wäre: das hätte
einen gar rührenden Schluss gegeben, wie er oben vor seiner Höhle gesessen, den
Blick nach dem Bodensee, die Harfe an den Fels gelehnt, die Pergamentrolle in
der Rechten, und das Herz wär' ihm gebrochen, und es hätt' sich ein schön
Gleichnis daran geknüpft, wie der Sänger vom Lodern des Geistes in ihm
aufgezehrt ward und dahinstarb, gleich der Kerze, die zur Asche sich verzehrt,
eben da sie Licht gewährt, - aber den Gefallen erwies Ekkehard seinem Angedenken
bei der Nachwelt nicht.
    Echte Dichtung macht den Menschen frisch und gesund. Und Ekkehards Wangen
hatten sich in währender Arbeit strahlend gerötet, und es war ihm so wohl
geworden, dass er oftmals den Arm ausreckte, als woll' er einen Wolf oder Bären
mit einem Schlag der Faust niederschmettern. Wie aber sein Waltari durch Not
und Todeswunden glücklich zu Ende geführt war, da jubelte er, dass die
Tropfsteine in seiner Höhle verwundert einander zublinzeln mochten, den Ziegen
im Stall warf er eine doppelte Atzung an Futter zu, dem Handbuben aber
übermachte er etliche Silberpfennige, dass er hinübersteige als Botenknabe nach
Sennwald im Rheintal und einen Schlauch rötlichen Weines beschaffe. Es war
damals wie jetzt: Ist das Buch zu End' gebracht, der Schreiber einen Freudsprung
macht280.
    Darum sass er abends auf der Ebenalp beim alten Senn und trank ihm tapfer zu
und nahm ihm das Alphorn vom Nacken und trat auf ein Felsstück und blies nach
dem fernduftigen Hegauer Berggipfel hinüber, frohgewaltig, als woll' er die
Herzogin herausblasen auf den Söller und Praxedis dazu, und wolle sie mit Lachen
begrüssen.
    »Wenn ich wieder auf die Welt käme«, sprach er zu seinem Freund, dem
Alpmeister, »und hätte vom Himmel herniederzufallen und die Wahl wohin, ich
glaube, ich liess mich zum Wildkirchlein fallen und nirgend anders hin.«
    »Ihr seid nicht der erste«, antwortete lachend der Alte, »dem's bei uns wohl
behagt hat. Wie der Bruder Gottschalk noch lebte, sind einmal fünf welsche
Mönche heraufgekommen zum Besuch, die haben ein besseres Weinlein mitgebracht,
als das von Sennwald ist, und sind drei Tage oben geblieben und haben Sprünge
gemacht, dass ihnen die Kutten zu Häupten flogen; erst wie es wieder bergab ging,
haben sie das Antlitz in die gehörigen Falten gelegt, und einer hat noch eine
lange Rede an unsere Herden gehalten: Ihr guten Ziegen, seid verschwiegen,
sprach er, der Abt von Novalese braucht nichts von unserer Geister Entrückung zu
wissen.«
    »Aber stehet mir einmal Rede, Bergbruder, was habt Ihr in diesen letzten
Tagen so geduckt in Eurer Höhle zu sitzen gehabt? Ich hab' Euch wohl gesehen,
wie Ihr viel Hakenfüsse und Runen auf Eselshaut gezeichnet, Ihr habt doch keinen
bösen Zauber vor gegen unsere Herden und Berge? Sonst ...« er sah ihn drohend
an.
    »Ich hab' ein Lied aufgeschrieben«, sprach Ekkehard.
    Der Senn schüttelte das Haupt.
    »Das Schreiben! das Schreiben!« brummte er. »Mich geht's nichts an, und der
hohe Säntis wird, so Gott will, noch auf Enkel und Urenkel herabschauen, ohne
dass sie wissen, wie man Griffel und Feder handhabt, aber das Schreiben kann
unmöglich vom Guten sein. Der Mensch soll aufrecht einhergehen, wenn er ein
Ebenbild Gottes sein will, wer aber schreibt, muss sitzen und den Rücken biegen,
ist das nicht das Gegenteil von dem, was Gott angeordnet? Also muss es vom Teufel
kommen. Seht Euch vor, Bergbruder! und wenn Ihr mir noch einmal geduckt in Eurer
Höhle sitzen wollet wie ein Murmeltier und schreiben: beim Strahl! ich fahr'
Euch als Alpmeister dazwischen und reiss' Euch Eure Blätter in Fetzen, dass sie
der Wind verweht in die Tannenwipfel. Ordnung muss sein hier oben und einfach
Wesen, wir leiden nichts Ausgespjetztes!«
    
    »Ich will's nicht wieder tun«, sagte Ekkehard lachend und reichte ihm die
Hand.
    Der brave Alpmeister war am Sennwalder Rotwein warm geworden.
    »Und bei Donner und Blitz«, schalt er weiter, »was soll das heissen, ein Lied
aufschreiben? Narrenpossen! Schreibt's einmal auf, wenn Ihr könnt!«
    Er hub einen Jodelgesang an in so unmoduliert gröblichen Naturlauten, dass
auch das geübteste Ohr einen mit Wort oder Schriftzug darzustellenden Ton
vergeblich darin zu entdecken vermocht hätte.
    - - Zur selben Stunde sass zu Passau an der Donau im reblaubumrankten
Gartenstüblein der Bischofspfalz ein Mann in der Frische sprossenden
Mannesalters vor einem steingehauenen Tisch. Ein unnennbar feiner Zug lag um den
von braunem Bart überdeckten Mund, üppige Locken wallten unter dem samtnen
Barett herfür, seine dunkeln Augen folgten dem Zuge der schreibenden Rechten.
Zwei blonde Knaben stunden neugierig an der hölzernen Armlehne seines Stuhles
und schauten ihm über die Schulter ... es war schon manch ein Blatt beschrieben
von Fahrten und Stürmen und Not und tapferer Helden Tod - er schrieb jetzo am
letzten. And dauerte nicht lang', so tat er die Feder weg und trank einen
langen, tiefen, ernsten Schluck ungrischen Weines aus dem spitzen Pokal.
    »Ist's jetzt fertig?« sprach der eine Knabe.
    »Es ist fertig!« nickte der Schreibersmann, »alles fertig, wie es sich hub
und wie es kam und wie es ein bitter Ende nahm.«
    Er reichte ihm die Blätter, und jubelnd sprangen die Knaben zu ihrem Ohm,
dem Bischof Pilgerim, und wiesen ihm die Schrift. »Und du selber stehst auch
drin, teurer Oheim«, riefen sie, »der Bischof mit seiner Nichte ritt auf Passau
an' - zweimal stehst du drin und dreimal!«
    Und Pilgerim, der Bischof, strich seinen weissen Bart und sprach: »Ihr dürft
euch freuen, liebe Neffen, dass euch der Konrad die Mär gebrieft, und wenn der
Donaustrom drei Tage und drei Nächte mit Gold fliessen wollte, ihr möchtet nichts
Kostbareres drin fischen, denn diesen Sang; das ist die grösseste Geschichte, die
auf der Welt je geschah.«
    Der Schreibersmann aber stund mit verklärtem Antlitz unter dem Rebgerank und
Geissblattgewinde des Gartens und schaute in die welken roten Blätter, die der
Herbst von den Zweigen geschüttelt, und schaute hinab in die flutende Donau, und
im rechten Ohr hub sich ihm ein helles Klingen, denn zu derselbigen Zeit hatte
Ekkehard auf lustiger Alpenhöhe eine hölzerne Schale mit Wein gefüllt und zum
alten Senn gesprochen: »Ich hab' einst einen guten Gesellen gehabt, einen
bessern findet man in keines Herren Land, der hiess Konrad; und mit Frauenlieb'
und Weltruhm ist's nichts, aber der alten Freundschaft bleib' ich zu Dank
verpflicht't bis in den Tod, Ihr sollt mit mir sein Wohl trinken, das ist einer,
der würde dem Säntis Freud' machen, wenn er hier wäre!« Und der Senn hatte die
Schale geleert und gesagt: »Bergbruder, ich glaub's Euch. Er soll leben!«
    Darum erklang dem Mann in Passau sein Ohr; er aber wusste nicht warum. Und
sein Ohr klang noch, da kam der Bischof Pilgerim einhergewandelt, und hinter ihm
brachte der Stallmeister ein weiss Rösslein, das war altersschwach und schäbig,
und wenn man ihm näher ins Gesicht schaute, war's auch am linken Aug' blind, und
der Bischof nickte mit seiner spitzen Inful und sprach gnädiglich: »Meister
Konrad, was Ihr meinen Neffen zuliebe geschrieben, sollt Ihr nicht umsonst
geschrieben haben, mein erprobtes Streitross sei Euer!«
    Da zuckte der Meister Konrad wehmütig lächelnd die seinen Lippen und dachte:
»Es geschieht mir schon recht, warum bin ich ein Dichter worden!« laut aber
sprach er: »Gott lohn's Euch, Herr Bischof, Ihr werdet mir wohl ein paar Tage
Urlaub schenken zum Ausruhen von der Arbeit.«
    Und er streichelte das alte weisse Rösslein und schwang sich darauf, ohne eine
Antwort abzuwarten, und sass stolz und anmutsvoll im Sattel und brachte sein
demütig Tier noch zu einem leidlichen Trab und ritt von dannen.
    »Ich will meinen besten Stossfalken gegen ein Paar Turteltauben verloren
geben«, sprach der ältere der Knaben, »wenn er nicht wiederum nach Bechelaren
reitet zur Markgrafsburg. Er hat immer gesagt: So gut ich meinen gnädigen Herrn,
den Bischof, ins Lied hereinsetze, kann ich auch der Frau Markgräfin Gotelinde
und ihrer schönen Tochter drin ein Denkmal aufrichten, die danken mir's doch am
feinsten!«
    Derweil war der Meister Konrad schon dem Tore der Bischofspfalz entritten;
er schaute sehnsüchtig donauabwärts und hub an mit heller Stimme zu singen:
»Da sprach unverhohlen derselbe Fiedelmann:
O Markgraf, reicher Markgraf, Gott hat an Euch getan
Nach allen seinen Gnaden, hat er Euch doch gegeben
Ein Weib, ein so recht schönes, dazu ein wonniglich Leben.
Und wär' ich nun ein König, fing er wieder an,
Und sollte Kronen tragen, zum Weibe nähm' ich dann
Eure schöne Tochter, die wünschte sich mein Mut,
Sie ist so süss zu schauen, so minniglich ...«
aber bei diesen Worten wirbelte ihm eine Staubwolke entgegen, dass seine Augen
unfreiwillig in Tränen standen und sein Gesang verstummte.
    Die Strophen waren aus dem Werke, wofür ihn der Bischof soeben gelohnt; das
war ein Heldenbuch in deutscher Sprache und hiess: Der Nibelungen Lied281! ...
    - Mählich ging's in den Herbst hinein. Und wenn der auch abendlich ein
glühender Rot an die Himmelswölbung malt als andere Jahreszeit, so kommen doch
kühle Lüfte in seinem Gefolg', dass, wer festgesiedelt auf den Alpen, sich
anschickt, zu Tal zu fahren, und kein Wolfspelz vor fröstelndem Klappern der
Zähne schützt.
    Frischer Schnee glänzte auf allen Kuppen und gedachte für dieses Jahr nimmer
zu zergehen. Ekkehard hielt den Sennen die letzte Bergpredigt. Hernach streifte
Benedicta an ihm vorbei. »Jetzt ist's aus mit unserer Herrlichkeit da oben«,
sprach sie, »morgen zieht Mensch und Tier ins Winterfutter. Wo geht Ihr hin,
Bergbruder?«
    Die Frage fiel ihm schwer aufs Herz.
    »Ich bliebe am liebsten hier«, sprach er. Benedicta lachte hell auf. »Man
merkt«, sagte sie, »dass Ihr noch keinen Winter oben versessen habt, sonst würd'
es Euch nach keinem zweiten gelüsten. Ich möcht' Euch wohl sehen, eingeschneit
im Bruderhäuslein, und die Kälte schleicht durch alle Ritzen, dass Ihr zittert
wie ein Espenlaub, die Lawinen krachen ringsumher und die Eiszapfen wachsen Euch
in Mund herein ... Und wenn Ihr einmal zu Tal wollet und etwas zu essen holen,
da liegt der Schnee haushoch auf dem Pfad, ein Schritt - und Ihr sinkt bis ans
Knie ein, ein zweiter - traladibidibidib! so ragt nur noch die Kapuze hervor und
man sieht von der schwarzen Kutte nicht mehr als von einer Fliege, die in die
Milchsuppe gefallen ist ... And dieses Jahr hat's gar so viel Spiegelmeisen
gehabt, das gibt einen strengen Winter! Hu, wie freu' ich mich auf die langen
Abende, da sitzen wir beim Kienspanlicht um den warmen Ofen und spinnen Flachs,
das Rädlein knurrt, das Feuer brummt, und wir erzählen die schönsten
Geschichten, und wer ein braver Bub ist, darf zuhören. Es ist schad', dass Ihr
kein Senn geworden seid, Bergbruder, ich würde Euch auch mitnehmen zur Stubeten
A1.«
    »Es ist schade«, sprach Ekkehard.
    Folgenden Tages ging's in festlichem Zuge talab. Der alte Senn hatte sein
feinstes Linnen angetan und sah vergnügt drein wie ein Patriarch; die rundliche
Lederkappe auf dem Haupt, den schönsten Melknapf über der linken Schulter
schritt er voraus und sang den Kuhreihen jugendhell und tapfer, ihm folgten
Benedictas Ziegen, die Plänkler der grossen Heerschar, die Hirtin mit ihnen, die
letzten Alpenrosen mit schon vergilbten Blättern ins dunkle Gelock geflochten.
Fetzt kam die schwarzgefleckte grosse Susanna, die Königin der Herde, als Zeichen
des Vorrangs die schwere Glocke um den Hals; ehrbar und stolz war ihr Gang, und
wenn eine der Nachfolgenden ihr vorauszuschreiten wagte, so warf sie ihr einen
verächtlichen hornstossdrohenden Blick zu, dass die Anmassende erschrocken
zurückwich. Schwerfällig schritten die anderen bergab: »Ade, du schmackhaft
Alpengras, du fröhlich Wiederkäuen!« dachte manch ein fettgeworden Kühlein und
knickte sich im Vorbeistreifen noch die letzten Blumen am Pfade.
    Der Stier trug den einfüssigen Melkstuhl zwischen den Hörnern, auf des
Gewaltigen Rücken sass der Handbub verkehrt und hielt die ausgestreckten Finger
beider Hände an seine nicht allzufein geformte Nase und rief zu den Berggipfeln
hinauf: »Der Sommer ist gegangen und hat den Herbst gebracht, jetzt wünschen wir
einand eine gute, gute Nacht; ihr stille schneeige Herren, lebt wohl jetzt
allerseit, ich wünsch' euch wohl zu schlafen die ganze Winterszeit!« Ein
Schlitten mit der Sennhütte Geschirr und Ausrüstung schloss den Zug.
    Und Sennen und Herde und Ziegen verschwanden im Tannenwald, verhallend tönte
Hirtensang und Schellengeläut aus der Ferne, dann ward's still und einsam wie in
jener Abendstunde, da Ekkehard zuerst vor dem Kreuz des Wildkirchleins gekniet
war. Er trat in seine Klause. Es war ihm in seinem stillen Bergleben klar
geworden, dass die Einsamkeit nur eine Schule fürs Leben ist, nicht das Leben
selbst, und dass wertlos verderben muss, wer in der grimmen Welt immerdar nur
müssig in sich hineinschauen will.
    »Es hilft nicht«, sprach er, »auch ich muss wieder zu Tale. Der Schnee weht
zu kalt, und ich bin zu jung, kann kein Einsiedel bleiben.«
»Fahr' wohl, du hoher Säntis, der treu um mich gewacht,
Fahr' wohl, du grüne Alpe, die mich gesund gemacht!
Hab' Dank für deine Spenden, du heil'ge Einsamkeit,
Vorbei der alte Kummer - vorbei das alte Leid.
Geläutert ward das Herze, und Blumen wuchsen drin:
Zu neuem Kampf gelustig steht nach der Welt mein Sinn.
Der Jüngling lag in Träumen, dann kam die dunkle Nacht;
In scharfer Luft der Berge ist jetzt der Mann erwacht!«
    Er griff seine Reisetasche und legte seine wenige Habe drein. Sein
Teuerstes, das Waltarilied, sorgsam umhüllt, tat er oben drauf; ein Lächeln
umspielte sein Antlitz, wie er noch etliche Gerätschaften umherstehen sah. Auf
dem Felsrand stund die halbausgeschriebene Flasche mit Schreibsaft, die griff er
und warf sie hinaus in die Tiefe, dass sie in glitzernde Splitter zerschmettert
ward. Die dreieckige Harfe lehnte wehmütig an der Rasenbank vor der Höhle: »Du
sollst zurückbleiben und dem, der nach mir kommt, seine stillen Stunden
versüssen«, sprach er. »Aber kling' ihm nicht matt und nicht süss, sonst mög' es
aus den Tropfsteinen in deine Saiten träufeln, dass sie einrosten, und der Sturm
von den Gletschern drüber fahren, dass sie bersten!«
    »Ich hab' ausgesungen.«
    Er hängte die Harfe an einen Nagel.
    In währender Klausnerzeit hatte er sich einen starken Bogen geschnitzt,
Köcher und Pfeile waren noch aus Gottschalks Nachlass droben, die nahm er jetzt
als gut Gewaffen zur Hand, - gerüstet, im Wolfsmantel stund er vor der Klause
und tat noch einen langen, langen Blick nach der Stätte glücklicher
Sommerfrische und hinüber zu den vielteuern Gipfeln und hinunter, wo aus dem
Tannendunkel der Seealpsee meergrün aufglänzte. Es war so schön wie immer. Der
Mauerspecht, der die gleiche Bergritze zu seiner Behausung erkoren, flog ihm
traulich auf die Schulter und pickte ihm mit hämmerndem Schnabel die Wangen,
dann schwang er sein schwarzrot Gefieder hinauf in die blauen Lüfte, als woll'
er dem hohen Säntis des Einsiedels Abzug vermelden.
    Aber Ekkehard stiess seinen Speer auf und wandelte den gewohnten
schwindelnden Pfad hinunter. An der Felswand zum Ascher hielt er noch einmal und
winkte hinauf zu seiner Siedelei und tat einen Jodelruf, dass es am Kamor erklang
und am hohen Kasten und rollender Widerhall an der Maarwiese vorbei zog bis in
die fernsten Winkel des Gebirges. Der kann's! sprach ein heimkehrender Hirt
unten im Tal zu seinem Gefährten.
    »Schier wie ein Geissbub!« sagte der andere, als Ekkehard jenseits der
Felswand verschwand.
    - - Der aufgehende Tag hatte schon etlichemal seine Strahlen auf das
Wildkirchlein geworfen, das traurig einem verlassenen Nest gleich ins Tal
hinunterschaute. Der Bergbruder kam nimmer zurück.
    Am Bodensee rüstete man zur Weinlese. An einem milden Abend sass Frau Hadwig
im Gärtlein ihrer Burg, die treue Praxedis zur Seite. Die Griechin hatte
unerquickliche Zeiten. Ihre Gebieterin war verstimmt, misszufrieden,
unzugänglich. Auch heute wollte ein Gespräch nicht gelingen. Es war ein
schlimmer Gedächtnistag.
    »Heute ist's ein Jahr«, hub Praxedis scheinbar gleichgültig an, »dass wir
über den Bodensee fuhren und beim heiligen Gallus ansprachen.« Die Herzogin
schwieg. - »Es ist viel geschehen seitdem«, wollte Praxedis beifügen - das Wort
verhauchte auf den Lippen.
    »Wisst Ihr auch, gnädige Herrin, was die Leute von Ekkehard sagen?« fuhr sie
nach geraumer Weile fort.
    Frau Hadwig schaute auf. Es zuckte um ihre Lippen. »Was sagen die Leute?«
sprach sie gleichgültig.
    »Herr Spazzo hat neulich den Abt von Reichenau getroffen«, erzählte
Praxedis, »der sagte: Wisset Ihr auch etwas Neues? Den Alpen ist Heil
widerfahren, das Joch des Säntis ertönt von Lyraklang und Dichtergezwitscher,
ein neuer Homer hat sich droben eingenistet, und wenn er wüsste, in welchen
Höhlen die Musen hausen, so könnt' er ihren Reigen anführen wie ein cyntischer
Apollo282. Und wie Herr Spazzo kopfschüttelnd erwiderte: Was geht das mich an?
da sprach der Abt: Es ist Euer Ekkehard, aus der Klosterschule von Sankt Gallen
hat's die Fama zu uns getragen. Herr Spazzo hat lachend dazu gesagt: Wie kann
der singen, der nicht einmal erzählen kann?«
    Die Herzogin war aufgestanden. »Schweig!« sprach sie, »ich will nichts davon
wissen.« Praxedis kannte das Zeichen ihrer Hand und ging betrübt von dannen.
    Frau Hadwigs Herz aber dachte anders, als ihre Zunge sprach. Sie trat an des
Gärtleins Mauerwehr und schaute hinüber nach den helvetischen Bergen. Dämmerung
war eingebrochen, schwerfällige lange stahlgraue Wolkenstreifen standen
unbeweglich über dem Abendrot, wie darauf genagelt, das zitterte und flammte
wehmütig drunter vor. Im Rinnen und Zerrinnen des letzten Tagesstrahls ward auch
ihr Denken weich. Ihr Auge blieb drüben auf dem Säntis haften, - es war ihr, als
hätte sie eine Erscheinung, als täte sich der Himmel auf und seine Engel kämen
durch die Lüfte gefahren und senkten sich hernieder zu jenen Höhen und brächten
einen Mann getragen im wohlbekannten Mönchsgewand - und der Mann war blass und
tot und ein Lichtglanz, schön und lauter, umschwebte das luftige Geleit ...
    Aber Ekkehard war nicht gestorben.
    Ein zischender leiser Ton schreckte die Herzogin auf, ihr Auge streifte an
dem Felsabhang vorüber, über den einst der Gefangene entronnen, eine dunkle
Gestalt entschwand im Schatten, ein Pfeil kam über Frau Hadwigs Haupt geflogen
und sank langsam zu ihren Füssen nieder.
    Sie hob das wundersame Geschoss auf. Nicht Feindeshand hatte es dem Bogen
entschnellt, seine Blätter Pergamentes waren um den schafft gewunden, die Spitze
umhüllt mit einem Kränzlein von Wiesenblumen. Sie löste die Blätter und kannte
die Schrift.
    Es war das Waltarilied. Auf dem ersten Blatt stund mit blassroten Buchstaben
geschrieben: »Der Herzogin von Schwaben ein Abschiedsgruss!« und dabei stund der
Spruch des Apostel Jakobus: »Selig der Mann, der die Prüfung bestanden!«
    Da neigte die stolze Frau ihr Haupt und weinte bitterlich. -
    Hier endet unsere Geschichte.
    Ekkehard zog in die weite Welt, er hat den hohen Twiel nimmer gesehen, auch
sein Kloster Sankt Gallen nicht. Er hatte sich zwar überlegt, ob er nicht
bussfertig wieder eintreten wolle, wie er von den Alpen niedersteigend den
bekannten Mauern nahe gekommen war. Aber es fiel ihm ein Sprichwort seines alten
Alpmeisters ein: »Wenn einer lang' Senn war, wird er nimmer gern Handbub«, und
er ging vorbei. Man hat später am Hofe der sächsischen Kaiser viel von einem
Ekkehard gehört, der ein stolzer, trotziger, in sich gekehrter Mann gewesen, bei
frommem Gemüt von tiefer Verachtung der Welt beseelt, aber lebensfrisch und
gewandt, in jeglicher Kunst erfahren. Er war des Kaisers Kanzler, erzog dessen
jugendlichen Sohn, sein Rat galt viel in des Reichs Geschäften. »In kurzem«,
schreibt ein Geschichtschreiber von ihm, »erschien er ihnen als ein so
Hervorragender, dass es durch aller Mund ging, sein warte noch die höchste Würde
der Kirche.«
    Die Kaiserin Adelheid wandte ihm ihre volle Hochachtung zu283. Er war auch
einer der Hauptursächer, dass der übermütige Dänenkönig Knut mit Heeresmacht
überzogen ward.
    Es ist unbekannt, ob dies derselbe Ekkehard war, von dem unsere Geschichte
erzählte.
    Andere haben auch behauptet, es seien mehrere des Namens Ekkehard im Kloster
Sankt Gallen gewesen, und der den »Waltari« dichtete, sei nicht der nämliche,
der die Herzogin Hadwig des Lateins unterwies. Aber wer der Geschichte, die wir
jetzt glücklich zu Ende geführt, aufmerksam folgte, weiss das besser. -
    Von den weiteren Schicksalen der übrigen, die unsere Erzählung in buntem
Wechsel der Gestalten vor des Lesers Auge gestellt hat, ist wenig zu berichten.
    Die Herzogin Hadwig vermählte sich nicht wieder und erreichte in frommem
Witwenstand ein hohes Alter. Sie stiftete später ein bescheidenes Kloster auf
dem hohen Twiel und vergabte ihm ihre Güter in alemannischen Landen. Über
Ekkehard durfte in ihrer Gegenwart nie mehr gesprochen werden; aber das
Waltarilied ward fleissig von ihr gelesen und war ihre stete Trösteinsamkeit;
nach einer unverbürgten Aussage der Mönche von Reichenau soll sie es sogar fast
ganz auswendig gewusst haben.
    Praxedis diente ihrer Herrin noch etliche Jahre getreu, aber mählich und
mählich stieg eine unbezwingliche Sehnsucht nach ihrer sonnigen,
farbenprächtigen Heimat in ihr auf, und sie behauptete, die schwäbische Luft
nimmer ertragen zu können. Reich beschenkt ward sie von der Herzogin
verabschiedet; Herr Spazzo, der Kämmerer, gab ihr ein ritterlich ehrsam Geleite
bis gen Venetia. Eine griechische Galeere trug die immer noch anmutige Jungfrau
von der Stadt des heiligen Markus gen Byzanzium. Die Erzählungen, die sie dort
machte vom Bodensee und den wilden treuen Barbarenseelen284 an seinen Ufern,
wurden von sämtlichen Kammerfrauen am griechischen Kaiserhof mit bedenklichem
Kopfschütteln aufgenommen, als spräche sie von einem verzauberten Meer und einem
Lande der Fabel.
    Moengal, der Alte, sorgte noch eine geraume Zeit für das Seelenheil seiner
Pfarrkinder. Als die Hunnen wieder mit räuberischem Einfall drohten,
beschäftigte er sich lange mit einem Plan zu ihrem Empfang. Er schlug vor, auf
dem Blachfeld etliche hundert tiefe Fallgruben zu graben, sie mit Baumzweigen
und Farrenkraut zu überdecken, und hinter ihnen in Schlachtordnung den
ansprengenden Feind zu erwarten, auf dass Ross und Reiter in jähem Sturz
zuschanden würden. Die schlimmen Gäste liessen sich aber nicht wieder im Hegau
blicken und ersparten dem Leutpriester das Vergnügen, ihnen mit wuchtigen
Keulenschlägen die Schädel zu zertrümmern. Ein sanfter Tod ereilte den alten
Weidmann, als er gerade von einer wohlgelungenen Falkenjagd auszuruhen gedachte.
    Auf seinem Grab im Schatten der grauen Pfarrkirche wuchs eine Stechpalme,
die ward so knorrig und gross, wie man früher keine gesehen, dass die Leute
sagten, es müsse ein Ableger von ihres Pfarrherrn braver Keule Cambutta sein.
    Audifax, der Ziegenhirt, lernte die Goldschmiedkunst und zog hinüber nach
Konstanz an des Bischofs Sitz und schuf viel schöne Arbeiten. Er führte die
Gefährtin seines Abenteuers als angetrautes Eh'gemahl heim, die Herzogin war der
Taufpate ihres ersten Söhnleins.
    Burkard, der Klosterschüler, ward ein gefeierter Abt des sanktgallischen
Gotteshauses285 und verfertigte bei feierlichen Anlässen noch manches Dutzend
gelehrter lateinischer Verse, mit denen jedoch, dank der zerstörenden Unbill der
Zeit, die Nachwelt verschont geblieben ist.
    ... Und alle sind längst Staub und Asche, die Jahrhunderte sind in raschem
Flug über die Stätten weggebraust, wo ihre Geschicke sich abspannen, und neue
Geschichten haben die alten in Vergessenheit gebracht.
    Der hohe Twiel hat noch vieles erleben müssen in Kriegs- und
Friedensläuften; zu manch einem tapferen Reiterstücklein ward aus seinen Toren
geritten und manch ein gefangener Mann trauerte in seinen Gewölben, bis auch der
stolzen Feste ihr Stündlein schlug und an einem schönen Maientag der Berg in
seinem Innersten zusammenschütterte und von Feindeshand gesprengt Turm und Mauer
in die Lüfte flog.
    Jetzo ist's still auf jenem Gipfel, die Ziegen weiden friedlich unter den
riesigen Trümmerstücken, - aber über dem glänzenden Bodensee grüsst der Säntis
aus blauer Ferne so anmutig und gross herüber wie vor viel hundert Jahren, und es
ist immer noch ein vergnüglich Geschäft, ins schwellende Gras gelagert eine
Umschau zu halten über das weite Land.
    Und der dies Büchlein niedergeschrieben, ist selber manch einen guten
Frühlingsabend droben gesessen, ein einsamer fremder Gast, und die Krähen und
Dohlen flatterten höhnisch um ihn herum, als wollten sie ihn verspotten, dass er
so allein sei, und haben nicht gemerkt, dass eine bunte und ehrenwerte
Gesellschaft um ihn versammelt war, denn in den Trümmern des Gemäuers standen
die Gestalten, die der Leser im Verlauf unserer Geschichte kennengelernt, und
erzählten ihm alles, wie es sich zugetragen, haarscharf und genau, und winkten
ihm freundlich, dass er's aufzeichne und ihnen zu neuem Dasein verhelfe im
Gedächtnis einer spätlebenden eisenbahndurchsausten Gegenwart.
    Und wenn es ihm gelungen ist, auch dir, vielteurer Leser, der du geduldig
ausgehalten bis hieher, ein anschaulich Bild zu entwerfen von jener fernen
abgeklungenen Zeit, so ist er für seine Mühe und einiges Kopfweh reichlich
entschädigt. Gehab' dich wohl und bleib' ihm fürder gewogen!
 
                                    Fussnoten
A1 Die Appenzeller Bezeichnung für die erwähnten Zusammenkünfte.
 
                                 AnmerkungenA1.
1 ... Purcardus autem, dux Suevorum, Sueviam quasi tyrannice regens. Ekkehardi
IV. casus S. Galli cap. 3 bei Pertz Monumenta Germaniae historica II. 104. hic
cum esset bellator intolerabilis. Witukind lib. I, c. 27.
2 ... cum jam esset decrepitus. Ekkeh. casus S. Galli cap. 10.
3 Hadawiga, Henrici ducis filia, Suevorum post Purchardum virum dux vidua, cum
Duellio habitaret, femina admodum quidem pulchra, nimiae severitatis cum esset
suis, longe lateque terris errat terribilis. Ekkeh. casus S. Galli cap. 10 bei
Pertz II, 122.
4 camisia clizana, pallium canum vel sapphirinum. Das Kostüm der Vornehmen war
mannigfacher Veränderung durch die Mode unterworfen. Zu Karl des Grossen Zeiten
trug man an den Füssen Schuhe, um die Beine hohe, kamaschenartig zugeschnürte
Binden, ein hemdartig linnenes Unterkleid und ein wollenes Oberkleid oder einen
langen, von den Schultern bis zu den Absätzen reichenden Mantel, der durch
Ausschnitt an den Seiten den Armen freie Bewegung liess. Der lange Mantel wurde
aber bald gegen einen kürzeren vertauscht, der sich indes auch nicht als
zweckmässig bewährte. Vergl. des monachus San Gallensis gesta Karoli M. lib. I,
c. 34 bei Pertz Mon. II, 747. Den Miniaturbildern sanktgallischer Handschriften,
z.B. des psalterium aureum, ist mannigfacher Aufschluss über gleichzeitige
Trachten zu entnehmen.
5 Wehrgeld - nach mittelalterlichem Strafrecht, wonach fast alle Vergehen und
Verbrechen mit Geld zu sühnen waren, ist ein dem Verletzten zu persönlicher
Genugtuung, Busse (Wette, fredum), ein zur Sühne des gestörten Friedens dem Volk,
später dem Landesherrn zu entrichtendes Strafgeld. Die alten Volksrechte
verzeichnen auch bei allen Gattungen von Tieren sorgfältig deren Wehrgeld, das
im Fall von Tötung oder Beschädigung der Eigentümer zu erheben hatte. Wenn
übrigens der Schaden mehr durch Zufall zugefügt wurde, lag kein Friedbruch vor,
und es würde Herrn Spazzo sehr schwer gefallen sein, die Verurteilung des für
seinen Wolfshund verantwortlichen Herrn von Fridingen zu einer Busse
durchzusetzen.
6 Brautwerbungen zwischen dem byzantinischen Hofe und den deutschen Grossen kamen
in dieser Zeit wiederholt und wechselseitig vor. Oft wurden deutsche Bischöfe in
solcher Mission nach Konstantinopel gesendet, z.B. Bernward von Würzburg für
Kaiser Otto III., Werner von Strassburg für den Sohn Kaiser Konrads II. In einer
Notiz des sanktgallischen liber benedictionum wird es sehr getadelt, dass die
vornehme Männerwelt sich mit Hintansetzung der deutschen Töchter Frauen aus
Italien und Griechenland holte. Die Vorliebe der deutschen Herren für
byzantinische Damen begreift sich aber nach den Schilderungen derer, die
Augenzeugen des neuen Tones und der liebenswürdigen Geselligkeit waren, welche
durch Otto II. griechische Gemahlin Teophano an dem deutschen Kaiserhof
eingeführt wurden. Sogar der ernstafte Scholastiker Gerbert, nachmals Papst
Sylvester II., sah sich veranlasst, dem Zauber byzantinischer Frauensitte seine
Anerkennung auszusprechen. »Da mir diese gemütlichen Gesichter«, sagt er, »diese
sokratischen Unterhaltungen entgegenkamen, vergass ich allen Kummer und mich
schmerzte nicht mehr der Gedanke meiner Auswanderung.«
7 Einheimische Vögel, künstlich abgerichtet, nahmen in den Salons jener Tage die
Stelle ein, die heute den Papageien zukommt. Im Fragment VIII des lateinischen
Gedichts Ruodlieb wird sehr idyllisch erzählt von solch wundersam zahmen Staren,
die es verstehen, ihr Futter selbst zu verlangen, und gelehrt sind:
        »Nostratim fari Pater et noster recitare
        Usque qui es in coelis lis, lis, lis triplicatis.«
S. Grimm und Schmeller, Latein. Gedichte des X. u. XI. Jahrhunderts, p. 174 u.
212.
8 Haec quondam parvula, Constantino Graeco regi cum esset desponsata, per
eunuchos eius ad hoc missos literis graecis adprime est erudita, sed cum
imaginem virginis pictor eunuchus domino mittendam uti simillime depingeret,
sollicite eam inspiceret, ipsa nuptias exosa os divaricabat et oculos, sicque
Graeco pervicaciter repudiato, literis post latinis studentem Purchart illam dux
multipliciter dotatam duxit usw. Ekkeh. casus S. Galli c. 10 bei Pertz Monum.
II, 123.
9 ... seu serpentes capitatae, oscula quae sibi dant. Ruodlieb, fragm. III, 335.
-
10 Rorschach wird oftmals erwähnt als Durchgangspunkt für die nach Italien
Reisenden. Das Gotteshaus Sankt Gallen übte »von des Reichs wegen« die Vogtei
darüber. S. Öffnung zu Rorschach v. 1469 bei Grimm, Weistümer I, 233. Diplome
sächsischer Kaiser bestätigen den Äbten von Sankt Gallen das Markt-, Münz- und
Zollrecht daselbst. S. Ildefons v. Arx, Geschichte des Kantons Sankt Gallen I,
221.
11 ... et clamativo illum cantu salutant: Heil herro! Heil liebo! et caetera.
Ekkeh. casus S. Galli bei Pertz Mon. II, 87.
12 silvarum avidus. Vita S. Galli.
13 de natione Scotorum, quibus consuetudo peregrinandi jam paene in naturam
conversa. Walafrid Strabo in der vita S. Galli lib. II. cap. 47 bei Pertz Monum.
II, 30.
14 »Ascopam i.e. flasconem similis utri de coriis facta, sicut solent Scottones
habere.« Glosse einer sanktgall. Handschrift des neunten Jahrhunderts bei
Hattemer, Denkmale des Mittelalters. Sankt Gallens altdeutsche Sprachschätze.
Bd. I, 237.
15 Und jetzt allerdings, rückblickend auf das wenige Gute, was die Nachwelt der
Sorge wohlmeinender Vorfahren zu verdanken hat, mag man einstimmen in das Lob,
das Herder s.Z. in seinem leider etwas hölzernen Poem »Die Fremdlinge« jenen
frommen Wandersmännern erteilt:
 »Die scotice mit altem Bardenfleiss
 Die Bücher schrieben und bewahreten.«
16 Regula S. Benedicti cap. 48. - Accepit solitus fratres postt prandia somnus.
Annales. S. Gallenses majores bei Pertz Monum. I, 81.
17 ... in conclavi vase quodam argenteo mire figurato ad aquam inferendam
utebatur. Ekkeh. IV. casus S. Galli cap. 1 bei Pertz Mon II, 88.
18 Recalvaster est, qui in anteriori parte capitis duo calvitia habet medietate
inter illa habente pilos, ut est Craloh abbas et Wikram. Glosse einer
sanktgallischen Handschrift zum Buch Leviticus bei Hattemer, Denkmale etc. I,
240.
19 ... more hirundinis.
20 erat senatus reipublicae nostrae tunc quidem sanctissimus. Ekkeh. IV. casus
S. Galli, c. 1 bei Pertz Mon. II, 80.
21 enimvero hi tres, quamvis votis essent unicordes, natura tamen, ut fit, erant
dissimiles. S. die rührende Schilderung der drei engverbundenen klösterlichen
Freunde in Ekkeh. IV. casus S. Galli cap. 3. Pertz Monum. II, 94 u. ff., wo auch
der böse Sindolt, ihr Widersacher, des Näheren gezeichnet ist. Ratpert ist auch
der Verfasser des Lobgesangs auf den heiligen Gallus in deutscher Sprache, von
dessen Bedeutsamkeit die lateinische Übertragung Zeugnis gibt, die wir noch
besitzen. Hattemer, Denkmale etc. I, 337. Das von Tutilo als Deckelplatten für
eine Evangelienhandschrift geschnitzte Diptychon wird in der sanktgallischen
Stiftsbibliotek aufbewahrt. Man bevorzugte bei kirchlichem Schmuck das
Elfenbein, da der Elefant nach einem Ausdruck Notker Labeos in seiner
Psalmenübersetzung für ein »keusches Vieh« (chiûsche fiêo) galt. Hattemer,
Denkmale etc. II, 159.
22 »Den ganzen Kreis des Wissens am Schluss des 9ten Jahrhunderts vergegenwärtigt
uns das in Sankt Gallen aus der Schule Isos hervorgegangene, gemeiniglich nach
dem Abtbischof Salomo III. von Konstanz genannte enzyklopädische Wörterbuch
(glossae Salomonis) in lateinischer Sprache.« Es gibt zwar manches aus dem
Schatze der alten Lexikographen, namentlich aus Isidorus, wörtlich wieder,
entält aber doch auch viele Eigentümlichkeiten zur Erläuterung damaliger
Weltansichten und Verhältnisse und führt dabei die Mangelhaftigkeit der
damaligen Kenntnisse und Begriffsbestimmungen vor Augen. Stälin, Wirtemberg.
Geschichte, Bd. I, p. 405. Die von Sindolt erwähnte Glosse lautet: Rabulum =
tincman. qui semper vult ad unam quamque rem disputare. Sicut Ratolt facit. Es
war nicht ungewöhnlich, dass die von ihrer Ordensregel so vielfach zum Schweigen
veranlassten Mönche einem verhaltenen Groll durch Einträge in die Handschriften
und Bücher Luft machten. So ist auf dem letzten Blatt des Codex 176 ein grosses
Geschirr abgebildet, daneben mehrere gröbliche Hexameter wider den
Klostergeistlichen Grimoald geschrieben sind, z.B.:
     »Grimoald, fällt es dir bei, aus diesem Kruge zu schöpfen,
    Möge sein Inhalt sofort sich in Säure des Essigs verwandeln
    Und ein unendlicher Husten samt brennendem Durst dir beschert sein!«
Vergl. Hattemer, Denkmale I, 412. Die Schmähverse des Schotten Dubduin sind
mitgeteilt bei Ildefons v. Arx, Berichtigungen und Zusätze zur Geschichte des
Kantons Sankt Gallen, p. 20, not. d.
23 Über Sintram, den fleissigen Schreibekünstler, vergl. Ekkeh. IV. casus S.
Galli c. I, bei Pertz Monum. II, 89.
24 Eine ganz ähnliche Kur mit Umschlag einer frisch abgezogenen Wolfshaut und
Einreibung des Gehirns eines indischen Fisches schlägt in dem seltsamen
lateinischen Gedicht Ecbasis captivi v. 495 u. ff. der Fuchs dem kranken König
Löwen zur Stillung des Fiebers vor. S. Grimm und Schmeller, Latein. Gedichte des
X. Jahrh., p. 259.
25 mulieres ille et mala arborum naturali sibi quodam odio adeo execratus est,
ut, ubi in itinere utrumvis inveniret, mansionem facere nollet. Ekkeh. IV. casus
S. Galli c. 4 bei Pertz Mon. II, 104.
26 S.J.v. Arx, Berichtigungen und Zusätze etc., p. 26.
27 S. vita Wiboradae, auctore Hartmanno in den acta Sanctorum. Mai. tom. I, p.
288.
28 Et quoniam hic locum aptum puto de Ekkehardo... rem arduam aggredior; quoniam
cum tales viri aut nulli aut nunc rarissimi sint, discredi mihi vereor. Erat hic
facie adeo decorus, ut inspicientes, sicut Josephus de Moyse scribit, gratia sui
detineret. Statura procerus, forti assimilas, equaliter grossus, oculis
fulgurosus; ut quidam ad Augustum ait: Quia fulmen oculorum tuorum ferre non
possum. Sapientia et eloquentia, maxime autem consiliis, nemini id temporis
postponendus. In aetate florida gloriae, ut talis facturae vir, humilitate
proximior, sed postea non ita; quia disciplina, cum qua nihil unquam participii
superbia habuit, in ipso erat spectaculo digna. Doctor prosper et asper. Nam cum
apud S. Gallum ambas scolas suas teneret, nemo praeter exiles pusiones quicquam
alteri nisi latine ausus est proloqui etc. Ekkeh. IV casus S. Galli c. 10 bei
Pertz Monum. II, 122.
29 ... saepe juniori Dominus revelat, quod melius est! Regula S. Benedicti c. 3.
30 ... melius claudicare reges quam regna.
31 Nemini unquam, ait, Benedicti cuculla decentius insederat! Ekkeh. casus S.
Galli c. 10.
32 Sankt Gallen war wegen der genauen Beobachtung klösterlicher Ordnung und dem
tugendhaften Lebenswandel seiner Glieder besonders gerühmt. Daher galt es für
eine grosse Ehre, in die Zahl der Verbrüderten - fratres conscripti - aufgenommen
zu werden, zumal da man so das Verdienst frommer Übungen erwarb, ohne sie doch
wirklich mitzumachen. Manche liessen sich deswegen vieles kosten. Das Verzeichnis
der fratres conscripti ist noch vorhanden. Es stehen darin Kaiser, Könige von
Deutschland, England, Frankreich, Prinzessinnen, Bischöfe und Grafen. Ildef. v.
Arx, Geschichte des Kantons Sankt Gallen I, 181.
33 Vidi egomet comites aliosque potentes, loci quoque milites, festis diebus
crucem nobiscum sequendo, juvenes et senes quosdam ad cingulum barbatos
monachicis indutos roccis nobiscum, quaqua ivimus, ingredi. Ekkeh. IV. casus S.
Galli c. 16.
34 ... will er zu nacht aber da buliben, so soll ieklich schuppose, die in den
hof hoeret, geben ein hun usw. Grimm, Weistümer I, 1.
35 ... canem seucem, quem »leitihund« vocant ... seucem, qui in ligamine
vestigium tenet, quem »spurihunt« dicunt ... Canem, quem »bibarhunt« vocant, qui
sub terra venatur. Lex Baiuvarior. tit. 19 de canibus. S. auch Lex Alamannor.
tit. 83 de canibus.
36 »Der heber gât inlîtun
er trégit sper insîtun
sîn báld éllin
ne lâzet in uéllin.
Imo sint fûoze
fûodermâze,
imo sint búrste
ébenhô fórste.
únde zéne sîne
zvvélifélnîge.«
 Dies ehrwürdig alte Volkslied, das anscheinend entweder aus des Romeias
Jagdgeschichte entstand, oder von ihm seiner Jagdgeschichte zugrunde gelegt
ward, ist der Nachwelt erhalten durch die sanktgallische (vielleicht Notkersche)
Abhandlung über die Rhetorik, allwo es als geeignetes Beispiel hyperbolischer
Redeweise (nam plus dicitur, sed minus intelligitur) aufgeführt wird. Vergl.
Hattemer, Denkmale etc., Bd. III, p. 577.
37 S. Vita S. Galli bei Pertz Monum. II, 9.
38 Regula S. Benedicti, cap. 1.
39 In rauhen Zeiten sucht der Mensch seinem Gott auch in rauher Form zu dienen.
Das Klausnertum sagte damals weltabgewandten Gemütern zu, und Beispiele von
solchen, die über zwanzig und dreissig Jahre lang solch eine freiwillig
auferlegte Einzelhaft trugen, beweisen, dass das physische Leben durch einen
starken, vom Glauben, etwas Verdienstliches zu tun, beseelten Willen lang
gefristet werden kann. In der Handschrift der sanktgallischen annales maiores
ist ein Abbild des Priester Hartker entalten, eine unterwürfige, krummgebeugte,
demütig kasteite Gestalt in faltigem Mönchsgewand mit grosser Tonsur und der
Überschrift: Hartkerus reclusus. S. Pertz Monum. I, 72. Diesem ist im liber
benedictionum folgender Nachruf gewidmet:
     »Wer hat ein härteres Los als Hartker, der Klausner, getragen,
    Der in beengender Haft sich dreissig der Jahre kasteite?
    Immerdar stand er gebückt, so niedrig war die Bedachung,
    Kissen des Kopfs war ein Stein. Auf diesem schlief und entschlief er,
    Und in Kreuzesgestalt die mageren Arme entbreitend
    Wandt' er zum Himmel den Blick und befahl dem Herrn seine Seele.«
S.J.v. Arx, Geschichte etc. I, 232.
 Ein namhafter Reclausus früherer Zeit war der heilige Fintan ( 827), der das
Kloster Rheinau unweit Schaffhausen gestiftet. Ganze Nächte hindurch hörte man
ihn in seiner Zelle laut beten und in den fremden Lauten seiner irischen
Heimatsprache die Versuchung des bösen Feindes beschwören. S. vita S. Findani
confessoris. p. 57. Über die Zeremonien beim Akt der Einschliessung vgl. Martène
de antiqu. ecclesiae ritib. II, 177.
40 Wiborad ist ein altdeutscher Name und bedeutet »Nat der Weiber«. - Zwei
Mönche des Klosters Sankt Gallen, Hartmann und Hepidan, haben die
Lebensgeschichte dieser durch ihren tragischen Ausgang bedeutend gewordenen
Klausnerin verfasst. Sie sind in die acta Sanctor. der Bollandisten (Monat Mai,
Bd. I, 284 u. ff.) aufgenommen. S. auch Pertz Monum. VI. 452.
41 ... magistra praedurata ...
42 Lucas IX. 62.
43 ... Castitatis, inquit, fili mi, tibi cingulum per hoc lineum meum a Deo
accipe, Continentiaeque cingulum per hoc lineum meum a Deo accipe,
continentiaeque strophio ab hac deinceps die per Wiboradam tuam the praecinctum
memento. Cave autem, ne ullis abhinc colloquiis vanis mulierculis miscearis. Et
si, ut facillime fit, aliquo carnis igne incensus fueris, loco in quo fueris,
mutato, »Deus in adiutorium meum intende. Domine ad adiuvandum me festina« mox
cantaveris. Sin autem sic pacem aliquo alio lapsu tuo vetante non habueris,
titionem sive candelam ardentem quasi aliud aliquid agas querens, digitum vel
leviter adure, eodemque versu dicto securus eris. Ekkeh. IV. casus S. Galli cap.
3. Pertz Mon. II, 107.
44 ... »et accepit angelus folia lauri et scripsit in eis verba orationis et
dedit ea Pachumio dicens: manduca ea, et erunt amara in ore tuo sicut fel,
ventremque tuum implebunt obsecrationibus sapientiae, dabitur tibi forma
orationis sanae doctrinae. Et accipiens Pachumius manducavit et factum est os
ejus amarum, porro venter ejus dulcedine impletus est, et magnificavit Dominum
valde.« Vita Pachumii Sti. abbatis in der Handschrift 310 der Karlsruher
Hofbibliotek.
45 de cilicio etiam, quo ipsa utebatur, cuius hodie asperitatem pro reliquiis id
habentes horrescimus... Ekkeh. IV. casus S. Galli c. 3. Pertz Mon. II, 107.
46 proferensque mala de silva acidissima, inhianti et de manibus ejus rapienti
reliquerat. At illa vix unum dimidium ore et oculis contractis vorans, caetera
projiciens: »Austera es, inquit, austera sunt et mala tua.« Et cum esset
literata: »Si omnia, inquit, mala factor talia creasset, nunquam Eva malum
gustasset!« »Bene, ait illa, Evam memorasti; enimvero quomodo et tu sic
deliciarum avida erat, ideo in escula unius mali peccaverat.« Ekkeh. IV. casus
S. Galli c. 10. Pertz Mon. II, 119.
47 Der Erzengel Michael war dem Mittelalter Gegenstand mannigfachen
Aberglaubens. Man glaubte, dass er die Wache am Trone Gott Vaters halte, ja
sogar, dass er Montags vor ihm die Messe zelebriere. Bischof Rater von Verona
eifert in seiner Predigt de quadragesima heftig gegen diese rohen sinnlichen
Vorstellungen: vgl. Vogel, Raterius v. Verona und das 10. Jahrhundert, Bd. I,
293.
48 Hroswita von Gandersheim hat die Geschichte von der Tais und dem
Anachoreten der Wüste in ihrer naiven lateinischen Komödie Paphnucius behandelt.
S. Magnin, téâtre de Hrotswita, Paris 1845, p. 280 u. ff.
49 »Quid mihi et inanibus hujus seculi vanitatibus? Audio in coelis signa
sonitusque campanarum ac dulcisonam angelicae modulationis harmoniam: illuc ire
desidero, his interesse delector.« Vita Wiboradae auctore Hartmanno c. 2.
50 Frau Wendelgards Sehnsucht nach dem gefangenen Ehgemahl ward in anmutiger
Weise gestillt. Sie ging aus ihrer Klause jedes Jahr einmal nach Buchhorn, um
des Grafen Ulrich Angedenken mit einer feierlichen Jahrzeit zu ehren. Wie sie
einst nach derselben mit eigener Hand den Armen Almosen austeilte, stand einer
unter den Bettlern, zerrissen und entstellt, dem schenkte sie ein Kleid. Er aber
liess ihre Hand nimmer aus der seinen, zog sie zu sich und küsste sie vor allem
Volk, strich sein Haar zurück und sprach: Erkenne deinen Gemahl. Da Frau
Wendelgard, unwillig über solchen Gewaltstreich eines Fremden, sich abwenden und
ihn den Dienern zur Züchtigung überweisen wollte, wies er ihr eine alte Narbe,
und wie aus langem Schlaf erwachend fuhr sie auf: »O mein Gebieter, du aller
Menschen mir der teuerste, sei gegrüsst, du mein Herr, sei gegrüsst, du immer
süsser!« und lag weinend in seinen Armen. Ekkeh. IV. casus S. Galli c. 10, Pertz
Mon. II, 120.
51 ... pelle ejus simulatae sanctitatis detracta ... Hepidan, vita Wiboradae
cap. II.
52 ... quia nondum in se mortificaverit phylargyriam, quae est omnium radix
malorum usw. Die Anklagen, wegen deren sich Wiborad einst vor dem Bischof in
Konstanz zu verantworten hatte, sind ausführlich nachzulesen in Hepidan, vita
Wibor. II. 11.
53 ... grave pondus auri Veronensis, Geschenk des Bischof Petrus. Die
Klostergeschichte ist reich an Aufzeichnungen der durch Fürsorge der Äbte oder
die Huld fremder Gönner erworbenen Kostbarkeiten. S. Ekkeh. IV. casus S. Galli
cap. I. Pertz, Monum. II, 81.
54 ... magnum calicem ex electri miro opere. Casuum S. Galli contin. II, c. 7,
bei Pertz II, 157. An den Heilkräften des Bernsteins wurde nicht gezweifelt.
Quod vero medeatur multis vitalium incommodis, medentium docuit disciplina.
Sanktgall. Handschrift des X. Jahrhunderts bei Hattemer, Denkmale usw. I, 414.
55 Spichiarium novum solis feris et beluis, avibusque domesticis et domesticatis
juxta fratrum condi fecit et ipsum jam fieri jussit magnificum. Ekkeh. IV. casus
S. Galli cap. 16.
56 Simia nare brevi, nate murcaque cauda,
 Voceque milvina, cute crisa catta marina,
 In quibus ambabus nil cernitur utilitatis.
Ruodlieb fragm. III, 131 u. ff.
57 Diese Fabel von der Murmeltiere abenteuerlichem Fuhrwesen, die sich das
Mittelalter mit grosser Behaglichkeit erzählte und die z.B. noch Sebastian
Münster in seine Cosmographei aufnahm (p. 498), hat ihren Ursprung in Plinius
historia naturalis.
58 ... Ein vogil heizit Caradrius, in dem buoche deuteronomio, da ist gescriben,
daz man in ezzen nescule. Dannan zellet physiologus unt chût daz er aller wiz
si. Ein mist, der von ime vert, der ist ze den tunchelen ougen vile gûet. Mit
disem vogile mach man bechennen, ob der sieche mann irsterben oder genesen scol.
Ob er sterben scol, so cheret sich der caradrius von ime. Ob er ave genesen
scol, so cheret sich der vogel zuo deme manne unt tuot sinen snabel uber des
mannes munt unt nimit des mannes unchraft an sich; sa fert er ûf zuo der sunnen
unte liuterit sich dâ: so ist der mann genesen. Physiologus, ein Weistum von
Tieren und von Vögeln, mitgeteilt von Wackernagel, Altdeutsches Lesebuch I, p.
166. Es ist nicht bekannt, was für naturgeschichtliche Tatsachen zu dieser
tiefsinnig schönen Sage vom Caradrius Veranlassung gaben. In Sankt Gallen wurde
sie von verschiedenen verschieden erfasst, denn während sich unter den Tiernamen,
die dem Wörterbuch des heiligen Gallus vorausgesetzt sind (s. Hattemer, Denkmale
etc. I, 9. 10), die bedeutsame Glosse findet: Cha-ra-drion: et ipsam non
habemus, sed tamen dicitur et ipsam volare per medias noctes in sublimitate
coeli, begnügten sich spätere Handschriften damit, das Wort caradrius geradezu
mit lericha, Lerche, zu übersetzen, was auf ein Verschwinden der früher
bekannten Sage zu deuten scheint. S. Hattemer, Denkmale etc. I, 287. 313 u.a.
59 ... longum est dicere, quibus jocunditatibus dies exegerit et noctes, maxime
in processione infantum, quibus poma in medio ecclesiae pavimento antesterni
jubens, cum nec unum parvissimorum movere nec ad ea adtendere vidisset, miratus
est disciplinam. Ekkeh. IV. casus S. Galli c. I, Pertz Mon. II, 84.
60 Homo animal capax disciplinae Hroswita v. Gandersheim.
61 Notker Labeo hat den Erwartungen, die der Abt auf ihn setzte, entsprochen. Er
erwarb sich den Ruhm des gelehrtesten Mannes seiner Zeit. Er war, wie aus seinen
Schriften erhellet, ein Gottesgelehrter, ein Musikant, ein Dichter, ein
Astronom, ein Matematiker; in der Bibel, in den Kirchenschriftstellern, Vätern
und Klassikern wohl bewandert, der deutschen, lateinischen und griechischen
Sprache mächtig. J.v. Arx, Geschichte von St. Gallen I, 277. Seine noch
vorhandenen deutschen Werke bilden den zweiten und dritten Band von Hattemers
Denkmalen des Mittelalters. Es sind insbesondere die Auslegungen der Psalmen,
des Aristoteles, des Boetius, des Marcianus Capella und ein Aufsatz über
Tonkunst. Notker, der Grosslefzigte, starb in hohem Greisenalter an der Pest. Vor
seinem Tode legte er eine öffentliche Beichte ab, in der er u.a. seine Reue
darüber aussprach, dass er einst in klösterlichem Habit einen Wolf erschlagen.
62 Die Stelle ist aus Aristoteles' Kategorien, cap. 36. Notkers Übersetzung s.
bei Hattemer III, 401.
63 Erat utique jus illorum, sicut adhuc hodie quidem est, quoniam exleges quidem
sunt, ut hospites intrantes capiant, captos, usque dum se redimant, teneant.
Ekkeh. IV. casus S. Galli I. Pertz Mon. II, 91.
64 ... »enimvero si vixero«, ait, »me redimam et talem indolem remunerabo.«
Collectisque quantotius ante januam scolarum fratrum primis, statuit pueris
illis et eorum perpetuo posteris pro testamento singulis annis ludi sui tribus
ab imperio statutis diebus in esidem scolarum aedibus carnibus vesci et de
abbatis curte singulos tribus donari aescis cottidie et potibus. Quod cum ipse
quidem annuatim praesens solvi juberet, postea ita solutum est usque ad
Ungrorum, de quibus loco suo dicturi sumus, invasiones. Ekkeh. IV. casus S.
Galli c.I.
65 Fehler wider die Ordensregel zogen die Strafe der Geisselung nach sich, der
sich die Klostergeistlichen willig unterwarfen, wiewohl es eine knechtische
Züchtigung war und ein Freier, mit dieser Strafe belegt, nach den alten
Volksrechten seine Freiheit verlor. Der Schuldige ward an eine Säule gebunden
und nach Ausziehung der Oberkleider gegeisselt. Eine noch erhaltene Geisselkammer,
ähnlich der hier beschriebenen, findet sich im württembergischen Kloster
Maulbronn. In den Klosterschulen bediente man sich der Rute. Dass die
Busswerkzeuge von denen, die darunter zu leiden hatten, in gutmütigem Humor mit
eigenen Namen versehen wurden, beweist des Bischof Salomo Wörterbuch, wo die
anguilla (Schlange oder Aal) von der scutica (Riemenpeitsche) unterschieden
wird.
66 Tacitus German., cap. 8.
67 Pectines eburnei ... In Kämmen trieb das Mittelalter Luxus. Bekannt ist der
silbergefasste steinverzierte Kamm der Longobardenkönigin Teodolinde im
Domschatz zu Monza und der von Heinrich II. herrührende Elfenbeinkamm in
Bamberg. Die Sitte, die gewöhnlichsten und gleichgültigsten Verrichtungen des
täglichen Lebens mit einem Gebet einzuleiten, veranlasste, dass man auch für
Schneiden und Kämmen des Hauptaars, Zustutzen des Barts usw. Gebetsformeln
aufstellte. Die Handschrift 395 der sanktgall. Bibliotek entält deren eine
Reihe, und da sich dieselbe mit einer benedictio ad omnia, quae volueris
schliesst, darf man sich billig nicht mehr wundern, auch die benedictio ad barbam
comendam, ad capillos tondendos usw. vorzufinden.
68 Regula S. Benedicti cap. 38: de hebdomadario lectore.
69 Für diejenigen verehrten Leserinnen, die mit dem Altochdeutsch noch weniger
vertraut sind als der Verfasser dieser Anmerkungen, und die sich vielleicht
dafür interessieren, wie dieser Psalm damals wirklich in Ekkehards Mund und
Sprechweise geklungen habe, sei hiemit die wenig Jahrzehnte spätere
Verdeutschung Notkers als Probe mitgeteilt: Psalmus XLIV. Kuôt wort irópfezta
mîn herza. mîniu werch sago ih démo chúninge. mîn wort ist also stâte also diu
scrift des spuôtigo scríbenten. Scône pist du fóre allen mênniscon. knada ist
kebreîtet in dînen lefsen. fone diû ségenôta dih Got inêwa. Cúrte dîn swert umbe
dîn dîeh: filo gewáltigo. mit dînemo ménniscinen bilde unde mit dînero
gótelîchun scôni. Sih an únsih. unde frámspuotigo chum hára fone hímele unde
rîcheso hiêr in dînero ecclesia. umbe warheît unde námenti unde reht. Unde
leîtet dih wúnderlicho dîn zésewa. díne strâla sind wasse, hárto mahtige. Under
dih sturzent die líute, in demo herzen des chuninges fiendo. din stuôl Got, unde
dîn riche weret iêmer. Kerta gerihtennis ist dînes rîches kerta usw. S.
Hattemer, Denkmale etc. II, 156 u. ff.
70 Dieses Musessen war in Sankt Gallen so gewöhnlich, dass Kero das Wort cibi
(Speisen) nicht besser als mit Mus, und das Wort coenare (speisen) nicht anders
als mit Abendmusen zu übersetzen wusste. J.v. Arx, Gesch. I, 178.
71 Regula S. Benedicti, cap. 39: de mensura cibi.
72 Ilanch praecellat alemannicus et mala pellat. S. Hattemer, Denkmale etc. III,
599. (In der vorzugsweise als liber benedictionum bezeichneten Handschrift 393
ist eine so reiche Speisekarte von Fischen aufgezählt [Äschen, Trischen,
Lampreten usw.], dass man sie mit dem Gefühl vollkommener Befriedigung in betreff
des Zustands der Klosterküche an den Fasttagen aus der Hand legt. Möchte sie
durch vollständige Ausgabe grösseren gastronomisch-philologischen Kreisen nicht
länger vorentalten bleiben!)
73 Sueton, im Leben des Augustus c. 77. Übrigens trank der Kaiser selbst an
jenem traurigen Tag nicht mehr als einen sextarius (etwa 1 Schoppen).
74 Regula S. Benedicti, c. 40: de mensura potus.
75 Ob der Abt recht gehabt, die deutsche Sprache, so wie sie damals gesprochen
ward, also anzufechten, möge dahingestellt sein. Sie hat sich seiter von Grund
aus umgestaltet, die Mehrzahl der kernigen kräftigen, einem steten Verkehr mit
der Natur entnommenen Worte, sowie die vollen tonreichen Formen sind
verschwunden und haben einer kühleren gefirnissten und abgeschliffenen Redeweise
Platz gemacht. Uns aber, wenn wir des alten Notker ungefüg grossartige deutsche
Schriften lesen, weht es jedesmal daraus an wie ein Hauch würziger Bergluft und
echter ehrwürdiger Poesie, die von keinem Spatzengezwitscher und von keinem
Rabengekrächze durchschnarrt ist.
76 Vita S. Benedicti abbatis a Gregorio Magno romano Pontifice conscripta, c. 2:
de tentatione carnis superata.
77 ... de voluntate ipsius ipsa cum eo pridie secreta condixerat. Ekkeh. IV.
casus S. Galli, c. 10.
78 Tutilos Räubergeschichte s. Ekkeh. IV. casus S. Galli, c. 3, bei Pertz Monum.
II, 98.
79 Über die damaligen Musikinstrumente und den Zustand sanktgallischer Musik
gibt Notker Labeos Aufsatz - s. Hattemer, Denkmale etc. III, 586 u. ff. -
wichtigen Aufschluss. Die hier gegebene Beschreibung der Instrumente ist auf die
bildlichen Darstellungen in Notkers Psalmenbuch (Handschrift 21 der sanktgall.
Bibliotek) gestützt. Das eine Blatt der beiden Federzeichnungen, die den
Eingang des Buches schmücken, stellt den König David vor, auf dem Trone sitzend
und mit einem Plektron die siebensaitige Leier spielend. In den vier Ecken
stehen vier Männer mit Violine, Ziter, Hackbrett und Harfe. Bei der
Ängstlichkeit, mit welcher diese übrigens fein gefühlten Gestalten ausgeführt
sind, ist anzunehmen, dass der Künstler nichts erfunden, sondern sich an
Vorhandenes gehalten hat.
80 ... quae autem Tutilo dictaverat, singularis et agnoscibilis melodiae sunt,
quia per psalterium seu per rohtam, qua potentior ipse erat, neumata (i.e. vocum
modulationes) inventa dulciora sunt. Ekkeh. IV. S. Galli, c. 3.
81 Quid vero dies illa consumpserit, Dominus solus novit...
82 Cigneo canore dulcior sonus.
83 Alpina siquidem corpora vocum suarum tonitruis altisone perstrepentia
susceptae modulationis dulcedinem proprie non resultant. Quia bibuli gutturis
barbara feritas, dum inflexionibus et repercussionibus mitem nititur edere
cantilenam, naturali quodam fragore quasi plaustra per gradus confuse sonantia
rigidas voces iactat. Ein sanktgallischer Musikfreund, der dies italische
Kunsturteil später doch zu lesen bekam, schrieb an den Rand: vide jactantiam
romaniscam in teutones et gallos! d.h.: »Siehe da wieder ein Stück romanischer
Unverschämteit gegen die Deutschen und Franzosen!« S. Hattemer, Denkmale etc.
I, 420.
84 Mit Geschenk, Kuss und Scheidetrank nehmen nach mittetalterlicher Sitte
Gastfreunde voneinander Abschied. Diese Förmlichkeiten wurden streng
eingehalten. Bischof Salomo von Konstanz schenkte den zum Gastmahl geladenen
Kammerboten kostbare Glasgefässe, und wiewohl sie, Groll im Herzen tragend, die
Gläser zu Boden fallen lassen, dass sie zerbrechen, küssen sie einand noch und
trinken des Abschieds Minne. Amoreque, ut moris est, osculato et epoto
laetabundi discedunt. Ekkeh. IV. casus S. Galli c. I, bei Pertz Mon. II, 84. S.
auch Ruodlieb fragm. III, v. 221. Eine anmutige Schilderung solcher Courtoisie
gibt des Nibelungenlieds siebenundzwanzigstes Abenteuer, da König Gunter mit
seinen Mannen sich beim Markgrafen von Bechelaren beurlaubt. Auch die Frauen
verschmähten nicht, sich mit minniglichem Kusse von ihren Gästen zu scheiden.
85 Ein solches Schaustück ist ausführlich beschrieben im Ruodlieb fr. III, v.
309 u. ff.
86 Einträge dieser Art auf dem Titelblatt, wie sie jetzt noch die Kinder
herkömmlicherweise in ihre Schulbücher zu machen pflegen, kommen in damaligen
Handschriften häufig vor.
87 Dieses Psalmenbuch, der s.g. liber Sancti Galli aureus, ist jetzt noch ein
Kleinod der sanktgallischen Bibliotek. Die in frischen Farben glänzenden
Miniaturen sind in manchen Motiven noch vom nachwirkenden Geist der Antike
erfüllt, gewandt, mit Verständnis von Gestalt und Faltenwurf und einer gewissen
unbefangenen künstlerischen Sicherheit hingezeichnet und leicht koloriert. Die
mit reichen Arabesken gezierten Initialen und das die Bilder umrahmende
architektonische Beiwerk gewähren mannigfache Einsicht in die baulichen Formen
jener Zeit, deren monumentale Reste so selten geworden. - Auch Anfänge der
Wandmalerei zum Schmuck der kirchlichen Gebäude kommen schon vor. Ein Abt Immo
liess in vielen an den Wänden der Münsterkirche angebrachten Gemälden die
Lebensgeschichte des heiligen Gallus darstellen; von einem spätern Abt Manegold
wird berichtet, dass er ein Bild de materia genealogiae Christi und ausserdem ein
letztes Gericht in muro bonis coloribus herstellen liess. S. casuum S. Galli II.
continuatio, c. 8, Pertz Monum. II, 161. Ild. v. Arx, Geschichte des Kantons St.
Gallen I, 237. Die Wandmalereien des Kloster Reichenau sind besungen von
Burkhard bei Pertz, Monum. VI, 629.
88 Vocabularius Sancti Galli, dem Sprachforscher wichtig durch den Schatz
altochdeutscher Wörter, noch erhalten und vielfach abgedruckt, z.B. bei
Hattemer, Denkmale etc. I. 11-14.
89 Auch dieses wertvolle Denkmal aus der Zeit Kaiser Ludwig des Frommen wird
noch von der sanktgallischen Bibliotek bewahrt. Vgl. Keller, Der Bauriss des
Klosters Sankt Gallen.
90 ... Tieto caminatam quandam »veterum seniorum angulum« vocatam introiit.
Ekkeh. IV. casus S. Galli cap. 6, Pertz Mon. II, 112. Vgl. auch II. 135.
91 Die Geschichten vom Bischof Salomo und seinem Hader mit den Kammerboten sind
nachgerade ein weniges abgedroschen und abgesungen. Den offenbar mannigfach zur
Sage gewordenen Tatbestand erzählt Ekkeh. IV. casus S. Galli cap. 1; zu einer
Reihe Balladen zusammengeschmiedet hat ihn ein Sänger der schwäbischen Schule
etc.A2
92 Digneris, domine, et hos benedicere fustes ... Benedictio ad capsellas et
baculos ad iter agentes in der Handschrift 395.
93 Ermenrici coenobitae augiensis tentamen etc. bei Pertz, Mon. II, 32. Auch der
Verfasser der grösseren sanktgallischen Annalen nennt die Reichenau einen hortus
deliciarum. S. Pertz, Mon. I, 79.
94 Der Gegenstand religiöser Verehrung, der den Fischer von Ermatingen in Strafe
brachte, scheint das Idol von Erz gewesen zu sein, das man für einen hercules
alemannicus hielt und das nach Gallus Oeheims Bericht noch im XV. Jahrhundert
auf dem Grab des Egino stand. Es stach dem vornehmen Altertumsforscher Kaiser
Max I. so in die Augen, dass er es, wie s.Z. den Neptunus vom Stadttor zu
Ettlingen (Bader, Das bad. Land und Volk I, 329), kurzerhand entführte und in
Innsbruck aufstellen liess. Nach einer Notiz in G. Schwabs Bodensee II, 293
befand es sich ums Jahr 1764 in der kurpfälzischen Altertümerkammer.
95 Benedictio vini novi. Handschrift 395.
96 ... erant autem dies vindemiae, quibus fratres ad obedientias (i.e. labores
in agro) dimissi sunt per vineas. Ekkeh. casus S. Galli c. 3, Pertz Mon. II, 97.
97 Regula S. Benedicti cap. 31: de cellerario monasterii qualis sit.
98 S. die Edda übersetzt von Simrock, p. 14.
99 ... at illa de camera egressa salutans compatrem, hospitem illum dormire
putans, optulit viro mustum, quo ille impigre hausto vaseque reddito mammam
foeminae titillat assentientis. Ekkeh. IV. casus S. Galli c. 3.
100 ... hospes vero viso facinore exilit, illum scelestum inclamitans, comis
apprehensum in terram dejicit, flagelloque, quo ad eqquum usus est, adhuc in
manu habito acriter hominem cecidit adjiciens: »hoc, inquit, tibi Sanctus
Gallus, S. Albani Frater, dedit!« Ekkeh. IV. casus S. Galli cap. 3, Pertz Mon.
II, 97.
101 Dura viris et dura fide, durissima gleba! Notker.
102 Protospatar: Befehlshaber der Leibwache. S. Gibbon, Geschichte des röm.
Weltreichs, c. 53.
103 ... aegre exspectatus.
104 ... Fortunate, ait, qui tam pulchram discipulam docere habes grammaticam! Ad
quod ille, quasi caro assensu subridens, talia in aurem adversario reddit amico:
Siccut et tu, Sancte Domini, Kotelindam monialem pulchram discipulam caram
docuisti quidem dialecticam. Dictoque citius, cum ille nescio quid resibilare
vellet, ab eo divertens, equo ascenso indignanter abivit. Ekkeh. IV, casus S.
Galli c. 10, Pertz II, 124.
105 Die Ausübung des Weidwerks war eigentlich wider die geistliche Disziplin.
Eine Augsburger Synode von 952 (Pertz, Monum. IV. 27) verbietet den Bischöfen
und der Geistlichkeit überhaupt das Würfelspiel, die Jagdbelustigungen und das
Hunde- und Habichtalten zu diesem Behufe bei Strafe der Absetzung.
106 Sticmata: pictura in corpore, quales Scotti pingunt. Glosse einer sanktgall.
Handschrift bei Hattemer, Denkmale etc. I, 227 u. 233. Die Sitte des Bemalens
der Augenlider und des Tätowierens der Arme scheint den Scoten und Iren damals
gefallen zu haben. Die also eingeätzten Bilder mögen von roher, schier
unverständlicher Hässlichkeit gewesen sein, wie dies aus den noch vorhandenen
Miniaturen irischer Herkunft in den Handschriften geschlossen werden darf.
Dieselben sind durch fremdartigen und - wenn das Wort noch erlaubt ist -
keltisch unschönen Ausdruck sowie durch gänzlich barbarische Art der Darstellung
sehr unvorteilhaft von den gleichaltrigen, von germanischer Hand gefertigten,
verschieden. Der Christus am Kreuze mit seinem hufeisenförmigen arabeskenartigen
Bart und verzwicktem Munde und die als Tiergestalten gezeichneten Evangelisten
haben etwas Fetischartiges.
107 Das Silbergeld bestand lang in einem Bleche, das so dünn wie Laub und nur
auf einer Seite grob und tief gepräget war (nummi bracteati). J.v. Arx,
Geschichten etc. I, 451.
108 »Sie wollen lieber Jäger als Lehrer, lieber kühn als mild, lieber
verschlagen als herzenseinfältig heissen ... Sie spielen Kreisel und meiden darum
auch das Würfelspiel nicht. Sie gehen fleissig mit dem Spielbrett anstatt mit der
Schrift, mit der Wurfscheibe anstatt mit dem Buche um. Sie wissen besser, was
dich ein Fehlwurf kostet, als was die Heilswahrheit fordert, verbietet oder
verheisst, besser was der Glückswurf bringt, als was sie Gott zu danken schuldig
sind ... Sie lassen sich silberne Schalen, Kannen von grosser Kostbarkeit, Krüge
(crateres), ja Trinkhörner (conchas) von bedeutendem Gewicht und einer jedem
Zeitalter verhassten Grösse machen. Sie bemalen ihre Weinkrüge und Schleifkannen,
während die nahe Basilica von Russ erfüllt ist.« Vogel, Raterius von Verona und
das zehnte Jahrhundert I, p. 44.
109 Moengals Latein ist etwas verwildert. Wenn indes selbst Bischöfe in der
Hofsprache sich klassischer Wendungen wie: sic omnes perriparii possunt bubus
agricolantibus vetrenere (So kann jeder Bauer am Pfluge seinen Ochsen was
vordröhnen) bedienten und Geschichtschreiber dies in ihren Text aufnahmen
(Monachus San. Gall. gesta Karoli I, 19 bei Pertz, Mon. II. 739), so darf dem
Latein eines Leutpriesters einiges zugut gehalten werden.
110 ... Moengal, postes a nostris Marcellus diminutive a Marco avunculo sic
nominatus, hic erat in divinis et humanis eruditissimus etc .... Siehe die ganze
Geschichte seines Besuchs und Verbleibens im Kloster bei Ekkeh. casus S. Galli
cap. 1. Pertz II, 78.
111 ... in campanarium S. Galli per gradus ad hoc quidem nobis paratos ascendere
incipit, uti oculis, quia gressu non licuit, montes camposque circumspiciens,
vel sic animo suo vago satisfaceret. Ekkeh. casus S. Galli c. 3. Pertz, Mon. II,
99.
112 Den Haken hatte sie. Kam vor kurzem ein schriftgelehrter Sohn der grünen
Erin in die Bücherei des heiligen Gall, sich seines frommen Vorfahren Werk genau
zu besehen und abzuschreiben. Da reichten sie ihm den in schwarzen Samt
gebundenen Kodex des Priscianus und er hub die Arbeit an; bald aber tönte ein
verhaltenes Lachen zu den Bücherbewahrern im grossen Saal, und wie sie
herüberkamen, verdeutschte ihnen der Rektor von Dublin die irischen Glossen zum
Latein, wie folgt:
 Gottlob es wird schon dunkel!
 Heiliger Patrik von Armagh, erlöse mich von der Schreiberei!
 O dass mir ein Glas alten Weines zur Seite stünde usw.
 Das war Moengals Übersetzungswerk!
113 Der Wachtelruf scheint den Ohren mittelalterlicher Weidmänner etwas anders
geklungen zu haben als heutzutag, denn das Wort quakkara, womit der Mönch von
Sankt Gallen (»... quakaras etiam et alia volatilia« gesta Karoli I, bei Pertz
II, 739) anstatt des klassischen coturnix die Wachtel selbst bezeichnet, soll
offenbar den Eindruck des Wachtelschlags wiedergeben. Dieser brave
Schriftsteller, in welchem die Nachwelt einen Mitbegründer des Jägerlateins zu
verehren hat, mag übrigens den Wachteln und »dem andern Geflügel« auf eigenen
Weidmannszügen ebenso oft nachgezogen sein als irgendein Autor späterer Tage. In
Glossen sanktgallischer Handschriften wird indes die Wachtel auch quasquila und
quatala benannt. S. Hattemer, Denkmale etc. I, 246 u.a.
114 Nicht ohne Grund. Herr Luitfried drang damals mit gezücktem Schwert unter
Schmähreden auf den Bischof ein; nachdem ihn seine Oheime zurückgehalten und
Rates gepflogen, was mit dem Gefangenen beginnen, stimmte er dafür, ihm entweder
die Augen auszustechen oder die rechte Hand abzuhauen. Auf dem Weg zur
Tietpoldsburg zwang man den Kirchenfürsten, etlichen herbeigelaufenen
Schweinehirten die Füsse zu küssen usw.
115 ... paratur citissime lavacrum, ut pulvere et lassitudinis tergeretur
sudore. Ekk. IV. casus S. Galli c. 1. Pertz Mon. II, 86.
116 Commoditas talentum valet! (alter geistlicher Spruch).
117 ... Duellium die condicto cum aegre exspectatus veniret, ultra quam ipse
vellet susceptum in conclave suo proximum, suum ut ipsa ait, manu duxit
magistrum. Ibi nocte et die cum familiari aliqua intrare solebat ad legendum
pedissequa, foribus tamen semper apertis, ut, si quis etiam ausus quid esset,
nihil quod diceret, sinistrum haberet. Illic quoque crebro ambos ministri et
milites, principes etiam terrae, lectioni aut consiliis invenerunt agentes.
Ekkeh. casus S. Galli c. 10, bei Pertz Mon. II, 123.
118 S. Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, 1. Aufl., p. 339.
119 S. Grimm, Deutsche Mytologie, 3. Ausg., p. 695.
120 ... »vasque magnum, quod vulgo cupam vocant, quod viginti et sex modios
amplius minusve capiebat, cerevisia plenum in medio habebant positum.« Vita S.
Columbani.
121 Ausonius Idyll. 7.
122 Das alemannisch-schwäbische Heidentum beruhte auf einem einfachen Kultus der
Natur. »Sie verehren Bäume, Wasserströme, Hügel und Bergschluchten. Pferden,
Rindern und vielen andern Tieren schneiden sie das Haupt vom Rumpf und bringen
sie diesen als Schlachtopfer dar«, so schreibt der Grieche Agatias im sechsten
Jahrhundert von den Alemannen im Gegensatz zu den christlichen Franken. »Betet
keine Götzen an, weder an Felsen noch an Bäumen, weder an abgelegenen Orten noch
an Quellen, auch nicht auf Kreuzwegen bringt eure Anbetung und eure Gelübde
dar«, predigt der heilige Pirminius, Stifter der Reichenau, zwei Jahrhunderte
später. Wer da weiss, mit welcher Zähigkeit der Bauer in seiner Sitte die
Überlieferung altersgrauer Vergangenheit bewahrt, und wie noch manche seiner
heutigen Bräuche an die Opfer des Heidentums gemahnen, den wird es nicht
befremden, im zehnten Jahrhundert noch auf nächtliche biertrinkende Konventikel
zu stossen, die sich von denen zu des heiligen Columban Zeiten wenig oder gar
nicht unterscheiden. Ob übrigens eine in ähnlichen Formen, wie die hier
beschriebenen, sich bewegende Sitte des gemeinschaftlichen Trinkens auf den
deutschen Hochschulen, die unter dem Namen »einen Salamander reiben« bekannt,
aber von niemanden erklärt ist, nicht auch einen Anklang an alteidnische
Trankopfer entalte, bleibe dahingestellt, wiewohl die Wissenschaft darüber
einig ist, dass »durch die religiöse Bedeutung des Trinkens ein überraschender
Zusammenhang in mehrere andere Gebräuche kommt«.
123 Die Steinbrüche am sog. Schienemer Berg, wie die im benachbarten Öningen
sind später berühmt geworden durch ihre Petrefakten, insbesondere durch die
seltenen Überreste von Vögeln. Bekanntlich ward dort auch das Gebein eines
riesenmässigen Salamanders aufgegraben, in welchem der gelehrte Naturforscher
Scheuchzer (1726) einen fossilen Menschen erkannte, bis dass Cuvier die wahre
Organisation dieses »Zeugen der Sündflut« nachwies. Vgl. Burmeister, Geschichte
der Schöpfung, 5. Aufl., p. 518.
124 Vita Sancti Galli lib. I, bei Pertz, Monum. II, 7.
125 Die Herzogin teilt hier dieselben Grundsätze zweckmässiger Bekehrungspolitik,
die der Papst Gregor der Grosse seinerzeit in einem Schreiben an den Abt Mellitus
und den Erzbischof Augustinus von England ausgesprochen. »Saget dem Augustinus«,
heisst es dort, »zu welcher Überzeugung ich nach langer Betrachtung über die
Bekehrung der Engländer gekommen bin: dass man nämlich die Götzenkirchen bei
jenem Volk ja nicht zerstören, sondern nur die Götzenbilder darin vernichten,
das Gebäude mit Weihwasser besprengen, Altäre bauen und Reliquien hineinlegen
soll. Denn sind jene Kirchen gut gebaut, so muss man sie vom Götzendienst zur
wahren Gottesverehrung umschaffen, damit das Volk, wenn es seine Kirchen nicht
zerstören sieht, von Herzen seinen Irrglauben ablege, den wahren Gott erkenne
und um so lieber an den Stätten, wo es gewöhnt war, sich versammle. Und weil die
Leute bei ihren Götzenopfern viele Ochsen zu schlachten pflegen, so muss auch
diese Sitte ihnen zu irgendeiner christlichen Feierlichkeit umgewandelt werden.
Sie sollen sich also am Tag der Kirchweihe oder am Gedächtnistag der heiligen
Martyrer, deren Reliquien in ihren Kirchen niedergelegt werden, aus Baumzweigen
Hütten um die ehemaligen Götzenkirchen machen, den Festtag durch religiöse
Gastmähler feiern, nicht mehr dem Teufel Tiere opfern, sondern sie zum Lobe
Gottes zur Speise schlachten, dadurch dem Geber aller Dinge für ihre Sättigung
zu danken, damit sie, indem ihnen einige äusserliche Freuden bleiben, um so
geneigter zu den innerlichen Freuden werden. Denn rohen Gemütern auf einmal
alles abzuschneiden, ist ohne Zweifel unmöglich, und weil auch derjenige, so auf
die höchste Stufe steigen will, durch Tritt und Schritt, nicht aber durch
Sprünge in die Höhe kommt.« S. Mone, Geschichte des Heidentums etc. II, 105.
126 Das Aufnageln von Pferdeschädeln war uralte Gewohnheit deutscher Völker.
Schon die römischen Legionen, die Caecina in die Einsamkeit des Teutoburger
Waldes führte, um den Gefallenen der Varusschlacht die letzte Ehre zu erweisen,
erschraken, da von den Stämmen der Eichen die angenagelten Häupter geopferter
Römerpferde auf das bleichende Gebein gefallener Krieger und die Schlachtaltäre
herabnickten. Tacitus Annal. I. 61.
127 Den merkwürdigen Gebrauch, dass durch Werfung der »Chrene Chruda« auf den
nächsten zahlungsfähigen Verwandten dieser in das durch Blutschuld verwirkte
Wehrgeld des zahlungsunfähigen Täters eintreten musste, beschreibt die lex Salica
(ed. Merkel), cap. 58. Der Name Chrene Chruda ist noch nicht hinlänglich
erklärt. Man hat es mit »grünes Kraut« oder nach Grimm, Rechtsaltertümer, p.
116, mit »reines Kraut« zu übersetzen gesucht, indem die Räumung eines Landes
oder die Übertragung eines Grundstückes auf einen andern zu eigen oder zu Pfand
durch Übergabe einer mit Gras bewachsenen Erdscholle, eines Stückes Wasen
symbolisch angedeutet wurde. Aber nach der lex Salica war das, was geworfen
wurde, die aus den vier Ecken der Stube, wo doch kein Kraut wächst,
zusammengeraffte Erde. S. Walter, Deutsche Rechtsgeschichte, § 443. Da übrigens
dieser Gebrauch nur bei den Salfranken urkundlich nachweisbar ist und auch dort
schon frühe aufgehoben war (lex Salica, nov. 262, 263, 264), so bleibt es
ziemlich unklar, wie derselbe hier als ein im zehnten Jahrhundert in Alemannien
geltender aufgeführt werden kann.
128 Dem »bösen Auge« der Hexen wurden viel üble Wirkungen zugetraut; es kann
Säuglinge schwindsüchtig machen, Kleider in Stücke reissen, Schlangen töten,
Wölfe schrecken, Strausseneier ausbrüten, Aussatz erwecken etc. Als Schutz gegen
solche »faszinierende« Blicke pflegte man auch die Pfote des blinden Maulwurfs
zu tragen. S. Grimm, Deutsche Mytologie, p. 1053.
129 ... si quis mulierem »stria« clamaverit et non potuerit adprobare usw. lex
Salic, c. 64.
130 »Dîn got, der ist ein junger tôr,
ich will glouben an den alten.«
St. Oswald.
131 Folchardi codex aureus (Handschrift der sanktgallischen Bibliotek, p. 75).
132 »Eine Geschichte der deutschen Kuchen und Semmeln liesse sich nicht ohne
unerwartete Aufschlüsse zusammenstellen.« Grimm, Deutsche Mytologie, 3. Ausg.,
p. 56.
133 Bist du nicht auch schon, verehrte Leserin, in stiller Einsamkeit der Nacht
kartenschlagend oder bleigiessend oder loswerfend damit beschäftigt gewesen, den
künftigen Freier zu ergründen? All diese Mittel zur Erratung kommender Dinge
sind Reste grauen Heidentums. - Auch des Kämmerer Spazzo Turmgang scheint
Ähnliches bezweckt zu haben. Es war nicht ungewöhnlich, dass man sich in der
Neujahrsnacht auf das Hausdach setzte, schwertumgürtet, um die Zukunft zu
erforschen. S. Grimm, Mytol., p. 1070.
134 ... Sacratos noctis venerabilis hymnos.
135 Über die in jenem Zeitalter hervorragenden alemannischen Grafen und
Herrengeschlechter s. Stälin, Geschichte von Wirtemberg I, 544 u. ff.
136 Nova stella apparuit insolitae magnitudinis, aspectu fulgurans et oculos
verberans non sine terrore. Annales S. Gellenses majores bei Pertz, Mon. I, 8.
137 S. Bertold, Der Heerwurm, gebildet aus Larven der Tomas-Trauermücke,
Göttingen 1854.
138 Der fromme Wahnglaube vom Hereinbrechen des Jüngsten Tages und vom
bevorstehenden Ende der Welt war in karolingischer und späterer Zeit ein sehr
häufiger. Viele Vornehme und Geringere sahen sich dadurch behufs der Sicherung
ihres Seelenheils zu Schenkungen an die Kirche veranlasst. Mundi terminum
appropinquantem ruinis crebrescentibus jam certa signa manifestant beginnt z.B.
ein in Mones Anzeiger 1838, p. 433 mitgeteilter Schenkungsbrief.
139 Seit Ausgang des neunten Jahrhunderts bis in die zweite Hälfte des zehnten
gehörten die Einfälle der Ungarn in den deutschen Gauen zu den gewöhnlichen
Landplagen; Nord und Süd wurden von ihnen heimgesucht. Die gleichzeitigen
Geschichtschreiber nennen sie bald Avaren oder Agarener, bald Ungarn (wobei der
Name in abenteuerlicher Etymologie vom Hunger abgeleitet wird, der sie aus den
Steppen Pannoniens vorwärts trieb ... innunmerabilis eorum crevit exercitus et a
fame, quam patiebantur, Hungri vocati sunt. Epistola Remigii, bei Màrtene,
collect. I. 234), noch öfter aber Hunnen, wiewohl die Abstammung derselben von
dem Hunnenkönig Attila keineswegs zu den erwiesenen Tatsachen gehört. Letztere
altertümliche Bezeichnung ist in unserer Erzählung beibehalten.
 Umständlichere Schilderung dieses fremden Reitervolkes gibt schon Regino in
seinem Chronicon. ad. ann. 889 (Pertz, Mon. I, 600). Das Bild, das er von den
grausamen, alles zerstörenden, nie aus dem Sattel kommenden, von erschlagener
Feinde Herzen sich nährenden Scheusalen entwirft, macht einen schauerlichen
Eindruck und würde noch mehr zum Mitleid mit den von ihnen Heimgesuchten
stimmen, wenn es nicht meist aus der Historie des Justinus lib. 41. c. 2 u. 3
wörtlich abgeschrieben wäre, der die Skyten in dieser Weise charakterisiert.
Die mehrfachen Verheerungen der alemannischen Lande sind erwähnt in den alaman.
Annalen bei Pertz, Mon. I, 54, der einst von den Kammerboten und dem
Argengaugraf Ulrich wider sie erfochtene Sieg am Inn in den Annales S. Gallenses
major. bei Pertz, Mon. I, 77.
140 S.G. Schwab, Der Bodensee nebst dem Rheintale. Teil II, p. 119.
141 Diese Worte Ekkehards entalten einen Anklang an das den Sanktgaller Mönchen
wohlbekannte alemannische Landrecht, scheinen jedoch auf einer gewissen
Verwechslung zu beruhen. In tit. 99 no 22 (ed. Lindenbrog) findet sich nämlich
folgende Bestimmung:
 »Wenn ein fremder Hund einen Mann getötet hat, soll dessen Eigentümer den
Hinterbliebenen das halbe Wehrgeld auszahlen. Verlangt die Familie des Getöteten
das ganze Wehrgeld, so muss ihr dies zwar gewährt werden, aber nur unter der
Bedingung, dass alle Zugänge des Hauses bis auf einen abgeschlossen werden, dass
sie allezeit durch dies eine Tor ein- und ausgehen, und dass über dieser Schwelle
der fremde Hund in einer Höhe von neun Fuss aufgehängt werde und aufgehängt
bleibe, bis dass er ganz verfault und seine Knochen stückweis herabfallen. Würden
die Bewohner des Hauses den toten Hund wegzuschaffen oder durch eine andere Türe
einzugehen versuchen, so sollen sie auch des bereits empfangenen halben
Wehrgelds verlustig gehen und jeden weiteren Anspruch verlieren.« Dieser aus
hohem Altertum stammenden Verfügung liegt das Motiv zugrund, den Verwandten, die
den vom Eigentümer des Tieres nicht verschuldeten Todesfall allzu geldgierig
auszubeuten suchen, eine gewisse Schmach anzuhängen und sie dadurch abzuhalten,
die äusserste, nach dem damaligen Strafgesetz allerdings formell zustehende
Entschädigung zu beanspruchen. Ähnliches kennt das altnordische Recht. S. Grimm,
Rechtsaltertümer, p. 665.
142 Die Heilkunde unserer Tage wendet diese und ähnliche Mittel nicht mehr an.
Sie beruhten zum Teil auf der Ansicht, dass die Krankheiten dem Einfluss der
Dämonen zuzuschreiben. Vieles übrigens, was in jener Zeit offiziell verordnet
wurde, findet sich im Kreis der s.g. sympatetischen Mittel noch vor, die in
ununterbrochener Überlieferung von den Bauersmännern, Schäfern und Schmieden,
die heutzutag noch trotzig daran glauben, bis in fernes Heidentum hinauf
reichen. Dass eine ähnliche Kur, wie die zuletzt erwähnte, von gutem Erfolg
begleitet war, meldet der fränkische Geschichtschreiber Gregor von Tours in
seiner Schrift über die Wunder des heiligen Martinus aus eigener Erfahrung. »Im
zweiten Monat nach seiner Ordination als Bischof erkrankte er an der Ruhr so
heftig, dass man an seinem Leben verzweifelte. Da alle Arzneien fruchtlos
geblieben waren, liess er sich Staub vom Grabe des Heiligen bringen, nahm ihn in
einem Trank um die dritte Tagesstunde und wurde davon auf der Stelle so geheilt,
dass er um die sechste zur Mahlzeit ging.« Löbell, Gregor von Tours und seine
Zeit, p. 277.
 Manches Interessante in betreff ehemaliger Heilkunde würde wohl ein
sachverständiger Arzt in dem tractatus insignis medicinalis der sanktgallischen
Handschrift 105 vorfinden.
143 ... nihil fame improbrius et sacrius!
144 Wenigstens zählt noch G. Schwab in seinem Werk über den Bodensee unter den
»Merkwürdigkeiten von Sipplingen« sub Nr. 3 auf: »der Sipplinger Wein als der
schlechteste am Bodensee«. Neuerdings indes soll der dortige Rebensaft um ein
bedeutendes besser geworden sein als sein Ruf.
145 S. Einhardi vita Karoli Magni c 13, bei Pertz, Mon. I, p. 449.
146 S. Gibbon, Geschichte des römischen Weltreichs, c. 35.
147 »Scitis« inquit, »o fideles mei, quid tantopere ploraverim?« »Non hoc«, ait,
»timeo, quod isti nugae et nihili mihi aliquid nocere praevaleant; sed nimirum
contristor, quod me vivente ausi sunt litus istud attingere, et maximo dolore
torqueor, quia praevideo, quanta mala posteris meis et eorum sunt facturi
subjectis.« Monachi S. Gallens. gesta Karoli II, 14 bei Pertz, Mon. II, 757.
148 Diese Auffassung der vielbesprochenen und folgenschweren Krönung Karl des
Grossen in Rom am Weihnachtsfest 800 zum Kaiser und Schirmherrn der römischen
Kirche entspricht der Ansicht, die die Zeitgenossen von der Sache hatten. Der
Papst, der dadurch das lästige Schutz- und Aufsichtsrecht seiner byzantinischen
Oberherrn loswerden wollte, hatte seinen bestimmten Plan, wenn er auch die
Tragweite und Folgen des Ereignisses nicht im Auge hatte. Seitens des
fränkischen Herrschers aber war die Annahme dieser Kaiserwürde ein Akt der
Usurpation den legitimeren Byzantinern gegenüber, und es ist wohl zu erklären,
warum die Berichterstatter erzählen, er würde an jenem Tage keinen Fuss über die
Schwelle der Peterskirche gesetzt haben, wenn er des Papstes Absichten hätte
erraten können, s. den Monachus San Gallensis und Einhardi vita Karoli M., cap.
16 und 28.
149 S. Hincmar von Rheims Annalen ad ann. 862 bei Pertz, Mon. I. 458.
150 S. Hermann des Lahmen von Reichenau Chronik ad. ann. 888 bei Pertz. Mon. V,
109.
151 ... vel, ut perturbatores reipublicae dignum est pati, usque ad cinerem
concremati et in omnem ventum dispersi cum nominibus vel potius ignominia et
memoria sua condemnetur in secula! Erchanberti breviarium ad ann. 880 bei Pertz,
Mon. II, 330.
152 Die Gestalt des Alten in der Heidenhöhle möchte historisch etwas
anzuzweifeln sein. Alle Merkmale deuten auf Karl den Dicken, aber der war
eigentlich längst gestorben, bevor die erste Stunde des zehnten Jahrhunderts
schlug. Indes, was die Geschichte trennt, fügt die Sage wieder zusammen, und wie
sie einst dem ostgotischen Dietrich von Bern im Nibelungenlied eine Stellung
verschafte, auf die er seinen historischen Präzedentien nach gar keine
nachzuweisenden Ansprüche hat, so gefällt es ihr, den letzten Träger des
karolingischen Weltreichs an einen stillen Ort zu entrücken und ihm eine
Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, die ihm die Mitlebenden versagten.
 Eines Gerüchtes, dass der alte Kaiser nicht gestorben, sondern von seinen
Feinden stranguliert worden sei, erwähnt der Mönch von Vaast in seinen
Jahrbüchern bei Pertz, Mon. II, 203. Das Volk aber, das von ihm ein ganz ander
Bild im Herzen trug, als der Hass der Parteien, die ihn mit entstellten Zügen der
Nachwelt geschildert, und das in dem hereingebrochenen Jammer der nächsten
Jahrzehnte keinen Grund fand, seine Absetzung als den Anbruch besserer Zeiten zu
begrüssen, hielt in Alemannien an dem Glauben fest, dass er gar nicht gestorben
sei und noch, wie früher und später manch ein anderer Held, in irgendeiner Höhle
verborgen sitze, um zu rechter Stunde wieder herauszutreten und die Zügel seines
Reiches zu Handen zu nehmen. Mehrere Aufstände in Alemannien gegen den durch
Karl des Dicken Sturz emporgekommenen Kaiser gaben Zeugnis von dem Anteil, den
man für seinen abgesetzten Vorfahr hegte.
 Auch die neuere Geschichtschreibung beginnt, die wahren Gründe der Absetzung
und das seiter dem dicken Kaiser zugefügte Unrecht einzusehen, und es wird
zugegeben, dass die Machinationen des hohen Klerus, der damals mit der Einführung
des pseudo-isidorischen Kirchenrechts in Deutschland beschäftigt war und einen
seinen herrschsüchtigen Bestrebungen willfährigen Kaiser bedurfte, »guten Teils«
an jener Absetzung schuld gewesen. S. Gfrörer, Geschichte der ost- und
westfränkischen Karolinger II, 293.
153 »Fortis juventus, virtus audax bellica,
Vestra per muros audiantur carmina,
Et sit in armis alterna vigilia,
Ne fraus hostilis haec invadat moenia.
Resultat echo comes: Eja, vigila!
Per muros eja dicat echo vigila!«
 Gefahr lehrt Verse machen! Der Gesang der Nachtwachen von Modena, dessen ganzen
Text Muratori antiqu. Ital. III, 709 mitteilt, wetteifert an Wärme und
rhytmischem Schwung mit den Kriegsliedern aller Zeiten. - Einen Bittgesang an
den heiligen Geminianus um Schutz und Schirm wider die Hunnen in gleichem Metrum
s. bei Muratori antiqu. Ital. I, 22.
154 Mit Aufrichtung der Fahne wurde das Volk aufgeboten und versammelt. Nach
nordischem Brauch wurde im Fall feindlichen Einbruchs schnell ein Pfeil
herumgeschickt, das Volk zu entbieten, herör, der Heerpfeil. S. Grimm,
Rechtsaltertümer 161, 162.
155 Walafrid Strabo, Abt der Reichenau, ein gefeierter Dichter der
karolingischen Epoche. Manche seiner lateinischen Poesien sind von einem zarten
Hauch durchweht, der an die Elegiker des Altertums erinnert. Es finden sich
darunter eine Beschreibung seines Klostergartens sowie eine Elegie an seine
Freundin (ad amicam), und hierauf scheint sich Simon Bardos Äusserung zu
beziehen. Der Anfang der letzteren ist allerdings sehr weich:
     Wenn mildschimmernden Scheins der Mond den Äter durchleuchtet,
    Dann durch die wehende Nacht, o Freundin, schaue zum Himmel,
    Eingedenk, wie von dort die reine Leuchte herabglänzt
    Und mit demselbigen Strahl uns beide freundlich umschlinget,
    Die wir leiblich zwar fern, doch geistig in Liebe uns nah sind.
    Darf auch nimmer mein Auge in dem der Geliebten sich spiegeln,
    Bleibt uns der Mond doch als Pfand von still glückseligem Ehmals etc.
Des mehreren von ihm ist nachzulesen bei: Canisius, Lect. ant. ed Basnage, pars
II, 183 u. ff.
156 Das griechische Feuer, eine Mischung von Naphta, Schwefel und Pech, durch
Wasser nicht zu löschen, leistete seine Dienste schon bei der Belagerung
Konstantinopels im Jahr 716 wider die Sarazenen und rettete im Jahr 941 die
Hauptstadt vor einer russischen Flotte, die unter Igor, Ruriks Sohn, die schon
damals gangbare Prophezeiung zu verwirklichen drohte, dass die Russen »in den
letzten Tagen Herren von Konstantinopel werden würden«. Seine Verwendung wurde
zu einer förmlichen Artilleriekunst ausgebildet und von den griechischen Kaisern
als ein wichtiges Staatsgeheimnis bewahrt. Die französischen Kreuzfahrer, die
der heilige Ludwig in Orient führte, beschreiben mit aufrichtigem Entsetzen den
Anblick der zerstörenden Geschosse. S. Joinville. Histoire de St. Louis, Paris
1668. p. 39.
157 ... ipse velut Domini gigans lorica indutus, cucullam superinduens et
stolam, ipsos eadem facere jubet: »Contra diabolum, ait, fratres mei, quam
hactenus animis in Deo confisi pugnaverimus, ut nunc manibus ostendere valeamus,
ab ipso petamus.« Ekkeh IV. casus S. Galli, c. 3. Pertz II, 104.
158 Jornandes de rebus geticis, c. 24.
159 ... tollensque manu sua de pallio suo filum projecit in terram et dixit:
»Ecce in testimonium perfectae remissionis filum de pallio meo projicio in
terram, ut cunctis pateat, quod pristina deinceps annulletur inimicitia.« Vita
S. Sturmi, c. 18 bei Pertz, Mon. II, 374.
160 Der erwähnte Smaragd befindet sich noch im Kirchenschatz der Pfarrkirche
Mittelzell auf Reichenau. Er hat das Schicksal der berühmten Smaragdschüssel von
Genua geteilt, die als sacro catino für das unschätzbare Palladium der Stadt
galt und in den Napoleonischen Kriegen als solches nach Paris abgeführt ward,
allwo die Untersuchungskommission des französischen Instituts (1809) sie für
einen gefärbten Glasfluss erkannte; - ein Mangel an Romantik, der die Zurückgabe
des Beutestücks an die Genuesen »wesentlich erleichterte«. Es war sehr
zweckmässig, ein solches Schau- und Prachtstück im Kirchenschatz zu haben, um im
Fall der Not ein namhaftes Anlehen darauf aufnehmen zu können.
161 Erat tunc inter nostrates frater quidam simplicissimus et fatuus, cujus
dicta et facta saepe ridebantur, nomine Heribaldus... Ekkeh casus S. Galli, cap.
3.
162 ... »enimvero, ait ille, fugiat, qui velit; ego quidem, quia corium meum ad
calceos camerarius hoc anno non dedit, nusquam fugiam!« Ekkeh. 1. c.
163 Fabricantur spicula, piltris loricae fiunt, fundibula plectuntur, tabulis
compactis et wannis scuta simulantur, sparrones et fustes acute focis
praedurantur. Ekkeh. 1. c.
164 Aeneis VII, 631 u. ff.
165 ... equitans vir dei, vita Liutger. bei pertz, Mon. I, 412.
166 Ausführlich und sich gegenseitig ergänzend beschrieben bei Ekkeh IV. casus
S. Galli, cap. 3 und den Biographen der heiligen Wiborad (s. Note 40)
namentlich, bei Hepidan. vita Wiboradae, cap. VI, 24 (acta sanctor. Mai. I,
305).
167 ... »locum enim, quem contra versutias antiqui hostis pugnatura elegi, Deo
juvante, spiritu redeunte ad eum qui dedit illum, etiam corpore tegam!« Hepidan
1. c., p. 304.
168 ... quasi canem audierat mussitantem... et intellexit temptatorem: »Esne tu,
inquit, iterum ibi? Quam bene tibi miser contigit nunc mussitanti et grunnienti
post gloriosas voces illas, quas in coelis habueras?« Ekkeh. IV. casus S. Galli,
cap. 3. bei Pertz, Mon. II, 98.
169 Regula S. Benedicti, cap. 53: de hospitibus suscipiendis.
170 ... Augustaque diu obsessa precibus Uodalrici episcopi, sanctissimi quidem
inter omnes tunc temporis viri, repulsi... Ekkeh. casus S. Galli, cap. 3.
171 S. Grimm, Deutsche Mytologie, p. 269.
172 Schon unter Karl dem Grossen bestand lebhafter Handelsverkehr mit Slaven und
Awaren (Capitulare von 803 bei Pertz, Mon. III. 133) und die nordischen Teile
des Reichs verschaften sich die Produkte des Südens. Ermoldus Nigellus ( 836)
in seinen weinerlichen Gedichten nennt friesische Kaufleute als Ankäufer des
elsassischen Weines, den sie auf dem Rhein fortführten. Auch am mittleren Neckar
waren dieselben wohlbekannt. S. Stälin, Wirtemberg. Geschichte I, 402.
173 ... In einer Kirchen war ein Abgott, Triglaff geheissen, und neben dem hingen
viel Waffen und Harnisch, so sie im Kriege erworben und dem Abgotte geschenket
hatten, und güldene und silberne Becher, damit sie pflagen zu wicken und daraus
zu weissagen und zukhünftige Dinck erfharen und daraus die Edelen pflagen zu
hohen Festen zu trinken; auch grosse Urochssenhörner in silber gefasst und
Trommeten zum Kriege, schwerter und dolche und ander köstlich Zeug und Geräte,
das hübsch und kunstreich von Arbeit und zu der Götzen geschmuck bescheret war
... Und der Götze Triglaff war von Golde und hatte drei Köpfe, davon er auch so
genennet ist worden, denn triglafi auf wendisch heissen drei köpfe, damit sie
haben bedeuten wollen, dass er ein Gott were über himmel, erde und helle. Den
nahm Sant Otto mit sich wegk, und schickte ihn dem Papst Honorio zu einem
triumpff und zu einer Anzeigung der Pommern Bekehrung. Tomas Kantzow, Pomerania
oder Ursprunck, Alteit und Geschicht der Völcker und Lande Pommern, Cassuben,
Wenden, Stettin, Rhügen (ed. Kosegarten), p. 107.
174 ... fatuitatis monstrum ubi sentiunt, omnes illi risibiles parcunt. Ekkeh.
casus S. Gall., c. 3.
175 ... nam cum quidam illorum ascia vibrata unum retinaculorum succideret,
Heribaldus inter eos jam domestice versatus »Sine inquit, vir bone, quid vis
vero, ut nos, postquam abieritis, bibamus?« Ekkeh. 1. cit.
176 S. Ekkehards Erzählung bei Pertz, Mon. II, 104.
177 Postquam vero mero incaluerant, horridissime diis suis omnes vociferabant
... 1. c. Das Lied mag sich auf Attilas Abenteuer mit der Prinzessin Honoria,
Schwester des Kaiser Valentinian, beziehen, die aus Rache dafür, dass sie wegen
unstandesgemässer Neigung zu ihrem Kämmerer Eugenius ins Kloster gesteckt worden,
den Barbarenmonarchen durch Übersendung eines Ringes anflehte, sie als seine
Verlobte und Gattin heimzuführen. S. Gibbon, Geschichte des röm. Weltreichs,
cap. 35.
178 ... et effusa laetitia saltant coram principibus. Ekkeh. IV, 1. cit.
179 Cambutta, scottica vox, baculum significans. Nach dem Tode des heiligen
Columban wurde dem heiligen Gallus dessen Cambutta als Andenken überbracht. S.
vita Sancti Galli bei Pertz, Mon. II, 14, und J.v. Arx, Anmerkung. Man irrt wohl
schwerlich, wenn man sich eine solche Cambutta weniger elegant denn keulenartig
denkt, da schon vom gewöhnlichen Spazierstock der Zeitgenossen Karl des Grossen
eine wahrhaft schreckbare Beschreibung überliefert ist ... baculus de arbore
malo, nodis paribus admirabilis, rigidus et terribilis! Monachus San Gallensis
I, 34 bei Pertz, Mon. II, 747.
180 ... ubicunque autem hae reliquiae fuerint, illic pax et augmentum et lenitas
aëris semper erit. Annales San Gallens. major bei Pertz, Mon. I, 71.
181 Offenbarung Johannis 20, 7. Allgemein hielt man den Gog und Magog der
Schrift in den Ungarn verkörpert und sah in ihnen die Vorläufer des Weltendes;
die Frage wurde ernstafter teologischer Prüfung unterzogen. S. Gibbon,
Geschichte des röm. Weltreichs, cap. 55 II.
182 Die Ehre des ersten Angriffs im deutschen Reichsheer galt für ein von alters
her den Schwaben zustehendes Vorrecht. Nach dem Schwabenspiegel verleiht Karl
der Grosse: swa man umbe des riches not striten sollte, da sulen die swabe vor
allen sprachen striten. Landrecht, § 32. - Eine Reihe anderer Stellen aus
Geschichtschreibern und Dichtern desselben Inhalts s. bei Stälin, Wirtemberg.
Geschichte I, 393.
183 Waffen, Feindio! der alte clamor ad arma, Alarm, Waffenschrei. S. Grimm,
Rechtsaltertümer, p. 876. Gleiche Sprachbildung - Verstärkung des Substantivs
durch einen angehängten Ausruf - liegt den Hilferufen Mordio, Feurio! usw.
zugrund.
184 »Ich selbst«, sprach Attila vor Beginn der Schlacht in den Katalaunischen
Feldern zu seinen Kriegern, »werde den ersten Wurfspiess schleudern, und der
Elende, der sich weigert, das Beispiel seines Fürsten nachzuahmen, ist
unvermeidlichem Tode verfallen!« S. Gibbon, a.a.O., cap. 35 (7).
185 Noch im sechzehnten Jahrhundert bewahrten die deutschen Landsknechte die
Sitte, sich rücklings Erde übers Haupt zu streuen, ehe sie ins Wogen des
Treffens rückten. So der tapfere Georg von Frundsberg vor der Schlacht von
Pavia.
186 Wir können uns nicht entalten, den einfach grossartigen Text des
Notkerischen Liedes media vita mitzuteilen, so wie ihn J.v. Arx seinen
Geschichten des Kantons St. Gallen I, p. 95 einverleibt hat.
    »Media vita in morte sumus, quem quaerimus adjutorem, nisi the domine, qui
pro peccatis nostris juste irasceris.
    V. In the speraverunt patres nostri, speraverunt et liberasti eos.
        R. Sancte deus.
    V. Ad the clamaverunt patres nostri, clamaverunt et non sunt confusi.
        R. Sancte fortis.
    V. Ne despicias nos in tempore senectutis, cum defecerit virtus nostra, ne
derelinquas nos.
        R. Sancte et misericors salvator, amarae morti ne tradas nos.«
Es fand so grossen Anklang im Gemüt frommer Streiter, dass eine Synode zu Köln
sich gemüssigt sah anzuordnen, niemand solle ohne seines Bischofs Erlaubnis gegen
irgendeinen Menschen das media vita singen. In das evangelische Kirchenlied ging
es über durch Luters Übersetzung: »Mitten wir im Leben sind von dem Tod
umfangen etc.«
187 ... haud mora, bellum incipitur atque ex Christianorum parte sancta
mirabilisque vox »kyrie«, ex eorum turpis et diabolica »hui, hui!« frequenter
auditur. Luitprand von Cremona de reb. imp. et regum lib. II, cap. 9.
188 Folchardi codex aureus (Bibliotek zu St. Gallen), p. 39.
189 S. Bernhard Bader, Volkssagen aus dem Lande Baden, p. 34.
190 Den merkwürdigen Landhag, mit dem die Ungarn zu Karl des Grossen Zeit ihre
Grenzen gesperrt hatten, beschreibt nach Erzählung eines Augenzeugen der Mönch
von St. Gallen, gesta Karoli lib. VI, cap. I bei Pertz, Mon. II, 748.
191 ... iam mitius agendum inter Teutones!
192 Nam et villani quidam preadocti ollas, prunas in proximo monte paratas
habentes, tumultu audito faces accensas levabant, et ut discretionem sociorum et
hostium nossent, quasi perlustrium fecerunt. Die anschauliche Darstellung dieses
Überfalls des ungarischen Lagers im Fricktal durch Irminger, den Alten, mit
seinen sechs Söhnen und ihrer Mannschaft gibt Ekkeh IV, casus S. Galli, cap. 3.
bei Pertz, Mon. II, 110. Im Schein der rings auf den Bergen flammenden
Feuerzeichen stürmten ihre drei Heerhaufen in den sorglosen Feind. Wer nicht in
keckem Schwimmen über den Rhein setzte, wurde erschlagen; die Beutestücke der
Schlacht weihte Irminger dem Münster des heiligen Fridolin zu Säckingen. Eine
auf dem rechten Rheinufer gelagerte ungerische Schar zog sich auf die Nachricht
dieser Niederlage ins Elsass hinüber.
193 »Mir wird so kühl im Harnisch«, sprach der Fiedelmann,
 »Drum glaub' ich, dass der Morgen ziehet schon heran,
 Ich spür' es an der Kühle, es wird wohl balde Tag ...«
Nibelungenlied, Avent. 31.
194 ... Es ist ein grausam ding zu sehen. Dieser fall heisst zu unsern Zeiten am
Lauffen. Es wirt das Wasser so es oben herab fallt, zu eim ganzen schaum, es
steubt über sich gleich wie weisser rauch. Do mag kein Schiff herab kommen,
anderst es zerfiel zu stucken. Es mögen auch keine Fisch die Höhe dieses Felsen
übersteigen, wann sie schon so lange krumme zeen hätten, wie das Mörtier
Rosmarus oder Mors genannt.
Sebastian Münster. Cosmographei. 1574. S. 551.
195 Sahspach, Hadewigae beneficii villa. S. Ekkeh. IV, casus S. Galli, c. 10.
bei Pertz, Mon. II, 135.
196 Verfluchungen gegen etwaige Widersacher gehörten bei allen auf Vergabungen,
Eigentumsübertragungen, Stiftungen etc. bezüglichen Urkunden zum Kanzleistil.
Man war in den verschiedenen Formen von erfindungsreicher Mannigfaltigkeit. »Es
fühle der Leib in den Jahren ihres Lebens den Vorschmack der unendlichen
Höllenpein, wie Heliodor, welchen die Engel gestäupt, wie Antiochus, welchen die
Würmer gefressen«, heisst es z.B. im Stiftungsbrief des Klosters Peterlingen.
»Wer mit böswilligem Gemüt diese Schrift liest«, wird anderswo gewünscht, »möge
zur Stelle erblinden!« S. Joh. v. Müller, Geschichte der Schweiz I, 253. Eine
Zeit, die sich so umfangreich aufs Segnen verstand, musste notwendig auch im
Fluchen Erkleckliches leisten.
197 ... et multi illorum comprehensi sunt cum rege eorum nomine Pulszi et
suspensi sunt in patibulis. Annales S. Galenses major. ad. ann. 955 bei Pertz,
Mon. I, 79.
198 Qui dubitans minime, huic illam nubere posse.
Ruodlieb fr. XVI, v. 15.
199 Mich macht ein kleines Hälmchen froh,
Es sagt, mir solle Gnade kommen;
Ich mass dasselbe kleine Stroh,
Wie ich's bei Kindern wahrgenommen.
Nun höret all und merkt, ob sie es tu':
Sie tut, tut's nicht, sie tut, tut's nicht, sie tut!
Wie oft ich mass, stets war das Ende gut.
Herr Walter von der Vogelweide (übersetzt bei Simrock, Altdeutsches Lesebuch
1854, p. 208).
200 ... corda hominum quos capiunt particulatim dividentes veluti pro remedio
devorant. Regino Chronicon ad ann 889 bei Pertz, Mon. I, 600.
201 ... Der ist sâlic der dri behûttet sîne gewate daz er nihet naccetne gange
usw. Predigt, mitgeteilt von J.v. Arx aus einem Pergamentblatt des XI.
Jahrhunderts und verbessert herausgegeben bei Hattemer, Denkmale etc. I, 326.
202 S. Grimm, Rechtsaltertümer, p. 723, s.v. Dachabdeckung.
203 Ungar baptizatus uxorem duxit, filios genuit. Ekkeh IV, casus S. Galli, c.
3.
204 Rüdiger Manesses Sammlung I, 87.
205 S. Grimm, Rechtsaltertümer, p. 726, s.v. Prellen.
206 S. lex Ripuariorum, cap. 57. Der auf solche Weise Freigelassene hiess homo
denariatus.
207 S. Ekkeh IV, casus S. Galli, cap. 10 bei Pertz, Mon. II, 135.
208 Wiewohl wir nicht hoffen, dass einer der Leser sich versucht fühle, Gunzos
pomphaftes Werk nachzuschlagen, sei doch der Ort angegeben, wo es zu finden. Es
steht in der gelehrten Benediktiner Martène et Durand collectio veterum
scriptor. et monumentor, Tom. I, 294 als Epistola Gunzonis ad Augienses fratres;
- ein geschichtlicher Beweis, dass auch vor Ehren-Götze und allen, die
heutigentages auf den Pfaden gelehrter Injurie selbstgefällig lächelnd
einherschreiten, tapfere Männer gelebt haben. Ähnliche Leistungen hat wohl
Baronius im Auge gehabt, da er das zehnte Jahrhundert ein »bleiernes« nannte.
Ein sachkundiges Urteil charakterisiert den Stil einiger Zeit- und
Gesinnungsgenossen von Gunzo als ein Latein, »dessen Grundfarbe durch die
gehäuften klassischen Floskeln und Schnörkel nicht verdeckt wird und in welchem
sie nur fremde Gedanken zu wiederholen wissen, wenn es ihnen überhaupt um
Gedanken zu tun ist.« S. Vogel, Raterinus von Verona I, 161.
209 Regula S. Benedicti, cap. 43: de his qui ad mensam tarde occurunt.
210 Schon die Lebensbeschreibung des heiligen Gallus (lib. II. cap. 34 bei
Pertz, Mon. II. 29) erwähnt die Sitte, dass unvorsätzliche Mörder mit schweren
Ketten, die oft aus dem eigenen Mordschwert geschmiedet wurden, oder mit
eisernen Ringen um den Leib oder die Arme belastet, Wallfahrten tun mussten. S.
auch Uhlands schönes Gedicht »Der Waller«.
211 Lex Burgundionum tit. XVIII, 1.
212 S. Vita S. Liobae bei Mabillon Acta Benedict. saec. 3, pars 2, 229 (ed.
Venet. 1734).
213 ... plerosque autem vidimus et audivimus tanta dementia obrutos, tanta
stultitia alienatos, ut credant et dicant, quandam esse regionem, quae dicatur
Magonia, ex qua naves veniant in nubibus, in quibus fruges, quae grandinibus
decidunt et tempestatibus pereunt, vehantur in eandem regionem, ipsis videlicet
nautis aëreis dantibus pretia tempestariis et accipientibus frumenta vel ceteras
fruges. Agobard. contra insulsam vulgi opinionem de grandine et tonitruis I, 146
(ed Baluze).
214 Durch alle Völker geht der Glaube, dass im gebundenen feierlich gefassten Wort
eine zauberische Kraft verborgen ruhe, die zu Segen und Fluch gedeihlich
verwendet werden möge. Von dem rätselhaften römisch-sabinischen Zauber gegen
Verrenkung, den schon der alte Cato (de re rustica 160) anführt, von den
nordischen Runen, von den echten ehrwürdigen Merseburger Heilsprüchen bis auf
das unverständliche Kauderwelsch, mit dem heutigestags, wenn just kein Arzt oder
anzeigedrohender Ortsdiener in der Nähe ist, der ländliche Viehdoktor den
suchtkranken Haushund oder das räudige Schaf beschwört: überall derselbe
Grundgedanke von der Macht rhytmisch gebundener Rede. Man traute eben ehedem
der Poesie Grösseres und Praktischeres zu als jetzt. - Vieles an den Formeln ist
sinnlos geworden, namentlich die geheimnisvollen Worte am Beginn und Ausgang.
Sie haben einst, ihre Bedeutung gehabt; imposanter wurden sie, wie manches
andere, wohl von der Zeit an, wo man sie nicht mehr verstand. Wie feierlich
klingt das »daries, dardaries, astaries, Disunapiter!« mit dem Catos
Verrenkungsspruch sich einleitet, wie rätselvoll das »alau, tahalaui, fugau!« in
dem lateinischen Spruch, der die verirrten Klosterschweine segnend
zurückbeschwören soll! (Sanktgallische Handschrift 111 bei Hattemer, Denkmale
etc. I, 410) S. überhaupt Grimm, Mytologie, cap. 38.
215 Lex Alamannorum tit. 45, de rixis, quae saepe fieri solent in populo.
216 »Dem Schröter, den es mit Donner und Feuer in Bezug setzt, mag das deutsche
Volk besondere Ehre angetan haben.« Grimm, Mytologie (3. Ausg.), p. 657. S.
auch p. 167 über die Bedeutung dieses und anderer Käfer.
217 Über die Einrichtung der Sendgerichte vgl. J.v. Arx, Geschichten des Kantons
St. Gallen I, 257.
218 Maiores locorum de quibus scriptum est, »quia servi, si non timent, tument«,
scuta et arma polita gestare incoeperant; tubas alio quam ceteri villani clanctu
inflare didicerant, canes primo ad lepores, postremo etiam non ad lupos sed ad
ursos et ad tuscos, ut quidam ait, minandos aluerant apros. Ekkeh IV, casus S.
Galli, cap. 3. bei Pertz, Monum. II, 103.
219 Per Hadewigae, ait, vitam! sic enim iurare solebat... Ekkeh IV, casus S.
Galli, c. 10.
220 ich hoere ein sueze stimme
in mînem huobet singen
die hoere ich gerne klingen ...
Der Weinschwelg, v. 268 u. ff.
221 Elpentrötsch, tölpentrötsch, trilpentrisch, hilpentritsch usw., ein
linkischer einfältiger Mensch, dem die Elbe (Elfen) etwas angetan haben. S.
Grimm, Mytol., 412.
222 Der Kuckuck ist bekannt als der Orakelverkünder im frühlingsgrünen Walde.
Viel merkwürdige Traditionen über ihn s. bei 25 Grimm, Mytologie, 640 u. ff.
Eine sehr alte Sage erzählt, er sei ein verwünschter Bäcker oder Müllerknecht,
der armen Leuten von ihrem Teig gestohlen, und trage darum fahles,
mehlbestaubtes Gefieder.
223 S. das Ausführliche über die abergläubischen Vorstellungen bei Verfinsterung
des Mondes, die nach Tacitus Annal. I, 28 schon die Gemüter der aufrührerischen
pannonischen Legionen beunruhigten, bei Grimm a.a.O., p. 668. - Es ist ein
bemerkenswerter Zug der germanischen Vorzeit, dass sie sogar dem Mond in seinen
vermeinten Nöten durch Geschrei abzuhelfen bestrebt war.
224 dô huob er ûf unde tranc
ein hundert slundigen trunc;
er sprach »daz machet mich junc«.
Der Weinschwelg, v. 197.
225 ... Salutem et profectum in doctrina! Brief Meister Ruodperts von St. Gallen
bei Wackernagel, Altdeutsches Lesebuch, p. 138.
226 ... si fugae, inquit, copiam haberem, iuvenum optimi, profecto fugerem, nunc
antem in vestris quia velim nolim sum manibus, mitius mecum quidem vos condecet
agere. S. die ganze Schilderung von Rudimanns nächtlichem Einschleichen und
Ertappung bei Ekkeh. IV, casus S. Galli, c. 10. Pertz, Mon. II, 124.
227 Die damaligen Studien erstreckten sich auch auf die Sternkunde. In der
sanktgallischen Handschrift Nr. 18, p. 43 findet sich das Bild eines Mönches,
der durch ein Fernrohr nach den Gestirnen schaut. Notker Labeo beschreibt
ausführlich einen im Kloster aufgestellten Himmelsglobus. Die astronomischen
Schriften der Alten, z.B. Aratus, kannte und las man. Vgl. J.v. Arx, Geschichten
etc. I, 265.
228 ... Antipodes nulla ratione credenti sunt, quia nec solitidas patitur, nec
centrum terrae, sed neque hoc ulla historiae cognitione firmatum, sed hoc poetae
quasi ratiocinando conjectant. Wörterbuch des Bischofs Salomo.
229 Diese berühmte Disputation beschreibt ausführlich der fränkische Mönch
Richer im dritten Buch seiner Geschichten, Kap. 65. Der Kaiser gab Befehl, das
gelehrte Turnier einzustellen, denn »der Tag war darüber beinah zu Ende gegangen
und die Zuhörer von den vielen und langen Reden ermüdet«.
230 Die klösterliche Disziplin war bemüht, mit den mannigfachsten Akten des
gewöhnlichen Lebens ein Gebet oder einen Hymnus zu verbinden. Die sanktgallische
Handschrift 134 entält eine Sammlung solcher Hymnen, z.B. Hymne beim ersten
Hahnenruf (ad gallicinium), beim Fasten, vor und nach dem Imbiss, beim Anzünden
der Nachtlampen usw. Vgl. Hattemer, Denkmale etc. I, 273 u. ff.
231 ... Altera dein die... magistrum lectura adiit. Et cum sedisset, ad quid
puer ille venerit, ipso astante inter cetera quaesivit. Propter Grecismum, ille
ait... domina mi! ut ab ore vestro aliquid raperet, alias sciolum vobis illum
attuli. Puer autem ipse pulcher aspectu, metro cum esset paratissimus, sic
intulit: Esse velim Graecus usw. Ekkeh. IV, casus S. Galli, c. 10 bei Pertz,
Mon. II, 125.
232 Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, p. 702, s.v. Scheren.
233 S. Tegani vita Hludowici imp. I, 19 bei Pertz, Mon. II, 594.
234 ... spillüten und allen den, die gut für ere nement und die sich ze aigen
geben hant, den gibt man ains mannes schaten von der sunnen etc. Landrecht des
Schwabenspiegels.
235 ... dabei ein schönes Gärtelein,
Darumb geht ein seiden Faden.
Laurins kleiner Rosengarten.
236 »Was soll ich aber von ihren abenteuerlichen Schuhen sagen? Denn in dieser
Hinsicht sind die Mönche so unvernünftig, dass ihnen der Nutzen einer
Fussbekleidung grossenteils entgeht. Sie lassen sich nämlich ihre Schuhe so eng
machen, dass sie darin fast wie in den Stock geschlossen, am Gehen gehindert
sind. Auch setzen sie denselben vorne Schnäbel, an beiden Seiten aber Ohren an
und tragen grosse Sorge, dass sie sich genau dem Fusse anschliessen; halten auch
ihre Diener dazu an, dass sie mit besonderer Kunst den Schuhen einen
spiegelhellen Glanz verleihen.« Dritte Ereiferung des Primas auf der Synode zu
Mont Notre-Dame bei Richer III, 39.
237 Hildebrandslied, v. 70 u. ff. - Noch Prätorius ( 1680) in seiner
Weltbeschreibung erwähnt »närrische Gaukelerszelte, wo der alte Hildebrand und
solche Possen mit Docken gespielt werden, Puppenkomödien genannt«.
238 Dieser fabelhafte Ahnherr aller Grobschmiede war seit alters her der
deutschen Volksüberlieferung eine entschieden beliebte Gestalt. Bis ins vorige
Jahrhundert trug ein Haus in Würzburg nach ihm den Namen »zum grossen Schmied
Wieland«. Das alte deutsche Gedicht, welches ihn zum Helden erkor, ist uns nicht
mehr erhalten, die nordische Sage aber hat ihm die gebührende Aufmerksamkeit
geschenkt. S. Wilkina-Sage, Kap. 19-30, bei von der Hagen, Altdeutsche und
altnordische Heldensagen I, 56 und ff.
239 S. Steub, Zur rhätischen Etnologie, p. 103, s.v. Gossensass und Drei Sommer
in Tirol, p. 504.
240 Welandus ab aliquibus Sanctus dictus... Acta Sanctorum. Mart. tom. I, 364.
241 S. Massmann, Gedichte des XVI. Jahrhunderts, Band II. Das Heldengedicht, wie
es hier teilweise nacherzählt ist, hat die Bearbeitung, in der es vorliegt, erst
im zwölften Jahrhundert erhalten; der Inhalt aber ist entschieden alt und weist
auf frühere Sagen zurück, die füglich zu Praxedis' Zeit ihren Weg an
griechischen Kaiserhof gefunden haben mochten.
242 Marmoreum sibi sarcophagum longe ante obitum jussit praeparari ob incerti
temporis momentum, quem duabus quotidie vicibus diversis alimentorum aliarumve
rerum impensis summotenus implevit et victu carentibus hilariter distribuit.
Vita S. Rimberti, c. 14 bei Pertz, Mon. II, 771.
243 ... moribus tamen illa suis severis et efferis sepe virum exasperans domi
interdum quam secum mansisse multo malle fecerat. Ekkeh. IV, casus S. Galli, c.
10 bei Pertz, Mon. II, 123.
244 S. Ekkeh. IV, casus S. Galli, c. 3. bei Pertz, Monum. II, 108.
245 Ekkehard verflicht hier sich und seinen Namen mit dem, was die Sage vom
getreuen Eckhart erzählt. S. Grimm, Deutsche Heldensage, 141. 190, und Deutsche
Mytologie, p. 887.
246 »In unserer alten Sprache wird die festlichste Jahreszeit, wo die Sonne
ihren Gipfel erlangt hat und nun wieder herabsinken muss, Sunnenwende
(solstitium) genannt.« Grimm, Deutsche Mytologie, p. 583. Sie trifft mit dem
St. Johannistag (24. Juni) zusammen; die alterkömmlichen Oster- und Maifeuer
wurden durch den Einfluss der Kirche auf diesen Tag verlegt. Man sprang durch die
Flammen und trieb das Vieh durch zu vermeintlicher Abwehr von Krankheit und
Missgeschick.
247 Das Bestreben einiger Mönche, durch festes Schnüren des faltigen Gewandes
eine elegante Taille zu gewinnen, veranlasste auf der Synode zu Mont Notre-Dame
(972) eine zornsprühende Ereiferung des Primas. S. Richers Geschichte III, 37.
248 Sirach 27, 6.
249 Die Kirche der quattro coronati in Rom mit ihren alten Mosaikfussböden und
Malereien aus dem 12. Jahrhundert ist bekannt.
250 Ein Trunk Wassers war Zeichen der Entsagung. Grimm, Rechtsaltertümer, 190.
Wer einmal in der letzten Stunde seines römischen Aufentaltes zur rauschenden
fontani Trevi geleitet wurde, um bei Sang und Trank den Scheidetrunk zu trinken,
kennt diese Symbolik.
251 Vgl. Zellweger, Geschichte Appenzells. - Es ist eine interessante Aufgabe,
die alemannische Sprache Appenzells, die auch so, wie sie heutzutage gesprochen
wird, noch mannigfache Anklänge an das Altochdeutsch aus Notkers Labeos Zeiten
entält, in ihren reichen dialektischen Formen und Wendungen zu verfolgen.
Gründliche Anleitung hiezu gibt Titus Tobler, Appenzellischer Sprachschatz,
Zürich 1837.
252 Jeremias IX, 1.
253 ... ecce elongavi fugiens et mansi in solitudine et exspectabam eum, qui me
salvum faceret. Vita St. Galli bei Pertz, Monum. II, 8.
254 S. Physiologus, ein Weistum von Tieren und Vögeln; von des aran geslâhte,
bei Wackernagel, Altdeutsches Lesebuch I, 165.
255 ... quantum sub sua cuculla potuit portare ...
256 »Es war etwa seit dem 8. Jahrhundert in Deutschland und Frankreich das
Verlangen heimisch geworden, die Kirchen mit irdischen Überresten von Heiligen
so reichlich als möglich und um jeden Preis zu versorgen. Dieses Verlangen hatte
im zehnten Jahrhundert einen neuen Aufschwung genommen und erreichte seine
höchste Glut in dem sächsischen Königshause. Otto der Grosse wusste keine grösseren
Schätze zu sammeln als Reliquien und brachte besonders für sein geliebtes
Magdeburg einen grossen Vorrat zusammen ... Da sich Kirchen und Gemeinden nur
selten freiwillig zugunsten anderer ihrer Reliquien entäusserten, so scheute man
sich nicht vor dem Mittel des Zwangs und Raubes, und als das Vaterland der
Heiligen, Italien, wo damals die Reliquien wenig geachtet wurden, sich den
Deutschen wieder auftat, da gehörte es zu den schönsten Aussichten der
letzteren, nun im reichen Masse, und zwar um Geld oder durch List oder auch mit
Gewalt ihr Verlangen erfüllen zu können. Dieser Sehnsucht scheint auch der
heilige Metro zum Opfer gefallen zu sein. ... Dass man aber, wenn man sich nicht
eines ganzen Heiligenkörpers bemächtigen konnte, auch damit zufrieden war, dass
man ein möglichst grosses Stück hinwegbrachte, das hat Verona noch einmal
erfahren müssen« usw. Vogel, Raterius von Verona und das zehnte Jahrhundert I,
255 ff.
257 ... sô der tágostérno in scônero fárewo skînet. Worte der Notkerischen
Paraphrase des Marcianus Capella.
258 »Den 4. November 1853 mittag 11 Uhr ist der Eremit Anton Fässler verunglückt
und ist totgefallen auf Pommen im Sail. Requiescat in pace.« Eintrag im
Fremdenbuch des Wildkirchlein.
259 ... in visitatione lactis.
 Dantur de Coldaribus in Seealpe XXX. casei, meliores alpinis caseis (Rotulus
censuum sec. 13 in der sanktgallischen Handschrift 456). de Alpe Gamor tres
partes lacticinii, quae per duos dies a Vaccis ibidem compacte fuerint, Portarie
nomine. - Citatio Abbatis cellana bei J.v. Arx, Geschichten etc. I, 314. S. auch
Grimm, Weistümer I, 191, »die Rechte von Appenzell«.
260 Nec sua rura colo, nec sua jura volo!
261 »Tosen«: an der Volksversammlung murmelnd rauschen. Wenn ein Vorschlag der
Landesgemeinde sehr missfällt, so toset's gewöhnlich. Tobler, Appenz.
Sprachschatz, p. 148.
262 ... dic illi nunc de me corde fideli
Tantundem liebes, veniat quantum modo luobes,
Et volucrum wunna quot sint, tot dic sibi minna,
Graminis et florum quantum sit, dic et honorum.
Ruodlieb fr. XVI, 11-15.
263 ... sélbum dia érda, dár si únbûhafte ist, hábent erfúllet tero lánglîbon
mâniginâ in-wálden, íoh infórsten, ioh in-lóhen, insêwen, ináhôn, inbrúnnôn.
Notkers Paraphrase des Marcianus Capella lib. II, cap. 34, bei Hattemer Denkmale
etc. III, 356.
264 S. Grimm, Deutsche Mytologie, p. 29.
265 Auch der heilige Gallus war von solchen Erscheinungen dämonischer
Weibergestalten nude ad litus stantes, quasi ad balneum ingredi volentes,
turpitudinemque corporis sui ei monstrantes, heimgesucht. Vita S. Galli bei
Pertz, Mon. II. 9.
266 ... In nomine Domini mei Jesu Christi, recede ab hac valle. Sint tibi montes
et colles communes nec tamen hic pecus laedas aut homines. Vita S. Galli bei
Pertz, Monum. II, 9. Die Bären waren in jener Zeit häufige Besucher der
Appenzeller Alpen und einige Plätze tragen noch jetzt den Namen zur Erinnerung
an sie, z.B. Bärenbach, Bärental, Bärenalp. Seit die Touristen in jenen Revieren
zahlreicher geworden, haben sie sich indes gänzlich zurückgezogen. - Die
Geschichtsquellen liefern, Bären betreffend, eine so reiche Ausbeute, dass es
einem fleissigen Mann nicht schwer fallen würde, sie in einer Abhandlung »über
die Bedeutung und soziale Stellung der Bären im Mittelalter« zu verwerten. Wir
erinnern an den Bären des heiligen Gallus, der ihm wie ein getreuer Diener
Scheiterholz beitrug und Brot aus der Hand frass, - an die kunstreichen
Tanzbären, die im Ruodlieb Fr. III, 85 u. ff. besungen sind und mit ihrem
aufrechten Eimertragen und Reihentanz im Verein mit singenden Spielweibern den
Zuschauern ein Vergnügen geboten haben mögen, von dem man begreift, dass die
Geistlichkeit in besonderen Synodalbeschlüssen dawider eiferte. (Regino de
eccles. disciplin. II, 213.) Die lex Alamannor. tit. 99, 12 schlägt das Wehrgeld
eines zahmen Hausbären auf 6 solidi an - alles Beweise, dass man die Bären in
Deutschland zu schätzen wusste, auch ehe ihr Stammverwandter aus den Pyrenäen zum
Helden epischer Dichtung erhoben ward.
267 Flutterschnee, ein lockerer, leichter, nicht kompakter Schnee. S. Tobler,
Appenzell. Sprachschatz, 196.
268 Tubas alio quam ceteri villani clanctu inflare didicerant. Ekkeh. IV, casus
S. Galli, c. 3 bei Pertz, Monum. II, 103. Ein echter kanonischer Kuhreigen ist
übrigens trotz der Untersuchungen der Gelehrten nicht festgestellt und im
Gebirge schwanken die Ansichten derer, die als geborene Sachverständige ein
festes Urteil haben sollten, so, dass die einen behaupten, der Kuhreigen werde
gar nie mit Worten begleitet, während andere einen - jedenfalls alten und
eigentümlichen Text mit dem Refrain »loba! loba!« zu geben wissen. Dem Verfasser
wurde am Säntis auf die Frage nach dem Kuhreigen dadurch geantwortet, dass man
das Alphorn vom Rücken nahm und ihn blies, ohne ein Wort dazu zu singen oder zu
jodeln.
269 Ekkehardus autem, notularum peritissimus, paene omnia haec eisdem notavit in
tabula verbis etc. Ekkeh. IV, casus S. Galli, c. 16. Pertz, Mon. II, 140. Die
sanktgallische Handschrift 270 gibt nähere Auskunft über die verschiedenen Arten
von Geheimschrift, deren man sich allgemein bediente. S.W. Grimm, Über deutsche
Runen, und Hattemer, Denkmale etc. I, 417, wo auch als Beilage in Steindruck
mehrere genaue Faksimile mitgeteilt sind. Es ist auffallend, wie eine gewisse
Ähnlichkeit zwischen diesen Charakteren und denen etruskischer Inschriften
stattfindet.
270 Procop. bell. Vand. II, 6.
271 Die noch ganz an antike Gymnastik erinnernden Ergötzungen der
sanktgallischen Schuljugend, wozu u.a. auch Wettrennen, Ringen mit gesalbten
Händen, Stockfechten etc. gehörte, beschreibt Notker Labeo in seinem
lateinischen Vakanzlied, mitgeteilt von J.v. Arx, Geschichten etc. I, 259.
272 Ev. Joh. III, 8.
273 Die sehr ins Auge fallende innerrhodische Kleidungsart ist unzweifelhaft die
alte des appenzellischen Volkes. Tobler, Appenzell. Sprachschatz, p. 25.
274 »Der Zaur ist ein einzelnes kurzes Gejauchze, das mit uhó oder u bu hu hui
hui! bezeichnet werden kann.« Tobler a.a.O., p. 453.
275 Appenzellischer Landbrauch. Noch vor wenig Jahrzehnten war die grosse
Haustüre des Amtmann Tanner von Herisau voll der Köpfe von Gewild, wodurch das
Volk ihm Liebe und Achtung erzeigen wollte.
276 »Gumpen, gombela = hüpfen, mutwillig springen, ruggûssa (ru-jauchzen) = den
Ruggüssler singen, ein landeseigentümliches Hirtenlied in holperigen Reimen, aber
mit einer um so angenehmeren weicheren Weise, die zwischen den Worten aus dem
Gaumen bisweilen üppig spielt und ergötzt.« S. Tobler a.a.O., p. 233 und 373.
277 Panem Gallus bestiae mirandae dat modestiae, mox ut hunc voravit, in fugam
festinavit usw. Ratperts Lobgesang auf St. Gallus in der lateinischen
Übersetzung Ekkehards des Vierten bei Hattemer, Denkmale etc. I, 342.
278 Eigentümlich heisst Attilas Gemahlin »Ospirin«, was »göttliche Bärin«
bedeutet und in altdeutscher Form Anspirin lauten sollte. Der Name ist echt, alt
und auch sonst vorhanden. Grimm und Schmeller, Lat. Gedichte etc., p. 119, wo
auch eine Reihe anderer mehr auf sprachliche Gründe gestützter Konjekturen über
die Aufnahme des Namens Ospirin ins Waltarilied nachzulesen ist.
279 S. den Text des Waltarius bei Grimm und Schmeller, Lateinische Gedichte des
zehnten und elften Jahrhunderts, Göttingen 1838, p. 3 u. ff. Verdeutschungen von
anderen anders, Kommentar und Anmerkungen bei San-Marte, Walter von Aquitanien,
Magdeburg 1853.
280 Libro completo saltat scriptor pede laeto! Randbemerkung einer
sanktgallischen Handschrift, mitgeteilt von J.v. Arx, Berichtigungen und Zusätze
etc., p. 30.
281 Es steht zu hoffen, dass die Hirngespinste einer zerstörungsfrohen Kritik,
die sich wie am Homer so an den Nibelungen nicht eher erfreuen konnte, als bis
sie in eine Anzahl von verschiedenen Sängern an verschiedenen Orten verfasster
Volkslieder auseinander genagt waren, seit Holtzmanns Untersuchungen über das
Nibelungenlied (Stuttgart 1854) als beseitigt angesehen werden dürfen. Der
Streit, der noch immer wider den guten Meister Konrad geführt wird, beweist, dass
auf diesem wie auf andern Gebieten das Einfachste am schwersten Eingang findet.
282 ... Insuper et alpes philosophantur, sub quibus jugum Sambutinum Rihpertus
lyrico possidet sono, et si nosset antra musarum, esset et talis, ut Cyntius
Apollo. Aus einem Brief des Mönch Ermenrich von Reichenau, bei J.v. Arx a.a.O.,
p. 14.
283 Assumptus est interea in aulam Ottonum patris et filii ... Ekkehardus, ut
capellae semper immanens doctrinae adolescentis regis nec non et summis dexter
esset consiliis. Ibique in brevi tantus apparuit, ut in ore omnium esset, summum
eum aliquem exspectare pontificatum. Nam et Adelheida regina illum, nunc sancta,
per se diligebat. Ekkeh. IV, casus S. Galli, c. 10, bei Pertz II, 126.
284 ... barbarorum ferocia ac ferrea corda Nitard, lib. I, 1.
285 Domnus Purchardus abbas, elegantissimum sanctae ecclesiae speculum. Annales
San Gallenses majores bei Pertz, Mon. I, 83.
 
                                    Fussnoten
A1 Scheffels.
A2 Gustav Schwab, »Gedichte«, Bd. 2, S. 167 ff. (Stuttgart 1829).
 
    