
        
                                 Gustav Freitag
                                 Soll und Haben
                                  Seiner Hoheit
                                   Ernst II.
                        Herzoge zu Sachsen-Coburg-Gota
Es war ein lachender Maiabend auf dem Kalenberg. Oben um das Schloss blühte und
duftete der Frühling und die Blätter der roten Akazie warfen gezackte Schatten
auf den tauigen Rasen. Unten im Dunkel des Tals sprangen die zahmen Rehe aus dem
Gehölz und schauten begehrlich nach der hellen Gestalt der Herrin, welche den
holden Segen des Gastrechts jedem erteilt, der in den Bannkreis des Schlosses
tritt, dem Menschen, wie dem Vogel und dem Wild. Die Ruhe des Abends lag auf
Hügel und Tal, nur aus weiter Entfernung klang zuweilen das Rollen des Donners
in die lichtvolle, glückliche Landschaft. An diesem Abend sah Eure Hoheit, an
die Steine der alten Schlossmauer gelehnt, sorgenvoll über die fruchtbaren Felder
hinein in die dämmrige Ferne. Was mein edler Fürst damals sprach: über die
Verwirrung der letzten Jahre, über die Mutlosigkeit und müde Abspannung der
Nation, und über den Beruf des Dichters, der gerade in solcher Zeit dem Volke
einen Spiegel seiner Tüchtigkeit vorhalten solle zur Freude und Erhebung, - -
das waren goldene Worte, in denen sich ein grosser Sinn und ein warmes Herz
offenbarten und sie werden lange nachklingen in dem Herzen des Hörers. Seit
diesem Abend habe ich den Wunsch, mit Eurer Hoheit Namen das Buch zu schmücken,
dessen Plan ich damals mit mir herumtrug.
    Fast zwei Jahre sind seitdem vergangen, ein furchtbarer Krieg ist entbrannt,
und mit finstrer Sorge sieht der Deutsche in die Zukunft seines Vaterlandes.
    In solcher Zeit, wo die stärksten politischen Leidenschaften in das Leben
jedes einzelnen dringen, weicht die heitere Ruhe, welche der Schaffende zur
künstlerischen Gestaltung braucht, leicht von seinem Arbeitstisch. Ach! sie hat
dem deutschen Dichter seit lange gefehlt. Nur zu sehr fehlt das Behagen am
fremden und eigenen Leben, die Sicherheit fehlt und der frohe Stolz, mit welchem
die Schriftsteller anderer Sprachen auf die Vergangenheit und Gegenwart ihres
Volkes blicken; im Überfluss aber hat der Deutsche Demütigungen, unerfüllte
Wünsche und eifrigen Zorn. Wer in solcher Zeit Poetisches gestaltet, dem fliesst
nicht die freie Liebe allein, auch der Hass fliesst leicht aus dem schreibenden
Rohr, leicht tritt an die Stelle einer dichterischen Idee die praktische Tendenz
und statt freier Laune findet der Leser vielleicht eine unschöne Mischung von
plumper Wirklichkeit und gekünstelter Empfindung.
    Bei solchen Gefahren hat der Dichter doppelt die Pflicht, die Umrisse seiner
Bilder reinzuhalten von Verzerrung, und seine eigene Seele frei von
Ungerechtigkeit. Dem Schönen in edelster Form den höchsten Ausdruck zu geben,
ist nicht jeder Zeit vergönnt, aber in jeder soll der erfindende Schriftsteller
wahr sein gegen seine Kunst und gegen sein Volk.
    Diese Wahrheit zu suchen, und wo ich sie fand, zu vertreten, halte ich für
die Aufgabe auch meines Lebens.
    Und so sei meinem ritterlichen Herrn ehrfurchtsvoll das leichte Werk
gewidmet. Glücklich werde ich sein, wenn Eurer Hoheit dieser Roman den Eindruck
macht, dass er wahr nach den Gesetzen des Lebens und der Dichtkunst erfunden und
doch niemals zufälligen Ereignissen der Wirklichkeit nachgeschrieben ist.
                                 Gustav Freitag
 
                                  Erstes Buch
                                       1
Ostrau ist eine kleine Kreisstadt unweit der Oder, bis nach Polen hinein berühmt
durch ihr Gymnasium und süsse Pfefferkuchen, welche dort noch mit einer Fülle von
unverfälschtem Honig gebacken werden. In diesem altväterischen Ort lebte vor
einer Reihe von Jahren der königliche Kalkulator Wohlfart, der für seinen König
schwärmte, seine Mitmenschen - mit Ausnahme von zwei Ostrauer Spitzbuben und
einem groben Strumpfwirker - herzlich liebte und in seiner sauern Amtstätigkeit
viele Veranlassung zu heimlicher Freude und zu demütigem Stolze fand. Er hatte
spät geheiratet, bewohnte mit seiner Frau ein kleines Haus und hielt den kleinen
Garten eigenhändig in Ordnung. Leider blieb diese glückliche Ehe durch mehrere
Jahre kinderlos. Endlich begab es sich, dass die Frau Kalkulatorin ihre
weissbaumwollne Bettgardine mit einer breiten Krause und zwei grossen Quasten
verzierte und unter der höchsten Billigung aller Freundinnen auf einige Wochen
dahinter verschwand, gerade nachdem sie die letzte Falte zurechtgestrichen und
sich überzeugt hatte, dass die Gardine von untadelhafter Wäsche war. Hinter der
weissen Gardine wurde der Held dieser Erzählung geboren.
    Anton war ein gutes Kind, das nach der Ansicht seiner Mutter vom ersten Tage
seiner Geburt die staunenswertesten Eigenheiten zeigte. Abgesehen davon, dass er
sich lange Zeit nicht entschliessen konnte, die Speisen mit der Höhlung des
Löffels zu fassen, sondern hartnäckig die Ansicht festielt, dass der Griff dazu
geeigneter sei, und abgesehen davon, dass er eine unerklärliche Vorliebe für die
Troddel auf dem schwarzen Käppchen seines Vaters zeigte und das Käppchen mit
Hilfe des Kindermädchens alle Tage heimlich vom Kopf des Vaters abhob und ihm
lachend wieder aufsetzte, erwies er sich auch bei wichtigerer Gelegenheit als
ein einziges Kind, das noch nie dagewesen. Er war am Abend sehr schwer ins Bett
zu bringen und bat, wenn die Abendglocke läutete, manchmal mit gefalteten
Händen, ihn noch umherlaufen zu lassen; er konnte stundenlang vor seinem
Bilderbuch kauern und mit dem roten Göckelhahn auf der letzten Seite eine
Unterhaltung führen, worin er diesen wiederholt seiner Liebe versicherte und
dringend aufforderte, sich nicht dadurch seiner kleinen Familie zu entziehen,
dass er sich vom Dienstmädchen braten liesse. Er lief zuweilen mitten im
Kinderspiel aus dem Kreise und setzte sich ernstaft in eine Stubenecke, um
nachzudenken. In der Regel war das Resultat seines Denkens, dass er für Eltern
oder Gespielen etwas hervorsuchte, wovon er annahm, dass es ihnen lieb sein
würde. Seine grösste Freude aber war, dem Vater gegenüberzusitzen, die Beinchen
übereinanderzulegen, wie der Vater tat, und aus einem Holunderrohr zu rauchen,
wie sein Herr Vater aus einer wirklichen Pfeife zu tun pflegte. Dann liess er
sich allerlei vom Vater erzählen, oder er selbst erzählte seine Geschichten. Und
das tat er, wie die Frauenwelt von Ostrau einstimmig versicherte, mit soviel
Gravität und Anstand, dass er bis auf die blauen Augen und sein blühendes
Kindergesicht vollkommen aussah, wie ein kleiner Herr im Staatsdienst. Unartig
war er so selten, dass der Teil des weiblichen Ostraus, welcher einer düstern
Auffassung des Erdenlebens geneigt war, lange zweifelte, ob ein solches Kind
heranwachsen könne; bis Anton endlich einmal den Sohn des Landrats auf offener
Strasse durchprügelte und durch diese Untat seine Aussichten auf das Himmelreich
in eine behagliche Ferne zurückhämmerte. Kurz er war ein so ungewöhnlicher
Knabe, wie nur je das einzige Kind warmherziger Eltern gewesen ist. Auch in der
Bürgerschule und später auf dem Gymnasium wurde er ein Muster für andere und ein
Stolz seiner Familie. Und da der Zeichenlehrer behauptete, Anton müsse Maler
werden, und der Ordinarius von Tertia seinem Vater riet, ihn Philologie
studieren zu lassen, so wäre der Knabe seiner zahlreichen Anlagen wegen
wahrscheinlich in die gewöhnliche Gefahr ausgezeichneter Kinder gekommen, für
keine einzige Tätigkeit den rechten Ernst zu finden, wenn nicht ein Zufall
seinen Beruf bestimmt hätte.
    An jedem Weihnachtsfest wurde durch die Post eine Kiste in das Haus des
Kalkulators befördert, worin ein Hut des feinsten Zuckers und ein grosses Paket
Kaffee standen. Gewöhnlichen Zucker liess der Hausherr durch seine Frau
kleinschlagen, diesen Zuckerhut zerbrach er selbst mit vielem Kraftaufwand in
einer feierlichen Handlung und freute sich über die viereckigen Würfel, welche
seine Kunst hervorzubringen vermochte. Der Kaffee dagegen wurde von der Frau
Kalkulatorin eigenhändig gebrannt, und sehr angenehm war das Selbstgefühl, mit
welchem der würdige Hausherr die erste Tasse dieses Kaffees trank. Das waren
Stunden, wo ein poetischer Duft, der so oft durch die Seelen der Kinder zieht,
das ganze Haus erfüllte. Der Vater erzählte dann gern seinem Sohne die
Geschichte dieser Sendungen. Vor vielen Jahren hatte der Kalkulator in einem
bestäubten Aktenbündel, das von den Gerichten und der Menschheit bereits
aufgegeben war, ein Dokument gefunden, worin ein grosser Gutsbesitzer aus Posen
erklärte, einem bekannten Handelshause der Hauptstadt mehrere tausend Taler zu
schulden. Offenbar war der Schuldschein in kriegerischer und ungesetzmässiger
Zeit in ein falsches Aktenheft verlegt worden. Er hatte den Fund am gehörigen
Ort angezeigt, und das Handlungshaus war dadurch instand gesetzt worden, einen
verzweifelten Rechtsstreit gegen die Erben des Schuldners zu gewinnen. Darauf
hatte der junge Chef der Handlung sich angelegentlich nach dem Finder des
Dokuments erkundigt und demselben einen artigen Brief geschrieben; der
Kalkulator hatte, wie seine Art war, sehr bestimmt jeden Dank abgelehnt, weil er
nur seine Amtspflicht erfüllt habe. Von da ab erschien an jeder Weihnacht die
erwähnte Sendung mit einem kurzen herzlichen Begleitschreiben und wurde jedesmal
umgehend durch ein kalligraphisches Kunstwerk des Kalkulators erwidert, worin
dieser unermüdlich seine Überraschung über die unerwartete Sendung ausdrückte
und der Firma zum neuen Jahr aus voller Seele Gutes wünschte. Selbst seiner Frau
gegenüber behandelte der Herr die Weihnachtssendung als einen Zufall, eine
Kleinigkeit, ein Nichts, welches von der Laune eines Kommis der Firma T.D.
Schröter abhänge; und jedes Jahr protestierte er eifrig, wenn die Frau
Kalkulatorin die zu erwartende Kiste bei ihren Wirtschaftsplänen in Rechnung
brachte. Aber im stillen hing seine Seele an diesen Sendungen. Es waren nicht
die Pfunde Raffinade und Kuba, es war die Poesie dieser gemütlichen Beziehung zu
einem ganz fremden Menschenleben, was ihn so glücklich machte. Er hob alle
Briefe der Firma sorgfältig auf, wie die drei Liebesbriefe seiner Frau, ja, er
heftete sie mit dem Ehrwürdigsten, was er kannte, mit schwarz und weissem
Seidenfaden in ein kleines Aktenbündel; er wurde ein Kenner von Kolonialwaren,
ein Kritiker, dessen Geschmack von den Kaufleuten in Ostrau höchlich respektiert
wurde; er konnte sich nicht entalten, den billigen Meliszucker und den
Brasilkaffee als untergeordnete Erzeugnisse der Schöpfung mit einer
entschiedenen Verachtung zu behandeln; er fing an, sich für die Geschäfte der
grossen Handlung zu interessieren und studierte in den Zeitungen regelmässig die
Marktpreise von Zucker und Kaffee, welche mit merkwürdigen und für
Nichteingeweihte ganz unverständlichen Bemerkungen hinter den politischen
Nachrichten standen; ja er spekulierte in seiner Seele mit als Associé seines
Freundes, des grossen Kaufmanns, er ärgerte sich, wenn der Kaffee in den
Zeitungen flaute, und war vergnügt, wenn der Zucker als angenehm notiert war.
    Das war ein unscheinbares, leichtes Band, welches den Haushalt des
Kalkulators mit dem geschäftlichen Treiben der grossen Welt verknüpfte; und doch
wurde es für Anton ein Leitseil, wodurch sein ganzes Leben Richtung erhielt.
Denn wenn der alte Herr am Abend in seinem Garten sass, das Samtkäppchen in dem
grauen Haar und seine Pfeife im Munde, dann verbreitete er sich gern mit leiser
Sehnsucht über die Vorzüge eines Geschäftes, welches die Fülle der herrlichsten
Sachen gewähre, und dann frug er scherzend seinen Sohn, ob er auch Kaufmann
werden wolle. Und in der Seele des Kleinen schoss augenblicklich ein schönes Bild
zusammen, wie die Strahlen bunter Glasperlen im Kaleidoskop, zusammengesetzt aus
grossen Zuckerhüten, Rosinen und Mandeln und goldenen Apfelsinen, aus dem
freundlichen Lächeln seiner Eltern und all dem geheimnisvollen Entzücken,
welches ihm selbst die ankommende Kiste je bereitet; bis er begeistert ausrief:
»Ja, Vater, ich will!« - Man sage nicht, dass unser Leben arm ist an poetischen
Stimmungen, noch beherrscht die Zauberin Poesie überall das Treiben der
Erdgebornen. Aber ein jeder achte wohl darauf, welche Träume er im heimlichsten
Winkel seiner Seele hegt, denn wenn sie erst gross gewachsen sind, werden sie
leicht seine Herren, strenge Herren!
    So lebte die Familie still fort durch manches Jahr. Anton wuchs heran und
lief mit seiner Büchermappe durch alle Klassen des Gymnasiums bis in die stolze
Prima. Wenn die Frau Kalkulatorin ihren Mann im geheimen bat, über Antons
Zukunft einen festen Entschluss zu fassen, erwiderte der Hausherr mit einem
siegesfrohen Lächeln: »Der Entschluss ist gefasst, er will ja Kaufmann werden.
Erst muss er mit dem Gymnasium fertig sein, dann steht ihm die ganze Welt offen.«
Und dann tat der Kalkulator, als ob das Abiturientenzeugnis ein Schlüssel zu
allen Ehren der Welt sei. Im geheimen aber bangte ihm ein wenig davor, den
Familientraum der Ausführung näherzubringen.
    Unterdes kam ein schwarzer Tag, wo die Fensterladen des Hauses lange
geschlossen blieben, das Dienstmädchen mit roten Augen die Treppe auf- und
ablief, der Arzt kam und den Kopf schüttelte, und der alte Herr am Lager seiner
Frau das Samtkäppchen in den gefalteten Händen hielt, während der Sohn
schluchzend vor dem Bett kniete und seinen Lockenkopf darauf legte, welchen die
Hand der sterbenden Mutter noch zu streicheln versuchte. Drei Tage nach diesem
Morgen wurde die Frau Kalkulatorin begraben, und der alte Herr und Anton sassen
am Abend nach dem Begräbnis bleich und einsam einander gegenüber. Anton schlich
von Zeit zu Zeit hinter die Stachelbeeren, sich dort in der Stille auszuweinen,
und der alte Herr stand häufig von seinem Stuhle auf und ging in die
Schlafstube, wo die weisse Gardine mit den beiden Quasten hing, und weinte
ebenfalls. Der Jüngling erhielt nach langem Weinen die roten Backen wieder, der
alte Herr kam nicht wieder zu Kräften. Er klagte über nichts, er rauchte seine
Pfeife wie immer, er ärgerte sich noch immer, wenn der Kaffee flaute, aber es
war kein rechtes Rauchen und auch kein rechter Ärger mehr. Oft sah er seinen
Sohn nachdenklich und traurig an, und der junge Gesell konnte nicht erraten, was
den Vater so besorgt mache. Als der Vater aber an einem Sonnabend den Sohn
wieder gefragt hatte, ob er noch Kaufmann werden wollte, und Anton zum
hundertstenmal versichert hatte, dass er gerade dies gern wolle, und nichts
anderes, da stand der alte Herr entschlossen auf, rief das Dienstmädchen und
bestellte zum nächsten Morgen eine Fuhre nach der Hauptstadt. Er gestand dem
fragenden Sohne nicht, weshalb er die unerhörte Expedition vornahm. Und er hatte
wohl Grund zum Schweigen, der arme alte Herr! Denn wenn er auch seit zwanzig
Jahren stolz gewesen war auf seinen grossen Handelsfreund, so hatte ihm doch
immer der Mut gefehlt, selbst vor den Kaufmann zu treten und für seinen Sohn
einen Platz im Comtoir zu erbitten. Sein Wunsch kam ihm sehr verwegen vor, und
seine Ansprüche unermesslich gering. Oft hatte er sich's vorgenommen und stets
hatte er's wieder aufgeschoben, bis die Sorge um den Sohn grösser wurde, als
seine Scheu.
    Als er den Tag darauf sehr spät aus der Hauptstadt zurückkehrte, war er in
ganz anderer Stimmung, glücklicher als je nach dem Tode der Frau Kalkulatorin.
Er begeisterte seinen Sohn, der ihn in ahnungsvoller Spannung erwartete, durch
seinen Bericht von der unglaublichen Annehmlichkeit des grossen Geschäftes und
der Freundlichkeit des grossen Kaufmanns gegen ihn. Er war zu Mittag geladen
worden, er hatte Kibitzeier gegessen, er hatte griechischen Wein aus den Kellern
seines Freundes getrunken, einen Wein, gegen welchen der beste Wein im Gastofe
zu Ostrau nichtswürdiger Essig war, er hatte das Versprechen erhalten, dass sein
Sohn nach Jahresfrist in das Comtoir eintreten könne, und einige Winke über die
Vorbildung, die dafür wünschenswert sei. Schon am nächsten Tage sass Anton vor
einem grossen Rechenbuch und disponierte mit unbeschränkter Vollmacht über
Hunderttausende von Pfunden Sterling, welche er bald in rheinische Gulden
verwandelte, bald in Hamburger Mark Banko umsetzte, als brasilianische Milreis
in die Welt flattern liess und zuletzt ruhig in mexikanischen Staatspapieren
anlegte, aus denen er mit grösster Sicherheit alle möglichen Interessen bis zu
zehn vom Hundert zog. Hatte er auf diese Weise ein kolossales Vermögen
zusammengescharrt, so ging er in den Garten, ein kleines dünnleibiges Buch in
der Hand, welches auf dem Titel versprach, ihn in vier Wochen zu einem fertigen
Engländer zu machen. Dort bemühte er sich zum Entsetzen der deutschen Sperlinge
und Finken, das A und andere ehrliche Buchstaben auf jede Weise auszusprechen,
welche dem Menschen möglich ist, wenn er einen Buchstaben anders ausspricht, als
sich mit der Natur und dem Charakter desselben verträgt.
    So ging wieder ein Jahr hin, Anton war gerade achtzehn Jahr alt und hatte
seine Abiturientenprüfung bestanden; da wurden wieder einmal an einem Morgen die
Fensterläden des Kalkulators nicht zu gehöriger Zeit geöffnet, wieder rannte das
Dienstmädchen mit verweinten Augen durch das Haus, und wieder schüttelte die
Nachtlampe unzufrieden und kummervoll ihre feurige Mütze. Diesmal lag der alte
Herr selbst im Bett und Anton sass vor demselben, beide Hände des Vaters haltend.
Der alte Herr aber liess sich nicht festalten, sondern starb so eilig als
möglich, nachdem er seinen Sohn vielmal gesegnet hatte. Nach einigen Tagen
lauten Schmerzes stand Anton allein in der stillen Wohnung, eine Waise, im
Anfange eines neuen Lebens.
    Der alte Herr war nicht umsonst Kalkulator gewesen, sein Haushalt war in
musterhafter Ordnung, seine sehr geringe Hinterlassenschaft in der geheimen
Schublade des Schreibtisches, in dem gehörigen Bündel Papier, zu Heller und
Pfennig aufgezeichnet; alles, was im letzten Jahre durch das Dienstmädchen
zerschlagen oder verwüstet worden war, fand sich an der betreffenden Stelle
bemerkt und abgerechnet, über jedes war Disposition getroffen; auch ein Brief an
den Kaufherrn fand sich vor, den der Verstorbene noch in den letzten Tagen mit
zitternder Hand geschrieben hatte; ein treuer Hausfreund war zum Vormund Antons
bestellt und mit dem Verkauf des Hauses und Gartens und seines ganzen Inhalts
beauftragt; und Anton trat, vier Wochen nach dem Tode des Vaters, an einem
frühen Sommermorgen über die Schwelle des väterlichen Hauses, legte den
Schlüssel desselben in die Hand des Vormundes, übergab sein Gepäck einem
Fuhrmann und fuhr durch das Tor des Städtchens auf die Hauptstadt zu, den Brief
seines Vaters an den Kaufmann in der Tasche.
 
                                       2
Schon welkte das frischgemähete Wiesengras in der Mittagssonne, als Anton dem
Nachbar aus Ostrau, der ihn bis zur letzten Station vor der Hauptstadt
mitgenommen hatte, die Hand schüttelte und dann rüstig auf der Landstrasse
vorwärtsschritt. Es war ein lachender Sommertag, auf den Wiesen klirrte die
Sense des Schnitters am Wetzstein und oben in der Luft sang die unermüdliche
Lerche. Vor dem Wanderer strich die Landschaft in hügelloser Ebene fort, am
Horizont hinter ihm erhob sich der blaue Zug des Gebirges. Kleine Bäche von
Erlen und Weidengruppen eingefasst durchrannen lustig die Landschaft, jeder Bach
bildete ein Wiesental, das auf beiden Seiten von üppigen Getreidefeldern
begrenzt wurde. Von allen Seiten stiegen die hellen Glockentürme der Kirchen aus
dem Boden auf, Mittelpunkt einer Gruppe von braunen und roten Dächern, die mit
einem Kranz von Gehölz umgeben waren. Bei vielen Dörfern konnte man an der
stattlichen Baumallee und dem Dach eines grossen Gebäudes den Rittersitz
erkennen, welcher neben den Dorfhäusern lag, wie der Schäferhund neben der
wolligen Herde.
    Anton eilte vorwärts, wie durch Sprungfedern fortgeschnellt. Vor ihm lag die
Zukunft sonnig wie die Flur, ein Leben voll strahlender Träume und grüner
Hoffnungen. Nach langer Trauer in der engen Stube pochte heut sein Herz zum
erstenmal wieder in kräftigen Schlägen; in der Fülle der Jugendkraft strahlte
sein Auge und lachte sein Mund. Alles um ihn glänzte, duftete, wogte wie in
elektrischem Feuer, in langen Zügen trank er den berauschenden Wohlgeruch, der
aus der blühenden Erde aufstieg. Wo er einen Schnitter im Felde traf, rief er
ihm zu, dass heut ein guter Tag sei, und einen guten Tag rief jeder Mund dem
schmucken Jüngling zurück. Im Getreidefelde neigten sich die Ähren am schwanken
Stiel auf ihn zu, sie nickten und grüssten, und in ihrem Schatten schwirrten
unzählige Grillen ihren Gesang: Lustig, lustig im Sonnenschein! Auf der Weide
sass ein Volk Sperlinge, die kleinen Barone des Feldes flüchteten nicht, als er
vor dem Stamm stehenblieb, ja sie beugten die Hälse herunter und schrien ihn an:
»Guten Tag, Wandersmann, wohin, wohin?« Und Anton sagte leise: »Nach der grossen
Stadt, in das Leben.« »Gutes Glück«, schrien die Sperlinge, »frisch vorwärts!«
    Anton durchschritt auf dem Fusspfad einen Wiesengrund, ging über eine Brücke
und sah sich in einem Wäldchen mit gut erhaltenen Kieswegen. Immer mehr nahm das
Gebüsch den Charakter eines gepflegten Gartens an, der Wandrer bog um einige
alte Bäume und stand vor einem grossen Rasenplatz. Hinter diesem erhob sich ein
Herrenhaus mit zwei Türmchen in den Ecken und einem Balkon. Wer auf dem Balkon
stand, konnte über den Grasplatz hinüber durch eine Öffnung in den Baumgruppen
die schönsten Umrisse des fernen Gebirges sehen. An den Türmchen liefen
Kletterrosen und wilder Wein in die Höhe, und unter dem Balkon öffnete sich
gastlich eine Halle, welche mit blühenden Sträuchern ausgeschmückt war. Es war
kein prächtiger Landsitz, und es gab viele grössere und schönere in der Umgegend,
aber es war doch ein stattlicher Anblick, sehr imponierend für Anton, der, in
einer kleinen Stadt aufgewachsen, nur selten den behaglichen Wohlstand eines
Gutsbesitzers in der Nähe gesehen hatte. Alles erschien ihm sehr prächtig und
grossartig! Die zierlich geformten Blumenbeete in dem geschorenen Samt des
Rasens, die bunten Gruppen der Glashauspflanzen, all der fröhliche Schmuck, den
die Hand des Gärtners um das Herrenhaus herum angebracht hatte, das sah ihm in
dem reinen Lichte und der Ruhe des Sonnentages aus wie ein Bild aus fernem
Lande. Der glückliche Jüngling geriet in ein so träumerisches Entzücken, dass er
sich in den Schatten eines grossen Fliederstrauches am Wege setzte und hinter dem
Busch verborgen lange Zeit auf das anmutige Bild hinstarrte. Wie glücklich
mussten die Menschen sein, welche hier wohnten, wie vornehm und wie edel! Auf
dieser Seite schöne Blüten und grosse Bäume, auf der andern Seite wahrscheinlich
ein weiter Hofraum mit Scheuern und Ställen, viel Pferde darin, grosse Rinder und
unzählige feinwollige Schafe. Denn schon vor dem Eintritt in den Park hatte
Anton auf eingehegtem Wiesenraum eine Anzahl Füllen gesehn und ihre lustigen
Sprünge beobachtet. Der Respekt vor allem, was stattlich, sicher und mit
Selbstgefühl in der Welt auftritt, war ihm, dem armen Sohn des Kalkulators,
angeboren, und wenn er jetzt in der reinen Freude über die Pracht, welche ihn
umgab, an sich selbst dachte, erschien er sich als höchst unbedeutend, als gar
nicht der Rede wert, als eine Art gesellschaftlicher Däumling, winzig, kaum
sichtbar im Gras. Unwillkürlich fuhr er in die Rocktasche, seine Handschuhe
herauszuholen. Sie waren von gelbem Zwirn, und noch seine gute Mutter hatte
gesagt, sie sähen ganz aus wie seidene, und seidene Handschuhe galten in Ostrau
für den höchsten Luxus. Der arme Junge zog mit ihnen die Überzeugung an, dass er
durch sie seiner jetzigen Umgebung doch um einige Gran würdiger werde.
    Lange sass er in dieser Einsamkeit, endlich kam Bewegung in das stille Bild.
Auf dem Balkon des Hauses trat durch die geöffnete Tür eine zierliche
Frauengestalt im hellen Sommerkleide mit weiten Spitzenärmeln und einer
liebenswürdigen Frisur, wie sie Anton von alten Rokokobildern her kannte; er
konnte deutlich die feinen Züge ihres Gesichts erkennen und den klaren Blick des
Auges, welches auf dem Rasenplatz unter ihren Füssen ruhte. Die Dame stand auf
das Geländer gestützt bewegungslos wie eine Statue, und Anton sah ehrerbietig zu
ihr hinauf. Endlich flog aus der offenen Tür hinter der Dame ein bunter Papagei,
setzte sich auf ihre Hand und liess sich von ihr liebkosen. Dies glänzende Tier
steigerte Antons Bewunderung. Und als dem Papagei ein fast erwachsenes Mädchen
folgte, welches schmeichelnd den Hals der schönen Frau umschlang, und als die
Dame zärtlich die Wange des Mädchens an die ihre drückte, und als der Papagei
auf die Köpfe der beiden Damen flog und laut schreiend von einer Schulter zur
andern sprang, da wurde das Gefühl der Verehrung in unserm Anton so lebhaft, dass
er vor innerer Aufregung errötete und sich tiefer in den Schatten des Gebüsches
zurückzog.
    Er dachte an die beiden schönen Frauengestalten auf dem Balkon und ging mit
elastischem Schritt wie einer, dem etwas Fröhliches begegnet ist, den breiten
Weg zurück, um einen Ausgang aus dem Garten zu finden. Da hörte er hinter sich
das Schnauben eines Pferdes. Auf einem schwarzen Pony kam die jüngere der beiden
Damen in seinem Wege geritten, die schlanke Gestalt sass sicher auf dem Pferd und
gebrauchte einen Sonnenschirm als Reitgerte. Die Damenwelt von Ostrau hatte
nicht die Gewohnheit auf kleinen Pferden umherzureiten. Nur einmal hatte Anton
eine Kunstreiterin gesehen mit sehr roten Wangen und einem langen roten Kleide,
welche, begleitet von einem grossen schwarzbärtigen Herrn, hinter dem lustigen
Bajazzo durch die Strassen ritt und an jeder Strassenecke anhielt, wo ihr Pferd
einen Sprung machte, und Bajazzo unerhört lächerliche Worte zu der versammelten
Jugend sprach. Schon damals hatte er mit unsäglicher Bewunderung die schöne
Reiterin betrachtet, und jetzt war er ganz der Mann, dasselbe Gefühl womöglich
in stärkerem Grade zu empfinden. Er blieb stehen und machte der Reiterin eine
ehrfurchtsvolle Verbeugung. Diese erwiderte die Huldigung mit graziösem
Kopfnicken, worauf sie plötzlich ihr Pferd anhielt und freundlich frug: »Suchen
Sie jemand hier? Vielleicht wünschen Sie meinen Vater zu sprechen.«
    »Ich bitte um Verzeihung«, sagte Anton mit tiefster Ehrerbietung.
»Wahrscheinlich bin ich auf einem Wege, der Fremden nicht erlaubt ist. Ich kam
den Fusssteig über die Wiesen und sah kein Tor und keinen Zaun.«
    »Das Tor ist auf der Brücke, es steht am Tage offen«, belehrte das Fräulein,
gnädig auf Anton sehend; denn da Ehrfurcht nicht gerade das gewöhnliche Gefühl
ist, welches vierzehnjährige Fräulein einflössen, so war ihr die massenhafte
Anhäufung dieser Empfindung bei Anton ausserordentlich wohltuend.
    »Da Sie im Garten sind, wollen Sie sich nicht darin umsehen? Es wird uns
freuen, wenn er Ihnen gefällt«, fügte sie mit Würde hinzu.
    »Ich habe mir die Freiheit genommen«, erwiderte Anton wieder mit einer
Verbeugung, »ich war bis dort oben am Rasenplatz vor dem Schloss. Er ist
prächtig!« rief der ehrliche Junge begeistert aus.
    »Ja«, sagte die Dame, immer noch den Pony anhaltend, »Mama hat selbst dem
Gärtner alles angegeben.«
    »Also die gnädige Frau, welche vorhin auf dem Balkon stand, ist Ihre Frau
Mutter?« frug Anton schüchtern.
    »Ah! Sie haben uns belauscht«, rief die Kleine und sah ihn vornehm an.
»Wissen Sie, dass das nicht hübsch war?«
    »Seien Sie mir deshalb nicht böse«, bat Anton demütig, »ich trat sogleich
zurück, aber es sah wunderschön aus. Die beiden Damen nebeneinander, die Büschel
blühender Rosen und das zackige Weinlaub um Sie herum. Ich werde das nicht
vergessen«, fügte er ernstaft hinzu.
    »Er ist allerliebst!« dachte das Fräulein. »Da Sie so viel von unserem
Garten gesehen haben«, sagte sie herablassend, »so müssen Sie auch auf die
Punkte gehen, wo Aussichten sind. Ich reite dortin - wenn Sie mir folgen
wollen.«
    Anton folgte in der glücklichsten Stimmung. Das Fräulein redete ihrem Pferde
zu im Schritt zu gehen und machte den Erklärer. Sie zeigte ihm grosse Baumgruppen
und freundliche Aussichten auf die Landschaft, legte dabei einen Teil ihrer
Majestät ab und wurde gesprächig. Bald plauderten beide so ungezwungen, wie alte
Bekannte. Endlich stieg das Fräulein ab, als ihr einige Stufen eine schickliche
Veranlassung gaben, und führte das Pferd am Zügel; darauf wagte Anton den Hals
des Schwarzen zu streicheln, was den Pony wohlwollend aufnahm und seinerseits
dem Fremdling die Rocktaschen beroch.
    »Er hat Zutrauen zu Ihnen«, sagte das Fräulein, »er ist ein kluges Tier.«
Sie warf ihm die Zügel über den Kopf und gab ihm einen Schlag, worauf der Pony
in kurzen Sprüngen davonrannte. »Wir kommen in den Blumengarten, da darf er
nicht hinein; er läuft zum Stall zurück, er ist's gewöhnt.«
    »Dieser Pony ist ein Wunder von einem Pferde«, rief ihm Anton nach.
    »Ich bin sein Liebling«, sagte das Fräulein beistimmend, »er folgt mir aufs
Wort.« Anton fand die Anhänglichkeit des Pony natürlich, setzte dieselbe
Empfindung beim Papagei voraus und war geneigt zu behaupten, dass alle übrige
Kreatur der Erde eine ähnliche Stimmung gegen seine Führerin haben müsse.
    »Ich denke, Sie sind von Familie«, frug die junge Dame plötzlich, stemmte
ihren Schirm gegen einen Baumast und sah Anton mit altklugem Blick an.
    »Nein«, sagte der Sohn des Kalkulators traurig, »mein Vater starb vor vier
Wochen, es ist ein Jahr, dass meine gute Mutter tot ist, ich bin allein, ich gehe
nach der Hauptstadt.« Seine Lippen zuckten bei der Erinnerung an den jüngsten
Verlust.
    Erschrocken sah das Fräulein den Schmerz im Gesicht des Fremden. »Sie armer,
armer Herr!« rief sie gerührt und verlegen. »Kommen Sie schnell, ich will Ihnen
noch etwas zeigen. Hier sind die Frühbeete; hier ist das Beet mit Erdbeeren, es
sind noch einige darin. - Franz, bringen Sie den Teller mit Beeren«, rief sie
dem Gärtner zu. Franz eilte damit herbei. Eifrig ergriff das Fräulein den Teller
und bot die Beeren unserm Helden mit gütigem Lächeln: »Hier, mein Herr! Haben
Sie die Güte, dies von mir anzunehmen. Vom Hause meines Vaters darf kein Gast
scheiden, ohne von dem Besten zu kosten, das uns die Jahreszeit gibt. Bitte,
nehmen Sie«, bat sie dringend.
    Anton hielt den Teller in der Hand und sah aus feuchten Augen herzlich nach
der jungen Dame.
    »Ich esse mit Ihnen«, sagte das Fräulein und fasste zwei Beeren. Darauf
leerte Anton gehorsam den Teller.
    »Jetzt führe ich Sie noch aus dem Garten«, sprach die Dame. Der Gärtner
öffnete respektvoll eine kleine Seitentür, und das Fräulein geleitete den
Reisenden bis an einen Teich, auf dem alte und junge Schwäne ruderten.
    »Sie kommen heran«, rief Anton freudig.
    »Sie wissen, dass ich etwas für sie in der Tasche habe«, sagte seine
Begleiterin und löste die Kette eines Kahns. - »Steigen Sie ein, mein Herr, ich
fahre Sie hinüber, dort drüben ist Ihr Weg.«
    »Ich darf Sie nicht so bemühen«, sagte Anton und zauderte einzutreten.
    »Ohne Widerspruch«, befahl das Fräulein, »es geschieht gern.« Sie setzte
sich auf die Steuerbank und drückte das Wasser mit dem leichten Ruder geschickt
hinter den Kahn. So fuhr sie langsam über den Teich, die Schwäne zogen ihr nach,
sie hielt von Zeit zu Zeit an und warf ihnen einige Bissen zu. Anton sass ihr
selig gegenüber. Er war wie verzaubert. Im Hintergrund das dunkle Grün der
Bäume, um ihn die klare Flut, welche leise an dem Schnabel des Kahns rauschte,
ihm gegenüber die schlanke Gestalt der Schifferin, die strahlenden blauen Augen,
das edle Gesicht gerötet durch ein liebliches Lächeln, und hinter ihnen her das
Volk der Schwäne, das weisse Gefolge der Herrin dieser Flut. Es war ein Traum, so
lieblich, wie ihn nur die Jugend träumt.
    Der Kahn stiess an das Ufer, Anton stieg heraus und rief: »Leben Sie wohl!«
und unwillkürlich streckte er ihr die Hand entgegen. »Leben Sie wohl«, sagte die
Kleine und berührte seine Hand mit den Fingerspitzen. Sie wandte den Kahn und
fuhr langsam zurück. Anton sprang über den Rasen bis auf den erhöhten Weg und
sah von dort auf das Wasser. Der Kahn landete an einer Baumgruppe, das Fräulein
wandte sich noch einmal nach ihm um, dann verschwand sie hinter den Bäumen.
Durch eine Öffnung des Parkes sah Anton das Schloss vor sich liegen, hoch und
vornehm ragte es über die Ebene. Lustig flatterte die Fahne auf dem Türmchen,
und kräftig glänzte im Sonnenschein das Grün der Schlingpflanzen, welche den
braunen Stein der Mauern überzogen. »So fest, so edel!« sagte Anton vor sich
hin.
    »Wenn du diesem Baron aufzählst hunderttausend Talerstücke, wird er dir noch
nicht geben sein Gut, was er hat geerbt von seinem Vater«, sprach eine scharfe
Stimme hinter Antons Rücken. Dieser wandte sich zornig um, das Zauberbild
verschwand, er stand in dem Staube der grossen Landstrasse. Neben ihm lehnte an
einem Weidenstamm ein junger Bursch in ärmlichem Aufzuge, welcher ein kleines
Bündel unter dem Arm hielt und mit ruhiger Unverschämteit unsern Helden
anstarrte.
    »Bist du's, Veitel Itzig!« rief Anton, ohne grosse Freude über die
Zusammenkunft zu verraten. Junker Itzig war keine auffallend schöne Erscheinung,
hager, bleich, mit rötlichem, krausem Haar, in einer alten Jacke und defekten
Beinkleidern sah er so aus, dass er einem Gendarmen ungleich interessanter sein
musste, als andern Reisenden. Er war aus Ostrau, ein Kamerad Antons von der
Bürgerschule her. Anton hatte in früherer Zeit Gelegenheit gehabt, durch tapfern
Gebrauch seiner Zunge und seiner kleinen Fäuste den Judenknaben vor
Misshandlungen mutwilliger Schüler zu bewahren und sich das Selbstgefühl eines
Beschützers der unterdrückten Unschuld zu verschaffen. Namentlich einmal in
einer düstern Schulszene, in welcher ein Knackwürstchen benutzt wurde, um
verzweifelte Empfindungen in Itzig hervorzurufen, hatte Anton so wacker für
Itzig plädiert, dass er selbst ein Loch im Kopfe davontrug, während seine Gegner
weinend und blutrünstig hinter die Kirche rannten und selbst die Knackwurst
aufassen. Seit diesem Tage hatte Itzig eine gewisse Anhänglichkeit an Anton
gezeigt, welche er dadurch bewies, dass er sich bei schweren Aufgaben von seinem
Beschützer helfen liess und gelegentlich ein Stück von Antons Buttersemmel zu
erobern wusste, und Anton hatte den unliebenswürdigen Burschen gern geduldet,
weil es wohltat, einen Schützling zu haben, wenn dieser auch im Verdacht stand,
Schreibfedern zu mausen und später an Begüterte wieder zu verkaufen. In den
letzten Jahren hatten die jungen Leute einander wenig gesehen, gerade so oft,
dass Itzig Gelegenheit erhielt, die vertraulichen Formen des Schulverkehrs durch
gelegentliche Anreden und kleine Spöttereien aufzufrischen.
    »Die Leute sagen, dass du auch gehst nach der grossen Stadt, um zu lernen das
Geschäft«, fuhr Veitel fort. »Du wirst lernen, wie man Tüten dreht und Sirup
verkauft an die alten Weiber; ich gehe auch nach der Stadt, ich will machen mein
Glück.«
    Anton antwortete unwillig über die freche Rede und über das vertrauliche Du,
das der Kamerad aus der Elementarschule immer noch gegen ihn wagte: »So gehe
deinem Glück nach und halte dich nicht bei mir auf.«
    »Es hat keine Eil'«, entgegnete Veitel nachlässig, »ich will warten, bis
auch du gehst, wenn dir meine Kleider nicht sind zu schlecht.« Diese Berufung
auf Antons Humanität hatte die Folge, dass Anton sich schweigend die Gegenwart
des unwillkommenen Gefährten gefallen liess. Er warf noch einen Blick nach dem
Schloss und schritt dann stumm auf der Landstrasse fort, Itzig immer einen
halben Schritt hinter ihm. Endlich wandte sich Anton um und fragte nach dem
Eigentümer des Schlosses.
    Wenn Veitel Itzig nicht ein Hausfreund des Gutsbesitzers war, so musste er
doch zum wenigsten ein vertrauter Freund seines Pferdejungen sein; denn er war
bekannt mit vielen Verhältnissen des Freiherrn, der in dem Schloss wohnte. Er
berichtete, dass der Baron nur zwei Kinder habe, dagegen eine ausgezeichnete
Schafherde auf einem grossen schuldenfreien Gut. Der Sohn sei auswärts auf einer
Schule. Als Anton mit lebhaftem Interesse zuhörte und dies durch seine Fragen
verriet, sagte Itzig endlich: »Wenn du willst haben das Gut von diesem Baron,
ich will dir's kaufen.«
    »Ich danke«, antwortete Anton kalt; »er würde es nicht verkaufen, hast du
mir eben gesagt.«
    »Wenn einer nicht will verkaufen, muss man ihn dazu zwingen«, rief Itzig.
    »Du bist der Mann dazu«, sprach Anton.
    »Ob ich bin der Mann, oder ob es ist ein anderer; es ist doch zu machen, dass
man kauft von jedem Menschen, was er hat. Es gibt ein Rezept, durch das man kann
zwingen einen jeden, von dem man etwas will, auch wenn er nicht will.«
    »Muss man ihm einen Trank eingeben«, frug Anton mit Verachtung, »oder ein
Zauberkraut?«
    »Tausendgüldenkraut heisst das Kraut, womit man vieles kann machen in der
Welt«, erwiderte Veitel, »aber wie man es muss machen, dass man auch als kleiner
Mann kriegen kann so ein Gut wie des Barons Gut, das ist ein Geheimnis, welches
nur wenige haben. Wer das Geheimnis hat, wird ein grosser Mann, wie der
Rotschild, wenn er lange genug am Leben bleibt.«
    »Wenn er nicht vorher festgesetzt wird«, warf Anton ein.
    »Nichts eingesteckt!« antwortete Veitel. »Wenn ich nach der Stadt gehe zu
lernen, so gehe ich zu suchen die Wissenschaft, sie steht auf Papieren
geschrieben. Wer die Papiere finden kann, der wird ein mächtiger Mann; ich will
suchen diese Papiere, bis ich sie finde.«
    Anton sah seinen Reisegefährten von der Seite an, wie man einen Menschen
ansieht, dessen Verstand in der Irre lustwandelt, und sagte endlich mitleidig:
»Du wirst sie nirgend finden, armer Veitel.«
    Itzig aber fuhr fort, sich vertraulich an Anton drängend: »Was ich dir sage,
das erzähle keinem weiter. Die Papiere sind gewesen in unsrer Stadt, einer hat
sie gekriegt von einem alten sterbenden Bettler, und ist geworden ein mächtiger
Mann; der alte Schnorrer hat sie ihm gegeben in einer Nacht, wo der andere hat
gebetet an seinem Lager, ihm zu vertreiben den Todesengel.«
    »Und kennst du den Mann, der die Papiere hat?« frug Anton neugierig.
    »Wenn ich ihn weiss, so werde ich es doch nicht sagen«, antwortete Veitel
schlau, »aber ich werde finden das Rezept. Und wenn du haben willst das Gut des
Barons, und seine Pferde und Kühe und seinen bunten Vogel, und den Backfisch,
seine Tochter, so will ich dir's schaffen aus alter Freundschaft, und weil du
ausgehauen hast die Bocher in der Schule für mich.«
    Anton war entrüstet über die Frechheit seines Gefährten. »Hüte dich nur, dass
du kein Schuft wirst, du scheinst mir auf gutem Wege zu sein«, sagte er zornig
und ging auf die andere Seite der Strasse.
    Itzig liess sich durch diesen guten Rat nicht anfechten, sondern pfiff ruhig
vor sich hin. So schritten die beiden Reisenden in langem Schweigen, welches
Itzig unbefangen beim nächsten Dorfe unterbrach, indem er seinem Begleiter
wieder Namen und Vermögensverhältnisse des Ritterguts angab. Und diese
belehrende Unterhaltung wiederholte sich bei jedem Dorf, so dass Anton ganz
betroffen wurde über die ausgebreiteten statistischen Kenntnisse seines
Gefährten. Endlich verstummten beide und legten die letzte Meile, ohne ein Wort
zu sprechen, nebeneinander zurück.
 
                                       3
Der Freiherr von Rotsattel gehörte zu den wenigen Menschen, welche nicht nur
von aller Welt glücklich gepriesen werden, sondern auch sich selbst für
glücklich halten. Er stammte aus einem sehr alten Hause. Ein Rotsattel war
schon in den Kreuzzügen nach dem Morgenlande geritten. Wenigstens wurde in der
Familie ein Rokokoflakon von buntem Glas als orientalisches Fläschchen
aufbewahrt, ein Beweis für die Existenz des Ahnherrn und zur Erinnerung an die
schöne Zeit der Kreuzzüge. Ein anderer Rotsattel hatte einen Haufen Bergleute
gegen die Hussiten geführt und war mit dem ganzen Haufen zu seiner und des Herrn
Ehre erschlagen worden. Wieder einer war Fähnrich in dem Heere des Moritz von
Sachsen gewesen, er galt für den Stifter der Linie Rotsattel-Steigebügel, und
sein kriegerisches Bildnis hing noch im Turmzimmer des Schlosses. Ein anderer
hatte sich im Dreissigjährigen Kriege bei verschiedenen Armeen und auf eigene
Faust gerührt; die Familiensage meldete von ihm, er sei ein sehr dicker Herr und
ein grosser Trinker gewesen, von kräftiger Suade und etwas freien Sitten. Er war
als erster des Geschlechtes in die Gegend gekommen, in welcher diese Erzählung
verlaufen soll, und hatte eine Anzahl Landgüter auf irgendeine Weise in Besitz
genommen. Unter den Kinderfrauen der Familie bestand seit alter Zeit die düstere
Überzeugung, dass dieser dicke Herr zuweilen im Keller auf einer grossen
Krauttonne zu sehen sei, wo er als ruheloser Geist sitze und ächze, zur Strafe
für schauderhafte Vergehungen gegen die Tugend seiner weiblichen Zeitgenossen.
Wieder ein anderer Vorfahr war kaiserlicher Rat zu Wien gewesen; der Urgrossvater
des gegenwärtigen Besitzers war von dem grossen König der Preussen starr angesehen
und darauf mit Wohlwollen angeredet worden. Auch der Grossvater war zu seiner
Zeit ein unternehmender und vielbesprochener Kavalier gewesen, der in der Armee
keine Lorbeeren gefunden und sich resigniert hatte, dieselben im Boudoir
galanter Damen und am grünen Tisch zu suchen. Leider waren ihm dabei seine Güter
lästig geworden und aus den Händen geglitten. Sein Sohn endlich, der Vater des
gegenwärtigen Besitzers, war ein einfacher Landedelmann von mässigem Geiste, der
nach langen Prozessen das eine stattliche Gut aus den Trümmern des
Familienvermögens rettete und sein Leben damit zubrachte, dasselbe für seine
Nachkommen schuldenfrei zu machen. Die Rotsattel hatten von je in dem Ruf
gestanden, starke Nachkommenschaft zu hinterlassen, und alle ältern Damen aus
der Familie erklärten diese Eigenheit - so höchst achtungswert sie auch sonst
sei - doch für den einzigen Grund, dass das berühmte Haus nicht dazu gekommen
war, die neunzinkige Grafenkrone oder gar den geschlossenen Reif eines
Titularfürstentums auf dem Wappenhelm seines Seniors zu sehen. Gegenüber dem
alten Brauch seines Hauses erwies der Vater auch dadurch seinen bescheidenen
Sinn, dass er nur einen Sohn hinterliess.
    Der gegenwärtige Besitzer des Gutes hatte in einem Garderegiment gedient,
wie dem Spross eines so kriegerischen Hauses ziemte. Er hatte dort den Ruf eines
vollendeten Edelmannes erworben. Er war brauchbar im Dienst und ein
vortrefflicher Kamerad gewesen, wohlbewandert in allen ritterlichen Übungen,
zuverlässig in Ehrensachen. Er hatte bei Hofbällen stets schicklich dagestanden,
und sooft er von einer Prinzess befohlen wurde, mit guter Haltung getanzt. Auch
als Mann von Charakter hatte er sich gezeigt, da er aus wirklicher Neigung ein
armes Hoffräulein heiratete, eine liebenswürdige junge Dame, deren Abgang aus
den Quadrillen des Hofes lebhafte Betrübnis in allen Männerherzen hervorrief.
Mit seiner Gemahlin hatte sich der Freiherr als verständiger Mann in die Provinz
zurückgezogen, hatte durch eine Reihe von Jahren fast ausschliesslich für seine
Familie gelebt und dadurch den Vorteil erreicht, dass seine Regimentsschulden
sämtlich bezahlt und seine Ausgaben nicht grösser waren, als seine Einnahmen.
Sein Haus war vortrefflich eingerichtet, die geringe Aussteuer seiner Frau war
dazu benutzt worden, ihr durch Einrichtung des Parks eine grosse Freude zu
machen. Der Freiherr hielt einen Weinkeller von guten Tischweinen, hatte zwei
prächtige Wagenpferde und zwei elegante Reitpferde, ging jeden Morgen durch die
Wirtschaft und ritt jeden Nachmittag aufs Feld, hielt viel auf seine Schafherde
und setzte einen Stolz darein, seine feine Wolle gut waschen zu lassen. Er war
ein durchaus ehrlicher Mann, noch jetzt eine imponierend schöne Gestalt,
verstand würdig zu repräsentieren und einen gastfreien Wirt zu machen, und
liebte seine Frau womöglich noch mehr als in den ersten Monaten nach seiner
Vermählung. Kurz er war das Musterbild eines adligen Rittergutsbesitzers. Er war
kein übermässig reicher Herr, ungefähr das, was man einen Fünftausendtalermann
nennt, und hätte sein schönes Gut in günstigen Zeiten wohl um vieles höher
verkaufen können, als der scharfsinnige Itzig annahm. Er hätte das aber mit
Recht für eine grosse Torheit gehalten. Zwei gesunde und fähige Kinder
vollendeten das Glück seines Haushaltes, der Sohn war im Begriff als Militär die
Familienkarriere zu beginnen, die Tochter sollte noch einige Jahre unter den
Flügeln der Mutter leben, bevor sie in die grosse Welt trat.
    Wie alle Menschen, welchen das Schicksal Familienerinnerungen aus alter Zeit
auf einen Schild gemalt und an die Wiege gebunden hat, war auch unser Freiherr
geneigt, viel an die Vergangenheit und Zukunft seiner Familie zu denken. An
seinem Grossvater war die trübe Erfahrung gemacht worden, dass ein einziger
ungeordneter Geist hinreicht, das auseinanderzustreuen, was emsige Vorfahren an
Goldkörnern und Ehren für ihre Nachkommen gesammelt haben. Er hätte deshalb gern
sein Haus für alle Zukunft vor dem Herunterkommen gesichert, hätte gern sein
schönes Gut in ein Majorat verwandelt und dadurch leichtsinnigen Enkeln
erschwert, zwar nicht Schulden zu machen, aber dieselben zu bezahlen. Doch die
Rücksicht auf seine Tochter hielt ihn von diesem Schritte ab, es kam seinem
ehrlichen Gefühl ungerecht vor, dies geliebte Kind wegen künftiger ungewisser
Rotsattel zu enterben. Und er empfand mit Schmerz, dass sein altes Geschlecht in
der nächsten Generation in dieselbe Lage kommen werde, in der die Kinder eines
Beamten oder eines Krämers sind, in die unbequeme Lage, sich durch eigene
Anstrengung eine mässige Existenz schaffen zu müssen. Er hatte oft versucht, von
seinen Erträgen zurückzulegen, indes die Gegenwart war dazu wirklich nicht
geeignet; überall fing man an mit einer gewissen Reichlichkeit zu leben, mehr
auf elegante Einrichtung und den zahllosen kleinen Schmuck des Daseins zu
halten. Und was er in günstigen Jahren etwa gespart hatte, das war durch kleine
Badereisen, welche die zarte Gesundheit seiner Frau nach der Behauptung des
Arztes notwendig machte, immer wieder ausgegeben worden. Der Gedanke an die
Zukunft seiner Familie beschäftigte den Freiherrn auch heut, als er auf seinem
Halbblut durch die grosse Kastanienallee dem Schloss zusprengte. Es war eine sehr
kleine Wolke, welche unter dem Sonnenschein seiner Seele dahinfuhr, sie
verschwand im Nu, als er Gewänder vor sich flattern sah und seine Gemahlin
erkannte, welche mit der Tochter ihm entgegeneilte. Er sprang vom Pferde, küsste
sein Lieblingskind auf die Stirn und sagte vergnügt zu seiner Frau: »Wir haben
vortreffliches Wetter zur Heuernte, es wird nach Kräften eingefahren, der
Amtmann behauptet, wir hätten noch nie so viel Futter gemacht.«
    »Du hast Glück, Oscar«, sagte die Baronin zärtlich zu ihm aufblickend.
    »Wie immer seit siebzehn Jahren, seit ich dich heimgeführt habe«, antwortete
der Gemahl mit einer Artigkeit, die vom Herzen kam.
    »Heut sind es siebzehn Jahr«, rief die Baronin, »sie sind vergangen, wie ein
Sommertag. Wir sind sehr glücklich gewesen, Oscar.« Sie schmiegte sich an seinen
Arm und sah dankend zu ihm auf. »Gewesen?« fragte der Freiherr, »ich denke wir
sind's noch. Und ich sehe nicht ein, weshalb es nicht weiter so fortgehen soll.«
    »Berufe es nicht«, bat die Baronin. »Mir ist manchmal, als könnte so viel
Sonnenschein nicht ewig währen; ich möchte demütig entbehren und fasten, um den
Neid des Schicksals zu versöhnen.«
    »Nun«, sagte der Freiherr gutmütig, »das Schicksal lässt auch uns nicht
ungezaust. Die Donnerwetter fehlen uns nicht, aber diese kleine Hand erhebt sich
zur Beschwörung und sie ziehen vorüber. Hast du nicht Ärger genug mit dem
Haushalt, den Tollheiten der Kinder, und zuweilen mit deinem Tyrannen, dass du
dir mehr ersehnst?«
    »Du lieber Tyrann!« rief die Baronin. »Dir danke ich dies Glück. Und wie
fühle ich es. Nach siebzehn Jahren bin ich immer noch stolz darauf, einen so
stattlichen Hausherrn zu haben, ein so schönes Schloss und ein so grosses Gut, wo
jeder Fussbreit des Bodens auch mir gehört. Als du mich, das arme Fräulein, mit
meinen Fähnchen und dem Schmuckkästchen, das ich der Gnade der Herrschaft
verdanke, in dein Haus führtest, da erst lernte ich erkennen, welche Seligkeit
es ist, im eigenen Hause als Herrin zu regieren, und dem Willen keines andern zu
gehorchen, als dem des geliebten Mannes.«
    »Du hast doch vieles aufgegeben um meinetwillen«, sagte der Freiherr. »Oft
habe ich gefürchtet, dass unser Landleben dir, dem Günstling der verstorbenen
Prinzess, zu einsam und klein erscheinen würde.«
    »Dort war ich Dienerin, hier bin ich Herrin«, sagte die Baronin lachend.
»Ausser meiner Toilette hatte ich nichts, was mir selbst gehörte. Immer in den
langweiligen Stuben der Hoffräulein umherziehen, an allen Abenden zu der letzten
Rolle verurteilt sein, und dabei die Angst haben, dass das immer so fortgehen
soll, bis man alt wird in ewigen Zerstreuungen, ohne eigenes Leben! Du weisst,
dass mich das oft traurig gemacht hat. Hier sind die Überzüge unserer Möbeln
nicht von schwerem Seidenstoff und in unserm Saal steht keine Tafel aus
Malachit, aber was im Hause ist, gehört mir.« Sie schlang ihren Arm um den
Freiherrn: »Du gehörst mir, die Kinder, unsere silbernen Armleuchter.«
    »Die neuen sind nur Komposition«, warf der Freiherr ein.
    »Das sieht niemand«, erwiderte seine Gemahlin fröhlich. »Und wenn ich mein
Porzellan ansehe, und am Rande dein und mein Wappen erblicke, so schmecken mir
unsere zwei Schüsseln zehnmal so gut, als die vielen Gänge der Hofküche. Und
vollends die grossen Hoftage und unsere Marschallstafel, wo jeder den andern zum
Verzweifeln genau kannte, und jeder dem andern zum Verzweifeln gleichgültig
war.«
    »Du bist ein glänzendes Beispiel von Genügsamkeit«, sagte der Freiherr. »Um
deinetwillen und wegen der Kinder wollte ich, dies Gut wäre zehnmal so gross, und
unsere Einnahme so, dass ich dir einen Pagen halten könnte, Frau Marquise, und
ausser der Wirtschafterin ein paar Hoffräulein.«
    »Nur keine Fräulein«, bat die Baronin, »und was den Pagen betrifft, so
braucht man keinen, wenn man einen Kavalier hat, der so aufmerksam ist, wie du.«
    So schritt der Freiherr behaglich zwischen den beiden Frauen dem Schloss
zu. Lenore hatte sich unterdes der Zügel seines Reitpferdes bemächtigt und
redete dem Pferde freundlich zu, so wenig Staub als möglich zu machen.
    »Dort hält ein fremder Wagen, ist Besuch gekommen?« fragte der Freiherr, als
sie sich dem Hofe näherten.
    »Es ist nur Ehrental«, antwortete die Baronin, »er wartet auf dich und hat
bereits seinen ganzen Vorrat von schönen Redensarten an uns verschwendet; Lenore
liess ihrem Übermut den Zügel schiessen, und es war hohe Zeit, dass ich sie
wegführte; dem drolligen Mann wurde angst bei der Koketterie des unartigen
Kindes.«
    Der Freiherr lächelte. »Mir ist er immer noch der liebste in dieser Klasse
von Geschäftsleuten«, sagte er; »sein Benehmen ist wenigstens nicht abstossend,
und ich habe ihn in dem langen Verkehr stets zuverlässig gefunden. - Guten Tag,
Herr Ehrental, was führt Sie zu mir?«
    Herr Ehrental war ein wohlgenährter Herr in seinen besten Jahren mit einem
Gesicht, welches zu rund war, zu gelblich und zu schlau, um schön zu sein; er
trug Gamaschen an den Füssen, eine diamantene Busennadel auf dem Hemd und schritt
mit grossen Bücklingen und tiefen Bewegungen des Hutes durch die Allee dem Baron
entgegen.
    »Ihr Diener, gnädiger Herr«, antwortete er mit ehrerbietigem Lächeln, »wenn
mich auch nichts herführt von Geschäften, so werde ich Sie doch bitten, Herr
Baron, dass Sie mir manchmal erlauben, herumzugehen in Ihrer Wirtschaft, damit
ich in meinem Herzen eine Freude habe. Es ist mir eine Erholung von der Arbeit,
wenn ich komme in Ihren Hof. Alles so glatt und wohlgenährt, und alles so
reichlich und gut eingerichtet in den Ställen und in den Scheunen. Die Sperlinge
auf dem Dach sehen bei Ihnen lustiger aus, als die Sperlinge von andern Leuten.
Wenn man als Geschäftsmann so vieles erblicken muss, was einen nicht erfreut, wo
die Menschen durch ihr Verschulden in Unordnung kommen und Verfall, da tut's
einem wohl, wenn man ein Leben sieht, wie das Ihre; keine Sorgen, keine grossen
Sorgen zum wenigsten, und so vieles, was das Herz erfreut.«
    »Sie sind so artig, Herr Ehrental, dass ich glauben muss, etwas recht
Wichtiges führt Sie her. Wollen Sie ein Geschäft mit mir machen?« fragte der
Freiherr gutmütig.
    Mit einem Kopfschütteln, wie es dem biedern Mann ansteht, wenn er einen
ungerechten Verdacht von sich abweisen will, antwortete Herr Ehrental: »Nichts
vom Geschäft, Herr Baron! Die Geschäfte, die ich mit Ihnen mache, sind solche,
wo man sagt keine Artigkeiten. Gute Ware und gutes Geld, so haben wir es immer
gehalten, und so wollen wir's mit Gottes Hilfe auch ferner halten. Ich kam nur
herein im Vorbeifahren« - dabei bewegte er nachlässig die Hand, um pantomimisch
zu bekräftigen, dass er nur im Vorbeifahren sei -, »ich wollte fragen wegen des
Pferdes, das der Herr Baron zu verkaufen haben. Es ist einer im Dorfe daneben,
dem ich habe versprochen zu fragen nach dem Preis. Ich kann's ebensogut mit dem
Amtmann abmachen, wenn der Herr Baron keine Zeit haben für mich.«
    »Kommen Sie mit, Ehrental«, sagte der Freiherr, »ich führe mein Pferd
selbst in den Stall.«
    Herr Ehrental machte den Frauen viele Bücklinge, welche von Lenore durch
ebenso tiefe Knickse erwidert wurden, und folgte dem Freiherrn zur Stalltür.
Dort blieb er respektvoll stehen und bestand darauf, dass das Pferd des Barons
und der Baron selbst vor ihm eintraten. Nach kurzer Besichtigung und den
üblichen Reden und Gegenreden führte der Freiherr Herrn Ehrental auch in den
Kuhstall, worauf Herr Ehrental den leidenschaftlichen Wunsch aussprach, auch
die Kälber zu sehen, und endlich die Bitte zufügte, auch bei den Zuchtböcken zur
Audienz zugelassen zu werden. Er war ein erfahrener Geschäftsmann, und wenn das
Entzücken, welches er aussprach, auch etwas handwerksmässig und überschwenglich
klang, so war das, was er lobte, doch wirklich lobenswert, und der Freiherr
hörte das Lob mit Wohlgefallen an.
    Nach Besichtigung der Schafe musste eine Pause gemacht werden, denn Ehrental
war zu sehr ergriffen von der Feinheit und Dichtigkeit ihres Pelzes. »Nein,
dieser Stapel!« seufzte er in träumerischer Begeisterung; »schon jetzt kann man
sehen, was er sein wird im nächsten Frühjahr.« Er wiegte den Kopf hin und her
und zwinkerte mit den kleinen Augen nach der Sonne. »Wissen Sie, Herr Baron, dass
Sie sind ein glücklicher Mann! Haben Sie gute Nachrichten von Ihrem Herrn Sohn?«
    »Danke, lieber Ehrental, er hat gestern geschrieben und seine Zeugnisse
geschickt«, antwortete der Freiherr.
    »Er wird werden, wie sein Herr Vater«, rief Herr Ehrental aus, »ein
Kavalier von erster Qualität, und ein reicher Mann, der Herr Baron weiss zu
sorgen für seine Kinder.«
    »Ich erspare nichts, lieber Ehrental«, erwiderte der Baron nachlässig.
    »Was ersparen?« rief der Händler mit Verachtung gegen eine so plebeje
Tätigkeit; »was sollen Sie sparen? Wenn ich mir erlauben darf, das zu bemerken
als ein Geschäftsmann, der schon lange die Ehre hat, Sie zu kennen. Was brauchen
Sie zu sparen? Sie werden doch dereinst, wenn der alte Ehrental nicht mehr sein
wird, auch ohne Sparen hinterlassen dem jungen Herrn das Gut, welches unter
Brüdern wert ist ein und ein halbes Hunderttausend, und dem gnädigen Fräulein
Tochter ausserdem eine Aussteuer von - was soll ich sagen - von fünfzigtausend
Taler bar.«
    »Sie irren«, sagte der Freiherr ernst, »ich bin nicht so reich.«
    »Nicht so reich?« rief Herr Ehrental mit sittlicher Entrüstung gegen jeden
Menschensohn (den Baron ausgenommen), der so etwas behaupten könnte. »Es hängt
doch nur von Ihnen ab, jeden Augenblick so reich zu sein. Wer ein Vermögen hat,
wie der Herr Baron, der kann in zehn Jahren verdoppeln sein Kapital ohne Gefahr.
- Warum wollen Sie nicht Pfandbriefe der Landschaft auf Ihr Gut nehmen?«
    Die »Landschaft« der Provinz war damals ein grosses Kreditinstitut der
Rittergutsbesitzer, welches Kapitalien zur ersten Hypotek auf Rittergüter
auslieh. Die Zahlung erfolgte in Pfandbriefen, welche auf den Inhaber lauteten
und damals überall im Lande für das sicherste Wertpapier galten. Das Institut
selbst zahlte die Interessen an die Besitzer der Obligationen und erhob von
seinen Schuldnern ausser den Zinsen noch einen geringen Zuschlag für
Verwaltungskosten und zu allmählicher Tilgung der aufgenommenen Schuld.
    »Ich mache keine Geldgeschäfte«, antwortete der Freiherr stolz, aber in
seiner Brust klang die Saite fort, welche der Händler angeschlagen hatte.
    »Die Geschälte, welche ich meine, sind so, wie sie heutzutage macht jeder
Fürst«, fuhr Herr Ehrental mit Feuer fort. »Wenn der gnädige Herr Pfandbriefe
der Landschaft aufnimmt auf sein Gut, so kann er jeden Tag erhalten
fünfzigtausend Taler in gutem Pergament. Sie zahlen dafür der Landschaft vier
vom Hundert, und wenn Sie die Pfandbriefe liegenlassen in Ihrer Kasse, so
erhalten Sie davon Zinsen dreiundeinhalb vom Hundert. Dann zahlen Sie ein halbes
Prozent zu an die Landschaft, und durch das halbe Prozent wird noch amortisiert
das Kapital.«
    »Das heisst Schulden machen, um reich zu werden«, warf der Gutsherr
achselzuckend ein.
    »Verzeihen Sie, Herr Baron, wenn ein Herr wie Sie fünfzigtausend Taler
liegen hat, welche ihm jährlich kosten ein halbes Prozent, so kann er damit
kaufen die halbe Welt. Immer gibt es Gelegenheit, Güter zu erwerben zu einem
Spottpreis, wenn man bar Geld oder Pfandbriefe hat zu rechter Zeit. Da sind
Rittergüter, da sind Waldungen, die man kann kaufen, oder Anteile von
Bergwerken, oder Aktien von einer soliden Sozietät. Oder der Herr Baron können
selbst anlegen ein Etablissement auf Ihrem Gut, wenn Sie wollen schaffen Zucker
aus Rüben, wie der Herr v. Bergen am Gebirge, oder amerikanisches Mehl, wie der
Herzog von Löbau, oder bayrisches Bier, wie Ihr Nachbar, der Graf Horn. Was ist
dabei für eine Gefahr? Sie werden einnehmen zehn, zwanzig, ja fünfzig Taler vom
Hundert des Kapitals, das Sie geliehen haben von der Landschaft zu vier vom
Hundert.«
    Der Freiherr sah nachdenkend vor sich hin. Was ihm der Händler sagte, war
durchaus nichts Neues und Unerhörtes, er selbst hatte oft ähnliches gedacht. Es
war gerade die Zeit, wo eine Menge von neuen industriellen Unternehmungen aus
dem Ackerboden aufschossen, wo durch die hohen Schornsteine der Dampfmaschinen,
durch neuentdeckte Kohlen- und Erzlager, durch neue landwirtschaftliche Kulturen
grosse Summen erworben und noch grössere Reichtümer gehofft wurden. Die
vornehmsten Grundbesitzer der Landschaft standen an der Spitze ausgedehnter
Aktienunternehmungen, welche auf einer Verbindung moderner Industrie und des
alten Ackerbaues beruhten. Es war nichts Neues und Auffallendes in den Worten
des Händlers, und doch schlugen sie als zündender Blitz in die Seele des
Freiherrn. Sie kamen im rechten Augenblick. Herr Ehrental bemerkte die Wirkung,
welche er hervorgebracht hatte, und schloss mit der Gemütlichkeit, welche seine
Lieblingsstimmung war: »Wo habe ich das Recht, einem Herrn, wie Sie sind, einen
Rat zu geben? Aber jeder Gutsbesitzer muss sagen dasselbe, dass ein solches
Geschäft mit Pfandbriefen in unserer Zeit die solideste Art ist, wie ein
vornehmer Herr kann sorgen für seine Kinder. Wenn einst das Gras wachsen wird
über dem Grabe des alten Ehrental, dann werden Sie an mich denken und bei sich
sagen: der Ehrental war nur ein einfacher Mann, aber er hat mir geraten, was
gut war und ein Segen für die Familie.«
    Der Freiherr sah immer noch vor sich hin. Was er lange in sich herumgetragen
hatte, das war auf einmal zum festen Entschluss geworden. Dem Händler sagte er
mit einer Leichtigkeit, die ihm nicht vom Herzen kam: »Ich will mir's
überlegen.« Ehrental war damit zufrieden und bat um die Erlaubnis, sich den
Damen empfehlen zu dürfen, was er als Mann von Welt und Gemüt selten unterliess.
    Es war schade, dass der Freiherr nicht das Gesicht des Geschäftsmannes sah,
als dieser in seinen Wagen stieg und mechanisch die Bourbonrose ins Knopfloch
steckte, welche ihm Lenore beim Abschiede mit schalkhafter Artigkeit überreicht
hatte. Auch Herr Ehrental machte ein lustiges Gesicht, aber nicht aus Freude
über die volle Rose. Er liess den Kutscher langsam durch die Feldmark fahren und
sah wohlgefällig auf die Ackerstücke, welche mit reifender Frucht zu beiden
Seiten des Weges lagen. In langem Zuge kamen die Heuwagen des Gutes ihm
entgegen. So oft er still hielt, um einen Riesenwagen vorbeizulassen, berupften
seine Pferde das Heu, und sein Kutscher drehte sich um und rief schnalzend:
»Schönes Futter!«
    »Ein schönes Gut«, sagte dann Herr Ehrental in tiefem Nachdenken.
    Unterdes sass die Baronin in einer Gartenlaube und blätterte in den neuen
Journalen, welche der Buchhändler aus der nächsten Kreisstadt zugeschickt hatte.
Sie betrachtete prüfend die Modekupfer und genoss die kleinen Nippes der
Tagesliteratur: Geschichten von Menschen, welche auf ausserordentliche Weise
reich geworden, und von andern, welche auf schauderhafte Weise ermordet sind,
Tigerjagden aus Ostindien, ausgegrabene Mosaikböden, rührende Schilderungen von
der Treue eines Hundes, hoffnungsreiche Betrachtungen über die Unsterblichkeit
der Seele, und was sonst das flüchtige Auge eleganter Damen zu fesseln vermag.
Die schöne Gemahlin des Freiherrn schaukelte während des Lesens die gestickte
Fussbank, ihre Seele war nur halb in den Blättern, sie sah oft über den
Rasenplatz nach ihrer Tochter, welche, wieder mit dem Pony beschäftigt, diesem
aus Blumen und Zeitungspapier eine groteske Halskrause und eine gehörnte Mütze
zurechtmachte, was der Pony vergebens dadurch zu vereiteln suchte, dass er soviel
Blüten und Zeitungspapier wegfrass, als er mit dem Maul erreichen konnte. Als die
junge Dame, stolz auf ihr Werk, den Kopf nach der Laube wandte und das Auge der
Mutter auf sich gerichtet sah, überliess sie das Pferd dem herzueilenden
Bedienten und flog wie eine Libelle zu den Füssen der Mutter. Sie setzte sich auf
die Fussbank, zog die Journale auf das Knie der Baronin, und fing an, sich
possenhaft mit den Herren und Damen der Modekupfer zu unterhalten. Da die
Gesichter dieser Ideale, wie bekannt, den Vorzug haben, allen Menschen ähnlich
zu sehen, von denen sie sich durch einzelne charakteristische Eigenheiten, durch
merkwürdig kleine Lippen, und zuweilen durch ein auf der Stirn oder den Backen
sitzendes Auge unterscheiden, so wurde der jungen Dame nicht schwer, zahlreiche
Ähnlichkeiten mit Bekannten des Hauses aufzufinden und die Bilder danach zu
behandeln. Die Mutter lächelte über die kindischen Scherze der Tochter und sagte
endlich, ihre Gedanken laut fortsetzend: »Lenore, du wirst jetzt ein erwachsenes
Mädchen und bist noch so sehr Kind. Wir haben dich aufwachsen lassen bei dem
Unterricht der Bonne und des Kandidaten; es wird Zeit, daran zu denken, dass du
etwas Ordentliches lernst, mein armes Kind.«
    »Ich dachte, das Lernen sollte jetzt aufhören«, antwortete Lenore
schmollend.
    »Deine französische Aussprache ist noch schlecht, und dein Vater will, dass
du dich im Zeichnen übst, du hast Anlage dazu.«
    »Ich zeichne nur Karikaturen«, rief Lenore, »die sind am leichtesten, man
macht eine lange Nase oder kurze Beine, und das Kerlchen sieht lächerrlich aus.«
    »Du sollst nicht Karikaturen zeichnen«, sprach die Mutter, »das verdirbt
deinen Geschmack und macht dich spöttisch.« Lenore liess das Köpfchen hängen.
»Und wer war der junge Mann, mit dem du vorhin durch den Garten gingst?« fuhr
die Mutter strafend fort. »Du hast ihm die Erdbeeren des Vaters gegeben.«
    »Schilt nur nicht immer, liebe Mutter«, rief die Tochter errötend.
    »Der Fremde war ein hübscher artiger Junge, er geht nach der Hauptstadt, er
hat weder Vater noch Mutter, das tat mir leid. Und so bescheiden war er! Sei mir
nicht böse«, schmeichelte sie und flog an den Hals der Mutter, in deren Augen
mehr Liebe als Zorn zu lesen war.
    Die Mutter küsste das Kind auf den Mund und sagte gütig: »Du bist mein gutes,
wildes Mädchen, suche mir jetzt den Vater, sein Kaffee wird kalt.«
    Als der Freiherr in die Laube trat, noch voll von seiner Unterredung mit
Ehrental, legte die Baronin ihre Hände in die seinen und sagte: »Oscar, ich
habe Sorge um Lenore!«
    »Ist sie krank?« fragte der Vater betroffen. »Sie ist gesund und von Herzen
gut, aber sie ist kecker und ungebundener, als sich für ihre Jahre passt.«
    »Sie ist auf dem Lande aufgewachsen und eine tüchtige Dirne geworden«,
erwiderte der Freiherr beruhigend.
    »Es fehlt ihr aber an Form und an Zartgefühl im Umgang mit Fremden«, fuhr
die Mutter fort. »Ich fürchte, sie ist in Gefahr, ein Original zu werden.«
    »Nun, das Unglück wäre nicht so gross«, sagte der Freiherr lachend.
    »Es gibt kein grösseres für ein Mädchen aus unserm Kreise. - Was in der
Gesellschaft auffällt, wird auch lächerrlich; ein kleiner Zug von bizarrem Wesen
kann ihre ganze Zukunft verderben. Sie muss genötigt werden, mehr auf sich zu
achten, und ich fürchte, hier auf dem Lande wird sie das nicht lernen.«
    »Wir sollen das Kind von uns tun, vielleicht auf Jahre, und unter fremden
Menschen aufblühen lassen?« fragte der Freiherr unwillig.
    »Und doch muss es sein«, sagte die Baronin ernst, »und es kostet mich viel,
dir das zu sagen. Sie ist unartig gegen Mädchen ihres Alters, rücksichtslos
gegen Frauen, und Männern gegenüber viel zu dreist. - Kannst du dir ein Mädchen
von Lenorens Wesen am Hofe denken?« fragte die Baronin nach einer Pause.
    Der Gemahl konnte sich das nicht denken, vielleicht deshalb nicht, weil ein
Fürstenhof überhaupt nicht der Ort ist, wo schnell aufgeschossene Fräulein die
Schulbücher umhertragen und Katze und Maus spielen.
    »Sie wird sich ändern«, warf er endlich ein.
    »Sie wird sich nicht ändern«, entgegnete die Baronin sanft, die Hand auf
seine Schultern legend, »solange der Liebling mit seinem Vater zu Pferde über
Gräben setzt und ihn sogar auf dem Pirschgang begleitet.«
    »Ich kann mich nicht darein finden, beide Kinder zu entbehren«, sprach der
Vater gutmütig. »Das wäre sehr hart für uns, am schwersten für dich, du strenge
Hausfrau.«
    »Vielleicht!« sagte die Baronin leise, und ihre Augen wurden feucht. »Aber
wir dürfen nicht an uns denken, nur an die Zukunft der Kinder.«
    Der Freiherr sah die Bewegung der geliebten Frau, er zog sie an sich und
sprach entschlossen: »Höre, Elsbet, wenn wir in früheren Jahren von dieser Zeit
sprachen, da dachten wir uns Lenorens Erziehung anders. Wir wollten die Winter
über selbst in der Stadt leben, unter deinen Augen sollte das Kind den letzten
Unterricht erhalten und in die Gesellschaft treten. Du sollst dich nicht von ihr
trennen. Wir ziehen schon diesen Winter nach der Hauptstadt.«
    Überrascht erhob sich die Baronin: »Guter Oscar!« rief sie gerührt aus.
»Aber - verzeih die Frage, würde ein solcher Aufentalt nicht in anderer
Hinsicht für dich ein grosses Opfer sein?«
    »Nein«, sagte der Freiherr fröhlich, »ich habe Pläne, die auch für mich
wünschenswert machen, den Winter in der Stadt zuzubringen.«
    Er erzählte; der Umzug nach der Hauptstadt wurde beschlossen.
 
                                       4
Schon stand die Sonne niedrig am Himmel, als die beiden Wanderer bei den ersten
Häusern der Hauptstadt ankamen. Erst einzelne kleine Gebäude, dann zierliche
Sommerwohnungen mitten in blühenden Gärten; dann rückten die Häuser dichter
zusammen, die Strasse schloss sich auf beiden Seiten, und mit dem Staube und dem
Wagengerassel legte sich bange Sorge um die Brust unseres Helden. In dem
Geflecht grosser und kleiner Strassen wäre Anton ratlos gewesen, wenn ihn nicht
sein Begleiter, der aus Achtung vor dem bessern Rock Antons hinter ihm geblieben
war, durch laute Rechts und Links an den Strassenecken gelenkt hätte. Veitel
Itzig aber hatte eine merkwürdige Vorliebe für krumme Seitengassen und schmale
Trottoirs. Hier und da winkte er hinter dem Rücken seines Reisegefährten mit
frecher Vertraulichkeit geputzten Mädchen zu, die an den Türen standen, oder
jungen Burschen mit krummer Nase und runden Augen, welche, die Hände in den
Hosentaschen, auf der Strasse herumlungerten. Zuweilen wurde sein Gruss mit
nachlässigem Kopfnicken erwidert, welches ungefähr bedeutete: »Er ist ein gutes
Geschöpf, aber er hat kein Geld«; in der Regel ward seine Zuvorkommenheit mit
kalter Verachtung hingenommen, welche der Pflastertreter der schmutzigen
Nebenstrasse da, wo nichts zu gewinnen ist, ebensogut zu äussern weiss, als der
schnurrbärtige Held der Granitplatten im eleganten Stadtteil. Endlich bogen die
jungen Männer in eine Hauptstrasse, wo grosse Häuser mit Säulenportalen, elegante
Kaufläden und ein Gewühl gut gekleideter Menschen verrieten, dass hier der
Wohlstand einen entschiedenen Sieg über die Armseligkeit davongetragen hatte. In
dieser Strasse hielten sie vor einem hohen würdigen Hause an. Itzig wies auf das
Tor mit einer gewissen scheuen Achtung und sagte kurz: »Hier wohnt er, hier
wirst du werden bald so stolz wie diese Gojim sind; wenn du willst wissen, wo
ich zu finden bin, so kannst du nachfragen im Geschäft bei Ehrental auf der
Gerbergasse. Gute Nacht!« Er pfiff vor sich hin und schlenderte die Strasse
hinab, ohne sich umzusehen.
    Anton trat mit klopfendem Herzen in den Hausflur und lockerte den Brief
seines Vaters in der Brusttasche. Er war sehr kleinmütig geworden und sein Kopf
war so schwer, dass er sich am liebsten einen Augenblick hingesetzt hätte, um
auszuruhen. Aber wie Ruhe sah es in dem Hause nicht aus. Vor der Tür stand ein
grosser Frachtwagen, in dem Hause mächtige Fässer und Ballen, und riesengrosse,
breitschultrige Männer mit Lederschürzen und kurzen Haken im Gürtel trugen
Leiterbäume, klirrten mit Ketten, rollten die Fässer und schnürten dicke Stricke
durch künstliche Knoten zusammen; dazwischen eilten Kommis, die Feder hinter dem
Ohr, Papier in der Hand, ab und zu, und Fuhrleute in blauen Blusen nahmen die
Papiere, die Ballen und die Fässer mit der geschäftlichen Würde in Empfang,
welche die Tätigkeit aller verantwortlichen Menschen zu bezeichnen pflegt. Hier
war kein Ort der Ruhe, Anton stiess an einen Ballen, fiel beinahe über einen
Hebebaum und wurde durch das »Vorgesehen!« welches ihm zwei Enaksöhne mit
Lederschürzen zuriefen, noch mit Mühe vor dem Schicksal bewahrt, unter einer
grossen Öltonne plattgedrückt zu werden.
    Im Zentrum der Bewegung, gleichsam als Sonne, um welche sich die Fässer und
Arbeiten und Fuhrleute herumdrehten, stand ein junger Herr aus dem Geschäft, ein
Herr mit entschlossener Miene und kurzen Worten, welcher als Zeichen seiner
Herrschaft einen grossen schwarzen Pinsel in der Hand hielt, mit dem er bald
riesige Hieroglyphen auf die Ballen malte, bald den Aufladern ihre Bewegungen
vorschrieb. Diesen Herrn fragte Anton mit klangloser Stimme nach dem Prinzipal
des Geschäftes und wurde durch eine kurze Bewegung des Pinselstiels in den
hintern Teil des Hausflurs nach dem Comtoir gewiesen. Zögernd trat er an die
Tür, es kostete ihn einen grossen Entschluss, den Griff mit der Hand zu drehen -
er hat sich später oft daran erinnert - und als die Tür geräuschlos aufging und
er in das Dämmer der grossen Arbeitsstube sah, da wurde ihm so angst, dass er kaum
über die Schwelle schreiten konnte. Sein Eintritt machte wenig Aufsehen. Ein
halbes Dutzend Schreiber fuhr hastig mit den Federn über die blauen Briefbogen,
um noch die letzten Züge vor dem Schluss des Comtoirs und der Post zu tun. Nur
einer der Herren, welcher zunächst der Tür sass, erhob sich und fragte in kühlem
Geschäftston: »Was steht zu Ihren Diensten?«
    Auf die schüchterne Erklärung Antons, dass er Herrn Schröter zu sprechen
wünsche, trat aus dem zweiten Comtoir ein grosser Mann mit faltigem Gesicht, mit
stehendem Hemdkragen, von sehr englischem Aussehen. Anton sah schnell auf das
Antlitz, und dieser erste Blick, so ängstlich, so flüchtig, gab ihm einen guten
Teil seines Mutes wieder. Er erkannte alles darin, was er in den letzten Wochen
ach so oft ersehnt hatte, ein gütiges Herz und einen redlichen Sinn. Und doch
sah der Herr streng genug aus, und seine erste Frage klang kurz und entschieden.
Anton fasste schnell nach seinem Brief, nannte seinen Namen und erzählte hastig
und mit stockender Stimme, dass sein Vater gestorben sei und dass er den Herrn von
seinem Totenbett grüssen lasse.
    Wie ein freundliches Licht flog es über das Auge des Kaufmanns, er öffnete
den Brief schweigend, las ihn langsam durch, reichte dem bewegten Anton die Hand
und sagte: »Seien Sie mir willkommen.« Darauf wandte er sich zu einem von den
schreibenden Herrn, welcher einen grünen Rock trug und einen grauen
Überziehärmel um den rechten Arm gebunden hatte: »Herr Anton Wohlfart tritt von
heut an in unser Geschäft.« Einen Augenblick hörten die sechs Federn auf zu
rennen, und ihre Lenker sahen im Tempo nach Anton hin; der Chef aber fuhr zu
Anton gewandt fort: »Sie werden müde sein, Herr Jordan wird Ihnen Ihr Zimmer
anweisen, ruhen Sie heut aus, morgen das Weitere.«
    Nach diesen Worten wandte er sich mit leichtem Kopfnicken ab und ging zu
seinem Sitz im zweiten Comtoir zurück, wo ebenfalls sechs Federn über das blaue
Papier fuhren und jetzt mit solcher Schnelligkeit, dass sich der Federbart vor
Entsetzen sträubte, denn die alte Wanduhr hatte zum Schlage bereits ausgehoben.
    Nur der Herr im grünen Rock streifte den grauen Ärmel ab, strich ihn
sorgfältig glatt, schloss ihn mit einem Haufen Papiere in das Pult und lud Anton
ein, ihm auf das Zimmer zu folgen. Wieder schritt Anton durch die Tür des
Comtoirs, in welchem er nur zehn Minuten gewesen war, aber er war ein anderer
Mann geworden, sein Schicksal war entschieden, er hatte jetzt eine Heimat, er
gehörte in das Geschäft. Deshalb schlug er im Vorbeigehen herzhaft auf einen
grossen Ballen, wie man auf die Schulter eines guten Bekannten schlägt, wobei der
grüne Herr sich umwandte und mit wohlwollender Herablassung zu ihm sagte:
»Baumwolle«, und drei Schritt weiter klopfte Anton Einlass fordernd an ein
riesiges Fass, welches wohlhäbig in einer Ecke stand wie ein dicker Pächter in
seinem hellen Sommerrock; worauf sich wieder der grüne Herr umwandte und ebenso
wohlwollend sagte: »Korinten.« Jetzt stiess unsern Anton kein Hebebaum mehr, ja
er selbst schob den einen mit kräftiger Fussbewegung beiseite, und einen Riesen
mit lederner Schürze, der ihm begegnete, grüsste er mit sicherer Vertraulichkeit
und fühlte sich behaglich, dass der Riese ihm artig dankte, besonders als der
grüne Herr wieder herablassend geäussert hatte: »Der oberste Auflader.«
    Durch den Hofraum gingen sie auf gewundenen Pfaden in ein Hintergebäude und
stiegen drei ausgetretene Treppen hinauf. Dort öffnete Herr Jordan ein Zimmer
und bemerkte gegen Anton, dass dies wahrscheinlich seine künftige Wohnung sein
werde, es sei die frühere Behausung eines guten Freundes von ihm, der aus dem
Geschäft geschieden sei und sich selbst etabliert habe. Es war ein sehr kleines
Zimmer, die Möbel einfach und nicht neu, aber saubere weisse Gardinen und weisse
Rouleaus vor den Fenstern und auf dem Schreibtisch eine schöne Katze von Gips,
mit gelblicher Lederfarbe lackiert, so dass sie aussah wie eine lebende. Diese
Katze hatte der etablierte Kollege zum Besten seines Nachfolgers in der Stube
zurückgelassen.
    Herr Jordan eilte in das Comtoir zurück, in dem er der erste und letzte sein
musste, weil ihm ein Teil der Schlüssel anvertraut war, und Anton blieb allein.
Mit Hilfe eines freundlichen Bedienten, welcher ihm schnell das Zimmer wohnlich
zu machen suchte, ordnete er seine Toilette und war eben damit fertig, als
zahlreiche Tritte auf den Treppen verkündeten, dass seine Kollegen aus dem
Geschäft in ihre Zimmer eilten.
    Wieder erschien der grüne Herr und teilte ihm mit: Herr Schröter sei zu
einer Konferenz und heut nicht mehr zu sprechen. Dagegen sei seine Ansicht, dass
der Ankömmling den einzelnen Herren seinen Besuch machen müsse, um die
Bekanntschaft mit ihnen auf anständige Weise einzuleiten. Ein Frack sei nicht
nötig.
    Anton stieg mit seinem Begleiter einige Treppen herunter, und Herr Jordan
war im Begriff, an eine Tür anzuklopfen, als der Bewohner des Zimmers ihm
entgegentrat, ein schöner schlanker Mann, von mässiger Grösse und einem Wesen,
welches unserm Helden sehr imponierte. Er hatte seinen Anzug gewechselt, trug
kurze Beinkleider und Stulpenstiefel, eine Jockeimütze auf dem Kopf und eine
Reitgerte in der Hand, die er unternehmend schwenkte.
    »Führen Sie Ihr Füllen schon an der Leine?« sagte der Junker in den
Stulpenstiefeln lächelnd zu dem Führer. Herr Jordan stellte sich feierlich auf
und präsentierte: »Herr Wohlfart, der neue Lehrling, soeben angekommen. - Herr
von Fink, Sohn der grossen Firma Fink und Becker in Hamburg.«
    »Erbe des grössten Tranvorrats von der Welt und so weiter«, unterbrach ihn
Herr von Fink nachlässig. »Jordan, geben Sie mir zehn Taler, ich will den
Reitknecht bezahlen. Schreiben Sie's zu dem übrigen.« Jordan holte bereitwillig
ein Kassenbillett aus seiner Brieftasche und überreichte es dem Jockei, der es
zusammenknitterte und nachlässig in die Westentasche steckte; worauf er mit
einiger Höflichkeit zu Anton sagte: »Wenn Sie mich besuchen wollen, wie ich aus
dem festlichen Gesicht Ihres Merkurs merke, so bedaure ich heut nicht zu Hause
zu sein, ich will ein neues Pferd kaufen. Ihren Besuch nehme ich als geschehen
an, ich danke Ihnen in aller Feierlichkeit dafür und gebe Ihnen meinen Segen zu
Ihrem Eintritt.« Er nickte gleichgültig mit dem Kopf und schritt klirrend die
Stufen hinab und über die Steinplatten des Hofes.
    Antons Behagen erlitt durch das kühle Benehmen des Herrn einen grossen Stoss,
und er dachte verschüchtert, wenn die andern Herrn vom Geschäft ebenso sind, so
wird es mir sehr schwer werden, mit ihnen umzugehn. Auch Herr Jordan fand nötig,
das auffallende Benehmen des Jockei zu erklären, und sagte mit vertraulicher
Wichtigkeit: »Fink gehört nur halb in unser Geschäft, er ist erst seit kurzer
Zeit hier, von seinem Vater aus New York gezogen und hierher versandt worden, um
bei uns vernünftig zu werden.«
    »Ist er denn nicht vernünftig?« fragte Anton neugierig.
    »Nur zu wild, liebt den Sport, ist aber sonst ein guter Gesellschafter«,
sagte Herr Jordan. »Die andern Herren habe ich zu mir auf die Stube gebeten, um
Sie mit allen bekannt zu machen; wir werden dort eine Tasse Tee trinken. Morgen
machen Sie den einzelnen Besuch auf ihren Zimmern.«
    Die Stube des Herrn Jordan war die grösste unter den kleinen Wohnungen des
Hinterhauses, in welchem die Herren vom Comtoir einzeln oder zu zweien hausten,
und wurde deshalb und wegen der ansprechenden Gemütsart ihres Bewohners zuweilen
als Salon benutzt; sie genoss die Auszeichnung ein Fortepiano und einige
Armstühle zu besitzen. An den Fenstern hingen zahlreiche Biskuitbilder, in denen
edle Weiblichkeit durch mittelalterliche Kirchengängerinnen, Loreleis und
Madonnen vertreten war. In diesem Zimmer sassen und standen die Herrn und
erwarteten die Ankunft des Neulings. Anton machte die Massenvorstellung mit
Erfolg durch, indem er jedem einzelnen die Hand schüttelte und hinterdrein alle
zusammen um ihr Wohlwollen und freundliche Hilfe bat, weil er im Geschäft ganz
unerfahren und noch gar nicht in der Welt und wenig unter Menschen gewesen sei.
Diese Offenheit verfehlte nicht einen guten Eindruck hervorzubringen. Darauf
ging eine friedfertige Unterhaltung an, gewürzt mit kleinen Scherzen und
Anspielungen, welche für einen Neuling so unverständlich als möglich waren.
Anton verhielt sich schweigend und mühte sich das Wesen der einzelnen Herren zu
erkennen. Da war der Buchhalter Herr Liebold, ein ältlicher kleiner Mann mit
einer feinen Stimme und einem bescheidenen Lächeln, durch welches er die Welt um
Vergebung bat, dass er sich die Freiheit nehme zu existieren. Er sprach wenig,
hatte aber die Eigenschaft, im Nachsatz das zurückzunehmen, was er im Vordersatz
behauptete; z.B.: »Ich glaube fast, dass dieser Tee zu schwach ist, aber freilich
ist starker Tee sehr ungesund«, und ähnliches. Ferner war da Herr Pix, der
tyrannische Führer des schwarzen Pinsels in dem Hausflur, ein entschlossener
Mann, welcher geneigt schien, alle menschlichen Verhältnisse wie Detailgeschäfte
zu betrachten: vielleicht respektabel, aber kleinlich. Als ein Stuhl im Zimmer
fehlte, rückte er verächtlich einen kleinen Tisch in die Nähe des Tees, schwang
sich darauf und blieb den ganzen Abend rittlings darauf sitzen. Ferner war da
ein Herr Specht, welcher viel sprach und stark in Behauptungen war, die von
jedermann bestritten wurden. Er behauptete, China werde durch eine Konstitution
regiert, die von der englischen nur wenig verschieden sei, und verfocht mit
Leidenschaft die Ansicht, dass Schneckensuppe das Lieblingsgericht des seligen
Kaisers Napoleon gewesen sei. Ferner war da ein schmächtiger Herr Baumann mit
kurzgeschorenem Haar und sinnigem Wesen, welcher jeden Sonntag in die Kirche
ging, allen Missonsvereinen Beiträge zahlte und, wie seine Kollegen ihm auf den
Kopf zusagten, die Absicht hatte, später einmal Missionar zu werden. Er schob
das noch auf aus einer gewissen kindlichen Gewöhnung an Deutschland und die
Firma, zu deren Nutzen er gegenwärtig arbeitete. Anton bemerkte mit Freuden, dass
im ganzen ein artiger und rücksichtsvoller Ton unter den Herrn herrschte. Da er
ermüdet war, empfahl er sich in kurzem, und weil er niemandem widersprochen
hatte und gegen alle zuvorkommend gewesen war, so wurde nach seinem Abgange
erklärt, dass er verspreche, ein guter Kollege zu werden.
    Unterdes schritt Veitel Itzig mit der Gleichgültigkeit eines Herumtreibers
und der Sicherheit eines Eingeborenen durch das Gewirr der Menschen und Strassen.
Das rötliche Licht der Abendsonne war von den Steinen der Strasse an den Häusern
hinaufgestiegen, von einem Fenstersims zu dem andern, bis hoch auf die Dächer,
und das Dunkel des Abends erfüllte die engen Gassen des alten Stadtteils,
welcher am Fluss liegt. In einer solchen Gasse stand ein grosses Haus mit breiter
Front. Die untern Fenster waren durch Eisenstäbe vergittert, im ersten Stockwerk
glänzten die weissen Rahmen, welche grosse Spiegelscheiben einfassten, unter dem
Dach waren die Fenster blind, schmutzig, hier und da eine Scheibe zerschlagen.
Es war kein guter Charakter in dem Hause, wie eine alte Zigeunerin sah es aus,
die über ihr bettelhaftes Kostüm ein neues buntes Tuch geworfen hat.
    In dieses Haus trat Veitel Itzig, indem er einem geputzten Dienstmädchen an
der Tür schnalzend einen Kuss zuwarf, den diese wie eine heranfliegende Wespe
pantomimisch mit der Hand fortschleuderte. Die unsaubere Treppe führte zu einer
weisslackierten Entreetür, auf welcher in grossem Messingschild der Name: »Hirsch
Ehrental« zu lesen war. Veitel fasste den dicken Porzellangriff der Klingel und
schellte, ein ältliches Frauenzimmer mit zerknitterter Haube öffnete einen
schmalen Spalt und fragte, die Nase hinaussteckend, nach seinem Begehr, dann riss
sie die Stubentür auf und rief in das Zimmer: »Es ist einer da, Itzig Veitel
heisst er, aus Ostrau, er will den Herrn Hirsch Ehrental sprechen.« Aus der
Stube scholl die Stimme des Hausherrn: »Warten soll er!« und das Geklirr von
Tellern verriet, dass der Geschäftsmann erst das Familienglück des Abendessens
geniessen wollte, bevor er dem zukünftigen Millionär Audienz gab. Die aufwartende
Person warf mit misstrauischen Blicken auf den Ankömmling die Tür wieder zu und
sperrte ihn aus.
    Veitel setzte sich auf die Treppe und sah mit starrem Blick auf das
Messingschild und die weisse Tür, bewunderte die abgeschrägten Ecken der
Messingplatte und versuchte sich vorzustellen, wie der Name Itzig auf einer
ebensolchen Platte an einer ähnlichen weissen Tür aussehen würde. Darauf kam er
auf gradem Wege zu der Betrachtung, wieviel ihm noch fehle, um so reich zu sein,
wie Hirsch Ehrental, er fühlte nach einem halben Dutzend Dukaten, welche ihm
seine alte Mutter mit einem Lederfleck in das Futter seiner Weste eingenäht
hatte, und überlegte, wie viel er alle Tage dazu sparen könnte, vorausgesetzt,
dass ihm der reiche Mann Gelegenheit liesse, etwas zu verdienen. Er war tief in
Betrachtungen versunken über den Wert von zwei Phantasiestiefeln, welche er sich
an den Beinen eines jungen Elegants vorstellte, und welche nach seiner Annahme
den dreifachen Wert des Viergroschenstücks haben mussten, das er dem eleganten
Herrn dafür bieten wollte; da wurde die Entreetür mit starker Hand aufgemacht,
und Herr Ehrental stand vor dem armen Bocher. Das war nicht mehr der Mann von
heut nachmittag, die anschmiegende Freundlichkeit war verschwunden, wie der Duft
einer Rose am Ende des heissen Tages, er war ganz Majestät, Selbstgefühl,
Despotismus; kein asiatischer Kaiser kann so stolz auf die Kreatur vor seinen
Füssen heruntersehen, als er auf das Kind von Ostrau zu blicken verstand. Itzig
fühlte das Bedeutende in der Stellung des grossen Mannes und seine eigene
Nichtswürdigkeit trotz der sechs Dukaten im Ledersäckchen, er schnellte in die
Höhe und stand demütig vor seinem Meister. »Hier ist ein Brief von Baruch
Goldmann, bei welchem der Herr Ehrental mich hat verschrieben für sein
Geschäft«, begann Veitel und hielt dem grossen Mann einen Brief entgegen.
    »Ich habe dem Goldmann geschrieben, er soll mir einen Menschen schicken, den
ich mir ansehe, ob ich ihn brauchen kann; abgemacht ist noch nichts«, sprach
Ehrental vornehm und öffnete das Schreiben.
    »Ich bin doch gekommen, damit Sie mich ansehen«, entgegnete Veitel.
    »Und was kommst du so spät, junger Itzig? Es ist keine Zeit mehr zur Rede
vom Geschäft«, schnarrte ihn der Hausherr an.
    »Ich wollte mich melden bei meinem Herrn Hirsch Ehrental zum Dienst noch
heut abend, wenn er mir hat zu geben einen Auftrag für morgen früh.«
    »Davon ist zu reden morgen früh«, antwortete gereizt der Herr, welcher es
für vorteilhaft hielt, dem Neuling zu zeigen, wie wenig ihm an seiner Person
gelegen sei. Itzig begriff vollkommen das Zweckmässige dieses Benehmens, und da
er sah, dass seine Stellung bei dem abzuschliessenden Geschäftsvertrage bis jetzt
keine günstige war, suchte er sie dadurch zu verbessern, dass er tiefer auf die
Sache einging und entgegenwarf: »Ich kann vielleicht leisten einen Dienst morgen
früh, wo Markttag ist, weil ich kenne die meisten Kutscher von den Herrn, welche
hereinkommen mit Raps.«
    »Was Raps? Was tue ich mit Raps? Was will er reden vom Geschäft?«
schleuderte ihm Hirsch Ehrental noch grimmiger entgegen.
    Aber unerschüttert fuhr Veitel fort sich herauszustreichen wie ein seidenes
Halstuch: »Ich bin auch sonst bekannt in der Stadt, ich kenne die Makler und die
kleinen Leut' und kann dem Herrn helfen bei jedem Geschäft, das er machen will
im Haus und ausser dem Haus.« Und um seinen Selbstverkauf dem Abschluss
näherzubringen, fügte er mit resignierter Miene hinzu: »Ich bin nicht so stolz,
dass ich will wohnen in dem Hause bei Herrn Hirsch Ehrental; wenn der Herr
Ehrental für mich nicht hat eine Stelle in seinem Hause, so will ich mir suchen
mein Lager in der Nähe bei einem Wirt.«
    Herr Ehrental wurde durch diese Anspruchslosigkeit so weit gerührt, dass er
den Burschen noch einmal von oben bis unten ansah und mit mehr Herablassung
fragte: »Sind deine Papiere in Ordnung, dass du mich in keine Unannehmlichkeiten
bringst mit der Polizei?«
    Veitel beruhigte ihn über diesen wichtigen Punkt; eine uralte grosse
Brieftasche flog plötzlich auf geheimnisvolle Weise aus den Falten seiner
schlottrigen Jacke, aus ihr suchte er seine Legitimation hervor.
    Herr Ehrental fasste das Papier mit einem sehr geschickt angenommenen
Widerwillen gegen die gelbliche Farbe desselben und sah es genau durch,
Unterschrift, Siegel und alles, indem er es sogar gegen das Licht hielt. Veitel
wartete gespannt, ob er das Dokument behalten würde; wenn er es in der Hand
behielt, so war das Geschäft zum Abschluss reif.
    Als Herr Ehrental das Dokument nachlässig in der Hand wiegte, versuchte
Itzig mit unterwürfiger Vertraulichkeit zu lächeln. »Wenn ich dich in meinen
Dienst nehme«, sprach der Hausherr, »so wirst du machen alles in meinem Hause,
was ich dir werde auftragen, oder Madame Ehrental, oder mein Sohn Bernhard
Ehrental; du wirst putzen die Stiefel am Morgen und die Schuhe meiner Frau, du
wirst holen in die Küche, was dir die Köchin sagen wird, in meinem Geschäft
wirst du machen alle Gänge, die ich habe zu machen, und wirst ausrichten alle
Bestellungen.«
    »Ich will, Herr Ehrental«, sagte Veitel demütig, »ich will alles tun, dass
Sie seien zufrieden mit mir.«
    »Frühstück und Mittagessen wird dir geben die Köchin, am Abend von sieben
Uhr kannst du sein dein eigener Herr.« - Veitel nahm mit derselben
Bereitwilligkeit auch diese Bedingung an und bemerkte nur: »Kann ich nicht haben
am Morgen ein bis zwei Stunden für mich?«
    »Nein«, sprach Ehrental ungnädig, »ich kann es nicht leiden, wenn einer in
meinen Diensten ist und macht Geschäfte für eigene Rechnung.«
    Da Veitel beschlossen hatte, unter allen Umständen Geschäfte für eigene
Rechnung zu machen, und Herr Ehrental das ebensogut wusste wie Veitel, so wurde
auf diesen zarten Punkt nicht weiter eingegangen.
    »Dafür sollst du erhalten alle Monat zwei Taler, und wenn ich mit deiner
Hilfe ein Geschäft mache, erhältst du deinen Anteil davon.«
    »Wie gross soll sein dieser Anteil?« rief Veitel schnell.
    »Wie gross er soll sein?« fragte Herr Ehrental unwillig, »was ich dir werde
geben, wird sein gross genug.«
    »Gross genug für den Herrn, aber nicht für mich«, antwortete Veitel dreist,
denn er fühlte, dass bei diesem Hauptpunkt Entschlossenheit nötig sei.
    »Das wird sich finden, wenn du wirst abgedient haben deine Probezeit. Vier
Wochen dienst du auf Probe, nach der Zeit werde ich mit dir reden über deinen
Verdienst.«
    Das war alles, was Veitel billigerweise verlangen konnte, er hob sein Bündel
von den Treppenstufen auf und sagte unterwürfig: »Ich bin's zufrieden, wenn der
Herr Ehrental mir noch will schenken eine alte Hose und Rock, dass ich ihm keine
Schande mache vor den Leuten.«
    »Keinen Rock und keine Hose«, antwortete der Herr entschieden.
    »Dann gebt mir Hose und Rock in vier Wochen, wenn meine Probezeit zu Ende
ist.« Diese Forderung war nach dem Kurs der Trödlerbörse gleich einem Geschenk
von drei bis vier Talern, und Ehrental fand die Forderung mit Recht hoch, er
warf noch einen prüfenden Blick auf den Burschen, auf die Demut seiner Stellung
und die ungewöhnliche Frechheit seiner Augen, er schloss, dass der Mensch
brauchbar sein werde, und fühlte sich bewogen, Grossmut zu zeigen: »So mag es
sein«, schloss er, »in vier Wochen. Dein Nachtquartier kannst du nehmen bei Löbel
Pinkus an der Ecke, damit ich weiss, wo du bist zu finden.« Darauf öffnete Herr
Ehrental die Entreetür und rief hinein: »Frau, Bernhard, Rosalie, kommt
heraus.« Zwei Stubentüren und die Küchentür öffneten sich und die Familie des
Hausherrn wurde sichtbar, dahinter die zerknitterte Köchin.
    Madame Ehrental war eine volle Frau in schwarzer Seide, mit starken
Augenbrauen und rabenschwarzen Hängelocken; sie machte noch grosse Ansprüche zu
gefallen und gefiel auch. Wenigstens versicherten ihr das mit mehr oder weniger
Anstand junge Herren von Adel, welche zuweilen in den Morgenstunden Herrn
Ehrental besuchten, um mit ihm Geschäfte zu machen; und obgleich diese
Versicherungen um so wärmer zu sein pflegten, je kühler Ehrental sich gegen das
abzuschliessende Geschäft verhielt, so galt doch, die Wahrheit zu sagen, Madame
Ehrental auch bei solchen Leuten, welche keine Sola-Wechsel zu prolongieren
wünschten, für eine sehr stattliche Dame. Ihre Tochter aber war in der Tat eine
Schönheit, eine grosse, edle Gestalt mit glänzenden Augen, dem reinsten Teint und
einer nur sehr wenig gebogenen Nase. Wie aber kam der Sohn in diese Familie? Er
war fast klein, mit einem bleichen, faltigen Gesicht und gebückter Haltung; dass
er noch ein Jüngling war, sah man nur an seinem Munde und dem hellen Blick; auch
war er nachlässiger gekleidet, als einem Sohn des Herrn Ehrental geziemte, und
in dem braunen Haar hingen noch jetzt am Abend einige Federn. Die Familie und
Veitel sahen einander stumm an, während Herr Ehrental mit Selbstgefühl
bemerkte: »Dieses ist der Veitel Itzig, ich habe ihn genommen in unsern Dienst.«
Der vornehme Stolz der Mutter, der missfällige Blick der Tochter und das
zerstreute Auge des Sohnes wurden von dem armen Bocher ebenso gewandt
aufgefangen, wie die bunten Strahlen eines Prismas von einem beobachtenden
Naturforscher; er beschloss auf der Stelle gegen die Mutter sehr, sehr
unterwürfig zu sein, sich in die Tochter zu verlieben und Bernhards Stiefel
schlecht zu putzen und in den Rocktaschen desselben beim Ausbürsten nachzusehen,
ob nicht ein Geldstück durch Nachlässigkeit des Besitzers in den Falten sitzen
geblieben.
    Nach dieser Vorstellung erklärte Herr Ehrental, Veitel könne gehen und
solle am nächsten Morgen um sechs Uhr im Hause sein. Die Entreetüre schloss sich
hinter dem Burschen, auch er stand auf der Treppe, ins Geschäft aufgenommen, ein
angehender Kaufmann. Er lächelte vergnügt, als er die Treppe hinunterging,
offenbar war er mit seinem Handel zufrieden. Hatte er sich doch gemessen mit dem
grossen Herrn im Geschäft und hatte einen Vorteil davongetragen. Denn da er sich
auf jede Bedingung auch ohne Garderobenzulage engagiert haben würde, so
betrachtete er den alten Rock und Hosen zahlbar in vier Wochen mit Recht als
eine angenehme Übervorteilung seines neuen Prinzipals. Die Überlegung: »Es wird
nur ein Sommerrock sein«, flog wie ein düsterer Schatten über seine Seele; »aber
die Hose wird sein von seinem Bernhard, welcher trägt Tuchhosen auch heut am
heissen Sommertag.« So trug er beruhigt sein Bündel um die Ecke zu Löbel Pinkus.
    Löbel Pinkus war Hausbesitzer und hielt zu ebener Erde einen kleinen
Branntweinladen, welcher zahlreiche Kunden hatte. Doch war ersichtlich, dass
weder die starke, wie fettig glänzende Figur des ehrsamen Pinkus selbst, noch
die dicke Halskette seiner Frau ihre solide Pracht aus dem Branntweingeschäft
allein herleiteten, und die Nachbarn zerbrachen sich manchmal den Kopf darüber,
wie Frau Pinkus es durchsetzen könne, immer die teuersten Gänse zu braten, ja
zuweilen sogar Trutühner. Indes da ihr Gemahl ein resoluter Charakter war, in
allen seinen Reden grob und entschieden, da er Branntwein verkaufte, was immer
für ein Zeichen volkstümlicher Gesinnung gelten wird, und da er ausserdem Geld
gegen ungewöhnliche Prozente auszuleihen wusste, so war er unter den kleinen
Handwerkern in der Nachbarschaft doch sehr respektiert und gefürchtet. Seine
Reputation war gut. Die Strassenpolizei trank im Vorbeigehen gern in seinem Laden
einen Likör, für den er das Geld zu nehmen stets verweigerte, er zahlte seine
Abgaben pünktlich und galt für einen Freund, ja Vertrauten der exekutiven Macht.
In Wahrheit aber war Herr Pinkus eine von den glücklichen Naturen, welche Honig
aus allen Blumen zu saugen wissen, auch aus übelriechenden. Er hielt in dem
ersten Stock seines Hauses eine stille Herberge für Männer mit und ohne Bart,
welche einen Hass gegen alles, was von dem Geschlecht der Schweine stammt, nicht
überwinden konnten. Diese Männer von uralter Familie schätzten zuweilen ein
billiges und verborgenes Nachtlager, bei welchem der Wirt keine hohen Rechnungen
machte und keinen Pass abforderte; sie kamen in der Regel am späten Abend in die
Herberge und schlichen am frühen Morgen wieder hinaus in die Gassen der Stadt,
oder auf die Landstrasse, bescheidene Trödler und Schacherer, welche ihren Gewinn
nach Groschen und Pfennigen berechneten. Ausser diesen regelmässigen Gästen
erschienen zuweilen noch andere, unregelmässig wie Kometen, von jedem Alter,
Geschlecht und Glauben, sie verhandelten in grösster Stille mit dem Hausherrn und
konnten es durchaus nicht vertragen, wenn man bei Nacht in der Nähe ihres
Gesichtes ein Schwefelholz anzündete. Alte Gastfreunde des Pinkus hatten über
solche Eigentümlichkeit allerdings ihre Ansichten, aber sie fanden es nicht
geraten, darum viele Worte zu verlieren.
    In diesem Haus tappte Itzig im Finstern eine Treppe hinauf und unsaubere
Wände entlang, stiess an eine schwere eichene Tür mit grossem Schloss und trat, als
er diese durch einen starken Druck geöffnet hatte, in einen wüsten Raum, der
fast die ganze Länge des Hauses einnahm. In der Mitte stand ein alter Tisch mit
einer schlechten Öllampe, einige Schemel darum; gegenüber der Türseite war ein
grosser Wandverschlag mit vielen kleinen Türen, welche zum Teil offenstanden und
verrieten, dass der ganze Verschlag aus schmalen, voneinander getrennten
Abteilungen mit hölzernen Kleiderhaken und Fächern bestand. Vor den kleinen
Fenstern, welche auf die Strasse führten, waren verblichene Rouleaus
heruntergelassen, auf der gegenüberliegenden Langseite fiel durch eine offene
Tür das Abendlicht in das Zimmer, diese Tür führte auf eine hölzerne Galerie,
welche längs der Gaststube an der Aussenseite des Hauses fortlief.
    Itzig warf sein Bündel in einen Wandschrank und trat auf die Galerie hinaus.
Da er auch hier keinen zweiten Gast vorfand, fing er an von der Galerie die
Aussicht zu bewundern mit demselben Grad von Interesse, welchen ein
niederländischer Architekturmaler gehabt haben würde, nur nicht ganz in
derselben Absicht. Unten am Fuss des Hauses wälzte ein Fluss sein lehmiges Wasser
eilig vorwärts und bildete eine schmale Wasserstrasse, welche auf beiden Seiten
mit verfallenen hölzernen Häusern eingefasst war. Fast an jedem Hause, an jedem
Stockwerk waren ähnliche hölzerne Galerien herausgebaut und durch gebräunte
Balken gestützt. Manchmal liefen drei, vier übereinander, dann war der Fussboden
der obern das Regendach der untern. In alter Zeit hatte die achtbare Zunft der
Gerber diese Strasse bewohnt, damals war das Holzwerk glatt und neu gewesen, und
helle Lämmer-oder Ziegenfelle hatten an den Geländern gehangen, bis sie weich
und geschmeidig geworden waren, um Handschuhe für die Patrizier und Ledertaschen
für ihre Frauen zu geben. Jetzt waren die Gerber nach entfernteren Stadtteilen
hinabgezogen, und statt der Tierfelle hing die Wäsche armer Leute an den
hölzernen Balkonen, über dem zerbrochenen Schnitzwerk und den wurmstichigen
Balkenköpfen. Noch stach die weisse, rote und blaue Farbe der Wäsche im
Abendlichte seltsam ab von dem schwarzen Holzwerk, und das Licht brach sich auf
wunderliche Weise an den Säulen und Vorsprüngen der Galerie, an rohen Arabesken
der Einfassung und an den schwarzen Pfählen, welche hier und da aus dem gelben
Wasser hervorragten. Es war ein unheimlicher Aufentalt für jedes Geschöpf,
ausser für Maler, Katzen oder arme Teufel.
    Junker Itzig war schon früher ein und das andere Mal in dem Hause gewesen,
aber immer in grösserer Gesellschaft. Heut bemerkte er, dass eine lange bedeckte
Treppe vom Ende seiner Galerie bis hinunter an das Wasser führte; er sah, dass
neben dieser bedeckten Treppe eine ähnliche am Nachbarhause hinablief, und
schloss daraus, dass es möglich sein müsse, die eine Treppe hinunter- und die
andere hinaufzusteigen, ohne sich mehr als die Schuhe nass zu machen; er
entdeckte ferner, dass es bei dem niedrigen Wasserstand des Sommers möglich war,
längs der Häuserreihe am Wasser weitin fort zu gehen, und er überlegte, ob es
Menschen geben könnte, welche bei Tag oder Nacht einen solchen Spaziergang für
nützlich hielten. Nachtwächter und Polizeidiener wenigstens waren dort nicht zu
befürchten. Durch diese Betrachtungen wurde seine Phantasie so aufgeregt, dass er
in das Gastzimmer zurück lief, in die Wandschränke kroch, welche offenstanden,
und die Holzwände derselben durch Klopfen und Schütteln untersuchte. Mit
Erstaunen entdeckte er, dass auch die Rückwand von Holz war und hohl klang. Da an
dieser Seite die Mauer laufen musste, welche dies Haus vom Nachbargebäude
trennte, so fand er den hohlen Ton auffällig und nicht in der Ordnung und war
eben im Begriff, einen verschlossenen Wandschrank anzugreifen und zu sehen, ob
nicht ein Ritz in dem Holz der Rückwand weiteren Aufschluss gebe, als ein dumpfes
Knurren seine Hand von der Schranktür zurückhielt. Er sah sich um und erkannte -
ohne grosse Beschämung - dass er nicht mehr allein war. In der entgegengesetzten
finstern Ecke des Zimmers lag in seinen Kaftan gewickelt, ein schwarzes Käppchen
im Haar, ein galizischer Handelsmann zusammengekauert auf einem Strohsack. Er
hatte seine Sachen in dem angegriffenen Wandschrank verschlossen und hielt für
nötig, gegen die Untersuchungen des Wissbegierigen zu protestieren. Itzig
versuchte ein Gespräch mit dem Alten anzuknüpfen, da dieser aber mehr Lust zum
Schlafen als zur Unterhaltung zeigte, setzte sich Itzig in die gegenüberliegende
Ecke auf einen anderen Strohsack und sass dort mit seinem rastlosen Geiste
rechnend und Geschäfte ausdenkend, wobei er zuweilen in lebhaftem Sinnen mit
Händen und Beinen schlenkerte, bis die Dunkelheit der Nacht durch die Tür
eindrang, und die kleine Öllampe zu knistern anfing und Miene machte auszugehen.
Noch kam einmal Pinkus der Wirt selbst herauf, ein Licht in der Hand; er
untersuchte den Bestand seiner Gäste, setzte einen Krug Wasser auf den Tisch und
schloss beim Herausgehen die Tür von aussen ab. Im Finstern holte Itzig ein Stück
trockenes Brot aus der Tasche und schlief endlich unter dem Schnarchen seines
Stubengenossen ein, den Strohsack unter sich, zugedeckt mit seiner alten Jacke.
    Zu derselben Stunde wickelte sich sein Reisegefährte im Patrizierhause in
die gesteppte Decke seines Lagers, sah noch einmal mit müden Augen in der Stube
umher und bemerkte schlaftrunken, dass die gelbe Katze auf dem Schreibtisch ihre
Beinchen bewegte, sich mit der Pfote zu strählen anfing und ihm zuletzt sogar
mit beiden Pfoten Kusshändchen zuwarf. Bevor er Zeit hatte, über diese
ungewöhnliche Freundlichkeit des Gipses nachzudenken, war er eingeschlafen. Vor
beiden Jünglingen senkte sich das Gewebe von grauem Flor herab, auf welchem die
Traumgöttin ihre bunten Bilder zu zeigen pflegt. Anton sah sich selbst auf einem
grossen Warenballen sitzend durch die Luft fliegen, während eine gewisse junge
Dame die Arme nach ihm ausstreckte; und Veitel Itzig entdeckte mit Behagen, dass
er ein Baron geworden war, welcher von Hirsch Ehrental um ein Almosen angeredet
wurde. Er sah, wie er dem alten Ehrental seine sechs Dukaten als Geschenk gab
und wie dieser sich kläglich bedankte. Über diese Grossmut erschrak er im Traume
so, dass er mit Händen und Beinen um sich schlug.
    Am nächsten Morgen begann jeder der beiden Jünglinge seine Tätigkeit. Anton
sass auf seinem Platz im Comtoir und kopierte Briefe; und Veitel stand, nachdem
er sämtliche Stiefel und Schuhe der Familie Ehrental gebürstet und die
Kleidertaschen Bernhards durchsucht hatte, als Aufpasser vor dem grössten Hotel
der Stadt, um einen fremden Herrn vom Lande zu beobachten, welcher mit Herrn
Ehrental unzufrieden geworden war und im Verdacht stand, sich andere
Geschäftsfreunde auf sein Zimmer bestellt zu haben. Anton bekam durch das
Kopieren der Briefe Einsicht in Stil und Sprache seines Geschäfts, und Veitel
hatte während seines Lauerns vor dem Gastof das Glück, die Adresse eines
vorübergehenden Studenten zu erhalten, welcher es für zeitgemäss hielt, seine
silberne Uhr zu verkaufen.
    In seinen ersten Mussestunden zeichnete Anton das Schloss, die
Kletterpflanzen, den Balkon und die Türmchen aus dem Gedächtnis auf das beste
Papier, das ihm die grosse Stadt liefern konnte. Er liess das Bild in einen
Goldrahmen fassen und hing es über seinem Sofa auf.
 
                                       5
Anton hatte in den ersten Wochen Mühe, sich in der neuen Welt zurechtzufinden,
in die er versetzt war. Das Gebäude, der Haushalt, das Geschäft waren so
altertümlich, solid und grossartig, dass sie auch einem Weltbürger von mehr
Erfahrung imponieren mussten.
    Das Geschäft war ein Warengeschäft, wie sie jetzt immer seltener werden,
jetzt, wo Eisenbahnen und Telegrafen See und Inland verbinden, wo jeder Kaufmann
aus den Seestädten durch seine Agenten die Waren tief im Lande verkaufen lässt,
fast bevor sie im Hafen angelangt sind, so selten, dass unsere Nachkommen diese
Art des Handels kaum weniger fremdartig finden werden, wie wir den Marktverkehr
zu Tombuktu oder in einem Kaffernkral. Und doch hatte dies alte, weit bekannte
Binnengeschäft ein stolzes, ja fürstliches Ansehen und, was mehr wert ist, es
war ganz gemacht, feste Gesinnung und ein sicheres Selbstgefühl bei seinen
Teilhabern zu schaffen. Denn damals war die See weit entfernt, die Konjunkturen
waren seltener und grösser, so musste auch der Blick des Kaufmanns weiter, seine
Spekulation selbständiger sein. Die Bedeutung einer Handlung beruhte damals auf
den Massen der Waren, welche sie mit eigenem Gelde gekauft hatte und auf eigene
Gefahr vorrätig hielt. Auf den Packhöfen am Flusse lag in langen Speichern ein
grosser Teil der fremden Waren aufgestapelt, ein kleinerer Teil in den Kellern
und Gewölben des alten Hauses selbst, viele Vorräte in Speichern und Remisen der
Nachbarschaft. Ein grosser Teil der Kaufleute in der Provinz versorgte sich aus
den Magazinen der Handlung mit Kolonialwaren und den tausend guten Erzeugnissen
der Fremde, welche uns ein tägliches Bedürfnis geworden sind. Aber auch über die
Grenzen des Landes hinaus, nach dem Süden und Osten, bis an die türkische
Grenze, sassen die Agenten des Hauses, und dieser Teil des Geschäftes, vielleicht
weniger regelmässig und sicher, galt zur Zeit für die gewinnreichste Tätigkeit
der Handlung.
    So bot der Verkehr des Tages dem neuen Lehrling eine Menge der
verschiedensten Eindrücke, Menschen und Verhältnisse aller Art. Ausser den
Agenten der Seeplätze, welche fast täglich Warenproben brachten, und ausser den
Sensalen der Börse, welche die Geldgeschäfte des Hauses vermittelten, Wechsel
anboten und verkauften, zog durch das vordere Comtoir vom Morgen bis zum Abend
eine bunte Prozession von allerlei Volk. Da kamen Materialhändler aus der
Provinz, altväterische Männer mit jeder Art von Mützen und jedem Grade von
Bildung und Zuverlässigkeit; sie kauften, drückten die Hände, und verlangten als
spezielle Freunde des Geschäftes behandelt zu werden; ferner Gutsbesitzer jedes
Standes aus der Landschaft, welche die angebauten Handelsgewächse, Färbekräuter,
Gewürze usw. anboten; dann polnische Juden, schwarzlockige Gesellen im langen
seidenen Kaftan, die zuweilen einkauften, gewöhnlich aber die Produkte ihrer
Länder, Wolle, Hanf, Potasche, Talg verkaufen wollten. Mit ihnen war der Verkehr
am wenigsten geschäftsmässig, ihr Kommen erregte jedesmal unter den jüngeren
Leuten des Comtoirs stille Heiterkeit. Dazwischen kamen Bettler, Hilfesuchende
aller Art, Geschäftsfreunde des Hauses, Fuhrleute, welche ihre Frachtbriefe
forderten, Auflader und Hausknechte, welche Aufträge erhielten oder die Aufträge
anderer Geschäfte ausrichteten. Anton fand es sehr schwer, bei diesem ewigen
Türöffnen und Durcheinandersprechen seine Gedanken zusammenzuhalten und die
einfache Arbeit, welche ihm aufgetragen war, zu vollenden.
    Eben war Herr Braun eingetreten, der Agent eines befreundeten Hauses in
Hamburg, und hatte aus seiner Tasche eine Anzahl Kaffeeproben hervorgeholt.
Während diese vom Prinzipal besichtigt wurden, gestikulierte der kleine behende
Agent mit seinem goldenen Stockknopf in der Nähe von Antons Augen umher und
berichtete von einem Seesturme und dem Schaden, den er angerichtet haben sollte.
Da knarrte die Tür, und eine ärmlich gekleidete Frau trat herein. Herr Specht
erhob sich und fragte: »Was wollen Sie?« Man hörte klägliche Töne, welche mit
dem Gepiep eines kranken Huhns Ähnlichkeit hatten, der Kaufmann griff schnell in
die Tasche, und das Piepen verwandelte sich in ein behagliches Glucksen.
»Haushohe Wellen«, ruft der Agent. - »Gott vergelt es tausendmal«, gluckst die
Frau. - »Macht 550 Mark, zehn Schilling«, sagt Herr Baumann zum Prinzipal.
    Jetzt wird die Tür heftig aufgerissen, ein starker Mann, mit einem Geldsacke
unterm Arm, tritt ein, er setzt den Geldsack triumphierend auf den Marmortisch
und ruft mit dem Ausdruck eines Mannes, der eine gute Tat vollbringt: »Hier bin
ich, und hier ist Geld!« Sogleich erhebt sich Herr Jordan und sagt vertraulich:
»Guten Morgen, Herr Stephan, wie geht's in Wolfsburg?« - »Ein furchtbares Loch«,
klagt Herr Braun. - »Wo?« fragt Fink. - »Es ist keine schlechte Stadt, aber
wenig Nahrung«, sagt Herr Stephan. - »Natürlich im Rumpfe des Schiffes«,
antwortet Herr Braun. - »Fünfundsiebzig Sack Kuba«, bemerkt der Prinzipal als
Antwort auf die Frage eines Kommis.
    Während nun Herr Stephan die Neuigkeiten seiner Stadt erzählt, darunter die
traurige Geschichte eines Lehrjungen, der sich mit Hilfe einer Schlüsselbüchse
erschossen hat, und während Jordan diese notwendige Einleitung zu dem
bevorstehenden Einkauf geduldig durchmacht, öffnet sich wieder die Tür, ein
Bedienter tritt ein und ein Jude aus Brody. Der Diener bringt dem Kaufmann die
Einladung zu einem Diner, und der Jude schleicht an die Ecke, wo Fink sitzt.
    »Wozu kommt Ihr wieder, Schmeie Tinkeles?« frägt Fink kalt, »ich habe Euch
schon gesagt, dass wir kein Geschäft mit Euch machen wollen.«
    »Kein Geschäft?« ruft der unglückliche Tinkeles krächzend in abscheulichem
Deutsch, so dass Anton ihn nur mit Mühe versteht. »Solche Wolle, wie ich bringe,
ist noch nicht gewesen im Lande.«
    »Wie hoch der Zentner?« fragt Fink schreibend, ohne den Juden anzusehen.
    »Was ich doch habe gesagt«, antwortet der Jude.
    »Ihr seid ein Narr«, sagt Fink, »fort mit Euch.«
    »Kein Lotse kann ihm helfen«, sagt Herr Braun.
    »Meine Empfehlung an Herrn Kommerzienrat«, sagt der Kaufmann.
    »Mit einem Schwefelhölzchen hat er den Schlüssel angezündet«, ruft Herr
Stephan zum Himmel blickend.
    »Wai!« schreit der Mann im Kaftan. »Was ist das: Fort mit Euch? Mit Fort
kann man machen keine Geschäfte.«
    »Was wollt Ihr also haben für Eure Wolle?«
    »41 2/3«, sagt Tinkeles.
    »Hinaus!« bemerkt Fink. - »Sagen Sie doch nicht immer hinaus!« bittet der
Jude in Verzweiflung. »Sagen Sie, was wollen Sie geben?«
    »Wenn Ihr so unverschämt fordert, gar nichts«, sagt Fink, eine neue Seite
seines Briefes beginnend.
    »Sagen Sie doch nur, was wollen Sie geben?« bittet der Jude wieder.
    »Nur wenn Ihr wie ein anständiger Mensch redet«, antwortet Fink den Juden
ansehend.
    »Ich bin anständig«, sagt der Jude leise, »was wollen Sie geben?« - »39«,
sagt Fink.
    Jetzt gerät Schmeie Tinkeles ausser sich, schüttelt seine schwarzen Locken
und verschwört sich bei seiner Seele Seligkeit mit lautem Geschrei, er könne
nicht unter 41; worauf Fink ihn bedeutet, er werde ihn von einem Hausknecht
hinausführen lassen, wenn er solchen Lärm mache. Darauf geht der Jude entrüstet
vor die Tür, steckt den Kopf wieder herein und ruft: »Also was wollen Sie
geben?«
    »39«, sagt Fink und sieht der aufgeregten Mimik des Händlers ungefähr mit
demselben Interesse zu, mit dem ein Physiker die galvanischen Zuckungen eines
Frosches betrachtet. Die Zahl 39 bewirkt in der Seele des Juden eine neue
Explosion, er tritt wieder vor, verschwört seine Seele in den tiefsten Abgrund
der Hölle und erklärt sich selbst für das nichtswürdigste Scheusal der Welt,
wenn er für weniger als 41 ablassen könne. Als er sich auf wiederholte
Ermahnungen Finks, ruhig zu werden, dazu nicht entschliessen kann, wird der
Hausknecht gerufen. Das Erscheinen desselben wirkt so weit beruhigend, dass Herr
Tinkeles erklärt, er könne allein gehen und werde allein gehen, worauf er
stillsteht und 40 1/2 sagt. Der Agent, der Provinziale und das Comtoir sind
still und hören der Verhandlung neugierig zu, während Fink dem armen Schmeie mit
einer gewissen Herzlichkeit den Vorschlag macht, er solle sich ohne weiteres
entfernen, er sei völlig Narr und mit ihm kein Geschäft zu machen. Darauf wendet
sich der Jude trotzig ab und geht hinaus. Und wieder fährt Herr Braun fort:
»Dieser Sturm war ein seltenes Unglück, der Kaffee muss steigen«; und Herr
Stephan beweist, dass die Selbstmorde und andere Untaten seit Erfindung der
Schwefelhölzer zugenommen haben; und Fink sagt zum Prinzipal, der einen unterdes
erhaltenen Brief durchliest: »Er wird's lassen, wenn ich ihm noch einen halben
Taler zulege. Wollen Sie mit 39 1/2 abmachen?«
    »Wieviel?« fragt der Kaufmann.
    »120 Zentner«, sagt Fink.
    »Nehmen Sie«, sagt der Kaufmann und liest weiter.
    Von neuem wird die Tür aufgerissen, das Geschwirr geht fort, und Anton müht
sich vergebens zu verstehen, wie man die Wolle kaufen könne, nachdem der
Verkäufer in so entschiedener Weise gegangen ist. Da öffnet sich, grade als
wieder drei bis vier Stimmen durcheinander sprechen, ganz leise die Tür,
Tinkeles schleicht auf Zehen herein bis hinter Finks Platz und sagt, diesem die
Hand auf die Schulter legend, wehmütig und vertraulich: »Was wollen Sie noch
geben?«
    Fink wendet sich um und sagt ebenfalls mit vertraulichem Lächeln: »Weil Ihr
es seid, Tinkeles, 39 1/3, aber nur unter der Bedingung, dass Ihr kein Wort
weiter sprecht, sonst nehm ich das Gebot zurück.«
    »Ich spreche nichts«, antwortet der Jude, »sagen Sie 40.«
    Fink macht eine Bewegung der Entrüstung und weist schweigend nach der Tür.
Der Händler geht und dreht an der Tür um.
    Jetzt kommt's, sagt Fink. Darauf kehrt der Händler zurück und spricht mit
mehr Haltung: » 39 1/2, wenn Sie es dafür wollen nehmen.«
    Nach einigem Zögern bemerkt Fink wie gelegentlich: »Es mag sein.« Worauf
Schmeie Tinkeles ganz umgewandelt ist, sich als liebenswürdiger Freund der
Handlung erweist und angelegentlich nach dem Befinden des Prinzipals erkundigt.
    Und wieder knarrte nach diesem Intermezzo die Tür, neue Käufer und Verkäufer
kamen, die Menschen sprachen und die Federn knisterten, das Geld rollte
unaufhörlich.
    Auch der Haushalt, dem Anton jetzt angehörte, erschien ihm sehr fremdartig
und mächtig.
    Das Haus selbst war ein altes unregelmässiges Gebäude mit Seitenflügeln,
kleinen Höfen und Hinterhäusern, voll von Mauern und kleinen Treppen, von
geheimnisvollen Durchgängen, wo kein Mensch welche vermutete, von Korridoren,
Nischen, tiefen Wandschränken und Glasverschlägen. Es war ein durchaus
künstlicher Bau, an dem Jahrhunderte gearbeitet hatten, um ihn für späte Enkel
so schwierig und unverständlich als irgend möglich zu machen. Und doch sah er im
ganzen betrachtet ansehnlich und behaglich aus und umfasste mit seinen Mauern
eine ganze Welt von Menschen und Interessen. Der ganze Raum unter dem Gebäude
und unter seinen Höfen war zu Kellern gewölbt und bis an die Gewölbgurte gefüllt
mit Waren; das ganze Parterre gehörte der Handlung und entielt ausser den
Comtoirzimmern fast nichts als Warenräume. Darüber lagen im Vorderhaus die Säle
und Zimmer, in denen der Kaufherr selbst wohnte. Herr Schröter war nur kurze
Zeit verheiratet gewesen, in einem Jahr hatte er Frau und Kind verloren, seit
dem Tode seiner Eltern war eine Schwester alles, was er von Familie besass.
Streng hielt der Kaufmann auf den alten Brauch seiner Handlung. Alle Herrn des
Comtoirs, welche nicht verheiratet waren, wohnten in seinem Hause, gehörten
seinem Haushalt an und assen alle Mittage Punkt ein Uhr an dem Tische des
Prinzipals. Am Morgen nach Antons Eintritt hatte Herr Schröter nur wenige Worte
mit ihm gewechselt und ihn darauf Herrn Jordan und dem Provinzialgeschäft
übergeben. Jetzt, einige Minuten vor der Mittagstunde, war Anton in die Zimmer
des ersten Stockes bestellt, um der Dame des Hauses vorgestellt zu werden.
Erwartungsvoll stieg er die Teppichstufen der breiten Treppe hinauf, der
Bediente öffnete und führte ihn durch eine Reihe von Gemächern in das
Empfangszimmer. Anton sah auf seinem Wege mit Erstaunen den ruhigen und soliden
Glanz der Einrichtung, die grossen Wandspiegel, schwere Stoffe, Gemälde,
Blumentische, zahlreiche Vasen und Fruchtschalen von Stein und gemaltem
Porzellan. Der Diener schlug eine Portiere zurück, und Anton machte auf dem
glatten Parkettboden eine tiefe Verbeugung, als der Prinzipal ihn einer jungen
Dame vorstellte und dazusetzte: »Meine Schwester Sabine.«
    Fräulein Sabine zeigte über dem eleganten Sommerkleide ein feines bleiches
Gesicht, von rabenschwarzem Haar eingefasst. Sie war vielleicht nicht älter als
Anton, aber sie hatte die Würde und Haltung einer Hausfrau. Sie nötigte Platz zu
nehmen und fragte ihn teilnehmend, wie er sich eingerichtet habe und ob er noch
irgend etwas vermisse.
    »Meine Schwester regiert uns alle«, sagte der Kaufmann mit einem
freundlichen Blick auf die Dame, »machen Sie hier Ihre Bekenntnisse, wenn Sie
irgendeinen wirtschaftlichen Wunsch haben; sie ist die gute Fee, welche den
Haushalt in Ordnung hält.«
    Anton sah zu der Fee auf und antwortete schüchtern: »Ich habe bis jetzt
alles weit glänzender gefunden, als ich von Hause aus gewöhnt bin.«
    »Ihr Leben wird Ihnen bei alledem mit der Zeit einförmig erscheinen«, fuhr
der Kaufmann fort, »es ist eine strenge Regelmässigkeit in unserm Hause, Sie
haben viel Arbeit und wenig Zerstreuung zu erwarten; meine Zeit ist sehr in
Anspruch genommen, auch nach dem Schluss des Comtoirs. Wenn Sie aber in
irgendeiner Angelegenheit Rat oder Hilfe wünschen, so bitte ich, sich vor allen
an mich zu wenden.«
    Nach dieser kurzen Audienz erhob er sich und führte Anton nach dem
Speisezimmer. Auf dem Wege setzte er ihm die Stellung eines Lehrlings im
Geschäft auseinander. Anton fand seine Kollegen bereits aufgestellt und in
bescheidener Toilette das Mahl erwartend; Sabine trat ein und mit ihr eine
ältliche Dame, eine entfernte Verwandte der Familie, welche dem Fräulein in der
Wirtschaft half und sehr gutmütig aussah. Die Herrn vom Comtoir machten den
Damen ihre Verbeugung, und Anton erhielt seinen Platz am Ende einer langen
Tafel, zwischen den jüngsten seiner Kollegen. Ihm grade gegenüber sass Sabine,
neben dieser ihr Bruder, auf der andern Seite die Verwandte, neben dieser Herr
von Fink und dahinter alles übrige genau nach Rang und Alter im Geschäft. Es war
im ganzen ein stilles Diner, welches eingenommen wurde, Antons Nachbarn sprachen
nur wenig und mit gedämpfter Stimme, das Gespräch wurde fast ausschliesslich von
dem Prinzipal geleitet. Nur der Jockei von gestern benahm sich mit grösster
Unbefangenheit, erzählte kleine lächerliche Geschichten, wusste andere Leute
vortrefflich in Stimme und Haltung nachzuahmen und bewies seiner Nachbarin, der
gutmütigen Tante, eine fast übertriebene Aufmerksamkeit. Kurz Anton, dessen Herz
bereits voller Pietät und Ehrfurcht war, sah mit einer Art von frommem
Entsetzen, dass Fink den ganzen Tisch so behandelte, als wäre die Tafel nur
seinetwegen gedeckt und als hätte der Kaufherr nur deshalb ein Geschäft, damit
Fink, sein Volontär, leichtsinnige Scherze machen und alle Anwesenden dreist
anreden könnte. dabei glaubte er wahrzunehmen, dass der Kaufherr selbst den
jungen Herrn mit Kälte behandelte, und ferner, dass Fink sich sehr wenig um dies
zurückhaltende Wesen des Hausherrn kümmerte. Der Diener im schwarzen Frack
servierte mit grösster Akkuratesse, und als sich die Herrn vom Geschäft mit einer
Verbeugung erhoben und ihre Stühle wegrückten, nahm Anton aus dem Speisesaal die
Überzeugung mit hinaus, dass er noch nie so vornehm und feierlich sein
Mittagsbrot verzehrt habe.
    Mit allen werde ich zurechtkommen, nur mit diesem Herrn Fink nicht, sagte
sich Anton den Tag über, er ist zu dreist und zu stolz. Auch sitzen blieb er,
als alle von unserem Geschäft aufstanden. Er passt nicht hierher, entschied der
neue Ankömmling mit einer Weisheit, in welcher mehr Instinkt als Erfahrung war.
Seit der Zeit sah Anton mit einiger Scheu auf Herrn von Fink, er musste aber oft
nach ihm hinsehen und sich viel um ihn kümmern, denn das Wesen des Gentlemans
imponierte ihm doch sehr; der edel geformte Kopf, ein schmales Gesicht mit
feinen Zügen, die sichere Haltung und die kurze Entschlossenheit in Bewegungen
und Worten. Anton getraute sich kaum ihn anzureden, und Fink gab ihm keine
Veranlassung dazu, denn er schien von der Anwesenheit des neuen Lehrlings nichts
mehr zu wissen. Nur einmal, als Anton zufällig vor Fink die Treppe des
Hinterhauses hinaufging, redete ihn dieser an: »Nun Master Wohlfart, wie gefällt
es Ihnen in diesem Hause?«
    Anton blieb stehen und sagte, wie sich für einen guten Jungen schickt:
»Ausgezeichnet! Ich sehe und höre so viel Neues, dass ich noch gar nicht zu mir
selbst kommen kann.«
    »Sie werden das alles gewohnt werden«, lachte Fink, »wie an einem Tage geht
es das ganze Jahr ohne eine Veränderung fort. Am Sonntage ein Gericht mehr und
ein Glas Wein vor jedem Couvert, und Sie werden guttun, dazu Ihren Leibrock
anzuziehen. Sie sind jetzt als Rad eingefügt in die Maschine, und es wird von
Ihnen erwartet, dass Sie das ganze Jahr regelmässig abschnurren.«
    »Ich weiss, dass ich fleissig arbeiten muss, um das Vertrauen Herrn Schröters zu
erwerben«, antwortete der kleine Philister gereizt durch die rebellische
Gesinnung des Volontärs.
    »Eine tugendhafte Bemerkung«, spottete dieser; »in wenigen Wochen werden Sie
sehen, mein armer Junge, welch ein himmelweiter Unterschied ist zwischen dem
Herrn des Geschäfts und den Leuten, welche seine Briefe schreiben und seine
Kunden abfertigen. Kein Fürst auf Erden lebt so stolz und einsam unter seinen
Vasallen, als dieser Kaffeebeherrscher in seinem Reiche. Lassen Sie sich
übrigens durch meine Reden nicht stören«, fügte er mit etwas mehr Gutmütigkeit
zu, »das ganze Haus wird Ihnen sagen, dass ich unzurechnungsfähig bin. Da Sie mir
aber aussehen, wie ein hoffnungsvoller Comtorist, so will ich Ihnen noch einen
ehrlichen Rat geben. Kaufen Sie sich einen englischen Sprachlehrer und machen
Sie, dass Sie fortkommen, bevor Sie hier einrosten. Alles, was Sie hier lernen,
wird Sie noch nicht zu einem tüchtigen Mann machen, wenn Sie anders das Zeug
haben, überhaupt einer zu werden. Guten Abend!« Mit diesen Worten drehte Fink
unserm Anton den Rücken und liess diesen, wieder ärgerlich über den hohen Ton,
den der Jockei angenommen hatte, zurück.
    Wohl empfand unser Held nach einiger Zeit mitten in dem Rauschen des
Geschäftslebens die ewige Gleichförmigkeit der Stunden und Tage; wohl ermüdete
ihn das zuweilen, aber es machte ihn nicht unglücklich, denn durch seine Eltern
war er an Ordnung und regelmässigen Fleiss gewöhnt, und diese beiden Tugenden
halfen ihm über manche langweilige Stunde hinweg.
    Herr Jordan gab sich redlich Mühe, den Lehrling in die Geheimnisse der
Warenkunde einzuweihen, und die Stunde, in welcher Anton zuerst in das Magazin
des Hauses trat und hundert verschiedene Stoffe und merkwürdige Bildungen
persönlich mit allen Kunstausdrücken kennenlernte, wurde für seinen
empfänglichen Sinn die Quelle einer eigentümlichen Poesie, die wenigstens
ebensoviel wert war, als manche andere poetische Empfindung, welche auf dem
märchenhaften Reiz beruht, den das Seltsame und Fremde in der Seele des Menschen
hervorbringt.
    Es war ein grosses dämmriges Gewölbe im Parterre des Hauses, durch Fenster
mit Eisenstäben notdürftig erhellt, in welchem die Warenproben und kleinen
Vorräte für den täglichen Verkehr lagen. Tonnen, Kisten und Ballen standen auch
hier massenhaft durcheinander, und nur schmale gewundene Pfade führten
dazwischen durch. Fast alle Länder der Erde, alle Rassen des Menschengeschlechts
hatten gearbeitet und eingesammelt, um Nützliches und Wertvolles vor den Augen
unseres Helden zusammenzutürmen.
    Der schwimmende Palast der Ostindischen Kompagnie, die fliegende
amerikanische Brigg, die altertümliche Arche der Niederländer hatten die Erde
umkreist, starkrippige Walfischfänger hatten ihre Nasen an den Eisbergen des
Süd- und Nordpols gerieben, schwarze Dampfschiffe, bunte chinesische Dschunken,
leichte malaiische Kähne mit einem Bambus als Mast, alle hatten ihre Flügel
gerührt und mit Sturm und Wellen gekämpft, um dies Gewölbe zu füllen. Diese
Bastmatten hatte eine Hindufrau geflochten, jene Kiste war von einem fleissigen
Chinesen mit rot und schwarzen Hieroglyphen bemalt worden, dort das Rohrgeflecht
hatte ein Neger aus Kongo im Dienst des virginischen Pflanzers über den Ballen
geschnürt; dieser Stamm Färbeholz war an dem Sande herabgerollt, den die Wellen
des mexikanischen Meerbusens angeworfen haben, jener viereckige Block von
Zebra-oder Jakarandaholz hatte in dem sumpfigen Urwald Brasiliens gestanden, und
Affen und bunte Papageien waren über seine Blätter gehüpft. In Säcken und Tonnen
lag die grünliche Frucht des Kaffeebaumes fast aus allen Teilen der Erde, in
rohen Bastkörben breiteten sich die gerollten Blätter der Tabakspflanze, das
bräunliche Mark der Palme und die gelblichen Kristalle aus dem süssen Rohr der
Plantagen. Hundert verschiedene Pflanzen hatten ihr Holz, ihre Rinde, ihre
Knospen, ihre Früchte, das Mark und den Saft ihrer Stämme an dieser Stelle
vereinigt. Auch abenteuerliche Gestalten ragten wie Ungetüme aus dem Chaos
hervor, dort hinter dem offnen Fass, gefüllt mit oranger Masse - es ist Palmöl
von der Ostküste Afrikas - ruht ein unförmiges Tier - es ist Talg aus Polen, der
in die Haut einer ganzen Kuh eingelassen ist -, daneben liegen, zusammengedrückt
in riesigem Ballen, gepresst mit Stricken und eisernen Bändern, fünfhundert
Stockfische, und in der Ecke gegenüber erheben sich über einem Haufen
Elefantenzähne die Barten eines riesigen Wals.
    Anton stand noch stundenlang, nachdem die Erklärungen seines Lehrmeisters
aufgehört hatten, neugierig und verwundert in der alten Halle, und die Gurte der
Wölbung und die Pfeiler an der Wand verwandelten sich ihm in grossblättrige
Palmen, und das Summen und Geräusch auf der Strasse erschien ihm wie das
entfernte Rauschen der See, die er nur aus seinen Träumen kannte, und er hörte
die Wogen des Meeres in gleichmässigem Takt an die Küste schlagen, auf welcher er
so sicher stand.
    Diese Freude an der fremden Welt, in welche er so gefahrlos eingekehrt war,
verliess ihn seit dem Tage nicht mehr. Wenn er sich Mühe gab, die
Eigentümlichkeiten der vielen Waren zu verstehen, so versuchte er auch durch
Lektüre deutliche Bilder von der Landschaft zu bekommen, aus welcher sie
herkamen, und von den Menschen, die sie gesammelt hatten.
    So vergingen schnell die ersten Monate seines Lebens in der Hauptstadt, und
es war gut für ihn, dass er auch in seinen Freistunden diese lebhafte
Unterhaltung mit der ganzen Welt zu führen hatte, denn in einem hatte Fink recht
gehabt: Anton blieb trotz dem täglichen Mittagstisch in dem parkettierten
Speisezimmer doch dem Chef des Hauses und der Familie sehr fremd und fühlte
bald, dass eine Schranke gezogen sei zwischen den Herren vom Comtoir und den
Personen des Hauses, die, so unbemerkbar sie für Fremde sein mochte, doch
eisenfest stand. Er war so verständig, dass es ihm nicht einfiel, darüber zu
murren, aber er wurde doch manchmal dadurch gedrückt, denn mit dem Entusiasmus
der Jugend war er schnell bereit, seinen Prinzipal als das Ideal eines Kaufmanns
zu verehren. Die Klugheit, Sicherheit und energische Kürze des Mannes und seine
stolze Redlichkeit begeisterten ihn; er hätte sich gar zu gern mit
schwärmerischer Innigkeit an ihn angeschlossen, aber er sah ausser den
Geschäftsstunden wenig von ihm. Wenn der Kaufmann am Abend nicht in Konferenzen
oder im Klub war, so lebte er nur für seine Schwester, an der er mit einer
rührenden Zärtlichkeit hing. Für seine Schwester hielt der Kaufmann Wagen und
Pferde, die er selbst nie benutzte, ihr zuliebe besuchte er auch
Abendgesellschaften und gab selbst welche, zu denen Anton und seine Kollegen
nicht zugezogen wurden. Dann rollten die Equipagen vor das Haus, galonierte
Bediente flogen treppauf treppab, und bunte Schatten schwebten an den
erleuchteten Fenstern des Vorderhauses vorüber, während Anton in seiner
Dachstube sass und mit Sehnsucht auf das glänzende Leben des Haushaltes sah, zu
dem er doch auch gehörte: mit heisser Sehnsucht, denn unser Held war kaum
neunzehn Jahr alt und kannte die geschmückte Geselligkeit eleganter Kreise nur
aus den trügerischen Schilderungen der Bücher, welche er gelesen hatte. Dann
sagte ihm zwar immer sein Verstand, dass er nicht in das Vorderhaus gehöre, und
was daraus werden solle, wenn er mit seinem Dutzend Kollegen, die so verschieden
an Bildung waren, bei solchen Gesellschaften sich ausbreiten wolle. Aber was der
Verstand, dieser alte Herr, sagt, wird von der jungen Dame Begehrlichkeit nicht
immer ehrerbietig angehört, und Anton schlich manchmal mit einem leisen Seufzer
vom Fenster zu seiner Lampe und den Büchern zurück, und bemühte sich die
lockende Musik der Quadrille zu vergessen, indem er auf das Geschrei des Löwen
und das Gurgeln des Brüllfrosches in irgendeinem tropischen Land lauschte.
 
                                       6
Der Freiherr von Rotsattel hatte sein Quartier in der Hauptstadt selbst
eingerichtet. Es war nur von mässiger Grösse, aber die Form der Möbel, die
Arabesken der einfachen Wandmalerei, die Zeichnung auf Vorhängen und Teppichen
waren so geschmackvoll zusammengepasst, dass das Ganze in der guten Gesellschaft
als ein Muster von Eleganz und Wohnlichkeit gerühmt wurde. Recht in der Stille
hatte er das alles vorbereitet. Endlich hielt der neugekaufte Wagen vor der
Wohnung, der Freiherr hob seine Gemahlin heraus und führte sie durch die Reihe
der Zimmer bis zu ihrem kleinen Boudoir, das ganz mit weisser Gaze dekoriert war,
die Decke eine Sonne von weissen Falten, und an allen Wänden weiss gefältelte
Sterne. Da flog ihm die Baronin entzückt über so viel Aufmerksamkeit in die
Arme, und der gute Herr fühlte sich zufrieden und stolz wie ein König. Schnell
war die Familie eingelebt, die Ackerpferde führten vom Gut die unvermeidlichen
Kisten, Truhen und Vorräte an Lebensmitteln herbei, und nachdem einige Tage
hindurch zahlreiche Strohhalme von Treppen, Fussböden und Teppichen abgefegt
worden waren, konnte man daran denken, sich ausserhalb des Hauses umzusehen und
die nötigen Besuche zu machen.
    Ein grosser Teil des Landadels pflegte die Wintermonate in der Hauptstadt
zuzubringen, und die Rotsattel fanden mehrere Gutsnachbarn, viele Bekannte und
Verwandte. Überall war man erfreut, die angesehene Familie in der Stadt zu
begrüssen, und nach wenigen Wochen fanden sie sich mitten in einem grossen Kreise
zu fröhlicher Geselligkeit eingelebt. Der niedere Adel mit all seinen Titeln,
welche ihm von den deutschen Regenten freigebig erteilt worden sind, bildete
eine stattliche, ziemlich abgeschlossene Korporation, und wenn in dem Völkchen
auch nicht gerade ein Überfluss von geistreicher Bildung vorhanden war, so war
doch das gesellige Behagen, mit dem sie untereinander verkehrten, vielleicht um
so grösser. Die Baronin wurde durch ihre sichere Liebenswürdigkeit eine
Hauptgrösse der Frauenwelt, auch ihr Gemahl, der in den ersten Wochen manchmal
die Wanderungen durch den Wirtschaftshof und die Spazierritte in seinem Wald
vermisst hatte, fand sich bald unter seinen Jugendfreunden nicht weniger wohl. Er
wurde Mitglied einer adeligen Ressource, suchte seine alte Virtuosität auf dem
Billard hervor, spielte mit Anstand Whist und L'hombre und trieb in müssigen
Stunden etwas Politik und ein wenig Kunst. So verlebte die Familie eine
behagliche und interessante Wintersaison, und der Freiherr und seine Gemahlin
äusserten einander ihre Verwunderung, warum sie ihrem Leben nicht schon in
frühern Jahren diese bescheidene und anständige Abwechselung gegönnt hätten.
    Nur Lenore war mit dem Umzug nicht ganz zufrieden. Sie fuhr fort, die
Befürchtung ihrer Mutter zu rechtfertigen, dass sie ein Original werden könnte.
Es wurde ihr schwer, den zahlreichen ältlichen Tanten der Familie eine anmutige
Ehrerbietung zu bezeigen, und noch schwerer wurde ihr, lustige Herren aus der
Nachbarschaft, gute Freunde ihres Vaters, die sie vom Gut her kannte, hier in
der Stadt nicht zuerst anzureden, wenn sie ihnen auf der Strasse begegnete. Auch
das Behältnis war ihr peinlich, in dem sie die Bildung aus dem Mädcheninstitut
nach Hause tragen musste. Es war ein Zwitter von Tasche und Mappe, voll von
langweiligen Heften und Lehrbüchern. Da die Mutter nicht gern sah, wenn der
Bediente ihr die Schulbücher nachtrug, so schlenkerte sie das Ding verächtlich
am Arm, so oft sie auf der Strasse ging, blieb dabei von Zeit zu Zeit stehen und
sah wie eine Juno mit dreistem Blick auf die Gruppen der Marktleute, auf
Eckensteher, die sich prügelten, und auf andere Menschenknäuel, welche sich in
den Strassen einer grossen Stadt zusammenballen. Einst, als sie so auf der Strasse
stand, die Mappe als Zeichen ihrer Sklaverei am Arme und einen kleinen
Regenschirm in der Hand, siehe, da kam ihr auf dem Trottoir der junge Herr
entgegen, den sie im Garten umhergeführt und über den Teich gefahren hatte. Sie
freute sich darüber; er war ihr eine freundliche Erinnerung an das Gut, an ihren
Pony und an das Volk der Schwäne. Noch war er eine Strecke entfernt, als ihre
Falkenaugen ihn beobachteten. Er kam näher und sah sie nicht. Da ihr die Mutter
verboten hatte, irgendeinen Herrn auf der Strasse anzusprechen, so blieb sie in
seinem Wege stehen und stampfte ihren Schirm befehlend vor ihm auf die Steine.
Anton, der im Geschäftstrott war, blickte auf und sah mit der höchsten Freude,
dass das schöne Fräulein vom See vor ihm stand. Er zog errötend seinen Hut, und
das Fräulein erkannte aus seinem strahlenden Gesicht mit Befriedigung, dass trotz
der Büchertasche ihre Erscheinung auf ihn noch ebenso gewaltig wirkte, als
früher.
    »Wie geht es Ihnen, mein Herr?« frug sie würdevoll das Köpfchen
zurückwerfend.
    »Sehr gut«, sagte Anton; »wie bin ich glücklich, Sie hier in der Stadt zu
sehen.«
    »Wir wohnen jetzt hier«, sprach das Fräulein weniger vornehm, »für den
Winter Bärenstrasse Nr. 20.«
    »Darf ich fragen, wie sich der Pony befindet?« sagte Anton ehrfurchtsvoll.
    »Denken Sie, er hat zu Hause bleiben müssen«, klagte die Dame; »und was
treiben Sie hier?«
    »Ich bin in der Handlung von T.O. Schröter«, antwortete Anton mit einer
Verbeugung.
    »Also Kaufmann?« sagte das Fräulein, »und womit handeln Sie?«
    »Kolonialwaren und Produkte; es ist das grösste Geschäft in dieser Branche
hier am Platz«, antwortete Anton mit Selbstgefühl.
    »Und haben Sie gute Menschen gefunden, die auch für Sie sorgen?«
    »Mein Prinzipal ist sehr gütig gegen mich«, antwortete Anton, »in
Kleinigkeiten muss ich für mich selbst sorgen.«
    »Haben Sie auch Freunde hier, mit denen Sie sich amüsieren?« setzte das
Fräulein ihr Examen fort.
    »Einige Bekannte. Ich habe aber viel zu tun, und in den Freistunden muss ich
für mich lernen.«
    »Sie sehen auch etwas bleich aus«, sagte das Fräulein, ihn mit mütterlichem
Wohlwollen betrachtend. »Sie müssen sich mehr Bewegung machen und fleissig
spazierengehen. - Es ist mir angenehm gewesen, Sie hier zu treffen; ich werde
mich freuen, wenn ich höre, dass es Ihnen wohlgeht«, fügte sie, wieder in
Majestät übergehend, hinzu. Sie sah ihn noch einen Augenblick an, grüsste mit dem
Kopf und verschwand in dem Menschenstrom, während Anton ihr mit abgezogenem Hut
nachsah.
    Lenore fand nicht für nötig, über das zufällige Zusammentreffen viele Worte
zu verlieren. Nur als einige Tage darauf die Baronin ihren Gemahl fragte, aus
welcher Handlung wollen wir die Waren nehmen, die der Haushalt braucht; da sah
Lenore von ihrem Buche auf und sagte: »Die grösste Handlung hier am Platz ist von
T.O. Schröter, Kolonialwaren und Produkte.«
    »Woher weisst du das?« fragte der Vater lachend, »du sprichst ja wie ein
gelernter Kaufmann.«
    »Das kommt alles von diesem Mädcheninstitut«, antwortete Lenore trotzig.
    Über den geselligen Freuden vergass der Freiherr nicht den Hauptzweck seines
Aufentaltes in der Stadt. Er zog sorgfältige Erkundigungen ein über die
technischen Gewerbe, welche andere Gutsbesitzer eingerichtet hatten, er besuchte
die Fabriken der Stadt und bemühte sich gebildete Techniker kennenzulernen. Er
bekam eine Masse von Nachrichten und erwarb einige Kenntnisse in Maschinen und
Fabrikanlagen. Aber die Nachrichten, welche er erhielt, waren so widersprechend,
und die Anschauungen, welche er selbst gewann, so unvollständig, dass er zuletzt
für das beste hielt, nichts zu übereilen, und abzuwarten, bis sich ein
geschäftliches Unternehmen von besonderer und möglichst sicherer Rentabilität
fände.
    Es darf nicht verschwiegen werden, dass zu dieser Zeit auch der
Familienschatz durch ein schönes mit vergoldetem Messing beschlagenes Kästchen
vermehrt wurde. Es war von gefasertem Holz mit Arabesken von mattem Metall und
mit einem sehr künstlichen Schloss, welches für einen Spitzbuben gar nicht zu
öffnen war und den Dieb in die Notwendigkeit versetzte, das ganze Kästchen zu
stehlen. In diesem Behältnis lagen fünfundvierzigtausend Taler in neuen weissen
Pfandbriefen der Landschaft. Der Freiherr betrachtete die Pfandbriefe mit vieler
Zärtlichkeit. Er sass in den ersten Tagen stundenlang vor dem geöffneten Kästchen
und wurde nicht müde, die Pergamentblätter nach den Nummern zu ordnen, sich über
den reinlichen weissen Glanz derselben zu freuen und die Tilgungspläne für das
Kapital zu entwerfen. Auch als er das Kästchen der Sicherheit wegen wieder ins
Depositum der Landschaft gegeben hatte, war der Gedanke daran eine von den
kleinen Freuden, welche der ritterliche Gutsherr im stillen hatte. Ja, der Geist
dieses Kästchens spukte in seinem Haushalt fort. Die Baronin war verwundert,
wenn ihr Gemahl zuweilen anfing, da zu sparen, wo er es sonst nicht getan hatte;
wenn er einige Male von Logenbilletten abriet, weil man gute Wirtschaft treiben
müsse, oder wenn er ihr mit einer gewissen Freude erzählte, dass er am
vergangenen Abend zehn Louisdor im Spiel gewonnen habe. Die verständige Dame
wurde ernstlich besorgt, ob ihr Gemahl nicht durch einen Unfall in
Geldverlegenheit gekommen sei; indes beruhigten sie seine Versicherungen vom
Gegenteil und ein zufriednes Lächeln, welches in solchen Stunden über seinem
Gesicht schwebte, sehr bald wieder. In der Tat waren die kleinen Anfälle von
Sparsamkeit nicht konsequent und ergaben sich als nichts anderes, als eine
unschuldige Laune, denn in allen grössern Dingen hielt der Freiherr in gewohnter
Weise auf anständige Repräsentation, und sein Auftreten war durchaus seiner
Familie und seinem Wohlstande entsprechend.
    Auch war es in der Tat nicht möglich, gerade jetzt zurückzulegen. Das Leben
in der Stadt, die Einrichtung der Wohnung und die unvermeidlichen geselligen
Ansprüche verringerten natürlich die Ausgaben nicht.
    So kam es, dass der Freiherr, als er zur Abnahme der Winterrechnungen auf
sein Gut gereist war, sehr verstimmt nach der Stadt zurückkehrte. Er hatte grosse
Rechnung gemacht, er hatte gesehen, dass die Ausgaben des letzten Jahres grösser
gewesen waren, als die Einnahmen, dass der Revenuenanschlag des nächsten Jahres
keine Deckung des Defizits versprach, dass fast zweitausend Taler fehlten, welche
geschafft werden mussten. Der Gedanke griff ihn an das Herz, dass er dies Geld von
den weissen Pergamenten nehmen sollte, und dem Manne, welcher mit dem grössten
Anstand einen feindlichen Kugelregen ausgehalten hätte, wurde siedend heiss, wenn
er dachte, dass er in diesem Falle einige tausend Taler wirklicher Schulden auf
seinem Gut haben würde. Er war verständig genug, einzusehen, dass in seiner
Spekulation ein Fehler gewesen war. Wenn man ein Vermögen durch jährliche kleine
Ersparnisse erwerben will, muss man seine Ausgaben einschränken; er aber hatte
seine Ausgaben bedeutend vermehrt. Ohne Zweifel war diese Vermehrung sehr
notwendig gewesen, aber es war ein unglücklicher Zufall, dass das so
zusammentraf. Seit seinen Leutnanttagen hatte der gute Herr keine so peinliche
Unruhe empfunden. Aus der Stadt zurück konnte er nicht, dafür gab es tausend
Gründe; er hatte die Wohnung auf eine Reihe von Jahren gemietet, was würden die
Bekannten zu einer plötzlichen Abreise gesagt haben, wie hätte er seiner
geliebten Frau und Lenore das Opfer zumuten können? So verschloss er den Ärger in
sich. Er entschuldigte gegenüber den besorgten Fragen der Baronin seine
Verstimmung durch eine Erkältung auf der Reise, aber tagelang nagte der Gedanke
an ihm, dass er einen Verlust erlitten habe, dass er zurückgekommen sei; und je
sanguinischer er vorher gewesen war, desto niedergeschlagener wurde er jetzt. Ja
es geschah, dass er auf einem Spaziergange durch die Stadt bei einem
Lotterieeinnehmer eintrat und ein Lotterielos kaufte, damit ein gütiges Geschick
das gutmachen möge, was schadhaft war. Zuweilen, besonders am Abend, wenn er aus
heiterer Gesellschaft kam, lächelte er selbst über diese Verstimmung und schalt
sie töricht. Das ganze Unglück war so unbedeutend, es war ja keine Lebensfrage;
in wenigen Jahren konnten seine Angelegenheiten wieder aufs beste arrangiert
sein. Nur an den nüchternen Morgen kam ihm der langweilige Gedanke wieder, und
er konnte ihn nicht loswerden.
    An einem solchen Morgen wurde Herr Ehrental gemeldet, der ihm eine Summe
für gekauftes Getreide zu zahlen hatte. Den Freiherrn überkam ein peinliches
Gefühl, als der Bediente den Namen Ehrental aussprach; der Mann hatte ihm den
Rat gegeben, Pfandbriefe aufzunehmen. Freilich sagte er sich im nächsten
Augenblick, dass derselbe Mann ihm nicht den Rat gegeben hatte, nach der Stadt zu
ziehen; aber er grollte ihm doch, und sein Gruss mochte wohl kälter klingen als
gewöhnlich. Herr Ehrental war ein viel zu guter Geschäftsmann, um auf die
Launen seiner Kunden viel zu geben. Er zählte sein Geld auf und war dabei
freigebig mit den Versicherungen seiner Ergebenheit. Der Freiherr blieb
unzugänglich, bis Ehrental im Abgehen fragte: »Und sie sind gekommen, die
Pfandbriefe, gnädiger Herr Baron?«
    »Ja«, sagte der Herr mürrisch.
    »Es ist jammerschade«, rief Ehrental, »dass fünfundvierzigtausend Taler
liegen sollen so tot, als ob sie nicht vorhanden wären in der Welt. Dem Herrn
Baron ist's gleich, ob er einmal gewinnt ein paar tausend Taler oder nicht, aber
unsereinem ist es nicht gleich. Ich kann in diesem Augenblick machen ein solides
Geschäft und ein sicheres, und mein Geld ist versteckt, ich muss mir entgehen
lassen einen baren Gewinn von viertausend Talern.«
    Der Freiherr hörte aufmerksam zu, der Händler fuhr mit grösserm Mute fort:
»Herr Baron, Sie kennen mich seit Jahren als einen ehrlichen Mann, Sie wissen
auch, dass ich nicht ohne Mittel bin; ich will Ihnen einen Vorschlag tun: Leihen
Sie mir zehntausend Taler Pfandbriefe auf drei Monat; ich gebe Ihnen für das
Kapital einen Wechsel auf mich selbst, welcher ist wie bar Geld. Es sind zu
gewinnen viertausend Taler bei dem Geschäft; was gewonnen wird, das teile ich
mit dem Herrn Baron statt der Zinsen zu gleichen Teilen. Sie sollen kein Risiko
haben, und wir machen das Geschäft zusammen. Wenn verloren wird, trage ich's
allein und zahle in drei Monaten dem gnädigen Herrn die zehntausend Taler
zurück.«
    Diese Worte des Händlers, so wenig aufregend sie wahrscheinlich in das Ohr
des Lesers dringen, klangen dem Freiherrn wie ein Alarmsignal beim unbehaglichen
Biwak. Eine heftige Spannung, eine wilde Freude arbeitete in ihm. Kaum hatte er
Ruhe genug zu sagen: »Vor allem muss ich wissen, von welcher Art das Geschäft
ist, das Sie mit meinem Gelde machen wollen.«
    Der Geldmann setzte das auseinander. Es war ihm der Antrag gemacht, eine
grosse Quantität Holz zu kaufen. Das Holz lag auf einem Flössplatz im obern Teile
der Provinz. Der Händler holte die Berechnung der Holzmasse, der Transportkosten
bis zur Hauptstadt und des Wertes, den das Holz in der Hauptstadt haben würde,
aus seiner Tasche und bewies dem Freiherrn, dass dabei in sechs bis acht Wochen
ein sicherer Gewinn von bedeutender Grösse zu machen sei.
    Der Freiherr sah mit Aufmerksamkeit die Menge der Zahlen durch; wenn die
Berechnung richtig war, so war der Gewinn sonnenklar, er tat aber doch die
bedächtige Frage: »Wie kommt es, dass der Eigentümer des Holzes das Geschäft
nicht selbst macht, und dass er sich einen so sichern Gewinn entgehen lässt?«
    Der Händler zuckte die Achseln. »Wer ein Geschäft macht, kann nicht immer
fragen, warum lässt der andere die Ware so billig? Wer in Verlegenheit ist, kann
nicht warten zwei bis drei Monat, das Eis liegt auf dem Fluss, der Mann braucht
das Geld binnen hier und drei Tagen.«
    »Sind Sie sicher, dass das Eigentumsrecht des Verkäufers unbestreitbar ist?«
fragte der Freiherr.
    »Der Mann ist mir sicher«, sagte der Händler, »wenn ich ihm das Geld bis
heute abend schaffe, ist das Holz mein.«
    Dem Edelmann war es peinlich, die Verlegenheit eines andern zu benutzen,
sosehr sich auch sein Herz nach dem Gewinn sehnte. Er sagte mit Würde: »Ich
halte es für unpassend, auf den Verlust eines andern zu rechnen.«
    »Warum soll er haben Verlust?« rief Ehrental eifrig. »Er ist Spekulant,
jetzt braucht er Geld; vielleicht will er machen ein grösseres Geschäft; so muss
er den Vorteil am kleinern überlassen einem andern. Er hat sich erboten, gegen
zehntausend bar den ganzen Vorrat zu übergeben. Es ist nicht meine Sache, zu
fragen, ob er mehr gewinnen kann mit meinem Gelde, als ich gewinnen kann durch
sein Holz.«
    Was Herr Ehrental sagte, war richtig; er verschwieg nur einiges. Der
Verkäufer des Holzes war ein unglücklicher Spekulant, der, von seinen Gläubigern
gedrängt, eine Auspfändung fürchtete und die unbescheidenen Hoffnungen derselben
dadurch beendigen wollte, dass er seine Vorräte an einen Fremden schnell und
heimlich verkaufte und mit der erhaltenen Summe unsichtbar wurde. Vielleicht
wusste Herr Ehrental das; vielleicht ahnte auch der Freiherr, dass es bei einem
so leichten Gewinn eine Bewandtnis haben müsse, wenigstens sagte sein
Kopfschütteln, dass ihm die Sache keineswegs ganz klar war. Und doch hatte er
wenig zu wagen und nichts zu verantworten; er lieh sein Geld an einen sichern
Mann, den er seit vielen Jahren als wohlhabend und pünktlich kannte, und gewann
dadurch die Aussicht, in kurzer Zeit einen bösen Geist loszuwerden, der ihn
rastlos quälte. Er war zu unruhig, um zu überlegen, dass er vielleicht einen
Teufel vertreibe durch Beelzebub, der Teufel Obersten. Er klingelte nach seinem
Wagen und sagte vornehm: »In einer Stunde sollen Sie das Geld haben.«
    Ehrental dankte in seiner feurigen Weise für diese grosse Gefälligkeit,
schrieb auf der Stelle einen wohlverklausulierten Sola-Wechsel über die
Pfandbriefe und empfahl sich mit einer Untertänigkeit, die sehr gegen das stolze
Kopfnicken des Freiherrn abstach.
    Seit diesem Tage lebte der Freiherr in banger Erwartung. Immer musste er an
die Unterredung mit dem Händler denken. Wenn er am Teetisch neben seiner
Gemahlin sass und über Teater und Konzert geplaudert wurde, irrte seine Seele
ratlos zwischen den Lücken der Holzklaftern umher oder wurde von langen
rollenden Mastbäumen gedrückt; und wenn er die Arbeitsbücher seiner Tochter
durchsah, so starrten ihm auf dem Deckel und am Rande zahlreiche Gesichter
Ehrentals entgegen, und jedes lachte ihn höhnisch an. Sooft er auf seinem
Jagdpferde ausritt, richtete sich der Kopf des Pferdes nach dem Strom, und mit
finsterm Blick sah der Reiter auf die gefrorene Fläche hinab, sah die
Eisschollen stromabwärts treiben und das hohe Frühlingswasser bis an die Steine
des Randes fluten.
    Ehrental hatte sich lange nicht sehen lassen. Endlich, an einem sonnigen
Morgen erschien er mit seinen unvermeidlichen Bücklingen, zog ein Paket aus der
Tasche und rief triumphierend: »Herr Baron, das Geschäft ist gemacht! Hier sind
die Pfandbriefe zurück und hier sind die zweitausend Taler als der Gewinn,
welcher auf Sie fällt.«
    Die Hand des Freiherrn griff hastig nach dem Paket. Es waren dieselben
weissen Pergamente, die er mit so schwerem Herzen aus der Kassette hervorgeholt
hatte, und ausserdem ein Bündel Kassenscheine. Diesmal hörte der Freiherr kaum
auf den Wortschwall des Händlers, eine Last fiel ihm vom Herzen, er hatte seine
Pfandbriefe wieder, und der Ausfall an seinen Finanzen war gedeckt. Ehrental
wurde gnädig entlassen, die Pergamente eingeschlossen, und der Freiherr durfte
sich heute keinen Zwang antun, um ein liebenswürdiger Gesellschafter zu sein.
Noch an demselben Tage kaufte er der Baronin einen Schmuck von Türkisen, den sie
lange im stillen gewünscht hatte.
    Seit dem Tage war im Hause des Freiherrn heller Sonnenschein, und wenn es
eine Erinnerung an die letzten Wochen gab, so äusserte sie sich nur in
Kleinigkeiten. Der Kopf des Halbblutes vermied seit diesem Tage den Strom
ebensosehr, als er ihn früher gesucht hatte, und wenn der Reiter auf der Strasse
von Herrn Ehrental gegrüsst wurde, so regte sich wieder ein lebhafter Widerwille
gegen den glücklichen Geschäftsmann in seiner Seele, und sehr nachlässig war der
Gegengruss, welchen er von der Höhe des Rosses zurückgab.
    Aber noch ein dunkler Schatten aus der letzten Vergangenheit sollte über den
Freiherrn fallen. Er las in dem Zimmer seiner Frau die Zeitung, als sein Auge
auf einen Steckbrief fiel, durch welchen ein verschwundener Holzhändler wegen
betrügerischen Bankrotts verfolgt wurde. Er legte das Blatt weg, ein kalter
Schweiss trat ihm auf die Stirn. Und er, der furchtlose Kavalier, nahm das
Zeitungsblatt vom Tisch fort und versteckte es tief unter die Bücher seines
Arbeitstisches. Wenn der Betrüger derselbe Mann war - Ehrental hatte ihm keinen
Namen genannt - aber wenn er, der Edelmann, durch sein Geld und seinen Gewinn
fremde, wohlbegründete Ansprüche verkürzt hatte; wenn er Gehilfe eines Betrugs
geworden war, und wenn er für diese Hilfe bezahlt worden war - diese Gedanken
waren fürchterlich für sein stolzes Herz. Der Herr ging in der Stube auf und ab
und rang die Hände; er eilte zum Schreibtisch, um den Gewinn einzupacken und
fortzuschaffen, er wusste selbst nicht wohin, sich von der Seele, weit weg aus
seinem Hause. Mit Bestürzung sah er, dass nur noch ein kleiner Teil des Gewinns
vorhanden war. Wie gelähmt setzte er sich an den Tisch und legte den Kopf auf
seine Hände. Es war etwas in ihm entzweigegangen, das fühlte er, und er
fürchtete für immer. Heftig sprang er wieder auf, riss an der Klingel und liess
Ehrental zu sich fordern. Zufälligerweise war der Händler verreist. Unterdes
sprachen zu dem Freiherrn die freundlichen Stimmen, welche in der Menschenbrust
mit klugen und gewählten Worten alles Bedenkliche in ein gutes Licht zu setzen
wissen. Wie war die ganze Angst so töricht! Es gab viele hundert Leute am
Oberlauf des Stromes, die mit Holz handelten, es war ja ganz unwahrscheinlich,
dass gerade jener Betrüger der Mann Ehrentals sein sollte. Und selbst in diesem
Fall, wie gross war sein eigenes Unrecht bei dem ganzen Ereignis? Klein, sehr
klein, für einen Geschäftsmann nicht zu erkennen. Ja, selbst Ehrental, was
konnte er dafür, wenn der Verkäufer das Geld zu einem Betrug verwandt hatte? Es
war ja alles ehrlich und gesetzlich gekauft worden. - So sprach es fortwährend
begütigend in dem Freiherrn, ach, und welche Mühe gab sich der Herr, all diese
Stimmen recht deutlich zu hören.
    Als Ehrental endlich ankam und hastig zum Freiherrn eilte, trat ihm dieser
mit einem Gesicht entgegen, das den Händler wirklich erschreckte. »Wie heisst der
Mann, von dem Sie das Holz gekauft haben?« fragte der Freiherr heftig an der
Tür.
    Ehrental stand betroffen, auch er hatte seine Zeitung gelesen und verstand,
was in der Seele des Edelmanns vorging. Er nannte einen beliebigen Namen.
    »Und wie hiess der Ort, wo das Holz lag?« klang die zweite Frage etwas
ruhiger. Herr Ehrental nannte einen beliebigen Ort.
    »Ist das Wahrheit, was Sie mir sagen?« fragte der Freiherr tief aufatmend
zum drittenmal.
    Da Herr Ehrental sah, dass er einen Kranken vor sich hatte, so behandelte er
ihn mit der Milde, welche dem Arzt so gut ansteht. »Was sich der Herr Baron für
Sorge machen!« sagte er kopfschüttelnd. »Ich glaube, der Mann, mit dem ich habe
gemacht das Geschäft, hat seinen guten Vorteil dabei gehabt. Es sind grosse
Eichenlieferungen ausgeschrieben, dabei sind für einen, der dort oben wohnt,
hundert Prozent zu verdienen. Ich glaube, er wird sie haben verdient. Das
Geschäft, welches ich mit ihm gemacht habe, ist gewesen gut und sicher, wie es
kein Kaufmann von der Hand weisen wird. Und wenn er auch ein schlechter Mensch
wäre, was haben Sie, gnädiger Herr, darum zu sorgen? Ich habe keinen Grund
gehabt, Ihnen den Namen des Mannes und des Ortes zu verbergen, ich habe Ihnen
doch beides damals nicht gesagt, weil nicht Sie gemacht haben das Geschäft,
sondern ich. Ich bin gewesen Ihr Schuldner, und ich habe Ihnen zurückgezahlt das
Geld mit einer Provision. Mit einer guten Provision, das ist wahr. Ich habe seit
Jahren vieles bei Ihnen verdient, warum soll ich nicht zuerst Ihnen den Vorteil
gönnen, den ich jedem andern auch gegeben hätte? Was machen Sie sich Sorgen,
Herr Baron, um Dinge, die nicht sind!«
    »Das verstehen Sie nicht, Ehrental«, sagte der Gutsherr freundlicher; »es
ist mir lieb, dass die Sache so steht. Wäre der Betrüger jener Mann gewesen, mit
dem Sie gehandelt haben, so hätte ich unser Verhältnis abgebrochen, ich hätte
Ihnen nie verziehen, dass Sie mich wider meinen Willen zum Mitschuldigen eines
Betrugs machten.«
    Ehrental wurde entlassen, und der Freiherr war von einer schweren Sorge
befreit. Er beschloss, sich näher nach jenem beliebigen Namen und dem unbekannten
Dorfe zu erkundigen. Er erkundigte sich aber nicht danach; durch die
überstandene Angst war ihm die Erinnerung an das Geldgeschäft sehr peinlich
geworden, und er mühte sich, gar nicht mehr daran zu denken.
    Er war ein zartfühlender, guter Herr, und Ehrental war derselben Meinung,
denn als er die Treppe hinunterging, murmelte er vor sich hin: Er ist gut, der
Baron, er ist gut!
 
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Anton stand unter der gemeinsamen Oberhoheit der Herren Jordan und Pix und
entdeckte bald, dass er die Ehre hatte, kleiner Vasall eines grossen Staatskörpers
zu sein. Was die unerfahrene Aussenwelt höchst oberflächlich unter dem Namen
Kommis zusammenfasst, das waren für ihn, den Eingeweihten, sehr verschiedene, zum
Teil Ehrfurcht gebietende Ämter und Würden. Der Buchhalter, Herr Liebold,
tronte als geheimer Minister des Hauses an einem Fenster des zweiten Comtoirs
in einsamer Majestät und geheimnisvoller Tätigkeit. Unaufhörlich schrieb er
Zahlen in ein ungeheures Buch und sah nur selten von seinen Ziffern auf, wenn
sich ein Sperling auf die Gitterstäbe des Fensters setzte, oder wenn ein
Sonnenstrahl die eine Fensterecke mit gelbem Glanz überzog. Herr Liebold wusste,
dass der Sonnenstrahl nach den altertümlichen Gesetzen des Universums in keiner
Jahreszeit weiter dringen durfte, als bis zur Spitze des Fensterbretts, aber er
konnte sich doch nicht entalten, ihm plötzliche Überfälle auf das Hauptbuch
zuzutrauen, und beobachtete ihn deshalb mit argwöhnischen Blicken.
    Mit der Ruhe seiner Ecke kontrastierte die ewige Rührigkeit in der
entgegengesetzten. Dort waltete in besonderem Verschlage der zweite
Würdenträger, der Kassierer Purzel, umgeben von eisernen Geldkästen, schweren
Geldschränken und einem grossen Tisch mit einer Steinplatte. Auf diesem Tisch
klangen die Taler, klirrte das goldene Blech der Dukaten, flatterte geräuschlos
das graue Papiergeld vom Morgen bis zum Abend. Wer die Pünktlichkeit als
allegorische Figur in Öl malen wollte, der müsste ohne Widerrede Herrn Purzel
abmalen und dürfte höchstens das antike Kostüm dadurch andeuten, dass er mit
künstlerischer Lizenz Herrn Purzel die Strümpfe über die Stiefel und das weisse
Oberhemd über den Comtoirrock herübermalte. Alles hatte in der Seele des Herrn
Purzel eine eisenfeste unveränderliche Stellung, unser Herrgott, die Firma, der
grosse Geldkasten, der Wachsstock, das Petschaft. Jeden Morgen, wenn der
Kassierer in seinen Verschlag getreten war, begann er seine Amtstätigkeit damit,
dass er die Kreide ergriff und einen weissen Punkt auf den Tisch malte, um der
Kreide die Stelle zu bezeichnen, wo sie sich den Tag über aufzuhalten hatte. Er
stand nicht allein in seiner wichtigen Amtstätigkeit. Ein alter Hausdiener war
seine Ordonnanz, die als Ausläufer mit Geldsäcken und Papiergeld den Tag über
nach allen Richtungen der Stadt trabte. Es ist wahr, dass die Ordonnanz an der
Eigentümlichkeit litt, gegen Abend sehr feurig auszusehen und in einer
persönlichen Abhängigkeit vom Kümmel zu stehen. Aber diese Eigenschaft vermochte
nicht, ihre Treue und Besonnenheit zu erschüttern, ja sie schärfte die
Erfindungskraft der Ordonnanz, denn nie hat eines Menschen Gewand so viele
geheime Taschen mit Knöpfen und Schnallen gehabt, als der Rock des Ausläufers,
und nach jedem Glase, das er getrunken, steckte er die Banknoten in einen noch
geheimeren Verschluss.
    In dem vordern Comtoir war Herr Jordan die erste Person, der
Generalstattalter seiner kaiserlichen Firma. Er war der Aristo der
Korrespondenten, erster Kommis des Hauses, hatte die Prokura und wurde von dem
Prinzipal zuweilen um seine Ansicht befragt. Er blieb für Anton, was er ihm
schon am ersten Tage gewesen war, ein treuer Ratgeber, ein Muster von Tätigkeit,
der gesunde Menschenverstand in Person.
    Von den Korrespondenten des Comtoirs, welche unter Anführung des Herrn
Jordan Briefe schrieben und Bücher führten, war für Anton neben Herrn Specht,
dem Sanguiniker, am interessantesten Herr Baumann, der künftige Apostel der
Heiden. Der Missionar war nicht nur ein Heiliger, sondern auch ein sehr guter
Rechner. Er war untrüglich in allen Reduktionen von Mass und Gewicht, warf die
Preise der Waren aus und besorgte die Kalkulatur des Geschäftes. Er wusste mit
Bestimmteit anzugeben, nach welchem Münzfuss die Mohrenfürsten an der Goldküste
rechneten, und wie hoch der Kurs eines preussischen Talers auf den Sandwichinseln
war. Herr Baumann war Antons Stubennachbar und fühlte sich durch die gute Art
unseres Helden so angezogen, dass er ihm in kurzer Zeit seine Neigung zuwandte
und in den Abendstunden zuweilen seinen Besuch gönnte. Den übrigen stand er fern
und ertrug mit christlicher Geduld ihre Spöttereien über seine Pläne.
    Auch ausserhalb des Hauses hatte die Firma noch einige Würdenträger. Da war
Herr Birnbaum, der Zollkommis, welcher nur selten im Comtoir sichtbar wurde und
nur des Sonntags am Tische des Prinzipals erschien, ein exakter Mann, der
draussen auf dem Packhof herrschte. Er hatte die Zoll-Prokura für die Geschäfte
nach dem Auslande, das wichtige Recht, den Namen T.O. Schröter unter die
Begleitscheine des Hauses zu setzen. Wenn einer von den Herren der Handlung den
Namen eines Beamten verdiente, so war es dieser Herr, er trug auch seinen Rock
stets zugeknöpft, wie seine Freunde die Steueroffizianten. Ferner war da der
Magazinier des Geschäftes, der die Kontrolle über die verschiedenen Magazine in
der Stadt hatte, die Assekuranzen besorgte und auf dem Markt die grossen Einkäufe
in Landesprodukten machte. Herr Balbus war durchaus kein feiner Mann, er war von
Haus aus sehr arm, und seine Schulbildung war mangelhaft, aber der Prinzipal
behandelte ihn mit grosser Achtung. Anton erfuhr, dass er seine Mutter und eine
kranke Schwester durch seinen Gehalt erhielt. Aber die grösste Tätigkeit unter
allen, eine kriegerische, wahrhaft absolute Feldherrntätigkeit entwickelte Herr
Pix, erster Disponent des Provinzialgeschäfts. An der Tür des vordern Comtoirs
begann seine Herrschaft und erstreckte sich durch das ganze Haus, bis weit
hinaus auf die Strasse. Er war der Gott aller Kleinkrämer aus der Provinz, die
ihre laufenden Rechnungen hatten, galt bei ihnen für den Chef des Hauses und
erwies ihnen dafür die Ehre, sich um ihre Frauen und Kinder zu bekümmern. Er
hatte die ganze Spedition der Handlung unter sich, regierte ein halbes Dutzend
Hausknechte und ebenso viele Auflader, schalt die Fuhrleute, kannte und wusste
alles, war immer auf dem Platz und verstand es, in demselben Augenblick einer
Krämersfrau zur Entbindung ihrer Tochter zu gratulieren, einen Bettler gröblich
anzufahren, einem Hausknecht Ordre zu geben und das Zünglein an der grossen Waage
zu beobachten. Wie alle hohen Herren, konnte auch er keinen Widerspruch
vertragen und verfocht seine Ansicht selbst gegen den Prinzipal mit einer
Hartnäckigkeit, welche unserm Anton einige Male Entsetzen erregte. Ausserdem
besass Herr Pix als Geschäftsmann zwei Eigenschaften von wahrhaft
wissenschaftlicher Bedeutung: er konnte von jedem Häufchen Kaffeebohnen angeben,
in welchem Lande dasselbe gewachsen war, und vermochte leere Räume im Hause und
dessen Umgegend ebensowenig zu vertragen, wie die Luft und die Philosophie einen
leeren Raum vertragen wollen. Wo ein Winkel, eine kleine Kammer, ein
Treppenverschlag, ein Kellerloch aufzuspüren war, da siedelte sich Herr Pix mit
Tonnen, Leiterbäumen, Stricken und allen erdenklichen Stoffen an, und wo er und
seine Bande, die Riesen, sich einmal festgesetzt hatten, vermochte sie, keine
Gewalt der Erde zu vertreiben, selbst der Prinzipal nicht.
    »Wo ist Wohlfart?« rief Herr Schröter aus der Tür des vorderen Comtoirs in
den Hausflur.
    »Auf dem Boden«, antwortete Herr Pix kaltblütig.
    »Was tut er dort?« fragte der Prinzipal verwundert. - In demselben
Augenblick hörte man oben im Hause lebhafte Stimmen, und Anton polterte die
Treppe herunter, gefolgt von einem Hausknecht, beide beladen mit Zigarrenkisten,
hinter ihnen die Tante, ein wenig erhitzt und sehr ärgerlich.
    »Sie wollen uns oben nicht leiden«, sagte Anton eifrig zu Herrn Pix.
    »Jetzt kommen sie uns schon auf den Wäscheboden«, sagte die Tante ebenso
eifrig zum Prinzipal.
    »Die Zigarren dürfen hier unten nicht stehenbleiben«, erklärte Herr Pix dem
Prinzipal und der Tante.
    »Unter den Wäscheleinen dulde ich keine Zigarren!« rief die Tante; »kein Ort
im Hause ist mehr sicher vor Herrn Pix. Auch in die Kammern der Dienstmädchen
hat er Zigarren räumen lassen; die Mädchen klagen, dass sie es vor Tabakgeruch
nicht mehr aushalten.«
    »Es ist trocken dort oben«, sagte Herr Pix zum Prinzipal.
    »Können Sie die Zigarren nicht irgend anderswo unterbringen?« fragte der
Prinzipal Herrn Pix rücksichtsvoll.
    »Es ist unmöglich«, antwortete Herr Pix bestimmt.
    »Haben Sie den ganzen Bodenraum zur Wäsche nötig, liebe Tante?« fragte der
Prinzipal die Dame.
    »Ich glaube, die Hälfte wäre genug«, warf Herr Pix dazwischen.
    »Ich hoffe, Sie werden sich mit einer Ecke begnügen«, entschied der
Prinzipal lächelnd. »Lassen Sie sogleich den Tischler einen Verschlag machen.«
    »Wenn Herr Pix erst einmal auf dem Boden ist, so wird er unsere Wäsche ganz
verdrängen«, klagte die erfahrene Tante.
    »Es soll die letzte Bewilligung sein, die wir ihm machen«, beruhigte sie der
Prinzipal.
    Herr Pix lachte still, wie die Tante aber behauptete, mit einem rebellischen
Grinsen, und gab unserm Helden, sobald sich die beiden Autoritäten entfernt
hatten, sofort den Befehl, mit den Kisten wieder hinaufzuziehen.
    
    Am grössten aber war Herr Pix, so oft seine Vertrauten, die reisenden Kommis
des Geschäftes, auf kurze Zeit in die Handlung zurückkehrten. Dann setzte sich
das Provinzialgeschäft im Hinterhause zusammen und verarbeitete die Neuigkeiten
des Landes. Dann entfaltete Herr Pix seine genaue Bekanntschaft mit allen
Geschäftsleuten der Provinz, mit ihren Vermögensverhältnissen und ihrer
Gemütsart und verfügte in kurzen, aber gewichtigen Worten, wieviel an Vertrauen
und Kredit den kleinen Handlungen zu schenken sei. Dann wurde Punsch getrunken
und Solo gespielt, welches Spiel seines monarchischen Charakters wegen von Herrn
Pix am meisten geschätzt wurde, doch behandelte er auch hier alle
Kompaniegeschäfte mit Verachtung.
    Was aber Herrn Pix in dem Auge der Mitwelt das grösste Ansehen gab, das waren
die Riesen, welche um die grosse Waage herum nach seinem Befehl schalteten, hohe
breitschultrige Männer mit herkulischer Kraft. Wenn sie die grossen Tonnen
zuschlugen und rollten und mit Zentnern umgingen, wie gewöhnliche Menschen mit
Pfunden, so erschienen sie dem neuen Lehrling wie die Überreste eines alten
Volkes, von dem die Märchen erzählen, dass es einst auf deutschem Boden gehaust
und mit turmhohen Felsblöcken Murmel gespielt habe. Bald merkte Anton, dass sie
selbst nicht einem Stamme angehörten. Da waren zuerst sechs Hausknechte, alle
von der Natur aus zähem Holz über Lebensgrösse ausgeführt. Sie gehörten ganz der
Handlung an, waren die regelmässigen Untergebenen des schwarzen Pinsels, ja
mehrere von ihnen wohnten im Hause selbst und hatten allnächtlich der Reihe nach
die Wache. Von neun Uhr ab sass dann Pluto, der Neufundländer des Fräulein, neben
einer riesigen Gestalt schweigend im Schatten eines grossen Fasses. Diese
Hausknechte, wie gross sie auch waren und wie stark, sahen doch den Söhnen
sterblicher Menschen noch in manchen Stücken ähnlich. Daneben aber bildeten die
Auflader der Kaufmannschaft eine besondere Korporation, welche auf dem Packhof
vor dem Tor ihr Hauptquartier hatte und von dort aus die Ladungen nach den
grossen Warenhandlungen der Stadt schaffte oder abholte. Diese waren die
mächtigsten unter den Riesen, und einzelne unter ihnen von einer Körperkraft,
wie sie in anderm Berufe nicht mehr gefunden wird. Sie hatten mit vielen
Handlungen der Stadt zu tun, aber das alte angesehene Haus von T.O. Schröter war
die irdische Stätte, auf der sie sich am liebsten herabliessen, mit der kleinen
Gegenwart zu verkehren. Seit mehr als einem Menschenalter war der Chef dieses
Hauses der erste Vorstand ihrer Korporation gewesen. So hatte sich ein
Klientenverhältnis zu der Firma gebildet. Herr Schröter empfing am Neujahr als
erster ihren Glückwunsch und wurde Pate sämtlicher Riesenkinder, welche im Lauf
des Jahres bei ihrer Taufe die Arme der diensttuenden Hebamme hinunterdrückten
bis auf das Taufbecken und den Geistlichen durch ihre ungeheuren Köpfe so
beunruhigten, dass er seine Stimme zur Stärke des Donners erhob, um den Teufel
aus ihnen herauszutreiben. Unter diesen Lederschürzen war Sturm, ihr Oberster,
wieder der grösste und stärkste, ein Mann, der enge Hintergassen vermied, um
seine Kleider nicht auf beiden Mauerseiten zu reiben. Er wurde gerufen, wenn
eine Last so schwer war, dass seine Kameraden sie nicht bewältigen konnten, dann
stemmte er seine Schulter an und schob die grössten Fässer weg, wie
Holzklötzchen. Es ging von ihm die Sage, dass er einmal ein polnisches Pferd mit
allen vier Beinen in die Höhe gehoben hätte, und Herr Specht behauptete, es gebe
für ihn nichts Schweres auf der Erde. Über seinem grossen Körper glänzte ein
breites Gesicht von natürlicher Guterzigkeit, welche nur durch die Würde
gebändigt wurde, die ein Mann von seiner Stellung besitzen musste.
    Er stand zur Firma in einem besonders freundschaftlichen Verhältnis und
besass ein einziges Kind, an dem er mit grosser Zärtlichkeit hing. Der Knabe hatte
seine Mutter früh verloren, und der Vater hatte ihn als fünfzehnjährigen
Burschen in der Handlung von T.O. Schröter untergebracht in einer eigentümlichen
Stellung, die er selbst für ihn ausgedacht. Karl Sturm war unter den
Hausknechten ungefähr dasselbe, was Fink im Comtoir war, ein Volontär, er trug
seine Lederschürze und seinen kleinen Haken, wie der Vater, und war durch eignes
Verdienst zu einem ausgedehnten Wirkungskreis gekommen. Er genoss das Vertrauen
aller Mitglieder der Handlung, wusste in jedem Winkel des Hauses Bescheid,
sammelte alle Bindfaden und Schnüre, alle Nägel und alle Fassdauben, hob alles
Packpapier auf, fütterte den Pluto und unterstützte den Bedienten beim
Stiefelputzen. Er konnte genau angeben, wo irgendeine Tonne, ein Brett, ein
alter Warenrest lag. Wenn ein Nagel einzuschlagen war, so wurde Karl gerufen;
sooft ein Stemmeisen verlegt war, Karl wusste es zu schaffen; wenn die Tante den
Wintervorrat von Schinken und Würsten aufhob, so verstand Karl am besten, diese
Schätze einzupacken, und wenn Herr Schröter eine schnelle Bestellung
auszurichten hatte, so war Karl der zuverlässigste Bote. Zu allem anstellig,
immer guter Laune und nie um Auskunft verlegen, war er ein Günstling aller
Parteien, die Auflader nannten ihn »unser Karl«, und der Vater wandte sich oft
von seiner Arbeit ab, um einen heimlichen Blick voll Stolz auf den Knaben zu
werfen.
    Nur in einem Punkte war er mit ihm nicht zufrieden, Karl gab keine Hoffnung,
seinem Vater in Grösse und Stärke gleich zu werden. Er war ein hübscher Bursch
mit roten Wangen und blondem Kraushaar, aber nach dem Gutachten aller Riesen war
für seine Zukunft keine andere als eine mässige Mittelgrösse zu erwarten. So kam
es, dass der Vater ihn als eine Art Zwerg behandelte, mit unaufhörlicher Schonung
und nicht ohne Wehmut. Er verbot seinem Sohne, beim Aufladen schwerer
Frachtgüter anzugreifen, und wenn er plötzlich von einem Vatergefühl ergriffen
wurde, so legte er die Hand vorsichtig auf den Kopf seines Karls in der
unbestimmten Furcht, dass die Köpfe von Zwergen nur die Dicke einer Eierschale
hätten und bei einem kräftigen Druck zerbrechen müssten.
    »Es ist einerlei, was das Ding lernt«, sagte er zu Herrn Pix, als er den
Knaben nach der Konfirmation im Geschäft einführte, »wenn er nur zweierlei
lernt, ehrlich sein und praktisch sein.« Diese Rede war ganz nach dem Herzen des
Herrn Pix. Und der Vater fing seine Lehre auf der Stelle damit an, dass er den
Sohn in das grosse Gewölbe unter die offenen Vorräte führte und zu ihm sagte:
»Hier sind die Mandeln, und hier die Rosinen; diese in dem kleinen Fass schmecken
am besten, koste einmal.«
    »Sie schmecken gut, Vater«, rief Karl vergnügt.
    »Ich denk's, Liliputer«, nickte der Vater. »Sieh, aus allen diesen Fässern
kannst du essen, soviel du willst, kein Mensch wird dir's wehren; Herr Schröter
erlaubt dir's, Herr Pix erlaubt dir's, ich erlaube dir's. Jetzt merke auf, mein
Kleiner. Jetzt sollst du probieren, wie lange du vor diesen Tonnen stehen
kannst, ohne hineinzugreifen. Je länger du's aushältst, desto besser für dich;
wenn du's nicht mehr aushalten kannst, kommst du zu mir und sagst: es ist genug.
Das ist gar kein Befehl für dich, es ist nur wegen dir selber und wegen der
Ehre.« So liess der Alte den Knaben allein, nachdem er seine grosse dreischalige
Uhr herausgezogen und auf eine Kiste neben ihn gelegt hatte. »Versuch's zuerst
mit einer Stunde«, sagte er im Weggehen, »geht's nicht, so schadet's auch nicht.
Es wird schon werden.« Der Junge steckte trotzig die Hände in die Hosentaschen
und ging zwischen den Fässern auf und ab. Nach Verlauf von mehr als zwei Stunden
kam er die Uhr in der Hand zum Vater heraus und rief: »Es ist genug.«
    »Zwei und eine halbe Stunde«, sagte der alte Sturm und winkte vergnügt Herrn
Pix zu. »Jetzt ist's gut, Kleiner, jetzt brauchst du den übrigen Tag nicht mehr
in das Gewölbe zu gehen. Komm her, du sollst diese Kiste zusammenschlagen; hier
ist ein neuer Hammer für dich, er kostet zehn Groschen.«
    »Er ist nur acht wert«, sagte Karl den Hammer betrachtend, »du kaufst immer
zu teuer.«
    So wurde Karl eingeführt. Am ersten Morgen, nachdem Anton gekommen war,
sagte Karl zu seinem Vater in dem Hausflur: »Es ist ein neuer Lehrling da.«
    »Was ist's für einer?« fragte der Alte.
    »Er hat einen grünen Rock und graue Hosen, es ist Mitteltuch; er ist nur
wenig grösser als ich. Er hat schon mit mir gesprochen, es scheint ein guter
Kerl. Gib mir dein Taschenmesser, ich muss ihm einen neuen Holznagel in seinen
Kleiderschrank schneiden.«
    »Mein Messer, du Knirps?« rief Sturm auf seinen Sohn heruntersehend mit
tadelnder Stimme, »du hast ja dein eigenes.«
    »Zerbrochen«, sagte Karl unwillig.
    »Wer hat's gekauft?« fragte Sturm.
    »Du hast's gekauft, Vater Goliat; es war ein erbärmliches Ding, wie für ein
Wickelkind.«
    »Ich konnte dir doch kein schweres kaufen für deine kleine Hand«, frug der
Vater gekränkt.
    »Da haben wir's«, sagte Karl, sich vor den Vater hinstellend, »wenn man dich
hört, muss man glauben, ich wäre eine Kaulquappe von Gassenjungen, die ihre Hosen
noch an die Jacke knöpft und hinten ein weisses Schwänzchen trägt.«
    Die Auflader lachten. »Sei nicht aufsässig gegen deinen Vater«, sagte Sturm
und legte seine Hand behutsam auf den Kopf des Sohnes.
    »Sieh, Vater, da ist der Lehrling«, rief Karl und betrachtete Anton, der
jetzt für ihn zum Inventarium des Hauses gehörte, mit prüfenden Blicken.
    Herr Pix stellte Anton dem Riesen vor, und Anton sagte wieder mit Achtung zu
dem Riesen aufsehend, »ich war noch nie in einem Geschäft, ich bitte auch Sie,
mir zu helfen, wo ich nicht Bescheid weiss.«
    »Alles Ding will gelernt sein«, erwiderte der Riese mit Würde. »Da ist mein
Kleiner hier, der hat in einem Jahre schon hübsch etwas losgekriegt. Also Ihr
Vater ist nicht Kaufmann?«
    »Mein Vater war Beamter, er ist gestorben«, erwiderte Anton.
    »Oh, das tut mir leid«, sagte der Auflader mit betrübtem Gesicht. »Aber Ihre
Frau Mutter kann sich doch über Sie freuen.«
    »Sie ist auch gestorben«, sagte Anton wieder.
    »Oh, oh, oh!« rief der Riese bedauernd und sann erstaunt über das Schicksal
Antons nach. Er schüttelte lange den Kopf und sagte endlich mit leiser Stimme zu
seinem Karl: »Er hat keine Mutter mehr.« -
    »Und keinen Vater«, erwiderte Karl ebenso.
    »Behandle ihn gut, Liliputer«, sagte der Alte, »du bist gewissermassen auch
eine Waise.«
    »Na«, rief Karl, auf die Schürze des Aufladers schlagend, »wer einen so
grossen Vater hat, der hat Sorge genug.«
    »Weisst du, was du bist? Du bist ein kleines Ungetüm«, sagte der Vater und
schlug lustig mit dem Schlegel auf die Reifen eines Fasses.
    Seit der Zeit schenkte Karl dem neuen Lehrling seine Gunst. Wenn er am
Morgen auf die Stiefelsohlen desselben Nr. 14 geschrieben hatte, so stellte er
die Stiefel mit besonderer Sorgfalt zur Seite; er nähte ihm schadhafte Knöpfe an
die Kleider und war, so oft Anton an der Waage zu tun hatte, gern an seiner
Seite, ihm etwas zuzureichen und die kleineren Gewichte auf die Waage zu heben.
Anton vergalt diese Dienste durch freundliches Wesen gegen Vater und Sohn, er
unterhielt sich gern mit dem aufgeweckten Burschen und wurde der Vertraute von
manchen kleinen Liebhabereien des Praktikers. Und als die nächste Weihnacht
herankam, veranstaltete er bei den Herren vom Comtoir eine Sammlung, kaufte
dafür einen grossen Kasten mit gutem Handwerkszeug und machte dadurch Karl zu dem
glücklichsten aller Sterblichen.
    Aber auch mit allen grossen Herren der Handlung stand Anton auf gutem Fuss. Er
hörte die verständigen Urteile des Herrn Jordan mit grosser Achtung an, bewies
Herrn Pix einen aufrichtigen und unbedingten Diensteifer, liess sich von Herrn
Specht in politischen Kombinationen unterrichten, las alle Missionsberichte,
welche ihm Herr Baumann anvertraute, erbat sich von Herrn Purzel niemals
Vorschüsse, sondern wusste mit dem wenigen auszukommen, was ihm sein Vormund
senden konnte, und ermunterte oft durch seine lebhafte Beistimmung Herrn
Liebold, irgendeine unzweifelhafte Wahrheit auszusprechen und dieselbe nicht
durch sofortigen Widerruf zu vernichten. Mit sämtlichen grossen Herren der
Handlung stand er auf gutem Fuss, nur mit einem einzigen wollte es ihm nicht
glücken, und dieser eine war der Volontär des Geschäftes.
    An einem finsteren Nachmittag sah das Kontor in der Dämmerung der kurzen
Tage grau und unheimlich aus, melancholisch tickte die alte Wanduhr, und jeder
Eintretende brachte eine Wolke feuchter Nebelluft in das Zimmer, welche den Raum
nicht anmutiger machte. Da gab Herr Jordan unserm Helden den Auftrag, in einer
andern Handlung eine schleunige Besorgung auszurichten. Als Anton an das Pult
des Prokuristen trat, um den Brief in Empfang zu nehmen, sah Fink von seinem
Platz auf und sagte zu Jordan: »Schicken Sie ihn doch gleich einmal zum
Büchsenmacher, der Taugenichts soll ihm mein Gewehr mitgeben.«
    Unserm Helden schoss das Blut ins Gesicht, er sagte eifrig zu Jordan: »Geben
Sie mir den Auftrag nicht, ich werde ihn nicht ausrichten.«
    »So?« fragte Fink und sah verwundert auf; »und warum nicht, mein Hähnchen?«
    »Ich bin nicht Ihr Diener«, antwortete Anton erbittert, »Hätten Sie mich
gebeten, den Gang für Sie zu tun, so würde ich ihn vielleicht gemacht haben,
aber einem Auftrage, der mit solcher Anmassung gegeben ist, folge ich nicht.«
    »Einfältiger Junge«, brummte Fink und schrieb weiter.
    Das ganze Comtoir hatte die schmähenden Worte gehört, alle Federn hielten
still, und alle Herren sahen auf Anton. Dieser war in der grössten Aufregung, er
rief mit etwas bebender Stimme, aber mit blitzenden Augen: »Sie haben mich
beleidigt, ich dulde von niemandem eine Beleidigung, am wenigsten von Ihnen. Sie
werden mir heut abend darüber eine Erklärung geben.«
    »Ich prügele niemanden gern«, sagte Fink friedfertig, »ich bin kein
Schulmeister und führe keine Rute.«
    »Es ist genug«, rief Anton totenbleich, »Sie sollen mir Rede stehen«,
ergriff seinen Hut und stürzte mit dem Briefe des Herrn Jordan hinaus.
    Draussen rieselte ein kalter Regen herunter, Anton merkte es nicht. Er fühlte
sich vernichtet, geschmäht, gehöhnt von einem Stärkeren, tödlich gekränkt in
seinem jungen, harmlosen Selbstgefühl. Sein ganzes Leben schien ihm zerstört, er
kam sich hilflos vor auf seinem Wege, allein in einer fremden Welt. Gegen Fink
empfand er etwas, das halb glühender Hass war, und halb Bewunderung; der freche
Mensch erschien ihm auch nach dieser Beleidigung so sicher und überlegen, und er
selbst empfand sich sehr schwach. Es wurde ihm schwer ums Herz, und seine Augen
füllten sich mit Tränen. So kam er an das Haus, wo er seinen Auftrag
auszurichten hatte. Vor der Tür hielt der Wagen seines Prinzipals, er huschte
mit niedergeschlagenen Augen vorbei und hatte kaum Fassung genug, in dem fremden
Comtoir sein Unglück zu verbergen. Als er wieder herauskam, traf er im Hausflur
mit der Schwester des Prinzipals zusammen, welche im Begriff war, in den Wagen
zu steigen. Er grüsste und wollte neben ihr vorbeistürzen, Sabine blieb an der
Haustür stehen und sah ihn an. Der Bediente war nicht zur Stelle, der Kutscher
sprach vom Bock nach der andern Seite herab laut mit einem Bekannten. Anton trat
herzu, rief den Kutscher an, öffnete den Schlag und hob das Fräulein in den
Wagen. Sabine hielt den Schlag zurück, den er zuwerfen wollte, und blickte ihm
fragend in das verstörte Gesicht. »Was fehlt Ihnen, Herr Wohlfart?« fragte sie
leise.
    »Es wird vorübergehen«, erwiderte Anton mit zuckender Lippe und einer
Verbeugung und schloss die Wagentür. Sabine sah ihn noch einen Augenblick
schweigend an, dann neigte sie sich gegen ihn und zog sich zurück, der Wagen
fuhr davon.
    So unbedeutend der Vorfall war, er gab doch den Gedanken Antons eine andere
Richtung. Sabinens Frage und ihr Gruss waren in diesem Augenblick eine
Beschwörung seiner Mutlosigkeit. In ihrer dankenden Verbeugung lag Achtung, und
ein menschlicher Anteil in ihren Worten. Die Frage, der Gruss, der kleine
Ritterdienst, den er der jungen Herrin des Hauses geleistet hatte, erinnerten
ihn, dass er kein Kind sei, nicht hilflos, nicht schwach und nicht allein. Ja
auch in seiner bescheidenen Stellung genoss er die Achtung anderer, und er hatte
ein Recht darauf, und er hatte die Pflicht sich diese Achtung zu bewahren. Er
erhob sein Haupt, und sein Entschluss stand fest, lieber das Äusserste zu tun, als
den Schimpf zu ertragen. Er hielt die Hand in die Höhe, wie zum Schwur.
    Als er in das Comtoir zurückkam, richtete er mit entschiedenem Wesen seine
Besorgung aus, ging schweigend und unbekümmert um die neugierigen Blicke der
Herren an seinen Platz und arbeitete weiter.
    Nach dem Schluss des Comtoirs eilte er auf Jordans Zimmer. Er fand bereits
die Herren Pix und Specht daselbst vor, in dem gemütlichen Eifer, welchen jede
solche Szene bei Unbeteiligten zu erzeugen pflegt. Die drei Herren sahen ihn
zweifelhaft an, wie man einen armen Teufel ansieht, der vom Schicksal mit
Fäusten geschlagen ist, etwas verlegen, etwas mitleidig, ein wenig verächtlich.
Anton sagte mit einer Haltung, die in Betracht seiner geringen Erfahrung in
Ehrensachen anerkennungswert war: »Ich bin von Herrn von Fink beleidigt worden
und habe die Absicht, mir diese Beleidigung nicht gefallen zu lassen. Sie beide,
Herr Jordan und Herr Pix, sind im Geschäft meine Vorgesetzten, und ich habe
grosse Achtung vor Ihrer Erfahrung. Von Ihnen wünsche ich vor allem zu wissen, ob
Sie in dem Streite selbst mir vollkommen recht geben.«
    Herr Jordan schwieg vorsichtig, aber Herr Pix zündete entschlossen eine
Zigarre an, setzte sich auf den Holzkorb am Ofen und erklärte: »Sie sind ein
guter Kerl, Wohlfart, und Fink hat unrecht, das ist meine Meinung.«
    »Meine Meinung ist es auch«, stimmte Herr Specht bei.
    »Es ist gut, dass Sie sich an uns gewandt haben«, sagte Herr Jordan; »ich
hoffe, der Streit wird sich beilegen lassen; Fink ist oft rauh und kurz
angebunden, aber er ist nicht maliziös.« - »Ich sehe nicht ein, wie die
Beleidigung ausgeglichen werden kann, wenn ich nicht die nötigen Schritte tue«,
rief Anton finster.
    »Sie wollen den Streit doch nicht vor den Prinzipal bringen?« fragte Herr
Jordan missbilligend, »das würde allen Herren unangenehm sein.«
    »Mir am meisten«, erwiderte Anton, »ich weiss, was ich zu tun habe, und
wünsche nur vorher noch von Ihnen die Erklärung, dass Fink mich unwürdig
behandelt hat.«
    »Er ist Volontär«, sagte Herr Jordan, »und hat kein Recht, Ihnen Aufträge zu
geben, am wenigsten in seinen Privatgeschäften mit Hasen und Rebhühnern.«
    »Das genügt mir«, sagte Anton, »und jetzt bitte ich Sie, Herr Jordan, mich
einen Augenblick unter vier Augen anzuhören.« Er sagte das mit soviel Ernst, dass
Herr Jordan stillschweigend die Tür seiner Schlafkammer aufmachte und mit ihm
eintrat. Hier ergriff Anton die Hand des Prokuristen, drückte sie kräftig und
sprach: »Ich bitte Sie um einen grossen Dienst; gehen Sie hinab zu Herrn von Fink
und fordern Sie von ihm, dass er mir morgen, in Gegenwart der Herren vom Comtoir,
das abbittet, was er von beschimpfenden Ausdrücken gegen mich gebraucht hat.« -
»Das wird er schwerlich tun«, sagte Herr Jordan kopfschüttelnd.
    »Wenn er es nicht tut«, sagte Anton heftig, »so fordern Sie ihn von mir auf
Degen oder Pistolen.«
    Wenn vor Herrn Jordan plötzlich aus seiner Tintenflasche ein schwarzer Rauch
gestiegen wäre, wenn dieser Rauch sich zu einem fürchterlichen Geiste
zusammengeballt hätte, wie in jenem alten Märchen, und wenn dieser Geist die
Absicht ausgesprochen hätte, Herrn Jordan sofort zu erdrosseln, so hätte dieser
Herr nicht bestürzter dastehen können, als er jetzt unserm Helden
gegenüberstand. »Sie sind des Teufels, Wohlfart«, rief er endlich, »Sie wollen
sich mit Herrn von Fink duellieren, und er ist ein toller Pistolenschütz, und
Sie sind Lehrling und erst seit einem halben Jahre im Geschäft, das ist ja
unmöglich!«
    »Ich bin Primaner gewesen und habe mein Abiturientenexamen gemacht, und wäre
jetzt Student, wenn ich nicht vorgezogen hätte Kaufmann zu werden! - Verwünscht
sei das Geschäft, wenn es mich so erniedrigt, dass ich meinen Feind nicht mehr
fordern darf. Ich gehe dann noch heut zu Herrn Schröter und erkläre ihm meinen
Austritt«, rief Anton mit flammenden Augen.
    Herr Jordan sah mit grösstem Erstaunen auf seinen gutmütigen Schüler, der auf
einmal als phantastischer Riese vor ihm umherflackerte. »Seien Sie nur nicht so
heftig, lieber Wohlfart«, bat er begütigend, »ich werde zu Fink hinuntergehen,
vielleicht lässt sich alles im Guten ausgleichen.«
    »Ich verlange Abbitte vor dem Comtoir«, rief Anton wieder, »Abbitte oder
Satisfaktion.«
    Es war wohltuend, unterdes die beiden Herren in der Nebenstube zu
beobachten. Pix hatte als kluger Feldherr mit einem Ruck seinen Holzkorb in die
Nähe der Kammertür geschoben und sass scheinbar gleichgültig da, nur mit seiner
Zigarre beschäftigt, während Herr Specht sich nicht entalten konnte, das Ohr an
die Tür zu legen. »Sie schiessen sich!« flüsterte Herr Specht, entzückt über die
grossen Empfindungen, welche dieser Streit hervorzurufen versprach. »Passen Sie
auf, Pix, es wird ein furchtbares Unglück; wir alle müssen zum Begräbnis gehen,
keiner darf fehlen. Ich wirke die Erlaubnis aus, dass wir Junggesellen die Leiche
tragen dürfen.«
    »Wessen Leiche?« fragte Herr Pix verwundert.
    »Wohlfart muss daran glauben«, rief Herr Specht wieder in dumpfem Flüsterton.
    »Unsinn«, sagte Herr Pix, »Sie sind ein Narr!«
    »Ich bin kein Narr, und ich verbitte mir alle Anzüglichkeiten«, rief Herr
Specht wieder flüsternd und nach dem Beispiel Antons entschlossen, sich nichts
gefallen zu lassen.
    »Schreien Sie mir nicht so ins Ohr«, sagte Herr Pix unbewegt, »man kann
nichts verstehen.« In dem Augenblick öffnete sich die Tür, Herr Specht sprang an
ein entferntes Fenster und starrte angelegentlich in die finstere Regennacht,
während Pix unserem Anton die Hand schüttelte und ihm erklärte, er sei ein
tüchtiger Mann und das Provinzialgeschäft sei ganz auf seiner Seite. - Herr
Jordan ging zu Fink hinab und kam bald wieder herauf; Herr von Fink war nicht zu
Hause. Wahrscheinlich sass der Jockei ahnungslos in irgendeiner Weinstube. Anton
sagte darauf, »ich lasse die Sache nicht bis morgen ruhen, ich werde ihm
schreiben und den Brief durch den Bedienten auf seinen Tisch legen lassen.«
    »Tun Sie das nicht«, bat Herr Jordan, »Sie sind jetzt zu zornig.«
    »Ich bin sehr ruhig«, erwiderte Anton mit heissen Wangen; »ich werde ihm nur
das Nötige schreiben. Sie, meine Herren, bitte ich, dass Sie über alles, was Sie
hier gehört haben, gegen die andern schweigen.«
    Das versprachen die Herren. Darauf ging er auf sein Zimmer und schrieb einen
Brief, in dem er Herrn von Fink sein Unrecht vorhielt und ihm schliesslich die
Wahl liess, ob er durch Schläger oder Pistolen das verletzte Selbstgefühl Antons
ausbessern wollte. Der Brief war für einen jungen Gentleman gut genug
geschrieben und wurde neben den Wachsstock des Herrn von Fink in dessen Stube
niedergelegt, nachdem Herr Specht dem Bedienten noch auf der Treppe eingeschärft
hatte, mit Kreide drei grosse Ausrufezeichen auf den Tisch zu malen;
wahrscheinlich sollten sie die Stelle der Späne vertreten, welche die Boten der
heiligen Feme aus dem Burgtor der Angeklagten zu hauen pflegten. Anton blieb den
Rest des Abends auf seinem Zimmer, wo er unruhig auf und ab schritt, bald die
Szene der Beleidigung, bald die zu erwartende Szene dramatisch auseinanderlegte
und jede Art von Gefühlen durcharbeitete, welche bei einem armen Jungen vor dem
ersten Duell unvermeidlich sind.
    Unterdes wurde im Zimmer des Herrn Jordan grosse Sitzung des gesamten
Geschäfts gehalten. Da Herr Pix und Herr Specht versprochen hatten zu schweigen,
beschränkten sie sich auf so mysteriöse und finstere Andeutungen, dass bei einem
Teil der Herren die Ansicht entstand, ein Mord sei entweder schon vollbracht,
oder doch jeden Augenblick zu fürchten, bis endlich Herr Jordan das Wort
ergriff: »Da die Differenz doch kein Geheimnis ist, und die Sache uns alle
angeht, so ist es am besten, wenn wir sie untereinander besprechen und uns
sämtlich Mühe geben, die nachteiligen Folgen zu verhüten. Ich werde aufbleiben,
bis Fink zurückkommt, und sogleich mit ihm reden. Unterdes muss ich Wohlfart das
Zeugnis geben, dass er sich so gewandt benommen hat, wie bei einem jungen Mann
ohne Erfahrung nur möglich ist.« Alle stimmten eifrig bei. Darauf gerieten der
Zollkommis Herr Birnbaum und Herr Specht in eine lebhafte Erörterung über die
verschiedenen Arten der Duelle, und Herr Specht behauptete, beim Schiessen über
das Schnupftuch würden den Duellanten mit einem seidenen Taschentuch die Augen
verbunden, und dieselben auf ihren Standorten so lange im Kreise herumgedreht,
bis der Kampfrichter mit einem Stock aufklopfe, worauf ihnen freistehe,
hinzuschiessen, wohin sie wollten. Herr Baumann stahl sich zuerst aus der
Gesellschaft fort und ging zu Anton, drückte diesem herzlich die Hand und bat
ihn dringend, nicht um rauher Worte willen zwei Menschenleben auf das Spiel zu
setzen. Nachdem er Abschied genommen hatte, fand Anton auf seinem Tisch ein
kleines Exemplar des Neuen Testaments aufgeschlagen und darin durch ein grosses
Ohr den heiligen Spruch bezeichnet: »Segnet die euch fluchen.« Anton war gerade
nicht in der Stimmung, den Sinn dieser Worte zu befolgen. Aber er setzte sich
doch vor das Buch und las darin die Sprüche, welche er als Kind seiner guten
Mutter so oft aufgesagt hatte. Er wurde weicher und ruhiger und ging in dieser
Stimmung zu Bette.
    Unterdes drang das Gerücht von einem furchtbaren Ereignis durch alle
Schlüssellöcher, Ritzen und Kammern des alten Hauses.
    Sabine war in ihrer Schatzkammer. Dies war ein Raum, unwohnlich für einen
Gast, aber für jede Hausfrau ein heimliches, herzerhebendes Zimmer. An den
Wänden standen mächtige Schränke von Eichen- und Nussbaumholz mit schöner
eingelegter Arbeit, in der Mitte ein grosser Tisch mit geschnörkelten Beinen,
darum einige alte Lehnstühle. Aus den geöffneten Schränken glänzten im
Lampenlicht unzählige Gedecke von Damast, hohe Terrassen von Wäsche, Linnen und
bunten Stoffen, Kristallgläser, silberne Pokale, Porzellan und Fayence im
Geschmack von mehr als drei Generationen. Die Luft war mit einem kräftigen Duft
erfüllt, der aus uraltem Lavendel, Eau de Cologne und frischer Wäsche aufstieg.
Hier herrschte Sabine allein. Nur ungern sah sie einen fremden Fuss eintreten;
was aus den Schränken genommen wurde und wieder hineinkam, hob sie mit eigenen
Händen; nur der treue Diener hatte das Vorrecht, ihr an schweren Tagen zu
helfen, und zuweilen Karl Sturm, sein Adjutant, der gewisse rosafarbene
Pappkarten zum Zeichnen der Wäsche anfertigte und prachtvolle Zahlen darauf
schrieb.
    Heut stand Sabine noch spät vor dem Tisch, der mit weisser Wäsche belastet
war; sie suchte die Nummern des feinen Damasts zusammen, zählte und sortierte
Tischdecken und Servietten, band grosse Bündel mit rosa Bändern zusammen und hing
die Nummerkarten daran. Zuweilen hielt sie ein Stück näher an das Licht und sah
mit Behagen auf die weissen Arabesken, welche die Kunst des Webers hineingewirkt
hatte. Da flog ein dunkler Schatten über ihr Antlitz und traurig sah sie auf
einige wunderfeine Servietten, in welche zahlreiche kleine Löcher gestochen
waren, je drei oder vier in einer Reihe. Endlich rief sie den Bedienten.
    »Es ist nicht mehr auszuhalten, Franz, auch in Nr. 24 sind wieder drei
Servietten mit der Gabel durchstochen. Einer der Herren sticht in das Tischzeug!
Das ist bei uns doch nicht nötig.«
    »Nein«, sagte der Vertraute kummervoll; »ich selbst habe ja das Silberzeug
unter mir, ich weiss am besten, dass es nicht nötig ist.«
    »Wer von den Herren ist so rücksichtslos?« fragte Sabine streng. »Es muss
einer der Neuen sein.«
    »Herr von Fink ist es«, klagte der Diener, »er sticht jedesmal vor dem Essen
zweimal mit der Gabel durch die Serviette; es gibt mir jedesmal einen Stich
durchs Herz, Fräulein Sabine. Aber Herrn von Fink kann ich doch nichts sagen.«
    Sabine hing den Kopf über die zerstochenen Servietten, »ich wusste, dass er es
war«, seufzte sie. - »Aber das darf nicht so fortgehen. Ich werde Ihnen für
Herrn von Fink eine besondere Nummer herausgeben, die müssen wir opfern, bis
sich eine Gelegenheit findet, ihn zu bitten, dass er von seinen Angriffen
ablässt.« Sie trat zu dem Schrank und suchte lange. Es war eine schwere Wahl.
Zwar von den groben konnte sie ohne Schmerz einige Dutzend missen, von den
feinen aber war ihr jedes Gedeck ans Herz gewachsen. Eines freilich mehr als das
andere. - »Dieses mag hingehen«, sagte sie endlich betrübt, »hier fehlt ohnedies
eine Serviette.« Sie sah noch einmal auf das Muster, kleine Pfauen, welche
kunstvoll durch Blumengewinde schritten, und legte die Nummer auf den Arm des
Dieners. »Herr von Fink bekommt keine anderen Servietten als diese«, befahl sie.
    Franz zögerte zu gehen. »Er hat auch in seiner Schlafstube eine Gardine
angebrannt«, sagte er unruhig. »Der Flügel wird nicht mehr zu brauchen sein.«
    »Und sie war ganz neu«, klagte Sabine. »Morgen früh nehmen Sie die Gardine
ab. - Was haben Sie noch, Franz? Ist etwas vorgefallen?« -
    »Ach, Fräulein«, erwiderte der Diener geheimnisvoll, »drüben bei den Herren
geht alles durcheinander. Herr von Fink hat Herrn Wohlfart sehr beleidigt, Herr
Wohlfart ist wütend, es wird ein Duell geben, sagt Herr Specht, die Herren
fürchten ein grosses Unglück.«
    »Ein Duell«, rief Sabine, »zwischen Fink und Wohlfart?« - Sie schüttelte den
Kopf. »Sie haben wohl Herrn Specht missverstanden«, fügte sie lächelnd hinzu.
    »Nein, Fräulein Sabine, diesmal ist es ernstaft. Die Herrn sind alle
beieinander. Es wird ein Unglück geben, Herr Wohlfart ging im grössten Zorn an
mir vorüber, er hat seinen Tee nicht angerührt.«
    »Ist mein Bruder noch nicht zurück?«
    »Er kommt heut spät nach Hause, er ist im Komitee.«
    »Es ist gut«, schloss Sabine. »Sie schweigen gegen jedermann, Franz, hören
Sie?«
    Sabine setzte sich wieder an den Tisch, aber ihr Damast war vergessen. Sie
blickte starr hinaus in den dunkeln Hof nach den Fenstern des Volontärs: »Er
sticht durch die Servietten«, klagte sie leise, »er wird sich auch kein Gewissen
daraus machen, eine Menschenbrust zu durchbohren! Das also war der Schmerz des
armen Wohlfart! - Er kam zu uns, der wilde Gast, wie ein Wirbelwind über den
blühenden Busch, wo er anschlägt, fallen die Blüten zur Erde. Sein Leben ist
Wirrwarr, Aufregung, Getöse. Was ihm nahe kommt, zieht er in seinen tollen Tanz.
Auch mich! auch mich! Du stolzer und verwegener Geist, auch mir hast du die
Seele aufgeregt. Ich mühe mich, ich ringe Tag für Tag, aber immer wieder erfasst
mich sein Zauber. So schön, so glänzend, so seltsam ist er! Er ärgert mich
täglich, und alle Tage muss ich an ihn denken; um ihn sorgen, über ihn trauern. O
meine Mutter, hier war's, wo ich zum letztenmal zu deinen Füssen sass, hier
übergabst du mir die Schlüssel des Hauses! Du hieltest die Hände segnend auf
mein Herz. Der Himmel behüte dir jeden Schlag, sagtest du unter Tränen und
Küssen. Jetzt schütze die Tochter, Geliebte, du mein Vorbild für alle
Überlegung, für die Ordnung deines Hauses, für sicheres Pflichtgefühl, behüte
mir das laut pochende Herz. Mache mich fest gegen ihn, gegen sein
verführerisches Lachen, gegen seinen übermütigen Spott.«
    So betete Sabine. Lange sass sie in feierlicher Beratung mit den guten
Geistern des Hauses, dann fuhr sie mit dem Tuch über die Augen, trat
entschlossen an den Tisch und fuhr fort, den Damast zu zählen und aufzuheben.
    Anton war bereits ausgekleidet und im Begriff, sein Licht auszulöschen, als
kräftig an die Tür geklopft wurde, und der Mann hereintrat, den er in diesem
Augenblick am wenigsten von allen Sterblichen erwartete. Es war Herr von Fink
mit seiner Reitpeitsche und seinem nachlässigen Wesen.
    »Ah, Sie sind schon zu Bett«, sagte der Jockei und setzte sich rittlings auf
einen Stuhl in der Nähe, »lassen Sie sich nicht stören! Sie haben mir einen
gefühlvollen Brief geschrieben, und Jordan hat mir das übrige erzählt; ich
komme, Ihnen mündlich zu antworten.« Anton schwieg und sah von seinem Kopfkissen
finster auf den Gegner. »Ihr seid hier alle sehr tugendhafte und sehr
empfindliche Leute«, fuhr Fink fort und schlug mit seiner Peitsche an das
Stuhlbein. »Es tut mir leid, dass Sie sich meine Reden so zu Herzen genommen
haben. Es freut mich aber, dass Sie so entschlossen sind. Sie haben den ehrlichen
Jordan in einen wahren Werwolf verwandelt«, fügte er lächelnd hinzu.
    »Bevor ich Sie weiter anhöre«, sagte Anton grollend, »muss ich wissen, ob Sie
die Absicht haben, mir für Ihre Beleidigung eine Ehrenerklärung vor den übrigen
Herren zu geben. Ich weiss nicht, ob nach der schweren Kränkung, die Sie mir
zugefügt haben, ein anderer, der mehr Erfahrung in Ehrensachen hat, sich mit
einer solchen Erklärung begnügen würde. Ich habe das Gefühl, dass ich damit
zufrieden sein müsste.«
    »Da fühlen Sie richtig«, sagte Fink kopfnickend; »Sie können damit zufrieden
sein.«
    »Wollen Sie mir morgen diese Erklärung geben?« fragte Anton.
    »Warum denn nicht?« sagte Fink gleichgültig; »ich habe keine Lust, mich mit
Ihnen zu schiessen, und will Ihnen gern vor sämtlichen Korrespondenten und
Prokuristen der Firma die Erklärung ausstellen, dass Sie ein verständiger und
hoffnungsvoller junger Mann sind, und dass ich unrecht getan habe, jemanden zu
kränken, der jünger, und verzeihen Sie den Ausdruck, um vieles grüner ist, als
ich.«
    Unser Held hörte diese Worte mit gemischten Empfindungen; es wurde ihm doch
leichter ums Herz; aber die Manier Finks ärgerte ihn wieder sehr und er sagte
sich im Bette aufrichtend entschlossen: »Ich bin mit dieser Erklärung noch nicht
zufrieden, Herr von Fink.«
    »Ei«, sagte Fink, »was verlangen Sie noch?«
    »Sie gefallen nur auch in diesem Augenblick nicht«, sprach Anton, »Sie sind
wieder rücksichtsloser gegen mich, als gegen einen Fremden schicklich ist. Ich
weiss, dass ich noch jung bin und wenig von der Welt kenne, und ich glaube, dass
Sie mich in vielen Dingen übersehen, aber eben deshalb wäre es hübscher von
Ihnen, wenn Sie freundlich und gütig gegen mich wären.« Anton sagte dies mit
einer Bewegung, welche seinem Gegner nicht entging. Fink streckte seine
geöffnete Hand gutmütig über das Bett und sprach: »Seien Sie nur nicht wieder
böse und geben Sie mir Ihre Hand.«
    »Ich möchte gern«, rief Anton mit hervorbrechender Rührung, »aber ich kann
noch nicht; sagen Sie mir zuvor, dass Sie den Streit mit mir nicht deswegen so
leicht behandeln, weil Sie mich für zu jung und zu gering halten oder weil Sie
von Adel sind, und ich nicht.«
    »Hört, Master Wohlfart«, sagte Fink, »Ihr setzt mir das Messer verzweifelt
an die Kehle. Weil Ihr aber in Eurem reinen weissen Hemdchen so unschuldig vor
mir liegt, so will ich ein übriges tun und wegen dieser Punkte mit Euch
kapitulieren. Was meinen deutschen Adel betrifft, so viel darauf!« - hier
schnalzte er mit den Fingern - »er hat für mich ungefähr denselben Wert, wie ein
Paar gute Glanzstiefel und neue Glacehandschuhe. Was aber meine Scheu vor Ihrer
Jugend und der hoffnungsvollen Würde eines Lehrlings betrifft, so will ich mich
wenigstens zu dem Bekenntnis verstehen, dass ich nach dem, was ich heut abend an
Ihnen kennengelernt habe, Ihnen fortan bei jedem neuen Zank, in den wir geraten
werden, mit jedem Mordwerkzeug, das Sie vorschlagen, jede mögliche Genugtuung
geben will. Damit können Sie sich begnügen.« - Nach diesem Trost hielt ihm Fink
zum zweitenmal die Hand hin und sagte: »Jetzt schlagen Sie ein, es ist jetzt
alles in Ordnung.«
    Anton legte seine Hand in die dargebotene, und der Jockei schüttelte sie ihm
kräftig und sagte: »Wir sind heut so offenherzig gegeneinander gewesen, dass es
gut sein wird, wenn wir eine Pause machen, sonst haben wir einander gar nichts
mehr zu erzählen. Schlafen Sie wohl, morgen mehr davon.« dabei ergriff er seine
Mütze, nickte mit dem Kopf und schritt klirrend zur Tür hinaus.
    Anton war, die Wahrheit zu gestehen, über diesen unerwartet friedlichen
Ausgang so vergnügt, dass er lange nicht einschlafen konnte. Herr Baumann, der in
seiner Schlafkammer das Bett an derselben Wand hatte, konnte sich nicht
entalten, nach Finks Abgang seinen Glückwunsch durch Klopfen an der Wand
auszudrücken, und Anton beantwortete das Signal sofort durch ein ähnliches
Klopfen, welches seinen Dank für die Teilnahme anzeigen sollte.
    Am andern Morgen war das Comtoir eine Viertelstunde vor der Ankunft des
Prinzipals vollzählig versammelt. Fink erschien als letzter und sagte mit lauter
Stimme: »Mylords und Gentlemen aus dem Export-und Provinzialgeschäft, ich habe
gestern Herrn Wohlfart von hier in einer Weise behandelt, die mir jetzt, nach
dem, was ich von ihm kennengelernt habe, aufrichtig leid tut. Ich habe ihm
gestern bereits meine Erklärung gemacht und bitte ihn heute in Ihrer Gegenwart
freiwillig nochmals um Verzeihung. Zu gleicher Zeit bemerke ich, dass unser
Wohlfart sich bei diesem Streit durchaus respektabel benommen hat und dass ich
mich freue, mit ihm in Geschäftsverbindung getreten zu sein.« Das Comtoir
lächelte, Anton ging auf Fink zu und schüttelte ihm wieder die Hand, Herr Jordan
tat mit beiden Parteien dasselbe, und die Sache war abgemacht.
    Doch blieb sie nicht ohne Folgen. Auch die Kunde von der ehrlichen Sühne,
welche Fink dem Lehrling gab, und von der freundlichen Ausgleichung gelangte in
das Vorderhaus. Und als Anton zusammen mit Fink beim Mittagstisch erschien,
ruhten die Blicke der Damen mit Teilnahme und Neugier auf ihm, und der Prinzipal
verbarg nicht ein freundliches Lächeln. Aber auch auf Fink fiel heut Sabinens
Auge mit freudigem Glanz, und sooft sie zu ihm aufsah, war ihr, als hätte sie
ihm etwas Grosses abzubitten.
    Bei den Herren vom Comtoir war die Stellung Wohlfarts auf einmal eine ganz
andere geworden, er wurde von allen mit einer Achtung behandelt, welche ein
Lehrling sonst nicht durchzusetzen pflegt; Herr Specht erklärte ihn bei
sämtlichen Kommis seiner Bekanntschaft - und seine Bekanntschaft war gross - für
einen modernen Bayard, für den letzten Ritter Europas, für einen furchtbaren
Haudegen im Reiche der Kontokorrenten. Herr Liebold wurde wahrhaft kühn in
seinen Behauptungen, wenn er merkte, dass Anton auf seiner Seite stand, und sogar
Herr Pix gönnte seinem Zögling von diesem Tage an augenscheinliche Hochachtung,
er vertraute den Beobachtungen, welche Anton am Zünglein der grossen Waage
machte, ebenso fest, wie seinen eigenen, und überliess ihm zuweilen sogar den
schwarzen Pinsel, seinen geliebten Zepter, das Zeichen seiner Herrschermacht.
    Die grösste Veränderung aber trat in Antons Verhältnis zu Fink ein. Denn
einige Tage nach dem Streit, als Anton hinter dem Jockei die Treppe des
Hinterhauses hinaufstieg, blieb Fink an seiner Tür stehen und fragte: »Wollen
Sie nicht bei mir eintreten? Sie sollen mir heut Ihren Besuch machen und meine
Zigarren probieren.«
    Zum erstenmal überschritt Anton die Schwelle des Volontärs und blieb
verwundert an der Tür stehen, denn das Zimmer sah sehr fremdartig aus. Elegante
Möbel standen unordentlich umher, ein dicker Teppich, weich wie Moos, bedeckte
den Fussboden, und der ordentliche Anton sah mit Betrübnis, wie rücksichtslos die
Zigarrenasche auf die prächtigen Blumen desselben geworfen war. An der einen
Wand stand ein grosser Gewehrschrank, darüber ein ausländischer Sattel, und
pfundschwere silberne Sporen hingen daneben herunter; die andere Wand verdeckte
ein ebenso grosser Bücherschrank aus kostbarem Holz, voll von Büchern in braunem
Lederband, und über dem Schrank reichten riesige Flederwische, die schwarzen
Flügel eines ungeheuren Vogels, von einer Stubenwand bis zur anderen.
    »Welche Menge von Büchern Sie haben«, rief Anton erfreut.
    »Es sind Erinnerungen an eine Welt, in der ich nicht mehr lebe«, sagte Fink.
    »Und diese Flügel, gehören sie auch zu Ihren Erinnerungen?«
    »Ja, Herr, es sind die Fittiche eines Kondors; Sie sehen, ich bin stolz auf
diese Jagdbeute«, antwortete Fink und hielt unserem Anton ein Paket mit Zigarren
hin. »Setzen Sie sich, Wohlfart, lassen Sie uns plaudern, und zeigen Sie, ob
Herr Specht recht hat, wenn er Sie als liebenswürdigen Gesellschafter rühmt.« Er
schob unserm Helden mit dem Fuss einen grossen Fauteuil zu. Anton sank behaglich
in die weichen Kissen und blies blaue Wolken nach der Decke, während Fink die
Lampe des silbernen Teekessels anzündete. »Sie haben mir neulich gefallen,
Wohlfart«, sagte Fink, sich der Länge nach auf dem Sofa ausstreckend, »verstehen
Sie sich auf Pferde?«
    »Nein«, sagte Anton.
    »Sind Sie Jäger?«
    »Auch nicht.«
    »Treiben Sie Musik?«
    »Nur wenig«, sagte Anton.
    »Nun also, in Teufels Namen, welche menschliche Eigenschaft haben Sie denn?«
    »In Ihrem Sinne wenig«, antwortete Anton ärgerlich. »Ich kann die Leute
lieben, welche mir gefallen, und ich glaube, ich kann ein treuer Freund sein;
wenn mich aber jemand übermütig behandelt, so empöre ich mich.«
    »Schon gut«, sagte Fink, »von der Seite kenne ich Sie. Für einen Anfänger
war Ihr Debüt gar nicht übel. Ich sehe, es ist Rasse in Ihnen. Lassen Sie hören,
wer Sie sind. Von welchem Volk der sterblichen Menschen stammen Sie, und welches
Schicksal hat Sie hierher geschleudert in dieses traurige Mühlwerk, wo jeder
zuletzt voll Staub und Resignation wird, wie Liebold oder im besten Fall wie der
pünktliche Jordan.«
    »Es war doch ein gutmütiges Schicksal«, antwortete Anton und begann von
seiner Heimat und seinen Eltern zu erzählen. Mit Wärme schilderte er den kleinen
Kreis, in dem er aufgewachsen war, die Abenteuer seiner Schulzeit und einige
närrische Leute aus Ostrau, mit denen er verkehrt hatte. »Und so ist für mich
ein grosses Glück, was Sie für ein Unglück halten«, schloss er, »dass ich hierher
gekommen bin.«
    Fink nickte beistimmend und sagte: »Zuletzt ist der grösste Unterschied
zwischen uns beiden, dass Sie Ihre Mutter gekannt haben und ich die meine nicht.
Übrigens ist es ziemlich gleichgültig, in welchem Nest einer aufwächst, man kann
fast unter allen Umständen ein tüchtiger Gesell werden. - Ich habe Leute
gekannt, die weniger Liebe in ihrem Vaterhause gefunden haben, als Sie.«
    »Sie haben so viel von der Welt gesehen«, sagte Anton rücksichtsvoll, »ich
bitte Sie, mir zu sagen, wie Sie dazu gekommen sind.«
    »Sehr einfach«, begann Fink. »Ich besitze einen Onkel in New York, der dort
einer von den Aristokraten der Börse ist. Dieser schrieb meinem Vater, als ich
14 Jahre war, ich solle eingepackt und herübergeschickt werden, er habe die
Absicht, mich zu seinem Erben zu machen. Mein Vater ist sehr Kaufmann, ich wurde
emballiert und abgeschickt. In New York wurde ich bald ein gottverdammter
kleiner Schuft und Taugenichts, ich trieb jede Art von Unsinn, hielt einen Stall
von Rassepferden in einem Alter, wo bei uns ehrliche Jungen noch auf offener
Strasse ihre Buttersemmel verzehren und mit einem Papierdrachen spielen. Ich
bezahlte Sängerinnen und Tänzerinnen und misshandelte meine weissen und schwarzen
Domestiken so sehr durch Fusstritte und Haarraufen, dass mein Oheim genug zu tun
hatte, um Entschädigungsgelder an diese freien Bürger zu bezahlen. Sie hatten
mich aus meiner Heimat fortgerissen, ohne sich um meine Gefühle zu bekümmern;
ich kümmerte mich jetzt den Teufel um die ihren. Übrigens je toller ich's trieb,
desto mehr Geld bekam ich in die Hände. Ich war bald der verrufenste unter den
jungen Bengeln, welche die vornehmen Unarten jenseits des Wassers kultivieren.
Einst an meinem Geburtstage kam ich um 6 Uhr früh aus einem kleinen Souper nach
Hause, bei dem ich aus Caprice den Spröden gegen einige zuvorkommende Damen
gespielt hatte, und unterwegs fiel mir ein, dass diese Wirtschaft ein Ende nehmen
müsse oder ich selbst würde ein Ende nehmen. Ich ging nach dem Hafen statt nach
Hause, steckte mich in grobe Matrosenkleider, die ich unterwegs kaufte, und
bevor es Mittag war, fuhr ich als Schiffsjunge auf einem dickbäuchigen Engländer
zum Hafen hinaus. Wir segelten einige tausend Meilen fort um Kap Hoorn herum und
auf der andern Seite des Festlandes wieder hinauf. Als wir in Valparaiso
ankamen, erklärte ich dem Kapitän, dass ich ihm für die Überfahrt dankbar sei,
traktierte die ganze Mannschaft und sprang ans Land, um mit den zwanzig
Dublonen, die ich noch in der Tasche hatte, auf eigene Faust mein Glück zu
machen. Ich traf bald einen verständigen Mann, der mich auf seine grosse Hazienda
brachte, wo ich als Ochsenhirt und Reitkünstler nicht geringe Lorbeeren erntete.
Ich war etwa andertalb Jahre dort oben und befand mich sehr wohl, ich wurde als
eine Art diensttuender Gastfreund behandelt, ich war verliebt, ich war bewundert
als Jäger, und tummelte mich tüchtig im Sattel, was fehlte mir? - Wir hatten
gerade grosses Rinderschlachten, und ich war fleissig beschäftigt, von meinem
Pferd die Kühe in den Schlachtof zu eskortieren, als plötzlich zwei
Regierungsbeamte in unser Fest hineinritten. Diese behandelten mich selber mit
vieler Artigkeit wie ein junges Rind, nahmen mich samt meinem Pferd in die Mitte
und führten mich zwischen ihren Steigbügeln Trott und Galopp nach der
Hauptstadt. Dort wurde ich beim amerikanischen Konsul abgeliefert, und da mein
Oheim Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hatte, mich aufzuspüren, und ich aus
einem langen Briefe meines Vaters erkannte, dass der Herr sich wirklich über mein
Verschwinden ängstigte, so beschloss ich, ihm den Gefallen zu tun und
zurückzukehren. Ich unterhandelte mit dem Konsul und reiste mit dem nächsten
Schiff nach Europa ab. Als ich auf diesem bejahrten Erdhaufen ankam, erklärte
ich meinem Vater, dass ich nicht Kaufmann werden wolle, sondern Landwirt. Darüber
geriet die Firma Fink und Becker ausser sich, aber ich blieb fest. Endlich kam
ein Vertrag zustande. Ich ging zunächst auf zwei Jahr in eine norddeutsche
Wirtschaft, dann sollte ich einige Jahr in einem Comtoir arbeiten, dadurch
hoffte man meine Capricen zu bändigen. So bin ich jetzt hier in Klausur. Aber
alle Mühe ist umsonst. Ich tue meinem Vater den Gefallen, hier zu sitzen, weil
ich merke, dass sich der Mann viel unnützen Kummer um mich macht, aber ich bleibe
nur so lange hier, bis er sich überzeugt, dass ich recht habe. Dann werde ich
Landmann.«
    »Wollen Sie bei uns ein Gut kaufen?« fragte Anton neugierig.
    »Nein, Herr«, antwortete Fink, »das will ich nicht. Ich würde es vorziehen,
vom frühen Morgen bis gegen Mittag zu reiten, ohne an einen Grenzstein meines
Landes zu stossen.«
    »Sie wollen also wieder nach Amerika zurück?«
    »Oder anderswohin, Herr, ich bin in Erdteilen nicht wählerisch. Unterdes
lebe ich in diesem Kloster als Mönch, wie Sie sehen«, sagte Fink lachend und goss
aus einer grossen Flasche eine Masse Rum unter ein geringeres Mass anderer
Substanzen, rührte das Getränk um und trank zum geheimen Schreck Antons die
feurige Mischung sehr behaglich hinunter. »Frisch, Mann«, rief er, Anton die
Flasche zuschiebend, »macht Euren Trank zurecht, und jetzt lasst uns lustig
plaudern, wie sich für gute Gesellen und versöhnte Feinde schickt.«
    Seit diesem Abende behandelte Fink unsern Helden mit einer Freundlichkeit,
welche sehr verschieden war von dem nachlässigen Wesen, das er den übrigen
Herren vom Geschäft gönnte. In kurzem wurde Anton der Liebling des Mönchs in der
Klausur, oft rief ihn Fink in sein Zimmer, ja er verschmähte sogar nicht, drei
Treppen hoch in das Heiligtum der lederfarbenen Katze hinaufzusteigen, wenn er
gerade gelaunt war, einen Abend im Hause zu verleben. Allerdings war das nicht
oft der Fall. Anton merkte bald, dass sein neuer Freund eine in der Stadt sehr
bekannte und vielbesprochene Person war, dass er unter der eleganten Jugend mit
einem wahren Despotismus herrschte, und bei Herrenreiten, Jagdpartien und
anderen nützlichen Tätigkeiten ein Anführer und vielbegehrte Autorität war. Er
war jung, gewandt, von Adel, galt für unermesslich reich und besass eine
Meisterschaft in allen Dingen, die mit einem Pferdehuf, einem Gewehrlauf und
einem vergoldeten Teelöffel irgend in Verbindung gedacht werden können, und was
über allem stand, er behandelte jeden, der in seine Nähe kam, mit der leichten
Süffisanz, welche von je bei dem grossen Haufen unselbständiger Menschen als
Zeichen von überlegener Kraft gegolten hat. Fink war deshalb viel in
Gesellschaft und kam oft erst gegen Morgen nach Hause. Anton hörte ihn zuweilen
ankommen, wenn er bereits vor seinem Buche sass; er bewunderte die Lebenskraft
seines Freundes, der dann nach einer oder zwei Stunden Ruhe seinen Platz im
Comtoir einnahm und während des ganzen Vormittags keine Spur von Mattigkeit
zeigte. Gegen die strenge Ordnung des Hauses stach Fink auch dadurch ab, dass er
sich die unerhörte Freiheit herausnahm, zuweilen eine Stunde nach Eröffnung des
Kontors zu erscheinen und sich vor dem Schluss zu entfernen. Anton konnte nicht
erraten, ob sein Prinzipal diese gelegentliche Selbständigkeit für ein grosses
oder für ein kleines Verbrechen hielt. Jedenfalls schwieg er dazu.
    So verging der Winter, und Anton merkte an untrüglichen Zeichen, dass der
Frühling und der Sommer über das Land daherzogen. Die Fuhrleute brachten nicht
mehr Schneeflocken ins Comtoir, sondern Regentropfen und braune Fusstapfen,
zuweilen wagte sich ein Mädchen mit Veilchensträussen in die Nähe der
unermüdlichen Wanduhr, dann schien die Sonne Herrn Liebold kriegslustig auf die
Fensterecke vor seinem Hauptbuche, dann kamen die Makler und erzählten von der
gelben Blüte der Ölfrucht draussen im Freien, und endlich erschien Herr Braun und
trug die erste Rose in der Hand. Ein Jahr war vergangen, seit Anton mit den
Schwänen über den See gefahren war. Er hatte das ganze Jahr hindurch an die
Fahrt gedacht.
 
                                       8
Noch immer besass Veitel Itzig seine Schlafstelle in der stillen Karawanserei, wo
er sich am Tage seiner Ankunft einquartiert hatte. Wenn nach den Behauptungen
der Polizei jeder Mensch irgendwo zu Hause sein muss und nach der Ansicht aller
verständigen Frauen vorzugsweise da zu Hause ist, wo sein Bett steht, so war
Veitel merkwürdig wenig zu Hause. Sooft er aus dem Geschäft des Herrn Ehrental
entschlüpfen konnte, trieb er sich auf den Strassen umher, sah lauersam auf jeden
jungen Herrn, welcher ihm geneigt schien, etwas zu kaufen oder zu verkaufen, und
wusste aus der Haltung des Vorübergehenden genau zu erkennen, ob derselbe für die
Reize eines kleinen Handels empfänglich sei oder nicht. Stets hatte er einige
Paradetaler in der Tasche, mit welchen er in anmutiger Nachlässigkeit so lockend
zu klappern verstand, dass nur ein fühlloser Mensch gleichgültig gegen diese
Zahlungsfähigkeit sein konnte. Er wusste mit einem einzigen schnellen Blick die
geheimsten Fehler eines Rockes oder einer Weste zu erkennen, er hatte für seine
Kunden eine bezaubernde Fülle von verbindlichen Redensarten, er sprach aus
Grundsatz zu keinem halbwüchsigen Primaner anders als: »Wenn der gnädige Herr
mir allergnädigst erlauben«, er verstand, was ewig für das Höchste in diesem
Geschäft gelten wird, seiner Untertänigkeit einen skurrilen Anstrich zu geben,
und war Meister darin, die allerabgeschmacktesten Bücklinge zu machen. Er besass
die Wissenschaft, altes Messing durch Katzensilber blendend zu machen und altem
Silber den allerhöchsten Glanz zu geben; er war stets bereit, abgelegte schwarze
Fräcke zu kaufen, - was von allen Eingeweihten als Symptom einer kühnen und
waghalsigen Natur betrachtet wird, - er wusste das fasrige Tuch derselben durch
einen eigentümlichen Bürstenstrich mit einem Schein von Neuheit zu überziehen,
der gerade lange genug dauerte, um seine Käufer zu verblenden, welche er in
armen Schulmeistern, hoch aufgeschossenen Konfirmanden und freigesprochenen
Lehrlingen zu finden bemüht war. Mit jedem Gange, welchen er für Herrn Ehrental
tat, suchte er einen andern zu seinem eigenen Nutzen zu verbinden und erwarb
dadurch schnell eine Kundschaft, welche den Neid graubärtiger Trödler erregte.
Er beschränkte sein Geschäft aber nicht auf gebrauchte Gegenstände, obgleich er
hierin seine ersten und zahlreichsten Erfolge durchgesetzt hatte. Er wurde Agent
von Pferdehändlern, trat in Verbindung mit verschwiegenen Geldverleihern und
trieb solchen Ehrenmännern Kunden zu; ja, er lieh sein eigenes Geld aus und
hatte das ungewöhnliche Zartgefühl, nie mehr als fünfzig vom Hundert zu nehmen;
er lieh aber nur auf kurze Fristen und nahm am Zahlungstermin statt des baren
Geldes mit grosser Bereitwilligkeit jede Art von verkäuflichen Dingen zu einer
Taxe, welche er als Sachverständiger am besten selbst machte. dabei hatte er die
Tugend, nie zu ermüden, er war den ganzen Tag auf den Beinen, lief um wenige
Groschen zehnmal denselben Weg, freute sich wie ein König um einen eroberten
Taler, schüttelte jedes rauhe Wort - und er musste oft welche hören - ab, wie der
Pudel seine Schläge. Er gönnte sich selbst keine Stunde des Genusses, seine
einzige Erquickung war, an den Fingern die Geschäfte abzählen, welche er grade
im Gange hatte, und seinen Gewinn berechnen. Es war merkwürdig, wie wenig er
brauchte, er ass am Abend ein Stück Brot, welches er zu Mittag aus Ehrentals
Küche in seine Tasche praktiziert hatte; ein Glas Dünnbier gönnte er sich im
ersten Jahre nur einmal, und zwar an einem heissen Tage, wo er einem Gutsbesitzer
behilflich gewesen war, einen Wagen zu verkaufen, und durch eine Tätigkeit von
zwei Stunden ebensoviel Taler verdient hatte. Seine Kleider gewährte ihm sein
Geschäft. Sommer und Winter ging er deshalb im schwarzen Frack und den
entsprechenden Pantalons; ja er fand es nützlich, über einer schwarzen Samtweste
eine vergoldete Kette zu tragen, und erschien stets als Gentleman unter
seinesgleichen, weil er mit Recht behauptete, jeder Geschäftsmann müsse so
auftreten, dass sich kein Mensch zu schämen brauche, mit ihm ein Geschäft zu
machen. Aus allen diesen Gründen genoss er schon nach Ablauf des ersten Jahres
die Freude, seine sechs Dukaten um das Dreissigfache vermehrt zu sehen.
    Im Geschäft des Herrn Ehrental war er schnell ein unentbehrliches Mitglied
geworden, seinem Scharfblick entging keine Person, kein Pferd, kein
Getreidewagen; jedes Gesicht, dass er einmal gesehen, erkannte er wieder, jeden
Tag wusste er den Kurszettel der Börse auswendig, als ob er selbst vereideter
Sensal gewesen wäre. Noch bekleidete er die mehr nützliche als erhabene Stelle
eines Laufburschen, noch putzte er Bernhards Stiefel und ass vor der Küchentür;
aber es war ersichtlich, dass ihm ein Schreibepult und ein Lederstuhl in dem
kleinen Comtoir, welches Herr Ehrental der Form wegen hielt, nicht fehlen
würden. Dies war das Ziel seiner Sehnsucht, es war für ihn die Pforte zum
Paradies. Denn noch war er nicht eingeweiht in die Tiefen des Geschäftes, noch
wurde er weggeschickt, sooft irgendein wichtiger Kunde mit Herrn Ehrental
verhandelte. Sehr bald sah er ein, dass ihm selbst noch einiges fehle, um dies
Glück zu verdienen; er gebrauchte die deutsche Sprache mit vieler Fertigkeit,
aber es war ein östlicher Hauch darin, mehr Kehlkopf als höhere Grammatik; er
schrieb wohl auch Geschäftsbriefe und Rechnungen, aber es war keine Glätte, kein
Strich darin, die Buchstaben waren sozusagen widerhaarig, und die Perioden waren
löchrig und geflickt; und was vollends die Geheimnisse der Buchhaltung betraf,
so war er darin wie ein unschuldiges Kind. Dieser Mangel drückte ihn sehr.
    In seiner Herberge war er unterdes ein angesehener Mann geworden, selbst
Löbel Pinkus behandelte ihn mit ungewöhnlicher Vertraulichkeit. Dies schöne
Verhältnis verdankte Veitel seinem Scharfblick. Jene Bretterwand in der
Gaststube und der hohle Klang des Holzes hatten ihn seit dem Tage seines Einzugs
beunruhigt, wochenlang hatte er auf eine Gelegenheit gewartet, seine
Untersuchungen fortzusetzen. Endlich an einem Sonnabend schützte er Unwohlsein
vor und blieb zu Hause, als der Hauswirt und seine Gäste mit würdigem Schritt
nach der Synagoge zogen. Da endlich glückte es ihm, einen Ritz in der Hinterwand
seines Schrankes zu erweitern und etwas zu erblicken, das ihn aufs höchste
überraschte. Er sah in eine grosse, schmutzige Stube, welche ganz angefüllt war
mit Koffern und Kisten und einem Chaos begehrungswerter Artikel. Herren- und
Damenkleider, Betten, Wäsche, Stoffe, bunte Vorhänge lagen in grossen Haufen
durcheinander, auch metallene Geräte, ein Kruzifix, Kelche, Kronleuchter
glänzten in dem Halbdunkel und noch andere lockende Spekulationen, welche auch
sein scharfes Auge nicht erkennen konnte. Als Aladin den ersten Schritt in die
Zauberhöhle tat, geriet er schwerlich in so grosse Aufregung, als Junker Itzig
bei seiner Entdeckung. Er lief immer wieder zu dem Ritz zurück und starrte in
das staubige Dämmerlicht der geheimnisvollen Niederlage, bis die Gäste aus der
Synagoge nach Hause kamen. Er behielt die Entdeckung für sich, aber er lag seit
dem Tage auf der Lauer, wie das Wiesel vor einem Mauseloch. Einigemal hörte er
bei Nacht Geräusch in der geheimnisvollen Stube des Nebenhauses; einmal gelang
es ihm, ein Geflüster zu vernehmen, bei welchem die tiefe Stimme des würdigen
Pinkus unverkennbar war; einst, als er spät nach Hause kam, sah er am
Nachbarhause Fässer, Kisten und Bündel in eine kleine Britschka laden, welcher
schamhaft mit weisser Leinwand verhüllt war, eine Massregel, welche schon Sulamit
im hohen Liede Salomonis als nützlich empfiehlt, damit man nicht von den
Wächtern des Königs in den Weinbergen angehalten werde. In derselben Nacht
verschwanden zwei schweigsame Gäste seines Herbergsvaters, welche offenbar aus
Polen stammten, und kamen nicht wieder. Aus alledem zog er den Schluss, dass sein
Wirt eine Art Kommissions- und Speditionsgeschäft von allerlei merkwürdigen
Waren hielt, welche er aus guten Gründen lieber am Abend, als bei Tage
fortschafte. - Wie ein Licht ging es unserm Veitel auf. Die Waren gingen nach
dem Osten, wurden über die Grenze geschmuggelt und verbreiteten sich bis tief in
das russische Reich, bis an die asiatische Grenze, wo zuletzt der strebsame
Kirgise die Hemden und Schnürröcke aufträgt, welche vom deutschen Schneider
genäht sind. Alles nach dem Grundsatz, was in Deutschland defekt wird, fällt den
Russen zu. Veitel benutzte seine Entdeckung mit der Mässigung eines
Geschäftsmannes und machte seinem Hauswirt grade nur soviel Andeutungen, dass
Pinkus sich bewogen fühlte, ihn mit besonderer Rücksicht zu behandeln.
    Nach einem tatenreichen Tage schritt Veitel nachdenkend in seine Herberge
zurück und betrat mit dem üblichen Gruss die Gaststube. Er setzte sich still in
eine Ecke und suchte in seinen Gedanken nach einem Schriftgelehrten, welcher
geeignet war, ihn in die Geheimnisse eines guten Stils und der Buchführung
einzuweihen, gegen möglichst geringes Honorar, ja vielleicht gegen einen
schwarzen Frack, den er durchaus nicht loswerden konnte, weil die Schösse
desselben - er hatte einem riesigen Leichenbitter gehört - bis auf den Boden
hingen, wie die Äste einer Trauerweide. Als Veitel nach fruchtloser Überlegung
aufsah, erblickte er am Tische einen fremden Gast, welcher eine Feder in der
Hand hielt und diese zuweilen in ein Tintenfass tauchte; der Mann sprach leise
mit einem Händler und beugte sich von Zeit zu Zeit auf das Papier,
wahrscheinlich um die Beschlüsse der geheimen Unterhaltung zu verewigen. Veitel
sah sich den Schreiber ahnungsvoll an. Es war klar, dass die Grossväter dieses
Mannes nicht unter Moses durch das Rote Meer gezogen waren. Der Herr war stark
und klein, er hatte eine rötliche aufgeregte Nase und ein rundes ältliches
Gesicht, verworrenes Haar und eine alte Stahlbrille, die er zuweilen an den
Ohren festdrückte, weil es ihr trotz ihrer langen Dienstzeit ganz unmöglich war,
auf der Stumpfnase Schluss zu gewinnen. Veitel bemerkte, dass dieser Mann mit der
Brille einen ungewöhnlich schlechten Rock anhatte und zuweilen aus einer
Zinndose schnupfte, wobei er jedesmal den Händler mit einem eigentümlichen
Schielblick ansah, mit einer Art von inquisitorischem Blinzeln, welches seinem
Gesicht einen gutmütigen Ausdruck geben sollte, dies aber nicht tat. Offenbar
war dieser Mann ein Schriftgelehrter, und Veitel beschloss abzuwarten, ob er an
ihn kommen könne. Endlich war die Verhandlung geschlossen, der Händler empfing
ein Papier und legte dafür ein Geldstück, vor Veitels Adleraugen ein
Achtgroschenstück, auf den Tisch, welches von dem Herrn mit der Brille
nachlässig in die Tasche des Beinkleides versenkt wurde. Der Händler entfernte
sich, der Fremde blieb, wie es schien, in gemütlicher Stimmung sitzen und goss
sich aus einer kleinen Flasche Branntwein den letzten Rest in das Glas. Veitel
trat auf ihn zu, der kleine Herr blickte schnell misstrauisch auf, aber als er
die verbindliche Stellung Veitels sah, fuhr ein vertrauliches Lächeln über sein
rotes Gesicht, und eine scharfe Stimme sprach: »Nur näher, mein junger Freund,
Sie wollen mich konsultieren, ich stehe zu Diensten.«
    Veitel begann zögernd: »Wenn der Herr bekannt ist am Orte, so wollte ich ihn
wohl ersuchen um etwas.«
    »Immer heraus, mein Sohn«, ermunterte der andere, indem er sein Glas
austrank und Veitel mit seinem gutmütigen Blick ansah.
    »Ich wollte Sie fragen, ob Sie vielleicht jemand wüssten, der gegen eine
billige Vergütung einem Manne von meiner Bekanntschaft Unterricht geben würde im
Schreiben und in den Aufsätzen, wie man sie braucht zum Geschäft.«
    »So?« fragte der schäbige Herr, »wie man sie braucht zum Geschäft? - Und
dieser Mann von Ihrer Bekanntschaft sind Sie selbst, mein Sohn?«
    »Was soll ich daraus machen ein Geheimnis?« antwortete Veitel aufrichtig,
»ja, ich bin es selbst; aber ich bin noch ein Anfänger und bin nicht imstande
mehr zu geben als wenig.«
    »Wer wenig gibt, erhält wenig, mein Lieber - wie war doch der Name?« fragte
der Alte gleichgültig dazwischen und drehte die Dose.
    »Veitel Itzig heisse ich.«
    »Also, lieber Itzig«, fuhr der Alte fort, »guter Unterricht kostet gutes
Geld. Und was treiben Sie für ein Geschäft?« forschte er mit väterlicher Miene
weiter.
    »Ich bin im Comtoir bei Hirsch Ehrental«, erklärte Veitel mit Selbstgefühl.
    Der Fremde wurde aufmerksam. »Herr Ehrental ist ein reicher Mann, ein
kluger Mann; ich habe seinerzeit viel mit ihm zu tun gehabt, er hat eine schöne
Gesetzkenntnis. Wenn Sie den Geschäftsstil erlernen wollen und bei Herrn
Ehrental sind«, fuhr er überlegend fort, »vielleicht kann da Rat werden.
Welches Honorar würden Sie zahlen, wenn sich jemand fände?«
    Veitel fand es gewissenlos, etwas zu bieten, er bemerkte zurückhaltend: »Ich
weiss doch noch nicht, was er fordern wird für solchen Unterricht.«
    »So will ich's Euch gerade heraus sagen«, erklärte der Herr mit der Brille.
»Ich selbst könnte Euch vielleicht den Unterricht geben, vielleicht auch nicht;
man gibt solche Anweisung nicht jedem, ich müsste mich erst näher nach Euch
erkundigen. Wenn ich Euch aber den Gefallen tue, so will ich Euch den Unterricht
erteilen in Erwägung, dass Ihr ein Anfänger seid, in Erwägung, dass Ihr arm seid,
und in Erwägung, dass ich jetzt grade einige freie Zeit habe und aufgelegt bin
mehr Teorie als Praxis zu treiben, wenn Ihr mir fünfzig Taler zahlt;
fünfundzwanzig Taler vor der ersten Lektion und fünfundzwanzig Taler in einem
Schuldschein, den ich selbst Euch schreiben werde, binnen vier Wochen.«
    »Fünfzig Taler!« rief Veitel entsetzt und sank wie vom Schlag gerührt auf
einen Schemel, »fünfzig Taler!« wiederholten mechanisch seine Lippen, als das
Räderwerk seines Geistes bereits ins Stocken geraten war.
    »Ist Euch das zuviel«, fragte der Herr mit der Brille im scharfen Ton, »so
lasst Euch sagen, junger Itzig: Erstens, dass ich mit keinem Gelbschnabel handle,
zweitens, dass ich meine Hilfe andern noch nie so billig gegönnt habe, und
drittens, dass ich mich den Teufel mit Euch befassen würde, wenn ich nicht grosse
Lust hätte, einige Wochen in dieser Stube zu verweilen.«
    »Fünfzig Talerstücke!« rief Itzig ausser sich, »ich habe geglaubt, es würde
nicht kosten mehr als zwei, drei Taler, wenn ich noch vielleicht wollte zugeben
eine Weste und ein Paar gute Stiefel.« Der alte Herr fuhr heftig nach seiner
Brille - »und einen Hut, der noch ist wie neu«, fügte Veitel schnell hinzu, weil
er einen Sturm heranziehen sah und bemerkt hatte, dass der Hut auf dem Tische
sehr ruppig aussah.
    »Scher dich zum Henker, du Dummkopf«, fuhr ihn der Alte mit einer
Überlegenheit an, welche Veitel nur von jungen Herrn mit grossen dänischen Doggen
zu ertragen gewohnt war. »Suche dir einen Schulmeister bei der Armenschule.«
    »So ist der Herr kein Schreiber?« fragte Itzig gedrückt, aber beharrlich.
    »Nein, du Narr«, brummte der Alte. »Wie konnte ich denken, dass der Ehrental
in seinem Geschäft einen solchen Strohkopf hat«, fügte er in lautem Monologe
hinzu. »Er hält mich für einen Schreibelehrer.«
    »Was sind Sie denn sonst?« fragte Itzig gekränkt.
    »Etwas, das dich nichts angeht«, sprach der fremde Herr entschieden, stand
mit einem durchbohrenden Blick auf den armen Veitel von seinem Platze auf und
begab sich auf den Söller des Hauses. Dort drückte er sich in eine Ecke, wo er
aussah wie ein Kleiderbündel, zog ein Aktenstück aus der grossen Rocktasche und
las eifrig darin.
    Veitel stand noch einen Augenblick verdutzt in dem einsamen Zimmer und fasste
endlich den Entschluss, sich bei Pinkus Auskunft über den fremden Mann zu holen.
Er trat unter einem Vorwande in den Branntweinladen und fragte den Wirt mit
möglichster Unbefangenheit nach Namen und Geschäft des kleinen Herrn.
    »Ihr kennt ihn nicht?« sprach Pinkus mit ironischem Lächeln, von dem Veitel
nicht recht wusste, ob es ihm oder dem Fremden galt. »Nehmt Euch in acht, dass Ihr
diesen Mann nicht mit Schaden kennenlernt. Nach dem Namen fragt ihn selbst, er
wird ihn besser wissen als ich.«
    »Wenn Sie auch mir kein Vertrauen schenken, so will ich es doch haben zu
Ihnen«, antwortete Veitel und erzählte ihm seine Unterredung mit dem Fremden.
    »Also er hat Euch Unterricht geben wollen?« sagte Pinkus erstaunt und
schüttelte seinen dicken Kopf. »Fünfzig Taler sind viel Geld, aber mancher
reiche Mann würde geben hundertmal soviel, wenn er wüsste, was der weiss, das will
ich Euch sagen. Übrigens geht's mich nichts an, ob Ihr was lernt und bei wem«,
schloss Pinkus grob und ging zu seinen Likörflaschen.
    Veitel ging noch verwirrter hinauf, als er heruntergekommen war, und setzte
sich wieder grübelnd in seine Ecke, indem er nachdachte, wie man für eine so
gewöhnliche Sache, als der Geschäftsstil ist, so ungewöhnliches Geld fordern
könne. Unterdes war der Wirt heraufgekommen, hatte das Licht auf den Tisch
gesetzt und eine einfache Abendkost für den Fremden mitgebracht. Ganz gegen
seine Natur war er diesem gegenüber von grosser Leutseligkeit, liess sich von ihm
auf den Altan führen und hatte dort im Finstern eine kurze Unterredung, deren
Gegenstand, wie Veitel merkte, seine Person war.
    Als Pinkus mit dem Fremden wieder in die Stube trat, sagte er zu Veitel:
»Dieser Herr wird einige Wochen hier wohnen und will nicht, dass man darüber
spricht. Ihr werdet gegen niemanden sagen, dass er hier ist, wer Euch auch
deswegen ausfragen mag.«
    »Weiss ich doch gar nicht, wer der Herr ist«, sprach Veitel, »wie kann ich
jemandem sagen, dass er hier wohnt.«
    »Sie können sich auf den jungen Menschen verlassen«, bemerkte Pinkus gegen
den Fremden, worauf dieser gleichgültig mit dem Kopfe nickte. Der Wirt liess
diesmal das Licht brennend in der Stube zurück und schied mit einem Nachtgruss.
Der Herr setzte sich behaglich nieder, ass mit unangenehmem Schmatzen die
Abendkost und sah dabei von Zeit zu Zeit auf Veitel ungefähr wie ein alter Rabe
auf das gelbe Küchlein sieht, welches sich mit dem Leichtsinn der Jugend in
seine Nähe gewagt hat.
    Während der Alte zwinkernd auf seine Beute sah, fuhr dem jungen Itzig
plötzlich der Gedanke durch den Kopf, diese geheimnisvolle Person mit den
ungeheuren Forderungen ist vielleicht einer von den Auserwählten, ein Besitzer
der Rezepte, durch welche ein armer Handelsmann unfehlbar Glück, Gold und alle
Güter der Erde erwerben kann. Ihm wurde glühend heiss bei dem Gedanken. Zwar sah
der Fremde durchaus nicht reich und glücklich aus, aber war es nicht möglich,
dass er den alten Rock nur inkognito trug, oder dass er übermässig geizig war, oder
dass er selbst aus irgendeinem Grunde von den Rezepten keinen Gebrauch machen
durfte? Vielleicht waren die fünfzig Taler der Preis für das Geheimnis. Veitel
hatte jetzt Weltbildung genug, um einzusehen, dass weder durch eine Salbe, noch
durch einen Zauberstein solche Wirkungen hervorgebracht werden, sondern dass
Wissenschaft dazu nötig sei. Er merkte, dass es darauf ankomme, schlauer zu sein
als andere Leute, und dass solche Schlauheit auch für den Inhaber nicht ohne
Bedenken sei; ja es kam ihm allerdings so vor, als ob man durch die Benutzung
derselben in Gefahr gerate, sich dem Satan zu verschreiben. Aber seine Begier,
etwas Näheres zu erfahren, war übermächtig. Seine Hände zitterten wie im Fieber,
und sein bleiches Gesicht glühte, als er aus seiner Ecke wieder zu dem Fremden
trat und mit grossem Eifer sagte: »Ich wollte mir noch erlauben eine Frage zu tun
an den Herrn. Ich habe gehört, dass man kann lernen die Kunst, wodurch man Glück
hat in allen Geschäften, womit man kann machen jede Art von Kauf und Verkauf zu
dem besten Preise. Wenn es gibt eine solche Kunst, wie mich hat versichert einer
von unsern Leuten, so wollte ich den Herrn nur fragen, ob das dieselbe
Wissenschaft ist, die der Herr mich könnte lehren, wenn er wollte.«
    Der Alte schob den Teller von sich und sah mit ausserordentlichem
Augenzwinkern auf den Burschen. »Du bist der merkwürdigste Mensch, der mir in
praxi vorgekommen. Du bist entweder sehr dumm oder der abgefeimteste
Schauspieler, den ich je gesehen habe.«
    »Nein, ich bin nur dumm, aber ich möchte werden klug«, sagte Veitel Itzig.
    »Ein merkwürdiger Kerl«, bemerkte der alte Herr rücksichtslos und rückte an
seiner Brille, um Veitel genau anzusehen, dem bei dem kalten Glanz der
Brillengläser sehr unheimlich wurde. Nach langer Prüfung sprach der Alte, indem
er eine Gönnermiene annahm: »Was du Kunst nennst, mein Sohn, ist weiter nichts
als Gesetzkenntnis und die Weisheit, das Gesetz zum eignen Vorteil zu benutzen.
Wer das versteht, der wird auf Erden ein grosser Mann; es hindert ihn nichts
daran, denn er kann nicht gehangen werden.« Bei diesen Worten lachte der Alte in
einer Weise, die selbst unserm Veitel einen bänglichen Eindruck machte, obgleich
dieser auf die mechanischen Bewegungen der Gesichtsmuskeln sonst nicht viel gab.
    »Diese Kunst, mit den Gesetzen umzugehen«, fuhr der kleine Herr fort, »ist
nicht leicht zu lernen, mein Sohn, es gehört lange Übung dazu und ein
anschlägiger Kopf und Entschlossenheit im richtigen Augenblick und vor allem
das, was die Gelehrten Charakter nennen.« dabei lächelte er wieder.
    Veitel merkte, dass er bei einem wichtigen Punkt seines Lebens angelangt sei,
er fuhr mit der Hand in die Jacke nach seiner alten Brieftasche und hielt sie
einen Augenblick in der bebenden Hand. Was in diesem Moment durch seine arme
Seele fuhr, - und es war nur ein Moment - das waren wilde und schmerzhafte
Empfindungen. Schnell wie Blitze zuckten sie durcheinander. Er dachte in diesem
Augenblick an seine alte Mutter in Ostrau, ein ehrliches Weib, wie sie ihre
goldene Kette verkauft hatte, um ihm die sechs Dukaten in die Ledertasche zu
nähen; er sah sie vor sich, wie sie ihn beim Abschiede mit Tränen gebenscht
hatte und zu ihm gesagt: »Veitel, es ist eine arge Welt, verdiene dir ehrlich
dein Brot, Veitel!« - Er sah seinen grauen Vater vor sich auf dem Totenbett
liegen, wie ihm der weisse Bart herunterhing über den magern Leib - und tief
holte er Atem. Auch an die fünfzig Taler dachte er, wieviel Mühe ihm gekostet
hatte, sie im Schacher zu erwerben, wie oft er darum gelaufen war, wie oft man
ihn geschmäht, ja als Überlästigen mit Schlägen bedroht hatte. Als ihm der
letzte Gedanke durch die Seele flog, riss er heftig die Brieftasche aus der
Jacke, warf sie auf den Tisch, setzte die geballte Faust darauf und rief mit
blitzenden Augen: »Hier ist Geld!« - und während er das aussprach, fieberhaft
erregt, in leidenschaftlicher Hast, selbst in diesem Augenblick fühlte er
deutlich, dass er daran sei, etwas Böses zu tun, und er fühlte, wie eine Last
sich unsichtbar auf seine Brust senkte. Aber er war entschlossen. Schwerlich
hatten die jungen Herren, welche den zudringlichen Judenknaben die Treppe
hinunterwiesen, daran gedacht, dass ihre höhnenden Worte dereinst in der armen
verwilderten Menschenseele einen Dämon erwecken würden, der ihnen selbst in
spätern Jahren Elend und Verderben heraufbeschwören sollte.
    Nach einigen Stunden war das Licht tief herabgebrannt, und bei dem roten
Schein sass in dem wüsten Raume noch immer Veitel mit offenem Munde, glänzenden
Augen und geröteten Wangen dem Vortrage des alten Mannes lauschend. Und der Alte
sprach doch über Dinge, von denen zu hören den meisten Sterblichen sehr
langweilig ist, über gewöhnliche Schuldverschreibungen.
    Das Licht war verloschen, der kleine Herr hatte die neugefüllte
Branntweinflasche geleert und war ermüdet vom langen Sprechen auf seinem
Strohsack eingeschlafen, und noch immer sass Veitel auf dem Schemel. Heut dachte
er nicht an seine Kunden, nicht an sein gezahltes Geld, sondern er schrieb
Schuldscheine an die schwarzen Wände, in denen sich der Aussteller mit vielen
Worten zu so wenig als möglich verpflichtete, und schrieb Empfangsscheine über
geliehenes Geld, in denen er durch unscheinbare Zusätze die Rückzahlung der
Summe von seinem Belieben abhängig machte. So sass er lange in bleischwarzer
Finsternis, und grosse Schweisstropfen rannen von seinen Schläfen. Dann öffnete er
die Tür zur hölzernen Galerie, lehnte sich auf das Geländer und sah durch das
Dämmerlicht hinunter in das Wasser, welches wie ein riesiger Strom von Tinte
vorbeiflutete. Und wieder schrieb er Schuldscheine in die schwarzen Schatten der
gegenüberliegenden Häuser und schrieb Quittungen auf die dunkle Wasserfläche,
bis sein müder Leib erschöpft zusammenbrach und er in einer Ecke einschlief, das
heisse Haupt an die Holzwand gelehnt. In kaltem Zug fuhr der Nachtwind über das
Wasser, und unten gurgelte die Flut klagend an den Holzpfählen und Vorsprüngen
der alten Häuser. Was er in die Schatten gezeichnet, das verrückte sich, und was
er auf das Wasser geschrieben, das zerrann, und doch hatte seine Seele einen
Schuldschein ausgestellt in dieser Nacht, der einst von ihm eingefordert werden
sollte mit Zins und Zinseszins. Der Wind heulte, und der Strom klagte, wilde
Mahner an die Schuld, rächende Boten des Gerichts.
    Seit dieser Nacht eilte Veitel alle Abende mit schnellem Schritt nach seiner
Herberge, der Unterricht im Geschäftsstil wurde regelmässig fortgesetzt. Der Herr
mit der Brille war ein gründlicher Lehrer, die tiefsten Geheimnisse des
Wechselrechts und der Hypotekenordnung waren ihm offenbar, er kannte jeden
Schlupfwinkel, welchen das Gesetz dem gewandten Mann offenlässt, er war mit jedem
Schleichwege vertraut, auf welchem man eine gesetzliche Verpflichtung umgehen
kann. Seine Metode des Unterrichts war vortrefflich. Er ging bei allen
auszustellenden Urkunden und bei jeder geschäftlichen Verpflichtung von der
gewöhnlichen Form aus, lehrte seinen Schüler die betreffenden Gesetze kennen und
machte seine Lehre durch Beispiele deutlich und angenehm. Dann erst gab er bei
jedem Gesetz, bei jedem einzelnen Fall, die kleinen Hilfsmittel an, durch welche
man gegenüber der Verpflichtung einen freien Standpunkt gewinnen konnte. Jeden
Abend nahm Veitel einige kostbare Rezepte in seine Brieftasche auf, Formulare zu
Dokumenten, welche zu nichts verpflichteten, und wieder solche, welche zu weit
mehr verpflichteten, als sie den Anschein hatten. Zuweilen schrieb der Alte
selbst ein solches Kunstwerk vor, und liess es den Schüler abschreiben, worauf er
seine eigene Handschrift sorgfältig am Licht verbrannte. Wenn fremde Gäste in
der Herberge waren, zogen sich Lehrer und Schüler in eine Ecke zurück und
verhandelten in einem Flüsterton, welcher von den Anwesenden mit vieler Achtung
angehört wurde, denn Veitel pflegte dann zu erklären, dass er von dem Herrn
Unterricht in der Buchführung und andern nützlichen Dingen erhalte.
    Was Veitel nach und nach über die Person seines Lehrers erfuhr, Namen und
Schicksal, sei hier in Kürze berichtet. Herr Hippus hatte bessere Tage gesehen.
Er war einst ein vielgesuchter Rechtsanwalt in der Hauptstadt gewesen, der es
durchgesetzt hatte, in wenigen Jahren eine ausgebreitete Praxis zu erwerben. Bei
dem Geschäfte treibenden Publikum einer grossen Stadt erhält jeder Advokat sehr
bald einen bestimmten Ruf, einen Ruf, welcher eben so unsicher sein mag als der
Ruhm einer Sängerin oder Tänzerin, der aber auch durch eine grosse Klasse von
Menschen als anziehender Stoff der Unterhaltung benutzt wird. Bei dieser Klasse
galt Herr Hippus für sehr gewandt und zuvorkommend im Verkehr mit den Parteien
und für den entschiedensten und kühnsten Mann, um ein missliches Recht in ein
gutes Recht zu verwandeln. Im Anfang hatte er so wenig, wie der gewissenhafteste
Staatsanwalt, den Trieb, seine Karriere dadurch zu machen, dass er Unrecht in
Recht verdrehte. Auch er hatte ein peinliches Gefühl von Unsicherheit, wenn er
eine Partei vertrat, deren Sache er für schlecht hielt, er war von den
ehrenwertesten seiner Kollegen nur sehr wenig verschieden, er hatte einige
kleine Skrupel weniger und trank etwas zu gern guten Rotwein. Diese letzte so
löbliche Eigenschaft wurde bald eine Schwäche. Er war ein Mann, der mit
Geschmack zu frühstücken wusste, ein Herr von kaustischem Witz und ein
vortrefflicher Gesellschafter bei der Tafel. Er hatte einen subtilen Geist,
freute sich über geistreiche Paradoxien und liebte es die Haare zu spalten, die
er seinen Gegnern ausriss. Mit Hilfe des Rotweins erlangte er die Fertigkeit viel
Geld auszugeben und geriet in die Lage viel einnehmen zu müssen. Die eitle
Freude an Spitzfindigkeiten verlockte ihn einigemal, die ganze Energie seines
glänzenden Geistes einer schlechten Sache dienstbar zu machen und diese zum
Siege zu führen. So erlebte er den Fluch, der häufig Advokaten trifft, welche
Glück in verzweifelten Prozessen gehabt haben, es liefen ihm alle zu, welche
eine schlechte Sache zu verteidigen hatten. Lange Zeit ärgerte er sich darüber,
und es fehlte ihm nur ein klein wenig Kraft, um diese Spitzbubenpraxis, wie er
selbst sie nannte, loszuwerden; allmählich, ganz allmählich wurde er durch die
schlechten Sachen, an denen er sein nicht gemeines Talent geltend zu machen
suchte, selbst schlecht. Immer grösser wurden seine Bedürfnisse, immer lockender
die Verführung, immer kleiner sein Gewissen. So war er schon lange von innen
ausgehöhlt und mit Giftstaub gefüllt, wie ein Bovist, von aussen sah er noch
stattlich und glänzend aus, und oft wurde ihm prophezeit, dass er mit der grössten
Praxis in der Stadt als einer der reichsten Männer seine Laufbahn beschliessen
werde. Da begegnete ihm, dem Schlauen, dem Gesetzkundigen das Unglück, dass er in
eine Untersuchung geriet, weil er bei einer Sache, welche nur durch die
verzweifelsten Mittel zu halten war, dem Gesetz eine Blösse gegeben hatte. Er
wurde verurteilt, mit Schimpf kassiert und verschwand als ein gefallener Stern
aus dem Kreis seiner Amtsgenossen. Was er noch von Bedenken und Rücksichten
gehabt hatte, ging seit der Zeit mit reissender Schnelligkeit verloren. Er hatte
in Wirklichkeit wenig Vermögen gesammelt, fast nur schlechte Ansprüche an den
Besitz anderer, verzweifelte Schuldverschreibungen und hoffnungslose Dokumente,
deren Erwerb ihm allerdings sehr wenig gekostet hatte. Die Beitreibung derselben
machte er jetzt zur Aufgabe seines Lebens; denn noch immer hatte er das
Bedürfnis, viel auszugeben. Deshalb war er durch mehrere Jahre als ewiger Kläger
und Quereler eine den Gerichtshöfen wohlbekannte Person. Was er durch
Prozessieren erwarb, vergeudete er mit roher Sinnlichkeit in schlechter
Gesellschaft, er wurde ein Trunkenbold, ein liederlicher Schlemmer. Aber auch
diese unsicheren Einnahmen hörten endlich auf, sein Name verschwand allmählich
aus den Prozessakten, und seine Person ward auch in den Restaurationen
untergeordneten Ranges nicht mehr gesehen. Aber seine Tätigkeit hörte nicht auf.
Er sank zum Besucher von Branntweinstuben und zum Winkelkonsulenten herab, der
andere Leute zu Prozessen aufstachelte und Schwindlern und Gaunern gute
Ratschläge erteilte. In dieser stillen Tätigkeit verlebte er einige Jahre und
stiftete soviel Unheil, als nötig war, um seinen Grimm gegen nicht gefallene
irdische Grössen und seinen Durst, der sehr gemeiner Natur wurde, zu befriedigen.
Leider glückte es ihm auch jetzt noch nicht, ganz aus dem Auge des Gesetzes zu
verschwinden. Grade jetzt wurde ihm wegen unbefugter Praxis nachgestellt, und er
fand für nötig unter dem Vorwand einer längeren Reise auf einige Zeit unsichtbar
zu werden. Deshalb hatte er sich bei Herrn Pinkus, dessen Kunde und
Rechtsbeistand er zuweilen gewesen war, einquartiert und so Musse gewonnen, den
jungen Itzig seine Rezeptierkunst zu lehren.
    Übrigens verfuhr Herr Hippus nicht ohne Vorsicht. Sooft er seinem Schüler
irgendeine Schurkerei beibrachte, welche wie eine Arabeske an die gewöhnliche
gerade Linie des Geschäftsstils angehängt wurde, verfehlte er nie mit einem
hässlichen Lächeln zu bemerken: »Dies alles sage ich dir nur, damit du dich in
acht nimmst.« Diese Phrase wurde stehend und eine anmutige Quelle der Heiterkeit
für Lehrer und Schüler, auch nachdem Veitel einen ungewöhnlichen Scharfsinn
gezeigt hatte und alle Erfordernisse des Charakters, welche für einen Apostel
dieser Geheimlehre nötig waren.
    Der Unterricht wurde für den alten Mann sehr bald ein Bedürfnis des Herzens.
Ja, seines Herzens. Denn er war allerdings ein schlechter Mensch geworden, an
dem etwas Gutes nur schwer aufzufinden gewesen wäre, aber die schwarze Schlacke,
welche er statt eines warmblütigen Menschenherzens in der Brust trug, war doch
noch nicht ganz ausgeglüht; er hatte sehr das Bedürfnis zu hassen, aber
ebensosehr das Bedürfnis, anerkannt zu werden. Nach vielen Jahren fand er jetzt
Gelegenheit, sein Wissen in längerer Rede zu entwickeln, Geist zu zeigen und
einem andern Menschen eine Art von Verehrung einzuflössen. Einst war er ein
gebildeter und scharfsinniger Jurist gewesen; das Gebäude seines Wissens war bei
dem wüsten Leben sehr zerfallen, aber es war noch genug vorhanden, was dem
jungen Wilden imponieren konnte; und mit einer melancholischen Freude, dem
edelsten Gefühl, das der verworfene Mann seit Jahren gehabt hatte, öffnete er
vor dem Jünglinge die verschütteten Türen seines Geistes. Die Aufmerksamkeit
Veitels schmeichelte ihm sehr, er fing an, ihn für sein Geschöpf zu halten, und
fasste allmählich eine Zuneigung zu dem Judenknaben, über die er selbst zynische
Witze machte. Und doch war sie ein Schatz für den Elenden. Denn die Güte der
menschlichen Natur ist unzerstörbar, und die grösste Korruption eines Menschen
vermag nicht alles in ihm zu verderben. Immer sucht seine Lebenskraft die
Stellen, wo sie sich gesund und zum Guten entwickeln kann, aber der Fluch einer
verderbten Natur ist, dass auch ein gutes menschliches Empfinden sich ihm zu
Unheil und zur Sünde verkehrt.
    Schnell wurde dem alten Mann sein Schüler wichtiger als irgendeine andere
Person auf Erden. Mit Ungeduld wartete er auf die Abendstunde, in welcher der
geschäftige Bocher zur Vorlesung kam; ja es begegnete ihm, dass er von seiner
Abendkost und von seiner Branntweinflasche einige Reste für Veitel übrig liess,
und wenn das Judenkind bei dem trüben Lichte vor ihm sass und mit grossem Appetit
das kalte Fleisch verzehrte, so konnte der Alte ihn schweigend ansehen und sich
darüber freuen. Und einst als Veitel sich bei rauher Witterung verkältet hatte
und fiebernd unter dünner Decke auf dem Strohsack lag, da ereignete sich das
Unglaubliche, dass der Alte ein Federbett, welches er als privilegierte Person
durch den Wirt erhalten hatte, von seinem eigenen Lager trug und über den
Burschen breitete; und als Veitel ihn dankbar anlachte, freute sich das alte
Geschöpf wieder.
    Veitel verdiente diese Funken von Freundschaft, welche in dem Alten
aufstiegen, denn er bezeugte ihm eine Verehrung, wie sie nur irgendein Schüler
gegen seinen berühmten Lehrer gefühlt hat. Er erbot sich, ihm eine neue
Garderobe zum Einkaufspreise zu besorgen, und handelte stierköpfig um einen
passenden Oberrock, weil er ihn dem alten Mann so billig als möglich verschaffen
wollte; er war stets zu der Verschwendung bereit, die Branntweinflasche zu
füllen, weil er wusste, dass dies die Schwäche seines würdigen Lehrers war; er
machte ihn zum Vertrauten seiner kleinen Geschäfte, ja er brachte ihm zuweilen
am Abend Geschenke mit und lief nach einem glücklichen Geschäftstage sogar in
einen Fleischladen, um für Herrn Hippus eine verhasste Zungenwurst einzukaufen.
Allerdings war auch diese Herzensfreundschaft nicht ohne kleine Stacheln. Der
Alte konnte es nicht lassen, seine gallige Laune an dem Schüler zu üben, und
Itzig nannte den Alten, wenn dieser dem Branntwein zuviel einräumte, mit höchst
unzierlichen Namen, welche bewiesen, dass das Gefühl der Hochachtung in ihm nicht
unerschütterlich war. Im ganzen aber stimmten die beiden Ehrenmänner doch
vortrefflich zusammen und wurden einander unentbehrlich.
    Veitel lernte in den Monaten, welche der Alte in seinem Versteck zubrachte,
auch noch anderes als schlechte Handwerkskniffe; er lernte das Deutsche
richtiger sprechen und schreiben; ja er las zuweilen in den Büchern, welche er
für Hippus aus einer kleinen Leihbibliotek holen musste, er las mit Vergnügen
Abenteuer zu Wasser und zu Lande, die Eroberung Amerikas und andere aufregende
Unternehmungen, an welche seine Phantasie allerlei Geschäfte knüpfen konnte.
Durch seinen Lehrer erhielt er viele Aufschlüsse über das Leben der Menschen und
Völker, auch über den Staat, in dem er selbst existierte und von dem er bis
dahin sehr wenig gewusst hatte. So machte er in wenigen Monaten Veränderungen
durch, welche dem Blick des Herrn Ehrental nicht entgingen.
    Dieser bemerkte nach und nach, dass Veitel weniger grotesk aussah, dass er
richtiger sprach und schrieb, und vor allem, dass er in Geschäften unwillkürlich
eine Sicherheit und juristische Kenntnis entwickelte, die an einem Lehrling
seiner Art sehr ungewöhnlich waren. Herr Ehrental besprach diese Veränderung in
seiner Familie ungefähr so, wie ein Landwirt das vielversprechende Aussehen
eines Zuchtstiers lobt, und kündigte am Ende des Vierteljahrs dem Burschen
freiwillig an, dass das Stiefelputzen und das Essen vor der Tür aufhören solle,
und dass er bereit sei, ihm einen Platz im Geschäftslokal und ausser dem Kostgelde
einen kleinen Gehalt zu bewilligen.
    Veitel empfing diese Ankündigung, auf die er so lange gewartet hatte, mit
grosser Selbstbeherrschung, er dankte demütig und versprach alles mögliche für
die Gegenwart und Zukunft: »Noch eine Bitte habe ich an den Herrn, eine grosse
Bitte, die Sie nicht ungünstig aufnehmen möchten. Wenn ich die Ehre haben
könnte, einmal in der Woche am Tisch des Herrn Ehrental zu essen. Da Sie mir so
viele Güte erweisen, so haben Sie auch diese Rücksicht auf mich, damit ich kann
sehen in guter Gesellschaft wie man sich benimmt, wenn man isst mit vornehmen
Leuten. Sie können mir's abrechnen von meinem Kostgeld, das Sie mir geben
wollen.«
    Ehrental schüttelte den Kopf und sagte erstaunt über dies Verlangen:
»Zuerst muss ich sprechen mit meiner Frau, ob's ihr wird recht sein, dass du dich
bildest in meinem Hause. Du kannst warten, bis ich gesprochen habe.« Er ging zu
seiner Frau und trug ihr Veitels Wunsch vor, mit einem kühlen Wesen, welches
andeuten sollte, dass ihm als einem Mann von Welt die Forderung ungehörig
erscheine. Im Innern freilich wünschte er, dass Itzigs Wunsch zu gewähren sei,
denn er hielt es für wichtig, den anstelligen Mann seinem Geschäft zu erhalten.
Aber er wagte nicht seiner Hausfrau gegenüber diesen Wunsch zu äussern, denn
Madame Ehrental hatte noch viel mehr Welt und Bildung, als er selbst, und war
ihm in allen Dingen, welche vornehmes Wesen betrafen, eine grosse Autorität. Sie
war die Tochter eines grossen Schnittwarengeschäfts aus der Residenz und hatte
Geschmack für das Neueste und einen sehr energischen Willen in allem, was
Teetrinken, Stutzuhren, Möbelstoffe und andere Eigenheiten betrifft, durch
welche sich ein gebildeter Mensch von einem ungebildeten unterscheidet. Wider
Erwarten nahm Madame Ehrental Veitels Wunsch ohne Überraschung auf. Diese
Überraschung wäre auch unnatürlich gewesen, da Veitel durch wahrhaft unmässigen
Diensteifer, durch Verschwiegenheit in einzelnen kleinen Fällen und durch die
grösste Höflichkeit das Wohlwollen der vornehmen Dame zu erwerben gewusst hatte:
»Wenn der junge Mann sich bilden will in unserer Familie, so kann er keinen
bessern Ort finden. Da er brauchbar ist im Geschäft, wie du sagst, so wird es
dir von Nutzen sein, wenn er auch zu essen und zu reden weiss mit den Leuten.«
    Nach dieser Entscheidung wurde Veitel am nächsten Sonntage, dem Tage einer
gebratenen Gans, aufgefordert, in der Familie zu erscheinen. Und als er zu dem
gedeckten Tische trat, angetan mit dem besten unter den sechs Leibröcken, welche
er auf seinem Lager hatte, einen neuen weissen Hut in der Hand und ein
baumwollenes Hemd mit stehendem Kragen unter der ausgeschnittenen Weste, da
wurde er von Herrn Ehrental mit den würdigen Worten eingeführt: »Der junge
Itzig ist aufgenommen in mein Geschäft als Buchhalter. Es ist nicht mehr
anständig für ihn, in der Wirtschaft zu helfen, und es wird jetzt anständig
sein, dass wir ihn als einen gebildeten Menschen behandeln. Sie können Platz
nehmen dort unten am Tisch, lieber Itzig.«
 
                                       9
An einem warmen Sommerabend sprach Fink nach dem Schluss des Comtoirs zu Anton:
»Wollen Sie mich heut begleiten? Ich will auf dem Fluss ein Boot probieren, das
ich hier habe bauen lassen.« Anton war bereit. Die Jünglinge sprangen in einen
Wagen und fuhren an den Fluss oberhalb der Stadt, wo eine Kolonie von Schiffern
und Fischern in ärmlichen Hütten wohnte. Fink wies auf ein rundes Fahrzeug,
welches auf dem Wasser schwamm wie eine grosse Kürbisschale, und sagte
melancholisch: »Da liegt das Gefäss, es ist ein Scheusal! Ich selbst habe dem
Kahnbauer das Modell geschnitzt, denn ein Kielboot bauen, ist hierzulande etwas
Unerhörtes; ich habe dem Strohkopf alle Verhältnisse angegeben, und er hat ein
solches Möwenei zur Welt gebracht. «
    »Es ist sehr klein«, erwiderte Anton mit trüben Ahnungen.
    »Ich sage Euch«, rief Fink strafend dem Kahnbauer zu, welcher herantrat und
respektvoll die Mütze abnahm, »dass unsere Seelen auf Euer Gewissen kommen, wir
werden in dem Dinge da unfehlbar ertrinken, und Euer Mangel an Witz wird schuld
sein.«
    »Herr«, sagte der Kahnbauer kopfschüttelnd, »ich habe das Boot ganz nach
Ihrer Anweisung gemacht.«
    »Den Teufel habt Ihr«, schalt Fink, »zur Strafe sollt Ihr mitfahren. Ihr
werdet einsehen, dass es billig ist, wenn Ihr mit uns ertrinkt.«
    »Nein, das tue ich nicht, lieber Herr«, antwortete der Mann entschieden,
»bei dem Winde will ich's nicht wagen.«
    »So bleibt am Lande und kocht Euren Kindern Brei von Hobelspänen. Gebt Mast
und Segel her.« Fink setzte den kleinen Mast ein, sah nach, ob die Schoten der
Segel glatt durch die Löcher liefen und ob das Geitau anzog. Sämtliche
nautischen Erfindungen erwiesen sich als befriedigend. Dann hob er Mast und
Segel wieder aus, legte sie der Länge nach in das Boot, warf einige Eisenstücke
als Ballast auf den Boden, hakte das Steuer ein, ergriff zwei lange Streichruder
und wies unserm Helden seinen Platz an. Darauf legte er die Ruder aus und fuhr
mit der Kraft eines Matrosen im Doppelschlag vom Ufer ab. Er liess den Kürbis auf
der Wasserfläche tanzen zur grossen Belustigung des Zimmermanns und sämtlicher
Nachbarn am Ufer, und äusserte seine Zufriedenheit, dass Anton ihm so
zuversichtlich gegenübersass. »Es ist möglich, in einem Kielboot gegen den Strom
zu kommen«, sagte er, »das war's, was ich diesen Nachtmützen beweisen wollte.«
Darauf setzte er den Mast wieder ein, löste die Segel, gab seinem Schüler die
Schote des Klüvers in die Hand und unterrichtete ihn, wie er anziehen und
loslassen sollte. Der Wind blies in unregelmässigen Stössen, bald blähten sich die
kleinen Segel und neigten den Rand des Bootes dem Wasser zu, bald schlugen sie
untätig und ratlos an den Mast. »Es ist ein elender Seelenverkäufer«, rief Fink
ärgerlich, »wir treiben unvermeidlich ab und werden nächstens umwerfen.«
    »Wenn das ist, so schlage ich vor, umzukehren«, sagte Anton mit erheuchelter
Leichtigkeit.
    »Es tut nichts«, versetzte Fink kaltblütig, »ich werde uns schon so oder so
wieder ans Land bringen. Sie können doch schwimmen?«
    »Wie Blei«, antwortete Anton; »wenn wir umwerfen, gehe ich sicher auf den
Grund, Sie werden Mühe haben, mich herauszuziehen.«
    »Fassen Sie nur in keinem Fall nach meinem Körper, wenn Sie im Wasser
liegen«, belehrte ihn Fink, »das wäre das beste Mittel, uns beide unten
festzuhalten; warten Sie ruhig ab, bis ich Sie in die Höhe hebe. Übrigens wird
es nicht schaden, wenn Sie sich Rock und Stiefel ausziehen, es ist gemütlicher
im Wasser, wenn man im Negligé ist.« Anton tat willig, wie ihm befohlen war.
    »So ist's recht«, sprach Fink. »Im Grunde ist's ein erbärmliches Vergnügen,
hier herumzufahren. Keine Wellen, kein Wind, und zuletzt auch kein Wasser. - Da
sitzen wir wieder auf dem Grund. Stossen Sie ab. - He, Bootsmaat, was werden Sie
sagen, wenn dies garstige Ufer plötzlich versinkt und wir auf einem anständigen
Meer schaukeln, Wasser bis an den Horizont, Wellen wie der Baum dort und ein
herzhafter Wind, der die Ohren abbläst und die Nase schräg an die Backen legt.«
    »Ich kann nicht sagen, dass ich es angenehm fände«, erwiderte Anton besorgt.
    »Je nachdem«, sagte Fink, »es gibt wenig Lagen, die nicht noch viel
schlechter sein könnten. Bedenken Sie, es wäre auch in diesem Fall immer noch
ein glückliches Los, dass wir diese nichtsnutzigen Fassdauben zwischen uns und dem
Wasser haben. Wie aber, wenn wir selbst mit unserm Leibe in der Flut lägen, ohne
Kahn, ohne Ufer, zwischen haushohen Wellen?«
    »Wenigstens ich wäre verloren«, rief Anton mit aufrichtigem Entsetzen.
    »Ich sage Euch aber, ich habe einen Freund, einen guten Freund, auf den ich
mich in einer Krisis gern verlasse, dem ist so etwas begegnet. Der Mann
schlendert am Strande der See an einem glorreichen Abend, er beschliesst zu
baden, wirft seine Kleider ab und geht ins Wasser. Lustig schwimmt er in die See
hinein. Die Wellen heben ihn und werfen ihn zu Tal, das Wasser ist wohlig warm,
um ihn glitzert in der Abendsonne die Flut von zehntausend bunten Farben, und
über ihm lodert das goldene Licht des alten Himmels. Der Mann jauchzt vor
Vergnügen.«
    »Und Sie selbst waren der Mann?« fragte Anton.
    »Meinetwegen ja. - So schwamm ich eine Weile fort, bis ich an dem matten
Schein des Himmels merkte, dass es Zeit war, mich aus der Wasserschaukel ans Land
zu versetzen. Ich wandte mich um und hielt auf das Land zu, und was meint Ihr,
Master Wohlfart, das ich sah?«
    »Ein Schiff«, rief Anton, »einen Fisch.«
    »Nein«, sagte Fink, »nichts sah ich, das Land war verschwunden. Ich spähte
nach allen Seiten in die Dämmerung hinein, ich hob mich aus den Wellen, so hoch
ich konnte, nichts war zu erblicken als Wasser und Himmel. Die Strömung, die vom
Lande abwärts zog, hatte mich heimtückisch fortgeführt, ich trieb in der hohen
See. Ich lag im Atlantischen Ozean zwischen Amerika und England. Insofern wusste
ich, wo ich war, aber diese geographische Kunde erwies sich in meiner Lage als
unbefriedigend. Es wurde dunkler am Himmel, die Täler der Wellen füllten sich
mit schwarzen ungemütlichen Schatten, die Wasserberge hoben sich höher, ein
kalter Luftzug fuhr über mein Haupt. Und nichts war zu sehen, als das rötliche
Grau des Himmels und die wilde rollende Flut.«
    »Das war schrecklich!« rief Anton.
    »Es war ein Augenblick, wo kein Pfaff einer armen Seele verwehren kann,
Hechte und andere Kreaturen zu beneiden. Wo das Land zulag, erkannte ich
natürlich am Himmel. Jetzt entstand die Frage, wer stärker war, die Strömung des
Meeres, oder mein Arm. Ein mörderisches Ringen mit dem perfiden Schurken von
Wassergott begann. Durch die Stösse Eurer Schwimmschule wäre ich nicht weit
gekommen, ich rollte wie die Seekälber und die Wilden und griff Hand um Hand
vorwärts. So konnte ich's im Notfall ein paar Stunden aushalten. Und jetzt
arbeitete ich. Es war ein harter Kampf, der mächtigste meines Lebens. Unterdes
wurde es finster, die smaragdgrünen Wellen verwandelten sich in eine Flut von
schwarzem flüssigem Pech, nur ihre Häupter schimmerten noch von dem weissen
Gischt wie gebleichte Totenschädel, welche um mich aufstiegen und mich
anspuckten. Der Himmel hing bleigrau über mir, nur zuweilen blinzte mir ein
einzelner Stern hinter dem Wolkenrauch zu, das war mein einziger Trost. So
schwamm ich zwischen Schwarz und Grau, ins Endlose hinein, noch immer kein Land
zu sehen. Ich wurde matt und die teuflische Schwärze um mich herum gab mir
zuweilen den Gedanken ein, die unnütze Arbeit aufzugeben. Die Wolkenbank stieg
höher, die Sterne verschwanden, die Richtung wurde zweifelhaft und meine
Stellung durchaus unhaltbar. Ich merkte, dass die Sache zum Ende kam; meine Brust
keuchte, vor meinen Augen tanzten unzählige Funken, wie Leuchtkäfer auf dem Wege
zur Hölle. Da, mein Junge, als ich halb besinnungslos mit einer Welle
hinabgeglitten war, da fühlte ich mit dem Fuss etwas, das nicht mehr Wasser war.«
    »Es war Grund«, rief Anton.
    »Ja«, nickte Fink, »es war fester Sand. Ich kam eine Meile leewärts von
meinen Kleidern ans Ufer und fiel dort hin wie eine erschlagene Robbe.« Er brach
ab und sah prüfend auf Anton. »Und jetzt macht Euch fertig, Maat«, rief er,
»nehmt Eure Beine unter der Bank hervor, ich werde einen Schlag machen und zum
Ufer wenden. Nur ruhig!«
    In diesem Augenblicke fuhr ein starker Windstoss über die Wasserfläche, der
Mast knarrte, das Boot neigte sich auf die Seite und hörte mit der Schwankung
nicht eher auf, bis sein Kiel in die Höhe stand, wie die Rückenflosse eines
Fisches. Anton sank seinem Versprechen getreu ohne weitere Bemerkungen in die
Tiefe. Blitzschnell tauchte Fink in die Strömung, stiess ebenfalls, wie er
versprochen hatte, seinen Gefährten über sich nach der Oberfläche des Wassers
und schob ihn mit grosser Anstrengung auf eine seichte Stelle, wo es möglich war,
watend das Ufer zu erreichen. »Zum Henker, fassen Sie doch meinen Arm«, rief
Fink keuchend.
    Anton aber, der gegen die Abrede eine ziemliche Masse Wasser verschluckt
hatte, besass nicht mehr allzuviel Besinnung und machte nur eine abwehrende
Bewegung mit der Hand.
    »Ich glaube, er will noch einmal hinunter«, rief Fink ärgerlich, fasste den
Besinnungslosen um den Leib und schleppte ihn ans Ufer.
    Eine Menge Menschen hatte sich hier versammelt und stürzte jetzt an den Rand
des Wassers, wo Fink den jungen Matrosen im Arm hielt und ihm lebhaft zuredete,
doch wieder zu sich zu kommen. Endlich öffnete Anton die Augen und bezeugte
dadurch und durch einige andere Bewegungen die Absicht, seine Stellung in der
bürgerlichen Gesellschaft noch nicht aufzugeben. »Wie geht's, Wohlfart«, sagte
Fink und sah ihm besorgt in das bleiche Antlitz. »Sie haben sich die Sache sehr
zu Herzen genommen! Poncho y Ponche!« rief er heftig den Leuten zu, »einen
Mantel und ein Glas Rum für den Herrn. Das wird Sie am schnellsten kurieren.«
    Ein Leiermann zog bereitwillig seinen alten Soldatenmantel vom Leib, unser
Held wurde hineingewickelt und wie ein verwundeter Krieger nach dem Hause des
Zimmermanns geführt. Dort setzte man ihn auf einen Lehnstuhl.
    »Da geht der Kürbis hin, Segel, Streichruder und alles«, sagte Fink im
Abgehen strafend zum Schiffszimmermann, »und unsre Röcke obendrein. Habe ich's
Euch nicht gesagt, dass das Ding nichts taugte?«
    Eine Stunde lang pflegte Fink sein Opfer mit der grössten Zärtlichkeit, er
rührte ihm eigenhändig den Zucker in einem Glas Grog und drückte ihm zuweilen
die kalte Hand. Es war bereits dunkel, als Anton so weit hergestellt war, dass er
nach Hause gehen konnte. Sie vervollständigten ihre Toilette durch Kleider und
Schuhe des Kahnbauers und lachten auf dem Rückwege über ihre Ausrüstung. Fink
hatte wieder sein gewöhnliches kühles Wesen angenommen, und unser Held stolperte
bleich, aber lustig in hohen Transtiefeln neben ihm her. »Hören Sie, Fink«,
sagte er ermahnend, »wenn Sie mich das nächste Mal zu einer Partie auffordern,
so möchte ich Ihnen andeuten, dass ich manches andere lieber trinke, als dies
lehmige Wasser. Ich bin noch voll davon.«
    »Wie konnte ich denken«, antwortete Fink, »dass Sie mit solcher Vehemenz den
halben Fluss einschlucken würden, Sie Unschuld! Ich habe in meinem Leben noch
keinen Menschen mit solcher Kindlichkeit auf den Grund gehen sehn. Sie sind ein
märchenhafter Kerl!«
    Der nächste Tag war ein Sonntag und der Geburtstag des Prinzipals. An diesem
wichtigen Tage blieben die Herren nach dem Diner einige Stunden in den Zimmern
des ersten Stockes, der Bediente präsentierte dann Kaffee und Zigarren. Als man
sich zu Tisch setzte, sagte die Tante zu Fink: »Die ganze Stadt ist voll davon,
dass Sie und Herr Wohlfart gestern in einer schrecklichen Gefahr gewesen sind.«
    »Es war nicht der Rede wert, gnädige Frau«, antwortete Fink leichtsinnig,
»ich wollte nur untersuchen, wie sich Master Wohlfart beim Ertrinken benehmen
würde. Ich warf ihn ins Wasser, und er wäre um ein Haar auf dem Grunde
liegengeblieben, weil er es für indiskret hielt, mich durch seine Rettung zu
belästigen. Einer solchen höflichen Resignation ist nur ein Deutscher fähig.«
    »Aber Herr von Fink«, rief die Tante erschrocken, »das hiess ja das Schicksal
herausfordern! Es ist schauderhaft, nur daran zu denken.«
    »Schauderhaft war nur die Unsauberkeit dieser Lehmrinne, die man hier Fluss
nennt. Es müssen sehr schmutzige Nixen sein, die auf dem Grunde dieses Wassers
leben. Aber Wohlfart liess sich durch ihren Lehm nicht stören. Er fiel ihnen
begeistert in die Arme, gerade wie es in dem berühmten Liede Sr. Exzellenz
heisst: Halb zogen sie ihn, halb sank er hin. Er warf beide Beine über den Rand
des Kahns, noch bevor es nötig war.«
    »Sie hatten mich's so gelehrt, Sir!« rief Anton zu seiner Entschuldigung von
unten dazwischen.
    »Ja«, fuhr Fink gegen die Tante fort, »ich habe als Freund an ihm gehandelt.
Ich trage keine Schuld, wenn er so viel Wasser geschluckt hat, dass der
Wasserstand heut unerhört niedrig ist, und die Zinkkähne der Handlung oben im
Flusse auf einer Sandbank liegenbleiben. Ich habe ihm vorher noch jede Art von
gutem Rat gegeben. Ich habe ihm eine lange Geschichte erzählt, wie man sich im
Wasser zu benehmen hat, ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht, welche Toilette
man braucht, um mit Anstand ins Wasser zu fallen. Man kann gegen einen Bruder
nicht sorgsamer sein. Aber es half alles nichts. Er fuhr wie aus einer Pistole
geschossen auf den Grund und bohrte sich dort mit der Behendigkeit eines
Karpfens ein. Ich versichere Sie, es war eine mühsame Arbeit, ihn im Schlamm
wieder aufzufinden. Ich glaube, er war bereits in zärtlicher Unterhaltung mit
einigen Wassergeschöpfen, als ich ihn auffand, denn er winkte mir unwillig mit
der Hand, als wollte er sagen: Störe mich nicht, ich gehe hier meinem stillen
Vergnügen nach.«
    »Der arme Herr Wohlfart«, rief die Tante verwundert. »Aber Ihre Röcke! Heute
früh begegnete ich im Hause einem Polizeidiener, der das nasse Bündel auf dem
Arm trug, von ihm erfuhr ich zuerst das Unglück.«
    »Die Röcke sind heute früh unterhalb der Stadt aufgefischt worden«, sagte
Fink, »Karl zweifelt daran, sie je wieder zu trocknen. Unterdes machen Wohlfarts
Stiefel eine Vergnügungsreise nach dem Weltmeer.«
    Anton errötete vor Ärger über die Weise des Freundes und sah verstohlen nach
dem obern Ende des Tisches. Der Kaufmann blickte finster auf den gemütlichen
Fink, und Sabine sass bleich mit gesenkten Augen, nur die Tante war wortreich in
aufrichtigem Bedauern der durchnässten Röcke.
    Das Mittagessen war noch feierlicher als gewöhnlich. Nach dem Braten erhob
sich Herr Liebold und verrichtete das schwere Stück Arbeit, wozu er durch seine
hohe Stellung verpflichtet war, er brachte die Gesundheit des Prinzipals aus. Er
gab sich redlich Mühe, die entschiedenen Wünsche des Vordersatzes nicht durch
einen schüchternen Nachsatz zurückzunehmen. Aber selbst sein Toast vermochte
nicht eine gewisse Spannung in den oberen Regionen des Tisches zu beseitigen.
    Nach aufgehobener Tafel standen die Herren Kaffee trinkend in Gruppen um den
Prinzipal herum, wobei kühne Naturen, wie Herr Pix, auch eine Zigarre
anzubrennen wagten. Unterdes trieb Anton in grösster Musse durch die geöffnete
Zimmerreihe, bewunderte die Bilder an der Wand, blätterte in einem Album und
hielt sich durch solche Tätigkeit die drohende Langeweile tapfer vom Halse. Er
beobachtete gerade das Muster eines Teppichs und hoffte im stillen, dass sich
hier oder da ein keckes Fünfeck von dem Zwange des Musters losmachen und
eigenwillig an einer unpassenden Stelle erscheinen könnte. So war er an den
Eingang des letzten Zimmers gelangt und blieb betroffen stehen. Wenige Schritte
vor ihm stand Sabine an einem Blumentisch und hielt sich mit beiden Händen an
der Tischplatte fest, während grosse Tränentropfen aus ihren Augen auf die Blumen
herunterfielen. Es war ein lautloses Schluchzen; wie von innerm Krampf wurde die
schlanke Gestalt erschüttert; sie bekämpfte den Ausbruch eines tiefen, lange
unterdrückten Schmerzes mit einer Energie, welche ihn doppelt rührend machte.
Anton war bestürzt über den Zufall, der ihm einen solchen Anblick gestattete,
und fühlte doch wieder eine so warme Teilnahme, dass er darüber vergass, sich
zurückzuziehn. Als er sich umwandte, blickte Sabine nach dem Geräusch hin. Sich
schnell fassend, drückte sie das Tuch an die Augen und kehrte sich sogleich zu
Anton. »Hüten Sie sich, Herr Wohlfart«, sagte sie herzlich, »dass die
Tollkühnheit Ihres Freundes Sie nicht in neue Gefahren bringt; meinem Bruder
würde es sehr leid tun, wenn der Verkehr mit Herrn von Fink Ihnen Nachteil
brächte.«
    »Fräulein Sabine«, erwiderte Anton und sah der Dame mit inniger Hochachtung
in die feuchten Augen, »Fink ist eben so edel als rücksichtslos. Er hat mich mit
eigener Gefahr aus dem Wasser herausgeholt.«
    »O ja«, rief Sabine mit einem Ausdruck, den Anton nicht ganz verstand, »Herr
von Fink liebt es, mit allem zu spielen, was anderen Menschen heilig ist.«
    In diesem Augenblick eilte Herr Jordan herzu und bat das Fräulein, an den
Flügel zu kommen. So rauschte sie an Anton vorüber.
    Anton war in mächtiger Aufregung. Sabine Schröter stand bei den Herren des
Comtoirs in einem Ansehen, welches sie über den Bereich der gewöhnlichen
Diskussion stellte und in die glückliche Lage brachte, dass im Hinterhaus nur
selten von ihr gesprochen ward. Die meisten der Jüngeren waren, wie sich aus den
Neckereien ihrer Kollegen und gelegentlichen Geständnissen merken liess, während
der ersten Monate ihres Aufentalts leidenschaftlich in das Fräulein des Hauses
verliebt gewesen. Und als die Flamme aus Mangel an Nahrung nach und nach
heruntergebrannt war, hatte jeder ein Häuflein glühender Kohlen vor den
Spöttereien der Kollegen in den geheimsten Winkel seines Herzens geschoben, wo
die Kohlen noch lagen und fortglimmten. Sämtliche Herren waren bereit, für die
Tochter ihres Hauses gegen jeden Feind loszurennen. Allen galt sie für eine
kalte Heilige, deren Herz einer leidenschaftlichen Schwäche unzugänglich war.
Aber ihre ruhige Haltung tat allen sehr wohl, und wenn Herr Pix sie stolz
nannte, so verfehlte er nie, dazuzusetzen: »Aber sie hat ein gutes Herz, sie ist
eine tüchtige Wirtin.«
    Ob Sabine ganz so war, wie das Comtoir einstimmig annahm, darüber hatte auch
Anton kein Urteil. Auch ihm war die junge Herrin bekannt, und doch fern, wie der
Mond, den wir immer nur von einer Seite sehen. Alle Tage sass er ihr gegenüber
und sah aus der Ferne auf das feine Oval ihres Gesichts, auf das dunkle Haar und
den tiefen Glanz ihrer schönen Augen, täglich hörte er ihre Stimme in dem
gleichförmigen Tischgespräch, weiter kannte er nichts von ihr. Jetzt merkte er
plötzlich, dass die Heilige nicht so ruhig und so gefühllos lebte, als das
Hinterhaus annahm; durch einen Zufall war er Vertrauter ihres stillen Wehes
geworden. Ihr Schmerz, so lautlos und so schön getragen, steigerte seine
Teilnahme zu leidenschaftlicher Höhe. Er hatte nie eine Schwester gehabt, und
sich wohl zuweilen danach gesehnt; heut empfand er eine wahrhaft brüderliche
Zärtlichkeit für die Trauernde; er hätte sein Leben hingeben können, um sie von
diesem Schmerz zu befreien; er hätte es für das höchste Glück gehalten, ihre
Hand zu ergreifen, ihren Kopf an seine Brust zu legen und ihr die weinenden
Augen zu küssen. Es wurde ihm auf einmal deutlich, dass ihr Kummer mit Fink in
irgendeiner Verbindung stand, es war ihm schon lange unzweifelhaft gewesen, dass
diese beiden Gestalten zueinander in einer geheimnisvollen Beziehung stehen
mussten, und oft hatte er prüfend nach Sabinens Gesicht hingesehen, wenn Fink bei
Tisch etwas Liebenswürdiges erzählte. Er hatte nie etwas anderes entdeckt, als
dass ihr Auge den Platz vermied, an welchem Fink sass, und dass sie den Jockei
vielleicht noch seltener anredete, als einen der anderen Herren. Jetzt ahnete er
allerlei Schmerzliches für die Gebieterin des ersten Stocks, er sah im Geist
wilde Leidenschaften über den ruhigen Glanz des Hauses T.O. Schröter
heraufstürmen. Wohl empfand er für Fink die hingebende Neigung, welche eine
unverdorbene Jugend so gern dem kühnen und erfahrenen Genossen weiht, aber in
diesem Falle nahm seine Seele entschiedene Partei gegen den Freund, er beschloss,
Fink genau zu beobachten und dem Fräulein irgend etwas zu werden, ein
brüderlicher Schutz, ein Vertrauter, alles, was dazu helfen konnte, sie von
einem Schmerz zu befreien, der ihn mit Rührung und heissem Mitgefühl erfüllte.
    Einige Stunden darauf sass Sabine in der Fensternische. Die Hände über das
Knie gefaltet, sah sie still vor sich hin. Das rötliche Abendlicht goss über ihr
Antlitz einen Schimmer von froher Laune, die in ihrem Herzen nicht war. Der
Bruder hatte die Zeitung weggelegt und blickte von seinem Armstuhl sorgenvoll
auf die Regungslose, endlich trat er leise zu ihr und legte seine Hand auf ihr
Haupt. Sabine erhob sich und umschlang den Bruder fest mit beiden Armen. So
standen die Geschwister eines an das andre gelehnt, zwei Freunde, welche sich so
ineinander hineingelebt haben, dass jedes ohne Worte versteht, was den andern
bewegt. Der Kaufmann strich zärtlich die Locken seiner Schwester zurecht und
sagte bekümmert: »Du weisst, wie gross die geschäftlichen Verpflichtungen sind,
welche ich gegen den Vater Finks habe.«
    »Ich weiss«, erwiderte Sabine aufblickend, »dass du mit dem Sohne nicht
zufrieden bist.« - »Ich konnte nicht vermeiden, die fremdartige Gestalt in
unsern Kreis aufzunehmen, aber ich bereue die Stunde, wo dies geschah.«
    »Sei nicht hart gegen ihn«, bat die Schwester und küsste die Hand des
Kaufmanns. »Denke auch daran, wie viel Edles in seinem Wesen liegt.«
    »Ich tue ihm nicht unrecht. Aber ob sein Leben zum Heil für andere werden
wird, oder zum Unheil, das steht noch dahin. Sein Selbstgefühl, die grossen
Anlagen, selbst die trotzige Kraft seines Egoismus, das zusammen ist Stoff
genug, um einen grossen Charakter zu bilden. Aber wozu wird er seine Kraft
gebrauchen? Ungeordnet, in wilden Torheiten hat er bis jetzt seine Tage
verbracht, der Zwang unseres Hauses empört ihn innerlich. Noch ist
wahrscheinlich, dass ein schlechter Aristokrat aus ihm wird, der seine
Lebenskraft im raffinierten Genuss vergeudet, oder auch ein wucherischer
Geldmann, wie sein Verwandter in Amerika, der zum letzten aufregenden Spielzeug
das Geld erwählt und mit frevelhaftem Witz die Schwächen anderer benutzt, um aus
den Trümmern ihres Glücks seine Paläste zu bauen.«
    »Er ist nicht herzlos«, murmelte Sabine, »auch sein Verhältnis zu Wohlfart
beweist das.«
    »Er spielt, mit ihm, er wirft ihn ins Wasser und zieht ihn wieder heraus.«
    »Nein«, rief Sabine, »er achtet den verständigen Sinn Wohlfarts, er fühlt,
dass dieser trotz seinem Mangel an Erfahrung ein reicheres Gemüt hat, als er
selbst.«
    »Täusche dich und mich nicht«, entgegnete der Kaufmann finster, »ich weiss,
wie es gekommen ist, wie seine Sicherheit, die Gabe schön zu sprechen und sich
in leichtem Scherz über seine Umgebung zu erheben, dich gefesselt haben. Nicht
ohne brüderliche Eifersucht erkannte ich den Zauber, den der fremde Mann auf
dich ausübte. Ich schwieg, denn ich konnte dir vertrauen. War ich doch selbst
hingerissen von manchem, was an ihm ungewöhnlich ist. Auch als ich seine Härten
unangenehm empfand, schwieg ich, denn ich bemerkte, wie du dich von ihm
zurückzogst. Jetzt aber, wo ich sehe, wie sehr seine Art dich noch immer
aufregt, ja unglücklich macht, jetzt muss ich seine Entfernung für wünschenswert
halten. Er soll fort aus unserm Hause, fort auch aus deiner Nähe.«
    »O, mein Gott!« rief Sabine, die Hände ringend. - »Nein, Traugott, das soll,
das darf nicht geschehen. Um meinetwillen soll ein Verhältnis nicht gelöst
werden, welches zu seinem Nutzen beschlossen wurde. Wenn es ein Mittel gibt, ihn
vor den Gefahren zu behüten, die seine Vergangenheit über ihn bringt, so ist es
das Leben in deiner Nähe. Deine rastlose Tätigkeit, die hohe Ehre deines
Geschäfts, die zu sehen, daran sich zu gewöhnen, das ist Heilung für seine
Seele. Ja, Traugott«, fuhr sie fort und fasste seine Hand: »Ich habe kein
Geheimnis vor dir! Du hast eine törichte Schwäche meines Gefühls vielleicht eher
erkannt, als ich selbst. Aber ich verspreche dir, dies Gefühl soll sein, wie die
Erinnerung an ein Buch, das ich gelesen habe. Durch keine Miene, durch kein Wort
will ich verraten, dass ich schwach war. O, zürne ihm nicht, löse ihn nicht aus
deinem Kreise, nicht im Zorn, und nicht um meinetwillen.«
    »Und darf ich zugeben, dass seine Nähe dich zu einem aufreibenden Kampf
verurteilt?« fragte der Bruder. »Unser Verhältnis zu ihm ist ohnedies schwer
genug. Er gilt für eine glänzende Partie in jedem Sinne des Wortes. Es ist
wahrscheinlich, dass sein Vater bestimmte Pläne mit ihm hat; es ist sicher, dass
er selbst für weit hinaus phantastisch über seine Zukunft geträumt hat. Mir hat
sein Vater die Aufsicht über ihn, den schwer zu Lenkenden, gegeben, weil er
vertraut, dass ich in seinem Sinn handeln werde. Es wäre Verrat gegen den Vater,
wenn ich eine Annäherung zwischen euch beiden auch nur durch Stillschweigen
zuliesse. Leicht wird man uns auch die harmlose Zuvorkommenheit so auslegen, als
hätten wir einen Wunsch, den reichen Erben an uns zu fesseln. Und er selbst, der
Übermütige, an leichte Siege Gewöhnte, er wird zuerst einem solchen Gedanken
Raum geben und geneigt sein, über das zu triumphieren, was er deine Schwäche und
meine Berechnung nennen mag. Ich höre ihn darüber lachen und witzeln, und sieh,
Sabine, dagegen empört sich mein Stolz.«
    »Traugott«, rief Sabine mit geröteten Wangen, »vergiss nicht, dass ich deine
Schwester bin. Ich bin ein Bürgerkind, und er wird nie ganz zu uns gehören. Ich
bin so stolz wie du. Immer habe ich das Gefühl, dass zwischen ihm und mir eine
Kluft liegt, so weit und tief, dass alle Liebe sie nicht aufzuheben vermöchte.
Vertraue mir«, bat sie unter Tränen, »ich werde dich nicht mehr durch meine
Mienen betrüben. Und gegen ihn, den du nicht liebst, sei gütiger. Ertrage auch
du das Lästige in seinem Wesen. Bedenke, wie sein Schicksal war. In der Welt
umhergeschleudert, in Lagen, welche jedem Gelüst schmeichelten, immer unter
Fremden, ohne Liebe und ohne Heimat, so ist er aufgewachsen, in manchem
verdorben, aber im Grund seiner Seele hochsinnig und ein Feind jeder
Gemeinheit.« Wieder schlang sie den Arm um den Hals ihres Bruders und sah
bittend zu ihm auf. »Vertraue mir und gegen ihn sei gütiger.«
    »Er soll hierbleiben«, sagte der Kaufmann und blickte gerührt in die
feuchten Augen der Schwester. »Aber ausser meinem Liebling ist noch jemand in
unserm Hause, der sich vor dem Einfluss seines Wesens zu bewahren hat.«
    »Wohlfart«, rief Sabine heiter. »Für den bürge ich.«
    »Du übernimmst viel, du Vormund unsrer Herren. Also auch er ist ein
Günstling?« fragte der Bruder.
    »Er ist zartfühlend und ehrlich, er hängt mit ganzer Seele an dir. Wie
treuherzig sah er heut darein, als der andre so ruchlos scherzte. Und er hat
Mut! Verlass dich darauf, er wird auch mit Fink fertig. Zufällig sah ich ihn
damals, als ihn Fink so gekränkt hatte. Er sah ordentlich rührend aus. Seit der
Zeit habe ich ihn ins Herz geschlossen.«
    »Was hat alles in diesem Herzen Raum«, rief der Kaufmann scherzend. »Zuerst
und vor allem die grosse Vorratsstube, die Nussbaumschränke der Grossmutter und
viele Schock weisse Leinwand. Dann in bescheidener Seitenkammer der gestrenge
Bruder, dann« -
    »Dann im Vorzimmer alles übrige«, unterbrach ihn Sabine. »Ja, und jetzt
finde ich sogar unsern Lehrling dort einquartiert«, fuhr der Bruder fort.
    Sabine nickte. »Er ist ja schon von seinem Vater her ein Kind unsrer
Handlung. Er wünscht sich ein Dutzend feiner Oberhemden, Karl hat mir's
zugetragen. Die Tante und ich wollen sie besorgen. Du musst sie ihm bei erster
Gelegenheit durch die Post senden. Er ist von Haus aus an solche Überraschungen
gewöhnt. Die Tante soll ihm einen geheimnisvollen Brief dazu schreiben.« Sie
lachte herzlich bei dem Gedanken an den Brief der Tante, zog an der Teeserviette
und rückte die Tassen zurecht, bis alle drei in einer Reihe standen.
    »So ist's recht«, rief der Kaufmann, »jetzt bist du wieder du selbst. Die
Linie ist untadelhaft, und die Symmetrie der Serviettenzipfel ist
ausserordentlich.«
    »Man muss doch seine Freude haben«, sagte Sabine, »ihr Männer tut doch nichts
anderes, als uns ängstigen.«
    Zu derselben Zeit trat Fink in Antons Zimmer, ein Lied trällernd, ohne eine
Ahnung des Unwetters im Vorderhause, und, die Wahrheit zu gestehen, ziemlich
unbekümmert um die Gefühle, welche er dort erregte. »Ich bin um Ihretwillen in
Ungnade gefallen, mein Sohn«, rief er lustig, »der Souverän hat mich heut mit
haarsträubender Gleichgültigkeit behandelt, und der Schwarzkopf hat mir den
ganzen Tag keinen Blick gegönnt. Respektable Leute, aber bis zur Verzweiflung
hausbacken! Diese Sabine hat im Grunde Feuer, Stolz, gute Qualitäten, aber auch
sie verkümmert in dem ewigen Einerlei. Wenn eine Fliege sich am Kopfe krault, so
erregt das Erstaunen und erregt Skrupel, ob es ihr anständig sei, mit dem
rechten oder mit dem linken Beine zu kratzen. - Glück zu, Wohlfart, Sie sind auf
dem besten Wege, der Mignon dieses Comtoirs zu werden, und mich betrachtet man
als Ihren bösen Genius. Tut nichts! Morgen gehen wir zusammen in die
Schwimmschule.«
    Und so geschah es. Seit dieser Zeit fand Fink ein Vergnügen darin, den
jüngern Freund in seine Künste einzuweihen. Er selbst lehrte ihn schwimmen, er
bestand darauf, dass Anton zuweilen ein Pferd bestieg, und zwang ihn durch
brüderliche Ermahnungen, auf dem Mietgaul Reitkünste zu üben. Ja, er ging in
seiner Freundschaft so weit, dass er sich selbst auf einen Mietklepper setzte, -
etwas, wogegen er grossen Abscheu hatte - und den Lehrling zur Übung auf seinem
eigenen feurigen Pferde reiten liess. Er schoss mit Anton nach der Scheibe und
drohte sogar, ihm eine Einladung zur Jagd zu verschaffen, wogegen aber Anton auf
das äusserste protestierte.
    Anton lohnte seinem Freunde durch die grösste Anhänglichkeit; er war
glücklich, einen Genossen zu haben, an dem er so vieles verehren und bewundern
konnte, und es tat seinem Selbstgefühl unendlich wohl, dass er als Vertrauter vor
vielen andern ausgezeichnet wurde. Fink gewann vielleicht nicht weniger dabei;
was zuerst eine Laune gewesen war, wurde ihm schnell Bedürfnis. Es waren
glückliche Abende für beide, wenn sie im Schatten der grossen Kondorflügel oder
in dem bescheideneren Quartiere der gelblackierten Katze zusammensassen in
seligem Geplauder über die Eindrücke des Tages, über den Weltlauf, oder über
nichts; dann erzählte Fink oder trieb Possen, übermütig, wie ein kleiner Knabe,
und Anton folgte mit Entzücken den kräftigen Gedanken und dem kühnen Ausdruck
des vielerfahrenen Gefährten; dann klang bei offenem Fenster ihr Lachen bis tief
hinab in das Dunkel des Hofes, so dass der alte zottige Pluto, der sich als Vogt
des Hauses betrachtete und von jedermann als ein angesehener Associé der Firma
betrachtet wurde, aus seinem leisen Schlummer aufwachte und durch ermunterndes
Bellen seine Billigung ihrer guten Laune ausdrückte. Es war eine glückliche Zeit
für beide; aus ihrer Vertraulichkeit blühte, zum erstenmal für beide, eine
herzliche Jugendfreundschaft auf.
    Und doch hörte Anton nicht auf, Fink und das Fräulein mit einer leisen
Unruhe zu beobachten, nie sprach er mit seinem Freunde über das, was er ahnend
voraussetzte, immer aber erwartete er, dass sich im Vorderhause etwas ereignen
würde, eine Verlobung, oder ein Bruch zwischen Fink und dem Kaufmann, oder etwas
anderes Ausserordentliches. Aber es kam nichts dergleichen, unverändert verliefen
die feierlichen Mahlzeiten an der langen Tafel, unverändert blieb das Antlitz
und das Benehmen Sabinens gegen den Freund und gegen ihn. Es schien, als wenn
die ernste und emsige Tätigkeit des Geschäftes jedes ungewöhnliche
Familienereignis, jede Leidenschaft, jede schnelle Veränderung fernhielte von
dem Leben der Hausgenossen. Verstimmung und Hader, Genuss und Schwärmerei, alles
wurde niedergehalten durch den unablässigen gleichmässigen Fluss der Arbeit.
    Wieder war ein Jahr vergangen, das zweite seit dem Eintritt des Lehrlings,
und wieder blühten die Rosen. Anton hatte beim Schluss des Comtoirs einen grossen
Strauss roter Zentifolien gekauft und klopfte an die Tür von Herrn Jordan, um
diesem, der ein Gefühl für Blumen hatte, den Salon zu schmücken. Mit
Überraschung sah er, grade wie am ersten Tage seiner Lehrzeit, alle Kollegen in
dem Zimmer versammelt und erkannte auf den ersten Blick, dass bei seinem
Eintreten eine exklusive Feierlichkeit, welche ihn zurückwies, in den Mienen
aller sichtbar wurde. Jordan eilte ihm mit einer leisen Verlegenheit entgegen
und bat, er möge auf eine Stunde die Versammlung sich selbst überlassen, es sei
etwas Wichtiges zu besprechen, was er als Lehrling nicht hören dürfe. Die
guterzigen Männer hatten ihn bis dahin nur selten empfinden lassen, dass er
ihnen an Würden nicht gleich stand, deshalb demütigte ihn die Verbannung doch
ein wenig. Er trug den Strauss in das eigene Zimmer und stellte ihn resigniert
mitten auf den Tisch, ergriff ein Buch und sah zuweilen darüber hinweg auf das
Büschel Rosen, welches sogleich eifrig bemüht war, seinen rosigen Schein bis in
die Winkel der kleinen Stube auszubreiten.
    Unterdes wurde im Salon feierliche Sitzung gehalten. Der Herr des Salons
pochte mit einem Lineal auf den Tisch und eröffnete die Verhandlung: »Wie Sie
alle wissen, hat einer der Kollegen das Geschäft verlassen. Herr Schröter hat
mir deshalb heut eröffnet, dass er nicht abgeneigt ist, an Stelle desselben
unsern Wohlfart als Korrespondenten in das Provinzialgeschäft aufzunehmen. Da
aber die herkömmliche Lehrzeit Wohlfarts erst in einem oder nach dem Uso unsrer
Handlung sogar erst in zwei Jahren zu Ende geht, so will er eine solche
ausserordentliche Abweichung von der Ordnung nicht eintreten lassen ohne die
Beistimmung des Comtoirs. Deshalb frage ich Sie, wollen Sie die Rechte, welche
Sie an Wohlfart als unsern Lehrling haben, zu seinen Gunsten schon jetzt
aufgeben und wollen Sie ihn als Kollegen in unser Geschäft aufnehmen? Ich
ersuche Sie sämtlich, mir Ihre Meinung mitzuteilen. Noch fühle ich mich
verpflichtet zu bemerken, dass Herr Schröter selbst unsern Wohlfart für
vollkommen geeignet hält, die neue Stellung auszufüllen; auch halte ich es für
sehr gentil vom Prinzipal, dass er uns die letzte Entscheidung überlässt.«
    Nach diesen Worten des Herrn Jordan entstand die imposante Stille, welche
jeder Debatte vorhergeht. Nur Herr Pix richtete sich von der Sofalehne auf, an
welcher er gehangen hatte, und sprach: »Vor allem stimme ich dafür, dass wir ein
Glas Grog machen, hole ein anderer für die Teetrinker den Kessel her, den Grog
braue ich.« Nach dieser Erklärung zog sich der Sprecher wieder in seine reitende
Stellung zurück und brannte eine Manila an, eine Art von Zigarren, welche er in
stetem Kampf gegen seine Kollegen begünstigte.
    Die andern Herrn verharrten in genussreichem Schweigen und sahen feierlich
der Bereitung des Tees zu, jeder fühlte die Wichtigkeit seiner bürgerlichen
Stellung und seine Würde als Mensch und Kollege.
    Als die Spiritusflamme um den Kessel leckte und noch niemand das Wort
ergriff, erkannte der Vorsitzende die Notwendigkeit, die Debatte auf irgendeine
Weise zu fördern, und frug: »Wie wollen wir abstimmen? Wünschen Sie von unten
nach oben oder von oben herab?«
    »Bei der englischen Marine wird, soviel ich weiss, der Jüngste zuerst
gehört«, bemerkte Herr Baumann. »Wie bei der englischen Marine«, entschied Herr
Pix.
    Specht war der jüngste der anwesenden Kollegen. »Ich muss vor allem bemerken,
dass Herr von Fink nicht anwesend ist«, sprach er und sah sich aufgeregt um.
    Ein allgemeines Gemurmel entstand: »Er ist nicht zu Hause! Er ist Volontär!«
    »Er gehört nicht zu uns«, sagte Herr Pix.
    »Er selbst wird es ablehnen, mitzustimmen«, sagte Herr Jordan, »da er keiner
von den Engagierten der Handlung ist.«
    »In diesem Falle bin ich der Meinung«, fuhr Herr Specht fort, etwas
herabgestimmt durch die allgemeine Opposition, welche seine erste Bemerkung
erfahren hatte, »dass Wohlfart die Verpflichtung hat, vier Jahre Lehrling zu
bleiben wie ich selbst, oder doch drei Jahre wie unser Baumann bei C.W. Strumpf
und Kniesohl. Da er aber ein guter Kerl und nach aller Ansicht im Geschäft
brauchbar ist, so bin ich auch der Meinung, dass wir einmal eine Ausnahme machen
und ihn schon jetzt als Kollegen anerkennen. Doch bitte ich Sie, dabei
vorsichtig zu sein und ihm bemerklich zu machen, dass er eigentlich noch Lehrling
sein sollte. Deshalb schlage ich vor, dass er verpflichtet wird, uns noch ein
Jahr hindurch den Tee zu machen, wie er bis jetzt als Lehrling getan. Ausserdem
halte ich für schicklich, dass er zur Erinnerung an seinen früheren Stand jedem
der Kollegen alle Quartale eine Feder schneidet.«
    »Narrheiten«, brummte Herr Pix; »Sie haben immer überspannte Einfälle.«
    »Wie können Sie meine Einfälle überspannt nennen«, rief Herr Specht
entrüstet, »Sie wissen, dass ich mir von Ihnen nichts gefallen lasse.«
    »Ich muss um Ruhe bitten«, sagte Herr Jordan.
    Die nächsten Kollegen gaben in runder Weise ihre Einwilligung, Herr Baumann
mit vieler Wärme. Endlich griff Herr Pix nach dem Hahn des Teekessels und
sprach: »Meine Herren, was soll das lange Reden, seine Warenkenntnis ist nicht
schlecht, wenn man berücksichtigt, dass er noch ein junger Kauz ist, sein
Benehmen ist kulant, die Hausknechte haben Respekt vor ihm, gegen meine Kunden
ist er noch zu zartfühlend und umständlich, aber es ist nicht allen Leuten
gegeben, andere Leute zu behandeln. Solo spielt er schlecht, und sein
Punschtrinken ist unbedeutend. So steht es mit ihm. Da diese letzteren
Qualitäten aber nicht den Ausschlag geben dürfen, so sehe ich nicht ein, weshalb
er nicht vom heutigen Dato ab Kollege werden soll.«
    Der Kassierer sprach: »Es ist nicht in der Ordnung, dass einer mit zwei
Jahren seine Lehrzeit abmacht, da es aber der Prinzipal wünscht, so werde ich
nicht widersprechen, denn sein Wille muss zuletzt doch respektiert werden.«
    Alle sahen auf Herrn Liebold, den diese allgemeine Aufmerksamkeit sehr
beunruhigte, weil sie ihn an die Verantwortlichkeit seines Votums erinnerte.
Natürlich wollte er beistimmen, aber wenn er nicht beistimmte? Wenn er jetzt
widerspräche, welcher Skandal müsste daraus entstehen? Wie würde ihn Wohlfart
ansehen, und die Kollegen und der Prinzipal selbst? So zog er an seinem
Halskragen, lächelte verbindlich nach beiden Seiten und räusperte sich wie vor
dem Ausbruch einer kräftigen Rede, worauf er verwirrt durch den Gedanken an die
möglichen Folgen seines Vetos schüchtern zurücksank und sich mit allem
einverstanden erklärte, was seine Kollegen beschliessen würden.
    »Abgemacht!« sagte Herr Jordan, »auch ich stimme bei und habe noch den Grund
anzuführen, dass Wohlfart bei seinem Eintritt älter war, als ein anderer von uns,
und dass er an Jahren und Bildung nichts zu wünschen übriglässt. Deshalb freue ich
mich über unsre Einstimmigkeit. Herr Schröter hat mir erlaubt, im Falle unsrer
Einwilligung den Lehrling vorläufig davon zu benachrichtigen. Ich schlage vor,
dass dies auf der Stelle geschieht. Wir wollen ihn herunterrufen.«
    »Ja, ja, gut, das wollen wir!« riefen alle, und Baumann schickte sich an,
hinaufzugehen.
    Da aber sprang Herr Specht auf und vertrat dem Kollegen Baumann den Weg.
»Wir sind keine Ferkel«, rief er und streckte die Hände abwehrend an der Tür
aus, »wir sind keine wilden Tiere, dass wir so ohne Ordnung durcheinander laufen
und einen neuen Kollegen aufnehmen, wie ein Stück von einer Herde. Ich bitte Sie
dringend, denken Sie an die Ehre des Geschäfts. Es ist notwendig, dass zwei von
uns als Deputation hinaufgehen, es muss wenigstens ein Punsch gemacht werden, und
Jordan muss ihn mit einer Rede begrüssen.«
    Dieser Vorschlag fand Beifall, Herr Liebold und Herr Pix wurden erwählt, den
Neuling herunterzuführen. Herr Specht aber fuhr mit glänzenden Augen in der
Stube umher, er rückte den Tisch zurecht, ordnete die Stühle im Halbkreis zu
beiden Seiten, schleppte Gläser und Flaschen herzu und setzte einen grünen
Ritter aus Papiermaché, der ein vergoldetes Schwert trug, auf einen Tabakskasten
in die Mitte des Tisches. Dann holte er einen Teppich herzu und legte ihn
zwischen die Tür und die Versammlung, damit Wohlfart darauf stehe, wie eine
Braut vor dem Altare.
    Darauf erschöpfte er seine ganze Beredsamkeit, um die Lichter und Lampen aus
den Zimmern seiner Kollegen auf einen Haufen zu versammeln. Endlich liess er die
Rouleaus herunter, schloss die bunten Gardinen und brachte zunächst eine
künstliche Dämmerung und darauf einen ungewöhnlichen Lichterglanz und heftigen
Lampengeruch zustande. So bewirkte er mit Hilfe der andern, welche ihm zuerst
zusahn und bald, durch seinen Eifer fortgerissen, tätig beistanden, dass der
Salon in der Tat ein fremdartiges und mysteriöses Aussehen erhielt. Jetzt erst
liess er die Deputation hinaufgehen, und da ihm eine dunkle Erinnerung durch den
Kopf fuhr von dem imponierenden Aussehen des römischen Senates, welcher lautlos
auf Stühlen sass, als die grimmigen Feinde in Rom einzogen, so beschwor er
leidenschaftlich alle Zurückgebliebenen, sich stumm und unbeweglich auf den
Stühlen in der Runde festzusetzen. Als sich aber die Tür öffnete und der
erstaunte Wohlfart, der noch nichts ahnte, in der Mitte seiner beiden Führer
erschien, von denen Herr Pix in praktischer Umsicht die Zuckerbüchse Antons,
Herr Liebold feierlich das grosse Rosenbukett getragen brachten, da verblich in
der Phantasie des Herrn Specht der römische Senat, und die Heiligen Drei Könige,
welche mit Büchsen und Gaben eintreten, Weihnachtsbescherung und christliche
Feierlichkeit wurden in ihm mächtig. Er sprang in Ekstase von seinem Sitze auf
und rief: »Alle müssen stehen!«
    Durch diese veränderte Anordnung störte er leider sich selbst die Wirkung,
denn nur ein Teil der Herrn folgte seinem Beispiel, der Rest blieb sitzen, bis
Herr Jordan dann vor Anton trat und ihm mit aufrichtiger Herzlichkeit sagte:
»Lieber Wohlfart, Sie haben zwei Jahre mit uns gearbeitet, Sie haben sich Mühe
gegeben, das Geschäft kennenzulernen, wir alle haben Sie in dieser Zeit
liebgewonnen. Es ist der Wille des Prinzipals und unser aller Wunsch, dass die
herkömmliche Lehrzeit bei Ihnen ausnahmsweise abgekürzt werde. Herr Schröter
beabsichtigt, Sie morgen als Comtoristen aufzunehmen, wir haben die Freude,
Ihnen dies schon heute mitzuteilen. Wir wünschen Ihnen von Herzen Glück und
bitten Sie, uns dieselbe ehrliche Freundschaft als Kollege zu bewahren, die Sie
uns bis jetzt bewiesen haben.« So sprach der gute Herr Jordan und hielt seinem
Zöglinge die Hand hin.
    Anton stand einen Augenblick starr, dann fasste er mit beiden Händen die
dargebotene Rechte und fiel glücklich und gerührt Herrn Jordan um den Hals. Die
Kollegen drängten sich um ihn, und es entstand ein Händeschütteln und Umarmen,
welches in der Geschichte des Salons beispiellos war. Immer wieder ging Anton
von dem einen zum andern und fasste ihn mit nassen Augen beim Arm. Specht sah
ohne Betrübnis sein Zeremoniell durch die lebhafte Empfindung des Aufgenommenen
ruiniert, Baumann sass, die Hände über das Knie geschlungen, vergnügt in der
Ecke, und Pix bot unserm Helden binnen fünf Minuten zweimal seine Zigarren an
und hielt ihm sogar das Licht, als Wohlfart endlich eine davon ansteckte. Alles
war in bester Laune, die Kollegen freuten sich, weil sie mit Selbstgefühl etwas
Bedeutendes schenken konnten, und Anton war selig, so viel Freundlichkeit zu
empfangen. Verklärt sass er in einem gepolsterten Sessel, zu dem ihn Freund
Specht genötigt hatte, vor ihm stand der Ritter und salutierte mit seinem
goldenen Schwert aus dem Rosenbusch heraus, und um ihn lagerten seine Genossen,
heut alle bemüht, ihm Fröhliches zu sagen. Wie ein Heros erhob sich Herr Pix und
brachte die Gesundheit Antons aus. Er schilderte mit einer Beredsamkeit, wie sie
vorher und nachher nie wieder an ihm wahrgenommen wurde, dass Anton gewissermassen
als ein Säugling zu ihnen gekommen sei, dem der Unterschied zwischen Pennal und
Kanehl ebenso unbekannt war, als einem Zeisig das Kaffeekochen, und wie mit
Hilfe der grossen Waage, die als seine Wiege betrachtet werden müsse, und der
Auflader, welche Ammendienste an ihm verrichtet hätten, und unter Mitwirkung
einiger anderer Personen, die der Sprecher aus Bescheidenheit nicht nenne, in so
kurzer Zeit ein so auffallendes Wachstum des Unmündigen hervorgebracht worden
sei. Darauf erhob sich Anton und brachte die Gesundheit seiner Kollegen aus. Er
erzählte, wie bange ihm damals gewesen war, als er zum ersten Male die Tür des
Comtoirs geöffnet hatte. Er erinnerte Herrn Pix an den schwarzen Pinsel, mit
welchem er ihm den Weg gewiesen, Herrn Specht an seine stehende Frage: Was steht
zu Ihren Diensten? und Herrn Jordan an den Überziehärmel, den er damals
eingepackt, um den Neuling in sein Zimmer zu führen. Diese Anspielung auf die
berühmten Attribute der drei Herren fand den höchsten Beifall. Und jetzt folgte
ein Toast auf den andern, und es ergab sich zu allgemeinem Erstaunen, dass der
stille Herr Birnbaum, der Zollkommis, von der Natur die ausserordentliche
Begabung erhalten hatte, nach dem dritten Glas zwei, ja sogar vier Zeilen in
Reimen zu sprechen. Immer fröhlicher wurde die Gesellschaft, immer festlicher
glänzten die Lichter, immer röter leuchteten die Wangen und die Rosen auf dem
Tische.
    Erst spät trennten sich die Kollegen. Anton wollte nicht zu Bett gehen,
bevor er seinem Freunde Fink das Glück berichtet hatte. Er eilte dem Ankommenden
entgegen und erzählte ihm im Mondschein auf der Treppe das grosse Ereignis. Fink
schrieb mit seiner Reitpeitsche eine lustige Acht in die Luft und sagte: »Es ist
brav, dass das Vorderhaus auf den Einfall gekommen ist, ich hätte einen solchen
Exzess unserm Despoten nicht zugetraut. Jetzt kommst du ein Jahr eher übers
Wasser in die grosse Welt.«
    Am nächsten Morgen rief der Prinzipal den neuen Kommis in das kleine Zimmer
hinter dem letzten Comtoir, in das Allerheiligste des Geschäfts, und hörte
lächelnd die Dankesworte Antons an. »Ich habe so gehandelt«, sagte er, »weil Sie
tüchtig sind, und weil der Brief, den Sie mir bei Ihrem Eintritt in das Geschäft
überbrachten, Ihnen ein Kredit bei mir eröffnet hat. Es wird Ihnen Freude
machen, dass Sie von jetzt ab durch Ihre eigene Tätigkeit Ihr Leben zu erhalten
vermögen. Sie treten von heut in die Stellung, also auch in den Gehalt des
Ausgeschiedenen ein.«
    Zuletzt bei der Mittagstafel gratulierten auch die Damen dem neuen
Geschäftsmann, Sabine kam sogar bis zum untern Ende des Tisches, wo Anton hinter
seinem Stuhle stand, und begrüsste ihn dort mit herzlichen Worten, der Bediente
setzte heut jedem der Herren eine Flasche Wein vor das Couvert, und der Kaufmann
erhob das Glas, und dem glücklichen Anton zuwinkend, sagte er mit gütigem Ernst:
»Lieber Wohlfart, dies dem Andenken an Ihren guten Vater!«
 
                                  Zweites Buch
                                       1
An einem Sonntagmorgen las Anton emsig in dem letzten Mohikaner von Cooper,
während vor dem Fenster die ersten Schneeflocken ihren Kriegstanz tanzten und
sich vergeblich bemühten, in das Asyl der gelben Katze zu dringen. Da trat Fink
eilig in das Zimmer und rief schon an der Tür: »Anton, zeige mir deine
Garderobe.« Er öffnete den Kleiderschrank, untersuchte den Leibrock und die
übrigen Stücke mit grossem Ernst, schüttelte den Kopf und schloss seine Musterung
mit den Worten: »Ich werde dir meinen Schneider heraufschicken, lass dir ein
neues Gewand anmessen.«
    »Ich habe kein Geld«, antwortete Anton lachend.
    »Unsinn«, versetzte Fink, »der Schneider gibt dir Kredit, soviel du willst.«
    »Ich möchte aber nichts auf Kredit nehmen«, erwiderte Anton und setzte sich
behaglich auf dem Sofa zurecht, um gegen seinen mächtigen Ratgeber zugunsten
guter Wirtschaft zu plädieren.
    »Diesmal musst du eine Ausnahme machen«, entschied Fink, »es ist Zeit, dass du
mehr unter Menschen kommst. Du sollst in die Gesellschaft treten, ich werde dich
einführen.«
    Anton stand errötend wieder auf und rief eifrig: »Das geht nicht, Fink, ich
bin hier ganz unbekannt und habe noch keine Stellung, welche mir die Sicherheit
gibt, in grosser Gesellschaft aufzutreten.«
    »Eben deshalb, weil du keine gesellschaftliche Courage hast, sollst du unter
Menschen«, sagte Fink strafend. »Diese jammervolle Schüchternheit musst du
loswerden, so schnell als möglich; sie ist der dümmste Fehler, den ein
gebildeter Mensch haben kann. Verstehst du zu walzen? Hast du eine Ahnung davon,
was eine Tour in der Quadrille ist?«
    »Ich habe vor einigen Jahren in Ostrau Tanzstunde genommen«, versetzte
Anton.
    »Einerlei, du sollst noch einmal Tanzstunde nehmen. Frau von Baldereck hat
mir gestern vertraut, dass einige Familien für ihre flüggen Märzhühnchen einen
Tanzsalon einrichten wollen, damit diese in Sicherheit vor Raubvögeln die Flügel
bewegen lernen. Die Tanzstunde soll in dem Haus der gnädigen Frau sein, welche
ihr eignes Kücklein darin für den Markt abrichten will. Das ist etwas für dich,
ich werde dich dort einführen.«
    Antons Seele wurde durch diese Zumutung heftig alarmiert, er setzte sich
erschrocken wieder auf dem Sofa zurecht, schickte seinen Verstand ins
Vordertreffen und sagte mit aller Ruhe, über die er in diesem Augenblick
verfügen konnte: »Fink, das ist wieder einer von deinen tollen Einfällen, es ist
unmöglich, dass ich darauf eingehe; Frau von Baldereck gehört zu der hiesigen
Aristokratie, und die Tanzgesellschaft bei ihr wird ohne Zweifel aus demselben
Kreise sein.«
    »Ohne Zweifel«, nickte Fink, »reines blaues Blut, die Urgrossmütter
sämtlicher Damen haben ohne Ausnahme im deutschen Urwald die Ehre gehabt, der
Fürstin Tusnelda die Nachtaube nachzutragen.«
    »Siehst du«, sagte unser Held, »wie kannst du den Einfall haben, mich in
diese Gesellschaft zu bringen, du würdest mir nur das bittere Gefühl bereiten,
zurückgewiesen zu werden, oder, was noch schlimmer wäre, eine übermütige
Behandlung zu erfahren.«
    »Soll man da nicht die Geduld verlieren«, rief Fink entrüstet. »Gerade du
und deinesgleichen haben mehr Recht, den Kopf hoch zu tragen, als der grösste
Teil der Sozietät, welche dort zusammenkommen wird. Und grade ihr seid es, die
durch ungeschicktes Benehmen, bald durch Schüchternheit, bald durch Kriecherei
die Prätentionen der Landjunkerfamilien erhalten. Wie kannst du dich selbst für
schlechter halten, als irgend jemand anderen. Ich hätte nicht gedacht, dass eine
solche Niedrigkeit auch in deiner Seele Raum findet.«
    »Du irrst«, erwiderte Anton erzürnt, »ich halte mich nicht für geringer, als
ich bin, aber es wäre töricht und anmassend, wenn ich mich in die Gesellschaft
anderer eindrängen wollte, welche mich aus irgendeinem Grunde nicht gern sehen.
Gerade mein Selbstgefühl verbietet mir, mit solchen zu verkehren, welche einen
Mann deshalb geringer achten, weil er in einem Comtoir arbeitet.«
    »Ich sage dir aber, deine Person wird den guten Leuten nicht unangenehm
sein, ich stehe dir dafür«, sagte Fink überredend. »Du kennst die Gesellschaft
nicht und denkst dir das alles viel zu schwer. Es ist Mangel an Herren, ich
gelte etwas bei der Frau vom Hause - nebenbei gesagt, ich bin nicht stolz
darauf, - sie hat mich gebeten, einige junge Männer meiner Bekanntschaft bei ihr
einzuführen; ich führe dich ein, die Sache ist ganz in der Ordnung. Sieh das
Geschäft doch etwas näher an. Was ist diese Tanzstunde? Es ist eine Art
Aktienverein zur Verbesserung der Waden aller Teilnehmer, du bezahlst deinen
Anteil am Stundengeld wie jeder andere, und ob du eine junge Komtesse oder ein
Bürgermädchen in der Mazurka herumschwenkst, Taille ist Taille, die Bälger
tanzen alle gern.« - »Es geht doch nicht«, antwortete Anton kopfschüttelnd, »ich
habe das Gefühl, dass es unpassend wäre, und möchte diesem gehorchen.«
    »Ich will dir einen Vorschlag tun«, sagte Fink ungeduldig; »du sollst in
diesen Tagen mit mir einen Besuch bei Frau von Baldereck machen. Ich werde dich
als Anton Wohlfart aus dem Comtoir der Firma T.O. Schröter vorstellen; du sollst
kein Wort von der Tanzstunde erwähnen; du wirst abwarten, wie die gute Dame dich
aufnimmt. Wenn diese Tanzmutter etwas anderes ist als eitel Liebenswürdigkeit,
wenn sie dir auch nur die geringste Hauteur zeigt, und nicht selbst von der
Tanzstunde anfängt, so sollst du vollständige Freiheit haben, bei deiner
Weigerung zu beharren. Dagegen kannst du nichts Stichhaltiges einwenden.«
    Anton zauderte und überlegte. Die Sache schien ihm keineswegs so einfach,
wie Fink sie darstellte, aber er war nicht mehr der Mann, kaltblütig zu prüfen
und zu wählen. Seit Jahren verbarg er einen Wunsch im Grund seiner Seele, die
Sehnsucht nach dem freien, stattlichen, schmuckvollen Leben der Vornehmen. Sooft
er die Tanzmusik im Vorderhause hörte, sooft er von dem Treiben der
aristokratischen Kreise las, sehr oft, wenn er mit sich allein war, wurde in ihm
eine holde Erinnerung lebendig, das hohe Schloss mit Türmen im Blumenpark und das
adlige Kind, das ihn über den Schwanenteich gefahren. Jetzt wieder stieg das
Bild in ihm auf, in dem goldenen Licht, das seine Poesie in jahrelanger Arbeit
dazugetan. Er sprang auf und willigte in den Vorschlag des erfahrenen Freundes.
    Eine Stunde darauf kam der Schneider, von Fink geführt, und Fink bestimmte
selbst das Detail der neuen Ausstattung mit einer Sachkenntnis, welche dem
Schneider nicht weniger als Anton imponierte.
    Am Nachmittag leckte die Novembersonne den Schnee von den Steinen der
Strasse. Da steckte Fink einige merkwürdig aussehende Papiere in seine
Brusttasche, schlenderte als müssiger Wanderer durch die lebhaftesten Strassen der
Stadt und sah sich mit scharfem Blick um wie ein Polizeibeamter, der Beute
sucht. Endlich lenkte er mit zufriedenem Gesicht auf das Trottoir der
entgegengesetzten Strassenseite und stiess dort auf zwei elegante Herren, welche
wie er einsam durch das plebeje Treiben der Sonntagsspaziergänger zogen. Es war
der Leutnant von Zernitz und Herr von Tönnchen, beide von grossem
Unternehmungsgeist und untadelhaften Allüren.
    »Was Teufel, Fink!« -
    »Guten Tag, Ihr Herren!« -
    »Was treiben Sie so träumerisch auf der Strasse?« fragte Herr von Tönnchen.
    »Ich suche Menschen«, erwiderte Fink melancholisch, »ein paar treue
Gesellen, welche verdorben genug sind, an diesem langweiligen Sonntage bei
Tageslicht eine Flasche Portwein zu trinken und mir vorher in einem kleinen
Geschäft als Zeugen zu dienen.«
    »Als Zeugen?« frug Herr von Zernitz. »Wollen Sie sich hinter der Kirche
duellieren?«
    »Nein, schöner Kavalier«, erwiderte Fink, »Sie wissen, ich habe diese Unart
vergeschworen, seit der kleine Lanzau meiner Pistole den Hahn abgeschossen hat.
Gerade jetzt bin ich sehr friedfertig, ein geplagter Geschäftsmann, würdiger
Sohn der Handlung Fink und Becker. Ich suche Zeugen für eine notarielle Urkunde,
welche eiligst ausgestellt werden muss. Ich finde wohl einen Notar, aber die
gewöhnlichen Gerichtszeugen sind heut am Sonntag auf den Kegelschub gelaufen. Es
wäre menschlich von Ihnen, wenn Sie mir diesen unglücklichen Nachmittag
durchbringen hälfen, eine Viertelstunde beim Notar, den Rest beim Italiener.«
    Mit Vergnügen waren die Herren bereit. Fink führte sie zu einem bekannten
Notar und bat diesen vor beiden Zeugen eine Abtretungsurkunde auszustellen, da
die Zession sofort erfolgen müsse und die Sache von grösster Bedeutung sei. Er
überreichte ein ehrwürdiges, in englischer Sprache geschriebenes Dokument, worin
der Generaladvokat irgendeiner County im Staat New York urkundlich offenbarte,
dass Herr Fritz von Fink Eigentümer des Territoriums Fowlingfloor, sowohl des
Grund und Bodens als der darauf befindlichen Gebäude, Bäume, Gewässer und aller
daran haftenden Nutzungen sei. Darauf erklärte er vor dem Notar, dass er alle
nach dieser Urkunde ihm zustehenden Eigentumsrechte an Herrn Anton Wohlfart, zur
Zeit im Geschäft von T.O. Schröter, zediere. Zahlung dafür sei vollständig
geleistet. Endlich bat er den Notar inständigst, das Dokument schleunigst
auszustellen und über die ganze Sache Stillschweigen zu beobachten. Der Herr
versprach das, und die beiden Zeugen unterschrieben die Verhandlung. Beim
Herausgehen bat er diese ebenfalls mit mehr Ernst, als er sonst zu verwenden
pflegte, diesen Akt als tiefes Geheimnis zu bewahren und vor allem gegen Herrn
Wohlfart selbst ein unverbrüchliches Schweigen zu beobachten. Beide gelobten das
mit einiger Neugierde, und Herr von Zernitz konnte nicht umhin zu bemerken: »Ich
will nicht hoffen, Fink, dass Sie hier Ihr Testament gemacht haben, in diesem
Falle wäre ich Ihnen dankbar gewesen, wenn Sie mir Ihre Büchse vermacht hätten.«
    »Wenn Sie die Büchse von dem lebendigen Fink annehmen wollen«, erwiderte
Fink melancholisch, »so werden Sie ihn sehr glücklich machen.«
    »Teufel!« rief der gutmütige Leutnant fast erschrocken, »so war es nicht
gemeint. Ich weiss doch nicht, ob ich das mit gutem Gewissen annehmen darf.«
    »Tun Sie es immerhin«, sagte Fink freundlich, »ich habe das Rohr satt, es
wird bei Ihnen in guten Händen sein.«
    »Es ist ein kostbares Geschenk«, warf der Leutnant mit Gewissensbissen ein.
    »Es ist ein altes Rohr«, sagte Fink, »und morgen müssen Sie es ohne
Widerrede annehmen, denn heut werden Sie mich nicht los, Sie sollen mit mir zu
Feroni. Was aber die geheimnisvolle Abtretung der Güter betrifft, so handle ich
hier nicht ganz freiwillig Es ist eine Art politisches Geheimnis dabei, das ich
auch Ihnen nicht mitteilen kann; schon deshalb nicht, weil mir die Sache selbst
noch nicht recht klar ist.«
    »Ist denn das Gut gross, welches Sie abgetreten haben?« fragte Herr von
Tönnchen.
    »Ein Gut?« fragte Fink und sah nach dem Himmel, »es ist gar kein Gut. Es ist
eine Bodenfläche, Berg und Tal, Wasser und Wald, ein kleiner Teil von Amerika.
Und ob dieser Besitz des Herrn Wohlfart gross ist? Was nennen Sie gross? Was heisst
gross auf dieser Erde? In Amerika misst man die Grösse des Landbesitzes nach einem
anderen Mass, als in diesem Winkel von Deutschland. Ich für meinen Teil werde
schwerlich je wieder eine solche Besitzung mein Eigentum nennen.«
    »Wer ist denn aber dieser Herr Wohlfart«, fragte auf der anderen Seite der
Leutnant.
    »Sie sollen nächstens seine Bekanntschaft machen«, antwortete Fink. »Er ist
ein netter Junge aus der Provinz, über dem ein merkwürdiges Schicksal schwebt,
von dem er selbst zur Zeit noch gar nichts weiss und nichts wissen darf. Doch
genug von Geschäften. Ich habe für diesen Winter etwas mit Ihnen vor. Sie sind
zwei alte Knaben, aber Sie müssen doch noch einmal Tanzstunde nehmen.«
    Bei diesen Worten traten sie in die Weinstube des Italieners, wurden von
Feroni mit tiefen Bücklingen empfangen und vertieften sich schnell in
Untersuchungen über die Reize der schweren Weine von Portugal.
    Frau von Baldereck war eine Hauptstütze der allerbesten Gesellschaft, welche
durch die Familien des Landadels, einige höhere Beamte und Offiziere gebildet
wurde. Es war schwer zu sagen, welche Vorzüge der Dame eine solche
achtunggebietende Stellung verschafft hatten; sie war weder sehr vornehm, noch
sehr reich, noch sehr elegant, noch sehr geistreich, noch sehr medisant, aber
sie besass von allen diesen Eigenschaften etwas. Sie hatte in ihrem Privatleben
stets soviel als irgend möglich auf Grundsätze gehalten und hatte das
Selbstgefühl gehabt, sich den Anspruchsvollen niemals aufzudrängen. Wegen dieser
konstanten Mässigung war sie von der öffentlichen Meinung erhöht worden. Sie
besass eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft, war vertraut mit allen Heiraten und
Verwandtschaften aller Familien der Provinz, stand in allen distinguierten
Häusern auf der ersten Seite der Einzuladenden und machte als Witwe selbst ein
mässiges Haus, welchem der Hahnfederbusch eines Jägers und zwei fette Rappen zu
anständigem Schmuck gereichten. Frau von Baldereck war nach alledem eine
regelrechte Dame, welche Personen und Ereignisse scharf und genau nach den
Vorurteilen der Gesellschaft, in welcher sie lebte, zu beurteilen wusste; deshalb
wurde ihr Urteil überall mit grosser Achtung angehört. Dass sie ausserdem nicht
ohne Gutmütigkeit war, rechnete ihr die Gesellschaft, für welche sie lebte,
wahrscheinlich nicht so hoch an, als der alte Engel des Gerichts, welcher im
Himmel über die Taten der Menschen Buch führt, und welcher, nebenbei bemerkt,
nach der Usance seines heiligen Geschäfts oben auf die Seiten des Buches statt
des irdischen Kredit und Debet die Wörter Schaf und Bock zu schreiben pflegt und
alle Kreditposten auf die rechte Seite, die Böcke aber auf die linke setzt. -
Sie hatte eine junge Tochter, welche ihr sehr ähnlich zu werden versprach, und
bewohnte einen ersten Stock mit grossen Zimmern, worin seit einer Reihe von
Jahren häufige Proben von Aufzügen, dramatischen Vorstellungen und lebenden
Bildern abgehalten wurden.
    Die einflussreiche Dame war gerade in vertraulicher Beratung mit einer
Schneiderin, sie überlegte, wie tief der Ausschnitt der Kleider eingerichtet
werden dürfe, um die tadellose Büste ihrer Tochter im besten Licht zu zeigen,
und doch wieder in der Tanzstunde keinen Anstoss zu erregen, als Fink, ihr
Liebling, gemeldet wurde. Eilig schob sie die Tochter, die Schneiderin und die
Kleider beiseite und erschien in dem Besuchszimmer mit der Gemütlichkeit einer
Hausfrau, welche für sich selbst nicht mehr übermässige Ansprüche macht.
    Nach den einleitenden Bemerkungen über die Ereignisse der letzten
Abendgesellschaft und die langen Hängelocken der Komtesse Pontak sagte Fink,
indem er angelegentlich einen Fussschemel malträtierte, auf welchem ein
schlafender Pinscher, von der Tochter des Hauses gestickt, unter den
Fussbewegungen des Gastes stöhnte: »Ich habe Ihren Auftrag ausgerichtet, Lady
Patroness, und bringe Ihnen vorläufig drei Herren.«
    »Und wer sind diese?« fragte die Dame vom Hause erwartungsvoll, vergass die
Leiden des gestickten Pinschers und rückte näher an ihren Verbündeten.
    »Zuerst Leutnant von Zernitz«, sagte Fink.
    »Eine gute Akquisition«, rief die gnädige Frau erfreut, denn der Leutnant
war, was man einen geistreichen Offizier nennt, er machte niedliche Verse in
Familienalben und zu verlorenen Vielliebchen, war unübertrefflich im Arrangement
von mimischen Darstellungen und stand in dem Ruf, irgend einmal in irgendein
Taschenbuch eine Novelle geschrieben zu haben. »Herr von Zernitz ist ein
liebenswürdiger Gesellschafter.«
    
    »Ja«, sagte Fink, »aber Portwein kann er nicht vertragen. Der zweite ist
Herr von Tönnchen.«
    »Eine alte Familie«, bemerkte die Frau vom Hause, »ist er nicht etwas wild?«
fügte sie schüchtern hinzu.
    »Behüte«, sagte Fink, »die Familie hat immer viel Grundsatz gehabt; er ist
gar nicht wild, nur zuweilen hat er die Eigenschaft, andere wild zu machen.«
    »Und der dritte?« fragte die Dame.
    »Der dritte«, sagte Fink, »ist ein Herr Wohlfart.«
    »Wohlfart?« fragte die gnädige Frau befremdet und sah ihren Besuch unruhig
an, »die Familie kenne ich nicht.«
    »Das ist sehr möglich«, erwiderte Fink kaltblütig, »es gibt zu viele Leute
mit und ohne Namen, als dass man sich um alle kümmern könnte. Herr Wohlfart ist
vor einigen Jahren aus der Provinz hierhergekommen, um vorläufig die Geheimnisse
des Handels durch eigne Anschauung kennenzulernen; er arbeitet im Geschäft des
Kaufmanns Schröter, gerade wie ich.«
    »Aber, lieber Fink!« schaltete die Dame ein. Fink liess sich nicht stören, er
legte sich in den Armstuhl zurück und blickte nach dem Grau der Arabesken an der
Decke. »Herr Wohlfart ist ein merkwürdiger und interessanter Gesell. Es hat mit
ihm eine eigene Bewandtnis. Er selbst ist der bescheidenste und bravste Mann,
der mir je vorgekommen, er ist hier aus einer Ecke der Provinz, aus Ostrau, der
Sohn eines verstorbenen Beamten. Aber es schwebt ein Geheimnis über ihm, von dem
er selbst noch nichts weiss.«
    »Aber, Herr von Fink«, versuchte die Dame wieder einzufallen.
    Fink sah eifrig nach den Schnörkeln der Decke und fuhr fort: »Er ist bereits
in diesem Augenblick Eigentümer eines Landgebietes in Amerika, die Besitzurkunde
ist durch meine Hände gegangen, und, im Vertrauen, er selbst hat keine Ahnung
von diesem Besitz, und die Sache soll ihm auch vorläufig ein tiefes Geheimnis
bleiben. Wie ich glaube, hat er alle Aussicht, in Zukunft mehr als Millionen zu
besitzen. - Haben Sie den verstorbenen Grossfürsten, hier nebenbei, gekannt?«
Fink wies mit der Hand bedeutsam nach irgendeiner Himmelsgegend.
    »Nein«, sagte die gnädige Frau neugierig.
    »Es gibt Leute«, fuhr Fink fort, »welche behaupten, dass Anton ihm sprechend
ähnlich sieht. Was ich Ihnen sage, ist übrigens mein Geheimnis, mein Freund
selbst lebt in vollständiger Unkenntnis aller dieser Beziehungen, durch welche
möglicherweise seine Zukunft bestimmt werden kann. Bekannt ist nur der Umstand,
dass der verstorbene Kaiser bei seiner letzten Reise durch diese Provinz in
Ostrau angehalten und sich längere Zeit mit dem Geistlichen des Ortes leise und
angelegentlich unterhalten hat.«
    Diese letzte Mitteilung war in der Hauptsache richtig, denn Anton hatte
dasselbe vor einiger Zeit dem Jockei erzählt, wie man eine Erinnerung aus der
Kinderzeit zu erwähnen pflegt. Er hatte sogar noch zugesetzt, dass der Geistliche
seiner Heimat in dem letzten grossen Krieg Feldprediger gewesen war und dass der
Kaiser ihn gefragt: »Sie haben gedient?« und eine Weile darauf: »Bei welchem
Corps?«
    Fink hatte es nicht für nötig gefunden, das kleine Ereignis so ausführlich
darzustellen. Frau von Baldereck aber war durch diese perfiden Andeutungen in
eine gewisse neugierige Stimmung gebracht, sie erklärte sich bereit, Herrn
Wohlfart in ihrem Hause zu empfangen.
    »Und jetzt noch eine Bitte«, sagte Fink, sich erhebend: »Was ich Ihnen über
meinen Freund mitgeteilt habe, gütige Fee« - die Fee wog über sieben Stein -
»das lassen Sie ein Geheimnis zwischen uns beiden sein. Ihrem Zartgefühl durfte
ich anvertrauen, was ich in jedem fremden Mund als eine Indiskretion gegen mich
und Herrn Wohlfart ahnden müsste.« Er sprach den Namen so ironisch aus, dass die
Dame fast überzeugt war, der geheimnisvolle, in einem Comtoir verpuppte Herr
werde nächstens als Prinz der Aleuten und Kurilen oder in irgendeiner andern
unerhörten Würde auftreten.
    »Wie aber soll ich«, fragte sie beim Abschied, »den Herrn bei unsern
Bekannten einführen?«
    »Nur als meinen besten Freund, ich bürge in jeder Hinsicht für ihn und habe
die Überzeugung, dass unser Kreis sich selbst den grössten Gefallen tut, wenn er
den Herrn mit Zuvorkommenheit aufnimmt.«
    Als Fink auf der Strasse war, murmelte er respektwidrig: »Diese alte Person
fuhr wie eine Ente nach dem Köder und tauchte bis zum Steiss in meine Lügen
unter. Als ehrlicher Leute Kind wäre der arme Junge von ihnen über die Achseln
angesehen worden. Jetzt glauben sie zu wissen, dass irgendein fremder Potentat,
vor dem zu kriechen sie für eine Ehre halten, an dem Jungen Anteil nimmt. Jetzt
werden sie ihn mit einer Artigkeit behandeln, die meinen Kleinen bezaubern wird.
Ich hätte nicht gedacht, dass das alte Sandloch am Strande von Long Island und
die verfallene Vogelhütte darin mir je in meinem Leben zu einem solchen Spass
verhelfen würden.«
    Der Same, welchen Fink ausgestreut hatte, war auf empfänglichen Boden
gefallen. Frau von Baldereck hatte als kluge Frau bei der Tanzstunde auch ihre
kleinen Privatinteressen im Auge. Sie war doch einmal vor allem Mutter und hatte
es in der Tat auf niemand Geringeren, als Herrn von Fink selbst abgesehen. Ihre
Tochter war fünfzehn Jahr alt, und Fink besass alle Eigenschaften, welche ihr an
dem künftigen Gemahl ihrer Tochter wünschenswert erscheinen mussten; er war eine
in jeder Hinsicht ungewöhnliche Partie, und sie war deshalb überzeugt, dass er
ihre Tochter glücklich machen müsste. Aus langer Erfahrung wusste sie, dass solche
Privattanzstunden ein vortreffliches Mittel sind, erfahrenen, etwas blasierten
Herren sehr junge Damen im besten Licht zu zeigen; die Hauptschwierigkeit dabei
ist nur, diese Art Herren überhaupt zur Teilnahme an dergleichen Vergnügungen
heranzuziehen. Sie hatte eine durchaus nicht unnatürliche Angst, dass Fink für
die Tanzstunde kein Herz haben würde. Zu ihrer Überraschung hatte er sich mit
ziemlicher Wärme bereit erklärt, einen ganzen Winter lang in ihrem Hause zu
walzen, ja er hatte sogar zur Bedingung gemacht, dass Fräulein Eugenie ihn zum
bevorzugten Tänzer im voraus annehmen solle. Und deshalb hatte die
triumphierende Mutter sich gerade so sorgfältig mit dem Schnitt der Tanzkleider
beschäftigt, als Fink seinen Schützling Anton bei ihr empfahl. Vielleicht hätte
sie auch ohne seine ungewöhnliche Empfehlung ein Opfer gebracht und das Geschöpf
des Comtoirs in ihrer Tanzstunde zu verantworten gesucht, indes waren ihr die
Andeutungen des Schelms doch sehr willkommen. Wahrscheinlich hatte sie selbst
einige Zweifel über die abenteuerlichen Verhältnisse, denn Finks Weise war so,
dass man ihm niemals recht trauen konnte; aber ihre Mutterliebe trieb sie, auch
auf das Dunkle und Ungenügende Gewicht zu legen. Sie eilte in die befreundeten
Familien, den Gewinn an Herren mitzuteilen und Herrn Wohlfart durch einige
geheimnisvolle Andeutungen auszuschmücken. Als das wenige, was sie sagen konnte,
auf einmal von anderer Seite durch ebenso geheimnisvolle Andeutungen zweier
Herren von Charakter Bestätigung erhielt, wurde sie selbst fest in dem Glauben,
dass hier ein ungewöhnlicher Fall vorliege. Nach wenig Tagen ging ein Summen
durch die gute Gesellschaft, dass in der Tanzstunde ein bürgerlicher Herr von
ungeheurem Vermögen auftreten werde, für den der Kaiser von Russland in Amerika
unermessliche Besitzungen gekauft habe.
    Einige Tage darauf wurde Anton durch Fink in das Haus der gnädigen Frau
geführt, im neuen Frack, in regelrechten Glacehandschuhen, ein Opferlamm
finsterer Mächte, welche im Begriff waren, den Frieden seines Innern zu
zerstören. Sie lauerten in dem Haus der gnädigen Frau und schnürten dem
eintretenden Anton schon im Haustor die Brust zusammen. Sie sassen auf der
viereckigen Laterne, welche am Gewölbe des Hausflurs baumelte, sie hingen mit
ausgebreiteten Händen an dem Holzgeländer der Treppe und steckten durch die
grossen Bogenlöcher des Geländers ihre Geisterzungen mit höhnischem Lachen gegen
ihn aus. Fink sah mit unwilligem Blick, wie sein Opfer den rötlichen Schimmer
der Beklommenheit erhielt, er raunte ihm noch zu: »Unterstehe dich nicht, vor
diesem Volke rot zu werden«, warf dem Diener herablassend seinen Überrock zu und
führte den Freund unter die Augen der gnädigen Frau. Diese war wirklich, wie
Fink prophezeit hatte, eitel Zuvorkommenheit. Mit Neugierde und einem gewissen
menschlichen Anteil sah sie auf den hübschen schüchternen Jungen, der mit seinem
treuherzigen Gesicht vor ihr stand und vollständig geneigt schien, ihre Macht
auf sich wirken zu lassen.
    Anton sagte ihr mit einer tiefen Verbeugung: »Nur die Versicherung meines
Freundes, dass Sie, gnädige Frau, mir nicht zürnen werden, hat mir den Mut
gegeben, Ihnen persönlich meine Ehrfurcht zu bezeigen.« Und die Dame lächelte
holdselig, oder, wie der Unhold Fink diese Tatsache auffasste, sie grinste, und
entgegnete: »Herr von Fink hat mir die Hoffnung gemacht, dass Sie diesen Winter
ein regelmässiger Gast bei unsern kleinen Tanzübungen sein werden.«
    Darauf konnte sich Anton nicht entalten, zu erröten, sehr glücklich
auszusehen und zu versichern: »Ich würde mit Vergnügen teilnehmen, wenn ich die
Meinung haben könnte, in der fremden Gesellschaft nicht lästig zu werden.«
    Nachdem dies mit Eifer verneint worden war, trat Fräulein Eugenie herein,
Anton wurde auch dieser vorgestellt, erhielt einen so schnippischen Knicks, als
fünfzehnjährige Damen fremden Herren zu machen pflegen, und stieg nach einer
Viertelstunde, ganz entzückt über die Anmut der Familie, mit seinem Mentor Fink
die Treppe herab. Der unschuldige Junge hing sich vergnügt an den Arm des
Freundes und versicherte diesem auf der Strasse ernstaft: »Ich habe mir nicht
vorgestellt, dass es so leicht ist, mit eleganten Leuten zu verkehren.«
    Fink brummte etwas in sich hinein, was ebensogut eine Bestätigung dieser
Ansicht als das Gegenteil ausdrücken konnte, und sagte: »Im ganzen bin ich mit
dir zufrieden. Du hast trotz deines neuen Fracks dagesessen, wie ein nackter
kleiner Engel in einem durchsichtigen Batistemde. Indessen das nackte Wesen
steht dir nicht ganz schlecht. Nur das verfluchte Erröten wirst du dir diesen
Winter abgewöhnen müssen, bei einer schwarzen Krawatte ist es bekanntlich
allenfalls noch zu ertragen, aber über einer weissen Halsbinde sieht es
abscheulich aus. Du siehst dann aus wie ein apoplektischer Amor.«
    Frau von Baldereck dagegen fand von ihrem Standpunkt die Anspruchslosigkeit
des geheimnisvollen Jünglings wahrhaft rührend, und als ihre Tochter mit
Bestimmteit aussprach: »Fink ist ein ganz anderer Mann und gefällt mir viel
besser«, da schüttelte sie den Kopf und sagte lächelnd: »Das verstehst du nicht,
mein Kind, es ist ein Adel und eine natürliche Grazie in den Bewegungen des
Fremden, ein gewisser Charme, der ganz bezaubernd ist.«
    Der grosse Tag, an welchem die Tanzstunde feierlich eröffnet werden sollte,
war gekommen. Hastig kleidete sich Anton nach dem Schluss des Comtoirs an und
trat in Finks Zimmer, diesen abzuholen. Der Mentor untersuchte mit prüfendem
Blick den Anzug des Novizen. »Zeige dein Taschentuch«, sagte er. »Bunte Seide?
Schäm dich. Hier ist eines von meinen. Giess dir etwas Parfüm darauf. Wo sind
deine Handschuhe?«
    Mit solchen Lehren führte er den Freund vor das erleuchtete Haus der
Baronin.
    Als Anton die Treppe des Hinterhauses hinabschritt, öffnete sich die Tür von
Jordans Zimmer, und Herr Specht steckte seinen Kopf am Ende eines langen Halses
über die Treppe und sandte dem Kollegen seinen neugierigsten Blick nach.
    »Er geht«, rief er in die Stube zurück, »es ist unerhört. So etwas hat sich
noch nicht ereignet, solange die Welt steht. Es sind lauter Adlige dort. Das
wird eine schöne Geschichte werden.«
    »Zuletzt, warum soll er nicht gehn, wenn sie ihn einladen?« sprach der
gutmütige Herr Jordan, um den stummen Vorwürfen der Kollegen zu begegnen. Keiner
wusste etwas dagegen zu sagen, nur Herr Pix rief ärgerlich vom Sofa: »Mir aber
gefällt's nicht, dass er eine solche Einladung annimmt. Er gehört in das Comtoir
und zu uns. Etwas Gutes wird er unter den Schwadronierern nicht lernen.
Fensterglas ins Auge kneifen und Süssholz raspeln, und das wird noch nicht das
Schlechteste sein.«
    »Es soll merkwürdig bei diesen Tanzgesellschaften zugehen«, rief Specht.
»Äusserst frivol, Liebesgeschichten und Duelle jeden Tag. Aber Wohlfart hat immer
einen Tick auf solche Dinge gehabt. Nächstens wird er an einem Morgen mit seinen
Pistolen unterm Arm ausgehen, und wie er zurückkommen wird, das will ich gar
nicht sagen. Auf seinen Füssen nicht, das ist sicher.«
    »Unsinn«, erwiderte Pix ärgerlich, »es gibt dort nicht mehr Händel, als bei
andern Leuten.«
    »Und französisch muss er sprechen«, fuhr Specht unaufhaltsam fort.
    »Warum nicht russisch?« rief Herr Pix.
    Hier gerieten Herr Pix und Herr Specht in einen Streit über die Sprache,
durch welche man sich im Salon der Frau von Baldereck verständlich mache. Aber
alle Kollegen waren darin einig, dass dieser Besuch der Tanzstunde für Wohlfart
ein äusserst gewagter und verhängnisvoller Schritt sei, der unaussprechliches
Unheil bereite und die gesamte menschliche Ordnung störe.
    »Er ist gegangen«, rief die Tante, von einer Konferenz mit dem Bedienten
zurückkehrend.
    »Das ist wieder ein Streich seines Freundes Fink«, sagte der Prinzipal.
    Sabine sah auf ihre Arbeit nieder. »Mich freut's«, sagte sie endlich, »dass
Fink seinen Einfluss dazu benutzt, dem Freunde ein Vergnügen zu machen. Er selbst
tanzt nicht gern, und ihm persönlich ist dies Kränzchen gewiss eher ein Opfer,
als eine Freude.« Der Bruder sah die Schwester prüfend an, sie winkte ihm leise
zu. »Und wie gönne ich's Wohlfart, dass er unter Menschen kommt! Er ist am
meisten von allen Herren zu Haus. Fast jeden Abend, wenn ich zu Bett gehe, sehe
ich bei ihm die Lampe brennen. Die andern haben Verwandte oder gute Freunde von
früher her, er ist ganz allein, er hat nichts, als was dieses Haus einschliesst.
Es ist hart, das ganze Jahr so zu leben.«
    »Er hat sich bis jetzt brav gehalten«, sagte der Prinzipal, »wollen sehen,
ob das Dauer hat.«
    »Aber wie war es möglich, dass er in diese Gesellschaft -« rief die Tante.
»Bedenkt doch, diese Frau von Baldereck -«
    Sabine tippte mit dem Fingerhut auf die Tischplatte: »Fink hat's ihnen
befohlen«, sagte sie, »und das war hübsch von ihm. Und zum Dank dafür soll er
morgen trotz des ernsten Gesichts meines Chefs sein Lieblingsgericht erhalten.«
    »Also Schinken mit Burgundersauce«, rief die Tante. »Aber ich bitte dich,
wie wird sich Wohlfart unter diesen Uniformen ausnehmen? Und wie wird er mit
diesen Lebemännern fertig werden? Er kann's ihnen nicht gleichtun. Dazu gehört
doch wenigstens Geld.«
    »Dafür lass ihn sorgen«, erwiderte Sabine fröhlich. »Um den grämen wir uns
nicht.«
    »Er ist gegangen«, sagte Karl am Abend zu seinem Vater.
    »Kleine lackierte Glanzstiefel, ich habe sie geholt. Herr von Fink verbot
ihm, Schuhe anzuziehen. Und ein neuer Hut, alles vom Kopf bis zu Füssen neu. So
also sieht man aus, wenn man bei vornehmen Leuten tanzen will.«
    »Du möchtest wohl auch tanzen gehn?« fragte der Vater.
    »Nein«, erwiderte Karl, »aber ich möchte sehn, wie sie's auf einem Balle
machen.«
    »Sieh in den blauen Mond nebenan, da kannst du es alle Sonntage sehen; es
ist bei den Vornehmen auch nicht anders, nur dass sie einander etwas behutsamer
anfassen und ausserdem mit Handschuhen.«
    »Na, morgen wird's einen guten Staub in den Kleidern geben«, sagte Karl.
    »Es ist ein staubiges Vergnügen«, bestätigte der Riese. »Es besteht im
Umwenden, es besteht im Springen, man dreht sich zuerst auf die eine Seite und
hernach auf die andere. Man versucht sich selber von der Erde zu heben, was
immer unmöglich ist. Man wird heiss, man trinkt ein Glas oder auch mehrere und
zuletzt wird eine Kusspolonaise getanzt. Wenn man heiraten will, ist das Ding
notwendig. So weit bist du noch nicht, bis dahin hat's noch manches Jahr Zeit.«
    »Aber Herr Wohlfart ist auch noch nicht so weit«, erwiderte Karl. »Das wäre
eine schöne Geschichte, wenn der jetzt ein Fräulein heiratete mit zwei Schimmeln
und versilbertem Pferdegeschirr.«
    »Ja, da wird wohl nichts helfen«, sagte der Vater kopfschüttelnd, »mit
Tanzen fängt's an, mit der Hochzeit hört's auf. Es ist mir auch so gegangen.«
    »Dich hätte ich auch sehn mögen«, rief Karl.
    »Oho«, rief der Riese, »ich habe zu meiner Zeit getanzt wie ein Kreisel,
Walzer, Hopswalzer, russischen Walzer, und im Grossvatertanz hatte ich nicht
meinesgleichen.«
    Karl sah den Vater kopfschüttelnd an. »Ja«, fuhr der Riese vergnügt in der
Erinnerung fort, »wenn der Fussboden fest ist und gute Kameraden dabei, so lasse
ich mir die Arbeit schon gefallen. - Es war grosser Ball im Bürgerverein, ich war
geladen, der Wilhelm mit, welcher damals noch ein schmächtiger Junge war. Ich
gedenke es wie heute, ich hatte einen blauen Rock an mit blanken Knöpfen und
stand mitten im Saal und sah auf die Gesellschaft, die sich um mich herumdrehte.
Da fiel mir deine Mutter in die Augen, ach, ein niedliches Ding, wie eine Puppe
sass sie da; neben ihr sass ihr Vater als Schlossermeister. Guten Abend, Hans,
rief der Schlosser mich an, bist du auch da?
    Ich sollt's denken, Gevatter, sagte ich und trat näher, und je mehr ich mir
die Puppe besah, desto besser gefiel sie mir. Dies ist meine Tochter, sagte der
Schlosser, du kennst wohl das Mädel gar nicht mehr? Sie ist zwei Jahre auf dem
Lande bei der Muhme gewesen. Wie sie hübsch geworden ist, sagte ich, sie ist
rund und sie ist nett, wie gedrechselt. Die Kleine wurde rot, und auch ich wurde
feurig. Na, sagte der Schlosser, wenn du mit ihr tanzen willst, immerzu! Greif
sie nur nicht zu hart an. Nur zart, sagte ich und führte sie zum Tanz. Wir
mochten wohl konträr ausgesehen haben, das kleine Blitzmädel und ich, und ich
glaube, die Leute lachten.«
    »Das hättest du nicht leiden sollen«, rief Karl, der sich ihm
gegenübergesetzt und die Arme untergeschlagen hatte.
    »Es war nicht böse gemeint«, sagte der Alte, »und deine Mutter gestand mir
nach den ersten Tänzen, sie mache sich nichts daraus, wenn auch die Leute
lachten. Ja, und sie sagte, es tanze sich gut mit mir. Natürlich tanzte ich den
ganzen Abend mit ihr, nun erst recht. Und beim letzten Tanz gab es ihretwegen
noch einen Handel mit dem Wilhelm, denn wie er sah, dass ich mit ihr tanzte,
wollte er auch mit ihr tanzen, und wie er merkte, dass ich ihr den Hof machte und
mich um sie herumdrehte und mir in die Haare fuhr und draussen vor dem Saale beim
Blumenmädchen einen Strauss für sie kaufte und einen für mich, da kaufte er auch
zwei Sträusse und drehte sich um sie herum wie ein Finkenhahn, bis ich ihn
zuletzt beiseite zog und ihm sagte: Siehst du, Wilhelm, bei jedem Wagen, und bei
jedem Fass, und bei jedem Kollo sollst du deine Hand haben, wo ich meine habe,
aber hier bei dieser Schlosserstochter nicht rühran! - Warum nicht? fragte er.
Warum, sagte ich, weil wir Freunde sind, Wilhelm, und ich dir keinen Puffer
geben möchte, und ich dich nicht abwalken möchte vor den Leuten. Weisst du was,
sagte er, du bist schlau. Da merkte ich, wie ich daran war. Seit dem Tage war
ich verliebt. Auch du wirst merken, wie das tut. Es macht unruhig, und es bringt
in Unordnung, und es macht hitzig, und man fängt an zu singen, man schreibt
Briefe und kauft sich einen neuen Rock. So treibt's jeder, und so habe ich's
gemacht. Durch sechs Wochen, dann war die Hochzeit. Und dein Grossvater bestand
darauf, dass alle Auflader dazu geladen wurden. Und beim Polterabend tanzten wir
Auflader miteinander eine Kegelquadrille, und ich war der erste Kegel. Das Haus
erschütterte sich wohl, aber es ist kein Unglück geschehen, nur der Kronleuchter
wurde zerbrochen.«
    »Potz Wunder«, rief Karl, »das hätte ich sehn mögen; schade, dass ich nicht
dabei war!«
    »Du ungezogener Knirps«, sagte der Vater, »wie konntest du dabeisein, an
dich war damals noch gar nicht zu denken. Natürlich nicht, es war ja erst die
Vorbereitung.«
    »Wenn Wohlfart nur nicht zu spät nach Hause kommt, das kann Herr Schröter
nicht leiden«, sagte Karl.
    Unterdes öffnete der Bediente die Flügeltüren zum Salon der Frau von
Baldereck, und Fink und Anton betraten eine Reihe erleuchteter Zimmer, in denen
sich eine grosse Anzahl eleganter Damen und Herren Tee trinkend, schwirrend und
mit den Flügeln schlagend durcheinander bewegte. Die Mütter und Verwandten der
jungen Damen waren geladen, um der Eröffnung der Tanzstunde beizuwohnen. Fink
raunte dem Freunde noch ins Ohr: »Sei nur so unverschämt, als du kannst, es ist
alles dummes Zeug.« - und führte den Widerstandslosen vor das Angesicht der Frau
vom Hause.
    Anton wurde huldreich empfangen, machte seine Verbeugung und sah in seiner
Angst nicht, dass die Blicke des Kreises, in den er getreten war, sich mit
wahrhaft unverschämter Neugierde auf ihn hefteten. »Ich werde Sie der Gräfin
Pontak vorstellen«, sagte seine gütige Patronin und führte den Schützling, der
tief Atem holte, vor die Füsse einer hagern langen Frau von unbestimmtem Alter,
welche auf einem erhöhten Platz, von Damen und Herren umgeben, tronte. »Liebe
Betty, hier Herr Wohlfart.« Anton sah in dieser Angststunde, dass die liebe Betty
eine lange pergamentene Nase, wenig Lippen und ein recht hartes abstossendes
Gesicht besass, er fühlte zwei stechende Blicke an seinem Gesicht herumpicken und
senkte sein Haupt halb zum Gruss, halb mit der Ergebenheit eines
Kriegsgefangenen. Die Gräfin sass kerzengerade bei seiner Verbeugung und fragte
von ihrer Höhe mit gleichgültiger Stimme: »Sie sind ein Freund des Herrn von
Fink?«
    »Zu Befehl, Frau Gräfin«, antwortete Anton.
    »Und Sie leben noch nicht lange hier in der Stadt?« Jedes Gespräch in der
Nähe hörte auf, mehr als zwanzig Augen stachen den armen Anton.
    »Doch schon einige Jahre«, antwortete Anton wieder.
    »Sie sind ja wohl ein Ausländer?« fuhr Betty in gemütvoller Konversation
fort.
    »Ich bin in dieser Provinz geboren und erzogen«, antwortete Anton.
    Ein »So?« kam eisig von den Lippen der Dame. »Und woher?«
    »Aus Ostrau«, erwiderte Anton schnell das Haupt erhebend. Das Verhör wurde
ihm drückend, er wusste selbst nicht, weshalb, und seine Schüchternheit verflog
vor dem aufsteigenden Ärger.
    »Mein Freund, stolze Herrin, ist ein halber Slawe«, sagte Fink, zu rechter
Zeit dazwischentretend, »obgleich er leidenschaftlich dagegen protestiert, wenn
man an seiner deutschen Herkunft zweifelt. Dafür macht er Hoffnung, dereinst ein
guter Engländer zu werden. In diesem Augenblick teilt er meinen Wunsch, Gnade
vor Ihren Augen zu finden. Ich empfehle ihn Ihrer Huld; Sie haben soeben eine
Probe von Ihrem Talent gegeben, fremder Menschen Natur zu erforschen; gönnen Sie
jetzt meinem Freunde, was wir alle an Ihnen bewundern, Ihre sanfte Nachsicht mit
fremder Unvollkommenheit,« - Die Frauen lächelten, einige der Herren wendeten
sich ab, um ihr Lachen zu verbergen, und Betty sass mit gesträubten Federn da,
wie ein Raubvogel, dem ein grösserer seine Beute abgejagt hat.
    Anton eilte, sich dem Blick dieser Gruppe zu entziehen, er schlüpfte in eine
andere Ecke und gedachte sich durch ruhiges Beobachten der Gesellschaft von der
Anstrengung seiner Präsentation zu erholen. Da schlug ein Batisttuch leicht an
seinen Arm, und eine dreiste Mädchenstimme fragte: »Herr Wohlfart, kennen Sie
Ihre alten Freunde nicht mehr? Es ist das zweite Mal, dass ich Sie zuerst grüssen
muss.«
    Anton wandte sich schnell zur Seite. Vor ihm stand eine hohe schlanke
Gestalt mit blondem Haar und grossen tiefblauen Augen, welche ihm lächelnd ins
Gesicht sah. So sprechend war der Ausdruck des Entzückens auf Antons Antlitz,
dass Lenore sich nicht entalten konnte, ihm freundlich zuzunicken und zu sagen:
»Ich freue mich, dass Sie hier sind. Die Herren sind mir alle fremde Gesichter.
Aber wie kommen Sie hierher?«
    Anton erklärte das in einer Stimmung, welche ihn fast der Herrschaft über
seine Worte beraubte, verloren im Anblick des Fräuleins, welches jahrelang, ohne
es zu wissen, in seiner Dachstube unumschränkt geherrscht hatte. Wie war sie in
der letzten Zeit gross, voll und schön geworden! Und das luftige weisse Kleid und
der Blumenkranz von nie dagewesenen Blumen im Haar! Mächtig glänzte das Auge in
dem entzückenden Gesicht, und ihre Haltung war die einer Fürstin.
    Schnell waren beide in eifrigem Gespräch, es war zum drittenmal, dass sie
einander sahen, aber sie hatten soviel zu erzählen, als hätten sie Jahre
gemeinsam verlebt.
    »Wir werden heut alle durcheinander tanzen und uns um unsern Tanzmeister gar
nicht kümmern«, sagte endlich das Fräulein. »So ist mir's am liebsten. - - Sie
dürfen jetzt nicht länger mit mir allein sprechen, unterhalten Sie sich mit
andern Damen. Ich gehe zu meiner Mutter. Wenn die Musik anfängt, kommen Sie zu
mir, ich werde Sie der Mama vorstellen.«
    So winkte sie ihm gnädig zu und schritt majestätisch durch den Saal in einen
Kreis von Frauen.
    Jetzt war Anton gefeit gegen alle Schrecken der Gesellschaft, seine
Befangenheit war verschwunden, eine angenehme Begeisterung erfüllte ihn. Was
konnten ihm noch diese hellgekleideten, buntgebänderten Gestalten sein, welche
um ihn hüpften, oder fest gewurzelt standen? Sie waren ihm gleichgültig, wie
eine Schar kleiner Vögel oder wie die Pflanzen auf der Wiese. Sie anreden und
mit ihnen verkehren, war ihm ebensoviel, als zu den Drosseln in der Hecke sagen:
Still, ihr lustiges Gesindel! Er suchte schnell Fink auf und liess sich von ihm
einem Dutzend Herren vorstellen, ohne irgendeinen Namen der Vorgestellten zu
behalten, sie waren ihm so gleichgültig, wie die Blätter auf einer Pappel an der
Landstrasse. Darauf bat er Fink sofort, ihn zu einzelnen der jungen Damen zu
führen.
    »Hast du mit der Tochter vom Hause gesprochen?« fragte Fink.
    »Nein«, sagte Anton lustig.
    »Schnell hin, Unseliger«, ermahnte Fink, »mache dich gefasst auf schlechte
Behandlung.«
    »Ist mir ganz gleichgültig«, sprach Anton, den Arm seines Freundes drückend,
diesem ins Ohr, während er vor Fräulein Eugenie aufgestellt wurde.
    Das Fräulein war so kalt gegen Anton, als sich nach der langen
Vernachlässigung nur irgend erwarten liess. Er hatte Mühe, einige kurze Antworten
zu erlangen, und wurde durch den Anblick ihres Hinterzopfes beglückt, sobald
Leutnant von Zernitz an sie herantrat.
    Auch diese Niederlage war ihm sehr gleichgültig. In seiner Nähe waltete Frau
von Baldereck und beobachtete mit einem Auge die Gesellschaft, mit dem andern
ihre Tochter und mit dem unnennbaren sechsten Sinn, welchen die Fledermäuse in
so ausgezeichnetem Grade besitzen sollen, Herrn von Fink. Schnell trat Anton an
sie heran und bat, ihn mit einem rosafarbenen Wesen, welches braunes Haar und
silberne Kornähren zu tragen schien, bekannt zu machen.
    »Sie meinen Komtess Lara?« fragte die Dame vom Hause. Natürlich verneigte
sich Anton bejahend, Lara, Tara oder Gutgewicht war ihm in diesem Augenblick
ganz gleichgültig. Die Komtess sah ihn befremdet an, er aber sprach mit
gemütlicher Wärme in sie hinein, von den Freuden der zu erwartenden Tanzstunde,
von der allerliebsten Dekoration des Salons, und wie schön man jetzt Säle
auszuschmücken wisse, und von dem neuen Wintergarten in Paris, den er am Tage
zuvor aus irgendeiner Zeitung kennengelernt hatte. Er schilderte ihr
Springbrunnen und Glaskuppeln und vergoldete Gitter und künstliche Felsen mit
tropischen Pflanzen und kleine Salamander, welche zur Freude des Publikums
dazwischen umherschlüpfen, alles mit einem Feuer, dass die kleine Dame in Rosa
nach und nach auftaute und endlich, als er bei den Eidechsen angekommen war,
ebenfalls beweglich wurde und ihrerseits von zwei Feuermolchen erzählte, die sie
einmal auf einem Stein gesehen, und von dem Entsetzen, das sie ihr eingejagt.
Wenn sie Anton gesagt hätte, dass die beiden Molche mit untergeschlagenen Beinen
auf dem Felsen gesessen und Bier aus einem Deckelglase getrunken hätten, so wäre
ihm auch das als ein alltägliches Ereignis aus dem Nachtgebiet der Natur
erschienen. Da gerade, als Anton wieder den Übergang machte vom Molch zu einer
grossen Ausstellung von Kürbissen, welche einige Wochen zuvor in der Stadt
gewesen war, da dröhnte die Pauke, da schmetterte die Trompete, und das
rosafarbene Kleid sowie die silbernen Ähren versanken vor seinen Augen in den
Boden, er machte eine kurze Wendung und verliess das betroffene Fräulein, bevor
er seine Rede geendet hatte.
    Dort stand seine Königin im Gespräch mit ihrer Mutter, welche, jetzt kleiner
als die hoch aufgeschossene Gestalt der Tochter, zu dieser aufsehen musste. Der
kriegerische Trotz Antons verschwand, als er vor die Baronin trat. Das waren die
feinen Züge, das unaussprechliche vornehme Wesen, welches ihn einst so sehr in
Erstaunen gesetzt hatte. Die letzte Vergangenheit hatte die Schönheit der
Baronin nicht vermindert, und die Nähe, in welcher Anton sie jetzt betrachtete,
erhöhte den Zauber, den ihre Erscheinung auf ihn ausübte. Die erfahrene Frau sah
mit dem ersten Blick in Anton einen Neuling der Gesellschaft, seine Annäherung
zeigte einen Überfluss von Hochachtung, und sein Hut, den er im Arme hielt, war
von dem Druck wollig geworden und sah aus, wie mit einem Pudelfell überzogen.
    »Dies ist Herr Wohlfart«, sagte Lenore mit einer empfehlenden Handbewegung,
»hier ist der Herr, um dessentwillen du mich schon einmal ausgescholten hast.
Ja, mein Herr, ich habe damals, als ich Sie zuerst sah, von Mama Schelte
bekommen, weil ich Sie so lange in unserm Garten aufgehalten hatte.«
    »Das macht mich sehr unglücklich«, erwiderte Anton mit dem Ausdruck eines
unsäglichen Leidens. »Ach, Sie können nicht ahnen, Frau Baronin, wie glücklich
mich damals die Teilnahme des gnädigen Fräuleins gemacht hat, ich ging zu
fremden Menschen und in eine ungewisse Zukunft. Ihre freundlichen Worte haben
mir Mut gemacht. Und oft sind sie mir seitdem in einsamen Stunden wieder in die
Erinnerung gekommen als eine gute Prophezeiung für meine Zukunft.«
    »Sie wissen das so rührend zu machen«, sagte Lenore ihn unverwandt ansehend.
    Die Baronin hörte den Erguss Antons mit Verwunderung an und betrachtete den
gefühlvollen Tänzer jetzt mit einer Neugierde, die nicht ohne leises Unbehagen
war. Lenore aber unterbrach die beginnende Unterhaltung Antons mit ihrer Mutter,
indem sie unruhig sagte: »Man tritt an, wir müssen zum Tanz.« Anton ergriff ihre
Hand mit den Fingerspitzen und führte sie in den Kreis der tanzenden Paare.
    »Er walzt erträglich, etwas spiessbürgerlich, zuviel Zirkel, aber es ist
Haltung darin«, murmelte Fink.
    »Ein distinguiertes Paar«, sagte Frau von Baldereck laut in der Nähe der
Baronin von Rotsattel, als Anton und Lenore vorbeiwalzten.
    »Sie spricht zuviel mit ihm«, sagte Frau von Rotsattel zu ihrem Gemahl,
welcher in diesem Augenblick zu ihr trat.
    »Mit ihm?« fragte der Freiherr, »wer ist der junge Mann? Ich habe das
Gesicht noch nicht gesehen.«
    »Er gehört zu den Poursuivants des Herrn von Fink, er ist nicht von Familie,
er soll reiche Verwandte in Amerika oder Russland haben. Mir gefällt das Entree
für Lenore nicht.«
    »Nun«, erwiderte der Freiherr, »er hat das Aussehen eines frischen Jungen.
Für dies Kindervergnügen ist eine solche Gestalt immer noch besser, als die
alten Knaben, die ich hier im Kreise sehe. Die jüngeren amüsieren sich und ihre
Tänzerinnen, während Benno Tönnchen sich nur belustigen wird, wenn er die
Mädchen rot macht, oder ihnen das Rotwerden abgewöhnt. Lenore sieht recht gut
aus. Ich gehe zu meinem Whist, lass mich rufen, wenn du den Wagen befiehlst.«
    Anton hörte nichts von allem, was über ihn und seine Tänzerin gesprochen
wurde, und wenn die Gesellschaft um ihn herum so laut gesummt hätte, wie die
grosse Glocke am höchsten Kirchturm der Stadt, er hätte nichts gehört. Der
Erdball war für ihn sehr klein geworden, nicht grösser als der Kreis, den er mit
seiner Tänzerin durchmass, was etwa noch ausserhalb existierte, war Finsternis,
Öde, ein Nichts, nur was er im Arm halten durfte, das nahm alle seine Sinne
gefangen. Das schöne blonde Haar, so nahe an seinem Haupt, dass er mit seinen
Locken die ihren berühren konnte, ihr warmer Atem, der seine Wange streifte, der
unsägliche Reiz des weissen Handschuhes, der ihre weiche Hand versteckte, das
Parfüm ihres Taschentuches, die rote Blüte, welche vorn am Kleide befestigt war,
das sah und empfand er, und sonst nichts. Wenn sie im Tanz sich vertrauend von
seinem Arm umschlingen liess, wenn sie ihn fröhlich ansah und auch während des
Tanzes, wenn er sie atemlos anhielt und sie sich langsam von seiner Hand löste,
ein Armband zurechtrückte oder ihr allerliebstes Taschentuch einen Augenblick an
den Mund hielt, wie reizend waren nicht alle ihre Bewegungen. Wie bezaubernd der
freundliche Gruss ihrer Augen oder ihr leises Lächeln, wenn Anton etwas sagte,
was ihr gefiel.
    Und er hatte das Glück, ihr zu gefallen; sie sagte ihm, er spreche
allerliebst und es höre sich ihm gut zu. Ach, was er plauderte, war
gleichgültig, er hätte vielleicht nicht weniger Erfolg gehabt, wenn er von
Neuseeländern oder dem Kaiser von Japan gesprochen hätte. Denn nicht was er
erzählte, sondern wie er es sagte, die stille Huldigung seiner Augen, der
bebende Ton seiner Stimme, das drang schmeichelnd in die Seele seiner Tänzerin.
    Die Pauke schwieg, der Trompeter setzte sein Blech ab, der Erdball löste
sich auf in ein lichtloses Chaos. »Schade«, rief Lenore, als die letzte Note
verklungen war.
    »Ich danke Ihnen für dieses Glück«, sagte Anton, als er das Fräulein an
ihren Platz führte.
    Als er jetzt unter den fremden Menschen umhertrieb, wie ein steuerloses
Schiff unter rauschenden Wellen, trat Fink zu ihm und sagte: »Höre, du
Duckmäuser, entweder hast du süssen Wein getrunken, oder du bist ein heimlicher
Don Juan. Woher kennst du die Rotsattel? Du hast mir ja nie etwas von der
Bekanntschaft gesagt. Sie ist eine hübsche Figur und ein klassisches Gesicht.
Hat sie denn auch Verstand?«
    Anton hätte in diesem Augenblick seinem Freund erklären können, dass er ihn
aufs tiefste verachte. Eine solche Roheit des Ausdrucks konnte nur aus einem
ganz entmenschten Gemüt kommen.
    »Verstand?« erwiderte er und sah Fink mit einem Blick tödlicher Feindschaft
an; »wer daran zweifeln kann, muss selbst sehr wenig besitzen.«
    »Nun, nun«, sagte Fink erstaunt, »ich bin nicht in dieser trostlosen Lage.
Ich finde das Mädchen, oder was ihrer würdiger sein wird, das junge Fräulein
sehr einnehmend, ja, um in der Sprache eines gebildeten Menschen die Wahrheit zu
sagen, ungewöhnlich liebenswürdig, und wenn ich nicht anderweitig kleine
Verpflichtungen hätte, so weiss ich nicht, ob ich nicht genötigt würde, das
Fräulein, dessen Namen ich soeben auszusprechen wagte, für die Herrin meines
Herzens zu erklären. So freilich darf ich sie nur von fern bewundern.«
    Fink war doch nicht so schlecht. Er war in seinen Ausdrücken nicht immer
gewählt, aber er hatte im Grunde ein sehr richtiges Gefühl und ein treues Gemüt.
Deshalb fasste Anton seinen Arm, drückte ihn kräftig und sagte: »Du hast recht.«
    »Wirklich?« fuhr Fink wieder in seiner gewöhnlichen Weise fort. »Na! Du
fängst gut an, ich will mich lieber mit einem Stück brennendem Schwefel in ein
Pulverfass setzen, als mit dir und deinem schüchternen Wesen. Übrigens vergiss
nicht, Fräulein Eugenie zum nächsten Tanz aufzufordern, du wirst einen Korb
bekommen, denn sie ist bereits engagiert. Du hast dich bis jetzt gut gehalten,
fahr so fort, mein Sohn.«
    Und Anton fuhr fort, seinem Lehrer Ehre zu machen. Wohl war er berauscht,
aber durch einen stärkern Trank, als süssen Wein. Die Musik, die Aufregung des
Tanzes und das fröhliche Geschwirr um ihn herum steigerten seine Begeisterung,
er fühlte sich den ganzen Abend sicher, ja übermütig, und betrug sich, einige
kleine Verstösse abgerechnet, wie einer, der täglich von Wachskerzen und
servierenden Dienern umgeben ist. Er wurde bemerkt, er machte als Fremder
einiges Aufsehen. Dunkle Sagen von seinen geheimnisvollen Verbindungen flogen
aus einer Ecke des Saals, wo Mütter prüfend und richtend zusammensassen, bis in
die andere. Es wurde unzweifelhaft, dass dies heitere und harmlose
Sichgehenlassen die Folge eines ganz besondern Selbstgefühls war. Er erfuhr
Zuvorkommenheit von den älteren Frauen, bald auch von einzelnen Herren.
    Und endlich kam der Kotillon. O du längster und merkwürdigster aller Tänze!
Du halb Spiel und halb Tanz! Reizend, wenn du die einzelnen Paare im Kreise
umhertreibst, noch reizender, wenn du ihnen erlaubst, ungestört und ein wenig
versteckt zu plaudern. Wir hören, dass du dem Geschlecht der Gegenwart für
veraltet und spiessbürgerlich giltst. Wankelmütiges Jahrhundert!
    Wissenschaft und Staatskunst werden nichts Neues erfinden, was so vielfachen
Bedürfnissen des Menschengeschlechts Genüge tut, als du. Da ist das kindliche
Gemüt, es kann sich als Pyramide aufstellen, es kann sich in Schlangenwindungen
umherdrehen, es kann hier und dort hinlaufen, alte Herren vom Spieltisch zu
Extratouren holen, es kann auf dem Stuhle sitzend drei bis vier junge Damen
verächtlich vor sich stehen lassen, es kann, von Tanzlust ergriffen, plötzlich
aufspringen, irgendeine Dame ergreifen und im Kreise umhertanzen, und kein
Mensch kann es ihm verwehren. Da sind höher strebende Naturen, welche Gefühle
haben oder Ehrgeiz oder Bosheit und Menschenhass; allen bist du gefällig. Du
gibst jedem Herrn das Recht, sich mehr als einmal eine Tänzerin nach seinem
Herzen zu suchen, du erlaubst jeder Dame in der allerzartesten Weise anzudeuten,
welche zwei oder drei Herren ihre höchste Achtung geniessen, du verteilst an
strebsame Kavaliere Schleifen und Orden, du heftest massenhafte Blumensträusse
vor die Brust der gefeierten Dame. Du lässt aber auch verschmähte Herren
zähneknirschend umherlaufen und sich irgendeine Surrogattänzerin suchen; du
offenbarst die Lieblinge der Gesellschaft, aber du machst den Unbekannten und
Unbeliebten noch einsamer und verlassener. Wenn du beginnst, werden die Blicke
der Mutter besorgt, die Nasen vieler Tanten spitz. Du kindischer, lustiger,
endloser Tanz! Wie viele Glückliche hast du gemacht, wieviel stille Tränen hast
du verursacht, wie manches Brautpaar hast du zusammengeführt, und welche Qualen
der Eifersucht hast du erregt. Freilich hast du auch endlosen Staub aufgerührt,
zahllose Toiletten unscheinbar gemacht, und manche grimmige Feindschaft
hervorgerufen. So bist du in deiner Blütezeit gewesen, die Freude der Jugend,
die grosse Angelegenheit der Mütter, die Furcht der ermüdeten Väter, ein Greuel
nur für die Musiker.
    Als dieser vielseitige Tanz herankam, suchte Anton wieder in Lenorens Nähe
zu kommen, er bat sie um den Tanz.
    »Ich wusste, dass Sie mit mir tanzen würden«, sagte sie aufrichtig; er holte
ihr einen Stuhl, schob sich neben sie und war selig. Und als er die Aufgabe
hatte, in der Tour eine fremde Dame zu holen, dieser etwas zu schenken, was in
einem Körbchen mitten im Kreise aufgestellt war, und darauf mit ihr zu tanzen,
da gab er der Welt die energische Erklärung ab, dass für keine andere Dame die
Möglichkeit irgendeiner Stellung in seinem Herzen vorhanden sei; er holte sein
Geschenk aus dem Korbe, wartete, bis seine Tänzerin auf ihren Platz zurückkam,
und überreichte dann ihr die rote Schleife. Das war für beide der grösste
Augenblick in dem ganzen grossen Abend.
    Was darauf folgte, war nur undeutliches Traumgesicht. Er sah sich mit Fink
Arm in Arm durch den Saal schlendern, er hörte sich mit ihm und andern Herren
über allerlei sprechen und lachen, er bemerkte sich vor der Dame vom Hause einen
Dank murmeln und eine Verbeugung machen; es kam ihm vor, als ob ihm ein Diener
den Paletot überreichte, worauf er in die Tasche griff und ihm etwas in die Hand
drückte. Schattenhaft und unklar waren alle diese Begebenheiten. Nur eins sah er
noch deutlich, einen weissen Damenmantel mit einem seidenen Kapuchon und einer
Quaste daran; o diese Quaste, sie war unsäglich entzückend! Noch einmal fiel ein
Blick aus den grossen Augen voll und glänzend auf ihn, und er hörte von ihren
Lippen noch ein leises Flüstern, wie »gute Nacht«. Das übrige war wieder ein
nichtssagender Traum, dass er neben Fink die Treppe herunterstieg und die
spöttischen Reden des Freundes nur mit halbem Ohr hörte, dass er in seiner
kleinen Stube ankam, die Lampe anzündete und sich umsah, ob er auch wirklich
hier wohne, und dass er sich langsam entkleidete, sich noch in seinem Bett
wunderte, dass er all diese Herrlichkeit erlebt hatte, und endlich ermüdet
einschlief. Und ein Traum war's, dass sein Hausgeist, die gelbe Katze, sich auf
ihrem Postament hoch aufrichtete und den Kopf schüttelte über den langen Zug
fremdartiger Bilder und Gefühle, welche in der friedlichen Stube eingekehrt
waren.
 
                                       2
Seit diesem grossen Abend hatte die Tanzstunde regelmässigen Verlauf. Als Anton
das Fegefeuer der Einführung bestanden hatte, fühlte er sich unter den
Florkleidern, den vornehmen Namen und den Sofakissen mit gestickten Wappen bald
heimisch. Er selbst wurde ein nützliches Mitglied des Kränzchens, und zwar durch
die bürgerlichsten aller Tugenden, durch Ordnung und Pflichttreue. Und das ging
so zu. Das Kränzchen war keine gewöhnliche Tanzstunde, denn bei sämtlichen
Teilnehmern wurden die ersten Anfänge der Kunst vorausgesetzt; es hatte vielmehr
den Zweck, einige neue Tänze einzuüben und nebenbei eine Vereinigung der
befreundeten Familien in bequemer Fasson hervorzubringen. Nun ergab sich bald,
dass die bequeme Fasson allerdings nach Finks Herzen war, das Einstudieren neuer
Tänze aber von ihm und mehreren seiner Kameraden mit einer sträflichen Lauheit
betrieben wurde. Er kam oft gegen Ende der Tanzstunde, er betrachtete den Salon
nur als eine Gelegenheit, die jüngeren Damen zu necken und sich mit den reiferen
Schönheiten eine Stunde zu unterhalten; er vertrat zum Entsetzen des
Tanzmeisters den Grundsatz, wo man im Tanz nicht im gewöhnlichen Schritt
fortkomme, sei das einfache Pas des Galopps für alle Fälle gut genug, und das
einzige Vergnügen bei unsern Tänzen sei, regelmässig aus dem Takt und wieder
hineinzukommen. »Aber, Herr von Fink«, klagte der Tanzmeister, »das heisst nicht
mehr tanzen; dabei ist keine Kunst.«
    »Es soll auch keine dabei sein«, sagte Fink, »was hat die Kunst mit unserm
Tanzen zu tun? Was Sie die Jugend lehren, ist weiter nichts als eine
gesellschaftliche Rotation um einen imaginären Mittelpunkt. Mir ist das
langweilig, ich gehe deshalb in Kometenbahn.« Und er blieb dieser Ansicht treu,
er zwang die unglücklichen Opfer, welche er zu engagieren sich herabliess, sich
quer durch die Reihe der Tanzenden zu stürzen, aus einer Ecke des Saals in die
andere, aus dem Takt, wieder in den Takt, wie es seiner Laune passend schien.
    Gegenüber dieser exzentrischen Auffassung, welche leider in dem Kränzchen
zahlreiche Anhänger fand, zeigte Wohlfart die Regelmässigkeit eines Mannes, der
mit Entzücken seine Pflicht tut, er erschien pünktlich, er machte jedes Pas, er
tanzte jeden Tanz, er war immer in guter Laune und fand eine Freude darin,
vernachlässigte junge Damen zu engagieren. Da bei der Sorglosigkeit Finks und
seiner Genossen schnell Mangel an Tänzern eintrat, wurde Anton in kurzem eine
anspruchslose Hauptstütze des Salons, Liebling des Tanzmeisters und ein
Vertrauter der jungen Damen, durch welchen heimliche Wünsche von den hellen
Rändern des Saals zu der dunklen Mitte getragen wurden. Er selbst war in diesen
Stunden ein seliger Mann, und die freudige Verklärung, welche auf ihm lag, fiel
jungen wie älteren Damen als etwas Ungewöhnliches auf. Die einen wurden in der
Überzeugung bestärkt, dass er ein guter Junge sei, und die letztern in der
keineswegs entgegengesetzten Überzeugung, dass er ein unbekannter Prinz sei. Er
selbst wusste am besten, warum er so glücklich war. Alle seine Gedanken und
Bewegungen bezogen sich im stillen auf sie, die unbestrittene Herrin seines
Herzens. Alle andern Tänze und jede Unterhaltung mit einer Dritten betrachtete
er nur als gesellschaftliche Schnörkel, die er mit der Feder seines Herzens um
den einen Namen beschrieb. Und er diente nicht ohne Erhörung. Er wurde von ihr
wie ein alter Freund unter Fremden behandelt. Sie bat ihn leise, einen oder den
andern Tanz mit ihr zu tanzen, ja sie bat ihn sogar einige Male, zugunsten eines
neuangekommenen Vetters auf seine Rechte zu verzichten. Und sie freute sich, als
Anton über dies Ereignis grenzenlos betrübt war, keine andere Dame aufforderte,
sondern still den Tanzenden zusah. Niemals entfernte er sich eher, bis sie den
Saal verlassen hatte, dann stand er unweit der Tür, um noch die letzten
Aufträge, einen Gruss, einen Blick ihres glänzenden Auges zu erhalten. Und auch
ihr Auge flog, sooft sie in den Saal trat, suchend in den Kreis der
schwarzröckigen Herren, bis sie Antons braunen Kopf erkannt hatte, dann erst
fühlte sie sich heimisch in dem erleuchteten Raum. Auch mit vielen der Herren
kam Anton in ein freundliches Verhältnis. Fink beeilte sich, ihn bei Feroni
einzuführen. Zwar gefiel ihm manches an seinen neuen Bekannten nicht, ihre
Urteile waren zuweilen roher, als ihm behaglich war, und er hatte mehrere von
ihnen bald in Verdacht, herzlich ungebildet zusein. Aber ihre Art zu sprechen
und sich zu gebärden imponierte ihm doch, vor allem eine gewisse ritterliche
Atmosphäre, die sie umgab, etwas Salonduft, etwas Stalluft und viel von dem
Aroma der Weinstube. Da Anton eine harmlose Laune bewies, der nächste Bekannte
des mächtigen Fink war und zuweilen eigenen Willen zeigte, wenn er nach
Mitternacht gegen eine vorgeschlagene letzte Flasche protestierte, oder die
abwesenden Damen gegen eine übermütige Kritik mit frommem Ernst verteidigte, so
erhielt er unter den andern Herren der Tanzstunde das Renommee eines guten
Kerls.
    Gleich in den ersten Wochen hatte Anton Gelegenheit, seine angebetete
Tänzerin in einer Situation zu sehen, welche die gewaltigsten menschlichen
Leidenschaften aufregte. Die jüngern Damen des Kränzchens waren natürlich
untereinander alle ein Herz und eine Seele, jedoch verstand sich von selbst, dass
einige in der Stille andere nicht recht leiden konnten. So entstanden Parteien.
Bald bildeten sich zwei grosse Bundesgenossenschaften, zwischen denen einzelne
hin-und herschwankten, die aber im ganzen fest zusammenhielten und im geheimen
starke Antipatien gegen die Gegenpartei nährten. Es kam so weit, dass an einem
Abend sämtliche Damen der einen Partei eine weisse Kamelie in der Mitte ihres
Ballstrausses trugen und ein sehr auffallendes hellbraunes Band von dem Strauss
herunterhängen liessen; dies hatte zur notwendigen Folge, dass die Gegenpartei am
nächsten Abend mit roten Kamelien im Strauss erschien und ein grünes Band darum
wand. An der Spitze der Braunen stand Lenore, das Haupt der Grünen war Eugenie,
die Tochter des Hauses. Im Vertrauen gesagt, die Grünen waren unerträglich. Sie
machten Ansprüche ohne Berechtigung, sie waren mokant, sie gaben sich das Air,
älter zu sein, als die Braunen. Weil Hulda Werner und Mechtild Fiorelli den
Winter zuvor in der Residenz gewesen waren und auf den Hofbällen getanzt hatten,
und weil Fanny Mareschalk bei einem lebenden Bild die Genoveva dargestellt
hatte, mit ihrem kleinen Bruder und einem Rehkalb zur Seite, die durch Bänder an
die hölzerne Rasenbank festgebunden waren, deshalb erhoben sie solche Ansprüche.
Zu den Braunen gehörten Teone Lara und die reizende Hildegard Salt, zwei innige
Freundinnen, die immer Arm in Arm gingen, gleiche Ballroben trugen, und im
Anfange des Winters geschworen hatten, einander nie zu verlassen, ein Schwur,
gegen dessen Erfüllung sich die einzige Schwierigkeit erhob, dass ihre Eltern den
Sommer über in den beiden entgegengesetzten Ecken der Provinz wohnten. Beide
waren schwärmerische Naturen, die alle Gefühle miteinander teilten, beide
sangen, beide spielten den Flügel, beide liebten dieselben Dichter, beide hatten
einen unüberwindlichen Abscheu vor Herren mit Kinnbärten, beide sassen wie zwei
Sympatievögel zusammen und fanden ihr höchstes Glück darin, einander die
Gefühle ins Ohr zu flüstern, die ihnen das Benehmen eines Herrn erregte, oder
das melancholische Vorspiel eines Walzers. Diese beiden schlossen sich bald
innig an Lenore Rotsattel; sie, Valeska Panin und Hortense Leloup bildeten den
Mittelpunkt der braunen Partei; Lenorens stattliche Grösse ragte aus dem Kreise
dieser Getreuen hervor, wie die Gestalt eines Häuptlings unter seinen Kriegern.
Wenn ein Tanz beendet war, machte sich's von selbst, dass die Braunen
zusammentraten; wenn sie in der Quadrille gegeneinander tanzten, so erhoben sie
unmerklich ihren Strauss und grüssten einander.
    Natürlich war Anton braun, braun vom Kopf bis zum Fuss, und als er über seine
Gemütsstimmung ein offenes Bekenntnis ablegte, indem er an einem Abend in Braun
und weissgestreifter Ballweste erschien, wurde er in der ersten Tour des
Kotillons von allen Damen der Partei auf Verabredung geholt, ein Ereignis,
welches sogar bei den Ehrendamen am Rande des Salons grosse Aufregung
hervorbrachte. Es tut dem wahrhaftigen Geschichtsschreiber leid, zu melden, dass
Fink unter die Grünen gerechnet wurde, nicht unbedingt, denn er behandelte, wie
die Braunen behaupteten, seine grünen Tänzerinnen sehr nachlässig, aber da
Eugenie Baldereck seine Dienste vorzugsweise in Anspruch nahm, so war es, wie
Anton entschuldigend sagte, seinem Freunde nicht möglich, sich dem Einfluss
dieser Farbe ganz zu entziehen. Nun begab sich folgendes:
    Teone Lara hatte ein Tagebuch, in das sie ihre Empfindungen mit einer
schwarzen Krähenfeder durch winzig kleine Buchstaben einzeichnete. Ausser der
bereits früher erwähnten Geschichte von den zwei Molchen stand alles andere
darin, was ihr Herz jemals erregt hatte, ihre Ansichten über Natur, die Menschen
und das Kränzchen. Es war ihr höchster Schatz. In einer himmlischen Stunde hatte
sie Hildegard Salt in die Geheimnisse dieses Buches eingeweiht, beide hatten
einander geküsst und viel geweint und über diesem Buch ewige Freundschaft
beschworen. Von da ab führten beide das Tagebuch gemeinschaftlich. Ihre
vertrautesten Gefühle, die allergeheimsten Bemerkungen waren darin
aufgezeichnet. Nach einem Kränzchenabend, wo Lenore sehr nett gegen sie gewesen
war, schlossen sie ihr Herz auch gegen diese auf und zeigten ihr wenigstens
einige Blätter des Buchs. Seit der Zeit hatte auch Lenore zuweilen den Vorzug
gehabt, etwas hineinzuschreiben.
    Da aber ihre Stärke nicht sowohl war, Gefühle aufzuzeichnen, als vielmehr
Gesichter und lächerliche Männchen zu malen, so hatte sie einige Karikaturen
hineingesetzt, und Hildegard, welche Gedichte machen konnte, hatte zu jedem Bild
einige Zeilen gedichtet. In dieses teure Buch durfte kein fremdes Auge blicken,
niemand durfte das Heiligtum sehen und berühren. Teone trennte sich niemals
davon. Am Tage und in der Nacht trug sie es bei sich. Bei Nacht lag es unter
ihrem Kopfkissen, und während die Kammerjungfer sie anzog, steckte sie es
heimlich oben in den Schnürleib hinein und trug es an ihrem warmen unschuldigen
Herzen. Es war ein ganz kleines dünnes Buch in karmoisine Seide gebunden. Wenn
Hildegard sie zärtlich ansah, oder Lenore sie mit dem Ballstrauss auf den Arm
schlug, so deutete sie mit dem Finger heimlich auf ihre Brust. An diesem Abend
hatte sie das Buch wieder an seine Stelle geschoben, während der ersten Tänze
hatte sie es deutlich gefühlt. Nach einer Quadrille fühlte sie danach, das Buch
war verschwunden.
    Es war verschwunden, es war nicht mehr an ihr, es musste während des Tanzes
hinabgeglitten sein bis auf den Fussboden. Wie so etwas möglich war, ist ihr
selbst und allen Beteiligten ewig ein finsteres Rätsel geblieben. - Sie war
einer Ohnmacht nahe; kaum vermochte sie, Hildegard beiseite zu ziehen und ihr
das Schreckliche zu klagen. Hildegard rief Lenore, vernichtet standen die drei
nebeneinander. Das Bundesheiligtum war verloren, es war in fremde Hände
gefallen, ja entsetzlich zu denken, vielleicht sogar in die Hände der Grünen.
Auf jeder der letzten Seiten waren schelmische Bemerkungen, sämtliche Herren
waren darin aufgeführt, mit fremden Namen zwar, Fink hiess Zeisig, Tönnchen
Nussknacker, aber wer könnte dafür stehen, dass sie nicht diese Chiffresprache
herausbrachten? Und was musste dann geschehen! Es war Untergang! Ruin der
Tanzstunde, Familienzwist, Auflösung aller menschlichen Bande. Teone sass
verstört, sie dachte einen Augenblick an Gift, dann wieder an Flucht, weit
hinweg aus allen Ländern, in denen man tanzte. Lenore fasste sich zuerst. »Lass
uns suchen«, rief sie, Hildegard am Arm fassend, »vielleicht liegt's noch
irgendwo im Saale. Ich sehe nach der Mitte, den Herren unter die Füsse, du unter
die Sitze der Damen.«
    So zogen sie miteinander durch den Saal, äusserlich lustwandelnd, in dem
Herzen die Hölle, scheinbar miteinander plaudernd, innerlich weinend. Zuweilen
redete ein langweiliger Herr sie an und zwang sie, stillzustehen und zu
antworten, während die fliegende Angst in ihrem Haupte umherraste: »Jetzt
vielleicht findet's ein anderer.« Sie kamen durch die Gruppe der Grünen, wo sie
nach allen Seiten anhalten mussten, um zu lächeln und Freundliches zu sagen, sie
kamen zu Eugenie Baldereck, die sie fragte, ob es nicht zweckmässig sei, noch
einen Tanz anzuhängen, während sie daran denken mussten, dass in dem Buch ein
unverkennbares Porträt zu sehen war mit der Unterschrift: »Naseweis, gefühllos,
keck ist E ..... B ......;« sie kamen, wehe, wehe! sogar in Finks Nähe, von dem
eine schreckliche Zeichnung war, wie er mit Herrn von Tönnchen in einem
Rebenstock sass, mit der Unterschrift:
Ein Zeisig und Nussknacker tranken sich voll,
Der Zeisig sang: mein Schnabel ist spitz,
Grün sind meine Federn und grün mein Witz.
Der Nussknacker seufzte: ich bin so hohl,
Ich weiss nicht, was das bedeuten soll.
So zogen sie zweimal durch den Saal; ein drittes Mal trauten sie sich's nicht
mehr, sie hatten nichts gefunden. Trostlos kamen sie zu Teone zurück.
    »Es gibt nur ein Mittel«, rief Lenore. »Wo ist Herr Wohlfart?«
    Hildegard hielt sie zurück. »Du willst doch nicht einem Herrn -«
    »Ich übernehme die Bürgschaft«, sagte Lenore stolz; »er ist treu, wo steht
er?«
    »Dort spricht er mit Frau von Baldereck.« Die beiden Suchenden gingen
langsam an Anton vorüber, er drehte ihnen zwar den Rücken zu, aber als sie näher
kamen, zog es ihn unwiderstehlich, nach der Musik zu sehen. Er wandte sich um,
Lenore stand vor ihm, sie sah ihn bedeutsam an, er löste die Unterhaltung mit
Frau von Baldereck, er sprach zu ihnen, sie hatten ihn. »Herr Wohlfart, ein
kleines Buch in roter Seide, so gross, ist hier im Saale von Teone Lara
verloren. Es ist uns unendlich viel daran gelegen, bitte, schaffen Sie es uns
zurück.«
    »Ist es gedruckt?«
    »Nein, geschrieben, auch Sie dürfen nicht hineinsehen, es sind unsre
Geheimnisse darin. Schwören Sie mir, dass Sie mit keinem Auge hineinsehen, wenn
Sie es finden.«
    »Ich schwöre es Ihnen zu«, erwiderte Anton feierlich.
    »Ich danke Ihnen, bitte, seien Sie vorsichtig.«
    Anton eilte in das Gewühl und beschäftigte sich die nächste halbe Stunde mit
Suchen. Nichts lag auf dem Boden, nichts auf den Plätzen, keiner von den Dienern
hatte etwas gefunden, das Buch war verschwunden. In tiefstem Mitgefühl brachte
er den Damen die traurige Nachricht. Der neue Tanz begann. Teone vermochte vor
Kopfschmerz nicht sich zu erheben, der innerste Schrein ihres Herzens war
geöffnet, sein Inhalt auf den Markt geworfen, alle ihre Gefühle lagen nackt vor
jedermanns Auge, alle ihre Geheimnisse wurden Gemeingut einer rohen Aussenwelt.
Lenore fühlte das Unglück mehr vom Parteistandpunkt. Die Braunen waren in
Gefahr, eine Niederlage zu erleiden, von der sie sich niemals erholen konnten.
Und jetzt tanzen! Es war ein Tanz wie auf einem Vulkan, der Boden war glühende
Lava, jeden Augenblick konnte die Explosion erfolgen. Je länger die Verbündeten
über ihr Schicksal nachdachten, desto schrecklicher wurden ihre Aussichten; denn
immer noch fielen ihnen neue Grässlichkeiten ein, die in dem Buche standen.
    Als der Tanz beendigt war, begab es sich, dass Fink im Vorbeigehen vor
Hildegard mit dem Fuss auf dem Boden wippte und zu ihr gewandt sagte: »Dieser
Boden klingt so hohl, ich weiss nicht, was das bedeuten soll, vielleicht liegt
ein verlorener Schatz unter den Füssen.«
    Hildegard stürzte zu Lenore und dem kranken Sympatievogel und rief ausser
sich: »Herr von Fink weiss es.« Die braunen Bänder flatterten in einer Ecke, die
Mädchenköpfe fuhren zusammen und hielten Beratung. Endlich wurde entschieden,
dass diese Äusserung sehr beunruhigend sei, aber noch keine Gewissheit des Unglücks
gebe.
    Doch auch diese letzte Unsicherheit sollte verschwinden, denn Finks Benehmen
wurde zu auffallend. Er vernachlässigte heut seine Partei, er suchte alle
Braunen auf, er setzte sich zu Teone, welche die Greuel von Juliens Sterbeszene
und den Untergang des Hauses Capulet bereits dreimal durchgekostet hatte und
ihre Tränen gar nicht mehr zurückhalten konnte; er fing ein Gespräch mit ihr an,
er zwang sie zu antworten, er beklagte ihr bleiches Aussehen und schalt auf das
heisse Zimmer. Er quälte sie bis zur Ohnmacht und schloss endlich seine teuflische
Rache damit, dass er sie auf Hulda Werner aufmerksam machte und fragte: »Wie
gefällt Ihnen dies grüne Kleid? Sieht sie nicht aus wie ein Zeisig?« - Sein
nächstes Opfer war Lenore. Sie stand unter ihrer Schar noch immer mit dem Stolz
einer Fürstin, aber einer enttronten. Vor allen ihren Getreuen redete Fink sie
an. Sie war artiger gegen ihn als je in ihrem Leben, sie presste ihr Taschentuch
zusammen, dass die Spitze riss, um sein Lächeln ruhig auszuhalten. Alles ging gut,
bis zu dem Augenblick, wo er dem vorübergehenden Herrn von Tönnchen mitten im
Gespräch zurief: »Benno, knacken Sie gern Nüsse?«
    Benno Tönnchen, der auch ein Grüner war, sagte verwundert: »Nein, wenn
Fräulein Lenore uns eine aufgegeben hat, so fürchte ich, wird sie für mich zu
hart sein.«
    Jetzt war es entschieden, kein Zweifel mehr möglich, Fink hatte das Buch.
Die braunen Bänder rauschten auseinander, die Partei glich einem Schwarm
entsetzter Küchlein, unter welche der Habicht stösst. Nur Lenore nahm sich
zusammen und trat entschlossen auf Fink zu. »Sie haben das Buch, Herr Fink, eine
meiner Freundinnen hat es verloren und ist sehr unglücklich darüber. Sein Inhalt
ist nicht für fremde Augen, er kann in dieser Gesellschaft grossen Ärger
verursachen. Ich bitte, dass Sie mir das Buch zurückgeben.«
    »Ein Buch?« fragte Fink neugierig, »was für ein Buch?«
    »Verstellen Sie sich nicht«, sagte Lenore, »es ist uns allen deutlich, dass
Sie es haben. Ich kann nicht glauben, dass Sie es nach dem, was ich Ihnen über
die Folgen gesagt habe, noch einen Augenblick behalten können.«
    »Ich könnte es behalten«, nickte Fink, »Sie sind zu gütig, wenn Sie mir ein
so grosses Zartgefühl zutrauen.«
    »Das wäre mehr als unartig«, rief Lenore.
    »Es würde mir das grösste Vergnügen machen, mehr als unartig zu sein, wenn
ich das Buch hätte. Ein Buch, das Ihnen, oder einer Ihrer Freundinnen gehört,
das möglicherweise Ihre Handschrift oder eine andere Erinnerung an Sie entält,
das werde ich Ihnen in keinem Fall zurückgeben, wenn ich es finde; und wenn ich
erfahre, wo es liegt, werde ich es stehlen. Und wenn ich es habe, werde ich es
Zeile für Zeile auswendig lernen. Ich werde Ihnen dadurch zu gefallen suchen,
dass ich Ihnen einige Stellen daraus vortrage, sooft ich die Freude habe, Sie zu
sehen.«
    Lenore trat ihm einen Schritt näher, und ihre Augen flammten: »Wenn Sie das
tun, Herr von Fink«, rief sie, »so werden Sie als ein Unwürdiger handeln.«
    Fink nickte ihr freundlich zu: »Der Eifer steht Ihnen allerliebst, Fräulein;
aber wie können Sie Würde von einem lustigen Vogel verlangen, wie ich bin? Die
Natur hat ihre Gaben verschieden ausgeteilt, manchem hat sie verliehen, Verse zu
machen, andere zeichnen kleine Bilder, ich habe von ihr einen spitzen Schnabel
erhalten, den gebrauche ich. Haben Sie je einen würdigen Zeisig gesehen?« Er
wandte sich lachend ab, fasste Benno Tönnchen am Arm und ging mit ihm nach der
Tür.
    Lenore eilte zu Anton: »Herr von Fink hat das Buch, ich flehe Sie an,
schaffen Sie es uns zurück, er hat sich geweigert. Er darf nicht weiter darin
lesen, es wäre Teones Tod.«
    Anton ergriff hastig seinen Paletot und sprang dem Freunde nach, der bereits
auf der Strasse war. »Zu Feroni, Anton!« rief ihm Fink im Arm des Benno Tönnchen
zu.
    »Ich muss etwas im Vertrauen mit dir sprechen«, sagte Anton an seiner andern
Seite.
    »Jetzt nicht, du brauner Gesandter«, rief Fink, »ich will nichts mit dir zu
tun haben.« - »Ich bitte dich, Fritz«, bat Anton sich an ihn drückend, »gib das
Buch heraus, die Mädchen ängstigen sich bis zum Vergehen.«
    »Nur zu!« sagte Fink.
    »Keine tut heut nacht ein Auge zu«, rief Anton.
    »Um so besser, wir wollen's auch nicht tun. Sie können sämtlich zu Feroni
kommen, wenn's ihnen zu Haus zu bangsam wird. Wir bleiben bis zum Morgen
zusammen. Und du, Anton, wirst dich heut nacht nicht ohne mich nach Hause
schleichen, sondern du wirst aushalten, und zwar in stiller Todesangst.«
    »Was ist das für eine Geschichte mit dem Buch?« fragte Tönnchen am andern
Arm.
    »Sage nichts«, bat Anton leise.
    »Eine tolle Konfusion«, erwiderte Fink, »Sie sollen alles erfahren.«
    »Um Gottes willen, schweig«, bat Anton.
    »Ich werde mich nach deinem Benehmen richten«, sagte Fink, »läufst du weg,
so lese ich den andern das ganze Buch vor.«
    So kamen sie bei Feroni an. Anton überlegte, ob er sich auf Fink werfen und
diesem mit Gewalt das Buch entreissen sollte. Aber der Erfolg war unsicher. Mit
Ernst und Bitten war heut vollends nichts auszurichten. Nur List konnte helfen.
Während er darüber nachsann, lagerten sich die Herren in dem kleinen
Hinterzimmer, ihrer gewöhnlichen Trinkstube. Es waren ausser Anton und Fink noch
Zernitz und Tönnchen, der kleine Lanzau, ein Werner, ein Cousin Baldereck,
(dieser ein junger Herr mit hervorstehenden Augen, der in dem Buch unter dem
Namen Laubfrosch angedeutet war) und zwei Tronka, nicht von den Tronka-Hams,
sondern aus der andern Linie, in welcher das Majorat ist, Söhne des alten
Majoratsherrn.
    »Was trinken wir?« fragte Fink.
    »Jeder seine Flasche«, erwiderte Zernitz.
    »Warum nicht gar!« rief Fink.
    »Nur nicht Ihren furchtbaren weissen Burgunder«, rief Guido Tronka. »Von
unserer letzten Sitzung sind mir noch heute die Adern geschwollen wie Stränge.«
    »Dann also Sekt und Porter, ein ehrliches Halb und Halb«, schlug Fink vor.
    »Superbos!« rief der kleine Lanzau, welcher witzig war.
    »Das ist ebenso ein Höllengetränk«, klagte Zernitz.
    »Küfer, Schenk, herbei!« riefen die Herren und die Bestellung wurde gemacht.
    Unterdes verfiel Anton auf ein verzweifeltes Mittel. Er ging hinaus, gab dem
Aufwärter einen Taler und den Auftrag, den Ofen der kleinen Hinterstube zu
überheizen und ohne Rücksicht auf die Klagen der Herren immerfort Kohlen
nachzuwerfen. Er selbst setzte sich so weit vom Ofen, als irgend möglich war,
und sah mit Freude, dass Fink sich dicht an den eisernen Zylinder gerückt hatte.
Bald musste ihm die Wärme unbequem werden, dann zog er seinen Rock aus, wie er
stets in solchen Fällen tat, dann war es möglich, das rote Buch vor seinen Augen
aus der Rocktasche zu ziehen.
    »Ich nehme mir die Freiheit, Sie von einem grossen Ereignis in Kenntnis zu
setzen«, begann Tönnchen. »Haben Sie Tronkas Alice gesehen, Fink?«
    »Nein«, sagte Fink eingiessend, »ist's ein Pferd oder ein Frauenzimmer?«
    »Natürlich ein Pferd!« rief Tönnchen.
    »Bah, lasst heut die Stalljacke zu Haus«, sagte Fink.
    »Es ist aber verdammter Ernst«, rief Tönnchen. »Guido hat zum Herrenreiten
eingesetzt.«
    »Zahlen Sie Reugeld«, sprach Fink zu Guido Tronka, »und bleiben Sie zu Haus.
Den Ajar schlägt kein Traber in diesem Erdenwinkel.«
    »Sehen Sie sich morgen meine Alice an«, bat Tronka wieder, »ich möchte Ihr
Urteil hören.«
    »Haben Sie die neue Liebhaberin gesehen?« sprach Zernitz zu Anton, »sie hat
brillante Augen.«
    »Sie trägt magnifique«, rief der andere Tronka zu Fink herüber.
    »Sie hat ja eine Hasenscharte«, rief der Laubfrosch verächtlich dazwischen.
    »Wer ist nun das wieder?« fragte Fink.
    »Die Seppi, ein grünäugiges Scheusal«, schrie wieder der Laubfrosch
Baldereck. »Gehen Sie denn gar nicht mehr ins Teater?«
    »Nein«, versetzte Fink, »aber ich schicke meinen Reitknecht hinein. Wenn Sie
Gefühle haben, bei denen er Sie unterstützen kann, so wenden Sie sich nur an
ihn.«
    Es wurde warm. Anton fühlte die Verpflichtung, die Herren zu beschäftigen.
Er bat Herrn von Zernitz um eine komische Geschichte im Volksdialekt, die ihm
der Leutnant neulich anvertraut hatte, er stimmte laut in das Lachen des
Laubfrosches ein, er verführte den ältesten Tronka, ein Abenteuer mitzuteilen,
welches den Tod eines Hasen und einer Schnepfe verursacht hatte. Er griff nach
der Kelle und goss die Gläser voll.
    Es wurde wärmer. Die Herren rückten unzufrieden mit ihren Stühlen und riefen
nach dem Aufwärter.
    »Es verfliegt sogleich«, tröstete dieser.
    »Ich finde es gar nicht warm«, sagte Fink ruhig, »im Gegenteil, Sie können
noch einlegen.«
    Aber die Hitze wurde unerträglich, die Herren gerieten in Zorn, Feroni
selbst wurde gerufen. Anton protestierte gegen das Öffnen des Fensters, weil man
vom Tanze noch zu warm sei. Fink erklärte die Temperatur für behaglich und
behielt seinen Rock an.
    Anton war in Verzweiflung. Endlich ergriff er das letzte Mittel, er zog
seinen eigenen Rock aus, um den Freund zu gleichem Entschluss anzuregen. Sofort
tat Fink dasselbe, legte den Rock sorgfältig über seinem Stuhl zusammen und sah
lächelnd auf Anton, der mit grosser Aufmerksamkeit seine Bewegungen beobachtete.
    »Das Buch steckt nicht im Rock«, nickte Fink ihm zu, »die Mühe war umsonst,
denke auf etwas anderes.«
    Anton öffnete das Fenster, »Ich versuche nichts mehr«, sagte er resigniert,
»du bist mir zu schlau.«
    »Halt aus«, sagte Fink. Zernitz machte niedliche Witze, Tönnchen erzählte
lügenhafte Geschichten von Tänzerinnen, der kleine Lanzau betrank sich. Endlich
pochte Fink auf den Tisch. »Jetzt merkt auf. Ich wollte es verbergen, aber es
ist nicht möglich, es schreit zum Himmel.«
    Anton fuhr auf: »Ich bitte dich, Fritz.«
    »Ruhig, Ofenheizer!« rief Fink. »Hört, ihr Herren, ich habe heut ein
geheimes Tagebuch der Braunen gefunden und habe es durchgeblättert.«
    »Hurra, heraus damit!« riefen sämtliche Herren.
    »Es sind gewiss Verse darin«, rief Zernitz.
    »Es mag ein schöner Unsinn darin stehen«, rief Tönnchen, »Phantasie und
Bosheit Unmündiger.«
    Anton war wütend.
    »Allerdings steht Unsinn darin, und die Verse scheinen mir schlecht. Hören
Sie, Zernitz, was haben Sie mit der kleinen Lara gehabt?«
    »Nichts«, sagte der Leutnant befremdet, »ich habe ein paarmal mit ihr
getanzt, das ist alles.«
    »So muss es gekommen sein«, fuhr Fink nachdenkend fort. »Die arme Teone! Ich
habe ein Lied gelesen, das die Komtess auf Sie gemacht hat. Na, zuletzt sind Sie
kein übler Bursch, aber ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass man mit
solcher Schwärmerei von einem Mann sprechen kann.«
    »Zeigen Sie her«, bat Zernitz angelegentlich.
    »Hier?« fragte Fink vorwurfsvoll, »vor dieser wilden Bande? Wenn Sie auch
die Lara, die mir heute in ihrer Angst allerliebst vorkam, nicht gerade
begünstigen, so haben Sie doch gar keinen Grund, die reine Leidenschaft des
armen Mädchens hier zu profanieren.«
    »Sie haben recht«, sagte Zernitz. »Aber unter vier Augen werden Sie mir's
zeigen.«
    »Gewiss«, versetzte Fink. »Ihr wisst, ich habe kein Gefühl für alle Kreatur,
welche ihren Rock länger trägt als bis zum Knie, und wenn es etwas auf der Welt
gibt, was mich kaltlässt, so sind es Backfische in Butter und in Kleidern. Aber
der Wahrheit soll ihr Recht werden, die Mädchen, welche das Tagebuch miteinander
geführt haben, sind seelengute Dinger, es ist auch nicht eine unartige Bemerkung
darin.«
    Er wandte sich zum Cousin Baldereck: »Von Ihrer Cousine ist auf jeder Seite
mit einer Liebe und Herzlichkeit gesprochen, die ebenso verdient als rührend
genannt werden muss. - Das strengste Urteil wird über mich gefällt, ich werde ein
Zeisig genannt.«
    »Auf die Art ist das Heft ziemlich langweilig«, sagte Benno Tönnchen.
    »Ja«, erwiderte Fink, »wenn Sie nicht interessiert, was Hildegard Salt über
Sie hineingeschrieben hat.«
    »Viel Gutes wird's nicht sein«, versetzte Benno neugierig.
    »Nein«, sagte Fink, »sie spricht von Ihnen in einem Ton, der Ihren Bekannten
wahrhaft betrübend vorkommen muss. Sie werden gross und still genannt. Ihr Gesicht
ein Muster männlicher Kraft, die Dichterin findet Sie voll Kenntnisse, voll
Geist und voll Witz; sie fragt, ob ein solcher Mensch nicht zu bedeutend sei, um
sich zu einem weichen Mädchen hinabzuneigen. Nun frage ich alle, wie kann ein
gescheites Kind, wie Hildegard Salt, sich so weit verirren, Sie in der Stille
anzubeten. Denn Sie sind bei der letzten Flasche ein ziemlich kurzweiliger
Gesell, Benno, aber wenn ich ein Mädchen wär und mir ein Ideal aussuchte, ich
würde lieber einen Nussknacker zu meinem Götzen machen, als Sie.«
    Tönnchen verzog den Mund.
    »Ist von uns auch etwas darin?« fragte Herr von Werner, auch einer der
Grünen, ein Bruder von vier schönen Schwestern, Nachbar der Rotsattel, von
jungem Adel, aber reich, in Familieneifersucht aufgewachsen.
    »Von Ihnen wenig«, versetzte Fink, »nur zwei Zeilen.« Er nahm das Buch
hervor und sah hinein und suchte. - Anton ballte die Hände unter dem Tisch. -
»Schmerzliche Fügung des Himmels, Lenore liebt und sucht vergebens ihr Herz zu
verhüllen. Und der Geliebte gehört den Feinden an. O Georg W. Jetzt kommen
Punkte und drei Ausrufungszeichen.« Fink steckte das Buch wieder ein. Anton
beruhigte sich, das konnte nicht in dem Buche stehen, auch sah er, dass die
Nasenflügel Finks sich heftig bewegten, ein untrügliches Kennzeichen, dass er
Schelmerei trieb.
    Zernitz schob sein Glas weg und rief: »Es ist indiskret, dass wir uns in
diesem Raume über das unterhalten, was die Mädchen gefühlt haben.«
    »Ich bin derselben Meinung«, rief Benno Tönnchen eifrig.
    »Ich auch«, Georg Werner.
    »Sie müssen das Buch versiegeln und zurückschicken«, sprach der Frosch.
    »O ihr gemütvollen Zettel«, rief Fink in der glücklichsten Stimmung, »weil
eure haarigen Köpfe von seinen Händen gekraut werden, wird euer Herz
zartfühlend. Ich möchte eure Gesichter sehen, wenn ich aus dem Buche das
Gegenteil herausgelesen hätte. - Ei, ei! und keiner kennt den Shakespeare!«
    »Komtess Lara und Hildegard sind zu feinfühlend, um das hineinzusetzen, was
Ihre Bosheit gern gesehen hätte«, rief Zernitz.
    »Die Rotsattel ist zwar stolz«, rief Werner, »aber sie hat keinen Grund,
von mir etwas anderes zu sagen, als was wahr ist. Ich habe sie immer im stillen
für ein tüchtiges Mädchen gehalten, das wohl verdient, einmal die Frau eines
ehrlichen Jungen zu werden.«
    Fink nickte ihm billigend zu, dann erhob er das Buch und blickte hinauf an
die Decke. »Warum werde ich nicht auf der Stelle von dieser sündigen Erde unter
bessere Geschöpfe versetzt? Ich bin ein Seraph, und niemand merkt es, und
niemand wird es glauben, am wenigsten die Weiber. Hier, Anton, empfange das
Buch! Nicht durch Ofenwärme, nicht durch Überredung oder Zwang ist es erobert;
durch freiwilligen Entschluss der tanzenden Herren wird es ungelesen
zurückgeschickt.«
    
    Anton ergriff das Buch, eilte in die Schreibstube von Feroni, schrieb auf
einen Zettel: »Fink hat einige Blätter gelesen, er wird schweigen, sonst niemand
eine Zeile«, siegelte Zettel und Buch in ein Kuvert und sandte dies durch einen
von Feronis Leuten am späten Abend nach dem Haus der Komtess Lara mit dem
ausdrücklichen und durch eine Kette von Versprechungen verstärkten Befehl, der
Bote müsse unter allen Umständen durch Nachtwächter und Hausknechte in das Haus
und bis an die Grenzen des Schlafzimmers dringen, wo, wie er mit Grund annahm,
Teone jetzt ihre schwarzen Locken durch Ströme von Tränen in träufelnden
Bindfaden verwandelte.
    Das Gelag nahm seinen Verlauf. Das heisse Zimmer, der starke Trank und ein
gewisses nachdenkliches Wesen der meisten Herren machten der Sitzung früher ein
Ende, als Finks Absicht war. Endlich brach er auf, weckte den verschlafenen
Küfer und sagte zu Anton: »Bezahle die Rechnung.« Als Fink mit Anton nach Hause
ging, sagte er: »Sei ruhig, Tony, natürlich war alles gelogen, was ich aus dem
Buch erzählt habe. In Wahrheit war alle Bosheit darin aufgesammelt, deren eine
Gesellschaft Turteltauben fähig ist.«
    »Ich hab's gemerkt«, sagte Anton vergnügt, »in der nächsten Stunde werden
deine Herren schön den Hof machen.«
    »Einer oder der andere soll die Geliebte, die ich ihm heut zugeteilt habe,
noch heiraten, ich will mich jetzt aufs Kuppeln legen.«
    Anton schwieg gekränkt. »Sei ruhig«, fuhr Fink behaglich fort, »auch du
sollst deine Einwilligung zu den Partien geben. Sprich, wie gefallen dir meine
Herren?«
    »Sieh«, sagte Anton, »was sie sagen, erscheint mir oft gewöhnlich, aber sie
haben Selbstvertrauen und eine sichere Haltung, die sie auch dann nicht
verlieren, wenn sie sich gehnlassen.«
    »Na«, sagte Fink, »es geht, sie sind in ihrer Clique, in dem müssigen
Umherlaufen mit Cousinen und Sporen an den Beinen verkümmert, sie sollen im
ganzen genommen ein Beispiel sein, wie man nicht sein muss, wenn man amüsant sein
will. Ihre Liederlichkeit ist nicht lustig und ihre Lustigkeit ist kläglich, in
ein paar Jahren sind sie schal und ungeniessbar, wie schlechter Most. Dieses
Tönnchen wird schon säuerlich. Ich habe grosse Lust, sie dir nächstens betrunken
zu zeigen.«
    »Sprich nicht so liederlich«, bat Anton.
    »Ach, du armer Junge«, sagte Fink. »Schliess die Tür auf und gib mir meine
Geldbörse zurück.«
    »Du hast heut wieder eine grosse Rechnung bezahlt«, sagte Anton. »Ich bitte
dich, sei nicht so freigebig, du demütigst ja die andern.«
    »Sei ruhig, Anton«, erwiderte Fink, »ich halte mich über sie auf, folglich
ist auch billig, dass ich für sie bezahle.«
    »Ich hoffe, du wirst niemals für mich bezahlen«, sagte Anton.
    »Nein«, entgegnete Fink, »du sollst das Privilegium haben, dein eigener
Kassierer zu sein; ich bin zufrieden, dass du mir den Hausschlüssel trägst und
bei mir noch deine Zigarre rauchst, während ich mich ausziehe. - Welche Stunde
ist?«
    »Es ist gegen zwei Uhr«, erwiderte Anton vorwurfsvoll.
    »Dann sind wir sicher die letzten. Da ich herkam, konnte das alte Haus
solche Exzesse nicht vertragen. Als ich das erste Mal beim Frühlicht diesen
Riesenschlüssel ins Schloss steckte, fürchtete ich, die alten Mauern würden über
mir zusammenbrechen. Jetzt sind sie daran gewöhnt, der Hund, die Hausknechte und
der Prinzipal. Oft bleibe ich nur deshalb länger aus, um diese schauderhafte,
philiströse Hausordnung umzudrehen.«
    Als Hildegard Salt nach einer feuchten Tränennacht gegen Morgen die ersten
Anstalten zum Schlafen machte, wurde sie durch einen Brief von Teone Lara
geweckt, in dessen vorderem Teil Teone mit schwarzer Krähenfeder die Ansicht
aussprach, dass für sie auf dieser Welt kein Raum mehr sei, und in der zweiten
Hälfte diese Ansicht dahin berichtigte, dass sie Hildegard und Lenore für
nächsten Nachmittag zur Schokolade einlud, um wegen der glücklichen Rettung des
Buches eine vertrauliche Festfeier zu begehen.
    Auf dieser Konferenz der Braunen wurde die Entweihung des Buches durch
Männeraugen lebhaft besprochen. Schrecklich war, dass Fink hineingesehen hatte.
Aber auch Wohlfart hatte das Buch in Händen gehabt, und es war sehr zu fürchten,
dass auch er es durchgelesen hatte. Hildegard behauptete, er sei ein Mann, und
kein Mann, auch der beste nicht, sei einer solchen Diskretion fähig. Dagegen war
Lenore überzeugt, Wohlfart habe nicht darin gelesen. Nach längerer Debatte wurde
beschlossen, ihn auf eine Probe zu stellen. »Wenn er hineingesehen hat«, sagte
Lenore, »so hat er doch zuerst das Titelblatt angesehen.« - »Das Titelblatt
durfte er ansehen«, warf ein brauner Vogel ein.
    »Ich hatte ihm verboten, das Buch zu öffnen«, sprach Lenore, »und ich weiss,
er hat keine Seite angesehen. Ihr alle sollt zuhören, wie er meine Fragen
beantwortet.«
    Als Anton in der nächsten Tanzstunde erschien, trat ihm Lenore an der Spitze
der Partei entgegen, ihre Miene war bekümmert, und alle Braunen bemühten sich,
die Köpfe zu hängen und ebenso traurig auszusehen: »Ach Herr Wohlfart, was haben
Sie gemacht! Das Buch, welches Sie an Teone geschickt haben, war ja nicht ihr
Tagebuch, es war das Notizbuch eines Herrn, aus einer fremden Brieftasche.«
    »Wie ist das möglich«, rief Anton bestürzt.
    »Gleich auf der ersten Seite war eine Rechnung vom 29ten über einen Frack,
vom 30ten eine Flasche Rotwein und zwei neue Sporen. Das Buch konnte uns nichts
helfen.« Alle Braunen schüttelten den Kopf und sahen betrübt zur Erde.
    Anton suchte sich zu entschuldigen: »Fink zog das rote Buch aus der
Westentasche und gab es in meine Hand, ich sandte es sogleich versiegelt ab.«
    »Dann muss Herr von Fink das Buch vertauscht haben«, fuhr Lenore fort. »Warum
haben Sie denn nicht hineingesehen?« fragte sie vorwurfsvoll, »wenigstens auf
das Titelblatt.«
    »Das durfte ich ja nicht«, rief Anton, »ich hatte Ihnen ja versprochen,
keinen Blick hineinzuwerfen. Ich rufe Fink.«
    »Halt!« rief Lenore, »noch einen Augenblick! Hat er hineingesehen oder
nicht?« fragte sie siegreich zu ihrer Schar gewandt.
    Ein bewunderndes »Nein« kam von allen Lippen. »Bleiben Sie, Herr Wohlfart,
es ist das rechte Buch, das sie zurückgesandt haben. Einige von uns
bezweifelten, ob ein Mann, ob selbst Sie das Tagebuch ungelesen aus der Hand
geben könnten, ich sagte, Sie wären das imstande, und habe meinen Freundinnen
das soeben bewiesen.«
    »Ich danke Ihnen für das gute Zutrauen«, rief Anton erfreut.
    »Alles traue ich Ihnen zu, was brav und ehrlich ist«, sagte Lenore und
blickte ihn mit herzlichem Vertrauen an.
    Das war ein grosser Abend im Kränzchen. Anton war bis zum Kotillon von einem
Kreis junger Damen umgeben, welche ihn mit rührender Vertraulichkeit
behandelten, und als der Augenblick kam, in welchem farbige Schleifen an die
Herren ausgeteilt wurden, wurden die Klappen seines Fracks von oben bis unten
besteckt, und er sah aus wie der bunteste Hofmarschall des Kontinents.
    Aber noch Grösseres begab sich. Die Partei der Grünen drohte zu zerfallen.
Zernitz, Georg Werner und der kleine Lanzau tanzten heut nur mit den Braunen.
Hildegard Salt verlebte eine schreckliche halbe Stunde an der Seite des
Nussknackers, welcher sie während eines Walzers mit ritterlicher Artigkeit, ja
man muss sagen, mit Gefühl behandelte und dadurch in die allergrösste Verlegenheit
setzte; Lenore hatte gar von den ehrerbietigen Angriffen des Laubfrosches, des
Georg Werner und des kleinen Lanzau zu leiden, welche sämtlich auf einmal zu der
Überzeugung gekommen waren, dass Lenore ihrer ernstaften Huldigungen nicht
unwürdig sei. Eugenie selbst war heut gegen die Braunen von aufrichtiger
Herzlichkeit, sie hing sich an Lenorens Arm und küsste beim Abschied Teone im
überströmenden Gefühl auf beide Wangen. Und Frau von Werner setzte sich neben
die Baronin Rotsattel, kündigte für die nächsten Tage ihren und ihrer Töchter
Besuch an, bat um die Erlaubnis, ihren Georg mitzubringen, und sprach
unaufhörlich davon, wie glücklich ihre Kinder noch im nächsten Sommer darüber
sein würden, dass die Tanzstunde sie in ein so intimes Verhältnis zu Lenore
gebracht habe. Kurz, das ganze Aussehen der Tanzstunde war verändert. Mit
Ausnahme der grünen Damen, welche über die Untreue ihrer Herren zürnten, war
alles in einer gemütvollen, von Menschenliebe gleichsam überfliessenden Stimmung,
deren Gegenstand die Damen des braunen Bundes waren. Verlegen erkannten diese
die Veränderung ihrer Stellung, die Herzlichkeit der Baldereck, die ernstaften
Huldigungen aller feindlichen Herren, ach, aber zu einem Genuss ihres Glückes
konnten sie nicht kommen, in ihrer Brust fühlten sie die Nadelstiche des bösen
Gewissens, und um sie herum bewegte sich in weitem Kreise die furchtbare Gestalt
Finks, des Wissenden. Durch ein Wort konnte er den unbegreiflichen Zauber
zerstören, der sie umgab. - Den ganzen Abend hielt er sich fern von allen
Teilnehmern am Tagebuch, erst am Ende der Stunde trat er zu Lenore: »Ist
Fräulein Eugenie heut nicht allerliebst? Ich gebe Ihnen zu, dass sie gefühllos
ist, aber diese kleine Unart wird sich möglicherweise im Laufe der Jahre in eine
ganz entgegengesetzte Eigenschaft verwandeln.«
    Lenore sah ihn verlegen an. »Kommen Sie mit zu Teone Lara«, sagte sie
endlich. »Herr von Fink hat ein Recht auf unsern Dank«, rief sie dort, »wir alle
wollen ihn bitten, dass er über das Buch schweigt, wie er bis jetzt getan.«
    »Ich will mich dazu verpflichten«, versetzte Fink, »unter einer Bedingung.
Ein Opfer muss ich haben. Ich muss die Dame erfahren, welche den Vers unter einen
gewissen Weinstock geschrieben hat. Ich muss jemand haben, den ich hassen kann,
von dem ich bei Gelegenheit alles Schlechte rede, jemanden, der dafür bezahlt,
dass Sie so leichtsinnig waren, die Dokumente ihres scharfen Witzes in meine
Hände fallen zulassen. Nennen Sie mir die eine, und ich gebe Ihnen freiwillig
das Versprechen, dass ich gegen Fremde nie ein Wort aus dem Tagebuch zitieren
werde.«
    In der Gruppe entstand eine ängstliche Bewegung, jede fürchtete die Beute
des rachsüchtigen Indianers zu werden. Lenore sah auf Hildegard, welche vor
Schrecken verblich, und sagte eifrig: »Ich habe die Zeichnung gemacht und ich
habe die Verse darunter meiner Freundin diktiert; da Sie's gesehen haben, so
bitte ich Sie um Verzeihung. Mehr kann ich nicht tun; und wenn Sie jetzt die
Absicht haben, sich an mir zu rächen, so werde ich Ihren Hass zu ertragen
suchen.«
    »Schön«, sagte Fink lächelnd, »ich werde mich rächen, ich werde Sie von heut
ab hassen. Übrigens ist mir angenehm zu erfahren, dass auch das vergänglichste
aller Gefühle, Mädchenfreundschaft, die Unglücklichen, welche davon befallen
werden, zu heldenmütigen Opfern begeistern kann. - Ah, Fräulein Hildegard,
finden Sie nicht, dass Benno Tönnchen ein herzensgutes Kind ist? Auch seine
Gestalt ist nicht schlecht. Etwas zu voll, werden Sie sagen, aber grade dies
volle Wesen macht ihn und seine Familie so ansprechend.«
    Die letzte Folge dieses glücklichen Abends war, dass auf einer neuen
Konferenz der Braunen beschlossen wurde, den treuen Ritterdienst Wohlfarts in
ausserordentlicher Weise zu belohnen. Nach längerer Überlegung wurde man einig,
dass Teone gemeinschaftlich mit ihren Freundinnen eine prachtvolle Börse zu
häkeln habe. Gleich am nächsten Morgen wurden Seide und Perlen gekauft. Lenore
wollte, um sich nicht auszuschliessen, die Kunst des Häkelns eigens erlernen.
Auch strahlte bereits die erste Kappe der Börse in Braun und Gold, als
Ereignisse eintraten, welche die Vollendung hinderten.
 
                                       3
Es ist eine traurige Erfahrung, dass die überirdischen Gewalten dem Menschenkind
das Glück einer hochgespannten Empfindung nicht lange unverkümmert lassen. Sie
haben die Sache so schlau eingerichtet, dass sich fast immer eine Saite unsres
Innern abspannt, sooft sie den Wirbel einer andern zur Höhe herumdrehen.
Natürlich entsteht daraus ein Missklang. Diese schlechte Behandlung erfuhr auch
Antons Seele.
    Zunächst ereignete sich, dass das Comtoir fortfuhr, die Veränderung in Antons
Leben mit kritischem Blick zu betrachten. Jede Art von Befremden herrschte in
den verschiedenen Zimmern des Hinterhauses, in allen aber war man einig, dass
sich Anton, seit er die Tanzstunde besuchte, sehr auffällig und nicht zu seinem
Vorteil verändere. In Wirklichkeit war diese Veränderung nicht gross. Es ist
wahr, Anton war in den Freistunden weniger mit seinen Kollegen zusammen, als
sonst, er brachte viele Abende ausser dem Hause zu, und wenn er einmal in
Gesellschaft der Hausgenossen aushielt, so war er wohl zerstreuter, ja
vielleicht übte er auch geringere Nachsicht gegen die ihm wohlbekannten kleinen
Schwächen der andern Herren. Sein Verstand bewahrte ihn davor, sich wegen der
plötzlichen gesellschaftlichen Erfolge zu überheben und die Kollegen durch
Erzählung seiner Abenteuer zu langweilen, aber er konnte sich doch nicht
entalten, zuweilen Vergleiche anzustellen zwischen dem Ton und Benehmen seiner
Umgebung, die er übersah, weil er sie genau kannte, und dem Ton und Benehmen im
Salon der gnädigen Frau, der ihm imponierte, weil er ihm neu war. Das Comtoir
erklärte seine grössere Schweigsamkeit für Stolz, seine häufige Abwesenheit für
unziemlichen Leichtsinn, und er, der sonst ein Liebling des Hauses gewesen war,
kam gerade deshalb in die Lage, jetzt sehr streng beurteilt zu werden. Er selbst
empfand die kühlere Haltung der Gemässigten, die auffallende Kälte der
Entschiedenen als lieblose Behandlung. So kam es, dass er die Abende, an denen er
keine Veranlassung hatte, auszugehen, fast nur mit Fink verlebte, und dass beide
zusammen nach wenig Wochen als aristokratische Coterie den anderen Herren
gegenüberstanden.
    Anton wurde durch dies Verhältnis mehr gedrückt, als er sich selbst gestehen
wollte; er fühlte es an seinem Arbeitspult, auf seinem Zimmer, sogar beim
Mittagessen im Vorderhause. Seltener redete ihn einer seiner Kollegen an; wenn
Jordan eine Auskunft forderte, wandte er sich nicht mehr an ihn, sondern an
Baumann; wenn der Kassierer zur Frühstücksstunde in das vordere Comtoir kam, so
trat er nicht mehr an Antons Sitz; und wenn Specht sich von seinem Platz
umwandte und mitten in den kaufmännischen Korrespondenzen eine auffallende Frage
an die Umsitzenden tat, so wandte er sich zwar öfter als sonst an Anton, aber es
erschien diesem als keine Verbesserung seiner Situation, wenn Specht ihm
flüsternd ins Ohr schrie: »Ist es wahr, dass Herr von Berg Apfelschimmel hat?«
oder: »Muss man bei Frau von Baldereck lackierte Stiefel oder Schuhe tragen?« Am
gewalttätigsten wurde Anton von seinem alten Gönner Pix behandelt. Übergrosse
Toleranz hatte niemals die Energie dieses Herrn geschwächt, und aus einem nicht
recht verständlichen Grunde sah er in dem gegenwärtigen Anton eine Art Verräter
am Comtoir, an der grossen Waage und am Solo. Es war seine Gewohnheit, den
eigenen Geburtstag so feierlich als möglich zu begehen. Er lud dann seine
Vertrauten, in deren erster Reihe Anton stand, zum Abend auf sein Zimmer und
setzte ihnen an diesem Tage ausnahmsweise Wein auf den Tisch und einen
Napfkuchen, den er eigens beim Bäcker bestellte und den er in immer grösseren
Verhältnissen zu liefern bemüht war. In diesen Wochen kam wieder sein Geburtstag
heran, und Anton war, obgleich Herr Pix sich in der letzten Zeit sehr schweigsam
gegen ihn verhalten hatte, doch vorbereitet, den Abend bei ihm zuzubringen, er
hatte deshalb eine Einladung des Herrn von Zernitz bereits abgelehnt. Früh vor
der Comtoirstunde ging er auf das Zimmer von Herrn Pix und gratulierte diesem.
Herr Pix nahm den Glückwunsch sehr kühl auf und gönnte ihm keine Einladung für
den Abend. Nach Tische begegnete Anton dem kolossalen Napfkuchen, welcher mit
Hilfe eines Bäckerlehrlings mühsam die Treppen des Hinterhauses hinaufstieg, im
Comtoir merkte er aus einer Äusserung des Herrn Specht, dass diesmal sämtliche
Kollegen aufgefordert waren, den Tag festlich zu begehen, an welchem Herr Pix
durch sein Erscheinen eine Lücke der Schöpfung ausgefüllt hatte. Alle waren
geladen, nur Anton und Fink nicht.
    Mit Recht empfand Anton diese Zurücksetzung als eine Unart. Er empfand sie
aber tiefer, als wohl nötig gewesen wäre. Und zum Überfluss teilte ihm Specht im
Vertrauen mit, dass Pix die Erklärung abgegeben habe, ein junger Herr, der mit
Leutnants umgehe und bei Feroni am liederlichen Tisch sitze, sei kein passender
Gesellschafter für einen soliden Kaufmann. Als er an diesem Abend einsam auf
seiner Stube sass und unter sich die lustige Unterhaltung der Kollegen hörte, da
überkam ihn eine bange und gedrückte Stimmung, und keines von den glänzenden
Bildern, welche in der letzten Zeit seine Mussestunden ausgefüllt hatten, auch
das holdeste nicht, war mächtig genug, durch die dichte Wolke des Missmuts
durchzudringen, welche ihn umhüllte.
    Er selbst war nicht zufrieden mit sich und suchte selbstquälerisch Anklagen
gegen sich zu sammeln. Er war ein anderer geworden. Er war nicht gerade
nachlässig in den Arbeitsstunden, aber seine Tätigkeit machte ihm wenig Freude,
sie war ihm oft eine Last. Es war ihm begegnet, dass er in seinen Briefen
Wichtiges vergessen hatte, ja er hatte sich ein paarmal sogar in den Preisen
verschrieben, und Jordan hatte ihm mit einer kurzen Bemerkung die Briefe
zurückgegeben. Es fiel ihm ein, dass der Prinzipal in der letzten Zeit sich gar
nicht um ihn gekümmert, und dass Sabine ihn vor einigen Tagen auf der Treppe
kälter gegrüsst hatte, als gewöhnlich. Und neulich, als die Tante über Störung
ihrer Nachtruhe klagte, weil jemand so spät und geräuschvoll die Haustür
geöffnet, da hatten alle Kollegen vorwurfsvoll auf ihn gesehen. Sogar der treue
Karl hatte ihn vor der letzten Tanzstunde, wie Anton jetzt meinte, ironisch
gefragt, ob er auch seinen Hausschlüssel bei sich habe. In solcher Stimmung ging
Anton an seinen Schreibtisch und fing an, sein kleines Kassenbuch durchzusehen.
Er hatte in den letzten Wochen keine Ausgaben eingeschrieben, ängstlich fasste er
die Feder und suchte Rechnungen und Erinnerungen zusammen, um das Versäumte
nachzuholen. Mit Schrecken entdeckte er, dass seine Schulden zusammen eine Summe
ausmachten, welche er nicht tilgen konnte, ohne die kleine Hinterlassenschaft
seiner Eltern anzugreifen. Er fühlte sich sehr unglücklich. Hohe Töne hatten
lange Zeit in ihm geklungen. Das Schicksal hatte auf einer Saite die feinste
Melodie gespielt, jetzt schnurrte die andere. Der Misston sollte noch grösser
werden.
    An demselben Abend kam der Kaufmann verstimmt aus der Ressource nach Hause,
er beantwortete kurz Sabinens Gruss und ging mit starken Schritten im Zimmer auf
und ab.
    »Was hast du, Traugott?« fragte die Schwester.
    Der Bruder trat an ihren Stuhl. »Willst du wissen, wie Fink seinen
Schützling bei Frau von Baldereck eingeführt hat? Du warst so bereit, dich über
seine Freundschaft zu freuen. Er hat ein System von Lügen gesponnen und hat den
unerfahrenen Wohlfart zu einem ruchlosen Abenteurer gemacht.« Er erzählte
darauf, dass ihn ein älterer Offizier nach den Verhältnissen Antons gefragt
hatte, und was dabei zutage gekommen war.
    »Ist denn auch gewiss, dass Fink diese abgeschmackten Märchen erfunden, und
dass Wohlfart darum gewusst hat?« fragte Sabine schüchtern.
    »An Finks Beteiligung ist kein Zweifel. Der Streich sieht ihm zu ähnlich.
Das ist der leichtsinnige frevelhafte Sinn, der nichts achtet, nicht einmal den
Ruf des Freundes.«
    Sabine lehnte sich an den Stuhl und nickte mechanisch mit dem Haupt. Ja, so
war er. Wieder einmal empörte sich ihr Herz gegen ihn. »O wie traurig!« sagte
sie vor sich hin. »Aber Wohlfart ist unschuldig, Traugott, das weiss ich
bestimmt. Eine solche Lüge ist nicht in seinem Wesen.«
    »Ich werde es morgen erfahren«, sagte der Kaufmann. »Um seinetwillen wünsche
ich, dass du recht hast.«
    Am folgenden Morgen ging der Prinzipal durch das vordere Comtoir und rief
Anton zu sich in die kleine Hinterstube. Da dies selten geschah, so folgte Anton
mit der Ahnung, dass irgend etwas Unheimliches heranziehe. Der Prinzipal schloss
hinter ihm die Tür, setzte sich recht ernstaft vor ihn auf den Lederstuhl und
begann mit strenger Miene. »Lieber Wohlfart, ich halte es für meine Pflicht, mit
Ihnen über einige Gerüchte zu sprechen, die sich in der Stadt verbreitet haben.
Man hält Sie für einen reichen jungen Mann von geheimnisvoller Herkunft, erzählt
sich, dass Sie grosse Besitzungen in Amerika haben und dass vornehme Personen sich
im stillen lebhaft für Sie interessieren. Ich setze voraus, dass auch Ihnen diese
Gerüchte zu Ohren gekommen sind, und wünsche zu wissen, was Sie getan haben,
dieselben zu widerlegen.«
    Anton erwiderte erstaunt, aber mit Entschlossenheit: »Ich weiss nichts von
einem solchen Gerücht, ich habe einige Male von Fremden sonderbare Anspielungen
auf mein Vermögen gehört, ich habe stets widersprochen.«
    »Haben Sie mit der nötigen Entschiedenheit widersprochen?« fragte der
Kaufmann streng.
    »Ich glaube ja«, antwortete Anton ehrlich.
    »Es wäre an dem müssigen Geschwätz wenig gelegen«, fuhr der Prinzipal fort,
»wenn nicht Ihr eigener Charakter dadurch verdächtigt würde. Denn die Welt wird
geneigt sein anzunehmen, dass Sie selbst aus irgendeinem Grunde bei der
Verbreitung dieses Gerüchts tätig gewesen sind; für das Renommee eines Kaufmanns
aber gibt es keinen schlimmeren Argwohn, als den, dass er durch niedrige Mittel
sich einen Kredit geben will, den zu beanspruchen er kein Recht hat.«
    Anton stand starr.
    Der Kaufmann fuhr fort: »Ausserdem wird durch dieses Geschwätz auch der gute
Ruf Ihrer Eltern angegriffen, denn man will wissen, dass Sie der heimliche Sohn
eines sehr vornehmen Mannes sind.«
    »O meine Mutter!« rief Anton, rang die Hände und die Tränen rollten aus
seinen Augen. Er war so ergriffen, dass ihm der Prinzipal Zeit lassen musste, sich
zu beruhigen, und endlich begütigend sagte: »Fassen Sie sich, lieber Wohlfart,
Sie haben jetzt die Aufgabe, die Unwahrheit dieser Erzählungen nachzuweisen. Sie
werden Ruhe und männliche Haltung dazu brauchen.«
    »Am schrecklichsten ist für mich der Gedanke«, rief Anton noch immer ausser
sich, »dass Sie selbst vielleicht glauben, ich hätte diese Unwahrheiten
hervorgerufen, oder ich hätte sie mir gefallen lassen, um mich wichtig zu
machen. Ich bitte Sie, mir zu glauben, ich habe bis zu dieser Stunde nichts
davon gewusst.«
    »Ich glaube Ihnen gern«, sagte der Kaufmann freundlicher, »aber Sie haben
doch manches getan, um solchen Erzählungen Raum zu geben. Sie sind fortwährend
in einem Kreise gesehen worden, welcher sich sonst gegen junge Männer in Ihrer
Stellung sehr spröde verhält. Sie haben hier und da Ausgaben gemacht, welche
Ihre Mittel offenbar übersteigen und jedenfalls unpassend für Sie waren.«
    Anton hatte die dunkle Empfindung, dass er sich im Mittelpunkt der Erde viel
behaglicher befinden würde, als auf der Oberfläche. »Ja«, sagte er endlich
verzweifelnd, »Sie haben recht, ich habe sehr unrecht getan, über meine
Verhältnisse hinauszugehen, ich habe das während der ganzen Zeit empfunden; seit
einigen Tagen, wo ich Kasse gemacht habe und gesehen, dass ich in Schulden
gekommen bin« - hier lächelte der Kaufmann fast unmerklich - »ist's mir
klargeworden, dass ich auf unrechtem Wege bin, ich habe nur nicht gewusst, wie ich
zurück soll. Jetzt werde ich nicht mehr zaudern«, fuhr er sehr traurig fort,
»und Sie mögen die Güte haben, zu entscheiden, ob ich mich jetzt verständig
benehme.«
    »Nicht wahr, Fink hat Sie in die Gesellschaft der Frau von Baldereck
eingeführt? Ich dachte es«, sagte der Prinzipal lächelnd, »vielleicht weiss er
auch mehr von den Gerüchten, welche Sie gegenwärtig so beunruhigen.«
    »Erlauben Sie, dass ich in Ihrer Gegenwart sein Zeugnis fordere, dass ich
nichts von allen diesen Nachreden gewusst habe, und dass ich selbst wohl
leichtsinnig gewesen bin, aber nicht niedrig. Fink ist mein Freund und kennt
mein ganzes Verhalten.«
    »Wenn es Sie beruhigt«, sagte der Prinzipal und liess Herrn von Fink rufen.
    Fink sah im Eintreten auf den aufgeregten Anton mit verwundertem Blick und
sagte, ohne auf die Gegenwart des Prinzipals sonderlich zu achten: »Was Teufel,
du hast geweint?«
    »Über Verleumdungen«, sprach der Kaufmann ernst, »welche seine Solidität als
Geschäftsmann und die Respektabilität seiner Familie angegriffen haben.« Darauf
sagte er kurz, worum es sich handle.
    Fink lachte und rief: »Er ist ein Kind; wozu sich um das müssige Geschwätz
der Leute kümmern?«
    »Er hat kein Recht, dies Geschwätz zu verachten, denn er hat es durch seinen
Verkehr in den Kreisen, in die Sie ihn einführten, genährt.«
    »Vor allem bitte ich dich, mir hier vor Herrn Schröter zu bezeugen, dass ich
keine Ahnung von alledem gehabt habe; du kennst mich genug, um zu wissen, dass
ich keinen Fuss in die Gesellschaft der Frau von Baldereck gesetzt hätte, wenn
ich für möglich gehalten, dass so etwas von mir gesagt werden kann.«
    »Er ist ganz unschuldig«, sagte Fink mit überzeugender Gutmütigkeit zum
Prinzipal. »Unschuldig und harmlos wie das Veilchen, das still im Verborgenen
blüht; wenn irgend jemand schuld hat bei dieser lächerlichen Geschichte, so bin
ich es und ausserdem die törichten Menschen, welche so etwas verbreitet haben.
Gib dich zufrieden, Anton; wenn dir die Sache leid ist, so wollen wir sie bald
wieder in Ordnung bringen.«
    »Ich werde noch einmal zu Frau von Baldereck gehen und ihr mitteilen, dass
ich die Tanzstunden nicht mehr besuchen kann.«
    »Auch ich halte das für das beste Mittel«, sagte der Kaufmann.
    »Ich fürchte, es wird nicht viel helfen«, bemerkte Fink weise.
    »Dann habe ich wenigstens das Meinige getan«, rief Anton.
    »Wie du willst«, sagte Fink, »Tanzen hast du doch gelernt und deinen Hut
verstehst du auch mit Anstand zu bewegen.«
    Gegen Mittag sagte der Kaufmann zu seiner Schwester: »Du hast recht gehabt,
Wohlfart war in der Hauptsache unschuldig, Fink hat in seinem Übermut die ganze
Intrige angezettelt.«
    »Ich wusste es«, rief Sabine und fuhr heftig mit der Nadel in ihre Stickerei.
- »Wenn es möglich ist, Traugott, so verhüte jetzt eine neue Unbesonnenheit.«
    »Sie müssen die Geschichte selbst ausmachen«, antwortete der Kaufmann, »ich
bin neugierig, wie sie das zustande bringen werden.«
    Anton arbeitete den Tag über wie einer, der sich betäuben will, sprach nur
das Nötigste und ging am Abend trotzig die drei Treppen hinauf, sich
anzukleiden, als ein Mann, der seinen Entschluss gefasst hat.
    Fink sah ihn den Tag über misstrauisch an und fragte sich selbst: »Was hat
der Junge vor? Er gebärdet sich, als sollte er das erste Duell abmachen.« Und
hätte er in Antons Seele sehen können, vielleicht hätte auch ihn erschüttert,
den Schmerz zu erkennen, der in dem jungen Herzen frass. Es war nicht verletzter
Stolz allein, nicht die Scham, wie ein Abenteurer und Betrüger zu erscheinen,
denn diese beiden Empfindungen gingen in einem grösseren Weh unter, in dem
Gedanken an den Abschied von seiner geliebten Tänzerin.
    Fink sprang die drei Treppen hinauf in Antons Zimmer, den er bereits
angekleidet fand, sah das bleiche Gesicht des Freundes, das heute um ein paar
Jahre älter aussah als gewöhnlich, und fragte, seine Hand ergreifend: »Bist du
böse auf mich?«
    »Nicht auf dich und auf keinen anderen«, sagte Anton aufgeregt. »Höre mich
an; wie das Gerücht entstanden ist, will ich nicht wissen. Es ist möglich, dass
du dir einen Scherz mit mir und den Leuten gemacht hast.«
    »Mit dir nicht, mein Kind«, sagte Fink.
    »Jedenfalls hast du um das Geschwätz gewusst und mir nichts davon gesagt, das
war nicht recht von dir, ich sage dir das jetzt und werde dir's nicht
nachtragen, und wir wollen miteinander über diese Geschichte niemals wieder
reden.«
    »Höre«, sagte Fink, »ich habe die Notion, du nimmst das Geschwätz viel zu
tragisch.«
    »Lass mich«, fuhr Anton fort, »nur heut in meiner Weise handeln.«
    »Was willst du denn tun?« fragte Fink.
    »Frage mich nicht«, sagte Anton; »ich empfinde sehr deutlich, was ich tun
muss. Lass uns gehen.«
    »Tu, was du nicht lassen kannst«, sagte Fink gutmütig, »aber vergiss nur
eines nicht: dass jede Art von Szene, die du vor den Leuten aufführst, sie nur
amüsieren wird; um so mehr, je aufgeregter du dich zeigst.«
    »Vertraue mir«, sagte Anton, »ich werde ruhig sein.«
    Es war grosse Gesellschaft in den erleuchteten Zimmern, kleine Balltoilette,
viel Lichterglanz; sämtliche Familienmütter und mehrere Väter; einige eingeübte
Tänze sollten zum besten gegeben werden. Als sie in den gefüllten Saal traten,
sah Fink besorgt auf seinen Freund und fand, dass Anton verstört aussah, aber mit
grosser Energie vorwärts schritt. Er machte sich von Fink los und trat sogleich
zu Lenore, mit der er sich zum ersten Tanz bereits engagiert hatte. Das Fräulein
sah heut so reizend aus, als möglich, sie hatte ihr erstes Ballkleid an, und die
grossen Augen strahlten vor Lust; sie kam ihrem Tänzer einige Schritte entgegen
und sagte ihm mit freundlichem Vorwurf: »Sie kommen so spät, der Ball wird
gleich anfangen, und ich hatte gehofft, mit Ihnen vorher noch eine Weile zu
plaudern. Papa ist auch hier. Ich werde Sie ihm vorstellen. - Aber was haben
Sie? Sie sehen ja so feierlich aus!« -
    »Gnädiges Fräulein«, erwiderte Anton mit einer Verbeugung, »mir ist heut
sehr traurig zumute, ich kann nicht die Ehre haben, den nächsten Tanz mit Ihnen
zu tanzen.«
    »Und warum nicht?« fragte die junge Frau fast erschrocken.
    »Hören Sie mich an, Fräulein, ich werde nicht lange in dieser Gesellschaft
bleiben und komme heut nur, mich bei Ihnen und der Dame vom Hause wegen meines
Weggehens zu entschuldigen.«
    »Aber Herr Wohlfart«, rief Lenore die Hände zusammenschlagend.
    »Viel mehr als an der Meinung der übrigen liegt mir an Ihrer guten Meinung«,
sagte Anton errötend, »und vor Ihnen will ich mich zuerst rechtfertigen.«
    »Sie sollen sich aber nicht rechtfertigen, ich verstehe Sie nicht«, rief die
junge Dame.
    Anton aber erzählte ihr mit fliegenden Worten, was er heute von seinem
Prinzipal gehört, und versicherte sie eifrig, dass er von dem Gerücht nichts
gewusst habe. »Das glaube ich Ihnen gern«, sagte Lenore vertrauensvoll. »Papa hat
auch gesagt, dass es wahrscheinlich ein müssiges Geschwätz sei.« - Sie hielt inne,
denn sie dachte in dem Augenblick daran, dass ihr Vater zugesetzt hatte, dieser
Herr Wohlfart möge ein recht guter Mann sein, aber er passe doch nicht in die
Gesellschaft. »Und weil Sie erfahren haben, was man sich über Sie erzählt,
wollen Sie ganz aus der Tanzstunde ausscheiden?«
    »Ja, ich will«, sagte Anton, »denn wenn ich hierbliebe, würde ich mich der
Gefahr aussetzen, für einen Eindringling oder gar für einen Betrüger gehalten zu
werden.«
    Lenore warf das Köpfchen zurück und sagte gekränkt und heftig: »So gehen
Sie, mein Herr.«
    Dies war das beste Mittel, das Gehen unseres Anton zu verhindern, er blieb
stehen und sah seine Tänzerin flehend an.
    »Warum gehen Sie nicht?« fragte das Fräulein noch heftiger.
    Anton wurde sehr bleich; er sah mit tiefem Schmerz in das Gesicht seiner
zornigen Dame und sagte mit zitternder Stimme: »Sagen sie mir wenigstens, dass
Sie nicht schlecht von mir denken wollen.«
    »Ich werde gar nicht an Sie denken«, rief die junge Dame mit schneidender
Kälte und wandte sich ab.
    Der arme Anton stand einen Augenblick wie vernichtet, es war ein bitterer
Schmerz, der seine unerfahrene Seele durchbebte. Wäre er zehn Jahre älter
gewesen, so hätte er sich diesen heftigen Zorn vielleicht günstiger ausgelegt.
Der Gedanke, dass er noch nicht fertig war, gab ihm seine Kraft wieder, er ging
aufgerichtet, ja mit stolzem Schritt zu dem Kreise, in welchem Frau von
Baldereck die Honneurs machte. Da waren alle die auserwähltesten Damen der
Gesellschaft. Die lange hagere Gräfin sass da eine Tasse Tee trinkend, Eugeniens
Mutter und neben ihr eine grosse Männergestalt; Anton wusste, ohne dass es ihm
jemand gesagt hatte, dass der stattliche Herr Lenorens Vater sein müsse. In dem
Augenblick, wo er vor die Frau vom Hause trat, seine Verbeugung zu machen, flog
sein Blick über die ganze Gesellschaft. Jahre sind seitdem vergangen, aber noch
lebt der Augenblick in seinem Gedächtnis, und noch heut weiss er die Farbe von
jedem Kleide, er könnte noch die Blumen aufzählen, welche in dem Strauss der
Baronin Rotsattel waren, ja, er erinnert sich noch an das Bild, das auf der
gemalten Tasse war, aus welcher die Gräfin trank. Die Hausfrau empfing die
Verbeugung unsers Helden mit herablassendem Lächeln und war im Begriff, ihm
etwas Freundliches zu sagen, als Anton sie unterbrach und mit einer Stimme, die
vor Bewegung zitterte, aber laut durch den ganzen Saal tönte, seine Rede begann,
so dass nach den ersten Worten eine allgemeine Stille entstand: »Gnädige Frau,
ich habe heut erfahren, dass in der Stadt erzählt wird, ich sei reich, ich
besitze Güter in Amerika, und vornehme Herrschaften nehmen im geheimen ein
Interesse an mir. Ich erkläre dies alles für Unwahrheit, ich bin der Sohn des
verstorbenen Kalkulators Wohlfart aus Ostrau; ich habe von meinen Eltern fast
nichts geerbt, als einen ehrlichen, unbescholtenen Namen. Ich bin dem Andenken
an meine guten Eltern und mir selbst schuldig, das hier öffentlich zu erklären.
Sie, gnädige Frau, haben die hohe Güte gehabt, einen fremden und unbedeutenden
Menschen so freundlich in Ihrem Hause aufzunehmen und mich zur Teilnahme an den
Tanzstunden dieses Winters aufzufordern. Ich darf nach dem, was ich heut gehört
habe, nicht mehr daran teilnehmen, weil mein fernerer Besuch der Tanzstunde den
Unwahrheiten, welche man über mich verbreitet hat, Nahrung geben würde, und weil
ich gar in den Verdacht kommen könnte, ein Betrüger zu sein, welcher die
Gastfreundschaft Ihres Hauses missbraucht. Deshalb sage ich Ihnen meinen innigen
Dank für Ihre Güte und bitte Sie, mir ein freundliches Gedächtnis zu bewahren.«
    Die Rede war etwas zu patetisch für den Kreis, in welchem sie wirken
sollte, aber sie wirkte doch. Es entstand für einige Augenblicke tiefes
Stillschweigen; die Gräfin hielt wie erstarrt ihre Tasse in der Luft zwischen
Schoss und Mund, und die Frau vom Hause sah verlegen vor sich nieder.
    Anton machte eine tiefe Verbeugung und ging zur Tür.
    Da eilte aus der starren Gruppe mit beflügeltem Schritte eine helle Gestalt
dem Scheidenden nach, fasste mit ihren Händen seine beiden Hände; Anton sah in
Lenorens weinende Augen und hörte noch, wie sie mit weicher Stimme unter Tränen
zu ihm sagte: »Leben Sie wohl!« Dann schloss sich die Tür hinter ihm, und alles
war vorbei.
    Anton ging langsam nach Hause. Es war so ruhig und still in seiner Seele,
als wäre er nie in dem Hause hinter ihm gewesen; er sah auf die grossen
Schneeflocken, welche vor ihm herunterfielen, und freute sich über die Spur,
welche die Fussgänger in den weichen Schnee gedrückt hatten. Wenn er Schmerzen
fühlte, so waren sie doch ohne Bitterkeit. Er trug sein Haupt stolz und dachte
an alles mögliche, woran ein unbefangener Spaziergänger denkt, an seine Eltern,
an die Briefe, die er heut im Geschäft geschrieben hatte, an seinen Prinzipal
und auch an den närrischen Tinkeles, den Fink heut wieder zum Comtoir
hinausgewiesen hatte. Aber in seinem Ohr klang fortwährend eine Melodie, die
neben allen Gedanken forttönte, es waren die Worte Lenorens: »Leben Sie wohl!«
    In dem Salon der gnädigen Frau kehrte das Leben zurück, als er das Zimmer
verlassen hatte. Das erste Wort, welches gehört wurde, war der strafende Ruf der
Mutter, die ihre Tochter zu sich forderte, welche in der vergangenen Szene eine
so auffallende Rolle improvisiert hatte. »Lenore, du hast dich vergessen!« sagte
die Mutter leise und bekümmert.
    »Lass sie«, sagte der Freiherr mit Geistesgegenwart laut, »die Tochter hat
getan, was der Vater hätte tun sollen, der junge Mann hat sich brav gehalten,
und wir werden ihm unsre Achtung nicht versagen.«
    Unter den übrigen Gruppen aber erhob sich ein Gemurmel, die Einleitung zu
lebhafter Unterhaltung. »Das war ja eine wahre Teaterszene«, sagte die Dame vom
Hause mit nicht ganz natürlichem Lächeln; - »aber, wer hat uns denn gesagt -«
    »Ja, wer hat denn gesagt? -« fiel Herr von Tönnchen ein.
    Aller Augen richteten sich auf Fink.
    »Sie sagten ja doch, Herr von Fink -« fing Frau von Baldereck wieder an,
sich majestätisch erhebend.
    »Jawohl«, fiel Herr von Zernitz ein, »und es ist doch etwas an dem Gerücht,
mein Wort darauf! Ich selbst habe bei einem notariellen Akt als Zeuge gedient«,
fuhr er unvorsichtig heraus. »Erklären Sie doch, Fink.« - »Auch ich muss um
Erklärung bitten, Herr von Fink«, fuhr die Hausfrau gereizt fort.
    »Mich? Gnädige Frau«, sagte Fink mit der Ruhe eines Gerechten, dem ein
Unrecht geschieht. »Was soll ich von diesem Gerücht wissen? Ich selbst habe ihm
widersprochen, soviel ich nur konnte.«
    »Ja, das haben Sie«, liessen einzelne Stimmen sich hören, »aber Sie liessen
merken -«
    »Sie sagten doch -« fiel Frau von Baldereck ein.
    »Was? Gnädige Frau«, fragte kalt der unerschütterliche Fink.
    »- dass dieser Herr Wohlfart auf geheimnisvolle Weise mit dem - dem Kaiser -
in Verbindung stehe.«
    »Das ist unmöglich«, antwortete Fink mit grösstem Ernst. »Das ist ein arges
Missverständnis! Ich habe Ihnen die Person des Herrn beschrieben, der Ihnen
damals noch unbekannt war; es ist möglich, dass ich dabei eine zufällige
Ähnlichkeit erwähnt habe.«
    »Aber was ist das mit den Gütern?« fiel Herr von Tönnchen ein, »Sie selbst
haben ja die Herrschaft an ihn zediert, und dieser Verkauf war von auffallenden
Umständen begleitet. Sie forderten von uns, die Sache als tiefes Geheimnis zu
bewahren.«
    »Da Sie mein Geheimnis so gut bewahrt haben, dass Sie es überall und jetzt
hier vor der ganzen Gesellschaft erzählen«, entgegnete Fink lachend, »so tragen
Sie und Zernitz offenbar die Schuld, wenn sich dies törichte Gerücht verbreitet
hat. Merken Sie auf, meine teuren Herren. Mein Freund Wohlfart hatte einmal in
fröhlicher Stimmung geäussert, er wünsche wohl, Grundbesitz in Amerika zu haben.
Ich machte mir einen Scherz und schenkte ihm zu Weihnachten eine Besitzung, die
ich auf Long Island bei New York hatte. Diese Besitzung, meine Herren, besteht
in einer Sandgrube, welche mit Gesträuch bewachsen ist und in welcher eine
bretterne Vogelhütte zum Schiessen von Strandvögeln steht. Wenn ich Sie gebeten
habe, nicht davon zu sprechen, so war das ganz in Ordnung; dass Sie aber aus
dieser Kleinigkeit ein Tau gesponnen haben, welches einen liebenswürdigen Mann
von unsrer Gesellschaft scheiden soll, tut mir sehr leid.« Ein kalter Hohn legte
sich auf sein Gesicht, als er fortfuhr: »Mit Freuden sehe ich, wie sehr Sie alle
diese Empfindung teilen, und wie stark Sie den gemeinen Bedientensinn verachten,
welcher einen Mann deswegen für salonfähig hält, weil irgendein fremder Potentat
sich um ihn gekümmert haben soll. Da wir aber den heutigen Ball mit Erklärungen
angefangen haben, so will auch ich die Erklärung abgeben, dass Herr Anton
Wohlfart legitimer Sohn des verstorbenen Herrn Kalkulators Wohlfart in Ostrau
ist, und dass ich jede fernere Erwähnung dieser Missverständnisse für eine
Beleidigung meines nächsten Freundes halten werde. - Und jetzt, gnädige Frau,
schenken Sie mir aufs neue Ihre Huld, ich bin mit Fräulein Eugenie zur ersten
Quadrille engagiert und fühle mich ausserstande, länger zu warten.«
    In Frau von Baldereck kämpfte eine Weile verletztes Selbstgefühl und
mütterliche Sorgfalt, endlich siegte, wie bei einer guten Natur zu erwarten war,
die letztere; sie sagte, Fink vorwurfsvoll anblickend, leise: »Ich fürchte, Sie
haben Ihr Spiel mit uns getrieben!« - Fink aber schüttelte den Kopf und
erwiderte mit grosser Aufrichtigkeit: »Man spielt nicht, wo man fühlt.« Darauf
führte er Fräulein Eugenie zum Tanze.
    Beim Antreten sagte ihm Leutnant von Zernitz: »Sie haben Ihr Spiel mit uns
getrieben, Fink, ich bedaure, darüber noch eine Erklärung von Ihnen fordern zu
müssen.«
    »Seien Sie verständig und fordern Sie nichts«, entgegnete Fink, »wir haben
so oft miteinander um die Wette geschossen, dass es sehr töricht wäre, wenn wir
einer auf den andern zielen wollten.«
    Da Fink bei weitem der beste Schütz in der Gesellschaft war, so sah Herr von
Zernitz doch zuletzt ein, dass Fink recht hatte. Und eine kleine Spannung von
einigen Wochen abgerechnet, welche an einem stillen Abend bei der zweiten
Flasche Burgunder durch Händeschütteln ausgeglichen wurde, hatte die Sache keine
weiteren Folgen. - Doch erkaltete seit dem Abgange Antons das Interesse, welches
Fink an der Tanzstunde genommen, und weder Teone Lara noch Lenore hatten
Ursache, seine Anspielungen zu fürchten, denn wenn er im Salon erschien, so
begnügte er sich, der Tochter vom Hause und einigen erfahrenen Frauen seine
Huldigung darzubringen, um die aufstrebende Jugend kümmerte er sich nicht mehr.
    Anton aber war wie ein erlöschender Stern aus der Gesellschaft geschieden.
Er wurde nicht wieder darin gesehen. Frau von Baldereck erkannte etwas spät, dass
es passend sei, den jungen Mann, der doch einmal in ihrem Hause aufgenommen war,
gelegentlich wieder einzuladen, um ihm und andern zu zeigen, dass man seine
Gegenwart nicht bloss deswegen für anständig halte, weil er - sondern auch um
seiner selbst willen. - Und einige andere Familien des Landadels dachten ebenso,
da aber, wie bemerkt, alle diese Einladungen etwas spät kamen, und Anton sein
Nichterscheinen entschuldigte, so geschah ihm in kurzem, was viel bedeutenderen
Grössen der Gesellschaft zu begegnen pflegt, er wurde vergessen. Die frühern
Eideshelfer bei der grossen Urkunde, Herr von Zernitz und Herr von Tönnchen,
redeten ihn noch eine Weile auf der Strasse an, wenn er ihnen begegnete, dann
grüssten sie ihn noch ein Jahr, und endlich kannten auch sie ihn nicht mehr.
    Unserem Anton kam wenig darauf an. Er stürzte sich jetzt mit Leidenschaft in
die Arbeiten des Geschäfts. Gleich am andern Morgen klopfte er an die Tür des
kleinen Comtoirs und trat in das Allerheiligste des Prinzipals ein. Er erzählte,
was er gestern zu Frau von Baldereck gesagt habe, und fügte hinzu: »Ich werde
nicht mehr in die Gesellschaft gehen und ich bitte Sie, mir zu verzeihen, wenn
ich in der letzten Zeit meine Pflicht nicht vollständig getan habe, ich werde
von heut an sorgfältiger sein.«
    »Ich habe keinen Grund, über Sie zu klagen«, erwiderte der Kaufmann
freundlich, »geben Sie mir die Summe an, welche Sie bedürfen, um Ihre
Verhältnisse in Ordnung zu setzen.« Anton zog einen Zettel aus der Tasche, auf
dem er gewissenhaft sein Debet aufgezeichnet hatte, Herr Schröter rief den
Kassierer, liess die Summe an Anton zahlen und diesem zur Last schreiben, und
auch das war abgemacht.
    Fink sagte am nächsten Tage zu Anton: »Du bist mit einem Knalleffekt
ausgetreten und hast von den ältern Herren der Gesellschaft das Zeugnis
bekommen, dass du dich angemessen benommen hast.«
    »Wer hat das gesagt?« Fink erzählte ihm die Äusserung des Freiherrn von
Rotsattel und tat, als bemerkte er nicht, dass Antons Gesicht eine tiefe Röte
überflog, »Indes wäre doch klüger gewesen«, fuhr Fink fort, »wenn du die
Angelegenheit nicht so auf die Spitze getrieben hättest. Wozu die ganze
Gesellschaft meiden, in der doch einige sind, die dich persönlich liebgewonnen
haben?«
    »Ich habe gehandelt«, sprach Anton, »wie es mir mein Gefühl eingab, ein
anderer, der älter ist und mehr Welt hat, wird es vielleicht geschickter
anfangen. Du kannst mir nicht zürnen, dass ich in dieser Sache nicht deinem Rat
gefolgt bin.«
    »Es ist merkwürdig«, dachte Fink, die Treppe hinuntersteigend, »bei welchen
Gelegenheiten die verschiedenen Menschen lernen, den eigenen Willen zu
gebrauchen. Dieser Knabe ist über Nacht selbständig geworden, und was ihm das
Schicksal jetzt von grössern Dingen bringt, er wird sicher alles anständig
durchmachen.«
    Für Anton sowohl, als seinen Freund, war ein gutes Zeichen, dass ihr
Verhältnis durch diese Szene nicht gestört wurde. Ja, es gewann an innerm Wert.
Fink behandelte seinen jüngern Freund mit grösserer Achtung, und Anton bewegte
sich mit mehr Freiheit und gewöhnte sich, auch Fink gegenüber einen eigenen
Willen zu haben. Und das richtige Urteil des Jüngern trug allmählich dazu bei,
den Älteren von manchem losen Streich abzuhalten und seinen Übermut zu bändigen.
Anton erfüllte seine Pflichten im Comtoir mit der grössten Pünktlichkeit, sein
Diensteifer war unendlich, und seine Zuvorkommenheit gegen die Kollegen grösser
als jemals. Fink gewöhnte sich dadurch, ohne dass er es selbst merkte, auch
seinerseits regelmässiger im Geschäft zu erscheinen und die Arbeitsstunden besser
auszuhalten. Nur einen Gegenstand gab es, über den er mit seinem Freunde nie
sprach, obgleich er wusste, dass Anton immer an ihn dachte, das war die junge Dame
der Tanzstunde, welche so viel Herz und Mut gezeigt hatte.
 
                                       4
Nie hatten die Blumen so reichlich geblüht und nie die Vögel so lustig gesungen,
als in diesem Sommer auf dem Gut des Freiherrn. Die Wintersaison hatte die
Familie mit einem grossen Kreis des Landadels verbunden, und die Bekanntschaften
des Teetisches und Ballsaals spannen sich jetzt unter dem blauen Himmel weiter.
Fast immer war Besuch auf dem Schloss. Aus der Stadt kam Frau von Baldereck mit
Eugenie, zuweilen auch der Laubfrosch, Zernitz und Benno Tönnchen, von ihrem Gut
Frau von Werner mit einem Sohn und vier Töchtern. Teone und Hildegard waren
wochenlang die Gäste Lenores, sie hatten kein Mittel gefunden, ihren Schwur zu
halten, und trafen jetzt wenigstens auf befreundetem Gebiet wieder zusammen. Das
Haus schien manchmal zu klein, die Gäste zu fassen. In allen Zimmern des
Schlosses und auf dem runden Rasenplatz tummelten sich die zierlichen Gestalten
der Mädchen. Sie lasen Teaterstücke mit verteilten Rollen, sie fühlten
miteinander die zartesten und höchsten Gefühle durch, sie tanzten, sie schlugen
den dritten ab, oder liessen sich vom wilden Mann jagen. Und wenn die jungen
Herren ja einmal langweilig wurden und die Stimmung der Mädchen nicht
verstanden, so bestiegen diese den Kahn, ergriffen die Streichruder und zogen
sich vom Festlande zurück in eine unangreifbare Stellung mitten auf dem Wasser.
Wie süss wurde dort geschwärmt, wenn das Ruder leise in der Flut plätscherte und
der Mond über den Bäumen des Parks heraufzog. Um den Kahn hoben die Seerosen ihr
weisses Haupt aus dem Wasser, erfreut, dass ihre Feinde, die Schwäne, zur Ruhe
gegangen waren, das Bild des Mondes zitterte auf dem Kamm kleiner Kreiswellen,
die Nachtigall schmetterte im Busch, und ein warmer Windeshauch trieb den Duft
blühender Sträucher über den See. Dann sangen Teone und Hildegard zweistimmige
Lieder, oder Hulda Werner gestand eine holde Erinnerung aus der Residenz, oder
Eugenie machte spöttische Bemerkungen über die unglücklichen Herren, welche am
Uferrand auf und ab liefen und vergeblich durch List und Gewalt in den Besitz
des Kahnes zu kommen suchten.
    Aber die prächtigsten Stunden waren am Sonntagabend; dann wurde das
Winterkränzchen fortgesetzt, der Reihe nach im Schloss der Rotsattel, bei
Werners, bei Balderecks. Wenn man nicht tanzte, trieb man schelmische Possen.
Man verkleidete sich. Mit Mänteln, Schals und Tüchern drapierte sich die junge
Gesellschaft in der lächerlichsten Weise, dann stellte Zernitz, der in solchen
Dingen ein Meister war, schnell ein Tableau, und die Väter und Mütter mussten als
Publikum zusehen. Oder man führte Scharaden in dramatischen Szenen auf, entweder
aus dem Stegreif oder so, dass die Rollen der einzelnen auf kleine Zettel
geschrieben wurden, die man während der Aufführung in der Hand hielt. Die ganze
Woche hindurch dachten die Mädchen auf hübsche Wörter, und wie man sie
darstellen könnte. Klassische Wörter wurden dort aufgeführt, zum Beispiel:
»Referendarius«, als Reh, als Fee, als Wettrennen und als König Darius, wo Benno
Tönnchen als toter Darius auf dem Boden lag, und die schöne Hulda Werner als
Alexander der Grosse mit gerungenen Händen hinter ihm stand, worauf Lenore als
Ganzes mit einer Brille auf der Nase und Akten unter dem Arm erschien und über
den Laubfrosch, welcher ein Verbrechen begangen hatte, ihr Protokoll aufnahm. -
    Und erst als das treffliche Wort Partenia dargestellt wurde.
    Zuerst ein feierliches Ehepaar aus der alten Zeit; dann ein langweiliger
Tee, dann ein schüchterner Liebhaber, welcher täglich seiner Dame einen
Liebesantrag machen will und niemals damit zustande kommt, sondern immer sitzen
bleibt, so dass die Dame zuletzt mit einem Seufzer die Erklärung ausrufen kann,
»nie, nie!« Und dann eine andere Brautwerbung, bei der ein verschämtes
Bauernmädchen ihrem Liebhaber, dem Otto Tronka, zuletzt ein leises Ja zuflüstern
muss. - Teone Lara war als Bauernmädchen bezaubernd, nur das Ja sprach sie nicht
aus, sie schämte sich. - Und am Schluss erschien Lenore wieder als Ganzes, als
eine griechische Jungfrau, und der Laubfrosch, der Nussknacker und der kleine
Lanzau sassen als Wilde in schwarzhaarigen Schlittendecken um sie herum, und
wurden von ihr ach! so schlecht behandelt.
    Wie glücklich war Lenore in dieser Zeit! Zwar ein wenig original war sie
geblieben, und die Mutter schüttelte zuweilen den Kopf über einen kecken Einfall
oder einen kräftigen Ausruf, der den Lippen des schönen Mädchens entschlüpfte.
Natürlich tanzte Lenore immer als Herr, sooft es an Herren fehlte; sie war die
Anführerin bei einigen entschlossenen Taten, welche die Mädchen verübten, sie
führte ihre ganze Gesellschaft einmal wohl eine Meile weit auf einen Punkt, wo
eine gute Aussicht sein sollte, sie zwang sie dann, in die Schenke des nächsten
Dorfes einzukehren und Milch und Schwarzbrot als Abendkost zu geniessen, und
brachte die Todmüden am späten Abend auf einem Leiterwagen zurück, den sie
gemietet hatte und auf dem sie stand und selbst kutschierte. Sie behandelte die
jungen Herren fortwährend gönnerhaft wie kleine Jungen, die ein Butterbrot in
der Hand halten, sie liess sich von ihnen Pferdegeschichten erzählen, und trat
bei einer dramatischen Szene zum Schrecken der Mutter sogar selbst als Herr auf,
mit einer Reitpeitsche und einem kleinen Bart von Wolle, den sie allerliebst zu
drehen wusste. dabei sah sie aber so wunderhübsch aus, dass auch die Baronin nicht
im Ernst zürnen konnte.
    Wenn jemand auf dem Gut mit dem neuen Leben der Familie nicht ganz zufrieden
war, so war's die Baronin. Über ihren Gemahl war Zerstreuung und Geschäftigkeit
gekommen, die wolkenlose ruhige Heiterkeit früherer Jahre schien aus seiner
Seele verschwunden. Auch jetzt im Sommer fuhr er oft nach der Stadt, manchen
Abend brachte er in der Ressource zu, und lustige Regimentskameraden, welche
eine Frau zu nehmen vermieden hatten, zogen ihn häufig aus den Zimmern der
Hausfrau in ihre Rauchstuben. Er verhandelte mit Ehrental und gefiel sich in
lauter Gesellschaft, von der er sonst wenig gehalten hatte. Es war eine sehr
geringe Veränderung des Freiherrn, nur für das Auge der Gattin erkennbar. Und
auch die Baronin sah ein, dass sie unrecht tue, über diese Veränderung zu
trauern.
    Aber auch ihr wurde in dieser Zeit grosse Freude. Eugen bestand sein
Offizierexamen und kündigte seinen Besuch an, um die Schnüre auf seinen Achseln
zu zeigen. Die Mutter liess ihm sein Zimmer neu einrichten, und der Vater stellte
einen Gewehrschrank und eine neue Jagdausrüstung hinein, die er ihm zum Geschenk
bestimmte. Als die Stunde kam, wo Eugen eintreffen sollte, konnte der Freiherr
die Ankunft gar nicht erwarten, er liess satteln und ritt dem Sohn bis zum
nächsten Dorf entgegen. Und als eine kleine Staubwolke auf der Landstrasse das
Nahen des Reiters verkündete und der Vater die schlanke Gestalt des
Husarenleutnants vor sich erblickte, das Gesicht, welches der geliebten Frau so
ähnlich sah, da sprang er wie ein Jüngling vom Pferde, der Sohn tat im Nu
dasselbe, und es war ein guter Anblick, als die beiden ritterlichen Gestalten
einander auf der Heerstrasse umarmten. Und stattlich anzusehen war's, als sie
nebeneinander dem Schloss zutrabten.
    »Ich bringe dir auch gute Nachricht vom Regiment«, begann Eugen nach dem
ersten Austausch freudiger Fragen und Antworten. »Zuerst lässt dich der Oberst
grüssen.«
    »Er war seinerzeit ein toller Junge«, sagte der Vater.
    »Jetzt ist er ein Brummbär«, sagte der Sohn. - »Unser Avancement wird
magnifique. Waldorf wird ausscheiden müssen, weil seine Brust immer schlechter
wird; Balduin Tronka will sich versetzen lassen, er hat mit dem Rittmeister
einen famosen Streit gehabt, die Geschichte muss ich dir noch erzählen, und
Stallinger bekommt das Majorat seines Onkels, der auf den Tod liegt. Er wird ein
fanatisch reicher Kerl. Man sagt, zwanzigtausend Revenüen.« - »Das ist sehr
übertrieben«, sagte der Vater, »das Majorat ist wenig grösser, als unser Gut.«
    »Jedenfalls wird er seinen Wallach dem Wachtmeister schenken«, sagte der
Sohn. »Er hat dem Tisch einen süperben Satz versprochen. Wie gefällt dir mein
Brauner, Vater?« Sie hielten vor dem Hofe an, der Leutnant ritt das Pferd vor.
Der Freiherr untersuchte als Kenner und sprach im allgemeinen seine Billigung
aus. »Wir wollen die Frauen überraschen«, sagte der Freiherr. Vor dem
Pferdestall hielten sie noch einmal an. Als der Reitknecht die Pferde abnahm,
konnten Vater und Sohn sich nicht entalten, auf einen Augenblick einzutreten.
Zuerst prüften sie die Reitpferde des Freiherrn, dann gingen sie die Reihe der
Ackergäule durch. Mit Gönnermiene schlug der Leutnant das eine oder andere,
einen persönlichen Bekannten, an den Hals und sprach zur Freude des Vaters mit
militärischer Kürze entschiedene Urteile über die Tüchtigkeit aus. Die Knechte
standen ehrerbietig herum, Vater und Sohn gerieten in Eifer und teilten einander
nicht aufzuschiebende Sportanekdoten mit, der Freiherr mit der Ruhe eines alten
Rossbändigers, der Leutnant mit jugendlichem Feuer, seelenvergnügt vor der
erprobten Weisheit des Vaters auch seine lustig grünende Wissenschaft zu zeigen.
Bei Lenorens Pony erinnerten sich Vater und Sohn zu gleicher Zeit an die Frauen
des Hauses und eilten schnell aus dem Stall nach dem Schloss.
    In der Rosenlaube hielt die Baronin ihren Sohn umschlungen, während Lenore
ihm liebkosend auf die Schultern klopfte. - Jetzt erst begann die rechte Freude
auf dem Schloss. - Die Augen der Eltern glänzten, sooft sie auf die hohe Gestalt
des Reiters sahen. Wenn einzelne seiner Ausdrücke und Gebärden noch an die
Reitbahn erinnerten, so ertrug auch die Baronin das mit freundlichem Lächeln.
Denn seit alter Zeit ist der Stall die Vorhalle, durch welche der Kavalier zu
den gefälligen Formen des Salons hinaufsteigt. Im Kreise der Mädchen eroberte
sich Eugen sofort die Herrschaft, wenigstens in allen lustigen Stunden wurde er
ihr bevorzugter Gefährte. Er machte seine Besuche in der Umgegend, man lud ein
und wurde geladen, ein fröhliches Fest folgte dem andern.
    Das Behagen an diesem bunten Treiben wurde dem Freiherrn nur durch einen
Umstand beeinträchtigt: er konnte durchaus nicht mehr mit seinem Gelde
auskommen. Was zwanzig Jahre hindurch möglich gewesen war, erwies sich jetzt als
völlig unmöglich. Das Winterquartier in der Stadt, die grössere Ausdehnung seiner
gesellschaftlichen Verbindungen, die Epauletten seines Sohnes, die Florkleider
und Spitzen Lenorens, sogar die Zuschüsse, welche er zu den jährlichen Zinsen
seiner Pfandbriefe machen musste, um die Interessen an die Landschaft zu zahlen,
das alles zusammen wurde ihm unbequem. Die Erträge des Gutes wurden zuweilen
ungeduldig erwartet und schnell in Anspruch genommen, sie wurden dadurch nicht
grösser und nicht sicherer; und mancher verständige Vorsatz früherer Zeiten blieb
unausgeführt. Er hatte den Plan gefasst, eine sterile Sandfläche an der Grenze
seines Gutes mit Kiefern zu besäen, sogar die unbedeutenden Kosten dieser
Verbesserung wurden ihm lästig, und der gelbe Sand glänzte ungefurcht das ganze
Jahr in der Sonne. Wieder war er mehr als einmal in die Lage gekommen, die
zierliche Kassette, welche seine geliebten Pfandbriefe beherbergte, zu öffnen
und einzelne Nummern des schönen Pergaments herauszunehmen; wieder umwölkte sich
seine Stirn, und wieder durchfuhr eine fliegende Unruhe sein in der Regel so
würdig gehaltenes Wesen. Aber es war nicht mehr die quälende Angst einer
früheren Zeit, er hatte bereits eine kleine Praxis in Geschäften erworben und
sah die Sache ein wenig kaltblütiger an. Es musste einen Weg geben, aus diesen
Verlegenheiten herauszukommen, im schlimmsten Falle lebte er noch einen,
höchstens zwei Winter in der Stadt, bis Lenorens Erziehung vollendet war, und
zog sich dann mit Energie in seine Landwirtschaft zurück. Er fühlte, dass ihm das
kein grosses Opfer kosten würde. Und dann führte er seine industriellen Projekte
aus, als guter Wirt nur auf die Zukunft der Kinder bedacht. Unterdes beschloss
er, sich gelegentlich bei Ehrental Rat zu holen. Der Mann war im ganzen doch
wohl ein ehrlicher Mann, soweit ein Negociant einem Edelmann gegenüber so etwas
sein kann; und was die Hauptsache war, er kannte die Verhältnisse des Freiherrn
ziemlich genau, und der Herr fühlte ihm gegenüber nicht die Scheu, welche ihn
abhalten musste, einem Fremden Bekenntnisse zu machen.
    Wie immer erschien auch diesmal der Händler zu rechter Zeit. Seine
diamantene Busennadel blitzte, seine unterwürfigen Komplimente gegen die Baronin
waren lächerlicher als je, und seine Bewunderung des Gutes zeigte sich wahrhaft
grenzenlos. Der Freiherr führte ihn in guter Laune durch die Wirtschaft und
sagte endlich: »Sie sollen mir einen Rat geben, Ehrental.«
    Ehrental zuckte mit den Augen und sah den Freiherrn schlau an.
    Es waren nur wenige Jahre vergangen, seit sie einen ähnlichen Gang durch die
Gebäude des Hofes gemacht hatten, und sehr hatten sich die Zeiten geändert!
Damals musste der Händler seinen guten Rat dem stolzen Baron so vorsichtig und in
Süssigkeiten eingehüllt anbieten, wie man dem unartigen Kinde eine Arznei
einflösst, und jetzt kam derselbe Herr bereits hilfesuchend zu ihm.
    Der Freiherr fuhr mit möglichst leichtem Tone fort: »Ich habe in diesem Jahr
grössere Ausgaben gehabt, als früher, selbst die Pfandbriefe verlangen Zuschüsse,
ich muss darauf denken, meine Einnahmen zu vermehren. Was ist nach Ihrer Meinung
für diesen Zweck am besten zu tun?«
    Die Augen des Händlers glänzten, aber er erwiderte mit gebührender Demut:
»Was zu tun ist, werden der Herr Baron besser wissen, als ich.«
    »Nur keins von Ihren Geschäften, Ehrental«, warf der Freiherr vorsichtig
ein. »Ich werde mit Ihnen nicht wieder in Kompanie treten.«
    Kopfschüttelnd antwortete Ehrental: »Es ist auch nicht immer zu machen ein
solches Geschäft, welches ich mit gutem Gewissen dem Herrn Baron empfehlen kann.
Der gnädige Herr hat fünfundvierzigtausend Taler liegen in Pfandbriefen. Wozu
sich halten die Pfandbriefe, welche sowenig Zinsen geben? Wenn Sie dafür kaufen
eine sichere Hypotek zu fünf Prozent, so werden Sie davon zahlen vier Prozent
an die Landschaft und ein Taler vom Hundert bleibt Ihnen als Vorteil, ein
jährlicher Vorteil von vierhundertfünfzig Taler für Ihre Kasse. Und Sie können
dabei haben noch einen grösseren Vorteil. Manche sichere Hypotek zu fünf Prozent
wird angeboten zum Kauf mit grossem Profit für den Käufer, welcher Bargeld
bezahlen kann. Sie werden vielleicht vierzigtausend Taler zahlen, vielleicht
noch weniger, und eine gute Hypotek erhalten, welche Ihnen bringt fünf Prozent
Zinsen von fünfundvierzigtausend Talern.«
    Der Freiherr antwortete: »So war auch mein Gedanke, aber mit der Sicherheit
solcher Hypoteken, welche auf dem Markt in den Händen von Euch Händlern sind,
sieht es schlecht aus, und ich kann mich darauf nicht einlassen.«
    Ehrental wälzte durch eine Handbewegung jeden Bruchteil dieses Vorwurfs,
welcher ihn persönlich hätte treffen können, von sich ab und sagte ärgerlich
über den unsoliden Schacher mit solchen Instrumenten: »Ich mache nicht gern
Geschäfte mit Hypoteken; was so ist auf dem Markt in den Händen der Händler,
das ist nichts für den Herrn Baron; Sie müssen sich wenden an einen
zuverlässigen Mann. Sie haben einen Rechtsanwalt, welcher gute Geschäftskenntnis
hat, vielleicht kann der Ihnen schaffen eine sichere Hypotek.«
    »Sie wissen also keine?« frug der Freiherr prüfend und doch mit dem stillen
Wunsche, dass Ehrental ihm die Mühe erleichtern möchte.
    »Ich weiss keine«, sagte der Händler mit grösster Entschiedenheit. »Aber wenn
Sie wünschen, will ich mich erkundigen unter der Hand; es sind immer welche zu
haben. Auch Ihr Rechtsanwalt wird Ihnen sagen, was er für sicher hält. Solche
Herren geben sich nur keine Mühe bei den Verhandlungen vor dem Kauf, und Sie
werden beim Rechtsanwalt voll einzahlen müssen die ganze Summe für dieselbe
Hypotek, welche Sie durch einen Geschäftsmann können erhalten mit einem Vorteil
von einigen Tausend.«
    Da in der Seele des Freiherrn dieser Vorteil bereits die grösste Wichtigkeit
erlangt hatte, so fasste er in der Stille seinen Entschluss. Er wollte sehr
vorsichtig sein, aber womöglich lieber eine bereits vorhandene Hypotek kaufen,
als durch seinen Rechtsfreund das Geld anlegen lassen. Und dem Händler sagte er:
»Es eilt nicht, falls Sie etwas Passendes finden, benachrichtigen Sie mich.«
    »Ich will mir Mühe geben«, sprach der Händler mit Zurückhaltung, »aber es
wird am besten sein, wenn auch der Herr Baron bei diesem Geschäft Erkundigungen
einziehen, denn ich mache sonst keine Geschäfte mit Hypoteken.«
    Wenn diese Äusserung auch nicht wahrhaftig war, so erfüllte sie doch ihren
Zweck, denn die kühle Unschuld des Händlers steigerte das Zutrauen des Freiherrn
zu ihm um ein Bedeutendes. Ehrental aber suchte eilig von dem Gute wegzukommen;
er vernachlässigte diesmal die feinwolligen Sprungböcke, übersah das runde
Aussehen der Sperlinge auf dem Dache und grollte seinem Kutscher, weil dieser zu
langsam fuhr: »Wenn ich einer Schnecke binde die Zügel an ihre Hörner, so wird
sie mich schneller fahren als Ihr«, zankte er ärgerlich und rückte auf seinem
Sitze hin und her.
    Der Kutscher peitschte verdriesslich die Pferde und warf grob über die
Schulter zurück: »Wenn Sie Ihren Pferden mehr Hafer geben, werden sie mehr sein
wie die Schnecken. Zwei Metzen Hafer, und er verlangt Galopp auf steinigem
Wege!«
    Der Freiherr fuhr am nächsten Tage nach der Stadt und ersuchte seinen
Rechtsfreund, die nötigen Anstalten zur Erwerbung einer Hypotek zu machen. Er
verbarg ihm nicht, dass er dieselbe gern mit einigem Vorteil erhalten würde.
    Der verständige Jurist riet ihm dringend, auf solchen Vorteil zu verzichten,
weil keine Aussicht sei, dass er eine sichere Anlage um weniger als den Nennwert
bewirken werde. Grade dieser Rat machte den Freiherrn nur noch mehr geneigt,
sich beim Erwerb der Hypotek seinem eigenen Urteil zu überlassen.
    Einige Tage darauf meldete sich beim Baron ein starker grosser Mann mit
rötlichem, glänzendem Gesicht, ein Herr Pinkus aus der Hauptstadt. Der würdige
Herbergsvater wurde in das Arbeitszimmer des Barons geführt und beeilte sich,
sein Erscheinen zu entschuldigen. Er hatte gehört, dass der gnädige Herr Geld
anzulegen wünschte, und wusste eine ausgezeichnet sichere, höchst empfehlenswerte
Hypotek von vierzigtausend Taler auf eine grosse Herrschaft in der benachbarten
Provinz, Eigentum des reichen Grafen Zaminsky, der im Ausland lebte. Die Güter,
auf welchen die Hypotek haftete, hatten alle möglichen Vorteile; es waren drei,
vier Güter, es war eine Waldfläche dabei von mehr als zweitausend Morgen, und
reiner Urwald war das nach den Schwüren des Berichterstatters. Vier Dörfer waren
zu Spann- und Handarbeit verpflichtet, hundert Stellen in vier Dörfern hatten
bares Geld an die Herrschaft zu zahlen, kurz, es war eine Besitzung, welche dem
grössten Fürsten keine Schande gemacht hätte. Und diese Hypotek von
vierzigtausend Talern stand mit ihrem Pfandrecht gleich hinter den ersten
hunderttausend Talern. Hinter ihr waren noch fünf oder sechs kleinere, aber
immerhin ansehnliche Kapitalien eingetragen. Die Hypotek war gegenwärtig im
Besitz des Grafen Zaminsky selbst. Er hatte dieselbe seinem Geschäftsträger zum
Verkaufe zediert. Und dieses vortreffliche Instrument war, wie Pinkus
geheimnisvoll andeutete, möglicherweise für neunzig Prozent, also für
sechsunddreissigtausend Taler, zu haben. Es war unbequem, dass die Herrschaft in
einer benachbarten Provinz lag, in welcher die Landwirtschaft noch viele
altertümliche Eigenschaften hatte. Aber die Grenze war höchstens zwei Meilen
entfernt, die nächste Kreisstadt war durch eine Chaussee mit der Welt verbunden,
kurz es gab nichts, was nicht bei unbefangener Betrachtung an der Hypotek
einnehmend erschienen wäre, und Pinkus würde sich nie entschlossen haben, einen
solchen Schatz irgendeinem fremden Käufer zu gönnen, wenn dieser nicht in so
ausgezeichneter Weise alle höheren Tugenden in seiner Person vereinigte, wie der
Freiherr.
    Der Gutsherr verhielt sich gegenüber diesen Anpreisungen so würdig, wie
einem Mann von Erfahrung geziemte. Vor seinem Abgange zog Pinkus ein dickes
Aktenbündel, welches das Dokument selbst vorstellte, aus einer Ledertasche
hervor und legte dasselbe vertrauensvoll vor dem Freiherrn auf den Tisch, damit
dieser bei Gelegenheit mit Musse die Richtigkeit aller Angaben prüfen könnte.
    Am andern Morgen fuhr der Freiherr mit dem Dokument zu seinem Rechtsfreund,
ersuchte ihn, dasselbe durchzusehen und die nötigen Ermittelungen anzustellen.
Er selbst stieg darauf die schwarze Treppe zur weisslackierten Pforte des Herrn
Ehrental hinauf.
    Ehrental war entzückt über das Glück, welches ihm widerfuhr, er warf seinen
Schlafrock mit Blitzeseile ab und bestand darauf, der Herr Baron möge ihm die
unendliche Ehre erweisen, bei ihm zu frühstücken. Der Freiherr war human genug,
das nicht ganz auszuschlagen; er wurde in das distinguierte Putzzimmer des
Hauses geführt und sah mit innerer Heiterkeit über die auffallenden Farben der
bunten Vorhänge, den roten Plüsch des Sofas, den unsaubern Fussboden und die
zahlreichen schlechten Ölbilder an den Wänden, dicke Farbenmassen, welche
wahrscheinlich auf dem Trödel gekauft waren und schwärzlichen Baumschlag aus
irgendeinem unreinlichen Weltteil darstellten. Die schöne Rosalie trat nach
einiger Weile selbst herein mit rabenschwarzen Hängelocken, in rauschendem
Seidenkleid, machte eine tiefe Verbeugung und besetzte den Frühstückstisch. Es
war dem Freiherrn eine stille Unterhaltung, zu beobachten, wie die gezierte
Haltung der Tochter mit dem kriechenden Wesen des Vaters kontrastierte, und der
gute Herr freute sich schon darauf, wie er auf den Abend beim Teetisch der
Baronin und seiner Lenore dies wunderliche Gemisch von Luxus und
Unbehilflichkeit schildern würde. So sass er auf dem Sofa und sah mit
freundlichem Lächeln auf den Händler. Herr Ehrental sass ihm gegenüber und
freute sich auch; auch sein Mund lächelte so verbindlich als möglich. Endlich
sagte der Freiherr, nachdem er der schönen Tochter des Hauses einige artige
Worte gegönnt hatte: »Kennen Sie einen Herrn Pinkus, lieber Ehrental?«
    Die Tochter verschwand bei diesen geschäftlichen Worten, der Vater rückte
sich auf seinem Stuhl zurecht. »Ja, ich kenne ihn«, sagte er kühl, »er ist ein
kleiner Geschäftsmann; ich glaube auch, dass er ist ein ehrlicher Mann. Er ist
nicht von Bedeutung, er macht seine Geschäfte nach Polen zu.«
    »Haben Sie diesem Herrn etwas von meinem Wunsche gesagt, eine Hypotek zu
kaufen?« fragte der Freiherr weiter.
    »Was sollte ich es ihm sagen?« antwortete Ehrental; »ist er gewesen bei
Ihnen wegen einer Hypotek«, fragte er kopfschüttelnd, »so hat er es erfahren
von einem anderen Geschäftsmann, mit dem ich darüber gesprochen. Der Pinkus ist
ein kleiner Mann, was kann er bringen eine Hypotek für Sie?« Hier deutete Herr
Ehrental durch eine Handbewegung an, wie klein Pinkus sei, und hob die Augen in
die Höhe, gleichsam, um die unermessliche Höhe des Barons anzudeuten.
    Der Baron erzählte ihm darauf, welche Hypotek der Unterhändler ihm
angeboten habe, und fragte nach den Gütern und Verhältnissen des Grafen.
    Herr Ehrental wusste nichts Näheres, besann sich aber, dass ein respektabler
Geschäftsmann aus jener Gegend in der Stadt sei, und erbot sich, diesen Mann
aufsuchen zu lassen und in die Wohnung des Freiherrn zu senden.
    Das nahm der Freiherr an und erhob sich. Ehrental begleitete ihn die Treppe
hinunter bis an den Hausflur und sagte beim Abschied: »Seien Sie vorsichtig,
Herr Baron, mit der Hypotek, es ist schönes Geld, und es gibt viele schlechte
Hypoteken, aber es gibt auch gute Hypoteken, und es wird viel geschwatzt von
manchen Geschäftsleuten zur Empfehlung ihrer Sachen. Und was den Löbel Pinkus
betrifft, so ist er nur ein kleiner Mann, er wird nicht viel haben vom Geschäft,
aber er ist, soweit ich ihn kenne, ein ehrlicher Mann. Was Sie mir von der
Hypotek sagen, scheint gut, aber doch bitte ich untertänig, Herr Baron, seien
Sie vorsichtig.«
    Da der Freiherr durch diese wortreiche Rede um nichts klüger geworden war,
so ging er in seine Wohnung und erwartete mit Ungeduld die Ankunft des fremden
Geschäftsmanns. Dieser liess nicht lange auf sich warten. Diesmal war es ein Herr
Löwenberg, in seiner Erscheinung ein Seitenstück zu Ehrental und Pinkus. Nur
war er etwas hagerer als die beiden und trug als Mann aus der Provinz ein
schweres spanisches Rohr und in der Hand eine Mütze. Er gab sich als einen
Weinkaufmann zu erkennen und zeigte sich über die betreffenden Güter und die
Verhältnisse des Grafen sehr gut unterrichtet. Er erzählte, dass der gegenwärtige
Besitzer noch jung sei, im Auslande lebe, dass der verstorbene Vater desselben
etwas bunt gewirtschaftet habe, dagegen sei jetzt bessere Ordnung eingeführt,
man erzähle sich Gutes von dem Erben, und wenn auch Kapitalien auf den Gütern
ständen, so habe die Familie doch so viele Mittel, dass an eine Gefährdung ihres
Besitzes gar nicht zu denken sei. Die Güter seien noch nicht auf hoher
Kulturstufe, jedenfalls sei aber viel daraus zu machen, und er hoffe, der junge
Graf werde der Mann dazu sein. Alles, was er sagte, war nicht übertrieben, es
klang recht nüchtern und verständig. Das Ganze war entschieden günstig, und als
der Fremde den Baron verliess, war dieser fast entschlossen, das Geschäft zu
machen. Um nichts zu versäumen, ging er noch zu einem seiner Bekannten und zog
Erkundigungen ein. Was er erfuhr, war nicht viel, aber auch nicht ungünstig. Die
Hauptsache war, dass die Familie eine sehr alte und in ihrer Provinz angesehene
Familie war, und dass der verstorbene Graf Zaminsky wild gewirtschaftet hatte.
Bevor er nach Hause fuhr, erhielt er einen Gegenbesuch des Herrn Ehrental,
welcher ihn benachrichtigte, dass die Wolle der Schafe auf diesen Gütern
allerdings nicht fein sei, und dagegen vom Freiherrn erfuhr, dass er vor allem
noch das Gutachten seines Rechtsfreundes abwarten wolle, bevor er sich
entschliesse.
    Das kleine Comtoir Ehrentals lag im Wohnhaus zu ebener Erde und hatte
seinen einzigen Eingang von dem Hausflur. Es war gegen Abend, als Herr Ehrental
in das Comtoir trat, wo Itzig gelangweilt vor einem Buch weissen Briefpapiers sass
und die Ankunft seines Meisters erwartete. Ehrental war in grosser Aufregung, er
legte seinen Stock ab, vergass aber den Hut abzunehmen und schritt unruhig in dem
Raum auf und ab.
    Itzig dachte: »Was tut der Rebb? Was hat er, dass er heut so in Sorgen ist?«
Da trat Ehrental vor Itzig und sagte mit Eifer: »Itzig, heut werden Sie zeigen,
ob Sie verdienen, dass Sie Brot bei mir haben und den Mittagstisch, den ich Ihnen
gebe wegen Ihrer Bildung.« - »Was soll ich tun?« sprach Veitel und erhob sich
von seinem Sitz.
    »Erst werden Sie mir rufen den Löbel Pinkus, dann werden Sie mir bestellen
eine Flasche Wein und zwei Gläser, und dann gehen Sie fort, ich brauche Sie heut
nicht mehr. Sie sollen mir aber gehn und herausbringen, an wen der Justizrat
Horn, welcher wohnt am Markte, heut geschrieben hat nach Rosmin, ausserhalb der
Provinz, und wenn er heut nicht geschrieben hat, an wen er morgen schreibt. Ich
werde Ihnen geben fünf Talerstücke, damit Sie das können erfahren. Wenn Sie mir
heut abend noch Antwort bringen, so sollen Sie ausserdem haben einen Dukaten.«
    Veitel erglühte innerlich, entgegnete aber mit dem Schein von Kälte: »Ich
kenne keinen von den Schreibern des Justizrats und brauche Zeit, bis ich machen
kann ihre Bekanntschaft. Morgen abend sollen Sie Antwort haben, Sie können mir
aufheben den Dukaten auf morgen.«
    »Wenn Sie Bescheid bringen, kommen Sie zu jeder Zeit, und wenn es wäre nach
Mitternacht«, rief ihm Ehrental nach.
    Itzig sprang die Treppe hinauf, bestellte in der Küche eine Flasche Wein und
lief dann als Spürhund auf die Strassen.
    Unterdes schritt Herr Ehrental, den Hut auf dem Kopfe, die Hände auf dem
Rücken, immer noch in dem Comtoir auf und ab, und nickte dabei mit dem Haupt wie
eine Pagode. So sah er in dem Halbdunkel des Zimmers aus wie ein dickes
schwarzes Gespenst, das seinen abgeschlagenen Kopf nicht fest auf den Schultern
halten kann.
    Veitel führte auf seinem Gange lebhafte Unterhaltung mit sich selbst. »Was
ist los?« fragte er, »es muss ein grosses Geschäft sein und soll mir bleiben ein
Geheimnis. Ich soll den Pinkus holen. Der Pinkus ist gewesen vor einigen Tagen
beim Ehrental, und den Tag darauf ist er gefahren aufs Land zum Baron
Rotsattel. Das Geschäft ist also über den Baron. Und der Ehrental will einem
vorsetzen ein Glas Wein, der Pinkus bekommt keinen Wein, es muss sein ein
anderer, es wird nicht sein der Baron selbst, denn den Edelmann führt er nicht
ins Comtoir, der muss oben hinauf zum roten Plüsch. - Wenn der Pinkus zu tun hat
bei dem Geschäft mit dem Baron, so kann er nur haben gestellt das Sprenkel für
den Rotschwanz, und der jetzt abends kommt, den ich nicht sehen soll, der muss
sein der Treiber, - und der Ehrental selber? Als er heut herunterging mit dem
Baron, habe ich gehört, wie er sagte: Seien Sie vorsichtig! Folglich ist der
Alte der Scheucher. Wenn der Ehrental scheucht, so muss es sein ein grosses und
ein delikates Geschäft.« Bei diesem Punkte seines Monologs war Veitel vor der
Herberge angekommen, er bestellte seinem Wirt, der eilig aus dem Laden in seine
Stube lief, sich einen besseren Rock anzuziehen, und ging dann im Selbstgespräch
weiter. »Wenn der Schreiber, der die Briefe aus dem Geschäfte des Justizrats
trägt, um sieben Uhr zur Post geht, und ich die Adresse von den Briefen lesen
könnte, so würde ich mir ersparen die fünf Taler«, überlegte er weiter. »Es geht
nicht«, setzte er bekümmert hinzu, »er gibt die Briefe in einem Haufen in das
Postloch hinein, der Postmann ist zu schnell, ich werde nicht lesen können die
verkehrten Adressen. - Vielleicht kann ich's doch möglich machen; der die Briefe
auf die Post trägt, ist in der Regel ein junger Mensch; vielleicht kann ich über
ihn kommen. Und geht's nicht so, so geht's anders, ich kenne einen Schreiber von
einem Justizmann, welcher schon manchen Groschen von mir verdient hat. Die
Schreiber kennen einander alle. Wenn ich ihm zwei Taler gebe, besorgt er mir das
Verzeichnis der Briefe von seinem Kollegen, drei Taler will ich sparen.«
    Nachdem Veitel diesen Entschluss gefasst hatte, ging er in das Haus des
Rechtsanwalts und stellte sich, wie jemand erwartend, so auf, dass er das
Amtslokal im Auge hatte; es war kurz vor dem Schluss der Sprechstunde, mehrere
Menschen, welche den vielbesuchten Notar konsultiert hatten, kamen die Treppe
herab. Endlich polterte ein eiliger Schritt, ein junger Mann stürzte mit einem
Paket Briefe zum Hause hinaus. Veitel setzte ihm in langen Schritten nach,
machte an der nächsten Ecke eine Schwenkung und stand vor dem Schreiber. Er
berührte seinen Hut: »Sie sind aus dem Geschäft des Justizrats Horn?« - »Ja«,
sagte der Schreiber eilig und wollte weitergehen.
    »Ich bin aus der Provinz und warte seit drei Tagen auf einen dringenden
Brief vom Herrn Justizrat, ich bin heut gekommen, um ihn zu sprechen, vielleicht
haben Sie selbst einen Brief an mich aufzugeben auf der Post.«
    Misstrauisch sah der Schreiber ihn an und fragte: »Wie heissen Sie?« Veitel
griff in die Tasche, holte schnell ein Achtgroschenstück hervor und sagte: »Ich
will nichts Unrechtes von Ihnen, junger Mann, ich will nur, dass Sie die
Gefälligkeit haben und mich lassen nachsehen, ob ein Brief für mich da ist.«
    »Ich kann Ihr Geld nicht nehmen«, erwiderte der Schreiber kurz, im Begriff
weiterzugehen. »Wie heissen Sie denn?«
    »Bernhard Magdeburg aus Ostrau«, sagte Veitel schnell, »es kann aber der
Brief auch sein an meinen Onkel.«
    »Es ist kein Brief für Sie darunter«, antwortete der Schreiber, flüchtig die
Adressen auseinanderhaltend.
    Veitels Augen starrten auf die Briefe, als wollten sie das Papier
durchbrennen, es war ihm aber nicht möglich, mit den Augen der Handbewegung des
Schreibers zu folgen. Er fasste daher mit schnellem Griff das Bündel Briefe, und
während der erzürnte Schreiber ihn von der andern Seite packte und rief: »Was
fällt Ihnen ein, Herr, wie können Sie sich unterstehen!« las er mit fliegender
Eile die Aufschriften, gab die Briefe in einer verzweifelten Ruhe zurück und
sagte, an den Hut greifend: »Ich danke Ihnen, es ist nichts für mich darunter.«
Der empörte Schreiber wollte ihn halten: »Herr, wie können Sie diese
Unverschämteit haben!« -
    »Versäumen Sie nicht die Post«, sagte Veitel gutmütig, »ich gehe jetzt
selbst zum Herrn Justizrat.« Damit drehte er sich schnell auf das Haus zu und
entkam dem Schreiber, welcher einen Augenblick ganz erstarrt über die Frechheit
dastand und endlich nach der Post stürzte, die versäumte Zeit nachzuholen.
    Veitel hatte nur wenig Adressen in seinem Gedächtnis behalten trotz seiner
schnellen Beobachtungsgabe. »Vielleicht ist damit der Dukaten verdient«, sagte
er; »wo nicht, so schadet's auch nichts.« Er schlich langsam an den Häusern auf
Umwegen nach dem Comtoir zurück, stellte sich an die Tür und horchte. Der
würdige Pinkus sprach, aber es wurde leise geredet, und Veitel konnte nur wenig
verstehen. Endlich wurden die Stimmen lauter und es klang wie Zank zwischen den
beiden Herren.
    »Wie können Sie fordern eine so grosse Summe für den einen Weg?« rief
Ehrental zornig; »ich habe mich in Ihnen getäuscht, wenn ich Sie habe gehalten
für einen zuverlässigen Mann.«
    »Ich will zuverlässig sein«, klang die Stimme des Pinkus dazwischen, »aber
ich muss vierhundert Taler haben, oder es wird nichts aus dem Geschäft.«
    »Wie können Sie sagen, dass nichts aus dem Geschäft wird? Was wissen Sie von
dem ganzen Geschäft? Wer sind Sie, dass Sie etwas davon wissen können?«
    »Ich weiss so viel, dass ich mir kann die vierhundert Taler geben lassen von
dem Baron, wenn ich zu ihm gehe und ihm sage, was ich weiss«, schrie Pinkus mit
lauter Stimme.
    »Sie sind ein schlechter Mensch«, rief Ehrental im Zorn. »Sie sind ein
Spion! Sie sind mir verächtlich wie eine Maus, welche piept in ihrem Loch.
Wissen Sie, wen Sie so behandeln? Mich behandeln Sie so«, fuhr er immer zorniger
fort. »Ich kann Ihnen nehmen Ihren Kredit und werde Sie bekanntmachen als ein
schlechtes Subjekt bei allen Geschäftsleuten.«
    »Und ich will Sie bekannt machen dem Baron, was Sie sind für ein schlechter
Mann«, rief seinerseits Pinkus erzürnt.
    Bei diesen Worten öffnete sich die Tür, Veitel tauchte mit einem Sprung in
den Schatten der Treppe.
    »Ich will Ihnen Zeit lassen zur Überlegung bis morgen früh«, schrie der
abgehende Pinkus ins Comtoir zurück und rannte hinaus.
    Veitel trat mit der grössten Unbefangenheit in das Comtoir und wurde von
seinem Patron, der in dem kleinen Raum auf und ab stürmte, wie ein wildes Tier
im Käfig, gar nicht gesehen. »Gerechter Gott, dass dieser Löbel sein kann ein
solcher Verräter! Er wird alles ausschwatzen auf dem Markte, er wird mich
ruinieren«, jammerte Herr Ehrental und schlug die Hände zusammen.
    »Wozu soll er Sie ruinieren?« fragte Veitel und warf seinen Hut auf das
Pult.
    »Was wollen Sie hier? Was haben Sie gehört?« schrie ihn Ehrental zornig an.
    »Alles habe ich gehört«, sagte Veitel kaltblütig. »Sie haben ja beide
geschrien, dass man es hören musste in dem Hausflur; warum haben Sie mir ein
Geheimnis gemacht aus dem Geschäft? Wenn Sie mir gesagt hätten, was Sie
vorhaben, ich hätte Ihnen den Löbel billiger verschafft.«
    Herr Ehrental sah starr auf den kecken Burschen und konnte nichts
hervorbringen, als die Worte: »Was ist das?«
    »Ich kenne den Pinkus«, fuhr Veitel fort, entschlossen, sich zum Mitspieler
in dem Stück zu machen, welches jetzt aufgeführt wurde. »Wenn Sie ihm geben
hundert Taler, so wird er Ihnen als treuer Mann verkaufen eine gute Hypotek an
den Baron.«
    »Was wissen Sie von der Hypotek?« fuhr Herr Ehrental bestürzt heraus.
    »Ich weiss genug, um Ihnen dabei zu helfen, wenn ich helfen will«, antwortete
Veitel. »Und ich will Ihnen helfen, wenn Sie haben Vertrauen zu mir.«
    Herr Ehrental starrte immer noch verwundert in das Gesicht seines
Buchhalters, es dämmerte ihm die Ansicht, dass sein Gehilfe mehr kaltes Blut und
Entschlossenheit haben könnte, als er selbst. Endlich rief er zwischen Freude
und Sorge: »Sie sind ein braver Mensch, Veitel, schaffen Sie mir den Pinkus
zurück, er soll haben die hundert Taler.«
    »Ich habe auch gelesen die Aufschrift von den Briefen, welche der Justizrat
zur Post gegeben hat. Es ist ein Brief darunter an den Justizkommissarius
Walter.«
    »Ich hab's gedacht«, rief Herr Ehrental erfreut; »es ist gut, Itzig,
schaffen Sie mir den Löbel!«
    »Dem Schreiber des Justizrats habe ich zu zahlen fünf Taler, und ich soll
bekommen einen Dukaten, macht acht Taler 5 1/2«, fuhr Veitel fort, ohne sich von
der Stelle zu rühren.
    »Es ist schon gut«, beschied ihn Ehrental durch eine nachlässige
Handbewegung; »Sie sollen haben das Geld, aber vor allem muss ich haben den
Pinkus.«
    Veitel eilte hinüber in die Herberge und suchte nach dem entflohenen
Geschäftsmann. Dieser hatte sich in seine Stube zurückgezogen, in welcher auch
er aufgeregt auf und ab lief und alle Anzüglichkeiten, die ihm Ehrental
vorgeworfen hatte, mit Ingrimm verarbeitete.
    Veitel öffnete die Tür und sagte mit Energie: »Pinkus, ich komme vom
Ehrental, ich will, dass Sie nehmen hundert Taler und helfen meinem Rebb; ich
will, dass Sie nicht als schlechter Mensch an ihm handeln. Wenn Sie etwas von ihm
wissen, was ihm schaden kann bei dem Baron, so weiss ich etwas von Ihnen, was
Ihnen schaden wird bei der Polizei.«
    Der Pinkus stand still und unterdrückte einen Fluch, den er gegen Veitel auf
seinen Lippen hatte. »Ich bin ein ehrlicher Mann«, rief er trotzig, »und brauche
mich vor der Polizei nicht zu fürchten.«
    »Sie wird fragen, was Sie für ein Warenlager halten in dem Hause daneben,
und von welchen Leuten Sie gekauft haben Ihre Waren. Ich will Sie aber nicht zu
Schaden bringen; Ehrental wird Ihnen geben hundert Taler, und Sie werden mir
geben von jetzt ab in Ihrem Hause eine Stube und ein Bett gegen billige Miete,
und werden mich nicht mehr behandeln als Bocher, sondern als Geschäftsmann,
welcher so gut ist wie Sie.«
    Pinkus war überrascht, besiegt, gefangen; er sprudelte noch eine Weile auf,
focht mit Händen und Füssen gegen eine feindliche Luft, welche ihm keinen
Widerstand leistete; er beschwor häufig seine Ehrlichkeit und mischte starke
Klagen gegen Ehrental hinein, bis die Wellen seiner sittlichen Entrüstung
allmählich kleiner und kürzer wurden und zuletzt in seiner Seele ein anmutiges
Wellengekräusel entstand, als Zeichen, dass sie brauchbar geworden für alle guten
Werke des Friedens.
    Veitel hatte, an den Ofen gelehnt, diese Umwandelung ruhig abgewartet und
führte jetzt den Versöhnten im Triumph zu Ehrental zurück. Hier massen die
beiden würdigen Männer einander zuerst mit feindseligen Blicken, dann
schüttelten sie einander die Hände und versicherten sich gegenseitig ihrer
Hochachtung, während Veitel wieder als Genius des Friedens daneben stand und
beide mit einem Gefühl betrachtete, welches der entschiedenste Gegensatz von
Hochachtung war. Pinkus steckte ein Kassenbillett von hundert Talern ein und
empfahl sich, da seine Hilfe bei der grossen Operation nicht mehr nötig schien,
und Veitel öffnete kurz darauf die Tür für Herrn Löwenberg, den Geschäftsmann
aus der Provinz, und lächelte innerlich, als Ehrental fast bittend sagte:
»Lieber Itzig, Sie können jetzt gehen.« Er ging diesmal, ohne am Schlüsselloch
zu horchen, zufrieden nach Hause und bezog noch denselben Abend ein kleines
Zimmer im ersten Stock des Pinkus, trank das Glas Likör und ass das Bratenstück,
welches Frau Pinkus ihm vorsetzte.
    Unterdes sagte Herr Ehrental zu Löwenberg, als beide bei einem Glas Wein
gemütlich einander gegenübersassen, »ich habe erfahren, dass der Justizrat Horn
sich Auskunft holt über die Hypotek bei dem Justizkommissarius Walter in Ihrem
Orte. Ist etwas zu machen mit diesem Mann?«
    »Es ist nichts zu machen mit Geld«, erwiderte der Mann aus der Provinz
nachdenklich, »aber es wird etwas zu machen sein auf andere Weise. Er weiss
nicht, dass ich selbst von dem Bevollmächtigten des Grafen den Auftrag habe, zu
verkaufen diese Hypotek. Ich werde hingehen zu ihm in meinen Geschäften und
werde mir einen Vorwand nehmen, ihm zu loben das Gut und die Verhältnisse des
Grafen; vielleicht sage ich ihm sogar, dass ich Lust habe zu kaufen diese
Hypotek.«
    Kopfschüttelnd sagte Ehrental: »Wenn er kennt den Grafen und sein Gut, so
wird Ihr Lob noch nicht helfen, dass er einen günstigen Brief hierherschreibt.«
    »Es hilft doch, diese Justizkommissarien müssen bei uns Erkundigungen
einziehen über die Verhältnisse; sie können selbst nicht so gut wissen wie wir,
wie es steht mit dem Kauf und Verkauf der Wolle und des Getreides. Wir müssen
tun, was wir können, und ich glaube, es wird helfen für das Geschäft.«
    Ehrental stützte schwermütig den Kopf auf die Hand und sagte mit einem
Seufzer: »Sie können glauben, Löwenberg, es macht mir schwere Sorge.«
    »Es wird auch sein ein schöner Vorteil«, tröstete der andere. »Neunzig
Prozent zahlt der Käufer, den Sie haben, und dem Grafen werden geschickt nach
Paris siebzig Prozent; von den zwanzig Prozent Differenz zahlen Sie fünf an den
Bevollmächtigten des Grafen, und fünf an mich für meine Bemühung, und zehn
Prozent bleiben Ihnen. Viertausend Taler sind ein schöner Gewinn bei einem
Geschäft, zu dem man braucht kein Kapital.«
    »Aber es macht Sorge«, sprach Herr Ehrental gebeugt; »glauben Sie mir,
Löwenberg, ich bin so aufgeregt von dem Nachdenken, ich habe keine Nacht, wo ich
schlafen kann, wenn ich liege in meinem Bett. Und wenn meine Frau mich fragt:
Schläfst du, Ehrental?, so muss ich ihr immer sagen: Ich kann nicht schlafen,
Sidonie, ich muss denken an die Geschäfte.«
    Eine halbe Stunde darauf fuhr eine Extrapost zum Tore hinaus. Am nächsten
Morgen erhielt der Justizkommissarius Walter einen Geschäftsbesuch des Herrn
Löwenberg und wurde durch die kühle und überzeugende Weise dieses Herrn
allerdings zu der Ansicht gebracht, dass die Verhältnisse des Grafen Zaminsky
doch nicht so zerrüttet waren, als man in der Umgegend erzählte.
    Acht Tage darauf empfing der Freiherr von Rotsattel einen Brief seines
Rechtsfreundes und darin die Kopie eines Schreibens vom Justizkommissarius
Walter. Das Gutachten beider Rechtsverständigen stellte den Kauf der Hypotek
als ein Geschäft dar, von dem wenigstens nicht unbedingt abzuraten war. Und als
den Tag darauf Ehrental auf dem Gut seinen Besuch machte, hatte der Freiherr
seinen Entschluss gefasst, die Hypotek zu nehmen. Was ihn lockte, fortwährend,
unwiderstehlich, das war der schnelle Gewinn von einigen tausend Talern. Es war
ein Segen der Praxis, die er in dem früheren Geschäft mit Ehrental erworben
hatte. Er wollte die Hypotek gut finden, und hätte sie vielleicht genommen,
auch wenn sein Rechtsfreund ihm entschieden abgeraten hätte.
    Ehrental erbot sich mit grosser Uneigennützigkeit, da er doch eine
Geschäftsreise in jene Gegend vorhabe, Vollmacht von dem Freiherrn anzunehmen
und für ihn den Kauf mit dem Bevollmächtigten abzuschliessen. Der Freiherr war
gern damit zufrieden, denn sein Zartgefühl sträubte sich mit Recht dagegen, dass
er in eigener Person eine Zahlung machen sollte, deren Betrag geringer war, als
die Summe, welche er durch das Hypotekeninstrument dafür kaufte.
    Acht Tage später war er im Besitz einer Hypotek von vierzigtausend Talern,
für welche er nur sechsunddreissigtausend Taler gezahlt hatte, und Ehrental und
seine Freunde hatten obendrein ein schönes Geschäft gemacht, das beste von allen
Itzig, denn er hatte ein Übergewicht über seinen Meister erhalten und war
Ratgeber und Vertrauter geworden bei den geheimnisvollsten Unternehmungen. Alle
Parteien waren zufrieden. Der Freiherr holte seine reich ausgelegte Kassette
hervor und legte an die Stelle der schönen weissen Pergamente das dicke,
gelbliche, durch viele Hände abgegriffene Aktenbündel, welches von jetzt ab sein
Vermögen vorstellte. Er sah nicht mehr mit der frohen Aufmerksamkeit hinein,
welche er früher den Pfandbriefen gegönnt hatte, er warf den Deckel des
Kästchens schnell zu und schob es in den Sekretär, ganz wie ein alter ermüdeter
Geschäftsmann, wie einer, der froh ist, eine Arbeit hinter sich zu haben. Er
eilte in die Zimmer der Damen und beschrieb dort mit Laune die Glückwünsche und
Bücklinge Ehrentals.
    »Ich mag ihn nicht leiden«, sagte Lenore, »er sieht aus wie ein kleiner
fauchender Hamster.«
    »Diesmal wenigstens hat er sich in seiner Weise uneigennützig gezeigt«,
antwortete der Vater. »Es ist wahr, alle diese Geschäftsleute haben etwas
Karikiertes, und es ist bei aller Gutmütigkeit für unsereinen nicht immer
möglich, bei ihren Bücklingen das Lachen zu unterdrücken.«
    An demselben Abende ging Herr Ehrental bei seiner Frau Sidonie im langen
Schlafrocke sehr vergnügt auf und ab, er versuchte ein kleines Lied zu singen,
klopfte seine Tochter Rosalie auf den weissen Nacken und warf seiner Frau von
Zeit zu Zeit einen schlauen und zärtlichen Blick zu, so dass ihn Madam Ehrental
endlich fragte: »Du hast abgemacht dein Geschäft mit dem Baron?«
    »Ja«, rief Ehrental lustig.
    »Er ist ein schöner Mann, der Baron«, bemerkte die Tochter.
    »Er ist ein guter Mann«, sagte Ehrental, »aber er hat seine Schwächen. Er
ist einer von den Menschen, welche verlangen tiefe Bücklinge und untertänige
Reden und welche Geld bezahlen, damit andere für sie denken. Er würde lieber
verlieren eins vom Hundert, wenn man nur zu ihm spricht mit gebogenem Rücken,
den Hut in der Hand. Es sind auch solche Leute nötig in der Welt, was sollte
sonst werden aus unserm Geschäft?« -
    Und an demselben Abend sass auch Veitel in seiner Stube, und der Advokat
neben ihm, und Veitel berichtete in der Kunstsprache über das abgeschlossene
Geschäft und sagte: »So ist der Rotschwanz gefangen in dem Sprenkel, und der
Ehrental hat dabei gewonnen viertausend Taler.«
    Hippus hatte seine Brille abgenommen und sah in dem viereckigen Holzkasten,
welchen Frau Pinkus ein Sofa nannte, gerade aus wie ein weiser ältlicher Affe,
der den Weltlauf verachtet und seinen Wärter in die Beine beisst. Er hörte mit
kritischem Ernst auf den Bericht seines Schülers, schüttelte hin und wieder den
Kopf, oder lächelte, wenn etwas nach seinem Geschmack war.
    Als Veitel seinen Bericht mit den Worten schloss: »Der Ehrental hat keine
Courage, er verliert den Kopf bei grossen Geschäften«, da rief Herr Hippus
verächtlich: »Der Ehrental ist ein Gimpel. Er setzt nichts Grosses durch, er ist
ein kleinlicher Mann. Es ist ihm immer so gegangen, wo es darauf ankam, hat er
gezaubert und ist steckengeblieben. Wenn er den Edelmann durch Trinkgelder
kirren will, die er ihm zukommen lässt, so wird ihn der Freiherr zuletzt die
Treppe hinunterwerfen.«
    »Was soll er aber mit ihm tun?« fragte Veitel.
    »Sorgen muss er ihm machen«, sprach Hippus im Eifer aufstehend, »Sorgen durch
Arbeit. Grosse Arbeit, immerwährende Unruhe, tägliche Sorgen, die nicht aufhören,
das ist das einzige, was der Freiherr nicht aushalten kann. Diese Leute sind
gewöhnt, wenig Arbeit zu haben und viel Vergnügen, alles wird ihnen zu
leichtgemacht im Leben von klein auf. Es gibt wenige, die den Kopf nicht
verlieren, wenn eine grosse Sorge das ganze Jahr in ihrem Schädel herumbohrt. Das
ruiniert sie. Ist so einer höchstens zweimal im Tage durch seine Wirtschaft
gelaufen, so denkt er, er hat gearbeitet, während der Amtmann das Beste tut und
manchmal noch die Dummheiten des Herrn ausbessern muss. - Will der Ehrental den
Baron unter sich bringen, so muss er ihn in grosse Geschäfte verwickeln, er muss
selbst etwas wagen, und dazu hat er keine Entschlossenheit und keinen Verstand,
er ist nur ein Gimpel, der sein gelerntes Stückchen pfeift und hinterher mit
dickem Kopfe dasitzt.«
    So lehrte der Advokat, und Veitel verstand die klugen Worte und sah mit
einer Mischung von Achtung und Scheu auf den kleinen hässlichen Teufel, welcher
heftig vor ihm gestikulierte. Endlich ergriff Herr Hippus die Branntweinflasche,
stampfte sie auf den Tisch und rief: »Heut noch eine Füllung extra, aber
wenigstens Kümmel! Was ich dir jetzt gesagt habe, du junger Galgenvogel, ist
mehr als eine Flasche Doppelten wert.«
 
                                       5
»Ich bin heut achtzehn Jahr«, sagte Karl zu seinem Vater, der an einem Sonntag
zufrieden in seiner Stube sass und nicht müde wurde, den stattlichen Jüngling
anzusehen.
    »Das ist richtig«, erwiderte der Vater, »achtzehn Lichter stehen auf dem
Kuchen.«
    »Also, Vater«, fuhr Karl fort, »es ist Zeit, dass ich etwas werde.«
    »Du?« fragte der Vater verwundert, »was willst du denn noch anderes werden,
als du bist? Ein Knirps bist du und wirst in deinem Leben nichts anderes.«
    »Sei jetzt einmal still mit deinem ewigen Knirps«, entgegnete Karl. »Ich
will Auflader werden.«
    »Ei so hört doch«, rief der Alte, »also Auflader! warum nicht lieber gar
Bürgermeister, oder König oder so etwas?«
    »Ich habe Kräfte genug«, fuhr Karl entschlossen fort. »Ich will mir etwas
verdienen. Ich will ein ordentlicher Mann werden. Herr Wohlfart ist jetzt schon
seit einem Jahre frei geworden, und ich bin noch immer ein Junge.«
    »Du willst etwas verdienen?« wiederholte der Alte und sah mit immer grösserem
Erstaunen auf seinen Sohn. »Verdiene ich nicht genug und mehr, als wir brauchen?
Wozu willst du als Geizhals an uns handeln?«
    »Ich kann doch nicht immer an deiner Lederschürze hängen«, sagte Karl, »und
wenn du tausend Taler verdientest, würde ich dadurch ein ordentlicher Mensch?
Und wenn ich dich einmal verlieren sollte, was soll dann aus mir werden?«
    »Du wirst mich verlieren, Junge«, sagte der Riese mit dem Kopf nickend, »das
versteht sich, in einigen Jahren«, setzte er hinzu, »nachher kannst du werden,
was du willst, nur nicht Auflader.«
    »Aber warum soll ich nicht werden, was du bist? Sei doch nicht so
hartnäckig.«
    »Das verstehst du nicht. Komm mir nicht mit deinem Ehrgeiz, ehrgeizige Leute
kann ich nicht vertragen.«
    »Und wenn ich nicht Auflader werden soll«, rief Karl wieder, »so muss ich
doch etwas anderes lernen, sieh das doch ein, Vater.«
    »Du willst nichts gelernt haben?« rief der Alte bekümmert. »Ach, du armes
Kind, was haben sie dir nicht alles in deinen kleinen Kopf hineingetrieben! Da
war die Klippschule, zwei Klassen, und die Stadtschule, vier Klassen, und die
Gewerbeschule, zwei Klassen, acht Klassen hast du gelernt und kennst alle Waren
so gut wie ein Kommis, ist das nichts? Du bist ein nimmersatter Junge!«
    »Ja, ich muss doch aber etwas Bestimmtes wissen für einen Beruf«, versetzte
Karl, »Schuster, Schneider, Kaufmann oder Mechanikus.«
    »Darum mache dir keine Sorge«, sagte der Vater mit Überlegenheit, »dafür
habe ich bei deiner Erziehung gesorgt, du bist praktisch - und ehrlich«, fügte
er hinzu.
    »Das denke ich«, sagte Karl, »aber kann ich ein Paar Stiefel machen? Kann
ich einen Rock zuschneiden?«
    »Du kannst's«, erwiderte der Alte ruhig, »versuch's, und du wirst's können.«
    »Na, warte, du Brummbär, morgen kaufe ich Leder und nähe dir ein Paar
Stiefel, du sollst fühlen, wie sie drücken.«
    »Weisst du was«, entgegnete der Vater, »ich werde diese Stiefel nicht
anziehen, ich werde vielleicht auch die zweiten nicht anziehen, ich werde
warten, bis du das dritte Paar gemacht hast, die werden nicht drücken.« - »Mit
dir wird man nicht fertig«, sagte Karl ärgerlich, »ich weiss schon, wo ich mir
Rat erhole. So kann's mit mir nicht bleiben; ich werde dir jemand auf den Hals
schicken, der dir dasselbe sagen soll.«
    »Sei nur nicht ehrgeizig, Karl«, sagte der Alte kopfschüttelnd, »und verdirb
mir den heutigen Tag nicht. Jetzt gib mir die Bierkanne her und sei ein guter
Junge.«
    Karl setzte die grosse Kanne vor den Vater, nahm bald darauf seine Mütze und
verliess das Zimmer. Der Vater blieb bei seinem Bier sitzen, aber sein Behagen
war gestört, er sah immer wieder nach der Tür, zu welcher Karl hinausgegangen
war, er sah sich in der Stube um, die ohne das fröhliche Gesicht seines Sohnes
so einsam war. Endlich ging er in die Kammer nebenan, setzte sich dröhnend auf
dem Bett nieder und zog unter der Bettstelle einen schweren eisernen Kasten
hervor. Er öffnete ihn mit einem Schlüssel, den er aus der Westentasche zog,
nahm einen Beutel Geld nach dem andern heraus und stellte eine Kopfrechnung an,
dann schob er den Kasten wieder unter das Bett und setzte sich beruhigt zu dem
Haustrunk.
    Unterdes ging Karl in seinem Sonntagsstaat mit eiligen Schritten in die
Stadt und trat in Antons Zimmer. »Guten Morgen, Karl«, rief ihm Anton entgegen,
»was bringst du?«
    Karl begann feierlich: »Ich komme, Sie um Rat zu fragen, was aus mir werden
soll. Mit meinem Vater ist darüber nicht zu reden. Ich will Auflader werden, und
der Alte will's nicht leiden; ich will etwas anderes werden, und er vertröstet
mich auf die Zeit, wo er nicht mehr leben wird. Ein schöner Trost! Er ist gerade
wieder ein rechter Goliat. Ich bin heut achtzehn Jahr, und das Ding muss mit mir
anders werden, ich greife hier im Hause überall mit an, aber das ist nirgends
etwas Ordentliches.«
    »Du hast recht«, sagte Anton verständig. »Vor allem aber gratuliere ich dir
zu deinem Geburtstage, und warte, hier ist ein Buch für dich, das nimm zum
Angebinde, ich werde dir meinen Namen hineinschreiben.«
    »Seinem getreuen Karl Anton Wohlfart«, las der erfreute Karl. »Ich danke
Ihnen, Herr Wohlfart, ich habe schon fünfundsechzig Bücher. Jetzt wird die
zweite Reihe voll.«
    »Und so setze dich zu mir und lass uns Rat halten. Vor allem sage, was kann
ich dir helfen? Ist's nicht besser, wenn du mit Herrn Schröter selbst sprichst?
Er ist ja dein Pate.«
    »Das wird mir zu gross«, entgegnete Karl ernstaft, »der Vater könnte denken,
ich wollte ihn verklagen. Bei Ihnen ist das freundschaftlicher.«
    »Gut«, stimmte Anton bei.
    »Und so wollte ich Sie bitten, dass Sie gelegentlich mit meinem Vater über
mich sprechen. Er hat zu Ihnen ein grosses Zutrauen und er weiss, dass Sie's mit
mir gut meinen.«
    »Das will ich gern«, sagte Anton, »aber was gedenkst du zu werden?«
    »Das ist mir gleich«, erwiderte Karl, »nur etwas Ordentliches.«
    Am nächsten Sonntage ging Anton nach dem Haus des Vater Sturm.
    Die Wohnung des obersten Aufladers war ein kleines Haus am Flusse, unweit
des Packhofes; es war sein Eigentum und zeichnete sich durch die Rosafarbe
seines Anstrichs vor den Nachbarhäusern schon von weitem aus. Anton öffnete die
niedrige Tür und wunderte sich, wie es dem Riesen überhaupt möglich sei, sich in
einen so kleinen Bau einzupacken. Und als der alte Sturm aufstand, ihn zu
begrüssen, da wurde ihm klar, dass eine unaufhörliche Geduld des mächtigen Mannes
nötig war, um diese Wohnung zu ertragen. Denn wenn er sich mit aller Kraft
ausstreckte, so musste er unfehlbar Decke und Wände zerreissen und mit Kopf und
beiden Fäusten in die freie Luft hineinragen. Der riesige Mann stand vergnügt
über den Besuch ohne Rock und Weste vor ihm und streckte ihm grüssend seine Hand
entgegen, welche wohl imstande war, einen Kürbis von mässiger Grösse zu umspannen.
    »Ich freue mich sehr, Sie in meinem Hause zu sehen, Herr Wohlfart«, sagte
Sturm und fasste so zierlich, als es ihm möglich war, Antons Hand.
    »Es ist etwas klein für Sie, Herr Sturm«, antwortete Anton lachend, »Sie
sind mir noch nie so gross vorgekommen, als in diesem Zimmer.«
    »Mein Vater war noch grösser«, antwortete Sturm wohlgefällig und richtete
sich hoch auf, so dass sein Kinn auf dem obern Rand des Ofens ruhte, »so gross war
mein Vater«, sagte er und wies auf den bunten Farbensaum längs der Decke, an
welchem mehrere Marken mit Bleistift gezeichnet waren. »So gross war er und noch
breiter. Er war Ältester der Auflader und der stärkste Mann am Orte, und doch
hat ihn ein Fass, nicht halb so hoch als Sie, zu Tode gebracht. Hier nehmen Sie
Platz, Herr Wohlfart.« Er rückte ihm einen Stuhl von Eichenholz hin, der so
schwer war, dass Anton Mühe hatte, ihn von der Stelle zu heben, und setzte sich
mit Geräusch auf eine Bank. »Mein Karl hat mir gesagt, dass er Sie besucht hat,
und dass Sie sehr freundlich gegen ihn waren. Er ist ein guter Junge und ich habe
meine Freude an ihm, aber er ist doch aus der Art geschlagen. Seine Mutter war
eine kleine Frau«, setzte Herr Sturm traurig hinzu und griff nach einem Glas
Bier, welches mehr als ein Quart fasste, setzte das Glas an und nicht eher wieder
auf den Tisch, bis der letzte Tropfen daraus verschwunden war.
    »Es ist Fassbier«, sagte er entschuldigend, »darf ich Ihnen ein Glas
anbieten? Es ist Herkommen bei unserm Geschäft, kein anderes zu trinken; dies
freilich trinkt man den ganzen Tag, denn unsere Arbeit macht warm.«
    »Ihr Sohn hat, wie ich höre, Lust, in Ihre Korporation zu treten«, lenkte
Anton ein.
    »Unter die Auflader?« fragte der Riese. »Nein, dies wird er nicht, niemals.«
Er legte seine Hand vertraulich auf Antons Knie. »Er wird es nicht, meine Selige
hat mich auf dem Totenbette darum gebeten. Warum? Darum! Unsere Arbeit ist
respektabel, Sie wissen das selbst am besten, Herr Wohlfart. Wir sind Männer,
welche ein Vertrauen haben, wie wenig andere. Es ist eine Ehre, Auflader der
Kaufmannschaft zu werden, um die sich Hunderte bei mir bewerben, und nicht einen
lassen wir zu. Es gibt wenige, welche die Kraft haben, und noch wenigere, welche
etwas anderes haben.«
    »Die Ehrlichkeit«, sagte Anton.
    »Ganz recht«, nickte Sturm, »daran fehlt's auch den Starken. Alle Tage jede
Art Ware in Tonnen und Kisten in grösster Quantität vor sich zu haben und da
rumzuhantieren, wie um eigentümliche Sachen, und niemals die Hand
hineinzustecken, das ist leider nicht jedermanns Gewohnheit. Also Sie wissen,
wir halten auf uns. Und die Einnahmen sind nicht schlecht, ja, sie sind gut.
Meine Selige hielt noch auf Sparbüchsen und Strümpfe und solches Zeug. Als sie
starb, fand ich den ganzen Grund ihres Kastens mit zugebundenen Strümpfen
zugestopft, die nebeneinanderstanden, wie die fetten Lerchensteisse in der
Schachtel. Alles für unsern Karl, und es war nicht nur Silber, es war auch Gold
dabei. Sie war eine sparsame Frau und hob alles auf. Das ist nun meine Art
nicht. Denn warum? - Wer praktisch ist, braucht um das Geld nicht zu sorgen, und
der Karl wird ein praktischer Mensch. Aber nicht als Auflader«, fügte er
kopfschüttelnd hinzu, »meine Selige wollte das nicht haben, und sie hat recht.«
    »Ihre Arbeit ist sehr anstrengend«, stimmte Anton bei.
    »Anstrengend?« lachte Sturm, »sie mag wohl anstrengend sein für einen, der
nicht die Kraft hat, so anstrengend, dass ihm der Rücken darüber zerbrechen kann;
aber es ist nicht die Anstrengung, es ist noch etwas anderes. Dies ist es!« Bei
diesen Worten holte er einen grossen Krug aus der Ecke und goss sein Glas voll.
»Das Fassbier ist es.« Anton lächelte. »Ich weiss, Sie und Ihre Kollegen trinken
viel von dem dünnen Getränk.«
    »Viel«, sagte Sturm mit Selbstgefühl, »es ist bei uns Geschäftsbrauch, es
ist Herkommen, es ist von je bei den Aufladern so gehalten worden; sie müssen
Kräfte haben, sie müssen treue Männer sein und sie müssen Fassbier trinken
können. Es ist Bedürfnis bei unserer Arbeit, wer's nicht tut, hält's nicht aus;
Wasser trinken macht uns schwach, und Wein und Branntwein gleichfalls, nur
Fassbier tut's, dies und Provenceröl. Sehen Sie, Herr Anton, so: -« Der Riese
streckte den Arm aus und holte ein kleines Glas von dem Gestell, füllte es zur
Hälfte mit feinem Baumöl, zur andern Hälfte mit Bier, tat eine Masse Zucker in
die Mischung und trank zu Antons Schrecken die widerwärtige Flüssigkeit aus.
»Das macht stark«, sagte er, »es ist ein Geheimnis unserer Zunft, es erhält die
Kraft und macht solche Arme«, er legte stolz seinen Arm auf den Tisch und
versuchte ihn mit seiner Hand vergebens zu umspannen. »Aber es ist ein Haken
dabei«, fügte er leiser hinzu. »Es wird keiner von uns über fünfzig Jahre alt.
Haben Sie schon einen alten Auflader gesehen? Sie haben keinen gesehen, denn es
gibt keinen. Fünfzig Jahre ist das Höchste, was einer erreicht, länger duldet's
der Biergeist nicht. Mein Vater war fünfzig, als er starb; der, den wir neulich
begraben haben, - Herr Schröter war mit beim Begräbnis, - der war
neunundvierzig. Ich habe noch ein paar Jahre bis dahin«, setzte er wie zur
Beruhigung hinzu.
    Anton blickte besorgt in das ehrliche Gesicht des Aufladers. »Aber Sturm,
wenn Sie das wissen, warum sind Sie nicht mässiger?«
    »Mässig?« fragte Sturm verwundert, »was ist mässig? Es steigt keinem von uns
in den Kopf. Vierzig Halbe in einem Tage ist nicht viel, wenn man's nicht
merkt.«
    Anton sah den Auflader ungläubig an.
    »Soviel trinke ich«, sagte Sturm. »Der, den wir neulich begraben haben,
konnte noch mehr vertragen; er hatte aber auch Wochen, wo er noch stärker war,
als ich. Sehen Sie, Herr Wohlfart, deshalb aber soll mein Karl nach dem Willen
der Seligen lieber etwas anderes werden. Es ist, unter uns Männern gesagt, mit
dem ganzen Alter nur dummes Zeug. Auch von den Menschen, welche keine Auflader
sind, werden die wenigsten älter als fünfzig. Sie sterben an allen möglichen
Krankheiten von den Windeln an fortwährend dahin, und an lauter Krankheiten, die
wir Auflader nicht kennen. Aber meine Selige hat's einmal so gewollt, und so
mag's drum sein.«
    »Und haben Sie an etwas anderes gedacht?« fragte Anton weiter. »Er ist zwar
im Geschäft sehr nützlich, und wir alle werden ihn vermissen, wenn er im Hause
fehlen sollte.« -
    »Das gerade ist es«, unterbrach ihn der Auflader, »das war das richtige, was
Sie gesagt haben. Sie werden ihn vermissen, ich auch. Ich bin allein im Hause,
seit meine Selige tot ist; wenn ich die roten Backen meines Kleinen an diesen
Wänden sehe, so bin ich zufrieden; wenn ich im Haus bei Herrn Schröter seinen
kleinen Hammer höre, so fühle ich die Lustigkeit in meinem Herzen. Wenn er
weggeht von mir, und ich einsam in diesem Hause sitze, ich weiss nicht, wie ich's
ertragen soll.«
    Die Züge des Mannes zuckten vor innerer Bewegung. »Aber muss er sich denn
ganz von Ihnen trennen?« fragte Anton endlich, »vielleicht kann er bei Ihnen
noch jahrelang wohnen.«
    Sturm schüttelte bedeutungsvoll den Kopf. »Ich kenne ihn, er kann's nicht;
wenn er erst einmal etwas anfängt, so ist er hinterher, wie ein Teufel, dann
denkt er an nichts, als an das eine Ding. Aber ich habe mir's überlegt in den
letzten Tagen. Ich will Ihnen sagen«, fuhr er vertraulich fort, »ich habe
unrecht, wenn ich an mich denke. Der Junge hat nicht für mich seinen Kopf in die
Welt gesteckt, sondern für sich selber. Er soll etwas werden. Und nun frage ich,
was meine Selige sich für den Jungen wünschen würde, wenn sie noch lebte. Diese
Frau hatte einen Bruder, welcher mein Schwager ist, und dieser Schwager ist auf
dem Lande. Ein Freigut, dort oben, wo das hohe Wasser herkommt; ein gesetzter
Mann, er tauscht nicht mit manchem Rittergut. Der besucht mich alle Jahre, wenn
sie ihre Wolle geschoren haben. Der kennt mich und kennt den Karl, dem möchte
ich meinen Kleinen übergeben, wenn ich ihn nicht behalten soll. Es ist weit von
hier«, schloss er traurig, »aber es ist Verwandtschaft.«
    »Das ist ein guter Gedanke, Herr Sturm«, sagte Anton, erfreut, auf so wenig
Hindernisse zu stossen, »aber ich habe immer gehört, dass der Landwirt auf eine
selbständige Tätigkeit in der Regel nur dann hoffen kann, wenn er nicht ganz
ohne Vermögen ist.«
    »Das passt«, sagte der Riese seinen Finger erhebend, geheimnisvoll, »er ist
nicht ganz ohne Vermögen. Von seiner Mutter her, und auch etwas von seinem
Vater. Er weiss aber von gar nichts, denn ich wollte, er sollte praktisch werden.
Und sagen Sie ihm auch nichts.« - »Da Sie so väterlich für Ihren Sohn sorgen«,
rief Anton, »so lassen Sie ihn auch nicht länger in Unsicherheit; es ist brav
von ihm, dass er das Ungenügende seiner jetzigen Arbeit so sehr empfindet.«
    »Er soll es sogleich hören«, sagte der Alte aufstehend, »er steckt im
Garten. Sie sollen dabeisein.« Sturm trat in das Haus und rief mit seiner
mächtigen Stimme in den Garten. Karl eilte herbei, begrüsste Anton und sah
erwartungsvoll bald auf diesen, bald auf den Vater. Der Alte hatte sich wieder
ruhig hingesetzt und fragte in seinem gewöhnlichen Ton: »Kleiner Knirps, willst
du ein Ökonom werden?«
    »Landwirt?« rief Karl, »daran habe ich noch gar nicht gedacht. Dann müsste
ich ja fort von dir, Vater.«
    »Er denkt auch daran«, sagte der Alte, Anton zunickend.
    »Ist denn dein Wille, dass ich von dir soll?« fragte Karl erschrocken.
    »Allerdings, mein Kleiner«, sagte der Vater ernstaft, »dieses muss mein
Wille sein, weil es notwendig ist, wegen deiner seligen Mutter.«
    »Ich soll zum Onkel!« rief der Sohn.
    »Nur zu diesem«, sagte der Vater. »Widerrede nutzt nichts, die Sache ist
abgemacht, natürlich vorausgesetzt, dass dich der Onkel haben will. Du sollst
Ökonom werden, du sollst etwas Ordentliches lernen, du sollst deinen Vater
verlassen.«
    »Vater«, sagte Karl niedergeschlagen, »wenn ich von dir weg soll, ist mir's
nicht recht.«
    »Es soll dir aber recht sein, du ehrgeiziger Knirps«, rief der Alte.
    »Dann komm mit aufs Land«, sagte der Sohn.
    »Ich soll aufs Land kommen? Ho ho!« Sturm lachte, dass die Stubentür
zitterte. »Mein Knirps will mich in die Tasche stecken und mit sich auf dem
Lande herumtragen.« Er lachte so lange, bis er mit der Hand über die Augen fuhr.
»Komm her, mein Karl«, sagte er endlich, zog den Sohn an sich und hielt den Kopf
desselben lange zwischen seinen grossen Händen. »Du bist mein guter Junge, und
Trennung muss sein auf Erden, wenn nicht jetzt, dann in ein paar Jahren.«
    So schied Karl aus der Handlung. Vergeblich versuchte er in den letzten
Tagen seine Bewegung hinter leisem Pfeifen zu verstecken. Er streichelte
zärtlich Freund Pluto und die Katze, welche er in das Haus gebracht hatte, er
verrichtete seine kleinen Arbeiten mit masslosem Eifer und hielt sich dabei
soviel wie möglich in der Nähe seines Vaters; auch dieser sah den Tag hindurch
immer wieder auf seinen Sohn und verliess manchmal seine Tonnen, um langsam auf
ihn zuzugehen und ihm die Hand schweigend auf den Kopf zu legen.
    »Es ist nicht schwer bei der Landwirtschaft?« sagte der Vater Sturm vor der
grossen Waage zu Anton und blickte ihm fragend ins Gesicht.
    »Leicht ist es nicht«, erwiderte Anton, »es ist vielleicht noch mehr dabei
zu lernen, als bei unserem Geschäft.«
    »Lernen!« rief der Alte, »je mehr er lernen muss, desto lieber ist es ihm,
das tut nichts; nur ob es sehr schwer ist?«
    »Nein«, sagte Herr Pix, der die Sprache des Riesen besser verstand. »Schwer
ist dort nichts; das schwerste ist der Sack Weizen, hundertundachtzig Pfund, und
Bohnen, zweihundert Pfund. Und das braucht er nicht zu heben, das tun die
Knechte.«
    »Wenn das bei der Landwirtschaft so ist«, rief Sturm verächtlich und
richtete sich hoch auf, »so ist mir ganz egal, ob er das hebt. Zweihundert Pfund
trägt auch mein Zwerg.«
 
                                       6
Anton war jetzt der pflichtgetreueste Korrespondent seines Comtoirs. Gegen die
ritterlichen Künste seines Freundes verhielt er sich kühl. Nur selten vermochte
ihn Fink, des Sonntags sein Begleiter zu Pferde oder am Pistolenstand zu werden.
Dagegen benutzte Anton Finks Bücherschrank mehr als dieser selbst. Es war ihm
nach langem Bemühen gelungen, in die Mysterien der englischen Aussprache
einzudringen, und eifrig suchte er die Gelegenheit, sein Sprechtalent an Fink zu
üben. Da aber dieser den Übelstand hatte, ein sehr unregelmässiger und
gewissenloser Lehrer zu sein, gab Anton seine Zunge in die Zucht eines
gebildeten Engländers.
    Einst sah er von seinem Platze im Comtoir auf, als sich die Tür öffnete, und
erkannte mit der grössten Verwunderung in dem Eintretenden Veitel Itzig, den
Genossen aus der Bürgerschule von Ostrau. Er war bisher nur selten mit ihm
zusammengetroffen. Das freche Wesen des Burschen und die Furcht vor dem
vertraulichen Du, mit dem dieser ihn leicht anreden mochte, hatten sein Auge auf
allerlei andere Gegenstände gelenkt, sooft er Veitels Nasenspitze im Gedränge
der Strasse erkannte. Noch mehr erstaunte er, als Veitel auf die Frage des Herrn
Specht: »Was steht zu Ihren Diensten?« artig erwiderte, er wünsche Herrn
Wohlfart zu sprechen.
    Anton stieg von seinem Sitze in den freien Raum des Comtoirs, und Veitel
redete ihn an: »Sie werden mich doch noch kennen, obgleich Sie oft an mir
vorbeigegangen sind, ohne mich zu grüssen.«
    »Wie geht es Ihnen, Itzig?« frug Anton mit Kälte.
    »Schlecht«, antwortete Itzig, die Achsel zuckend; »es ist kein Verdienst im
Geschäft. - Ich soll Ihnen diesen Brief vom Sohn des Ehrental übergeben und Sie
fragen, zu welcher Zeit Ihnen der Bernhard seinen Besuch machen kann.«
    »Mir?« frug Anton und nahm eine Karte und einen Brief aus Veitels Händen.
Der Brief war von Antons Sprachlehrer, er entielt die Anfrage, ob Anton an
einer Lehrstunde teilnehmen wolle, in welcher Herr Ehrental ältere englische
Schriftsteller in einer literarhistorischen Reihenfolge durchzunehmen
beabsichtige.
    »Wo wohnt Herr Bernhard Ehrental?« frug Anton.
    »Im Hause bei seinem Vater«, erwiderte Veitel und verzog das Gesicht. »Er
sitzt den ganzen Tag auf seiner Stube.«
    »Ich werde den Herrn selbst aufsuchen«, sagte Anton. - »Guten Morgen, Herr
Anton!« - »Guten Morgen, Itzig.«
    Anton empfand keine grosse Neigung, auf den Antrag des Lehrers einzugehen.
Der Name Ehrental hatte in seinem Comtoir keinen guten Klang, und das
Erscheinen Itzigs trug nicht dazu bei, ihm das Anerbieten annehmlicher zu
machen. Doch die ironische Art, in welcher Itzig vom Sohne seines Broterrn
sprach, und einzelnes, was er auf seine Erkundigungen über Bernhard hörte, bewog
ihn, die Sache wenigstens in Erwägung zu ziehen. So suchte er einige Tage darauf
nach dem Schluss des Comtoirs das Haus Ehrentals auf, entschlossen, sich durch
den Eindruck, den der Sohn auf ihn mache, bestimmen zu lassen.
    Er trat an die weisslackierte Türe, zog den dicken Porzellangriff und wurde
durch die struppige Köchin ohne weitläufige Anmeldung in die Stube des jungen
Ehrental geführt. Es war ein langes schmales Zimmer mit alten Möbeln und
schmucklosen Büchergerüsten, auf welchen eine Menge grosser und kleiner Bücher
unordentlich durcheinanderlag. Bernhard sass tief über seine Arbeit gebeugt am
Schreibtisch und sah erst auf, als Anton bereits im Zimmer stand. Eilig knöpfte
er den Hausrock über seinem Hemd zusammen und trat dem Fremden mit der
Unsicherheit entgegen, welche Herren mit kurzem Gesicht bei der Begrüssung
Eintretender eigen ist. Neugierig sah Anton auf den Sohn des Händlers. Es waren
feine Züge und ein zarter Körper, kastanienbraunes krauses Haar, und zwei graue
Augen von freundlichem Ausdruck. Bernhard nötigte seinen Gast auf ein kleines
Sofa. Anton erwähnte den Zweck seines Besuches, und Bernhard antwortete
schüchtern, dass er sich in allem nach den Wünschen seines Besuchs richten wolle.
Und als Anton nach dem Preise der Stunden fragte, erstaunte er, dass der Sohn
Ehrentals mit einiger Verlegenheit sagte: »Ich weiss es wirklich in diesem
Augenblick nicht, wenn Sie aber darauf bestehen, auch den Lehrer zu bezahlen, so
will ich mich sogleich danach erkundigen.« Darauf konnte sich Anton nicht
entalten zu fragen: »Sie sind nicht im Geschäft Ihres Herrn Vaters?«
    »Ach nein«, erwiderte Bernhard, diesen Übelstand entschuldigend, »ich habe
studiert, und da einem jungen Mann von meiner Konfession die Anstellung im
Staate nicht leicht wird, und ich in meiner Familie leben kann, so beschäftige
ich mich mit diesen Büchern.« dabei warf er einen Blick voll Liebe auf sein
Büchergerüst, stand auf und trat in ihre Nähe, als wollte er sie seinem Gast
vorstellen. Anton las einige goldene Titel und sagte mit einer Verbeugung: »Das
ist für mich zu gelehrt.« Es waren Ausgaben orientalischer Werke.
    Bernhard lächelte: »Durch das Hebräische bin ich zu den andern asiatischen
Sprachen gekommen. Es ist viel fremdartige Schönheit in dem Leben dieser
Sprachen und in den Gedichten der alten Zeit. Ich habe auch Handschriften, wenn
es Sie interessiert, diese zu sehen.«
    Er schloss einen Schub auf und holte ein Bündel seltsam aussehender
Manuskripte heraus. Mit glänzenden Augen öffnete er das oberste, im Einband von
grünem Seidenstoff, der mit Goldfaden fremdartig durchwirkt war; er liess Anton
die Schrift betrachten und war vergnügt, als dieser erklärte, er könne nicht
einmal angeben, welcher Sprache diese Schriftzüge angehörten.
    »Es ist Arabisch, aber freilich ist gerade diese Handschrift sehr schwer zu
lesen. Und hier ist mein Lieblingsdichter, Firdusi, ich habe aber nur ein
kleines Bruchstück seines Gedichts in der Handschrift.«
    Anton sagte ihm, »es muss viel Gelehrsamkeit dazu gehören, das alles zu
verstehen.«
    »Nur etwas Geduld«, antwortete Bernhard bescheiden, »wer ein Herz hat für
das Schöne, der findet es bald überall heraus, auch unter dem fremdartigen
Kleide, welches die Sänger aus dem Morgenlande tragen. Ich arbeite an einer
Übersetzung persischer Gedichte; wenn Sie später einmal Musse haben, und Sie so
etwas nicht langweilt, möchte ich Sie um Erlaubnis bitten, Ihnen eine kurze
Probe vorzulesen.«
    Anton hatte die Höflichkeit, sogleich darum zu bitten; der junge Ehrental
griff nach einem Papier auf seinem Schreibtisch und las schnell und etwas
ungelenk ein kleines Liebesgedicht vor. Es war eins von den zahllosen Gedichten,
in denen ein weiser Trinker seine Geliebte mit allerlei hübschen Dingen
vergleicht, mit Tieren, Pflanzen, der Sonne und andern Weltkörpern, und daneben
einem zelotischen Pfaffen Nasenstüber gibt. Dem ehrlichen Anton imponierte die
verschlungene Form und der zugespitzt Ausdruck sehr, aber es war ihm doch
komisch, als der Vorleser ausrief: »Nicht wahr, das ist schön? Der Gedanke,
meine ich; denn die Schönheit der Sprache im Deutschen wiederzugeben, bin ich zu
schwach.« Bei diesen Worten sah er begeistert vor sich, wie ein Mann, der alle
Tage fünf bis sechs Flaschen Schiraswein trinkt und alle Abende seine Suleika
küsst.
    »Muss man denn aber trinken, um recht lieben zu können?« sprach Anton, »das
ist bei uns doch auch ohne Wein möglich.«
    »Bei uns«, erwiderte Bernhard, »ist das Leben sehr nüchtern«, dabei legte er
das Blatt ernstaft auf den Tisch.
    »Ich denke, es ist nicht so«, erwiderte Anton eifrig, »ich kenne noch wenig
vom Leben, aber ich sehe doch, auch wir haben Sonnenschein und Rosen, die Freude
am Dasein, grosse Leidenschaften und merkwürdige Schicksale, welche von den
Dichtern besungen werden.«
    »Unsere Gegenwart«, wiederholte Bernhard weise, »ist zu kalt und einförmig.«
    »Ich habe das schon einige Male in Büchern gelesen, aber ich kann nicht
verstehen, warum, und ich glaube es auch gar nicht. Ich meine, wer in unserm
Leben unzufrieden ist, der wird es mit dem Leben in Teheran oder in Kalkutta
noch mehr sein, wenn er längere Zeit dort lebt. Es muss dort viel einförmiger und
langweiliger sein, als bei uns. Ich lese das auch aus Reisebeschreibungen
heraus. Was den Reisenden reizt, ist das Neue; wenn das Fremde alltäglich
geworden ist, sieht es gewiss ganz anders aus.«
    »Wie arm an grossen Eindrücken unser zivilisiertes Treiben ist«, entgegnete
Bernhard, »das müssen Sie selbst in Ihrem Geschäft manchmal empfinden, es ist so
prosaisch, was Sie tun müssen.«
    »Da widerspreche ich«, erwiderte Anton eifrig, »ich weiss mir gar nichts, was
so interessant ist, als das Geschäft. Wir leben mitten unter einem bunten Gewebe
von zahllosen Fäden, die sich von einem Menschen zu dem anderen, über Land und
Meer aus einem Weltteil in den anderen spinnen. Sie hängen sich an jeden
einzelnen und verbinden ihn mit der ganzen Welt. Alles, was wir am Leibe tragen,
und alles, was uns umgibt, führt uns die merkwürdigsten Begebenheiten aller
fremden Länder und jede menschliche Tätigkeit vor die Augen; dadurch wird alles
anziehend.
    Und da ich das Gefühl habe, dass auch ich mitelfe, und sowenig ich auch
vermag, doch dazu beitrage, dass jeder Mensch mit jedem andern Menschen in
fortwährender Verbindung erhalten wird, so kann ich wohl vergnügt über meine
Tätigkeit sein. Wenn ich einen Sack mit Kaffee auf die Waage setze, so knüpfe
ich einen unsichtbaren Faden zwischen der Kolonistentochter in Brasilien, welche
die Bohnen abgepflückt hat, und dem jungen Bauernburschen, der sie zum Frühstück
trinkt, und wenn ich einen Zimtstengel in die Hand nehme, so sehe ich auf der
einen Seite den Malaien kauern, der ihn zubereitet und einpackt, und auf der
anderen Seite ein altes Mütterchen aus unserer Vorstadt, das ihn über den
Reisbrei reibt.«
    »Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft und sind glücklich, weil Sie Ihre
Arbeit als nützlich empfinden. Aber was der höchste Stoff für die Poesie ist,
ein Leben reich an mächtigen Gefühlen und Taten, das ist bei uns doch sehr
selten zu finden. Da muss man wie der englische Dichter aus den zivilisierten
Ländern hinaus unter Seeräuber gehen.«
    »Nein«, versetzte Anton hartnäckig, »der Kaufmann bei uns erlebt ebensoviel
Grosses, Empfindungen und Taten, als irgendein Reiter unter Arabern oder Indern.
- Je ausgebreiteter sein Geschäft ist, desto mehr Menschen hat er, deren Glück
oder Unglück er mitfühlen muss, und desto öfter ist er selbst in der Lage, sich
zu freuen oder Schmerzen zu empfinden. - Neulich hat hier ein grosses Haus
Bankrott gemacht.«
    »Ich weiss es«, sagte Bernhard, »es war ein trauriger Fall.«
    »Wenn Sie die Gewitterschwüle empfunden hätten, welche auf dem Geschäft lag,
bevor es fiel, die furchtbare Verzweiflung des Mannes, den Schmerz der Familie,
die Hochherzigkeit seiner Frau, welche ihr eigenes Vermögen bis zum letzten
Taler in die Masse warf, um die Ehre ihres Mannes zu retten, Sie würden nicht
sagen, dass unser Geschäft arm an Leidenschaften und grossen Gefühlen ist.«
    »Sie sind mit ganzer Seele Kaufmann«, sagte Bernhard freundlich, »ich möchte
Sie beneiden und die reine Freude, die Sie über Ihre Arbeit haben.«
    »Ja«, entgegnete Anton. »Auch der Kaufmann hat trübe Erfahrungen in Menge zu
machen. Der kleine Ärger fehlt ihm nicht, und vieles Schlechte muss er erleben,
aber der ganze Handel ist doch so sehr auf die Redlichkeit anderer und auf die
Güte der menschlichen Natur berechnet, dass ich bei meinem Eintritt in diese
Tätigkeit erstaunt war. Wer ein ehrliches Geschäft hat, kann von unserm Leben
nicht schlecht denken; er wird immer Gelegenheit haben, Schönes und Grossartiges
darin zu finden.«
    Bernhard hatte mit gesenkten Augen zugehört, jetzt blickte er schweigend zum
Fenster hinaus; und Anton bemerkte, dass er verlegen und bekümmert aussah.
Endlich wandte sich Bernhard um und sagte, das Gespräch abbrechend, mit
bittender Stimme: »Wenn es Ihnen recht ist, Herr Wohlfart, so möchte ich mit
Ihnen sogleich zum Sprachlehrer gehn. Es ist ein weiter Weg, wir sprechen im
Freien mehr miteinander.«
    Wie alte Bekannte traten die beiden Jünglinge aus dem finstern Haus in die
warme Abendluft. Und als sie nach einer Stunde voneinander schieden, sagte
Bernhard angelegentlich: »Ist Ihnen der Verkehr mit mir nicht zu uninteressant,
Herr Wohlfart, so besuchen Sie mich doch manchmal in Ihren Freistunden.« Anton
versprach das. Beide hatten Behagen aneinander gefunden. Anton wunderte sich
noch immer, dass ein Sohn Ehrentals so wenig Geschäftsmann sein konnte, und
Bernhard war glücklich, einen Menschen zu treffen, mit dem er über vieles reden
konnte, was er sonst schweigend mit sich herumtrug.
    Bernhard trat am Abend vergnügt in die Familienstube und stellte sich hinter
den Rücken der Schwester, welche auf einem kostbaren Flügel ein neues Modestück
einübte und dabei eine grosse Fingerfertigkeit entwickelte. Der Bruder küsste sie
leise an das Ohr, sie drehte sich schnell um und rief: »Lass mich in Ruh,
Bernhard, ich muss das Stück einüben, denn auf den Sonntag ist grosse Soiree, und
sie werden mich auffordern zu spielen.«
    »Ich weiss, dass sie dich auffordern werden«, sagte die Mutter, als Bernhard
sich schweigend auf das Sofa niedersetzte und ein aufgeschlagenes Buch in die
Hand nahm. »Es ist keine Gesellschaft, wo man nicht das Verlangen hat, die
Rosalie zu hören.
    Wenn du nur einmal dich entschliessen könntest, mitzukommen, Bernhard, du
bist ein Mann von soviel Geist, du bist gelehrter als alle aus der ganzen
Bekanntschaft. Neulich hat der Professor Starke von der Universität mit grosser
Hochachtung über dich gesprochen und hat gesagt, du würdest ein Stolz werden für
die Wissenschaft. Es ist erfreulich für eine Mutter, wenn sie stolz sein kann
auf ihre Kinder. Warum kommst du nicht in die Gesellschaft, sie wird so
auserlesen sein, wie sie in unserer Stadt nur sein kann.« - »Du weisst, Mutter,
ich gehe nicht gern zu fremden Leuten«, sagte der Sohn.
    »Und ich will, dass mein Sohn Bernhard hat seinen eigenen Willen«, rief der
Vater aus einer Nebenstube, wo er die letzten Worte Bernhards gehört hatte, da
in diesem Augenblicke Rosalie von ihren schweren Passagen ausruhte. Herr
Ehrental trat in seinem verschossenen Schlafrocke zu der Familie: »Unser
Bernhard ist nicht, wie andere Leute, und der Weg, den er geht, wird immer sein
ein guter Weg. Du siehst aus so bleich«, sagte er zum Sohne und strich mit der
Hand über seine braunen Locken. »Du studierst zuviel, mein Sohn. Denke auf deine
Gesundheit, der Doktor hat gesagt, dass dir Bewegung nötig ist, und hat dir
geraten zu nehmen ein Pferd und darauf zu reiten. Warum willst du nicht nehmen
ein Pferd? Ich kann es haben, dass mein Sohn Bernhard auf dem teuersten Pferde
reitet, das in der Stadt zu haben ist; tu, was der Arzt sagt, mein Bernhard, ich
will dir kaufen ein Pferd.«
    »Ich danke dir, lieber Vater«, erwiderte Bernhard, »es würde mir keine
Freude machen, und wie ich fürchte, deshalb nicht viel helfen.« Er drückte
dankbar die Hand des Vaters, der ihm wehmütig in das faltige Gesicht sah.
    »Gebt Ihr dem Bernhard auch immer zu essen, was er gern hat? Lass ihm
Pfirsiche holen, Sidonie, es sind neue Pfirsiche angekommen beim Fruchtändler,
das Stück kostet zwei gute Groschen; oder willst du haben irgend etwas anderes,
so sag's. Du sollst haben, was du gern hast; du bist mein guter Sohn Bernhard,
und ich habe meine Freude an dir.«
    »Er will ja nie etwas annehmen«, sprach die Mutter dazwischen, »er hat keine
andere Freude, als an seinen Büchern; nach Rosalie und mir frägt er manchmal den
ganzen Tag nicht.«
    »Liebe Mutter!« warf Bernhard bittend ein.
    »Er liest zuviel in den Büchern und kümmert sich nicht um die Menschen«,
fuhr die erfahrene Frau fort, »deshalb sieht er aus so bleich und verfallen, wie
ein Mann von sechzig Jahren. Warum will er nicht gehen auf den Sonntag in die
Soiree?«
    »Ich werde mitkommen, wenn du es wünschst«, sagte Bernhard traurig und
setzte nach einer Weile hinzu: »Ist euch ein junger Mann bekannt, ein Herr
Wohlfart, der in Schröters Geschäft ist?«
    »Den kenne ich nicht«, sprach der Vater mit bestimmtem Kopfschütteln.
    »Vielleicht du, Rosalie? Er ist ein hübscher Mann von gentilem Aussehen. Er
scheint mir ein guter Tänzer und Gesellschafter zu sein. Bist du nicht irgendwo
ihm begegnet? Ich glaube, er müsste dir aufgefallen sein.«
    »Ist er blond?« fragte die Schwester, indem sie ihr Haar vor einem kleinen
Handspiegel zurechtstrich.
    »Er hat dunkles Haar und blaue Augen.«
    »Wenn er aus einem Comtoir ist, werde ich ihn wohl schwerlich kennen«, sagte
Rosalie das Haupt zurückwerfend.
    »Unsere Rosalie tanzt meist mit Offizieren und Künstlern«, schaltete die
Mutter erklärend ein.
    »Er ist ein tüchtiger und liebenswürdiger Mensch«, fuhr Bernhard fort; »ich
will mit ihm zusammen Englisch treiben und freue mich sehr, dass ich seine
Bekanntschaft gemacht habe.«
    »Er soll eingeladen werden zu uns«, dekretierte Herr Ehrental vom Sofa
aufstehend; »wenn er unserem Bernhard gefällt, so soll er willkommen sein in
meinem Hause. Lass einen guten Braten machen auf den Sonntag, Sidonie, und lass
mir einladen Herrn Wohlfart zum Mittagessen, nicht um ein Uhr, sondern um zwei
Uhr! Er soll von jetzt gebeten werden zu allen Gesellschaften, die wir geben;
wenn er ein Freund ist von Bernhard, so soll er auch ein Freund sein von unserem
Hause.«
    »Er hat ja noch nicht seinen Besuch gemacht«, sagte die Mutter wieder, »wir
müssen doch abwarten, bis er sein Entree macht bei der Familie?«
    »Wozu Entree«, fuhr der Vater auf, »wenn er bekannt ist mit unserem
Bernhard, wozu soll er erst Entree machen bei uns?« - »Ich will noch in dieser
Woche zu ihm gehen, und wenn du erlaubst, liebe Mutter, ihn auffordern, auf den
Sonntag bei uns zu essen.«
    Die Mutter gab ihre Einwilligung, und Rosalie setzte sich jetzt zum Bruder
und fragte ihn mit grösserem Interesse über Person und Wesen des neuen Bekannten
aus.
    Bernhard schilderte mit Wärme den angenehmen Eindruck, den Anton auf ihn
gemacht hatte, so dass die Mutter daran dachte, auf den Sonntag die grosse
Silbervase herauszugeben und aufputzen zu lassen. Rosalie überlegte, in welchem
Kleide und durch welche Seite ihrer Bildung sie auf den Fremden Eindruck machen
wolle, und der Vater erklärte wiederholt, dass er Herrn Wohlfart zu jeder
Tageszeit und bei jedem ausgezeichneten Bratenstück in seinem Hause zu sehen
wünsche.
    Wie kam es doch, dass Bernhard seiner Familie nicht den Inhalt des Gesprächs
mitteilte, welches ihm den neuen Bekannten so lieb gemacht hatte? Wie kam es
doch, dass er kurz darauf wieder in trübes Schweigen verfiel und in sein
Arbeitszimmer zurückging? Dass er dort seinen Kopf über eine alte Handschrift
lehnte und lange auf die krausen Züge hinstarrte, bis ihm grosse Tränen
herabfielen, welche die Tusche der Buchstaben, auf die er soviel hielt,
auflösten und verdarben, ohne dass er's merkte? Wie kam es doch, dass der junge
Mann, auf den die Mutter so gern stolz sein wollte, und den der Vater so sehr
verehrte, allein in seiner Stube sass und die bittersten Tränen vergoss, die ein
guter Mensch weinen kann? Und woher kam es, dass er endlich mit rotgeweinten
Augen am späten Abend sich zusammenfasste und eifrig den Kopf in seine Bücher
senkte, während seine schöne Schwester in der anderen Ecke der Wohnung noch
immer mit ihren runden Fingern über die Tasten fuhr und das schwere Stück
einübte, welches bestimmt war, bei der nächsten Soiree zu wirken?
    Mit diesem Tage begann für Anton und Bernhard ein Verhältnis, welches für
beide Wert erhielt. Bei der Unterhaltung über das Schöne, welches die Kraft
eines fremden Volkes geschaffen hatte, genossen sie die Freude, auch das Gute
liebzugewinnen, das jeder in dem andern fand. Bernhards Sprachkenntnisse waren
grösser, und sein Gefühl für das Reizende in fremder Poesie bis zum Übermass fein,
in Antons Seele war alles geordnet und sicher.
    Wenn Bernhard für Byron kämpfte, so vertrat Anton die ruhige Klarheit Walter
Scotts, und beide waren glücklich, als ihre Begeisterung sich vor dem grössten
dramatischen Dichter vereinigte.
    Anton schilderte die ungewöhnliche Bildung Bernhards dem gleichgültigen
Fink. Er freute sich darauf, beide miteinander bekannt zu machen, und als er
einst Bernhard zu sich geladen hatte, bat er auch Fink, heraufzukommen.
    »Wenn dir's Spass macht, Tony«, sagte Fink achselzuckend, »so will ich
kommen. Ich sage dir aber im voraus, dass ich unter allen Kreaturen Büchereulen
am wenigsten leiden kann. Es gibt kein Volk, welches selbstgefälliger über alles
mögliche aburteilt, und keines, das sich törichter benimmt, wenn es selbst etwas
tun soll. Und vollends ein Sohn des würdigen Ehrental! Nimm mir's nicht übel,
wenn ich euch bald entlaufe.«
    Bernhard sass erwartungsvoll auf dem Sofa Antons und sah mit Befangenheit der
Ankunft des berühmten Mannes entgegen, über welchen manche Sage sogar in seine
stille Studierstube gedrungen war. Als Fink eintrat und die tiefe Verbeugung
Bernhards mit einem leichten Kopfnicken beantwortete, sich einen Stuhl zum Tisch
zog und den schwachen Tee, den Bernhard so erbeten hatte, durch allerlei Zutaten
trinkbar zu machen suchte, da empfand Anton mit Betrübnis, dass diese beiden
schwerlich zueinander passen würden. Kein grösserer Gegensatz war möglich, als
ihr Wesen. Die magere durchsichtige Hand Bernhards und der kräftige Fleischton
in den Muskeln Finks, die gedrückte Haltung des einen, die elastische Kraft des
andern, dort ein faltiges Gesicht mit träumerischen Augen, hier stolze Züge mit
einem Blick, der dem eines Adlers glich: das passte nimmermehr zusammen. Doch
ging es besser, als Anton gedacht hatte. Bernhard hörte mit Achtung an, was der
Jockei erzählte, und da Anton eifrig bemüht war, das Gespräch auf ein Gebiet zu
bringen, wo auch Bernhard teilnehmen konnte, blieb die Unterhaltung in Fluss.
    »Fink hat auch Indianer gesehen«, sagte Anton zu Bernhard.
    »Haben Sie etwas von ihren Liedern gehört?« fragte der Gelehrte.
    »Ich habe sie einigemal gehört. Möglich, dass klügere Leute etwas Erbauliches
in ihrem Gesang finden, mir ist er nie anders vorgekommen, als kläglich.
Schlagen Sie auf ein altes Blech und singen Sie dazu durch die Nase mit allerlei
Nebentönen: Tum, tum, the - ticke, ticke the, - Och, och, tum, tum, the, so haben
Sie ihren Gesang, der auf deutsch ungefähr bedeuten würde: Guter Geist, gib
Büffel, Büffel, Büffel. Dicke Büffel gib uns, guter Geist. « - Seine Zuhören
lachten - »Und wozu sollen diese Geschöpfe kunstvolle Lieder machen? Entweder
sind sie auf der Jagd, oder sie suchen Skalpe, oder sie essen und schlafen, oder
sie halten Parlamentsreden, wozu sie allerdings grosse Neigung haben.«
    »Aber die Frauen?« fragte Bernhard lächelnd.
    »Wie es bei den mit der Poesie steht, weiss ich nicht, mir rochen sie immer
zu sehr nach Fett. Freilich, wenn man nichts anderes hat, gewöhnt man sich auch
daran. Doch ist mit den Männern noch besser zu verkehren. So ein nackter Bursch
auf seinem halbwilden Pferd ist kein übler Anblick.«
    »Die erste Begegnung muss doch sehr imponieren, ihre auffallende Tracht und
ihr stolzes Wesen«, warf Bernhard ein.
    »Das kann ich nicht sagen«, versetzte Fink. »Vor Jahren machte ich mit
meinem Onkel eine Reise nach der Agentur einer Pelzwaren-Kompanie, bei der er
beteiligt war. Als wir aus dem Dampfer ans Ufer stiegen, fanden wir am
Landungsplatz eine Gesellschaft der rötlichen Herren, welche stark betrunken
war. Ein langer Schlingel schritt auf meinen Onkel zu und hielt ihm eine Rede,
die, wie der Dolmetsch erklärte, die Versicherung entielt, dass sie sämtlich
grosse Krieger wären, und nach jedem Satz bellte die Bande ein lautes Hau, hau,
das in ihrer Sprache soviel als ja bedeutet. Es war ein Trupp Schwarzfüsse.«
    »Es waren Sioux«, verbesserte Bernhard bescheiden.
    Fink legte den Teelöffel hin und sah Bernhard gross an. »Ich kalkuliere,
Herr, es waren Schwarzfüsse.«
    »Es waren doch wohl Sioux«, wiederholte Bernhard. »Bei den Schwarzfüssen
lautet das Ja anders.«
    »Wetter«, rief Fink, »wenn Sie mit den roten Teufeln so bekannt sind, wozu
lassen Sie mich hier meine Jagdgeschichten erzählen?«
    »Ich habe mich nur ein wenig um ihre Sprache bekümmert«, erwiderte Bernhard,
»es ist ein Zufall, dass ich vor kurzem einige Wörterverzeichnisse verschiedener
Stämme durchgesehen habe.«
    »Und wozu haben Sie sich die unnütze Mühe gemacht? Es wird dort drüben
schnell aufgeräumt; bevor Sie eine Sprache erlernen, ist der Stamm ausgerottet,
der sie sprach.«
    Jetzt wurde Bernhard beredt. Er sagte, dass die Kenntnis der Sprachen für die
Wissenschaft die beste Hilfe sei, um das Höchste zu verstehen, was der Mensch
überhaupt begreifen könne, die Seelen der Völker.
    Die vom Geschäft hörten aufmerksam zu. Als Bernhard sich entfernt hatte,
rief Fink noch immer verwundert: »Er geht mit unserm alten Herrgott um, wie mit
einem Duzbruder, und konnte vorhin rechts und links nicht unterscheiden.«
    Die Folge dieses Abends war, dass Bernhard einige Tage später sogar auf den
Polsterstuhl Finks zu sitzen kam und dass er selbst den Mut fasste, mit Anton auch
Fink zu sich einzuladen. »Es ist keine Gesellschaft«, fügte er hinzu, »ich
möchte nur Sie beide einmal auf meinem Zimmer sehen.«
    Fink sagte zu. Darüber entstand in der Familie Ehrental grosse Aufregung.
Bernhard stäubte selbst seine Bücher ab und stellte die verkehrten zurecht, und
es geschah das Unerhörte, dass er sich um die Wirtschaft kümmerte. »Es muss Tee
sein, Abendessen, Wein, auch Zigarren.«
    »Du sollst um nichts sorgen«, beruhigte ihn die Mutter, »wenn der Herr von
Fink dein Gast ist, so soll er sehn, wie es in unserm Hause zugeht.«
    »Die Zigarren werde ich dir kaufen«, rief der Vater, »wie sie rauchen die
jungen Herren, etwas Feines, und ich werde dir auch besorgen den Wein. Lass
Fasanen holen, Sidonie.«
    »Wir wollen einen Lohndiener annehmen«, sagte die Mutter.
    »So will ich's nicht«, widersprach Bernhard ängstlich, »die Herren kommen zu
mir als gute Freunde, und so sollen sie aufgenommen werden in meiner Stube und
ohne fremden Diener.«
    Und als die Stunde des Besuchs herankam, wie wurde da Bernhard eifrig, ja er
wurde ärgerlich, nichts war ihm in Ordnung. »Wo ist der Teekessel? Noch steht
kein Kessel in meiner Stube«, rief er der Mutter zu.
    »Ich werde dir den Tee eingiessen und hineinschicken, wie sich's bei
Herrengesellschaft passt«, sagte die Mutter, die im neuen Seidenkleide auf und ab
rauschte.
    »Nein«, entgegnete Bernhard eigensinnig, »ich selbst will den Tee machen,
Wohlfart macht ihn, und Herr von Fink macht ihn.«
    »Der Bernhard will selbst den Tee machen!« rief die Mutter verwundert
Rosalie zu. »Ein Wunder, er will selbst den Tee machen!« rief Ehrental in
seiner Schlafstube, in der er gerade unter den Stiefeln klapperte. »Er will Tee
machen!« rief die Köchin in der Küche und schlug die Hände zusammen.
    Und wieder kam Bernhard in die Wohnstube gerannt, eine geschliffene Flasche
in der Hand. »Was ist das hier?« fragte er im Eifer.
    »Arrak«, sagte die Mutter.
    »Es muss Rum sein. Fink trinkt keinen Arrak im Tee.«
    »Ich werde selbst gehen, Rum holen«, rief Ehrental, ergriff seinen Hut und
lief mit der Flasche zum Nachbar Goldstein, dem Weinhändler.
    Auf dem Wege sagte Anton zu Fink: »Es ist hübsch von dir, Fritz, dass du
mitkommst. Bernhard wird eine grosse Freude darüber haben.«
    »Der Mensch muss Opfer bringen«, erwiderte Fink. »Ich habe mir die Freiheit
genommen, im voraus zu Abend zu essen, denn ich habe einen Abscheu vor
Gänsefett. Aber das schönste Mädchen der Stadt ist schon eine Entsagung wert.
Ich habe sie neulich wieder im Konzert gesehen, ein prachtvoller Leib. Und
welche Augen! Ihr Vater, der alte Wucherer, hat nie einen Edelstein unter seinen
Händen gehabt, der so funkelt.«
    »Wir sind zu Bernhard eingeladen«, versetzte Anton mit leisem Vorwurf.
    »Jedenfalls wird doch die Schwester zu sehen sein«, sagte Fink, »wo nicht,
so zwingen wir ihn, sie vorzuführen.«
    »Ich hoffe, sie wird unsichtbar sein«, seufzte Anton.
    Die Tür öffnete sich, das Entree war durch zwei prachtvolle Lampen
erleuchtet, Bernhards Stube war festlich geschmückt. Eine grosse Blumenvase stand
auf dem Tisch, daneben buntes Porzellan, vergoldete Löffel auf seidener
Tischdecke, und ein grosses Bund Imperiales von riesigem Format, wahre Stangen,
die man ohne Stütze zwischen den Lippen nicht erhalten konnte. Auf dem Boden war
ein neuer Teppich ausgebreitet, es war alles sehr anständig. Und wie
liebenswürdig war Bernhard als Wirt. Er machte den Tee. Er bat in rührender
Hilflosigkeit Fink um Rat, wieviel Tee er einschütten solle, er drehte den Hahn
so künstlich herum, dass lange Zeit gar nichts aus der Öffnung floss, und dann
wieder die Flut nicht zu bändigen war. Errötend scherzte er über seine eigene
Ungeschicklichkeit, und seine Augen leuchteten vor Freude, als Fink entschied,
der Tee sei vortrefflich. Eifrig bot er die Zigarren, andächtig hörte er die
Belehrung, die ihm Fink über das schickliche Mass hielt, in welchem diese
Erfindung menschlichen Scharfsinnes geformt werden müsse. Und ganz glücklich
wurde er, da Anton endlich bat, dem Freund seine Bücherschätze zu zeigen, und da
Fink über das Aussehen der fremden Buchstaben humoristische Glossen machte. Als
gute Leute sassen die drei zusammen und plauderten eine Stunde in bester
Eintracht. Fink war in der menschenfreundlichsten Stimmung, und Anton bat die
Götter im stillen, die schöne Schwester nur heut von ihrem Tisch fernzuhalten.
    Doch Punkt neun Uhr öffnete sich die Tür des Nebenzimmers, und Frau Sidonie
überschritt majestätisch die Schwelle. »Batseba tritt ein zu König David«,
sagte Fink leise zu Anton; erzürnt drückte ihm Anton den Fuss. Bernhard stellte
verlegen vor, die Frau vom Hause lud in das Nebenzimmer, Herr Ehrental und
Rosalie präsentierten sich. Fink trat zu dem schönen Mädchen, nannte sie
gnädiges Fräulein und erzählte ihr, dass er eine alte Bekanntschaft erneuere, da
er sie bereits in der Akademie gesehen habe. Er setzte sich zwischen Mutter und
Tochter zu Tisch, er sagte ihnen im gleichgültigsten Ton so viele Artigkeiten,
dass beide bezaubert wurden. Er rühmte gegen die Mutter die entfernte Residenz,
gegen welche diese Stadt ein kleinlicher Haufe von Ziegelsteinen sei, er liess
sich mit Rosalien in eine lebhafte Unterhaltung über Musik ein, für die er sonst
wenig Herz hatte, er versprach ihr beim nächsten Wettrennen einen guten Platz
auf der Tribüne, er erzählte kleine Geschichten aus der besten Gesellschaft, in
denen er mit Humor die Schwächen derselben karikierte. Er entzückte dadurch die
Frauen, die mit Eifersucht auf die Kreise hinsahn, die sich gegen Leute von
Bildung so sehr abschlossen, er erfreute dadurch auch Bernhard, der auf diese
Berichte lauschte, wie auf die Kunde aus fremder Welt. Es war von einer Fürstin
die Rede, welche für eine berühmte Schönheit galt, Fink war ihr irgendeinmal
vorgestellt worden und fand, dass sie dem Fräulein vor ihm zum Verwechseln
ähnlich sah, etwas kleiner war die Fürstin, die Gestalt weniger edel; er
bewunderte dreist eine Mosaikbrosche an der Brust von Frau Sidonie und verglich
sie mit einem kostbaren Kunstwerk in einem Museum. Nur Vater Ehrental war für
ihn nicht vorhanden. Nach den ersten Begrüssungen mit Anton machte der Händler
einige vergebliche Versuche, mit Fink eine Unterhaltung anzuknüpfen. Aber Fink
sprach über ihn weg, als ob ein Stück Luft auf dem Stuhl des Hausherrn sitze.
Und doch war er nicht unartig, jedem war, als müsste es so sein. Ehrental selbst
fand sich mit Demut in die bescheidene Rolle, zu der er verurteilt war, und
rächte sich dadurch, dass er einen ganzen Fasan verzehrte.
    Als Fink merkte, dass es ein wenig unbequem war, die Frauen zu lebhafter
Teilnahme an der Unterhaltung heranzuziehen, fing er an, in seiner Weise mit
Worten zu phantasieren.
    Die Mutter klagte gegen ihn über Bernhards Stubensitzen.
    »Er ist ein Aristokrat«, antwortete Fink gutmütig. »Der zehnte Mensch ist
ihm nicht recht. Die Herren Gelehrten haben alle diese Eigentümlichkeit. Wenn
ich meinem Schöpfer für etwas dankbar bin, so ist es dafür, dass er mich zu einem
einfachen bescheidenen Mann gemacht hat, dessen Kopf nicht stark genug ist,
grosse Weisheit zu vertragen. Uns gewöhnlichen Menschen wird es am leichtesten,
mit dieser Welt fertig zu werden, wir sind genötigt, uns in andere zu schicken.
Wer aber berechtigt ist, grosse Ansprüche zu machen wegen seines Wissens oder
wegen seiner Schönheit« - hier neigte er sich mit überzeugender Ehrlichkeit
gegen die Tochter vom Hause - »der findet leicht die Welt nicht so, wie er sie
fordert, während ich und meinesgleichen die Überzeugung haben, dass sie ganz
vortrefflich eingerichtet ist.«
    »Es ist doch viel Gemeines auf der Erde«, sagte Madame Ehrental.
    »Dass ich nicht wüsste«, rief Fink lachend. »Ich gebe Ihnen zu, dass einige
Insekten einen gemeinen Charakter haben, und dass es gemein ist, sich in
Branntwein zu betrinken. Im übrigen kommt vieles auf Ansichten an. Sehen Sie
diese Auster. Ich wette, es gibt zahlreiche Fische und Erdbewohner, welche dies
holde Geschöpf für etwas Gemeines halten, mir erscheint sie als eine der
vornehmsten Erfindungen der Natur. Was verlangen wir von einem Vornehmen? Die
Auster hat alles: sie ist ruhig, sie ist still, sie sitzt fest auf ihrem Grund
und Boden. Sie schliesst sich ab gegen die Aussenwelt, wie kein anderes Geschöpf.
Wenn sie ihre Schalen zuklappt, so deutet sie auf das Entschiedenste an: Ich bin
für niemand zu Hause; wenn sie ihr perlmutternes Haus öffnet, so zeigt sie den
bevorzugten Ebenbürtigen ein zartes gefühlvolles Wesen. Wenn der Mensch das
Recht hat, etwas Geschaffenes zu beneiden, so ist es die Auster. Sie werden
sagen, dass das Seewasser kein ansprechendes Element ist. Aber da muss ich
widersprechen. Wer auf die schlechte Gewohnheit verzichten kann, alle
Augenblicke nach Luft zu schnappen, wie wir leider tun müssen, für den muss es
dort unten auf dem Meeresgrund sehr gemütlich sein.« Er wandte sich zu Rosalie:
»Nur die musikalische Bildung der Auster ist, wie ich fürchte, ungenügend. Ausser
dem Heulen des Sturmwinds und dem Gerassel des Dampfschiffs dringen nicht viele
Töne in ihre Behausung.«
    »Treiben Sie Musik?« fragte Rosalie.
    »Kaum darf ich das zugeben«, erwiderte Fink verbindlich. »Ich klimpere ein
wenig auf dem Flügel herum, und wenn ich zu singen versuche, meide ich
Menschenwohnungen. Aber ich stehe zur Musik in dem Verhältnis eines
unglücklichen Liebhabers. Ich habe ein Instrument, das ich schwärmerisch
verehre, und ich würde viel darum geben, wenn ich imstande wäre, dasselbe mit
Meisterschaft zu spielen.«
    »Die Violine?« fragte Rosalie.
    »Vergebung, die Pauke. Ich frage Sie, was heisst spielen auf den andern
Instrumenten? Es ist ein ewiges unruhiges Umherrasen von der Höhe zur Tiefe und
wieder umgekehrt, eine ungemütliche Anstrengung in allen möglichen
Schnelligkeiten, Triolen, Trillern, Tremolos und wie die Quälereien alle heissen.
Nur selten erscheint eine lange, dicke, ruhige Note, ein solider Ton, welcher
aushallt und nicht von der nächsten Note seinen Fusstritt bekommt. Nehmen Sie
dagegen den Ton der Pauke. Welche Kraft, welche Feierlichkeit und welche
Wirkung! Und erst der Glückliche, dem ein solches Instrument anvertraut wird!
Man sagt den übrigen Virtuosen nach, dass sie reizbar und empfindlich sind, der
Pauker wird ein Held, ein grosser Charakter, er bekommt eine Weltanschauung, wie
sie nur auf dem erhabensten Standpunkt möglich ist. Er pausiert dreissig, fünfzig
Takte, unterdes rennt und quiekt das Volk der übrigen Töne durcheinander, wie
die Mäuse, wenn die Katze nicht zu Hause ist. Er allein steht in einsamer Grösse,
scheinbar mit nichts beschäftigt, er nimmt vielleicht eine Prise oder sucht sich
lächelnd die schönsten Damen im Zuhörerraum. Aber innerlich denkt er: 27, wartet
nur, ihr ruppiges Notengesindel, 28, ich werde euch sogleich eins auf den Kopf
geben, 29, diese Geige wird naseweis, 30, bum! er schlägt auf, und die andern
Instrumente fahren aufgeregt zusammen, sie fühlen die Sprache ihres Herrn und
Meisters, und alle Zuhörer atmen tief auf, das grosse Wort ist gesprochen.« -
Rosalie lachte.
    »Ich lasse mir nächstens ein paar Pauken bauen und werde mir die Ehre geben,
ein Duett für Pauke und Fortepiano zu schreiben und Ihnen, mein Fräulein, zu
widmen, am liebsten ein gefühlvolles Notturno. - Beim Apoll, ein vortrefflicher
Wein! Was für ein Landsmann? Ich habe noch nicht die Ehre seiner persönlichen
Bekanntschaft.«
    »Es ist ein Ungarwein, alter Menes«, rief Vater Ehrental über den Tisch,
»er hat fünfzig Jahre gelegen im Keller.«
    »Kennen Sie die Sorte, Herr Bernhard?« fragte Fink, die Worte des Vaters
überhörend.
    »Ich verstehe wenig vom Wein«, sagte Bernhard.
    »Schade«, erwiderte Fink. »Wer ein Gönner der Poesie ist, wie Sie, der
sollte auch etwas auf seinen Weinkeller halten. Aber da wir von Musik sprechen,
müssen Sie uns wenigstens sagen, wie Ihre persischen Freunde, die Herren Jussuf
und Sadi, ihre Lieder den schwarzäugigen Schönen vorsingen. Bitte, rezitieren
Sie uns ein Gedicht auf persische Weise.«
    Bernhard setzte ernstaft auseinander, dass die Musik des Orients für unser
Ohr manches Auffallende habe, und hatte lange zu tun, um die angelegentlichen
Bitten Finks abzuwehren, welcher durchaus einen Vortrag in Originalsprache und
Melodie von ihm hören wollte.
    So zog er die Tafel hin bis nach Mitternacht, zuletzt musste Rosalie sich an
den Flügel setzen, dann fuhr auch er mit den Fingern über die Tasten und sang
ein wildes Lied in spanischer Sprache.
    Als die Gäste sich entfernten, war die Familie entzückt. Rosalie eilte
wieder an den Flügel und suchte die Melodie des fremden Gassenhauers zu
wiederholen, die Mutter war unerschöpflich im Ruhme des vornehmen Wesens; auch
der von den Stühlen der Menschheit gestrichene Vater war über den Besuch des
reichen Erben begeistert und wiederholte in angenehmer Weinlaune, dass er über
eine Million schwer sei. Selbst Bernhards unschuldige Seele war durch die Art
des gewandten Mannes mächtig gefesselt. Wohl hatte er bei den Reden Finks
zuweilen ein leichtes Missbehagen gefühlt, es war ihm vorgekommen, als mache der
Fremde sich über ihn und die Seinen lustig, aber er war zu unerfahren, um das
vollständig zu übersehen, und beruhigte sich damit, dass solche Gleichgültigkeit
zum Wesen der Weltleute gehöre.
    Nur Anton war unzufrieden mit dem Freunde und sagte ihm das auf dem
Heimwege.
    »Du hast gesessen wie ein Stock«, erwiderte Fink, »ich habe die Leute
unterhalten, was willst du mehr? Lass dich in eine Maus verwandeln und kriech in
die Löcher der aufgeputzten Stube, und du wirst hören, wie sie jetzt mein Lob
singen. Kein Mensch kann mehr verlangen, als dass man ihn so behandelt, wie ihm
selbst behaglich ist.«
    »Ich meine«, sagte Anton, »man soll ihn so behandeln, wie es der eigenen
Bildung würdig ist. Du hast dich benommen, wie ein leichtsinniger Edelmann, der
morgen bei dem alten Ehrental eine Anleihe machen will.«
    »Ich will leichtsinnig sein«, rief Fink lustig, »vielleicht will ich auch
eine Anleihe bei dem Hause Ehrental machen. Schweig jetzt mit deinen
Busspredigten, es ist ein Uhr vorüber.«
    Einige Tage später erinnerte sich Anton nach dem Schluss des Comtoirs, dass er
dem jungen Gelehrten die Übersendung eines Buches versprochen hatte. Da Fink
schon vor einer Stunde weggegangen war und, wie er oft tat, den Paletot Antons
mitgeführt hatte, so wickelte dieser sich in Finks Burnus, der auf seiner Stube
lag, und eilte in Ehrentals Haus. Er trat an die weisse Tür und war nicht wenig
verwundert, als die Tür geräuschlos aufging und eine verhüllte Gestalt
herausschlüpfte. Ein weicher Arm legte sich in den seinen und eine leise Stimme
sprach: »Kommen Sie schnell, ich erwarte Sie schon lange.« Anton erkannte
Rosaliens Stimme.
    Er stand starr wie eine Bildsäule und erwiderte endlich mit dem Erstaunen,
das in solcher Lage verzeihlich ist: »Sie verkennen mich, mein Fräulein.« Mit
einem unterdrückten Schrei huschte die junge Dame die Stufen hinab, Anton trat
kaum weniger erschrocken in Bernhards Zimmer. Er hatte in der Verwirrung den
Mantel nicht abgenommen, und erlebte jetzt das Leid, dass der kurzsichtige
Bernhard auf ihn zutrat und ihn Herr von Fink anredete. Ein schrecklicher
Verdacht stieg in ihm auf, er schützte gegen Bernhard grosse Eile vor und trug
den unglücklichen Mantel schnell nach Hause über einem Herzen voll Schmerz und
Ärger. Wenn es Fink war, der von der schönen Tochter Ehrentals zu so
vertraulichem Abholen erwartet wurde! Je länger Anton auf den Abwesenden
wartete, desto höher stieg sein Unwille. Endlich hörte er Finks Tritt auf den
Steinen des Hofes und eilte mit dem Mantel zu ihm hinab. Er erzählte kurz, was
ihm begegnet war, und schloss mit den Worten: »Sieh, ich hatte deinen Mantel um,
und es war dunkel, ich habe den hässlichen Verdacht, dass sie mich für dich
gehalten hat, und dass du das Vertrauen Bernhards in unverantwortlicher Weise
missbraucht hast.«
    »Ei, ei«, sagte Fink kopfschüttelnd, »da sieht man, wie schnell der
Tugendhafte bereit ist, seine Steine auf andere zu werfen. Du bist ein
Kindskopf. Es gibt mehr weisse Mäntel in der Stadt, wie kannst du beweisen, dass
es gerade mein Mantel war, der erwartet wurde? Und dann erlaube mir die
Bemerkung, dass du selbst dich bei diesem Abenteuer in einer Weise benommen hast,
die weder artig, noch entschlossen, noch irgend etwas anderes war als täppisch.
Warum hast du nicht das Fräulein die Treppe heruntergeführt? Und wenn die
Verwechselung unten nicht mehr zu verbergen war, konntest du nicht sagen: Zwar
bin ich nicht der, für den Sie mich halten, aber ich bin ebenfalls bereit, in
Ihrem Dienst zu sterben, und so weiter.«
    »Du täuschst mich nicht«, erwiderte Anton. »Ich traue nicht, dass du mir die
Wahrheit sagst. Wenn ich mir alles recht überlege, so kann ich, trotz deinem
Leugnen, den Verdacht nicht loswerden, dass du doch der Erwartete warst.«
    »Du bist ein kleiner Schlaukopf«, sagte Fink gemütlich, »du wirst mir aber
ebenfalls zugestehn, dass ich, da eine Dame im Spiel ist, nichts anderes tun
kann, als leugnen. Denn siehst du, mein Sohn, wenn ich dir Geständnisse machte,
so würde ich ja die schöne Tochter des ehrenwerten Hauses kompromittieren.«
    »Leider fürchte ich«, rief Anton, »dass sie sich ohnedies kompromittiert
fühlt.«
    »Na«, sagte Fink ruhig, »sie wird's ertragen.«
    »Aber Fritz«, rief Anton die Hände ringend, »hast du denn gar keine
Empfindung für das Unrecht, das du an Bernhard begehst? Du verleitest die
Schwester eines gebildeten und feinfühlenden Menschen zu Torheiten, die für sie
verhängnisvoll werden müssen. Gerade dass sein reines Herz in einer Umgebung
schlägt, die er nur ertragen kann, weil er so voll Vertrauen ist und so wenig
erfahren, gerade das macht dein Unrecht für mich so bitter.«
    »Deshalb wirst du am klügsten tun, wenn du das grosse Zartgefühl deines
Freundes schonst und seiner Schwester Verschwiegenheit gönnst.«
    »Nein«, erwiderte Anton zornig, »meine Pflicht gegen Bernhard zwingt mich zu
etwas anderem. Ich muss von dir fordern, dass du dein Verhältnis zu Rosalie, von
welcher Art es auch sei, auf der Stelle abbrichst und dich bemühst, in ihr nur
das zu sehen, was sie dir immer hätte sein sollen, die Schwester meines
Freundes.«
    »So?« entgegnete Fink spöttisch, »ich habe nichts dawider, dass du diese
Forderung stellst. Wenn ich aber nicht darauf eingehe, wie dann? Immer
vorausgesetzt, was ich überhaupt leugne, dass ich der glückliche Erwartete war.«
    »Wenn du nicht darauf eingehst«, rief Anton in grosser Bewegung, »so kann ich
dir diesen Streich niemals verzeihen. Das ist nicht mehr Mangel an Zartgefühl,
es ist etwas Schlimmeres.«
    »Und was, wenn's beliebt?« fragte Fink kalt.
    »Es ist schlecht«, rief Anton. »Es war schon schlimm genug, dass du die
Koketterie des Mädchens benutztest, aber es ist doppelt schlecht, dass du auch
jetzt nicht daran denken willst, wie du sie kennengelernt hast, nicht an ihren
Bruder und nicht an mich, der ich diese unglückliche Bekanntschaft vermittelt
habe.«
    »Und du lass dir sagen«, erwiderte Fink, die Lampe seiner Teemaschine
anzündend, »dass ich dir durchaus nicht das Recht einräume, mir solche Vorträge
zu halten. Ich habe keine Lust, mit dir zu zanken, aber ich wünsche über diesen
Gegenstand kein Wort weiter von dir zu hören.«
    »Dann muss ich dich verlassen«, sagte Anton, »denn es ist mir unmöglich, mit
dir über anderes zu sprechen, solange ich die Empfindung habe, dass du frevelhaft
handelst.«
    Er ging zur Tür. »Ich lasse dir die Wahl, entweder du brichst mit Rosalie,
oder, so furchtbar mir ist, das auszusprechen, du brichst mit mir. Wenn du mir
bis morgen abend nicht die Versicherung gibst, dass deine Intrige zu Ende ist, so
gehe ich zu Rosaliens Mutter.«
    »Gute Nacht, du dummer Tony«, sagte Fink.
    Anton verliess den leichtsinnigen Freund. Es war der erste ernstafte Streit
zwischen ihm und Fink. Er war sehr unglücklich über Finks Leichtsinn und schritt
bis tief in die Nacht in seinem Zimmer trostlos auf und ab. Dem harmlosen
Bernhard etwas zu sagen, erschien ihm bei der Persönlichkeit des Gelehrten
bedenklich, er fürchtete, ihn im tiefsten Herzen zu verwunden, und traute ihm
wenig Einfluss auf die Schwester zu. Auch Fink war ärgerlich über den Zufall. Er
trank seinen Grog diesmal allein und dachte vielleicht mehr an Antons Groll, als
an den Schreck der schönen Rosalie.
    Der nächste Tag war grau für beide. Sonst, wenn Fink ins Comtoir trat,
nickte er dem Freunde, der ihm seit einiger Zeit gegenüber sass, freundlich zu,
und Anton kam dann schnell an den Stuhl des andern und fragte leise, wie Fink
den letzten Abend verlebt hatte. Heut sass Anton stumm auf seinem Platz und
beugte sich tief auf den Brief hinab, als Fink sich ihm gegenüber setzte. Jeder
musste, wenn er aufsah, in das Gesicht des andern blicken, heut hatten beide die
Aufgabe zu tun, als ob ihnen gegenüber ein leerer Raum sei. Es war Fink leicht
gewesen, den Vater Ehrental als Luft zu behandeln, bei Anton war auch ihm das
lästig, und Anton, der keine solche Gewandteit im Übersehen fremder Körper
hatte, fühlte sich höchst unglücklich, wenn er nach rechts und links ausschauen
musste, bei dem Kopf des andern vorbei, über ihn weg, immer gleichgültig, wie der
Kriegsbrauch zwischen Schmollenden nötig macht. In der Mitte des Vormittags kam
das Frühstück in das Comtoir, dann wurde eine kurze Pause gemacht, die Herren
standen von ihren Plätzen auf und traten zusammen. Heut blieb Anton sitzen, weil
sein Platz der einzige Ort war, welcher ihn vor der Berührung mit Fink sicherte.
Alles verschwor sich, beiden ihre Rolle schwerzumachen. Schmeie Tinkeles
erschien im Comtoir, und Fink hatte wieder eine lächerliche Verhandlung. Alle
Herren sahen auf Fink und sprachen mit ihm; sonst hatte Anton dem Freunde
fröhliche Zeichen des Einverständnisses gemacht, jetzt starrte er vor sich hin,
als ob Tinkeles hundert Meilen entfernt wäre. Herr Schröter gab Anton einen
Auftrag, bei dem er Fink um Auskunft fragen musste. Anton war genötigt, sich
vorher stark zu räuspern, damit seine Stimme nicht gepresst klang, und als Fink
eine kurze Antwort gab, kränkte ihn das, und sein Zorn gegen den Verstockten
loderte wieder zu heller Flamme auf. Zum Mittagessen waren die beiden immer
zusammen gegangen, Fink hatte regelmässig gewartet, bis Anton ihn abholte. Heut
kam Anton nicht. Fink ging mit Herrn Jordan ins Vorderhaus, so dass Jordan
verwundert fragte: »Wo bleibt denn Wohlfart?« und Fink musste sagen: »Wo er
will.«
    Am Nachmittag konnte Anton sich nicht entalten, einigemal heimlich von
seinem Briefe aufzusehen und den Kopf und das stolze Angesicht des andern zu
betrachten. dabei musste er denken, wie fürchterlich es für ihn sei, von jetzt ab
dem Manne fremd zu werden, an dem er so sehr hing. Aber er blieb fest. Auch
jetzt, wo der erste Zorn verraucht war, fühlte er, dass er nicht anders handeln
konnte. Diese Überzeugung rührte ihm das Herz. Und in solcher Stimmung vermied
er nicht mehr auf den Platz des verlornen Freundes zu schauen. Als Fink
aufblickte, sah er das Auge Antons voll Trauer auf seinem Gesicht ruhen. Der
schmerzliche Ausdruck beunruhigte den Rücksichtslosen mehr als der frühere Zorn.
Er erkannte daraus, dass Anton fest war, und die Waagschale, worin Rosalie sass,
fuhr in die Höhe. Wenn Anton in seiner Spiessbürgerlichkeit zu Rosaliens Mutter
ging, so wurde ihm das Abenteuer doch verdorben. Zwar um den Zorn der Mutter
kümmerte er sich wenig, Rosalie mochte sehn, wie sie mit ihr fertig wurde, aber
der Gedanke an den harmlosen Bernhard war ihm unbehaglich. Und was das
Schlimmste war, sein eigenes Verhältnis zu Anton war für immer zerstört, sobald
dieser erst mit einer dritten Person über die Liaison gesprochen hatte. Diese
Erwägung zog ihm die Stirn in Falten.
    Kurz vor sieben Uhr fiel ein Schatten auf Antons Papier. Anton sah auf, Fink
hielt ihm schweigend einen kleinen Brief über das Pult, die Aufschrift war an
Rosalie. Anton sprang von seinem Sitz auf.
    »Ich habe an sie geschrieben«, sprach der andere mit eisiger Kälte; »da
deine Freundschaft mir nur die Wahl lässt, entweder das Mädchen zu
kompromittieren oder meine Studien über eine interessante Völkerseele
aufzugeben, so muss ich mich zu dem letzteren verstehen. Hier ist der Brief. Ich
habe nichts dagegen, dass du ihn liest. Es ist ihr Laufpass.«
    Anton nahm den Brief aus der Hand des Sünders, siegelte ihn in der Eile mit
dem kleinen Comtoirstempel und übergab ihn einem Hausknecht zur schleunigen
Abgabe auf der Stadtpost.
    So war die Gefahr beseitigt, aber es blieb seit diesem Tage eine Spannung
zwischen den beiden Verbündeten. Fink grollte, und Anton konnte nicht vergessen,
was er Verrat an seinem Freund Bernhard nannte. Und Fink trank durch einige
Wochen seinen Tee nicht in Antons Gesellschaft.
 
                                       7
Das Haus von T.O. Schröter hatte einen Tag im Jahre, an dem es sich
unabänderlich dem Vergnügen ergab. Dies geschah zur Erinnerung an die Stunde, in
welcher Herr Schröter als Teilhaber in das Geschäft seines Vaters eingetreten
war. Wenn dieser Tag durch die Tücke der Kalendermacher unter die Wochentage
gesetzt wurde (und es war sechs gegen eins zu wetten, dass sie dem Geschäft den
Possen spielten), so wurde das Fest am nächsten Sonntag gefeiert. Es war keine
Festfeier, welche übermässig aufregte, sie hatte einen ruhigen regelmässigen
Verlauf und einen leisen Anflug von Geschäftlichkeit. Zuerst war grosses Diner
des Comtoirs beim Prinzipal, dann fuhr die Gesellschaft nach einem nahe
gelegenen Dorfe, wo der Kaufmann ein Landhaus besass, und eine Anzahl
öffentlicher Gärten und Sommerkonzerte die Stadtbewohner anzog. Dort wurde
Kaffee getrunken, Natur genossen, und am Abend zur Bürgerstunde nach der Stadt
zurückgefahren.
    In diesem Jahr feierte der Kaufmann das fünfundzwanzigjährige Jubiläum
seines Eintritts. Schon am Morgen gratulierten Deputationen der Auflader und
Hausknechte, an der Mittagstafel waren heut die Kollegen im höchsten Staat
versammelt, Herr Liebold in einem neuen Frack, den er, wie alle Prachtstücke
seiner Garderobe, seit vielen Jahren an diesem Fest zum erstenmal trug.
    Nach dem Mittagessen fuhren einige Wagen vor das Haus, die Gesellschaft ins
Freie zu schaffen. Herr Schröter stieg mit Sabine in den ersten Wagen, und da
die Tante als Krankenpflegerin einer Verwandten abwesend war, sah sich der
Prinzipal unter den Herren um, welche massenhaft um den Wagen standen und das
Einsteigen Sabinens durch heftige Dienstbeflissenheit wenigstens moralisch
unterstützten. Fink sass bereits auf seinem Reitpferd, und so rief der Prinzipal
Herrn Liebold und Herrn Jordan auf den Rücksitz des Staatswagens. Beide Herren
verneigten sich, Herr Liebold nahm mit feierlichem Lächeln gegenüber dem
Fräulein Platz. Ach, aber seine Freude war nicht ohne den Bodensatz heimlicher
Angst. Es war allen Kollegen wohlbekannt und ihm am besten, dass er das
Rückwärtsfahren durchaus nicht vertragen konnte. Nie hatte er nach Ehrenplätzen
gestrebt, sein ganzes Leben durch war er auf der Rückseite von Fortunas Karosse
fortgeschaft worden, aber in einem gewöhnlichen Wagen empörte sich
augenblicklich sein ganzes Innere, wenn er nicht vornehm im Fond sass. Auch heut
sah er das Unglück kommen, gerade heut, wo er der angebeteten Herrin des Hauses
gegenübersass. Wie gern hätte er seinen Platz geopfert, aber das war unmöglich,
die Ehre war zu gross, und seine Weigerung wäre ihm falsch ausgelegt worden. So
sass er als Märtyrer, auf das Ärgste gefasst, dem Fräulein gegenüber, er versuchte
vergebens unbefangen auszusehen und auf die Seite zu blicken, wo Häuser und
Bäume, Menschen und Hunde bei ihm vorbeitanzten. Dies fürchterliche Tanzen
kannte er, das war immer der Anfang. Er musste also gerade vor sich hin sehen,
und da es unpassend gewesen wäre, dem Fräulein ins Gesicht zu blicken, so
starrte er über sie weg. Noch lächelte sein Mund, aber sein Auge sah stier und
seine Wangen wurden blass, blutlos, erdfarben. Jordan sah ihn von der Seite an
und konnte das Lachen nicht verbergen. Das brachte Sabine zu der besorgten
Frage: »Fehlt Ihnen etwas, Herr Liebold?« Da Liebold die Augen nicht vom Himmel
wegwenden durfte, so bohrte er sie an einer ruhigen Wolke fest und murmelte die
Versicherung, dass ihm sehr wohl sei. dabei erhielt sein Gesicht aber den
Ausdruck stumpfer Verzweiflung, so dass Sabine sich ängstlich an Herrn Jordan
wandte.
    »Er kann nicht vertragen rückwärts zu sitzen«, sagte dieser.
    »Dann wechseln wir die Plätze«, rief Sabine. Herr Liebold schüttelte
erschrocken den Kopf und machte schweigend allerlei Bewegungen, um seinen
Abscheu gegen eine solche Zumutung auszudrücken. »Bitte, Herr Jordan, lassen Sie
den Kutscher halten«, rief Sabine. Der Wagen stand, das Fräulein erhob sich:
»Schnell, Herr Liebold«, rief sie. Dieser versuchte noch zu protestieren, aber
Jordan rückte ihn kräftig in die Höhe, und ehe er wusste, wie ihm geschah, sass er
im Fond, und das Fräulein ihm gegenüber auf dem Rücksitz. Die Spannung in seinen
Zügen liess nach, eine feine Röte zog verklärend über sein Gesicht. Aber in
welcher Lage war er! Was mussten die Vorübergehenden von ihm und seiner Stellung
zum Hause denken! Fremde konnten ihn für den Onkel der Dame halten, aber jeder,
der sie kannte, - und wer kannte die schöne Sabine Schröter nicht? - der musste
auf die abenteuerlichsten Gedanken kommen. Dass er mit ihr verlobt sei, war noch
viel zu wenig, als Verlobter hätte er nicht im Fond sitzen dürfen, nein, er sass
da, wie mit ihr verheiratet. Der Gedanke trieb ihm den Schweiss aus allen Poren,
er sah demütig auf das Fräulein und bat sie mit leiser Stimme um Verzeihung
wegen des Skandals, den er verursache. Sabine streckte zur Antwort ihre Hand aus
und schüttelte ihm die seine kräftig. Da übermannte ihn die Freude, er beugte
sich schon ein wenig herab, in der kühnen Absicht, ihr den Handschuh zu küssen.
Und in demselben Augenblick fuhren sie bei dem Buchhalter von Strumpf und
Kniesohl vorüber, Herr Liebold schnellte stracks in die Höh, jetzt war das
Unglück geschehen, Sabine und er waren das Opfer eines unerhörten Irrtums. Es
war unnütz, noch gegen das Schicksal anzukämpfen. Er sass fortan verklärt und
still selig, bis die Wagen vor der grossen Restauration des Dorfes anhielten. Man
stieg aus, die Herren sammelten sich um das seidene Gewand ihres Fräuleins,
rauschende Musik scholl ihnen entgegen, sie traten in die Buchengänge des
geschmückten Gartens, welcher heut mit den glänzenden Toiletten der Städter
angefüllt war.
    Sabine schwebte in einer Wolke von Herren dahin. Es ist möglich, dass dieser
wandelnde Hof mancher Mitschwester grössere Freude gemacht haben würde, als ihr.
Jedenfalls sah es stattlich aus, als sie am Arm des Bruders durch die Gänge
schritt, auf beiden Seiten und hinter ihr diensteifrige Herren, alle bemüht,
sich mit ihr als dem Mittelpunkt in Verbindung zu halten, zumal heut, wo das
Haus in Masse unter der Fashion der Stadt auftrat, und jeder einzelne als
Mitglied des berühmten Geschäfts zu repräsentieren hatte. Liebold war in einem
beständigen Lächeln begriffen, welches er auf der Aussenseite seines Gesichts
allerdings zu bewältigen suchte, um bei den Vorübergehenden nicht den Argwohn zu
erregen, dass er sie auslache. Aber um so stärker arbeitete es in seinem Innern
und fuhr zuweilen im gleichgültigen Gespräch wie ein Wetterleuchten über sein
Gesicht, dehnte ihm plötzlich Nase und Mund aus, und machte die Augen klein und
glänzend. Er trug heut als Bevorzugter den Schal des Fräuleins, schritt in
angemessener Entfernung hinter ihr her und bezeichnete so die zweite von den
Linien, welche die Firma heut im grünen Hauptbuch der Natur einnahm. Durch eine
kühne Handbewegung hatte sich Herr Specht in Besitz des Sonnenschirms gesetzt
und umgab mit diesem Sabine von allen Seiten, in der Regel marschierte er wie
ein Fähnrich voran am Rand des Gehölzes. Mit verlangendem Blick sah er in das
Gebüsch, ob ihm nicht eine auffallende Blume oder ein Schmetterling Veranlassung
geben könnten, mit dem Fräulein eine Unterhaltung anzufangen. Jedenfalls war das
nicht leicht, denn Fink ging neben ihr. Dieser war heut in boshafter Stimmung,
und wider Willen lachte Sabine über die unbarmherzigen Glossen, welche er
auffallenden Gestalten unter den Spaziergängern gönnte. Auch den massenhaften
Aufmarsch der Firma machte er lächerrlich, aber er selbst verschmähte nicht,
etwas von dem exklusiven Stolz der Handlung zu empfinden.
    Um sie herum zogen, trippelten und rauschten die Schwärme der
Lustwandelnden. Es war ein unaufhörliches Anstarren, Grüssen, Ausweichen, der
Kaufmann musste immer wieder nach dem Hut greifen, und sooft er grüsste, gerieten
die vierzehn Hüte der Kollegen ebenfalls in Bewegung und erregten in der Luft
zahlreiche kleine Wirbelwinde. Das machte einen grossartigen Eindruck.
    Als die Hausgenossen einige Zeit in der Strömung fortgeschwommen waren,
äusserte Sabine den Wunsch auszuruhen. Sogleich flogen Tirailleure der Herren
unter die Bankreihen und belegten einen Tisch. Man nahm Platz, die Kellner
schleppten eine riesige Kaffeekanne mit der entsprechenden Anzahl Tassen herbei.
Jetzt war eine Freude, der Handlung zuzusehen, wie jeder der Herren bemüht war,
dem Fräulein das Eingiessen abzunehmen, weil die Kanne für sie zu schwer war, wie
Sabine sich Anton zum Adjutanten erwählte, weil er auch im Salon der Kollegen
das Geschäft des Eingiessens verrichtete, wie die Kollegen sich freuten, dass man
im Vorderhause auch das von ihnen wusste, ferner, wie verbindlich Sabine jedem
der Herrn den Kuchen präsentierte, und wie sie immer ein Auge darauf hatte, dass
die Zuckerschale und der Sahnetopf in ihrem Laufe um den Tisch nicht
unterbrochen wurde, und endlich, wie alle Kollegen den braunen Trank des Wirts
mit der stillen Überlegenheit von Leuten einnahmen, welche besser wissen, was
guter Kaffee ist. Es war kein ruhiger Sitz, und Sabine hatte viel zu tun, die
vorbeiziehenden Bekannten zu grüssen und den Freunden des Bruders, welche an sie
herantraten, Rede zu stehn. Sie war allerliebst in dieser unaufhörlichen
Bewegung. Mit einer ruhigen hausmütterlichen Haltung sprach sie mit den Herren
vom Comtoir, und mit einfacher Herzlichkeit erhob sie sich und bewillkommnete
die Herantretenden. Sie grüsste, scherzte und waltete über dem Kaffeebrett, sie
sah auf die Spaziergänger und hatte noch Zeit, prüfende Blicke in das Innere der
Tassen zu werfen, welche sie Anton zureichte. Anton und Fink, beide empfanden,
wie gut ihr das sichere Wesen stand, und Fink sagte ihr das: »Wenn dies ein Tag
der Erholung ist, Fräulein Sabine, so beneide ich Sie nicht um Ihre Arbeitstage.
Keine Prinzess hat im Empfangssaal so viele Rücksichten zu nehmen, soviel mit dem
Kopf zu nicken, zu lächeln und Artiges zu sagen, als Sie. Es geht vortrefflich,
Sie haben das jedenfalls einstudiert. Da kommt der Bürgermeister selbst, er wird
Sie sogleich anreden. Jetzt tun Sie mir leid, mit dem Ohr sollen Sie auf mich
hören, in der Hand halten Sie Liebolds Tasse und mit den Augen müssen Sie
achtungsvoll den Grosswürdenträger empfangen. Ich bin neugierig, ob Sie noch
meine Worte verstehen.«
    »Nehmen Sie nur den Käfer aus Ihrer Tasse, ich werde Ihnen sogleich
eingiessen«, sagte Sabine lachend und stand auf, den Bekannten des Hauses zu
begrüssen.
    Unterdes belustigte sich Anton, die Urteile der Vorübergehenden über seine
Gesellschaft zu erlauschen. »Da ist Herr von Fink«, wisperte eine junge Dame
ihrer Begleiterin zu. »Ein nettes Gesicht, famose Taille«, schnarrte ein
Leutnant. »Was ist ein Fisch unter so viele Hungrige?« brummte ein Ruchloser.
»Still, das sind die von Schröters«, stiess ein Kommis den andern an. Als er so
aufblickte, sah er zwei hohe üppige Gestalten langsam heranziehn. Es waren Dame
Ehrental und Rosalie, Rosalie ging auf der Seite des Tisches. Ihr Gesicht
überzog sich langsam mit einer dunkeln Röte, als sie in dem Gedränge dicht an
seinem und Finks Platz vorüberkam. Unruhig sah er auf Fink, der wieder in
lebhaftem Gespräch mit Sabine doch Augen genug hatte, die Nahenden zu bemerken.
Anton erhob sich grüssend, der unerschütterliche Fink griff nachlässig an seinen
Hut und blickte von seinem Sitze so kalt auf die beiden Frauen, als hätte er nie
die Armbänder an dem weissen Arm der schönen Rosalie bewundert. Der Gruss Antons,
die auffallende Schönheit Rosaliens, vielleicht einiges Auffallende ihrer
Toilette bewirkten, dass auch Sabine die beiden Frauen aufmerksam ansah.
    Die Tochter Ehrentals achtete nicht auf Antons Gruss, ihre dunkeln Augen
hefteten sich fest auf Sabine. Ein Flammenblitz voll Hass und Zorn fiel auf das
Mädchen, welches sie für ihre glückliche Nebenbuhlerin hielt, so dass Sabine sich
erschrocken zurückbeugte, wie um dem Anfall eines Raubtieres zu entgehen.
    Mit zusammengepressten Lippen, unsäglichen Widerwillen auf allen Zügen fuhr
Rosalie vorüber. Finks Lippen kräuselten sich und er zog seine Schultern ein
wenig in die Höhe. Als die Frauen vorüber waren, sah Sabine erstaunt auf Anton
und Fink, und frug: »Wer war das?«
    »Eine von den Bekanntschaften Antons«, sprach Fink höhnend.
    »Madame Ehrental und ihre Tocher«, erwiderte Anton verlegen, »die junge
Dame ist die Schwester des Gelehrten, von dem ich Ihnen neulich erzählt habe.«
Aber unwillkürlich sah er auf Fink, während er sprach, und beide tauschten einen
finstern Blick miteinander aus.
    Sabine schwieg und rückte sich auf ihrer Bank zurück, ihre frohe Laune war
dahin. Die Unterhaltung kam nicht mehr in Fluss, und als der Bruder von einem
Besuch bei dem nächsten Tisch zurückkehrte, erhob sich das Fräulein und lud die
Herren ein, nach ihrem Garten zu kommen. Von neuem zog sie mit ihrer Wolke
dahin, aber Fink ging nicht mehr an der Seite des Fräuleins. Der glühende Blick
voll Hass hatte die grünen Ranken versengt, welche sich wieder von ihr zu ihm
gezogen hatten. Sabine wandte sich zu Anton und sprach mit diesem; sie mühte
sich, heiter zu sein, aber Anton merkte ihr den Zwang an.
    Der grosse Garten des Kaufmanns mit einem hübschen Gartenhaus und Glashäusern
war ein Lieblingsaufentalt Sabinens. Sommer und Winter fuhr sie hinaus, wenn
das Wetter es irgend erlaubte, und besprach mit dem Gärtner alle Einzelheiten
der Einrichtung und Blumenzucht. Die Kollegen bestürmten sie daher mit Fragen
über Namen und Charakter ihrer Blumen; und während der Kaufmann mit Fink ein
benachbartes Grundstück betrachtete, das ihm zum Kauf angeboten war, zeigte
Sabine der übrigen Gesellschaft, was sie in der letzten Zeit angelegt hatte. Sie
führte die Herren durch die Blumen, die Rasenstücke, in das Warmhaus. Der Bruder
hatte ihr eine hohe Palme geschenkt, und die Palme, grosse Pisangblätter,
tropische Farren und blühende Kakteen waren in eine Gruppe zusammengestellt,
eine zierliche Bank und ein Tisch standen davor, es war ein allerliebster
Wintergarten. Während Sabine erzählte, dass sie hier an sonnigen Wintertagen den
Kaffee trinke, und wie schön es sich dann unter den grossen Blättern sitze,
brachte ihr der Gärtner auf einem Teller Kuchenbrocken und Vogelfutter. »Auch
wenn ich nicht so grosse Begleitung habe, bin ich hier nicht allein«, sagte sie
lächelnd.
    »Wir bitten, stellen Sie uns den Vögeln vor«, rief Anton.
    »Sie müssen aber in das Gartenhaus treten und hübsch still sein«, bat
Sabine, »das kleine Volk kennt zwar mich, aber die vielen Herren würden ihm doch
Schrecken einjagen.«
    Die Kollegen zogen nach dem Gartenhaus. Pix lenkte den aufgeregten Specht am
hintersten Rockknopf zurück und drehte die Glastür herum, Sabine streute das
Futter einige Schritt von der Tür auf den Kies und schlug in die Hände. Dem
Klatschen antwortete mehrstimmiger Ruf von den nächsten Bäumen und dem Dach des
Hauses. Eine Menge kleiner Vögel schoss herzu und hüpfte mit lustigem Geschrei um
die Krumen, sie waren so zahm, dass sie bis an die Füsse Sabinens herankamen. Es
war keine vornehme Gesellschaft, einige Finken, Hänflinge und ein ganzes Volk
Spatzen. Sabine trat leise zur Tür und fragte durch den Spalt: »Können Sie die
einzelnen unterscheiden? So ähnlich auch die Herrschaften einander sehen, sie
sind doch verschieden, nicht nur im Kleide, auch in ihrem Wesen. Mehrere davon
kenne ich persönlich.« Sie wies auf einen grossen Sperling, ein schönes Männchen
mit schwarzem Kopf und feurigem Braun auf dem Rücken: »Sehen Sie den dicken
Herrn dort?«
    »Er ist der grösste von allen«, sagte Anton erfreut.
    »Er ist mein ältester Bekannter, er hat sich zuerst an mich gewöhnt, von
meinem Kuchen ist er so stark geworden. Er ist ausgefüttert und satt. Wie sicher
er umherhüpft, und wie vornehm er in die Brocken pickt! Gleich einem reichen
Bankier geht er unter den andern umher. Hören Sie ihn schreien? Seine Stimme
klingt wegwerfend und aristokratisch. Er betrachtet dies Ausstreuen als eine
Verpflichtung, welche die Welt gegen ihn hat. Da kräht er wieder. Wissen Sie,
was er sagt: Mein Kuchenmädel ist da. Dies ewige Gebäck! Was ich nicht aufessen
kann, will ich den andern lassen. Ich glaube, es hängt ihm eine Berlocke an
seinem kleinen Bauch herunter.«
    »Es ist eine Feder«, flüsterte Herr Specht.
    »Ja«, fuhr Sabine fort, »ich fürchte, die hat ihm seine Frau ausgehackt.
Denn, so gewichtig er aussieht, er steht unter dem Pantoffel. Das graue Weibchen
dort, das hellste von allen, ist seine Frau. Sehen Sie, dass sie ihn weghackt?«
    Ein lebhafter Zank unter den Sperlingsleuten begann. Der Bankier, welcher
gerade vornehm in einen ungewöhnlich grossen Brocken pickte, bekam von seiner
Frau einige Hiebe mit dem Schnabel; er fing an zu räsonieren, die Nachbarn
flogen herzu, ein heftiges Geschrei begann, der allgemeine Unwille war gegen den
Bankier gerichtet. Er wurde aus dem Haufen beiseite gejagt und hüpfte zerzaust,
mit dem Kopfe schüttelnd, einige Schritt vor den Brocken auf und ab, während
seine Frau über dem eroberten Bissen stand und laut triumphierte.
    Die Herren lachten.
    »Jetzt kommt mein Kleiner, mein Liebling, jetzt merken Sie auf!« rief Sabine
freudig. Unbehilflich, mit ausgebreiteten Flügeln tappte ein kleiner Sperling
heran, ganz wie ein Kind, welches Mühe hat, im Gehen das Gleichgewicht zu
behaupten. Er flatterte neben die Sperlingsfrau, sperrte den Schnabel weit auf,
schrie und schlug mit den Flügeln auf die Erde. Die Mutter zerhackte den grossen
Bissen, fasste die Teile und steckte sie in den aufgesperrten Schnabel des
Kleinen. Mitten unter der schwirrenden, tanzenden, hackenden Gesellschaft
fütterte die Mutter den Schreihals. Ein Stück des eroberten Bissens nach dem
andern steckte sie ihm in den Hals, während der Vater einige Schritt davon
selbstgefällig auf und ab schritt und zuweilen von der Seite misstrauisch auf die
energische Hausfrau hinblickte.
    »Wie allerliebst!« rief Anton.
    »Nicht wahr? « sagte Sabine. »Auch bei den Kleinen sind Charaktere und ein
Familienleben.«
    Aber die Szene wurde auf gewaltsame Weise unterbrochen. Ein leichter Schritt
kam um das Haus, die Vögel flatterten auf, nur die Mutter und das Junge waren so
eifrig beschäftigt, dass sie zögerten. Endlich flog auch die Sperlingsfrau auf
den Baum und rief ängstlich ihr Kind. Aber der Kleine, vom genossenen Kuchen
schwer und betäubt durch die Fülle des Genusses, vermochte nicht so schnell die
schwachen Flügel zu heben. Ein Schmiss von der Reitpeitsche Finks erreichte ihn,
der Körper flog als Leiche in die Blumen. Ein zorniger Ruf von sämtlichen Herren
wurde gehört, und finster blickten alle Gesichter des Comtoirs auf den Mörder.
Fink, der auf die Gruppe an der Salontür nicht geachtet hatte, sah verwundert
auf den Sturm, der gegen ihn hereinbrach. Sabine eilte an ihm vorbei nach dem
Beet, auf dem der Vogel lag, ergriff diesen, küsste den kleinen Kopf und sprach
mit klangloser Stimme: »Er ist tot.« Sie setzte sich auf die Bank an der Türe
und deckte ihr Taschentuch über den Toten.
    Ein unbequemes Stillschweigen folgte. »Es war der Lieblingsvogel von
Fräulein Sabine, den Sie erschlagen haben«, sagte endlich Herr Jordan
vorwurfsvoll.
    »Das tut mir leid«, erwiderte Fink und rückte sich einen Stuhl zum Tisch.
»Ich habe nicht gewusst, Fräulein, dass Sie Ihre Teilnahme auch auf diese Klasse
von Spitzbuben ausdehnen. Ich habe im besten Glauben gehandelt, und dachte den
Dank des Hauses zu verdienen, als ich den Dieb aus der Welt schaffte.«
    »Das arme Kleine«, sprach Sabine traurig, »die Mutter schreit auf dem Baum,
hören Sie?«
    »Sie wird sich trösten«, entgegnete Fink. »Ich halte es für unzweckmässig,
einem Sperling mehr Gemüt zu gönnen, als seine eigene Verwandtschaft hat. Aber
ich weiss, Sie lieben alles, was Sie umgibt, mit Rührung und Gefühl zu
betrachten.«
    »Wenn Sie diese Eigenschaft nicht haben, weshalb verspotten Sie dieselbe bei
andern?« fragte Sabine mit zuckendem Munde.
    »Weshalb?« fragte Fink. »Weil ich dieser Gewohnheit überall begegne. Dies
ewige Gefühl, mit dem hier alles überzogen wird, was des Gefühls nicht wert ist,
macht zuletzt schwach und kleinlich. Wer seine Empfindung immer an allen
möglichen Tand heftet, der hat zuletzt keine, wo eine grosse Leidenschaft seiner
würdig ist.«
    »Und wer nie etwas anderes tut, als mit herber Kälte zu betrachten, was ihn
umgibt, wird dem zuletzt nicht auch die Empfindung fehlen, wo eine grosse
Leidenschaft Pflicht wird?« fragte Sabine mit einem schmerzlichen Blick auf
Fink.
    »Es wäre unartig, wenn ich das nicht zugeben wollte«, sagte Fink
achselzuckend. »Jedenfalls wird es einem Mann besser anstehen, hart zu sein, als
zu weichlich.
    Aber sehen Sie das Volk hier an«, fuhr er nach einer unbehaglichen Pause
fort. »Das liebt seinen Strickbeutel, den Kupferkessel, in dem die Mutter Würste
gekocht hat, es liebt eine zerbrochene Pfeife, einen fadenscheinigen Rock, und
ebenso alle Missbräuche, die zehntausend verrotteten Gewohnheiten seines Lebens;
überall liegen phantastische Grillen, Liebhabereien und schwache Gemütlichkeiten
herum und hängen sich wie Blei an die Menschen, wenn es einmal gilt, frisch
vorwärts zu gehen. Achten Sie auf die deutschen Auswanderer. Welche Masse
unnützen Krames schleppt dies Volk übers Wasser, alte Vogelbauer, zerbrochene
Holzstühle; wurmstichige Wiegen und andern Plunder. Ich habe einen Kerl gekannt,
der in brennender Sonnenhitze acht Tagereisen machte, um einmal Sauerkraut zu
essen. Und wenn sich so ein armer Teufel irgendwo niedergelassen hat und nach
einem Jahre entdeckt, dass er in einer Fiebergegend steckt, so hat er seine ganze
Umgebung mit Gemütlichkeit übersponnen wie mit Spinnweben und ist oft nicht mehr
aus dem Sumpf zu bringen, und wenn er und Weib und Kind darüber zugrunde gehen.
    Da lobe ich mir das, was Sie die Gemütlosigkeit des Amerikaners nennen. Er
arbeitet wie zwei Deutsche, aber er wird sich nie in seine Hütte, seine Fenz, in
seine Zugtiere verlieben. Was er besitzt, das hat ihm gerade nur den Wert, der
sich in Dollars ausdrücken lässt. Sehr gemein, werden Sie mit Abscheu sagen. Ich
lobe mir diese Gemeinheit, die jeden Augenblick daran denkt, wie viel und wie
wenig ein Ding wert ist. Denn diese Gemeinheit hat einen mächtigen freien Staat
geschaffen. Hätten nur Deutsche in Amerika gewohnt, sie tränken noch jetzt ihre
Zichorie statt Kaffee unter der Steuer, die ihnen eine gemütliche Regierung von
Europa aus auflegen würde.«
    »Und fordern Sie von einer Frau denselben Sinn?« fragte Sabine.
    »In der Hauptsache, ja«, erwiderte Fink. »Keine deutsche Hausfrau, die nicht
in ihre Servietten verliebt ist. Je mehr eine von den Lappen hat, desto
glücklicher ist sie. Ich glaube, sie taxieren einander in der Stille, wie wir
die Leute an der Börse: fünfhundert, achtundert Servietten schwer. Die
Amerikanerin ist kein schlechteres Weib, als die Deutsche, aber sie wird über
eine solche Liebhaberei lachen. Sie hat, soviel ihr für den täglichen Gebrauch
nötig sind, und kauft neue, wenn die alten zugrunde gehen. Wozu sein Herz an
solchen Tand hängen, der dutzendweise für etwa vier bis sechs Taler in jeder
Strasse zu haben ist?«
    »O es ist traurig, das Leben in ein solches Rechenexempel aufzulösen!«
erwiderte Sabine. »Was man erwirbt und was man hat, verliert seinen besten
Schmuck. Töten Sie die Phantasie und unsere gute Laune, die auch den leblosen
Dingen ihre freundlichen Farben verleiht, was bleibt dann dem Leben des
Menschen? Nichts bleibt, als der betäubende Genuss, oder ein egoistisches
Prinzip, dem er alles opfert. Treue, Hingebung, die Freude an dem, was man
schafft, das alles geht dann verloren. Wer so farblos denkt, der kann vielleicht
gross handeln, aber sein Leben wird weder schön, noch freudenreich, noch ein
Segen für andere.« Unwillkürlich faltete sie die Hände und warf einen Blick voll
Trauer auf Fink, dessen Gesicht einen trotzigen und harten Ausdruck erhielt.
    Die Kollegen hatten bis jetzt der Unterhaltung in düsterem Schweigen
zugehört und nur durch Mimik ihren Abscheu gegen Finks Behauptungen ausgedrückt.
Der Geist des gemordeten Sperlings hob sich vor aller Augen fortwährend über die
Tischplatte neben Finks Stuhl, und sie starrten auf den Macbet des Comtoirs wie
auf einen verlorenen Mann. Anton ergriff begütigend das Wort:
    »Vor allem muss ich bemerken, dass Fink selbst ein glänzendes Beispiel gegen
seine eigene Teorie ist.«
    »Wieso, Herr?« fragte Fink, von der Seite auf Anton sehend.
    »Das wird sogleich offenbar werden, ich will nur erst uns alle zusammen
loben. Wir alle, die wir hier sitzen und stehen, sind Arbeiter in einem
Geschäft, das nicht uns gehört. Und jeder unter uns verrichtet seine Arbeit in
der deutschen Weise, die du soeben verurteilt hast. Keinem von uns fällt ein zu
denken, so und soviel Taler erhalte ich von der Firma, folglich ist mir die
Firma so und soviel wert. Was etwa gewonnen wird durch die Arbeit, bei der wir
geholfen, das freut auch uns und erfüllt uns mit Stolz. Und wenn die Handlung
einen Verlust erlitten hat, so ist es allen Herren ärgerlich, vielleicht mehr,
als dem Prinzipal. Wenn Liebold seine Ziffern ins grosse Buch schreibt, so sieht
er sie mit Genuss an und freut sich über den schönen kalligraphischen Zug, und
wenn er Posten einträgt, welche der Handlung besonders vorteilhaft waren, so
lacht er in der Stille vor Behagen. Sehen Sie ihn an, wie er's jetzt tut.«
    Liebold sah verlegen aus und rückte an seinem Hemdkragen.
    »- Da ist ferner Kollege Baumann, welcher in der Stille Neigung zu einem
andern Beruf hat. Er brachte mir neulich einen Bericht über die Greuel des
Heidentums an der afrikanischen Küste und sagte in tiefster Seele erschüttert:
Es wird Zeit, Wohlfart, ich muss hin. Wer soll die Kalkulatur besorgen? frug ich,
und wie soll es mit dem Krappgeschäft werden, das Sie und Balbus so festalten,
dass sie keinen andern darüber lassen? Ja, rief Baumann, an den Krapp hatte ich
nicht gedacht. Ich muss es noch aufschieben. « Die Herren sahen lächelnd auf
Baumann, der leise vor sich hin sagte: »Es ist auch unrecht.«
    »- Und von dem Tyrannen Pix will ich gar nicht sprechen, da er selbst in
vielen Stunden zweifelhaft ist, ob die Handlung ihm gehört oder Herrn Schröter.«
    Alle lachten. Herr Pix steckte wie Napoleon die Hand in seine Brusttasche. -
»Du bist ein perfider Advokat«, sagte Fink, »du regst persönliche Interessen
auf.«
    »Du hast dasselbe getan«, erwiderte Anton. »Und jetzt will ich von dir
reden. Vor etwa einem halben Jahre ist dieser Amerikaner zu Herrn Schröter
gegangen und hat ihm gesagt: Ich wünsche nicht mehr Volontär zu sein, ich bitte
um eine feste Stellung im Geschäft. Warum? fragte Herr Schröter. Natürlich hatte
Fink nur die Absicht, so und soviel Taler festes Gehalt von der Handlung zu
beziehen.« Wieder lächelten alle und sahen auf Fink; aber die Blicke waren nicht
mehr feindlich, es war etwas von Achtung und fröhlicher Billigung darin, denn es
war allen bekannt, dass Fink gesagt hatte: »Ich wünsche einen regelmässigen Anteil
an der Arbeit, ich wünsche die Verantwortung, welche bei fester Tätigkeit ist;
die Arbeit in meiner Branche macht mir Freude.«
    »Und ferner«, fuhr Anton fort, »wer einmal das Behagen gesehen hat, mit
welchem Fink den Schmeie Tinkeles behandelt, der weiss, wieviel von dem
schwächlichen deutschen Gemüt auch bei ihm zutage kommt. Es ist so viel drollige
Laune in seinem Wesen, dass das Comtoir durch solche Stunden entzückt wird, und,
was die Hauptsache ist, Tinkeles selbst ist geradezu in ihn verliebt.«
    »Weil er malträtiert wird, Herr«, versetzte Fink.
    »Nein, sondern weil er hinter deinen kräftigen Worten dasselbe behagliche
Wohlwollen bemerkt, mit dem ein anderer sein Hündchen oder seine Vögel liebkost.
- Und wenn irgendein Geschäft des Prinzipals glänzenden Erfolg gehabt hat, so
ist niemand von uns fröhlicher darüber, als Fink selbst. Neulich, als die Krisis
im Zinkgeschäft eintrat und Herr Schröter gegen die stille Ansicht des ganzen
Comtoirs, auch gegen Finks Ansicht, noch zu rechter Zeit in Hamburg verkauft und
die Handlung dadurch vor einigen tausend Talern Verlust bewahrt hatte, da
triumphierte derselbe Fink lauter, als einer von uns, und zwang Jordan und mich,
denselben Abend ins Weinhaus zu gehen.«
    »Weil ich nicht allein trinken wollte, du Narr«, sagte Fink.
    »Natürlich«, rief Anton, »deshalb stiessest du auch bei dem ersten Glas auf
das Wohl der Handlung an und nanntest sie eine glorreiche Firma.«
    Fink sah vor sich nieder. Sabine blickte mit leuchtenden Augen auf Anton.
Wieder lächelten die Herren freundlich und rückten näher heran, die kleine
Spannung war behoben.
    »Und«, fuhr Anton siegreich fort, »auch in andern Fällen hat er ganz
dieselbe armselige Gemütlichkeit, die er jetzt so angreift. Er liebt, wie wir
alle wissen, sein Pferd persönlich, es ist ihm durchaus etwas anderes, als die
Summe von fünfhundert Dollar, repräsentiert durch so und soviel Zentner Fleisch
mit einer Haut überzogen. Er ist besorgt um das Tier, wie um einen Freund.«
    »Weil es mir Spass macht.«
    »Versteht sich«, sprach Anton, »die Servietten machen unsern Hausfrauen auch
Spass, das ist's ja eben. Und seine Kondorflügel, die Pistolen, Reitpeitschen,
die rote Rumflasche, das sind alles Dinge, die ihm so gut Spass machen, wie einem
deutschen Auswanderer sein Vogelbauer. Ja er hat mehr grillige Capricen und
Liebhabereien, als wir. Und es kurz zu sagen, er ist in Wahrheit ebensosehr ein
armer gemütlicher Deutscher, als irgendeiner.«
    Sabine schüttelte leise den Kopf, aber sie blickte jetzt freundlich auf den
Amerikaner. Auch Finks Gesicht hatte sich verwandelt. Er sah ernst vor sich hin,
und es lag etwas auf seinen stolzen Zügen, was man bei einem anderen Rührung
genannt hätte. »Na«, begann er endlich, »das Fräulein und ich, beide haben wir
zu sehr auf einer Seite gestanden.« Er wies auf den toten Sperling. »Vor diesem
ernsten Fakt strecke ich die Waffen und bekenne, dass ich den Wunsch habe, der
kleine Herr wäre noch am Leben und erreichte unter den Kirschen und Kuchen der
Firma das höchste Greisenalter. Und so sind Sie mir nicht mehr böse, Fräulein.«
    Sabine nickte zu ihm herüber und sagte herzlich: »Nein.«
    »Du aber, Anton, reiche mir deine Hand. Du hast mit Glanz plädiert und von
der deutschen Jury ein Nichtschuldig erschwindelt. Nimm die Feder und streiche
aus unserm Kalender vierzehn Tage aus. Du verstehst mich.« Anton drückte ihm die
Hand und legte den Arm um seine Schulter.
    Wieder war die Gesellschaft in der besten Stimmung. Herr Schröter kam heran,
Zigarren wurden angezündet, jeder bestrebte sich, so unterhaltend als möglich zu
sein. Herr Liebold stand auf und erbat sich von dem Fräulein und dem Prinzipal
die Erlaubnis, wenn es sie nicht störe, und wenn sie an dem schönen Abend nichts
Besseres vorzuschlagen hätten, in welchem Falle er ergebenst bitte, seine Worte
als ungesprochen zu betrachten, so wollten er und einige Kollegen sich die
Freiheit nehmen, vierstimmige Lieder zu singen. Da er seit mehreren Jahren an
diesem Tage regelmässig eine solche Mitteilung machte, und alles darauf
vorbereitet war, so rief ihm Sabine zu: »Das versteht sich, Herr Liebold, wenn
das Quartett fehlte, wäre die Freude nur halb.« Die Sänger holten Notenbücher
herzu und rückten zusammen, Herr Specht als erster Tenor, Herr Liebold als
zweiter, Herr Birnbaum und Herr Balbus als Bässe. Diese vier bildeten den
musikalischen Teil des Comtoirs und hielten trotz kleiner Zwistigkeiten, welche
durch ihr musikalisches Naturell hervorgerufen wurden, gegen die übrigen fest
zusammen. Herr Specht krähte etwas zu laut, und Herr Liebold sang etwas zu
leise, aber ihr Publikum war dankbar, und der Abend war wunderschön. Im farbigen
Licht glänzten die grossen Blätter des Nussbaums vor dem Gartenhause, die Grillen
schwirrten und die wilden Sänger der Bäume flöteten einzelne Noten herunter, die
Natur selbst flüsterte und stimmte, bis die volle Kraft der Menschenstimmen
einfiel und die feinen Laute des Gartens übertönte. Dann schwiegen die Vögel,
die Heimchen und Mücken, aber sooft die Sänger anhielten, klang das leise Summen
der Natur wie zum Wechselgesange wieder durch. Alle hörten erfreut zu. »Wir
danken, wir danken!« rief Sabine, als sie aufhörten, und klatschte in die Hände.
    »Es ist eine närrische Sache«, begann Fink, »dass eine gewisse Folge von
Tönen das Herz erschüttert und Tränen hervorruft auch bei Menschen, welche sonst
für weiche Stimmungen abgestorben sind. Jedes Volk hat solche einfache Weisen,
bei denen sich Landsleute an dem Eindruck erkennen, den die Melodie auf sie
macht. Wenn die Auswanderer, von denen wir vorhin sprachen, alles verlieren, die
Liebe zu ihrem Vaterlande, selbst den geläufigen Ausdruck ihrer Muttersprache,
die Melodien der Heimat leben unter ihnen länger, als alles andere, und mancher
Narr, der in der Fremde seinen Stolz dareinsetzt, ein naturalisierter Fremder zu
sein, fühlt sich plötzlich wieder deutsch, wenn er ein paar Takte singen hört,
die ihm in seiner Jugend bekannt waren.«
    Der Kaufmann sagte: »Sie haben recht. Wer aus seiner Heimat scheidet, ist
sich selten bewusst, was er alles aufgibt; er merkt es vielleicht erst dann, wenn
die Erinnerung daran eine Freude seines späteren Lebens wird. Diese Erinnerung
ist wohl auch dem verwilderten Mann ein Heiligtum, das er oft selbst entehrt und
verspottet, das er aber in seinen besten Augenblicken immer wieder aufsucht.«
    »Mit einiger Beschämung bekenne ich, dass ich selbst von dieser Freude nur
wenig empfinde«, sagte Fink. »Ich weiss nicht recht, wo ich zu Hause bin. Wenn
ich die Jahre meines Lebens zusammenzähle, so habe ich freilich den grössten Teil
in Deutschland gelebt, aber die mächtigsten Eindrücke hat mir die Fremde
gegeben. Immer hat mich das Schicksal wieder aufgegriffen, bevor ich irgendwo
festgewurzelt war. Und jetzt in Deutschland fühle ich mich zuweilen fremd. Die
Dialekte der Landschaften zum Beispiel sind mir fast ganz unverständlich. Ich
habe zu Weihnachten immer mehr Geschenke erhalten, als mir gut waren, aber der
Zauber der deutschen Weihnachtsbäume hat mich nie berührt; von den Volksliedern,
die Sie so rühmen, klingen nur wenige in mein Ohr; noch heut bin ich unsicher,
wann man Karpfen essen muss, und Hörner und Mohnkuchen, und ich gestehe einen
entschiedenen Mangel an Empfänglichkeit für die Reize des Bleigiessens und
Pantoffelwerfens. - Und ausser diesen Kleinigkeiten gibt es noch anderes, worin
ich mich unter der deutschen Art fremd und arm fühle«, fuhr er ernster fort.
»Ich weiss, dass ich zuweilen die Schonung meiner Freunde mehr als billig in
Anspruch nehme. Ihrem Hause werde ich zu danken haben«, schloss er, sich gegen
den Kaufmann verneigend, »wenn ich von einigen respektablen Seiten der deutschen
Natur Kenntnis erhalte.«
    Das war ein männliches Bekenntnis, er sprach die letzten Worte mit einem
Gefühl, das selten bei ihm durchbrach. Sabine war glücklich, der Sperling war
vergessen, sie rief mit überströmendem Gefühl: »Das war edel gesprochen, Herr
von Fink.«
    Der Diener lud zum Abendessen. Im Saal des Gartenhauses war die Tafel
gedeckt. Der Kaufmann nahm in der Mitte Platz, Sabine lächelte, als Fink sich
neben sie setzte. »Mir gegenüber, Herr Liebold«, rief der Prinzipal. »Heut muss
ich Ihr treues Gesicht vor mir sehen. Heut sind's fünfundzwanzig Jahr, dass wir
miteinander in Verbindung stehn. - Herr Liebold trat wenige Wochen vor dem Tage
bei uns ein, an dem ich durch meinen Vater als Associé aufgenommen wurde«,
erklärte er den Jüngeren. »Und wenn ich allen Mitgliedern des Comtoirs
Anerkennung schuldig bin, Ihnen bin ich die grösste schuldig. Fünfundzwanzig
Jahre im Geschäft, zehn Jahre beim Hauptbuch, stets ein treuer, zuverlässiger
Gehilfe!« Er hielt ihm sein Glas über die Tafel entgegen: »Stossen Sie an, mein
alter Freund, solange unsere Stühle nebeneinanderstehen, nur durch eine dünne
Wand getrennt, soll es zwischen uns bleiben, wie bisher, ein festes Vertrauen
ohne viele Worte.«
    Herr Liebold hatte die Anrede des Prinzipals stehend angehört und blieb
stehen. Er wollte eine Gesundheit ausbringen, das sah jeder, aber er brachte
kein lautes Wort aus seinem Munde, er hielt sein Glas in die Höhe und sah auf
den Prinzipal, und seine Lippen bewegten sich ein wenig. Endlich setzte er sich
schweigend wieder hin. Statt seiner erhob sich zu aller Erstaunen Fink und
sprach in tiefem Ernst: »Trinken Sie mit mir auf das Wohl eines deutschen
Geschäfts, wo die Arbeit eine Freude ist, wo die Ehre eine Heimat hat; hoch
unser Comtoir und unser Prinzipal!«
    Ein donnerndes Hoch der Kollegen folgte, Sabine stiess mit allen an, der
Kaufmann kam Fink auf allen Wegen entgegen. - Der Rest des Abends war ungestörte
Freude. Das Quartett sang noch ein paar lustige Trinklieder, und es war heut
lange nach zehn Uhr, als die Gesellschaft in der Stadt ankam.
    An der Treppe des Hinterhauses sagte Fink zu Anton: »Heut, mein Junge,
darfst du nicht an meiner Stube vorbei. Es ist mir langweilig genug gewesen,
dich so lange zu entbehren.« Und bis spät in die Nacht sassen die versöhnten
Freunde beieinander, beide bemüht, einander zu zeigen, wie froh sie über die
Versöhnung waren.
    Sabine trat in ihr Zimmer. Da überreichte ihr das Mädchen ein Billett von
unbekannter Hand. Ein starker Moschusgeruch und die gekritzelten Züge verrieten,
dass es von einer Dame kam.
    »Wer hat den Brief gebracht?« fragte Sabine.
    »Ein fremder Mann«, antwortete das Mädchen, »er wollte den Namen nicht
nennen und sagte, Antwort sei nicht nötig.«
    Sabine las: »Mein Fräulein, triumphieren Sie nicht zu früh. Sie haben durch
Ihre Koketterie einen Herrn an sich gelockt, welcher gewöhnt ist, zu verführen,
zu vergessen und die, welche auf seine Worte hören, unverschämt zu behandeln.
Vor kurzem hat er einer anderen Geständnisse gemacht, jetzt hat er Sie betört.
Er wird auch Ihnen heucheln und sie verraten.«
    Das Billett hatte keine Unterschrift, es war von Rosalie.
    Sabine wusste, wer die Schreiberin war. Sie hielt den Brief an die Kerze und
schleuderte das brennende Papier in das Kamin. Schweigend sah sie zu, wie die
lodernde Flamme kleiner wurde und verlöschte, und wie die glimmenden Punkte auf
der verkohlten Fläche umherfuhren, bis auch der letzte verging. Lange stand sie
da, ihr Haupt an das Gesims gelehnt, den Blick auf das Häufchen Asche gerichtet.
Ohne Tränen, lautlos, hielt sie die Hand auf ihr zuckendes Herz.
 
                                       8
Veitel Itzig war in der grössten Aufregung. Er, der Nüchterne, Entaltsame, glich
in allen seinen Freistunden einem Trunkenbold. Seine Lippen bewegten sich in
lebhaftem Selbstgespräch, und eine fieberische Röte lag über seinen spitzen
Backenknochen. Auf der Strasse war er schon von weitem kenntlich durch die
allerauffälligste Weise der Fuss- und Armbewegungen; ruhiger Schlaf war etwas,
das er kaum dem Namen nach kannte. Und das alles, weil eine verwitwete
Geheimrätin ihren Lieblingshund verloren hatte. Dieser Mops war an einem heitern
Frühlingsmorgen, verführt durch den Sonnenschein oder durch das Aroma eines
Fleischerjungen, mühsam zwei Treppen bis auf die Strasse hinabgestiegen. Und dort
war er verschwunden, im Wasser ertrunken, von Gaunern gestohlen, von Banditen
geschlachtet, kurz, er war verschollen; und keine Zeitungsannonce vermochte die
runde Gestalt des Flüchtlings in die Räume zurückzuführen, in denen er so lange
als Tyrann geherrscht hatte. Aus Ärger über diesen Verlust war die Rätin
gefährlich erkrankt, und Veitel nahm einen so lebhaften Anteil an ihrem Leide,
dass er selbst in Gefahr kam, seine Gesundheit einzubüssen. Leider waren Veitels
Hoffnungen nicht auf das Leben der würdigen Dame gerichtet. Er hatte ein
Riesengeschäft gewagt, er hatte es unternommen nach vielen Verabredungen mit
seinem Ratgeber Hippus und nachdem er oft in stillen Nächten seine Brieftasche
hervorgeholt und sein Vermögen überrechnet hatte. Die Spekulation war eine der
schönsten, welche ein Mann von Veitels Grundsätzen unternehmen konnte, sie war
vielleicht ein wenig gewagt, aber so sauber, wie ein Wickelkind unter dem
Badeschwamm.
    Ein armer Teufel von Rittergutsbesitzer hatte schlecht gewirtschaftet und
war so lange betrogen worden, bis er sein Gut auf dem traurigen Wege der
notwendigen Subhastation verloren hatte. Bei diesem Verkauf war ein
Hypotekeninstrument von zwölftausend Talern ausgefallen. Der Gläubiger, dessen
Forderung durch die Verkaufssumme des Gutes nicht gedeckt werden konnte, hatte
vergebens versucht, sich an die Person des verarmten Gutsbesitzers zu halten.
Der Schuldner war ohne alle Mittel, das Gericht fand nichts, was ihm zu nehmen
war. Er war frustra excussus, wie unsere Juristen sagen, und empfand das Behagen
des Elends, seine Gläubiger nicht mehr zu fürchten; dies verzweifelte Glück war
für ihn nach trüben Jahren eine Art grönländischer Sonnenschein. Der Eigentümer
der Hypotek aber sah wehmütig auf sein zerschnittenes Dokument, welches unter
diesen Umständen für ihn fast nur den Wert von Makulatur hatte. Den Spürungen
Itzigs blieb dies Sachverhältnis nicht unerforscht. Er stand mit dem
Gutsbesitzer wohl ein Jahr lang in inniger Verbindung. Er hatte die
Gefälligkeit, ihm alte Röcke abzukaufen, ja sogar Geld vorzuschiessen, und wurde
in manches kleine Geheimnis eines verfehlten Lebens eingeweiht. So hatte er auch
erspäht, dass sein Kunde alles Segelwerk seines lecken Fahrzeugs aufspannte, sich
in die Gunst und das Testament einer alten Tante zu setzen, und kam allmählich
zu der Überzeugung, dass ihm dies gelingen werde. Zwei seidene Halstücher und ein
Paar vergoldete Ohrringe musste Veitel an die Dienstmädchen der Rätin wenden, um
genaue Nachrichten zu erhalten. Der Neffe las der Tante Mordgeschichten aus den
Zeitungen vor, er wurde eingeladen, wenn die Tante ihr Lieblingsgericht kochen
liess, die Tante sprach davon, ihn zu verheiraten, tat es aber nicht, und
endlich, als aller Lebensmut der Tante durch einen vierwöchentlichen Regen
fortgeschwemmt worden war, liess sie Gerichtspersonen kommen, trieb ihren Neffen,
der, zum Weinen gerüstet, sein Taschentuch in der Hand hielt, aus dem Zimmer und
zwang durch diese auffallenden Massregeln das Dienstmädchen, an der Kammertür zu
erlauschen, dass sie ihr Testament machte und des armen Neffen darin ehrenvoll
gedachte. Als Veitel dies erkundschaftet hatte, tat er den zweiten grossen
Schritt und kaufte dem Besitzer des ausgefallenen Instruments die Urkunde und
alle Rechte, welche dieselbe an der Person des Schuldners gab, um vierhundert
Taler ab.
    Jetzt war der Mops verschwunden, die schwer geärgerte Tante lag zu Bett,
acht Tage darauf war sie gestorben, und der Neffe erbte den grössten Teil ihrer
Hinterlassenschaft. Veitel unterzog sich übermenschlichen Anstrengungen, um zu
verhindern, dass sein Schuldner nicht durch eins von den kleinen Manövern, welche
Veitel alle persönlich kannte, die Erbschaft unsichtbar machte. Wie ein Gespenst
verfolgte er den unglücklichen Erben; kaum hatte dieser sich in die ersten
Träume über sein künftiges Glück hineingelebt, so stand Veitel als
unerbittlicher Mahner an eine finstere Vergangenheit vor ihm und schlug durch
die eisige Kälte seiner Forderungen allen warmen Dampf nieder, welcher aus der
hoffnungsvollen Seele des Erben aufstieg. Es war unmöglich, ihm zu entkommen,
wie mit eisernen Zangen hielt er seinen Schuldner fest, und das Gesetz half ihm
so energisch, dass der Erbe nach vielen Winkelzügen kapitulieren musste. Mit
achttausend Talern, dem grössten Teile seiner Erbschaft, kaufte er sich von
Veitel frei.
    Heut war der glückliche Tag, wo der junge Geschäftsmann sein grosses Kapital
in der Tasche nach Hause trug. Er flog über die Strasse, er flog die Treppe
hinauf in seine Hinterstube, ganz unsinnig vor Freude. Der Zwang, den er sich
lange angetan, kalt zu scheinen, während ihm sein Herz in Angst und Erwartung
wie ein Schmiedehammer pochte, war überwunden, er war wie ein Kind, wenn auch
nicht so unerfahren; er sprang in der Stube umher, ja er lachte vor Freude und
fragte Herrn Hippus, der ihn seit einigen Stunden erwartete: »Welche Sorte Wein
wollen Sie trinken, Hippus?«
    »Wein allein wird's nicht tun«, erwiderte Hippus vorsichtig. »Indes ist es
lange her, dass ich keinen Ungar gekostet habe. Hole eine Flasche alten
Oberungar, oder halt, es ist draussen finster genug, ich will sie selbst holen.«
    »Was kostet's?« rief Veitel.
    »Zwei Taler«, antwortete Hippus.
    »Das ist viel Geld«, sagte Veitel, »aber es ist einerlei, hier sind sie.«
Mit kühner Handschwenkung holte er einen Doppeltaler aus der Tasche seines
Beinkleides und warf ihn auf den Tisch.
    »Schön«, nickte Hippus und griff hastig nach dem Geldstück. »Aber dies
allein wird's nicht tun, mein Sohn. Ich verlange Prozente von deinem Gewinn. In
Erwägung, dass wir alte Bekannte sind, und dass man seine Freunde nicht drücken
soll, will ich zufrieden sein mit fünf vom Hundert des Kapitals, das du heut
eingenommen hast.«
    Veitel stand starr, sein strahlendes Gesicht wurde plötzlich sehr ernst, mit
offenem Munde sah er auf den schwarzen Mann im Sofa.
    »Rede nichts«, fuhr Hippus kaltblütig fort und warf über seine Brille hinweg
einen bösen Blick auf Veitel, »untersteh dich nicht, auch nur ein Wort von
deinem Geschacher gegen mich vorzubringen, wir kennen einander; - ich habe
gemacht, dass du das Geld gewinnen konntest, ich allein. Du brauchst mich, und du
siehst, dass auch ich dich gebrauchen kann. Gib mir auf der Stelle vierhundert
von deinen achttausend.«
    Veitel wollte sprechen.
    »Kein Wort«, wiederholte Hippus und schlug mit dem Geldstück im Takt auf den
Tisch, »gib her das Geld.«
    Veitel sah ihn an, griff endlich schweigend in die Tasche seines Rocks und
legte zwei Pergamente vor Hippus auf den Tisch.
    »Noch zwei«, fuhr Hippus in demselben Tone fort. Veitel legte hundert Taler
dazu. »Und jetzt das letzte, mein Sohn«, nickte der Alte ermunternd und schlug
mit dem Taler wieder auf den Tisch.
    Veitel zögerte einen Augenblick und sah ängstlich auf den Alten, in welchem
eine boshafte Freude mächtig geworden war. Auf diesem Antlitz war nichts
Tröstendes zu finden; wieder griff Veitel in die Tasche, schob das vierte
Pergament auf den Tisch und sprach mit klangloser Stimme: »Ich habe mich in Euch
geirrt, Hippus.« Und darauf holte er sein Taschentuch hervor, wandte sich ab,
schneuzte sich und wischte sich die nassen Augen.
    Hippus achtete wenig auf die elegische Stimmung seines Schülers. Er befühlte
das Pergament, wie man eine Kostbarkeit in der Hand umwendet, die man vor langer
Zeit verloren hat und unerwartet wiederfindet. Endlich sagte er, seine Beute
einsteckend: »Wenn du dir's ruhig überlegst, wirst du einsehen, dass ich als
guter Freund an dir gehandelt habe. Ich hätte viel mehr fordern können.«
    Veitel stand noch immer am Fenster und sah in die Nacht hinaus. Ihm war
jämmerlich zumute. Gleich auf dem Heimwege vom Notar hatte er an den Alten
gedacht und den Entschluss gefasst, auch diesem eine Freude zu machen; er hatte
ihm eine neue Schnupftabakdose von Silber kaufen und zehn Dukaten hineinlegen
wollen. Und jetzt kam ihm dieser Hippus so!
    Da er vor Schmerz über das Benehmen seines Lehrers kein Wort sagte, stand
Hippus gemächlich auf und sagte wohlwollend: »Lass dir's nicht zu Herzen gehen,
du Dummkopf, sollte ich eher sterben als du, so mache ich dich zu meinem Erben.
Dann wirst du dein Geld wiederbekommen, wenn noch etwas davon übrig ist. Jetzt
gehe ich, den Wein kosten. Auf deine Gesundheit werde ich ihn trinken,
gefühlvoller Itzig.« Bei diesen Worten schlich der Alte zur Tür hinaus.
    Noch einmal fuhr Veitel nach seinem Taschenbuch und wischte eine bittere
Träne ab, welche an seiner Wange herunterrann. Seine Freude über den Gewinn war
verdorben. Es war eine unklare Empfindung und ein unreines Gefühl, das ihn
bewegte, denn es war viel Schmerz um die verlorenen Pergamente dabei. Aber er
hatte noch mehr verloren, als sein kostbares Geld. Der einzige Mensch auf Erden,
gegen den er eine Anhänglichkeit fühlte und von dem er gute Freundschaft
erwartete, hatte sich gefühllos, eigennützig, feindselig gegen ihn benommen. Zu
allen andern Menschen stand er auf Kriegsfuss und erwartete auch von ihnen nichts
anderes, als Krieg, nur dem kleinen Mann mit der Brille hatte er sein Herz
offengehalten. Und dies warme Gefühl hatte der Alte durch seine rohe Forderung
tödlich beschädigt. Es war vorbei zwischen ihm und Hippus, er konnte den Mann
nicht entbehren, aber von dieser Stunde ab trug er einen Groll gegen ihn mit
sich herum, der Alte hatte ihn einsamer und schlechter gemacht. So erfuhr Veitel
den Fluch der Argen, dass sie elend gemacht werden nicht nur durch ihre
Missetaten, sondern auch durch ihre bessern Neigungen.
    Doch nicht lange dauerte die Schwermut des Geschäftsmannes, bald griff er
entschlossen in die Tasche, holte den übriggebliebenen Schatz hervor,
untersuchte jedes einzelne Pergament von allen Seiten und notierte die Nummern
zuerst in seine Brieftasche und dann auf einen Zettel. Den Zettel versteckte er
in einem Ritz der Diele. Diese Beschäftigung tröstete ihn wieder etwas. Und
jetzt wandte er seine Gedanken auf die Zukunft. Wieder rannte er in dem Zimmer
auf und ab und machte Pläne. Seine Weltstellung war mit einem Schlage geändert.
Als Eigentümer von baren achttausend Talern - ach, es waren nur
siebentausendsechshundert - stand er unter den Geschäftsleuten seiner Art da als
ein kleiner Krösus. Viele andere machten Geschäfte mit Hunderttausenden, ohne so
viel Vermögen zu besitzen als er; die Welt lag widerstandslos vor ihm, wie eine
Perlmuschel auf dem Teller, es kam nur darauf an, mit welchem Hebel er sie
öffnen wollte. Wie sollte er sein Kapital anlegen, verdoppeln, verzehnfachen?
Jetzt musste er wählen, und er musste dies allein tun. Es gab wohl zehn
verschiedene Wege für ihn: er konnte fortfahren, Geld gegen hohe Interessen zu
leihen, er konnte in Aktien spekulieren, er konnte das Woll- oder
Getreidegeschäft betreiben, und mit einem Gefühl von Stolz sagte sich der
Schelm, dass er auf jedem von diesen Wegen so gut vorwärtskommen könnte, wie der
verschlagenste unter seinen Genossen. Aber jede von diesen Tätigkeiten brachte
ihm das geliebte Kapital in Gefahr, er konnte dabei ein reicher Mann werden, er
konnte aber auch alles verlieren; und dieser Gedanke war ihm so schrecklich, dass
er sofort alle diese Pläne beiseite warf. Eine Beschäftigung gab es, bei der ein
schlauer Mann viel gewinnen konnte, und bei der es wohl möglich war, grosse
Verluste zu vermeiden. Von seiner Heimat aus war er als umherziehender Trödler
auf die Höfe der Gutsherren gekommen, zur Zeit des Wollmarktes hatte er in den
Strassen der Stadt den vornehmen Herren mit Schnurrbart und Ordensband seine
Dienste angeboten, im Comtoir seines Broterrn hatte er sich unaufhörlich mit
dem Vermögen und den Geldgeschäften des Landadels beschäftigt. Wie genau kannte
er die stille Sehnsucht des alten Ehrental, ein gewisses Rittergut zu besitzen,
wie oft hatte ihm der Mann mit der Brille in höhnischem Scherz geraten, er solle
sich zum Rittergutsbesitzer machen. Und wie kam es doch, dass ihm in seinem
Schmerz über den Alten plötzlich sein Schulkamerad Anton einfiel und der Tag, wo
er zum letzten Male mit diesem verkehrt hatte? Auch damals, als er zur Stadt zog
und mit Anton zusammentraf, war er auf dem Gute des Freiherrn umhergestrichen,
hatte vor der Tür des Kuhstalls gestanden und die lange Doppelreihe der
gehörnten Rinder abgeschätzt, bis die Grossmagd ihn herrisch wegwies. Und wie ein
heisser Strahl schoss es in seinen Kopf: er selbst konnte der Rittergutsbesitzer
werden, so gut wie Ehrental, er selbst konnte andere seine weisse Wolle waschen
lassen und mit zwei, ja mit vier Pferden nach der Stadt fahren. Er griff mit den
Händen heftig in die Tischplatte und rief laut: »Ich werde es tun!« Setzte sich
auf dem Stuhl fest und schlug die hageren Arme übereinander. Und von dem
Augenblick an wollte er etwas und begann seine Arbeit.
    Und er spekulierte schlau. Er hatte nach seiner Meinung ein Recht an das Gut
des Freiherrn gewonnen durch seinen Entschluss, er wollte dies Recht auch
erwerben durch sein Geld, er wollte für sich eine Hypotek auf dem Gute des
Barons. So wollte er sein Kapital sicherstellen auf Jahre, ruhig wollte er
arbeiten, bis der grosse Tag käme, wo er mit seinem Kapital das ganze Gut in
seine Hände brächte. Und im schlimmsten Falle, wenn sein Plan nicht gelang, der
jetzt der stille Zweck seines Lebens werden sollte, dann war wenigstens sein
Geld nicht verloren. Unterdes wollte er Agent und Kommissionär werden; er wollte
Käufe und Verkäufe vermitteln, wie so viele andere taten, arme Teufel, die
einander die halben Prozente gegenseitig beneideten, und vornehme Herren mit
grossen Titeln, welche den Güterschacher ins Grosse treiben und Hunderttausende
dabei gewinnen durch List, Bestechung und Schleichwege. Veitel wusste, dass es
wenig Wege gab, auf denen er nicht bekannt war. So wollte er anfangen, zunächst
musste er als Faktotum bei Ehrental bleiben, solange er den Alten benutzen
konnte. Die Rosalie war schön und sie war reich, denn Bernhard war nicht zu
rechnen als Erbe des Vaters. Vielleicht wollte er werden der Schwiegersohn des
alten Ehrental, vielleicht wollte er auch nicht; dies Geschäft hatte keine
Eile. Und noch einer war, mit dem er sich stellen musste: der kleine schwarze
Mann, welcher jetzt drüben in der Gaststube seinen teuren Wein trank. Auch mit
ihm musste er von heut ab Rechnung halten, er wollte ihn bezahlen für jeden
Dienst, den ihm der Alte tat, und wollte ihm nur so weit sein Vertrauen geben,
als es nötig war.
    Das waren die Entschlüsse, zu denen Veitel kam, und als er seinen Plan
überlegt hatte, wie ein Gelehrter das Buch, das er schreiben will, da trug er
seine Pfandbriefe unter das Kopfkissen, verschloss seine Türe, lehnte einen
schweren Stuhl dagegen und warf sich erschöpft durch die Anstrengung des Tages
auf sein hartes Lager, er, der neue wild aufgeschossene Agnat der Rotsattel,
der Mitbesitzer ihres schönen Gutes. Vielleicht war es die aberwitzige Phantasie
eines Toren, was der Händler auf seiner ärmlichen Stube in unruhiger Seele
umhergewälzt hatte, vielleicht wurde es der Anfang einer Reihe von
entschlossenen und konsequenten Taten, ein finsteres Schicksal für den Freiherrn
und seine Familie. Der Freiherr selbst sollte darüber entscheiden.
    An demselben Abend sassen die Baronin und ihre Tochter in der Rosenlaube des
Parks, beide waren allmählich verstummt. Die Mutter sah in tiefen Gedanken auf
den Tanz eines Nachtschmetterlings, der mit dem kleinen dicken Kopf durchaus in
die Flamme der Kerze fahren wollte und immer wieder an die Glasglocke stiess,
welche das Licht vor der Nachtluft schützte. Verwundert flatterte er in das
Dunkel zurück, vergass im nächsten Augenblicke das Unbehagliche des Stosses und
suchte von neuem eine Öffnung im Glase. Lenore beugte sich über ein Buch und
warf zuweilen einen forschenden Blick in das ernste Gesicht der Mutter. Da
knirschte der Kies, und der alte Amtmann des Gutes trat hastig mit abgezogener
Mütze heran und fragte nach dem gnädigen Herrn.
    »Was bringen Sie?« frug Lenore den Graukopf, »ist etwas vorgefallen?«
    »Mit dem alten Rappen geht's zu Ende«, antwortete der Amtmann besorgt, »er
hat wütend um sich geschlagen und in die Krippe gebissen, jetzt liegt er und
keucht wie im Sterben.«
    »Das wäre der Teufel!« rief Lenore aufspringend.
    »Lenore!« schalt die Mutter.
    »Ich komme, selbst nachzusehen«, sagte Lenore eifrig und eilte mit dem Alten
nach dem Hofe.
    Das kranke Pferd lag auf seiner Streu triefend von Angstschweiss, und seine
Flanken hoben und senkten sich in keuchendem Atemholen. Beim Schein der
Stallaterne standen die Knechte umher und sahen phlegmatisch auf das leidende
Tier. Als Lenore eintrat, wandte das Pferd die Augen hilfesuchend nach dem
Fräulein.
    »Es kennt mich noch«, rief sie und winkte den stämmigen Grossknecht beiseite.
    »Er hat sich abgearbeitet«, sagte der Mann, »jetzt ist er ruhig.«
    »Werft Euch sogleich auf ein Pferd und reitet zum Tierarzt«, befahl Lenore
dem Knecht.
    Dem Mann war es nicht behaglich, zur Nacht einige Meilen zu reiten, er
antwortete zögernd: »Der Doktor ist niemals zu Hause; ehe er kommt, ist's mit
dem Pferde zu Ende.«
    »Gehorcht!« befahl Lenore kalt und wies nach der Türe. Der Knecht ging
widerwillig hinaus.
    »Was ist das mit dem Grossknecht?« frug Lenore, als sie mit dem Amtmann aus
dem Stall trat.
    »Er tut nicht mehr gut und müsste fort, ich habe es dem gnädigen Herrn schon
oft gesagt. Aber gegen den Herrn Baron ist der Schlingel betulich wie ein
Ohrwurm; er weiss, dass er einen Stein im Brett hat; gegen alle andern Leute ist
er widerhaarig, und ich habe täglich meinen Ärger mit ihm.«
    »Ich will mit dem Vater sprechen«, erwiderte Lenore die Stirn faltend.
    Der alte Diener blieb stehen und fuhr zutraulich fort: »Ach, gnädiges
Fräulein, wenn Sie sich der Wirtschaft etwas annehmen wollten, das wäre ein
wahres Glück für das Gut. Mit dem Kuhstall bin ich auch nicht zufrieden. Die
neue Wirtschafterin versteht die Mägde nicht zu traktieren, sie ist zu
flatterhaft, Bänder hinten und Bänder vorn. Sonst war's besser im Gange, da kam
der Herr Baron manchmal selbst und besah das Butterfass. Jetzt hat er wohl andere
Geschäfte, und wenn die Leute wissen, dass der Herr nachsichtig ist, so spielen
sie dem Amtmann Trumpf aus, wenn er sie scharf behandelt. - Sie können scharf
sein mit den Leuten, es ist jammerschade, dass Sie kein Herr sind.«
    »Ja, Sie haben recht, es ist jammerschade«, nickte Lenore beistimmend ihrem
alten Freund zu. »Aber man muss es mit Geduld ertragen. Um die Molkerei will ich
mich kümmern, ich werde von heut ab alle Tage beim Buttern sein. Wie steht das
Korn jetzt? Sie haben ja neulich nach der Stadt gefahren.«
    »Ja«, sagte der Alte gedrückt, »der gnädige Herr hatten so befohlen, ich
weiss nicht, was er genommen hat. Er hat den ganzen Schüttboden schon im Winter
an Händler verkauft auf Lieferung. Sehen Sie«, fuhr er bekümmert fort und
schüttelte seinen weissen Kopf, »sonst verkaufte ich, und ich schrieb's ins Buch
und strich das Geld ein und zählte es dem Herrn Baron auf. Jetzt kann ich in
meinem Buch die Einnahmen nicht mehr notieren; wenn die Seite zu Ende ist, mache
ich einen Strich, aber ich ziehe keine Summe mehr.« Lenore hörte, die Hände auf
dem Rücken, die Klage teilnehmend an. »Hm! Es wird eine von den neuen
Einrichtungen sein. Grämt Euch nur nicht darüber, mein Alter. Ich will, sooft
Papa nicht da ist, nachmittags mit Ihnen auf das Feld gehen oder Sie dort
aufsuchen. Sie sollen Ihre Pfeife dabei rauchen. Wie schmeckt's in dem neuen
Kopf, den ich Ihnen mitgebracht habe?«
    »Er ist dick angeraucht«, sagte der Amtmann schmunzelnd und zog zur
Bekräftigung seine kurze Pfeife halb aus der Tasche. »Aber um wieder auf den
Rappen zu kommen, der Herr Baron wird sehr böse sein, wenn er das Malheur
erfährt, und wir können doch nichts dafür.«
    »Ei was«, sagte Lenore, »wenn wir nichts dafür können, wollen wir's ruhig
abwarten. Gute Nacht, Amtmann. Gehen Sie mir zurück nach dem Pferd.«
    »Zu Befehl, gnädiges Fräulein, und gute Nacht auch für Sie«, sagte der
Amtmann.
    Noch immer sass die Baronin allein unter den schwellenden Knospen der
immergrünen Rose, auch sie dachte an ihren Hausherrn, der sonst selten an ihrer
Seite gefehlt hatte, wenn sie die warmen Frühlingsabende im Freien zubrachte.
Ihr Gemahl war anders geworden. Er war herzlich und liebevoll gegen sie, wie
immer, aber er war oft zerstreut und abgespannt und wieder reizbarer und durch
Kleinigkeiten verstimmt, seine Fröhlichkeit war lauter, und sein Bedürfnis nach
Herrengesellschaft grösser als vordem. Sein Haus, ja sie selbst, übte geringere
Anziehungskraft aus als sonst, und sie frug sich immer wieder, ob solche
Veränderung die trübe Folge davon sein konnte, dass der rosige Hauch der Jugend
von ihrer Stirn schwand. Mit diesem Gefühl rang sie und suchte ängstlich nach
andern Gründen für die häufige Abwesenheit des geliebten Mannes.
    »Ist der Vater noch nicht zurück? « frug Lenore zu ihr tretend. »Es fuhr ein
Wagen auf der Landstrasse.«
    »Nein, mein Kind«, sagte die Mutter, »er hat wohl in der Stadt zu tun, es
ist möglich, dass er erst morgen zurückkommt.«
    »Ich bin nicht zufrieden damit, dass Papa jetzt soviel in der Stadt ist und
bei den Nachbarn umherfährt«, sagte Lenore; »es ist lange her, dass er uns des
Abends nicht mehr vorgelesen hat.«
    »Er will, dass du meine Vorleserin wirst«, sagte die Mutter lächelnd. »Du
sollst es auch heut abend sein, hole ein Buch und setze dich artig neben mich,
du Ungeduld.«
    Lenore verzog schmollend den kleinen Mund und statt das Buch zu ergreifen,
setzte sie sich neben die Baronin, umschlang sie mit beiden Armen und sagte, das
Haupt der Mutter an sich drückend und ihr das Haar streichend: »Liebes Herz,
auch du bist traurig, du hast Kummer; hast du Sorge um den Vater? Er ist nicht
so, wie er früher war. Ich bin kein Kind mehr, sage mir, was er treibt.« - »Du
bist töricht«, antwortete die Baronin mit ruhiger Stimme. »Ich habe nichts vor
dir zu verbergen. Wenn dein Vater wirklich etwas hat, was ihn von uns fortzieht,
so dürfen wir Frauen nicht danach fragen, es ist an uns, zu warten, bis die
Stunde kommt, wo der Herr des Hauses uns sein Herz öffnet.«
    »Und unterdes sollen wir uns ängstigen, vielleicht um ein Nichts«, rief
Lenore.
    »Wir sollen uns mühen, ruhig zu sein, und wenn wir vertrauen, wo wir lieben,
ist es nicht schwer«, antwortete die Baronin, sich aus dem Arm Lenores
aufrichtend.
    »Und doch sind deine Augen feucht und du verbirgst mir deine Sorge«, sprach
die Tochter. »Wenn du schweigen willst, ich werde es nicht tun, ich werde den
Vater fragen.«
    »Das wirst du nicht«, sagte die Baronin in bestimmtem Ton.
    »Der Vater!« rief Lenore, »ich höre seinen Tritt.« - Die stattliche Gestalt
des Freiherrn kam mit schnellen Schritten auf die Laube zu. »Guten Abend, ihr
Heimchen«, rief er schon von weitem mit heller Stimme. Er schloss Frau und
Tochter zugleich in seine Arme und sah ihnen so fröhlich in die Augen, dass die
Baronin ihren Schmerz, und Lenore die Frage vergass. »Es ist hübsch, dass du so
früh zurückkommst«, sagte die Hausfrau mit heiterem Lächeln, »Lenore wollte dich
heut abend durchaus neben uns sehen. Der Abend war so schön.«
    Der Freiherr setzte sich zwischen die Frauen und fragte behaglich: »Kinder,
bemerkt Ihr keine Veränderung an mir?«
    »Du bist heiter«, sagte die Baronin ihm ins Auge sehend, »sonst wie immer.«
    »Du hast deine Uniform angehabt und Besuche gemacht«, sagte Leonore, »ich
sehe es an der weissen Krawatte.«
    »Ihr habt beide recht«, antwortete der Baron, »aber ich bringe doch noch
etwas: Der König hat die Huld gehabt, mir den Orden zu verleihen, den der Vater
und Grossvater getragen haben; es freut mich, dass das Kreuz in unserer Familie
fast erblich wird. Und mit dem Orden kam ein gnädiges Schreiben des Prinzen,
worin er mir Glück wünscht und sich sehr freundlich an die Jahre erinnert, die
ich in seiner Nähe verlebte, und auch an dich, du vielumworbene Dame des Hofes.
Ich wollte, er sähe dich wieder; er wird es für unmöglich halten, dass Jahre
vergangen sind, seit er dein Tänzer war.«
    »Welche Freude!« rief die Baronin und umschlang den Hals ihres Mannes, »ich
habe deiner Toilette den Stern schon seit Jahren gewünscht.« Lenore öffnete
unterdes das Etui und drehte den Orden beim Licht der Kerze hin und her. »Wir
machen ihm die Dekoration um.« Die Baronin hing ihm das Kreuz um den Hals und
küsste loyal erst ihn und dann das Kreuz.
    »Nun, wir wissen ja«, sagte der Baron, »was in unsrer Zeit von solchem
Schmuck zu halten ist. Doch gestehe ich, dass gerade diese Standesdekoration mir
die liebste von allen ist. Unsre Familie ist eine der ältesten, und in unsrer
Linie sind, was freilich ein Zufall ist, niemals Missheiraten vorgekommen. Dies
Kreuz ist gegenwärtig so ziemlich die letzte Erinnerung an die alte Zeit, wo man
auf dergleichen noch grossen Wert legte. Jetzt tritt eine andere Macht an die
Stelle unsrer Privilegien, das Geld. Und auch wir sind in der Lage, uns darum
bemühen zu müssen, wenn wir unsre Familie in Ansehen erhalten wollen. In dem
Brief des Prinzen ist das Alter der Familie erwähnt und der Wunsch
ausgesprochen, dass sie noch viele Generationen, wie bisher, in musterhafter
Gentilität, so sind die Worte des Briefes, blühen möge. Du, Lenore, und dein
Bruder, ihr habt dafür zu sorgen.«
    »Ich lebe in musterhafter Gentilität«, antwortete Lenore die Arme
übereinanderschlagend. »Und für die Ehre der Familie kann ich nichts tun. Wenn
ich heirate, wozu ich gar keine Lust habe, so muss ich doch einen andern Namen
annehmen, und es wird dem alten Ahn in der Rüstung, der oben im Erkerzimmer
hängt, ziemlich gleich sein, wen ich zu meinem Herrn mache. Eine Rotsattel kann
ich doch nicht bleiben.«
    Der Vater lachte und zog die Tochter an sich. »Wenn ich nur wüsste, woher
mein Kind diese Ketzereien hat.«
    »Sie ist allmählich so geworden«, sagte die Mutter.
    »Das wird sich geben«, antwortete der Vater und küsste die Tochter herzlich
auf die Stirn. »Hier lies den Brief des Prinzen, ich sehe nach dem Pferde, dann
essen wir zusammen im Freien.«
    »Ich komme mit dir zu dem Kranken«, sagte Lenore.
    Das Ordenszeichen, eine niedliche Erinnerung an einen gewaltigen Bund
geistlicher Ritter, welche Länder erobert, ganze Völker ausgerottet und ein
eigenes Reich gegründet hatten, warf in die Seele des Freiherrn ein helles
Licht, so gleichgültig er sich auch dagegen stellte. Die Glückwünsche seiner
zahlreichen Bekannten taten ihm wohl, und seine Selbstachtung erhielt dadurch
eine geheime Stütze, deren sie manchmal bedurfte. So fand ihn nach Verlauf einer
Woche auch Ehrental, der Händler, als er auf seinem Wege nach einem nah
gelegenen Dorfe anhielt, nur um dem Freiherrn zu gratulieren. Er hatte bereits
seine Abschiedsverbeugung gemacht, als er noch einmal anhielt und die Worte
hinwarf: »Der gnädige Herr hatten früher die Idee, eine Zuckerfabrik aus Rüben
anzulegen. Ich höre, es ist jetzt im Werk, eine Kompagnie zu bilden, welche eine
solche Fabrik ganz in Ihrer Nähe bauen will, ich bin aufgefordert worden, an dem
Geschäft teilzunehmen, und wollte doch erst fragen, wie der Herr Baron es noch
gedenken zu halten in dieser Sache.«
    Dem Freiherrn war die Nachricht sehr unangenehm. Seit Jahren hatte er sich
mit dem Gedanken getragen, eine gleiche Fabrik auf seinem Grund und Boden zu
errichten, er hatte eine Anzahl ähnlicher Unternehmungen besucht, hatte sich
Anschläge machen lassen, mit Technikern verhandelt, ja er hatte schon den Platz
bezeichnet, auf dem das Etablissement am wenigsten unschön gewesen wäre. Er
hatte diesen Plan eine Zeitlang mit grossem Eifer verfolgt, allmählich war er ihm
weniger lockend erschienen. Die Scheu eines vorsichtigen Mannes vor der neuen
und noch unsichern Industrie, die Klagen einiger Bekannten über die Menge der
Kosten und vor allem über die Unruhe und vielen Inkonvenienzen, die ein solches
Unternehmen in das Leben eines Gutsbesitzers und die Verwaltung seines Gutes
bringe, das alles hatte ihn bewogen, das Projekt liegenzulassen und für die
nächsten Jahre eine ruhige Anlage seines Kapitals mit allerdings mässigem
Zinsengenuss vorzuziehen. Jetzt sollte eine Anlage, wie er sich doch für die
Zukunft vorbehalten hatte, von andern ausgeführt werden; es war klar, dass sein
eigenes Projekt dadurch zerstört wurde. Denn zwei gleiche Fabriken in
unmittelbarer Nähe mussten sich zuverlässig hindern. Geärgert rief er: »Gerade
jetzt, wo ich mir auf einige Jahre die Disposition über die Kapitalien genommen
habe.«
    »Herr Baron«, sagte der Händler mit Herzlichkeit, »Sie sind ein reicher Mann
und angesehen in der Gegend. Wenn Sie erklären, dass Sie selbst anlegen wollen
diese Fabrik, so geht der Aktienverein auseinander an demselben Tage.«
    »Sie wissen, dass ich das jetzt nicht kann«, erwiderte der Freiherr unwillig.
    »Wenn Sie wollen, gnädiger Herr, so können Sie auch«, entgegnete der Händler
mit ehrerbietigem Lächeln. »Ich bin nicht der Mann, der Ihnen zuredet zu einer
solchen Fabrik. Was haben Sie nötig, Geld zu verdienen? Wenn Sie aber jetzt zu
mir sagen, Ehrental, ich will anlegen eine Fabrik, so steht Ihnen Kapital zu
Gebot, soviel Sie haben wollen. Ich selbst habe eine Summe von sieben-, von
zehntausend Talern vorrätig, Sie können diese erhalten jeden Tag. - Und ich will
Ihnen einen Vorschlag tun. Ich schaffe Ihnen das Geld, welches Sie brauchen, zu
billigen Zinsen. Für die Summe, die ich selbst Ihnen gebe, lassen Sie mir einen
Anteil am Geschäft bis zu dem Tage, wo Sie mir zurückzahlen mein Geld. Für das
übrige Geld, das Sie brauchen, bestellen Sie Hypotek auf Ihr Gut, bis Sie
zurückzahlen in einigen Jahren die ganze Anleihe.«
    Der Vorschlag erschien uneigennützig, ja freundschaftlich, aber der Freiherr
fühlte zu lebhaft die grosse Veränderung, welche ein solches Geschäft in seinem
ganzen Leben hervorbringen werde, er sah mit banger Sorge und einem Misstrauen
sowohl gegen sich selbst, als gegen Ehrental in eine Zukunft von
Verwickelungen. Er verhielt sich deshalb sehr kühl gegen Ehrentals Antrag. »Ich
danke Ihnen für das Zutrauen«, sagte er, »aber ich will nicht mit fremdem Gelde
einrichten, was doch nur aus den Überschüssen der eigenen Einnahme mit Segen
erbaut wird.«
    Ehrental musste sich mit diesem Bescheide entfernen und sagte nur noch an
der Tür: »Der gnädige Herr können sich ja die Sache überlegen, ich getraue mir
durch vier Wochen das Aktiengeschäft aufzuhalten, damit in dieser Zeit nichts
weiter geschieht.«
    Nur wer einmal in seinem Leben eine gefeierte Sängerin gewesen ist, kann
sich eine Vorstellung von der Fülle unbekannter kleiner Briefe, Pakete und
Sendungen machen, welche der Freiherr in den nächsten vier Wochen aus der Stadt
empfing. Zuerst schrieb Herr Ehrental: »Ich habe die Aktionäre vier Wochen
aufgehalten«, dann schrieb Herr Karfunkelstein, ein Aktionär: »Ich höre, dass Sie
wollen anlegen eine Fabrik, in diesem Fall stehe ich Ihnen nach.« Dann schrieb
wieder Herr Ehrental: »Hier ist eine Jahresberechnung einer ähnlichen Fabrik,
woraus man kann sehen, was zu gewinnen wäre.« Dann schrieb wieder ein Herr
Wolfsdorf: »Es verlautet, dass der Herr umgehe mit einer Fabrik; ich habe
Kapitalien auszuleihen gegen mässigen Zinsfuss und würde glücklich sein, wenn ich
eine Hypotek erhielte oder am liebsten einen Anteil am Geschäft.« Zuletzt
schrieb gar ein undeutlicher Herr Itzigveit: »Der Herr Baron soll das Geschäft
nicht machen mit Ehrental, wie man in der Stadt erzählt, Ehrental ist ein
reicher, aber ein interessierter Mann, er soll ihn wenigstens nicht annehmen zum
Kompagnon; ich der Briefschreiber will ihm viel bessere Kapitalien verschaffen
und ganz andere Teilnehmer«, worauf Herr Ehrental wieder genötigt war zu
schreiben: »Es werden Intrigen gespielt von meinen Gegnern in der Stadt, um dem
gnädigen Herrn anderes Geld zu seinem schönen Unternehmen zu verschaffen; Sie
können tun nach Gefallen, ich bin ein ehrlicher Mann und dränge mich nicht vor.«
    Der Freiherr war erstaunt zu sehen, wie leicht und massenhaft seinem Namen
die Kapitalien zurollten, und dass ganz unbekannte Menschen bereit waren, das
Unternehmen auf seinem Grund und Boden für ein unfehlbares, glänzendes,
beneidenswertes zu halten. Er hatte in seinen Spekulationen bis jetzt
entschiedenes Glück gehabt, er hatte die Abneigung vor Geldgeschäften ziemlich
vollständig überwunden, ja er hatte sich gewöhnt, einen gewissen Anspruch an die
Kapitalien anderer zu machen. Jetzt wurde er allmählich mit dem Gedanken
vertraut, das Geld zur Anlage seiner Fabrik von Fremden zu nehmen. Nur eines
widerstand seinem Stolz, den zuvorkommenden Ehrental als Teilnehmer anzunehmen;
so weit wirkte der Brief des undeutlichen Schreibers. Und er beschloss, im Fall
das Unternehmen zustande kommen sollte, dem Händler für sein geliehenes Geld
festen Zinsfuss zu gewähren. Vier Wochen kämpfte der Freiherr mit innerer
Unentschlossenheit, oft war seine Stirn umwölkt, oft sah die Baronin wieder mit
stillem Schmerz die Aufregung ihres Gemahls, oft fuhr dieser nach der Stadt oder
auf die Güter seiner Bekannten, um ähnliche Anlagen zu besichtigen und sich die
möglichen Vorteile aus verschiedenen Anschlägen herauszunehmen. Über die
projektierte Aktiengesellschaft konnte er nichts Sicheres erfahren. Die weniger
günstigen Nachrichten, welche er über die Erfolge einzelner Fabrikanten
einsammelte, schrieb er auf Rechnung einer natürlichen Furcht vor seiner
Konkurrenz oder auf die unvorteilhafte Anlage ihres Geschäftes.
    Vier Wochen waren vergangen, und ein neuer Brief von Ehrental erschien,
worin der Baron dringend gebeten wurde, seinen Entschluss mitzuteilen, weil
einzelne von den Aktionären gar nicht mehr zu halten wären.
    Es war der Abend eines heissen Tages, als der Freiherr unruhig aus dem
Wirtschaftshof ins Freie trat. Tief unten am Himmel glänzte ein gelbes
blendendes Licht hinter schwarzem Dunst hervor, dicht zusammengeballt hingen die
Wolken über seinem Scheitel, wie dunkle Felsen der Luft mit eisigen Gipfeln.
Rings um den Herrn des Guts war Schwüle, Mutlosigkeit und bange Ahnung. Im
Getreide schwirrten die Grillen lauter als sonst, unaufhörlich tönte ihr
warnender Ruf in das Ohr des Herrn. Die kleinen Vögel auf den Bäumen der
Landstrasse kreischten in den Zweigen, flatterten von einem Baum auf den andern
und riefen einander zu, dass etwas Furchtbares über ihre Felder hereinbreche; wir
Kleinen werden es überstehen, schrien sie, aber die Grossen mögen sich hüten. Die
Schwalben strichen tief am Boden hin und flogen dicht an dem Freiherrn vorüber,
als sei er nicht mehr vorhanden, und die Stelle leer, wo er stand. Die wilden
Blattpflanzen am Wege liessen saftlos ihre Blätter hängen, sie waren mit
hässlichem Staub überzogen und sahen aus wie Gewächse einer untergegangenen Welt,
die vor vielen Jahren einmal grün war und Blüten trug. Eine dicke Staubwolke
rollte die Landstrasse entlang auf den Herrn zu, die heimkehrenden Gespanne zogen
an ihm vorüber. Schwerfällig schritten die Pferde vorwärts und senkten ihre
Köpfe in den Geschirren. Die hässliche gelbe Wolke wälzte sich mit ihnen fort und
verhüllte die Umrisse ihres Leibes, dass nur die Hälse hervorragten und sie dem
Freiherrn aussahen wie schattenhafte Gestalten, welche in der Luft dahinfahren.
Nach ihnen kam langsam in drei Haufen die Schafherde, wieder in Wolken des
erstickenden Staubes gehüllt. Die Glöckchen der Tiere klangen dumpf in der
dicken Luft, und wie aus weiter Entfernung tönte im Wirbel am Boden bald hier
bald dort die Stimme eines geisterhaften Schäferhundes. Und als der Schäfer
seinen Herrn grüssend vorüberschritt, sah der Mann so grau und schattenhaft aus,
wie ein Gespenst aus dem Grabe, das einst auf der grünenden Erde wirkliche
Schafe über das Brachfeld getrieben hatte.
    Der Gutsherr blieb stehen an den Pferden und Schafen, er stand vor der
welken Königskerze am Grabenrand, er hörte auf die Vögel im Laube, es waren
unheimliche Gedanken, die sie ihm gaben. Er ging weiter auf dem Damm am Teiche,
wo einst Anton den letzten Blick auf das Herrenhaus geworfen hatte. In rotem
Feuer stand das Schloss mit seinen Türmen und Mauern vor dem Freiherrn, helle
Flämmchen brannten auf den Spitzen der Türme in die Wolken hinein, im Brand
leuchteten alle Fensterscheiben des Schlosses, und wie Blutstropfen lagen die
rosigen Blumenbüschel auf dem schwarzgelben Laub der Kletterpflanzen. Über dem
Schloss aber in der Luft ballte und wälzte sich's, und immer näher kam's in
schwarzen Massen heran, um mit Nacht den glänzenden Bau zu verhüllen. Kein Blatt
der Bäume bewegte sich, keine Kreiswelle furchte die dunkle Wasserfläche, tot
lag sie da, wie ein See der Unterwelt. Der Herr beugte sich hinab und suchte ein
Zeichen des Lebens, nur eine Wasserspinne, eine Libelle, welche in dem finstern
Schweigen um ihn herum sich leibhaftig regte, - da starrte ihm aus der Tiefe ein
bleiches Menschengesicht entgegen, dass er zurückfuhr und ein zweites Mal
hinsehen musste, um zu lächeln und zu erkennen, dass es sein eigener Widerschein
war. Auch hier war um den Herrn des Guts Schwüle, Mutlosigkeit und bange Ahnung.
    Er lehnte sich an den hohlen Weidenstamm und sah unverwandt auf sein Haus
und auf die Fenster, wo seine Lieben wohnten; er suchte nach einem Umriss ihrer
Gestalt, er horchte nach einem Ton von dem Flügel der Baronin, er wünschte, dass
nur ein helles Band Lenores niederflattern möchte von dem Balkon ihres Zimmers;
aber kein Zeichen des Lebens war in dem Hause zu erspähen, das Schloss war
ausgestorben, wüst, wie ein Bau aus uralter Zeit, durch geisterhaftes Licht
beleuchtet; - noch wenig Augenblicke, und es musste verschwinden in dem Boden.
Dann konnte das Wasser darüber hinfluten, und die Leute konnten sich erzählen,
dass hier einst ein schönes Schloss war, in dem ein stolzer Baron lebte, das sei
aber lange, lange her. -
    Ein gefallenes Haus, eine untergegangene Familie! - Wenn die Zeit kam, wo
ein fremder Mann an seiner Stelle stand und ein neues Haus ansah, das er sich
erbaut, dann lag die Wasserfläche vor dem Fremden, wie jetzt vor ihm, dieselbe
Erdscholle, die sein Pflug aufwarf, trug auch dem Spätern bereitwillig Frucht.
Dann gaben die Körner aus seinem Korn noch weisses Mehl, die Lämmer von seinen
Schafen sprangen um denselben steinernen Wassertrog, die Ackerfläche lag vor dem
Neuen da, wie jetzt vor ihm, an derselben Stelle liefen vielleicht die
Wasserrinnen durch das Feld, die Binsenwurzel unter ihm trieb vielleicht ebenso
ihren schafft aus dem Wasser: nur er und sein Geschlecht, die jetzt über alles
geboten, sie sollten dann verschwunden sein, verschwunden bis vielleicht auf
eine gleichgültige Erinnerung!
    So stand der Herr des Gutes, gelähmt durch den bösen Zauber, der auf der
Erde und auf seiner Seele lag, er holte tief Atem und trocknete den Schweiss von
der Stirne, er war ratlos und wie gebrochen. Da fuhr ein scharfer Ton durch die
Wipfel der Bäume, es war ein Jagdruf der Lüfte. Noch einmal wurde alles still,
dann raste der Sturmwind plötzlich hernieder von der Höhe, er rauschte durch die
Baumwipfel, er zischte über das Wasser; tief beugten die Weiden ihre grauen
Äste, und die Staubwolken der Strasse fuhren in tollen Wirbeln nach der Höhe; der
gelbe Schein an den Mauern des Schlosses verschwand, bleigraue Dämmerung überzog
die Landschaft. Ein zackiger Blitz fuhr durch die Finsternis, und lang und
majestätisch rollte der Donner herauf. Der wilde Jäger der Luft hielt seine
Hetzjagd über die Fluren der Menschen.
    Der Freiherr richtete sich hoch auf und öffnete seine Brust dem Zuge des
Sturmwindes. Blätter und Baumzweige flogen um ihn, und grosse Regentropfen
schlugen auf sein Haupt, er aber starrte nach den Wolken in das Wetter hinein
und auf die Blitze, welche sich kreuzten, als erwartete er von da oben eine
Entscheidung. Da klapperte der Galopp eines Pferdes auf der Strasse, und eine
fröhliche Männerstimme rief von der Höhe herab: »Mein Vater!« Ein junger
Reiteroffizier hielt auf der Strasse.
    »Mein Sohn, mein geliebter Sohn«, rief der Vater mit bebender Stimme, »du
kommst zur rechten Zeit.« Er drückte den Jüngling fest an sich, und als er ihn
aus der Umarmung losliess, hielt er noch lange seine Hände fest und wurde nicht
müde, ihn anzusehen. Auch der Reitersmann vor ihm war mit grauem Staube bedeckt,
aber ein jugendliches Gesicht und zwei kecke Augen sprachen in diesem Augenblick
entscheidende Worte zu dem Vater. Die Unsicherheit, alle trübe Ahnung war
verschwunden, er fühlte sich wieder fest, wie dem Chef seines Hauses geziemte.
Vor ihm stand in blühender Jugend die Zukunft seines Geschlechtes. Dass diese
Erinnerung ihm gerade jetzt kam, in der Stunde, wo er einen Entschluss fassen
sollte, das galt ihm für einen Befehl des Schicksals. »Und jetzt komm nach
Haus«, sagte er, »es ist kein Grund mehr, dass wir unsere Begrüssung im Regen
abmachen.«
    Während die Baronin ihren Sohn auf das Sofa zog und nicht müde wurde, sich
über sein männliches Aussehen zu freuen, und während Lenore sogleich mit dem
Bruder ein leichtes Wortgefecht begann, ging der Freiherr in der Familienstube
auf und ab und sah zuweilen durch den strömenden Regen in die Landschaft hinaus.
Immer schneller fuhren die Blitze durcheinander, und immer kürzer wurden die
Pausen, in denen der Donner dem Zucken des Feuerstrahls folgte.
    »Schliesse das Fenster«, bat die Baronin, »das Wetter kommt herauf.«
    »Es wird unserm Hause nichts tun«, antwortete der Freiherr beruhigend. »Der
Leiter steht oben auf dem Dach, er glänzte vorhin hell wie ein Licht durch die
dunklen Wolken. Sieh dortin, wo die Wolken am schwärzesten zusammengeballt
sind, dort über der hellgrünen Esche.«
    »Ich sehe die Stelle«, sagte die Baronin.
    »Mache dich gefasst«, fuhr der Freiherr lächelnd fort, »dass ein blauer Himmel
dort für immer durch graue Wolken bedeckt wird, dort wird der Schornstein der
Fabrik über die Bäume ragen.«
    »Du willst bauen?« frug die Baronin besorgt.
    »Du willst eine Fabrik errichten?« rief der Leutnant vorwurfsvoll.
    »Ja«, sagte der Freiherr zu seiner Gemahlin, »das Unternehmen wird viel
Unbequemes haben für dich und mich, und wird meine Kräfte in jeder Beziehung in
Anspruch nehmen. Wenn ich es doch wage, so geschieht es nicht um unsertwillen,
sondern für die Kinder, für die Familie. Ich will das Gut befestigen bei unserem
Hause, ich will seine Einkünfte so vermehren, dass der Herr dieses Schlosses in
der Lage ist, auch für die Zukunft der Lieben zu sorgen, denen er nach dem alten
Recht der Erstgeburt und der männlichen Nachfolge das Gut nicht überlassen kann.
Es hat mich langen Kampf gekostet, heut hab' ich mich entschlossen.«
 
                                       9
Der Freiherr trieb mit Feuer die Anlage seiner Fabrik. Er suchte wenigstens
einen Teil der Ziegeln selbst zu brennen, er bezeichnete die Stämme des Waldes,
welche im Winter zu Bauholz geschlagen werden sollten. Ein Baumeister wurde
durch Ehrental empfohlen, und ein Techniker von dem Freiherrn selbst
angeworben. Er erkundigte sich sorgfältig nach der Vergangenheit des Mannes, dem
er Einrichtung und Betrieb seiner Fabrik übergeben wollte, und wünschte sich
Glück, als er nach langem Suchen einen redlichen Mann fand, der eine
ungewöhnliche teoretische Bildung besass. Vielleicht war gerade diese letztere
Eigenschaft vom Standpunkt des Barons nicht ohne Bedenken, denn dem Erwählten
wurde von zehn Praktikern nachgesagt, dass er nie eine Fabrik in ruhigem Betriebe
lassen könne, sondern durch hastige Einführung neuer Erfindungen die tägliche
Arbeit zu oft störe. Daher galt er für kostspielig und unsicher. Dem Freiherrn
war die Intelligenz und Redlichkeit des Mannes natürlich die Hauptsache, mehr
noch als jedem andern, weil er im stillen die Empfindung hatte, dass diese
Eigenschaften des Technikers die Mängel seiner eigenen Leitung ausgleichen
müssten.
    So froh aber diese Aussichten waren, ein Übelstand war doch dabei. Ordnung
und Behagen waren auf dem Gut nicht mehr zu finden, sie waren mitten im Sommer
fortgeflogen, wie die Störche, welche seit vielen Jahren hinter der grossen
Scheuer genistet hatten. Alle Welt wurde durch die neue Anlage belästigt. Die
Baronin verlor eine Ecke des Parks, sie erlebte das Herzeleid, dass ihr ein
Dutzend mächtiger alter Bäume niedergeschlagen wurden. Ein Haufe fremder
Arbeiter zog mit Hacke, Schaufel und Karren wie ein Heuschreckenschwarm über das
Gut. Sie zertraten die Grasplätze des Parks, sie lagerten in ihren Essstunden in
der Nähe des Schlosses und genierten die Frauen oft durch ihren Mangel an
Rücksicht. Der Gärtner rang die Hände über die zahlreichen Diebstähle an Obst
und Gemüse. Der Amtmann war in lauter Verzweiflung über die Unordnung, welche in
seiner Wirtschaft einriss. Die neuen Leute, welche er angenommen hatte,
erschwerten ihm die Aufsicht über das Gesinde. Die neuen Zugtiere, in der Eile
gekauft, reichten nicht aus. Die Ackerpferde wurden ihm zu Fuhren verwandt, wenn
er sie am notwendigsten im Felde brauchte, seine guten Zugochsen waren für ihn
gar nicht mehr vorhanden. Der Bedarf der Wirtschaft wurde grösser, die Einnahmen
drohten geringer zu werden. Auch die Bodenfläche, welche für die Rübenkultur
bestimmt war, machte dem alten Mann schwere Arbeit. In der Fruchtfolge musste
vieles geändert, die Taglöhner sollten für den neuen Bau angelernt werden.
Lenore hatte viel zu trösten und brachte ihm manches Pfund Tabak aus der Stadt,
damit er seinen Kummer mit den blauen Wolken in die Luft blasen konnte. Die
schwerste Last trug natürlich der Freiherr selbst. Sein Arbeitszimmer, sonst nur
von einzelnen Bittstellern oder dem Amtmann besucht, wurde jetzt ein
Gemeinplatz, wie der Laden eines Krämers. Nach zehn Seiten sollte er Rat
schaffen, Aufschluss geben, Schwierigkeiten überwinden. Fast täglich jagte er
nach der Stadt, und wenn er am Friede bringenden Abend auf dem Gute war,
erschien er in dem Familienkreise sorgenvoll, mürrisch, abgespannt. Es war eine
grosse Hoffnung, die ihn erfüllte, aber es war sehr schwierig, sie in
Wirklichkeit zu verwandeln.
    Einigen Trost fand der Freiherr in der lebhaften Anhänglichkeit Ehrentals.
Dieser wusste sich überall nützlich zu machen, hatte stets einen guten Rat bei
der Hand und war um Auskunft niemals verlegen. Er erschien jetzt oft auf dem
Gut, dem Baron ein willkommener Gast, weniger den Frauen. Diese gönnten ihm den
Argwohn, dass seine Beschwörung die Flut von Geschäften heraufführe, welche sich
jetzt durch alle Fenster und Türen des Schlosses ergoss. Glücklicherweise
dauerten seine Besuche immer nur kurze Zeit, und wenn man ihm auch ansah, dass er
sich jetzt auf dem Gut nicht unbehaglich fühlte, so war sein Benehmen in Betreff
der Ehrerbietung doch durchaus untadelhaft.
    An einem sonnigen Mittag trat Ehrental mit Brillantnadel und Busenkrause in
das Zimmer seines Sohnes. »Willst du heut mitfahren auf das Gut der Rotsattel,
mein Bernhard? Ich habe dem Baron gesagt, dass ich dich mitbringen werde, um dich
zu präsentieren der Familie.«
    Bernhard sprang von seinem Sitze auf. »Aber Vater, ich bin den Herrschaften
ja ganz fremd!«
    »Wenn du das Gut gesehen haben wirst, wird es dir nicht mehr fremd sein, und
wenn du gesprochen haben wirst den Baron, die Baronin und das Fräulein, so wirst
du sie kennen. Es sind gute Leute«, fügte er wohlwollend hinzu.
    Der Sohn hatte noch viele schüchterne Bedenken, aber der Vater schlug sie
durch die bestimmte Erklärung nieder, dass der Freiherr ihn erwarte.
    Bernhard sass im Wagen, über ihm hoch in der Luft flogen die Vögel, die
Pappeln an der Landstrasse schnurrten wie durch ein Band gezogen hinter ihm,
lachend schien die Sonne in sein bleiches Gesicht und fragte: wo kommst du her,
Mann, dich kenne ich nicht; er rückte sich auf seinem Sitze in unruhiger
Spannung zurecht. Seit er Anton kannte, ja länger, seit er seine Dichter las,
hatte er von der kleinen einsamen Stube sehnsüchtig auf das fröhliche Treiben
solcher gesehen, welche darauflosleben und unnützes Grübeln hassen. Heut kam ihm
vor, als ob er selbst ein wenig daraufloslebe, heut jagte er in die Welt hinein
zu einem unbekannten Edelmann, in das Haus einer berühmten Schönheit, die er
sich ansehen wollte. Er zog seinen Hemdkragen zurecht, drückte den Hut
entschlossen in die Stirn und schlug die Arme unter. Mit scharfem Blick musterte
er die vorübergehenden Reisenden, und die Frau vom Zollhause, welche das Geld
abnahm, fixierte er so unternehmend, dass sie ihr Brusttuch zurechtzog und ihn
lächelnd anblinzte. Unterdes floss das Herz des alten Ehrental von Lobreden auf
den Freiherrn und seine Familie über. »Noble Leute«, rief er; »wenn du gesehen
haben wirst diese Baronin, wie sie ist, wenn sie ist in ihrer Spitzenhaube,
alles so fein und alles honett! Zu honett für die Welt, wie diese Welt einmal
ist! Die Stücke Zucker sind zu gross, und der Wein, den man bei Tische trinkt,
ist zu teuer, aber es ist ihre Qualität, es steht ihnen gut.«
    »Fräulein Lenore soll eine grosse Schönheit sein«, fragte Bernhard. »Ist sie
so stolz, wie junge Damen von ihrem Stande zu sein pflegen?« - Mein armer
Bernhard kannte nicht viele junge Damen, weder aus diesem, noch aus einem andern
Stande.
    »Sie ist stolz«, sagte der Vater, »aber es ist wahr, sie ist schön. Unter
uns gesagt, sie gefällt mir besser, als die Rosalie.«
    »Ist sie blond?« Herr Ehrental dachte nach. »Was soll sie anders sein, als
blond oder braun, freilich hat sie blonde Augen. Du kannst dir auch ansehen die
Herde auf dem Gute, und vergiss nicht herumzugehen im Park. Sieh dich um, ob du
einen Platz findest, wo du gern sitzen möchtest mit deinem Buche.«
    Der arglose Bernhard schwieg und sah mit glänzenden Augen auf die dunkeln
Umrisse des Parks, der am Horizont aufstieg.
    Der Wagen hielt vor dem Schloss. Der Bediente trat an den Schlag. Die Gäste
erfuhren, dass der Freiherr in seinem Zimmer und die gnädige Frau im Augenblick
nicht zu sprechen war, das Fräulein aber spazierte im Garten. Ehrental schritt
um das Haus, Bernhard neugierig hinter ihm her. Über den Grasplatz kam die hohe
Gestalt Lenorens langsam auf die Fremden zu. Ehrental stellte sich auf, bog
seinen linken Arm zu einem Kreise zusammen, steckte seinen Hut hinein und
präsentierte: »Mein Sohn Bernhard, dies ist das gnädige Fräulein.« Bernhard
verneigte sich tief. Es war nur ein kühler Gruss, den Lenore dem Gelehrten
schenkte. »Wenn Sie zu meinem Vater wollen, er ist oben in seinem Zimmer.« -
»Ich werde hinaufgehen«, sagte Ehrental gehorsam. »Bernhard, du kannst unterdes
zurückbleiben bei dem gnädigen Fräulein.«
    In dem Zimmer des Freiherrn legte der Händler einige tausend Taler auf den
Tisch und sagte: »Hier ist das erste Geld. Und wie wollen der Herr Baron es mit
der Sicherheit halten?«
    »Nach unserer Verabredung muss ich Ihnen dafür Hypotek auf das Gut geben«,
erwiderte der Freiherr.
    »Wissen Sie was, Herr Baron, um jedes Tausend Taler, das ich Ihnen zahle,
können Sie mir nicht immer bestellen eine Hypotek, das macht viel Kosten und
bringt das Gut in schlechtes Renommee. Lassen Sie vom Gericht ausstellen ein
Hypotekeninstrument, welches auf eine grosse Summe lautet, ich will sagen auf
zwanzigtausend Taler. Lassen Sie es ausstellen auf den Namen der gnädigen Frau
Baronin, so haben Sie eine Sicherheit, die Sie jeden Tag verkaufen können, und
Ihr Gut wird noch nicht belastet durch ein neues Kapital. Und mir geben Sie
jedesmal, sooft ich an Sie zahle, einen einfachen Schuldschein, worin Sie mir
auf Ihr freiherrliches Wort versichern, dass ich für den Betrag der Summe, die
ich Ihnen zahle, ein Anrecht haben soll an diese Hypotek von zwanzigtausend
Talern, welche im Hypotekenbuche steht zunächst hinter den Pfandbriefen. Das
ist einfach, und es bleibt still zwischen uns beiden. Und wenn Sie keine weitern
Vorschüsse brauchen, dann machen wir die Sache fest vor dem Notar. Sie zedieren
mir dann die Hypotek selbst, und ich gebe Ihnen Ihre Schuldscheine zurück und
zahle Ihnen nach, wenn noch etwas fehlt an den zwanzigtausend Talern. Ich
verlange nichts von Ihnen, als Ihr Ehrenwort auf einem Blatt Papier, welches
nicht grösser ist, als dieses Schnitzel. Und wenn das Gericht Ihnen ausgefertigt
hat das Hypotekeninstrument von zwanzigtausend Talern, so wäre mir's lieb, wenn
Sie's wollten aufheben in meinem Hause.«
    Als der Freiherr bei der letzten Bedingung unwillig aufsah, legte Ehrental
seine Hand auf den Arm des Herrn und sagte vertraulich: »Seien Sie ruhig, Herr
Baron; dagegen, dass ich selbst aufheben will das Hypotekeninstrument, dürfen
Sie nichts einwenden. Ich kann keinen Missbrauch damit treiben, und es ist mir
eine Beruhigung. Jeder Jurist wird Ihnen sagen, dass ich in dieser Sache gegen
Sie verfahre, wie es selten vorkommt im Geschäft. Oft wird ein Wort gebrochen,
das einer dem andern gegeben hat, aber wenn es etwas gibt, was fest ist auf
dieser Welt, so ist es für mich, wenn Sie mir geben Ihr Ehrenwort. Ist es nicht
geschäftlich, Herr Baron, dass ich so denke, so ist es doch freundschaftlich.«
    Ehrental sagte das mit einem Ausdruck von Herzlichkeit, der nicht ganz
erlogen war. Was er anbot, zeigte in der Tat ein grosses Vertrauen. Nach vielen
Beratungen mit Veitel Itzig war er auf diese Massregel gekommen. Er wusste, dass
der Freiherr ausser den zwanzigtausend Talern noch manches andere Kapital für die
Fabrik brauchen würde. Es lag im Interesse auch des Händlers, dass der Freiherr
noch andere Summen ohne Schwierigkeit erhielt. Und er traute dem Edelmann; er,
der durchtriebene Schelm, hatte einen festen Glauben an den adligen Sinn des
andern. Auch wenn ihn Itzig nicht unaufhörlich auf den ehrenwerten Charakter des
Gutsherrn aufmerksam gemacht hätte, er würde ihm nichts Unehrliches zugetraut
haben. Was von achtungsvoller Zuneigung in seiner Seele noch Raum hatte, das war
dem Freiherrn zuteil geworden. Der Herr war seit langer Zeit der Gegenstand
seiner Sorge, seiner Arbeit, seiner eifersüchtigen Wachsamkeit. Er war dem
Schurken geworden, was dem Landwirt sein Acker, der Hausfrau ihr Lieblingstier
ist. Es war ein allerliebster kleiner Teil von gemütlicher Zuneigung in dem
Verhältnis. Auch die Hausfrau vertritt eifrig die Tugenden ihres vierbeinigen
Pfleglings, sie betrachtet ihn mit Freude und findet sein Temperament
ungewöhnlich sanft. Sie ist geneigt, ihren Liebling für das vortrefflichste
Stück seiner Art zu halten, und wenn der Schlachttag kommt, vergisst sie
vielleicht eine Träne. Aber, beim heiligen Antonius! so leid es ihr auch tut,
sie wird das arme Ding doch schlachten.
    Unterdes sagte unten Lenore zu Bernhard: »Ist Ihnen gefällig, unterdes in
den Park zu gehen?« Bernhard folgte schweigend und sah scheu auf die
Aristokratin, welche ihren Kopf trotzig in die Höhe warf und wenig von seiner
Anwesenheit erbaut schien. An dem grünen Platz, der einst Anton so entzückt
hatte, blieb sie stehen und wies auf den Kiesweg. »Dort hinab geht es zum See,
und hier weiter hinein in den Garten.« Sie erhob die Hand zu einer
verabschiedenden Bewegung. Bernhard aber sah staunend auf den Platz, auf die
Türmchen des Schlosses, die Schlingpflanzen des Balkons und rief: »Das habe ich
schon einmal gesehen, und ich bin doch noch nie hier gewesen.«
    Lenore blieb stehn: »Das Haus ist nicht nach der Stadt gekommen, soviel ich
weiss; es mag wohl andere geben, die ähnlich aussehen.«
    »Nein«, erwiderte Bernhard sich besinnend, »ich habe das Schloss auf einer
Zeichnung im Zimmer eines Freundes gesehen. Er muss Sie kennen«, rief er freudig,
»und er hat mir doch nie etwas davon gesagt.«
    »Wie heisst dieser Herr, der Ihr Freund ist?«
    »Es ist ein Herr Wohlfart.«
    Das Fräulein wandte sich lebhaft zu dem Gelehrten: »Wohlfart? Ein Kaufmann
bei T.O. Schröter, Kolonialwaren und Produkte? Ist's dieser Herr? - Und dieser
Herr ist Ihr Freund? Wie kommen Sie zu der Bekanntschaft?« fragte sie streng und
stellte sich vor Bernhard auf, die Hände auf dem Rücken, wie ein Lehrer, der
einen kleinen Dieb wegen gestohlener Äpfel ins Verhör nimmt. Bernhard erzählte,
wie er Anton kennengelernt hatte und wie lieb ihm der tüchtige Freund geworden
war. Darüber verlor er etwas von seiner Befangenheit, und das Fräulein viel von
ihrer Strenge.
    »Ja, wenn Sie so sind«, sagte Lenore noch immer verwundert. »Also wie geht
es Herrn Wohlfart? Erzählen Sie geschwind, wie sieht er aus, ist er lustig? Er
hat wohl recht viel zu tun?«
    Bernhard erzählte, er wurde immer beredter. Lenore setzte sich in die
Rosenlaube und winkte ihm herablassend, gegenüber Platz zu nehmen. Als er
geendet hatte, sagte sie freundlich: »Wenn Herr Wohlfart Ihr Freund ist, so
gratuliere ich Ihnen, er ist ein guter Mensch; ich will hoffen, dass Sie das auch
sind.«
    Bernhard lächelte: »Unter meinen Büchern habe ich nur wenig Gelegenheit,
meinen guten Willen dafür zu weisen. Ich lebe still vor mich hin und zirpe wie
eine Grille; in dem Treiben der Welt komme ich mir oft recht unnütz vor.«
    »Das viele Studieren wäre nicht meine Sache«, erwiderte Lenore. »Man sieht
Ihnen auch an, dass Sie wenig in der freien Luft leben. Kommen Sie, mein Herr,
ich werde Sie herumführen. So setzen Sie doch Ihren Hut auf.«
    Der Bediente trat mit dem Teebrett aus der Halle. Lenore winkte ihm und sah
wohlwollend zu, als Bernhard den heissen Trank so eilig einschlürfte, wie ein
Ritter seinen Steigbügeltrunk. »Verbrennen Sie sich nicht«, ermahnte sie.
    Sie führte ihn durch den Park, wie sie einst Anton geleitet hatte. Bernhard
war ein Sohn der grossen Stadt. Nicht die hohen Baumkronen, nicht die blühenden
Beete im grünen Rasen, auch nicht die Türmchen des Herrenhauses waren ihm etwas
Ungewöhnliches, sein Auge hing nur an dem Fräulein. Es war ein klarer Abend im
September. Das Sonnenlicht fiel schräge durch das Laub, der Kiesweg war gefleckt
von gelben Lichtern und dunklen Schlagschatten. Sooft ein Sonnenstrahl durch die
Blätter auf Lenorens Haupt schoss, glänzte ihr Haar wie Gold. Das stolze Auge,
der feine Mund, die schlanken Glieder des kräftigen Mädchens nahmen die
Empfindung des Gelehrten gefangen. Sie lachte und zeigte die weissen kleinen
Zähne, und er war entzückt; sie brach einen Zweig ab und schlug damit an die
Büsche am Wege, und ihm war, als neigten sich die Zweige und Blätter vor ihr auf
den Boden.
    Sie kamen an die Brücke, an den Ausgang des Parks nach dem Feld. Einige
Mädchen liefen an Lenore heran, knixten und küssten ihr die Hände, sie nahm diese
Huldigung der Untertanen wie eine Königin an. Zwei kleine Dirnen hatten die
hohlen Stengel des Löwenzahns in Kettenglieder zusammengebogen und eine lange
Kette daraus gemacht, sie stellten sich verschämt vor Bernhard in den Weg und
hielten ihm die Kette vor.
    »Hinweg, Ihr unartiges Volk!« rief Lenore. »Wie könnt Ihr uns den Weg
versperren, der Herr kommt ja aus dem Schloss. - Sie lernen dies Wegelagern von
den fremden Arbeitern.« Und Bernhard fühlte mit Stolz, dass er in diesem
Augenblick zu ihr gehörte. Er griff in die Tasche und löste sich von den
Mädchen. »Es ist lange her, dass ich eine solche Kette gesehen habe«, sagte er.
»Dunkel erinnere ich mich, dass ich als kleiner Knabe auch einmal auf einem
grünen Platz sass und die Stiele zusammensteckte.« Er pflückte einige Stengel des
Löwenzahns und versuchte die Kinderarbeit.
    »Haben die gelehrten Herren auch an solchen Spielen Freude?« frug Lenore
lächelnd.
    »O ja«, erwiderte Bernhard. »Ich habe auch die spitzen Blüten von Akelei und
Rittersporn zu runden Kränzen ineinandergesteckt und in meinen Büchern gepresst,
dann trocknete ich Blätter und ganze Blumen, dann legte ich ein Herbarium an.
Was uns als Erwachsene interessiert, das knüpft sich häufig an eine kleine
Freude der Kinderzeit an. Aus dem Kinde, das zufällig einige bunte Kristalle in
die Hand bekam, wird vielleicht ein Mineralog, und schon mehr als ein berühmter
Reisender ist durch den Robinson Crusoe zu seinen Entdeckungen gekommen. Es ist
immer eine Freude, zu erfahren, wie ein bedeutender Mann zu dem gekommen ist,
was seine Seele erfüllt.«
    »Wir Frauen sehen das ganze Leben hindurch die Natur an wie die Kinder«,
sagte Lenore, »wir spielen mit den glänzenden Steinen und Blüten noch in unsern
alten Tagen, geradeso wie die Mädchen vor uns. Und die Kunst ist so gefällig,
uns Blumen und Steine nachzumachen, damit wir nur niemals das Spielzeug
entbehren. - Wenn Sie so gut mit den Kinderspielen Bescheid wissen, dort ist
etwas für Sie«, sie wies auf einen grossen Klettenstrauch am Weg. »Haben Sie sich
jemals eine Mütze aus Kletten gemacht?«
    »Nein«, erwiderte Bernhard mit bangen Ahnungen.
    »Sie sollen sogleich eine haben«, sagte Lenore. Sie gingen zu dem
Klettenstrauch. Bernhard pflückte die runden Köpfe ab und reichte ihr einige
Hände voll hin. Sie nestelte die Kletten aneinander und machte eine Kappe mit
zwei kleinen Hörnern daraus. »Das können Sie aufsetzen«, sagte sie gnädig.
    Bernhard hielt das kleine Monstrum in der Hand. »Allein wage ich's nicht«,
sagte er, »die Vögel auf den Bäumen würden mich zu sehr anschreien. Wenn Sie
auch eine Haube aufsetzen wollten -« »Kletten können Sie nicht verlangen«,
erwiderte Lenore, »aber Sie sollen den Willen haben. Kommen Sie zurück, ich
zeige Ihnen, wie wir als Mädchen unsere Mützen gemacht haben.«
    Sie führte ihn an eine Stelle, wo eine Gruppe Sonnenrosen mit schwarzen
Gesichtern und gelben Strahlen am Rande des Gebüsches stand. Dort schnitt sie
mit einem kleinen Trennmesser einige Blumen ab, durchstach die Stengel und band
sie zu einem Helm zusammen, den sie sich lachend aufsetzte. Es war ein
fremdartiger Schmuck und gab dem schönen Gesicht ein wildes Ansehen. »Jetzt
setzen Sie Ihre Kappe auf«, befahl sie. Bernhard gehorchte, und sein ehrbares
faltiges Gesicht, der schwarze Frack und die weisse Krawatte erschienen unter der
Klettenmütze so abenteuerlich, dass Lenore ihr Lachen nicht verbergen konnte und
vergebens den Mund hinter ihrem Taschentuch verbarg. »Sie sehen schrecklich
aus.« Bernhard nahm den Kopfputz sogleich wieder ab. »Kommen Sie zum Wasser,
dort sollen Sie Ihr Spiegelbild sehen.«
    Sie führte ihn an die Stelle, wo der Grund des Fabrikgebäudes ausgegraben
wurde. Es war ein wüster Platz. Erdhaufen, einige tausend Ziegel, Baumstämme und
Balken waren zusammengefahren. Die Arbeiter hatten Feierabend gemacht und den
Platz verlassen, nur einige Kinder aus dem Dorfe kauerten unter dem Holz und
sammelten die Späne zum Abendfeuer. Wenige Schritt hinter der Baustelle zog sich
eine Bucht des Sees heran, durch Gebüsch eingefasst und mit grünen Wasserlinsen
überdeckt. »Wie wüst es hier aussieht«, klagte Lenore, »die Zweige der Sträucher
sind geknickt, auch die Bäume sind beschädigt. Das alles macht der Bau. Wir
kommen der fremden Arbeiter wegen jetzt nur selten hierher. Auch die Kinder vom
Dorf sind dreist geworden, sie haben hier einen Spielplatz aufgeschlagen, und es
ist ihnen gar nicht zu wehren.«
    In dem Augenblick fuhr ein Kahn hinter dem Vorsprung des Gehölzes hervor.
Ein kleines Bauernmädchen, ein pausbäckiges rundes Ding, stand darin und wankte
ängstlich bei der raschen Bewegung des Kahnes, den ihr älterer Bruder mit einer
Stange vom Ufer abstiess. »Sehen Sie«, rief Lenore ärgerlich, »die Krabben haben
auch unsern Kahn genommen. Wollt Ihr sogleich ans Land!« Die Kinder erschraken
über den Zuruf, dem Knaben fiel die Stange ins Wasser, das kleine Mädchen
schwankte in der Angst des bösen Gewissens an den Rand des Kahnes, sie verlor
das Gleichgewicht und fiel ins Wasser. Der Knabe trieb hilflos mitten in der
Bucht. Ein lauter Schrei vom Ufer und aus seiner Kehle folgte dem Fall der
Kleinen. »Retten Sie das Kind!« rief Lenore ausser sich. Bernhard lief gehorsam
in den See, ohne daran zu denken, dass er nicht schwimmen konnte, er watete
einige Schritt vor und stand gleich darauf hilflos bis unter die Arme im Schlamm
und Wasser. Er streckte die Hände nach der Stelle aus, wo das Kind versunken
war, aber der Punkt war noch einige Klafter von ihm entfernt. Unterdes war
Lenore schnell wie der Blitz hinter einen Strauch gesprungen. Nach wenig
Augenblicken trat sie hervor und eilte an einen Vorsprung des Ufers. Aus der
Tiefe der grünen Wasserlinsen sah Bernhard mit Entsetzen und Wonne auf die hohe
Gestalt. Noch haftete die phantastische Blumenkrone auf ihrem Haupt, das luftige
Kleid floss jetzt in leichten Falten an ihrem Leibe herunter, aus dem
entschlossenen Gesicht starrten die Augen nach der Stelle, wo der Rock des
Kindes wieder sichtbar wurde. Sie erhob die Arme hoch über das Haupt und stürzte
sich mit einem Sprunge in den See. Der Kranz fiel von ihrem Haupt, in langen
Stössen schwamm sie auf das Kind zu. Sie fasste den Rock, noch zweimal griff sie
mit der freien Hand aus und hatte den Kahn erreicht. Sie hielt sich daran fest,
sie spannte alle Kraft an, das Kind hineinzuheben, sie fasste die Kette des Kahns
und zog ihn hinter sich an das Land. Bernhard, der bleich wie der Tod ihrer
Anstrengung zugesehen hatte, kämpfte sich an das Ufer zurück, er reichte ihr die
Hand und zog den Kahn aufs Land. Lenore ergriff das bewusstlose Kind, Bernhard
hob den Knaben an das Ufer, und vorwärts eilten beide zu der nahen
Gärtnerwohnung, der Knabe lief mit gellendem Geschrei hinter ihnen her. Das
nasse Gewand legte sich dicht an Lenorens Leib, die schönen Formen des Körpers
wurden in der raschen Bewegung dem Auge ihres Begleiters fast unverhüllt
sichtbar. Sie achtete nicht darauf. Bernhard drang mit ihr in die Stube des
Gärtners, aber Lenore trieb ihn hastig wieder hinaus. Mit Hilfe der
erschrockenen Gärtnersfrau entkleidete sie das Kind und suchte das bewusstlose
durch Reiben ins Leben zurückzubringen. Unterdes lehnte Bernhard draussen vor der
Tür vor Kälte klappernd und in einer Aufregung, welche seine Augen glühen machte
wie Kohle. »Lebt das Kind?« rief er durch die Tür.
    »Es lebt«, rief Lenore vom Bett zurück.
    »Gelobt sei Gott!« rief Bernhard und schlug die Hände zusammen; aber der
Gott, an den er in diesem Augenblick dachte, war das schöne Weib dadrin, von
dessen Reizen sein Auge mehr gesehen hatte, als irgendein anderer Mann. Lange
stand er so, schauernd und vor sich hin träumend, bis eine hohe Gestalt in
wollenem Rock und Mieder aus dem Hause trat. Es war Lenore in den Kleidern der
Gärtnerin, noch ergriffen von der Anstrengung, aber mit einem fröhlichen Lachen
auf den Lippen. Ausser sich griff Bernhard in stürmischer Bewegung nach ihrer
Hand und küsste sie mehr als einmal, er hätte vor ihr auf die Knie sinken mögen.
    »Sie sehen schön aus, mein Herr«, sagte Lenore heiter, »Sie werden sich
verkälten.«
    Er stand vor ihr, nass, am ganzen Körper triefend, mit Wasserlinsen und
Schlamm überzogen. »Ich fühle nichts von Kälte«, rief er, aber seine Glieder
schüttelten.
    »Schnell in das Haus«, trieb Lenore. Sie öffnete die Tür und rief der Frau
zu: »Geben Sie dem Herrn Kleider des Gärtners zum Wechsel. - Dort in der Kammer
machen Sie Ihre Toilette.«
    Bernhard lief nach der Kammer, die Gärtnersfrau trug ihm herzu, was sie von
Kleidern in der Eile fand. Nach einer Weile trat er, in einen Bauernburschen
verwandelt, vor das Haus, wo Lenore in der Abendsonne mit schnellen Schritten
auf und ab ging. »Kommen Sie nach dem Schloss«, sagte das Fräulein, welche wieder
ihre ruhige Gönnermiene angenommen hatte.
    »Noch einmal möchte ich das Kind sehen«, bat Bernhard. Sie traten an das
Bett, auf welchem das Mädchen lag, mit müden Augen sah die Kleine auf das
faltige Gesicht des Mannes, der sich über das Lager beugte und ihr die Stirn
küsste. »Es ist das Kind eines Tagelöhners aus dem Dorfe«, sagte die Frau.
Bernhard legte hinter Lenorens Rücken seine Börse auf das Bett.
    Eilig schritten Lenore und Bernhard dem Schloss zu, wo Ehrental an seinem
Wagen ungeduldig die Rückkunft des Sohnes erwartete, und mit masslosem Erstaunen
in dem Gärtnerburschen seinen Bernhard erkannte.
    »Geben Sie dem Herrn einen Mantel«, befahl Lenore dem Bedienten, »er friert.
Wickeln Sie sich gut ein, Sie könnten sonst lange an Ihren Marsch unter die
Wasserlinsen denken.«
    Und Bernhard dachte lange daran. Er hüllte sich in den Mantel und drückte
sich in eine Ecke des Wagens, dem kalten Bad folgte brennende Glut, stürmisch
rollte sein Blut durch die Adern. Er hatte das schönste Weib der Welt gesehen,
er hatte etwas erlebt, was für ihn grösser und hinreissender war, als jeder
Dichtertraum in seinen Pergamenten. Mit Scham dachte er daran, wie unbehilflich
er selbst gewesen war, und wie von seinem tiefen Stand im Wasser sah er zu der
Heldin auf, welche so entschlossen und stark gewesen war. Nur kurze Antworten
vermochte er auf die Fragen seines Vaters zu geben. So sassen Vater und Sohn
nebeneinander, kalte Arglist und die Glut der Leidenschaft. Beide hatten auf
dieser Fahrt erreicht, wonach sich ihr Herz so lange gesehnt, der Vater ein
Anrecht an das schöne Gut, der Sohn ein Abenteuer, das seinem Leben einen neuen
Inhalt gab.
    Auf dem Gut stieg das Fabrikgebäude langsam in die Höhe, in dem Geldschrank
Ehrentals füllte sich die Kassette des Freiherrn mit seinen
Schuldverschreibungen und dem neuen Hypotekeninstrument, und während Bernhards
zarter Leib an den Folgen des kalten Bades kränkelte, berauschte sich seine
Seele in süssen Phantasien.
 
                                       10
An einem Nachmittage brachte der Briefbote einen schwarzgesiegelten Brief an
Finks Adresse. Fink öffnete den Brief und ging schweigend auf sein Zimmer. Als
er nicht wieder herunterkam, eilte Anton besorgt zu ihm hinauf. Er fand Fink auf
dem Sofa sitzend, den Kopf auf die Hand gestützt.
    »Du hast eine traurige Nachricht erhalten?« fragte Anton.
    »Mein Oheim ist gestorben«, erwiderte Fink, »er, vielleicht der reichste
Mann der Wallstreet in New York, ist auf einer Geschäftsreise mit der Maschine
eines Mississippiboots in die Luft geflogen. Er war ein unzugänglicher Mann; mir
hat er in seiner Art viel Güte erzeigt, und ich habe ihm als törichtes Kind mit
Undank vergolten. Dieser Gedanke macht mir seinen Tod bitter. Ausserdem wird das
Fakt entscheidend für meine Zukunft.«
    »Du willst fort von uns?« fiel Anton erschrocken ein.
    »Ich werde morgen abreisen. Mein Vater ist zum Universalerben des
Verstorbenen ernannt, mir hat dieser seinen Landbesitz in den westlichen
Vereinsstaaten als Legat vermacht. Mein Oheim war ein grosser Landspekulant, und
es gilt jetzt schwierige und verworrene Verhältnisse zu lösen. Deshalb will mein
Vater, dass ich so schnell als möglich nach New York gehe, und auch ich merke,
dass die persönliche Anwesenheit der Erben dort nötig ist. Mein Vater hat auf
einmal ein grosses Zutrauen zu meiner Umsicht und Geschäftskenntnis bekommen.
Lies selbst seinen Brief.«
    Anton zögerte den Brief zu nehmen. »Lies, Anton«, sagte Fink mit trübem
Lächeln, »in meiner Familie schreiben Vater und Sohn einander keine
Geheimnisse.« Anton sah auf eine Stelle: »Die vortrefflichen Zeugnisse, welche
Herr Schröter mir über Deinen praktischen Sinn und Deinen Scharfblick im
Geschäft eingesendet hat, veranlassen mich, Dich zu ersuchen, dass Du selbst
hinübergehst. Ich würde Dir in diesem Fall Herrn Westlock aus unserem Geschäft
zur Hilfe mitgeben.«
    Anton legte den Brief schweigend auf den Tisch, und Fink frug: »Was sagst du
zu dem Lob, welches mir der Prinzipal so freigebig erteilt? Wie du weisst, habe
ich einigen Grund zu glauben, dass ich nicht in seiner Gunst stehe.«
    »Und doch halte ich das Lob für gerecht und sein Urteil für richtig«,
erwiderte Anton.
    »Gleichviel aus welchen Gründen es gegeben ist«, erwiderte Fink, »es
entscheidet mein Schicksal. Ich werde jetzt, was ich mir lange gewünscht habe,
Grundbesitzer jenseits des Wassers. - Auch wir müssen uns trennen, lieber
Anton«, fuhr er fort und hielt dem Freund die Hand hin, »ich habe nicht
geglaubt, dass das so schnell kommen würde. Doch wir sehen uns wieder.«
    »Vielleicht«, sagte Anton traurig und hielt die Hand des jungen Erben fest.
»Jetzt aber geh zu Herrn Schröter, er hat das erste Anrecht, zu erfahren, dass du
uns verlassen willst.«
    »Er weiss es bereits«, sagte Fink, »auch er hat einen Brief meines Vaters
erhalten.«
    »Um so mehr wird er erwarten, dass du mit ihm sprichst.«
    »Du hast recht, lass uns gehen!«
    Anton eilte auf seinen Platz zurück, und Fink trat in das kleine Zimmer des
Prinzipals hinter dem zweiten Comtoir. Der Kaufmann kam ihm ernst entgegen und
sagte, nachdem er in würdiger Weise seine Teilnahme ausgedrückt hatte: »Es
versteht sich, dass von dieser Stunde an Ihr Verhältnis zu meinem Geschäft gelöst
ist; während der Tage, welche Sie noch hier zubringen, bitte ich Sie, sich als
einen Gast meines Hauses zu betrachten, dem ich für seine Tätigkeit in meinem
Interesse zu vielem Dank verpflichtet bin. Nehmen Sie Platz, Herr von Fink, und
lassen Sie uns ruhig besprechen, womit ich Ihnen etwa noch dienen kann.«
    Fink sagte vom Sofa aus mit ebenso grosser Artigkeit: »Die Bestimmungen,
welche mein Vater über meine Zukunft getroffen hat, stimmen so sehr mit dem
zusammen, was ich mir selbst für meine künftige Tätigkeit gewünscht habe, dass
ich Ihnen darüber meinen Dank aussprechen muss. Ihre Urteile über mich sind
günstiger gewesen, als ich es nach manchem, was vorgefallen ist, erwartet habe.
Waren Sie in der Tat zufrieden mit mir, so wird es mich freuen, wenn ich aus
Ihrem Munde dasselbe höre.«
    »Ich war es nicht ganz, Herr von Fink«, erwiderte der Kaufmann mit Haltung,
»Sie waren hier nicht an Ihrem Platz. Das durfte mich nicht verhindern, zu
beurteilen, dass Sie für eine andere, immerhin grössere Tätigkeit vorzügliche
Befähigung haben. Sie verstehen ausgezeichnet zu disponieren und die Menschen
unter ihre Herrschaft zu bringen, und besitzen eine ungewöhnliche Energie des
Willens. Für solche Natur ist das Pult im Comtoir nicht der rechte Ort.«
    Fink verneigte sich. »Es wäre demungeachtet meine Pflicht gewesen, diese
Stelle ganz auszufüllen; ich bekenne, dass ich das nicht immer getan habe.«
    »Sie kamen her, ohne an eine regelmässige Tätigkeit gewöhnt zu sein, und
haben sich in den letzten Monaten nur noch sehr wenig von einem fleissigen
Comtoiristen unterschieden. Deshalb und weil ich die Überzeugung habe, dass Sie
Ihrem Wesen nach nicht sowohl zum Kaufmann als zum Fabrikanten passen, habe ich
Ihrem Herrn Vater so über Sie berichtet, wie ich berichtet habe.«
    »Sie halten mich für geeignet Fabrikant zu werden?« frug Fink mit einer
Verbeugung, welche für die gute Meinung danken sollte.
    »Im weitesten Sinne des Wortes«, erwiderte der Kaufmann. »Jede Tätigkeit,
welche neue Werte schafft, ist zuletzt Tätigkeit des Fabrikanten; sie gilt
überall in der Welt für die aristokratische. Wir Kaufleute sind dazu da, diese
Werte populär zu machen.«
    »In diesem Sinne lasse ich Ihre Ansicht gern gelten«, antwortete Fink und
erhob sich von seinem Platz.
    »Ihr Abgang wird für einen unserer Freunde ein grosser Verlust sein«, sprach
der Kaufmann, den Erben begleitend.
    Fink blieb stehen und sagte schnell: »Geben Sie mir ihn mit nach Amerika. Er
hat das Zeug, dort sein Glück zu machen.«
    »Haben Sie bereits mit ihm darüber gesprochen?« fragte der Kaufmann.
    »Nein«, sagte Fink.
    »So will ich Ihnen mein Bedenken nicht verhehlen; Wohlfart ist jung, und die
bescheidene und regelmässige Tätigkeit des Binnengeschäfts erscheint mir noch auf
Jahre hinaus für die Bildung seines Charakters wünschenswert. Übrigens wissen
Sie, dass ich durchaus kein Recht habe, den freien Entschluss desselben zu
bestimmen. Ich werde ihn ungern verlieren, wenn er aber die Überzeugung hat, in
Ihrer Nähe schneller sein Glück zu machen, so werde ich nichts dagegen
einwenden.«
    »Gestatten Sie mir, ihn sogleich darüber zu fragen«, sagte Fink.
    Er rief Anton in das Comtoir und sagte zu ihm: »Anton, ich habe Herrn
Schröter gebeten, dich mit mir zu entlassen. Es würde mir viel wert sein, dich
mitzunehmen; du weisst, dass ich an dir hänge, wir werden in den neuen
Verhältnissen zusammen tüchtig vorwärtskommen, du selbst sollst die Bedingungen
festsetzen, unter denen du mit mir gehst. Herr Schröter überlässt deinem freien
Entschluss die Entscheidung.«
    Anton stand betroffen und nachdenkend; die Bilder der Zukunft, welche sich
so plötzlich vor ihm aufrollten, erschienen ihm sehr lachend, aber er fasste sich
schnell, sah auf den Prinzipal und fragte diesen: »Sind Sie der Meinung, dass ich
gut tue, wenn ich gehe?« - »Nicht ganz, lieber Wohlfart«, erwiderte der Kaufmann
ernst.
    »Dann bleibe ich«, sagte Anton entschlossen. »Zürne mir nicht, dass ich dir
nicht folge, ich bin eine Waise und habe jetzt keine andere Heimat als dies Haus
und dies Geschäft; ich will, wenn Herr Schröter mich behalten will, bei ihm
bleiben.«
    Durch diese Worte fast gerührt, sagte der Kaufmann: »Denken Sie aber auch
daran, dass Sie mit diesem Entschluss vieles aufgeben. In meinem Comtoir können
Sie weder ein reicher Mann werden, noch das Leben in grossen Verhältnissen
kennenlernen; unser Geschäft ist begrenzt, und es werden wohl die Tage kommen,
wo die Beschränkung desselben auch Ihnen peinlich erscheinen wird. Alles, was
eine Selbständigkeit Ihrer Zukunft sichert, Vermögen und Bekanntschaften,
vermögen Sie drüben leichter zu erwerben, als bei mir.«
    »Mein guter Vater hat mir oft gesagt: Bleibe im Lande und nähre dich
redlich. Ich will nach seinen Worten leben«, antwortete Anton mit einer Stimme,
die vor innerer Bewegung leise klang.
    »Er ist und bleibt ein Philister«, rief Fink in einer Art von Verzweiflung.
    »Ich glaube, dass dieser Bürgersinn eine sehr respektable Grundlage für das
Glück des Mannes ist«, sprach der Kaufmann, und die Sache war abgemacht.
    Fink sprach nicht weiter über den Vorschlag, und Anton bemühte sich, durch
zahlreiche kleine Aufmerksamkeiten dem scheidenden Freunde zu zeigen, wie lieb
er ihm sei und wie schwer ihm der Abschied werde.
    Am Abend sagte Fink zu Anton: »Höre, mein Sohn, ich habe Lust, mir eine Frau
mit hinüber zu nehmen.«
    Erschrocken sah Anton den Freund an, und wie einer, der eine mächtige
Erschütterung sich und dem andern verbergen will, fragte er in gezwungenem
Scherz: »Wie? du willst Fräulein von Baldereck -«
    »Nichts da«, rief Fink mutwillig, »was soll ich mit einer Frau machen, die
keine anderen Gedanken hat, als sich mit dem Geld ihres Mannes zu amüsieren?«
    »An wen denkst du denn sonst? Du willst doch nicht der Tante vom Geschäft
deinen Antrag machen?«
    »Nein, mein Schatz, aber dem Fräulein vom Hause.«
    »Um alles nicht«, rief Anton bestürzt aufspringend, »das wird eine schöne
Geschichte werden.«
    »Gar nicht«, versetzte Fink kaltblütig, »entweder nimmt sie mich, und dann
werde ich ein wohlberatener Mann, oder sie nimmt mich nicht, dann werde ich ohne
Frau abreisen.«
    »Du wirst ohne Frau abreisen?« rief Anton. »Hast du denn je daran gedacht,
Fräulein Sabine für dich zu wählen?« fragte er unruhig.
    »Zuweilen«, sagte Fink, »im letzten Jahr oft, sie ist die beste Hausfrau und
das edelste, uneigennützigste Herz von der Welt.«
    Anton sah erstaunt auf seinen Freund. Nie hatte Fink durch eine Andeutung
verraten, dass ihm Sabine mehr gelte als eine andere Dame seiner Bekanntschaft.
»Aber du hast mir ja nie etwas davon gesagt?«
    »Hast du mir etwas von deinen Empfindungen für eine andere junge Dame
erzählt?« antwortete Fink lachend.
    Anton errötete und schwieg.
    »Dass sie mich wohl leiden mag, glaube ich«, fuhr Fink fort, »ob sie mit mir
geht, weiss ich nicht; dies wollen wir sogleich erfahren; ich gehe jetzt
hinunter, sie zu fragen.«
    Anton sprang zwischen seinen Freund und die Tür: »Noch einmal beschwöre ich
dich, überlege, was du tun willst.«
    »Was ist da zu überlegen, du Kindskopf«, lachte Fink, aber eine
ungewöhnliche Hast wurde in seinen Gebärden sichtbar.
    »Liebst du denn Fräulein Sabine?« fragte Anton.
    »Das ist wieder eine spiessbürgerliche Frage«, versetzte Fink. »Meinetwegen
ja, ich liebe sie!«
    »Und du willst sie mitnehmen in die Ansiedelungen und Wälder?«
    »Gerade deshalb will ich sie heiraten; sie wird ein hochherziges starkes
Weib sein, sie wird meinem Leben Halt und Adel geben. Sie ist nicht
liebenswürdig, wenigstens ist nicht so bequem mit ihr zu plaudern wie mit
mancher andern, aber wenn ich mir ein Weib nehme, so brauche ich eins, das mich
übersehen kann, und glaube mir, der Schwarzkopf ist dazu gemacht! Jetzt aber lass
mich los, ich muss erfahren, wie ich daran bin.«
    »Sprich nur erst mit dem Prinzipal«, rief Anton dem Stürmenden nach.
    »Zuerst mit ihr«, sagte Fink und sprang die Treppe hinab.
    Anton ging mit gefalteten Händen die Stube auf und ab; alles, was Fink an
Fräulein Sabine rühmte, hatte guten Grund, das fühlte er lebhaft, er wusste, dass
sie ihn tief im Herzen trug, aber er ahnte auch, dass sein Freund mit unbekannten
Hindernissen zu kämpfen habe. Und diese Hast, dies Überstürzen war ihm
unheimlich, es war zu sehr gegen seine eigene Natur. Und noch etwas missfiel ihm.
Fink hatte nur von sich gesprochen, hatte er denn auch an das Glück des
Fräuleins gedacht, hatte er auch Sinn dafür, was es sie kosten würde, den
geliebten Bruder zu verlassen, aus der Heimat zu scheiden, sich in ein fremdes
Volk, vielleicht in ein wildes Leben zu wagen? Ja, er war überzeugt, Fink war
der Mann, alle Blüten der Neuen Welt vor ihre Füsse zu streuen, aber er war auch
unruhig, stets viel beschäftigt, würde er immer ein Herz haben für die Gefühle
seiner deutschen Frau? Unwillkürlich nahm unser Held in Gedanken wieder Partei
gegen seinen Freund; es schien ihm, als dürfe Sabine nicht fort aus der
Handlung, er fühlte tief die Leere, welche entstehen würde, wenn sie
verschwunden wäre, vom Mittagstisch, aus dem Haushalt, und vor allem aus dem
Leben ihres Bruders. So ging er unruhig und kummervoll auf und ab. Es wurde
dunkel, aus den gegenüberliegenden Fenstern fiel ein matter Lichtschein in das
finstere Zimmer, und immer noch kam Fink nicht zurück.
    Unterdes ward Fink bei Sabine gemeldet. Sie kam ihm hastig entgegen, und
ihre Wangen waren röter als gewöhnlich, als sie ihm sagte: »Mein Bruder hat mir
gesagt, dass Sie uns verlassen müssen.«
    Fink begann in lebhafter Bewegung: »Ich muss, ich kann aber nicht scheiden,
ohne offen gegen Sie gewesen zu sein. Ich kam hierher ohne Interesse an dem
stillen Leben, welches meinem zerstreuten Geist ungewohnt war; ich habe hier das
Glück und die Innigkeit eines deutschen Haushaltes kennengelernt. Sie, mein
Fräulein, habe ich immer als den guten Geist dieses Hauses verehrt. Sie haben
mich bald nach meinem Eintritt in einer Entfernung zu halten gesucht, welche mir
oft schmerzlich war. Ich komme, Ihnen jetzt zu sagen, wie sehr mein Blick und
meine Seele an Ihnen gehangen hat; ich fühle, dass mein Leben glücklich sein
würde, wenn ich Ihre Stimme immerfort hören, und wenn Ihr Geist den meinen
begleiten könnte auf den Wegen meiner Zukunft.«
    Sabine wurde sehr bleich und trat zurück. »Sprechen Sie nicht weiter, Herr
von Fink«, sagte sie bittend und bewegte halb bewusstlos die Hand, als wollte sie
abwehren, was ihr bevorstand.
    »Lassen Sie mich aussprechen«, fuhr Fink schnell fort; »ich würde es für
mein höchstes Glück halten, wenn ich die Überzeugung mit mir nehmen könnte, dass
auch ich Gnade vor Ihren Augen gefunden habe. Ich habe nicht die Anmassung, Sie
zu bitten, dass Sie mir jetzt folgen sollen in ein ungewisses Leben, aber geben
Sie mir die Hoffnung, dass ich in einem Jahr zurückkehren und Sie bitten darf,
mein Weib zu werden.«
    »Kehren Sie nicht zurück«, sagte Sabine unbeweglich wie eine Statue mit kaum
vernehmbarer Stimme; »ich beschwöre Sie, machen Sie diesem Gespräch ein Ende.«
    Ihre Hand fasste krampfhaft die Lehne des nächsten Sessels, sie hielt sich
daran fest und stand ohne einen Tropfen Blut in den Wangen vor dem Flehenden;
aber sie sah ihn durch ihre Tränen unverwandt an, mit einem Blick so voll
Schmerz und Zärtlichkeit, dass der wilde Mann ganz aufgelöst wurde und in der
Sorge um ihre Bewegung all sein Selbstvertrauen, ja seine Werbung vergass und nur
die Absicht hatte, sie zu beruhigen.
    »Ich fühle grosses Bedauern, dass ich Sie so erschreckt habe«, sagte er;
»verzeihen Sie mir, Sabine!« -
    »Gehen Sie«, sagte Sabine noch unbeweglich mit rührender Bitte.
    »Lassen Sie mich nicht ohne einen Trost von Ihnen scheiden, geben Sir mir
eine Antwort; auch die schmerzlichste ist besser als dieses Schweigen.« -
    »So hören Sie«, sprach Sabine mit einer unnatürlichen Ruhe, während ihre
Brust sich hob und ihre Hand zitterte. »Ich bin Ihnen gut gewesen seit dem
ersten Tage Ihrer Ankunft; als ein kindisches Mädchen habe ich mit Entzücken auf
den Ton Ihrer Stimme gehört und auf das, was Ihr Mund so einschmeichelnd
schilderte. Aber ich habe das Gefühl bekämpft. Ich habe es bekämpft«,
wiederholte sie. »Ich darf Ihnen nicht angehören, denn es würde mein Unglück
sein.« -
    »Weshalb?« frug Fink in aufrichtiger Verzweifelung. -
    »Fragen Sie mich nicht«, sagte Sabine kaum vernehmlich.
    »Ich muss aus Ihrem Munde mein Urteil hören«, rief Fink.
    »Sie haben gespielt mit Ihrem eigenen Leben und mit dem Leben anderer; Sie
werden einst schonungslos handeln für Ihre Pläne. Sie werden Grosses und Edles
unternehmen, das glaube ich; aber die Menschen werden Ihnen dabei nichts gelten.
Ich kann einen solchen Sinn nicht ertragen. Sie würden gütig gegen mich sein,
das glaube ich, Sie würden mich überall schonen, aber Sie würden mich immer
schonen müssen, und das würde Ihnen eine Last werden; und ich, ich wäre in der
Fremde allein. - Ich bin weich, ich bin verwöhnt, mit hundert Fäden bin ich
festgebunden an den Brauch dieses Hauses, an die kleinen Pflichten des Haushalts
und an das Leben des Bruders.«
    Fink sah finster vor sich nieder. »Sie strafen in dieser Stunde streng, was
Ihnen an mir missfallen hat.«
    »Nein«, rief Sabine die Hand gegen ihn ausstreckend, »nicht so, mein Freund!
Wenn ich Stunden hatte, wo Sie mir Schmerz machten, ich hatte ebenso viele, wo
ich mit Bewunderung zu Ihnen aufsah. Und sehen Sie, das eben ist es, was uns für
immer auseinanderhält. Ich kann nicht ruhig werden in Ihrer Nähe, immer fühle
ich mich aus einem Gefühl in das andere geschleudert, jetzt in banger Scheu und
wieder in mächtiger Freude. Ich bin unsicher Ihnen gegenüber, und das würde ewig
so bleiben. Ich müsste diesen Kampf in mir verbergen, in einem Verhältnis, wo ich
mich mit all meinem Gefühl an Sie anschliessen sollte. Und Sie würden das
erkennen und würden mir deshalb zürnen.«
    Sie reichte ihm die Hand hin, Fink beugte sich tief auf die kleine Hand und
drückte einen Kuss darauf.
    »Segen über Ihre Zukunft«, sagte Sabine, am ganzen Körper bebend. »Wenn Sie
eine Stunde hatten, wo Sie gern unter uns waren, so denken Sie in der Fremde
daran. Wenn Sie in dem deutschen Bürgerhaus, in dem Tun meines Bruders je etwas
gefunden haben, was Ihnen ehrenwert erschien, o so denken Sie in der Fremde
daran. In dem grossartigen Leben, das Sie erwartet, unter den mächtigen
Versuchungen, in dem wilden Kampf, den Sie führen werden, denken Sie niemals
gering von unserer Art zu sein.« Sie hielt die Rechte über sein Haupt, wie eine
Mutter, welche angstvoll den scheidenden Liebling segnet.
    Fink hielt ihre Hand fest. Beide sahen einander stumm in die Augen, beide
mit erblichenen Wangen. Endlich rief Fink mit tiefem Tonfall seiner melodischen
Stimme: » Leben Sie wohl!« -
    »Leben Sie wohl!« sagte das Mädchen leise, so leise, dass Fink kaum die Worte
verstand. Er schritt langsam über die Türschwelle, sie sah ihm unverwandt nach,
wie man einer Erscheinung nachsieht. -
    Als der Kaufmann nach dem Schluss des Geschäfts in das Zimmer seiner
Schwester trat, flog ihm Sabine entgegen, drückte sich fest an ihn und legte
ihren Kopf an seine Brust. »Was hast du, Mädchen?« frug der Bruder besorgt und
strich ihr das Haar von der feuchten Stirn.
    »Fink war bei mir«, rief Sabine sich erhebend, »ich habe mit ihm
gesprochen.«
    »Worüber? Hat er dir einen Antrag gemacht? Ist er unartig gewesen?« frug der
Kaufmann scherzend.
    »Er hat mir einen Antrag gemacht«, sagte Sabine.
    Der Kaufmann trat erschrocken zurück. »Und du, meine Schwester?« -
    »Ich habe getan, was du von mir erwarten konntest; ich werde ihn nicht
wiedersehen.« dabei stürzten ihr die Tränen aus den Augen, sie ergriff die Hand
des Bruders und küsste sie: »Sei nicht böse, dass ich weine, ich bin noch
angegriffen, es wird vorübergehen.« -
    »Meine holde Schwester, liebe, liebe Sabine!« rief der Kaufmann und umfasste
die gebeugte Gestalt der Weinenden, »ich will nicht fürchten, dass du an mich
gedacht hast, als du die Hand des reichen Erben ausschlugst.« -
    »Ich dachte an dich und dein aufopferndes, pflichtgetreues Leben, und seine
glänzende Gestalt verlor die schönen Farben, in denen ich sie wohl sonst gesehen
hatte.« -
    »Sabine, du hast mir ein Opfer gebracht«, rief der Bruder erschrocken. -
    »Nein, Traugott, wenn es ein Opfer war, so habe ich es diesem Hause
gebracht, in dessen Räumen ich unter deinem Schutze aufgewachsen bin, und dem
Andenken an unsere guten Eltern, deren Segen über unserem bescheidenen Leben
ist.«
    Es war spät, als Fink in Antons Zimmer trat, er sah erhitzt aus, setzte den
Hut auf den Tisch und sich auf das Sofa und sagte zum Freunde: »Vor allem gib
mir eine Zigarre.«
    Kopfschüttelnd trug Anton ein Bündel herzu und frug: »Nun, wie sieht's aus?«
-
    »Hochzeit wird nicht«, erwiderte Fink kalt. »Sie erklärte mir, ich sei ein
kleiner Taugenichts und keine annehmbare Partie für ein anständiges Mädchen. Sie
nahm die Sache wieder zu gefühlvoll, versicherte mich ihrer Hochachtung, gab mir
eine Silhouette von meinem Wesen und entliess mich. Aber der Teufel soll mich
holen«, rief er aufspringend und warf die Zigarre in eine Ecke, »wenn sie nicht
die beste Seele ist, die je in einem Unterrocke Tugend gepredigt hat: sie hat
nur den einen Fehler, dass sie mich nicht heiraten will; und zuletzt hat sie auch
darin recht.«
    Das Heftige in der Laune des Freundes machte Anton besorgt. »Wo bist du aber
so lange gewesen und woher kommst du jetzt?«
    »Nicht aus dem Weinhaus, wie deine Weisheit anzunehmen scheint. Wenn jemand
einen Korb erhält, so hat er doch wohl das Recht, ein paar Stunden melancholisch
zu sein; ich habe mich benommen, wie sich jeder in solchen verzweifelten Fällen
benimmt, ich bin einige Zeit umhergelaufen und habe philosophiert. Ich habe mit
der Welt gegrollt, d.h. mit mir selbst und dem Schwarzkopf, und habe zuletzt
damit aufgehört, dass ich vor einer bunten Lampe stehenblieb und einer Hökerin
diese Orangen abkaufte.« Bei diesen Worten zog er einige Früchte aus der Tasche.
- »Jetzt aber, mein Sohn, ist die Vergangenheit abgetan, jetzt lass uns von der
Zukunft reden, es ist der letzte Abend, den wir miteinander zubringen, an dem
soll keine Wolke über unseren Seelen sein. Mache mir ein Glas Punsch und drücke
die dicken Geschöpfe hinein. Orangenpunsch ist eine von deinen Forcen, die du
mir verdankst. Ich habe dich's gelehrt, und du Schelm machst ihn jetzt besser
als ich. Komm! und setze dich her zu mir.«
    Am andern Tage kam Vater Sturm in eigener Person auf das Zimmer des jungen
Erben, um seine Reisekoffer in die Droschke zu tragen. Anton hatte den Morgen
über mit Fink eingepackt und sich so über die bangen Empfindungen weggeholfen,
welche den zurückbleibenden Freund mehr bewegten, als den Scheidenden.
    Fink fasste Antons Hand und sagte: »Bevor ich das Handschütteln mit den
übrigen durchmache, wiederhole ich, was ich in den ersten Tagen zu dir gesagt
habe: Treibe dein Englisch fort, damit du mir nachkommen kannst. Und wo ich auch
sein mag, in einer Kajüte oder im Blockhaus, für dich werde ich stets einen Raum
offenhalten. Sobald dir diese alte Welt missfällt, komm zu mir! Unterdes sei
überzeugt, dass ich aufhöre, dumme Streiche zu machen. Und jetzt keine Rührung,
mein Junge, es gibt keine grosse Entfernung mehr auf Erden.« Er riss sich los und
eilte in das Comtoir, stand noch einen Augenblick seinem Prinzipal gegenüber,
und es war für Anton eine Freude zu sehn, wie die beiden so verschiedenen
Männer, die grosse breitschultrige Gestalt des Bürgers und die zierliche Figur
des Aristokraten, nebeneinander standen. Noch einen Gruss an die Damen warf Fink
in das Haus zurück, zog den Freund noch einmal an die Brust und sprang in den
Wagen, fort in die Neue Welt.
    Anton aber ging traurig in sein Comtoir zurück und schrieb einen Brief an
Herrn Stephan in Wolfsburg, worin er dem ehrenwerten Mann eine neue Warenliste
und Zuckerproben übermachte.
    Anton fühlte den Verlust seines Freundes lange Zeit sehr schmerzlich. Er
blieb in den ersten Tagen vor Finks Tür stehen, weil er das fröhliche Lachen
desselben zu hören glaubte, oft sah er im Comtoir von seinem Sitze auf, um sich
an Finks spöttischer Miene zu erfreuen und einen schnellen Blick des
Einverständnisses mit ihm auszutauschen.
    Seine Stellung im Haushalt wurde durch den Abgang des Freundes
ausserordentlich geändert. Das ging so zu: Herr Liebold hätte jetzt bei Tische
neben der Tante sitzen müssen, wenn es nach Rang und Würde gegangen wäre. So war
es auch früher gewesen, und Fink war zwischen ihn und die Tante eingeschoben
worden. Es ist für einen wahrheitsliebenden Chronisten schmerzlich zu berichten,
dass Herr Liebold über diesen Einschub aufs höchste erfreut war, indem er
behauptete, es sei sehr angenehm, neben Damen zu sitzen, und kein Mensch
verstehe besser weiblichen Umgang zu schätzen, als er; aber zuweilen sei eine
nahe Nachbarschaft doch sehr unbequem, zumal alle Tage und besonders beim Essen
und ausserdem, wenn die Dame über das Zeitalter der jugendlichen Torheiten hinaus
sei. Diesen letzten Grund seiner Abneigung gestand er aber nur seinen
vertrautesten Freunden, und seine Gegner, zu denen der Kassierer gehörte,
behaupteten, er werde neben der jungen Nichte sich noch viel verlegener und
unglücklicher fühlen, als neben der ruhigen Schönheit der Tante. Das Resultat
war, dass im Comtoir wegen des Platzes am Mittagstisch eine stille Gärung und ein
geheimes Intrigieren entstand, dessen letzter Grund, leider und zur Schande des
Männergeschlechts sei es gesagt, der war, dass keiner von den Herren neben der
Tante und so nahe am Prinzipal sitzen wollte. Es wurde deshalb am Abend nach
Finks Abreise, während Anton einige Aufträge des Freundes besorgte, im
Hinterhause grosser Rat gehalten, dem Herr Jordan präsidierte. Herr Specht
erklärte sich bereit, überall und neben jeder Tante der Welt zu sitzen, aber der
Vorsitzende bemerkte ihm mit vieler Artigkeit, seine Gegenwart sei unten am
Tische zur Belebung der Unterhaltung unentbehrlich; denn seinen gewagten
Behauptungen zu widersprechen, sei der Hauptspass seiner Nachbarn. Und als jeder
einzelne der Anwesenden gegen die Ehre protestiert hatte, erklärte Herr Jordan
seine Ansicht dahin, dass Wohlfart neben der Tante sitzen solle; dies scheine ihm
darum passend, weil er mit Fink am meisten befreundet gewesen sei und ein gutes
Temperament für ältliche Damen habe. So wurde Anton am nächsten Tage durch
Dekret seiner Kollegen an den leeren Platz gerückt, nachdem dieser Beschluss
durch den Bedienten in das Vorderhaus getragen war und die stille Sanktion der
Damen erhalten hatte.
    Noch eine Veränderung machte Anton durch. Wenige Tage nach Finks Abreise
erhielt Herr Schröter einen Brief aus Hamburg, in welchem ein offner Zettel
Finks an Anton lag. Fink schrieb: »Die Möbel in der Stube, welche ich bewohnt
habe, gehören mir, ich mache dich hiervon, sowie von allem, was ich sonst
hinterlasse, zu meinem Erben.« Das Wort »Erbe« war unterstrichen. - »Ich habe
Herrn Schröter ersucht, dich in meiner Stube wohnen zu lassen.« Anton zog
hinunter in das elegante Zimmer des ersten Stocks. In die zweite Stube Finks
wurde Herr Baumann befördert, welcher so Antons Stubennachbar blieb. Anton
vergass nicht, die gelbe Katze von seinem Schreibtisch mit hinunterzuschaffen.
Die Katze erwies sich übrigens in der ganzen Zeit als verstockt und machte auf
ihrem Postament keine nächtlichen Bewegungen. Vielleicht kam das daher, dass
Anton bei dem stillen und tätigen Leben, das er führte, nicht mehr träumte.
    Seit dieser Zeit wurde er im Comtoir Finks Erbe genannt, und diese Erbschaft
wurde für ihn wichtiger, als seine Kollegen geglaubt hatten. Er sass jetzt am
oberen Teil des Tisches und hatte täglich seinen bescheidenen Teil an der
Unterhaltung, welche von der Familie geführt wurde. Die Tante, deren Liebling
Fink gewesen war, versöhnte sich bald mit der Änderung und nahm die kleinen
Aufmerksamkeiten Antons gnädig hin, und der Kaufmann richtete oft das Wort an
ihn und freute sich über die verständigen, mannhaften Ansichten des Jünglings;
auch Sabine gewöhnte sich, mit ihm über die Interessen des Tages zu sprechen,
und ihr Auge, welches sonst den Platz hinter der Tante so eifrig gemieden hatte,
ruhte jetzt mit freundlichem Glanze auf dem offenen Gesicht unseres Helden.
Zwischen beiden bestand ein stilles Einverständnis, eine von den reizenden
leichten Beziehungen, welche das Leben so freundlich schmücken. Sabine sah in
Anton den Freund, vielleicht den Vertrauten des Geschiedenen, und Anton fühlte
gegen das Fräulein eine unbegrenzte Verehrung, welche sein Benehmen so zart und
rücksichtsvoll machte, dass Sabine dies zuweilen mit Rührung empfand. Er sprach
bei Tische nie von Fink, obgleich sein Herz voll von ihm war, und wenn die Tante
in ihrer gutmütigen Weise bei hundert kleinen Veranlassungen an Fink zu erinnern
wusste, so parierte Anton mit aller Diplomatie, die er aufbringen konnte, ihre
Andeutungen und wusste das Gespräch wieder in eine unbedenkliche Richtung zu
bringen.
    Auch im Geschäft änderte sich die Stellung Antons; er war bis dahin einer
der Adjutanten des Herrn Jordan im Provinzial-Geschäft gewesen, jetzt erhielt er
seinen Platz im auswärtigen Geschäft unter dem Prinzipal selbst. Dieselbe
Tätigkeit, welche Fink gehabt hatte, wurde ihm zugewiesen, und er erlangte bald
etwas von der Virtuosität Finks, mit Herrn Tinkeles umzugehen und die
Zackelwolle aus Ungarn zu beurteilen.
 
                                  Drittes Buch
                                       1
Ein böses Jahr kam über das Land, ein plötzlicher Kriegslärm alarmierte die
deutschen Grenzländer im Osten, darunter auch unsere Provinz. Die furchtbaren
Folgen eines heftigen Landschreckens wurden schnell fühlbar. Der Verkehr
stockte, die Werte der Güter und Waren fielen, jeder suchte das Seine zu retten
und an sich zu ziehen, viele Kapitalien wurden gekündiget, grosse Summen, welche
in kaufmännischen Unternehmungen angelegt waren, kamen in Gefahr. Niemand hatte
Lust zu neuer Tätigkeit, Hunderte von Bändern wurden zerschnitten, welche die
Menschen zu gegenseitigem Nutzen durch lange Zeit verbunden hatten. Jede
einzelne Existenz wurde unsicherer, isolierter, ärmer. Überall sah man ernste
Gesichter, gefurchte Stirnen. Das Land war wie ein gelähmter Körper, langsam
rollte das Geld, dies Blut des Geschäftslebens, von einem Teile des grossen
Leibes zu dem andern; der Reiche befürchtete, dass er viel verlieren werde, der
Arme verlor die Möglichkeit, sich auch nur wenig zu erwerben. Die Zukunft
erschien plötzlich verhängnisvoll, schwarz, verderblich, wie der Himmel vor
einem schweren Gewitter.
    Das Schreckenswort, »Revolution in Polen« brachte so grosse Wirkungen auch in
Deutschland hervor. Es war eine der krampfhaften Zuckungen, welche die
Slawenländer in dem letzten Jahrhundert so oft gehabt haben. Das Landvolk
jenseits der Grenze, aufgeregt durch alte Erinnerungen und seine Gutsherren,
hatte sich erhoben, es zog von fanatischen Geistlichen angeführt längs der
Grenze hin und her, hielt Reisende und Warensendungen an, fiel plündernd und
brennend über Edelhöfe und kleine Städte und versuchte sich unter Häuptlingen
militärisch zu organisieren, indem es seine Sensen gradeschmieden liess und alte
Flinten aus dem Versteck hervorholte. Die Insurgenten nahmen eine grosse
polnische Stadt unweit der Grenze ein, setzten sich dort fest und vekündeten ein
Polenreich.
    In unserem Staat wurden schleunigst Truppen zusammengezogen und nach der
Grenze geschickt, dieselbe militärisch zu besetzen. Unaufhörlich führten die
Dampfwagen der neuerbauten Eisenbahn Soldaten ab und zu, überall rasselte die
Trommel; die Strassen der Hauptstadt füllten sich mit Uniformen. Die Armee geriet
in die Aufregung, welche bei der Aussicht auf Krieg regelmässig entsteht. Die
Offiziere rannten geschäftig umher, kauften Landkarten und tranken Toaste in
jeder Art von Wein, die Soldaten schrieben nach Hause, liessen sich womöglich
etwas Geld schicken und mit mehr oder weniger Gefühl ihre Mädchen grüssen.
Zahlreiche Soldatenbräute im Lande wurden durch bleiche Wangen kenntlich und
erschreckten ihre Familien durch fürchterliche Träume von ermordeten
Musketieren; zahlreiche Mütter kauften sich Wolle und strickten mit trübem Auge
Kriegssocken für ihre armen Söhne und suchten vorsichtig alte Leinwand zusammen,
um Scharpie zu zupfen, was noch vom letzten grossen Krieg her als nützliche
Beschäftigung in wilder Zeit anerkannt war; zahlreiche Väter sprachen mit
unsicherer Stimme von der Verpflichtung eines braven Sohnes, für König und
Vaterland in den Krieg zu gehen, und erinnerten sich mit grösserer Sicherheit an
den Schaden, den sie einst dem argen Napoleon zugefügt hatten.
    Es war ein sonniger Herbstmorgen, als die erste Nachricht von dem polnischen
Aufstande in der Hauptstadt ankam. Dunkle Gerüchte hatten schon am Abend vorher
die Einwohner neugierig gemacht, und Haufen unruhiger Geschäftsleute und
erschreckter Müssiggänger standen auf dem Perron des Bahnhofes. Sogleich nach
Öffnung des Comtoirs von T.O. Schröter kam Herr Braun, der Agent, hereingestürzt
und erzählte atemlos, aber mit dem innern Behagen, welches der Besitzer auch der
unangenehmsten Neuigkeit verspürt, dass ganz Polen und Galizien und viele
angrenzende Länder in vollem Aufstande loderten, unzählige fremde
Geschäftsreisende und friedliche Beamte seien überfallen und getötet worden,
viele Grenzstädte ständen in Flammen, und ein nichtswürdiger Krakuse in roter
Mütze habe um einen Vetter von Herrn Braun bereits mit seiner Sense den
Kriegstanz getanzt, in der Absicht, ihm den Garaus zu machen, sei aber durch
eine Erinnerung, die ihm sein Weib mit der Mistgabel gegeben, wieder so weit zur
Besinnung gekommen, dass er nur die Mütze des Vetters, die diesem vor
Haarsträuben vom Kopf gefallen war, durchstochen habe. Darauf sei sein Vetter
barhäuptig die hundert Schritt bis zur Grenzbrücke gelaufen, wo ihn unsere
Grenzwache aufgenommen und durch einen Schluck aus der Feldflasche wieder ins
Gleichgewicht gebracht habe, während der Krakuse, die gemordete Mütze auf seiner
Sense schwenkend, mit Triumphgeschrei abgezogen sei.
    Anton geriet über diese Nachrichten in die grösste Bestürzung, und er hatte
Grund dazu. Kurze Zeit vorher hatte ein unternehmender Kaufmann aus Galizien
eine ungewöhnlich grosse Sendung von Kommissionsartikeln, deren Wert sich auf
zwanzigtausend Taler belief, an die Firma abgesendet und, wie bei solchen
Geschäften dort üblich ist, den grössten Teil des Wertes bereits in Wechseln
gezogen. Die Wagenkarawane, welche diesen Transport bringen sollte, musste grade
in dem insurgierten Gebiet sein. Ausserdem war eine zweite Karawane mit
Kolonialwaren auf dem Wege nach Galizien expediert und nach der Berechnung jetzt
ebenfalls in Feindesland. Und was über dem allen stand, ein grosser Teil der
Geschäfte, welche das Haus machte, und ein grosser Teil des Kredits, welchen
dasselbe bewilligte, war in den empörten Landschaften gemacht und bewilligt
worden; vieles, ja alles, so ahnte Anton, ward durch diesen Krieg in Frage
gestellt. Deshalb stürzte er seinem Prinzipal entgegen, als dieser die Treppe
herabkam, und erzählte ihm hastig das Wichtigste der Neuigkeit; während Herr
Braun im Comtoir sich beeilte, den andern Herrn die Schauergeschichte vom
tanzenden Krakusen in zweiter Auflage mitzuteilen, wobei ihm begegnete, dass
diesmal ausser der Mütze des Vetters auch noch dessen Rock und Stiefel an der
Sense des Krakusen hängenblieben, so dass der Bedrohte nur mit einem Hemd
bekleidet bei der schützenden Grenzwache ankam. Beiläufig sei hier erwähnt, dass
der arme Vetter bei der nächsten Wiederholung auch das Hemd hergeben musste und
dass ihm später noch die Haare abrasiert und sein Leib durch Megären auf die
nichtswürdigste Weise zerzwickt wurde. Weiter konnte Herr Braun, ein
wahrheitsliebender Mann, nicht gehen, da der Vetter noch als lebender Mensch
unter dem Schirm einer neuen Mütze umherwandelte.
    Unterdes vernahm der Prinzipal Antons fliegenden Bericht. Er blieb einen
Augenblick stumm auf der Treppe stehen, und Anton, welcher ängstlich in sein
Gesicht starrte, glaubte zu bemerken, dass er etwas bleicher aussah als
gewöhnlich; aber er musste sich wohl geirrt haben, denn der Kaufmann sah über
Anton hinweg unter die Auflader, welche unruhig in der Hausflur standen, und
rief mit dem kühlen Geschäftston, welcher unserm Helden so oft imponiert hatte:
»Sturm, schaffen Sie das Fass beiseite, es steht mitten im Wege. Rührt Euch, Ihr
Leute, in einer Stunde muss der Fuhrmann abgehen!« Worauf Sturm sein breites
Gesicht bekümmert nach dem Auge des Kaufmanns richtete und, mit der ungeheuern
Faust nach draussen weisend, fast mutlos sagte: »Es trommelt, sie schlagen
Generalmarsch; es geht los, unsere Leute marschieren. Mein Karl ist mitten
darunter, als Husar, mit den Schnüren an seinem kleinen Rock. Es ist ein
Unglück! Ach unsre Waren, Herr Schröter!«
    »Eben deshalb eilt, Ihr Männer«, antwortete der Prinzipal lächelnd. »Der
Wagen geht nach der Grenze, es ist Zucker und Rum darauf, unsre Soldaten wollen
bei dem kalten Wetter ein Glas Punsch trinken.« Diese humane Rücksicht auf die
Kehlen der Vaterlandsverteidiger brachte das Behagen in die Seelen der Riesen
zurück, sie lächelten grimmig und Sturm setzte seinen Haken mit furchtbarer
Kraft an den nächsten Ballen und schwang ihn mit einer Verachtung in die Luft,
welche bedeuten sollte: »Wir geben nicht so viel auf die ganze
Polakenwirtschaft«, während die übrigen das Fass aus dem Wege rollten und kurze
geschäftliche Spässe über Soldatenpunsch machten.
    Zu Anton gewandt sprach der Prinzipal: »Die Nachrichten sind nicht gut, aber
wir wollen nicht alles glauben.« Darauf ging er in das Comtoir, grüsste Herrn
Braun fast heiterer als sonst und liess sich von ihm noch einmal die Geschichte
seines Vetters und das übrige Unglück erzählen.
    Als Braun gegangen war, sagte er beruhigend den Herren vom Comtoir: »Ich
hoffe, dass unsere Waren an der Grenze liegen, Fuhrleute sind ihrer Pferde wegen
vorsichtig, sie werden es vermeiden, den Insurgenten in die Hände zu fallen.
Sind die Wagen auf feindlichem Gebiet, so müssen wir versuchen, sie
herauszubekommen.« Zu Anton setzte er leiser hinzu: »Schreiben Sie sogleich an
das Grenzzollamt und unsern Spediteur an der Grenze, sicher gehn Extrazüge dahin
ab, ein Nachtzug kann Antwort bringen, morgen wissen wir Näheres.«
    Damit war für heut die grosse Frage erledigt, und alles im Comtoir ging
seinen gewöhnlichen Gang. Herr Liebold schrieb seine grossen Zahlen ins
Hauptbuch, Herr Purzel setzte Häufchen von Talern zusammen und schob papierne
Handschuhhalter um grosse Bündel von Kassenanweisungen, und Herr Pix ergriff den
schwarzen Pinsel, malte neben der grossen Waage Hieroglyphen auf Packleinwand und
beherrschte die Hausknechte mit gewohnter Entschiedenheit. Der Prinzipal selbst
wendete sich an Herrn Jordan, nahm die eingegangenen Briefe, welche zum Teil
eine Bestätigung der kriegerischen Nachrichten entielten, besprach die
geschäftlichen Antworten und übergab sie den einzelnen Kommis. Darauf erschienen
die Makler, die Agenten und Sensale, und wie gewöhnlich fielen vom Pult des
Prinzipals kurze Bemerkungen, oder ein trockener Scherz, wenn die
Geschäftsfreunde sich zu tief in die Schrecken des Bürgerkrieges einliessen. Die
kleine Nebenunterhaltung im Geschäft war etwas belebter, sonst alles wie
gewöhnlich. Beim Mittagstisch ging die Unterhaltung so ruhig vorwärts, als hätte
nie ein polnischer Bauer seine Sense geschwungen, und nach Tisch fuhr der
Prinzipal mit seiner Schwester und einigen Damen ihrer Bekanntschaft spazieren,
und die Geschäftsleute, welche ihn sahen, sagten mit Verwunderung: »Er fährt
heut spazieren, er hat's wie gewöhnlich vorausgewusst, er ist doch ein kluger
Kopf, ein solides Haus. Allen Respekt!«
    Anton war den ganzen Tag an seinem Schreibpult in einer nervösen Aufregung,
wie er bis dahin noch nicht gekannt hatte. Er war beklommen und erwartungsvoll,
und doch empfand er diese Stimmung mit Behagen, wie ein grosses Ereignis. Er
fühlte lebhaft die Gefahr des Geschäftes und seines Prinzipals, aber er war
nicht mehr niedergeschlagen und mutlos. Ihm war, als trüge er Sprungfedern an
Arm und Bein; seine Feder flog bei den gleichgültigen Geschäftsbriefen, die er
zu schreiben hatte; trotz dem Gedanken an die Gefahr, welcher in seiner Seele
fortwährend Fanfare blies, war seine Fassungskraft nie schneller, sein Stil nie
klarer gewesen, nie hatte er so hurtig Provision und Spesen ausgerechnet. Es
waren Augenblicke einer erhöhten, fast freudigen Tätigkeit; er bemerkte das
selbst und wunderte sich darüber. Bei seinem Prinzipal sah er dieselbe Stimmung,
auch dieser schritt mit glänzenden Augen und schnellem Fuss durch die Comtoire.
    Nie hatte ihn Anton so verehrt als heut, er sah ihm aus wie verklärt. Mit
einer wilden Freude sagte sich Anton: »Das ist Poesie, die Poesie des
Geschäftes, solche springende Tatkraft empfinden nur wir, wenn wir gegen den
Strom arbeiten. Wenn die Leute sagen, dass unsere Zeit leer an Begeisterung sei
und unser Beruf am allerleersten, so verstehen sie nicht, was schön und gross
ist. Dem Mann steht in diesem Augenblick alles auf dem Spiel, woran seine Seele
hängt, sein Geschäft, das Resultat eines langen Lebens von rastloser Tätigkeit,
seine Freude, sein Stolz, seine Ehre; und er steht kaltblütig an seinem Pult,
schreibt Briefe über geraspeltes Farbeholz und gibt sein Urteil über Kleesamen
ab, ja ich glaube, er lacht innerlich.« So dachte Anton, als er am Abend sein
Pult abräumte und mit den übrigen Herren nach dem Hinterhaus ging. Auch seine
Kollegen liessen jetzt ihre innere Aufregung merken, sie setzten sich in Jordans
Salon zusammen und besprachen mit gemütlichem Schauder bei einer Tasse schwarzen
Tees die Neuigkeiten und den Einfluss derselben auf das Geschäft. Alle waren
geneigt, anzunehmen, dass die Firma zwar einigen Verlust erleiden werde, aber sie
seien die Männer, mehr zu retten, als irgendein anderes Geschäft retten werde.
Herr Specht bemerkte hoffnungsreich, bei jeder Insurrektion würden ungeheure
Kolonialwaren verbraucht, und die Firma werde ein glänzendes Geschäft mit allen
Flüssigkeiten nach der Grenze machen. Wenn die Insurrektion nur ein Vierteljahr
anhalte, sei der mögliche Verlust wieder gedeckt; denn trinken täten sie alle,
Freunde und Feinde. Zuletzt sprach sich Herr Jordan dahin aus, dass man noch gar
nicht wissen könne, wie die Sache verlaufen werde. Diese neue und gründliche
Ansicht wurde von den meisten adoptiert, worauf sich die einzelnen in ihre
Zimmer verfügten. In seiner Stube vernahm Anton durch die dünne Wand, wie sein
Nachbar, Herr Baumann, beim Zubettgehen für das Geschäft und den Prinzipal
betete. Dies ergriff Anton so, dass er mit grossen Schritten in seiner Stube auf
und ab ging, bis das Licht flackerte und der Gips auf dem Schreibtisch erschrak
und in ein krankhaftes Zittern geriet.
    Es war spät geworden, als der Diener geräuschlos in Antons Zimmer trat und
halblaut meldete: Herr Schröter wünsche ihn noch heut zu sprechen. Rasch folgte
Anton dem Diener in den ersten Stock des Vorderhauses und trat erwartungsvoll in
das braune Arbeitszimmer des Prinzipals. Der Kaufmann stand vor dem gepackten
Koffer, sein Portefeuille lag daneben auf dem Tisch und das untrügliche Zeichen
einer längeren Reise, die grosse englische Zigarrentasche von Büffelleder. Diese
hielt hundert Stück, war seit alter Zeit ein Lieblingsgegenstand für die
Bewunderung des Herrn Specht und galt dem ganzen Comtoir für eine Art
Kriegsfahne, welche nur dann hervorgeholt und in den Wagen getragen wurde, wenn
die Hauptmacht des Geschäftes auf ein ausserordentliches Unternehmen auszog.
Sabine war an dem Schubladen des Schreibtisches beschäftigt und trug schweigend
zu, was ihre Sorgfalt dem Reisenden für nützlich hielt. Sie warf einen schnellen
Blick auf Anton und senkte das Haupt, als sie in seinem Gesicht las, was sie
selbst mit banger Ahnung erfüllte. Der Prinzipal trat Anton freundlich entgegen.
»Ich habe Sie spät herbemüht, glaubte aber nicht, dass Sie noch ausser Bett sein
würden.«
    Als Anton erwiderte: »Die Aufregung liess mich nicht schlafen«, fiel wieder
ein Strahl aus dem Auge der Schwester auf ihn, so sorgenvoll und so dankbar für
seine Teilnahme, dass er mächtig gerührt wurde und nicht weitersprach, um seine
Bewegung nicht zu verraten.
    Der Prinzipal aber sagte lächelnd: »Sie sind noch jung, die Ruhe kommt mit
den Jahren. Es wird nötig sein, dass ich selbst morgen nach unsern Waren sehe. -
Ich höre, die Polen zeigen besondere Rücksicht gegen unsere Landsleute, es ist
möglich, dass sie sich sogar mit dem Gedanken tragen, unsere Regierung sei ihnen
nicht abgeneigt. Diese Täuschung kann nicht lange dauern, es wird kein Unrecht
sein, wenn wir davon für unsere Waren Vorteil zu ziehn suchen. Sie haben die
Korrespondenz geführt und wissen selbst, was für mich zu tun ist. Ich werde nach
der Grenze reisen und mich dort über die nächsten Schritte entscheiden.«
    Mit ängstlicher Spannung hörte die Schwester auf seine Worte, sie suchte in
seinen Mienen zu lesen, was er aus Rücksicht gegen sie nicht aussprach. Anton
aber verstand, was die Rede bedeutete, sein Chef ging über die Grenze in das
insurgierte Land.
    Mit bittender Stimme sprach er, näher tretend: »Könnte nicht ich an Ihrer
Stelle die Reise machen? Ich fühle wohl, dass ich Ihnen noch keine Veranlassung
gegeben habe, mir in so wichtiger Sache zu vertrauen. Ich werde mir wenigstens
alle Mühe geben, bis zum Äussersten, Herr Schröter.« Antons Wangen glühten, als
er dies sagte, er fühlte in diesem Augenblick entschiedene Neigung, sich mit
allen Krakusen um die Warenballen zu raufen.
    »Das ist brav gesprochen und ich danke Ihnen«, erwiderte der Prinzipal,
»aber ich kann Ihr Anerbieten nicht annehmen, die Reise könnte Schwierigkeiten
haben, und da der Vorteil mein ist, wird es auch billig sein, dass ich die Mühe
übernehme.« Anton liess den Kopf hängen. »Ich beabsichtige im Gegenteil, Sie mit
bestimmter Ordre hier zu lassen, für den Fall, dass ich übermorgen abend nicht
zurück sein sollte.«
    Sabine hatte ängstlich zugehört, jetzt fasste sie die Hand des Bruders und
sagte leise: »Nimm ihn mit.«
    Diese Unterstützung gab Anton neuen Mut. »Wenn Sie mich nicht allein
schicken wollen, so erlauben Sie mir wenigstens, Sie zu begleiten, vielleicht
kann ich Ihnen doch in etwas nützlich sein, ich würde es wenigstens sehr gern
sein.«
    »Nimm ihn mit«, wiederholte die Schwester flehend.
    Der Kaufmann wandte den Blick langsam von der Schwester auf das ehrliche
Gesicht Antons, welches von Diensteifer strahlte, und, erfreut über den Eifer
der Jugend, erwiderte er: »So mag es sein. Sie begleiten mich morgen früh bis
zur Grenze. Sollte meine Abwesenheit für längere Zeit nötig werden, so wird es
vorteilhaft sein, Sie an Ort und Stelle zu informieren. Bis dahin mag Jordan die
laufenden Geschäfte besorgen. Es ist nicht nötig, dass von unserer Reise hier am
Ort viel verlautet. Und jetzt schlafen Sie aus, Herr Wohlfart. Einer unserer
Hausknechte erwartet auf der Eisenbahn die ankommenden Nachtzüge; man hat mir
versprochen, dass die Kondukteure uns Antwort zurückbringen sollen. Ist die
Antwort so, wie ich annehme, dann fahren wir mit dem ersten Zug. Schlafen Sie
wohl!«
    Anton verbeugte sich dankend und sah noch im Hinausgehen, dass Sabine in
heftiger Bewegung den Hals des Bruders umschlang. Er ging nach seinem Zimmer,
packte geräuschlos eine Reisetasche, holte die damaszierten Pistolen heraus,
welche ihm Fink hinterlassen hatte, und warf sich halbentkleidet auf das Bett,
wo er erst spät den Schlummer fand. Gegen Morgen erweckte ihn ein leises
Klopfen, der Bediente meldete: »Die Briefe von der Eisenbahn sind gekommen.«
Anton eilte in das Comtoir und fand dort bereits Herrn Jordan und den Prinzipal
in lebhaftem Gespräch; bei seinem Eintritt rief ihm Herr Schröter aus den
geschäftlichen Verhandlungen kurz zu: »Wir reisen!«
    »Gut«, dachte Anton. »Wir reisen in Feindesland, wir schlagen uns mit den
Sensenmännern und wir zwingen sie, unsere Waren herauszugeben, denn dass sie uns
zwingen könnten, darf nach dem Willen des Prinzipals nicht angenommen werden.«
    Nie hatte Anton mehr mit den Türen geklopft, schneller die Treppenstufen
gemessen und kräftiger die Hände seiner Kollegen geschüttelt, als in der
nächsten Stunde. Als er so geschäftig durch den dunklen Hausflur eilte, hörte er
ein leises Rauschen neben sich. Sabine trat schnell an ihn heran und fasste seine
Hand: »Wohlfart, schützen Sie meinen Bruder vor Gefahr!« Anton versprach mit
massloser Bereitwilligkeit, dies in jeder Weise zu tun, fühlte nach seinen
geladenen Pistolen in der Rocktasche und stieg in den Wagen, selbst geladen mit
den edelsten und seligsten Gefühlen, welche je ein junger Held gehabt hat. Er
zog auf Abenteuer, er war stolz auf das Vertrauen seines Prinzipals, gehoben
durch das zarte Verhältnis, in das er zu der Heiligen des Geschäfts getreten
war. Er war glücklich.
    Das Dampfross schnaubte und raste über die weite Tallandschaft, wie ein Pferd
aus Beelzebubs Marstall. In allen Waggons des Zuges sassen Soldaten, sie hingen
auf den Frachtstücken, sie guckten aus den kleinen Fenstern der Packwagen;
überall glänzten Bajonette und Helme, überall steckten Tornister, Feldkessel und
Trommeln. Auf allen Stationen standen die Haufen der Neugierigen, überall
hastige Fragen und Antworten, überall aufregende Neuigkeiten, schreckliche
Gerüchte und abenteuerliche Erzählungen. Anton war froh, als sie sich am Ende
der Bahnstrecke aus der kriegerischen Masse lösten und in einer leichten Chaise
mit Kurierpferden der Grenze zu rollten. Auf der Landstrasse war es still, leerer
als gewöhnlich, nur kleine Detachements aus den Garnisonen nahe der Grenze
wurden noch von den Reisenden überholt. Die Mannschaft sang lustig, als zöge sie
zum Manöver, hier und da machte der Spassvogel der Kompagnie seinen Witz über die
schnellfüssigen Zivilisten, zuweilen ritt ein Offizier grüssend an den Wagen, wenn
er den Prinzipal kannte, oder einen Auftrag für sein Nachtquartier
vorauszusenden hatte. Der Kaufmann sprach zu Anton gar nicht vom Geschäft, aber
mit grosser Heiterkeit von allem andern, von frühern Erlebnissen, von dem Treiben
an der Grenze, von Schmugglern und Zollwächtern, und behandelte seinen
Reisegenossen mit der vertraulichen Herzlichkeit, welche ein älterer Kamerad dem
jüngeren zu zeigen pflegt. Nur gegen die Pistolen bewies Herr Schröter eine
Kälte, welche den kriegerischen Mut Antons ein wenig dämpfte, denn als dieser
auf der zweiten Station seine Mordwerkzeuge sorgfältig aus einer Wagentasche in
die andere trug, sah der Prinzipal mit feindseligem Blick auf die beiden Läufe,
und als die Reisenden bei den letzten Häusern des Orts vorübergerollt waren,
wies er auf die braunen Kolben, welche brüderlich aus der Tasche hervorragten,
und sagte zu Anton: »Ich glaube nicht, dass es Ihnen gelingen wird, durch diese
Puffer unsere Waren wieder zu erobern. Sind sie geladen?«
    Anton bejahte und sagte mit dem letzten Rest seines kriegerischen
Selbstgefühls: »Es sind gezogene Läufe.«
    »So?« sagte der Prinzipal ernstaft, nahm die Pistolen aus der Tasche, rief
dem Postillon zu, die Pferde anzuhalten, und schoss kaltblütig beide Läufe ab.
»Es ist besser, wir beschränken uns auf die Waffen, die wir zu gebrauchen
gewöhnt sind«, bemerkte er gutmütig, indem er Anton die Pistolen zurückgab, »wir
sind Männer des Friedens und wollen nur unser Eigentum zurückhaben. Wenn wir es
nicht dadurch erhalten, dass wir andere von unserem Recht überzeugen, so ist
keine Aussicht dazu. Es wird dort drüben viel Pulver unnütz verschossen werden,
alles Ausgaben, welche nichts einbringen, und Kosten, welche Land und Menschen
ruinieren. Es gibt keine Rasse, welche so wenig das Zeug hat, vorwärtszukommen,
und sich durch ihre Kapitalien Menschlichkeit und Bildung zu erwerben, als die
slawische. Was die Leute dort im Müssiggang durch den Druck der stupiden Masse
zusammengebracht haben, vergeuden sie in phantastischen Spielereien. Bei uns tun
so etwas doch nur einzelne bevorzugte Klassen, und die Nation kann es zur Not
ertragen. Dort drüben erheben diese Privilegierten den Anspruch, das Volk
darzustellen. Als wenn Edelleute und leibeigene Bauern einen Staat bilden
könnten! Sie haben nicht mehr Berechtigung dazu, als dieses Volk Sperlinge auf
den Bäumen. Das Schlimme ist nur, dass wir ihre unglücklichen Versuche auch mit
unserem Geld bezahlen müssen.«
    »Sie haben keinen Bürgerstand«, sagte Anton eifrig beistimmend.
    »Das heisst, sie haben keine Kultur«, fuhr der Kaufmann fort, »es ist
merkwürdig, wie unfähig sie sind, den Stand, welcher Zivilisation und
Fortschritt darstellt und welcher einen Haufen zerstreuter Ackerbauer zu einem
Staate erhebt, aus sich heraus zu schaffen.«
    »Da ist doch Conrad Günter in der insurgierten Stadt vor uns, dann die
Geschäfte der drei Hildebrandt in Galizien«, warf Anton ein.
    »Brave Leute«, stimmte der Kaufmann bei, »alle aber eingewandert, und der
ehrbare Bürgersinn hat keinen Halt, vererbt sich selten auf die nächste
Generation. Was man dort Städte nennt, ist nur ein Schattenbild von den unsern,
und ihre Bürger haben blutwenig von dem, was bei uns das arbeitsame Bürgertum
zum ersten Stande des Staates macht.«
    »Zum ersten?« frug Anton.
    »Ja, lieber Wohlfart, die Urzeit sah die einzelnen frei und in der
Hauptsache gleich, dann kam die halbe Barbarei der privilegierten Freien und der
leibeigenen Arbeiter, erst seit unsere Städte gross wuchsen, sind zivilisierte
Staaten in der Welt, erst seit der Zeit ist das Geheimnis offenbar worden, dass
die freie Arbeit allein das Leben der Völker gross und sicher und dauerhaft
macht.«
    Im Abendlicht kamen die Reisenden im Grenzort an. Es war ein kleines Dorf,
welches ausser den Zollgebäuden und den Wohnungen der Grenzbeamten nur ärmliche
Hütten und eine Schenke zu zeigen wusste. Auf dem freien Platz zwischen den
Häusern und um das Dorf herum biwakierten zwei Eskadronen Reiter, welche ihre
Posten längs dem schmalen Grenzfluss aufgestellt hatten und mit einem Detachement
Jäger die Grenze bewachten. In der Schenke war ein wildes Treiben, Husaren und
Jäger zogen ein und zogen aus, Husaren und Jäger sassen Kopf an Kopf gedrängt in
der kleinen Gaststube, bunte Dolmans und grüne Röcke lagerten um das Haus herum
auf Stühlen, Tischen, Pferderaufen, wankenden Tonnen und jedem möglichen Gerät,
welches irgendeine Metode des Sitzens gestattete. Wie unzählige Herren Pixe
kamen sie Anton vor, so entschlossen verfuhren sie mit der Schenke und allem
Inhalt derselben, lebendigem und flüssigem. Mit lautem Gruss empfing der jüdische
Wirt den wohlbekannten Kaufherrn; durch seinen Diensteifer wurde der letzte Raum
des Hauses für die Reisenden freigemacht, ein kleiner Verschlag, in welchem sie
die Nacht wenigstens allein verbringen konnten.
    Kaum war der Kaufmann vom Wagen gestiegen, als ihn ein halbes Dutzend
Fuhrleute mit lebhaftem Freudenruf umringte, die Führer der Wagen, welche vor
kurzem durch das Geschäft expediert waren. Ganz ohne Unfall war es mit ihnen
nicht abgegangen. Wie der älteste erzählte, waren sie auf der Strasse jenseits
der Grenze durch den Anblick eines bewaffneten Bauernschwarmes zur eiligen
Rückkehr getrieben worden. Beim Umwenden war ein Rad des letzten Wagens
zerbrochen, der Fuhrmann hatte in der Angst die Pferde ausgespannt und den Wagen
jenseits der Grenze stehenlassen. Während der flüchtige Führer mit dem
abgezogenen Hut in der Luft umherfocht und seine Entschuldigungen machte, trat
der kommandierende Rittmeister zu dem Kaufmann und bestätigte die Aussage der
Leute.
    »Man kann den Wagen etwa tausend Schritt jenseits der Brücke an der Strasse
hängen sehen«, erklärte er, und als der Kaufmann um Erlaubnis bat, die Brücke zu
betreten, sagte er zuvorkommend: »Ich werde Ihnen einen meiner Offiziere
mitgeben.«
    Ein junger Offizier der Eskadron, welcher soeben von einer Patrouille
zurückgekehrt war, tummelte sein feuriges Pferd vor der Schenke.
    »Leutnant von Rotsattel«, rief der Rittmeister, »begleiten Sie die Herren
auf die Brücke.«
    Mit Entzücken hörte Anton den Namen, an welchen sich für ihn so holde
Erinnerungen knüpften. Er wusste auf der Stelle, dass der Herr auf dem wilden
Pferd niemand anders sein konnte, als der Bruder des Fräuleins vom See. Der
Leutnant, eine schlanke Gestalt mit kleinem Bart auf der Oberlippe, sah seiner
Schwester so ähnlich, wie einem jungen Reiteroffizier in Beziehung auf das
allerschönste irdische Fräulein nur möglich ist. Anton fühlte auf der Stelle
eine freundschaftliche Hochachtung für ihn, welche der junge Herr aus Antons
Gruss wohl herauslesen mochte, denn er dankte durch ein herablassendes Neigen
seines kleinen Kopfes. Tänzelnd avancierte sein Pferd neben den Kaufleuten bis
zur Brücke. Dort standen die Vedetten, ihre Pistole mit gespanntem Hahn in der
Hand, unbeweglich wie Statuen, nur ihre Pferde verrieten manchmal durch eine
anmutige Schweifbewegung, oder ein Stampfen der Füsse das mutige Leben. Die
Reisenden eilten auf die Mitte der Brückenwölbung und sahen mit spähendem Blick
die Landstrasse hinab. Dort hinten lag der riesige Wagen, wie ein weisser Elefant
lag er verwundet auf einem Knie.
    »Vor kurzem war noch nicht geplündert«, sagte der Leutnant, »die Leinwand
hing noch dickbäuchig darüber. Ja, sie haben ausgeräumt; dort an der Ecke
flattert die weisse Decke.«
    »Es scheint nicht arg zu sein«, antwortete der Prinzipal.
    »Wenn Sie ein Rad und ein Paar Pferde hinüberschaffen wollen, können Sie das
Ding abholen«, bemerkte der Leutnant nachlässig. »Unsere Leute hatten den ganzen
Tag grosse Lust dazu. Sie hätten gern nachgesehn, ob etwas Trinkbares darin ist.
Wir haben aber Befehl, die Grenze nicht zu überschreiten. Sonst ist's eine
Kleinigkeit, den Wagen herüberzuschaffen, wenn der kommandierende Offizier Ihnen
erlaubt, die Posten zu passieren, und wenn Sie mit diesen da fertig werden.«
dabei wies er auf einen Haufen Bauern, welche jenseits der Brücke ausserhalb der
Schussweite hinter verkrüppelten Weiden lagerten und einen bewaffneten Mann als
Posten auf die Landstrasse vorgestellt hatten.
    »Wir wollen den Wagen holen, wenn der kommandierende Offizier erlaubt«,
sagte der Prinzipal, »ich hoffe, es wird möglich sein, mit den Leuten dort zu
unterhandeln.«
    Und Anton konnte sich nicht entalten zu murmeln: »Den ganzen Tag haben die
Herren ein paar tausend Taler auf der Landstrasse liegenlassen, sie hätten Zeit
genug gehabt, den Wagen für uns zurückzuschaffen.«
    »Man muss keine unbilligen Forderungen an das Heer machen«, antwortete der
Kaufmann lächelnd, »wir wollen zufrieden sein, wenn sie uns erlauben, unser
Eigentum aus den Händen der Bauern zu holen.« Die Reisenden eilten zum
Rittmeister zurück, und der Kaufmann teilte diesem seinen Wunsch mit.
    »Wenn Sie Pferde und Menschen finden, so habe ich nichts dagegen«, erwiderte
dieser.
    Sogleich wurden die Fuhrleute zusammengerufen, der Prinzipal fragte, wer ihn
mit den Pferden begleiten wolle, er sei gut für den Schaden an den Pferden. Nach
einigem Kratzen des Kopfes und einigem Schütteln der Hüte erklärten mehrere ihre
Bereitwilligkeit. Schnell wurden vier Pferde angeschirrt, ein Kinderschlitten
des Schenkwirts hervorgeholt, ein Rad und einige Hebebäume daraufgelegt, und die
kleine Karawane zog der Brücke zu, verfolgt von beifälligen Scherzen der
Soldaten und begleitet von einigen Offizieren, welche an dem Feldzug so viel
Teilnahme verrieten, als sich mit ihrer kriegerischen Würde irgend vertrug.
    An der Brücke sagte der Rittmeister: »Ich wünsche guten Erfolg, leider bin
ich ausserstande, Ihnen meine Mannschaft zur Hilfe mitzugeben.«
    »Es ist besser so«, antwortete der Prinzipal grüssend, »wir wollen als
friedliche Leute unsere Waren wiederholen und fürchten die Herren dort nicht,
wollen sie aber auch nicht reizen. Haben Sie die Güte, Herr Wohlfart, Ihre
Pistolen zurückzulassen, wir müssen den Bewaffneten zeigen, dass uns der
Kriegsapparat nichts angeht.«
    Anton hatte seine Pistolen in die Rocktasche gesteckt, wo sie wieder trotzig
hervorsahn, er gab sie jetzt einem Schützen, den der Leutnant von Rotsattel
herbeiwinkte. So zogen sie über die Brücke. Am Ende der Grenzbrücke parierte der
Leutnant unwillig sein Pferd und brummte: »Diese Pfeffersäcke rücken eher ein
als wir«, und der Rittmeister rief ihnen noch nach: »Sollten Ihre Personen in
Gefahr kommen, so werde ich es für keine Überschreitung meiner Ordre halten,
wenn ich Ihnen Leutnant Rotsattel mit einiger Mannschaft zu Hilfe schicke.« Der
Leutnant stob zurück und kommandierte den Zug, welcher in einiger Entfernung
hielt, sehr kampflustig: »Stillgesessen!« worauf er wieder bis an das Ende der
Brücke vorsprengte und mit grossem Interesse und kriegerischer Ungeduld den
Pfeffersäcken nachsah. Zu seiner und des Kriegsheers Ehre muss an dieser Stelle
bekannt werden, dass sowohl er als sein Zug den Zivilisten einen warmen Empfang
und ernste Unbequemlichkeiten herbeiwünschten, damit sie selbst das Recht
erhielten, sich hineinzumengen und ein wenig einzuhauen.
    
    Es war kein imponierender Einmarsch in das feindliche Gebiet, den die
Kaufleute anführten; mit einer gewissen Gemütlichkeit im ruhigen Schritt seine
Zigarre anzündend ging der Prinzipal voran, ihm dicht zur Seite Anton, dahinter
drei stämmige Fuhrleute mit den Pferden. So waren sie ungefähr auf dreissig
Schritt einigen Bauern mit weissen Kitteln nahe gekommen, als diese ihre Gewehre
anschlugen und durch einen polnischen Schrei Halt geboten. Der Prinzipal rief
mit lauter Stimme in ihrer Sprache: »Ruft euern Anführer.« Gehorsam schrie einer
von den Wilden mit heftiger Handbewegung einem entfernten Haufen zu. Die anderen
behielten mit drohender Haltung ihre Gewehre im Anschlag und zielten, wie Anton
ohne besonderen Wohlgefallen bemerkte, unter heimtückischem Augenblinzeln
sämtlich grade auf ihn. Unterdes kam mit langen Schritten der Anführer der Bande
heran. Er trug einen blauen Rock mit bunten Schnüren, eine viereckige rote Mütze
mit grauem Pelz besetzt und hielt eine lange Entenflinte in der Hand. Er war im
ganzen betrachtet ein brauner Kerl von gefährlichem Aussehn, verziert mit einem
langen schwarzen Schnurrbart, der ihm auf beiden Seiten am Mund herunterhing.
Als der Mann herangekommen war, redete ihn der Kaufmann in unvollkommenem
Polnisch mit kräftiger Stimme an: »Wir sind Freunde! Ich bin der Herr des Wagens
dort und will mir ihn herüberholen; sagt Euern Leuten, dass sie mir dabei helfen,
ihr sollt ein gutes Biergeld haben.« Bei dem Wort »Biergeld« senkten sich die
Gewehre hochachtungsvoll von selbst. Der Hauptkrakuse aber stellte sich
patetisch in die Mitte der Heerstrasse und begann eine lange Rede mit
Handbewegungen, von welcher Anton sehr wenig und sein Prinzipal nicht alles
verstand, die aber durch den Fuhrmann dahin erklärt wurde, der Mann bedaure, dem
Herrn nicht dienen zu können, er habe Befehl von einem dahinter stehenden Korps,
den Wagen zu bewachen, bis die Pferde ankämen, welche ihn nach ihrer Stadt
schaffen sollten.
    Der Kaufmann schüttelte gemütlich den Kopf und antwortete im Ton des ruhigen
Befehls: »Das geht nicht, der Wagen gehört mir, und ich muss ihn mitnehmen, ich
kann nicht so lange warten, bis Euer Führer mir die Erlaubnis gibt.« dabei griff
er in die Tasche und hielt dem insurgierten Bewohner des blauen Rockes ungesehen
von den andern ein halbes Dutzend harte Taler hin: »So viel für Euch und
ebensoviel für Eure Leute.« Der Anführer sah auf die Taler, fuhr mit der Hand
nach dem Kopfe, kraulte sich heftig und drehte an seiner Mütze, worauf er
endlich zu dem Resultat kam: wenn die Sache so sei, möge der gnädige Herr den
Wagen nur fortnehmen.
    Im Triumph zog die Karawane zu dem Wagen, die Fuhrleute ergriffen die
Hebebäume und hoben mit vereinter Kraft die gesenkte Seite in die Höhe, lösten
die Trümmer des alten Rades, setzten das neue an und spannten die Pferde vor,
alles unter tätiger Mitwirkung einiger Bauern, brüderlich unterstützt von dem
Kommandeur, welcher in eigener Person einen Hebebaum regierte. Darauf wurden die
Pferde herzhaft angetrieben und der Wagen rollte der Brücke zu unter dem lauten
Hoi! Hoi! des Krakusen, welcher dadurch vielleicht eine dissentierende Stimme in
seinem Innern überschreien wollte. »Gehen Sie mit dem Wagen voraus«, sagte der
Kaufmann zu Anton, und da Anton zögerte, seinen Prinzipal allein unter den
Bauern zurückzulassen, fügte dieser befehlend hinzu: »Ich will es haben.« So
fuhr der Wagen langsam an die Grenze, und schon von weitem hörte Anton das
Lachen und die Grüsse der Soldaten.
    Unterdes blieb der Kaufmann mit dem Dolmetsch und dem Bandenführer in
eifrigem Gespräch zurück und schied endlich im besten Einvernehmen von dem
Insurgenten, welcher mit slawischer Höflichkeit den Hauswirt auf der Landstrasse
machte und die Reisenden mit abgezogener Mütze bis in Schussweite von dem Militär
begleitete. An der Brücke holte der Prinzipal den Wagen ein, machte das Halt!
Werda! der Vedetten und das damit verbundene kriegerische Zeremoniell durch und
empfing auf heimatlichem Boden angekommen den lachenden Glückwunsch des
Rittmeisters, während der Leutnant spöttisch zu Anton sagte: »Sie haben keinen
Grund gehabt, die Abwesenheit Ihrer Schlüsselbüchsen zu bedauern.«
    »Es ist besser so«, antwortete Anton, »es war ein glattes Geschäft. Die
armen Teufel haben nichts gestohlen als ein kleines Fass Rum.«
    Eine Stunde darauf sassen die Reisenden mit den Offizieren der Reiter und der
Jäger zusammen in dem kleinen Verschlage der Schenke bei einigen Flaschen alten
Ungarweins, welche der Wirt aus dem tiefsten Winkel seines Kellers heraufgeholt
hatte. Nicht am wenigsten vergnügt war Anton. Er hatte zum erstenmal in seinem
Leben eine kleine anständige Kriegsgefahr durchgemacht und war im ganzen mit
sich zufrieden und jetzt sass er neben einem jungen Krieger, den er
hochzuschätzen äusserst bereitwillig war, und hatte die Freude, diesem seine
Zigarren anzubieten und von dem Abenteuer dieses Tages zu sprechen.
    »Die Bauern haben ja im Anfange auf Sie angelegt«, sagte der junge Herr,
nachlässig sein Bärtchen kräuselnd, »das war Ihnen wohl unbequem?«
    »Nicht sehr«, erwiderte Anton so kühl als möglich; »einen Augenblick wurde
ich stutzig, als die Flinten auf uns gerichtet waren, und hinter den Flinten
andere unternehmende Männer mit ihren Sensen die Pantomime des Kopfabschneidens
machten. Es kam mir zuerst befremdlich vor, dass die Mündungen alle gerade auf
mein Gesicht gerichtet waren. Nachher hatte ich am Wagen zu tun und dachte nicht
mehr daran. Und als auf dem Rückwege jeder von unsern Fuhrleuten behauptete, dass
gerade nur auf ihn gezielt worden sei und auf keinen andern, da kam ich zu der
Ansicht, dass diese Vielseitigkeit eine besondere Eigenschaft der Flintenläufe
sein muss, eine Art von optischer Ungezogenheit, die nicht viel zu bedeuten hat.«
    »Wir hätten Sie schon herausgehauen, wenn die Bauern Ernst gemacht hätten«,
antwortete der Leutnant wohlwollend. »Ihre Zigarren sind übrigens gut.«
    Anton freute sich darüber und goss seinem Nachbar das Glas voll. So
unterhielt er sich und blickte auf seinen Prinzipal, der heut besonders
aufgelegt schien, sich mit den bunten Herren über Krieg und Frieden zu
unterhalten. Anton sah, dass der Kaufmann die Offiziere mit einer gewissen
förmlichen Artigkeit behandelte, welche dem nachlässigen Ton, in welchem die
Herren die Trinkgesellschaft begonnen hatten, wirksam steuerte. Bald wurde das
Gespräch allgemein, und man hörte mit Aufmerksamkeit dem Kaufmann zu, welcher
von dem insurgierten Gebiet, mit dem er durch frühere Reisen bekannt war,
erzählte und einzelne Führer des Aufstandes zu schildern wusste.
    Nur der junge Herr von Rotsattel schien zu Antons grosser Betrübnis nicht
zufrieden mit der Aufmerksamkeit, welche seine Kameraden dem Zivilisten gönnten,
und mit dem Löwenanteil, den dieser an der Unterhaltung erlangt hatte; er warf
sich nachlässig in seinen Stuhl zurück, sah wie zerstreut nach der Decke,
spielte mit seinem Säbelgriff und warf kurze Bemerkungen von den Lippen, welche
eine ennuyierte Gemütsstimmung andeuten sollten. Als der Rittmeister erwähnte,
dass er am nächsten Morgen den Befehlshaber des Grenzkorps erwarte, und der
Kaufmann darauf entgegnete: »Ihr Oberst wird vor morgen abend nicht hier
eintreffen, wenigstens hat er mir heut auf der Eisenbahn, wo ich mit ihm
zusammentraf, so erzählt«, da kam in dem kleinen Offizier der Teufel des
Hochmuts zum Durchbruch und er sagte mit unartigem Ton: »Sie kennen unsern
Obristen also persönlich? Er nimmt ja wohl seinen Zucker und Kaffee bei Ihnen?«
    »Wenigstens geschah das früher«, sagte der Kaufmann artig, »ich selbst habe
als junger Mann einige Mal den Kaffee für ihn abgewogen.«
    Unter den Offizieren entstand eine gewisse Verlegenheit, und einer der
ältern versuchte von seinem Standpunkt aus eine Verbesserung der beabsichtigten
Grobheit, indem er etwas von einer höchst respektablen Handlung murmelte, bei
welcher jeder Militär und Nicht-Militär seinen Bedarf nur mit Vergnügen
entnehmen könnte.
    »Ich danke Ihnen für das gute Zutrauen, welches Sie zu meinem Geschäft
haben, Herr Kapitän«, sagte der Kaufmann lächelnd; »ich bin allerdings stolz
darauf, dass mein Geschäft respektabel geworden ist durch meine und meiner
Angehörigen angestrengte Tätigkeit.«
    »Leutnant Rotsattel, Sie führen die nächste Patrouille, es ist Zeit, dass
Sie aufbrechen«, erinnerte der Rittmeister. Klirrend erhob sich der Leutnant.
    »Hier bringt Herr Warschauer eine neue Flasche, auf welche er grosse Stücke
hält, es ist der beste Wein seines Kellers. Darf Herr von Rotsattel nicht erst
den Wein versuchen, bevor er unsere Nachtruhe bewacht?« frug der Kaufmann mit
ruhiger Artigkeit zum Rittmeister gewandt. Der junge Herr dankte mit Trotz und
ging rasselnd aus der Stube. Anton hätte seinen Liebling prügeln mögen, so
zornig war er auf ihn. Der Rittmeister aber beseitigte das kleine Zwischenspiel
durch ein lebhaftes Gespräch, welches er einleitete.
    Es war spät geworden, und Anton sah mit Verwunderung, dass der Kaufmann
fortfuhr, mit ausgesuchter Artigkeit den Wirt zu machen und an dem Prüfen des
Ungarweins ein Behagen zu empfinden, welches mit dem Zwecke seiner Reise nicht
recht verträglich war. Endlich, nachdem eine neue Flasche entkorkt war, und auch
der Rittmeister eine neue Zigarre des Kaufmanns bewundert hatte, warf dieser
leicht hin: »Ich wünsche morgen nach der insurgierten Hauptstadt zu reisen und
erbitte mir Erlaubnis dazu, wenn diese nötig ist.«
    »Sie wollen -« riefen die Offiziere rund um den Tisch.
    »Ich muss«, sagte der Kaufmann mit Ernst und setzte ihnen kurz auseinander,
weshalb er müsse.
    Der Rittmeister schüttelte den Kopf: »Zwar lässt der Wortlaut meiner Ordre
zweifelhaft, ob ich die Grenze für jedermann zu verschliessen habe, doch ist mir
Absperrung des insurgierten Landes als der nächste Zweck unserer Aufstellung
angegeben.«
    »Dann würde ich meinem Wunsch dem Kommandeur vortragen müssen, das würde
mich länger als einen Tag aufhalten, und dieser Aufentalt könnte den Zweck
meiner Reise vereiteln. Wie Ihre Güte mir mitteilt, herrscht gegenwärtig unter
den Insurgenten noch erträgliche Ordnung, es ist unmöglich, dass diese noch lange
anhält. In den Rücksichten aber, welche ich dort finde, liegt für mich die
einzige Möglichkeit, meine Waren zu retten, denn die Frachtwagen kann ich nur
mit Bewilligung der revolutionären Behörde aus der Stadt schaffen.«
    »Und hoffen Sie, diese zu erlangen?« frug der Rittmeister.
    »Es muss versucht werden«, antwortete der Kaufmann. »Jedenfalls werde ich
mich der Plünderung und Zerstörung meines Eigentums dort nach Kräften
widersetzen.«
    Der Rittmeister überlegte. »Was Sie tun wollen, setzt mich in einige
Verlegenheit; wenn Ihnen ein Unglück zustösst, wie ich fast fürchte, so könnte
mir ein Vorwurf daraus gemacht werden, dass ich Ihnen gestattet habe, die Grenze
zu passieren. Kann Sie denn nichts bewegen, diese Reise zu unterlassen?«
    »Nichts«, erwiderte der Kaufmann, »nichts als das Gesetz.«
    »Liegt Ihnen denn soviel an den Frachtwagen, dass Sie Ihr Leben dafür in die
Schanze schlagen wollen?« frug der Rittmeister nicht ohne inneres Missfallen.
    »Ja, Herr Rittmeister, ebensoviel, als Ihnen daran liegt, Ihre Pflicht zu
tun; es hängt für mich mehr an dem Besitz dieser Frachtwagen, als ein
geschäftlicher Vorteil. Ich muss hinüber, wenn mich nicht ein unbedingtes und
unwiderrufliches Verbot der Staatsregierung daran hindert. Diesem würde ich mich
zuletzt nicht entziehn, ich werde aber alles versuchen, für mich eine Ausnahme
zu erwirken.«
    »Wohlan«, sagte der Rittmeister aufstehend, »ich will Ihrer Reise kein
Hindernis in den Weg legen. Sie werden mir Ihr Ehrenwort geben, dass Sie drüben
unter keiner Bedingung etwas über die Stärke dieses Grenzpostens, die
Aufstellung unserer Truppen und über das mitteilen, was Sie etwa über unsere
projektierten Massregeln erfahren haben.«
    »Ich gebe mein Wort«, sagte der Kaufmann.
    »Ihre Persönlichkeit bürgt mir zwar dafür, dass Ihre Angaben über den Zweck
der Reise die richtigen sind, zu meiner dienstlichen Information wünsche ich
aber die betreffenden Papiere zu sehn, wenn Sie solche bei sich haben.«
    »Hier sind sie«, sprach der Kaufmann ebenso geschäftsmässig. »Hier mein Pass
ins Ausland auf ein Jahr, hier der Verladeschein des polnischen Verkäufers, die
Kopien meiner Briefe an das Grenzzollamt und den hiesigen Spediteur, und hier
die Antworten derselben. Die Beamten des Grenzzollamts und der Spediteur können
ausserdem die Wahrheit dieser Angaben bezeugen.«
    Der Rittmeister durchflog die Papiere und gab sie zurück. »Sie sind ein
mutiger Mann, und ich wünsche Ihnen alles Glück«, sagte er mit amtlicher Würde.
»Und wie wollen Sie reisen?«
    »Mit Postpferden. Im Fall man mir die Pferde verweigert, werde ich sie
kaufen und selbst fahren; einen Wagen wird mir unser Wirt überlassen, ich werde
morgen bei Tage reisen, weil ich bei Nacht noch mehr Verdacht erwecken würde.«
    »Wohlan, morgen mit Tagesanbruch sehe ich Sie wieder. Wie ich annehme,
rücken wir selbst spätestens in drei Tagen in Feindesland; falls ich bis dahin
keine Nachricht von Ihnen habe, werde ich Sie in der eroberten Stadt aufsuchen.
Wir brechen auf, meine Herren, die Sitzung hat bereits zu lange gedauert.«
    So zogen die Herren vom Militär mit geschäftigem Klirren ab, und Anton und
sein Prinzipal blieben mit den leeren Weinflaschen allein in der Kammer. Der
Kaufmann öffnete das Fenster und wandte sich dann zu Anton, welcher den letzten
Verhandlungen in grosser Aufregung zugehört hatte. »Wir werden uns hier trennen,
lieber Wohlfart«, fing er an.
    Bevor er aussprechen konnte, ergriff Anton seine Hand und sagte mit Tränen
in den Augen: »Erlauben Sie mir, mit Ihnen zu gehen, schicken Sie mich nicht in
das Geschäft zurück. Es würde mir mein ganzes Leben hindurch ein unerträglicher
Vorwurf sein, wenn ich auf dieser Reise von Ihnen gegangen wäre.«
    »Es ist unnütz, vielleicht unklug, wenn Sie mitreisen. Was dort zu tun ist,
kann ich sehr gut allein abmachen; wenn irgendeine Gefahr ist, was ich nicht
glaube, so kann Ihre Gegenwart mich nicht davor schützen, ich würde nur das
peinliche Gefühl haben, dass ich einen andern um meinetwillen in Verlegenheit
gebracht habe.«
    »Ich würde Ihnen doch sehr dankbar sein, wenn Sie mich mitnehmen wollten«,
bat Anton flehentlich, immer noch die Hand des Prinzipals haltend. »Auch
Fräulein Sabine hat es gewünscht«, fügte er hinzu, indem er in weiser Steigerung
den stärksten Überredungsgrund zuletzt aus seinem bewegten Gemüt heraufholte.
    »Sie ist ein furchtsames Mädchen«, sagte der Kaufmann lächelnd. »Indes, da
Sie so freundschaftlich darauf bestehen, mag es sein. Wir reisen zusammen; rufen
Sie den Wirt und lassen Sie uns die Reisegelegenheit besprechen.«
 
                                       2
Es war noch dämmrige Nacht, als Anton vor die Tür der Schenke trat. Ein dichter
Nebel hing über der Ebene und bewegte sich unruhig in dem Zwielicht des nahen
Tages. Ein roter Feuerschein am Horizont bezeichnete die Gegend, nach welcher
die Reisenden fahren sollten. Mit grauem Schleier verhüllten die Dämpfe der
Nacht einen dunklen Haufen an der Erde. Anton trat näher und erkannte eine
Anzahl Männer, Weiber und Kinder, sie kauerten am Boden, bleiche, ausgehungerte,
tiefgefurchte Gesichter. »Sie sind aus dem Grenzdorf von jenseits«, erklärte ihm
ein alter Wachtmeister, welcher in seinem Reitermantel daneben stand. »Ihre
Dörfer brennen, sie waren in die Wälder gelaufen, heut nacht kamen sie an das
Wasser, streckten die Hände aus und schrien jämmerlich nach Brot. Weil es meist
Weiber und Kinder sind, hat der Herr Rittmeister ihnen erlaubt, herüberzukommen,
und hat ihnen einige Brote zerschneiden lassen. Sie haben einen Mordsheisshunger.
Nach ihnen kamen grössere Banden, alle schrien Brot! Brot! und rangen die Hände.
Wir haben ihnen einige Pistolenschüsse über die Köpfe gefeuert und sie
weggefegt.«
    »Ei!« sagte Anton, »das ist keine tröstliche Aussicht für unsere Reise. Was
soll hier aus den armen Leuten werden?«
    »Es sind Grenzteufel«, sagte der Wachtmeister begütigend, »die Hälfte des
Jahres schmuggeln und saufen sie, und die andere Hälfte hungern sie. Diese hier
frieren jetzt etwas.«
    »Kann man ihnen nicht einen Kessel mit Suppe kochen?« fragte Anton mitleidig
und griff nach seiner Tasche.
    »Wozu Suppe?« sagte der Wachtmeister kaltblütig, »ein Schluck Branntwein
wäre der ganzen Gesellschaft lieber; dort trinkt alles Branntwein, auch was noch
Säugling ist; wenn Sie etwas dran wenden wollen, ich will's ihnen austeilen und
einen ehrlichen Soldaten nicht vergessen.«
    »Ich werde beim Wirt bestellen, dass die Hausmagd etwas Warmes kocht, und
Sie, Herr Wachtmeister, haben die Güte, zuzusehen, dass alles in Ordnung zugeht.«
dabei griff er in die Tasche, und der Wachtmeister versprach bereitwillig, sein
kriegerisches Herz dem Mitleid offen zu erhalten.
    Eine Stunde darauf rollten die Reisenden in offener Britschka durch die
Vorposten, der Kaufmann fuhr, Anton sass hinter ihm und blickte spähend in die
Landschaft hinein, in welcher sich aus Finsternis und Nebel bereits einzelne
Gegenstände erkennen liessen. Ungefähr zweihundert Schritt waren sie gefahren, da
tönte hinter einem dicken Weidenbaum an der Landstrasse ein polnischer Zuruf. Der
Kaufmann hielt die Pferde an, ein einzelner näherte sich vorsichtig dem Wagen.
»Kommt herauf, guter Freund«, rief der Kaufmann dem Fremden zu, »setzt Euch
neben mich.« Höflich nahm der Fremde seine Mütze ab und schwang sich auf den
Vordersitz des Wagens. Es war der oberste Krakuse von gestern mit seinem
hängenden Schnauzbart und dem langen Leinwandkittel. »Haben Sie ein Auge auf
ihn«, sagte der Kaufmann in englischer Sprache zu Anton, »er soll uns als
Sauvegarde dienen und wird dafür bezahlt; wenn er mir auf den Leib rückt, so
fassen Sie ihn von hinten.«
    Anton holte seinen Stolz, die verachteten Pistolen, aus einer alten
Ledertasche an der Seite des Wagens und steckte sie vor den Augen des Krakusen
recht sichtbar in die Taschen seines Paletots. Der Führer im Leinwandrock aber
lachte vertraulich und erwies sich bald als ein Geschöpf von freundschaftlicher
und geselliger Natur, er nickte höchst verbindlich beiden Reisenden zu, trank
Schlucke aus Antons Reiseflasche und machte Versuche, über seine linke Schulter
mit diesem eine gemütliche Unterhaltung anzuknüpfen, indem er ihn in gebrochenem
Deutsch Euer Gnaden nannte und ihm offenbarte, er rauche auch Tabak, habe aber
keinen. Zuletzt bat er um die Ehre, die Herren fahren zu dürfen.
    So waren sie an einer Gruppe zerfallener Häuser vorbeigekommen, welche an
einem Sumpf auf kahler Fläche standen, wie riesige Pilze, die an einer
vergifteten Stelle in die Höhe geschossen sind; da sahen sie sich plötzlich von
einem Haufen Insurgenten umringt. Es war Landsturm, wie sie ihn schon am Tage
vorher gesehen hatten, einige Dreschflegel, einige gerade Sensen, alte Musketen,
Leinwandkittel, viel Schnapsgeruch und glotzende Augen. Der Haufe fiel den
Pferden in die Zügel und schickte sich mit Blitzesschnelle an, dieselben
abzuspannen. Da erhob sich der Krakus von seinem Sitz wie ein Löwe und
entwickelte in seinem Polnisch eine ungeheure Beredsamkeit, wobei er mit Händen
und Füssen nach allen Seiten hin gestikulierte. Er erklärte, dass diese Herren
grosse Herren der Riemei seien, welche nach der Hauptstadt reisten, weil sie mit
der Regierung sprechen müssten; es werde jedem den Kopf kosten, der auch nur ein
Haar aus dem Schwanz ihrer Pferde ausrisse. Auf diese Rede erfolgten ebenso
lebhafte Gegenreden, bei denen ein Teil die Fäuste ballte, ein Teil die Mützen
abnahm. Darauf hielt der Führer eine noch stärkere Rede und stellte allen
Patrioten ein Zerschnittenwerden in vier Teile in Aussicht, wenn sie wagen
würden, auch nur ihre Pferdeköpfe scheel anzusehen. Darauf wurde die Zahl der
geballten Fäuste geringer und die Zahl der gezogenen Mützen grösser. Endlich
machte der Kaufmann dieser Szene ein Ende, indem er die Pferde mit einem
kräftigen Peitschenschlag antrieb und den letzten widerspenstigen Patrioten zu
einem schnellen Seitensprung veranlasste. Im Galopp stoben die Pferde vorwärts,
einige lebhafte Interjektionen klangen hinter ihnen her, und eine Kugel pfiff
unschädlich über die Häupter der Reisenden, wahrscheinlich mehr aus allgemeiner
Vaterlandsliebe, als zu einem bestimmten Zweck abgeschossen.
    So ging es einige Stunden fort. Nicht selten überholten sie Haufen
bewaffneter Landleute, welche entweder schrien und ihre Knittel schwangen, oder
einem Geistlichen mit der Kirchenfahne nachzogen, die Köpfe gesenkt, geistliche
Lieder singend. Die Reisenden wurden einigemal aufgehalten und bedroht, zuweilen
auch mit grosser Ehrerbietung begrüsst, zumal Anton, der auf seinem Hintersitz für
die Hauptperson galt.
    Endlich näherten sie sich einem grössern Dorf, die Haufen wurden dicker, das
Geschrei lauter, unter den Bauernkitteln waren hier und da eine Uniform,
Federbüsche und Bajonette sichtbar. Hier zeigte der Führer Symptome von Unruhe
und erklärte dem Kaufmann, weiter könnte er sie nicht führen, hier müssten sie
sich bei dem Befehlshaber melden. Der Prinzipal zeigte sich damit zufrieden,
zahlte dem Führer seinen Lohn aus und liess den Wagen bei dem ersten Haufen,
welcher die Strasse besetzt hielt, halten. Ein junger Mann in blauer Pikesche,
mit einer rot und weissen Schärpe um den Leib, eilte heran, nötigte die Reisenden
abzusteigen, und führte sie mit leidenschaftlichem Diensteifer der Hauptwache
zu. Der Kaufmann behielt die Zügel der Pferde in der Hand und raunte Anton zu,
er solle den Wagen unter keinen Umständen aus den Augen lassen. Anton heuchelte
Unbefangenheit und drückte dem getreuen Krakusen, der hinter dem Wagen
herschlich, etwas in die Hand, damit dieser den Pferden einige Bündel Heu
verschaffe.
    Das Wachlokal war in einem Hause, dessen Strohdach durch den weissen Anstrich
der Wände einen vornehmen Schimmer erhielt. Dort standen einige Jagdflinten und
Musketen an Holzpfähle gelehnt, bewacht von einem jugendlichen Volontär in
blauem Rock und roter Mütze. Daneben sass der kommandierende Offizier, ein
plattes Gesicht unter einem mächtigen, weissen Federbusch; er war mit einer
ungeheuern seidenen Schärpe und einem riesigen Säbel mit schöngewundenem
Korbgriff geschmückt. Dieser Herr geriet in nicht gewöhnliche Aufregung, als er
die Fremden erblickte, er drückte seinen Hut fest, strich sich grimmig den
unordentlichen Bart und begann ein Verhör. Nach früherer Verabredung sagten ihm
beide Reisende, dass sie das Oberkommando in wichtiger Angelegenheit zu sprechen
hätten. Über den Zweck ihrer Reise verweigerten sie jede Auskunft. Diese
Erklärung kränkte die junge Würde des Befehlshabers. Er machte lieblose
Anspielungen auf verdächtige Menschen und Spione und schrie seiner Wache zu, ins
Gewehr zu treten. Fünf junge Männer in blauen Pikeschen stürzten aus dem Hause,
stellten sich in Linie auf und wurden mit einem Aufwand von Kommandowörtern
befehligt, ihre Gewehre bereit zu halten. Anton sprang unwillkürlich zwischen
die Blauröcke und seinen Prinzipal. Indes änderte der Herr mit dem grossen Säbel
seinen mörderischen Entschluss, als der Kaufmann mit Gemütsruhe an dem Pfosten
stehenblieb, um die er die Zügel geschlungen hatte. Der Befehlshaber begnügte
sich, ihn nochmals zu versichern, er halte ihn für höchst gefährlich und sei
sehr geneigt, ihn als Verräter zu füsilieren.
    Der Kaufmann zuckte mit den Achseln und sagte in ruhiger Höflichkeit: »Sie
sind durchaus im Irrtum über den Zweck unserer Reise. Sie können uns nicht im
Ernst für Spione halten, denn wir haben uns durch einen Ihrer Landsleute gerade
zu Ihnen führen lassen, um durch Ihre Güte ein Geleit nach der Hauptstadt zu
bekommen. Ich bitte Sie nochmals, uns nicht aufzuhalten, da unsere Geschäfte bei
der Kommandantur dringend sind, und ich Sie für Ihre unnütze Verzögerung unserer
Reise verantwortlich machen müsste.« Der Kommandeur fing nach dieser Rede von
neuem an zu wettern, er schnaubte heftig gegen den Kaufmann und Anton, trank
endlich ein grosses Glas Branntwein und fasste einen Entschluss. Er rief drei
seiner Leute und befahl ihnen, sich mit den Reisenden aufzusetzen und dieselben
nach der Hauptstadt zu transportieren. Ein neues Strohbund wurde in den Wagen
geworfen, zwei konfiszierte Burschen nahmen mit ihren Gewehren Platz hinter den
Reisenden, vor ihnen setzte sich ein weissröckiger Bauer auf den Kutschersitz,
ergriff die Zügel und fuhr gleichgültig seine Ladung, Verdächtige, Patrioten und
alles, im Galopp nach der Hauptstadt.
    »Unsere Lage hat sich verschlechtert«, sagte Anton, »fünf Mann auf dem
kleinen Wagen, und die armen Pferde sind ermüdet.«
    »Ich sagte Ihnen, dass unsere Reise einige Unbequemlichkeiten haben würde«,
antwortete der Kaufmann. »Die Menschen sind nie lästiger, als wenn sie Soldaten
spielen. Übrigens ist diese Bewachung kein Unglück, wir werden wenigstens bei
solcher Empfehlung in die Stadt gelassen werden.«
    Es war Abend, als sie in der Nähe der Stadt ankamen. Ein rötlicher Schein am
Himmel bezeichnete schon aus der Ferne das Ziel ihrer Fahrt, dann zahlreiche
bewaffnete Banden, welche in die Stadt hinein-oder von ihr herzogen. Darauf
folgte ein langer Aufentalt an dem Tore, ein Durcheinander von Fragen und
Antworten, Beleuchtung der Reisenden durch Laternen und brennende Kienspäne,
feindselige Blicke und unverständliche Drohungen, endlich eine lange Fahrt durch
die Strassen der alten Hauptstadt. Um sie herum bald Totenstille, bald ein wildes
Geschrei zusammengelaufener Menschen, doppelt unheimlich, wenn die Worte den
Hörenden unverständlich waren.
    Zuletzt lenkte der Kutscher auf einen Marktplatz und hielt vor einem
stattlichen Hause. Die Reisenden wurden durch ein Gedränge bunter Uniformen,
beschnürter Röcke und heller Kittel gezogen und eine breite Treppe
hinaufgedrängt. Dort stiess man sie in ein grosses Zimmer und stellte sie einem
Herrn mit weissen Glacehandschuhen gegenüber, welcher in einen schriftlichen
Rapport sah und ihnen kurz ankündigte, dass sie nach dem Bericht des
Stationskommandanten der Spionage verdächtig wären und vor einem Kriegsgericht
verhört werden sollten. Der Kaufmann antwortete sogleich mit kräftigem Unwillen:
»Dann bedaure ich, dass Ihr Untergebener eine grosse Unwahrheit gemeldet hat, denn
wir haben die Reise bei hellem Tage auf der grossen Landstrasse bis hierher
gemacht, in der bestimmten Absicht, ihren Kommandierenden zu sprechen; mein sind
die Pferde und mein der Wagen, welche mich vor dieses Haus gebracht haben, und
es war eine überflüssige Höflichkeit Ihres Stationskommandanten, dass er mir
solche Begleitung mitgegeben hat. Ich wünsche den Herrn, welcher hier befehligt,
so bald als möglich zu sehen, nur ihm werde ich den Zweck meiner Reise
mitteilen; haben Sie die Güte, ihm meinen Pass einzuhändigen.«
    Der Herr sah in den Pass und frug mit mehr Rücksicht auf Anton blickend:
»Aber dieser Herr? Er hat das Aussehen eines Offiziers Ihrer Armee.«
    »Ich bin ein Kommis des Herrn Schröter«, erwiderte Anton mit einer
Verbeugung, »und durch und durch zivil.«
    »Warten Sie«, sprach der junge Mann von oben herab und ging mit dem Pass in
ein Nebenzimmer.
    Da er einige Zeit ausblieb, und niemand die Reisenden hinderte, setzten sie
sich auf eine Bank und nahmen die sicherste Miene an, welche ihnen möglich war.
Anton warf einen besorgten Blick auf seinen Prinzipal, welcher finster vor sich
nieder sah, und betrachtete dann verwundert seine Umgebung. Es war ein hohes
Zimmer, die Decke mit Stickerei und Malerei verziert, die Wände verräuchert und
beschmutzt, Tische, Stühle und Bänke standen unordentlich umher, sie schienen
aus einem Schenkhause herzugeschleppt; an den Tischen beugten sich einige
Schreiber über ihre Papiere, und an den Wänden sassen und lagen Bewaffnete, sie
schliefen oder sprachen laut miteinander, zum Teil in französischer Sprache. Das
heruntergekommene Zimmer in der trüben Beleuchtung machte auf Anton keinen
ermutigenden Eindruck, und leise sagte er zu dem Kaufmann: »Wenn Revolution so
aussieht, sieht sie hässlich genug aus.«
    »Sie verwüstet immer und schafft selten Neues. Ich fürchte, die ganze Stadt
gleicht dieser Stube. Die gemalten Wappen an der Decke, und die schmutzige Bank,
auf der wir sitzen, wenn solche Gegensätze zusammenkommen, dann darf ein
ehrlicher Mann sein Kreuz schlagen. Der Adel und der Pöbel sind jeder einzeln
schlimm genug, wenn sie für sich Politik treiben; sooft sie sich aber
miteinander vereinigen, ruinieren sie sicher das Haus, in dem sie
zusammenkommen.«
    »Die Vornehmen sind uns unbequemer«, sagte Anton, »ich lobe mir unsern
Krakusen, der war ein höflicher Insurgent, und er hatte ein Herz für ein
Achtgroschenstück; die Herren hier aber verfahren durchaus nicht
geschäftsmässig.«
    »Warten wir ab«, sprach der Prinzipal.
    Eine Viertelstunde war vergangen, da trat ein junger Mann von schlankem
Wuchs und stattlichem Aussehen, gefolgt von dem Herrn mit den weissen Händen, aus
dem Nebenzimmer, schritt artig auf den Kaufmann zu und sagte mit lauter Stimme,
so dass auch die Schläfer auf den Bänken ihn hören mussten: »Ich freue mich, Sie
hier zu sehen, ich habe so etwas erwartet; haben Sie die Güte, mir mit Ihrem
Begleiter zu folgen.«
    »Wetter! Unsere Aktien steigen«, dachte Anton. Sie folgten dem
majestätischen Redner in ein kleines Eckzimmer, welches gewissermassen das
Boudoir des Hauptquartiers war; denn es stand eine Ottomane darin, weich
gepolsterte Sessel, und ein zierlicher Schreibtisch von seltenem Holz.
Verschiedene Anzüge und Uniformstücke hingen unordentlich über den Möbeln, und
auf dem Tisch lag neben Papieren ein niedliches, kostbar ausgelegtes
Taschenterzerol mit zwei Läufen und ein grosses Petschaft von buntem Stein in
Gold eingefasst.
    Während Anton die Beobachtung machte, dass es in dem Raum sehr elegant, aber
auch sehr unordentlich aussah, sagte der junge Chef mit etwas mehr Haltung und
etwas weniger Zärtlichkeit zu dem Kaufmann: »Sie sind durch ein Missverständnis
rauher Behandlung ausgesetzt worden, wie Sie in unruhiger Zeit nicht immer zu
vermeiden ist; Ihre Begleiter haben Ihre Angaben bestätigt. Ich ersuche Sie, mir
mitzuteilen, was Sie zu uns führt.« Der Kaufmann berichtete kurz, aber genau den
Zweck seiner Reise, nannte die Namen seiner Geschäftsfreunde am Ort und berief
sich auf sie zur Bestätigung seiner Aussage.
    »Ich kenne den einen oder andern dieser Herren«, antwortete der Kommandant
nachlässig. Er fixierte den Kaufmann scharf und frug nach einer Pause: »Haben
Sie mir nichts weiter mitzuteilen?«
    Der Prinzipal verneinte, aber der andere fuhr schnell fort: »Ich begreife
wohl, dass unsere ungewöhnliche Lage Ihrer Regierung verbietet, direkt mit uns in
Verbindung zu treten, und dass Sie, falls Sie irgendeinen Auftrag an uns haben,
die höchste Vorsicht beobachten müssen.«
    Lebhaft fiel ihm der Kaufmann ins Wort: »Bevor Sie weitersprechen,
versichere ich nochmals, als Mann von Ehre, dass ich nur in meinen
Angelegenheiten herkomme und dass diese Angelegenheiten nur die angegebenen sind.
Da ich aber aus Ihren Worten und aus manchem, was ich auf dem Wege gehört habe,
schliesse, dass Sie mich für einen Bevollmächtigten, gleichviel von wem, halten,
so fühle ich mich gezwungen, Ihnen zu sagen, dass ich in keinerlei Auftrag
hierher hätte reisen können, weil ein Auftrag, wie Sie zu erwarten scheinen,
unmöglich ist.«
    Der vornehme Häuptling sah sehr ernst vor sich nieder und sagte nach einem
Augenblick finsteren Schweigens: »Gleichviel, Sie sollen darunter nicht leiden.
- Der Wunsch, welchen Sie hier ausgedrückt haben, ist so ungewöhnlich, dass er
bei einer regulären Obrigkeit durchaus nicht erfüllt werden könnte; wenn uns
nicht vergönnt ist, Sie für einen Freund zu halten, so gebietet uns die Pflicht
der Notwehr, Sie und Ihr Eigentum als feindlich zu behandeln. Aber die Männer
meines Volkes haben, sooft sie zu den Waffen griffen, die verhängnisvolle Tugend
gehabt, auch andern einen grossen Sinn zuzutrauen und um ihrer selbst willen auch
da edel zu handeln, wo sie auf keinen Dank zu rechnen hatten. Seien Sie
überzeugt, dass ich, soviel an mir liegt, dazu beitragen werde, Ihr Eigentum frei
zu machen.«
    So sprach der Edelmann mit Selbstgefühl und in prächtiger Haltung, und Anton
fühlte lebhaft, dass etwas wahrhaft Edles aus den Worten hervorleuchtete, aber er
war schon zu sehr Geschäftsmann, um sich solchem Eindruck ganz hinzugeben, und
ein recht gemeines Bedenken fiel als Reif auf die aufkeimende Bewunderung. »Er
verspricht uns Hilfe und hat sich noch nicht einmal überzeugt, ob das in der Tat
unser Eigentum ist, was wir aus seiner Stadt herausziehen wollen.«
    »Leider bin ich nicht so souverän«, fuhr der Anführer fort, »dass ich Ihnen
ohne weiteres Ihr Verlangen erfüllen kann. Indes hoffe ich, Ihnen auf morgen
einen Freipass für Ihre Wagen durchzusetzen. Vor allem suchen Sie selbst zu
ermitteln, wo Ihr Eigentum sich befindet; ich werde Ihnen einen meiner Offiziere
zum Schutz mitgeben. Morgen früh das Weitere.«
    Mit diesen Worten wurden die Reisenden huldreich entlassen, und Anton sah
beim Herausgehen, wie der Befehlshaber sich ermüdet in einen weichen Samtstuhl
setzte und mit gesenktem Haupte an dem Griff seines schönen Terzerols spielte.
    Ein kleiner Herr mit grosser Schärpe, fast noch ein Kind, aber von sehr
zuversichtlichem Wesen, begleitete die Reisenden aus dem Hause. Im Herausgehen
wurden sie von mehreren Anwesenden artig gegrüsst, und Anton sah, dass das
Vorzimmer sie noch immer für diplomatische Charaktere hielt. Der Offizier frug,
wohin er die Herren begleiten solle, sein Auftrag sei, sie nicht zu verlassen.
    »Zu unserm Schutz, oder zu unserer Bewachung?« frug Anton heiter, denn er
hatte jetzt guten Mut.
    »Sie werden mir keine Veranlassung geben, mich als Ihren Aufseher zu
betrachten«, antwortete der kleine Krieger in elegantem Französisch.
    »Nein«, sagte der Kaufmann, mit Teilnahme auf den Jüngling blickend, »aber
wir werden Sie ermüden, denn wir haben noch heute sehr uninteressante und
gewöhnliche Geschäfte abzumachen.«
    »Ich tue nur meine Pflicht«, antwortete mit stolzer Haltung der Führer,
»wenn ich Sie begleite, wohin Sie irgend wünschen.«
    »Und wir die unsere, wenn wir eilen«, sagte der Kaufmann.
    So schritten die Reisenden durch die Strassen der Stadt. Die Nacht war
eingebrochen, aber unter ihrem Mantel wurde das wüste Treiben noch peinlicher.
Haufen des niedrigsten Pöbels, Patrouillen des Heeres, Scharen von flüchtigen
Landbewohnern drängten sich schreiend, fluchend, singend durcheinander; viele
Fenster waren erleuchtet, und der Lichterglanz verbreitete über den Strassen ein
schattenloses, gespenstiges Licht. Über die Häuser wälzten sich dicht geballte
rötliche Wolken, es brannte in einer Vorstadt, und der Wind trieb Schwärme
goldener Funken und lohende Holzsplitter über die Häupter der Reisenden. Dazu
heulten die Glocken der Türme mit schauerlicher Stimme eintönigen Klagegesang.
Die Reisenden eilten schweigend durch das Gedränge, die trotzigen Worte ihres
Begleiters öffneten ihnen einen Weg auch durch drohende Haufen. So kamen sie zu
dem Hause, in welchem der Agent der Handlung wohnte. Das Haus war verschlossen,
und lange mussten sie pochen, bis ein Fenster geöffnet wurde und eine ängstliche
Stimme in den Strassenlärm hinunterrief, wer da sei?
    Als sie eintraten, lief ihnen der Agent händeringend entgegen und fiel dem
Kaufmann weinend um den Hals. Die Gegenwart des jungen Insurgenten verhinderte
ihn, seinen Gefühlen Wort zu geben; er öffnete den Ankommenden seine Zimmer und
bat mit kläglicher Stimme um Entschuldigung wegen der übergrossen Unordnung.
Koffer und Kisten waren gepackt, Frauen und Dienstboten liefen ängstlich ab und
zu, versteckten hier silberne Leuchter und packten dort wieder silberne Löffel
aus. Unterdes rang der Hausherr unaufhörlich die Hände, lief in der Stube auf
und ab, beklagte sein Unglück und das Unglück der Handlung, segnete und
bedauerte die Ankunft des Chefs in einem Atemzuge und versicherte dazwischen dem
jungen Krieger mit gepresster Stimme, dass auch er ein Patriot sei, und dass nur
ein unbegreifliches Versehen des Dienstmädchens die Kokarde von seiner Hausmütze
abgetrennt habe. Es war ersichtlich, dass der Mann und seine ganze Familie den
Kopf verloren hatten. Mit Mühe und nur durch ernste Worte brachte ihn der
Kaufmann so weit, dass er ihm in einer Fensterecke über den Stand der Geschäfte
Auskunft gab. Die Frachtwagen waren in der Stadt angekommen, gerade an dem Tag,
an welchem der Tumult anfing. Durch die Vorsicht eines Fuhrmanns waren sie in
dem grossen Hofraum einer entlegenen Herberge untergebracht worden; was seit der
Zeit aus dem Transport geworden war, wusste der Agent nicht.
    Nach kurzer Unterredung sagte der Kaufmann: »Ihre Gastfreundschaft nehmen
wir heute nacht nicht in Anspruch, wir werden dort schlafen, wo unsere Wagen
sind.« Alle Einwendungen des Agenten wurden mit Entschiedenheit zurückgewiesen.
Der ehrliche, aber schwache Mann schien wahrhaft bekümmert über die neuen
Gefahren, denen sich sein Geschäftsfreund aussetzen wollte.
    »In der Frühe hole ich Sie ab«, sagte der Kaufmann beim Scheiden; »ich
beabsichtige morgen mit meinen Wagen abzureisen, vorher werde ich bei unsern
Kunden einige Besuche machen, die, wie Sie wissen, notwendig sind, dabei wünsche
ich Ihre Begleitung.« Der Agent versprach, bei Tageslicht alles mögliche zu tun.
    So traten die Reisenden wieder in die Nacht hinaus, geleitet von dem Polen,
welcher mit Verachtung die halblaute Verhandlung angehört hatte. Auf der Strasse
sagte der Prinzipal, seine Zigarre unwillig wegwerfend, zu Anton: »Unser Freund
wird uns wenig nützen, er ist hilflos wie ein Kind. Er hat versäumt, im Anfang
dieser wilden Tage seine Pflicht zu tun, Gelder einzuziehen und Deckung für
unsere Forderungen zu suchen.«
    »Und jetzt wird niemand den Willen haben«, sagte Anton bekümmert, »uns weder
Zahlung zu leisten, noch Deckung zu geben.«
    »Und doch müssen wir das morgen durchsetzen, und Sie sollen mir dabei
helfen. Bei Gott, solche kriegerische Krämpfe sind für den Verkehr ohnedies
unbequem genug, sie lähmen jede nützliche Tätigkeit des Menschen, und doch ist's
diese allein, welche ihn davor bewahrt, ein Tier zu werden. Wenn aber ein
Geschäftsmann sich noch mehr stören lässt, als nötig ist, so begeht er ein
Unrecht gegen die Zivilisation, ein Unrecht, das gar nicht wiedergutzumachen
ist.«
    So kamen sie in einen Stadtteil, in welchem leere Strassen und die
Totenstille um sie herum noch unheimlicher gegen den fernen Lärm und die Röte am
Himmel abstachen. Endlich machten sie halt vor einem niedrigen Gebäude mit
grossem Torwege. Sie traten ein und sahen in die Wirtsstube, einen schmutzigen
Raum mit geschwärzten Deckbalken, in welchem sich auf Holzbänken und Tischen
schreiende und Branntwein trinkende Patrioten drängten. Der junge Offizier trat
auf die Schwelle und rief nach dem Wirt. Eine dicke Figur mit rotglühendem
Gesicht tauchte aus dem Dampf eines Schenktisches hervor. »Im Namen der
Regierung Zimmer für mich und meine Begleiter«, forderte der andere. Widerwillig
ergriff der Wirt ein verrostetes Schlüsselbund und ein Talglicht und führte die
Fremden in den Oberstock, dort öffnete er ein dumpfiges Zimmer und erklärte
mürrisch, er habe keine andere Gaststube.
    »schafft uns ein Abendbrot und eine Flasche von Eurem besten Wein«, sagte
der Kaufmann, »wir bezahlen Euch gut und auf der Stelle.«
    Solche Andeutung verbesserte die Stimmung des dicken Gastwirts sichtlich, er
kam sogar auf den unglücklichen Einfall, höflich auszusehn. Jetzt frug der
Kaufmann nach den Fuhrleuten und nach den Wagen. Diese Fragen kamen dem Wirt
quer. Zuerst versuchte er gar nichts zu wissen und behauptete, es seien viele
Wagen in seinem Hofe aufgefahren, und es seien wohl auch Fuhrleute da, er kenne
sie nicht.
    Vergebens versuchte der Kaufmann ihm den Zweck seiner Herkunft verständlich
zu machen, der Wirt blieb verstockt und verfiel wieder in mürrische Grobheit,
bis der junge Pole dazwischentrat und dem Kaufmann bemerkte, mit solchen Leuten
müsse man anders reden. Er stellte sich vor den Wirt, bezeichnete ihn mit
mehreren Hundenamen und versprach ihn auf der Stelle arretieren und abführen zu
lassen, wenn er nicht die genaueste Auskunft gebe.
    Der Wirt sah scheu auf den Offizier und erbot sich endlich, fortzugehen und
einen der Fuhrleute heraufzuschicken.
    Kurz darauf polterte eine lange Gestalt mit braunem Filzhut die Treppe
herauf, stutzte beim Anblick des Kaufmanns und erklärte endlich mit erzwungener
Freundlichkeit, er sei da.
    »Wo stehn die Wagen, wo sind die Frachtbriefe?«
    Die Wagen waren im Hofe der Herberge aufgefahren, die Frachtbriefe kamen
zögernd aus der schmutzigen Ledertasche des Fuhrmanns.
    »Ihr steht mir dafür, dass Eure Ladung vollständig und unversehrt ist?« frug
der Kaufmann.
    Missvergnügt antwortete der Filzhut, er könne dafür nicht stehen. Die Pferde
des Transports seien ausgespannt und in einem versteckten Stall verborgen, damit
sie nicht von der Regierung mit Beschlag belegt würden; was von den Wagen
heruntergenommen sei, könne er nicht wissen und nicht vertreten, jede
Verantwortlichkeit höre bei solcher Unordnung auf.
    »Wir sind in einer Diebeshöhle«, sagte der Kaufmann zu seinem Begleiter;
»ich bitte um Ihre Hilfe, die Leute zur Ordnung zu bringen.«
    Andere Leute zur Ordnung zu bringen, war gerade, was der junge Pole für
seine Stärke hielt, denn er nahm lächelnd eine Pistole in die Hand und sagte
verbindlich zu Anton: »Tun Sie wie ich und haben Sie die Güte, mir zu folgen.«
Darauf fasste er den Fuhrmann beim Kragen wie einen erschossenen Hasen und
schleppte ihn die Treppe hinunter in den Hausflur. - »Wo ist der Wirt?« rief er
mit möglichst furchtbarer Stimme. »Der Hund von Wirt und eine Laterne!« Als die
Laterne endlich gebracht wurde, führte er den ganzen Zug, die Fremden, den
gefangenen Fuhrmann, den dicken Wirt und was bei dem Lärm sonst zusammengelaufen
war, in den Hof. Dort stellte er sich mit seinen Gefangenen als Mittelpunkt
eines Kreises auf, widmete dem Wirt noch einige Hundesöhne, schlug seinen
Fuhrmann mit dem Kolben der Pistole auf den Kopf und sagte dann dem Kaufmann
artig in französischer Sprache: »Der Schädel dieses Burschen klingt merkwürdig
hohl, was wünschen Sie zunächst von diesen Tröpfen?« - »Haben Sie die Güte, die
Fuhrleute zusammenzurufen.«
    »Gut«, sagte der Pole, »und dann?«
    »Dann will ich die Ladung der Wagen untersuchen, wenn das in der Finsternis
möglich ist.«
    »Möglich ist alles«, sagte der Pole, »wenn Sie sich die Unbequemlichkeit
machen wollen, bei Nacht diese alte Leinwand zu durchforschen. Ich würde Ihnen
zu einer Flasche Sauternes raten und zu einigen Stunden Ruhe. Man muss in solchen
Zeiten die Gelegenheit nicht versäumen, sich zu stärken.«
    »Ich würde es vorziehen, auf der Stelle die Wagen anzusehn«, antwortete der
Kaufmann lächelnd, »wenn Sie nichts dagegen haben.«
    »Ich bin im Dienst«, sagte der Pole, »also frisch ans Werk, es sind Hände
genug hier, um Ihnen die Lichter zu halten. - Ihr gottverdammten Schurken«, fuhr
er polnisch fort, wieder den Fuhrmann knuffend und den Wirt bedrohend, »ich
führe euch alle zusammen ab und lasse Standrecht über euch halten, wenn ihr
nicht auf der Stelle die übrigen Fuhrleute dieses Herrn vor meine Augen schafft.
Wieviel sind ihrer?« frug er französisch den Kaufmann. »Es sind vierzehn Wagen«,
erwiderte dieser.
    »Vierzehn müssen's sein«, donnerte der Pole wieder die Leute an, »der Teufel
soll all euren Grossmüttern das Ärgste tun, wenn ihr euch nicht auf der Stelle
vor diesem Herrn aufstellt.« Mit Hilfe eines alten Hausknechts wurde endlich
etwa ein Dutzend der Fuhrleute herbeigeschaft, zwei waren nicht aufzutreiben;
der Wirt gestand endlich, sie hätten sich dem Heere der Patrioten angeschlossen.
    Der Pole schien nicht viel Wert auf diesen Patriotismus zu legen. Er sprach
zum Kaufmann gewandt: »Hier haben Sie die Leute, sehen Sie nach der Ladung; wenn
auch nur ein Stück fehlt, lasse ich über die ganze Gesellschaft Standrecht
halten.« dabei setzte er sich nachlässig auf eine Wagendeichsel und drehte die
Spitzen seiner beschmutzten Glanzstiefel beim Licht der Laterne hin und her.
    Eine Anzahl Laternen, auch einige Fackeln wurden gebracht, und auf einige
ermutigende Worte des Kaufmanns stiegen die Fuhrleute in die Wagenburg, welche
in dem grossen Hofe aufgefahren war, rollten einige leere Wagen beiseite und
eröffneten den Zugang zu ihrer Ladung. Die meisten waren schon früher im
Geschäft des Kaufmanns gewesen und kannten ihn und Anton persönlich, einige
zeigten sich dienstfertig und gutwillig, und während der Kaufmann den
verständigsten unter ihnen vornahm und ausfrug, untersuchte Anton, soweit es in
der Eile möglich war, die Beschaffenheit der Ladung, welche zumeist aus Wolle
und Talg bestand. Einige Wagen waren unbeschädigt, der eine war ganz abgeladen,
mehrere andere ihrer Decken beraubt und teilweise geplündert. Der Kaufmann trat
zu dem jungen Polen: »Es ist so, wie wir annahmen«, sagte er, »der Wirt hat
einige von den Fuhrleuten überredet, da jetzt Revolution sei, hätten ihre
Verpflichtungen aufgehört; sie haben angefangen, die Ladung in einem
Nebengebäude abzuladen. Kamen wir einen Tag später, so war alles ausgeräumt. Der
Wirt und einige Spiessgesellen waren die Anstifter, ein Teil der Fuhrleute ist
durch Drohungen eingeschüchtert worden.«
    Aus diesen Bericht folgte eine neue Auflage von Donnerwettern aus dem Munde
der kleinen Autorität; der Wirt, von dessen Gesicht alle Röte verschwunden war,
lag vor dem Offizier auf den Knien und wurde von diesem bei den Haaren
festgehalten und in gefährlicher Weise zerzaust. Unterdes warf sich Anton mit
einigen Fuhrleuten gegen die verschlossene Remise, schlug das Tor auf und
beleuchtete die Wollsäcke und die übrigen gestohlenen Güter.
    »Lassen Sie die Leute aufladen, sie mögen zur Strafe die Nacht arbeiten«,
sagte der Kaufmann. Nach einigem Widerspruch fügten sich die Fuhrleute, besiegt
durch eine Mischung von Drohungen und Versprechungen. Der Pole trieb die
betrunkenen Gäste der Wirtsstube aus dem Hause, liess das äussere Tor schliessen
und alles Beleuchtungsmaterial des Hauses in den Hof schaffen. Darauf zog er den
Hauswirt unter fortgesetztem freundschaftlichem Haarraufen nach dem oberen
Stock, liess ihn dort durch einige hilfreiche Patrioten mit grossen Kokarden,
welche unter den Gästen der Wirtsstube gewesen waren, an einem Bettpfosten
befestigen und kündigte ihm an, dass er diese Nacht auf kein anderes Verhältnis
zu seiner Bettstelle Anspruch habe. »Im Fall die Waren vollständig aufgefunden
und aus deinem Hause geschafft werden, wirst du Verzeihung erhalten; im
entgegengesetzten Fall werde ich Gericht über dich halten und dich erschiessen
lassen.«
    Unterdes klirrte und rasselte es im Hofraum, und Menschenstimmen schrien
eifrig durcheinander. Anton liess die Wagen belasten und die Ladung festmachen.
In dem Eifer der Arbeit sah er kaum um sich und dachte nur auf Augenblicke an
die fremdartige Umgebung und das Abenteuerliche dieser Szene. Es war ein grosser
viereckiger Hofraum, von niedrigen verfallenen Holzgebäuden, Ställen und
Wagenschuppen eingefasst, mit zwei Einfahrten, durch die Herberge selbst und ein
gegenüberliegendes Tor; ein Raum von mehreren Morgen Ausdehnung, wie sie häufig
bei den Herbergen des östlichen Europas zu finden sind, welche an grossen
Verkehrsstrassen liegen und wie die Karawansereien des Morgenlandes bestimmt
sind, grossen Wagentransporten und einer schnell zusammenströmenden Menge
notdürftigen Schutz zu geben. Alle Arten von Wagen waren in dem Hofe in grossem
Viereck zusammengefahren, es war ein Gewirr von Leitern, Deichseln, Rädern, von
grossen geflochtenen Weidenkörben und grauen Leinwanddecken, von Heu- und
Strohbündeln, alten Pechbüchsen und tragbaren Futterkrippen. Ausser Stallaternen
und lodernden Kienfackeln leuchtete der rote Himmel, noch immer zogen die
Brandwolken, geballter Rauch und glühende Funken über die Häupter der Reisenden.
Das fremdartige Dämmerlicht beleuchtete hier wenigstens ein Werk des Friedens.
Die Fuhrleute arbeiteten eifrig unter lautem Zuruf; ein Haufen dunkler Gestalten
verschwand bald im Schatten der Frachtwagen und Ballen, bald sprang er auf die
Höhe der Wagen, und die lebhaften Gestikulationen der Arbeitenden gaben ihnen in
dem roten Licht das Aussehen von Wilden, welche ein unbekanntes nächtliches Werk
ausführen.
    Der Kaufmann ging zwischen dem Hof und Gastzimmer ab und zu, vergebens bat
ihn Anton, sich doch einige Stunden Ruhe zu gönnen. »Für uns ist heut keine
Nacht zum Schlafen«, sagte er finster, und Anton sah in dem düstern Blick seines
Prinzipals die Entschlossenheit eines Mannes, der bereit ist, alles
daranzusetzen, um seinen Willen durchzuführen.
    Es war gegen Morgen, als der letzte riesige Wollsack mit Ketten und Stricken
hoch oben auf dem Wagen befestigt war. Anton, der selbst Hand angelegt hatte,
glitt herunter und meldete seinem Prinzipal: »Wir sind fertig.«
    »Endlich«, antwortete der Kaufmann tief aufatmend und ging hinauf in das
Zimmer, um dies seinem freundlichen Begleiter anzuzeigen. Dieser hatte die Nacht
auf seine Weise zugebracht; zuerst liess er sich das Abendbrot und den Wein,
welchen entsetzte Dienstmädchen auf seine Forderung heraufschaften, sehr wohl
schmecken und behielt noch Zeit, eine wie die andere vornehm um die Taille zu
fassen und ihnen einige aufmunternde Worte zu gönnen. Dann betrachtete er die
unsaubern Betten und streckte sich endlich mit einem französischen Fluch auf
einem derselben aus, sah gleichgültig in das zusammengezogene Gesicht des
tückischen Wirtes, der ihm gegenüber auf dem Boden sass, starrte die Zimmerdecke
an und sagte dem Kaufmann, welcher einige Male in die Stube trat, schon in
halbem Schlummer Artigkeiten über seine Fertigkeit, die Nächte ohne Schlaf
hinzubringen. Endlich schlief er fest ein. Wenigstens fand ihn der Kaufmann am
Morgen hingestreckt auf der groben Leinwand, das feine Gesicht von langem
schwarzen Haar eingefasst, die kleinen Hände verschlungen, ein freundliches
Lächeln um seinen Mund. So war er mit seiner Umgebung kein unpassendes Bild der
Aristokratie seines Stammes, er selbst ein vornehmes Kind mit den Leidenschaften
und vielleicht mit den Sünden eines Mannes, und ihm gegenüber auf dem Fussboden
die rohe Gestalt des gefesselten Plebejers, der sich den Anschein gab, ebenfalls
zu schlafen, aber oft mit bösem Blick auf den Liegenden hinschielte.
    Der Aristokrat sprang auf, als der Kaufmann an sein Bett trat, er öffnete
das Fenster und sagte: »Guten Tag! Es ist Morgen, ich habe exzellent
geschlafen.« Darauf rief er eine vorbeiziehende Patrouille an, erklärte dem
Führer kurz das Sachverhältnis, übergab ihm die Reste des Abendessens und den
Wirt und befahl ihm ohne weiteres, mit seinen Leuten im Hause Wache zu halten,
bis er selbst zurückkehre. Dann trug er den Fuhrleuten auf, die Pferde
anzuschirren, und führte die Reisenden hinaus in das Dämmerlicht eines
unheimlichen Tages.
    Auf dem Wege zum Agenten sagte der Kaufmann zu Anton: »Wir teilen uns die
nötigsten Besuche; sagen Sie unsern Kunden, dass wir durchaus nicht
beabsichtigen, sie zu drücken, dass sie bei Wiederherstellung einiger Ordnung auf
die grösste Nachsicht und Schonung rechnen können, ja unter Umständen auf eine
Erweiterung ihres Kredits, jetzt aber und vor allem verlangen wir Sicherheiten.
Wir werden in diesem Wirrwarr nicht viel abmachen, aber dass die Herren heut
durch uns selbst an unsere Firma erinnert werden, das ist die Hälfte unsrer
Aussenstände wert.« Leiser fügte er hinzu: »Diese Stadt ist ihrem Schicksal
verfallen, wir werden in der nächsten Zukunft hier wenig Geschäfte machen,
denken Sie daran und seien Sie fest.« Und zum Polen gewendet sagte er: »Ich
bitte Sie, meinem Gefährten zu erlauben, dass er in Begleitung des Agenten einige
Geschäftswege gehe.«
    »Wenn Ihr Agent mir mit seiner Person für die Rückkehr dieses Herrn haften
will«, erwiderte der Pole zögernd, »so mag es geschehen.«
    Das Tageslicht hatte seine schöne Eigenschaft, den Blumen Farbe und den
Furchtsamen Mut zu geben, auch an dem Agenten bewährt. Er erklärte sich bereit,
mit Anton auszugehn. Unter dem Schutz der grossen Kokarde, welche der Agent am
Hute trug, eilte Anton von Haus zu Haus, er selbst bleich nach der ruhelosen
Nacht, aber mit entschlossenem Herzen. Überall wurde er mit Staunen empfangen,
welches nicht immer frei von Bestürzung war: Wie man in solcher Zeit daran
denken könne, Geschäfte abzuwickeln, zwischen Waffenlärm und Sturmgeläut und in
der Todesangst um eine furchtbare Zukunft?
    Anton erwiderte kaltblütig: »Unsere Handlung ist nicht gesonnen, sich um den
Kriegslärm zu kümmern, wo sie nicht dazu gezwungen wird; jede Zeit ist gut
genug, um Verpflichtungen zu erfüllen; wenn für uns die Zeit war, hierher zu
kommen, so ist auch für Sie Zeit, mit mir zu verhandeln.« Durch solche und
ähnliche Vorstellungen gelang es ihm doch, hier und da ein bestimmtes
Versprechen, Anerbietungen, ja sogar einige Deckung zu erlangen.
    Nach einigen Stunden angestrengter Arbeit traf Anton in der Wohnung des
Agenten wieder mit seinem Prinzipal zusammen. Als er Bericht abgestattet hatte,
sagte der Kaufmann, ihm die Hand reichend: »Wenn wir noch unsere Wagen glücklich
aus der Stadt bringen, haben wir so viel durchgesetzt, dass wir die
unvermeidlichen Verluste an diesem Ort wohl ertragen können. Jetzt auf die
Kommandantur!« - Er gab dem Agenten noch Instruktion und sagte ihm beim Abschied
leise: »In wenigen Tagen werden unsere Truppen einrücken, ich nehme an, dass Sie
bis dahin Ihr Haus nicht verlassen. Dann sehen wir uns wieder.«
    Der Agent rief mit aufgehobenen Händen den Schutz aller Himmlischen auf die
Reisenden herab, verschloss und verriegelte hinter ihnen die Haustüre und
versteckte seine revolutionäre Kokarde in dem Ofen.
    Die Reisenden eilten unter Führung des Polen mit schnellen Schritten durch
das Gewühl. Wieder hatten sich die Strassen gefüllt, wieder zogen Scharen
Bewaffneter an ihnen vorüber, der Pöbel war wilder und aufgeregter, und das
Geschrei war noch grösser, als am Abend zuvor. Es wurde an die Häuser gedonnert
und Einlass verlangt, Branntweinfässer wurden auf die Pflastersteine gerollt und
von dichten Haufen trunkener Männer und Weiber umdrängt, alles kündigte an, dass
die befehlende Macht nicht stark genug war, die Strassendisziplin
aufrechtzuerhalten. Auch im Hause der Kommandierenden war ein unruhiges Treiben,
Bewaffnete eilten zu und ab, und die Botschaft, welche sie brachten, musste
ungünstig sein, denn in dem grossen Vorzimmer wurde mit halblauter Stimme viel
geflüstert, und unruhige Erwartung lag auf allen Gesichtern.
    Der junge Pole wurde bei seinem Eintritt von seinen Freunden umdrängt und in
eine Ecke gezogen. Nach hastigen Fragen fasste er ein Gewehr, rief einige beim
Namen und verliess das Zimmer, ohne sich weiter um die Reisenden zu bekümmern.
    Der Kaufmann und Anton wurden in das Nebenzimmer gewiesen. Dort empfing sie
der junge Befehlshaber. Auch er war bleich und niedergeschlagen, aber hatte doch
die Haltung eines vornehmen Mannes, als er den Kaufmann anredete: »Ich habe
Ihren Wunsch befürwortet, hier ist ein Passierschein für Sie und Ihre Wagen; ich
bitte Sie, daraus zu entnehmen, dass wir die Bürger Ihres Staates rücksichtsvoll
zu behandeln wünschen, mehr vielleicht, als die Pflicht der Selbsterhaltung
ratsam macht.«
    Der Kaufmann empfing das verhängnisvolle Papier mit glänzenden Augen: »Sie
haben mir eine ungewöhnliche Rücksicht bewiesen«, sagte er; »ich fühle mich
Ihnen tief verpflichtet und wünsche, dass es mir einst vergönnt sein möge, meine
Dankbarkeit Ihnen zu beweisen.«
    »Wer weiss«, antwortete der junge Befehlshaber mit trübem Lächeln, »wer alles
auf das Spiel setzt, kann auch alles verlieren.«
    »Vieles«, sagte der Kaufmann mit einer höflichen Neigung seines Hauptes,
»aber nicht alles, wenn man sich ehrlich Mühe gibt.«
    In diesem Augenblick drang ein dumpfer Ton in das Ohr der Sprechenden, ein
Geräusch, wie der Zug des heulenden Windes oder das Brausen der hereinstürzenden
Flut. Der Kommandierende stand unbeweglich und horchte. Plötzlich erklang ganz
in der Nähe ein misstönender Schrei aus vielen Kehlen, einzelne Schüsse folgten.
Anton, durch Nachtwachen und lange Spannung empfänglich gemacht für einen
Schauer, schrak zusammen, er sah, dass die Hand seines Prinzipals, welche den
Passierschein festielt, heftig zitterte. Da wurde die Tür des Kabinetts
aufgerissen, einige stattliche Männer stürzten herein, mit zerrissenen Kleidern,
die Waffen in der Hand, in den verstörten Gesichtern die Spuren des
Strassenkampfes, an ihrer Spitze der Führer der Reisenden.
    »Empörung!« rief der junge Pole seinem Befehlshaber zu, »sie suchen dich! -
Rette dich! - Ich halte sie auf.«
    Schnell wie der Gedanke sprang Anton zu seinem Prinzipal, er riss diesen mit
sich fort, und beide flogen durch das Vorzimmer die Treppe hinab in den
Hausflur. Hier stiessen sie auf einen Haufen Bewaffneter, welche sich noch einmal
gegen eine andrängende Volksmasse am Eingang des Hauses zu setzen suchten. Aber
so schnell die Reisenden auch waren, schneller noch glitt ihr Gefährte der
letzten Nacht die Treppe hinunter, flog an die Spitze seiner Freunde und warf
sich unter lautem Zuruf mit ihnen einem hereinbrechenden Pöbelhaufen entgegen.
Wild flogen die schwarzen Haare um sein entblösstes Haupt, und in seinem schönen,
jetzt so farblosen Angesicht glänzten die Augen von der unwiderstehlichen
Energie eines tapferen Mannes. »Zurück!« rief er mit heller Stimme dem wüsten
Volk zu und sprang wie ein Panter von den Stufen des Portals weit hinein in den
Haufen, mit flachen Schlägen seiner Klinge auf die Köpfe der Andrängenden
hauend. Die Volksmasse wich zurück, die Gefährten des Tapfern stellten sich
kampfbereit hinter ihm auf. Wieder ergriff Anton den Arm seines Prinzipals und
zog ihn aus dem Hause mit der Hast, welche dem Menschen nur dann wird, wenn er
widerstandslos einem mächtigen Triebe folgt. Schon waren sie hinter einem
Vorsprung des Hauses, da fiel ein Schuss, und mit Entsetzen sahen sie noch, dass
der junge Pole blutend auf den Rücken fiel, sie hörten seinen letzten Schrei:
»Die Kanaille!«
    »Zu den Wagen!« rief der Kaufmann und warf sich in eine enge Quergasse. Aus
der Ferne klangen noch einzelne Schüsse und das Geschrei der Uneinigen; sie
durchbrachen die Haufen neugieriger und erschreckter Einwohner, welche ihren
Lauf durch entlegene Strassen hinderten, und kamen atemlos, das Schlimmste
befürchtend, vor der Herberge an.
    Auch hier war die Empörung ausgebrochen. Die zurückgelassene Wache hatte den
Wirt losgebunden und sich schleunigst entfernt, als die Nachricht von dem Tumult
zu ihren Ohren gedrungen war. Jetzt füllte den Hof Zank und vielstimmiges
Geschrei. Der Wirt, unterstützt von einem Haufen Strassengesindel, verhandelte
heftig mit den Fuhrleuten. Ein Teil der Wagen war angespannt und zur Abfahrt
bereit, von andern war die Decke wieder heruntergerissen, ein Trupp der
Fuhrleute, offenbar die Minderzahl, stand davor und widersetzte sich dem
andringenden Wirt und seiner Bande. Es war eine verzweifelte Lage. Der Kaufmann
riss sich von Anton los, welcher ihn zurückhalten wollte, stürzte mitten in den
Haufen der Streitenden und rief, den Passierschein hochhebend, so laut er
konnte, in polnischer Sprache: »Haltet ein! Hier ist der Befehl des
Kommandanten, dass unsere Wagen die Stadt verlassen sollen. Wer sich widersetzt,
wird bestraft werden. Wir stehen unter dem Schutz der Regierung.«
    »Welcher Regierung? Du Schelm von einem Deutschen!« schrie der Wirt mit
kirschrotem Gesicht; »die alte Regierung gilt nicht mehr, die Verräter haben
ihren Lohn erhalten, und ihr Spione sollt gleichfalls hängen!« So drang er auf
den Kaufmann ein und hieb mit einem alten Säbel nach dem Haupt des Wehrlosen,
welcher ihm gegenüber stand.
    Unserm Anton grauste; aber wie der Mensch in den schrecklichsten Momenten
von abenteuerlichen Ideenverbindungen befallen wird, welche wie Sternschnuppen
durch die Finsternis eines empörten Gemütes schiessen, so erhielt auch ihm der
breite Rücken des Wirtes auf einmal eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Rücken
eines merkwürdig dicken Schulkameraden aus Ostrau, eines gutmütigen
Bäckersohnes, an dem er in vielen Balgereien den Knabenkunstgriff geübt hatte,
seinen Gegner durch einen gewissen Ruck und Druck von hinten platt auf die Erde
zu legen. Er sprang blitzschnell hinter den Wirt, fasste ihn mit der Stärke eines
Riesen am Genick, gab ihm den Ruck mit aller Kunst und schrie dabei
unwillkürlich: »Du Hanswurst!« - Der niedersausende Säbel verlor seine
gefährliche Richtung, er traf den Arm des Kaufmanns, zerschnitt den Rock und
drang in das Fleisch ein, das Blut färbte augenblicklich die weisse Leinwand,
welche durch den Schnitt blossgelegt wurde. Als der Dicke, wie ein Käfer
zappelnd, auf dem Rücken lag, hielt ihm Anton wieder die treue Pistole vor und
schrie in seiner verzweifelten Begeisterung: »Zurück, ihr Schufte, oder ich
schiesse ihn tot!«
    Diese schnelle Diversion bewirkte für den Augenblick mehr, als nach Lage der
Dinge zu hoffen stand: das Gesindel, welches der Wirt aus seiner Schenkstube
zusammengeholt hatte und welches zunächst in fremdem Interesse handelte, wich
zurück, und ein halbes Dutzend Fuhrleute drängte sich mit Radstangen und anderen
Angriffswerkzeugen um den Kaufmann und schrie jetzt ebensolaut, wie früher die
andern, dass dem fremden Herrn und den Wagen kein Leid geschehen solle. Der
Kaufmann rief: »Jagt das fremde Volk hinaus!« fasste selbst den Säbel, welcher
dem liegenden Wirt entfallen war, stürmte an der Spitze der Getreuen auf die
Helfer des Wirts ein und trieb diese durch den gepflasterten Hausflur. Die
Hartnäckigsten machten noch einen vergeblichen Versuch, sich in der Schenkstube
festzuhalten, aber einer nach dem andern ward aus dem Hause geworfen, dass sie
brüllend und fluchend davonliefen. Darauf wurde die Haustür geschlossen, und der
Kaufmann eilte nach dem Hof zurück, wo Anton noch immer vor dem
unverbesserlichen Wirt kniete und diesen am Aufstehen hinderte. Die übrigen
Fuhrleute hatten sich scheu zurückgezogen, der Kaufmann rief jetzt alle heran
und befahl: »Spannt an!« - Zu Anton sagte er: »Dies Haus müssen wir sogleich
verlassen. Besser auf dem Strassenpflaster, als in dieser Höhle.« -
    »Sie bluten«, rief Anton, bestürzt zu dem Arm des Kaufmanns aufblickend.
    »Es muss unbedeutend sein, ich kann den Arm bewegen«, antwortete der Kaufmann
schnell. »Öffnet das Hintertor, hinaus mit den Wagen! Vorwärts, ihr Männer! -
Einer der Fuhrleute wird Ihnen helfen, den Wirt festzuhalten.«
    »Und wo sollen wir hin?« frug Anton in englischer Sprache. »Sollen wir mit
den Wagen hinein in das Blutvergiessen der Strasse?«
    »Wir haben einen Passierschein und werden die Stadt verlassen«, erwiderte
der Kaufmann hartnäckig.
    »Man wird den Pass nicht respektieren«, rief Anton wieder und hielt dem
ungeduldigen Wirt seine Pistole an die Stirn.
    »Im schlimmsten Falle gibt es mehrere Herbergen in diesem Teile der Stadt,
jede andere wird eine bessere Zuflucht sein.«
    »Aber die Fuhrleute sind nicht vollzählig und haben zum Teil bösen Willen.«
    »Den bösen Willen einzelner bezwinge ich«, antwortete der Kaufmann finster;
»die Gespanne sind vollzählig, es fehlen nur die Knechte. Wer Pferde besass,
blieb bei seiner Pflicht. - Das Tor ist geöffnet, hinaus mit den Wagen!«
    Das hintere Tor führte auf einen offenen Platz, der mit Schutt und
Bausteinen bedeckt und von einzelnen ärmlichen Häusern umgeben war. Der Kaufmann
eilte an das Tor und trieb zur Abfahrt. Ein stämmiger Bursche kam von seinen
Pferden zur Unterstützung Antons herbei. Es waren angstvolle Momente. In der
Nähe des Hauses rangen Anton und sein Gehilfe mit dem liegenden Mann, und an der
Tür heulten die hässliche Frau des Liegenden und die beiden Dienstmädchen. Als
der erste Wagen durch das Hoftor hinausfuhr, wurde das Geschrei der Weiber
lauter, die Wirtin rief Mord und Hilfe, und die Mädchen ächzten um so
herzhafter, je eifriger der junge Fuhrmann ihnen versicherte, dem Herrn Wirt
solle kein Leid geschehen, wenn er nur ruhig liegenbleibe; und ihre Zeche würden
sie auch bezahlen.
    Da donnerten Kolbenschläge an das verschlossene Haustor, die Weiber stürzten
hin und öffneten; und so gross war die hoffnungslose Spannung der letzten
Augenblicke gewesen, dass Anton mit einer gewissen Befriedigung ein starkes
Kommando Bewaffneter in den Hof dringen sah. Er erhob sich vom Boden und liess
den Wirt los. Der Kaufmann aber ging langsam, mit wankendem Schritt wie ein
gebrochener Mann den Feinden entgegen, welche im entscheidenden Augenblick
seinen Willen hinderten.
    Der Anführer des Trupps, einer von den Wächtern, welche der junge Pole am
Morgen in die Herberge gerufen hatte, sagte zum Kaufmann: »Sie sind Gefangener
der Regierung, Sie und Ihre Waren dürfen die Stadt nicht verlassen.«
    »Ich habe einen Passierschein«, antwortete der Kaufmann mit heiserer Stimme
und griff nach der Brusttasche.
    »Das neue Kommando verbietet Ihnen die Abreise«, wiederholte der Bewaffnete
kurz.
    »Ich muss mich unterwerfen«, sprach der Kaufmann, er setzte sich mechanisch
auf eine Deichsel und fasste mit beiden Händen nach dem Wagenkorbe.
    Anton hielt den halb Bewusstlosen in seinen Armen und rief in der tiefsten
Empörung: »Wir sind in dieser Herberge zweimal beraubt worden, wir waren in
Gefahr, getötet zu werden, mein Begleiter ist verwundet, wenn Ihre Regierung uns
und die Wagen zurückhalten will, so schützen Sie wenigstens unser Leben und
diese Güter, welche uns gehören. In dieser Herberge können die Wagen nicht
bleiben, und wenn Sie uns von den Wagen trennen und fortführen, so wird
Plünderung und Zerstörung derselben noch schwerer zu verhüten sein.«
    Die Bewaffneten traten zusammen und hielten Rat; der Anführer rief endlich
auch Anton. Nach langem Verhandeln wurde bestimmt, die Wagen in eine nahe
gelegene Herberge von ähnlicher Beschaffenheit, aber etwas besserem Charakter zu
geleiten. Anton erhielt die Erlaubnis, mit dem Kaufmann unter Bewachung in
demselben Gastofe zu bleiben, bis weiteres über sie beschlossen würde. Der
Kaufmann hatte unterdes an die Leinwand des Wagens gelehnt teilnahmslos
dagesessen. Anton teilte ihm schnell das Resultat der Unterhandlungen mit.
    »Wir müssen es ertragen«, sprach der Prinzipal langsam und versuchte mit
Mühe sich zu erheben. »Fordern Sie unsre Rechnung von dem Wirt.«
    »Der Wirt wird seine Bezahlung durch uns erhalten«, sagte der Führer des
Trupps und stiess den Besitzer des Hofes unsanft zur Seite. »Denken Sie jetzt an
sich selbst«, fügte er teilnehmend hinzu und fasste den Arm des Verwundeten, um
ihn zu stützen.
    »Bezahlen Sie für uns und für die Pferde«, wiederholte der Kaufmann zu Anton
gewandt, »wir dürfen hier nichts schuldig bleiben.«
    Anton zog seine Brieftasche hervor, rief die Fuhrleute zusammen, übergab vor
ihren Augen dem Wirt ein Kassenbillett und sagte ihm: »So zahle ich Euch, bis
Eure Forderung festgestellt ist, vorläufig diese Summe. Ihr Männer, seid
Zeugen.« Die Fuhrleute nickten respektvoll und eilten zu ihren Wagen.
    Der Zug setzte sich in Bewegung. Voran ein Teil der Eskorte, dann die
Frachtwagen, welche langsam und unbehilflich über die Steine der Ausfahrt
rasselten, einige ohne Fuhrmann, nur durch die eingeübten Pferde in der Reihe
gehalten. Der Kaufmann stand am Tor, auf Anton gelehnt, und zählte leise wie im
Traume, sooft ein Wagen durch das Tor fuhr; da der letzte hinausrollte, sagte
er: »Abgemacht!« und liess sich von Anton und dem Polen hinter den Wagen her
führen.
    In der nächsten Querstrasse fuhr der Zug in den weiten Hofraum einer Herberge
ein. Als nach langem Aufentalt der letzte Wagen abgespannt war, und die Wache
das Tor von innen verriegelt hatte, sank der Kaufmann ohnmächtig zusammen und
wurde in das Haus getragen.
    In einem kleinen Zimmer wurde der Verwundete niedergelegt; die Polen
stellten eine Wache vor das Zimmer der Reisenden, eine andere in den Hof; Anton
blieb mit dem Ohnmächtigen allein. Angstvoll kniete er an dem Lager des
Kaufmanns nieder, öffnete ihm die Kleider und benetzte das Gesicht mit kaltem
Wasser. Nach einer Weile kehrte Leben in das Angesicht des Prinzipals zurück, er
öffnete die Augen, blickte dankend auf Anton und wies auf das Fenster.
    Anton sah hinaus und sagte freudig: »Es führt auf den Hof, ich kann die
Wagen zählen und übersehn. Hier, glaube ich, sind wir in erträglicher
Sicherheit; freilich sind wir Gefangene! Vor allem aber erlauben Sie mir, nach
Ihrer Wunde zu sehen, Ihre Kleider sind mit vielem Blut befleckt!«
    »Die Schwäche kommt von der Anstrengung mehr, als vom Blutverlust«,
antwortete der Kaufmann sich aufrichtend.
    Anton öffnete die Tür und bat um einen Wundarzt. Der Wächter war bereit,
einen solchen zu holen, und liess nach Verlauf einer langen ängstlichen Stunde
ein schäbiges Subjekt herein, welches eilig ein Barbiermesser und ein
schmutziges Taschentuch hervorholte, das Messer an seinem Ärmel strich und das
Taschentuch in eine bedenkliche Nähe von Antons Kinn zu bringen wagte. Mit Mühe
wurde ihm begreiflich gemacht, weshalb er gerufen sei. Anton schnitt den
Rockärmel und das Hemde auf und untersuchte selbst die verwundete Stelle. Es war
ein Schnitt in den Oberarm, er schien nicht gerade tief, doch war der Arm steif,
und der Kaufmann fühlte heftige Schmerzen. Der Barbier versuchte einen Verband
anzulegen und entfernte sich mit dem Versprechen, in den nächsten Tagen
wiederzukommen. Der Kaufmann sank erschöpft durch die Schmerzen des Verbandes
auf das Lager zurück, und Anton sass den Rest des Tages neben ihm, machte dem Arm
Umschläge von kaltem Wasser und beobachtete den fieberhaften Schlummer des
Kranken.
    Bald versank er selbst in einen Zustand von Halbschlaf, eine dumpfe
Abspannung, welche ihn gleichgültig gegen alles machte, was ausserhalb des
Zimmers vorging. So kam der Abend und die Nacht, Anton tauchte jede Minute die
Fingerspitzen in kaltes Wasser und schlich zuweilen vom Lager des Verwundeten
nach dem Fenster, um nach den Wagen zu sehen, oder nach der Tür, um einige
halblaute Worte mit der Wache zu wechseln, welche eine gutmütige Teilnahme
bewies. Unterdes wütete in der Stadt das Feuer und vor den Toren donnerte das
Geschütz angreifender Truppen. Anton sah gleichgültig auf die glühende Lohe,
welche vom Winde getrieben wieder über die unglückliche Stadt flog, er hörte mit
einer schwachen Verwunderung, dass der Donner des Geschützes immer stärker rollte
und endlich in ein betäubendes Krachen überging, und wenn er Wehgeschrei oder
Gebrüll auf der Strasse hörte, klang es ihm so unbedeutend, wie das Läuten eines
Frühglöckchens, das er von seiner Stube im Hause des Prinzipals hören konnte,
und das niemanden aus der Morgenruh aufzustören vermochte, als höchstens einige
fromme Mütterchen. Mechanisch griff er die ganze Nacht hindurch mit den Händen
in das kalte Wasser und an den Arm des Liegenden und fuhr auf, so oft dieser
stöhnte und sich bewegte. Als aber gegen Morgen der Kranke in einen ruhigeren
Schlummer sank, vergass auch Anton seine Arbeit, der Kopf fiel ihm schwer auf die
Hände, welche er über den Tisch ausgebreitet hatte; er sah und hörte nichts
mehr; er war unter dem Angstgeschrei und Kanonendonner, welche die Eroberung
einer hartnäckig verteidigten Stadt anzeigten, unter allen Greueln eines
blutigen Kampfes fest eingeschlafen, wie ein müder Knabe über seinen
Schularbeiten.
    Als er nach einigen Stunden erwachte, war der Morgen längst angebrochen, der
Kaufmann lachte ihn von seinem Lager freundlich an und reichte ihm die gesunde
Hand. Anton drückte sie erfreut und eilte wieder nach dem Fenster, »Alles in
Ordnung!« Darauf öffnete er die Tür, die Wache war verschwunden. Und auf der
Strasse klang Trommelwirbel und der regelmässige Tritt einziehender Regimenter.
 
                                       3
»Wir gaben Sie bereits verloren«, rief der eintretende Rittmeister dem Kaufmann
zu. »Es ist hier arg gewirtschaftet worden, und meine Erkundigung nach Ihnen war
ohne Erfolg; ein Glück war es, dass Ihr Brief mich in dem Gewirr auffand.«
    »Wir haben unsern Willen durchgesetzt«, sagte der Kaufmann, »wie Sie sehen,
nicht ohne Hindernisse -« er zeigte lächelnd auf seinen verbundenen Arm.
    »Vor allem lassen Sie mich wissen, welche Abenteuer Sie erlebt haben«, sagte
der Rittmeister, sich zu dem Verwundeten setzend; »Sie haben mehr Spuren des
Kampfes aufzuweisen als wir.« Der Kaufmann erzählte. Er verweilte mit Wärme bei
Antons Heldentat, dem er seine Rettung zuschrieb, und schloss mit den Worten:
»Meine Wunde verhindert mich nicht, zu reisen, und meine Rückkehr ist dringend
notwendig. Die Wagen will ich bis zur Grenze mit mir nehmen.«
    »Morgen früh geht ein Zug unsres Trains nach der Grenze zurück, diesem
können Sie Ihre Wagen anschliessen. Übrigens ist die grosse Strasse jetzt sicher.
Von morgen wird auch der Postenlauf wieder beginnen.«
    »Unterdes erbitte ich Ihre Vermittelung, ich will noch heut durch Estaffette
Briefe nach Haus senden.«
    »Ich will sorgen«, versprach der Rittmeister, »dass Ihre Rückkehr morgen
keine Verzögerung erleidet.«
    Als der Offizier das Zimmer verlassen hatte, sagte der Kaufmann zu Anton:
»Ihnen, lieber Wohlfart, muss ich jetzt eine Überraschung bereiten, die Ihnen,
wie ich fürchte, wenig willkommen sein wird. Ich wünsche Sie an meiner Stelle
hier zu lassen.« Erstaunt trat Anton an das Lager des Prinzipals. »Auf unsern
Agenten ist in dieser Zeit nicht zu bauen«, fuhr der Kaufmann fort; »ich habe in
diesen Tagen mit Freuden erkannt, wie sehr ich mich auf Sie verlassen kann. Was
Sie noch nebenbei getan haben zur Rettung meiner Stirnhaut, das bleibt Ihnen
unvergessen, solange ich lebe. - Und jetzt setzen Sie sich mit Ihrer
Schreibtafel zu mir, wir überlegen noch einmal, was wir zu tun haben.«
    Am nächsten Morgen hielt ein Postwagen vor der Herberge, der Kaufmann wurde
von Anton hineingehoben und liess an der Seite der Strasse halten, bis die
Frachtwagen einer nach dem andern zum Tor hinausgefahren waren. Dann drückte er
noch einmal Antons Hand und sagte: »Ihr Aufentalt wird Wochen, ja er kann
Monate dauern. Ihre Arbeit wird sehr unangenehm und zuweilen ohne Resultate
sein. Und ich wiederhole Ihnen, seien Sie nicht zu ängstlich, ich vertraue auf
Ihr Urteil, wie auf mein eigenes. Fürchten Sie nicht, uns einen Verlust zu
bereiten, wenn Sie unsichere Schuldner zur Zahlung bringen können. Dieser Ort
ist verwüstet und fortan für uns verloren. Leben Sie wohl, auf ein gutes
Wiedersehn zu Hause.«
    So blieb Anton allein in der fremden Stadt, in einer Stellung, in welcher
grosses Vertrauen ihm grosse Verantwortlichkeit auflegte. Er ging in das Zimmer
zurück, rief den Wirt und schloss mit ihm auf der Stelle einen Vertrag über
seinen ferneren Aufentalt. Die Stadt war so angefüllt mit Militär, dass er es
vorzog, in der kleinen Wohnung, welche er bereits in Besitz hatte, zu bleiben
und die Unbequemlichkeiten des dürftigen Quartiers zu ertragen. Er durfte nicht
erwarten, es irgendwo wohnlicher zu finden.
    Wohl war es eine verwüstete Stadt, welche Antons Fuss durchschritt. Vor
wenigen Tagen füllte das Gewühl leidenschaftlicher Menschen die Strassen, jede
Art von Unternehmungslust war auf den wilden Gesichtern zu lesen. Wo war jetzt
der Trotz, die Kampflust, die Begeisterung der vielen Tausende? - Die Haufen der
Landleute, Schwärme des Pöbels, Krieger des Patriotenheeres waren zerstoben wie
Geister, welche der Sturmschlag fremder Trommeln verscheucht hat. Was von
Menschen auf den Strassen daherschritt, das waren fremde Soldaten. Aber die
bunten Uniformen der Fremden gaben der Stadt kein besseres Ansehn. Zwar das
Feuer war gelöscht, dessen Qualm in den letzten Tagen den Himmel verdunkelt
hatte. Aber in dem bleichen Herbstlicht standen die Häuser da, wie ausgebrannt.
Die Türen blieben verschlossen, viele Scheiben zerschlagen, auf den Steinen lag
der Unrat, faules Stroh, Trümmer von Hausgerät, hier mit zerbrochenen Rädern ein
Karren, dort eine Montur, Waffen, die Leiche eines Pferdes. An einer Strassenecke
standen Schränke und Tonnen, die man aus Häusern zusammengeworfen hatte als
einen letzten Wall gegen die eindringenden Truppen, und dahinter lagen mit einem
Strohbund nachlässig zugedeckt die Leichen getöteter Menschen. Anton wandte sich
mit Grausen ab, als er die blutlosen Köpfe unter den Halmen erblickte. Auf den
Plätzen biwakierten neu eingezogene Truppen, ihre Pferde standen in Haufen
zusammengekoppelt, daneben aufgefahrene Geschütze; in allen Strassen dröhnte der
Tritt starker Patrouillen, nur selten eilte eine Gestalt in Zivilkleidern über
das Pflaster, den Hut tief in die Augen gedrückt, mit furchtsamem Blick von der
Seite auf die fremden Krieger sehend, zuweilen wurde ein bleicher Mann von
Bewaffneten vorübergeführt, und wenn er zu langsam ging, mit dem Kolben vorwärts
gestossen. Die Stadt hatte hässlich ausgesehen während der Aufregung, sie erschien
noch hässlicher in der Totenruhe, welche jetzt auf ihr lag.
    Als Anton mit solchen Eindrücken von seinem ersten Gange zurückkehrte, fand
er vor seiner Zimmertür einen Husaren, der wie auf Posten mit dröhnendem Tritt
auf und ab ging.
    »Herr Wohlfart!« schrie der Husar und stürzte dem Ankommenden entgegen.
    »Mein lieber Karl«, rief Anton, »das ist die erste Freude, die ich in dieser
traurigen Stadt habe. Aber wie kommen Sie hierher?«
    »Sie wissen ja, dass ich jetzt meine Zeit abdiene. Wir stiessen zu unsern
Kameraden an der Grenze wenige Stunden, nachdem Sie abgereist waren. Vom Wirt,
der mich noch aus dem Geschäft kannte, erfuhr ich Ihre Reise. Sie können denken,
in welcher Angst ich war. Erst heut erhielt ich Urlaub, und es war mein Glück,
dass ich einen der Fuhrleute in der Haustür frug, sonst hätte ich Sie noch nicht
gefunden. Und jetzt vor allem, Herr Wohlfart, was macht unser Prinzipal, wie
steht's mit unsern Waren?«
    »Kommen Sie nur erst ins Zimmer«, erwiderte Anton. »Sie sollen alles hören.«
    »Halt«, rief Karl, »noch nicht; erst muss noch etwas in Ordnung gebracht
werden. Sie sprechen Sie zu mir, dies leide ich nicht. Tun Sie mir den Gefallen
und reden Sie zu mir, als wäre ich noch der Karl im Geschäft.«
    »Aber Sie sind's ja nicht mehr«, sagte Anton lachend.
    »Dies hier ist nur Maskerade«, sagte Karl auf seine Uniform weisend, »in
meinem Herzen bin ich immer noch freiwilliger Auflader bei T.O. Schröter. Wenn
mir bei Ihnen wohl sein soll, so führen Sie das alte Du wieder ein.«
    »Wie du willst, Karl«, erwiderte Anton, »komm herein und lass dir erzählen.«
    Karl geriet in den heftigsten Zorn gegen den schlechten Wirt. »Dieser
diebische Hundsfott! An unserer Firma, an unserm obersten Chef hat er sich
vergriffen. Aber morgen führe ich einen ganzen Beritt unserer Jungen in seine
Herberge. Ich lasse ihn in seinen eigenen Hof treiben, er wird als hölzernes
Pferd aufgestellt und wir springen eine Stunde lang über ihn weg, einer nach dem
andern, und bei jedem Sprunge geben wir ihm einen Puff auf seinen boshaften
Kopf.«
    »Herr Schröter hat ihm die Strafe erlassen«, sagte Anton begütigend, »sei du
nicht grausamer. Höre, du bist ein hübscher Junge geworden.«
    »Es geht an«, erwiderte Karl geschmeichelt. »Mit der Landwirtschaft habe ich
mich ausgesöhnt. Mein Onkel ist ein guter Mann. Wenn Sie sich meinen Alten halb
so gross denken, als er ist, und dünn statt dick, und mit einer kleinen
Stumpfnase statt einer grossen Nase, und mit einem länglichen Gesicht statt einem
runden, und mit einem eselsfarbenen Rock und ohne Lederschürze, dafür mit zwei
hohen Kniestiefeln, so haben Sie ganz meinen Onkel. Ein prachtvolles kleines
Kerlchen. Er meint's gut zu mir. Im Anfange freilich war mir's zu still auf dem
Lande, dagegen viel wasserpolackisches Volk in der Nähe; aber es ging mit der
Zeit. Man sieht bei der Wirtschaft immer, was man schafft, das ist die grösste
Freude. Dass ich Soldat werden musste, war meinem grauröckigen Onkel ein Strich
durch die Rechnung, mir war's recht, dass ich einmal im Ernste auf ein Pferd kam
und etwas von der Katzbalgerei mit ansehen konnte. Elende Wirtschaften hier auf
dem Lande, Herr Wohlfart. Und dieser Platz, es ist eine greuliche Verwüstung!«
So schwatzte Karl vergnügt fort. Endlich ergriff er seine Mütze: »Wenn Sie jetzt
hierbleiben, so erlauben Sie mir, Sie manchmal auf eine Viertelstunde zu
besuchen.«
    »Du sollst tun wie zu Hause«, sagte Anton. »Wenn du mich einmal nicht
triffst, der Wirt hat den Schlüssel, hier stehen die Zigarren.«
    So hatte Anton einen alten Freund wiedergefunden. Aber Karl blieb nicht
seine einzige Bekanntschaft in Dolman und Schleppsäbel. Der Rittmeister freute
sich über den Landsmann, der sich so wacker gegen die Insurgenten gehalten
hatte. Er stellte ihn dem Obersten vor, welcher die Truppenabteilung befehligte.
Anton musste bei diesem seine Abenteuer erzählen und wurde vor einem grossen
Kreise von Epauletten höchlich gelobt, darauf lud ihn der Rittmeister an einem
der nächsten Tage zu Tische und stellte ihn den Offizieren seiner Eskadron vor.
Antons bescheidene Ruhe machte einen günstigen Eindruck auf die bunten Herren.
In der Garnison wären sie wahrscheinlich durch gewisse Ansichten über
Menschengrösse verhindert worden, mit einem jungen Kaufmann ungezwungen zu
verkehren, hier im Felde waren sie selbst tüchtigere Männer, als in der
geschäftigen Langeweile des Friedens, ihre Vorurteile waren geringer und ihre
Anerkennung eines mutigen Mannes unbefangener. So betrachteten sie den Herrn aus
dem Comtoir bald als einen verdammt guten Jungen, sie gewöhnten sich, ihn im
Scherz bei seinem Vornamen zu nennen, und wenn sie im Kaffeehaus ihre Tasse
tranken und eine Partie Domino spielten, so riefen sie Anton unfehlbar in ihren
Kreis. Eine dunkle Sage vom grossen Vermögen und von ungewöhnlichen Verbindungen
des Zivilisten tauchte aus dem Dunkel der Jahre jetzt wieder auf, aber um der
Eskadron nicht unrecht zu tun, sie war nicht mehr der Hauptgrund für die
rücksichtsvolle Behandlung, die sie ihrem Landsmann gönnte. Anton fühlte sich
durch die leichte Verbindung mit den ritterlichen Knaben mehr gehoben, als er
sich selbst oder Herrn Pix gestanden hätte. Er genoss jetzt den freien Verkehr
mit anspruchsvollen Menschen und erschien sich manchem ebenbürtig, den er bis
dahin von seinem Comtoir aus mit stillem Respekt betrachtet hatte. Alte
Erinnerungen wurden in ihm mächtig, er fühlte sich aufs neue hereingezogen in
den Zauber eines Kreises, welcher ihm für frei, glänzend und schön galt. Auch
der Leutnant von Rotsattel gehörte bald zu den guten Bekannten Antons. Anton
behandelte ihn mit der zartesten Aufmerksamkeit, und der Leutnant, im Grunde ein
verzogener, leichtsinniger, gutmütiger Mensch, liess sich die herzliche Neigung
Antons gern gefallen und lohnte ihm durch besondere Vertraulichkeit.
    Die Geschäfte Antons sorgten dafür, dass er unter den neuen Bekannten seine
innere Selbständigkeit nicht verlor. Wohl war die Stadt ein verwüsteter Ort, der
wilde Rausch war verflogen, jetzt lag die Abspannung auf aller friedlichen
Tätigkeit. Die täglichen Lebensbedürfnisse waren teuer, und lohnende Arbeit war
nur für wenige vorhanden. Mancher, der sonst Stiefel getragen hatte, ging
barfuss, wer in anderer Zeit einen neuen Rock gekauft hätte, liess jetzt einen
Lappen auf den alten setzen, der Schuster und der Schneider verzehrten zum
Frühstück Wassersuppe statt Kaffee und Zucker, der Krämer bezahlte seine Schuld
beim Kaufmann nicht, und der Kaufmann vermochte nicht seine Verpflichtung gegen
andere Handlungshäuser zu erfüllen. Wer in solcher Zeit sein Geld zurückfordert
von solchen, welche schwere Verluste mutlos beklagen, der hat eine harte Arbeit.
Anton empfand das. Überall hörte er Klagen, die nur zu sehr begründet waren, an
vielen Orten versuchte man seinem Drängen durch allerlei Kunstgriffe zu
entgehen. Täglich erlebte er peinliche Szenen, oft mussten beim Advokaten endlose
Verhandlungen in polnischer Sprache aufgenommen werden, bei denen er sich wie
verkauft vorkam, obgleich der Agent den Dolmetscher machte. Es war ein bunt
zusammengewürfelter Handelsstand, in welchem Anton zu verkehren hatte, Männer
aus fast allen Teilen Europas. Der Verkehr hatte vieles, was in deutschen Augen
als wild und unregelmässig galt. Und doch übte die Gewohnheit, Verpflichtungen zu
erfüllen, einen so grossen Einfluss auch auf mutlose Naturen, dass Antons
Beharrlichkeit mehr als einmal den Sieg errang.
    Die grösste Forderung hatte sein Haus an einen Herrn Wendel, einen kleinen
trocknen Mann, der grosse Geschäfte nach allen Seiten gemacht hatte. Man sagte,
er sei reich geworden durch Schmuggel und sei jetzt in grosser Gefahr zu fallen.
Er hatte den Prinzipal selbst mit Trotz empfangen und gebärdete sich gegen Anton
lange wie ein Verzweifelter. Anton hatte wieder einmal wohl eine Stunde lang in
den mürrischen Alten hineingesprochen, und wie sehr der Mann sich drehte und
wand, er war fest geblieben. Da brach Wendel endlich in die Worte aus: »Es ist
genug, ich bin ein ruinierter Mann, aber Sie verdienen, zu Ihrem Gelde zu
kommen. Ihr Haus ist gegen mich immer grossartig gewesen. Sie sollen Deckung
erhalten. Schicken Sie mir noch heut Ihren Agenten, holen Sie mich morgen früh
ab.«
    Als am nächsten Morgen Anton in Begleitung des Agenten bei dem Schuldner
eintrat, ergriff Wendel nach finsterm Gruss einen grossen rostigen Schlüssel, zog
langsam einen verschossenen Mantel an, auf welchem zahlreiche Kragen
übereinander lagen, wie die Schindelreihen auf einem Dach, und brachte die
Gläubiger in einen entlegenen Stadtteil vor ein verfallenes Kloster. Sie
schritten durch einen langen Kreuzgang. Anton sah bewundernd zu dem kunstvollen
Bau der Wölbung auf; die Zeit hatte viele Gurte gesprengt und einige
Gewölbkappen ausgebröckelt, die Trümmer lagen auf den grossen Steinen des
Fussbodens. An der Wand waren die Leichensteine der alten Bewohner eingemauert,
verwitterte Inschriften meldeten dem unaufmerksamen Geschlecht der Lebenden, dass
einst fromme Slawenmönche in diesen Räumen den Frieden gesucht hatten. In diesem
Kreuzgange waren sie täglich, das Brevier in der Hand, auf und ab gegangen, hier
hatten sie gebetet und geträumt, bis sie ihre arme Seele der Fürbitte ihres
Heiligen übergeben mussten. Im Innern des Gebäudes öffnete Wendel eine verborgene
Tür und führte seine Begleiter auf gewundener Steintreppe hinab in ein grosses
Gewölbe. Einst hatte der Wein des reichen Klosters darin gelegen, und der Bruder
Kellermeister war, ach wie oft, dieselben Stufen hinabgegangen; er war zwischen
den Reihen der Fässer umhergewandelt, hatte hier und da eine Probe ausgehoben,
und wenn das Glöckchen über ihm läutete, hatte er schnell sein Haupt gesenkt und
ein kleines Gebet gesprochen und war darauf wieder an das Kosten gegangen, oder
in behaglicher Stimmung auf und ab spaziert. Die Betglocken des Klosters waren
längst eingeschmolzen, die leeren Zellen der Brüder hatten Risse, und Getreide
wurde jetzt aufbewahrt, wo ehemals der Prior an der Spitze der Brüder beim
ehrbaren Male sass. Alles war verschwunden, nur der Keller hatte sich erhalten,
und wie vor vierhundert Jahren, lagen noch jetzt die Kufen des feurigen
Ungarweins auf ihren schmalen Kentnern. Noch immer schossen die Strahlen der
schönen Wölbung zu grossen Sternen zusammen, noch immer war der Raum mit reinem
Weiss getüncht, der Boden mit hellem Sande tief bestreut, noch immer war es
Brauch, dass der Kellermeister nur mit einem Wachslicht dem edlen Wein nahen
durfte. Es waren nicht dieselben Fässer, aus denen die alten Mönche ihren Trunk
zogen, aber es war dasselbe Gewächs von den Rebenhügeln der Hegyalla, und der
rosige Wein von Menes, der Stolz Ödenburgs und der milde Trank der sorgfältigen
Lese von Rust.
    »Hundertundfünfzig Kufen, die Kufe zu achtzehn, vierundzwanzig, dreissig
Dukaten«, sagte der Agent, und die Inventur der Fässer begann. Mit gesenktem
Haupt ging Wendel von einem Fass zum andern, die Kerze in der Hand. Vor jedem
blieb er stehen und wischte mit einem reinen Leinwandlappen sorgfältig die
kleinste Spur des Schimmels ab, die sich an einzelnen Fässern zeigte. »Es war
mein liebster Weg hierher«, sagte er zu Anton. »Seit zwanzig Jahren bin ich zu
jeder Weinlese hinausgefahren und habe eingekauft. Es waren fröhliche Tage, Herr
Wohlfart, das ist jetzt vorbei für immer. Oft bin ich hier auf und ab gegangen
und habe mir das Sonnenlicht angesehen, das von oben auf die Fässer fiel, und
habe an die gedacht, die vor mir hier gegangen sind. Heut bin ich zum letztenmal
in diesem Keller. Was wird jetzt aus dem Wein werden? Sie werden ihn
fortschaffen, man wird ihn in der Fremde ohne Verstand austrinken; in den Keller
wird ein Branntweinbrenner seinen Spiritus tun, oder ein neuer Brauer sein
bayrisches Bier. Die alte Zeit geht zu Ende auch für mich! - Dies hier ist das
edelste Gewächs«, sagte er, zu einem Fass tretend. »Ich hätte es ausnehmen können
bei unsrer Abmachung. Was soll mir das Fass allein? Austrinken? Ich trinke keinen
Wein mehr. Es soll fortgehen mit dem übrigen. Nur Abschied will ich noch von ihm
nehmen.« Er füllte sein Glas. »Haben Sie je so etwas getrunken?« frug er und
hielt Anton betrübt das Glas hin. Anton verneinte gern.
    Langsam stiegen sie wieder die Stufen hinauf. An der Schwelle hielt der
Kaufmann noch einmal an und sah in den Keller hinab eine lange Weile. Dann
drehte er sich entschlossen um, schlug die Kellertür zu, zog den Schlüssel ab
und legte ihn feierlich in Antons Hand. »Hier ist der Schlüssel zu Ihrem
Eigentum, unsre Rechnung ist abgemacht. Leben Sie wohl, meine Herren.« Langsam
und mit gesenktem Haupt ging er den verfallenen Kreuzgang hinab; in dem
Dämmerlicht des trüben Tages glich er einem der alten Kellermeister des
Klosters, der noch als Geist durch die Trümmer der vergangenen Herrlichkeit
gleitet. Der Agent rief ihm nach: »Aber das Frühstück, Herr Wendel!« Der Alte
schüttelte den Kopf und winkte abwehrend mit der Hand.
    Ja, das Frühstück! Jedes Abkommen an diesem Orte wurde mit Wein
überschwemmt. Diese langen Sitzungen im Weinhause, welche auch in der traurigen
Zeit nicht ausgesetzt wurden, waren für Anton kein geringes Leiden. Er sah, dass
man in dem Land viel weniger arbeite, und viel mehr schwatze und trinke, als bei
ihm daheim. Sooft es ihm gelungen war, etwas ins reine zu bringen, konnte auch
er sich dem Frühstück nicht entziehen. Dann setzten sich Käufer, Verkäufer, die
Helfer, und wer sonst zu den Bekannten gehörte, in einer Weinhandlung am runden
Tisch zusammen, man fing mit Porter an, ass Kaviar nach Pfunden und zechte dann
den roten Wein von Bordeaux. Gastfrei wurde nach allen Seiten eingeschenkt; wer
ein bekanntes Gesicht hatte, musste am Gelage teilnehmen, immer zahlreicher wurde
die Gesellschaft, oft kam der Abend heran. Unterdes liessen die Hausfrauen der
Männer, an solche Ereignisse gewöhnt, das Mittagessen wohl dreimal wieder
abtragen und hoben es zuletzt gleichmütig bis zum andern Tage auf. Oft dachte
Anton in solcher Zeit an Fink, der ihm, dem Widerstrebenden, wenigstens eine
mässige Fertigkeit beigebracht hatte, dergleichen schwere Geschäfte mit Anstand
durchzumachen.
    An einem Nachmittag sass Anton beim Domino. Da rief ein älterer Leutnant von
seiner Zeitung den spielenden Offizieren zu: »Gestern abend sind einem unserer
Husaren zwei Finger der rechten Hand zerschmettert worden. Der Esel, welcher mit
ihm einquartiert war, hat mit seinem Karabiner gespielt, in dem er den Schuss
nicht herausgezogen hatte. Der Doktor hält eine Amputation für unvermeidlich. -
Schade um den tüchtigen Mann, er war einer der brauchbarsten Leute in der
Eskadron. Solch Malheur trifft immer die Besten.«
    »Wie heisst der Mann?« frug Herr von Bolling, seinen Stein setzend.
    »Es ist der Gefreite Sturm.«
    Anton sprang auf, dass die Steine auf dem Tische tanzten. »Wo liegt der
Verwundete?«
    Der Leutnant beschrieb ihm die Lage des Lazaretts.
    In einem finstern Zimmer, voll von Betten und kranken Soldaten, lag der
bleiche Karl und streckte seine linke Hand Anton entgegen. »Es ist vorüber«,
sagte er, »es hat höllisch weh getan, aber ich werde die Hand doch wieder
gebrauchen. Die Feder kann ich noch führen, und auch das übrige will ich
versuchen, und ist's nicht mit der Rechten, so ist's mit der Linken. Nur in
goldnen Ringen werde ich keinen Staat mehr machen.«
    »Mein armer, armer Karl«, rief Anton, »mit deinem Dienst ist's vorbei.«
    »Wissen Sie was«, sagte Karl, »das Unglück will ich ertragen, ein
ordentlicher Krieg wird doch nicht; wenn's auf das Frühjahr zum Einsäen kommt,
bin ich wieder imstande. Ich könnte schon jetzt aufstehn, wenn nicht der Doktor
so streng wäre. Hier ist es nicht schön«, setzte er entschuldigend hinzu, »es
sind viele unserer Leute erkrankt, da muss man sich in der fremden Stadt
behelfen.«
    »Du sollst nicht in dieser Stube bleiben«, sagte Anton, »wenn ich's ändern
kann. Es riecht hier so nach Krankheit, dass ein Gesunder schwach wird; ich werde
bitten, dass dein Chef dir erlaubt, in meine Wohnung zu ziehen.«
    »Lieber Herr Anton!« rief Karl erfreut. »Still«, sagte dieser, »noch weiss
ich nicht, ob wir die Erlaubnis erhalten.«
    »Noch eine Bitte habe ich an Sie«, sagte beim Abschiede der Kranke, »dass Sie
die Geschichte dem Goliat so mitteilen, dass er nicht zu ängstlich wird. Wenn
er's durch Zufall von Fremden erfährt, so stellt er sich wie ein
Menschenfresser.«
    Das versprach Anton und eilte darauf zu dem Eskadronsarzt und zu seinem
Gönner, dem Rittmeister.
    »Ich will mich dafür verwenden, dass er jetzt Urlaub erhält«, versprach
dieser. »Da mir bei der Beschaffenheit seiner Wunde seine Verabschiedung
zweifellos scheint, so kann er ja bei Ihnen abwarten, bis diese erfolgt.«
    Drei Tage darauf trat Karl mit seiner verbundenen Hand in Antons Zimmer. »Da
bin ich«, sagte er. »Adieu Dolman, adieu Selim, mein Brauner! Eine Woche müssen
Sie noch mit mir Geduld haben, Herr Anton, dann hebe ich Ihnen wieder Tisch und
Stuhl mit steifem Arm.« - »Hier ist eine Antwort deines Vaters«, sagte Anton,
»sie ist an mich gerichtet.«
    »An Sie?« frug Karl verwundert, »warum an Sie? Warum hat er denn nicht an
mich geschrieben?«
    »Höre selbst.« Anton ergriff einen grossen Bogen, der von oben an mit
halbzölligen Buchstaben bemalt war, und las: »Geehrter Herr Wohlfart, das ist
ein grosses Unglück für meinen armen Sohn! Zwei Finger von zehn bleiben nur acht.
Wenn es auch kleine Finger sind, es tut ebenso weh. Es ist ein sehr grosses
Unglück für uns beide, dass wir einander nicht mehr schreiben können. Deswegen
bitte ich, dass Sie die Güte haben, ihm alles zu sagen, was folgt. Er soll sich
nicht sehr grämen. Bohren kann vielleicht noch gehn, auch manches mit dem
Hammer. Und wenn der Himmel wollte, dass dieses nicht möglich wäre, so soll er
sich doch nicht zu sehr grämen. Es ist für ihn gesorgt, durch einen eisernen
Kasten. Wenn ich gestorben bin, findet er den Schlüssel in meiner Westentasche.
So lasse ich ihn von ganzem Herzen grüssen. Sobald er wieder fahren kann, soll er
zu mir kommen, um so mehr, da ich ihm schriftlich nicht mehr sagen kann, dass ich
bin ewig sein getreuer Vater Johann Sturm.« - Anton reichte den Brief dem
Invaliden.
    »Es ist richtig«, sagte Karl zwischen Lachen und Wehmut, »er hat sich in der
ersten Angst eingebildet, dass auch er mir nicht mehr schreiben kann, weil ich an
der Hand blessiert bin. Der wird Augen machen, wenn er meinen nächsten Brief
erhält.«
    So wohnte Karl einige Wochen in dem Zimmer neben Anton. Sobald er seine Hand
wieder bewegen konnte, bemächtigte er sich der Garderobe des Freundes und begann
einige der kleinen Dienste, welche er vor Jahren im Hause des Prinzipals
übernommen hatte. Anton hatte zu wehren, dass er nicht die unnötige Rolle eines
Bedienten übernahm. »Hast du schon wieder meinen Rock unter der Bürste?« sagte
er in Karls Stube tretend; »du weisst, dass ich das nicht leiden will.« - »Es war
nur zur Gesellschaft von meinem«, entschuldigte sich Karl, »zwei nebeneinander
halten sich immer besser als einer. Ihr Kaffee ist fertig, aber die Maschine
taugt nichts, er schmeckt immer nach Spiritus.« Da er sich für Anton nicht
nützlich machen konnte, wie er sagte, so fing er an, für sich selbst zu
arbeiten. Bei seiner alten Vorliebe für Handwerkszeug hatte er bald eine Menge
verschiedenartiger Instrumente um sich versammelt, und sooft Anton das Haus
verliess, begann ein Sägen, Bohren, Hobeln und Raspeln, dass sogar der taube
Artilleriekapitän, welcher im Nebenhaus einquartiert war, zu der Ansicht kam,
ein Tischler sei eingezogen, und seine eingefallene Bettstelle zum Ausbessern
herüberschickte. Da Karl die rechte Hand noch schonen musste, übte er die linke
Hand mit allen Werkzeugen nach der Reihe und freute sich wie ein Kind über die
Fortschritte, die er machte. Und als ihm der Arzt für die nächsten Wochen auch
diese Tätigkeit abriet, fing er an, mit der linken Hand zu schreiben und zeigte
Anton täglich Proben seiner Handschrift. »Es ist nur der Übung wegen«, sagte er,
»der Mensch muss wissen, was er vermag. Übrigens ist es nur eine Angewohnheit,
mit den Händen zu schreiben; wer keine hat, tut's mit den Beinen; ich glaube,
dass auch die nicht einmal nötig sind, es müsste auch mit dem Kopfe gehn.«
    »Du bist ein Narr«, sagte Anton lachend.
    »Ich versichere Sie«, fuhr Karl fort, »ein langes Rohr in den Mund gesteckt,
mit zwei Drähten, die hinter die Ohren gedrückt werden, um die Schwankung zu
verringern, es müsste ganz erträglich gehn. - Da ist die beinerne Einfassung von
Ihrem Schlüsselloch abgesprungen, die wollen wir sogleich leimen.«
    »Ich wundere mich, dass sie nicht von selbst wieder fest wird«, spottete
Anton, »denn aus deiner Stube kommt ein schrecklicher Leimgeruch hereingezogen.
Die ganze Luft ist in Leim verwandelt.« - »Gott bewahre«, sagte Karl, »es ist ja
geruchloser Leim, den ich habe, eine neue Erfindung.«
    Als der treue Mann mit dem Abschied in der Tasche nach der Heimat
zurückfuhr, fühlte sich Anton so vereinsamt, als wäre er jetzt aus dem
Zauberkreise der grossen Waage in die Fremde gezogen.
    Einst ging Anton an der verhängnisvollen Herberge vorüber, in welcher sein
Prinzipal verwundet worden war. Er stand einen Augenblick still und sah mit
Neugier auf das alte Haus und den Hofraum, in welchem jetzt weissröckige Soldaten
beschäftigt waren, ihr Lederzeug zu färben und zu glätten. Da erblickte er ein
Wesen im schwarzen Kaftan, welches wie ein Schatten aus der Schenkstube quer
über die Einfahrt hinglitt. Es waren die schwarzen Ohrlocken, es war das kleine
Käppchen, es war Figur und Haltung des alten Bekannten Schmeie Tinkeles. Ach,
aber es war nicht sein Gesicht. Der frühere Tinkeles war in seiner Art ein
hübscher Bursch gewesen. Er hatte seine beiden Locken stets so glänzend und
kokett getragen, wie einem Geschäftsmann nur möglich ist, er hatte hübsche rote
Lippen gehabt und einen leichten Rosaschimmer auf seinen gelben Wangen. Der
gegenwärtige Schmeie war nur ein Schatten des frühern. Er sah gespenstig bleich
aus, seine Nase war spitz und gross geworden, und sein Kopf hing ihm nach vorn,
wie der Kelch einer welkenden Blume am Bach Kidron.
    Anton rief erstaunt: »Tinkeles, seid Ihr's wirklich?« und trat auf ihn zu.
Tinkeles schrak zusammen, wie von einem Blitzstrahl getroffen, und starrte mit
aufgerissenen Augen Anton an, ein Bild des Schreckens und der Furcht. »Gott
gerechter!« waren die einzigen Worte, welche über seine blutlosen Lippen kamen.
    »Was habt Ihr, Tinkeles? Ihr seht ja aus, wie ein armer Sünder! Was treibt
Ihr hier am Platz? Und wie zum Teufel kommt Ihr grade in dieses Haus?«
    »Ich kann doch nichts dafür, dass ich hier bin«, antwortete der Geschäftsmann
noch immer in halber Bewusstlosigkeit; »ich kann doch nichts dafür, dass der
Prinzipal hat solches Unglück gehabt mit dem Menschen. Sein Blut ist ja
geflossen wegen der Waren, welche der Mausche Fischel hatte abgeschickt und
hatte das Geld bereits gezogen. Ich bin unschuldig, Herr Wohlfart, auf meine
ewige Seligkeit, ich habe nicht gewusst, dass der Wirt ist ein so schlechter
Mensch, und wird die Hand aufheben gegen den Herrn, welcher vor ihm steht ohne
Hut, ohne Mütze. - Ohne Mütze«, jammerte er lauter, »in blossem Kopf, Sie können
glauben, es ist mir gewesen, als wenn ein Schwert fiele in meinen Leib, als ich
habe gesehen, wie der Wirt sich benommen hat so gewalttätig gegen einen Mann,
der vor ihm stand mit aufgerichtetem Haupt als ein Ehrenmann, was er ist gewesen
sein Leben lang.«
    »Hört, Schmeie«, sagte Anton, erstaunt auf den Galizier blickend, der immer
noch danach rang, durch Worte seine Fassung wiederzugewinnen, »hört, mein
Bursch, Ihr seid hier in dieser Herberge gewesen, als die Wagen geplündert
wurden. Ihr habt aus einem Versteck unsern Streit mit dem Wirt angesehen. Ihr
kennt den Wirt und wohnt noch hier, ich will Euch geradeheraus sagen, was Ihr
mir zur Hälfte eingestanden habt. Ihr habt von dem Abladen der Wagen gewusst; und
ich will Euch noch etwas anvertrauen, Ihr habt ein Interesse daran gehabt, dass
die Fuhrleute hier zurückblieben, und Ihr habt mit dem Wirt unter einer Decke
gesteckt. Nach dem, was Ihr mir gesagt habt, lasse ich Euch nicht los, bevor ich
alles weiss. Ihr werdet entweder jetzt auf mein Zimmer kommen und mir freiwillig
gestehen, was Ihr wisst, oder ich führe Euch zum Militär und lasse Euch von den
Soldaten verhören.«
    Tinkeles war vernichtet. »Gott meiner Väter, es ist schrecklich, es ist
schrecklich!« wimmerte er leise und klapperte mit den Zähnen.
    Anton fühlte Mitleid mit der grossen Angst des Mannes und sagte: »Kommt mit
mir, Tinkeles; ich verspreche Euch, wenn Ihr ehrlich gesteht, soll Euch nichts
geschehen.«
    »Was soll ich gestehn dem Herrn«, ächzte Schmeie, »wo ich doch nichts habe
zu gestehen?«
    »Wenn Ihr nicht gutwillig kommt, so rufe ich die Soldaten«, sagte Anton
barsch. »Nichts von Soldaten«, bat Tinkeles wieder schauernd, »ich will kommen
mit Ihnen und will sagen, was ich weiss, wenn Sie mir wollen versprechen, dass Sie
mich verraten gegen niemanden, nicht an Ihren Prinzipal und nicht an Mausche
Fischel, auch nicht an den schlechten Menschen diesen Wirt, und an keinen
Soldaten.«
    »Kommt«, sagte Anton und wies mit der Hand die Strasse hinab. So führte er
den Willenlosen wie einen Gefangenen mit sich fort und verwandte kein Auge von
ihm, weil er befürchtete, dass Schmeie den Ratschlägen seines bösen Gewissens
folgen und in eine Seitengasse entlaufen könnte.
    Der Galizier hatte nicht den Mut dazu, er schlich mit gesenktem Haupt neben
Anton her, sah ihn zuweilen seufzend an und gurgelte unverständliche Worte vor
sich hin. Auf Antons Zimmer fing er aus freien Stücken an: »Es ist mir gewesen
eine Last auf meinem Herzen, ich habe nicht können schlafen, ich habe nicht
können essen und trinken, und wenn ich gelaufen bin, um zu machen ein Geschäft,
so hat es mir in der Seele gelegen, wie ein Stein in einem Glase: Wenn man
trinken will, fällt der Stein auf die Zähne, und man beschüttet sich mit Wasser.
Weh! Was habe ich mich beschüttet!«
    »So redet«, sagte Anton, wieder erweicht durch die aufrichtige Klage.
    »Ich bin hergekommen wegen der Wagen«, fuhr Tinkeles hastig fort und sah
Anton furchtsam an. »Der Mausche hatte doch mit Ihnen gehandelt seit zehn
Jahren, und immer ehrlich, und Sie haben verdient ein gutes Stück Geld an ihm;
und da hat er gemeint, dass jetzt gekommen wäre die Zeit, wo er anfangen könnte
ein grosses Geschäft und mit Ihnen seine Abrechnung machen. Und wie losgegangen
ist das Geschrei und das Geschmuse, da ist er zu mir gekommen und hat zu mir
gesagt: Schmeie, sagt er, du hast keine Furcht, sagt er. Lass sie schiessen und
gehe unter sie und sieh, dass du anhältst die Wagen für mich. Vielleicht kannst
du sie verkaufen unterwegs, vielleicht bringst du mir sie zurück, es ist immer
besser, wir haben sie, als es hat sie ein anderer. So bin ich hergekommen und
habe gewartet, bis die Wagen angekommen sind, und habe gesprochen mit dem Wirt,
weil die Waren doch nicht würden kommen in Ihre Hände, wäre es am besten, sie
kämen wieder in unsere. Aber dass der Wirt soll sein ein solcher Blutmensch, das
habe ich nicht gewollt und habe ich nicht gewusst, und seit ich habe gesehen, wie
er Ihrem Herrn hat aufgeschnitten den Rock, habe ich keine Ruh gehabt, und ich
habe immer gesehen vor mir das blutige Hemde und das feine Tuch von seinem
grünen Rock, welches entzweigeschnitten war.«
    Anton hörte die Geständnisse des Tinkeles mit einem Interesse an, welches
den Widerwillen überwog, den er gegen das - nicht seltene - Manöver der
galizischen Händler empfand. Er begnügte sich, dem Sünder zu sagen: »Eurer
Schurkerei verdankt Herr Schröter seinen wunden Arm, und wären wir Euch nicht in
die Quere gekommen, so hättet Ihr uns zwanzigtausend Taler gestohlen.«
    »Es sind nicht zwanzigtausend«, rief Schmeie sich windend, »die Wolle steht
schlecht, und mit Talg ist nichts zu machen. Es sind weniger als zwanzig.«
    »So«, sagte Anton verächtlich, »und was werde ich jetzt mit Euch tun?«
    »Tun Sie nichts mit mir«, bat Schmeie beweglich und legte seine Hand bittend
auf Antons Rock. »Lassen Sie schlafen die ganze Geschichte. Sie haben die Waren,
seien Sie damit zufrieden. Es ist ein schönes Geschäft, das der Mausche Fischel
nicht hat machen können, weil Sie ihn haben daran gehindert.«
    »Es tut Euch noch leid«, erwiderte Anton erzürnt.
    »Es ist mir recht so, dass Sie die Waren haben«, sagte der Jude, »denn Sie
haben vergossen Ihr Blut darüber. Und deshalb tun Sie nichts mit mir; ich will
sehen, dass ich Ihnen kann in andern Sachen zu Gefallen sein. Wenn Sie etwas zu
tun haben hier am Ort für mich, es wird mir sein eine Beruhigung, dass ich Ihnen
kann zu etwas verhelfen.«
    Anton antwortete kalt: »Wenn ich Euch auch versprochen habe, Eure
Spitzbüberei dem Gericht nicht anzuzeigen, so können wir doch mit Euch kein
Geschäft mehr machen. Ihr seid ein schlechter Mensch, Tinkeles, und habt Euch
gegen unser Haus unredlich bewiesen. Wir sind von jetzt ab geschiedene Leute.«
    »Warum sagen Sie mir, dass ich ein schlechter Mensch bin?« klagte Tinkeles;
»Sie haben mich gekannt als ehrlichen Mann seit Jahren, wie können Sie sagen,
dass ich schlecht bin, weil ich einmal habe machen wollen ein Geschäft, und habe
dabei Unglück gehabt und hab's nicht gemacht? Ist das schlecht?« -
    »Es ist genug«, sagte Anton. »Ihr könnt jetzt gehn.« Tinkeles blieb stehn
und fragte: »Können Sie vielleicht brauchen neue kaiserliche Dukaten? Ich kann
sie Ihnen besorgen mit fünf und ein Viertel.« - »Ich will nichts von Euch«,
sagte Anton, »geht.«
    Der Jude ging zögernd bis zur Tür und drehte wieder um. »Es ist zu machen
ein schönes Geschäft mit Hafer, wenn Sie wollen mit übernehmen die Lieferung,
ich will Ihnen einen Teil verschaffen; es ist dabei zu verdienen ein rares
Geld.«
    »Ich mache keine Geschäfte mit Euch, Tinkeles; geht in Gottes Namen.«
    Der Jude schlich hinaus; noch einmal kratzte es an der Tür, aber das
Gewissen war in dem Schelm so mächtig geworden, dass er sich nicht mehr in das
Zimmer traute. Nach einigen Minuten sah Anton, wie er schwermütig quer über die
Strasse ging.
    Seit diesem Tage wurde Anton durch den reuigen Tinkeles in
Belagerungszustand versetzt. Kein Tag verlief, wo der Galizier sich nicht an
Anton herandrängte und in seiner Weise Versöhnung mit ihm suchte. Bald überfiel
er ihn auf der Strasse, bald störte sein unsicheres Klopfen den Beschäftigten am
Schreibtisch, immer aber hatte er etwas anzubieten, oder Neues mitzuteilen,
wodurch er Gnade für sich zu erwerben hoffte. Rührend war seine Erfindungskraft,
er erbot sich, alles mögliche für Anton zu kaufen, oder zu verkaufen, jede Art
von Geschäftsgängen zu machen, zu spionieren und zuzutragen. Und als er
entdeckte, dass Anton auch mit Offizieren verkehrte, und dass besonders ein junger
Leutnant mit zartem Gesicht und einem kleinen Bart zuweilen mit Anton aus der
Restauration ging und die Wohnung desselben besuchte, da fing Tinkeles an, auch
solche Gegenstände anzubieten, die nach seiner Meinung für einen Offizier
angenehm sein mussten. Anton blieb zwar dabei, jedes Geschäft mit dem Sünder zu
vermeiden, konnte aber zuletzt nicht mehr übers Herz bringen, den armen Teufel
rauh zu behandeln, und Tinkeles erkannte aus manchem unterdrückten Lächeln oder
aus kurzen Fragen Antons, dass seine Fürsprache beim Chef des Hauses nicht
unmöglich sei. Und er warb darum mit der Ausdauer seines Ahnherrn Jakob.
    An einem Morgen klirrte der junge Rotsattel in Antons Zimmer. »Ich werde
krank gemeldet, habe starken Katarrh und muss in meinem trostlosen Quartier
bleiben«, sagte er, sich auf dem Sofa niederlassend. »Sie können mir heut abend
helfen, die Zeit vertreiben. Wir spielen eine Partie Whist. Ich habe noch unsern
Doktor und einen und den anderen Kameraden dazu aufgefordert. Werden Sie
kommen?« - Erfreut und ein wenig geschmeichelt sagte Anton zu. »Gut«, fuhr der
junge Herr fort, »dann müssen Sie mir auch die Möglichkeit geben, mein Geld an
Sie zu verlieren; das elende Vingt-un hat mir die Taschen rein ausgefegt. Leihen
sie mir auf acht Tage zwanzig Dukaten.«
    »Mit Vergnügen«, sagte Anton und suchte eilig seine Börse hervor.
    Als der Leutnant das Geld nachlässig in seine Tasche steckte, klang auf der
Strasse der Hufschlag eines Pferdes; schnell trat er an das Fenster. »Wetter, das
ist eine hübsche Katze, polnisches Blut, der Rosskamm hat sie einem der Rebellen
gestohlen und will jetzt einen ehrlichen Soldaten damit anführen.«
    »Woher wissen Sie, dass das Pferd zu verkaufen ist?« frug Anton, der unterdes
am Schreibtisch einen Brief siegelte.
    »Sehen Sie nicht, dass ein Gauner das Tier im Parademarsch vorbeiführt?« In
dem Augenblick klopfte es leise an die Tür, und Schmeie Tinkeles schob zuerst
sein lockiges Haupt und darauf den schwarzen Kaftan in die Stube und gurgelte
unterwürfig: »Ich wollte die gnädigen Herren fragen, ob sie vielleicht wollen
ansehen ein Pferd, welches so viel Louisdor wert ist, als es Talerstücke kostet.
- Wenn Sie doch nur gehen wollten bis an das Fenster, Herr Wohlfart, Sie sollen
es ja nur ansehen; sehen ist nicht kaufen.«
    »Ist diese Gestalt einer von Ihren Geschäftsfreunden, Wohlfart?« fragte der
Leutnant lachend.
    »Er ist es nicht mehr, Herr von Rotsattel«, antwortete Anton in demselben
Ton, »er ist in Ungnade gefallen. Diesmal gilt sein Besuch Ihnen. Nehmen Sie
sich in acht, er wird Sie verführen, das Pferd zu kaufen.«
    Der Händler hörte aufmerksam der Unterredung zu und heftete seinen Blick
neugierig auf den Leutnant. »Wenn der gnädige Herr Baron will kaufen das Pferd«,
sagte er zudringlich zu dem Leutnant tretend und denselben unverrückt
anstarrend, »so wird es ein schönes Reitpferd sein auch auf dem Gut in Ihrer
Wirtschaft.« - »Was zum Henker weisst du von meinem Gut?« sagte der Leutnant;
»ich habe kein Gut!«
    »Kennt Ihr diesen Herrn?« frug Anton. »Warum soll ich ihn nicht kennen, wenn
er ist, welcher das grosse Gut hat in Ihrem Lande und jetzt gebaut hat eine
Fabrik, worin er macht Zucker aus Viehfutter.«
    »Er meint Ihren Herrn Vater«, sagte Anton zum Leutnant; »Tinkeles hat seine
Verbindungen auch in unserer Provinz und hält sich oft monatelang bei uns auf.«
    »Was ich höre!« rief der Galizier nachdenkend, »es ist der Vater von dem
Herrn Offizier. Um Vergebung, Herr Wohlfart, also Sie sind bekannt mit dem Herrn
Baron, welcher ist der Vater von diesem Herrn?« - Um den Schnurrbart des
Leutnants zuckte ein Lächeln.
    »Ich habe den Vater dieses Herrn wenigstens gesehen«, antwortete Anton,
unwillig über die zudringliche Frage des Händlers und darüber, dass er das
Erröten seiner Wangen fühlte.
    »Und um Vergebung, wenn ich fragen darf, Sie kennen den Herrn Offizier
genau, wie man kennt einen guten Freund -«
    »Was geht Euch das an, Tinkeles?« frug Anton barsch und errötete noch
tiefer, weil er auf die Frage nicht so recht zu antworten wusste.
    »Ja, er ist mein guter Freund, Jude«, sagte der Leutnant, auf Antons
Schulter schlagend. »Er ist mein Kassierer, er hat mir heute erst zwanzig
Dukaten geborgt und wird mir kein Geld geben, um dein Pferd zu kaufen. Also geh
zum Teufel.«
    Der Händler lauschte mit vorgebogenem Hals auf jedes Wort des Offiziers und
sah die jungen Männer mit einer Neugierde, und wie Anton zu bemerken glaubte,
mit einer Teilnahme an, welche von seinem gewöhnlichen lauernden Wesen
verschieden war. »Also zwanzig Dukaten hat er Ihnen geborgt«, wiederholte er
mechanisch, »er wird Ihnen auch mehr borgen, wenn Sie mehr von ihm verlangen.
Ich weiss«, murmelte er, »ich weiss.«
    »Was wisst Ihr?« frug Anton.
    »Ich weiss doch, wie es ist unter jungen Herren, welche gut Freund
miteinander sind«, sagte der Händler mit einer nachdrücklichen Bewegung des
Kopfes. »Also Sie können das Pferd nicht brauchen, Herr Wohlfart? So empfehle
ich mich Ihnen, Herr Wohlfart.« Bei diesen Worten kehrte er kurz um und
verschwand. Gleich darauf hörte man das Pferd im Trabe fortreiten.
    »Ist das ein verrückter Kerl!« rief der Leutnant, dem Davoneilenden
nachsehend.
    »Er ist sonst nicht so schnell bereit, sich zu entfernen«, erwiderte Anton,
verwundert über das rätselhafte Benehmen des Geschäftsmannes. »Wahrscheinlich
hat Ihre Uniform seinen Abgang beschleunigt.«
    »Ich hoffe, sie hat Ihnen einen Gefallen getan. Also heut abend«, sagte der
Leutnant grüssend und verliess das Zimmer.
    Am Nachmittag tönte wieder das leise Klopfen an Antons Tür, Tinkeles
erschien aufs neue. Er sah sich vorsichtig in der Stube um und trat, ohne auf
Antons finstere Stirn zu achten, nahe an ihn heran. »Erlauben Sie mir zu
fragen«, sprach er mit vertraulichem Kopfschütteln, »ist es in der Wahrheit, dass
Sie ihm geborgt haben zwanzig Dukaten, und dass Sie ihm geben würden noch mehr,
wenn er mehr haben wollte?«
    Anton sah den Händler erstaunt an und sagte aufstehend: »Ich habe ihm das
Geld gegeben und werde ihm noch mehr geben. Und jetzt sagt Ihr mir geradeheraus,
was Euch im Kopfe herumgeht. Denn ich sehe, Ihr habt mir etwas mitzuteilen.«
    Tinkeles machte ein schlaues Gesicht und zwinkerte bedeutungsvoll mit den
Augen. »Wenn er auch ist Ihr guter Freund, so nehmen Sie sich doch in acht, dass
Sie ihm borgen kein Geld. Wissen Sie was, borgen Sie ihm keinen Gulden mehr«,
wiederholte er nachdrücklich.
    »Und weshalb nicht?« frug Anton. »Euer guter Rat ist mir nichts wert, wenn
ich nicht weiss, aus welchen Gründen Ihr mich warnt.«
    »Und wenn ich Ihnen sage, was ich weiss, wollen Sie dann sprechen für mich
bei Herrn Schröter, dass er nicht mehr denkt an die Frachtwagen, wenn er mich
sieht in Ihrem Comtoir?« frug der Jude schnell.
    »Ich will ihm sagen, dass Ihr mir seit der Zeit in anderer Weise ehrlich
gedient habt. Was er dann tun wird, steht bei ihm«, erwiderte Anton
ebensoschnell.
    »Sie werden sprechen für mich«, sagte der Händler, »das ist mir genug. - Es
steht faul mit dem Rotsattel, dem Vater dieses jungen Menschen, sehr faul; das
Unglück hält über ihn eine schwarze Hand. Er ist ein verlorener Mensch. Es ist
ihm nicht zu helfen.«
    »Woher habt Ihr diese Nachricht?« rief Anton erschreckend. »Es ist
unmöglich«, setzte er ruhiger hinzu, »es ist eine Unwahrheit, Geschwätz von
Winkelagenten und ähnlichem Volk.«
    »Glauben Sie meiner Rede«, sprach der Jude mit einem eindringlichen Ernst,
welcher seine Figur grösser machte und sogar seine Sprache weniger misstönend.
»Sein Vater ist unter den Händen von einem, der heimlich wandelt wie ein Engel
des Verderbens. Er geht und legt seinen Strick um den Hals der Menschen, die er
bezeichnet hat, ohne dass ihn einer sieht. Er zieht den Strick zu, und sie fallen
um, wie die hölzernen Kegel. Warum wollen Sie Ihr Geld verlieren an solche
Leute, die schon tragen die Schlinge am Halse?«
    »Wer ist der Teufel, den Ihr meint, wer hat den Baron in den Händen?« rief
Anton in einer Aufregung, welche ihn alle Vorsicht vergessen liess.
    »Was nützt der Name«, erwiderte der Galizier kalt. »Wenn ich auch wüsste den
Namen, so würde ich ihn doch nicht sagen, und wenn ich ihn sage, es kann Ihnen
nichts helfen und dem Rotsattel auch nicht, denn Sie kennen den Mann nicht, und
Ihr Baron kennt ihn vielleicht auch nicht.«
    »Ist dieser Mann Ehrental?« frug Anton.
    »Ich kann den Namen nicht sagen«, wiederholte der Händler mit einem
Achselzucken, »aber der Hirsch Ehrental ist es nicht.«
    »Wenn ich Euren Worten glauben soll, und wenn Ihr mir damit einen Dienst
leisten wollt«, fuhr Anton ruhiger fort, »so müsst Ihr mir Genaues mitteilen. Ich
muss den Namen dieses Mannes wissen, und ich muss alles wissen, was Ihr über ihn
und den Freiherrn gehört habt.«
    »Nichts habe ich gehört«, antwortete der Händler verstockt, »wenn Sie mich
fragen wollen, wie die Gerichte fragen. Eine Rede, die gesprochen ist, versiegt
in der Luft wie ein Geruch, der eine fängt das auf, der andere jenes. Ich kann
Ihnen nicht sagen die Worte, die ich gehört habe, und ich will sie nicht sagen
um vieles Geld. Ich will nicht die Hand legen an meine Gebetschnüre und vor
Gericht zeugen. Was ich spreche, ist gut für Ihr Ohr und für kein anderes. Ihnen
aber sage ich, dass zwei haben zusammengesessen nicht einen Abend, viele Abende,
und nicht in einem Jahre, sondern mehrere Jahre, und sie haben leise miteinander
gemurmelt in unserer Herberge hinten an dem Geländer, wo unten das Wasser läuft.
Und das Wasser hat gemurmelt unten, und sie haben gemurmelt oben über dem
Wasser. Ich lag in der Stube auf meinem Strohsack, dass sie glaubten, ich
schliefe. Und oft habe ich gehört aus dem Munde von beiden den Namen Rotsattel
und den Namen von seinem Gute. Und ich weiss, dass ein Unglück über ihm steht,
aber weiter weiss ich nichts. Und jetzt ist es gesagt und ich werde gehen. Der
gute Rat, den ich Ihnen gegeben habe, soll sein Ihre Bezahlung für den Tag, wo
Sie gefochten haben mit einer Pistole für die Wolle und für die Häute. Und Sie
werden denken an das Versprechen, das Sie mir gegeben haben.«
    Anton sah besorgt vor sich nieder. Durch Bernhard wusste er, dass Ehrental
mit dem Freiherrn in vielfacher Verbindung stand, und dieser Verkehr des
Gutsbesitzers mit dem übelberüchtigten Spekulanten war ihm schon oft auffallend
erschienen. Aber was Tinkeles sagte, klang doch zu unglaublich, er selbst hatte
nie etwas Ungünstiges über die Verhältnisse des Freiherrn gehört. »Bei dem, was
Ihr mir heut erzählt habt«, sprach er nach einer Weile, »kann ich mich nicht
beruhigen. Ihr werdet Euch besinnen, vielleicht erinnert Ihr Euch an die Namen
und einzelnen Worte, die Ihr gehört habt.«
    »Vielleicht werde ich mich erinnern«, erwiderte der Galizier mit einem
eigentümlichen Ausdruck, der dem bekümmerten Anton entging. »Und so haben wir
geschlossen unsere Rechnung, ich habe Ihnen Sorge gemacht und Gefahr, dafür habe
ich Ihnen jetzt getan einen Gefallen. Einen grossen Gefallen«, setzte er
selbstgefällig in das betroffene Gesicht Antons blickend hinzu. - »Können Sie
gebrauchen Louisdor gegen Banknoten?« frug er plötzlich im Geschäftston; »ich
kann Ihnen lassen Louisdor, wenn Sie mir dafür geben Dukaten oder Banknoten.«
    »Ihr wisst, ich mache keine Geldgeschäfte«, antwortete Anton zerstreut. -
»Vielleicht können Sie abgeben Wiener Wechsel auf gute Häuser?« - »Ich habe
keine Wechsel abzugeben«, sagte Anton ärgerlich.
    »Gut«, sagte der Jude, »eine Anfrage beisst niemanden«, und wandte sich zum
Gehen. An der Tür hielt er noch einen Augenblick an. »Dem Seligmann, der das
Pferd hat vorgeführt für die Herren und hat auf die Herren gewartet einen ganzen
halben Tag, habe ich geben müssen zwei Gulden Münz. Es ist eine bare Auslage,
die ich gehabt habe für Sie, wollen Sie mir nicht wiedergeben meine zwei
Gulden?«
    »Gott sei Dank!« rief Anton wider Willen lächelnd. »Jetzt seid Ihr wieder
der alte Tinkeles. Nein, Schmeie, die zwei Gulden bekommt Ihr nicht.«
    »Und Sie wollen mir nicht abnehmen die Louisdor gegen Papiere auf Wien?«
    »Auch nicht«, erwiderte Anton.
    »Adjes«, sagte Tinkeles. »Wenn ich Sie wiedersehe, sind wir gut Freund
miteinander.« Er ergriff die Klinke. »Und wenn Sie wissen wollen den Namen von
diesem Mann, der den Rotsattel so herunterbringen kann, dass er klein wird, wie
das Gras auf der Landstrasse, wo jedermann tritt darauf, so fragen Sie nach dem
Buchhalter von Hirsch Ehrental, mit Namen Itzig. Veitel Itzig wird sein der
Name.« Bei diesen Worten eilte Tinkeles zur Tür hinaus. Anton sprang ihm nach,
aber der Händler hörte nicht auf sein Rufen und war aus der Haustür geschlüpft,
bevor Anton ihn einholen konnte. Da gegründete Aussicht war, ihn in kurzem
wiederzusehen, so ging Anton, sehr beschäftigt durch die Geständnisse des
wunderlichen Heiligen, auf sein Zimmer zurück.
    Was er gehört hatte, musste er sogleich dem Sohn des Freiherrn mitteilen. Er
sagte sich, dass bei dem grossen Zartgefühl seines militärischen Freundes diese
Mitteilung schwierig sei. »Aber es muss geschehen, noch heut abend ziehe ich ihn
beiseite, ich gehe zeitig zu ihm oder bleibe beim Aufbruch zurück.«
    Diesem guten Vorsatz gönnte das Schicksal eine bequeme Ausführung nicht. So
früh Anton auch in das Quartier des jungen Rotsattel eilte, er fand doch die
Stube bereits durch fünf bis sechs Husarenleutnants besetzt. Eugen lag in seinem
Schlafrock auf dem Sofa, die Eskadron lagerte um ihn herum. Gleich nach Anton
trat der Doktor ein. »Wie geht's?« frug dieser zum Kranken tretend.
    »Gut genug«, erwiderte Eugen; »ich brauche Ihre Giftpulver nicht.«
    »Etwas Fieber«, fuhr der Doktor fort, »eingenommener Kopf und so weiter. Es
ist zu heiss hier, ich schlage vor, das Fenster zu öffnen.«
    »Beim Teufel, das werden Sie nicht, Doktor«, rief ein junger Herr, der sich
aus zwei Stühlen eine Art Bank zusammengerückt hatte. »Sie wissen, dass ich ausser
dem Dienst keinen Zug vertragen kann.« - »Lassen Sie zu«, rief Eugen, »wir sind
Homöopaten, die Wärme vertreiben wir durch Wärme. Was trinken wir?«
    »Irgendein Punsch wird für den Patienten immer noch am gesündesten sein«,
sagte der Doktor.
    »Holen Sie die Ananas, bester Anton, sie liegt mit dem ganzen Apparat hier
nebenan«, bat Eugen.
    »Ei«, rief der Doktor, als Anton die Frucht und der Bursch einen Korb Wein
hereinbrachten, »ein süsser Koloss, ein ausgezeichnetes Exemplar. Mit Verlaub, ich
mache den Punsch, die Mischung muss nach dem Zustand des Patienten eingerichtet
werden.« Er griff nach seiner Tasche, brachte ein schwarzes Besteck hervor und
suchte ein Messer zum Zerschneiden der Früchte.
    »Alle Wetter! Plagt Sie der Teufel! Zum Henker mit Ihrem Besteck!« riefen
sämtliche Husarenoffiziere aufspringend. Wie Heckenfeuer fuhren ihre
Verwünschungen um das Haupt des Doktors.
    »Meine Herren«, rief der Doktor, nur wenig eingeschüchtert durch den Sturm
des Unwillens, »hat einer von Ihnen ein Messer? Sehen Sie nicht erst nach, ich
weiss, keiner hat eins. Spiegel und Bürste, weiter darf man in Ihren Taschen doch
nichts suchen. Und versteht einer von Ihnen eine Bowle zu machen, die ein Mann
von Herz und Welt trinken kann? Austrinken, ja, aber machen können Sie nichts.«
    »Ich will's versuchen, Doktor«, sagte Bolling aus einer Ecke.
    »Ach, Herr von Bolling, Sie auch hier?« erwiderte der Doktor mit einer
Verbeugung.
    Bolling nahm ihm die Ananas aus der Hand und hielt sie sorgfältig aus dem
Bereich des medizinischen Armes. »Kommen Sie, Anton«, rief er, »und verhüten
Sie, dass dieses Ungeheuer von Doktor mit seinem Tranchiermesser dem Getränk zu
nahe kommt.«
    Während Anton mit dem ältern Leutnant in eifriger Tätigkeit war, zog der
Doktor zwei Spiele Karten aus der Tasche und legte sie feierlich auf den Tisch.
    »Fort mit Ihren Karten«, rief Eugen, »heut wenigstens wollen wir ohne Sünde
zusammenbleiben.«
    »Sie können's ja nicht«, spottete der Doktor, »Sie selbst sind der erste,
der danach greifen wird. Ich beabsichtigte nichts, als ein ruhiges Whist mit
stabilem Pari nach rechts und links, ein Spiel für fromme Einsiedler. Was Sie
aber mit diesen Karten anfangen, das wird die Zeit lehren. Hier liegen Sie beim
Leuchter.«
    »Hört nicht auf den Versucher«, rief einer der Leutnants lachend.
    »Wer die Karte zuerst anfasst, zahlt ein Frühstück zur Strafe«, ein anderer.
    »Hier ist der Trank«, sagte Bolling und trug die Bowle auf den Tisch. Er goss
ein. »Kosten Sie, Blutmensch«, sagte er zu dem Doktor.
    »Roh«, entschied dieser, »morgen abend wird sie trinkbar sein.«
    Während die Herren sich über das Getränk stritten, griff Eugen nach einem
Spiel Karten und zog es mechanisch in zwei Häufchen ab, die er nebeneinander
legte. Der Doktor rief: »Halt, gefangen! Er selbst zahlt die Strafe.« Alles
lachte und drängte an den Tisch. »Die Bank, Doktor«, riefen die Offiziere, sie
warfen ihm die Karten zu, schnell kamen einige andere Spiele aus den Taschen der
Herren ans Licht, der Doktor legte ein Häufchen Papier und Silber auf den Tisch,
das Spiel begann. Man pointierte nicht gerade hoch, kurze Scherze begleiteten
den Gewinn und Verlust der Spieler. Auch Anton ergriff eine Karte und setzte
ohne Aufmerksamkeit. Er vermochte heut nur mit Mühe an der Unterhaltung
teilzunehmen und sah mit inniger Teilnahme auf den jungen Rotsattel, der sich
ahnungslos über die Karten beugte. Anton gewann einige Taler, aber mit
Missbehagen bemerkte er, dass Eugen endloses Unglück hatte. Ein Dukaten nach dem
andern flog in die Kasse des Bankhalters. Da Anton bei dem Verlust seines Wirtes
nicht ganz unbeteiligt war, so machte er keine Bemerkung darüber, aber der
Doktor selbst sagte zu seinem Patienten, nachdem er wieder einige Dukaten
eingestrichen hatte: »Sie sind heiss geworden, Sie haben Fieber, es wäre am
klügsten, wenn Sie nicht mehr spielten, ich habe noch nie einen Fieberkranken
gehabt, der nicht im Pharao verloren hätte.«
    »Das geht Sie nichts an, Doktor«, erwiderte Eugen heftig und setzte wieder.
    »Du hast Unglück, Eugen«, rief der gutmütige Bolling, »du gehst wieder zu
sehr ins Geschirr.«
    Als der Abzug beendet war, nahm der Doktor die Karten und steckte sie
gemütlich in die Tasche. »Die Bank hat stark gewonnen«, sagte er, »aber ich höre
doch auf, es ist genug des Guten.«
    Wieder erhob sich ein Sturm unter den Offizieren. »Ich will Bank legen«,
rief Eugen, »geben Sie mir Ihre Kasse, Wohlfart.«
    Der Doktor protestierte, endlich beruhigte er sich mit der Ansicht,
»vielleicht hat er Glück als Bankier, man muss dem Menschen nicht die Gelegenheit
entziehen, eine Scharte auszuwetzen.«
    Anton holte einige Kassenbillette aus der Tasche und legte sie schweigend
vor Eugen hin, aber er selbst spielte nicht mehr. Traurig sass er da und sah auf
seinen guten Freund, der mit einem Gesicht, das von Wein und Fieber glühte, auf
die Karten der Spieler hinstarrte. Wieder folgte ein Abzug auf den andern, und
wieder verlor Eugen, was er vor sich hatte. Die Kassenscheine flogen von ihm
weg, kaum einmal fiel ein Blatt zu seinem Gunsten. Verwundert sahen die
Offiziere einander an. »Auch ich schlage vor, dass wir aufhören«, rief Bolling,
»ein andermal geben wir dir Revanche.«
    »Ich will sie heut haben«, rief Eugen, sprang auf und verschloss die Tür,
»keiner kommt heraus. Setzt ordentlich und wagt, hier ist Geld.« Er warf einen
Haufen Streichhölzer auf den Tisch. »Das Holz einen Champagnertaler, morgen
zahle ich; ich gebe zu, dass das Holz einmal gebrochen wird, unter einem Taler
kein Point.« Wieder fuhren die Karten auf den Tisch und wieder ging das Spiel
fort. Anton bemächtigte sich unterdes des Punschlöffels und beschloss, nichts
mehr in die Gläser zu giessen. Eugen verlor immerfort; die Streichhölzer wurden
wie durch eine geheime Kraft nach allen Richtungen fortgerissen. Eugen holte
neue Bündel und rief wild: »Beim Abschied machen wir Rechnung.« Bolling erhob
sich und stampfte mit dem Stuhle auf den Boden.
    »Ein Hundsfott, wer die Stube verlässt«, rief Eugen.
    »Du bist ein Narr«, sagte der andere unwillig, »es ist Unrecht, seinem
nächsten Kameraden das Geld abzunehmen, wie wir heut mit dir tun. Ich habe so
etwas noch nie gesehen. Wenn hier der Satan sein Spiel hat, ich will ihm nicht
helfen.« Er setzte sich vom Tisch ab, Anton trat zu ihm; beide sahen schweigend
dem Übermut zu, mit welchem das Geld aus einer Hand in die andere geworfen
wurde.
    »Auch ich habe genug«, sagte der Doktor und zeigte ein dickes Bund Hölzer in
seiner Hand. »Dies ist ein merkwürdiger Abend, seit ich Karten kenne, ist mir so
etwas noch nicht vorgekommen. Er vermag kein Paroli mehr abzuschlagen.«
    Von neuem sprang Eugen zu dem Seitentisch, wo die Hölzer lagen. Da ergriff
Bolling den Rest des Paketes, öffnete das Fenster und warf die Hölzer hinunter
auf die Strasse. »Besser die Teufelsbolzen verbrennen da unten einen Stiefel, als
hier deine Börse«, rief er. Darauf schleuderte er die Karten auf die Erde. »Das
Spiel soll aufhören, du hast uns vorhin aufgetrumpft, wie einer aus der
Wachtstube des alten Dessauers, ich tue jetzt dasselbe.«
    »Ich verbitte mir solche Befehle«, rief Eugen gereizt.
    Bolling schnallte seinen Säbel um und fasste mit der Hand an das Gesäss. »Du
wirst dich heut fügen«, sagte er ernst, »morgen will ich dir vor dem Korps Rede
stehn. Macht Eure Rechnung, ihr Herren, wir brechen auf.«
    Die Marken wurden auf den Tisch geworfen, der Doktor zählte.
    Eugen riss finster die Brieftafel aus der Tasche und notierte seine Schuld an
die einzelnen. Ohne Behagen, mit kurzem Gruss entfernte sich die Gesellschaft.
»Es sind gegen achtundert Taler«, sagte der Doktor auf dem Wege. Bolling zuckte
die Achseln. »Ich hoffe, er kann das Geld schaffen, aber ich wollte doch, dass
Sie heut das Stempelpapier in Ihrer Tasche behalten hätten. Wenn von der
Geschichte etwas verlautet, so wird Rotsattel keine Ursache haben, sich zu
freuen. Wir alle werden gut tun, über den Vorfall zu schweigen, auch Sie, Herr
Wohlfart, bitte ich darum.«
    Anton ging in stürmischer Bewegung nach Hause. Den ganzen Abend hatte er wie
auf Kohlen gesessen und dem Verschwender in der Stille die bittersten Vorwürfe
gemacht. Er schalt sich, dass er ihm Geld geliehen hatte, und fühlte doch, wie
unpassend es gewesen wäre, seinen Wunsch nicht zu gewähren.
    Als er am nächsten Morgen Eugen aufsuchen wollte, öffnete sich die Tür, und
Eugen selbst trat in das Zimmer, verstimmt, niedergeschlagen, unsicher. »Ein
nichtswürdiges Malheur gestern«, rief er, »ich bin in arger Klemme; ich muss heut
achtundert Taler schaffen und habe in diesem Unglücksnest niemand, an den ich
mich wenden kann, als Sie. Seien Sie verständig, Anton, und besorgen Sie mir das
Geld.«
    »Auch mir ist es nicht leicht, Herr von Rotsattel«, erwiderte Anton ernst,
»es ist keine unbedeutende Summe, und die Gelder, über die ich hier disponieren
kann, sind nicht mein Eigentum.«
    »Sie werden es schon möglich machen«, fuhr Eugen überredend fort, »wenn Sie
mir nicht aus der Verlegenheit helfen, so bin ich ganz ratlos. Der Chef versteht
keinen Spass, ich riskiere alles, wenn die Geschichte nicht schnell abgemacht
wird.« Er ergriff in seiner Verlegenheit Antons Hand und drückte sie ängstlich.
    Anton sah in das verstörte Gesicht dessen, der Lenorens Bruder war, und
erwiderte mit innerer Überwindung: »Ich habe eine kleine Summe, welche mir
gehört, in der Kasse unseres Geschäftes, und habe von hier aus Geld an unser
Haus zu senden. Es wird möglich sein, dass ich unsern Kassierer auf mein Geld
anweise, und die Summe, welche Sie brauchen, zurückbehalte.«
    »Sie sind mein Retter«, rief Eugen erleichtert; »in spätestens vier Wochen
schaffe ich Ihnen achtundert Taler zurück«, fügte er hinzu, bei der Aussicht
auf das Geld geneigt, das Beste zu hoffen.
    Anton ging zum Schreibtisch und zählte dem Leutnant das Geld auf. Es war ein
grosser Teil der Summe, die er von seinem Erbteil noch übrig hatte.
    Als Eugen das Papier unter lebhaftem Danke eingesteckt hatte, begann Anton:
»Und jetzt, Herr von Rotsattel, wünsche ich Ihnen noch etwas mitzuteilen, was
mir gestern den ganzen Abend auf dem Herzen gelegen hat. Ich bitte Sie, mich
nicht für zudringlich zu halten, wenn ich Ihnen nicht verschweige, was Sie
wissen müssen, und was doch ein Fremder kaum zu sagen das Recht hat.«
    »Wenn Sie mir gute Lehren zuteilen wollen, so ist der Augenblick schlecht
gewählt«, antwortete der Leutnant finster, »ich weiss ohnedies, dass ich einen
dummen Streich gemacht habe, und bin auf eine Strafrede meines Papas gefasst. Was
ich von ihm anhören muss, wünsche ich von keinem Dritten zu vernehmen.«
    »Sie trauen mir wenig Zartgefühl zu, Herr von Rotsattel«, rief Anton,
aufrichtig bekümmert durch den Ärger des Offiziers. »Ich habe gestern aus einer
allerdings wenig lauteren Quelle gehört, dass Ihr Herr Vater durch die Intrigen
gewissenloser Spekulanten in Verwickelungen gekommen ist oder doch kommen soll,
welche seinem Vermögen Gefahr drohen. Auch der gefährliche Mensch, welcher die
Ränke gegen ihn schmiedet, ist mir genannt worden.«
    Der Leutnant sah verwundert in das ernste Gesicht Antons und sagte endlich:
»Teufel, Sie jagen mir einen Schrecken ein, es ist nicht möglich, Papa hat mir
nie etwas davon gesagt, dass seine Verhältnisse nicht ganz in Ordnung sind.«
    »Vielleicht kennt er selbst nicht die Pläne und die Rücksichtslosigkeit der
Menschen, welche die Absicht haben, seinen Kredit für ihre Zwecke zu benutzen.«
    »Der Freiherr von Rotsattel ist nicht der Mann, sich von irgend jemand
benutzen zu lassen«, entgegnete der Leutnant mit Stolz.
    »Das nehme ich auch an«, räumte Anton bereitwillig ein. »Und doch bitte ich
Sie, daran zu denken, dass die letzten grossen Unternehmungen des Herrn Barons ihn
mehrfach mit schlauen und wenig bedenklichen Händlern in Berührung gebracht
haben. Der mir den Rat erteilte, gab ihn offenbar in guter Meinung. Er sprach
eine Ansicht aus, welche, wie ich fürchte, von einer Anzahl untergeordneter
Geschäftsleute geteilt wird, dass Ihr Herr Vater in ernster Gefahr sei, grosse
Summen zu verlieren. Und ich fordere Sie auf, mit mir zu dem Mann zu gehen,
vielleicht gelingt es uns, mehr von ihm zu erfahren. Es ist derselbe Händler,
den Sie gestern bei mir sahen.«
    Der Leutnant sah sehr niedergeschlagen vor sich hin, er fasste, ohne ein Wort
zu sagen, seine Dienstmütze, und beide eilten nach der Herberge, in welcher
Tinkeles wohnte.
    »Es wird am besten sein, dass Sie selbst nach ihm fragen«, sagte Anton auf
dem Weg. Der Offizier ging in das Haus, er frug einen Hausknecht, den Wirt, alle
Hausgenossen, welche ihm in den Weg kamen; Schmeie war seit gestern mittag
abgereist. Sie eilten von der Herberge zum Stadtkommando und erhielten nach
vielen Fragen die Auskunft, dass dem Tinkeles sein Pass nach der türkischen Grenze
visiert worden. So war der Zudringliche plötzlich verschwunden, und durch seine
Abreise erhielt die Warnung für beide noch grösseres Gewicht. Je länger sie über
seine Bekenntnisse sprachen, desto aufgeregter wurde der Leutnant. Und um so
weniger wusste er, was zu tun sei. Endlich brach er in grosser Bewegung mit der
Klage hervor: »Mein Vater ist vielleicht jetzt in Geldverlegenheit. Wie soll ich
ihm meine Schuld gestehen? Es ist für mich ein verfluchter Fall. Wohlfart, Sie
sind ein honetter Mann, denn Sie haben mir das Geld geliehen, obgleich Sie die
Nachrichten dieses unsichtbaren Juden schon im Kopfe hatten. Sie müssen jetzt
weiter anständig sein und mir die Summe auf längere Zeit leihen.«
    »So lange, bis Sie selbst den Wunsch aussprechen, sie zurückzuzahlen.«
    »Das ist gentil«, rief der Leutnant, »und noch eins, schreiben Sie selbst an
meinen Vater. Sie wissen am besten, was der verrückte Mensch Ihnen gesagt hat,
und mir ist es langweilig, so etwas meinem Papa mitzuteilen.«
    »Aber Ihr Herr Vater wird die Einmischung eines Fremden mit Recht für
zudringlich halten«, entgegnete Anton, befangen durch die Aussicht, mit dem
Vater Lenorens in Korrespondenz zu treten.
    »Mein Vater kennt Sie ja«, sagte Eugen überredend; »ich erinnere mich, dass
meine Schwester mir schon von Ihnen erzählt hat. Schreiben Sie nur, ich hätte
Sie darum gebeten. Es ist wirklich besser, wenn Sie das übernehmen.«
    Anton willigte ein. Er setzte sich auf der Stelle hin und berichtete dem
Baron die Warnungen des Händlers.
    So kam er in der Fremde mit der Familie des Freiherrn in eine neue
Verbindung, welche für ihn und die Rotsattel verhängnisvoll werden sollte.
 
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Glücklich der Fuss, welcher über weite Flächen des eigenen Grundes schreitet;
glücklich das Haupt, welches die Kraft der grünenden Natur einem verständigen
Willen zu unterwerfen weiss! Alles, was den Menschen stark, gesund und gut macht,
das ist dem Landwirt zuteil geworden. Sein Leben ist ein unaufhörlicher Kampf,
ein endloser Sieg. Ihm stählt die reine Gottesluft die Muskeln des Leibes, ihm
zwingt die uralte Ordnung der Natur auch die Gedanken zu geordnetem Lauf. Er ist
der Priester, welcher Beständigkeit, Zucht und Sitte, die ersten Tugenden eines
Volkes, zu hüten hat. Wenn andere Arten nützlicher Tätigkeit veralten, die seine
ist so ewig, wie das Leben der Erde; wenn andere Arbeit den Menschen in enge
Mauern einschliesst, in die Tiefen der Erde oder zwischen die Holzplanken des
Schiffes, sein Blick hat nur zwei Grenzen, oben den blauen Himmel, und unten den
festen Grund. Ihm wird die höchste Freude des Schaffens, denn was sein Befehl
von der Natur fordert, Pflanze und Tier, das wächst unter seiner Hand zu eigenem
frohen Leben auf. Auch dem Städter ist die grüne Saat und die goldene Halmfrucht
des Feldes, das Rind auf der Weide und das galoppierende Füllen, Waldesgrün und
Wiesenduft eine Erquickung des Herzens, aber kräftiger, stolzer, edler ist das
Behagen des Mannes, der mit dem Bewusstsein über seine Flur schreitet, dies alles
ist mein, meine Kraft erschuf es, und mir gereicht es zum Segen. Denn nicht in
mühelosem Genuss betrachtet er die Bilder, welche ihm die Natur entgegenhält. An
jeden Blick knüpft sich ein Wunsch, an jeden Eindruck ein Vorsatz, jedes Ding
hat für ihn einen Zweck, denn alles, das fruchtbare Feld, das Tier und der
Mensch soll Neues schaffen seinem Willen, dem Willen des Gebieters. Die tägliche
Arbeit ist sein Genuss, und in diesem Genusse wächst seine Kraft. - So lebt der
Mann, welcher selbst der arbeitsame Wirt seines Gutes ist.
    Und dreimal glücklich der Herr eines Grundes, auf dem durch mehrere
Menschenalter ein starker Kampf gegen die rohen Launen der Natur geführt ist.
Die Pflugschar greift tief in den gereinigten Boden, anspruchsvolle
Kulturpflanzen breiten ihre Blätter in üppiger Pracht, auf den Stengeln bräunen
sich grosse Dolden und körnerreiche Schoten, und unten in der Erde rundet sich
mächtig die fleischige Wurzel. Dann kommt die Zeit, wo sich kunstvolle Industrie
auf den Ackerschollen ansiedelt. Dann ziehn die abenteuerlichen Gestalten der
Maschinen nach dem Wirtschaftshof, der ungeheure Kupferkessel fährt mit Blumen
bekränzt heran, grosse Räder mit hundert Zähnen drehn sich gehorsam im Kreise,
lange Röhren verschlingen sich in den neugebauten Räumen, und die mechanischen
Gelenke bewegen sich rastlos bei Tag und Nacht. Eine edle Industrie! Sie erblüht
aus der Kraft des Bodens und vergrössert wieder diese Kraft! Wo der eigene Grund
des Gutes seine Früchte der Fabrik reichlich spendet, da arbeiten im Freien die
uralte Pflugschar, im gemauerten Haus der neue Dampfkessel brüderlich
miteinander, um ihren Herrn reicher zu machen, stattlicher und weiser. Solange
er nur die alten Halmfrüchte baute, die grüne Nahrung der Tiere und die runde
Knollenfrucht, waren die Preise auf dem nächsten Wochenmarkt vielleicht das, was
ihn in der fremden Welt am meisten interessierte; und wenn der Bauer im Dorf
gegen ihn auftrumpfte, so war ihm das vielleicht der grösste Ärger. Und mit
abschliessendem Stolz sah er aus seinem umgrenzten Kreise, wie in die blaue Ferne
hinein in das geschäftige Treiben der grossen Städte, in die verwickelten
Verhältnisse, welche durch eine neue Zeit geschaffen sind. Jetzt steht er selbst
mitten zwischen den Rädern des modernen Lebens, aber er gewinnt über die
Tätigkeit vieler Fremden ein Urteil, er beobachtet viele Strömungen des
menschlichen Geistes auch ausserhalb seiner Feldmark. Viele Gesetze des Lebens
lernt er kennen und viele Gedanken der Menschen, er gewinnt einen andern Massstab
für den Wert des Menschen, jetzt wo er das Gewühl des Marktes, das Arbeitszimmer
des Gelehrten auch für sich braucht. Er knüpft seine Fäden an Leute von anderm
Beruf, und Fremde freuen sich, ihm die Hand zu reichen und ihren Vorteil mit dem
seinen zu verbinden. Immer grösser werden die Kreise, in welche ihn sein
Interesse zieht, immer mächtiger der Einfluss, den er auf andere gewinnt.
    Neben dem ländlichen Tagelöhner baut ein neues Geschlecht arbeitsamer
Menschen seine Hütten auf den Ackerboden, in jeder Abstufung von Wissen und
Bildung; allen kann er gerecht und allen zum Heil werden. Dann wächst in starker
Zunahme die Kraft seiner Landschaft, der Wert des Bodens steigt von Jahr zu
Jahr, die lockende Aufforderung zu grösserem Erwerb treibt auch den zähen Bauer
aus dem Gleise alter Gewohnheit. Der schlechte Feldweg wird zur Chaussee, der
sumpfige Graben zum Kanal. Zwischen den Getreidefeldern fahren die Reihen der
Lastwagen entlang, auf wüsten Stellen erheben sich die roten Dächer neuer
Wohnungen; der Briefbote, der sonst nur zweimal in der Woche seine Ledertasche
durch die Fluren trug, erscheint jetzt alle Tage, sein Ranzen ist schwer von
Briefen und Zeitungen; und wenn er bei einem neuen Haus anhält, um der jungen
Frau, die mit ihrem Mann von fern zuzog, eine Nachricht aus der Heimat zu
bringen, da nimmt er dankend das Glas Milch, das ihm die Erfreute an der Tür
reicht, und erzählt ihr eilig, wie lang ihm sonst der Weg von einem Dorf zum
andern in der heissen Sonne geworden. Dann erwacht auch die Begehrlichkeit, die
kindische Base jedes Fortschritts. Die Nadel des Schneiders hat viel an neuen
Stoffen zu nähen, zwischen den Bauernhäusern stellt der kleine Kaufmann seinen
Kram auf, er legt seine Zitronen in das Schaufenster, den Tabak in schönen
Paketen, und lockende Flaschen mit silbernen Zetteln. Und die Schullehrer in den
Dörfern klagen über die Menge der Schüler, ein zweites Schulhaus wird gebaut,
eine höhere Klasse eingerichtet; in einem Schrank einer Wohnstube legt der
Lehrer die erste Leihbibliotek an, und der Buchhändler in der Stadt übergibt
ihm neue Bücher zum Verkauf. - So wird das Leben des starken Landwirts ein Segen
für die Umgegend, für das ganze Land.
    Wehe aber dem Landwirt, dem der Grund unter seinen Füssen fremden Gewalten
verfällt! Er ist verloren, wenn seine Arbeit nicht mehr ausreicht, die Ansprüche
zu befriedigen, welche andere Menschen an ihn machen. Die Geister der Natur
gönnen ihren Segen nur dem, welcher ihnen frei und sicher gegenübersteht, sie
empören sich, wo sie Schwäche, Eile und halben Mut ahnen. Keine Arbeit wird mehr
zum Heil. Die gelbe Blüte der Ölsaat und die blaue Blume des Flachses
vertrocknen ohne Frucht, Rost und Brand fallen über das Getreide, in tödlichem
Faulfieber schwindet der kleine Leib der Kartoffel; sie alle, so lange an
Gehorsam gewöhnt, wissen sie bitter jede Nachlässigkeit zu strafen. Dann wird
für den Herrn der tägliche Gang durch die Felder ein täglicher Fluch; wenn die
Lerche aus dem Roggen aufsteigt, muss er denken, dass die Frucht schon auf dem
Halme verkauft ist, wenn das Gespann der Rinder den Klee nach den Ställen fährt,
weiss er, dass der Ertrag von Milch und Fleisch schon von fremden Gläubigern
gefordert ist, und er muss zweifeln, ob die Fruchtbarkeit, welche seinem Acker
durch das Wiederkäuen der esslustigen Tiere im nächsten Jahr kommen soll, noch
ihm selbst zum Vorteil werden wird. Finster, mürrisch, verzweifelt kehrt er nach
dem Hofe zurück. Leicht wird er dann seiner Wirtschaft und den Feldern fremd, er
sucht jenseits seiner Flur den lästigen Gedanken zu entfliehen, und durch die
Flucht beschleunigt er seinen Untergang. Was ihn vielleicht noch retten könnte,
ein vollständiges Hingeben an die Arbeit, das wird ihm unerträglich.
    Und dreimal wehe dem Landwirt, der übereilt in unverständigem Gelüst die
schwarze Kunst des Dampfes über seine Schollen führt, um Kräfte aus ihnen
hervorzulocken, die nicht darin leben. Ihn trifft der härteste Fluch, der
Sterblichen beschieden ist. Nicht er allein wird schwächer, er macht auch viele
andere schlecht, die er zum Dienst an sein Leben gebunden hat. In dem Schwunge
der Räder, die er vorwitzig in seinem Kreis aufstellte, wird zerrissen, was in
seiner Wirtschaft noch unversehrt war, die Kraft seines Bodens verzehrt sich in
fruchtlosen Versuchen, seine Gespanne erlahmen an schweren Fabrikfuhren, seine
ehrlichen Landarbeiter verwandeln sich in ein schmutziges, hungerndes
Proletariat. Wo sonst ruhiger Gehorsam wenigstens das Nötige schuf, wuchert
jetzt Hader, Widersetzlichkeit und Betrug. Er selbst ist hineingezogen in die
Wirbel lästiger Geschäfte, wie brausende Wellen stürzen die Forderungen auf ihn
herein, im verzweifelten Kampf, ein Ertrinkender, sucht er ohne Wahl Hilfe bei
allem, was in den Bereich seiner Hände kommt, und ermattet vom fruchtlosen
Ringen sinkt er hinab in die Tiefe.
    Auf dem Gute des Freiherrn hatte die Saat oft besser gestanden, als bei den
Nachbarn, seine Herden waren als kerngesund in der ganzen Landschaft bekannt,
Fehljahre, welche andere niederdrückten, hatten ihm verhältnismässig wenig
geschadet; jetzt war das alles wie durch bösen Zauber verändert. In der
Rinderherde brach eine pestartige Krankheit aus, das Getreide stand hoch im
Feld, und als die Garben in der Scheuer zerschlagen wurden, waren der Scheffel
nur wenige, die er aufschütten konnte. Überall war sein Anschlag grösser gewesen,
als der Ertrag. Zu anderer Zeit hätte er's ruhig überwunden, jetzt machte ihn
das krank. Die Ackerwirtschaft wurde ihm verhasst, er überliess sie ganz dem
Amtmann. Alle seine Hoffnungen flogen jetzt der Fabrik zu, und wenn er seine
Feldmark betrat, so geschah es nur, um nach den Rüben zu sehn, auf deren Bau er
im letzten Jahr die beste Kraft des Gutes verwandt hatte.
    Hinter den Bäumen des Parks erhob sich das neue Fabrikgebäude. Viele Stimmen
geschäftiger Menschen schrien um den neuen Bau durcheinander. Die erste
Rübenernte wurde eingebracht und zum Verarbeiten aufgeschüttet. Mit dem nächsten
Tage sollten die regelmässigen Arbeiten in der Fabrik beginnen. Noch immer
hämmerte drin der Kupferschmied, an der grossen Presse arbeitete der Mechaniker,
und emsige Frauen trugen Körbe von Spänen und Kalkbrocken aus den Mauern und
säuberten mit Scheuerlappen die Stätte, in der sie fortan handlangen sollten.
Der Freiherr stand vor dem Hause; er hörte ungeduldig auf das Klopfen der
Hämmer, die so lange die Vollendung des Werkes verzögert hatten. Von morgen
begann für ihn eine neue Zeit. Er stand jetzt an der Pforte seines Schatzhauses.
Die alten Sorgen konnte er weit hinter sich werfen, in den nächsten Jahren
zahlte er ab, was er geliehen hatte, dann sammelte er Geld. Und während er so
dachte, sah er auf seine abgetriebenen Pferde und das sorgenvolle Gesicht des
alten Amtmanns, und eine unbestimmte Furcht schlich wie ein hässliches Insekt
über die unruhig flatternden Blätter seiner Gedanken. Er hatte alles auf diesen
Wurf gesetzt, er hatte sein Gut so hoch mit Hypoteken belastet, dass er sich in
diesem Augenblick fragen konnte, wieviel davon noch ihm selbst gehöre, alles, um
durch den erhärteten Saft der Ackerfrucht den Wappenschild seines Geschlechtes
höher zu stellen. Hüte dich, Freiherr! Und wenn du die weissen Kristalle härtest,
dass sie klingen wie Stein, sie halten Wind und Wetter nicht aus, sie zerfliessen
im Regen, sie verwittern in der Luft, und was du darauf gegründet, das stürzt in
Trümmer. Der Freiherr selbst war in den letzten Jahren ein anderer geworden.
Falten auf der Stirn, zwei mürrische Falten um den Mund und graues Haar an den
Schläfen, das waren die ersten Resultate der ewigen Sorge um Kapital, um die
Familie, um die Zukunft des Gutes. Seine Stimme, die sonst kräftig aus der Brust
geklungen hatte, war scharf und heiser geworden, und eine zornige Hast war in
seinen Gebärden. Schwere Sorge hatte der Freiherr in der letzten Zeit gehabt.
Was bei einem grossen Bau Mangel an Geld heisst, das Elend hatte er gründlich
kennengelernt. Ehrental war jetzt ein regelmässiger Besucher des Schlosses.
Seine Pferde hatten in jeder Woche gutes Heu von den Raufen des Freiherrn
gerupft, in jeder Woche hatte er seine Brieftasche hervorgezogen und Rechnungen
gebracht oder Kassenscheine aufgezählt. Seine Hand, die im Anfange so
ehrerbietig nach der Tasche griff, war säumig geworden, und nur langsam lösten
sich die flatternden Papiere von seinen Fingern, sein gebeugter Hals war steif,
sein unterwürfiges Lächeln hatte sich in einen trockenen Gruss verwandelt, er
schritt jetzt mit prüfendem Blick durch den Wirtschaftshof, und statt der
feurigen Lobrede kam mancher Tadel aus seinem Munde. Der demütige Agent war zum
anspruchsvollen Gläubiger herangewachsen, und der Freiherr ertrug mit immer
steigendem Widerwillen die Ansprüche eines Mannes, den er nicht mehr entbehren
konnte. Aber nicht Ehrental allein, auch andere fremde Gestalten klopften an
das Arbeitszimmer des Gutsherrn und verhandelten mit ihm unter vier Augen. Die
breite Figur des rauhen Pinkus schritt alle Vierteljahre aus dem Gastof des
Dorfes auf das Schloss, und jedesmal, wenn sein schwerer Fuss die Stufen betrat,
zog hinter ihm der Missmut in das Haus. Alle Wochen war Ehrental auf dem Gute
erschienen, jetzt war die schwerste Zeit gekommen, und kein Auge erblickte den
Geschäftsmann. Er war verreist, hiess es in der Stadt, und unruhig hörte der
Freiherr auf das Geräusch jedes Wagens, ob nicht einer den Säumigen zuführe, den
Verhassten, Unentbehrlichen. Lenore trat zu dem Vater, eine reife Schönheit von
vollen Formen und hohem Wuchs; dass auch sie von dem Ernst des Lebens berührt
war, zeigte das sinnende Auge und der besorgte Blick, den sie auf den Freiherrn
warf. »Der Bote bringt die Postsachen«, sagte sie, ein Paket Briefe und
Zeitungen überreichend. »Es ist gewiss wieder kein Brief von Eugen dabei.«
    »Der hat jetzt anderes zu tun, als zu schreiben«, antwortete der Vater, aber
er selbst suchte eifrig die Handschrift des Sohnes. Da sah er ein Schreiben von
fremder Hand, mit dem Postzeichen der Stadt, in welche Eugen eingerückt war. Es
war Antons Brief. Schnell öffnete er. Als er in der ehrerbietigen Sprache die
gute Meinung erkannt und den Namen Itzigs gelesen hatte, verbarg er den Brief
hastig in seiner Brusttasche. Die geheime Angst, welche jetzt manchmal sein Herz
zusammenzog, überfiel ihn wieder, und gleich darauf folgte der unwillige
Gedanke, dass seine Verlegenheiten ein Gegenstand der Unterhaltung in der Fremde
waren. Unbestimmte Warnungen waren das letzte, was er bedurfte, sie demütigten
ihn nur. Lange stand er in finsterem Schweigen neben der Tochter. Da der Brief
aber Nachrichten von Eugen entielt, so zwang er sich endlich zu sprechen. »Da
hat mir ein Herr Wohlfart geschrieben, der jetzt als Kaufmann jenseits der
Grenze umherreist und Eugens Bekanntschaft gemacht hat.«
    »Er!« rief Lenore. »Er scheint ein ordentlicher Mann zu sein«, fuhr der
Freiherr mit Überwindung fort. »Er spricht mit Wärme von Eugen.« »Ja«, rief
Lenore erfreut, »was gewissenhaft und zuverlässig heisst, das lernt man kennen,
wenn man mit ihm umgeht. Welcher Zufall! Die Schwester und der Bruder. Was hat
der dir geschrieben, Vater?«
    »Geschäftliches, das wahrscheinlich gut gemeint ist, mir aber nicht von
wesentlichem Nutzen sein kann. Die törichten Knaben haben irgendein Geschwätz
aus dritter Hand gehört und haben sich um meine Angelegenheiten unnötige Sorge
gemacht.« Und schwerfällig schritt er nach diesen Worten zu seiner Fabrik.
    Beunruhigt folgte ihm Lenore. Endlich entfaltete er die Zeitung und wandte
die Blätter nachlässig um, bis sein Blick auf eine gerichtliche Anzeige fiel.
Eine dunkle Röte stieg ihm langsam über die Wangen, das Blatt fiel zur Erde, er
griff mit der Hand an die Bretter eines Wagens und legte seinen Kopf darauf.
Erschrocken hob Lenore das Zeitungsblatt auf und sah den Namen der polnischen
Herrschaft, auf welcher der Vater, wie sie wusste, ein grosses Kapital stehen
hatte. Ein Termin zur Versteigerung der Herrschaft wegen Konkurses war
angezeigt.
    Wie ein Blitzstrahl traf den Freiherrn die Nachricht. Wenn er sein eigenes
Gut belastet hatte, war ihm die Summe, die auf fremdem Grund ruhte, als die
letzte Grundlage seines Wohlstandes erschienen. Oft hatte er gedacht, ob es
nicht töricht war, andern in der Fremde sein Geld zu lassen und daheim fremdes
nur zu teuer zu bezahlen, immer hatte er eine Scheu davor gefühlt, auch dies
runde Kapital in seine Unternehmungen zu werfen, er betrachtete es als das
Wittum seiner Gemahlin, als das Erbteil der Tochter. Jetzt war auch diese Summe
gefährdet, die letzte Sicherheit war verschwunden, alles um ihn wankte.
Ehrental hatte ihn betrogen, er hatte die Korrespondenz mit dem
Bevollmächtigten des polnischen Grafen geführt, er hatte ihm am letzten Termin
die Zinsen noch vollständig berechnet, es war kein Zweifel, Ehrental wusste von
den schlechten Verhältnissen des polnischen Gutes und hatte sie ihm
verheimlicht.
    »Vater«, rief Lenore, ihn von dem Wagen aufrichtend, »fasse dich, sprich mit
Ehrental, fahr zu deinem Anwalt, es wird auch gegen dieses Unglück eine Hilfe
geben.«
    »Du hast recht, mein Kind«, sagte der Freiherr mit klangloser Stimme, »noch
ist möglich, dass die Gefahr nicht so gross ist. Lass anspannen, ich will nach der
Stadt. Verbirg der Mutter, was du gelesen hast, und du, liebe Lenore, begleite
mich.«
    Als der Wagen vorfuhr, fand er den Freiherrn noch auf derselben Stelle, wo
die Nachricht in sein Herz gedrungen war. Schweigend sass er während der Fahrt in
eine Ecke gedrückt.
    In der Stadt brachte er die Tochter in sein Quartier, dass er immer noch
nicht aufgegeben, um seinen Bekannten und seiner Frau nicht den Verdacht zu
erregen, als gehe es zurück mit seinem Vermögen. Er selbst fuhr zu Ehrental.
Zornig trat er in das Comtoir und hielt dem Händler nach rauhem Gruss das
Zeitungsblatt entgegen. Ehrental erhob sich langsam und sagte mit dem Kopf
nickend: »Ich weiss, der Löwenberg hat deswegen an mich geschrieben.« - »Sie
haben mich getäuscht, Herr Ehrental«, rief der Freiherr, mühsam nach Haltung
ringend.
    »Wozu?« erwiderte achselzuckend der Händler, »wozu sollte ich Ihnen
verstecken, was doch die Zeitung melden muss? Das kommt vor bei jedem Gut, bei
jeder Hypotek. Was ist dabei für ein Unglück?«
    »Die Verhältnisse der Herrschaft sind schlecht, Sie haben lange darum
gewusst«, rief der Freiherr; »Sie haben mich betrogen.«
    »Was reden Sie da von Betrug?« rief Ehrental erzürnt; »nehmen Sie sich in
acht, dass nicht ein Fremder Ihre Worte hört. Ich habe mein Geld bei Ihnen
stehen, wie kann ich ein Interesse haben, Sie kleiner zu machen und grösser zu
machen Ihre Verlegenheiten? Ich selber stecke darin bei Ihnen so tief«, er wies
auf die Stelle, wo bei den Menschen das Herz zu sitzen pflegt. »Hätte ich
gewusst, dass diese Fabrik wird fressen mein gutes Geld, ein Tausend nach dem
andern, wie ein Tier frisst, das hinten offen ist, ich hätte mich bedacht und
Ihnen auch nicht gezahlt einen einzigen Taler. Ich will mit meinem Gelde füttern
eine Herde Elefanten, aber ich will niemals wieder füttern eine Fabrik. Wie
können Sie also sagen, dass ich Sie betrogen habe?« fuhr er in steigender Hitze
fort.
    »Sie haben um den Konkurs gewusst«, rief der Freiherr, »und haben mir
verheimlicht, wie es mit dem Grafen steht.«
    »Bin ich es gewesen, der Ihnen hat verkauft die Hypotek?« frug der
entrüstete Ehrental. »Ich habe Ihnen alle halbe Jahre die Zinsen eingezogen,
das ist mein Unrecht, ich habe Ihnen ausserdem gezahlt noch vieles Geld, das ist
mein Betrug.« - Versöhnend fuhr er fort: »Sehen Sie die Sache ruhig an, Herr
Baron, ein anderer Gläubiger hat angetragen auf den Verkauf der Herrschaft, die
Gerichte haben's uns nicht angezeigt, oder sie haben die Anzeige geschickt an
eine falsche Adresse. Was tut's? Sie werden jetzt bekommen nach der Subhastation
ausgezahlt Ihr Kapital, dann können Sie bezahlen die Gläubiger, die Sie auf
Ihrem Gut haben. Es sind, wie ich höre, grosse Güter bei dieser Herrschaft, und
Sie haben nichts zu befürchten für Ihr Kapital.«
    Mit dieser zweifelhaften Hoffnung musste sich der Freiherr entfernen.
Niedergeschlagen bestieg er seinen Wagen; er rief dem Kutscher: »Zum Justizrat
Horn!« aber mitten auf dem Wege gab er Gegenbefehl und fuhr nach seinem Quartier
zurück. Es war zwischen ihm und dem alten Rechtsfreund eine Kälte eingetreten.
Er hatte sich gescheut, diesem seine unaufhörlichen Verlegenheiten mitzuteilen,
und war durch einige wohlgemeinte Warnungen desselben verletzt worden, so hatte
er oft die Hilfe anderer Juristen in Anspruch genommen.
    Itzig war in seinem Zartgefühl aus dem Comtoir gestürzt, als er die
Pferdeköpfe des Barons auf der Strasse erblickt, jetzt steckte er den Kopf wieder
herein. »Wie war er?« frug er Herrn Ehrental.
    »Wie soll er gewesen sein«, antwortete Ehrental unwillig, »er war wie ein
Fisch, welcher hat viele Gräten; er hat geschlagen mit seinem Kopf in die Luft,
und ich habe gehabt meinen Ärger. Mein Geld habe ich gesteckt in das Gut, und
Sorgen habe ich um das Gut, so viel Haare auf dem Kopf, weil ich gefolgt bin
Ihrem Rat.« - »Wenn Sie denken, dass ein Rittergut Ihnen geschwommen kommt wie
ein Fisch mit dem Wasser, dass Sie nur dürfen ausstrecken die Hand und
festalten, so tun Sie mir leid«, versetzte Veitel boshaft.
    »Was tue ich mit der Fabrik?« rief Ehrental, »das Gut ist für mich gewesen
zweimal soviel wert, ohne den Schornstein.«
    »So verkaufen Sie die Ziegeln, wenn Sie den Schornstein erst haben«,
versetzte Veitel ironisch. »Ich wollte Ihnen noch sagen, dass ich morgen einen
Besuch habe von einem Bekannten aus meiner Gegend. Ich kann morgen nicht kommen
in Ihr Comtoir.«
    »Sie haben in dem letzten Jahr so oft Ihre eigenen Gänge gemacht«, erwiderte
Ehrental grob, »dass mir nichts daran liegt, wenn Sie auch länger fortbleiben
aus meinem Kontor.«
    »Wissen Sie, was Sie gesagt haben?« fuhr Veitel auf. »Sie haben mir gesagt:
Itzig, ich brauche dich nicht mehr, du kannst gehen. Ich aber werde gehen, wenn
es mir recht ist, und nicht, wenn es Ihnen recht ist.«
    »Sie sind ein dreister Mensch«, rief Ehrental; »ich will Ihnen verbieten,
dass Sie so zu mir reden. Wer sind Sie, junger Itzig?«
    »Ich bin der, welcher weiss Ihre ganzen Geschäfte, ich bin der, welcher Sie
ruinieren kann, wenn er will, und ich bin der, welcher es gut zu Ihnen meint,
besser als Sie selber. Und deswegen, wenn ich übermorgen in das Comtoir komme,
werden Sie zu mir sagen: Guten Morgen, Itzig! Haben Sie mich verstanden, Herr
Ehrental?« Er ergriff seine Mütze und eilte auf die Strasse, dort brach sein
unterdrückter Zorn gegen Ehrental in helle Flammen aus, er schwenkte heftig die
Hände und murmelte drohende Worte. Dasselbe tat Ehrental in seinem Comtoir.
    Der Freiherr fuhr zu seiner Tochter zurück, er setzte sich niedergeschlagen
auf das Sofa, und die liebevollen Worte Lenores gingen ungehört bei seinem Ohr
vorüber. Er hatte nichts, was ihn noch in der Stadt zurückhielt als seine
Furcht, der Baronin die traurige Nachricht mitzuteilen. Er brütete über Plänen,
wie er den möglichen Verlust überwinden konnte, und malte sich wieder mit den
schwärzesten Farben aus, welche Folgen dies Ereignis haben musste. Unterdes sass
Lenore schweigend am Fenster und sah hinunter in das Getümmel der Strassen, auf
die Lastwagen, welche vorüberrasselten, und auf die Ströme geschäftiger
Menschen, die auf dem Trottoir dahinzogen, unaufhörlich, ohne Rast, um Verdienst
und Genuss. Und während Lenore sich frug, ob wohl einer von all den Leuten, die
vorübergingen, den heimlichen Kummer, die Furcht, die Nutzlosigkeit gefühlt
habe, die in den letzten Jahren über ihr junges Herz gekommen waren, da sah
zuweilen einer von unten zu den Spiegelfenstern des stattlichen Hauses auf, dann
ruhte sein Auge bewundernd auf dem schönen Mädchen, und er beneidete vielleicht
das Glück der Vornehmen, die so ruhig von oben herabsehn auf die Leute, die sich
um den Verdienst plagen müssen.
    So wurde es dunkel auf der Strasse, das Licht der Laternen warf einen matten
Schein in das Zimmer, Lenore sah auf die Schatten und Lichtstreifen, welche sich
an der Stubenwand bewegten, und mit der steigenden Finsternis vergrösserte sich
das Bangen in ihrer Brust. Vor der Haustür aber standen zwei Männer in eifrigem
Gespräch, der eine trat in das Haus, die Klingel wurde gezogen, ein schwerer
Tritt schallte im Vorzimmer. Der Bediente trat ein und meldete Herrn Pinkus. Bei
dem Namen fuhr der Freiherr auf, forderte Licht und eilte in das Nebenzimmer.
    Der Herbergsvater trat bei dem Freiherrn ein und neigte einige Mal seinen
grossen Kopf, beeilte sich aber nicht zu sprechen; der Freiherr stützte sich auf
die Tischplatte, wie einer, der bereit ist, alles zu hören. »Was bringen Sie mir
so spät?«
    »Der Herr Baron weiss, dass morgen der Wechsel fällig ist mit zehntausend
Talern.« - »Können Sie nicht erwarten, dass ich Ihnen bei der Verlängerung Ihre
zehn Prozent einrechne?« frug der Freiherr mit Verachtung. »Ich glaubte erst
morgen das Rechenexempel machen zu müssen.«
    »Da es Ihnen nicht recht ist, das Exempel zu machen«, erwiderte Pinkus, »so
bestehe ich nicht darauf. Ich komme Ihnen anzeigen, dass ich plötzlich in die
Lage gekommen bin, Geld zu brauchen; ich werde Sie morgen bitten um die
zehntausend.«
    Der Freiherr trat einen Schritt zurück. Das war der zweite Schlag, und
dieser traf sein Leben. Er hatte geahnt, dass noch etwas kommen würde, ihn zu
zermalmen; jetzt wusste er genau, dass alles unnütz war, was er noch sagen konnte.
Sein Gesicht war fahles Gelb, als er mit heiserer Stimme begann: »Wie können Sie
diese Forderung stellen, nach dem, was wir miteinander besprochen haben? Wie oft
haben Sie mir beteuert, dass diese Wechselform nichts als eine leere Förmlichkeit
sei?«
    »Es ist gewesen bis heut eine Förmlichkeit«, sagte Pinkus, »jetzt wird's ein
Zwang. Ich habe morgen zu zahlen zehntausend Taler an einen Mann, dem ich
verpflichtet bin.«
    »Dann sprechen Sie mit dem Mann«, sagte der Freiherr, »ich bin bereit, Ihnen
neue Zugeständnisse zu machen, ich bin aber jetzt ausserstande, zu zahlen.«
    »Dann, Herr Baron, tut mir's leid, Ihnen zu sagen, dass man gegen Sie
verfahren wird nach Wechselrecht.«
    Der Freiherr schwieg und wandte sich ab.
    »Wann darf ich morgen wiederkommen nach meinem Geld?« frug Pinkus.
    »Um diese Stunde«, erwiderte eine Stimme, welche hohl klang, wie die Stimme
eines Greises. Mit einem neuen Kopfnicken entfernte sich Pinkus, der Freiherr
wankte in sein Zimmer zurück. Sein Kopf sank auf die Lehne des Sofas herab,
erstarrt dachte er an das, was jetzt kommen musste. Lenore kniete neben ihm
nieder, sie fasste sein Haupt und legte es auf ihre Schultern, sie nannte ihn mit
den zärtlichsten Namen und flehte ihn an, doch wieder zu sprechen. Er hörte
nichts und sah nichts, in ihm schlug es wie mit einem Hammer immer stärker und
schneller. Die hohlen Gebilde von buntem Glas, die er sich ausgeblasen hatte,
zersplitterten in Scherben, er ahnte jetzt die schreckliche Wahrheit, er war ein
ruinierter Mann.
    So sass er bis zum späten Abend, die Tochter brachte ihn endlich dazu, einen
Schluck Wein zu trinken und an die Heimkehr zu denken. »Ja, fort von hier«, rief
er endlich, »ins Freie.« So fuhren sie ab. Als die Bäume der Landstrasse bei ihm
vorbeiflogen, und die frische Luft in sein Gesicht schlug, kam seine Seele
wieder in Spannung. Diese Nacht und der ganze nächste Tag gehörten ihm, in
dieser Zeit musste sich eine Hilfe finden. Es war nicht die erste Verlegenheit,
die er empfand, und er hoffte jetzt sogar, es werde nicht die letzte sein. Er
war diese Wechselschuld von ursprünglich siebentausend und einigen hundert
Talern eingegangen, weil der Schurke, der ihm heut das Geld kündigte, vor
einigen Jahren zu ihm gekommen war und ihm das Geld angeboten, ja aufgedrängt
hatte, zuerst mit den niedrigsten Zinsen. In dem sicheren Mut eines glücklichen
Unternehmers hatte er das Geld angenommen. Es hatte einige Wochen müssig
dagelegen, dann hatte er es angegriffen, und Schritt vor Schritt hatte der
Gläubiger seine Forderungen gesteigert bis zum Solawechsel und einem übermässigen
Zinsfuss. Jetzt trotzte der Schurke. War er wie die Ratte, welche den
bevorstehenden Untergang des Schiffes merkt und sich zu retten sucht? Der
Freiherr lachte auf, dass Lenore zusammenfuhr - aber er war nicht der Mann, sich
widerstandslos dem Gauner in die Hände zu geben, er wusste, die Nacht und der
nächste Tag mussten ihm Hilfe bringen. Ehrental konnte ihn nicht im Stiche
lassen.
    Er fühlte die Notwendigkeit, sich zu beherrschen, er gewann es über sich,
mit seiner Tochter wieder von gleichgültigen Dingen zu sprechen. »Es sind
unangenehme Geschäfte, die sich jetzt drängen«, sagte er, »und ich bin durch die
vielen Ansprüche, welche man in der letzten Zeit an mich gemacht hat, auch
körperlich angegriffen. Es wird vorübergehn, mein Kind. Jedem Unternehmer kommt
solche Zeit; ist die Fabrik erst im Gange, so ist das Ärgste überstanden.«
    Es war Nacht, als sie nach Hause kamen, der Freiherr eilte auf sein Zimmer.
Er legte sich zu Bett, aber er wusste, dass das eine Szene war, die er nur seinem
Bedienten vorspielte; das war wieder eine Nacht, so der Schlaf sein Haupt nicht
berühren sollte. Vom Turme der Dorfkirche schlug eine Stunde nach der andern,
der Freiherr zählte jeden Schlag, und nach jeder Stunde pochte das Blut
stürmischer in seinen Adern, und heisser wurde seine Angst. Wo war Rettung? Es
gab für ihn keine andere, als Ehrental. Aller Widerwille, den er dagegen
empfand, morgen als Bittender vor diesen Mann zu treten, floss dahin mit dem
Fieberschweiss, der von seiner Stirn rann. So lag er und rang die Hände; und wenn
der Schlummer, das stille Kind der Nacht, sich seinem Lager näherte, immer erhob
sich das graue Gespenst der Angst neben seinem Haupt und trieb mit drohender
Gebärde den hilfreichen Gott aus seiner Nähe. Gegen Morgen erst verlor er die
Empfindung seines Elends.
    Schneidende Misstöne drangen aus dem Hofe in sein Zimmer und weckten ihn; die
Arbeiter der Fabrik zogen mit der Dorfmusik unter sein Fenster und brachten ihm
ein Ständchen. Zu anderer Zeit hätte er sich über den gutwilligen Eifer gefreut,
heut hörte er nur die unreinen Klänge, und sie quälten ihn. Hastig kleidete er
sich an und eilte in den Hof. Sein Haus war bekränzt, die Arbeiter hatten sich
vor der Tür aufgestellt, sie empfingen ihn mit lautem Zuruf, er musste den Mund
auftun und ihnen sagen, dass er sich dieses Tages freue und dass er, viel Gutes
von ihm erwarte, und während er sprach, fühlte er, wie unwahr seine Worte waren
und wie gebrochen sein Mut. Er liess anspannen, ehe er noch seine Frau und
Tochter begrüsst hatte, und jagte wieder der Stadt zu. Er stand in Ehrentals
Hause und schüttelte an der Tür des Comtoirs; noch war die Tür verschlossen,
sein Diener musste den Händler vom Frühstück herunterholen.
    Unruhig über das Ausserordentliche des frühen Besuches erschien Ehrental, er
hatte sich diesmal nicht beeilt, den alten Schlafrock auszuziehn. Der Freiherr
trug sein Anliegen so kaltblütig vor, als es ihm nach der schlaflosen Nacht
möglich war. Ehrental geriet in die grösste Entrüstung. »Dieser Pinkus«, rief er
einmal über das andere, »er hat sich unterstanden, Ihnen Geld zu borgen gegen
einen Wechsel! Wie kann er Ihnen borgen eine so grosse Summe? Der Mann hat keine
zehntausend Taler, er ist ein kleiner Mann ohne Mittel.« Der Freiherr gestand
ihm, dass die Summe ursprünglich geringer gewesen war, aber dies Geständnis
steigerte die Unruhe Ehrentals.
    »Von sieben zu zehn!« rief er und rannte heftig auf und ab, dass der
Schlafrock um ihn flog, wie die Flügel einer Eule. »Fast dreitausend Taler hat
er genommen! Ich habe immer ein schlechtes Zutrauen zu diesem Menschen gehabt,
jetzt weiss ich, was er ist! Er ist ein Spion, ein Achselträger, der auf zwei
Schultern trägt!
    Er hat auch nicht gegeben die siebentausend, sein ganzer Kram ist nicht
siebentausend wert.«
    Die starke sittliche Entrüstung des Händlers warf einen Freudenschimmer in
die Seele des Freiherrn; wie unrecht hatte er dem Mann oft in seinen Gedanken
getan! »Auch ich habe Ursache, diesen Pinkus für einen gefährlichen Menschen zu
halten«, sagte er.
    Aber diese Bestimmung gereichte dem Freiherrn zum Unheil, der Zorn
Ehrentals wandte sich jetzt gegen ihn. »Was rede ich von dem Pinkus«, schrie
er; »er hat gehandelt, wie ein Mensch von seiner Art handeln muss. Aber Sie, der
Sie sind ein Edelmann, wie haben Sie in solcher Weise an mir handeln können? Sie
haben hinter meinem Rücken mit einem andern Geschäfte gemacht und haben ihn in
kurzer Zeit verdienen lassen drei von sieben auf Wechsel. Auf Wechsel«, fuhr er
fort; »wissen Sie, was das heisst, auf Wechsel?«
    »Auch ich wünschte«, sagte der Freiherr, »dass die Schuld nicht nötig gewesen
wäre; da aber heut der Verfalltag ist, und der Mann in eine Verlängerung nicht
willigt, so müssen wir versuchen, Zahlung zu schaffen.«
    »Was heisst wir!« fuhr Ehrental zornig auf; »Sie müssen Zahlung schaffen,
sehen Sie zu, wie Sie Geld schaffen für den Mann, dem Sie dreitausend haben
geschrieben in seine Tasche. Sie haben mich nicht gefragt, als Sie ausgestellt
haben den Wechsel, Sie brauchen mich nicht zu fragen, wie Sie werden zahlen das
Geld. «
    In dem Freiherrn lagen Angst und Zorn im Kampfe. » Mässigen Sie Ihre Sprache,
Herr Ehrental«, rief er.
    »Was soll ich mich mässigen«, schrie der Händler; »Sie haben sich nicht
gemässigt, und der Pinkus hat sich nicht gemässigt, ich will mich auch nicht
mässigen.«
    »Ich werde wiederkommen«, sagte der Freiherr, »wenn Sie die Haltung gewonnen
haben, die ich mir gegenüber unter allen Umständen erbitten muss.«
    »Wenn Sie wieder Geld von mir wollen, so kommen Sie nicht wieder, Herr
Baron«, rief Ehrental. »Ich habe kein Geld mehr für Sie; lieber will ich werfen
die Taler auf die Strasse, als Ihnen noch zahlen einen einzigen in Ihr Gut.«
    Der Freiherr verliess schweigend das Zimmer. Sein Elend war gross, er musste
das Gezänk des gemeinen Mannes ertragen. Jetzt fuhr er in der Stadt bei seinen
Bekannten umher und stand die Qual aus, alle Stunden von neuem um Geld zu bitten
und immer abschlägige Antwort zu erfahren. Zum Mittag war seine Kraft gebrochen.
Er kehrte in sein Quartier zurück und überlegte, ob er noch einmal zu Ehrental
gehn oder ob er die Zahlung des Wechsels wegen wucherischer Zinsen verweigern
solle. Da schlich der in sein Haus, welcher bis dahin sein Leben in weitem
Kreise umlauert hatte, er, der künftige Besitzer des Gutes, der Erbe der
Rotsattel. Der Freiherr wunderte sich, als eine fremde Gestalt, die er kaum ein
oder das andere Mal gesehen hatte, in sein Zimmer trat, ein hageres Gesicht von
rötlichem Haar eingefasst, zwei verschmitzte Augen, und um den Mund ein grotesker
Zug, wie man ihn auf den lachenden Larven des Karnevals sieht.
    Veitel verneigte sich tief und begann: »Gnädiger Herr Baron, haben sie die
Gewogenheit zu verzeihen, dass ich mit einem Geschäft zu Ihnen komme. Ich habe
den Auftrag von Herrn Pinkus, das Geld einzukassieren für den Wechsel. Ich
wollte Sie untertänigst fragen, ob Sie vielleicht so gnädig sein wollten, mir zu
zahlen das Geld. «
    Der finstere Ernst der Stunde ging dem Freiherrn verloren, als er die lange
Gestalt sah, welche sich krümmte, Gesichter schnitt und in possenhafter
Artigkeit zu vergehen bemüht war. »Wer sind Sie?« frug er mit der Würde eines
grossen Herrn.
    »Veitel Itzig ist mein Name, gnädiger Herr, wenn ich mir erlauben darf,
Ihnen das zu melden.«
    Der Freiherr fuhr zusammen, als er den Namen Itzig hörte. Das war der Mann,
vor dem er gewarnt war, der Unsichtbare, Erbarmungslose. Wieder schnürte ihm die
Angst das Herz zusammen.
    »Ich war bis jetzt Buchhalter bei Ehrental«, fuhr Itzig bescheiden fort.
»Aber der Ehrental wird mir zu gross; ich habe geerbt ein kleines Vermögen, ich
habe es übergeben dem Pinkus in sein Geschäft. Jetzt bin ich dabei, mich selbst
zu etablieren.«
    »Sie können das Geld jetzt nicht bekommen«, erwiderte der Freiherr ruhiger.
Diese hilflose Gestalt konnte schwerlich ein gefährlicher Gegner sein.
    »Ausgezeichnet«, sagte Veitel, »es ist mir eine Ehre, zu hören von dem
gnädigen Herrn, dass Sie mir's zahlen werden am Nachmittag. Ich habe Zeit.« - Er
zog eine silberne Uhr heraus. - »Ich kann warten bis gegen Abend. Und damit ich
den Herrn Baron nicht inkommodiere durch Wiederkommen zu einer Stunde, wo ich
Ihnen nicht recht bin, oder wo Sie nicht zu Hause sind, so will ich mir die
Freiheit nehmen, mich zu stellen auf Ihre Treppe. Ich kann stehen«, sagte er,
als wollte er eine Einladung des Freiherrn, sich auf die Treppe zu setzen, im
voraus ablehnen. »Ich halte aus bis heut abend um fünf. Der gnädige Herr braucht
sich meinetwegen gar nicht zu genieren.« Durch die demütige Fratze Veitels klang
es wie Hohn, dem Freiherrn fiel das Schreckliche der Stunde von neuem auf das
Herz. Veitel ging mit Verbeugungen an die Tür und zog sich wie ein Krebs aus der
Stube zurück. Da rief der Freiherr ihn zurück. Wie festgezaubert blieb er in
gekrümmter Stellung stehn. Er sah in diesem Augenblick vollständig aus, wie ein
etwas schwacher und wunderlicher Mensch. Der warnende Brief hatte dem armen
Teufel von Buchhalter zur Last gelegt, was vielleicht Ehrental selbst
gesprochen hatte. Jedenfalls war mit diesem Mann bequemer zu verkehren, als mit
einem anderen.
    »Können Sie mir angeben«, frug der Freiherr mit innerer Überwindung, »wie
ich Ihnen für Ihre Forderung Deckung geben kann, ohne dass ich heut oder in
diesen Tagen die Summe auszahle?«
    Veitels Augen blitzten wie die eines Raubvogels, aber er schüttelte den Kopf
und zuckte lange mit den Achseln, während er sich den Schein gab, nachzudenken.
»Gnädiger Herr Baron«, sagte er endlich, »vielleicht gibt es ein Mittel, das
letzte Mittel. Sie haben eine Hypotek von zwanzigtausend Talern auf Ihrem Gut,
welche Ihnen selber gehört und welche bei Ehrental im Comtoir liegt. Ich will
machen, dass der Pinkus Ihnen lässt die zehntausend und will Ihnen noch schaffen
zehn, wenn Sie meinem Freunde zedieren diese Hypotek.«
    Der Freiherr lachte auf. »Wahrscheinlich wissen Sie nicht«, entgegnete er
streng, »dass ich das Instrument bereits an Ehrental zediert habe.«
    »Verzeihen Sie, gnädiger Herr, das haben Sie nicht getan, es ist keine
gerichtliche Zession vorhanden.«
    »Aber mein schriftliches Versprechen«, sagte der Freiherr.
    Veitel zuckte die Achseln: »Wenn Sie versprochen haben, dem Ehrental zu
stellen eine Hypotek für sein Geld, warum muss es gerade sein diese? Und was
brauchen Sie eine Hypotek für Ehrental? In diesem Jahr erhalten Sie Ihr
Kapital, das Sie haben auf der Herrschaft bei Rosmin, dann können Sie ihn
bezahlen mit barem Geld. Bis dahin lassen Sie ruhig die Hypotek in seinen
Händen, es braucht kein Mensch zu wissen, dass Sie uns gemacht haben eine
Zession. Wenn Sie die Gnade haben wollen, mit mir zu gehen zu einem Notar und
meinem Freunde vor diesem die Hypotek zu verschreiben, so schaffe ich Ihnen
noch heut zweitausend Taler, und an dem Tage, wo Sie das Instrument legen in
unsere Hände, zahle ich Ihnen den Rest.«
    Der Freiherr hatte sich gezwungen, diesen Antrag mit einem Lächeln
anzuhören. Endlich sagte er kurz: »Was Sie mir vorschlagen, kann ich nicht
annehmen, denken Sie an einen anderen Ausweg.«
    »Es gibt keinen«, sagte Veitel, »aber es ist erst Mittag, ich kann warten
bis um fünf.« Er machte wieder seine tiefen Bücklinge und wandte sich an der Tür
noch einmal um. »Was Sie, gnädiger Herr, jetzt von Geld brauchen«, sagte er
ernst, »das sind die zehntausend Taler allein; Sie werden in den nächsten
Monaten noch nötig haben ebensoviel für Ihre Fabrik, und um zu retten Ihr
Kapital auf der polnischen Herrschaft. Wenn Sie mir zedieren die Hypotek, haben
Sie das ganze Geld. Und noch eine Bitte habe ich an meinen gnädigen Herrn:
Geruhen Sie nicht gegen Ehrental zu sprechen von unserm Geschäft; er ist ein
harter Mann und würde mir schaden mein Leben lang.«
    »Seien Sie ohne Sorge«, sagte der Freiherr mit einer verabschiedenden
Handbewegung. Veitel entfernte sich.
    Der Freiherr ging mit grossen Schritten auf und ab. Was der ehrerbietige Mann
ihm vorgeschlagen hatte, wühlte sein Inneres auf. Ja, es war Rettung für ihn aus
dieser und aus kommenden Verlegenheiten, aber er konnte darauf nicht eingehen,
das verstand sich von selbst. Er war lächerrlich, der ihm den Antrag machte, und
man konnte ihm nicht einmal zürnen, er verstand's nicht anders. Aber der
Freiherr hatte sein Wort verpfändet, er durfte an die Sache gar nicht mehr
denken.
    Und doch, wie gering war für ihn die Gefahr. Die Dokumente blieben ruhig in
Ehrentals Hand, bis der Freiherr seine polnischen Gelder erhielt, dann zahlte
er die Summe bar an Ehrental und löste seine Dokumente ein. Kein Mensch durfte
etwas von dem Geschäft erfahren. Und wenn es zum Schlimmsten kam, so liess er
eine neue Hypotek für Ehrental auf sein Gut ausfertigen, er bewilligte ihm
noch eine Entschädigung, und der Geldmann gab sich zufrieden. Immer wies er den
Gedanken von sich ab, und unaufhörlich kam er zurück. Es schlug eins, es schlug
zwei Uhr; er klingelte dem Bedienten und befahl, anzuspannen, und frug
gelegentlich, ob der fremde Mensch noch im Hause sei. Der Kutscher fuhr vor, der
Fremde stand unten an der Treppe. Der Freiherr stieg die Stufen hinab, ohne ihn
anzusehn, und setzte sich in den Wagen. Als der Diener mit abgezogenem Hut neben
ihm stand und frug, wohin der Kutscher fahren solle, da erst fiel ihm ein, dass
er es selbst nicht wusste. »Zu Ehrental!« sagte er endlich.
    Ehrental hatte unterdes einen unruhigen Vormittag verlebt. Der freche
Eingriff, den ein Dritter in seine Rechte gewagt, flösste ihm den Argwohn ein,
dass ausser ihm noch eine andere unbekannte Macht gegen den Baron spekuliere. Er
schickte zu Pinkus, überschüttete diesen mit Vorwürfen und suchte auf jede Weise
zu erfahren, woher das Kapital gekommen sei. Pinkus aber war aufs beste
geschult, er zeigte eine eherne Stirn und war grob. Darauf schickte Ehrental
nach Itzig. Itzig war nirgends zu finden.
    So war er in unholder Laune, als der Freiherr wieder bei ihm vorfuhr; er
wusste am besten, dass diese neue Schuld nicht nötig war, um den Edelmann im
ruhigen Lauf der Jahre aus dem Besitz seines Gutes zu bringen, und zürnte ihm
deshalb als einem Toren, der sich eine so unnötige Verlegenheit bereitete. Und
er sagte ihm mit dürren Worten, dass der Tag gekommen sei, wo seine Geldzahlungen
aufhören müssten. Es gab wieder eine heftige Szene, der Freiherr ging erbittert
aus dem Comtoir, setzte sich in seinen Wagen und beschloss, noch einen letzten
Besuch bei einem früheren Kameraden zu machen, der als reicher Mann bekannt war.
    Es war vier Uhr vorbei, als er hoffnungslos in seinem Quartier ankam. An der
Treppe lehnte eine hagere Gestalt, welche dem Vorübereilenden eine tiefe
Verbeugung machte und ruhig stehenblieb. Die Kraft des Freiherrn war erschöpft.
Er setzte sich in die Sofaecke wie am Tage zuvor und starrte vor sich hin. Es
gab keine Rettung, das wusste er jetzt genau, keine andere als die, welche dort
unten im Schatten des Pfeilers auf ihn lauerte. In einer wüsten Abspannung
erwartete er, was kommen würde. Untätig, ohne sein Haupt von der Lehne zu
erheben, hörte er die Viertelstunden von vier zu fünf schlagen. Wieder schlug es
in seinem Haupt wie mit einem Hammer, jeder Schlag brachte ihn dem Augenblick
näher, wo sein Schicksal zu ihm hereintrat. Der letzte Schlag der fünften Stunde
war verhallt, der Klingelzug im Vorzimmer zitterte, der Freiherr erhob sich von
seinem Pult. Itzig öffnete die Tür und hielt zwei Papiere in der Hand.
    »Ich kann nicht zahlen«, rief ihm der Freiherr mit heiserer Stimme entgegen.
    Itzig verneigte sich wieder und bot ihm das andere Papier: »Hier ist der
Entwurf zu einem Vertrage.«
    Der Freiherr ergriff seinen Hut und sagte, ohne den Fremden anzusehn:
»Kommen Sie zu einem Notar.«
    Es war Abend, als der Freiherr zu dem Schloss seiner Väter zurückkehrte. Das
bleiche Mondlicht glänzte auf den Türmchen und den Vorsprüngen des Baues,
schwarz wie Pech war der See, schwarz die Strebepfeiler, welche den Grund des
Hauses zusammenhielten. Und farblos wie der Park und das Haus war das Gesicht
des Mannes, der sich in dem Wagen zurücklehnte und die Lippen zusammenpresste,
als einer, der nach einem langen Kampf zur Entscheidung gekommen ist. Er sah
gleichgültig auf das Wasser, auf die Mauern seines Hauses und auf das kalte
Mondlicht am Dach, und doch war ihm lieb, dass die Sonne nicht schien, und dass er
das Haus seiner Väter nicht im goldenen Licht des Tages anzusehen hatte. Er
mühte sich, in die Zukunft zu denken, die ihm jetzt sicherer war, er überlegte
alle Vorteile, die er von seiner Fabrik haben musste, er dachte hinein bis in die
Zeit, wo sein Sohn hier wohnen würde als ein befestigter reicher Mann, ohne die
Sorgen, die den Vater in die Gemeinschaft mit niedrigen Geldleuten geführt und
sein Haupt gebleicht hatten. Er dachte an alles, aber auch die liebsten seiner
Gedanken waren ihm gleichgültig geworden, und er musste sich zwingen, sie
festzuhalten. Er stieg ab und griff nach der gefüllten Brieftasche, bevor er
seiner Gemahlin die Hand reichte und Lenore mit einem Kopfnicken grüsste, welches
ihren ängstlichen Blick beruhigen sollte. Er sprach herzlich zu den Frauen, und
es gelang ihm, Scherze über den unruhigen Tag zu machen; aber er fühlte, dass
etwas zwischen ihn und seine Liebsten getreten war; auch sie erschienen ihm
fremd. Wenn sie sich an ihn lehnten und seine Hand fassten, so zuckte er leise,
als müsse er die Hand zurückziehen. Und wenn seine Frau ihn zärtlich ansah, da
lag in ihrem Blick, auf den er immer auch im grössten Leid als auf die letzte
Hilfe hingesehn hatte, jetzt etwas, das er nicht ertragen konnte, und er schlug
das Auge zu Boden. Er schritt zu der Fabrik, wo die Leute noch auf die Ankunft
des Herrn warteten, und erblickte seinen Namenszug, der aus bunten Lampen
zusammengesetzt über der Tür brannte, darüber die siebenzinkige Krone seines
Geschlechts; und er wandte die Augen ab, der Glanz der Lampen stach ihn in die
Seele.
    Um ihn jubelte die Freude, die Arbeiter brachten ihm ein Hoch nach dem
andern aus, die Dorfmusik spielte wieder lustige Tänze. Sie spielte auch
denselben Marsch, unter dem er mit dem Regiment oft vor seinem alten General
vorbeimarschiert war, der den jungen Offizier wie ein Vater geliebt hatte. Er
dachte an das narbenvolle Gesicht des alten Kriegers und an seine Kameraden, er
dachte auch an ein Ehrengericht, das die Offiziere des Regiments einst über
einen Unglücklichen gehalten hatten, der sein Ehrenwort leichtsinnig gegeben und
gebrochen. Er ging in sein Schlafzimmer, und ihm war wohl, als es um ihn finster
wurde und er nichts mehr von allem sah, nicht sein Schloss und seine Fabrik,
nicht den prüfenden Blick seiner Frau. Und wieder hörte er auf dem Lager eine
Stunde nach der andern schlagen, und bei jedem Schlage musste er denken: »Es gibt
jetzt einen andern Mann vom Regiment, der mit grauem Haar dasselbe getan hat,
was damals einen Jüngling dazu brachte, sich eine Kugel in den Kopf zu schiessen.
Hier liegt der Mann und kann nicht schlafen, weil er sein Ehrenwort gebrochen
hat.«
 
                                       5
Die Frühlingsstürme fuhren über das Flachland, als Anton in das Geschäft
zurückgerufen wurde. Der Winter war ihm eine Zeit harter Arbeit, grosser
Beschwerde gewesen. Aus der fremden Stadt war er mehr als einmal in Kälte und
Schnee durch verwüstete Landschaften gereist, weit hinein in den Osten und
Süden, bis an die Berge Siebenbürgens und in die Weideländer der Magyaren. Er
hatte viel Trauriges gesehen, niedergebrannte Edelhöfe, zerstörten Wohlstand,
unsichere Menschen, Hunger, Roheit und brennenden Hass der Parteien.
    »Um welche Stunde kommt er?« frug Sabine den Bruder.
    »In wenigen Stunden, mit dem nächsten Bahnzug.«
    Sabine sprang auf und ergriff ihr Schlüsselbund. »Und noch sind die Mädchen
nicht fertig, ich muss selbst zum Rechten sehn. Heut abend soll er bei uns essen,
Traugott; auch wir Frauen wollen etwas von ihm haben.«
    Der Bruder lachte. »Verzieht ihn nur nicht.«
    »Dafür ist gesorgt«, sagte die Tante. »Wenn er einmal wieder im Comtoir
sitzt, dann steckt er wie in einer Schublade, man kann ihn, ausser mittags, lange
suchen.«
    Unterdes suchte Sabine unter ihren Schätzen, belud den Arm des Bedienten mit
allerlei Paketen und sah ungeduldig in den Hof hinab; ob die Herren noch nicht
aus dem Hinterhause in das Comtoir gehen wollten. Endlich huschte sie selbst in
Antons Stube. Sie warf noch einen prüfenden Blick auf das Sofakissen, das sie
für den Abwesenden gestickt hatte, und ordnete in einer Alabasterschale alle
Blumen, welche der Gärtner aufgetrieben hatte. Als sie so über der Schale stand,
fielen ihre Blicke auf die Wände des Zimmers, wo noch die Zeichnung hing, welche
Anton in den ersten Wochen nach seinem Eintritt gemacht, und auf den kostbaren
Teppich, den noch Fink über den Fussboden gezogen hatte. Zum erstenmal seit
langer Zeit war sie in diesem Raum, den ihr Fuss gemieden hatte, solange der
andere ein Bewohner des Hauses war. Wo lebte er jetzt? Ihr war heut, als sei sie
seit vielen vielen Jahren von ihm getrennt, und die Erinnerung an ihn kam ihr
wie das bange Gefühl nach einem schweren Traume. Dem ehrlichen Mann, der jetzt
hier wohnte, konnte sie offen sagen, wie wert er ihr geworden war, und freudig
durfte sie der Stunde entgegensehen, wo sie ihm danken wollte für alles, was er
ihrem Bruder getan.
    »Aber Sabine!« rief die Tante erschrocken an der Tür. Auch die Tante hatte
es leise in das Zimmer ihres Tischnachbars gezogen.
    »Was hast du?« frug Sabine aufsehend.
    »Aber es sind ja die gestickten Vorhänge, die du aufgezogen hast. Die
gehören doch nicht ins Hinterhaus, in diese Herrenwirtschaft.«
    »Lass sie hängen«, sagte Sabine lächelnd.
    »Und die Überzüge, und diese Handtücher, das ist unerhört, es sind ja deine
besten Stücke. Mein Gott! Die Überzüge mit Spitzen, und auch das rosa Futter
dazu. «
    »Lass dir's gefallen, Tante«, rief Sabine errötend. »Der heut zurückkommt,
hat es wohl verdient, dass er das beste aus den alten Schränken erhält. «
    Aber die Tante fuhr fort, den Kopf zu schütteln. »Wenn ich's nicht selbst
sähe, ich hätte es keinem geglaubt. So etwas für den täglichen Gebrauch zu
geben! Ich verstehe dich nicht mehr, Sabine. - Man wird ihn nach und nach um
einige Nummern herabsetzen müssen; er merkt's nicht, das ist mein einziger
Trost. Nein, dass ich das erleben musste!« Sie schlug die Hände zusammen und
verliess aufgeregt das Zimmer.
    Sabine ergriff wieder die Schlüssel und eilte ihr nach. »Sie macht gegen
Traugott unnütze Worte«, sagte sie sich leise im Gehen, »ich muss ihr beweisen,
dass es nicht anders einzurichten war.«
    Unterdes war auch dem Reisenden zumute wie einem Sohn, der nach langer
Abwesenheit in das Vaterhaus zurückkehrt. Auf den letzten Stationen vor der
Hauptstadt pochte sein Herz in freudigen Schlägen; das alte Haus und die
Kollegen, das Geschäft und sein Pult, der Chef und Sabine, alle fuhren in
lachenden Bildern vor seinem Auge vorüber. Endlich hielt die Droschke vor der
geöffneten Haustür. Da standen die Frachtwagen, die Tonnen, der Leiterbaum. Da
rief Vater Sturm mit einer Stimme, welche hell über die breite Strasse klang,
seinen Namen, riss den Wagenschlag auf und hob ihn heraus, wie ein Mann sein Kind
aus dem Wagen hebt. Da eilte Herr Pix bis auf die Strasse, schüttelte ihm lange
die Hand und bemerkte in seiner Freude nicht, dass unterdes sein schwarzer Pinsel
diese Bewegungen benutzte, um auf Antons Pelz allerlei Striche und Punkte zu
malen. Dann kam Anton bei den grossen Wagen vorbei und schüttelte mit der Hand
vergnügt an den Ketten. Dann trat er in das vordere Comtoir, wo bereits die
Lampen brannten, und rief herzhaft seinen guten Abend hinein. Mit lautem Ruf
erhoben sich die Kollegen wie ein Mann und drängten sich um ihn. Herr Schröter
eilte aus der Hinterstube herzu, und als er sein Willkommen! rief und die Hand
entgegenhielt, fuhr ein heller Strahl von Freude über sein ernstes Gesicht. Das
waren glückliche Augenblicke, und Anton wurde weicher, als sich für einen
gereiften Mann schickt. Und als er nach den ersten Fragen und Antworten aus dem
Comtoir nach seinem Zimmer ging, da sprang im Hofe Pluto mit Ungestüm auf ihn zu
und wedelte unmässig mit dem zottigen Schwanze, und Anton hatte Mühe, sich seiner
Liebkosungen zu erwehren. Vor seinem Zimmer kam ihm der Diener mit vergnügtem
Lächeln entgegen und riss respektvoll die Türe auf. Überrascht sah sich Anton um,
der Raum war festlich geschmückt, im Kamin vor dem Ofen brannte ein behagliches
Feuer, eine grüne Girlande hing über der Tür, auf dem Sofa lag ein neues
gesticktes Kissen, auf dem Tisch stand ein zierliches Teeservice und daneben
eine Alabasterschale mit Blumen. »Das Fräulein hat selbst alles aufgestellt«,
vertraute ihm Franz. Anton beugte sich über die Schale und betrachtete die
einzelnen Blumen aufs genaueste. Sie waren im allgemeinen anderen
Naturerzeugnissen ihrer Art nicht unähnlich, aber Anton starrte in sie hinein,
als hätte er noch nie etwas Ähnliches gesehen. Darauf nahm er das Kissen,
befühlte und streichelte die Stickerei und stellte sie voll Bewunderung wieder
an ihre Stelle. Zuletzt nahm er auch die Katze in die Hand, klopfte sie auf den
Rücken und setzte sie vorsichtig gleich einem lebenden Geschöpf wieder auf den
Schreibtisch; und die Katze war nicht unempfänglich für solche Freundlichkeit,
denn in dem roten Scheine des Kaminfeuers glänzte sie hell und lebendig, und es
klang durch das Zimmer wie ein leises Schnurren.
    Wieder eilte Anton in das Comtoir, dem Chef über seine letzte Tätigkeit
Bericht zu erstatten. Der Kaufmann nahm ihn in sein kleines Zimmer und besprach
mit ihm die Ereignisse der vergangenen Zeit in so herzlicher Weise, wie man mit
einem Freund über wichtige Angelegenheiten verhandelt. Es war doch eine ernste
Unterredung. Vieles war verloren und nicht weniges noch gefährdet. Erst in der
Ferne war Anton mit dem ganzen Umfange der Gefahr bekannt worden, welche das
Geschäft bedroht hatte. Und er erkannte, dass die Tätigkeit vieler Jahre nötig
sei, um die Verluste wieder auszugleichen und an Stelle der abgerissenen Fäden
neue anzuknüpfen. Mit kurzen Worten sagte ihm der Kaufmann dasselbe. »Ihrer
Umsicht und Energie verdanke ich viel«, schloss er, »ich hoffe, Sie werden mir
helfen, das verlorene Terrain in anderer Weise wiederzugewinnen; das
Unvermeidliche werden wir tragen.« Und als Anton hinausging, rief er ihm
lächelnd nach: »Es ist noch jemand, der Ihnen zu danken wünscht; ich bitte Sie,
heut abend mein Gast zu sein.«
    So trat Anton an sein Pult, öffnete das langverschlossene und legte sich
Papier und Feder zurecht. Aber aus dem Schreiben wurde heut nicht viel. Jordan
weigerte sich, ihm Briefe zu geben, und in beiden Arbeitsstuben hörte die
unruhige Bewegung nicht auf. Einer nach dem andern verliess seinen Platz und kam
zu Antons Stuhl. Herr Baumann klopfte dem Stubennachbar mehrmals leise auf den
Rücken und ging dann immer wieder vergnügt auf seinen Platz zurück, und Herr
Specht hockte in grosser Aufregung an dem Geländer neben Antons Sitz, und seine
Fragen und verwunderten Ausrufe schossen wie ein Bach auf Anton nieder. Herr
Liebold legte das Löschblatt mehrere Minuten vor der Schlussstunde in das
Hauptbuch und zog sich nach dem vorderen Comtoir. Sogar Herr Purzel trat, die
heilige Kreide in der Hand, aus seinem Verschlag; zuletzt kam auch Herr Pix in
das Zimmer, um Anton im Vertrauen zu erzählen, dass er schon seit einigen Monaten
keine Solopartie gespielt, und dass Specht unterdes in einen Zustand gekommen
sei, der mit Verrückteit eine unverkennbare Ähnlichkeit habe.
    Am Abend betrat Anton den obern Stock des Vorderhauses. Die Portiere
rauschte zurück, Sabine stand vor ihm. Ihr Mund lachte, aber ihre Augen glänzten
feucht, als sie sich auf die Hand herabbeugte, welche die Todesgefahr vom Haupt
des Bruders abgewandt hatte.
    »Fräulein!« rief Anton erschrocken und zog die Hand zurück.
    »Ich danke Ihnen, o ich danke Ihnen, Wohlfart!« rief Sabine und hielt ihn
mit beiden Händen fest. So blickte sie ihn schweigend an, verklärt durch eine
Rührung, welche sie nicht bewältigen konnte. Als Anton das Mädchen betrachtete,
welches mit geröteten Wangen, so bewegt und dankbar zu ihm aufsah, da erkannte
er, dass seit jenem Streich des slawischen Säbels auch seine Stellung zur Familie
und zu ihr geändert war. Die Schranke war gefallen, welche bis dahin den
Arbeiter des Comtoirs von dem Fräulein getrennt hatte. Und mit einer stolzen
Freude, welche ihm das Herz schwellte, empfand er auch, dass er selbst in dieser
Zeit ein Mann geworden war, wohl wert, dass ein Weib seiner Kraft und Ruhe
vertraute.
    Er erzählte ihr noch einmal, was sie durch viele Fragen aus seinem Munde zu
vernehmen suchte, den Kampf um die Wagen, die Schrecken der wilden Zeit.
Andächtig lauschte Sabine seinem Wort. Auch er war ihr ein anderer, seine Züge
waren bestimmter, seine Haltung sicherer, seine Rede fest. Ihr Auge suchte den
klaren Glanz des seinen, und wenn sein voller Blick freudig auf sie fiel, schlug
sie das ihre unwillkürlich nieder. Nie war ihr aufgefallen, wie hübsch und
stattlich er war. Heut sah sie auch das. Ein offenes männliches Antlitz, darüber
das kastanienbraune lockige Haar, zwei prächtige Augen von dunklem Blau, ein
kräftiger Mund und auf den Wangen ein feines Rot, das in der wachsenden
Empfindung sich veränderte, wie das Sonnenlicht auf der lachenden Flur. Er war
ihr neu geworden und doch wie ein lieber vertrauter Freund.
    Die Tante kam herein, die gestickten Vorhänge hatten in ihrer Seele eine
Erschütterung hervorgerufen, welche noch anhielt und jetzt durch ein Seidenkleid
und eine neue Haube an das Licht trat. Ihre Begrüssung war laut und wortreich,
und ihre Bemerkung, dass der neue Backenbart Herrn Wohlfart sehr gut stehe, wurde
durch ein stilles Kopfnicken der Nichte bestätigt.
    »Da habt Ihr den Helden des Comtoirs«, rief der Kaufmann. »Jetzt zeigt, dass
Ihr Ritterdienste besser zu lohnen wisst, als durch schöne Worte. Tragt ihm auf,
was Küche und Keller hergeben. Kommen Sie, mein treuer Gefährte. Der Rheinwein
erwartet, dass Sie nach manchem schweren Polentrunk auch ihm eine Ehre erweisen.«
    In dem ruhigen Licht der Lampe strahlte das Zimmer vor Behagen, als die vier
sich zu Tische setzten. Der Kaufmann hielt Anton das Glas über den Tisch:
»Willkommen in der Heimat!« »Willkommen im Hause!« rief Sabine. Da sagte er
leise: »Ich habe eine Heimat, ich habe ein Haus, in dem ich mich wohl fühle.
Durch Ihre Güte habe ich beides gewonnen. Viele Abende, wenn ich dort draussen in
einer schlechten Herberge sass, unter wildfremden Leuten, deren Sprache ich nur
unvollkommen verstand, da habe ich an diesen Tisch gedacht, und welche Freude es
für mich sein würde, wieder Ihr Angesicht und diese Räume zu sehen. Denn das
Bitterste auf Erden ist doch, sich in den Stunden der Ruhe allein zu fühlen,
ohne einen guten Freund, ohne eine Stätte, an welcher das Herz hängt.«
    Und als er spät am Abend aufbrach, sagte der Kaufmann beim Nachtgruss:
»Wohlfart, ich wünsche Sie noch fester an dies Haus zu fesseln. Jordan verlässt
uns mit dem nächsten Vierteljahr, um als Associé in die Handlung seines Oheims
zu treten. Ich habe Sie für seine Stelle bestimmt. Ich weiss, dass ich keinen
besseren Mann zu meinem Stellvertreter im Geschäft machen kann.«
    Als Anton in sein Zimmer zurückkehrte, da fühlte er, was der Mensch nur in
wenigen Stunden des Lebens ungestraft fühlen darf, dass er glücklich war, ohne
Reue, ohne Wunsch. Er setzte sich auf das Sofa, sah auf das Kissen und die
Blumen, und seine Gedanken flogen zurück über die letzten Stunden. Immer wieder
sah er Sabine vor sich, wie sie sich auf seine Hand niederbeugte und ihm dankte.
Lange sass er so in holdem Traume und legte sein müdes Haupt auf die seidenen
Arabesken, welche Sabinens Hand gestickt hatte.
    Da fiel sein Auge auf den Tisch, ein Brief lag auf der Decke, das
Postzeichen war von New York, die Adresse von Finks Hand.
    Fink hatte ihm in dem ersten Jahre der Trennung einigemal geschrieben, fast
immer nur wenige Zeilen, nie etwas von seinen Geschäften, noch weniger von den
Plänen, welche er im Hinterhause für seine Zukunft gemacht hatte. Dann war eine
lange Zeit verstrichen, in welcher Anton ohne jede Nachricht vom Freunde
geblieben war, er wusste nur, dass Fink viele Zeit auf Reisen im Westen der Union
zubrachte, wo er als Bevollmächtigter des Handelshauses, an dessen Spitze sein
Oheim gestanden, und im Interesse verschiedener Kompagnien, an welchen der
Verstorbene teilhatte, tätig war. Aber mit Bestürzung las Anton heut folgendes:
    »Es muss endlich doch heraus, was ich Dir armem Jungen gern verschwiegen
hätte. Ich bin unter die Räuber und Mörder gegangen. Wenn Du einen harten
Kehlabschneider brauchst, wende Dich nur an mich. Ich lobe mir einen Burschen,
der aus freier Wahl ein Schuft wird; er hat wenigstens das Vergnügen, mit dem
Teufel einen klugen Vertrag zu machen, und kann die Klasse von
Niederträchtigkeiten aussuchen, in der er sich behaglich fühlt. Mein Los ist
weniger angenehm. Ich werde durch den Zwang der Schelmereien, welche andere
ausgedacht haben, auf einem Wege fortgetrieben, welcher eine haarsträubende
Ähnlichkeit mit der Chaussee hat, die sich Lawinen auf ihrem Sprunge nach der
Tiefe bereiten. Wie das Felsstück in der Schneemasse, so stecke ich, von allen
Seiten eingeengt, in der eisigen Kälte der furchtbarsten Spekulationen, welche
je grossartiger Wuchersinn ausgedacht hat. Der Verstorbene hat die Güte gehabt,
grade mich zum Erben seiner Lieblingsprojekte, der Spekulationen mit Land, zu
machen. Lange vermied ich, mich selbst in die Einzelheiten dieses Geschäfts zu
verlieren. Ich liess ein Jahr lang Westlock diesen Teil der Erbschaft bearbeiten.
Wenn das feig war, so fand ich eine Entschuldigung in der Masse von Arbeiten,
welche mir die Börsengeschäfte des toten Herrn machten. Endlich wurde die
Übernahme auch dieser Tätigkeit unvermeidlich, und wenn ich schon vorher sehr
bestimmte Ahnungen über die weite Ausdehnung des Luftsacks bekommen hatte, den
der Tote statt eines Gewissens mit sich herumtrug, so ist mir jetzt ganz
unzweifelhaft geworden, dass die Absicht seines Testaments war, sich für die
kindischen Bosheiten, die ich gegen ihn gehabt, dadurch zu rächen, dass er mich
zum Spiessgesellen von alten verwitterten Schurken machte, deren Schlauheit so
gross ist, dass Satan selbst den Schwanz in die Tasche stecken und sich als
Schornsteinfeger verkleiden würde, um ihnen zu entlaufen.
    Diesen Brief erhältst Du aus einer neuen Stadt in Tennessee, einem anmutigen
Ort, der dadurch nicht besser wird, dass er auf Spekulation von meinem Geld
gebaut ist. Einige Holzhütten, die Hälfte davon Schenken, bis unter das Dach
angefüllt mit einem schmutzigen und verworfenen Gesindel von Auswanderern, von
denen die Hälfte an Fäulnis und Fieber darniederliegt. - Auch was noch
umherläuft, ist ein hohläugiges, verkümmertes Geschlecht, alle Kandidaten des
Todes. Täglich, wenn die armen Tröpfe die aufgehende Sonne erblicken, sooft sie
den unbescheidenen Wunsch fühlen, etwas zu essen und zu trinken, täglich vom
Morgen bis zum Abend ist ihr Lieblingsgeschäft, auf die Landhaifische zu
fluchen, welche ihnen ihr Geld für Transportkosten, für Land und Improvements
abgenommen, und sie in diese Gegend geführt haben, welche zwei Monate im Jahr
unter Wasser steht und die übrige Zeit einem zähen Brei ähnlicher sieht, als
irgendwelchem Lande. Die Männer aber, welche sie auf diesen kotigen Weg ins
Himmelreich weisen, sind meine Agenten und Bundesgenossen, und ich, Fritz Fink,
bin der Glückliche, der hier allstündlich mit jedem Fluch der deutschen und
irischen Zunge beworfen wird. Was noch gesunde Beine hat, schicke ich fort, was
als Bewohner meines Hospitals umherschleicht, das habe ich mit Welschkorn und
China zu füttern. In meiner Stube kriechen, während ich dies schreibe, drei
nackte Paddykinder auf der Diele umher, ihre Mütter sind so pflichtvergessen
gewesen, dies Jammertal zu verlassen, und ich geniesse den Vorzug, die
froschartigen Scheusälchen über den Nachttopf zu halten. Eine angenehme
Beschäftigung für meines Vaters Sohn! Wie lange ich hier festsitzen werde, weiss
ich nicht, möglicherweise bis der letzte gestorben ist.
    Unterdes bin ich mit meinen Associés in New York zerfallen, ich habe den
Vorzug gehabt, eine allgemeine Unzufriedenheit zu erregen, die Teilhaber an der
grossen Westlandkompanie sind zusammengekommen, man hat Reden gegen mich gehalten
und Beschlüsse gefasst. Mich würde das wenig kümmern, wenn ich einen Weg sähe,
mich von dieser Bande loszumachen. Aber der Tote hat die Sache so schlau
eingerichtet, dass ich festgeschnürt bin, wie ein Sklave im Negerschiff. Es sind
ungeheure Summen in diese wüste Spekulation geworfen. Wenn ich ihnen den Kram
kündige, so bin ich sicher, dass sie Mittel finden werden, mich die ganze Summe,
die der Tote gezeichnet hat, bezahlen zu lassen, und wie ich das durchsetzen
soll, ohne nicht nur mich, sondern vielleicht auch die Firma Fink und Becker zu
ruinieren, das sehe ich noch nicht. Unterdes wünsche ich Deine Meinung über das,
was ich tun soll, nicht zu hören. Sie kann mir nichts nutzen, denn ich weiss sie
ohnedies. Ich wünsche überhaupt keinen Brief von Dir, Du einfältiger,
altfränkischer Tony, der Du glaubst, ehrlich handeln sei eine so einfache
Geschichte, wie ein Butterbrot streichen. Denn habe ich alles getan, was ich
konnte, die einen begraben, die andern gefüttert und meine Kompagnons so sehr
geärgert, als mir möglich ist; dann ziehe ich auf einige Monate weiter nach
Westen, in eine ehrliche Prärie, wo weniger Gekrächz von Alligatoren und
Nachteulen, und etwas mehr Aristokratism zu finden sein wird, als hier. Finde
ich auf der Prärie Tinte und Stift, so schreibe ich Dir wieder. Ist dieser Brief
der letzte, den Du von mir erhältst, so widme nur eine Träne und sage in Deiner
salbungsvollen Art: Schade um ihn, er hatte auch seine guten Seiten!«
    Darauf folgte eine genaue kaufmännische Darstellung der Geschäfte Finks und
die Statuten der Landkompagnie.
    Anton las den unerfreulichen Brief einigemal durch, dann setzte er sich an
den Schreibtisch und schrieb an den Freund, trotz dem Verbot desselben, die
ganze Nacht hindurch.
    Noch in dem ruhigen Licht der nächsten Tage behielt Anton die erhobene
Stimmung. Wenn er im Comtoir arbeitete und mit seinen Kollegen scherzte, immer
fühlte er, wie fest sein Leben in den Mauern des grossen Hauses die Wurzel
geschlagen hatte. Auch den andern wurde das bemerkbar. Am Mittagstisch war die
Unterhaltung jetzt lebhafter als je. Nicht nur der Prinzipal, auch Anton und
Sabine führten das Gespräch. In einer Zeit, wo das Geschäft wenig Freudiges
brachte, kam in diese drei ein neues Leben. Der Kaufmann wandte seine Rede fast
ausschliesslich zu Anton, und wenn Anton erzählte, dann hörte der ganze Tisch
aufmerksam zu, und zuweilen klang ein heiteres Lachen aller Kollegen um die
feierliche Tafel. Auch des Abends war Anton eine bevorzugte Person. Er wurde oft
in das Vorderhaus geladen, dann sass er mit den Frauen und dem Prinzipal am
kleinen Tisch zusammen, und dem Hausherrn war anzusehen, wie lieb ihm das
persönliche Verhältnis zu einem Mann wurde, der so innig mit den Interessen
seines Geschäfts verwachsen war und in dessen frischem und geordnetem Sinn er
ein Bild seiner eigenen Jugend vor sich sah. Für Sabine wurden diese Stunden ein
Genuss. Es war ihr ein freudiger Fund, wenn sie im Gespräch über die Neuigkeiten
des Tages, über ein gelesenes Buch, über Erlebtes und Gefühltes wahrnahm, dass
der Mann, der jahrelang so nahe an ihnen gelebt hatte, in so vielem mit ihr
übereinstimmte. Seine Bildung, sein Urteil überraschten sie, sie sah sein
ehrliches Gemüt plötzlich in glänzenden Farben vor sich stehen, wie der Reisende
staunend auf eine reiche Landschaft blickt, die ihm wogender Nebel lange
verhüllt hat.
    Friedlich fanden sich die Kollegen in die ungewöhnliche Stellung ihres
Genossen. Dass er dem Prinzipal das Leben gerettet hatte, wussten sie aus dem
eignen Munde des Chefs, und dieser Zufall wurde sogar für Herrn Pix ein Grund,
die Einladungen Antons in das Vorderhaus ohne Bemerkung zu ertragen. Anton tat
das Seine, dem Comtoir seine Persönlichkeit wert zu erhalten. An freien Abenden
lud er die einzelnen auf sein Zimmer, nicht selten kam die ganze Gesellschaft
bei ihm zusammen. Jordan beklagte sich lächelnd, dass er schon bei Lebzeiten
vergessen sei, und das Comtoir gewöhnte sich, in Anton seinen Nachfolger, den
stillen Ratgeber der Jüngeren zu sehen. Am liebsten war Anton mit Baumann
zusammen, der in dem letzten halben Jahre wieder einige starke Anwandlungen von
Missionsgelüsten gehabt hatte und jetzt nur durch die Überzeugung zurückgehalten
wurde, dass in der schwierigen Gegenwart ein geübter Kalkulator dem Geschäft
nicht fehlen dürfe. Am eifrigsten aber bemühte sich um Antons Gunst der
phantasiereiche Specht. Ihm hatte der Reisende einen romantischen Heiligenschein
bekommen. Was Anton etwa erlebt hatte, das malte die Phantasie des Herrn Specht
mit den grellsten Farben aus. Er war geneigt, anzunehmen, dass der Kollege ausser
den Abenteuern, welche er eingestand, noch unendlich reizende und furchtbare
erlebt hatte, die zu verbergen er durch geheimnisvolle Verhältnisse gezwungen
war.
    Leider war seine eigene Stellung zu den Kollegen während Antons Abwesenheit
mächtig erschüttert worden. Er war immer der Gegenstand gewesen, an welchem sich
die gute Laune der andern aufzurichten pflegte, wie die Schlingpflanze an einem
dünnen Bäumchen, und er war oft von den Blüten fremden Witzes fast erstickt
worden. Jetzt sah Anton mit Bedauern, dass der gute Herr Specht in dem Zustand
allgemeiner Missachtung lebte. Sogar sein Quartett hatte ihn aufgegeben,
wenigstens schwebte zwischen ihm und den beiden Bässen eine finstere Wolke des
Missmuts. Sooft Specht eine Behauptung aufstellte, welche nicht ganz
unbestreitbar war, zuckte Pix die Achseln und warf ihm mit Verachtung das
ungehörige Wort: »Kürbis« entgegen. Fast alles, was Specht sagte, war »Kürbis«;
sogar bei Tische kugelte dieser Pflanzenkörper in den unteren Regionen von einem
Munde zum anderen, und sooft das Wort ausgesprochen wurde, geriet Herr Specht in
leidenschaftlichen Zorn, brach tief gekränkt das Gespräch ab und zog sich aus
der Gesellschaft der andern in sich selbst zurück.
    Anton besuchte an einem Abend den Verfemten auf seinem Zimmer. Schon vor der
Tür hörte er die scharfe Stimme des Kollegen, welcher das berühmte Lied: »Hier
sitz' ich auf Rasen mit Veilchen bekränzt« von dem erhabenen Ort seiner
Behausung - Herr Specht wohnte drei Treppen hoch - in das Haus hinuntersang. Als
Anton leise die Tür öffnete, sass Specht in kunstvoller Attitüde, graziös auf
einen Arm gestützt, bei seiner Lampe am Tisch und sang mit so innigem Behagen,
dass Anton einige Augenblicke stehnblieb, den Begeisterten nicht zu stören. Es
war kein grosses Zimmer, welches Specht bewohnte, und die Erfindungskraft des
Herrn hatte jahrelang gearbeitet, demselben einen Charakter zu geben, welcher
von dem Wesen gewöhnlicher Stuben verschieden war. Es sah in der Tat keiner
andern irdischen Behausung ähnlich. Alle Wände waren mit Bildern überzogen, mit
Porträts berühmter Künstlerinnen, viele im Kostüm ihrer Rolle, dazwischen ragten
zahlreiche Konsolen, auf denen kleine Vasen, Muscheln und Tonfiguren und andere
Merkwürdigkeiten standen. Da der Konsolen mehr waren, als der darauf zu
stellenden Gegenstände, so hatte Specht die leeren mit Tassen und
Champagnerflaschen interimistisch besetzt. Über dem Bett hing ein grosser
Ritterschild von glänzendem Messingblech, daneben grosse Fechtandschuhe und ein
Köcher mit Pfeilen. Über den Pfeilen war ein Zettel an die Wand geschlagen, mit
einem gemalten Totenkopf und zwei gekreuzten Knochen und dem warnenden Wort:
»Vergiftet!«. Dahinter drei Ausrufungszeichen.
    Am auffälligsten aber war die Mitte des Zimmers eingerichtet. Dort schwebte
etwas über Manneshöhe ein ungeheurer Reifen, durch Bindfaden an einem Haken der
Decke festgehalten. Darunter standen grosse Tongefässe, mit Erde gefüllt, und von
den Gefässen liefen zahlreiche gespannte Schnüre bis zu dem Reifen. Unter dem
Reifen stand ein Gartentisch aus knorrigen Baumästen und einige Stühle aus
Weidenruten. Durch diese Vorrichtung erhielt das Zimmer ein durchaus unerhörtes
Aussehen, und die freie Bewegung der darin befindlichen Gliedmassen wurde für
jeden andern, als den erfahrenen Bewohner, sehr schwierig. Es war nicht
abzusehen, welchen Zweck diese geheimnisvolle Vorrichtung hatte. Allerdings
erinnerten der wilde Tisch, die Stühle und Erdtöpfe den menschlichen Geist
gewissermassen an Garten und freie Natur, während wieder die ausgespannten
Schnüre eine entfernte Ähnlichkeit mit Strickleitern hatten, welche zum Mastkorb
eines Schiffes hinaufführten. Zuletzt neigte sich Anton zu der Ansicht, dass
diese Erfindung eine Menschenfalle vorstelle, welche nach dem Muster eines
Spinngewebes gebaut und darauf berechnet war, die Köpfe und Beine boshafter
Kollegen festzuhalten. Wenigstens sass Specht selbst als Dirigent in der Mitte
des Netzwerks, und sein Sirenengesang konnte wohl darauf berechnet sein, die
Eintretenden durch vorgespiegelten grünen Rasen und falsche Veilchenkränze ins
Garn zu locken.
    Anton blieb ausserhalb der Falle stehn und rief endlich Specht von der Tür
an: »Was zum Henker haben Sie in Ihrem Salon für ein Bindfadensystem
ausgebreitet?«
    Specht sprang auf und versetzte mit glänzenden Augen: »Es ist eine Laube.«
    »Eine Laube? Ich sehe ja nichts Grünes.«
    »Es kommt«, sagte Specht und führte den Besuch zu seinen Gefässen. Bei
näherer Betrachtung entdeckte Anton in den Töpfen einige schwache Efeuranken,
welche bestaubt und verkommen wie die Überreste dämmeriger Traumbilder aussahen,
welche dem erwachenden Menschen noch einige Augenblicke an den Fäden seiner
Seele hängen, um gleich darauf für immer zu vergehen.
    »Aber Specht, dieser Efeu wird's nicht tun«, sagte Anton.
    »Er ist auch nicht allein da«, belehrte Specht geheimnisvoll; »sehen Sie,
hier kommt noch anderes.« Er wies auf einige magere, spargelähnliche Gebilde,
welche sich aus den Töpfen erhoben und mit nichts anderem zu vergleichen waren,
als mit den unglücklichen Versuchen zu keimen, welche die Kartoffeln zur Zeit
des Frühjahrs in einem warmen Keller anstellen.
    »Und was sollen diese Keime bedeuten?«
    »Es sind Bohnen und Kürbisse«, sagte Herr Specht. »Das Ganze wird eine
Kürbislaube; in einigen Wochen werden die Fäden von den Ranken belaufen sein.
Denken Sie sich, Wohlfart, wie famos das aussehen wird! Von allen Seiten die
grünen Ranken, die Blüten und die grossen Blätter. Das Ganze wird ein Zelt sein
mit zwei Eingängen. Die meisten Kürbisse werde ich abschneiden, damit mir die
Last nicht zu schwer wird, einzelne lass ich hängen, es werden Netze
daruntergemacht. Bitte, stellen Sie sich das ganze dicke Grün vor, dazwischen
die gelben Blüten, es wird reizend aussehen! Das soll ein Sitz sein, mit guten
Freunden eine Flasche Wein zu trinken, oder vierstimmig zu singen.«
    Ach, die guten Freunde hatten Herrn Specht verlassen, er liess sich aber alle
Sonntage vom Bedienten eine halbe Flasche Wein holen, setzte vier Gläser auf den
Tisch und trank eins nach dem andern aus.
    »Aber Specht«, frug Anton lachend, »können Sie denn im Ernst glauben, dass
die Kürbisse in Ihrer Dachstube wachsen werden?« - »Warum sollen sie nicht
wachsen?« rief Herr Specht gekränkt. »Sie sind gerade wie die andern. Die
Pflanzen haben ja Sonne, ich sorge für frische Luft, ich giesse mit Rinderblut,
sie haben alles, was sie brauchen.«
    »Aber sie sehen verzweifelt kränklich aus.«
    »Das ist nur der Anfang, die Luft ist draussen noch kalt, und wir haben
einige Wochen gehabt, wo der Sonnenschein fehlte. Später schiessen sie auf einmal
in die Höh. Wenn einer nichts von einem Garten hat, muss er sich zu helfen
wissen.« Er sah sich vergnügt in der Stube um. »Sehen sie, im Dekorieren eines
Zimmers will ich's mit jedem reichen Mann aufnehmen. Natürlich nach meinen
Mitteln. Aus Ölbildern mache ich mir nicht viel, sie werden in der Regel
schwarz; meine Bilder hier werden höchstens ein wenig heller. Es hat mich Geld
gekostet, dafür ist es hier hübsch geworden. Mein Zimmer ist nicht gross, aber es
ist wohnlich.«
    »Ja«, entgegnete Anton, »ausser für gewisse Unarten unruhiger Menschen, als
Geradestehen und Umhergehen. Darauf muss man hier verzichten. Sie können nur
solchen Besuch gebrauchen, der sich gleich an der Tür auf den Fussboden setzt.«
    »Ruhig zu sitzen, ist ja eine Hauptregel bei der Unterhaltung«, versetzte
Specht. »Leider sind die Menschen oft schlecht und ohne Herz. - Finden Sie nicht
auch, Wohlfart, dass in unserem Comtoir einige Kollegen gemütlos sind?« sagte er
leise.
    »Manchmal etwas kurz«, erwiderte Anton, »aber die Meinung ist gut.«
    »Ich finde das nicht«, seufzte Specht. »Ich bin jetzt ganz allein und muss
meinen Trost ausser dem Hause suchen. Wenn ich kann, gehe ich ins Teater, oder
zu den Reitern, und wenn ein Zwerg kommt oder ein Seehund, und natürlich in die
Konzerte.«
    »Aber das hilft doch nicht immer gegen die Einsamkeit.«
    
    »Nein«, versetzte Specht; »denn es kostet Geld, und Sie wissen, ich habe
keinen hohen Gehalt, und ich fürchte, ich werde auch nicht mehr kriegen, als
jetzt. Von Hause aus hatte ich Vermögen«, sagte er wichtig, »aber ein Vetter von
mir, der mein Vormund war, hat mich darum gebracht. Hätte ich's noch, könnte ich
vielleicht mit vieren fahren. Glauben Sie mir, ich wäre auch nicht glücklicher.
Wenn nur der Pix nicht so grob wäre«, klagte er wieder. »Es ist schauderhaft,
Wohlfart, das alle Tage anhören zu müssen. - Ich wollte ihn fordern, während Sie
verreist waren«, rief er und wies auf ein altes Rapier, dessen Klinge hinter dem
Bett hervorragte. »Aber er benahm sich schlecht. Ich schrieb ihm, dass es mir
sehr leid täte, ihn fordern zu müssen, und es wäre mir gleichgültig, wo er sich
mit mir duellieren wollte. Ich schlug ihm entweder den Berg auf der Promenade
vor oder auch unsern Oberboden, wo Raum genug ist, und ersuchte ihn um eine
Mitteilung über die Waffen, welche er für passend hielte. Da schrieb er mir
unhöflich zurück, er würde sich nur im Hausflur duellieren, wo er sich alle
Stunden des Tages aufhielte, und was die Waffen beträfe, so könnte ich fechten,
womit ich wollte, seine Waffe wäre der grosse Pinsel, er sei bereit, mir auf jede
Backe eine Signatur zu machen. Sie werden mir zugeben, das ich darauf nicht
eingehen konnte.« Das gab Anton zu.
    »Jetzt hetzt er die andern Kollegen wider mich auf«, fuhr Specht kleinlaut
fort. »Der Zustand ist für mich unerträglich, ich kann gar nicht mehr mit den
andern zusammensein, ohne dass ich beleidigt werde. Aber ich weiss, wodurch ich
mich räche. Ich spare jetzt. Wenn die Kürbisse erst blühen, dann gebe ich allen
einen Satz, nur Pix lade ich nicht ein; wie er's damals mit Ihnen gemacht hat,
Wohlfart. Ich will uns beide an ihm rächen.«
    »Gut«, sagte Anton, »das gefällt mir. Aber wissen Sie was: da auch ich den
Kollegen eine Aufmerksamkeit schuldig bin, so wollen wir beide zusammen das Fest
in Ihrer Stube geben.«
    »Das ist ausgezeichnet von Ihnen, Wohlfart«, rief Specht glücklich.
    »Und wir wollen nicht warten«, fuhr Anton fort, »bis die Kürbisse gross
geworden sind, sondern wollen uns unterdes durch anderes Grün helfen.«
    »Gut«, sagte Specht, »vielleicht durch Tannenbäume.«
    »Ich werde dafür sorgen«, fuhr Anton fort, »und endlich wollen wir Pix nicht
ausschliessen, sondern gerade dazu laden. Das ist eine viel feinere Rache, die
Ihres guten Herzens am würdigsten ist.«
    »Meinen Sie?« frug Specht zweifelhaft.
    »Gewiss«, sagte Anton. »Ich schlage nächsten Sonnabend vor, die Einladung
machen wir gemeinschaftlich.«
    »Schriftlich«, rief Specht vergnügt, »auf rosa Papier.«
    »Das ist recht«, sagte Anton. Darauf berieten die beiden in der Laube die
nähere Einrichtung des Festes.
    Die Kollegen waren nicht wenig verwundert, als sie einige Tage darauf durch
bunte Billette, die Herr Specht geheimnisvoll vor Anfang der Comtoirstunden auf
den Platz eines jeden gelegt hatte, zur Kürbisblüte in Herrn Spechts Stube
eingeladen wurden. Da Antons geachteter Name mit unterzeichnet war, so blieb
ihnen nichts übrig, als die Einladung anzunehmen. Unterdes zog Anton das
Fräulein in das Geheimnis und erbat von ihr aus dem Garten einige vorhandene
Efeustöcke und was sonst von Blumen gerade entbehrlich war, Specht aber
arbeitete die ganze Woche bei verschlossenen Türen in seiner Stube, und am Tage
des Festes bezog er mit Hilfe des Bedienten den leeren Bindfaden mit grünen
Ranken, stellte einige blühende Sträucher in Gruppen, liess sich eine Anzahl
bunter Glaslampen holen und befestigte an den Ranken trichterförmige Erfindungen
aus gelbem und weissem Papier, welche mit Kürbisblüten ganz besondere Ähnlichkeit
hatten.
    Durch diese Vorrichtungen erhielt das Zimmer das Aussehen, welches Herr
Specht in seinen Träumen schon lange geahnt hatte. Die Kollegen waren höchlich
überrascht. Als letzter trat Herr Pix herein, und auch er vermochte ein
erstauntes »Donnerwetter!« nicht zu unterdrücken, als er die unglückliche Laube
wirklich umrankt und mit gelben Blüten bedeckt sah, welche in dem farbigen
Lampenlicht schimmerten und von ihrem Draht freundlich herunternickten. Die
grossen Tongefässe waren durch Sträucher verdeckt, in der Mitte der Laube hing
eine rote Lampe wie ein Glühwurm herab, und auf dem Gartentisch stand ein riesig
grosser Kürbis. Anton nötigte das Quartett in die Laube und besetzte mit den
übrigen alle noch leeren Teile der Stube, auch das Bett war mit Polster
überdeckt und musste als zweites Sofa dienen.
    Als sich alle gelagert hatten, trat Specht an den grossen Kürbis und rief
feierlich: »Sie haben mich lange mit dem Kürbis geneckt, hier ist meine Rache.
Hier ist der Kürbis.« Er ergriff den kurzen Stiel und hob den oberen Teil ab.
Der Kürbis war hohl, eine Bowle stand darin.
    Die Kollegen lachten und riefen »Bravo!« und Specht schenkte die Gläser
voll.
    Dennoch war im Anfange eine gewisse Spannung zwischen Herrn Specht und den
übrigen Herren nicht abzuleugnen. Zwar das verrufene Wort »Kürbis« wurde nicht
gehört, aber seine Vorschläge fanden selten bereitwillige Aufnahme. Als Anton
ein Bündel türkischer Pfeifen, die er in der Fremde für die Kollegen gekauft
hatte, herbeitrug und unter die Anwesenden verteilte, da machte Specht den
Vorschlag, dass alle sich als Türken mit gekreuzten Beinen auf das Bett oder den
Fussboden setzen sollten. Und dieser Vorschlag fiel durch. Auch als er die
Behauptung aufstellte, dass die tscherkessischen Mädchen, welche jetzt von ihren
Eltern in die türkischen Familien verkauft werden, bei grösserer Ausdehnung
unserer Handelsverbindungen mit dem Orient bis zu uns kommen würden, um die
Rolle der Kellnerinnen in den bayerischen Bierkellern zu übernehmen, da konnte
selbst diese Behauptung sich keine Anerkennung erringen. Aber nach und nach
wirkte der milde Inhalt des Kürbis auf die strengen Seelen der Kollegen.
    Zuerst wurde der Zwiespalt unter den musikalischen Naturen des Hauses
ausgeglichen. Anton brachte die Gesundheit des Quartetts aus. Das Quartett
dankte mit einiger Befangenheit, da es sich gerade vor vier Wochen in Missklängen
aufgelöst hatte. Es ergab sich aus düstern Andeutungen der Bässe, dass Specht
eine ungehörige Forderung an sie gestellt hatte. Herr Specht hatte sie benutzen
wollen, um einer Rossbändigerin des Zirkus, der entzückenden Tillebi, ein
Ständchen zu bringen. Die Bässe hatten sich geweigert, bei solchem nächtlichen
Werk tätig zu werden, und Specht war auf diese Weigerung in heftigen Zorn
geraten und hatte geschworen, keinen Ton mit den andern zu singen, solange sie
der Unvergleichlichen aus abgeschmackten Bedenken ihre Huldigung verweigerten.
»Hätte er das Ständchen noch am Abend bringen wollen«, sprach Balbus, »so wären
wir vielleicht um des lieben Friedens willen mitgegangen, aber er behauptete, es
müsste um vier Uhr früh geschehen, weil das die Stunde sei, wo die Kunstreiter
aufstünden, um ihre Pferde zu füttern. Das war uns doch zu arg. Unterdes ist das
Frauenzimmer mit einem Bajazzo durchgegangen.«
    »Das ist nicht wahr«, rief Specht; »der Bajazzo hat sie gewaltsam entführt.«
    »Jedenfalls hat er uns dadurch einen Dienst erwiesen«, sagte Anton, »denn er
hat den Herren die Erfüllung Ihres kräftigen Schwurs unmöglich gemacht. Und so
sehe ich keinen Grund, weshalb Sie als Künstler und treue Kollegen noch länger
der Ausübung Ihrer musikalischen Virtuosität entsagen sollen. Wie ich höre,
waren Sie, liebster Specht, ein wenig heftig, machen Sie den Herren darüber Ihre
Entschuldigung, wie sie einem Mann von Ehre wohl ansteht, alsdann schlage ich
den Herren vor, das Quartett auf der Stelle neu zu begründen.«
    Da erhob sich Specht und sprach: »Nach dem Rat meines Freundes Wohlfart
mache ich Ihnen meine Entschuldigung, bin übrigens bereit, Ihnen in jeder Art
Rede zu stehen.« Worauf er sein Glas austrank und den Bässen heftig die Hand
schüttelte.
    Darauf wurden die Notenbücher gebracht, und mit Behagen liessen alle vier in
der Kürbislaube ihre Stimme erschallen.
    Noch blieb die Versöhnung mit Pix als das schwerste Werk. Specht sah seinen
Gegner den ganzen Abend misstrauisch an.
    Pix sass gefühllos auf dem Bett und streichelte den Pluto, welcher mit ihm
zur Abendgesellschaft gekommen war.
    Specht goss Pix das Glas voll und stellte es auf den Bettpfosten. Pix trank
es schweigend aus. Specht füllte das Glas von neuem und begann in weltmännischem
Ton: »Nun, Pix, wie finden Sie den Kürbis?«
    »Es ist eine verrückte Idee«, sagte Pix.
    Gekränkt wandte sich Specht ab und sah wieder unruhig auf seinen Gegner.
Nach einer Weile streckte er die Füsse mit scheinbarem Behagen aus, verbarg seine
Hände in den Hosentaschen und sprach über die Schulter: »Sie werden mir zugeben,
Pix, dass man über manche Dinge verschiedene Ansicht haben kann und deshalb doch
nicht feindlich zu sein braucht.«
    »Das gebe ich zu«, sagte Pix.
    »Warum also«, fuhr Specht heftig fort und sprang auf, »warum sind Sie mein
Feind? Warum denken Sie gering von mir? Es ist hart, mit seinen Kollegen in
Feindschaft leben. Ich will Ihnen nicht verschweigen, dass ich Sie achte und dass
mir Ihr Benehmen unangenehm ist. Sie haben mir Genugtuung verweigert und sind
doch noch böse auf mich. «
    »Erhitzen Sie sich nicht«, sagte Pix, »ich habe Ihnen keine Genugtuung
verweigert und ich bin gar nicht böse auf Sie.«
    »Wollen Sie mir das vor allen diesen Herren erklären?« rief Specht erfreut,
»wollen Sie mit mir anstossen?« Er holte sein Glas.
    »Kommen Sie her«, sagte Pix versöhnlich, »ich habe gar nichts mehr gegen
Sie, ich sage nur, das mit den Kürbissen war ein verrückter Einfall.«
    »Es ist noch mein Einfall«, rief Specht das Glas zurückziehend, »ich dünge
mit Rinderblut, in einigen Wochen werden sie grün sein.«
    »Nein«, sagte Pix, »das ist vorbei für immer, morgen früh werden auch Sie
das einsehen. Und jetzt kommen Sie her und stossen Sie an, von den Kürbissen soll
zwischen uns nicht mehr die Rede sein.«
    Specht stiess verdutzt an und wurde gleich darauf sehr lustig.
    Die Last war von ihm genommen, welche ihn lange gedrückt hatte. Er sang, er
schüttelte allen Kollegen die Hände und wurde gross in gewagten Behauptungen.
    Als Anton mit den Kollegen die Treppe hinabstieg, bemerkte er, dass Pluto
etwas Gelbliches im Maule trug und eifrig daran kaute. »Es sind Spechts
Kürbisse«, sagte Pix, »der Hund hat sie für Rindfleisch gehalten und sämtlich
abgebissen.«
 
                                       6
Anton stand vor dem Bett des kranken Bernhard und sah mit innigem Anteil auf die
verfallene Gestalt seines Freundes. Das Antlitz des Gelehrten war noch faltiger
als sonst, seine Haut durchscheinend wie aus Wachs, unordentlich hing sein
lockiges Haar um die feuchte Stirn, die Augen blitzten in fieberhafter Aufregung
dem Besuch entgegen. »So lange waren Sie in der Fremde«, rief er klagend; »ich
habe mich alle Tage nach Ihnen gesehnt. Jetzt, da Sie zurück sind, wird es auch
mit mir besser werden.«
    »Ich komme oft, wenn ich Sie nicht durch unser Gespräch aufrege«, erwiderte
Anton.
    »Nein«, sagte Bernhard, »ich will ruhig zuhören, Sie sollen von Ihrer Reise
erzählen.«
    Anton begann seinen Bericht. »Ich habe in dieser Zeit gesehen, was wir uns
oft miteinander gewünscht haben, fremde Menschen und ein stürmisches Treiben.
Ich habe gute Gesellen auch in der Fremde gefunden, und doch ist mir bei vielem,
was ich erlebte, die Überzeugung gekommen, dass es kein grösseres Glück gibt, als
sich in seiner Heimat mitten unter seinen Landsleuten tüchtig zu rühren. Manches
habe ich erfahren, was auch Sie gefreut hätte, weil es poetisch war und die
Seele bewegte, aber zuletzt war das Widerwärtige doch im Vordergrund.«
    »Es war dort, wie überall auf der Erde«, sagte Bernhard. »Wo ein grosses
Gefühl das Herz erschüttert und den Menschen vorwärtstreiben möchte, wirft die
Erde ihren Schmutz daran, und das Schöne verkümmert, und alles Grosse wird
lächerrlich gemacht. Es ist woanders wohl auch nicht besser, als bei uns.«
    »Das ist unser alter Streit«, sagte Anton heiter, »sind Sie noch nicht
belehrt, Ungläubiger?«
    Bernhard zupfte mit dem Finger an seiner Bettdecke und antwortete
niedersehend: »Vielleicht bin ich's doch, Wohlfart.«
    »Ei«, rief Anton neckend, »und wer hat Ihre Bekehrung bewirkt? War's etwas,
das Sie erlebt haben? Gewiss, so muss es sein.«
    »Was es auch war«, sagte Bernhard mit einem Lächeln, das sein Gesicht wie
ein heller Schein überflog, »ich glaube, dass es auch bei uns Schönheit und
Liebenswürdigkeit gibt, ich glaube, dass auch bei uns das Leben grosse
Leidenschaften bringen kann, heilige Freuden und bittere Schmerzen. Und ich
glaube«, fuhr er traurig fort, »dass man auch bei uns unter dem Druck eines
furchtbaren Schicksals untergeht.«
    Besorgt hörte Anton diese Worte und sah, wie das grosse Auge des Kranken
begeistert in die Höhe blickte. »Gewiss ist es, wie Sie sagen«, erwiderte er
endlich, »aber das Allerschönste, was diesem Leben den höchsten Wert gibt, ist
doch, wenn die Kraft des Menschen grösser ist, als alles, was auf ihn eindringt.
Ich lobe mir einen Mann, der sich Leidenschaften und ein ernstes Schicksal nicht
über den Kopf wachsen lässt, der selbst, wenn er unrecht getan hat, sich immer
wieder herauszureissen weiss.«
    »Wenn es aber zu spät ist, und wenn die Macht der Verhältnisse stärker wird
als er?«
    »Ich glaube nicht gern an die Macht der Verhältnisse«, sagte Anton. »Ich
denke mir, wenn einer noch so sehr umdrängt ist, und er will nur eine tüchtige
Kraft daransetzen, so kann er sich wohl heraushauen; er wird Wunden davontragen
wie ein Soldat in der Schlacht, aber sie werden ihm gut stehen. Und wenn er die
Rettung nicht findet, so kann er wenigstens kämpfen als ein Tapferer. Und wenn
er so unterliegt, werden die Augen aller mit Teilnahme auf ihm ruhn. Nur wer
sich ohne Widerstand ergibt, wenn das Wetter hereinbricht, den verweht der Wind
von dieser Erde.«
    »Eine Flaumfeder wird durch kein Gebet in Stein verwandelt, sagt der
Dichter«, erwiderte Bernhard und schnellte mit dem Finger eine Feder von seinem
Kissen in die Luft. »Ich will Sie etwas fragen, Wohlfart«, fuhr er nach einer
Weile fort, »kommen Sie näher heran. Denken Sie, ich wäre ein Christ, und Sie
mein Beichtvater, vor dem man keine Geheimnisse haben möchte.« Er sah unmutig
auf die Tür des Nebenzimmers und frug leise: »Was halten Sie von dem Geschäft
meines Vaters?«
    Betroffen fuhr Anton zurück, Bernhard sah in ängstlicher Spannung auf den
Freund: »Ich verstehe wenig von diesen Dingen, ach, vielleicht zu wenig. Ich
will nicht wissen, ob er für reich oder arm gilt, aber ich frage Sie als meinen
Freund, was halten fremde Menschen von der Art, wie er sein Geld erwirbt? Es ist
schrecklich und vielleicht ein grosses Unrecht, dass ich, sein Sohn, so frage,
aber mich zwingt etwas, dem ich nicht widerstehen kann. Seien Sie ehrlich gegen
mich, Wohlfart.« Er erhob sich in seinem Bett und sagte, den Arm um Antons Hals
legend, diesem ins Ohr: »Gilt mein Vater bei Männern Ihrer Art für
rechtschaffen?«
    Antons Herz zog sich von innigem Mitgefühl zusammen, er durfte nicht sagen,
was er dachte, und er durfte nicht lügen. So schwieg er eine Weile, der Kranke
sank in seine Kissen zurück, und ein leises Stöhnen zitterte durch die Stube.
    »Mein teurer Bernhard«, erwiderte Anton, »bevor ich dem Sohn eine solche
Frage beantworte, muss ich erst wissen, weshalb er einen Dritten fragt. Wenn Sie
es nur tun, um durch meine Ansicht Ihr Urteil über die Geschäfte Ihres Vaters zu
vervollständigen, so muss ich Ihnen die Antwort verweigern, gleichviel, wie sie
ausfallen würde. Denn was ich etwa kenne, sind nur die kalten, vielleicht
unfreundlichen Ansichten Fremder, und solche Auffassung soll der Sohn eines
Geschäftsmanns niemals zu der seinigen machen.«
    »Ich frage«, sagte Bernhard feierlich, »weil ich um das Wohl anderer in
grosser Sorge bin, vielleicht kann Ihre Antwort mehreren Menschen Angst und Not
ersparen.«
    »Dann«, sagte Anton, »will ich Ihnen antworten. Ich kenne keine einzelne
Handlung Ihres Vaters, welche nach kaufmännischen Begriffen unehrenhaft ist. Ich
weiss nur, dass er zu der grossen Klasse von Erwerbenden gezählt wird, welche bei
ihren Geschäften nicht sehr danach fragen, ob ihr eigener Vorteil durch Verluste
anderer erkauft wird. Herr Ehrental gilt für einen vorsichtigen und gewandten
Mann, dem die gute Meinung solider Männer weniger gleichgültig ist, als hundert
andern. Er wird vielleicht manches tun, was ein Kaufmann von sicherem
Selbstgefühl vermeidet, aber er wird sicher auch gegen vieles Widerwillen
empfinden, was gewissenlose Spekulanten um ihn herum wagen.«
    Wieder kam ein zitternder Seufzer von den Lippen des Kranken, ein peinliches
Schweigen folgte. Endlich erhob sich Bernhard und sprach so nahe an Antons Ohr,
dass dieser den heissen Atem des Kranken auf seiner Wange fühlte: »Ich weiss, Sie
kennen den Baron Rotsattel.« Anton sah erstaunt auf. »Das Fräulein hat mir
selbst gesagt, dass sie eine Bekannte von Ihnen ist.«
    »Es ist so, wie Fräulein Lenore sagt«, erwiderte Anton, mit Mühe seine
Aufregung verbergend.
    »Wissen Sie etwas von der Verbindung meines Vaters mit dem Freiherrn?« frug
Bernhard weiter.
    »Nur wenig«, sagte Anton, »nur was Sie selbst mir gelegentlich erzählt
haben, dass Herr Ehrental dem Freiherrn Geld auf sein Gut geliehen hat. Jetzt in
der Fremde habe ich gehört, dass dem Freiherrn irgendeine Gefahr droht, ich habe
sogar Veranlassung gehabt, ihn vor einem Intriganten zu warnen.« Bernhard
starrte angstvoll auf Antons Lippen, Anton schüttelte den Kopf; »es war aber
jemand«, sagte er, »der Ihrem Hause nicht fremd ist, Ihr Buchhalter Itzig.«
    »Er ist ein Schurke«, rief Bernhard heftig und ballte seine magere Hand. »Er
ist eine gemeine niederträchtige Natur. Von dem ersten Tage, wo er in unser Haus
kam, habe ich einen Abscheu gegen ihn gefühlt wie gegen ein unreines Tier.«
    »Es scheint mir«, fuhr Anton fort, »dass Itzig, den auch ich aus früherer
Zeit kenne, hinter dem Rücken Ihres Vaters gegen den Freiherrn arbeitet. Die
Warnung, welche mir im Interesse des Freiherrn kam, war so dunkel, dass ich
nichts daraus zu machen wusste; ich konnte nichts tun, als sie dem Freiherrn so
mitteilen, wie ich sie selbst erhielt.«
    »Dieser Itzig beherrscht meinen Vater«, flüsterte Bernhard; »er ist ein
böser Geist in unserer Familie; wenn mein Vater egoistisch gegen den Freiherrn
handelt, so trägt dieser Mensch die Schuld.«
    Schonend gab Anton das zu. »Ich muss wissen, wie es zwischen dem Freiherrn
und meinem Vater steht«, fuhr Bernhard fort; »ich muss wissen, was zu tun ist, um
der Familie aus ihrer Verlegenheit zu helfen. Ich kann helfen«, fuhr der Kranke
fort, und wieder flog ein matter Strahl von Freude über sein Antlitz. »Mein
Vater liebt mich. Er liebt mich sehr, jetzt in meiner Schwäche habe ich
empfunden, dass sein Herz an mir hängt. Wenn er des Abends an mein Bett kommt und
mit seiner Hand über meine Stirn streicht, wenn er sich mir gegenüber setzt, wo
Sie sitzen, und mich stundenlang kummervoll ansieht, - Wohlfart, er ist ja doch
mein Vater!« Er schlug die Hände zusammen und verbarg sein Haupt in den
Kopfkissen. »Sie müssen mir helfen, mein Freund«, fuhr er wieder fort, »Sie
müssen mir sagen, was geschehen kann, den Freiherrn zu retten. Ich fordere das
von Ihnen. Ich selbst werde meinen Vater fragen. Ich fürchte mich vor der
Stunde, wo ich mit ihm darüber spreche, aber nach dem, was Sie mir gesagt haben,
sorge ich, auch er weiss nicht alles, oder«, fuhr er murmelnd fort, »er wird mir
nicht alles sagen. Sie aber müssen den Freiherrn selbst aufsuchen.«
    »Vergessen Sie nicht, Bernhard«, erwiderte Anton, »dass es auch dem reinsten
Willen nicht erlaubt ist, sich so in die Verhältnisse eines anderen
einzudrängen. Wie gut unsere Absicht sein mag, dem Freiherrn bin ich ein
Fremder. Mein Vermitteln wird ihm, wie Ihrem Vater, leicht als vorlaute Anmassung
erscheinen, und ich fürchte, wir werden auf diesem Weg wenig erfahren. Ich sage
nicht, dass der Schritt unnütz ist, aber ich halte ihn für unsicher. Eher wird es
möglich sein, dass Sie selbst auf die Massregeln Ihres Vaters Einfluss gewinnen.«
    »Gehen Sie doch zum Freiherrn«, bat Bernhard dringend, »und wenn er selbst
gegen Sie verschlossen bleibt, so fragen Sie das Fräulein. Ich habe sie
gesehen«, fuhr er fort, »ich habe es Ihnen verschwiegen, wie der Mensch sein
liebstes Geheimnis verhüllt, heut sollen Sie auch das erfahren. Ich war mehr als
einmal auf dem Gut der Rotsattel. Ich weiss, wie schön sie ist, wie stolz ihre
Haltung, wie edel ihre Gebärde. Wenn sie über den Rasen schritt, war sie wie
eine Königin der Natur, ein blauer Schimmer glänzte um ihr Haupt; wo sie hinsah,
neigte sich alles vor ihrem Blick - ihre Zähne wie Perlen und ihre Brüste wie
Rosenhügel«, sagte er leise und sank in die Kissen zurück mit gefalteten Händen
und blitzenden Augen. »Auch er«, rief es in Anton. »Mein armer Bernhard, Sie
schwärmen.«
    Bernhard schüttelte den Kopf: »Seit dem Tage weiss ich, dass unser Leben nicht
grau ist«, sagte er lächelnd; »es ist nicht grau, aber es ist grausig. Wollen
Sie jetzt mit dem Freiherrn und mit seiner Tochter sprechen?«
    »Ich will«, sagte Anton aufstehend. »Aber ich wiederhole Ihnen, ich beginne
etwas Auffallendes, das leicht neue Verwicklungen herbeiführen kann, auch für
uns beide.«
    »Wer so daliegt, wie ich, der fürchtet keine Verwickelungen«, sagte
Bernhard, »und Sie«, fuhr er fort und sah Anton prüfend an, »Sie werden in Ihrem
Leben sein, was Sie mir heut gesagt haben, ein Mann, welcher sich durchschlägt;
und wenn er auch Wunden erhält, seine Aufgabe ist, mit dem Geschick zu kämpfen.
Mich, Anton Wohlfart, mich wird der Sturmwind verwehen.«
    »Kleinmütiger«, rief Anton weich, »das spricht die Krankheit aus Ihnen. Der
Mut wird Ihnen mit der Genesung zurückkehren.«
    »Hoffen Sie?« frug der Kranke zweifelnd; »oft tue ich's auch, nur manchmal
überfällt mich die Mutlosigkeit. Ja, ich will leben, und anders will ich leben,
als bisher, ich will alle Mühe daransetzen, stärker zu werden, ich werde nicht
mehr so viel träumen als jetzt, mich nicht mehr aufregen und quälen in meiner
Kammer. Ich will versuchen, wie man lebt, wenn man ein tüchtiger Mann ist, der
jeden Streich zurückgibt, den er empfängt«, so rief er mit geröteten Wangen und
streckte die Hand dem Freunde entgegen.
    Anton beugte sich zu ihm nieder, dann verliess er das Zimmer.
    Am Abend trat Ehrental zu dem Bett des Sohnes, wie er immer tat, wenn er
das Comtoir verschlossen und den Schlüssel in seiner Schlafkammer versteckt
hatte. »Was hat heut der Doktor gesagt, mein Bernhard?«
    Bernhard hatte sich mit dem Kopf gegen die Wand gedreht, jetzt warf er sich
plötzlich herum und sagte heftig: »Vater, ich muss etwas mit dir reden,
verschliesse die Tür, damit uns niemand stört.«
    Erschrocken sah Ehrental zu beiden Türen, verschloss und verriegelte
gehorsam, dann eilte er zum Bett des Sohnes zurück. »Was hast du, das dich
kümmert, mein Bernhard?« frug er und fühlte mit der Hand auf die Stirn des
Kranken. Bernhard entzog ihm sein Haupt, die Hand des Vaters sank auf die
Bettdecke. »Setze dich hierher«, sagte der Sohn finster, »und beantworte meine
Frage so aufrichtig, als wenn du zu dir selber sprächst.«
    Der Alte setzte sich und sagte: »Frage, mein Sohn, ich will dir alles
beantworten.«
    »Du hast mir gesagt, dass du dem Baron Rotsattel viel Geld geborgt hast, dass
du ihm keines mehr leihen willst und dass der Edelmann sein Gut nicht wird
behalten können.«
    »Es ist, wie ich habe gesagt«, erwiderte der Vater, vorsichtig wie in einem
Verhör.
    »Und was soll jetzt aus dem Baron und seiner Familie werden?«
    Ehrental zuckte die Achseln. »Er wird herunter von seinem Gut, und wenn der
Tag kommt, wo das Gut vom Gericht verkauft wird, so werde ich wegen meines
Geldes bieten auf das Gut, und ich hoffe, ich werde es kaufen. Ich habe eine
grosse Hypotek, welche ist sicher, und eine kleine hinten am Ende, welche ist
schlecht. Wegen der schlechten Hypotek werde ich erstehn das Gut.«
    »Vater«, rief Bernhard mit schneidender Stimme, so dass Ehrental
zusammenfuhr, »du willst einen Vorteil ziehen aus dem Unglück des Mannes, du
willst dich an seine Stelle setzen! Ja, du bist auf das Gut des Barons gefahren
und hast mich mitgenommen vielleicht mit dem Gedanken, die Verlegenheit des
Edelmannes zu benutzen. Es ist schrecklich, schrecklich!« Er warf sich in die
Kissen zurück und rang die Hände.
    Ehrental rückte unruhig auf seinem Sitz. »Führe nicht solche Reden von
Sachen, die du nicht verstehst. Die Geschäfte sind für den Tag, wenn ich abends
zu dir komme, sollst du dich nicht ängstigen um meine Arbeiten. Ich will's nicht
haben, dass du die Hände aufhebst und rufst schrecklich.«
    »Vater«, rief Bernhard, »wenn du nicht willst, dass ich vergehn soll vor
Scham und Kummer, so wirst du deine Absicht aufgeben.«
    »Aufgeben!« rief Ehrental entrüstet. »Wie kann ich aufgeben mein Geld? Wie
kann ich aufgeben das Gut, um das ich mich bemüht habe bei Tag und bei Nacht?
Wie kann ich aufgeben das grösste Geschäft, das ich gemacht habe in meinem Leben?
Du bist ein ungehorsames Kind und machst uns Jammer um gar nichts. Was habe ich
für ein Unrecht getan, dass ich dem Baron gegeben habe mein Geld? Er hat's
gewollt. Was tue ich für ein Unrecht, wenn ich kaufe das Gut? Ich rette mein
Geld.«
    »Verflucht sei jeder Taler, den du darauf gewandt, verflucht der Tag, wo du
diesen unglücklichen Entschluss gefasst«, fuhr Bernhard auf und erhob seine Hand
drohend gegen den Vater.
    »Was ist das?« rief Ehrental aufspringend, »welcher böse Gedanke hat
getroffen das Herz meines Sohnes, dass er so spricht zu seinem Vater? Was ich
getan habe, für wen habe ich's getan? Nicht für mich und meine alten Tage. Ich
habe dabei gedacht jeden Tag an dich, mein Sohn, der du bist ein anderer Mann,
als dein Vater. Ich werde haben den Kummer, und du sollst gehen aus dem Schloss
in den Garten und wieder zurück in das Schloss, und wenn du gehst, soll der
Amtmann abziehen seine Mütze, und die Knechte im Hofe abziehen ihre Hüte, und
sie sollen zu sich sagen: das ist der junge Herr Ehrental, welcher ist unser
Herr, der da geht.«
    »Ja«, rief Bernhard bitter, »das ist deine Liebe. Mich willst du zum
Mitschuldigen machen einer ungerechten Tat. Du irrst, Vater; niemals werde ich
aus dem Schloss in den Garten gehen mit meinem Buche, eher will ich als armer
Bettler mein Essen erbitten von der Gemeinde, als dass ich einen Fuss auf das Gut
setze, das durch Sünde erworben ist.«
    »Bernhard«, rief der Alte mit gerungenen Händen, »du wirfst die Steine auf
mein Vaterherz, dass ich fühle die Last, wie sie mich drückt zu Boden.«
    »Und du verdirbst deinen Sohn«, rief Bernhard in auflodernder Leidenschaft.
»Sieh zu, für wen du geschachert und gelogen hast; aber so wahr es einen Himmel
über uns gibt, du wirst niemandem sagen, dass es geschehen ist für deinen
unglücklichen Sohn.«
    »Mein Sohn«, jammerte der Vater, »schlage nicht auf mein Herz mit deinem
Fluche. Seit du bist gewesen ein kleiner Bocher, der sein Gebetbüchel in die
Schule getragen hat, habe ich gehabt meinen Stolz, wenn ich auf dich gesehen
habe. Ich habe dir gelassen allen Willen zu tun, was dir am liebsten war; ich
habe dir gekauft von Büchern, ich habe dir gegeben von Geld mehr, als du hast
haben wollen; wo ich dir etwas absehen konnte an deinen Augen, ich habe dir's
abgesehen. Wenn ich unten den ganzen Tag mich geärgert habe, musste ich immer
denken, mein Sohn soll lachen, weil ich mich ängstige.« Er nahm den Zipfel
seines Schlafrocks und fuhr sich damit über die Augen, vergeblich bemüht, seine
Fassung wiederzugewinnen. So sass er als ein geschlagener Mann dem Sohn
gegenüber.
    Bernhard sah schweigend auf die gebeugte Gestalt, endlich streckte er die
Hand aus: »Mein Vater«, rief er weich. Ehrental fuhr schnell mit beiden Händen
nach der dargebotenen Rechten und hielt sie fest, als könnte sie ihm wieder
entzogen werden, er schob sich näher heran, küsste und streichelte sie. »So bist
du wieder mein guter Sohn«, sagte er gerührt. »Jetzt wirst du nicht mehr führen
solche lästerliche Reden und wirst nicht mehr zanken wegen diesem Baron.«
    Bernhard zog hastig seine Hand zurück.
    »Ich will ihn nicht drücken, ich will Nachsicht mit ihm haben wegen der
Zinsen«, fuhr der Vater flehend fort und suchte die Hand des Sohnes.
    »O, es ist umsonst, mit ihm zu reden«, rief Bernhard in tiefstem Schmerz,
»er versteht meine Rede nicht!«
    »Ich will alles verstehen«, klagte Ehrental, »dass du mir wiedergibst deine
Hand.« - »Willst du deine Pläne gegen das Gut aufgeben?« frug Bernhard.
    »Sprich nicht von dem Gut«, flehte der Alte.
    »Umsonst«, murmelte Bernhard sich abwendend und verbarg das Gesicht in
seinen Händen.
    Ehrental sass vernichtet dem Kranken gegenüber, auch er seufzte schwer auf.
»Höre mich, mein Sohn«, bat er endlich mit leiser Stimme, »ich will sehen, dass
ich ihm schaffe ein anderes Gut, welches er behaupten kann mit seinen Mitteln.
Hast du gehört, mein Sohn Bernhard?«
    »Geh«, rief Bernhard ohne Härte, aber mit der Energie eines tiefen
Schmerzes, »geh, und lass mich jetzt allein!«
    Ehrental erhob sich und verliess mit gesenktem Haupt das Zimmer, in der
Nebenstube ging er heftig auf und ab, rang die Hände und sprach mit sich selbst.
Und wieder öffnete er leise die Tür, trat an Bernhards Bett und frug klagend:
»Willst du mir nicht geben deine Hand, mein Sohn?« - Bernhard lag abgewandt und
rührte sich nicht.
    Mit klopfendem Herzen nannte Anton dem Diener des Freiherrn seinen Namen.
»Wohlfart«, rief der Freiherr gedehnt, und die Erinnerung an den Brief Antons
stach verletzend in seine Seele. »Führe ihn herein.« Mit kühlem Gruss
beantwortete er Antons tiefe Verneigung. »Ich bin Ihnen wohl noch den Dank
schuldig für Ihr Schreiben von neulich«, sagte er; »dass ich es nicht beantwortet
habe, wie die gute Meinung verdiente, müssen Sie mit meinen vielen Geschäften
entschuldigen.«
    »Wenn ich jetzt in derselben Angelegenheit komme«, begann Anton, »so bitte
ich Sie, dies nicht für Zudringlichkeit zu halten. Mich führt der Auftrag eines
Bekannten her, der die wärmste Ergebenheit gegen Sie und Ihr Haus empfindet. Es
ist der Sohn des Kaufmann Ehrental. Er selbst wird durch Krankheit verhindert,
Ihnen seine Aufwartung zu machen, er lässt Sie deshalb durch mich bitten, dass Sie
den Einfluss, den er auf seinen Vater hat, benutzen möchten. Im Falle Ihnen seine
Einwirkung irgendwie brauchbar erscheinen könnte, soll ich Sie ersuchen, ihm
Ihre Wünsche mitzuteilen.«
    Der Freiherr horchte auf. Jetzt, wo ihn alles verliess, wo er sich selbst
aufgegeben hatte, drängten sich fremde Gestalten in sein Leben, dieser Itzig,
Wohlfart, der Sohn Ehrentals. Was ihm Wohlfart anbot, klang abenteuerlich, aber
es konnte für ihn eine Hilfe werden gegen das, was unaufhörlich an seinem Herzen
frass, eine Hilfe gegen die Ansprüche Ehrentals, gegen die furchtbare Gefahr, in
der sein guter Name schwebte. »Ich kenne den jungen Mann nur wenig«, sagte er
mit Haltung, »ich ersuche Sie vor allem zu erklären, wie ich zu der Ehre komme,
ein so ungewöhnliches Wohlwollen des Herrn zu erhalten.«
    Anton erwiderte warm: »Bernhard Ehrental hat ein edles Herz und sein Leben
ist rein. Unter seinen Büchern aufgewachsen, versteht er wenig von den
Geschäften seines Vaters, aber er hat die Ansicht gewonnen, dass dieser sich
durch schlechte Ratschläge verleiten lässt, feindselig gegen Sie aufzutreten. Er
hat Einfluss auf seinen Vater, sein feines Ehrgefühl ist sehr beunruhigt, und er
wünscht dringend, seinen Vater von Massregeln abzuhalten, welche er selbst nicht
für ehrenhaft hält.«
    Hier war Hilfe! Das war ein reiner Luftzug, der in die stickende Atmosphäre
eines Krankenzimmers drang, aber dem Kranken machte die frische Luft Missbehagen.
Diese ehrenhaften Leute, die so bereit waren, zu verdammen, was ihnen nicht
ehrenvoll erschien, waren ihm peinlich. Und schon jetzt, während er den Wert
erkannte, den auch diese unsichere Aussicht für ihn haben konnte, fühlte er in
seinem Herzen eine Abneigung, seine Lösung aus der Angst diesen beiden zu
verdanken. Dem eifrigen Wohlfart wenigstens, der alles sein sollte, was
zuverlässig und gewissenhaft heisst, ihm wollte er Näheres nicht mitteilen. Und
so erwiderte er mit einer Freundlichkeit, die ihm nicht von Herzen kam: »Meine
Beziehungen zu dem Vater Ihres Freundes sind allerdings von der Art, dass die
wohlmeinende Vermittelung durch einen Dritten in unserm beiderseitigen Interesse
liegen möchte. Ob der junge Ehrental die geeignete Person dafür ist, vermag ich
nicht zu entscheiden. Jedenfalls sagen Sie ihm, dass ich für den Anteil dankbar
bin, den er an meinen Angelegenheiten nimmt, und dass ich mir vorbehalte, zu
seiner Zeit mit ihm selbst darüber Rücksprache zu nehmen.« Nach diesem Bescheid
erhob sich Anton, der Freiherr begleitete ihn bis an die Tür und - merkwürdig,
er machte ihm dort eine tiefe Verbeugung.
    Es war kein Zufall, dass in dem Augenblick, wo Anton durch das Vorzimmer
ging, auch Lenore hineintrat. »Herr Wohlfart«, rief sie freudig und eilte auf
ihn zu. »Liebes Fräulein«, rief auch er, und beide begrüssten einander als alte
Freunde.
    Sie hatten im Nu die letzten Jahre vergessen, sie waren, wie vor Jahren,
Ritter und Dame aus der Tanzstunde. Beide sagten einander, wie sehr sie sich
seit der Zeit geändert hätten, und während sie das erzählten, waren sie in
Empfindungen und Worten unvermerkt wieder jünger geworden um alle die Jahre,
welche seit ihrer letzten Unterhaltung vergangen waren.
    »Sie tragen Ihren Halskragen wieder aufrecht«, rief Lenore mit leisem
Vorwurf. Anton strich ihn schnell herunter.
    »Haben Sie noch den Capouchon von damals? Er war mit roter Seide gefüttert,
gnädiges Fräulein?« fragte er, »der stand Ihnen reizend.«
    »Der jetzige hat blaues Futter«, sagte Lenore lachend. »Und denken Sie, die
kleine Komtess Lara heiratet in der nächsten Woche, wir haben erst neulich über
Sie und das Tagebuch gesprochen. Auch Eugen hat uns von Ihnen geschrieben. Wie
allerliebst Sie den Bruder kennengelernt haben! Kommen Sie herein, Herr
Wohlfart, ich muss wissen, wie es Ihnen seit der Zeit ergangen ist.« Sie führte
ihn in ein Gesellschaftszimmer und lud ihn ein, auf dem Fauteuil Platz zu
nehmen. Sie sass ihm gegenüber und sah ihn mit lachenden Augen an, deren Gruss ihn
einst so glücklich gemacht hatte. Vieles in ihm war anders geworden, ja
vielleicht schüttelte jetzt zuweilen ein anderer Mädchenkopf seine Locken in dem
Zimmer der gelben Katze, aber als er die Gebieterin seiner jungen Jahre, das
wilde, ehrliche Mädchen als vornehme Dame sich gegenübersah, da lebten alle
Empfindungen der Vergangenheit wieder auf, und er atmete mit Entzücken den
feinen Duft des eleganten Zimmers, in dem sie lebte.
    »Da ich Sie sehe«, sagte Lenore, »ist mir, als wäre die Tanzstunde gestern
gewesen. Es war eine fröhliche Zeit auch für mich! Seitdem habe ich vieles
Ernste erfahren«, fügte sie hinzu und senkte das Haupt. Anton bedauerte das mit
einem Eifer, der das Fräulein zwang, wieder heiter auszusehen und ihm freundlich
in die Augen zu blicken.
    »Was hat Sie zu meinem Vater geführt?« frug sie endlich mit verändertem Ton.
    Anton sprach von Bernhard, von dem langen Siechtum des Freundes und seinen
guten Wünschen für ihre Familie, er verbarg ihr nicht, dass sie selbst einen
mächtigen Anteil daran habe, so dass Lenore auf ihr Taschentuch herunter sah und
die Zipfel zusammenlegte. Er sagte ihr, wie sehr die Krankheit des Freundes ihn
besorgt mache. »Wenn Sie etwas tun können, um Ihrem Herrn Vater die Vermittlung
Bernhards zu empfehlen, so tun Sie es. Ich kann eine stille Sorge nicht
loswerden, dass in dem Comtoir Ehrentals eine Verschwörung gegen ihn ausgedacht
ist. Vielleicht finden Sie ein Mittel, Bernhard oder mich wissen zu lassen, wie
wir dem Herrn Baron von Nutzen sein können.«
    Lenore sah ängstlich in Antons Gesicht und rückte ihren Stuhl näher an den
seinen. »Sie sind mir wie ein alter Freund, Ihnen kann ich vertrauen, was mich
ängstigt. Der Vater verbirgt der Mutter und mir, was ihn quält, ach, aber er
selbst ist anders geworden von Jahr zu Jahr. Er hat für die Fabrik viel Geld
gebraucht, und es fehlt ihm oft daran, das weiss ich. Alle Tage bitten die Mutter
und ich den Himmel, uns den Frieden wiederzugeben; eine Zeit, wie damals, wo ich
Sie kennenlernte. - Sobald ich etwas erfahre, sollen Sie es wissen. Ich will
Ihnen schreiben«, rief sie entschlossen; »wenn Eugen auf Urlaub herkommt, soll
er Sie aufsuchen.«
    So verliess Anton die Wohnung des Freiherrn, aufgeregt durch das Wiedersehn
der schönen Freundin, voll vom besten Willen, der Familie zu dienen. An der
Haustür stiess er auf Herrn Ehrental. Mit kurzem Gruss eilte er an dem
gefährlichen Manne vorüber, der ihm die Bitte nachrief, recht bald seinen Sohn
Bernhard zu besuchen.
    Ehrental hatte einige traurige Tage verlebt, er hatte in seinem Leben nicht
so viel geseufzt und den Kopf geschüttelt, als jetzt. Vergebens frug seine Frau
Sidonie ihre Tochter: »Was hat der Mann, dass er so seufzt?« Vergebens versuchte
Itzig das gebeugte Gemüt seines Broterrn durch lockende Bilder der Zukunft
aufzurichten. Alle Unzufriedenheit, welche sich in der Seele des Händlers
aufgesammelt hatte, entlud sich gegen den Buchhalter: »Sie sind der Mensch,
welcher mir hat geraten zu diesen Schritten gegen den Baron«, schrie er ihn am
Morgen nach der Szene mit Bernhard an. »Wissen Sie, was Sie sind? Malhonett sind
Sie.«
    Itzig sah erstaunt in das Gesicht ihm gegenüber und zuckte die Achseln:
»Wenn Sie weiter nichts wissen«, sagte er, »was ist das für ein Wort malhonett?
Soll ich's aufschlagen in dem Buch, wo die fremden Wörter stehn? Reden Sie doch
nicht so schwach, Ehrental.« Dann seufzte Ehrental wieder, sah Veitel böse an
und verbarg den Kopf in die Zeitung.
    Länger als zwei Tage vermochte er nicht den Schmerz seines Sohnes zu
ertragen, welcher zusehends kränker wurde, und alles Zureden der Eltern mit
kurzen Worten zurückwies. »Ich muss ein Opfer bringen«, sagte Ehrental vor sich
hin, »ich muss die Ruhe wiedergeben seinen Nächten und machen, dass er aufhört mit
seinem Stöhnen. Ich will denken an meinen Sohn, und ich will dem Baron schaffen
die andere Herrschaft bei Rosmin, worauf er jetzt stehn hat sein Geld, und wenn
nicht, so will ich ihm retten das Geld darauf ohne einen Nutzen für mich. Ich
verliere dabei einen Vorteil, den ich machen könnte mit dem Löwenberg, von mehr
als einem Tausend Taler. Ich denke, das wird mir bewegen den Bernhard.« So
setzte er entschlossen seinen Hut auf, zog ihn tief in die Stirn, um die
rebellischen Gedanken, welche immer noch in ihm aufstiegen, kräftig zu
unterdrücken, und schritt in die Wohnung seines Schuldners.
    Der Freiherr empfing den unerwarteten Besuch mit der Angst, welche ihm jetzt
bei jedem Eintritt eines Geschäftsmannes den Atem benahm. »Kaum ist der Warner
hinaus, so kommt der Feind selbst. Jetzt wird er die gerichtliche Zession der
Hypotek von mir fordern, jetzt kommt, was darauf folgen muss.« Aber freudig
erstaunte er, als Ehrental mit höflichen Worten, aus freien Stücken sich erbot,
für ihn nach Rosmin zu reisen und nötigenfalls von dort aus weiter, um ihn bei
dem Verkauf der polnischen Herrschaft zu vertreten. »Ich will mir zu Hilfe
nehmen einen sichern Mann, den Justizkommissarius Walter aus Rosmin, damit Sie
sehen, dass alles in Ordnung zugeht. Sie werden mir Vollmacht geben zu bieten auf
das Gut, und die Käufer so weit zu treiben, bis Ihre Hypotek gedeckt ist durch
den Kaufpreis, den ein anderer zahlt.«
    »Ich weiss, dass dies notwendig sein wird«, sagte der Freiherr, »aber um
Gottes willen, Ehrental, was soll geschehen, wenn die Herrschaft in unsern
Händen bleibt?«
    Ehrental zuckte die Achseln: »Sie wissen, ich habe Ihnen nicht zugeredet zu
der Hypotek, ja ich kann sagen, ich habe Ihnen abgeredet, wenn ich mich recht
besinne. Wenn Sie mir damals hätten gefolgt, so hätten Sie vielleicht nicht
gekauft die Hypotek.«
    »Es ist aber einmal geschehen«, versetzte der Freiherr ärgerlich.
    »Erst bitte ich Sie, Herr Baron, zu bezeugen, dass ich unschuldig bin.«
    »Das ist ja jetzt gleichgültig.«
    »Für Sie ist es gleichgültig«, sagte Ehrental, »aber nicht für mich und
meine Ehre als Geschäftsmann.«
    
    »Wie meinen Sie das«, fuhr der Freiherr auf, dass Ehrental zusammenschrak,
»Sie wagen zu behaupten, dass mir etwas gleichgültig ist, was selbst Ihnen keine
Ehre bringt.«
    »Was werden Sie hitzig, Herr Baron«, rief der Händler; »ich spreche ja
nichts gegen Ihre Ehre, soll mich Gott dafür bewahren!«
    »Sie sprachen doch davon«, sagte der unglückliche Mann.
    »Wie können Sie missverstehen einen alten Bekannten«, klagte Ehrental; »ich
will nichts, als Ihre Versicherung, dass ich unschuldig bin an dem Kauf der
Hypotek.«
    »Meinetwegen ja«, rief der Freiherr mit dem Fusse stampfend.
    »So ist es recht«, sagte der Händler beruhigt. »Und wenn ein Unglück
geschieht und Sie die Herrschaft behalten müssen, so wollen wir sehen, was dann
zu tun ist. Es ist eine böse Zeit zum Geldleihen, aber ich will Ihnen doch
vorschiessen die Kaution und die Gerichtskosten gegen eine Hypotek auf die
Herrschaft.«
    Darauf besprach er die Ausfertigung der Vollmacht und seine Reise nach der
benachbarten Provinz. Als er den Freiherrn verliess, blieb dieser als ein
Spielball entgegengesetzter Stimmungen zurück.
    War er verloren, war er gerettet? Eine quälende Sorge kam ihm, dass diese
Hypotek sein Schicksal entscheiden würde. Er beschloss, selbst hinzureisen und
Ehrental nichts zu überlassen. Aber wieder überfiel ihn die Angst, dass er dem
Mann jetzt ein grosses Vertrauen zeigen müsse, damit dieser auch ihm nicht
misstraute. So trieb er kraftlos in einer See von Gefahren. Die Wellen hoben sich
und rauschten gegen sein Leben heran.
    Am Abend trat Ehrental wieder in die Krankenstube des Sohnes und legte die
für ihn ausgefertigte Vollmacht auf die Bettdecke.
    »Kannst du mir jetzt geben deine Hand?« frug er seinen Sohn, der finster vor
sich hin starrte, »ich reise für den Baron, ihm zu kaufen ein neues Gut. Wir
haben alles miteinander besprochen. Hier ist die Vollmacht, die er mir
ausgestellt hat; ich werde ihm noch vorschiessen ein Kapital; wenn er es
versteht, kann er wieder werden ein angesehener Mann.«
    Bernhard sah mit trübem Auge auf seinen Vater und schüttelte den Kopf. »Das
ist nicht genug, mein armer Vater«, sagte er.
    »Ich habe mich doch versöhnt mit dem Baron, und er hat mir zugestanden, dass
ich keine Schuld habe an diesem Unglück. Ist dir das genug, mein Sohn?«
    »Nein«, sagte der Kranke. »Solange du in deinem Comtoir den schlechten
Menschen, diesen Itzig, duldest, wird kein Friede in mein Leben kommen.«
    »Er soll fort«, rief Ehrental bereitwillig, »wenn mein Sohn Bernhard es
verlangt, soll er fort zum nächsten Quartal.«
    »Und du willst den Gedanken aufgeben, das Gut des Barons für dich zu
erstehen?« frug Bernhard weiter, sich zu dem Vater wendend.
    »Wenn es kommt zum Verkauf, will ich denken an das, was du mir gesagt hast«,
erwiderte der Vater ausweichend. »Jetzt rede mir nicht mehr von dem Gut, wenn du
wieder wirst sein mein gesunder Sohn, dann sprechen wir darüber.« So ergriff er
die Hand, welche Bernhard ihm zu geben zögerte, hielt sie fest in der seinen und
sass ihm schweigend gegenüber.
    War er einmal in seinem Leben zufrieden, so war er es jetzt, wo er sich die
Versöhnung mit seinem Sohn erhandelt hatte.
 
                                       7
Welle um Welle schlug über das Haupt des Ertrinkenden.
    Die Fabrik hatte im Winter einige Monate gearbeitet. Die Rübenernte des
Gutes war missraten, der Anbau in der Umgegend, von dem der Freiherr vieles
erwartet hatte, war unzureichend gewesen. Manche der kleinen Landwirte hatten
ihre Kontrakte nicht erfüllt, andere hatten Schlechtes geliefert. Die Rüben
fehlten, es fehlte das Kapital, die Fabrik stand still, die Arbeiter verliefen
sich.
    Ehrental war in die polnische Landschaft gereist, den Freiherrn schüttelte
das Fieber der Erwartung. Er bestellte Postpferde, um seinem Bevollmächtigten
nachzureisen, er bestellte sie wieder ab, denn ihm graute vor dem Tage des
Termins, vor dem Bieten, dem Schacher und der bebenden Angst bis zum Schluss des
Protokolls. Und wenn er dem Händler nicht traute, auf den Anwalt in Rosmin
konnte er sich sicher verlassen. So kam der finstere Tag, wo Ehrental mit dem
Brief des Justizkommissarius Walter vor ihn trat. Das Kapital des Freiherrn war
nur dadurch zu retten gewesen, dass Ehrental die Herrschaft für den Freiherrn
erstand. Die Eigentümer der ersten Hypotek von hunderttausend Talern hatten ihn
hinaufgetrieben bis hundertundviertausend, dann waren sie fortgefahren, kein
anderer Käufer war im Termin erschienen. »Die Herrschaft gehört jetzt Ihnen,
Herr Baron«, schloss der Händler. »Damit Sie imstande sind, die Güter zu
behaupten, habe ich mit den Eigentümern der ersten Hypotek verhandelt, sie
werden Ihnen die hunderttausend auf der Herrschaft stehnlassen. Ich habe für Sie
erlegt viertausend Taler und die Gerichtskosten.« Der Freiherr sprach kein Wort,
sein Kopf fiel schwer auf das Holz des Schreibtisches. Der Händler erzählte, wie
er die Herrschaft für den Freiherrn übernommen hatte. Vor der Tür brummte er:
»Es ist vorbei mit ihm. Zum nächsten Quartal verliert er sein altes Gut, und er
hat keine Kraft zu behaupten das neue. Zuletzt werde ich kaufen müssen auch die
Herrschaft.«
    Jetzt nahte der Termin, an dem der Freiherr die Interessen aller geliehenen
Gelder bezahlen sollte. Er fuhr umher und suchte wieder Geld. Vergebens. Zuletzt
kam er zu Georg Werner, der das Gut seiner Mutter übernommen hatte. Befangen
empfing ihn der junge Herr, welcher einige Jahre lang Lenoren seine Huldigungen
gegönnt und sich dann vorsichtig zurückgezogen hatte. Die Verlegenheiten des
Freiherrn waren kein Geheimnis mehr. Der Gutsnachbar zeigte den Anteil, welcher
bei solcher Veranlassung schicklich ist. Er bedauerte sehr, dass dem Freiherrn
auf der neugekauften Herrschaft eine so grosse Hypotek ausgefallen war. »Wen
haben Sie zum Termin geschickt?« fragte er.
    »Den Hirsch Ehrental«, erwiderte der Freiherr gedrückt.
    Jetzt wurde der Nachbar beredt. »Ich fürchte«, rief er, »der Mensch hat Sie
schlecht vertreten. Ich kenne diesen Wucherer. Er hat uns vor Jahren durch seine
Schurkerei um eine grosse Summe gebracht. Mein Vater hatte auf seinem Gut oben in
der Provinz einen Wald geschlagen und das Holz an einen Holzhändler abgeliefert.
Ehrental machte mit diesem Mann ein Gaunergeschäft, er handelte ihm das Holz zu
einem Spottpreise ab, der andere entwich nach Amerika. Die beiden Schurken haben
das Geld meines Vaters miteinander geteilt.«
    Die Wange des Freiherrn wurde fahl, er stand auf, sprach von seinem Anliegen
kein Wort mehr und entwich von der Schwelle des Nachbars wie ein Verbrecher.
    Seit dem Tage brütete er in seinem Sessel finster vor sich hin; wenn er
ausging, tat er es nur, um sich auf Augenblicke zu betäuben. Er war rauh gegen
seine Gemahlin, ganz unzugänglich für die Tochter. Die Frauen litten unsäglich.
    Noch eine Hoffnung dämmerte ihm, die Vermittlung Bernhards. Und diesmal
hatte er recht, auf dem Wege war noch Rettung zu finden. Aber er ergriff nicht
die Hand, die sich ihm uneigennützig darbot, nicht Anton liess er rufen, sondern
einen andern, der ihm unheimlich war, wenn er ihn nicht sah, und dessen
trödelhaftes Wesen ihm wohltat, sooft er ihn erblickte. Noch einmal in der
letzten Stunde bot ihm das gnadenvolle Schicksal die freie Entscheidung über
seine Zukunft. Ach, aber er selbst war nicht mehr frei. Es war der Fluch einer
schlechten Tat, der jetzt sein Urteil verwirrte.
    Wieder stand Itzig vor ihm, der Freiherr sah die gekrümmte Gestalt von der
Seite an: »Der junge Ehrental hat sich gegen mich erboten, meine Differenz mit
seinem Vater beizulegen.«
    Veitel fuhr in die Höhe wie durch einen Schuss getroffen, »der Bernhard!«
rief er heftig.
    »So ist ja wohl sein Name, er soll krank sein.«
    »Er wird sterben«, erwiderte Veitel.
    »Wann?« frug der Freiherr mit seinen Gedanken beschäftigt, er verbesserte
sich aber sogleich: »Was fehlt ihm?«
    »Es sitzt hier«, sagte Veitel auf die Brust zeigend, »es arbeitet wie ein
Blasebalg, wenn ein Loch reisst, hört der Wind auf.«
    Der Freiherr zeigte ein bedauerndes Gesicht, aber er dachte nur, dass er
selbst Eile habe. »Der Kranke soll so viel Einfluss auf seinen Vater besitzen,
dass durch ihn die Einwilligung des Ehrental zu hoffen ist.«
    »Was versteht der Bernhard von Geschäften, er ist ein Narr«, rief Veitel,
unfähig, seinen Ärger zu verbergen. »Wenn man ihm ein altes Leder hinlegt, das
mit Buchstaben beschrieben ist, so gibt er dafür jede Hypotek; er ist
unwissend.«
    »Wie ich sehe, gefällt Ihnen dieser Weg nicht?« frug der Freiherr ratlos.
    Bevor Itzig antwortete, stand er lange nachdenklich, unruhig fuhren die
Augen von dem Freiherrn in die Ecken des Zimmers. Endlich erwiderte er mit
plötzlicher Freundlichkeit: »Der gnädige Herr haben recht. Es wird am besten
sein, wenn Sie und Ehrental an das Bett des kranken Bernhard gehen und dort
miteinander abmachen Ihr Geschäft.« Wieder schwieg er eine Weile, und sein
Gesicht rötete sich von stürmischen Gedanken. »Wollen der gnädige Herr mir
überlassen, Ihnen Tag und Stunde anzusagen, wo Sie am besten sprechen den
Bernhard Ehrental? Wenn Sie eingetreten sind ins Comtoir, dann werde ich
schnell hinaufgehen zu Bernhard und ihm sagen, dass Sie gekommen sind. Unterdes
haben Sie die Gnade und warten Sie im Comtoir, und wenn es dauert eine halbe
Stunde, bis ich wiederkomme, warten Sie, was auch der Ehrental sagt, und wie er
auch schreit, warten Sie doch. Wenn ich Sie hinaufhole, wird alles in Ordnung
kommen, denn was der Bernhard von seinem Vater will, das kann er machen.«
    »Ich werde Ihre Nachricht erwarten«, schloss der Freiherr gepeinigt durch die
Aussicht auf den schweren Tag.
    Itzig verliess den Freiherrn und stürzte in wilder Aufregung nach seinem
Lager im Hause des Pinkus. Heftig lief er in dem kleinen Zimmer auf und ab und
ballte die Faust gegen Bernhard. Er öffnete den alten Schreibtisch und zog aus
einer verborgenen Schublade zwei Schlüssel, die er auf die Tischplatte legte;
immer wieder blieb er davor stehen und starrte sie an. Endlich versenkte er sie
in die Tasche und sprang hinunter in die Karawanserei. Dort kauerte in einer
Ecke der Galerie Herr Hippus, der kluge Freund Veitels. Hippus war in den
letzten Jahren durch den Druck der Verhältnisse verhindert worden, stattlicher,
jünger und ehrlicher zu werden, er sah vielmehr ungewöhnlich abgenagt und
schadhaft aus. Jetzt hatte er sich in einen Winkel gedrückt, in welchen das
warme Sonnenlicht fiel, und las in einem schmutzigen Roman. Als Veitel mit
schnellem Schritt eintrat, senkte er den Kopf tiefer in sein Buch und schien an
jedem Buchstaben mehr Anteil zu nehmen, als an dem jungen Geschäftsmann vor ihm.
    »Macht Euer Buch zu, und hört mich an«, rief Veitel ungeduldig. »Der
Rotsattel wird vom Ehrental seine Scheine zurückerhalten, er wird mir die
Hypotek geben, und ich werde ihm sollen verschaffen die achttausend, welche
noch Rest sind.«
    »Seht doch, seht«, erwiderte der Alte, sein hässliches Haupt wiegend, »was
man nicht alles erlebt! Wenn der Ehrental sein Geld an einen Lumpen wegschenkt,
der ihm sein Wort gebrochen hat, so wird es Zeit, dass auch wir fromm werden und
zur Beichte gehen. Bevor wir weitersprechen, kannst du mir etwas heraufbringen,
was ich gern esse und trinke. Ich bin durstig und spreche kein Wort mehr.«
    Veitel eilte hinab, das Verlangte zu holen, der Alte sah ihm nach und
murmelte: »Jetzt kommt's«, und starrte kopfschüttelnd über das Buch weg.
    Als Veitel die geforderte Mahlzeit vor dem Advokaten aufgestellt hatte, frug
er kurz: »Wieviel?«
    »Dreihundert«, sagte der Alte, »und dafür muss ich mir's noch überlegen. Es
ist nicht mein Genre, holder Itzig. In meinem Beruf stehe ich für weniger zu
Dienst, wie du zu deiner Zeit erfahren hast; aber bei einer ehrenwerten Arbeit
im Stil des Herrn Cartouche und anderer Freunde von dir verlange ich eine
bessere Behandlung. Ich bin nur Freiwilliger. Und ich kann nicht sagen, dass ich
Vorliebe für solche Geschäfte habe.«
    »Hab' ich sie denn?« rief Itzig. »Wenn es ein Mittel gibt, dies zu
vermeiden, so sagt's. Wenn Ihr wisst, wie man den Baron und Ehrental
auseinanderhalten kann und jeden ruinieren durch den andern, so sagt's. Der
eigene Sohn Ehrentals wird Friede machen zwischen den beiden, er wird zwischen
ihnen stehen, wie ein nackter Bocher mit Flügeln auf den Bilderbogen steht
zwischen zwei Verliebten; und wir werden sein die Geprellten.«
    »Wir?« sagte der Alte vergnügt. »Du wirst der Geprellte sein, du Dohle. Was
gehn mich deine Geschäfte an?«
    »Zweihundert«, rief Veitel sich ihm nähernd.
    »Drei«, erwiderte der Alte und trank sein Glas aus, »aber ich tue es nicht
allein, du musst dabeisein.«
    »Wenn ich dabeisein will«, sagte Veitel, »so kann ich's allein tun und
brauche nichts von Eurer Hilfe. Hört mich an. Ich will machen, dass das Haus leer
ist, dass der Ehrental und der Baron zu gleicher Zeit aus dem Comtoir
hinausgehn; ich will Euch ein Zeichen geben, ob die Papiere auf dem Tisch
liegen, oder im Schrank. Es wird finster sein, Ihr werdet haben die Zeit von
einer halben Stunde. Ja, ich will zuschliessen die Haustür; den Ausgang zur
Hintergasse, der gewöhnlich verriegelt ist, werde ich aufmachen. Es ist so
sicher, dass ein Kind von zehn Jahren könnte machen das Geschäft.«
    »Sicher genug für dich«, sprach der Alte mürrisch, »aber für mich nicht.«
    »Wir haben doch versucht, was man machen kann mit dem Gesetz, und es ist
nicht gegangen«, rief Veitel, »so muss es gehn wider das Gesetz.« Er schlug mit
der Faust auf das Geländer und presste die Zähne zusammen, dass sie knirschten.
»Und wollt Ihr's nicht tun, so soll es doch geschehen; obgleich ich weiss, dass
aller Verdacht auf mich fällt, wenn ich während der Zeit nicht in der Stube des
Bernhard bin.«
    »So ist's recht, du lustiger Itzig«, sagte der Alte und rückte an seiner
Brille, um die zornige Entschlossenheit des andern genauer zu betrachten. »Da du
so tapfer bist, so will ich dich nicht im Stich lassen; aber dreihundert.«
    Der Handel begann. Die beiden drückten sich in die Ecke der Galerie und
sprachen leise miteinander bis zur Dunkelheit.
    Einige Tage darauf sass Anton in der Dämmerstunde am Lager des kranken
Bernhard: »Nur im Sprunge bin ich hergekommen, zu sehn, wie es Ihnen geht.«
    »Schwach«, erwiderte Bernhard, »immer noch schwach; das Atmen wird mir
schwer. Wenn ich nur ins Freie hinaus käme, nur einmal hinaus aus diesem dunkeln
Zimmer.«
    »Erlaubt der Arzt Ihnen nicht, auszufahren? Wenn die Sonne warm scheint,
komme ich morgen mit einem Wagen, Sie abzuholen.«
    »Ja«, rief Bernhard, »Sie sollen kommen. Dann werde ich Ihnen auch etwas
erzählen.« Er sah sich vorsichtig um. »Ich habe heut durch die Stadtpost einen
Zettel ohne Unterschrift erhalten.« Er zog unter seinem Kopfkissen einen kleinen
Brief hervor und übergab ihn mit geheimnisvoller Miene dem Freunde: »Nehmen Sie,
vielleicht kennen Sie die Hand. «
    Anton ging zum Fenster und las: »Der Baron Rotsattel will Sie heut gegen
abend sprechen. Sorgen Sie dafür, dass Sie mit Ihrem Vater allein sind.«
    Als Anton den Brief zurückgab, betrachtete Bernhard das Papier andächtig und
steckte es wieder unter die Kissen. »Kennen Sie die Hand?« frug er.
    »Nein«, erwiderte Anton, »die Schrift scheint verstellt, die Hand des
Fräuleins ist es nicht.«
    »Wer auch der Schreiber ist«, fuhr Bernhard kleinlaut fort, »ich hoffe Gutes
von dem heutigen Abend. Wohlfart, dieser Streit liegt mir mit Zentnerschwere auf
der Brust, er nimmt mir den Atem, wie ein Gewicht fühle ich den Druck. Heut soll
das besser werden, heut werde ich frei.«
    Das Sprechen machte ihm Mühe. Nur in kurzen Sätzen fiel die Rede von seinen
Lippen. »Also Wiedersehn auf morgen«, rief Anton. Als er sich erhob, knisterten
weiche Damensohlen, die Mutter und Rosalie traten an das Bett des Kranken und
begrüssten den Gast. »Wie geht's, Bernhard?« frug die Mutter, »du wirst heut mit
deinem Vater allein sein, es ist heut abend grosse musikalische Akademie, die
Rosalie wird auf dem Flügel spielen. Wir haben den Flügel in die Hinterstube
gerückt, Herr Wohlfart, damit sie den Bernhard nicht durch ihre Übungen stört.«
    »Setze dich noch einen Augenblick zu mir, Mutter«, sagte Bernhard, »ich habe
dich lange nicht in deinen schönen Kleidern gesehen. Du siehst heute sehr hübsch
aus, ein solches Kleid trugst du, da ich als Knabe das Scharlachfieber bekam.
Wenn ich von dir träume, sehe ich dich immer in dem gelben Gewand vor mir. Gib
mir deine Hand, Mutter, und wenn du heut abend Musik hörst, denke auch an deinen
Bernhard, ich werde hier eine stille Musik machen.«
    Die Mutter setzte sich zu ihm. »Er hat wieder das Fieber«, sprach sie zu
Anton. Anton stimmte schweigend bei.
    »Morgen fahre ich in die Sonne«, rief Bernhard aufgeregt, »das wird mein
Vergnügen sein.«
    »Der Wagen wartet«, erinnerte Rosalie, »wir müssen mit unsern Kleidern
durchs Hinterhaus, wo es so unreinlich ist. Der Itzig hat dem Vater eingeredet,
dass der Wagen vorn nicht vorfahren darf, weil er den Bernhard stört.«
    »Schlaf wohl, Bernhard«, sagte die Mutter und reichte ihm noch einmal die
runde Hand. Die Frauen eilten aus dem Zimmer, Anton folgte ihnen.
    »Was sagen Sie zu dem Befinden des Bernhard?« frug die Mutter auf der
Treppe.
    »Ich halte ihn für sehr krank«, erwiderte Anton.
    »Ich habe meinem Mann schon gesagt, wenn es weiter in den Sommer kommt, gehe
ich mit Rosalie ins Bad, da wollen wir den Bernhard mitnehmen.«
    Anton ging mit schwerem Herzen aus dem Hause.
    Es wurde still im Hause, in den Zimmern Ehrentals hörte man nichts, als die
schweren Atemzüge des Kranken. Nur unter ihm im Boden rasselte es. Eine Maus
nagte am Holz. Unruhig hörte Bernhard ihr zu. »Wie lange wird sie noch nagen,
bis sie sich eine Öffnung ausgehöhlt hat, dann kommt sie zu mir in die Stube.«
Ein Frösteln überlief ihn, er warf sich auf seinem Lager herum, die Dunkelheit
war ihm heut beengend, die Luft dick. Er klingelte so lange, bis die Aufwärterin
kam und die Lampe hereinsetzte. Jetzt sah er sich ermüdet um. Die Stube sah ihm
heut alt und verschossen aus, sie kam ihm fremd vor wie ein Gastzimmer und er
sich wie ein Fremder, der hier nur zum Besuch war. Teilnahmslos blickte er auf
seinen Bücherschrank und auf die Schublade, in welcher die teuren Manuskripte
lagen. Den Brandfleck auf der Diele, den Ritz in der Tür, durch den das Licht in
der Nebenstube alle Abende durchschimmerte, das alles wollte er morgen
verlassen, um mit Anton aus der engen Stube auszuziehn. Er dachte daran, ob sie
nicht auf dem Wege fahren könnten, auf dem das Fräulein nach dem Gute fuhr und
wieder zurück. Vielleicht würde er sie treffen. Sein Auge strahlte, er hoffte
sicher, dass er das Fräulein auf dem Wege treffen müsste. Sie sass stolz
aufgerichtet in ihrem Wagen, der Schleier flog um das blühende Gesicht, ihr
weisser Arm hob sich und winkte grüssend zu seinem Wagen herüber. Ja, sie erkennt
ihn, sie weiss, dass er ihrem Vater einen Dienst geleistet hat, vielleicht lässt
sie stillhalten und fragt herüber in seinen Wagen, wie es ihm ergehe. So wird er
mit ihr sprechen und den edlen Klang ihrer Stimme hören. Noch einmal wird sie
ihm zunicken, dann werden die beiden Wagen auseinander fahren, einer hierhin und
der andere dortin. - Und wohin würde er fahren? »Hinein in die Sonne«,
flüsterte er. - Und wieder lauschte er ängstlich auf das Nagen der Maus.
    Ein eiliger Fuss durchschritt den Vorsaal, Bernhard richtete sich auf, und
das Blut stieg ihm ins Gesicht. Es war der Vater Lenorens, der zu ihm kam. Leise
öffnete sich die Tür, eine hässliche Gestalt schlüpfte herein und sah sich scheu
im Zimmer um. Erschrocken rief Bernhard: »Was wollen Sie hier?«
    Hastig trat Itzig an sein Bett und sprach mit kurzem Atem und einer Stimme,
die ebenso gepresst klang, wie die des Kranken: »Der Baron ist jetzt in das
Comtoir gegangen. Er hat mir gesagt, ich soll zu Ihnen gehen und Ihnen zureden,
damit Sie die Forderung unterstützen, die er stellt an Ihren Vater.«
    »Ihnen hat er das gesagt?« rief Bernhard. »Wie kann der Freiherr einem Mann,
wie Sie sind, einen Auftrag geben?«
    »Schweigen Sie still«, entgegnete Veitel rauh, »es ist jetzt keine Zeit für
Ihr Gerede. Hören Sie meine Worte. Der Baron hat Ihrem Vater mit seinem
Ehrenwort eine Sicherheit für zwanzigtausend Taler versprochen und er kann ihm
diese Sicherheit nicht geben, weil er dasselbe Dokument einem andern verkauft
hat. Er hat sein Wort gebrochen und verlangt jetzt von Ihrem Vater, dass der auf
seine gute Sicherheit verzichtet. Können Sie zureden, dass Ihr Vater
zwanzigtausend Taler verliert, so tun Sie es.«
    Bernhard zitterte, dass ihm die Hände flogen. »Sie sind ein Lügner«, rief er.
»Jedes Wort, das aus Ihrem Munde kommt, ist Betrug und Heuchelei und
Hinterlist.«
    »Schweigen Sie«, wiederholte Veitel in seiner Fieberangst. »Sie sollen Ihrem
Vater nicht reden zu Schaden. Dem Baron ist nicht zu helfen, er ist eine Fliege,
welche sich die Flügel am Licht verbrannt hat, er kann nur noch kriechen. Und
wenn der Ehrental als Narr einem schlechten Rat folgt, den Sie ihm geben, weil
Sie nichts verstehen, so kann er doch den Freiherrn nicht erhalten auf seinem
Gut. Wenn er ihn nicht wirft, so tut's ein anderer. Ich habe keinen Vorteil
dabei, wenn ich Ihnen das sage«, fuhr er unruhig fort und horchte nach einem
Geräusch vor dem Hause, »ich tu es nur aus Anhänglichkeit an Ihre Familie.«
    Bernhard rang nach Luft. »Gehn Sie hinaus«, rief er endlich, »es ist alles
Betrug und Lüge auf dieser Welt.«
    »Ich hole den Baron und Ehrental herauf«, sprach Veitel und stürzte hinaus.
    Laut scholl in der Hausflur die zornige Stimme Ehrentals: »Ich werde gehen
zu den Gerichten, ich werde Sie anzeigen und Ihre Intrigen.« Veitel riss die Tür
auf. Auf dem Lederstuhl sass der Freiherr und verbarg das Gesicht mit der Hand,
vor ihm drohte Ehrental im Zorn zitternd, auf dem Pult stand die Kassette des
Freiherrn, mit den verhängnisvollen Schuldscheinen und der Hypotek. Veitel rief
in das Zimmer: »Hören Sie auf, Ehrental, Ihr Bernhard ist sehr krank, er liegt
oben allein und ruft nach Ihnen, und ruft nach dem Herrn Baron, er will Sie
beide haben an sein Bett.«
    »Was ist das?« schrie Ehrental, »spielen Sie Intrige hinter meinem Rücken
auch mit meinem Sohn?«
    »Haben Sie ihm die neue Hypotek gezeigt, die Sie für ihn bestellt haben?«
frug Veitel den Freiherrn in fliegender Eile.
    »Er hat sie gar nicht sehen wollen«, sagte der Freiherr finster.
    »Geben Sie her«, sagte Veitel hastig und legte ein neues Dokument vor
Ehrental auf den Tisch.
    »Sie wollen mir geben ein Stück Papier für mein gutes Geld, einen Wisch,
welcher nicht wert ist, dass ich ihn verbrenne.«
    »Halten Sie sich nicht auf«, rief Veitel wieder mit ängstlicher Stimme. »Es
ist niemand oben beim Bernhard, er schreit nach Ihnen und dem Baron, er wird
sich einen Schaden tun. Machen Sie, dass Sie hinaufgehen, er hat gestöhnt, ich
soll Sie im Augenblick zu ihm schaffen.«
    »Gerechter Gott!« rief Ehrental und ergriff seinen Hut, »was ist das
wieder? Ich kann nicht kommen zu meinem Sohn, ich habe jetzt Sorge um mein
Geld.«
    »Er wird sich schreien zu Tode«, rief Veitel wieder, »wegen dem Gelde können
Sie nachher noch genug reden. Machen Sie schnell.«
    Der Freiherr und Ehrental traten aus dem Comtoir. Itzig folgte. Ehrental
verschloss die Tür, er legte die eiserne Stange vor und befestigte das
Vorlegeschloss. Sie eilten die Treppe hinauf, Veitel als letzter. Auf den Stufen
klang ein Geldstück, Ehrental sah sich um. »Es ist mir aus der Tasche
gefallen«, sagte Veitel.
    Der Freiherr und Ehrental traten in das Zimmer des Kranken, hinter ihnen
schob sich Itzig herein und fuhr längs der Wand bis an das Fenster, hinter das
Haupt Bernhards, damit dieser ihn nicht erblicke. Der Freiherr setzte sich zu
Häupten des Lagers, der Vater an das Fussende; aus der Lampe fiel ein mattes
Licht auf die Parteien, welche zu dem Todkranken kamen, um über Kapital und
Sicherheit zu hadern. Der Edelmann begann mit köstlicher Rede, er erinnerte sich
der früheren Besuche Bernhards und sprach von der Hoffnung, ihn bald wieder auf
seinem Gut zu begrüssen, aber seine Augen sahen furchtsam auf das entstellte
Gesicht, und in ihm rief eine Stimme: es war die höchste Zeit. Bernhard sass
aufgerichtet in seinem Bett, den Kopf zur Brust hinabgeneigt, er erhob die Hand
und unterbrach die Rede des Freiherrn: »Bitte, Herr Baron, sagen Sie mir, was
Sie von meinem Vater wollen, und nehmen Sie Rücksicht darauf, dass ich kein
Geschäftsmann bin.«
    Der Freiherr setzte ihm das auseinander, Ehrental versuchte oft, ihn zu
unterbrechen, aber Bernhard winkte mit der Hand, worauf der Alte wieder abbrach
und sich begnügte, heftig den Kopf zu schütteln und vor sich hin zu brummen.
    Als der Freiherr geendet hatte, winkte Bernhard seinem Vater: »Komm näher
heran, höre ruhig auf meine Worte.« Der Vater fuhr mit seinem Ohre bis nah an
den Mund des Sohnes. »Was ich sage«, sprach Bernhard leise, »ist mein fester
Wille, und nicht erst heut bin ich zu dem Entschluss gekommen. Wenn du Geld
erworben hast, so war dein Gedanke, dass ich dich überleben sollte und nach
deinem Tode dein Erbe werden. War's nicht so?« Ehrental nickte stark mit dem
Kopf. »Wenn du in mir deinen Erben siehst«, fuhr Bernhard fort, »so höre auf
meine Worte. Wenn du mich liebst, so handle nach dem, was ich dir sage. Ich
verzichte auf mein Erbteil, während wir beide leben. Was du für mich gesammelt
hast, das wirst du umsonst gesammelt haben. Ich verlange nichts für meine
Zukunft. Wenn es mir beschieden ist, wieder gesund zu werden, so will ich mir
durch meine eigene Arbeit fortelfen, ich will lernen, auf mich selbst
vertrauen; ausser deiner Liebe und deinem Segen begehre ich nichts mehr für mich.
Daran denke.«
    Ehrental erhob die Arme und rief: »Was ist das für eine Sprache, mein
Bernhard, mein armer Sohn? Du bist krank, du bist sehr krank.«
    »Höre mich weiter«, bat Bernhard. »Was du für Recht auf das Gut dieses Herrn
hast, das soll hier gleich sein. Du hast lange Jahre mit ihm in Verkehr
gestanden, du darfst nicht die Ursache sein, dass seine Familie unglücklich wird.
Ich verlange nicht, dass du die grosse Summe wegschenken sollst, das würde dir zu
wehe tun und würde den Herrn demütigen; aber ich fordere von dir, dass du die
Sicherheit nimmst, die er dir anbietet. Hat er dir früher anderes versprochen,
vergiss das; hast du Papiere in Händen, die ihn ängstigen, gib sie ihm zurück.«
    »Er ist krank«, stöhnte der Vater, »sehr krank ist er.«
    »Ich weiss, dass dich das schmerzen wird, mein Vater. Seit du aus dem Haus des
Grossvaters weggingst, als ein armer Judenknabe, barfuss, mit einem Taler in der
Tasche, seitdem hast du an nichts anderes gedacht, als an Erwerb. Niemand hat
dich etwas anderes gelehrt, dein Glaube hat dich ausgeschlossen von dem Verkehr
mit solchen, welche besser verstehn, was dem Leben Wert gibt. Ich weiss, dass es
dir ans Herz geht, eine grosse Summe in Gefahr zu setzen. Aber du wirst es doch
tun, du wirst es tun, weil du mich liebst.«
    Ehrental rang die Hände und sagte unter strömenden Tränen: »Du weisst nicht,
was du forderst, mein Sohn! Was du verlangst, das ist ein Diebstahl an deinem
Vater. «
    Der Sohn ergriff die Hand des Vaters. »Du hast mich immer geliebt. Du hast
gewollt, ich sollte anders werden, als du. Du hast immer auf meine Worte gehört,
und ehe ich einen Wunsch aussprach, hast du ihn erfüllt. Was ich jetzt von dir
will, das ist die erste grosse Bitte, die ich an dich tue. Und diese Bitte werde
ich dir ins Ohr sprechen, solange ich lebe, es ist die erste, mein Vater, und es
wird meine letzte sein.«
    »Du bist ein törichtes Kind«, rief der Vater ausser sich, »du verlangst mein
Leben, du verlangst mein ganzes Geschäft.«
    »Hole die Papiere«, erwiderte Bernhard. »Ich will mit meinen Augen sehn, wie
du dem Herrn zurückgibst, was er geschrieben hat, und wie du aus seiner Hand
empfängst, was er dir noch geben kann. «
    Ehrental holte sein Taschentuch hervor und weinte laut: »Er ist krank. Ich
soll ihn verlieren und ich soll verlieren auch mein Geld.« Der Freiherr sass
unterdes schweigend auf seinem Stuhl und sah vor sich nieder. An dem Fenster
aber ballte Itzig krampfhaft die Hand, und ohne dass er es merkte, zerrte er die
Gardine von der Stange.
    Der Sohn sah unterdes unverwandt auf die Windungen des Vaters und rief
endlich mit Anstrengung: »Ich will es, Vater, hole die Papiere.« Dann sank er in
die Kissen zurück. Der Vater wollte sich auf ihn stürzen, aber mit einer kurzen
Gebärde des Widerwillens wies Bernhard ihn zurück, und mit Mühe aufatmend, sagte
er: »Es ist genug, du tust mir weh.«
    Da fuhr Ehrental auf, ergriff seinen Comtoirleuchter und wankte aus dem
Zimmer. Still war es in dem Raum, nur die ängstlichen Atemzüge der
Zurückbleibenden wurden gehört. Immer noch sass der Freiherr gebeugt, aber in der
Abspannung fühlte er etwas durch seine Seele zucken, was aussah wie Freude. Er
sah eine Stelle an seinem Himmel, wo die Sonne aus den dunkeln Wolken brach. Er
war gerettet. Sein Ehrenwort war ihm zurückgegeben, und neue achttausend Taler
von dem Manne am Fenster in Aussicht. Jetzt konnte er wieder aufblicken, er
durfte wieder sein Haupt hoch tragen. Er fasste die Hand des Kranken, drückte sie
und sagte ihm leise: »Ich danke Ihnen, mein Herr, o wie danke ich Ihnen, Sie
sind mein Retter, Sie schützen meine Familie vor Verzweiflung und mich vor der
Schande.«
    Bernhard hielt die Hand des Freiherrn fest, und ein seliges Lächeln flog
über sein Gesicht. Unterdes schlug am Fenster einer mit den Zähnen zusammen in
verzweifelter Spannung und presste seinen Leib fest an die Mauer, um das Fieber
zu bändigen, das ihn schüttelte.
    So blieb es lange still in der Stube, niemand sprach, Ehrental kam nicht
zurück. Plötzlich wurde die Entreetür aufgerissen, in voller Furie stürzte ein
Mann in das Zimmer, das Gesicht verstört, die Haare zerrauft. Es war Ehrental.
- Er hielt das flackernde Licht in der Hand, aber nichts anderes.
    »Verschwunden!« schrie er und schlug die Hände zusammen, dass das Licht auf
den Boden fiel. »Alles ist fort, gestohlen ist alles.« Er stürzte an dem Bett
seines Sohnes nieder und streckte die Arme nach dem Kranken aus, als wollte er
Hilfe von ihm erflehen. Der Freiherr sprang auf, nicht weniger entsetzt, als
Ehrental. »Was ist gestohlen?« rief er den andern an.
    »Fort ist alles«, stöhnte Ehrental, nur auf seinen Sohn blickend, »die
Verschreibungen sind fort, die Hypoteken sind fort. Ich bin beraubt«, schrie er
aufspringend, »Diebstahl, Einbruch! Schickt nach der Polizei!« Und wieder
stürzte er hinaus, der Freiherr hinter ihm.
    Betäubt, halb ohnmächtig sah Bernhard ihnen nach. Da trat vom Fenster er,
der zurückgeblieben war, an das Bett. Der Kranke warf sein Haupt zur Seite und
starrte auf den Mann, wie der ermattete Vogel auf die Schlange. Es war das
Gesicht eines Teufels, in das er blickte, rotes Haar stand borstig in die Höh,
Höllenangst und Bosheit sass in den hässlichen Zügen. Bernhard schloss die Augen
und hielt die Hand vor. Aber das Gesicht kam näher an ihn heran und eine heisere
Stimme flüsterte in sein Ohr.
    Unterdes standen unten im Comtoir zwei Männer einander gegenüber und sahen
einander mit nichtssagenden Blicken an. Die Kassette mit ihrem Inhalt war
verschwunden, was der Freiherr auf das Pult gelegt hatte, war verschwunden.
Ehrental hatte mit seinen Schlüsseln geöffnet wie immer, nichts an den
Schlössern war versehrt, alles im Comtoir lag an seiner Stelle. Wenn in dem
offenen Geldschrank Geld fehlte, so konnte es nur wenig sein. An den
wohlverwahrten Fensterladen war keine Spur von Verletzung, es blieb
unbegreiflich, wie die Dokumente genommen waren.
    Die beiden Männer liefen in den Hausflur, dort leuchteten sie umher, hinter
der Treppe, hinter einer alten Kiste, in dem Eingang zum Keller, in dem
schwarzen Hofraum, nirgend war etwas zusehen. Sogar die Haustür war
verschlossen; sie erinnerten sich, dass der vorsichtige Buchhalter beim
Heraufgehen das getan hatte. Und wieder rannten sie zurück in das Comtoir und
durchsuchten jeden Winkel immer hastiger, immer angstvoller. Dann sassen sie
einander gegenüber mit blutlosen Wangen in einer Angst, welche mit jeder Minute
stieg, jeder dem andern misstrauend, jeder mit feindlichem Blick auf den andern
schielend, ob nicht ein Zeichen das böse Gewissen verrate. Und wieder sprangen
beide auf und überschütteten einander mit Vorwürfen, wie sie die Verzweiflung
eingibt, und während sie wie Wilde gegeneinander die Hand erhoben, empfanden
beide, dass der andere ebensoviel verliere, als der eine, und dass sie Grund
hatten. Ihre Stimmen zu mässigen, damit kein Fremder ein Zeuge des Auftritts
werde.
    Aus Ehrentals Comtoir waren die Papiere verschwunden in dem Augenblick, wo
er widerwillig dem Drängen seines Sohnes nachgab, sich mit dem Freiherrn zu
versöhnen. Er hatte noch kaum in die Versöhnung gewilligt, er allein war
gegangen, die Papiere zu holen. Würde man ihm glauben, dass sie gestohlen waren?
Würde sein eigener Sohn ihm glauben?
    Und wieder dem Freiherrn hing an den Papieren alles, o sein Verlust war der
grösste. Eben erst hatte er sich einer Hoffnung auf Rettung hingegeben, jetzt
sank er in einen Abgrund, dessen Tiefe das Auge des Fallenden noch gar nicht
ermessen konnte. In fremden Händen waren die Scheine. Wenn der Dieb sie zu
benutzen verstand, ja wenn der Diebstahl nur vor Gericht angezeigt wurde, so war
er verloren. Und wenn sie sich nicht wiederfanden, auch dann war er rettungslos
verloren. Jahrelang konnte es dauern, bis ihm die verlorenen Hypoteken vom
Gericht neu ausgefertigt wurden, und sein Schicksal musste sich in Wochen
entscheiden. Er war nicht imstande, sich mit dem feindseligen Ehrental
auseinanderzusetzen, er war nicht imstande, andern Gläubigern Deckung zu geben.
Jetzt war er unrettbar verloren. Vor ihm lagen Armut, Verfall, Schande. Wieder
fiel ihm jenes Ehrengericht ein, seine Kameraden und der unglückliche junge
Mann, der sich selbst gerichtet hatte. Er hatte damals den Toten ansehn müssen,
er wusste, wie einer aussah, der so gestorben war. Er wusste jetzt auch, wie man
dazu kam, so zu sterben. Sonst hatte ihn gegraut, wenn er an das Bild des Toten
dachte, jetzt fühlte er kein Grauen mehr. Seine Lippen bewegten sich, und wie im
Traume sprach er zu sich selbst die tröstenden Worte: das ist die letzte Hilfe.
    So sassen die beiden Männer einander gegenüber und brüteten vor sich hin, und
die Minuten, welche über ihr Haupt zogen, entstellten ihr Antlitz und ihr
Urteil.
    Hastiger flackerte das Licht, die Tür wurde aufgerissen, langsam wendeten
die beiden ihr Gesicht dem Eintretenden zu. Ein hässlicher Kopf erschien an der
Tür, und ein wilder Ruf wurde gehört: »Hinauf, Hirsch Ehrental, Euer Sohn
stirbt.« Die Erscheinung verschwand, mit einem lauten Schrei stürzte Ehrental
nach der Tür, der Freiherr wankte als ein müder Mann zum Hause hinaus.
    Als der Vater am Bett seines Sohnes niederfiel, hob sich noch einmal seine
weisse Hand drohend in die Höh, dann sank ein toter Leib zurück. Bernhard fuhr
nach der Sonne.
    Draussen war ein warmer Abend. Ein leichter Wolkendunst bedeckte die Sterne
des Nachtimmels, aber ein heimliches Dämmerlicht erhellte die Erde. Von dem
blühenden Gebüsch der öffentlichen Anlagen trieb der Luftzug balsamische Düfte
in die Strassen der Stadt. Langsam zogen die heimkehrenden Spaziergänger an den
Häusern entlang, es wurde ihnen schwer, die südliche Luft zu verlassen und sich
in ihre Mauern einzuschliessen. Behaglich dehnte sich der Bettler auf der
Schwelle des steinernen Palastes; jeder Gesell, der ein Liebchen hatte, eilte
heut zu ihr und führte sie durch die Strassen; wer müde war, heut vergass er die
Arbeit des Tages, wer Kummer hatte, heut fühlte er ihn wenig, wer sonst das
ganze Jahr allein stand, heut suchte er den Nachbarn auf. Vor den Türen standen
die Leute, plauderten und lachten, die Kinder spielten auf der Strasse, sie
haschten einander in der Dämmerung und tanzten auf den Granitplatten des
Pflasters. Heut schmetterte die Nachtigall im Bauer ihr bestes Lied, sie sang,
dass der schöne Frühsommer da sei, die glückliche Zeit, wo das Leben leicht wird,
und die Hoffnungen sich zur Blüte entfalten.
    Durch die Schwärme der Spaziergänger schritt schwerfällig die hohe Gestalt
eines Mannes, den Kopf auf der Brust. Seine Pferde stampften ungeduldig auf das
Pflaster und erwarteten die Rückkehr des Herrn, um ihn aus dem Gewühl der
Arbeiter in das vornehme Quartier zu führen. Sie warteten umsonst bis in die
Nacht hinein; der, dem sie dienten, hatte sie vergessen. Er hörte nichts von dem
Ruf der Nachtigall und trat durch den Kreis der tanzenden Mädchen, ohne einen
Laut von den fröhlichen Kinderstimmen zu vernehmen. Sein Haupt war ihm schwer,
und träge der Zug seiner Gedanken. So kam er aus der Stadt in die Anlagen, er
stieg langsam einen blumengeschmückten Hügel hinan und setzte sich dort ermüdet
auf eine Bank. Unten vor seinen Füssen zog der dunkle Strom dem Meere zu, ihm
gegenüber erhoben sich die gewaltigen Massen des alten Doms. Der Fluss vor ihm
war bedeckt mit Holzflössen, welche vom Oberlauf des Stroms herkamen, um weit
hinab zu fahren bis in die Nähe der See. Auf den Flössen standen die Hütten der
Ruderknechte und kleine Feuer, an denen die Leute ihre Abendkost bereiteten.
Durch die stille Luft klang zuweilen das laute Gelächter oder ein roher Schrei
der Fährleute zu ihm herauf. Das flutende Wasser, die kühnen Umrisse der Türme,
den duftigen Wolkenschleier hoch oben sah er wie im Nebel, nur ein Gedanke
blitzte in seinem finstern Gemüt auf, wie der feurige Punkt dort unten auf dem
Fluss. Auch er hatte mit geflösstem Holz Geschäfte gemacht und das Geld, das er
dabei gewonnen, wurde von andern ein Sündengeld genannt. Es war fremdes
Eigentum, wie die Summe, die der Mann mit der Pistole genommen hatte. Er stand
hastig auf und eilte den Hügel hinab.
    In einer Allee hoher Platanen lief er hin und her, und wieder blieb er
ermüdet stehen und stützte seinen Rücken an einen Baumstamm. Vor ihm stiegen die
Schornsteine des Quartieres auf, in dem sich die Fabriktätigkeit der Stadt
angesiedelt hatte, eine Reihe riesiger Obelisken ragte hoch über die Dächer der
Menschenwohnungen. Er wusste, was das bedeutete, eine solche Säule in die Wolken
bauen. Auch er hatte in den Grund des Baues alles hineingeworfen, was ihn bis
daher schützend umgeben hatte, seine Kraft, sein Geld, seine Ehre. Mit
schlaflosen Nächten, mit grauem Haar hatte sein Wahnwitz ein solches Monument
bezahlt, es war die Leichensäule seines Geschlechts, die er auf seinem Gut
aufgebaut hatte, und was er hier vor sich sah in dem undeutlichen Lichte der
Nacht, das war ein ungeheurer Kirchhof, viele schattenhafte Denkmäler, unter
welchen der Seelenfrieden glücklicher Menschen eingesargt lag. Und er nickte mit
seinem Haupte und sagte, so dass er selbst die Worte vernahm: »Das war das
letzte.« Er richtete sich auf und schritt seinem Hause zu.
    Auf dem Wege empfand er, wie behaglich ihm war, an das zu denken, was ihn
von solchen hässlichen Bildern befreien konnte. So trat er in sein Haus. Er
machte ein freundliches Gesicht, als ihm die Lampe des Flurs auf die Augen
schien. Als er in dem Entree stand, hörte er in dem Zimmer der Baronin sprechen.
Lenore las vor. Er hörte zu und merkte, was sie vorlas, war aus einem Roman. Er
durfte die Frauen nicht erschrecken. Aber es war ein Hinterzimmer im Hause,
abgelegen, die Stube daneben unbewohnt, dortin musste er gehen. Als er noch so
stand, öffnete sich die Tür, und die Baronin sah heraus. Unwillkürlich fuhr sie
zurück, als sie ihn an der Tür erblickte. Er lächelte und trat mit munterem
Schritt in das Zimmer. Seiner Frau gab er die Hand, er strich über Lenorens
Haupt und beugte sich nieder, um zu sehen, was sie las. Die Baronin klagte, dass
sie den Tee ohne ihn getrunken, und er scherzte über ihre Ungeduld, die den
Lieblingstrank nicht erwarten konnte. dabei dachte er, dass es ihm selbst auf
eine Stunde durchaus nicht ankomme. Er trat zu dem Bauer, in welchem zwei kleine
Vögel aus fremdem Lande schlafend auf der Stange sassen, dicht
aneinandergedrängt, ein Köpfchen an das andere gelehnt; er steckte den Finger
zwischen die metallenen Stäbe, als wollte er sie streicheln, und sagte
gedankenlos: »Die sind zur Ruh gegangen.« Dann nahm er die Kerze aus der Hand
des Bedienten und schritt nach der Tür seines Zimmers. Als er den Griff anfasste,
bemerkte er, dass das Auge seiner Frau ängstlich auf ihn gerichtet war, er wandte
sich noch einmal zu ihr und nickte ihr freundlich zu. Dann schloss er die Tür. Er
holte einen polierten Kasten aus seinem Schreibtisch und trug ihn mit dem Licht
nach der Eckstube des Hauses. Hier war er sicher, niemanden zu stören.
    Langsam lud er. Während des Ladens sah er auf die eingelegte Arbeit des
Kolbens. Es war die mühsame Arbeit eines armen Teufels von Büchsenmacher, seine
Bekannten hatten sie oft bewundert; die Pistolen selbst waren ein Geschenk des
Generals, der bei seiner Hochzeit den Brautvater seiner elternlosen Gemahlin
gemacht hatte. Schnell drückte er den Ladestock in den Lauf; dann sah er hinter
sich, wenn er fiel, wollte er nicht auf dem Boden liegen. Er durfte die, welche
eintraten, nicht durch den hässlichen Eindruck erschrecken, den ihm der Kamerad
auf der Diele gemacht hatte.
    Er setzte das Eisen an seine Schläfe. Da wurde der gellende Schrei einer
Frau gehört, sein Weib stürzte in das Zimmer; sein Arm wurde mit der Kraft der
Verzweiflung gefasst, er zuckte zusammen, der Finger berührte den Drücker. Ein
Feuerstrahl und ein Knall, und er sank in das Sofa zurück und fuhr ächzend mit
beiden Händen nach seinen Augen.
    Im Hause des Händlers aus dem Zimmer des Toten stieg ein Vater das Licht in
der Hand die Treppe hinab in das Comtoir. Ängstlich leuchtete er auf das Pult,
in den Schrank, in alle Ecken des Raumes, er setzte sich nieder, schüttelte den
Kopf und wunderte sich. Dann verschloss er sein Comtoir, stieg wieder hinauf und
fiel mit Stöhnen und Geschrei an dem Bett nieder. So trieb er es die ganze Nacht
hindurch, klagend und suchend, ein verstörter, abgelebter, zugrundegerichteter
Mann.
 
                                       8
Im Hause des Kaufmanns floss das Leben der Hausgenossen wieder in ebener Strömung
dahin. Die kleinen Wirbel, welche der heimkehrende Anton aufgeregt hatte, waren
allmählich zerronnen. Die unerhörten Prachtstücke aus dem Nussbaumschrank hatten
andern Nummern das Feld geräumt, welche zwar ebenfalls ausgezeichnet, aber für
die Tante noch begreiflich waren. Auch darin hatte die Tante recht prophezeit,
dass Anton von diesem heimlichen Sieg des ruhigen Verstandes über
leidenschaftliche Dankbarkeit gar nichts bemerkte. Nur eine Veränderung war
geblieben, die grösste, glorreichste: Der Bewohner des Hinterhauses behielt einen
bevorzugten Platz in dem Herzen der jungen Herrin, und seine stattliche Gestalt
erschien jetzt oft unter den Bildern, welche Sabine am Arbeitskorb und in der
Schatzkammer um sich versammelte.
    Heut schritt Sabine vor dem Mittagstisch unruhig in ihrem Zimmer auf und ab.
Die Tante, welche alles erfuhr, hatte ihr soeben erzählt, dass ein Mädchen aus
Ehrentals Hause in das Comtoir gelaufen war, um Bernhards Tod dem Freunde zu
melden. »Wie wird er die Nachricht ertragen«, dachte Sabine. Und bei dem Namen
Ehrental musste sie an die Vergangenheit denken, an einen andern, der jetzt in
weiter Ferne lebte, und an die Stunde, wo das Schwanken ihrer Seele durch einen
Brief aus dem Hause des Toten zu schnellem Ende gebracht worden war. Und Anton
wusste um dies bekämpfte Gefühl, o wie oft hatte sie dies Wissen aus seinem
besorgten Blick, aus seiner schonenden Rede erkannt! Wie rücksichtsvoll war
seine Haltung ihr gegenüber gewesen, wie ritterlich die stille Hilfe, die er ihr
in der Unterhaltung gebracht. Ob er auch eine Ahnung hatte von dem tapfern Sieg,
den sie nach und nach über eine Jugendtorheit erkämpft hatte? Sie schüttelte ihr
Haupt. »Nein, er weiss nichts davon, noch immer sieht er in mir das Mädchen, das
der Schwäche ihrer kindischen Neigung erlag.« Sie blieb vor ihrem Blumentisch
stehn. »An dieser Stelle verriet ihm der Zufall, wie ich damals empfand. Noch
heut steht die Vergangenheit als eine dunkle Wolke zwischen ihm und mir. Überall
fühle ich den Schatten des Geschiedenen an meiner Seite, wenn ich am Abend neben
Wohlfart sitze, wenn er mich grüsst und zu mir spricht. Immer sagt sein Ton und
seine Haltung: Sie ist nicht allein, er ist bei ihr.« Sie zuckte zusammen und
fuhr mit der Hand leise über das lustige Laub, um den Gedanken wegzuwischen, der
sie quälte. Sie konnte ihm nicht sagen, dass sie jetzt frei war von dem lange
verhohlenen Leid. Aber heut, wo er einen Freund verloren hatte, der ihm so lieb
war, musste sie ihm zeigen, dass er noch andere Herzen besass, die an ihm hingen.
Und wieder ging sie sinnend auf und ab und suchte einen Weg, ihn allein zu
sprechen.
    Der Diener rief zur Tafel. Anton kam mit den andern Herren und setzte sich
sogleich an seinen Platz. Es war keine Gelegenheit, vor Tische mit ihm zu reden.
Aber er sah sie mit einem Blick voll Trauer an, dass sie sich nicht entalten
konnte, ihm herzlich zuzunicken. »Er isst heut nichts«, flüsterte ihr die Tante
zu, »auch keinen Braten«, wiederholte sie vorwurfsvoll. Sabine wurde sehr
unruhig und besorgt. Jetzt mussten die Herren die Stühle rücken, dann ging er mit
ihnen aus dem Saal, und sie sah ihn den ganzen Tag nicht wieder. Schon erhob
sich Herr Jordan, da rief sie zu Anton herüber: »Die grosse Calla ist aufgeblüht,
Sie haben sich neulich über die Knospe gefreut, verweilen Sie noch einen
Augenblick, ich möchte sie Ihnen zeigen.« Anton verneigte sich und blieb. Noch
einige peinliche Minuten, da stand auch der Bruder auf, sie eilte zu Anton und
führte ihn in ihr Zimmer vor den Blumentisch.
    »Sie haben heut eine schmerzliche Nachricht erhalten«, begann sie leise.
    »Die Botschaft selbst hat mich nicht überrascht«, erwiderte Anton bewegt,
»der Arzt gab keine Hoffnung. Aber ich verliere viel mit ihm.«
    »Ich habe ihn nie gesehn«, sagte Sabine, »nur aus Ihrem Munde weiss ich, dass
sein Leben einsam war, arm an Freuden und Liebe.«
    Sie rückte Anton einen Sessel hin und liess ihn von dem Freund erzählen. Mit
warmem Anteil lauschte sie auf jedes Wort, liebevoll wusste sie zu fragen und zu
trösten. Für Anton war es ein Bedürfnis, von dem Freunde zu sprechen, und beredt
schilderte er ihr sein stilles Treiben, seine Gelehrsamkeit und sein
entusiastisches Gefühl. Da nach einer Pause sah ihm Sabine herzlich in die
Augen und frug: »Haben Sie Nachricht von Herrn von Fink?«
    Es war das erste Mal, dass sie gegen Anton den Namen über die Lippen brachte.
Er fühlte das Rührende des Vertrauens, dass sie gerade in dieser Stunde nach dem
Geliebten ihrer Seele frug. In seiner Bewegung fasste er ihre Hand, die vor ihm
auf dem Tische lag. Langsam zog sie die Hand zurück und schlug die Augen nieder.
Nur einen Augenblick, dann sah sie ihm wieder freundlich ins Gesicht.
    »Er fühlt sich in dem neuen Leben nicht glücklich«, sagte Anton ernst. »In
seinem letzten Brief war eine grimmige Laune, und ich schliesse daraus noch mehr
als aus seinen Worten, dass dort vieles nicht so ist, wie er es erwartet hat. Die
Geschäfte, in welche er durch den Tod seines Onkels hineingeworfen wurde,
gefallen ihm nicht. «
    »Sie sind unwürdig«, rief Sabine schnell.
    »Wenigstens nicht, was in diesem Hause ehrenhaft heisst«, erwiderte Anton.
»Fink denkt zu gross und hat zu lange in der Nähe Ihres Bruders gelebt, als dass
ihn die wüsten Spekulationen erfreuen könnten, welche dort drüben nur zu
gewöhnlich sind. Seine Geschäftsfreunde sind zum grossen Teil gewissenlose
Menschen, und seine Seele empört sich gegen ihre Genossenschaft.«
    »Und kann Herr von Fink ein solches Verhältnis auch nur einen Tag ertragen?«
frug Sabine.
    »Es ist ein merkwürdiges Schicksal«, antwortete Anton, »dass er, der seinen
eigenen Willen gegen andere so souverän geltend macht, gerade er, der so wenig
geneigt ist, äusserem Zwang zu gehorchen, doch in seiner gegenwärtigen Tätigkeit
überall mit gebundenen Händen arbeitet. Der ganze Mechanismus dieser
Spekulationen ist in Amerika so fest organisiert, dass ein einzelner Teilhaber
wenig daran ändern kann. Und so ist die Lage Finks jetzt, wo er seine Wünsche
erreicht hat, grosse Kapitalien, Dispositionen über viele Quadratmeilen Landes,
zweifelhafter als je in seinem Leben. Er war immer in Gefahr, gering von andern
Menschen zu denken, jetzt ängstigt mich die herbe Verachtung, mit welcher er von
seinem eigenen Leben spricht. Sein letzter Brief schilderte eine unerträgliche
Lage und liess irgendeinen gewaltsamen Entschluss ahnen.«
    »Es gibt für ihn nur einen Entschluss«, rief Sabine. »Darf ich fragen, was
Sie ihm geantwortet haben?«
    »Ich habe von ihm gefordert, sich auf der Stelle unter jeder Bedingung von
diesen Geschäften zu lösen. Seinem ernsten Willen wird ein Weg dazu sich bieten,
auch wenn der Ausweg, den ich ihm vorschlug, unmöglich sein sollte. Und ich habe
ihn gebeten, entweder seinen alten Plan auszuführen und ein wirklicher
Gutsbesitzer in Amerika zu werden, oder zu uns zurückzukehren.«
    »Ich wusste, dass Sie so schreiben würden«, sagte Sabine, tief aufatmend. »Ja,
er soll zurückkehren, Wohlfart«, wiederholte sie leiser, »aber nicht zu uns soll
er kommen.« - Anton schwieg.
    »Und glauben Sie, dass Herr von Fink Ihrem Rat folgen wird?«
    »Ich weiss es nicht«, erwiderte Anton langsam, »mein Rat war wenig
amerikanisch.«
    »Aber er war, wie Sie ihn geben mussten«, sagte Sabine mit freudigem Stolz.
    »Ein Offizier wünscht Herrn Wohlfart zu sprechen«, unterbrach sie der
eintretende Diener. - Anton sprang auf, Sabine trat zu ihren Blumen und beugte
sich traurig über die grünen Blätter. Noch schwebte der Schatten des andern
zwischen ihr und ihm.
    Die hastigen Worte des Meldenden erfüllten Anton mit einer unbestimmten
Angst, er eilte in das Vorzimmer, Dort stand Eugen von Rotsattel. Anton wollte
ihm mit warmem Gruss entgegeneilen, da sah er das verstörte Gesicht und trat
erschrocken zurück. Eugen aber flüsterte ängstlich wie mit bösem Gewissen:
»Meine Mutter wünscht Sie zu sprechen, es ist etwas Schreckliches bei uns
vorgefallen.« Anton griff nach seinem Hut und sprang nach dem Comtoir, wo er
schnell Baumann bat, ihn beim Prinzipal zu entschuldigen; dann begleitete er den
Leutnant nach der Wohnung des Freiherrn. Vernichtet ging Eugen an Antons Seite,
er hatte alle Fassung verloren. Unzusammenhängend und für Anton nicht ganz
verständlich war, was er sagte: »Mein Vater hat sich gestern abend aus Versehen
durch einen Schuss verwundet, - ein reitender Bote hat mich aus der Garnison nach
der Hauptstadt gerufen - als ich ankam, fand ich die Mutter in Ohnmacht. Wohl
eine Stunde hat sie darin gelegen. Ich und die Schwester wissen uns keinen Rat.
Lenore hat die Mutter auf den Knien gebeten, zu Ihnen zu schicken. Sie sind der
einzige Mensch, zu dem wir in unserer Not Vertrauen haben. Ich verstehe nichts
von Geschäften, aber es muss mit dem Vater sehr schlecht stehen. Die Mutter ist
ganz ausser sich. Alles im Haus ist in der grössten Unordnung.«
    Aus dem, was er sagte und was er zu verschweigen suchte, aus seinen
abgerissenen Reden und seinem angstvollen Blick ahnte Anton einiges von den
Schrecken des letzten Abends. In dem Wohnzimmer der Baronin traf er Lenore
verweint, erschöpft wankte sie ihm entgegen. »Lieber Wohlfart«, rief sie, seine
Hand fassend; von neuem begann sie zu schluchzen, und kraftlos sank ihr Haupt an
seine Schulter. Unterdes ging Eugen mit gerungenen Händen in der Stube auf und
ab, setzte sich endlich in eine Sofaecke und weinte still vor sich hin.
    »Es ist grässlich, Herr Wohlfart«, klagte Lenore sich aufrichtend. »Niemand
darf zum Vater, nicht Eugen, nicht ich, die Mutter allein und der alte Johann
sind um ihn. Und heut früh war der Kaufmann Ehrental hier, er wollte durchaus
mit dem Vater sprechen, er schrie laut gegen die Mama, er schalt den Vater einen
Betrüger, so dass die Mutter zu Boden sank. Als ich in das Zimmer stürzte, ging
der schreckliche Mensch fort und drohte noch mit der Faust nach uns.«
    Anton führte Lenore in einen Sessel und wartete, bis sie sich erholt hatte.
Hier zu trösten war unmöglich, ihn selbst erschütterte der Jammer im tiefsten
Herzen. »Ruf die Mutter, Eugen«, sagte Lenore endlich. Der Bruder eilte hinaus.
»Verlassen Sie uns nicht«, bat Lenore mit gerungenen Händen. »Es ist zum
Äussersten mit uns gekommen, auch Ihre Hilfe vermochte nicht, das Unglück
abzuwenden.«
    »Er ist tot, der es vielleicht gekonnt hätte«, erwiderte Anton traurig. »Ob
ich Ihnen nützen kann, weiss ich nicht, dass ich den guten Willen habe, daran
werden Sie nicht zweifeln.«
    »Nein«, rief Lenore, »auch Eugen dachte sogleich an Sie.«
    Die Baronin trat herein. Sie ging mühsam auf Anton zu und stützte sich mit
der Hand an einen Stuhl, aber sie begrüsste ihn mit Haltung. »Wir sind in eine
Lage gekommen, in der uns ein Freund nötig ist, welcher mit Geschäften mehr
Bescheid weiss, als wir drei. Ein unglücklicher Zufall verhindert den Freiherrn,
wahrscheinlich für längere Zeit, sich um seine Angelegenheiten zu kümmern, und
so wenig ich davon verstehe, so sehe ich doch, dass schnelle Tätigkeit in unserm
Interesse notwendig wird. Meine Kinder haben mir Ihren Namen genannt, ich mute
Ihnen viel zu, wenn ich Sie bitte, unsern Wünschen Ihre Zeit zu opfern.« Sie
setzte sich, winkte Anton, Platz zu nehmen, und sagte zu den Kindern: »Verlasst
uns, ich werde Herrn Wohlfart das wenige, das ich weiss, leichter sagen, wenn ich
Euern Schmerz nicht sehe.«
    Als sie allein waren, winkte sie Anton näher an sich heran und versuchte zu
sprechen, aber ihre Lippe zuckte, und sie verbarg ihr Gesicht hinter dem
Taschentuch.
    Anton sah gerührt auf den Kampf, den ihr die Mitteilung kostete: »Bevor ich
zugeben kann, dass Sie, gnädige Frau, mir ein so ehrenvolles Vertrauen schenken,
muss ich Sie in Ihrem Interesse fragen: hat nicht Ihr Herr Gemahl einen
Verwandten oder nahen Freund, dem Sie eine diskrete Mitteilung leichter machen
würden? Ich bitte Sie, daran zu denken, dass meine eigene Geschäftserfahrung
nicht gross, und meine Stellung nicht von der Art ist, dass ich für einen
geeigneten Ratgeber des Herrn Barons gelten könnte. «
    »Ich weiss niemanden«, sagte die Baronin trostlos und starrte vor sich hin.
»Es wird mir leichter, Ihnen zu sagen, was ich nicht verschweigen darf, als
einem von den Bekannten unsers Hauses. Betrachten Sie sich als einen Arzt, der
zu Kranken gerufen wird. - Der Freiherr hat mir heute früh einige Mitteilungen
über seine Vermögensverhältnisse gemacht.« -
    Und jetzt erzählte sie ihm, was sie von den Verwickelungen ihres Gemahls
verstanden hatte, von der Gefahr, in welcher das Familiengut schwebte, von dem
Kapital, dessen er bedurfte, um die polnische Herrschaft zu übernehmen. Es war
unvollständig, was sie zu sagen wusste, aber es reichte hin, Anton mit banger
Sorge um die Zukunft der Familie zu erfüllen.
    »Mein Mann hat mir den Schlüssel zu seinem Sekretär übergeben; er wünscht,
dass Eugen mit einem Sachverständigen unsere Angelegenheiten ruhiger, als der
Freiherr selbst, berate. An Sie habe ich die Bitte, dass Sie mit meinem Sohn
diese Prüfung vornehmen. Wo Sie Auskunft brauchen, werde ich Ihnen diese von dem
Freiherrn zu verschaffen suchen. Es fragt sich nun, ob Sie geneigt sind, für
uns, die wir Ihnen doch Fremde sind, diese Mühe zu übernehmen.«
    »Gern bin ich dazu bereit«, erwiderte Anton ernst, »und ich hoffe durch die
Güte meines Chefs die dazu nötige Zeit zu erhalten; wenn Sie es nicht für
zweckmässiger finden, dem erfahrenen Anwalt Ihres Gemahls diese Tätigkeit zu
überweisen.«
    »Es wird ja wohl später Gelegenheit sein, diesen Herrn um seinen Rat zu
fragen«, sagte die Baronin abwehrend.
    Anton erhob sich. »Wann befehlen Sie, dass wir anfangen?«
    »Sogleich«, erwiderte die Dame, »ich fürchte, es ist kein Tag zu verlieren.
Ich werde mir Mühe geben, Ihnen bei Durchsicht der Papiere zu helfen.« Sie
führte Anton in das Nebenzimmer, rief Eugen herzu und steckte den Schlüssel in
das Bureau des Freiherrn. Als sich der Schrank öffnete, verlor auch sie auf
einen Augenblick die Selbstbeherrschung, und ihrem Mund entglitten die Worte:
»Die Hinterlassenschaft eines Toten!« Sie wankte an das Fenster, und die
zitternde Bewegung der Gardine verriet den Kampf, in dem ihr Körper erbebte.
    Die traurige Arbeit begann, Stunde auf Stunde verlief, Eugen war nicht
imstande, die Durchsicht zu ertragen, aber die Mutter reichte Anton die Briefe
und Dokumente zu, welche sie für nützlich hielt, und so oft sie auch ihre
Tätigkeit unterbrechen musste, sie hielt aus. Anton ordnete das Vorhandene und
suchte bei flüchtiger Durchsicht einzelner Schreiben wenigstens zu einem
oberflächlichen Verständnis zu kommen.
    Es war Abend geworden, da öffnete der alte Diener erschrocken die Tür und
rief in das Zimmer: »Er ist wieder da.« Die Baronin stiess einen leisen Schrei
aus und machte mit der Hand eine abweisende Bewegung.
    »Ich habe ihm gesagt, dass niemand zu Hause ist, er aber lässt sich nicht
fortschicken, er lärmt auf der Treppe, ich kann nicht mit ihm fertig werden.«
    »Es ist mein Tod, wenn ich ihn wieder höre«, murmelte die Baronin.
    »Wenn der Mann Ehrental ist«, sagte Anton aufstehend, »so will ich
versuchen, ihn fortzuschaffen. Das Nötigste ist hier geschehen, haben Sie die
Güte, diese Papiere zu bewahren und mir zu erlauben, dass ich morgen
wiederkomme.« Die Baronin winkte stumm eine Bejahung und sank in den Stuhl
zurück. Anton ergriff seinen Hut und eilte in das Vorzimmer, wo er schon von
weitem die lärmende Stimme Ehrentals vernahm.
    Er erschrak über das Aussehen des Händlers. Den Hut weit nach dem Nacken
zurück gesetzt, das bleiche Gesicht wie vom Trunk aufgedunsen, die gläsernen
Augen gerötet, stand Ehrental vor ihm und rief in abgebrochenen Sätzen nach dem
Freiherrn, klagte und fluchte. »Er soll kommen«, schrie er, »auf der Stelle soll
er kommen, der schlechte Mann. Ein Edelmann will er sein, ein Lump ist er, gegen
den ich werde holen die Polizei, Wo ist mein Geld, wo ist meine Hypotek? Ich
will wiederhaben meine Sicherheit von diesem Mann, welcher nicht ist zu Hause.«
    Anton trat dicht an ihn heran und sagte mit fester Stimme: »Kennen Sie mich,
Herr Ehrental?« Ehrental richtete seine verglasten Augen auf ihn, allmählich
erkannte er den Freund des verstorbenen Sohnes.
    »Er hat Sie liebgehabt«, rief er kläglich, »er hat mit Ihnen gesprochen mehr
als mit seinem Vater. Sie sind gewesen sein einziger Freund, den er gehabt hat
auf Erden. - Haben Sie gehört, was geschehen ist im Hause bei Ehrental?« fuhr
er flüsternd fort. - »Als sie gestohlen haben die Papiere, ist er gestorben. Er
ist gestorben mit einer solchen Hand.« Er ballte die Faust und schlug sich vor
die Stirn. »O mein Sohn, mein Sohn, was hast du nicht verziehen deinem Vater!«
    »Wir gehen zu Ihrem Sohn«, sprach Anton und ergriff den Arm des Händlers.
Ehrental leistete keinen Widerstand und liess sich von ihm die Treppe hinunter
nach seinem Hause führen.
    Von da eilte Anton zur Wohnung des Justizrat Horn und hatte mit diesem eine
lange Unterredung.
    Leidenschaftlich bewegt kam er am späten Abend nach Hause. In der Sorge um
die Menschen, deren sicheres Glück ihm seit Jahren die Phantasie erfüllt hatte,
erbebte sein Herz, das Vertrauen, mit dem sie ihn in ihr Unglück eingeweiht
hatten, erfüllte ihn mit Stolz. Er brannte vor Begierde, ihnen zu helfen; er
hoffte, dass dem treuen Diensteifer gelingen werde, die Wege zur Rettung zu
finden. Noch sah er sie nicht. Als er im Mondenschein das grosse Haus der
Handlung vor sich erblickte, die Fenster des untern Stocks vergittert, Gewölbe
und Keller mit eisernen Türen verschlossen, so sicher und fest im Schlummer der
Nacht, da wurde ihm klar: Wenn ein Mann helfen konnte, so war es sein Prinzipal.
Sein Scharfblick wusste in alle dunklen Geheimnisse, denen der Freiherr verfallen
war, einzudringen, seiner eisernen Kraft mussten die Schurken erliegen, welche
den Gutsbesitzer festielten. Ja und er hatte ein grosses Herz, er fand das
Rechte mühelos, ohne Kampf. Anton sah zu dem ersten Stock auf. Die ganze
Hausfronte war finster, nur in der Eckstube brannte noch ein Licht. Dort war das
Arbeitszimmer seines Chefs.
    Mit schnellem Entschluss suchte Anton den Bedienten auf und liess sich zu
Herrn Schröter führen. Verwundert sah dieser auf den eintretenden Anton. »Was
bringen Sie, Wohlfart? Ist etwas vorgefallen?«
    »Ich bitte um Ihren Rat, ich bitte um Ihre Hilfe«, rief Anton.
    »Für sich oder für andere?« frug der Kaufmann.
    »Für eine Familie, mit welcher ich durch Zufall in Verbindung gekommen bin.
Sie geht unter, wenn nicht eine starke Freundeshand das Unheil abwehrt.« Darauf
berichtete Anton in fliegender Eile, was er an diesem Nachmittag erlebt hatte,
fasste in seiner Bewegung die Hand des Kaufmanns und rief: »Was ich gesehen habe,
war schrecklich für mich. Haben Sie Erbarmen mit den unglücklichen Frauen und
helfen Sie.«
    »Helfen?« frug der Kaufmann ernst - »Wie kann ich das? Haben Sie einen
Auftrag, mich dazu in Anspruch zu nehmen; oder ist es nur Ihre warme Empfindung,
welche diese Forderung an mich richtet?«
    »Ich habe keinen Auftrag«, sagte Anton, »nur der Anteil, den ich an dem
Schicksal des Freiherrn nehme, treibt mich zu Ihnen.«
    »Und welches Recht haben Sie, mir diese Mitteilung zu machen, die Ihnen
selbst doch nur im engen Vertrauen von der Frau des Gutsbesitzers gemacht sein
kann?« frug der Kaufmann zurückhaltend.
    »Ich begehe keine Indiskretion, wenn ich Ihnen sage, was in wenigen Tagen
auch für Fremde kein Geheimnis sein wird.«
    »Sie sind jetzt in einer ungewöhnlichen Aufregung, sonst würden Sie nicht
vergessen, dass unter allen Umständen der Kaufmann, der erste Korrespondent
meines Comtoirs, solche Mitteilungen nur mit besonderer Erlaubnis der
Beteiligten wagt. Es versteht sich von selbst, dass ich keinen Missbrauch von dem
machen werde, was Sie mir gesagt haben, aber es war doch wenig geschäftsmässig,
Wohlfart, dass Sie so offen gegen mich waren.«
    Anton schwieg betroffen. Er erkannte, dass sein Prinzipal recht hatte, aber
es schien ihm hart, dass dieser in solcher Stunde den Vertrauenden tadelte. Auch
der Kaufmann ging schweigend im Zimmer auf und ab; endlich blieb er vor Anton
stehen. »Ich frage Sie jetzt nicht, wie Sie dazu kommen, so warmen Anteil an dem
Schicksal dieser Familie zu nehmen; ich fürchte, es ist eine Bekanntschaft, die
Sie Fink verdanken.«
    »Sie sollen alles erfahren«, warf Anton ein.
    »Noch nicht«, erwiderte der Prinzipal abwehrend. »Jetzt will ich Ihnen nur
wiederholen, dass für mich keine Möglichkeit vorhanden ist, ohne direkte
Aufforderung der Beteiligten in fremde Angelegenheiten einzugreifen. Ich füge
hinzu, dass ich diese Aufforderung nicht wünsche. Ich verberge Ihnen nicht, dass
ich wahrscheinlich auch dann ablehnen würde, etwas für den Freiherrn von
Rotsattel zu tun.«
    Antons Gefühl wallte auf. »Es gilt, einen ehrlichen Mann, liebenswürdige
Frauen aus den Händen von Gaunern zu retten, welche sie umgarnt haben. Dies
scheint mir Pflicht eines jeden Mannes, und vollends ich halte es für eine teure
Verpflichtung, der ich mich nicht entziehen darf. Ohne Ihre Unterstützung aber
vermag ich nichts.«
    »Wie also denken Sie, dass dem verschuldeten Gutsbesitzer geholfen werden
kann?« frug der Kaufmann sich niedersetzend.
    Mit etwas mehr Ruhe erwiderte Anton: »Zunächst nur dadurch, dass ein
erfahrener Geschäftsmann wie Sie die Verwicklungen zu durchschauen sucht. Es muss
einen Punkt geben, wo die Schurken zu fassen sind. Ihr Rat, Ihre Einsicht würden
ihn finden. «
    »Beides besitzt jeder Rechtsanwalt in höherem Grade als ich«, entgegnete der
Kaufmann, »ohne Schwierigkeit wird der Baron gescheite und ehrliche Juristen
gewinnen. Wenn die Gegner des Freiherrn dem Gesetz irgendeine Blösse gegeben
haben, so wird das Spürauge eines Sachwalters diese am ersten entdecken.«
    »Leider gibt der Anwalt des Freiherrn wenig Hoffnung«, erwiderte Anton.
    »Dann, lieber Wohlfart, wird auch für andere schwerlich etwas zu machen
sein. Zeigen Sie mir einen Mann, der in Verlegenheit ist und Kraft hat, sich an
einer dargebotenen Hand aufzuhelfen, und sagen Sie zu mir: Hilf ihm! so werde
ich, weil ich Ihr Freund und Ihnen zu grossem Dank verpflichtet bin, meine Hand
dem Gefährdeten nicht verweigern. Ich denke, Sie sind davon überzeugt.«
    »Ich bin es«, versetzte Anton kleinlaut.
    »So aber steht es nach allem, was ich höre, mit dem Freiherrn nicht. Soweit
ich aus Ihrer Erzählung und dem, was man in der Stadt über ihn erzählt, seine
Verhältnisse verstehe, konnte er nur deshalb in die Hände der Wucherer fallen,
weil ihm das fehlte, was dem Leben jedes Menschen erst Wert gibt, ein besonnenes
Urteil und eine stetige Arbeitskraft.«
    Anton musste dies mit einem Seufzer zugeben.
    »Einem solchen Mann zu helfen«, fuhr der Kaufmann unerbittlich fort, »ist
eine missliche Aufgabe, bei welcher der Verstand wohl das Recht hat, zu
widersprechen. Man soll vor keinem Menschen die Hoffnung aufgeben, dass er sich
ändern kann, aber gerade der Mangel an Kraft wird am allerschwersten gebessert.
Unsere Fähigkeit, für andere zu arbeiten, ist beschränkt, und bevor man einem
Schwächling seine Zeit opfert, soll man fragen, ob man sich dadurch nicht selbst
der Fähigkeit beraubt, einem bessern Mann zu helfen.«
    Anton rief unruhig: »Verdient er nicht einige Rücksicht? Er ist in
Ansprüchen an das Leben erzogen, er hat nicht wie wir gelernt, durch eigene
Anstrengung sich heraufzuarbeiten.«
    Der Kaufmann legte die Hand auf die Schulter des jungen Mannes. »Grade
darum. Glauben Sie mir, einem grossen Teil dieser Herren, welche an ihren alten
Familienerinnerungen leiden, ist nicht zu helfen. Ich bin der letzte, zu
verkennen, wie gross die Anzahl tüchtiger Männer auch in dieser Menschenklasse
ist. Und wo ein bedeutendes Talent oder eine edle Persönlichkeit unter ihnen
aufschiesst, mag sie sich grade in ihrer geschützten Stellung vortrefflich
entfalten; aber für den grossen Mittelschlag der Menschen ist diese Lage nicht
günstig. Wer von Haus aus den Anspruch an das Leben macht, zu geniessen und
seiner Vorfahren wegen eine bevorzugte Stellung einzunehmen, der wird sehr
häufig nicht die volle Kraft behalten, sich eine solche Stellung zu verdienen.
Sehr viele unserer alten angesessenen Familien sind dem Untergange verfallen,
und es wird kein Unglück für den Staat sein, wenn sie untergehen. Ihre
Familienerinnerungen machen sie hochmütig ohne Berechtigung, beschränken ihren
Gesichtskreis, verwirren ihr Urteil.«
    »Und wenn das alles wahr ist«, rief Anton, »so darf es uns doch nicht
abhalten, dem einzelnen als unserm Mitbruder zu helfen, wo unser Mitgefühl
angeregt wird.«
    »Nein«, sagte der Prinzipal, »wo es angeregt wird. Aber es glüht im Alter
nicht mehr so schnell auf, als in der Jugend. - Der Freiherr soll dahin
gearbeitet haben, sein Eigentum aus der grossen Flut der Kapitalien und
Menschenkraft dadurch zu isolieren, dass er es auf ewige Zeit seiner Familie
verschrieb. Auf ewige Zeit! Sie als Kaufmann wissen, was von solchem Streben zu
halten ist. Wohl muss jeder vernünftige Mann wünschen, dass der adlige Schacher
mit Grundbesitz in unserm Lande aufhört, jedermann wird es für vorteilhaft
halten, wenn die Kultur desselben Bodens vom Vater auf den Sohn übergeht, weil
so die Kräfte des Ackers am ersten liebevoll und planmässig gesteigert werden.
Wir schätzen ein Möbel, das unsre Vorfahren benutzt haben, und Sabine wird Ihnen
mit Stolz jeden Raum dieses Hauses aufschliessen, zu dem schon ihre Urgrossmutter
die Schlüssel getragen hat. So ist es auch natürlich, wenn im Gemüt des
Landwirts der Wunsch entsteht, das Stück Natur, welches ihn umgibt, die Quelle
seiner Kraft und seines Wohlstandes, den Menschen zu erhalten, welche ihm die
liebsten sind. Aber dafür gibt es nur ein Mittel, und dies Mittel heisst, seine
Lieben tüchtig machen zur Behauptung und zur Vermehrung ihres Erbes. Wo die
Kraft aufhört in der Familie oder im einzelnen, da soll auch das Vermögen
aufhören, das Geld soll frei dahinrollen in andere Hände, und die Pflugschar
soll übergehn in eine andere Hand, welche sie besser zu führen weiss. Und die
Familie, welche im Genusse erschlafft, soll wieder heruntersinken auf den Grund
des Volkslebens, um frisch aufsteigender Kraft Raum zu machen. Jeden, der auf
Kosten der freien Bewegung anderer für sich und seine Nachkommen ein ewiges
Privilegium sucht, betrachte ich als einen Gegner der gesunden Entwicklung
unseres Staats. Und wenn ein solcher Mann in diesem Bestreben sich zugrunde
richtet, so werde ich ihm ohne Schadenfreude zusehn, aber ich werde sagen, dass
ihm sein Recht geschehen, weil er gegen einen grossen Grundsatz unsers Lebens
gesündigt hat. Und für ein doppeltes Unrecht werde ich eine Unterstützung dieses
Mannes halten, solange ich befürchten muss, dass meine Hilfe dazu verwandt wird,
eine ungesunde Familienpolitik zu unterstützen.«
    Anton sah traurig vor sich nieder; er hatte Teilnahme, ein warmes Eingehen
in seine Wünsche erwartet, und fand bei dem Mann, der ihm so viel galt, eine
Kälte, die er zu überwinden verzweifelte. »Ich kann Ihnen nicht widersprechen«,
sagte er endlich, »aber ich kann in diesem Falle nicht so denken wie Sie. Ich
habe den ungeheuern Schmerz in der Familie des Freiherrn mit angesehen, und
meine ganze Seele ist voll von Wehmut und Teilnahme und von dem Wunsch, irgend
etwas für die Menschen zu tun, welche mir ihr Herz geöffnet haben. Nach dem, was
Sie mir gesagt haben, wage ich nicht mehr, Sie selbst zu bitten, dass Sie sich um
diese Angelegenheit kümmern. Aber ich habe der Baronin versprochen, ihr, so weit
ich mit meiner geringen Kraft vermag und so weit Ihre Güte mir dies erlaubt,
beim Ordnen ihrer Verhältnisse behilflich zu sein. Ich ersuche Sie um die
Erlaubnis dazu. Ich werde mich bemühen, meine Comtoirstunden regelmässig
einzuhalten, aber wenn ich in den nächsten Wochen zuweilen eine Stunde versäume,
so bitte ich Sie, mir dies nachzusehen.«
    Wieder ging der Kaufmann schweigend im Zimmer auf und ab, endlich blieb er
vor Anton stehen, sah ihm mit tiefem Ernst in das aufgeregte Gesicht, und es war
etwas wie Trauer in seinen Zügen, als er mit Überwindung erwiderte: »Denken Sie
auch daran, Wohlfart, dass jede Tätigkeit, bei welcher das Gemüt aufgeregt wird,
leicht eine Macht über den Menschen gewinnt, die sein Leben ebensowohl stören
als fördern kann. Dieser Grund ist es, welcher mir die Gewährung Ihres Wunsches
nicht leichtmacht.«
    »Auch ich habe vor Wochen dasselbe wie eine Ahnung gefühlt«, sagte Anton
leise. »Jetzt kann ich nicht anders.«
    »Wohl, so tun Sie, was Sie müssen«, schloss der Kaufmann finster, »ich werde
Ihnen keine Hindernisse in den Weg legen. Und ich wünsche, dass Sie nach einigen
Wochen die ganze Angelegenheit ruhiger betrachten mögen.« Anton verliess mit mehr
Haltung das Zimmer. Der Kaufmann sah lange mit gefurchter Stirn auf die Stelle,
an welcher sein Kommis gestanden hatte.
    In seinem Innern aber war Anton nicht ruhiger geworden. Die kühle, ja
missfällige Aufnahme seiner Bitte verletzte ihn tief. »So herb, so unerbittlich«,
rief er aus, als er sich ermüdet in seinem Zimmer niedersetzte. Aus einem Winkel
seiner Seele stieg ihm der Verdacht auf, dass sein Chef doch mehr Egoismus und
weniger Gemüt habe, als er ihm zugetraut. Manche Äusserung Finks fiel ihm wieder
ein, jener Abend fiel ihm ein, wo der junge Rotsattel in knabenhaftem Übermut
gegen den Kaufmann seinen Kamm gesträubt hatte. »Ist es möglich, dass diese Unart
von ihm unvergessen ist?« frug er sich zweifelnd. Und hinter den hellen
Gestalten der Edelfrauen verblich das scharf gefurchte Gesicht seines Chefs.
»Ich tue nicht unrecht«, rief er sich selbst zu; »was er sagen mag, ich habe
Rechte auch gegen ihn. Und mein Los wird sein, von heute ab für mich allein den
Weg zu suchen, auf dem ich gehen muss.« So sass er lange im Finstern, und düster
wie der Raum waren seine Gedanken. Er trat an das Fenster und blickte in den
dunkeln Hof hinunter. Da schimmerte in dem matten Schein, der aus den Wolken in
sein Zimmer fiel, ein riesiger weisser Kelch neben ihm geisterhaft in der Luft.
Erstaunt fasste er danach. Er machte Licht und sah die prächtige Blüte der Calla
von Sabinens Blumentisch. An dem geknickten Stengel hing sie traurig herab.
Sabine hatte ihm die Blume heimlich hereingestellt. Wie ein trauriges Vorzeichen
erschien ihm der kleine Unfall. Er löste die Blüte und legte sie vor sich auf
den Tisch, und lange sass er schweigend und starrte auf das zusammengerollte
Blütenblatt.
    Sabine trat, die Kerze in der Hand, in das Zimmer des Bruders. »Gute Nacht,
Traugott«, nickte sie ihm zu - »Wohlfart war den Abend bei dir, so spät hat er
dich verlassen.«
    »Er wird uns verlassen«, erwiderte der Kaufmann finster. Sabine erschrak,
der Leuchter klirrte auf den Tisch. »Um Gottes willen, was ist geschehen? Hat
Wohlfart gesagt, dass er von uns will?«
    »Noch weiss er es selbst nicht; ich aber sehe es kommen Schritt vor Schritt.
Und nicht ich und noch weniger du können etwas tun, um ihn zurückzuhalten. Als
er hier vor mir stand und mit glühenden Wangen und bebender Stimme Hilfe für
einen ruinierten Mann erbat, sah ich, was ihn forttreibt.«
    »Ich verstehe dich nicht«, sagte Sabine und sah den Bruder gross an.
    »Er hat Lust, der Vertraute eines heruntergekommenen Gutsbesitzers zu
werden. Ein Paar Mädchenaugen ziehen ihn ab von uns, es erscheint ihm als ein
würdiges Ziel seines Ehrgeizes, Geschäftsführer der Rotsattel zu werden. Er
heisst im Comtoir Finks Erbe. Diese Verbindung mit dem adeligen Gutsbesitzer ist
die Erbschaft, die ihm Fink hinterlassen hat.« »Und du hast ihm deine Hilfe
verweigert?« frug Sabine leise.
    »Die Toten sollen ihre Toten begraben«, sagte der Kaufmann rauh und wandte
sich ab zu seinem Schreibtisch. Schweigend entfernte sich Sabine. Der Leuchter
zitterte in ihrer Hand, als sie durch die lange Zimmerreihe schritt. Ängstlich
horchte sie auf ihren eigenen Fusstritt, und ein Schauer überlief sie, ihr war,
als glitte eine fremde Gestalt unsichtbar an ihrer Seite hin. Das war die Rache
des andern. Der Schatten, welcher aus der Vergangenheit auf ihr schuldloses
Leben fiel, er scheuchte jetzt auch den Freund aus ihrem Kreise. An einer andern
hing Antons sehnendes Herz, sie selbst war ihm eine Fremde geblieben, die einen
Entfernten geliebt und verschmäht hatte und jetzt im Witwenschleier auf das
verglühende Gefühl ihrer Jugend zurücksah.
    Die nächsten Wochen vergingen Anton in einer aufreibenden Tätigkeit. Er war
peinlich bemüht, in den Comtoirstunden seine Pflicht zu tun. Die Abende, jede
Freistunde brachte er an dem Aktentisch in Konferenzen mit dem Rechtsanwalt und
mit der Baronin zu. Unterdes nahm das Unglück des Freiherrn seinen Verlauf. Er
hatte die Zinsen der Kapitalien, welche auf seinem Familiengut lasteten, am
letzten Termine nicht gezahlt, eine ganze Reihe von Hypoteken wurden ihm an
einem Tage gekündigt, das Familiengut kam unter die Verwaltung der Landschaft.
Verwickelte Prozesse erhoben sich. Ehrental klagte und forderte die erste
Hypotek von zwanzigtausend Talern, und forderte die neue Ausfertigung; er war
aber auch geneigt, Ansprüche an die letzte Hypotek zu machen, welche ihm der
Freiherr in der unheilvollen Stunde angeboten hatte. Löbel Pinkus forderte
ebenfalls die erste Hypotek für sich und behauptete die volle Summe von
zwanzigtausend Talern gezahlt zu haben. Ehrental hatte keine Beweise und führte
seinen Prozess unordentlich, er war jetzt wochenlang ausserstande sich um seine
Geschäfte zu kümmern, Pinkus dagegen focht mit allen Ränken, die ein
hartgesottener Sünder ausfindig machen konnte, und der Vertrag, welchen der
Freiherr mit ihm abgeschlossen hatte, war ein so vortreffliches Meisterstück des
schlauen Advokaten, dass der Anwalt des Freiherrn gleich am Anfange des Prozesses
wenig Hoffnung gab. Nebenbei bemerkt, Pinkus gewann den Prozess, die Hypotek
wurde ihm zugesprochen und neu für ihn ausgefertigt.
    Anton hatte nach und nach Einsicht in die Verhältnisse des Freiherrn
gewonnen. Nur den doppelten Verkauf der ersten Hypotek verbarg der Freiherr
sorgfältig vor seiner Gemahlin. Er nannte die Ansprüche Ehrentals unbegründet
und äusserte den Verdacht, dass Ehrental selbst den Diebstahl in seinem Comtoir
begangen habe. Das letztere war in der Tat seine Meinung geworden. So wurde der
Name Itzigs Anton gegenüber gar nicht genannt, und der Verdacht gegen Ehrental,
den auch der Anwalt teilte, verhinderte Anton, bei diesem Aufklärung zu suchen.
    Zwischen Anton und dem Kaufmann war eine Spannung eingetreten, welche das
ganze Comtoir mit Erstaunen wahrnahm. Finster sah der Kaufmann auf Antons leeren
Sitz, wenn dieser einmal in den Arbeitsstunden abwesend war, und gleichgültig
auf das Gesicht seines Comtoiristen, welches in Gemütsbewegungen und Nachtarbeit
erblich. Wie einst für die Unregelmässigkeiten Finks, so hatte er auch jetzt für
Antons neue Tätigkeit kein Wort, er schien sie nicht zu bemerken. Selbst der
Schwester gegenüber beobachtete er ein hartnäckiges Stillschweigen, Sabines
Versuche, das Gespräch auf Wohlfart zu bringen, wies er mit kurzem Ernst ab.
Antons Herz empörte sich gegen diese Kälte. Nach seiner Rückkehr behandelt wie
ein Kind vom Hause, gerühmt, gepflegt, gehätschelt, und jetzt wieder
gemisshandelt wie ein Lohnarbeiter, der das Brot nicht verdient, welches man ihm
hinwirft. Ein Spielzeug unbegreiflicher Launen! Das wenigstens hatte er nicht
verdient!
    So sass er verschlossen neben der Familie, wortkarg vor seinem Pult, aber des
Abends, in der Einsamkeit seines Zimmers, fuhr ihm oft der Gegensatz zwischen
einst und jetzt so schneidend durch das Haupt, dass er heftig aufsprang und mit
dem Fuss auf den Boden stampfte.
    Nur ein Trost blieb ihm: Sabine zürnte ihm nicht. Er sah sie jetzt wenig.
Auch sie war bei Tische schweigsam und vermied Anton anzureden; aber er wusste
doch, dass sie ihm recht gab. Wenige Tage nach jener Unterredung mit dem Kaufmann
stand Anton allein an der grossen Waage, während die Hausknechte vor der Tür um
einen Frachtwagen beschäftigt waren. Da kam Sabine die Treppe herab, sie ging so
nahe bei ihm vorbei, dass ihr Kleid ihn berührte. Anton trat zurück und machte
eine förmliche Verbeugung. »Mir dürfen Sie nicht fremd werden, Wohlfart«, sagte
sie leise und sah ihn bittend an. Es war nur ein Augenblick, ein kurzer Gruss,
aber in dem Gesicht beider glänzte eine frohe Rührung.
    So kam die Zeit heran, in welcher Herr Jordan die Handlung verlassen sollte.
Der Prinzipal rief Anton wieder in das kleine Comtoir. Ohne Härte, aber auch
ohne eine Spur der Herzlichkeit, die er ihm sonst gezeigt hatte, begann er: »Ich
habe Ihnen meine Absicht ausgesprochen, Sie an Jordans Stelle zu setzen, um
Ihnen die Prokura zu übergeben. Ihre Zeit war in den letzten Wochen durch andere
Geschäfte mehr in Anspruch genommen, als für meinen Stellvertreter wünschenswert
ist - deshalb frage ich Sie selbst, sind Sie imstande, von jetzt ab die
Tätigkeit Jordans zu übernehmen?«
    »Nein«, erwiderte Anton.
    »Können Sie mir eine - nicht zu entfernte - Zeit angeben, in welcher Sie
frei von Ihren gegenwärtigen Arbeiten sein werden?« frug der Kaufmann. »Ich
würde in diesem Fall für die nächste Zeit eine Auskunft zu treffen suchen.«
    Anton erwiderte traurig: »Noch kann ich nicht bestimmen, wann ich wieder
Herr meiner ganzen Zeit sein werde; ich fühle, dass ich durch manche
Unregelmässigkeit Ihre Nachsicht ohnedies sehr in Anspruch nehme. Deshalb bitte
ich Sie, Herr Schröter, bei Besetzung der Stelle auf mich keine Rücksicht zu
nehmen.« Die Stirn des Kaufmanns zog sich in Falten, und stumm neigte er sein
Haupt gegen Anton. Als Anton die Tür des Zimmers hinter sich schloss, fühlte auch
er, dass dieser Augenblick den Bruch zwischen ihm und dem Kaufmann vollendet
hatte. Er setzte sich auf seinen Platz und stützte den heissen Kopf mit der Hand.
Gleich darauf wurde Baumann zum Prinzipal beschieden, er erhielt die Stelle
Jordans. Als er in das vordere Comtoir zurückkehrte, trat er zu Anton und sagte
leise: »Ich habe mich geweigert, die Stelle zu übernehmen, aber Herr Schröter
bestand darauf. Ich begehe ein Unrecht gegen Sie.« - Und am Abend las Herr
Baumann in seiner Stube aus dem ersten Buch Samuelis die Kapitel vom grimmigen
König Saul, seinem Prinzipal, und von der Freundschaft zwischen Jonatan und dem
verfolgten David, und stärkte dadurch sein Herz.
    Den Tag darauf trat Anton in das Zimmer der Baronin. Lenore und die Mutter
sassen an einem grossen Tisch unter Toiletten und Kästchen von jeder Form; ein
Koffer, stark mit Eisen beschlagen, stand zu den Füssen der Edelfrau. Die
Vorhänge waren geschlossen, das gedämpfte Sonnenlicht füllte den
reichgeschmückten Raum mit einem matten Glanz; auf dem Teppich des Fussbodens
lagen nimmer welkende Kränze, und lustig tickte die Uhr im Gehäuse von
Alabaster. Unter blühender Myrte sassen zwei Sympatievögel in einem
versilberten Käfig, sie schrien unaufhörlich einander zu, und wenn der eine zur
nächsten Stange hinabflatterte, lockte der Genosse ihn ängstlich, bis er
zurückflog. Dann sassen beide behaglich, dicht aneinandergedrückt. Von grünem und
roten Gold schimmerten die kleinen zärtlichen Kinder eines wärmern Himmels, wo
nie das weiche Leben im kalten Sturmwind erstarrt. So glänzte und duftete das
Zimmer. - »Wie lange noch?« dachte Anton.
    Die Baronin erhob sich: »Schon wieder bemühen wir Sie. Wir sind bei einer
Arbeit, die uns Frauen viel zu tun macht.«
    Auf dem Tische war Frauenschmuck, goldene Ketten, Brillanten, Ringe,
Halsbänder in einen Haufen zusammengeschichtet. »Wir haben ausgesucht, was wir
entbehren können«, sagte die Baronin, »und bitten Sie, den Verkauf dieser Sachen
zu übernehmen. Man hat mir gesagt, dass einzelnes davon nicht ohne Geldwert ist,
und da jetzt vor allem Geld nötig wird, so suchen wir hier eine Hilfe, welche
die Sorge unserer Freunde verringert.«
    Anton sah betroffen auf den blitzenden Knäuel. »Sprechen Sie, Wohlfart«,
rief Lenore ängstlich, »ist das nötig und kann es etwas nützen? Mama hat darauf
bestanden, unsern ganzen Schmuck und alles Silber, das wir nicht täglich
gebrauchen, zum Verkauf zurückzulegen. Was ich selbst geben kann, ist nicht der
Rede wert, aber der Schmuck der Mutter ist kostbar, es sind viele Geschenke aus
ihrer Jugend dabei, Erinnerungen, von denen sie sich nicht trennen soll, wenn
Sie nicht sagen, dass es nötig ist.«
    »Ich fürchte, es wird nötig sein«, erwiderte Anton ernst.
    Lenore sprang auf. »Arme Mutter«, rief sie zärtlich und schlang ihre Arme um
den Hals der Baronin. »Nehmen Sie«, erwiderte die Mutter leise zu Anton, »ich
werde ruhiger sein, wenn ich weiss, dass wir das Mögliche getan haben.«
    »Ist es aber gut, alles hinzugeben?« frug Anton bittend. »Vieles, was Ihnen
vielleicht lieb ist, wird dem Juwelier weniger Wert haben.«
    »Ich werde keinen Schmuck mehr tragen«, erwiderte die Baronin kalt, »nehmen
Sie alles, alles.« Sie hielt die Hand vor die Augen und wandte sich ab.
    »Wir foltern die Mutter«, rief Lenore heftig, »verschliessen Sie, was auf dem
Tisch liegt, schaffen Sie es fort aus dem Hause so bald als möglich.«
    »Ich kann diese Kostbarkeiten nicht übernehmen«, sagte Anton, »ohne einige
Massregeln, welche meine Verantwortung geringer machen. Vor allem will ich in
Ihrer Gegenwart wenigstens flüchtig aufzeichnen, was Sie mir übergeben wollen.«
    »Welch unnütze Grausamkeit!« rief Lenore.
    »Es soll nicht lange aufhalten.« Anton riss einige Blätter aus seiner
Brieftasche und schrieb Stück für Stück auf.
    »Du darfst nicht zusehen, Mutter, ich leide es nicht«, drängte Lenore, sie
zog die Mutter aus dem Zimmer; dann setzte sie sich zu Anton und sah ihm zu, wie
er die einzelnen Stücke einpackte, mit Nummern versah und zusammen in den Koffer
legte.
    »Diese Vorbereitungen für den Markt sind schrecklich«, klagte Lenore, »das
ganze Leben der Mutter wird verkauft, an jedem Stück hängen für sie
Erinnerungen. Sehen Sie, Wohlfart, diesen Diamantenschmuck hat sie von der
Prinzessin bekommen, als sie den Vater heiratete.«
    »Es sind prachtvolle Brillanten«, rief Anton bewundernd.
    »Dieser Ring stammt von meinem Grossvater, und das hier sind Geschenke meines
armen Papas. - Ach, kein Mann versteht, wie lieb uns diese Schmucksachen sind.
Es war jedesmal ein Festtag auch für mich, wenn Mama die Brillanten trug. -
Jetzt kommen wir zu meinen Habseligkeiten, sie sind nicht viel wert. Ob dieses
Armband gutes Gold sein mag?« Sie hielt ihm ihre Hand hin.
    »Ich weiss es nicht.«
    »Wir wollen es doch zu dem übrigen tun«, sagte Lenore, streifte den Goldreif
vom Arm und legte ihn auf den Tisch. »Ja, Sie sind ein guter Mensch, Wohlfart«,
fuhr sie fort und sah ihm treuherzig in die feuchten Augen; »verlassen nur Sie
uns nicht. Der Bruder hat keine Erfahrung und ist hilfloser als wir. Es ist eine
furchtbare Lage auch für mich. Vor Mama mühe ich mich, gefasst zu sein, aber ich
möchte laut schreien und weinen den ganzen Tag.« Sie sank in einen Stuhl und
hielt seine Hand fest. »Lieber Wohlfart, verlassen Sie uns nicht.«
    Anton beugte sich über sie und sah in leidenschaftlicher Bewegung auf die
schöne Gestalt, die so vertrauend aus ihren Tränen zu ihm aufsah. »Ich will
Ihnen nützlich sein, wo ich kann«, sprach er in mächtiger Aufwallung seines
Gefühls, »ich will Ihnen nahe sein, sooft Sie mich bedürfen. Sie haben eine zu
gute Meinung von meinen Kenntnissen und meiner Kraft, ich kann Ihnen weniger
helfen, als Sie glauben. Was ich aber vermag, das werde ich tun. In jeder
Tätigkeit und auf allen Wegen.«
    Mit einem warmen Druck lösten sich ihre Hände, ein Vertrag war geschlossen.
    Die Baronin kam in das Zimmer zurück. »Unser Anwalt war heut morgen bei mir.
Jetzt bitte ich auch Sie um Ihren Rat. Wie der Anwalt mir mitteilt, ist keine
Aussicht, das Familiengut dem Freiherrn zu erhalten.«
    »In dieser Zeit, wo das Geld teuer und schwer zu haben ist, keine«,
erwiderte Anton.
    »Und auch Sie sind der Meinung, dass wir alles anwenden müssen, um die
polnische Herrschaft uns zu retten?«
    »Ja«, erwiderte Anton.
    »Auch dazu wird Geld nötig sein. Vielleicht vermag ich durch meine
Verwandten Ihnen eine, wenn auch geringe Summe zugänglich zu machen; sie soll
mit diesem da« - sie wies auf den Koffer - »ausreichen, die Kosten der ersten
Einrichtung zu decken. Ich wünsche den Schmuck nicht hier zu verkaufen, auch für
die Übernahme der Geldsumme, welche ich hoffen darf, wird eine Reise nach der
Residenz nötig sein. Der Anwalt des Freiherrn hat mit grosser Achtung von ihrer
Umsicht gesprochen. Es ist auch sein Wunsch, der mich bestimmt, Ihnen ein
Anerbieten zu machen: Wollen Sie uns für die nächsten Jahre, wenigstens so
lange, bis die grössten Schwierigkeiten überwunden sind, ihre ganze Zeit widmen?
Ich habe mit meinen Kindern beraten, beide sehen, wie ich, in Ihrer Tätigkeit
die einzige Rettung. Auch der Freiherr ist damit einverstanden. Es fragt sich,
ob Ihre Verhältnisse Ihnen erlauben, uns Unglücklichen Ihren dauernden Beistand
zu gönnen. Unter welchen Bedingungen Sie dies auch tun, wir werden Ihnen dankbar
sein. Wenn Sie irgendeine Form finden, in der wir die grossen Verpflichtungen,
die wir gegen Sie haben, auch in Ihrer äussern Stellung ausdrücken können, so
sagen Sie mir das.«
    Anton stand erstarrt. Was die Baronin von ihm forderte, war Trennung von dem
Geschäft und Trennung von seinem Chef und Sabine. War ihm derselbe Gedanke schon
früher gekommen, wenn er vor Lenore stand oder wenn er sich über die Briefe des
Freiherrn beugte? - Jetzt, wo das Wort ausgesprochen wurde, erschütterte es ihn.
Er sah auf Lenore, welche hinter der Mutter ihre Hände bittend zusammenlegte.
»Ich stehe in einem Verhältnis«, erwiderte er endlich, »welches ich nicht ohne
Einwilligung anderer lösen darf, ich bin auf diesen Antrag nicht vorbereitet und
bitte Sie, gnädige Frau, mir Zeit zur Überlegung zu lassen. Es ist ein Schritt,
der über meine Zukunft entscheidet.«
    »Ich dränge nicht«, sagte die Baronin, »ich bitte nur. Wie Ihre Entscheidung
auch ausfalle, unser warmer Dank wird Ihnen bleiben; wenn Sie ausserstande sind,
unsere schwache Kraft zu stützen, so fürchte ich, finden wir niemanden. Denken
Sie auch daran«, bat sie flehend.
    Mit glühenden Wangen eilte Anton über die Strasse. Der bittende Blick der
Edelfrau, die gerungenen Hände Lenorens winkten ihn hinaus aus dem dunkeln
Comtoir in grössere Freiheit, in eine ungewöhnliche Zukunft, aus deren Dunkel
einzelne Bilder leuchtend vor ihm aufbljetzten. Mit grossem Sinn war eine
Forderung an ihn gestellt, und es zog ihn mächtig, ihr gerecht zu werden. Ein
unermüdlicher, aufopfernder Helfer war den Frauen nötig, um sie vor dem Unheil
zu bewahren. Und er tat ein gutes Werk, wenn er dem Drange folgte, er erfüllte
eine Pflicht.
    So trat er in das Haus der Handlung. Ach! was hier sein Auge ansah, streckte
eine Hand aus, ihn festzuhalten. Er sah in das dämmrige Warengewölbe, in die
treuen Gesichter der Hausknechte, auf die Ketten der grossen Waage und über den
Farbentopf des ehrlichen Pix, und empfand wieder, dass er hierher gehörte. Der
Hund Sabinens küsste seine Hand mit feuchter Schnauze und lief hinter ihm her bis
an sein Zimmer. Sein und Finks Zimmer! Hier hatte das kindische Herz des
verwaisten Knaben einen Freund gefunden, gute Kameraden, eine Heimat, ein festes
ehrenhaftes Ziel für sein Leben. Und er sah durch das Fenster hinab in den Hof,
auf die Winkel und Vorsprünge des mächtigen Hauses, auf das Gitterfenster,
hinter welchem Herr Liebold am Hauptbuch sass, in das Comtoir, wo sein Pult
stand, und auf die kleine Stube, wo er arbeitete, der ihm jetzt zürnte und der
jahrelang sein väterlicher Freund gewesen war. Da fiel sein Blick auch auf das
Fenster von Sabinens Vorratsstube; oft hatte sein Auge dort einen wandernden
Lichtschimmer gesucht, der das ganze grosse Haus erhellte und auch Behagen in
sein Zimmer sandte. Und schnell aufgerichtet sprach er zu sich selbst: »Sie soll
entscheiden. «
    Sabine erhob sich überrascht, als Anton mit schnellem Schritt vor sie trat.
»Es treibt mich unwiderstehlich zu Ihnen«, rief er. »Ich soll über meine Zukunft
einen Entschluss fassen, und ich fühle mich unsicher und traue meinem Urteil
nicht mehr. Sie sind mir immer eine gütige Freundin gewesen, vom ersten Tage
meines Eintritts. Ich bin gewöhnt, auf Sie zu sehen und an Sie zu denken bei
allem, was in diesem Hause mein Herz erregt. Lassen Sie mich auch heut aus Ihrem
Munde hören, was Sie für gut halten. Mir ist von Frau von Rotsattel der Antrag
gemacht worden, als Bevollmächtigter des Freiherrn in ein festes Verhältnis zu
ihm zu treten. Soll ich annehmen oder soll ich hierbleiben? Ich weiss es nicht;
sagen Sie mir, was recht ist für mich und für andere.«
    »Nicht ich«, sagte Sabine zurücktretend, und ihre Wange erblich. »Ich darf
nicht wagen, darüber zu entscheiden. - Und Sie selbst wollen das nicht,
Wohlfart, denn Sie haben bereits entschieden.«
    Anton sah vor sich hin.
    »Sie haben daran gedacht, dies Haus zu verlassen, und aus dem Gedanken ist
ein Wunsch geworden. Und ich soll Ihnen recht geben und Ihren Entschluss loben.
Das wollen Sie von mir«, fuhr sie bitter fort. - »Das aber kann ich nicht,
Wohlfart, denn ich traure, dass Sie von uns gehen.«
    Sie wandte ihm den Rücken zu und stützte sich auf einen Stuhl.
    »O zürnen Sie mir nicht, Fräulein Sabine«, flehte Anton, »das kann ich nicht
ertragen. Ich habe in den letzten Wochen viel gelitten. Herr Schröter hat mir
plötzlich sein Wohlwollen entzogen, das ich lange für den grössten Schatz meines
Lebens hielt. Ich habe seine Kälte nicht verschuldet. Nicht unrecht war, was ich
in der letzten Zeit getan habe, und mit seinem Vorwissen habe ich es getan. Ich
war wohl verwöhnt durch seine Güte, ich habe deshalb auch seinen Unwillen um so
tiefer empfunden. Und wenn ich eine Beruhigung hatte, so war es der Gedanke, dass
Sie mich nicht verurteilen. Seien Sie jetzt nicht kalt gegen mich, es würde mich
elend machen für immer. Ich habe keine Seele auf Erden, die ich um Liebe bitten
darf und um Verständnis für meine Zweifel. Hätte ich eine Schwester, heut würde
ich ihr Herz suchen. Sie wissen nicht, was mir, dem Einsamen, Ihr Gruss, Ihr
fröhlicher Handschlag bis heut gewesen ist. Wenden Sie sich nicht kalt von mir,
Fräulein Sabine.«
    Sabine schwieg lange, und von ihm abgewandt frug sie endlich zurück: »Was
zieht Sie zu den Fremden - ist's eine frohe Hoffnung - ist's das Mitgefühl
allein? - Seien Sie strenger gegen sich selbst, als ich gegen Sie bin, wenn Sie
sich darauf antworten.«
    »Was mir jetzt möglich macht, von hier zu scheiden, weiss ich nicht. Wenn ich
für die Bewegung in mir einen Namen suche, so ist es heisse Dankbarkeit gegen
eine. - Sie war die erste, die freundlich zu dem wandernden Knaben sprach, als
er allein in die Welt zog. Ich habe sie bewundert in dem ruhigen Glanz ihres
vergangenen Lebens. Ich habe oft kindisch von ihr geträumt. Es war eine Zeit, wo
eine zärtliche Empfindung für sie mein ganzes Herz erfüllte, damals glaubte ich
für immer an ihr Bild gefesselt zu sein. Aber die Jahre zogen ein neues Grün
darüber, ich sah die Menschen und das Leben mit anderem Auge an. Da fand ich sie
wieder, angstvoll, unglücklich, verzweifelt, und die Rührung in mir wurde
übermächtig. Wenn ich von ihr entfernt bin, weiss ich, dass sie mir eine Fremde
ist, und wenn ich vor ihr stehe, fühle ich nichts, als ihren hinreissenden
Schmerz. Damals, als ich aus ihrem Kreis wie ein Übeltäter ausscheiden musste,
damals eilte sie mir nach, und vor den Augen der spöttischen Gesellschaft
reichte sie mir die Hand und bekannte sich zu mir. Und jetzt kommt sie und
fordert meine Hand zur Hilfe für ihren Vater. Darf ich sie ihr verweigern? Ist
es ein Unrecht, dass ich so fühle? Ich weiss es nicht, und niemand kann es mir
sagen, niemand, als nur Sie.«
    Sabinens Haupt hatte sich heruntergeneigt bis auf die Lehne des Sessels.
Jetzt erhob sie sich schnell, und mit tränenvollen Augen, mit einer Stimme voll
Liebe und Schmerz rief sie: »Folgen Sie der Stimme, die Sie ruft! Gehen Sie,
Wohlfart, gehen Sie!«
 
                                  Viertes Buch
                                       1
An einem kalten Oktobertage fuhren zwei Männer bei dem Torgitter der Stadt
Rosmin vorüber in die Ebene, welche sich einförmig und endlos vor ihnen
ausbreitete. Anton sass in seinen Pelz gehüllt, den Hut tief auf der Stirn, neben
ihm der junge Sturm im alten Reitermantel, die Soldatenmütze lustig auf einem
Ohr. Vorn hockte auf einem Strohbund der Knecht eines Ackerbürgers und peitschte
die kleinen Pferde. Der Wind fegte mit seinem riesigen Besen Sand und Strohhalme
über die Stoppelfelder, die Strasse war ein breiter Feldweg, ohne Gräben und
Baumreihen, die Pferde wateten bald durch ausgefahrene Wasserpfützen, bald durch
tiefen Sand. Gelber Sand glänzte zwischen dem dürftigen Grün der Äcker überall,
wo eine Feldmaus den Eingang zu ihrer Grube angelegt, oder wo der emsige
Maulwurf nach Kräften gearbeitet hatte, die Ebene durch kleine Hügelketten zu
unterbrechen. In den Senkungen des Bodens stand schlammiges Wasser; an solchen
Stellen streckten die ausgehöhlten Stämme alter Weiden ihre verkrüppelten Arme
in die Luft, ihre Ruten peitschten einander im Wind, und die welken Blätter
flatterten herunter in das trübe Wasser. Hier und da stand ein kleiner Busch
zwerghafter Kiefern, ein Ruheplatz für Krähen, die, durch den Wagen
aufgescheucht, mit lautem Schrei über die Häupter der Reisenden flogen. Kein
Haus war zu sehen an der Strasse, kein Wanderer und kein Fuhrwerk.
    Karl blickte zuweilen auf seinen schweigsamen Gefährten und sagte endlich
auf die Pferde zeigend: »Wie struppig ihr Haar ist und wie schön ihr graues
Mäusefell! Ich möchte wissen, wieviel Stück von diesen Tieren auf das Pferd
meines Wachtmeisters gehn? - Als ich von meinem Vater Abschied nahm, sprach der
Alte: Vielleicht besuche ich dich, Kleiner, zu Weihnachten, wenn sie die
Christbäume anzünden. Du wirst's nicht im Stande sein, sagte ich. Warum nicht?
frug er. Du traust dich in keinen Postwagen, sagte ich. Da rief der Alte: Oho!
die Postwagen haben eine gute Bauart, ich traue mich schon. - Jetzt, Herr Anton,
weiss ich, dass mein Vater uns niemals besucht.«
    »Warum nicht?« frug Anton.
    »Es ist möglich, dass er bis Rosmin kommt. Zwar nicht im Wagen, aber daneben.
Denn solange er weiss, dass er einen oder zwei Plätze belegt hat, wird er
allenfalls neben der Post herlaufen. Sobald er aber diese Pferde und diesen Weg
sieht, kehrt er auf der Stelle um. Soll ich in eine Gegend, wo der Sand unter
den Beinen wegläuft wie Wasser und wo die Mäuse im Geschirr gehen? wird er
sagen, dieses Land ist mir nicht fest genug.«
    »Die Pferde sind nicht das Schlechteste in dieser Gegend«, erwiderte Anton
zerstreut, »sieh zu, auch diese laufen schnell genug.«
    »Ja«, erwiderte Karl, »aber nicht als ordentliche Pferde, sie werfen ihre
Beine durcheinander, wie zwei Kater, die sich in der Petersilie balgen. Und was
sie für Schuhe haben, deutliche Gänsefüsse, für diese Hufe ist noch kein Eisen
erfunden.«
    »Wenn wir nur vorwärts kommen«, entgegnete Anton, »der Wind weht kalt, und
mich fröstelt durch den Pelz.«
    »Der Herr Bevollmächtigte haben die letzten Nächte wenig geschlafen«, sagte
Karl salutierend; »die Luft bläst hier wie über eine Tenne. Die Erde ist in
dieser Gegend nicht rund, wie anderswo, sondern platt, wie ein Kuchen. Gerade
hier haben sich die Leute eine Wüstenei angelegt, wir fahren schon über eine
Stunde, und noch ist kein Dorf zu sehen.«
    »Jawohl, eine Wüste«, seufzte Anton; »hoffen wir, dass es besser wird.«
    So ging es in tiefem Schweigen weiter. Endlich hielt der Kutscher neben
einer Wasserlache, spannte die Pferde los, ohne sich um die Reisenden zu
bekümmern, und führte sie an das Wasser.
    »Was Teufel, soll das heissen?« rief Karl vom Wagen springend.
    »Ich füttere«, antwortete der Knecht mürrisch mit fremdem Akzent.
    »Ich bin neugierig, wie er das anfangen wird«, sprach Karl in den Wagen. »Es
ist auch nicht der Schatten eines Futtersackes zu sehn.«
    Die Pferde aber bewiesen, dass sie auch ohne Hafer zu leben wussten, sie
streckten die zottigen Hälse zum Boden und frassen das Gras und die Blätter des
Strauchwerks am Wasserrand ab, zuweilen senkten sie den Kopf bis auf die
Wasserfläche und prüften den trüben Trank. Der Knecht aber holte einen Beutel
unter seinem Sitz hervor, setzte sich in den Schutz eines Erlenstrauchs und
schnitt mit seinem Messer Brot und Käse zurecht, ohne einen Blick auf seine
Passagiere zu werfen.
    »Höre, Ignaz oder Jakob«, rief Karl, ihn unsanft anstossend, »wie lange soll
das Frühstück dauern?«
    »Eine Stunde«, erwiderte der Knecht kauend.
    »Und wie weit ist noch von hier nach dem Gut?«
    »Zwei Stunden, vielleicht auch mehr. «
    »Du wirst nichts mit ihm ausrichten«, sagte Anton, »wir müssen uns den
Brauch der Landstrasse gefallen lassen.« Er stieg vom Wagen und trat zu den
Pferden.
    Anton ist auf dem Wege der polnischen Herrschaft. Er ist jetzt
Geschäftsführer des Freiherrn. Sorgenvolle Monate hat er verlebt. - Die Trennung
von seinem Prinzipal und dem Hause war reich an bittern Empfindungen. Anton
stand die letzte Zeit allein, auch unter seinen Kollegen; nur der stille Baumann
war auf seiner Seite, das übrige Comtoir betrachtete ihn als einen Verlorenen.
Mit eiserner Kälte hörte der Kaufmann seine Kündigung an, noch in der Stunde des
Abschieds lag die Hand des Chefs wie hartes Metall in der seinen. - Seitdem hat
Anton im Auftrag der Familie einige Reisen gemacht, nach der Residenz, zu
Gläubigern. Jetzt soll er mit Karl, den er für die Wirtschaft des Freiherrn
geworben, auf dem neuen Gut eine bessere Ordnung einrichten. Ehrental hatte
nach dem Termin der Versteigerung aufgrund seiner Vollmacht die Herrschaft
übernommen, er hatte den polnischen Verwalter auch für den Freiherrn
verpflichtet. Es war unordentlich zugegangen bei der Übernahme, und in Rosmin
wusste man, dass der Verwalter des Gutes seitdem zahlreiche Verkäufe und
Betrügereien vorgenommen hatte. So hat Anton auch jetzt keine Aussicht auf
friedliche Tage.
    »Jetzt ist die Stunde gekommen, wo ich meinen Auftrag ausrichten soll«, rief
Karl und fuhr mit den Händen in das Stroh des Wagens. Er holte eine grosse Kapsel
von lackiertem Blech hervor und trug sie zu Anton hinunter. »Gestern hat mir
Fräulein Sabine dies für Sie mitgegeben.« Vergnügt öffnete er den Deckel und
präsentierte die Bestandteile eines reichlichen Frühstücks, eine Flasche Wein
und einen silbernen Becher. Anton griff nach der Kapsel. »Sie hat eine sehr
schlaue Einrichtung«, erklärte Karl, »Fräulein Sabine hat sie so bestellt.«
Anton betrachtete das Gefäss von allen Seiten und stellte es sorgfältig auf ein
weiches Grasbüschel, dann ergriff er den Becher und sah darauf seinen Namenszug
graviert und darunter die Worte: »Dein Wohl!« Darüber vergass er das Frühstück
und seine Umgebung und starrte nachdenkend auf das kleine Gefäss.
    »Vergessen Sie das Frühstück nicht, Herr Generalbevollmächtigter«, erinnerte
Karl.
    »Setze dich zu mir, mein treuer Freund«, sagte Anton, »iss und trink mit mir.
Deine höflichen Possen gewöhne dir ab, wir werden wenig haben; was wir aber
erwerben, das wollen wir brüderlich miteinander teilen. Nimm die Flasche, wenn
du kein Glas hast.«
    »Nichts über Leder«, sagte Karl, ein kleines Trinkgefäss von braunem Leder
aus der Tasche ziehend. »Und was Sie soeben zu mir gesagt haben, das war
freundlich gemeint, und ich danke Ihnen dafür. Aber Subordination muss sein,
schon wegen der andern Leute, und so wird der Herr Bevollmächtigte mir schon
gütigst erlauben, dass ich Ihnen zuerst die Hand schüttele und im übrigen alles
beim alten bleibt. Sehen Sie nur die Pferde, Herr Anton, meiner Treu, die Racker
fressen auch Disteln.«
    Wieder wurden die Pferde eingespannt, wieder warfen sie ihre kurzen Beine im
Sande vorwärts, und wieder ging es fort in der kahlen Gegend. Zuerst durch eine
leere Ebene, durch einen schlechten Kiefernwald, dann über eine Reihe von
niedrigen Sandhügeln, die wie Dünen der öden Wasserflut über den pflanzenarmen
Boden hervorragten, dann auf schadhafter Brücke über einen kleinen Bach. »Hier
ist das Gut«, sagte der Kutscher sich umdrehend, und wies mit der Peitsche auf
einen Haufen dunkeler Strohdächer, welcher gerade vor ihnen sichtbar wurde.
Anton erhob sich von seinem Sitz und suchte die Baumgruppe, in welcher das
Herrenhaus liegen konnte. Er sah nichts davon. Um das Dorf war manches nicht zu
finden, was auch die ärmlichsten Bauernhäuser seiner Heimat schmückte, kein
Haufe von Obstbäumen hinter den Scheuern, kein umzäunter Garten, keine Linde auf
dem Dorfplatz, einförmig und kahl standen die schmutzigen Hütten nebeneinander.
    »Das ist traurig«, seufzte er sich niedersetzend, »viel ärger, als man uns
in Rosmin gesagt.«
    »Das Dorf sieht aus, wie verwünscht« rief Karl; »die Gespanne arbeiten nicht
auf dem Felde, und weder Kühe noch Schafe sind auf dem Stoppelland zu sehen.
Wahrscheinlich haben die Leute hier Stallfütterung. «
    Der Knecht schlug auf die Pferde, und in unregelmässigem Galopp fuhren sie
zwischen zwei Reihen von Lehmhütten durch das Dorf und hielten vor der Schenke
an. Karl sprang vom Wagen, öffnete die Schenkstube und rief den Wirt. Ein Jude
erhob sich langsam von seinem Sitz am Ofen und kam an die Haustür. »Ist der
Gendarm von Rosmin angekommen?« fragte Anton. - Er war in das Dorf gegangen. -
»Wo ist der Weg nach dem Hofe? «
    Der Wirt, ein ältlicher Mann mit verständigem Gesicht, beschrieb den Weg
deutsch und polnisch und blieb an der Tür stehen, wie Karl behauptete, ganz
ausser sich über den Anblick von zwei Menschen. Der Wagen bog in einen Seitenweg
ein, der auf beiden Seiten mit dicken Baumstümpfen besetzt war, den Überresten
einer gefällten Allee. Durch die Löcher des Weges, durch Schlammpfützen und über
Steine rasselte der Wagen vor einen Haufen von Lehmhütten, an denen noch die
Reste eines weissen Kalkmantels hingen. »Die Scheunen und Ställe sind leer«, rief
Karl, »denn in den Dächern sind Öffnungen, gross genug, um mit unserm Wagen
hineinzufahren.«
    Anton sprach nichts mehr, er war gefasst auf alles. Durch eine Lücke zwischen
den Ställen fuhren die Reisenden in den Wirtschaftshof, einen grossen
unregelmässigen Platz, auf drei Seiten von schadhaften Gebäuden umgeben, die
vierte offen gegen das Feld. Dort lag ein Haufe von Trümmern, Lehm und
verfaulten Balken, die Überreste einer eingefallenen Scheuer. Der Hofraum war
leer, von Ackergeräten und menschlicher Tätigkeit war nichts zu erblicken. »Wo
ist die Wohnung des Inspektors?« fragte Anton betroffen. Der Kutscher sah sich
suchend um, endlich entschied er sich für ein kleines Parterregebäude mit einem
Strohdach und unsaubern Fenstern.
    Bei dem Geräusch des Wagens trat ein Mann auf die Türschwelle und wartete
phlegmatisch ab, bis die Reisenden abgestiegen waren und dicht vor ihm standen.
Es war ein breitschultriger Gesell mit einem aufgedunsenen Branntweingesicht, in
einer Jacke von zottigem Zeuge, hinter ihm steckte ein ebenso zottiger Hund die
Schnauze aus der Tür und knurrte die Fremden an. »Sind Sie der Inspektor dieser
Güter?« fragte Anton.
    »Der bin ich«, erwiderte der kurze Mann in gebrochenem Deutsch, ohne sich
von der Stelle zu rühren.
    »Und ich bin der Bevollmächtigte des neuen Eigentümers«, sagte Anton.
    »Das geht mich alles nichts an«, grollte der zottige Mann in grobem Ton,
drehte kurz um, ging in die Stube zurück und verriegelte die Tür von innen.
    Anton war empört. »Schlag das Fenster ein und hilf mir den Schurken
festnehmen«, rief er seinem Begleiter zu. Dieser griff kaltblütig nach einem
Stück Holz, schlug auf die Scheiben, dass der morsche Fensterflügel klirrend in
die Stube fiel, und sprang mit einem Satz durch die Öffnung hinein. Anton
folgte. Das Zimmer war leer, die Kammer daneben auch, von dort führte ein
offenes Fenster ins Freie, der Mann war hinausgesprungen. »Durchs Fenster herein
und wieder hinaus, wie der Teufel«, schrie Karl und sprang dem Flüchtling nach,
Anton eilte zurück um das Haus herum. Er hörte Hundgebell und sah, wie Karl über
den ungetreuen Haushalter herfiel und ihn unter dem wütenden Gekläff des Hundes
am Kragen fasste. Anton eilte zu Hilfe und hielt den Ausreisser fest, während Karl
dem Hund einen Fusstritt gab, dass dieser weit weg auf den Boden flog. Darauf
brachten beide den Inspektor, welcher eifrig um sich schlug, um die Ecke herum
in das Haus zurück.
    »Fahr zur Schenke und hole den Gendarm und den Wirt«, rief Anton dem
Kutscher zu, der unbekümmert um die Händel der Herren unterdes das Gepäck der
Reisenden vom Wagen abgeladen hatte. Der Knecht fuhr gemächlich ab, der
Flüchtling wurde in die Stube geführt, Karl ergriff ein altes Tuch und band ihm
die Hände auf den Rücken. »Entschuldigen Sie, Inspektor«, sagte er, »es ist nur
auf einige Stunden, bis der Gendarm aus Rosmin kommt, den wir bestellt haben.«
Unterdes sah sich Anton in der Wohnung um; ausser dem notdürftigsten Hausrat und
dem Bett des Mannes war nichts zu finden, weder Bücher noch Rechnungen. Es war
kein Zweifel, auch die Wohnung war bereits ausgeräumt. Aus der Rocktasche des
Gefangenen ragte ein Bündel Papiere, Anton zog sie dem Widerstrebenden heraus,
es waren Verhandlungen und Aktenstücke in polnischer Sprache. Unterdes kam der
Knecht mit dem Schenkwirt und dem bewaffneten Polizeibeamten zurück. Der Wirt
blieb verlegen an der Tür stehn, dem Gendarm erklärte Anton kurz den
Zusammenhang. »Machen Sie eine Eingabe an das Amt«, sagte der Gendarm, »und
geben Sie mir den Mann auf der Stelle mit. Er soll in Ihrem Wagen nach Rosmin
fahren. Es wird am besten sein, wenn Sie sich den Menschen vom Halse schaffen,
denn es ist eine schlechte Gegend hier, und er wird Ihnen zu Rosmin sicherer
sein, als hier, wo er Freunde und Spiessgesellen hat.« Aus der Schenke wurde nach
langem Suchen ein Bogen Papier herzugebracht. Anton schrieb die Anzeige nieder
und legte auf das Ansuchen des Polizeibeamten, der die polnischen Schriftstücke
kopfschüttelnd durchgesehen hatte, diese bei; der Gefangene wurde auf den Wagen
gehoben, der Gendarm setzte sich neben ihn und sagte vor der Abfahrt noch zu
Anton: »Ich habe mir lange gedacht, dass so etwas kommen würde. Sie werden mich
vielleicht noch öfter in diesen Tagen brauchen.« So fuhr der Wagen aus dem Hofe,
und so verlief die Übernahme des Gutes durch Anton. Er war ausgesetzt, wie auf
einer wüsten Insel. Seine Lederkoffer und Reisebedürfnisse standen im Freien an
einer Lehmwand, der Schenkwirt des polnischen Dorfes war der einzige Mensch, der
ihnen Auskunft geben konnte und Rat schaffen in der unbehaglichen Lage.
    Jetzt, da der Inspektor entfernt war, wurde der Wirt gesprächig, er zeigte
guten Willen und erbot sich demütig zu allen Diensten. Eine lange Unterredung
begann. Das Resultat war ungefähr so, wie Anton nach den Warnungen des
Justizkommissars Walter und der Beamten zu Rosmin gefürchtet hatte. Der
abgeführte Verwalter hatte in den letzten Wochen noch nach Kräften gearbeitet,
das Inventarium zu verwüsten; er war sicher geworden durch ein Gerücht, das aus
der Stadt in die Dörfer gedrungen war, auch der neue Besitzer werde die Güter
nicht übernehmen. Endlich schloss Anton die Verhandlung mit den Worten: »Was
jener schlechte Mann veruntreut hat, darüber wird er Rechenschaft ablegen;
unsere nächste Sorge ist, festzuhalten, was auf den Gütern noch vorhanden ist.
Ihr müsst heut unsern Führer machen.«
    So durchsuchten sie den menschenleeren Hofraum. - Vier Pferde mit zwei
Knechten - sie waren in das Holz gefahren - wenige schadhafte Pflüge, ein Paar
Eggen, zwei Leiterwagen, eine Britschka, ein Keller mit Kartoffeln, einige
Wispel Hafer, wenig Stroh - die Aufzeichnung nahm keinen grossen Raum in
Anspruch; die Gebäude waren sämtlich schadhaft, nicht durch hohes Alter, sondern
durch die Gleichgültigkeit der Menschen, welche das Eindringen der Elemente seit
Jahren nicht verhindert hatten.
    »Wo steht das Wohnhaus?« frug Anton. Der Wirt führte aus dem Hofraum auf den
Anger, eine weite Fläche, welche allmählich zu dem Ufer des Baches abfiel. Es
war eine grosse Viehtrift. Die Rinder und Schafe hatten Löcher ausgetreten, die
Rüssel begehrlicher Schweine hatten den Boden aufgewühlt, graue Maulwurfshügel
und üppige Grasbüschel erhoben sich auf dem Grund. Der Wirt streckte die Hand
aus: »Dort ist das Schloss. Dies Schloss ist berühmt in der ganzen Umgegend«,
fügte er mit Bewunderung hinzu, »ein solches steinernes Haus hat kein Edelmann
im Kreise. Die Herren im Lande wohnen hier alle in Lehm und Holz. Auch der
reichste, der von Tarow, hat nur ein niedriges Haus.«
    Etwa dreihundert Schritt von der letzten Scheuer erhob sich ein mächtiger
Bau von rohen Backsteinen, mit schwarzem Schieferdach und einem dicken runden
Turm. Das finstere Mauerwerk auf dem Weideland ohne Bäume, ohne eine Spur von
Leben, stand unter dem grauen Wolkenhimmel wie eine gespenstige Festung, welche
ein hässlicher Geist aus den Tiefen der Erde gehoben hat, um von ihr aus das
grüne Leben der Landschaft zu vernichten.
    Die Männer traten näher heran. Das Schloss war zur Ruine geworden, bevor die
erbauenden Handwerker ihre Arbeit vollendet hatten. Seit uralter Zeit hatte an
dieser Stelle der unförmliche Turm gestanden, er war aus grossen Feldsteinen
gemauert, mit kleinen Fenstern und Zuglöchern. Die alten Herren der Landschaft
hatten von seiner Höhe auf die Wipfel der Bäume gesehen, welche damals wohl noch
weiter in die Ebene hineinreichten; sie hatten von dort aus als strenge Herren
mit den Leibeigenen geschaltet, die vor ihren Füssen das Land bauten und für sie
arbeiteten und starben. Mancher Sarmatenpfeil war durch die kleinen Fenster auf
den ansprengenden Feind herabgeflogen, und manches anstürmende Tartarenpferd war
zurückgeprallt vor der feindlichen Steinmauer. An diesen grauen Turm hatte vor
vielen Jahren ein Despot der Landschaft die Mauern eines frommen Klosters zur
Busse für begangene Sünden aufgebaut. Aber das Kloster war niemals fertig
geworden, und lange hatten die Mauern zwecklos dagestanden, bis der verstorbene
Graf sie zu einem Herrenhaus für sein Geschlecht ausbaute. Er wollte einen
Prachtbau aufführen, wie die Umgegend keinen anderen kannte.
    Die Front des Hauses war so an den Turm gemauert, dass er in ihrer Mitte
stand, und aus der geraden Linie im Halbkreis vorsprang, zwei Flügel des neuen
Baues gingen auf den Bach hin. Es war die Absicht gewesen, eine hohe Rampe vor
dem Schloss aufzuführen, der Haupteingang war in den Turm eingeschlagen und
ausgewölbt worden, aber die Rampe war nicht aufgeschüttet, und die steinerne
Schwelle der Haustür lag weit über Manneshöhe in der Turmmauer, ohne Leiter
nicht zu betreten. Keine Tür verschloss die grosse Öffnung. Die Fensterlöcher des
untern Stocks wiesen noch die rohe Mauer, sie waren mit Brettern notdürftig
verschlagen, im obern Stock waren einzelne Fenster mit künstlichen Rahmen von
gedrehtem Holz verziert, und grosse Scheiben hatte man eingefugt, aber wieder
zerschlagen. In andern Fensterlöchern hingen Notrahmen aus rohem Kiefernholz mit
kleinen trüben Glasaugen. Auf der Zinne des Turms sass eine Gesellschaft Dohlen
und blickte verwundert herab auf die fremden Männer, zuweilen flog eine mit
lautem Schrei auf und liess sich an einer andern Stelle des Daches nieder, um
wieder auf die Unwillkommenen herabzustarren.
    »Ein Haus für Krähen und Fledermäuse, aber nicht für Menschen«, rief Anton;
»noch sehe ich keinen Zugang zu diesem Räuberschloss.« Der Wirt führte um das
Gebäude herum. Auf der hinteren Seite, wo zwei Flügel die Form eines Hufeisens
bildeten, waren niedrige Eingänge zum Erdgeschoss und den Kellern, dort unten
waren Ställe, grosse gewölbte Kochräume und kleine Zellen für die unfreien
Diener. Von dem Anger aber lief eine Holztreppe hinauf in das untere Stockwerk.
Knarrend bewegte sich die Tür in ihren Angeln, ein schmaler Gang führte durch
den Seitenflügel in die Räume des Vorderhauses. Dort war alles in grossen
Verhältnissen angelegt und auf eine reiche Ausstattung berechnet. Die runde
Vorhalle, ein Gewölbe des alten Turms, war mit bunten Marmorstücken mosaikartig
gepflastert, aus ihr sah man durch die grosse Türöffnung hinaus in das Freie.
Eine breite Treppe, wie für ein Königsschloss, führte in den obern Stock. Hier
wölbte sich eine zweite runde Halle mit kleinen Fensterlöchern, das zweite
Stockwerk des Turms. Zu ihren beiden Seiten lag die Reihe der Zimmer. Überall
hohe wüste Räume, schwere eichene Flügeltüren und schmutzige Kalkwände; die
Decken waren aus dicken Fichtenstämmen gezimmert, die im Schachbrett
ineinandergefügt waren, in einigen Stuben standen ungeheure grüne Kachelöfen, in
andern fehlten die Öfen ganz, in einigen war der Fussboden kunstvolles Tafelwerk,
in andern knorrige Kiefernbretter; ein grosser Saal mit zwei riesigen Kaminen für
Klafterscheite hatte eine Notdecke von alten Latten. Das Schloss war angelegt für
einen wilden asiatischen Hofhalt, für Tapeten von Leder und Seide aus
Frankreich, für kostbare Holzbekleidung aus England, für massives Silbergerät
aus deutschen Bergwerken, für einen stolzen Herrn, für zahlreiche Gäste und für
eine Schar leibeigener Knechte, welche die Hallen und Vorzimmer anfüllen
sollten. Der Erbauer des Schlosses hatte an das reichliche Leben seiner wilden
Ahnherren gedacht, als er den Bau ausführen liess, er hatte dafür Hunderte von
Stämmen aus seinem Walde niedergeschlagen, und seine Leibeigenen hatten mit
ihren Beinen und Händen viele tausend Ziegel geknetet, aber die Zeit, die
unerbittliche, hatte ihren Finger aufgehoben gegen seine Pläne, und nichts war
lebendig geworden, was er gehofft hatte. Er selbst war verdorben und gestorben
während des Baues, und sein Sohn, ein Kind der Fremde, hatte den Untergang
seines Erbes im fernen Lande, so sehr als einem Unsinnigen möglich, beeilt.
Jetzt standen die Mauern des Slawenschlosses mit geöffneten Türen und Fenstern,
aber kein Gastfreund sprach im Eintreten dem Hause seinen Glückwunsch, nur
wildes Geflügel flog aus und ein, und der Marder schlich neugierig über die
Balkenlage. Nutzlos und hässlich standen die Mauern, sie drohten zu zerbröckeln
und zu zerfallen wie das Geschlecht, das hier gehaust hatte.
    Anton ging mit schnellen Schritten aus einem Zimmer in das andere, vergebens
hoffte er einen Raum zu finden, in dem er sich die beiden Frauen denken konnte,
welche auf diese Wohnung wie auf ein letztes Asyl hofften. Er öffnete eine Tür
nach der andern, er stieg über die knisternden Treppen in die Höhe und wieder
herunter, er störte die Vögel auf, welche durch die Öffnungen eingedrungen waren
und noch an den Nestern des letzten Sommers hingen, aber er fand nichts, als
unwohnliche Räume mit schmutzigen Kalkwänden oder rohen Mauern, überall Zugluft,
klaffende Türen, verblindete Fenster. In dem grossen Saale war etwas Hafer
aufgeschüttet; einige Zimmer des Oberstocks mochten früher zum notdürftigen
Aufentalt für Menschen gedient haben, schlechte Stühle und ein roher Tisch war
alles, was sich von Möbeln vorfand.
    Endlich betrat Anton die verfallene Treppe des Turmes und stieg auf die
Plattform. Dort sah er über den Mauerrand in die Tiefe und hinaus in die Ebene.
Zu seiner linken Seite sank die Sonne hinter grauen Wolkenmassen hinab in den
dunkeln Schatten der Nadelwälder, zur rechten Seite lag das unregelmässige
Viereck des Wirtschaftshofes, dahinter an der Landstrasse die unschönen Hütten
des Dorfes, in seinem Rücken der Bach, der von der untergehenden Sonne her nach
dem Dorf zu floss, und an seinen Ufern einen Streifen Wiesenland zeigte. Um die
Wiesen und den Anger lagen die Ackerstücke wie in toter Ruhe, ein unreines Grün
war auf den meisten aufgeschossen, nur wenige lagen in braunen Schollen, den
Zeichen neuer Kultur. Auf dem Ackerboden erhoben sich hier und da wilde
Birnbäume, die Freude des polnischen Landes, starke Stämme mit einer mächtigen
Krone; unter jedem war eine Insel von Gras- und Pflanzenbüscheln, buntgefärbt
durch das abgefallene Laub. Die wilden Bäume allein, die Wohnungen zahlloser
Vögel, unterbrachen die einförmige Fläche, sie und am Rande des Gesichtskreises
der dunkle Wald. Denn hinter Wiese und Feld und hinter dem gelben Sande umschloss
einförmiges Nadelholz die Aussicht. Der Himmel grau, der Boden missfarbig, die
Bäume und Sträucher am Bach ohne Grün, und der Wald mit seinen Vorsprüngen und
Buchten einem Walle gleich, welcher diesen Erdfleck abschied von allen Menschen,
von aller Bildung, von jeder Freude und Schönheit des Lebens.
    Antons Herz wurde schwer. »Arme Lenore, ihr armen Leute!« seufzte er laut
und faltete traurig die Hände. »Es sieht hier abscheulich aus, aber das lässt
sich bessern. Wer Geld und Geschmack hat, der Mensch kann alles. Man kann dies
Haus ausbauen und schmücken, ohne ungewöhnliche Kosten, Vorhänge, Teppiche,
einige hundert Fuss Goldleisten, der Tapezierer und Maler würden es in ein
stattliches Schloss verwandeln. Leicht wäre der Anger geebnet, mit feinem Gras
besät, einige Blumenbeete von leuchtenden Farben hineingesetzt, dahinter eine
Anzahl Büsche gepflanzt, die Hütten des Dorfes durch Baumlaub versteckt. Und
käme dann zu Haus und Park das Gefühl der Kraft und Tätigkeit, dann könnte auch
diese Landschaft, die trostloseste und ödeste, ein heiteres Bild werden. Es ist
nichts dazu nötig, als Kapital, Menschenkraft und ein geordneter Sinn. Wie aber
will der Freiherr diese Güter finden? Die behagliche Einrichtung dieses Hauses
sollte die Blüte eines tätigen und erfolgreichen Lebens sein, und das Leben des
Hausherrn ist zerbrochen, sie kann mit Verstand nur geschehen aus den
Überschüssen, welche dieses Gut seinem Herrn bereitwillig gewährt, und Tausende
von Talern werden nötig sein, um in dieser Unordnung die Anfänge eines neuen
Lebens zu schaffen, und Jahre werden vergehen, bevor der Boden mehr trägt, als
die Wirtschaftskosten oder dürftige Interessen des angelegten Kapitals.«
    Unterdes betrachtete Karl zwei Zimmer des Oberstocks mit Kennerblick. »Diese
beiden gefallen mir vor allen anderen«, sagte er zu dem Wirt. »Sie haben
gekalkte Wände, sie haben Fussböden, sie haben Öfen, ja sie haben sogar Fenster.
Zwar sind die Scheiben schadhaft, aber bis der Glaser kommt, ist dickes Papier
nicht zu verachten. Hier richten wir uns ein. Könnt Ihr mir etwas holen, was mit
Besen und Scheuerlappen umzugehen weiss? Gut, Ihr könnt's; und hört, sucht einige
Bogen Papier zurecht, einen Leimtiegel führe ich mit mir. Wir wollen auf der
Stelle Holz holen, dann will ich einheizen, Leim kochen, Papierfenster einsetzen
und Ritze verkleben. Vor allem aber helft mir unser Gepäck vom Hof herschaffen.
Rasch vorwärts.«
    Er riss durch seinen Eifer den Wirt fort, das Gepäck wurde in die Stube
getragen, Karl packte eine Kiste mit allerlei Handwerkszeug aus, und der Wirt
lief nach der Schenke, seine Magd zu rufen.
    Unterdes trabten auf der Landstrasse einige Reiter dem Hofe zu, stattliche
Männer in Herrentracht; sie hielten vor der Wohnung des Beamten. Einer von ihnen
stieg ab und pochte heftig an die verschlossene Tür. Anton rief seinen
Gefährten, Karl eilte über den Anger den Fremden entgegen. Die Reiter
galoppierten heran. »Guten Tag«, rief der eine in sorgfältigem Deutsch, »ist der
Inspektor zu Haus?«
    »Wo ist der Ökonom? Wo ist Bratzky?« riefen die andern, ungeduldig wie ihre
flüchtigen Pferde.
    »Wenn Sie den früheren Inspektor dieses Gutes meinen«, erwiderte Karl
trocken, »so wird er Ihnen nicht entlaufen, obgleich Sie ihn hier nicht
vorfinden.«
    »Was soll das?« frug der erste Reiter und ritt näher an Karl heran. »Ich
ersuche Sie um Auskunft.«
    »Wollen Sie Herrn Bratzky sprechen, so müssen Sie sich nach der Stadt
bemühen, er sitzt im Stock.«
    Die Pferde bäumten, die Reiter drängten sich näher an Karl heran, lebhafte
Ausrufe in polnischer Sprache flogen von allen Lippen. »Im Stock? Weshalb?«
    »Fragen Sie meinen Herrn«, erwiderte Karl und wies auf die Tür des Turms, in
welche Anton getreten war.
    »Habe ich das Vergnügen, den neuen Eigentümer des Gutes vor mir zu sehen?«
frug der Reiter sich dem Turm nähernd hinauf und lüftete seinen Hut. Anton sah
erstaunt auf den Fremden herunter, Stimme und Gesicht erinnerten ihn an einen
Herrn mit weissen Glacehandschuhen, der in kritischer Zeit einen unangenehmen
Eifer gezeigt hatte, Standrecht über Anton zu halten. »Ich bin der
Geschäftsführer des Freiherrn von Rotsattel«, entgegnete er. Das Pferd des
Reiters tat zwei Sprünge zurück, der Reiter wandte sich schnell ab und sprach
einige Worte zu seinen Begleitern. Darauf rief ein älterer Mann mit einem
schlauen Fuchsgesicht: »Wir wollten in einer Privatangelegenheit den bisherigen
Inspektor des Gutes sprechen. Wir erfahren, dass derselbe in Haft ist, und bitten
Sie, uns zu sagen, weshalb.«
    »Er hat sich durch die Flucht der Übergabe der Güter an mich entziehen
wollen. Es ist Verdacht, dass er unredlich gehandelt hat.«
    »Sind seine Sachen mit Beschlag belegt?« frug der Reiter wieder hinauf.
    »Weshalb tun Sie diese Frage?« frug Anton zurück.
    »Um Vergebung«, entgegnete der andere, »der Mann hatte durch Zufall Akten,
welche mir gehören, in seiner Wohnung, es könnte mich in Verlegenheit setzen,
wenn mir die Disposition darüber entzogen würde.«
    »Seine Effekten sind mit ihm nach der Stadt geschafft worden«, erwiderte
Anton. Wieder fuhren die Pferde der Reiter durcheinander, eine leise Unterredung
entstand, dann stoben die Fremden mit kurzem Gruss in gestrecktem Galopp zurück
nach dem Dorfe, dort hielten sie einen Augenblick vor der Schenke und
verschwanden endlich auf dem Fahrweg hinter dem Walde.
    »Was wollten die, Herr Wohlfart?« frug Karl. »Das war ein Besuch im
Sturmwind.«
    »Jawohl«, erwiderte Anton, »auch ich habe Grund, ihn für auffallend zu
halten. Wenn ich nicht irre, habe ich einen der Herren bereits in ganz anderer
Umgebung gesehn. Wahrscheinlich hat dieser Herr Bratzky sich Freunde zu erwerben
gewusst durch ungerechten Mammon.«
    Der Abend hüllte Schloss und Wald in seine grauen Decken. Die Knechte kehrten
mit den Pferden aus dem Walde zurück, Karl führte sie vor Antons Augen, hielt
ihnen in polnischer Sprache eine kurze Rede und nahm sie für den neuen Herrn in
Pflicht. Dann kam noch der Wirt zum Rechten sehen, er brachte Wasser und eine
Tracht Holz und sagte zu Anton: »Ich bitte den gnädigen Herrn, vorsichtig zu
sein in der Nacht, die Bauern sitzen in der Schenke und räsonieren über Ihre
Ankunft, es sind schlechte Leute darunter; ich traue nicht, dass nicht einer zur
Nacht einen Schwefelfaden in das Stroh steckt und Ihnen den Hof abbrennt.«
    »Ich traue, es tut's keiner«, entgegnete Karl, einen neuen Holzblock in den
Ofen werfend. »Es bläst ein hübscher Wind gerade auf das Dorf zu, 's wird
niemand ein Narr sein und sich selbst die volle Scheuer in Brand stecken. Wir
wollen dafür sorgen, dass derselbe Westwind von heut ab immer weht, solange wir
hier sind. Sagt das Euren Leuten. - Habt Ihr mir die beiden Kartoffeln
mitgebracht?«
    Anton bestellte den Wirt zum nächsten Morgen, und die beiden Gefährten waren
allein in dem öden Hause.
    »Auf das Anlegen dürfen Sie nichts geben, Herr Anton«, fuhr Karl fort, »es
ist überall in der Welt die Unart betrunkener Schlingel, mit Feuer zu drohen. -
Und zuletzt - mit Respekt zu sagen - wär's auch noch kein grosser Schaden. -
Jetzt, Herr Anton, sind wir unter uns, jetzt sieht man sowenig als möglich von
dieser polnischen Wirtschaft, jetzt fängt's an und wird gemütlich.«
    »Du hast recht«, sagte Anton und schob sich einen Schemel zum Ofen.
    In den grünen Kacheln knisterte das Holz, und der rote Schein der Flamme
versuchte auf dem Fussboden einen feurigen Teppich zu malen und streifige Lichter
und Schatten durch die ganze Stube zu ziehn.
    »Die Wärme tut wohl«, sagte Anton, »aber riechst du keinen Rauch?«
    »Natürlich«, erwiderte Karl, welcher vor dem Ofenloch mit seinem Messer
runde Löcher in die Kartoffeln bohrte. »Gerade die besten Öfen rauchen am
Anfange des Winters am kräftigsten, bis sie sich wieder an ihre Arbeit gewöhnen:
Und vollends dieser grüne Dickkopf hier hat vielleicht seit einem Menschenalter
kein Feuer gesehn; es ist in der Ordnung, dass er nicht sogleich in Zug kommt.
Bitte, schneiden Sie ein Stück Brot ab und streichen Sie hier den Ritz zu, ich
verfertige unsere Leuchter.« Er holte ein grosses Paket Lichter hervor, steckte
in jede Kartoffel ein Licht, schnitt die halbe untere Rundung ab und stellte sie
auf den Tisch, dann setzte er die Blechbüchse auf: »Die ist unerschöpflich«,
sagte er, »sie hält noch über morgen mittag vor.«
    »Gewiss«, stimmte Anton vergnügt bei. »Ich habe einen merkwürdigen Appetit.
Und jetzt lass uns überlegen, wie wir unsre Wirtschaft einrichten. Was wir von
Hausrat nicht entbehren können, holen wir aus der Stadt, ich will sogleich ein
Verzeichnis machen. Das eine Licht löschen wir wieder aus, wir müssen sparen.«
    So verging der Abend unter guten Plänen, Karl machte die Entdeckung, dass er
aus Kisten und Brettern einen Teil der Möbel in wenig Stunden zusammenschlagen
konnte. Und lustig klang zuweilen das Lachen der Genossen in den Wänden des
Starostenhauses wider. Endlich riet Anton zu Bett zu gehn. Sie schüttelten ihr
Lager aus Stroh und Heu zurecht, schnallten die Mantelsäcke auf und holten ihre
Matratzenstücke und Decken hervor. Karl befestigte ein Schraubenschloss aus
seinem Kasten an der Stubentür, untersuchte die Ladung des Karabiners, ergriff
seine Kartoffel und sagte salutierend: »Wann befehlen der Herr
Generalbevollmächtigte morgen geweckt zu werden?«
    »Du guter Junge«, rief Anton, die Hand von seinem Lager nach ihm
ausstreckend.
    So ging Karl in das Nebenzimmer, das er für sich ausgesucht hatte. Kurz
darauf verlöschten die beiden Lichter, der erste Schimmer des Lebens, welcher in
dem verlassenen Hause wieder aufgeglüht war. In dem Ofen knackten noch lange die
kleinen Kobolde des Hauses über dem neuen Feuer, sie summten in dem Rauchfang,
sie klopften an Türen und Fenster, erstaunt über das Treiben der fremden Männer.
Endlich fuhren sie zusammen in eine Ecke des alten Turmes und fingen an, sich zu
streiten, ob die Flamme, die heut abend angezündet war, von jetzt ab fortbrennen
würde, und ob aus den Fenstern von jetzt ab alle Tage ein fröhliches Licht
hinausfallen würde auf den Anger, die Felder, den Wald. Und während sie
zweifelten, ob das Neue stark genug sei, sich zu erhalten, trieb der Rauch die
Fledermäuse aus ihrer Wohnung im Schornstein, dass sie schlaftrunken um die
Zinnen des Turms flatterten; und die Käuze im Mauerritz schüttelten ihren dicken
Kopf und stöhnten über die neue Zeit.
 
                                       2
Wer immer in den gebahnten Wegen des Lebens fortgegangen ist, begrenzt durch das
Gesetz, bestimmt durch Ordnung, Sitte und Form, welche in seiner Heimat als
tausendjährige Gewohnheit von Geschlecht zu Geschlecht vererbt worden, und wer
plötzlich als einzelner unter Fremde geworfen wird, wo das Gesetz seine Rechte
nur unvollkommen zu schützen vermag, und wo er durch eigene Kraft die
Berechtigung zu leben sich alle Tage erkämpfen muss; der erst erkennt den Segen
der heiligen Kreise, welche um jeden einzelnen Menschen Tausende der Mitlebenden
bilden, die Familie, seine Arbeitsgenossen, sein Volksstamm, sein Staat. Ob er
in der Fremde verliere, oder gewinne, er wird ein anderer. Ist er ein
Schwächling, so wird er die eigene Art den fremden Gewalten opfern, in deren
Bannkreis er getreten ist. Hat er Stoff zu einem Manne, jetzt wird er einer.
Doppelt teuer werden seiner Seele die Güter, in deren Besitz er aufgewachsen
war, vielleicht auch die Vorurteile, die an seinem Leben hingen; und manches,
was er sonst gleichgültig angesehen hatte, wie Luft und Sonnenschein, das wird
jetzt sein höchstes Gut. Erst im Auslande lernt man den Reiz des Heimatdialekts
geniessen, erst in der Fremde erkennt man, was das Vaterland ist.
    Auch Anton sollte erproben, was er besass und was ihm noch fehlte.
    Am nächsten Morgen begann die Besichtigung der Bodenfläche. Die Besitzung
bestand aus dem Hauptgut und drei Vorwerken, nur die Hälfte des Bodens stand
unter der Pflugschar, ein kleiner Teil lag in Wiesen, fast die Hälfte war Wald
und an dem Saume desselben nackter Sand. Schloss und Dorf lagen ungefähr in der
Mitte der grossen Lichtung, zwei Vorwerke an den entgegengesetzten Enden gegen
Morgen und Abend, beide durch Vorsprünge des Waldes versteckt. Das dritte
Vorwerk im Süden war durch den Wald ganz von dem Gute getrennt, es lehnte sich
an ein anderes polnisches Dorf, hatte einen eigenen Wirtschaftshof und wurde
seit alter Zeit als getrenntes Gut bearbeitet. Es umfasste über den vierten Teil
der Bodenfläche, hatte eine Brennerei und war seit einigen Jahren in Pacht des
Branntweinbrenners, eines wohlhabenden Mannes. Der Kontrakt des Pächters war
durch Ehrental auf einige Jahre verlängert worden, der Pachtzins war niedrig
und mehr zum Vorteil des Arrendators als der Gutsherrschaft festgesetzt. Doch
war dies Pachtverhältnis gegenwärtig ein Glück für das Gut, weil es von einem
Teil desselben Einkünfte gewährte. Der verwüstete Wald stand unter einem
Förster.
    Der erste Gang durch die Flur des Hauptgutes war so unerfreulich als
möglich; die Felder waren für die Winterfrucht fast ohne Ausnahme nicht
bestellt, und wo ein kleiner Teil die Spuren der Pflugschar zeigte, da war sie
durch die Bewohner des Dorfes hingetragen worden, welche das herrenlose Gut als
ihre Beute betrachteten und die fremden Ansiedler mürrisch und mit verhaltenem
Grimme anstarrten. Seit Jahren hatten sie keine Hand- und Spanndienste
geleistet, und der Schulze, den Anton herbeirufen liess, erklärte trotzig, die
Gemeinde werde sich nicht gefallen lassen, dass die alte Zeit wiederkehre. Er gab
vor, kein Wort deutsch zu verstehen, auch Karls Beredsamkeit vermochte nur
unbehilfliche Reden aus ihm herauszubringen. Der Ackerboden selbst,
vernachlässigt und durch Unkräuter entstellt, war in vielen Feldstücken besser
als Anton erwartet hatte, und der Schenkwirt rühmte seine Erträge; nur in der
Nähe des Waldes erwies er sich als dürftig, auf manchen Stücken gar nicht für
Fruchtbau geeignet.
    »Das wird ein ernster Tag«, sagte Anton, seine Brieftasche einsteckend. »Lass
die Britschka anspannen, wir fahren zu den Kühen. «
    Das Vorwerk, auf welchem das Rindvieh einquartiert war, lag gegen Abend,
eine halbe Stunde vom Schloss entfernt. Ein erbärmlicher Stall, daran die
Wohnung eines Knechtes, das war alles. Die Rinderherde und zwei Paar Zugochsen
waren dem Grossknecht übergeben, er hauste dort mit seiner Frau und einem
schwachsinnigen Hirten. Die Leute verstanden nur wenig Deutsch und flössten kein
Zutrauen ein; die Frau war eine unsaubere Dame ohne Schuhe und Strümpfe, deren
Milchschüsseln die reinigende Macht des Wassers wohl selten erfahren hatten. Der
Knecht und zuweilen der Hirt pflügten mit den Ochsen, wo ihnen gerade gut
schien, die Herde weidete auf den ungebauten Äckern um das Vorwerk. »Hier ist
Arbeit für dich«, sagte Anton, »untersuche die Herde und was du etwa von
Winterfutter findest. Ich notiere die Gebäude und das Gerät.« Karl berichtete:
»Vierundzwanzig Milchkühe, halb soviel Jungvieh und ein alter Stier; höchstens
ein Dutzend Kühe sind brauchbar, die andern unnütze Grasfresser. Das Ganze ist
schlechte Rasse; es sind früher einmal fremde Kühe, wahrscheinlich Schweizer,
hierhergeschaft worden, und ein Zuchtstier, der für den hiesigen Schlag viel zu
gross war, so sind hässliche Mischlinge entstanden. Die besten Stücke sind
offenbar ausgetauscht, denn einiges elende Landvieh läuft in der Herde, das sich
apart zusammenhält, es kann noch nicht lange bei den andern sein. Von Futter ist
etwas Heu für den Winter, und einige Stock Haferstroh da, Streu fehlt ganz.«
    »Die Gebäude sind trostlos«, rief Anton. »Fahr, Kutscher, nach der
Brennerei. - Ich habe den Pachtvertrag genau durchgesehen und bin dort noch am
besten orientiert.«
    Der Wagen rollte auf einer schlechten Brücke über den Bach, dann über Äcker
und über eine kahle Sandfläche, spärlich mit Wolfsmilch und Sandgras bewachsen,
in deren Wurzeln zuweilen das Samenkorn einer Kiefer gekeimt hatte und als
krummer Strauch seine Äste über den Sand legte. Darauf kam der Wald, Büsche aus
Stangenholz mit weiten Zwischenräumen, zwischen denen der nackte Sand zutage
lag, überall Wurzelstöcke der geschlagenen Bäume, mit Flechten und Büscheln
Heidekraut umwachsen. Schritt um Schritt wateten die Pferde durch den lockern
Sand, keiner der beiden Gefährten sprach, ungeduldig haftete ihr Blick auf jedem
Baum, den ein günstiger Zufall höher und breiter geformt hatte, als die
dürftigen Nachbarn.
    Endlich erweiterte sich die Aussicht, noch ein Dutzend Kiefernbäume am Wege,
und wieder lag eine Ebene vor den Reisenden, ebenso einförmig, ebenso mit Wald
eingefasst, wie die Ackerinsel, aus welcher sie kamen. Vor ihnen stand ein
Kirchdorf, sie fuhren bei einem hölzernen Kruzifix vorüber und hielten auf dem
Hofe des Vorwerks. Der Pächter hatte wohl schon ihre Ankunft gehört,
wahrscheinlich war er mit den Verhältnissen des Freiherrn besser bekannt, als
Anton lieb war; denn er empfing seinen Besuch mit einer Gönnermiene und steifem
Nacken. Kaum dass er sie in ein leeres Zimmer führte. Und eine seiner Fragen war:
»Glauben Sie denn, dass der Rotsattel das Gut wird behaupten können? Es ist viel
daran zu tun, und wie ich höre, ist der Mann nicht im Stande, Kapitalien
hineinzustecken.«
    Die anmassende Kälte erbitterte Anton, aber er erwiderte mit der zähen Ruhe,
welche der Handelsverkehr dem Eingeweihten gibt: »Wenn Sie mich fragen, ob der
Freiherr von Rotsattel die Herrschaft behaupten wird, so erwidere ich Ihnen,
dass er dies um so eher imstande sein wird, je gewissenhafter seine Pächter und
Zinsleute ihren Verpflichtungen gegen ihn nachkommen. Gegenwärtig bin ich hier,
um nachzusehn, ob Sie selbst diese Pflichten erfüllt haben. Ich bin
bevollmächtigt, Ihr Inventarium auf Grund Ihres Pachtvertrags durchzusehen. Und
wenn Ihnen an dem guten Willen des Freiherrn jetzt und in der Zukunft gelegen
sein sollte, so gebe ich Ihnen den wohlmeinenden Rat, höflicher gegen seinen
Stellvertreter zu sein.«
    »Der gute Wille des Barons ist mir ganz gleichgültig«, erwiderte der
aufgeblasene Pächter. »Aber da Sie von Ihrer Vollmacht reden, so zeigen Sie mir
doch das Papier.«
    »Hier ist sie«, sagte Anton, ruhig das Dokument aus der Tasche ziehend.
    Der Arrendator sah die Schrift sorgfältig durch, oder gab sich wenigstens
den Anschein, endlich reichte er die Blätter nachlässig zurück und sagte grob:
»Ich weiss gar nicht, ob Sie das Recht haben, jetzt durch meine Wirtschaft zu
gehn. Indes habe ich nichts dawider. Gehen Sie und sehen Sie an, was Sie
wollen.« dabei setzte er seine Mütze auf und wandte sich ab, um nach der
Nebenstube zu gehen.
    Karl fasste in seinem Zorn einen Stuhl und stiess ihn auf den Boden, Anton
aber vertrat mit schnellem Schritt dem Pächter den Weg und sagte ihm in ruhigem
Geschäftston: »Ich lasse Ihnen die Wahl, ob Sie uns auf der Stelle selbst durch
die Wirtschaft führen wollen, oder ob ich eine Inventur durch das Gericht
veranlassen soll. Das letztere wird Ihnen Kosten verursachen, die ich für unnütz
halte. Ihre Anwesenheit ist notwendig, den Bestand des Inventariums
festzustellen, und deshalb sind Sie verpflichtet. Sie selbst, uns zu begleiten.
Ausserdem will ich Ihnen noch andeuten, dass jedem Pächter der gute Wille des
Eigentümers notwendig ist, wenn er eine Verlängerung seiner Pacht beabsichtigt;
und die Ihre geht in zwei Jahren zu Ende. Auch mir ist es keine Freude, in Ihrer
Gesellschaft die nächsten Stunden zuzubringen, wenn Sie aber die Pflichten des
Kontrakts und der Höflichkeit gegen mich nicht erfüllen, so wird der Eigentümer
Ihres Vorwerks jede kontraktwidrige Nachlässigkeit, welche sich hier findet,
dazu benutzen, durch die Gerichte sein Verhältnis zu Ihnen aufzulösen. Jetzt
haben Sie die Wahl.«
    Der Pächter sah einige Augenblicke verdutzt in das entschlossene Gesicht
Antons und sagte endlich: »Wenn Sie durchaus darauf bestehen, - es war nicht so
böse gemeint.« Unwillkürlich rückte er an der Mütze und ging voran in den Hof.
Anton folgte und zog wieder seine Schreibtafel heraus. Die Besichtigung begann.
Nr. 1. Wohnhaus, das Dach defekt. - Nr. 2. Kuhstall, ein Fach der Lehmwand
ausgefallen usw. - So ging es lange fort in unerquicklichem Betrachten und
Hadern. Das geschäftsmässige Wesen Antons und die kriegerische Haltung seines
Begleiters übten zuletzt ihre Wirkung auf den Pächter, er wurde kleinlauter und
murmelte sogar einige Entschuldigungen.
    Als Anton den Wagen heranwinkte, sagte er dem Mann: »Ich gebe Ihnen vier
Wochen Zeit, die bemerkten Übelstände zu beseitigen. Nach dieser Frist komme ich
wieder.« Und vom Wagen aus rief Karl dem plumpen Mann zu: »Wollten Sie
vielleicht die Güte haben, jetzt Ihre Mütze abzunehmen, wie ich tue, dies ist
der passende Augenblick. - So ist's recht, mit der Zeit werden Sie das Ding
schon lernen. Vorwärts, Kutscher! - Wenn Sie wiederkommen«, sagte er zu Anton,
»wird der Mann sein, wie ein Ohrwurm, der aus einer Pflaume kriecht. Er ist dick
geworden auf dem Vorwerk.«
    »Und das Hauptgut ist schlechter geworden durch ihn«, sagte Anton. - »Nach
dem neuen Vorwerk!«
    Ein dürftiges Wohnhaus, auf der einen Seite der lange Schafstall, auf der
andern der Pferdestall und die Scheuer.
    »Es ist merkwürdig«, sagte Karl, aus der Ferne auf die Gebäude sehend,
»dieses Dach hat keine Löcher; dort in der Ecke ist ein Viereck von neuem Stroh
eingesetzt. Bei Gott, das Dach ist ausgebessert.«
    »Hier ist die letzte Hoffnung«, erwiderte Anton.
    Als der Wagen vorfuhr, zeigte sich der Kopf einer jungen Frau am Fenster,
neben ihr ein blondhaariger Kinderkopf, beide fuhren schnell zurück.
    »Dies Vorwerk ist das Juwel des Gutes«, rief Karl und sprang über den Rand
der Britschka herunter. »Es sind deutliche Spuren einer Düngerstätte hier. Dort
läuft ein Hahn und die Hennen hinterdrein, alle Wetter, ein regulärer Hahn mit
einem Sichelschwanz. Und hier steht ein Myrtenstock am Fenster. Hurra! hier ist
eine Hausfrau, hier ist Vaterland, hier sind Deutsche.«
    Die Frau trat aus dem Hause, eine saubere Gestalt, gefolgt von dem
krausköpfigen Knaben, der beim Anblick der Fremden schleunigst seine Finger in
den Mund steckte und sich hinter der Schürze seiner Mutter verbarg. Anton frug
nach dem Mann. »Er kann Ihren Wagen vom Felde sehen, er wird sogleich hier
sein«, sagte die errötende Frau. Sie bat die Herren in die Stube und stäubte mit
ihrer Schürze eilig zwei Holzstühle ab. Es war ein kleines geweisstes Zimmer, die
Möbel mit roter Ölfarbe gestrichen, aber sauber gewaschen, im Kachelofen
brodelte der Kaffeetopf, in der Ecke tickte eine Schwarzwälder Uhr, und auf
einem kleinen Holzgestelle an der Wand standen zwei gemalte Porzellanfiguren und
einige Tassen, darunter wohl ein Dutzend Bücher; hinter dem kleinen Wandspiegel
aber steckte die Fliegenklappe und eine Birkenrute, sorgfältig mit rotem Band
umwunden. Es war der erste behagliche Raum, den sie auf der weiten Gutsfläche
gefunden hatten.
    »Ein Gesangbuch und eine Rute«, sagte Anton freundlich; »ich hoffe, Sie sind
eine brave Frau. Komm her, Blondkopf.« Er zog den verdutzten Knaben auf seinen
Schoss und liess ihn auf dem Knie reiten, im Schritt, im Trab und Galopp, bis der
kleine Kerl sich entschloss, seine Hände anderswo unterzubringen, als im Munde.
»Er kennt das«, sagte die Frau erfreut, »sein Vater macht's ihm gerade so, wenn
er artig ist.«
    »Sie haben eine schwere Zeit durchgemacht«, warf Anton hin.
    »Ach, Herr«, rief die Frau, »als wir hörten, dass eine deutsche Herrschaft
das Gut gekauft hatte, und dass wir jetzt alles für sie zusammenhalten müssten,
und dass sie nächstens kommen würden und vielleicht hierher ziehen, da haben wir
uns gefreut wie Kinder. Mein Mann war den ganzen Tag wie einer, der in der
Schenke gewesen ist, und ich habe vor Freuden geweint. Wir glaubten, dass jetzt
Ordnung werden sollte, und man will doch wissen, für wen man arbeitet. Mein Mann
hat ernstaft mit dem Schäfer gesprochen, - er ist auch aus unserer Gegend, -
und die beiden Männer haben miteinander abgemacht, dass sie es nicht leiden
wollen, wenn der Inspektor noch etwas verkauft. Und dasselbe hat mein Mann dem
Inspektor gesagt. Aber niemand ist gekommen in vielen Wochen, wir haben alle
Tage in der Schenke nachgefragt, und mein Mann ist in Rosmin beim Gericht
gewesen und hat sich erkundigt, bis es zuletzt hiess, sie würden gar nicht
kommen, und das Gut würde wieder verkauft werden. Da, es sind jetzt vierzehn
Tage her, ist der Inspektor mit einem fremden Fleischer angefahren und hat
verlangt, mein Mann soll ihm die Hammel übergeben. Mein Mann hat sich geweigert.
Da haben sie ihm gedroht und mit Gewalt in den Schafstall gewollt. Und der
Schäfer und mein Mann haben sich davorgestellt und die beiden zurückgeworfen.
Darauf sind diese mit Flüchen weggefahren und haben gewettert, sie werden sich
die Schafe doch holen. Seit der Zeit haben unsere Männer jede Nacht gewacht,
dort hängt die geladene Flinte, die sich der Vogt dazu geborgt hat; und wenn des
Schäfers Hund bellte und sich etwas im Hofe rührte, bin ich aufgefahren und habe
um den Mann und das Kind eine fürchterliche Angst gehabt. Es sind gefährliche
Menschen hier, Herr Oberamtmann, und Sie werden das auch finden.«
    »Ich hoffe, vieles soll jetzt besser werden«, sagte Anton. »Ihr habt ein
einsames Leben hier.«
    »Es ist wohl einsam«, sagte die Frau, »nach dem Dorfe kommen wir fast gar
nicht, und nur manchmal des Sonntags in die deutschen Dörfer, wenn wir zur
Kirche gehen. Aber es gibt immer im Hause zu schaffen, und«, fuhr sie verlegen
fort, »ich will's nur gerad heraussagen, wenn es Ihnen nicht recht ist, soll es
auch aufhören. Ich habe einen kleinen Fleck hinter der Scheuer umgegraben, wir
haben ihn eingezäunt und einen Garten daraus gemacht; da habe ich mir gezogen,
was ich für die Küche brauchte, und dann«, fuhr sie stockend fort, »dann sind
auch noch die Hühner - und auch ein Dutzend Enten, und wenn Sie nicht böse sein
wollten, die Gänse auf der Stoppelweide, und«, sie fuhr mit der Schürze an die
Augen, »noch die Kuh und das Kalb.«
    »Unser Kalb«, rief der kleine Blondkopf laut und schlug mit den Händen auf
Antons Knie.
    »Wenn Ihnen nicht recht ist, dass ich das Vieh für mich gehalten habe«, fuhr
die Frau weinend fort, »so soll ja alles aufhören. Lohn hat mein Mann und der
Schäfer seit der letzten Wollschur nicht bekommen, und was wir zum Leben
gebraucht, das haben wir uns durch Verkauf schaffen müssen; aber mein Mann hat
Rechnung geführt über alles, und er wird sie Ihnen vorlegen, damit Sie sehen,
dass wir keine unehrlichen Leute sind.«
    »Ich hoffe, es wird sich so ausweisen«, tröstete Anton die aufgeregte Frau.
»Unterdes zeigen Sie mir Ihren Garten; wenn es möglich ist, sollen Sie ihn
behalten.«
    »Es ist nichts mehr darin«, sagte die Frau entschuldigend und führte die
Gäste zu dem eingehegten Platz, dessen Beete schon in grossen Schollen umgegraben
waren für die Winterruhe. Sie beugte sich nieder, und suchte von Blumen
zusammen, was sie noch fand, einige Astern, und ihren Stolz, die Herbstveilchen.
Sie band einen Strauss und überreichte ihn Anton. »Weil Sie ein Deutscher sind«,
sagte sie dabei mit freudigem Lächeln.
    Im Hofe hörte man eilige Schritte. Der Vogt kam in der Arbeitsjacke mit
geröteten Wangen heran und stellte sich vor. Er war ein junger stattlicher Mann
von verständigem Wesen mit einem Zutraun erweckenden Gesicht. Anton sagte ihm
einiges Ermunternde, und im Diensteifer eilte der Mann ins Haus und brachte
seine Rechnungen herzu.
    »Erst betrachten wir die Wirtschaft«, sagte Anton, »die Bücher nehme ich
mit, Ihr kommt morgen auf das Schloss, dort besprechen wir das Weitere.«
    »Die Pferde sind auf dem Felde«, erklärte der Vogt, »ich selbst führe den
einen Pflug, bei dem andern muss Schäfers Knecht helfen. Es sind nur vier Pferde
hier, sonst standen zwölf in dem Stall. Wir haben in diesem Jahre wenig mehr
gebaut, als unser Deputat und Futter für das Vieh. Es fehlte an allem.« - Der
Gang durch die Wirtschaftsräume war doch erfreulich, die Gebäude waren in
erträglicher Ordnung, und die vorhandenen Vorräte gaben Hoffnung, die Herde über
den Winter zu erhalten. Zuletzt öffnete der Vogt mit freudigem Gesicht eine Tür
im Bodenraum des Wohnhauses und wies auf einen Haufen Erbsen. »Das Stroh haben
Sie über dem Schafstall gesehn, hier sind die Erbsen selber, ich habe sie vor
dem Inspektor versteckt, weil ich dachte, sie gehörten Ihnen. Es war auch
Eigennutz dabei«, fuhr er ehrlich fort, »denn wir waren so gestellt, dass wir
nichts erhielten, und ich musste auf etwas denken, was diesem Vorwerk das Leben
rettete, wenn der Winter keine Hilfe brachte.«
    Die Frau des Vogts trat mit ihrem Knaben herzu, als die Männer aufbrachen,
ihr Gesicht leuchtete vor Freude über die bevorstehende Verbesserung ihrer Lage.
    »Es ist gut«, sagte Anton lächelnd, »ich hoffe, wir werden miteinander
zurechtkommen. Und jetzt zu den Schafen. Wir gehen, kommt mit uns, Vogt.« Der
Wagen fuhr langsam über das Feld voraus, der Vogt erklärte eifrig den Zustand
der Feldstücke; nicht der vierte Teil des Ackers, welcher zu dem Vorwerk
gehörte, war bestellt, lange Strecken lagen seit Jahren als Weideland in Ruhe.
    Ungeduldig eilte Karl voraus, als sie sich dem wolligen Volk näherten,
welches gegenwärtig fast der einzige Schatz lebender Wesen war, der dem Gut
gehörte. Langsam mit breitem Schritt kam der Schäfer den Fremden entgegen,
begleitet von seinen zwei Hunden, dem erfahrenen alten, welcher gleichen Schritt
mit seinem Herrn hielt und ebenso bedächtig, wie sein Broterr das neue
Schicksal des Gutes herankommen sah, und von einem jungen Köter, der als
Lehrling in dem schweren Berufe eines Schäferhundes sich vergeblich bemühte, den
Schein ruhiger Würde zu behaupten; er lief immer wieder in jugendlicher Hitze
seinem Herrn vor und bellte die Fremden an, bis ein missbilligendes Knurren
seines erfahrenen Kameraden ihn zum Stillstehn brachte. Der Schäfer nahm mit
Förmlichkeit seinen breiten Filzhut ab und erwartete die Anrede der Fremdlinge.
Als denkender Mann und Naturkundiger wusste er allerdings, wen er vor sich sah,
aber es hätte einem, dessen ganzes Leben darauf gerichtet war, vorschnelles
Wesen an Schafen und Hunden zu bändigen, sehr schlecht gestanden, wenn er selbst
die Neugierde eines Böckleins gezeigt hätte. Der Vogt stellte mit einer
kreisförmigen Handbewegung dem Schäfer die beiden Herren vor, und der Schäfer
neigte mehrmals seinen Kopf in einer Weise, welche anzeigte, dass er die Wahrheit
der ausgesprochenen Worte vollständig begreife. »Eine hübsche Herde, Schäfer«,
redete ihn Anton an.
    »Fünfhunderfünfundzwanzig Stück«, erwiderte der Schäfer, »darunter
sechsundachtzig Lämmer, dort hinten vierzig Mastammel.« Er suchte mit
forschendem Blick in der Herde nach einem Schaf, welches die wünschenswerten
Eigenschaften eines Probestücks hatte, beugte sich nieder, fasste das Tier mit
schnellem Ruck bei den Hinterbeinen und präsentierte die Wolle. Karl begann die
Untersuchung. Es waren grosse starkgebaute Tiere, wie sie zu den Verhältnissen
des Gutes passten, und gleichmässiger in Bau und Wolle, als sich nach allem hoffen
liess. »Wenn sie Futter kriegen, geben sie ihre Wolle«, sagte der Schäfer stolz.
»Es ist Kernwolle.«
    Ein Jährling war so unvorsichtig, zu husten. Der Schäfer sah missbilligend
auf das vorlaute Tier; »die Herde ist ganz gesund«, sagte er.
    »Wie lange seid Ihr hier im Dienst?« frug Anton.
    »Neun Jahre«, erwiderte der Mann. »Als ich herkam, war das Vieh, wie die
Pudel in der Stadt, mit nacktem Hinterteil. Es hat Mühe gemacht, niemand hat
sich um die Herde bekümmert; es ist deswegen nicht schlechter gegangen. Wenn ich
nur immer Erbsenstroh gehabt hätte, und in diesem Winter die ordinären Erbsen
für die Mütter.«
    »Wollen sehn, was sich tun lässt«, erwiderte Anton; »es ist knapp in der
Wirtschaft für diesen Winter.«
    »Das ist wahr«, sagte der Schäfer, »aber das hier ist schöne Brachweide. «
    »Ich glaube gern«, sagte Anton lächelnd, »dass Eure Schafe nicht unzufrieden
sind. Es gibt wenig Felder hier, auf denen Euer Hund nicht zu jeder Jahreszeit
gebellt hat. Mit Freuden habe ich gehört, wie brav Ihr die Herde für Euren neuen
Herrn verteidigt habt. Sind die Leute hier Euch oft ärgerlich gewesen?«
    »Ich könnt's nicht sagen, Herr«, erwiderte der Schäfer, »die Menschen sind
sich überall gleich, sie wollen nicht parieren und sie haben keine Überlegung.
Ich richte eher einen Hund ab für die Herde, als einen Menschen.« Er stützte
sich breitspurig auf seinen langen Stab und sah mit Wohlgefallen auf seinen Hund
herunter, der unterdes pflichtgetreu die Herde umbellt hatte und jetzt zu seinem
Herrn zurückkam, um seine Schnauze vertraulich an den Hosen desselben
abzuwischen. »Sehen Sie diesen Hund an! Wenn ich einen Hund zwei Jahre in der
Lehre gehabt habe, so ist er entweder gut, oder er ist nicht gut. Wenn er nicht
gut ist, so jage ich ihn fort und ich bin fertig mit ihm; wenn er einmal gut
geworden ist, so kann ich mich, solange er lebt, auf ihn verlassen, wie auf mich
selber. Den Jungen dort bei den Hammeln habe ich drei Jahre im Dienst, und ich
kann keine Stunde dafür stehn, dass er nicht einen verrückten Einfall bekommt,
und anstatt meine Schafe nach rechts zu treiben, selber nach links läuft.
Deswegen sage ich, es ist auf Menschen kein Verlass.«
    »Und auf wen verlasst Ihr Euch in dieser Welt?« frug Anton. »Zuerst auf mich
selber«, sagte der Schäfer, »denn ich kenne mich, und dann auf meinen Hund
Krambow, den kenne ich auch, und ausserdem noch zuletzt, wie sich's gehört«, - er
winkte mit dem Kopf ein wenig nach der Höhe, dann pfiff er leise seinem Hunde,
Krambow fuhr wieder im Kreis um die Herde. »Und Sie«, fuhr der Schäfer fort,
»werden Sie hierbleiben bei dem Herrn Baron?«
    »Ich denke ja«, erwiderte Anton.
    »Und darf ich fragen, als was? Inspektor und Amtmann sind Sie nicht, denn
Sie haben sich die Hammel noch nicht angesehen. Die Hammel müssen fort, es ist
hohe Zeit. Also, darf ich fragen, was sind Sie bei dem neuen Herrn?«
    »Wenn's ein Titel sein soll«, erwiderte Anton, »so nennt mich
Rechnungsführer. «
    »Rechnungsführer«, sagte der Schäfer nachdenklich, »da darf ich wohl mit
Ihnen über mein Deputat reden?«
    »Das sollt Ihr, Schäfer, das nächste Mal, wenn ich Euch sehe.«
    »Es hat keine Eile«, sagte der Schäfer, »man will nur wissen, wie? In meiner
Stube ist eine Glasscheibe zerbrochen, der Glaser wird jetzt wohl wieder aufs
Schloss kommen, da bitte ich, Herr Rechnungsführer, dass Sie an mich denken.«
    Karl und der Vogt traten heran, Anton rief den Kutscher: »Nach der
Försterei!«
    »Sie wollen zum Förster?« frug der Vogt mit verlegener Miene.
    »Er will zum Förster!« wiederholte der Schäfer und trat einige Schritte
näher.
    »Weshalb wundert Euch das?« frug Anton aus dem Wagen.
    »Es ist nur« - sagte der Vogt stockend, »der Förster ist ein wunderlicher
Mann. Und wenn nicht der Herr Baron selbst kommt, so wird er sich nicht
ergeben.«
    »Wohnt er denn in einer Festung?« frug Anton lachend.
    »Er hat sich eingeschanzt«, sagte der Vogt, »und lässt niemanden in sein
Haus, er lebt auf seine eigentümliche Weise.«
    »Er ist ein Waldmensch«, sagte der Schäfer mit dem Kopfe nickend.
    »Die Polnischen sprechen, es ist ein Schwarzkünstler«, fuhr der Vogt fort.
    »Er kann verschwinden«, rief der Schäfer.
    »Glaubt Ihr das auch?« frug Karl erfreut.
    »Es gibt keine Hexriche«, sagte der Schäfer mit starker Missbilligung dieses
Vorurteils, »die im Dorfe halten manchen dafür. Der Förster ist ein natürlicher
Mann. «
    »Er ist im Grunde ein guter Mann, aber er hat seinen Eigensinn«, sagte der
Vogt.
    »Ich hoffe, er wird meine Vollmacht respektieren«, entgegnete Anton, »es
wäre sein Schaden, wenn er es nicht täte. «
    »Es wird doch besser sein, wenn ich mit dem Förster spreche«, bat der Vogt.
»Wenn Sie mir erlauben wollen, mit Ihnen zu fahren - er hat zu mir ein gutes
Zutrauen.«
    »Meinetwegen«, schloss Anton, »nehmt die Zügel, der Knecht mag unterdes den
Pflug führen, auf dem Rückweg setzen wir Euch ab. Und jetzt vorwärts zu dem
gefährlichen Mann.«
    Der Vogt lenkte in einen Feldweg, der in den Wald zwischen junges
Kiefernholz führte. Der Boden war wieder Sand, der Baumwuchs kümmerlich. Über
Wurzeln und Steine ging es auf einem Seitenwege tiefer in den Wald hinein, an
einem Schlage von fünfzehnjährigem Holz hörte der Fahrweg auf, der Vogt schlang
die Zügel um einen Baumstamm und bat die Herren auszusteigen. Auf schmalem
Fusspfade schritten sie durch dickes Kieferngebüsch vorwärts, die langen Nadeln
streiften an ihre Kleider, die eingeschlossene Luft war mit kräftigem Waldgeruch
angefüllt. Hinter dem jungen Holz senkte sich der Boden, der Grund wurde feucht,
grünes Moos hatte seine weichen Polster ausgebreitet, und eine Gruppe mächtiger
Föhren streckte ihre dunklen Kronen hoch in die Luft. Hier lag das Försterhaus,
von den braunen Ästen der Waldbäume überdacht, ein niedriger Holzbau von einem
starken Bretterzaun umgeben, um dessen Aussenseite eine dreifache Reihe junger
Fichten als Hecke gepflanzt war. Ein kleiner Quell rieselte unter dem Holz des
Zauns hervor, von den Wedeln grosser Farnkräuter überdeckt fiel er murmelnd über
einige Steine. Unten das saftige Moosgrün, darüber die Stämme hundertjähriger
Bäume mit bärtigen Flechten bewachsen, und darin das Haus hinter grünendem Zaune
versteckt, das war ein Anblick, der zwischen Sand und Heide wohl erfreuen musste.
Nirgend war ein Weg zu sehen, auf dem Moose nicht einmal die Spuren eines
Fusstritts, nur das Hundegebell im Hofe verkündete, dass nicht Frau Holle oder die
sieben kleinen Zwerge in der Hütte wohnten, sondern leibhaftige Menschen. Die
Männer gingen um den Zaun herum, bis sie an eine schmale Tür kamen, die aus
starken Bohlen zusammengenagelt und fest verschlossen war.
    »Sein Dompfaff sitzt oben am Fenster«, sagte der Vogt, »er ist zu Hause.«
    »So ruft ihn an«, befahl Anton.
    »Er weiss längst, dass wir hier sind«, erwiderte der Vogt und wies auf eine
Reihe kleiner Öffnungen im Zaune; »sehen Sie die Gucklöcher? Er beobachtet uns
schon, aber das ist seine Art so. Ich muss mein Zeichen geben, sonst wird er
nicht aufmachen.« Der Vogt steckte zwei Finger in den Mund und pfiff dreimal,
aber alles blieb still. »Er ist tückisch«, sagte der Vogt bekümmert. Wieder
tönte sein gellender Pfiff, bis das Gebell der Hunde in Geheul überging, und der
Dompfaff am Dachfenster mit den Flügeln um sich schlug.
    Endlich erklang eine rauhe Stimme von der andern Seite der Wand: »Wen zum
Henker bringt Ihr mit Euch?«
    »Macht auf, Förster«, rief der Vogt, »die neue Herrschaft ist da.«
    »Geht zum Teufel mit Eurer Herrschaft«, antwortete die Stimme unwillig, »ich
habe die Zucht satt.«
    Der Vogt sah bestürzt auf Anton. »Öffnen Sie das Tor«, befahl dieser, »es
wird Ihnen nützlich sein, wenn Sie freiwillig tun, wozu ich Sie zwingen kann. «
    »Zwingen?« frug die Stimme; »seht zu, ob Ihr mit dem fertig werdet.« Der
Lauf einer Doppelflinte schob sich durch das Loch in der Tür und bewegte sich
gemächlich hin und her.
    »Das Gewehr wird Euch nichts helfen«, erwiderte Anton, »wir haben etwas bei
uns, was von heut ab in diesem Walde stärker sein soll, als die Gewalt, und das
ist unser Recht und das Gesetz.«
    »So?« frug die Stimme, »und wer sind Sie denn?«
    »Ich bin der Bevollmächtigte des neuen Gutsherrn und befehle Euch, diese Tür
zu öffnen.«
    »Heissen Sie Moses oder Levi?« rief die Stimme wieder. »Ich will mit keinem
Bevollmächtigten der Welt zu tun haben. Wer als Bevollmächtigter zu mir kommt,
den halte ich für einen Spitzbuben.«
    »I so soll doch das Donnerwetter auf Euren harten Kopf fahren«, rief Karl in
tiefster Entrüstung. »Wie könnt Ihr Euch unterstehen, von meinem Herrn so
despektierlich zu reden, Ihr verrückter Kommisstiefel!«
    »Kommisstiefel?« frug die Stimme, »das lasse ich mir gefallen, dass ist das
verständigste Wort, welches ich seit langer Zeit gehört habe.« Der Riegel schob
sich zurück, und der Förster trat vor die Tür, die er wieder hinter sich zuzog.
Er war ein kleiner breitschultriger Mann mit grauem Haar und einem langen grauen
Bart, der ihm bis auf die Brust herabhing; in dem runzligen Gesicht glänzten
zwei schlaue Augen wie Kohlen; er trug einen dicken abgeschabten Rock, dem Sonne
und Regen jede Farbe ausgezogen hatten, hielt seine Doppelflinte in der Hand und
blickte trotzig auf die Fremden. So glich er einem Stück Baumstamm aus dem
Walde. Endlich sagte er: »Wer hat hier geschimpft?«
    »Ich«, antwortete Karl vortretend, »und Ihr sollt mehr erhalten, als schwere
Worte, wenn Ihr in Eurer Insubordination fortfahrt.«
    »Was tragt Ihr für eine Mütze?« frug der Alte, Karl aufmerksam betrachtend.
    »Seid Ihr ein Pilz geworden in Eurem Walde, dass Ihr die nicht kennt?«
erwiderte Karl und schwenkte seine Soldatenmütze um den Kopf.
    »Husar?« frug der Alte. »Invalide«, erwiderte Karl.
    Der Alte wies auf ein kleines Band an seinem Rocke. »Landwehr«, sagte er,
»1813 und 1814.«
    Karl griff an die Mütze und salutierte: »Respekt, Alter; aber ein Grobian
seid Ihr doch.«
    »Na, Euch hört man's auch nicht an, dass Ihr Invalide seid«, sagte der
Förster. »Ihr seht toll genug aus, und fluchen könnt Ihr auch. Also Sie sind
keine Händler und keine Agenten?« frug er zu Anton gewandt.
    »So nehmt doch Vernunft an«, rief der Vogt. »Dieser Herr hier hat den
Auftrag, das ganze Gut zu übernehmen und von jetzt ab zu verwalten, bis die
Herrschaft selber kommt. Es wird bessere Zeit werden, Förster, der Herr ist
anders, als die in der letzten Zeit hier waren. Ihr stürzt Euch ja ins tiefste
Unglück mit Eurem widerhaarigen Wesen.«
    »So?« sagte der Förster. »Um mein Unglück kümmert Euch nicht, ich werde
schon allein damit fertig. Also Sie sind ein Bevollmächtigter? In den letzten
Jahren ist alle Augenblicke ein anderer gekommen mit einer Vollmacht. Und das
will ich Ihnen sagen«, fuhr er zornig fort und trat einige Schritte vor, »Bücher
und Rechnungen finden Sie nicht bei mir. Meine Sache steht so: Seit fünf Jahren
habe ich als Förster, der über diesen Wald gesetzt ist, mich mit den Vollmachten
herumgezankt, jede Vollmacht hat Klaftern geschlagen in ihre Tasche, und zuletzt
sind die Bauern gekommen aus allen Dörfern und haben sich Holz geholt, soviel
sie wollten, und wenn ich ihnen mein Eisen unter die Nase hielt, so hielten sie
mir einen Spitzbubenzettel von einem Bevollmächtigten unter die Nase, der ihnen
alles erlaubte. Ich hab nichts mehr zu sagen gehabt und habe hier für mich
gelebt. Wild gibt's wenig, was ich geschossen habe, habe ich aufgegessen, und
Haut und Balg verkauft, denn der Mensch muss leben. Seit fünf Jahren habe ich
keinen Pfennig Salär erhalten, ich habe mir's selbst genommen. Alle Jahre
fünfzehn Stämme von diesen hier. So weit Sie dort die Lichtung sehen, stand
neunzigjähriges Holz, fünfmal fünfzehn Stämme habe ich für mich
niedergeschlagen, noch drei Winter reichen die Stämme, die hier stehen, auf so
lange geht meine Rechnung. Wenn der letzte niedergeschlagen war, dann wollte ich
meine Hunde totschiessen und mir einen stillen Platz im Walde aussuchen.« Er sah
finster auf seine Flinte. »Dreissig Jahre habe ich hier gelebt, ich habe mein
Weib und meine Kinder auf dem deutschen Kirchhofe begraben; was jetzt mit mir
geschieht, bekümmert mich nicht. So weit um dieses Haus herum der Blaff meiner
Hunde reicht und meine Kugel trägt, ist der Wald im Stande, das andere hat den
Bevollmächtigten gehört. Das ist meine Rechnung, und jetzt machen Sie mit mir,
was Sie wollen.« Er stampfte in grosser Aufregung den Kolben auf die Erde.
    »Auf das, was Sie mir gesagt haben«, erwiderte Anton, »werde ich Ihnen
antworten in der Försterei und in der Stube, welche von jetzt ab Ihrem
Broterrn, dem Freiherrn von Rotsattel gehört.« Er schritt zu der Tür und legte
die Hand an den hölzernen Riegel: »So ergreife ich Besitz von dem Eigentum des
neuen Grundherrn.« Er öffnete die Tür und winkte dem Förster: »Halten Sie Ihre
Hunde zurück und führen Sie uns in Ihr Zimmer, wie es sich schickt.«
    Der Förster widersprach nicht, er ging langsam voran, rief die Hunde ab und
öffnete die Klinke seiner Haustür.
    Anton trat mit seinen Begleitern in die Stube. »Und jetzt, Förster«, sagte
er, »da Sie uns dies Haus geöffnet haben, will ich Ihnen zur Stelle Bescheid
sagen. Was bis zu diesem Tage an dem Walde von Ihnen geschehen ist, das ist
nicht zu ändern, und darüber soll fortan keine Rede sein. Von heut an erhalten
Sie wieder festes Gehalt und ihr Deputat, und wir werden deshalb untereinander
einen neuen Vertrag machen. Und von heute stelle ich den Wald des Gutes und
alles, was zur Wald- und Jagdgerechtigkeit gehört, unter Ihre Aufsicht. Ihre
Pflicht ist, von jetzt ab als braver Förster dem Gutsherrn zu stehen für sein
Recht, und von dieser Stunde an mache ich Sie dafür verantwortlich. Ich werde
Sie schützen bei jedem gesetzlichen Tun, wo ich selbst dies nicht vermag, werde
ich die Hilfe des Gesetzes für uns fordern. Gegen jedes Unrecht, das an dem
Walde verübt wird, werden wir strenge sein, damit die Unordnung aufhöre. Eine
bessere Zucht soll auf diesen verwilderten Gütern eingeführt werden, und der
neue Herr erwartet von Ihnen, dass Sie als gehorsamer und treuer Mann ihm dabei
helfen. Auch das wilde Leben im Busch, das Sie in den letzten Jahren geführt,
soll aufhören, wir sind Landsleute, Sie werden regelmässig auf das Schloss kommen,
und über den Wald Rapport bringen, und wir werden dafür sorgen, dass Sie sich in
Ihren alten Tagen nicht verlassen fühlen. Wollen Sie ehrlich alles tun, was ich
von Ihnen verlange, so reichen Sie mir jetzt Ihre Hand. «
    Der Förster hatte verdutzt mit abgezogener Mütze die Rede Antons angehört,
jetzt schlug er in die dargebotene Hand und sagte: »Ich will.«
    »Mit diesem Handschlag«, fuhr Anton fort, »nehme ich Sie in Pflicht und
Dienst im Namen des Gutsherrn.«
    Der Förster hielt lange mit beiden Händen die Hand Antons fest und rief
endlich: »Wenn ich's noch erlebe, dass es auf diesem Gut besser wird, so soll
mich's freuen. Ich will tun, was ich kann; aber ich sage Ihnen im voraus, es
wird harten Tanz setzen; durch die Verwalter und die liederliche Wirtschaft sind
die Gutsleute wie die Räuber geworden, und ich fürchte, meine alte Flinte wird
mehr als einmal das letzte Wort sprechen müssen.«
    »Wir werden kein Unrecht ertragen und kein Unrecht tun, den Erfolg müssen
wir abwarten«, erwiderte Anton ernst. »Und jetzt, Förster, zeigen Sie uns Ihre
Wohnung und machen Sie sich zurecht, uns in den Wald zu begleiten.« Anton
durchschritt das kleine Haus. Es war von Balken gezimmert, die Stube von innen
mit Brettern verschlagen. Durch die kleinen Fensterscheiben fiel das Licht trübe
herein, die braune Farbe der Bretterwände und die schwarze Balkendecke
vermehrten die Dunkelheit und gaben dem Zimmer ein geheimnisvolles Aussehen. Nur
undeutlich war zu erkennen, was rundum an der Wand befestigt war, Geweihe,
Hundehalsbänder, Jagdgerät und ausgestopfte Vögel. Am Ofen stand ein kleiner
Schrank mit Küchengeschirr. »Ich koche mir selbst«, sagte der Förster: »was ich
brauche, hole ich aus der Schenke.« An den Fenstern hingen Vogelbauer zu zweien
und dreien übereinander, und das Gezwitscher der kleinen Waldvögel, ein
unaufhörliches Zanken, Locken und Schwatzen, klang wie eine heimliche
Unterredung, die der Wald selbst mit seinem alten Wächter hielt. In der Nähe des
Ofens sass ein Rabe mit struppigem Gefieder, weisse Federn schimmerten an seinem
Kopf und den Flügeln und bewiesen das hohe Alter des Vogels. Er hatte seinen
Hals zusammengezogen und schien ganz in sich versunken, aber seine glänzenden
Augen beobachteten jede Bewegung der Fremden. Neben der Wohnstube war die
Schlafkammer, dort hingen die Gewehre, an dem Bett stand eine hölzerne Lade. Ein
Gitter vor dem Fenster verriet, dass hier die Zitadelle des Hauses war.
    »Wohin führt diese Tür?« frug Anton, auf eine Falltür im Boden deutend.
    »Es ist ein Kellerloch«, erwiderte der Förster zögernd.
    »Ist es gewölbt?« frug Anton.
    »Ich führe Sie wohl hinunter«, sagte der Förster, »wenn Sie allein kommen
wollen.«
    »Erwartet uns im Hofe«, rief Anton seinen Begleitern in die Stube hinein.
    Der Förster zündete eine Lampe an, verriegelte sorgfältig die Kammertür und
ging mit dem Licht voran, »Ich hätte nicht gedacht«, sagte er, »dass bei meinen
Lebzeiten ein fremdes Auge mein Geheimnis sehen sollte.« Wenige Stufen führten
hinunter in ein enges Gewölbe, das durch einen Mauerritz notdürftig Luft
erhielt. An der einen Seite aber war die Grundmauer durchbrochen, ein niedriger
Stollen führte in die Erde. Er war durch Baumstämme abgestützt, die in spitzem
Winkel aneinander ruhten.
    »Dies ist mein Dachsbau«, sagte der Förster und hielt die Lampe in die
dreieckige schwarze Öffnung; »der Weg führt unter der Erde fort in das junge
Holz. Er ist über vierzig Schritt lang, und ich habe lange Zeit gebraucht, ihn
auszugraben. Auf dem Wege krieche ich aus dem Haus und wieder herein, ohne dass
es jemand merkt; und ihm verdanke ich, dass ich hier ausgehalten habe, denn er
ist Ursache, dass die dummen Bauern mich als einen Hexenmeister fürchten. Wenn
sie mich belauert hatten, dass ich in dem Hof hineinging, und sich sicher
glaubten bei einer Dieberei, stand ich auf einmal wieder hinter ihnen. Es sind
jetzt zehn Jahre her, da überfiel eine Bande mein Haus, damals war es auf mein
Leben abgesehen, ich aber fuhr als Dachs durch die Röhre. Verraten Sie
niemandem, was ich Ihnen gezeigt habe.«
    Das versprach Anton, und sie kehrten zurück in den Hofraum. Dort fanden Sie
Karl beschäftigt, den hölzernen Trog eines jungen Fuchses zwischen vier Pflöcken
festzuklammern, die er in den Boden schlug. Der Fuchs war unempfindlich gegen
die Aufmerksamkeit des Husars, er fauchte ihn wütend an, rasselte mit seiner
Kette und suchte fortwährend unter dem Brett, durch welches ihn Karl in der
Hütte eingeschlossen hatte, die Hände und Waden des Arbeitenden anzufallen.
»Willst du mir die Hand küssen, kleiner Rotkopf!« rief Karl hämmernd, »du bist
ein artiger Junge, was du für treuherzige sanfte Augen hast! So, fertig; jetzt
spring herüber und wieder zurück. Er folgt aufs Wort, Förster. Ein gutmütiges
Tier, ganz Euer Naturell, Kamerad.«
    Der Förster lachte. »Versteht Ihr mit einem Fuchseisen umzugehen?«
    »Ich denke«, sagte Karl.
    »Es sind mehr solche Burschen hier«, fuhr der Förster fort; »wenn's Euch
recht ist, stellen wir den nächsten Sonntag zusammen.«
    So schritten alle im besten Einvernehmen durch das Holz, Anton rief den
Förster neben sich und liess sich von ihm die nötigste Auskunft geben. Was der
Alte berichtete, war freilich nicht gut, von schlagbarem Holze war kaum
vorhanden, was die Wirtschaft selbst nötig hatte. Das alte Plünderungsystem
hatte in rohester Weise den Forst ruiniert. Als der Förster am Rand des Waldes
seine Mütze zog und respektvoll frug, zu welcher Stunde er morgen auf das Schloss
kommen dürfe, da empfand Anton mit Freude, dass es ihm gelungen war, die innere
Unsicherheit zu verbergen, die ihn in den neuen Verhältnissen so sehr störte.
    »Sieh«, sagte er zu seinem Getreuen, als beide am Abend vor dem grünen
Kachelofen sassen, »das ist es, was mir hier die grösste Sorge macht; ich fühle
mich unwissend und hilflos jedem Knecht gegenüber, und ich habe doch die
Aufgabe, auch die Wirtschaft in Respekt zu erhalten. Wie wenig der gute Wille
allein nützt, habe ich in diesen beiden Tagen deutlich erkannt. Jetzt gib guten
Rat. Was sollen wir zunächst in der Wirtschaft tun?«
    »Was von Vieh unbrauchbar ist, verkaufen Sie auf der Stelle, die schlechten
Leute bei den Kühen entlassen Sie auf der Stelle. Rindvieh und Pferde bringen
Sie auf den grossen Hof zusammen, damit sie unter Aufsicht sind. Was von
Feldbestellung mit den geringen Kräften noch geschafft werden kann, das wird
regelmässig gemacht, nichts übereilt. Gekauft muss jetzt werden Stroh und Hafer.
Hier auf dem Hofe übergeben Sie bis zum nächsten Frühjahr, wo ein ordentlicher
Beamter notwendig wird, mir die Aufsicht, ich werde meine Sache nicht gut
machen, aber besser als ein anderer von Ihren Leuten.«
    Es war spät am Abend, als ein eiliger Tritt auf der Treppe gehört wurde. Mit
einer grossen Stallaterne und einem Gesicht voll von argen Neuigkeiten trat der
Schenkwirt in Antons Stube. »Ich wollte dem Herrn doch melden, was ich gehört
habe. Ein Deutscher aus Kunau, der soeben hier durchkam, hat die Nachricht
gebracht, dass der Bratzky gestern nicht in Rosmin angekommen ist.«
    »Nicht angekommen?« rief Anton aufspringend.
    »Eine halbe Meile vor Rosmin im Walde ist der Wagen von vier Reitern
überfallen worden, es war finster, der Bratzky sass gebunden im Wagen, neben ihm
der Gendarm. Die Reiter aber haben den Gendarm überwältigt und selbst gebunden,
und den Bratzky mit allen seinen Sachen vom Wagen gehoben, und fort mit ihm auf
ein Pferd und in die Büsche. Zwei Reiter sind bei dem Wagen geblieben und haben
den Kutscher gezwungen, von der Strasse abzufahren in ein Dickicht, und dort
haben sie ihre Pistolen zwei Stunden lang dem Kutscher und dem Gendarm
vorgehalten. Dann sind sie weggeritten. Der Kutscher sagt, die Pferde wären
Herrenpferde gewesen, und die Männer hätten vornehm miteinander gesprochen. Der
Gendarm ist zerstossen, sonst ist ihm nichts geschehn; nur Ihren Bericht haben
sie ihm genommen.«
    Die Stubengenossen sahen einander betroffen an und dachten an die Reiter von
gestern. »Wo ist der Mann, der die Nachricht gebracht hat?« frug Anton und griff
nach seinem Hut.
    »Er war eilig, weiter zu kommen, wegen der Finsternis«, sagte der Wirt.
»Morgen werden wir vieles hören von der Geschichte. Das ist nicht vorgekommen
seit Jahren, dass sie zu Pferde überfallen haben einen Wagen, in welchem sitzt
der Gendarm selber. Wenn sie bei uns geraubt haben, so haben sie es immer getan
zu Fuss.«
    »Habt Ihr einen der Reiter erkannt, welche gestern nachmittag im Dorfe waren
und nach dem Inspektor riefen?« frug Anton.
    Der Wirt warf einen schlauen Blick auf Anton, zögerte aber zu antworten.
    »Nun«, drängte Anton, »die Herren waren doch aus der Gegend, einen und den
andern müsst Ihr kennen.«
    »Warum soll ich ihn nicht kennen?« erwiderte der Wirt unruhig. »Es ist doch
der reiche Herr von Tarow selber mit seinen Gästen. Ein mächtiger Mann, Herr
Wohlfart, welcher hat die oberste Polizei auch über Ihre Güter. Und was er hat
zu tun gehabt mit dem Bratzky? Der Bratzky hat doch als Inspektor hier auch
versehen die Polizei, und ist manchmal gewesen ein Händler für die Edelleute
beim Pferdekauf und bei andern Dingen. Wenn die Polizei mit dem Inspektor hat
sprechen wollen, warum soll sie's nicht tun? Die von Tarow sind schlaue Leute,
sie wissen, was sie haben zu tun und was sie haben zu reden.« So sprach der Wirt
mit grosser Zungenfertigkeit, aber seine Augen und der Ausdruck seines Gesichtes
sagten etwas ganz anderes.
    »Ihr habt einen Verdacht«, rief Anton, den Wirt fixierend.
    »Soll mich Gott bewahren vor allem Verdacht«, fuhr der Wirt erschrocken
fort. »Und Herr Wohlfart, wenn ich mir erlauben darf, Ihnen zu sagen meine
Meinung, wozu wollen auch Sie haben einen Verdacht auf jemanden? Sie werden
genug zu tun haben hier im Gut und werden brauchen die Edelleute mehr als
einmal. Wozu wollen Sie sich Feinde machen ohne Nutzen? Es ist hier das Land, wo
die Herren auf einen Haufen reiten und wieder auseinander, und ihre Köpfe
zusammenstecken und dann wieder auseinander. Wer sich nicht darum kümmert, der
handelt am klügsten. «
    Als der Wirt mit einem Nachtgruss das Haus verlassen hatte, sagte Anton
finster zu seinem getreuen Gefährten: »Ich fürchte, dass nicht das Gut allein uns
Sorge machen wird, sondern dass noch etwas anderes um uns vorgeht, wogegen wir
beide mit allem Witz nichts ausrichten werden.«
    Der dreiste Überfall brachte die ganze Gegend in Aufregung. Anton wurde in
den nächsten Wochen einigemal nach Rosmin beschieden, seine Aussagen hatten
keine Resultate, es gelang den Behörden nicht, die Täter zu ermitteln oder die
Person des entführten Inspektors in ihre Gewalt zu bekommen.
 
                                       3
Die ersten Wochen vergingen den beiden Kolonisten in einer Tätigkeit, welche sie
alle Abende bis zum Tod ermüdet auf das Lager warf, langsam setzten sie sich an
dem Ort fest. Karl wurde gleich am nächsten Tage als Amtmann eingeführt und
ergriff mit fester Hand, was von Zügeln auf dem Gut noch vorhanden war. Den
Haushalt und die Küche übergab Anton einer rüstigen Frau, die er in einem
deutschen Dorf der Nachbarschaft warb, sie besorgte die einfache Kost der
Schlossbewohner und der Knechte. Die schwerste Aufgabe war, mit dem Dorfe in ein
erträgliches Verhältnis zu kommen. Der ruhigen Festigkeit Antons gelang
wenigstens, den Ausbruch der Opposition zu verhindern; eine seiner ersten
Massregeln war, dass er bei den Behörden auf Ablösung der gegenseitigen
Verpflichtungen antrug. Karls Reitermantel zog einige gediente Männer zu ihm
hin, und durch sie, die Weltleute im Dorf, erlangten die Ansiedler einigen
Einfluss auch auf die andern. Zuletzt erboten sich mehrere freiwillig, auf dem
Schloss zu dienen oder im Taglohn zu arbeiten.
    Anton hatte an die Baronin geschrieben und ihr den Zustand des Gutes, die
unfreundliche Umgebung und seine Bedenken gegen eine Übersiedelung der Familie
in diesem Winter nicht verschwiegen. Er hatte gefragt, ob sie nicht vorziehen
würden, bis zum Frühjahr in der Hauptstadt zu bleiben. Als Antwort kam ein Brief
Lenorens, worin sie ihm im Auftrag ihrer Eltern anzeigte, dass sie doch an ihrem
Entschluss festielten, die Stadt zu verlassen, wo dem Vater und ihnen selbst der
Aufentalt peinlich sei. Sie bat ihn, das Schloss soviel als möglich in
wohnlichen Stand zu setzen. Anton rief seinen Getreuen zu: »Sie kommen doch.«
    »Alle Wetter!« sagte Karl, »es ist ein Glück, dass wir uns nach den
Handwerkern erkundigt haben, Maurer, Tischler, Schlosser, Töpfer, Glaser. Wenn's
Ihnen recht ist, schicke ich auf der Stelle einen Boten nach Rosmin. Wenn ich
nur diesen schändlichen braunen Ölanstrich von den Türen losmachen könnte, er
verdeckt das schöne Eichenholz. Aber Lauge nutzt nichts. - Also wieviel Öfen
brauchen wir?«
    So begann eine eifrige Beratung. »Den ganzen Unterstock lassen wir
unausgebaut«, sagte Anton, »die Fenster verschlagen wir mit dicken Brettern, nur
an die Türöffnung der Vorhalle machen wir eine starke Tür, weil man dort alle
Stunden vorüber muss. Wie die Wände jetzt sind, können sie nicht bleiben, und wir
haben hier niemanden, als den Maurer von Rosmin.«
    »Wenn die Sache so ist«, sagte Karl, »so schlage ich vor, dass wir die Stuben
selbst malen, ich bin ein Daus im Marmorieren.«
    »Du wärst's imstande«, erwiderte Anton, mit einiger Besorgnis auf seinen
Getreuen blickend. »Nein, wir lassen alle Stuben mit gleicher Farbe streichen;
was meinst du zu Braun?«
    »Hm, hm, nicht übel«, sagte Karl.
    »Ich weiss, Fräulein Lenore liebt diese Farbe vor andern. Es muss aber nicht
zu dunkel sein, sondern eine helle Mischung aus Gelb, Grau, Rot und Grün,
vielleicht etwas Schwarz.«
    »Aha«, sagte Karl verdutzt, »so eine gewisse Farbe.«
    »Natürlich«, fuhr Anton eifrig fort und rückte seinen Stuhl näher, »wir
wollen dem Tüncher die Farbe selbst mischen.«
    »Das ist mein Fall«, stimmte Karl bei, »aber ich sage Ihnen im voraus, diese
Kalkfarben sind Racker: Sie streichen Blau auf, und den andern Tag ist's Weiss,
Sie haben das schönste Orange im Pinsel, und wenn es an der Wand getrocknet ist,
sieht's aus wie vergilbte Wäsche.«
    »Im Vertraun gesagt«, erwiderte Anton, »wir werden's den Damen doch nicht
recht machen, also denke ich, wir richten's so ein, dass es billig ist und
erträglich aussieht.«
    Am nächsten Tag begann im Hause das Hämmern und Streichen. Im unteren Stock
schlug der Tischler mit seinen Gesellen die Werkstatt auf, im oberen fuhr der
grosse Pinsel des Tünchers unermüdlich über die Wände, und weissliche Gestalten
mit grossen Schürzen trugen die Kalkgefässe treppauf treppab. Karl war in dieser
ganzen Zeit wie ein Mann mit zehn Armen, sooft er sich von der Wirtschaft frei
machen konnte, strich er mit jeder Art Pinsel auf Holz und Wände, er lief mit
einem Zollstock herum, schlug Nägel und Gardinenhaken ein und war im nächsten
Augenblick wieder auf dem Felde und im Pferdestall, überall pfiff er seine
Soldatenlieder und trieb die Arbeiter an. Als die Einrichtung des Hauses
fortschritt, wurde der Verschönerungstrieb in ihm immer mächtiger. Er hatte
einige Zentner Ölfarbe eingekauft, die er vorzüglich fand, und eine grosse
Virtuosität im Malen entwickelt. Jetzt wagte er sich daran, einer Anzahl
Gegenstände, welche ihm zum Anstreichen geeignet schienen, das Aussehen von
feinem gemaserten Holz zu geben, und es gelang ihm mit Hilfe eines Federbarts
und weicher Pinsel, grosse Wirkungen hervorzubringen. Er trug den Pinsel und
seine Verschönerungen sogar auf den Wirtschaftshof und bat Anton so lange, bis
dieser in einen Abputz der Lehmwände willigte. »Bei diesem Wetter trocknet es
wie im Sommer«, sagte Karl; »die Strohdächer kann ich nicht überstreichen, das
ist mein einziger Kummer.« Dagegen liess er sich nicht nehmen, zwei neue
Kartoffelwagen, die alte Feuertonne und die besten Pflüge mit schöner blauer
Ölfarbe zu überziehen. »Es muss in diesem Hofe doch etwas sein, woran sich das
Auge erfreut«, sagte er entschuldigend. »Und es bezahlt sich, denn diese Polen
hier gehen mit allem, was bunte Farbe hat, besser um.«
    Das Schloss war notdürftig eingerichtet, an einem kalten Dezembertage wurde
die Ankunft der Gutsherrschaft erwartet. Der Himmel selbst war den Wünschen
Karls zu Hilfe gekommen, er hatte sein reines Weiss über die Erde gezogen und
vieles Unschöne dem Auge der Ankommenden verhüllt. Der Schnee lag auf Anger und
Sand, die Gipfel der Kiefern waren mit weissen Kronen geschmückt, und an den
blätterlosen Bäumen blitzten die Zweige von prächtigen Eiskristallen. Die
hässlichen Strohdächer der Dorfhäuser waren weiss übermalt, auf dem zerbrochenen
Brückengeländer lag die Farbe aus den Wolken wie gefrorner Schaum; am Schloss
trug jeder Vorsprung der Mauer, die Zinne des Turmes, der First des Daches eine
weisse Festkappe, und kräftig stachen die braunroten Mauern davon ab. Es war für
die im Schloss ein Tag voll Geschäftigkeit und Erwartung. Wagen mit Möbeln und
Hausrat wurden abgepackt und alles, so gut es in der Eile ging, aufgestellt. Die
Schaffnerin und die Frau des Vogts wanden grosse Girlanden von Waldzweigen und
schmückten die Vorhalle und die Stubentüren. Jetzt ging die Sonne unter, und die
Silberfarbe in der Landschaft verwandelte sich in Goldglanz, dann in ein mattes
Rot, bis auch dieser Schimmer verblich und der heraufsteigende Mond Flur und
Wald mit geisterhaftem bläulichem Schein überzog. Im Hause wurden einige
Wandlampen angezündet, in den Zimmern soviel Lichter als möglich aufgestellt, in
allen Öfen brannte das Feuer, und die behaglich erwärmten Zimmer füllten sich
mit dem kräftigen Harzgeruch der Waldzweige. Nach vielen Versuchen hatte Anton
die braune Wandfarbe gefunden, nach der sein Herz strebte. Die bunten Gardinen
waren heruntergelassen, und die geöffnete Zimmerreihe sah bei dem Glanz der
Lichter heut so wohnlich aus, dass Anton erstaunt frug, wie die Arbeit weniger
Wochen eine so grosse Veränderung hervorgebracht habe. Karl hatte auf beiden
Seiten des Schlosses Pechpfannen aufgestellt, ihr loderndes Licht fiel grell auf
den Schnee und färbte in weitem Umkreise die Mauern des Hauses mit warmem Rot.
    Unten in der Vorhalle versammelten sich die Würdenträger des Gutes. Der
Förster mit einem neuen grünen Rock, auf seiner Brust die Denkzeichen der
Kriegsjahre, einen Hirschfänger an der Seite, stand in kriegerischer Haltung
neben dem Vogt und dem Schäfer. Die Schaffnerin und die Frau des Vogts hatten
ihre besten Bänder an die Hauben gesteckt und trippelten in unruhiger Erwartung
um die Männer herum. Auch Karl trat in seinem Frack zu ihnen. Unterdes schritt
Anton noch einmal durch die Zimmer und horchte nach dem Peitschenschlag, der ihm
aus der Ferne die Ankunft des Gutsherrn verkünden sollte. Ihm pochte das Herz,
auch für ihn sollte mit dem heutigen Tage eine neue Zeit beginnen. So reich an
Entbehrungen das Leben der Ansiedler bis heut auch gewesen war, er und sein
Gefährte hatten sich als Herren des Schlosses gefühlt, sie hatten in dem
stündlichen Verkehr auch sorgenvolle Stunden leicht überwunden. Jetzt war Karl
nach dem Wirtschaftshof hinübergezogen, er selbst sollte nach dem Wunsch der
Baronin in einem Zimmer des Schlosses bleiben, dadurch kam er mit der Familie in
tägliche Verbindung, und er frug sich, wie diese sein werde. Der Freiherr selbst
war ihm fast ganz fremd, nur auf Augenblicke hatte er ihn gesprochen; im
Krankenzimmer unter grossen Schmerzen hatte der Leidende die Vollmacht für ihn
unterschrieben. Seine Tätigkeit und seine Person, wie würden sie dem Freiherrn
gefallen? Und dieser Mann war blind. Ja blind. Lenore hatte geschrieben, dass der
Arzt keine Hoffnung habe, den geblendeten Augen des Vaters die Sehkraft
wiederzugeben. Aus Schonung hatte man dem Freiherrn dies Furchtbare verborgen,
er selbst tröstete sich in seiner Finsternis noch immer mit der Hoffnung, dass
die Zeit und eine geschickte Hand entfernen würden, was wie eine schwarze Wolke
über seinem Auge lag. Seinem Vertrauten hatte Anton die Wahrheit nicht
verborgen, auch den Gutsleuten hatte er sagen müssen, dass der Herr gegenwärtig
an den Augen leide und eine Binde darüber trage. Und auf den Gesichtern von
allen hatte er gelesen, wie sehr sie verstanden, dass es ein Unglück sei, wenn
dem Gut das Auge des Herrn fehle. - Und wieder schlug sein Herz unruhig, wenn er
an Lenore dachte, neben der er jetzt als Hausgenosse leben sollte. Wie würde ihr
und der Mutter Benehmen gegen ihn sein? Er nahm sich vor, sorgfältig alles zu
unterdrücken, was er in dieser Stunde für eiteln Anspruch hielt, er wollte sich
gleich im Anfange so zu ihnen stellen, dass sie sein Selbstgefühl nicht demütigen
konnten. Und doch frug er sich, ob sie ihn als Vertrauten und ebenbürtigen
Gesellschafter behandeln würden, oder ob sie ihm fühlbar machen könnten, dass er
Kost und Sold von ihnen als der Herrschaft erhalte. Vergebens sagte er sich, dass
sein eigenes Zartgefühl gerade dies letztere fordern müsse. Immer wieder stiegen
Traumbilder in ihm auf, wie reizend das Zusammenleben mit Lenore für ihn werden
könne.
    Von dem Dorfe knallten die Peitschen der Knechte, in zwei Wagen fuhr die
Herrschaft an ihrem Schloss vor. Um die Pechpfannen standen die Leute vom Hofe,
der Schenkwirt und einige aus dem Dorfe. Diensteifrig öffnete der Vogt das
Fenster des geschlossenen Wagens. Und als Lenore ausstieg und ihr Gesicht von
dem hellen Licht beschienen wurde, drängten sich die Frauen näher heran, die
Männer brachen in lauten Zuruf aus, alles sah erwartungsvoll in den Wagen. Aber
die Bereitwilligkeit der Leute, den Gruss des Willkommens entgegenzubringen,
wurde durch keinen freundlichen Gegengruss ermuntert. Mühsam wurde der Freiherr
aus dem Wagen gehoben, mit gesenktem Haupt schritt er, von der Tochter und dem
Bedienten gestützt, die Treppe hinauf. Das bleiche Antlitz der Baronin hinter
ihm hatte nur einen stummen Blick für die Beamten ihres Gutes, nur einen kurzen
Gruss auch für Anton, der voranschritt, sie in die eingerichteten Zimmer zu
führen. »Das ist ja alles sehr schön, Herr Wohlfart«, sagte sie zu Anton mit
zuckenden Lippen, und als Anton stehenblieb, um ihre ersten Aufträge zu
erwarten, verabschiedete sie ihn mit einer leichten Bewegung der Hand und mit
den Worten: »Ich danke.« Als sich hinter ihm die Tür geschlossen hatte, stand
der Freiherr hilflos zusammengesunken in der fremden Stube, die Baronin brach in
lautes Weinen aus. Lenore lehnte am Fenster, sie blickte hinaus in den weissen
Winter und auf den schwarzen Rand am Horizont, und grosse Tränen rollten an ihren
Wangen herunter. Mit schwerem Herzen trat Anton unter die Leute und sagte ihnen,
dass die Herrschaft von der Reise angegriffen sei und die einzelnen erst morgen
sprechen wolle. Karl liess die Wagen abladen, führte die alte Köchin, welche
weinte wie ihre Herrschaft, in das Souterrain und zeigte ihr ihre Küche. Niemand
von der Familie wurde an dem Abend weiter gesehen. Bald verschwand das Licht in
den Zimmern, nur vor den Türen des finstern Hauses loderte noch das Pech in den
Pfannen, in dem Zugwind fuhr die rote Flamme hin und her, und eine russige Wolke
zog hinauf an das Fenster, wo der Freiherr sein Haupt mit den Händen verbarg.
    So war der Einzug der Familie in das neue Gut.
    »Wie hübsch Wohlfart alles eingerichtet hat«, sagte Lenore am andern Tage
zur Mutter.
    »Diese hohen Räume sind fürchterlich«, erwiderte die Baronin und wickelte
sich schauernd in ihr Tuch, »und das einförmige Braun der Zimmerdecke macht die
Wohnung noch öder.«
    »Es wird Zeit sein, ihn herüberzubitten«, drängte Lenore kleinlaut.
    »Noch ist der Vater nicht in der Stimmung, ihn zu sprechen.«
    »Lass den Vater nicht allein mit Wohlfart«, bat die Tochter. »Es wäre
schrecklich, wenn der Vater ihn unfreundlich behandelte.«
    Die Baronin seufzte. »Wir werden uns gewöhnen müssen, gegen einen Fremden in
unserem Hause Regards zu beobachten, die den Vater, wie uns, Überwindung
kosten.«
    »Wie willst du es mit der Hausordnung halten?« frug Lenore wieder, »Wohlfart
wird doch mit uns essen?« - »Das ist unmöglich«, sagte die Baronin fest. »Du
weisst, wie traurig unser Mittagstisch vergeht; dein Vater ist noch nicht so
ruhig, dass er die tägliche Anwesenheit eines Fremden ertragen könnte.«
    »So soll er an den Tisch der Dienstleute?« frug Lenore bitter.
    »Ihm wird auf seinem Zimmer gedeckt werden, wir werden ihn alle Sonntage
herüberbitten, und wenn seine Person dem Vater leidlich wird, auch manchmal des
Abends. Mehr wäre für alle Teile eine Last. Es ist gut, sich gleich im Anfang
eine bequeme Freiheit zu reservieren. Der Zustand des Vaters wird das
entschuldigen.«
    Sie klingelte, Anton wurde herübergeladen. Dem Eintretenden ging Lenore
entgegen, sie reichte ihm schweigend mit nassen Augen die Hand. Auch er war
bewegt, als er die Spuren des Grams im Gesicht der Mutter sah. Die Baronin bat
ihn, Platz zu nehmen, und drückte ihm in gewählten Worten ihren Dank für seine
treue Sorge aus. Sie liess sich von ihm erzählen, was er im Schloss eingerichtet
hatte, sie lobte alles in wohltuender Weise und besprach mit ihm die Einrichtung
des Haushalts. Sie zog ihn dabei zu Rate, wie einen Freund, und liess ihn selbst
vorschlagen, was sie von ihm wollte. Dann fuhr sie fort: »Mein Mann wünscht Sie
zu sprechen. Ich bitte Sie herzlich, in jeder Stunde daran zu denken, dass der
Freiherr ein Kranker ist. Er hat furchtbar gelitten, seine Seele, wie sein
Körper. Noch jetzt ist er keinen Tag ohne Schmerzen, und das Ungewohnte seines
hilflosen Zustandes peinigt ihn unaufhörlich. Wir selbst vermeiden sorgfältig,
was ihn aufregen kann, und doch vermögen wir nicht Stunden, ja Tage finsterer
Verstimmung von ihm fernzuhalten. Auch Sie werden Nachsicht üben, wenn seine
düstere Laune Sie unangenehm berührt. Die Zeit soll ja alles heilen, ich hoffe,
sie wird auch ihm den Frieden wiedergeben.«
    Anton versprach ihr jede Vorsicht.
    »Mein Mann wird natürlich wünschen, von allem in Kenntnis gesetzt zu werden,
was dem Gutsherrn zur Entscheidung vorgelegt wird. Es ist begreiflich, dass er
gerade jetzt in seinen ruhigen Stunden mit einem gewissen Eifer darauf besteht,
seine eigene Ansicht geltend zu machen. Und doch bangt mir vor jedem
unangenehmen Eindruck, der ihm von aussen kommt. Deshalb bitte ich, wenn Sie ihm
etwas Wichtiges mitzuteilen haben, suchen Sie es vorher mir begreiflich zu
machen, vielleicht gelingt mir, Ihnen manche lästige Stunde zu ersparen. Ich
werde meinen Schreibtisch in eines der Zimmer tragen lassen, welche Ihrer
Wohnung am nächsten sind, ich will jeden Morgen einige Stunden dort zubringen.
Lenore ist der Privatsekretär des Vaters geworden. So wird es möglich sein,
Ihnen Ihre Stellung in unserem Hause weniger unangenehm zu machen. - Haben Sie
die Güte, mich hier zu erwarten, ich gehe, Ihren Besuch dem Freiherrn
anzukündigen.«
    Die Baronin verliess das Zimmer, Anton sah ernst vor sich nieder. Lenore
eilte auf ihn zu und rief so heiter, als sie vermochte: »Alles braun, Wohlfart,
wir Braunen wollen auch hier treu zusammenhalten. Es ist Ihnen nicht recht, dass
wir hergekommen sind, Sie ungalanter Herr.«
    »Nur um Ihretwillen«, erwiderte Anton und wies auf die Schneefläche draussen.
»Wenn ich durch die Felder ging, habe ich immer gedacht, wie einsam es Ihnen
hier werden muss. Wenn ich des Abends durch die grossen Stuben schritt, da sorgte
ich, wie langsam Ihnen der Tag hier vergehen wird. Die Kreisstadt ist über zwei
Meilen entfernt, auch dort werden Sie wenig finden, die kleine Leihbibliotek
ist für Sie gar nicht zu brauchen.«
    »Ich will zeichnen«, sagte Lenore, »ich will Frauenarbeit machen. Ach, das
wird mir sauer werden, Herr Wohlfart, ich bin darin sehr ungeschickt. Ich selbst
mache mir nichts aus Kragen und Spitzen, aber Mama, die gewöhnt ist, das alles
so reichlich und in Ordnung zu haben. Ach, was mir Mama leid tut.«
    Anton versuchte zu trösten.
    »Wir mussten fort aus der Hauptstadt«, rief Lenore, »es wäre unser aller
Untergang gewesen, wenn wir in der schrecklichen Umgebung geblieben wären. Unser
Gut unter fremder Verwaltung, überall verlegene und kalte Gesichter, überall
falsche Freunde, gleissende Worte und ein Bedauern, welches das Herz empört. Mir
ist wohl, dass wir hier allein sind. Und wenn ich hier frieren und hungern muss,
ich will alles lieber ertragen, als das Achselzucken der Frau von Werner und
ihrer Kinder. Ich habe die Menschen hassen gelernt«, rief sie heftig. - »Wenn
Sie bei Papa gewesen sind, komme ich herunter, dann müssen Sie mir das Haus, den
Hof und das Dorf zeigen; ich will sehn, wo mein armer Pony steht, und wie die
Leute hier aussehn.«
    Die Baronin kam zurück und führte Anton in das Zimmer ihres Gemahls.
Verlegen und unbehilflich erhob sich der Freiherr aus seinem Sessel. Als Anton
das verfallene Gesicht, die gebeugte Haltung und die schwarze Binde über den
Augen sah, fühlte er ein tiefes Bedauern mit dem Unglücklichen. Mit warmem
Gefühl sprach er aus, wieviel guten Willen er habe, ihm zu dienen, und wie er um
Nachsicht bitte, wenn er in dieser Zeit etwas nicht recht gemacht. Darauf
erzählte er ihm noch einmal, wie er die Wirtschaft gefunden, und was bis jetzt
geschehen war.
    Der Freiherr hörte schweigend den Bericht an, nur kurze Bemerkungen kamen
aus seinem Munde. Als Anton aber anfing, von den übrigen Geschäften des
Freiherrn zu sprechen, als er mit der grössten Rücksicht, aber doch mit der
Bestimmteit eines Geschäftsmannes von den Verpflichtungen sprach, die der
Freiherr jetzt hatte, und von den unzureichenden Mitteln, sie zu erfüllen: da
wand der Edelmann sich auf seinem Stuhl, wie ein Angeklagter unter der Folter.
Und Anton empfand, während er sprach, wie peinlich es für ihn war, als ein
Fremder in die geheimsten Angelegenheiten des Freiherrn eingeweiht zu sein, als
ein Fremder, der den andern sehr schonte, aber bei jeder vorsichtigen Wendung
verriet, dass er schonen musste. Die Baronin, welche hinter dem Sessel stand, sah
immer ängstlicher auf die Versuche ihres Gemahls, seine Aufregung zu bemeistern,
endlich winkte sie heftig mit der Hand, und Anton musste mitten in seinem Bericht
abbrechen.
    Als er das Zimmer verliess, warf sich der Freiherr zornig zu seiner Frau
zurück und rief in innerster Seele empört: »Ihr habt mir einen Vormund gesetzt.«
Er war ganz ausser sich, und vergebens suchte ihn die Baronin zu beruhigen.
    Das war der Eintritt Antons in die Familie.
    Auch er ging traurig in sein Zimmer zurück. In diesen ersten Stunden
erkannte er, dass zwischen ihm und dem Freiherrn sich schwerlich ein gutes
Verhältnis bilden werde. Er war in allen Geschäften an schnelles Verständnis der
Beteiligten und an kurze Behandlung gewöhnt und sollte jetzt durch den Mund der
Frauen vielleicht nach langen Auseinandersetzungen unzweckmässigen Entscheid
erhalten. Auch seine Stellung zu den Frauen erschien ihm unsicher. Die Baronin
hatte ihn sehr rücksichtsvoll behandelt, aber als einen Fremden. Auch sie, so
fürchtete er, würde ihm eine vornehme Dame bleiben, die grade so viel Vertrauen
zuteilt, als ihr nützlich scheint, und jedes nähere Verhältnis durch artige
Kälte von sich abzuhalten weiss. Selbst Lenorens freundliche Stimme vermochte ihn
nicht aufzurichten. Beide schritten durch den Hof, nachdenkend, wie zwei
Geschäftsleute, die nur die Absicht haben, das Gut zu taxieren.
    Wie in den ersten Tagen, ging für Anton das Leben auf dem Gute durch einige
Monate fort, ernstaft, einförmig, nicht ohne Zwang. Er arbeitete und ass allein
auf seinem Zimmer, schweigend trug der alte Diener die Speisen auf und wieder
ab. Auch wenn er als geladener Gast mit der Familie zusammenkam, war die
Unterhaltung wenig erfreulich. Der Freiherr sass wie ein Eisklumpen und störte
jedes Aufleben eines lebhaften Gesprächs. Früher hatte Anton die Umgebung der
Familie, die Einrichtung ihres Salons, die elegante Dekoration ihres Hauses gern
bewundert. Jetzt standen dieselben Möbel in den Besuchszimmern, die kleinen
Vögel der Baronin hatten unter sorgfältigem Schutz die Winterreise überstanden,
es waren dieselben Teppiche, Stickereien, dasselbe Parfüm der Zimmer. Aber
jetzt, wo er die fremden Vögel täglich sah, kamen sie ihm langweilig vor, und an
den Stuben war ihm bald nichts interessant, als dass er selbst die erste
Einrichtung besorgt hatte.
    Anton hatte einen tiefen Respekt vor dem gewandten Ton, der leichten
Unterhaltung und den geschliffenen Formen des Umgangs in die Familie
mitgebracht. Gedrückt, verstimmt und niedergeschlagen, wie die Familie war,
konnte er nicht die zierliche Heiterkeit erwarten, die ihm im Tanzsalon der Frau
von Baldereck so wohlgetan hatte. Sie waren herausgerissen aus dem gewohnten
Kreise, alle die kleinen Beziehungen fehlten, die Anregung fehlte, welche den
Geist elastisch erhält und Verstimmung und Schmerz überwinden hilft. Er sagte
sich bescheiden, dass er diese nicht geben konnte. Aber noch anderes befremdete
ihn, Wenn er nach einem wortkargen Abend in sein Zimmer zurückkehrte, beklagte
er oft, dass sie an vielem, was ihm geläufig war, keinen Anteil nahmen, ja dass
sie eine völlig andere Bildung besassen, als er. Und bald nahm er sich die
Freiheit, zu behaupten, dass ihre Bildung nicht die bessere war. Das meiste, was
er gelesen, war der Familie fremd; beim Besprechen der Zeitung, dem gewöhnlichen
Unterhaltungstoff, verwunderte ihn das geringe Verständnis fremder politischer
Zustände. Die Tiefen der Geschichte waren dem Freiherrn kein angenehmer
Aufentalt, und wenn er das englische Staatsleben verurteilte, so konnte er
seinen Standpunkt mit einigem Recht unbefangen nennen, denn es war ihm ganz
fremd. An einem anderen Abende ergab sich zu Antons Betrübnis, dass die
Familienansichten über die Lage der Insel Ceilon im entschiedenen Widerspruch
mit der Weltstellung standen, welche diesem Eilande durch die Seefahrer
zugeteilt worden ist. Die Baronin, welche Interesse an unterhaltender Lektüre
hatte und viel auf Vorlesen gab, verehrte Chateaubriand und las ausser kleinen
Modenovellen die Romane blasierter Damen; Anton fand Atala abgeschmackt und die
Romane fade. Bald erkannte er, dass seine Hausgenossen alles, was die Welt ihnen
entgegentrug, von einem Standpunkte betrachteten, den er nicht hatte. Überall
massen sie, ohne es selbst zu wissen, nach den Interessen ihres Standes. Was
diesen schmeichelte, fand Gnade, auch wenn es für andere Menschen unerträglich
war; was damit nicht zu stimmen schien, wurde verworfen, oder wenigstens still
beiseite geschoben. Ihr Urteil war oft mild, zuweilen liberal, immer aber sass
ein unsichtbarer Helm mit der Krone auf ihrem Nacken, sie sahen aus der engen
Öffnung des Visiers in das Treiben der anderen Erdgeborenen hinein; und wenn sie
ärgerte, was nicht zu ändern war, so klappten sie schweigend den Helmsturz
herunter und schlossen sich ab. Der Freiherr machte das zuweilen ungeschickt,
aber seine Gemahlin verstand meisterhaft, durch eine kleine reizende
Handbewegung sich von Unwillkommenem abzusperren.
    Die Familie gehörte zu der deutschen Kirche in Neudorf. Dort aber war kein
Chor und keine Loge neben dem Altar, man hätte im Schiff der Kirche neben den
Landleuten sitzen müssen. Das war unpassend. Der Freiherr richtete eine Kapelle
in seinem Hause ein und liess den Geistlichen zuweilen nach dem Schloss holen.
Anton erschien selten bei dem Hausgottesdienst, er ritt nach Neudorf hinüber und
sass dort an der Seite des Schulzen unter der Gemeinde.
    Auch seine Tätigkeit war nicht ohne allerlei Störung. Der Reisende einer
Weinhandlung drang durch Sand und Kiefernwälder bis in das Arbeitszimmer des
Gutsherrn. Er war ein kecker Schlingel mit einer grossen Beredsamkeit und einer
leidenschaftlichen Neigung zu Wettrennen und Steeplechase. Er brachte eine ganze
Tasche voll Sportneuigkeiten und betörte dadurch den Freiherrn, ein Ohoft
Rotwein zu bestellen. Anton sah auf die leere Kasse, fluchte dem Ohoft und eilte
in das Audienzzimmer der Baronin. Es bedurfte einer langen Intrige im
Damenzimmer, um diese Bestellung auf ein bescheidenes Mass zurückzuführen.
    Der Freiherr war mit seinen Wagenpferden unzufrieden. Sie waren nicht mehr
jung und waren Füchse. Diese letztere Eigenschaft hätte dem armen Herrn
gleichgültig sein können, aber gerade sie bekümmerte ihn schon seit Jahren. Denn
der Sinn seiner Familie war von je auf eine besondere Pferdefarbe gerichtet.
Nach einer alten Sage hatte ein Ahnherr des Geschlechtes auf einem Rotschimmel
in einer verschollenen Schlacht ausgezeichnete Taten verrichtet; ja, es gab ein
schönes Lied von ältlichem Aussehn, in welchem folgender Vers vorkam:
Wer ritt durch das Getümmel?
Ein edler Rittersmann,
Das Blut vom roten Schimmel
Und rot vom Sattel rann.
Dieses Lied deuteten die Rotsattel auf ihren Vorfahr und schätzten deshalb
Rotschimmel vor andern Rossen. Da aber diese Farbe bei guten Pferden ziemlich
selten ist, so war dem Freiherrn eine solche Erwerbung noch nie geglückt. Jetzt
wollte das Schicksal, dass ein Händler aus der Nachbarschaft ein Paar Rotschimmel
vorzuführen wusste. Der blinde Freiherr zeigte eine Freude an den Tieren, welche
den Frauen sehr beweglich war; er liess sich die Pferde immer wieder vorreiten
und vorfahren, hörte auf den Schlag ihrer Füsse, betastete sie sorgfältig, holte
Karls Ansicht ein und vertiefte sich in den Plan, seiner Gemahlin durch ihren
Ankauf eine Freude zu machen. Karl lief in der Angst vor einer unnützen Ausgabe
zu Anton und vertraute diesem die drohende Gefahr. Anton ging wieder in das
Audienzzimmer, aber diesmal fand er auch hier kein geneigtes Gehör. Die Baronin
gab zu, dass er nicht unrecht hatte, aber sie bat ihn dringend, nur diesmal ihrem
Gemahl seinen Willen zu lassen. Zuletzt wurden die neuen Pferde in aller Stille
an die Krippe gebunden, und der Käufer gab ausser den Füchsen und allem Geld
seiner Privatkasse dem Händler noch das Versprechen, nach der nächsten Ernte
zweihundert Scheffel Hafer zu einem übermässig niedrigen Preis zu liefern. Anton
und Karl waren über diese letzte Bedingung, welche ihnen erst nach einigen
Monaten zu Ohren kam, im Interesse des Gutes sehr erzürnt.
    Der Förster hatte das Unglück, bei der Gutsherrschaft nicht in sonderlicher
Gunst zu stehen. Dass Anton sein erstes Zusammentreffen mit dem Waldmenschen in
lebhaften Farben schilderte, trug möglicherweise dazu bei, diesen dem Freiherrn
zu verleiden. Der Baronin missfiel das kurze Wesen des Alten, der in seiner
Einsamkeit allerdings die Geschmeidigkeit verloren hatte, welche die Herrschaft
an ihren Untergebenen wünschte. An einem Teeabend kam der Plan zum Vorschein,
den Mann zu entlassen, bevor er durch längeren Dienst Ansprüche auf Unterhalt im
hilflosen Alter erwerbe. An seiner Stelle sollte ein jüngerer Förster gesucht
werden, der gelegentlich in der Livree des Freiherrn als repräsentierender Jäger
zur Bedienung brauchbar wäre. Die Familie war von dem frühern Gute an ein
solches Verhältnis gewöhnt. Anton bezwang mit Mühe seinen Unwillen, als er
auseinandersetzte, dass bei der wilden und unsichern Nachbarschaft des Gutes
gerade der erfahrene Mann, der von jedem Strauchdieb der Gegend gefürchtet
wurde, viel zuverlässiger sei, als ein Fremder. Lenore schlug sich auf seine
Seite und unter kaltem Schweigen des Freiherrn und einem resignierten Blick der
Baronin wurde der Plan beiseite gelegt. Beide ertrugen fortan mit zugeklapptem
Visier und gutem Anstand den verbauerten Alten.
    Das waren kleine Verstimmungen, wie sie unvermeidlich sind, wenn Menschen
mit verschiedenen Gewohnheiten sich zu gemeinsamem Leben verbinden, aber es war
kein Zeichen von Behagen, dass Anton sich dies häufig sagen musste. Er verstand
sich nicht nur mit Karl, auch mit dem Förster und Schäfer in vielen Dingen
besser, als mit der Herrschaft des Gutes, und er fühlte jetzt zuweilen mit
Stolz, dass er anders als sie und einer aus dem Volke war.
    Auch Lenore war nicht so, wie er sie geträumt hatte. Immer hatte er in ihr
das vornehme Fräulein verehrt, und die herzliche Vertraulichkeit, mit der sie
ihn behandelte, als einen Vorzug empfunden. Jetzt hörte sie ihm auf, eine
vornehme Erscheinung zu sein. Er kannte die Muster ihrer Spitzenärmel persönlich
und sah sehr gut einen kleinen Riss im Hauskleide, den die sorglose Lenore lange
nicht beachtete. Er hatte die wenigen Bücher, die sie mitgebracht, gelesen, und
war in der Unterhaltung oft um die Grenzen ihres Wissens herumgegangen. Ihre
Aussprüche imponierten ihm nicht mehr, und er hätte jetzt seinen Freund Fink
schwerlich wegen der Frage, ob sie auch Geist habe, geprügelt. Er frug sich das
selbst und beantwortete die Frage recht verständig. Sie hatte nicht soviel
gelernt, als ein anderes Mädchen, das er kannte, und ihr Empfinden war durchaus
nicht so gebildet; aber sie war eine gute frische Natur, kräftig in ihrem Gefühl
und ehrlich in ihrem Urteil. Und sie war schön. Immer hatte er sie dafür
gehalten, aber seine zarte Ehrfurcht umgab lange ihr Bild mit einer duftigen
Wolke. Jetzt, wo er sie täglich sah, im einfachen Morgenrock, in der
gewöhnlichen Stimmung des Arbeitstages, jetzt erst fühlte er den ganzen Zauber
ihrer blühenden Jugend.
    Er war manchmal unzufrieden auch mit ihr. Gleich in den ersten Tagen frug
sie ihn dringend, wie sie sich dem Hause nützlich machen könnte. Er sagte ihr,
dass die Aufsicht über den Haushalt und die genaue Führung der Hausrechnung eine
sehr nützliche Arbeit sei. Er linierte ihr ein Rechenbuch, und da sie Mangel an
Übung zeigte, die gezogenen Linien zweckmässig zu benutzen, so hatte er die
Freude, sie das zu lehren. Sie warf sich mit Eifer auf die neue Tätigkeit und
lief den Tag zehnmal zu Babette in die Küche, um sich Auskunft zu holen. Aber
ihre Rechnung erwies sich unsicher, und die mysteriösen Striche Babettens immer
noch zuverlässiger. Und wenn sie eine Woche die Bücher gewissenhaft geführt
hatte, kamen einige Tage, wo die Sonne lustig schien, dann konnte sie sich nicht
entalten, mit dem Förster schon am Morgen auf die Jagd zu gehen oder auf ihrem
kleinen Pferde weit über die Grenzen des Gutes hinauszustreifen, dann vergass sie
den Stadtboten, die Köchin und ihre Buchführung. - Sie wollte Geschichte treiben
und unter Antons Anleitung etwas Englisch lernen. Anton war glücklich über den
Einfall. Aber die Jahreszahlen konnte sie nicht behalten, die Vokabeln waren ihr
schrecklich, sie entlief diesen Hieroglyphen und ging in den Pferdestall, oder
wohl gar in die Stube des Amtmanns, dessen mechanischen Kunstarbeiten sie
stundenlang mit grossem Interesse zusah. Als Anton sie einst zur englischen
Stunde rufen wollte, fand er sie in Karls Stube, einen Hobel in der Hand, eifrig
an der Pritsche eines neuen Schlittens arbeitend, und gutmütig sagte sie ihm:
»Geben Sie sich nicht soviel Mühe mit mir, Wohlfart. Ich lerne nichts, ich habe
immer einen harten Kopf gehabt.«
    Wieder lag Schnee auf der Erde, und im Sonnenlicht glitzerten Millionen
Eiskristalle auf den Bäumen und dem Feld. Karl setzte zwei Schlitten instand,
einen alten zweisitzigen und einen Rennschlitten für das Fräulein, den er selbst
zusammenschlug und unter dem Beistand Lenores mit schöner Ölfarbe überzog. Bei
der Morgenaudienz sagte Anton der Baronin, dass er heut nachmittag in einem
Polizeigeschäft nach Tarow müsse. »Wir kennen die Familie Tarowski vom Bade
her«, erwiderte die Baronin. »Dort haben wir gern mit Frau von Tarowska und
ihren Töchtern verkehrt.
    Ich wünsche lebhaft, dass der Freiherr nicht ganz ausser Verbindung mit der
Nachbarschaft bleibt, vielleicht vermag ich ihn zu bestimmen, dass er heut mit
uns seinen Besuch macht. In jedem Falle wollen wir Frauen diese Gelegenheit
benutzen und unter Ihrem Schutz einen Ausflug dortin wagen.«
    Anton erinnerte leise an den verschwundenen Bratzky und seinen Verdacht.
    »Es ist ja nur ein Verdacht«, erwiderte die Baronin begütigend, »und unsere
Verpflichtung, der Familie einen Besuch zu machen, ist unzweifelhaft. Auch kann
ich nicht glauben, dass Herr von Tarowski selbst an der Entführung Anteil hat.«
    Am Nachmittag fuhren die Schlitten vor, die Baronin setzte sich mit dem
Freiherrn in den grössern, Lenore bestand darauf, in ihrem neuen Rennschlitten
selbst zu fahren. »Wohlfart setzt sich hinter mich auf die Pritsche«, bestimmte
sie. Der Freiherr frug seine Gemahlin leise: »Wohlfart?«
    »Ich lasse dich nicht allein fahren«, erwiderte die Baronin ruhig. - »Sei
ohne Sorge. Ausserdem ist er in deinem Dienst, die Inkonvenienz ist nicht gross.
Und wir fahren ja miteinander vor.«
    Die Glöckchen klangen über die Ebene, Lenore sass selig in ihrer Nussschale
und trieb ihr Pferd mit kräftigem Zuruf an. Sie wandte sich oft zurück und
zeigte Anton ihr lachendes Antlitz, das unter der dunklen Kappe heut so schön
war, dass ihr sein ganzes Herz entgegenflog. Ihr grüner Schleier flatterte im
Winde und streifte seine Wange, hing sich an sein Gesicht und verbarg ihm die
Aussicht. Dann erblickte er die verhüllte Gestalt vor sich in einem grünen
Dämmerlicht wie aus weiter Ferne; und gleich darauf berührte wieder der Hauch
seines Mundes die Bandschleife, welche an ihrem Nacken flatterte, und er sah,
dass nur die seidne Hülle seine Hand von ihrem goldenen Haar und dem weissen Hals
trennte. Anton versenkte sich in diese Betrachtung und widerstand kaum noch dem
Gelüst, ihr mit seinem Pelzhandschuh leise über die Kapuze zu fahren, als dicht
neben ihm ein Hase aus einem Schneeloch aufsprang. Der Hase winkte drohend mit
seinen Ohren und machte einen bedeutsamen Purzelbaum auf Anton zu. Dieser
verstand die freundliche Warnung und zog den Pelzhandschuh zurück; der Hase,
vergnügt, eine gute Tat vollbracht zu haben, galoppierte über den Schnee.
    Anton gab seinen Gedanken eine andere Richtung. »Der weisse Weg zeigt keine
Spur eines Menschen, kein Gleis, keinen Fusstritt, nirgend ist ein anderes Leben
zu sehen, als der lautlose Schlaf der Natur. Wir sind Reisende, welche in ein
fremdes Land dringen, das noch niemand vor ihnen betreten. Ein Baum ist wie der
andere, die Schneefläche ist endlos, rund herum Grabesstille, und oben wieder
der lachende Sonnenschein. Ich wollte, es ginge den ganzen Tag so fort.«
    »Ich bin glücklich, dass ich Sie einmal fahren kann«, rief Lenore, beugte
sich zu ihm zurück und hielt ihm eine Hand hin. Anton vergass sofort den Hasen,
er konnte sich nicht entalten, einen Kuss auf den Handschuh zu drücken.
    »Es ist dänisches Leder«, lachte Lenore, »bemühen Sie sich nicht.« - »Hier
ist eine Lücke«, sagte Anton, bereit den Versuch zu wiederholen.
    »Sie sind heut so artig«, rief Lenore, die Hand langsam zurückziehend, »das
steht Ihnen hübsch, Wohlfart.«
    Der Pelzhandschuh streckte sich aus, um die zurückweichende Hand zu
verfolgen. Darüber gerieten zwei Krähen auf den Bäumen in starken Zank, sie
schrien um die Wette, flogen auf und schwebten schimpfend über Antons Kopf.
»Geht zum Teufel, ihr Gesindel«, dachte der leidenschaftliche Anton, »ihr sollt
mich nicht mehr stören.«
    Aber Lenore sah ihn treuherzig an. »Ich weiss doch nicht, ob Ihnen gut steht,
so artig gegen mich zu sein«, fuhr sie ernster fort. »Sie dürfen mir die Hand
nicht küssen, denn ich habe keine Lust, Ihnen dasselbe zu tun, und was dem einen
recht ist, soll dem anderen billig sein. Hussa, mein Pferd, vorwärts!«
    »Ich bin neugierig, wie uns die Polen empfangen werden«, begann Anton wieder
die regelmässige Unterhaltung.
    »Sie können nicht anders als freundlich sein«, sprach Lenore zurück. »Wir
haben mit Frau von Tarowska wochenlang in einem Hause gewohnt und alle Partien
gemeinschaftlich gemacht. Sie war die eleganteste Dame des ganzen Bades, sie und
die Töchter machten Aufsehen durch ihr distinguiertes Wesen; sie sind sehr
liebenswürdig und vom besten Ton.« -
    »Er aber hat zwei Augen, gerade wie der Fuchs des Försters«, sprach Anton,
»ich traue ihm nicht über den Weg.«
    »Ich habe mich heut sehr schöngemacht«, lachte Lenore sich wieder umwendend,
»denn die Mädchen dort sind reizend, und die Polen sollen nicht sagen, dass wir
uns schlecht neben ihnen präsentieren. Wie gefällt Ihnen mein Kleid, Wohlfart?«
Sie streifte einen Zipfel ihres Pelzes zurück.
    »Sie werden sich darin nicht ganz schlecht ausnehmen«, sagte Anton mit
weiser Miene; »es ist etwas Braun dabei, folglich ist es wunderhübsch.«
    »Sie treuer Herr Wohlfart!« rief Lenore und reichte ihm wieder die Hand über
den Schlittenrand. Ach! jetzt waren die kleinen warnenden Tiere zu schwach, um
den Zauber abzuleiten, welcher den Pelzhandschuh zu dem Dänen hinzog: etwas
Grösseres musste geschehen. Als Anton zum drittenmal die Hand ausstreckte,
bemerkte er, dass seine eigene Hand sich wider seinen Willen immer höher hob und
in der Luft einen Kreis beschrieb, während er selbst sich senkte, bis er der
Länge nach im Schnee lag. Erstaunt erhob er seinen Kopf und sah Lenore einige
Schritt weiter neben dem umgestürzten Schlitten sitzen, das Pferd stand ruhig
auf dem Wege und lachte in seiner Art laut vor sich hin. Lenore hatte zuviel
nach ihrem Gefährten und zuwenig auf den Weg gesehen, so hatten sie umgeworfen.
Fröhlich erhoben sich beide, schüttelten den Schnee ab, Anton richtete den
Schlitten auf, und im Galopp ging es wieder vorwärts. Aber das Schlittenmärchen
war zu Ende, Lenore sah mehr auf den Weg, und Anton stäubte sich den Schnee aus
den Ärmeln.
    Die Schlitten fuhren in einen weiten Hofraum. Ein langes einstöckiges
Lehmhaus, mit Kalk beworfen und mit Schindeln gedeckt, schaute mit seinen blauen
Fenstern vertraulich auf die hölzernen Ställe nebenan. Anton sprang ab und frug
einen Mann in Livree nach der Wohnung des gnädigen Herrn. »Hier ist der Palast«,
erwiderte der polnische Diener mit tiefer Verbeugung und half der Herrschaft aus
dem Schlitten. Erstaunt sahen Lenore und die Baronin einander an. Sie traten in
einen unsaubern Hausflur, mehrere schnurrbärtige Geister eilten herzu, rissen
diensteifrig die Winterhüllen der Gäste ab und eine niedrige Tür auf. In dem
grossen Wohnzimmer war zahlreiche Gesellschaft versammelt. Eine hohe Gestalt in
schwarzer Seide trat den Gästen entgegen und begrüsste sie in der besten Haltung
von der Welt. Die Töchter eilten herzu, schlanke Damen mit Augen und Turnüre der
Mutter. Mehrere Namen der jungen Herren wurden genannt, Herr von, Graf von, alle
elegante Männer im Salonkleid. Zuletzt kam auch der Hausherr. Sein schlaues
Gesicht strahlte von herziger Freude, und die Fuchsaugen leuchteten von
Harmlosigkeit. Der Empfang war tadellos, von allen Seiten die wohltuende
Leichtigkeit eines sicheren Selbstgefühls. Der Freiherr und die Frauen wurden
als werte Bekannte begrüsst, auch Anton erhielt seinen Teil Zuvorkommenheit. Sein
Geschäft war nach wenig Worten abgemacht und Herr von Tarow erinnerte ihn
lächelnd daran, dass er ihn schon einmal flüchtig gesehen. »Der Schlingel von
Inspektor ist Ihnen entsprungen«, sagte er bedauernd, »seien Sie ohne Sorge, er
wird seinem Schicksal nicht entgehen.« - »Ich hoffe«, erwiderte Anton, »er und
seine Helfer.« Die Augen des Herrn von Tarow bemühten sich Taubenaugen gleich zu
werden, als er fortfuhr: »Der Kerl liegt irgendwo versteckt.« - »Wahrscheinlich
in der Nähe«, sagte Anton und warf einen argwöhnischen Seitenblick auf die
schlechten Gebäude des Hofes.
    Vergebens suchte Anton unter den anwesenden Männern jenen Fremden, den er
bereits zweimal gesehen hatte und dem er den Wunsch zutraute, vor deutschen
Augen unbekannt zu bleiben. Dagegen war ein anderer Herr von entschiedenem Wesen
vorhanden, der von den übrigen mit hoher Achtung behandelt wurde. »Sie kommen
und verschwinden«, dachte Anton, »sie reiten zusammen und wieder auseinander,
wie der Schenkwirt sagt; es sind hier nicht einzelne, mit denen man zu tun hat,
sondern eine ganze Gattung.« In dem Augenblick trat der Fremde an ihn heran und
begann ein artiges Gespräch. So unbefangen er aber auch redete, so merkte Anton
doch, dass er bemüht war, das Gespräch zu leiten und ihn, den Deutschen, über
Gesinnung und Sympatie auszuholen. Er hielt deshalb vorsichtig zurück, und als
der Pole das wahrnahm, verlor er plötzlich das Interesse an dem Gast und wandte
sich zu den Damen.
    Jetzt hatte Anton Musse, sich im Zimmer umzusehen. Unter den rohen Möbeln des
Dorftischlers stand ein Wiener Flügel, die Fensterscheiben waren geflickt, auf
dem schwarzen Fussboden lag in der Nähe des Sofas ein zerrissener Teppich. Die
Damen sassen auf Samtsesseln um einen abgenutzten Tisch. Die Frau vom Hause und
ihre erwachsenen Töchter waren in eleganter Pariser Toilette, aber als sich eine
Seitentür öffnete, sah Anton in dem grauen Nebenzimmer einige Kinder mit so
mangelhafter Garderobe umherlaufen, dass sie ihn bei der Winterkälte herzlich
dauerten. Sie selbst machten sich jedenfalls nicht viel daraus, denn sie balgten
sich und lärmten wie Unholde.
    Über den wankenden Tisch wurde eine feine Damastserviette gelegt und ein
silberner Teekessel aufgesetzt. Die Unterhaltung floss vortrefflich. Leichte
französische Bonmots und lebhafte Ausrufe in melodischem Polnisch fuhren
durcheinander, dazwischen klang die eintönige deutsche Phrase. An dem schnellen
Lachen, den Mienen der Sprechenden und dem Feuer der Unterhaltung merkte Anton,
dass er unter Fremden war. Schnell flogen die Worte, in den Augen und auf den
Wangen glänzte das flüchtige Feuer der heitern Erregung. Es war ein
beweglicheres Volk, elastischer, schwunghafter, leichter ergriffen. Erstaunt sah
Anton, wie behaglich Lenore in der Unterhaltung schwamm. Auch ihr Antlitz
glänzte von höherem Rot, sie lachte und gebärdete sich wie die anderen, und
dreist blickten ihre Augen in die verbindlichen Gesichter der anwesenden Herren.
Dasselbe Lachen, die herzliche Unbefangenheit, die ihn im Schlitten entzückt
hatte, verschwendete sie jetzt an Fremde, die in der Nacht auf der Landstrasse
zum Schaden ihres Vaters gearbeitet hatten. Das missfiel ihm höchlich. Dazu das
Zimmer so wunderlich ausgeputzt, die Tapeten schmutzig und zerrissen, die Kinder
in der Nebenstube barfüssig, und der Hausherr der stille Beschützer eines
Schuftes und wahrscheinlich noch etwas Schlimmeres! So begnügte er sich mit
kalter Zurückhaltung die Gesellschaft zu betrachten und nur das Notwendige auf
die freundlichen Worte des Hausherrn und seiner Gäste zu erwidern.
    Endlich schlug ein junger Herr einige Akkorde auf dem Flügel an, alles
sprang auf und wollte tanzen. Die gnädige Frau klingelte, vier wilde Männer
stürzten in das Zimmer, ergriffen den grossen Flügel und trugen ihn rücksichtslos
hinaus. Die Gesellschaft drängte nach über den Hausflur in den
gegenüberliegenden Saal. Als Anton eintrat, kam er in die Versuchung, sich die
Augen zu reiben. Es war ein leerer Raum mit rohem Kalkanstrich, Bänke an den
Wänden, und in der Ecke ein abscheulicher Ofen. Mitten im Saal hing Wäsche auf
Leinen; Anton begriff nicht, wie man hier tanzen wollte. Aber im Hui wurde die
Wäsche durch die Fäuste der Diener herabgerissen, einer lief zum Ofen und blies
das Feuer an, nach wenig Augenblicken waren sechs Paar zur Quadrille angetreten.
Da der Damen zu wenig waren, band ein junger Graf mit einem schwarzen
Samtbärtchen und zwei wunderschönen blauen Augen sein Battisttuch um den Arm und
erklärte sich mit einem graziösen Knix für eine Dame. Sogleich wurde er von
einem andern Herrn ritterlich zum Tanz geführt. Selig drehte sich das Völkchen
im Takt. Durch die Nachlässigkeit, welche die Mode von den Tänzern des
gebildeten Europa verlangt, flatterte zuweilen das Feuer ihres Stammes auf.
Lenore trieb mitten darunter. Auch die Baronin war in heiterer Unterhaltung mit
dem Hausherrn, und Frau von Tarow machte sich zur Aufgabe den blinden Freiherrn
zu beschäftigen. Das war wieder die vornehme Form, der leichte Genuss des
Augenblicks, welchen Anton so oft bewundert hatte; aber heut verzog sich sein
Mund zu einem kalten Lächeln. Es schien ihm nicht männlich und nicht würdig, dass
die deutsche Familie sich so hingebend unter Gegnern bewegte, welche
wahrscheinlich in diesem Augenblick Feindliches gegen sie und gegen ihr Volk im
Sinne hatten. Als Lenore nach dem ersten Tanz bei Anton vorbeiging und ihn leise
frug: »Warum tanzen Sie nicht mit mir?« erwiderte er: »Ich erwarte jeden
Augenblick das Gesicht des Herrn Bratzky in einem Winkel dieses Saales zu
sehen.«
    »Wer wird jetzt daran denken«, rief Lenore und wandte sich gekränkt ab.
    Tanz folgte auf Tanz, die Köpfe der jungen Herrschaften glühten, die Locken
wurden schlaff vom warmen Tau. Schnurrbärtige Diener drangen wieder in das
Zimmer und boten Champagner in Eis. Stehend, auf dem Sprunge schlürften die
Tänzer den kalten Trank, und gleich darauf stürmte von allen Ecken der Ruf nach
einem polnischen Nationaltanz zu dem Hauslehrer, welcher am Flügel sass. Jetzt
flatterten die Gewänder, die Tänzer schnellten sich wie auf Sprungfedern durch
das Zimmer, wie Bälle flogen die Mädchen aus einem Arm in den andern. Ach und
Lenore immer mitten darunter! Anton stand neben dem ansehnlichen Polen in mattem
Gespräch und hörte kühl das Lob an, welches dieser der deutschen Tänzerin
freigebig erteilte. Was den polnischen Mädchen natürlich stand, die schnellen
Bewegungen, die starke Erregung, das machte Lenore wild und, wie Anton sich mit
Missfallen sagte, unweiblich. Und von ihr weg irrte sein Blick an den rohen
Wänden umher auf den bestäubten Ofen, in dem ein grosses Scheit Holz loderte, bis
zu der Decke, von welcher lange graue Spinnweben herunterhingen.
    Es war spät, als die Baronin zum Aufbruch trieb; die Pelze wurden in den
Saal gebracht, die Gäste wickelten sich ein, die Schelle läutete und das
Glöckchen klang wieder über die Schneefläche. Aber Anton war es wohl zufrieden,
dass jetzt die Tochter mit dem Vater fuhr, und dass er selbst hinter der Baronin
die Zügel führte. Schweigsam lenkte er den Schlitten und immer wieder dachte er
daran, dass eine andere, die er kannte, sich unter den Spinnweben im Hause der
Feinde niemals in der Mazurka geschwenkt hätte. - Auch Lenore trug ihm heut den
Stahlhelm auf dem weissen Nacken.
 
                                       4
Herr Itzig war als Geschäftsmann etabliert. Wer ihn besuchte, schritt durch ein
vielbetretenes Vorderhaus und erstieg in einem Seitenflügel eine nicht ganz
saubere Treppe. Neben der Treppe glänzte die weisslackierte Entreetüre, auf
welcher ein grosses Messingschild mit abgeschrägten Ecken den Namen »V. Itzig«
zeigte. Das Entree war verschlossen, ein dicker Porzellangriff war auch
vorhanden, alles schöner und idealer, als es bei Ehrental gewesen war. Durch
die Tür konnte der Besuchende in ein leeres Entree gelangen, in welchem sich den
Tag über ein verschmitzter Junge aufhielt, halb Portier, halb Laufbursche,
ausserdem Spion für die Geschäfte, welche sein Broterr machte. Der Junge
unterschied sich von dem ursprünglichen Herrn Veitel durch ein auffälliges Wesen
von schäbiger Gentilität. Er trug die letzten Überreste des Kleidergeschäftes
auf, glänzende Seidenwesten und einen Frack, der ihm nur wenig zu gross war. Er
bewies, dass die neue Firma auch in Sachen der Toilette und Bildung avancierter
war, als das in vielen Dingen gewöhnliche Geschäft des Ehrental. Den
Eintretenden empfing Herr Itzig in zwei kleinen Geschäftsstuben, von denen die
erste wenig Möbel, aber zwei auffallend schöne Lampen entielt, eine
gelegentliche notwendige Übernahme für nicht gezahlte Zinsen eines Solawechsels.
Die zweite war das Schlafzimmer, ein einfaches Bett, ein langes Sofa, ein grosser
runder Spiegel mit breitem Goldrahmen, dieser ein Erwerb aus dem geheimen Lager
des ehrlichen Pinkus. Itzig selbst hatte sich auffallend verändert, er war an
trüben Tagen bei dem zweifelhaften Lichte, welches aus dem Hofraume in die
Stuben gelangte, von weitem betrachtet, nur noch wenig von einem eleganten Herrn
verschieden. Sein schmales Gesicht war voller geworden, die grossen
Sommersprossen, welche ihn früher getigert hatten, waren verblichen, und sein
Haar hatte durch Pomade und kunstvolle Bürstenstriche eine dunklere Farbe und
ein anschmiegendes Wesen erhalten. Noch hatte der neue Geschäftsmann eine
Vorliebe für schwarze Kleider, aber sie waren neu und sassen nicht mehr
schlottrig über seinen Gliedmassen. Denn Herr Itzig hatte auch zugenommen an
äusserer Behaglichkeit, er gönnte sich jetzt gute Kost, ja auf seinem
Arbeitstische war zuweilen eine leere Weinflasche zu sehn, auf welcher das Wort
»Mosel« stand, daneben ein Zuckerbecher und ein silberner Löffel. Wie prächtig
aber auch das neue Etablissement war, Itzig benutzte dasselbe doch nur bei Nacht
und in seinen offiziellen Geschäftsstunden. Noch immer trieb ihn sein Herz nach
seiner alten Herberge zu Löbel Pinkus. So führte er ein doppeltes Leben, für die
grosse Welt als feiner Geschäftsmann in den neugestrichenen Stuben unter dem
Glanze der Astrallampen, bedient von einem modern gekleideten Gnom, und ein
zweites für sein Gemüt, gerade unter der Karawanserei, ein bescheidenes Leben
mit rotbaumwollenen Gardinen und einem viereckigen Kasten als Sofa. Vielleicht
machte ihm dieses Asyl am behaglichsten, dass er jetzt eine unbestrittene
Herrschaft über den Besitzer des Hauses ausübte. Pinkus war, zu seiner Schande
sei es gesagt, herabgesunken zu einem Kommissionär, einem Hilfsarbeiter Veitels.
Und Frau Pinkus hing an dem aufstrebenden Geschäftsmann mit einer Verehrung,
welche ihren Mann aller Gänsebrüste beraubte, die in dem Hause geschlachtet
wurden.
    Heut sass Itzig in seinem Geschäftslokale nachlässig auf dem Sofa und rauchte
aus einer Bernsteinspitze; er war ganz Gentleman und erwartete vornehmen Besuch.
Da hörte man im Vorzimmer schellen, der Diensttuende flog zur Tür, eine scharfe
Menschenstimme wurde hörbar. Bald entstand ein Zank im Vorsaale, welcher Veitel
bewog, schnell den offenen Kasten seines Schreibpultes zuzuschliessen und den
Schlüssel in die Tasche zu stecken.
    »Nicht zu Hause ist er? Er ist aber hier, du erbärmlicher, grünhaariger
Dummkopf«, schrie die scharfe Stimme den wachehaltenden Jüngling an. Man hörte
einen widerstehenden Körper beiseite schieben, Veitel beugte seinen Kopf tief in
ein altes Hypotekeninstrument, die Türe wurde geöffnet, und Herr Hippus
erschien mit gerötetem Antlitz, schäbig, mit zerrauften Federn an der Tür. Nie
hatte er einem alten Raben ähnlicher gesehn.
    »Du lässt dich verleugnen? Du befiehlst dem Wurme dort draussen, alte Freunde
abzuweisen? Natürlich, du bist vornehm geworden, du Narr! Hat man je eine solche
Unverschämteit gesehen! Weil der Bengel sich in zwei neue Stuben
hineingeschwindelt hat, sind ihm seine alten Freunde nicht mehr gut genug. Du
bist bei mir an den Unrechten gekommen, mein Söhnchen, ich lasse mich nicht so
abspeisen.«
    Veitel betrachtete den kleinen Herrn, welcher zornig vor ihm stand, mit
Blicken, die nichts weniger als freundschaftlich waren. »Was macht Ihr mit dem
jungen Menschen für einen Lärm«, sagte er kalt, »er hat nur seine Schuldigkeit
getan. Ich erwarte einen Geschäftsbesuch und habe ihm befohlen, alle Fremden
abzuweisen. Wie konnte ich wissen, dass Ihr hierherkommen würdet? Haben wir nicht
ausgemacht, dass Ihr mich nur des Abends besuchen sollt? Was kommt Ihr zu meinen
Geschäftsstunden?«
    »Deinen Geschäftsstunden! Du junger Wiedehopf, der seine Eierschalen noch am
Steiss herumschleppt«, rief Hippus, immer noch erzürnt, und setzte sich auf das
Sofa. »Deine Geschäftsstunden«, - fuhr er mit unendlicher Verachtung fort, »für
deine Geschäfte ist jede Stunde gut genug. «
    »Ihr seid wieder betrunken, Hippus«, antwortete Veitel in aufrichtigem
Ärger, »wie oft habe ich gesagt, dass ich mit Euch nichts zu tun haben will, wenn
Ihr aus der Branntweinstube kommt!«
    »So«, rief Herr Hippus, »du Sohn einer Trödelhexe, mein Besuch ist für dich
zu allen Zeiten eine Ehre. Ich wäre betrunken?« fuhr er schluckend fort, »wovon
denn, du Hanswurst? Womit soll man sich betrinken«, schrie er, »wenn man kein
Geld hat, ein Glas zu bezahlen?«
    »Ich wusste, dass er wieder kein Geld hatte«, sagte Veitel mit tiefer
Entrüstung. »Erst neulich habe ich Euch zehn Taler gegeben, aber Ihr seid wie
ein Schwamm, es ist schade um jeden Groschen, den man auf Euch wendet.«
    »Du wirst mir aber heut zeigen, dass es nicht schade ist«, antwortete der
Alte höhnisch, »du wirst mir wieder zehn Taler geben und auf der Stelle.«
    »Das werde ich nicht«, rief Veitel. »Ich habe satt, Euch zu füttern. Ihr
wisst, was wir abgemacht haben; Geld bekommt Ihr nur, wenn Ihr mir etwas dafür
tut. Und jetzt seid Ihr nicht in der Verfassung, etwas Ordentliches zu lesen
oder zu schreiben.«
    »Für dich und deinesgleichen bin ich immer noch gut genug, und wenn ich
zehnmal besser gefrühstückt hätte, als heut«, sagte der Alte ruhiger. »Gib her,
was du für mich zu arbeiten hast. Du bist ein geiziger Filz geworden, aber ich
will dir's nicht nachtragen. Ich will dir verzeihen, dass du mich abweisen
wolltest, ich will dir auch verzeihen, dass du ein hochmütiger Esel geworden bist
und dich mit einer solchen Lampe breitmachst, die für bessere Leute, als du, gut
genug wäre; und ich will dir meinen Rat nicht entziehen, vorausgesetzt, dass du
mich honorierst. Und so wollen wir Friede machen, mein Sohn. Jetzt rede, welche
Teufelei hast du wieder vor?«
    Veitel schob ihm ein dickes Hypotekeninstrument hin und sagte: »Zuerst
sollt Ihr mir das durchsehen und einen Auszug daraus schreiben, wie ich ihn
brauche, und sagen, wie es damit steht. Es ist mir angeboten worden zum Kauf.
Jetzt aber erwarte ich jemand, Ihr müsst in die andere Stube gehen, dort setzt
Euch an den Tisch und macht die Arbeit. Wenn Ihr fertig seid, dann reden wir
über das Geld.«
    Herr Hippus schob sich das schwere Aktenstück unter den Arm und steuerte
nach der zweiten Stubentür. »Heut tue ich dir noch einmal deinen Willen, weil
du's bist«, sagte er gemütlich und erhob seine Hand, um Veitel auf die Backe zu
klopfen.
    Veitel liess sich die Liebkosung leidend gefallen und wollte die Tür
zumachen, als der betrunkene Alte sich noch einmal herandrängte und mit schlauem
Blick fragte: »Also du erwartest jemanden, mein Söhnchen? Wen erwartest du,
kleiner Itzig? Ist's ein Männlein oder ein Fräulein?«
    »Es ist ein Geldgeschäft«, antwortete Veitel die Achsel zuckend.
    »Ein Geldgeschäft?« wiederholte der trunkene Herr, mit einer gewissen
zärtlichen Bewunderung seinen Bundesgenossen betrachtend. »Ja, darin bist du
gross. Gross als Mensch und als Schwindler! Wahrhaftig, wer von dir Geld haben
will, der ist verloren. Es wäre ihm besser, er spränge ins Wasser, obgleich
Wasser auch verächtlich ist. Du kleiner Sackermentsschwindler, du!« dabei erhob
er den Kopf und stierte aus seinen schwimmenden Augen liebevoll auf Veitel.
    »Seid Ihr doch selbst gekommen, um Geld von mir zu holen«, antwortete ihm
Veitel mit gezwungenem Lächeln.
    »Ja, ich bin fest«, antwortete Hippus lallend, »ich bin nicht von Fleisch
und Blut, ich bin Hippus, ich bin der Tod.« dabei versuchte er geistreich zu
lachen.
    Draussen tönte die Schelle, Veitel rief: »Verhaltet Euch ruhig!« schloss die
Tür, setzte sich auf das Sofa, fasste die Bernsteinspitze und erwartete seinen
Besuch.
    In dem Vorzimmer klirrte ein Säbel, ein Husarenoffizier trat ein. Eugen
Rotsattel war in dem letzten Winter ein wenig älter geworden, sein feines
Gesicht war hagerer, und um den untern Teil seiner Augen zog sich ein bläulicher
Ring. Er trat mit einem Schein von Gleichgültigkeit ein, der Herrn Itzig keinen
Augenblick zu täuschen vermochte, denn hinter dieser Maske erkannte sein
erfahrener Blick deutlich das Fieber, welches bedrängten Schuldnern eigentümlich
ist.
    »Herr Itzig?« fragte der Offizier von oben herunter.
    »So heisse ich«, antwortete Veitel und stand nachlässig vom Sofa auf.
    Unruhig sah Eugen in das Gesicht des Geldmanns. Der jetzt seine Anrede
erwartete, war derselbe, vor dem schon sein Vater gewarnt war, und jetzt trieb
das Schicksal auch ihn in dasselbe Netz. »Ich habe in diesen Tagen eine Schuld
an hiesige Agenten zu zahlen«, begann der Leutnant, »an Herren Ihrer
Bekanntschaft.
    Als ich deshalb Rücksprache mit ihnen nehmen wollte, ist mir von beiden
mitgeteilt worden, dass sie ihre Forderungen an Sie verkauft haben.«
    »Ich habe es ungern getan«, erwiderte Veitel, »ich habe nicht gern zu tun
mit den Herren Offizieren. Es sind zwei Schuldscheine über elfhundert und
achtundert, zusammen neunzehnhundert Taler.« Er griff in eine Mappe und holte
die Dokumente heraus. »Erkennen Sie diese Unterschrift als die Ihrige?« fragte
er kalt, »und erkennen Sie diese neunzehnhundert Taler als die Summe an, welche
Ihnen geliehen ist?«
    »Es mag wohl soviel darin stehen«, antwortete der Leutnant unwillig.
    »Ich frage, ob Sie anerkennen, dass Sie mir zu zahlen haben diese Summe auf
diese zwei Verschreibungen?« fragte Veitel wieder.
    »In Teufels Namen, ja«, rief der Leutnant, »ich erkenne die Schuld an,
obgleich ich nicht die Hälfte in Geld erhalten habe.«
    Veitel schloss die Solawechsel in sein Pult und sagte, indem er die Achseln
zuckte, spöttisch: »Ich habe doch die volle Summe bezahlt den beiden Leuten. Ich
werde mir also holen bei Ihnen morgen und übermorgen mein Geld.«
    Der Offizier schwieg eine Weile, langsam röteten sich seine eingefallenen
Wangen. Endlich, nach einem harten Kampfe, begann er: »Ich bitte Sie, Herr
Itzig, mir noch Frist zu geben.«
    Veitel ergriff seine Bernsteinspitze und drehte behaglich daran, als er
antwortete: »Ich gebe Ihnen keinen Kredit weiter.«
    »Seien Sie verständig, Itzig«, sagte der Offizier mit erzwungener
Vertraulichkeit. »Ich bin vielleicht in kurzem in der Lage, Ihnen zu zahlen.«
    »Sie werden in einigen Wochen sowenig Geld haben, als jetzt«, entgegnete
Veitel grob.
    »Ich bin bereit, Ihnen eine grössere Summe zu verschreiben, wenn Sie sich
gedulden.«
    »Ich mache niemals solche Geschäfte«, log Veitel.
    »Ich schaffe Ihnen eine Anerkennung der Schuld durch meinen Vater.«
    »Der Herr von Rotsattel hat geradeso viel Kredit bei mir, als Sie selber.«
    Der Leutnant stiess zornig seinen Säbel auf den Boden. »Und wenn ich nicht
zahle?« brach er los. »Sie wissen, dass ich gesetzlich dazu nicht verpflichtet
bin.«
    »Ich weiss«, versetzte Veitel ruhig. »Werden Sie zahlen morgen und
übermorgen?«
    »Ich kann nicht«, rief Eugen in aufrichtiger Verzweiflung. »Dann tragen Sie
Sorge für den Rock, den Sie anhaben«, sagte Veitel sich abwendend.
    »Wohlfart hatte recht, mich vor Ihnen zu warnen«, rief Eugen ausser sich.
»Sie sind ein hartgekochter -«, er drängte das letzte Wort zurück.
    »Sprechen Sie ruhig aus«, sagte Itzig, »es hört Sie niemand. Was Sie reden,
ist wie das Feuer im Ofen, es knistert, in einer Stunde ist's Kohle. Was Sie mir
hier wollen sagen unter vier Augen, das werden von Ihnen in drei Tagen die Leute
auf der Strasse sagen, wenn Sie nicht zahlen.«
    Eugen wandte sich mit einem Fluche ab, an der Tür blieb er noch einen
Augenblick stehen, dann stürzte er zornig hinaus.
    Veitel sah ihm triumphierend nach. »Der Sohn wie der Vater, er sitzt darin,
wie er sitzen muss«, sagte er vor sich hin; »er kann nicht schaffen das Geld. Es
geht zu Ende mit den Rotsatteln, und der Wohlfart wird sie nicht halten. - Wenn
ich verheiratet bin mit der Rosalie, so sind mein auch Ehrentals Hypoteken.
Dann können die Scheine, die bei dem Schwiegervater verschwunden sind, sich
unter seinen Papieren wiederfinden. Dann habe ich den Baron in Händen und das
Gut ist mein.«
    Nach diesem Selbstgespräch öffnete er die Tür, welche Herrn Hippus und den
vornehmen Besuch, den Versunkenen und den Sinkenden, getrennt hatte, und fand
den kleinen Advokaten eingeschlafen, den Kopf auf den Händen, die Hände über den
Akten. Mit herzlicher Verachtung sah Itzig auf das schwärzliche Bündel und
sagte: »Er wird mir lästig. Er sagte, er wäre der Tod, ich wollte, er wäre tot,
und ich wäre von ihm frei. « Unsanft rüttelte er den alten Mann auf und schrie
ihn an: »Ihr seid zu nichts gut, als zum Schlafen, was musstet Ihr hierherkommen,
um zu schnarchen? Geht nach Hause, ich werde Euch die Akten geben, wenn Ihr in
besserer Verfassung seid.«
    Als der Advokat unter dem Versprechen, am Nachmittag wiederzukommen,
schläfrig hinausgewankt war, bürstete Itzig mit beneidenswerter Fertigkeit
seinen seidenen Hut, zog den besten Rock an, gab seinem Haar vor dem goldenen
Spiegel den genialen Fall und ging nach dem Hause seines Gegners Ehrental.
    Als er in den Hausflur trat, warf er seinen scheuen Blick auf die Tür des
Comtoirs und eilte vorüber nach der Treppe. Auf der untersten Stufe hielt er an.
»Er sitzt wieder im Comtoir«, sagte er horchend zu sich selbst, »ich höre ihn
brummen, so brummt er oft, wenn er allein ist. Ich will's wagen, ich gehe
hinein, vielleicht ist mit ihm ein Wort zu reden.« Er schritt zögernd zu der Tür
und horchte wieder, dann fasste er ein Herz und öffnete schnell. In dem dämmrigen
Raume sass auf dem Lederstuhle einsam eine zusammengedrückte Gestalt, auf dem
Kopfe einen unförmlichen Hut; sie nickte mit dem Kopfe vor sich hin und murmelte
unverständliche Worte. Wie hatte sich Hirsch Ehrental in dem letzten Jahre
verändert! Als er das letztemal vom Gute des Freiherrn fuhr, war er ein
rundlicher Mann von ansehnlicher Art gewesen, ein wohlkonservierter Mann, der
seine Busennadel anzustecken wusste, um vor den Frauen stattlich auszusehen; das
Haupt, welches jetzt in nervöser Schwäche nickte, war das Haupt eines alten
Mannes, und an dem faltigen Gesicht hing ein Bart, den das Schermesser
wochenlang nicht berührt hatte. Er war ein Bild des kläglichen Verfalles, wo der
Geist dem Körper noch vorläuft auf dem Wege zur zweiten Wiege.
    Der Agent stand an der Tür und sah betroffen auf seinen früheren Broterrn,
der in seine Träume versunken nur noch halb der Geschäftswelt angehörte. Endlich
begann er näher tretend: »Ich will mit Ihnen reden, Herr Ehrental. «
    Der Alte fuhr fort mit dem Kopfe zu nicken und antwortete mit zitternder
Stimme: »Hirsch Ehrental bin ich, was haben Sie zu reden mit mir?«
    »Ich will mit Ihnen sprechen über ein grosses Geschäft«, fuhr Itzig fort.
    »Ich höre«, sagte Ehrental ohne aufzusehn. »Wenn es ein grosses Geschäft
ist, warum sprechen Sie nicht?«
    »Sie kennen mich doch, Hirsch Ehrental?« schrie Itzig sich zu dem Alten
vorbeugend.
    Der Mann im Lederstuhle sah mit müden Augen auf und starrte den andern an,
endlich erkannte er ihn. Er rückte sich heftig von seinem Sitze in die Höhe und
stand mit vorgebeugtem Halse da. Immer noch nickte das Haupt, aber die Augen
ruhten mit einem Blicke voll Furcht und Hass auf dem Agenten. »Was wollen Sie
hier in meinem Comtoir?« rief er mit bebender Stimme. »Wie können Sie wagen, zu
treten vor meine Augen? Gehn Sie hinaus, Sie Mensch.«
    Itzig blieb stehen. »Schreien Sie nicht wie ein Hahn, ich tue Ihnen nichts,
ich will mit Ihnen reden über grosse Sachen, wenn Sie ruhig sein wollen, wie ein
Mann in Ihren Jahren sein muss.«
    »Es ist der Itzig«, murmelte der Alte vor sich hin, »er will reden von
grossen Sachen, ich soll ruhig sein. - Wie kann ich ruhig sein«, schrie er wieder
auf, »wenn ich Sie erblicke vor meinen Augen? Sie sind mein Feind, sie haben
mich ruiniert hier und haben mich ruiniert da. Sie sind gewesen für mich, wie
der Böse mit dem Schwerte, an welchem der Tropfen Galle hängt. Ich habe aufgetan
den Mund, und Sie haben mir hineingestossen Ihr Schwert, die Galle ist gekommen
in mein Herz, und ich muss zittern, wenn ich Sie ansehe.«
    »Werden Sie ruhig«, sagte Itzig, »und wenn Sie ruhig sind, dann hören Sie
mich an.«
    »Heisst er Itzig?« summte der Alte wieder vor sich hin. »Er nennt sich Itzig,
aber wenn er in die Stadt geht, heulen die Hunde. Ich will Sie nicht sehen«,
rief er, sich wieder aufrichtend, »gehen Sie hinaus, es ist mir zuwider Ihr
Anblick, ich will lieber zu tun haben mit einer Spinne, als mit Ihnen.«
    Veitel sagte mit Ergebung: »Was geschehn ist, Ehrental, ist geschehn und
ist darüber nicht mehr zu reden. Sie sind feindlich gewesen gegen mich, und ich
habe gehandelt gegen Sie, es ist gewesen einer wie der andere.«
    »Er hat gegessen alle Sonntage in meinem Hause«, grollte der Alte wieder.
    »Weil Sie daran denken«, fuhr Veitel fort, »will ich auch daran denken. Ja,
ich habe gegessen an Ihrem Tische, und deswegen tut es mir leid, wenn wir beide
in Feindschaft gekommen sind. Ich habe immer gehabt eine grosse Anhänglichkeit an
Ihr Haus.«
    »Du hast mir gezeigt deine Anhänglichkeit, junger Itzig«, fuhr der Alte
fort. »Du bist es, der gekommen ist in mein Haus und der mich hat geschlagen,
noch bevor ich liege in meinem Grabe; du bist es, welcher mir macht alle Tage
des Chibbut Hakkefer.«
    »Was reden Sie für ungewaschenes Zeug«, rief Veitel ärgerlich, »was tun Sie
immer, als ob Sie wären tot, und ich der böse Geist mit dem Schwerte. Ich bin
hier und will Ihnen bringen gutes Leben und nicht den Tod. Ich will machen, dass
Sie wieder zu Ansehen kommen unter unseren Leuten, und dass die auf der Strasse
wieder abnehmen den Hut, wie sie ihn abgenommen haben, bevor der Hirsch
Ehrental kindisch wurde.«
    Ehrental nahm mechanisch seinen Hut ab und setzte ihn wieder auf. Sein Haar
war weiss geworden.
    »Es soll Freundschaft werden zwischen Ihnen und mir«, fuhr Veitel beredt
fort, »und Ihre Geschäfte sollen mir sein, wie die meinigen. Ich habe Ihnen
geschickt mehr als einen Mann aus Ihrer Verwandtschaft und habe Ihnen sagen
lassen, was ich von Ihnen will, und Ihre Frau, die Madame Ehrental, hat Ihnen
oft dasselbe gesagt. Ich bin ein Mann geworden, der seine Geschäfte mit den
besten Leuten macht, ich kann Ihnen ein sicheres Kapital aufweisen, das grösser
sein wird als Sie denken. Warum sollen wir nicht unser Geld zusammentun? Wenn
Sie als Vater mir geben wollen Ihre Tochter Rosalie, so werde ich an Ihnen
handeln können als Ihr Schwiegersohn. Der alte Ehrental sah den Freiwerber mit
einem Blicke an, in dem ein Strahl der alten Schlauheit durch die blöde Schwäche
blitzte. Wenn Sie haben wollen meine Tochter Rosalie, erwiderte er, so sollen
Sie hören die einzige Frage, die ich habe an Sie. Was können Sie mir geben, wenn
ich Ihnen gebe die Rosalie?«
    »Ich will's Ihnen vorrechnen zu jeder Stunde«, rief Veitel.
    »Sie können mir vorrechnen vieles«, sagte Hirsch Ehrental abwehrend. »Aber
ich will nur eines von Ihnen fordern. Wenn Sie mir wiedergeben können meinen
Sohn Bernhard, so sollen Sie haben meine Tochter. Können Sie mir nicht holen
meinen Bernhard aus dem Grabe, so sage ich Ihnen, solange ich eine Stimme habe
in meinem Munde: Gehn Sie hinaus, hinaus aus meinem Comtoir. Hinaus!« schrie er
in plötzlicher Wut und ballte beide Hände gegen den Freier. Veitel trat eilig in
den Schatten der Tür, der alte Mann sank wieder in seinen Stuhl und drohte und
schwatzte vor sich hin.
    Itzig sah von der Tür dem Treiben zu, bis die Klage des Alten aufhörte, und
wieder undeutliche Worte von seinen Lippen fielen; dann zuckte er mit den
Achseln und verliess das Zimmer.
    Während er die Treppe hinaufstieg, den Frauen seinen Besuch zu machen,
bewegte er noch oft die Achseln, um seine Verachtung des Schwächlings
auszudrücken. Dann zog er an der Klingel und wurde von der Köchin mit
zerknitterter Haube unter vertraulichem Lächeln eingelassen.
    Unterdes eilte Eugen ratlos aus einer Offizierstube in die andere. Er trat
in die Weinstube von Feroni, die Austern waren nicht zu geniessen, der Burgunder
schmeckte wie Tinte. Wieder lief er die Strassen auf und ab, Angstschweiss auf der
Stirn. So verging dem armen Jungen der Tag. Endlich setzte er sich todmüde in
eine Konditorei und überdachte noch einmal die letzten Möglichkeiten. Wenn
Wohlfart zur Stelle wäre! Aber es war zu spät, ihn zu benachrichtigen. Die
Agenten hatten ihn mit unbestimmten Versprechungen einer Verlängerung
hingehalten, erst gestern abend hatten sie ihm beide zu gleicher Zeit
geschrieben, dass ihre Forderung auf Herrn Itzig übergegangen sei. Wohl war es zu
spät, an Wohlfart zu schreiben, aber hatte dieser zuverlässige Freund nicht
irgendeinen Bekannten am Orte? - Als Anton den jungen Sturm empfohlen, hatte er
ihm gesagt, »der Vater des Amtmanns ist ein sicherer Mann, und nicht ohne einige
Mittel«. Vom Vater eines Husars, der im Dienste seiner Familie stand, konnte er
vielleicht das Geld erhalten, wenn der Alte überhaupt Geld hatte. Das war die
Frage. Er forderte das Adressbuch: Johann Sturm, Auflader, Inselgasse Nr. 17. In
einer Droschke fuhr er hinaus. Eilig pochte er an, ein mächtiges Herein war die
Antwort. Der geängstigte Offizier überschritt die Schwelle des Aufladers.
    Vater Sturm sass einsam bei seinem Bierkruge, ein kleines Tageblatt in der
Hand, so klein, dass jedermann einsah, es war für den alten Sturm weder
geschrieben, noch gedruckt, noch ausgegeben worden. »Ein Husar«, rief Sturm und
blieb vor Erstaunen auf seiner Bank sitzen. Auch der Offizier war betroffen von
der kolossalen Gestalt, die ihn mit grossen Augen anblickte; so sahen beide
einander an.
    »Richtig«, sagte der Riese, »es ist ein Husar, vom Regiment meines Karl; der
Rock stimmt, die Schnüre stimmen. Seid mir gegrüsst, Kamerad «, und er erhob
sich. Jetzt erst erkannte er das Metall der Schnüre. »Der Tausend, ein Herr
Offizier!«
    »Mein Name ist Eugen von Rotsattel«, begann der Leutnant, »ich bin ein
Bekannter von Herrn Wohlfart.«
    »Von Herrn Wohlfart und von meinem Sohne Karl«, sagte Sturm in Eifer, »hier
nehmen Sie Platz, Herr Offizier, es ist mir ausnehmende Freude und Ehre.« Er
trug einen Stuhl herbei und setzte ihn in seinem Diensteifer vor Eugen hin, dass
die Tür schütterte. Eugen wollte sich setzen. »Noch nicht«, sagte der alte
Sturm, »erst abwischen, die Uniform könnte leiden. Seit mein Karl fort musste,
ist es hier etwas staubig.« Er wischte und glättete mit einem Tuche den Stuhl
für seinen Gast. »So mein Herr, jetzt erlauben Sie, dass ich mich Ihnen
gegenübersetze. Sie bringen mir Nachricht von meinem Kleinen?«
    »Keine andere«, erwiderte Eugen, »als dass er sich wohlbefindet und dass mein
Vater mit seiner Tätigkeit sehr zufrieden ist.«
    »So?« rief Sturm, über das ganze Gesicht lachend und klopfte mit seinen
Fingern auf den Tisch, dass ein kleines Erdbeben in der Stube entstand; »ich
wusste, dass Ihr Herr Vater mit ihm zufrieden sein würde. Ich hätte Ihnen das
schriftlich geben wollen auf Stempelpapier. Er war schon ein praktischer Junge,
als er noch so gross war«, er bezeichnete mit der Hand einen Zustand menschlicher
Kleinheit, welche keinem sterblichen Menschen, auch nicht am ersten Tage seines
sichtbaren Lebens, vergönnt ist.
    »Kann er denn aber auch alles machen?« frug er ängstlich weiter, »wegen dem,
Sie wissen schon!« Er hielt dem Leutnant seine grossen Finger entgegen und machte
mit diesen vertrauliche Zeichen in der Luft. »Mittelfinger und Goldfinger, ach,
das war ein grosses Unglück, Herr Offizier.«
    Eugen erinnerte sich an den unglücklichen Zufall. »Er hat's überwunden«,
sagte er verlegen über die Rolle, zu welcher das Vatergefühl des Riesen ihn
verurteilte. »Was mich zu Ihnen führt, ist eine Bitte.«
    »Eine Bitte?« lachte Sturm, »fordern Sie, Herr Baron! Das ist keine
Redensart. Jeder aus dem Hause, in welchem mein Karl wohnt und Amtmann ist, hat
das Recht, von dem alten Sturm zu fordern. Das ist meine glatte Ansicht.« Er
strich mit der Hand über den Tisch.
    »Um es also kurz zu sagen, Herr Sturm«, fuhr Eugen fort, »ich bin in der
Lage, morgen eine grosse Zahlung zu machen, und bedarf dazu Geld. Die Sache ist
plötzlich gekommen, ich habe keine Zeit mehr, meinen Vater zu benachrichtigen.
Ich weiss hier in der Stadt niemanden, an den ich mich mit solchem Vertrauen
wenden möchte, als an den Vater unsers Amtmanns.«
    Sturm beugte sich vor und schlug den Offizier in seiner Freude heftig auf
das Knie. »Das war ehrlich gesprochen; Sie sind ein Herr, der auf sein Haus
hält, und der nicht zu Fremden geht, wenn er das Ding von seinen Leuten haben
kann. Sie brauchen Geld? Mein Karl ist Amtmann bei Ihrem Herrn Vater, mein Karl
hat etwas Geld, so ist alles in der Ordnung. Wieviel brauchen Sie? Sind's
hundert, sind's zweihundert Taler? Geld ist da.«
    »Fast nehme ich Anstand, Herr Sturm, Ihnen die Summe zu nennen«, sagte Eugen
befangen, »es sind neunzehnhundert Taler.«
    »Neunzehnhundert Taler«, wiederholte der Riese erstaunt, »das ist ein
Kapital, es ist ein Haus, das ist, was die Leute ein Geschäft nennen.«
    »Das ist es, Herr Sturm«, fuhr Eugen bekümmert fort. »Und da Sie so
freundlich gegen mich sind, so muss ich Ihnen auch sagen, es tut mir herzlich
leid, dass es so viel ist. Ich bin bereit, Ihnen einen Schuldschein darüber
auszustellen und das Geld, so hoch sie wünschen, zu verzinsen.«
    »Wissen Sie was«, sagte Sturm nachdenkend, »über die Zinsen wollen wir nicht
reden, das machen Sie mit meinem Karl ab. Was aber den Schuldschein betrifft, so
ist das ein guter Gedanke von Ihnen. Ein Schein ist angenehm wegen Leben und
Sterben. Sie und ich, wir brauchen das nicht gegeneinander, aber ich kann
sterben vor meiner Zeit. Das würde nicht schaden, denn alsdann sind Sie da, der
von der Geschichte weiss. Aber Sie könnten sterben, was ich gar nicht fürchte; im
Gegenteil«, setzte er begütigend hinzu; aber Sie könnten doch sterben, und dann
müsste mein Karl Ihre Unterschrift haben, damit er hervortreten könnte und sagen:
»Mein armer junger Herr Baron hat dieses hier geschrieben, folglich zahlt.«
    »Also Sie wollen die Güte haben, mir das Geld zu leihen?«
    »Es ist keine Güte«, sagte Sturm verweisend, »es ist meine Schuldigkeit, da
die Sache ein Geschäft ist, und mein Zwerg Ihr Amtmann ist.«
    Gerührt sah Eugen in das lachende Gesicht des Riesen. »Aber, Herr Sturm, ich
brauche das Geld schon morgen«, sagte er.
    »Natürlich«, erwiderte Sturm, »das ist gerade, was mir recht ist. Kommen
Sie, Herr Baron.« Er nahm das Licht und führte ihn in die Kammer. »Entschuldigen
Sie nur, dass es hier so unordentlich aussieht, ich bin ein einzelner Mann und
den ganzen Tag bei meiner Arbeit. Sehen Sie, hier ist mein Geldkasten.« Er zog
den eisernen Kasten hervor. »Vor Spitzbuben ist er sicher«, sagte er mit
Selbstgefühl. »Niemand in der Stadt kann ihn von der Stelle rücken, als ich,
niemand kann ihn aufschliessen, denn das Schloss ist ein Meisterstück von dem
Vater meiner seligen Frau. Es können wenige den Deckel aufheben, ausser mir, und
wenn ihrer viele kommen, so finden sie Arbeit, die ihnen zu heiss wird. Glauben
Sie, dass das Geld hier sicher ist vor Gaunern und solchem Volk?« sagte er
triumphierend. Er war im Begriff, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. »Halt«,
unterbrach er sich, »noch eins: ich habe ein Vertrauen zu Ihnen, Herr Baron, wie
zu meinem Karl, das versteht sich, aber beantworten Sie mir zuvor diese Frage:
Sind Sie auch der junge Herr Baron?«
    Jetzt konnte Eugen lächeln, er griff in seine Tasche und sagte: »Hier ist
mein Patent.«
    »Ah, viel Ehre!« rief Sturm, fasste das Papier behutsam und las bedächtig den
Namen, dann sah er auf die Züge, die darunterstanden, neigte sein Haupt und gab
es mit zwei Fingern in grossem Respekt zurück.
    »Und hier«, fuhr Eugen fort, »habe ich zufällig einen Brief Wohlfarts in der
Tasche. «
    »Versteht sich«, rief Sturm, auf die Adresse blickend, »dieses ist seine
leibhaftige Hand.«
    »Und hier seine Unterschrift«, sagte Eugen.
    »Ihr ergebenster Wohlfart«, las der Riese; »ja, wenn der das schreibt, so
können Sie glauben, dass es wahr ist. - So, jetzt ist das Geschäftliche
abgemacht«, fuhr er fort und schloss den Kasten auf. »Hier ist Geld. Also
neunzehnhundert Taler. Er hob fünf grosse Beutel aus dem Kasten, fasste sie
gemächlich mit einer Hand und überreichte sie Eugen. Hier tausend.«
    Eugen versuchte vergebens, die Beutel festzuhalten.
    »Ja, so«, sagte der Riese, »ich werde sie Ihnen schon in den Wagen tragen,
das andere muss ich Ihnen in Pfandbriefen geben. Diese sind etwas weniger wert,
als hundert Taler, das wissen Sie natürlich.« »Es tut nichts«, sagte Eugen.
    »Nein«, sagte der Riese, »Sie bemerken's in dem Schuldschein. So ist das
Geschäft glücklich abgemacht.« Er schloss den Kasten wieder zu und schob ihn
unter das Bett.
    Eugen trat mit leichtem Herzen in das Zimmer. »Jetzt trage ich Ihnen die
Säcke nach dem Wagen«, rief Sturm.
    »Noch den Schuldschein«, erinnerte Eugen.
    »Richtig«, nickte der Riese, »Ordnung muss sein. Sehen Sie zu, ob Sie mit
meiner groben Feder schreiben können. Hätte ich gewusst, dass ich einen so feinen
Besuch haben würde, so hätte ich mir eine bessere von Herr Schröter
mitgebracht.«
    Eugen verfasste einen Schuldschein, Sturm sass unterdessen neben seinem
Bierkruge ihm gegenüber und sah ihm in behaglicher Stimmung zu. Dann begleitete
er ihn zum Wagen und sagte beim Abschiede: »Grüssen Sie mir recht herzlich meinen
Kleinen und Herrn Wohlfart. Ich hatte dem Karl versprochen, zu Weihnachten zu
ihm zu kommen wegen des Christbaums. Aber es geht nicht mehr recht mit meiner
Gesundheit. Neunundvierzig sind vorbei.«
    Einige Zeit darauf schrieb Eugen an Anton und zeigte ihm kurz an, dass er von
dem Vater Sturm neunzehnhundert Taler gegen einen Schuldschein geliehen habe.
»Suchen Sie die Sache zu arrangieren«, schloss der Brief, »natürlich darf mein
Vater nichts davon erfahren. Ein guterziger närrischer Teufel, der alte Sturm,
denken Sie auf etwas Hübsches für seinen Sohn, den Husar, das ich ihm mitbringen
kann, sobald ich zu Euch komme.«
    Empört warf Anton den Brief auf den Tisch. »Es ist ihnen nicht zu helfen,
der Prinzipal hatte recht. In goldenen Armbändern für eine feile Tänzerin, mit
den Würfeln unter zuchtlosen Kameraden hat er das Geld vergeudet und bezahlt
seine Wucherschulden mit dem sauern Verdienst eines ehrlichen Arbeiters.« Er
rief Karl in sein Zimmer.
    »Es hat mir manchmal leid getan, dass ich dich in diese Unordnung
hereingezogen habe, heut fühle ich tief, dass es ein Unrecht war. Ich schäme
mich, dir zu sagen, was geschehen ist. Der junge Rotsattel hat die
Guterzigkeit deines Vaters benutzt, ihm neunzehnhundert Taler abzuborgen.«
    »Neunzehnhundert Taler von meinem Alten!« rief Karl erstaunt. »Hat mein
Goliat soviel Geld zu verleihen? Gegen mich hat er immer getan, als verstände
er nicht zu sparen.«
    »Ein Teil deines Erbes ist hingegeben gegen einen wertlosen Schuldschein,
und die Sache wird noch empörender durch die Gleichgültigkeit, mit welcher der
leichtsinnige Borger sie behandelt. Hat dir denn dein Vater gar nichts darüber
geschrieben?«
    »Der!« rief Karl, »das tut er sicher nicht. - Mir ist nur unlieb, dass Sie
sich über die Geschichte so sehr ärgern. Ich bitte Sie um alles, machen Sie
keinen Lärm. Sie wissen am besten, wieviel Wolken über diesem Hause stehen,
vergrössern Sie den Kummer der Eltern nicht um meinetwillen. «
    »Hier schweigen«, erwiderte Anton, »heisst sich zum Mitschuldigen eines
schlechten Streichs machen. Du schreib deinem Vater auf der Stelle, er soll in
Zukunft niemals wieder so gefällig sein; denn der Kavalier ist imstande, bei
nächster Gelegenheit wieder zu deinem Vater zu gehn.«
    Darauf schrieb Anton an Eugen: »Ein Arrangieren Ihrer Schuld ist unmöglich,
wenn ich Ihrem Herrn Vater nichts davon mitteilen soll, und selbst in diesem
Fall weiss ich wenigstens nicht, wo eine Deckung derselben gefunden werden kann.
Ich verschweige Ihnen nicht, dass ich Ihre Anleihe bei dem Vater des Amtmann
Sturm für sehr unrecht halte. Sie und Ihr Herr Vater haben der aufopfernden
Tätigkeit des Sohnes ohnedies so viel zu danken, dass der geringe Gehalt, den
derselbe unter den hiesigen Verhältnissen erhalten kann, nur als eine
ungenügende Vergütung erscheint. Deshalb muss ich Sie dringend bitten, dem
Auflader Sturm wenigstens soviel Sicherheit zu verschaffen, als ihm gegeben
werden kann. Diese Sicherheit liegt in der Anerkennung der Schuld durch Ihren
Herrn Vater. Sie werden mit mir einverstanden sein, dass am zweckmässigsten Sie
selbst dem Herrn Freiherrn die nötigen Mitteilungen machen. Ich bitte dies nicht
bis zu Ihrem Besuch hinauszuschieben, weil mir jede Woche, in welcher diese
Angelegenheit unerledigt bleibt, als Verlängerung einer Täuschung erscheint,
welche Ihrer nicht würdig ist.«
    Und zu Karl sagte Anton: »Wenn er seinem Vater kein Bekenntnis macht, so
werde ich am ersten Tage seines Besuchs den Freiherrn in seiner Gegenwart von
dem Schuldschein unterrichten. Sprich nicht dagegen, du bist grade wie dein
Vater. «
    Die Folge dieses Briefes war, dass Eugen an Anton gar nicht mehr schrieb und
den nächsten Brief an seinen Vater einige nicht ganz verständliche Sätze
zufügte. Wohlfart sei ein Mann, gegen den sie wohl einige Verpflichtungen
hätten, das Schlimme sei nur, dass bei solchen Leuten dadurch Dünkel entstehe und
ein Hofmeisterton, der unerträglich werden könne. Am besten sei, sich
dergleichen Menschen mit gutem Anstand vom Halse zu schaffen. Diese Ansicht war
sehr nach dem Herzen des Freiherrn, und er lobte sie höchlich. »Eugen hat immer
ein richtiges Urteil«, sagte er; »auch ich wünsche sehnlich, dass der Tag recht
bald kommt, wo ich selbst wieder imstande bin, die Wirtschaft zu übersehen und
unsern Herrn Wohlfart zu entlassen.«
    Die Baronin, welche den Brief ihrem Gemahl vorgelesen hatte, entgegnete: »Du
würdest Wohlfart doch sehr vermissen, wenn er je von uns scheiden sollte«; dann
legte sie den Brief zusammen und verbarg ihn in die Tasche ihres Kleides.
    Lenore aber war ausserstande, ihren Unwillen zu beherrschen, sie verliess
schweigend das Zimmer und suchte Anton in dem Wirtschaftshofe auf.
    »Was haben Sie mit Eugen?« rief sie ihm entgegen.
    »Hat er mich bei Ihnen verklagt?« frug Anton zurück.
    »Bei mir nicht«, erwiderte Lenore, »aber er spricht in seinem Briefe an die
Eltern nicht in der Weise von Ihnen, die ihm sonst so gut stand.«
    »Vielleicht ist's Zufall«, erwiderte Anton, »oder eine Verstimmung, die sich
wohl geben wird.«
    »Nein, es ist mehr, und ich will es wissen.«
    »Wenn es mehr ist, so können Sie es nur von ihm selbst erfahren.«
    »Dann, Wohlfart«, rief Lenore, »hat Eugen etwas Unrechtes getan, und Sie
wissen davon.«
    »Was es auch sein mag«, entgegnete Anton ernst, »es ist nicht mein
Geheimnis, sonst würde ich es Ihnen nicht verschweigen. Ich bitte Sie, zu
glauben, dass ich gegen Ihren Bruder ehrlich gehandelt habe.«
    »Was ich glaube, kann Ihnen nichts nützen«, rief Lenore. »Ich soll von
nichts wissen, ich verstehe nichts, ich kann in dieser angstvollen Zeit nichts
tun, als mich ärgern, wenn man ungerecht gegen Sie ist.«
    »Oft«, fuhr Anton fort, »fühle ich die Verantwortlichkeit, welche mir durch
die Krankheit Ihres Herrn Vaters aufgelegt wird, als eine gefährliche Last;
seine Verstimmung richtet sich natürlich auch manchmal gegen mich, der ich ihm
Unwillkommenes mitteilen muss. Das ist nicht zu vermeiden. Ich habe den Mut, auch
peinliche Stunden durchzumachen, solange Sie und die Frau Baronin sich die
Überzeugung nicht erschüttern lassen, dass ich immer in Ihrem Interesse handle,
so gut ich es verstehe.«
    »Meine Mutter weiss, was Sie uns sind«, sagte Lenore, »niemals spricht sie zu
mir von Ihnen, aber ich sehe es an ihrem Blick, wenn sie über den Tisch auf Ihr
Gesicht sieht. Sie hat immer zu verbergen gewusst, was sie dachte, ihren Schmerz
und ihre Sorgen, jetzt verhüllt sie sich noch mehr als sonst. Auch vor mir. Wie
hinter einem weissen Schleier sehe ich ihr reines Bild, ihr Körper ist so schwach
geworden, dass mir manchmal die Tränen in die Augen steigen, wenn ich sie ansehe.
Sie spricht immer das Gute und Verständige, aber sie scheint teilnahmslos für
vieles, und wenn sie bei meinen Reden lächelt, so ist mir, als mache auch die
Heiterkeit ihr innern Schmerz.«
    »Ja, so ist sie«, rief Anton traurig.
    »Sie lebt nur noch für die Pflege des Vaters; was sie innerlich leidet, das
erfährt niemand, auch ihre Tochter nicht. Sie ist wie ein Engel, Wohlfart, der
nur noch ungern auf dieser Erde verweilt. Ich kann ihr nur wenig sein, und ich
fühle das; ich bin unbehilflich, und mir fehlt alles, was meine Mutter so schön
macht, die Selbstbeherrschung, ihre ruhige Haltung, die reizende Form. - Die
Krankheit des Vaters, der leichte Sinn des Bruders, und meine Mutter bei aller
Liebe verschlossen gegen mich, Wohlfart, ich bin recht allein.« Sie lehnte sich
auf den Brunnenrand und weinte.
    »Vielleicht musste es so kommen zu Ihrem Besten«, tröstete Anton mit warmem
Mitgefühl von der andern Seite des Brunnens. »Sie sind eine kräftige Natur, und
ich glaube, Sie können sehr leidenschaftlich empfinden.«
    »Ich kann sehr böse sein«, sagte Lenore unter Tränen beistimmend, »und
wieder sehr ausgelassen.«
    »Sie waren aufgewachsen, sorglos, in glücklichen Verhältnissen, und Ihr
Leben war leicht wie ein Spiel.«
    »Das Lernen ist mir schwer genug geworden«, schalt Lenore ein.
    »Ich denke mir, dass Sie in Gefahr waren, bei Ihrem Wesen ein wenig wild und
übermütig zu werden.«
    »Ich fürchte, ich war's«, rief Lenore.
    »Jetzt haben Sie schwere Leiden ertragen müssen, und die Gegenwart sieht
hier recht ernstaft aus. Und wenn ich das Ihnen sagen darf, liebes Fräulein,
ich meine, Sie werden hier gerade das finden, was die Frau Baronin in der grossen
Welt gewonnen hat, Haltung und Innerlichkeit. Mir kommt manchmal vor, als hätten
Sie sich schon verändert. «
    »Ich war früher ein recht unausstehlicher Wildfang?« frug Lenore unter
Tränen lachend und sah Anton trotz ihrer Ehrlichkeit mit mädchenhafter
Schelmerei an. Anton musste an sich halten, ihr nicht zu sagen, wie liebenswürdig
sie in diesem Augenblick war. Aber der gute Junge bezwang sich tapfer und sagte
so kühl als möglich: »Es war nicht so arg, liebes Fräulein. «
    »Und wissen Sie, was Sie sind?« frug Lenore scherzend. »Sie sind, wie Eugen
schreibt, ein kleiner Schulmeister.«
    »Also das hat er geschrieben«, rief Anton erleichtert.
    Lenore wurde plötzlich ernst. »Sprechen wir nicht von ihm. Als ich seinen
Brief hörte, kam ich her, um Ihnen zu sagen, dass ich Ihnen vertraue wie
niemandem sonst auf Erden, wenn es nicht meine gute Mutter ist, dass ich Ihnen
immer vertrauen werde, solange ich lebe, dass nichts meinen Glauben an Sie
erschüttern kann, dass ich überzeugt bin, Sie sind der einzige Freund, den wir in
unserer Not haben, und dass ich Ihnen auf den Knien abbitten möchte, wenn jemand
sie in der Stille mit Worten kränkt, oder auch nur durch seine Gesinnung.«
    »Lenore! Liebes Fräulein«, rief Anton glücklich, - »sprechen Sie nicht
weiter.«
    »Und noch wollte ich sagen«, fuhr Lenore fort, »wie ich Sie bewundere, dass
Sie so sicher unter uns Ihren Weg gehn und mit allen Leuten fertig werden, ohne
sich etwas zu vergeben, und wie Sie allein es sind, der auf diesen Gütern
Ordnung einführt und einen bessern Zustand. Das lag mir auf der Seele, und jetzt
wissen Sie's, Wohlfart.«
    »Ich danke Ihnen, Fräulein«, rief Anton, »Sie machen mir durch Ihre Worte
einen frohen Tag. Aber ich bin nicht so sicher und stark, als sie glauben. Wenn
ich dies Gut ansehe, und was darauf geschehen muss, so fühle ich alle Tage mehr,
dass ich's nicht bin, der hier gründlich helfen kann. Wenn ich jemals wünschen
könnte, dass Sie nicht die Tochter des Freiherrn wären, sondern ein Mann, so ist
es, wenn ich über die Äcker dieses Gutes gehe.«
    »Ja, sehen Sie«, sagte Lenore, »das ist mein alter Kummer, unser früherer
Amtmann hat mir das auch schon gesagt. Wenn ich über meinem Stickmuster sitze
und Sie mit Herrn Sturm auf das Feld gehn sehe, dann wird mir glühend heiss, und
ich werfe meinen unnützen Kram beiseite. Ich kann nichts als Brot essen, und
verstehe nichts als Geld für Spitzen ausgeben, und auch das verstehe ich noch
nicht einmal, wie Mama sagt. Sie aber müssen sich schon die ungeschickte Lenore
gefallen lassen, als Ihre gute Freundin.« dabei sah sie ihm treuherzig in die
Augen.
    »Seit vielen Jahren habe ich Ihre Freundschaft in meiner Seele gefühlt als
ein grosses Glück«, rief Anton bewegt. »Immer, bis zu dieser Stunde, ist es
meines Herzens Freude gewesen, mich in der Stille als Ihren treuen Freund zu
betrachten.«
    »Und so soll es immer zwischen uns beiden bleiben«, sagte Lenore. »Jetzt bin
ich wieder ruhig. Und jetzt ärgern Sie sich nicht mehr über Eugens dumme
Streiche, ich tu es auch nicht.«
    So trennten sich die beiden, wie unschuldige Kinder, die ein süsses Behagen
darin finden, einander das zu erzählen, was die Leidenschaft zu verbergen sucht.
 
                                       5
Die Feindschaft zwischen Pix und Specht war wieder hell aufgebrannt. Diesmal
stand aber Specht nicht allein, das Quartett war auf seiner Seite, denn Specht
wurde in Gefühlen gekränkt, welche das Quartett anerkannt und durch seinen
Gesang geweiht hatte. Herr Specht war verliebt. Dieser Zustand war bei dem
lebhaften Herrn nichts Befremdliches, ja, man kann sagen, dass der Hauptinhalt
seines Lebens ein ewig flackerndes Liebesgefühl war, welches, wie das Feuer der
Vesta, als poetische Flamme brannte, um welche niemals die praktischen Kochtöpfe
des täglichen Lebens, der Gedanke an Heirat und einen eigenen Haushalt,
herumgesetzt wurden. Die Liebe des Herrn Specht war ewig, aber die Gotteit,
welcher sein Feuer loderte, wechselte oft. Alle Damen in seinem Gesichtskreise
hatten nacheinander die Ehre gehabt, von ihm angebetet zu werden. Selbst die
Tante war eine Zeitlang Gegenstand seiner Träume gewesen, damals, als die
schmerzliche Geschichte der erhabenen, aber nicht mehr jugendgrünen Sappho sein
Herz bewegte.
    Diesmal aber hatte die Neigung des Herrn Specht eine solide Grundlage. Er
hatte eine junge Frau entdeckt, eine wohlhabende Hausbesitzerin, Witwe eines
Pelzwarengeschäfts, mit runden Bäckchen und zwei freundlichen nussbraunen Augen.
Er verfolgte sie im Teater und in öffentlichen Gärten, strich, sooft er durfte,
bei ihren Fenstern vorüber und tat, was seine Erfindungskraft vermochte, ihr
Herz zu erschüttern. Er störte die Ruhe ihres resignierten Lebens durch zahllose
anonyme Billetts, in denen ein Unbekannter mit Vers und Prosa die Absicht
aussprach, die Nüchternheit dieses Lebens gegen das unbekannte Jenseits zu
vertauschen, wenn sie ihn verschmähe. In dem Anzeigenblatte des Orts erschienen
unter frischem Kaviar, Schellfischen und Dienstgesuchen zum Erstaunen des
Publikums zahlreiche dichterische Kunstgebilde, in denen der Vorname der jungen
Witwe, Adele, bald an dem Anfang der Zeilen, bald an einer Reihe von
Hauptwörtern durch dicke Buchstaben zutage trat. Endlich konnte Herr Specht sich
nicht entalten, das Quartett zum Vertrauten seiner Empfindungen zu machen.
Zuerst offenbarte er sich Herrn Liebold; an einem Abende, wo die Bässe ihn
brüderlich beim Absingen feuriger Liebeslieder unterstützt hatten, wagte er,
auch diesen zu bekennen, dass er der Verfasser der vielbesprochenen
Adele-Gedichte sei. Die Bässe erstaunten sehr, dass von ihrem Comtoir ein so
epochemachendes Ereignis ausgegangen war. Zwar hatten sie oft mit den andern
Herren über die Gedichte gelächelt, während Specht im stillen über die Kritik
seines Comtoirs stöhnte, aber als sie jetzt erfuhren, dass einer von ihnen der
Täter war, erwachte der Korpsgeist, und sie hörten seine Bekenntnisse mit
Wohlwollen an. Der Fall erschien ihnen nicht unpraktisch, die Witwe war hübsch,
besass ein Haus, und, wie verlautete, ausserdem ein achtungswertes Vermögen.
Deshalb beschlossen sie, ihren Kollegen bei einem Ständchen die Mitwirkung nicht
zu versagen. Der Nachtwächter vor dem Haus der Witwe erhielt einige
Viergroschenstücke, das Ständchen wurde gebracht, im Schlafzimmer der Witwe
öffnete sich ein Fensterflügel und etwas Weisses ward auf Augenblicke in der
Finsternis sichtbar. Specht schwamm in Seligkeit, und da dieser Zustand nicht
geeignet ist, den Menschen schweigsam zu machen, beging er die Unvorsichtigkeit,
auch gegen die andern Kollegen geheimnisvolle Andeutungen zu wagen. So erfuhr
Pix das Sachverhältnis.
    Jetzt entspann sich im Anzeigenblatt des Ortes ein merkwürdiges Spiel von
Katze und Maus. Es erschienen geheimnisvolle Inserate, durch welche ein Herr S.
an alle möglichen entlegenen Orte der Stadt bestellt wurde, um dort jemand zu
finden, der ihm teuer sei. Specht lief regelmässig hin und fand niemals die,
welche er suchte, dagegen erfuhr er bei diesen Nachforschungen ernste
Unbequemlichkeit, er litt sehr durch Kälte und Sturmwind, er wurde von fremden
Damen, die er anredete, gröblich zurechtgewiesen, ein Schusterjunge, den er für
seine verkleidete Schöne hielt, warf ihm ein Zigarrenende ins Gesicht, er ward
in einer Sackgasse wegen seines scharfen Umherspähens für einen Polizeispion
erklärt und bösartig geschimpft. Natürlich erhob er seinerseits in dem
Lokalblatt verschleierte, aber starke Beschwerden über die Wortbrüchigkeit der
Bestellerin, diese hatten zur Folge, dass Entschuldigungen kamen und die
Andeutung neuer Möglichkeiten. Nie aber fand er, die er suchte.
    Das zog sich durch einige Wochen fort, und Specht geriet über die
unaufhörlichen Schikanen des Schicksals in eine Aufregung, welche selbst den
Bässen unheimlich wurde.
    An einem Morgen stand Pix wie gewöhnlich im Hausflur, als eine artige runde
Dame mit nussbraunen Augen und einem prachtvollen Pelz in das Haus trat und
zornig nach Herrn Schröter frug.
    »Herr Schröter ist nicht zu Hause«, sagte Pix. »Kann ich Ihnen mit etwas
dienen?« Er legte den schwarzen Pinsel beiseite, und da die Fremde zu sprechen
zögerte, forderte er sie durch eine befehlende Handbewegung auf, sich aus dem
Gedränge der Hausknechte und Fässer in das offene Warengewölbe zu retten. Seine
ruhige Autorität imponierte der Dame so, dass sie eintrat, und jetzt verbeugte
sich Herr Pix ein wenig und wiederholte herablassend: »Wünschen Sie etwas von
unserm Geschäft?«
    »Ich wünsche den Herrn der Handlung zu sprechen«, begann die Dame aufs neue.
    »Ich stehe an seiner Stelle hier«, sagte Pix mit seinem Feldherrnblick.
    Die Fremde sah ihn furchtsam an und begann endlich: »Ich komme, mich über
einen Herrn Ihres Comtoirs zu beklagen. Seit längerer Zeit bin ich der
Gegenstand von Neckereien und Zudringlichkeiten, welche mich in Gefahr setzen,
zum Stadtgespräch zu werden. Ich erhalte von fremder Hand Briefe und Gedichte,
im Tageblatt wird mit meinem Namen ein unwürdiges Spiel getrieben. Ich habe
erfahren, dass der Urheber dieser Schändlichkeiten in Ihrem Geschäft ist, und ich
verlange seine Bestrafung.«
    Pix ahnte den Zusammenhang. Er streckte die Hand in die Weste und frug
weiter: »Können Sie mir diesen Herrn nennen?«
    »Den Namen weiss ich nicht«, sagte die Witwe, »er ist gross und hat krauses
Haar.«
    »Hager von Statur und eine starke Nase?« frug Pix. »Es ist gut, Madame, Sie
sollen von heut nicht mehr belästigt werden, Sie sollen vollständige Genugtuung
erhalten, ich bürge Ihnen dafür.«
    »Aber ich möchte doch Herrn Schröter selbst -«, begann wieder die Dame im
Pelz.
    »Es ist besser, Sie tun's nicht. Der junge Mann hat sich in einer Weise
gegen Sie benommen, für welche ich keinen Ausdruck finde. Aber Ihr gütiges Herz
wird darauf reflektieren, dass seine Absicht gewiss nicht war, Sie zu kränken. Er
war ungeschickt und ohne Takt, das ist sein Verbrechen. Aber der arme Mensch ist
im Ernst von einem krankhaften Gefühl für Sie ergriffen. Seit ich die Ehre habe,
Sie zu kennen, finde ich das in Ordnung.« Er verbeugte sich aufs neue. »Wie
gesagt, ich verurteile ihn, aber ich finde es in Ordnung. «
    Die hübsche Witwe stand verlegen und wusste nicht recht, was sie dem stolzen
Herrn antworten sollte.
    »Zu gleicher Zeit«, fuhr Pix fort, »gebe ich mir die Ehre, Sie im Namen
unsers Geschäfts um Verzeihung zu bitten. Unser Haus muss sehr bedauern, Ihnen
auch nur einen unangenehmen Augenblick bereitet zu haben. Es würde uns glücklich
machen, wenn der freundliche Sinn, welchen ich aus Ihrem Gesicht lese, unserm
Geschäft und vor allem dem Schuldigen diese Verzeihung gewährte.«
    »Ich habe allerdings nicht die Absicht, andere für das ungeschickte Benehmen
des einen verantwortlich zu machen«, sagte die Witwe.
    »Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Liebenswürdigkeit«, fuhr Herr
Pix siegreich fort, »und bitte Sie noch um Entschuldigung, Madame, dass ich Sie
hier hereinführte; ich wusste nicht, wen ich zu sprechen die Ehre habe. Dies ist
das kleine Warenmagazin für meinen täglichen Bedarf.«
    »Für den täglichen Bedarf?« wiederholte die Dame erstaunt über den
grossartigen Bedarf des Herrn. Pix griff in ein Kaffeefass und liess eine Handvoll
Bohnen wie einen Goldregen nachlässig in das Fass zurücklaufen. »Vielleicht
finden Sie hier einiges, was Ihnen von Ihrem Haushalt her nicht uninteressant
ist«, fügte er hinzu und stellte seine Waren mit einer leichten Handbewegung
vor.
    Die hübsche Pelzhändlerwitwe brach in artige Verwunderung über die Masse des
vorhandenen Kaffees aus, Herr Pix führte sie zu einigen Sorten von
ausgezeichneter Güte, machte sie auf die ärgerlichen Steine des Domingo
aufmerksam und auf die künstliche grüne Farbe einer Sendung Java. Die Dame hörte
erstaunt und gefesselt die wirtschaftliche Belehrung an, welche der Herr so
herablassend aussprach.
    »Unser Geschäft würde sich sehr freuen, wenn es Ihnen wenigstens ein kleines
Zeichen der Verehrung übersenden dürfte«, sagte endlich Pix mit einer sehr
verbindlichen Verbeugung. »Sie gestatten mir, Ihnen einige Proben von Qualitäten
zu schicken, die Ihnen hier gefielen.«
    »Ich kann das unmöglich annehmen, Herr -«, erwiderte die Witwe mit Haltung.
    »Mein Name ist Pix. Wegen der Übersendung bitte ich keine Worte zu machen,
wir haben das Detailgeschäft zwar längst aufgegeben, indes versteht sich von
selbst, dass wir für einzelne Gönnerinnen der Handlung ein Konto offenhalten.
Wenn Sie in Zukunft einmal einen kleinen Einkauf machen wollten, so würde ich
sehr glücklich sein, wenn ich Ihnen denselben zu unserm Kostenpreis berechnen
könnte. Und was den erwähnten Herrn betrifft, so wiederhole ich Ihnen, Sie
sollen vollständige Genugtuung haben, ich selbst werde dafür sorgen.«
    »Ich bin Ihnen sehr dankbar, mein Herr«, sagte die Dame mit freundlichem
Lächeln und trennte sich in versöhnlicher Stimmung von dem Geschäft.
    Pix ging in das Comtoir und nahm Specht beiseite. »Sie haben schöne Dinge
angerichtet«, sagte er strenge. »Wissen Sie, dass Ihnen ein Donnerwetter gedroht
hat, welches Sie leicht von Ihrem Pult herunterwerfen konnte? Die junge Witwe
war hier und wollte Sie durchaus bei Herrn Schröter verklagen, sie ist wütend
auf Sie. Wie konnten Sie wagen, eine anständige Dame zum Gegenstand so
gewöhnlicher Huldigungen im Lokalblatt zu machen? Schämen Sie sich, Specht«,
rief er mit grosser Missbilligung.
    Specht verlor vor Schreck die Sprache. »Sie hat ja im Tageblatt angefangen«,
rief er endlich trostlos, »sie hat mich bestellt zuerst ins Teater, dann zum
Schwanenhaus auf der Promenade, dann gar auf den Turm, um die Aussicht zu
bewundern.«
    »Pfui«, sagte Pix in tugendhafter Entrüstung, »merken Sie denn nicht, dass
ein Spassvogel seinen schlechten Witz mit Ihnen gemacht hat? Die Dame ist sehr
unglücklich über Ihr Benehmen, ich sage Ihnen im Vertrauen, sie hat über Sie
geweint.« - Specht rang die Hände.
    »Ich habe alles angewandt, sie zu beruhigen, ich habe in Ihrem Namen
versprochen, dass Sie sich des Lokalblatts und aller Angriffe auf ihre Ruhe von
heut ab entalten werden. Richten Sie sich danach: wo nicht, so erfährt Herr
Schröter die ganze Geschichte.« - »Ich kann mich dabei nicht beruhigen«, rief
der unglückliche Specht, »Sie wissen nicht, was ich fühle.«
    »Fühlen Sie was Sie wollen«, sagte Pix mit zermalmender Härte, »aber
unterstehen Sie sich nicht noch einmal eine Zeile an Adele drucken zu lassen,
sonst haben Sie es mit mir zu tun.« dabei ging er zornig hinaus und liess Specht
in einem Zustand zurück, der mit dem Behagen eines Erhängten viel Ähnlichkeit
hatte.
    Während Specht mit dem Quartett beriet, was in dieser Lage zu tun sei,
handelte Pix. Ein Hausknecht trug gegen Abend ein mächtiges Paket mit
verbindlichen Empfehlungen in das Haus der Witwe; und Herr Pix liess gewissenhaft
die Sendung sich selbst zur Last schreiben. An demselben Abend machte er der
Witwe seine Aufwartung und berichtete ihr, dass der Schuldige streng
zurechtgewiesen, und die Ruhe ihrer Tage und Nächte wiederhergestellt sei. Am
nächsten Sonntag trank er selbst den Kaffee bei der Witwe, welche eine Freundin
zu ihrem Schutz eingeladen hatte. Vier Wochen darauf hatten die braunen Augen
der Dame und sein tyrannisches Wesen sich so weit genähert, dass er in seinem
besten Staat zu ihr ging und ihr einen Antrag machte. Dieser Antrag wurde
angenommen. Herr Pix wurde erklärter Bräutigam und fasste den Entschluss, trotz
Motten und Haaren das Pelzgeschäft aufs neue in Gang zu bringen und sich selbst
zum Mittelpunkt desselben zu machen.
    Zu seiner Ehre muss mitgeteilt werden, dass er sich verpflichtet fühlte,
dieses Sachverhältnis zuerst Herrn Specht mitzuteilen und diesem dabei einige
Worte zu gönnen, welche man allenfalls für eine Entschuldigung halten konnte:
»Der Zufall hat es so gewollt«, sagte er, »seien Sie verständig, Specht, und
finden Sie sich ruhig drein. Sie müssen daran denken, dass es doch wenigstens
einer von Ihren Kollegen ist, der sie heiratet. «
    »Aber nicht ich«, rief Specht ausser sich, »es ist mir gar kein Trost, dass
Sie es sind, denn ich fürchte, Sie haben hinterlistig gegen mich gehandelt.«
    »Wissen Sie was, Specht«, sagte Pix reuevoll, »handeln Sie als guter Kerl,
der Sie im Grunde sind, und verlieben Sie sich schnell in eine andere. Ihnen
macht das keine Mühe.«
    »Sie denken, das geht nur so«, rief Specht zornig.
    »Freilich geht's«, sagte Pix, »wenn man nur ernsten Willen hat. Und wir
bleiben die alten. Bei meiner Hochzeit dürfen Sie nicht fehlen.«
    »Auch das noch!« schrie Specht.
    »Sie sollen mir den Polterabend einrichten, Sie verstehen so etwas
ausgezeichnet, und Sie sollen Brautführer sein. Sputen Sie sich nur, eine andere
zu finden, auf die Sie Verse machen können, ob die Dame Adele oder Genoveva
heisst, ist Ihnen ja gleichgültig.«
    Dies aber war Herrn Specht nicht gleichgültig, er zürnte heftig auf die
Treulosigkeit seines Gegners Pix und genoss die schmerzliche Freude, dass diesmal
das ganze Comtoir seine Partie nahm, und Herr Pix in allen Zimmern des
Hinterhauses als kalter Egoist verurteilt wurde. Allmählich aber träufelte die
Zeit lindernden Balsam in Spechts Herz. Es ergab sich, dass die Witwe eine Nichte
hatte, deren Augen blau und deren Haare rötliches Gold waren, und so machte
sich's, dass Specht zuerst die Sommersprossen des Fräuleins interessant, dann ihr
Benehmen reizend fand, und sich zuletzt auf seiner Stube mit dem Gedanken
herumtrug, der angeheiratete Neffe von Herrn Pix zu werden.
    Der Kaufmann sass in seinem Armstuhl und sah nachdenkend vor sich hin.
Endlich wandte er sich zu seiner Schwester. »Fink ist wieder verschwunden«,
sagte er.
    Sabine liess ihren Knäuel fallen. »Verschwunden? In Amerika?«
    »Ein Agent seines Vaters war heut im Comtoir. Wie er erzählt, hat ein neues
Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn stattgefunden; und diesmal, fürchte ich, ist
Fink in besserm Recht als die Handlung. Er hat plötzlich die Leitung der
Geschäfte aufgegeben, hat eine grosse Kompagnie, die sein Oheim gegründet, durch
gewaltsame Massregeln bis zur Auflösung gebracht, hat gegenüber dem Vater auf
seinen Anteil an der Erbschaft verzichtet und ist verschwunden. Nach den
unsichern Nachrichten, die von New York gekommen sind, ist er in die Wildnisse
des Innern gegangen.«
    Sabine hörte gespannt zu, aber sie sprach kein Wort. Auch der Bruder
schwieg. »Es war doch ein mächtiger Stoff in ihm!« sagte er endlich. »Diese Zeit
braucht eine Schnellkraft wie die seine. - Auch Pix verlässt uns. Er freit um
eine Witwe mit Vermögen und will sich selbst etablieren. Ich werde Balbus an
seine Stelle nehmen. Er wird ihn nicht ersetzen.«
    »Nein«, sagte Sabine bekümmert.
    »Es wird leer bei uns«, fuhr der Bruder fort, »und ich fühle, dass meine
Kraft nicht zunimmt. Die letzten Jahre waren schwer. Man gewöhnt sich an die
Gesichter, selbst an die Schwächen der Menschen. Niemand denkt daran, wie bitter
es oft auch dem Vorsteher eines Geschäftes wird, das Band zu lösen, das ihn mit
seinen Gehilfen verbindet. An den Pix war ich gewöhnt, wie an wenig andere, es
kommt mir hart an, ihn zu missen. Und ich werde alt. - Ich werde alt und es wird
leer bei uns. In einer finstern Zeit sehe ich dich allein im Hause, wenn ich
dich verlassen muss, bleibst du einsam zurück. Mein Weib und mein Kind sind
dahin. Auf deine blühende Jugend habe ich meine ganze Hoffnung gesetzt, an
deinen Mann und deine Kinder habe ich gedacht, du armes Herz. Ich bin darüber
alt geworden, und ich sehe dich an meiner Seite gehen, mit freundlichem Lächeln
und wunder Seele, tätig, teilnehmend und doch allein, ohne eine grosse Freude und
ohne Hoffnung.«
    Sabine legte ihr Haupt auf das Haupt des Bruders und weinte still: »Einer
war dir lieb, den du verloren hast«, sagte sie leise.
    »Sprich nicht von ihm, denke nicht an ihn«, sagte ihr Bruder finster. »Und
wenn er auch von dort zurückkehrte, er wäre doch für uns verloren.« Er strich
mit der Hand über das Haupt der Schwester, ergriff seinen Hut und verliess das
Zimmer.
    »Und er selbst denkt immer an Wohlfart«, rief die Tante aus ihrer
Fensternische, »erst heut hat er den alten Sturm die Kreuz und Quer nach Karl
und dem Gute ausgefragt. Ich verstehe diesen Mann nicht.«
    »Ich verstehe ihn«, seufzte Sabine und setzte sich wieder zu ihrer Arbeit.
Die Tante schmollte: »Ihr seid eins wie das andere, mit euch ist über gewisse
Dinge nicht zu reden «, und verliess unwillig das Zimmer.
    Sabine sass allein. Im Ofen knisterte das Feuer, und der Pendel der Uhr
bewegte sich im einförmigen Schlag. »Immer so fort, ja immer so fort«, summte
die Wanduhr, leise knisterte die Flamme des Lebens in dem fest eingeschlossenen
Raum dieser Mauern, jeden Morgen aufgezündet, jeden Abend verglühend. In
gleichmütigem Ernst sahen die Bilder ihrer Eltern herunter auf das letzte Kind
des Hauses, ohne Bewegung, seit vielen Jahren. So verging ihre Jugend, ernst,
still, unbewegt, wie die Gestalten an der Wand. Sabine neigte ihr Haupt und
lauschte. Horch, kleine geisterhafte Tritte in den Winkeln der Stube, und horch,
ein fröhliches Lachen von Kindesmund, und näher trippelte es an sie heran, und
ein lockiges Haupt legte sich schmeichelnd in ihren Schoss, und zwei kleine Arme
streckten sich begehrlich nach ihrem Halse aus. Sie beugte sich herab und küsste
die Luft vor ihrem Munde und horchte wieder nach den holden Tönen, die ihr Herz
in Entzücken hoben und freudige Tränen in ihr Auge trieben. Ach, sie fasste mit
der Hand in die Leere, und nichts war wirklich, als die Tränen, welche in ihren
Schoss fielen.
    So sass sie lange, bis die Dämmerung des Abends in das Zimmer drang. Müder
bewegte sich der Pendel der Uhr, das Feuer im Ofen verglühte, die letzten Funken
verglommen, immer undeutlicher wurden die Umrisse der Bilder an der Wand, ein
Haupt nach dem andern verschwand in der Finsternis; immer dunkler wurde das
Zimmer, einsam, farblos, ohne Licht; immer enger umschloss sie die Nacht, wie
eine Sargdecke verhüllte sie ihr Haupt und Glieder.
    Da schlug draussen der Schlegel des alten Sturm lustig an die Reifen der
Fässer. Stark und wuchtig tönte jeder Schlag durch den Hof und die Räume des
Hauses. Sabine erhob sich. »Es sollte so sein«, rief sie entschlossen. »Zweimal
habe ich gefürchtet und gehofft, es war zweimal eine Täuschung, jetzt ist es
vorbei. Er allein, dem ich alles bin, ist meinem Leben geblieben. Ich kann ihm
den Gatten, auf den er gehofft hatte, nicht entgegenführen, und keine Kinderhand
wird sich um seinen Hals schlingen. Ja, es wird fortgehn bei uns, wie es
geworden ist, immer stiller, immer leerer. Mich aber soll er haben und mein
ganzes Leben. Mein Bruder, du sollst nicht mehr mit Schmerz empfinden, dass
deinem und meinem Leben der Frohsinn fehlt.«
    Sie ergriff den Schlüsselkorb und eilte in das Zimmer des Bruders.
    Unterdes fasste die Tante den Entschluss, Herrn Baumann einen Besuch zu
machen.
    Zwischen der Tante und Baumann bestand schon lange ein stilles
Einverständnis. Das Schicksal hatte gewollt, dass er ihr Tischnachbar geworden
war. Wenn die Tante auf die Reihe ihrer Nachbarn bei der Mittagstafel, der
grössten Begebenheit des Tages, zurücksah, so kam sie zu der Ansicht, dass diese
Reihe nach und nach ebensosehr an lustiger Laune abgenommen, als an christlicher
Frömmigkeit zugenommen hatte. Fink war gottlos, aber sehr unterhaltend gewesen;
Wohlfart hielt in Tugend und guter Laune ein gewisses mässiges Gleichgewicht;
Baumann war der Frömmste, aber der Schweigsamste. »Was man nicht alles erlebt«,
dachte dann die gute Tante. Das Gespräch der Tante mit Herrn Baumann war nie
aufregend, aber es war erbaulich, denn auch die Tante hielt viel auf
Gottesdienst, und am Montag tauschten die beiden leise ihre Bemerkungen über die
letzte Predigt aus. Ausser dem teologischen Gespräch gab es aber auch noch ein
anderes Band zwischen der Tante und Baumann, und dies Band hiess Anton. Die Tante
konnte sich noch immer nicht in das finden, was sie einen unnatürlichen Abschied
nannte. Sie war unsicher, wem sie die Schuld der plötzlichen Verstörung
beimessen sollte, die über Anton gekommen war, dem Chef oder seinem
Korrespondenten. Mit Entschiedenheit hielt sie an der Überzeugung fest, dass
dieser Abgang Wohlfarts unnötig, unverständig und verderblich für alle Teile
gewesen sei, und sie arbeitete daran, denselben auf Umwegen wieder in das
Geschäft zurückzubringen, soweit zarte Winke und weibliches Zureden die
Entschlüsse männlicher Brummbären zu bestimmen vermögen. Sie hatte deshalb nach
Antons Abreise in der ersten Zeit sowohl gegen den Kaufmann als gegen Sabine bei
jeder Gelegenheit über Anton gesprochen und denselben gerühmt. Aber sie kam
schlecht an. Der Kaufmann antwortete immer kurz, zuweilen rauh, mit dem war gar
nichts zu machen, und Sabine lenkte das Gespräch ab, oder verstummte ganz,
sobald die Tante ihr Loblied sang. Das täuschte die Tante nicht. Die gestickten
Vorhänge hatten einen blendenden Schein in ihrer Seele zurückgelassen, mit
welchem sie seit der Zeit selbstzufrieden Sabine beleuchtete. Sie wusste, dass
Herr Baumann der einzige von den Herren war, welcher mit Anton in Briefwechsel
stand, heut beschloss sie, auf der Stelle der Starrköpfigkeit aller Parteien zur
Hilfe zu kommen. Sie ergriff deshalb eine kleine Broschüre, welche sie von Herrn
Baumann geliehen hatte, den Jahresbericht über einen wohltätigen Verein, und
ging gleichgültig nach dem Hinterhause, wo sie im Vorbeigehn an Herrn Baumanns
Tür klopfte und diesem die Broschüre hineinreichte. »Sehr hübsch«, sagte sie auf
der Schwelle, »der Himmel wird dem Unternehmen seinen Segen geben«, und dabei
steckte sie ihm in einem Papiere einen kleinen Beitrag für den Verein in die
Hand. »Schreiben Sie mich mit dem Betrag auch für die Zukunft auf.« Herr Baumann
dankte im Namen der Armen. Darauf begann die Tante in der Tür: »Was hört man
denn Neues von Ihrem Freund Wohlfart? Er ist wie aus der Welt verschwunden, auch
der alte Sturm weiss nichts zu erzählen.«
    »Er hat viel zu tun«, sagte der schweigsame Baumann.
    »Na, ich denke, nicht mehr, als hier. Wenn es ihm um Arbeit zu tun war, so
konnte er ruhig hierbleiben.«
    »Er hat dort eine schwere Pflicht zu erfüllen und verrichtet ein gutes
Werk«, fuhr Herr Baumann vorsichtig fort.
    »Gehn Sie mir mit Ihrem guten Werk«, rief die Tante, trat in der Zerstreuung
ins Zimmer und machte die Tür hinter sich zu. »Das war auch ein gutes Werk, was
er hier zu verrichten hatte. Nein, nehmen sie es mir nicht übel, so etwas ist
mir noch nicht vorgekommen. Er läuft hier weg, gerade wo ein kluger Mann, der in
alle Geheimnisse der Handlung eingeweiht war, am allernotwendigsten wurde. Dafür
gibt es gar keine Entschuldigung. Wenn er sich selbst etabliert hätte, oder wenn
er geheiratet hätte, das wäre etwas anderes, der Mensch will einen Haushalt, er
will auch ein eignes Geschäft haben. So etwas ist Gottes Wille, und in diesem
Fall würde ich kein Wort verlieren. Aber so aus dem Comtoir fortzurennen unter
Schafe und Kühe und unter die Polen und Edelleute, das ist gar nicht zu
entschuldigen; und noch dazu aus einem Geschäft, wo man es so gut mit ihm meinte
und wo er liebes Kind war in allen Stuben. Wissen Sie, wie ich das finde, Herr
Baumann?« fuhr sie eifrig fort, und die Bänder ihrer Haube wackelten. »Ich finde
das undankbar! - Und was soll jetzt hier werden? Es ist ja in diesem Haus eine
völlige Verwüstung. Fink fort, Jordan fort, Wohlfart fort, Pix fort, Sie sind
noch der einzige, der im ersten Comtoir von den guten Herren geblieben ist, und
Sie können doch nicht alles machen.«
    »Nein«, sagte Baumann betrübt, »und ich bin auch in einer schlimmen Lage.
Ich hatte mir vorigen Herbst als den letzten Termin gestellt, bis zu dem ich in
der Handlung bleiben wollte, und jetzt ist das Frühjahr nahe, und ich bin der
Stimme noch nicht gefolgt, die mich ruft. «
    »Reden Sie mir nicht solch Zeug!« rief die Tante erschrocken; »Sie werden
doch nicht auch fort wollen?«
    »Ich muss«, sagte Herr Baumann, die Augen niederschlagend. »Ich habe Briefe
bekommen von meinen englischen Brüdern, die Brüder schelten mich wegen meiner
Lauheit. Ich fürchte, es ist ein grosses Unrecht, dass ich nicht schon gegangen
bin, aber wenn ich wieder ins Comtoir komme und die Haufen Briefe und das
sorgenvolle Gesicht von Herrn Schröter sehe, und wenn ich denke, wie schwer die
Zeit ist, und welches Unglück die Handlung mit ihren besten Kräften gehabt hat,
da hält mich's immer wieder hier fest. Ich wollte auch, Wohlfart käme wieder, er
tut der Handlung not.«
    »Er muss wiederkommen«, rief die Tante, »das ist seine christliche Pflicht
und Schuldigkeit. Schreiben Sie ihm das. - Freilich ist bei uns gerade kein
lustiges Leben«, fuhr sie vertraulich fort, »er mag es dort wohl besser haben.
Unter den Polen geht das in Saus und Braus.«
    »Ach nein«, erwiderte Herr Baumann ebenso vertraulich, »in Braus lebt er
nicht. Ich fürchte, er hat dort Kummer und schwere Tage; was er schreibt, ist
nicht sehr lustig.«
    »I, was Sie sagen«, sagte die Tante sich setzend und sah erwartungsvoll in
Baumanns Gesicht. Baumann rückte seinen Stuhl nahe an die Tante heran, und die
beiden Frommen begannen halblaut ein kleines menschenfreundliches Geklätsch.
    »Er schreibt bekümmert, er sieht die Zeit finster an«, begann Herr Baumann,
»er fürchtet neue Unruhen und schlimme Jahre.«
    »Gott behüte«, rief die Tante, »davon haben wir schon genug gehabt.«
    »Er lebt in einer unsichern Gegend«, fuhr Herr Baumann fort, »unter
schlechten Menschen; die Polizei muss dort mangelhaft sein.«
    »Es gibt dort schreckliche Räuberhöhlen«, stimmte die aufgeregte Tante bei.
    »Und ich fürchte, es sieht auch mit seinen Einnahmen schlecht aus, im
Anfange habe ich ihm noch manchmal einige Kleinigkeiten, an die er gewöhnt war,
von unserem guten Tee und von den Zigarren hinschicken müssen, in dem letzten
Brief schreibt er mir, er wolle gute Wirtschaft treiben und sich davon
entwöhnen. Er muss wenig Geld haben«, fuhr Baumann kopfschüttelnd fort, »nicht
über zweihundert.«
    »Er leidet Not«, rief die Tante, »gewiss, so ist es; der arme Wohlfart! Wenn
Sie ihm schreiben, schicken wir ihm eine Kiste mit von dem Pekoetee und ein paar
von unseren Schinken.«
    »Schinken auf das Land?« fragte Baumann zweifelhaft. »Ich glaube, Schweine
werden dort noch am ersten zu finden sein.«
    »Aber sie gehören nicht ihm!« rief die Tante. »Hören Sie, Herr Baumann, es
ist Christenpflicht, dass Sie ihm auf der Stelle schreiben, er soll sogleich
hierher zurückkommen. Die Handlung braucht ihn, sie fordert ihn. Ich weiss am
besten, wie mein Neffe sich in der Stille über diese Zeit kümmert und über den
Verlust der besten Herren, die wir gehabt haben, und wie sehr er sich freuen
würde, seinen Wohlfart wiederzusehen.« Das letztere war eine fromme Lüge der
Tante. - »Es sieht mir doch nicht so aus«, warf Baumann bedenklich ein. - »Erst
heut hat meine Nichte zu ihrem Bruder gesagt, wie lieb Wohlfart uns allen
gewesen ist und was wir an ihm verloren haben. Wenn er dort Pflichten hat, er
hat Pflichten auch hier, und seine hier sind älter.«
    »Ich will ihm schreiben«, sagte Herr Baumann, »aber ich fürchte, verehrte
Frau, es wird nicht viel nützen, denn gerade wenn es ihm schlechtgeht, wird er
den Pflug nicht verlassen, an den er die Hand gelegt hat um anderer willen.«
    »Er ist nicht vom Pfluge, sondern von der Feder«, rief die Tante ärgerlich,
»und er gehört hierher. Das andere ist alles dummes Zeug. Wenn er hier seinen
feinen Tee trinkt und sein gutes Auskommen hat, so tut er deswegen nicht weniger
seine Pflicht. Und dasselbe sage ich Ihnen, Herr Baumann, dass Sie mir nicht
wieder mit Ihren afrikanischen Ideen kommen.« Baumann lächelte in stolzer
Überlegenheit. Aber als die Tante das Zimmer verlassen hatte, setzte er sich
doch gehorsam hin und schrieb Anton die ganze Unterredung mit der Tante, und er
schrieb ihm dazu, wie grau und ernstaft das Leben in der Handlung geworden war,
und wie finster das Gesicht des Prinzipals alle Morgen dareinschaute, wenn er
durch das vordere Comtoir ging.
    Der Schnee auf dem Gut ist weggeschmolzen, im hochgeschwollenen Bach flutet
das Schneewasser, noch liegt die Landschaft still und farblos, der belebende
Saft der Erde beginnt seinen ersten Kreislauf in den Stämmen der Bäume und
treibt in den Sträuchern am Bach die ersten Blütenkätzchen. Das Winterwasser hat
die schlechte Brücke abgeworfen, und Anton steht in der Nähe des Schlosses am
Wasser und beaufsichtigt die Arbeiter, welche neue Balken legen und Bohlen
daraufnageln; Lenore sitzt auf einem abgehauenen Baumstamm ihm gegenüber und
sieht zu, wie er das Holz mit dem Zollstabe misst und der grossen Säge die
Bleistiftzeichen macht. »Das Ärgste ist überstanden«, ruft Lenore, »das Frühjahr
kommt! Schon sehe ich im Geist die Bäume und den Rasen grünen, auch das finstere
Haus soll in dem hellen Frühling lustiger aussehen als heut. Aber Ihnen will ich
das Schloss zeichnen, wie es jetzt ist, Sie sollen sich erinnern, wie der erste
Winter war, den wir in Ihrem Schutz hier verlebten.«
    Und Anton sieht mit leuchtendem Auge auf das schöne Mädchen vor ihm und
zeichnet mit dem Bleistift das Profil ihres Gesichts auf ein neues Brett. »Sie
treffen mich nicht«, sagt Lenore, »Sie machen meinen Mund immer zu gross und die
Augen zu klein. Geben Sie mir den Stift, das verstehe ich besser, halten Sie
still. Sehen Sie, das ist Ihr Gesicht, Ihr treuherziges Gesicht, ich kann's
auswendig. - Hurra, der Stadtbote!« ruft sie, wirft den Bleistift weg und eilt
auf das Schloss zu. Anton folgt ihr, denn der Stadtbote, beladen mit einem
schweren Pack, ist für die vom Schloss das Schiff, welches durch den tiefen
Sand steuert, um in das abgeschlossene Eiland die guten Dinge aus der Welt zu
bringen. Am Hause wird dem Manne die Last abgenommen, und Lenore ergreift
vergnügt das Zeichenpapier, das sie in Rosmin bestellt hat. »Kommen Sie,
Wohlfart, jetzt suchen wir den Punkt, von dem ich das Schloss am besten zeichnen
kann, das Bild soll in Ihrer Stube an Stelle des alten hängen, das mich traurig
macht, so oft ich es ansehe. Einst zeichneten Sie unser Haus, jetzt tu ich's für
Sie. Ich will mir rechte Mühe geben, Sie sollen sehen, dass ich auch etwas kann.«
    So spricht sie fröhlich in Anton hinein, er aber hört nicht auf ihre Worte.
Ungeduldig hat er den Brief Baumanns erbrochen, und während er liest, rötet sich
sein Gesicht vor innerer Bewegung.
    Langsam, in tiefen Gedanken, geht er in sein Zimmer hinauf und kommt nicht
wieder herunter.
    Lenore ergreift das Kuvert, welches auf den Boden gefallen ist: »Das ist
wieder die Hand seines Freundes aus der Handlung«, sagt sie traurig, »so oft er
einen Brief von dort erhält, wird er finster und kalt gegen mich.« Sie wirft das
Kuvert weit weg und eilt in den Stall, ihren Vertrauten, den Pony, zu satteln.
 
                                       6
Es war Wochenmarkt in der kleinen Kreisstadt Rosmin. Seit uralter Zeit war der
Markttag für die Landleute der Umgegend ein Fest von besonderer Bedeutung. Fünf
Tage der Woche musste der Bauer seinen Kohl bauen oder dem gestrengen Herrn
fronen, am Sonntage war sein Herz geteilt zwischen der Jungfrau Maria, seiner
Familie und der Schenke, der Markttag trieb ihn über die Strenge seiner Feldmark
hinein in die grosse Welt. Dann fühlte er sich auch gegenüber den Fremden als ein
schlauer Mann, welcher schafft und gebraucht, er sah Bekannte wieder, die er
sonst niemals getroffen, er erblickte neue Dinge aus der Fremde, er hörte von
andern Städten und Ländern und genoss, was andere für ihn erfunden hatten, in
vollen Zügen. Und am Abend dieses Tages flogen die Neuigkeiten aus der weiten
Welt bis in das entfernte Walddorf, in jede Hütte, in jede einzelne
Menschenseele des Kreises. So war es schon damals gewesen, als noch die Slawen
allein auf dem Boden sassen, der Bauer leibeigen unter schmutzigem Strohdach, der
Edelmann hoffärtig in seinem hölzernen Palast. Damals war ein offenes Feld
gewesen, was jetzt Rosmin heisst; vielleicht stand eine Kapelle darauf mit einem
gnädigen Bilde, oder ein paar mächtige Bäume noch aus der Heidenzeit, oder das
Haus eines klugen Grundherrn, der weiter sah, als seine langbärtigen Genossen.
Damals war der deutsche Kaufmann zum Markte über die Grenze gekommen mit seinem
Wagen und Dienern, er hatte unter dem Schutz des Kruzifixes oder eines
slawischen Säbels seine Truhen geöffnet und die Werke des heimischen Fleisses,
Tuche, buntfarbige Kleider, Zwickelstrümpfe, Halsbänder von Glas und teuren
Korallen, Heiligenbilder und Kirchengeräte, aber auch, was den Gaumen erfreut,
süsse Backwaren, fremden Wein und wohlriechende Zitronen feilgeboten, und hatte
dagegen eingetauscht, was die Landschaft ihm entgegenbrachte: Wolfsfelle,
Hamsterpelze, Honig, Getreide, Vieh und anderes. Nicht lange, so schlug neben
dem Kaufmann auch der Handwerker seine Werkstatt auf, der deutsche Schuster kam,
und der Knopfmacher, der Blechschmied und der Gürtler, die Zelte und Hütten
verwandelten sich allmählich in feste Häuser, die im Viereck um den grossen
Marktplatz aufstiegen, auf dem viele hundert beladene Polenwagen Raum haben
mussten. Fest schlossen sich die fremden Ansiedler zusammen, sie kauften den
Grund, sie kauften ein Stadtrecht von dem slawischen Grundherrn, sie gaben sich
ein Statut nach dem Muster deutscher Städte. Die neuen Bürger bauten ihr Rataus
in die Mitte des grossen Vierecks und daran ein Dutzend Häuser für Kaufleute und
Schenken, und der Marktring war geschlossen. Um die Hofräume, die Hintergebäude
und Gassen wurde die Stadtmauer gezogen, und über die beiden gewölbten Tore nach
dem Brauch der Heimat wohl auch die Wachttürme gesetzt, unten hauste der
Zöllner, oben der Wächter. Und mit Verwunderung erzählte man sich draussen in den
Wäldern und auf der Heide, wie schnell die Männer mit fremder Sprache gewachsen
waren, und dass jeder Landmann, der durch ihr Tor fuhr, ihnen ein Kupferstück
bezahlen musste als Brückengeld, ja der Edelmann, der allmächtige, musste auch
bezahlen. Manchen Slawen aus dem Umkreise warf sein Schicksal zu den Bürgern in
der Stadt, er wurde heimisch unter ihnen, ein Handwerker, Kaufmann, Bürger, wie
sie. So war Rosmin entstanden, so viele deutsche Städte auf altem Slawengrund,
und sie sind geblieben, was sie im Anfang waren, die Märkte der grossen Ebene,
die Stätten, wo polnische Ackerfrucht eingetauscht wird gegen die Erfindungen
deutscher Industrie, die Knoten eines festen Netzes, welches der Deutsche über
den Slawen gelegt hat, kunstvolle Knoten, in denen zahllose Fäden
zusammenlaufen, durch welche die kleinen Arbeiter des Feldes verbunden werden
mit andern Menschen, mit Bildung, mit Freiheit und einem zivilisierten Staat.
    Noch immer ist der Markttag von Rosmin der grosse Tag für die Umgegend. Vom
frühen Morgen an ziehen Hunderte von Korbwagen mit Ackerfrüchten nach der Stadt
und hoch auf den Säcken sitzt der breitschultrige Bauer und die Bäuerin; aber
nicht mehr peitscht der Leibeigene die abgetriebenen Gäule seines Gebieters, ein
frei geborenes Slawenkind lenkt die stattlichen Pferde, deren Vater sogar ein
Hengst des Königs ist. Und wenn der Federwagen eines Edelmanns vorbeifährt, dann
treibt auch der Bursch seine Pferde zu schnellerem Lauf, und wenn er artig ist,
rückt er nur ein wenig an seinem Hut. Auf allen Strassen und Feldwegen zieht es
der Stadt zu, die kleinen Leute fahren ihre Gänse auf der Radber, und die Frau
trägt im Korbe die Butter ihrer Kuh, Beeren und Pilze und ganz unten auf dem
Boden vielleicht einen heimlichen Hasen, den ihr Mann durch einen Wurf seines
Stockes getötet hat. Vor allen Gastäusern der Vorstadt stehen Haufen
abgespannter Wagen, an jeder Schenktür drängen sich die ein und aus gehenden
Leute. Auf dem Markt sind die Getreidewagen dicht nebeneinander aufgefahren, der
grosse Platz ist bedeckt mit runden Säcken und Gespannen, und Pferde von jeder
Grösse und in allen Farben stehen nebeneinander, an den guten Plätzen am Rande
auch die Hoffuhren der Edelleute. Und in dem Viereck der hundert Wagen, zwischen
den Knechten, Pferdeköpfen und Heubündeln windet sich aalgleich der jüdische
Faktor hindurch, Getreideproben in jeder Tasche, in zwei Sprachen fragend und
antwortend. Neben dem weissen Kittel und blauen Schnurrocke der Slawen und ihrem
Hut mit der Pfauenfeder zeigt sich das einförmige Dunkelblau des deutschen
Kolonisten. Dazwischen Soldaten aus der nächsten Garnison, Stadtbewohner,
Wirtschaftsbeamte und feine Herren vom Landadel. An der Ecke des Marktes hält
auf seinem grossen Pferde hoch erhaben der Gendarm, auch er ist heut im Eifer,
und seine Stimme klingt herrisch über das Gewirre der Wagen, welche die Einfahrt
zur Strasse verstopft haben.
    Überall in der Stadt sind die Kaufläden weit geöffnet, und vor den Häusern
stellen die kleinen Händler auf Tischen und Tonnen ihre Ware aus. Bedächtig
schreitet das Bäuerlein, gefolgt von den Weibern seiner Hütte, die Reihen der
Schautische entlang, mit kurzem Befehl hält er die Frauen zusammen, welche
begehrlich stehenbleiben und die Köpfe zusammenstecken, wo bunter Kattun, Tücher
oder Halsbänder aufgehängt sind, bis auch sein künstlicher Gleichmut von einem
Ausruf der Bewunderung durchbrochen wird, wenn er bei einem Tisch voll
Stahlwaren ankommt, oder bei einem Pferdegeschirr, oder einem grossen Schinken im
Fleischladen. Lange wird geprüft, bevor der Einkauf geschieht, wohl fünf Minuten
biegt er das gestählte Blatt der Säge hin und her, bis der Kaufmann ihm
gelangweilt das Stück aus der Hand nimmt, dann erst entschliesst er sich zum
Kauf; fast ebensolange klopft sein Weib an den irdenen Töpfen herum, ob nicht an
einer Stelle ein schnarrender Misston den Sprung verrät. Der Genuss des Kaufens
wird hier viel stärker empfunden, als da, wo Tausende mit einem Wort weggegeben
werden. Immer wird stillgehalten, wenn ein bekannter Mann oder ein Blutsfreund
aus einem andern Dorf den Kaufenden entgegenkommt. Dann entsteht ein lautes
Begrüssen, die Frauen drängen sich heran, die Neuigkeiten fliegen aus einem Mund
in den anderen, bis der ganze Trupp zuletzt gemeinsam seine Warenschau
fortsetzt. Endlich halten die Ermüdeten vor dem Tische, wo durchgeschnittene
Würste durch ihr marmoriertes Füllsel anmutig locken, wo Semmelberge stehn und
wo der ewig wünschenswerte Hering in der Tonne liegt. Hier wird der letzte
Einkauf gemacht und dann in ein Wirtshaus gezogen, die weisse Flasche gefüllt,
und da kein Platz auf den Bänken zu finden ist, wird in einer Ecke des Hauses
niedergesetzt und ein langsames Mahl gehalten. Die weisse Flasche geht im Kreise,
die Wangen werden röter, die Gebärden lebendiger, die Gespräche lauter, die
Männer fangen an, sich zu küssen, alte Feinde suchen sich auf, miteinander zu
zanken. Weitin auf die Strasse tönt aus jeder Schenkstube das Gesumme und
Geschrei. Unterdes, wer andere Gänge hat, besorgt diese, wer eine Klage
anzubringen hat, heut läuft er aufs Gericht, wer Steuern abzuliefern hat, heut
pflegt er sie zu zahlen; alle Behörden sind heut in grosser Tätigkeit, alle
Schreiber dehnen heut ihre Finger, um die Feder schnell über das Papier zu
führen; alle Schulzen erscheinen heut in den Ämtern, um zu melden und zu hören.
Auch die Weinstuben sind gefüllt, und der Weinkaufmann Löwenberg macht heut die
besten Geschäfte, er hat neben seinem Wein auch einen grossen Handel mit Getreide
und Wolle, er verleiht Gelder und ist der Vertraute vieler Gutsherren. In seiner
grossen Vorderstube sitzen die Gäste einzeln, deutsche Oberamtleute, ältere
polnische Gutsbesitzer, vielleicht ein reicher deutscher Bauer, der einen guten
Viehhandel gemacht hat. In dem Hinterzimmer aber geht's höher zu, dort sind die
Edelleute des Kreises versammelt, manches wüste Gesicht mit stumpfen Zügen, aber
auch der edle Schnitt des polnischen Herrenantlitzes, kräftige Männer von
adligem Wesen. Dort springt der Kork des Champagners zur Decke und neben den
Geschäften der Woche wird noch manches andere verhandelt, was fremde Ohren nicht
hören dürfen. Ist's nicht Politik, so rollen vielleicht die Würfel auf dem
Tisch, oder ein Spiel Karten fliegt aus einer Tasche unter die Weingläser,
schnell fährt dann an der Ecke des Tisches eine Gruppe zusammen, es wird still
in der Stube und nur kurze Ausrufungen in französischer Sprache werden gehört.
So vergeht der Markttag als ein unaufhörliches Anrufen und Handeln, Erwerben und
Geniessen, unter Wagengerassel und Pferdelenken, bis der Abend seine graue Decke
über den Marktplatz breitet, dann zieht die Bauersfrau ihren Mann am Rocke, sie
denkt an die irdenen Töpfe, welche so leicht zerschlagen sind, und an die
kleinen Kinder, die jetzt nach der Mutter rufen. Dann fahren die Wagen wieder
auf allen Strassen auseinander, der Bauernbursch trägt einen Strauss von Flitter
auf seinem Hut, er klatscht unaufhörlich mit der neugekauften Peitsche, und in
trunkenem Mut treibt er seine Pferde zum rasenden Wettlauf mit andern Gespannen.
Auf allen Feldwegen ziehen die kleinen Leute in ihre Dörfer, die Frau hat die
Töpfe auf den Rücken gebunden, ein schönes rotes Tuch und ein Stück
Pfefferkuchen für die Kinder liegen darin, und neue Kochlöffel und Quirle ragen
daraus hervor, und neben ihr schreitet der Mann unsicher und schwer, die
stählerne Säge auf der Schulter, vergeblich bemüht, die Würde eines Hausherrn
vor den Fremden zu bewahren. Viel später fahren auch die Wagen der Herren vor
das Weinhaus, die Kutscher müssen lange auf den Aufbruch warten, denn auch den
Herren wird die Trennung schwer von dem Tisch der Trinkstube. Jetzt wird es
stiller in der müden Stadt, der Kaufmann öffnet seinen Ladentisch, zählt und
sortiert mit seiner Frau das eingenommene Geld und schlägt die falschen
Silberstücke zornig mit einem Nagel vorn an den Ladentisch, zur eindringlichen
Warnung für alle unsichern Zahler. Jetzt führt auch der Gendarm sein Pferd in
den Stall, überzählt die Vagabunden, die Marktdiebstähle, die Händel, die er
heut angezeigt, und hofft auf einen gnädigen Blick. Endlich macht der
Nachtwächter seine Runde, er achtet heut sorglich auf die Schenkstuben, in denen
noch immer einzelne Schreier sitzen, und sieht beim trüben Laternenlicht
erstaunt auf den unsaubern Marktplatz, den sein Besen morgen von allem Schmutz
befreien soll.
    So war der Wochenmarkt von Rosmin immer gewesen. In dem letzten Winter war
der Marktverkehr nicht geringer als sonst, aber es war eine Unruhe sichtbar in
vielen Köpfen, am meisten bei den Herren. Beim Weinkaufmann sah man zuweilen
fremde Männer von kriegerischem Aussehn in die Hinterstube treten, dann wurde
das Zimmer verschlossen. Auf den Strassen sah man junge Burschen in auffallender
Tracht mit roten viereckigen Mützen durch das Gedränge schreiten, sie schlugen
zuweilen einem Landsmann auf die Schulter, riefen andere beim Namen und zogen
sie aus dem Gedränge in eine Ecke. Wo sich ein Soldat sehen liess in seiner
Uniform, sahen die Leute auf ihn wie auf einen verkleideten Mann, manche wichen
ihm aus, viele waren doppelt freundlich gegen ihn, Deutsche wie Polen. In den
Schenken sassen die von den deutschen Dörfern apart und mischten sich nicht mit
den andern, und die Polnischen von den Gütern des Herrn von Tarow tranken viel
und fingen noch mehr Händel an, als sonst. Der Vogt vom neuen Vorwerk hatte am
letzten Markte in der ganzen Stadt keine neue Sense finden können, und der
Förster beklagte sich gegen Anton, dass er neulich in keinem Kaufladen mehr
Pulver gefunden hatte, als ihm auf eine Woche reiche. Es schwebte etwas in der
Luft, niemand wollte sagen, was es war.
    Heut war wieder Markttag zu Rosmin, und Anton fuhr mit einem Knecht nach der
Stadt. Es war einer der ersten Frühlingstage, die Sonne schien warm auf den
Boden, der noch im winterlichen Schlummer dalag. Anton dachte daran, dass jetzt
die ersten Gartenblumen blühen müssten, und dass er und die Frauen im Schloss in
diesem Jahr keine sehen würden als etwa auf dem Vorwerk im Winkel hinter der
Scheuer. Es war auch keine Zeit, sich an Blumen zu freuen, überall waren die
Herzen aufgeregt, und alles, was durch so viele Jahre fest gewesen war, schien
zu wanken. Über grosse Länderstrecken zog der politische Sturmwind, die Zeitungen
erzählten alle Tage Unerwartetes und Furchtbares, ein grosser Krieg schien im
Anzuge, aller Besitz, alle Bildung schien in Gefahr. Er dachte an die
Verhältnisse des Freiherrn, und welches Unglück für diesen entstehen musste, wenn
das Geld teuer wurde und der Grundbesitz spottwohlfeil. Er dachte auch an die
Firma in der Hauptstadt, an seinen Platz im Comtoir, den er in der Stille noch
immer als sein Eigentum betrachtete, und an den sorgenvollen Brief, den ihm Herr
Baumann geschrieben, wie finster der Prinzipal sei, und wie zänkisch die
Kollegen am Teetisch in Herrn Baumanns Stube.
    Aus solchen kummervollen Gedanken weckte ihn ein Geräusch auf der Strasse.
Eine Reihe von Herrenwagen fuhr vorbei, in dem ersten sass Herr von Tarowski, der
im Vorbeifahren artig zu Anton herübergrüsste. Anton sah erstaunt, dass er seinen
Jäger auf dem Bedientensitz hatte, als zöge er zur Jagd. Noch drei Wagen rollten
vorüber, alle mit Herren bis auf das Trittbrett beladen, und hinter den Wagen
jagte ein ganzer Trupp Reiter, der deutsche Inspektor von Tarow mit darunter.
    »Jasch«, rief Anton dem Kutscher zu, »was war das, was die im zweiten Wagen
zudeckten, als sie vorbeifuhren?«
    »Flinten«, antwortete der Kutscher kopfschüttelnd.
    Der sonnige Tag nach langem Schnee- und Regenschauer lockte die Leute aus
allen Höfen nach der Stadt, in kleinen Haufen zogen sie eilig vorwärts, wenig
Frauen darunter, es war ein lautes Anrufen der verschiedenen Gesellschaften und
ein Leben auf der Strasse, wie sonst am Abend bei der Heimkehr. Vor dem ersten
Wirtshaus an der Strasse liess Anton halten. Der Kutscher frug: »Es ist von hier
weit nach dem Markte, wie wird es sein mit dem Aufladen des Hafers?«
    »Bleib bei den Pferden«, befahl Anton, »und geh nicht nach der Stadt; wenn
ich etwas kaufe, lasse ich's herausfahren zum Umladen.« Eilig schritt er durchs
Tor in das Gewühl der Gassen. Die Stadt war mit Menschen überfüllt, es wogte
schon vom Tore an in hellen Haufen, kaum dass die Getreidewagen durchdrangen. Als
Anton auf den Marktplatz kam, war er betroffen über das Aussehen der Männer.
Überall erhitzte Gesichter, gespannte Züge, es waren nicht wenige in Jägertracht
unter dem Volke, und häufig sah man auf den Mützen eine fremde Kokarde. Vor dem
Hause des Weinkaufmanns war das Gedränge am grössten, dort standen die Leute Kopf
an Kopf und sahen hinauf nach den Fenstern, an denen bunte Fahnen hingen,
zuoberst polnische Farben, andere ausländische darunter. Noch sah Anton finster
auf die Front des Hauses, da öffnete sich die Tür, und auf die steinerne Treppe
trat der Herr von Tarow und ein Fremder mit einer Schärpe um den Leib. Anton
erkannte in ihm den Polen, der ihn einst mit Standrecht bedroht und vor einigen
Monaten nach dem Inspektor gefragt hatte. Ein junger Mann sprang aus dem Haufen
auf die unterste Stufe, rief laut etwas in polnischer Sprache und schwenkte die
Mütze: ein lautes Geschrei war die Antwort, dann wurde alles still. Der Tarowski
sprach einige Worte, von denen Anton nichts verstand, hinter ihm rasselten die
Wagen, und die Menge drängte sich hin und her. Darauf begann der Herr mit der
Schärpe eine mächtige Rede. Er sprach lange, oft wurde er durch lautes
Beifallsgeschrei unterbrochen; als er geendet hatte, erscholl ein betäubender
Lärm, wilder polnischer Zuruf. Die Türen des Hauses wurden weit geöffnet, die
Menge wogte durcheinander wie ein unruhiges Meer. Ein Haufe stürzte fort und
verteilte sich auf dem Markte, andere sprangen in das Haus; wer hineingeeilt
war, kam nach wenig Augenblicken mit einer Kokarde an der Mütze, bewaffnet mit
einem Sensenspeer wieder heraus. Im Nu hatte sich ein Haufen Sensenmänner und
ein Trupp mit Feuergewehren vor dem Hause aufgestellt. Die Zahl der Bewaffneten
wurde grösser, kleine Abteilungen Sensenmänner, von einzelnen Flintenträgern
geführt, eilten von dem Hause weg nach allen Richtungen des Marktes. Hinter
Anton klang Kommandoruf und Befehl, er wandte sich um und sah einzelne
bewaffnete Reiter, welche die aufgefahrenen Wagen mit strengen Worten zur
Abfahrt vom Markt trieben. Der Lärm und das Getümmel wurden immer grösser, mit
ängstlichem Zuruf hieben die Landleute auf ihre Pferde, die Verkäufer flüchteten
mit ihren Waren in die Häuser, die Läden wurden geschlossen. Nach wenig
Augenblicken hatte der Markt ein unheimliches Aussehen. Die Wagen waren
entfernt; an den Marktecken standen einzelne Posten von Sensenmännern, ihre
langen Spiesse blinkten hell in der Morgensonne. Auf dem Platze selbst wogte die
unsichere Menge. Betäubt, erschüttert, empört eilte Anton in dem Haufen fort, so
kam er auf die andere Seite des Platzes. Dort lag das Steueramt, schon von
weitem kenntlich durch das Wappenbild des Staates, das auf Holz gemalt neben dem
Fenster hing. Dort drängten sich die Massen wieder; ein Posten von Sensenmännern
stand vor dem Hause, aus der Ferne sah Anton, dass ein Mann eine Leiter ansetzte,
zu dem Wappen hinaufstieg und mit einem Hammer auf das Schild pochte, bis es
herabfiel auf die Steine. Als das Wappen auf die Steine schlug, ging durch die
versammelte Menge ein leiser Ton, wie ein Seufzen; es war so still geworden, dass
man jeden Laut hören konnte. Eine Rotte von trunkenem Gesindel stürzte sich mit
wildem Jauchzen auf das Schild, ein Strick wurde darumgebunden, und mit
Hohngeschrei wurde es in den Rinnstein und über die Strasse geschleift.
    Anton war ausser sich, eine Flut von stürmischen Leidenschaften drängte nach
seinem Herzen. »Ihr Schurken!« rief er laut und rannte durch die Umstehenden auf
die Bande zu. Da fasste ihn ein starker Arm um den Leib, und eine bebende Stimme
sprach: »Nicht vorwärts, Herr Wohlfart, heut ist ihr Tag, morgen kommt unser
Tag.« Anton riss sich los und sah neben sich die grosse Figur des Schulzen von
Neudorf, er sah sich den Augenblick umgeben von einer Anzahl dunkler
Männergestalten. Es waren die blauen Röcke deutscher Bauern, Gesichter voll Zorn
und Kummer, welche ihn wie mit einem Wall einschlossen. »Lasst mich heraus!« rief
Anton noch immer ausser sich. Wieder aber legte sich die schwere Hand des
Schulzen auf seine Schulter, und mit nassen Augen sprach der Mann: »Schonen Sie
Ihr Leben, Herr Wohlfart, es ist jetzt umsonst, wir haben nichts, als unsere
Faust und sind die Minderzahl.« Und von der andern Seite wurde seine Hand umfasst
wie von Schrauben, und der alte Förster stand schluchzend neben ihm und stöhnte:
»Dass ich diesen Tag erleben muss, o die Schande, die Schande!« dabei schüttelte
er krampfhaft Antons Hand, schlug sich dann mit seinen Fäusten vor die Stirn und
weinte laut wie ein Kind. Der wilde Schmerz des Alten gab Anton einen Teil
seiner Ruhe wieder, er umschlang den Hals des Försters und hielt ihn fest an
sich. Und wieder erscholl in ihrer Nähe misstönendes Geschrei, und eine Stimme
brüllte: »Durchsucht die Deutschen! Nehmt ihnen die Waffen, niemand darf den
Markt verlassen!« Anton sah sich hastig in dem Haufen um und rief: »Das dürfen
wir nicht leiden, Ihr Männer, dass wir hier in der deutschen Stadt umstellt
werden, wie Gefangene, und dass sie unser Wappen beschimpfen, die Schändlichen!«
Von fern wirbelte eine Trommel. »Es ist die Schützentrommel«, rief der Schulz,
»die Bürgerschützen von Rosmin kommen zusammen. Sie haben Gewehre.« -
»Vielleicht ist noch nicht alles verloren«, rief Anton wieder. »Ich kenne einige
Leute hier, die zuverlässig sind. Fasst Euch, mein Alter«, tröstete er den
Förster. »Die Deutschen vom Lande sollen nicht zerstreut bleiben, so weiss
niemand, was wir tun können. Wir wollen wenigstens miteinander den Markt
verlassen; hier bei dem Brunnen sammeln wir uns. Jeder geht und ruft seine
Bekannten zusammen. Und jetzt keine Zeit verloren! Ihr dortin, Schulz; Ihr
kommt mit mir, Schmied von Kunau.« Der Haufen fuhr nach zwei Richtungen
auseinander, Anton von dem Förster und dem Schmied gefolgt eilte noch einmal
über den ganzen Markt. Nie hatte er eifriger gesucht, nie hatte einer den
anderen schneller verstanden. Wo er einen Deutschen fand, ein Blick des Auges,
ein schneller Händedruck, das flüchtige Wort: »Die Deutschen versammeln sich am
Brunnen, erwartet uns«, das trieb die Unschlüssigen schnell zu den Landsleuten.
    Vor dem Hause des Weinkaufmanns hielt er mit seinen Gefährten in dem dichten
Gedränge einen Augenblick an. Etwa fünfzig Sensenmänner standen vor dem Hause,
daneben ein Dutzend Gewehre; noch waren die Türen weit geöffnet, und einzelne
traten immer noch hinein, sich Waffen zu holen. Die Menge war scheu
zurückgewichen, es wogten hier Polen und Deutsche, Städter und Landleute
durcheinander, Anton sah, dass auch die polnischen Bauern verstört im Haufen
standen und einander zweifelnd ansahen. Vor dem Hause sprachen einige junge
Herren in die Masse. Während der Kunauer Schmied und der Förster den Deutschen
ihr Zeichen gaben, fuhr Anton auf einen kleinen Mann los, der in seinem
Arbeitsrock mit berusstem Gesicht in den Haufen drängte, und fasste ihn am Arm:
»Schlosser Grobisch, Sie stehen hier? Warum eilen Sie nicht zum Sammelplatz, Sie
sind Schütz und Bürger, wollen Sie diese Schmach ertragen?«
    »Ach, Herr Rentmeister«, sagte der Schlosser, Anton beiseite ziehend, »das
Unglück! Denken Sie, ich arbeite in meiner Werkstatt mit dem Hammer und höre von
gar nichts. Bei unsrer Arbeit kann man wenig hören. Da stürzt meine Frau herein
-«
    »Wollen Sie diese Schmach ertragen?« rief Anton und schüttelte den Mann
heftig. »Gott bewahre, Herr Wohlfart«, erwiderte der Schlosser, »ich führe einen
Zug bei den Schützen. Während mein Weib den Rock heraussucht, bin ich schnell
über den Platz gelaufen, um zu sehen, wieviel ihrer sind. Sie sind grösser, als
ich, wieviel sind's, die Waffen tragen?«
    »Ich rechne fünfzig Sensen«, erwiderte Anton schnell.
    »Nicht die Sensen«, sagte der Kleine, »das ist zugelaufenes Volk, nur die
Gewehre. «
    »Ein Dutzend vor der Tür, ebensoviel mögen wohl noch im Hause sein.«
    »Wir sind etwa dreissig Büchsen«, sagte der Kleine bekümmert, »aber es ist
nicht auf alle zu rechnen.«
    »Können Sie uns Gewehre schaffen?« frug Anton.
    »Nur wenige«, sagte der Schlosser kopfschüttelnd.
    »Wir sind ein Hauf Deutsche vom Lande«, sagte Anton in fliegender Eile, »wir
wollen uns durchschlagen bis in die Vorstadt zum Roten Hirsch, dort halte ich
die Leute zusammen, schicken Sie uns um Gottes willen durch eine Patrouille
Nachricht heraus, und was Sie von Gewehren auftreiben können. Wenn wir die
Edelleute herauswerfen, läuft der andere Haufe von selbst auseinander.«
    »Aber diese Rache von diesen Polacken!« sagte der Schlosser mit aufgehobenem
Zeigefinger, »die Stadt wird's bezahlen müssen.«
    »Nichts wird sie bezahlen, Meister, Sie bekommen morgen Militär, wenn Sie
heut die Wahnsinnigen hinauswerfen. Nur fort, jeder Augenblick vergrössert die
Gefahr.«
    Er trieb den Schlosser vorwärts und eilte auf die Brunnenseite. Dort fand er
die Deutschen in kleinen Gruppen zusammenstehen, der Schulz von Neudorf kam ihm
entgegen.
    »Es ist keine Zeit zu verlieren«, rief dieser, »die andern werden
aufmerksam, dort stellt sich ein Trupp Sensenmänner gegen uns auf.«
    »Folgt mir«, rief Anton laut, »schliesst euch dicht zusammen, vorwärts,
hinaus aus der Stadt!« Der Förster sprang von Haufe zu Haufe und drängte die
Leute aneinander, Anton schritt mit dem Schulzen voran. Als sie an die Ecke des
Marktes kamen, kreuzten die Sensenmänner ihre Waffen vor der engen Gasse, der
Anführer des Postens spannte den Hahn seiner Flinte und rief Anton in
phrasenhaftem Ton zu: »Warum wollen Sie fort, mein Herr! Nehmt Waffen, ihr
Leute, heut ist der Tag der Freiheit!«
    Er sprach nicht weiter, denn der Förster stürzte vor und gab ihm einen
ungeheuren Backenstreich, dass er zur Seite taumelte und sein Gewehr im Fallen
losging. Auf dem Markt erhob sich lautes Geschrei, der Förster ergriff die
Flinte und die beiden Sensenmänner, überrascht und ohne Befehl, wie sie waren,
wurden von dem vordringenden Trupp an die Häuser geworfen, die Sensen aus ihrer
Hand gerissen und von den zornigen Leuten an dem Steinpflaster zerbrochen. Ohne
verfolgt zu werden, drängte der Haufe bis an das Stadttor, auch dort wich der
feindliche Posten zurück und liess die dichte Masse ungehindert durch. So kamen
sie beim Gastofe an. Dort trat der Schulz, von Anton aufgefordert, vor die
Leute. »Es geht dort drin gegen die Regierung«, sagte er, »es geht gegen uns
Deutsche. Der bewaffneten Feinde sind nicht viel, wir haben eben gesehen, wie
der Bauer mit ihnen fertig wird. Wer ein ordentlicher Mann ist, der bleibt hier
und hilft den Bürgersleuten in der Stadt, die Fremden hinauszujagen. Die
Schützen wollen einen zu uns senden und uns sagen, wie wir ihnen helfen können.
Deshalb bleibt zusammen, Landsleute.«
    Nach diesen Worten riefen viele: »Wir bleiben hier.« Manchem auch kam die
Sorge und er stahl sich um das Haus und auf das Feld. Wer blieb, suchte eine
Waffe, wo er sie fand, schwere Holzknittel, Radstangen, Heugabeln und was sonst
in der Nähe aufzutreiben war.
    »Ich kam her, mir Pulver und Schrot zu kaufen«, sagte der Förster zu Anton,
» jetzt habe ich eine Flinte, und das letzte Korn soll heut draufgehen, wenn wir
uns rächen können für den Schimpf an unserm Vogel.«
    Unterdes waren in dem Schloss die Stunden wie gewöhnlich verlaufen bis gegen
Mittag. Der Freiherr ging, von seiner Gemahlin geführt, im Sonnenschein um das
Schloss herum; er grollte ein wenig, dass die Maulwurfshügel, an welche sein Fuss
stiess, noch immer nicht geebnet waren, und kam zu dem Resultat, dass kein Verlass
auf Beamte und Dienstleute sei, und Wohlfart noch vergesslicher als alle andere.
Bei diesem Tema verweilte er mit mürrischem Behagen. Die Baronin widersprach
ihm nur soviel als möglich war, ohne seine krankhafte Laune aufzuregen, und so
setzte er sich endlich im Freien auf einen Stuhl nieder, den ihm der Bediente
nachtrug, und hörte friedlich seiner Tochter zu, welche mit Karl den Platz für
eine kleine Baumpflanzung absteckte. Niemand dachte Arges, jeder war mit seiner
nächsten Umgebung beschäftigt.
    Da flog die schlimme Kunde, dass etwas Schreckliches vorgehe, mit
Eulenflügeln über die Ebene. Auch zu der Waldinsel des Freiherrn kam sie heran,
sie flatterte über die Kiefern und Birnbäume, über Getreidefelder und Anger bis
auf das Schloss. Zuerst kam sie undeutlich, wie eine kleine Wolke am sonnigen
Himmel, dann wurde sie grösser, wie ein ungeheurer Vogel, der die Luft
verfinstert, sie schlug mit ihren schwarzen Fittichen die Herzen aller Menschen
in Dorf und Schloss, sie machte das Blut in den Adern stocken und trieb heisse
Tränen über die Wangen.
    Mitten in seiner Arbeit sah Karl plötzlich auf und sagte erschrocken zum
Fräulein: »Das war ein Schuss!«
    Lenore sah ihn betroffen an, dann lachte sie über ihren eigenen Schreck und
erwiderte: »Ich habe nichts gehört; vielleicht war's der Förster.«
    »Der Förster ist in der Stadt«, entgegnete Karl ernst.
    »Dann ist's ein verdammter Wilddieb im Walde«, rief der Freiherr ärgerlich.
    »Es war ein Kanonenschuss«, behauptete der hartnäckige Karl.
    »Das ist nicht möglich«, sagte der Freiherr, aber er selbst lauschte mit
gespanntem Gesicht; »es steht kein Geschütz auf viele Meilen in der Runde.«
    In dem Augenblick rief eine Stimme vom Wirtschaftshofe her: »Es brennt in
Rosmin.« Karl sah das Fräulein an, warf sein Grabscheit zu Boden und lief nach
dem Hof; Lenore folgte. »Wer hat gesagt, dass Feuer in Rosmin ist?« frug er die
Knechte, welche zu ihrer Mittagskost über den Hof gingen. Keiner hatte gerufen,
aber alle liefen erschrocken aus dem Hof auf die Landstrasse und versuchten nach
Rosmin hinzusehn, obgleich jeder wusste, dass die Stadt über zwei Meilen entfernt
war und keine Aussicht dortin.
    »Es sind vorhin Weiber gelaufen auf dem Weg nach Neudorf wie in der Angst«,
sagte der eine Knecht, und ein anderer rief: »Es muss gefährlich zugehn in
Rosmin, denn man sieht den Rauch über dem Walde stehn.« Alle glaubten einen
dunkeln Schatten über der Stelle zu sehn, wo die Stadt lag, auch Karl. Immer
grösser wurde die Aufregung ohne sichern Grund. Die Dorfleute traten auf der
Strasse zusammen. Alle sahen nach der Richtung von Rosmin und erzählten von dem
Unglück, das über die Stadt gekommen sei. »Die Edelleute sind heut darin«, rief
der eine, »sie haben die Stadt angezündet«, und sein Nachbar hatte von einem
Mann auf dem Felde gehört, dass heut ein Tag sei, an den alle Gutsherren denken
sollten. Der Mann sah feindselig auf Karl und fügte hinzu: »Noch kann manches
kommen bis auf den Abend.« Der Schenkwirt kam herzugelaufen und rief Karl
entgegen: »Wenn nur erst der heutige Tag vorbei wäre«, und Karl entgegnete in
derselben Gemütsstimmung: »Ich wollte das auch.« Keiner wusste recht, weshalb.
    Von der Zeit kamen immer neue Schreckensbotschaften aus der Welt jenseits
des Waldes. »Die Soldaten und Polen liefern einander eine Schlacht«, hiess es.
»Auch in Kunau brennt's«, riefen einige Weiber, die vom Felde heimeilten.
Endlich kam die Vogtin vom neuen Vorwerk ausser Atem zu Lenore gelaufen: »Mein
Mann schickt mich, weil er das Gehöft an diesem Angsttage nicht verlassen will.
Er lässt fragen, ob Sie nichts vom Förster wissen, es ist Mord und Totschlag in
der Stadt, und die Leute sagen, der Förster schiesst mitten darunter.« - »Wer
sagt das?« fuhr der Freiherr auf. - »Einer, der über das Feld lief, hat es
meinem Mann erzählt«, rief die entsetzte Frau, »und es muss wahr sein, dass dort
alles durcheinander ist, denn als der Förster nach der Stadt ging, hatte er gar
keine Flinte bei sich.« Allen kam vor, als ob das Unglück deshalb wahr sein
müsste. »Und heut nacht hat es einen feurigen Schein gegeben auf dem Feld«,
klagte die Frau weiter, »unsre Stube wurde ganz hell, und mein Mann ist
aufgesprungen und hinausgegangen. Da zog ein blaues Licht wie eine
Schwefelflamme über den Wald nach Rosmin zu.«
    So schlug das Gerücht mit seinen Flügeln auf die Herzen der Menschen. Mit
Mühe brachte Karl die Knechte dazu, dass sie mit ihren Gespannen wieder aufs Feld
zogen. Lenore stieg mit Karl auf den Turm, um etwas Neues zu ersehn. Ob eine
Rauchwolke über der Stadt war, das wollte Karl nicht entscheiden, aber an mehr
als einer Stelle sahen sie hinter den Wäldern etwas wie Feuerschein und
Rauchwolken. Kaum waren sie herab, so kam der eine Knecht mit den Pferden
zurückgejagt und meldete, dass ihm ein Bauer aus dem andern Kreise, der auf dem
Waldweg im Galopp durchgefahren war, gesagt habe, ganz Rosmin sei angefüllt mit
Sensenmännern und mit Leuten, welche rote Fahnen in der Hand hielten, und alle
Deutschen im Lande würden erschossen. Die Baronin rang die Hände und fing an zu
weinen, und ihr Gemahl verlor darüber den letzten Schein von Ruhe, den er mühsam
bewahrt hatte. Er schalt heftig auf Wohlfart, der an solchem Tage nicht zu Hause
sei, und liess Karl zu sich rufen, der, nicht weniger erschrocken, sich jetzt um
Antons Schicksal ängstigte. Er befahl ihm, alles im Hofe zu verschliessen; gleich
darauf forderte er ihn wieder, und verbot durch ihn dem Schenkwirt, heut den
Dorfleuten Branntwein zu verkaufen, und immer frug er ihm ab, was man gehört
hatte. Lenore konnte die schwüle Unruhe im Schloss nicht ertragen, sie ging
unaufhörlich zwischen dem Schloss und dem Hofe ab und zu und hielt sich in Karls
Nähe, in dessen treuherzigem Gesicht noch der meiste Trost zu finden war, dabei
sah sie immer wieder auf die Landstrasse, ob nicht etwas zu erblicken sei, ein
Wagen, ein Bote.
    »Er ist ruhig«, sagte sie zu Karl, »er wird sich einer so fürchterlichen
Gefahr nicht aussetzen«, sie wünschte eine tröstende Antwort.
    Karl aber schüttelte den Kopf: »Auf seine Ruhe ist kein Verlass; wenn's in
der Stadt so aussieht, wie die Leute sagen, so ist Herr Anton nicht der letzte,
der darunterfährt. Er wird nicht an sich denken.«
    »Nein, das tut er nicht!« rief Lenore und rang die Hände.
    So ging es fort bis gegen Abend. Karl hielt die Dienstleute, welche alle vor
dem Hofe standen, streng zusammen, er ergriff seinen Karabiner, er wusste selbst
nicht, wozu, er liess sich ein Pferd satteln und band es wieder an die Krippe. Da
kam der Wirt mit einem Knecht aus der Brennerei zum Schloss gerannt, der
gutmütige Mann rief schon von weitem dem Fräulein entgegen: »Hier ist eine
Nachricht, eine schreckliche Nachricht von Herrn Wohlfart.« Lenore fuhr auf den
fremden Knecht zu. Der Mensch machte in polnischer Sprache einen verwirrten
Bericht von den Schrecken des Tages in Rosmin. Er hatte gesehn, dass auf dem
Markte Polen und Deutsche aufeinander geschossen hatten, dass der Herr
Rentmeister an der Spitze der deutschen Bauern marschiert war. »Ich wusste das«,
rief Karl stolz.
    Dann erzählte der Knecht, wie er selbst geflüchtet sei, gerade als alle
Polen auf den Herrn gezielt hätten; ob er tot sei, oder noch lebe, das könne er
nicht genau sagen, denn er sei in grosser Angst gewesen; aber er glaube wohl, der
Herr müsse tot sein.
    Lenore lehnte sich an die Mauer, Karl fuhr verzweiflungsvoll mit den Händen
nach seinem Haupt. »Satteln Sie den Pony!« sagte Lenore mit klangloser Stimme.
    »Sie wollen doch nicht selbst bei Nacht durch den Wald, den weiten Weg nach
der Stadt?« rief Karl.
    Ohne zu antworten eilte das tapfere Mädchen auf den Stall zu, Karl sprang
ihr in den Weg. »Sie dürfen nicht!« schrie er, »die Frau Baronin wird vor Angst
um Sie den Tod haben, und was können Sie unter den wütenden Männern ausrichten?«
    Lenore blieb stehen. »So schaffen Sie ihn her«, rief sie halb bewusstlos,
»bringen Sie ihn zu uns, lebendig oder tot.«
    »Soll ich Sie an diesem Tage allein lassen?« rief Karl wieder ausser sich.
    Lenore riss ihm den Karabiner vom Arm und rief: »Fort, wenn Sie ihn lieben,
ich werde an Ihrer Stelle wachen.«
    Karl stürzte nach dem Hofe, riss das Pferd heraus und jagte auf der Strasse
von Rosmin dahin.
    Der Hufschlag des Pferdes verklang, es wurde wieder still, Lenore eilte mit
hastigen Schritten vor dem Schloss auf und ab. Ihr Freund war in tödlicher
Gefahr, vielleicht war er verloren! Und durch ihre Schuld, denn sie hatte ihn
hierhergetrieben; sie fühlte eine heisse Sehnsucht nach seinem Anblick, nach dem
Ton seiner Stimme. Was er ihr und den Eltern gewesen war, überdachte sie jetzt
in ihrer Verzweiflung unaufhörlich. Es schien ihr unmöglich, ohne ihn die
Zukunft in dieser Einsamkeit zu ertragen. Die Mutter sandte nach ihr, der Vater
rief nach ihr zum Fenster hinaus, sie wies die Aufforderungen kurz ab, all ihr
Empfinden war aufgegangen in dem Gefühl der reinen und innigen Neigung, welche
zwischen ihr und dem Verlorenen erblüht war.
    In der Stadt stand Anton mit den Landleuten wohl eine halbe Stunde
erwartungsvoll vor dem Roten Hirsch. Immer noch zogen die verscheuchten
Marktleute bei ihnen vorüber in die Dörfer, flüchtigen Fusses die meisten, aber
mancher blieb stehen und schloss sich ihnen an, oft auch wurde ein polnischer
Gruss gehört, und mehrere Polen traten zu Anton und frugen, ob er sie brauchen
könne. Endlich kam, nicht auf der Strasse, sondern von dem Garten des Wirtshauses
her, der Schlosser in seiner grünen Uniform mit Epauletten, gefolgt von einigen
Bürgerschützen.
    Anton eilte auf ihn zu und rief: »Wie steht's?«
    »Achtzehn Mann sind gekommen«, sagte der Schlosser, »es sind die sichern
Leute. Das Volk auf dem Markt verläuft sich, die im Weinhause sind nicht viel
stärker geworden. Sie sind jetzt dabei, die Behörden abzusetzen. Unser Kapitän
hat Courage wie ein Teufel. Wenn Sie ihm helfen wollen, so ist er bereit, etwas
zu wagen. Wir können von hinten hinein in Löwenbergs Haus, ich habe das Schloss
zum Hintertor selber gemacht und weiss Bescheid, vielleicht ist es gar nicht
verschlossen. Wenn wir's geschickt machen, können wir die Anführer drin
überfallen, wir können sie fassen und ihre Waffen.«
    »Wir müssen von vorn und hinten zu gleicher Zeit angreifen«, entgegnete
Anton, »dann haben wir sie sicher.«
    »Ja«, sagte der Schlosser, ein wenig verblüfft, »wenn Sie mit Ihren Leuten
von vorn kommen wollten.«
    »Wir haben keine Waffen«, rief Anton. »Ich will mit Euch nach vorn und der
Förster auch und vielleicht noch einer oder der andere; aber ein unbewaffneter
Trupp gegen die Sensen und ein Dutzend Gewehre, das ist unmöglich.«
    »Sehn Sie«, sagte der ehrliche Schlosser, »für uns ist's auch schwer. Wer so
gerade im ersten Schreck von Weib und Kind kommt, der ist auch nicht in der
Verfassung sich gleich als Scheibe hinzustellen. Unsre Leute haben ja guten
Willen, aber die drüben sind verzweifelte Menschen. Und deswegen lassen Sie uns
ruhig hintenherum gehn; wenn wir sie überraschen, gibt's weniger Blutvergiessen,
und das ist doch auch eine Hauptsache. Gewehre bringe ich nicht, nur einen Säbel
für Sie.«
    Schweigend setzte sich der Haufe in Bewegung, der Schlosser führte. »Unsere
Schützen haben sich im Hause des Hauptmanns versammelt«, sagte er, »dortin
können wir durch die Gärten, ohne dass die am Tor uns gewahr werden.« Durch
Gemüsegärten zogen sie vorwärts, einige Male musste der ganze Hauf über niedrige
Zäune klettern, dann kreuzten sie schnell den Weg, der um die Stadtmauer
herumführte, überschritten auf einigen Brettern den Bach und drangen durch eine
Mauerpforte, welche sie in den Hofraum eines Gerbers führte.
    »Hier waren Sie«, sagte der Schlosser mit einiger Unruhe. »Der Gerber ist
einer von uns Schützen, aus der Haustür tritt man auf dieselbe Hintergasse,
welche der Eingang zu Löwenbergs Hofraum ist. Ich gehe zum Hauptmann melden, wir
holen Sie ab.«
    Nur wenige Minuten standen die Landleute unter dem Haufen Lohe, als der
Förster, der als Wache in der Haustür stand, den Anmarsch der Schützen meldete.
Auf der Hintergasse stiessen die beiden Haufen zusammen, nur kurze Begrüssungen
wurden ausgetauscht. Der Hauptmann, ein wohlbeleibter Fleischer, forderte Anton
auf, neben ihm zu gehen und seinen Zug den Schützen anzuschliessen. Schweigend
rückten sie an das Hintertor von Löwenbergs Hause, das Tor war nicht
verschlossen und nicht besetzt, der Schlosser sah durch das Hintergebäude in den
leeren Hofraum. Der Trupp hielt einen Augenblick an, der Förster eilte zu den
Führern. »Wir sind mehr Leute, als in dem Haus nötig sind«, sprach er mit
fliegender Eile. »Hier daneben ist eine breite Quergasse, die auf den Markt
führt. Geben Sie mir den Trommler, einen Zug Schützen und die Hälfte von den
Landleuten, wir laufen bis an den Markt und besetzen mit Geschrei die Öffnung
der Quergasse. Die auf dem Markt werden dadurch gestört, sie müssen auf uns
sehen, unterdes dringen Sie ein und nehmen die ganze Bande gefangen. Sobald ich
trommeln lasse, springt der Herr Kapitän mit dem Hauptkorps durch den Hof in das
Vorderhaus, die Tür halten Sie besetzt.«
    »Mir ist's recht«, sagte der dicke Hauptmann, echauffiert und in der
Aufregung, welche vor einem Angriff auch dem beherzten Mann die Brust beengt.
»Nur vorwärts fort.«
    Der Förster raffte sechs Schützen zusammen, winkte dem Schulz und einem
Haufen der Landleute, und zog sich mit dem Haufen ohne grosses Geräusch in die
offene Seitengasse. Auch Anton fühlte das Blut an seine Schläfe hämmern in der
Erwartung der nächsten Augenblicke. Endlich hörte man Trommelwirbel, gleich
darauf ein lautes Hurra. Wie Löwen sprangen die Bürger durch den Hof, der
Hauptmann voran seinen Säbel schwingend, neben ihm Anton. So drangen sie in den
Hausflur, bevor jemand auf sie achtete. Alles war im Hause an die Fenster und an
die Tür gestürzt.
    »Hurra«, rief der Hauptmann, »wir haben sie«, und ergriff in dem Hausflur
einen der Herrn im Genick. »Keiner soll entrinnen. Schliesst die Tür!« schrie er
und hielt sein Opfer am Kragen fest, wie eine Kuh bei den Hörnern. Durch die
Kraft von zehn Leibern wurde die Haustür von innen zugedrückt und verschlossen,
so dass die Eifrigen auch die Feinde, welche in der Tür standen, hinausdrängten.
Darauf stürzten die Schützen in die Stube, ein Teil nach dem obern Stock. Wer
von Herren in der Stube war, sprang zum Fenster hinaus. So kam es, dass die
Bürger in der Weinstube nichts ergriffen, als eine Namenliste, einen Haufen
zusammengebundener Sensen, und in der Ecke ein halbes Dutzend Gewehre, welche
den Edelleuten gehörten. Der Schlosser fasste sogleich die Gewehre und rannte mit
Anton und einigen andern, die er anrief, wieder hinten zum Hause hinaus in die
Quergasse zu dem Zuge, den der Förster führte. Sie fanden den Zug in
bedenklicher Lage. Er war mutig hinter dem Förster vorwärtsgestürmt bis an den
Ausgang der Gasse. Die Trommel und das Hurra und gleich darauf der feindliche
Angriff im Hause hatten die Gegner in Verwirrung gebracht. Die Sensenmänner
waren von dem Hause weggeeilt, sie standen in ungeordnetem Haufen mitten auf dem
Markte, der Mann in der Schärpe, selbst ohne Gewehr, war beschäftigt, die
Unbehilflichen aufzustellen. Dagegen war der Trupp mit Gewehren, Ökonomen, Jäger
und einige junge Herren, den Anrückenden kühn entgegenmarschiert und hatte Front
gegen sie gemacht. Vor der bewaffneten Schar stutzten die Bürgerschützen und
drängten an den Ausgang der Gasse zurück, der Förster stand allein mitten
zwischen den feindlichen Parteien. In dieser Verlegenheit fing der Trommler
wieder an aus Leibeskräften zu trommeln, die Polen hielten ihre Gewehre an die
Backen, der Förster kommandierte ebenfalls: »Legt an!« und beide Haufen blieben
im Anschlage voreinander stehen, jeder auf Augenblicke zurückgehalten durch die
Scheu vor den furchtbaren Folgen, welche das erste Kommando haben würde. Da
drang der Schlosser mit seinen Begleitern vor, die Gewehre wurden blitzschnell
den Männern, welche danach griffen, in die Hand gegeben, Anton und der tapfere
Schlosser sprangen in die erste Reihe der Bürgerschützen. Ein blutiger Kampf auf
dem Pflaster schien unvermeidlich.
    In diesem Augenblick erscholl aus dem Fenster der Weinstube die Stimme des
Hauptmanns laut über den Marktplatz: »Mitbürger, wir haben sie. Hier ist der
Gefangene. Er ist der Herr von Tarow selber!« Alles setzte die Gewehre ab und
hörte nach der Stimme. Der Hauptmann hielt den Kopf des Gefangenen zum Fenster
hinaus, der, in sein Schicksal ergeben, keinen Versuch machte, sich aus der
unbequemen Lage zu befreien. »Und jetzt hört auf meine Worte. Alle Fenster
dieses Hauses sind besetzt, alle Strassen sind besetzt, wie dort auf dieser Seite
zu sehn; sobald ich einen Finger hebe, werdet ihr Leute alle in Grund und Boden
geschossen.«
    »Hurra, Hauptmann«, rief eine Stimme gerade gegenüber von den mittlern
Häusern des Marktes, und der Kaufmann, welcher dort wohnte, steckte seine
Entenflinte zum Fenster des ersten Stocks heraus, neben ihm der Apoteker und
der Postmeister, die Pächter der städtischen Jagd.
    »Guten Morgen, meine Herren«, rief der Fleischer erfreut hinüber, denn eine
kühne Sicherheit war auf ihn gekommen. »Ihr seht, Leute«, fuhr er fort, »dass
jeder Widerstand nutzlos ist, werft eure Sensen weg, oder ihr seid sämtlich
Kinder des Todes.« Eine Anzahl Sensen klirrte auf das Pflaster.
    »Und Ihr, Ihr Herren Jäger«, fuhr der Hauptmann fort, »Ihr sollt freien
Abzug haben, wenn ihr eure Gewehre abgebt, denn wenn nur einer von euch noch ein
Gesicht schneidet, so soll dieses Mannes Blut über euer Haupt kommen.« dabei
ergriff er den Kopf des Tarowski, hielt ihn wieder zum Fenster hinaus und zog
ein grosses Schlachtmesser aus seiner Uniform. Er warf die Scheide auf die Strasse
und schwenkte das Messer so fürchterlich um das Haupt des Gefangenen, dass der
brave Fleischer in diesem Augenblick wahrhaft grässlich und wie ein Kannibale
aussah.
    Da rief der Förster begeistert: »Hurra, wir haben sie, vorwärts, marsch!«
Der Trommler fing an zu trommeln, und im Sturm drangen die Deutschen vor. Auch
die Schützen warfen sich aus dem Hause hervor auf die Treppe und die Strasse. Der
Haufe der polnischen Flintenträger geriet in Unordnung, einige der Beherzten
schossen ihre Gewehre ab, auch aus den Reihen der Angreifer fielen einzelne
Schüsse. Die übrigen Sensen fielen zusammen und die Sensenmänner zerstreuten
sich zuerst in wilder Flucht, gleich darauf flohen die mit den Gewehren. Die
Deutschen stürmten ihnen nach, noch einige Schüsse wurden abgefeuert, die
Flüchtigen wurden rund um den Markt gejagt, einzelne versteckten sich in den
Häusern, andere liefen zum Stadttor hinaus. Der Trommler schritt um den ganzen
Marktplatz und schlug Alarm. Von allen Seiten kamen jetzt bewaffnete Bürger
herzugerannt, auch die säumigen Schützen erschienen einer nach dem andern. Der
Hauptmann übergab seinen Gefangenen einigen handfesten Leuten und rief, die
Glückwünsche seiner Freunde mit der Hand abwehrend: »Der Dienst vor allem, meine
Herren! Das wenigste ist, dass wir die Tore schliessen und besetzen. Wo ist der
Kapitän unserer Bundesgenossen?«
    Anton trat hinzu. »Herr Kamerad«, sagte der wackere Fleischer staunend, »ich
denke, wir sammeln unsere Leute, wir halten eine Musterung und teilen die Wachen
ein.«
    Die einzelnen Korps stellten sich auf dem Markte auf, zuerst die Schützen,
daneben unter Anführung des Försters die Landleute, auf der andern Seite eine
Schar Freiwilliger, die sich fortwährend vergrösserte. Es war eine lange Reihe,
und mit Stolz sahen die von Rosmin, wie stark sie waren. Der Hauptmann liess
schwenken und in Zügen vorbeimarschieren. Darauf wurde der Wachdienst
eingeteilt, die Tore besetzt und Ehrenwachen vor die Ämter gestellt, halb
Bürger, halb Landleute. Die heruntergerissenen Wappen wurden gesäubert, eifrige
Frauenhände trugen aus den Gärten der Stadt die ersten Blumen zusammen und
schmückten die Wappenbilder mit Kränzen und Gewinden. In feierlichem Zuge wurden
sie an das Steueramt und die Post getragen, die ganze Mannschaft marschierte
auf, präsentierte das Gewehr, und der Hauptmann brachte eine Anzahl
patriotischer Hochs aus, welche von vielen hundert Kehlen nachgerufen wurden.
Anton stand zur Seite, und als er die Frühlingsblumen auf dem Wappen sah, fiel
ihm aufs Herz, wie er heut morgen gezweifelt hatte, ob er in diesem Jahre welche
erblicken werde. Jetzt glänzten ihre Farben so lustig auf dem Schildzeichen
seines Vaterlandes. Aber was hatte er seit dem Morgen erlebt?
    Aus seinem Sinnen wurde er durch den Hauptmann geweckt, der ihn auf das
Rataus in den Ausschuss einlud, welcher sich für die Sicherheit der Stadt
gebildet hatte. So sah er sich auf einmal in der Ratsstube vor dem grünen Tisch
mitten unter fremden Männern, als einer der Ihrigen. Bald hatte er eine Feder in
der Hand und schrieb einen Bericht über die Ereignisse des Tages an die Behörde.
Der Ausschuss entwickelte grosse Tätigkeit, Boten wurden an das nächste
Militärkommando abgesandt, die Häuser Verdächtiger wurden nach Flüchtlingen
durchsucht, für die Landleute, welche sich bereit erklärt hatten, bis zum Abend
in der Stadt zu bleiben, wurde durch freiwillige Beiträge der Bürger Speise und
Trank besorgt, Patrouillen wurden nach allen Richtungen ausgeschickt, einzelne
Gefangene verhört, und die Nachrichten, welche jetzt aus der Nachbarschaft
einliefen, gesammelt. Von allen Seiten kamen Meldungen. Aus mehreren Dörfern
waren polnische Banden auf dem Wege zur Stadt, in dem Nachbarkreise war in
ähnlicher Weise ein Aufstand versucht worden, und dort war er geglückt, die
Stadt war in den Händen der polnischen Jugend, die Flüchtlinge erzählten von
Plünderung, von Fanalen, welche durch das ganze Land brannten, von einem
allgemeinen Aufstande der Polen und von dem Gemetzel, das sie unter den
Deutschen anfangen wollten. Die Gesichter der von Rosmin wurden länger, die
Siegesfreude, welche durch einige Stunden in dem Rataussaal geherrscht hatte,
wich der Sorge um eine gefahrvolle Zukunft. Einige sprachen davon, dass die Stadt
sich mit dem gefangenen Herrn von Tarow verständigen müsse, weil man der Bürger
selbst nicht sicher sei, viele polnisch Gesinnte sässen innerhalb der Mauern,
auch feindliche Gewehre wären noch versteckt. Doch wurden die Furchtsamen durch
den kriegerischen Mut der Majorität überstimmt. Es ward beschlossen, die Nacht
über in Waffen zu bleiben und die Stadt gegen fremde Banden zu halten, bis
Militär hereinkomme.
    So kam der Abend heran. Da verliess Anton, beunruhigt durch die zahlreichen
Gerüchte von Plünderungen auf dem offenen Lande, den Sitzungssaal des Ratauses
und schickte den Schulz aus, um die Deutschen aus ihrer Gegend zum
gemeinschaftlichen Abmarsch zu sammeln. Zwischen dem Schützenhauptmann und dem
Schlosser schritt er unter dem Gerassel der Trommel und einem dreimaligen Hoch
der Bürgerschützen mit seinen Leuten durch das Tor bis zu den letzten Häusern
der Vorstadt. Dort an der hölzernen Brücke, welche über den Bach führt, nahmen
die Städter und die vom Lande brüderlich Abschied.
    »Ihr Wagen ist der letzte, der heut hinüber soll«, sagte der Schlosser, »wir
brechen hinter Ihnen die Bohlen von der Brücke und stellen einen Posten
daneben.« Und der Hauptmann zog seinen Hut und sagte: »Im Namen der Stadt und
einer löblichen Bürgerschützenkompagnie bedanke ich mich für die freundliche
Hilfe bei euch allen. Wenn eine schwere Zeit kommt, wie wir alle fürchten, so
wollen wir Deutsche immer zusammenhalten.«
    »Das Wort soll gelten«, rief der Schulz, und die Landleute riefen es nach.
    So zogen die Landleute hinaus auf die dunkle Ebene. Anton liess seinen Wagen
langsam nachfahren und ging mit dem Haufen zu Fuss. Der Förster zog einige junge
Burschen, welche die erbeuteten Gewehre trugen, aus dem Trupp und formierte sie
zu einer Avantgarde. Der Schmied von Kunau, der jeden Mann aus dem Kreise
kannte, stellte das vor, was der Förster die Spitze nannte. Alle Gebüsche und
unsichere Stellen wurden sorgsam abgesucht, einzelne Leute, die ihnen
aufstiessen, wurden angehalten und ausgefragt. Sie hörten vieles Gefährliche,
fanden aber ihren Weg durch keinen Haufen verlegt. So schritten die Männer im
ernsten Gespräch vorwärts. Alle fühlten sich gehoben durch ihr Tun an diesem
Tage, aber keiner verbarg sich, dass dies erst der Anfang sei, und dass noch
Schweres nachfolgen werde. »Wie sollen wir vom Lande die Zeit ertragen?« sagte
der Schulz, »die in der Stadt haben ihre Mauern und wohnen dicht aneinander, wir
aber sind der Rachgier jedes Bösewichtes ausgesetzt, und wenn ein halbes Dutzend
Landstreicher mit Flinten in das Dorf kommt, so sind wir geliefert.«
    »Es ist wahr«, sagte Anton, »vor den grossen Scharen können wir uns nicht
hüten, und der einzelne muss in solcher Zeit ertragen, was der Krieg ihm
auferlegt, aber die grossen Haufen, welche unter dem Kommando von festen
Befehlshabern stehen, sind für uns auch nicht das schlimmste. Das ärgste sind
die Banden von schlechtem Gesindel, die sich zusammenrotten, die Brandstifter
und Plünderer, und gegen solche müssen wir uns von heut ab zu verteidigen
suchen. Haltet euch morgen zu Hause, ihr von Neudorf und Kunau, und beschickt
mit euren Boten die andern Deutschen in der Nähe, welche zu uns halten. Morgen
bei guter Zeit komme ich zu euch hinüber, dort lasst uns beraten, ob wir etwas
tun können für unsre Sicherheit.«
    So kamen die Männer an den Kreuzweg, wo der Weg nach dem Schloss abgeht
durch den herrschaftlichen Wald. Anton stand mit dem Schulzen und dem Schmied
noch eine Weile in Beratung zusammen, dann grüssten sich die drei wie alte
Freunde, und jeder Haufen eilte nach seinem Dorfe.
    Anton bestieg seinen Wagen und nahm den Förster mit sich, damit dieser zur
Nacht das Schloss bewachen helfe. Mitten im Walde wurden sie durch ein lautes
»Halt! Wer da?« angerufen.
    »Karl!« rief Anton erfreut. »Hurra, hurra, er lebt!« rief Karl ausser sich
vor Freude und sprengte an den Wagen. »Sind Sie auch unverwundet?« - »Ich bin
es«, erwiderte Anton; »wie steht's auf dem Schloss?«
    Jetzt begann ein schnelles Erzählen. »Dass ich nicht dabei war!« rief Karl
einmal über das andere.
    Als sie beim Schloss vorfuhren, flog eine helle Gestalt auf den Wagen zu.
»Fräulein Lenore!« rief Anton herunterspringend.
    »Lieber Wohlfart!« rief Lenore und fasste seine beiden Hände. Sie legte sich
einen Augenblick auf seine Schulter, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen.
Anton hielt ihre Hand fest und sagte, indem er ihr mit zärtlicher Teilnahme in
die Augen sah: »Es kommt eine schreckliche Zeit, ich habe den ganzen Tag an Sie
gedacht.«
    »Da wir Sie wiederhaben«, sagte Lenore, »will ich alles ruhig anhören,
kommen Sie schnell zum Vater, er vergeht vor Ungeduld.« Sie zog ihn die Treppe
hinauf.
    Der Freiherr öffnete die Tür und rief Anton auf dem Gang entgegen: »Was
bringen Sie?«
    »Krieg, Herr Freiherr«, antwortete Anton ernst, »den hässlichsten aller
Kämpfe habe ich gesehen, blutigen Krieg zwischen Nachbar und Nachbar. Das Land
ist im Aufstand.«
 
                                  Fünftes Buch
                                       1
Die Güter des Freiherrn lagen in einer Ecke des Rosminer Kreises. Nördlich
hinter dem Walde das deutsche Bauerndorf Neudorf, und weiter ab im Osten Kunau.
Durch einen breiten Strich Sand und Heideland waren diese Orte von polnischen
Gütern getrennt, unter denen die des Herrn von Tarowski die nächsten waren. Im
Westen und Süden des Gutes grenzten Kreise mit gemischter Bevölkerung, die
Deutschen waren dort stark, reiche Grundherren und grosse Bauerndörfer sassen
unter den Slawen. Im Norden hinter Neudorf und Kunau war ein polnischer Strich,
viele kleine Rittergüter, zum Teil tief verschuldet, mit heruntergekommenen
Familien.
    »Von dort droht uns die grösste Gefahr«, sagte der Freiherr am Morgen nach
dem Markttage zu Anton. »Die Bauerndörfer sind unsre natürlichen Feldwachen.
Wenn Sie die Dorfleute dazu bringen, einen regelmässigen Wachtdienst
einzurichten, so müssten ihre Wachen die Kreisgrenze im Norden besetzen, wir
würden dann versuchen, eine regelmässige Kommunikation mit ihnen zu unterhalten.
Vergessen Sie die Fanale und Alarmhäuser nicht. Da Sie mit den Bauern schon so
kameradschaftlich verkehrt haben, so werden Sie das am besten besorgen. Mir
lassen Sie anspannen. Ich will in den nächsten Kreis fahren und versuchen, uns
mit den Gutsbesitzern dort in ebensolche Verbindung zu setzen. Den jungen Sturm
nehme ich mit.«
    So ritt Anton nach Neudorf. Dortin waren in der Nacht neue
Unglücksbotschaften gekommen. Einige deutsche Dörfer waren von bewaffneten
Banden besetzt, die Häuser nach Waffen durchsucht, junge Leute mitgeschleppt
worden. Niemand arbeitete auf dem Felde, die Männer sassen in der Schenke oder
standen vor dem Hause des Schulzen, ratlos, jede Stunde einen Überfall
erwartend. Antons Pferd wurde sogleich von einem dichten Haufen umdrängt; als
der Schulze die Männer in die Gemeindestube rufen liess, war nach wenig
Augenblicken die Gemeinde vollzählig versammelt. Anton setzte ihr auseinander,
was geschehen könne, ihr Dorf vor dem Schrecken eines plötzlichen Überfalls zu
schützen; Einrichtung einer Bauernwehr, regelmässige Wachen an den Dorfwegen
längs der Grenze, Lärmstangen, Patrouillen, ein Alarmhaus im Dorfe und
Vorsichtsmassregeln ähnlicher Natur, wie der Freiherr sie ihm angegeben hatte.
»Ihr werdet dadurch«, fuhr er fort, »unsre, der Nachbarn, Hilfe in kurzer Zeit
herbeirufen, ihr werdet imstande sein, euch gegen einen schwächern Feind
gemeinschaftlich zu verteidigen, gegen einen stärkern schnell die Hilfe des
Militärs herbeizurufen. Ihr werdet eure Weiber und Kinder, was euch von eurem
Hausrat am liebsten ist, vielleicht auch euer Vieh vor Plünderung und
Misshandlung retten. Es wird keine kleine Beschwerde für euch sein, die Wachen
bei Tag und Nacht zu stellen, aber euer Dorf ist gross. Vielleicht wird diese
Einrichtung in kurzer Zeit durch die Behörden befohlen, es ist sichrer für uns
alle, wenn wir nicht darauf warten. Wir können schon in den nächsten Tagen
wehrhaft sein.«
    Seine eindringlichen Vorstellungen und das Ansehen des verständigen Schulzen
brachten die Gemeinde zu einem einmütigen Beschluss. Mit dem Schulzen und einigen
vom Ortsvorstande beritt er die Grenzen und bestimmte die Punkte für Wachen und
Alarmzeichen. Unterdes entwarf der Schulmeister das Register der Bauernwehr,
verzeichnete die, welche zu Pferde, und die, welche zu Fuss Dienst tun konnten,
und liess sich angeben, was von Waffen im Dorfe war. Manche erklärten sich
bereit, ein Gewehr zu kaufen. Die jungen Leute des Dorfes fassten die Sache mit
Feuer an, die Hausfrauen packten vorsorglich in Kisten und Bündeln das
Wertvollste ihrer Habe zusammen. Von Neudorf fuhr Anton mit den Häuptern der
Gemeinde hinüber nach Kunau; auch dort fand er guten Willen, ähnliche
Einrichtungen wurden verabredet und zuletzt besprochen, dass die jungen Leute aus
den beiden Dörfern jeden Sonntagnachmittag auf das Gut des Freiherrn ziehn
sollten, um dort in Gemeinschaft zu exerzieren.
    Als Anton nach dem Schloss zurückkehrte, wurden die Verteidigungsmittel des
Gutes erwogen. Ein kriegerisches Feuer entbrannte in der deutschen Kolonie.
Jeder wurde davon ergriffen, auch die Friedfertigsten, der Schäfer und sein Hund
Krambow, welcher durch nächtlichen Vorpostendienst und Patrouillen in einen Zorn
gegen fremde Waden geriet, den er sonst an seinem jüngern Gefährten oft beknurrt
hatte. Aller Gedanken waren auf gefährliche Werkzeuge gerichtet; was das Gut von
Mordwaffen besass, wurde hervorgesucht. Ach, die Gesinnung war vortrefflich, aber
die Schar war klein, es fehlte an diensttuender Mannschaft. Dagegen war der Stab
ausgezeichnet. Da war zuerst der Freiherr selbst, zwar Invalide, aber für alle
Teorie schätzbar, dann Karl und der Förster, als Führer der Reiter und des
Fussvolks, und Anton, nicht zu verachten in der Intendantur und im Festungsbau.
    Der Freiherr verliess jetzt täglich sein Zimmer, um in der Mittagsstunde
Kriegsrat zu halten, er besprach die Einübung der Bauernwehr, er hörte Berichte
über die Bewegungen der Umgegend an und sandte Boten nach den deutschen Kreisen.
Ein Schimmer von militärischem Stolz glänzte auf seinem Gesicht, er schalt
gutmütig die Angst seiner Gemahlin, sprach ermunternde Worte zu den Deutschen,
welche ihm nahe kamen, und drohte allen Übelgesinnten im Dorf, sie sofort bis
auf weiteres einzustecken und auf Wasser und Brot zu setzen. Dem ganzen Hof war
es beweglich anzusehen, als der blinde Herr hoch aufgerichtet mit einer Muskete
in der Hand dastand, um dem Förster einige Griffe zu zeigen, und dann das Ohr
auf ihn zu hielt, um aus dem Anschlag der Hand zu erkennen, ob der andere ihn
recht verstanden. Auch Anton umgürtete sein Herz mit dem Panzer kriegerischen
Zornes; er heftete eine Kokarde auf die Mütze, und seine Rede erhielt einen
Anflug von militärischer Strenge; er trug seit dem Tage von Rosmin ungeheure
Wasserstiefel, und sein Tritt fiel schwer auf die Stufen der Treppe. Er selbst
würde über sich gelacht haben, wenn man ihn gefragt hätte, zu welchem Zweck er
die Erhebung seines Gemüts an den Beinen ausdrücke. Aber es frug ihn niemand,
jeder erkannte, dass so etwas notwendig war. Und vollends Karl! Er zeigte sich
nicht anders, als in den Überresten seiner Extra-Uniform, die er sorgfältig
aufgehoben hatte, in Mütze, Schnurrock und einem alten Soldatenmantel. Er
kräuselte seinen Schnurrbart und pfiff den ganzen Tag seine Soldatenlieder. Da
von den zuchtlosen Menschen des eigenen Dorfes am meisten zu fürchten war, so
rief er alle, welche gedient hatten, in der Schenke zusammen und hielt ihnen mit
Hilfe des Försters, der als Hexenmeister in grossem Ansehn stand, eine mächtige
Rede im Kalpak und Dolman, den Säbel an der Seite; er behandelte sie als
Kameraden, schlug auf den Säbel und rief: Wir vom Militär wollen hier unter den
Bauern Ordnung halten. Dann liess er einige Quart Branntwein aufsetzen und sang
mit ihnen leidenschaftliche Kriegslieder. Zuletzt teilte er neue Kokarden aus
und nahm sie als Landsknechte der Gutswehr in Pflicht. So befestigte er die
rührigsten Leute wenigstens für einige Zeit und erfuhr durch sie, was von
Verschwörungsgedanken in der Schenke zutage kam.
    Als am Tage darauf die Streitkraft des Guts vor dem Schloss gemustert
wurde, sahen die Männer erstaunt einander an. Sie waren alle durch die letzten
Tage umgewandelt. Der Herr Rentmeister sah aus wie ein wilder Mann, der aus
einem fremden Sumpflande heranzieht, wo er tagtäglich bis an die Hüften im
Wasser sitzt und höchstens mit dem Oberleibe auf Raub ausgeht. Und die vom neuen
Vorwerk kamen angezogen wie Geister aus einer untergegangenen Zeit. Der Förster
mit seinem kurzgeschorenen Haar und dem langen Bart, in einem ausgewetterten
Rock, mit dem finstern Gesicht voll Runzeln und seinen buschigen Augenbrauen,
glich einem alten Söldling aus Wallensteins Heer, der zweihundert Jahr im tiefen
Walde geschlafen hat und jetzt wieder in die Welt schreitet, weil Unheil und
Greuel mächtig werden. Und wenn verzweifelte Gedanken und trotziger Hass gegen
den Feind zu einem Wallensteiner machen konnten, so war er auch, was er schien.
Wie ein frommer Hussit marschierte der Schäfer neben ihm. Die breite Krempe des
runden Hutes hing ihm bis auf den Rücken herunter, ein breiter Ledergurt
umschlang seinen Leib, in der Hand hielt er einen Hakenstock, an den er eine
glänzende Eisenspitze geheftet hatte. Sein phlegmatisches Gesicht und der
sinnende Ausdruck seiner Augen machten ihn dem Waldmann so unähnlich als
möglich.
    Alles in allem war die bewaffnete Mannschaft des Gutes nicht stärker als
zwanzig Mann. Bei dieser kleinen Zahl brauchbarer Leute war es schwer, einen
Wachtdienst im Schloss und dem Dorfe einzurichten. Jedem einzelnen mussten die
grössten Anstrengungen zugemutet werden, indes niemand klagte darüber, alle, auch
die Gedienten aus dem Dorfe, waren zu jeder Art von kriegerischem Werk bereit.
Nachdem die Männer zusammengebracht waren, dachte man an die Sicherung des
Schlosses. Um die Hinterseite des grossen Gebäudes vor nächtlichem Einbruch zu
schützen, liess Anton einen Zaun aus starken Bohlen von einem Flügel bis zum
andern ziehn. So wurde ein ziemlich grosser Hofraum eingeschlossen und darin an
die Mauer des Hauses ein offener Schuppen angelehnt, wo Flüchtlinge oder die
Pferde der Einquartierung im Notfall auf kurze Zeit ein Obdach finden konnten.
Da der Unterstock des Hauses sich hoch über den Boden erhob, die Fenster
desselben durch starke Holzverschläge geschützt waren, und da alle Eingänge des
Hauses in dem neuen Hofraum lagen, so war der Zugang für Unberufene soviel als
möglich erschwert. Der Schlossbrunnen lag ausserhalb dem eingezäunten Hofe, mitten
zwischen dem Wirtschaftshof und dem Schloss, deshalb wurde ein grosser
Wasserbottich in das Schloss gestellt und alle Morgen neu gefüllt.
    Auch von Rosmin kam Nachricht. Der Schlosser erschien nach einigen Tagen auf
wiederholte Bitten, um die Türen in der Turmhalle und im Hofzaun zu beschlagen
und mit starken Riegeln zu versehen. Er brachte kriegerische Grüsse von dem
Bürgerkapitän und die Nachricht, dass ein Kommando Infanterie in die Stadt
eingerückt sei. »Es sind der Soldaten nur wenige«, sagte er, »und auch wir
Schützen haben schweren Dienst.«
    »Und was habt Ihr mit Eurem Gefangenen gemacht?« frug Anton.
    Der Schlosser fuhr sich hinter das Ohr und rückte seine Mütze, als er
kleinlaut antwortete: »Also, sie wissen noch nichts? Gleich in der ersten Nacht
kam eine Botschaft von den Feinden, wenn wir ihnen nicht den Edelmann auf der
Stelle wieder herausgäben, würden sie mit voller Macht anrücken und unsre
Scheuern abbrennen. Ich sprach dagegen, und unser Kapitän auch, aber wer eine
Scheuer hatte, fing an zu lamentieren, und so kam's, dass sich die Stadt mit dem
von Tarow verglichen hat. Er musste sein Wort geben, dass er mit seinen Leuten
nichts weiter gegen die Stadt unternehmen wollte; darauf haben wir ihn über die
Brücke geführt und losgelassen.«
    »Er ist frei, der falsche Mann!« rief Anton entrüstet.
    »Freilich«, sagte der Schlosser, »er sitzt wieder auf seinem Gut und hat
einen Haufen junger Herren um sich. Sie reiten mit ihren Kokarden über die
Felder, gerade wie vorher. Der Tarowski ist ein schlauer Mann, der schliesst
Ihnen mit einem Federbart jedes Schloss auf, er wird mit allen Leuten fertig. Dem
ist nichts anzuhaben.«
    Natürlich litt die Wirtschaft unter solchen Rüstungen. Zwar hielt Anton mit
Strenge darauf, dass wenigstens das Notwendigste getan wurde, aber auch er
fühlte, dass eine Zeit gekommen war, wo die Sorge um das eigne Wohl und Wehe
schwindet über der Angst um das Grösste, das der Mensch auf Erden besitzt. Die
Gerüchte, welche jeden Tag drohender wurden, erhielten ihn und seine Umgebung in
einer fortwährenden Aufregung und brachten zuletzt einen Zustand hervor, in dem
der Seele die fieberhafte Spannung Gewohnheit ist. Man sah mit einer wilden
Gleichgültigkeit in die Zukunft und ertrug das Unbehagen des Tages als etwas
Natürliches.
    Mehr aber, als die Männer des Guts alle zusammen, wurde Lenore von dem
allgemeinen Fieber ergriffen. Seit jenem Tage, wo sie den abwesenden Anton
erwartet hatte, begann für sie ein neues Leben. Die Mutter trauerte und wollte
verzweifeln über eine solche Zeit, das junge Herz der Tochter schlug kräftig dem
Sturme entgegen, und die Aufregung wurde ihr ein wilder Genuss, dem sie sich
leidenschaftlich hingab. Sie war den ganzen Tag im Freien, im rauhesten Wetter
lief sie in ihren Halbstiefelchen zwischen dem Schloss und Wirtschaftshof auf und
ab, als Adjutant des Vaters oder als Parteigänger auf eigene Faust. An der Tür
der Schenke wurde sie in dieser Zeit so oft gesehen, wie der ärgste Schlemmer
des Dorfes, denn täglich hatte sie von dem Wirt und seiner Frau etwas zu hören.
Seit Karl den Husarenrock trug, behandelte sie ihn mit kameradschaftlicher
Vertraulichkeit, und wenn er mit dem Förster verhandelte, so beugte auch
Lenorens Haupt sich zur vertraulichen Beratung. Manche Stunde sassen die drei im
Kriegsrat zusammen, in Karls Stube, oder auf dem Hofe; mit Achtung hörten die
Männer auf den mutigen Rat des Fräuleins und verfehlten nicht, ihre Ansicht zu
erbitten, ob es ratsam sei, dem Ignaz, Gottlieb oder Blasius aus dem Dorfe ein
Gewehr anzuvertrauen. Vergebens bat und schalt die Baronin die kriegslustige
Tochter, vergebens suchte auch Anton ihr zu wehren. Denn sosehr Anton selbst im
Eifer war, sowenig gefiel ihm dieselbe Stimmung am Fräulein. Wieder erschien sie
ihm zu dreist und heftig, und er deutete ihr das an; dann schmollte sie ein
wenig und suchte ihr kriegerisches Interesse vor ihm zu verbergen, aber sie
änderte sich deshalb nicht. Sie wäre so gern mit ihm nach Neudorf und Kunau
gegangen, um auch bei den Nachbarn Krieg zu spielen, aber Anton, sonst über ihre
Begleitung so glücklich, protestierte jetzt eifrig dagegen, und das Fräulein
musste auf seine Bitten am Ende des Dorfes umkehren.
    An dem Tage, wo die erste Übung der Gutswehr sein sollte, kam Lenore mit
einer Mütze und einem leichten Säbel aus dem Schloss, zog ihren Pony aus dem
Stall und sagte zu Anton: »Ich reite mit.«
    »Tun sie das nicht, Fräulein.«
    »Ich will aber«, entgegnete Lenore trotzig, »es fehlt Ihnen an Leuten, ich
kann so gut Dienst tun, wie ein Mann.«
    »Aber, liebes Fräulein«, bat Anton weiter, »es ist so auffallend.«
    »Es ist mir gleichgültig, ob es jemandem auffällt«, sagte Lenore. »Ich bin
stark, ich halte etwas aus, ich will nicht müde werden.«
    »Aber vor den Knechten«, stellte Anton vor; »Sie vergeben sich etwas auch
vor den Leuten.«
    »Das ist meine Sorge«, erwiderte Lenore hartnäckig, »widersprechen Sie
nicht, ich will es, und damit gut.«
    Anton zuckte die Achseln und musste sich's gefallen lassen. Lenore ritt neben
Karl und machte die kriegerischen Bewegungen mit, soviel der Damensattel das
erlaubte, aber Anton sah aus der Reihe des Fussvolks unzufrieden nach der hellen
Gestalt hinüber. Sie hatte ihm nie so wenig gefallen. Wenn sie wild mit den
andern vorsprengte, ihr Pferd herumriss und mit dem Säbel in die Luft schlug,
wenn ihr helles Haar sich im Winde löste und ihr Auge vor Kampflust strahlte, so
war sie hinreissend schön. Aber was Anton beim leichten Spiel entzückt hatte, das
kam ihm jetzt, wo diese Übungen bitterer Ernst waren, sehr unweiblich vor; er
musste an eine Kunstreiterin denken. Einst hatte gerade diese Ähnlichkeit sein
ganzes Herz gefangengenommen, heut erkältete sie ihm die Seele. Und als die
Übung vorüber war, und Lenore mit heissen Wangen in seiner Nähe hielt, damit er
sie anrede, da schwieg er, und Lenore selbst musste an ihn heranreiten und ihn
lachend fragen: »Sie sehen so mürrisch aus, mein Herr, wissen Sie, dass Ihnen das
gar nicht gut steht?«
    »Es gefällt mir nicht, dass Sie so wild sind«, erwiderte Anton. Lenore wandte
sich schweigend ab, übergab das Pferd einem Knecht und ging ärgerlich nach dem
Schloss zurück.
    Seit der Zeit verzichtete sie auf die Teilnahme an den Übungen, aber sie
fehlte niemals, wenn die bewaffnete Macht sich versammelte; dann sah sie
sehnsüchtig von weitem zu. Und wenn Anton nicht zugegen war, suchte sie doch
heimlich mit Karl auf die Nachbardörfer zu reiten, aber sie revidierte wohl auch
auf ihren Spaziergängen aus eigener Begeisterung die Fanale, sie strich allein
durch Feld und Wald, mit einem Taschenterzerol bewaffnet, und war glücklich,
wenn sie einen Wanderer anhalten und ausfragen konnte.
    Auch darüber machte ihr Anton Vorstellungen. »Die Gegend ist unsicher«,
sagte er; »wie leicht, dass Ihnen ein Strauchdieb etwas zuleide tut. Und ist's
kein Fremder, so sind's vielleicht gar Leute aus dem Dorfe.«
    »Ich fürchte mich nicht«, sagte dann Lenore, »und die Männer aus unserm
Dorfe tun mir nichts.« Und in der Tat wusste sie mit diesen besser fertig zu
werden, als Anton und irgendein anderer. Sie allein wurde von jedem, auch von
den Rohesten, ehrerbietig in polnischer Weise gegrüsst; sooft ihre hohe Gestalt
durch die Dorfgasse schritt, neigten sich die Männer herab bis an ihr Knie, und
die Weiber liefen an die Fenster und sahen ihr bewundernd nach.
    Und sie erlebte die Freude, dass die Leute selbst ihr in Antons Gegenwart das
sagten. An einem Sonntagabend sassen Karl, der Förster und der Schäfer als
Wachtposten im Wirtschaftshofe, während die Bauern in der Schenke tranken; denn
der Sonntag war für die im Schloss am gefährlichsten. Karl hatte im
Amtmannshaus eine Stube für militärische Zwecke eingerichtet, einige Bund Stroh
zum Schlafen, einen Tisch, Bänke und Stühle hineingesetzt. Heute trug Lenore mit
eigener Hand eine Flasche Rum und Zitronen aus dem Schloss zu den Wächtern
hinüber und gab dem Amtmann den Rat, daraus einen Kriegspunsch zu kochen. Der
Schäfer und der Waldmensch zogen beglückt über diese Aufmerksamkeit den Mund von
einem Ohr zum andern, Karl sprang herbei, setzte dem Fräulein einen Stuhl
zurecht, der Förster begann sogleich eine schreckliche Geschichte von einer
Räuberbande aus dem Nachbarkreis, und so machte sich's von selbst, dass Lenore
sich auf einige Minuten niedersetzte und ihre Ansichten über den Lauf der Welt
mit den Getreuen austauschte. Da trat, gerade als der Punsch fertig war und von
dem Fräulein selbst in zwei Gläser und einen Topf gegossen wurde, auch Anton
herein. Er kam ihr ungelegen, das war wieder nichts für ihn. Indes, er schalt
nicht, sondern wandte sich zur Tür und winkte einen Fremden aus dem Hausflur
herein. Ein schlanker Bauernbursch in blauem Rock mit hellen Wollschnüren, eine
Soldatenmütze in der Hand, die weiten Leinwandhosen in die Stiefel gesteckt,
trat stolz in das Zimmer. Da fiel sein Auge auf das Fräulein. Wie der Blitz fuhr
er zu ihren Füssen, küsste ihr das Knie, und blieb dann mit gesenktem Haupt, die
Mütze in der Hand, die Augen auf den Boden geheftet, vor ihr stehen. Karl trat
zu ihm. »Nun, Blasius, was Neues aus der Schenke?«
    »Oh, nichts«, erwiderte der Bursche in dem melodischen Tonfall, mit dem der
Pole sein gebrochenes Deutsch spricht, »Bauer sitzt und trinkt und ist lustig.«
    »Sind Fremde hier, ist jemand von Tarow gekommen?«
    »Nichts«, sagte Blasius. »Niemand ist da, als dem Wirt seine Muhme ist
gekommen, das Judenmädel, die Rebekka.« dabei sah er unverrückt Lenore an, als
die Herrin, der er seine Meldung zu machen habe. Lenore trat zum Tisch, goss ein
Glas voll und reichte es dem Burschen. Glückselig nahm der schmucke Junge das
Glas, wandte sich zur Seite, trank ohne abzusetzen aus, setzte das leere wieder
auf den Tisch und neigte sich wieder auf Lenorens Knie, alles mit einem Anstand,
um den ihn ein Prinz hätte beneiden können. »Sie dürfen keine Furcht haben«,
redete er in plötzlicher Begeisterung das Fräulein an, »keiner im Dorfe tut
Ihnen was, wer sich gegen Sie wagt, den schlagen wir tot.«
    Lenore errötete und sagte, auf Anton sehend: »Du weisst, ich fürchte mich
nicht, am wenigsten vor euch«, und der Amtmann verabschiedete den Kundschafter
mit dem Auftrag, in einigen Stunden wiederzukommen.
    Beim Herausgehen sagte Lenore zu Anton: »Wie gut seine Haltung ist.«
    »Er war bei der Garde«, erwiderte Anton, »und ist nicht der Schlechteste im
Dorfe, aber ich bitte Sie doch, sich nicht zu sehr auf die Ritterlichkeit des
ehrlichen Blasius und seiner Freunde zu verlassen. Ich habe heut wieder den
ganzen Nachmittag Sorge um Ihr Ausbleiben gehabt und habe Ihnen gegen Abend Ihr
Mädchen auf den Weg nach Rosmin entgegengeschickt. Denn ein erschrockener
Handwerksbursche kam auf das Schloss gelaufen und erzählte, er sei auf dem Wege
von einer bewaffneten Frau angehalten worden und habe ihr sein Wanderbuch
vorzeigen müssen. Nach seiner Erzählung hatte diese Frau einen ungeheuern Hund
so gross wie eine Kuh hinter sich; er klagte, sie hätte schrecklich ausgesehen.
Der Mann war ganz ausser sich.«
    »Es war ein Hase«, sagte Lenore verächtlich. »Als er mich mit dem Pony sah,
lief er davon wie von bösem Gewissen gejagt. Da rief ich ihm nach und drohte ihm
mit meinem Taschenpuffer.«
    Unter solchen Vorbereitungen erwarteten die vom Gut täglich den Ausbruch der
Empörung auch auf ihrer Waldinsel. Unterdes verbreitete sich die Glut des
Aufstandes wie ein Waldbrand über die ganze Provinz. Wo die Polen dicht
aneinander sassen, schlug die helle Flamme zum Himmel, an den Rändern flackerte
das Feuer bald hier, bald da, wie der Brand im grünen Holze. An mancher Stelle
wurde gelöscht, eine Zeitlang blieb alles still, dann loderte die Flamme
plötzlich wieder auf.
    An einem Sonntagnachmittag war grosse Übung der verbündeten Dörfer. Mit ihren
Fahnen kamen die von Neudorf und Kunau herangezogen, das Fussvolk voran, die
Burschen zu Pferde hinterher, vom Schlosshofe ritt die kleine Reihe der Knechte,
von Karl geführt, ihnen entgegen, ausserdem einige Mann zu Fuss, denen der Förster
als Generalissimus der drei Heerscharen voranmarschierte. Auch Anton hatte sich
unter das Kommando des Försters gestellt. Als Lenore ihn aus dem Hause treten
sah, befahl sie, den Pony zu satteln.
    »Ich will zusehen«, sagte sie zu Anton.
    »Aber nur zusehen, gnädiges Fräulein«, bat dieser.
    »Schulmeistern Sie nicht«, rief ihm Lenore nach.
    Am Rande des Waldes war der Exerzierplatz. Der Förster hatte sich aus alten
Erinnerungen und nach mehrfachen Beratungen mit dem Freiherrn ein Kommando
gebildet, welches ungefähr ausreichte, die Leute zu dem zu bringen, was er
wollte, und Karl führte seine Eskadron mit einem Feuer, welches die Mängel in
der Führung und in den Leistungen ersetzen musste. An der Seite war ein Kugelfang
aufgeworfen, und Karl hatte mit dem Rest seiner Ölfarbe eine Scheibe gemalt, auf
welcher ein Drache mit drei Schwänzen und sechs Beinen zwar rotes Feuer spie,
aber wenn man von dieser Familienunart absah, wieder durch die Gutmütigkeit
versöhnte, mit der er sein grosses Herz den Schützen darbot. Es wurde eine
Zeitlang marschiert, geschwenkt, abgebrochen und zuletzt geladen. Lustig
knallten die blinden Schüsse in den Wald. Lenore sah den Übungen von weitem zu,
endlich konnte sie der Lust nicht widerstehen, die Schwenkungen der Reiter
mitzumachen; sie trabte an die Züge heran und sagte leise zu Karl: »Nur ein paar
Augenblicke.«
    »Wenn's aber Herr Wohlfart sieht?« frug Karl ebenso.
    »Er wird's nicht sehen«, erwiderte Lenore lachend. So stellte sie sich mit
dem kleinen Pferd in die Reihe. Die Burschen sahen neugierig auf die schlanke
Gestalt, welche neben ihnen trabte und als Vedette vorritt, wie sie. Bei der
Bewunderung, mit welcher sie nach dem Fräulein schauten, exerzierten sie
schlecht, und Karl hatte viel zu tadeln. »Das Fräulein macht's am besten!« rief
in der Pause einer der Neudorfer, die Bewunderer schwenkten die Hüte und
brachten ihr ein Hoch aus. Lenore verneigte sich und zwang den Pony zu einigen
anmutigen Beinbewegungen. Aber die Freude dauerte nicht lange, denn Anton kam
über das Feld herüber und trat neben das Fräulein. »Es ist wirklich nicht gut«,
sagte er leise, im Ernst erzürnt über ihre kriegerische Tätigkeit, »Sie setzen
sich einer dreisten Bemerkung aus, die gewiss nicht böse gemeint ist, die Sie
aber doch verletzen würde. Hier ist kein Ort für Ihre Reitkunst.«
    »Sie gönnen mir auch keine Freude«, erwiderte Lenore aufgebracht und warf
den Pony zur Seite.
    So tummelte sie ihr Pferd allein, liess es in der Nähe eines grossen Birnbaums
Volten machen und grollte in der Stille mit Anton. »Wie unzart, dass er mir das
sagt«, dachte sie, »der Vater hat recht, er ist sehr prosaisch. Damals, als ich
ihn zuerst sah, war es auch auf dem Pony, da gefiel ich ihm besser, damals waren
wir beide Kinder, aber sein Wesen war rücksichtsvoller.« Der Gedanke schoss ihr
durch die Seele, wie glänzend, schön und leicht das Leben früher gewesen war und
wie herb die Gegenwart. Und während sie darüber träumte, liess sie das Pferd eine
Achte nach der anderen machen.
    »Nicht übel - aber mehr Faust, Fräulein Lenore«, rief eine sonore
Männerstimme neben ihr. Erschrocken sah Lenore zur Seite. An dem Baume lehnte
die schlanke Gestalt eines fremden Mannes, die Arme übereinandergeschlagen, auf
dem edel geformten Gesicht ein spöttisches Lächeln. Der Fremde schritt langsam
auf sie zu und griff an seinen Hut. »Es wird dem alten Herrn sauer«, sagte er,
auf das Pferd weisend. »Hoffe, Sie kennen mich noch.«
    Lenore sah ihm starr ins Gesicht, wie einer Erscheinung, und glitt endlich
in ihrer Verwirrung vom Pferde herunter. Ein Bild aus alter Zeit trat ihr
leibhaftig entgegen, das kühle Lächeln, die elegante Gestalt, die nachlässige
Sicherheit dieses Mannes gehörten auch zu der Vergangenheit, an die sie eben
gedacht hatte. »Herr von Fink«, rief sie verlegen, »wie wird sich Wohlfart
freuen, Sie zu sehen.«
    »Und ich«, erwiderte Fink, »habe ihn schon aus der Ferne betrachtet, und
wenn ich nicht aus gewissen untrüglichen Kennzeichen« - hier sah er wieder auf
Lenore - »erkannt hätte, dass er es ist, der dort als geharnischter Mann durch
den Sand watet, ich hätte es nicht für möglich gehalten.«
    »Kommen Sie schnell zu ihm«, rief Lenore, »Ihre Ankunft ist die grösste
Freude, die ihm werden konnte.«
    So schritt Fink neben ihr zu dem Schiessplatz, wo jetzt die Männer sich
anschickten, auf den Drachen zu zielen. Fink trat hinter Anton und legte die
Hand auf seine Schulter. »Guten Tag, Anton«, sagte er.
    Anton drehte sich erstaunt um und warf sich an den Hals des Freundes.
Heftige Fragen und kurze Antworten flogen durcheinander. »Wo kommst du her, du
lieber Wiedergefundener?« rief Anton endlich.
    »Ziemlich auf geradem Wege von drüben«, erwiderte Fink, in die Ferne
weisend; »ich bin erst seit wenigen Wochen wieder im Lande. Der letzte Brief,
den ich von dir erhielt, war aus dem vorigen Herbst. Durch ihn wusste ich
ungefähr, wo ich dich zu suchen hatte. Bei der Konfusion, die unter euch
herrscht, halte ich es für eine merkwürdiges Glück, dass ich dich gefunden. Da
ist auch Meister Karl«, rief er, als Karl mit lautem Freudenruf heransprengte.
»Jetzt ist die halbe Firma versammelt, und wir können auf der Stelle anfangen,
Comtoir zu spielen. Ihr freilich macht euch hier ein anderes Vergnügen.« Er
wandte sich zu Lenoren und fuhr fort: »Ich habe mich dem Freiherrn vorgestellt
und von der gnädigen Frau erfahren, dass ich die kriegerische Jugend im Freien
finden würde. Jetzt möchte ich noch Ihre Fürsprache für mich erflehen. Ich kenne
hier diesen Mann ein wenig und würde gern einige Tage in seiner Nähe zubringen;
ich fühle lebhaft, wie unbescheiden es ist, in solcher Zeit selbst von Ihrem
gastfreien Hause die Aufnahme eines Fremden zu erbitten. Tun Sie um
seinetwillen, der doch im ganzen ein guter Junge ist, ein übriges, und gönnen
Sie mir die Freude, hierbleiben zu dürfen, bis ich über die Fasson der
unerhörten Jagdstiefel ins reine gekommen bin, die der Knabe über seine Knie
gezogen hat.«
    Ebenso artig erwiderte Lenore: »Mein Vater wird Ihren Besuch stets für eine
grosse Freude halten, in dieser Zeit hat ein guter Freund doppelten Wert. Ich
gehe auf der Stelle, unsern Leuten zu sagen, dass sie alle Stiefel von Herrn
Wohlfart in Ihrem Zimmer aufstellen, damit Sie recht lange über ihre Fasson
nachdenken müssen.« Sie verneigte sich und schritt, den Pony am Zügel führend,
dem Schloss zu.
    Fink sah ihr nach und rief: »Beim Zeus! sie ist eine Schönheit geworden, die
Haltung ist tadellos, sie versteht sogar zu gehn. Ich bezweifle durchaus nicht
mehr, dass sie Verstand hat.« Er ergriff Antons Arm und lenkte den Freund von dem
Schiessplatz ab bis unter den wilden Birnbaum. Dort schüttelte er ihm herzhaft
die Hand und rief: »Noch einmal sei mir gegrüsst, du Treuer. Lass dir sagen, dass
ich vor Erstaunen noch nicht zu mir kommen kann. Wenn mir jemand gesagt hätte,
dass ich dich als rot und schwarz bemalten Indianer, eine Streitaxt in der Hand
und Skalplocken an der Hosennaht, wiederfinden würde, ich hätte den Mann für
wahnsinnig erklärt. Dich, den Ruhigen, Bedächtigen, geboren, eine Berlocke zu
tragen, dich finde ich hier auf wüstem Heideland mit Mordgedanken im Busen, und,
bei meiner Seele, ohne Halsbinde. Wenn wir uns verändert haben, du hast's nicht
am wenigsten getan. Nun, du kannst dir die Veränderung gefallen lassen.«
    »Du weisst, wie ich hierhergekommen bin«, erwiderte Anton.
    »Ich denke mir's«, sagte Fink, »ich habe die Tanzstunde nicht vergessen.«
    Antons Auge umwölkte sich. »Verzeih«, fuhr Fink lachend fort, »und halte
einem alten Freund etwas zugut.«
    »Du irrst«, entgegnete Anton ernst, »wenn du glaubst, dass mich ein
leidenschaftliches Gefühl hierhergetrieben hat. Durch eine Reihe von Zufällen
bin ich mit der Familie des Freiherrn in Verbindung gekommen.« Fink lächelte.
»Ich gestehe dir, dass sie an mir vorübergegangen wären, wenn nicht mein Gemüt
sehr empfänglich für die Eindrücke von dort gewesen wäre. Doch darf ich mit
Recht sagen, dass ich durch Zufall in die Lage gekommen bin, ein grosses Vertraun
zu erhalten. In einer Zeit, wo der Freiherr in schwieriger Lage war, wurde ich
von seinen Angehörigen für den Mann angesehn, der wenigstens den guten Willen
hatte, ihnen zu nützen. Sie sprachen gegen mich den Wunsch aus, ich möchte eine
Zeitlang für ihr Interesse tätig sein. Als ich ihren Vorschlag annahm, ist es
erst nach einem innern Kampfe geschehen, den ich selbst dir zu entüllen kein
Recht habe.«
    »Das alles ist recht schön«, entgegnete Fink, »aber wenn der Kaufmann sich
ein Feuergewehr und einen Säbel kauft, so muss er doch wissen, weshalb er diese
Ausgaben macht. Und deshalb verzeihe mir die runde Frage: Was willst du hier?«
    »Hierbleiben, solange ich das Gefühl habe, dass ich hier nötig bin, und mir
dann einen Platz in einem Comtoir suchen«, erwiderte Anton.
    »Bei unserm alten Prinzipal?« fragte Fink schnell.
    »Oder woanders.«
    »Teufel!« rief Fink, »das sieht nicht aus, wie ein gerader Weg, und auch
nicht wie ein offenes Geständnis; indes muss man von dir in der ersten Stunde
nicht zuviel verlangen. Ich will ehrlicher gegen dich sein. Ich habe mich dort
drüben frei gemacht. Und ich danke dir für deinen Brief und den Rat, welchen
deine Weisheit mir gegeben. Ich habe, wie du vorschlugst, die Zeitungspresse
benutzt, um meine Westlandkompagnie in die Luft zu sprengen. Natürlich flog ich
mit in die Luft. Für einige tausend Dollar erkaufte ich ein halbes Dutzend
Federn und liess die Blätter von New York und mehrere andere unaufhörlich mit
haarsträubenden Berichten über die Nichtswürdigkeit der Gesellschaft anfüllen.
Aus jeder Tonart liess ich gegen mich und meine Leute klagen und fluchen. Die
Sache machte Aufsehn. Bruder Jonatan wurde aufmerksam, alle unsre Nebenbuhler
und Konkurrenten stiessen in mein Horn. Und ich hatte das Vergnügen, mich selbst
und meine Gesellschaft als blutdürstige Schwindler und Schinder täglich in einem
Dutzend Blätter porträtiert zu sehen. Alles für mein schweres Geld. Es war eine
tolle Hetzjagd. Nach vier Wochen war die Westlandkompagnie so herunter, dass kein
Hund ein Stück Brot von ihr genommen hätte. Da kamen meine Mitdirektoren von
selbst zu mir und boten mir an, mich auszuzahlen und von ihrer Gesellschaft zu
befreien. Du kannst denken, wie froh ich war. Übrigens habe ich die Freiheit
teuer erkauft und habe, nebenbei bemerkt, dort drüben das Renommee hinterlassen,
der leibhaftige Teufel zu sein. Bah! es tut nichts, bin ich doch frei! - Und
jetzt habe ich dich aufgesucht aus zwei Gründen: erstens, um dich wiederzusehen
und mit dir zu plaudern, und zweitens, um mit dir einiges von meiner Zukunft
ernstaft zu besprechen. Und, gradeheraus gesagt, ich wünsche dich dafür zu
werben. Du hast mir gefehlt die ganze Zeit. Ich weiss nicht, was ich in dir
finde, denn im Grunde bist du ein trockner Bursch, und widerspenstiger, als mir
manchmal recht ist. Aber trotz alledem empfand ich in der Fremde eine gewisse
Sehnsucht nach dir. Ich habe mich auch mit meinem Vater auseinandergesetzt, es
ist nicht ohne heisse Kämpfe, und darauffolgende Kälte abgegangen. Und jetzt
wiederhole ich dir den alten Antrag: komm mit mir. An die See, nach England,
über das Wasser, je nachdem. Wir wollen uns zusammensetzen und überlegen, was
wir anfangen. Wir sind jetzt beide frei, und die Welt steht uns offen.«
    Anton schlug den Arm um den Hals des Freundes. »Mein lieber Fritz«, rief er,
»nimm an, dass alles Herzliche gesagt sei, was ich bei deinem edelmütigen Antrag
fühle. Aber du siehst, ich habe vorläufig hier Verpflichtungen.«
    »Nach dem, was du mir soeben offiziell mitgeteilt hast, schliesse ich, dass
sie nicht ewig dauern werden«, entgegnete Fink. »Das ist wahr, aber wir stehn
doch nicht gleich. Sieh«, sagte Anton, die Hand ausstreckend, »so reizlos diese
Landschaft ist, und so unangenehm ein grosser Teil der Menschen, welche hier
leben, so sehe ich sie doch mit andern Augen an, als du. Du bist viel mehr
Weltbürger als ich, du wirst kein grosses Interesse haben an dem Leben des
Staates, von welchem diese Fläche und dein Freund Teile, wenn auch kleine,
sind.«
    »Nein«, sagte Fink, verwundert auf Anton blickend, »ein grosses Interesse
habe ich nicht, und was ich jetzt von der Wirtschaft hier bei euch höre und
sehe, das macht mir den Staat, als dessen Bruchteil du soviel Selbstgefühl
empfindest, durchaus nicht respektabel.«
    »Ich aber denke anders«, unterbrach ihn Anton. »Wer nicht gezwungen wird,
soll gerade jetzt nicht das Land verlassen.«
    »Was höre ich?« rief Fink verwundert.
    »Sieh«, fuhr Anton fort, »in einer wilden Stunde habe ich erkannt, wie sehr
mein Herz an dem Lande hängt, dessen Bürger ich bin. Seit der Zeit weiss ich,
weshalb ich in dieser Landschaft stehe. Um uns herum ist für den Augenblick alle
gesetzliche Ordnung aufgelöst, ich trage Waffen zur Verteidigung meines Lebens,
und wie ich hundert andere mitten in einem fremden Stamm. Welches Geschäft auch
mich, den einzelnen, hierhergeführt hat, ich stehe jetzt hier als einer von den
Eroberern, welche für freie Arbeit und menschliche Kultur einer schwächern Rasse
die Herrschaft über diesen Boden abgenommen haben. Wir und die Slawen, es ist
ein alter Kampf. Und mit Stolz empfinden wir, auf unserer Seite ist die Bildung,
die Arbeitslust, der Kredit. Was die polnischen Gutsbesitzer hier in der Nähe
geworden sind - und es sind viel reiche und intelligente Männer darunter - jeder
Taler, den sie ausgeben können, ist ihnen direkt oder indirekt durch deutsche
Intelligenz erworben. Durch unsere Schafe sind ihre wilden Herden veredelt, wir
bauen die Maschinen, wodurch sie ihre Spiritusfässer füllen; auf deutschem
Kredit und deutschem Vertraun beruht die Geltung, welche ihre Pfandbriefe und
ihre Güter bis jetzt gehabt haben. Selbst die Gewehre, mit denen sie uns jetzt
zu töten suchen, sind in unsern Gewehrfabriken gemacht, oder durch unsere Firmen
ihnen geliefert. Nicht durch eine ränkevolle Politik, sondern auf friedlichem
Wege, durch unsere Arbeit, haben wir die wirkliche Herrschaft über dieses Land
gewonnen. Und darum, wer als ein Mann aus dem Volk der Eroberer hier steht, der
handelt feig, wenn er jetzt seinen Posten verlässt.«
    »Du sprichst so stolz auf fremdem Grund«, erwiderte Fink, »und daheim bei
euch bebt der eigne Boden.«
    »Wer hat diese Provinz zu Deutschland gebracht?« frug Anton die Hand
ausstreckend. »Die Fürsten eures Geschlechts, ich leugne es nicht«, sagte Fink.
    »Und wer hat die grosse Landschaft erobert, in der ich geboren bin?« frug
Anton weiter.
    »Einer, der ein Mann war.«
    »Ein trotziger Landwirt war's«, rief Anton, »er und andere seines
Geschlechts. Mit dem Schwert oder durch List, durch Vertrag oder mit Überfall,
auf jede Weise haben sie den Boden an sich gezogen, in einer Zeit, wo im übrigen
Deutschland fast alles tot und erbärmlich war. Als kühne Männer und gute
Wirtschafter, die sie waren, haben sie ihren Boden verwaltet. Sie haben Gräben
gezogen durch das Moor, haben Menschen hingepflanzt in leeres Gebiet und haben
sich ein Geschlecht gezogen, hart, arbeitsam, begehrlich, wie sie selbst waren.
Sie haben einen Staat gebildet aus verkommenen oder zertrümmerten Stämmen, sie
haben mit grossem Sinn ihr Haus als Mittelpunkt für viele Millionen gesetzt und
haben aus dem Brei unzähliger nichtiger Souveränitäten eine lebendige Macht
geschaffen.«
    »Das war«, sagte Fink, »das taten die Ahnen.«
    »Sie haben für sich gearbeitet, als sie uns schufen«, fuhr Anton beistimmend
fort, »aber wir haben jetzt Leben gewonnen, und ein neues deutsches Volk ist
entstanden. Jetzt fordern wir von ihnen, dass sie unser junges Leben anerkennen.
Es wird ihnen schwer werden, gerade ihnen, die gewöhnt sind, ihr
zusammengebrachtes Land als eine Domäne ihres Schwertes zu betrachten. Wer mag
sagen, wann der Kampf zwischen ihnen und uns beendigt sein wird, lange
vielleicht werden wir den hässlichen Erscheinungen fluchen, welche dieser Streit
hervorruft. Wie er aber auch enden mag, davon bin ich überzeugt, wie von dem
Lichte dieses Tages, der Staat, den sie geschaffen, wird nicht wieder in die
Trümmer zerschlagen werden, aus denen er herausgewachsen. Wenn du gelebt
hättest, wie ich in den letzten Jahren, in verschiedener Tätigkeit, viel unter
den kleinen Leuten, du würdest mir glauben. Noch sind wir als Volk arm, noch ist
unsere Kraft schwach, aber wir arbeiten uns herauf, mit jedem Jahr wächst mit
unserer Arbeit Intelligenz, Wohlstand und das Gefühl, dass einer zum andern
gehört. Und in diesem Augenblick fühlen wir in dem Grenzlande uns zueinander wie
Brüder. Wenn die weiter drinnen ärgerlich miteinander streiten, wir sind einig,
und unser Kampf ist rein.«
    »Wohlan«, sagte Fink Beifall nickend, »das war gesprochen, wie ein Deutscher
immer sprechen wird. Je dürrer die Zeit, desto grüner die Hoffnung. Aus allem
sehe ich, Master Wohlfart, du hast keine Lust, jetzt mit mir zu gehen.«
    »Ich darf nicht«, antwortete Anton bewegt; »du zürne mir deshalb nicht.«
    »Höre«, lachte Fink, »wir haben seit unsrer Trennung die Rollen getauscht.
Als ich vor Jahren von dir fortging, war ich wie ein Gaul in der Wüste, der eine
Quelle riecht, ich hoffte aus dem langweiligen Leben bei euch herauszukommen in
fröhliches Grün, und was ich fand, war ein garstiger Sumpf. Und jetzt komme ich
ermüdet zu dir und sehe dich keck mit Tod und Teufel Karten spielen. Du bist
frischer, als du warst. Das kann ich von mir nicht rühmen. Vielleicht kam's
deshalb so, weil du eine Heimat hast, und ich keine. Jetzt aber genug der
Weisheit, komm, belehre mich, auf welche Weise du hier deinen Krieg führst.
Stelle mich den Squattern vor und zeige mir womöglich einen Quadratfuss Land auf
dieser reizenden Besitzung, wo man nicht bis an die Knöchel in den Sand
versinkt.«
    Anton führte den Freund zu den Landleuten, dann durch den Wald bis zu den
ausgestellten Posten der Nachbardörfer, er zeigte ihm die Reihe der Lärmstangen
und die Alarmhäuser und erklärte ihm die Massregeln, welche getroffen waren, das
Schloss vor einem plötzlichen Überfall zu schützen. Fink ging mit Feuer in die
Einzelheiten ein und sagte endlich: »Die Hauptsache habt ihr doch durchgesetzt,
ihr erhaltet Ordnung unter euren Leuten und guten Mut.«
    Unterdes rüstete man im Schloss für den fremden Gast. Der Freiherr liess durch
den Bedienten nachsehen, ob ein genügender Vorrat von weissem und rotem Wein im
Keller war, und schalt auf den Knecht, der einen Schaden am Reitzeug nicht hatte
ausbessern lassen; die Baronin liess ein Kleid hervorsuchen, das sie seit der
Ankunft auf dem Gut nicht mehr angesehen hatte; auch Lenore dachte mit geheimem
Bangen an den Übermütigen, der ihr schon in der Tanzstunde so gründlich
imponiert hatte, und den sie seit dieser Zeit oft wie ein Traumbild vor sich
gesehen hatte. Im Souterrain war die Aufregung nicht geringer, ausser flüchtigen
Geschäftsbesuchen war dies der erste Gast. Die treue Köchin beschloss, eine
künstliche Mehlspeise zu wagen, dazu fehlten ihr aber in diesem unglücklichen
Lande die wichtigsten Substanzen; sie dachte daran, einige Hühner aus dem
Wirtschaftshof zu schlachten, dagegen aber empörte sich Suska, eine kleine
Polin, die Vertraute Lenorens, sie vergoss Tränen über den entschlossenen
Charakter der Köchin und drohte das Fräulein zu rufen, bis die Köchin zur
Besinnung kam und einen barfüssigen Jungen in der grössten Eile nach der Försterei
schickte, um dort etwas Aussergewöhnliches zu erlangen. Gegen Spinnenweben und
Staub wurde ein schneller Streifzug angestellt und ein Zimmer neben Anton
eingerichtet. Der kleine Diwan Lenorens, der Samtstuhl und Teppich ihrer Mutter
wurden hineingetragen, um die Familie repräsentieren zu helfen.
    Fink ahnte wenig von der Unruhe, welche seine Ankunft im Schloss
verursachte, er zog neben Anton über die Felder in einer heitern Stimmung, wie
er sie lange nicht empfunden hatte. Er erzählte von seinen Erlebnissen, von den
raffinierten Geldgeschäften, und von dem riesigen Wachstum der Neuen Welt. Und
Anton hörte mit Freude, dass aus den Scherzen des Freundes eine tiefe Empörung
über die Schlechtigkeit, die er erlebt hatte, hervorbrach. »Es ist ein mächtiges
Leben dort«, sagte er, »aber ich habe in dem Gewühl erst recht deutlich
empfunden, dass ihr hier auch etwas wert seid.« So kamen sie in das Schloss
zurück, sie wechselten ihre Toilette, Anton warf einen erstaunten Blick auf die
Einrichtung des Gastzimmers, bald wurden sie durch den Bedienten zur Baronin
hinübergeladen. Jetzt, wo die Sorge der Einrichtung überstanden war und die
Lampen ihren milden Glanz über die Zimmer breiteten, fühlte die Familie sich
durch den Besuch des reichen Elegants doch heiter angeregt. Es war wieder wie
sonst in ihrem Hause, der leichte Ton der flatternden Unterhaltung, die zarte
Rücksicht, welche jedem das Gefühl zu geben weiss, dass er das Behagen des andern
erhöhe, es waren die alten Formen, die sie gewöhnt waren, zuweilen auch derselbe
Gesprächsstoff. Und Fink löste die Aufgabe, welche dem Gast am ersten Abend
eines Familienbesuches wird, mit einer Fertigkeit, die dem Schelm wohl zu Gebote
stand, sooft er wollte. Allen gab er das Gefühl, wie angenehm ihre Häuslichkeit
sei. Er behandelte den Freiherrn mit der achtungsvollen Vertraulichkeit eines
jüngern Standesgenossen, die Baronin mit Ehrerbietung, Lenore mit einfacher
Offenheit. Gern richtete er das Wort an diese und schnell hatte er ihre
Befangenheit überwunden. Die Familie fühlte, dass er einer der Ihrigen war, es
war eine stille Freimaurerei unter ihnen. Und auch Anton frug sich, wie es
möglich sei, dass Fink, der neue Gast, ganz als ein alter Freund des Hauses
erscheine, und er selbst als ein Fremder. Und wieder kam etwas von dem Respekt
in seine Seele, den er als Jüngling vor allem gehabt hatte, das elegant, vornehm
und exklusiv erschien. Aber diese Empfindung war nur noch ein leichter Schatten,
der über sein klares Urteil hinflog.
    Als Fink aufbrach, versicherte der Freiherr mit aufrichtiger Wärme, wie gern
er ihn als Gast recht lange bei sich halten möchte, und selbst die Baronin sagte
nach seiner Entfernung, die englische Art kleide ihn gut, und er mache den
Eindruck eines grossen Herrn. Lenore dachte nicht über sein Wesen nach, aber sie
war redselig geworden, wie lange nicht. Sie begleitete die Mutter in das
Schlafzimmer, setzte sich noch auf eine Fussbank neben das Bett der Ermüdeten und
fing lustig an zu plaudern, nicht von dem Gast, aber von vielem, was sie sonst
interessierte, bis die Mutter ihre Stirn küsste und ihr sagte: »Jetzt ist es
genug, mein Kind; geh zu Bett und träume nicht.«
    Fink streckte sich behaglich auf dem Diwan aus. »Diese Lenore ist ein
prächtiges Weib«, rief er vergnügt. »Einfach, offen, kurz ab, nichts von der
weichlichen Schwärmerei eurer Mädchen. - Setze dich noch eine Stunde neben mich,
wie sonst, Anton Wohlfart, freiherrlicher Rentmeister in einer slawischen
Sahara. Höre, du bist in einer so abenteuerlichen Lage, dass mir vor Verwunderung
noch immer die Haare zu Berge stehn. Du hast mir früher bei meinen Streichen
manches liebe Mal als verständiger Schutzgeist beigestanden; jetzt steckst du
selbst mitten in der Tollheit, und da ich gegenwärtig den Vorzug geniesse, bei
gesunden Sinnen zu sein, so verbietet mir mein Gewissen, dich in dieser
Konfusion zu verlassen.«
    »Fritz, lieber Freund«, rief Anton freudig.
    »Schon gut«, sagte Fink. »Ich wünsche also die nächste Zeit in deiner Nähe
zu bleiben. Überlege, wie sich das machen lässt. Mit den Frauen wirst du wohl
fertig werden, aber der Freiherr?«
    »Du hast gehört«, erwiderte Anton, »auch er hält für einen günstigen Zufall,
dass gerade jetzt ein Ritter wie du in sein einsames Schloss zieht, es ist nur« -
er sah sich bedenklich im Zimmer um, »du wirst vorliebnehmen müssen.«
    »Hm, ich verstehe«, sagte Fink, »ihr seid genaue Leute geworden.«
    »So ist es«, sagte Anton, »wenn ich den gelben Sand im Walde in Säcke füllen
und als Weizen verkaufen könnte, ich müsste viele Säcke verkaufen, um in unsere
Kasse einen kleinen sicheren Bestand zu bringen.«
    »Da du dich hier als Kassenführer eingedrängt hast, konnte ich mir denken,
dass die Kasse leer sein würde«, sagte Fink trocken.
    »Ja«, erwiderte Anton, »meine Hauptkasse ist ein alter Toilettenkasten, und
ich versichere dich, es würde mehr hineingehen, als darin ist. Ich fühle jetzt
manchmal einen unbesiegbaren Neid gegen Herrn Purzel und seine Kreide im
Comtoir. Wenn ich nur einmal das Glück hätte, eine Reihe grauleinener Beutel zu
erblicken, an Banknoten und an eine Mappe mit Aktien wage ich gar nicht zu
denken.«
    Fink pfiff einen Marsch. »Du armer Junge«, sagte er. »Es sind aber doch
grosse Güter und eine geordnete Wirtschaft, sie müssen entweder bringen oder
kosten, wovon lebt ihr denn?«
    »Das«, sagte Anton, »ist ein Geheimnis der Frauen, das ich kaum verraten
darf. Unsere Pferde kauen Diamanten.«
    Fink zuckte mit den Achseln. »Aber wie ist es möglich, dass die Rotsattel so
weit gekommen sind?«
    Mit Schonung schilderte Anton den Verfall des Freiherrn.
    Dann sprach er mit Begeisterung von den Frauen, von der würdigen Resignation
der Baronin, der gesunden Kraft Lenorens.
    »Ich sehe«, sagte Fink, »dass es noch schlechter steht, als ich annahm. Wie
ist es möglich, dass du eine solche Wirtschaft erträgst? Die Vögel auf den Bäumen
sind ja Rentiers gegen euch.«
    »Wie die Sachen einmal liegen«, fuhr Anton fort, »gilt es, bis zu ruhiger
Zeit sich durchzuschlagen, zunächst bis zur Subhastation des Familiengutes. Die
Gläubiger werden jetzt nicht drängen, und die Gerichte sind fast ganz ausser
Tätigkeit. Der Freiherr kann ohne grosse Kapitalien diesen Besitz nicht
behaupten, er kann ihn jetzt nicht aufgeben, sonst wird das wenige verwüstet,
was einen Verkauf in Zukunft möglich macht, und die Familie hat kein Obdach für
ihr Haupt. Alle meine Versuche, sie in diesen unruhigen Wochen zur Abreise aus
dieser Provinz zu bewegen, waren vergeblich, sie sind wie Verzweifelte
entschlossen, hier ihr Schicksal zu erwarten. Der Stolz des Freiherrn sträubt
sich gegen eine Rückkehr in den Kreis, in dem er einst gelebt; und die Frauen
wollen ihn nicht verlassen.«
    »So schicke sie doch wenigstens nach einer grösseren Stadt in der Nähe und
setze sie nicht dem Anfall jedes betrunkenen Bauernhaufens aus.«
    »Ich habe getan, was ich konnte, in dem Punkte bin ich machtlos«, entgegnete
Anton finster.
    »Dann, mein Sohn, lass dir sagen, dass dein kriegerischer Apparat nicht sehr
ermutigend ist. Mit dem Dutzend Leute, das du in diesem Dorf erst zusammenblasen
musst, wirst du schwerlich eine Rotte Spitzbuben abhalten. Du kannst damit nicht
den Hofraum verteidigen, ja nicht einmal die Flucht der Frauen decken. Habt ihr
keine Aussicht, Militär zu erhalten?«
    »Keine«, erwiderte Anton.
    »Ein recht gemütlicher, trostreicher Zustand!« rief Fink. »Und bei alledem
habt ihr Felder bestellt, und die kleine Wirtschaft schnurrt in ihrer Ordnung
ab. Ich habe mir von Karl erzählen lassen, wie das Gut aussah, als er herkam,
und was ihr bis jetzt gebessert habt. Ihr habt euch respektabel benommen. Das
hätte kein Amerikaner und kein anderer Landsmann durchgesetzt, in so
verzweifelter Lage lobe ich mir den Deutschen. Die Frauen sowohl, als eure junge
Wirtschaft müssen besser geschützt werden.
    Miete dir zwanzig Männer mit tüchtigen Fäusten, sie sollen dieses Haus
bewachen.«
    »Du vergisst, dass wir zwanzig müssige Brotesser ebensowenig beköstigen können
wie der Kauz auf dem Turme.«
    »Sie sollen arbeiten«, rief Fink, »ihr habt hier eine Bodenfläche, bei der
hundert Hände nützliche Beschäftigung finden. Hast du keinen Sumpf zu entwässern
und Gräben zu ziehen? Dort unten breitet sich ja eine Reihe trauriger
Wasserlachen.«
    »Das ist Arbeit für eine andere Jahreszeit«, erwiderte Anton, »der Grund ist
jetzt zu nass.«
    »Lass einige hundert Morgen Waldland besäen oder bepflanzen. Hält der Bach im
Sommer aus?«
    »Ich höre, ja«, erwiderte Anton.
    »So lass sie irgend etwas schaffen.«
    »Vergiss nicht«, sagte Anton lächelnd, »wie schwer es sein wird, zuverlässige
Arbeiter, die noch ausserdem kriegerische Anlagen haben, gerade jetzt in unserer
berüchtigten Gegend zu werben.«
    »Zum Henker mit deinen Bedenklichkeiten!« rief Fink, »schicke den Karl in
eine deutsche Gegend auf Werbung, er schafft dir Leute genug.«
    »Wir haben kein Geld, du hörst's ja. Der Freiherr ist noch nicht imstande,
eine grössere Melioration durchzuführen, die sich erst in einiger Zeit bezahlt
macht.«
    »Dann lass mich's tun«, versetzte Fink.
    »Du wirst einsehen, Fink, dass das unmöglich ist; der Freiherr kann von
seinem Gast ein solches Opfer nicht annehmen.«
    »Ihr zahlt mir's zurück, wenn Ihr Geld habt«, sagte Fink.
    »Es ist unsicher, ob wir jemals imstande sein werden, die Rückzahlung zu
leisten.« - »Nun denn, so braucht er's nicht gerade zu wissen, was die Leute
kosten.«
    »Er ist blind«, antwortete Anton mit leisem Vorwurf, »und ich stehe in
seinem Dienst und bin verpflichtet, ihm Rechnung abzulegen. Er freilich wird ein
Darlehn von dir nach einigen Kavalierbedenken wohl annehmen, denn seine
Ansichten über seine Lage wechseln mit der Stimmung. Die Frauen aber machen sich
solche Täuschungen nicht. Du würdest sie durch jede Stunde deiner Gegenwart
demütigen, wenn sie die Empfindung hätten, dass sie deinem Vermögen eine
Erleichterung ihres Lebens danken.«
    »Und das grössere Opfer, das du ihnen gebracht, haben sie doch angenommen«,
sagte Fink ernster.
    »Vielleicht halten sie meine bescheidene Tätigkeit für kein Opfer«,
erwiderte Anton errötend. »Sie haben sich gewöhnt, mich als Rechnungsführer, als
Beamten des Freiherrn in ihrer Nähe zu sehen. Du bist ihr Gast, ihr Selbstgefühl
wird sie veranlassen, dir das Bedenkliche ihrer Lage nach Kräften zu verhüllen.
- Um dir das Zimmer wohnlich einzurichten, haben sie die eigenen Stuben
geplündert, der Diwan, auf dem du liegst, ist aus der Schlafstube des
Fräuleins.«
    Fink sah sich den Diwan neugierig an und legte sich wieder zurecht. »Da es
mir nicht gefällt, auf der Stelle abzureisen«, sagte er, »so wirst du die Güte
haben, mir einen Weg anzugeben, auf dem ich mit Anstand hierbleiben kann.
Erzähle mir schnell einiges über die Hypoteken und Aussichten des Gutes. Nimm
an, ich wäre ein unglücklicher Käufer dieses Paradieses.«
    Anton berichtete.
    »Das wenigstens ist so verzweifelt nicht«, sagte Fink; »jetzt höre meinen
Vorschlag: In der bisherigen Weise darf das hier nicht fortgehen, diese knappe
Wirtschaft ist zu ungesund für alle Beteiligten, zumeist für dich. Die Güter
mögen furchtbar verwüstet sein, aber es scheint mir wohl möglich, etwas daraus
zu machen. Ob ihr die Leute seid, das Gut zu behaupten, will ich nicht
entscheiden, wenn du Lust hast, noch einige Jahre deines Lebens dranzusetzen und
dich fernerhin für die Interessen anderer zu sakrifizieren, so ist auch das
nicht unmöglich, vorausgesetzt, dass ihr in ruhigerer Zeit das nötige
Betriebskapital schaffen könnt. Unterdes gebe ich einige, vielleicht fünftausend
Taler, und der Freiherr gibt mir dafür Hypotek auf dieses Gut. Diese Anleihe
wird euch nicht viel schlechter stellen, und sie wird euch leichter machen, dies
verrückte Jahr zu überstehen.«
    Anton stand auf und ging unruhig in der Stube umher. »Es geht nicht«, rief
er endlich aus, »wir können deinen hochherzigen Antrag nicht annehmen. Sieh,
Fritz, im vorigen Jahr, ehe ich diese Menschen hier so genau kannte, als jetzt,
habe ich lebhaft gewünscht, dass unser Prinzipal ein Interesse an den
Verhältnissen des Barons nehmen möchte, ich wäre damals sehr glücklich gewesen,
wenn du mir dasselbe Anerbieten gemacht hättest. Wie ich jetzt den Freiherrn und
seine Lage kenne, halte ich es für ein Unrecht gegen dich und gegen die Frauen,
deinen Antrag anzunehmen.«
    »Soll der Diwan aus Lenorens Schlafstube durch die Tabaksasche eurer Gäste
beschmutzt werden? Jetzt tu ich's, später werden es die polnischen Sensenmänner
tun.«
    »Wir müssen es durchmachen«, erwiderte Anton traurig.
    »Trotzkopf«, rief Fink, »du sollst mich doch nicht loswerden. Jetzt mache,
dass du herauskommst, halsstarriger Tony.«
    Seit dieser Unterredung erwähnte Fink sein Anleiheprojekt nicht weiter,
dagegen hatte er den nächsten Tag mehrere vertrauliche Unterredungen mit dem
Husaren. Und am Abend sagte er zum Freiherrn: »Darf ich Sie für morgen um Ihr
Reitpferd bitten, es ist ein alter Bekannter von mir. Ich möchte über Ihre
Felder reiten. Zürnen Sie nicht, gnädige Frau, wenn ich morgen mittag nicht
erscheine.«
    »Er ist reich, er kommt her, um zu kaufen«, sagte sich der Freiherr im
stillen. »Dieser Wohlfart hat seinem Freund gemeldet, dass hier ein Geschäft zu
machen ist, die Spekulation fängt an, nur vorsichtig!«
 
                                       2
Es war ein sonniger Morgen im April. Einer von den schönen Tagen, wo eine
feuchte Wärme die Knospen der Bäume entfaltet und das Menschenherz zu
schnelleren Schlägen treibt. Lenore ging mit Hut und Sonnenschirm aus dem
Schloss nach dem Hofe und schritt in dem Rinderstall die Reihe der gehörnten
Häupter entlang. Mit grossen Augen sah das Volk der Kühe nach ihr hin, alle
erhoben die breiten Mäuler, zuweilen brüllte eine lustige Kuh und erbat etwas
Gutes aus ihrer Hand. »Ist Herr Wohlfart hier?« frug Lenore den Amtmann, der am
Stall vorübereilte.
»Er ist im Schloss, gnädiges Fräulein.«
»Sein Besuch ist doch wohl bei ihm?« frug sie weiter.
»Herr von Fink ist schon diesen Morgen nach Neudorf geritten, der hat keine Ruhe
in der Stube, er ist am liebsten zu Pferde. Der wäre ein Husarenoffizier
geworden!«
Als Lenore so erfahren hatte, wohin Herr von Fink geritten war, ging sie, um dem
Gast nicht zu begegnen, langsam in anderer Richtung über den Bach und die Äcker
dem Walde zu. Sie sah nach dem blauen Himmel und auf die sprossende Erde. In dem
klaren Morgenlicht glänzten die Wintersaat und die grünen Spitzen des Grases so
fröhlich, dass ihr das Herz lachte. Auf den Weiden am Bach lag der Frühling wie
ein durchsichtiger Hauch, die goldgelben Ruten strotzten von Saft, und aus den
geschwollenen Knospen brachen die ersten Blätter hervor. Auch der Sand war ihr
heut kein Ärger, sie schritt mit leichtem Fuss über den breiten Gürtel, der den
Wald umgab, und eilte auf dem Fusswege durch die Kiefern dem Försterhause zu. Im
Walde tummelte sich mit Geschrei und Brummen die kleine Tierwelt. Wo eine Gruppe
Laubbäume unter den Nadeln stand, tönte jedesmal der kräftige Schlag des
Finkenhahns, oder das eifrige Gezwitscher eines neuvermählten Paares kleiner
Waldvögel, welche miteinander zankten, auf welchem Zweig sie ihr Nest in diesem
Jahr erbauen wollten. In ihrem schwarzen Kürass schnurrten die Käfer um die
Knospen der Birke, zuweilen summte eine wilde Biene, die früh aus dem
Winterschlaf aufgeflogen war, auch die braunen Schmetterlinge flatterten schon
über den Beerenstrauch, und wo der Grund tiefer war, leuchteten im Schatten die
weissen Sterne der Anemone und gelbe Himmelsschlüssel. Lenore nahm den Strohhut
ab und liess die warme Luft um ihre Schläfe ziehn, mit tiefen Zügen atmete sie
den Duft des Waldes ein, der um die jungen Stämme der Föhren schwebte. Oft stand
sie still und horchte auf die Stimmen in ihrer Nähe, sie sah in das zarte Laub
der Bäume und schlug mit der Hand auf die weisse Rinde einer Birke, sie stand an
dem murmelnden Quell vor dem Försterhause und fuhr liebkosend in die kleinen
Fichten am Zaun, welche gedrängt und regelmässig wie Bürstenhaare standen. Ihr
war, als hätte sie den Wald noch nie so lebendig gesehen. Die Hunde im Hofe des
Försters bellten wütend, sie hörte den Fuchs mit seiner Kette rasseln und sah
hinauf zu dem Dompfaff, der in seinem Bauer auf und ab sprang und wie die grossen
Herren, die Hunde, zu bellen versuchte.
    »Still, Hektor, still, Bergmann«, rief Lenore an die Pforte klopfend. Der
stürmische Ruf der Hunde verwandelte sich in freundliche Begrüssung. Als sie die
Pforte öffnete, kam ihr Bergmann, der Dachshund, breitbeinig entgegen und
wedelte unmässig mit seinem Schwanz, und Hektor umsprang sie in kühnen Sätzen und
roch nach ihrer Tasche, selbst der Fuchs kroch in seine Hütte zurück, legte den
Kopf lauschend auf seinen Futtertrog und blinzelte sie schlau an. An der andern
Seite des Zaunes aber sah sie einen Pferdekopf über die Fichten ragen, - gerade
er, den sie vermeiden wollte, war in dieser Einsamkeit. Sie stand einen
Augenblick unschlüssig und war im Begriff, sich still wieder zu entfernen, als
der Förster auf die Türschwelle trat und sie begrüsste. Jetzt konnte sie nicht
mehr zurück; sie folgte dem Alten nach seiner Stube. In der Mitte des Zimmers
stand Fink, hell beleuchtet von dem gelben Sonnenstrahl, der durch die kleinen
Scheiben fiel. Er trat ihr artig entgegen. »Ich ging aus, das Handwerk zu
grüssen«, sagte er auf den Förster deutend, »und bin gerade dabei, mich über
Ihren trotzigen Vasallen und seine heimliche Wohnung zu freuen.« Der Förster
rückte einen Stuhl, Lenore musste sich setzen, Fink lehnte ihr gegenüber an der
braunen Holzwand und sah sie mit unverhohlener Bewunderung an. »Sie sind ein
mächtiger Gegensatz zu dem alten Knaben hier und diesem Raume«, sagte er sich
umsehend. »Ich bitte, winken Sie nicht mit Ihrem Sonnenschirm, alle diese
ausgestopften Vögel erwarten nur Ihren Befehl, um wieder lebendig zu werden und
sich zu Ihren Füssen niederzulassen. Dort der Reiher hebt schon seinen Kopf in
die Höhe.« - »Es ist nur der Schein von der Sonne«, sagte der Förster
beruhigend.
    Lenore lachte. »Diese Ausreden kennen wir«, rief Fink, »Ihr seid mit im
Komplott, Ihr seid der Gnom dieser Königin. Wenn hier keine Zauberei getrieben
wird, will ich alle Tage meines Lebens verschlafen. Ein Zeichen mit diesem
Stabe, und die Deckbalken dieses grossen Vogelbauers klappen zurück und Sie
fliegen mit Ihrem Gefolge aus der Hütte hinaus in das Sonnenlicht. Es ist kein
Zweifel, in dem Gipfel der Föhren draussen ist Ihre Residenz, die luftige Halle,
in welcher Ihr Tron steht, mächtige Herrin dieser Hütte, blondlockige Göttin
des Frühlings.«
    »Mein Trost ist nur«, sagte Lenore etwas verwirrt, »dass nicht ich es bin,
die Sie zu solchen Erfindungen veranlasst, sondern die Freude an der Erfindung
selber. Ich bin nur zufällig der unwürdige Gegenstand Ihrer Laune, Sie sind der
Dichter.«
    »Pfui, wie können Sie mir so etwas nachsagen«, rief Fink, »ich ein Dichter!
Ausser einigen lustigen Matrosenliedern, deren Text ein gütiges Geschick ewig von
Ihrem Ohr fernhalten möge, kenne ich kein einziges Gedicht auswendig. Was ich
von Poesie schätze, sind nur einige Bruchstücke der älteren Schule, zum
Beispiel: Hurre, hurre, hop, hop, hop, in einem Gedicht, welches, wenn ich nicht
irre, Ihren Namen trägt. Und selbst an dieser klassischen Zeile habe ich noch
auszusetzen, dass sie mehr den harten Trab eines Bauerngaules, als den
Karrierelauf eines Geisterpferdes ausdrückt. Indes, man muss es mit den Herren
von der Schreibstube nicht so genau nehmen. Ausser dieser Zeile wird wenig
Dichterarbeit in mir aufzufinden sein. Etwa noch der ansprechende Reim des
grossen Schiller: Potz Blitz, das ist ja die Gustel von Blasewitz. In dieser
Stelle liegt viel Wahrheit.«
    »Sie spotten über mich«, sagte Lenore gekränkt.
    »Wahrhaftig nicht«, beteuerte Fink. »Wenn es Ihnen Freude macht, will ich
gern noch einige poetische Kleinigkeiten einiger Dichter gelten lassen,
vorausgesetzt, dass ich sie nur selten lesen darf. Wie kann man in unserer Zeit
Gedichte lesen oder gar machen, wenn man alle Tage selbst welche erlebt. Seit
ich wieder in diesem alten Lande bin, vergeht kaum eine Stunde, wo ich nicht
etwas sehe oder höre, woran sich in hundert Jahren die Herren von der Feder
berauschen werden. Gloriose Stoffe für jede Art von Kunstgeschäft. Hätte ich das
Unglück, ein Poet zu sein, so müsste ich jetzt vor Begeisterung hinausstürzen und
kopfüber zum Fuchs in die Hütte springen, um dort in sicherer Entfernung von der
Leidenschaft ein leidenschaftliches Sonett zu machen, während mich der Fuchs in
die Beine beisst. Da ich aber kein Mann von der Feder bin, so ziehe ich vor, das
Schöne, das ich hier sehe, zu geniessen, und nicht in Reime zu setzen.« Und
wieder sah er bewundernd auf das Fräulein.
    »Lenore«, rief eine grämliche Stimme aus der Tiefe des Zimmers. Lenore und
Fink sahen sich erstaunt um.
    »Er hat's gelernt«, sagte der Förster auf den Raben weisend, »er lernt sonst
nichts mehr, und sitzt da, grimmig gegen alle Kreatur, aber das hat er doch
gelernt.«
    Der Rabe am Ofen bog seinen Hals und sah mit scharfen Augen auf die beiden
Gäste, er bewegte den Schnabel und schien still in sich hineinzusprechen, bald
nickte er mit dem Kopf, bald schüttelte er ihn.
    »Schon fangen die Vögel an zu reden«, rief Fink zu dem Raben tretend, »die
Stubendecke wird sogleich in die Höhe gehn, und ich werde allein zurückbleiben
und mit Bergmann und Hektor Ihnen traurig nachsehn. Nun, Hexenmeister, kocht das
Wasser?«
    Der Förster sah in den Ofen. »Es kocht tüchtig«, sagte er, »aber was tun wir
jetzt?«
    »Wir bitten das Fräulein um Hilfe«, erwiderte Fink. »Ich habe vor«, sagte er
zu Lenore gewandt, »mit Ihrem Familientrapper durch den Wald bis nach der
Brennerei zu ziehn und von da weiter; hier habe ich mitgebracht, was mir auf
Reisen als Frühstück und Mittagessen dient.« - Er holte einige Tafeln Schokolade
hervor. »Wir wollen daraus etwas machen, was einem Tranke ähnlich sieht. Wenn
Sie nicht verschmähen, uns bei unserm Unternehmen Gesellschaft zu leisten,
schlage ich vor, dass wir diese Schokolade so gut als möglich mit dem Wasser zu
verbinden suchen. Es wäre reizend von Ihnen, wenn Sie eine Ansicht darüber
aussprächen, wie wir das anfangen sollen.«
    »Haben Sie ein Reibeisen oder einen Mörser?« frug Lenore lachend den
Förster.
    »Diese Geräte habe ich nicht«, erwiderte der Waldmensch.
    »Aber einen Hammer«, frug Fink, »und einen reinen Bogen Papier?« Der Hammer
wurde schnell gebracht, der Bogen Papier fand sich nach längern Forschungen.
Fink übernahm das Geschäft, die Schokolade zu zerschlagen, der Förster holte
frisches Wasser aus dem Quell, Lenore spülte einige Gläser aus, und Fink klopfte
eifrig auf dem Tisch herum. »Dies ist antediluvianisches Papier«, sagte er
pochend, »lederartig, noch aus der Zeit, wo es keine Papiermaschinen gab; es muss
einige Jahrhunderte in dieser verzauberten Hütte gelegen haben.« Lenore
schüttete die zerstampfte Masse in den Topf mit Wasser und brachte sie durch
einen Quirl in Bewegung. Dann setzten sich alle drei an den Tisch des Försters
und tranken mit grossem Behagen aus den Gläsern ihrer Hände Werk.
    Goldig drangen die Lichtstrahlen in das Zimmer, sie suchten die helle
Gestalt des schönen Mädchens und das kräftige Antlitz des Mannes ihr gegenüber,
dann fielen sie auf die Wand, wo sie den Kopf des Reihers mit buntem Glanz
schmückten und die Flügel des Habichts. Der Rabe schloss sein Selbstgespräch, er
flatterte von seinem Sitz auf, hüpfte vor die Füsse des Fräuleins und krächzte
dort von neuem: Lenore, Lenore!
    Friedlich unterhielt sich Lenore mit dem Gast, der Förster gab zuweilen ein
kluges Wort dazu. Sie sprachen von der Landschaft und den Menschen darin.
    »Wo ich die Polen in fremden Ländern gesehen«, sagte Fink, »habe ich mich
immer gut mit ihnen vertragen. Jetzt tut mir leid, dass die Spannung hier so
schwer macht, sie in ihrer Heimat aufzusuchen, denn freilich lernt man die
Menschen am besten kennen, wenn man sie in ihren Pfählen sieht.«
    »Es muss ein grosses Glück sein, so vieles Verschiedene zu sehen«, rief
Lenore.
    »Nur im Anfange fällt das Verschiedene mächtig in die Seele. Wenn man
allerlei Volk beobachtet hat, so ist die letzte Empfindung, dass die Menschen
einander überall sehr ähnlich sind. Etwas Unterschied in der Hautfarbe und
andern Zutaten, aber Liebe und Hass, Lachen und Weinen findet der Reisende
allerwegen, und diese Dinge sehen überall ziemlich gleich aus. Es sind jetzt
zwanzig Wochen, da war ich eine halbe Erde von hier entfernt in der Holzhütte
eines Amerikaners auf öder Grassteppe. Es war nicht anders als hier. Wir sassen
an einem dicken Holztisch wie diesem, und mein Wirt sah dem alten Herrn hier so
ähnlich, wie ein Ei dem andern. Und gerade wie hier fiel das Licht der
Wintersonne durch die kleinen Fenster. - Und wenn die Männer noch mehr haben,
was sie unterscheidet, die Frauen vollends sind in der Hauptsache überall
dieselben. Nur in einer Kleinigkeit sind sie verschieden.«
    »Und was ist dieses?« fragte der Förster.
    »Etwas mehr oder weniger reinlich«, sagte Fink nachlässig, »das ist der
ganze Unterschied.«
    Lenore erhob sich empört, mehr über den Ton, als die Worte.
    »Es wird Zeit, dass ich zurückgehe«, sagte sie kalt und band den Strohhut
auf.
    »Da Sie aufstehen, verschwindet der Glanz aus der Stube«, rief Fink.
    »Es ist nur eine kleine Wolke vor die Sonne gelaufen«, sagte der Förster zum
Fenster tretend, »diese macht den Schatten.«
    »Unsinn«, entgegnete Fink, »der Strohhut macht ihn, der das Haar des
Fräuleins versteckt, von den goldenen Locken ging das Licht aus.«
    Sie traten aus dem Hause, der Förster verschloss die Pforte, in
entgegengesetzter Richtung entfernten sie sich von der Hütte.
    Lenore eilte nach Hause, der Zeisig sang, die Amsel pfiff, sie achtete nicht
darauf. Sie schalt sich, dass sie die Schwelle des Försterhauses betreten hatte,
und doch konnte sie nicht aufhören, daran zu denken. Der Fremde machte sie
unruhig und unsicher. War er frech, weil ihm nichts heilig war? War er nur so
übermütig sicher? Musste sie ihm zürnen, oder war das Gefühl von Angst nur die
Torheit eines unerfahrenen Mädchens: das frug sie sich unaufhörlich, ach und sie
fand keine Antwort!
    Als Anton gegen Abend dem Schäfer eine Bestellung auftragen wollte, war
weder Karl noch ein Bote zu finden, und da die Herde in keiner grossen Entfernung
vom Schloss trieb, so ging Anton selbst in dem Wege, welcher nach dem
Brennereigute führte, auf den Schäfer zu. Er war nicht wenig verwundert, als er
auf den letzten Äckern an der Strasse seinen Freund Fink zu Pferde entdeckte,
Karl und den Vogt geschäftig in seiner Nähe. Fink ritt wie ein Kunstreiter kurze
Strecken im Galopp, die andern trugen sich mit schwarz und weiss bemalten
Stangen, die sie in den Boden steckten und wieder herausrissen. Und dabei sah
Karl durch ein kleines Fernrohr, das er über einer Stange befestigt hatte.
»Fünfundzwanzig Galoppsprünge«, rief Fink.
    »Zwei Zoll Fall«, schrie Karl von hinten.
    »Fünfundzwanzig, zwei, steht«, sagte der Vogt und schrieb die Zahlen in
seine Brieftafel.
    »Kommst du auch herangeschlichen?« rief Fink dem Freunde lachend zu. »Wart
eine Weile, wir sind sogleich fertig.« Noch eine Anzahl Galoppsprünge, Blicke
durch das Fernrohr und Notizen in der Brieftafel, dann nahmen die Männer ihre
Stangen zusammen, Fink ergriff die Brieftasche des Vogts und rechnete eifrig.
Endlich gab er die Tasche mit einem Lächeln zurück und sagte: »Komm weiter
herauf, Anton, jetzt will ich dir etwas zeigen. Stelle dich mit dem Gesicht
gegen Norden auf den Bach und das Schloss zu. Dann bildet der Bach, wenn du ihn
als gerade Linie ansiehst, eine Sehne, die von West nach Ost läuft, der Rand des
Waldes hinter dir einen Kreisbogen. Wald und Bach begrenzen einen
Kreisabschnitt.«
    »Das ist deutlich«, sagte Anton.
    »In alter Zeit lief der Bach anderswo«, fuhr Fink fort, »hier längs dem
Walde in der Bogenrundung, das alte Flussbett ist noch zu erkennen. Wenn man am
Waldesrand in der alten Wasserrinne hinaufgeht, kommt man dort oben im Westen zu
dem Punkt, wo das alte Bett von dem gegenwärtigen abgeht. Es ist der Punkt, wo
eine schlechte Brücke über den Bach führt, und das Wasser in seinem jetzigen
Bett einen Fall von mehr als einem Fuss hat, stark genug, die beste Mühle zu
treiben. Die verfallenen Gebäude eines Vorwerks stehen daneben.«
    »Ich kenne den Punkt gut genug«, sagte Anton.
    »Unterhalb des Dorfes krümmt sich das alte Flussbett vom Walde ab, wieder dem
Bache zu. Es umschliesst eine mächtige Fläche, über fünfhundert Morgen, wenn ich
mich auf die Sprünge dieses Gauls verlassen kann. Dieses ganze Terrain hat
seinen Abfall von dem alten Flussbett nach dem neuen. Es sind nur einige Morgen
Wiesen und wenig erträgliches Ackerland darin, das meiste ist Sand und
Weideland, wie ich höre, der schlechteste Teil eurer Gutsfläche.«
    »Das alles gebe ich zu«, sagte Anton neugierig.
    »Jetzt merke auf. Wenn man den Bach wieder in sein altes Bett zurückführt
und ihn zwingt, im Bogen zu laufen, statt in der Sehne, so kann man mit dem
Wasser, das jetzt zu eurer Schande unnütz in die Welt fliesst, die ganze Fläche
von fünfhundert Morgen berieseln und den dürren Sand in grünes Wiesenland
verwandeln.« - »Du bist ein Schlaukopf«, rief Anton aufgeregt durch die
Entdeckung.
    »Was kostet euch der Morgen im Durchschnitt?« frug Fink.
    »Dreissig Taler.«
    »Und ebensoviel höchstens betragen bei diesem Boden die Kosten der
Wiesenanlage. Macht zusammen sechzig Taler, also drei Taler jährliche Zinsen,
dazu schlage an Unterhaltungskosten, Abgaben usw. für den Morgen jährlich zwei
Taler, so hast du fünf Taler Kosten. Rechnest du dagegen vom Morgen zwanzig
Zentner Heu zum halben Taler, so erhältst du vom Morgen fünf Taler Reinertrag,
also bei fünfhundert Morgen zweitausendfünfhundert jährlichen Gewinn. Um diesen
zu erhalten, ist ein Anlagekapital von höchstens fünfzehntausend Talern nötig.
Das war's, Anton, was ich dir erzählen wollte.«
    Anton stand überrascht. Es war nicht zu verkennen, dass die Zahlen, welche
Fink hingeworfen hatte, nicht ganz aus der Luft gegriffen waren, weder die
Kosten, noch die Erträge. Und die Aussicht, welche eine solche Anlage dem Gut
eröffnete, beschäftigte ihn so, dass er lange in tiefem Schweigen neben dem
Freund vorwärts schritt. »Du zeigst mir in der Wüste Wasser und grüne Wiesen«,
rief er endlich bekümmert, »das ist grausam von dir, denn nicht der Freiherr
wird imstande sein, diese Verbesserung zu machen, sondern ein Fremder.
Fünfzehntausend Taler!«
    »Vielleicht werden's auch zehn tun«, sagte Fink spottend. »Ich habe dir dies
Luftbild nur vor die Augen geführt, um dich für deinen Trotz von gestern abend
zu strafen. Jetzt lass uns von anderem reden.«
    Am Abend rief der Freiherr mit wichtiger Miene seine Frau und Lenore: »Kommt
nach meiner Schlafstube, ich habe euch etwas mitzuteilen.« Er setzte sich dort
in seinem Lehnstuhl zurecht und sagte mit grösserem Behagen, als er seit langer
Zeit an den Tag gelegt hatte: »Es war leicht zu merken, dass dieser Besuch Finks
nicht ganz zufällig war, und nicht durch Freundschaft für Herrn Wohlfart
veranlasst, wie die jungen Männer sich den Schein gaben. Ihr waret beide klüger
als ich; ich habe doch recht gehabt, der Besuch hat einen Grund, der uns näher
angeht, als unsern Rechnungsführer.« Die Baronin warf einen erschreckten Blick
auf ihre Tochter, aber Lenorens Augen waren so gross auf den Vater gerichtet, dass
die Mutter sich wieder beruhigte.
    »Und was glaubt ihr wohl, hat den Herrn aus der Fremde hierhergeführt?« fuhr
der Freiherr fort. Die Frauen schwiegen. Lenore schüttelte den Kopf; endlich
sagte sie: »Vater, Herr von Fink ist von alter Zeit mit Wohlfart eng befreundet,
sie haben einander seit mehreren Jahren nicht gesehen. Es ist so natürlich, dass
Fink eine flüchtige Bekanntschaft mit dir benützt, um einige Wochen bei seinem
nächsten Freunde zuzubringen. Wozu wollen wir einen andern Grund für seine
Anwesenheit suchen?«
    »Du sprichst, wie die Jugend solche Verhältnisse auffasst. Die Menschen
werden weniger durch ideale Empfindungen und mehr durch Eigennutz regiert, als
deine junge Weisheit annimmt.«
    »Eigennutz?« frug die Baronin.
    »Was ist dabei zu verwundern?« fuhr der Freiherr ironisch fort; »beide sind
Kaufleute, Fink hat auch so viel von den Reizen des Handels kennengelernt, dass
er nicht umhin kann, ein gutes Geschäft zu machen, wo sich eine Gelegenheit dazu
findet. Ich will euch sagen, wie er hergekommen ist. Unser vortrefflicher
Wohlfart hat ihm geschrieben: Hier ist ein Gut, und dieses Gut hat einen Herrn,
der gegenwärtig verhindert ist, die Wirtschaft selbst zu übersehen. Es ist ein
Geschäft hier zu machen, du hast Geld, komm her. Ich bin dein Freund, es wird
wohl etwas für mich abfallen.«
    Die Baronin sah starr auf ihren Gemahl, Lenore aber sprang auf und rief mit
der Energie eines tiefgekränkten Herzens: »Vater, ich will nicht hören, dass du
so von einem Manne sprichst, der uns nie etwas anderes gezeigt hat, als die
grösste Uneigennützigkeit. Seine Freundschaft für uns geht so weit, dass er die
Entbehrungen dieses einsamen Aufentaltes und das Peinliche, das seine Stellung
vielen andern verleiden würde, mit einer grenzenlosen Langmut erträgt.«
    »Seine Freundschaft?« sagte der Freiherr; »auf einen so hohen Vorzug haben
wir niemals Anspruch gemacht.«
    »Wir haben es getan«, rief Lenore in aufloderndem Eifer. »In einer Zeit, wo
die Mutter niemanden fand, der uns beigestanden hätte, da war es Wohlfart, der
treu zu uns hielt. Er allein hat von dem Tage an, wo der Bruder ihn bei uns
einführte, bis zu dieser Stunde für uns gesorgt und dich vertreten.«
    »Nun«, lenkte der Freiherr ein, »ich sage ja nichts gegen seine Tätigkeit,
ich gebe gern zu, dass er die Rechnungen in Ordnung hält und für einen geringen
Gehalt viel Fleiss beweist. Wenn du das Treiben der Menschen mehr verständest,
würdest du meine Worte ruhiger aufnehmen. Zuletzt ist kein Unrecht bei dem, was
er getan«, setzte er gedrückt hinzu. »Mir fehlt es gegenwärtig an Kapitalien,
und ich bin, wie ihr wisst, auch sonst verhindert. Was ist dagegen zu sagen, wenn
andere mir Vorschläge machen, die ihnen Vorteil bringen und mir keinen Schaden?«
    »Um Gottes willen, Vater, was für Vorschläge? Es ist unwahr, dass Wohlfart
irgendein anderes Interesse dabei hat, als dein eigenes.«
    Die Mutter forderte durch eine Handbewegung Lenore auf, zu schweigen. »Will
Fink dir das Gut abkaufen«, sagte sie, »so werde ich diesen Entschluss als ein
Glück für dich segnen, als das grösste Glück, das dir gerade jetzt widerfahren
kann, geliebter Oskar.«
    »Von Kaufen war vorläufig nicht die Rede«, erwiderte der Freiherr, »ich
würde mich auch unter den jetzigen Aussichten bedenken müssen, das Gut so
schnell wegzugeben. Fink hat mir einen andern Vorschlag gemacht. Er will mein
Pächter werden.«
    Lenore sank lautlos in einen Stuhl. »Er will mir fünfhundert Morgen von der
Gutsfläche abpachten, um dieselben in Kunstwiesen zu verwandeln. Ich kann nicht
leugnen, dass er offenherzig und als Ehrenmann mit mir gesprochen hat. Er hat mir
mit Zahlen bewiesen, wie gross sein Vorteil sein würde, er hat sich erboten, den
Pachtbetrag für die ersten Jahre auf der Stelle zu zahlen, ja er hat sich
erboten, dies Pachtverhältnis nach fünf Jahren aufzulösen und mir die Wiesen zu
übergeben, wenn ich ihm die Kosten der Anlage zurückerstatte.«
    »Grosser Gott!« rief Lenore, »du hast diesen edelmütigen Vorschlag doch
zurückgewiesen?«
    »Ich habe Bedenkzeit verlangt«, erwiderte der Freiherr behaglich. »Das
Anerbieten ist, wie gesagt, auch für mich nicht gerade nachteilig, indes wäre es
doch unvorsichtig, einem Fremden durch fünf Jahre so grosse Vorteile einzuräumen,
da Hoffnung ist, dass ich selbst in einem Jahre über Summen verfügen kann, um
diese Anlagen für unsere eigene Rechnung zu machen.«
    »Du würdest sie niemals selbst machen, mein geliebter, armer Mann«, rief die
Baronin unter Tränen, sie umschlang den Hals ihres Gemahls und hielt ihre Hand
über seine Augen. Der Freiherr sank vernichtet zusammen und legte wie ein Kind
sein Haupt an ihre Brust.
    »Ich muss wissen, ob Wohlfart von diesem Plane weiss und was er dazu sagt«,
rief Lenore entschlossen, »wenn du erlaubst, Vater, schicke ich sogleich hinüber
und lasse ihn holen.« Da der Freiherr keine Antwort gab, klingelte sie dem
Bedienten und verliess das Zimmer, diesen vor der Tür zu erwarten.
    Fink sass in Antons Stube, eifrig beschäftigt, den Freund auszuschelten.
»Seit du nicht mehr Zigarren rauchst, ist dein besserer Genius von dir gewichen,
nachdem er sich alle Haare über deine Ungemütlichkeit ausgerauft hat. Jetzt ist
er im Himmel unter den psalmierenden Engeln durch eine Tour auffällig, und unser
Herrgott muss von Zeit zu Zeit den Hofmarschall fragen: Wer ist denn dieser
unglückliche Genius mit der Perücke? dann antwortet Raphael: Der Kavalier war
früher dem Scheusal Anton Wohlfart zugeteilt. Dann fragt der Herr: Weshalb hat
er ihn verlassen? Und Raphael muss antworten: Weil der Unselige die Trabukos
abgeschworen hat. Und der Herr wird zornig sprechen: Fort mit ihm zur Hölle;
seine Seele soll in ein Rübenblatt eingenäht und dort alle Tage von kleinen
Speiteufeln verraucht werden.«
    »Bist du in Amerika Mitglied einer frommen Gemeinde geworden, dass du im
Himmel so genau Bescheid weisst?« frug Anton von seiner Rechnung aufsehend.
    »Schweig!« sagte Fink, »sonst hattest du doch noch einige Stunden, wo du zu
faulenzen verstandest, jetzt verführst du eine ewige Buchrechnung, und beim
Tantalus, um nichts und wieder nichts.«
    Der Bediente trat ein und rief Anton zum Freiherrn. Als Anton an der Tür
war, rief Fink ihm nach. »Apropos, ich habe dem Freiherrn angeboten, die
fünfhundert Morgen von ihm zu pachten. Zweieinhalb Taler Pachtgeld für den
Morgen; nach fünf Jahren Rückgabe der Wiesen gegen Erstattung der Anlagekosten,
Zahlung bar oder in Hypotek. Jetzt geh, mein Junge.«
    Als Anton bei dem Freiherrn eintrat, sass die Baronin an der Seite ihres
Gemahls und hielt seine Hand in der ihren, Lenore ging unruhig im Zimmer auf und
ab. »Haben Sie von dem Vorschlage gehört, den Herr von Fink meinem Vater gemacht
hat?« frug sie. »In diesem Augenblick hat er mir davon gesagt«, erwiderte Anton.
Der Freiherr verzog den Mund.
    »Und was ist Ihre Meinung, darf mein Vater das Anerbieten annehmen?«
    Anton schwieg. »Für das Gut ist es vorteilhaft«, sagte er endlich mit
innerer Überwindung. »Die Anlage könnte die beste Hilfe für diese Besitzung
werden.«
    »Nicht das will ich wissen«, entgegnete Lenore ungeduldig, »sondern ob Sie
als unser Freund den Rat geben, diesen Vorschlag anzunehmen.«
    »Nein«, sagte Anton.
    »Ich wusste, dass Sie so sprechen würden«, rief Lenore und trat hinter den
Stuhl ihres Vaters.
    »Sie sagen nein, und weshalb? wenn's beliebt«, frug der Freiherr. »Die
gegenwärtige Zeit, welche alles in Frage stellt, scheint mir wenig geeignet für
eine so grosse Spekulation. Ausserdem glaube ich, dass Fink bei seinem Anerbieten
durch Rücksichten geleitet wurde, welche vielleicht ihm selbst Ehre machen, die
aber Ihnen, Herr Baron, die Annahme seiner Vorschläge erschweren müssen.«
    »Sie werden mir erlauben, selbst darüber zu entscheiden, was ich annehmen
darf, und was nicht«, erwiderte der Freiherr. »Das Unternehmen wäre als Geschäft
für beide Parteien vorteilhaft.«
    »Das muss ich einräumen«, sagte Anton.
    »Und wie man die gegenwärtige politische Lage ansieht, ist Sache der
persönlichen Auffassung. Wer sich dadurch in seinen Unternehmungen nicht stören
lässt, verdient doch wohl mehr Lob, als der, welcher in einer unbestimmten Furcht
das Nützliche zu tun versäumt.«
    »Auch das muss ich zugeben.«
    »Würde dies Unternehmen die Folge haben, dass Herr von Fink in unserer Gegend
seinen dauernden Aufentalt nähme?« frug die Baronin.
    »Das glaube ich nicht, gnädigste Frau, die Arbeiten selbst wird er
jedenfalls einem Techniker übertragen; sein lebhafter Geist wird ihn schnell
genug wieder in die Welt treiben. Was ihn bestimmt hat, dem Herrn Baron sein
Anerbieten zu machen, das kann ich nur mutmassen. Ich glaube, dass grossen Anteil
daran die Verehrung hat, welche er gegen Ihr Haus empfindet, und der Wunsch,
Ihnen und vielleicht auch mir in diesen unruhigen Tagen mit einigem Recht nahe
zu sein. Gerade das, was andern jetzt diese Gegend verleidet, die Gefahr, das
hat für sein kühnes Herz viel Lockendes.«
    »Und würde Ihnen nicht lieb sein, den Freund hier zu behalten?« frug die
Baronin weiter.
    »Ich habe dies bis heut noch nicht gehofft«, erwiderte Anton. »In früherer
Zeit war zuweilen meine Aufgabe, ihn von schnellen Entschlüssen zurückzuhalten,
bei denen er um einer Laune willen vieles auf das Spiel setzte.«
    »Sie halten es also für vorschnell«, sagte der Freiherr, »dass Ihr Freund mir
einen solchen Antrag gemacht hat?«
    »Sein Antrag ist gewagt für ihn selbst«, antwortete Anton nachdrücklich,
»und es ist etwas darin, Herr Freiherr, was mir auch in Ihrem Interesse nicht
gefällt, obgleich ich in Verlegenheit käme, wenn ich aussprechen sollte, was es
ist.«
    »Wir danken Ihnen«, sagte der Freiherr, »und wollen Sie nicht weiter
bemühen, die Sache hat ja keine Eile.« Anton verbeugte sich und verliess das
Zimmer.
    Lenore stand schweigend am Fenster, ein langer Blick folgte dem Abgehenden.
»Ich kann nicht aussprechen, was es ist«, wiederholte sie Antons letzte Worte,
und ein Heer von ängstlichen Bildern und Ahnungen flog durch ihre Seele. Sie
zürnte der Schwäche ihres Vaters, sie war empört über Fink, der es wagte, ihnen
Wohltaten anzubieten. Ob der Vater annahm, ob er ablehnte, ihr aller Verhältnis
zu dem Gast war ein anderes geworden. Sie waren ihm verpflichtet, er war ihnen
kein Fremder mehr, er selbst hatte sich als Vertrauter in ihre stillen Leiden
eingedrängt. Sie dachte an das Zucken seines Mundes, an seine zusammengezogenen
Augenbrauen, sie hörte, wie er spottete über den Vater und über sie. Keck war er
in ihr Haus getreten und nach wenigen Tagen fasste er gleichgültig wie im Scherz
nach den Zügeln, um ihr Schicksal nach seinem Willen zu lenken. Seiner
übermütigen Laune sollten ihre Eltern vielleicht die Rettung verdanken. Heut
hatte sie noch mit ihm, dem glänzenden Mann aus der grossen Welt, scherzen
können, er war ein Gast, mit dem man auf gleichem Fuss steht, wie sollte sie ihn
ansehn von morgen ab? Von morgen war er ein grosser Herr für sie, und ihr Vater
in Wahrheit sein Untergebener. Ihr Stolz bäumte hoch auf gegen sein Wesen,
dessen Macht sie in dieser Stunde so lebhaft fühlte; sie nahm sich vor, ihn mit
Kälte zu behandeln; sie grübelte über die Worte, die er zu ihr sprechen könnte,
und über ihre Antworten, und immer flog ihre Seele um das Bild des mächtigen
Fremden, wie der aufgescheuchte Vogel um den Feind seines Nestes.
    »Und was wirst du tun, Oscar?« frug die Baronin.
    »Der Vater darf nicht annehmen«, rief Lenore mit Energie.
    »Und was ist deine Meinung?« sprach der Freiherr zu seiner Frau gewandt.
    »Wähle, was dich am ersten von diesem Gute befreit, was die Sorge von dir
nimmt, den Trübsinn, die Unsicherheit, die dich jede Stunde im stillen quälen.
Lass uns in die Ferne ziehn, wo die Leidenschaften weniger hässlich sind, weit weg
aus diesem Lande. In den engsten Verhältnissen werden wir ruhiger sein, als
hier.«
    »Du rätst also, seinen Vorschlag anzunehmen«, sagte der Freiherr. »Wer den
Teil gepachtet hat, übernimmt wohl auch das Ganze.«
    »Und zahlt uns eine Pension«, rief Lenore.
    »Du bist ein törichtes Mädchen«, sagte der Vater, »ihr regt euch beide auf,
das ist unnütz. Der Vorschlag ist zu bedeutend, um ihn kurz von der Hand zu
weisen, oder im Sprunge anzunehmen. Ich will mir das Nähere überlegen. Dein
Wohlfart wird Gelegenheit haben, die Bedingungen zu prüfen«, fügte er in
besserer Laune hinzu.
    »Höre, mein Vater, auf das, was Wohlfart dir sagt, und ehre auch, was er
verschweigt.«
    »Ja, er soll gehört werden«, schloss der Freiherr, »und jetzt gute Nacht ihr
beiden, ich werde mir's überlegen.« - »Er wird annehmen«, sagte Lenore im Zimmer
der Baronin, »er wird annehmen, weil Wohlfart abgeraten hat, und weil der andere
ihm Geld gibt. Mutter, warum hast du ihm nicht gesagt, dass wir Frauen diesem
Fremden nicht mehr ins Gesicht sehen können, wenn er uns in unserm eignen Hause
die Almosen zuteilt?«
    »Ich habe keinen Stolz, ich habe keine Hoffnung mehr«, sagte die Mutter
leise.
    Als Anton langsam in sein Zimmer zurückkehrte, rief Fink ihm lustig
entgegen: »Wie steht's, Prokurist, darf ich Pächter werden, oder wird der Baron
die Anlage selbst machen? Er hatte grosse Lust dazu. In diesem Fall erhebe ich
Anspruch auf Finderlohn. Freie Station für mich und mein Pferd, solange sie hier
Krieg spielen.«
    »Er wird deinen Vorschlag annehmen«, erwiderte Anton, »obgleich ich ihm
abgeraten habe.«
    »Du?« frug Fink; »ja, das sieht dir ähnlich. Wenn eine ertrinkende Maus sich
an ein Holzklotz klammert, du hältst ihr eine Rede über das Drückende
moralischer Verpflichtungen und schleuderst sie ins Wasser zurück.«
    »Du bist nicht so unschuldig, wie ein Holzklotz«, sagte Anton, wider Willen
lachend.
    »Höre«, fuhr Fink fort, »ich habe keinen Überfluss an Sentimentalität, aber
in diesem Fall würde ich es doch nicht für freundschaftlich halten, wenn du mich
mit einer Strafrede erbauen wolltest. Ist dir's denn so unangenehm, wenn ich dir
helfe, eine verrückte Zeit durchzumachen?«
    »Ich kenne dich lange genug, du Schelm«, sagte Anton, »um zu wissen, dass
deine Freundschaft für mich an deinem Anerbieten viel Anteil hat.«
    »Wirklich?« spottete Fink, »und wie gross war dieser Anteil? Es ist eine
nichtsnutzige Zeit, man mag so tugendhaft handeln, als nur irgend möglich, man
wird so lange seziert, bis die Tugend sich unter dem Messer der Bosheit in
Egoismus verwandelt.«
    Anton streichelte ihm die Wangen. »Ich seziere nicht«, sagte er. »Du hast
ein grossartiges Anerbieten gemacht, und ich bin nicht mit dir unzufrieden, wohl
aber mit mir. In der ersten Freude über deine Ankunft habe ich dir über die
Verhältnisse des Freiherrn und über den stillen Kummer der Frauen mehr
mitgeteilt, als sich mit meiner Pflicht vertrug, ich selbst habe dich in die
Geheimnisse dieses Hauses eingeweiht, und du hast dieses Wissen auf deine
behende Weise in Anspruch genommen. So habe ich selbst dich mit der Familie
verflochten und deine Kapitalien mit diesem unruhigen Lande. Dass dies so
plötzlich geschehen, ist gegen mein Gefühl, und dass meine Unvorsichtigkeit die
Veranlassung gegeben, das ärgert mich.«
    »Natürlich«, lachte Fink; »für dich ist der süsseste Genuss, wenn du dir um
deine Umgebung Sorge machen kannst.«
    »Zweimal ist mir begegnet«, fuhr Anton fort, »dass ich, dessen Vorsicht du so
oft verspottest, über die Lage der Familie ohne Beruf mit Freunden gesprochen
habe. Das erste Mal erbat ich Hilfe für die Rotsattel, sie wurde mir
verweigert, und dieser Vorgang hat mich mehr als etwas anderes aus dem Comtoir
und in dies Haus getrieben; jetzt führt meine zweite Indiskretion die nicht mehr
erbetene Hilfe in das Haus, was wird die Folge sein?«
    »Dass sie dich wieder aus dem Hause und in das Comtoir wirft«, lachte Fink.
»Hat man je einen so spitzfindigen Hamlet in Transtiefeln gesehn? - Wenn ich nur
dahinterkommen könnte, ob du einen solchen logischen Ausgang in der Stille
ersehnst oder fürchtest?« Er zog ein Geldstück aus der Tasche: »Kopf oder
Schrift, Anton? - Blond oder schwarz? - Werfen wir!«
    »Du bist nicht mehr in Tennessee, du Seelenverkäufer!« erwiderte Anton wider
Willen lachend.
    »Es sollte ehrliches Spiel sein«, sagte Fink gleichmütig, das Geldstück
wieder einsteckend. »Ich wollte dir die Wahl lassen. - Denke in Zukunft daran.«
 
                                       3
Der Freiherr nahm an. In der Tat war es schwer, dem Anerbieten Finks zu
widerstehn, selbst Anton musste zugeben, dass eine Zurückweisung kaum erfolgen
konnte, nachdem es einmal im Ernst ausgesprochen war. Allerdings kam der
Freiherr zu seiner Einwilligung nicht auf der geraden Linie, in welcher der
gemeine Menschenverstand sonst auf irdische Interessen losgeht. Seine Seele
machte mehrere Quersprünge. Immer wieder fiel ihm ein, dass er einen ansehnlichen
Gewinn aus seinem Gut auf einige Jahre einem Fremden lassen sollte; und wenn er
sich seufzend die Unmöglichkeit eingestanden hatte, diesem Verlust zu entgehn,
so fiel ihm wieder ein, wie zudringlich es von dem Fremden sei, ihm am dritten
Tag nach seiner Ankunft einen solchen Antrag zu machen, und wie Lenorens
fortgesetztes Widerstreben doch einen Grund habe. Dann erschien er sich
armselig, unselbständig und unter Antons Vormundschaft, und kam erbittert bis zu
dem Gedanken, die Sache aufzugeben. Aber nach solchen Wallungen schwankte er
zuletzt doch immer wieder auf die Strasse seines Vorteils zurück. Er wusste sehr
wohl, welche Hilfe die vorausbezahlte Pacht für das laufende Jahr sein musste, er
ahnte, dass die Anlage in einigen Jahren den Wert des Gutes um die Hälfte erhöhen
konnte. Ja, er gab zu, dass Fink selbst in den Unruhen dieses Jahres ein
wünschenswerter Bundesgenosse sei. Gegen die Frauen beobachtete er ein
hartnäckiges Stillschweigen, Lenorens wiederholte Versuche, ihn zu bestimmen,
wies er mit einem auffallenden Anflug von guter Laune ab; sein ganzes Wesen war
in dieser Periode der Überlegung gehobener.
    Nach einigen Tagen rief er den alten Diener und sagte im engsten Vertrauen:
»Gib acht, Johann, ob Herr Wohlfart im Laufe des Tages einmal ausgeht, und Herr
von Fink allein in seinem Zimmer ist, dann melde mich bei ihm und hole mich ab.«
Als er ganz in der Stille bei Fink eingeführt worden war, sagte er ihm in
verbindlicher Weise, dass er seinen Vorschlag annehme und ihm überlasse,
gelegentlich mit dem Anwalt in Rosmin den Kontrakt zu entwerfen.
    »Abgemacht«, rief Fink, ihm die Hand schüttelnd; »haben Sie aber auch
bedacht, Herr Freiherr, dass ich durch Ihre freundliche Einwilligung in die Lage
kommen kann, noch auf Wochen, vielleicht auf Monate die Gastfreundschaft Ihres
Hauses in Anspruch zu nehmen? Denn ich halte meine Gegenwart für wünschenswert,
wenigstens bis die Arbeit in Gang kommt.«
    »Es wird mir eine grosse Freude sein«, erwiderte der Freiherr aufrichtig,
»wenn Sie in unserm noch nicht eingerichteten Haushalt vorliebnehmen wollen. Ich
werde mir die Freiheit nehmen, Ihnen einige Zimmer in diesem Flügel wohnlich zu
machen und ganz zu Ihrer Disposition zu stellen. Haben Sie einen Diener, an den
Sie gewöhnt sind, so bitte ich, ihn kommen zu lassen.«
    »Einen Diener nicht«, sagte Fink, »wenn Sie Ihrem Johann gestatten wollen,
meine Zimmer in Ordnung zu halten. Aber etwas Besseres habe ich, wovon ich mich
nicht lange trennen möchte, ein Halbblut, das noch im Stall meines Vaters
steht.«
    »Sollte es nicht möglich sein, das Pferd herzuschaffen?«
    »Wenn Sie das erlauben«, sagte Fink, »bin ich Ihnen sehr dankbar.«
    So besprachen die beiden im besten Einvernehmen ihre Verbindung, und der
Freiherr verliess Finks Zimmer mit dem Gefühl, dass er doch einen klugen Streich
gemacht habe.
    »Die Sache ist in Richtigkeit«, sagte Fink zu dem eintretenden Anton. »Jetzt
lamentiere nicht, sondern finde dich darein, das Unglück ist einmal geschehn. In
zwei Zimmer auf der Ecke dieses Flügels werde ich mich einquartieren, die
Einrichtung besorge ich selbst. Morgen fahre ich nach Rosmin und von dort
weiter. Ich bin einem geschickten Mann auf der Spur, der das Technische der
Anlage leiten soll; den Mann und einige Arbeiter bringe ich mit. Kannst du mir
unsern Karl auf acht Tage überlassen?«
    »Er ist hier schwer zu entbehren, indes, wenn es sein muss, werde ich ihn zu
vertreten suchen. Lasst mir nur ein Bündel mit weisen Lehren zurück.«
    Am nächsten Morgen reiste Fink in Begleitung des Husars ab, und die alte
Ordnung im Schloss kehrte zurück. Die kleine Schar Gutswehr hielt regelmässig ihre
Übungen, Patrouillen wurden gemacht, wie früher; arge Gerüchte wurden eifrig
erzählt und angehört; einmal kam die Meldung, dass auf der nächsten Landstrasse
ein Haufe Sensenmänner marschiere, ein andermal betrat ein Trupp feindlicher
Ritter die Feldmark, ritt aber, ohne das Dorf zu berühren, auf dem Waldwege
vorüber. Auch Militär erschien als Einquartierung auf einzelne Nächte, kleine
Abteilungen, welche weiter ins Land hineinzogen. Die Offiziere waren willkommene
Gäste des Schlosses, sie erzählten von dem Kampf der Leidenschaften jenseits der
Wälder und beruhigten die Frauen durch das mutige Versprechen, dass dem Aufstand
ein schnelles Ende bereitet werde. Nur Anton empfand die schwere Last, welche
selbst durch die kleinen Truppenmärsche auf das Gut gelegt wurde.
    Fast vierzehn Tage waren vergangen, Fink und Karl wie verschwunden. An einem
sonnigen Tage war Lenore bei ihrer Pflanzung beschäftigt, sie liess durch einen
Arbeiter Löcher für die Wurzelballen kleiner Waldbäume ausgraben. Schon bildete
ein halbes Hundert von Fichten und jungen Birken ein anspruchloses Gebüsch, das
zur Zeit einem Rebhuhn mehr Schatten gab, als einem Menschen. In ihrem Strohhut,
einen kleinen Spaten in der Hand, erschien Lenore dem vorübereilenden Anton so
anmutig, dass er sich nicht entalten konnte, stehnzubleiben und ihr zuzusehn.
    »Habe ich Sie endlich, treuloser Herr«, rief ihm Lenore zu. »Seit acht Tagen
haben Sie sich gar nicht um meine Bäume gekümmert, ich habe alles allein
begiessen müssen. Hier ist Ihr Spaten, kommen Sie und helfen Sie mir Löcher
graben.«
    Anton ergriff gehorsam den Spaten und begann tapfer den Rasen auszustechen.
»Ich habe im Walde junge Wacholder gesehn, vielleicht können Sie die brauchen.«
    »An den Rändern«, antwortete Lenore versöhnt.
    »Ich habe in den letzten Tagen mehr zu tun gehabt, als sonst«, fuhr Anton
fort, »Karl fehlt uns überall.«
    Lenore stiess ihren Spaten tief in die Erde und beugte sich herab, den
aufgeworfenen Boden anzufühlen. »Hat Ihr Freund immer noch nicht geschrieben?«
frug sie gleichgültig.
    »Ich weiss nicht, was ich denken soll«, sagte Anton, »der Postenlauf ist
nicht unterbrochen, denn andere Briefe sind angekommen. Fast fürchte ich, dass
den Reisenden ein Unglück zugestossen ist.«
    Lenore schüttelte den Kopf. »Können Sie sich denken, dass Herrn von Fink ein
Unglück zustösst?« fragte sie weitergrabend.
    »Es ist schwer zu denken«, sagte Anton lachend, »er sieht nicht aus, als ob
er sich ein boshaftes Schicksal leicht über den Kopf wachsen liesse.«
    »Das meine ich auch«, erwiderte Lenore trocken.
    Anton schwieg eine Weile. »Es ist merkwürdig, dass wir miteinander noch nicht
über die Veränderung gesprochen haben, welche durch Finks Hierbleiben entsteht«,
sagte er endlich nicht ohne Zwang, denn er empfand undeutlich, dass zwischen
Lenore und ihn selbst eine Befangenheit gekommen war, ein leichter Schatten auf
goldgrünem Rasen, von dem man nicht weiss, woher er fällt. »Sind Sie auch nicht
unzufrieden mit seiner Ansiedelung?« Lenore wandte sich ab und liess einen Zweig
durch ihre Finger gleiten. »Sind Sie zufrieden?« frug sie zurück.
    »Ich für meinen Teil kann mir die Anwesenheit des Freundes wohl gefallen
lassen«, sagte Anton.
    »Dann tu ich's auch«, erwiderte Lenore aufsehend. »Aber es ist doch
auffallend, dass auch Herrn Sturm nicht geschrieben hat. Vielleicht kommen sie
gar nicht wieder«, rief sie aus.
    »Für Karl leiste ich Bürgschaft«, sagte Anton.
    »Aber für den andern? Der sieht aus, als ob er veränderlich wäre, wie eine
Wolke.«
    »So ist er nicht«, erwiderte Anton; »wenn er Schwierigkeiten zu bekämpfen
hat, erwacht alle Energie seines Lebens; nur was ihm keine Mühe macht, das
langweilt ihn.«
    Lenore schwieg und grub eifrig weiter.
    Da hörte man aus dem Wirtschaftshofe das Gesumm von fröhlichen Stimmen, die
Leute liefen von ihrem Mittagstisch auf die Landstrasse, »Herr Sturm kommt«, rief
ein Knecht den Grabenden zu. - Ein stattlicher Zug bewegte sich durch das Dorf
auf das Schloss zu. Voran schritt ein halbes Dutzend Männer in gleicher Tracht;
sie trugen graue Jupen, breitkrempige Filzhüte, die an einer Seite aufgeschlagen
und mit einem grünen Busch verziert waren, auf der Schulter eine leichte
Jagdflinte, an der Seite ein Matrosenmesser. Hinter ihnen kam eine Reihe
beladener Wagen, der erste voll von Schaufeln, Grabscheiten, Hacken und
Erdkarren, welche zu kunstvoller Symmetrie ineinandergesetzt waren, dahinter
andere Wagen mit Mehlsäcken, Kisten, Kleiderbündeln und eingepackten Möbeln. Den
Zug schloss wieder eine Anzahl Männer in grauer Uniform und denselben Waffen. In
der Nähe des Schlosses sprang Karl mit einem Fremden von dem letzten Wagen
herab. Karl stellte sich an die Spitze des Zuges, liess die Wagen an der Front
des Schlosses auffahren, ordnete die Männer in zwei Reihen und kommandierte mit
einigem Erfolg: »Präsentiert das Gewehr!« Hinter dem Zuge galoppierte Fink auf
seinem Pferde heran.
    »Willkommen!« rief Anton dem Freunde entgegen.
    »Sie bringen eine Armee mit Bagage«, lachte Lenore ihn begrüssend, »ziehen
Sie immer mit so schwerem Gepäck ins Feld?«
    »Ich bringe ein Korps, das von heute ab in Ihrem Dienst stehen soll«,
erwiderte Fink vom Pferde springend. »Es scheinen ordentliche Leute«, sagte er
zu Anton gewandt, »sie sollen den Stamm bilden für meine Arbeiter. Doch hat es
Mühe gemacht, sie zusammenzufinden. Hände sind jetzt rar, und doch wird nichts
gearbeitet. Wir haben in deiner Heimat getrommelt und gelockt, wie
Werbeoffiziere. Zur Arbeit allein wären sie schwerlich gekommen. Die grauen
Jacken und die Jägerhüte haben's ihnen angetan. Einige gediente Männer sind
darunter, dein Husar weiss sie zusammenzuhalten, wie ein geborener General.«
    Der Freiherr und seine Gemahlin traten in die offene Halle. Die Arbeiter
brachten auf Karls Kommando ein dreimaliges Hoch aus, dann zogen sie auf die
vordere Seite des Hauses und lagerten sich in der Sonne.
    »Hier sind Ihre Pioniere, mein Chef«, sagte Fink nach den ersten Begrüssungen
zum Freiherrn. »Da Ihre Güte mir erlaubt hat, für die nächste Zeit Ihr
Hausgenosse zu werden, so habe ich auch das Recht gewonnen, etwas für die
Sicherung Ihres Schlosses zu tun. Es sieht bedenklich aus in dieser Provinz. In
Rosmin selbst hält man sich keinen Tag für sicher. Ihre Einrichtung einer
Bauernwehr ist auch dem Feind nicht entgangen und hat seine Aufmerksamkeit auf
Ihr Haus gelenkt.«
    »Es ist mir eine Ehre«, unterbrach der Freiherr, »diesen Herren zu
missfallen.«
    »Gewiss«, stimmte Fink höflich bei. »Um so mehr haben Ihre Verehrer die
Verpflichtung, für Ihre und Ihrer Familie persönliche Sicherheit zu wachen. Noch
sind Sie kaum stark genug, dies Schloss gegen abgeschmackte Einfälle Ihrer
Ortsangehörigen zu schützen. Das Dutzend Arbeiter, welches ich herbringe, könnte
eine Schutzwache für Ihr Haus bilden, die Leute haben Waffen und wissen zum Teil
damit umzugehen. Ich habe die Arbeiter auf ein Reglement verpflichtet, welches
so viel militärischen Anstrich hat, dass es helfen kann, sie in Ordnung zu
halten. Sie sollen täglich einige Stunden weniger arbeiten und sich in dieser
Zeit einexerzieren, Patrouillen machen und, soweit Ihnen, Herr Freiherr, dies
wünschenswert erscheint, eine regelmässige Verbindung mit der Umgegend erhalten.
Unterhalt und Beköstigung der Leute liegen natürlich mir ob, ich habe vorläufig
für die ersten Wochen gesorgt. Mein Wunsch ist, für sie ein leichtes Haus auf
dem Felde zusammenzuschlagen; bis dahin aber wird es nötig sein, die Männer nahe
beieinander zu halten, wo möglich in der Nähe des Schlosses. Und deshalb bitte
ich Sie um vorläufiges Quartier auch für diese Leute.«
    »Alles, was Sie wünschen, lieber Fink«, rief der Freiherr fortgerissen von
dem unternehmenden Geist des Jüngern; »was wir von Räumlichkeiten haben, stelle
ich zu Ihrer Verfügung.«
    »Dann erlaube ich mir den Vorschlag«, sagte Anton, »im Schloss ein Zimmer des
untern Stocks als Wachstube einzurichten. Dort werden die Waffen und Werkzeuge
der Leute aufbewahrt, und jede Nacht ziehen einige dortin auf Posten. Die
übrigen müssen in dem Wirtschaftshof untergebracht werden. Dadurch werden die
Männer gewöhnt, dies Schloss als ihren Sammelplatz zu betrachten.«
    »Vortrefflich«, sagte Fink, »wenn nur die Damen der Unruhe, welche dadurch
auch in das Schloss kommt, nicht zu sehr zürnen.«
    »Die Frau und Tochter eines alten Soldaten werden die Massregeln, welche für
ihre Sicherheit getroffen werden, mit dem grössten Dank aufnehmen«, erwiderte der
Freiherr mit Würde.
    So wurde von allen Seiten bereitwillig angegriffen, die neue Kolonie
anzusiedeln. Die befrachteten Wagen wurden abgeladen. Der Techniker und die
Arbeiter fanden vorläufig ein notdürftiges Unterkommen auf dem Wirtschaftshofe.
    Die erste Tätigkeit der Arbeiter war, Leinwand und Strohseile von Möbeln
abzuwickeln und diese in die Zimmer ihres neuen Broterrn zu tragen. Die
Dienerschaft vom Schloss stand herum und sah neugierig auf den einfachen
Hausrat. Ein Stück aber erregte so laute Verwunderung, dass auch Lenore zu der
Gruppe trat. Es war ein kleines Sofa von abenteuerlichem Aussehen. Beine und
Armlehnen waren die Füsse eines grossen Raubtiers, die Polster waren überzogen mit
dem Fell derselben Katzenart, gelbbrauner Grund mit regelmässigen schwarzen
Flecken. Zur Rücklehne und den Seitenkissen waren drei ungeheure Katzenköpfe in
Polster verwandelt, das Gestell war statt von Holz von kunstvoll geschnitztem
Elfenbein.
    »Wie allerliebst!« rief Lenore aus.
    »Wenn das Ding Ihnen nicht missfällt«, sagte Fink gleichgültig, »so schlage
ich Ihnen einen Tausch vor. In meinem Zimmer steht ein kleiner Diwan, in dem
sich's so bequem ruht, dass ich ihn gern behalten möchte. Erlauben Sie den
Leuten, dies Ungetüm in einem andern Zimmer des Schlosses niederzusetzen, und
überlassen Sie mir dafür den Diwan.«
    Lenore fand bei dieser kurzen Weise nicht sogleich eine Antwort, sie
verbeugte sich zu stummer Einwilligung. Und doch war sie unzufrieden mit sich,
dass sie den Tausch nicht im Augenblick ablehnte. Als sie in ihr Zimmer kam, fand
sie das Katzensofa darin aufgestellt. Darüber ärgerte sie sich noch mehr, sie
rief Suska und den Diener, das Möbel in eine andere Stube zu tragen, aber beide
protestierten und erhoben grossen Lärm, als sie behaupteten, das prächtige Tier
stehe nirgend besser als in dem Zimmer des gnädigen Fräuleins; bis endlich
Lenore, um nicht Aufsehen zu verursachen, beide hinaustrieb und sich leidend in
den Tausch ergab. So ruhte jetzt Lenorens schöner Leib auf den Jaguarfellen, die
Fink in fernen Wäldern erbeutet hatte.
    Am nächsten Tage begann die neue Tätigkeit. Der Wiesenbauer zog mit seinen
Instrumenten auf das Feld, die Arbeiter wurden an ihr Werk gestellt. Karl suchte
Tagelöhner in den deutschen und polnischen Orten, auch im Dorfe waren einige
Leute willig, nach wenig Tagen wurde ein halbes Hundert Arbeiter auf dem
gepachteten Land beschäftigt. Nebenbei bemerkt, nicht ohne viele Störung, die
Leute waren unruhig und zerstreut, und die Arbeiter aus den nächsten Dörfern
kamen unregelmässiger, als wünschenswert war, aber der Stamm hielt doch fest und
Finks Einrichtung bewährte sich, vielleicht deshalb, weil sowohl er als Karl die
Leute zu bändigen wussten, er selbst durch stolze Energie, Karl durch gute Laune,
mit der er lobte und schalt. Die militärischen Übungen zu leiten, kam der
Förster unermüdlich aus seinem Walde hervor, das Schloss wurde alle Nächte durch
Wachen besetzt, die Patrouillen nach den Nachbardörfern pünktlich versehen. Der
kriegerische Geist verbreitete sich von dem Schloss über die ganze deutsche
Umgegend. Schnell lebte in der Schar mit aufgekrempten Hüten ein Korpsgeist auf,
der die Handhabung der Disziplin erleichterte; nach wenig Tagen wurde Fink mit
zahlreichen Bitten anderer Leute überlaufen, sie ebenfalls mit einem Anzuge und
einer Flinte, mit guter Kost und Löhnung zu versehen und in seine Garde
aufzunehmen.
    »Die Wachtstube ist in Ordnung«, sagte Fink zu Anton, »in die
Fensterverschläge des Unterstocks lass noch Schiesslöcher schneiden.«
    So trug man im Schloss die Lasten der Zeit mit neuem Mut. In das Leben jedes
einzelnen kam durch den Gast ein neuer Zug, auch die Wirtschaft empfand seine
Gegenwart, und der Förster war stolz, einem solchen Herrn die Honneurs des
Waldes zu machen. Fink war viel mit Anton auf dem Felde, und dieser wie Karl
gewöhnten sich, ihn um Rat zu fragen. Er kaufte zwei derbe Wagenpferde, wie er
sagte, für die eigene Bequemlichkeit und für die Wiesen, aber er liess sie
tüchtig in der Wirtschaft arbeiten und lachte den Freund aus, als dieser ein
besonderes Konto für die beiden Rosse einrichtete und ihnen alle Wochen ihre
Anzahl Pferdetage gutschrieb. Anton selbst war glücklich, den Freund in der Nähe
zu haben. Etwas von der fröhlichen alten Zeit war wiedergekommen, jene Abende,
wo die beiden Jünglinge miteinander geplaudert hatten, wie nur junge Männer
vermögen, bald in kindlicher Tollheit, bald weise über die höchsten Dinge. In
vielem hatte sich Fink verändert, er war ruhiger geworden und, wie Anton in der
Sprache des Comtoirs sich ausdrückte, solider. Aber er war freilich noch mehr
als früher geneigt, andere Menschen für seine wechselnden Interessen zu benutzen
und auf sie herunterzusehn wie auf ein Spielzeug. Seine Lebenskraft war noch
dieselbe. Wenn er den Morgen bei seinen Wiesenarbeitern gestanden, mit dem
Förster den Wald durchstreift hatte, wenn er am Nachmittag auf seinem Pferde,
trotz Antons Vorstellungen, meilenweit in das unsichere Land hineingeritten war,
um Nachrichten zu holen, oder Verbindungen anzuknüpfen, und wenn er auf dem
Rückwege die Posten des Guts und der Bauerndörfer revidiert hatte, dann war er
noch abends am Teetisch der Baronin ein heiterer Gesellschafter, der unermüdlich
aushielt, und oft durch Antons Winke erinnert werden musste, dass die Kraft der
Hausfrau nicht so unzerstörbar war, als seine eigene. Den Freiherrn hatte er
bald vollständig überwunden. Gegen die gallige Laune, welche dem armen Herrn zur
Gewohnheit geworden war, zeigte er nicht die mindeste Nachsicht, er gestattete
ihm keine bittere Bemerkung, keinen Ausfall gegen Wohlfahrt oder gegen die
eigene Tochter, ohne ihm sein Unrecht auf der Stelle fühlbar zu machen. So
setzte er durch, dass der Gutsherr wenigstens in seiner Gegenwart sich gewaltig
zusammennahm. Dagegen tat er ihm auch manchen Gefallen, der ihm selbst bequem
war. Er half ihm dazu, eine Partie Whist zu spielen, indem er ihm den Rat gab,
sich in die Karten kleine Zeichen zu stechen, die er mit dem Finger fühlen
konnte; er führte Lenore zu dem Whisttisch und brachte ihr die Anfänge des
Spiels bei. Wie von selbst machte sich's, dass Wohlfart zur Partie herangezogen
wurde. So half er dem Freiherrn über langsame Stunden weg und bewirkte, dass sein
Freund von jetzt ab fast alle Abende in der Familie zubrachte und noch nicht zu
Bett war, wenn Fink die Laune hatte, ein Nachtgespräch zu halten und in
Gesellschaft ein Glas Kognakpunsch und eine letzte Zigarre zu geniessen.
    Nur die Frauen des Schlosses schienen die Vorteile nicht zu empfinden,
welche Finks Anwesenheit allen übrigen brachte. Die Baronin erkrankte. Es war
keine heftige Krankheit, und doch kam sie plötzlich. Noch am Nachmittag hatte
sie heiter mit Anton gesprochen und ihm einige Briefe abgenommen, die der
Briefbote für den Freiherrn gebracht. Am Abend erschien sie nicht am Teetisch;
der Freiherr selbst betrachtete ihr Unwohlsein als vorübergehend. Sie klagte
über nichts, als Schwäche; der Arzt, welcher sich von Rosmin auf das Gut wagte,
wusste ihre Krankheit nicht zu nennen. Lächelnd wies sie alle Arznei zurück und
sprach selbst die feste Zuversicht aus, dass die Abspannung vorübergehen werde.
Um Lenore und ihren Gemahl nicht an das Krankenzimmer zu fesseln, äusserte sie
zuweilen den Wunsch, an den Familienabenden teilzunehmen, sie vermochte dann
nicht auf dem Sofa zu sitzen und legte ihr Haupt auf das Kissen der Lehne.
    So war sie die stille Gesellschafterin der andern, ihr Auge sah dann unruhig
auf den Freiherrn und prüfend auf Lenore, bis beide am Spieltisch sassen, dann
lehnte sie sich in die Kissen zurück und schien auszuruhen, wie von einer
Arbeit.
    Anton sah mit inniger Teilnahme auf die Kranke. Wenn er im Spiel einen
Rubber zu pausieren hatte, versäumte er nie, leise zum Sofa zu treten und nach
ihren Befehlen zu fragen. Es war ihm eine Freude, wenn er ihr ein Glas Wasser
überreichen, oder einen Auftrag ausrichten konnte. Immer sah er mit Bewunderung
in das feine Antlitz, das noch jetzt, bleich und abgespannt, die schönen Umrisse
zeigte. Es war ein stilles Einverständnis zwischen ihm und der Kranken. Sie
sprach mit ihm noch weniger als mit den andern. Denn wenn sie in der Nähe ihres
Gemahls oft in munterm Ton das Wort ergriff und den Erzählungen ihres Gastes mit
den Augen und dem Haupt folgte, so bemühte sie sich nicht, vor Anton ihre
Schwäche zu verbergen. Sie sank dann in sich zusammen, oder starrte teilnahmslos
in das Zimmer hinein, aber wenn sie ihn ansah, war es mit dem ruhigen Vertrauen,
das man einem alten Hausgenossen schenkt, vor dem man Geheimnisse nicht mehr zu
hüten hat. Vielleicht war es, weil die Baronin den Wert seines Gemüts vollkommen
zu würdigen wusste, vielleicht weil sie ihn seit dem Tage, wo er ihr seine
Dienste anbot, bis zu dieser Stunde immer als einen zuverlässigen Diener ihres
Hauses angesehen hatte. Aber wäre auch diese Auffassung unserm Helden bemerkbar
geworden, sie hätte seine ritterliche Treue gegen die Edelfrau nicht
erschüttert. So wie sie war, erschien sie ihm fertig und in ihrer Art
vollkommen, als ein Bild, welches das Herz eines jeden erfreut, der ihr
nahetritt. Er konnte den stillen Verdacht nicht loswerden, dass eine Einwirkung
von aussen, vielleicht eines von den Schreiben, die er selbst übergeben, die
Veränderung ihrer Gesundheit hervorgebracht habe. Auf einem der Briefe hatte
eine zitternde Hand die Adresse geschrieben, der Brief hatte ein bösartiges
Aussehen gehabt, und Anton hatte ahnend empfunden, dass er Unwillkommenes
entalten müsse. An einem Abend, als die andern am Spieltisch sassen, war der
Kopf der Kranken von dem seidenen Kissen heruntergeglitten. Als Anton das Kissen
zurechtgerückt, und die Kranke ihr Haupt mit Mühe wieder daraufgelegt hatte, sah
sie ihn dankend an und sagte ihm leise, wie schwach sie sei. »Ich wünsche noch
einmal allein mit Ihnen zu reden«, fuhr sie nach einer Pause fort, »nicht jetzt,
aber die Zeit wird kommen«, und dabei sah sie mit einem tiefen Ausdruck von
Schmerz in die Höhe, dass Anton voll trüber Befürchtungen wurde.
    Weder der Freiherr noch Lenore hatten so grosse Sorge. »Mama hat schon
einigemal an solcher Schwäche gelitten«, sagte Lenore, »immer war die Sommerluft
ihre beste Heilung, ich hoffe alles von der Zeit, wo es wärmer wird.« Lenore
selbst war nicht unbefangen genug, ihre Umgebung mit scharfen Augen anzusehen,
auch sie hatte sich verändert. Manchen Abend sass sie stumm am Teetisch und fuhr
auf, wenn das Wort an sie gerichtet wurde, an andern war sie ausgelassen heiter.
Sie vermied Fink, sie mied aber auch Antons Nähe, beiden gegenüber war sie
befangen. Ihre blühende Gesundheit schien erschüttert, die Mutter selbst trieb
sie oft aus der Krankenstube ins Freie; dann liess Lenore ihr Pferd satteln und
ritt allein hinaus in den Wald, wo sie stundenlang umhertrabte und zuletzt nicht
darauf achtete, wenn sie der erzürnte Pony, ohne ihren Befehl abzuwarten, nach
dem Hofe zurückbrachte. Anton sah diese Veränderung mit stiller Trauer. Er
fühlte tief, dass es anders wurde zwischen Lenore und ihm, aber er vermied, mit
ihr darüber zu sprechen, und verschloss in seinem Herzen, was er empfand.
    Es war ein schwüler Nachmittag im Mai. Über den Wäldern hingen dunkle
Gewitterwolken, und die Sonne warf ihre Strahlen heiss auf das trockne Land, da
kam der Mann, der als Patrouille nach den Bauerndörfern ausgeschickt war, eilig
nach der Wachtstube des Schlosses zurück und meldete, fremdes Volk laure im
Kunauer Wald, die Kunauer liessen fragen, was zu tun sei. Fink gab den Arbeitern
das Lärmzeichen und sandte Botschaft zum Förster und nach dem neuen Vorwerk.
Während die Arbeiter das Gerät nach dem Schloss trugen und die Knechte mit
ihrem Gespann vom Felde heimritten und sich zum Aufbruch rüsteten, jagte ein
Reiter von Kunau mit der Nachricht heran, eine polnische Bande sei in ein Gehöft
des Dorfes eingebrochen, die Landleute liessen um Hilfe bitten.
    Alle Männer waren in der mutigen Aufregung, welche ein Alarm hervorruft,
wenn er die Aussicht auf Abenteuer bringt.
    »Behalte einige der Arbeiter zurück«, sagte Fink zu Anton, »und übernimm die
Wache im Schloss und im Dorfe, den Förster schicke mit der Gutswehr nach Kunau,
ich reite mit dem Amtmann und den Knechten voraus.« Er sprang nach dem Stall des
Schlosses und sattelte selbst sein Pferd, während Karl neben ihm das Reitpferd
des Barons für sich herausführte. »Sehn Sie nach den Wolken, Herr von Fink«,
sagte Karl, »nehmen Sie Ihren Mantel mit, es gibt ein tüchtiges Gewitter. Heut
nacht regnet's Hafer für das Gut.« Fink rief nach seinem Plaid, und die kleine
Schar rasselte auf Kunau zu.
    Als sie in den Wald kamen, merkten sie, wie stickend die Schwüle war, selbst
die rasche Bewegung der Pferde vermochte nicht das unbehagliche Gefühl zu
bannen. »Sehen Sie die Unruhe in den Tieren«, rief Karl, »mein Pferd spitzt die
Ohren, es ist etwas im Walde.« Die Reiter hielten still. »In dem Gebüsch trabt
einer, dort rasselt's in den Ästen.« Das Pferd, welches Karl ritt, fuhr mit dem
Kopf auf das Gehölz zu und schnaubte laut.
    »Es ist ein Bekannter, einer von uns«, sagte Fink auf das Pferd sehend.
    Die Zweige des jungen Holzes fuhren auseinander, auf ihrem Klepper kam
Lenore herausgesprengt und verlegte den Reitern den Weg. »Halt, wer da!« rief
sie lachend.
    »Alle Wetter, das Fräulein!« schrie Karl.
    »Die Losung!« rief Lenore martialisch.
    Fink ritt vor, salutierte und sagte leise: »Potz Blitz, das ist ja die
Gustel von Blasewitz.«
    Lenore errötete und lachte. »Passiert«, sagte sie, »ich reite mit.«
    »Natürlich«, rief Fink, »nur vorwärts!« Der Pony warf nach Leibeskräften
seine Beine neben dem grossen Pferd des Gastes durcheinander. So kamen sie nach
Kunau und hielten vor dem Alarmhause. Dort war die Bauerwehr aufgestellt, der
Schmied als Befehlshaber kam ihnen sorgenvoll entgegen.
    »Was in unserm Holze steckt, ist verwettertes Volk«, rief er, »bewaffnete
Polacken. Heut in der hellen Mittagsstunde ist ein Haufe von zehn Männern mit
Flinten an des Leonhard Hof gekommen, der dort hinausliegt auf den Wald zu, sie
haben die Hoftüren besetzt, dann ist der Anführer mit seiner Bande in die Stube
getreten, wo die Leute gerade um den Tisch sassen, und hat Geld verlangt und das
Kalb aus dem Stall. Es war ein schändlicher Kerl mit einer langen Flinte, er
hatte eine Pfauenfeder auf dem Hut, und die roten Schnüre auf dem Rock, wie ein
echter Klopiez. Der Bauer hat sich geweigert, das Geld zu geben, da haben sie
ihm ein Gewehr an den Kopf gesetzt, bis sein Weib in der Angst zu dem Kasten
gelaufen ist und den Kerlen einen Säckel mit Geld hingeworfen hat. Darauf haben
sie das Kalb aus dem Stall gerissen und vier Gänse aus dem Hofe, und sind mit
ihrem Raube wieder nach dem Wald gezogen. Vier Schufte mit Flinten haben sie im
Hofe stehnlassen als Wache, so dass niemand herauskonnte, bis die andern mit den
gestohlnen Sachen im Walde waren. Zuletzt haben zwei von dem Raubvolk ihre
Gewehre in das Dach abgeschossen, dann sind auch die vier weggelaufen. Das Dach
fing an zu glimmen, aber wir haben's glücklich gelöscht.«
    »Seitdem sind Stunden vergangen«, sagte Fink, »die Schurken sind über alle
Berge.«
    »Ich glaub's nicht«, erwiderte der Schmied. »Den Leonhard habe ich mit
unsern Berittenen sogleich um den Wald herumgeschickt an die Grenze, damit sie
aufpassen, wenn das Räubervolk sich aus dem Wald schleicht. Und eine Frau aus
Neudorf, die im Wald war, hat noch vor zwei Stunden polnische Leute gesehn, auf
der Grenze von unserm nach dem Neudorfer Wald, grade da, wo der Grenzstein unter
der alten Eiche steht. Sie hatten ein Vieh bei sich, ob es ein Kalb war oder ein
Hund, hat die Frau in ihrer Angst nicht gesehn, wenn's das Kalb war, so haben's
die Hungerleider lieber aufgegessen als fortgetragen. Ich komme eben von
Neudorf, die Neudorfer sind gesammelt wie wir. Wir möchten ein Treiben durch die
Wälder anstellen, wenn Ihre Leute uns von Ihrer Seite helfen, und wenn Sie uns
die Richtung geben wollten.«
    »Gut«, sagte Fink, »frisch ans Werk.« Er sandte einen Boten dem Förster
entgegen, damit die aus dem Schloss gleich von ihrer Seite das Treiben begönnen,
und besprach mit dem Schmied Aufstellung und Richtung der Kunauer. Karl mit den
Knechten schickte er zu den Kunauer Reitern auf die entgegengesetzte Seite des
Waldes, nach welcher der Trieb zugehn sollte. »Machen Sie keine Umstände mit den
Schuften«, rief er dem abreitenden Karl zu und klopfte auf die Pistolen im
Halfter. »Vorwärts!« sagte er zum Schmied, »ich selbst reite nach Neudorf. Wenn
Ihr Euer Vorholz abgesucht habt, erwartet uns, dort soll die Neudorfer Kette
sich an Eure schliessen.«
    So zogen die von Kunau aus, den Diebstahl zu rächen. Fink galoppierte von
Lenore begleitet nach dem Nachbardorf. Auf dem Wege sagte er zu ihr: »Hier
werden wir uns trennen, Fräulein.« - Lenore schwieg.
    Fink sah sie von der Seite an. »Ich glaube nicht«, fuhr er fort, »dass die
Schelme uns die Freude machen werden, unsern Besuch im Walde zu erwarten. Und
wenn sie weglaufen wollen, der Abend ist nahe, wir werden sie schwerlich
hindern. Aber die Jagd ist eine gute Übung für unsre Leute, und deshalb soll sie
uns willkommen sein.«
    »Dann gehe ich mit nach dem Walde«, sagte Lenore entschlossen.
    »Notwendig ist das grade nicht«, erwiderte Fink, »ich fürchte zwar keine
Gefahr für Sie, aber Ermüdung und vielleicht Regen.«
    »Lassen Sie mich mit«, bat Lenore, zu ihm aufsehend.
    »Ich habe verständig abgeraten, mehr ist von einem Menschen nicht zu
verlangen, und im Vertrauen gesagt, mich freut's, dass Sie so mutig sind. Galopp,
Kamerad!«
    In Neudorf stellte Fink die Pferde in den Hof des Schulzen und führte die
Schar der Neudorfer an den Waldrand. Die Linie stellte sich auf, die
Durchsuchung des Forstes begann. In langer Kette betraten die Männer das Holz,
die Entfernung zwischen den einzelnen Gliedern musste grösser sein, als
wünschenswert war, Fink schritt mit Lenore auf dem äussersten rechten Flügel, wo
der Anschluss an die Linie der Kunauer geschehen sollte, der Nebenmann Finks
hatte die Richtung anzugeben. Die Jäger gingen in tiefem Schweigen vorwärts und
spähten mit scharfem Auge von Baum zu Baum. Als sie den Wald betraten, rauschte
es in den Baumwipfeln, durch die Lücken des Nadelholzes sah man den
bleischwarzen Himmel. Unten aber lag noch die Schwüle des heissen Tages, die
Vögel sassen in die Zweige geduckt, die Käfer waren in die Heidelbeeren
gekrochen.
    »Der Himmel selbst kommt den Spitzbuben zu Hilfe«, sagte Fink, auf die
Wolken deutend, zu seiner Begleiterin, »es wird so finster dort oben, dass wir in
einer halben Stunde hier unten nicht zehn Schritt vor uns sehen werden.«
    Das Holz schloss sich dichter, das Tageslicht nahm ab, Lenore hatte Mühe, die
Reihe der Männer zu erkennen. Der Grund wurde morastig, Lenore versank bis an
die Knöchel in dem Bruch. »Wenn's nur kein Katarrh wird«, lachte Fink sie aus.
    »Es wird keiner«, erwiderte Lenore herzhaft, aber der Zug in den Wald
erschien ihr nicht mehr so harmlos, wie vor einer Stunde.
    Der Mann neben Fink blieb stehn, sein leises Zeichen lief die Kette hinab,
die lange Reihe hielt an, die Kunauer zu erwarten. Immer schwärzer wurde es über
den Bäumen, immer dunkler im Holz. In der Ferne rollte der Donner, wie ein
dumpfer Wirbel klang der Ton unter dem grossen Dach von Nadeln. So standen die
Männer wohl eine Viertelstunde, da tönte von rechts ein leiser Ruf durch die
Dunkelheit, die Treiber aus dem Nachbardorf kamen heran. Die Warnung: »Nebenmann
rechts und links im Auge behalten!« flog durch die Reihe, dann setzte sich der
ganze Zug in Bewegung, die Führer aus den beiden Dörfern schritten jetzt
nebeneinander, Fink und Lenore in ihrer Spur. Da fuhr ein starker Donnerschlag
über den Wald, es pfiff und rasselte in der Luft, der Regen rauschte hernieder.
Zuerst klang der Tropfenfall nur in den Ästen der Bäume, bald drangen einzelne
schwere Tropfen herunter. Immer lauter schlug der Regen auf die Kronen der
Bäume, immer stärker tropfte es von den Ästen, endlich rauschte die Wasserflut
von dem Himmel und durch die Zweige herab auf den Boden; jeder Stamm, jeder
Strauss Nadeln, jeder herabgebogene Ast verwandelte sich in eine Wasserrinne. Wie
ein Flor verhüllten die Wassertropfen die Aussicht. Um jeden einzelnen war ein
enger Kreis gezogen durch Finsternis und strömenden Regen, die Männer riefen
einander mit gedämpfter Stimme zu, um die Richtung nicht zu verlieren.
    Da stiess Lenore, als sie auf Fink sah, mit dem Fusse an eine Baumwurzel, sie
unterdrückte einen Schmerzensschrei und sank auf ein Knie; Fink eilte zu ihr.
    »Ich kann nicht weiter«, sagte sie den Schmerz bezwingend, »lassen Sie mich
hier zurück, ich beschwöre Sie, und holen Sie mich auf dem Rückwege ab.«
    »Sie in dieser Lage verlassen«, rief Fink, »wäre eine Barbarei, gegen welche
das Menschenfressen als unschuldige Ergötzlichkeit erscheinen müsste. Sie werden
sich schon meine Nähe gefallen lassen. Vor allem erlauben Sie, dass ich Sie aus
dieser Baumtraufe fortführe an eine Stelle, wo der Regen weniger unverschämt
ist. Unsre Vordermänner habe ich ohnedies verloren, ich sehe durchaus nichts
mehr von den breiten Schultern der ehrlichen Knaben.« Er richtete Lenore in die
Höhe, sie versuchte mit dem verletzten Fuss aufzutreten, aber der Schmerz presste
ihr einen neuen Klagelaut aus, sie wankte und hielt sich an Finks Schulter. Da
schlug dieser seinen Plaid um sie, hob sie vom Boden und trug sie eingewickelt,
wie man ein Kind trägt, auf seinen Armen unter einige Tannen, welche mit ihren
dichten Zweigen einen kleinen geschützten Raum einschlossen. Wenn ein Mensch
sich beugte, konnte er darunter erträglichen Schutz finden.
    »Hier herunter müssen Sie sich setzen, liebes Fräulein«, sagte Fink und
setzte Lenore vorsichtig auf den Boden. »Ich werde vor Ihrem grünen Haus Wache
halten und Ihnen den Rücken zukehren, damit Sie Ihr nasses Tuch um den unartigen
Knöchel binden.« Lenore drückte sich unter das dichte Tannendach, Fink stellte
sich mit dem Rücken gegen sie an einen Baumstamm. »Es ist doch nichts
beschädigt«, frug er, »können Sie den Fuss im Gelenk bewegen?«
    »Es tut etwas weh«, sagte Lenore, »aber es geht.«
    »Das ist brav«, sprach Fink hinter sich, »jetzt binden Sie das Tuch um, ich
hoffe, in zehn Minuten werden Sie auftreten können. Wickeln Sie sich fest in das
grosse Tuch, es hält warm; sonst holt sich mein Kriegskamerad noch das Fieber,
und damit wäre die Jagd nach dem gestohlenen Kalb doch zu teuer bezahlt. Sind
Sie fertig mit dem Verband?« frug er wieder, »darf ich mich herumdrehen?«
    »Ja«, sagte Lenore.
    »Dann erlauben Sie mir, Sie einzuwickeln.« Vergebens protestierte das
Fräulein gegen diesen Ritterdienst, Fink schlang das grosse Tuch um den ganzen
Körper der Sitzenden und band es hinten in einen festen Knoten. »Jetzt sitzen
Sie im Walde wie das graue Männchen.«
    »Etwas Gesicht lassen Sie mir frei«, bat Lenore.
    »So«, sagte Fink, »jetzt wird Ihnen behaglich werden.« Bald empfand Lenore
eine wohltätige Wärme; schweigend sass sie unter ihren Zweigen, bekümmert um die
seltsame Lage, in der sie sich befand. Fink hatte wieder seinen Platz am
Baumstamm eingenommen und kehrte ihr ritterlich den Rücken zu. Nach einer Weile
rief Lenore aus dem Gebüsch: »Sind Sie noch da, Herr Kamerad?«
    »Halten Sie mich für einen Verräter, der seinen Zeltgenossen verlässt?« frug
Fink zurück.
    »Es ist hier unten ganz trocken«, fuhr Lenore fort, »nur auf meine Nase
fällt zuweilen ein Tropfen. Sie aber, armer Herr, werden da draussen ganz
durchnässt. Welch furchtbarer Regen!«
    »Dieser Regen flösst Ihnen Schrecken ein?« frug Fink achselzuckend, »der ist
nur ein schwaches Kind! Wenn er einen Zweig vom Baume gerauft hat, meint er
Wunder getan zu haben. Da lobe ich mir den Regen in solchen Ländern, wo die
Sonne heisser brennt. Tropfen wie Äpfel, nein, keine Tropfen mehr, armdicke
Strahlen, das Wasser stürzt aus den Wolken, wie ein Wasserfall. Stehenbleiben
kann man nicht, denn der Boden schwimmt unter einem fort, unter Bäume flüchten
kann man auch nicht, denn der Sturmwind zerbricht die dicksten Baumstämme wie
Strohhalme. Man läuft auf das Haus zu, das vielleicht nicht weiter entfernt ist,
als von Ihnen bis zu der nichtswürdigen Baumwurzel, die Ihren Fuss verletzte, und
das Haus ist verschwunden, an der Stelle befindet sich ein Loch, ein Strom, ein
Haufe herangespülter Felsen. Vielleicht fängt dann auch die Erde an ein wenig zu
beben und schlägt Wellen, wie das Meer im Sturme. Das ist ein Regen, der sich
sehen lassen kann. Kleider, die er durchnässt hat, werden nie wieder trocken, was
ein Oberrock war, ist acht Tage nachher noch eine schwarze unförmliche Masse,
welche das Aussehen und die Feuchtigkeit einer Morchel hat. Behält man einen
solchen Rock auf dem Leibe, so bleibt er fest genug sitzen, die Aufschläge am
Ellbogen, die Taille am Hals, aber nie wird man ihn wieder ausziehn können,
ausser mit Hilfe eines Federmessers und in schmalen Streifen, die man abschneidet
wie Apfelschalen.«
    Lenore musste in ihrem Schmerz lachen. »Ich wünsche mir wohl einen solchen
Regen zu erleben«, sagte sie.
    »Ich bin uneigennützig, wenn ich mir nicht wünsche, Sie in solcher Lage zu
sehen«, erwiderte Fink. »Die Frauen sind am schlimmsten daran, alles was sie zur
Toilette rechnen können, verschwindet in solcher Strömung vollständig. Ist Ihnen
das Kostüm der Frau Venus von Milo bekannt?«
    »Nein«, antwortete Lenore ängstlich.
    »Gerade wie diese Dame sehen alle Frauen aus, die ein tropischer Regen
getroffen hat, und die Männer wie Vogelscheuchen. Ja, es soll vorgekommen sein,
dass Menschen von solchem Regen platt geschlagen wurden, wie Kupferdreier, nur
mit einem Knopf in der Mitte, der bei näherer Betrachtung sich als ein
Menschenkopf auswies und den Vorübergehenden traurig zurief: O ihr Mitmenschen,
das kommt davon, wenn man ohne Regenschirm ausgeht.« Wieder musste Lenore lachen.
»Mein Fuss tut nicht mehr so weh«, sagte sie, »ich glaube, ich kann jetzt gehn.«
    »Das sollen Sie nicht«, entgegnete Fink, »noch lässt der Regen nicht nach,
und es ist so finster, dass man kaum die Hand vor den Augen sieht.«
    »Dann tun Sie mir die Liebe und suchen Sie die Männer auf. Mir ist jetzt
wohler, ich sitze hier wie ein Reh geschützt vor dem Regen und vor fremden
Leuten.«
    »Es geht nicht«, sprach Fink von seinem Baume zurück.
    »Ich bitte Sie flehentlich darum«, rief Lenore angstvoll und streckte ihre
Hände aus dem Tuch, »lassen Sie mich jetzt allein.«
    Fink wandte sich um, ergriff ihre Hand und drückte sie an seine Lippen, dann
eilte er schweigend in der Richtung fort, welche die Landleute genommen hatten.
    So sass Lenore allein unter den Tannenzweigen. Noch immer rauschte der Regen
herab. Er schlug klatschend an die Baumwipfel und strömte von den Ästen herunter
auf den Boden. Dazu rollte oben der Donner, das Gewitter kam herauf; zuweilen
fuhr ein grelles Licht durch die Dunkelheit, dann sah Lenore die beleuchteten
Baumstämme in langen Reihen wie goldgelbe Säulen eines unabsehbaren Gebäudes vor
sich stehen und darüber ein schwarzes Dach, mit hellen Lichtern geflammt. Dann
erschien der Wald wie ein verwünschtes Schloss, das aus der Erde steigt und im Nu
wieder versinkt. Durch den Regen klangen geheimnisvolle Töne, wie sie zur
Nachtzeit durch den Wald gehn. Über ihr schlug es an den Stamm mit regelmässigem
Klopfen, als wenn ein schlimmes Waldgespenst an das Holz ihrer Hütte anpochte,
sie fuhr zusammen und frug sich gleich darauf, ob das ein Specht sein könnte,
oder ein Baumast. Aus der Ferne tönte der heisere Klageschrei einer Krähe, der
das Wasser in das Nest gedrungen war und den ersten Schlaf gestört hatte. Neben
ihr lachte es schauerlich: »Huhu, huhu!« und wieder erschrak Lenore; war es ein
tückischer Kobold aus dem Walde, oder war es nur eine kleine Eule? In hundert
melancholischen Lauten sprach die Natur. Lenore empfand den wilden Reiz dieser
Einsamkeit bald mit Freude und gleich darauf wieder mit Angst. Und dazwischen
zogen andere Gedanken durch ihre Seele, wie töricht sie gehandelt hatte, sich
vom Hause fortzustehlen zu einem Zuge, der ein solches Abenteuer möglich machte;
wie man sie im Schloss suchen würde, und vor allem, was er von ihr denken müsse,
der sie auf ihre Bitten verlassen. Sie zog das Tuch von ihrem Ohr und lauschte,
es war nichts von Menschenstimmen zu hören; nichts war zu hören, als der Fall
des Regens und die Seufzer des Waldes. Aber neben ihr rauschte es an dem Boden,
zuerst leise, dann vernehmlicher, das Regenwasser floss in einer kleinen Rinne
zusammen und murmelte, wenn es an einen grossen Busch von Waldbeeren stiess, an
einen Wurzelstock oder an die Knolle eines Farnkrauts. Und hinter ihr rasselten
die Blätter und mit eiligem Sprunge kam es heran, sie drückte erschrocken ihr
Haupt an den Baumstamm.
    Etwas setzte sich neben sie nieder, und eine fremde Gestalt rührte an dem
Plaid, den sie umhatte. Sie fuhr mit der Hand unter dem Tuch vorsichtig nach dem
Nachbar und fühlte das weiche Fell eines Hasen, der, durch das rinnende Wasser
aus seiner Vertiefung aufgeschreckt, unter den Bäumen Schutz suchte, wie sie
selbst. Sie hielt den Atem an, um den kleinen Genossen ihrer Hütte nicht zu
verscheuchen; und eine Weile kauerten die beiden nebeneinander, der Hase drückte
sich dicht an das Tuch.
    Da klangen in der Ferne durch Regen und Donner einzelne Schüsse, Lenore
zuckte zusammen, mit grossem Satz fuhr der Hase in die Finsternis hinein. Dort
kämpften Menschen miteinander, dort wurde Blut vergossen auf dem schwarzen
Boden. Ein Geschrei wurde gehört, es klang noch aus der Ferne zornig und
drohend, dann wurde alles still. »War er in einer Gefahr gewesen?« So frug sie
sich, aber sie fühlte darum keine Angst und schüttelte das Haupt unter ihrem
Tuch. Wo er auch war, für ihn gab es keine Gefahr. Das Gewehr, das nach ihm
zielte, schlug ein niederfallender Baumast in den Grund; das Messer, das gegen
ihn gezückt wurde, zerbrach wie ein Span Holz, bevor es ihn traf; der Mann, der
gegen ihn eindrang, musste straucheln und fallen, ehe er sein stolzes Haupt
berührte. Er war fest gegen alle Gefahr, und er war fest gegen jede Furcht; er
kannte keine Sorge, keinen Schmerz, ach, er fühlte nicht, wie andere Menschen.
Frei erhob er sein Haupt, und heiter war sein Auge, wo alle andern gedrückt zur
Erde sahen. Keine Schwierigkeit schreckte ihn, kein Hindernis verlegte ihm den
Weg. Mit einer leichten Bewegung des Fusses stiess er weg, was andere erdrückte.
So war er. Und der Mann hatte sie jetzt schwach gesehn, vorschnell und hilflos;
durch ihre eigene Schuld hatte er das Recht erhalten, sie mit flüchtiger
Vertraulichkeit zu behandeln. Sie zitterte, dass er dies Recht benutzen könnte,
durch einen Blick, ein übermütiges Lächeln, ein schnelles Wort. So pochte ihr
Herz, und so flogen ihre Gedanken wohl eine Stunde lang.
    Das Wetter verzog sich. Statt der rauschenden Güsse fiel jetzt ein
dauerhafter Landregen aus den Wolken, leiser gurgelte die kleine Wasserrinne,
und häufiger tönte der Schrei der Eule; auf den Wechsel von schwarzer Finsternis
und feuriger Helle folgte ein mattes Grau am Himmel und in dem Walde. Aus dem
einförmigen Dunkel hoben sich nur die Säulen der nächsten Bäume als düstere
Schatten von dem Hintergrunde ab. Beängstigend stieg das Gefühl der Einsamkeit
in Lenore auf. Da drang wieder der ferne Ton von Menschenstimmen an ihr Ohr, Ruf
und Gegenruf wurden laut, und die Stimme des Amtmanns rief: »Über den Bruch sind
sie noch gegangen, dortin, ihr von Neudorf.« Die Tritte der Sprechenden kamen
näher, dicht an den Tannen bewegte sich die Gestalt eines Mannes. Karl setzte
die Hände an den Mund und johlte laut in den Wald hinein: »Hallo, Fräulein
Lenore!«
    »Ich bin hier«, rief eine feine Stimme zu seinen Füssen.
    Verwundert trat Karl einen Schritt zurück und schrie freudig: »Gefunden!«
Die Landleute umringten Lenorens Hütte mit lautem Ruf. - »Unser Fräulein ist
hier!« rief ein Bursch aus Neudorf und jauchzte in seiner Freude, wie bei einer
Hochzeit. Lenore erhob sich, noch schmerzte der Fuss, aber auf Karls Arm
gestützt, versuchte sie tapfer vorwärts zu gehn. »Nur bis an den Bruch«, sagte
dieser, »dort stehn die Bäume dünner.« Unterdes brachen die jungen Männer einige
Stangen ab und legten Nadelzweige darüber. Trotz ihrem Sträuben wurde Lenore von
den Dienstfertigen genötigt, sich auf die kunstlose Trage zu setzen, während
einer in den Hof des Schulzen vorauslief, ihr das Pferd entgegenzuführen.
    »Haben Sie die Diebe?« frug Lenore den Amtmann, der neben ihr ging.
    »Zwei«, erwiderte dieser. »Das Kalb war geschlachtet, wir bringen die Haut
und einen Teil des Fleisches, die Gänse hingen mit umgedrehten Hälsen an einem
Ast, aber das Geld hatten die Schurken schon geteilt. Es ist bei den zweien nur
wenig davon gefunden worden.«
    »Es sind Leute von Tarow, die wir gefangen haben«, sagte der Schulz finster,
»die schlechtesten Kerle im Dorfe. Und ich wollte doch, sie wären woandersher,
denn es leben rachsüchtige Menschen dort.«
    »Ich hörte schiessen«, frug Lenore weiter, »ist ein Unglück geschehn?«
    »Uns nichts«, antwortete Karl. »Sie hatten in ihrem Übermut ein Feuer
angemacht, hinten unweit dem Waldrand, wo wir zu Pferd Kette machten. Noch durch
den Regen glimmt der Brand; so haben sie sich selbst verraten. Wir stiegen von
den Pferden, schlichen heran und fielen über sie her. Sie schossen ihre Flinten
ab und liefen ins Gebüsch. Dort verschwanden sie in der Finsternis. Es dauerte
lange, ehe die zu Fuss durch den Wald zu uns kamen; ohne die Schüsse und den Lärm
hätten sie uns nicht gefunden. Herr von Fink hat uns die Stelle beschrieben, wo
wir Sie finden würden. Er führt die Gefangenen auf dem Fahrwege, sie sollen aufs
Gut, morgen schaffen wir sie weiter ins Deutsche.«
    »Aber dass Herr von Fink Sie im Walde so allein gelassen hat«, sagte der
ehrliche Schulz kopfschüttelnd, »das war doch ein gewagtes Stück.«
    »Ich bat ihn, nicht zurückzubleiben«, antwortete Lenore und schlug trotz der
Dunkelheit die Augen nieder.
    Auf halbem Weg zum Dorf kam Lenorens Pony dem Zug entgegen. In Neudorf
empfing Karl das Pferd des Freiherrn aus den Händen der Knechte zurück und
geleitete das Fräulein nach dem Schloss. Es war spät am Abend, als sie dort
ankamen. Lenorens lange Abwesenheit hatte die Angst der Mutter und die
allerschlechteste Laune des Freiherrn hervorgerufen. Hastig machte sich die
Tochter von den Fragen los, die auf sie eindrangen, und eilte auf ihr Zimmer.
Eine Stunde später kam Fink mit dem Förster aus Kunau zurück und brachte die
beiden Gefangenen, welche mit ihren gebundenen Händen trotzig zwischen den
Wächtern daherschritten und ihre Pfauenfeder so hoch trugen, als zögen sie zum
Tanz in die Schenke.
    »Ihr sollt's uns bezahlen«, sagte der eine von ihnen auf polnisch zu den
begleitenden Männern und ballte die gefesselte Faust.
 
                                       4
Noch immer regnete es. Bei Anbruch des Tages hatte der Himmel eine Pause
gemacht, aber nur, um seine feuchte Arbeit mit doppelter Stärke fortzusetzen.
Die Wiesenarbeiter waren am frühen Morgen auf das Feld gezogen und bald wieder
zurückgekehrt. Jetzt sassen sie schweigsam in der Wachtstube des Schlosses und
trockneten ihre durchnässten Kleider am Ofen.
    Der Freiherr lag im Ledersessel seiner Hinterstube; er liess sich von dem
alten Johann aus den Zeitungen vorlesen, welche am Tage zuvor wieder einmal in
das Schloss gedrungen waren. Die eintönige Stimme des Dieners meldete nur
Unwillkommenes, die Regentropfen klapperten an der Dachrinne, und der Sturmwind
schlug heulend an die Hausecke, sie begleiteten in Misstönen die Worte des
Lesenden.
    Anton war an seinem Schreibtisch beschäftigt. Vor ihm lag ein Brief des
Justizrats Horn, er meldete, dass der Termin zum gerichtlichen Verkauf des
Familienguts auf die Mitte des nächsten Winters festgestellt sei; gleich nach
Bekanntmachung des Termins seien mehrere Hypoteken des Guts aus einer Hand in
die andere übergegangen, wie er fürchte, aufgekauft von einem Spekulanten, der
sich hinter verschiedenen Namen zu verbergen wisse. So überdachte Anton in
trüber Stimmung die gefährliche Lage des Freiherrn.
    In dem Zimmer daneben leistete Fink den Damen Gesellschaft; die Baronin lag
in die Kissen des Sofas gedrückt, zugedeckt mit einem Tuch Lenorens. Sie sah
schweigend vor sich hin, und nur wenn die Tochter mit zärtlicher Frage zu ihr
trat, nickte sie ihr lächelnd zu und sprach beruhigende Worte. Lenore war am
Fenster mit einer leichten Arbeit beschäftigt und hörte mit Entzücken auf die
Scherze, durch welche Fink das trübe Grau des Zimmers aufzuhellen wusste. Er war
heut trotz dem Regen in der übermütigsten Laune. Zuweilen klang Lenorens Lachen
durch die eichene Tür in Antons Ohr, dann vergass Anton Güterkauf und Hypoteken,
sah mit umwölktem Blick auf die Tür und empfand nicht ohne Bitterkeit, dass ein
neuer Kampf für ihn und die Familie heranziehe.
    Draussen aber strömte der Regen, stürmte die Luft. Laut rief der Wind vom
Walde her seinen Klageruf nach dem Schloss. Im Kiefernwald knarrten die Äste, und
von den Wipfeln der Föhren wogten die Nadelbüschel rastlos auf das Schloss zu. In
den Birnbäumen auf dem Ackerland fuhren die Blätter und die weissen Blüten
zitternd durcheinander. Zornig warf der Sturm die Blüten herab zur Erde, schlug
sie mit seinen Regentropfen fest auf dem nassen Boden und heulte: Herunter mit
eurem lachenden Glanz, graue Trauerfarbe soll heut tragen, was zum Schloss
gehört. - Von den Bäumen fuhr der Wilde an die Mauern des Schlosses, er
schüttelte die Fahnenstange auf dem Turm, er schleuderte das Wasser der Wolken
in schrägen Linien an die Fensterscheiben, er fuhr stöhnend in den Schlot und
donnerte an die Türen. Zu jeder Öffnung rief er herein: »Wahret euer Haus!« So
trieb er es stundenlang, aber die drin verstanden nicht seine Sprache.
    So achtete auch niemand auf den Reiter, der sein ermüdetes Pferd im eiligen
Jagen durch das Dorf dem Schloss zutrieb. Endlich schlug der Hammer an das
Pfahlwerk des Hofes, ungeduldig tönten die Schläge, und Stimmen wurden laut im
Hofe und auf der Treppe. Anton öffnete die Tür, ein bewaffneter Mann, triefend
von Wasser, bespritzt mit dem Kot der Strasse, trat in die Stube.
    »Du bist es!« rief Anton erstaunt.
    »Sie kommen«, meldete Karl, sich vorsichtig umsehend; »machen Sie sich
gefasst, diesmal gilt es uns.«
    »Die Feinde?« frug Anton schnell; »wie stark ist der Haufe?«
    »Es ist kein Haufe, den ich gesehn«, erwiderte Karl ernst, »es ist ein Heer;
an die tausend Sensenmänner, wohl hundert Reiter. Sie sind auf dem Zuge zum
Hauptkorps. Ich höre, sie haben Befehl, alle polnischen Männer mitzunehmen und
die deutschen Gemeinden zu entwaffnen.«
    Anton öffnete die Tür des Nebenzimmers und bat Fink, hereinzukommen.
    »Ah«, rief Fink eintretend, mit einem Blick auf Karl, »wer so die halbe
Landstrasse mit sich in die Stube trägt, bringt nichts Gutes. Von welcher Seite
kommt der Feind, Sergeant?«
    »Vom Neudorfer Birkenwald her zieht sich's in hellen Haufen auf uns
herunter. Die Leute hier im Dorf sind in der Schenke versammelt, trinken
Branntwein und zanken.«
    »Kein Fanal hat gebrannt, es ist noch kein Rapport von den nächsten Dörfern
gekommen«, rief Anton am Fenster. »Haben die Deutschen in Neudorf und Kunau
geschlafen?«
    »Sie sind selbst überrascht worden«, fuhr der Unglücksbote fort; »ihre
Wachen hatten schon gestern am Abend den Feind gesehen, er zog eine halbe Meile
von Neudorf auf der grossen Strasse nach Rosmin zu. Als er passiert war bei der
Stelle, wo der Weg nach Neudorf von der Strasse abgeht, wurden die von Neudorf
guten Mutes. Ihre Reiter folgten von fern den Sensenmännern, bis ihnen der
letzte Haufe aus dem Gesicht war. In der Nacht aber sind die Banden umgekehrt,
heut morgen haben sie das Dorf überfallen, sie haben gewirtschaftet wie die
Teufel. Der Schulz liegt auf dem Stroh voll Wunden, ein gelieferter Mann, das
Alarmhaus ist in Brand geraten, dort über den Wald hin müsste man den Rauch
sehen, wenn dieser dicke Regen nicht wäre. Jetzt haben sich die Feinde geteilt,
sie durchsuchen die deutschen Dörfer, ein Trupp zieht nach Kunau, ein Haufe auf
unser neues Vorwerk zu, ein grosser Haufe kommt hierher.«
    »Wieviel Zeit haben wir noch, die Herren zu empfangen?« frug Fink. »Bei dem
Wetter braucht das Fussvolk eine Stunde bis hierher.«
    »Ist der Förster gewarnt«, frug Anton, »und wissen sie's auf dem Vorwerk?«
    »Es war keine Zeit, sie anzurufen, das Vorwerk liegt von Neudorf weiter ab,
als das Gut, ich wäre zu spät hierher gekommen. Unser Fanal habe ich angezündet,
aber bei diesem Wetter ist weder Feuer noch Rauch zu sehn, und jedes Signal ist
vergeblich.«
    »Wenn sie nicht für sich selbst ausgesehen haben«, sagte Fink beistimmend,
»wir können nichts weiter für sie tun.«
    »Der Förster ist ein Fuchs«, erwiderte Karl, »den fängt keiner, aber der
Vogt auf dem Vorwerk und des Vogts junge Frau, der Himmel sei ihnen gnädig!«
    »Retten Sie unsere Leute!« rief eine flehende Stimme neben Fink; Lenore
stand in der Stube, bleich, mit gefalteten Händen.
    Anton eilte an die Tür, durch welche Lenore geräuschlos eingetreten war.
»Die gnädige Frau!« rief er besorgt.
    »Noch hat sie nichts gehört«, erwiderte Lenore hastig; »senden Sie nach dem
Vorwerk, helfen Sie unsern Leuten!«
    Fink ergriff seine Mütze. »Führen Sie mein Pferd heraus«, sagte er zu Karl.
    »Du darfst jetzt nicht fort«, rief Anton, ihm in den Weg tretend; »ich werde
dein Pferd nehmen.«
    »Um Vergebung, Herr Wohlfart«, warf Karl dazwischen, »wenn ich das Pferd des
Herrn von Fink reiten darf, - ich bin noch imstande, den Weg zu machen.«
    »Meinetwegen«, entschied Fink. »Den Förster und wen Sie von Männern
auftreiben können, senden Sie hierher, die Weiber, die Pferde und Schafe
schicken Sie nach dem Wald. Der Vogt soll sich mit dem Vieh tief in das Holz
hineinziehn und von den alten Kiefern an der Sandgrube das Schloss beobachten.
Sie aber bleiben auf meinem Pferde, das ich leider Ihren Beinen für die nächsten
Tage überlassen muss. Reiten Sie auf Rosmin zu und suchen Sie die nächste
Abteilung unserer Truppen, wir lassen dringend um Hilfe bitten, womöglich
Kavallerie dabei.«
    »Unsere Rotmützen sollen eine Stunde hinter Rosmin stehn«, sagte Karl im
Abgehn; »der Schmied von Kunau rief mir's zu, als ich bei ihm vorbeiritt.«
    »Was Sie von Militär in Bewegung setzen, bringen Sie hierher. Während Sie
das Pferd satteln, schreibe ich eine Zeile an den Kommandierenden.«
    Karl machte militärisch grüssend kehrt und sprang hinunter, Anton mit ihm.
Während Karl am Sattelgurt schnallte, sagte Anton eilig: »Im Vorbeireiten rufe
die Leute auf dem Hofe an, ich gehe sogleich hinüber. - Armer Junge, du hast
heut noch kaum gefrühstückt und hast wenig Aussicht, in den nächsten Stunden
etwas zu bekommen.« Er sprang in das Haus zurück, holte aus der Küche eine
Flasche Likör, ein Brot und Überreste eines Schinkens, steckte den Proviant in
einen Sack und reichte diesen mit dem Briefe dem Reiter, der gerade im Begriff
war, den Hofraum zu verlassen.
    »Ich danke«, sagte Karl, Antons Hand ergreifend, »Sie sorgen für alles.
Jetzt aber noch eine Bitte an Sie, denken Sie auch an sich selbst, Herr
Wohlfart; diese ganze polnische Wirtschaft hier und da draussen ist nicht wert,
dass Sie Ihr Leben dafür in die Schanze schlagen; es gibt bei uns daheim Leute,
die es schwer ertragen würden, wenn Ihnen etwas zustiess.«
    Anton schüttelte herzhaft die Hand des Treuen. »Lebe wohl, ich werde meine
Pflicht tun; vergiss nicht, den Förster zu uns zu schicken, und rette vor allem
die Frau. Das Militär führe auf dem Waldwege hierher.«
    »Keine Sorge«, sagte Karl lustig, »der vornehme Braune soll heut merken, was
ein Kommissschenkel durchsetzen kann.« Bei diesen Worten schwenkte er seine Mütze
und verschwand in gestrecktem Galopp hinter den Gebäuden des Wirtschaftshofes.
    Anton verriegelte das Tor, dann eilte er in die Wachtstube und zog die
Lärmglocke, er befahl dem Obmann, die Leute antreten zu lassen, das Hintertor zu
besetzen und niemand ohne Anfrage einzulassen, auch die Flüchtlinge nicht. »Esst
reichlich und trinkt mit Mass, wir werden heut zu tun bekommen«, rief er ihnen
zu. Oben in seinem Zimmer stand unterdes Fink am Tisch und lud die Gewehre,
Lenore reichte ihm von der Wand, was er forderte, sie war bleich, aber die Augen
glühten ihr in einer Aufregung, welche dem eintretenden Anton nicht entging.
»Lassen Sie diese ernsten Spielereien uns allein besorgen«, bat er zu ihr
tretend.
    »Es ist das Haus meiner Eltern, das Sie verteidigen«, rief Lenore, »mein
Vater ist ausserstande, Sie anzuführen, Sie sollen um unsertwillen Ihr Leben
nicht auf das Spiel setzen, ohne dass ich dabei bin.«
    »Verzeihen Sie«, erwiderte Anton, »Ihre erste Pflicht ist jetzt wohl, die
Frau Baronin vorzubereiten und in den nächsten Stunden nicht zu verlassen.«
    »Meine Mutter, meine arme Mutter!« rief Lenore die Hände zusammenschlagend,
legte das Pulverhorn hin und eilte in das Nebenzimmer. »Ich lasse die Leute
essen«, sagte Anton zu Fink. »Von jetzt ab übernimm du den Befehl.«
    »Gut«, erwiderte Fink, »hier ist deine Ausrüstung, diese Doppelflinte ist
leicht, ein Lauf Kugel, der andere Repost. Der Kugelsack liegt unter deinem
Bett.«
    »Du gedenkst eine Belagerung auszuhalten?« frug Anton.
    »Wir dürfen uns entweder gar nicht zur Wehr setzen, und müssen uns der
freundlichen Diskretion der heranziehenden Haufen übergeben, oder wir müssen uns
zu halten suchen bis zur letzten Kugel. Auf diesen letztern Fall haben wir uns
immer vorbereitet, vielleicht ist Ergebung das Klügere, ich gestehe, dass sie
nicht nach meinem Geschmack ist. Da aber noch ein Hausherr vorhanden ist, so mag
er sprechen, geh zum Freiherrn.«
    Anton eilte durch den Korridor nach dem andern Flügel. Schon von weitem
hörte er im Zimmer des Barons heftig mit den Stühlen rücken. Auf ein zorniges
Herein! trat er in das Zimmer. Der Freiherr stand hoch aufgerichtet in der Mitte
der Stube und fuhr ihm entgegen. »Ich höre, dass etwas vorgeht, ich muss es als
einen unverzeihlichen Mangel an Aufmerksamkeit betrachten, dass man mich von
nichts unterrichtet.«
    »Verzeihung, Herr Baron«, erwiderte Anton, »vor wenig Minuten ist die
Nachricht angekommen, dass ein feindlicher Haufe von Sensenmännern und Reitern
gegen Ihr Gut heranzieht, wir haben in grösster Schnelligkeit einen Boten nach
dem nächsten Militärkommando geschickt, dann haben wir das Tor verriegelt und
erwarten jetzt Ihre Befehle.«
    »Rufen Sie mir Herrn von Fink«, erwiderte der Baron herrisch.
    »Er ist in diesem Augenblick in der Wachstube.«
    »Ich lasse ihn bitten, sich sogleich zu mir zu bemühen«, rief der zornige
Herr, »mit Ihnen kann ich über militärische Massregeln nicht sprechen. Fink ist
Kavalier und ein halber Soldat, ihm will ich die nötigen Instruktionen geben.
Was warten Sie noch?« fuhr er rauh fort. »Glaubt Ihr jungen Leute mit mir
spielen zu können, weil ich das Unglück habe, blind zu sein? Wer bei mir in Brot
und Lohn steht, der wenigstens soll meine Befehle respektieren.«
    »Vater!« rief Lenore die Hände zusammenschlagend auf der Schwelle und sah
mit flehendem Blick auf Anton.
    »Sie haben recht, Herr Baron«, antwortete Anton, »ich bitte Sie um
Vergebung, dass ich in der Verwirrung meine erste Pflicht vergessen habe. Ich
werde Herrn von Fink im Augenblick herschicken.« Er eilte aus dem Zimmer und
benachrichtigte Fink in der Vorhalle von der gereizten Stimmung des Freiherrn.
    »Er ist ein Narr«, sagte Fink.
    »Geh nur sogleich hinauf«, bat Anton, »die Frauen müssen von seiner Laune
leiden.« Darauf hing Anton die Jacke eines Arbeiters um und sprang durch die
Hinterpforte hinaus in den Regen nach dem Wirtschaftshofe.
    Auf dem Hofe sah er ein wüstes Durcheinander. Deutsche Familien aus den
Nachbardörfern hatten sich in das Alarmhaus geflüchtet und sassen dort mit den
Kindern und einigen Stücken ihrer Habe. Es waren wohl an zwanzig Personen auf
der Tenne gelagert, Männer, Frauen und Kinder; die Weiber jammerten, die Kinder
weinten, die Männer starrten finster vor sich hin, mehrere gehörten zum
Landsturm der Dörfer, einer oder der andere war mit einer Flinte bewaffnet. Auf
dem Hofraum standen die kleinen Wagen der Flüchtigen. Knechte, Pferde und Kühe
rannten durcheinander. Anton rief den Techniker zu Hilfe bei der nötigen
Aufsicht. Dem zuverlässigsten Knechte und der deutschen Grossmagd übergab er die
Ackerpferde und die Rinderherde. Er nahm den Knecht, einen entschlossenen Mann,
beiseite und besprach mit ihm einige Stellen im Dickicht unweit der Sandgrube,
wo für Menschen und Tiere Verborgenheit und einiger Schutz vor dem Wetter zu
hoffen war. Dortin sollte der Knecht die Herde treiben, und fleissig nach dem
Vogt vom Vorwerk aussehen, der im Walde die Aufsicht zu führen hatte. Dann
befahl er der Magd, eine Kuh zurückzulassen, öffnete der Herde selbst das
Hintertor und sah, wie die Leute, mit Lebensmitteln bepackt, auf den Wald
zutrieben.
    »Was aber tun wir mit den Pferden des Barons und der Fremden?« frug der
Techniker in Eile.
    »Sie müssen mit einigen Wagen ins Schloss, wie es auch gehen mag. Wer weiss,
ob wir nicht fliehen, wenn's zum letzten kommt.«
    So liess Anton schnell in die neuangestrichenen Wagen Karls einige Säcke
Kartoffeln laden, Mehl, Hafer und was von Heubündeln Raum hatte. Auch an die
Feuertonne liess er ein Gespann haken und die Tonne mit frischem Wasser füllen.
Noch immer goss es vom Himmel wie mit Kannen und in dem strömenden Regen warfen
die Knechte Säcke, Kasten und Bündel auf die Wagen; alles lief durcheinander,
weinte und fluchte in deutscher und polnischer Sprache. Als Anton unter die
Flüchtlinge trat, wurde das Geschrei der Frauen noch lauter, die Männer
umdrängten ihn und fingen an ihr Unglück zu erzählen, die Kinder hingen sich um
seine Füsse, es war ein trauriger Anblick. Anton tröstete: »Vor allem haltet Ruh,
wir werden euch schützen, so gut wir können. Ich hoffe, dass Militär zu unserer
Hilfe kommt, unterdes sollt ihr aufs Schloss in Sicherheit. Ihr habt treu zu uns
gehalten in dieser bösen Zeit, solange wir Brot haben, soll es auch euch nicht
fehlen.«
    Nach einer Viertelstunde angestrengter Arbeit trieb Anton nach dem Schloss.
Die Knechte fuhren mit dem Wagen an der Hintertür vor, der Trupp der Flüchtlinge
folgte. Noch immer kamen Leute an, welche sich aus den deutschen Dörfern
gerettet hatten, auch der Schmied von Kunau stand mit einem Haufen seiner
Dorfnachbarn vor dem Schlosstor. Der ganze Zug wurde jetzt geordnet und der Reihe
nach hereingelassen, die Pferde abgeschirrt, die Wagen entladen. Die Frauen und
Kinder führte Anton in zwei Stuben des Unterstocks, welche zwar finster, aber
immer noch behaglicher waren, als die Alarmhäuser oder das regendurchweichte
Feld. Die grösste Mühe machte das Unterbringen der Pferde; eng aneinandergedrängt
stand ein Dutzend Tiere unter einem offenen Schuppen, notdürftig geschützt vor
dem Regen und vor anschlagenden Kugeln. In die Mitte des Hofraums wurde der
Wasserbottich gestellt und die Kartoffelwagen an das Pfahlwerk geschoben, um den
Schützen im Notfall einen Stand zu geben. Darauf wurden die wehrhaften Männer
durch den Schmied gesammelt, ausser dem Wiesenbauer und vier Knechten waren es
noch fünfzehn deutsche Kolonisten, die meisten bewaffnet. Wuchtig tönte ihr
Tritt in dem langen Gange des Schlosses; sie zogen in die Vorhalle und stellten
sich an der Seite der Arbeiter auf. Dort war die streitbare Macht der Festung
versammelt, Fink ging in seinem Jagdrock vor seiner Arbeiterkompagnie ruhig auf
und ab. Anton trat an ihn heran und meldete, was bis jetzt geschehen war.
    »Du bringst uns Männer«, erwiderte Fink, »das ist in der Ordnung, aber auch
einen ganzen Klan Weiber und Kinder, das Schloss ist voll, wie ein Bienenkorb,
über sechzig Mäuler und fast ein Dutzend Pferde, wir werden trotz deiner
Kartoffelwagen noch vor vierundzwanzig Stunden die Steine anbeissen müssen.«
    »Konnte ich sie draussen lassen?« frug Anton unwillig.
    »Sie wären im Walde ebenso sicher gewesen als hier«, sagte Fink die Achseln
zuckend. »Möglich«, erwiderte Anton, »aber die Leute im strömenden Regen nach
dem Walde zu jagen, ohne Nahrung und in der furchtbaren Angst einer Flucht ohne
Ziel, das wäre eine Grausamkeit gewesen, die ich nicht verantworten will. Und
meinst du, dass wir die Männer bekommen hätten ohne die Weiber und Kinder?«
    »Die Männer wenigstens können wir brauchen«, schloss Fink, sich zu den
Angekommenen wendend; »sorge du für Verproviantierung der Masse.« Fink gab den
Unbewaffneten Gewehre und teilte die Mannschaft in vier Sektionen, die eine für
den Hof, zwei für den Unter- und Oberstock und eine als Reserve in die
Wachstube. Dann liess er sich durch den Schmied von Kunau und einige andere
genauen Bericht über den Feind abstatten. Unterdes war Anton in das Souterrain
geeilt, dort übergab er dem Wiesenbauer die Aufsicht über die Vorräte und liess
durch den Diener des Freiherrn Holz und Wasser zusammentragen. Ein Sack
Kartoffeln und einer mit Mehl wurde in der Nähe des Herdes aufgestellt und der
grosse Kessel über das Feuer gesetzt. Im Herausgehen vertraute er der Köchin, dass
eine Milchkuh in den Stall gezogen war, wo das Pferd des Herrn von Fink
gestanden hatte, damit wenigstens die Herrschaft in diesen Tagen die Milch nicht
entbehre. Der alten Babette flogen vor Angst die Hände. »Ach, Herr Wohlfart, was
für ein schreckliches Unglück«, rief sie, »die Kugeln werden in meine Küche
fliegen.«
    »Behüte«, sagte Anton, »das Fenster liegt zu tief, es kann Sie keine
treffen, kochen Sie ruhig fort. Die Leute sind ausgehungert, ich werde Ihnen
zwei von den fremden Frauen zur Hilfe herunterschicken.«
    »Wer wird essen bei solcher Gefahr!« rief die Köchin.
    »Wir alle werden essen«, beruhigte Anton.
    »Befehlen Sie eine Suppe oder Kartoffelbrei?« frug Babette in ihrer
Verzweiflung und schwenkte mit dem Löffel fieberhaft hin und her.
    »Beides, Mütterchen.«
    Die Köchin hielt ihn zurück. »Aber Herr Wohlfart, es fehlt an Eiern für die
Herrschaft, auch nicht ein Ei ist im ganzen Hause. Gott erbarme, dass das Unglück
gerade heute kommen musste. Was wird der Herr Baron sagen, wenn er heut abend
kein geschlagenes Ei bekommt.«
    »Zum Teufel mit den Eiern«, rief Anton ungeduldig; »es wird heut nicht so
genau genommen.«
    Als er zurückkehrte, rief ihm Fink zu: »Die Posten sind aufgestellt, wir
können jetzt ruhig den Anzug erwarten. Ich gehe auf den Turm und nehme einige
Schützen mit. Wenn etwas vorfällt, bin ich dort zu treffen.«
    So wurde es leer in der Halle und wieder still im Hause. Die Wachen standen
schweigend und starrten auf den Saum des Waldes; in der Wachstube sass die
Mannschaft in leisem Gespräch, nur unten in den Kinderstuben hörte der Lärm
nicht auf; und ein emsiger Verkehr entstand zwischen der Küche und den besetzten
Räumen des Unterstocks. In unruhiger Erwartung schritt Anton auf und ab, von dem
Hause in den Hof und wieder in sein Zimmer, wo er die Papiere des Freiherrn
zusammenband, und durch die Gänge und Stuben, in denen die Bewaffneten standen.
So verstrich eine Viertelstunde nach der anderen, endlich trat Lenore aus dem
Zimmer der Mutter und rief: »Diese Ungewissheit ist unerträglich!«
    »Auch von dem Vorwerk kommt keine Nachricht«, erwiderte Anton finster; »aber
der Regen hört auf, und was heut noch geschehen soll, wird im Sonnenschein vor
sich gehen. Dort zerreissen die Wolken, der blaue Himmel scheint durch. Wie geht
es der Frau Baronin?«
    
    »Sie ist gefasst«, sagte Lenore, »gefasst auf alles.«
    Beide gingen schweigend im Vorsaal auf und ab. Endlich trat Lenore vor Anton
und rief mit leidenschaftlichem Ausdruck: »Wohlfart, es ist mir fürchterlich,
dass Sie um unsertwillen in diese Lage gekommen sind.« - »Ist diese Lage so
schrecklich?« frug Anton mit trübem Lächeln.
    »Für Ihr Gefühl vielleicht nicht«, sagte Lenore, »aber Sie opfern uns mehr,
als wir verdienen. Wir sind undankbar gegen Sie, Sie würden in andern
Verhältnissen glücklicher sein.« Sie stellte sich an das Fenster und weinte
bitterlich. Erschrocken trat Anton heran, sie zu beruhigen. »Wenn Sie die
lebhaften Äusserungen Ihres Herrn Vaters von vorhin meinen«, sagte er, »so ist
kein Grund, mich zu bedauern, Sie wissen, was wir über diesen Punkt bereits
früher gesprochen haben.«
    »Es ist nicht das allein«, rief Lenore weinend.
    Anton wusste, wie sie, dass es nicht das allein war, er fühlte, dass ein
Geständnis in den Worten lag. »Was es immer sein mag«, sprach er heiter, »wollen
Sie nicht auch mir die Freude gönnen, ein Abenteuer zu erleben? Freilich bin ich
ein ungeschickter Soldat, aber wie es scheint, wollen die Feinde mir auch nur
wenig Gelegenheit geben, ihnen Schaden zu tun.«
    »Niemand dankt Ihnen, was Sie für uns ertragen, niemand!« rief Lenore
wieder.
    »Niemand?« fragte Anton. »Habe ich nicht eine Freundin hier, welche nur zu
sehr geneigt ist, das zu überschätzen, was ich etwa tun kann? Lenore, Sie haben
mir erlaubt, Ihnen näherzutreten, als in gewöhnlichen Verhältnissen möglich
wird. Rechnen Sie für nichts, dass ich einige von den Rechten eines Bruders an
Sie gewonnen habe?«
    Lenore ergriff heftig seine Hand und drückte sie. »Auch ich bin in der
letzten Zeit anders gegen Sie gewesen, als ich hätte sein sollen. Ich bin sehr
unglücklich«, rief sie leidenschaftlich aus. »Keinem Menschen kann ich gestehen,
was in mir vorgeht, der Mutter nicht, auch Ihnen nicht. Alles Vertrauen habe ich
verloren und alle Fassung.« Sie presste ihr Tuch an die Augen.
    »Lenore!« rief ungeduldig der Vater aus seinem Zimmer.
    »Es ist jetzt keine Zeit zu Erklärungen«, sagte sie ruhiger, »wenn wir
diesen Tag überstanden haben, will ich mir Mühe geben, stärker zu sein, als
jetzt. Helfen Sie mir dabei, Wohlfart.«
    Lenore eilte nach dem Zimmer des Freiherrn, Anton blieb in trüben Gedanken
zurück. Unterdes fiel das helle Sonnenlicht auf den Hofraum des Schlosses, die
Männer gingen aus der Wachstube und stellten sich auf der Schwelle auf, auch die
Weiber drängten aus den finstern Räumen und mussten mit Ernst zurückgewiesen
werden. Nachdem der erste Schreck überstanden war, hatten die Leute wieder Mut
und allerlei Gedanken. »Wer weiss, ob sie das Schloss nicht vergessen haben«,
sagten die einen, »oder ob sie den Mut haben, uns anzugreifen«, die andern, und
ein kluger Schneider bewies durch geschicktes Zusammenflicken der verschiedenen
Nachrichten, alle polnischen Röcke seien längst bis hinter Rosmin gezogen. Aber
so eifrig auch jeder die Überzeugung aussprach, dass die Gefahr vorüber sei, so
hörten doch alle ängstlich auf den Tritt der Wachen im Hause und sahen immer
wieder nach dem Turm hinauf, ob nicht von dort ein Signal komme. Auch Anton fand
das Warten unleidlich, er stieg endlich auf den Turm. Dort war auf der Plattform
die befehlende Macht des Schlosses versammelt, der blinde Freiherr sass auf
seinem Sessel, hinter ihm lehnte die hohe Gestalt Lenorens, welche ihren
Sonnenschirm über die Augen des Vaters hielt; in den breiten Schiessscharten
sassen vier Büchsenschützen, oben auf dem Mauerwerk liess Fink die Beine in die
freie Luft hinaushängen und blies die blauen Wolken einer Zigarre in den Wind.
    »Nichts zu sehen?« frug Anton.
    »Nichts«, erwiderte Fink, »als ein betrunkener Haufe unserer Dorfleute,
welcher dort auf dem Wege nach Tarow abzieht.« Er wies auf eine dunkle Masse,
welche gerade im Walde verschwand. »Es ist gut, dass wir das Gesindel los sind.
Sie haben Furcht vor den grauen Jupen und ziehen vor, woanders zu plündern. Noch
ist jede Stunde Verzögerung ein Gewinn, wir haben eben berechnet, dass Hilfe im
besten Fall vor morgen mittag nicht zu erwarten ist. Für einen Besuch von vollen
vierundzwanzig Stunden sind die Herren hinterm Walde nicht interessant genug.
Ein vortrefflicher Punkt, Herr von Rotsattel, dieses Dach hier. Zu sehen ist
nicht viel, etwas Kiefernwald, Ihre Felder und Sand. Aber eine gloriose Höhe zur
Verteidigung. Dass es um das Schloss herum so kahl ist und kein Baum und kein
Strauch steht, ist von gefühlvollen Herzen als unangenehm beklagt worden. Ich
finde gerade das prachtvoll; mit Ausnahme der ersten Scheuer des Hofes, die
immerhin in gerader Linie gegen dreihundert Schritt von diesem Punkt entfernt
ist, gibt es für einen feindlichen Tirailleur keinen Versteck, der grösser wäre
als ein Maulwurfshügel. So weit eine Büchsenkugel reicht, beherrscht man hier
die Ebene souverän. Nur das Gebüsch dort ist im Wege, ich glaube, es ist eine
Anpflanzung von Fräulein Lenore.«
    »Ich bekenne mich schuldig«, sagte Lenore.
    »Wohlan«, entgegnete Fink nachlässig, »dann sollen Sie die Kurkosten
bezahlen, wenn wir getroffen werden. Ein halbes Dutzend Schützen findet Versteck
darin.«
    »Es ist Lenorens Lieblingsplatz«, sagte der Freiherr entschuldigend, »sie
hat dort eine Rasenbank, es ist die einzige Stelle, wo sie im Freien sitzen
kann.«
    »Ah«, sagte Fink, »das ist etwas anderes«; er sah sich nach Lenore um, sie
war von der Seite ihres Vaters verschwunden. Gleich darauf wurde das Hoftor
geöffnet, Lenore eilte, gefolgt von einigen Arbeitern, auf den Busch zu. Fink
rief verwundert herunter: »Was wollen Sie, Fräulein?« Lenore machte mit der Hand
die entschlossene Gebärde des Niederschlagens, sie selbst fasste ein
Fichtenstämmchen und hob es mit Anspannung aller Kräfte aus der Erde. Die Männer
folgten ihrem Beispiel. Nach wenig Augenblicken war die junge Pflanzung
ausgerissen. Dann nahm Lenore im Eifer selbst die Hacke und schlug auf die
Rasenbank, diese zu zerstören.
    Anton hatte die Bäume mit dem Fräulein gepflanzt, beide hatten sich lebhaft
über die gute Wirkung gefreut, die das Gebüsch hervorbrachte, täglich war
seitdem Lenore dort gewesen, jeder von den kleinen Stämmen war ihr ein
persönlicher Freund. Jetzt sah Anton schweigend der Vernichtung zu, zuletzt
konnte er sich nicht entalten, mit einiger Kälte zu sagen: »Die schwache
Pflanzung hätte uns wenig geschadet, du hast sicher eine unnütze Zerstörung
veranlasst.«
    »Ei«, erwiderte Fink, »Fräulein Lenore handelt wie ein vorsichtiger
Festungskommandant. Die erste Bravour solcher Talente ist immer, die Anlagen um
ihre Festung zu rasieren, und dieses Gebüsch kann an jedem Frühlingstage wieder
gesetzt werden. - Tragt das Holz weiter ab nach dem Wirtschaftshof«, rief er den
Männern zu, »werft auch die hölzerne Einfassung des Brunnens auseinander,
schafft die Bohlen nach dem Hof und verdeckt die Öffnung.«
    Als Lenore wieder hinter den Stuhl des Freiherrn trat, nickte er ihr zu wie
ein älterer Genosse dem jüngern, nahm sein Fernrohr und untersuchte wieder den
Rand des Waldes.
    So blieb die Gesellschaft wohl eine Stunde lang, niemand hatte Lust zu
sprechen, was Fink gelegentlich scherzte, fiel auf unfruchtbaren Boden. Anton
stieg hinunter, die Leute in Ordnung zu halten, aber es trieb ihn wieder auf die
Zinne, und wie die andern sah er unverwandt nach dem Waldwege. Endlich sagte
Fink nach längerm Stillschweigen, seine Zigarre wegwerfend: »Es wird Abend, wir
erweisen unsern Gästen zuviel Ehre, wenn wir dabei beharren, sie in solcher
stillen Andacht zu erwarten. Als die Nachricht von dem Anmarsch zu uns kam,
waren Wohlfart und ich hier im Hause nötig, und da Karl in der Ferne meinem
armen Pferde die Beine bricht, so hatten wir niemand, den wir als Patrouille zum
Rekognoszieren ausschicken konnten. Jetzt rächt sich diese Unterlassungssünde,
wir sitzen hier im Bau gefangen und die Leute ermüden, bevor der Feind kommt. Es
wird unvermeidlich, dass sich einer von uns mit ein paar Leuten auf die Gäule
wirft und weitere Nachricht über den Feind einholt. Diese Stille ist
unnatürlich, man sieht auf dem ganzen freien Felde keinen Menschen, keinen auf
all den Feldwegen; es scheint mir seltsam, dass seit zwei Stunden keine
Flüchtlinge mehr vom Walde herkommen, auch die Rauchwolke auf Neudorf zu ist
verschwunden.«
    Anton schickte sich schweigend an, den Turm zu verlassen. »Geh, mein Sohn«,
sagte Fink, »nimm dir die sichersten Leute mit, sieh nach, wie es im Dorfe
steht, und hüte dich vor dem Kiefernwald. Halt, noch einen Augenblick; ich will
den Wald noch einmal mit dem Fernrohr durchsuchen.« Er sah lange hin,
betrachtete jeden Baum und setzte das Rohr endlich ab. »Es ist nichts zu sehen«,
sagte er nachdenkend. »Trügen die Herren, die wir erwarten, etwas anderes in der
Hand als Bauernsensen, so müsste man annehmen, dass eine Teufelei im Werk wäre. So
aber ist alles Ungewissheit. Hüte dich vor dem Walde.«
    Anton verliess den Turm, rief den Techniker und zwei Knechte, liess das Pferd
des Barons und drei der schnellsten Ackerpferde losbinden und vom Schmied das
Tor öffnen. Die Reiter ritten zuerst auf den Wirtschaftshof. Alles war still und
im tiefsten Frieden. Die Hühner, welche Karl vor einigen Wochen gekauft hatte,
scharrten auf dem Mist, seine Tauben gurgelten auf dem Strohdach, ein kleiner
Hund, der mit dem Schmied aus Kunau gelaufen war, hatte sich unterdes selbst zum
Wächter des verlassenen Hofes gemacht und bellte die Reiter argwöhnisch an.
Geschlossen trabten sie durch das Dorf vor die Schenke, die Schenkstube war
leer, Anton rief nach dem Wirt. Nach einer Weile kam der Mann bleich an die Tür
gestürzt und schlug die Hände zusammen, als er Anton sah. »Gerechter Gott, Herr
Wohlfart, dass Sie noch hier sind; ich habe geglaubt, Sie wären längst mit der
Herrschaft geflüchtet nach Rosmin oder unter unsere Soldaten. Gott, ist das ein
Unglück! Der Bratzky ist hier in der Stube gewesen und hat die Leute aufgeredet
gegen die Herrschaft im Schloss und gegen die Deutschen. Er konnte sie aber
nicht dazu bringen, dass sie vor das Schloss rückten. So ist der grösste Teil der
Dorfleute auf Tarow zu den Polen gezogen; die zurückgeblieben sind, haben sich
versteckt; ich bin dabei, zu vergraben, was ich in der Eile wegschaffen kann.«
    »Wo stehen die Feinde jetzt?« fragte Anton.
    »Ich weiss es nicht«, rief der Schenkwirt, »aber ich weiss, dass es ist ein
grosses Heer, auch Ulanen dabei in Uniform.«
    »Wisst Ihr, ob der Wald sicher ist nach Neudorf zu?«
    »Wie kann er sicher sein, es ist in den letzten Stunden niemand von Neudorf
hergekommen. Wäre der Weg frei, so müsste jetzt das halbe Dorf hiersein, in
meiner Schenke oder bei Ihnen auf dem Schloss.«
    »Ihr habt recht. Wollt Ihr die Banden hier erwarten?« frug Anton, zum Abritt
bereit; »Ihr seid im Schloss sicherer.«
    »Wer weiss!« rief der Wirt. »Ich kann nicht fort, wenn ich gehe, wird mir
verwüstet der ganze Kretscham.«
    »Aber Eure Weiber?« fragte Anton, das Pferd anhaltend.
    »Ich muss Leute haben zur Hilfe«, klagte der verzweifelte Wirt. »Wenn sie
auch jung sind, sie müssen es durchmachen. Da ist die Rebekka, meiner Schwester
Kind, sie ist aus einer Familie, die gewöhnt ist an den Handel. Sie versteht das
Wesen mit den Bauern, sie weiss Geld zu kriegen, auch wenn einer ganz betrunken
ist. Rebekka«, rief er zurück, »der Herr Wohlfart lassen dich fragen, ob du
willst aufs Schloss, dass du sicher bist vor den wilden Männern.« Das volle
Gesicht Rebekkas, von rötlichem Haar eingefasst, tauchte aus dem Kellerloch des
Hauses hervor.
    »Was tu ich mit dem Schloss, Onkel?« rief sie entschlossen. »Was heisst wilde
Männer? Unsre Bauern sind die wildesten Männer in der ganzen Gegend, wenn ich
mit den fertig werde, werde ich auch fertig mit den andern. Die Muhme hat
verloren ihren Kopf, es muss doch ein Mensch dasein, der mit den Gästen hantiert.
Ich bedanke mich, gnädiger Herr, ich fürchte mich nicht; die Herren, welche sind
bei den Haufen, werden nicht leiden, dass mir einer etwas antut.«
    »Vorwärts, ihr Männer!« rief Anton. Sie trabten weiter durch das Dorf, alle
Türen waren geschlossen, aus den kleinen Fenstern sah hier und da ein Frauenkopf
verstört den Reitern nach. So kamen sie auf dem breiten Feldweg bis in die Nähe
des Waldes. »Wo der Weg in den Wald hineinläuft«, sagte der eine Knecht zu
Anton, »ist zur linken Hand junges Holz. Dort können viele hundert Mann im
Versteck liegen, und wir sehen sie nicht, sie werden uns wegputzen oder den Weg
nach dem Schloss abschneiden.«
    »Du hast recht«, sagte Anton, »wir reiten über das Feld bis an die hintere
Seite des jungen Schlages, dort stehn die Stämme einzeln, wir können hinein und
wieder zurück. Von dort suchen wir zu Fuss das junge Holz ab.« So lenkten sie von
der Strasse, ritten über das Brachfeld, und ihre Pferde betraten in Schussweite
von der Schonung den Wald. »Jetzt herunter von den Pferden«, sagte Anton zu den
Knechten. Anton und die Knechte gaben die Zügel dem Techniker, nahmen die
Gewehre in die Hand und schritten vorsichtig an das Buschwerk. »Schiesst hinein«,
befahl Anton, »und dann zurück zu den Pferden, so schnell Ihr laufen könnt.« Die
Schüsse rasselten in das junge Holz, einige Sekunden darauf antwortete ein
unregelmässiges Feuer aus mehrern Gewehren, ein lautes Geschrei folgte. Die
Kugeln pfiffen über den Kopf Antons, aber die Entfernung war nicht gering, und
im schnellen Lauf kamen die Männer unbeschädigt zu ihren Pferden. »Galopp, wir
wissen genug. Sie waren nicht so schlau, ruhig zu bleiben.« Flüchtig rasselte
die kleine Schar auf der Landstrasse dem Schloss zu, hinter ihnen klang der
laute Ruf ihrer Verfolger. Atemlos kamen die Reiter vor dem Schloss an, im Hofe
fand Anton alle alarmiert, Fink erwartete ihn am Eingange.
    »Du hattest recht«, rief ihm Anton entgegen, »sie lagen im Hinterhalt, gewiss
schon mehrere Stunden, vielleicht war ihnen zumeist daran gelegen, dich oder uns
beide auf dem Wege nach Neudorf zu fassen. Sie hätten dann das Schloss ohne Kampf
in die Hände bekommen.«
    »Wieviel mögen ihrer sein?« frug Fink.
    »Du sahest, wir hatten keine Zeit zum Zählen«, entgegnete Anton. »Sicher ist
ein Haufe vorgeschoben und die grössere Masse liegt weiter hinten im Walde.«
    »Wir haben sie aufgestört«, entgegnete Fink, »jetzt können wir ihren Besuch
erwarten. Es ist unserer Leute wegen besser jetzt vor Sonnenuntergang, als bei
Nacht.«
    »Sie kommen«, rief Lenorens Stimme vom Turme herunter.
    Die Freunde eilten auf die Plattform. Als Anton über die Zinne des Turmes
sah, neigte die Sonne zum Untergang. Der Himmel strahlte in blendender Goldfarbe
und verwandelte das Grün der Wälder in bräunliche Bronze. Aus dem Waldwege
trabte ein Trupp Reiter, etwa eine halbe Eskadron, in geordnetem Zuge auf das
Dorf zu, mehr als hundert Mann zu Fuss folgten, der erste Zug mit Gewehren, der
andere mit Sensen bewaffnet. Das schöne Abendlicht umstrahlte die Gestalten auf
dem Turm. Ein Käfer summte lustig um Antons Ohr, und oben in der Luft klang das
Abendlied der Lerche. Unterdes zog unten die Gefahr heran. Immer näher wand sie
sich auf dem gekrümmten Wege, eine dunkele langgestreckte Masse, unhörbar, nur
dem Auge erkenntlich. Vor dem Ohre summte unterdes der Käfer fort, und die
Lerche sang weiter in ihrem Freudenlied. Endlich verschwand der Zug hinter den
ersten Hütten des Dorfes. Es waren Augenblicke lautloser Stille, alle sahen
unverwandt auf die Stelle, wo der Feind wieder sichtbar werden musste; neben
Anton stand Lenore, sie umklammerte mit der Linken ein Gewehr und hielt die
Rechte in einer Jagdtasche, in der ihre Hand, ohne dass sie es wusste, die Kugeln
klappernd in Bewegung setzte. Als die Reiter in der Mitte des Dorfes sichtbar
wurden, griff Fink an seine Mütze und sagte feierlich: »Jetzt auf unsere Posten,
ihr Herren. Du, Anton, habe die Güte, den Freiherrn herunterzuführen.« Als
Anton, den Blinden stützend, die Stufen hinabstieg, wies er zurück auf Lenore,
welche unbeweglich auf den heranziehenden Feind hinstarrte. »Auch Sie, gnädiges
Fräulein, bitte ich, an Ihre Sicherheit zu denken«, fuhr Fink fort.
    »Ich bin am sichersten hier«, erwiderte Lenore trotzig und stiess mit dem
Kolben ihres Gewehrs auf den Stein. »Sie werden nicht verlangen, dass ich jetzt
den Kopf in das Sofa drücke, wo Sie im Begriffe sind, um das Leben zu spielen.«
    Fink sah voll Bewunderung in das schöne Antlitz und sagte: »Ich habe nichts
dagegen. Wenn Sie sich entschliessen können, auf diesem Sessel Platz zu nehmen,
so sind Sie hier so sicher, wie irgendwo im Schloss.«
    »Ich werde vorsichtig sein«, erwiderte Lenore mit einer abwehrenden Bewegung
der Hand.
    »Und ihr verbergt euch hinter der Mauer, meine Knaben«, sagte Fink, »hütet
euch, eine Schulter oder den Zipfel eurer Mütze zu zeigen; und feuert nicht
eher, als bis ich euch mit diesem Schreihals ein Zeichen gebe, ihr werdet den
Ton auch hier oben hören.« Er holte eine breite Pfeife von fremdartigem Aussehen
hervor. »Auf Wiedersehen«, sagte er, Lenoren mit strahlendem Blick betrachtend.
»Auf Wiedersehen«, antwortete Lenore ihren Arm aufhebend und sah dem
Herabsteigenden nach, bis die Tür hinter ihm zufiel.
    In der Vorderhalle fand Fink den Freiherrn. Der arme Herr war durch die
Spannung des langen Tages und durch das Gefühl seiner Unbrauchbarkeit, da wo er
tätig zu sein für ein Vorrecht seines Standes hielt, in einen Wirbelwind von
schmerzlichen Empfindungen versetzt. In frühern Jahren hätte er jede persönliche
Gefahr mit der besten Haltung durchgemacht. Wie sehr seine Kraft gebrochen war,
zeigte sich jetzt, wo es ihm nicht gelang, seine Fassung zu bewahren. Seine
Hände griffen unruhig umher, als suchten sie eine Waffe, und ein schmerzliches
Stöhnen drang aus tiefer Brust herauf. »Mein gütiger Gastfreund«, redete Fink
ihn an, »da Ihre Unpässlichkeit Ihnen noch unbequem machen muss, mit den Fremden
zu verhandeln, so bitte ich Sie um Erlaubnis, dies in Ihrem Namen zu tun.«
    »Sie haben Vollmacht, lieber Fink«, erwiderte der Freiherr mit heiserer
Stimme; »in der Tat ist das Befinden meiner Augen nicht so, dass ich hoffen kann,
etwas zu nützen. Ein jämmerlicher Krüppel!« rief er laut und bedeckte das
Gesicht mit seinen Händen. Fink wandte sich achselzuckend ab, öffnete einen
Schieber in der eichenen Bohlentür, welche bestimmt war, auf die noch nicht
aufgeschüttete Rampe zu führen, und sah hinaus.
    »Erlauben Sie mir«, bat Anton den Freiherrn, »Sie an einen Platz zu führen,
wo Sie den Kugeln nicht unnötig ausgesetzt sind.«
    »Bekümmern Sie sich nicht um mich, junger Mann«, sagte der Freiherr; »es ist
heut an mir weniger gelegen, als an dem ärmsten Tagelöhner, der um meinetwillen
ein Gewehr in die Hand nimmt.«
    »Hast du mir noch etwas aufzutragen?« sagte Anton zu Fink, sein Gewehr
ergreifend.
    »Nichts«, erwiderte dieser lächelnd, »als dass du deine Vorsicht nicht
vergisst, wenn du selbst ins Handgemenge kommst. Gute Geschäfte.« Er streckte ihm
die Hand hin, Anton ergriff sie und eilte in den Hof.
    »Jetzt begutachten die Feinde Ihre Wirtschaft«, sagte Fink zu dem Freiherrn;
»in wenig Augenblicken werden wir die Herren hier haben. Da kommen sie, Reiter
und Fussvolk. Sie machen halt an der Scheuer, ein Reitertrupp avanciert, es ist
der Stab, hübsche Jungen darunter, ein paar elegante Pferde, sie reiten ausser
Schussweite um das Schloss. Sie sind vorsichtiger, als ich erwartete. Sie suchen
einen Eingang, wir werden sogleich den Hammer am Hintertor hören.«
    Alles blieb still. »Merkwürdig«, sagte Fink. »Es scheint mir Kriegsgebrauch,
die Besatzung vor dem Angriff zur Übergabe aufzufordern, dort aber kommen die
Offiziere um das Schloss herum in Karriere zu ihrem Fussvolk zurück. Hat ihnen
Wohlfart solchen Schrecken eingejagt, dass sie ventre à terre geflohen sind?«
    Das Dröhnen der Pferdehufe und der dumpfe Tritt des Fussvolks wurde gehört.
    »Wetter«, sagte Fink, »das ganze Korps marschiert wie zur Parade auf unserer
Seite des Schlosses auf; wenn sie von dieser Seite Ihre Festung erstürmen
wollen, so müssen sie merkwürdige Begriffe von Berennung eines festen Platzes
haben. Sie machen Front gegen uns, fünfhundert Schritt Distanz. Das Fussvolk zwei
Mann hoch in der Mitte, die Reiter an den Flügeln. Ganz römische
Schlachtordnung, der reine Julius Cäsar. Seht, sie haben einen Tambour, der Kerl
tritt vor, das Geklapper, welches Sie hören, ist ein Trommelwirbel. - Ah! der
Anführer reitet vor die Front. Er kommt heran und hält gerade vor dieser Tür.
Die Artigkeit erfordert, dass wir nach dem Begehr dieses Herrn fragen.« Fink
fasste den schweren Riegel der Tür und schob ihn zurück, die Türe flog auf, Fink
trat auf die Schwelle, den Eingang deckend, die Doppelflinte nachlässig in der
Hand. Als der Reiter die schlanke Gestalt im waidgerechten Kostüm so ruhig vor
sich stehen sah, parierte er sein Pferd und griff an den Hut, Fink dankte durch
eine leichte Neigung des Kopfes.
    »Ich wünsche den Besitzer dieses Gutes zu sprechen«, rief der Reiter hinauf.
    »Nehmen Sie unterdes mit mir vorlieb«, antwortete Fink, »ich stehe an seiner
Stelle hier.«
    »So sagen Sie dem Gutsherrn, dass wir einen Befehl der Regierung in seinem
Hause zu erfüllen haben«, rief der Reiter.
    »Möge Ihre Ritterlichkeit mir die Frage erlauben, welche Regierung so
leichtsinnig war, Ihnen einen Befehl für den Freiherrn von Rotsattel zu
übergeben. Wie ich höre, sind hierzulande die Ansichten über Regierung in
Unordnung gekommen.«
    »Das polnische Zentral-Komitee ist Ihre wie meine vorgesetzte Behörde«, rief
der Reiter.
    »Es ist sehr artig von Ihnen, dass Sie einem Zentral-Komitee die Disposition
über Ihren Hals einräumen; Sie werden uns erlauben, in diesem Punkte der
entgegengesetzten Ansicht zu sein.«
    »Sie sehen, dass wir die Mittel haben, Gehorsam für die Befehle des
Gouvernements zu erzwingen, und ich rate Ihnen, uns nicht durch
Widersetzlichkeit zur Anwendung von Gewalt zu zwingen.«
    »Ich danke Ihnen für diesen Rat, und würde Ihnen noch mehr verbunden sein,
wenn Sie in Ihrem Diensteifer nicht vergessen wollen, dass der Grund, auf dem Sie
stehen, kein öffentlicher Marstall, sondern Privateigentum ist, und dass fremde
Pferdehufe ihre Sprünge darauf nur mit Bewilligung des Gutsherrn machen dürfen.
Soviel ich weiss, haben Sie diese nicht eingeholt.«
    
    »Genug der Worte, mein Herr«, rief der Reiter ungeduldig; »wenn Sie in der
Tat das Recht haben, den Besitzer dieses Gutes zu vertreten, so fordere ich Sie
auf, den Zugang zu diesem Schloss ohne Verzug zu öffnen und Ihre Waffen
auszuliefern.«
    »Ach, mein geehrter Herr«, erwiderte Fink, »eine solche Forderung, selbst
wenn sie von einem Zentral-Komitee ausgeht, muss von ruhigen Leuten für sehr
unverschämt gehalten werden.«
    »Sie verweigern also den Gehorsam?«
    »Leider«, erwiderte Fink, »bin ich in der unbequemen Lage, Ihren Wunsch
nicht zu gewähren. Ich füge noch die Bitte hinzu, dass Sie, nebst den Herren in
zerrissenen Stiefeln, welche dort hinten stehen, so schnell als möglich diesen
Ort verlassen. Meine jungen Leute sind gerade im Begriff, zu untersuchen, ob sie
die Maulwürfe unter ihren Füssen treffen können. Es würde uns leid tun, wenn wir
dabei die nackten Zehen Ihrer Begleiter beschädigen sollten. - Gehen Sie, mein
Herr!« rief er, plötzlich seinen nachlässigen Ton verändernd, mit einem so
kräftigen Ausdruck von Zorn und Verachtung, dass das Pferd des Reiters bäumte und
der Mann nach der Pistole im Halfter griff.
    Während dieser Unterredung hatten sich die Reiter und einzelne Haufen des
Fussvolkes näher herangezogen, um die Worte des Gesprächs aufzufangen. Mehr als
einmal senkte sich ein Flintenlauf, er wurde aber jedesmal durch einzelne
Reiter, welche ihr Pferd vor die Reihe der Bewaffneten drängten,
zurückgeschlagen. Bei den letzten Worten Finks legte eine wüste Gestalt in einer
alten Friesjacke die Waffe an, ein Schuss knallte, die Kugel fuhr neben Finks
Wange in die Bohlen der Tür. In demselben Augenblick erscholl in der Höhe ein
unterdrückter Schrei, an der Zinne des Turmes flammte es hell auf, der
vorschnelle Gesell stürzte getroffen auf den Boden. Der Parlamentär warf sein
Pferd herum, die Angreifer fuhren zurück, und Fink verschloss die Tür. Als er
sich umwandte, stand Lenore auf dem ersten Absatz der Treppe, das abgeschossene
Gewehr in der Hand, die grossen Augen verstört auf Fink geheftet. »Sind Sie
verwundet?« rief sie ausser sich.
    »Durchaus nicht, mein treuer Kamerad«, rief Fink. Lenore warf das Gewehr weg
und sank zu den Füssen ihres Vaters nieder, ihr Gesicht auf seinem Knie
verbergend. Der Vater beugte sich über sie, fasste ihr Haupt mit den Händen, und
die nervöse Erschütterung der letzten Stunden verursachte, dass ein
konvulsivisches Schluchzen über ihn kam. Die Tochter umschloss leidenschaftlich
die bebende Gestalt des Vaters und hielt ihn lautlos in ihren Armen. So hielten
sie einander umschlungen, ein gebrochenes Leben und ein anderes, in welchem die
Glut des Lebens zu hellen Flammen aufschlug. Fink sah zum Fenster hinaus, die
Feinde hatten sich zurückgezogen, die Führer ritten ausser Schussweite zusammen,
wie es schien, zur Beratung. Schnell trat er zu Lenore, und die Hand auf ihren
Arm legend, sagte er: »Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein, dass Sie so
entschlossen die Strafe an dem Elenden vollzogen. Jetzt bitte ich Sie, mit Ihrem
Herrn Vater diese Stelle zu verlassen. Wir werden uns besser halten, wenn nicht
die Sorge um Sie unser Auge vom Feinde abzieht.« Lenore schreckte bei seiner
Berührung zusammen, und eine heisse Röte stieg ihr auf Wangen und Stirn.
    »Wir werden gehen«, antwortete sie mit niedergeschlagenen Augen, »komm, mein
Vater.« Sie führte den Freiherrn, der ihr widerstandslos folgte, die Treppe
hinauf in das Zimmer der Mutter. Dort rang sie mit Heldenkraft nach Fassung, sie
setzte sich an das Lager der Kranken und erschien den Abend nicht wieder in
Finks Nähe.
    »Jetzt sind wir unter uns«, rief Fink den Wachen zu, »jetzt kurze Distanz
und ruhiges Zielen. Wenn sie an diesen Steinhaufen stürmen, so sollen sie sich
nichts als blutige Köpfe holen.«
    So stand er mit seinen Genossen und sah mit scharfem Auge auf die Reihen der
Gegner. Dort war grosse Rührigkeit, einzelne Abteilungen zogen nach dem Dorf, die
Reiter ritten auf der Strasse hin und her, es war etwas im Werke. Endlich
schleppte ein Trupp dicke Bretter und eine Reihe leerer Wagen herbei. Die obern
Teile derselben wurden heruntergehoben und die Untergestelle in einer Reihe
aufgefahren, die Deichseln vom Schloss ab, die Hinterräder dem Schloss zugekehrt;
dann wurden Bretter auf dem Boden übereinander genagelt und Schirmdächer
gemacht, welche, durch Stangen schräge an dem Hinterteil der Wagen befestigt,
einige Fuss über das Wagengestell vorragten und fünf bis sechs Männern
erträglichen Schutz gaben.
    »Bittet Herrn Wohlfart, sich hierher zu bemühen«, rief Fink einem der
Schützen zu.
    »Hier wurde geschossen«, frug Anton in die Halle tretend, »ist jemand
verwundet?«
    »Diese dicke Tür, und einer von dem Gesindel dort«, entgegnete Fink. »Sie
gaben vom Turme ohne Befehl Antwort auf den ersten Schuss der Feinde.«
    »Im Hofe ist kein Feind zu sehen. Vorhin kam ein Trupp Reiter an das Tor,
einer wagte sich bis dicht an die Planken und versuchte durchzusehen. Als ich
mich aber über den Zaun erhob, stob er wie entsetzt davon.«
    »Sieh dortin«, sagte Fink, »sie machen sich ein Familienvergnügen, kleine
Barrikaden. Solange dies Abendlicht uns zu sehen verstattet, ist die Gefahr
nicht gross. Aber in der Nacht können sie mit diesen Räderdächern nahe genug
heran.«
    »Der Himmel bleibt klar«, sagte Anton, »es wird eine helle Sternnacht.«
    »Wenn ich nur wüsste«, sagte Fink, »weshalb sie die Tollheit haben, gerade
die stärkste Seite unserer Festung anzugreifen. Es ist nicht anders, dein
friedliches Gesicht hat auf sie gewirkt, wie das Haupt der Gorgo. Du wirst von
jetzt ab als Scheuche verschrieben werden in allen Slawenkriegen.«
    Es war dunkel geworden, als das Hämmern an den Wagen aufhörte. Ein Kommando
wurde gehört, die Befehlshaber riefen einzelne Leute bei Namen an die Deichseln,
sechs bewegliche Dächer fuhren mit grosser Schnelligkeit etwa dreissig Schritt von
der Vorderseite des Schlosses auf.
    »Jetzt gilt's«, rief Fink. »Bleibe hier und wahre den Unterstock.« Fink
sprang die Treppe hinauf, die lange Reihe der Vorderzimmer war geöffnet, man
konnte von einem Ende des Hauses zum anderen sehn. »Hütet Eure Köpfe«, rief er
den Wachen zu. Gleich darauf fuhr eine unregelmässige Salve nach den Fenstern des
Oberstocks, der bleierne Hagel rasselte durch die Glasscheiben, klirrend flogen
die Splitter auf die Dielen. Fink ergriff seine Pfeife, ein gellender Ton drang
mit langen Schwingungen durch das ganze Haus, oben vom Turm und aus beiden
Stockwerken antworteten die Salven der Belagerten. Und jetzt folgten von beiden
Seiten unregelmässig die knatternden Schüsse. Die Belagerten waren im Vorteil,
ihr Schutz war besser und die Dunkelheit in den Zimmern grösser, als im Freien.
In den kurzen Pausen hörte man Finks laute Stimme: »Ruhig, Ihr Männer, deckt
Euch!« Er war überall, sein leichter Tritt, der helle Klang seines Zurufs,
zuweilen ein wildes Scherzwort, ermutigten jeden Schützen des Hauses. Sie
erfüllten mit Entzücken und Schauer auch die Seele Lenorens, welche das
Fürchterliche ihrer Lage kaum empfand und bei den krampfhaften Bewegungen des
Vaters und dem leisen Stöhnen der Mutter nicht verzweifelte, denn wie ein Gruss
des Heils tönten die Worte des geliebten Mannes in ihr Ohr.
    Wohl eine Stunde dauerte der Kampf um die Mauern des Hauses. Finster lag der
riesige Bau in dem matten Licht der Sterne, kein Licht, keine Gestalt war von
aussen zu erblicken, nur der Feuerstrahl, welcher zuweilen aus einer Ecke der
Fensteröffnungen herunterfuhr, verkündigte den draussen, dass tödliches Leben im
Schloss war. Wer durch die Zimmerreihe schritt, der konnte hier und da eine
dunkle Gestalt hinter dem Schatten eines Pfeilers erkennen, er sah vielleicht
das Auge in Spannung glänzen und das Haupt sich vorbeugen, um eine Blösse des
Feindes zu erspähen. Wohl keiner der Männer, welche jetzt Kriegsdienste taten,
war an blutige Arbeit gewöhnt, vom Pfluge, von der Werkstatt, aus jeder Art von
friedlicher Tätigkeit waren sie hier zusammengekommen, und ängstliche Spannung,
fieberhafte Erwartung war den ganzen Tag über auch im Gesicht der Stärksten
sichtbar gewesen.
    Jetzt sah Anton mit einem düstern Behagen, wie ruhig er selbst und wie mutig
die Leute waren. Sie waren in Tätigkeit, sie arbeiteten; noch bei dem tödlichen
Werke der Zerstörung war die Kraft zu erkennen, die jedes emsige Tun dem
Menschen gibt. Nach den ersten Schüssen luden die auf der Vorderseite so
besonnen, als übten sie ihr gewöhnliches Tagewerk. Das Gesicht des Knechtes sah
nicht sorgenvoller aus, als wenn er zwischen seinen Ochsen hindurch auf die
Ackerfurche hinsah, und der gewandte Schneider fasste Rohr und Kolben seiner
Waffe mit derselben Gleichgültigkeit, wie das Holz seines Bügeleisens. Nur die
Wachen im Hof waren unruhig, aber nicht aus Furcht, sondern weil sie missvergnügt
waren über die eigene Untätigkeit. Zuweilen versuchte ein kecker Gesell sich
hinter Antons Rücken in das Haus zu stehlen, um auf der Vorderseite seinen Schuss
abzufeuern, und Anton musste den Techniker an die Hoftür postieren, um das mutige
Entweichen zu hindern.
    »Nur einmal, Herr Wohlfart, lassen Sie mich auf das Volk schiessen«, bat ein
junger Bursch aus Neudorf flehentlich.
    »Warte«, erwiderte Anton im Laden, »auch Ihr werdet darankommen, in einer
Stunde löst Ihr die auf der Vorderseite ab.«
    Unterdes stiegen die Sterne herauf, immer höher, auf beiden Seiten wurden
die Schüsse spärlich, wie eine Ermüdung kam es über beide Teile.
    »Unsre Leute haben die bessere Kraft«, sagte Anton zu dem Freunde, »die im
Hofe sind nicht mehr zu halten.«
    »Das Ganze ist nicht viel mehr, als blindes Schiessen«, erwiderte Fink, »sie
versuchen zwar ehrlich zu zielen, aber es ist doch zumeist Zufall, wenn eine
Kugel Unglück anrichtet. Ausser einigen leichten Verwundungen ist uns kein Schade
geschehn, und ich glaube, die dort unten haben das Vergnügen auch nicht viel
teurer bezahlt.« Man vernahm das Rollen der Räder. »Horch, sie fahren ihre
Streitwagen zurück.« Das Feuern hörte auf, auf der ganzen Linie verschwanden die
dunklen Massen in der Nacht. »Lass ablösen«, fuhr Fink fort, »und wenn du hast,
gib ihnen etwas zu trinken, denn sie haben sich als brave Männer gezeigt. Dann
erwarten wir ruhig die Fortsetzung des Werks.«
    Anton liess eilig einige Stärkungen unter die Mannschaft verteilen und
durchschritt das ganze Haus, die Mannschaft ablösend und die Räume vom Boden bis
zum Keller untersuchend. Als er an die Frauenstuben im Unterstock kam, hörte er
schon von weitem ein klägliches Chaos von Stimmen. Als er eintrat, fand er die
kahlen Wände durch eine kleine Küchenlampe notdürftig erhellt, der Boden war mit
Stroh bedeckt, und auf der Streu kauerten und lagen in kleinen Häufchen die
Frauen und Kinder neben ihren Sachen. Die Frauen drückten ihre Angst durch jede
Art von leidenschaftlichen Bewegungen aus, manche hoben unaufhörlich die Hände
in die Höhe und riefen die Hilfe des Himmels an, ohne etwas anderes zu
empfinden, als unendliche Angst, andere starrten verzweifelt vor sich hin, ganz
betäubt durch die Schrecken der Nacht; den behaglichsten Eindruck machten noch
die Kinder, welche mit ganzer Seele heulten und sich um nichts weiter kümmerten.
In diesem Jammer lagen drei kleine Kinder, mit den Köpfen auf ein Bündel Betten
gelehnt und schliefen, die Händchen geballt, so ruhig, wie in ihrer Bettstelle
zu Haus, und eine junge Frau sass in der Ecke, wiegte ihr schlummerndes Kind in
den Armen und schien alles übrige zu vergessen. Endlich trat sie, immer auf ihr
Kind sehend, leise zu Anton heran und frug, wie es ihrem Mann gehe.
    Unterdes zündeten die Feinde draussen grosse Feuer an, ein Teil der
Bewaffneten sass an den Flammen, man sah, dass sie Töpfe an das Feuer trugen und
ihre Abendkost kochten. Auch in dem Dorfe ging es laut her, man hörte dort
schreien und kommandieren, und von der Höhe sah man überall Lichter und ein
starkes Hin- und Herlaufen auf der Dorfstrasse. »Das sieht nicht aus, wie Ruhe«,
sagte Anton.
    In dem Augenblick pochte laut der Hammer am Hintertor; die Freunde sahen
einander an und sprangen schnell in den Hof. »Rotsattel und Rebhühner«,
murmelte eine Stimme, die Losung improvisierend. »Der Förster!« rief Anton. Er
schob die Verrammelung zurück und liess den Alten ein. »Schliessen Sie zu«, sagte
der Förster, »sie sind mir auf der Spur. Guten Abend allerseits, ich komme
fragen, ob Sie mich brauchen können?« - »Schnell ins Haus«, rief Anton, »dort
erzählen Sie.«
    »Im Wald ist alles still, wie in einer Kirche«, sagte der Förster.
    »Auf der Waldwiese am Erlenbruch liegt das Vieh, auch der Schäfer ist mit
seinen Kreaturen dort. Der Vogt hält die Wache. Ich habe mich in der Finsternis
als Schleichpatrouille in das Dorf gedrückt und komme Sie warnen. Da es mit dem
Schiessen nicht geglückt ist, wollen's die Schufte mit Feuer versuchen. Sie haben
den Teer und die Wagenschmiere aus dem ganzen Dorf zusammengesucht, die
Kienspäne der Bauerweiber aus den Höfen geholt, und wo sie eine Öllampe fanden,
haben sie diese über Reisigbündel ausgegossen.«
    »Sie wollen das Hoftor in Brand stecken?« frug Fink.
    Der Förster verzog sein Gesicht. »Das Hoftor ist es nicht, vor dem haben sie
eine Höllenfurcht. Weil Sie doch Artilleriewagen und eine Haubitze im Hofraum
haben.« - »Artillerie?« riefen die Freunde erstaunt. »Ja«, nickte der Förster;
»sie haben durch die Schiesslöcher des Zauns blaue Wagen gesehn und eine
Lafette.«
    »Karls neue Kartoffelwagen und die Bespannung«, rief Anton, »und die
Feuertonne.«
    »Diese wird wohl die Haubitze sein«, erwiderte der Förster. »Auf meinem Wege
hierher guckte ich von hinten in den Hof der Schenke und lauerte, ob ich einen
Bekannten erwischen könnte. Da kam die Rebekka mit Wassereimern in den Hof
gelaufen, ich pfiff leise und rief sie hinter den Stall. Seid Ihr auch da, alter
Schwede? sagte das tolle Ding, nehmt Euch nur in acht, dass sie Euch nicht eins
an den Kopf brennen; ich habe keine Zeit, mich mit Euch abzugeben, ich muss die
Herren bedienen, sie wollen Kaffee trinken. Warum nicht gar Champagner, sagte
ich. Sie sind wohl recht artig, die Herren, du hübsches Schicksel, sagte ich,
denn mit Floretten gewinnt man die Weiber. Ihr seid selber ein hässlicher
Schekez, sagte das Mädchen und lachte mich an, macht, dass Ihr fortkommt. Sie
werden dir doch nichts tun, kleine Rebekka, sagte ich wieder und kniff sie ein
wenig in die Backen. Das geht Euch nichts an, Ihr Hexenmeister, sagte wieder der
kleine Molch, wenn ich schreie, kommt mir die ganze Stube zu Hilfe. Ich will
nichts mit Euch zu tun haben. Sei nicht so widerspenstig, mein Kind, sagte ich,
sei ein gutes Mädel, fülle mir die Flasche hier und bringe sie mir heraus. Man
muss in schlechten Zeiten etwas für seine Freunde tun. Darauf riss mir das Ding
die Flasche aus der Hand und sagte: Wartet, aber haltet Euch still, und rannte
mit ihren Eimern zurück. Nach einer Weile kam sie wieder und brachte mir die
Buddel ganz gefüllt, Kümmel und Korn, es ist ein gutmütiges Geschöpf. Und als
sie mir die Flasche gab, rief sie mir noch zu: Wenn Ihr zu den jungen Herren im
Schloss kommt, so sagt ihnen, dass die dadrin grosse Angst vor ihrer Artillerie
haben, sie haben uns ausgefragt, ob es wahr wäre, dass sie eine Kanone hätten.
Ich habe ihnen gesagt, ich wüsste wohl, dass so ein grosses Ding auf dem Gut sein
müsste. - So schlich ich mich wieder fort und kroch im Graben bei Kerlen mit
Sensen vorbei, die hinter unserm Hof auf Wache stehn. Als ich ihnen an die
hundert Schritt vor war, riss ich aus, sie sakermenterten hinter mir her. So
steht's.«
    »Das mit dem Feuer ist ein unbequemer Einfall«, sagte Fink, »wenn sie das
Handwerk verstehn, können sie uns ausräuchern, wie Dachse.«
    »Diese Schwelle ist von Stein und die dicke Tür ist hoch über dem Boden«,
sagte der Förster.
    »Ich fürchte nicht die Flammen, sondern den Rauch und die Helle«, entgegnete
Fink; »wenn sie unsre Fenster erleuchten, so werden die Leute noch schlechter
treffen. Unser Glück ist, dass die Herren auf englischen Sätteln, welche den
Feind anführen, bis jetzt schwerlich andre Festungen eingenommen haben, als
solche, die durch einen Unterrock verschanzt waren. Wir wollen alle Leute ins
Vorderhaus werfen und hinten nur die notwendigsten Wachen halten, und wollen
Rebekkas Lüge vertrauen.«
    Neue Patronen wurden ausgeteilt und eine neue Einteilung der Mannschaft
vorgenommen, in die Turmhallen des Unter- und Oberstocks und oben auf die
Plattform wurde mehr Mannschaft gestellt, unten kommandierte der Schmied, im
Oberstock Anton, der Förster blieb mit einem kleinen Trupp in Reserve. Und es
war Zeit, denn wieder hörte man in der Ferne ein lautes Gesumm, Kommandowörter,
den Tritt der Heranziehenden und das Rollen von Wagen.
    »Haltet die Kugel im Lauf«, rief Fink, »und schiesst nur auf das Volk, das
sich an die Tür herandrängt.«
    Die Wagen mit dem Bretterdach fuhren auf, wie vorher, ein polnisches
Kommando erklang und ein heftiges Feuer der Feinde begann, diesmal
ausschliesslich auf die verhängnisvolle Tür und die Fenster in der Nähe
gerichtet. Wie mächtige Schläge donnerten die Kugeln an die Tür und das
Mauerwerk, mehr als eine fand ihren Weg durch die Fensteröffnungen und schlug
über den Häuptern der Verteidiger an die Decke. Fink rief den Förster: »Sie
sollen etwas wagen, Alter, stellen Sie Ihre Leute am Hintertor auf, öffnen Sie
die Pforte, schleichen Sie dicht am Haus herum und fassen Sie die Gesellen
hinter den drei Wagen links, die sich zu nahe an das Haus gewagt haben, von der
Seite. Rücken Sie ihnen nah auf den Leib, Sie können die Mannschaft rasieren,
wenn Sie gut zielen. Die Wagen haben keine Deckung, ehe das Gesindel von hinten
herzuläuft, sind Sie wieder zurück. Seien Sie schnell und vorsichtig, ich gebe
Ihnen mit der Pfeife ein Zeichen, wenn Sie aus dem Schatten der Mauer
hervorbrechen sollen.«
    Der Förster nahm seine Leute zusammen und eilte in den Hof, Fink sprang in
den Oberstock zu Anton. Immer heftiger wurde das Feuer der Feinde. »Diesmal wird
es grimmiger Ernst«, sagte Anton. »Auch unsre Leute geraten in Hitze.« »Dort
kommt die Gefahr«, rief Fink und wies durch die Mauerluke auf eine hohe
unförmige Masse, welche sich langsam näher schob. Es war ein Erntewagen, breit
und zu mächtiger Höhe beladen, der von unsichtbarer Hand regiert gerade auf die
Mitte des Schlosses zufuhr. »Ein Brander! Oben glänzen die gelben Strohschütten.
Ihre Absicht ist klar, sie haben sich an die Deichsel gestemmt und stossen den
Wagen gegen die Tür. Jetzt gilt es zu zielen, keiner der Wichte, welche ihn
heranstossen, darf zurück.« Er flog die Treppe zum Turm hinauf und rief den
Leuten, die auf der Plattform postiert waren, zu: »Alles hängt jetzt von Euch
ab, sobald Ihr die Leute seht, welche den Wagen dort vorwärts schieben, gebt
Feuer; wo Ihr einen Schädel oder ein Bein erkennt, gebt Feuer. Wer an diesen
Wagen stösst, muss getötet werden.« Langsam kam der Wagen näher, Fink erhob den
Doppellauf seiner Büchse und presste den Kolben an die Wange. Zweimal zielte er
und zweimal setzte er unzufrieden wieder ab. Der Wagen war so hoch beladen, dass
es unmöglich wurde, die Gestalten, welche ihn fortschoben, zu erkennen. Es waren
Augenblicke ängstlicher Spannung von beiden Seiten, auch das Feuer der Feinde
hörte auf, alle Blicke hingen an dem friedlichen Wagen, der jetzt den
erbitterten Streit zum tödlichen Ende bringen sollte. Endlich wurde der Rücken
der Hintersten, welche an der Spitze der Deichsel drückten, sichtbar. Ein
Doppelblitz fuhr aus Finks Büchse, zwei gellende Schreie wurden gehört, der
Wagen bieb stehn, die Stossenden drängten sich dicht aneinander, man erkannte
zwei dunkle Schatten am Boden. Fink lud, um seine Lippen schwebte ein wildes
Lächeln. Ein wütendes Schiessen nach dem Turm war die Antwort der Feinde. Einer
der Leute auf dem Turm wurde in die Brust geschossen, sein Gewehr fiel über die
Mauer hinab und rasselte auf den Boden, der Mann stürzte zu Finks Füssen nieder.
Fink warf einen halben Blick auf den Gefallenen und schlug die zweite Kugel in
den Lauf. Da flogen einige Gestalten mit Windeseile aus der Dämmerung an den
Wagen heran, ein kräftiger Zuruf wurde gehört, und wieder setzte sich die
Maschine in Bewegung. »Brave Jungen«, murmelte Fink, »sie sind dem Tode
verfallen.« Es wurde mehr von den Körpern an der Deichsel sichtbar. Wieder legte
Fink an und dicht hintereinander flogen vom Turm die tödlichen Kugeln an die
Deichsel des Wagens. Wieder ein Wehruf, aber der Wagen bewegte sich vorwärts.
Nicht mehr dreissig Schritt war er von der Tür, es war die höchste Zeit. Da klang
der gellende Ton der Knochenpfeife langgezogen durch die Nacht, aus den Fenstern
des Oberstocks flog die feurige Salve, und von der linken Seite des Hauses erhob
sich ein lautes Geschrei. Der Förster brach vor, ein Haufe dunkler Schatten
stürzte gegen das Bretterdach, das der Hausecke zunächst stand, ein Augenblick
Handgemenge, einige Schüsse; erschreckt liefen die überfallenen Feinde von den
Dächern zurück in das freie Feld. Zum drittenmal traf der tödliche Doppelblitz
vom Turme die Deichsel des Erntewagens, von panischem Schreck ergriffen stürzten
auch aus seinem Schatten die Leute rückwärts nach der rettenden Finsternis.
Nicht zu ihrem Heil. Vom Turme und aus den Fenstern des Oberstocks trafen
verfolgende Kugeln die Schutzlosen. Die im Schloss erkannten, dass mehr als
einer zusammenbrach. Hinten erhob sich zorniges Geschrei, im Schnellschritt
rückte eine dunkle Linie vor, ihre Flüchtlinge aufzunehmen. Ein allgemeines
Feuer der Massen gegen das Haus begann. Dann zog sich der Feind mit derselben
Schnelligkeit zurück, mit der er vorgedrungen war, er zog die Gefallenen und die
Bretterwagen mit sich aus der Schusslinie. Nur der Brander, eine dunkle Masse,
stand noch einige Schritt von der Tür. Das Feuer hörte auf, auf den tödlichen
Kampf folgte eine unheimliche Stille.
    In der Halle des Oberstocks traf Anton mit Fink zusammen, gleich darauf kam
der Förster. Schweigend suchte jeder der Freunde in dem matten Dämmerlicht zu
erkennen, ob der andere unverletzt vor ihm stand. »Vortrefflich gemacht,
Förster«, rief Fink, »erbitten Sie Einlass beim Freiherrn und statten Sie Bericht
ab.«
    »Und bitten Sie Fräulein Lenore, Ihnen die Mittel zu einem Verband zu geben,
wir haben Verluste gehabt«, sagte Anton traurig und wies auf den Boden der
Halle, wo an die Wand gelehnt zwei Männer sassen und stöhnten.
    »Hier kommt noch ein dritter«, antwortete Fink, auf einen dunklen Körper
weisend, welcher langsam durch zwei Männer die Turmtreppe herabgetragen wurde.
»Ich fürchte, der Mann ist tot, er lag wie ein Stück Holz zu meinen Füssen.«
    »Wer ist es?« frug Anton schaudernd.
    »Borowski, der Schneider«, erwiderte halblaut einer der Träger.
    »Welch eine furchtbare Nacht!« rief Anton sich abwendend.
    »Daran dürfen wir jetzt nicht denken«, sagte Fink, »das Menschenleben ist
nur etwas wert, wenn man den Gleichmut hat, dasselbe bei passender Gelegenheit
zu quittieren. Die Hauptsache ist, dass wir uns diese Brandfackel vom Halse
gehalten haben; es ist nicht unmöglich, dass es den Schelmen noch gelingt, sie
anzustecken, sie wird da, wo sie steht, wenig Schaden tun.«
    In diesem Moment glänzte ein heller Schein durch die Schiesslöcher des
Turmes. Alles stürzte an die Fenster. Von dem abgewandten Teil des Wagens
flammte ein blendendes Licht auf, und mit einem plötzlichen Ruck krachte die
schwere Masse an die Mauer des Hauses. Ein einzelner Mann sprang von dem Wagen
zurück, ein Dutzend Gewehre flog im Nu gegen ihn in Anschlag.
    »Halt!« rief Fink mit durchdringender Stimme, »es ist zu spät, schont ihn,
er ist ein Braver, das Unglück ist geschehn.«
    »Merci, Monsieur, au revoir«, rief eine Stimme von unten, und der Mann
sprang unverletzt vom Hause weg in die Finsternis.
    Im Nu stand der Wagen in Brand, aus dem Stroh und Reisig, womit er auf der
Höhe beladen war, stiegen züngelnd die gelben Flammen, und durch die lodernde
Glut fuhren prasselnd weisse Feuergarben nach allen Richtungen auf. Das Haus war
von plötzlichem Lichte erhellt, der Qualm drang massenhaft durch die
zertrümmerten Fenster.
    »Das ist Pulver«, rief Fink. »Ruhig, ruhig, Ihr Männer. Wir halten die
Feinde ab, wenn sie wieder eindringen; du, Anton, sieh, ob du das Feuer
bewältigst.«
    »Wasser!« riefen die Leute, »dort brennt das Fensterkreuz.«
    Und draussen erklang neuer Kommandoruf, die Trommel wirbelte, und mit wildem
Siegesgeschrei rückte der Feind in einer Tirailleurkette an das Haus. Von neuem
begann das Feuer der Belagerer, um das Löschen des Brandes zu verhindern. Aus
dem Wasserbottich im Hofe wurde Wasser heraufgebracht und an die züngelnde
Flamme des Fensters gegossen; es war eine gefährliche Arbeit, denn die Front des
Hauses war erleuchtet, und auf jede Gestalt, welche sichtbar wurde, richteten
sich die Schüsse der Tirailleure, welche immer kecker andrängten. Ängstlich
sahen die Verteidiger nach der Flamme und erwiderten nur unsicher das Feuer der
Gegner. Auch die Wachen im Hof sahen mehr hinter sich als nach vorn, die
Unordnung wurde allgemein, der Augenblick der höchsten Gefahr war gekommen,
alles schien verloren.
    Vom Turme lief ein Mann herab: »Sie bringen kurze Leitern aus dem Dorf, man
sieht die Äxte in ihrer Hand.«
    »Sie wollen über den Bretterzaun, sie schlagen die Fenster im Unterstock
ein«, riefen die Männer erschrocken durcheinander. Der Förster stürzte nach dem
Hof, Fink riss einige Männer in seiner Nähe fort nach der Seite des Hauses, auf
welche ein Haufe mit Leitern heranzog. Alles schrie durcheinander, selbst Finks
drohender Zuruf drang nicht mehr in das Ohr der Leute.
    Da eilten einige Männer mit Stangen aus dem Hofe an die Tür der Vorhalle.
»Macht Platz!« rief eine stämmige Figur, »hier ist Schmiedearbeit.« Der Mann riss
die Riegel der Tür zurück, die Türöffnung war vollständig geschlossen durch den
brennenden Wagen. Mit der schweren Stange stiess der Schmied trotz Rauch und
Flammen aus Leibeskräften in das brennende Holz des Wagens. »Helft mir, ihr
Hasen«, schrie er im zornigen Eifer.
    »Er hat recht«, rief Anton, »heran, Ihr Männer!« Bretter und Deichselstangen
wurden herzugeschleppt, und in dem Qualm drangen die Männer unermüdlich vorwärts
und drückten und stachen in die glühende Masse. Mehr als einmal mussten sie
zurückweichen, aber immer wieder trieb der Schmied in das Feuer hinein. Endlich
gelang es dem Kunauer, als er nach oben stach, einzelne Garben von der Höhe
herunterzuwerfen. Man sah durch die lodernde Flamme am Oberteil der Tür den
dunklen Nachtimmel, ein Luftzug entstand, der Rauch wurde weniger erstickend.
»Jetzt haben wir die ganze Bescherung«, schrie er triumphierend, ein brennendes
Bund nach dem andern flog auf den Boden; dort brannten die einzelnen
Flammenhäufchen unschädlich nieder. Immer schneller wurde der Wagen entladen,
brennende Federbetten und Holzscheite fielen herab. Anton liess die Tür zur
Hälfte schliessen, weil jetzt die feindlichen Kugeln durch die Flammen des Wagens
schlugen, die Arbeiter mussten ihre Hebel von der Seite regieren. Die
Wagenleitern fielen verkohlt herunter, und mit einem frohen Ruf setzten die
Arbeiter ihre Stangen nebeneinander an das Wagengerüst und schoben die Trümmer
des Wagens einige Schritt vom Tore ab. Die Tür wurde schnell wieder geschlossen
und die Leute, schwarz wie Teufel, mit verbrannten Kleidern, wünschten einander
laut Glück.
    »Solche Nacht macht gute Freundschaft«, rief der Schmied vergnügt und
ergriff in der Freude seines Herzens Antons Hand, die nicht weniger geschwärzt
war, als die seine. - Unterdes schmetterten die Äxte der Belagerer an den
Verschlag mehrerer Fenster des Unterstocks, die abgelösten Bretter krachten und
Finks Stimme erscholl: »Schlagt sie mit dem Kolben herunter!« Anton und der
Schmied warfen sich an die Fenster, durch welche die Belagerer einzudringen
suchten. Auch dort war die gefährlichste Arbeit getan, als sie herzurannten.
Fink kam ihnen entgegen, die blutige Axt eines Insurgenten in der Hand, er
schleuderte die Axt von sich und rief dem Haufen Antons entgegen: »Schlagt neue
Bretter an die Fenster, ich hoffe, die Schlächterei ist zu Ende.«
    Noch einige Salven von draussen und einzelne Schüsse vom Turm, dann wurde es
wieder still im Schloss und auf der Ebene; noch schimmerten die Wände des Hauses
von rötlichem Licht, aber der Schein wurde matter und grauer. Draussen erhob sich
der Wind und trieb den Rauch, der aus den Fenstern wirbelte und aus den
verbrannten Trümmern vor der Tür aufstieg, die Mauern entlang in die Finsternis.
Die reine Nachtluft füllte wieder den Korridor und die Halle, und ruhig glänzte
das Sternlicht herunter auf die Gesichter der Verteidiger, auf tiefliegende
Augen und bleiche Wangen. Die Kräfte der Kämpfenden waren erschöpft, im Hause,
wie draussen auf dem Felde.
    »Welche Stunde der Nacht ist?« frug Fink und trat zu Anton, der durch die
Schiesslöcher der Halle die Bewegungen des Feindes beobachtete. »Mitternacht
vorüber«, erwiderte Anton. Sie stiegen zum Turme hinauf und sahen in der Runde
umher. Der Anger um das Schloss war leer. »Sie haben sich schlafen gelegt, die
Guten«, sagte Fink, »auch die Feuer dort unten verglühn, aus dem Dorf klingen
noch einzelne Stimmen herüber. Nur die Schatten dort zeigen an, dass wir umstellt
sind. Sie haben eine Postenkette in weitem Bogen rings um das Haus geführt, das
sind unsere Nachtwächter. Wir haben einige Stunden Friede vor uns. Und da wir
morgen bei Tageslicht schwerlich ausschlafen werden, müssen unsere Leute diese
Stunden benutzen. Lass nur die nötigsten Wachen stehn und die Posten in zwei
Stunden ablösen. Wenn du nichts dawider hast, geh auch ich zu Bett. Lass mich
wecken, sobald sich draussen etwas regt. Die Nachtposten wirst du sehr gut
besorgen, das weiss ich.« So wandte sich Fink ab und ging in sein Zimmer, wo er
sich auf das Bett warf und nach einigen Augenblicken ruhig einschlief. Anton
eilte in die Wachstube, verteilte mit dem Förster die Posten und bestimmte die
Reihenfolge der Ablösung. »Ich schlafe doch nicht«, sagte der Alte, »erstens in
meinen Jahren und dann als Jäger; ich will, wenn's Ihnen recht ist, die
Nachtwache anführen und überall zum Rechten sehen.«
    Noch einmal sah Anton in den Hof und die Ställe, auch hier war die Ruhe
eingekehrt, nur die Pferde schlugen unruhig mit den Hufen auf den harten Boden.
Leise öffnete Anton die Tür der Frauenstuben, dort in dem zweiten Zimmer hatte
man die Verwundeten niedergelegt. Als Anton eintrat, sass Lenore auf einem
Schemel neben dem Strohlager, zu ihren Füssen zwei der fremden Frauen. Er beugte
sich über das Lager der Verwundeten, die farblosen Gesichter und das verworrene
Haar der Armen stachen grell ab gegen die weissen Kissen, welche Lenore von ihrem
Bett gerafft hatte. »Wie steht's mit ihnen?« frug Anton leise. »Wir haben
versucht, die Wunden zu verbinden«, erwiderte Lenore, »der Förster sagt, dass
beide Hoffnung geben.«
    »Dann«, fuhr Anton fort, »überlassen Sie den Frauen die Pflege und benutzen
auch Sie die Stunden der Ruhe.«
    »Sprechen Sie mir nicht von Ruhe«, sprach Lenore aufstehend, »Sie sind in
dem Zimmer des Todes.« Sie fasste ihn bei der Hand und führte ihn in die andere
Ecke, dort zog sie an einem dunkeln Mantel und wies auf eine menschliche
Gestalt, die darunter lag.
    »Er ist tot!« sagte sie mit klangloser Stimme, »als ich ihn mit diesen
Händen aufrichtete, ist er gestorben. An meinem Kleide hängt sein Blut, und es
ist nicht das einzige, das heut vergossen worden. Ich bin es gewesen«, rief sie
mit wildem Ausdruck und drückte krampfhaft Antons Hand, »ich habe den Anfang
gemacht mit diesem Blutvergiessen. Wie ich den Fluch ertragen soll, weiss ich
nicht. Wie ich nach dem heutigen Tage leben werde, weiss ich nicht. Wenn ich noch
wohin gehöre in der Welt, so ist es in dieses Zimmer. Lassen Sie mich hier,
Wohlfart, und sorgen Sie nicht mehr um mich.«
    Sie wandte sich ab und setzte sich wieder auf den Schemel an das Strohlager.
Anton deckte den Mantel über den toten Mann und verliess schweigend das Zimmer.
    Er ging nach der Wachstube und ergriff sein Gewehr. »Ich gehe auf den Turm,
Förster«, sagte er.
    »Jeder hat seine eigene Art«, brummte der Alte. »Der andere ist klüger, er
schläft aus. Aber es wird frisch dort oben, ohne Mantel soll er nicht bleiben.«
Er schickte einen Mann mit einem Bauernmantel hinauf und befahl ihm, bei dem
Herrn oben zu bleiben. Anton liess den Mann zum Schlaf niedersetzen, und wickelte
sich in die warme Hülle. So sass er schweigend und stützte sein Haupt an die
Mauer, über welche sich Lenore gebeugt hatte, als sie hinunterschoss. Und seine
Gedanken flogen über die Ebene fort, aus der finstern Gegenwart in die unsichere
Zukunft. Er sah über den Kreis der feindlichen Wachen und über den dunkleren
Ring der Kiefernwälder, welche ihn hier gefangenhielten und ihn festbannten an
Verhältnisse, die ihm jetzt so fremd und abenteuerlich vorkamen, als läse er sie
ab aus einem Buch. Seine eigenen Schicksale betrachtete sein müder Blick
gleichmütig, wie ein fremdes; und ruhig konnte er hineinblicken in die Tiefen
seiner Seele, die ihm sonst das wogende Gefühl des Tages verbarg. Er sah sein
vergangenes Leben vor sich vorüberziehn, die Gestalt der Edeldame auf dem Balkon
ihres Schlosses, das schöne Mädchen auf dem Kahn unter ihren Schwänen, den
Kerzenglanz im Tanzsalon, die traurige Stunde, wo die Edelfrau ihren Schmuck in
seine Hände legte, alle Augenblicke, wo Lenorens Auge so liebevoll das seine
gesucht hatte, alle diese Zeiten sah er vor sich und deutlich erkannte er den
Zauber, den sie um ihn gelegt hatten, alles, was seine Phantasie gefesselt
hatte, sein Urteil bestochen, seinem Selbstgefühl geschmeichelt, das erschien
ihm jetzt als eine Täuschung.
    Ein Irrtum war's seiner kindischen Seele, den die Eitelkeit grossgezogen
hatte. Ach schon längst war der glänzende Schein zerronnen, der dem armen Sohn
des Kalkulators das Leben der Ritterfamilie stark, edel, begehrungswert gezeigt
hatte. Ein anderes Gefühl war an die Stelle getreten, ein reineres, eine
zärtliche Freundschaft zu der einzigen, die in dem Kreise sich stark erhalten
hatte, als die andern zerbrachen. Und jetzt löste auch sie sich von ihm. Er
fühlte, dass es so war und immer mehr geschehen musste. Er fühlte das jetzt ohne
Schmerz als etwas Natürliches, was nicht anders kommen konnte. Und er fühlte,
dass er selbst dadurch frei wurde von den Banden, welche ihn hier festielten. Er
erhob sein Haupt und sah über die Wälder hinüber in die Ferne. Er schalt sich
selbst, dass ihm dieser Verlust nicht mehr Schmerzen bereitete, und gleich
darauf, dass er einen Verlust fühlte. War im Grunde seiner Seele doch ein stilles
Begehren gewesen, hatte er das schöne Mädchen für seine Zukunft zu erwerben
gedacht, hatte er davon geträumt, in der Familie, für die er jetzt arbeitete,
heimisch zu werden für immer? Wenn er in einzelnen Stunden der Schwäche dies
Gefühl gehabt hatte, jetzt verurteilte er es. Er war nicht immer gut gewesen, er
hatte im stillen eigennützig auch an sich gedacht, wenn er Lenore ansah. Das war
unrecht gewesen, und ihm geschah sein Recht, dass er jetzt allein stand unter
Fremden, in Verhältnissen, die ihn wund drückten, weil sie nicht klar waren, in
einer Lage, aus der auch sein Entschluss ihn nicht lösen konnte, nicht jetzt, und
schwerlich in der nächsten Zukunft.
    Und doch fühlte er sich frei. »Ich werde meine Pflicht tun und nur für ihr
Glück sorgen«, sagte er laut. - Aber ihr Glück? Er dachte an Fink und an das
Wesen des Freundes, das ihm selbst immer wieder imponierte und ihn so oft
ärgerte. Würde er sie wieder lieben, und würde er sich fesseln lassen in diesen
Verhältnissen? »Arme Lenore!« seufzte er.
    So stand Anton, bis der helle Schein vom Nordrand des Horizontes herüber zog
auf Osten zu, und von dort ein fahles Grau am Himmel aufstieg, der
schauerbringende Vorbote der Morgensonne. Da sah Anton noch einmal auf die
Landschaft um sich herum, schon konnte er die Wachen der Landleute zählen, die
zu zweien das Schloss umstanden; hier und da blinkte ein Sensenspiess in hellem
Licht. Anton beugte sich nieder und weckte den Mann, der neben der Blutlache des
getöteten Kameraden eingeschlafen war, dann stieg er herunter in die Wachstube,
warf sich auf das Stroh, das ihm der Förster sorgsam auseinanderschüttelte, und
schlief ein, gerade, als die Lerche aus dem feuchten Boden aufflog, um durch
ihren fröhlichen Ruf die Sonne herbeizuholen.
 
                                       5
Nach einer Stunde weckte der Förster den Schlafenden. Anton fuhr auf und sah
verdutzt in die fremdartige Umgebung.
    »Es ist fast Sünde, Sie zu stören«, sagte der ehrliche Alte; »draussen ist
alles ruhig, nur die Reiterei der Feinde ist auf dem Wege nach Rosmin
abgezogen.«
    »Abgezogen?« rief Anton, »so sind wir frei.«
    »Bis auf das Fussvolk«, sagte der Förster, »es kommen immer noch zwei auf
einen von uns. Sie halten uns fest. - Und noch etwas habe ich zu sagen. In der
Tonne ist kein Wasser mehr. Die Hälfte haben unsere Leute ausgetrunken, das
übrige ist ins Feuer gegossen. Ich für meinen Teil mache mir nichts aus dem
Getränk, aber das Schloss ist voll Menschen, ohne einen Trunk werden sie
schwerlich den Tag aushalten.«
    Anton sprang auf. »Das war ein schlechter Morgengruss, mein Alter.«
    »Der Brunnen ist kassiert«, fuhr der Alte fort, »aber wenn wir jetzt eine
von den Frauen an den Bach schickten? Die Wachen würden den Weibern nicht viel
tun, vielleicht würden sie ihnen nicht wehren, einige Eimer Wasser zu holen.« -
»Einige Eimer«, sagte Anton, »die werden uns wenig nützen.«
    »Es ist doch etwas fürs Herz«, erwiderte der Alte, »man müsste es einteilen.
Wenn die Rebekka hier wäre, die schaffte uns Wasser. So müssen wir es mit einer
andern wagen. Die Sakermenter dort sind nicht schlecht gegen Frauenzimmer, wenn
nämlich diese Dreistigkeit haben. Wenn es Ihnen recht ist, will ich's mit einem
von unsern Bälgern versuchen.«
    Der Förster rief in die Küche hinunter: »Suska!« Das Polenkind sprang aus
dem Souterrain herauf.
    »Höre, Suska«, sagte der Förster bedächtig, »wenn der Herr Baron aufwacht,
wird er frisches Wasser verlangen; das Wasser im Schloss ist zu Ende, zum
Trinken haben wir Bier und Schnaps genug, aber welcher Christenmensch kann sich
in Bier die Hände waschen? Nimm schnell die Eimer und hole uns Wasser, lauf
hinunter zum Bach, du wirst schon mit den Nachbarn dort fertig werden. Schwatze
aber nicht lange mit ihnen, sonst kriegen wir ein Donnerwetter vom Herrn. - Und
hör, frage die Nachbarn doch, wozu sie noch mit ihren Spiessen dastehn, ihre
Reiter sind ja schon abgeritten. Wir haben nichts dawider, wenn die dort unten
sich auch fortmachen.«
    Willig ergriff das Mädchen die Wassereimer, der Förster öffnete die Hoftür
und die Kleine trabte dem Wasser zu. Mit unruhiger Erwartung sah ihr Anton nach.
Das Mädchen kam bis an den Bach, ungehindert und ohne sich um den Posten zu
kümmern, der etwa zwanzig Schritt von ihr stand und ihr neugierig zusah. Endlich
ging einer der Sensenmänner auf sie zu, das Mädchen setzte die Eimer zu Boden,
schlug die Arme übereinander, und beide fingen eine friedliche Unterhaltung an.
Zuletzt ergriff der Sensenmann die Eimer, bückte sich selbst zum Wasser hinunter
und reichte die gefüllten dem Mädchen. Langsam brachte die Kleine ihre vollen
Eimer zurück, der Förster, öffnete wieder das Tor und sagte schmunzelnd: »Brav,
Susanne. Was hat denn die Wache mit dir gesprochen?«
    »Dumme Dinge«, erwiderte das Mädchen errötend, »er hat mir gesagt, ich soll
ihm und seinen Kameraden das Tor aufmachen, wenn sie wieder an das Schloss
kommen.«
    »Wenn's weiter nichts war«, sagte der Förster schlau. »Also sie wollen
wieder an das Schloss!«
    »Freilich wollen sie«, sagte die Kleine, »die Reiter sind gegen das Militär
nach Rosmin gezogen, wenn sie zurückkehren, laufen sie alle zusammen gegen das
Schloss, sagte der Mann.«
    »Wir werden sie schwerlich hereinlassen«, erwiderte der Förster, »keiner
soll zum Tor herein, als dein Schatz dort unten. Du hast's ihm doch versprochen,
wenn er allein kommt und bei der Nacht?«
    »Nein«, antwortete Susanne aufgebracht, »aber ich durfte doch nicht böse
sein.«
    »Vielleicht können wir's zum zweitenmal probieren«, fragte der Förster auf
Anton blickend.
    »Ich zweifle«, erwiderte dieser; »dort reitet einer der Offiziere an den
Posten heran, der arme Bursch wird für seinen Diensteifer einen rauhen
Morgengruss erhalten. Kommt her, wir teilen den kleinen Vorrat. Der erste Eimer
zur Hälfte für die Herrschaft, zur Hälfte für uns Männer, der zweite zu einer
Morgensuppe für die Frauen und Kinder.« Er goss selbst das Wasser in die
verschiedenen Gefässe und stellte den Schmied als Wächter dazu. Beim Eingiessen
sagte er zu dem Förster: »Das ist die schwerste Arbeit, die wir während der
Belagerung gehabt haben. Noch weiss ich nicht, wie wir den Tag aushalten wollen.«
    »Es geht vieles«, erwiderte tröstend der Förster.
    Ein heller Frühlingstag begann, wolkenlos stieg die Sonne hinter dem
Wirtschaftshofe herauf, bald erwärmte ihr milder Strahl die Luft, welche feucht
um die Mauern des Schlosses lag. Die Leute suchten die sonnige Ecke des Hofes,
in kleinen Gruppen sassen die Männer mit ihren Frauen und Kindern zusammen, alle
zeigten gute Zuversicht. Anton trat unter sie: »Wir müssen uns gedulden bis
Mittag, vielleicht bis Nachmittag, dann kommen unsere Soldaten.«
    »Wenn die drüben nicht mehr tun als jetzt, so können wir's ruhig ansehn«,
erwiderte der Schmied, »sie stehn so hölzern wie eingegrabene Zaunpfähle.«
    »Sie haben gestern ihre Courage verloren«, sagte ein anderer verächtlich.
    »Es war Strohfeuer, der Schmied hat ihnen die Bündel vom Wagen geworfen, sie
haben nichts mehr zuzusetzen«, rief ein Dritter.
    Der Schmied schlug die Arme übereinander und lächelte stolz, und vergnügt
sah seine Frau zu ihm auf.
    Jetzt wurde es in dem oberen Stock lebendig, der Freiherr klingelte und
forderte Bericht. Anton eilte hinauf, ihm und den Damen zu erzählen, dann trat
er in Finks Zimmer und weckte den Freund, der noch im festen Schlummer lag.
    »Guten Morgen, Tony«, rief Fink und dehnte sich behaglich; »ich komme im
Augenblick hinunter. Wenn du mir durch deine Konnexionen etwas Wasser
verschaffen könntest, würde ich dir sehr dankbar sein.«
    »Ich will dir eine Flasche Wein aus dem Keller holen«, erwiderte Anton; »du
musst dich heut mit Wein waschen.«
    »Hui!« rief Fink, »steht es so? Es ist doch wenigstens kein Rotwein?«
    »Wir haben überhaupt nur wenige Flaschen«, fuhr Anton fort.
    »Du bist ein Unglücksrabe«, sagte Fink seine Stiefel suchend, »um so mehr
Bier wird in euern Kellern sein.«
    »Gerade so viel, als zu einem Trunk für die Mannschaft reicht; ein Fässchen
Branntwein ist jetzt unser grösster Schatz.«
    Fink pfiff die Melodie des Dessauers. »Siehst du wohl, mein Sohn, dass deine
Zärtlichkeit für die Frauen und Kinder ein wenig sentimental war? Ich sehe dich
im Geiste vor mir, wie du mit aufgestreiften Hemdsärmeln die magere Kuh
schlachtest und mit deiner alten Gewissenhaftigkeit dem hungernden Volk
bissenweis in den Mund steckst. Du in der Mitte, fünfzig aufgesperrte Mäuler um
dich herum. Binde dir nur gleich ein Dutzend Birkenruten, in wenig Stunden wird
ein Geschrei hungernder Kinder zum Himmel aufsteigen, und du wirst genötigt
sein, trotz deiner Menschenliebe die ganze Bande auszuhauen. Übrigens denke ich,
wir haben uns gestern nicht schlecht gehalten, ich habe ausgeschlafen, und so
mögen heut die Dinge gehn, wie sie können. Und jetzt lass uns nach dem Feinde
sehn.« Die Freunde stiegen auf den Turm, Anton berichtete, was er erfahren
hatte, Fink untersuchte sorgfältig die Postenkette und sah mit dem Fernrohr die
hellen Bänder der Feldwege entlang, bis dahin, wo der dunkle Wald sie verdeckte.
»Unsere Lage ist zu friedlich, um trostreich zu sein«, sagte er endlich, das
Rohr zusammenschiebend.
    »Sie wollen uns aushungern«, sagte Anton ernst.
    »Ich traue ihnen diese Schlauheit zu, und sie kalkulieren nicht schlecht,
denn im Vertraun, ich habe starken Zweifel, ob wir überhaupt Entsatz hoffen
dürfen.«
    »Auf Karl können wir uns verlassen«, sagte Anton.
    »Auf meinen Braunen auch«, erwiderte Fink; »aber es ist wohl möglich, dass
mein armer Blackfoot in diesem Augenblicke bereits das Unglück hat, das Gesäss
irgendeines Insurgenten zu tragen. Ob Junker Karl nicht einem der Haufen, welche
sicher in der ganzen Gegend umherschwärmen, in die Hände gefallen ist, ob er
überhaupt die Regulären aufgefunden hat, ob diese ferner Lust haben, uns zu
Hilfe zu marschieren, ob sie endlich den Witz haben, zu rechter Zeit anzukommen,
und ob sie zuallerletzt stark genug sind, die Schar, welche ihnen den Weg zu uns
verlegt, zu zerstreuen, das, mein Junge, sind alles Fragen, welche wohl
aufgeworfen werden dürfen, und ich will lieber alle Brombeeren der Welt
aufessen, als eine fröhliche Antwort darauf geben.«
    »Wir könnten's mit einem Ausfall versuchen, freilich er würde blutig
werden«, erwiderte Anton.
    »Bah«, sagte Fink. »Aber was schlimmer ist, er würde nichts nutzen. Einen
Haufen werfen wir vielleicht, die nächste Stunde ist ein anderer da. Nur
siegreicher Entsatz kann uns aus der Klemme helfen. Solange wir in diesen Mauern
unser Hausrecht wahren, sind wir stark, auf freiem Feld mit Weibern und Kindern
werden wir von einem Dutzend Reitern überrannt.«
    
    »Warten wir's also ab«, sagte Anton finster.
    »Weise gesprochen, der ganze Witz des Lebens ist zuletzt der, dass man sich
und andern keine Fragen vorlegt, die nicht zu beantworten sind. Die Sache droht
langweilig zu werden.«
    So stiegen die Freunde wieder herab, und so verstrich Stunde auf Stunde,
langsame Stunden bleierner Untätigkeit. Bald sah Anton, bald Fink mit dem
Fernrohr nach den Öffnungen des Waldes, es war wenig Auffallendes zu sehn,
Patrouillen der Feinde kamen und gingen, bewaffnete Haufen von Landleuten zogen
dem Dorfe zu und wurden nach verschiedenen Richtungen wieder abgesandt, die
Postenkette wurde regelmässig revidiert und alle zwei Stunden abgelöst. Es war
richtig, die Belagerer waren beschäftigt, die Dörfer der Umgegend zu durchsuchen
und zu entwaffnen, um die im Schloss zuletzt mit vereinter Kraft anzugreifen. Die
Deutschen waren in ihrem Steinbau umstellt wie ein wildes Tier in seinem Lager,
und die Jäger warteten mit ruhiger Sicherheit die Stunde ab, wo der Hunger oder
Feuer und Waffen die Bezwungenen heraustreiben mussten.
    Unterdes versuchte Fink die Leute zu beschäftigen, die Männer mussten Waffen
und Armatur reinigen und putzen, sie mussten antreten und Fink untersuchte selbst
die einzelnen Gewehre; darauf wurde Pulver und Blei verteilt, Kugeln gegossen
und Patronen gemacht. Die Frauen wies Anton an, Haus und Hof zu reinigen, soweit
dies ohne Wasser möglich war. Das hatte die gute Wirkung, die Eingeschlossenen
durch einige Stunden in Tätigkeit zu erhalten.
    Die Sonne stieg höher und die Luft trug von dem nächsten Dorf das leise
Bimmeln der Glocke herüber. »Die erste Mahlzeit ist spärlich genug ausgefallen«,
sagte Anton zu seinen Kameraden, »die Kartoffeln sind in der Asche gebraten,
auch Fleisch und Speck sind zu Ende, die Köchin kann das Mehl nicht mehr
verbacken, es fehlt wieder an Wasser.«
    »Solange wir die Milchkuh im Stalle haben«, erwiderte Fink, »besitzen wir
immer noch einen Schatz, den wir dem hungrigen Volk vorzeigen können. Dann
bleiben noch die Mäuse des Schlosses und zuletzt unsere Stiefel. Wer in diesem
Lande verurteilt war, bisweilen Beefsteak zu essen, der kann Stiefelleder für
kein zähes Gericht halten.«
    Der Förster unterbrach das Gespräch mit der Meldung: »Ein einzelner Reiter
kommt vom Wirtschaftshof auf das Schloss zu, hinter ihm geht ein Frauenzimmer;
ich wette, es ist die Rebekka.«
    Der Reiter näherte sich, ein weisses Taschentuch schwenkend, der Tür in der
Vorhalle, er hielt neben den verkohlten Trümmern des Erntewagens und sah nach
den Fenstern des Oberstocks. Es war der Parlamentär vom Tage zuvor. »Wir wollen
nicht so unhöflich sein, den Herrn warten zu lassen«, sagte Fink, schob den
Riegel zurück und trat unbewaffnet auf die Schwelle. Der Pole grüsste schweigend,
Fink lüftete seine Mütze.
    »Ich habe Ihnen gestern abend gesagt«, begann der Reiter, »dass ich heut das
Vergnügen haben würde, Sie wiederzusehn.«
    »Ei«, erwiderte Fink, »Sie selbst waren der Herr, der uns den Rauch
verursachte. Es war schade um den Erntewagen.«
    »Sie haben gestern Ihre Leute verhindert, auf mich zu feuern«, fuhr der Pole
in deutscher Sprache mit hartem Akzent fort, »ich bin Ihnen dankbar dafür und
möchte Ihnen meine Erkenntlichkeit beweisen. Wie ich höre, sind Damen in diesem
Hause, das Mädchen bringt ihnen Milch. Wir wissen, dass man hier im Schloss kein
Wasser hat, und ich wünsche nicht, dass die Damen durch unsern Streit zu
Entbehrungen genötigt werden.«
    »Du Racker«, murmelte der Förster.
    »Wenn Sie mir erlauben, Ihnen für die Milch einige Flaschen Wein aus unserem
Keller zurückzugeben, so nehme ich Ihr Geschenk mit Dank an«, erwiderte Fink.
»Ich setze voraus, dass Ihnen in der Schenke diese Flüssigkeit ebenfalls nicht im
Überfluss zu Gebote stehn wird.«
    »Es ist gut«, sagte der Pole lächelnd. Rebekka eilte mit ihrem Krug nach der
Pforte des Hofraums, gab die Milch ab und empfing durch den brummenden Förster
die Flaschen mit Wein. Der Pole aber fuhr fort: »Wenn Sie auch mit Wein versehen
sind, so kann dieser doch nicht das Wasser ersetzen, Ihre Garnison ist
zahlreich, und wir hören, dass Sie viele Frauen und Kinder im Hause haben.«
    »Ich werde es für kein Unglück halten«, erwiderte Fink, »wenn die Frauen und
Kinder einige Tage mit uns Männern Wein trinken, bis Sie uns den Gefallen
erweisen, um den ich Sie schon gestern ersuchte, dies Gut und den Brunnen drüben
zu verlassen.«
    »Hoffen Sie darauf nicht, mein Herr«, sagte der Pole ernst, »wir werden jede
Gewalt anwenden, Sie zu entwaffnen; wir wissen jetzt, dass Sie keine Artillerie
haben, und es ist uns jede Stunde möglich, den Eingang in dies Haus zu
erzwingen. Sie haben sich aber als tapfere Männer gehalten, und wir wünschen
nicht weiter zu gehn, als wir müssen.«
    »Vorsichtig und verständig«, versetzte Fink beistimmend.
    »Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag, der Ihr Ehrgefühl nicht verletzen
wird. Sie haben auf keinen Entsatz zu hoffen. Zwischen Ihrem Militär und diesem
Dorf steht ein starkes Korps unserer Truppen, ein Zusammenstoss beider Armeen ist
an den nächsten Tagen einige Meilen von hier zu erwarten, und Ihre Kommandeure
sind deshalb ausserstande, einzelne Korps zu detachieren. Ich sage Ihnen keine
Neuigkeit, denn Sie wissen das so gut als wir selbst. Und so verbürge ich Ihnen
und allen, welche in diesem Hause sind, bei meinem Ehrenwort freien Abzug, wenn
Sie Ihre Waffen und das Schloss übergeben. Wir sind bereit, Sie und die Damen
durch eine Eskorte in jeder Richtung, welche Sie wünschen, so weit zu geleiten,
als wir das Terrain behaupten.«
    Fink erwiderte ernstafter, als er bis dahin gewesen: »Darf ich Sie fragen,
aus wessen Munde das Ehrenwort kommt, das mir soeben gegeben wurde?«
    »Obrist Zlotowsky«, erwiderte der Reiter sich leicht verneigend.
    »Ihr Vorschlag, mein Herr«, entgegnete Fink, »verpflichtet uns zu Dank. Ich
setze keinen Zweifel in die Aufrichtigkeit Ihres Anerbietens und will auch
annehmen, dass Ihr Einfluss auf die Männer, welche Sie begleiten, gross genug ist,
um diese Bedingungen aufrechtzuerhalten. Da ich aber nicht selbst Herr dieses
Hauses bin, so muss ich diesem Ihre Vorschläge mitteilen.«
    »Ich warte«, erwiderte der Pole, ritt auf eine Entfernung von dreissig
Schritt zurück und hielt der Tür gegenüber still.
    Fink schloss die Tür und sagte zu Anton: »Schnell zum Freiherrn! Was ist
deine Meinung?«
    »Aushalten«, erwiderte Anton.
    Sie trafen den Freiherrn in seinem Zimmer, den Kopf in seine Hände gestützt,
mit verstörtem Gesicht, ein Bild des Leidens und nervöser Unruhe. Fink trug ihm
das Anerbieten des Polen vor und bat um seine Entscheidung.
    Der Freiherr erwiderte: »Ich habe bis jetzt vielleicht mehr gelitten, als
irgendeiner der Braven, welche in diesem Hause ihr Leben gewagt haben. Es ist
ein furchtbares Gefühl, hilflos dazusitzen, wo die Ehre gebietet, in der
vordersten Reihe zu stehn. Aber eben deshalb habe ich kein Recht, Ihnen
Vorschriften zu machen. Wer ausserstande ist, zu kämpfen, hat auch kein Recht, zu
bestimmen, wann der Kampf aufhören soll. Ja ich habe kaum das Recht, Ihnen meine
Ansicht zu sagen, weil ich fürchte, dass sie für Ihren hochherzigen Sinn
bestimmend sein würde. Ausserdem kenne ich Unglücklicher nicht die Leute, welche
mich verteidigen, ich habe kein Urteil über ihre Stimmung und über ihre Kraft.
Ich überlasse Ihnen alles, und lege das Schicksal der Meinen vertrauend in Ihre
Hand. Der Himmel möge Ihnen vergelten, was Sie für mich tun. Nicht für mich, um
Gottes willen nicht für mich, das Opfer wäre zu gross«, rief der erregte Mann,
erhob seine gefalteten Hände und starrte mit den glanzlosen Augen in die Höhe;
»denken Sie an nichts als an die Sache, welche wir verteidigen.«
    »Wenn Sie uns ein so hohes Vertrauen schenken«, sagte Fink mit ritterlicher
Haltung, »so sind wir entschlossen, Ihr Schloss zu halten, solange wir noch eine
schwache Hoffnung auf Entsatz haben. Unterdes sind ernste Zufälle möglich, die
Weigerung unserer Leute, sich ferner zu schlagen, oder das gewaltsame Eindringen
der Feinde.«
    »Meine Frau und Tochter bitten, wie ich, dass Sie in dieser Stunde auf ihr
Wohl keine Rücksicht nehmen. Gehen Sie, meine Herren«, rief der Freiherr, seine
Arme ausstreckend, »die Ehre eines alten Soldaten liegt in Ihrer Hand.«
    Beide Männer verneigten sich tief vor dem Blinden und verliessen das Zimmer.
»Es ist doch Ehre in den Leuten«, sagte Fink auf dem Wege mit dem Kopfe nickend.
Er öffnete die Tür, der Offizier ritt heran.
    »Der Freiherr von Rotsattel dankt Ihnen für Ihr Anerbieten, er ist
entschlossen, sein Haus und das Eigentum derer, welche sich ihm anvertraut
haben, gegen Ihre Angriffe zu verteidigen bis zum äussersten. Wir nehmen Ihren
Vorschlag nicht an.«
    »So tragen Sie die Folgen«, rief der Reiter zurück, »und die Verantwortung
für alles, was jetzt geschehen muss.«
    »Ich übernehme die Verantwortung«, sagte Fink. »An Sie aber noch eine Bitte.
Es sind ausser den Frauen und Kindern der Landleute zwei Damen in diesem Schloss,
die Gemahlin und Tochter des Freiherrn von Rotsattel, wenn ein Zufall Ihnen
doch Gelegenheit geben sollte, die Räume dieses Hauses zu betreten, so empfehle
ich die Wehrlosen Ihrem ritterlichen Schutz.«
    »Ich bin eine Pole«, rief der Reiter stolz, sich auf seinem Pferde erhebend.
Er nahm den Hut ab und ritt in kurzem Galopp nach dem Wirtschaftshof zurück.
    »Er sieht aus wie ein kühner Bursch«, sagte Fink sich umwendend zu den
Leuten, welche aus der Wachstube herzugeeilt waren. »Aber meine Männer, wenn man
die Wahl hat, ob man sich verlassen soll auf die Versprechungen eines Feindes,
oder auf dies kleine Rohr von Eisen, so bin ich allemal der Meinung, dass man
lieber dem vertraut, was man in der Hand hält.« Er schüttelte sein Gewehr. »Der
Pole verspricht uns freien Abzug, weil er weiss, dass in ein paar Stunden seine
Bande vor unsern Soldaten auseinanderlaufen wird. Wir wären für ihn ein guter
Bissen, an die dreissig Gewehre! Und wenn die Reiter kämen und uns nicht in dem
Hause fänden, zu dem wir sie gerufen, sondern dies Gesindel mit seinen
Krötenspiessen, sie würden uns ein schönes Donnerwetter nachschicken, und wir
hätten den Schimpf für immer.«
    »Ob er es ehrlich gemeint hat?« frug einer der Leute zögernd.
    Fink fasste den Mann vertraulich an der Klappe seines Rockes: »Ich glaube,
dass er es ehrlich meint, mein Junge, aber ich frage euch, wie weit reicht bei
diesem Volk der Gehorsam? Wir wären noch nicht hinter der Waldecke dort unten,
so käm ein anderer Haufe über uns, und die Weiber und Eure Sachen würden vor
unsern Augen malträtiert. Und deswegen kalkuliere ich, tun wir am besten, wenn
wir ihnen die Zähne zeigen.«
    Lebhafte Beistimmung der Hörer erfolgte, und einige Hoch! auf die jungen
Herren im Schloss wurden ausgebracht.
    »Wir danken«, sagte Fink, »und jetzt alle auf Posten, ihr Männer, denn es
kann wohl kommen, dass sie sich wieder blutige Köpfe holen. - Das hält sie wieder
auf eine Stunde hin«, fuhr er zu Anton gewandt fort, »bei alledem ist quer, dass
die Leute diese Verhandlung angehört haben. Ich glaube nicht an einen Angriff
bei Tage, aber auf Posten stehn ist besser für sie, als die Köpfe
zusammenstecken.«
    Auch der strenge Dienst, den Fink jetzt einrichtete, vermochte nicht die
Entmutigung aufzuhalten, welche allmählich, je weiter die Sonne am Himmel stieg,
über die kleine Garnison kam. Die Worte des Polen waren von vielen gehört
worden, auch die Weiber hatten neugierig ihre Tür geöffnet und sich in die Halle
gedrängt. Leise, nach und nach fiel die Furcht in die Herzen und ansteckend wie
eine Krankheit erfasste sie einen nach dem andern.
    In der Frauenstube brach sie aus. Plötzlich empfanden einzelne eine grosse
Sehnsucht nach Wasser, sie klagten über Durst, zuerst schüchtern, dann lauter,
sie drängten sich an der Tür der Küche zusammen und begannen laut zu schluchzen.
Nicht lange, so schrien alle Kinder nach Wasser, und viele, die unter andern
Umständen nicht an Trinken gedacht hätten, fühlten sich unsäglich elend. Anton
liess die letzten Flaschen Wein aus dem Keller holen, zerschnitt das letzte Brot
in Bissen, tauchte jedem einzelnen einige Bissen in den Wein ein, bis sie ganz
durchgeweicht waren, und verteilte sie mit der ernstaften Versicherung, dies
sei das beste Mittel gegen Durst, wenn man das in den Mund stecke, sei man einen
ganzen Tag lang nicht imstande, Wasser zu trinken, und wenn man Geld dafür
bekomme. Das half auf eine Weile, aber die Angst fand andere Türen, durch welche
sie sich einschlich. Manche überlegten, was sie denn zu verlieren hätten, wenn
sie ein altes Gewehr abgäben und dafür die Freiheit erhielten und das Recht,
überall hinzugehn, wohin sie wollten. Diese Ansicht wurde vorläufig durch den
Förster bekämpft, der sich in die Mitte der Wachstube stellte und entschlossen
erwiderte: »Ich will Euch sagen, Gottlieb Fitzner, und Euch, Ihr dicker Bökel,
dass das Weggeben des Gewehrs für uns alle eine Kleinigkeit ist, es ist nur der
Übelstand dabei, dass der von Euch, der auf diesen kanailleusen Gedanken käme,
ein ganz gemeiner feiger Schuft wäre, vor dem ich alle Tage ausspucken würde,
sooft ich ihn träfe.« Darauf gaben Fitzner und Bökel dem Förster eifrig recht,
und Bökel erklärte, er werde es mit jedem solchen Kerl ebenso machen, wie der
Förster. Und auch diese Gefahr war beseitigt. Aber die abgelösten Wachen blieben
in unruhiger Unterhaltung. Die Streitkräfte des Schlosses wurden mit denen des
Feindes verglichen; endlich wurde die geringe Stärke des Pfahlwerks im Hofe der
herrschende Gegenstand einer furchtsamen Kritik. Es war klar, dass dort der
nächste Angriff erfolgen würde, und auch die Beherzten nahmen an, dass der
Bohlenzaun nur geringen Widerstand leisten könnte. Sogar der treue Schmied
schüttelte mit der Hand an dem Zaun und fand keinen Gefallen an der Art, wie er
zusammengenagelt war. In den Mittagstunden waren diese Anfälle von Zaghaftigkeit
noch nicht gefährlich, denn der grösste Teil der Männer erwartete, das Gewehr in
der Hand, jeden Augenblick den Anmarsch des Feindes. Als sich aber die Sonne von
ihrer Höhe neigte, ohne dass ein Angriff erfolgte und ohne dass der Posten auf dem
Turm den Entsatz meldete, da wirkten Tatlosigkeit und Abspannung zusammen, das
Leiden allgemein zu machen. Die Mittagskost war ungenügend, Kartoffeln mit
verkohlter Rinde und etwas Salz dazu. Natürlich fingen die Leute wieder an zu
dursten, wieder kamen die Frauen jammernd zu Anton und klagten, sein Mittel habe
nur auf kurze Zeit geholfen. Und auch unter den Männern flog die Angst um Hunger
und Durst von einem Pfeiler zum andern, aus der Wachstube in den Hof bis hinauf
in den Turm. Anton hatte die doppelte Ration Branntwein ausgeteilt, auch das
half nicht bei allen. Die Männer wurden nicht aufsässig, es war zuviel gute Art
in ihnen, sie wurden nur kleinlaut und schwächer. Fink sah mit verächtlichem
Lächeln auf diese Symptome eines Zustandes, der seinem elastischen Geist und
seinen stählernen Nerven unbegreiflich war. Aber Anton, den alle mit Bitten und
Klagen überliefen, fühlte die ganze Verlegenheit dieser Stunden. Etwas musste
geschehen, um gründlich zu helfen, oder alles war verloren. So trat er in den
Hof, entschlossen, die Kuh zu opfern. Er stellte sich vor die Milchkuh, klopfte
sie auf den Hals: »Liese, armes Tier, du musst jetzt daran.« Als er sie am Strick
herauszog, fiel sein Blick auf die leere Wassertonne, und ihn überkam ein
glücklicher Gedanke. Die Erhebung des Bodens über das Wasser des Baches betrug
nur wenige Fuss, die ganze Gegend war quellenreich, es war wahrscheinlich, dass
man in geringer Tiefe Wasser finden würde. Es war für die Besatzung eine leichte
Sache, ein Brunnenloch auszugraben. Wenn man die ausgegrabene Erde an das
Pfahlwerk stampfte, so wurde die Festigkeit desselben beträchtlich vermehrt. Und
was die Hauptsache war, die Arbeit setzte alle müssigen Hände in Bewegung, sie
konnte stunden-, ja tagelang fortgesetzt werden. Aus früheren Versuchen wusste
er, dass das Wasser um das Schloss schlammig und in gewöhnlicher Zeit nicht zu
brauchen war, aber darauf kam es heut nicht an. Anton sah nach der Sonne, es war
keine Minute zu verlieren.
    Er rief den Techniker in den Hof, und als dieser freudig beistimmte, alle
freien Hände des Schlosses, auch die Weiber und stärkeren Kinder. Das Werkzeug
der Arbeiter wurde herzugeholt, nach wenig Augenblicken waren zehn Männer mit
Hacke und Spaten beschäftigt, in der Mitte des Hofes ein grosses Loch mit
schräger Böschung nach unten zu graben, die Frauen und Kinder mussten unter
Aufsicht des Technikers die aufgegrabene Erde an dem Pfahlwerk feststampfen.
Einige Männer, und was von Frauen noch zur Hand war, rief Anton zum Schlachten
der armen Kuh, welche noch einmal dem Volk gezeigt wurde, bevor sie dem
Verhängnis des Tages erlag. Schnell war alles in eifrigster Tätigkeit. Das
Brunnenloch, an der Oberfläche viel weiter, als für eine regelmässige Röhre
notwendig gewesen wäre, vertiefte sich zusehends, und an dem Bohlenzaun stieg
ein Wall in die Höhe, wie durch die Kraft hilfreicher Gnomen aus dem Boden
gehoben. Die Leute griffen an, wie sie in ihrem Leben nicht getan hatten, im
Wettkampf flogen die Spaten der Männer, barfüssige Beinchen sprangen begeistert
über die Erde, Holzschuhe und Pantoffeln stampften ihre Spuren tief hinein.
Jeder wollte mit angreifen, es waren mehr Hände zur Stelle, als der Raum zu
bewegen erlaubte. Alle Bangigkeit war verschwunden, lustige Scherze flogen hin
und her. Auch Fink kam herbei und sagte zu Anton: »Du bist ein Heidenbekehrer,
du verstehst für das Seelenheil deiner Gemeinde zu sorgen.«
    »Die Gemeinde arbeitet«, erwiderte Anton fröhlicher, als er in den letzten
vierundzwanzig Stunden gewesen war.
    Das Brunnenloch vertiefte sich, dass man mit einer kurzen Leiter
hineinsteigen musste, der Grund wurde feucht, die Männer arbeiteten in einem
Sumpf, zuletzt musste der Schlamm in Kübeln heraufgereicht werden, aber die Leute
drängten sich zum Tragen, die Eimer flogen aus einer Hand in die andere. Mit
lautem Gelächter, wie Kinder, begrüssten sie jeden Schmutzfleck, der aus den
Eimern auf die Kleider der Ungeduldigen spritzte. Der Wall erhob sich bereits
fusshoch über das Pfahlwerk, und da es an Rasen fehlte, schlugen die Leute an der
innern Böschung Holz und Steine mit einer Kraft hinein, welche die Masse
festmachte, wie Stuck. Kaum, dass Anton die schmale Seitenpforte frei erhielt.
Unter den feindlichen Posten am Bach zeigte sich eine unruhige Bewegung, Reiter
sprengten die Postenkette entlang und sahen auf das neue Festungswerk, zuweilen
wagte sich einer näher heran, zog sich aber zurück, wenn der Förster sein Gewehr
über den Wall erhob. So verrann Stunde auf Stunde, die Sonne sank hinab, und der
rote Schein der Abendröte flog über den Himmel. Die Leute im Hof achteten nicht
darauf, unten im finstern Brunnenloch standen die Männer bis an den Leib im
Wasser. Es war eine gelbe schmutzige Flüssigkeit, aber die Leute starrten in die
Öffnung, als ob dort ein Schatz von flüssigem Gold heraufquölle. Endlich, als
schon die Schatten des Abends dunkel auf der Öffnung lagen, befahl Anton den
Arbeitern, aus der Grube zu steigen. Ein grosses Tuch wurde gebracht und über den
Wasserbottich gelegt, man schöpfte das Wasser in Eimern herauf und seihte es
durch das Tuch.
    »Zuerst meine Pferde«, rief ein Knecht und riss die Eimer für die dürstenden
Tiere an sich. »Wenn sich der Trank gesetzt hat, wird er so gut wie Bachwasser«,
rief der Schmied vergnügt, die Arbeiter wurden nicht müde, sich eine Probe
auszuschöpfen, und jeder bestätigte siegesfroh die Meinung des angesehenen
Mannes. Unterdes liess Anton oben auf dem Wall, der bis zum Fussboden des oberen
Stockwerks heraufgewachsen war, neue Pfähle einschlagen und die starken Bretter
der Kartoffelwagen als Schutzwehr daran befestigen. Als die Finsternis der Nacht
sich über das Schloss legte, war das Werk vollendet. Die Frauen klärten
unermüdlich über dem Bottich, grosse Stücke Fleisch wurden nach der Küche
geschafft, dort knisterte ein grosses Feuer, und die anmutige Aussicht auf ein
kräftiges Nachtessen zog in die Seele aller Belagerten.
    Da rasselte draussen im Felde wieder die feindliche Trommel, und der schrille
Ruf der Knochenpfeife zitterte durch die Räume des Hauses. Einen Augenblick
standen die Männer im Hofe erschrocken, sie hatten in den letzten Stunden nur
wenig an den Feind gedacht, dann stürmte alles nach der Wachstube und ergriff
die Gewehre. Schnell wurde der Unterstock mit doppelter Mannschaft besetzt, der
Förster eilte mit einer starken Abteilung nach dem Hofe und kletterte auf den
neuen Wall.
    »Die Entscheidung naht«, sagte Fink leise zu Anton, »in den letzten Stunden
sind starke Banden im Dorf eingerückt, im letzten Abendlicht ein Haufe Reiter.
Wir vermögen eine zweite Nacht nicht zu widerstehn. Sie werden auf allen Seiten
zugleich angreifen, mit einem Schock kurzer Leitern dringen sie in das Schloss.
Und sie wissen das, denn sieh, jede Rotte, die aus dem Dorf heranzieht, ist mit
Axt und Leiter versehen. Lass uns gemütlich durchmachen, was nicht zu ändern ist,
dein ist das Verdienst, wenn wir als Männer unterliegen, und nicht als Memmen.
Ich war bei dem Freiherrn, er und die Frauen sind vorbereitet; sie werden sich
zusammen in seinem Zimmer halten. Hast du noch einige Worte in der Kehle, wenn
einer von den Messieurs der Bande über dich wegsteigt, so erinnere ihn an die
Frauen. Gott befohlen, Anton, ich nehme die Hofseite, du die Front.«
    »Mir ist's unmöglich«, rief Anton, »dass wir unterliegen sollen, ich habe nie
so frohe Hoffnung gehabt, als in dieser Stunde.«
    »Hoffnung auf Entsatz?« frug Fink die Achseln zuckend und wies durch das
Fenster auf die feindlichen Haufen, »und wenn er in einer Stunde kommt, er kommt
zu spät. Seit Rebekkas Kanone abgefahren ist, sind wir in den Händen des
Feindes, sobald dieser einen ernstlichen Sturm wagt. Und er wird ihn wagen. Man
muss sich keine Illusionen machen, die nicht länger glimmen, als eine Zigarre.
Deine Hand, mein lieber Junge, lebe wohl!« Er drückte kräftig Antons Hand, und
das stolze Lächeln glänzte wieder auf seinem Antlitz. So standen die beiden
nebeneinander, jeder sah liebevoll auf die Gestalt des andern, ungewiss, ob er
sie je wieder erblicken werde. »Fahre wohl!« rief Fink und erhob die Büchse,
seine Hand aus der des Freundes lösend; aber er blieb wie eingewurzelt stehn und
lauschte, denn über dem Trommelwirbel der Feinde und dem Lärm der anrückenden
Haufen fuhr ein heller Klang durch die Nachtluft, eine fröhlich schmetternde
Fanfare, und als Antwort klang von dem Dorfe her der regelmässige Sturmschlag
eines Tambours der Linie, darauf eine starke Gewehrsalve und ein fernes Hurra.
    »Sie kommen«, rief es aus allen Ecken des Schlosses, »unsre Soldaten
kommen.« Der Förster stürzte in die Halle: »Die Rotmützen«, schrie er, »sie
reiten am Bach herauf zur Brücke, hinten im Dorf stürmt die Infanterie.«
    »Alle in den Hof«, rief Fink, »zum Ausfall, ihr Männer, vorwärts!« Die
Verrammelung der Pforte wurde weggerissen, die Mannschaft war im Augenblick
ausserhalb der Verschanzung, kaum dass Anton den Techniker und einige Knechte als
Besatzung des Hauses in den Hof zurücktrieb. Der Förster schritt die Reihe
entlang und ordnete die Leute. Fink sah nach dem Stand des Gefechts. Die
Infanterie-Kolonne drang im Dorfe vor, das unaufhörliche Knattern des
Gewehrfeuers verriet die Erbitterung des Kampfes, aber das Feuer kam langsam
näher, die Feinde wichen, schon rannten einzelne Flüchtlinge derselben aus dem
Wirtschaftshof hervor. Unterdes passierte eine Abteilung Husaren gegenüber dem
Schloss den Bach, sie trieb kleine Haufen der Belagerer vor sich her. Fink
führte seine Bewaffneten um das Haus herum und stellte sie an der Ecke auf, die
dem Dorfe zunächst lag. »Geduld«, rief er, »und wenn ich euch vorführe, vergesst
euren Kriegsruf nicht, sonst werdet ihr in der Dunkelheit überritten und
zerstampft, wie die Feinde.« Nur mit der grössten Mühe waren die Ungeduldigen im
Gliede zu halten.
    Vom Bache her flog ein einzelner Reiter auf sie zu. »Hurra, Rotsattel!«
rief er schon aus der Ferne. »Sturm!« schrie ihm ein Dutzend Stimmen entgegen,
Anton sprang aus dem Gliede auf den treuen Mann zu. »Wir haben die Feinde«, rief
Karl, »der Feind hat die Strasse von Rosmin besetzt, ich aber führte unsere Leute
auf Umwegen durch den Wald.«
    Ein dunkler Haufe wurde an den letzten Häusern des Dorfes sichtbar,
Berittene sprengten vor, der feindliche Trupp machte halt und sammelte sich am
Wirtschaftshofe. Dort setzte sich der Kampf, die Führer trieben ihre Leute
wieder zurück ins Gefecht. »Jetzt gilt's«, rief Fink. Im Schnellschritt zog die
Schar über den Anger, stellte sich seitwärts vom Wege an der ersten Scheuer auf,
und eine Salve aus fünfundzwanzig Gewehren drang in die Seite des Feindes.
Dadurch kam Verwirrung in die gedrängte Schar der Feinde, die Masse löste sich
auf und stürzte in wilder Flucht über die Ebene. Wieder klang hinter denen vom
Schloss die Trompete, im vollen Rosseslauf stürmten die Husaren vor und hieben in
einen Haufen ein, der noch standhielt. Karl warf sich zu ihnen und verschwand im
Getümmel. So trieben sie den Feind in die Felder.
    Aus dem Dorf aber sprengten jetzt die polnischen Reiter, ihnen voran der
Parlamentär, der seine Leute mit lautem Zuruf auf die Husaren trieb.
    »Rotsattel«, rief eine jugendliche Stimme vom Pferde dicht neben Anton, und
vor einem Zug Husaren stürmte ein schlanker Offizier den polnischen Reitern
entgegen. Fink richtete seine Büchse gegen den polnischen Oberst.
    »Ich danke«, rief dieser, auf seinem Pferde wankend, und schoss mit letzter
Kraft seine Pistole in die Brust des Husars ab, der auf ihn einritt. Getroffen
sank der Husar vom Pferde, mit dem Körper des Polen jagte das Pferd von dannen.
    Nach wenigen Minuten war die Umgebung des Schlosses von Feinden gereinigt;
die Nacht deckte die Flüchtigen, schützend breiteten die Waldbäume ihre Äste
über die Söhne des Landes. In kleinen Abteilungen verfolgten die Sieger den
letzten Haufen der Feinde.
    Vor dem Schloss kniete Anton am Boden und stützte das Haupt des gefallenen
Reiters mit seinen Armen. Mit Tränen im Auge sah er von dem Sterbenden zu dem
Freund auf, welcher mit einer Gruppe von Offizieren teilnehmend zur Seite stand.
Der Siegesjubel war verstummt, die Landleute umgaben in düsterem Schweigen die
Stätte. Langsam wurde der Regungslose auf den Händen der Männer nach dem Hause
getragen.
    In der Vorhalle stand an der Treppe der Freiherr mit seiner Tochter, bereit,
die willkommenen Gäste zu begrüssen. Als Lenore den wunden Mann erblickte,
stürzte sie unter die Träger, welche schweigend den Körper vor dem Freiherrn
niederlegten, und sank mit einem Schrei zu Boden.
    »Wer ist es?« stöhnte der blinde Mann und griff mit den Händen vor sich in
die Luft. Niemand antwortete, scheu traten alle zurück.
    »Vater«, murmelte der Verwundete, und ein Blutstrom quoll aus seinem Mund.
»Mein Sohn, mein Sohn!« schrie der Blinde wie rasend, und seine Knie brachen
zusammen.
    Den Sohn hatte es aus seiner Garnison fortgetrieben zu dem Heere, welches
sich nahe bei seinen Eltern zusammenzog. Er hatte es durchgesetzt, ein anderes
Regiment zu begleiten, er hatte Erlaubnis erhalten, die Eskadron zu begleiten,
welche dem Vater zu Hilfe entsendet wurde. Er wollte seine Eltern überraschen
und brachte ihnen mit dem Entsatz seine blutende Brust in das Haus und den Tod
in die Herzen.
    Jetzt lag eine unheimliche Stille auf dem hohen Slawenschloss. Der Sturm
hatte ausgetobt, von den Blütenbäumen im Felde fielen lautlos die weissen Blätter
und lagen im Sternenlicht am Boden, rein, wie ein weisses Totentuch. Wo seid ihr,
lustige Pläne des blinden Mannes, der gebaut, gesündigt, gelitten hat, um euch
lebendig zu machen? Horche, du armer Vater, mit verhaltenem Atem; es ist still
geworden im Schloss und auf den Gipfeln der Bäume, und doch vermagst du nicht
mehr zu hören den einen Ton, an den du immer gedacht hast bei deinen
Luftschlössern, unter deinen Pergamenten, den Herzschlag deines einzigen Sohnes,
des ersten Majoratsherrn der Rotsattel.
 
                                 Sechstes Buch
                                       1
Traurige Tage kamen über das Schloss, schwer zu tragen für jeden, der in seinen
Mauern wohnte. In der Familie des Freiherrn sass das Siechtum, wie der Wurm in
einer Pflanze. Nach der schwarzen Stunde, wo man dem Vater den sterbenden Sohn
ins Haus getragen hatte, verliess der Freiherr nicht sein Zimmer. Das wenige, was
noch von Kraft in ihm gewesen war, jetzt war es zerbrochen, der Schmerz zehrte
an seinem Geist mehr als an seinem Körper, er brütete tagelang still vor sich
hin, und nicht die Bitten Lenorens, nicht die Nähe seiner Frau vermochten ihn zu
beleben. Als der Baronin die Unglücksbotschaft gebracht wurde, zitterte Anton,
dass das dünne Band zerreissen müsse, welches das Leben noch an ihrem Körper
hielt, und wochenlang ging Lenore nicht von ihrem Lager. Aber zur Verwunderung
aller erfolgte das Gegenteil. Der Zustand des Gatten nahm bald ihre Sorge so
sehr in Anspruch, dass ihr selbst Schmerz und Schwäche zu schwinden schien. Sie
zeigte sich kräftiger, als sie vorher gewesen war, nur auf die Pflege des
Freiherrn bedacht, gewann sie über sich, stundenlang neben seinem Stuhl zu
sitzen. Der Arzt freilich schüttelte gegen Anton den Kopf und sagte, dass dieser
plötzlichen Erhebung wenig zu trauen sei. Lenore wurde in den ersten Wochen nach
dem Tode des Bruders kaum von jemandem gesehen. Wenn sie einmal ausser dem
Krankenzimmer erschien, so waren es fast nur Fragen nach dem Befinden der
Kranken, die sie beantwortete, oder Bitten nach dem Arzt, die sie an Anton
richtete.
    Unterdes zog draussen ein wildes Frühjahr vorüber, ein stürmischer Sommer
folgte. Zwar die Schrecken des Bürgerkrieges hatte das Gut nicht mehr zu
fürchten. Aber die schweren Lasten der Zeit legten sich erdrückend auf die
Wirtschaft. In der stillen Waldinsel tönte jetzt täglich der Trommelschlag des
Tambours oder das Signal des Trompeters, Dorf und Schloss hatten Einquartierung,
welche häufig wechselte. Anton hatte mit allen Händen zu tun, Mannschaft und
Pferde unterzubringen und für ihre Verpflegung zu sorgen. Bald waren die
geringen Kräfte des Gutes erschöpft, ohne Finks vorausbezahlte Pachtgelder wäre
es unmöglich gewesen, diese Zeit zu überstehen. Auch in der Wirtschaft nahmen
die Störungen kein Ende. Mehr als ein Morgen war in den Tagen der Belagerung
durch die Fusstritte von Rossen und Menschen zerstampft worden, jetzt hielten
requirierte Fuhren die Gespanne auf, die Leute selbst verwilderten in der
unruhigen Zeit und verloren die Lust zu regelmässiger Tätigkeit. Aber im ganzen
wurde die Ordnung doch erhalten, die Arbeiten des Jahres nahmen nach dem Plan,
der im Frühjahr gemacht war, ihren Fortgang. Noch besser ging es mit dem
Wiesenbau. Nicht alle Arbeiter, welche Fink auf das Gut geführt hatte, hielten
aus, aber sie wurden durch andere Leute ersetzt, die sich in dieser Zeit
bewährten. Ja, die Zahl der grauen Jacken und schwarzen Hüte vermehrte sich, und
die Garde des Herrn von Fink wurde in der ganzen Umgegend als eine trotzige
Gesellschaft besprochen, mit der nicht gut anzubinden sei. Fink selbst war jetzt
oft abwesend, er hatte viele Offiziere kennengelernt, alte Bekanntschaften
erneuert, er fuhr im Lande umher, verfolgte mit Eifer die kriegerischen
Operationen und machte als Freiwilliger das Treffen mit, welches einige Meilen
von dem Gut gegen die Insurgenten gewonnen wurde. Seine Verteidigung des
Schlosses hatte ihn in der Umgegend zu einer gefürchteten Person gemacht,
welcher aller Hass der feindlichen Partei ebensosehr zufiel, als die Bewunderung
der Freunde.
    Es war einige Wochen nach dem Entsatz des Schlosses, als Lenore in die
Hoftür trat, vor welcher Anton mit dem Förster verhandelte. Lenore sah über den
Hof, in welchem jetzt eine Pumpe stand, und über den Zaun, von dem der Erdwall
abgefahren war, in die Landschaft, welche jetzt in dem hellen Grün des ersten
Sommers glänzte. Endlich sagte sie mit einem Seufzer: »Es ist Sommer geworden,
Wohlfart, und wir merken nichts davon.«
    Anton sah ihr besorgt in das bleiche Gesicht. »Draussen im Walde ist's jetzt
hübsch, ich war gestern beim Förster; nach dem letzten Regen stehn Holz und
Blüten in vollem Saft. Wenn Sie sich nur einmal entschliessen könnten,
hinauszugehen.« Lenore schüttelte verneinend das Haupt. »Was ist an mir
gelegen!« rief sie bitter.
    »Vor allem hören Sie eine Nachricht, die mir soeben der Förster zugetragen
hat«, fuhr Anton fort. »Der Mann, den Ihr Schuss getroffen, war der elende
Bratzky. Sie haben ihn nicht getötet. Wenn Sie sich darüber einen Vorwurf
machen, von diesem Schmerz kann ich Sie befreien.«
    »Gelobt sei Gott!« rief Lenore und faltete die Hände.
    »Schon damals, als der Förster über Nacht zu uns ins Schloss kam, sah er, dass
der Schurke mit verbundenem Arm in der Schenke sass. Gestern wurde er von dem
Militär als Gefangener in Rosmin eingebracht.«
    »Ja«, sagte der Förster dazutretend, »eine Kugel tut dem nichts, der denkt
höher hinaus.« Er griff mit der Hand an den Hals und machte die Pantomime des
Hängens.
    »Es lag auf mir bei Tag und Nacht«, sagte Lenore leise zu Anton, »wie
verdammt kam ich mir vor; in der Finsternis quälten mich schreckliche
Traumgesichter, dass ich aus dem Schlaf auffuhr und schrie; immer sah ich den
Mann vor mir, wie er die Faust ballte, hinstürzte und das Blut aus seiner
Schulter floss. O Wohlfart, was haben wir erlebt!« Sie lehnte sich an die Tür und
starrte mit tränenlosen Augen vor sich nieder. Vergebens suchte Anton sie zu
beruhigen, sie hörte kaum seine Worte.
    Der Huf eines Pferdes klapperte auf den Steinen, Finks Brauner wurde
herausgeführt.
    »Wo reitet er hin?« frug Lenore hastig.
    »Ich weiss es nicht«, versetzte Anton, »er ist jetzt viel auswärts, ich sehe
ihn tagelang nicht.«
    »Was soll er auch bei uns?« rief Lenore, »das unglückliche Haus ist kein Ort
für ihn.«
    »Wenn er sich nur etwas in acht nehmen wollte«, sagte der Förster, »die
Tarower sind giftig auf ihn, sie haben geschworen, ihm eine Kugel
nachzuschicken, und er reitet immer allein und bei Nacht.« - »Es ist umsonst,
ihn zu warnen«, sagte Anton. - »Sei endlich verständig, Fritz«, rief er dem
Freunde zu, der aus dem Hause trat, »reite nicht so allein, wenigstens nicht
über die Tarower Flur.«
    Fink zuckte die Achseln. »Ah, unser Fräulein ist hier. Wir haben so lange
nicht die Freude gehabt, Sie zu sehen, dass es uns hier bereits sehr langweilig
geworden ist.«
    »Hören Sie auf die Warnung des Freundes«, erwiderte Lenore ängstlich, »und
hüten Sie sich vor den bösen Menschen.«
    »Wozu?« versetzte Fink; »eine respektable Gefahr ist nicht vorhanden, und
vor einem dummen Teufel, der hinter einem Baum steht, kann sich in solchen
Zeiten niemand bewahren, das würde zu viel Zwang auflegen.«
    »Wenn Sie's nicht um Ihretwillen tun, so denken Sie an die Angst Ihrer
Freunde«, bat Lenore.
    »Habe ich noch Freunde?« frug Fink lachend; »manchmal ist mir's, als wären
sie untreu geworden. Meine guten Freunde gehören zu der Klasse, welche sich
pflichtgetreu zu beruhigen weiss. Hier unser ehrenwerter Wohlfart wird ein reines
Sacktuch in die Tasche stecken und seine feierlichste Miene aufsetzen, wenn ich
einmal mein Spiel verliere; und ein anderer Waffenkamerad wird sich noch
leichter trösten. Heran mit dem Pferde«, rief er, schwang sich hinauf und
sprengte mit kurzem Gruss davon.
    »Er reitet gerade auf Tarow zu«, sagte der Förster, welcher ihm nachgesehen
hatte, mit Kopfschütteln. Lenore ging schweigend in das Zimmer der Eltern
zurück.
    Aber am späten Abend, als die Lichter des Schlosses längst verlöscht waren,
bewegte sich noch lange eine Gardine, und ein Weib lauschte angstvoll auf den
Hufschlag des heimkehrenden Rosses. Stunde auf Stunde verrann, erst gegen Morgen
schloss sich der Fensterflügel, als ein Reiter vor der Pforte anhielt, und eine
Melodie vor sich hin trällernd, das Pferd selbst in den Stall führte. Nach einer
durchwachten Nacht verbarg Lenore ihr schmerzendes Haupt in die Kissen.
    So ging es durch Monate fort. Endlich kam der Freiherr, auf den Arm seiner
Tochter und auf einen Stab gestützt, wieder manchmal herunter ins Freie, dann
sass er entweder schweigsam im Schatten der Schlossmauer oder er hörte mit
galliger Laune auf jede Kleinigkeit, die ihm zu schelten möglich machte. In
solchen Stunden bogen die Leute gern in weitem Umweg aus, um ihm nicht zu nahe
zu kommen, und da Anton dies nicht tat, so war er nicht selten das Opfer, über
dem sich die Verstimmung des Freiherrn Luft machte. Antons Verhältnis zu dem
Kranken wurde bald so lästig, dass nur ein ungewöhnlicher Grad von Geduld darüber
weghelfen konnte. Täglich musste der Freiherr hören, dass die Leute bei seinen
Querfragen sich damit entschuldigten, »Herr Wohlfart hat es so befohlen«, oder,
»der Herr Rentmeister hat das nicht gewollt«, mit Eifer suchte er die Aufträge,
welche Anton gegeben hatte, durch seine Willensäusserung zu stören; aller Groll,
alle Gehässigkeit, die sich in der Seele des Unglücklichen aufgesammelt hatte,
konzentrierte sich in ein schwächliches Gefühl des Hasses gegen seinen
Bevollmächtigten.
    Fink kümmerte sich jetzt wenig um den Freiherrn, wenn er das Gezänk mit
Anton bemerkte, verzog er schweigend die Augenbrauen und sagte höchstens: »Es
musste so kommen.« Am besten kam noch Karl mit dem Freiherrn aus; er nannte ihn
nie anders, als Herr Rittmeister, und schlug kriegerisch mit den Absätzen
zusammen, so oft er ihm eine Meldung machte; das hörte der blinde Herr, und das
tat ihm wohl. Und das erste Zeichen von Teilnahme, welches der Freiherr für das
Befinden Fremder zeigte, wurde dem Amtmann zuteil. Ein Gartenstuhl war in der
Sonne eingetrocknet und drohte auseinanderzufallen, Karl ergriff im Vorübergehn
den Stuhl und schlug ihn mit der geballten Hand zusammen. »Sie schlagen doch
nicht mit Ihrer rechten Hand, lieber Sturm?« frug der Freiherr.
    »Wie's kommt, Herr Rittmeister«, erwiderte Karl.
    »Das sollten Sie nicht tun«, ermahnte der Blinde, »eine solche Wunde will
geschont sein, es setzt sich manchmal nach Jahren eine Krankheit hinein. Sie
sind gar nicht sicher, ob das nicht in späterer Zeit auch bei Ihnen der Fall
sein wird.«
    »Lustig gelebt und selig gestorben, Herr Rittmeister«, erwiderte Karl, »ich
sorge nicht um die Zukunft.«
    »Er ist ein sehr brauchbarer Mensch«, sagte der Freiherr zu seiner Tochter.
    Die Ähren der Halmfrüchte blühten ab, die grünen Felder überzogen sich mit
hellem Gelb, das fröhliche Geräusch der Ernte begann. Als der erste Erntewagen
in den Hof rollte, stand Anton bei der Scheuer und überwachte das Einbringen. Da
trat Lenore zu ihm: »Wie wird die Ernte?«
    »So weit wir in diesem Jahr ernten können, sind die Aussichten nicht
schlecht. Wenigstens mit der Garbenzahl ist Karl zufrieden, sie scheint grösser
zu werden, als unser Anschlag war«, erwiderte Anton vergnügt.
    »So haben Sie doch eine Freude, Wohlfart«, sagte Lenore.
    »Es ist eine Freude für alle auf dem Hofe, Sie sehen's aus der rührigen
Geschäftigkeit der Leute. Auch der Träge arbeitet jetzt mit doppelter Kraft.
Wenn aber ich mich freue, so ist's auch über Ihre Frage. Sie sind dem Hofe und
allem, was zum Gut gehört, so fremd geworden.«
    »Ihnen nicht, mein Freund«, sagte Lenore niedersehend.
    »Sie selbst müssen krank werden«, fuhr Anton eifrig fort. »Wenn ich dürfte,
möchte ich Sie schelten, dass Sie die ganze Zeit so wenig an sich selbst gedacht
haben. Ihr kleines Pferd ist im Stall steif geworden, Karl muss manchmal darauf
reiten, damit es das Laufen nicht verlernt.«
    »Mag es dahingehn, wie alles andere«, rief Lenore, »ich werde mich nicht
wieder darauf setzen. Haben Sie Mitleid mit mir, Wohlfart, mir ist manchmal, als
verlöre ich die Besinnung, es ist mir alles auf der Welt gleichgültig geworden.«
    »Wozu so hart, Fräulein?« sprach eine spöttische Stimme hinter ihr. Lenore
schrak zusammen und wandte sich um. Fink, der länger als eine Woche verreist
gewesen, trat zu ihnen. »Mache, dass du den Blasius wegjagst«, sagte er zu Anton,
ohne sich weiter um Lenore zu kümmern; »der Schlingel ist schon wieder
betrunken, er peitscht in die Pferde, dass die armen Tiere mit Schwielen bedeckt
sind. Ich hatte grosse Lust, seinen Pferden eine Satisfaktion zu verschaffen und
ihn vor ihren Augen abzustrafen.«
    »Habe Geduld bis nach der Ernte«, erwiderte Anton, »wir können ihn jetzt
nicht ersetzen.«
    »Ist er nicht sonst ein gutmütiger Mensch?« frug Lenore schüchtern.
»Gutmütigkeit ist ein bequemer Titel für alles mögliche Ungesunde«, erwiderte
Fink. »Bei den Männern heisst's gutmütig und bei den Frauen gefühlvoll.« Er sah
Lenore an. »Was hat das arme Geschöpf der Pony, verschuldet, dass Sie ihn nicht
mehr reiten wollen?«
    Lenore errötete, als sie zur Antwort gab: »Das Reiten hat mir Kopfschmerz
gemacht.«
    »Ei«, spottete Fink, »Sie hatten sonst den Vorzug, weniger weich zu sein;
ich kann nicht sagen, dass dies larmoyante Wesen Ihnen zuträglich ist, Sie werden
den Kopfschmerz dabei nicht verlieren.«
    Lenore wandte sich gedrückt zu Anton: »Sind die Zeitungen angekommen? Ich
kam, Sie für den Vater darum zu bitten.«
    »Der Bediente hat sie in das Zimmer der Frau Baronin getragen.«
    Lenore wandte sich mit einer Verbeugung ab und ging nach dem Schloss
zurück.
    Fink sah ihr nach und sagte zu Anton: »Schwarz kleidet sie nicht, sie sieht
ganz verstört aus. Es ist eins von den Gesichtern, die nur gefallen, wenn sie
stattliche Fülle haben.«
    Anton blickte finster auf seinen Freund. »Dein Benehmen gegen das Fräulein
war in den letzten Wochen so auffallend, dass ich mich oft darüber geärgert habe.
Ich weiss nicht, ob es in deiner Absicht liegt, aber du behandelst sie mit einer
Nachlässigkeit, die nicht sie allein verletzt.«
    »Sondern auch dich, Master Wohlfart«, sagte Fink und sah den Zürnenden gross
an. »Ich habe nicht gewusst, dass du auch die Duenna dieses Fräuleins bist.«
    »Diese Sprache hilft dir nichts«, versetzte Anton ruhiger. »Ich habe recht,
wenn ich dich erinnere, dass du schlimmer als unzart gegen ein ehrliches Gemüt
handelst, das jetzt jede Rücksicht mit doppeltem Recht verlangen kann.«
    »Habe du die Güte, ihr diese Rücksicht zu gönnen, und kümmere dich nicht um
meine Weise«, erwiderte Fink kurz.
    »Fritz«, rief Anton, »ich verstehe dies Wesen nicht, es ist wahr, du bist
rücksichtslos -«
    »Hast du das so oft erfahren?« unterbrach ihn Fink.
    »Nein«, erwiderte Anton, »wenn du es gegen andere warst, mir hast du dich
immer gezeigt, wie du im Herzen bist, hochgesinnt und voll Teilnahme, aber eben
deshalb tut mir weh, mehr als ich sagen kann, dass du gegen Lenore so verändert
bist.«
    »Darum lass mich«, versetzte Fink, »jeder hat seine eigene Weise, Vögel
abzurichten. Nur nebenbei lass dir sagen, wenn dein Fräulein Lenore nicht aus
diesem kränklichen Leben aufgerüttelt wird, so geht das Beste an ihr in kurzer
Zeit zum Teufel. Der Pony allein wird's nicht tun, das weiss ich, aber du, mein
Sohn, mit deiner wehmütigen Teilnahme wirst's auch nicht tun. Und so wollen wir
den Dingen ihren Lauf lassen. - Ich gehe heut noch nach Rosmin, hast du etwas zu
bestellen?«
    Diese Unterredung brachte zwar keine Entfremdung zwischen den Freunden
hervor, aber sie wurde wenigstens von Anton nicht vergessen. Er zürnte in der
Stille der herrischen Weise des andern und beobachtete unruhig jedes zufällige
Zusammentreffen desselben mit Lenore. Fink suchte und vermied das Fräulein
nicht. Die Familienabende wurden nicht wieder eingerichtet, auch als der Herbst
herankam. Wenn Fink auf dem Gut war, speiste er mit Anton auf seinem Zimmer, und
nur im Freien traf er mit Lenoren zusammen. Dann sah man ihrem Benehmen den
Zwang an, und Fink behandelte sie seit der Unterredung mit Anton wie eine
Fremde.
    Anton selbst sollte über seine eigne Stellung Erfahrungen machen. Sosehr er
vermied, dem Freiherrn Unangenehmes mitzuteilen, so gab es doch etwas, was er
ihm nicht länger ersparen konnte, die Regulierung der Schulden, welche der
verstorbene Sohn gemacht hatte. Denn bald nach dem Tode desselben waren
zahlreiche Briefe mit eingeschlossenen Forderungen auf dem Schloss angekommen.
Lenore hatte sie Anton übergeben und Anton hatte alle, unter ihnen auch den
Schuldschein Sturms, an den Justizrat Horn geschickt und von diesem redlichen
Mann ein Gutachten und eine genauere Ermittelung der Forderungen erbeten. Das
Gutachten war jetzt angekommen. Der Jurist verbarg ihm nicht, dass der
Schuldschein, welchen der junge Rotsattel dem Auflader ausgestellt hatte, in
der Form so fehlerhaft war, dass er vor Gericht nur als eine Quittung über
empfangenes Geld betrachtet werden konnte. Eine gesetzliche Verpflichtung des
Freiherrn, für den Sohn zu zahlen, war nicht vorhanden. Die Summe der Schulden
war so gross, dass eine augenblickliche Tilgung ganz unmöglich war. Und Anton
selbst hatte dem jungen Verschwender mehr als achtundert Taler geliehen. Als er
den Schuldschein Eugens aus seinen Papieren heraussuchte, sah er lange auf die
Züge des Verstorbenen. Das war die Summe, durch welche sein eitler Sinn ihn in
das Leben der Familie eingekauft hatte. Und was hatte ihm dieser Kauf gebracht?
Damals war ihm eine Ehrensache gewesen, seinem vornehmen Freund aus der
Verlegenheit zu helfen, jetzt erkannte er, wie vorschnell er es dem
Leichtsinnigen leichtgemacht hatte, Geld zu erhalten. Finster verschloss er den
eignen Schein wieder in die Schublade.
    Mit schwerem Herzen liess er den Freiherrn um eine Unterredung ersuchen.
Schon bei der ersten Erwähnung seines Sohnes geriet der Freiherr in heftige
Bewegung, und als Anton in seinem Eifer den Verstorbenen kurzweg beim Vornamen
nannte, erhob sich die Galle in dem verletzten Vater. Er unterbrach die Rede
Antons durch die heftigen Worte: »Ich verbitte mir diese familiäre Bezeichnung
meines verstorbenen Sohnes, lebend oder tot, ist er für Sie immer der Freiherr
von Rotsattel.«
    Anton erwiderte an sich haltend: »Herr Eugen, Freiherr von Rotsattel, hat
bei seinen Lebzeiten etwas über viertausend Taler Schulden gemacht.«
    »Das ist unmöglich«, unterbrach ihn der Freiherr.
    »Die beglaubigten Abschriften der Schuldscheine und Wechsel, sowie die
Einsicht in die Originaldokumente, welche Justizrat Horn gefordert hat, machen
die Tatsache selbst unzweifelhaft. Bei neunzehnhundert Talern, dem grössten
Posten, ist die Wahrheit der vollen Zahlung um so weniger zu bezweifeln, als der
Vater des Amtmann Sturm, welcher das Darlehen gemacht hat, ein Mann von der
grössten Redlichkeit ist. Ein Brief des Verstorbenen an mich erkennt diese Schuld
ausdrücklich an.«
    »Sie also haben von diesen Schulden gewusst«, rief der Freiherr in steigendem
Zorn, »und Sie haben mir ein Geheimnis daraus gemacht? Ist das Ihre
vielgepriesene Treue?«
    Vergebens setzte ihm Anton die nähern Umstände auseinander, der Freiherr
hatte die Herrschaft über seine Empfindungen verloren. »Schon längst habe ich
erkannt«, rief er laut, »wie eigenmächtig Ihr ganzes Verfahren ist. Sie benutzen
meinen Zustand, um die Disposition über mein Vermögen zu erhalten, Sie machen
Schulden, Sie lassen Schulden machen, Sie ziehen Geld ein, Sie verrechnen mir,
was Ihnen gut dünkt.«
    »Sprechen Sie nicht weiter, Herr Freiherr«, rief Anton mit starker Stimme.
»Nur das Mitleid mit Ihrer Hilflosigkeit verbietet mir, Ihnen die Antwort zu
geben, welche Sie in diesem Augenblick verdienen. Wie gross dies Mitgefühl ist,
mögen Sie daraus sehn, dass ich mich bemühen will, Ihre Rede zu vergessen, und
dass ich Sie jetzt um Ihre Erklärung bitte: Wollen Sie die Schulden, welche der
Verstorbene gemacht hat, anerkennen, und wollen Sie namentlich dem Auflader
Sturm oder seinem Sohn, Ihrem Amtmann, durch diese Anerkennung eine Sicherheit
geben, oder wollen Sie es nicht tun?«
    »Nichts will ich tun«, rief der Freiherr ausser sich, »was Sie mit solcher
Prätension von mir fordern.«
    »Dann ist es unnütz, jetzt weiter mit Ihnen zu sprechen. Ich bitte Sie, Herr
Freiherr, noch einmal die Angelegenheit zu überlegen, bevor Sie Ihren letzten
Entschluss aussprechen. Ich werde mir die Ehre geben, heut abend Ihre
Entscheidung entgegenzunehmen. Ich hoffe, dass bis dahin Ihr Gerechtigkeitsgefühl
den Sieg über eine Verstimmung davontragen wird, deren Gegenstand ich nicht zum
zweitenmal zu werden wünsche.«
    Mit diesen Worten verliess er den Freiherrn und hörte noch, wie dieser im
Zorn einen Stuhl umwarf und an die Möbel stiess. Kaum war er in seinem Zimmer
angekommen, so erschien der vertraute Diener und forderte im Auftrage des
Freiherrn die Akten und Rechnungsbücher, welche Anton bis dahin in seinem Zimmer
aufbewahrt hatte. Schweigend übergab Anton die Papiere dem erschrockenen Mann.
    Er war entlassen, in der rohesten Weise entlassen, seine Redlichkeit war
bezweifelt, dieser Bruch war unheilbar. Wohl mochte der Freiherr andern Sinnes
werden, und Anton wusste, nach wenigen Stunden würden die Vorstellungen der
Frauen den kranken Mann umstimmen; aber für ihn selbst gab es keine Rückkehr, er
musste fort. Welche Pflichten er auch gegen die Baronin und Lenore übernommen,
jetzt sprach die Pflicht, die er gegen sich selbst hatte, lauter als jede
andere. Bitter war diese Stunde. Schon jetzt, wo er zornig in seinem Zimmer auf
und ab schritt, fühlte er, dass in der Beleidigung, die ihm zugefügt wurde, auch
eine Strafe für ihn selbst lag. Rein war sein Wille, und unsträflich sein Tun
gewesen, aber die entusiastischen Gefühle, die ihn in dieses Haus geführt,
hatten nicht vermocht, zwischen ihm und dem Freiherrn ein sittliches Verhältnis,
das des Arbeitgebers und des Arbeiters, zu begründen. Nicht der freie Wille
beider und nicht verständiger Entschluss hatte sie verbunden, sondern der Zwang
unklarer Verhältnisse und seine eigene jugendliche Schwärmerei. Diese gaben ihm
selbst Ansprüche, die grösser waren, als seine Stellung, und dem andern einen
Druck, der ihn einengte und schwächer machte.
    In diesen Gedanken wurde er durch Lenore unterbrochen, welche hastig in sein
Zimmer trat. »Meine Mutter wünscht Sie zu sprechen«, rief sie. »Was werden Sie
tun, Wohlfart?«
    »Ich muss gehn«, sagte Anton ernst. »Dass ich Sie verlassen muss in dieser
Lage, Ihre Zukunft so unsicher, das hätte ich niemals für möglich gehalten.
Nichts gab es, das mich hätte bewegen können, von hier zu scheiden, bevor ich
stärkeren Händen die Verwaltung des Gutes übergeben konnte, nichts als eines.
Und dies eine ist jetzt eingetreten.«
    »Gehen Sie«, rief Lenore ausser sich. »Alles stürzt über uns zusammen, es
gibt keine Hilfe, auch Sie können uns nicht retten, gehen Sie und lösen Sie Ihr
Leben von den Sinkenden.«
    Als Anton bei der Baronin eintrat, lag die Leidende auf dem Sofa. »Setzen
Sie sich zu mir, Herr Wohlfart«, sagte sie leise. »Es ist die Stunde gekommen,
wo ich Ihnen etwas mitteilen muss, was ich um meinetwillen für die Zeit
aufgespart habe, wo man am offenherzigsten miteinander spricht, auf die letzte
Stunde des Zusammenseins. Der Freiherr ist durch seine Krankheit so weit
gekommen, dass er Ihre treue Hilfe nicht mehr versteht. Ja Ihre Gegenwart
verschlimmert den unglücklichen Zustand, worin er sich befindet, mit jedem Tage.
Er hat in seiner Aufwallung Ihr Zartgefühl so sehr verletzt, dass ich eine
Versöhnung nicht mehr für möglich halte. Er würde durch Ihre Anwesenheit von
jetzt ab nicht in der Einbildung, sondern in Wahrheit gedemütigt werden. Auch
wir würden das Opfer, welches Sie uns von heut ab bringen müssten, für zu gross
halten, als dass wir es annehmen könnten, selbst wenn Sie vergessen wollten.«
    »Ich habe die Absicht, in den nächsten Tagen dies Gut zu verlassen«,
entgegnete Anton.
    »Was mein Mann gegen Sie versehen, kann ich nicht gutmachen, aber ich
wünsche Ihnen eine Gelegenheit zu geben, sich an dem Freiherrn in der Weise zu
rächen, welche Ihrer würdig ist. Der Freiherr hat Ihre Ehre angegriffen; die
Rache, welche ich, seine Frau, Ihnen dafür biete, ist die, dass Sie ihm seine
eigene Ehre zu retten suchen.«
    Sie hatte ruhig gesprochen, die Worte glitten ihr von den Lippen, wie bei
der Unterhaltung in grosser Gesellschaft, jetzt hielt sie an und suchte die
Worte. »Er hat vor Jahren sein Ehrenwort gegeben, eine Verpflichtung zu
erfüllen, und hat in einem verzweifelten Augenblick sein Wort gebrochen. Die
Beweise, dass er das getan hat, sind wahrscheinlich in der Hand gemeiner
Menschen, welche ihr Wissen benutzen können, ihn zu verderben. Dass ich Ihnen
dies gerade jetzt mitteile, wird Ihnen ein Beweis sein, wie ich Ihr Verhältnis
zu unserm Hause ansehe.« Sie zog einen Brief aus den Kissen. »Mit diesem Brief
lege ich seine und unser aller Zukunft in Ihre Hand; wenn einer uns davor
schützen kann, dass seine Verfolger diese Waffe gegen ihn gebrauchen, so werden
Sie es tun; wenn es noch möglich ist, seinem verstörten Gemüt einigen Frieden
zurückzugeben, so werden Sie es tun.« Sie streckte ihre Hand aus und übergab
Anton den Brief.
    Anton trat an das Fenster und sah mit Erstaunen ein Schreiben Ehrentals.
Zweimal musste er es durchlesen, bevor er den Sinn erriet. Es war eine zitternde
Hand und es war ein ungeordneter Geist, welche die Feder geführt hatten. In
einer hellen Stunde war dem kindischen Mann sein Verhältnis zu dem Edelmann in
die Seele gefallen. In der Angst um seine Kapitalien erinnerte er ihn an die
gestohlenen Schuldscheine, er forderte das Geld von ihm und drohte. Und
dazwischen kamen wieder Klagen über die eigene Schwäche und die Bosheit anderer
Menschen. Was der verworrene Brief nicht offenbarte, wurde klar durch die
Abschrift eines Schuldscheins, wahrscheinlich nach einem Konzept, welches
Ehrental und der Freiherr zusammen gemacht hatten, denn Ehrental erwähnte in
dem Briefe, das Original sei von der Hand des Freiherrn, und er werde es gegen
ihn benutzen.
    Anton faltete den Brief zusammen und sagte: »Die Drohungen wenigstens,
welche er an die mitgeteilte Abschrift knüpft, dürfen Sie, Frau Baronin, nicht
beunruhigen; es ist gar keine Unterschrift des Freiherrn unter dem Entwurf, und
Ehrental, so unklar der Brief auch sonst ist, würde die Unterschrift nicht
vergessen haben. Auch ist die Summe, zu welcher dieser einzelne Schein den
Freiherrn verpflichten könnte, nicht bedeutend.«
    »Und glauben Sie, dass der Brief die Wahrheit erzählt?« frug die Baronin.
    »Ich glaube daran«, sagte Anton; »dies Schreiben erklärt mir manches, was
ich bis jetzt nicht verstand.«
    »Ich weiss, dass er Wahres entält«, sprach die Baronin so leise, dass ihre
Worte kaum bis zu Antons Ohr drangen. »Wie ich zu dieser Gewissheit gekommen bin,
nach und nach, das gehört nicht hierher.« Ein matter Schimmer von Rot legte sich
auf ihre Wangen.
    »Und Sie, Herr Wohlfart, wollen Sie übernehmen, für uns die gestohlenen
Papiere zurückzuschaffen?« frug sie sich aufrichtend.
    »Ich will«, sprach Anton ernst. »Aber meine Hoffnungen sind gering. An die
gestohlenen Schuldscheine hat gegenwärtig der Freiherr noch gar kein Recht, sie
gehören Ehrental, und es ist vor allem eine Verständigung mit diesem notwendig.
Sie wird schwierig sein. Ausserdem kann ich noch nicht einmal das Sachverhältnis
genau übersehen, und ich fürchte, ich werde auch Sie bemühen müssen, mir alles,
was Sie etwa über den Diebstahl selbst erfahren können, mitzuteilen.«
    
    »Ich werde versuchen, Ihnen zu schreiben«, sagte die Baronin. »Zeichnen Sie
mir genau auf in bestimmten Fragen, was Sie wissen müssen, Sie sollen Antwort
haben, so genau ich sie Ihnen geben kann. Welchen Erfolg auch Ihre Mühe haben
mag, ich danke Ihnen im voraus aus voller Seele dafür. Wie gross Ihre Tätigkeit
für unser Wohl auch hier gewesen ist, die grösste können Sie uns jetzt beweisen.
Die Schuld, welche unser Haus gegen Sie hat, werden wir Ihnen niemals bezahlen.
Wenn der Segen einer Sterbenden ein freundliches Licht auf Ihre Zukunft werfen
kann, so nehmen Sie ihn mit auf Ihren Weg.«
    Anton erhob sich.
    »Wir sehen uns nicht mehr wieder«, sagte die Kranke, »in dieser Stunde
nehmen wir Abschied. Leben Sie wohl, Wohlfart, für diese Erde sehe ich Sie zum
letzten Male.« Sie hielt ihm ihre Hand hin, Anton beugte sich darauf und verliess
bewegt, mit einer tiefen Verbeugung das Zimmer.
    Ja, sie verdiente eine Edelfrau zu heissen. Adlig war ihr Sinn, nicht klein
ihr Urteil über andere, und vornehm war die Art, wie sie Antons Diensteifer
belohnte. Sehr vornehm! Er hatte in ihren Augen immer eine weisse Perücke und
silberne Knieschnallen getragen.
    Gegen Abend klirrte Finks Tritt auf dem Korridor, gleich darauf trat er in
das Zimmer des Freundes. »Hallo! Anton, was ist hier im Hause los? Johann
schleicht so scheu herum, als hätte er die grösste Porzellanvase zerbrochen, und
als die alte Babette mich sah, rang sie die Hände!«
    »Ich muss dies Haus verlassen, mein Freund«, sagte Anton finster, »ich habe
heut mit dem Freiherrn eine peinliche Szene gehabt.« Er erzählte ihm, was
vorgefallen, er erwähnte die Unterredung mit der Baronin, so weit er dies ohne
Indiskretion durfte, und schloss mit den Worten: »Nie war die Lage der Familie so
verzweifelt, als grade jetzt. Sie braucht jetzt wieder die freie Disposition
über zwanzigtausend Taler, um ein neues Unheil abzuwehren!«
    Fink warf sich auf einen Stuhl. »Vor allem hoffe ich, dass du diese schöne
Gelegenheit, dich zu ärgern, so wenig als möglich benutzt hast. Über die Szene
selbst wollen wir untereinander kein Wort verlieren, der Freiherr ist nicht
zurechnungsfähig. Und im Vertrauen gesagt, der Vorfall überrascht mich nicht.
Dass so etwas kommen würde, war vorauszusehn, dass du in diesem sentimentalen
Verhältnis nicht bleiben konntest, habe ich den ganzen Sommer erwartet. Ebenso
klar ist, dass du als Beichtvater der Frauen und vertrauter Geschäftsführer der
Familie den Leuten hier unentbehrlich bist. Und dass mir dein plötzlicher Abgang
einen dicken Strich durch mehrere Rechnungen macht, brauche ich dir nicht zu
sagen. Zuerst also die Frage: Was wirst du selbst tun?«
    »Ich reise so bald als möglich nach unsrer Hauptstadt«, erwiderte Anton.
»Dort werde ich noch einige Monate im Interesse der Rotsattel zu tun haben.
Mein Dienstverhältnis ist vom heutigen Tage gelöst; sobald das Familiengut des
Freiherrn verkauft ist, betrachte ich auch die moralische Verpflichtung, die ich
gegen die Familie eingegangen bin, als völlig aufgehoben.« - »Gut«, sagte Fink,
»das ist in der Ordnung. Wenn du überhaupt noch eine Feder für diese Leute
ansetzen willst, so kann das jetzt nur so geschehn, dass du ihnen als freier Mann
dein Mitgefühl gönnst. Ein anderer Punkt ist, dass Rotsattel durch seine Torheit
auch hier in eine Krisis gekommen ist. Denn ohne dich kann es in der alten Weise
auf dem Gut nicht vier Wochen fortgehn. Jetzt entsteht die Frage, Meister Anton,
was soll hier werden?«
    »Ich habe den ganzen Tag darüber gesonnen«, erwiderte Anton, »ich weiss
nicht. Es gibt nur eine Möglichkeit: dass du selbst den Teil meiner Geschäfte
übernimmst, den Karl nicht besorgen kann.«
    »Ich danke«, sagte Fink, »dir für das gute Zutrauen, und im übrigen für das
freundliche Anerbieten. Einem Narren, der noch nicht unter Kuratel steht, die
Geschäfte besorgen, heisst sich selbst zum Narren machen. Nimm mir das nicht
übel. Du bist ein solcher guter Narr gewesen, ich habe nicht das Zeug dazu. Nach
acht Tagen würde ich in der unangenehmen Lage sein, den Mann malträtieren zu
müssen. Weisst du keinen andern Rat?«
    »Keinen«, rief Anton. »Wenn du dich nicht dieses Guts mit aller Kraft
annimmst, so verdirbt, was wir in diesem Jahre eingerichtet haben, und unsre
deutsche Kolonie geht zu Grunde. Das Gut fällt wahrscheinlich den
Seitenverwandten des vorigen Besitzers zu, welche die Hauptforderung darauf
haben, und die alte polnische Wirtschaft fängt wieder an.«
    »So ist's«, sagte Fink.
    »Und du, Fritz«, fuhr Anton fort, »bist durch dein Verhältnis zu mir mit
deinem Geld hier hereingezogen worden, auch du bist in Gefahr, Verluste zu
erleiden.«
    »Richtig«, sagte Fink, »gesprochen wie ein Buch. Du läufst weg und lässt mich
mit meiner Bande unter den Schlachtschitzen zurück. - Weisst du was, erwarte mich
hier, ich will erst einige Worte mit Lenore sprechen.«
    »Was willst du tun?« rief Anton, ihn festaltend.
    »Keine Liebeserklärung machen«, erwiderte Fink lachend, »verlass dich darauf,
mein Junge.« Er klingelte dem Bedienten und liess Fräulein Lenore zu einer
Unterredung in das Gesellschaftszimmer bitten.
    Als Lenore eintrat, mit verweinten Augen, nur mit Mühe ihre Fassung
behauptend, ging er ihr artig entgegen und führte sie zu dem Sofa.
    »Ich entalte mich gegen Sie jedes Urteils über das, was heut vorgegangen
ist«, begann er. »Wir wollen annehmen, dass meines Freundes Aufentalt in der
Hauptstadt in Ihrem Interesse noch wünschenswerter ist, als ein Verweilen im
Gut. Nach allem, was ich höre, ist dies in der Tat der Fall. Wohlfart wird
übermorgen abreisen.«
    Lenore verbarg ihr Gesicht hinter der Hand. Fink fuhr kaltblütig fort:
»Unterdes erfordert mein eigner Vorteil, dass ich mich um eine Sicherung der
hiesigen Verhältnisse bemühe. Ich habe mehrere Monate hier gelebt und einigen
Anteil an dieser Besitzung gewonnen. Deshalb bitte ich Sie, der Bote einer
Mitteilung zu werden, die ich in diesem Augenblick am liebsten durch Sie Ihrem
Herrn Vater mache. Ich bin bereit, dem Freiherrn dies Gut für mich selbst
abzukaufen.«
    Lenore fuhr zusammen und stand von ihrem Sitz auf. Mit gerungenen Händen
rief sie: »Zum zweitenmal!«
    »Haben Sie die Güte, mich ruhig anzuhören«, fuhr Fink fort. »Ich
beabsichtige durchaus nicht, gegenüber dem Freiherrn von Rotsattel die Rolle
eines rettenden Engels zu spielen, ich habe weniger von einem Flederwisch auf
dem Rücken, als unser geduldiger Anton, und vollends jetzt fühle ich mich
durchaus nicht veranlasst, Ihrem Herrn Vater etwas anzubieten, was irgendwie als
leichtsinnige Behandlung meines eignen Vorteils erscheinen könnte. Betrachten
Sie in dieser Stunde uns als Gegner, und meinen Antrag, wie er ist, als in
meinem eignen Interesse gemacht. Mein Anerbieten ist folgendes. Der Kaufpreis
dieses Gutes würde, wenn ihn der Freiherr so berechnen wollte, dass er selbst
keine Verluste leidet, jetzt mehr als hundertundsechzigtausend Taler betragen.
Ich biete Ihnen das Höchste, was das Gut nach meiner Ansicht in der
gegenwärtigen Zeit wert sein mag; Übernahme der Gutsschulden und Auszahlung von
zwanzigtausend Talern an den Freiherrn binnen vierundzwanzig Stunden; nach
Ablauf dieser Frist wird das Gut an mich übergeben. Bis zu nächstem Ostern
wünsche ich das Schloss in Ihren Händen zu lassen und würde, wenn dies ohne
beiderseitige Inkonvenienz geschehen kann, mich bis dahin gern als Ihren Gast
betrachten. Ich werde in der Regel abwesend sein und Ihnen nicht zur Last
fallen.«
    Lenore sah ängstlich in sein Gesicht, welches in diesem Augenblick hart
aussah, wie das eines zähen Yankee; der Rest ihrer Fassung fiel zusammen, sie
brach in dem Widerstreit stürmischer Gefühle in Tränen aus.
    Fink lehnte sich ruhig in seinen Stuhl zurück, und ohne Rücksicht auf diese
Stimmung fuhr er fort: »Sie sehen, ich biete Ihnen einen Verlust, was ich Ihnen
nehmen will, ist wahrscheinlich die Hälfte Ihres Erbes, es ist in der Ordnung,
dass Sie das verlieren. Der Freiherr hat zu schnell sein Vermögen an dieses Gut
gewagt; dass Ihre Familie diesen Mangel an Vorsicht bezahlt, wird nicht zu
vermeiden sein. Denn höher, als mein Gebot, ist der Kaufwert des Gutes in seiner
gegenwärtigen Verfassung sicher nicht. Ich würde unehrlich sein, wenn ich Ihnen
verschweigen wollte, dass das Gut bei zweckmässiger Behandlung in einigen Jahren
das Doppelte wert sein kann, ich habe aber die feste Überzeugung, dass es unter
Verwaltung des Freiherrn diesen Wert niemals erhalten wird. Wäre Anton hier
geblieben, so hätte nicht er, aber die Verhältnisse hätten es möglich gemacht,
Ihnen dies Vermögen zu erwerben. Jetzt ist auch diese Hoffnung für Sie dahin.
Ich verberge Ihnen ferner nicht, Wohlfart hat mir soeben die Forderung gestellt,
dass ich an seine Stelle treten soll.«
    Lenore machte noch in ihrem Schluchzen mit der Hand eine abwehrende
Bewegung.
    »Es freut mich«, fuhr Fink fort, »dass wir hierin einerlei Meinung sind; ich
habe dies Anerbieten sehr bestimmt und für immer zurückgewiesen.« So schwieg er
und sah prüfend auf das Mädchen vor ihm, welchem seine Worte das Herz zerrissen.
Er sprach so rauh zu ihr, der Mann, für den sie alles getan hätte, um ein
Lächeln, einen freundlichen Blick zu erhalten. Mit schlecht verhehlter
Verachtung redete er von ihrem Vater, seine Worte waren die eines starren
Egoisten. Und doch, als der herbe Ton, in dem er sprach, in der Stube verhallt
war, fiel ihr in die Seele, dass sein Anerbieten für ihre hilflose Lage immer
noch ein Glück sein konnte. Und mit der Sehergabe eines liebenden Herzens ahnte
sie hinter dem Antrag eine Meinung, die sie nicht verstand, die ihr aber wie ein
ferner Hoffnungsstrahl in die Tiefe ihres Schmerzes leuchtete. Wie er sich auch
stellte, es war kein gemeiner Sinn, der aus seiner Weise hervorbrach. Das
krampfhafte Schluchzen löste sich in ein heftiges Weinen, sie versuchte sich vom
Sofa zu erheben und glitt hinunter auf den Boden. So lag sie neben seinem Stuhl
und stützte ihr Haupt auf die Lehne, ein Bild der leidenden Hingebung. Und unter
strömenden Tränen sprach sie: »Sie täuschen mich nicht, machen Sie mit uns, was
Sie wollen.«
    Das stolze Lächeln flog über das Gesicht des Mannes, er beugte sich zu ihr
nieder, schlang seinen Arm um ihr Haupt, drückte einen Kuss auf ihr Haar und
sagte: »Mein Kamerad, ich will, Sie sollen frei werden.« Lenorens Haupt glitt an
seine Brust, sie weinte ruhig fort, er hielt sie in seinem Arm. Endlich fasste er
ihre Hand und schüttelte sie herzlich. »Wir beide wollen von heut ab einander
verstehn. Sie sollen frei werden, Lenore, mir gegenüber frei, und frei von allem
andern, was Sie hier einengt. Sie verlieren einen Mann, der die aufopfernde
Zärtlichkeit eines Bruders für Sie gehabt hat, und mir ist's recht, dass er sich
von Ihnen löst. Ich frage heut nicht, wollen Sie als mein Weib sich an mein
Leben binden? Denn Sie haben jetzt nicht die Freiheit, nach Ihrem Herzen zu
entscheiden. Ihr Stolz soll nicht nein sagen, und das Ja soll Ihre Selbstachtung
nicht verringern. Wenn der Fluch gelöst ist, welcher über Ihrem Hause liegt, und
wenn es Ihnen freisteht, bei mir zu bleiben oder zu gehn, dann hole ich mir
Bescheid. Bis dahin ehrliche Freundschaft, mein Kamerad.«
    Lenore erhob sich.
    »Und jetzt denken wir an nichts, als an unser Gut«, sagte Fink in
verändertem Ton; »trocknen Sie die Tränen, die ich in Ihrem grossen Auge sehr
ungern sehe, und teilen Sie die offizielle Hälfte meines Antrags dem Freiherrn
und Ihrer Mutter mit. Wenn nicht eher, erbitte ich mir morgen um diese Zeit
Antwort.«
    Lenore ging zur Tür, dort blieb sie stehn, sie wandte sich noch einmal nach
ihm um und reichte ihm schweigend die Hand.
    Langsam schritt Fink in Antons Zimmer zurück. Er trat zu dem Freund, der mit
verschränkten Armen am Fenster stand und auf die Felder sah, welche im
Dämmerlicht des Mondes vor ihm lagen. »Erinnerst du dich an das, Anton, was du
am Tage meiner Ankunft von deinem Patriotismus erzählt hast?«
    »Es war ja seit der Zeit oft die Rede davon«, erwiderte Anton trübe.
    »Ich habe mir's gemerkt«, fuhr Fink fort. »Dies Gut soll nicht wieder unter
den Zepter eines Herrn Bratzky kommen. Ich kaufe die Herrschaft, wenn der
Freiherr will.«
    Anton wandte sich überrascht um. »Und Lenore?«
    »Sie teilt das Schicksal ihrer Eltern, wir haben das soeben miteinander
abgemacht.« Er erzählte dem Freund von seinem Anerbieten.
    »Jetzt hoffe ich, dass alles gut wird«, rief Anton.
    »Warten wir's ab«, sagte Fink. »Drüben brennt jetzt ein Fegefeuer für den
Sünder; es ist mir lieb, dass ich seinen Jammer nicht anhören darf.«
    Am nächsten Morgen in der Frühe brachte der Bediente jedem der Freunde einen
Brief aus dem Zimmer des Freiherrn; sie waren von Lenores Hand, ihr Vater hatte
in zitternden Zügen unterschrieben. In dem Briefe an Anton bat der Freiherr mit
sorgfältig gewählten Worten um Vergebung, dass er ihn in einer krankhaften
Aufwallung verletzt habe, und sprach seinen Dank für die treuen Dienste aus, die
er ihm bis jetzt geleistet; in dem Briefe an Fink nahm er das Anerbieten an und
bat ihn, den Schreiber, so schnell als möglich von der Sorge zu befreien, die
ihm die Verwaltung des Gutes bei seiner Krankheit machen müsse. Schweigend
tauschten die Freunde diese Zuschriften gegeneinander aus.
    »So ist es entschieden«, rief endlich Fink; »ich bin die halbe Welt
durchlaufen und hatte überall etwas auszusetzen, und jetzt wühle ich mich in
diese Sandgrube ein, wo ich gegen die polnischen Wölfe allnächtlich ein Feuer
anzünden möchte. Du aber, Anton, erhebe dein Haupt und sieh vor dich, denn wenn
ich jetzt eine Heimat gefunden habe, auch du gehst dortin zurück, wo der beste
Teil deines Herzens ist.«
    »Und deshalb, mein Junge, lass uns noch einmal deine Instruktion überlegen.
Du hast die Aufgabe, gewisse gestohlene Papiere zu ermitteln. Denke auch an die
zweite. Tu, was du kannst, um der Familie das wenige, was sie hier gerettet hat,
zu sichern. Sieh zu, dass das alte Gut der Rotsattel bei der Versteigerung einen
Preis erhält, der die Ansprüche aller Hypotekengläubiger deckt. Du musst fort,
ich fordere dich nicht auf, jetzt noch hierzubleiben, aber du weisst, dass unter
allen Umständen da, wo ich wohne, auch du zu Hause bist. - Und noch eins. Ich
würde den Amtmann ungern entbehren; wende deine Beredsamkeit an, damit dein
treuer Sancho hierbleibt, wenigstens über den Winter.«
    »Noch weiss niemand«, erwiderte Anton aufstehend, »dass ich dies Gut verlasse,
er muss der erste sein, der das erfährt. Ich gehe sogleich zu ihm.«
    Das unsaubere Zimmer, in dem einst Herr Bratzky der Verräter gehaust hatte,
war durch Karls Hände in einen wohnlichen Raum verwandelt, der nur an dem einen
Übelstand litt, dass er zu voll von allerlei nützlichen Dingen war. Karl selbst
hatte die Stube mit schöner Rosafarbe angestrichen, an der Wand hing im goldenen
Rahmen ein Bild des alten Blücher und daneben eine grosse Sammlung von
Gerätschaften des Krieges und des Friedens, Flinte und Pulverhorn, Säge und Axt,
Lineal und Winkelmass. Am Fenster war eine kleine Hobelbank aufgestellt, eine
Anzahl Rotkehlchen flatterte hin und her, es roch stark nach Leim. Oft hatte
Anton hier ausgeruht und sich an Karls frischem Mut erholt, wenn ihm in den
letzten Monaten das Leben schwer geworden war. Als er heut auf die bekannten
Wände sah, fiel ihm mächtig aufs Herz, dass er auch von dem anspruchslosen treuen
Mann scheiden müsse. Er lehnte sich an die Hobelbank und sagte: »Lege deine
Rechnung beiseite, Karl, und lass uns ein ernstes Wort miteinander reden.«
    »Jetzt kommt's«, rief Karl, »es ist schon lange etwas im Werke; ich sehe an
Ihrem Gesicht, dass alle Bomben geplatzt sind.«
    »Ich gehe fort von hier, mein Freund.«
    Karl liess die Feder aus der Hand fallen und sah stumm in das ernste Antlitz
ihm gegenüber.
    »Fink übernimmt dies Gut, er hat es heut gekauft.«
    »Hurra!« rief Karl, »wenn Herr von Fink der Mann ist, welcher - so ist alles
gut. Ich gratuliere von Herzen«, sagte er Antons Hand schüttelnd, »dass es so
gekommen ist. In diesem Frühjahr hatte ich schon andere einfältige Gedanken.
Jetzt aber ist's in der Ordnung. Und auch unsre Wirtschaft ist gerettet.«
    »Das hoffe ich auch«, bestätigte Anton lächelnd.
    »Aber Sie«, fuhr Karl fort, und seine Miene wurde plötzlich ernst.
    »Ich gehe nach unsrer Hauptstadt zurück«, erwiderte Anton; »dort habe ich
für den Freiherrn noch einige Geschäfte abzumachen, dann suche ich einen Stuhl
in einem Comtoir.«
    »Und wir haben hier ein Jahr zusammen gearbeitet«, sagte Karl betrübt. »Sie
haben die Plage gehabt, und ein anderer wird ernten.«
    »Ich gehe zurück, wohin ich gehöre. Aber, lieber Karl, nicht um mich,
sondern um deine Zukunft handelt sich's jetzt.«
    »Ich gehe natürlich mit Ihnen«, rief Karl.
    »Ich komme dich bitten, dies nicht zu tun. Könnten wir beide miteinander
gemeinsam ein Geschäft beginnen, so würde ich dich mit aller Kraft an meiner
Seite festalten. Aber das ist unmöglich. Ich muss mir eine Stelle suchen. Ich
war nie in der Lage, durch mein eigenes Vermögen eine selbständige Stellung zu
gewinnen. Ein Teil von dem wenigen, was ich hatte, ist daraufgegangen; ich gehe
nicht reicher von hier, als ich hergekommen bin. So würden wir uns trennen,
sobald wir nach der Heimat kämen.«
    Karl sass mit gesenktem Haupt und dachte nach. »Herr Anton«, sagte er, »kaum
wage ich Ihnen von etwas zu reden, wovon ich selbst nichts weiss. Sie haben mir
einigemal gesagt, dass mein Alter ein Kauz ist, der auf Geldsäcken sitzt. Wie
wär's?« fuhr er zögernd fort und arbeitete mit seinem Stemmeisen in den Stuhl.
»Wenn Ihnen nicht zu wenig wäre, was in dem eisernen Kasten liegt - Sie nehmen
das, und wenn's etwas mit Produkten sein könnte, - es ist zwar sehr verwegen von
mir - vielleicht könnte ich Ihnen dann als Ihr Kompagnon nützlich sein. Es ist
nur so ein Gedanke, und Sie müssen mir das nicht übelnehmen.«
    Anton erwiderte bewegt: »Sieh, Karl, dass du mir einen solchen Vorschlag
machst, ist ganz in deiner uneigennützigen Weise; aber es wäre ein Unrecht, wenn
ich ihn annähme. Das Geld gehört deinem Vater, und wenn auch er seine
Einwilligung gäbe, und ich glaube, er würde es tun, so würde doch deine eigene
Zukunft unsicherer, als sie jetzt ist. Jedenfalls wird dir das Vermögen deines
Vaters in dem Berufe, in dem du heimisch bist, ein besseres Leben verschaffen,
als in einem andern, in den du dich aus Liebe zu mir erst einarbeiten müsstest.
Deshalb ist es besser für dich, mein Freund, dass wir uns trennen.«
    Karl griff nach seinem Taschentuch und räusperte sich kräftig, bevor er
weiter frug: »Und Sie allein wollten das Geld nicht benutzen? Sie würden uns ja
gute Interessen geben.«
    »Es ist unmöglich«, erwiderte Anton.
    »Dann gehe ich zu meinem Alten zurück und stecke meinen Kopf in einen
Heuboden unserer Gegend«, rief Karl ärgerlich.
    »Das darfst du nicht«, sagte Anton. »Du hast von diesem Gute mehr
kennengelernt, als ein anderer; es wäre unrecht, wenn das verlorengehen sollte.
Gerade Fink braucht jetzt einen Mann wie du, die Wirtschaft kann dich bis zum
nächsten Sommer gar nicht entbehren. Als wir herkamen, zogen wir nicht in das
Land, um uns Gutes zu tun, sondern um etwas zu schaffen. Mein Werk ist zu Ende,
du bist mitten in deiner Arbeit. Du tust ein Unrecht gegen dich und deine
Arbeit, wenn du jetzt scheidest.« Karl hing wieder den Kopf.
    »Was mir deinen Aufentalt hier bisweilen ängstlich machte, war der geringe
Lohn, den das Gut geben konnte, das wird jetzt anders werden.«
    »Reden wir nicht davon«, sagte Karl stolz.
    »Es ziemt sich davon zu reden«, sagte Anton, »denn der Mensch tut unrecht,
wenn er sein Bestes, seine Kraft, auf eine Arbeit verwendet, die ihm nicht in
dem Grade lohnt, wie seine Tätigkeit verdient. Das gibt ein ungesundes Leben,
und der Mensch kommt dabei in Gefahr, unsicher zu werden. Mir kannst du das
glauben. Also ich bitte dich, hierzubleiben, wenigstens bis zum nächsten Sommer,
wo bei der grossen Ausdehnung, welche die Wirtschaft jetzt erhalten wird, ein
erfahrener Inspektor an deine Stelle treten kann.«
    »Und dann«, frug Karl, »soll ich auch gehen?«
    »Fink wird dich immer festalten; wenn du aber dann gehen willst, Karl, so
denke an das, was wir in diesem Jahre oft miteinander gesprochen haben. Du hast
dich an das Leben unter den Fremden gewöhnt, du hast alle Erfordernisse eines
Kolonisten auf neuem Grunde. Wenn dich nicht eine grössere Pflicht forttreibt, so
ist deine Aufgabe, hier im Lande zu bleiben als einer von uns. Wenn du von
diesem Gut fortgehst, so kaufe dich unter den Fremden an. Es wird kein leichtes
Leben für dich sein, und vieles Behagen wirst du entbehren, aber wir leben nicht
in einer Zeit, wo ein tüchtiger Mann sich zur Ruhe setzen soll, um gemächlich
seine Garben zu schneiden. Du hast ein mutiges Herz, du bist nicht gewöhnt zu
geniessen, sondern zu erwerben. Du wirst mit der Pflugschar in der Hand hier ein
deutscher Soldat sein, der den Grenzstein unserer Sprache und Sitte weiter
hinausrückt gegen unsere Feinde.« - Er wies mit der Hand nach Morgen.
    Karl reichte dem Freunde die Hand und sagte: »Ich bleibe.«
    Als Anton aus der Wohnung des Amtmanns trat, stand Lenore vor der Tür. »Ich
erwarte Sie«, rief sie Anton hastig entgegen, »kommen Sie mit mir, Wohlfart;
solange Sie noch hier sind, gehören Sie mir!« - »Wenn Ihre Worte weniger
herzlich wären«, erwiderte Anton, »so würde ich glauben, dass Sie sich in der
Stille darüber freuen, mich loszuwerden. Denn, liebes Fräulein, seit langem habe
ich Sie nicht so mutig gesehn. Aufgerichtet und mit geröteten Wangen treten Sie
mir entgegen, auch das schwarze Kleid ist verschwunden.«
    »Dies ist das Kleid, das ich trug, als wir zusammen im Schlitten fuhren,
damals freuten Sie sich darüber. Ich bin eitel«, rief sie mit trübem Lächeln,
»ich will, dass der letzte Eindruck, den ich Ihnen hinterlasse, ein fröhlicher
sei. Anton, Freund meiner Jugend, was ist das für ein Verhängnis, dass gerade wir
scheiden müssen an dem ersten sorgenfreien Tage, den ich seit langer Zeit
verlebe. Das Gut ist verkauft, heut atme ich wieder. - Was war das für ein Leben
in den letzten Jahren, immer gequält, gedrückt, gedemütigt von Freund und Feind,
immer etwas schuldig zu sein, bald Geld, bald Dank, es war fürchterlich. Nicht
Ihnen gegenüber, Wohlfart. Sie sind mein Jugendfreund, und wenn Sie im Unglück
wären oder in Not, so würde ich glücklich sein, wenn auch Sie mich riefen und zu
mir sagten: Jetzt brauche ich dich, jetzt komm her, du wilde Lenore! - Ich will
nicht mehr wild sein. Ich will an alles denken, was Sie mir gesagt haben.« So
sprach sie aufgeregt in ihn hinein, und ihr Auge leuchtete. Sie hing sich an
seinen Arm, was sie nie getan hatte, und zog ihn durch alle Räume des Hofes.
»Kommen Sie, Wohlfart, den letzten Gang durch die Wirtschaft, die unser war! -
Diese Kuh mit der Blesse haben wir zusammen gekauft«, rief sie. »Sie frugen mich
beim Kauf um meine Meinung, das hat mir sehr wohlgetan.«
    Anton nickte. »Wir wussten beide nicht recht Bescheid, und Karl musste den
Ausschlag geben.«
    »Ei was! Sie haben das Geld bezahlt, ich habe ihr das erste Heu gegeben,
folglich gehört sie uns beiden. - Sehen Sie sich noch einmal das schwarze Kalb
an. Es sieht reizend aus. Herr Sturm droht, er will ihm die Ohren rot
anstreichen, damit es ganz aussieht, wie ein kleiner Teufel.« Sie kauerte vor
dem Kalbe nieder, drückte es an sich und streichelte es; plötzlich stand sie auf
und rief: »Ich weiss nicht, warum ich so hübsch mit ihm tue, es ist nicht mehr
mein, es gehört einem andern.« Aber hinter ihrem Zorn klang es wie Schelmerei.
Sie zog ihn weiter. »Kommen Sie zum Pony«, bat sie. »Mein armes kleines Tier! Es
ist alt geworden seit dem Tage, wo ich in unserm Garten hinter Ihnen herritt.«
    Anton liebkoste das Tier, und der Pony wandte seinen Kopf bald zu ihm, bald
zu Lenore.
    »Wissen Sie, wie es damals zuging, dass ich Ihnen auf dem Pony begegnete?«
fragte Lenore über den Rücken des Pferdes herüber. »Es war gar kein Zufall. Ich
hatte Sie unter dem Strauch sitzen sehen, heut darf ich's Ihnen sagen, und ich
hatte gedacht: Wetter! das ist ein hübscher Junge, den wollen wir uns doch
einmal ansehen. So war es gekommen, wie's kam.«
    »Ja«, sagte Anton, »es kamen die Erdbeeren, es kam der See. Ich stand vor
Ihnen und stopfte die Beeren hinein und war etwas weinerlich; aber bei alledem
war mein Herz doch voll Freude über Sie, so schön und majestätisch standen Sie
vor mir, ich sehe Sie noch im flatternden Gewand mit kurzen Ärmeln, und an dem
weissen Arm ein goldenes Armband.«
    »Wo ist das Armband hin?« frug Lenore ernst und stützte ihr Haupt auf den
Hals des Pferdes. »Sie haben's verkauft, böser Wohlfart.« - Die Tränen rollten
ihr aus den Augen, sie fasste mit beiden Händen über den Rücken des Pony nach der
Hand des Freundes. »Anton, wir konnten nicht Kinder bleiben.« Dann strich sie
mit der Hand über seine Wange und rief: »Mein Herzensfreund, lebe wohl. Ade, ihr
Mädchenträume, ade, du leichte Frühlingszeit, ich muss jetzt lernen ohne meinen
Schutz durch die Welt laufen. - - Ich werde Ihnen nicht Schande machen«, sagte
sie ruhiger, »ich werde immer verständig sein, ich werde auch gute Wirtschaft
treiben. Von morgen fange ich an, ich gehe jetzt zu Babette in die Küche, ich
weiss, dass Ihnen das lieb sein wird. Und ich werde sparen. Ich will wieder das
Buch machen mit drei langen Strichen auf jeder Seite, ich werde alles
aufschreiben. Wir werden diese Sparsamkeit auch im kleinen brauchen, Wohlfart.
Ach, du arme Mutter!« Sie rang die Hände und sah wieder sehr bekümmert aus.
    »Kommen Sie hinaus ins Freie«, bat Anton; »wenn es Ihnen recht ist, gehen
wir nach dem Walde.«
    »Nicht in den Wald, nicht in die Försterei«, sagte Lenore feierlich; »aber
auf das neue Vorwerk gehe ich mit Ihnen.«
    So zogen beide miteinander über das Feld. »Sie müssen mich heut führen«,
sagte Lenore, »ich lasse Sie nicht los.«
    »Lenore, Sie wollen mir den Abschied recht schwermachen.«
    »Wird er Ihnen schwer?« fragte Lenore erfreut und schüttelte gleich darauf
den Kopf. »Nein, Wohlfart, es ist nicht so, Sie haben sich in der Stille oft von
mir fortgesehnt.«
    Anton sah sie überrascht an.
    »Ich weiss es«, rief sie vertraulich und drückte ihn leise am Arm, »ich weiss
es recht gut. Auch wenn Sie mit mir zusammen waren, Ihr Herz war nicht immer bei
mir. Manchmal, ja; damals im Schlitten wohl, aber häufiger noch dachten Sie in
die Fremde. Wenn Sie gewisse Briefe bekamen, die lasen Sie mit einer Hast - wie
heisst doch der Herr?« frug sie.
    »Baumann«, erwiderte Anton arglos.
    »Gefangen!« rief Lenore und drückte ihm wieder den Arm. »Wissen Sie, dass
mich das eine Zeitlang sehr unglücklich gemacht hat? Ich war ein törichtes Kind.
- Wir sind klug geworden, Wohlfart, wir sind jetzt freie Leute und deshalb
können wir miteinander Arm in Arm gehen, o Sie lieber Freund!«
    Als sie auf dem neuen Vorwerk ankamen, sagte Lenore zu der Frau des Vogtes:
»Er geht fort von uns. Er hat mir erzählt, dass Sie ihm die erste Freude auf dem
Gut gemacht haben durch den Strauss, den Sie für ihn pflückten. Holen Sie ihm
jetzt den letzten. Ich selbst habe keine Blumen, in meiner Pflege gedeihn sie
nicht. Hier hinter der Scheuer hat alles geblüht, was von Gartenblumen auf dem
Gute war.«
    Die Vogtin band wieder einen kleinen Strauss zusammen, überreichte ihn Anton
mit einem Knicks und sagte dabei wehmütig: »Es ist gerade wieder so wie vor
einem Jahre.«
    »Er aber geht«, rief Lenore, wandte sich ab und drückte ihr Tuch in die
Augen.
    Dem Vogt und dem Schäfer schüttelte Anton herzlich die Hand. »Denkt
freundlich an mich, ihr braven Leute!«
    »Sie haben uns immer ein gütiges Herz gezeigt«, rief die Frau des Vogtes.
    »Und Futter für Menschen und Tiere«, sprach der Schäfer seinen Hut
abnehmend, »und Überlegung, und Ordnung vor allem.«
    »Für Eure Zukunft ist gesorgt«, sagte Anton; »Ihr erhaltet einen Herrn,
welcher mehr vermag als ich.« Zuletzt küsste Anton noch den krausköpfigen Knaben
des Vogts, hiess ihn seine kleine Sparbüchse holen, die in dem Schrank stand, und
steckte ihm ein Andenken hinein. Das Kind hielt ihn am Rock fest und wollte ihn
nicht fortlassen.
    Auf dem Rückwege sagte Anton: »Wenn mir etwas die Trennung erleichtert, so
ist es die Zukunft, welche das Gut jetzt hat. Und ahnend hoffe ich, dass auch in
Ihrem Leben sich glücklich lösen wird, was noch unsicher ist.«
    Lenore ging schweigend an seiner Seite, endlich frug sie: »Darf ich mit
Ihnen über den Mann reden, der jetzt Herr dieses Gutes ist? Ich möchte wissen,
wie Sie sein Freund geworden sind.«
    »Ich bin es geworden, weil ich mir ein Unrecht, das er mir zufügte, nicht
gefallen liess. Unser Verhältnis ist so fest geblieben, weil ich ihm in allen
Kleinigkeiten gern nachgab, in grösseren Dingen fest auf meiner eigenen
Überzeugung stand. Er hat eine hohe Achtung vor aller Kraft und Selbständigkeit,
er wird leicht hart, wo ihm Schwäche des Urteils und des Willens entgegentritt.«
    »Wie soll eine Frau Festigkeit gewinnen, gegenüber einem solchen Wesen?«
sagte Lenore niedergeschlagen.
    »Ja«, erwiderte Anton nachdenkend, »einem Weibe, das sich ihm mit
Leidenschaft ergibt, wird das viel schwerer werden. Alles, was aussieht, wie
Trotz und Eigensinn, wird er mit herber Strenge brechen, und die Besiegte wird
er nicht schonen. Aber wo ihm ein würdiger und gehaltener Sinn entgegentritt,
wird er ihn ehren. Und wenn ich jemals in die Lage käme, seiner künftigen Gattin
einen Rat zu geben, so wäre es der Rat, dass sie gerade ihm gegenüber sich vor
allem hüte, was bei Frauen für gewagt oder keck gilt. Was ihm eine Fremde
angenehm macht, weil es ihm schnell leichte Vertraulichkeit gestattet, gerade
das wird er an seiner Hausfrau am wenigsten achten.«
    Lenore lehnte sich fester an ihn an und senkte ihr Haupt. So kehrten beide
in tiefem Schweigen auf das Schloss zurück.
    Am Nachmittage ging Anton an Karls Seite noch einmal durch Feld und Wald.
Immer hatte er das Leben auf dem Gute als einen Aufentalt in der Fremde
empfunden, und jetzt, wo er scheiden sollte, erschien ihm alles so vertraut, wie
in seiner Heimat. Überall fand er etwas, worüber er in dem Jahre gesorgt hatte;
an den Ackerstücken, den Häusern, den Tieren und dem Gerät haftete seine Arbeit.
Er hatte den Weizen gekauft, der auf diesem Stück stand, er hatte die neuen
Pflüge besorgt, womit der Knecht, den er in Dienst genommen, ackerte. Dort hatte
er ein Dach gedeckt, hier eine schadhafte Brücke ausgebessert. Und wie jeder,
der neu in eine Tätigkeit hineinkommt, hatte er auf das frisch erworbene Wissen
gern Pläne gebaut, über allen Teilen des Gutes schwebten Entwürfe, Hoffnungen
und Glück verheissende Projekte. Stets hatte er beklagt, dass er zu wenig für die
Geschäfte vorbereitet war, die er so schnell übernommen hatte; jetzt, wo er sich
von ihnen löste, empfand er nur, wie lieb sie ihm waren. - In der Försterei sass
er noch eine Stunde mit dem ehrlichen Alten zusammen. Draussen warf der Herbst
die Blätter von den Bäumen und entfärbte das lustige Grün der Natur. Hier um den
Alten grünte der Wald, und in der vollen Kraft der späten Mannesjahre sass der
trotzige Waldmann ihm gegenüber. Beim Abschied an der Pforte sagte der Förster:
»Als Sie zuerst die Hand an diese Tür legten, dachte ich nicht, dass die Bäume
über uns so fest stehen würden, und dass ich noch einmal anfangen sollte, mit
andern Menschen zu leben. Sie haben einem alten Mann das Sterben schwergemacht,
Herr Wohlfart.«
    Die Trennungsstunde kam. Anton suchte den Freiherrn in seinem Zimmer auf und
nahm von ihm einen kurzen und förmlichen Abschied, Lenore war ganz aufgelöst in
weichem Gefühl, und Fink herzlich gegen ihn, wie gegen einen Bruder. Als Anton
neben ihm stand und mit Rührung auf Lenore hinsah, sagte Fink: »Sei ruhig, mein
Freund, hier wenigstens werde ich versuchen zu sein, wie du warst.« Fink und
Lenore begleiteten den Scheidenden zum Wagen, noch einen Blick warf Anton auf
das Schloss, das an dem grauen Herbsttage so finster auf der öden Ebene stand,
wie damals, wo er eingekehrt war. Dann sprang er in den Wagen, ein letzter
Händedruck, ein Lebewohl; Karl ergriff die Zügel, sie lenkten bei der Scheuer in
den Dorfweg, das Schloss war verschwunden. Die Reihe der schlechten Dorfhütten,
die Brücke am Bach, den Wald, alles sah er zum letztenmal für lange Zeit. Am
Ende des Waldes, an der Grenze des Gutes, dort, wo der Weg nach Kunau und
Neudorf abgeht, hielt Karl an. Ein Trupp Männer stand am Grenzstein. Es waren
die Leute vom Gut, der Förster, der Vogt und der Schäfer, dann der Schmied von
Kunau mit einigen Nachbarn, und der Sohn des Schulzen von Neudorf.
    Erfreut sprang Anton vom Wagen und begrüsste noch einmal die Genossen.
    »Der Vater schickt mich, Sie zu grüssen«, sprach der Schulzensohn; »es geht
besser mit seinen Wunden, aber er darf noch nicht aus der Stube«, und der
Kunauer Schmied rief ihm als letztes Lebewohl nach: »Grüssen Sie unsere
Landsleute da drin im Deutschen, und sie sollen unser niemals vergessen.«
    Schweigend, wie am Tage seiner Ankunft, fuhr Anton neben seinem Getreuen auf
der Landstrasse dahin. Er war jetzt frei, frei von dem Zauber, der ihn
hierhergelockt hatte, frei von manchem Vorurteil, aber er war frei wie ein Vogel
in der Luft. Er hatte ein Jahr rastlos gearbeitet und er musste sich jetzt lösen
von allem, was ihn hier beschäftigt hatte; er hatte die gerade Linie seines
Lebens verlassen, um für andere tätig zu sein, und er ging jetzt, sich selbst
neue Arbeit zu suchen, er musste von vorn anfangen. Ob er seine eigene Zukunft
durch dieses Jahr stärker oder schwächer gemacht hatte, das war noch die Frage.
Er hatte kennengelernt, wie hohen Wert ein sicheres, geformtes und gesundes
Leben in selbständiger Tätigkeit habe, und er fühlte jetzt, dass er diesem Ziel
ferner stehe, als vor einem Jahr. Er erkannte, dass er mit seiner eigenen Kraft
ein keckes Spiel gewagt, und der Gedanke fiel wie ein trüber Hauch auf den
Spiegel, in dem er die Gestalten der letzten Vergangenheit sah. Aber er bereute
nicht, was er getan. Er hatte Verluste gehabt, aber auch gewonnen, er hatte
durchgesetzt, dass auf unkultivierter Fläche ein neues Leben aufgrünte; er hatte
geholfen, eine neue Kolonie seines Volkes zu gründen, er hatte den Menschen, die
er liebte, den Weg zu einer sichern Zukunft gebahnt; er selbst fühlte sich
reifer, erfahrener, ruhiger. Und so sah er über die Häupter der Pferde, die ihn
seiner Heimat zuführten, und sagte zu sich selbst: »Vorwärts! ich bin frei, und
mein Weg ist jetzt klar.«
 
                                       2
Unterdes stand Antons Hausgeist, die lederfarbene Katze, traurig auf ihrem
Postament. Ein Jahr voll Grimm und Getöse war vergangen, die Katze hatte nichts
davon gemerkt. Mit gesenktem Haupte sah sie in die leere Stube. Die Rouleaus
waren niedergelassen, und kein Sonnenstrahl streifte ihr an die kleinen Ohren.
Nichts regte sich in dem Zimmer, als der Staub, welcher zu den Fenstern
eindrang, eine Weile um die Katze wirbelte und endlich müde dahinsank auf ihr
Gipsfell, auf den Schreibtisch und den Teppich des Fussbodens. Es war ein
schlimmes Jahr für den Gips, und er wäre in der Einsamkeit untergegangen, dass
man seine schlauen Äuglein und sein glattes Fell unter missfarbigem Staub
nimmermehr erkannt hätte, wenn ihm nicht manchmal ein freundschaftlicher Besuch
zu Hilfe gekommen wäre. Denn an stillen Abenden vergoldete der Schein einer
wandernden Lampe das Bartaar der Katze. Dann fuhr eine weiche Hand ihr
liebkosend über das Fell, die Fenster der Stube wurden auf eine Viertelstunde
geöffnet, etwas Mondschein drang in das Zimmer, und einige Schwämme und Bürsten
dienstbarer Mädchen fuhren schnell über den Fussboden. Dann schnurrte die Katze
ein wenig, aber gleich darauf fiel ihr ihre Verlassenheit schwer aufs Herz, und
sie versank wieder in ihren regungslosen Zustand.
    Heut ist eine frische Mondnacht, alles im Hause schläft, in allen Stuben und
Kammern sind die Menschen zur Ruh' gegangen, alles schläft und niemand denkt
daran, dass er sich zur Heimkehr bereitet, der schon ein Kind der Handlung war,
als ihn sein alter Vater mit dem Samtkäppchen noch auf dem Knie hielt. Kein
Mensch im Hause denkt daran, und wer weiss, ob viele es wünschen. Aber das grosse
Haus weiss es, und in der Nacht rührt sich's in allen Winkeln. Und es knistert im
Holz, und es summt in den Galerien, und es arbeitet leise in allen
Wandverschlägen, der Mondschein überzieht heut alle Gänge mit mattem Silber, und
in den geheimsten Winkeln zittert ein dämmriges Licht.
    Wer heut nacht die gelbe Katze sehen könnte, der würde sich wohl wundern.
Sie leckt sich und strählt sich, sie streckt die steifen Beinchen und hebt den
Schwanz lustig in die Höhe; endlich springt sie vom Schreibtisch herunter und
zur Stubentür hinaus in den Hof. Feierlich schreitet sie durch alle Gänge und
Löcher des Hauses. Und wo sie hinkommt, da wird es lebendig, und alles kleine
Gesindel von Hausgeistern, das in einem solchen Baue unvermeidlich ist, das
rührt sich und fährt aufgeregt durcheinander. Graue, schattenhafte Kerlchen
kommen aus den Ofenlöchern und unter den Pulten der Schreibstube
hervorgeschlüpft, sie fegen die Treppen und die Gänge rein und fahren um den
alten Pluto herum, der neben dem schlafenden Hausknecht die Wache hält, so dass
der grosse Hund nicht einschlafen kann und mit Knurren und leisem Gebell auf die
Arbeit der Heimlichen hinblickt.
    Und die Katze kommt bei der Schlafkammer Sabinens vorbei und miaut leise,
für Menschen unhörbar; aber das Wichtelmännchen, das dort in der Höhlung von
Sabinens Lampe wohnt, kommt nicht heraus, es schüttelt mit dem Kopf und murmelt:
»Wir wollen uns nicht freuen«; und im Zimmer des Kaufmanns ist auch kein guter
Wille, die Ankunft des Entfernten zu feiern, ja was von dem stillen Volk dort
wohnt, das ist stolz und schimpft durchs Schlüsselloch auf die Katze. Aber der
Gips lässt sich nicht stören; und das ganze übrige Haus lässt sich nicht stören.
Und auf der grossen Waage sitzt eine zahlreiche lustige Gesellschaft. Was von
Wichtelmännchen im Hause ist, und es gibt viel solches Zeug in dem fleissigen
Hause, das ist heut zu grosser Festfeier versammelt, und in der Mitte sitzt die
Katze, schnurrend und glänzend, und sie leckt sich vor Freude, und die
Lustigkeiten der Sozietät klettern hinauf zu dem Balken der Waage und schneiden
von da Gesichter gegen die Stube des Prinzipals, ja auch gegen ihren Liebling
Sabine.
    Kein Mensch weiss, dass er zurückkommen wird, aber das Haus merkt es, und es
schmückt sich und öffnet seine Türen, den heimkehrenden Freund zu empfangen.
    Es ist den Tag darauf gegen Abend, Sabine steht in ihrer Schatzkammer vor
den geöffneten Schränken, sie ordnet die neue Wäsche und bindet wieder
rosafarbene Zettel um die Nummern der Gedecke. Natürlich weiss sie von nichts und
sie ahnt nichts. Ihr weisser Damast glänzt heut wie Silber und Atlas; der
geschliffene Glasdeckel, den sie von dem alten Familienpokal hebt, gibt einen
fröhlichen Klang gleich einer Glocke, und lange noch zittern die Schwingungen in
dem Holz des grossen Schrankes nach. Alle gemalten Köpfe auf ihren
Porzellantassen sahen heut ausnehmend lustig aus, Doktor Martinus Luter und der
Schwarzkünstler Faust verziehen die Gesichter und lachen, sogar der Schiller
lächelt, und es ist gar nicht zu sagen, wie sehr der alte Fritz lacht. Es blinkt
und schimmert in allen Fächern der Schränke, jeder alte Glasnapf verspürt ein
heimliches Ziehen und Klingen; nur Sabine merkt nichts, die kluge Herrin des
Hauses weiss gar nicht, was alle Kleinen wissen. Oder ahnt sie doch etwas? Horch!
sie singt. Lange ist kein fröhliches Lied von ihren Lippen geflogen, heut aber
ist ihr leicht ums Herz, und wenn sie auf das glänzende Heer von Glas und Silber
sieht, das vor ihr im Schranke aufgestellt ist, fällt etwas von dem bunten Glanz
in ihre Seele; ihre Lippen bewegen sich, und leise, wie der Gesang eines
Waldvogels, klingt ein Lied aus der Kinderzeit in der kleinen Stube. Und von dem
Schrank tritt sie plötzlich ans Fenster, wo das Bild ihrer Mutter über dem
Lehnstuhl hängt, und sie sieht das Bild fröhlich an und singt vor dem Angesicht
der Mutter dasselbe Kinderlied, das die Mutter vom Lehnstuhl aus einst der
kleinen Sabine gesungen.
    Da gleitet eine verhüllte Gestalt durch den Hausflur. Im offenen
Warengewölbe steht Balbus, der jetzt im Kreis der grossen Waage befiehlt, er
sieht mit halbem Blick auf die Gestalt und denkt verwundert: »Der sieht ein
wenig Anton ähnlich.« Die Hausknechte schlagen eine Kiste zu, und der älteste
wendet sich zufällig herum und sieht einen Schatten, der durch die Laterne auf
die Wand geworfen wird, und hält einen Augenblick mit Schlagen inne und sagt:
»Das war fast, als wenn's Herr Wohlfart wäre.« Und hinten im Hofe hört man ein
lautes Bellen und das Springen des Hundes, und Pluto kommt ausser sich zu den
Hausknechten gelaufen und schlägt mit dem Schwanze, bellt und leckt ihre Hände
und erzählt in seiner Art die ganze Geschichte. Aber auch die Hausknechte wissen
von nichts, und einer sagt: »Es war ein Geist, man sieht nichts mehr.«
    Da öffnete sich die Tür zu Sabinens Kammer. »Sind Sie's, Franz?« fragt
Sabine sich unterbrechend. Niemand antwortet. Sie wendet sich um, ihr Auge
blickt gespannt und ängstlich auf die Männergestalt, welche an der Tür steht. Da
zittert ihre Hand und fasst nach der Lehne des Stuhls, sie hält sich fest und er
eilt auf sie zu, und in leidenschaftlicher Bewegung, ohne dass er weiss, was er
tut, kniet er neben dem Stuhl nieder, in den sie gesunken ist, und legt sein
Haupt auf ihre Hand.
    Das war Anton. Keines sprach ein Wort. Wie auf eine holde Erscheinung sah
Sabine auf den Knienden nieder, und leise legt sie die andere Hand auf seine
Schulter. Und in dem Raume blinkt und klingt es fort; die Lampe wirft ihren
hellen Schein auf die beiden Kinder der Handlung, und das Bild der Hausfrau über
dem Armstuhl sieht freundlich auf die Gruppe herab.
    Sie frug nicht, weshalb er kam, nicht ob er frei war von dem Zauber, der ihn
fortgetrieben hatte. Als er vor ihr kniete und sie in sein offenes Auge sah, das
ängstlich und voll Zärtlichkeit das ihre suchte, da verstand sie, dass er
zurückkehrte zu dem Hause, zum Bruder, zu ihr.
    »So lange waren Sie in der Fremde«, sagte sie klagend, aber mit einem
seligen Lächeln auf ihrem Antlitz.
    »Immer war ich hier«, rief Anton leidenschaftlich. »Schon in der Stunde, wo
ich von diesen Mauern schied, wusste ich, dass ich alles aufgab, was für mich
Friede und Glück heisst. Jetzt treibt es mich unwiderstehlich in Ihre Nähe, ich
muss Ihnen sagen, wie es in mir aussieht. Sie habe ich verehrt wie ein geweihtes
Bild, solange ich in Ihrer Nähe lebte. Der Gedanke an Sie war auch in der Fremde
mein Schutz. Er behütete mich in der Einsamkeit, in einem ungeordneten Leben, in
grosser Versuchung. Ihre Gestalt stellte sich rettend zwischen mich und eine
andere. Oft sah ich Ihr Auge auf mich gerichtet, wie damals, wo ich bei Ihnen
Hilfe suchte vor mir selbst; oft erhob sich Ihre Hand, sie winkte und warnte vor
der Gefahr, die mich lockte. Wenn ich mich nicht verloren habe, Ihnen, Sabine,
danke ich das.«
    Wieder beugte er sich über ihre Hand. Sabine hielt ihn fest und sprach leise
über seinem Haupt: »Mein Freund, mein lieber Freund! Beide mussten wir dasselbe
erfahren, wir haben geträumt, und mit unserem Gefühl gerungen, und wir haben uns
entschlossen, beide haben wir überwunden. Was müssen Sie gelitten haben, mein
Freund!«
    »Nein«, rief Anton, »es war nicht dasselbe Leid und nicht dieselbe Kraft.
Ich habe Sie damals gesehen und angebetet, während Sie in stiller Fassung sich
selbst vertrauten. Ich war ein schwacher, begehrlicher Mann, und ich weiss nicht,
wohin ich gekommen wäre, wenn nicht die Erinnerung an Sie in meiner Seele gelebt
hätte. In der Ferne wurde die Macht, die Ihr Wesen auf mich ausübt, immer
grösser, und nur weil ich an Sie dachte, wurde ich frei.«
    »Und wissen Sie denn, ob es bei mir nicht ebenso war?« frug Sabine und sah
ihn zärtlich an.
    »Sabine!« rief Anton hingerissen.
    »Ja, das ist Ihr ehrliches Angesicht«, rief das Mädchen. »Ach, auch in Ihren
Zügen finde ich die Spur der eisernen Zeit.« - Sie erhob sich. »Wir haben von
Ihren Heldentaten gehört, obgleich Sie in dem langen Jahr nichts für uns hatten,
als einen kurzen Gruss.«
    »Durfte ich anders?« unterbrach sie Anton eifrig.
    Sabine nickte ihm zu. »Wie habe ich auf jede Nachricht gelauscht, die uns
durch Ihre Vertrauten kam. Wenn ich in diesen sicheren Mauern an den Freund
dachte, der draussen unter erbitterten Feinden lebte, jedem Angriff der Wütenden
ausgesetzt - Wohlfart, Wohlfart, ich freue mich, dass ich Sie wiedersehe!«
    »Ein anderer hat jetzt das Gut und die Sorge für die Schutzlosen«, erwiderte
Anton.
    »Es ist eine Fügung des Schicksals, dass es so gekommen ist«, rief Sabine und
sah mit holder Freude auf den Wiedergefundenen.
    In dem gleichförmigen Leben des Hauses hat sie jahrelang eine herzliche
Neigung zu Anton herumgetragen. Seit er von ihr gezogen, weiss sie, dass sie ihn
liebt, mit stiller Fassung hat sie wieder den Schmerz in sich verschlossen.
Weder ihre Liebe, noch ihre Entsagung ist in dem regelmässigen Hause sichtbar
geworden. Kaum durch einen Blick, durch keine Miene hat sie verraten, was in ihr
vorgeht; wie sich für das Kind einer Handlung schickt, in welcher das Soll und
Haben der Menschen pünktlich und ohne alles Gefühl gebucht wird. Jetzt, in der
Freude des Wiedersehens bricht aus ihrem gehaltenen Wesen die Blüte der
Leidenschaft. Sie steht in strahlender Freude vor dem Mann und denkt an nichts,
als das Glück, ihn wiederzuhaben, und sie merkt in ihrer Freude nicht, dass in
Antons bleichen Zügen noch eine andere Empfindung zuckt. Er hat sie gefunden,
aber nur, um sie für immer zu verlieren.
    Noch immer hält ihn Sabine an der Hand und sie zieht ihn fort durch die
Glasgalerie über den Flur bis an das Arbeitszimmer des Bruders.
    Was tust du, Sabine? Dies Haus ist ein gutes Haus, aber es ist keins, wo man
poetisch fühlt und sich leicht rühren lässt, die Arme schnell öffnet und den ans
Herz drückt, der grade kommt, um hereinzufallen. Es ist ein nüchternes,
prosaisches Haus! Mit kurzen Worten wird hier gefordert und verweigert. Und es
ist ein stolzes und strenges Haus! Denke daran! Kein zärtlicher Willkommen wird
es sein, zu dem du deinen Freund führst.
    Das empfand auch Sabine, und ihr Fuss zögerte einen Augenblick, ehe sie die
Tür öffnete, aber sie entschloss sich schnell, und Antons Hand festaltend, zog
sie ihn über die Schwelle, und mit glücklichem Antlitz rief sie dem Bruder zu:
»Hier ist er, er kommt zu uns zurück!«
    Der Kaufmann erhob sich von seinem Arbeitstisch, aber er blieb am Tisch
stehen, und was er zuerst sprach, ruhig, kalt im Ton des Befehls, das waren die
Worte: »Lassen Sie die Hand meiner Schwester los, Herr Wohlfart.«
    Sabine trat zurück, Anton stand allein in der Mitte des Zimmers und sah
erschüttert auf den Kaufmann. Die kräftige Gestalt des Mannes war in dem letzten
Jahr gealtert, sein Haar ergraut, die Züge noch tiefer gefurcht. Nicht klein war
der Kampf gewesen, der ihn so verändert hatte. »Dass ich auf die Gefahr, Ihnen
unwillkommen zu sein, hier eintrete«, sprach Anton, »wird Ihnen zeigen, wie
stark meine Sehnsucht war, Sie und die Handlung wiederzusehn. Habe ich einst
Ihre Unzufriedenheit erregt, lassen Sie mich das nicht in dieser Stunde fühlen.«
    Der Kaufmann wandte sich zu seiner Schwester: »Verlass uns, Sabine, was ich
mit Herrn Wohlfart zu besprechen habe, will ich ohne Zeugen abmachen.« Sabine
eilte auf den Bruder zu und stand ihm aufgerichtet gegenüber. Sie sprach kein
Wort, aber mit hellem Blick, in dem ein fester Entschluss zu lesen war, sah sie
in seine zusammengezogenen Augen, dann verliess sie das Zimmer. Der Kaufmann sah
ihr düster nach und wandte sich zu Anton: »Was führt Sie zu uns zurück,
Wohlfart?« frug er, »haben Sie auf dem Lande nicht erreicht, was Ihr
jugendlicher Eifer träumte, und kommen Sie jetzt her, in dem Bürgerhause das
Glück zu suchen, das Ihnen einst für Ihre Ansprüche zu leicht schien? Ich höre,
Ihr Freund Fink hat sich auf dem Gut des Freiherrn festgesetzt, hat er sie in
unser Haus zurückgeschickt, weil Sie ihm dort im Wege waren?«
    Antons Stirn umwölkte sich. »Nicht als Abenteurer, welcher das Glück sucht,
trete ich vor Ihre Augen. Sie sind ungerecht, wenn Sie einen solchen Verdacht
aussprechen, und mir ziemt nicht, ihn zu ertragen. Es gab eine Zeit, wo Sie
freundlicher über mich urteilten, an diese Zeit dachte ich, als ich Sie
aufsuchte; ich denke jetzt daran, um Ihre kränkenden Worte zu verzeihn.«
    »Sie haben mir einst gesagt«, fuhr der Kaufmann fort, »dass Sie sich in
meiner Handlung und in diesem Haus fühlten, wie in Ihrer Heimat. Und Sie hatten
hier eine Heimat, Wohlfart, in unseren Herzen und im Geschäft. In einer leichten
Wallung haben Sie uns aufgegeben, und wir, trauernd und mit schwerem Herzen,
haben mit Ihnen dasselbe getan. Wozu kehren Sie zurück? Sie können uns kein
Fremder sein, denn wir haben Sie liebgehabt, und ich persönlich bin Ihnen tief
verpflichtet. Sie können uns der alte Freund nicht mehr sein, denn Sie selbst
haben gewaltsam das Band gelöst, das Sie an uns fesselte. Sie haben mich gerade,
als ich so etwas am allerwenigsten erwartete, daran erinnert, dass nur ein
einfaches Kontraktverhältnis Sie in meinem Comtoir festielt. Was suchen Sie
jetzt? Wollen Sie wieder einen Platz in meinem Comtoir, oder wollen Sie, wie es
den Anschein hat, noch mehr?«
    »Ich will nichts«, rief Anton in überströmendem Gefühl, »nichts, als die
Versöhnung mit Ihnen. Ich will keinen Platz im Comtoir und nichts anderes. In
der Stunde, wo ich das Gut des Freiherrn verliess, stand in mir fest, dass mein
erster Weg in Ihr Haus sein musste, und mein nächster wieder hinaus, um mir
woanders eine Tätigkeit zu suchen. Was ich auch in diesem Jahr verloren habe,
meine Selbstachtung habe ich nicht verloren, und wenn Sie mir so freundlich
entgegengekommen wären, wie mein Herz mich zu Ihnen zog, ich würde Ihnen in der
ersten Stunde dasselbe gesagt haben, was Sie jetzt von mir hören wollen. Ich
weiss, dass ich nicht hierbleiben kann. Ich habe es schon in der Fremde gefühlt,
sooft ich an dies Haus dachte. Seit ich diese Mauern betreten habe, und seit ich
Ihre Schwester wiedergesehn, seitdem weiss ich, dass ich nicht hier bleiben darf,
ohne unehrlich zu handeln.«
    Der Kaufmann trat an das Fenster und sah schweigend in die Nacht hinaus. Als
er sich umwandte, war die Härte von seinem Gesicht verschwunden, er sah mit
prüfendem Blick auf Anton. »Das war ehrlich gesprochen, Wohlfart«, sagte er
endlich, »und ich will hoffen, auch ehrlich gedacht; und eben so offen will ich
Ihnen sagen, es tut mir noch jetzt leid, dass Sie von uns gegangen sind. Ich
kannte Sie, wie selten ein älterer Mann den jüngeren kennenlernt; unter meinen
Augen waren Sie in der Handlung heraufgekommen, ich konnte auf die Reinheit
Ihrer Empfindungen vertrauen, ich wusste, dass kein unehrenhafter Gedanke in Ihrer
Seele heimisch war. Jetzt, lieber Wohlfahrt, sind Sie mir ein Fremder geworden.
Verzeihen Sie, dass ich Ihnen das sage. Ein ungeregeltes Begehren hat Sie in
Verhältnisse gelockt, welche nach allem, was ich davon weiss, ungesund sein
müssen für jeden, der darin lebt. Sie haben in einer Landschaft, wo die Gewissen
oft weiter sind, als bei uns, und die menschlichen Verhältnisse weniger fest
geordnet, die Verwaltung eines zerrütteten Wohlstandes gehabt, Sie sind der
Vertraute eines bankrotten Schuldners gewesen, der manche Eigenschaft eines
braven Mannes bewahrt haben mag, der aber in schlechten Geschäften mit
verzweifelten Menschen das verloren hat, was in meiner Handlung Ehre heisst. Gern
nehme ich an, dass Ihre Redlichkeit sich geweigert hat, dort etwas zu tun, was
gegen Ihre Überzeugung war; aber, Wohlfart, ich wiederhole Ihnen jetzt, was ich
Ihnen schon früher gesagt habe: jede fortgesetzte Tätigkeit unter Schwachen und
Schlechten bringt auch den Ehrenmann in Gefahr. Allmählich und ohne dass er es
merkt, erscheint ihm erträglich, was ein anderer in sicherer Lage von sich
fernhalten wird, und die gebieterische Notwendigkeit zwingt ihn, in Massregeln zu
willigen, die er anderswo mit kurzem Entschluss abgewiesen hätte. Ich bin
überzeugt, dass Sie geblieben sind, was die Welt einen ehrenhaften Geschäftsmann
nennt, aber die stolze Reinheit Ihrer kaufmännischen Ehre, die leider bei vielen
in unsrer Geschäftswelt für eine Pedanterie gilt, ob Sie die sich bewahrt haben,
das weiss ich nicht; und dass ich in der Stunde, wo ich Sie wiedersehe, daran
zweifeln muss, und dass ich Ihnen das sagen muss, sehen Sie, das macht mir diese
Zusammenkunft schmerzlich.«
    Anton wurde bleich wie das Tuch, das er in der Hand hielt, und seine Lippe
zitterte, als er antwortete: »Es ist genug, Herr Schröter! Dass Sie mir in der
ersten Stunde das Bitterste sagen, was man einem Gegner sagt, ist mir ein
Beweis, dass ich unrecht getan habe, dies Haus wieder zu betreten. Ja, Sie haben
recht. In dieser ganzen Zeit hat mich das Gefühl nicht verlassen, dass die
Gefahr, die Sie erwähnen, um meine Seele schwebte. In dem ganzen Jahr habe ich
als das grösste Unglück empfunden, dass die Geschäfte, für welche ich mich
interessieren musste, mir nicht erlaubten, den Mann hochzuachten, für den ich
arbeitete. Ihnen aber darf ich, nicht weniger stolz als Sie, antworten, dass die
Reinheit des Mannes, welche sich ängstlich vor der Versuchung zurückzieht,
nichts wert ist, und wenn ich etwas aus einem Jahr voll Kränkungen und bitterer
Gefühle mir gerettet habe, so ist es gerade der Stolz, dass ich selbst geprüft
worden bin, und dass ich nicht mehr wie ein Knabe aus Instinkt und Gewohnheit
handle, sondern als ein Mann, nach Grundsätzen. Ich habe in diesem Jahr zu mir
ein Vertrauen gewonnen, das ich früher nicht hatte; und weil ich mich selbst
achten gelernt habe, so sage ich Ihnen jetzt, dass ich Ihren Zweifel sehr wohl
verstehe, dass ich aber, seit Sie ihn ausgesprochen, das Band für zerrissen
halte, welches mich auch in der Fremde an Ihr Haus fesselte. Ich gehe, um diese
Stätte nicht wieder zu betreten. Leben Sie wohl, Herr Schröter!«
    Anton wandte sich zum Gehn, der Kaufmann eilte ihm nach, und seine Hand
legte sich auf Antons Schulter.
    »Nicht so schnell, Wohlfart«, sagte der Kaufmann weich; »der Mann, welcher
den Streich des polnischen Säbels von mir abgewandt hat, soll nicht gekränkt und
im Zorn mein Haus verlassen.«
    »Erinnern Sie uns beide nicht an die Vergangenheit«, sagte Anton, »das ist
jetzt unnütz. Nicht ich, Sie selbst haben Kränkung und Zorn in unser Wiedersehn
gebracht. Und Sie, nicht ich, haben vernichtet, was uns aus alter Zeit
aneinanderfesselte.«
    »Nein, Wohlfart«, sagte der Kaufmann. »Wenn ich Sie durch meine Worte mehr
verletzt habe, als ich wollte, so sehn Sie das meinem grauen Haar nach, und
einem Herzen, welches jahrelang voll schwerer Sorgen war, auch voll Sorgen um
Sie. Wir sehen uns beide nicht so wieder, wie wir uns getrennt haben, und wenn
zwei Männer etwas gegeneinander auf der Seele haben, so sollen sie das in der
Stunde des Wiedersehens ehrlich aussprechen, damit ihr Verhältnis klar werde.
Wären Sie mir weniger wert, so hätte ich mein Bedenken wohl zurückgehalten, und
mein Gruss wäre höflicher gewesen. Jetzt aber biete ich Ihnen den Willkommen.
Schlagen Sie ein.«
    Anton legte seine Hand in die des Kaufmanns und sprach. »Leben Sie wohl.«
    Der Kaufmann aber hielt die Hand Antons fest und sagte lächelnd: »Nicht so
schnell; ich lasse Sie noch nicht fort. - Denken Sie, dass es ihr ältester
Bekannter ist, der Sie jetzt ersucht, zu bleiben«, fügte er ernst hinzu, als
Anton noch immer an der Tür still stand.
    »Ich bleibe heut abend, Herr Schröter«, sagte Anton mit Haltung.
    Der Kaufmann führte ihn zum Sofa. »Manches habe ich von Ihren Abenteuern
gehört, aus Ihrem Munde möchte ich das vollständiger erfahren. Und auch Sie
werden Interesse daran nehmen, wie es uns gegangen ist, davon zuerst.« Er begann
zu erzählen, was unterdes in der Handlung geschehen war. Es war kein heiteres
Bild, das er Anton zeigte, aber sein Bericht bannte aus Antons Herzen einen Teil
der Kälte, welche der herbe Empfang des Prinzipals angesammelt hatte, denn Anton
verstand, welches Vertrauen der Kaufmann ihm durch seine Worte schenkte. Dieser
erwähnte manches, was der Geschäftsmann nur selten seinen Freunden mitteilt,
alle wichtigeren Geschäfte, den geringen Gewinn und die grossen Verluste des
letzten Jahres.
    Nach und nach zog wieder Friede und ein Schimmer von Behagen durch das Haus,
alle guten Hausgeister, die während der Unterredung zwischen den beiden Männern
erschreckt in die Mauselöcher gekrochen waren, steckten jetzt mutig die Köpfe
hervor, und die unter dem Geheimbuch fingen an, gegen die andern vertraulich zu
werden.
    Unvermerkt war Anton in das Geschäft zurückversetzt, schnell machte er alle
Stimmungen des Jahres noch einmal durch, wieder rötete sich seine Wange, sein
erloschenes Auge erhielt Glanz, und unwillkürlich begann er von den Geschäften
der Handlung zu sprechen, als gehörte er noch dazu. Da hielt ihm der Kaufmann
wieder mit trübem Lächeln die Hand hin, und jetzt schlug Anton herzhaft ein, die
Versöhnung war geschlossen.
    »Und jetzt sprechen wir von Ihnen, lieber Wohlfart«, fuhr der Kaufmann fort;
»Sie haben mir einst über Ihre Tätigkeit für den Freiherrn Mitteilungen gemacht,
die ich damals ungeduldig zurückwies, jetzt bitte ich Sie mir zu erzählen, was
Sie dürfen.«
    Anton berichtete, was kein Geheimnis war; der Kaufmann hörte gespannt, ja
ängstlich auf alles, was Anton von den Geschäften des Freiherrn und seiner
eigenen Arbeit erwähnte. Anton sprach mit Zurückhaltung, denn sein Stolz bäumte
in der Stille gegen das Ausfragen auf. Aber er gönnte dem Kaufmann doch manches,
was dazu half, diesen getrosten Muts zu machen.
    »Erlauben Sie mir auch über Ihre Zukunft zu reden«, begann der Kaufmann
endlich und erhob sich von seinem Stuhl. »Nach dem, was Sie mir angedeutet
haben, fordere ich Sie nicht auf, die nächsten Jahre in meinem Geschäft
zuzubringen, so willkommen Ihre Hilfe mir gerade jetzt wäre. Aber ich bitte, dass
Sie mir überlassen, eine Stellung zu suchen, die für Sie passt. Wir wollen
gemeinsam prüfen und uns darin nicht übereilen. Unterdes bleiben Sie in den
nächsten Wochen bei uns. Ihr Zimmer ist leer, alles darin unverändert. Wie ich
höre, haben Sie in den nächsten Monaten ohnedies noch eine Verpflichtung zu
erfüllen. Davon werden Sie sich unterdes befreien können. Und wenn Sie Zeit und
Lust haben, mir nebenbei im Comtoir zu helfen, so wird mir das sehr willkommen
sein. - Was Ihr Verhältnis zu meinem Hause betrifft«, fuhr er ernster fort, »so
vertraue ich Ihnen vollständig. Es ist mir Bedürfnis, Ihnen das zu beweisen,
auch deshalb mache ich Ihnen diesen Vorschlag.«
    Anton sah schweigend vor sich nieder.
    »Ich mute Ihnen nichts Peinliches zu«, sagte der Kaufmann; »Sie wissen, wie
es in unserm Haushalt zugeht, man muss manchmal die Gelegenheit sehr suchen,
miteinander zu sprechen. Für Sabine und für Sie wünsche ich auf einige Wochen
das Zusammenleben in der alten Weise, und wenn die Zeit kommt, ein ruhiges
Scheiden. Ich wünsche das auch meiner Schwester wegen, Wohlfart«, fügte er mit
Offenheit hinzu.
    »Dann«, sagte Anton, »bleibe ich.«
    Unterdes ging Sabine unruhig in ihrem Zimmer umher und lauschte auf einen
Ton aus der Arbeitsstube des Bruders. Aber wie oft ihr traurige Gedanken kamen,
heut vermochten sie sich nicht festzusetzen. Wieder knisterte das Feuer, und
wieder lauschte sie auf den Schlag der Uhr, aber das Tannenholz knackte und
prasselte heut lustig im Ofen und machte einen ungewöhnlichen Lärm. Unaufhörlich
fuhren kleine Freudenraketen in der Glut umher, und die Funken flogen durch das
Zugloch der Ofentür mitten in die Stube. Sie konnte nicht traurig werden und sie
konnte sich nicht ängstigen, denn immer wieder tickte die Uhr in ihre Gedanken:
Er ist gekommen, er ist da!
    Die Tür öffnete sich, die Tante trat eilig herein. »Was höre ich!« rief die
Tante. »Ist es möglich? Franz behauptet, dass Wohlfart bei deinem Bruder ist.«
    »Er ist da«, sagte Sabine abgewandt.
    »Was ist das wieder für ein geheimnisvolles Benehmen!« fuhr die Tante
unzufrieden fort. »Warum bringt Traugott ihn nicht herüber? Und in seiner Stube
ist noch nichts zurechtgemacht. Wie kannst du so ruhig hier stehen, Sabine? Ich
begreife dich nicht.«
    »Ich warte«, sagte Sabine leise, aber sie selbst fasste mit einer Hand nach
der andern und hielt sie am Gelenk fest, denn die Hand zitterte.
    Da näherten sich Männerschritte dem Zimmer, der Kaufmann trat mit Anton ein
und rief schon an der Tür: »Hier ist unser Gast.« Und als Anton und die Tante
einander freudig begrüssten, sagte der Kaufmann: »Herr Wohlfart wird einige
Wochen bei uns wohnen, bis er eine Stelle gefunden hat, wie ich sie für ihn
wünsche.« Höchlich erstaunt hörte die Tante diesen Beschluss, und Sabine rückte
stark mit den Tassen, um ihre Unruhe zu verbergen. Aber keine der Frauen machte
eine Bemerkung, und die eifrige Unterhaltung an der Abendtafel überdeckte die
Bewegung, welche in allen nachzitterte. Jeder hatte viel zu fragen und viel zu
erzählen, denn für alle war das letzte Jahr reich an grossen Begebenheiten
gewesen. Wohl war ein Zwang bemerkbar auch in Antons Haltung, als er von seinem
Leben in der Fremde sprach, von Fink und von der deutschen Kolonie, die sich auf
dem Gute festgesetzt hatte. Und mit gesenktem Haupt hörte Sabine auf seine
Worte. Aber der Kaufmann wurde immer heiterer, und als Anton sich erhob, um nach
seinem Zimmer zu gehen, da lag auf dem Angesicht des Kaufmanns fast das gütige
Lächeln von ehedem, kräftig schüttelte er Antons Hand und sagte im Scherz:
»Schlafen Sie wohl und achten Sie auf Ihren Traum in der ersten Nacht; man sagt,
ein solcher Traum geht in Erfüllung.«
    Und als Anton sich entfernt hatte, zog der Kaufmann die Schwester in das
dunkle Nebenzimmer, dort küsste er sie auf die Stirn und sprach ihr leise ins
Ohr: »Er ist brav geblieben, das hoffe ich jetzt mit ganzer Seele!« Und als er
mit ihr wieder in das Helle trat, da glänzte es feucht in seinem Auge, und er
fing an die Tante mit ihrer stillen Neigung für Wohlfart zu necken, so dass die
gute Tante endlich die Hände zusammenschlug und ausrief: »Der Mann ist heut ganz
ausgelassen.«
    
    Ermüdet und angegriffen warf sich Anton aufs Lager. Freudenleer erschien ihm
seine Zukunft, und der Gedanke an die bittern Empfindungen des Abends und an den
stillen Kampf der nächsten Wochen lag schwer auf seinem Herzen. Und doch lag er
kurz darauf in ruhigem Schlummer. - Und es wurde wieder still in dem
Patrizierhaus. - Es war ein nüchternes altes Haus mit vielen Ecken und mit
einigen verborgenen Winkeln. Es war gar kein Ort für glühende Schwärmerei und
auflodernde Leidenschaft. Aber es war auch ein gutes Haus und es deckte sicher
jeden, der in seinen Mauern schlief. Und wieder waren die kleinen Heimlichen
heut nacht geschäftig, sie fuhren durcheinander und schwatzten und lachten, und
in alle Winkel summte die Nachricht, dass das Kind der Handlung zurückgekehrt
war, und der Gips auf dem Postamente sah stolz auf den schlafenden Anton nieder,
hob feierlich seinen hübschen geringelten Schwanz in die Luft und schnurrte die
ganze Nacht hindurch.
 
                                       3
Am nächsten Morgen eilte Anton zu Ehrental. Der Kranke war für ihn nicht zu
sprechen, die Frauen empfingen ihn so feindselig, dass er für schädlich hielt,
ihnen irgend etwas über die Absicht seines Besuches zu sagen. Er liess deshalb an
demselben Tage dem Anwalt Ehrentals durch Justizrat Horn anzeigen, dass
zwanzigtausend Taler bereit lägen, um die Ansprüche Ehrentals auf diese Summe
zur Stelle zu tilgen, für die übrigen Forderungen, welche Ehrental - ohne
Berechtigung - gegen den Freiherrn erhoben hatte, sollte richterliche
Entscheidung abgewartet werden. Der Anwalt des Gläubigers weigerte sich, diese
Zahlung anzunehmen. Sofort liess Anton bei Gericht die nötigen Schritte tun, um
Ehrental zur Annahme der Summe und zum Verzicht auf die Ansprüche, die er
ihretwegen erhob, zu zwingen.
    Es war gegen Abend, als Anton einen alten Comtoirrock anzog und mit eiligem
Geschäftsschritt in das Haus von Löbel Pinkus trat. Durch das Fenster sah er in
die kleine Branntweinstube. Er fand den würdigen Pinkus hinter seinem
Schenktisch und richtete eine kurze kaufmännische Frage aus: »Herr T.O. Schröter
lässt fragen, ob Schmeie Tinkeles aus Brody angekommen ist, oder ob er erwartet
wird. Er soll sich sogleich wegen eines Geschäfts in der Handlung einfinden.«
    Pinkus erwiderte vorsichtig, Tinkeles sei nicht anwesend, und er wisse
nicht, ob und wann derselbe kommen werde. Tinkeles spreche manchmal bei ihm vor,
manchmal auch nicht, die Sache sei unsicher. Er werde übrigens den Auftrag
ausrichten, wenn er den Mann sehe.
    Am andern Tag öffnete der Diener die Tür Antons, und Schmeie Tinkeles
schlüpfte in das Zimmer. »Willkommen, Tinkeles«, rief Anton ihm entgegen und sah
mit stillem Lächeln auf den Mann im Kaftan.
    Der Händler war überrascht, als er sich Anton gegenüber fand. Über sein
verschmjetztes Gesicht flog ein Schatten, und eine innere Unruhe wurde aus dem
lebhaften Gewirbel sichtbar, womit er seine Freude über das Wiedersehen
auszudrücken suchte. »Gottes Wunder, dass ich Sie leibhaftig wiedersehe, ich habe
mich oft erkundigt im Geschäft bei Schröter, und habe nicht können erfahren, wo
Sie hingereist sind. Ich habe immer gern mit Ihnen zu tun gehabt, wir haben doch
zusammen gemacht manchen schönen Kauf.«
    »Wir haben auch Krieg miteinander geführt, Tinkeles«, warf Anton dazwischen.
    »Es war ein schlechtes Geschäft«, sagte Tinkeles ablenkend, »es sieht jetzt
traurig aus mit dem Handel, das Gras wächst auf den Landstrassen. Es ist gewesen
eine böse Zeit im Lande. Der beste Mann, wenn er sich schlafen gelegt, hat er
nicht gewusst, ob er morgen noch wird Beine haben zum Stehen.«
    »Ihr habt es doch durchgemacht, Tinkeles, und ich nehme an, die Zeit ist
Euch nicht schlecht bekommen. Setzt Euch, ich habe mit Euch zu reden.«
    »Wozu setzen?« frug der Jude misstrauisch, als Anton nach der Türe ging und
diese verriegelte, »beim Geschäft hat man keine Zeit zum Sitzen. Verzeihen Sie,
was verriegeln Sie die Tür? Man braucht keinen Riegel, wenn man machen will
Geschäfte, es stört uns niemand.«
    »Ich will mit Euch etwas im Vertrauen besprechen«, sagte Anton vor den
Händler tretend, »es soll Euer Schade nicht sein.«
    »So sprechen Sie«, sagte Tinkeles, »aber lassen Sie offen die Tür.«
    »Hört mich an«, begann Anton. »Ihr erinnert Euch an die letzte Unterredung,
die wir hatten, damals, als wir auf der Reise zusammentrafen.«
    »Ich erinnere mich an nichts«, sagte der Händler kopfschüttelnd und sah
unbehaglich nach der Tür.
    »Ihr gabt mir damals einen guten Rat, und als ich mehr von Euch erfahren
wollte, wart Ihr aus der Stadt verschwunden.«
    »Das sind alte Geschichten«, antwortete Tinkeles immer unbehaglicher. »Ich
kann mich jetzt nicht erinnern, ich habe auch zu tun auf dem Markt, ich dachte,
Sie wollten mit mir reden von einem Geschäft.«
    »Es ist ein Geschäft, von dem wir sprechen, und es kann für Euch ein gutes
Geschäft werden«, sagte Anton nachdrücklich. Er ging an seinen Schreibtisch und
holte eine Geldrolle heraus, die er vor Tinkeles auf den Tisch legte. »Diese
hundert Taler gehören dem, welcher mir eine Nachricht gibt, die ich brauche.«
Tinkeles sah mit einem schlauen Seitenblick auf die Rolle und erwiderte:
»Hundert Talerstücke sind gut, aber ich kann keine Nachricht geben, ich weiss von
nichts, ich kann mich nicht besinnen. Sooft ich Sie sehe, fangen Sie an von
ärgerlichen Sachen«, schloss er unwillig, »es ist mir kein Glück, wenn ich habe
mit Ihnen zu tun, ich habe immer nur gehabt Not und Kummer.«
    Anton ging schweigend zu seinem Pult und holte eine zweite Geldrolle, die er
neben die erste legte. »Zweihundert Taler«, sagte er, ergriff die Kreide und
schloss die Rollen durch vier Striche ein. »So viel ist Euer, wenn Ihr mir die
Auskunft geben könnt, die ich haben will.« Die Blicke des Galiziers hefteten
sich sehnsüchtig auf das Viereck. Anton stand daneben und wies schweigend mit
dem Finger darauf. Der Händler kämpfte einen schweren Kampf, er sah auf Anton
und verzog sein Gesicht zu einem harmlosen Lachen; er versuchte unbefangen
auszusehen und blickte wie gleichgültig in der Stube herum; aber immer wieder
fiel sein Blick auf Antons Zeigefinger und das weisse Viereck auf dem Tische.
Keiner sprach, das stumme Schweigen dauerte einige Augenblicke, und doch war es
eine lebhafte und beredte Unterhandlung. Immer glänzender wurden die Augen des
Galiziers, immer unruhiger seine Gebärden, er zuckte mit den Schultern, hob die
Brauen in die Höhe und rang heftig von dem Zauber loszukommen, der ihn
festbannte. Endlich wurde ihm der Zustand unerträglich. Er griff mit der Hand
nach den Rollen.
    »Erst redet«, sagte Anton und hielt die Hand über das Geld.
    »Seien Sie nicht so hart gegen mich«, bat Tinkeles.
    »Hört mich an«, sagte Anton. »Ich will nichts Unrechtes von Euch, nichts,
was ein ehrlicher Mann einem andern verweigern dürfte; ich könnte vielleicht
Eure gerichtliche Vernehmung durchsetzen und ohne Kosten zu sicheren
Geständnissen kommen; ich weiss aber von früher, welchen Widerwillen Ihr gegen
das Gericht habt, und nur deshalb biete ich Euch das Geld. Verstündet Ihr eine
andere Sprache, so würdet Ihr mir sagen, was Ihr wisst, wenn ich Euch erzähle,
dass eine Familie unglücklich geworden ist dadurch, dass Ihr mir früher nicht
alles gesagt habt. Diese Sprache aber würde bei Euch nichts nützen.«
    »Nein«, sagte Tinkeles ehrlich, »sie würde nichts nützen. Lassen Sie sehen
das Geld, das Sie haben hingelegt für mich. Sind es richtig zweihundert
Talerstücke?« fuhr er fort, auf die Rollen starrend. »Es ist gut, ich weiss, sie
sind richtig. Fragen Sie mich, was Sie wollen wissen.«
    »Ihr habt mir gesagt«, begann Anton, »dass Itzig, der frühere Buchhalter
Ehrentals, darauf arbeite, den Freiherrn von Rotsattel zu ruinieren.«
    »Ist es nicht gewesen, wie ich habe gesagt?« frug Tinkeles.
    »Ich habe Grund, anzunehmen, dass Ihr wahr gesprochen. Ihr habt damals zweie
erwähnt, wer ist der andere?«
    Der Händler stockte; Anton griff nach den Geldrollen. »Lassen Sie liegen«,
bat Tinkeles die Hand bewegend; »der andere heisst Hippus, wie ich habe
vernommen. Er ist ein alter Mann und hat gewohnt lange Zeit bei dem Löbel
Pinkus.«
    »Ist er vom Geschäft?« frug Anton.
    »Er gehört nicht zu unsern Leuten und ist nicht vom Geschäft, er ist
vertauft, er ist gewesen Sachwalter.«
    »Habt Ihr mit Itzig in irgendeinem Geschäft zu tun?« frug Anton weiter.
    »Soll mich bewahren der gerechte Gott vor diesem Menschen«, rief Tinkeles.
»An dem ersten Tage, wo er ist gekommen in die Stadt, hat er mir wollen
aufmachen den Schrank, worin sind gewesen meine Sachen. Ich habe gehabt meine
Mühe, ihn zu verhindern, dass er mir nicht hat genommen meine Kleider. Er nimmt's
von den Lebendigen. Ich mag nichts zu tun haben mit einem solchen Menschen.«
    »Um so besser für Euch«, antwortete Anton; »jetzt hört mir zu. Dem Freiherrn
ist ein Kasten gestohlen worden, in welchem wichtige Papiere aufbewahrt wurden.
Der Diebstahl ist in dem Comtoir Ehrentals verübt worden. Habt Ihr zufällig
etwas über den Diebstahl gehört, oder habt Ihr Argwohn, wer der Dieb sein
könnte?«
    Der Galizier sah unruhig in der Stube umher, auf Anton und die Rollen, und
sagte endlich entschlossen, die Augen zudrückend: »Ich weiss von nichts.«
    »Und gerade dies will ich von Euch erfahren; und dies Geld ist für den, der
mir darüber Auskunft gibt.«
    »Wenn ich also muss reden«, sagte der Galizier, »so soll es gesagt sein. Ich
habe gehört, dass der Mensch, welcher heisst Hippus, als er ist gewesen betrunken,
hat geschrien und hat gesagt: Jetzt haben wir den Rotschwanz, er ist geliefert,
wegen der Papiere ist er geliefert.«
    »Und weiter wisst Ihr nichts?« frug Anton in ängstlicher Spannung. -
»Nichts«, sagte der Galizier, »es ist lange her, und ich habe nur wenig können
verstehn, was sie haben miteinander gesprochen.«
    »Ihr habt das Geld, welches hier liegt, Euch nicht verdienen können«,
entgegnete Anton nach einer Pause, »was Ihr mir gesagt habt, ist wenig. Damit
Ihr aber seht, dass mir daran liegt, von Euch Auskunft zu erhalten, so nehmt hier
diese hundert Taler; das zweite Hundert ist Euer, sobald Ihr mir irgendeine Spur
des gestohlnen Kästchens oder der entwendeten Papiere schaffen könnt. Vielleicht
ist das Euch nicht unmöglich.«
    »Es ist nicht möglich«, sagte der Galizier bestimmt, die empfangene
Geldrolle in der Hand wägend und die zweite betrachtend. »Was der Itzig tut, tut
er nicht so, dass ein anderer auf seinen Weg sehen kann, und ich bin doch nur ein
Fremder im Ort und mache keine Geschäfte mit Spitzbuben.«
    »Versucht es doch«, entgegnete Anton. »Sobald Ihr etwas erfahrt, bringt mir
Nachricht, dies Geld hebe ich für Euch auf. Ich habe nicht nötig, Euch zu sagen,
dass Ihr sehr vorsichtig sein und unter allen Umständen vermeiden müsst, dem Itzig
oder seinen Spiessgesellen Argwohn zu geben. Verratet gegen niemand, dass Ihr mich
kennt.«
    »Ich bin kein Kind«, antwortete Tinkeles beistimmend, »aber ich fürchte, ich
werde Ihnen nichts dienen in dieser Sache.«
    So entfernte sich der Galizier, nachdem er die Geldrolle in die Tasche
seines Kaftans versenkt hatte.
    Anton hatte den Namen dessen erfahren, der vielleicht den Diebstahl verübt
hatte. Es war ihm die Möglichkeit gegeben, an diesen Namen weitere
Nachforschungen zu knüpfen. Aber die Schwierigkeit, die fehlenden Dokumente ohne
Hilfe der Behörde wiederzuerlangen, wurde immer grösser. Unter diesen Umständen
fasste er den Entschluss, welcher einem Kaufmann näher lag, als einem Beamten. Es
war ein gewagter Schritt, aber er bot die Möglichkeit, in kurzer Zeit und ohne
Aufsehn die Papiere in die Hände des Barons zurückzubringen.
    Er wollte mit Itzig selbst in Verbindung treten und das wenige, was er durch
den Galizier erfahren hatte, dem Verschlagenen, Gewissenlosen gegenüber so gut
als möglich zu benutzen suchen. Wohl fühlte er, wie unsicher der Schritt sei,
und dass ein harter Kampf mit Itzig bevorstehe. Hätte er alles gewusst, was der
unternehmende Geist des Agenten in sich herumtrug, er hätte noch mehr Bedenken
gehabt, den Weg zu machen.
    Itzigs verschmitzter Bursch öffnete die Tür. Anton stand seinem
Schulkameraden gegenüber. Der Agent wusste bereits, dass Anton von dem Gut bei
Rosmin nach der Stadt zurückgekehrt war, und hatte sich auf diesen Besuch
vorbereitet. Einen Augenblick betrachteten die beiden Männer einander, beide
bemüht, in Gesicht und Haltung des Gegners zu lesen und sich zu dem beginnenden
Kampf zu rüsten. Beiden hatte ein vieljähriger vorsichtiger Verkehr mit Menschen
und den Interessen des Handels einiges Gleichartige gegeben. Beide waren
gewöhnt, den Schein kaltblütiger Ruhe zu behaupten und das Ziel, das sie
erreichen wollten, zu verbergen, beide waren gewöhnt an schnelle Überlegung, an
behutsames Sprechen, an kühle Haltung, beide zeigten auch in Sprache und Gebärde
etwas von der Form, welche der kaufmännische Verkehr dem Geschäftsmann verleiht,
beide waren heut in einer grossen innern Aufregung, welche die Wange Antons
rötete und die Backenknochen Veitels mit einem hellen Schimmer überzog. Aber dem
klaren Blick Antons begegnete das Auge des Gegners unruhig und lauernd, dem
herben Ernst seiner Haltung eine Mischung von Trotz und Unterwürfigkeit; beide
erkannten im ersten Augenblick, dass der Gegner gefährlich und schwer zu besiegen
sei, und beide sammelten ihre ganze Kraft. Der Kampf begann. Itzig eröffnete ihn
in seiner Weise. »Es ist mir eine Freude, auch Sie einmal bei mir zu sehn, Herr
Wohlfart«, sagte er mit plötzlicher Freundlichkeit; »es ist lange her, dass ich
nicht das Vergnügen gehabt habe, Ihnen zu begegnen. Ich habe doch immer ein
grosses Interesse genommen an Ihnen. Wir sind zusammen in der Schule gewesen, wir
sind an einem Tag hierhergekommen, wir haben uns beide vorwärtsgebracht in der
Welt. Ich hatte gehört, dass Sie seien gegangen nach Amerika. Die Leute reden so
vieles. Ich hoffe, dass Sie jetzt wieder in der Stadt bleiben. Vielleicht treten
Sie auch wieder in das Geschäft des Herrn Schröter, man sagt, er hat sehr
bedauert Ihren Abgang.« - So flossen ihm die Worte von den Lippen, aber sein
Blick suchte von allen Seiten durch die Aussenseite Antons durchzudringen in das,
was den Besuchenden beschäftigte.
    Er hatte sich eine Blösse gegeben, als er sich anstellte, nicht genau zu
wissen, wo Anton in der letzten Zeit gewesen war. Denn dass er den Namen
Rotsattel zu nennen vermied, gab Anton die feste Überzeugung, er habe Grund,
bei Nennung dieses Namens ungewöhnliche Vorsicht zu beobachten.
    Anton erwiderte, diesen Fehler Veitels benutzend, so kalt, als ob der andere
seine ganze Rede in die Luft gesprochen hätte: »Ich komme, Herr Itzig, um in
einer Geschäftsangelegenheit mit Ihnen Rücksprache zu nehmen. Sie sind mit den
Verhältnissen des Familiengutes bekannt, welches dem Baron Rotsattel gehört und
jetzt im Wege der notwendigen Subhastation verkauft werden soll.«
    »Im allgemeinen bin ich damit bekannt«, antwortete Veitel und lehnte sich
entschlossen an die Ecke des Sofas, »wie man bekannt ist mit so etwas; ich habe
manches darüber gehört.«
    »Sie haben im Comtoir von Ehrental die Geschäfte desselben mit dem Baron,
welche jahrelang verliefen und die Geldverhältnisse des Gutes betrafen,
geleitet, und müssen, wie sich voraussetzen lässt, dadurch genaue Einsicht
erhalten haben. Da gegenwärtig mit Ehrental selbst seiner Krankheit wegen ein
geschäftlicher Verkehr nicht möglich ist, so ersuche ich Sie um einige
Auskunft.«
    »Was ich etwa in Ehrentals Comtoir erfahren habe als Buchhalter«, sagte
Itzig, »das habe ich im Vertrauen erfahren und kann es einem andern nicht
mitteilen. Ich wundere mich, dass Sie so etwas von mir verlangen«, schloss er mit
einem maliziösen Blicke.
    Anton erwiderte kaltblütig: »Ich verlange nichts, wodurch das Pflichtgefühl,
welches Sie äussern, verletzt werden könnte. Es liegt mir daran, zu erfahren, in
welchen Händen die Hypoteken gegenwärtig sind, welche auf dem Gute haften.«
    »Das können Sie leicht erfahren durch einen Auszug aus dem Hypotekenbuch«,
sagte Veitel mit wohlangenommener Gleichgültigkeit.
    »Sie werden vielleicht gehört haben«, fuhr der angreifende Anton fort, »dass
einige der Hypoteken in den letzten Monaten am hiesigen Platz aus einer Hand in
die andere gegangen sind; die gegenwärtigen Besitzer sind jedenfalls im
Hypotekenbuche nicht eingetragen. Es ist anzunehmen, dass die Instrumente
aufgekauft sind, um einem Kauflustigen bei der Subhastation den Kauf entweder zu
erleichtern, oder auch zu erschweren.«
    Bis hierher war das Gespräch eine alltägliche Vorbereitung zum ernsten
Gefecht gewesen, etwa wie die ersten Züge im Schach, oder wie der Anfang eines
Wettrennens. Itzigs Ungeduld führte durch einen Sprung weiter hinein.
    »Haben Sie Auftrag, das Gut zu kaufen?« frug er plötzlich.
    »Nehmen Sie an, ich habe einen solchen Auftrag«, erwiderte Anton, »und ich
wünsche mir dabei Ihre Mitwirkung zu sichern. Sind Sie imstande, mir in
kürzester Zeit Auskunft zu verschaffen? Und wollen Sie die etwa nötigen
Verhandlungen wegen Ankauf der Hypoteken übernehmen?«
    Itzig überlegte. Es war möglich, dass Anton nur deshalb kam, um dem Freiherrn
oder seinem Freunde Fink bei der Subhastation das Gut zu sichern. In diesem Fall
war er in Gefahr, das stille Ziel langer Arbeit, gefährlicher Taten verrückt zu
sehen. Wenn Fink durch sein Vermögen den Freiherrn rettete, so verlor Itzig das
Gut. Dann wurde dem Pinkus sein Kapital ausgezahlt, und er musste einen anderen
Weg einschlagen, sich von dem Baron Geld zu machen. Während er dies in
stürmischer Bewegung überlegte, sah er, wie forschend Anton auf ihn blickte. Er
schloss daraus mit dem Scharfsinn eines bösen Gewissens, dass Anton etwas von
seinen Plänen erraten habe und dass er noch anderes von ihm wolle. Wahrscheinlich
war dieser Antrag nur eine Finte. Er beeilte sich daher mit grosser Geläufigkeit,
seine Mitwirkung zu versprechen, und äusserte die Hoffnung, dass ihm wohl gelingen
werde, die gegenwärtigen Besitzer der Hypoteken noch zu rechter Zeit zu
ermitteln.
    Anton sah, dass der Schurke ihn verstanden hatte und auf seiner Hut war. Er
änderte den Angriff.
    »Kennen Sie einen gewissen Hippus?« frug er schnell und sah seinem Gegner
scharf ins Gesicht.
    Einen Moment zuckten die Augenlider Itzigs, und die leise Röte zeigte sich
wieder auf seiner Wange. Zögernd, als suche er den Namen in seinem Gedächtnis,
antwortete er: »Ja, ich kenne ihn. Er ist ein heruntergekommener, nichtsnutziger
Mann.«
    Anton merkte, dass er den rechten Punkt getroffen hatte, er ging deshalb
schnell vorwärts. »Vielleicht erinnern Sie sich, dass vor einundeinemhalben Jahr
aus dem Comtoir Ehrentals eine Kassette des Freiherrn mit Papieren und
Dokumenten gestohlen wurde, welche für den Freiherrn grosse Wichtigkeit hatte.«
    Itzig sass ruhig, nur seine Augen fuhren unsicher hin und her. Kein Fremder
würde dieses Zeichen eines bösen Gewissens erkannt haben, aber Anton sah in den
veränderten Zügen deutlich das alte Gesicht des Ostrauer Schulknaben, dasselbe
Gesicht, welches der Knabe Veitel gemacht hatte, wenn ihm der Diebstahl einer
Feder oder eines Bogens Papier vorgeworfen wurde. Itzig wusste um die Papiere, er
wusste um den Diebstahl.
    Endlich erwiderte der Agent gleichgültig: »Ich habe von der Kassette gehört,
es war kurz bevor ich Ehrentals Geschäft verliess.«
    »Wohl«, fuhr Anton fort, »die gestohlenen Papiere konnten für den Dieb
keinen Wert haben. Es ist aber Grund, anzunehmen, dass dieselben auf irgendeine
Weise in die Hände eines Dritten hier am Ort gekommen sind.«
    »Das ist nicht unmöglich«, antwortete Itzig, »aber für wahrscheinlich halte
ich nicht, dass jemand wertlose Papiere so lange aufhebt.«
    »Ich weiss«, fuhr Anton fort, »dass die Papiere vorhanden sind, ja ich weiss,
dass sie dazu benutzt werden sollen, von dem Baron auf irgendeine Weise Vorteile
zu erlangen.«
    Itzig bewegte sich unruhig auf seinem Stuhl, er sah vor sich nieder, und die
Flecke auf seiner Wange wurden immer röter, aber er schwieg, auch Anton machte
eine Pause. Überlegend standen beide einander gegenüber. Endlich wurde dem
Angegriffenen das Schweigen unerträglich, er rückte sich mit festem Entschluss
zurecht, zwang sich, seinen Gegner anzusehen, und frug mit heiserer Stimme. »Und
wozu erwähnen Sie gegen mich diese Sache?«
    »Sie sollen über das, was ich will, nicht in Zweifel bleiben«, sagte Anton.
»Ich weiss, dass die Papiere hier vorhanden sind, ich habe Grund, anzunehmen, dass
es Ihnen bei Ihrer Gewandteit möglich sein wird, den Besitzer derselben zu
ermitteln, Sie werden durch jenen Hippus die Auskunft erhalten können, welche
Sie etwa noch brauchen.«
    »Warum durch diesen?« frug Veitel schnell.
    »Er hat in Gegenwart von Zeugen Äusserungen getan, welche die sichere
Überzeugung begründen, dass er mit dem Inhalt jener Papiere genau bekannt ist.«
Itzig presste die Zähne zusammen, und nur ein Murmeln wurde vernehmlich, welches,
bis zu Worten verstärkt, ungefähr gelautet hätte: »Der betrunkene Schuft!«
    Anton fuhr fort: »Der Freiherr hat die Rechte, welche Ehrental an die
gestohlenen Schulddokumente hat, durch gerichtliche Deposition der betreffenden
Summe bereits abgekauft. Die Kassette und ihr Inhalt sind Eigentum des
Freiherrn. Wenn durch Ihre Hilfe die Papiere geschafft und den Händen des
Freiherrn oder seines Bevollmächtigten übergeben werden können, so würde der
Freiherr, dem weniger an der Verfolgung des Diebes, als an Wiedererlangung der
Papiere gelegen ist, bereit sein, eine Summe an denjenigen zu zahlen, der ihm
die Dokumente wiederschaft.«
    Wohl hatte dieser Antrag für Itzig viel Lockendes, selbst er hatte in der
ganzen Zeit den Druck des Verbrechens gefühlt, mit steigendem Widerwillen hatte
er die Kameradschaft des trunkenen Hippus ertragen. Wenn jetzt fremdes Geld dem
Baron zu Hilfe kam, wenn er selbst die Aussicht, das Gut zu erwerben, aufgeben
musste, so war der Augenblick gekommen, wo er gegen eine gute Summe das
verhängnisvolle Papier in die Hände des Freiherrn zurückgeben konnte. Aber das
angebotene Geschäft war auch gewagt, wenn Anton nach Auslieferung der Papiere
noch an Verfolgung des Diebes dachte. Deshalb frug Itzig: »Wenn dem Baron soviel
daran liegt, die Kassette wiederzuerhalten, wie kommt es, dass damals, als sie
verschwunden war, so wenig Lärm gemacht wurde, weder von Ehrental noch von dem
Baron selbst? Ich habe nicht gehört, dass der Polizei Anzeige zugekommen ist, und
dass man Nachforschungen angestellt hat.«
    Diese Frechheit empörte Anton. Er antwortete gereizt: »Der Diebstahl war von
Umständen begleitet, welche für Ehrental eine Untersuchung peinlich machen
mussten, die Kassette verschwand aus seinem verschlossenen Comtoir, vielleicht
unterblieb aus solchen Rücksichten die gerichtliche Nachforschung.«
    Itzig erwiderte: »Wenn ich mich recht erinnere, sagte Ehrental damals zu
seinen Bekannten, dass die Untersuchung unterbliebe aus Rücksicht auf den Baron.«
Anton empfand tief diesen Hieb des Gauners, er dachte an Lenore, an die grosse
Zahl demütigender Empfindungen, welche die Familie in dem letzten Jahr gehabt
hatte, und vermochte nur mühsam seine Ruhe zu behaupten, als er sagte:
»Vielleicht hatte der Baron noch andere Gründe, damals die Sache
fallenzulassen.«
    Jetzt war Veitel sicher. An Antons unterdrücktem Ärger erkannte er, wie
lebhaft dieser die Notwendigkeit fühlte, den Freiherrn zu schonen; sein
Anerbieten war ernstlich gemeint, der Freiherr hatte Angst vor dem Diebe. Und
von diesem Augenblick bekam er alle Ruhe wieder, sein Benehmen wurde so kalt und
sicher, dass Anton empfand, er sei in Nachteil gesetzt, und sein schlauer Gegner
entschlüpfe ihm unter den Händen, denn ruhig begann Itzig: »Soweit ich den
Hippus kenne, ist er ein unzuverlässiger Mensch, der sich oft betrinkt. Wenn er
im Trunke etwas gesagt hat, so fürchte ich, wird es uns nicht viel helfen, zu
den Papieren zu kommen. Hat er Ihnen denn sichere Anzeige gebracht, worauf wir
ihm Anerbietungen machen können?«
    Jetzt hatte Anton Ursache, auf seiner Hut zu sein. »Er hat vor Zeugen
Aussagen getan, welche die Überzeugung geben, dass er die Papiere kennt, dass er
weiss, wo sich dieselben befinden, und die Absicht hat, sie zu irgendeinem Zweck
zu gebrauchen.«
    »Vielleicht ist das genug für die Juristen, aber nicht genug für einen
Geschäftsmann, um mit ihm zu unterhandeln«, fuhr Veitel fort; »wissen Sie genau,
was er gesagt hat?«
    Anton parierte und schlug auf seinen Gegner, indem er sagte: »Seine
Mitteilungen sind mir und mehreren andern Personen genau bekannt, sie sind der
Grund, dass ich Sie aufgesucht habe.«
    Itzig musste dies gefährliche Tema verlassen. »Und welche Summe will der
Baron daran wenden, die Papiere wiederzuerlangen? Ich will sagen«, verbesserte
er einlenkend, »ist es ein Geschäft, auf welches Mühe und Zeit zu verwenden
lohnt? Ich habe jetzt vieles andere, was mir zu tun macht. Sie werden nicht
verlangen, dass ich wegen ein paar Louisdor meine Zeit verbringe, um etwas zu
suchen, was so unbedeutend ist und so schwer zu fassen, wie Papiere, die einer
versteckt hält.«
    Vor Jahren, als die beiden miteinander nach der Hauptstadt zogen, welche
sich jetzt als Feinde gegenüberstanden, da war es der Judenknabe, welcher nach
Papieren suchte, von denen er in kindischem Unverstand das Glück seiner Zukunft
abhängig glaubte. Damals war er bereitwillig gewesen, das Gut des Freiherrn für
Anton zu kaufen. Und jetzt war der andere ausgegangen, geheimnisvolle Dokumente
zu suchen, der andere forderte jetzt das Gut des Freiherrn von ihm, und er war
ein Wissender geworden. Er hatte die geheimnisvollen Rezepte gefunden, er hielt
das Gut des Freiherrn fest in seiner Hand für sich selbst, und sein Schicksal
näherte sich der Erfüllung. Beide Männer dachten in demselben Augenblick an den
Tag ihrer gemeinsamen Reise.
    Anton antwortete: »Ich habe Vollmacht, über die Summe mit Ihnen zu
verhandeln; ich bemerke Ihnen aber, dass die Angelegenheit eilt. Deshalb ersuche
ich Sie, mir vor allem zu erklären, ob Sie geneigt sind, die Dokumente an den
Baron von Rotsattel zu überliefern und bei Ankauf der Hypoteken in unserm
Interesse tätig zu sein.«
    »Ich werde Erkundigungen einziehen und mir überlegen, ob ich Ihnen dienen
kann«, erwiderte Veitel kalt.
    Anton frug ebenso: »Welche Zeit verlangen Sie, um sich zu entscheiden?«
    »Drei Tage«, erwiderte der Agent.
    »Ich kann Ihnen nur vierundzwanzig Stunden bewilligen«, sprach Anton
bestimmt; »wenn mir in dieser Zeit Ihre Erklärung nicht wird, so werde ich im
Auftrage des Freiherrn jedes, auch das äusserste Mittel anwenden, die Papiere
wiederzuerlangen, oder mich von Vernichtung derselben zu überzeugen. Und alles,
was ich über die Entwendung und den gegenwärtigen Versteck der Dokumente weiss,
werde ich benutzen, um die zu entdecken, welche das Verbrechen verübt haben.« Er
zog seine Uhr und wies auf das Zifferblatt: »Morgen zu derselben Stunde werde
ich mir Ihre Antwort holen.«
    So verlief die verhängnisvolle Unterredung. Als Anton die Tür hinter sich
zuzog, stand Itzigs Entschluss fest. Er warf noch einen Blick auf den
Davoneilenden, einen Blick voll Furcht und Hass. Sein Schulkamerad war sein
gefährlichster Feind geworden. Er wusste jetzt, wie sehr Anton im Interesse des
Freiherrn handelte. Er hatte eine dunkle Ahnung davon, dass die Verbindung Antons
mit der Familie des Freiherrn an jenem Tage begonnen hatte, wo die Tochter des
Freiherrn den andern über den Teich ruderte und er im Staube der Landstrasse
zusah. Er war geneigt, anzunehmen, dass Anton auf einem ganz andern Wege als er
für sich nach dem Besitz desselben Gutes strebe. So erwachte aller Trotz seiner
selbstsüchtigen Seele und machte ihn fest. »Noch acht Tage«, murmelte er, »bis
zur Verlobung mit Rosalie. Den Tag darauf finde ich die Schuldscheine in einem
Winkel von Ehrentals Comtoir. Dann sollen der Rotsattel und seine Freunde den
Vergleich suchen auf die Bedingungen, die ich ihnen stelle. Durch die einzige
Drohung, dass ich die Auseinandersetzung gerichtlich machen lasse und das
Verfahren des Barons unter die Geschäftsleute bringe, zwinge ich diesen Wohlfart
zu allem, was ich will. Nur noch acht Tage! So lange halte ich ihn hin und dann
hab ich gewonnen.«
    Als Anton nach Verlauf von vierundzwanzig Stunden an Itzigs Wohnung kam,
fand er die Tür verschlossen. Er kehrte an demselben Abend zweimal wieder, für
ihn war niemand zu Hause. Am nächsten Morgen empfing ihn der verschmitzte Bursch
und erwiderte auf Antons Frage: Herr Itzig sei verreist, es sei möglich, dass er
schon in dieser Stunde zurückkomme, es sei auch möglich, dass er erst in einigen
Tagen wieder zu sprechen sei.
    Aus dem geläufigen Geschwätz erkannte Anton, dass der Knabe nach Anweisung
redete.
    Von der Tür Itzigs ging Anton zu einem Beamten, welcher in dem Ruf stand,
das tätigste Mitglied der Entdeckungspolizei zu sein. Er teilte diesem mit
Vorsicht das Nötigste über die gestohlene Kassette und deren Inhalt mit, und bat
um seinen Rat; er äusserte seinen Verdacht, dass der Diebstahl durch den Advokaten
unter Mitwissen des Agenten Itzig verübt sei, und verschwieg nicht die
unvollständigen Warnungen, welche der ehrenwerte Tinkeles gemacht hatte. Der
Beamte hörte mit Anteil auf Antons Bericht und sagte endlich: »Bei dem
ungenügenden Material, welches Sie geben, hat mir der Name Hippus das meiste
Interesse. Er ist ein sehr gefährliches Subjekt, das ich bis jetzt immer noch
nicht recht habe fassen können. Wegen Schwindelei und kleiner Betrügereien ist
er öfter bestraft und steht unter polizeilicher Aufsicht. An die andere Person,
welche Sie mir nennen, habe ich allerdings nicht dieselben Rechte. Übrigens sind
die Indizien, auf welche Sie hinweisen, so gering, dass eine amtliche Verfolgung
der Sache kaum tunlich erscheint. Ist doch der Diebstahl selbst, der vor
Jahresfrist verübt sein soll, der Behörde noch nicht einmal offiziell
angezeigt.«
    »Raten Sie mir«, frug Anton, »nach dem, was Sie von diesem Hippus wissen,
ihn aufzusuchen, und vielleicht im Wege der Unterhandlung die verschwundenen
Dokumente zu erwerben?«
    Achselzuckend erwiderte der Beamte: »Von meinem Standpunkt darf ich einen
solchen Rat nicht erteilen, ich fürchte aber auch, dieser Schritt würde keinen
Erfolg haben. Denn wenn der Verdächtige die Dokumente zum Nutzen eines andern
verwendet hat, so werden sie nicht mehr in seinen Händen sein. Und dass er seinen
Mitschuldigen verraten sollte, ist wenigstens vorläufig nicht anzunehmen.«
    »Und sind Sie unter solchen Umständen ganz ausserstande, mir zur
Wiedererlangung der Dokumente behilflich zu sein?« fragte Anton.
    »Da die erste Bedingung für meine Tätigkeit sein muss, dass der Diebstahl
angezeigt, und in der Anzeige die gestohlenen Sachen so genau als möglich
angegeben sind, so kann ich Ihnen jetzt noch bei Ihren Nachforschungen keine
direkte Hilfe leisten. Da Sie aber gerade Herrn Hippus, an dem ich ein
persönliches Interesse nehme, zum Gegenstand Ihrer Verfolgung erwählt haben, so
will ich tun, was ich irgend vermag. Ich will noch heut bei ihm Haussuchung
vornehmen. Ich sage Ihnen im voraus, dass wir nichts finden werden. Ich bin
ferner bereit, diese Haussuchung einige Tage darauf zu wiederholen, auf die
Gefahr, meinen guten Ruf in den Augen des wackeren Hippus einzubüssen. Denn der
Kunstgriff, Diebe durch eine oberflächliche Haussuchung sicher zu machen, ist
zwar bei Neulingen wirksam, aber bei diesem erfahrenen Mann so wenig angebracht,
dass er mir deshalb möglicherweise seine Verachtung gönnen wird. Ganz sicher ist,
dass wir auch bei der zweiten Haussuchung nichts finden werden.«
    »Und welchen Vorteil kann diese Massregel für mich haben?« frug Anton
resigniert.
    »Einen grössern, als Sie glauben. Da Sie den Weg der Verhandlung mit dem
Agenten Itzig bereits eingeschlagen haben, so werden Sie möglicherweise durch
unser Eingreifen leichteres Spiel gewinnen. Denn eine Heimsuchung hat in der
Regel die Wirkung, die Betroffenen zu beunruhigen. Und obgleich ich gar nicht
sicher bin, wie Hippus eine solche Haussuchung aufnehmen wird, so glaube ich
doch annehmen zu dürfen, dass sie auch ihm ein gewisses Unbehagen einflössen wird.
Das kann Ihre Bemühungen unterstützen. Ich will zum Überfluss dafür sorgen, dass
die Haussuchung das erste Mal ungeschickt und mit Ostentation gemacht wird.
Glücklicherweise hat er jetzt wieder eine feste Wohnung, er hat eine Zeitlang
Ruhe vor uns gehabt und ist sicher geworden. Auch hörte ich, dass er alt und
kränklich wird, das alles mag Ihnen helfen, den Mann auf irgendeinem Wege zu
fangen.«
    Mit diesem Bescheide musste sich Anton entfernen.
 
                                       4
Es war ein finsterer Novemberabend; der Nebel lag auf der Stadt, er füllte die
alten Strassen und Plätze und drang durch die offenen Türen in die Häuser. Er
ballte sich um die Strassenlaternen, deren Licht in einer rötlichen Dampfkugel
flackerte und nicht drei Schritt weit den Boden erleuchtete. Er schwebte über
dem Flusse und wälzte sich dort in dicken Massen durcheinander. Eine Schar
langschleppiger, grauer Gestalten zog über den schwarzen Strom dahin, über die
alten Wasserpfähle, unter den Brücken durch, eine gespenstige Bande von giftigen
Dünsten! Sie rollten an den Treppen hinauf, hefteten sich an die Holzpfeiler der
Galerien und wogten geschäftig durcheinander. Zuweilen entstand eine Lücke
zwischen den Gebilden des Nebels, dann konnte man auf das schwarze Wasser
hinabsehen, welches wie ein unterirdischer Strom des Verderbens an den Wohnungen
der Menschen dahinfloss. Die Strassen waren leer, zuweilen sah man eine Gestalt in
der Nähe einer Laterne auftauchen und schnell wieder in der Finsternis
verschwinden. Unter diesen dämmrigen Wesen war auch ein kleiner
zusammengedrückter Mann, der mit unsicherem Schritt vorwärtsstrebte und unter
den Laternen fortschlüpfte, so schnell ihm dies die wankenden Füsse erlaubten.
Durch den Hausflur wankte er in den Hof, in welchem Itzigs Comtoir war, und sah
nach den Fenstern des Agenten hinauf. Die Vorhänge waren heruntergelassen, aber
durch die Ritzen drang ein Lichtschimmer. Der kleine Mann versuchte
festzustehen, starrte nach dem Licht, streckte die geballte Faust nach der Höhe
und schüttelte sie drohend; dann stieg er die Treppe hinauf und klingelte heftig
zwei-, dreimal. Endlich hörte man einen leisen Schritt, die Tür wurde geöffnet,
der Kleine fuhr hinein und lief durch das Vorzimmer, welches Itzig hinter ihm
abschloss. Veitel sah noch bleicher aus als gewöhnlich, und sein Auge fuhr unstet
über die Gestalt des späten Gastes. Hippus aber war nie ein einladendes Bild
männlicher Schönheit gewesen, heut sah er wahrhaft unheimlich aus. Seine Züge
waren tief eingefallen, eine Mischung von Angst und Trotz sass in dem hässlichen
Gesicht, und tückisch sahen seine Augen über den angelaufenen Brillengläsern auf
den früheren Schüler. Sicher war er wieder betrunken, aber eine fiebrige Angst
hatte seine Lebensgeister alarmiert und für den Augenblick die Wirkung des
Branntweins gelähmt.
    »Sie sind mir auf dem Nacken«, rief er und fingerte mit seinen Händen
unruhig in die Luft. »Sie suchen mich!«
    »Wer soll Euch suchen?« frug Itzig, aber er wusste, wer ihn suchte.
    »Die Polizei, du Schuft«, schrie der Alte. »Um deinetwillen stecke ich in
der Klemme. Ich darf nicht mehr zu Hause, du musst mich verstecken.«
    »So weit sind wir noch nicht«, antwortete Veitel mit aller Kälte, die ihm zu
Gebote stand; »woher wisst Ihr, dass Euch die Polizeidiener auf der Ferse sind?«
    »Die Kinder auf der Strasse erzählen einander davon«, rief Hippus; »auf der
Strasse hab ich's gehört, als ich in mein Loch kriechen wollte. Es war ein
Zufall, dass sie mich nicht in meiner Stube fanden. Sie stehn an meinem Hause,
sie stehn auf der Treppe, sie warten, bis ich zurückkomme. Du sollst mich
verstecken, Geld will ich haben, über die Grenze will ich; hier ist meines
Bleibens nicht mehr; du musst mich fortschaffen.«
    »Fortschaffen«, wiederholte Veitel finster, »und wohin?«
    »Dahin, wo mich die Polizei nicht einholt, über die Grenze, nach Amerika!«
    »Und wenn ich nicht will«, sprach Itzig feindselig und überlegend.
    »Du wirst wollen, Einfaltspinsel. Bist du noch so grün, dass du nicht weisst,
was ich tun werde, wenn du mir nicht aus der Klemme hilfst, du Taugenichts? Sie
werden auf dem Kriminalgericht Ohren haben für das, was ich von dir weiss.«
    »Ihr werdet so schlecht nicht sein und einen alten Freund verraten«, sagte
Itzig in einem Tone, der sich vergebens bemühte, gefühlvoll zu sein. »Seht die
Sache ruhiger an, was ist zuletzt für Gefahr, wenn sie Euch arretieren? Wer kann
Euch etwas beweisen? Sie müssen Euch aus Mangel an Beweis wieder loslassen. Ihr
kennt das Gesetz ja ebensogut, wie die vom Gericht.«
    »So?« schrie der Alte giftig. »Meinst du, dass ich ins Loch kriechen werde um
deinetwillen, um eines solchen Hanswurstes willen! Dass ich bei Wasser und Brot
sitzen werde, während du hier Gänsebraten isst und den alten Esel von Hippus
auslachst. Ich will nicht in's Loch, ich will fort, und bis ich fort kann,
sollst du mich verstecken.«
    »Hier könnt Ihr nicht bleiben«, antwortete Veitel finster, »hier ist keine
Sicherheit für Euch und für mich; der Jakob wird Euch verraten, die Leute im
Hause werden merken, dass Ihr hier seid.«
    »Das ist deine Sorge, wo du mich unterbringst«, sagte der Alte, »aber von
dir verlange ich, dass du mir heraus hilfst, oder -«
    »Halt Euer Maul«, sagte Veitel, »und hört mir zu: Wenn ich Euch auch Geld
geben will und dafür sorgen, dass Ihr mit der Eisenbahn nach Hamburg und über das
Wasser kommt, so kann ich es doch nicht machen gleich und nicht machen von mir
aus. Ihr müsst bei Nacht ein Paar Meilen bis zu einer kleinen Station der
Eisenbahn geschafft werden, ich darf Euch die Fuhre nicht mieten, das könnte
Euch verraten, und wie Ihr hier vor mir steht, seid Ihr zu schwach zum Gehen.
Ich muss Euch mit einer Gelegenheit fortbringen, von der ich erst sehen muss, ob
ich sie finde. Unterdes muss ich Euch an einen andern Ort schaffen, wo die
Polizei nicht weiss, dass ich selbst hinkomme, denn ich fürchte, sie wird Euch bei
mir suchen. Wenn Ihr nicht zu Hause kommt, so wird sie Euch suchen bei mir
vielleicht schon heut nacht. Ich will gehn und nachsehn, dass ich Euch eine Fuhre
verschaffe und einen Ort, wo Ihr bleiben könnt. Unterdes sollt Ihr bleiben in
der hintern Stube, bis ich zurückkomme.« Er öffnete die Tür, Herr Hippus
schlüpfte wie eine gescheuchte Fledermaus hinein. Veitel wollte die Tür hinter
ihm schliessen, aber das alte Geschöpf klemmte seinen Leib zwischen die Türe und
schrie in voller Entrüstung: »Ich will nicht im Finstern bleiben, wie eine
Ratte, du wirst mir Licht hier lassen. Ich will Licht haben, du Satan!« schrie
er laut.
    »Man wird unten sehen, dass Licht in der Stube ist; das wird uns verraten.«
    »Ich will nicht im Finstern sitzen!« schrie der Alte wieder.
    Mit einem Fluch ergriff Veitel die Lampe und trug sie in das zweite Zimmer.
Dann schloss er die Türe und eilte auf die Strasse.
    Vorsichtig näherte er sich dem Hause des Löbel Pinkus. Dort war alles ruhig;
von dem Hausflur sah er durch das kleine Schiebefenster in den Branntweinladen,
wo Pinkus und einige Gäste in der Sorglosigkeit eines guten Bewusstseins
zusammensassen. Er schlich die Treppe hinauf nach seiner früheren Stube, holte
dort aus einem versteckten Winkel einige verrostete Schlüssel, betrat vorsichtig
den Schlafsaal und sah mit Freude, dass dieser nicht erleuchtet und leer war. Er
eilte auf die Galerie. Dort blieb er einen Augenblick stehen und sah auf die
rollenden Nebelmassen und die dunkle Flut. Der Augenblick war günstig, es war
hohe Zeit, ihn zu benutzen, denn unregelmässig strich ein Luftzug über das
Wasser; schon war am Nachtimmel ein unruhiges Treiben sichtbar, zerrissen
flogen die dunkeln Wogen über dem Strom dahin, in kurzer Zeit musste der Wind
auch den Strome, die Umrisse der Häuser und die Laternen freimachen, welche an
der Strassenecke wie rote Punkte glänzten.
    Itzig eilte an das Ende der Galerie und steckte einen Schlüssel in die Tür,
welche den Eingang zur Wassertreppe verdeckte. Knarrend flog die Tür auf, er
stieg bis an den Rand des Flusses hinab und untersuchte die Höhe der Flut. Hohl
gurgelte das Wasser und staute sich an den letzten Stufen der Treppe. Der
Fusssteig war überschwemmt, welcher längs den Häusern am seichten Rande des
Strombettes fast das ganze Jahr sichtbar war. Aber nur wenige Schritte durfte
man im Wasser gehen, um von dieser Treppe zu der Treppe des Nebenhauses zu
gelangen. Veitel sah starr auf das Wasser und steckte seinen Fuss in die eiskalte
Flut, um zu fühlen, wie tief man zu steigen habe, um auf den Grund zu kommen. So
besorgt war er für die Rettung des alten Mannes, dass er die Kälte an seinem Bein
nicht beachtete; er empfand sie nicht einmal. Das Wasser reichte ihm bis an die
Knie. Noch einen Blick warf er auf die Häuser in der Nähe. Alles war Finsternis,
Dampf, Grabesstille, nur das Wasser und der Wind murmelten klagend.
    Unterdes versuchte Hippus sich in der verschlossenen Stube häuslich
einzurichten. Nachdem er den abgehenden Veitel durch gottlose Flüche und
geballte Fäuste, die er ihm nachschleuderte, auf seinem Gange gesegnet hatte,
wandte er seinen verstörten Geist auf Untersuchung des Zimmers. Er wankte zu
einem niedrigen Schrank, drehte den Schlüssel und suchte nach einer Flüssigkeit,
die ihm die sinkende Kraft und den trockenen Gaumen erfrischen könnte. Er fand
eine Flasche mit Rum, goss ihren Inhalt in ein Bierglas und schlürfte ihn mit so
grosser Hast hinunter, als das scharfe Gift möglich machte. Ein kalter Schweiss
trat dem unglücklichen Geschöpf sogleich auf die Stirn, er zog die Reste eines
Taschentuchs hervor, wischte sein Gesicht eifrig ab und ging breitspurig mit
trunkenen Schritten und mit schnell wachsendem Mut in der Stube auf und ab,
indem er laut dazu phantasierte.
    »Er ist ein Lump, ein schuftiger, feiger Hase, ein jämmerlicher Schacherer
ist er; wenn ich ihm ein altes Taschentuch verkaufen will, er muss es kaufen, es
ist seine Natur, er ist ein verächtliches Subjekt. Und mir will er trotzen, mich
will er ins Gefängnis stecken, und er selbst will hier sitzen auf diesem Sofa
und bei dieser Rumflasche, der Hundsfott!« dabei ergriff er die leere Flasche
und warf sie zornig gegen das Sofa, dass sie an dem Holz der Lehne zersprang.
»Wer war er?« fuhr er in steigendem Zorne fort. »Ein schachernder Hanswurst.
Durch mich ist er geworden, was er ist; ich habe ihn pfeifen gelehrt, den
Gimpel. Wenn ich pfeife, muss er tanzen, er ist nur mein Lockvogel, ich bin der
Vogelsteller. Dein Vogelsteller bin ich, du ruppiges Scheusal.« Hier versuchte
der Alte zu pfeifen: »Freuet euch des Lebens«, erhob die Beine und machte einen
Versuch, lustig umherzuspringen. Wieder strömte ihm der kalte Schweiss von der
Stirne, er zog wieder den Lappen aus der Tasche, trocknete sich das Gesicht ab
und steckte das Tuch sorgfältig wieder ein. - »Er wird nicht zurückkommen«, rief
er plötzlich; »er lässt mich hier sitzen, sie werden mich finden.« Er rannte nach
der Tür und rüttelte heftig daran. »Eingeschlossen hat mich der Schuft, ein Jude
hat mich eingeschlossen«, schrie das Geschöpf kläglich und rang die Hände. »Ich
muss verhungern, ich muss verdursten in diesem Gefängnis. Oh, oh! er hat schlecht
an mir gehandelt, niederträchtig an seinem Wohltäter, er ist ein undankbarer
Bösewicht, ein Rabensohn ist er.« dabei fing er an zu schluchzen. »Ich habe ihn
gepflegt, als er krank war, ich habe ihn Kunststücke gelehrt, ich habe ihn zu
einem Manne gemacht, und so lohnt er seinem alten Freund.« Der Advokat weinte
laut und rang die Hände. Plötzlich blieb er vor dem Spiegel stehen, auf welchen
der helle Glanz des Lichtes fiel, erschrocken starrte er die Gestalt an, welche
ihm in dem Spiegel gegenüberstand. Immer zorniger wurde sein Blick, immer
grausiger der Glanz seiner Augen, er sah von dem Spiegelglas auf den Rahmen,
schob sich die verbogene Brille zurecht und bewegte suchend den Kopf den Rahmen
entlang. Der Spiegel kam ihm bekannt vor. Hatte der Zufall ein Möbel aus seinem
frühern glänzenden Leben in den geheimen Trödel des Pinkus und von da in Itzigs
Wohnung geführt, oder täuschte den Trunkenen nur eine Ähnlichkeit? - aber die
Erinnerung an sein Schicksal erfüllte ihn mit Wut. »Es ist mein Spiegel«, schrie
er laut, »mein eigener Spiegel ist es, den der Schurke in seiner Stube hat«;
toll fuhr er durch das Zimmer, packte einen Stuhl in wahnwitziger Kraft und
stiess ihn mit den Beinen gegen das Spiegelglas. Klirrend zerbrach die Platte in
Scherben, aber immer und immer wieder stampfte der Betrunkene mit dem Stuhle
gegen das Holz und schrie dabei wie rasend: »In meiner Stube hat er gehangen,
der Schurke hat mir den Spiegel gestohlen, er hat mein Glück gestohlen, zur
Hölle mit ihm!«
    In dem Augenblicke stürzte Veitel herein, schon auf dem Vorsaal hatte er
wüsten Lärm gehört und fürchtete das Ärgste. Als der Advokat den Eintretenden
sah, stürzte er mit gehobenem Stuhle auf ihn zu und schrie: »Du hast mich ins
Elend gebracht, du sollst die Zeche bezahlen!« dabei führte er einen Schlag nach
Itzigs Haupt. Dieser fing den Stuhl auf, warf ihn beiseite und fasste den Alten
mit überlegener Kraft. Hippus sträubte sich zwischen seinen Händen wie eine
wilde Katze und rief alle Flüche, die er finden konnte, auf seinen Bändiger
herab. Veitel drückte ihn mit Gewalt in eine Ecke des Sofas und flüsterte, ihn
festaltend: »Wenn Ihr nicht ruhig seid, alter Mann, so ist's um Euch
geschehen.« Der Alte sah aus den Augen Itzigs, welche dicht vor den seinen
starrten, dass er von dem Empörten das Ärgste zu fürchten hatte, der Paroxysmus
verliess ihn, er sank kraftlos zusammen und wimmerte nur leise, am ganzen Körper
schauernd: »Er will mich töten!«
    »Das will ich nicht, Ihr betrunkener Narr, wenn Ihr ruhig seid; welcher
Teufel treibt Euch, mir meine Stube zu verwüsten?«
    »Er will mich töten«, wimmerte der Alte, »weil ich meinen Spiegel
wiedergefunden habe.«
    »Ihr seid verrückt«, rief Veitel, ihn schüttelnd, »nehmt Eure Kraft
zusammen, Ihr dürft hier nicht bleiben, Ihr müsst fort, ich habe ein Versteck für
Euch.«
    »Ich gehe nicht mit dir«, wimmerte der Alte, »du willst mich umbringen.«
    Veitel tat einen grässlichen Fluch, packte den schäbigen Hut des Alten,
drückte diesen auf den Kopf, fasste den Alten am Nacken und rief: »Ihr müsst
mitkommen oder Ihr seid verloren. Die Polizei wird Euch hier suchen und wird
Euch finden, wenn Ihr noch zögert. Fort oder Ihr zwingt mich, Euch ein Leids zu
tun.«
    Die Kraft des Alten war gebrochen, er wankte, Veitel fasste ihn unter dem
Arme und zog den Widerstandslosen fort. Er zog ihn aus den Zimmern die Treppe
hinunter, ängstlich spähend, ob ihnen niemand begegne. Alles war still. Der
Advokat gewann in der kalten Luft einen Teil seiner Besinnung wieder, und Veitel
raunte ihm zu: »Seid still und folgt mir, ich werde Euch fortschaffen.«
    »Er wird mich fortschaffen«, murmelte ihm der Advokat mechanisch nach und
lief an seiner Seite vorwärts. Als sie in die Nähe der Herberge kamen, ging
Veitel vorsichtiger, zog seinen Gefährten in den finstern Hausflur und
flüsterte: »Fasst meine Hand und steigt leise mit mir die Treppe hinauf.« So
kamen sie in das grosse Gastzimmer, sie fanden das Zimmer noch leer, wie es zuvor
gewesen. Erleichtert sagte Veitel: »Nebenan im Hause ist ein Versteck, Ihr müsst
hinein.«
    »Ich muss hinein«, wiederholte der Alte.
    »Folgt mir«, rief Veitel und zog den Advokaten auf die Galerie und von da
die bedeckte Treppe hinunter.
    Der Alte wankte unsicher die Stufen hinab und klammerte sich fest an den
Rock seines Führers, der ihn halb hinuntertrug. So kamen sie Stufe für Stufe bis
hinunter zu der letzten, über welche die Strömung dahinrauschte. Veitel ging
voraus und trat rücksichtslos bis an die Knie ins Wasser, bemüht, den Alten
nachzuziehn. Der alte Mann fühlte das Wasser an seinem Stiefel, er stand still
und schrie laut: »Wasser!«
    »Still«, flüsterte Veitel zornig, »sprecht kein Wort!«
    »Wasser!« schrie der Alte; »Hilfe! er will mich umbringen.«
    Veitel packte den Schreienden und hielt ihm den Mund zu, aber der
Todesschreck hatte noch einmal das Leben des Advokaten aufgestört, er hob die
Füsse auf die nächste Stufe zurück, klammerte sich so gut er konnte an die
Seitenbretter und schrie wieder: »Zu Hilfe!«
    »Verrückter Schuft!« knirschte Veitel, durch den hartnäckigen Widerstand in
Wut gesetzt, drückte ihm mit einem Schlage den alten Hut bis tief über das
Gesicht, fasste ihn mit aller Kraft am Halstuch und schleuderte ihn hinunter in
das Wasser. Die Flut spritzte auf, das Geräusch eines fallenden Körpers und ein
dumpfes Gurgeln wurde gehört; dann war alles still.
    Unter den bleigrauen Nebeln, welche mit langen Schleppen längs dem Wasser
hinzogen, wurde noch einmal eine dunkle Masse sichtbar, welche mit dem Strome
fortzog. Bald war sie verschwunden. Die Gespenster des Nebels bedeckten sie, die
Strömung zog darüber hin. Das Wasser brach sich klagend an den Holzpfählen und
Treppenstufen, und oben heulte der Nachtwind sein eintöniges Lied.
    Der Täter stand einige Augenblicke regungslos in der Finsternis, an das
Holzwerk gelehnt. Dann stieg er langsam hinauf. Im Aufsteigen fühlte er an das
Tuch seiner Kleider, um sich zu überzeugen, wie weit er durchnässt war. Er dachte
daran, dass er sie am Ofenfeuer trocknen müsse, noch heut nacht; er sah das
Ofenfeuer in seinem Zimmer brennen und sich im Schlafrock davor sitzen, wie er
gern tat, wenn er über seine Geschäfte nachdachte. Wenn er jemals in seinem
Leben des Gefühls behaglicher Ruhe genossen hatte, so war es in solchen Stunden
gewesen, wo er müde von den Gängen und Sorgen des Tags das Holz in den Ofen
steckte und davor sass, bis ihm die müden Augen zufielen. Er fühlte deutlich, wie
müde er auch jetzt sei, und wie wohl es ihm tun würde, am warmen Feuer
einzuschlafen. In diesen dämmrigen Träumen blieb er wieder einige Augenblicke
stehen, wie einer, der einschlafen will, und fühlte dabei einen dumpfen Druck
irgendwo in seinem Innern, einen Schmerz, der ihm schwermachte, Atem zu holen,
und seine Brust wie mit eisernen Bändern zusammenzog. Da dachte er an den
Ballen, den er jetzt in das Wasser geworfen hatte, er sah ihn eintauchen in die
Flut, er hörte das Rauschen des Wassers und erinnerte sich daran, dass der Hut,
den er dem Manne über das Gesicht gezogen, noch zuletzt über dem Wasser zu sehen
gewesen war, als ein rundes wunderliches Ding. Er sah den Hut deutlich vor sich,
abgegriffen, die Krempe halb abgerissen und oben auf dem Deckel zwei alte
Ölflecke. Es war ein sehr schäbiger Hut gewesen. Als er daran dachte, merkte er,
dass er jetzt lächeln könnte, wenn er wollte. Er lachte aber nicht. Während seine
Seele so in halber Erstarrung um die Stelle herumflatterte, die ihn in seinem
Innern schmerzte, war er heraufgestiegen. Als er die Treppentür herumlegte, sah
er noch einmal in die schwarze Röhre, in welche vor wenig Augenblicken zweie
hinuntergestiegen waren, während jetzt nur einer zurückkehrte. Er sah auf den
grauen Schimmer des Wassers, und wieder fühlte er einen dumpfen Druck. Eilig
huschte er durch das grosse Zimmer die Treppe hinunter, im Hausflur stiess er auf
einen der fremden Gäste, welche in der Karawanserei wohnten; beide eilten
schnell, ohne ein Wort zu sprechen, aneinander vorüber.
    Diese Begegnung brachte die Gedanken des Heimkehrenden in andere Richtung:
War er sicher? Noch immer lag der Nebel dick auf den Strassen, niemand hatte ihn
mit dem Advokaten hereingehen sehen, niemand hatte ihn beim Herausgehen erkannt.
Und wenn man den alten Mann im Wasser fand, dann fing die Untersuchung an. War
er dann noch sicher?
    Alles das dachte der Mörder so gleichgültig, als läse er die Gedanken aus
einem Buche ab. Dazwischen kam ihm wieder die Idee, ob er seine Zigarrentasche
bei sich habe und warum er keine Zigarre rauche. Er grübelte darüber längere
Zeit und kam endlich in seiner Wohnung an. Er schloss auf; als er das letzte Mal
aufgeschlossen hatte, war in der zweiten Stube ein wüster Lärm gewesen. Er blieb
stehn und horchte, ob derselbe Lärm nicht wieder zu hören sei. Er wollte ihn
durchaus hören. Vor wenig Augenblicken war er gewesen. O was hätte er darum
gegeben, wenn die letzten Augenblicke nicht gewesen wären! Wieder fühlte er den
dumpfen Schmerz, aber stärker, immer stärker. Er trat in die Zimmer, die Lampe
brannte noch, die Scherben der Rumflasche lagen noch um das Sofa, das
Quecksilber des Spiegels glänzte auf dem Boden wie silberne Taler. Veitel setzte
sich erschöpft auf einen Stuhl und sah starr auf die glänzenden Trümmer seines
Spiegels. dabei fiel ihm ein, dass oft seine Mutter eine Kindergeschichte erzählt
hatte, in welcher silberne Taler auf die Dielen eines armen Mannes fallen. Er
sah die alte Judenfrau am Herde sitzen und sich als kleinen Jungen daneben. Er
sah sich selbst neugierig auf die schwarze Erde blicken und erwarten, ob die
weissen Taler nicht auch vor ihm niederfallen würden. Jetzt wusste er, bei ihm in
der Stube sah es gerade so aus, als hätte es silberne Taler geregnet. Er fühlte
wieder etwas von dem unruhigen Entzücken, das er als kleiner Veitel bei dieser
Erzählung der Mutter gehabt hatte, und mitten in dieser Erinnerung kam plötzlich
wieder der dumpfe Druck, den er in seinem Innern merkte, er wusste nicht wo.
Schwerfällig stand er auf, kauerte auf dem Boden und suchte die Glassplitter
zusammen. Die Splitter trug er in die Ecke eines Schranks, den Rahmen des
Spiegels löste er von der Wand ab und stellte ihn verkehrt in eine Ecke. Dann
nahm er die Lampe und das Glas, welches er mit Trinkwasser für die Nacht zu
füllen pflegte, aber als er das Glas fasste, überlief ihn ein Fieberschauer und
er setzte es wieder hin. Der, welcher nicht mehr war, hatte aus dem Glase
getrunken. Er trug die Lampe zu seinem Bett und zog sich aus. Die Beinkleider
versteckte er in dem Schrank und holte sich ein Paar andere herzu, deren
Fussenden er an seinen Stiefeln rieb, bis sie schmutzig wurden. Darauf löschte er
die Lampe aus, und als das Docht noch einmal aufflackerte, bevor es verlöschte,
da fiel ihm ein, zufällig als etwas Gleichgültiges, dass die Leute die Flamme des
Lichtes mit dem Leben eines Menschen vergleichen. Er hatte eine Flamme
ausgedreht. Und wieder fühlte er den Schmerz in seiner Brust, aber undeutlich,
seine Kraft war erschöpft, seine Nerven abgespannt, er schlief ein. Der Mörder
schlief.
    Aber wenn er erwacht! Dann wird die Schlauheit verloren sein, mit der sein
verstörter Geist wie im Wahnwitz umhergriff nach allen kleinen Bildern und
Gedanken, die er in der Finsternis auffinden konnte, um den einen Gedanken zu
vermeiden, das eine Gefühl, welches von jetzt ab immer in ihm drückt und presst.
Wenn er aufwacht! Dann wird er schon im Halbschlaf fühlen, wie die Ruhe abzieht
und die Angst, der Jammer wieder einziehen in seiner Seele, er wird noch im
Traume fühlen, wie süss die Bewusstlosigkeit ist, und wie furchtbar das Denken, er
wird sich sträuben gegen das Erwachen, aber in seinem Sträuben wird ihm der
Schmerz immer stärker kommen, immer nagender. Bis er in Verzweiflung die Augen
aufreisst und hineinstarrt in die grässliche Gegenwart, in eine grässliche Zukunft.
    Und wieder wird sein Geist anfangen, die Spukgestalt mit feinen Fäden zu
überziehen, und alle möglichen Gründe wird er zusammentragen, sich das Ungeheuer
unkenntlich zu machen, er wird daran denken, wie alt der Tote war, wie schlecht,
wie elend, er wird sich vorzustellen suchen, dass es nur ein Zufall war, der den
Tod herbeiführte, ein Schwung seiner Arme, den plötzliche Wut verursacht, welch
unglücklicher Zufall es war, dass der Alte mit seinen Füssen nicht festen Grund
gefunden! Dann wird ihm plötzlich einfallen, ob er auch sicher sei, und eine
heisse Fieberangst wird sein bleiches Gesicht rot färben, der Tritt des Dieners
auf der Treppe wird ihm Entsetzen einjagen, das Klirren einer Eisenstange auf
den Steinen des Hofes wird er für das Getöse der Waffen halten, welche das
Gesetz gegen ihn ausschickt. Und wieder wird sein Geist arbeiten, während er
verstört im Zimmer auf und ab rennt, er wird jeden Schritt, den er gestern tat,
jede Bewegung der Hand und jedes Wort, das er gesprochen, noch einmal
durchleben, und wird bei jedem einzelnen, was geschehen ist, zu beweisen suchen,
dass es unmöglich entdeckt werden kann. Niemand hat ihn gesehen, niemand gehört,
der traurige alte Mann, halb verrückt, wie er war, hat sich selbst den Hut über
die Augen gezogen und hat sich selbst ersäuft.
    So wird er auch von dieser Seite um die Gestalt des alten Mannes seine Fäden
ziehen. Und immer fühlt er die furchtbare Last, bis er endlich erschöpft von dem
inneren Kampfe sich herausstürzt aus seiner Wohnung, in seine Geschäfte, unter
die Menschen, voll Sehnsucht, etwas zu finden, was ihn vergessen macht. Wer ihn
auf der Strasse ansieht, der wird ihn quälen, wenn er einen Beamten der Polizei
erblickt, muss er schnell in ein Haus treten, um seinen Schreck vor den spähenden
Augen zu verbergen. Wo er Menschen findet, die er kennt, wird er sich in den
dicksten Haufen drängen, er wird überall den Kopf hinhalten, an allem
teilnehmen, er wird mehr sprechen und lachen als sonst, aber seine Augen werden
unruhig umherirren, und seine Seele wird in beständiger Furcht sein, etwas zu
hören von dem Getöteten, und wie die Leute über den plötzlichen Tod desselben
denken. Er täuscht seine Bekannten, sie werden ihn vielleicht für besonders
aufgeweckt halten, und zuweilen sagt einer: »Der Itzig ist guter Dinge, er hat
grosse Geschäfte gemacht.« Er wird sich an manchen Arm hängen, den er sonst nicht
berührt, und wird den Leuten lustige Geschichten erzählen und sie nach Hause
begleiten, weil er weiss, dass er nicht allein sein kann. Er wird in die
Kaffeehäuser eilen und in die Bierstuben, um Bekannte aufzusuchen, und wird sich
zu ihnen setzen und wird trinken und aufgeregt werden, wie sie, weil er weiss,
dass er nicht allein sein darf.
    Und wenn er am Abend spät nach Hause kommt, ermüdet bis zum Umsinken,
erschlafft und abgearbeitet von dem furchtbaren Kampfe: dann fühlt er sich
leichter, er hat durchgesetzt, das, was in ihm ist, undeutlich zu machen, und er
findet ein trübes Behagen an der Mattigkeit und der Bewusstlosigkeit, und
erwartet den Schlaf, als das einzige Glück, was er auf Erden noch hat. Und
wieder wird er einschlafen, und wenn er am nächsten Morgen erwacht, werden alle
die Spinneweben zerrissen sein, und von neuem wird die furchtbare Arbeit
beginnen. So soll es gehen einen Tag, viele Tage, immer, solange er lebt. Nicht
mehr lebt er, wie andere Menschen, sein Dasein ist fortan ein Kampf, ein
grässlicher Kampf gegen einen Leichnam, ein Kampf, den niemand sieht, und der
doch allein seinen Geist beschäftigt. Was er tut, in seinem Geschäft, in
Gesellschaft mit Lebenden, ist nur ein Schein, eine Lüge. Wenn er lacht und wenn
er anderen die Hand schüttelt, und wenn er auf Pfänder leiht und fünfzig vom
Hundert nimmt, alles ist nur eine Täuschung für andere. Er weiss, dass er
ausgeschieden ist aus der Gesellschaft der Menschen, dass alles leer und
verächtlich ist, was er angreift; nur eines ist es, was ihn beschäftigt, wogegen
er arbeitet, weshalb er trinkt und schwatzt und sich unter Menschen umhertreibt,
und das eine ist der Leichnam des alten Mannes im Wasser.
 
                                       5
Ausser dem Gips auf Antons Schreibtisch feierten noch andere lebende Wesen des
Hauses einen stillen Triumph. Wer dieses Haus und die Menschen darin so von
Grund aus kannte, wie zum Beispiel die Tante, der durchschaute die Täuschungen,
welche gewisse Leute sich selbst und andern vorspiegelten. Es war möglich, dass
Fremde über vieles den Kopf schüttelten, was jetzt in der Familie vorging; die
Tante tat das ebensowenig, als die übrigen guten Hausgeister. Dass Anton still,
wortkarg, mit bleichen Wangen im Comtoir sass und ausser am Mittag niemals in der
Familie erschien, dass Sabine jetzt in Gegenwart ihres Bruders eine Neigung zum
Erröten zeigte, die sie früher nicht gehabt hatte, dass sie stundenlang, ohne ein
Wort zu sprechen, bei ihrer Arbeit sass und danach auf einmal durch das Haus
fuhr, übermütig, wie ein kleines Kätzchen, welches mit einem Zwirnknäuel spielt,
und dass endlich der Hausherr selbst immer auf Anton hinsah, mochte dieser
sprechen oder schweigen, und dabei von Tag zu Tag lustiger wurde, so dass er gar
nicht aufhörte, die Tante zu necken: das alles schien allerdings sehr seltsam,
aber wer seit vielen Jahren genau wusste, was diese Menschen am liebsten assen,
und was man ihnen alle Monate nur einmal auf den Tisch setzen durfte, ja wer
ihre Strümpfe gestrickt hatte und ihre Halskragen eigenhändig stärkte, wie die
Tante bei mehreren von diesen dreien tat, der sollte doch wohl hinter ihre
Schleichwege kommen. Natürlich kam die Tante dahinter.
    Die gute Tante schrieb sich allein das Verdienst zu, dass Anton zurückgekehrt
war. Sie hatte dem Comtoir den Herrn zurückgeben wollen, der ihr selbst am
liebsten war, weiter hinaus hatte sie nicht gedacht, wenigstens hätte sie das in
den ersten Tagen nach Antons Rückkehr jedem abgeleugnet. Denn trotz dem
rosafarbenen Futter der Überzüge wusste sie auch, dass das Haus, zu dem sie
gehörte, ein stolzes Haus war, welches seinen absonderlichen Willen hatte und
sehr subtil behandelt sein wollte. Und als sie erfuhr, dass der niedergeschlagene
Anton nur als Gast bei ihnen bleiben sollte, da wurde selbst sie auf einige
Wochen recht zweifelhaft. Bald aber erhielt sie das stille Übergewicht über den
Kaufmann und ihre Nichte wieder zurück, denn sie machte Entdeckungen. Der zweite
Stock des Vorderhauses war seit vielen Jahren unbewohnt. Der Kaufmann hatte zur
Zeit seiner Eltern mit seiner jungen Frau dort oben gelebt. Als er kurz
hintereinander die Eltern, seine Frau und den kleinen Sohn verloren, war er
heruntergezogen, und seit der Zeit hatte sein Fuss den oberen Stock nur ungern
betreten. Graue Jalousien hingen das ganze Jahr vor den Fenstern, Möbel und
Bilder waren grau überhangen. Ein verzaubertes Schloss Dornröschens war der ganze
Stock, und unwillkürlich wurde der Tritt der Frauen leiser, wenn sie über den
Flur des schlummernden Reiches gehn mussten.
    Jetzt kam die Tante vom Boden herab. Aus dem endlosen Kriege mit Pix hatte
sie nur noch einen kleinen Raum für das Trocknen der Wäsche gerettet. Sie dachte
eben daran, dass die bürgerliche Stellung den Menschen doch sehr verändert, denn
Balbus, der Nachfolger von Pix, auf dessen bescheidnes Wesen sie grosse
Hoffnungen gesetzt hatte, erwies sich in seinem neuen Amt ebenso geneigt zu
Übergriffen, als sein Vorgänger. Wieder fand sie einen Haufen Zigarrenkisten
ausserhalb der drei Kammern aufgestellt, welche Pix gewalttätig in ihr Gebiet
hineingebaut hatte, und eben war sie im Begriff, Herrn Balbus deshalb eine
Kriegserklärung zu machen. Da sah sie mit Schrecken eine Zimmertür des zweiten
Stocks weit geöffnet. Sie dachte einen Augenblick an Diebe und wollte gerade
Hilfe schreien, als ihr der verständige Gedanke kam, die auffallende Erscheinung
vorher zu untersuchen. Sie schlich sich leise in die verhangenen Zimmer. Aber
sie kam in Gefahr, aus Verwunderung zu versteinern, als sie ihren Neffen selbst
ganz allein in der Wohnung sah. Er, der seit dem Tode seiner Frau diese Räume
nicht betreten hatte, stand jetzt in dem Zimmer, in welchem die Verstorbene
gewohnt hatte. Mit gefalteten Händen, in tiefen Gedanken, stand der Mann da und
sah auf ein Bild, welches seine Frau als Braut darstellte, im weissen
Atlaskleide, den Myrtenkranz im Haar. Die Tante konnte sich nicht entalten,
mitfühlend zu seufzen. Überrascht wandte sich der Kaufmann um. »Ich will das
Bild in meine Stube herunternehmen«, sagte er weich.
    »Aber du hast ja das andere Bild von Marie darin, und dieses hat dich immer
verstimmt«, rief die Tante.
    »Die Jahre machen ruhiger«, erwiderte der Kaufmann, »und hierher wird doch
mit der Zeit ein anderes kommen.«
    Die Augen der Tante glänzten wie Leuchtkugeln, als sie frug: »Ein anderes?«
    »Es war nur so ein Gedanke«, sagte der Kaufmann ausweichend und schritt mit
musterndem Blick durch die Reihe der Zimmer. Stolz und mit innerm Achselzucken
ging die Tante hinter ihm her. Diese Leute mochten sich verstellen, soviel sie
wollten, es half ihnen nichts mehr.
    Und der vorsichtigen Sabine ging es nicht besser.
    Anton hatte am Mittag schweigsam neben der Tante gesessen. Als er seinen
Stuhl rückte und sich erhob, sah die Tante, dass Sabinens Auge mit
leidenschaftlicher Sorge auf seinem bleichen Gesicht ruhte und sich mit Tränen
füllte. Nachdem er das Zimmer verlassen, stand auch Sabine auf und trat an das
Fenster, welches in den Hof führte. Die Tante zog sich in ihre Nähe und spähte
hinter der Gardine durch. Sabine blickte mit grosser Spannung in den Hof,
plötzlich lächelte sie und sah ganz verklärt aus. Behutsam schlich die Tante
näher und sah ebenfalls in den Hof hinab. Dort war aber gar nichts zu schauen,
als Anton, der ihnen den Rücken zukehrte und den Pluto liebkoste. Er gab dem
Hund einige Semmelbrocken, und Pluto bellte um ihn herum und sprang lustig nach
seinem Rock.
    »Oho«, dachte die Tante, »der Pluto ist's nicht, über den sie in einem Atem
weint und lacht.«
    Und kurz darauf, als einmal der Neffe die Tür des Damenzimmers öffnete, sah
die Tante im Vorsaal einen Mann mit einem grossen Paket stehn. Ihr scharfer Blick
erkannte den Ausläufer der grossen Schnittwarenhandlung. Der Kaufmann rief seine
Schwester in die Nebenstube, die Tante horchte. Zuerst sprach der Neffe, dann
Sabine, aber ganz leise, dann hörte die Tante ein Gemurmel, welches grosse
Ähnlichkeit mit unterdrücktem Schluchzen hatte. »Was dieses Mädchen weinerlich
wird«, dachte sie verwundert. Sie war gerade im Begriff, in das Zimmer
einzudringen, als die Geschwister ihr entgegentraten. Sabine hing im Arm des
Bruders, ihre Wangen und ihre Augen waren stark gerötet, und doch sah sie
glücklich und sehr verschämt aus. Als die Tante nach einer längeren Pause, wie
sie der Anstand nötig machte, in das Nebenzimmer ging, um etwas zu suchen, fand
sie das grosse Paket auf einem Stuhl liegen. Sie stiess zufällig mit der Hand
daran, und da das Papier nicht zugebunden war, ging es natürlich auseinander,
und sie erblickte prachtvolle Möbelstoffe, und unten noch eine andere Erfindung,
die so heftig auf ihre Nerven wirkte, dass auch sie sich hinsetzte und auf der
Stelle einige Tränen vergiessen musste. Es war die weisse Robe vom schwersten
Stoff, welche das Weib nur einmal in ihrem Leben, an einem feierlichen Tag voll
Andacht und frohen Schauers zu tragen pflegt.
    Fortan behandelte die Tante ihre Umgebung mit der Sicherheit einer Hausfrau,
welche andern verzeiht, wenn sie sich eine Weile närrisch gebärden, weil sie
recht gut weiss, dass das letzte Ende von solchem künstlichen Wesen eine starke
Bewegung in ihrem eigenen Gebiet sein wird, heftige Arbeit in der Küche, ein
langer Speisezettel, grossartiges Schlachten von Geflügel und ein vernichtender
Angriff auf alle Gefässe mit eingemachten Früchten. Auch sie wurde geheimnisvoll.
Alle Tönnchen und Töpfe mit Konfitüren wurden plötzlich einer ausserordentlichen
Revision unterworfen, und bei der Mittagstafel erschienen zuweilen
ausgezeichnete Versuche von neuen Speisen. Die Tante kam an solchen Tagen mit
geröteten Wangen aus der Küche und war sehr empfindlich, wenn nicht jedermann
das neue Gericht vortrefflich fand, obgleich sie nie verfehlte, hinzuzusetzen:
»Es ist nur ein vorläufiger Versuch der Köchin.« Und dabei sah sie ihren Neffen
und Sabine mit einem triumphierenden Ausdruck von Überlegenheit an, welcher
deutlich sagte: »Ich habe alles erraten«, so dass der Kaufmann die Brauen
zusammenziehen und der Tante einen strengen Blick zuwerfen musste.
    Aber der Kaufmann selbst sah in der Regel nicht strenge aus. Sabine und
Anton wurden mit jedem Tag stiller und verschlossener, er wurde zusehends
heiterer. Er war jetzt gesprächiger als seit Jahren und wurde nicht müde, bei
Tische Anton in die Unterhaltung zu ziehen. Er zwang ihn, zu erzählen, und hörte
mit Spannung auf jedes Wort, das von Antons Lippen kam. In den ersten Wochen sah
er oft prüfend auf Antons Pult, nach kurzer Zeit tat er auch im Geschäft, als
wäre sein Verhältnis zu Anton noch das alte. Mit munterem Schritt ging er durch
die vordern Comtoire. Noch war im Geschäft viel Flauheit, ihn kümmerte das
wenig. Wenn Herr Braun, der Agent, sein belastetes Herz ausschüttete, lachte er
dazu und liess einen kurzen Scherz fallen.
    Anton gewahrte diese Veränderung nicht. Wenn er im Comtoir arbeitete, sass er
einsilbig Herrn Baumann gegenüber und mühte sich, an nichts zu denken, als an
die Briefe. Die Abende brachte er häufig allein auf seinem Zimmer zu, dann
senkte er sein Haupt in die Bücher, welche Fink ihm vermacht hatte, und
versuchte seinen finstern Gedanken zu entrinnen.
    Er fand die Handlung nicht so wieder, wie er sie verlassen. Durch viele
Jahre war hier alles fest gewesen, jetzt war das Geschäft in unruhiger,
schwankender Bewegung. Viele von den alten Verbindungen des Hauses waren
abgeschnitten, mehrere neue waren angeknüpft. Er fand neue Agenten, neue Kunden,
mehrere neue Artikel und neue Arbeiter.
    Auch im Hinterhause war es still geworden. Ausser den Würdenträgern des
zweiten Comtoirs, Herrn Liebold und Herrn Purzel, welche niemals aufregende
Elemente der bürgerlichen Gesellschaft gewesen waren, traf er von seinen nähern
Bekannten nur noch den treuen Baumann und Specht; und auch diese dachten daran,
das Geschäft zu verlassen. Baumann hatte gleich nach Antons Rückkehr dem
Prinzipal gestanden, dass er zum nächsten Frühjahr fort müsse, und auch Antons
ernstliche Vorstellungen prallten diesmal von dem festen Entschluss des
Missionars ab. »Ich kann den Termin nicht verlängern«, sagte er; »mein ganzes
Gewissen schreit dagegen. Ich gehe von hier auf ein Jahr nach London in die
Missionsanstalt, und von dort, wohin man mich schickt. Ich gestehe, dass ich eine
Vorliebe für Afrika habe. Es sind dort einige Könige«, - er nannte schwer
auszusprechende Namen - »die ich nicht für ganz schlecht halte. Dort muss mit der
Bekehrung etwas zu machen sein. Noch ist bei ihnen eine elende Wirtschaft. Den
heidnischen Sklavenhandel hoffe ich ihnen abzugewöhnen. Sie können ihre Leute zu
Hause brauchen, um Zuckerrohr zu pflanzen und Reis zu bauen. In ein paar Jahren
schicke ich Ihnen über London die ersten Proben von unserm Plantagenbau.«
    Und auch Herr Specht kam zu Anton. »Sie haben mir immer gute Freundschaft
gezeigt, Wohlfart. Ich möchte Ihre Meinung wissen. Ich soll heiraten, ein
ausgezeichnetes Mädchen, sie heisst Fanny und ist eine Nichte von C. Pix.«
    »Ei«, sagte Anton, »und lieben Sie die junge Dame?«
    »Ja, ich liebe sie«, rief Specht begeistert. »Aber ich soll auch in das
Geschäft von Pix treten, wenn ich sie heirate, und deshalb wollte ich Sie
fragen. Meine Geliebte hat etwas Vermögen und Pix meint, das würde am besten in
seinem Geschäft angelegt. Nun wissen Sie, Pix ist im Grunde ein guter Kerl, aber
ein anderer Kompagnon wäre mir doch lieber.«
    »Ich dächte nicht, mein alter Specht«, sagte Anton. »Sie sind ein wenig zu
eifrig, und es wird immer gut für Sie sein, einen sichern Kompagnon zu haben.
Pix wird Sie zwingen, seinen Willen zu tun, und das wird kein Schade sein, denn
Sie werden sich gut dabei stehn.«
    »Ja«, sagte Specht, »aber denken Sie, die Branche, die er gewählt hat. Kein
Mensch hätte es für möglich gehalten, dass unser Pix sich zu so etwas
entschliessen könnte.«
    »Was hat er denn alles?« frug Anton.
    »Vieles durcheinander«, rief Specht, »was er vorher niemals angesehen hätte;
ausser Fellen und Häuten jede Art von Pelzwerk, vom Zobel bis zum Maulwurf, und
ausserdem Filz und dergleichen, ganz nach seiner Natur, alles, was haarig und
borstig ist. - Es sind gemeine Artikel darunter, Wohlfart.«
    »Seien Sie kein Kind«, versetzte Anton, »heiraten Sie, mein guter Junge, und
begeben Sie sich unter die Vormundschaft des Schwagers, es wird Ihr Schade nicht
sein.«
    Den Tag darauf trat Pix selbst in Antons Zimmer. »Ich habe Ihre Karte
gefunden, Wohlfart, und komme Sie auf Sonntag zum Kaffee einladen. Kuba und eine
Manila. Sie sollen meine Frau kennenlernen.«
    »Und Sie wollen Specht zum Kompagnon nehmen?« frug Anton lächelnd. »Immer
hatten Sie einen grossen Widerwillen, sich zu assoziieren.«
    »Ich tät's auch mit keinem andern als mit ihm. Im Vertrauen gesagt, ich bin
in einer Schuld gegen den armen Kerl, und ich kann für mein Geschäft die
zehntausend brauchen, die er sich erheiratet. Ich habe ein Detailgeschäft mit
übernommen, verdammte Kürschnerwaren, da stecke ich ihn hinein. Das wird ihm
Spass machen. Er kann alle Tage gegen die Weiber artig sein, die in den Laden
kommen, und alle Jahre einen neuen Pelz um sich hängen. Er wird dort brauchbarer
sein, als hier im Comtoir.«
    »Wie kommt's, dass Sie gerade dies Geschäft gewählt haben?« frug Anton.
    »Ich musste«, erwiderte Pix, »ich fand noch ein grosses Warenlager von meinem
Vorgänger vor; in traurigem Zustand, das versichere ich Ihnen; und ich sah mich
auf einmal in einer grossen Gesellschaft von Leuten, welche Hasenfelle und
Schweinsborsten für preiswürdig hielten.«
    »Das allein hat Sie doch nicht bestimmt«, erwiderte Anton lachend.
    »Vielleicht war's auch noch etwas anderes«, sagte Pix. »Hier am Orte musste
ich bleiben, wegen meiner Frau, und Sie werden einsehen, Anton, dass ich, der ich
in diesem Hause Disponent des Provinzialgeschäfts gewesen bin, mich nicht an
diesem Platz in derselben Branche auftun konnte. Ich kenne das ganze
Provinzialgeschäft besser, wie der Prinzipal, und alle kleinen Kunden kennen
mich besser, als den Prinzipal. Ich hätte diesem Geschäft geschadet, obgleich
meine Mittel kleiner sind; ich hätte leicht gute Geschäfte machen können, aber
dies Haus hätte den Schaden gehabt. So musste ich etwas anderes ergreifen. Ich
ging deshalb zu Schröter, sobald ich mich entschlossen hatte, und besprach das
mit ihm. Ich werde mit Euch nur in einem konkurrieren, und das sind Pferdehaare,
und darin werde ich Euch totmachen. Ich habe auch das dem Prinzipal gesagt.«
    »Das wird die Handlung ertragen«, sagte Anton und schüttelte dem
Borstenhändler Pix die Hand.
    Aber nicht im Comtoir allein, auch unter den Arbeitern an der grossen Waage
war eine Veränderung eingetreten. Vater Sturm, der treue Freund des Hauses,
drohte die Handlung und diese kleine Erde zu verlassen.
    Eine der ersten Fragen Antons nach seiner Rückkehr war Vater Sturm gewesen.
Sturm war seit einigen Wochen unpass und verliess das Zimmer nicht. Voll Besorgnis
eilte Anton am zweiten Abend nach seiner Ankunft zu der Wohnung des grossen
Mannes.
    Schon auf der Strasse hörte er ein merkwürdig tiefes Gesumm, als wenn ein
Schwarm Riesenbienen sich in dem rosafarbenen Haus häuslich niedergelassen
hätte. Als er in den Flur trat, klang das Summen wie das ferne Gemurr einer
Löwenfamilie. Verwundert klopfte er an, niemand antwortete. Als er die Tür
geöffnet hatte, musste er auf der Schwelle anhalten, denn im ersten Augenblick
sah er in dem Zimmer nichts, als einen grauen undurchdringlichen Rauch, in
welchem ein gelber Lichtpunkt mit bleichem Dunstkreis schwebte. Allmählich
unterschied er in dem Rauch einige dunkle Globusse, welche um das Licht herum
wie Planeten aufgestellt waren, zuweilen bewegte sich, was ein Männerarm sein
konnte, aber einem Elefantenbein sehr ähnlich war. Endlich brachte die Zugluft
der offenen Tür den Dampf in Bewegung, und ihm gelang, durch die Wolken einzelne
Blicke in die Tiefen der Stube zu tun. Nie war eine Menschenwohnung einer
Tabagie von Zyklopen ähnlicher. An dem Tisch sassen sechs riesige Männer, drei
auf der Bank, drei auf Eichenstühlen, alle hatten Zigarren im Mund, und auf dem
Tisch hölzerne Bierkrüge; das dröhnende Brummen war ihre Sprache, die so klang,
weil sie leise sprachen, wie sich für eine Krankenstube schickt.
    »Ich rieche etwas«, rief endlich eine mächtige Stimme, »ein Mensch muss hier
sein, es kommt eine kühle Luft, die Tür steht offen. Wer hier ist, der melde
sich.«
    »Herr Sturm!« rief Anton von der Schwelle.
    Die Globusse gerieten in rotierende Bewegung und verfinsterten das Licht.
    »Hört Ihr's«, rief die Stimme wieder, »ein Mensch ist gekommen.«
    »Ja«, erwiderte Anton, »und ein alter Freund dazu.«
    »Diese Stimme kenne ich«, rief es hastig hinter dem Tisch hervor.
    Anton trat näher an das Licht, die Auflader erhoben sich und riefen laut
seinen Namen. Vater Sturm fuhr auf seiner Bank bis auf die äusserste Ecke und
hielt Anton beide Hände entgegen. »Dass Sie hier sind, wusste ich schon durch
meine Kameraden. Dass Sie gesund zurückgekommen aus diesem Lande, von diesen
Sensenmännern und von diesen Schreihälsen, welche ihre Tonne mit Sauerkraut in
der Stube stehn haben, dieses ist mir eine angenehme Freude.« Antons Hand ging
zuerst in die Hände des alten Sturm über, der sie kräftig drückte und dann
wieder zurechtstreichelte, und dann in die Hände der fünf anderen Männer, und
kam wieder heraus, gerötet, aufgelaufen, im Gelenk erschüttert, so dass Anton sie
sogleich in die Rocktasche steckte. Während die Auflader einer nach dem andern
ihre Begrüssungen mit Anton austauschten, frug Sturm plötzlich dazwischen: »Wann
kommt mein Karl?«
    »Haben Sie ihm denn geschrieben, dass er kommen soll?« frug Anton.
    »Geschrieben?« wiederholte Sturm kopfschüttelnd, »nein, dies habe ich nicht
getan, von wegen seiner Stellung als Amtmann darf ich es nicht tun. Denn wenn
ich ihm schreibe: Komm, so würde er kommen, und wenn eine Million Sensenmänner
zwischen ihm und uns aufmarschiert wäre, aber er könnte dort nötig sein bei den
Herrschaften. Und deswegen, wenn er nicht von selber kommt, soll er nicht
kommen.«
    »Er kommt zum Frühjahr«, sagte Anton und sah prüfend auf den Vater.
    Der Alte schüttelte wieder den Kopf: »Zum Frühjahr wird er nicht kommen, zu
mir nicht; es ist möglich, dass mein kleiner Zwerg dann herkommt, aber zu seinem
Vater nicht mehr.« Er setzte den Bierkrug an und tat einen langen Zug, klappte
den Deckel zu und räusperte sich kräftig; dann sah er Anton mit einem
entschlossenen Blick an und drückte die Faust als Stempel auf den Tisch.
»Fünfzig«, sagte er, »noch vierzehn Tage, dann kommt's.«
    Anton legte seinen Arm um die Schultern des Alten und sah fragend den andern
ins Gesicht, welche ihre Zigarren in der Hand hielten und vor der Gruppe
standen, wie ein griechischer Chor in der Tragödie. »Sehen Sie, Herr Wohlfart«,
begann der Chorführer, der, als Mensch betrachtet, gross, als Riese kleiner war,
denn sein Oberster: »das will ich Ihnen erklären. Dieses Mannes Meinung ist, dass
er schwächer wird, und dass er immer schwächer werden wird, und dass in einigen
Wochen der Tag kommt, wo wir Auflader eine Zitrone in die Hand nehmen müssen und
einen schwarzen Schwanz an unsre Hüte stecken. Solches ist unser Wille nicht.«
Alle schüttelten den Kopf und sahen missbilligend auf ihren Obersten. »Es ist
nämlich ein alter Streit zwischen uns und zwischen ihm wegen der fünfzig Jahre.
Jetzt will er recht behalten, das ist das Ganze, und unsre Meinung ist, dass er
nicht recht hat. Er ist schwächer geworden, dieses ist möglich. Manchmal hat
einer mehr Kraft, manchmal weniger. Was braucht der Mann aber deshalb daran zu
denken, diesen Platz zu verlassen? Ich will Ihnen sagen, Herr Wohlfart, was es
ist, es ist eine Ausschweifung von ihm.«
    Alle Riesen bestätigten durch Kopfnicken die Worte des Sprechers.
    »Also er ist krank?« frug Anton besorgt. »Wo sitzt die Krankheit, alter
Freund?«
    »Es ist hier und dort«, erwiderte Sturm, »es schwebt in der Luft, es kommt
langsam heran, es nimmt zuerst die Kraft, dann den Atem; von den Beinen fängt's
an, dann steigt es herauf.« Er wies auf seine Füsse.
    »Wird Ihnen das Aufstehn sauer?« frug Anton.
    »Gerade das ist es«, erwiderte der Riese, »es wird mir sauer, und mit jedem
Tag mehr. Und ich sage dir, Wilhelm«, fuhr er gegen den Sprecher fort, »in
vierzehn Tagen wird auch das aufhören; dann wird nichts sauer sein, als Eure
Zitronen, und ich hoffe, auch Eure Gesichter, ein paar Stunden, bis zum Abend;
dann sollt Ihr wieder hierher kommen und Euch an dieser Stelle niedersetzen. Ich
werde dafür sorgen, dass die Kanne hier steht, wie heut, dann könnt Ihr von dem
alten Sturm reden, als von einem Kameraden, welcher sich zur Ruhe gelegt hat,
und der nichts mehr heben wird, was eine Last ist; denn ich denke mir, da, wo
wir hinkommen, wird nichts mehr schwer sein.«
    »Da hören Sie's«, sagte Wilhelm bekümmert, »er schweift wieder aus.«
    »Was sagt der Arzt zu Ihrer Krankheit?« frug Anton schnell.
    »Ja, der Doktor«, sagte der alte Sturm, »wenn man den fragen wollte, er
würde genug sagen; aber man fragt ihn nicht. Es ist, unter uns gesprochen, auf
die Ärzte kein Verlass. Sie können wissen, wie es in manchem Menschen ist, das
leugne ich nicht ab; aber woher wollen sie wissen, wie es in einem von uns ist?
Es kann keiner ein Fass heben.«
    »Wenn Sie keinen Arzt haben, lieber Herr Sturm, so will ich sogleich
anfangen, Ihr Arzt zu sein«, rief Anton, eilte an die Fenster und öffnete alle
Flügel. »Wenn das Atmen Ihnen schwer wird, so ist diese dicke Luft Gift für Sie,
und wenn Sie an den Füssen leiden, so sollen Sie auch nicht mehr trinken.« Er
trug die Bierkanne auf den andern Tisch.
    »Ei, ei, ei«, sagte Sturm, dem geschäftigen Anton zusehend, »die Meinung ist
gut, aber es nutzt nichts. Etwas Rauch hält warm, und an das Bier sind wir
einmal gewöhnt. Wenn ich den ganzen Tag allein sitze auf dieser Bank, ohne
Arbeit, ohne einen Menschen, so ist es mir eine Freude, wenn meine Kameraden des
Abends ihre Bequemlichkeit bei mir haben. Sie reden dann zu mir, und ich höre
doch ihre Stimme wie sonst und erfahre etwas vom Geschäft, und wie es in der
Welt zugeht.«
    »Aber Sie selbst sollen dann wenigstens das Bier meiden und sich vor
Tabakrauch hüten«, erwiderte Anton. »Ihr Karl wird Ihnen dasselbe sagen, und da
er nicht hier ist, so erlauben Sie mir, seine Stelle zu vertreten.« Er wandte
sich zu den andern Aufladern. »Ich will ihm zu beweisen suchen, dass er unrecht
hat, lassen Sie mich eine halbe Stunde mit ihm allein.«
    Die Riesen entfernten sich, Anton setzte sich dem Kranken gegenüber und
sprach über das, was dem Vater am meisten Freude machte, über seinen Sohn.
    Sturm vergass seine finstern Ahnungen und geriet in die glücklichste
Stimmung. Endlich sah er Anton mit zugedrückten Augen an und sagte, sich zu ihm
herüberlegend, vertraulich: »Neunzehnhundert Taler. Er ist noch einmal hier
gewesen.«
    »Sie haben ihm doch nichts gegeben?« frug Anton besorgt.
    »Es waren nur hundert Taler«, sagte der Alte entschuldigend. »Er ist jetzt
tot, der arme junge Herr, er sah so lustig aus mit seinen Schnüren am Rocke. So
lange ein Mensch Sohn ist, muss er nicht sterben, das macht zu grosses Herzeleid.«
    »Wegen Ihres Geldes habe ich mit Herrn von Fink gesprochen«, sagte Anton,
»er wird vermitteln, dass man die Schuld an Sie bezahlt.« - »An den Karl«,
verbesserte der Alte auf seine Kammer sehend. »Und Sie, Herr Wohlfart, werden es
übernehmen, meinem Karl das in die Hände zu geben, was dort in dem Kasten ist,
wenn ich selber den Kleinen nicht mehr sehen sollte.«
    »Wenn Sie diesen Gedanken nicht aufgeben, Sturm«, rief Anton, »so werde ich
Ihr Feind, und ich werde von jetzt ab mit grösster Härte gegen Sie verfahren.
Morgen früh komme ich wieder und bringe Ihnen den Arzt des Herrn Schröter mit.«
    »Er mag ein guter Mann sein«, sagte Sturm, »seine Pferde haben sehr gutes
Futter, sie sind stark und dick, aber mir kann er doch nicht helfen.«
    Am andern Morgen besuchte der Arzt den Patienten. »Ich kann seinen Zustand
noch nicht für gefährlich halten«, sagte er, »seine Füsse sind geschwollen, auch
das mag sich wieder geben, aber das untätige, sitzende Leben ist für diesen
starken Körper so ungesund, und seine Diät ist so schlecht, dass die schnelle
Entwickelung einer gefährlichen Krankheit leider sehr wahrscheinlich ist.«
    Anton schrieb dies sogleich an Karl und fügte hinzu: »Unter diesen Umständen
macht mir der Glaube Deines Vaters, dass er seinen fünfzigsten Geburtstag nicht
überleben wird, grosse Sorge. Am besten wäre, wenn Du selbst um diese Zeit
herkommen könntest.«
    Seit Anton dies an Karl geschrieben, war längere Zeit vergangen, er hatte
unterdes den Kranken täglich besucht. In dem Befinden Sturms war keine
auffallende Änderung eingetreten, aber er hielt hartnäckig an seinem Entschluss
fest, den Geburtstag nicht zu überleben. An einem Morgen kam der Bediente in
Antons Zimmer und meldete, der Auflader Sturm wünsche ihn dringend zu sprechen.
    »Ist er kränker?« frug Anton erschrocken, »ich gehe sogleich zu ihm.«
    »Er ist selbst mit einem Wagen vor der Tür«, sagte der Diener. Anton eilte
vor das Haus. Dort hielt ein Fuhrmannswagen, über das Weidengeflecht waren grosse
Tonnenreifen gespannt und über diese eine weisse Decke gezogen. Ein Zipfel der
Leinwand schlug sich zurück und der Kopf des Vater Sturm fuhr mit einer
ungeheuren Pelzmütze heraus. Der Riese blickte auf Anton und die Hausknechte,
welche sich um den Wagen drängten, von der Höhe herunter, wie der grosse Knecht
Ruprecht auf die erschrockenen Kinder. Aber sein eigenes Gesicht sah sehr
bekümmert aus, dem herantretenden Anton hielt er ein Blatt Papier entgegen:
»Lesen Sie dieses, Herr Wohlfart. Einen solchen Brief habe ich von meinem armen
Karl bekommen. Ich muss sogleich zu ihm. - Auf das Gut hinter Rosmin«, erklärte
er dem Kutscher, einem stämmigen Fuhrmann, der neben dem Wagen stand.
    Anton sah in den Brief, es waren die ungeschickten Buchstaben des Försters;
erstaunt las er den Inhalt: »Mein lieber Vater, ich kann nicht zu Dir kommen,
denn ein Sensenmann hat mir jetzt abgehauen, was von der Hand noch übrig war.
Deshalb bitte ich Dich, sogleich nach Empfang dieses Briefes zu Deinem armen
Sohn zu reisen. Du nimmst einen grossen Wagen und fährst damit bis Rosmin. Dort
hältst Du vor dem roten Hirsch. Im Hirsch wartet ein Wagen und ein Knecht vom
Gut auf Dich. Der Knecht versteht kein Wort Deutsch, ist aber sonst ein guter
Kerl, er wird Dich schon erkennen. Zu der Reise kaufst Du Dir einen Pelz, auch
Pelzstiefel, diese müssen bis über die Knie gehn und unten mit Leder besetzt
sein. Wenn Du für Deine grossen Beine keine Stiefel findest, so muss der Gevatter
Kürschner Dir noch in der Nacht über Deine Füsse einen Pelz nähen. Grüsse Herrn
Wohlfart. Dein getreuer Karl.«
    Anton hielt den Brief in seiner Hand und wusste nicht gleich, was er daraus
machen sollte.
    »Was sagen Sie zu diesem neuen Unglück?« frug der Riese traurig.
    »Jedenfalls müssen Sie sogleich zu Ihrem Sohn«, erwiderte Anton.
    »Natürlich muss ich hin«, sagte der Auflader. »Das Unglück trifft mich hart,
gerade jetzt, übermorgen sind's fünfzig.«
    Anton merkte den Zusammenhang. »Sind Sie denn aber auch vorbereitet, wie
Karl will?«
    »Ich bin's«, sprach der Riese und schlug die Leinwanddecke zurück, »es ist
alles in Ordnung, der Pelz und auch die Stiefel.« Anton sah in den Wagen und
hatte Mühe, ernst zu bleiben. In einen grossen Wolfspelz eingewickelt nahm Sturm
die ganze Breite des Wagens ein. Auch seine Füsse waren mit einem Wolfsfell
übernäht; wenn er jemals einem Ungeheuer ähnlich gewesen, so war er es jetzt. Er
stiess mit seiner Mütze oben an die weisse Leinwand, und die Säulen seiner Füsse
füllten den ganzen Wagenraum zwischen Vorder- und Rücksitz. Er sass auf einem
Bettsack und hatte einen Futtersack zur Rücklehne. Das wenige, was noch von
leerem Raum in dem Wagen übrig war, wurde in Anspruch genommen durch allerlei
Ballen und Esskober, welche die Kameraden ihrem scheidenden Obersten kunstvoll
zusammengeschnürt und angebunden hatten, kleine Tonnen und Kisten waren um ihn
herum eingestaut und gerade vor ihm hing eine geräucherte Wurst und eine
Reiseflasche von dem Reifen herab. So sass er wie ein Bär der Urwelt in seinem
Winterlager. Ein grosser Säbel lehnte an seiner Seite: »Gegen diese
Sensenmänner«, sagte er und schüttelte ihn zornig. - »Jetzt habe ich noch eine
grosse Bitte an Sie. Den Schlüssel zu meinem Hause verwahrt der Wilhelm, diese
Kiste bitte ich Sie zu übernehmen, hierin steckt, was unter meinem Bett stand;
heben Sie's auf für den Karl.«
    »Ich werde die Kiste Herrn Schröter übergeben«, erwiderte Anton, »er ist
nach dem Bahnhof gefahren und muss jeden Augenblick zurückkehren.«
    »Grüssen Sie ihn«, sagte der Riese, »ihn und Fräulein Sabine, und sagen Sie
beiden, dass ich ihnen von Herzen danke für alle Freundlichkeit, die sie in
meinem Leben mir und dem Karl bewiesen haben.« - Bewegt sah er in den Hausflur
hinein. »Manches liebe Jahr habe ich dort drinnen hantiert; wenn die Ringe an
Ihren Zentnern glatt sind wie poliert, meine Hände haben redlich dazu geholfen.
Was dieses Geschäft durchgemacht hat seit dreissig Jahren, das habe ich mit
durchgemacht, Gutes und Trauriges; aber ich kann wohl sagen, Herr Wohlfart, wir
waren immer tüchtig. Ich werde Eure Fässer nicht mehr rollen«, fuhr er zu den
Hausknechten gewandt fort, »und ein anderer wird Euch helfen, die Leiterbäume an
den Wagen setzen. Denkt manchmal an den alten Sturm, wenn Ihr ein Zuckerfass
anbindet. Es kann nichts ewig bleiben auf der Welt, auch wer stark ist, geht zum
Ende; aber diese Handlung, Herr Wohlfart, soll stehen und blühen, so lange sie
einen Chef hat, wie diesen, und Männer, wie Sie, und ehrliche Hände an der
Waage. Dieses ist meines Herzens Wunsch.« Er faltete seine Hände auf dem
Weidengeflecht und Tränen rollten über seine Wangen. »Und jetzt leben Sie wohl,
Herr Wohlfart, geben Sie mir Ihre Hand.« Er zog einen grossen Faustandschuh aus
und steckte seine Hand aus dem Wagen heraus. »Und Ihr, Peter, Franz, Gottfried,
Ihr Hausknechte alle, lebt wohl und denkt freundlich an mich.« Der Hund Sabinens
kam wedelnd an den Wagen und sprang an dem Weidenkorb herauf. »Da ist auch der
alte Pluto«, rief Sturm und fuhr mit der Hand auf den Kopf des Hundes. »Pluto,
adjes.« Der Hund leckte ihm die Hand.
    »Adjes alle!« rief der Scheidende. »Nach Rosmin, Kutscher!« So zog er sich
in den Wagen zurück. Der Frachtwagen rasselte über das Pflaster, nach einer
Weile öffnete sich noch einmal die weisse Leinwand, der grosse Kopf Sturms sah
noch einmal zurück, und seine Hand winkte.
    Anton war durch mehrere Tage in lebhafter Besorgnis um das Schicksal Sturms.
Endlich kam ein Brief von Karls Hand.
    Lieber Herr Wohlfart, schrieb Karl, Sie werden wohl gemerkt haben, weshalb
ich die letzten Zeilen an meinen Goliat schrieb. Er musste fort aus seiner
Stube, und ich musste ihn von seinem Eigensinn wegen des Geburtstages abbringen.
Deshalb erdachte ich in meiner Angst eine Notlüge. Es kam also folgendermassen.
    Am Tage vor seinem Geburtstag erwartete ihn der Knecht zu Rosmin im Hirsch.
Ich selber war in die Schenke gegenüber geritten, um zu sehn, wie der Vater
ankam und wie er aussah. Ich hielt mich versteckt. Gegen Mittag kam der Wagen
langsam angerasselt. Der Fuhrmann half dem Vater vom Wagen, denn das Absteigen
wurde ihm sehr sauer, so dass ich wegen der Beine grosse Furcht bekam, es war aber
mehr der Pelz und das Schütteln des Wagens schuld. Der Alte nahm auf der Strasse
einen Brief in die Hand und las darin, dann stellte er sich vor den Jasch, der
zum Wagen gelaufen war und der tun sollte, als verstehe er kein Wort Deutsch,
und machte vor ihm verschiedene Zeichen und erschreckliche Bewegungen mit den
Händen. Er hielt seine Hand zwei Fuss vom Steinpflaster, und als der Knecht mit
dem Kopf schüttelte, duckte der Alte sich selbst auf die Erde. Dies sollte so
viel bedeuten, als »mein Zwerg«, aber der Jasch konnte es nicht verstehn, dann
packte der Vater das Gelenk seiner einen Hand mit der andern und schüttelte die
Hand heftig vor Jaschs Nase, so dass der Knecht, der ohnedies schon über den
grossen Mann erschrocken war, beinahe weggelaufen wäre. Endlich aber wurde der
Vater mit seinen Sachen in unseren Korbwagen geschafft, nachdem er noch
einigemal um unseren Wagen herumgegangen war und ihn mit Misstrauen befühlt
hatte. So fuhr er ab. Dem Knecht hatte ich gesagt, er sollte auf geradem Weg
nach der Försterei fahren, und hatte mit dem Förster alles verabredet. Ich ritt
auf einem Seitenwege vor, und als der Wagen gegen Abend ankam, sprang ich in des
Försters Bett und liess mir die Hand unter der Bettdecke festbinden, um sie nicht
in der Freude herauszustecken. Als der Alte zu meinem Bett trat, war er so sehr
gerührt, dass er weinte, und es tat mir in der Seele weh, dass ich ihn täuschen
musste. Ich erzählte ihm, dass es schon wieder besser wäre, und dass mir der Arzt
erlaubt hätte, am nächsten Tag aufzustehn. Darauf wurde er ruhiger und sagte mir
mit wichtiger Miene, das wäre ihm lieb, denn morgen wäre für ihn ein grosser Tag,
morgen müsste ich an sein Bett. Somit fing er wieder von seinem Unsinn an. Aber
nicht lange, so wurde er lustig, der Förster kam dazu, und wir assen, was das
gnädige Fräulein mir vom Schloss geschickt hatte. Ich setzte dem Alten Bier vor,
welches er sehr schlecht fand, darauf machte der Förster Punsch, und wir tranken
alle drei recht tapfer, der Vater mit seinen verzweifelten Gedanken, ich mit der
abgehauenen Hand, und der Förster.
    Von der langen Reise, der warmen Stube und dem Punsch wurde der Vater bald
schläfrig. Ich hatte für eine grosse Bettstelle gesorgt, die in des Försters
Stube aufgestellt war. Er küsste mich beim Gutenachtgruss noch auf den Kopf,
klopfte auf die Bettdecke und sagte: »Also morgen, mein Zwerg.« Gleich darauf
war er eingeschlafen. Und wie fest schlief er. Ich fuhr aus des Försters Bett
und wachte die Nacht bei ihm in der Stube, es war eine bangsame Nacht, und ich
musste immer wieder auf seinen Atemzug hören. Spät am anderen Morgen wachte er
auf. Sobald der Alte sich im Bett rührte, trat der Förster in die Stube, und
schon an der Tür schlug er die Hände zusammen und rief einmal über das andere:
»Aber Herr Sturm, was haben Sie gemacht!« »Was habe ich denn gemacht?« frug mein
Goliat noch halb im Schlaf und sah sich ganz erstaunt in der Stube um. Es war
ein grosses Geschrei der Vögel, und die ganze Wirtschaft kam ihm so fremd vor,
dass er gar nicht wusste, ob er noch auf der Erde war. »Wo bin ich denn?« rief er,
»dieser Ort steht nicht in der Bibel.« Der Förster aber rief immerzu: »Nein, so
etwas ist noch nicht erhört worden!« bis der Alte ganz erschrocken wurde und
ängstlich frug: »Na, was denn?« - »Was haben Sie gemacht, Herr Sturm?« rief der
Förster, »Sie haben eine Nacht, und einen Tag und wieder eine Nacht geschlafen.«
»Warum nicht gar«, sagte mein Alter, »heut ist der dreizehnte, es ist Mittwoch.«
»Nein«, sagte der Förster, »heut ist der vierzehnte, es ist Donnerstag.« So
zankten die beiden miteinander. Endlich holte der Förster seinen Kalender, in
welchem er alle vergangenen Tage ausgestrichen hatte und auch den gegenwärtigen
Mittwoch mit einem dicken Strich, und hatte zum Dienstag unter seine Bemerkungen
geschrieben: »Heut 7 Uhr ist der Vater des Amtmann Sturm angekommen, ein grosser
Mann, kann viel Punsch vertragen«, und Mittwoch: »Heut hat dieser Vater den
ganzen Tag über geschlafen.« Mein Alter sah hinein und sagte endlich ganz
verwirrt: »Es ist richtig. Hier haben wir's schriftlich. Dienstag um sieben Uhr
bin ich gekommen, die Grösse und der Punsch, alles stimmt, der Mittwoch ist
quittiert, es ist heut Donnerstag, es ist der vierzehnte.« Er legte den Kalender
hin und sass ganz betreten in seinem Bett. »Wo ist mein Sohn Karl?« rief er
endlich. Jetzt trat ich in die Stube, ich hatte meine Hand unter den Rock
gebunden und verstellte mich ebenso wie der Förster, bis der Alte endlich rief:
»Ich bin wie behext, ich weiss nicht, was ich denken soll.« »Siehst du denn
nicht«, sprach ich, »dass ich ausser Bett bin? Gestern, als du schliefst, war der
Doktor hier und hat mir erlaubt, aufzustehn. Jetzt bin ich schon so stark, dass
ich den Stuhl hier mit steifem Arm heben kann.« »Nur nichts Schweres mehr«,
sagte der Alte. »Und auch deinetwegen habe ich mit dem Doktor gesprochen«,
redete ich weiter, »er ist ein kluger Mann und hat uns gesagt, entweder - oder;
entweder er geht drauf, oder er schläft sich durch. Wenn er den ganzen Tag
schläft, hat er's überstanden. Es ist gefährlich für ihn, es kommen manchmal
solche Zufälle bei den Menschen vor.« »Bei uns Aufladern«, sagte darauf der
Alte. So brachten wir ihn dazu, dass er aus dem Bett aufstand. Und er war recht
munter. Aber ich hatte doch den ganzen Tag grosse Sorge und ging ihm nicht von
der Tasche. Er durfte nicht aus dem Hof heraus. Und doch wäre am Nachmittag bald
alles verloren gewesen, als der Vogt ankam, mich zu sprechen. Glücklicherweise
hielt der Förster die Hoftür verschlossen, er ging hinaus und unterwies den
Vogt. Als dieser hereinkam, rief ihm mein Vater schon von weitem entgegen:
»Welcher Tag ist heut, Kamerad?« »Donnerstag«, sagte der Vogt, »der vierzehnte.«
Da lachte der Vater über das ganze Gesicht und rief: »Jetzt ist's sicher, jetzt
glaub' ich's.« Noch eine Nacht schlief er beim Förster, bis der Geburtstag
überstanden war.
    Am nächsten Morgen liess ich den Wagen kommen und fuhr ihn nach dem Hof und
führte ihn in die Stube, gegenüber der meinen, wo der Techniker gewohnt hat. Ich
hatte ihm die Stube schnell eingerichtet, Herr von Fink, welcher von allem
wusste, hatte handfeste Möbel aus dem Schloss herüberschaffen lassen, ich hatte
dem Vater den alten Blücher hereingehängt, hatte die Rotkehlchen hereingelassen,
die Hobelbank hereingestellt und einiges Werkzeug dazu, damit die Stube für ihn
bequem war. Und jetzt sagte ich ihm: »Dies ist deine Wohnung, Alter. Du musst
jetzt bei mir bleiben.« »Oho«, sagte er, »dieses geht nicht, mein Zwerg.« »Es
wird nicht anders sein«, sagte ich wieder, »ich will es, Herr von Fink will es,
Herr Wohlfart will es, Herr Schröter will es. Du musst dich ergeben. Wir werden
uns jetzt nicht mehr trennen, so lange wir beide noch zusammen auf dieser Erde
sind.« Und darauf zog ich meine Hand aus dem Rock und hielt ihm eine tüchtige
Strafrede, wie ungesund sein Leben gewesen sei, und dass er seiner Einbildungen
wegen mich verlassen wolle, so lange, bis er ganz weichherzig wurde und mir
alles mögliche Gute versprach. Darauf kam Herr von Fink herüber und begrüsste den
Vater in seiner lustigen Weise, und am Nachmittag kam das Fräulein und brachte
den Herrn Baron geführt. Der blinde Herr freute sich ausserordentlich über den
Vater, seine Stimme gefiel ihm sehr, und er fühlte oft nach der Grösse, und beim
Abschied nannte er ihn einen Mann nach seinem Herzen. Und das muss wohl sein,
denn der Herr kommt seitdem alle Nachmittage zum Vater in die kleine Stube und
hört zu, wie der Vater schnjetzt und pocht.
    Noch ist der Vater verwundert über alles, was er hier sieht, auch mit dem
Tage, den er verschlafen hat, ist er noch nicht ganz im reinen, obgleich er's
wohl merkt, denn er fasst mich manchmal mitten in der Unterredung beim Kopf und
nennt mich einen Spitzbuben. Dieses Wort wird er jetzt wohl für den alten Zwerg
in seiner Rede einführen, obgleich es für einen Amtmann noch schlimmer ist. Er
wird sich auf die Stellmacherei legen, er hat heut schon über Radspeichen
geschnitzt. Ich fürchte nur, er wird sehr ins Schwere arbeiten. Ich bin froh,
dass ich ihn hier habe, und dass alles so abgelaufen ist, wenn er nur erst den
Winter überstanden hat, wird er die Schwäche in seinen Füssen schon auslaufen.
Das kleine Haus will er verkaufen, aber nur an einen Auflader. Er lässt Sie
bitten, dasselbe dem Wilhelm anzutragen, welcher zur Miete wohnt, er soll's
billiger haben, als ein Fremder.
 
                                       6
Acht Tage nach dem Untergang des Advokaten sass Anton in seinem Zimmer und
schrieb an Fink. Er teilte diesem mit, dass man den Leichnam des Advokaten am
Ende der Stadt beim Wehr aus dem Wasser gezogen habe, die Ursache seines Todes
sei nicht klar. Ein Kind aus dem Hause, in welchem der Mann wohnte, hatte
erzählt, dass es ihm am Abende der Haussuchung nahe bei seiner Wohnung auf der
Strasse begegnet war; seitdem war der Tote nicht wieder erblickt worden. Unter
diesen Umständen sei ein Selbstmord nicht unmöglich. Der Polizeibeamte jedoch
halte die Ansicht fest, dass der herabgeschlagene Hut eine fremde Hand indiziere.
Beim Durchsuchen der Wohnung habe man die Papiere nicht gefunden. Die weitern
Nachforschungen der Polizei seien bis jetzt ohne Erfolg gewesen. Seine eigene
Meinung über den furchtbaren Zwischenfall gehe dahin, dass Itzig auch hierbei
eine Schuld habe.
    Da wurde die Tür geöffnet, der Galizier trat hastig in das Zimmer und legte,
ohne zu sprechen, eine alte Brille mit rostiger Stahleinfassung vor Anton auf
den Tisch. Anton sah in das verstörte Gesicht des Mannes und sprang auf.
    »Seine Brille«, flüsterte Tinkeles in heiserem Tone, »ich habe sie gefunden
beim Wasser. Gerechter Gott, dass man muss erleben solchen Schreck!«
    »Wessen ist die Brille, und wo habt Ihr sie gefunden?« frug Anton; ihm
ahnte, was der Galizier zu sagen nicht die Kraft hatte, und sein Auge sah scheu
nach den trüben Gläsern. »Fasst Euch, Tinkeles, und sprecht.«
    »Es kann nicht bleiben verborgen, es schreit zum Himmel«, rief der Galizier
in heftiger Bewegung. »Sie sollen hören alles, wie es verlaufen ist. Zwei Tage,
nachdem ich habe gesprochen mit Ihnen wegen der hundert Taler, bin ich gegangen
des Abends zu Löbel Pinkus in die Schlafstelle. Wie ich bin in das Haus
getreten, ist ein Mann im Finstern an mich angerannt. Ich habe gedacht, ist das
der Itzig, oder ist er's nicht? Ich habe mir gesagt, es ist der Itzig; es ist
sein Laufen, wie er läuft, wenn er in Eile ist. Als ich bin gekommen hinauf in
die grosse Stube, ist alles gewesen leer, und ich habe mich gesetzt zum Tisch und
habe nachgesehen in meiner Brieftasche. Und wie ich sitze, geht draussen der
Wind, und es klopft an das Geländer, und es klopft immerfort, als wenn einer
draussen steht, der herein will, und kann nicht öffnen die Tür. Ich habe mich
erschreckt und habe meine Briefe eingepackt und habe gerufen: Ist jemand hier,
so soll er sagen, dass er hier ist. Es hat keiner geantwortet, aber es hat an der
Türe geklappert ohne Aufhören. Da habe ich mir gefasst ein Herz, ich habe
genommen die Lampe und bin gegangen an das Geländer und habe geleuchtet in alle
Winkel. Ich habe niemand gesehen. Und wieder hat's geklopft dicht vor mir und
hat gegeben einen grossen Krach; da ist aufgeflogen eine Tür, welche niemals
offen gewesen ist, und von der Tür hat eine Treppe hinuntergeführt ins Wasser.
Als ich nun habe geleuchtet auf der Treppe, habe ich gesehen, dass ein nasser Fuss
hat getreten auf die Stufen und ist heraufgekommen; die Spuren von dem Fusse sind
gewesen zu sehen bis in die Stube, nasse Flecke auf dem Boden. Und ich habe mich
gewundert und habe zu mir gesagt: Schmeie, habe ich gesagt, wer ist gegangen bei
der Nacht aus dem Wasser herauf in die Stube, und hat offengelassen die Tür, wie
ein Geist? Es kümmert dich nicht, habe ich mir gesagt, es ist nicht dein
Geschäft. Und ich habe mich gefürchtet.
    Und eh' ich zuschliesse die Tür, habe ich mit der Lampe noch einmal auf die
Treppe geleuchtet, und da habe ich unten am Wasser auf der letzten Stufe etwas
gesehen, das gefunkelt hat im Licht. Und ich habe mich hinuntergewagt eine Stufe
nach der andern, weh, ich kann Ihnen sagen, Herr Wohlfart, es ist gewesen eine
schwere Arbeit. Der Wind hat geheult und hat geblasen um meine Lampe, und der
Weg die Treppe hinunter ist gewesen so finster wie ein Brunnen. Und was ich
aufgehoben habe, ist gewesen dieses da«, - er wies auf die Brille - »das Glas,
das er vor seinen Augen getragen hat.«
    »Und woher wisst Ihr, dass es die Brille des Toten ist?« fragte Anton
gespannt.
    »Sie ist zu erkennen an dem Gelenk, das verbunden ist mit schwarzem Zwirn.
Ich habe ihn mit dieser Brille beim Pinkus in der Stube gesehn mehr als einmal.
Darauf habe ich die Brille zu mir gesteckt, und ich habe gedacht, ich will dem
Pinkus nichts sagen von der Geschichte und will das Glas geben dem Hippus selbst
und sehen, ob es mir kann nützen für unser Geschäft. Und ich habe die Brille bei
mir getragen bis heut und habe auf den Hippus gewartet, und als er nicht
gekommen ist, habe ich den Pinkus gefragt, und dieser hat mir geantwortet: Weiss
ich doch auch nicht, wo er steckt. Und heute zum Mittag, als ich gekommen bin in
die Herberge, ist mir der Pinkus entgegengelaufen und hat mir gesagt: Schmeie,
hat er gesagt, wenn Ihr den Hippus noch sprechen wollt, so müsst Ihr gehn ins
Wasser; er ist gefunden worden im Wasser. Das ist mir gewesen wie ein Schuss in
mein Herz, als er mir gesagt hat: geh ins Wasser und such dir ihn. Und ich habe
mich halten müssen an die Wand.«
    Anton eilte an den Schreibtisch, schrieb einige Zeilen an den Beamten, der
erst vor kurzem das Zimmer verlassen hatte, klingelte und gab dem Diener den
Auftrag, das Billett eiligst abzugeben.
    Unterdes war Tinkeles wie gebrochen auf einen Stuhl gesunken, er starrte auf
die Tischplatte und murmelte vor sich in unverständlichen Tönen.
    Anton ging nicht weniger ergriffen im Zimmer auf und ab. Es war ein
trauriges Schweigen. Nur einmal wurde es unterbrochen, als der Galizier von
seinem Gemurmel zu lauten Tönen überging und fragte: »Glauben Sie, dass die
Brille wert sein wird die hundert Taler, die Sie für mich haben in Ihrem
Schreibtisch?«
    »Ich weiss es noch nicht«, antwortete Anton kurz und setzte seinen Weg durch
die Stube fort.
    Schmeie verfiel wieder in Abspannung und Seufzen, schlug manchmal seine
zitternden Hände ineinander und gurgelte vor sich hin. Endlich blickte er wieder
auf und sagte: »Aber zum wenigsten doch fünfzig?«
    »Schweigt jetzt mit Eurem Schacher«, erwiderte Anton streng.
    »Was soll ich schweigen«, rief Tinkeles entrüstet, »ich stehe aus eine grosse
Angst, soll das sein um gar nichts?« Und wieder versank er in seinen Schmerz.
    Die Unterhaltung wurde durch die Ankunft des Beamten unterbrochen. Der
gewandte Mann liess den Händler noch einmal seinen Bericht wiederholen, nahm die
Brille, bestellte einen Wagen für sich und den widerstrebenden Tinkeles und
sagte beim Abschiede zu Anton: »Machen Sie sich gefasst auf eine schnelle
Entwickelung; ob ich meinen Willen durchsetze, ist noch zweifelhaft; für Sie ist
aber jetzt einige Aussicht da, die Dokumente, welche Sie suchen, aufzufinden.«
    »Um welchen Preis!« rief Anton schaudernd.
    Die Zimmer im Hause Ehrentals waren hell erleuchtet, durch die
herabgelassenen Vorhänge fiel ein trüber Schimmer in den Sprühregen, der aus der
dicken Nebelluft auf die Strasse sank. Mehrere Räume waren geöffnet, schwere
silberne Leuchter standen umher, glänzende Teekannen, bunte Prozellanschalen,
alles Schaugerät war gebürstet, gewaschen und aufgestellt, der dunkle Fussboden
war neu gebohnt, sogar die Küchenfrau trug eine neugeplättete Haube; das ganze
Haus hatte sich gewaschen und gereinigt. Die schöne Rosalie stand mitten unter
dieser Herrlichkeit in einem Kleid von gelber Seide mit purpurroten Blüten
geschmückt, schön wie eine Huri des Paradieses, und bereit wie diese, den
Auserwählten zu empfangen. Die Mutter strich ihr die Falten des schweren Stoffes
zurecht, sah triumphierend auf ihr Werk und sagte in einer Anwandlung von
mütterlichem Gefühl: »Was du heut schön bist, Rosalie, mein einziges Kind.« Aber
Rosalie war zu sehr gewöhnt an diese Huldigungen der Mutter, sie achtete wenig
auf das Lob und nestelte unwirsch an einem Armband, welches auf ihrem vollen Arm
durchaus nicht festalten wollte. »Dass der Itzig mir Türkise gekauft hat, war
wieder recht unpassend von ihm, er hätte auch wissen können, dass sie nicht in
der Mode sind.«
    »Sie sind gut gefasst«, sagte die Mutter beruhigend, »es ist ein schweres
Gold, und die Fasson ist nach dem neusten Geschmack.«
    »Und wo bleibt Itzig? Heut sollt' er doch kommen zur rechten Zeit; die
Familie wird da sein, und der Bräutigam wird fehlen«, fuhr Rosalie schmollend
fort.
    »Er wird zur Stunde kommen«, antwortete Itzigs Patronin, »du weisst, wie er
sich müht und arbeitet, damit du ein glänzendes Haus machen kannst. Du bist
glücklich«, schloss sie seufzend. »Du trittst jetzt in das Leben, und wirst eine
angesehene Frau. Ihr werdet nach der Trauung zuerst auf einige Wochen nach der
Residenz reisen, wo der Itzig dich vorstellen wird meiner Familie, und wo Ihr
miteinander in aller Ruhe die Flitterwochen verleben könnt. Unterdes werde ich
euch dieses Quartier einrichten, und ich werde hinaufziehn in den obern Stock.
Ich werde den Rest meines Lebens den Ehrental pflegen und mit ihm sitzen in der
leeren Stube.«
    »Soll der Vater heut in die Gesellschaft kommen?« frug Rosalie.
    »Es muss sein wegen der Familie, dass er hereinkommt; er muss als Vater den
Segen über euch sprechen.«
    »Er wird uns einen Affront machen und wieder törichtes Zeug reden«, sagte
die kindliche Tochter.
    »Ich habe ihm gesagt, was er sprechen soll«, antwortete die Mutter, »und er
hat mir zugenickt zum Zeichen, dass er es hat verstanden.«
    Es klingelte, die Tür öffnete sich, die Verwandtschaft erschien. Bald
füllten sich die Zimmer. Damen in schweren seidenen Kleidern mit Goldschmuck,
blitzenden Ohrringen und Ketten besetzten das grosse Sofa und die Stühle der
Runde. Es waren meist volle Gestalten, hier und da ein brennendes dunkles Auge,
eine imposante Gestalt. Sie sassen in getrennter Versammlung wie ein buntes
Tulpenbeet, in welches der Gärtner vermieden hat, eine dunkle Blüte zu setzen.
Und wieder in Gruppen standen die Männer, schlaue Gesichter, die Hände in den
Hosentaschen, weniger feierlich und weniger behaglich. So harrte die
Verwandtschaft des Bräutigams, der immer noch zu kommen säumte.
    Endlich erschien er, der gezeichnet war. Argwöhnisch fuhr sein Auge umher,
unsicher klang sein Gruss an die Braut. Er strengte sich an bis aufs äusserste,
nur einige Redensarten zu finden, die er dem schönen Mädchen hinwerfen konnte,
und er selbst hätte grimmig lachen mögen über die Leere, die er in sich fühlte.
Er sah nicht ihr glänzendes Auge, nicht den schönen Hals und die Pracht des
Leibes; als er zu ihr trat, musste er auf einmal an etwas anderes denken, woran
er jetzt immer dachte. Er wandte sich schnell von Rosalie ab und trat in den
Haufen der Herren, der nach seiner Ankunft gesprächiger wurde. Einige
gleichgültige Redensarten der Jüngern wurden gehört, als: »Fräulein Rosalie
sieht bezaubernd aus« und: »Ob der Ehrental kommen wird?« und: »Dieser lange
Nebel ist ungewöhnlich, er ist ungesund, man muss Jacken von Flanell tragen«, bis
aus einem Munde die Worte kamen: »Viereinhalbprozentige.« Da hörten die Fragen
auf, es war ein Gespräch gefunden. Itzig war einer der lautesten, er
gestikulierte nach allen Seiten. Man redete von den Kursen, von der Wolle und
von dem Unglück eines Geschäftsmannes, der in Papieren so viel gemacht hatte,
dass er gefallen war. Die Frauen waren vergessen, und an solche Isolierung
gewöhnt, hielten sie feierlich die Teetassen in der Hand, strichen die Falten an
ihren Gewändern zurecht und bewegten anmutig Hals und Arm, dass ihre Ketten und
Armbänder im Kerzenlicht blitzten.
    Da ward die Unterhaltung durch ein Geräusch unterbrochen, eine Tür ging auf,
allgemeine Stille entstand, ein schwerer Armstuhl wurde in das Zimmer gerollt.
    Auf diesem Armstuhl sass ein alter Mann mit weissem Haar, ein dickes
aufgedunsenes Gesicht, zwei glotzende Augen, welche vor sich hin starrten, der
Leib gekrümmt, die Arme schlaff über die Lehne herabhängend. Das war Hirsch
Ehrental, ein blödsinniger Greis. Als der Stuhl in die Mitte der Versammlung
niedergesetzt war, sah er sich langsam um, nickte mit dem Kopf und wiederholte
die eingelernten Worte: »Guten Abend, guten Abend.« Seine Frau beugte sich zu
ihm herab und rief mit lauter Stimme in sein Ohr: »Kennst du die Herrschaften,
welche hier sind? Es ist die Verwandtschaft.«
    »Ich weiss«, nickte die Gestalt, »es ist eine Soiree. -Sie sind alle gegangen
zu einer grossen Soiree, und ich bin allein geblieben in meiner Stube. - Und ich
habe gesessen an seinem Bett. Wo ist der Bernhard, dass er nicht kommt zu seinem
alten Vater?« Die Anwesenden, welche den Lehnstuhl umringt hatten, traten
verlegen zurück, und die Hausfrau schrie dem Alten wieder ins Ohr: »Bernhard ist
verreist, aber deine Tochter Rosalie ist hier.«
    »Verreist ist er?« frug der Alte traurig, »wohin kann er doch sein verreist?
Ich habe ihm wollen kaufen ein Pferd, dass er kann darauf reiten, ich habe ihm
kaufen wollen ein Gut, damit er soll leben als ein anständiger Mensch, was er
immer ist gewesen. Ich weiss«, rief er, »als ich ihn habe gesehn das letzte Mal,
ist er gewesen auf einem Bett. Auf dem Bett hat er gelegen, und er hat seine
Hand erhoben und hat sie geschüttelt gegen seinen Vater.« Er sank in den Stuhl
zurück und wimmerte leise.
    »Komm her, Rosalie«, rief die Mutter, geängstigt durch diese Phantasie des
Schwachsinnigen. »Wenn dich der Vater sieht, mein Kind, kommt er auf andere
Gedanken.« Die Tochter trat heran und kniete, ihr Taschentuch unterbreitend, vor
dem Stuhl des Vaters. »Kennst du mich, Vater?« rief sie.
    »Ich kenne dich«, sprach der Alte, »du bist ein Weib. Was braucht ein Weib
zu liegen auf der Erde? Gebt mir meinen Gebetsmantel und sprecht die Gebete. Ich
will knien an deiner Stelle und beten, denn es ist gekommen eine lange Nacht.
Aber wenn sie wird vorüber sein, dann werden wir anzünden die Lichter und werden
essen. Dann wird es Zeit sein, dass wir die bunten Kleider anziehn. - Was trägst
du einen bunten Rock, jetzt, wo der Herr zürnt auf die Gemeinde?« -Er begann ein
Gebet zu murmeln und sank wieder in sich zusammen.
    Rosalie erhob sich unwillig; die Mutter sagte in grosser Verlegenheit: »Es
ist heut ärger mit ihm, als es jemals gewesen ist. Ich habe gewollt, dass der
Vater gegenwärtig sein sollte beim Ehrentage der Tochter, aber ich sehe, dass er
die Pflichten des Hausherrn nicht erfüllen kann. So werde ich als Mutter der
Gesellschaft eine frohe Mitteilung machen.« Sie fasste feierlich die Hand ihrer
Tochter: »Treten Sie näher, Itzig.«
    Itzig hatte bis dahin stumm unter den andern gestanden und auf den Alten
gestarrt. Er hatte zuweilen mit den Achseln gezuckt und mit dem Kopfe
geschüttelt über den Unsinn des Kranken, weil er fühlte, dass das bei seiner
Stellung in der Familie schicklich war. Aber vor seinem Auge schwebte eine
andere Gestalt, er wusste besser als die andern, wer jammerte und stöhnte, er
wusste auch, wer gestorben war und nicht verziehen hatte. So trat er mechanisch
neben die Frau vom Hause, den Blick stier auf den Alten gerichtet. Die Gäste
umringten im Kreise ihn und Rosalie, die Mutter ergriff seine Hand.
    Da fing der Alte in seinem Lehnstuhl wieder an zu schwatzen. »Seid still«,
sagte er vernehmlich, »dort steht er, der Unsichtbare. Wir gehn heim vom
Begräbnis, und er tanzt unter den Weibern.
    Wen er ansieht, dem schlägt er die Glieder. Dort steht er«, schrie er laut
und erhob sich aus seinem Stuhl. »Dort - dort. - Stürzt Eure Wasserbecken um und
flieht in die Häuser. - Denn der da steht, er ist verflucht vor dem Herrn.
Verflucht!« schrie er und ballte die Hände und wankte wie rasend auf Itzig zu.
    Itzigs Gesicht wurde fahl, er versuchte zu lachen, aber seine Züge verzogen
sich in grimmiger Angst. Da wurde schnell die Tür aufgerissen, sein Laufbursche
sah ängstlich herein. Itzig warf nur einen Blick auf den Knaben, und er wusste
alles, was der andere ihm sagen wollte. Er war entdeckt, er war in Gefahr. Er
sprang zur Tür und war verschwunden.
    Lege deinen Brautschmuck ab, schöne Rosalie, wirf das goldene Armband mit
Türkisen in die finstere Ecke des Hauses, wo der Moder an den Wänden sitzt und
nie ein Lichtstrahl auf Gold und Edelsteine blitzt. Die Steine sollen
verbleichen und das Gold unscheinbar werden im Laufe der Jahre, die Kellerasseln
sollen in den Gliedern des Armrings ihr Lager aufschlagen und durch das goldene
Kettengelenk schlüpfen. Langbeinige Spinnen werden darüberkriechen und werden
ihre Röhre daran spinnen, um einfältige Fliegen in der Finsternis zu
überraschen. Wirf das Armband weit weg von dir, denn jeder Gran Gold daran ist
durch eine Schurkerei bezahlt. Zieh dein hochzeitlich Gewand aus und hülle
deinen schönen Leib in Trauerkleider, und von den Blumen in deinem Haar pflücke
die Blätter ab und wirf sie hinaus in die Nacht, dem kalten Nachtwind zum
Spiele. Sieh ihnen nach, wie sie im Lichtscheine des Fensters flattern und in
dem Dunkel verschwinden; sie fallen hinab in den Schmutz der Strassen, und der
Fuss der Vorübergehenden bedeckt sie mit Schlamm. Du wirst keine Verlobung, kein
Hochzeitsfest feiern mit deinem vielversprechenden Bräutigam; du wirst in den
nächsten Tagen mit gesenktem Haupt über die Strassen eilen, und wo du
vorübergehst, werden die Leute einander anstossen und flüstern: »Das ist seine
Braut.« Und wenn die Zeit kommt, wo die Hoffnung der Mutter dich in der Residenz
sah, in lustigen Flitterwochen, da wirst du in einer fremden Stadt sitzen, wohin
du fliehst, um dem Spott der Boshaften zu entrinnen. Du gehst nicht im Schmerz
unter, und deine Wange erbleicht nicht; du hast ein glänzendes Aussehen, und
dein Vater hat viel Geld zusammengescharrt; du findest mehr als einen, der
bereit ist, der Nachfolger von Itzig zu werden. Dein Los ist, einem
heimzufallen, der dein Kapital heiratet und deine Glieder mit vergnügtem Lachen
in Kauf nimmt, und du wirst ihn vom ersten Tage deiner Ehe an verachten, und
wirst ihn ertragen, wie man einen Schaden trägt, den der Arzt nicht wegschaffen
kann. Neue Gewänder von glänzender Seide wirst du tragen, und ein anderer
Goldschmuck wird an deinem Arm klirren, und der Inhalt deines Lebens wird sein,
als geschmückte Puppe umherzuwandeln und deinen Mann höhnisch mit andern Männern
zu vergleichen. Das Geld aber, welches der alte Ehrental durch Wucher und
Schlauheit mit tausend Sorgen für seine Kinder zusammengebracht hat, das wird
wieder rollen aus einer Hand in die andere, es wird dienen den Guten und Bösen,
und wird dahinfliessen in den mächtigen Strom der Kapitalien, dessen Bewegung das
Menschenleben erhält und verschönert, das Volk und den Staat gross macht und den
einzelnen stark oder elend, je nach seinem Tun.
    Draussen war finstere Nacht, durch die dicke Luft rieselte ein kalter
Sprühregen, und die Haut der Fussgänger schauerte unter den dichten
Herbstkleidern. Itzig sprang die Treppe hinab. Er hörte noch auf den Stufen eine
bebende Stimme: »Die Polizei ist in der Wohnung, sie stehn im Hofe, sie lauern
auf der Treppe, sie brechen die Stubentür auf.« Dann hörte er nichts mehr, eine
furchtbare Angst überschüttete seine Seele. Mit rasender Schnelligkeit fuhren
die Gedanken durch sein Haupt. Flucht, Flucht, schrie alles in ihm. Er fühlte
nach seiner Tasche, worin er seit der letzten Woche einen Teil seines Vermögens
herumtrug. Er dachte an die Züge der Eisenbahn, es war nicht die Stunde, wo ein
Zug abging, der ihn zum Meere führen konnte. Und auf allen Bahnhöfen fand er
Verfolger, die auf ihn lauerten. So rannte er hinein in die Nacht durch enge
Gassen in entlegene Stadtteile. Wo eine Laterne brannte, fuhr er zurück. Immer
flüchtiger wurde sein Gang, immer verworrener der Zug seiner Gedanken. Endlich
verliess ihn die Kraft, er kauerte in eine Ecke und presste die Hände an seinen
Kopf, um die Gedanken zusammenzuhalten. Da hörte er das dumpfe Horn des Wächters
in seiner Nähe, wenige Schritte von ihm stand der Mann, und seine Hellebarde
klapperte an den Schlüsseln, die er am Gürtel trug. Tief zur Erde beugte sich
der Flüchtige, die Angst schnürte ihm die Brust zusammen, dass er stöhnte,
obgleich es sein Leben galt. Auch hier war die Gefahr. Wieder stürzte er
zwischen den Häuserreihen vorwärts auf den einzigen Ort zu, der noch deutlich
vor seiner Seele stand, vor dem er sich graute, wie vor dem Tode, und zu dem es
ihn doch hinzog, als zu dem letzten Versteck, das er auf Erden noch hatte. Als
er in die Nähe der Herberge kam, sah er einen dunklen Schatten vor der Tür. Dort
hatte der kleine Mann oft in der Dunkelheit gestanden und auf den heimkehrenden
Veitel gewartet. Auch heute stand er dort und wartete auf ihn. Der Unselige fuhr
zurück und wieder näher heran, die Tür war frei. Er fuhr mit der Hand nach einem
verborgenen Drücker und schlüpfte hinein. Aber hinter ihm hob sich wieder
drohend der Schatten aus dem Dunkel eines vorspringenden Kellers, er glitt
hinter ihm an die Tür und blieb dort regungslos stehn. Der Flüchtling zog seine
Stiefel aus und huschte die Treppe hinauf. Er fühlte sich im Finstern an eine
Stubentür, öffnete sie mit zitternder Hand und griff nach einem Schlüsselbund an
der Wand. Mit den Schlüsseln eilte er durch den Saal auf die Galerie, wie in
weiter Ferne hörte er die Atemzüge schlafender Menschen. Er stand vor der
Treppentür. Ein heftiger Schauer schüttelte seine Glieder, wankend stieg er
hinunter, Stufe auf Stufe. Als er den Fuss in das Wasser setzte, hörte er ein
klägliches Stöhnen. Er hielt sich an die Holzwand, wie der andere getan, und
starrte hinunter. Wieder stöhnte es aus tiefster Brust, er merkte, dass er es
selbst war, der so Atem holte. Mit dem Fuss suchte er den Gang im Wasser. Das
Wasser war gestiegen seit jener Zeit, es ging ihm hoch über das Knie, er hatte
Grund gefunden und stand im Wasser.
    Finster war die Nacht, immer noch rieselte der Regen durch die schwere Luft,
der Nebel überzog Häuser und Galerien längs dem Flusse, nur undeutlich trat eine
Wassertreppe, ein stützender Pfeiler oder das Giebeldach eines Hauses aus der
dunkelgrauen Masse hervor. Das Wasser staute sich an den alten Pfählen, den
Treppen und den Vorsprüngen der Häuser und murmelte eintönig. Es war der einzige
Laut in der finstern Nacht, und er drang wie Donnergetös in das Ohr des Mannes.
Alle Qual der Verdammten fühlte er jetzt, wo er watend, mit den Händen fühlend,
durch Wasser und Regen seinen Weg suchte. Er klammerte sich an das schlüpfrige
Holz der Pfähle, um nicht zu sinken. Er stand an der Treppe des Nachbarhauses,
er fühlte nach den Schlüsseln in seiner Tasche, noch ein Schwung um die Ecke,
und sein Fuss berührte die Stufen der Treppe. Da, als er sich wenden wollte, fuhr
er kraftlos zurück, der gehobene Fuss sank in das Wasser, vor sich auf dem
Pfahlwerk über der Flut sah er eine dunkle, gebückte Gestalt. Er konnte die
Umrisse des alten Hutes erkennen, er sah trotz der Finsternis die hässlichen Züge
eines wohlbekannten Gesichts. Unbeweglich sass die Erscheinung vor ihm. Er fuhr
mit der Hand an seine Augen und in die Luft, als wollte er sie wegwischen. Es
war keine Täuschung, das Gespenst sass wenige Schritt vor ihm. Endlich streckte
das Schreckliche eine Hand aus nach Itzigs Brust. Mit einem Schrei fuhr der
Verbrecher zurück, sein Fuss glitt von dem Wege herunter, er fiel bis an den Hals
ins Wasser. So stand er im Strom, über ihm heulte der Wind, an seinem Ohr
rauschte das Wasser immer wilder, immer drohender. Er hielt die Hände in die
Höhe, sein Auge starrte noch immer auf die Erscheinung vor ihm. Langsam löste
sich die fremde Gestalt von dem Balken, es rauschte auf dem Wege, den er selbst
gegangen war, das Gespenst trat ihm näher, wieder streckte sich die Hand nach
ihm aus. Er sprang entsetzt weiter ab in den Strom. Noch ein Taumeln, ein lauter
Schrei, der kurze Kampf eines Ertrinkenden, und alles war vorüber. Der Strom
rollte dahin und führte den Körper des Leblosen mit sich.
    An dem Rand des Flusses wurde es lebendig, Pechfackeln glänzten am Ufer,
Waffen und verhüllte Uniformen blinkten im Schein der Lichter. Der Zuruf
suchender Menschen wurde gehört, und vom Fuss der Treppe watete ein Mann längs
dem Ufer und rief hinauf: »Er ist fortgetrieben, bevor ich ihn erreichen konnte,
morgen wird er am Wehr zu finden sein.«
 
                                       7
Die Herberge des Löbel Pinkus wurde durchsucht, das geheime Magazin im
Nebenhause mit Beschlag belegt; und da man die Beute zahlreicher alter und neuer
Diebstähle darin angesammelt fand, wurde der Herbergsvater selbst ins Gefängnis
gesetzt. Unter den aufgefundenen Gegenständen war auch die leere Kassette des
Freiherrn; in einem verschlossenen Schrank der geheimen Höhle lagen im Winkel
zusammengepackt die Ehrenscheine des Freiherrn, die beiden Hypotekeninstrumente
über die ersten und die letzten zwanzigtausend Taler der Gutsschulden. In der
Wohnung des Agenten Itzig fand sich ein Dokument, in welchem Pinkus versicherte,
dass Veitel Itzig Eigentümer der ersten Hypotek sei. Der harte Sinn des Pinkus
wurde durch die Untersuchungshaft erweicht; er gestand, was zu leugnen er nicht
mehr grosses Interesse hatte, dass er nur im Auftrag des Ertrunkenen dem Freiherrn
das Geld gezahlt, und dass dieser in der Tat nicht mehr als zusammen ungefähr
zehntausend Taler von Itzig erhalten habe. So erhielt der Freiherr auch sein
Anrecht an die Hälfte der ersten Hypotek zurück.
    Pinkus wurde zu langer Gefängnisstrafe verurteilt. Die stille Herberge ging
ein, und Tinkeles, der das zweite Hundert gleich nach Itzigs Tod von Anton
gefordert hatte, trug fortan sein Bündel und seinen Kaftan in einen andern
Schlupfwinkel. Sein Gefühl für die Handlung erhielt durch die letzten Ereignisse
eine Wärme, welche die Handlung veranlasste, ihm gegenüber ungewöhnliche Vorsicht
zu beobachten und einige grosse Geschäfte zurückzuweisen, die er jetzt durchaus
mit ihr unternehmen wollte. Die natürliche Folge dieser Kälte war, dass Tinkeles
um so höhere Achtung vor der Klugheit des Geschäfts erhielt und fortfuhr, dem
Comtoir seine Besuche zu gönnen, ohne dass eine neue kühne Spekulation das gute
Verhältnis unterbrach. Das Haus des Pinkus wurde verkauft, ein ehrlicher Färber
zog hinein, und von der Galerie, an welcher einst die hagere Gestalt des jungen
Veitel gelehnt hatte, hing jetzt blau und schwarz gefärbtes Garn hinunter bis in
die trübe Flut.
    Nach langen Verhandlungen mit dem Anwalt und der gedrückten Familie
Ehrentals empfing Anton im Wege des Vergleichs die Ehrenscheine und die letzte
Hypotek gegen Zahlung der zwanzigtausend Taler zurück.
    Unterdes kam der Subhastationstermin des Familiengutes heran. Noch vor dem
Termin suchte ein Kauflustiger Anton auf, und Anton traf mit ihm unter Zuziehung
seines Rechtsbeistands und mit Einwilligung des Freiherrn das Abkommen, dass der
Käufer im Termin wenigstens eine Kaufsumme zu bieten habe, welche dem Freiherrn
auch die letzte für Ehrental ausgestellte Hypotek rettete. Bei dem noch immer
niedrigen Güterpreis war eine höhere Verkaufssumme für das Gut nicht zu hoffen,
und im Termin, dessen Ende Anton in grosser Spannung abwartete, erstand der neue
Käufer in der Tat das Gut zu dem vorher besprochenen Preise.
    Am Tage nach dem Termin schrieb Anton der Baronin, er übersandte ihr die
Schuldscheine des Freiherrn und seine Vollmacht. Er siegelte den Brief mit dem
frohen Gefühl, dass er aus all der Verwirrung für Lenore doch ein Erbteil von
ungefähr dreissigtausend Talern gerettet hatte.
Auf dem Dach des Starostenhauses lag wieder der weisse Schnee, und die Krähen
drückten die Spur ihrer Füsse hinein. Das glänzende Festkleid des Winters war
über Flur und Wald ausgebreitet, in tiefem Schlaf lag die Erde, kein Schäferhund
bellte auf den Feldern, das Ackergerät stand untätig in einem Schuppen des
Hofes. Und doch war auf dem Gut ein heimliches Leben sichtbar, und über den
weiten Hofraum eilten geschäftige Arbeiter mit Zollstab und Säge. Der Boden in
dem Wirtschaftshof war uneben, denn der Grund für neue Gebäude war ausgegraben,
und in den Stuben, und sogar draussen im Sonnenschein arbeitete eine Schar
Handwerker aus der Stadt, Zimmerleute, Tischler und Stellmacher. Lustig pfiff
der Gesell sein Lied bei der Arbeit, und die gelben Späne flogen weit in den Hof
hinein. Es war eine neue Kraft auf dem Gut sichtbar, und ein neues Leben, und
wenn das Frühjahr kommt, wird eine Schar Arbeiter sich über den polnischen Grund
verbreiten und den ausgeruhten Boden zwingen, emsiger Arbeit Früchte zu tragen.
    In seiner warmen Stube sass Vater Sturm auf der Schnitzbank unter
Tonnenreifen und Fassdauben, und sein Eisen arbeitete mächtig in das Eichenholz
hinein. Und ihm gegenüber auf dem einzigen Polsterstuhl der Stube lehnte der
blinde Freiherr, den Krückstock in der Hand, sein Ohr auf den alten Sturm
gerichtet.
    »Sie müssen müde sein, Sturm«, sagte der Freiherr.
    »Ei«, rief der Riese, »mit den Händen geht es noch wie sonst. Das hier wird
eine kleine Tonne für das Regenwasser, es ist blosse Kinderarbeit.«
    »Auch er hat einmal in einer kleinen Tonne gesteckt«, sagte der Freiherr vor
sich hin. »Er war ein schwaches Kind, die Amme hatte ihn zum Baden
hineingesetzt, und er hatte seinen Rücken darin gebogen und vorn die Knie
angestemmt, so konnte er nicht mehr heraus. Ich musste die Reifen der Tonne
abschlagen lassen, um den Knaben aus seinem Gefängnis zu erlösen.«
    Der Riese räusperte sich: »Waren es eiserne Reifen?« fragte er teilnehmend.
»Es war mein Sohn«, sagte der Freiherr mit zuckendem Antlitz.
    »Ja«, sagte Sturm leise, »er war stattlich, er war ein hübscher Mann, es war
eine Freude, zu hören, wenn sein Säbel rasselte, und zu sehen, wie er seinen
kleinen Bart drehte.« - Ach, er hatte dasselbe dem blinden Vater schon oft
gesagt, alle Tage musste er es wiederholen, wenn der Freiherr ihm gegenüber sass!
    »Es war des Himmels Wille«, sagte der Freiherr und faltete die Hände.
    »So war es«, wiederholte der alte Sturm, »unser Herrgott wollte ihn zu sich
nehmen, grade als er bei seiner besten Arbeit war. Das war ehrenvoll für ihn,
und kein Mensch kann schöner die Erde verlassen. Für sein Vaterland und für
seine Eltern zog er in seinem Schnurrock aus, und er war siegreich und jagte die
Polacken in die Felder, als der Herr seinen Namen rief und ihn unter seine
eigene Garde versetzte.«
    »Ich aber musste zurückbleiben«, sagte der Freiherr.
    »Und mich freut's, dass ich unsern jungen Herrn noch gesehn habe«, fuhr Sturm
mit grosser Beredsamkeit fort, »denn wie Sie wissen, war er damals unser junger
Herr. Sie vertrauten meinem Karl die ganze Wirtschaft an, und so war es für mich
eine Ehre, auch Ihrem Herrn Sohn ein Vertrauen zu zeigen.«
    »Es war unrecht, dass er zu Ihnen kam Geld zu borgen«, sagte der Freiherr
kopfschüttelnd. Und er sagte so, weil er die trostvolle Antwort Sturms schon oft
gehört hatte und sie wieder hören wollte.
    Der Riese legte sein Schnitzeisen weg, fuhr sich in die Haare und bemühte
sich, recht unternehmend auszusehn, als er in leichtsinnigem Ton begann: »Wissen
Sie was, man muss mit einem jungen Herrn auch Nachsicht haben. Jugend will
austoben. Es borgt sich mancher Geld in jungen Jahren, und vollends wenn einer
einen so lustigen Rock hat, mit Quasten und Silber. Wir waren auch keine
Geizhälse, Herr Baron«, fuhr er bittend fort und klopfte mit seinem Eisen leise
an die Knie des Blinden. - »Und der Herr Offizier war sehr artig, und ich
glaube, er war etwas verlegen. Und als ich ihm das Geld gab, sah ich ihm an, wie
leid es ihm tat, dass er es brauchte. Ich gab's ihm um so lieber. Und als ich ihm
in die Droschke half und er sich aus dem Wagen beugte, ich versichere Ihnen, da
war er ganz bewegt, er griff mit beiden kleinen Händen heraus und suchte meine
Faust, um sie noch einmal zu schütteln. Und wie er so da sass, fiel das Licht der
Strassenlaterne in sein Gesicht. Es war in diesem Augenblick ein freundliches
liebes Gesicht, etwa wie das Ihrige und noch mehr wie das der Frau Baronin,
soweit ich dieses gesehn habe.«
    Auch der Blinde streckte die Hände aus und suchte die Faust des Aufladers.
Sturm schob die Schnitzbank vor, fasste mit seiner Rechten die Hände des
Freiherrn und streichelte sie mit der Linken. So sassen beide stumm
nebeneinander.
    Endlich begann der Freiherr mit gebrochener Stimme: »Sie sind der letzte
Mensch gewesen, der meinem Eugen Freundlichkeit bewiesen hat - ich danke Ihnen,
ich danke Ihnen von Herzen. Es ist ein unglücklicher zerschmetterter Mann, der
Ihnen das sagt. Aber solange ich noch auf dieser Erde lebe, werde ich den Segen
des Höchsten für Sie erflehn. Es sollte nicht sein, dass mein Sohn mir in meinen
alten Tagen den wankenden Schritt stützte, Ihnen aber hat der Himmel einen guten
Sohn erhalten. Was ich von Friede und Glück für meinen armen Eugen wünschen
würde, das, flehe ich zu Gott, soll Ihrem Sohn werden.«
    Sturm fuhr sich über die Augen und umschloss gleich darauf wieder die Hände
des Freiherrn. So sassen die beiden Väter wieder stumm nebeneinander, bis der
Freiherr sich mit einem Seufzer erhob. Behutsam fasste Sturm den Arm des Blinden
und führte ihn über Hof und Anger bis auf die Rampe des Schlosses. Jetzt ist ein
Weg zu der Turmtür aufgeschüttet, er hat eine Vormauer von grossen Quadersteinen,
und man kann zu Fuss und zu Wagen die Turmtür erreichen. Und Sturm zieht den
Draht einer Glocke, der Diener des Freiherrn eilt herzu und führt seinen Herrn
die Schlosstreppe hinauf, denn das Treppensteigen wird dem Vater Sturm noch
sauer. - In den Wirtschaftshof fuhr unterdes ein Wagen, Karl eilte respektvoll
aus seiner Stube, der neue Gutsherr sprang herab.
    »Guten Tag, Sergeant«, rief Fink, »wie steht's im Schloss und in der
Wirtschaft? Was macht das Fräulein und die Frau Baronin?«
    »Alles in Ordnung«, meldete Karl, »nur mit der Frau Baronin geht's schwach.
Wir erwarteten Sie schon seit vierzehn Tagen. Die Herrschaften im Schloss haben
alle Tage gefragt, ob keine Nachricht von Ihnen gekommen sei.«
    »Ich wurde aufgehalten«, sagte Fink, »und ich wäre vielleicht noch nicht
zurück, aber seit dem Schneefall ist nicht mehr viel an den Gütern zu sehn. Ich
habe Dobrowitz gekauft.«
    »Alle Wetter!« rief Karl erfreut.
    »Mächtiger Boden«, fuhr Fink fort, »fünfhundert Morgen Laubwald, in dem die
Baumasche fast einen Fuss hoch liegt. In dem polnischem Loch daneben, das sie
dort Kreisstadt nennen, fuhr das Schachervolk wie Ameisen durcheinander, als es
erfuhr, dass von jetzt unser Sporn täglich über ihren Markt klirren soll. Sie
aber, Amtmann, werden sich freuen, wenn Sie das neue Gut sehn. Ich habe Lust,
Sie im ersten Frühjahr hinzuschicken.
    Was halten Sie in der Hand? Ein Schreiben von Anton? Geben Sie her.«
    Er brach den Brief hastig auf. »Ist das Fräulein im Schloss?« - »Ja, Herr von
Fink.« - »Gut. Heut abend geht ein Bote zum Pastor nach Neudorf.« Mit schnellen
Schritten ging er nach dem Schloss.
    Lenore sass in ihrem Zimmer, um sie herum lag zerschnittene Leinwand, sie
nähte. Emsig stach sie mit der Nadel in den harten Stoff, legte zuweilen die
Naht auf das Knie, glättete mit dem Fingerhut und betrachtete dann misstrauisch
die einzelnen Stiche, ob sie auch klein und regelmässig waren. Da klang auf dem
Korridor der schnelle Schritt, sie sprang auf, und krampfhaft presste ihre Hand
die Leinwand zusammen. Aber sie fasste sich mit kräftigem Entschluss und setzte
sich wieder zu ihrer Arbeit. Es klopfte an ihre Tür. Ein tiefes Rot stieg ihr
langsam über Hals und Wange, und ihr Herein! gelangte kaum bis an das Ohr des
Gastes. Der eintretende Fink sah sich neugierig in dem schmucklosen Raume um; an
der Wand einige Kreidezeichnungen Lenores, sonst nur der unentbehrlichste
Hausrat. Das kleine Sofa aus Panterfellen stand nicht mehr darin.
    Als Fink sich vor Lenore verneigte, frug sie in gleichgültigem Ton: »Hat
etwas Unangenehmes Sie aufgehalten, wir alle machten uns Sorge.«
    »Ein Gut, das ich gekauft habe, verzögerte die Rückkehr. Jetzt komme ich in
Eile, mich bei meiner Herrin zu melden; zugleich bringe ich Ihnen ein Paket,
welches Anton für die Frau Baronin gesandt hat. Wenn das Befinden der gnädigen
Frau mir erlaubt, sie zu begrüssen, wünsche ich ihr meine Aufwartung zu machen.«
    Lenore nahm den Brief: »Ich gehe sogleich zur Mutter, verzeihen Sie!« Mit
einer Verbeugung suchte sie bei ihm vorbeizukommen.
    Fink hielt sie durch eine Handbewegung zurück und sagte scherzend: »Ich sehe
Sie hausmütterlich mit Schere und Nadel beschäftigt. Wer ist der Glückliche, für
den Sie diese keilförmigen Stücke zusammennähen?«
    Lenore errötete wieder: »Das ist Frauenarbeit, und ein Herr darf danach
nicht fragen.«
    »Ich weiss doch, der Fingerhut steht sonst nicht in Ihrer Gunst«, sagte Fink
gutmütig. »Ist es denn nötig, liebes Fräulein, dass Sie sich die Augen
verderben?«
    »Ja, Herr von Fink«, erwiderte Lenore in festem Tone, »es ist nötig und es
wird nötig sein.«
    »Ei, ei«, rief Fink kopfschüttelnd und stützte sich gemächlich auf eine
Stuhllehne. »Glauben Sie denn, dass ich Ihre geheimen Feldzüge mit Nadel und
Schere nicht schon längst gemerkt habe? Und dazu Ihr ernstes Gesicht und die
wahrhaft glorreiche Haltung, mit der Sie mich dreisten Knaben behandeln. Wo ist
das Katzensofa? Wo ist die brüderliche Offenheit, die ich nach unserm Vertrag
erwarten durfte? Sie haben unser Abkommen schlecht gehalten. Ich sehe deutlich,
mein guter Freund ist geneigt, mich aufzugeben, und zieht sich mit bestem
Anstande zurück. Aber gestatten Sie auch mir die Bemerkung, dass Ihnen das
schwerlich etwas nützen wird. Sie werden mich nicht los.«
    »Seien Sie edelmütig, Herr von Fink«, unterbrach ihn Lenore in heftiger
Bewegung, »machen Sie mir nicht noch schwerer, was ich tun muss. Ja, ich bereite
mich vor, von hier zu scheiden, zu scheiden auch von Ihnen.«
    »Sie weigern sich also, hier bei mir auszuhalten?« sagte Fink mit gefurchter
Stirn. - »Wohlan, ich werde wiederkommen und so lange bitten, bis Sie mich
erhören. Wenn Sie mir entlaufen, reise ich Ihnen nach, und wenn Sie Ihr schönes
Haar abschneiden und in ein Kloster fliehen, ich sprenge die Mauern und hole Sie
heraus. Habe ich nicht um Sie geworben, wie der Taugenichts im Märchen um die
Königstochter? Um Sie zu gewinnen, stolze Lenore, habe ich Sand in Gras
verwandelt, und mich selber in einen ehrbaren Hauswirt. Diese Wundertaten haben
Sie verschuldet. Darum, geliebte Herrin, seien Sie gescheit und quälen Sie uns
nicht durch mädchenhafte Launen.«
    »O ehren Sie diese Launen«, rief Lenore in Tränen ausbrechend. »In der
Einsamkeit dieser Wochen habe ich jede Stunde mit meinem Schmerz gerungen. Ich
bin ein armes Mädchen, das jetzt die Pflicht hat, für ihre leidenden Eltern zu
leben. Die Mitgift, welche ich in Ihre Zukunft bringen würde, heisst Krankheit,
Trübsinn und Hilflosigkeit.«
    »Sie irren«, unterbrach sie Fink ernst. »Unser Freund hat für Sie gesorgt.
Er hat zwei Schurken ins Wasser gejagt und die Schulden Ihres Vaters bezahlt;
dem Freiherrn bleibt ein hübsches kleines Vermögen, alle Not ist zu Ende, und
Sie selbst, Trotzkopf, sind gar keine schlechte Partie, wenn Ihnen daran etwas
liegt. Der Brief, den Sie in der Hand halten, ruiniert Ihre Philosophie.«
    Lenore starrte auf das Kuvert und warf den Brief von sich weg. »Nein«, rief
sie ausser sich. »Als ich von Jammer zerrissen an Ihrem Herzen lag, damals riefen
Sie mir zu, ich sollte Kraft gewinnen auch Ihnen gegenüber. Und jeden Tag fühle
ich, dass ich Ihnen gegenüber keine Kraft habe, keine Überzeugung und keinen
Willen. Was Sie sagen, erscheint mir wahr, und ich vergesse, was ich selbst
anders gedacht; was Sie von mir fordern, das muss ich tun, widerstandslos, wie
eine Sklavin. Die Frau, welche neben Ihnen durch das Leben geht, soll Ihnen
ebenbürtig sein an Geist und Kraft, und sicher soll sie sich fühlen in dem
eigenen Kreise. Ich bin ein ungebildetes, hilfloses Mädchen. In törichter
Leidenschaft habe ich Ihnen verraten, dass ich um Ihretwillen wagen kann, was ein
Weib nie wagen sollte. Sie finden in mir nichts, was Sie ehren können. Sie
werden mich küssen und - werden mich ertragen.« - Lenores Hand ballte sich und
ihre Augen flammten. So stand sie vor ihm und ihre Gestalt erbebte in dem Kampf
von Stolz und Liebe.
    »Reut Sie so sehr, dass Sie für mich eine Kugel in die Schulter des
Mordgesellen sandten?« frug Fink finster. »Was ich sehe, sieht nicht aus wie
Liebe, eher wie Hass.«
    »Ich Sie hassen!« rief das Mädchen und schlug die Hände vor das Gesicht.
    Er nahm ihr die Hände vom Antlitz, zog sie an sich und drückte einen Kuss auf
ihre Lippen. »Vertraue mir, Lenore.«
    »Lass mich, lass mich«, rief Lenore sich sträubend, aber ihr Mund hing wieder
heiss an dem seinen, sie umschlang ihn fest und zu ihm aufsehend mit einem
leidenschaftlichen Ausdruck von Liebe und Furcht, glitt sie zu seinen Füssen
nieder.
    Erschüttert beugte sich Fink herab und hob sie auf: »Mein bist du, und ich
halte dich fest«, rief er. »Mit Büchse und Blei habe ich dich erbeutet, du
stürmisches Herz! - In einem Atem sagst du mir Liebevolles und Hartes. - Alle
Wetter, bin ich denn ein solcher Sklavenvogt, dass ein braves Weib fürchten muss,
unter mein Joch zu kommen? So wie du bist, Lenore, entschlossen, kühn, ein
kleiner Teufel von Leidenschaft, gerade so will ich dich haben und nicht anders.
Wir sind Waffenbrüder gewesen und wir werden es in diesem Lande bleiben. Der Tag
kann wiederkommen, wo wir beide in unserm Hause den Kolben an die Wange legen,
und das Volk um uns verlangt einen Sinn, der eher einen Schlag gibt, als einen
erträgt. Und wärest du niemals die Sehnsucht meines Herzens gewesen, und wärest
du ein Mann, ich würde dich für mein Leben zu gewinnen suchen als meinen
Genossen. Denn, Lenore, du wirst mir nicht nur ein geliebtes Weib sein, auch ein
mutiger Freund, der Vertraute meiner Taten, mein treuester Kamerad.«
    Lenore schüttelte den Kopf, aber sie hielt ihn fest umklammert: »Ich soll
deine Hausfrau werden«, klagte sie. Fink strich ihr liebkosend über das Haar und
küsste die glühende Stirn. »Gib dich zufrieden, mein Herz«, sagte er zärtlich,
»und finde dich drein. Wir haben miteinander in einem Feuer gesessen, das stark
genug war, um ein grosses Gefühl zur Reife zu bringen. Und wir kennen eines das
andere. Unter uns gesagt, wir werden manchmal einen Wirbelwind in unserm Hause
haben. Ich bin kein bequemer Gesell, am wenigsten für ein Weib, und du wirst
deinen eigenen Willen, dessen Verlust du jetzt beklagst, recht gemütlich
wiederfinden. Sei ruhig, Liebchen, du wirst wieder ein Trotzkopf werden, wie du
gewesen bist, du brauchst dich deshalb gar nicht zu grämen. Also auf einige
Stürme mache dich gefasst, aber auch auf herzliche Liebe und auf ein fröhliches
Leben. Du sollst mir wieder lachen, Lenore. Meine Hemden brauchst du nicht zu
nähen, wenn du das Wirtschaftsbuch nicht führen willst, so lässt du es bleiben.
Und wenn du deinen Söhnen zuweilen im Eifer einen Backenstreich gibst, er wird
unserer Brut nicht schaden. Also ich denke, du gibst dich.«
    Lenore schwieg, aber sie drückte sich fest an seine Brust.
    Fink zog sie fort. - »Komm zur Mutter«, rief er.
    Über das Bett der Kranken beugten sich Fink und Lenore. Um das bleiche
Gesicht der Mutter flog ein heller Schein, als sie die Hände auf das Haupt des
Mannes legte und ihm ihren Segen gab.
    »Sie ist weich und noch immer ein Kind«, sagte sie zu dem Manne. »In Ihren
Händen, mein Sohn, liegt es, eine gute Frau aus ihr zu machen.«
    Sie trieb die Kinder aus dem Zimmer. »Geht zum Vater«, bat sie, »führt ihn
dann zu mir und lasst uns allein.«
    Als der Freiherr neben seiner Gemahlin sass, zog die Baronin seine Hand an
ihre Lippen und sprach leise: »Heut will ich dir danken, Oscar, für viele Jahre
des Glücks, für all deine Liebe.«
    »Armes Weib!« murmelte der Blinde.
    »Was du erfahren und gelitten hast«, fuhr die Baronin fort, »das hast du
erfahren und gelitten für mich und meinen Sohn, und beide lassen wir dich allein
zurück in einer freudelosen Welt. - Dir sollte das Glück nicht werden, deinen
Namen in der Familie zu vererben. In deinem Haus bist du der letzte, welcher den
Namen Rotsattel trägt.«
    Der Freiherr stöhnte.
    »Aber der Ruf, den wir hinterlassen, soll ohne Flecken sein, wie dein ganzes
Leben war, - bis auf zwei Stunden der Verzweiflung.« Sie hielt die Hand des
Blinden an das Bündel Schuldscheine und riss jeden einzelnen durch, sie klingelte
dem Diener und liess die Papiere Stück für Stück in den Ofen werfen. Die Flamme
flackerte hellauf und warf ein rotes Licht über das Zimmer, es rauschte und
knisterte, bis der Brand verglommen. Die Dämmerung des Abends füllte die Stube,
und an dem Bett der kranken Frau lag der Freiherr und drückte das Haupt in die
Decken, und sie hielt ihre Hände über ihm gefaltet, und ihre Lippen bewegten
sich im leisen Gebet.
    Im Morgengrau flatterten die Krähen und Dohlen über dem Schnee des
Schlossdaches. Die schwarzen Vögel schweben um die Zinne des Turms, und sie
brechen mit lautem Geschrei nach dem Walde auf und erzählen ihrem Volk, dass im
Hause eine Braut sei und eine Tote. Die bleiche Frau aus der Fremde ist in der
Nacht gestorben, und der Blinde, welcher jetzt zusammengesunken in den Armen
seiner Tochter liegt, hat in seinem Schmerz nur ein tröstendes Gefühl, dass er
ihr, die endlich Ruhe gefunden, in kurzem nachfolgen wird. Und die Unglücksvögel
rufen in alle Lüfte, dass auch die fremden Einwanderer dem alten Slawenfluch
verfallen sind, der auf dem Schloss und auf dem Grunde liegt.
    Aber den Mann, welcher jetzt im Schloss gebietet, kümmert es wenig, ob eine
Dohle schreit, oder die Lerche; und wenn ein Fluch auf seinem Boden liegt, er
bläst lachend in die Luft und bläst ihn hinweg. Sein Leben wird ein
unaufhörlicher siegreicher Kampf sein gegen die finstern Geister der Landschaft;
und aus dem Slawenschloss wird eine Schar kraftvoller Knaben herausspringen, und
ein neues deutsches Geschlecht, dauerhaft an Leib und Seele, wird sich über das
Land verbreiten, ein Geschlecht von Kolonisten und Eroberern.
    Mit wenigen herzlichen Worten zeigte Fink dem Freund seine Verlobung und den
Tod der Baronin an. Ein versiegelter Brief an Sabine lag dem Schreiben bei.
    Es war Abend, als der Postbote den Brief in Antons Zimmer brachte. Lange sass
Anton den Kopf auf die Hand gestützt vor der Botschaft, endlich ergriff er den
Brief an Sabine und eilte nach dem Vorderhaus.
    Er traf den Kaufmann im Arbeitszimmer und übergab diesem den Brief. Der
Kaufmann rief sogleich Sabine herein. »Fink ist verlobt, hier die Anzeige an
dich.«
    Sabine schlug erfreut die Hände zusammen und eilte auf Anton zu, aber sie
hielt errötend auf dem Wege an, trug den Brief zur Lampe und öffnete. Es musste
nicht vieles darin stehen, denn sie war im Augenblick zu Ende; sie mühte sich
ernstaft auszusehen, aber der Mund gehorchte ihr nicht, sie vermochte ein
Lächeln nicht zu unterdrücken, Anton hätte zu anderer Zeit diese Stimmung mit
leidenschaftlichem Interesse beobachtet, heut achtete er kaum darauf.
    »Sie bleiben doch heut abend bei uns, lieber Wohlfart?« frug der Kaufmann.
    Anton erwiderte: »Ich selbst wollte Sie bitten, mir einige Minuten zu
schenken. Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen.« Er sah unruhig auf Sabine.
    »Lassen Sie hören! - Bleib, Sabine«, rief der Kaufmann der Schwester zu,
welche nach Antons Worten entschlüpfen wollte. »Ihr seid gute Freunde, Herr
Wohlfart wird an deiner Gegenwart keinen Anstoss nehmen. Sprechen Sie, Freund,
womit kann ich Ihnen dienen?«
    Anton presste die Lippen zusammen und blickte wieder auf die Geliebte, welche
an den Türpfosten gelehnt vor sich niedersah. »Darf ich fragen, Herr Schröter«,
begann er endlich mit Überwindung, »ob Sie die Stelle gefunden haben, welche
Ihre Güte mir vermitteln wollte?«
    Sabine bewegte sich unruhig, auch der Kaufmann sah verwundert auf. »Ich
glaube, Ihnen etwas anbieten zu können, aber eilt das so sehr, lieber Wohlfart?«
    »Ja«, erwiderte Anton feierlich. »Ich habe keinen Tag zu verlieren. Meine
Beziehungen zu der Familie Rotsattel sind jetzt völlig gelöst, die furchtbaren
Ereignisse, welche noch in den letzten Wochen durch meine Tätigkeit
herbeigeführt wurden, haben auch meinen Körper angegriffen. Ich sehne mich nach
Ruhe. Regelmässige Arbeit in einer fremden Stadt, wo mich nichts mehr an die
Vergangenheit erinnert, ist mir jetzt Bedürfnis.«
    Wieder bewegte sich Sabine, ein ernster Blick des Bruders hielt sie zurück.
    »Und diese Ruhe, die auch ich für Sie wünsche, können Sie bei uns nicht
finden?« frug der Kaufmann.
    »Nein«, erwiderte Anton mit klangloser Stimme, »ich bitte Sie mir nicht zu
zürnen, wenn ich heut von Ihnen Abschied nehme.«
    »Abschied!« rief der Hausherr verwundert. »Ich verstehe nicht, weshalb das
so eilig ist. In unserm Hause sollen Sie sich erholen, die Frauen sollen besser
für Sie sorgen, als sie bisher getan. Wohlfart beklagt sich über dich, Sabine.
Er sieht blass und angegriffen aus. Du und die Tante, ihr dürft so etwas nicht
leiden.«
    Sabine antwortete nichts.
    »Ich muss fort, Herr Schröter«, sprach Anton fest, »morgen reise ich ab.«
    »Und wollen Sie Ihren Freunden nicht sagen, weshalb dies so plötzlich sein
muss?« frug der Kaufmann ernstaft.
    »Sie wissen weshalb. - Ich habe mit meiner Vergangenheit abgeschlossen. Ich
habe bis jetzt schlecht für meine Zukunft gesorgt, denn ich bin in der Lage, mir
in der Fremde als Dienender erst Zutrauen und gute Gesinnung erwerben zu müssen.
- Ich bin auch an Freunden sehr arm geworden. Von allen Menschen, welche mir
lieb sind, muss ich mich entfernt halten auf Jahre, auf lange Zeit. Ich habe
einige Ursache, mich allein zu fühlen, und da ich mein Leben von neuem gestalten
muss, so soll das so bald als möglich geschehen, denn jeder Tag, den ich hier
verlebe, ist fruchtlos, er macht meine Kraft geringer und die notwendige
Trennung schwerer.« So sprach er mit tiefer Bewegung; die Stimme bebte ihm, aber
er verlor nicht seine ruhige Haltung. Er trat auf Sabine zu und fasste ihre Hand.
»In dieser letzten Stunde sage ich Ihnen, in Gegenwart Ihres Bruders, was zu
hören Sie nicht beleidigen kann, weil Sie auch das schon längst wissen. - Die
Trennung von Ihnen schmerzt mich mehr, als ich sagen kann. Leben Sie wohl.«
Jetzt übermannte ihn die Rührung, er wandte sich schnell ab und trat an das
Fenster.
    Der Kaufmann begann nach einer Pause. »Dass Sie so eilig von uns gehen,
lieber Wohlfart, kommt auch meiner Schwester ungelegen. Sabine hatte gerade
jetzt den Wunsch, Sie um einen Ritterdienst zu ersuchen, wie ihn die Schwester
eines Kaufmanns verlangen kann. Auch ich wünsche sehr, dass Sie diese Bitte nicht
abschlagen. Sabine bittet, dass Sie ihr einige Blätter durchsehen und dabei ihr
Interesse mir gegenüber wahrnehmen. Es ist keine grosse Arbeit.«
    Anton wandte sich mit Überwindung um und machte ein Zeichen der
Einwilligung.
    »Zuvor aber erfahren Sie einen Umstand, der Ihnen vielleicht noch nicht
bekannt ist«, fuhr der Kaufmann fort. »Sabine ist seit dem Tode meines Vaters
mein stiller Associe; ihr Rat und ihre Willensmeinung hat in unserm Comtoir
öfter den Ausschlag gegeben, als Sie wohl meinen. Sie ist auch Ihr Chef gewesen,
lieber Wohlfart.« Er winkte der Schwester und verliess das Zimmer.
    Erstaunt sah Anton auf den Chef im hellen Frauengewande mit schwarzen
Haarflechten. Manches Jahr hatte er, ohne es zu wissen, auch ihr gehorcht und
ihr zu Diensten gehandelt. Und wie in alter Zeit sich der reisige Vasall seiner
jungen Lehnsherrin neigte, so verneigte auch er sich unwillkürlich vor der
jungfräulichen Gestalt, welche jetzt mit geröteten Wangen auf ihn zutrat.
    »Ja, Wohlfart«, sprach Sabine schüchtern. »Auch ich habe ein kleines Anrecht
an ihr Leben gehabt. Und wie stolz war ich darauf! - Schon um die
Weihnachtskiste, welche in Ihr Haus kam, wusste ich, und mein war der Zucker und
Kaffee, den der kleine Anton trank. Als Ihr guter Vater zu uns kam und eine
Stelle für Sie suchte, da war ich's, die den Bruder bestimmte, Sie zu uns zu
nehmen. Denn Traugott frug mich Ihretwegen, und er selbst hatte Bedenken, er
meinte, Sie wären zu alt, um noch bei uns zu lernen. Ich aber erbat Sie für uns.
Seit der Stunde nannte Sie der Bruder im Scherz meinen Lehrling. - Ich war's,
die Ihrem Vater versprach, hier im Hause für Sie zu sorgen. Ich war selbst noch
ein unerfahrenes Kind, und das Vertrauen des fremden Herrn machte mich
glücklich. Ihr Vater, der würdige alte Herr, wollte bei uns sein Samtkäppchen
nicht aufsetzen, das ihm aus der Tasche guckte, bis ich es ihm herauszog und auf
die weissen Locken drückte; damals dachte ich, wird mein Lehrling auch so hübsche
Locken haben? - Und als Sie zu uns kamen und allen gefielen, und der Bruder Sie
den besten unter den jüngeren Herren nannte, da war ich so stolz auf Sie, wie
nur Ihr guter Vater hätte sein können.«
    Anton stützte sich auf das Pult und verbarg seine Augen mit der Hand.
    »Und an jenem Tage, wo Fink Sie beleidigt hatte, und damals nach der
Wasserfahrt, da verletzte mich nicht nur, dass er sich so gewalttätig benommen
hatte, sondern mein Herzenskummer war auch, dass er gerade Sie, meinen getreuen
Lehrling, in solche Gefahr brachte. - Und weil ich immer empfand, dass Sie ein
wenig mir gehörten, bat ich den Bruder, Sie auf der gefährlichen Reise
mitzunehmen; ich wusste Sie bei ihm und fühlte mich nicht ganz von ihm getrennt.
Auch für mich haben Sie in der Fremde gearbeitet, Wohlfart, und als Sie in der
Schreckensnacht unter Feuer und Waffenlärm auf den Frachtwagen standen, da waren
mein die Waren, die Sie retteten. Und deshalb, mein Freund, komme ich auch jetzt
als Kaufmann zu Ihnen und noch einmal bitte ich Sie, eine Arbeit für mich
abzumachen. Sie sollen mir ein Konto durchsehen.«
    »Ich will, Fräulein«, erwiderte Anton abgewandt, »aber nicht in dieser
Stunde.«
    Sabine griff in den Schrank, sie legte zwei Bücher mit goldenem Schnitt, in
grünes Leder gebunden, auf das Pult. Und Anton bei der Hand fassend bat sie mit
zitternder Stimme: »Kommen Sie doch, sehn Sie mein Soll und Haben an.« Sie
öffnete das erste Buch. Unter kunstvollen Schnörkeln standen die Worte: »Mit
Gott.« »Geheimbuch von T.O. Schröter.«
    Anton trat erschrocken zurück: »Es ist das Geheimbuch der Handlung«, rief
er, »das ist ein Irrtum.«
    »Es ist kein Irrtum«, sagte Sabine, »ich wünsche, dass Sie es durchsehn.«
    »Das ist unmöglich, Fräulein«, rief Anton. »Nicht Ihr Herr Bruder und nicht
Sie können das im Ernst wollen. Verhüte Gott, dass sich ein anderer an dieses
Buch wage als die Herren des Geschäfts. Solange eine Handlung steht, sind diese
Blätter für keines Menschen Auge, als für die Augen der Herren, und nach ihrem
Tode für die nächsten Erben. Wer in dies Buch gesehn hat, der weiss, was nie ein
Fremder erfahren darf. Und diesem Buch gegenüber ist auch der treuste Freund ein
Fremder. Als Kaufmann und redlicher Mensch darf ich Ihren Wunsch nicht
erfüllen.«
    Sabine hielt seine Hand fest. »Sehen Sie doch hinein, Wohlfart«, bat sie,
»sehen Sie wenigstens die Aufschrift an.« Sie schlug den Deckel zurück. »In
diesem Buche steht: T.O. Schröter«, sie fuhr mit der Hand über die Blätter. »Es
sind nur noch wenige leere Seiten darin, dies Buch geht mit dem letzten Jahr zu
Ende.«
    Sie schlug den Deckel des zweiten Bandes auf und sprach: »Dies Buch ist
leer, hier aber steht eine andere Firma. Was steht hier?«
    Anton las: »Mit Gott.« »Geheimbuch von T.O. Schröter und Kompagnie.«
    Sabine drückte seine Hand und sprach leise und bittend: »Und der neue
Kompagnon sollen Sie sein, mein Freund.«
    Anton stand regungslos, aber sein Herz pochte laut, und hell stieg die Röte
auf seine Wangen. Noch immer hielt Sabine ihn an der Hand, er sah ihr Antlitz
nahe an dem seinen, und wie einen Hauch fühlte er ihren leisen Kuss auf seinen
Lippen. Da schlang er den Arm um die Geliebte und lautlos hielten die
Glücklichen einander umfasst.
    Die Tür öffnete sich, der Kaufmann stand auf der Schwelle. »Halte ihn fest,
den Flüchtling!« rief er. »Ja, Anton, seit Jahren habe ich diese Stunde ersehnt.
Seit du in der Fremde an meinem Lager knietest und meine Wunde verbandest, trug
ich im Herzen den Wunsch, dich für immer mit unserm Leben zu vereinigen. Als du
von uns gingst, sah ich mit Zorn meine liebste Hoffnung zerstört. Jetzt halten
wir dich, du Schwärmender, in den Blättern des Geheimbuchs und in unsern Armen.«
Er zog die Liebenden an sich.
    »Du hast dir einen armen Kompagnon gewählt«, rief Anton am Herzen des neuen
Bruders.
    »Nein, mein Bruder, Sabine hat als kluger Kaufmann gehandelt. Besitz und
Wohlstand haben keinen Wert, nicht für den einzelnen und nicht für den Staat,
ohne die gesunde Kraft, welche das tote Metall in Leben schaffender Bewegung
erhält. Du bringst in das Haus die rüstige Jugendkraft und einen geprüften Sinn.
Sei willkommen in diesem Hause und in unsern Herzen.«
    Und strahlend vor Freude hielt Sabine beide Hände des Verlobten fest. »Kaum
konnte ich länger ertragen, dich so still und traurig zu sehen. Jeden Mittag,
wenn du den Stuhl rücktest, war mir, als müsste ich dir nachfliegen und dir
sagen, dass du zu uns gehörst für immer. - Du hast nicht gesehen, du Blinder, was
in mir vorging, und Lenorens Bräutigam hat doch alles gewusst.«
    »Er?« frug Anton. »Ich habe zu ihm niemals von dir gesprochen.«
    »Sieh her«, rief Sabine und zog den Zettel Finks aus der Tasche.
    Es stand nichts darin als die Worte: »Gute Freundschaft, Frau Schwägerin.«
    Und wieder schloss der glückliche Anton die Geliebte in seine Arme.
    Schmücke dich, du altes Patrizierhaus, freue dich, du sorgliche Tante,
tanzet, ihr fleissigen Hausgeister im dämmerigen Flur, schlage Purzelbäume auf
deinem Schreibtisch, du lustiger Gips! Die poetischen Träume, welche der Knabe
Anton in seinem Vaterhause unter den Segenswünschen guter Eltern gehegt hat,
sind ehrliche Träume gewesen. Ihnen wurde Erfüllung, und ihr Zauber wird fortan
sein Leben weihen. Was ihn verlockte und störte und im Leben umherwarf, das hat
er mit männlichem Gemüt überwunden. Das alte Buch seines Lebens ist zu Ende, und
in eurem Geheimbuch, ihr guten Geister des Hauses, wird von jetzt ab »mit Gott«
verzeichnet: sein neues Soll und Haben.
 
    